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        <title>Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode</title>
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            <forname>Alfons</forname>
            <surname>Reuß</surname>
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        ﻿
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        ﻿Fredöric Le Play

in seiner Bedeutung für die Entwicklung
der sozialwissenschaftlichen Methode.

Inaugural-Dissertation

zur Erlangung der Würde eines Doctors philosophiae
der philosophischen Fakultät
der

Landes-Universität zu Rostock
vorgelegt von

Alfons Reuß.

Jena

Gustav Fischer

1913
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        ﻿Frederic Le Play

in seiner Bedeutung für die Entwicklung
der sozialwissenschaftlichen Methode.

Inaugural-Dissertation

zur Erlangung der Würde eines Doctors philosophiae
der philosophischen Fakultät
der

Landes-Universität zu Rostock

vorgelegt von

Alfons Reuß

£

Jena

Gustav Fischer
1913

l
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        ﻿
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        ﻿Inhaltsverzeichnis

Einleitung'. I. Le Play’s Methode als Problem S. 1.

Veranlassung zu der Untersuchung S. 1. Die bisherigen Urteile über Le Play’s
Methode S. 3. Thünen und Le Play S. 5. Aktuelle Bedeutung der Methode
Le Play’s S. 7.

II. Le Play’s Leben und Werke S. 8.

Erziehung S. 8. Höheres technisches Studium S. 12. Beisen S. 15. Lebens-
stellungen und praktische Tätigkeiten S. 18. Werke S. 20.

Erster Abschnitt: Die Methode Le Play’s S. 24.

Le Play’s Auffassung von seiner Methode und von deren Notwendigkeit S. 24.
Zusammenhang der Methode Le Play’s mit dem Leben und Vergleich mit
anderen Methoden S. 26. Notwendigkeit des Vergleichs S. 30. Mittel der
Materialbeschaffung S. 31. Die sozialen Führer. Ihre Stellung im Leben
und ihre Eigenschaften S. 32. Die Bedeutung der sozialen Autoritäten für
die Beobachtung, sowie für die Kontrolle des Materials und der Schlüsse S. 36.
Die Familie als Zelle der menschlichen Gesellschaft S. 39. Die Arbeiter-
familie als Untersuchungsobjekt S. 41. Auswahl der einzelnen typischen
Familie S. 44. Die Monographie. 1. Das Schema S. 47.	2. Aufnahme der

Monographie S 54. Schluffbemerkungen über den Wert der Familien-Mono-
graphien S. 56.

Zweiter Abschnitt: Beurteilung der Methode Le Play’s S. 58.

1. Die Gegensätze zwischen der Methode und der Weltanschauung Le Play’s.
Naturwissenschaftliche Methode Le Play’s S. 58. Das Eingreifen von Vor-
aussetzungen in die induktive Analyse. Le Play als Anhänger einer histo-
rischen Auffassung des sozialen Lebens S. 61. Vernunft und Sittengesetz
als oberster Maßstab für die Beurteilung sozialer Zustände S. 64. 2. Induktion
und Deduktion bei Le Play. Schwierigkeiten, die Methode Le Play’s zu
verfolgen S. 67. Ursachen dieser Schwierigkeiten S. 68. Erste Erfahrungen
Le Play’s mit seiner Methode. Verzögerung der Erfolge S. 69. Voraus-
setzungen und Vorurteile als innere Hemmungen S. 70. Le Play’s Methode
blieb unvollendet S. 73. 3. Die Monographie. Der Bahmen der Familie reicht
nicht aus S. 77. Kritik der Monographie im einzelnen. Vorbemerkungen S. 79.
        <pb n="6" />
        ﻿-- IV -------

Die Monographie ist kein Zustandsbild S. 80. Auswahl der Familien. Der
„Typus“ S. 82. Die Bedeutung der Zahlen hei Le Play S. 84. Technik der
Befragung. Balanzierung des Budgets S. 88. Optimistische Darstellung
hausindustrieller Arbeitsverhältnisse S. 90. Optimistische Darstellung der
Kolonisation niedersächsischer Banernfamilien S. 93. Optimistische Beurteilung
der Anerbenfamilie überhaupt S. 96. Das Kehlen zuverlässiger Ermittlungen
von Kausalverknüpfungen S. 99.

Anhang I: Tableau: Definition des ouvriers et des rapports qui les lient, dans
les diverses organisations sociales de l’Europe, aux maitres, aux communautes
et aux corporations (auf besonderem Blatte beigefügt bei S. 104).

Anhang II: Monographie: Waffenschmied aus der halb-ländlichen Verlagsindustrie
Solingens S. 104.
        <pb n="7" />
        ﻿Einleitung.

!. Le Play’s Methode als Problem.

Veranlassung zu der Untersuchung. Die Untersuchung wurde
zuerst veranlaßt durch das Bedürfnis, Klarheit zu gewinnen über
die verschiedenen Methoden, die bei Untersuchung von Familien-
Wirtschaften bis jetzt angewendet worden sind. Unter ihnen nimmt
die Methode Le Play’s wegen ihrer frühen Entstehung einen be-
sonderen Platz ein. Doch bald zeigte sich, daß die Bedeutung Le
Play’s über dieses Einzelproblem weit hinausreicht. Es entstand so
das Bedürfnis, seine Methode gründlicher kennen zu lernen, als es
sich aus der bisherigen Literatur ermöglichen ließ.

Le Play ist in Frankreich weit besser bekannt als in Deutsch-
land, stehen doch zwei Schulen der jetzigen französischen National-
ökonomie auf seinen Schultern. Aber auch dort hat es lange ge-
dauert, bis seine grundlegende Bedeutung in weiteren Kreisen
einigermaßen erkannt wurde, und der Einfluß seiner wissenschaft-
lichen Methode in Frankreich ist, nach langen eifrigen Versuchen
zu ihrer Fortbildung, schließlich sogar wieder zurückgegangen; das
ist durch ihre eigenen Unvollkommenheiten verursacht worden,

1*
        <pb n="8" />
        ﻿2

welche die Erkenntnis ihres innersten Wesens ausnehmend er-
schwerten ; um diese Erkenntnis zu erreichen, hätte man die Methode
Johann Heinrich von Thünen’s zur Hilfe nehmen müssen, die
aber in ihrem eigenen Heimatlande ebenfalls nicht erkannt und
deshalb auch nicht fortgebildet wurde.

Le Play’s wissenschaftliche Richtung stand im Widerspruche
zu derjenigen seiner Zeit. Als seine grundlegenden Werke „Les
ouvriers europeens (1855) und „La reforme sociale en France“ (1864)
erschienen, herrschte überall noch eine extreme individualistische
Richtung1). Zwar hatten die Sozialisten schon begonnen, dagegen
Sturm zu laufen; aber erst seit den 70er Jahren des vorigen Jahr-
hunderts hat ihre Richtung in der Wissenschaft den Individualismus
immer mehr zurückgedrängt.

Sowohl die individualistischen wie die sozialistischen Lehren
standen und stehen noch durchaus unter der Herrschaft politi-
scher Impulse und Interessen. Dagegen wurzelte Le Play’s wissen-
schaftliche Methode, die seine Originalität und seine dauernde
Bedeutung für die Wissenschaft ausmacht, ursprünglich in einer be-
wußten Abkehr von jenen beiden politisch beherrschten Richtungen.
Er bildet hierin eine Parallelerscheinung zur historischen Schule
der deutschen Volkswirtschaftslehre in ihrer ursprünglichen Er-
scheinung (Roscher). Das ist vermutlich die Ursache dafür, daß
Le Play’s Methode und die deutsche historische Schule lange Zeit
hindurch nur im Rahmen eines einzelnen Volkes wirkten: ihnen
fehlte die unmittelbare Explosivkraft politischer Richtungen,
wie sie der Merkantilismus, der Individualismus und der Sozialismus
besitzen.

Die Methode Le Play’s ist in seinem Erstlingswerk enthalten.
In seinem zweiten Werke herrscht die Politik; deshalb hat letz-
teres auch weit rascher gewirkt: „La reforme sociale“ hat bis 1887
sieben Auflagen erlebt. So hat ja auch ganz ähnlich die historische
Richtung der deutschen Volkswirtschaftslehre später den „Verein
für Sozialpolitik“ erzeugt. Bei Le Play wie beim Verein für Sozial-
politik ist der politische Ausgangspunkt der nämliche: die Ethik;
wenn die deutschen Sozialreformer nicht bei Le Play anknüpften,
so liegt das weniger an seiner französischen Eigenart als daran,

*) Michel Chevalier, Coars d’economie politiqne 1. ed. 1850/51. Frederic
Bastiat, Harmonies economiques I, 1850, erweitert in den Oeuvres completes
de Fred. Bastiat VI, 1855.
        <pb n="9" />
        ﻿3

daß inzwischen ein Stärkerer auf der Bildfläche erschienen war:
Karl Marx. Teils unter seinem direkten Einflüsse, teils in Reak-
tion gegen ihn suchten die deutschen Sozialreformer nach politisch
noch wirksameren Gedankengängen.

Der Einfluß einer wissenschaftlichen Methode kann nie ein so
rascher sein; dafür ist er oft um so nachhaltiger. So wie die Methode
Thünen’s hat auch diejenige Le Play’s nur langsam gewirkt, was
Tlninen für den „Isolierten Staat“ bekanntlich vorausgesagt hat.

Die bisherigen Urteile über Le Play’s Methode. Wenn man
die bisherigen Äußerungen über Le Play durchmustert (vgl. das
Literaturverzeichnis am Schlüsse dieser Abhandlung) und dabei von
seinen Schülern absieht, so fällt sofort die Tatsache auf, daß seine
Methode nur stiefmütterlich behandelt wird. Sein erster französischer
Kritiker Leo nee de Lavergne widmet ihr nur 2 von 25 Seiten,
der nächste Jules Duval 6 von 22 Seiten; trotzdem letzterer das
Wort fand „la monographie des familles c’est le micoscrope applique
ä l’economie sociale“, und obwohl er auch sonst mehr Anerkennung
spendete als Lavergne, kam er doch zu dem ungünstigen Schlußergebnis,
Le Play litte an drei fundamentalen Irrtümern: seine Methode sei
unzureichend, er glaube zu sehr an die Tradition, er sei mißtrauisch
gegenüber allen Neuerungen. Diese nicht unrichtige, aber unzu-
reichende Auffassung gewann zunächst die Oberhand, setzte sich als
zähes Vorurteil fest und hat bis zum heutigen Tage viel beigetragen,
eine objektive Würdigung Le Play’s zu hindern.

Sainte-Beuve, einer seiner ersten Bewunderer, hatte für
seine Methode volles Verständnis; er sagt von seinem ersten Werke,
es sei ein Vorbild und sollte ein Erziehungswerk sein für alle Re-
former, indem es ihnen zeige, welche Reihe von Vorarbeiten, von
Beobachtungen und immer neuen Vergleichen nötig sei, ehe man
eine begründete Schlußfolgerung, eine Meinung bilden könne; er
erkannte auch Le Play’s eigentliche Absicht, wie den Werdegang
seines Werkes:

Jene unentwickelten sozialen Zustände, die bei uns längst verschwunden
sind, lassen sich in anderen Weltteilen und Ländern noch beobachten und er-
klären so unsere eigene Vergangenheit, ähnlich wie die Geologie die Schichten
der Erdrinde dort, wo sie zutage treten, am besten in ihrer ursprünglichen
Beschaffenheit studieren kann. Im Geiste des Beobachters erstanden auf solche
Weise unausgesetzt neue Vergleiche, und er gewann hierdurch nicht nur ein
besseres Verständnis der Vergangenheit; er fragte sich auch, ob diese sozialen
Zustände, die bei uns so sehr mißachtet werden, nicht doch noch etwas
Gutes und Nützliches enthalten, das man wiederaufnehmen
        <pb n="10" />
        ﻿4

und wieder pflanzen kann, indem man es neugestaltet. So ge-
schah es, daß der ethische und soziale Teil seiner Studien, der mit dem wissen-
schaftlichen nnd technischen Detail zusammenging, in seinem Geiste un-
merklich die Oberhand gewann . . . Jene Ideen (Familie, Erbrecht,
Arbeitsgemeinschaft usw.), die er am Ende seines ersten Werkes als Probleme
hinwarf, bewiesen, daß sein Geist das zweite als Keim schon beherbergte.
Er war vom Studium der Metalle zu dem des Menschen vorgeschritten; er
schritt jetzt von diesem zu dem der menschlichen Gesellschaften vor; er rüstete
sich, die Eeformfragen entschlossen in Angriff zu nehmen.

Aber auch Sainte-Beuve hat nur die Ziele der Methode Le Play’s
und den Umriß ihres Wesens erkannt, nicht dieses selbst, nicht die
Möglichkeit ihrer Ausgestaltung.

Die Schüler und Nachfolger Le Play’s haben sich mit
seiner Methode vielfach, auch kritisch beschäftigt. Ihre hierher
gehörigen Arbeiten können in dieser Untersuchung nur gelegentlich
erwähnt werden; sie bedürfen einer gesonderten Behandlung.

In Deutschland hat, wenn man einstweilen absieht von
seinen Nachfolgern auf dem Gebiete der „Haushalts-Statistik“ (Engel
Schnapper-Arndt), nur ein einziger der führenden Geister unserer
Wirtschaftslehre sich mit Le Play näher beschäftigt: Albert
Schäffle (zuerst 1865); aber ihn interessierten nur die wissen-
schaftlichen Ergebnisse und die politischen Folgerungen Le Play’s
er gab sie wieder und nahm zu ihnen Stellung; er nannte den Autor
einen „seltenen Vogel“ und sprach davon, bei ihm sei die Sozial-
reform „nicht aus dem Stegreif konstruiert“; aber nichts deutet
darauf hin, daß er sich mit Le Play’s Methode näher beschäftigt
hätte; er scheint sein Erstlingswerk überhaupt nicht gekannt zu
haben. Roscher erwähnt Le Play beiläufig als hervorragenden
„konservativen“ Volkswirt, Schm oller als Begründer der wissen-
schaftlichen Untersuchung von Haushaltsrechnungen; im übrigen
zitieren beide nur manche seiner Ergebnisse.

Die einzige einigermaßen ausführliche Würdigung Le Play’s in
der neueren deutschen Literatur rührt her von A. von Wenck-
stern (jetzt Professor in Breslau) und ist 1894 erschienen. Sie
enthält auch die erste Darstellung der Methode in deutscher Sprache:
die einzelnen Bestandteile des Verfahrens werden aufgeführt und
im ganzen richtig geschildert; aber diese Schilderung enthält nicht
genügend Einzelheiten, um die Methode innerlich mit erleben und
nachprüfen zu können; es fehlt infolgedessen auch fast alle Kritik.

Die Bedeutung, welche Le Play für die Entwicklung der
französischen Wirtschafts-Wissenschaft erlangt hat, läßt sich erst
        <pb n="11" />
        ﻿5

jetzt einigermaßen übersehen, seitdem wir hierüber durch die Bücher
von Auguste Bechaux, „Die französische Nationalökonomie der
Gegenwart“, übers, v. Wampach (1903) und von ßaymund de
Waha „Die Nationalökonomie in Frankreich“ (1910) unterrichtet
sind. Selbst der letztere widmet der Methode Le Play’s zwar auch
nur 10 Seiten; dafür bespricht er aber um so ausführlicher die
Methoden seiner Nachfolger, sowohl der Schule der „Reforme sociale“,
wie der Schule der „Science sociale“.

Die Methode Le Play’s können wir vollständig erst würdigen,
seitdem wir diejenige Thiinen’s genauer kennen gelernt und in ihrer
vorbildlichen Bedeutung erfaßt haben. Wie Thünen und wie Le
Play dazu kamen, eine neue wissenschaftliche Methode anzuwenden,
soll hier zunächst nur ganz kurz und äußerlich betrachtet werden.

Thünen und Le Play. Dasjenige Problem, welches Thünen
veranlaßte, eine neue wissenschaftliche Methode anzuwenden, war
ein Problem der landwirtschaftlichen Produktion J). Gegenüber dem
unbedingt vorwärtsdrängenden Optimismus Albrecht Thaer’s, des
großen Reformators der deutschen Landwirtschaft, dem Thünen an-
fangs folgte (wodurch er gleich anderen Landwirten an den Rand
des Ruins gelangte), — erkannte er später, daß die auf solche Weise
(durch unzureichende Induktionen und überwiegende Deduktionen)
entstandenen Ergebnisse „nie mit der Wirklichkeit übereinstimmen
konnten, und daß er, wenn er etwas Nützliches und Brauchbares
hervorbringen wollte, die Grundlage zu seinem Kalkül erst aus der
Erfahrung entnehmen müsse“. Er wurde durch die Erfahrung ver-
anlaßt, die Anwendbarkeit der von Thaer bedingungslos geforderten
intensiven Wirtschaftsweise genau zu prüfen und ihre Abhängigkeit
von bestimmten gegebenen Voraussetzungen festzustellen. Zu dem
Zwecke gruppierte er Kosten und Erträge der einzelnen Betriebs-
zweige und verglich die Reinerträge verschiedener Betriebs-Systeme
bei gleichbleibenden wie bei wechselnden Getreidepreisen. Die
gleiche Methode suchte er in möglichst weitem Umfange auf andere
Probleme anzuwenden, ist jedoch dabei nicht wesentlich über den
Rahmen des landwirtschaftlichen Betriebs hinausgelangt. Als er zu
einem „sozialen“ Problem überging (Bestimmung des „naturgemäßen
Arbeitslohns“), kehrte er wieder zu überwiegender Deduktion zurück,
weil er im Kreise seiner Beobachtungen dafür kein ausreichendes
Material an Erfahrungen finden konnte.

’) Vgl. Mer Thünen-ArcMv I, 16 ff., 112, 547 ff.; II, 520 ff.
        <pb n="12" />
        ﻿6

Le Play’s Probleme waren ausschließlich „soziale“, betrafen
das menschliche Zusammenleben. Auch er sah sich Dogmen gegen-
über, die durch unzureichende Induktion und überwiegende Deduk-
tion entstanden waren: dem Dogma der Individualisten und dem
Dogma der Sozialisten. Mitten zwischen diese miteinander nicht
vereinbaren Anschauungen gestellt, suchte er nach zuverlässigen
wissenschaftlichen Mitteln zur Entscheidung des Kampfes, und als
naturwissenschaftlich gebildeter Mann entschied er sich für eine
strengere Ausbildung der unvollkommenen sozialwissenschaftlichen
Methoden, zunächst also für Anstellung genauerer Beobachtungen.
Da sein Problem kein Betriebs-, d. h. kein Produktionsproblem war
wie dasjenige Thünen’s, sondern die Gesamtorganisation des sozialen
Organismus betraf, suchte er das Material seiner Untersuchungen
nicht im Betriebe der Erwerbswirtschaften, sondern in der Familie,
dieser Keimzelle des sozialen Organismus, wo er hoffen durfte, durch
Vergleich verschiedener Organisationstypen den Ursachen der sozialen
Zerrüttung, die er vor Augen hatte, näherzukommen.

Thünen und Le Play waren beide nicht nur Denker, sondern
auch Praktiker. Ihre Stellung und ihr Wirken inmitten des Lebens
hat auf beide außerordentlich befruchtend gewirkt. Thünen’s wissen-
schaftliche Methode hat sich durch das Zusammentreffen dieser
Lebensstellung mit einer ganz hervorragenden wissenschaftlichen
Begabung zur höchsten Originalität entwickelt. Bei Le Play hat
fremder Einfluß, wie wir sehen werden, mehr mitgewirkt. Aber
dieser Einfluß ging auch bei ihm weit weniger aus von anderen
Nationalökonomen, als von Praktikern und sonstigen ihm nahe-
stehenden oder von ihm aufgesuchten Persönlichkeiten. Jedem Ein-
flüsse der Fachschriftsteller suchte er sich nach Möglichkeit zu ent-
ziehen, um nicht der von vorgefaßten Meinungen ausgehenden Sug-
gestion zu unterliegen. So ist es wohl auch zu erklären, daß in
seinen Werken nirgends von Auguste Comte die Bede ist, und daß
er ihn vielleicht wirklich nicht gekannt hat, trotzdem Le Play’s
Methode offenbar nichts anderes ist, wie ein erster entschiedener
Schritt auf dem von Comte vorgezeichneten Wege.

Le Play und Comte. Um den innigen Zusammenhang zwischen
der Methode Le Play’s und dem erkenntnistheoretischen System
Comte’s zu erweisen, mag es einstweilen genügen, die folgende
Äußerung des ersteren wiederzugeben, welche der 1. Auflage der
„Ouvriers europeens“ entnommen ist. Sie zeigt deutlich, daß Le Play,
um die Terminologie Comte’s zu verwenden, durch seine Methode
        <pb n="13" />
        ﻿7

die Sozialwissenschaft aus dem „metaphischen“ Zustande befreien,
sie zu einer „positiven“ Wissenschaft entwickeln wollte:

Die Gesellschafts-Wissenschaft wird in fortschreitender Entwicklung die-
selben Phasen durchlaufen wie die Astronomie, die Physik, die Chemie und
ganz allgemein alle Wissenschaften, die auf der Beobachtung von Tatsachen be-
ruhen. Früher hatte in den Wissenschaften die Beschreibung uud Klassi-
fikation von Tatsachen wenig Raum. Sie waren irgendeiner aprioristischen
Idee untergeordnet, die auf bedeutsamen, aber unvollkommen beobachteten
Tatsachen beruhte. In der zweiten Periode, die ebenso fruchbar ist wie die
erste steril war, wird die entgegengesetzte Methode befolgt; man hat sich
schrittweise den vorgefaßten Meinungen entzogen, soweit es die Schwäche des
Menschengeistes zuläßt. Man hat das aufmerksame Studium der Erscheinungen
zur Grundlage ihrer Bewertung gemacht und hält diese Erscheinungen nur
insoweit für genügend bekannt, als man ihr Gewicht, ihr Maß, ihr genaues
Bild geben kann; daraus allein glaubt man die Theorie darstellen zu können.
Unter der Herrschaft dieser Methode erschöpfen sich nicht mehr die wert-
vollsten Kräfte, die das Streben nach Wahrheit sich zum Ziele setzen, in end-
losen Diskussionen. Die wissenschaftlichen Streitfragen, die früher auf ent-
gegengesetzten Behauptungen beruhten, werden jetzt durch immer zuver-
lässigere Beobachtungen entschieden. — Die Sozialwissenschaft hingegen ist
in dem Zustande des Unvermögens geblieben, der die erste Periode der Natur-
wissenschaften charakterisiert. Sie setzt sich aus Systemen zusammen, die
ihre Entstehung der wechselseitigen Opposition ihrer Urheber verdanken; man
kann daher in Wahrheit sagen, daß diese Wissenschaft von ihren eigenen
Angehörigen am stärksten bekämpft wird. Die Debatten über die Organisation
der Arbeit, des Eigentums, des Tausches sind fast ebenso heftig, wie es
während der letzten Jahrhunderte die über die Veränderung der Metalle, die
Universalmedizin, das Phlogiston waren; sie werden, ebenso wie diese klassi-
schen Kontroversen, unweigerlich erlöschen unter dem Einfluß der gleichen
Methode.	—---

Aktuelle Bedeutung der Methode Le Play’s. Die Frage, ob
und wie es möglich ist, die Sozialwissenschaft „naturwissenschaft-
lich“ zu begründen, ist neuerdings durch Ehrenberg, der auf den
Fundamenten T h ü n e n’s weiterbaut, wieder aktuell geworden. Ehren-
berg hat dabei den bisherigen Zustand der Sozialwissenschaft ganz
ähnlich kritisiert*), wie Le Play es früher schon getan hatte.

Unter solchen Umständen ist es im jetzigen Augenblicke be-
sonders wichtig, die wissenschaftliche Methode Le Play’s genau
kennen zu lernen, insbesondere auch, wie aus dieser Methode, die
in seinem ersten Werke „Les ouvriers europeens“ enthalten ist, sich
sein zweites Werk „La reforme sociale“ entwickelt hat; es ist doch
auffallend, daß ein Mann, der die Notwendigkeit so klar erkannte,

*) Thünen-Archiv, Bd. I, S. 1 ff.
        <pb n="14" />
        ﻿8

aus der Sozialwissenschaft eine „Naturwissenschaft“ zu machen,
trotzdem gegen eins der Hauptprinzipien neuzeitlicher Wissenschaft
handelte, indem er, statt sich auf die Fortbildung der Theorie zu
beschränken, sie alsbald in den Dienst praktischer, politischer Be-
strebungen stellte, indem er selbst Sozialreformer wurde.

II. Le Play’s Leben und Werke.

Erziehung. Le Play wurde am 11. Februar 1806 zu La Bi viere
in der Nähe des kleinen Hafenortes Honfleur an der unteren Seine
geboren1). Sein Vater war Zollkontrolleur und starb, als Le Play
erst einige Jahre zählte. In diesem Dorfe verbrachte Le Play die
ersten fünf Jahre seines Lebens. Seine Mutter war eine arbeit-
same, tief religiöse Frau, die ihr einziges Kind zu einem brauch-
baren Menschen erziehen wollte.

„Den Lehren meiner guten Mutter“, so äußerte er später, „und der fünf
Lehrer, die nach uud nach meinen Charakter geformt haben, schulde ich die
Gefühle, die mich inmitten harter Arbeit aufrecht erhalten haben: Gottesfurcht,
Einfachheit der Lebensweise, Arbeitsliebe, Hingebung an das Gute.“

Seine ersten Eindrücke entwickelten sich „unter dem heilsamen
Einfluß der Beligion, der nationalen Katastrophen und der Armut“.
Der Krieg mit England lastete schwer auf der Fischerbevölkerung
seines Heimatdorfes; denn die englische Blockade störte den Erwerb.
Mit den anderen Knaben zog er hinaus in den Wald, um Holz zu
holen. Er lauschte begeistert den Erzählungen der alten Fischer,
die sich durch ihre Kriegs-Erinnerungen über das Elend des jetzigen
Lebens hinwegzusetzen suchten, und hier erhielt er die „ersten
Lektionen der Vaterlandsliebe“. So brachte er diese Zeit zu „in
Sicherheit vor schädlichen Einflüssen inmitten einer christlichen,
patriotischen Fischerbevölkerung“.

Alle bedeutenden Eigenschaften, die wir an dem Manne Le Play
bewundern, und die auch zu seiner wissenschaftlichen Größe bei-
trugen, wurden schon früh dem Knaben zur Pflicht gemacht. Über
seine Wahrheitsliebe sagt Le Play selbst:

„Ich habe die zeitgenössische Gesellschaft mit aufrichtiger Wahrheitsliebe
beobachtet; ich schulde dies Gefühl den Einflüssen, die eine Mutter und
Lehrer, die Gott und dem Vaterland ergeben waren, auf meine Kindheit aus-
geübt haben.“

’) 0. E., 3. Aufl., I, ch. 1, 13—16. Als „0. E.“ wird stets Le Play’s Erstlings-
werk „Les ouvriers europeens“ zitiert.
        <pb n="15" />
        ﻿9

Wie er selbst dadurch auf den richtigen Weg gekommen ist, so
sieht er auch für andere in der geeigneten Erziehung ein Mittel
der Reform. Von Natur besaß er eine zähe Energie, die durch alle
Anfechtungen hindurch das einmal gesetzte Ziel beharrlich verfolgte,
und der daher letzten Endes der Erfolg sicher war. Ein charakte-
ristischer Ausspruch dafür findet sich in einem Briefex) aus dem
Jahre 1865, in dem von der Gründung einer Revue und den damit
verbundenen Schwierigkeiten die Rede ist; Le Play schreibt da:

„Seien Sie sicher, daß ich nicht um einen Fuß breit zurückweiche. Ich
bin Normanne, ich fühle mich durchtränkt von der Zähigkeit, die man all-
gemein unseren Vorfahren zuschreibt.“

Im Jahre 1811 starb Le Play’s Vater; seine in Paris verheiratete
Schwester nahm den fünfjährigen Knaben zu sich, da sie kinderlos
war und in guten Verhältnissen lebte. Nur schwer gewöhnte sich
Le Play an die große Stadt, der er zeitlebens mit Abneigung gegen-
überstand; er vermißte den Wald und das Wasser seiner Heimat.
Auch die Schule, die er hier besuchte, war ihm kein angenehmer
Aufenthaltsort. Um so größer und einflußreicher war die geistige
Anregung, die er im Hause seines Onkels erhielt. Hier verkehrten
tagtäglich zwei Jugendfreunde des Onkels, die während der Revo-
lution Familie und Vermögen verloren hatten. Die Unterhaltung
dieser drei politisch und literarisch verschieden denkenden Männer
und die bedeutende Bibliothek des Onkels ließen Le Play die „Lange-
weile des Stadtlebens“ vergessen. Es war schon mehr ein politischer
Unterricht, den er genoß. Der Onkel und seine beiden Freunde
wählten die zur Lektüre geeigneten Bücher aus und beantworteten
bereitwilligst alle Fragen, die dem Knaben bei der Lektüre oder
bei der Unterhaltung aufstiegen. AVie stark die Lehren, die er hier
empfing, fortwirkten, sagt Le Play selbst:

Diese Lehren wurden für den Augenblick verdrängt durch den
sonstigen Schulunterricht; aber sie gewannen später ihren richtigen Einfluß
wieder; je mehr ich im Leben vorwärts kam und je mehr ich den Verfall
meines Vaterlandes erkannte, fühlte ich das Bedürfnis, in der Sozialwissen-
schaft zu festen Anschauungen zu gelangen. Seit dem Jahre 1848 ..habe

ich oft zurückgedacht an die Lektionen meiner drei Lehrer von 1813; und ich
habe erkannt, daß ich ihnen mehr schulde, als ich bis dahin gedacht hatte.

Der Onkel und seine beiden Freunde, mit denen Le Play vier Jahre
zusammenleble, verkörpern einen Teil der widersprechenden An-
schauungen, die im damaligen Frankreich sich Geltung verschaffen

L Auburtin, S. 45.
        <pb n="16" />
        ﻿10

wollten. Der Onkel Le Play’s war eine neutrale Persönlichkeit, die
die politischen Interessen den wirtschaftlichen unterordnete. Da-
durch hatte er sich auch in den mannigfachen politischen Krisen
sein Vermögen bewahrt. Aber er war eine wahrheitsliebende Natur,
die die Schwächen der alten wie der neuen Aristokratie mit gleicher
Schärfe kritisierte. Über die beiden anderen Lehrer lassen wir Le
Play selbst urteilen:

„Der Gelehrte“, ein ehemaliger Beamter, war begeistert für die wissen-
schaftliche Bildung und hatte sich in Frankreich wie im Auslande dem Unter-
richt gewidmet. Er trug mehr als jeder andere durch sein Vorlesetalent zum
Reiz unserer Abende bei und er leitete mich mit seltener Geduld in meiner
eigenen Lektüre. Im Grunde seines Herzens neigte er zu Rousseau, den
Enzyklopädisten und den Girondisten; in dieser Hinsicht wurde er an unseren
Abenden lebhaft bekämpft. Das war besonders die Aufgabe des dritten
Lehrers, des „Gentleman“; er ließ es sich namentlich angelegen sein, den
beherrschenden Einfluß nachzuweisen, den die Religion auf das
individuelle Glück wie auf die allgemeine Wohlfahrt ausübt. Als er, um dem
Schafott zu entrinnen, aus Frankreich fliehen mußte und seiner Güter beraubt
wurde, wollte er zunächst die Emigranten jenseits des Rheins vereinigen;
aber er sah bald ein, daß ihre Sache verloren war. So blieb ihm bis zu seiner
Rückkehr nach Frankreich nichts anderes übrig, als sich in Deutschland dem
Unterricht und dem Studium zu widmen. Er sah in der Korruption der
herrschendeu Klassen des ancien regime die Hauptursache der
Revolution. Er hatte das bedauerliche Schauspiel der Gottlosigkeit und
Verderbnis mitangesehen, das die Sitten der Emigranten in Koblenz, Köln
und in den Residenzstädten darboten, welche die Gastfreundschaft der deutschen
Fürsten ihnen angewiesen hatte: er erklärte, daß diese Mißstände in den Augen
der Deutschen nach und nach zur Verteidigung oder wenigstens zur Ent-
schuldigung der Revolution geworden waren. Solche Lehren kehrten in leb-
haften und geistreichen Worten bei Gelegenheit der täglichen Ereignisse be-
ständig wieder; sie gaben meinem Geiste die ersten Begriffe eines moralischen
und wissenschaftlichen Unterrichts, den mir die Schule nicht geben konnte.

Der Zufall hat Le Play insofern begünstigt, als er ihm schon von
den ersten Kindheitsjaliren an eine so allseitige Erziehung gab, wie
sie nicht jedem Knaben geboten wird. Die Verschiedenheit des
Aufenthaltsortes und der Anschauungen, die seine Lehrer ihm vor-
trugen, schärften seinen Geist früh, so daß er nicht in einseitiger
Weise auf bestimmte Anschauungen festgelegt wurde, sondern er-
kannte, daß die politischen und sozialen Vorgänge sich in den ver-
schiedenen Köpfen ganz verschieden spiegeln. Absichtliche Täu-
schungen konnten nicht die Ursache dieser Meinungsverschieden-
heiten sein; denn seine Lehrer waren vorzügliche, hartgeprüfte
Männer, die dem Knaben nur ihr Bestes geben wollten, um so die
        <pb n="17" />
        ﻿11

heranwachsende Jugend und ihr Vaterland vor neuen Fehlern und
Erschütterungen zu bewahren. Le Play selbst ersah daraus die
Schwierigkeit richtiger Beurteilung aller dieser Fragen; wir werden
später sehen, welche Schlüsse er daraus zog.

Die für ein Kind sehr ernste Lebensweise in Paris wurde all-
jährlich durch einen Sommeraufenthalt auf dem Lande unterbrochen.
Hier wurde Le Play wieder Kind; er half den Landarbeitern, den
Jägern und Fischern bei ihren verschiedenen Verrichtungen; bei
den Gärtnern trieb er seine ersten botanischen Studien.

So fand ich mich, ohne jedes festgesetzte System, in eine Menge von
Begriffen eingeführt, die es mir viel später erlaubten, diesen Arbeiten bei der
Untersuchung der ländlichen und gewerblichen Hierarchien ihren richtigen
Platz anzuweisen.

Im Jahre 1815 starb der Onkel Le Play’s, und der jetzt neunjährige
Knabe kehrte nach Honfleur zurück. Mittlerweile war Friede ge-
worden, und die Bevölkerung hatte ihre alten Gewohnheiten und
Beschäftigungen wieder aufgenommen. Die Religion gab ihr Ab-
lenkung und Trost bei ihrem rauhen und gefährlichen Beruf. Die
nächsten 7 Jahre (1815—1822) brachte Le Play wieder inmitten
dieser Fischerbevölkerung zu, in enger Anteilnahme an ihren Leiden
und Freuden. Die Revolution hatte in seiner Heimat keine große
Wirkung gehabt.

Die Familien der Häusler, Bauern und Großgrundbesitzer waren durch
die Gesetze der „Terreur“ noch nicht aufgelöst; sie bewahrten in ihren Hütten
mit den alten Sitten zugleich die Gewohnheiten der ständischen Unterordnung
und der Einigkeit, die sich an den Ufern der Nord- und Ostsee noch länger
erhalten haben.

Aus den Erzählungen älterer Leute, die das ancien regime noch ge-
kannt hatten, lernte er die Zeit vor der Revolution kennen und
fand bestätigt, was „der weiseste seiner Pariser Lehrer“ (der „Gent-
leman“) ihn gelehrt hatte: daß die Korruption der herrschenden
Klassen, hervorgehend aus dem Geiste der Irreligiosität, die Haupt-
ursache der Revolution gewesen war.

Neben diesen Studien praktischer Lebenserfahrung und Lebens-
auffassung vernachlässigte Le Play die Wissenschaften nicht. Er
besuchte das Gymnasium zu Havre und beschäftigte sich mit Cicero
und Tacitus; in dem Werke des letzteren über die Germanen suchte
er besonders die Stellen heraus, die die Hochachtung seiner Pariser
Lehrer für die zeitgenössischen Deutschen rechtfertigten. Ein alter
Geistlicher vervollständigte seine religiöse Erziehung. Den Abschluß
        <pb n="18" />
        ﻿12

dieser Studien bildete das Baccalaureats-Exämen, das er 1822 be-
stand.

Höheres technisches Studium. Es handelte sich jetzt darum,
einen Beruf zu erwählen. Ein früherer Schulkamerad, der die Ecole
Polytechnique zu Paris besuchte, riet ihm, die technische Laufbahn
einzuschlagen. Ihre Aussichten reizten Le Play, wenn auch die Zeit
der Unabhängigkeit damit sehr hinausgeschoben wurde. Er wollte
deshalb zunächst seine Fähigkeiten prüfen lassen und wandte sich
an einen alten Familienbekannten, den Chef-Ingenieur für Brücken
und Chausseen Dan de la Vauterie. Dieser nahm nach einem Monat
der Prüfung, der den Erfolg garantierte, Le Play zu sich und be-
reitete ihn während des Jahres 1823 auf das Pariser Studium vor.

In Dan de la Vauterie fand Le Play einen Lehrer mit viel-
seitigen Interessen, der die hohen Anforderungen, die er an das
Pflichtgefühl anderer stellte, auch selbst erfüllte.

Nach seiner Ansicht hatten die Staats-Ingenieure nach Erfüllung ihrer
Berufspflichten noch die moralische Verpflichtung, sich dem Gemeinwohl un-
entgeltlich nützlich zu erweisen, wie es die Grundbesitzer in England und in
anderen nordischen Staaten tun.

Demgemäß war der Tag eingeteilt in Berufsarbeiten und in wissen-
schaftliche Studien. Die Berufsarbeit begann morgens um 4 Uhr
und dauerte bis 2 Uhr; daran schlossen sich von 4 Uhr nachmittags
bis 9 Uhr abends literarische, soziale und andere wissenschaftliche
Studien an, wofür eine reiche Bibliothek zur Verfügung stand.

In diesem Jahre wurde Le Play auch für die Sozial Wissen-
schaft vorbereitet1). Im Vordergründe des außerberuflichen Unter-
richts stand die soziale Reform. Zu dem Zwecke wurden solche
Schriftsteller besonders gelesen, die zuzeiten großer Verderbnis ge-
lebt hatten, wie z. B. Cicero und Montaigne. Sie waren geeignet,
Licht auf die zeitgenössische Verderbnis zu werfen. Sein Lehrer
zeigte ihm, wie er unausbleiblich auf Irrwege geraten Avürde, wenn
er sich von den politischen Leidenschaften beherrschen ließ, die die
großen Schulen in Paris, wo er 6 Jahre leben sollte, in Atem
hielten.

Er zeigte mir zu gleicher Zeit den Weg, auf dem unser Land die Wahr-
heit wiederfinden und den Frieden der Geister wieder hersteilen könnte. Die
Kegel, die er mir gab, ist genau diejenige, die ich befolgt habe. Sie ist mehr

*) 0. E. I, 401.
        <pb n="19" />
        ﻿13

als jemals für meine Mitbürger nötig; denn Frankreich, das damals nur „er-
schüttert“ war, ist jetzt „aufgelöst“ '). Das Heilmittel konnte nur von den
Mitbürgern kommen, die an den guten nationalen Sitten festhielten.

In derselben Zeit machte Le Play mit seinem Lehrer einige
Reisen nach religiös gesunden Gegenden Frankreichs, wobei er zur
Beobachtung der sozialen Verhältnisse angehalten wurde. Hier tat
sich für ihn eine neue Welt auf:

Ich begriff zum ersten Male die Macht, die in der gemeinsamen Hingabe
einer Menschenrasse an die Keligion und die Begierungsform liegt.

Unter diesen Eindrücken entstand die erste literarische Arbeit
Le Play’s, die sich gegen den religiösen und politischen Skeptizis-
mus wandte.

So kurz der Aufenthalt bei Dan de la Vauterie auch war, so
sind die Grundsätze dieses Mannes doch für die ganze Lebens-
auffassung und den Lebensgang Le Play’s maßgebend gewesen. Die
Gefahren des Indifferentismus und die Pflicht, als Staatsbürger und
Beamter zu allen wichtigen Fragen Stellung zu nehmen, hat er
ihm eindringlich ans Herz gelegt; der unermüdliche Arbeitseifer,
die Verwertung geschichtlicher Erfahrungen für die Gegenwart und
das Beobachten der sozialen Erscheinungen an Ort und Stelle sind
dem Beispiele Dan de la Vauterie’s zuzuschreiben. Der Ziellosig-
keit des Jünglings, der so viele Wege vor sich sah, gab er als
Lebensregel den Satz mit:

Beginne damit, aus eigener Kraft den Platz zu erreichen, den ich dir in
Aussicht stelle. Dann suche die Wahrheit und den Lehrer, der dir am fähigsten
scheint, sie wieder zur Geltung zu bringen.

Die nun folgenden 6 Jahre (1824—1829) sind fast lediglich
dem Berufsstudium gewidmet, dem Berg- und Hüttenfach. Nach-
einander besuchte Le Play in Paris drei Schulen: das Kolleg Saint-
Louis, die Ecole polytechnique und die Ecole des mines. Um ihn
herum tobte der Kampf der Parteien und Weltanschauungen; er
ließ sich nicht davon beeinflussen. Dank den Lehren des letzten
Jahres blieb er frei von dem Einflüsse der politischen Leiden-
schaften, die gerade die begabtesten seiner Mitschüler erregten.

Ich begriff die Notwendigkeit, mich ausschließlich den Studien der drei
Schulen zu widmen. Aus Neigung und Pflichtgefühl mied ich die Gesellschaft
der Mitschüler, die den Bestrebungen huldigten, aus denen später die Bevolution
von 1830 hervorging. Erfüllt von der Idee einer ständischen Ordnung be-

') Die in Anführungszeichen stehenden Worte gehören zu den wichtigsten
der wissenschaftlichen Terminologie Le Play s.
        <pb n="20" />
        ﻿14

gnügte ich mich, innerlich zu seufzen, wenn ich den Geschichtsprofessor das
traurige Wort Ludwig XIV. preisen hörte: „L’etat c’est moi“. Ich ließ mich
auch nicht blenden durch die Vorlesungen am College de France, wo rede-
gewandte Professoren die nationalen Traditionen herabsetzten und die Ent-
wicklung des menschlichen Geistes als obersten Zweck der Zivilisation priesen.

Ob diese Zurückhaltung gegenüber aller Politik als wirkliche
Objektivität anzusehen ist, oder ob sie sich daraus erklärt, daß die
politischen Anschauungen, die Le Play hier in Paris hörte, in Gegen-
satz zu denen seiner früheren Lehrer standen und sie deshalb ohne
weiteres abgewiesen wurden, mag dahingestellt bleiben. Le Play
selbst hielt es für Objektivität; er glaubte, daß das ländliche Allein-
sein, der Schulunterricht als Externer, die Erziehung und Lehren
mehrerer Gelehrter ihn befähigten, die sozialen Phänomene mit
freierem Blick anzusehen; er hielt diese Art des Unterrichts für so
wertvoll, daß er daran Hoffnungen auf Reform des Unterrichts
knüpfte. Aber es ist doch auffallend, daß die Entwicklung Le Play’s
von der Jugend bis zum Alter in derselben Richtung ging, daß alle
späteren Anschauungen in den ersten Lehren der Jugend schon
vorgezeichnet waren. Objektivität der Jugend ist keine natürliche
Erscheinung, und da Le Play eigentlich nie andere Anschauungen
vertreten hat, da er von jeder jugendlich-radikalen Periode ver-
schont geblieben ist, so taucht die Frage auf, ob die festgeprägten
Anschauungen seiner Lehrer ihn nicht gehindert haben, die Meinungen
anderer vorurteilslos zu sehen und zu prüfen. Wenn er die Ent-
wicklung des menschlichen Geistes nicht als Ziel der Zivilisation
anerkannte, so kam das wohl daher, daß er von dem Gedanken an
ein anderes Ziel erfüllt war, und er sagte dies auch selbst: er war
„erfüllt von der Idee einer ständischen Ordnung“, die solche Gewalt
über ihn hatte, daß ihm jede Erwähnung des Prinzips der absoluten
Monarchie nur einen Seufzer entlockte. Auf diese Dinge wird später
zurückzukommen sein.

Im Jahre 1825 lernte Le Play zwei Berliner Studenten kennen,
mit denen er häufige Unterhaltungen über Rousseau hatte. Sie
zeigten ihm den Hauptfehler Rousseau’s und damit den Fehler der
ganzen Zeit: daß er den Menschen von Natur gut sein ließ, und
daß erst durch die herkömmlichen Einrichtungen der Menschheit
das Übel in die Welt gekommen sein soll.

Im übrigen widmete sich Le Play nur seinen Berufsstudien, so
daß er fleißig Fortschritte machte. Unterbrochen wurden diese
Studien durch eine monatelange Reise nach Deutsch-
        <pb n="21" />
        ﻿15

land, die Le Play zusammen mit seinem Freunde Jean Reynaud
zu Studienzwecken unternahm. Sie lernten dabei besonders die
Bergwerke, die Hütten und die Forstwirtschaft kennen. Gleich-
zeitig diente diese Reise noch einem anderen Zwecke: sie sollte
den Gegensatz der Meinungen zwischen den beiden Freunden be-
seitigen. In Norddeutschland, das ein früherer Lehrer Le Play’s
als „das Land der Weisheit“ bezeichnet hatte, wollten sie gemein-
sam die „soziale Frage“ studieren, und die beobachteten Tatsachen
sollten für ihr Urteil maßgebend sein. Dieser Zweck wurde nicht
erreicht, wenn auch beide an Verständnis für die sozialen Verhält-
nisse sehr gewannen. Le Play sagt darüber:

Indessen gelangten wir keineswegs zu einem Einverständnis über die
„soziale Frage“, die der Ausgangspunkt unseres Unternehmens gewesen war;
wir begriffen nur, daß sie viel komplizierter war, als wir sie uns anfangs vor-
gestellt hatten. Ich wurde in dem Gedanken bestärkt, daß die Lösung sich
zum großen Teil in den Gewohnheiten der Vergangenheit finden
würde. Mein Freund dagegen behielt seine Überzeugungen bezüglich der
Doktrin vom „unaufhörlichen Fortschritt“ und ganz allgemein von
dem Wettbewerb, den in dieser wie in jeder anderen Sache der Geist der
Neuzeit schaffen kann. Kurz: wir kehrten zurück, geteilter in unseren
Meinungen, aber bessere Freunde als jemals.

Von dieser Zeit an verlor Le Play die sozialen Probleme nicht mehr
aus den Augen. Im Winter von 1829 auf 1830 lernte er aus eigener
Anschauung die Zustände in den Pariser Werkstätten kennen.
Während der Vorbereitungen zu einer Reise nach Spanien erlitt er
im Laboratorium einen lebensgefährlichen Unfall, sodaß er 18 Mo-
nate lang ans Krankenlager gefesselt war. Gerade im schlimmsten
Stadium seiner Krankheit begann die Revolution, die — wie wir
sehen werden — einen entscheidenden Einfluß auf Le Play hatte.
Die Revolution veranlaßte ihn zu dem Gelübde, Mittel zur Heilung
der sozialen Schäden zu suchen und zu dem Zwecke die Hälfte
jedes Jahres auf Reisen zuzubringen, um die Gesetze der Gesell-
schaft zu studieren.

Reisen. Viele Jahre hindurch hat Le Play diesem Gelübde
gemäß den Sommer auf Reisen, meist im Auslande, den Winter in
Paris zugebracht. Die wichtigsten Länder Europas hat er wieder-
holt besucht: Deutschland, Spanien, England, Schottland, Irland,
Dänemark, Schweden, Norwegen, Rußland, Österreich-Ungarn,
Italien.

Von der Bedeutung des Reisens überhaupt hatte Le Play eine
hohe Meinung.

2
        <pb n="22" />
        ﻿16

Die berühmten Völker *) der Vergangenheit haben diesen Appell (zu einer
von Le Play angeregten „Schule der Reisen“) gerechtfertigt, indem sie die
Nützlichkeit der Kelsen an berühmten Beispielen erwiesen. Die Mustervölker
unserer Zeit ziehen großen Gewinn aus dieser Ergänzung der Erziehung, um
die Handfertigkeit der Arbeiter, die Intelligenz der Unternehmer nnd die
Weisheit der Staatsmänner zu entwickeln. Die Schriftsteller, die ich oft zitiere,
haben es der Beachtung ihrer Zeitgenossen empfohlen. So empfiehlt z. B.
Plato den Athenern, zu einer Zeit, wo das intellektuelle und moralische Leben
bei ihnen sehr zerrüttet war, über Land und Meer zu gehen und die Tugend
bei den „göttlichen Menschen“ aller Länder zu suchen. Montaigne betrachtet
das Reisen als notwendig für die Erziehung eine.s Adels, der diesen Namen
verdient; aber er verwarf es, daß die letzten Valois dazu verführt hatten,
dieses Vervolikommnungsinittel zu seichten Beobachtungen anzuwenden. Nach
der Verwirrung, die zwei Revolutionen in den Ideen und Sitten Englands an-
gerichtet hatten, empfahl Locke das Studium einer fremden Sprache und die
Konversation der Menschen, die sie sprechen, als ein Mittel, um die Jugend

wieder zur Weisheit und Klugheit zurückzuführen......

Diesen Gründen aus der Vergangenheit großer Völker und der Schrift-
steller, die ich zitiert habe, kann ich die hinzufügen, die mich die Erfahrung
eines langen arbeitsreichen Lebens gelehrt hat. Die fünf Lehrer, die mich
auf den Weg der Wahrheit geführt haben, waren alle durch ihren Aufent-
halt in fremden Ländern zu ihr gelangt. Indem ich selbst während 35 Jahren
lange Reisen mit einer sicheren Methode unternahm, habe ich die notwendige
Ergänzung ihrer Lehren gefunden.

Neben leitenden Staatsmännern lernte er dabei vor allem viele
große Industrielle, Bergwerksbesitzer und Landwirte kennen, auf
deren Ansichten über soziale Fragen er den größten Wert legte; er
hielt diese Männer („Autorites sociales“) für am meisten urteilsfähig,
weil sie einen reichen Schatz von Erfahrungen hätten und weil ihre
Praxis die Richtigkeit ihrer Meinungen erwiese. Im übrigen ver-
schaffte sich Le Play Material, wo es nur angängig war. Lefebure
de Fourcy* 2) entwirft ein Bild von Le Play’s Art zu reisen, das
seiner Anschaulichkeit wegen wiedergegeben sei.

Keiner, glaube ich, wußte zu reisen wie Le Play. Von kleiner Statur
und schlankem Wuchs, mit Beinen von Stahl, wohl bewandert in der Fuß-
gängerausrüstung, trotzte er den Unbilden der Sonne wie des Regens, be-
gnügte sich mit schlechten Mahlzeiten und schlechten Herbergen und legte
so ohne Ermüdung gewaltige Strecken zurück, bei der Ankunft so frisch wie
beim Abmarsch. Keiner verstand es so wie er, aus Menschen und Dingen
wertvolle Mitteilungen über das herauszuholen, was er gerade im Auge hatte.
Industrielle und Arbeiter, Großgrundbesitzer und Bauern, Professoren und
Studierende, Herbergsväter und Reisende, alle mußten ihm herhalten. Türen,

&gt;) 0. E. I, 598.

2) Annales des mines, juillet-aoüt 1882.
        <pb n="23" />
        ﻿— 17 —

die anderen, nicht weniger geschickten Neugierigen verschlossen waren,
öffneten sich seiner unwiderstehlichen Art. Geheimnisse gab es nicht vor
seinem Scharfsinn, wenn sie sich auch unter verführerischen Worten verbargen.

Eine besonders wichtige Bekanntschaft machte Le Play im
Jahre 1833 gelegentlich einer Reise nach Spanien. Er lernte in
Madrid den französischen Gesandten Graf de Rayneval kennen,
der ihn für die Sozialwissenschaft begeisterte, so daß ihn Le Play
seinen fünften Lehrer nennt. Auch de Rayneval liebte sein Vater-
land über alles und wollte ihm helfen. Er kennzeichnete besonders
die Fehler der sozialen Verfassung Frankreichs, die sich auf das
Erbrecht bezogen; er hielt diese Gesetze für der väterlichen
Autorität feindlich und ermahnte Le Play, sich ihrer Reform be-
sonders zu widmen. Er zeigte an der Geschichte die Wirkung der
erzwungenen Erbteilung. Bonaparte hatte sie als Konsul eingeführt,
als sicheres Mittel, die Familientradition zu zerstören; dagegen be-
vorzugte er als Kaiser das entgegengesetzte System bei den Familien,
die ihm ergeben waren, indem er für sie Majorate einrichtete. An
seinen Bruder Josef schrieb er im Jahre 1806:

Führt den Code civil in Neapel ein; alles was Euch nicht zugetan ist,
wird vernichtet werden in wenigen Jahren, und das, was Ihr erhalten wollt,
wird sich befestigen. Das ist der große Vorzug des Code civil .... Er
festigt Eure Macht, da alles, was nicht fideikommissarisch gebunden ist, durch
ihn fällt und von großen Häusern nur diejenigen bleiben, die Eure Lehens-
leute sind. Das läßt mich den Code civil predigen, und das hat mich ver-
anlaßt, ihn einzuführenx).

Mit dieser Schwächung Frankreichs rechnete auch das Ausland, wie
de Rayneval zeigte. Auf dem Wiener Kongresse wollten die eng-
lischen Staatsmänner Wellington und Castlereagh die französischen
Grenzen des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt sehen. Als sie das
nicht erreichten, trösteten sie sich, indem sie meinten: „Schließlich
sind ja die Franzosen durch ihr Erbrechts-System zur Genüge ge-
schwächt“. Der Mahnung des Grafen Rayneval, gegen dieses Erb-
recht anzukämpfen, ist Le Play gefolgt, und der unteilbare ge-
festigte Familienbesitz ist ihm eine der hauptsächlichsten Grund-
lagen einer gesunden sozialen Verfassung.

Im Winter blieb Le Play in Paris, wo er sich seinem Berufe
widmete, die gesammelten Materialien verarbeitete und sich mit
sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte. Fast immer war
es ein staatlicher Auftrag oder der Ruf eines privaten Besitzers,

*) 0. E. I, 409.

2*
        <pb n="24" />
        ﻿18

der ihn zu geologischen oder bergbaulichen Untersuchungen nach
dem Ausland führte. Le Play betrachtete aber die sozialen Studien
als zu den technischen gehörig. Wenn er sagt, er habe nicht daran
gedacht, daß diese sozialen Untersuchungen ein anderes Resultat
haben könnten, als eigene Belehrung, so ist das nicht recht verein-
bar mit dem während seiner Krankheit im Jahre 1830 abgelegten
Gelübde, daß er die Schäden seines Vaterlandes heilen und zu dem
Zwecke jedes Jahr 6 Monate reisen wolle. Darin ist doch offen die
von Anbeginn an bestehende reformatorische Absicht ausgesprochen.

Lebensstellungen und praktische Tätigkeiten. Im Jahre 1840
erhielt Le Play eine Professur an der „Ecole des mines“ in Paris.
Diese Lehrtätigkeit, die freilich im Sommer durch die Reisen unter-
brochen wurde, war mehr als ein rein technischer Unterricht:

Die Idee, die meinen Unterricht beherrschte ..., war die, welche ich seit
dem Jahre 1829 im Harz und in der sächsischen Ebene verwirklicht gesehen
hatte. Von Beginn meiner Lehrtätigkeit an zeigte ich, daß die Betriebs-
technik der Notwendigkeit untergeordnet ist, das Sittengesetz zu lehren und
den abhängigen Arbeitern das tägliche Brot zu sichern1)-

Nur 8 Jahre hat Le Play die ihm lieb gewordene Tätigkeit aus-
geiibt. Schon im Jahre 1848 gab er sie auf Drängen seiner Freunde
ganz auf, um sich nunmehr ausschließlich den sozialen Studien und
zunächst der Herausgabe der „Ouvriers europeens“ zu widmen.
Auf die bemerkenswerten Umstände, welche dazu führten, wird
zurückzukommen sein.

Unter der Regierung Napoleons und schon vorher hätte Le Play
eine große politische Rolle spielen können; aber dazu hat er sich
nicht entschließen können. Mehrmals hat er eine Kandidatur zur
Kammer zurückgewiesen, so 1838, 1848 und 1855. Er wollte kein
Mann der Öffentlichkeit werden. Doch wurde er 1855 Mitglied des
Staatsrates uud 1867 des Senats; in beiden Körperschaften bot er
alles auf, um für seine Methode Anhänger zu werben, womit er
einem Wunsche des Kaisers begegnete. Dieser erhoffte von dem
Wirken Le Play’s gute Folgen für die innere Politik, deckte sich
doch sein „Programm von Bordeaux“ insofern mit den Absichten
Le Play’s, als darin eine Reform des Erbrechts, eine Hebung der
väterlichen Autorität angekündigt war. Aber seine Hoffnungen
hatten wenig Aussicht auf Erfüllung, was Le Play nie ver-
kannt hat.

’) 0. E. I, 424.
        <pb n="25" />
        ﻿19

Während der Kaiserzeit trat Le Play wiederholt als Leiter von
Ausstellungen hervor; er war 1855 Generalkommissar der Pariser
Weltausstellung, 1862 der französischen Abteilung der Weltaus-
stellung zu London und 1867 wieder Generalkommissar zu Paris.
Auf dieser letzten Ausstellung lenkte er dadurch die Aufmerksam-
keit auf sich, daß er zum ersten Male eine „Soziale Gruppe“ bildete,
die das materielle, intellektuelle und moralische Leben der Arbeiter
vorführen sollte. Dabei waren auf Veranlassung Le Play’s Preise
ausgesetzt „zugunsten der Personen, Betriebe oder Gegenden, die
durch eine Organisation oder besondere Einrichtungen ein har-
monisches Einvernehmen zwischen den gemeinsam
Arbeitenden geschaffen und den Arbeitern materielles, moralisches
und intellektuelles Wohlergehen gesichert hatten“. Der Schluß dieses
Preisausschreibens ist für uns besonders interessant:

Die an die Jury gelangenden Mitteilungen wie die zur Nachprüfung ge-
troffenen Kontrollmaßnahmen erklärten einstimmig die ausnahmslose Über-
legenheit der niedersächsischen Ebene und besonders des hannö-
versehen Lüneburg. Eine Unterkommission von 7 Preisrichtern, die der
großen Jury einen Vorschlag machen sollte bezüglich der Gegend, die den
einzigen großen Preis von 100000 Fr. erhalten sollte, entschied zugunsten
der bäuerlichen Organisation Lüneburgs. Dieser Vorschlag wurde aus Gründen,
die nicht in der Sache selbst lagen, verworfen; aber die Überlegenheit
Lüneburgs wurde von niemandem angezweifelt, und es wurde beschlossen,
daß der „große soziale Preis“ keiner anderen Gegend zufallen sollte*)■

Eine im eigentlichen Sinne praktische Tätigkeit hat Le Play
nur in dem früheren Abschnitte seines Lebens, vor und während
seiner Lehrtätigkeit, ausgeübt. Neben den vielen Aufgaben, die ihm
als Staatsingenieur zufielen, stand eine private von ganz besonderer
Bedeutung: der russische Fürst Demidoff betraute ihn mit der Lei-
tung seiner großen Bergwerke im Ural.

In späteren Jahren ist Le Play in anderer Weise wenigstens
halb praktisch tätig gewesen. Er kaufte sich ein großes Landgut,
um seine Ideen zu verwirklichen. Hier sollten die der Praxis der
sozialen Autoritäten entnommenen Lehren Früchte tragen. Le Play
wollte eine „Stammfamilie“ gründen und so setzte er im Jahre 1867
seinen Sohn, der gerade geheiratet hatte, zum Anerben ein. Hierher
zog er sich oft zurück, um in ländlicher Abgeschiedenheit seine Patro-
nagepflichten gegen die ihm verbundenen Familien zu erfüllen.

J) 0. E. III, 488.
        <pb n="26" />
        ﻿20

Le Play starb am 5. April 1882 zu Paris. Bis zu seinem Tode
hat er rastlos in Wort und Schrift daran gearbeitet, seiner Methode
und seinen Beformplänen neue Anhänger zuzuführen.

Werke, Man kann nicht sagen, daß Le Play die auf seinen
Beisen gewonnenen sozialen Aufschlüsse übereilt veröffentlicht hat,
obwohl doch nach seiner Überzeugung die inneren Zustände Frank-
reichs dringend der Hilfe bedurften. Das zeigt, wie ganz anders
er die soziale BeformationStätigkeit auffaßte, als viele seiner Zeit-
genossen, die die Beform ebenso rasch ins Werk setzen wollten, wie
ihr „System“ entstanden war, und dadurch ihr Vaterland in be-
ständiger Unruhe und Aufregung hielten. Deshalb erregten auch
die Veröffentlichungen Le Play’s, als sie im Auslande bekannt wurden,
besonderes Aufsehen.

Le Play hat 26 Jahre lang soziale Untersuchungen angestellt,
ehe er sich entschloß, einen Teil der Ergebnisse zu veröffentlichen.
Schon früher hatte er mit wachsendem Verständnis für die sozialen
Vorgänge in Berichten an seine Vorgesetzte Behörde seine von der
allgemeinen Anschauung abweichenden Ansichten geäußert, so daß
man auf ihn aufmerksam wurde und ihn zu weiteren Studien an-
regte. Im Jahre 1840 reichte er eine Denkschrift ein über den
Wert der Statistik, die im „Journal de Statistique“ vom Januar 1885
veröffentlicht ist. Diese Arbeiten waren aber ursprünglich nicht
für die Öffentlichkeit bestimmt.

Den äußeren Anstoß zur Veröffentlichung seiner Ergebnisse gab
das Jahr 1848. Auf die Umstände, unter denen sich diese ent-
scheidende Wendung vollzog, wird später näher eingegangen werden
müssen, da sie wichtig ist für den rudimentären Charakter der
Methode Le Play’s.

Genug, erst im Mai 1855 erschien das Werk „Les ouvriers
europeens. Etudes sur les travaux, la vie domestique et la con-
dition morale des populations ouvrieres de l’Europe, precedees d’un
expose de la methode d’observation par Frederic Le Play.“ Wie
der Titel besagt, enthält das Werk zunächst eine Beschreibung der
Methode Le Play’s und bringt dann 36 Monographien europäischer
Arbeiter. Es wurde in der Staatsdruckerei gedruckt und war schon
im folgenden Jahre vergriffen. Im Jahre 1856 erhielt es den Preis
für Statistik von der Academie des Sciences.

Durch dieses Werk wurde Le Play bekannter und man drang
in ihn, seine Ergebnisse und die Ziele seiner Beform in einem,
weiteren Kreisen zugänglichen Werke zu veröffentlichen. Napoleon III.
        <pb n="27" />
        ﻿21

verfolgte die Entstehung des neuen Werkes mit größtem Interesse.
Es erschien im Jahre 1864 unter dem Titel: „La reforme sociale
enFrance, deduitedel’observationcomparee despeupleseuropeens“.
Le Play trägt in sieben Kapiteln seine Sozialreform vor: Keligion,
Eigentum, Familie, Arbeit, Genossenschaft, private Beziehungen,
Staatsgewalt. Dieses Werk ist aber nicht nur aus eigenen Beob-
achtungen hervorgegangen, sondern beruht zum großen Teil auf ge-
schichtlichen Studien.

Die übrigen Werke Le Play’s sind eigentlich nur besondere Be-
arbeitungen einzelner Teile aus der „ßefonne sociale“. Namentlich
gilt dies von dem Werke „L’organisation du travail“, das Ende des
Jahres 1869 auf Wunsch des Kaisers Napoleon entstand und schon
im Anfang des Jahres 1870 die beiden ersten Auflagen erlebte. Ein
weiteres Werk „L’organisation de la famille“ wurde 1870 geschrieben
und erschien nach dem Kriege. Eine Ausarbeitung des 7. Kapitels
der „Reforme sociale“, das die Staatsgewalt behandelt, ist das Werk
„La Constitution de l’Angleterre“, dessen 2. Auflage schon 1875
erschien.

Im Jahre 1871 erschien ein aktuelles Werkchen: „La paix
sociale apres le desastre“, das eine Antwort geben soll auf „An-
fragen zwischen dem 4. September 1870 und dem 31. Mai 1871“.
Weiter sind noch zu erwähnen: La correspondance sociale (1875). —
La reforme en Europe et le salut en France (1875). — La question
sociale au XIXe siede (1879). — La Constitution essentielle de
l’humanite (1881). — Das letzte Werk Le Play’s faßt seine Reformen
in kurzer Form zusammen.

Der „Reforme sociale en France“, die doch die aus den Mono-
graphien der „Ouvriers europeens“ sich ergebenden Lehren ver-
öffentlichen sollte, wurde der Vorwurf gemacht, daß sie ohne jede
sichtbare Beziehung zu diesem Urmaterial stehe. Le Play selbst
hielt das für einen Fehler, den er in der 2. Auflage der „Ouvriers
europeens“ (1877/79) zu beseitigen suchte. Zunächst wurde das Werk
durch die inzwischen neu aufgenommenen Familien-Monographien
ergänzt, deren Zahl von 36 auf 57 wuchs. Jeder der sechs Bände
der neuen Auflage sollte unabhängig von den anderen sein und doch
zugleich einen Überblick über das ganze Werk geben; jeder Band
sollte dem Leser genügen, um das Ganze zu überschauen. Deshalb
mußte neben der besonderen Aufgabe eines jeden Bandes noch zu-
gleich auf die Ursachen der wachsenden sozialen Störungen in Europa
eingegangen werden, damit am Schlüsse die Prinzipien und die ersten
        <pb n="28" />
        ﻿22

Symptome der Reform gezeigt werden konnten. Wir geben im folgen-
den den Inhalt der einzelnen Bände kurz wieder.

Der erste Band bildet ein Werk für sich unter dem Titel:
„La methode d’observation applique, de 1829—1879, ä l’etude des
familles ouvriüres“; er enthält Ursprung, Beschreibung, Geschichte
der Methode nebst den Resultaten.

Die fünf weiteren Bände enthalten die 57 Monographien; „sie
sind nebeneinandergestellt nach den drei natürlichen Regionen, die
sich aus dem Charakter der darin maßgebenden sozialen Tatsachen
ergeben“. Der zweite Band heißt: „Les ouvriers de l’Orient et
leurs essaims de la Mediterranee“. Er enthält neun Familien-Mono-
graphien aus Rußland, Sibirien, Ungarn, Türkei, Syrien und Marokko.
Die dieses Gebiet besonders kennzeichnenden Einflüsse sind: Die
Geltung des ewigen Sittengesetzes, die patriarchalische Familie und
der Überfluß an spontaner Urproduktion.

Der dritte Band umfaßt Nordeuropa; er führt den Titel:
„Les ouvriers du Nord et leurs essaims de la Baltique et de la
Manche“. Er enthält ebenfalls neun Familien-Monographien aus
Schweden, Norwegen, Westfalen, Hannover, Holland und England.
Die Einflüsse, die in diesem Gebiete dank einer Mischung von Tra-
dition und neuzeitlichem Geiste, den Frieden sichern, sind: das Sitten-
gesetz, die Stammfamilie (Anerbenfamilie) und Überfluß an spontaner
Produktion des Bodens und Wassers.

Das dritte soziale Gebiet Europas ist nicht so einheitlich wie
die beiden ersten. Le Play nennt es einfach „der Okzident“. Es
gibt darin Gegenden, in denen die alten guten Gewohnheiten noch
vorherrschend sind, andere, wo sie schlimmen Neuerungen die Wage
halten und wieder andere, wo das größte Elepd herrscht. So zer-
fällt dieses Gebiet wieder in drei Untergebiete, von den jedes einen
Band füllt.

Der vierte Band enthält die besten Elemente des Westens.
Le Play bringt hier unter dem Titel: „Les ouvriers de POccident,
populations stables“ Monographien aus Ungarn, Österreich, der Rhein-
provinz, Sachsen, Toskana, Savoyen, Spanien, dem Baskenland und
Frankreich. Die Bevölkerung lebt treu der Tradition, dem Sitten-
gesetz und der väterlichen Autorität; die spontane Produktion wird
seltener, und es finden sich an Eigentumsarten: Gemeineigentum,
individuelles Eigentum und Patronage.

Im fünften Bande werden behandelt: „Les ouvriers de l’Occi-
dent, populations ebranlees.“ Der neuzeitliche Geist drängt die Tra-
        <pb n="29" />
        ﻿23

dition zurück, das Sittengesetz und die väterliche Autorität werden
wenig geachtet. Gemeineigentum, individuelles Eigentum und Patro-
nage ersetzen nur schlecht die spontane Produktion der östlichen
und nördlichen Gebiete. Es sind Familien beschrieben aus: Öster-
reich, Oberbayern, der Eheinprovinz, Belgien, Spanien und Frankreich.

Der sechste Band enthält, neben einer österreichischen und
zwei schweizer Familien, 11 aus Frankreich und führt den Unter-
titel: „Population desorganisees“. In diesem Gebiet ist die Bevöl-
kerung durch Neuheiten irregeleitet, verachtet die Tradition, revol-
tiert gegen Sittengesetz und väterliche Autorität; die Zerrüttung
der Arbeit und des Eigentums verhindert einen Ersatz der spontanen
Produktion anderer Gegenden.

Jeder der letzten fünf Bände enthält eine längere zusammen-
fassende Einleitung und endigt mit einem Epilog, der besonders die
Veränderungen seit der 1. Auflage (1855—77) bespricht.

Le Play hat sich genötigt gesehen, ein alphabetisch geordnetes
„Vocabulaire social“ in den ersten Band aufzunehmen, das in
300 Ausdrücken die seinem System eigene Terminologie enthält. Er
sagt über die Notwendigkeit dieser Festlegung der Begriffex):

Die Geschichte der Sprache zeigt dieselben Wechselfälle wie die der Ideen,
Sitten und Einrichtungen. In den Zeiten der Wahrheit und Tugend haben
die Worte einen klaren und präzisen Sinn. Sie vereinigen sich, um in aller
Einfachheit das Gute zu loben und das Böse zu verdammen. Dagegen wird
diese Unterscheidung verdunkelt mit Hilfe der ihres wahren Sinnes entkleideten
Worte, wenn die soziale Konstruktion verdeckt ist durch das Laster, den
Irrtum und den Mißbrauch der Neuheit. Dieser Verfall der Sprache ist in
unseren Tagen stark.

Le Play betrachtet dieses Vokabularium als einen „Versuch eines
alphabetischen Grundrisses der Sozialwissenschaft“, dessen Benutzung
er empfiehlt, um Frankreich die Überlegenheit zu bewahren, die ihm
von Europa noch zuerkannt wird: den Besitz einer Sprache, die am
geeignetsten ist, einfach die Wahrheit zu sagen.

&gt;) 0. E. I, 441.
        <pb n="30" />
        ﻿Erster Abschnitt.

Die Methode Le Play’s.

Le Play’s Auffassung von seiner Methode und von deren
Notwendigkeit. Im Vorwort zu den „Ouvriers europeens“ x) findet
sich eine Äußerung über die Bedeutung der Methode Le Play’s, die
bei aller sonstigen Bescheidenheit den Stolz auf seine wissenschaft-
lichen Leistungen erkennen läßt:

. ich habe bei der Beobachtung der menschlichen Gesellschaften Kegeln
angewandt, analog denen, die meinen Geist beim Studium der Mineralien und
Pflanzen geleitet hatten. Ich habe einen wissenschaftlichen Apparat konstruiert:
mit anderen Worten, ich habe eine Methode geschaffen, die es mir
erlaubt, persönlich alle Nuancen des Priedens und der Zwie-
tracht, des Gedeihens und des Elends zu erkennen, die die
gegenwärtigen Gesellschaften in Europa aufweisen.“

An anderen Stellen ist die Rede von „ewigen Wahrheiten“, zu
denen Le Play mit Hilfe seiner Methode gelangt ist. Als er in
mehr als 20 jähriger Arbeit seine Methode ausgebaut hatte, gab es
für ihn keinen Zweifel mehr an ihrer Notwendigkeit.

Ihm als naturwissenschaftlich gebildeten Manne waren die Zu-
stände in der Sozialwissenschaft unerträglich, wo Meinung gegen
Meinung stand und anstatt fester Begriffe die Schlagworte der
Revolution die Herrschaft hatten. In seinem heißen Drange, zu
helfen, die Bewegung seiner Zeit zu verstehen und die Wahrheit
zu erkennen, sah er sich ohne jedes Hilfsmittel, ohne jeden Führer.
Er wußte nicht, für welche der einander widersprechenden
Meinungen er sich entscheiden solle* 2):

x) 0. E., 2. Aufl., I, S. VIII.

2) 0. E., 1. Aufl., S. 10.
        <pb n="31" />
        ﻿25

„Als ich nach der Bevolution von 1880 die Schulen verließ, fand ich
mich mitten in der Bewegung, die die Geister zum Studium der sozialen
Fragen anregte. Ich bemerkte besonders den Eifer, mit dem mehrere meiner
Mitschüler damals die Lehre des Saint-Simonismus verbreiteten, der ihren Ar-
beiten und ihrem Talente eine gewisse Berühmtheit verdankte. Da ich weder
die Meinung meiner Freunde teilen, noch den Irrtum, in dem sie sich befanden,
nachweisen konnte, begriff ich, daß in der Sozialwissenschaft unsere Schulen
keine Methode bieten, die es ermöglicht, das Wahre vom
Falschen zu unterscheiden, die der Unerfahrenheit der Jugend
zu Hilfe kommt. Im Gefühl meiner Ohnmacht und ohne jede Leitung von
seiten unserer Lehrer, suchte ich bei diesem Stande der Erkenntnis mit Eifer
nach Mitteln, um zur Gewißheit zu gelangen.“

Auch sah Le Play vollkommen ein, daß die Festlegung neuer
scharfer Begriffe nicht der weiteren wissenschaftlichen Arbeit
vorangehen könne, und hat deshalb erst in der zweiten Auflage
der „Ouvriers europeens“ jenes Vokabularium der Sozialwissenschaft
aufgenommen, welches die Begriffswelt umfaßt, die allmählich in
seinem Geist entstanden war.

Die Vorläufer der Bevolution in Frankreich, die individua-
listische Schule in England, die Saint-Simonisten: sie hatten alle,
wie Le Play, das Bedürfnis, die bestehenden Verhältnisse zu ändern
und durch Neuordnung der Dinge die Menschen glücklicher und
zufriedener zu machen. Aber Doktrin stand gegen Doktrin; eine
Beformbewegung löste die andere ab; die unfruchtbaren Diskussionen
und politischen Parteikämpfe wurden heftiger und allgemeiner. Die
Unvereinbarkeit der verschiedenen Doktrinen zeigte, daß sie von
ganz verschiedenen Ideen und Vorstellungen ausgingen, daß deren
relative Berechtigung noch nicht zu erweisen war.

Le Play ließ sich nicht auf eine Auseinandersetzung mit diesen
aprioristischen Systemen ein. Ihm genügte es zu erkennen, daß die
aus der „reinen Vernunft“ geborenen Systeme widerstreitende Be-
sultate ergaben, daß das Lehen seine eigenen Wege ging. Er
mußte also nach neuen Mitteln der Erkenntnis suchen x):

„Ohne in eine Prüfung dieser Systeme eintreten zu wollen, ist es doch
unbestreitbar, daß keines von ihnen in genügendem Maße die Billigung der
Erfahrung erlangt hat. Die Männer der Begierung und die, deren Ansehen
in gewisser Beziehung die öffentliche Meinung beherrschte, sind trotz aller
Verschiedenheiten ihrer politischen und administrativen Tendenzen in der An-
sicht einig, daß die bis zu diesem Augenblick geäußerten allgemeinen

J) 0. E„ 1. Auf!., S. 10.
        <pb n="32" />
        ﻿26

Theorien mit den Tatsachen unvereinbar sind und nicht zweckmäßig ange-
wendet werden können. Die bei der Propaganda für diese Theorie tätigen
Schriftsteller erklären mitunter den Mißerfolg durch den Egoismus der leitenden
Gesellschaftsklassen. Aber die aufmerksame Beobachtung Europas widerlegt
ihre Anklage: es gibt keine Regierung, die den Wunsch und noch weniger
die Macht hat, eine von der öffentlichen Meinung verlangte Reform abzulehnen.
Im Gegenteil: was den Staatsmännern fehlt, um die Initiative zu Reformen
zu ergreifen, das ist die Einstimmigkeit über den Weg, auf dem die Gesell-
schaft vorwärtssehreiten muß. Unwissenheit und Vorurteile sind heute wie
ehemals die hauptsächlichsten Hindernisse für den Fortschritt. Aber mehr als
jemals ist heute die Menschheit geneigt, einem unwiderstehlichen Drange nach
Vervollkommnung gehorchend, jede Wahrheit, die das Siegel der Gewißheit
an der Stirne trägt, zu akzeptieren.“

Eine große durchgreifende Reform, so meinte Le Play, kann
sich nicht auf die allgemeinen Theorien stützen. Aber in kleinem
Maßstabe sind schon viele nützliche Verbesserungen geschaffen
worden. Sie haben allgemeine Zustimmung gefunden, weil sie sich
stützen auf die Erfahrungen anderer Gesellschaften. Und so ist es
wahrscheinlich, meinte Le Play, daß die Reform sich fortsetzen wird
mit Hilfe einer Reihe von Einzellösungen, die durch die Erfahrung
gegeben sind, und daß sie nicht ausgehen wird „von dem einzigen
Wurf eines Denkerhirns“.

Wir wissen bereits, daß Le Play in Verfolgung dieses Weges
sich das Ziel setzte, in der Gesellschafts-Wissenschaft naturwissen-
schaftliche Methoden einzuführen. Wir wollen nunmehr seinen Weg
kennen lernen.

Zusammenhang der Methode Le Play’s mit dem Leben und
Vergleich mit anderen Methoden. In dem Vergleich, den Le Play
zwischen der Methode der Sozialwissenschaften und derjenigen der
Naturwissenschaften zog, sprach er aus, was er unter der neuen
Methode in der Sozial Wissenschaft verstand; vor allem sollten die
Tatsachen mehr zu ihrem Rechte kommen. Hierbei kam ihm
sein Beruf sehr zu Hilfe. Er beschränkte sich bei seinen Besuchen
und Untersuchungen industrieller Betriebe nicht auf das technische
Gebiet, sondern suchte ebenso eifrig die wirtschaftlichen Tatsachen
kennen zu lernen, wie Betriebsorganisation, Lage der Arbeiter, ihr
Verhältnis zu den Unternehmern usw. Bei seiner immerwährenden
Berührung mit der Praxis mußte er von selbst dazu kommen, ihr
in sozialen Fragen den größten Einfluß einzuräumen, und seine
Methode besteht ja gerade darin, die Erfahrungsweisheit vieler
Länder zu sammeln. Le Play erhebt nicht den Anspruch, in dieser
        <pb n="33" />
        ﻿27

Beziehung ein neues methodisches Prinzip entdeckt zu haben. Er
sagt*):

„Diese Methode zeigt im Grunde genommen kein neues Prinzip, und man
kann sogar hinzufügen, daß sie unter anderen Formen zu allen Zeiten ange-
wendet worden ist. Die neuen Formen sind weniger klar, als diejenigen waren,
deren man sich in der Vergangenheit bediente, als noch die ewigen Elemente
des sozialen Friedens weniger vergessen waren.“

Die seit zwei Jahrhunderten in Frankreich verdunkelten sozialen
„Grundgesetze“ glaubte Le Play mit Hilfe seiner Methode wieder
entdeckt zu haben. Dabei hat er seine Zeit nicht mit Suchen nach
neuen wissenschaftlichen Mitteln verloren:

„Ich habe einfach den Prozeß ins Werk gesetzt, der zu unserer Zeit auf
die Wissenschaften der Astronomie, der Physik, Chemie und der drei Natur-
reiche einen so fruchtbaren Einfluß geübt hat. Doch habe ich bei Anwen-
dung dieser Idee die Wissenschaften, die die ersten Eehrmeisterinnen meines
Geistes waren, nicht kopiert. Ich habe sie nachgeahmt, ohne die Natur
meines Gegenstandes aus den Augen zu verlieren. Ich habe
als Kriterium meiner Untersuchungen die Unterscheidung
zwischen Gut und Böse genommen, wie sie sich in der Praxis aller
glücklichen Gesellschaften findet. Die Kontrolle meiner Resultate habe ich in
den Erscheinungen des Friedens und des Unfriedens gesucht, interpretiert
durch die „sozialen Autoritäten“, die in ihrer Gegend die Führung haben, in-
dem sie sich auf den Respekt und die Zuneigung ihrer Untergebenen stützen.“

Man bemerke, wie hier bei Übertragung der Methode von der Natur-
wissenschaft auf die Sozial Wissenschaft sogleich das Sittliche als
unterscheidendes Merkmal hineinkommt, ohne irgendwelche nähere
Begründung, als wenn es ganz selbstverständlich wäre, daß die
Unterscheidung von Gut und Böse das Wesen der Methode un-
berührt lasse und nur deren Abwandlung verursache.

Die Methode ist eigentlich nach Le Play eine ganz allgemein
menschliche Methode. Sie ist2)

so alt wie das Menschengeschlecht und von vielen hervorragenden Menschen
angewendet worden, lange bevor Aristoteles, Bacon und Descartes die Auf-
merksamkeit der Philosophen auf sie lenkten. So ist es noch heute. Die Per-
sonen, denen ich die Kontrolle meiner Schlüsse verdanke, schulden selbst dieser
Methode die anerkannte Überlegenheit, deren sie sich freuen. Sie haben
besser als ihre Zeitgenossen gewisse soziale Phänomene beob-
achtet, tiefer über sie nachgedacht und haben aus diesem Studium Vorteil
gezogen, zum Wohl ihrer eigenen Unternehmungen wie der dem allgemeinen
Wohle gewidmeten örtlichen Organisationen.

*) 0. E. I, 577.
        <pb n="34" />
        ﻿28

So ist die Erfahrnngsweisheit der „sozialen Autoritäten“, welche in
der Praxis tätig sind, in ihrer tiefsten Wurzel nicht verschieden
von dem eigenen Verfahren Le Play’s, womit selbstverständlich die
Unterschiede zwischen den systematischen wissenschaftlichen Unter-
suchungen Le Play’s und den praktischen Erfahrungen seiner Ge-
währsmänner nicht verwischt werden sollen.

Um die Erfahrungen der Praxis kennen zu lernen, versuchte
Le Play ohne jede vorgefaßte Überzeugung sich durch Beobachtung
an Ort und Stelle ein eigenes Urteil zu bilden. Diese Methode
der „direkten Beobachtung“ stellte er der amtlichen statisti-
schen Erhebungsweise gegenüber:

„Die Statistik hat bis heute zur Hauptgrundlage die zahlenmäßigen
Angaben, die die Steuerverwaltung, Landesverteidigung, Gerichtsverwaltung
usw. betreffen und vom Staate beschafft werden. Sie wird besonders in den
Staaten angewendet, wo die Zentralisation der Verwaltung sehr entwickelt ist,
wo die Eegierung mit Hilfe ihrer Beamten Funktionen ausübt, die anderswo
Privatleuten anvertraut sind, und wo sie zum wenigsten durch Überwachung
in die hauptsächlichsten Zweige der nationalen Tätigkeit eingreift. Die
Resultate, die die Eegierung im Laufe ihrer Tätigkeit erzielt, sind wirkliche
Beobachtungen, denen ihr gemeinsamer offizieller Ursprung das besondere Ge-
präge der Eichtigkeit gibt. Die Statistiker haben es sich zur Aufgabe gemacht,
diejenigen dieser Eesultate, die sich ziffernmäßig ausdrücken lassen, nebenein-
ander zu stellen, und sie haben daraus genügende Mittel gewonnen, um unter
gewissen Verhältnissen die relative Stärke der Staaten zu vergleichen.

Indessen haben diese Vergleiche nicht immer die wünschenswerte Ge-
nauigkeit und Ausdehnung. Die Statistiker haben keine Mittel direkter Be-
obachtung zur Verfügung und sie müssen sich mit denen begnügen, die zu
einem der Wissenschaft fremden Zweck ins Werk gesetzt sind: sie können
die wesentlichsten Zweige der sozialen Tätigkeit nicht erfassen, die immer der
Privatinitiative anvertraut sind, selbst in den Staaten, wo die staatliche
Tätigkeit sehr weit ausgedehnt ist. Die Versuche, die landwirtschaftlichen,
industriellen und Handelsunternehmungen statistisch zu erfassen, sind gewöhn-
lich gescheitert. Vergeblich hat man versucht, die Lücken durch einen Appell
an den guten Willen der privaten und der industriellen Gesellschaften auszu-
füllen, oder hat den Beamten staatliche Vollmacht gegeben, die Erhebungen
anzustellen, die ihnen bei Ausübung ihrer offiziellen Funktionen nicht geliefert
werden; diese Untersuchungen haben selten zu vertrauenswürdigen Resultaten
geführt, sei es, weil es den dabei tätigen Beamten am guten Willen fehlte,
sei es weil sie nicht geeignet waren, sei es weil sie nicht über die nötige
Autorität verfügten, um die Schwierigkeiten, die sich erhoben, zu überwinden.

Noch weniger glücklich sind die Statistiker bei solchen Untersuchungen
gewesen, die sich auf die innere Natur des Menschen beziehen, auf die
Beurteilung der sozialen Verhältnisse, auf die Vergleichung der moralischen
und intellektuellen Eigenschaften und ganz allgemein auf die Elemente, die
man in Betracht ziehen muß, wenn man die Lage der arbeitenden Bevölkerung
        <pb n="35" />
        ﻿29

ermitteln will. Die Ursachen dieser Unfähigkeit sind klar: die offiziellen
Resultate, die sich auf die Gesamtheit eines Landes erstrecken, beziehen sich
auf gewisse Punkte, welche die Staatsgewalt als solche interessieren, abstra-
hieren aber von allen Betrachtungen, die nur akzessorisch diese Frage be-
rühren; sie rechnen weder mit der be sonderen Natur des Individuums, noch
mit dem Milieu, in dem es lebt; die offiziellen Angaben vernachlässigen also
die wesentlichen Tatsachen, die die Wissenschaft beachten muß, wenn sie zu
Schlüssen in betreff der Einzelexistenzen oder der verschiedenen sozialen Kate-
gorien gelangen will. Wenn sie z. B. für zwei Länder mit gleicher Bevölke-
rungszahl die Vergehen und Verbrechen auf Grund der ergangenen Urteile
vergleicht, so wird man in bezug auf die Moralität der Bevölkerung ganz un-
genaue Schlüsse ziehen können. Um sich zu überzeugen, welche Irrtiimer
Schätzungen dieser Art durch einfachen Vergleich der Zahlen hervorrufen,
genügt es durch direkte Beobachtung die Ungleichheiten zu konstatieren, die
zwischen den Einrichtungen und Sitten der beiden Länder bestehen, was Wirk-
samkeit der Repressionsmittel, Käuflichkeit der Richter, unaufhörlicher Zustrom
fremder verbrecherischer Elemente usw. anbetrifft.

Le Play gibt zu, daß hervorragende Gelehrte diese Mängel über-
wunden haben, indem sie eigene Beobachtungen mit dem statisti-
schen Material verarbeitet haben. Aber diese „gemischten
Methoden“ erfordern von dem, der sie anwendet, seltene Eigen-
schaften :

„Man hat oft mit Recht bemerkt, daß die Kunst der Zahlengruppierung
es erlaube, mit einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit jeden Schluß
a priori zu beweisen.

Wie wird dagegen bei der direkten Beobachtung verfahren?

„Man nimmt sich nicht vor, in einem allgemeinen Schema alle sozialen
Fragen zu erfassen, man untersucht jede Frage gesondert, indem man sie soviel
wie möglich umgrenzt, damit man sie vollständiger behandeln und Schlüsse
von mehr praktischem Nutzen ziehen kann. Anstatt von einem Gesichtspunkt
aus für jede spezielle Frage die Gesamtheit des Landes zu betrachten, knüpft
man nach Möglichkeit an besondere Fälle oder Örtlichkeiten an, die man von
allen Seiten untersucht.“

Ferner ist hierbei die Erhebung nicht Beamten anvertraut, sondern
Männern, die sich besonders dazu eignen,

„die niemals die materielle Tatsache von den moralischen Erwägungen sondern,
die deren Wichtigkeit bestimmen oder die ihren bestimmten Charakter fest-
legen . ...“ „In diesem System ist man nicht mehr gezwungen, zur Kenntnis
der speziellen Tatsachen durch mehr oder weniger entfernte Induk-
tionen zu gelangen; man konstatiert sie direkt an den Quellen
der Beobachtung.“

Diese Methode der direkten Beobachtung ist besonders in England
gebräuchlich. Das Parlament ordnet über irgendeine Frage eine
        <pb n="36" />
        ﻿30

Enquete an, die den gegenwärtigen Zustand der Dinge und das
wahrscheinliche Ergebnis der vorgeschlagenen Änderung untersucht.
Die dabei tätigen Personen haben weitgehende Vollmachten; sie
können z. B. jeden Untertan unter Eid vernehmen. Von diesen
Enqueten erhoffte Le Play sehr viel, und die ihnen zugrunde liegende
direkte Beobachtung ist die Grundlage seiner Methode; letztere ist
nur eine besondere Art der „direkten Beobachtung“.

Auf sonstige Hilfsmittel hat Le Play bei seinen Monographien
verzichtet. Wenn er auch in seinen systematischen Schriften eine
umfassende Geschichtskenntnis verrät, so treten doch in seinem
Urmaterial, den Monographien, die geschichtlichen Materialien
ganz in den Hintergrund. Er war der Ansicht1), daß die Sozial-
wissenschaft auf solidere Grundlagen gestellt werden könne als die
Geschichte sie bieten kann. Alle Zeitalter der sozialen
Welt leben noch in der gegenwärtigen Zeit.

„Um Meister in der Sozialwissenschaft zu werden, brauchen wir also
durchaus nicht Manuskripte zu entziffern oder auf die Historiker zurückzu-
greifen. Wir können auf unseren Eeisen die zerstreuten Materialien unserer
Wissenschaft sammeln, um sie dann mit Hilfe unserer eigenen Vernunft zu
vereinigen.“

Bei der genaueren Beschreibung der Methode wird gezeigt werden,
inwieweit diese Grundsätze von ihm streng durchgeführt wurden.

Notwendigkeit des Vergleichs. Die Beobachtung allein ist
zur Beurteilung einer sozialen Erscheinung nicht ausreichend. Um
von der Beobachtung zur Beurteilung zu gelangen, muß man M a ß -
Stäbe haben, welche die Beurteilung erleichtern. Der Wert einer
auf Analyse der Erfahrungen beruhenden Untersuchung wird wesent-
lich davon abhängen. ob auch die Maßstäbe der Erfahrungswelt
entstammen, oder ob ein Ideal als Maßstab dient, das nirgends
existiert als im Kopfe des beobachtenden Menschen. Dieser wird
dann natürlich nirgends befriedigende Zustände finden, sondern
höchstens solche, die seinem Ideal mehr oder weniger nahe kommen.

Le Play war von der Notwendigkeit überzeugt, daß er seine
Bewertungsmaßstäbe der Wirklichkeit entnehmen müsse. Er wollte
möglichst viele menschliche Gesellschaften und ihre Einrichtungen
kennen lernen, um durch den Vergleich festzustellen, inwiefern
eine Gesellschaftsordnung vor der anderen den Vorzug verdiene. Da
sein oberster Zweck darin bestand, sich seinem Vaterlande nach

&gt;) 0. E. I, 14.
        <pb n="37" />
        ﻿31

Kräften nützlich zu machen, den sozialen Unfrieden in seinem Vater-
lande zu beseitigen, so mußte er die Ursache dieses Unfriedens er-
kennen. Er glaubte das zu können durch einen Vergleich der
sozialen Einrichtungen Frankreichs mit denen anderer Länder, wo
der Friede noch gewahrt wurde. Ob er dieser Absicht getreu blieb,
ob sein Maßstab wirklich der Erfahrungswelt übernommen wurde,
wird die weitere Untersuchung ergeben.

Mittel der Materialbeschaffung. Das Material für so um-
fassende Vergleiche war nur durch große Reisen zu erlangen.
Wir haben schon in der Einleitung berichtet, daß Le Play alle
europäischen und einige außereuropäische Länder, die meisten mehr-
mals, besucht hat. Bei Auswahl der Gegenden, die er besuchen
wollte, wurde er von zwei Gesichtspunkten geleitet, einem unfrei-
willigen und einem freiwilligen. Als Ingenieur, dessen Name im In-
und Auslande in hohem Ansehen stand, wurde er oft von Bergwerks-
besitzern um Gutachten ersucht, es wurden ihm Betriebverbesse-
rungen anvertraut, und da seine technischen und sozialen Interessen
gleich stark waren, fand er bei diesen Reisen genügend Zeit zu
sozialen Beobachtungen. Für ihn waren „die fruchtbarsten Reisen
die, welche es ihm ermöglichten, die Herrschaft des Friedens
zwischen Arbeitern und Unternehmern zu beobachten“. Nach diesem
Gesichtspunkt wählte er die Ziele seiner freiwilligen Reisen. Er
war von dem Wunsche beseelt, „die besten Muster des sozialen.
Friedens“ zu finden.

Drei verschiedene Wege schlug Le Play ein, um in systematischer
Weise und ohne allzu großen Zeitaufwand die sozialen Verhältnisse
anderer Länder kennen zu lernen, und um sowohl mit den herrschen-
den Klassen im allgemeinen wie auch ganz besonders mit den wirt-
schaftlichen Kräften, den Unternehmern und Arbeitern, in Berührung
zu kommen. Der erste AVeg wurde ihm durch seine Berufsinteressen
gewiesen: er sammelte reiche Erfahrungen im Betriebe von
wirtschaftlichen Unternehmungen1):

„Ich habe in erster Linie in ganz Europa die technischen Prozesse und
die wirtschaftlichen Bedingungen der Gewinnung der Mineralien und der Metall-
produktion beobachtet. Ich habe dabei mehr als meine Vorgänger Wert darauf
gelegt, die kommerzielle Organisation der Unternehmungen, die Lage der
Arbeiter sowie ihre mannigfaltigen Beziehungen, die sie mit den Unternehmern
verbinden, zu untersuchen. Zahlreiche Missionen, die mir auf Bitten fremder
Begierungen übertragen wurden, haben mir Gelegenheit gegeben, die eigen-

l) Bef. soc. I, 67.

3
        <pb n="38" />
        ﻿32

Ml

artigsten sozialen Organisationen persönlich kennen zu lernen. Endlich habe
ich große Unternehmungen geleitet, und ich habe Gelegenheit gefunden, mich
zu unterrichten durch Besprechungen mit Leitern, die inmitten sehr ver-
schiedener Gesellschaften ihre Ausbildung empfangen hatten.“

Ein zweiter Weg war dieVerbindung mitgroßen Prak-
tikern, die eine politische, administrative oder betriebsleitende
Tätigkeit ausübten. Le Play suchte nach Möglichkeit ihre Bekannt-
schaft, „um ihre Meinungen kennen zu lernen und ihre Praxis in der
Sozialwissenschaft zu beobachten“. Seine leitende Tätigkeit bei einigen
Weltausstellungen (Paris 1855; London 1862; Paris 1867) benutzte
er, um hervorragende Männer solcher Länder kennen zu lernen, die
er nicht selbst bereist hatte.

Die dritte und wichtigste Art der Untersuchung Le Play’s ist
das Studium der Familien-Wirtschaften*):

„Ich habe mir die Verpflichtung auferlegt, in allen Gegenden Europas
mehr als 300 Familien zu untersuchen, die den numerisch stärksten Bevölke-
rungsklassen angehören. Ich habe zum wenigsten eine Woche, oft einen
ganzen Monat jeder Monographie gewidmet. Besonders wollte ich in allen
Einzelheiten das materielle, intellektuelle und moralische Leben der haupt-
sächlichen europäischen Kassen untersuchen. Ich habe zu gleicher Zeit fest-
gestellt, wie die Interessen dieser Familien mit denen der höheren Gesell-
schaftsklassen sich verbinden. Ich habe in fünf Sprachen mit der Mehrzahl
dieser Familien mich unterhalten. Bei drei weiteren Sprachen konnte ich die
Antworten sofort verstehen, die auf die Fragen der von langer Hand auf diese
mühsame Arbeit vorbereiteten Vermittler erfolgten.“

Aus den Aufzeichnungen, die so entstanden, wurde dann durch Ein-
tragung in ein festes Schema die Monographie der Familie. In ihr
gipfeln alle weiteren Beobachtungen. Die Familien-Monographie,
d. h. die Art ihrer Aufnahme und ihr Schema, können wir als die
„Methode“ Le Play’s im engeren Sinne bezeichnen.

Wir müssen nun Le Play’s wichtigste Wege zur Erkenntnis
näher kennen lernen.

Die sozialen Führer. Ihre Stellung im Leben und ihre
Eigenschaften. Die Bevolution des Jahres 1830 ist, wie wir wissen,
für Le Play von einschneidender Bedeutung gewesen. An ihr glaubte
er zu erkennen, warum bis dahin alle sozialen Bestrebungen zu
Gewalttaten und zu Mißerfolgen führen mußten, weil nämlich die
angestellten Reformen nicht im Anschluß an die Wirklichkeit, sondern
aus der Theorie heraus entwickelt worden waren. Aus dieser Er-

*) Kef. soc. I, 68.
        <pb n="39" />
        ﻿33

kenntnis zog er für seine eigene sozialreformatorische Tätigkeit die
Konsequenzen. Er mied seitdem zunächst alleLiteratur,
mit Ausnahme der beruflichen und einiger wissenschaftlicher und
klassischer Werke.

„Ich schloß mich mit einer fast ausschließlichen Vorliebe an die „leben-
den Bücher“ an, an die Heim- und Arbeitsstätten, die mir erklärt wurden
durch die sozialen Autoritäten einer jeden Gegend1).“

Bei jenen umfassenden Vergleichen, durch die Le Play sich die
Erreichung seines Zieles sichern wollte, mußte er sich besonders in
fremden Ländern neben der eigenen Beobachtung auf Gewährsmänner
stützen, die ihm seine Aufgabe erleichterten, die ihm vor allem aber
durch ihre praktische Tätigkeit und ihre Erfolge in der sozialen
Praxis zeigten, wie der soziale Friede erhalten werden kann. Seine
Überzeugung war, daß dort, wo es soziale Autoritäten gibt, die ihre
Pflicht tun, der soziale Friede erhalten werden kann. Deshalb
nehmen sowohl in der Methode wie im Lehrsystem Le Play’s die
„Sozialen Autoritäten“ eine hervorragende Stellung ein. Im An-
schluß an Plato definiert Le Play den Begriff „Soziale Autoritäten“
folgendermaßen2):

„Unter der Menge finden sich immer göttliche Menschen, gering
an Zahl, deren Handeln von unschätzbarem Werte ist, die in zivilisierten
Staaten nicht häufiger als in anderen geboren werden. Die Bürger, die unter
einer guten Eegierung leben, müssen der Spur dieser Menschen, die sich vor
Verderbnis bewahrt haben, folgen und sie über Land und Meer hin suchen,
teils um das Gute in den Gesetzen ihres Landes bestätigt zu sehen, teils um
das Mangelhafte zu verbessern. Es ist nicht möglich, daß unser Gemeinwesen
jemals vollkommen ist, wenn man diese Beobachtungen und Untersuchungen
nicht oder schlecht macht.“

Und Le Play selbst definiert sie als

„Menschen, die durch ihre eigenen Tugenden Muster des Privatlebens ge-
worden sind; die eine große Neigung zum Guten zeigen, bei allen Völkern,
in allen Ständen und sozialen Verfassungen; die durch das Beispiel ihres
Hauses und ihrer Arbeitsstätte wie durch die peinliche Beobachtung der gött-
lichen Gebote und der Gewohnheiten des sozialen Priedens die Zuneigung und
den Respekt ihrer ganzen Umgebung erlangen; die endlich Glück und Frieden
in ihrer Nachbarschaft zur Herrschaft bringen.“

Diese sehr allgemeine Definition wird ergänzt durch weitere Aus-
führungen an anderen Stellen.

') 0. E. I, 619.

2) 0. E. I, Vokabularium, S. 446.

3*
        <pb n="40" />
        ﻿34

In erster Linie sollen es Praktiker1) sein, Landwirte oder
Gewerbetreibende. Dabei ist es gleichgültig, ob sie einem großen
oder einem kleinen Betriebe vorstehen. Ohne die Anwendung von
Gewalt halten sie den öffentlichen Frieden aufrecht, alle durch die-
selben Mittel: „Sie geben in ihrer Heimat ein gutes Beispiel, indem
sie ihren Dienstboten, Arbeitern und Nachbarn Bespekt und Zu-
neigung einflößen“. Wo sie frei herrschen, schaffen sie feste und
gedeihende Gemeinwesen; durch Regierung und geschriebene Ver-
fassungen werden sie oft gestört.

„Auf gewisse, wohlüberlegte Fragen geben sie fast übereinstimmende
Antworten; aber gleichzeitig bezeichnen sie es als eine Unmöglichkeit,
daraus allgemeine Vorschriften abzuleiten. Sie schließen immer mit
den Worten, daß man Völker viel mehr durch Gewohnheiten als durch ge-
schriebene Gesetze regiert.“

Am besten sind als „Soziale Autoritäten“ solche Menschen geeignet,
die inneren Anteil an ihren Mitmenschen nehmen. Wie Le Play
überhaupt die Kunde sozialer Verhältnisse mehr vom Herzen aus-
gehen lassen will als von der Vernunft, so stellt er auch hier den
inneren Anteil höher als das soziale Verständnis, das natürlich nicht
fehlen darf. Dieser innere Anteil wird unter dem Einfluß der
Religion am besten erzeugt.

Im Anfang seiner'sozialen Studien glaubte Le Play sich vor
solchen Menschen hüten zu müssen, die ihr Denken den religiösen
Überzeugungen unterordnen. Er fürchtete, daß bei ihnen die ge-
naue Tatsachenschätzung und die Unparteilichkeit der Schluß-
folgerungen in Gefahr seien. Doch seine Erfahrung belehrte ihn
eines besseren. Sie zeigte ihm aber auch, daß es nur darauf an-
komme, daß man das Glück seiner Mitmenschen will. Die Skep-
tiker kennen dieses Ziel nicht, deshalb ist von ihnen für die Sozial-
wissenschaft wenig zu erwarten. Die tiefste sozialwissenschaftliche
Erkenntnis fand er namentlich dort vor, wo die Menschenliebe zum
freien Gehorsam gegen die Gesetze und zum Glauben an ein Jenseits
geführt hatte. Trotzdem hält Le Play von dem sozialen Verständnis
der meisten Geistlichen nicht sehr viel; selten traf er bei ihnen auf
richtige Anschauungen. Zwar sagt er, daß mancher einfache Dorf-
geistliche mehr wirkliches soziales Verständnis habe als liberale
Gelehrte. Aber er machte die Erfahrung, daß oft geistlicher Be-
kehrungseifer, Bildungsstolz, unbedingter Gehorsam gegen geistliche
Autoritäten die Einsicht trüben. Religiös gesunde Laien, die vor

*) Kef. soc. I, S. XII ff.
        <pb n="41" />
        ﻿35

Übertreibungen bewahrt werden „durch den Respekt vor der Freiheit
des anderen, durch die Pflichten ihres Berufes und die Leitung
der Familie“, wurden von Le Play für besser geeignet erachtet, als
„Sozialen Autoritäten“ zu dienen.

Auf die Erhaltung der Familie und ihres Zweckes legt
Le Play besonderen Wert. Die Familieninteressen stehen in einer
gut organisierten Gesellschaft obenan; aber ihre richtige Erkenntnis
findet man nur da, wo die Fruchtbarkeit in Ehren steht. Eine
Menge richtiger Gedanken hat Le Play immer bei solchen Vätern
gefunden, die viele Kinder durch Arbeit, durch gutes Beispiel zu
.Reichtum erzogen hatten.

Die Kenntnis der Wahrheit und die Neigung richtiger Reformen
fand Le Play besonders bei den Klassen, die arbeiten um der
Arbeit willen, ohne daß ihre Existenz davon abhängt; die sich
das Wohlergehen ihrer Untergebenen, die Unterstützung der Armen
und die Sorge um die öffentlichen Interessen angelegen sein lassen;
die glauben, daß Vorrang der Geburt und des Reichtums durch
selbstauferlegte Pflichten ergänzt werden muß.

Von den Angehörigen der sog. freienBerufe erfuhr Le Play
nicht die Förderung, die er erwartet hatte. Er hält z. B. die
Rechtsgelehrten wohl für geeignet, eine Wahrheit ins richtige Licht
zu setzen und sie gut auszudrücken; aber

„diese höhere Anschauung in gewissen Fragen verbindet sich fast immer mit
der Unkenntnis aller anderen; und diese Eigenschaften bleiben unfruchtbar,
wenn man zu einer vollkommenen Wahrheit oder zu einem praktischen Schluß
gelangen muß“.

Trotzdem sind manche Gelehrte und Schriftsteller hervorragende
Staatsmänner gewesen; sie hatten eben ausnahmsweise die dafür er-
forderlichen Eigenschaften, nach Le Play, meist durch prak-
tische Tätigkeit erlangt, z. B. durch Verwaltung großer Güter.
Montesquieu ist ein Beispiel einer idealen „sozialen Autorität“.
Er war nicht nur Historiker und Philosoph, sondern zugleich prak-
tischer Landwirt und ein geschickter Kaufmann. Die Praxis ist
also die beste Schule der Sozial wissen Schaft, wenn die
Moral nicht hinter der Entwicklung von Intelligenz und Reichtum
zurückbleibt:

„Der Großhandel und die Großindustrie, die sich gründen auf
eine Menge feiner Kombinationen, sind in dieser Hinsicht bewundernswerte
Mittel intellektueller Kultur für die Menschheit; denn ein Irrtum im Urteil
hat fast immer das Mißlingen der ganzen Operation zur Folge. Gewerbe-
        <pb n="42" />
        ﻿36

treibende oder Kaufleute sind sehr geeignet, das Wahre aus dem scheinbaren
Wirrwarr der sozialen Tatsachen zu erkennen. Besser als andere können sie
die gesunde Praxis der Sozialökonomie zeigen, wenn nicht ihr Interesse sie
dazu treibt, dagegen anzukämpfen oder die ausschließliche Kenntnis für sich
zu bewahren. Die großen Grundbesitzer, die auf ihrem Besitz wohnen,
sich allen lokalen Interessen widmen und ihre Untergebenen durch Zuneigung
an sich fesseln, erlangen denselben Scharfblick, noch weniger getrübt durch
egoistische Triebe. In der sozialen Klassifizierung nimmt also der
Ackerbau die erste Stelle ein, .... im Landleben identifiziert sich das
Einzelinteresse am stärksten mit dem allgemeinen Interesse der Nation.“

So ist also der gemeinnützig denkende Unternehmer, die
beste soziale Autorität.

Die Familientradition ist es vorzugsweise, die diese Männer
gemeinnützig handeln läßt. In ihr finden sie die Anregung zum
Wohltun und damit auch die Quelle des eigenen Glücks. Ihre vor-
nehmste Beschäftigung ist es, für die beiden Elementarbedürfnisse
der Menschheit zu sorgen: für den sozialen Frieden, indem
sie ihr Denken und Handeln nach dem göttlichen Gebot regeln;
für das tägliche Brot, indem sie alle Glieder der Gemeinschaft
zur Arbeit anhalten.

Die Bedeutung der sozialen Autoritäten für die Beobach-
tung, sowie für die Kontrolle des Materials und der Schlüsse.

Mit wie großem Eifer Le Play diese Praktiker aufgesucht hat, sagt
er in einem Briefe an de ßibbe im Jahre 1867 r):

„Ich habe oft 2000 km in der Extrapost zurückgelegt, um irgendeinen
bedeutenden Grundeigentümer an den Grenzen der europäischen Welt um Bat
zu fragen. Ich habe noch den nötigen Eifer, um zu demselben Zweck bis
zum Ende des Eisenbahnnetzes in jeder Kichtung zu fahren, wo es eine
nützliche Auskunft zu holen gibt oder einen Menschen zu sehen, der sich dem
Guten geweiht hat.“

Mit solcher Begeisterung gedachte Le Play noch im Alter von
62 Jahren der „Sozialen Autoritäten“! Und diese Begeisterung war
berechtigt; denn neben seinen Jugendlehrern verdankte er ihnen
wohl den besten Teil seiner Eindrücke. Bei ihnen, „die die Kunst
kennen, in ihrer Umgebung den Frieden herrschen zu lassen“, lernte
er seine „sozialen Wahrheiten“ kennen.

„Diese Männer jeden Berufes haben auf mein Denken einen glücklichen
Einfluß ausgeübt. Sie haben die Irrtümer berichtigt, die die Ideen, Sitten und
Einrichtungen meines Landes trotz des Unterrichts meiner ersten Lehrer in
meinen Geist geworfen hatten. Ich lernte an ihnen das Wahre vom Falschen

l) Auburtin , S. 121.
        <pb n="43" />
        ﻿37

unterscheiden bei einer Menge von Dingen, die mich bis dahin im Zweifel
gelassen hatten, und ich sah ein, daß sie die wahren Lehrer der Sozialwissen-
schaft sind.“

Im übrigen hatte Le Play aus seinen reichen Erfahrungen ge-
lernt, daß auch zwischen den verschiedenen Völkern und Berufen
in dieser Hinsicht große Unterschiede vorhanden sind1). So fand
er, daß die Engländer sehr richtige Ansichten haben, wenn ihnen
eine freie Erziehung zuteil geworden ist, und wenn sie durch Keisen
gebildet sind. Aber man kommt mit ihnen nicht oder nur sehr
selten in das rechte freundschaftliche Verhältnis. Der Mittelstand
geht im Geschäft auf und ist oft geradezu fremdenfeindlich. Die
Gesellschaft hervorragender Amerikaner suchte Le Play gern; sie
machten ihn auf die hauptsächlichsten Fehler der französischen In-
stitutionen aufmerksam. Bei den Deutschen fand er besonders
für religiöse Gesinnung und Arbeit bedeutsame Muster. Und im
eigenen Vaterlande stieß er zwar am meisten auf Vorurteile und
Irrtümer, aber auch zugleich auf das größte Entgegenkommen und
die Bereitwilligkeit zu rückhaltloser Mitteilung2).

„Ich schulde dem Freimut, der bei uns im Ideenaustausch herrscht, die
nützlichsten Elemente dieses Werkes. Wenn diese edelmütige und reizvolle
Neigung sich trotz Revolutionen und bürgerlicher Zwistigkeiten aufrecht er-
halten kann, so wird unserem Volke immer eine gewisse Überlegenheit in der
Pflege der Sozialwissenschaft sicher sein.“

Außerdem waren die „Sozialen Autoritäten“ Le Play behilflich
bei Abfassung der Familien-Monographien. Eine Familien-
Monographie in einem fremden Lande, auch im eigenen, konnte ja
nur schwer zustande kommen ohne die Mitwirkung angesehener, ein-
heimischer Personen. Die Auswahl der Familie wurde vielleicht
von ihnen vorgenommen, wenigstens vorgeschlagen; oft waren es
wohl eigene Arbeiter solcher „Sozialen Autoritäten“, Familien, die
durch Tradition mit dem Unternehmer verbunden waren. Vor allem
wurden die Angaben der Familien von ihnen auf ihre Wahr-
scheinlichkeit nachgeprüft. Denn alle solche Angaben, die über das
Familienleben hinaus ins allgemeine gingen, mußten ja von besser
orientierten Männern nachgeprüft werden. Sie sollten die Angaben
der Arbeiter ergänzen „für die Gegenwart durch ihre eigenen Beob-
achtungen, für die Vergangenheit durch die Tagebücher, die ihnen
ihre Vorfahren hinterlassen haben“. Damit meint er eine Art

1)	Ref. soc. I, S. 70.

2)	1. c., S. 74.
        <pb n="44" />
        ﻿38

Familienchronik, wie sie sich vielfach in Familien mit Tradition
findet, die neben Notizen geschäftlicher Art Aufzeichnungen über
die eigene Familie und solche von allgemeinem, wenigstens lokalem
Interesse enthalten. Über einzelne Angaben bestimmter sozialer
Autoritäten wird aber nur verhältnismäßig selten berichtet.

Die wichtigere Tätigkeit der „Sozialen Autoritäten“ bestand
für Le Play in der Nachprüfung der Ergebnisse. Die Zu-
sammenfassung der Einzelbeobachtungen zu praktisch brauchbaren
Lehrsätzen sollte doch der Zweck der jahrelangen beobachtenden
Tätigkeit sein. Da liefen Le Play oft voreilige Schlüsse unter,
die sich hinterher als nicht richtig erwiesen. Jugendeindrücke
machten sich bemerkbar, so daß er an seiner Unparteilichkeit
zweifelte. Hier mußten die „Sozialen Autoritäten“ nach Kräften
helfen*):

„Von da ab machte ich es mir zur Regel, daß meine Schlüsse mir so lange
verdächtig blieben, bis sie von Männern gebilligt waren, die durch ihre her-
vorragende Stellung und ihre bekannten Eigenschaften sich als die natürlichen
Autoritäten der Sozialwissenschaft erwiesen.“

Auch wiederholte Beobachtungen führten zu Verbesserungen vor-
eiliger Schlüsse. Alles was Le Play schließlich an Reformvorschlägen
veröffentlichte, hatte den Beifall der Praktiker gefunden* 2).

Ich führe in diesem Werke nur die Prinzipien und Mittel zur Reform an,
die mir aus den Tatsachen herzurühren schienen und die in Frankreich wie
im Auslande den Beifall vieler kompetenter Männer gefunden haben.

Sie halten von doktrinären Lehren alle gleich wenig:

Sie haben im allgemeinen wenig Vertrauen zu den Gelehrten, die sich
in der Öffentlichkeit als die Interpreten der Vernunft und der Gerechtigkeit
vorstellen. Begabt mit gesundem Menschenverstand und erfahren, beurteilen
sie nach fast untrüglichen Verfahren die Doktrinen nach ihren Resultaten und
sehen das Gute in dem, was die Menschen nähert und das Böse in dem, was
sie trennt. Sie verdammen also diese angeblichen Prinzipien, die die Ein-
bildung erzeugt. Sie verurteilen diese Massensuggestion, die immer unfrucht-
bare Diskussionen erregen, die Kluft zwischen den politischen Parteien offen
halten und so die Zukunft des Vaterlandes gefährden.

Le Play verwahrt sich dagegen, daß er sich als Autoritäten
Männer ausgesucht habe, die ihm zusagten — eine Vermutung, die
sehr nahe liegt, und auf die noch zurückzukommen sein wird —,
indem er sagt, daß die Auswahl keineswegs willkürlich vorgenommen,

*) Ref. soc. I, 70.

2) Ref. soc. I, 90.
        <pb n="45" />
        ﻿39

sondern immer durch die öffentliche Meinung gegeben worden
sei, die auch die vorbildlichen Völker, Landschaften und einzelne
Unternehmungen wohl kennt1).

Sein ganzes Lebenswerk betrachtet Le Play als im Dienst der
„Sozialen Autoritäten“ stehend. Als im Jahre 1870 sein Werk
„l’organisation du travail“ einen überraschenden Erfolg erzielte,
schrieb er in einem Briefe2 *):

Das legt mir die Pflicht auf, den Erfolg Gott zuzuschreiben und hinter
den sozialen Autoritäten zurückzustehen, deren Sekretär ich lediglich hin.

Die Familie als Zelle der menschlichen Gesellschaft. Die

Familien-Monographie ist für Le Play das „Präzisionsinstrument“
der Sozialwissenschaft; sie ermöglicht, die beobachteten Tatsachen
in einer immer gleichen und demgemäß vergleichbaren Form durch
Wort und Zahl festzustellen. Diese Bedeutung der Familie wird
dadurch bedingt, daß sie die Ureinheit der menschlichen Gesell-
schaft ist. Sie muß der Ausgangspunkt der Beobachtung und der
Kristallisationspunkt aller über sie hinausgehenden wichtigen sozialen
Tatsachen sein 8).

Alle Völker betrachten die Familie als die Grundlage der sozialen Ver-
fassung und der individuellen Existenzen: sie schafft mit Hilfe von Gesetz
und Sitte eine enge Gemeinschaft zwischen blutsverwandten Personen, indem
sie diese z. B. verpflichtet, ihre Unterhaltsmittel gemeinsam zu erwerben, nach
gewissen Kegeln, aber im einzelnen sehr verschiedenartig.

Alle Gesellschaften enthalten mindestens noch Beste dieses Urcharak-
ters, der also von der menschlichen Natur untrennbar ist. Die
„soziale Einheit“ ist die Organisation in der Familie. Daneben
gibt es noch andere Organisationsformen; aber sie sind erst im
Laufe der Zeit entstanden und haben nicht entfernt die Wichtig-
keit wie die Familien-Organisation.

Ganz verkehrt ist die Auffassung, als ob die menschliche Ge-
sellschaft eine Organisation einzelner Individuen sei4):

Die Völker bestehen nicht aus Individuen, sondern aus Familien: die
beobachtende Tätigkeit, die ungenau, unbegrenzt und ohne die Möglichkeit
von Schlußfolgerungen wäre, wenn sie sich auf Individuen verschiedenen Ge-
schlechts und Alters in einer Gegend erstrecken wollte, wird bestimmt be-

1)	Bef. soc. I, S. 70 u. 92; ferner 0. E. I, S. 387.

2)	Bibbe S. 86.

*) 0. E., 1. Aufl., S. 18.

4) 0. E. I, 220.
        <pb n="46" />
        ﻿40

grenzt und ermöglicht Schlußfolgerungen, wenn sie Familien zum Gegenstand
hat. In dieser klaren Tatsache, die sich auf die Natur der sozialen Einheit
gründet, ruht die praktische Wirksamkeit der Familien-Monographien.

Zum Beweise dieser Auffassung von der Familie als Urzelle
der Gesellschaft beruft sich Le Play auf die Geschichte. Und da
wir die geschichtliche Entwicklung nicht einwandfrei verfolgen
können, entwickelt Le Play aus den in der Gegenwart vor-
handenen Familienformen der verschiedenen Kulturstufen eine Reihe,
die da beginnt, wo Familie und Gesellschaft noch zusammenfallen,
und mit der „aufgelösten“ Familie Westeuropas endigt. Den Urtyp
lernte er in der russisch-patriarchalischen1) Familie kennen, die
alle Funktionen, die heute durch Arbeitsteilung getrennt sind, noch
in sich vereinigt. Vor allem liegt hier noch, worauf Le Play großen
Wert legte, die Organisation der Arbeit in der Familie. Aber der
Patriarch ist nicht nur Leiter der wirtschaftlichen Produktion; er
ist zugleich auch Vertreter der freien Berufe. Er ist ferner Priester,
Herrscher und Richter. In der weiteren Entwicklung, die geknüpft
ist an die Zivilisation und an das stärkere Hervortreten des freien
Willens des Individuums, wird der Kreis der Familie kleiner und
die väterliche Gewalt wird eingeschränkt. Die Familie überläßt
der Gesellschaft einen großen Teil ihrer ursprünglichen Funktionen.
Aber auch so bleibt sie noch die kleinste und wichtigste soziale
Einheit, die „Werkstätte“, aus der die Gesellschaft alle menschlichen
Wesen empfängt. Wo die Familien stark und gesund und in sich
gefestigt sind, da muß auch die Gesellschaft diese Eigenschaften
zeigen.

So ist es ganz logisch, daß Le Play die älteste und einfachste
Existenzform der menschlichen Gesellschaft untersucht und dann
zur Gesellschaft selbst aufsteigt.

Es scheint, als ob ursprünglich für die genaue Untersuchung
von Familien andere Gründe maßgebend gewesen sind; er gelangte
dazu von der Seite der Güterproduktion: Le Play sagt gleich
anfangs in der ersten Auflage der „Ouvriers europeens“, daß er bei
seinen Untersuchungen über die Ausbeutung der Bergwerke natür-
lich auch die Lage der Arbeiter untersucht habe2):

Der Selbstkostenpreis der Metalle setzt sich zum größten Teil aus den
Kosten zusammen, die der Unterhalt des Personals erfordert: die Wirtschaft
der bergbaulichen Unternehmungen, ich möchte sogar sagen, das Prinzip der

*) cf. 0. E., 1. Aufl., S. 18 u. Science soc., S. 297.

2) 0. E-, 1. Auf!., Avertissement.
        <pb n="47" />
        ﻿41

technischen Prozesse, die man anwendet, kann nicht in wissenschaftlicher
Weise untersucht werden, wenn man nicht wenigstens vorläufig die wesent-
lichen Existenzbedingungen der zu diesen Arbeiten nötigen Bevölkerung be-
stimmt.

Während hiernach anfangs das rein wirtschaftliche Moment noch
im Vordergründe stand und Le Play die Arbeiterfamilien nur in
ihrer Eigenschaft als Produktionsfaktor einer Unternehmung unter-
suchen wollte, erweiterte sich ihm die Familie nach und nach mit
seinen umfassenderen sozialreformatorischen Zielen zum Repräsen-
tanten der menschlichen Gesellschaft.

Die Arbeiterfamilie als Untersuchungsobjekt. Wie mit der
fortschreitenden Entwicklung die Familien immer mehr Funktionen
an die Gesellschaft abgetreten haben und dadurch heute ein ganz
anderes Bild als früher zeigen, so hat die Kultur auch noch eine
weitere Veränderung bewirkt: die Familien sind unter sich un-
gleicher geworden; dadurch ist es — so sollte man meinen —
schwieriger geworden, aus der Beschreibung einzelner Familien all-
gemeingültige Schlüsse für die ganze Gesellschaft zu ziehen. Doch
diese Schwierigkeit ist nach Le Play nicht so groß, wie es auf den
ersten Blick erscheint. Le Play’s Untersuchungsobjekt ist die
„Arbeiterfamilie“ in einer Bedeutung dieses Wortes, welche
weit hinausgeht über die der Gegenwart; er faßt den Begriff so,
wie er einem unentwickelten, verhältnismäßig noch wenig differen-
zierten Zustande der menschlichen Gesellschaft entspricht1):

Die Personen, die mit ihren eigenen Händen die Tätigkeiten ausüben,
deren Erzeugnisse die gewöhnlichen Bedürfnisse der Gesellschaften befriedigen,
diese Personen nehmen überwiegenden Anteil an der Schaffung der wesent-
lichsten Unterhaltsmittel. Sie unterliegen aber starken Änderungen je nach
Ort, Volk und Zeit. So ergibt sich, daß die materielle und moralische Organi-
sation der arbeitenden Bevölkerung und die Natur ihrer Arbeiten einen der
charakteristischen Züge der Gesellschafts-Verfassungen bilden.

Bei wenig entwickelten Völkern beschäftigen sich fast alle Familien
mit solchen Arbeiten, deren Erzeugnisse sie selbst verzehren. Dort ist die
Familie ein getreues Spiegelbild der Gesellschaft. Um die soziale Verfassung
kennen zu lernen, genügt es, die Existenzmittel der Arbeiterfamilie zu unter-
suchen. So ist sie denn, durch die Natur der Dinge selbst, das normale Be-
obachtungsobjekt unserer Methode.

Je einfacher die Existenzbedingungen einer Familie sind, am so
typischer sie ist, um so mehr wird sie entscheidend beeinflußt von
natürlichen und sozialen Verhältnissen ihrer Umgebung.

') 0. E. I, 208.
        <pb n="48" />
        ﻿42

Die Beschreibung wohlhabender Bürgerfamilien der Gegenwart
würde sich nicht so einfach gestalten lassen1).

Die individuelle Willkür spielt in ihrem Leben eine große Bolle und
bringt dadurch notwendig viel Verschiedenheit hinein. Das ist ganz anders
bei der arbeitenden Klasse: das Fehlen der Fürsorglichkeit (l’impre-
voyance), das äußerste Armut als gewöhnlichen Zustand zur Folge hat, der
Fürsorglichkeit, die die Wirtschaft bei den Ausgaben leitet, zwingt jede
Familie, ihre Bedürfnisse durch die direktesten und einfachsten Mittel zu be-
friedigen. Ihr Unterhalt besteht, selbst wenn er nicht von der Arbeit eines
jeden Tages abhängt, gewöhnlich in Erzeugnissen, die am Orte selbst ge-
wonnen werden durch die überwiegende Vermittlung der natürlichen Kräfte.
Die Existenzmittel des Arbeiters sind also wesentlich dem Einfluß von
Boden und Klima unterworfen. Diese Einflüsse und die Veränderungen,
die menschlicher Fleiß hier zustande bringt, bleiben gewöhnlich über weite
Gebiete hin gleich, wenn sie dieselben natürlichen Bedingungen haben und
von derselben Menschenrasse bewohnt werden; daraus ergibt sich für diese
Gebiete eine bemerkenswerte Gleichförmigkeit in den Grundelementen des
Lebens der Arbeiter. Tradition und Sitte, die eine so starke und gleich-
mäßige Herrschaft auf die menschlichen Handlungen ausüben, heiligen auf die
Dauer die durch die Natur der Dinge hervorgerufenen Gewohnheiten und
tragen dadurch noch zu ihrer Verallgemeinerung bei. Diese verschiedenen
Ursachen, verbunden mit der Einfachheit der Beschäftigungen und Ver-
gnügungen, unterdrücken die Ausdehnung der individuellen
Neigungen oder machen sie unwirksam bei den Arbeitern desselben
Distriktes, derselben Easse, desselben Berufes; sie stehen mit den wichtigsten
Einzelheiten ihrer Lebensweise in Verbindung; sie bilden gleichsam den Wider-
schein der Beständigkeit und Kegelmäßigkeit, die die Natur-
forscher beim Studium der organischen Natur konstatieren in
Bezug auf die Individuen ein und derselben Art. Das ist der Grund, weshalb
die arbeitenden Klassen für die methodische Beobachtung sich gut eignen, und
weshalb der Beobachter die an einer kleinen Zahl von Familien konstatierten
Tatsachen auf die Bevölkerung oder wenigstens auf ganze Kategorien an-
wenden kann; das ist auch der Grund, weshalb man von einer geschickt ge-
wählten Methode der Beobachtung wahrhaft wissenschaftliche Kesultate er-
warten kann.

So bilden also die Arbeiter in ihrer Abhängigkeit von den gegebenen
natürlichen und durch Sitte, Gewohnheit, Wirtschaft geschaffenen
Verhältnissen das charakteristische Element eines Volkes.
Zugleich sind sie auch als die Kraftquelle, aus der sich die
oberen Schichten ergänzen, das Fundament des ganzen Volkes.

Die „Arbeiterfamilie“ hält, nach Le Play, von den früheren
Zuständen der Gesellschaft verhältnismäßig viel fest. Um dies zu
verstehen, müssen wir bedenken, daß Le Play durch seine Anschau-

') 0. E., 1. Auf]., 21.
        <pb n="49" />
        ﻿43

ung vom Wesen der „Arbeiterfamilie“ im Sinne einer umfassenden
Gemeinschaft naturgemäß dahin geführt wird, auch bei den Kultur-
völkern vorzugsweise diejenigen „Arbeiterfamilien“ seiner Beobach-
tung zu unterziehen, die noch viel von jenem alten Charakter sich
bewahrt haben. So sagt er schon in der Einleitung zur ersten Auf-
lage seiner „Ouvriers europeens“ geradezu, er habe nur diejenigen
Arbeiter beobachtet, die sich mehr oder weniger von der
Eigenschaft eines Eigentümers oder kleinen Unter-
nehmers bewahrt haben.

An diesem Grundsätze hat Le Play allerdings später nicht
streng festgehalten. Aber im wesentlichen bleibt sein Absehen auch
dann darauf gerichtet, die Familien zu beobachten, bei denen sich
Erwerbswirtschaft und Verbrauchswirtschaft noch nicht vollkommen
getrennt haben.

Den damit begrenzten Kreis der „Arbeiterfamilien“ teilt er in
sieben große Gruppen, die er jedoch nur in der ersten Auflage
systematisch in einem großen Tableau zusammenstellt. Dieses
Tableau ist als Anhang I unserer Untersuchung abgedruckt. Da-
bei verwendet er als wesentliches Kriterium für die Lage der
Arbeiterfamilie die Art und Dauer des ArbeitsVerhält-
nisses.

Le Play kennt drei Hauptarten des Arbeitsverhältnisses: das
erzwungene, das freiwillig-dauernde und das kurz-
dauernde Arbeitsverhältnis. Im Orient herrschte zur Zeit Le
Plays noch das erzwungene, in Mitteleuropa noch das freiwillig-
dauernde, in Westeuropa schon das kurzdauernde Arbeitsverhältnis.

An unterster Stelle stehen die Dienstboten (ouvriers-
domestiques). Sie gehören zum Haushalt des Herrn, für dessen
Rechnung sie ausschließlich arbeiten; sie werden nur oder fast nur
nach ihren Bedürfnissen entlohnt und können sowohl Eigentümer
wie Nichteigentümer sein; gewöhnlich ist nur die Kleidung ihr
Eigentum. Die übrigen Klassen sind dadurch vor den Dienstboten
ausgezeichnet, daß sie Haushaltungsvorstände sind und neben
der Kleidung wenigstens noch Mobilien besitzen. Le Play bezeich-
net sie als „Nicht-Eigentümer“, wenn sie keinen Grundbesitz haben;
meist haben sie aber bewegliche Werte: Vieh, Arbeitsgeräte oder
gar größere Summen Geldes. Zu ihnen gehören zunächst die
Tagelöhner (journaliers), deren Lohn nach der Zahl der ge-
leisteten Arbeitstage bestimmt wird und die Stückarbeiter
(tächerons), bei denen sich der Lohn nach der Menge der geleisteten
        <pb n="50" />
        ﻿44

Arbeit richtet. Beide arbeiten hauptsächlich für Rechnung eines
Unternehmers oder einer Kundschaft. Hier denkt Le Play vorzugs-
weise an Heimarbeiter. Ihnen schließen sich zwei weitere Gruppen
von größerer Selbständigkeit an, die hauptsächlich für eigene Rech-
nung arbeiten und fast ausschließlich von ihrem Unternehmerlohn
leben. Das sind einmal die Pächter (ouvriers-tenanciers), die
Grundstücke in Pacht haben und vom Roh- oder Reingewinn einen
Zins an den Eigentümer zahlen. Und ferner gehören hierzu die
kleinen gewerblichen Unternehmer (ouvriers chefs de
metier), die für ihre Kundschaft oder auch für einen größeren Unter-
nehmer arbeiten (Beispiele Le Play’s sind: Handwerker, kleine
Kaufleute, Wäscher, Lumpensammler usw., andererseits auch Gießer).

Ihnen stehen die Eigentümer gegenüber, für die das Eigen-
tum an Grund und Boden kennzeichnend ist, was natürlich nicht aus-
schließt, daß sie auch mobile Werte besitzen wie die vorhergehenden
Gruppen. Je nachdem sie aus ihrer Arbeit (als Dienstbote, Tage-
löhner usw.) oder aus der Ausbeutung ihres Eigentums ihren haupt-
sächlichsten Gewinn ziehen, bezeichnet sie Le Play als Eigentum
besitzende Arbeiter (ouvriers-proprietaires, bei welcher Be-
zeichnung im einzelnen Falle das Wort ouvrier durch journalier,
tächeron usw. ersetzt wird) oder als arbeitende Eigentümer
(proprietaires-ouvriers).

Le Play wollte lediglich den „sozialen Wert“ dieser ver-
schiedenen Gruppen der handarbeitenden Klasse feststellen, wobei
ihm als wichtigstes Kriterium diente „die relative Fähigkeit, die
jede dieser Tätigkeiten zeigt, um die sittliche Ordnung bei den sie
ausübenden Familien zu erhalten“.

Auswahl der einzelnen typischen Familie. Wenn eben ge-
sagt ist, daß die Arbeiter in ihrer gleichmäßigen Gebundenheit an
die natürlichen und durch Sitte und Gewohnheit charakterisierten.
Verhältnisse eine ziemlich homogene Masse bilden, so trifft das, wie
wir oben sahen, nach der Überzeugung Le Play’s meist für ein be-
stimmtes räumlich begrenztes Gebiet zu. Je nachdem in einem
solchen Gebiet der kleine Bauer oder der Pächter, der Haus-
industrielle oder der Bergmann überwiegt, erachtet Le Play eine
solche Familie als typisch für dies Gebiet. In anderen Gebieten,
besonders in großen Städten, wird man schon weniger von einem
Familien-Typus sprechen können. Le Play hat bei seiner Faminen-
auswahl sich meist an Gebiete mit scharf zu erfassender Eigenart
gehalten. Er will doch zeigen, daß zwischen den äußeren sozialen
        <pb n="51" />
        ﻿(Zu S. 43.)

Definition des ouvriers (l) et des rapports qui les lient, dans les diverses organisations sociales (3) de l’Europe, aux maitre

Definition des sept situations principales

que les ouvriers peuvent occuper suceessivement dans les qnatre organisations sociales (3)
pour s’elever des rangs inferieurs de la hierarehie industrielle
ä la condition de proprietaires (4) ou de chefs d’industrie (5).

Ouvriers faisant partie du menage d’un patron, travaillant exclusivement
pour le compte de ce dernier; retribues principalement ou meine exclusi-
vement, en proportion des besoins, par les allocations dites subventions
(11) (nourriture, logement etc.), se subdivisant, comme les chefs de
menage, en proprietaires et en non-proprietaires, possedant au moins
leurs vetements.

Ouvriers (1)
Personnes (b)
exergant un
travail manuel
(autre que le
Service per-
sonnel du
maitre (2),
ayant pour
Principal
moyen d’exi-
stence la retri-
bution accordee
ä ce travail.

Ouvriers-

domestiques

Chefs de
menage (c)
possedant
ordinaire-
ment (outre
les v6te-
ments) le
mobilier de
l’habitation.

Non-proprie-
taires ne pos-
sedant point
de propriete
immobilere,
mais posse-
dant souvent
des valeurs
mobilieres
productives
de revenu (d),
ou des droits
aux alloca-
tions de
caisses d’assu-
rances mu-
tuelles (e).

Salaries et subventionnes
travaillant principalement
pour le compte d’un patron
ou d’une clientele; retribues,
soit seulement en proportion
du travail accompli, par
des allocations dites salaires

(10)	, soit en meme temps,
en proportion des besoins
de la famille, par des allo-
cations dites subventions

(11)	; pouvant, en outre,
dans ces deux cas, 6tre
retribues en proportion de
la qualite du travail, par
des allocations dites primes

(12)	, entreprenant souvent
en meme temps, ä leur
propre compte, diverses
industries aecessoires (g).

A la journee:
travail me-
sure par le
nombre de
journees
fournies par
l’ouvrier.

A la täche:
travail me-
sure par la
quantite de
produits
livres par
l’ouvrier.

Journaliers

Täclierons

Chefs d’indu-
strie (5) tra-
vaillant prin-
cipalement
pour leur pro-
pre compte.

Exploitant des immeubles,
terres, förets, mines, salines,
pecheries etc. fournis par
un proprietaire; produisant
les matieres brutes; retri-
bues (sauf le prelevement
du proprietaire) par les
produits de leur travail.

Exploitant un metier;
mettant en ceuvre les
matieres brutes; retribues
par la totalite des produits
de leur travail (i),.Par*?'
cipant plus ou moins aß
la condition de rentier (o).

Ouvriers-
tenanciers (h).

Ouvriers
chefs de
metier.

Proprietaires
(4) possedant
une propriete
immobiliere
(f) indepen-
damment des
valeurs mobi-
leres (d) et
des droits (e)
que peuvent
posseder aussi
les non-pro-
prietaires.

Travaillant principalement en _ qualite) Ouvriers-
d’ouvriers-domestiques, de salaries, . de i proprietaires
subvenntiones ou de chefs d’industrie. ;	(k).

Ayant pour travail principal l’exploitation \ Proprietaires-
de leur propriete.	’ °uvriers (1).

Definition des quatre organisations principa

Peuples nomades.

I. Systeme des nomades (a),

comprenant les trois modes d’engagement signales pour les peuples sedentaires.

II. Sy st ferne des engagement forces (a).

Individus attaches ä un patron (2) (chef de famille, chef de tribu etc.) par les conditions
meines de leur existence;

toujours groupes en communaute.

Les individus de chaque communaute restent toujours solidairement unis entre eux et avec
leur chef.

Les individus ne quittent jamais la communaute; ils ne peuvent guere s’elever indepen-
damment des autres membres de la communaute, si ce n’est pour occuper les positions
de chef de famille, de chef de tribu etc.

Tons les individus de chaque communaute jouissent ä peu pres de la meme somme de
bien-etre.

Sol inculte, offrant des päturages naturels.

Pasteurs attaches aux exploitations de troupeaux diriges par de grands proprietaires

Pasteurs-domestiques des Mongole nomades.

Etc., etc.

Nomades executant ä la journee les travaux de recolte dans la contree oü ils se procurent
les cereales:

Journaliers nomades du Sahara employes par les agriculteurs du Teil (Algerie).

Bachkirs demi-nomades employes par les grands proprietaires russes du pays d’Orem-
bourg.

Nomades executant ä la täche, souvent avec le concours de leurs animaux, les travaux de
recolte et de transport pour les agriculteurs qui leur fournissent les cereales:

Tächerons nomades du Sahara employes par les agriculteurs du Teil (Algerie).

Etc., etc.

Nomades exploitant ä leur propre compte les troupeaux de grands proprietaires qui se
reservent, ä titre de redevance, une part des produits:

Tenanciers nomades du pays des Mongols.

Nomades exergant des metiers speciaux:

Bachkirs demi-nomades ayant exerce suceessivement divers metiers speciaux.
Forgerons nomades de la Russie orientale et meridionale.

Commergants nomades du pays des Kirghiz et du Sahara algerien.

Nomades possedant quelques animaux dans le troupeau des grands proprietaires nomades
au Service desquels ils sont attaches:

Domestiques-proprietaires de la plupart des steppes de l’Asie.

Nomades exploitant leurs propres troupeaux:

Proprietaires-pasteurs des steppes de la Caspienne et du Don; du Sahara algerien,
etc.

Bachkirs demi-nomades proprietaires de juments.

Definitions complementaires annexfees

L Ouvriers: (Voir la definition donne dans le tableau meme).

&lt;3. Mait res: Personnes disposant des moyens de travail et des clienteles; employant les ouvriers ä leur
propie compte, moyennant une retribution (salaire, Subvention, prime etc.); on designe specialement
sous le nom de patrons les maitres lies d’une manifere permanente aux ouvriers qu’ils emploient.

ö. Urganisations sociales: (Voir les definitions donnes dans le tableau meme)..

4. rroprietaires: Personnes possedant (sauf les restrictions derivant de l’organisatron sociale) une
propriete immobiliere; ayant pour principal moyen d’existence le revene que donne ou que pourrait
donner la location de cette propriete. Chez les nomades oü il n’existe pas d’immeubles, ia quai;^
proprietaire est essentiellement attachee ä la possession des troupeaux.

o. Otiets ct Industrie: Personnes exploitant une propriete immobilere, un fonds ou une clientele
ayant pour principal moyen d’existence le benefice resultant de cette exploitation.

6.	Rentiers: Personnes ayant pour principal moyen d’existence le revenu donne par une pronriete

mobliiere.	1

7.	Communautes: Associations d’ouvriers exploitant en commun une propriete immobilere, un
ou une clientele.

8.	Gorporations: Associations d’ouvriers lies par des interfets collectifs antres que ceux des commu
nautes.

9.	Systeme du travail sans engagements: Ce regime s’observe dans les contrees soumises au
regime des engagements momentanes, plus ordinairement que dans celles oü les autres systümes sont
en vigueur: il constitue un etat d’equilibre dans lequel chaque travailleur est proprietaire ou chef
d’industrie, oü, par consequent, il n’existe, ä vrai dire, ni maitres ni ouvriers. Les chefs de metier

par renvois au present tableau.

travaillant exclusivement pour une clientele nombreuse et variee, se rattaehent «nn.mt
a ce regime; mais la classe qui le caracterise le mieux est celle des petits promdöi.
ruraux ayant surtout pour clientele le marche public, se maintenant fermement de
generation en generation, ä la limite commune de la classe des ouvriers et de eeii'des
proprietaires, par la force des moeurs, ä la faveur des biens communaux et »» i»
concours d’un Systeme regulier de defriehement ou d’emigration. Cette classe est i «.&lt;»-
ment representee en Suede et en Norwege, dans l’Enrope centrale, en Suisse etc piar?,„,
in Far,tout eile contiibue puissamment ä la stabilite, ä la force et ä la grandeurdo SL
V salaires: Retributions en argent ou en objets, accordees ä 1’onvrier en nronow-t td„'

estysuspen&lt;du'Pli’ ^ qUi prennent fin aussit6t flue&gt; Par nne cause quelconque, le travail

11. Subventions: Retributions en objets ou en usufruits de proprietes acenrdöo

Portion des besoins de l’ouvrier plutöt qu’en proportion du travail accompU ,®11 pr,t
ventions sont ordinairement accordees pour toute la duree des engagempnioCS 8U^»

volontfdePronuyrier.10rSqUe ^ tmVail ^ SUSpe“dU Par U"e °aUSe Andante de ta
!,.!''rln.es: Kätributions qui ne sont proportionelles ni aux besoins de l’mred»

1&gt; •'’ai a.ccomPji, mais qui lui sont accordees en raison de la qualite de son t,-.,1 n,1
onomie et des soins qu’il y apporte, de son assiduite etc.	avail, de

Ouvriers attaches ä un patron (seigneur, proprietaire etc.) par la loi ou par la coutume;
souvent aussi ä une communaute.

Les engagements obligent, en general, egalement le patron et l’ouvrier: dans quelques cas
ils n’obligent que l’une des parties.

Les individus doues de qualites tres-eminentes peuvent atteindre une condition elevee, soit
avec le maintien, soit par la suppression des obligations qui les attachent aux patrons
ou aux communautes: ces obligations s’adoucissent, d’ailleurs, peu ä peu par la force des
moeurs, dans ce qu’elles ont de contraire ä l’exercice utile de la liberte individuelle, ä
mesure que les individus s’elevent dans l'ordre moral et intellectuel. Tous les individus
jouissent au moins d’un certain minimum de bien-6tre.

Faible partie du sol appropriee ä la culture.

Gens (maries ou celibataires) attaches ä l’habitation seigneuriale, executant les travaux de
culture ou les metiers speciaux dans les terres, que le seigneur exploite ä son propre
compte (Russie, Pologne, Hongrie etc.):

Dvarovie des exploitations seigneuriales de la Russie.

Journaliers emigrants ou sedentaires executant des travaux argricoles et industriels, en
Russie, en Pologne, en Hongrie etc.:

Maqons emigrants travaillant ä la journee dans les villes et dans les grands ateliers
industriels. — Portefaix et bateliers emigrants du bassin de l’Oka.

Sub-inquilini des eommunes rurales de la Hongrie.

Etc., etc.

Tächerons emigrants ou sedentaires voues aux travaux agricoles et industriels, ou exergant
l’industrie des transports, en Russie, en Pologne, en Hongrie, etc.:

Bateliers emigrants, du pays de Viatka, employes dans les operations de transport
sur la Kama, le Wolga etc.

Izvotschiks (voituriers) russes.

Inquilini des eommunes rurales da la Hongrie.

Etc., etc.

Paysans exploitant une terre allouee par le seigneur, moyennant une corvee ayant le caractere
d’un loyer ou d’un fermage:

Tenanciers russes fournissant, chaque semaine, au seigneur, 3 jours de travail. —
Paysans agriculteurs du pays d’Orembourg.

Tenanciers ayant pour eux et leurs descendants le droit perpetuel d’exploiter certains im-
meubles, ä Texclusion de toutes autres personnes:

Saulnier-lettrier de la Saintonge exploitant les maris salants, moyennant une part
determinee du produit.

Chefs de metier de la Russie, de la Pologne, de la Hongrie etc.:
Charbonniers et charrons du pays d’Orembourg.

Ouvriers russes des eommunes industrielles ä l’abrok.
Marchands de grains des laveries d’or de l’Oural.
Mesterember, ou artisans ruraux de la Hongrie.

Etc., etc.

Journaliers ou tächerons-proprietaires de la Russie, de la Pologne, des provinees du Danube,
de la Turquie etc.:

Rabotniks russes des ateliers industriels exploites en regie pour le compte du seigneur.
Forgeron et charbonnier des usines ä fer de l’Oural.

Charpentier des laveries d’or de l’Oural.

Forgeron des usines ä fer de Samakowa (Turquie).

Paysans exploitant une terre concedee ä titre permanent par le seigneur, moyennant une
redevance en argent, en produits ou en travaux, ayant le charactere d’un impot:
Paysans russes possedant en communaute la totalite de la terre, payant au seigneur
une redevance en argent dite abrok. — Paysans agriculteurs du bassin de l’Oka.
Krestianie ou proprietaires cultivateurs executant, ä titre de corvee, pour les usines
seigneuriales de la Russie, les travaux forestiers et les transports.

Iobajjy ou proprietaires-agriculteurs de la Hongrie.

a)	Les definitions des trois premiers systemes sociaux ne s’appliquent pas integralement
aux cas exceptionnels de corruption et de decadence qui peuvent se manifester ga et lä;
mais elles conviennent parfaitement ä l’ensemble de l’Europe, pour lequel le mouvement
de progres ne peut etre meconnu. On admet, dans cet ouvrage, qu’une soeiete est en
progres lorsque la moralite, l’intelligence et le bien-etre physique s’y developpent dans
toutes les classes. L’observation prouve qu’en meme temps le sentiment religieux s’y
maintient avec fermete,_ surtout dans les classes dirigeantes.

b)	On ne considere explicitement, dans cet ouvrage, les ouvriers (maries ou celibataires),
qu’ä dater du moment oü ils ont quitte la maison paternelle; les autres sont decrits im-
plicitement avec le chef de famille chez lequel ils demeurent.

c)	On comprend sous le nom de chefs de menage tous les ouvriers qui ne font pas partie
d’un autre menage; on y rattache donc aussi les ouvriers (maries ou celibataires) qui,
ne pouvant etre rattaches ä la classe des domestiques, ne sont point loges dans leurs
propres meubles.

d)	Les valeurs mobilieres productives de revenu, que possedent ordinairement les ouvriers
non proprietaires, sont les animaux domestiques, le materiel et le fonds de roulement
des travaux et industries: les ouvriers qui sont en voie de devenir proprietaires possedent,
en outre, quelquefois, une somme d’argent thesaurisee ou placee ä interet.

e)	Les droits aux allocations des caisses d’assurances mutuelles s’aequierent par des sous-
criptions regulieres: ils sont en rapport avec l’importance de ces souscriptions et les
chances de mutualite.
        <pb n="52" />
        ﻿es (2), aux communautes (7) et aux corporations (8).

ales ä distinguer chez les peuples europeens.

Peuples sedentaires.	
III. Systeme des engagements volontaires permanents (a).	IV. Systeme des engagements momentanes et du travail sans  engagements (9).
Ouvriers attaches ä un patron (proprietaire, chef d’industrie, negociant etc.) par leur volonte, guidee elle-meme par la coutume ou. fixee par des contrats ä longs termes; attaches parfois ä une communaute ou ä une Corporation.	Ouvriers lies momentanement ä un maitre (propietaire, chef d’industrie, negociant etc.,) ou ä une clientele (de proprietaires, de chefs d’industrie, de negociants, de consom- mateurs etc.);  attaches rarement ä une communaute, souvent ä une Corporation.
L’obligation morale ou la stipulation ecrite qui assure la permanence de Fengagement pese egalement sur le patron et sur l’ouvrier.	Les engagements du maitre et de l’ouvrier s’interrompent dans deux cas essentiellement differents:  1er cas. Knptures frequentes provoquees par Finconstance, les defauts ou l’incompati- bilite d’humeur des deux parties; par les discussions relatives, ä la fixation des salaires; par la concurrence que suscite la rarete ou la surabondance des bras etc  2« cas. Interruptions ayant lieu, avec l’accord mutuel des deux parties, lorsque l’ouvrier trouve dans une nouvelle Situation l’occasion de s’elever dans la hierarchie industrielle.
Quelques individus, doues de l’idee de prevoyance, s’elevent aux conditions superieures et meine ä celles de proprietaires, de chefs d’industrie et de rentiers (6), sous l’influence bienfaisante des patrons, des communautes ou des corporations.  Lea individus depourvus de l’esprit de prevoyance trouvent au moins, sous la märne in- lluence, un certain minimum de bien-etre.	j Beaucoup d’individus doues de prevoyance s’elevent aisement aux conditions superieures  1 delasociete: ce succes est surtout acquis ä ceux qui, dans chacune des situations ascen- j dantes qu’ils occupent, se lient par des engagements ä longs termes, aussi longtemps qu’ils ne sont pas arrives ä travailler pour leur propre compte.  Les individus imprevoyants qui, sans sortir d’une condition inferieure, ne contractent que des engagements de courte duree, tombent ordinairement dans une degradation physique et morale inconnue dans les trois autres systemes sociaux.
Notable partie du sol appropriee ä la culture.	Sol approprie presque en totalite ä la culture.
Ouvriers-domestiques (celibataires ou maries) de certaines exploitations rurales situees dans toutes les regions de l’Enrope; attaches toute leur vie ä ces exploitations, sans 6tre preoccupes du desir de s’elever ä une condition superieure:  Valets et servantes de ferme de l’Europe centrale.  Parents celibataires des petits proprietaires des Hesses et du Nassau.  Parents celibataires des fermiers de la Vendee.  Charbonnier des Alpes de la Carinthie.	Ouvriers celibataires attaches, jusqu’ä Fepoque de leur mariage, en qualite de domestiques aux exploitations rurales de FOccident etc.:  Valet de ferme de la basse Bretagne aspirant ä devenir Pen-ty.  Apprenti-coutelier des Sheffield.  Compagnon-marechal-ferrant du Maine.  Aide-blanchisseur de la banlieue de Paris.
Journaliers agriculteurs travaillant toute leur vie, pour le compte d’un meme patron, sans etre preoccupes du desir de s’elever ä une condition superieure:  Stat-torpäre de la Suede.  Brassiers des vignobles de l’Armagnac.  Etc., etc.  Journaliers industriels travaillant toute leur vie, pour le compte d’un meme patron, sans §tre preoccupes du desir de s’elever ä une condition superieure:  Fondeur des usines ä cobalt du Buskerud (Norwege).  Fondeur des usines ä fer (ä la bouille) du Derbyshire.  Etc., etc.	Journaliers changeant de maitre, sans jamais sortir de leur condition:  Compaguon de la Corporation des menuisiers de Vienne (Autriche). Journalier-agriculteur du Morvan (Nievre).  Journalier-agriculteur du Maine (Sarthe).  Etc., etc.  Journaliers d’elite attaches en permanence ä un patron ou ä une clientHe dans les positions ascendantes qu’ils doivent successivement occuper:  Journaliers industriels norwegiens, aspirant ä devenir proprietaires-ouvriers.  Menuisiers de Sheffield, aspirant ä devenir ouvrier-proprietaire.  Pen-ty dela basse Bretagne, aspirant ä devenir fermierou proprietaire-ouvrier.
Tächerons travaillant toute leur vie, pour le compte d’un meme patron, sans etre preoccupes du desir de s’elever ä une condition superieure:  Forgeron des usines ä fer de Danemora (Suede).  Mineur et fondeur des mines de mercure d’Idria (Carniole).  Filateur de coton de la banlieue d’Elberfeld (Prusse).	Tächerons changeant frequemment de maitre, sans jamais sortir de leur condition: Armurier de Solingen (Prusse rhenane).  Tisserand de la vallee du Bhin (Prusse rhenane).  Horloger de Geneve (2e type).  Coutelier de Londres  Coutelier de Sheffield (Yorkshire), etc.  Tisserand de la ville de Marners (Sarthe).  Tächerons d’elite attaches en permanence ä un patron ou ä une clientHe, dans chacune des positions ascendantes qu’ils occupent successivement:  Horloger de Geneve (1er type), aspirant ä devenir chef de metier.  Mineur des montagnes metalliferes de l’Auvergne.
Tenanciers exploitant toute leur vie la meme propriete, conformement ä la coutume, ou par suite de contrats ä longs termes, sans 6tre preoccupes du desir de s’elever ä une condition superieure:  Torpäre suedois ou tenanciers executant, ä titre de redevance, lestravauxagri- coles ou forestiers et les transports pour le compte des proprietaires.	Tenanciers changeant de proprietaire, sans sortir de leur condition:  Fermiers ou metayers de l’Europe occidentale exploitant sans baux ou avec des baux de courte duree.  Tenanciers aspirant ä quitter Fimmeuble qu’ils exploitent pour s’elever ä une condition superieure:  Metayer du district de Santander (Vieille-Castille).
Chefs de metier travaillant toute leur vie pour le compte d’un seul patron, ou restant con- stamment unis ä une communaute, sans 6tre preoccupes du desir de s’elever ä une con- dition superieure:  Fondeurs en communaute des bergslags de la Suede.  Fondeurs en communaute du pays bergamasque.  Etc., etc.	S	Chefs de metier travaillant pour une clientele nombreuse; ne pouvant, par l’organisation meme de l’industrie, travailler exclusivement pour le compte d’un seul patron; portes ä changer frequemment leurs relations commerciales aspirant, d’ailleurs, ä quitter leur clientele ou leur patron pour s’elever ä la condition de proprietaire ou de rentier, etc.:  Chiffonier de Paris (travail sans engagements).  Maitre-blanchisseur de la banlieue de Paris.  Marechal-ferrant du Maine, considere quelques annees avant Fepoque ä la- quelle se rapporte la monographie.
Ouvriers-proprietaires (journaliers, tächerons etc.) travaillant toute leur vie pour le compte d’un meme patron; eleves dejä en partie ä la condition de proprietaires, sous la bien- faisante influence du patronage; n’ayant point, en general, le desir de quitter le patron: Fondeurs slovaques des usines ä argent de Schemnitz (Hongrie).  Mineur de la Corporation des mines d’argent du haut Hartz (Hanovre).  Fondeur des usines ä fer lau bois) de l’Hundsrueke (Prusse rhenane).  Fondeur des usines ä fer (au bois) du Nivernais.  Etc., etc.	Salaries-proprietaires, travaillant pour un maitre ou une clientHe, aspirant ä quitter cette Situation pour vivre exclusivement de l’exploitation d’une propriete personnelle: Moissonneur emigrant et terrassier du Soissonnais (Aisne).  Mineur emigrant de la Galice (Espagne).  Chefs de metier, proprietaires ou capitalistes, travaillant ordinairement pour une clientHe, aspirant ä quitter cette clientele pour vivre exclusivement de l’exploitation d’une pro- priete personnelle:	....  Marechal-ferrant du Marne (travail sans engagements).  Maitre-blanchisseur de la banlieue de Paris.
Proprietaires-ouvriers ayant travaille exclusivement, pendant la premiere partie de leur vie, pour le compte d’un seul patron: parvenus ä la Situation independante dont ils jouissent, par des circonstances fortuites, ou par un developpement graduel d’idees et de Sentiments, Plutöt qu’avec un desir arrete, des l’origine de leur earriere, de s’elever ä la condition de proprietaire:  Quelques proprietaires-ouvriers de la Suede, de l’Europe centrale, etc.  Proprietaires des petits majorats agricoles de l’Allemagne.  Le fondeur des usines ä fer (an bois) de l’Hundsrucke, considere dix annees environ aprüs Fepoque ä laquelle se rapporte la monographie.	Proprietaires-ouvriers, ayant, en general, commence leur earriere aux rangs inferieurs de la hierarchie sociale; animes, dans tout le cours de cette earriere, du desir de s’elever ä une condition superieure: _  Moissonneur du Soissonnais et marechal-ferrant du Maine, consideres une dixaine d’annees apres Fepoque ü laquelle se rapportent les monographies.  Mineur emigrant de la Galice, considere deux annees aprds Fepoque ä laquelle se _	rapporte la monographie.	,  Proprietaires-ouvriers ayant toujours vecu dans la meme condition:  Proprietaires des pays allemands, oü la Conservation integrale des petites proprietes est maintenue par un regime regulier d’emigration.
	Proprietaires des districts ruraux de France (pourvus de biens communaux), dans lesquels la population reste spontanement en equilibre.
Notes annexäes par renvois au present tableau.  f)	Les proprietes immobilieres que possfedent ordinairement les ouvriers sont: l’habitation; un jardin potager; un verger; un terrain pour la production des pommes de terre, des cereales ou des matieres textiles; un vignoble; une prairie; une grange; une etable; une ecurie; etc.  g)	Les industries que les familles entreprennent ordinairement ä leur propre compte, inde- pendamment du travail execute pour le compte d’un proprietaire ou d’un chef d’industrie, offrent, en Europe, une grande variete; les plus habituelles sont: la culture des terres possedees ou louees par la famille, l’exploitation des animaux domestiques et une multi- tude de petites entreprises eoncernant la production des aliments ou des objects de vete- ment et de mobilier.  h)	Les tenanciers se snbdivisent en deux grandes categories, seien la natnre des preleve- ments attribues au proprietaire de l’immeuble: on les nomine fermiers ä partage, metayers, colons partiaires etc., lorsque le prelevement du proprietaire consiste en une part de produits (souvent la moitie) proportionelle ä la production totale; on les nomme fermiers proprement dits quand le prelevement du proprietaire est forme par un abonuement fixe en travaux (corvees), en produits (redevances) ou en argent (rente).  Dans les constitutions remontant ä une epoque ancienne il existe des classes speciales de tenanciers jouissant, de generation en generation, du droit exclusif d’exploiter certains immeubles, ä la Charge de servir le prelevement (fixe ou proportionnel) stipule en faveur des auteurs de la concession et de leurs descendants. Cette classe de tenanciers-proprie- taires, fort commune encore dans l’Orient et dans l’Europe centrale se restreint,	depuis un siede sous l’influence des revolutions politiques et des lois nouvelles, chez les peuples oü s’ämoindrit le sentiment de la solidarite. Elle est encore representee en France par plusieurs types interessants, par exemple par le saulnier-lettrier de la Saiu- tonge).  i) Ordinairement les ouvriers ne s’etablissent comme chefs de metier que lorsqu’ils ont pu acquerir la nropriete du fonds et de la clientele: on peut concevoir cependant des chefs de metier pviiloitant un fonds et une clientHe fournis par un predecesseur: dans ce cas, un prelevement aurait lieu au profit de ce dernier.	_	.	.  k)	On desio-ncra chaque ouvrier de la categorie des ouvriers-proprietaires en plaqant avant le mot pro letaire le noin du type qui caracterise la condition dans laquelle s’execnte le travail urincinal' aiusi Fon dira: journalier-proprietaire, tächeron-proprietaire etc, selon fine l’ouv ' r traVaille principalement en qualite de journalier, de tächeron etc.  l)	On desio-Jil-a ebaque ouvrier de la categorie des proprietaires-ouvriers en plaqant apres  le mot uro ietaire le nora qui caracterise de la maniere la plus speci'ale le genre d’ex- ploitation	l’ouvrier; ainsi Fon dira: proprietaire-vigneron, proprietaire agriculteur etc.,  selon que Pouvrier exploite une vigne, cultive les cereales etc.
        <pb n="53" />
        ﻿45

Verhältnissen, rechtlichen und wirtschaftlichen Institutionen und einer'
gedeihlichen gesellschaftlichen Entwicklung, die sich äußert im
„sozialen Frieden“ und gegründet ist auf die Zufriedenheit des ein-
zelnen mit den sozialen Zuständen, gewisse gesetzmäßige Zu-
sammenhänge bestehen.

Auburtin1) erinnert in seiner Biographie Le Play’s an
folgenden Ausspruch eines älteren französischen Sozialreformators
de Bonald, der auf Le Play Einfluß ausgeübt zu haben scheint:

„Es gibt Naturgesetze für den Ameisen- und Bienenstaat; wie könnte
man glauben, daß es für die menschliche Gesellschaft keine gebe und daß
diese dem Zufall menschlicher Erfindungen preisgegeben sei.“

„Wenn aber — so ergänzt Auburtin den Gedankengang im Sinne Le Play’s :
— diese Gesetze existieren, so sind die menschlichen Gesellschaften offenbar ,
gehalten, sich ihnen zu unterwerfen; wenn sie sich darin treu zeigen, können :
sie nicht anders als glücklich sein; wenn sie die Gesetze übertreten, wird es
nicht ausbleiben, daß sie ins Elend kommen.“

Le Play selbst war anfangs der gesetzmäßige Zusammenhang noch
keineswegs so klar2):

Ich sah Völker, die unter denselben Formen der Religion und der Sou-
veränität bald glücklich, bald elend waren......; ohne schon einen end-

gültigen Schluß zu ziehen, vermutete ich, daß die Bevölkerungen, je nachdem
sie zufrieden oder unzufrieden mit ihrem Schicksal wären, auch in entschei-
denden Punkten verschieden denken und handeln würden, daß sie mir daher
früher oder später selbst das Geheimnis des Völkerglücks entdecken würden.

* Das ist denn auch in der Tat, nach der Überzeugung Le Play’s,
geschehen; er fand jenes Geheimnis in der Befriedigung der zwei
wesentlichen menschlichen Bedürfnisse, der Beobachtung des
Sittengesetzes und der Sicherheit des täglichen Brotes.
Von dieser Gesetzmäßigkeit war er so überzeugt, daß er an anderer
Stelle, wo er seinen Schülern Anweisungen gibt, sagt:

Der Beobachter ist immer in der Lage, zu zeigen, daß die Familie elend
oder glücklich ist, je nachdem diese beiden wesentlichen Bedingungen des
Unglücks oder des Glücks verschwunden oder erhalten sind3).

Le Play fand bei einfachen, noch nicht stark differenzierten Ver-
hältnissen, denen er seine Beobachtungen glücklicher Familien haupt-
sächlich entnahm, keine besonderen Schwierigkeiten einer richtigen
Auswahl typischer Familien. Er hat, wie er gesteht, angesichts der
unübersehbaren Mannigfaltigkeit der menschlichen Verhältnisse,
wiederholt daran gezweifelt, ob seine Methode genüge, um solche

’) 1. c., s. 119.

2)	o. E. I, 215 ff.

3)	0. E. I, 227.
        <pb n="54" />
        ﻿46

Verschiedenheiten zu erklären. Aber durch immer neue Beobach-
tungen glaubte er sich davon überzeugt zu haben, daß seine Zweifel
unbegründet seien1):

Man könnte auf den ersten Blick glauben, daß das Studium einer über
ein weites Gebiet verstreut wohnenden Gesellschaft nicht ausgeführt werden
könne durch methodische Beobachtung einer kleinen Zahl von Familien, die
den hauptsächlichsten handarbeitenden Berufen angehören. Die Natur des
Menschen zeigt eine unbegrenzte Verschiedenheit; die Kinder aus einer Ehe
zeigen in der Wahl des Guten und Bösen oft entgegengesetzte Neigungen.
Um so mehr, so scheint es, müßten an demselben Ort und in demselben Beruf
recht große Unterschiede zwischen den einzelnen Familien herrschen. Diese
Annahme wird aber durch die Tatsachen keineswegs bestätigt. Ich werde
zeigen, wie es den guten sozialen Verfassungen gelingt, die Ungleichheiten
auszutilgen, die die Verschiedenheiten der menschlichen Natur herbeiführen
müßten.

Le Play stellt nun zunächst fest, daß bei den von ihm be-
obachteten primitiven Völkern jene Verschiedenheiten überhaupt
noch nicht vorhanden sind; sie bilden sich erst mit Entstehung ver-
schiedener Berufsarten, durch vollständige Besitzergreifung des Bodens,
durch Steigerung des Wohlstands. So geht es z. B. bei den Acker-
bau- Völkern2):

Die Familien erwerben oft mehr Land, als sie selbst bearbeiten können.
Den Überfluß geben sie an Pächter ab und leben von der Bente, die sie
dafür bekommen. Sie selbst wenden sich liberalen Berufsarten zu.

Der Bauer kann nur einem seiner Kinder sein Besitztum hinterlassen;
die übrigen siedelt er in der Nachbarschaft an als freie Arbeiter usw.

Durch eine derartige Differenzierung des Berufs und des
Einkommens kompliziert sich das soziale Problem immer mehr; aber
es gibt auch in solchen Zuständen noch Mittel, um die Beobachtung
des Sittengesetzes und das tägliche Brot zu sichern. Und darauf,
so sagt Le Play, kommt alles an. Diese beiden Existenzbedürfnisse
jeder menschlichen Gesellschaft werden, nach Le Play, befriedigt durch
zwei dauernde Grundelemente, durch das göttliche Gebot und durch
die väterliche Gewalt, sowie durch fünf variable Elemente: durch die
Formen der Religion, durch die Staatsordnung und durch die drei
Arten des Grundeigentums (Gemeineigentum, Patronagesystem und
Privateigentum). Nur diese fünf variablen Elemente hält Le Play
für die Quellen der sozialen Differenzierung:

‘) 0. E. I, 210.

i2) 0. E. I, 214.
        <pb n="55" />
        ﻿47

Die Methode der Monographie, so fährt er fort, zeigt deutlich die Unver-
änderlichkeit der beiden Grundelemente (göttliches Gebot, väterliche Gewalt)
und ebenso die Anpassung der fünf variablen Elemente an die Verhältnisse
des Ortes und der Zeit .... Was jene ersten beiden Elemente betrifft,
so sind die sorgsamsten Beobachter überzeugt, daß eine einzige Mono-
graphie genügt, die monatelang in ländlicher Umgehung bei einem ge-
deihenden Volke aufgenommen ist, unter einfachen oder unter komplizierten
Verhältnissen. Hinsichtlich der 5 variablen Elemente haben dieselben Beob-
achter es für angemessen erachtet, ihre Studien auf mehrere Berufsarten und
auf verschiedene Bangstufen dieser Berufsarten auszudehnen. Aber durch
Vergleich von drei oder vier Monographien haben sie immer festgestellt, daß
die Fortsetzung dieser Untersuchungen zu keinem neuen Ergebnis führen
würde. In der Übereinstimmung und Allgemeinheit einer kleinen Zahl von
Monographien beruht die Einfachheit und demgemäß die praktische Nutzbarkeit
der Methode').

In der von Le Play’s Schüler Fo eil Ion später verfaßten, von
dem Meister genehmigten Instruktion für die Aufnahme von Mono-
graphien sind für die richtige Auswahl der Familien noch speziellere
Anweisungen gegeben, welche zeigen, daß diese Auswahl doch nicht
so leicht war, wie es nach den eben wiedergegebenen allgemeinen
Anschauungen den Anschein haben könnte. Es heißt dort z. B.:
man muß eine Durchschnittsfamilie wählen, jedenfalls eine Familie,
die aus der Gegend stammt und nicht erst zugewandert ist; sie soll
mittlere Existenz-Bedingungen zeigen, also weder nach oben noch
nach unten in ihrer materiellen wie moralischen Lage wesentliche
Besonderheiten enthalten. Vor allem soll es eine richtige Familie
sein, die aus zwei Eltern und mehreren Kindern besteht. Auch die
Zahl der Kinder muß dem allgemeinen Durchschnitt einigermaßen
entsprechen. Sehr wichtig ist, daß die Familie sich gern zur Be-
obachtung hergibt. Den Zutritt zur Familie erlangt man in Gegen-
den, wo der soziale Friede herrscht, durch den „Patron“ des Ar-
beiters, sonst durch Vermittlung einflußreicher und Vertrauen er-
weckender Persönlichkeiten.

Das sind einige der Richtlinien, die Le Play seinen Schülern
für die Aufnahme von Familien-Monographien mitgegeben hat. In-
wieweit sie genügten, wird sich später ergeben.

Die Monographie. 1. Das Schema. Die Masse der Tatsachen,
die Le Play von jeder einzelnen Familie zu erfahren für wichtig
hielt, mußte geordnet werden, wenn er sie verwerten wollte. Zu
dem Zwecke war ein Schema erforderlich:

Ti

*) 0. E. I, 218.

4
        <pb n="56" />
        ﻿48

„. . . Der Zweck wäre unvollkommen erreicht, wenn der Leser eine
ganze Monographie durchsehen müßte, um eine einzelne Tatsache oder Zahl
zu finden. In Voraussicht dieser Schwierigkeit habe ich das Material immer
in derselben Folge angeordnet und zahlreiche Unterabteilungen geschaffen,
die unter gleichen Überschriften in einem unveränderlichen Schema (cadre
invariable) vereinigt sind. Um den Vergleich der Örtlichkeiten und Menschen
zu erleichtern, habe ich die Ausdehnung einer jeden Monographie auf durch-
schnittlich 50 Seiten beschränkt, indem ich lediglich die unentbehrlichsten
Einzelheiten erwähnte. Ich konnte diese Kürzung vornehmen, ohne mich
irgendwie vom Hauptzweck meiner Untersuchung zu entfernen.“

Le Play unterscheidet folgende drei Teile des Schemas: 1. den
Haupttitel der Monographie, in dem die entscheidenden sozialen Merk-
male des Arbeiters beschrieben sind; 2. die eigentliche Monographie,
die die Beschreibung der Familie in der Form einer Haushalts-
rechnung enthält; 3. allgemeine Erläuterungen und Ergänzungen.

Das Schema der Monographie ist erst im Laufe vieler Jahre
entstanden. Schon im Jahre 1829, auf seiner ersten Reise nach
Deutschland, hat Le Play im Harz Bergarbeiter-Familien genauer
studiert und Material gesammelt. Aber erst allmählich ging ihm
der Sinn dafür auf, wie wertvoll die Ordnung dieses Materials sein
könnte, und er suchte nach einer Form, damit er nicht in der
Mannigfaltigkeit der Tatsachen ersticke.

In den ersten 10 Jahren, die diesen Untersuchungen gewidmet waren, war
es in der Tat nötig, für die Beschreibung eines jeden neuen Typs eine neue
Form zu suchen, die fast immer Lücken in den vorhergehenden Beobachtungen
aufwies; aber dieses Schema, das durch weitere Versuche fortschreitend ver-
bessert wurde, ist so vollständig geworden, daß es im Laufe der letzten
10 Jahre nicht mehr nötig gewesen ist, den aufgestellten Plan in irgendeiner
Beziehung zu ändern, sei es für die Beobachtung, sei es für die Beschreibung
neuer Tatsachen *).

Im Jahre 1839 war der Entwurf in den wesentlichen Teilen fertig-
gestellt. Aber im Jahre 1848, als Le Play, gedrängt von seinen
Freunden, die Veröffentlichung seiner Monographien beschloß, er-
gaben sich infolge neuer Reisen wieder Schwierigkeiten der Anord-
nung. Le Play

erreichte diesen Zweck durch ein ebenso sicheres Verfahren, wie das war, das
hei der Sammlung der Tatsachen angewandt worden war: er begann in zwanzig
Wiederholungen immer wieder die handschriftliche Abfassung der Mono-
graphien, bis die Erfahrung von drei Jahren gezeigt hatte, daß die neu-
gewonnenen Tatsachen ganz von selbst ihren Platz in dem Schema der letzten
Abfassung fanden2).

*) 0. E., 1. Aufl., 22.

2) 0. E. III, 151.
        <pb n="57" />
        ﻿— 49 —

Während Le Play anfänglich nur die Haushalts-Einnahmen und
Ausgaben einander gegenüb erstellte, merkte er bald, daß für die
Mehrzahl der Leser ein erläuternder Text nötig sein würde. So
entstand die endgültige Form der Monographie.

Wir wollen nunmehr die einzelnen Teile des Monographie-
Schemas kurz besprechen.

Als ersten Teil der Monographie bezeichnet Le Play das,
was wir die Überschrift, den Titel der Monographie, nennen würden.
Er ist deshalb bedeutsam, weil Le Play gemäß seiner Klassifikation
nach dem „sozialen Wert“, von der. oben ausführlicher die Rede war
(S. 43 ff.), dem Arbeiter seine soziale Stellung zuweist. Wir erfahren
hier den Beruf des Arbeiters, seine Stellung innerhalb des Berufes
und die Art des Arbeitsverhältnisses zum Unternehmer.

Der wichtigste Teil der Monographie ist die Haushalts-
rechnung, in der alle Ausgaben und Einnahmen einer Familie
für den Zeitraum eines Jahres zahlenmäßig aufgeführt sind1).

Die Einnahmen zerfallen in Geld- und Natural-Einnahmen;
letztere werden möglichst genau in Geld abgeschätzt. Die Ein-
teilung der Einnahmen geht von den Einnahmequellen aus, und
zwar sind diese wieder nach ihrem „sozialen Wert“ angeordnet,
nicht nach ihrer rein zahlenmäßigen Bedeutung,

„. . wie es sich bei einer Methode gehört, die die Grundlagen der Sittlichkeit,
der Sicherheit und der fortschreitenden Entwicklung absehätzen will, die jede
soziale Organisation ihren verschiedenen Arbeiter-Typen gewährt. Um dieser
Notwendigkeit zu genügen und doch den natürlichen Zusammenhang der Tat-
sachen und der Ideen zu respektieren, entschloß man sich, die Einkünfte aus
dem Eigentum an die erste Stelle zu setzen und dann nacheinander die Ein-
künfte aus Subventionen, den Arbeitslohn und den Ertrag aus häuslichem Ge-
werbe anzuführen“ 2 3 *).

Das Eigentum steht hier an erster Stelle, weil es der Familie
die größte Selbständigkeit verleiht und wertvolle Eigenschaften ent-
wickelt; besonders gilt das vom Grundbesitz. Das Eigentum kann
ergänzt oder auch ersetzt werden durch weitgehende Gewährung
von Subventionen8). Le Play erachtet es als eine gebieterische
soziale Notwendigkeit, daß die höheren Klassen den niederen, soweit
sie sich selbst nicht vollständig erhalten können, zu Hilfe kommen.
Keine Frage hat, nach seiner Meinung, den menschlichen Geist

') Das Schema der Haushaltungsrechnung ist im Anhänge abgedruckt.

2)	0. E., 1. Aufl., S. 24 ff.

3)	Der deutsche Ausdruck „Unterstützungen“ paßt ebensowenig ganz wie das

Wort „ Wohlfahrts-Einrichtungen“.

4:
        <pb n="58" />
        ﻿50

häufiger und dauernder beschäftigt als diese, und so sind die mannig-
faltigsten Lösungen gefunden worden. Besonders drei Arten von
„Subventionen“ lassen sich unterscheiden: einmal die Nutz-
nießungsrechte (proprietes regues en usufruit); die gebräuch-
lichsten sind solche an Wohnung, landwirtschaftlichen Grundstücken
und Haustieren; weniger oft erscheinen solche an Betriebskapital,
zinslose oder gering verzinsbare Darlehen. Ihnen nahe stehen die
Gebrauchsrechte (droits d’usage sur les proprietes), die sich
nur darin von ersteren unterscheiden, daß sie nie das ausschließ-
liche Verfügungsrecht über das Eigentum oder seine Produkte ver-
leihen. Sie sind sehr weit verbreitet. Oft sind es Hechte an gemein-
schaftlichem Besitz, so z. B. an der Arbeitsstätte und den Arbeits-
werkzeugen (Backofen, Schlachthaus, Mühle, Wein- und Ölpresse usw.).
Einen anderen Charakter hat wieder das Recht der Nachlese, das
von größeren Besitzern gewährt wird. Die wichtigsten Hechte dieser
Art sind aber die auf freie Erzeugnisse der Natur. Hierher ge-
hören: Gras-, Heu- und Streumachen, Viehweide, Jagd, Fischfang,
das Recht auf die wildwachsenden Waldfrüchte und Pilze, auf Werk-
und Brennholz, auf Torf, Rohr, Steine usw. Während diese beiden
Arten von Rechten nur indirekt die menschlichen Bedürfnisse be-
friedigen, dient die dritte Kategorie direkt diesen Bedürfnissen.
Le Play nennt sie die Überlassung von Naturalgütern
und Natural-Leistungen (allocations d’objets et Services):
Nahrung, Wohnung, Kleidung, Gespanndienste usw.

An dritter Stelle der Einnahmen steht der Arbeitslohn
(salaire). Nur in Westeuropa, wo vorübergehende Arbeitsverhält-
nisse Vorkommen, hat dieses Wort einen präzisen Sinn, nämlich den
der Entlohnung für geleistete Arbeit. Wo die ArbeitsVerhältnisse
Unternehmer und Arbeiter dauernd aneinander ketten, richtet sich
das Entgelt für die Arbeit nach den Bedürfnissen des Arbeiters
und seiner Familie; dadurch wird die Solidarität beider Klassen ge-
währleistet;

die öffentliche Ordnung wird gestört, sobald diese gebieterische Notwendigkeit
nicht mehr befriedigt wird, zumal wenn der intellektuelle und sittliche Zustand
der Bevölkerung noch nicht genügend entwickelt ist1).

Die Arbeiten, für die der Lohn gezahlt wird, sind besonders wichtig,
weil sie gewöhnlich die Haupteinnahmequelle bilden; sie bilden das
entscheidende Merkmal für die Eigenart der Familie:

») 0. E., 1. Aufl., 23.
        <pb n="59" />
        ﻿51

Die methodische Analyse aller Arbeiten, die von den einzelnen Familien-
gliedern ausgeführt werden, ist im Grunde genommen die genaueste Definition,
die man von der sozialen Lage der Familie und von ihren sittlichen und in-
tellektuellen Gewohnheiten geben kann; und andererseits sind die übrigen
Einnahmequellen zwar verschieden vom Arbeitslohn, aber doch meist mit der
Arbeit auf die innigste und unmittelbarste Art verbunden *).

Die Arbeiten der einzelnen Familienglieder betrachtet Le Play ge-
trennt voneinander und berechnet Zeit und Lohn jeder Arbeit
für sich.

Le Play beklagt die Tendenz der modernen industriellen Ent-
wicklung, die Arbeit immer mehr zu teilen, Frauen und Kinder
immer mehr zur Berufsarbeit heranzuziehen. Doch können wir auf
diese seine Anschauungen nicht näher eingehen. Le Play’s Maß-
stäbe bei Beurteilung dieser Fragen waren teils ethische (Beein-
trächtigung des Familienlebens), teils volkshygienische, welche letztere
er bei Beurteilung der Frauenarbeit deutlich von jenen anderen
sondert :

Es ist nicht nur eine Frage der Humanität, sondern eine kluge volkswirt-
schaftliche Maßnahme, die Frau von allzu schwerer Arbeit zu entlasten-2).

Der Begriff des „Arbeitslohns“ wird von Le Play so weit ge-
faßt, daß für die vierte Einnahmequelle, für den gewerblichen
Hausfleiß, nicht allzu viel übrig bleibt. Infolgedessen legt
Le Play ihr mehr eine moralische als eine wirtschaftliche Be-
deutung bei, wobei er indes bemerkt, daß diese nicht für alle
Arbeiterarten die gleiche ist, vielleicht im allgemeinen mit
jeder höheren Stufe wächst. Er bezeichnet solche Arbeiten als
„Gymnastik des Eigentums“, als „Lehrzeit des Eigentums“. Sie
regen den Spartrieb an und reizen zur Erhaltung des Ersparten;
durch die Erziehung zur Wirtschaftlichkeit und Mäßigkeit erheben
sie den Arbeiter auf eine höhere soziale Stufe. Zugleich verschaffen
sie ihm auch manche Einnahmen, wobei besonders wertvoll ist, daß
diese meist von wirtschaftlichen Krisen unabhängig sind. Solche
Nebenarbeiten sind auch das geeignete Tätigkeitsfeld für die schwachen
Familienglieder. Sie werden in oder bei dem Hause ausgeführt
und bewahren so die Unabhängigkeit der Familie und den mora-
lischen Einfluß des Hauses auf Frau und Kinder. Letzteren geben
sie noch besonders Gelegenheit, ihre Intelligenz und Handfertigkeit
kräftig zu entwickeln.

*) 0. E., 1. Aufl., 27.

2) 0. E., 1. Aufl., 28.
        <pb n="60" />
        ﻿52

Die Ausgaben zeigen in ihren einzelnen Teilen nicht die
großen Verschiedenheiten wie die Einnahmen, welche letztere durch
die Örtlichkeit, die Natur der Arbeiten und die Organisation der
Gesellschaft stark beeinflußt werden:

Die Ausgaben sind die Folge von Bedürfnissen, wie sie sich aus der
Natur des Menschen ergeben. Ihre Verschiedenheiten beanspruchen zwar
großes Interesse und müssen durch die Methode in allen Einzelheiten unter-
sucht werden. Aber immer werden sie von den Bedürfnissen des Menschen
entscheidend bestimmt *).

Le Play teilt die Ausgaben in fünf Abteilungen: a) Nahrung,
b) Wohnung, c) Kleidung, d) Ausgaben für moralische Bedürfnisse,
Erholung und Gesundheitsdienst, e) solche für eigene Nebenarbeiten,
Schulden, Steuern und Versicherungen (Betriebsausgaben).

Wir wollen uns hier nur mit der vierten Abteilung, also mit
den Ausgaben beschäftigen, welche geistigen Bedürfnissen und
der Körpergesundheit dienen. Wenn diese Ausgaben auch
rein zahlenmäßig im Budget keine große Bolle spielen, so legt doch
Le Play auf sie großen Wert; er sagt geradezu:

Man erhält durch diese Untersuchung nicht nur über das materielle
Leben Aufklärung, sondern auch über das intellektuelle und sittliche Leben.
Wie die Monographien der „Ouvriers europeens“ zeigen, gibt es in der Lebens-
weise des Arbeiters kaum ein Gefühl oder eine erwähnenswerte Handlung,
die nicht im Budget der Einnahmen oder Ausgaben ihre Spur hinterließe1 2).

Wenn auch manche dieser Bedürfnisse vom modernen Staate be-
friedigt werden, ohne das Budget der einzelnen Staatsangehörigen
direkt zu belasten, so bleibt doch dem Einzelnen noch viel zu tun
übrig. So erwähnt3) Le Play z. B. die jährlichen Seelenmessen, die
in katholischen Gegenden für die Verstorbenen der Familie gelesen
werden, und er ist geneigt, aus solchen in Geld meßbaren seelischen
Bedürfnissen weittragende Schlüsse zu ziehen. Er sagt:

Die regelmäßige Feier dieser Jahresgedächtnisse und der Pomp, der dabei
entfaltet wird, sind in vielen Fällen ein ausgezeichnetes Maß der Stärke oder
der Schwäche der sittlichen Gefühle.

Ebenso deuten Ausgaben für Versicherungen, Anlage von Erspar-
nissen usw., worin sich die Wirtschaftlichkeit einer Familie zeigt,
auf einen höheren sittlichen Zustand als das vollständige Fehlen
solcher Ausgaben; oft werden sie der Lage der Dinge nach nicht

1)	0. E., 1. Aufl., 31.

2)	0. E. I, 237.

3)	0. E., 1. Aufl., 41.
        <pb n="61" />
        ﻿53

möglich sein, oft werden sie aber auch von anderen minder wich-
tigen Ausgaben zurückgedrängt.

Als Beweis dafür, daß oft eine einzige Zahl der Haushalts-
rechnung mehr über den sittlichen Zustand ganzer Yolksklassen
aussagt als lange Abhandlungen, erwähnt Le Play die Tatsache,
daß ein Pariser Schitfsauslader 12 °/0 seines Einkommens verwendet,
um sich zu betrinken, während er für eine sittliche Erziehung seiner
Kinder keinen Pfennig opfert.

So sagt Le Play auch einmal, daß die Beleuchtungsausgaben,
unter gleichen klimatischen Verhältnissen, ein ausgezeichneter Maß-
stab für die Häuslichkeit einer Familie seien; gewiß eine feine Be-
merkung! Solche Ergebnisse gewinnt nur der, welcher sich ver-
gleichend in diese Zahlen vertieft und hierdurch ein Verständnis
erlangt, das keine Betrachtungsweise aus der Vogelperspektive, keine
Statistik geben kann.

Wir gelangen jetzt zu dem in jeder Monographie enthaltenen
erläuternden Texte. An und für sich müßte nach Ansicht
Le Play’s die Haushaltsrechnung selbst genügen, um den Leser über
alle wissenswerten Punkte aufzuklären. Aber einmal gibt sich
nicht jeder Leser die Mühe, aus Zahlen zu lernen, oder er kann es
nicht; und ferner gibt es doch manche Tatsachen allgemeiner Art,
die „dieser finanziellen Analyse des menschlichen Lebens“ ent-
schlüpfen oder dadurch nicht in ihrer wirklichen Bedeutung hervor-
treten 1).

Deshalb hat Le Play das beschreibende und erläuternde
W ort hinzugenommen. Er teilt den Text in zwei Teile: der Haus-
haltsrechnung gehen voraus „Einleitende Beobachtungen“.
Es sind 13 Paragraphen, die Auskunft geben: über die Örtlichkeit
im weitesten Sinne, meist auf geologischer Grundlage, über die Art
des Arbeitsverhältnisses und die Familien-Organisation, sodann nament-
lich über die persönlichen Verhältnisse der zu beschreibenden Familie.
Das Budget der Einnahmen wird im Texte behandelt unter der
Überschrift „Existenzmittel der Familie“. Daran schließt sich an
die „Geschichte der Familie“, die nur selten über frühere Gene-
rationen unterrichtet, sondern meist den üblichen Lebensgang eines
Arbeiters der beschriebenen Art, seine „Existenzphasen“ schildert.
Im letzten Paragraphen dieser einleitenden Beobachtungen behandelt

) 0. E., 1. Aufl., 22.
        <pb n="62" />
        ﻿54

Le Play „Sitten und Einrichtungen, die das physische und moralische
Wohlergehen der Familie sicherstellen“.

Der zweite Teil des Textes schließt sich an die Haushalts-
rechnung an und ist überschrieben „Die verschiedenen Ele-
mente der sozialenVerfassun g“. Er gehört nicht zur eigent-
lichen Monographie :

Man erwähnt hier soziale Erscheinungen, denen gegenüber sich der
Arbeiter rein passiv verhält, und deren gute oder schlimme Folgen man ihm
nicht zuschreiben darf. So muß man in den Monographien französischer
Arbeiter in diesem Teil oft der revolutionären Erbgesetze Erwähnung tun,
die periodisch das Eigentum des häuslichen Herdes zertören, das mühsam
durch die Aufopferung und Wirtschaftlichkeit der Eltern geschaffen wurde*).

So enthält also dieser Teil soziale Tatsachen, die mit der Tätig-
keit der Familie an sich nichts zu tun haben und auch im Budget
nicht erscheinen, die aber sehr charakteristisch für die soziale Ver-
fassung des Gebietes sind. Le Play nennt diesen Teil eine „Zu-
sammenfassung seiner Ernte“; denn er hat hier ergänzende Aus-
züge ans Monographien verarbeitet, die er nicht vollständig ver-
öffentlicht hat* 2 3). Wir finden auch sehr oft fertige Urteile in diesem
Teil, was der Regel widerspricht, die er selbst aufstellt, indem er
schreibt8):

Die Noten zu unseren Monographien dürfen niemals ihren Charakter
verlieren und Abhandlungen werden. Die langen Reflexionen, die die Ansicht
des Verfassers wiedergeben, sind hier unnütz. Was wichtig ist, das sind die
Tatsachen.

In der zweiten Auflage der „Ouvriers europeens“ hat Le Play in
diesem Teil der Monographie oft die sozialen Umgestaltungen be-
trachtet, die seit der ersten Auflage eingetreten waren (1855—77)
und die zusammenhängend noch in einem Epilog zu jedem Bande
behandelt wurden.

2. Aufnahme der Monographie. Es bleibt nun noch die wich-
tige Frage zu beantworten, wie Le Play und seine Schüler die ein-
zelne Monographie aufgenommen haben. Bei den weittragenden
Schlußfolgerungen, die er aus dem in ihnen vorliegenden Material
zieht, ist es von der größten Bedeutung, zu ermitteln, wie die
Monographien entstehen, zumal ihre Aufnahme offenbar hohe An-
forderungen stellte.

‘) 0. E. I, 239.

2)	0. E. I, 397.

3)	Ribbe, 1. c., 176.
        <pb n="63" />
        ﻿55

Die Dauer der Aufnahme ist bei den einzelnen Mono-
graphien nicht angegeben, gewöhnlich heißt es: im Monat...............

des Jahres 18 . ., womit also gesagt sein würde, daß im Höchstfall
die Aufnahme einen Monat erfordert hat. An anderer Stelle hören
wir von einer „lange Monate dauernden Aufnahme“; wieder an
einer anderen Stelle sagt Le Play ausdrücklich, daß er „oft
einen ganzen Monat, mindestens aber eine Woche“ darauf ver-
wandt habe. Das ist eine erstaunlich kurze Zeit für die Abfassung
einer Haushaltsrechnung, die so ins einzelne geht und schlechter-
dings nichts unberücksichtigt lassen will.

Damit im Zusammenhang steht die Dauer der aufzu-
nehmenden Periode. Wenn Le Play nur eine Woche lang sich
mit einer Familie beschäftigte, so konnten natürlich seine eigenen
genauen Beobachtungen und Aufzeichnungen nur diesen Zeitraum
umfassen. Nun geben aber alle Monographien ein Jahresbudget
wieder, das also offenbar in vielen Fällen das Resultat aus dem
Budget einer Woche, vervielfältigt mit 52 (der Anzahl der Wochen
im Jahre), ist. Le Play hielt das teilweise für ausreichendJ) und
sagt:

In Gegenden, wo die Arbeiter mit den Unternehmern, bei denen sie
arbeiten, nur durch Beziehungen von kurzer Dauer verbunden sind, und in
den seltenen Berufen, wo die Familien, jeder landwirtschaftlichen Beschäfti-
gung fremd, ausschließlich in der Industrie tätig sind, kann man summarisch
die Lage einer jeden Familie mit Hilfe des Budgets einer Woche beschreiben.
Das ist z. B. bei mehreren Kategorien englischer Arbeiter häufig der Fall.
Aber dieser Zeitraum genügt nicht mehr, wenn man eine tiefergreifende
Untersuchung anstellen will, weil die Subsistenzmittel, besonders für die
Nahrung, mit den Jahreszeiten gewissen Schwankungen unterliegen. Das gilt
namentlich auf dem Kontinent, wo die Landwirtschaft gewöhnlich eine be-
trächtliche Bolle in der Existenz des Arbeiters spielt; wo die Natur der Ar-
beiten, der Einnahmen und Ausgaben in den verschiedenen Zeiten des Jahres
wichtigen Veränderungen unterliegt. Man kann oft im allgemeinen nur dann
allen wesentlichen Tatsachen Keehnung tragen, wenn man bei seinen Schät-
zungen den Lauf eines ganzen Jahres erfaßt.

Ein Jahresbudget mußte also in einer Woche oder in einem Monat
ermittelt werden. Hierdurch wird die Art der Aufnahme bedingt,
die Technik: es ist die mündliche Befragung, die Le Play
anwendet, um über alle die vielen Einzelheiten eines Jahres genaue
Auskunft zu erhalten. Die großen Schwierigkeiten, die sich einer
solchen Befragung entgegenstellen, kennt Le Play wohl. Er sagt* 2):

') 0. E., 1. Aufl., 22.

2) 0. E. I, 221.
        <pb n="64" />
        ﻿56

Die zahlreichen Einzelheiten . . . die sich im Schema aller Mono-
graphien finden, können nur mit Hilfe einer langen und minutiösen Erhebung
gewonnen werden. Um sie gut durchzuführen, muß der Beobachter in alle
Teile der Wohnung eindringen: Möbel, Haushaltungsgegenstände, Wäsche,
Kleidung, die Höhe der verfügbaren Geldsummen, die Haustiere, das Arbeits-
material, kurz: das Eigentum der Familie inventarisieren; er muß die Vorräte
schätzen, die Nahrungsmittel wiegen, die je nach der Jahreszeit zu den
Speisen verwendet werden; ferner die Arbeiten der Familie innerhalb und
außerhalb des Hauses verfolgen. Das Studium der häuslichen Arbeiten ist
mitunter unendlich kompliziert, besonders bei den einfachen Völkern, die selbst
die Webstoffe bauen, ihre Kleider anfertigen und alles selbst produzieren bis
zur Seife, die zum Waschen ihrer Kleidung nötig ist. Noch feinere Unter-
suchungen sind die, welche sich auf das intellektuelle und moralische Leben
beziehen, auf Keligion, Erziehung, Erholung, auf die Eltern- und Freund-
schaftsgefühle, auf die Beziehungen zum Unternehmer, zu den Mitarbeitern,
Dienstboten und Lehrlingen, und endlich auf die Besonderheiten der Geschichte
der Familie.

Le Play gibt seinen Schülern für die Behandlung der einzelnen
Familienglieder einige Ratschläge aus dem Schatze seiner Er-
fahrungen und seiner Menschenkenntnis. Aber abgesehen davon,
daß sich die Menschenbehandlung vielleicht gar nicht erlernen läßt,
sind die Schwierigkeiten, die in der Materie selbst liegen, immer
noch sehr groß, auch alle Geschicklichkeit des Beobachters voraus-
gesetzt. Le Play fährt fort1):

Andererseits ist der Beobachter in eine ihm unbekannte Welt versetzt
und anfangs nur wenig dazu befähigt, die Bestimmung der Gegenstände zu
verstehen, das Jneinandergreifen der Arbeiten, den wahren Sinn der Ideen
und die genaue Wiedergabe der Gefühle. Er muß also unzählige Fragen an
die Familie richten und das bedeutet für diese einen Zeitverlust. Die Schwierig-
keit wächst noch in den zahlreichen Fällen, wo der Beobachter bei der Be-
fragung eine durch die lokale Mundart veränderte fremde Sprache anwenden
muß. (Die Kenntnis der fremden Sprache ist also schon Voraussetzung.) So
ist verauszusehen, daß die häufigen Fragen den Personen eine große geistige
Ermüdung auferlegen, die an Nachdenken nicht gewöhnt und wenig geeignet
sind, ihre Gedanken logisch zu ordnen.

Schlußbemerkungen über den Wert der Familien-Mono-
grapliien. Trotz dieser außerordentlich großen Schwierigkeiten hat
Le Play selbst erklärt, er habe keine Monographie aufgenommen,
die nicht zu seiner eigenen Zufriedenheit und zu derjenigen der
untersuchten Familie ausgefallen wäre. Ob das wirklich ausreichte,
wird später zu untersuchen sein. Aber soviel ist gewiß: die mono-
graphische Methode an sich war ein Präzisions-Instrument, wie es

*) 0. E. I, 222.
        <pb n="65" />
        ﻿57

bis dahin bei solchen Untersuchungen noch niemals angewendet
worden war.

Le Play selbst hielt, wie wir wissen, das Haushalts-Budget für
den wichtigsten Teil der Monographie. Er glaubt, in dem Budget
der Familie ein Mittel gefunden zu haben, das fiir die Sozialwissen-
schaft dasselbe leistet wie die Analyse in der Chemie.

Ein Mineral ist bekannt, wenn die Analyse jedes seiner Elemente isoliert
hat nnd wenn man gezeigt hat, daß das Gewicht aller einzelnen Elemente
genau gleich dem des analysierten Minerals ist. Eine zahlenmäßige Prüfung
derselben Art hat der Gelehrte immer zur Verfügung, der methodisch die

Existenz der sozialen Einheit, wie sie die Familie darstellt, analysiert.

Alle Akte, aus denen die Existenz einer Familie sich zusammensetzt, laufen
mehr oder weniger unmittelbar auf eine Einnahme oder eine Ausgabe hinaus.
Und es liegt in der Natur der Dinge, daß die in Geld bewertete Einnahme
einer Familie genau gleich ist dem Wert der Ausgabe und Ersparnis. So
ergibt sich, daß ein Beobachter die vollständige Kenntnis einer Familie be-
sitzt, wenn er alle in den beiden Teilen des häuslichen Budgets enthaltenen
Elemente analysiert hat und dann zu einer genauen Übereinstimmung der
beiden Endresultate kommt1).

An anderer Stelle2) hat er diesen Gedanken noch schärfer aus-
gesprochen :

Die Methode gibt zugleich die Mittel, um die Tatsachen zu kontrollieren,
und sie fügt sich solchen Anforderungen leicht. Der Beobachter ist ver-
pflichtet, seine Nachfragen so lange fortzusetzen, wie er nicht vollständige
Übereinstimmung zwischen den Einnahmen und Ausgaben eines Haushalts
gefunden hat. Die Prüfung, die in gleicher Weise auf die Mengen und Werte
der produzierten und der konsumierten Gegenstände anwendbar ist, bietet
dieselben Garantien der Exaktheit wie die doppelte Buch-
führung und die Berechnungen der analytischen Chemie.

Inwieweit solche Anschauungen schon bei der Methode Le Play’s
zutrafen, wird im folgenden Abschnitt zu erörtern sein. Die weitere
Entwicklung dieser Methode wird ihnen vielleicht recht geben.

J) 0. E. I, 224.

2) 0. E., 1. AufL, S. 22.
        <pb n="66" />
        ﻿Zweiter Abschnitt.

Beurteilung der Methode Le Play’s.

1.	Die Gegensätze zwischen der Methode und der Weltan-
schauung Le Play’s. Naturwissenschaftliche Methode Le Play’s.

Die Methode Le Play’s ist, wie wir wissen, dadurch entstanden, daß
ihm — dem naturwissenschaftlich gebildeten Manne — die sozial-
wissenschaftlichen Methoden schon frühzeitig nicht genügten, weil
sie die Herrschaft politischer Dogmen, revolutionärer Schlagworte
mindestens nicht hindern konnten und oft geradezu beförderten.
Solche Methoden konnten einen Geist wie denjenigen Le Play’s
nicht befriedigen.

Henry deTourville, der bedeutendste Schüler und zugleich
Kritiker Le Play’s, sagt von dieser Abneigung Le Play’s gegen die
Sozialwissenschaft seiner Zeitx):

Gelehrter im großen Stil, liebte er nichts weniger als die falschen An-
maßungen, die im Namen der Wissenschaft erhoben wurden. Als eine Zeit-
plage, als ein großes Übel vieler redlicher Menschen betrachtete er den Ge-
brauch der tönenden und vieldeutigen Worte, die die klare Erkenntnis der
Tatsachen verdunkeln, um ihnen vor der Öffentlichkeit ein Ansehen zu geben.

Le Play wollte an die Stelle dieser Schlagworte, die in jedem
Kopfe eine andere Vorstellung erwecken, so weit wie möglich, die
Ausdrücke des gewöhnlichen Lebens setzen. Vor allem aber wollte
er dieser verworrenen Begriifswelt Tatsachen entgegenstellen, die
aus der Erfahrung, aus der exakten Beobachtung der Wirklich-
keit gewonnen waren. Diese Beobachtung sollte sich aber nicht auf

*) Science sociale 1886, p. 10ff. art. „La Science sociale est-elle une Science?“
        <pb n="67" />
        ﻿59

ein Volk oder ein Land erstrecken; denn daraus gewinnt man
keine allgemeinen Gesetze; vielmehr ist man so immer der Gefahr
ausgesetzt, das Akzessorische einer Erscheinung für ihr Wesen zu
halten und kommt so zu falschen Ergebnissen. Die Beobachtung
vieler Länder hielt Le Play für die richtige Methode der Sozial-
wissenschaft, für die „Soziale Methode“. Sie stellt Le Play in
Parallele zu den exakten Methoden der Naturwissenschaften, indem
er sagta):

Die Eeisen sind für die Gesellschaftswissenschaft das, was die chemische
Analyse für die Wissenschaft von den Mineralien, das Kräutersammeln für die
Botanik ist, oder allgemeiner: was die Beobachtung der Tatsachen für alle
Naturwissenschaften ist.

Le Play sammelt zunächst Tatsachen, um das Leben der Völker
im einzelnen kennen zu lernen. Aus diesen Tatsachen zieht er
Schlüsse und steigt so „par deduction“ zu den Grundlagen alles
sozialen Lebens auf. Durch Anwendung dieser Schlüsse auf die
Gegenwart gewinnt er die Leitsätze für die soziale Eeform. Die
Tatsachen, wie die daraus abgeleiteten Grundsätze kontrolliert Le
Play durch neue Beobachtungen und das Urteil erfahrener Praktiker,
der „Sozialen Autoritäten“.

Die Einwände, die man gegen die durch diese Methode doku-
mentierte Anschauung von der Gesetzmäßigkeit alles sozialen Ge-
schehens und der Gleichstellung der Sozialwissenschaft mit den
exakten Naturwissenschaften erheben könnte, sucht Tourville zu
widerlegen.

Zunächst wird oft gesagt, daß die sozialen Erscheinungen vom
freien Willen des Menschen abhängig sind, womit die Ge-
setzmäßigkeit aufhöre. Tourville sieht hierin „eines der schönsten
Sophismen, das man aufstellen kann“:

Der Mensch bedient sich zur Erreichung des von ihm gewählten Zweckes
der Gesetze, die von Gott festgelegt sind. Das ist die Verbindung der mensch-
lichen Dreiheit mit der gesetzten Ordnung.

Man kann das auch umgekehrt ausdrücken: der menschliche Wille
ist ein Teil der menschlichen Ordnung. Oder um Wundt zu folgen:
„Unser Denken und Wollen erscheint uns nicht etwa deshalb frei,
weil es keinen Gesetzen folgt, sondern weil es von solchen Gesetzen
bestimmt wird, die in uns selbst liegen.“

*) Le Play, „La methode sociale“ 1879. Avertissement.
        <pb n="68" />
        ﻿60

Ein zweiter Einwand ist der, daß es wohl eine Sozialwissen-
schaft gebe, daß sie aber der Beobachtung nicht bedürfe, sondern
direkt von der menschlichen Vernunft ausgehe. Dem
widerspricht Tourville sehr entschieden. Aus zwei Gründen kann
die menschliche Erkenntnis die Beobachtung nicht entbehren: ein-
mal umfaßt die „Vernunft“, d. h. hier die rein spekulative Denkweise
nicht alles, besonders nicht alle Erfordernisse des sozialen Lebens,
z. B. Arbeitsmethoden, Löhne usw. Dann aber erfordert jede Er-
kenntnis a priori doch wieder Beobachtungsarbeit, sobald es sich um
ihre praktische Anwendung handelt.

Ein letzter Einwand besagt: Gut, rühmt die Lebenserfahrung!
Aber nennt das nicht Wissenschaft! Das ist reine Erfahrung!
Dieser Einwand wäre berechtigt, wenn die Tätigkeit Le Play’s nur
darin bestanden hätte, das Tatsachen-Material, das ihm von den
„Sozialen Autoritäten“ geliefert wurde, einfach weiterzugeben; oder
— da es sich ja hier um die Prinzipien der ganzen Methode handelt
und nicht nur darum, wie speziell Le Play gearbeitet hat —, wenn
es überhaupt unmöglich wäre, aus dieser Mannigfaltigkeit der Er-
fahrung mehr herauszuholen, als in der einzelnen Erfahrungstatsache
an sich schon liegt, wenn es also unmöglich wäre das Allgemein-
gültige der Erfahrungen festzustellen. Das ist aber keineswegs
der Fall1). Schon Le Play hat mehr getan. Wenn er sich auch
selbst lediglich als „Sekretär der sozialen Autoritäten“ bezeichnete,
so ist das nur übertriebene Bescheidenheit und keine Kennzeichnung
seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er hat mindestens versucht, die
Praxis in Wissenschaft zu verwandeln, aus den einzelnen Erfahrungs-
tatsachen allgemeingültige Ergebnisse zu gewinnen. Es sei hier an
seine Äußerung über die „Sozialen Autoritäten“ erinnert2):

Anf gewisse wohlüberlegte Fragen geben sie fast übereinstimmende Ant-
worten; aber gleichzeitig bezeichnen sie es als eine Unmöglichkeit, daraus
allgemeine Vorschriften und Gesetze abzuleiten.

Damit ist der Unterschied zwischen Praxis und Wissenschaft ge-
geben ; denn die Aufgabe der Wissenschaft ist es, allgemein gültige
Kausalverknüpfungen zu finden.

Ob es freilich Le Play gelungen ist, die rein praktische Lebens-
weisheit seiner „Sozialen Autoritäten“ in Wissenschaft umzusetzen,

*) Archiv für exakte Wirtschaftforschung II, 548 ff.

2) Kef. soc. I, S. XIII.
        <pb n="69" />
        ﻿61

das ist eine Frage, die schwerlich ohne weiteres bejaht werden
kann. Wir werden am Schlüsse unserer Untersuchung darauf zu-
rückkommen.

Das Eingreifen yon Toraussetzungen in die induktive Ana-
lyse. Le Play als Anhänger einer historischen Auffassung des
sozialen Lehens. Trotz dieser naturwissenschaftlichen Auffassung
des sozialen Lebens und der umfassendsten methodischen Arbeit, hat
Le Play’s Methode nicht die Erfolge gehabt, die man erwarten sollte.
Die Resultate, die er erzielte, das System, das er auf seinen Unter-
suchungen aufbaute, war seiner Ansicht nach durch überwiegende
Induktion gewonnen und genügte seinen eigenen Ansprüchen. Wir
werden aber sehen, daß seine Schlüsse von Voraussetzungen und
Dogmen nicht frei waren, daß vielmehr diese von der Jugend bis
zum Alter vorhandenen Voraussetzungen, trotz aller Anstrengungen,
sie zu überwinden, sich überall in den methodischen Gang einzu-
schleichen wußten, und daß die Methode von ihm nicht genügend
ausgebaut wurde, um diese inneren Hemmungen auszuschalten.

Im Gegensatz zu den englischen Individualisten und auch zu
den Sozialisten, gehört Le Play zu den historisch gerichteten
Sozialforschern. Ja, man könnte ihn in gewissem Grade mit Adam
Müller und anderen deutschen Nationalökonomen vergleichen, die
Roscher als „Romantische Schule“ bezeichnet1). Die Methode Le
Play’s ist zwar keine direkt historische, denn er schildert die Gegen-
wart ; aber er schildert sie dort, wo sie ihm die Vergangenheit seiner
eigenen Umwelt veranschaulicht. Er schilderte in den primitiven,
aber glücklichen Zuständen des Ostens die Vergangenheit des euro-
päischen Westens und war sich dessen bewußt. Er fand durch seine
Untersuchungen die Weisheit der uralten Entwicklung und Tradition,
die „intelligence du passe“, wieder, welche durch die Unwissenheit
und die Vorurteile der Revolutionäre, insbesondere der französischen
Revolution, teils verloren teils durchbrochen war2). Er suchte aber
auf solche Weise nicht das Vorübergehende der einzelnen historischen
Tatsachen, sondern das Dauernde, das über Zeit und Raum Hin-
ausgehende zu erfassen. So kommt er zu dem Ergebnis8):

In den Grundtatsachen der Sozialwissenschaft gibt es nichts zu erfinden:
in dieser Wissenschaft ist das Neue einfach das, was vergessen worden ist.

*) Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, S. 751 ff.

2)	0. E., 1. Auf!., 12.

3)	0. E. I, 389.
        <pb n="70" />
        ﻿62

Von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt Le Play die politischen
wie die sozialen Fragen seiner Zeit. Er verurteilt die französische
Revolution, weil er „das Heilmittel in der Erneuerung der Tradition,
nicht in dem schroffen Wechsel der Macht“ sieht. Und diese An-
schauung findet sich auf Schritt und Tritt bei Beurteilung der
sozialen Verhältnisse.

Sehr lehrreich ist hierfür das Urteil, das er von seiner ersten
Reise nach Deutschland (1829) mitnimmt, die neben anderen Studien
den Zweck verfolgte, soziale Streitfragen zwischen ihm und seinem
Freunde Reynaud zu erledigen. Er sagt, daß sie sich zwar über
evidente wirtschaftliche Tatsachen einigten;

indessen — so fährt er fort — gelangten wir keineswegs zu einer Verständi-
gung über die „Soziale Frage“, die der Ausgangspunkt unseres Unternehmens
gewesen war; wir erkannten nur, daß sie viel komplizierter war, als wir an-
fangs gedacht hatten. Ich bestärkte mich in dem Gedanken, daß die
Lösung zum großen Teil in den Traditionen der Vergangenheit
zu finden sei. Mein Freund dagegen bewahrte seine Überzeugung von der
Lehre vom „unaufhörlichen Fortschritt“ und von der Mitarbeit, die der Geist
der Neuheit hier wie in jeder anderen Materie leisten kann. Kurz: wir kehrten
zurück, zugleich verschiedener in unseren Anschauungen und doch bessere
Freunde als jemals *).

Hierin zeigt sich schon die Gefahr der vorgefaßten Meinungen,
die durch ungenaue Beobachtungen niemals unschädlich gemacht
werden können, sondern nur verstärkt werden. Denn man gelangt
dazu, die Beobachtungen da abzubrechen, wo die Meinungen be-
wiesen zu sein scheinen, und das, was der Beobachter vor der Be-
obachtung als wahrscheinlich ansah, wird jetzt in seinen Augen zu
einer aus exakter Beobachtung gewonnenen Tatsache.

Le Play kam es vor allem darauf an, Vorbilder für den sozialen
Frieden zu finden, erfreuliche Gegensätze zu dem Unfrieden und
der Unstetigkeit Frankreichs. Er wird dabei geleitet

einmal von dem Wunsche, bei den glücklichen Völkern die Traditionen des
Guten und des Friedens in Tätigkeit zu sehen; dann von dem Bedürfnis zu
lernen, wie bei den unglücklichen Völkern die sozialen Autoritäten dem sie
umgebenden Verderben Widerstand leisten* 2).

Es ist nicht zu viel gesagt, daß Le Play fast durchweg das Alte
als das Gute, das Neue als das Schlechte oder doch recht zweifel-
hafte Gute erscheint. Dagegen zog er die neuen Zustände n i e den

&gt;) 0. E. I, 39.

2) 0. E. I, 577.
        <pb n="71" />
        ﻿63

alten vor. Seine Urteile in dieser Hinsicht sind oft sehr richtig,
oft gehen sie aber viel zu weit. Le Play ist der naheliegenden
Gefahr erlegen, vom Alten nur die besten Seiten zu sehen und sie ]
lediglich in Gegensatz zu den schlimmen Seiten der Neuerungen
zu stellen.

Um ein einzelnes Beispiel schon hier anzuführen: hei Betrach-
tung der rapiden Entwicklung des Kuhrkohlenbergbaues seit seinen
früheren Beobachtungen (vor 1850) sagt Le Play mit bezug auf
die zunehmenden Klassengegensätze1):

Die soziale Plage ist hinfort endemisch in der sächsischen Ebene, wie
Cholera und Pest in den warmen Regionen des alten Kontinents. Sie ist
hervorgebracht worden durch die mächtigen Einflüsse, die mehr und mehr die
Arbeitsstätten beherrschen. Die Finanzleute und Spekulanten unserer Zeit
haben keineswegs die Traditionen der Männer bewahrt, die im 16. und 17. Jahr-
hundert die großen Industrie- und Handelsunternehmungen gründeten, die noch
heute Muster des sozialen Friedens und der Stabilität sind. Durch die unbe-
grenzten Kräfte, die ihnen die Kohle lieferte, aus den Wegen der Tradition
herausgestoßen, haben sie durch ihre fieberhafte Tätigkeit die ausgezeichneten
Patronagebeziehungen zerstört, die ich lange Zeit in den Fabriken Elberfelds
und Solingens bewundert habe.

Es ist wirkungsvoll, wie Le Play hier die alte und die neue
Zeit einander gegenüberstellt, oft beides auf Grund eigener Beob-
achtung. Wenn man aber seine Darstellung der Solinger Verhält-
nisse liest, auf die er hier verweist, so ist von den „ausgezeichneten
Patronage-Beziehungen“ nicht sehr viel zu finden. Und bei einer
kritischen Betrachtung jener Darstellung der Solinger Verhältnisse
wird sich zeigen, daß Le Play das Gute und das Schlechte an den
alten Verhältnissen mit zweierlei Maß gemessen hat: das Gute sah
er zu gut und das Schlechte sah er entweder gar nicht oder doch
stark gemildert.

So glaubte Le Play schließlich doch, in seiner Weltan-
schauung einen Bewertungsmaßstab für die gegenwärtigen Ver-
hältnisse zu besitzen. Aber dieser Maßstab verhinderte ihn, die
Dinge objektiv, naturwissenschaftlich zu erfassen. Die einseitige
Bewertung der Tradition nimmt einen dogmatischen Charakter an,
dem sich auch die beobachteten Tatsachen anpassen müssen. Zweifel-
los haben letztere auf seine Weltanschauung stark eingewirkt (Harz,
Ural), aber doch nur in einem verhältnismäßig begrenzten, von
vornherein gegebenen Rahmen. Er versuchte zwar, diesen Rahmen

‘) 0. E. IV, 563 ff.

5
        <pb n="72" />
        ﻿64

zu erweitern und die Einflüsse seiner Erziehung abzustreifen, teils
durch erneute Beobachtung, teils durch verschärfte Kontrolle der
verdächtigen Schlüsse; doch ist ihm das nur unvollkommen ge-
lungen.

Die reformatorische Absicht Le Play’s war ein wesent-
liches Hindernis für die Objektivität seiner Erkenntnis. Sie ist ja
doch der Endzweck seiner Untersuchungen. Sie zeigt sich in dem
oft erwähnten Gelübde des Jahres 1830, in seinen Veröffentlichungen
und Gründungen, wie in seinen Gesetzes-Vorschlägen. Dabei war
von besonderer Bedeutung, daß Le Play bestimmte gesetzliche Ein-
richtungen Frankreichs, die aus der Zeit der .Revolution und der
ersten Kaiserzeit herrührten, so z. B. die gleiche Erbteilung, von
vornherein für verfehlt ansah und ihr verderbliche soziale W irkungen
zuschrieb, die sich auch anders erklären lassen. Er sah in der
gleichen Erbteilung ein falsches Prinzip, das er durch ein anderes
ersetzen wollte, und es genügte ihm deshalb nicht, im Rahmen des
anerkannten Prinzips die bessernde Hand anzulegen. Aus seiner
reformatorischen Absicht in Verbindung mit seiner rückwärts ge-
richteten Weltanschauung entstehen so Reformvorschläge, die man
als „reaktionär“ bezeichnen kann, ohne damit einen Vorwurf aus-
zusprechen .

Vernunft und Sittengesetz als oberster Maßstab für die
Beurteilung sozialer Zustände. Wir sagten, daß die Welt-
anschauung Le Play’s, welche teils aus den Grundsätzen seiner
Erziehung, teils aus eigener Beobachtung erwachsen war, für ihn
den Charakter eines Dogmas erlangte und hierdurch die Objektivität
seiner Erkenntnis beeinträchtigte. In diesem Zusammenhänge muß
noch auf die Bedeutung hingewiesen werden, die Le Play für die
„Vernunft“ und das „Sittengesetz“ in Anspruch nahm zur Be-
wertung sozialer Verhältnisse. Hier ist nochmals zu verweisen auf
jenen schon zitierten Ausspruch:

Als ich mir vornahm, die Sozialwissenschaft auf der Praxis der nach all-
gemeiner Ansicht am höchsten stehenden Völker aufzubauen, schloß ich mich
nicht an die traurigen Doktrinen an, die die Gerechtigkeit dem Erfolg oder
die Vernunft der Gewalt unterordnen. Ich verwarf im Gegenteil a priori jeden
Schluß, der nicht mit den Vorschriften der Vernunft und des Sitten-
gesetzes übereinstimmte').

Aber diese Norm ist leichter aufgestellt als angewendet. Wer
hat das Sittengesetz zu interpretieren? Wessen Vernunft ist berufen,

J) Ref. soc. I, 90.
        <pb n="73" />
        ﻿65

das zu tun? Le Play ging zu den „Sozialen Autoritäten“, welche
die Doktrinen nach „ihren Ergebnissen beurteilen, indem sie das
Gute in dem erblicken, was die Menschen einander nähert, das
Böse in dem, was sie trennt“. Aber dadurch werden wir noch
nicht über die Schwierigkeiten der hier aufgeworfenen Frage hin-
ausgehoben.

Was Le Play unter „Vernunft“ versteht, ist nicht klar;
denn die von ihm angegriffenen zeitgenössischen Gelehrten, die sich
als „Interpreten der Vernunft“ ausgeben, haben nach der An-
schauung der „Sozialen Autoritäten“ offenbar nicht die richtige
„Vernunft“. Wo ist also diese zu finden? Jeder glaubt schließlich,
daß das, was er denkt und tut, vernünftig ist, und so geben sich
alltägliche Meinungen für die einzig richtige „Vernunft“ aus. Die
Weisheit der „Sozialen Autoritäten“ in allen Ehren. Es waren
darunter offenbar sehr bedeutende, weitblickende Männer. Aber
zunächst hing natürlich viel davon ab, welche „Soziale Autoritäten“
Le Play konsultierte; es waren doch immer nur einzelne Menschen,
und dann waren es eben auch Menschen mit menschlichen Irrtümern,
vor allem Menschen ihrer Zeit, die daher nicht ohne weiteres als
Verkörperung aller Vernunft, als authentische Interpreten des
Sittengesetzes betrachtet werden können.

Le Play versteht unter „Sittengesetz“ zunächst die zehn
Gebote, den „Dekalog“, den er bei jeder Gelegenheit erwähnt. Er
betrachtet ihn mit Recht als die Grundlage, als Voraussetzung, als
Maßstab für jede soziale Existenz. Aber den gesamten Inhalt
des Sittengesetzes kann man nicht ohne weiteres aus den zehn Ge-
boten entnehmen, sondern muß ihn in der Regel erst durch tief-
greifende Ermittlung der wechselnden Existenzbedingungen der Ge-
samtheit zu erfassen suchen.

Le Play weiß genau, daß der „Dekalog“ der Interpretation be-
darf; denn er definiert das Sittengesetz als

die Vorschriften des Dekalogs mit den Interpretationen, wie sie bei den der
sozialen Grundverfassung treuen Völkern durch Religion, Sitte und geschriebene
Gesetze festgelegt sind1).

Aber diese Definition ist unklar, wie sehr viele Definitionen Le Play’s.
Zunächst wieder: was ist die soziale Grundverfassung (constitution
essentielle)? Le Play antwortet:

*) 0. E. I, 463.

5*
        <pb n="74" />
        ﻿66

Die Gesamtheit der Ideen, Sitten und Einrichtungen, welche die zwei
wesentlichen Bedürfnisse des Menschen befriedigen (Kenntnis des Sittengesetzes
und tägliches Brot).

Offenbar liegt liier ein Zirkelschluß vor. Vor allem aber: dieser
ganze Komplex von Grundsätzen ist in seinen Elementen bei Le Play
von jeher vorhanden gewesen und ist nur durch seine Keisebeob-
achtungen bis zur Formulierung entwickelt worden, hat aber dann
einen schematischen und dogmatischen Charakter angenommen, der
namentlich durch die sehr allgemeine Formulierung ent-
standen ist. Die Formeln sind für ihn selbst wohl mit bestimmten
Vorstellungen ausgefüllt, die indes naturgemäß einen subjektiven
Charakter haben und bei anderen Beobachtern einen anderen
Charakter haben können. Nur die allgemeine Formulierung verleiht
ihnen eine religiöse, unbedingt bindende Bedeutung. Im Grunde
genommen, sind es doch wieder nur Wortbilder, hinter denen
erst die ganze ungeheure Fülle der Existenzbedingungen mensch-
licher Gesellschaften verborgen liegt. Sie dürfen nicht von vorn-
herein als gegeben betrachtet, sondern müssen erst hinter jenen
Formeln, die Etiketten ähneln, hervorgeholt werden. Das ist Le Play
nur unvollkommen gelungen. So ist er denn den aprioristischen Be-
griffen, deren Herrschaft er beseitigen wollte, selbst verfallen.

Seine Schüler leitete er im gleichen Geiste an. Er denkt sich
ihre Weiterarbeit lediglich als ein Zusammentragen von Tatsachen-
material. Er gibt Anweisungen für die Abfassung der Monographien
und sagt2):

Um sicher zum Schlußergebnis seiner Untersuchung zu gelangen, hat er
(der Beobachter) zwei untrügliche Leitfäden, wenn er in allen Einzel-
heiten die Lage der Familie in bezug auf Kenntnis des Sittengesetzes und
Genuß des täglichen Brotes beobachtet hat. Er ist immer in der Lage, zu
beweisen, daß die Familie elend oder glücklich ist, je nachdem diese beiden
wesentlichen Bedingungen des Unglücks oder Glücks zerstört oder wohl-
erhalten sind.

Damit ist für ihn, wie für seine Schüler die Bewertung der Zu-
stände von vornherein gegeben. So einfach liegen die Dinge aber
in Wirklichkeit nicht. Jeder Tatbestand setzt sich aus einer Fülle
günstiger und ungünstiger Momente zusammen, und es ist unmöglich,
ihn nach solchen allgemeinen Formeln bewerten zu wollen.

') 0. E. I, 449.

2) 0. E. I, 227.
        <pb n="75" />
        ﻿67

Le Play’s Fragestellung war eine viel zn allgemeine; vor allem
aber hat er seine Ergebnisse zu früh generalisiert; er hat
die Schwierigkeiten einer für die Bildung einwandfreier Schlüsse
ausreichenden empirischen Grundlegung unterschätzt. Darin ist wohl
letzten Endes der Widerspruch begründet, der zwischen seinen An-
forderungen an die wissenschaftliche Methode und seinen Anschau-
ungen besteht. Dies führt uns zu seiner Methode zurück, welche
wir nunmehr in ihren Einzelheiten kritisch zu betrachten haben.

Induktion und Deduktion bei Le Play. Schwierigkeiten,
die Methode Le Play’s zu verfolgen. Auf die Schwierigkeiten,
die einer genauen Darstellung der Methode Le Play’s im Wege
stehen, ist schon des öfteren aufmerksam gemacht worden; sie haben
auch veranlaßt, daß in dem methodischen Teil dieser Arbeit die
Methode nur so weit verfolgt wurde, als sie klar zutage liegt,
nämlich bis zur Monographie einschließlich. Wir müssen hier jetzt
wieder anknüpfen.

Die erste Ausgabe der „Ouvriers europeens“ hatte überwiegend
analytischen Charakter. Diesem Werke folgte später „La reforme
sociale en France“, ein überwiegend synthetisches Werk. Nach
Sainte-Beuve sah Le Play ein,

daß der Leser nicht aus sich heraus in seinem großen Foliowerke die tausend
zerstreuten Induktionen suchen und finden könnte, die aus dieser Menge
von Einzelbeobachtungen resultieren, und er nahm sich die Mühe, die Ideen
zusammenzufassen, die Gesichtspunkte zu erhöhen, die Vergleiche zu Gruppen
zusammenzustellen, sie zu gleicher Zeit zu entwickeln und ins rechte Licht zu
setzen, mehr oder weniger praktische Schlüsse daraus zu ziehen, auch mehr
oder weniger unmittelbare, aber alle gegründet auf die genaue Kenntnis der
Gesellschaften und Völker').

So entstand ein Werk, das zum großen Teil wohl auf den
Monographien der „Ouvriers europeens“ aufgebaut ist, aber den
Zusammenhang nicht selbst erkennen läßt. Diesem Mangel hat
Le Play dadurch zu begegnen gesucht, daß er die zweite Auflage
der „Ouvriers europeens“ anders anlegte, als die erste und den
synthetischen Teil seiner Arbeit mit dem analytischen in direkten
Zusammenhang brachte. Aber auch diese methodische Umstellung
erwies sich als ungenügend, was sich besonders bemerkbar machte,
als man begann, eine Schule zu gründen, und als die Methode zum
Gegenstand des Unterrichts gemacht werden sollte. Deshalb be-
schloß Le Play, das Werk „La reforme sociale en France“ voll-

’) Sainte-Beuve, Nouveaux Lundis IX, 179.
        <pb n="76" />
        ﻿68

ständig umzuarbeiten. Er ist aber nicht mehr dazu gekommen, und
erst seine Schüler haben versucht, sein Werk fortzusetzen.

Ursachen dieser Schwierigkeiten. Selbst den unmittelbaren
Schülern Le Play’s, die nach seiner Methode arbeiteten und in den
methodischen Zusammenhang zwischen System und Materialsammlung
einzudringen suchten, ist es nie ganz einwandfrei gelungen, den
Zusammenhang klarzulegen. Sie sind alle überzeugt, daß ein enges
Band vorhanden ist; es tritt aber nach außen nicht in die Erschei-
nung. So kam es, daß Le Play selbst von vielen ihm Nahestehenden
verkannt wurde, und daß „La reforme sociale en France“ als das
„Ergebnis hoher Philosophie“ angesehen wurde. Paul deßousiers1)
gibt einige Gründe an, die diesen methodischen Mangel erklären
sollen. Zunächst, meint er, mußte Le Play für sich selbst erst
einmal eine Arbeitsmethode finden, ehe er daran denken konnte, die
Methode zu lehren. Das ist richtig. Aber die Nichtlehrbarkeit ist
ja nicht der Vorwurf, der Le Play gemacht wird, sondern die Nicht-
sichtbarkeit der Methode. Es ist viel wichtiger, daß eine neue
Methode zunächst einmal sichtbar ist; lehrbar wird sie erst im
weiteren Verlauf ihrer Entwicklung, nämlich wenn sie einen typischen,
allgemein gültigen Charakter angenommen hat. Deßousiers gibt
aber einen Fingerzeig dafür, weshalb Le Play die Methode, auf die
er im Anfänge so viel Wert gelegt und Arbeit verwendet hat,
später vernachlässigte: die ßeformarbeit wurde in Frankreich immer
dringender; sie drängte das streng wissenschaftliche Verfahren in
den Hintergrund. Er sagt2):

Zwanzig Jahre lang wurden seine dauernden Bemühungen, in das Ge-
heimnis des ßesellschaftslebens einzudringen, durch den Wunsch lebendig ge-
halten, die für das Heil seines Vaterlandes nützlichen Wahrheiten zu erkennen.
Als er so weit war, die Grundlagen der .Reform in Frankreich klar zu sehen,
machte er sich zunächst daran, sie aufzuzeigen und die wissenschaftliche Sorge
um die Methode sah sich an die zweite Stelle gedrängt.

Ein zweiter Grund, den de ßousiers angibt, hält mit Tourville
dem Genie Le Play’s die Vernachlässigung der Methode zugute:
de ßousiers macht einen scharfen Unterschied zwischen Le Play
und seinen Schülern. Der Meister sah in der Monographie der
Arbeiterfamilie die ganze Gesellschaft vor sich; schon ehe er die
Auswahl einer Familie vornahm, war er über die sozialen Verhält-
nisse gut unterrichtet; er besaß den großen Überblick über das

*) La Science sociale 1904, S. 18 ff.

2j 1. c. S. 21.
        <pb n="77" />
        ﻿69

Ganze, der es ihm ermöglichte, aus der Masse von Einzeltatsachen
das Wesentliche herauszuholen. Anders die Schüler, die wohl fleißig
Monographien aufnahmen, aber nicht darüber hinauskamen. Es
waren mehr Männer, die schon entdeckte Wahrheiten wiederholten,
als solche, die durch Entwicklung der Methode neue Beziehungen
enthüllen wollten. Deshalb, meint de Bousiers, hat die Sozial-
wissenschaft seit dem Tode Le Play’s keine Fort-
schritte mehr gemacht. Die Monographie „ist ein Instrument,
dessen sich Le Play allein zu bedienen wußte, um von der Arbeiter-
familie zur Gesellschaft, von der Beobachtung zum Allgemeingültigen
emporzusteigen“.

De Bousiers, der der Schule der „Science sociale“ angehört, die
im Gegensatz zur Schule der „Beforme sociale“ bald nach dem Tode
des gemeinsamen Meisters die Methode von Grund aus änderte,
zeichnet hier die Unterschiede zwischen Le Play und seinen Nach-
folgern vielleicht etwas zu kraß, weil er die Absicht hat, Le Play
zu schonen und die Notwendigkeit einer Beform seiner Methode
damit zu erklären, daß nicht jeder ein Genie sein und den metho-
dischen Gang durch Intuition ersetzen könne. Diese ganze ein-
leitende Darlegung de Bousiers ist mehr eine captatio benevolentiae,
die ihn aber nicht hindert, die Irrtümer Le Play’s im weiteren
Verlaufe scharf unter die Lupe zu nehmen. Es ist richtig und
eigentlich auch selbstverständlich, daß Le Play seine Methode besser
zu handhaben wußte und mehr mit ihr erreichte als seine Schüler.
Aber auch er hat, wie sie, die Schwierigkeiten kennen ge-
lernt, die auf dem Wege von der Beobachtung zur Schlußfolgerung
liegen.

Erste Erfahrungen Le Play’s mit der Methode. Verzögerung
der Erfolge. Über seine ersten Erfahrungen mit der Methode
urteilt Le Play folgendermaßen:

Als ich mich anschickte, an die Erforschung der Menschen mit einem der
Erforschung der Mineralien ähnlichen Verfahren heranzutreten, empfand ich
ein Moment des Zögerns. Ich sah wohl, daß die Methode in beiden Wissen-
schaften dieselbe war; aber ich fühlte auch, daß in mir der Mensch und
der Chemiker nicht dieselbe Indifferenz in Rücksicht auf die
gesuchten Resultate zeigten. Ich mußte mich also zunächst fragen,
ob meine Wahrheitsliebe dem Einfluß der materiellen, intellektuellen und
moralischen Gewohnheiten, die durch meine Erziehung bedingt waren, Wider-
stand leisten würde *).

J) 0. E. I, 590 ff.
        <pb n="78" />
        ﻿70

Le Play fühlte, wie wir sehen, von Anfang an, wo die größten
Hindernisse der wissenschaftlichen Objektivität zu suchen waren.
Aber diese Erkenntnis war nicht nachhaltig genug. Er fährt fort:

Glücklicherweise hielt ich mich vor dieser Schwierigkeit nicht lange auf.

Er glaubte sie dadurch zu überwinden, daß er sich genau an die
Anweisung eines seiner Lehrer hielt, der ihm jenes untrügliche Kri-
terium des Wahren und Falschen gegeben hatte. Folgendermaßen
glaubte Le Play inmitten all der falschen Meinungen, die ihn
während der Anfänge seiner sozialen Forschungen umgaben, das
Wahre vom Falschen unterscheiden zu können:

Ich brauchte nur die Praxis der „Sozialen Autoritäten“ zu beobachten, die
mir von meinem Lehrer gekennzeichnet worden -waren, und die am häuslichen
Herd und an der Arbeitsstätte sich die Zuneigung und den Eespekt ihrer
Untergebenen bewahrt haben.

Also wieder der alte Zirkelschluß. Doch er bemerkte abermals,
daß die methode d’observation in der Sozialwissenschaft nicht so rasch
zu Erfolgen führte wie in den Naturwissenschaften. Unter der
gleichen Religion und Staatsform wurde das eine Volk glücklich,
das andere unglücklich. Mit anderen Worten: Le Play bemerkte,
daß die differenzierenden Momente im Völkerleben doch
zahlreicher sind, als er angenommen hatte. Er unterschied von jetzt
an außer den unveränderlichen Elementen jeder sozialen Konstitution
„Beobachtung des Sittengesetzes“ und „Sicherung des täglichen
Brotes“, noch weitere variable Elemente. Aber die Tragweite
der letzteren suchte er nicht zu ermitteln, und hinsichtlich der
ersteren hielt er fest an den einfachen, schematischen Vorstellungen,
die ihm von Jugend auf in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Voraussetzungen und Vorurteile als innere Hemmungen.
Le Play war im Irrtum, wenn er glaubte, daß er durch den engsten
Anschluß an die „Sozialen Autoritäten“ die Einflüsse seiner Er-
ziehung ausschalten könnte. Sie sind in Wahrheit immer vorhanden
gewesen und nie ganz zurückgedrängt worden. Als Le Play im
Jahre 1824 seine Studien in Paris begann, betrachtete er die politi-
schen wie die sozialen Verhältnisse Frankreichs nicht mit unbe-
fangenem Auge. Er hatte gar nicht die Absicht, zu prüfen, welche
guten und welche schlimmen Folgen die Umgestaltung der Dinge
seit 1789 gehabt hatten; er sah in der Revolution nur das Wirken
„falscher Ideen“, „falscher Dogmen“, die das Verschwinden der
alten nationalen Tradition verschuldet, teilweise sogar ihre Kenntnis
        <pb n="79" />
        ﻿71

in Vergessenheit gebracht hatten. Deshalb blieb er dem neuen
Geiste gegenüber unzugänglich und ablehnend. Er war1)

gewappnet gegen die Irrlehren, die die modernen Historiker, die Poli-
tiker, die Dichter, die Presse nsw. yortrugen. . .. Ich blieb zuerst gleichgültig
gegenüber den Schriften, die meine Mitschüler begeisterten; dann verabscheute
ich sie, als ich die blutigen Ereignisse vom Juli 1830 daraus hervorgehen sah,
die sich seitdem so oft wiederholt haben.

Also immer Ablehnung und Verabscheuung der modernen Ideen, die
allein für das nationale Unglück haftbar gemacht wurden.

Daneben finden wir bei Le Play schon früh jene ausgeprägte
„hierarchische“ Auffassung vom Staats- und Gesellschaftsleben,
d. h. die Vorstellung von über- und untergeordneten Gesellschafts-
klassen, die ihm ebenfalls vollkommen in Fleisch und Blut über-
gegangen war. Auch in seinem Privatleben zeigt sich diese Auf-
fassung von der Überordnung des einen über den anderen. Als er
mit seinem Freunde Reynaud in Deutschland reiste, ergaben sich
oft lebhafte Meinungsverschiedenheiten; aber

die hierarchischen Gewohnheiten bestimmten mich dazu, die manchmal etwas
scharfen Wendungen des „Älteren“ gern hinzunehmen2).

Wie wir in der Jugend diese Auffassung schon wahrnehmen können,
so finden wir sie später wieder, bis in die Einzelheiten systematisch
ausgebaut. Eine solche organische Auffassung des Volkslebens hatte
ihre volle Berechtigung; aber indem jede andere Auffassung von
vornherein abgewiesen wurde, entstand ein „Vorurteil“. Er hätte
die Notwendigkeit der „hierarchischen“ Gliederung beweisen müssen.

Le Play wußte wohl, daß auch er sich vor „opinions precongues“
zu hüten habe3); aber er dachte dabei je länger, um so weniger an
jene ihm in der Jugend eingepflanzten Vorstellungen, an die ganze
Richtung seiner eigenen Erziehung, sondern an gewisse sein Volk
und seine Zeit beherrschenden Vorstellungen, vor allem an die
Überschätzung des Reichtums, an die demokratischen Anschauungen
der großen Revolution. Sie suchte er bei sich zurückzudrängen,
weil er sie als Hemmungen seiner wissenschaftlichen Arbeit be-
trachtete. Er sah die Gefahr immer nur auf der einen Seite, so
sehr stand er selbst auf der anderen. Dieser Standpunkt, zu dem

') 0. E. I, 619.

2)	0. E. I, 39.

3)	Ref. soc. I, 65.
        <pb n="80" />
        ﻿72

er immer wieder zurückkehrte, war aber derjenige seiner Erzieher;
er hat es seihst ganz naiv ausgesprochen1):

Ich suche seit einem halben Jahrhundert die glücklichen Gesellschaften,
die meinen Mitbürgern als Muster vorgehalten werden können. Ich habe bei
dieser schwierigen Materie immer zunächst versucht, mich dem Drucke der
vorgefaßten Anschauungen zu entziehen; nachdem ich alle zeitgenössischen
Neuerer angehört hatte, bin ich immer zu der Wahrheit zurückgeführt
worden, die ich seit meinem fünften Jahre von meiner Mutter empfangen hatte:
ich erkannte mehr und mehr als Kriterium des Glücks und Gedeihens das sitt-
liche Lehen und das tägliche Brot.

Indem Le Play der Scylla des Zeitgeistes entging, fiel er der
Charybdis der Vorstellungen anheim, welche seine Erzieher ihm ein-
gepflanzt hatten.

Diese Vorstellungen waren nicht falsch, aber zu allgemein und
unvollständig; das ist die Wahrnehmung, die sich uns immer wieder
aufdrängt. Le Play wollte „Musterbilder glücklicher Völker“
suchen, die als Vorbilder für Frankreich dienen sollten. Die „Tra-
dition des Guten und des Friedens“ wollte er in Tätigkeit sehen,
um ihre Prinzipien für Frankreich nutzbar zu machen, wenigstens
dem französischen Denken näher zu bringen. Das war keine klar
umschriebene Aufgabe. Für den Begriff „Glück“ hat Le Play
mehrere Bezeichnungen. Einmal „bien-etre“, das materielle Wohl-
ergehen des einzelnen, dann „bonheur“, das physische und
moralische Wohlergehen; letzterem entspricht für die Gesellschaft
„prosperite“. Alle sind zurückzuführen auf „die andauernde
Wirkung des Guten“, worunter Le Play die Prinzipien der „Consti-
tution essentielle“ und das dadurch verwirklichte praktische System
versteht. Welche Unbestimmtheit der Begriffe für eine exakte
Untersuchung! Und welches fortgesetzte Sichdrehen im gleichen
Kreise!

Die unklaren Bewertungs-Maßstäbe mußten Le Play dazu ver-
führen, die von ihm beobachteten Tatsachen des Lebens in die
fertigen Fächer seiner Begriffe einzuordnen, statt umgekehrt letztere
aus den Beobachtungen selbst zu bilden. Mit anderen Worten: Le
Play verfuhr, ganz gegen seine eigene Absicht, überwiegend
deduktiv. Wie konnte er selbst in diesen von ihm so scharf er-
kannten und gerügten Fehler verfallen? Die Antwort lautet: weil
seine induktive Methode ein Torso blieb, und weil die breiten
Lücken seiner Methode ihn zwangen, sie mit Hilfe jener vagen

l) 0. E. I, 81.
        <pb n="81" />
        ﻿73

Vorstellungen und Begriffe durch überwiegende Deduktion auszu-
füllen. Wir haben hier nicht zu untersuchen, ob und inwieweit es
überhaupt möglich ist, die allgemeinen Begriffe „Glück“, „Sitten-
gesetz“, „Tägliches Brot“ usw. durch schärfer umgrenzte Begriffe
zu ersetzen. Genug: Le Play hat dies nicht einmal zu tun ver-
sucht.

Le Play’s Methode blieb unvollendet. Die Unvollkommenheit
der Methode Le Play’s wird im einzelnen aus der folgenden Kritik
seiner Monographien ersichtlich werden. Vorher wollen wir noch-
mals auf Grund seiner eigenen Äußerungen uns dasjenige zu ver-
gegenwärtigen suchen, was er unter „Induktion“ verstand. Auch
dies war bei ihm ein recht unbestimmter Begriff, dessen eigentliches
Wesen wir nicht erfassen können, so gewissenhaft er sich selbst
gerade an diesem Teile seines Lebenswerkes abmühte.

Als Le Play 1829 die Bergwerke des Harzes besuchte, fand
er dort, wie wir wissen, dasjenige verwirklicht, was er später „la
Constitution essentielle de l’humanite“ nannte: die Befolgung des
Sittengesetzes und die Sicherung des täglichen Brotes.

Jedes Jahr bestärkte ich mich in dieser Überzeugung, während der
Sommerreise, die mir die Kenntnis der sozialen Tatsachen vermittelte, dann
während des Winters durch die Induktionsarbeit, die mich langsam von diesen
Tatsachen zu den Prinzipien aufsteigen ließ *).

Die „Induktionsarbeit“ des Winters, die sich an jede einzelne
Reise anschloß, war viel bedeutungsvoller als das Materialsammeln,
schon rein äußerlich; Le Play hat viel mehr Zeit darauf verwendet.

Die Darstellung der 57 Monographien nimmt den größten Teil meines
Werkes in Anspruch, aber nur den geringsten Teil der Zeit, die ich darauf
verwendet habe. Diese Zeit wurde hauptsächlich zu unaufhörlicher
Überlegung verwendet, die es mir erlaubt hat, dem Joche der zeitgenössi-
schen Irrtümer zu entschlüpfen. Ich bin erst nach und nach zu ewigen Wahr-
heiten gelangt, d. h. zu solchen, die für die glücklichen Völker aller Zeiten
entscheidend gewesen sind.

Le Play fand also gleich bei Beginn seiner Beobachtungen im Harz
ein Prinzip bestätigt, das ihm schon in frühester Jugend vor Augen
gestanden hatte. Alle Beobachtungen der nächsten Jahre (in den
Pyrenäen, in Belgien, in England, im Südosten Rußlands)2) dienten
zur Prüfung dieses Prinzips und schienen es entweder zu bestätigen
oder ihm zu widersprechen. Wenn die „Prinzipien“ der beob-

’) 0. E. I, 425.
2) 0. E. I, 413.
        <pb n="82" />
        ﻿74

achteten Tatsachen nicht miteinander in Einklang zu bringen
waren, so war das für Le Play die Veranlassung zu erneuter Nach-
prüfung; er hatte offenbar die Prinzipien noch „nicht richtig ver-
standen“. So hat er manche Gegenden dreimal besucht, bis er
schließlich den tieferen Sinn in den äußeren Erscheinungen ent-
deckt zu haben glaubte:

Endlich erschien mir die Methode der Monographien in ihrer vollen Frucht-
barkeit. Jede neue Beobachtung führte sofort zu Folgerungen, die stets durch
die Meinung der weisesten Männer ihrer Gegend bestätigt wurdenl).

Man sieht hier förmlich vor Augen, wie sich Le Play immer mehr
in seinen Anschauungen befestigte, von denen er glaubte, daß sie
voraussetzungslos aus seinen Beobachtungen gewonnen seien. Er
sah nicht, daß sie zum größten Teil schon aus seiner Fragestellung
herrührten.

Soweit war er gelangt, als die Anzeichen einer neuen bevor-
stehenden Revolution sich am Horizont zeigten, im Jahre 18442).
Seine Freunde bedrängten ihn jetzt mit Fragen nach den Ergeb-
nissen seiner vieljährigen Studien. Es wurde aus Angehörigen der
verschiedenen Parteien ein sozialer Reformausschuß gebildet, dem
u. a. Le Play, Tocqueville, Montalembert, Jean Reynaud, Frangois
Arago und Lanjuinais angehörten. Le Play versprach die dafür
erforderlichen Materialien zu liefern. Er selbst wollte jeder poli-
tischen Aktion fernbleiben. Aber seine Ergebnisse sollten ihr
dienen.

Da brach die Februar-Revolution aus. Alle Reformarbeit wurde
unterbrochen. Der Streit der extremen Meinungen erreichte seinen
Höhepunkt. Le Play wurde, seinem lebhaften Widerstande zum
Trotz, von seinen Freunden moralisch gezwungen, direkt in den
Streit klärend einzugreifen. Er verpflichtete sich, durch ein Werk
die.Bedingungen der sozialen Reform vorzutragen3).

Mit Rücksicht auf diese Reform, auf politische Zwecke, ging
Le Play an eine erneute Nachprüfung seiner Ergebnisse, und zwar
schon mit ganz befestigten Anschauungen, während die Monographien
nur in ihren Elementen vorhanden waren, eine zusammenfassende
Darstellung überhaupt noch nicht vorlag. Jetzt widmete sich
Le Play ganz der Sozialwissenschaft, die früher in zweiter Linie

&gt;) 0. E. I, 421.

2)	0. E. I, 422 ff.

3)	0. E. I, 431.
        <pb n="83" />
        ﻿75

gestanden hatte. Es galt die Lücken der Monographien auszufüllen,
die alten Beobachtungen nachzuprüfen und neue zu sammeln. Wieder
war Le Play sechs Sommer auf Reisen, während er die Winterzeit
zur Abfassung der Monographien benutzte. Im Jahre 1854 war das
Manuskript der „Ouvriers europeens“ fertig. Er hatte von 300
beobachteten Familien 36 genauer bearbeitet, „die allenfalls genügten,
um die Grundsätze der sozialen Reform unseres Landes darzulegen“.
Jede Monographie zeigte die „Induktionen“, die aus ihr gewonnen
waren. Ein zusammenfassendes Schlußkapitel behandelte „die
Sitten und Einrichtungen, die auf Grund der Erfahrung und nach
einstimmiger Ansicht der sozialen Autoritäten Europas für die
Existenz jeder glücklichen Gesellschaft unentbehrlich sind“ 1).

Aber gerade dieses Schlußkapitel, welches die Folgerungen ent-
hielt, ließ Le Play in der 1. Auflage der „Ouvriers europeens“ fort,
weil inzwischen sich die politischen Verhältnisse wieder derart ge-
ändert hatten (Staatsstreich von 1851), daß jene Schlußfolgerungen
den momentanen Gesamteindruck des Werkes gefährdet haben würden.
Der Text der 1. Auflage beschränkte sich daher auf dasjenige, was
unbedingt notwendig war zum Verständnis der Monographien. Erst
in der 2. Auflage hat Le Play die Schlußfolgerungen hinzugefügt
(vol. I ch. XVI u. XVII): die Darstellung der wesentlichen Bestand-
teile eines glücklichen sozialen Zustandes. Hierdurch macht die
erste Auflage einen weit unbefangeneren Eindruck als die zweite.

So ist es gekommen, daß die erste Auflage der „Ouvriers
europeens“ das einzige der Werke Le Play’s geblieben ist, in dem
die Politik, die Sozialreform nicht als Zweck seiner Studien offen
zutage tritt. Aber unter der Oberfläche war sie auch dort vor-
handen.

Man sieht: Le Play bemühte sich unendlich, aus seinen Beob-
achtungen die wesentlichen Grundlagen des Völkerglücks und aus
ihnen die Grundsätze sozialer Reform abzuleiten. Aber diese „In-
duktionen“ waren etwas völlig anderes wie dasjenige, was er ur-
sprünglich angestrebt hatte.

Er hatte nach vorurteilsloser, nach zwingender, nach natur-
wissenschaftlicher Erkenntnis gestrebt. Aber seine tatsächliche
Fragestellung machte es ihm schon unmöglich, dieses Ziel zu er-
reichen; denn ersuchte die wesentlichen Elemente des Völkerglücks,

*) 0. E. I, 432 ff.
        <pb n="84" />
        ﻿76

des sozialen Friedens. Eine an sich berechtigte, aber viel zu all-
gemeine und auch einseitige, unvollständige Fragestellung. Sie
schob schon einen Teil der zu beobachtenden Tatsachen in den

Vordergrund, einen anderen Teil in den Hintergrund; sie konnte
den verwickelten Tatbeständen ausgebildeter sozialer Differenzierung
nicht gerecht werden. Ferner war aber auch dasjenige, was er
suchte, schon in seinem eigenen Geiste für ihn gegeben: ein allge-
meiner idealer Wertmaßstab der zu beobachtenden Tatsachen, der
diese unvermeidlich färbte. Seine Erkenntnis war also von Voraus-
setzungslosigkeit weit entfernt.

Sie war auch nur scheinbar zwingend. Ihr zwingender Cha-
rakter lag unbewußt darin, daß sich seine Beobachtungen von An-
fang an und später nur noch immer mehr nach dem Prinzip orien-
tierten, daß die Beobachtung des Sittengesetzes und die Sicherung
des täglichen Brotes die wesentlichen Bestandteile des sozialen
Wohlergehens seien. Wo die von ihm beobachteten Tatsachen für
die Wahrheit dieses Prinzips sprachen, da wurden sie von ihm ohne
weiteres als Beweismittel verwendet; wo sie gegen die Wahrheit
des Prinzips sprachen, erschien ihm dies als ein sicheres Symptom
des Verfalles, während es doch ebensogut ein Zeichen eines Über-
gangszustands oder auch der unzureichenden Fragestellung sein
konnte. Aber das kam ihm nicht in den Sinn. Deshalb wirkten
seine „Induktionen“ auf ihn selbst um so mehr zwingend, je
weiter er seine Beobachtungen ausdehnte; aber bei Nachprüfung
seiner scheinbaren Induktionsschlüsse werden wir sehen, daß diese
keineswegs zwingend und überhaupt oft gar keine wirklichen In-
duktionen waren, sondern Deduktionen aus vorgefaßten Meinungen.
Das war kein naturwissenschaftliches Verfahren.

Gerade diejenigen Beobachtungen Le Play’s, die bei weiterem
Ausbau seiner Methode ihr einen zwingenden, einen naturwissen-
schaftlichen Charakter hätten geben können, die meßbaren Tat-
sachen der Familien-Wirtschaft, ließen sich im Lichte seiner sozialen
Wertmaßstäbe am wenigsten verwerten und sind auch, soweit er-
sichtlich ist, kaum von ihm verwertet worden. Deshalb gelangte
die Entwicklung der Methode, soweit sie einen naturwissenschaft-
lichen Charakter hatte oder doch haben konnte, nicht über die
Beobachtung hinaus. Schon die Analyse der beobachteten Tat-
sachen konnte gar nicht mehr einen solchen Charakter haben, noch
weniger die Synthese.
        <pb n="85" />
        ﻿77

Die Wirklingen des wirtschaftlichen Vorwärtsstrebens, der auf-
opfernden Kraftanspannung im Dienste der eigenen Familie, die
Wirkungen dieses Prinzips, das in der Neuzeit das vorherrschende
geworden ist, wären mit Hilfe der Methode Le Play’s hei dessen
weiterem Ausbau wohl zu messen gewesen. Aber sie paßten nicht
in sein Schema der wesentlichen Elemente sozialer Glückseligkeit
und blieben deshalb unverwertet. So ist die Methode Le Play’s
über die Anfänge nicht hinausgelangt.

3. Die Monographie. Der Kähmen der Familie reicht nicht
ans. In der Kritik, die Paul de Rousiers in dem schon er-
wähnten Artikel „L’ecole de la Science sociale“ an der Methode Le
Play’s übt, betrachtet er die Tatsache, daß zwischen den Mono-
graphien Le Play’s und denen seiner Schüler sehr weitgehende
Unterschiede bestehen, als einen Beweis für die allzu rohe Schemati-
sierung der Monographie seines Meisters. Während bei Le Play
das Allgemeine und Wesentliche immer gut herausgearbeitet ist, geben
die Schüler in denselben Paragraphen oft „kindliche Beobachtungen“
wieder oder solche von speziellem Interesse. Aus dieser Ungleich-
heit entnimmt de Rousiers, daß das Schema der Monographie viel
zu weit ist und dem Beobachter nicht die nötigen Hilfen gibt. In
Wahrheit liegt der Fehler noch tiefer: es fehlt eine strenge Me-
thode der Analyse wie der Synthese. Le Play hat diesen Fehler
nie erkannt, sondern immer geglaubt, daß der gute Wille des Be-
obachters und die im Schema liegenden Anweisungen zur Abfassung
einer guten Monographie durchaus genügen.

Vor allem richtet sich die Kritik de Rousiers gegen den Teil
der Monographie, der unter dem Titel „Verschiedene Elemente der
sozialen Verfassung“ die außerhalb der Familie liegenden, von der
Familie zur Gesellschaft hinführenden wesentlichen Bestandteile der
Gesellschaftsverfassung enthalten soll. In dieser unsystematischen
Betrachtungsweise, die auch in der Verschiedenheit der Überschriften
in den einzelnen Monographien ihren Ausdruck findet, erblickt de
Rousiers ein Eingeständnis der Schwäche, des Nichtkönnens.

In der Tat liegt hier eine große Schwäche der Monographie
vor und damit der ganzen Arbeit Le Play’s. Er selbst war wohl
imstande, auf Grund seiner Erfahrungen und Beobachtungsgaben die
wesentlichen Punkte richtig zu erfassen und hervorzuheben. So-
lange er lebte, hat er an allen Monographien, die seine Schüler
fertigstellten, mitgearbeitet oder sie nachgeprüft. Er hätte also auf-
fällige Lücken, die sich in diesem Teile zeigten, entdecken und ev.
        <pb n="86" />
        ﻿78

eine Änderung des Schemas vornehmen müssen. Wenn er es nicht
tat, so darf dies als Beweis dafür gelten, daß er den Hauptwert auf
die eigentliche Familien-Beschreibung und besonders auf das Budget
legte, daß ihm der allgemeine Teil weniger wichtig schien. Die
Familien-Verfassung war ihm viel wesentlicher als die sonstigen
Elemente der Gesellschafts-Verfassung; damit überließ er deren
Untersuchung tatsächlich dem „Zufall und dem Scharfsinn“ des Be-
obachters, anstatt sie mit in das Schema aufzunehmen. Er ging
eben von der Ansicht aus, daß alle diese wichtigen Elemente irgend-
welche Beziehungen zur Familie haben und deshalb bei einer ein-
gehenden Beschreibung der Familie schon von selbst mit in den
Kreis der Betrachtung gezogen werden.

Le Play erkannte offenbar nicht ausreichend die Tragweite der
Erscheinung, daß durch die immer weiterschreitende soziale Diffe-
renzierung die Familie fortgesetzt Elemente an die Kirche, an die
Gemeinde, an den Staat, an die Erwerbswirtschaft usw. abgegeben
hat, daß ihre Kenntnis also in immer geringerem Grade zur Kenntnis
der sozialen Verfassung ausreicht.

Hierdurch wird unvermeidlich die Behandlungsweise einseitig und
lückenhaft. Betrachten wir z. B. eine Arbeiterfamilie, in der Ver-
brauchs- und Erwerbswirtschaft völlig unabhängig voneinander sind,
weil der Mann in einem ihm nicht gehörenden großen Betriebe
arbeitet, der ihm die Möglichkeit gibt, zu existieren. Trotzdem sind
die Existenzbedingungen eines solchen Betriebes für Le Play nur
nebenbei Objekte der Beobachtung. Namentlich die Erwerbs-
wirtschaft wird nicht als etwas für sich Bestehendes
betrachtet, ihre inneren Gesetze werden nicht weiter untersucht,
sondern sie wird höchstens insoweit in den Kreis der Betrachtung
gezogen, als sie Einfluß auf die Familie ausübt.

Die rückwärts gewendete Betrachtungsweise Le Play’s erlaubte
es ihm eben nicht, aus der sozialen Differenzierung zwischen Erwerbs-
und Verbrauchswirtschaft die unerläßlichen Konsequenzen zu ziehen.
Er untersuchte ganz überwiegend solche Familien, in denen jene
Differenzierung sich noch unvollkommen vollzogen hatte, also nament-
lich ländliche Familien und städtische Familien von Heimarbeitern
oder sonstigen halb selbständigen Existenzen. Wenn Le Play im
Ural Familien untersuchte, welche sich noch den größten Teil ihrer
ursprünglichen Funktionen erhalten hatten, so konnte er die übrigen
Elemente der sozialen Verfassung leicht in diesen Kähmen einfügen.
Aber schon bei den Familien deutscher Heimarbeiter war das nicht
        <pb n="87" />
        ﻿79

mehr möglich, geschweige denn bei Arbeiterfamilien in Paris, Shef-
field usw. Ein Vergleich zwischen Familien, die in ihrer Bedeutung für
den Zustand der Gesellschaft so verschiedenwertig waren, mußte zu
schiefen Ergebnissen führen. Manche Schüler Le Play’s haben diesen
Mangel erkannt und haben sich bemüht ihn auszufüllen, wobei sie
sich freilich von Le Play’s ganzem Verfahren weit entfernten.

Kritik der Monographie im einzelnen. Vorbemerkungen.
Man hat bisher, namentlich bei uns in Deutschland, sich darauf be-
schränkt, gewisse Unzulänglichkeiten der wissenschaftlichen Technik
Le Play’s zu kritisieren, die sich von vornherein erkennen lassen,
z. B. die Tatsache, daß er die Einnahmen und Ausgaben der Familie
lediglich auf Grund von Unterhaltungen mit deren Angehörigen
festzustellen suchte. Aber dies reicht nicht aus. Um über den
Wert der Familien-Monographien ins klare zu kommen, ist es nötig,
einzelne von ihnen soweit wie möglich nachzuprüfen. Das ist mit
französischen Monographien schon geschehen l). Wir haben es auch
bei Monographien deutscher Familien zu tun versucht, um festzustellen,
inwieweit er genau beobachtet, die Kausalzusammenhänge richtig
und allgemeingültig erfaßt hat.

Der Versuch hat mit der Schwierigkeit zu kämpfen, daß die Mono-
graphien Le Play’s spätestens um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
aufgenommen sind, also weit zurückliegen. Immerhin konnte man
hoffen, über die damaligen allgemeinen Verhältnisse, vielleicht sogar
über die einzelner Familien Material zu erlangen, wenn man Mono-
graphien aus einer Gegend wählte, hinsichtlich deren viel Literatur
vorliegt, und wo die Verhältnisse seit der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts sich nicht völlig verändert haben.

Die Wahl fiel in erster Linie auf die Monographie eines
Solinger Waffenschmiedes, die in beiden Auflagen der
„Ouvriers europeens“ (2. Aufl. Bd. III) veröffentlicht ist. Dieser
Waffenschmied war ein sogenannter „Aufschläger“, der die
Klingen und Hefte zusammensetzte. Für die Nachprüfung der als
Anhang II abgedruckten Monographie wurde an Ort und Stelle
einiges Material gesammelt. Es gelang sogar, die Familie des Auf-
schlägers mit Hilfe mehrerer mit den Verhältnissen vertrauter alter
Leute einwandfrei nachzuweisen. Zwei in der Monographie erwähnte

’) R. Pinot, Monographie du Jura bernois (Science sociale 1887); Butel,
La vallee d’Ossau; etude sur la population originaire et la pretendue famille-souche
des Pyrenees (Science sociale 1892/93).

6
        <pb n="88" />
        ﻿80

Töchter leben noch jetzt. Sie wissen zwar nichts von der mono-
graphischen Aufnahme, was aber bei der Länge der Zeit und der
kurzen Dauer der Aufnahme sich leicht erklären läßt. Die älteste
Tochter, 1832 geboren, also im Jahre der Aufnahme (1851) 19 Jahre
alt, ist eine geistig noch durchaus rege Frau, die die Beobachtungen
Le Play’s sehr gut beurteilen und berichtigen konnte. Auch die
jüngeren Familienglieder zeigten sich über die früheren Verhältnisse
gut unterrichtet.

An Literatur über die allgemeinen Verhältnisse standen zur
Verfügung die folgenden drei Werke:

Alfons Thun, Die Industrie am Niederrhein und ihre
Arbeiter, 2. Teil, 1879. (Staats- und sozial wissenschaftliche
Forschungen von Schmoller, II. Bd., 3. Heft.) Grunow, Die
Solinger Industrie. (Schriften des Vereins für Sozialpolitik.
Verhandlungen von 1899, Bd. 88, Anhang.) Franz Ziegler,
Wesen und Wert kleinindustrieller Arbeit, gekennzeichnet in
einer Darstellung der Bergischen Kleineisen-Industrie, 1901.

Neben dieser Monographie wurde noch die eines „Harzer
Bergmannes“ (0. E. Bd. III) zwar nicht an Ort und Stelle, aber
an der Hand umfangreicher Literatur nachgeprüft.

Die einzelnen Ergebnisse dieser beiden Nachprüfungen sind im
folgenden mit sonstigen zur Kritik der Monographien verfügbaren
Materialien zusammen verarbeitet worden. Dabei ist aber schließlich
ein großer Teil der Ergebnisse als überflüssig fortgelassen worden.

Die Monographie ist kein Zustandsbild. Die Überschriften
der Monographien geben meist an, daß die Aufnahme in zwei ver-
schiedenen Jahren erfolgt ist. Le Play hat vor der Veröffent-
lichung seine Monographien nachgeprüft und vervollständigt; die
spätere Jahreszahl ist meist die der Nachprüfung. In der zweiten
Auflage der „Ouvriers europeens“ finden sich wiederholt einzelne
Ergebnisse weiterer Nachprüfungen, die die Entwicklung in der
Zwischenzeit angeben sollen und in einem neuen Paragraphen an-
gefügt werden. Soweit ist also Klarheit vorhanden.

Anders steht es mit den Angaben aus früherer Zeit. So ist
z. B. die Monographie des Harzer Bergarbeiters in den Jahren 1829
und 1845 aufgenommen. Das Material dieser beiden Aufnahmen ist
aber nicht getrennt, sondern ineinander verarbeitet; aus der Mono-
graphie geht nicht hervor, in welcher Zeit das Budget entstanden
ist, in welcher Zeit die Beschreibung. Das ist aber sehr wichtig.
        <pb n="89" />
        ﻿81

m

Eine Monographie soll doch ein Zustandsbild, ein „Querschnitt durch
die Geschichte“ sein; Budget und Beschreibung sollen sich ergänzen,
was nicht geht, wenn sie verschiedenen Zeiten entstammen. Sechzehn
Jahre können sowohl in der Lebenshaltung, die sich im Budget
äußert, wie auch in den allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnissen, wie sie in der Beschreibung sich zeigen, Umwälzungen
hervorrufen, so daß bei diesem Verfahren die beiden Teile zeit-
lich auseinander fallen. Das ist bei dieser Monographie in der Tat
der Fall.

Das Budget des Harzer Bergarbeiters ist sicher erst im
Jahre 1845, wahrscheinlich von einem Mitarbeiter Le Play’s, auf-
genommen; denn erst damals entstand der Gedanke, genaue Budgets
aufzunehmen und zu veröffentlichen. Bei Cheysson „Les budgets
compares“ (1890) ist das Jahr 1845 für die Entstehung der ganzen
Monographie angegeben. Auch aus dem Budget selbst geht das
hervor. Der Bergmann erzielt einen Wochenlohn, wie er erst Ende
der 40er Jahre üblich ist: 7,60 M. Lahmeyer1) gibt erst für das
Jahr 1848 den Höchstlohn auf 7,75 M. an, eine Steigerung, die durch
die Erlaubnis, noch eine Schicht mehr zu verfahren, erreicht wurde.
Im Jahre 1829 war der Lohn bedeutend geringer, nach der Angabe
Le Play’s2) für die Hüttenarbeiter 7 Groschen (0,70 M.) pro Tag;
danach ist kein Zweifel, daß das Budget im Jahre 1845 ent-
standen ist.

Anders die Beschreibung. Im Jahre 1829 hielt sich Le Play
6 Wochen im Harz auf, davon 10 Tage in Klausthal; er lernte
dabei die Bergwerks-Verfassung des Harzes gut kennen. Den da-
maligen Zustand hat er der Beschreibung zugrunde gelegt; denn
grundlegende Veränderungen aus den Jahren 1834/35, in denen die
meisten Gruben von den Gewerken verlassen wurden und in landes-
herrlichen Besitz übergingen, erwähnt Le Play nicht.

Durch diese äußerlich nicht ersichtliche Zweiteilung der Mono-
graphie verliert sie an Wert. Der Zustand nämlich, den Le Play
beschreibt und der für das Jahr 1829 zutrifft, bestand 1845 nicht
mehr, was der Leser doch zunächst annehmen muß. Die Kombi-
nation von Staats- und Privatbetrieb, die Le Play als mustergültig
erschien, hatte sich inzwischen in dieser Form als unhaltbar er-

■) Über die gegenwärtige Lage und die Aussichten des oberharzischen Berg-
werks- und Hiittenhaushalts. Klausthal 1862.

!) Fr. Le Play, Voyages en Europe, Paris 1899, S. 57.

6*
        <pb n="90" />
        ﻿82

wiesen. Deshalb durfte auch die Monographie, die im Jahre 1855
veröffentlicht wurde, diesen Zustand nicht mehr als einen noch
bestehenden in Verbindung mit einem Budget aus späterer Zeit
darstellen.

Das Verfahren ist irreführend. Es zeigt, daß Le Play die
Voraussetzungen einer richtigen Analyse nicht klar erkannte. Die
zeitliche Einheitlichkeit ist doch eine unerläßliche Voraussetzung
für jeden Versuch, eine Kausalität festzustellen. Zahlen und Worte
müssen einander entsprechen. Hier fehlt aber jede Verbindung
zwischen beiden. Wenn Le Play ohne Bedenken eine solche Mono-
graphie veröffentlichte, so beweist dies, daß bei Le Play Wort und
Zahl überhaupt nicht so eng zusammenliingen, wie er versicherte,
und wie die Methode es verlangt.

Auswahl der Familien. Der „Typus“. Die nächste sich uns
aufdrängende Frage besteht darin, festzustellen, ob die Familie
„typisch“ ist für ihre Gegend. Diese Frage ergibt sich ohne weiteres
aus dem Gedanken Le Play’s.

Er hatte bei Aufnahme seiner Monographien die Absicht, die
sozialen Verhältnisse eines Bezirks, der in der Familien- oder
Arbeitsverfassung oder aus sonstigen Gründen ihm charakteristisch
erschien, an der Hand einer Familien-Monographie zu beschreiben.
Weshalb er die soziale Einheit der Familie wählte, und weshalb die
sog. „Arbeiter“-Familie, wissen wir bereits. Le Play hat aber nicht
alle diese Monographien veröffentlicht, sondern nur einen kleinen
Teil; von 300 wählte er 57 aus, die ihm „besser als die anderen
verschiedene Gegenden Europas zu repräsentieren schienen“1). Da-
bei wurde Le Play von der Absicht geleitet, eine Entwicklungs-
reihe aufzustellen, von der asiatischen Urfamilie bis zur Familie
Westeuropas.

Wenn man von dieser Absicht Le Play’s ausgeht, ist es natür-
lich sehr wichtig, ob er für die einzelnen Stufen die geeigneten
Muster wirklich ermittelt hat; denn es handelt sich dabei um eine
Bewertung der ganzen Entwicklung. Ob Le Play immer die Durch-
schnitts-Familie gefunden hat, können wir nicht entscheiden; es ist
möglich; ebenso möglich ist es aber auch, daß er eine Familie
wählte, die seiner Bewertung des Zustandes am besten ent-
|[ sprach.

») 0. E. I, 397.
        <pb n="91" />
        ﻿83

Lavergne hat schon darauf aufmerksam gemacht1), daß Le
Play diese bei seiner Methode wichtige Frage nicht eingehend
genug behandelt hat. Er sagt weiter:

Darin liegt der Hauptübelstand der Monographien, daß sie nicht aut die
Ergebnisse der allgemeinen Statistik gestützt sind. Man kann zweifellos Durch-
schnitte leicht mißbrauchen, und man hat sie oft mißbraucht, aber es ist un-
möglich, irgendeinen Schluß zu ziehen ohne diese Grundlage.

Lavergne wünscht besonders eine größere Zahl von Haushalts-
Budgets und die Produktions- und Konsumtionsziffern. Für eine
strenge Vergleichung der einzelnen Budgets wäre damit allerdings
schon eine bessere Grundlage geschaffen. Sie hat Le Play vielleicht
beabsichtigt, aber nie durchgeführt.

Die Budgets sind bei Le Play eine ziemlich fruchtlose Arbeit
geblieben, „Perlen ohne Schnur“ nach einem Worte Engel’s. Die
gelegentliche Verwertung einzelner Zahlen bei Le Play wäre auch
ohne Budget möglich gewesen. Le Play entnimmt aus den Zahlen
lediglich das, was er für wichtig hält, also z. B. welche Bolle die
Eigenproduktion im Gesamtbudget spielt, welche Bedeutung den
Subventionen zukommt u. a. m. Die Hauptaufgabe des Budgets,
nämlich die Messung der Lebenshaltung, zunächst physiologisch,
dann kulturell, hat Le Play nicht zu lösen versucht. Es findet sich
aber bei Le Play eine Äußerung, die vielleicht zeigt, daß er aus
bestimmten Gründen davon absah. Von dem Pariser Schiffsauslader2 3),
der sich gern berauschte, sagt Le Play:

Nach einer von den kompetentesten Personen am Orte vorgenommenen
Untersuchung ist die vom Familienvater anfgenommene Nahrung nicht ge-
nügend, um seine Kräfte vollständig wiederherzustellen. Der Wein, den der
Arbeiter außerhalb der Familie trinkt, um sich das Vergnügen eines Rausches
zu verschaffen, gleicht lange nicht das aus, was, regelmäßig verteilt, die nor-
male Erhaltung seiner Kräfte sicherstellen würde.

Ein paar Seiten weiter ist von den Bretagner Saisonarbeitern8) die
Bede, die sich viel schlechter als der einheimische Pariser Arbeiter
nähren:

Man ist erstaunt, daß sie bei der schlechten Nahrung die Arbeit mit
Leichtigkeit ertragen können. Wenn es in gewissem Sinne zuzugeben ist, daß
die Arbeitsfähigkeit eines Arbeiters von dem Nahrungsverbrauch abhängig ist,
so muß man doch auch den ursprünglichen Fonds von Kraft und Gesundheit
berücksichtigen, der auf Rechnung der moralischen Gewohnheiten, der regel-

J) Lavergne, L’agriculture et la population. Paris 1865.

2)	0. E. VI, 482.

3)	0. E. VI, 489 unten.
        <pb n="92" />
        ﻿84

mäßigen Sitten zu setzen ist, die von Kindheit an geübt sind. Bei den
Menschen, die seit ihrer Jugend durch Trunkenheit und Laster geschwächt
sind, ist die Notwendigkeit der Kräfte-Erneuerung konstanter und gebieterischer;
daraus resultiert eine höhere Ausgabe und die Notwendigkeit eines höheren
Lohnes. Die Arbeiter, die am meisten und am billigsten arbeiten, haben alle
durch geregelte Gewohnheiten und musterhafte Sitten in der Jugendzeit eine
robuste Gesundheit und ursprüngliche Kraft erlangt. Die Erfahrung widerlegt
täglich unter meinen Augen das Axiom der politischen Ökonomie, das, ohne
sich von den moralischen Einflüssen Kechenschaft zu geben, einfach die
Leistungsfähigkeit (puissance du travail) zur Menge der verbrauchten Nahrung
in Beziehung setzt.

Was Le Play hier sagt, ist nicht ohne Berechtigung und zeigt
wieder die Schwierigkeit aller wirtschafts-wissenschaftlichen Ver-
gleiche : der hier vorliegende Fall ist aber so extrem, daß er nichts
beweist. Zu genauerer Vergleichung der physiologischen Werte
wird man Arbeiter mit durchschnittlichen Lebens-Gewohnheiten sehr
gut verwenden können.

Inwieweit dieser Mangel die Ergebnisse Le Play’s entwertet,
ist eine Frage für sich. Seine Zahlen haben für seine Ergebnisse
tatsächlich nur relativ geringen Wert erlangt, und insofern ist der
ganze Plan seiner Methode unausgeführt geblieben. Le Play ver-
glich nicht Zahlen, sondern nur Zustände, Sitten, Gesetze usw. Sie
sind in der Tat mehr oder weniger „typisch“. Aber da ein ver-
gleichbares Gerippe an Zahlen fehlt, läßt sich nicht feststellen, in-
wieweit die sich aus den Vergleichen ergebenden Schlüsse
zwingend, allgemeingültig, „typisch“ sind. Dabei muß hier unerörtert
bleiben, ob die Forderung, die von Le Play gewählten Familien
müßten „typischen“ Charakter haben, am letzten Ende berechtigt
ist, ob sie erfüllt werden muß, wenn die Aufgabe, die Le Play sich
stellte, gelöst werden soll. So wie er diese Aufgabe faßte, indem
er in der einzelnen Familie einen Repräsentanten der ganzen Ge-
sellschaft erblickte, ist jene Forderung sicherlich berechtigt, und da
er ihre Erfüllung auf keine Weise gewährleistete, läßt uns seine
Methode wiederum im Stich.

Die Bedeutung der Zahlen hei Le Play. Wie wir jetzt
wissen, besteht bei Le Play ein Zwiespalt zwischen der ursprüng-
lichen Absicht und der daraus hervorgegangenen Anlage der Mono-
graphie einerseits, wobei das Schwergewicht durchaus auf den
Zahlen des Budgets liegen sollte, und zwischen der wissenschaft-
lichen Verwertung der so mühsam gewonnenen Zahlen. Er erwartete
von diesen Zahlen eine vollständige Aufklärung über die Existenz-
        <pb n="93" />
        ﻿85

bedingungen der Familien, ja auch über deren Empfindungsleben.
Warum, so fragen wir, hat er so wenig von den Zahlen verwertet?
Warum hat er sie nie einander gegenübergestellt ?

Auch Paul de Eousiers hat sich schon mit dieser Frage be-
schäftigt. Er macht darauf aufmerksam, daß ein für die Anschau-
ungen Le Play’s so wichtiger Kreis von Tatsachen, wie es die Er-
ziehung der Kinder ist, in den Zahlen der Familien-Budgets
Le Play’s wenig oder gar nicht zur Geltung gelangt ist. Aber wie
wäre es möglich gewesen, den Wert der Erziehung in solchen Zahlen
auszudrücken? Man kann die Arbeit der Mutter für Vieh und
Garten, für den engeren Haushalt, für Anfertigung von Kleidern
für die Kinder usw. ungefähr abschätzen und in Geld bewerten,
aber die erzieherische Tätigkeit, die doch mehr ein lebendiges Bei-
spiel als eine besondere Arbeit ist, läßt sich weder in Zeit noch in
Geld abschätzen.

So ist es in anderen Fällen auch. Was erfahren wir aus dem
Budget über das jeweilige Erbrecht? Vielleicht ersehen wir aus
der Zahlung von Zinsen an die Geschwister oder an Kreditanstalten
etwas derartiges; meist ist es nicht der Fall und wenn schon, so
sind das doch nur unbestimmte Anhaltspunkte. Eher lassen sich
schon die wirtschaftlichen Wirkungen des Patronage-Systems,
der „Subventionen“, aus den Zahlen der Subventionen ersehen.
Aber doch nur die unmittelbaren Wirkungen, nicht ihre weiteren,
welche sich auf die dauernde Existenz der Familien beziehen.
Überhaupt sagen uns die Zahlen Le Play’s nichts von der Ent-
wicklung der Familien, und selbst der erläuternde Text enthält
darüber nur wenig, selbst von der gegenwärtigen Generation, ge-
schweige denn von den früheren. Liegt das an der Fragestellung
oder daran, daß es eben keine Entwicklung gab, daß diese stag-
nierte? Le Play bleibt uns die Antwort schuldig.

Zu diesen Lücken im Budget tritt als weiterer Mangel hinzu, daß
andere wichtige Funktionen zwar zahlenmäßig erscheinen, daß aber
die Größe der Zahlen zur Wichtigkeit der Funktionen
in keinem Verhältnis steht, und daß sich deshalb ihre zahlen-
mäßig feststellbaren Wirkungen weder mit denen anderer Funk-
tionen derselben Familie vergleichen lassen, noch mit den Wirkungen
derselben Funktionen anderer Familien. De Eousiers erwähnt be-
sonders den Unterricht und die religiöse Betätigung; man kann aber
ruhig sagen, daß das gesamte geistige und sittliche Leben im Budget
nicht in der richtigen Weise zur Geltung kommt. De Eousiers zieht
        <pb n="94" />
        ﻿86

als Beispiel das Budget der Baschkiren heran (0. E. II, p. 27), in
dem als Ausgabe für den Schulunterricht der drei Kinder zusammen
0,63 Fr. angegeben sind. Wollte man daraus schließen, daß der
Unterricht sehr minderwertig sein muß, so wäre das verfehlt; wir
erfahren aus dem Text, daß es zur Funktion des Geistlichen gehört,
den Kindern gratis Unterricht zu erteilen. Und ebensowenig läßt
sich aus den Zahlen schließen, die die Ausgaben für den religiösen
Kultus wiedergeben. Der „Pariser Lumpensammler“ (0. E. VI)
macht gar keine Ausgaben in dieser Hinsicht und wird doch als
tiefreligiöser Mann geschildert, der päpstlicher Soldat war und sogar
eine kleine religiöse Bibliothek sein eigen nannte. So ist also das
Budget kein Ausdruck seiner Überzeugung, die sich ja überhaupt
nicht in Zahlen ausdrücken läßt. Denn was wäre damit bewiesen,
wenn ein oder gar mehrere Prozente der Ausgaben unter der Rubrik
„Kultus“ figurierten? Für die religiöse Überzeugung der
Familie gar nichts.

Dagegen ist es wohl möglich, vom ganzen sozialen Niveau einer
Arbeiterfamilie und von ihrem geistigen Habitus eine annähernd
richtige Vorstellung aus der Monographie zu erlangen, wobei die
Zahlen des Budgets nicht ohne Wert sind. So ist z. B. für den
„Solinger Aufschläger“ die Angabe gewiß charakteristisch, daß der
Alkohol und der Rauchtabak seine einzige Erholung bildeten; das
Budget enthält tatsächlich beträchtliche Ausgaben dafür. Dieser
Aufschläger ist auch in der Tat typisch für den Solinger Heim-
arbeiter; nur die Schleifer, die noch viel unsolider sind, weichen
dadurch vom Typus ab. Also ein ziemlich düsteres Bild. Aber in
dem gewählten Einzelfalle waren die Beobachtungen Le Play’s, nach
den Angaben einer jetzt noch lebenden Tochter, unvollständig. Der
Aufschläger war Mitglied eines Schützenvereins, in dem er gesell-
schaftliche Anregung fand. Er hatte eine starke Passion für Politik,
und zwar war er entgegen der Strömung der Zeit (1851) konservativ
gesonnen. (Natürlich hielt er sich auch seine Zeitung.) Durch diese
Mängel in der Berichterstattung Le Play’s, der sonst Bruchteile von
Pfennigen angibt, wo es nicht nötig ist, wird doch das Bild wesent-
lich geändert. Aus dem unsoliden Manne, der seine Zeit zwischen
der Arbeitsstätte und dem Wirtshaus teilt, wird eine andere Persön-
lichkeit: der kleine Handwerksmeister aus der Mitte des vorigen
Jahrhunderts, der zugleich „Bierbankpolitiker“ ist, einem Verein an-
gehört und durch sein politisches Interesse und seine der allgemeinen
Anschauung zuwiderlaufenden Ansichten zeigt, daß seine Gedanken
        <pb n="95" />
        ﻿87

über seine vier Wände und die materiellen Genüsse hinausgehen.
Daß solche kleinen, aber wie uns scheint, sehr wesentlichen Züge,
vergessen werden konnten, liegt an der Art der Aufnahme. An und
für sich wäre das Budget wohl geeignet, uns über solche Tatsachen
zu unterrichten; unter den Ausgaben hätte der Beitrag für den
Verein und die Ausgabe für die Zeitung erscheinen müssen und im
Texte wäre das entsprechend zu erläutern gewesen.

Le Play glaubt, daß es leicht sei, das Eigentum der Familien
zahlenmäßig zu erfassen, obwohl diese dazu neigen, es zu verheim-
lichen. Vermietetes oder verpachtetes Eigentum und ausgeliehenes
Kapital will er nach dem Zins berechnen. Es liegt aber doch nahe,
daß von verheimlichtem Eigentum auch dieser Zins nicht oder nicht
richtig angegeben wird. Darüber sagt Le Play nichts. Anderer-
seits ist es richtig, daß die in Betracht kommenden Familien meist
ihr Eigentum selbst nutzen. Die Einnahmen wie der Kapitalwert
werden danach berechnet, was sie nach Ortsbrauch zahlen müßten,
wenn sie nicht Eigentümer wären.

Ein anderer Mangel des Budgets ist, daß die Bewertung des
Vermögens sich erschöpft in der Angabe des Verkaufs wertes.
Sehr wichtige Fragen bleiben dabei unbeantwortet, vor allem die
nach der Herkunft des Vermögens: ob Erbschaft des Mannes oder
Mitgift der Frau oder Ersparnis beider. Ganz willkürlich sind aber
selbst die Angaben des Verkaufswertes da, wo sich überhaupt noch
kein solcher Wert gebildet hat; also z. B. bei den Baschkiren der
asiatischen Steppe, wo der Boden alle 15 Jahre neu aufgeteilt wird.
Hier hat Le Play einfach einen Verkaufs wert für den Grund und
Boden konstruiert.

Eine zweifelhafte Berechnung ist auch die des Ertrags aus den
sogenannten „Subventionen“. So berechnet er z. B. den Wert
der Nutznießung an einer Weide folgendermaßen: er nimmt in diesem
Beispiel an, daß die Familie eine Kuh hält; allen Einnahmen, die
die Familie von der Kuh hat, stellt er alle Ausgaben gegenüber;
die Differenz ergibt den Wert der Weidegerechtigkeit und enthält
außerdem noch den ganzen Unternehmerlohn aus dieser Tätigkeit.
Da es sich aber immer nur um geringe Summen handelt, glaubt Le
Play, daß bei der Scheidung dieser beiden Faktoren keine erheb-
lichen Fehler unterlaufen könnten. Immerhin läßt diese Berechnung
die notwendige Genauigkeit vermissen.

Die gewerblichen Arbeiten, welche für eigene Rechnung der
Familie unternommen werden, nennt Le Play „gymnastique de la
        <pb n="96" />
        ﻿propriete“, weil sie die Mäßigkeit and den Spartrieb wecken, weil
sie in Zeiten kommerzieller Krisen meist davon unabhängig sind und
überhaupt ein Aufsteigen auf der sozialen Stufenleiter ermöglichen.
Aber für die Erfassung dieser Nebenarbeiten ist die Methode Le Play’s
keineswegs sehr geeignet. Er stellt auch hierbei wieder alle Ein-
nahmen aus einer bestimmten Beschäftigung allen Ausgaben gegen-
über. Die Differenz von Einnahmen und Ausgaben setzt sich dann
aus zwei Faktoren zusammen: aus Unternehmerlohn, Arbeitslohn und
ev. noch Subventionswert oder Verzinsung des Eigentums, das dabei
mitgewirkt hat. Der Anteil jedes einzelnen Elements bestimmt sich
bald direkt, bald durch Analogie, bald als die Differenz der beiden
anderen bekannten Elemente. Wie groß hier die Fehlermöglichkeiten
sind, liegt auf der Hand. Sie liegen allerdings nicht in dieser
speziellen Berechnungsweise, sondern sind charakteristisch für die
ganze Methode, die sich lediglich auf Schätzung aufbaut, anstatt
auf genauesten schriftlichen Unterlagen.

Aus alledem geht schon zur Genüge hervor, daß die Zahlen der
Monographien an zwei Hauptmängeln leiden. Einmal bleiben für
Le Play’s Aufgabe — nicht für jede wissenschaftliche Unter-
suchung von Familienwirtschaften! — besonders wichtige Momente
außerhalb des Budgets und lassen sich überhaupt nicht in Zahlen
ausdrücken; andererseits gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die
zwar zahlenmäßig erfaßt werden, bei denen aber die Zahlen nicht
die volle Bedeutung wiedergeben. Zwar ist der letztere Mangel
mindestens zum Teil kein unvermeidlicher. Immerhin ist doch so
viel sicher, daß ein Budget allein kein richtiges Bild der Familie
geben kann, sondern daß das beschreibende Wort als wesentlicher
Faktor mit dazu gehört, nicht nur, wie Le Play glaubt, als Hilfe
für die, welche Zahlen nicht lesen können.

Technik der Befragung. Balancierung des Budgets. Eine
weitere Frage besteht darin, ob denn die übrigen Zahlen, die Le
Play gibt, im großen und ganzen der Wirklichkeit entsprechen.
Das ist keine prinzipielle Frage der Methode mehr, sondern nur
eine solche nach der besonderen Technik, die Le Play anwendete,
um zur Feststellung der Zahlen zu gelangen.

Das Verfahren Le Play’s ist bei der Beschreibung seiner Methode
des näheren erörtert. Es ist das der mündlichen Befragung, ein
Verfahren, über dessen Unzulänglichkeit man sich heute einig ist.
Setzen wir auf seiten Le Play’s auch eine reiche Erfahrung und
Routine voraus, so können wir uns doch nicht vorstellen, wie ledig-
        <pb n="97" />
        ﻿89

lieh durch Befragung unter Zuhilfenahme eines Wochenbudgets ein
Jahresbudget zustande kommen kann, das sich in Einnahme und
Ausgabe genau deckt, wie es die Budgets Le Play’s tun. Man hat
bei allen diesen so sehr minutiösen Berechnungen immer den Ein-
druck des Errechneten, nicht des Tatsächlichen. Es i
kommt hinzu, daß der Aufenthalt Le Play’s bei einer Familie oft
nicht länger dauerte, als zur Aufnahme eines Wochenbudgets ge-
hörte, „mindestens eine Woche, oft einen ganzen Monat“, in einzelnen
Fällen auch wohl mehrere Monate. Die Beobachtungszeit von einem
Monat ist doch nur ein kleiner Ausschnitt aus der Mannigfaltigkeit
des ganzen Jahres. Aber selbst so viel Zeit hat Le Play gar nicht
an jede einzelne Monographie wenden können. Abgesehen davon,
daß er in derselben Zeit neben den Familien-Untersuchungen noch
viele sonstige Studien trieb, technische, geologische usw., ergibt eine
einfache Berechnung, daß für die meisten der von ihm gesammelten
300 Budgets nicht so viel Zeit verfügbar sein konnte.

Ferner hat Le Play das feste Schema für seine Unter-
suchungen sich erst allmählich gebildet; es mußten daher not-
wendigerweise sich viele Lücken bei der Bearbeitung zeigen. Le
Play glaubte einen ganz sicheren Maßstab für die Richtigkeit eines
Budgets zu haben: die restlose Deckung der Einnahmen
und Ausgaben. Es ist aber nicht einzusehen, weshalb die Über-
einstimmung zwischen Einnahmen plus Ersparnis auf der einen, den
Ausgaben auf der anderen Seite ein Beweis exakter Wiedergabe der
Wirklichkeit sein muß und nicht vielleicht Zufall oder nur errechnete
Übereinstimmung in der Gesamtsumme. Ist die eine Seite des Budgets
wenigstens durch ganz genaue Zahlenangaben bestimmt, z. B. die
Einnahmen, so bietet eine gut durchgeführte mündliche Befragung
nach den Ausgaben dann ziemliche Gewähr für die Richtigkeit,
wenn sich Einnahmen und Ausgaben decken. Etwaige kleine Diffe-
renzen bleiben unseres Erachtens auch dann besser bestehen, da
sie nicht die natürlichen Mängel der Methode verwischen, wie es
die, ja doch nur errechnete Übereinstimmung auf den Bruchteil eines
Pfennigs bei Le Play tut. Bei ihm fehlt aber jene Voraussetzung,
und beide Budgetseiten bieten Möglichkeiten zu fehlerhafter
Berechnung. Hat der Befraget’ nun zuerst die Einnahmen fest-
gestellt, so wird er Sich bei den Ausgaben zufrieden geben, sobald
hier die Summe der Einnahmen erreicht ist, obwohl die Familie
vielleicht mit einem chronischen Defizit arbeitet oder ihre Erspar-
nisse in Verbesserung des Inventars, in Bauten usw. verwendet.
        <pb n="98" />
        ﻿90

Le Play hat denn auch die Fehler, die sich notwendig bei einer
solchen Erhebungsweise einstellen müssen, nicht vermeiden können.
Solche Fehler ihm hier nachzuweisen, ist weder nötig, weil sie eben
unvermeidlich sind, noch in größerem Umfange möglich, da zu viel
Zeit seitdem vergangen ist. Zwar ist es in einzelnen Punkten zu-
fällig doch möglich; aber es hat keinen Zweck, solche Einzelheiten
hier anzuführen.

Optimistische Darstellung hausindustrieller Arbeitsverhält-
nisse. Das Urteil Le Play’s über die Solinger Industrie im allge-
meinen ist beeinflußt von seinem Ideal. Er erkennt an, daß die
Arbeiter sich in einer „ganz guten Lage“ befinden, daß die Produk-
tion stetig steigt und immer mehr Arbeitskräfte von außerhalb heran-
gezogen werden müssen. Doch die Solinger Industrie hat nach Le
Play einen großen Fehler: sie ist abhängig vom Absätze in der
Fremde.

ln dieser Beurteilung zeigt sich ein großes Mißtrauen gegen
jede neuzeitliche Industrie-Entwicklung. Die Autarkie kleinster
Wirtschaftsgebiete, am besten jeder Wirtschaftseinheit, um durch
die Unabhängigkeit eine vermeintliche Sicherheit zu erzielen, war
das Ideal Le Play’s. Und da er die Unstetigkeit, verursacht durch
die Verwendung der Dampfkraft, als unvermeidliche Wirkung der
modernen Fabrikindustrie betrachtet, befürchtet er für die Solinger
Hausindustrie, die in der Nähe des Ruhrkohlen-Gebietes liegt, den
baldigen Beginn des Zeitalters der Unstetigkeit. Es sind seine
schematischen Vorstellungen von den verschiedenen Stadien der
wirtschaftlichen Entwicklung, welche seinen Geist entscheidend be-
einflussen bei der Darstellung der Solinger Verhältnisse, indem sie
namentlich die Vergangenheit zu sehr begünstigen.

Le Play stellt das Arbeitsverhältnis in der Solinger Haus-
industrie folgendermaßen dar:

Die Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern beschränken sich
in der Regel darauf, in aller Güte den Preis für einen Auftrag zu regeln,
den der letztere ausführen soll: ihm nach Bedarf Vorschuß an Material und
Geld zu geben; endlich, ihm nach der Lieferung den für den Auftrag verein-
barten Preis ganz auszuzahlen. Bei dieser unabhängigen Lage verfehlen die
Arbeiter nicht, die Vorteile der Aufschwungs-Perioden sich zunutze zu machen;
aber ebenso müssen sie die ungünstigen Palle auf sich nehmen, die ein Nach-
lassen der Aufträge mit sich bringt. Doch fühlen sich die Unternehmer ver-
pflichtet, in Zeiten einer Krise etwas Arbeit anfrechtzuerhalten; sie geben im
Bedürfnisfalle den Arbeitern, die sie gewöhnlich beschäftigen, Vorschüsse, für
die sie sich später aus den Löhnen bezahlt machen, wenn die Arbeiten wieder
        <pb n="99" />
        ﻿91

aufgenommen sind. In diesen Zeiten der Krise findet der Arbeiter auch einige
Hilfsquellen in dem Kredit, den der Hauseigentümer und die Nahrungsmittel-
Lieferanten gewähren.

Aus dieser Darstellung würde sich ergeben, daß das Arbeits-
verhältnis in Solingen im allgemeinen friedlich war, dank dem weit-
gehenden Entgegenkommen von beiden Seiten, und daß auch heftige
Konjunktur-Schwankungen ziemlich leicht ertragen wurden. Aber
diese Darstellung stimmt nicht überein mit Nachrichten aus deutschen
Quellen, aus denen vor allem hervorgeht, daß das „Trucksystem“
in Solingen stark entwickelt war1):

Schon im Jahre 1822 hatte der Landrat von Hammer versucht,
das Trucksystem zu beseitigen. Dies war nicht gelungen. Noch
im Jahre 1845 besaßen in Solingen von 68 „Fabrikanten“ 42 einen
Laden und 8 eine Schankstube. Bares Geld bekamen die Arbeiter
kaum zu sehen; hatten sie es nötig, so mußten sie die hoch ange-
rechnete minderwertige Ware zu billigem Preise an andere ver-
kaufen. Alle Vorschläge der Arbeiterschaft zu einer festen Regelung
der „Preise“ und zu einer Warenkontrolle wurden von der Regierung
abgelehnt, weil sie der Gewerbefreiheit widersprächen, und ein Ver-
bot des Warenzahlens für nicht dringlich erklärt, da das Gewerbe
nicht fabrikmäßig betrieben werde. Die Tumulte der Arbeiter
wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen. Das Solinger Kreis-
blatt von 1847 bringt in diesen Jahren häufige und heftige Klagen
gegen das Warenzahlen; als dessen Folgen werden bezeichnet:
Armut und zugleich Verschwendung, vor allem schlechte Fabrikation.
Die Sitten Verwilderung und der Leichtsinn nahmen überhand; die
Armenlasten wurden für die Stadt immer drückender, und es er-
gingen mannigfache Anregungen zur Untersuchung der Ursachen
des Umsichgreifens der öffentlichen Armut. Ein Unterstützungs-
verein ließ an die armen Kinder mittags Essen verteilen; um den
Schulbesuch regelmäßiger zu gestalten, wurde ersucht, bettelnden
Kindern nichts zu verabreichen.

Von all diesen Umständen, die das Niveau der Solinger Arbeiter-
schaft herunterdrückten, erwähnt Le Play nichts. Allerdings war
schon im Jahre 1849 das Warenzahlen gesetzlich verboten und mit
500 Tlr. Strafe bedroht. Aber im Jahre 1851, als Le Play in
Solingen war, hatte das Warenzahlen noch nicht aufgehört, weshalb

*) Vgl. Thun a. a. 0., ferner Braunschweig, Die Solinger Stahlwaren-
Industrie (Diss.) 1911, aber auch die zeitgenössischen Handelskammerberichte und
Zeitschriften.
        <pb n="100" />
        ﻿92

der Landrat dringend auf das Verbot vom Jahre 1849 hinwies1).
Selbst wenn zur Zeit Le Play’s solche Zustände nicht mehr existiert
hätten, so wäre es doch unumgänglich nötig gewesen, auf diesen
Krebsschaden der Vergangenheit hinzuweisen. Es findet sich aber
nicht einmal eine Andeutung davon bei Le Play. Wohl werden
einige Schäden oberflächlich erwähnt, so z. B. stellt er es als eine
Solinger Gewohnheit hin, keine Ersparnisse zu machen, wobei er
aber nicht untersucht, woran das liegt. Gewiß erschwerten die ge-
schilderten Verhältnisse das Sparen; doch blieb es das Ziel des
Solinger Arbeiters, ein kleines Häuschen mit etwas Land als Eigen-
tum zu haben. Auch der beschriebene Aufschläger, der zu Le Play’s
Zeit zur Miete wohnte, hat später ein eigenes Haus erworben, als
ihm die Verhältnisse zu sparen gestatteten. Der frühere Fabrikant W.
erzählte dem Verfasser, daß die Arbeiter ihr Geld zinslos beim
Arbeitgeber stehen ließen, weil sie es dort gut aufgehoben glaubten
und sich nur so viel holten, wie sie nötig hatten. Solche Guthaben
erreichten manchmal die Höhe von 10000 M. Es ist also auch nicht
richtig, von einem gewohnheitsmäßigen Nichtsparen zu sprechen.

Wenn Le Play es so darstellt, als ob die ungünstigen Kon-
junkturen durch die Fürsorge der „Fabrikanten“ ziemlich unschäd-
lich gemacht worden wären, so entspricht auch das nicht ganz den
tatsächlichen Verhältnissen. In nennenswertem Umfange ist wohl
früher nie auf Lager gearbeitet worden, besonders nicht in der
Waffenfabrikation, wo selbst heute nur bestellte Ware hergestellt
wird, weil der Fabrikant bei der Verschiedenartigkeit der Modelle nie
weiß, ob er später seine Ware noch los wird. So ist also die Waffen-
fabrikation heute noch bedeutend größeren Schwankungen ausgesetzt
als die Messer- und Scherenfabrikation, die um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts auch ganz von den jeweiligen Aufträgen abhängig
war. Es gab kaum ein Mittel, die Konjunktur-Schwankungen aus-
zugleichen. So schreibt die Handelskammer im Jahre 1846:

Es ist ein wahrhaft herzzerreißender Anblick, bei der jetzigen Teuerung
täglich eine Menge sonst fleißiger Arbeiter, denen man teils schon den Hunger
und den Kummer auf dem Gesicht ansieht, von einem Fabrikanten zum anderen
wandern zu sehen, die unter dem Anerbieten, sich alles gefallen lassen zu
wollen, um Arbeit gleichsam betteln, ohne daß ein Fabrikant auch beim besten
Willen ihren Ansprüchen willfahren kann2).

J) Solinger Kreis- und Intelligenzblatt, Jahrg. 1851, Nr. 28.
2) Braunschweig 1. c. S. 17.
        <pb n="101" />
        ﻿93

Die Vorschüsse der Unternehmer waren nur Ausnahmen; größere
Firmen gaben vielleicht den Arbeitern, die sie als zuverlässig
kannten, während schlechter Zeiten ein Darlehen; doch die vielen
kleinen „Fertigmacher“ und Kaufleute waren dazu nicht imstande;
sie gingen selbst zugrunde, wenn die Aufträge längere Zeit aus-
blieben.

Noch in manchen anderen Punkten hat Le Play ungenau be-
obachtet. Er sagt bei Besprechung der gesundheitlichen Verhält-
nisse :

Die Tätigkeit, die in gut gelüfteten Werkstätten geübt wird, setzt alle
Organe des Körpers in Bewegung, ohne eines über Gebühr zu ermüden, und
ist so der Gesundheit mehr zuträglich als schädlich.

Dieses Urteil paßt höchstens für den beschriebenen Aufschläger
resp. seinen Beruf, auf keinen Fall aber für die Schleifer, die doch
an Zahl alle anderen Berufsarten übertreffen. Von 103 Schleifereien
wurden im Jahre 1852 noch 93 durch Wasserkraft betrieben]j.
Diese alten, im Wupper- und Ittertale gelegenen „Schleifkotten“
waren mehr Höhlen als Arbeitsstätten, Holzbauten, in denen je
nach der Größe 20—60 Schleifer arbeiteten. Hygienische Fürsorge
gab es damals nicht. Alte Leute erzählen, daß man einen Schleifer
oft vor Staub in seiner Werkstätte nicht sehen konnte. Der feine
Metall- und Sandstaub setzte sich in der Lunge fest und zerriß die
feinen Gewebe. Zugleich war der Körper, besonders die Knie, bei
dem „Naßschleifen“ ständiger Nässe ausgesetzt, so daß sich früh-
zeitig Rheumatismus einstellte. Dadurch wurde die Schleiferei zu
einem sehr ungesunden Berufe, und die Schleifer starben meist
zwischen dem 45. und 50. Lebensjahre. Heute sind die Verhältnisse
durch strenge Schutzmaßregeln wesentlich gebessert. Von dieser
wichtigsten Kategorie der Schleifer spricht Le Play nur ganz neben-
bei, und sein Urteil über sie ist, wie wir auch später noch sehen
werden, nicht richtig.

Optimistische Darstellung der Kolonisation niedersächsischer
Bauernfamilien. Die Harz-Monographie bietet ähnliche Beispiele.
Hierher gehört die dort anhangsweise veröffentlichte Darstellung
der „Hermannsburger Mission“, die zeigt, daß Le Play in der Be-
wunderung der niedersächsischen Bauernfamilie die tatsächlichen
Verhältnisse verkannte. Wir lassen die Darstellung Le Play’s
folgen, um dann zu sehen, wie weit sie der Wirklichkeit entspricht.

J) Braunsckweig 1. c. S. 40.
        <pb n="102" />
        ﻿94

Nachdem Le Play zunächst die Anerbenfamilie eingehend geschil-
dert und bedingungslos gepriesen hat1), bezeichnet er die Aus-
wanderung als eine mit ihr verknüpfte Notwendigkeit und zwar die
von Le Play so genannte „reiche Auswanderung“, bei der für alle
Kinder gut gesorgt ist. Er fährt fort:

In dieser Hinsicht ist jedoch dank der Initiative des Pastors Harms aus
Hermannsburg ein bemerkenswerter Sonderfall geschaffen. Unter seiner Leitung
hat man einen doppelten Gedanken verwirklicht: auf einem von bäuerlicher
Bevölkerung bewohnten Lande ein Unternehmen zu gründen, das zugleich den
Charakter einer christlichen Mission und einer Kolonie haben soll, und eine
Stätte zu finden für die auswandernde Bevölkerung Hermanns-
bur g s; kurz: an der sittlichen Erziehung eines wilden Volkes die Arbeit und
die Keligion eines Kulturvolkes arbeiten zu lassen.

Le Play schildert dann die Gründung der Mission, in den
Einzelheiten zwar ungenau, doch im wesentlichen richtig, und sagt,
daß eine eigens zu dem Zweck gebaute Brigg jedes Jahr Missionare
und Auswanderer nach Afrika bringt. Er schließt mit einem Urteil,
aus dem man die Unzufriedenheit mit dem französischen Kolonial-
system heraushört:

Die freie Initiative einer bäuerlichen Gemeinschaft hat
das Problem der Kolonisation vollkommen gelöst, an dem in
unseren Tagen Kräfte scheiterten, die zu viel größerer Kraftentfaltung fähig
schienen. Hier zeigt sich eines der Grundgesetze der „Wissenschaft der Welt“.
Wenn die Nationen neben der Fruchtbarkeit eine feste Organisation der Religion,
des Eigentums, der Familie und der Arbeit bewahren, breiten sie sich von
selbst über ihr Geburtsland hinaus aus, auch ohne eine Unterstützung der
Kegierung. Sei es durch Arbeit, sei es durch Eroberung unterwerfen die
Nachkommen andere Länder ihren Sitten, ihrer Sprache und ihrer .Religion.

Das Beispiel der Hermaunsburger Mission, das Le Play hier
anführt, soll dartun, daß die von ihm seit langer Zeit am höchsten
bewertete Familienform, die „Stammfamilie“, auch „Anerbenfamilie“
genannt, aus sich heraus die für das Gedeihen ihrer Nachkommen-
schaft nötige Initiative entwickelt und ferner, daß auch jedes ein-
zelne Familienglied in der richtigen Weise für das Leben aus-
gestattet wird. Dieser Beweis läßt sich aber durch die Hermanns-
burger Mission nicht führen; denn erstens ist es falsch, daß „durch
die freie Initiative einer bäuerlichen Gemeinschaft“ die Mission
geschaffen ist, und zweitens ist das Problem der Kolonisation keines-
wegs „vollkommen gelöst“, sondern kaum berührt.

') Monographie des Harzer Bergmanns, § 19, 20 (0. E. III).
        <pb n="103" />
        ﻿95

Erst die zweite Auflage der „Ouvriers europeens“ enthält die
Beschreibung der niedersächsischen Anerbenfamilie und der Hermanns-
burger Mission; Le Play hat sie eingefügt auf Grund eines Be-
richtes von Monnier, der im Bulletin der „Societe internationale“
vom Jahre 1868 niedergelegt ist.

Die Hermannsburger Mission ist in Wahrheit das ganz persön-
liche Werk des Pastors Harms1). Die Gründung erfolgte im
Jahre 1849 und ist veranlaßt durch den Niedergang der „Nord-
deutschen Mission“. Harms ist der Schöpfer eines Lüneburger
Bauernchristentums. Schon sein Vater hatte den Boden geebnet;
er war im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts nach Hermanns-
burg gekommen und hatte die Gemeinde, in der wenig religiöses
Leben herrschte, allmählich wieder zu eifrigen Christen gemacht.
Sein Sohn schuf nun „als praktisch sichtbares Ziel und zugleich als
Krönung des religiösen Lebens die Heidenmission“2). Allerdings
sollte mit der Mission eine Kolonisation verbunden werden; aber es
war nicht der Zweck, den heimischen Überschuß anzusiedeln. Die
Kolonisation hatte nur die Bedeutung, den für die Mission nötigen
Bedarf an Lebensmitteln sicherzustellen und die Heiden durch das
Beispiel der Arbeit Gottes Wort zugänglicher zu machen. Deshalb
wurden im Missionshause zu Hermannsburg Missionare und Kolo-
nisten ausgebildet. Alle waren junge, unverheiratete Leute, die in
kommunistischer Gemeinschaft lebten. Immer betont Harms den
rein religiösen Zweck der Mission. So schreibt er gelegentlich der
Niederlassung der Missionare in Natal, die er beklagte, weil sein
eigentlicher Plan, die Niederlassung bei den Gallas in Ostafrika,
fehlgeschlagen war3):

.... auch die Kolonie hat keine irdischen Absichten, sondern soll lediglich
der Predigt des Evangeliums dienen.

Ebenso dachten die Bauern, die in dem ganzen Werk nur das
religiöse Moment sahen und in ihrer religiösen Begeisterung gern
die ziemlich bedeutenden Summen für das Unternehmen zusammen-
brachten. Der Grundgedanke der Bauern war dabei nur die Heiden-
bekehrung. Harms sagt darüber4):

Fast bei jeder Taufe, bei jeder Kopulation, bei jeder Beerdigung, bei
jeder Konfirmation, bei jeder Kommunion, bei jeder Einsegnung der Kirchen-

*) Haccius, Hannoversche Missionsgeschichte 1907, 2. Teil.

2) Linde, Die Lüneburger Heide 1904, S. 100.

8) Haccius 1. c. S. 261.

4) Haccius 1. c. S. 67.

7
        <pb n="104" />
        ﻿96

gängerinnen werden Opfer für die Heidenbekehrnng mit den einfachen Worten-
mir in die Hand gelegt: „Dat is för de Heiden, dat se ok bald so glücklich
ward, als wi sünd.“

Das ist in den späteren Jahren keineswegs anders geworden; im
Gegenteil: das rein religiöse Moment hat sich noch viel mehr durch-
gesetzt. Schon im Jahre 1862, also erst 7 Jahre nach Gründung
der ersten Niederlassung spricht sich der Superintendent Harde-
lehen, der oberste Leiter der Mission, gegen die Kolonisten
aus. Er schließt seinen Bericht an Harms:

Kurzum: fast in jeder Hinsicht sind Kolonisten auf einer Station der
Mission nur zum Schaden. Man errichte daher in jedem größeren Kreise nur
eine Station, auf der auch einige Kolonisten sind. Die müssen von dort aus
auf den anderen Stationen zeitweilig aushelfen, wenn Bauten oder andere
Extraarbeiten solche Aushilfe nötig machen. Und da wir nun schon fast zu
viel Kolonisten haben, bitte, so senden Sie wenigstens die ersten 10 Jahre
doch ja keine mehr!

So sah es also damals mit der Hermannsburger Mission aus, in
der nach Le Play das „Problem der Kolonisation vollständig gelöst“
ist. Le Play war von der Idee der „Stammfämilie“, die nach ihm
in der schönsten Weise den Fortschritt mit dem Beharren vereinigt,
schon zu sehr eingenommen, so daß seine Objektivität in der Be-
obachtung dadurch bedeutend geschwächt wurde. Vor allem kam
es ihm hier darauf an, die „Initiative“ dieser Familienform zu er-
weisen. Dieser Gedanke hat ihn so beherrscht, daß bei ihm aus
der Hermannsburger Mission etwas ganz anderes wurde, als wirklich
vorhanden war.

In dieser Art der Beobachtung liegt eines der schwersten Be-
denken gegen die Monographien Le Play’s. Er hat oft gesehen,
was er sehen wollte; aber ebenso oft hat er auch das nicht gesehen,
was er nicht sehen wollte, was gegen seine schon anderweitig ge-
wonnene Meinung war.

Optimistische Beurteilung der Anerbenfamilie überhaupt.

Auch hier kann wieder die Darstellung der „Stammfamilie“ als
Beispiel gelten. Von ihr erwartete Le Play die „Soziale Reform“;
deshalb sah er an ihr nur die guten Seiten. Alles was man da-
gegen anführen kann, erwähnte Le Play nicht.

Für die Geschwister des Anerben sieht Le Play nur Vorteile.
Sie haben es eigentlich viel besser als er selbst. Denn

alle Ersparnisse, die bei der einfachen Lebensweise gemacht werden, m. a. W.,.
alle Erzeugnisse des Gutes werden von ihm (dem Vater) und seinem Erben
dazu verwendet, sie in einen ihrem Charakter und den Gewohnheiten der-
        <pb n="105" />
        ﻿97

Familie entsprechenden Beruf zu bringen. Die einen verheiraten sich in der
Nachbarschaft, die anderen treten in den Staatsdienst oder gehen ins Ausland,
um dort neue Unternehmungen zu gründen. Die, welche den väterlichen Herd
verlassen müssen, die besonders, welche, mit außerordentlichen Fähigkeiten be-
gabt, frei in der Wahl ihres Berufes und frei von den Lasten sind, die die Er-
haltung des Besitzes dem Erben auferlegt, erlangen oft eine viel höhere Stellung
als dieser letztere. Sie unterstützen bei ihren Unternehmungen die Liebe und
die Autorität des Vaters, der für das Glück aller seiner Kinder verantwortlich
ist, oder in anderen Worten: die aufgeklärteste, uneigennützigste, gerechteste
und am wenigsten bestechliche aller sozialen Mächte. Endlich bieten sie als
Garantie den guten Ruf der Vorfahren und den Teil, den ihnen das Stamm-
haus von der Familienehre und Familientugend mitgibt.

Demgegenüber hat der Anerbe eigentlich nur Pflichten:

Wenn das Gut unversehrt erhalten bleibt, so geschieht das nicht zum
persönlichen Vorteil der Erben, sondern zum Besten des Geschlechts, dem er
angehört und zur Sicherung der kommenden Geschlechter. Jede realisierbare
Ersparnis ist für die Ausstattung der Brüder und Schwestern bestimmt. Die
Gewohnheit verpflichtet ihn, diejenigen, die ehelos bleiben, bei sich zu behalten.
Wenn irgendeiner von ihnen bei seinen Unternehmungen gescheitert ist, schuldet
er ihm Beistand und im Bedürfnisfalle ein Asyl am väterlichen Herd. Er über-
nimmt auch den Schutz und die Vormundschaft über die verwaisten Geschwister-
kinder. Auf ihm liegen alle Abgaben des Gemeinwesens, denn Arbeiter und
Tagelöhner sind davon frei. Er allein muß alle Schulden, die durch den Erb-
gang entstehen, abtragen. Solche Dienste rufen in den Herzen eine tiefe und
allgemeine Anhänglichkeit an die Familie und ihren ersten Repräsentanten
hervor. . . .

Diese Darstellung ist einseitig. Im allgemeinen ist man immer
der Ansicht gewesen, daß das Anerbenrecht in früherer Zeit (jetzt
hat sich das ja oft geändert) eine starke Bevorzugung eines Kindes
auf Kosten der anderen mit sich brachte, daß es aber aus sozialen
Gründen vorzuziehen sei. Für Le Play dagegen ist das Anerben-
recht eine Institution, die für alle Teile in der besten Weise sorgt.
Das ist doch nur mit Einschränkung richtig. Gewiß, kranke Ge-
schwister hatten auf dem Bauernhöfe eine Zuflucht; aber besser als
Gesinde wurden sie meist nicht gehalten. Die Gesunden mußten den
Hof verlassen, wenn sie der Anerbe nicht beschäftigen konnte; für
ihr Fortkommen wurde oft nicht so gut gesorgt, wie Le Play es
darstellt. Meist wurden sie in der Landwirtschaft groß, im Dienste
des Bruders oder anderer Landwirte, wenn es ihnen nicht gelang,
sich dort anzukaufen, wo der Boden billig war. Der Zusammenhang
zwischen der Familie ist bei diesem System naturgemäß stärker als
sonst, weil der Hof als äußeres und inneres Band die einzelnen zu-
sammenhält. Ob die Geschwister aber den Erben meist derart lieben

7*
        <pb n="106" />
        ﻿98

und verehren, wie Le Play annimmt, besonders in Gegenden, wo die
Bevorzugung nocli sehr stark ist, muß bezweifelt werden.

Le Play stellt ferner manches als typisch für die Anerben-
familie hin, was für jede andere fürsorgliche Familie ebenso gut
gilt. Daß ältere Geschwister mit den jüngeren die Schulaufgaben
machen, kommt wohl auch sonst vor und ist nicht besonders charak-
teristisch für die „Stammfamilie“. Daß Le Play es anführt, zeigt,
wie er bemüht ist, alles nur Erdenkliche zum Ruhme der Stamm-
familie zusammenzutragen. Auf solche Weise entsteht schließlich
ein hinreißendes Panegyrikus auf die Anerbenfamilie. Er
sagt weiter:

In dieser fürsorglichen und gesunden Umgebung sind die Schwierigkeiten
des Studiums geringer; der Wissenstrieb wächst; die Geister sind dem Kespekt,
der Unterwerfung geneigter; die Betätigung des Guten erhält sich, weil sein
Beispiel fortwährend vor aller Augen ist.

Für Le Play ist es eine Tatsache, daß geschlossener Erbgang
Hand in Hand geht mit großer Kinderzahl und umgekehrt.
So sagt er, außer an vielen anderen Stellen, bei Besprechung der
Fruchtbarkeit der Anerbenfamilie*) :

Die Beobachtung zeigt, daß die Bevölkerung unweigerlich abnimmt bei
allen Völkern, bei denen das Gesetz die Kinder ermächtigt, den väterlichen
Nachlaß in natura und zu gleichen Erbportionen zu teilen. Der Familienvater
hat in der Tat nicht mehr die Macht, über sein Eigentum zu verfügen, noch
Einfluß auf die Laufbahn seiner Kinder; er kann das Wohlergehen seiner
Kinder für die Zukunft nur dadurch sichern, daß er ihre Zahl beschränkt. Das
ist die Lösung, die sich die französischen Bauern mehr und mehr zu eigen
machen.

Demgegenüber sagt Lavergne, der durchaus kein unbedingter
Anhänger der französischen gleichen Erbteilung ist, daß ja auch in
Frankreich die Möglichkeit einer Erbeseinsetzung besteht, daß die
Sitte dem aber entgegensteht und deshalb von dieser Möglichkeit
kein Gebrauch gemacht wird 2).

Es ist sicherlich ein voreiliger Schluß, einzig und allein das
Erbrecht für große oder kleine Kinderzahl verantwortlich zu machen.
Hier sprechen so viel andere Faktoren noch mit, daß das Erbrecht,
wenn auch sein Einfluß nicht geleugnet werden soll, doch sicher
nicht den Haupteinfluß ausübt. Die Beobachtung Le Play’s ist
ungenau, und seine Schlußfolgerung zu rasch gezogen.

*) O. E. 1. Aufl. Solinger Monographie: Notes diverses B.
2) Lavergne I. c. S. 554.
        <pb n="107" />
        ﻿99

Es lassen sich auch gegenteilige Beobachtungen anführen. Zu-
nächst käme in Betracht der Kinder-Beichtum derjenigen deutschen
Gebiete, die gleichfalls das französische Erbrecht hatten, wie Württem-
berg, Baden, Elsaß, Rheinprovinz. Dagegen würde Le Play vielleicht
einwenden, daß ein gewisser Kulturgrad erst erreicht sein muß, der
sich in der „prevoyance“ äußert, und daß zu seiner Zeit diese deut-
schen Gebiete einen solchen Kulturgrad noch nicht hatten. Aber
heute haben sie ihn doch wahrscheinlich, und ihr Kinder-Reichtum
übertrifft dennoch weit den der französischen Bauern und steht
sicherlich auch hinter dem der sächsischen „Stammfamilie“ nicht
zurück. Und ferner: dasselbe Mittel, das nach Le Play dem fran-
zösischen Bauern die einzige Möglichkeit bietet, für seine Kinder
zu sorgen, wird auch dort angewendet, wo Anerbenrecht und unge-
teilter Erbgang herrscht. So lesen wir bei Sering1), daß in der
nordöstlichen Ecke der Provinz Hannover, also nicht weit ab von
der Lüneburger Heide, in der Le Play seine Beobachtungen gemacht
hat, die Kinderzahl künstlich eingeschränkt wird, trotzdem dort An-
erbenrecht herrscht. Und diese Sitte scheint schon aus älterer Zeit
zu stammen; die ausgesprochene Absicht dabei ist, den Hof leistungs-
fähig zu erhalten. Überhaupt hat die Provinz Hannover, für die
das Überwiegen des alten Bauernstandes so charakteristisch ist, von
allen preußischen Provinzen, außer Schleswig-Holstein, die geringste
Kinderzahl.

So kann man noch lange fortfahren, ungenaue Beobachtungen
und einseitige Urteile Le Play’s anzuführen. Es handelt sich aber
nicht darum, an einem bedeutenden Manne der Vergangenheit billiges
Splitter-Richtertum zu üben, sondern nur darum, zu zeigen, wie
stark Le Play noch unter dem Einflüsse vorgefaßter Meinungen stand,
und wie das auf seine Beobachtungen wirkte.

Das Fehlen zuverlässiger Ermittlungen von Kausalver-
kniipfungen. Le Play glaubte in seiner Monographie ein Präzisions-
instrument zu besitzen, nicht nur für genaue Beobachtungen, sondern
auch für die Bildung sicherer Induktionsschlüsse auf Grund solcher
Beobachtungen. Hätte er seine Budgets mit Hilfe seiner sonstigen
Beobachtungen systematisch verglichen, so wäre wenigstens der
Anfang zu solchen sicheren Induktionsschlüssen gemacht worden.
Aber tatsächlich ist davon nichts zu finden. Wir treffen zwar bei
Le Play eine Masse von Schlüssen, die offenbar von gesundem

9 Sering, Die Vererbung d. ländi. Grundbesitzes in Freuten, Bd. VI, S. 71.
        <pb n="108" />
        ﻿100

Menschenverstand erzeugt sind; das ist nicht zu verwundern, da
Le Play selbst viel gesunden Menschenverstand hatte, und seine
sozialen Autoritäten sich ebenfalls gerade hierdurch auszeichneten.
Doch, wie schon früher gesagt, ist praktische Lebensweisheit noch
keine Wissenschaft; es fehlt ihr die Allgemeingültigkeit.

Andererseits finden wir bei Le Play auch zahlreiche Schlüsse,
die deutlich zeigen, daß es ihm an sicheren Mitteln zur Feststellung
von Ursachen-Verknüpfungen fehlte. Beispiele müssen auch hier
genügen.

Le Play hat beobachtet, daß die niedersächsische Stammfamilie
wahrscheinlich von alters her gewisse Einrichtungen geschaffen hat,
die sie selbst und die sozial schwächeren Glieder der Gesellschaft
schützen sollen. Wie sehr er alle diese Einrichtungen bewunderte,
wissen wir schon. Nun kommt er nach Solingen und sieht, daß auch
da die Arbeiterfamilie noch nicht ganz von der Scholle losgelöst ist,
daß die Frau und die Kinder des Hausindustriellen noch Land und
Wiese bearbeiten, wenn sie es auch nur gepachtet haben. Und
er sagt:

Die Industriegegend Westfalens bleibt den ländlichen Traditionen der
Hannoveraner und Skandinavier treu.

Auch die Elberfelder Wohlfahrts-Einrichtungen finden den Beifall
Le Play’s. Er beschreibt sie ausführlich und fährt dann fort:

Diese Gewohnheiten der Patronage gehen zurück auf Gefühle, die die
alte ländliche Verfassung der sächsischen Ebene entwickelt hat. Ob wohl die
Elberfelder Fabrikanten ihr treu bleiben und trotzdem an den Errungenschaften
der modernen Industrie teilnehmen können?

Es ist nicht klar, ob Le Play hier von der niedergehenden Elber-
felder Hausindustrie oder von der jungen Fabrikindustrie spricht.
In der Hausindustrie herrschte auch in Elberfeld das Trucksystem,
wie in Solingen. Es ist also wahrscheinlich, daß Le Play die
junge Fabrikindustrie meinte, in der tatsächlich damals manche
Wohlfahrts-Einrichtungen entstanden, um die (von Le Play mit
Hecht beklagten) schlimmen Wirkungen zu mildern, welche durch
die Loslösung der Fabrikarbeiter von ihrer Heimat verursacht
worden waren. Diese Einrichtungen waren aber keineswegs aus
uraltem Patriarchalismus hervorgegangen; dieser war, wenn je vor-
handen, jahrhundertelang unterbrochen gewesen durch das rein ge-
schäftliche hausindustrielle Arbeitsverhältnis zwischen den kauf-
männischen Verlegern und den kleinen Heimarbeitern, das schließ-
        <pb n="109" />
        ﻿101

lieh in der Zeit des Niedergangs der Hausindustrie auch hier schon
zu so schlimmen Übeln geführt hatte1). Wie kam es nun, daß
Le Play jene ganz neue Erscheinung der Wohlfahrts-Einrichtungen
in der Fabrikindustrie so mißverstand? Es lag daran, daß er den
tatsächlichen Verhältnissen nicht genug auf den Grund ging, und
das wiederum geschah, weil er beherrscht wurde von der Vorstellung
der niedersächsischen Stammfamilie. Die Bewunderung, die er für
sie hegte, verleitete ihn dazu, die guten Einrichtungen, die er im
Wuppertale fand, mit ihr in Verbindung zu bringen und durch die
^Stammeszugehörigkeit zu erklären. Aber abgesehen davon, daß die
Bewohner des Berger Landes keine Sachsen, sondern Franken sind,
ist die ganze hier zugrunde liegende Theorie, daß patriarchalische
Einrichtungen vom niedersächsischen Stamm am kräftigsten fest-
gehalten wurden, durchaus ungenügend begründet; es ist nur eine
allgemeine vage Anschauung. Mit solchen Anschauungen lassen
sich keine Kausalverknüpfungen einwandfrei feststellen, und durch
Le Play’s Beobachtungen an Ort und Stelle ließen sich, soweit wir
wissen, solche Feststellungen ebensowenig ermöglichen.

Ein anderes Beispiel zeigt den gleichen Mangel. Le Play
glaubte beobachtet zu haben, daß die Solinger Schleifer sehr un-
solide seien, und zwar deshalb, weil sie sehr hohe Löhne hatten.
Er sagt:

Es ist beachtenswert, daß die liederlichsten Arbeiter der Klasse der
Schleifer angehören, deren Löhne gewöhnlich sehr hoch sind, mitunter (wie
z. B. jetzt) das Zehnfache der Durchschnittslöhne in der Fabrik betragen. In
der Stufe der mittleren Löhne finden sich die mäßigsten Arbeiter, die infolge-
dessen am befähigsten sind, sich durch Ersparnisse zu Fabrikanten oder Kauf-
leuten emporzuarbeiten2).

Le Play konstatiert hier ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der
Lohnhöhe und der Möglichkeit sozialen Aufstiegs, und zwar in der
Weise, daß allzu hohe Löhne zur Unsolidität verleiten und dem
Aufstieg hinderlich sind, mittlere Löhne dagegen zur Mäßigkeit an-
halten und den Aufstieg fördern. Das ist nicht unwahrscheinlich,
aber aus dem angezogenen Beispiel schwerlich ohne weiteres her-
zuleiten. Es ist richtig, daß die Schleifer damals — wie auch jetzt
noch — hohe Löhne bezogen. Sie erklären sich wohl aus der be-
sonderen Kunstfertigkeit, aus der Ungesundheit des Berufes und aus

') Vgl. Mer Ehrenberg, Das Arbeitsverhältnis als Arbeitsgemeinschaft
(Archiv II, 180).

2) 3 d. M.
        <pb n="110" />
        ﻿102

der Tatsache, daß die Schleiferei damals in ihrer Abhängigkeit vom
Wasser noch mehr den Charakter eines Saisongewerbes hatte. Es
mag auch zugegeben werden, daß die Schleifer noch weniger solide-
waren als die übrigen Arbeiter-Kategorien; der Schnapsgenuß war
ja in Solingen weit verbreitet, wie auch aus der Beschreibung des
Aufschlägers hervorgeht. Die Schleifer, die draußen an den Wasser-
läufen wohnten und selten zur Stadt kamen, werden dann aber wohl
die Trinkgelegenheit gut ausgenutzt und hierdurch aufgefallen sein.
Sie wußten, daß ihr Beruf sie vorzeitig ins Grab bringen würde1);-
denn der feine Staub von Stahl und Stein zerriß ihnen die Gewebe
der Lunge; der Staub erzeugte auch erhöhtes Durstgefühl. Ein
Hauptgrund für die Unsolidität der Schleifer wird aber die Unregel-
mäßigkeit der Arbeit gewesen sein, wodurch ja auch die Lohn-
höhe mit bedingt war.

Doch für Le Play ist offenbar das Wichtigste die Möglichkeit,
des sozialen Aufstiegs. Ist da wirklich die Lohnhöhe ein Hindernis?
Leider fehlen alle Zahlenangaben darüber, aus welcher Klasse der
Heimarbeiter die „Fabrikanten“ und „Kaufleute“ hervorgegangen
sind. Auch Le Play hat nichts Derartiges veröffentlicht. Wir
wissen, daß mehrere der heutigen Fabrikanten, besonders der Basier-
messerbranche, ehemals Schleifer waren. Nehmen wir aber an, daß
Le Play richtig beobachtet hat, daß die Schleifer tatsächlich am
sozialen Aufstieg weniger beteiligt waren, so drängen sich uns für
die Erklärung dieser Erscheinung eine ganze Anzahl von Tatsachen
auf, die eine größere Wahrscheinlichkeit für sich haben als die von
Le Play herangezogenen. Wenn wir bedenken, daß das Schleifen
ein Zwischenstadium in der Produktion bildet, ferner, daß die
Schleifer außerhalb Solingens vereinzelt, dagegen die anderen an
der Fabrikation beteiligten Arbeiter in der Stadt wohnten, so liegt
darin wohl eine nicht unerhebliche Schwierigkeit für die Schleifer,
direkte Beziehungen zum Konsumenten anzuknüpfen und sich zu
Produktionsleitern emporzuschwingen. Als weiterer Grund zur Er-
klärung dieser Tatsache wurde dem Verfasser der damals sicher nicht
geringe Unterschied in den städtischen und ländlichen Schulverhält-
nissen angegeben. Vielleicht hat auch noch der Umstand dazu bei-
getragen, daß die Schleifer die angesehenste Arbeiterklasse Solingens
bildeten, der es ja auch gelang, lange Zeit nach Einführung der
Gewerbefreiheit noch den zunftmäßigen Charakter zu bewahren;

*) Grunow, S. 291.
        <pb n="111" />
        ﻿103

infolgedessen fehlte ihnen vielleicht der Ehrgeiz zu weiterem Auf-
stieg. Alles das ist gewiß nicht unwahrscheinlich. Aber was wird
damit für unsere Erkenntnis gewonnen?

Jedenfalls ist die Deduktion Le Play’s, wenn auch durchaus
plausibel, so doch kaum besser begründet, als die von uns auf-
gestellten Hypothesen. Es fehlt an jeder wirklichen Beweisführung.
Die von uns hier berührten Momente, die doch gewiß zur Erklärung
der von Le Play festgestellten Tatsachen auch in Betracht kommen,
sind nicht einmal erwähnt. Nur zwei Momente, die besonders in die
Augen springen, sind von Le Play besprochen; von ihnen glaubt er,
daß sie in einem Kausalitätsverhältnis zueinander stehen müssen.
Wenn wir wenigstens bei Le Play noch irgendwie geartete Unter-
suchungen über die Tragweite der einzelnen Momente fänden, so
könnte man sagen, daß ihm nach reiflicher Überlegung ein be-
stimmter Kausalzusammenhang als der richtige erschien. Solche
Untersuchungen finden sich aber nicht; vielmehr geht aus seiner
ganzen Ausdrucksweise in unserem Beispiel mit einem hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit hervor, daß andere Momente für ihn über-
haupt nicht in Betracht kamen. Jedenfalls gab ihm seine eigene
Methode keine Mittel an die Hand, um die einzelnen Faktoren von-
einander zu sondern und ihre Tragweite zu messen. Dies ist aber
nur ein Beweis ihrer Unvollkommenheit, nicht ein Beweis der Un-
möglichkeit, sie zu vervollkommnen.

So sehen wir denn, daß Le Play’s Methode zwar einen wesent-
lichen Fortschritt in der Entwicklung der wissenschaftlichen Technik
gebracht, daß sie aber dasjenige nicht gehalten hat, was er sich
selbst und der Welt versprochen hatte. Er sah das von Comte
verheißene Land, aber zu fern und zu undeutlich, als daß er im-
stande gewesen wäre, seine Jünger zur Erreichung dieses Landes
anzuleiten.
        <pb n="112" />
        ﻿Anhang II.1)

(Zu S. 49 u. 79.)

Waffenschmied aus der halb-ländlichen Verlags-
industrie Solingens.

(Stückarbeiter im System des kurzdauernden Arbeitsverhältnisses.)

Nach am Orte eingezogenen Erkundigungen im September 1851 unter Mitarbeit
von E. Holler verfaßt von Fr. Le Play.

Vorgängige Beobachtungen über die Lage der verschiedenen
Familien-Mitglieder.

Beschreibung des Ortes, der industriellen Organisation und

der Familie.

§ 1. Zustand des Bodens, der Industrie und der Be-
völkerung. Der Arbeiter wohnt in der kleinen Stadt Solingen,
zwischen Elberfeld und Köln. Die Stadt liegt an der Wupper, an
der Stelle, wo die letzten Ausläufer von tonigem Schiefer, Grauwacke
und anderen Urgesteinen, die den Westerwald bilden, zutage streichen.
Ebenso berührt sie den schmalen Alluvialstreifen, der nahe dem
rechten Rheinufer in einer Ausdehnung von 50 km die große, weiter
unten unter dem Namen „die sächsische Ebene“ beschriebene For-
mation fortsetzt. Die Gegend vereinigt alle Bedingungen, die den
Erfolg eines Fabrikunternehmens sicherstellen können. Der an
Solingen angrenzende Boden eignet sich zum Anbau von Getreide,
Gemüse und Früchten, zur Aufzucht von Kühen und Milchziegen

*) Anhang I ist auf besonderem Blatte beigefügt.
        <pb n="113" />
        ﻿105

und bringt so alles hervor, was zur Ernährung einer zahlreichen
gewerbetreibenden Bevölkerung nötig ist. Die Stadt wird von einem
starken Wasserlauf, der Wupper, und von mehreren Nebenbächen
gestreift, die den zahlreichen für die Messer- und Waffenfabriken
unentbehrlichen Schleifwerkstätten die Kraft liefern. Die Stadt
Solingen mit den umliegenden Ortschaften, die zusammen eine Aus-
dehnung von ungefähr 10 000 ha haben, bilden für diese Erzeugnisse
den wichtigsten Fabrikationsort des europäischen Kontinents.

Der Stahl, der hier verarbeitet wird, kommt zum größten Teil
vom Stahlberg. Dieses Spateisenlager liegt inmitten des Wester-
waldes; die Erze werden dort verhüttet mit Hilfe von Holzkohle,
die die Wälder desselben Gebirges liefern. Die 10000 Arbeiter
Solingens verarbeiten für 1 Million Fr. Stahl und liefern für un-
gefähr 10 Millionen Fr. gewerbliche Produkte. Man kann die
Arbeiter in drei Hauptklassen teilen, die wieder in zahlreiche Kate-
gorien zerfallen. Die erste Klasse umfaßt „die Zurichter“,
d. h. die Schmiede, die Feiler und die Härter, mit anderen Worten
die Arbeiter, die dem Gegenstand die passende Form und die rich-
tige Härte geben. Die zweite Klasse bilden „die Schleifer“,
d. h. die Arbeiter, die den so zugerichteten Stahl am Schleifstein
glätten und schärfen. Die dritte Klasse endlich umfaßt „die
Fertigarbeiter“, d. h. die Zusammensteller, die die fertige
Klinge in den Griff oder in das Heft einfügen und die Eeihe der
Tätigkeiten vollenden, die nötig sind, bevor die Gegenstände in den
Handel gegeben werden können. Vom Gesichtspunkt der Vorbildung
und der Wichtigkeit für die Fabrik aus betrachtet, zerfallen die
Arbeiter einer jeden Klasse noch in zwei Kategorien: die gelernten
Arbeiter, die sich durch drei- oder vierjährige Lehrzeit auf ihr
Handwerk vorbereiten und die aus der einheimischen Bevölkerung
hervorgehen; und die Handlanger, die Hilfs- oder Vorarbeiten
machen, wozu lediglich rohe Kraft gehört; sie ergänzen sich aus den
angrenzenden Teilen Hessens und des Nassauer Landes. Die Arbeiter
Solingens sind niemals in großen Fabriken tätig; jeder von ihnen
erledigt für eigene Rechnung einen Teil der Fabrikation. Die Zu-
richter und die Fertigarbeiter arbeiten gewöhnlich in ihrer eigenen
Wohnung, inmitten des Haushaltes. Die Schleifer, die mit mächtigen,
durch mechanische Kraft betriebenen Schleifsteinen arbeiten, mieten
sich gegen wöchentlichen Zins einen Platz in einer großen Schleif-
werkstätte, die durch ein Wasserrad oder durch eine Dampfmaschine
ihre Kraft erhält. Alle Produkte werden für Rechnung der Unter-
        <pb n="114" />
        ﻿106

nelimer — „der Fabrikanten“ — angefertigt. Sie liefern das Roh-
material, bezahlen den Arbeitern den Stücklohn und versenden die
Produkte auf ihre Rechnung und Gefahr in alle Teile der Welt.

Die Arbeiter, die diese Monographie speziell beschreibt, ge-
hören zur dritten Klasse. Sie arbeiten immer für Rechnung der-
selben Unternehmer; aber dieser Umstand ist eine Ausnahme: er ist
keine allgemeine Tatsache, sondern der Rest einer alten Tradition.
In der Mehrzahl der Fälle gehen die Arbeiter nur ein kurzfristiges
Verhältnis mit den Unternehmern ein.

Die Arbeiter der ersten und zweiten Klasse wohnen vorzugs-
weise auf dem Lande und treiben meist etwas Landwirtschaft neben
ihrem industriellen Hauptberuf. Die der dritten Klasse dagegen
wohnen fast alle in Solingen selbst und beschäftigen sich weniger
mit Landwirtschaft.

Nahe bei Solingen und in den angrenzenden Provinzen gibt es
eine zahlreiche Klasse von Bauern; sie sind gewöhnlich mit Ge-
meindeland ausgestattet und widmen ihre ganze Zeit der Landwirt-
schaft; ihre Höfe sind nur klein und werden beim Tode des Be-
sitzers nicht geteilt. Es gibt auch einige Pächter; sie zahlen eine
feste Geldrente für ihre kleinen Güter, deren Größe ebenfalls fest-
gelegt ist. Die jungen Bauern, die keine Gelegenheit finden, eines
dieser Gütchen als Besitzer oder Pächter zu bewirtschaften oder als
Knechte zu arbeiten, entschließen sich gewöhnlich, mit einem Stück
Geld, das sie geerbt haben, oder mit einem Darlehn der Eltern nach
Amerika auszuwandern. Selten treten sie als Lehrlinge in die in-
dustriellen Werkstätten ein. Diese Abneigung gegen gewerbliche
Tätigkeit ist ein vorherrschender Zug bei allen Bauernstämmen, die
die weite sächsische Ebene zwischen Elbe und Rhein bewohnen.

§ 2. Zivilstand der Familie. Die Familie besteht aus
den beiden Eltern und vier Kindern. Gemäß einem dem Verfasser
gegenüber geäußerten Wunsche sind im folgenden, ebenso wie bei
den meisten anderen Monographien, nur die Anfangsbuchstaben der
Familiennamen angegeben. Zu den Vornamen sind die Abkürzungen
hinzugefügt, die im Hause und in der Nachbarschaft gebräuchlich
sind, eine der reizendsten Gewohnheiten des deutschen Volkes. Im
Falle, daß mehrere Abkürzungen nebeneinander gebraucht wurden,
ist nur die kürzeste angegeben.
        <pb n="115" />
        ﻿1.	Friedrich oder Fritz B . . der Vater, geboren zu

Solingen, verheiratet seit 29 Jahren.............50 Jahre

2.	Theresia oder Eesi M . . ., seine Frau, geboren zu

Lennep.............................................52	„

3.	Josef oder Sepp B . . ., ihr zweiter Sohn, geboren

zu Solingen........................................23

4.	Karoline oder Line B . . ., ihre älteste Tochter,

geboren zu Solingen................................20

5.	Margarethe oder Gretchen B . . ., ihre zweite

Tochter, geboren zu Solingen.......................17	„

6.	Christian oder Christ B . . ., ihr dritter Sohn, ge-
boren zu Solingen......................................9

Der älteste Sohn, Johannes oder Hans B . . ., ist 28 Jahre alt
verheiratet und hat einen eigenen Haushalt. Er gehört infolge-
dessen nicht mehr zu der Familie, obwohl er in der Werkstatt des
Vaters als Arbeiter tätig ist. Der zweite Sohn arbeitet ebenfalls
mit dem Vater, der dritte Sohn geht noch zur Schule.

§ 3. Religion und moralische Gewohnheiten. Die
Familie ist kalvinistischer Konfession. Ohne gerade besonderen
Eifer zu zeigen, kommt sie ihren hauptsächlichsten religiösen
Pflichten regelmäßig nach. Jeden Sonntag begeben sich alle zur
Kirche und empfangen jedes Jahr einmal die Kommunion. Im
gegenseitigen Verkehr herrscht große Höflichkeit. Die Neigung für J
einen guten Tisch und gegorene Getränke ist der einzige hervor-
tretende Fehler der Familie; die Unmäßigkeit zeigt sich besonders
stark bei dem ältesten Sohne, der mehrere Jahre in der preußischen
Armee gedient hat.

Diese Gewohnheiten sind zugleich die des größeren Teiles der
Bevölkerung von Solingen. Die Sitten sind anständig; uneheliche
Geburten sind selten und werden gewöhnlich durch die Ehe wieder
in Ordnung gebracht. Indessen unterscheiden sich in dieser Be- •
ziehung die in § 1 erwähnten drei Arbeiterklassen. Es ist be-
achtenswert, daß die liederlichsten Arbeiter der Klasse der Schleifer
angehören, deren Löhne gewöhnlich sehr hoch sind und mitunter
(wie z. B. jetzt), das Zehnfache der Durchschnittslöhne der Fabrik
betragen. In der Stufe der mittleren Löhne finden sich die mäßigsten
Arbeiter, die infolgedessen am befähigsten sind, sich durch Erspar-
nisse zu Fabrikanten oder Kaufleuten emporzuarbeiten.
        <pb n="116" />
        ﻿108

§ 4. Hygiene und Gesundheitsdienst. Die Gegend
ist gesund. Die Tätigkeit, die in gut gelüfteten Werkstätten aus-
geübt wird, setzt alle Organe des Körpers in Bewegung, ohne eines
über Gebühr zu ermüden, und ist so der Gesundheit mehr zuträglich
als schädlich. Die Schlafzimmer sind gesund; sie liegen in der ersten
Etage. Kurz, die Familie lebt unter guten hygienischen Bedin-
gungen; im Falle schwerer Krankheit nimmt sie ihre Zuflucht zu
einem Arzt der Stadt, der für den Besuch 1,25 Fr. erhält. Die
größten Lasten, die sie bis jetzt zu tragen hatte, waren herbei-
geführt durch Krankheiten, denen drei kleine Kinder zum Opfer
fielen.

§ 5. Stellung der Familie. Der Arbeiter arbeitet im
Stücklohn1), in einer Werkstatt, die er auf eigene Rechnung
mietet; er schafft sich selbst die Werkzeuge und die zur Ausführung
der Arbeit nötigen Zutaten an. Er engagiert sich Hilfskräfte und
unterscheidet sich vom Unternehmer im allgemeinen nur dadurch,
daß er den Rohstoff nicht besitzt und nicht über die Kundschaft
verfügt, die seine Produkte verbraucht. Doch steht der Arbeiter
in Anbetracht der Wichtigkeit seiner Arbeiten über der Mehrzahl
der Stücklohnarbeiter. Er würde sich leicht zum Fabrikanten empor-
arbeiten, wenn er die für diese Stellung erforderlichen Eigenschaften
besäße: Urteilsfähigkeit, Voraussicht und Ordnungssinn.

Existenzmittel der Familie.

§6. Eigentum (ohne Mobiliar und Kleidung). Immobilien
und Geld. Gemäß den in der Arbeiterbevölkerung dieses Distrikts
herrschenden Gewohnheiten hat die Familie kaum Ersparnisse ge-
macht, außer, um Möbelstücke und die für die Ausübung des Hand-
werks nötigen Werkzeuge zu erwerben; sie besitzt weder Geld noch
Immobilien. Der Garten, das Feld und die Wiese, die sie bewirt-
schaftet, sind in Pacht genommen.

Haustiere, die das ganze Jahr gehalten werden: 1 Ziege =
18,75 Fr.; 2 Hühner — 2 Fr.	Zusammen 20,75 Fr.

*) Le Play unterscheidet nicht den Stücklohn des Fabrikarbeiters von der nur
äußerlich ähnlichen, aber auf ganz andersartiger Grundlage beruhenden Löhnungsart
des Heimarbeiters und Handwerkers, die ja als halb bzw. ganz selbständige Ge-
werbetreibende notwendigerweise pro Stück bezahlt werden.
        <pb n="117" />
        ﻿109

Haustiere, die nur während eines Teiles des Jahres gehalten
werden: 1 Schwein im Durchschnittswert von 72 Fr., das 5 Monate
gehalten wird; unter Zugrundelegung des Jahresdurchschnitts ist
sein Wert	30— Fr.

Der Arbeiter kauft das Schwein Mitte Juli, zu der Zeit, da
man zu den Überresten und dem Spülichtwasser der Küche schon
einige Kartoffeln aus dem selbstbebauten Felde hinzutun kann;
dann schlachtet er es um Weihnachten zum eigenen Verbrauche.
Ärmere Familien können das nicht tun. Sie begnügen sich damit,
am Ende des Jahres wenigstens ein halbes Schwein zu kaufen, das
sie salzen und einlegen.

Besondere Geräte für die Berufsarbeiten und die häusliche
Arbeit	215,62 Fr.

1.	Für die Waffenschmiederei. — Einrichtung und verschie-

dene Werkzeuge (für 5 Personen), 112,50 Fr.; — Ofen mit Bohr für
Heizung der Werkstatt 18,75 Fr.; 4 Lampen zur Erleuchtung der
Werkstatt 9,37 Fr.	Zusammen 140,62 Fr.

2.	Für Vermieten eines Teiles des Hauses mit Möbeln: Ver-
schiedene Möbel	75j— jrr.

Betriebsfonds. Die für die Berufsarbeit notwendigen Roh-
stoffe werden dem Arbeiter vom Fabrikanten, für den er arbeitet,
geliefert. Die Zutaten werden auf Kredit gekauft oder mittels eines
Darlehns, das der Kaufmann gibt, und die Löhne, die der Arbeiter
seinen Mitarbeitern schuldet, werden nur soweit gezahlt, als er
selbst vom Fabrikanten bezahlt wird. Irgendein Betriebsfonds ist
also nicht nötig für die Ausübung der Haupttätigkeit des Arbeiters.
Er besitzt auch nichts dergleichen für die Nebenarbeiten. Dieser
Umstand ist es besonders, der voraussehen läßt, daß der Arbeiter
sich niemals zum „Fabrikanten“ emporschwingen wird. Gesamt-
wertwert des Eigentums	266,37 Fr.

§ 7. Subventionen. Die Arbeiter Solingens sind mehr
kleine Handwerksmeister als eigentliche Stücklohnarbeiter. Daher
sind auch die Unternehmer mehr Kaufleute und Kapitalisten als
Fabrikanten. Die Beziehungen zwischen Unternehmer und Arbeiter
beschränken sich in der Kegel darauf, in aller Güte den Preis für
einen Auftrag zu regeln, den der letztere ausführen soll, ihm nach
Bedarf Vorschuß von Material und Geld zu geben, endlich, ihm nach
der Lieferung den für den Auftrag vereinbarten Preis ganz aus-
zuzahlen. Bei dieser unabhängigen Lage verfehlen die Arbeiter
nicht, die Vorteile der Aufschwungsperioden sich zunutze zu machen;
        <pb n="118" />
        ﻿110

aber ebenso haben sie unter den ungünstigen Fällen zu leiden, die
durch ein Nachlassen der Aufträge eintreten. Doch fühlen sich die
Unternehmer verpflichtet, in Zeiten einer Krise etwas Arbeit auf-
rechtzuerhalten; sie geben im Bedarfsfälle den Arbeitern, die sie
gewöhnlich beschäftigen, Darlehen, für die sie sich später an den
steigenden Löhnen bezahlt machen, wenn die Arbeiten wieder auf-
genommen sind. In diesen Zeiten der Krise findet der Arbeiter
auch einige Hilfsquellen in dem Kredit, den der Hauseigentümer
und die Nahrungsmittel-Lieferanten gewähren.

§ 8. Gewerbliche Arbeiten und Nebenarbeiten.
Arbeit des Mannes: Der Arbeiter gehört zur Klasse der
Fertigarbeiter. Seine Haupttätigkeit besteht in dem Fertigmachen
der Säbel. Er bekommt von dem Fabrikanten, der den Export
dieses Artikels betreibt, die Klingen, die Hefte und die Scheiden,
und er macht die Säbel für den Handel fertig, zu einem vereinbarten
Durchschnittspreis pro Stück. Der Arbeiter wird dabei von seinen
beiden ältesten Söhnen und einem nicht zur Familie gehörigen
fremden Arbeiter unterstützt. Der Arbeiter beschäftigt sich niemals
für Rechnung benachbarter Grundeigentümer oder Pächter mit land-
wirtschaftlichen Arbeiten.

Arbeiten der Frau und der zwei ältesten Töchter:
Ihre Hauptarbeit knüpft an die gewerbliche Tätigkeit des Vaters an.
Zunächst holen sie die Klingen, Hefte und Scheiden beim Fabrikanten
ab und bringen die fertigen Säbel wieder dorthin. Bei guter Be-
schäftigung haben die Frauen auf diese Weise an jedem Arbeits-
tage zweimal ein Durchschnittsgewicht von 210 kg auf 1 km Ent-
fernung zu transportieren.

Unter den anderen Arbeiten nehmen die für den Haushalt die
erste Stelle ein; die Frauen stricken und nähen, bewirtschaften den
Garten und das Kartoffelfeld und verrichten die verschiedenen
Arbeiten, die die Haustiere verlangen.

Arbeit des ältesten Sohnes im Alter von 23 Jahren: Die
Hauptarbeit des Sohnes ist dieselbe, wie die des Vaters, mit dem er
zusammenarbeitet. Seine einzige Nebenarbeit besteht darin, daß er
die Wiese mäht, welche die Familie für ihre Ziege gepachtet hat.

Arbeit des fremden Gehilfen: Er verrichtet dieselben
Arbeiten wie der Meister.

Gewerbliche Tätigkeit für Rechnung der Familie.
Die Haupttätigkeit dieser Art besteht in den verschiedenen speku-
lativen Erwägungen, die die Familie bei der Berufsarbeit des Mannes
        <pb n="119" />
        ﻿111

.anstellt. Andere Tätigkeiten sind: Fettmachen und Schlachten des
Schweines, Nutzung der Ziege und der Hühner, möbliertes Vermieten
eines Teiles des Hauses, endlich Nutzung der drei Landparzellen, die
von dem Eigentümer des Hauses gepachtet sind:

Gemüsegarten, 250 m von der Wohnung entfernt

6,11 ar ä 7,— Fr. = 42,77 Fr.

Kartoffelfeld, 1500 m von der Wohnung
entfernt	4,82 ar ä 3,50 „ = 16,87 „

Wiese für Gras und Heu,

400 m von der Wohnung entfernt

3,37 ar ä 7,— „	- 23,59 „

14,30 ar	83,23 Fr.

Vergleicht man diese Zahlen mit dem Budget (§ 14—16), so er-
gibt sich, daß die häusliche Tätigkeit eine beachtenswerte Holle in
der hier beschriebenen Familie spielt. Das ist wohl vorherrschend
im ganzen Lande. Die Industriegegend Westfalens bleibt also den
ländlichen Traditionen der Hannoveraner und Skandinavier treu.
Und bis heute zeigen sich die Unternehmer nicht geneigt, die ganze
Tätigkeit ihrer Arbeiter für die Berufsarbeit in Anspruch zu
nehmen, wie es die von England tun, und sie so in Zeiten der Ruhe
jedes Existenzmittels zu berauben.

Lebensweise der Familie.

§ 9. Ernährung und Mahlzeiten. Die Familie macht
vier Mahlzeiten am Tag. Frühstück (8 Uhr morgens): Kaffee
-ohne Zucker, mit wenig oder ohne Milch; man nimmt reinen Kaffee,
ohne Zichorie, und rechnet ungefähr 40 g Wasser auf 1 g Kaffee;
dazu ißt man Butterbrot. Mittagessen: Man kocht eine Suppe
aus Wasser, Kartoffeln und Fett. Außerdem gibt es ein Gericht,
bestehend aus 0,96 kg Fleisch (außer wenn es Schweinefleisch ist),
Kohl und anderen frischen und konservierten Gemüsen, Salz und
1,2 1 Wasser, das allmählich verdunstet, so daß nur eine Kraftbrühe
zurückbleibt. Wenn das Geld zum Fleisch nicht reicht, begnügt
man sich mit gekochtem Gemüse und ein wenig Speck aus dem
Vorrat. Ein Arbeiter, der 2,50 M. pro Tag verdient, und dessen
Familie 5—6 Personen umfaßt, kann kaum mehr als 2—3 mal in
der Woche Fleisch essen. Sonntags gibt es oft noch Bouillon mit

8
        <pb n="120" />
        ﻿112

Reis. Vesperbrot (4 Uhr nachmittags): wie beim Frühstück.
Abendbrot (8 Uhr abends): Kartoffeln oder eine Mehlspeise, ge-
nannt Buchweizenkuchen, eine Art Pfannkuchen aus dem Buchweizen-
mehl, das mit Wasser und Salz zu Teig verarbeitet und dann in
der Pfanne gebraten wird. Dazu ißt man Butterbrot und zum
drittenmal Kaffee, aber ohne Milch. Mitunter gibt es zum Abend-
essen als Hauptgericht einen Eierkuchen, eine Art Omelette aus
Weizenmehl, Milch, Salz und Eiern, mit etwas Butter in der Pfanne
gebraten.

Die Produkte des Schweines erscheinen in den mannigfachsten
Formen auf dem Tische. Der Arbeiter kauft Mitte Juli ein Schwein
von ungefähr 33 kg, macht es fett und schlachtet es um Weih-
nachten; es wiegt dann ungefähr 105 kg. Einige Teile werden zu
Bratwurstteig verarbeitet, indem man 5 kg Mehl mit 14 kg fein-
gehacktem Fleisch mengt; man schneidet die Masse in Scheiben,
läßt sie im Ofen 5 Std. backen, wobei man sie mit Lake übergießt,
und bewahrt sie dann in der Wurstkammer auf. Ebenso bereitet
man 2,8 kg Kotwurst. Die 4 Schinken werden gesalzen und ge-
räuchert. Der Kopf wird zerhackt, eingesalzen und einige Zeit an
die Luft gehängt; der Speck wird teils geräuchert, teils zu Schmalz
ausgelassen. Der Rest des Fleisches wird geräuchert außer Ohren,,
Kopf und Pfoten, die frisch gegessen werden.

Außer Schmalz und der oben erwähnten Butter wird noch Rüböl
verwendet als Fett, besonders als Zutat zu den Kartoffeln: um es
zu reinigen und ihm den eigenartigen bitteren Geschmack zu
nehmen, erhitzt man es stark und hält während einiger Zeit ein
Stück Brot hinein. Dann tut man eine Zwiebel und Mehl in das
kochende Öl und dann die zuvor gekochten Kartoffeln. Mitunter
gibt es eine bessere Sauce zu den Kartoffeln, besonders zu den
Pfannkuchen, indem man dem Öl eine gleiche Menge Butter bei-
mengt. Für die Gemüse verwendet man ebenfalls gereinigtes Öl,
wenn kein Speck vorhanden ist, mitunter nimmt man auch Rindsfett..

Das gebräuchlichste Getränk ist der Kaffee; während der Mahl-
zeiten werden keine alkoholischen Getränke genossen. Dafür trinken
aber die Arbeiter nebenher und vor allem im Wirtshaus viel. Jeder
Arbeiter trinkt den Tag über 0,14 1 Branntwein' durchschnittlich;
die Enthaltsamsten begnügen sich mit der Hälfte.

§ 10. Wohnung, Mobiliar und Kleidung. Die Familie
bewohnt ein Haus, das sie von einem Solinger Kleinkaufmann
gemietet hat. Dieses Haus hat im Erdgeschoß eine große Werk-
        <pb n="121" />
        ﻿Bibliothek des Instituts

— 113 — für Weltwirtschaft Kiel

statt, eine Küche und ein Zimmer, in dem die Familie ihre Mahl-
zeiten einnimmt. Im ersten Stock sind drei Schlafzimmer, eines
für die Eheleute, eines für die Söhne und eines für die Töchter.
Ein viertes Zimmer ist von der Familie mit Zubehör möbliert an
einen Fremden zum Preise von 105 Fr. vermietet. Da der ganze
Mietspreis des Hauses nur 277,50 Fr. beträgt, bedeutet dieses Ab-
vermieten für die Familie ein lohnendes Geschäft.

Die Wohnung wird mit einer gewissen Peinlichkeit gehalten.
Das Mobiliar und die Kleidung deuten auf einige Wohlhabenheit
und Komfort hin.

Möbel.......................................... 979,25 Fr.

1.	Betten: 3 Betten, dabei für jedes: 1 Matratze, 1 Decke,

2 Federkissen, 1 Kopf-Pfühl, 1 Strohsack — 530,50 Fr.

2.	Mobiliar: 4 Tische = 67,50 Fr.; 15 Stühle = 45 Fr.; 1 Küchen-
schrank (Eßgeschirr) = 45 Fr.; 1 Kleiderschrank = 67,50 Fr.;

1	Wäscheschrank = 3,75 Fr.; 3 Koffer oder Kasten = 22,50 Fr.;

2	Bänke — 7,50 Fr.; 1 Herd für die Küche = 75 Fr.; 1 Uhr = 15 Fr.;
Möbel und Wäsche in Vorrat für die demnächstige Ehe des ältesten
Sohnes = 100 Fr. Zusammen 448,75 Fr.

Geräte...........................................110,62	Fr.

1.	Eßgeschirr: Geschirr, Töpfe und Gläser = 15 Fr.; Eisen-und
Kupfertöpfe = 75 Fr.; Messer, Gabeln und Löffel = 11,25 Fr. Zu-
sammen 101,25 Fr.

2.	Für diversen Gebrauch: 4 Lampen für das Haus = 9,57 Fr.

Wäsche für den sofortigen Gebrauch................32,— Fr.

6 Paar Bettücher = 32 Fr.

Kleidung, die mit Reinlichkeit und weiser Sparsamkeit gehalten
wird. In der Ernährung, nicht in der Kleidung zeigen sich die
Neigungen der Familie für die materiellen Genüsse . . 485,— Fr.
Kleidung des Arbeiters: 100 Fr.; silberne Uhr 15 Fr.

= 115 Fr.

„	der	Mutter: 80 Fr.

„	des	zweiten Sohnes:	100	Fr.

„	der	beiden Töchter:	160	Fr.

„	des	Kindes von 9 Jahren: 30 Fr.

Gesamtwert des Mobiliars und der Kleidung . . . 1606,87 Fr.

§ 11. Erholung. Das Rauchen, sowohl während der Arbeit
wie während der Pausen, ist die Haupterholung der 3 Arbeiter

8*
        <pb n="122" />
        ﻿114

der Familie. Jeder Mann verbraucht durchschnittlich am Tage 67 g
Tabak. Eine andere Erholung, der sie alle großen Wert beilegen,
ist der Branntweingenuß morgens und abends. In der hier beschrie-
benen Familie trinken die beiden Arbeiter täglich 0,14 1 Branntwein
im Hause und ebensoviel im Wirtshaus. Samstags gibt es außerdem
noch eine Extragabe Branntwein in der Werkstatt, an der der Meister
und seine drei Arbeiter teilnehmen. Die Frauen genießen weder Spiri-
tuosen noch Narkotika. Es ist sehr selten, daß die Familie während
der Mahlzeit Branntwein, Bier oder gar Wein trinkt. Jedes Jalir
beteiligen sich die Männer an einem Scheibenschießen, das man als
die Hauptlustbarkeit der Gegend betrachten kann. Die vier Märkte,
die jedes Jahr in Solingen stattfinden, und einige Feste in den be-
nachbarten Dörfern sind fast die einzige Erholung, an der alle
Familienglieder gemeinsam teilnehmen. Eine Mahlzeit im Wirts-
haus, Tanz, seltener kleine theatralische Vorführungen, sind bei
dieser Gelegenheit die begehrtesten Vergnügungen. Viele Arbeiter
indessen bleiben auch diesen letzteren Vergnügungen fern, und man
kann sagen, daß die einzigen unerläßlichen Vergnügungen dieses
Landes der Tabak und der Branntwein sind, wenigstens für die
Männer; für die Frauen die Unterhaltung mit den Nachbarinnen.

Geschichte der Familie.

§ 12. Hauptphasen der Existenz. Vor ihrer ersten
Kommunion unterstützen die Kinder die Eltern kaum in ihren
Arbeiten , sondern widmen ihre ganze Zeit der Schule. Mit 13
oder 14 Jahren beginnen die Mädchen, ihre Mutter zu unter-
stützen und helfen beim Transport der Gegenstände, die der Vater
bearbeitet. Zur selben Zeit treten die Söhne als Lehrjungen in
irgendeinen Zweig der lokalen Industrie ein. In den Familien der
Klasse der „Fertigarbeiter“ ergreift höchstens ein Sohn den Beruf
des Vaters. Die Brüder entgehen so der Notwendigkeit, sich eines
Tages Konkurrenz machen zu müssen. In dieser Hinsicht bietet die
hier beschriebene Familie eine ganz seltene Ausnahme unter den
zu dieser Klasse gehörigen Arbeitern Solingens. Nach 3 oder
4 Jahren Lehrzeit macht der junge Arbeiter seine Gesellenprüfung
und arbeitet als solcher 1 oder 2 Jahre bei seinem ersten Meister
oder bei einem anderen, der ihm schon einen festen Lohn zahlt.
So kommt er ins militärpflichtige Alter; dieser Dienst dauert durch-
        <pb n="123" />
        ﻿115

schnittlich 2 Jahre. Nach Erfüllung dieser Pflicht muß der Arbeiter
seine Meisterprüfung machen, ehe er selbständig arbeiten darf.
Endlich verheiratet er sich, sobald er genügend Werkzeug, Wäsche
und Möbel hat. Hierbei bringen die Töchter der arbeitenden Be-
völkerung im allgemeinen ihrem Gatten nichts mit in die Ehe, so
daß dieser oft eine kleine Aussteuer in Möbeln oder Geld von seinen
Eltern empfängt. Von dieser Epoche an entwickeln sich die Haus-
haltungen, in denen Ordnung und Sparsinn herrschen, schrittweise
zur Wohlhabenheit. Unglücklicherweise fehlen diese Eigenschaften
der größten Anzahl, und so bleiben die Familien dauernd in den
hier beschriebenen mittleren Verhältnissen. Sie streben danach, sich
sogleich allen physischen Genuß zu verschaffen, den die industrielle
Tätigkeit abwirft, und ertragen mit Resignation alle Entbehrungen,
die aus dem Fehlen jeder Reserve in Zeiten der Not hervorgeht.

Die Prüfungen, die Lehrling und Geselle zu machen haben, um
Geselle und Meister zu werden, sind in Preußen erst seit 1850 ein-
geführt. Vor dieser Zeit herrschte dort, seit der französischen
Okkupation, unbedingte Freiheit in der Wahl und Ausübung der
Berufe. In Solingen setzt sich die Prüfungskommission aus
25 Personen zusammen, aus denen zu jeder Prüfung ein Ausschuß
von 5 Gliedern zusammengestellt wird. Für die Gesellenprüfung
besteht das Komitee aus einem Fabrikanten als Präsidenten, zwei
Meistern und zwei Gesellen; für die Meisterprüfung nur aus Fabri-
kanten und Meistern. Die Prüfung besteht in der Ausführung einer
Arbeit vor dem Ausschüsse oder in der von glaubwürdigen Zeugen
bestätigten Anfertigung eines Meisterstückes.

§ 13. Sitten und Einrichtungen, die das physische
und moralische Wohlergehen der Familie sichern.
Trotz des Fehlens regelmäßiger Subventionen und des Mangels
jeder Fürsorge für die Zukunft, befinden sich die Arbeiter Solingens
und besonders die hier beschriebene Familie in einer ziemlich
glücklichen Lage. Infolge der günstigen Fabrikationsbedingungen
und der stetigen Vorwärtsbewegung erfährt die handarbeitende
Bevölkerung keinen übertriebenen Zuwachs; sie muß sich sogar
regelmäßig aus den benachbarten Provinzen noch Ersatz ver-
schaffen. Indessen sind keineswegs die wünschenswerten Garantien
für die Zukunft gegeben; denn die Solinger Industrie hat nicht in
sich selbst die Quellen des Wohlergehens, dessen sie sich erfreut.
Hier ist in Wirklichkeit das Wohlergehen der Familien garantiert
durch den Konsum außerhalb des Landes, der von Jahr zu Jahr
        <pb n="124" />
        ﻿116

viel schneller wächst als die natürliche Be Völker ungsvermehrung
beträgt

In mehrfacher anderer Beziehung befinden sich die westfäli-
schen Arbeiter der Industriegegend in einer viel schlechteren Lage
als die skandinavischen und hannoverschen Arbeiter; sie nähern
sich dort schon der „unstetigen“ Lage, die mehr und mehr in-
mitten der Massen herrscht, die in den Kohlegebieten Englands,
Belgiens und Frankreichs zusammengeströmt sind. Eine der be-
dauerlichsten Seiten dieser Lage ist die Gewohnheit, die Arbeiter
mehr und mehr in MietsWohnungen unterzubringen; es ist be-
klagenswert, daß dieses System noch immer mehr um sich greift.

Bis heute haben die Verhältnisse zwischen der Familie und
dem Kapitalisten, dem Eigentümer des Hauses, einen herzlichen
Charakter, der sich auf gegenseitiger Willfährigkeit und dem Patro-
natsverhältnis gründet. Der Eigentümer glaubt sich nicht befugt,
den einmal vereinbarten Mietzins zu steigern; und der Mieter fühlt
sich zu kleinen Dienstleistungen gehalten, die dem Eigentümer viel-
leicht angenehm sein können. Wenn an die Stelle dieser guten Be-
ziehungen von Eigentümer zum Mieter eines Tages die aufreizenden
Kämpfe getreten sind, die in gewissen Städten des Westens die
Festsetzung des Mietzinses hervorruft, dann wird man das Fehlen
einer gesetzlichen Regelung bedauern, die z. B. den Kaufleuten im
Harz verbietet, ihr Kapital in der Weise anzulegen, daß sie die
Häuser, in denen Arbeiter wohnen, erwerben. Die oben bezeichneten
guten Beziehungen sind sicherlich dem sozialen Frieden günstig.
Doch scheint es, daß seine Herrschaft in diesem besonderen Falle
sich viel sicherer darauf gründen ließe, daß man den Arbeiter beim
Erwerb seiner Wohnung vom Wettbewerb der Kapitalisten frei-
macht. Die beträchtlichen Summen, die die Familie für unnütze
und schädliche Erholungen verwendet, zeigen, daß sie schon längst
ihr Häuschen zu eigen haben könnte, wenn die Gewohnheit, unter-
stützt von der Patronage, auf dieses wichtige Interesse, die Fürsorge
für die Familie, hingelenkt würde. Letztere würde nicht nur ihre
finanzielle Position verbessert haben; sie würde auch in der sozialen
Rangordnung eine viel höhere Stellung einnehmen.

Viele Gründe geben zu der Befürchtung Anlaß, daß die Ent-
wicklung der Industrie in der sächsischen Ebene in Zukunft den

I Familien dieser Gegend die sittliche Höhe, die sie sich im Laufe
von sechs Jahrhunderten der Tugend erworben haben, wieder ent-
reißt. Um die Gefahr zu erkennen, die ihrer Existenz droht, ge-
        <pb n="125" />
        ﻿117

niigt es, zu vergleichen, welches Los die ärmsten Arbeiter der länd-
lichen Gegenden ihren Nachkommen verschaffen, und welches die
-am besten gestellten Arbeiter des Industriebezirks.

Einem einfachen Häusler (Kotter) oder Landarbeiter West-
falens, dessen Tagelohn selten 1,50 Fr. überschreitet, gelingt es ge-
wöhnlich, die Brüder und Schwestern seines Erben in der Neuen
Welt als unabhängige Eigentümer anzusiedeln. Dagegen wird der
Solinger Waffenschmied, der durchschnittlich 3,80 Fr. verdient, in
seinem Alter von allem entblößt sein, wenn er nicht von seinen
Kindern unterstützt wird. Wenn er indessen von seiner Heirat an
die mäßigen Gewohnheiten eines Häuslers angenommen hätte, würde
er jetzt als Eigentum alle die Grundstücke besitzen, die er jetzt
nur gemietet bzw. gepachtet hat, und würde der Ausstattung seiner
Nachkommen eine jährliche Summe von 1200 Fr. widmen können.

(§§ 14—16 siehe auf 8. 118-128.)

Elemente der sozialen Konstitution.

Für die soziale Organisation wichtige Tatsachen. Bemerkenswerte
Eigentümlichkeiten. Allgemeine Beurteilungen. Schlüsse.

§ 17. Über die alte soziale Konstitution der
sächsischen Ebene, die durch das deutsche Ufer der
Nordsee begrenzt wird. Die Industriegegend um Solingen
und die des Kohlenbeckens der Buhr liegt im Mittelpunkt der
Ebene, die sich im Norden von der Mündung der Elbe bis zur
Westgrenze der Niederlande hinzieht. Gegen Süden erstreckt sich
diese Ebene den Rhein aufwärts bis Bonn, 300 km lang, und 250 km
die Elbe aufwärts bis Magdeburg. Im Mittelteil ist sie kaum mehr
als 220 km breit. Die Bewohner dieser Ebene bewohnen nur einen
kleinen Teil des großen Anschwemmungslandes, das sich vom Süd-
osten Englands bis zur Wolga in derselben geologischen Beschaffen-
heit ausdehnt. Indessen haben ihre Vorfahren eine wichtige Rolle
in der alten Geschichte Europas gespielt, und die Tugenden der
Rasse haben sich bei den Nachkommen erhalten. Vielleicht sind
sie berufen, durch ihr Beispiel die Übel, die heute den Westen
zerstören, zu heilen. Die Menschen, die sich dem Fortschritt ge-
widmet haben, sollten sich angelegen sein lassen, die Gestaltung
dieser einzelnen Gegenden zu erforschen, deren Ausdehnung von
Osten nach Westen 3000 km übersteigt.
        <pb n="126" />
        ﻿— 118 —

14. Budget der Jahreseinnahmen.

Quellen der Einnahmen	Annäherungswert der Einnahme- quellen.  Wert des Eigentums
I. Sektion.  Eigentum der Familie.  1. Unbewegliche Güter  (Die Familie besitzt kein Eigentum dieser Art)	
2. Bewegliche Güter  a) Haustiere, die das ganze Jahr gehalten werden:  1 Ziege = 18,75 Fr.; 2 Hühner = 2 Fr.	20,75
b) Haustiere, die nur einen Teil des Jahres gehalten werden:  1 Schwein (Schätzungswert)	(6)	30,-
c) Material für die heruflichen und häuslichen Arbeiten: a) Für die Waffenschmiedetätigkeit: Werktische, Möbel, Mobiliar, Werkzeuge	140,62
ß) Für das Vermieten en garni eines Teiles des Hauses: verschiedene Möbel	75,—
3. Ansprüche gegen Versicherungsgesellschaften auf Gegen- seitigkeit  (Die Familie ist in keiner derartigen Gesellschaft)	—
Gesamtwert des Eigentums	Fr. 266,37

II. Sektion.
Subventionen.

1.	Nutzeigentum

(Die Familie hat kein Nutzeigentum)

2.	Nutzungsrechte am Eigentum des Herrn

(Die Familie hat keine derartigen Rechte)

3.	Bewilligung von Sachen und Diensten.

Im Westen	ist die Formation der erratischen	Lager im	Süd-
osten Englands	vertreten	durch	die Gebirgslappen	des Wash	und

Holderness. Sie erscheint auf dem Kontinent in Belgien, nicht weit
von Pas-de-Calais. Von da ah zieht die südliche Grenze des
Schwemmlandes von Westen nach Osten durch die Niederlande, dann
gegen Südosten	bis zum	Rhein.	Sie überschreitet	den Rhein	bei

Bonn, an dem Punkt, wo	dieser	Fluß das Gebirge verläßt und	sich

in die Ebene ergießt. Sie wendet sich dann am rechten Rheinufer
nach Norden, wobei sie den letzten Ausläufern des Westerwaldes
folgt, und bildet so an diesem Ufer eine fruchtbare Zone, die
zwischen Bonn und Wesel bei 50 km Länge 10 km breit ist. Hier

\
        <pb n="127" />
        ﻿119

§ 14. Budget der Jahreseinnahmen.

	Betrag der Einahmen	
Einnahmen	Geldwert der Natu- ralien	Einnahmen in Geld
I. Sektion.  Einnahmen aus Eigentum.  1.	Einnahmen aus beweglichen Gütern  (Die Familie hat keine Einnahmen dieser Art)  2.	Einnahmen aus unbeweglichen Gütern  a) Zinsen (6%) des Wertes der Haustiere k) „	„	„ des Schweines  «) Zinsen des Wertes dieser Gegenstände (5%) ß) Zinsen und Amortisation (5%) des Wertes der Möbel	1,24  1,80	7,03  7,50
3. Auszahlungen von Versicherungen auf Gegenseitigkeit (Die Familie empfängt keine derartige Auszahlung)		—
Gesamtwert der Einnahmen aus Eigentum	Fr. 3,04	14,53

II.	Sektion.

Erträge aus den Subventionen.

1.	Erträge aus Nutzeigentum

(Die Familie hat keine Erträge)

2.	Erträge aus Nutzungsrechten

(Die Familie hat keine Erträge)

3.	Bewilligte Sachen und Dienste

Geld, das dem Arbeiter in Zeiten der Not zinslos

geliehen wird	—

Geld (im Jahr durchschnittlich 50 Fr.), das zum
Ankauf von Materialien vom Unternehmer zins-
los vorgeschossen wird. Zinsgewinn (5 °/0)	2,50

Gesamtwert der Erträge aus Subventionen Fr. 2,50

in dieser Ebene, mitten zwischen Bonn und Wesel, im devonischen
und sibirischen Hügelland, das von der Wupper, einem kleinen
Nebenfluß des Rheins, durchflossen wird, liegen die Fabriken von
Elberfeld und Solingen. Von Wesel ab zieht sich die südliche
Grenze des Schwemmlandes am linken Ufer der Lippe hin, schlägt
dann einen Bogen um das Emstal bis nördlich von Osnabrück und
wendet sich dann wieder vorwiegend nach Osten. An dem Punkte,

(Fortsetzung S. 128.)
        <pb n="128" />
        ﻿120

	Menge der		aus-	Höhe der täglichen		
Bezeichnung der Arbeiten und des	geführten Arbeit				Löhne	
Zeitaufwandes		3	2		3	9!
	Vater	Frauen	Söhne	Vater ]Frauen] Söhne		
		Tage		Fr. C.	Fr. C.	Fr. C.
III. Sektion.						
Arbeiten der Familie.						
1. Berufsarbeit, ausgeführt im Akkord auf Bechnung						2,50
eines Unternehmers: Zusammensetzen der Säbel	300		300	2,50		
2. Transport (auf dem Bücken) der einzelnen Teile						
und der fertigen Säbel  3. Nebenarbeiten, auf Bechnung der Familie:		360			0,60	
a) Arbeiten im Haushalt: Zubereitung der Mahl-						
Zeiten, Beinhalten des Hauses und der Möbel, Beinigung und Unterhaltung der Kleidung und						
Wäsche		210			—	
b) Strümpfestricken und Anfertigung von Kleidern		182			0,25	
c) Gartenkultur (gepachtet)		30			0,30	
d) Pflege der Ziege		10			0,30	
e) Bearbeiten des Kartoffelfeldes (gepachtet)		12			0,30	
fl Mähen der Wiese (gepachtet)  g) Heuernte und Futtertransport (für die Ziege)		18	0,5		0,30	2-
h) Besorgung des Schweines		60			0,30	
Gesamtsumme der Tage für alle Familienglieder	300	882	300,5	|		

IY. Sektion.

Tätigkeit der Familie
(auf eigene Bechnung).

1.	Spekulationen, die sich auf die Berufsarbeit des Arbeiters
beziehen:

a)	Lieferung der Werkzeuge und verschiedener Gegenstände

b)	Ersetzung des Tagelohns durch Akkord

c)	Annahme von Gesellen

2.	Auf Bechnung der Familie ausgeübte Tätigkeit:

a)	Bearbeitung des Gartens von 6,11 ar

b)	„	,, Kartoffelfeldes von 4,82 ar

c)	Nutzung der Ziege und der Wiese, die für deren Unterhalt
gepachtet ist

d)	Nutzung des Geflügels

e)	Fettmachen und Schlachten des Schweines

f)	Möbliertes Yermieten eines Teiles des Hauses

*) Zu S. 121: Die Zahlen 16 A, B, C usw. beziehen sich auf die Spezifikationen des § 16-
        <pb n="129" />
        ﻿121

Einnahmen (Fortsetzung)		Betrag der Einnahmen	
		Geldwert der Naturalien	Einnahmen in Geld
III. Sektion.			
Arbeitslöhne.			
(Dabei ist der Teil des Lohnes nicht eingerechnet, der als Gewinn der spekulativen Tätigkeit des Stücklohnarbeiters angesehen wird.) (Sektion IV.)  1.	Lohn, den ein Tagelöhner empfangen würde, der dieselbe Arbeit ausführt und nur seine Arbeit besorgt  2.	Gesamtlohn für diese Arbeit			1500,—  216,—
3. a) (Für diese Arbeit kann kein Lohn gerechnet werden) b) Gesamtlohn für	diese	Arbeit  J&gt;	V	J)	JJ  &gt;&gt;	11	11	11  ®)	”	V	n	&gt;&gt;  J&gt;	11	11	11  S)	11	11	11	11  ii	ii	n	ii		45,50  1=  3,60  1-  5,40  18-	
Gesamtlöhne	der Familie	85,50	1716,—
IV. Sektion.  Ertrag dieser Tätigkeit.  1. a) (Einschließlich desjenigen Teils des Lohnes, der als der Gewinn der spekulativen Tätigkeit des Akkordarbeiters anzusehen ist (Sektion III).  b)	Nota: Ein Tagelöhner, der dieselbe Arbeit aus- führt und nur seine Arbeit verrichtet, bekommt  c)	Mehrertrag aus diesen Unternehmungen (16 A‘) siehe S. 120)	Verrechnung des durch- schnittlichen Tagelohns		
	2,50  1,34		401,63
Gesamtsumme des durchschnittlichen Lohnes	3,84		
2. a) Ertrag aus dieser Tätigkeit  ii	ii	ii	ii	16 B  16 C	12,05  18,50	
11	ii	ii	ii  ^	ii	ii	ii	ii  y	ii	ii	ii	ii  */	11	11	11	11	16 D  16E  16F  16G	3,23  7,88  46,27	39,50
Gesamtertrag aus dieser Tätigkeit		87,93	441,13
Nota: Außer diesen in ßechnung gestellten Einnahmen ergeben die Beschäftigungen noch eine Einnahme von 2017,92 Fr., welche von neuem für diese Dinge verwandt wird (16 H). Diese Ein- nahme und die Ausgaben, die sich gegenseitig aufheben, sind auf beiden Seiten fortgelassen worden.			
Gesamtsumme der Jalireseinnalimeii (aufgehend m. d. Ausgaben)  (2350,63 Fr.)		Fr. 146,47	2174,16



I
        <pb n="130" />
        ﻿122

§ 15. Budget der Jahresausgaben.

Betrag der Ausgaben

Verzeichnis der Ausgaben

I. Sektion.

Ausgaben fürNahrung.

Geldwert
der ver-
brauchten
Naturalien

Gewicht und Preis
der Nahrung

1. Speisen, die im Haushalt verbraucht werden (vom
Arbeiter, seiner Frau, 2 Söhnen, 23 und 9 Jahre,
2 Töchtern, 20 und 17 Jahre, während 365 Tagen).

Gewicht

kg

Preis
pro kg

Korn:

Weizen: Mehl zu Pfannkuchen, 47 kg ä 0,356 Fr.
— 1673 Fr. Weißbrot vom Bäcker 50 kg
ä 0,40 Fr. = 20 Fr.

Boggen: Brot (vom Bäcker gekauft)

Buchweizen: Mehl
Reis

Gesamtgew. u. Durchschnittspreis

Fette:

Kuhbutter

Speck, innerer: 9,2 kg ä 1,60 Fr. = 14,72 Fr.,
äußerer: 32,8 kg ä 1,47 Fr. = 48,22 Fr.

Rüböl	________________

Gesamtgew. u. Durchschnittspreis
Milch und Eier:

Kuhmilch (gekauft) 116 1 ä 0,121 Fr. = 14,04 Fr.

Ziegenmilch (16 D) 230 1 ä 0,138 Fr. = 31,74 Fr.
Hühnereier (16 E)	________________

Gesamtgew. u. Durchschnittspreis
Fleisch und Fisch:

Fleisch aus der Schlächterei: Rindfleisch 195 kg
ä 0,89 Fr. = 173,55 Fr., Kalbfleisch 7 kg ä 0,45 Fr. =
3.15Fr., Hammelfleisch 49kg ä0,80 Fr. = 39,20Fr.
Schweinefleisch: Rauchfleisch 10 kg ä 1,10 Fr. =
11 Fr., 4 Schinken 29 kg ä 1,20 = 34,80 Fr.,
Bratwürste 14 kg ä 1,20 = 16,80 Fr., Blutwürste
2,8 kg ä 1,00 = 2,80 Fr., Kopf, Pfoten und Ohren
7.2 kg ä 1 Fr. = 7,20 Fr. (16 F)

Fische (solche werden im Haushalt niemals verzehrt)

Gesamtgew. u. Durchschnittspreis

Gemüse und Früchte:

Knollengewächse: Kartoffeln
Grüne Gemüse zumKoehen: Weißkohl 37 kg ä 0,07 Fr.,
= 2,59 Fr., Sauerkraut 71 kg ä 0,20 Fr. =
14,20 Fr., Rotkohl 24 kg ä 0,135 Fr. = 3,24 Fr.,
Bohnen 140 kg ä 0,09 Fr. = 12,60 Fr., Erbsen
3 kg ä 1 Fr. = 3 Fr., Brechbohnen 16 kg
ä 0,37 Fr. = 5,92 Fr.

Wurzelgemüse: Karotten
Gewürzgemüse: Zwiebeln
Salate: Endivie (röm. Salat) Cichorie
Kürbisartige Pflanzen: Gurken (16 B)

Kern- u. Steinobst: Äpfel 10 kg ä 0,075 Fr.=0,75 Fr.,
Birnen 6 kg ä 0,075 Fr. = 0,45 Fr., Zwetschen
5 kg ä 0,25 Fr. = 1,25 Fr., Pflaumen 3,5 kg
ä 0,50 = 1,75 Fr., Backpflaumen 1 kg = 0,50 Fr.
Beerenobst: Johannis- und Stachelbeeren (16 B)

Gesamtgew. u. Durchschnittspreis

97  1196  215  6	0,379  0,190  0,175  1,070
1514	0,203
49	1,600
42	1,498
14,6	1,000

105,6	1,477

346,0  10,0	0,132  0,800
356,0	0,151
251	0,860
63	1,52
314,—	0,919
1469	0,030

291

47

4

14

10

0.143

0,040

0,150

0,270

0,210

25.5	0,184

28	0,180

1888,5

0,078

41,69

6,15

8-

46,38

9,2

14,65

0,73

0,20

1,36

0,70

1,84

Aus-
gaben
in Geld

36,73

227,24

37,63

6,42

78,40

21,25

14,60

39,63

215,90

26,22

79,12

26,90

1,15

0,40

2,42

1,40
        <pb n="131" />
        ﻿Betrag der Ausgaben

Verzeichnis der Ausgaben (Fortsetzung)			Geldwert der ver- brauchten Naturalien	Aus- gaben in Geld
	Gewicht und Preis der Nahrung			
Würzstoffe und Reizmittel:  Salz  Gewürze: Pfeffer 0,7 kg ä 1,61 Fr. Safran, Muskat- nüsse, Gewürznelken usw. 2,16 Fr.  Weinessig  Süßigkeiten: Rohr- oder Rübenzucker 1,9 kg ä 2,14 Fr.  = 4,07 Fr. Raffinade 1,9 kg ä 1,33 Fr. = 2,53 Fr. Aromatische Getränke: Kaffee (gemahlen gekauft)	Gewicht  kg	Preis pro kg		
	85  I6  3,8  36,5	0,230  2,513  0,200  1,757  2,680	—	19,55  3,77  0,60  6,60  97,82
Gesamtgew. u. Durchschnittspreis	129,8	0.989		
Gegorene Getränke:  Branntwein: zu Hause genossen 51,2 1 ä 0,880 Fr. = 45,06 Fr (im Wirtshaus genossen (Sekt. IV) 51,2 1 ä 1,760 = 90,12 Fr. In der Werkstatt zusammen mit den Gesellen getrunken (16 A) 22 1 ä 0,880 Fr. = 19,36 Fr.)  Wein: im Wirtshaus getrunken (berechnet unter Sekt. IV)  Bier (desgl.)	124,4  48,0  520	1,242  1,250  0,145	—	45,06
Gesamtgew. u. Durchschnittspreis	692,4	0,419		

2. Speisen, die außerhalb des Hauses zubereitet und genossen werden.
(Außerhalb des Haushaltes wird keine Mahlzeit eingenommen.)

II. Sektion.

Ausgaben für Wohnung.

Wohnung:

Mietzins für den von der Familie bewohnten Teil des Hauses 144,92 Fr.;
Unterhaltung dieses Teiles 8,75 Fr.

Mobiliar:

Hausgerät und Reparaturen 6 Fr.; Stroh für die Betten 3 Fr.

Heizung:

Kohle (aus dem Ruhrrevier) 2000 kg ä 2,14 Fr. für 100 kg = 42,80 Fr.;

Holz zum Anzünden 7,60 Fr.

Beleuchtung:

Rüböl 43,8 kg ä 1 Fr.

Gesamtausgaben für die Wohnung —

III.	Sektion.

Ausgaben für Bekleidung.

Kleidungsstücke:

Vater:	Stoffe u. Kleider	89,93	Fr. Arb. f.	d. Anfertg. i. Hause (16 J.)	5,35 Fr.

Mutter:	„	„	„	58,31	„	„	„	„	„	„	»	(	»	)	^9’Z5	»

”	”	89,93	„	„	„	„	„	„	„	(	„	)	5|35	„

I	»	»	»	116,62	„	„	„	„	„	„	„	(	„	j	21,50	„

^	»	»	» n »	»	»	( » )	n

Wasche und Reinigung:

Schwarze Seife (für grobe Wäsche) 24,3 kg ä 0,80 Fr. = 19,44 Fr.; Seife (für
feine Wäsche) 5 kg ä 1,33 Fr. = 6,65 Fr.; Pottasche 476 gr = 0,53 Fr.;

Berliner Blau 0,70 Fr.

Abonnement bei einem Barbier (für Vater und Sohn)

Gesamtausgaben für Bekleidung
        <pb n="132" />
        ﻿124

Betrag der Ausgaben

Verzeichnis der Ausgaben (Fortsetzung)

IV. Sektion.

Geldwert
der ver-
brauchten
Naturalien!

Aus-
gaben
in Geld

Ausgaben für moralische Bedürfnisse, Erholung, Gesund-
heitspflege.

Kultus:

Für Unterhaltung der Kirche, unter der Bezeichnung Steuer
Unterricht der Kinder:

Schulgeld 7,50 Fr. — Bücher, Papier, Feder usw. 1,88 Fr.
Unterstützung und Almosen:

In der Kirche gegeben für die Armenkasse 5,62 Fr., zu Hause 3,76 Fr.
Erholung und Feste:

Vater: Bier im Wirtshaus 260 1 ä 0,145 Fr. = 37,70 Fr.; Wein im
Wirtshaus 24 1 ä 1,25 Fr. = 30 Fr.; Branntwein im Wirtshaus 25,6 1
ä 1,76 = 45,06 Fr.; Tabak 24,5 ä 1,07 Fr. = 26,21 Fr.

Sohn (23 J.: Bier, Wein, Branntwein, Tabak wie der Vater: 138,97 Fr.;
Ausgaben bei Märkten und Festen in Solingen und der Umgegend
(für Tänze und Mahlzeiten) 30 Fr.

Die anderen Kinder und die Mutter: Spielsachen usw.

Alle gemeinschaftlich: Essen und Getränke bei Schützenfesten 45 Fr.;
Theater 3,75 Fr.

Gesundheitspflege:

Besuch des Arztes und Kauf von Medikamenten

Gesamtausgabe für moralische Bedürfnisse, Erholung und Ge-
sundheitspflege

V. Sektion.

—	2,50

—	9,38

—	9,38

—	138,97

—	168,97

0,25	15,—

48,75

16,—

0,25	408,95

Ausgaben für die berufliche Tätigkeit, Schulden, Steuern,
Versicherungen.

Gewerbliche Tätigkeit:

Nota: Die Ausgaben für die auf eigene Rechnung unternommenen Be-
schäftigungen betragen 2077,99 Fr. (16 H). Sie sind gedeckt durch
die Einnahmen daraus: Geld und im Haushalt verbrauchte Gegen-
stände, unter diesem Titel in Rechnung gestellt	Fr. 60,07

Geld und wieder im Gewerbe verwandte Sachen, die nur als
Betriebskapital zeitweiligen Wert haben und nicht unter
den Ausgaben für den Haushalt figurieren können	„ 2017,92

Fr. 2077,y9

Zinsen der Schulden:

Zinsen (5%) für Darlehn (50 Fr.), das der Unternehmer zum Ankauf
von Materialien leiht. Die Summe ist in den Ausgaben für gewerbl.
Tätigkeit mit einbegriffen (16 A), Zinsen (10°/o) für verbrauchbare
auf Kredit gekaufte Sachen (50 Fr.), vom Kaufmann in den Kauf-
preis einbezogen

Steuern:

Staatssteuer (Klassenst.), der Arbeiter gehört zur dritten Klasse

Gemeindesteuer (für Verwaltung und Schulden der Kommune)

Einquartierung, durchschnittlich 6 Tage im Jahr, tägl. Ausgabe 0,75 Fr.

Versicherungen für d. körperl. u. moralische Wohlergehen:

Die Familie hat keine andere Garantie als den guten Geschäftsgang
des Solinger Gewerbes, der sich auch in der Tat gut behauptet. Sie
macht für solche Zwecke keine Ausgaben__________________________

Gesamtausgaben der V. Sektion

Ersparnisse des Jahres:

Ersparnisse zugunsten des 23jährigen Sohnes

Nota: Die Familie ist gewohnt, allen Verdienst auszugeben und hat
ausnahmsweise diese Summe gespart, um Möbel und Wäsche zu kaufen,
die der Sohn nötig hat, um einen Haushalt zu begründen. Ist dieser
Zweck erreicht, so fällt die Familie wieder zurück in ihre Sorglosigkeit.

Gesamtausgaben des Jahres
(mit den Einnahmen balanzierend (2350,63 Fr.)

176,47

5-

7.50
14,12

4.50

31.12

65,40

2174,16
        <pb n="133" />
        ﻿125

§ 16. Anhang zum Budget.

Werte

in

Naturalien

in Geld

I. Sektion.

Berechnungen des Verdienstes aus den Arbeiten
der Familie
(für eigene Rechnung).

A. Unternehmerlohn aus derBerufstätigkeit, die
ausgeübt wird vom Vater unter Beihilfe der Familie,
eines selbständigen Sohnes und eines Gesellen.
Einnahmen:

Bezahlung für 300 Arbeitstage (7—8 Std.), gleichwertig mit
160 Tagen bei viel Beschäftigung (14 Std.).

Lohn, den die Familie bekommen würde, wenn sie täglich die-
selbe Arbeit und nur diese leisten würde:

Lohn des Vaters (14. Sekt. III).	750,—

„	„ 23 jährigen Sohnes (desgl.)	750,—

„	der Frau und zweier Töchter (desgl.)	216,—

Summe, die der Haushalt noch zu diesem Lohn hinzuerhält Fr.

Ausgaben:

Lohn für den ältesten außer dem Hause wohnenden Sohn
„	„	„ Gesellen

Mietzins für den Teil des Hauses, der als Werkstatt dient
Heizung der Werkstatt: Kohlen 450kg ä 2,14 Fr. für 100 kg
Branntwein am Samstag (alle Arbeiter gemeinsam) 221 ä 0,88 Fr.
Zinsen für Betriebskapital: dieses besteht einzig in dem Vor-
schuß, den der Unternehmer gibt. Die Zinsen, die er nicht
fordert, würden betragen bei 5%

Kosten für Material und Zutaten: Zinsen (5°/o) des Wertes des
Arbeitstisches, der Werkzeuge, Möbel u. Utensilien (140,62 Fr.)
Unterhaltung dieser Gegenstände und Neukauf
Es kommt zum Lohn hinzu für Lieferung der Werkzeuge und
verschiedener Gegenstände, Ersatz der Tagelohnarbeit durch

Gesamtsumme		wie oben	Fr.		2156,86
B. Kultur des Gartens von 6,11 ar Einnahmen:  Kartoffeln	187 kg ä 0.06		Fr.	3,92	7,30
Weißkohl für Sauerkraut	71	„ ä 0,20		4,90	9,30
Weißkohl frisch gegessen	37	„ ä 0,07		0.99	1,60
Rotkohl	24	„ ä 0,135		1,24	2-
Bohnen (frische)	140	„ ä 0,09		4,30	8,30
Grüne Erbsen	3	„ ä 1,—		1,10	1,90
Brechbohnen	16	„ ä 0,37		2,12	3,80
Karotten	47	„ a 0,04		0,73	1,15
Zwiebeln	4	„ ä 0,15		0,20	0.40
Salat (Endivie)	14	,, ä 0,27		1,36	242
Gurken	10	„ ä 0,21		0,70	1.40
Johannes- und Stachelbeeren	28	„ ä 0,18		1,84	3,20
Runkelrüben (für die Ziege)	26	„ ä 0,025	JJ	0,65	—
Überreste (für die Düngung)	100	„ ä 0,02		2-	—
Ausgaben:  Pachtzins für den Garten: 6,11 ar ä 7 Fr. Düngung: 1 Wagen ä 5 Fr.  Arbeit der Familie: 30 Tage ä 0,30 Fr. Kosten des Materials: unbedeutend  Gewinn aus dieser Beschäftigung		Summe		26,05  57-  9-  12,05	42,77  42,77

3872,86

1716,-

2156,86

750 —
562,50
77,08
9,63
19,36

2,50

7,03

327,13

401,63

Gesamtsumme wie oben I 26,05 I 42,77
        <pb n="134" />
        ﻿126

	Werte	
Anhang zum Budget (Fortsetzung)	in  Naturalien	in Geld
C. Bearbeitung des Kartoffelfeldes von 4,82 ar. Einnahmen:		
1264 kg Kartoffeln ä 0,06 Fr.	32,10	43,74
Ausgaben:		
Pachtzins: 4,82 ar ä 3,60 Fr.	—	16,87
Dünger: 4 Wagen ä 5 Fr.	(D)	10,-	io-
Feldarbeiten, die ein Bauer aus der Nachbarschaft besorgt:		16,87
4,82 ar ä 3,50 Fr.	3,60	
Arbeit der Familie bei der Ernte usw. 12 Tage ä 0,30 Fr.		—
Kosten des Materials (unbedeutend)	18,50	
Ertrag aus dieser Tätigkeit		—
Gesamtsumme wie oben	32,10	43,74
D. Nutzung der Ziege und der für ihren Unterhalt ge- pachteten Wiese.  Einnahmen:		
Milch: 2301 ä 0,138 Fr.	6,15	25,59
1 Zicklein, ausgetauscht gegen Kuchen	0,25	—
Dünger: 4 Wagen ä 5 Fr.	10,—	10,—
Gesamtsumme	16,40	35,59
Ausgaben:		
Zinsen für den Wert der Ziege (6 °/0) 18,75	1,12	—
Futter für die Ziege:		
Pachtzins für die Wiese: 3,37 ar ä 7 Fr.	—	23,59
Bewirtschaftung der Wiese: Mähen, lj2 Tag Arbeit für den	1-  5,40	
Sohn ä 2 Fr.		—
Heuernte, 18 Tage Arbeit für die Frau ä 0,30 Fr.		—
Kunkelrüben (aus dem Garten) 26 kg ä 0,025 Fr.	0,65	—
Streu:		12,-
Stroh 400 kg ä 3 Fr. pro 100 kg	—	
Abfälle aus dem Garten: 100 kg	2-	—
Besorgung der Ziege: 10 Tage ä 0,30 Fr.	3,	—
Ertrag aus dieser Beschäftigung	3,23	—
Gesamtsumme wie oben	16,40	35,59
E. Nutzung des Geflügels.  Einnahmen:		
200 Eier ä 0,04 Fr.	8-	—
Ausgaben:		
Zinsen (6%) für den Wert der Hühner (2 Fr.)	0,12	—
Futter (nur als Notiz)	7,88	—
Ertrag aus dieser Tätigkeit		—
Gesamtsumme wie oben	8-	—
F. Fettmachen und Schlachten des Schweines. Einnahmen:		
Speck: innerer:	9,2 kg ä 1,60 Fr.	9,82	4,90
„ äußerer:	32,8 „ ä 1,47 „	31,87	16,35
Rauchfleisch	10	,, ä 1,10 „	6,30	4,70
4 Schinken	29	., ä 1,20 ,,	22,95	11,85
Bratwurst	14	„ ä 1,20 „	10,45	6,35
Blutwurst	2,8 ,, ä 1,— „	1,87	0,93
Kopf	2,2 „ ä 1,— „	1,47	0,73
Pfoten, Ohren usw.	5	„ ä 1,— „	3,34	1,66
105 kg		
Dünger: 1 Wagen	5 —	—
Gesamtsumme	93,07	47,47
        <pb n="135" />
        ﻿127

Anhang zum Budget (Fortsetzung)	Werte	
	in  Naturalien	in Geld
Ausgaben:		
Kauf eines Schweines im Gewicht von 33 kg			41,25
Zinsen (6 °/0) für den berechneten Wert des Schweines	1,80	—
Futter: 450 kg Kartoffeln ä 0,06 Fr.	27,-	—
Arbeit der Weiber: 60 Tage ä 0,30 Fr.	18,-	—
Bezahlung des Schlächters für Töten und Salzen		1,25
Salz: 14 kg ä 0,23 Fr.	—	3,22
Pfeffer, Muskat usw.	—	1 —
Bezahlung des Bäckers für das Backen der Bratwürste	—	0,75
Ertrag aus dieser Tätigkeit	46,27	—
Gesamtsumme wie oben	93,07	47,47
G. Vermieten eines Teiles der Wohnung  Einnahm en:		
Mietzins vom Mieter	—	105,—
Ausgaben:		
Mietzins für den abvermieteten Teil des Hauses	—	55,—
Zinsen und Amortisation der Möbel (Sekt. 1)	—	7,50
Unterhaltung des abvermieteten Teiles	—	2,50
Ertrag aus dieser Tätigkeit	—	39,50
Gesamtsumme wie oben	—	105,—
H. Zusammenfassungen der Verdienste aus den verschiedenen Tätigkeiten (A—G).  Gesamt-Einnahmen:		
Naturprodukte, die von der Familie verbraucht werden	130,72	159,97
, die zur Erholung der Familie verwendet werden	0,25	—
und Geldeinnahmen, die im Betriebe von neuem		
wieder verwendet werden 2017,92 Fr.	44,65	1973,27
Geldeinnahmen, die für den Haushalt verwendet werden	—	298,19
Gesamtsumme	175,62	2431,43
Gesamt-Ausgaben:  Zinsen des Eigentums der Familie, das sie bei ihren ver-		
schiedenen Tätigkeiten gebraucht	3,04	14,53
Erträge der Subventionen, die bei der beruflichen Tätigkeit		2,50
wieder aufgebraucht werden	—	
Löhne	40,00	—
Produkte der gewerblichen Arbeit, die in natura wieder aus- gegeben werden, und Geldausgaben für den gewerblichen	44,65	1973,27
Betrieb (2017,92)		
Gesamtausgaben (2077,99)	87,69	1990,30
Gesamtertrag aus diesen Tätigkeiten (529,06) 14 Sekt. IV.	87,93	441,13
Gesamtsumme wie oben	175,62	2431,43

9
        <pb n="136" />
        ﻿128

(Fortsetzung.)

	We  in  Naturalien	rte  in Geld
II. Sektion.  Berechnungen für die Subventionen.  Nota: Die einzige Subvention, die die Familie genießt, ist so einfacher Natur, daß die Berechnung im Budget selbst unter- gebracht werden konnte (14 Sekt. II).  HI. Sektion.  Verschiedene Berechnungen.  J. Berechnung der Ausgaben für Stricken und Anfertigung derKleidung  1. Ausgabe für den ganzen Haushalt zusammen.  Arbeit der Frauen: 182 Tage ä 0,25 Fr.	45,50	
2. Verteilung der Ausgaben zwischen die einzelnen Glieder. Kleidung des Vaters	5,35	
„	der Mutter	10,75	—
„	des zweiten Sohnes	5,35	—
„	der 2 Töchter	21.50	—
„	des 9-jährigen Kindes	2,55	—
Zusammen	45,50	—

wo der Nordosten Westfalens an das mittlere Hannover grenzt,
wendet sie sich nach Nordwesten, umgeht das Harzgebirge, wendet
sich wieder nach Südosten und berührt fast die Elbe hei Magdeburg.
In der leicht hügeligen Ebene zwischen dieser Stadt und Bonn
ist die alte soziale Verfassung entstanden, die in diesem Paragraphen
beschrieben ist.

Diese Ebene, wie sie hier gezeichnet ist, bildet den kleinsten Teil
einer größeren, die sich in weiter Ausdehnung in den Orient hinein
erstreckt. Ihre Grenze bleibt oberhalb Magdeburgs, auf dem linken
Elbufer. Sie überschreitet den Fluß oberhalb Dresdens, umgeht die
böhmischen Gebirge, durchschneidet die Oder bei Oppeln, die
Weichsel 100 km oberhalb Warschaus, die Beresina nahe bei ihrer
Einmündung in den Dnjepr. Sie erstreckt sich weit in das Innere
Rußlands, und nachdem sie die Wolga 100 km nördlich von Nishnij-
Nowgorod überschritten hat, wendet sie sich nach Norden.

Innerhalb dieser Grenzen umfaßt die Ebene, die längs der Nord-
see-Küste zwischen der Elbe und den Niederlanden zieht, den
größten Teil von Westfalen und Hannover, mit dem ehemaligen
        <pb n="137" />
        ﻿— 129 —

Herzogtum Berg, Oldenburg und Braunschweig. Sie hat eine Aus-
dehnung von ungefähr 4 Millionen ha. Die in einer anderen Mono-
graphie gekennzeichneten Unterschiede, die in der Nähe der
Elbe zwischen Ebene und Gebirge hervortreten, finden sich wieder
im Westen am Bhein und in den mittleren Gebieten. In der Mitte
sind die fruchtbaren Hügel von den Tannenwäldern des Wester-
waldes und des Sauerlandes beherrscht, aber mehr als im Harz
vermischt mit Laubwald und Ackerland. Im Norden bietet das
Land überall bis zum Meer dieselbe Mischung von Ackerland,
von weiten Wiesenflächen entlang den Flußläufen, von Kiefern-
und Birkenwäldern und von Mooren und Heiden. Das ist die
Gegend Deutschlands, die in höchstem Grade die schon für die
skandinavischen Staaten erwähnten wohltätigen Einflüsse in bezug
auf ihre materiellen Existenzmittel genießt. Die Fluten und
Winde des Golfstromes bringen mit der Wärme und Feuchtigkeit
einen Ausgleich gegen die natürliche Dürre des Bodens. Die Lachse
gehen in den Flüssen aufwärts. Die anderen Produkte des Meeres,
der Moore, der Brachfelder und Wälder ergänzen überall vorteilhaft
die von der Landwirtschaft erzeugten Produkte. Die Elemente des
Wohlstandes, hervorgehend aus den Vorschriften des Dekalogs und
der Organisation der Stammfamilie, haben noch nichts von ihrer
traditionellen Macht verloren. Die Bewohner haben hier im Wesen,
wenn auch nicht immer in der Form, die Sitten der Sachsen bewahrt,
die vor 1400 Jahren England eroberten. Das Eigentum, die Familie
und die Arbeit haben wenig Veränderungen erfahren. Die Re-
gierungen selbst haben, soweit wie möglich, die Volksgewohnheiten
respektiert. Und die hannoversche Armee zeigt noch auf ihrer
Fahne die Embleme, die die beiden sächsischen Brüder, Hengist
und Horsa, aufrichteten, als sie im Jahre 449 an der Themse-
mündung landeten.

Im Jahre 1829 hatte der Verfasser das Glück, die Geologie der
Umgebung von Dresden unter der Leitung eines tüchtigen Professors
zu studieren. Dieser nannte „sächsische Ebene“ die Ebene aus
erratischen Sanden, die am rechten Elbufer an das reizende Berg-
und Hügelland angrenzte, das er, im Gegensatz dazu „sächsische
Schweiz“ nannte. Man kann aber wohl besser als „sächsische
Ebene“ das weite Gebiet bezeichnen, das wir eben beschrieben
haben.

In dieser Ebene bilden den Grundstock der Bevölkerung Bauern,
von denen ein besonderer Typ für das hannoversche Lüneburg be-

9*
        <pb n="138" />
        ﻿130

schrieben ist. Ähnliche Stämme sitzen und gedeihen überall zwischen
Elbe und Rhein, wenn man die Ähnlichkeit betrachtet, die noch
zwischen den Ortschaften und den häuslichen Traditionen herrscht.

Die Bauernfamilien bieten mitunter diesen Gleichgewichts-
zustand, daß die Zahl der Arbeitskräfte dem Bedarf des Hofes ent-
spricht, so daß sie weder außerhalb Arbeit zu suchen brauchen,
noch Hilfskräfte in Anspruch nehmen müssen. Viele Umstände be-
wirken eine Änderung dieser Verhältnisse. So entstand für die
großen Güter ein Arbeitermangel, dem man begegnen mußte, indem
man eine besondere Klasse ländlicher Arbeiter schuf, für die be-
sonders charakteristisch ist, daß sie mit ihrer Familie in einer Hütte
wohnen, die durch einige landwirtschaftliche Nebengebäude vervoll-
ständigt wird, und die daher im hannoverschen Lüneburg als „Häus-
linge“ bezeichnet werden. In Westfalen nennt man denselben
Arbeiter „Kotter“ und seine Hütte „Kotten“. Die Arbeiter dieser
Klasse, in Mittelfrankreich „Grenzler“ genannt (bordiers), zerfallen
wie die Bauern in zwei Kategorien, je nachdem sie ihr Gut als
Eigentümer oder als Pächter besitzen. In gewissen Gegenden sind
die Familien der Kotter ebenso stetig wie die der Bauern. Das
ist der Fall, wo die Tugend in beiden Klassen gleich gepflegt wird:
aus den Kotten wie aus den Höfen gehen Sprößlinge hervor, welche
die Lücken ausfüllen, die das Laster in die höheren Schichten der
Gesellschaft gerissen hat. Die Kötter stehen gewöhnlich unter der
Patronage eines Bauern, manchmal auch unter der eines Adligen.
Sie leisten dem Patron zahlreiche Dienste, besonders zur Erntezeit.
Dafür bekommen sie einen Geldlohn, zeitweilige Überlassung der
für die Arbeit und die Ernte auf ihren kleinen Feldern nötigen Ge-
spanne, oft auch eine Menge von Subventionen.

Der größte Teil, mitunter — wie im hannoverschen Lüneburg —
9/10 der sächsischen Ebene, sind von diesen Bauern und Häuslingen
besetzt. Aber seit den ältesten Zeiten der Geschichte hat die soziale
Konstitution dieses Landes, als höchste Stufe die Organisation eines
starken Adels geschaffen, dessen besondere Funktion es ist, die
großen sozialen Pflichten zu erfüllen, die von den Bauern nicht
richtig erfüllt werden können. Obenan steht die Verteidigung des
Landes, der Militärdienst. Ein großes Gut, ein sog. „Lehngut“
gewährt jeder adligen Familie die zur Ausübung dieser Pflichten
nötigen Mittel; so ist sie nicht gezwungen, das tägliche Brot zu
verdienen und das Haupt der Familie erfreut sich dadurch einer
Sicherheit und eines Einflusses, den es nicht genießen würde, wenn
        <pb n="139" />
        ﻿131

es vom Staate bezahlt würde. Das Lehngut wird vom König einem
Manne gewährt, der sich große Verdienste um den Staat erworben
hat. Es ist vererblich im Mannesstamm nach den Grundsätzen der
Primogenitur, so lange ein Erbe existiert. Wenn die männliche
Nachkommenschaft ausstirbt, fällt das Lehngut an die Krone zurück,
aber es kann ihr nicht endgültig einverleibt werden. Es muß von
neuem einem tüchtigen Staatsdiener mit oder ohne Adel zugeteilt
werden. Für die Domänen in Hannover, wo sie „Kittergut“ heißen,
gilt dies besonders. Anderswo können sie verkauft werden, unter
der Bedingung, daß der Erwerber die ihm auferlegten Pflichten er-
füllt; aber auf keinen Fall dürfen sie zerstückelt werden. Wie in
Dänemark und Schweden bewirtschaften die Besitzer ihre Güter,
sei es durch ihre Dienstboten oder durch Pächter, Bauern oder Häus-
linge. Sie leben in gutem Einvernehmen mit der Mehrzahl der
ländlichen Bevölkerung, über die sie oft Patronage ausüben, und
die zum größten Teil ganz unabhängig ist. Fast immer betrachtet
die Bevölkerung in nationalen Fragen diese Großgrundbesitzer als
ihre natürlichen Vertreter. Der Adel, den die Grundeigentümer
bilden, ist mit oder ohne Titel, in der Meinung des Volkes die wahre
obere Klasse der sächsischen Ebene, weil ihr Einfluß sich nicht
gründet auf beneidete Privilegien, sondern auf harte Pflichten. Er
versammelt sich periodisch in den verschiedenen territorialen Be-
zirken, um in den Mitgliedern das Gefühl dieser Pflichten zu er-
wecken und den weniger wohlhabenden Familien ihre Ausübung zu
erleichtern. So vereinigen sich z. B. in Lüneburg die Vertreter des
Adels in Celle, der alten Hauptstadt der Provinz, unter dem Vorsitz
eines erwählten Marschalls. Die Versammlung ernennt eine besondere
Kommission, die die alten Stiftungen der Korporation zu verwalten
und neue Legate entgegenzunehmen hat. Ihre Hauptaufgabe be-
steht darin, die Einkünfte aus diesem Eigentum zu verteilen, be-
sonders arme Töchter zu dotieren und zur Equipierung junger
Offiziere beizusteuern.

In der sächsischen Ebene, wie in den früher beschriebenen
Gegenden, beruhen diese trefflichen Gewohnheiten auf dem Gehorsam
gegenüber den Vorschriften des göttlichen Gebots („eternel decaloque“);
aber sie erhalten sich im reinen Zustande nur unter dem wohltätigen
Einfluß des regelmäßigen Kultus. Die religiösen Zwistigkeiten des
16. und 17. Jahrhunderts haben zahlreiche Spuren in dieser Gegend
zurückgelassen. In vielen Gegenden der Ebene und des angrenzenden
Hügellandes wetteifern die Katholiken und Lutheraner neben-
        <pb n="140" />
        ﻿132

einander im religiösen Dienst; sie widerstehen dem Neid in den
Herzen durch die Beobachtung des vierten Gebots, durch das Prinzip
des Friedens in den Familien; aber sie hüten sich, mit dem religiösen
Gedanken die Gefühle des sozialen Gegensatzes zu verbinden. Die
Geistlichkeit beider Lager sieht in dem Christentum ein Mittel zur
Einigung und nicht ein Element der Trennung. In den gemischten
Gemeinden vereinigen sich der protestantische und der katholische
Geistliche, beide Pfarrer oder Pastor genannt, oft an den ge-
wohnten Stätten der Erholung. Sie besprechen sich in beson-
deren Fällen über ihr Verhalten zu ihren Pfarrkindern, besonders
wegen Verurteilung schlechter Bücher. Mitunter dedizieren sie
sich gegenseitig ihre literarischen Erzeugnisse. Dieselbe Einigkeit
herrscht zwischen den Gliedern der beiden Konfessionen in ihren
Interessen- und Freundschaftsbeziehungen und in der Regelung
der öffentlichen Interessen. Dieser Geist der Einigkeit ist ein neuer
Ruhmestitel für die Gegend, wo 1648 der westfälische Friede ge-
schlossen wurde. Dieser denkwürdige Akt hat zwar eine bedauerns-
werte Tatsache bestätigt, nämlich den Riß durch das christliche
Europa, aber er hat zugleich ein großes Gut hervorgebracht: indem
er für die Zukunft einen vollständigeren Frieden vorbereitete, hat
er dem Blutvergießen ein Ende gemacht.

Die Gleichförmigkeit der Sitten und Einrichtungen ist in der
sächsischen Ebene viel ausgesprochener als in den anderen Gegenden
Deutschlands. Der ganzen Ebene ist gemeinsam die Dauer der
Grundelemente der sozialen Konstitution: die Unteilbarkeit der
adligen und bäuerlichen Güter, die Fruchtbarkeit aller Familien,
der gleichzeitige Übergang von Blut, Name und Familientraditionen
mit dem Gute, die Institution des Anerben und die Teilung aller
verkäuflichen Gutserzeugnisse zwischen seine Brüder und Schwestern.
Mitunter haben gewisse lokale Verhältnisse eine Änderung dieser
Gleichförmigkeit in gewissen Punkten bewirkt. So hat z. B. der
Reichtum der Hansestädte Hamburg und Bremen das Kapital zum
Erwerb von Landbesitz getrieben. So ist hier und da die Zahl
der großen Güter vermehrt. Wie in Dänemark und besonders in
den Niederlanden, ist so auch ein Stamm von reichen Pächtern ent-
standen. Anderswo ist die alte soziale Konstitution durch die Nähe
von Bergwerken verändert, durch gewerbliche Anlagen und ganz
allgemein durch Neuerungen, die die Bevölkerung verdichten und die
materiellen Existenzmittel vermindern, indem sie den Teil reduzieren,
den jede Familie von den Erzeugnissen der urwüchsigen Produktion
        <pb n="141" />
        ﻿133

nehmen kann. Die Industrie schafft nicht allein dort, wo sie sich
ausbreitet, eine neue Organisation der Gesellschaft, sie ändert auch
allmählich die soziale Verfassung der angrenzenden Länder. Das
ist noch keineswegs vollendet, aber darauf läuft die Entwicklung
in der Gegend hinaus, wo der hier beschriebene Arbeiter wohnt.

Der besondere Charakter der Gegend längs des rechten Rhein-
ufers ist die Anhäufung der industriellen Bevölkerung in der Um-
gebung von Elberfeld und Solingen. In der Reihenfolge unserer
Monographien wird dieser Charakter hier zum ersten Male sichtbar
und zwar in dem Bande, welcher die soziale Verfassung der Stämme
behandelt, die vom Nordosten zum Südwesten, der Nordsee entlang
aufeinander folgen. Die Entwicklung der Industrie am Rhein steht
unter einem ähnlichen Einfluß wie die der Niederlande und Eng-
lands, die sich seit einem halben Jahrhundert viel schneller voll-
zieht. Dieser Einfluß ist die Nähe eines reichen Kohlenbassins —
desjenigen der Ruhr —, das zu derselben Bestimmung berufen
scheint wie die bedeutenden Kohlenlager Englands und Belgiens.
Die Industriegegend der Ruhr ist bisher weniger geeignet gewesen
als die letzteren Gebiete, diese ungeheuren Hilfsquellen auszunutzen;
aber es ist kein Grund vorhanden, das zu bereuen. Wie man im
weiteren Verlauf dieser Arbeit sehen wird, ist der soziale Gegen-
satz, der die Industriegegenden Englands, Frankreichs und Belgiens
zerrüttet, die Folge des zu schnellen Aufschwungs, der ihnen durch
die unbegrenzte Kohlenproduktion aufgezwungen worden ist. Die
relativ langsame Umformung der Arbeitsgewohnheiten hat der Be-
völkerung von Elberfeld und Solingen bis heute den sozialen Frieden
bewahrt, der in Manchester und Sheffield, in Gent und Lüttich, in
Rouen und St. Etienne zum Teil schon verschwunden ist.

Die Überlegenheit, die in dieser Beziehung die rheinische In-
dustrie zeigt, darf zum großen Teil der ausgezeichneten sozialen
Verfassung der sächsischen Ebene zugeschrieben werden. In Eng-
land und in Belgien sitzen die Unternehmer der jungen Industrien
überall in den Handelsstädten, sie holten sich leicht ihre Arbeiter
aus der ländlichen Bevölkerung, die ohne jeden Grundbesitz ist. Das
ist am Rhein anders gewesen. Die ersten Unternehmer konnten
nur aus den Handelsstädten des Südens kommen, und die Arbeiter
sind zuerst aus den armen Wanderarbeitern des westlichen Deutsch-
land genommen worden, die sich gewöhnlich nach Paris wenden oder
über Bremen und die Niederlande nach Amerika gehen. Der Ver-
fasser hat für die Zeit von 1829—1845 konstatiert, daß die Bevöl-
        <pb n="142" />
        ﻿134

kerung der sächsischen Ebene kaum zur Schöpfung der Industrie
beigetragen hat. Die adligen Familien schlugen auch ferner fast
nur die militärische Karriere ein. Die Bauern und selbst die kleinsten
Grundeigentümer (Kötter) haben einen dauernden Widerstand gegen
die Textil- und Eisenindustrie gezeigt; und die wohlhabenden Aus-
wanderer der Stammfamilien gingen weiter nach Nordamerika, um
dort Landgüter zu gründen. Indessen zeigten sich einige Symptome
der Änderung in der sächsischen Ebene, als der Verfasser im Jahre
1851 zum letzten Male Solingen besuchte.

§ 18. Geschichte und gegenwärtige Organisation
der halbländlichen Verlagsindustrie in blanken Waffen,
Messerschneidewaren und Stahlwerkzeugen in Solingen.
Die Solinger Industrie, die älteste und wichtigste in ihrer Art
auf dem Kontinent, verarbeitet seit nahezu 100 Jahren unter den
in § 1 angegebenen Bedingungen den deutschen Stahl des Stahl-
bergs. Dieser Stahl zeichnet sich weniger aus durch seine Voll-
kommenheit und die Gleichförmigkeit des Stoffes als vielmehr durch
hochgradige Geschmeidigkeit und Leichtigkeit der Bearbeitung. Die
Fabriken von Solingen haben unter diesen Bedingungen kaum die
Absicht gehabt, Qualitätsartikel herzustellen, wie sie die Spezialität
von London, Sheffield, Paris und Nogent (JHaute-Marne) bilden; viel-
mehr haben sie die Artikel des täglichen Gebrauchs bevorzugt.
Sie ersetzen so durch eine raschere Fabrikation und durch den Reiz
billiger Preise die Überlegenheit, die in bezug auf Qualität die
ähnlichen Produkte Englands und Frankreichs bieten. Die Werk-
stätten Solingens haben überhaupt bei der Produktion aller der
Artikel einen bemerkenswerten Vorteil, bei denen die Schmiede-
arbeit viel Handarbeit erfordert, wo folglich der Arbeiter durch
Ausnutzen der äußersten Geschmeidigkeit des Metalls es mit einem
viel geringeren Zeitaufwand bearbeiten kann, als bei jedem anderen
Stahl nötig ist. Das gilt bekanntlich für die gewöhnlichen Scheeren,
die auf vielen Märkten der Konkurrenz der anderen Fabriken Trotz
bieten. Im übrigen bietet die Gegend dieser Industrie alle übrigen
Elemente des Erfolgs: die Kohlen der Ruhr, die Steine zum Schleifen,
die Wasserkraft, endlich eine Arbeiterbevölkerung, die seit langem
mit diesen Arbeiten vertraut ist, und die sich leicht aus den länd-
lichen Gebieten Süddeutschlands ergänzt.

Die Arbeiter dieses Bezirks, die früher auf dem Lande zer-
streut wohnten, haben sich größtenteils in die kleine Stadt Solingen
und in die Nachbardörfer, die unaufhörlich wachsen, zusammen-
        <pb n="143" />
        ﻿135

gezogen. Die Industrie hat unter diesen Bedingungen hier mehr
und mehr den Charakter einer halbiändlichen Verlagsindustrie an-
genommen, bei der die Arbeiter in ihrem eigenen Haushalt arbeiten
und in der Aufzucht von Haustieren und der Gemüsegartenkultur
eine Ergänzung ihrer Existenzmittel suchen. Die Stahlverarbeitung
gehört zu den Gewerben, für die sich der Kleinbetrieb am besten
eignet. Die glücklichen Verwendungen von Maschinenarbeit in
einigen Zweigen der Messerschmiederei lassen nicht daran denken,
daß diese Kunst vollständig im Großbetrieb mit mechanischer Kraft
aufgehen werde. So scheint dieser Industriezweig berufen, in einer
guten wirtschaftlichen Organisation den glücklichsten Einfluß auf
die Erhaltung und sogar auf die Entwicklung des kleinsten länd-
lichen Besitzes zu üben.

Der Handel mit den Fabrikaten liegt in der Hand kleiner Kauf-
leute und Unternehmer. Die ersteren ergänzen sich aus den Elite-
arbeitern oder deren Eltern. Sie beschäftigen sich besonders damit,
die Produkte auf den Messen und Märkten der Nachbarschaft
Solingens zu verkaufen. Die Fähigsten und Unternehmendsten er-
weitern allmählich ihren Geschäftskreis bis zu den Städten und
Haupt-Märkten Nord-Deutschlands. Die großen Unternehmer haben
nicht nur Beziehungen zu diesen inneren Märkten, sondern auch zu
allen fremden Ländern. Sie fördern den Fortschritt der Industrie,
indem sie neue Absatzquellen erschließen; indem sie den Stahl wählen,
der für jeden Artikel am geeignetsten ist; indem sie die Aufnahme
neuer Arbeitsmethoden und neuer Modelle veranlassen; indem sie
endlich über die gewissenhafte Ausführung wachen. So verdienen
diese sehr fähigen Unternehmer wirklich den Namen „Fabrikanten“,
den sie ihren Käufern gegenüber annehmen, ohwohl sie keine eigene
Werkstätte besitzen. Diese Fabrikanten ersten Ranges — unge-
fähr 20 — unterhalten Reisende und Kommissionäre in den Absatz-
ländern und den Ausfuhrhäfen, besonders in Südamerika, den Ver-
einigten Staaten, Italien, Schweiz, Spanien, in Marseille, Havre,
London und Liverpool. Sie setzen auf all diesen Märkten ihre Pro-
dukte mit Erfolg ab in Konkurrenz mit denselben Produkten der
Sheffielder Industrie.

§ 19. Über das Auswanderungs-System in West-
falen und den anderen an die Nordsee grenzenden
Ländern. Einfluß dieses Systems auf den Wohlstand
und die glückliche Ausdehnung eines starken Bauern-
geschlechts in Stammfamilien. Die vier Teile der sächsischen
        <pb n="144" />
        ﻿136

Ebene und die Gebirge, die sie nach Süden begrenzen, haben die
Stammfamilie bewahrt, d. h. eine der grundlegenden Institutionen
der sächsischen und skandinavischen Stämme. Die Familien dieser
Gegenden bewahren ihre alte gewohnte Fruchtbarkeit: sie haben
also immer Sorge zu tragen für die Ausstattung der Nachkommen,
die nicht ehelos am väterlichen Herde bleiben. Das ist ihre Haupt-
aufgabe; und sie erfüllen sie durch das Mittel der Auswanderung,
das seit den ersten Jahrhunderten der Geschichte alle Stammfamilien
des Nordens anwenden.

In den oben bezeichneten Gegenden ist die Auswanderung über-
all in den ländlichen Distrikten auf festen Grundsätzen aufgebaut;
sie gewinnt den Charakter einer nationalen Institution. Die Nach-
kommen der Stammhäuser, die keine neuen Betriebe gründen und
auf dem vollständig besetzten Gebiete keine Arbeit finden können,
haben die einzige Lösung gefunden, die das Gleichgewicht in der
sozialen Organisation aufrecht erhalten kann. Anstatt die Schwierig-
keit mit ungenügenden Mitteln zu bekämpfen und den Boden in
Parzellen zu teilen, was bald den Familien nur gleiches Elend
bringen würde, haben die Bauern dieser Gegenden, Pächter und
Eigentümer, aus eigener Initiative ein Auswanderungs - System
organisiert, das den Bevölkerungsüberschuß regelmäßig nach Nord-
amerika ableitet.

Wenn die Zeit der Auswanderung für eine Stammfamilie ge-
kommen ist, machen sich die Familienglieder, die nicht im Lande
Beschäftigung finden können, daran, mit Hilfe des Anerben, der den
väterlichen Hof bekommen hat, die nötigen Mittel bereitzustellen.
Andererseits erhalten sie vorher von ihren Eltern oder von Lands-
leuten, die früher ausgewandert sind, Unterweisungen, die ihnen bei
ihrem Unternehmen nützlich sein können; dann werden sie von
Schiffen, die speziell für solchen Transport zu billigem Preis zur
Verfügung gestellt sind, zu dem ihrem Bestimmungsort zunächst
gelegenen amerikanischen Hafen geführt. Dort finden sie noch Rat
und Unterstützung, sei es, daß sie sich sofort in das Land begeben
wollen, in dem sie sich endgültig niederlassen wollen, sei es, daß
sie vorher noch ihre Mittel durch Annahme einer Stellung ergänzen
müssen als Arbeiter oder Dienstboten an der Seeküste, wo Handarbeit
immer gut bezahlt wird.

In den in § 17 bezeichneten ländlichen Gegenden sind diese
Gewohnheiten seit 1400 Jahren in die Sitten der Bevölkerung ein-
gedrungen. Sie sind eng verknüpft mit dem ungeteilten Übergang
        <pb n="145" />
        ﻿137

des kleinbäuerlichen Besitzes und dem ungeteilten Genuß der Ge-
meingüter. Dieser Kleinbesitz entspricht gewöhnlich einer Fläche,
die wenigstens für den Unterhalt eines Gespannes für Pflug und
Wagen genügt. Das Verfahren sichert nicht nur die „reiche Aus-
wanderung“, d. i. das beste Auswanderungs-System in schon be-
völkerten Ländern; sie hat auch alle die glücklichen Folgen, die sich
anderswo unter ähnlichen Bedingungen zeigen. Bei diesem System
verhütet tatsächlich der kleine Besitz das Eindringen des Pauperismus,
auch wenn die Sorge für die Zukunft keine allgemeine Tugend ist, und
hält die Familienbande aufrecht, indem er den Eltern eine anständige
Lage bietet; er vermehrt die Pferde und das Vieh und bietet hier-
durch Mittel für die Verteidigung des Landes, die im Gegensatz
dazu in den Gegenden abnehmen, wo der Besitz fortwährend zer-
stückelt wird.

Die Gewohnheiten, die die ungeteilte Übertragung des Grund-
besitzes sichern, haben eine große Macht. In Dänemark besonders
und bei den Ackerbau Völkern an der Nordsee zwischen diesem
Königreich und den Niederlanden hat das Gesetz ausdrücklich die
Grundbesitzverteilung bestimmt, so daß sie zur Ernährung einer
bestimmten Anzahl Zugtiere genügen müssen. Es ist den Besitzern
nicht erlaubt, zu teilen, was so vereinigt ist. Nach ähnlichen Regeln
hat man in Schweden die landwirtschaftlichen Einheiten — genannt
„Himmans“ — geregelt. Diese Einheiten sind außerdem im öffent-
lichen Interesse begrenzt durch die Pflicht, eine große Anzahl von
Soldaten der Landarmee „Indelta“ oder Matrosen der Kriegsmarine
zu unterhalten. In diesen beiden skandinavischen Staaten hat also
der Gesetzgeber, besonders hinsichtlich der großen Güter geglaubt,
in seiner Sorge vor Teilung des Bodens, der das nationale Interesse
am besten schützt, nicht allein auf den Familiensinn und die indi-
viduelle Initiative vertrauen zu dürfen.

Die unversehrte Erhaltung der Anerberschaft lebt so vollständig
in dem Geist der Bevölkerung, daß man oft, z. B. in Hessen und
Nassau, den Willen der Natur sich dieser nationalen Anschauung
unterordnen sieht. Die jungen Leute beiderlei Geschlechts, die nicht
genug Energie haben, um den Mühen und Zufällen der Auswande-
rung zu trotzen, verharren gern in der Ehelosigkeit. Sie verzichten auf
ihr Erbteil und leben in Gemeinschaft zusammen mit dem Familien-
sproß, der am fähigsten ist, dem anderen als Führer zu dienen und
die Bewirtschaftung des väterlichen Gutes zu leiten. Dieselben Ge-
wohnheiten finden sich im westlichen Frankreich, besonders bei den
        <pb n="146" />
        ﻿138

Halbbauern der Bocage in der Vendee. Dieser Teil der Bevölkerung,
der so darauf verzichtet, die Rasse fortzupflanzen, ist genau der,
welcher, was physische und moralische Qualität betrifft, an letzter
Stelle steht.

Man kann im Gegensatz dazu bemerken, daß in den Staaten,
wo Teilung durch das Gesetz geboten ist, die Vermehrung der Rasse
sich besonders bei der ärmsten und niedrigsten Bevölkerung findet.
Diese Bevölkerung ist zu gleicher Zeit die, welche am wenigsten
geeignet ist, ein gutes Auswanderungs-System zu organisieren. Die
ärmsten Auswanderer, die in den auf der europäischen Auswande-
rungslinie liegenden Häfen Europas und Amerikas ihr Elend zur
Schau stellen, stammen alle aus Württemberg, Baden, der Schweiz
und den Rheinprovinzen, die das System der unbegrenzten Teilung
der Erbschaft angenommen haben.

Einige gelehrte Zeitgenossen haben es sich angelegen sein lassen,
über zwei Arten der sozialen Ordnung ein Urteil abzugeben; nämlich
darüber, wie der richtige Gleichgewichtszustand eines Staates zer-
stört oder erhalten wird, der bei glücklichen Völkern zwischen der
Zahl der Einwohner und den Subsistenzmitteln bestehen muß. Zu
allen Zeiten haben viele Völker diese Seite des sozialen Problems
vollkommen gelöst; so ist es noch heute der Fall bei den Völkern des
Nordens, die in den drei vorhergehenden Monographien beschrieben
sind. Den Schwierigkeiten, das richtige Gleichgewicht für eine
glückliche Bevölkerung auf einem gegebenen Territorium herzustellen,
hat man immer durch dieselben Mittel vorgebeugt; und wenn diese
heute endlose Debatten hervorrufen, so kommt das daher, daß die
Gelehrten des Okzidents das Publikum durch ihre vorgefaßten Mei-
nungen verwirren, anstatt es durch die Belehrung der sozialen
Autoritäten und durch das vergleichende Studium der glücklichen
und der notleidenden Völker aufzuklären. Bei dieser Vergleichung
muß man sein Augenmerk auf zwei wesentliche Umstände richten:
auf die Fruchtbarkeit oder die Sterilität der Familien und auf den
Überfluß oder den Mangel an Boden, über den sie verfügen.

Die fruchtbaren europäischen Stämme zeigen dem Beobachter
drei Hauptfälle.

Im ersten Falle ist der Teil des Bodens, der nicht für Kultur-
zwecke in Eigentum übergegangen ist, noch von beträchtlicher Aus-
dehnung; infolgedessen haben die Familienhäupter nie Grund zu der
Befürchtung, daß der neuen Generation die Subsistenzmittel mangeln.
So ist es z. B. bei einigen nomadisierenden Hirtenstämmen der
        <pb n="147" />
        ﻿139

großen asiatischen Steppe und bei den Fronbauern des Oremburger
Landes.

Im zweiten Falle ist Mangel an verfügbarem Boden, und die
Existenzmittel bleiben fortan in engen Grenzen. Doch die Familien-
väter erhalten weiter die Gewohnheiten der Fruchtbarkeit. Wenig
geübt in vorausschauenden Berechnungen, überlassen sie vertrauens-
voll der göttlichen Vorsehung das Geschick ihrer Kinder. Das ist
die Lage der armen Bevölkerung, die auf die Arbeiten in den Städten
und auf dem Lande angewiesen ist. Sie zeigt sich oft bei den
zerrütteten oder zerstörten Völkern, die in den beiden letzten Bänden
dieses Werkes beschrieben sind. Sie ist zahlreich bei den süd-
deutschen Stämmen, denen die guten Beispiele der nördlichen Stämme
fremd geblieben sind. Der Ursprung dieser Sachlage liegt gewöhn-
lich in den Sitten oder in den geschriebenen Gesetzen, die die natür-
lichen Verfügungen der Familienväter hindern, und die die Kinder
zu fortwährender Teilung der Brocken der väterlichen Erbschaft er-
mächtigen, wie winzig sie auch durch die vorhergegangenen Teilungen
geworden sein mögen. Zuerst werden die Erben zu dieser Teilung
durch den Geist der Neuheit getrieben, durch das Vergessen der
Tradition und die Unkenntnis der wahren Gründe des Wohlergehens,
und bald finden sie in ihrer Parzelle mehr ein Hindernis des Fort-
schritts als ein Mittel des Erfolges. So gelangen sie schließlich
in die Lage der armen Eigentümer. Aller Mittel beraubt, müssen
sie sich dann zur Auswanderung entschließen. Aber sie verfügen
nicht über die Mittel, die die Bauern des Nordens ihren aus-
wandernden Kindern sichern, und daraus rekrutiert sich die „arme
Auswanderung“. Viele deutsche Verwaltungen bemühen sich zwar,
durch Heiratsverbote der Vermehrung dieses Teiles der Bevölkerung
zu begegnen; aber die Beobachtungen, die in den folgenden Bänden
erwähnt sind, lassen keinen Zweifel an der Unsittlichkeit und
Unmöglichkeit solcher Maßnahmen.

Im dritten Falle endlich hat die ländliche Bevölkerung, die auf
einem ganz besetzten Boden lebt, die glückliche und solide Lage
bewahrt, die das Wort „Bauer“ ausdrückt. Die Familienväter, die
frei von jeder gesetzlichen Fessel in bezug auf den Gebrauch ihrer
Güter leben und der Sitte der „Stammfamilie“ unterworfen sind,
übertragen dem Anerben, den sie auswählen, das ganze Eigentum
am Familiengute. Geleitet von der üblichen Vorsicht, nehmen Vater
und Erbe von den Produkten einzig das, was zur Erhaltung der
Familie unentbehrlich ist; der Überschuß, d. h. der Reinertrag der
        <pb n="148" />
        ﻿140

Wirtschaft, wird in gleiche Teile zwischen die auswandernden Kinder
geteilt. Es ist also leicht zu begreifen, daß auf einem ganz be-
setzten und urbar gemachten Gebiet diese soziale Organisation es
ist, die allen Individuen das größtmögliche Wohlergehen sichert und
den Völkern die stärkste Beteiligung an der Ausdehnung über die
unbesetzten und unkultivierten Gebiete der beiden Hemisphären. Der
Anerbe ist gehalten, alle Früchte seiner Arbeit der Ausstattung seiner
Brüder und Schwestern, dann der seiner eigenen Kinder zu opfern.
Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sich der Erbe eines alten
Bauernhofes wertvoller Hilfsmittel, die in den bevölkerten Gebieten
der „armen Eigentümer“ zerstört sind. Er hat lange Zeit die Mit-
arbeit und die Katschläge eines erfahrenen Vaters. Er genießt
Achtung, Einfluß und den Kredit, den die Leitung einer Stamm-
familie gibt, die durch Arbeit und Tugend gestützt wird und seit
Jahrhunderten auf der Scholle sitzt. Er kann also die Kinder unter
den günstigsten Umständen ausstatten, sodaß sie die nötigen Eigen-
schaften haben, um in der Hauptstadt vorwärtszukommen; und so
sieht man Bauernsöhne sich zu höheren Gesellschaftsstufen erheben,
sobald sie besonders begabt sind. Was die Kinder anbetrifft, die
ins Ausland gehen, so geht es ihnen allen gut unter dem wohltätigen
Einfluß der „reichen Auswanderung“. Die bewundernswerten Bauern-
stämme, die vorstehend beschrieben sind, sichern so das Glück
ihrer Kinder, obwohl das Gebiet ganz besetzt ist; sie besorgen
selbst im Zustand absoluter Freiheit ihre gemeinsamen Interessen;
endlich haben sie nicht die Unterstützung der Regierung nötig, um
ihrem Volk ein Kolonialreich zu schaffen, und arbeiten an der sitt-
lichen Verbesserung der wilden Völker.

Die europäischen Völker mit unfruchtbaren Familien sind auf
unserem Kontinent seit der Zeit des römischen Niederganges fast
ganz unbekannt gewesen. Sie erstehen jetzt wieder in Frankreich
im Gegensatz zu den Traditionen der zwölf letzten Jahrhunderte.
Dieses Unglück führt auf unserem Boden eine Zeit der sozialen Des-
organisation herbei, die noch verdeckt ist durch den Anschein von
Gedeihen, die aber dem aufmerksamen Beobachter augenscheinlich
ist. Wie zur Zeit des oströmischen Kaiserreichs ist das Übel schon
groß und es wird täglich verstärkt durch drei Ursachen: die ge-
steigerte Anhäufung der Reichtümer; den Verlust der Moral, durch
Müßiggang, Egoismus und die Laster der Sinnlichkeit; durch die
Vernichtung der väterlichen Autorität. Heute wie vor 15 Jahr-
hunderten würden viele Väter bereit sein, gegen dieses Übel an-
        <pb n="149" />
        ﻿141

zukämpfen; aber in ihrer Mission, die bei ihnen göttlichen Ursprungs
ist, sind sie behindert durch den beklagenswerten Geist, den die
Gesetzgeber des römischen Rechts unserem Volke eingepflanzt haben.
Das Erbfolgegesetz, von den Männern des „Schreckens“ ohne irgend-
eine gesetzliche Form auferlegt, hat das Zerstörungswerk vollendet,
das durch die Gesetzgeber des ancien regime begonnen war. Die
in den letzten Bänden angeführten Tatsachen zeigen oft, daß die
erste Bedingung des Heiles in Frankreich die Rückkehr zu den
Gewohnheiten ist, die die unversehrte Übertragung des Familien-
gutes und der Werkstätten sichern. Einzig von dieser Reform ist
es zu erwarten, daß der vorsichtige Familienvater die guten Tradi-
tionen seiner Familie fortsetzen wird, ohne zur Sterilität gezwungen
zu sein, ohne die Seinigen zu berauben, und ohne dem Vaterland die
ungeheuren Wohltaten der Fruchtbarkeit zu entziehen.

§ 20. Über die Sitten, die in der Elberfelder In-
dustrie die gegenseitigen Beziehungen zwischen
Unternehmer und Arbeiter regeln. Die Elberfelder
Industrie liefert dem Handel eine Menge von Produkten, unter
denen die Baumwollstoffe die erste Stelle einnehmen. Am Rande
einer fruchtbaren Ebene gelegen, in der Nähe reicher Kohlenlager
und der Eisen- und Stahlwerke der Ruhrgegend, in günstiger Lage
für die Einfuhr der Rohstoffe und die Ausfuhr der Produkte
durch den Rhein und die niederländischen Häfen, vereinigt sie in
höchstem Grade die Bedingungen, die die großen industriellen
Werke Belgiens, Frankreichs und der Niederlande prosperieren
lassen. Aber das, was die Elberfelder Industrie von mehreren
dieser letzteren unterscheidet, ist, daß die Unternehmer allgemein
nicht geglaubt haben, auf die Traditionen der Patronage ver-
zichten zu können. In der Erkenntnis, daß die Sicherheit der
Arbeiter für die Industrie ebenso unentbehrlich zum Erfolg ist, wie
die Vervollkommnung der technischen Prozesse und der kauf-
männischen Unternehmungen, haben sie alle ihre Unternehmungen
dieser großen sozialen Notwendigkeit untergeordnet. So haben sie
in dauernder Weise für die Bedürfnisse ihrer Arbeiter gesorgt
durch Anweisung von Wohnungen, von Gemüsegärten, Kartoffel-
feldern und Haustieren, d. h. durch ein Subventions-System, das die
Unternehmer mit dem Kapital für die erste Anschaffung belastet,
das aber die Arbeiter in mehrfacher Hinsicht von industriellen oder
kommerziellen Krisen unabhängig macht. Stark durch den Einfluß,
den ihnen diese Organisation gibt, haben sie sich zur selben Zeit
        <pb n="150" />
        ﻿142

angelegen sein lassen, den G-eist der Subordination und des Respektes
aufrechtzuerhalten.

Dieses System wird überall in der Industrie Elberfelds ange-
wandt: die Arbeiterfamilien besitzen gewöhnlich eine Kuh oder
wenigstens eine Milchziege. Sie sind durch Gewohnheit berechtigt,
diese Tiere längs der Wege an den Einfriedigungen des bebauten
Bodens und am Waldrande grasen zu lassen. Die Familie holt sich
umsonst das dürre Holz, das Gesträuch und das Heidekraut zum
häuslichen Verbrauch. Sie findet immer zu mäßigem Preise Pacht-
land, wenn sie nicht schon eigenen Boden für den Kartoffelbau er-
worben hat. Der Eigentümer einer jeden Fabrik trägt selbst zu
den Kosten bei, die Schule und Gesundheitspflege verursachen. Er
macht den jungen Arbeitern die nötigen Vorschüsse zu ihrer Ein-
richtung; diese Vorschüsse sind hier allemal mit einem jährlichen
Zins von 3 % belastet, während sie in den sozialen Systemen des
Orients umsonst gegeben werden. Die Fabrikbesitzer ergänzen ge-
wöhnlich dieses Patronagesystem, indem sie durch ihren Rat den
Spartrieb wecken, indem sie in Fällen höherer Gewalt den Familien,
die noch kein Reservekapital gesammelt haben, hilfreiche Hand
leisten, indem sie endlich allen gegen minimalen Pachtzins und als
dauernde Subvention eine anständige Wohnung und Gemüsegarten
sichern.

Diese Gewohnheiten der Patronage gehen zurück auf Gefühle,
die die alte ländliche Verfassung der sächsischen Ebene entwickelt
hat. Ob die Elberfelder Fabrikanten ihr treu bleiben und trotzdem
an den Errungenschaften der modernen Industrie teilnehmen können?

§ 21. Über die Anzeichen von Zerrüttung, welche
sich in der sozialen Verfassung der sächsischen Ebene
bei den Kohlenbergwerken derRuhr um das Jahr 1855
zeigen.1) Im unteren Ruhrtale streichen zahlreiche Kohlenflöze
zutage, in einer Länge von 25 km, besonders zwischen Essen, Werden
und Mülheim. Im Westen dieses Gebietes, bis zum Rhein, ist die
Kohlenformation von einer schwachen Alluvialschicht bedeckt. Im
Osten von Essen verschwindet sie unter jüngere Schichten und er-
streckt sich wahrscheinlich bis Osnabrück. Der Teil des Kohlen-
gebietes, der zwischen Essen und dem Rhein liegt, ist 20000 ha
groß. Der Teil östlich von Essen umfaßt dagegen 60000 ha. In

*) Vgl. Mer jetzt Ehrenberg, Die Frühzeit der Krupp’scheu Arbeiterschaft
(Archiv III, 7 ff.).
        <pb n="151" />
        ﻿143

diesen zwei Gebieten gibt es 120 Kohlenlager oder Kohlenadern,
von denen 65 ausbeutbar sind, in einer Gesamtstärke von 68 m.
Die aufgeschlossenen Gruben dieses Bassins haben im Jahre 1854
wenigstens 2 Millionen metrische Tonnen gefördert, die als Haupt-
absatzgebiete die heimische Industrie, das Rheinland und sogar die
Niederlande haben, wo sie den von Belgien und England eingeführten
Kohlen Konkurrenz zu machen beginnen.

Die gegenwärtige Lage der Buhr-Kohlengruben läßt nicht ent-
fernt die nächste Zukunft ahnen, die ihnen beschieden ist. Das
Lager läuft unzweifelhaft vom Rhein 65 km zusammenhängend in
der Richtung Nord-Nordost; aber man kennt keineswegs immer die
ganze Breite, weil die Kohlenformation überall gegen Norden unter-
taucht unter jüngere Schichten und das Alluvium der sächsischen
Ebene. Besonders in dieser Verlängerung bleiben noch große Ent-
deckungen zu machen. Man weiß schon, daß das Kohlenlager sich
auf das linke Rheinufer, in der Richtung auf Krefeld erstreckt;
und es ist Grund anzunehmen, daß es sich unter dem Alluvium bis
zu den Ausläufern des Kohlengebietes in der Nähe von Aachen, von
Herzogenrath und Eschweiler ausdehnt. Allem Anschein nach ge-
hören die Ruhr-Kohlengruben zu dem größten Kohlengebiet des
Kontinents. Im Osten erstreckt sich dieses Gebiet parallel der Nord-
see in einer Länge von 200 km von Osnabrück bis Aachen; im
Westen wendet es sich, 300 km lang, von dieser Stadt bis westlich
von Pas-de-Calais, über Lüttich, Charleroy, Mons und Anzin. Sind
diese Voraussetzungen richtig, so würde das Ruhr-Kohlengebiet mit
den Kohlenlagern Englands verglichen werden können; jedenfalls
scheint es berufen, der Mittelpunkt der kontinentalen Industrie zu
werden.

Wenn man das Elend betrachtet, das die Ausbeutung der -
Kohlengruben im Schoße der Industriebevölkerung Englands, Belgiens
und Frankreichs hat entstehen lassen, so stellt man sich zunächst
die Frage, ob dasselbe Schicksal auch den Arbeitern beschieden ist,
die in der Nähe des Ruhrbeckens sich anzusiedeln beginnen. Der
Verfasser würde einige Gründe haben, daran zu zweifeln, wenn er
sich allein auf die Eindrücke bezöge, welche die während mehrerer
Reisen in den Jahren 1825—1849 beobachteten Tatsachen in ihm
hervorgebracht haben. Die früheren Bestimmungen überließen den
staatlichen Bergbeamten die höhere Leitung der Kohlenberg-
werke und den Schutz der in den Gruben tätigen Arbeiter. Sie
widersetzten sich dem allzuraschen Anhäufen der Bevölkerung.

10
        <pb n="152" />
        ﻿144

Die Eigentümer der Kohlenbergwerke ertrugen diese Hindernisse
mit Geduld; und trotz der täglichen Entdeckung neuer Kohlenfelder
gaben sie kaum den Antrieben nach, die unter ähnlichen Umständen
sich im Westen zeigen. Die Kohlenproduktion entwickelte sich also
langsam, ohne die soziale Lage der Bevölkerung zu erschüttern.

Noch in anderer Hinsicht blieb die Industrie bei den Sitten der
sächsischen Ebene und der angrenzenden Gebiete Hessen und Nassau.
Sie vermehrte nur mit äußerster Vorsicht die Zahl ihrer Betriebe
und die Nachfrage nach Kohle. Nach ihrer Meinung war der
Unternehmer, der eine neue Fabrik schaffen wollte, moralisch ver-
pflichtet, das Wohlergehen und die Sicherheit der Arbeiter, die er
hierher berief, zu garantieren. Zu diesem Zweck sollten die neuen
Betriebe durch Wohnungen ergänzt werden, die mit kleinen länd-
lichen Nebengebäuden versehen waren, durch Schulen, Kapellen,
medizinische und pharmazeutische Hilfe. Diese Ansichten waren
eine wertvolle Garantie für die Arbeiterbevölkerung. Sie stellten
sie sicher gegenüber den harten Proben, die alsbald die fieberhafte
Schöpfung von Betrieben mit mechanischer Kraft, die von Dampf-
maschinen geleistet wird, den Arbeitern des Westens auferlegte.
Gerade jetzt hat ein Freund des Verfassers, von Dechen, der in
Bonn in der ßheinebene wohnt und in der Bergwerksverwaltung
eine leitende Stellung inne hat, den in seiner Verwaltung geübten
mäßigenden Einfluß hoch bewertet. Noch höher schätzt er die weise
Mitarbeit der Industriellen des Ruhrgebietes und besonders die Ge-
samtheit der Sitten, wie sie oben beschrieben sind (§ 20).

Im Jahre 1851 bestanden diese guten Gewohnheiten noch bei
den bedeutendsten Fabrikanten Elberfelds und Solingens; aber sie
fingen bei einigen anderen an, sich zu verschlechtern. Das waren
die ersten Anzeichen einer Zerrüttung, die seit 4 Jahren fühlbarer
zu werden scheint. Damals bewahrten in der Tat die königlichen
Gruben ihren großen Einfluß auf die Kohlengewinnung. Das Bevor-
mundungsrecht, das sie im Interesse der Arbeiten ausübten, war
noch keineswegs bestritten; aber die Grubeneigentümer protestierten
lebhaft gegen gewisse Einzelheiten der finanziellen Organisation.
In diesem Jahre wurden sogar die 10 °/0 Steuer, die der Staat von
den geförderten Kohlen erhebt, auf 6 °j0 herabgesetzt. Die neuen
Fabrikanten, die vom Westen kamen, um verschiedenartige Unter-
nehmungen zu schaffen, führten in ihren Beziehungen zu den
Arbeitern die bedauerlichen Sitten ihres Landes ein. Sie gaben
nicht mehr Wohnung und Gemüsegarten, sondern ersetzten diese
        <pb n="153" />
        ﻿145

Subvention durch einen Lohnzuschuß in Höhe der Miete, welche die
Familien an die Kapitalisten zahlten, die durch diese Art der Spe-
kulation das Industriesystem unter großer Gefahr für den sozialen
Frieden verwirrten. Die hier beschriebene Familie wohnte 1851
unter solchen Bedingungen. Wenn der soziale Friede durch dieses
gefährliche Wohnungssystem noch nicht getrübt war, so kam das
daher, daß der Hauseigentümer ein Bekannter der Familie aus
Westfalen war, mit den Gewohnheiten, die den Mietern dauernden
Wohnungsgenuß sichern. Immerhin konnte man damals schon voraus-
sehen, daß der Bruch mit diesem Friedenszustande eines Tages
kommen würde durch das dem Eigentümer, früher oder später, zum
Bewußtsein kommende augenscheinliche Interesse, von dieser Tradi-
tion abzugehen.

Dieselbe Familie zeigt uns durch mehrere andere Einzelheiten
ihrer Lebensweise den Übergang von der Stabilität und dem Frieden,
wie sie in den drei ersten Monographien dieses Bandes beschrieben
sind, zur Unstetigkeit und dem Klassengegensätze, wie sie in den
folgenden Monographien oft erscheinen. So hat z. B. das Familien-
haupt als einfacher Mieter seiner Wohnung die Würde verloren, den
für die Zukunft vorsorgenden Sinn, die Mäßigkeit, die das Eigen-
tum an Grund und Boden einflößt. Er vergeudet unnütz und ge-
fährlich einen beträchtlichen Teil seines Lohnes, der genügen würde,
ihn in die Klasse der Eigentümer emporzuheben. Er zerstört so
rings um sich die Gefühle und Interessen, die in der alten sozialen
Verfassung die Glieder der Stammfamilie zusammenhielten. Man
hat also Grund zu der Befürchtung, daß damit auch in der sächsi-
schen Ebene jener trostlose Zustand eingeleitet ist. der in den
Kohlengebieten Belgiens, Frankreichs und Englands schon besteht:
das Hinsterben ganzer Geschlechter alter Arbeiter in Not und Ver-
lassenheit.

Zusammenfassend: die Solinger Industrie und die zahlreichen
Werke im Ruhrbecken bilden heute ein neutrales Gebiet zwischen
den beiden Bevölkerungsgruppen, den noch stetigen und den schon
zerrütteten, die an den beiden äußersten Grenzen der Nordsee
wohnen. Die Zukunft wird uns lehren, ob der sächsische Stamm,
der sich auf seinem Heimatboden rein erhalten hat, den gefährlichen
Neuerungen der Kohle und des Dampfes besser widerstehen wird,
als der Zweig, den dieser Stamm nach England getrieben hat.

10*
        <pb n="154" />
        ﻿Literaturverzeichnis.

Lavergne, Economie rurale. Eevue des deux mondes. 1856. Abgedruckt in
seinem Buche: L’agriculture et la population. 1865.

Sainte-Beuve, Nouveaux Lundis, IX. Jahrg., 1867, 8. 162ff.

Charles de Eibbe, Le Play apres sa correspondance. Paris 1881, 2. Aull.,

1906.

Ad. Focillon, Instruction sur l’observation des faits sociaux selon la methode
des monographies de familles. Paris 1887.

Cheysson-Toque, Les budgets compares des cent monographies de familles
publiees d’apres un cadre uniforme dans „Les ouvriers europeens“ et „Les
ouvriers des deux mondes“. Eome 1890.

Maurice Vigne, La Science sociale d’apres les principes de Le Play et de ses
continuateurs. Paris 1897.

Albert Le Play, Frederic Le Play. Voyages en Europe 1829—1854. Extraits
de sa correspondance. Paris 1899.

Fernand Auburtin, Frederic Le Play d’apres lui-meme. Vie-Methode-Doctrine.

Paris 1906.	^

FranqoisEscard, Comment travaillait Le Play? Souvenirs personnels. Paris

1907.	v

Engel in der Zeitschrift des Statist. Bureaus des Kgl. Sächsischen Ministeriums,
1857, S. 153 ff.

Schäffle, Le Play. Deutsche Vierteljahrsschrift, Jahrg. 28, 1865.

—, Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirtschaft, 2. Aufl., 1867, S. 360 ff.,
u. 3. Aufl., S. 520ff.

L. v. Hammerstein, Le Play und die richtige Methode der Sozial Wissenschaft.
Stimmen aus Maria-Laach, 12. Bd., 1877.

v. Wenckstern, Le Play. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volks-
wirtschaft im Deutschen Eeich, 18. Jahrg., 1. Heft, 1894.

Auguste Bechaux, Die französische Nationalökonomie der Gegenwart. Über-
setzt von G. Wampach. Berlin 1903.

Schnapper-Arndt, Sozialstatistik. Herausgegeben von Leon Zeitlin. 1908.
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich. Stuttgart 1910.

In der Zeitschrift „La Science sociale“ die Artikel von:

Edouard Demolins, L’etat actuel de la Science sociale, d’apres les travaux de
ces dix dernieres annees. 1893.

Demolins, Pinot et de Eousiers, La methode sociale, ses procedes et ses
applications. 1904.
        <pb n="155" />
        ﻿Lebenslauf.

Ich, Alfons Reuß, bin am 17. November 1887 zu Hersfeld
(Provinz Hessen-Nassau) als Sohn des Verwalters des städtischen
Gaswerks Heinrich Reuß geboren. Ich besuchte das Gymnasium
meiner Vaterstadt, an dem ich Ostern 1907 die Maturitätsprüfung
bestand. Dann bezog ich die Universitäten München (2 Semester),
Göttingen (2 Semester), Berlin (1 Semester), Marburg (1 Semester)
und Rostock (4 Semester), an denen ich hauptsächlich Jurisprudenz
und Nationalökonomie, außerdem in Rostock Geographie und Philo-
sophie studierte. Größere nationalökonomische Vorlesungen hörte
ich bei den Herren Professoren Cohn, Wagner, Tröltsch und
Ehrenberg.

Herrn Professor Ehrenberg, unter dessen steter Anteilnahme
und bereitwilliger Förderung vorliegende Arbeit entstanden ist, bin
ich zu großem Danke verpflichtet.
        <pb n="156" />
        ﻿
        <pb n="157" />
        ﻿
        <pb n="158" />
        ﻿
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        ﻿137

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des kleinbäuerlichen Besitzes und dem ungeteilten Genuß der Ge-
meingüter. Dieser Kleinbesitz entspricht gewöhnlich einer Fläche,
die wenigstens für den Unterhalt eines Gespannes für Pflug und
IWagen genügt. Das Verfahren sichert nicht nur die „reiche Aus-
Vwanderung“, d. i. das beste Auswanderungs-System in schon be-
: völkerten Ländern; sie hat auch alle die glücklichen Folgen, die sich
| anderswo unter ähnlichen Bedingungen zeigen. Bei diesem System
verhütet tatsächlich der kleine Besitz das Eindringen des Pauperismus,
auch wenn die Sorge für die Zukunft keine allgemeine Tugend ist, und
hält die Familienbande aufrecht, indem er den Eltern eine anständige
Lage bietet; er vermehrt die Pferde und das Vieh und bietet hier-
durch Mittel für die Verteidigung des Landes, die im Gegensatz
dazu in den Gegenden abnehmen, wo der Besitz fortwährend zer-
stückelt wird.

Die Gewohnheiten, die die ungeteilte Übertragung des Grund-
besitzes sichern, haben eine große Macht. In Dänemark besonders
und bei den Ackerbauvölkern an der Nordsee zwischen diesem
Königreich und den Niederlanden hat das Gesetz ausdrücklich die
Grundbesitzverteilung bestimmt, so daß sie zur Ernährung einer
bestimmten Anzahl Zugtiere genügen müssen. Es ist den Besitzern
nicht erlaubt, zu teilen, was so vereinigt ist. Nach ähnlichen Regeln
hat man in Schweden die landwirtschaftlichen Einheiten — genannt
: „Himmans“ — geregelt. Diese Einheiten sind außerdem im öffent-
; liehen Interesse begrenzt durch die Pflicht, eine große Anzahl von
51 Soldaten der Landarmee „Indelta“ oder Matrosen der Kriegsmarine
zu unterhalten. In diesen beiden skandinavischen Staaten hat also
der Gesetzgeber, besonders hinsichtlich der großen Güter geglaubt,
„in seiner Sorge vor Teilung des Bodens, der das nationale Interesse
am besten schützt, nicht allein auf den Familiensinn und die indi-
viduelle Initiative vertrauen zu dürfen.

Die unversehrte Erhaltung der Anerberschaft lebt so vollständig
in dem Geist der Bevölkerung, daß man oft, z. B. in Hessen und
Nassau, den Willen der Natur sich dieser nationalen Anschauung
-anterordnen sieht. Die jungen Leute beiderlei Geschlechts, die nicht
genug Energie haben, um den Mühen und Zufällen der Auswande-
rung zu trotzen, verharren gern in der Ehelosigkeit. Sie verzichten auf
ihr Erbteil und leben in Gemeinschaft zusammen mit dem Familien-
i sproß, der am fähigsten ist, dem anderen als Führer zu dienen und
lie Bewirtschaftung des väterlichen Gutes zu leiten. Dieselben Ge-
wohnheiten finden sich im westlichen Frankreich, besonders bei den
      </div>
    </body>
  </text>
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