<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Alfons</forname>
            <surname>Reuß</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>101947257X</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>85 
bedingungen der Familien, ja auch über deren Empfindungsleben. 
Warum, so fragen wir, hat er so wenig von den Zahlen verwertet? 
Warum hat er sie nie einander gegenübergestellt ? 
Auch Paul de Eousiers hat sich schon mit dieser Frage be 
schäftigt. Er macht darauf aufmerksam, daß ein für die Anschau 
ungen Le Play’s so wichtiger Kreis von Tatsachen, wie es die Er 
ziehung der Kinder ist, in den Zahlen der Familien-Budgets 
Le Play’s wenig oder gar nicht zur Geltung gelangt ist. Aber wie 
wäre es möglich gewesen, den Wert der Erziehung in solchen Zahlen 
auszudrücken? Man kann die Arbeit der Mutter für Vieh und 
Garten, für den engeren Haushalt, für Anfertigung von Kleidern 
für die Kinder usw. ungefähr abschätzen und in Geld bewerten, 
aber die erzieherische Tätigkeit, die doch mehr ein lebendiges Bei 
spiel als eine besondere Arbeit ist, läßt sich weder in Zeit noch in 
Geld abschätzen. 
So ist es in anderen Fällen auch. Was erfahren wir aus dem 
Budget über das jeweilige Erbrecht? Vielleicht ersehen wir aus 
der Zahlung von Zinsen an die Geschwister oder an Kreditanstalten 
etwas derartiges; meist ist es nicht der Fall und wenn schon, so 
sind das doch nur unbestimmte Anhaltspunkte. Eher lassen sich 
schon die wirtschaftlichen Wirkungen des Patronage-Systems, 
der „Subventionen“, aus den Zahlen der Subventionen ersehen. 
Aber doch nur die unmittelbaren Wirkungen, nicht ihre weiteren, 
welche sich auf die dauernde Existenz der Familien beziehen. 
Überhaupt sagen uns die Zahlen Le Play’s nichts von der Ent 
wicklung der Familien, und selbst der erläuternde Text enthält 
darüber nur wenig, selbst von der gegenwärtigen Generation, ge 
schweige denn von den früheren. Liegt das an der Fragestellung 
oder daran, daß es eben keine Entwicklung gab, daß diese stag 
nierte? Le Play bleibt uns die Antwort schuldig. 
Zu diesen Lücken im Budget tritt als weiterer Mangel hinzu, daß 
andere wichtige Funktionen zwar zahlenmäßig erscheinen, daß aber 
die Größe der Zahlen zur Wichtigkeit der Funktionen 
in keinem Verhältnis steht, und daß sich deshalb ihre zahlen 
mäßig feststellbaren Wirkungen weder mit denen anderer Funk 
tionen derselben Familie vergleichen lassen, noch mit den Wirkungen 
derselben Funktionen anderer Familien. De Eousiers erwähnt be 
sonders den Unterricht und die religiöse Betätigung; man kann aber 
ruhig sagen, daß das gesamte geistige und sittliche Leben im Budget 
nicht in der richtigen Weise zur Geltung kommt. De Eousiers zieht</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
