76 des sozialen Friedens. Eine an sich berechtigte, aber viel zu all gemeine und auch einseitige, unvollständige Fragestellung. Sie schob schon einen Teil der zu beobachtenden Tatsachen in den Vordergrund, einen anderen Teil in den Hintergrund; sie konnte den verwickelten Tatbeständen ausgebildeter sozialer Differenzierung nicht gerecht werden. Ferner war aber auch dasjenige, was er suchte, schon in seinem eigenen Geiste für ihn gegeben: ein allge meiner idealer Wertmaßstab der zu beobachtenden Tatsachen, der diese unvermeidlich färbte. Seine Erkenntnis war also von Voraus setzungslosigkeit weit entfernt. Sie war auch nur scheinbar zwingend. Ihr zwingender Cha rakter lag unbewußt darin, daß sich seine Beobachtungen von An fang an und später nur noch immer mehr nach dem Prinzip orien tierten, daß die Beobachtung des Sittengesetzes und die Sicherung des täglichen Brotes die wesentlichen Bestandteile des sozialen Wohlergehens seien. Wo die von ihm beobachteten Tatsachen für die Wahrheit dieses Prinzips sprachen, da wurden sie von ihm ohne weiteres als Beweismittel verwendet; wo sie gegen die Wahrheit des Prinzips sprachen, erschien ihm dies als ein sicheres Symptom des Verfalles, während es doch ebensogut ein Zeichen eines Über gangszustands oder auch der unzureichenden Fragestellung sein konnte. Aber das kam ihm nicht in den Sinn. Deshalb wirkten seine „Induktionen“ auf ihn selbst um so mehr zwingend, je weiter er seine Beobachtungen ausdehnte; aber bei Nachprüfung seiner scheinbaren Induktionsschlüsse werden wir sehen, daß diese keineswegs zwingend und überhaupt oft gar keine wirklichen In duktionen waren, sondern Deduktionen aus vorgefaßten Meinungen. Das war kein naturwissenschaftliches Verfahren. Gerade diejenigen Beobachtungen Le Play’s, die bei weiterem Ausbau seiner Methode ihr einen zwingenden, einen naturwissen schaftlichen Charakter hätten geben können, die meßbaren Tat sachen der Familien-Wirtschaft, ließen sich im Lichte seiner sozialen Wertmaßstäbe am wenigsten verwerten und sind auch, soweit er sichtlich ist, kaum von ihm verwertet worden. Deshalb gelangte die Entwicklung der Methode, soweit sie einen naturwissenschaft lichen Charakter hatte oder doch haben konnte, nicht über die Beobachtung hinaus. Schon die Analyse der beobachteten Tat sachen konnte gar nicht mehr einen solchen Charakter haben, noch weniger die Synthese.