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        <title>Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode</title>
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            <forname>Alfons</forname>
            <surname>Reuß</surname>
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      <div>52 
Die Ausgaben zeigen in ihren einzelnen Teilen nicht die 
großen Verschiedenheiten wie die Einnahmen, welche letztere durch 
die Örtlichkeit, die Natur der Arbeiten und die Organisation der 
Gesellschaft stark beeinflußt werden: 
Die Ausgaben sind die Folge von Bedürfnissen, wie sie sich aus der 
Natur des Menschen ergeben. Ihre Verschiedenheiten beanspruchen zwar 
großes Interesse und müssen durch die Methode in allen Einzelheiten unter 
sucht werden. Aber immer werden sie von den Bedürfnissen des Menschen 
entscheidend bestimmt *). 
Le Play teilt die Ausgaben in fünf Abteilungen: a) Nahrung, 
b) Wohnung, c) Kleidung, d) Ausgaben für moralische Bedürfnisse, 
Erholung und Gesundheitsdienst, e) solche für eigene Nebenarbeiten, 
Schulden, Steuern und Versicherungen (Betriebsausgaben). 
Wir wollen uns hier nur mit der vierten Abteilung, also mit 
den Ausgaben beschäftigen, welche geistigen Bedürfnissen und 
der Körpergesundheit dienen. Wenn diese Ausgaben auch 
rein zahlenmäßig im Budget keine große Bolle spielen, so legt doch 
Le Play auf sie großen Wert; er sagt geradezu: 
Man erhält durch diese Untersuchung nicht nur über das materielle 
Leben Aufklärung, sondern auch über das intellektuelle und sittliche Leben. 
Wie die Monographien der „Ouvriers europeens“ zeigen, gibt es in der Lebens 
weise des Arbeiters kaum ein Gefühl oder eine erwähnenswerte Handlung, 
die nicht im Budget der Einnahmen oder Ausgaben ihre Spur hinterließe 1 2 ). 
Wenn auch manche dieser Bedürfnisse vom modernen Staate be 
friedigt werden, ohne das Budget der einzelnen Staatsangehörigen 
direkt zu belasten, so bleibt doch dem Einzelnen noch viel zu tun 
übrig. So erwähnt 3 ) Le Play z. B. die jährlichen Seelenmessen, die 
in katholischen Gegenden für die Verstorbenen der Familie gelesen 
werden, und er ist geneigt, aus solchen in Geld meßbaren seelischen 
Bedürfnissen weittragende Schlüsse zu ziehen. Er sagt: 
Die regelmäßige Feier dieser Jahresgedächtnisse und der Pomp, der dabei 
entfaltet wird, sind in vielen Fällen ein ausgezeichnetes Maß der Stärke oder 
der Schwäche der sittlichen Gefühle. 
Ebenso deuten Ausgaben für Versicherungen, Anlage von Erspar 
nissen usw., worin sich die Wirtschaftlichkeit einer Familie zeigt, 
auf einen höheren sittlichen Zustand als das vollständige Fehlen 
solcher Ausgaben; oft werden sie der Lage der Dinge nach nicht 
1 ) 0. E., 1. Aufl., 31. 
2 ) 0. E. I, 237. 
3 ) 0. E., 1. Aufl., 41.</div>
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