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        <title>Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode</title>
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            <forname>Alfons</forname>
            <surname>Reuß</surname>
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            <idno>101947257X</idno>
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        Fredöric  Le  Play
in  seiner  Bedeutung  für  die  Entwicklung
der  sozialwissenschaftlichen  Methode.

Inaugural-Dissertation
zur  Erlangung  der  Würde  eines  Doctors  philosophiae
der  philosophischen  Fakultät
der
Landes-Universität  zu  Rostock
vorgelegt  von
Alfons  Reuß.

Jena
Gustav  Fischer
1913
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        l

Frederic  Le  Play
in  seiner  Bedeutung  für  die  Entwicklung
der  sozialwissenschaftlichen  Methode.

Inaugural-Dissertation
zur  Erlangung  der  Würde  eines  Doctors  philosophiae
der  philosophischen  Fakultät
der
Landes-Universität  zu  Rostock

vorgelegt  von

Alfons  Reuß

£

Jena
Gustav  Fischer
1913
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        Inhaltsverzeichnis

Einleitung'.  I.  Le  Play’s  Methode  als  Problem  S.  1.
Veranlassung  zu  der  Untersuchung  S.  1.  Die  bisherigen  Urteile  über  Le  Play’s
Methode  S.  3.  Thünen  und  Le  Play  S.  5.  Aktuelle  Bedeutung  der  Methode
Le  Play’s  S.  7.
II.  Le  Play’s  Leben  und  Werke  S.  8.
Erziehung  S.  8.  Höheres  technisches  Studium  S.  12.  Beisen  S.  15.  Lebensstellungen ­
  und  praktische  Tätigkeiten  S.  18.  Werke  S.  20.
Erster  Abschnitt:  Die  Methode  Le  Play’s  S.  24.
Le  Play’s  Auffassung  von  seiner  Methode  und  von  deren  Notwendigkeit  S.  24.
Zusammenhang  der  Methode  Le  Play’s  mit  dem  Leben  und  Vergleich  mit
anderen  Methoden  S.  26.  Notwendigkeit  des  Vergleichs  S.  30.  Mittel  der
Materialbeschaffung  S.  31.  Die  sozialen  Führer.  Ihre  Stellung  im  Leben
und  ihre  Eigenschaften  S.  32.  Die  Bedeutung  der  sozialen  Autoritäten  für
die  Beobachtung,  sowie  für  die  Kontrolle  des  Materials  und  der  Schlüsse  S.  36.
Die  Familie  als  Zelle  der  menschlichen  Gesellschaft  S.  39.  Die  Arbeiterfamilie ­
  als  Untersuchungsobjekt  S.  41.  Auswahl  der  einzelnen  typischen
Familie  S.  44.  Die  Monographie.  1.  Das  Schema  S.  47.  2.  Aufnahme  der
Monographie  S  54.  Schluffbemerkungen  über  den  Wert  der  Familien-Monographien
  S.  56.
Zweiter  Abschnitt:  Beurteilung  der  Methode  Le  Play’s  S.  58.
1.  Die  Gegensätze  zwischen  der  Methode  und  der  Weltanschauung  Le  Play’s.
Naturwissenschaftliche  Methode  Le  Play’s  S.  58.  Das  Eingreifen  von  Voraussetzungen ­
  in  die  induktive  Analyse.  Le  Play  als  Anhänger  einer  historischen ­
  Auffassung  des  sozialen  Lebens  S.  61.  Vernunft  und  Sittengesetz
als  oberster  Maßstab  für  die  Beurteilung  sozialer  Zustände  S.  64.  2.  Induktion
und  Deduktion  bei  Le  Play.  Schwierigkeiten,  die  Methode  Le  Play’s  zu
verfolgen  S.  67.  Ursachen  dieser  Schwierigkeiten  S.  68.  Erste  Erfahrungen
Le  Play’s  mit  seiner  Methode.  Verzögerung  der  Erfolge  S.  69.  Voraussetzungen ­
  und  Vorurteile  als  innere  Hemmungen  S.  70.  Le  Play’s  Methode
blieb  unvollendet  S.  73.  3.  Die  Monographie.  Der  Bahmen  der  Familie  reicht
nicht  aus  S.  77.  Kritik  der  Monographie  im  einzelnen.  Vorbemerkungen  S.  79.
        <pb n="4" />
        IV
Die  Monographie  ist  kein  Zustandsbild  S.  80.  Auswahl  der  Familien.  Der
„Typus“  S.  82.  Die  Bedeutung  der  Zahlen  hei  Le  Play  S.  84.  Technik  der
Befragung.  Balanzierung  des  Budgets  S.  88.  Optimistische  Darstellung
hausindustrieller  Arbeitsverhältnisse  S.  90.  Optimistische  Darstellung  der
Kolonisation  niedersächsischer  Banernfamilien  S.  93.  Optimistische  Beurteilung
der  Anerbenfamilie  überhaupt  S.  96.  Das  Kehlen  zuverlässiger  Ermittlungen
von  Kausalverknüpfungen  S.  99.
Anhang  I:  Tableau:  Definition  des  ouvriers  et  des  rapports  qui  les  lient,  dans
les  diverses  organisations  sociales  de  l’Europe,  aux  maitres,  aux  communautes
et  aux  corporations  (auf  besonderem  Blatte  beigefügt  bei  S.  104).
Anhang  II:  Monographie:  Waffenschmied  aus  der  halb-ländlichen  Verlagsindustrie
Solingens  S.  104.
        <pb n="5" />
        Einleitung.

!.  Le  Play’s  Methode  als  Problem.
Veranlassung  zu  der  Untersuchung.  Die  Untersuchung  wurde
zuerst  veranlaßt  durch  das  Bedürfnis,  Klarheit  zu  gewinnen  über
die  verschiedenen  Methoden,  die  bei  Untersuchung  von  Familien-Wirtschaften
  bis  jetzt  angewendet  worden  sind.  Unter  ihnen  nimmt
die  Methode  Le  Play’s  wegen  ihrer  frühen  Entstehung  einen  besonderen ­
  Platz  ein.  Doch  bald  zeigte  sich,  daß  die  Bedeutung  Le
Play’s  über  dieses  Einzelproblem  weit  hinausreicht.  Es  entstand  so
das  Bedürfnis,  seine  Methode  gründlicher  kennen  zu  lernen,  als  es
sich  aus  der  bisherigen  Literatur  ermöglichen  ließ.
Le  Play  ist  in  Frankreich  weit  besser  bekannt  als  in  Deutschland, ­
  stehen  doch  zwei  Schulen  der  jetzigen  französischen  Nationalökonomie ­
  auf  seinen  Schultern.  Aber  auch  dort  hat  es  lange  gedauert, ­
  bis  seine  grundlegende  Bedeutung  in  weiteren  Kreisen
einigermaßen  erkannt  wurde,  und  der  Einfluß  seiner  wissenschaftlichen ­
  Methode  in  Frankreich  ist,  nach  langen  eifrigen  Versuchen
zu  ihrer  Fortbildung,  schließlich  sogar  wieder  zurückgegangen;  das
ist  durch  ihre  eigenen  Unvollkommenheiten  verursacht  worden,
1*
        <pb n="6" />
        2

welche  die  Erkenntnis  ihres  innersten  Wesens  ausnehmend  erschwerten ­
  ;  um  diese  Erkenntnis  zu  erreichen,  hätte  man  die  Methode
Johann  Heinrich  von  Thünen’s  zur  Hilfe  nehmen  müssen,  die
aber  in  ihrem  eigenen  Heimatlande  ebenfalls  nicht  erkannt  und
deshalb  auch  nicht  fortgebildet  wurde.
Le  Play’s  wissenschaftliche  Richtung  stand  im  Widerspruche
zu  derjenigen  seiner  Zeit.  Als  seine  grundlegenden  Werke  „Les
ouvriers  europeens  (1855)  und  „La  reforme  sociale  en  France“  (1864)
erschienen,  herrschte  überall  noch  eine  extreme  individualistische
Richtung 1 ).  Zwar  hatten  die  Sozialisten  schon  begonnen,  dagegen
Sturm  zu  laufen;  aber  erst  seit  den  70er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  hat  ihre  Richtung  in  der  Wissenschaft  den  Individualismus
immer  mehr  zurückgedrängt.
Sowohl  die  individualistischen  wie  die  sozialistischen  Lehren
standen  und  stehen  noch  durchaus  unter  der  Herrschaft  politischer ­
  Impulse  und  Interessen.  Dagegen  wurzelte  Le  Play’s  wissenschaftliche ­
  Methode,  die  seine  Originalität  und  seine  dauernde
Bedeutung  für  die  Wissenschaft  ausmacht,  ursprünglich  in  einer  bewußten ­
  Abkehr  von  jenen  beiden  politisch  beherrschten  Richtungen.
Er  bildet  hierin  eine  Parallelerscheinung  zur  historischen  Schule
der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  in  ihrer  ursprünglichen  Erscheinung ­
  (Roscher).  Das  ist  vermutlich  die  Ursache  dafür,  daß
Le  Play’s  Methode  und  die  deutsche  historische  Schule  lange  Zeit
hindurch  nur  im  Rahmen  eines  einzelnen  Volkes  wirkten:  ihnen
fehlte  die  unmittelbare  Explosivkraft  politischer  Richtungen,
wie  sie  der  Merkantilismus,  der  Individualismus  und  der  Sozialismus
besitzen.
Die  Methode  Le  Play’s  ist  in  seinem  Erstlingswerk  enthalten.
In  seinem  zweiten  Werke  herrscht  die  Politik;  deshalb  hat  letzteres ­
  auch  weit  rascher  gewirkt:  „La  reforme  sociale“  hat  bis  1887
sieben  Auflagen  erlebt.  So  hat  ja  auch  ganz  ähnlich  die  historische
Richtung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  später  den  „Verein
für  Sozialpolitik“  erzeugt.  Bei  Le  Play  wie  beim  Verein  für  Sozialpolitik ­
  ist  der  politische  Ausgangspunkt  der  nämliche:  die  Ethik;
wenn  die  deutschen  Sozialreformer  nicht  bei  Le  Play  anknüpften,
so  liegt  das  weniger  an  seiner  französischen  Eigenart  als  daran,

*)  Michel  Chevalier,  Coars  d’economie  politiqne  1.  ed.  1850/51.  Frederic
Bastiat,  Harmonies  economiques  I,  1850,  erweitert  in  den  Oeuvres  completes
de  Fred.  Bastiat  VI,  1855.
        <pb n="7" />
        3

daß  inzwischen  ein  Stärkerer  auf  der  Bildfläche  erschienen  war:
Karl  Marx.  Teils  unter  seinem  direkten  Einflüsse,  teils  in  Reaktion ­
  gegen  ihn  suchten  die  deutschen  Sozialreformer  nach  politisch
noch  wirksameren  Gedankengängen.
Der  Einfluß  einer  wissenschaftlichen  Methode  kann  nie  ein  so
rascher  sein;  dafür  ist  er  oft  um  so  nachhaltiger.  So  wie  die  Methode
Thünen’s  hat  auch  diejenige  Le  Play’s  nur  langsam  gewirkt,  was
Tlninen  für  den  „Isolierten  Staat“  bekanntlich  vorausgesagt  hat.
Die  bisherigen  Urteile  über  Le  Play’s  Methode.  Wenn  man
die  bisherigen  Äußerungen  über  Le  Play  durchmustert  (vgl.  das
Literaturverzeichnis  am  Schlüsse  dieser  Abhandlung)  und  dabei  von
seinen  Schülern  absieht,  so  fällt  sofort  die  Tatsache  auf,  daß  seine
Methode  nur  stiefmütterlich  behandelt  wird.  Sein  erster  französischer
Kritiker  Leo  nee  de  Lavergne  widmet  ihr  nur  2  von  25  Seiten,
der  nächste  Jules  Duval  6  von  22  Seiten;  trotzdem  letzterer  das
Wort  fand  „la  monographie  des  familles  c’est  le  micoscrope  applique
ä  l’economie  sociale“,  und  obwohl  er  auch  sonst  mehr  Anerkennung
spendete  als  Lavergne,  kam  er  doch  zu  dem  ungünstigen  Schlußergebnis,
Le  Play  litte  an  drei  fundamentalen  Irrtümern:  seine  Methode  sei
unzureichend,  er  glaube  zu  sehr  an  die  Tradition,  er  sei  mißtrauisch
gegenüber  allen  Neuerungen.  Diese  nicht  unrichtige,  aber  unzureichende ­
  Auffassung  gewann  zunächst  die  Oberhand,  setzte  sich  als
zähes  Vorurteil  fest  und  hat  bis  zum  heutigen  Tage  viel  beigetragen,
eine  objektive  Würdigung  Le  Play’s  zu  hindern.
Sainte-Beuve,  einer  seiner  ersten  Bewunderer,  hatte  für
seine  Methode  volles  Verständnis;  er  sagt  von  seinem  ersten  Werke,
es  sei  ein  Vorbild  und  sollte  ein  Erziehungswerk  sein  für  alle  Reformer, ­
  indem  es  ihnen  zeige,  welche  Reihe  von  Vorarbeiten,  von
Beobachtungen  und  immer  neuen  Vergleichen  nötig  sei,  ehe  man
eine  begründete  Schlußfolgerung,  eine  Meinung  bilden  könne;  er
erkannte  auch  Le  Play’s  eigentliche  Absicht,  wie  den  Werdegang
seines  Werkes:
Jene  unentwickelten  sozialen  Zustände,  die  bei  uns  längst  verschwunden
sind,  lassen  sich  in  anderen  Weltteilen  und  Ländern  noch  beobachten  und  erklären ­
  so  unsere  eigene  Vergangenheit,  ähnlich  wie  die  Geologie  die  Schichten
der  Erdrinde  dort,  wo  sie  zutage  treten,  am  besten  in  ihrer  ursprünglichen
Beschaffenheit  studieren  kann.  Im  Geiste  des  Beobachters  erstanden  auf  solche
Weise  unausgesetzt  neue  Vergleiche,  und  er  gewann  hierdurch  nicht  nur  ein
besseres  Verständnis  der  Vergangenheit;  er  fragte  sich  auch,  ob  diese  sozialen
Zustände,  die  bei  uns  so  sehr  mißachtet  werden,  nicht  doch  noch  etwas
Gutes  und  Nützliches  enthalten,  das  man  wiederaufnehmen
        <pb n="8" />
        4

und  wieder  pflanzen  kann,  indem  man  es  neugestaltet.  So  geschah ­
  es,  daß  der  ethische  und  soziale  Teil  seiner  Studien,  der  mit  dem  wissenschaftlichen ­
  nnd  technischen  Detail  zusammenging,  in  seinem  Geiste  unmerklich ­
  die  Oberhand  gewann  .  .  .  Jene  Ideen  (Familie,  Erbrecht,
Arbeitsgemeinschaft  usw.),  die  er  am  Ende  seines  ersten  Werkes  als  Probleme
hinwarf,  bewiesen,  daß  sein  Geist  das  zweite  als  Keim  schon  beherbergte.
Er  war  vom  Studium  der  Metalle  zu  dem  des  Menschen  vorgeschritten;  er
schritt  jetzt  von  diesem  zu  dem  der  menschlichen  Gesellschaften  vor;  er  rüstete
sich,  die  Eeformfragen  entschlossen  in  Angriff  zu  nehmen.
Aber  auch  Sainte-Beuve  hat  nur  die  Ziele  der  Methode  Le  Play’s
und  den  Umriß  ihres  Wesens  erkannt,  nicht  dieses  selbst,  nicht  die
Möglichkeit  ihrer  Ausgestaltung.
Die  Schüler  und  Nachfolger  Le  Play’s  haben  sich  mit
seiner  Methode  vielfach,  auch  kritisch  beschäftigt.  Ihre  hierher
gehörigen  Arbeiten  können  in  dieser  Untersuchung  nur  gelegentlich
erwähnt  werden;  sie  bedürfen  einer  gesonderten  Behandlung.
In  Deutschland  hat,  wenn  man  einstweilen  absieht  von
seinen  Nachfolgern  auf  dem  Gebiete  der  „Haushalts-Statistik“  (Engel
Schnapper-Arndt),  nur  ein  einziger  der  führenden  Geister  unserer
Wirtschaftslehre  sich  mit  Le  Play  näher  beschäftigt:  Albert
Schäffle  (zuerst  1865);  aber  ihn  interessierten  nur  die  wissenschaftlichen ­
  Ergebnisse  und  die  politischen  Folgerungen  Le  Play’s
er  gab  sie  wieder  und  nahm  zu  ihnen  Stellung;  er  nannte  den  Autor
einen  „seltenen  Vogel“  und  sprach  davon,  bei  ihm  sei  die  Sozialreform ­
  „nicht  aus  dem  Stegreif  konstruiert“;  aber  nichts  deutet
darauf  hin,  daß  er  sich  mit  Le  Play’s  Methode  näher  beschäftigt
hätte;  er  scheint  sein  Erstlingswerk  überhaupt  nicht  gekannt  zu
haben.  Roscher  erwähnt  Le  Play  beiläufig  als  hervorragenden
„konservativen“  Volkswirt,  Schm  oller  als  Begründer  der  wissenschaftlichen ­
  Untersuchung  von  Haushaltsrechnungen;  im  übrigen
zitieren  beide  nur  manche  seiner  Ergebnisse.
Die  einzige  einigermaßen  ausführliche  Würdigung  Le  Play’s  in
der  neueren  deutschen  Literatur  rührt  her  von  A.  von  Wenckstern
  (jetzt  Professor  in  Breslau)  und  ist  1894  erschienen.  Sie
enthält  auch  die  erste  Darstellung  der  Methode  in  deutscher  Sprache:
die  einzelnen  Bestandteile  des  Verfahrens  werden  aufgeführt  und
im  ganzen  richtig  geschildert;  aber  diese  Schilderung  enthält  nicht
genügend  Einzelheiten,  um  die  Methode  innerlich  mit  erleben  und
nachprüfen  zu  können;  es  fehlt  infolgedessen  auch  fast  alle  Kritik.
Die  Bedeutung,  welche  Le  Play  für  die  Entwicklung  der
französischen  Wirtschafts-Wissenschaft  erlangt  hat,  läßt  sich  erst
        <pb n="9" />
        5

jetzt  einigermaßen  übersehen,  seitdem  wir  hierüber  durch  die  Bücher
von  Auguste  Bechaux,  „Die  französische  Nationalökonomie  der
Gegenwart“,  übers,  v.  Wampach  (1903)  und  von  ßaymund  de
Waha  „Die  Nationalökonomie  in  Frankreich“  (1910)  unterrichtet
sind.  Selbst  der  letztere  widmet  der  Methode  Le  Play’s  zwar  auch
nur  10  Seiten;  dafür  bespricht  er  aber  um  so  ausführlicher  die
Methoden  seiner  Nachfolger,  sowohl  der  Schule  der  „Reforme  sociale“,
wie  der  Schule  der  „Science  sociale“.
Die  Methode  Le  Play’s  können  wir  vollständig  erst  würdigen,
seitdem  wir  diejenige  Thiinen’s  genauer  kennen  gelernt  und  in  ihrer
vorbildlichen  Bedeutung  erfaßt  haben.  Wie  Thünen  und  wie  Le
Play  dazu  kamen,  eine  neue  wissenschaftliche  Methode  anzuwenden,
soll  hier  zunächst  nur  ganz  kurz  und  äußerlich  betrachtet  werden.
Thünen  und  Le  Play.  Dasjenige  Problem,  welches  Thünen
veranlaßte,  eine  neue  wissenschaftliche  Methode  anzuwenden,  war
ein  Problem  der  landwirtschaftlichen  Produktion  J ).  Gegenüber  dem
unbedingt  vorwärtsdrängenden  Optimismus  Albrecht  Thaer’s,  des
großen  Reformators  der  deutschen  Landwirtschaft,  dem  Thünen  anfangs ­
  folgte  (wodurch  er  gleich  anderen  Landwirten  an  den  Rand
des  Ruins  gelangte),  —  erkannte  er  später,  daß  die  auf  solche  Weise
(durch  unzureichende  Induktionen  und  überwiegende  Deduktionen)
entstandenen  Ergebnisse  „nie  mit  der  Wirklichkeit  übereinstimmen
konnten,  und  daß  er,  wenn  er  etwas  Nützliches  und  Brauchbares
hervorbringen  wollte,  die  Grundlage  zu  seinem  Kalkül  erst  aus  der
Erfahrung  entnehmen  müsse“.  Er  wurde  durch  die  Erfahrung  veranlaßt, ­
  die  Anwendbarkeit  der  von  Thaer  bedingungslos  geforderten
intensiven  Wirtschaftsweise  genau  zu  prüfen  und  ihre  Abhängigkeit
von  bestimmten  gegebenen  Voraussetzungen  festzustellen.  Zu  dem
Zwecke  gruppierte  er  Kosten  und  Erträge  der  einzelnen  Betriebszweige ­
  und  verglich  die  Reinerträge  verschiedener  Betriebs-Systeme
bei  gleichbleibenden  wie  bei  wechselnden  Getreidepreisen.  Die
gleiche  Methode  suchte  er  in  möglichst  weitem  Umfange  auf  andere
Probleme  anzuwenden,  ist  jedoch  dabei  nicht  wesentlich  über  den
Rahmen  des  landwirtschaftlichen  Betriebs  hinausgelangt.  Als  er  zu
einem  „sozialen“  Problem  überging  (Bestimmung  des  „naturgemäßen
Arbeitslohns“),  kehrte  er  wieder  zu  überwiegender  Deduktion  zurück,
weil  er  im  Kreise  seiner  Beobachtungen  dafür  kein  ausreichendes
Material  an  Erfahrungen  finden  konnte.

’)  Vgl.  Mer  Thünen-ArcMv  I,  16  ff.,  112,  547  ff.;  II,  520  ff.
        <pb n="10" />
        6

Le  Play’s  Probleme  waren  ausschließlich  „soziale“,  betrafen
das  menschliche  Zusammenleben.  Auch  er  sah  sich  Dogmen  gegenüber, ­
  die  durch  unzureichende  Induktion  und  überwiegende  Deduktion ­
  entstanden  waren:  dem  Dogma  der  Individualisten  und  dem
Dogma  der  Sozialisten.  Mitten  zwischen  diese  miteinander  nicht
vereinbaren  Anschauungen  gestellt,  suchte  er  nach  zuverlässigen
wissenschaftlichen  Mitteln  zur  Entscheidung  des  Kampfes,  und  als
naturwissenschaftlich  gebildeter  Mann  entschied  er  sich  für  eine
strengere  Ausbildung  der  unvollkommenen  sozialwissenschaftlichen
Methoden,  zunächst  also  für  Anstellung  genauerer  Beobachtungen.
Da  sein  Problem  kein  Betriebs-,  d.  h.  kein  Produktionsproblem  war
wie  dasjenige  Thünen’s,  sondern  die  Gesamtorganisation  des  sozialen
Organismus  betraf,  suchte  er  das  Material  seiner  Untersuchungen
nicht  im  Betriebe  der  Erwerbswirtschaften,  sondern  in  der  Familie,
dieser  Keimzelle  des  sozialen  Organismus,  wo  er  hoffen  durfte,  durch
Vergleich  verschiedener  Organisationstypen  den  Ursachen  der  sozialen
Zerrüttung,  die  er  vor  Augen  hatte,  näherzukommen.
Thünen  und  Le  Play  waren  beide  nicht  nur  Denker,  sondern
auch  Praktiker.  Ihre  Stellung  und  ihr  Wirken  inmitten  des  Lebens
hat  auf  beide  außerordentlich  befruchtend  gewirkt.  Thünen’s  wissenschaftliche ­
  Methode  hat  sich  durch  das  Zusammentreffen  dieser
Lebensstellung  mit  einer  ganz  hervorragenden  wissenschaftlichen
Begabung  zur  höchsten  Originalität  entwickelt.  Bei  Le  Play  hat
fremder  Einfluß,  wie  wir  sehen  werden,  mehr  mitgewirkt.  Aber
dieser  Einfluß  ging  auch  bei  ihm  weit  weniger  aus  von  anderen
Nationalökonomen,  als  von  Praktikern  und  sonstigen  ihm  nahestehenden ­
  oder  von  ihm  aufgesuchten  Persönlichkeiten.  Jedem  Einflüsse ­
  der  Fachschriftsteller  suchte  er  sich  nach  Möglichkeit  zu  entziehen, ­
  um  nicht  der  von  vorgefaßten  Meinungen  ausgehenden  Suggestion ­
  zu  unterliegen.  So  ist  es  wohl  auch  zu  erklären,  daß  in
seinen  Werken  nirgends  von  Auguste  Comte  die  Bede  ist,  und  daß
er  ihn  vielleicht  wirklich  nicht  gekannt  hat,  trotzdem  Le  Play’s
Methode  offenbar  nichts  anderes  ist,  wie  ein  erster  entschiedener
Schritt  auf  dem  von  Comte  vorgezeichneten  Wege.
Le  Play  und  Comte.  Um  den  innigen  Zusammenhang  zwischen
der  Methode  Le  Play’s  und  dem  erkenntnistheoretischen  System
Comte’s  zu  erweisen,  mag  es  einstweilen  genügen,  die  folgende
Äußerung  des  ersteren  wiederzugeben,  welche  der  1.  Auflage  der
„Ouvriers  europeens“  entnommen  ist.  Sie  zeigt  deutlich,  daß  Le  Play,
um  die  Terminologie  Comte’s  zu  verwenden,  durch  seine  Methode
        <pb n="11" />
        7

die  Sozialwissenschaft  aus  dem  „metaphischen“  Zustande  befreien,
sie  zu  einer  „positiven“  Wissenschaft  entwickeln  wollte:
Die  Gesellschafts-Wissenschaft  wird  in  fortschreitender  Entwicklung  dieselben ­
  Phasen  durchlaufen  wie  die  Astronomie,  die  Physik,  die  Chemie  und
ganz  allgemein  alle  Wissenschaften,  die  auf  der  Beobachtung  von  Tatsachen  beruhen. ­
  Früher  hatte  in  den  Wissenschaften  die  Beschreibung  uud  Klassifikation ­
  von  Tatsachen  wenig  Raum.  Sie  waren  irgendeiner  aprioristischen
Idee  untergeordnet,  die  auf  bedeutsamen,  aber  unvollkommen  beobachteten
Tatsachen  beruhte.  In  der  zweiten  Periode,  die  ebenso  fruchbar  ist  wie  die
erste  steril  war,  wird  die  entgegengesetzte  Methode  befolgt;  man  hat  sich
schrittweise  den  vorgefaßten  Meinungen  entzogen,  soweit  es  die  Schwäche  des
Menschengeistes  zuläßt.  Man  hat  das  aufmerksame  Studium  der  Erscheinungen
zur  Grundlage  ihrer  Bewertung  gemacht  und  hält  diese  Erscheinungen  nur
insoweit  für  genügend  bekannt,  als  man  ihr  Gewicht,  ihr  Maß,  ihr  genaues
Bild  geben  kann;  daraus  allein  glaubt  man  die  Theorie  darstellen  zu  können.
Unter  der  Herrschaft  dieser  Methode  erschöpfen  sich  nicht  mehr  die  wertvollsten ­
  Kräfte,  die  das  Streben  nach  Wahrheit  sich  zum  Ziele  setzen,  in  endlosen ­
  Diskussionen.  Die  wissenschaftlichen  Streitfragen,  die  früher  auf  entgegengesetzten ­
  Behauptungen  beruhten,  werden  jetzt  durch  immer  zuverlässigere ­
  Beobachtungen  entschieden.  —  Die  Sozialwissenschaft  hingegen  ist
in  dem  Zustande  des  Unvermögens  geblieben,  der  die  erste  Periode  der  Naturwissenschaften ­
  charakterisiert.  Sie  setzt  sich  aus  Systemen  zusammen,  die
ihre  Entstehung  der  wechselseitigen  Opposition  ihrer  Urheber  verdanken;  man
kann  daher  in  Wahrheit  sagen,  daß  diese  Wissenschaft  von  ihren  eigenen
Angehörigen  am  stärksten  bekämpft  wird.  Die  Debatten  über  die  Organisation
der  Arbeit,  des  Eigentums,  des  Tausches  sind  fast  ebenso  heftig,  wie  es
während  der  letzten  Jahrhunderte  die  über  die  Veränderung  der  Metalle,  die
Universalmedizin,  das  Phlogiston  waren;  sie  werden,  ebenso  wie  diese  klassischen ­
  Kontroversen,  unweigerlich  erlöschen  unter  dem  Einfluß  der  gleichen
Methode.  —
Aktuelle  Bedeutung  der  Methode  Le  Play’s.  Die  Frage,  ob
und  wie  es  möglich  ist,  die  Sozialwissenschaft  „naturwissenschaftlich“ ­
  zu  begründen,  ist  neuerdings  durch  Ehrenberg,  der  auf  den
Fundamenten  T  h  ü  n  e  n’s  weiterbaut,  wieder  aktuell  geworden.  Ehrenberg ­
  hat  dabei  den  bisherigen  Zustand  der  Sozialwissenschaft  ganz
ähnlich  kritisiert*),  wie  Le  Play  es  früher  schon  getan  hatte.
Unter  solchen  Umständen  ist  es  im  jetzigen  Augenblicke  besonders ­
  wichtig,  die  wissenschaftliche  Methode  Le  Play’s  genau
kennen  zu  lernen,  insbesondere  auch,  wie  aus  dieser  Methode,  die
in  seinem  ersten  Werke  „Les  ouvriers  europeens“  enthalten  ist,  sich
sein  zweites  Werk  „La  reforme  sociale“  entwickelt  hat;  es  ist  doch
auffallend,  daß  ein  Mann,  der  die  Notwendigkeit  so  klar  erkannte,

*)  Thünen-Archiv,  Bd.  I,  S.  1  ff.
        <pb n="12" />
        8

aus  der  Sozialwissenschaft  eine  „Naturwissenschaft“  zu  machen,
trotzdem  gegen  eins  der  Hauptprinzipien  neuzeitlicher  Wissenschaft
handelte,  indem  er,  statt  sich  auf  die  Fortbildung  der  Theorie  zu
beschränken,  sie  alsbald  in  den  Dienst  praktischer,  politischer  Bestrebungen ­
  stellte,  indem  er  selbst  Sozialreformer  wurde.

II.  Le  Play’s  Leben  und  Werke.
Erziehung.  Le  Play  wurde  am  11.  Februar  1806  zu  La  Bi  viere
in  der  Nähe  des  kleinen  Hafenortes  Honfleur  an  der  unteren  Seine
geboren 1 ).  Sein  Vater  war  Zollkontrolleur  und  starb,  als  Le  Play
erst  einige  Jahre  zählte.  In  diesem  Dorfe  verbrachte  Le  Play  die
ersten  fünf  Jahre  seines  Lebens.  Seine  Mutter  war  eine  arbeitsame, ­
  tief  religiöse  Frau,  die  ihr  einziges  Kind  zu  einem  brauchbaren ­
  Menschen  erziehen  wollte.
„Den  Lehren  meiner  guten  Mutter“,  so  äußerte  er  später,  „und  der  fünf
Lehrer,  die  nach  uud  nach  meinen  Charakter  geformt  haben,  schulde  ich  die
Gefühle,  die  mich  inmitten  harter  Arbeit  aufrecht  erhalten  haben:  Gottesfurcht,
Einfachheit  der  Lebensweise,  Arbeitsliebe,  Hingebung  an  das  Gute.“
Seine  ersten  Eindrücke  entwickelten  sich  „unter  dem  heilsamen
Einfluß  der  Beligion,  der  nationalen  Katastrophen  und  der  Armut“.
Der  Krieg  mit  England  lastete  schwer  auf  der  Fischerbevölkerung
seines  Heimatdorfes;  denn  die  englische  Blockade  störte  den  Erwerb.
Mit  den  anderen  Knaben  zog  er  hinaus  in  den  Wald,  um  Holz  zu
holen.  Er  lauschte  begeistert  den  Erzählungen  der  alten  Fischer,
die  sich  durch  ihre  Kriegs-Erinnerungen  über  das  Elend  des  jetzigen
Lebens  hinwegzusetzen  suchten,  und  hier  erhielt  er  die  „ersten
Lektionen  der  Vaterlandsliebe“.  So  brachte  er  diese  Zeit  zu  „in
Sicherheit  vor  schädlichen  Einflüssen  inmitten  einer  christlichen,
patriotischen  Fischerbevölkerung“.
Alle  bedeutenden  Eigenschaften,  die  wir  an  dem  Manne  Le  Play
bewundern,  und  die  auch  zu  seiner  wissenschaftlichen  Größe  beitrugen, ­
  wurden  schon  früh  dem  Knaben  zur  Pflicht  gemacht.  Über
seine  Wahrheitsliebe  sagt  Le  Play  selbst:
„Ich  habe  die  zeitgenössische  Gesellschaft  mit  aufrichtiger  Wahrheitsliebe
beobachtet;  ich  schulde  dies  Gefühl  den  Einflüssen,  die  eine  Mutter  und
Lehrer,  die  Gott  und  dem  Vaterland  ergeben  waren,  auf  meine  Kindheit  ausgeübt ­
  haben.“
’)  0.  E.,  3.  Aufl.,  I,  ch.  1,  13—16.  Als  „0.  E.“  wird  stets  Le  Play’s  Erstlingswerk ­
  „Les  ouvriers  europeens“  zitiert.
        <pb n="13" />
        9

Wie  er  selbst  dadurch  auf  den  richtigen  Weg  gekommen  ist,  so
sieht  er  auch  für  andere  in  der  geeigneten  Erziehung  ein  Mittel
der  Reform.  Von  Natur  besaß  er  eine  zähe  Energie,  die  durch  alle
Anfechtungen  hindurch  das  einmal  gesetzte  Ziel  beharrlich  verfolgte,
und  der  daher  letzten  Endes  der  Erfolg  sicher  war.  Ein  charakteristischer ­
  Ausspruch  dafür  findet  sich  in  einem  Briefe x )  aus  dem
Jahre  1865,  in  dem  von  der  Gründung  einer  Revue  und  den  damit
verbundenen  Schwierigkeiten  die  Rede  ist;  Le  Play  schreibt  da:
„Seien  Sie  sicher,  daß  ich  nicht  um  einen  Fuß  breit  zurückweiche.  Ich
bin  Normanne,  ich  fühle  mich  durchtränkt  von  der  Zähigkeit,  die  man  allgemein ­
  unseren  Vorfahren  zuschreibt.“
Im  Jahre  1811  starb  Le  Play’s  Vater;  seine  in  Paris  verheiratete
Schwester  nahm  den  fünfjährigen  Knaben  zu  sich,  da  sie  kinderlos
war  und  in  guten  Verhältnissen  lebte.  Nur  schwer  gewöhnte  sich
Le  Play  an  die  große  Stadt,  der  er  zeitlebens  mit  Abneigung  gegenüberstand; ­
  er  vermißte  den  Wald  und  das  Wasser  seiner  Heimat.
Auch  die  Schule,  die  er  hier  besuchte,  war  ihm  kein  angenehmer
Aufenthaltsort.  Um  so  größer  und  einflußreicher  war  die  geistige
Anregung,  die  er  im  Hause  seines  Onkels  erhielt.  Hier  verkehrten
tagtäglich  zwei  Jugendfreunde  des  Onkels,  die  während  der  Revolution ­
  Familie  und  Vermögen  verloren  hatten.  Die  Unterhaltung
dieser  drei  politisch  und  literarisch  verschieden  denkenden  Männer
und  die  bedeutende  Bibliothek  des  Onkels  ließen  Le  Play  die  „Langeweile ­
  des  Stadtlebens“  vergessen.  Es  war  schon  mehr  ein  politischer
Unterricht,  den  er  genoß.  Der  Onkel  und  seine  beiden  Freunde
wählten  die  zur  Lektüre  geeigneten  Bücher  aus  und  beantworteten
bereitwilligst  alle  Fragen,  die  dem  Knaben  bei  der  Lektüre  oder
bei  der  Unterhaltung  aufstiegen.  AVie  stark  die  Lehren,  die  er  hier
empfing,  fortwirkten,  sagt  Le  Play  selbst:
Diese  Lehren  wurden  für  den  Augenblick  verdrängt  durch  den
sonstigen  Schulunterricht;  aber  sie  gewannen  später  ihren  richtigen  Einfluß
wieder;  je  mehr  ich  im  Leben  vorwärts  kam  und  je  mehr  ich  den  Verfall
meines  Vaterlandes  erkannte,  fühlte  ich  das  Bedürfnis,  in  der  Sozialwissenschaft ­
  zu  festen  Anschauungen  zu  gelangen.  Seit  dem  Jahre  1848  habe
ich  oft  zurückgedacht  an  die  Lektionen  meiner  drei  Lehrer  von  1813;  und  ich
habe  erkannt,  daß  ich  ihnen  mehr  schulde,  als  ich  bis  dahin  gedacht  hatte.
Der  Onkel  und  seine  beiden  Freunde,  mit  denen  Le  Play  vier  Jahre
zusammenleble,  verkörpern  einen  Teil  der  widersprechenden  Anschauungen, ­
  die  im  damaligen  Frankreich  sich  Geltung  verschaffen

L  Auburtin,  S.  45.
        <pb n="14" />
        10

wollten.  Der  Onkel  Le  Play’s  war  eine  neutrale  Persönlichkeit,  die
die  politischen  Interessen  den  wirtschaftlichen  unterordnete.  Dadurch ­
  hatte  er  sich  auch  in  den  mannigfachen  politischen  Krisen
sein  Vermögen  bewahrt.  Aber  er  war  eine  wahrheitsliebende  Natur,
die  die  Schwächen  der  alten  wie  der  neuen  Aristokratie  mit  gleicher
Schärfe  kritisierte.  Über  die  beiden  anderen  Lehrer  lassen  wir  Le
Play  selbst  urteilen:
„Der  Gelehrte“,  ein  ehemaliger  Beamter,  war  begeistert  für  die  wissenschaftliche ­
  Bildung  und  hatte  sich  in  Frankreich  wie  im  Auslande  dem  Unterricht ­
  gewidmet.  Er  trug  mehr  als  jeder  andere  durch  sein  Vorlesetalent  zum
Reiz  unserer  Abende  bei  und  er  leitete  mich  mit  seltener  Geduld  in  meiner
eigenen  Lektüre.  Im  Grunde  seines  Herzens  neigte  er  zu  Rousseau,  den
Enzyklopädisten  und  den  Girondisten;  in  dieser  Hinsicht  wurde  er  an  unseren
Abenden  lebhaft  bekämpft.  Das  war  besonders  die  Aufgabe  des  dritten
Lehrers,  des  „Gentleman“;  er  ließ  es  sich  namentlich  angelegen  sein,  den
beherrschenden  Einfluß  nachzuweisen,  den  die  Religion  auf  das
individuelle  Glück  wie  auf  die  allgemeine  Wohlfahrt  ausübt.  Als  er,  um  dem
Schafott  zu  entrinnen,  aus  Frankreich  fliehen  mußte  und  seiner  Güter  beraubt
wurde,  wollte  er  zunächst  die  Emigranten  jenseits  des  Rheins  vereinigen;
aber  er  sah  bald  ein,  daß  ihre  Sache  verloren  war.  So  blieb  ihm  bis  zu  seiner
Rückkehr  nach  Frankreich  nichts  anderes  übrig,  als  sich  in  Deutschland  dem
Unterricht  und  dem  Studium  zu  widmen.  Er  sah  in  der  Korruption  der
herrschendeu  Klassen  des  ancien  regime  die  Hauptursache  der
Revolution.  Er  hatte  das  bedauerliche  Schauspiel  der  Gottlosigkeit  und
Verderbnis  mitangesehen,  das  die  Sitten  der  Emigranten  in  Koblenz,  Köln
und  in  den  Residenzstädten  darboten,  welche  die  Gastfreundschaft  der  deutschen
Fürsten  ihnen  angewiesen  hatte:  er  erklärte,  daß  diese  Mißstände  in  den  Augen
der  Deutschen  nach  und  nach  zur  Verteidigung  oder  wenigstens  zur  Entschuldigung ­
  der  Revolution  geworden  waren.  Solche  Lehren  kehrten  in  lebhaften ­
  und  geistreichen  Worten  bei  Gelegenheit  der  täglichen  Ereignisse  beständig ­
  wieder;  sie  gaben  meinem  Geiste  die  ersten  Begriffe  eines  moralischen
und  wissenschaftlichen  Unterrichts,  den  mir  die  Schule  nicht  geben  konnte.
Der  Zufall  hat  Le  Play  insofern  begünstigt,  als  er  ihm  schon  von
den  ersten  Kindheitsjaliren  an  eine  so  allseitige  Erziehung  gab,  wie
sie  nicht  jedem  Knaben  geboten  wird.  Die  Verschiedenheit  des
Aufenthaltsortes  und  der  Anschauungen,  die  seine  Lehrer  ihm  vortrugen, ­
  schärften  seinen  Geist  früh,  so  daß  er  nicht  in  einseitiger
Weise  auf  bestimmte  Anschauungen  festgelegt  wurde,  sondern  erkannte, ­
  daß  die  politischen  und  sozialen  Vorgänge  sich  in  den  verschiedenen ­
  Köpfen  ganz  verschieden  spiegeln.  Absichtliche  Täuschungen ­
  konnten  nicht  die  Ursache  dieser  Meinungsverschiedenheiten ­
  sein;  denn  seine  Lehrer  waren  vorzügliche,  hartgeprüfte
Männer,  die  dem  Knaben  nur  ihr  Bestes  geben  wollten,  um  so  die
        <pb n="15" />
        11

heranwachsende  Jugend  und  ihr  Vaterland  vor  neuen  Fehlern  und
Erschütterungen  zu  bewahren.  Le  Play  selbst  ersah  daraus  die
Schwierigkeit  richtiger  Beurteilung  aller  dieser  Fragen;  wir  werden
später  sehen,  welche  Schlüsse  er  daraus  zog.
Die  für  ein  Kind  sehr  ernste  Lebensweise  in  Paris  wurde  alljährlich ­
  durch  einen  Sommeraufenthalt  auf  dem  Lande  unterbrochen.
Hier  wurde  Le  Play  wieder  Kind;  er  half  den  Landarbeitern,  den
Jägern  und  Fischern  bei  ihren  verschiedenen  Verrichtungen;  bei
den  Gärtnern  trieb  er  seine  ersten  botanischen  Studien.
So  fand  ich  mich,  ohne  jedes  festgesetzte  System,  in  eine  Menge  von
Begriffen  eingeführt,  die  es  mir  viel  später  erlaubten,  diesen  Arbeiten  bei  der
Untersuchung  der  ländlichen  und  gewerblichen  Hierarchien  ihren  richtigen
Platz  anzuweisen.
Im  Jahre  1815  starb  der  Onkel  Le  Play’s,  und  der  jetzt  neunjährige
Knabe  kehrte  nach  Honfleur  zurück.  Mittlerweile  war  Friede  geworden, ­
  und  die  Bevölkerung  hatte  ihre  alten  Gewohnheiten  und
Beschäftigungen  wieder  aufgenommen.  Die  Religion  gab  ihr  Ablenkung ­
  und  Trost  bei  ihrem  rauhen  und  gefährlichen  Beruf.  Die
nächsten  7  Jahre  (1815—1822)  brachte  Le  Play  wieder  inmitten
dieser  Fischerbevölkerung  zu,  in  enger  Anteilnahme  an  ihren  Leiden
und  Freuden.  Die  Revolution  hatte  in  seiner  Heimat  keine  große
Wirkung  gehabt.
Die  Familien  der  Häusler,  Bauern  und  Großgrundbesitzer  waren  durch
die  Gesetze  der  „Terreur“  noch  nicht  aufgelöst;  sie  bewahrten  in  ihren  Hütten
mit  den  alten  Sitten  zugleich  die  Gewohnheiten  der  ständischen  Unterordnung
und  der  Einigkeit,  die  sich  an  den  Ufern  der  Nord-  und  Ostsee  noch  länger
erhalten  haben.
Aus  den  Erzählungen  älterer  Leute,  die  das  ancien  regime  noch  gekannt ­
  hatten,  lernte  er  die  Zeit  vor  der  Revolution  kennen  und
fand  bestätigt,  was  „der  weiseste  seiner  Pariser  Lehrer“  (der  „Gentleman“) ­
  ihn  gelehrt  hatte:  daß  die  Korruption  der  herrschenden
Klassen,  hervorgehend  aus  dem  Geiste  der  Irreligiosität,  die  Hauptursache ­
  der  Revolution  gewesen  war.
Neben  diesen  Studien  praktischer  Lebenserfahrung  und  Lebensauffassung ­
  vernachlässigte  Le  Play  die  Wissenschaften  nicht.  Er
besuchte  das  Gymnasium  zu  Havre  und  beschäftigte  sich  mit  Cicero
und  Tacitus;  in  dem  Werke  des  letzteren  über  die  Germanen  suchte
er  besonders  die  Stellen  heraus,  die  die  Hochachtung  seiner  Pariser
Lehrer  für  die  zeitgenössischen  Deutschen  rechtfertigten.  Ein  alter
Geistlicher  vervollständigte  seine  religiöse  Erziehung.  Den  Abschluß
        <pb n="16" />
        12

*)  0.  E.  I,  401.

dieser  Studien  bildete  das  Baccalaureats-Exämen,  das  er  1822  bestand. ­

Höheres  technisches  Studium.  Es  handelte  sich  jetzt  darum,
einen  Beruf  zu  erwählen.  Ein  früherer  Schulkamerad,  der  die  Ecole
Polytechnique  zu  Paris  besuchte,  riet  ihm,  die  technische  Laufbahn
einzuschlagen.  Ihre  Aussichten  reizten  Le  Play,  wenn  auch  die  Zeit
der  Unabhängigkeit  damit  sehr  hinausgeschoben  wurde.  Er  wollte
deshalb  zunächst  seine  Fähigkeiten  prüfen  lassen  und  wandte  sich
an  einen  alten  Familienbekannten,  den  Chef-Ingenieur  für  Brücken
und  Chausseen  Dan  de  la  Vauterie.  Dieser  nahm  nach  einem  Monat
der  Prüfung,  der  den  Erfolg  garantierte,  Le  Play  zu  sich  und  bereitete ­
  ihn  während  des  Jahres  1823  auf  das  Pariser  Studium  vor.
In  Dan  de  la  Vauterie  fand  Le  Play  einen  Lehrer  mit  vielseitigen ­
  Interessen,  der  die  hohen  Anforderungen,  die  er  an  das
Pflichtgefühl  anderer  stellte,  auch  selbst  erfüllte.
Nach  seiner  Ansicht  hatten  die  Staats-Ingenieure  nach  Erfüllung  ihrer
Berufspflichten  noch  die  moralische  Verpflichtung,  sich  dem  Gemeinwohl  unentgeltlich ­
  nützlich  zu  erweisen,  wie  es  die  Grundbesitzer  in  England  und  in
anderen  nordischen  Staaten  tun.
Demgemäß  war  der  Tag  eingeteilt  in  Berufsarbeiten  und  in  wissenschaftliche ­
  Studien.  Die  Berufsarbeit  begann  morgens  um  4  Uhr
und  dauerte  bis  2  Uhr;  daran  schlossen  sich  von  4  Uhr  nachmittags
bis  9  Uhr  abends  literarische,  soziale  und  andere  wissenschaftliche
Studien  an,  wofür  eine  reiche  Bibliothek  zur  Verfügung  stand.
In  diesem  Jahre  wurde  Le  Play  auch  für  die  Sozial  Wissenschaft ­
  vorbereitet 1 ).  Im  Vordergründe  des  außerberuflichen  Unterrichts ­
  stand  die  soziale  Reform.  Zu  dem  Zwecke  wurden  solche
Schriftsteller  besonders  gelesen,  die  zuzeiten  großer  Verderbnis  gelebt ­
  hatten,  wie  z.  B.  Cicero  und  Montaigne.  Sie  waren  geeignet,
Licht  auf  die  zeitgenössische  Verderbnis  zu  werfen.  Sein  Lehrer
zeigte  ihm,  wie  er  unausbleiblich  auf  Irrwege  geraten  Avürde,  wenn
er  sich  von  den  politischen  Leidenschaften  beherrschen  ließ,  die  die
großen  Schulen  in  Paris,  wo  er  6  Jahre  leben  sollte,  in  Atem
hielten.
Er  zeigte  mir  zu  gleicher  Zeit  den  Weg,  auf  dem  unser  Land  die  Wahrheit ­
  wiederfinden  und  den  Frieden  der  Geister  wieder  hersteilen  könnte.  Die
Kegel,  die  er  mir  gab,  ist  genau  diejenige,  die  ich  befolgt  habe.  Sie  ist  mehr
        <pb n="17" />
        13

als  jemals  für  meine  Mitbürger  nötig;  denn  Frankreich,  das  damals  nur  „erschüttert“ ­
  war,  ist  jetzt  „aufgelöst“  ').  Das  Heilmittel  konnte  nur  von  den
Mitbürgern  kommen,  die  an  den  guten  nationalen  Sitten  festhielten.
In  derselben  Zeit  machte  Le  Play  mit  seinem  Lehrer  einige
Reisen  nach  religiös  gesunden  Gegenden  Frankreichs,  wobei  er  zur
Beobachtung  der  sozialen  Verhältnisse  angehalten  wurde.  Hier  tat
sich  für  ihn  eine  neue  Welt  auf:
Ich  begriff  zum  ersten  Male  die  Macht,  die  in  der  gemeinsamen  Hingabe
einer  Menschenrasse  an  die  Keligion  und  die  Begierungsform  liegt.
Unter  diesen  Eindrücken  entstand  die  erste  literarische  Arbeit
Le  Play’s,  die  sich  gegen  den  religiösen  und  politischen  Skeptizismus ­
  wandte.
So  kurz  der  Aufenthalt  bei  Dan  de  la  Vauterie  auch  war,  so
sind  die  Grundsätze  dieses  Mannes  doch  für  die  ganze  Lebensauffassung ­
  und  den  Lebensgang  Le  Play’s  maßgebend  gewesen.  Die
Gefahren  des  Indifferentismus  und  die  Pflicht,  als  Staatsbürger  und
Beamter  zu  allen  wichtigen  Fragen  Stellung  zu  nehmen,  hat  er
ihm  eindringlich  ans  Herz  gelegt;  der  unermüdliche  Arbeitseifer,
die  Verwertung  geschichtlicher  Erfahrungen  für  die  Gegenwart  und
das  Beobachten  der  sozialen  Erscheinungen  an  Ort  und  Stelle  sind
dem  Beispiele  Dan  de  la  Vauterie’s  zuzuschreiben.  Der  Ziellosigkeit ­
  des  Jünglings,  der  so  viele  Wege  vor  sich  sah,  gab  er  als
Lebensregel  den  Satz  mit:
Beginne  damit,  aus  eigener  Kraft  den  Platz  zu  erreichen,  den  ich  dir  in
Aussicht  stelle.  Dann  suche  die  Wahrheit  und  den  Lehrer,  der  dir  am  fähigsten
scheint,  sie  wieder  zur  Geltung  zu  bringen.
Die  nun  folgenden  6  Jahre  (1824—1829)  sind  fast  lediglich
dem  Berufsstudium  gewidmet,  dem  Berg-  und  Hüttenfach.  Nacheinander ­
  besuchte  Le  Play  in  Paris  drei  Schulen:  das  Kolleg  Saint-Louis,
  die  Ecole  polytechnique  und  die  Ecole  des  mines.  Um  ihn
herum  tobte  der  Kampf  der  Parteien  und  Weltanschauungen;  er
ließ  sich  nicht  davon  beeinflussen.  Dank  den  Lehren  des  letzten
Jahres  blieb  er  frei  von  dem  Einflüsse  der  politischen  Leidenschaften, ­
  die  gerade  die  begabtesten  seiner  Mitschüler  erregten.
Ich  begriff  die  Notwendigkeit,  mich  ausschließlich  den  Studien  der  drei
Schulen  zu  widmen.  Aus  Neigung  und  Pflichtgefühl  mied  ich  die  Gesellschaft
der  Mitschüler,  die  den  Bestrebungen  huldigten,  aus  denen  später  die  Bevolution
von  1830  hervorging.  Erfüllt  von  der  Idee  einer  ständischen  Ordnung  be-')
  Die  in  Anführungszeichen  stehenden  Worte  gehören  zu  den  wichtigsten
der  wissenschaftlichen  Terminologie  Le  Play  s.
        <pb n="18" />
        14

gnügte  ich  mich,  innerlich  zu  seufzen,  wenn  ich  den  Geschichtsprofessor  das
traurige  Wort  Ludwig  XIV.  preisen  hörte:  „L’etat  c’est  moi“.  Ich  ließ  mich
auch  nicht  blenden  durch  die  Vorlesungen  am  College  de  France,  wo  redegewandte ­
  Professoren  die  nationalen  Traditionen  herabsetzten  und  die  Entwicklung ­
  des  menschlichen  Geistes  als  obersten  Zweck  der  Zivilisation  priesen.
Ob  diese  Zurückhaltung  gegenüber  aller  Politik  als  wirkliche
Objektivität  anzusehen  ist,  oder  ob  sie  sich  daraus  erklärt,  daß  die
politischen  Anschauungen,  die  Le  Play  hier  in  Paris  hörte,  in  Gegensatz ­
  zu  denen  seiner  früheren  Lehrer  standen  und  sie  deshalb  ohne
weiteres  abgewiesen  wurden,  mag  dahingestellt  bleiben.  Le  Play
selbst  hielt  es  für  Objektivität;  er  glaubte,  daß  das  ländliche  Alleinsein, ­
  der  Schulunterricht  als  Externer,  die  Erziehung  und  Lehren
mehrerer  Gelehrter  ihn  befähigten,  die  sozialen  Phänomene  mit
freierem  Blick  anzusehen;  er  hielt  diese  Art  des  Unterrichts  für  so
wertvoll,  daß  er  daran  Hoffnungen  auf  Reform  des  Unterrichts
knüpfte.  Aber  es  ist  doch  auffallend,  daß  die  Entwicklung  Le  Play’s
von  der  Jugend  bis  zum  Alter  in  derselben  Richtung  ging,  daß  alle
späteren  Anschauungen  in  den  ersten  Lehren  der  Jugend  schon
vorgezeichnet  waren.  Objektivität  der  Jugend  ist  keine  natürliche
Erscheinung,  und  da  Le  Play  eigentlich  nie  andere  Anschauungen
vertreten  hat,  da  er  von  jeder  jugendlich-radikalen  Periode  verschont ­
  geblieben  ist,  so  taucht  die  Frage  auf,  ob  die  festgeprägten
Anschauungen  seiner  Lehrer  ihn  nicht  gehindert  haben,  die  Meinungen
anderer  vorurteilslos  zu  sehen  und  zu  prüfen.  Wenn  er  die  Entwicklung ­
  des  menschlichen  Geistes  nicht  als  Ziel  der  Zivilisation
anerkannte,  so  kam  das  wohl  daher,  daß  er  von  dem  Gedanken  an
ein  anderes  Ziel  erfüllt  war,  und  er  sagte  dies  auch  selbst:  er  war
„erfüllt  von  der  Idee  einer  ständischen  Ordnung“,  die  solche  Gewalt
über  ihn  hatte,  daß  ihm  jede  Erwähnung  des  Prinzips  der  absoluten
Monarchie  nur  einen  Seufzer  entlockte.  Auf  diese  Dinge  wird  später
zurückzukommen  sein.
Im  Jahre  1825  lernte  Le  Play  zwei  Berliner  Studenten  kennen,
mit  denen  er  häufige  Unterhaltungen  über  Rousseau  hatte.  Sie
zeigten  ihm  den  Hauptfehler  Rousseau’s  und  damit  den  Fehler  der
ganzen  Zeit:  daß  er  den  Menschen  von  Natur  gut  sein  ließ,  und
daß  erst  durch  die  herkömmlichen  Einrichtungen  der  Menschheit
das  Übel  in  die  Welt  gekommen  sein  soll.
Im  übrigen  widmete  sich  Le  Play  nur  seinen  Berufsstudien,  so
daß  er  fleißig  Fortschritte  machte.  Unterbrochen  wurden  diese
Studien  durch  eine  monatelange  Reise  nach  Deutsch ­
        <pb n="19" />
        15

land,  die  Le  Play  zusammen  mit  seinem  Freunde  Jean  Reynaud
zu  Studienzwecken  unternahm.  Sie  lernten  dabei  besonders  die
Bergwerke,  die  Hütten  und  die  Forstwirtschaft  kennen.  Gleichzeitig ­
  diente  diese  Reise  noch  einem  anderen  Zwecke:  sie  sollte
den  Gegensatz  der  Meinungen  zwischen  den  beiden  Freunden  beseitigen. ­
  In  Norddeutschland,  das  ein  früherer  Lehrer  Le  Play’s
als  „das  Land  der  Weisheit“  bezeichnet  hatte,  wollten  sie  gemeinsam ­
  die  „soziale  Frage“  studieren,  und  die  beobachteten  Tatsachen
sollten  für  ihr  Urteil  maßgebend  sein.  Dieser  Zweck  wurde  nicht
erreicht,  wenn  auch  beide  an  Verständnis  für  die  sozialen  Verhältnisse ­
  sehr  gewannen.  Le  Play  sagt  darüber:
Indessen  gelangten  wir  keineswegs  zu  einem  Einverständnis  über  die
„soziale  Frage“,  die  der  Ausgangspunkt  unseres  Unternehmens  gewesen  war;
wir  begriffen  nur,  daß  sie  viel  komplizierter  war,  als  wir  sie  uns  anfangs  vorgestellt ­
  hatten.  Ich  wurde  in  dem  Gedanken  bestärkt,  daß  die  Lösung  sich
zum  großen  Teil  in  den  Gewohnheiten  der  Vergangenheit  finden
würde.  Mein  Freund  dagegen  behielt  seine  Überzeugungen  bezüglich  der
Doktrin  vom  „unaufhörlichen  Fortschritt“  und  ganz  allgemein  von
dem  Wettbewerb,  den  in  dieser  wie  in  jeder  anderen  Sache  der  Geist  der
Neuzeit  schaffen  kann.  Kurz:  wir  kehrten  zurück,  geteilter  in  unseren
Meinungen,  aber  bessere  Freunde  als  jemals.
Von  dieser  Zeit  an  verlor  Le  Play  die  sozialen  Probleme  nicht  mehr
aus  den  Augen.  Im  Winter  von  1829  auf  1830  lernte  er  aus  eigener
Anschauung  die  Zustände  in  den  Pariser  Werkstätten  kennen.
Während  der  Vorbereitungen  zu  einer  Reise  nach  Spanien  erlitt  er
im  Laboratorium  einen  lebensgefährlichen  Unfall,  sodaß  er  18  Monate ­
  lang  ans  Krankenlager  gefesselt  war.  Gerade  im  schlimmsten
Stadium  seiner  Krankheit  begann  die  Revolution,  die  —  wie  wir
sehen  werden  —  einen  entscheidenden  Einfluß  auf  Le  Play  hatte.
Die  Revolution  veranlaßte  ihn  zu  dem  Gelübde,  Mittel  zur  Heilung
der  sozialen  Schäden  zu  suchen  und  zu  dem  Zwecke  die  Hälfte
jedes  Jahres  auf  Reisen  zuzubringen,  um  die  Gesetze  der  Gesellschaft ­
  zu  studieren.
Reisen.  Viele  Jahre  hindurch  hat  Le  Play  diesem  Gelübde
gemäß  den  Sommer  auf  Reisen,  meist  im  Auslande,  den  Winter  in
Paris  zugebracht.  Die  wichtigsten  Länder  Europas  hat  er  wiederholt ­
  besucht:  Deutschland,  Spanien,  England,  Schottland,  Irland,
Dänemark,  Schweden,  Norwegen,  Rußland,  Österreich-Ungarn,
Italien.
Von  der  Bedeutung  des  Reisens  überhaupt  hatte  Le  Play  eine
hohe  Meinung.

2
        <pb n="20" />
        16

Die  berühmten  Völker  *)  der  Vergangenheit  haben  diesen  Appell  (zu  einer
von  Le  Play  angeregten  „Schule  der  Reisen“)  gerechtfertigt,  indem  sie  die
Nützlichkeit  der  Kelsen  an  berühmten  Beispielen  erwiesen.  Die  Mustervölker
unserer  Zeit  ziehen  großen  Gewinn  aus  dieser  Ergänzung  der  Erziehung,  um
die  Handfertigkeit  der  Arbeiter,  die  Intelligenz  der  Unternehmer  nnd  die
Weisheit  der  Staatsmänner  zu  entwickeln.  Die  Schriftsteller,  die  ich  oft  zitiere,
haben  es  der  Beachtung  ihrer  Zeitgenossen  empfohlen.  So  empfiehlt  z.  B.
Plato  den  Athenern,  zu  einer  Zeit,  wo  das  intellektuelle  und  moralische  Leben
bei  ihnen  sehr  zerrüttet  war,  über  Land  und  Meer  zu  gehen  und  die  Tugend
bei  den  „göttlichen  Menschen“  aller  Länder  zu  suchen.  Montaigne  betrachtet
das  Reisen  als  notwendig  für  die  Erziehung  eine.s  Adels,  der  diesen  Namen
verdient;  aber  er  verwarf  es,  daß  die  letzten  Valois  dazu  verführt  hatten,
dieses  Vervolikommnungsinittel  zu  seichten  Beobachtungen  anzuwenden.  Nach
der  Verwirrung,  die  zwei  Revolutionen  in  den  Ideen  und  Sitten  Englands  angerichtet ­
  hatten,  empfahl  Locke  das  Studium  einer  fremden  Sprache  und  die
Konversation  der  Menschen,  die  sie  sprechen,  als  ein  Mittel,  um  die  Jugend
wieder  zur  Weisheit  und  Klugheit  zurückzuführen
Diesen  Gründen  aus  der  Vergangenheit  großer  Völker  und  der  Schriftsteller, ­
  die  ich  zitiert  habe,  kann  ich  die  hinzufügen,  die  mich  die  Erfahrung
eines  langen  arbeitsreichen  Lebens  gelehrt  hat.  Die  fünf  Lehrer,  die  mich
auf  den  Weg  der  Wahrheit  geführt  haben,  waren  alle  durch  ihren  Aufenthalt ­
  in  fremden  Ländern  zu  ihr  gelangt.  Indem  ich  selbst  während  35  Jahren
lange  Reisen  mit  einer  sicheren  Methode  unternahm,  habe  ich  die  notwendige
Ergänzung  ihrer  Lehren  gefunden.
Neben  leitenden  Staatsmännern  lernte  er  dabei  vor  allem  viele
große  Industrielle,  Bergwerksbesitzer  und  Landwirte  kennen,  auf
deren  Ansichten  über  soziale  Fragen  er  den  größten  Wert  legte;  er
hielt  diese  Männer  („Autorites  sociales“)  für  am  meisten  urteilsfähig,
weil  sie  einen  reichen  Schatz  von  Erfahrungen  hätten  und  weil  ihre
Praxis  die  Richtigkeit  ihrer  Meinungen  erwiese.  Im  übrigen  verschaffte ­
  sich  Le  Play  Material,  wo  es  nur  angängig  war.  Lefebure
de  Fourcy *  2 )  entwirft  ein  Bild  von  Le  Play’s  Art  zu  reisen,  das
seiner  Anschaulichkeit  wegen  wiedergegeben  sei.
Keiner,  glaube  ich,  wußte  zu  reisen  wie  Le  Play.  Von  kleiner  Statur
und  schlankem  Wuchs,  mit  Beinen  von  Stahl,  wohl  bewandert  in  der  Fußgängerausrüstung, ­
  trotzte  er  den  Unbilden  der  Sonne  wie  des  Regens,  begnügte ­
  sich  mit  schlechten  Mahlzeiten  und  schlechten  Herbergen  und  legte
so  ohne  Ermüdung  gewaltige  Strecken  zurück,  bei  der  Ankunft  so  frisch  wie
beim  Abmarsch.  Keiner  verstand  es  so  wie  er,  aus  Menschen  und  Dingen
wertvolle  Mitteilungen  über  das  herauszuholen,  was  er  gerade  im  Auge  hatte.
Industrielle  und  Arbeiter,  Großgrundbesitzer  und  Bauern,  Professoren  und
Studierende,  Herbergsväter  und  Reisende,  alle  mußten  ihm  herhalten.  Türen,

&amp;gt;)  0.  E.  I,  598.
2 )  Annales  des  mines,  juillet-aoüt  1882.
        <pb n="21" />
        *)  0.  E.  I,  409.

2*

—  17  —
die  anderen,  nicht  weniger  geschickten  Neugierigen  verschlossen  waren,
öffneten  sich  seiner  unwiderstehlichen  Art.  Geheimnisse  gab  es  nicht  vor
seinem  Scharfsinn,  wenn  sie  sich  auch  unter  verführerischen  Worten  verbargen.
Eine  besonders  wichtige  Bekanntschaft  machte  Le  Play  im
Jahre  1833  gelegentlich  einer  Reise  nach  Spanien.  Er  lernte  in
Madrid  den  französischen  Gesandten  Graf  de  Rayneval  kennen,
der  ihn  für  die  Sozialwissenschaft  begeisterte,  so  daß  ihn  Le  Play
seinen  fünften  Lehrer  nennt.  Auch  de  Rayneval  liebte  sein  Vaterland ­
  über  alles  und  wollte  ihm  helfen.  Er  kennzeichnete  besonders
die  Fehler  der  sozialen  Verfassung  Frankreichs,  die  sich  auf  das
Erbrecht  bezogen;  er  hielt  diese  Gesetze  für  der  väterlichen
Autorität  feindlich  und  ermahnte  Le  Play,  sich  ihrer  Reform  besonders ­
  zu  widmen.  Er  zeigte  an  der  Geschichte  die  Wirkung  der
erzwungenen  Erbteilung.  Bonaparte  hatte  sie  als  Konsul  eingeführt,
als  sicheres  Mittel,  die  Familientradition  zu  zerstören;  dagegen  bevorzugte ­
  er  als  Kaiser  das  entgegengesetzte  System  bei  den  Familien,
die  ihm  ergeben  waren,  indem  er  für  sie  Majorate  einrichtete.  An
seinen  Bruder  Josef  schrieb  er  im  Jahre  1806:
Führt  den  Code  civil  in  Neapel  ein;  alles  was  Euch  nicht  zugetan  ist,
wird  vernichtet  werden  in  wenigen  Jahren,  und  das,  was  Ihr  erhalten  wollt,
wird  sich  befestigen.  Das  ist  der  große  Vorzug  des  Code  civil  ....  Er
festigt  Eure  Macht,  da  alles,  was  nicht  fideikommissarisch  gebunden  ist,  durch
ihn  fällt  und  von  großen  Häusern  nur  diejenigen  bleiben,  die  Eure  Lehensleute ­
  sind.  Das  läßt  mich  den  Code  civil  predigen,  und  das  hat  mich  veranlaßt, ­
  ihn  einzuführen x ).
Mit  dieser  Schwächung  Frankreichs  rechnete  auch  das  Ausland,  wie
de  Rayneval  zeigte.  Auf  dem  Wiener  Kongresse  wollten  die  englischen ­
  Staatsmänner  Wellington  und  Castlereagh  die  französischen
Grenzen  des  18.  Jahrhunderts  wiederhergestellt  sehen.  Als  sie  das
nicht  erreichten,  trösteten  sie  sich,  indem  sie  meinten:  „Schließlich
sind  ja  die  Franzosen  durch  ihr  Erbrechts-System  zur  Genüge  geschwächt“. ­
  Der  Mahnung  des  Grafen  Rayneval,  gegen  dieses  Erbrecht ­
  anzukämpfen,  ist  Le  Play  gefolgt,  und  der  unteilbare  gefestigte ­
  Familienbesitz  ist  ihm  eine  der  hauptsächlichsten  Grundlagen ­
  einer  gesunden  sozialen  Verfassung.
Im  Winter  blieb  Le  Play  in  Paris,  wo  er  sich  seinem  Berufe
widmete,  die  gesammelten  Materialien  verarbeitete  und  sich  mit
sonstigen  wissenschaftlichen  Arbeiten  beschäftigte.  Fast  immer  war
es  ein  staatlicher  Auftrag  oder  der  Ruf  eines  privaten  Besitzers,
        <pb n="22" />
        18

’)  0.  E.  I,  424.

der  ihn  zu  geologischen  oder  bergbaulichen  Untersuchungen  nach
dem  Ausland  führte.  Le  Play  betrachtete  aber  die  sozialen  Studien
als  zu  den  technischen  gehörig.  Wenn  er  sagt,  er  habe  nicht  daran
gedacht,  daß  diese  sozialen  Untersuchungen  ein  anderes  Resultat
haben  könnten,  als  eigene  Belehrung,  so  ist  das  nicht  recht  vereinbar ­
  mit  dem  während  seiner  Krankheit  im  Jahre  1830  abgelegten
Gelübde,  daß  er  die  Schäden  seines  Vaterlandes  heilen  und  zu  dem
Zwecke  jedes  Jahr  6  Monate  reisen  wolle.  Darin  ist  doch  offen  die
von  Anbeginn  an  bestehende  reformatorische  Absicht  ausgesprochen.
Lebensstellungen  und  praktische  Tätigkeiten.  Im  Jahre  1840
erhielt  Le  Play  eine  Professur  an  der  „Ecole  des  mines“  in  Paris.
Diese  Lehrtätigkeit,  die  freilich  im  Sommer  durch  die  Reisen  unterbrochen ­
  wurde,  war  mehr  als  ein  rein  technischer  Unterricht:
Die  Idee,  die  meinen  Unterricht  beherrschte  ...,  war  die,  welche  ich  seit
dem  Jahre  1829  im  Harz  und  in  der  sächsischen  Ebene  verwirklicht  gesehen
hatte.  Von  Beginn  meiner  Lehrtätigkeit  an  zeigte  ich,  daß  die  Betriebstechnik ­
  der  Notwendigkeit  untergeordnet  ist,  das  Sittengesetz  zu  lehren  und
den  abhängigen  Arbeitern  das  tägliche  Brot  zu  sichern 1 )-Nur
  8  Jahre  hat  Le  Play  die  ihm  lieb  gewordene  Tätigkeit  ausgeiibt.
  Schon  im  Jahre  1848  gab  er  sie  auf  Drängen  seiner  Freunde
ganz  auf,  um  sich  nunmehr  ausschließlich  den  sozialen  Studien  und
zunächst  der  Herausgabe  der  „Ouvriers  europeens“  zu  widmen.
Auf  die  bemerkenswerten  Umstände,  welche  dazu  führten,  wird
zurückzukommen  sein.
Unter  der  Regierung  Napoleons  und  schon  vorher  hätte  Le  Play
eine  große  politische  Rolle  spielen  können;  aber  dazu  hat  er  sich
nicht  entschließen  können.  Mehrmals  hat  er  eine  Kandidatur  zur
Kammer  zurückgewiesen,  so  1838,  1848  und  1855.  Er  wollte  kein
Mann  der  Öffentlichkeit  werden.  Doch  wurde  er  1855  Mitglied  des
Staatsrates  uud  1867  des  Senats;  in  beiden  Körperschaften  bot  er
alles  auf,  um  für  seine  Methode  Anhänger  zu  werben,  womit  er
einem  Wunsche  des  Kaisers  begegnete.  Dieser  erhoffte  von  dem
Wirken  Le  Play’s  gute  Folgen  für  die  innere  Politik,  deckte  sich
doch  sein  „Programm  von  Bordeaux“  insofern  mit  den  Absichten
Le  Play’s,  als  darin  eine  Reform  des  Erbrechts,  eine  Hebung  der
väterlichen  Autorität  angekündigt  war.  Aber  seine  Hoffnungen
hatten  wenig  Aussicht  auf  Erfüllung,  was  Le  Play  nie  verkannt ­
  hat.
        <pb n="23" />
        19

J )  0.  E.  III,  488.

Während  der  Kaiserzeit  trat  Le  Play  wiederholt  als  Leiter  von
Ausstellungen  hervor;  er  war  1855  Generalkommissar  der  Pariser
Weltausstellung,  1862  der  französischen  Abteilung  der  Weltausstellung ­
  zu  London  und  1867  wieder  Generalkommissar  zu  Paris.
Auf  dieser  letzten  Ausstellung  lenkte  er  dadurch  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  sich,  daß  er  zum  ersten  Male  eine  „Soziale  Gruppe“  bildete,
die  das  materielle,  intellektuelle  und  moralische  Leben  der  Arbeiter
vorführen  sollte.  Dabei  waren  auf  Veranlassung  Le  Play’s  Preise
ausgesetzt  „zugunsten  der  Personen,  Betriebe  oder  Gegenden,  die
durch  eine  Organisation  oder  besondere  Einrichtungen  ein  harmonisches ­
  Einvernehmen  zwischen  den  gemeinsam
Arbeitenden  geschaffen  und  den  Arbeitern  materielles,  moralisches
und  intellektuelles  Wohlergehen  gesichert  hatten“.  Der  Schluß  dieses
Preisausschreibens  ist  für  uns  besonders  interessant:
Die  an  die  Jury  gelangenden  Mitteilungen  wie  die  zur  Nachprüfung  getroffenen ­
  Kontrollmaßnahmen  erklärten  einstimmig  die  ausnahmslose  Überlegenheit ­
  der  niedersächsischen  Ebene  und  besonders  des  hannöversehen
  Lüneburg.  Eine  Unterkommission  von  7  Preisrichtern,  die  der
großen  Jury  einen  Vorschlag  machen  sollte  bezüglich  der  Gegend,  die  den
einzigen  großen  Preis  von  100000  Fr.  erhalten  sollte,  entschied  zugunsten
der  bäuerlichen  Organisation  Lüneburgs.  Dieser  Vorschlag  wurde  aus  Gründen,
die  nicht  in  der  Sache  selbst  lagen,  verworfen;  aber  die  Überlegenheit
Lüneburgs  wurde  von  niemandem  angezweifelt,  und  es  wurde  beschlossen,
daß  der  „große  soziale  Preis“  keiner  anderen  Gegend  zufallen  sollte*)■
Eine  im  eigentlichen  Sinne  praktische  Tätigkeit  hat  Le  Play
nur  in  dem  früheren  Abschnitte  seines  Lebens,  vor  und  während
seiner  Lehrtätigkeit,  ausgeübt.  Neben  den  vielen  Aufgaben,  die  ihm
als  Staatsingenieur  zufielen,  stand  eine  private  von  ganz  besonderer
Bedeutung:  der  russische  Fürst  Demidoff  betraute  ihn  mit  der  Leitung ­
  seiner  großen  Bergwerke  im  Ural.
In  späteren  Jahren  ist  Le  Play  in  anderer  Weise  wenigstens
halb  praktisch  tätig  gewesen.  Er  kaufte  sich  ein  großes  Landgut,
um  seine  Ideen  zu  verwirklichen.  Hier  sollten  die  der  Praxis  der
sozialen  Autoritäten  entnommenen  Lehren  Früchte  tragen.  Le  Play
wollte  eine  „Stammfamilie“  gründen  und  so  setzte  er  im  Jahre  1867
seinen  Sohn,  der  gerade  geheiratet  hatte,  zum  Anerben  ein.  Hierher
zog  er  sich  oft  zurück,  um  in  ländlicher  Abgeschiedenheit  seine  Patronagepflichten ­
  gegen  die  ihm  verbundenen  Familien  zu  erfüllen.
        <pb n="24" />
        20

Le  Play  starb  am  5.  April  1882  zu  Paris.  Bis  zu  seinem  Tode
hat  er  rastlos  in  Wort  und  Schrift  daran  gearbeitet,  seiner  Methode
und  seinen  Beformplänen  neue  Anhänger  zuzuführen.
Werke,  Man  kann  nicht  sagen,  daß  Le  Play  die  auf  seinen
Beisen  gewonnenen  sozialen  Aufschlüsse  übereilt  veröffentlicht  hat,
obwohl  doch  nach  seiner  Überzeugung  die  inneren  Zustände  Frankreichs ­
  dringend  der  Hilfe  bedurften.  Das  zeigt,  wie  ganz  anders
er  die  soziale  BeformationStätigkeit  auffaßte,  als  viele  seiner  Zeitgenossen, ­
  die  die  Beform  ebenso  rasch  ins  Werk  setzen  wollten,  wie
ihr  „System“  entstanden  war,  und  dadurch  ihr  Vaterland  in  beständiger ­
  Unruhe  und  Aufregung  hielten.  Deshalb  erregten  auch
die  Veröffentlichungen  Le  Play’s,  als  sie  im  Auslande  bekannt  wurden,
besonderes  Aufsehen.
Le  Play  hat  26  Jahre  lang  soziale  Untersuchungen  angestellt,
ehe  er  sich  entschloß,  einen  Teil  der  Ergebnisse  zu  veröffentlichen.
Schon  früher  hatte  er  mit  wachsendem  Verständnis  für  die  sozialen
Vorgänge  in  Berichten  an  seine  Vorgesetzte  Behörde  seine  von  der
allgemeinen  Anschauung  abweichenden  Ansichten  geäußert,  so  daß
man  auf  ihn  aufmerksam  wurde  und  ihn  zu  weiteren  Studien  anregte. ­
  Im  Jahre  1840  reichte  er  eine  Denkschrift  ein  über  den
Wert  der  Statistik,  die  im  „Journal  de  Statistique“  vom  Januar  1885
veröffentlicht  ist.  Diese  Arbeiten  waren  aber  ursprünglich  nicht
für  die  Öffentlichkeit  bestimmt.
Den  äußeren  Anstoß  zur  Veröffentlichung  seiner  Ergebnisse  gab
das  Jahr  1848.  Auf  die  Umstände,  unter  denen  sich  diese  entscheidende ­
  Wendung  vollzog,  wird  später  näher  eingegangen  werden
müssen,  da  sie  wichtig  ist  für  den  rudimentären  Charakter  der
Methode  Le  Play’s.
Genug,  erst  im  Mai  1855  erschien  das  Werk  „Les  ouvriers
europeens.  Etudes  sur  les  travaux,  la  vie  domestique  et  la  condition ­
  morale  des  populations  ouvrieres  de  l’Europe,  precedees  d’un
expose  de  la  methode  d’observation  par  Frederic  Le  Play.“  Wie
der  Titel  besagt,  enthält  das  Werk  zunächst  eine  Beschreibung  der
Methode  Le  Play’s  und  bringt  dann  36  Monographien  europäischer
Arbeiter.  Es  wurde  in  der  Staatsdruckerei  gedruckt  und  war  schon
im  folgenden  Jahre  vergriffen.  Im  Jahre  1856  erhielt  es  den  Preis
für  Statistik  von  der  Academie  des  Sciences.
Durch  dieses  Werk  wurde  Le  Play  bekannter  und  man  drang
in  ihn,  seine  Ergebnisse  und  die  Ziele  seiner  Beform  in  einem,
weiteren  Kreisen  zugänglichen  Werke  zu  veröffentlichen.  Napoleon  III.
        <pb n="25" />
        21

verfolgte  die  Entstehung  des  neuen  Werkes  mit  größtem  Interesse.
Es  erschien  im  Jahre  1864  unter  dem  Titel:  „La  reforme  sociale
enFrance,  deduitedel’observationcomparee  despeupleseuropeens“.
Le  Play  trägt  in  sieben  Kapiteln  seine  Sozialreform  vor:  Keligion,
Eigentum,  Familie,  Arbeit,  Genossenschaft,  private  Beziehungen,
Staatsgewalt.  Dieses  Werk  ist  aber  nicht  nur  aus  eigenen  Beobachtungen ­
  hervorgegangen,  sondern  beruht  zum  großen  Teil  auf  geschichtlichen ­
  Studien.
Die  übrigen  Werke  Le  Play’s  sind  eigentlich  nur  besondere  Bearbeitungen ­
  einzelner  Teile  aus  der  „ßefonne  sociale“.  Namentlich
gilt  dies  von  dem  Werke  „L’organisation  du  travail“,  das  Ende  des
Jahres  1869  auf  Wunsch  des  Kaisers  Napoleon  entstand  und  schon
im  Anfang  des  Jahres  1870  die  beiden  ersten  Auflagen  erlebte.  Ein
weiteres  Werk  „L’organisation  de  la  famille“  wurde  1870  geschrieben
und  erschien  nach  dem  Kriege.  Eine  Ausarbeitung  des  7.  Kapitels
der  „Reforme  sociale“,  das  die  Staatsgewalt  behandelt,  ist  das  Werk
„La  Constitution  de  l’Angleterre“,  dessen  2.  Auflage  schon  1875
erschien.
Im  Jahre  1871  erschien  ein  aktuelles  Werkchen:  „La  paix
sociale  apres  le  desastre“,  das  eine  Antwort  geben  soll  auf  „Anfragen ­
  zwischen  dem  4.  September  1870  und  dem  31.  Mai  1871“.
Weiter  sind  noch  zu  erwähnen:  La  correspondance  sociale  (1875).  —
La  reforme  en  Europe  et  le  salut  en  France  (1875).  —  La  question
sociale  au  XIX e  siede  (1879).  —  La  Constitution  essentielle  de
l’humanite  (1881).  —  Das  letzte  Werk  Le  Play’s  faßt  seine  Reformen
in  kurzer  Form  zusammen.
Der  „Reforme  sociale  en  France“,  die  doch  die  aus  den  Monographien ­
  der  „Ouvriers  europeens“  sich  ergebenden  Lehren  veröffentlichen ­
  sollte,  wurde  der  Vorwurf  gemacht,  daß  sie  ohne  jede
sichtbare  Beziehung  zu  diesem  Urmaterial  stehe.  Le  Play  selbst
hielt  das  für  einen  Fehler,  den  er  in  der  2.  Auflage  der  „Ouvriers
europeens“  (1877/79)  zu  beseitigen  suchte.  Zunächst  wurde  das  Werk
durch  die  inzwischen  neu  aufgenommenen  Familien-Monographien
ergänzt,  deren  Zahl  von  36  auf  57  wuchs.  Jeder  der  sechs  Bände
der  neuen  Auflage  sollte  unabhängig  von  den  anderen  sein  und  doch
zugleich  einen  Überblick  über  das  ganze  Werk  geben;  jeder  Band
sollte  dem  Leser  genügen,  um  das  Ganze  zu  überschauen.  Deshalb
mußte  neben  der  besonderen  Aufgabe  eines  jeden  Bandes  noch  zugleich ­
  auf  die  Ursachen  der  wachsenden  sozialen  Störungen  in  Europa
eingegangen  werden,  damit  am  Schlüsse  die  Prinzipien  und  die  ersten
        <pb n="26" />
        22

Symptome  der  Reform  gezeigt  werden  konnten.  Wir  geben  im  folgenden ­
  den  Inhalt  der  einzelnen  Bände  kurz  wieder.
Der  erste  Band  bildet  ein  Werk  für  sich  unter  dem  Titel:
„La  methode  d’observation  applique,  de  1829—1879,  ä  l’etude  des
familles  ouvriüres“;  er  enthält  Ursprung,  Beschreibung,  Geschichte
der  Methode  nebst  den  Resultaten.
Die  fünf  weiteren  Bände  enthalten  die  57  Monographien;  „sie
sind  nebeneinandergestellt  nach  den  drei  natürlichen  Regionen,  die
sich  aus  dem  Charakter  der  darin  maßgebenden  sozialen  Tatsachen
ergeben“.  Der  zweite  Band  heißt:  „Les  ouvriers  de  l’Orient  et
leurs  essaims  de  la  Mediterranee“.  Er  enthält  neun  Familien-Monographien
  aus  Rußland,  Sibirien,  Ungarn,  Türkei,  Syrien  und  Marokko.
Die  dieses  Gebiet  besonders  kennzeichnenden  Einflüsse  sind:  Die
Geltung  des  ewigen  Sittengesetzes,  die  patriarchalische  Familie  und
der  Überfluß  an  spontaner  Urproduktion.
Der  dritte  Band  umfaßt  Nordeuropa;  er  führt  den  Titel:
„Les  ouvriers  du  Nord  et  leurs  essaims  de  la  Baltique  et  de  la
Manche“.  Er  enthält  ebenfalls  neun  Familien-Monographien  aus
Schweden,  Norwegen,  Westfalen,  Hannover,  Holland  und  England.
Die  Einflüsse,  die  in  diesem  Gebiete  dank  einer  Mischung  von  Tradition ­
  und  neuzeitlichem  Geiste,  den  Frieden  sichern,  sind:  das  Sittengesetz, ­
  die  Stammfamilie  (Anerbenfamilie)  und  Überfluß  an  spontaner
Produktion  des  Bodens  und  Wassers.
Das  dritte  soziale  Gebiet  Europas  ist  nicht  so  einheitlich  wie
die  beiden  ersten.  Le  Play  nennt  es  einfach  „der  Okzident“.  Es
gibt  darin  Gegenden,  in  denen  die  alten  guten  Gewohnheiten  noch
vorherrschend  sind,  andere,  wo  sie  schlimmen  Neuerungen  die  Wage
halten  und  wieder  andere,  wo  das  größte  Elepd  herrscht.  So  zerfällt ­
  dieses  Gebiet  wieder  in  drei  Untergebiete,  von  den  jedes  einen
Band  füllt.
Der  vierte  Band  enthält  die  besten  Elemente  des  Westens.
Le  Play  bringt  hier  unter  dem  Titel:  „Les  ouvriers  de  POccident,
populations  stables“  Monographien  aus  Ungarn,  Österreich,  der  Rheinprovinz, ­
  Sachsen,  Toskana,  Savoyen,  Spanien,  dem  Baskenland  und
Frankreich.  Die  Bevölkerung  lebt  treu  der  Tradition,  dem  Sittengesetz ­
  und  der  väterlichen  Autorität;  die  spontane  Produktion  wird
seltener,  und  es  finden  sich  an  Eigentumsarten:  Gemeineigentum,
individuelles  Eigentum  und  Patronage.
Im  fünften  Bande  werden  behandelt:  „Les  ouvriers  de  l’Occident,
  populations  ebranlees.“  Der  neuzeitliche  Geist  drängt  die  Tra ­
        <pb n="27" />
        23

dition  zurück,  das  Sittengesetz  und  die  väterliche  Autorität  werden
wenig  geachtet.  Gemeineigentum,  individuelles  Eigentum  und  Patronage ­
  ersetzen  nur  schlecht  die  spontane  Produktion  der  östlichen
und  nördlichen  Gebiete.  Es  sind  Familien  beschrieben  aus:  Österreich, ­
  Oberbayern,  der  Eheinprovinz,  Belgien,  Spanien  und  Frankreich.
Der  sechste  Band  enthält,  neben  einer  österreichischen  und
zwei  schweizer  Familien,  11  aus  Frankreich  und  führt  den  Untertitel: ­
  „Population  desorganisees“.  In  diesem  Gebiet  ist  die  Bevölkerung ­
  durch  Neuheiten  irregeleitet,  verachtet  die  Tradition,  revoltiert ­
  gegen  Sittengesetz  und  väterliche  Autorität;  die  Zerrüttung
der  Arbeit  und  des  Eigentums  verhindert  einen  Ersatz  der  spontanen
Produktion  anderer  Gegenden.
Jeder  der  letzten  fünf  Bände  enthält  eine  längere  zusammenfassende ­
  Einleitung  und  endigt  mit  einem  Epilog,  der  besonders  die
Veränderungen  seit  der  1.  Auflage  (1855—77)  bespricht.
Le  Play  hat  sich  genötigt  gesehen,  ein  alphabetisch  geordnetes
„Vocabulaire  social“  in  den  ersten  Band  aufzunehmen,  das  in
300  Ausdrücken  die  seinem  System  eigene  Terminologie  enthält.  Er
sagt  über  die  Notwendigkeit  dieser  Festlegung  der  Begriffe x ):
Die  Geschichte  der  Sprache  zeigt  dieselben  Wechselfälle  wie  die  der  Ideen,
Sitten  und  Einrichtungen.  In  den  Zeiten  der  Wahrheit  und  Tugend  haben
die  Worte  einen  klaren  und  präzisen  Sinn.  Sie  vereinigen  sich,  um  in  aller
Einfachheit  das  Gute  zu  loben  und  das  Böse  zu  verdammen.  Dagegen  wird
diese  Unterscheidung  verdunkelt  mit  Hilfe  der  ihres  wahren  Sinnes  entkleideten
Worte,  wenn  die  soziale  Konstruktion  verdeckt  ist  durch  das  Laster,  den
Irrtum  und  den  Mißbrauch  der  Neuheit.  Dieser  Verfall  der  Sprache  ist  in
unseren  Tagen  stark.
Le  Play  betrachtet  dieses  Vokabularium  als  einen  „Versuch  eines
alphabetischen  Grundrisses  der  Sozialwissenschaft“,  dessen  Benutzung
er  empfiehlt,  um  Frankreich  die  Überlegenheit  zu  bewahren,  die  ihm
von  Europa  noch  zuerkannt  wird:  den  Besitz  einer  Sprache,  die  am
geeignetsten  ist,  einfach  die  Wahrheit  zu  sagen.

&amp;gt;)  0.  E.  I,  441.
        <pb n="28" />
        Erster  Abschnitt.

Die  Methode  Le  Play’s.

Le  Play’s  Auffassung  von  seiner  Methode  und  von  deren
Notwendigkeit.  Im  Vorwort  zu  den  „Ouvriers  europeens“  x )  findet
sich  eine  Äußerung  über  die  Bedeutung  der  Methode  Le  Play’s,  die
bei  aller  sonstigen  Bescheidenheit  den  Stolz  auf  seine  wissenschaftlichen ­
  Leistungen  erkennen  läßt:
.  ich  habe  bei  der  Beobachtung  der  menschlichen  Gesellschaften  Kegeln
angewandt,  analog  denen,  die  meinen  Geist  beim  Studium  der  Mineralien  und
Pflanzen  geleitet  hatten.  Ich  habe  einen  wissenschaftlichen  Apparat  konstruiert:
mit  anderen  Worten,  ich  habe  eine  Methode  geschaffen,  die  es  mir
erlaubt,  persönlich  alle  Nuancen  des  Priedens  und  der  Zwietracht, ­
  des  Gedeihens  und  des  Elends  zu  erkennen,  die  die
gegenwärtigen  Gesellschaften  in  Europa  aufweisen.“
An  anderen  Stellen  ist  die  Rede  von  „ewigen  Wahrheiten“,  zu
denen  Le  Play  mit  Hilfe  seiner  Methode  gelangt  ist.  Als  er  in
mehr  als  20  jähriger  Arbeit  seine  Methode  ausgebaut  hatte,  gab  es
für  ihn  keinen  Zweifel  mehr  an  ihrer  Notwendigkeit.
Ihm  als  naturwissenschaftlich  gebildeten  Manne  waren  die  Zustände ­
  in  der  Sozialwissenschaft  unerträglich,  wo  Meinung  gegen
Meinung  stand  und  anstatt  fester  Begriffe  die  Schlagworte  der
Revolution  die  Herrschaft  hatten.  In  seinem  heißen  Drange,  zu
helfen,  die  Bewegung  seiner  Zeit  zu  verstehen  und  die  Wahrheit
zu  erkennen,  sah  er  sich  ohne  jedes  Hilfsmittel,  ohne  jeden  Führer.
Er  wußte  nicht,  für  welche  der  einander  widersprechenden
Meinungen  er  sich  entscheiden  solle *  2 ):

x )  0.  E.,  2.  Aufl.,  I,  S.  VIII.
2 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  S.  10.
        <pb n="29" />
        25

„Als  ich  nach  der  Bevolution  von  1880  die  Schulen  verließ,  fand  ich
mich  mitten  in  der  Bewegung,  die  die  Geister  zum  Studium  der  sozialen
Fragen  anregte.  Ich  bemerkte  besonders  den  Eifer,  mit  dem  mehrere  meiner
Mitschüler  damals  die  Lehre  des  Saint-Simonismus  verbreiteten,  der  ihren  Arbeiten ­
  und  ihrem  Talente  eine  gewisse  Berühmtheit  verdankte.  Da  ich  weder
die  Meinung  meiner  Freunde  teilen,  noch  den  Irrtum,  in  dem  sie  sich  befanden,
nachweisen  konnte,  begriff  ich,  daß  in  der  Sozialwissenschaft  unsere  Schulen
keine  Methode  bieten,  die  es  ermöglicht,  das  Wahre  vom
Falschen  zu  unterscheiden,  die  der  Unerfahrenheit  der  Jugend
zu  Hilfe  kommt.  Im  Gefühl  meiner  Ohnmacht  und  ohne  jede  Leitung  von
seiten  unserer  Lehrer,  suchte  ich  bei  diesem  Stande  der  Erkenntnis  mit  Eifer
nach  Mitteln,  um  zur  Gewißheit  zu  gelangen.“
Auch  sah  Le  Play  vollkommen  ein,  daß  die  Festlegung  neuer
scharfer  Begriffe  nicht  der  weiteren  wissenschaftlichen  Arbeit
vorangehen  könne,  und  hat  deshalb  erst  in  der  zweiten  Auflage
der  „Ouvriers  europeens“  jenes  Vokabularium  der  Sozialwissenschaft
aufgenommen,  welches  die  Begriffswelt  umfaßt,  die  allmählich  in
seinem  Geist  entstanden  war.
Die  Vorläufer  der  Bevolution  in  Frankreich,  die  individualistische ­
  Schule  in  England,  die  Saint-Simonisten:  sie  hatten  alle,
wie  Le  Play,  das  Bedürfnis,  die  bestehenden  Verhältnisse  zu  ändern
und  durch  Neuordnung  der  Dinge  die  Menschen  glücklicher  und
zufriedener  zu  machen.  Aber  Doktrin  stand  gegen  Doktrin;  eine
Beformbewegung  löste  die  andere  ab;  die  unfruchtbaren  Diskussionen
und  politischen  Parteikämpfe  wurden  heftiger  und  allgemeiner.  Die
Unvereinbarkeit  der  verschiedenen  Doktrinen  zeigte,  daß  sie  von
ganz  verschiedenen  Ideen  und  Vorstellungen  ausgingen,  daß  deren
relative  Berechtigung  noch  nicht  zu  erweisen  war.
Le  Play  ließ  sich  nicht  auf  eine  Auseinandersetzung  mit  diesen
aprioristischen  Systemen  ein.  Ihm  genügte  es  zu  erkennen,  daß  die
aus  der  „reinen  Vernunft“  geborenen  Systeme  widerstreitende  Besultate
  ergaben,  daß  das  Lehen  seine  eigenen  Wege  ging.  Er
mußte  also  nach  neuen  Mitteln  der  Erkenntnis  suchen  x ):
„Ohne  in  eine  Prüfung  dieser  Systeme  eintreten  zu  wollen,  ist  es  doch
unbestreitbar,  daß  keines  von  ihnen  in  genügendem  Maße  die  Billigung  der
Erfahrung  erlangt  hat.  Die  Männer  der  Begierung  und  die,  deren  Ansehen
in  gewisser  Beziehung  die  öffentliche  Meinung  beherrschte,  sind  trotz  aller
Verschiedenheiten  ihrer  politischen  und  administrativen  Tendenzen  in  der  Ansicht ­
  einig,  daß  die  bis  zu  diesem  Augenblick  geäußerten  allgemeinen

J )  0.  E„  1.  Auf!.,  S.  10.
        <pb n="30" />
        26

Theorien  mit  den  Tatsachen  unvereinbar  sind  und  nicht  zweckmäßig  angewendet ­
  werden  können.  Die  bei  der  Propaganda  für  diese  Theorie  tätigen
Schriftsteller  erklären  mitunter  den  Mißerfolg  durch  den  Egoismus  der  leitenden
Gesellschaftsklassen.  Aber  die  aufmerksame  Beobachtung  Europas  widerlegt
ihre  Anklage:  es  gibt  keine  Regierung,  die  den  Wunsch  und  noch  weniger
die  Macht  hat,  eine  von  der  öffentlichen  Meinung  verlangte  Reform  abzulehnen.
Im  Gegenteil:  was  den  Staatsmännern  fehlt,  um  die  Initiative  zu  Reformen
zu  ergreifen,  das  ist  die  Einstimmigkeit  über  den  Weg,  auf  dem  die  Gesellschaft ­
  vorwärtssehreiten  muß.  Unwissenheit  und  Vorurteile  sind  heute  wie
ehemals  die  hauptsächlichsten  Hindernisse  für  den  Fortschritt.  Aber  mehr  als
jemals  ist  heute  die  Menschheit  geneigt,  einem  unwiderstehlichen  Drange  nach
Vervollkommnung  gehorchend,  jede  Wahrheit,  die  das  Siegel  der  Gewißheit
an  der  Stirne  trägt,  zu  akzeptieren.“
Eine  große  durchgreifende  Reform,  so  meinte  Le  Play,  kann
sich  nicht  auf  die  allgemeinen  Theorien  stützen.  Aber  in  kleinem
Maßstabe  sind  schon  viele  nützliche  Verbesserungen  geschaffen
worden.  Sie  haben  allgemeine  Zustimmung  gefunden,  weil  sie  sich
stützen  auf  die  Erfahrungen  anderer  Gesellschaften.  Und  so  ist  es
wahrscheinlich,  meinte  Le  Play,  daß  die  Reform  sich  fortsetzen  wird
mit  Hilfe  einer  Reihe  von  Einzellösungen,  die  durch  die  Erfahrung
gegeben  sind,  und  daß  sie  nicht  ausgehen  wird  „von  dem  einzigen
Wurf  eines  Denkerhirns“.
Wir  wissen  bereits,  daß  Le  Play  in  Verfolgung  dieses  Weges
sich  das  Ziel  setzte,  in  der  Gesellschafts-Wissenschaft  naturwissenschaftliche ­
  Methoden  einzuführen.  Wir  wollen  nunmehr  seinen  Weg
kennen  lernen.
Zusammenhang  der  Methode  Le  Play’s  mit  dem  Leben  und
Vergleich  mit  anderen  Methoden.  In  dem  Vergleich,  den  Le  Play
zwischen  der  Methode  der  Sozialwissenschaften  und  derjenigen  der
Naturwissenschaften  zog,  sprach  er  aus,  was  er  unter  der  neuen
Methode  in  der  Sozial  Wissenschaft  verstand;  vor  allem  sollten  die
Tatsachen  mehr  zu  ihrem  Rechte  kommen.  Hierbei  kam  ihm
sein  Beruf  sehr  zu  Hilfe.  Er  beschränkte  sich  bei  seinen  Besuchen
und  Untersuchungen  industrieller  Betriebe  nicht  auf  das  technische
Gebiet,  sondern  suchte  ebenso  eifrig  die  wirtschaftlichen  Tatsachen
kennen  zu  lernen,  wie  Betriebsorganisation,  Lage  der  Arbeiter,  ihr
Verhältnis  zu  den  Unternehmern  usw.  Bei  seiner  immerwährenden
Berührung  mit  der  Praxis  mußte  er  von  selbst  dazu  kommen,  ihr
in  sozialen  Fragen  den  größten  Einfluß  einzuräumen,  und  seine
Methode  besteht  ja  gerade  darin,  die  Erfahrungsweisheit  vieler
Länder  zu  sammeln.  Le  Play  erhebt  nicht  den  Anspruch,  in  dieser
        <pb n="31" />
        27

Beziehung  ein  neues  methodisches  Prinzip  entdeckt  zu  haben.  Er
sagt*):
„Diese  Methode  zeigt  im  Grunde  genommen  kein  neues  Prinzip,  und  man
kann  sogar  hinzufügen,  daß  sie  unter  anderen  Formen  zu  allen  Zeiten  angewendet ­
  worden  ist.  Die  neuen  Formen  sind  weniger  klar,  als  diejenigen  waren,
deren  man  sich  in  der  Vergangenheit  bediente,  als  noch  die  ewigen  Elemente
des  sozialen  Friedens  weniger  vergessen  waren.“
Die  seit  zwei  Jahrhunderten  in  Frankreich  verdunkelten  sozialen
„Grundgesetze“  glaubte  Le  Play  mit  Hilfe  seiner  Methode  wieder
entdeckt  zu  haben.  Dabei  hat  er  seine  Zeit  nicht  mit  Suchen  nach
neuen  wissenschaftlichen  Mitteln  verloren:
„Ich  habe  einfach  den  Prozeß  ins  Werk  gesetzt,  der  zu  unserer  Zeit  auf
die  Wissenschaften  der  Astronomie,  der  Physik,  Chemie  und  der  drei  Naturreiche ­
  einen  so  fruchtbaren  Einfluß  geübt  hat.  Doch  habe  ich  bei  Anwendung ­
  dieser  Idee  die  Wissenschaften,  die  die  ersten  Eehrmeisterinnen  meines
Geistes  waren,  nicht  kopiert.  Ich  habe  sie  nachgeahmt,  ohne  die  Natur
meines  Gegenstandes  aus  den  Augen  zu  verlieren.  Ich  habe
als  Kriterium  meiner  Untersuchungen  die  Unterscheidung
zwischen  Gut  und  Böse  genommen,  wie  sie  sich  in  der  Praxis  aller
glücklichen  Gesellschaften  findet.  Die  Kontrolle  meiner  Resultate  habe  ich  in
den  Erscheinungen  des  Friedens  und  des  Unfriedens  gesucht,  interpretiert
durch  die  „sozialen  Autoritäten“,  die  in  ihrer  Gegend  die  Führung  haben,  indem ­
  sie  sich  auf  den  Respekt  und  die  Zuneigung  ihrer  Untergebenen  stützen.“
Man  bemerke,  wie  hier  bei  Übertragung  der  Methode  von  der  Naturwissenschaft ­
  auf  die  Sozial  Wissenschaft  sogleich  das  Sittliche  als
unterscheidendes  Merkmal  hineinkommt,  ohne  irgendwelche  nähere
Begründung,  als  wenn  es  ganz  selbstverständlich  wäre,  daß  die
Unterscheidung  von  Gut  und  Böse  das  Wesen  der  Methode  unberührt ­
  lasse  und  nur  deren  Abwandlung  verursache.
Die  Methode  ist  eigentlich  nach  Le  Play  eine  ganz  allgemein
menschliche  Methode.  Sie  ist 2 )
so  alt  wie  das  Menschengeschlecht  und  von  vielen  hervorragenden  Menschen
angewendet  worden,  lange  bevor  Aristoteles,  Bacon  und  Descartes  die  Aufmerksamkeit ­
  der  Philosophen  auf  sie  lenkten.  So  ist  es  noch  heute.  Die  Personen, ­
  denen  ich  die  Kontrolle  meiner  Schlüsse  verdanke,  schulden  selbst  dieser
Methode  die  anerkannte  Überlegenheit,  deren  sie  sich  freuen.  Sie  haben
besser  als  ihre  Zeitgenossen  gewisse  soziale  Phänomene  beobachtet, ­
  tiefer  über  sie  nachgedacht  und  haben  aus  diesem  Studium  Vorteil
gezogen,  zum  Wohl  ihrer  eigenen  Unternehmungen  wie  der  dem  allgemeinen
Wohle  gewidmeten  örtlichen  Organisationen.

*)  0.  E.  I,  577.
        <pb n="32" />
        28

So  ist  die  Erfahrnngsweisheit  der  „sozialen  Autoritäten“,  welche  in
der  Praxis  tätig  sind,  in  ihrer  tiefsten  Wurzel  nicht  verschieden
von  dem  eigenen  Verfahren  Le  Play’s,  womit  selbstverständlich  die
Unterschiede  zwischen  den  systematischen  wissenschaftlichen  Untersuchungen ­
  Le  Play’s  und  den  praktischen  Erfahrungen  seiner  Gewährsmänner ­
  nicht  verwischt  werden  sollen.
Um  die  Erfahrungen  der  Praxis  kennen  zu  lernen,  versuchte
Le  Play  ohne  jede  vorgefaßte  Überzeugung  sich  durch  Beobachtung
an  Ort  und  Stelle  ein  eigenes  Urteil  zu  bilden.  Diese  Methode
der  „direkten  Beobachtung“  stellte  er  der  amtlichen  statistischen ­
  Erhebungsweise  gegenüber:
„Die  Statistik  hat  bis  heute  zur  Hauptgrundlage  die  zahlenmäßigen
Angaben,  die  die  Steuerverwaltung,  Landesverteidigung,  Gerichtsverwaltung
usw.  betreffen  und  vom  Staate  beschafft  werden.  Sie  wird  besonders  in  den
Staaten  angewendet,  wo  die  Zentralisation  der  Verwaltung  sehr  entwickelt  ist,
wo  die  Eegierung  mit  Hilfe  ihrer  Beamten  Funktionen  ausübt,  die  anderswo
Privatleuten  anvertraut  sind,  und  wo  sie  zum  wenigsten  durch  Überwachung
in  die  hauptsächlichsten  Zweige  der  nationalen  Tätigkeit  eingreift.  Die
Resultate,  die  die  Eegierung  im  Laufe  ihrer  Tätigkeit  erzielt,  sind  wirkliche
Beobachtungen,  denen  ihr  gemeinsamer  offizieller  Ursprung  das  besondere  Gepräge ­
  der  Eichtigkeit  gibt.  Die  Statistiker  haben  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,
diejenigen  dieser  Eesultate,  die  sich  ziffernmäßig  ausdrücken  lassen,  nebeneinander ­
  zu  stellen,  und  sie  haben  daraus  genügende  Mittel  gewonnen,  um  unter
gewissen  Verhältnissen  die  relative  Stärke  der  Staaten  zu  vergleichen.
Indessen  haben  diese  Vergleiche  nicht  immer  die  wünschenswerte  Genauigkeit ­
  und  Ausdehnung.  Die  Statistiker  haben  keine  Mittel  direkter  Beobachtung ­
  zur  Verfügung  und  sie  müssen  sich  mit  denen  begnügen,  die  zu
einem  der  Wissenschaft  fremden  Zweck  ins  Werk  gesetzt  sind:  sie  können
die  wesentlichsten  Zweige  der  sozialen  Tätigkeit  nicht  erfassen,  die  immer  der
Privatinitiative  anvertraut  sind,  selbst  in  den  Staaten,  wo  die  staatliche
Tätigkeit  sehr  weit  ausgedehnt  ist.  Die  Versuche,  die  landwirtschaftlichen,
industriellen  und  Handelsunternehmungen  statistisch  zu  erfassen,  sind  gewöhnlich ­
  gescheitert.  Vergeblich  hat  man  versucht,  die  Lücken  durch  einen  Appell
an  den  guten  Willen  der  privaten  und  der  industriellen  Gesellschaften  auszufüllen, ­
  oder  hat  den  Beamten  staatliche  Vollmacht  gegeben,  die  Erhebungen
anzustellen,  die  ihnen  bei  Ausübung  ihrer  offiziellen  Funktionen  nicht  geliefert
werden;  diese  Untersuchungen  haben  selten  zu  vertrauenswürdigen  Resultaten
geführt,  sei  es,  weil  es  den  dabei  tätigen  Beamten  am  guten  Willen  fehlte,
sei  es  weil  sie  nicht  geeignet  waren,  sei  es  weil  sie  nicht  über  die  nötige
Autorität  verfügten,  um  die  Schwierigkeiten,  die  sich  erhoben,  zu  überwinden.
Noch  weniger  glücklich  sind  die  Statistiker  bei  solchen  Untersuchungen
gewesen,  die  sich  auf  die  innere  Natur  des  Menschen  beziehen,  auf  die
Beurteilung  der  sozialen  Verhältnisse,  auf  die  Vergleichung  der  moralischen
und  intellektuellen  Eigenschaften  und  ganz  allgemein  auf  die  Elemente,  die
man  in  Betracht  ziehen  muß,  wenn  man  die  Lage  der  arbeitenden  Bevölkerung
        <pb n="33" />
        29

ermitteln  will.  Die  Ursachen  dieser  Unfähigkeit  sind  klar:  die  offiziellen
Resultate,  die  sich  auf  die  Gesamtheit  eines  Landes  erstrecken,  beziehen  sich
auf  gewisse  Punkte,  welche  die  Staatsgewalt  als  solche  interessieren,  abstrahieren ­
  aber  von  allen  Betrachtungen,  die  nur  akzessorisch  diese  Frage  berühren; ­
  sie  rechnen  weder  mit  der  be  sonderen  Natur  des  Individuums,  noch
mit  dem  Milieu,  in  dem  es  lebt;  die  offiziellen  Angaben  vernachlässigen  also
die  wesentlichen  Tatsachen,  die  die  Wissenschaft  beachten  muß,  wenn  sie  zu
Schlüssen  in  betreff  der  Einzelexistenzen  oder  der  verschiedenen  sozialen  Kategorien ­
  gelangen  will.  Wenn  sie  z.  B.  für  zwei  Länder  mit  gleicher  Bevölkerungszahl ­
  die  Vergehen  und  Verbrechen  auf  Grund  der  ergangenen  Urteile
vergleicht,  so  wird  man  in  bezug  auf  die  Moralität  der  Bevölkerung  ganz  ungenaue ­
  Schlüsse  ziehen  können.  Um  sich  zu  überzeugen,  welche  Irrtiimer
Schätzungen  dieser  Art  durch  einfachen  Vergleich  der  Zahlen  hervorrufen,
genügt  es  durch  direkte  Beobachtung  die  Ungleichheiten  zu  konstatieren,  die
zwischen  den  Einrichtungen  und  Sitten  der  beiden  Länder  bestehen,  was  Wirksamkeit ­
  der  Repressionsmittel,  Käuflichkeit  der  Richter,  unaufhörlicher  Zustrom
fremder  verbrecherischer  Elemente  usw.  anbetrifft.
Le  Play  gibt  zu,  daß  hervorragende  Gelehrte  diese  Mängel  überwunden ­
  haben,  indem  sie  eigene  Beobachtungen  mit  dem  statistischen ­
  Material  verarbeitet  haben.  Aber  diese  „gemischten
Methoden“  erfordern  von  dem,  der  sie  anwendet,  seltene  Eigenschaften ­
  :
„Man  hat  oft  mit  Recht  bemerkt,  daß  die  Kunst  der  Zahlengruppierung
es  erlaube,  mit  einem  gewissen  Grade  von  Wahrscheinlichkeit  jeden  Schluß
a  priori  zu  beweisen.
Wie  wird  dagegen  bei  der  direkten  Beobachtung  verfahren?
„Man  nimmt  sich  nicht  vor,  in  einem  allgemeinen  Schema  alle  sozialen
Fragen  zu  erfassen,  man  untersucht  jede  Frage  gesondert,  indem  man  sie  soviel
wie  möglich  umgrenzt,  damit  man  sie  vollständiger  behandeln  und  Schlüsse
von  mehr  praktischem  Nutzen  ziehen  kann.  Anstatt  von  einem  Gesichtspunkt
aus  für  jede  spezielle  Frage  die  Gesamtheit  des  Landes  zu  betrachten,  knüpft
man  nach  Möglichkeit  an  besondere  Fälle  oder  Örtlichkeiten  an,  die  man  von
allen  Seiten  untersucht.“
Ferner  ist  hierbei  die  Erhebung  nicht  Beamten  anvertraut,  sondern
Männern,  die  sich  besonders  dazu  eignen,
„die  niemals  die  materielle  Tatsache  von  den  moralischen  Erwägungen  sondern,
die  deren  Wichtigkeit  bestimmen  oder  die  ihren  bestimmten  Charakter  festlegen ­
  .  ...“  „In  diesem  System  ist  man  nicht  mehr  gezwungen,  zur  Kenntnis
der  speziellen  Tatsachen  durch  mehr  oder  weniger  entfernte  Induktionen ­
  zu  gelangen;  man  konstatiert  sie  direkt  an  den  Quellen
der  Beobachtung.“
Diese  Methode  der  direkten  Beobachtung  ist  besonders  in  England
gebräuchlich.  Das  Parlament  ordnet  über  irgendeine  Frage  eine
        <pb n="34" />
        30

Enquete  an,  die  den  gegenwärtigen  Zustand  der  Dinge  und  das
wahrscheinliche  Ergebnis  der  vorgeschlagenen  Änderung  untersucht.
Die  dabei  tätigen  Personen  haben  weitgehende  Vollmachten;  sie
können  z.  B.  jeden  Untertan  unter  Eid  vernehmen.  Von  diesen
Enqueten  erhoffte  Le  Play  sehr  viel,  und  die  ihnen  zugrunde  liegende
direkte  Beobachtung  ist  die  Grundlage  seiner  Methode;  letztere  ist
nur  eine  besondere  Art  der  „direkten  Beobachtung“.
Auf  sonstige  Hilfsmittel  hat  Le  Play  bei  seinen  Monographien
verzichtet.  Wenn  er  auch  in  seinen  systematischen  Schriften  eine
umfassende  Geschichtskenntnis  verrät,  so  treten  doch  in  seinem
Urmaterial,  den  Monographien,  die  geschichtlichen  Materialien
ganz  in  den  Hintergrund.  Er  war  der  Ansicht 1 ),  daß  die  Sozialwissenschaft ­
  auf  solidere  Grundlagen  gestellt  werden  könne  als  die
Geschichte  sie  bieten  kann.  Alle  Zeitalter  der  sozialen
Welt  leben  noch  in  der  gegenwärtigen  Zeit.
„Um  Meister  in  der  Sozialwissenschaft  zu  werden,  brauchen  wir  also
durchaus  nicht  Manuskripte  zu  entziffern  oder  auf  die  Historiker  zurückzugreifen. ­
  Wir  können  auf  unseren  Eeisen  die  zerstreuten  Materialien  unserer
Wissenschaft  sammeln,  um  sie  dann  mit  Hilfe  unserer  eigenen  Vernunft  zu
vereinigen.“
Bei  der  genaueren  Beschreibung  der  Methode  wird  gezeigt  werden,
inwieweit  diese  Grundsätze  von  ihm  streng  durchgeführt  wurden.
Notwendigkeit  des  Vergleichs.  Die  Beobachtung  allein  ist
zur  Beurteilung  einer  sozialen  Erscheinung  nicht  ausreichend.  Um
von  der  Beobachtung  zur  Beurteilung  zu  gelangen,  muß  man  M  a  ß  -
Stäbe  haben,  welche  die  Beurteilung  erleichtern.  Der  Wert  einer
auf  Analyse  der  Erfahrungen  beruhenden  Untersuchung  wird  wesentlich ­
  davon  abhängen.  ob  auch  die  Maßstäbe  der  Erfahrungswelt
entstammen,  oder  ob  ein  Ideal  als  Maßstab  dient,  das  nirgends
existiert  als  im  Kopfe  des  beobachtenden  Menschen.  Dieser  wird
dann  natürlich  nirgends  befriedigende  Zustände  finden,  sondern
höchstens  solche,  die  seinem  Ideal  mehr  oder  weniger  nahe  kommen.
Le  Play  war  von  der  Notwendigkeit  überzeugt,  daß  er  seine
Bewertungsmaßstäbe  der  Wirklichkeit  entnehmen  müsse.  Er  wollte
möglichst  viele  menschliche  Gesellschaften  und  ihre  Einrichtungen
kennen  lernen,  um  durch  den  Vergleich  festzustellen,  inwiefern
eine  Gesellschaftsordnung  vor  der  anderen  den  Vorzug  verdiene.  Da
sein  oberster  Zweck  darin  bestand,  sich  seinem  Vaterlande  nach

&amp;gt;)  0.  E.  I,  14.
        <pb n="35" />
        31

l )  Bef.  soc.  I,  67.

3

Kräften  nützlich  zu  machen,  den  sozialen  Unfrieden  in  seinem  Vaterlande ­
  zu  beseitigen,  so  mußte  er  die  Ursache  dieses  Unfriedens  erkennen. ­
  Er  glaubte  das  zu  können  durch  einen  Vergleich  der
sozialen  Einrichtungen  Frankreichs  mit  denen  anderer  Länder,  wo
der  Friede  noch  gewahrt  wurde.  Ob  er  dieser  Absicht  getreu  blieb,
ob  sein  Maßstab  wirklich  der  Erfahrungswelt  übernommen  wurde,
wird  die  weitere  Untersuchung  ergeben.
Mittel  der  Materialbeschaffung.  Das  Material  für  so  umfassende ­
  Vergleiche  war  nur  durch  große  Reisen  zu  erlangen.
Wir  haben  schon  in  der  Einleitung  berichtet,  daß  Le  Play  alle
europäischen  und  einige  außereuropäische  Länder,  die  meisten  mehrmals, ­
  besucht  hat.  Bei  Auswahl  der  Gegenden,  die  er  besuchen
wollte,  wurde  er  von  zwei  Gesichtspunkten  geleitet,  einem  unfreiwilligen ­
  und  einem  freiwilligen.  Als  Ingenieur,  dessen  Name  im  Inund
  Auslande  in  hohem  Ansehen  stand,  wurde  er  oft  von  Bergwerksbesitzern ­
  um  Gutachten  ersucht,  es  wurden  ihm  Betriebverbesserungen ­
  anvertraut,  und  da  seine  technischen  und  sozialen  Interessen
gleich  stark  waren,  fand  er  bei  diesen  Reisen  genügend  Zeit  zu
sozialen  Beobachtungen.  Für  ihn  waren  „die  fruchtbarsten  Reisen
die,  welche  es  ihm  ermöglichten,  die  Herrschaft  des  Friedens
zwischen  Arbeitern  und  Unternehmern  zu  beobachten“.  Nach  diesem
Gesichtspunkt  wählte  er  die  Ziele  seiner  freiwilligen  Reisen.  Er
war  von  dem  Wunsche  beseelt,  „die  besten  Muster  des  sozialen.
Friedens“  zu  finden.
Drei  verschiedene  Wege  schlug  Le  Play  ein,  um  in  systematischer
Weise  und  ohne  allzu  großen  Zeitaufwand  die  sozialen  Verhältnisse
anderer  Länder  kennen  zu  lernen,  und  um  sowohl  mit  den  herrschenden ­
  Klassen  im  allgemeinen  wie  auch  ganz  besonders  mit  den  wirtschaftlichen ­
  Kräften,  den  Unternehmern  und  Arbeitern,  in  Berührung
zu  kommen.  Der  erste  AVeg  wurde  ihm  durch  seine  Berufsinteressen
gewiesen:  er  sammelte  reiche  Erfahrungen  im  Betriebe  von
wirtschaftlichen  Unternehmungen 1 ):
„Ich  habe  in  erster  Linie  in  ganz  Europa  die  technischen  Prozesse  und
die  wirtschaftlichen  Bedingungen  der  Gewinnung  der  Mineralien  und  der  Metallproduktion ­
  beobachtet.  Ich  habe  dabei  mehr  als  meine  Vorgänger  Wert  darauf
gelegt,  die  kommerzielle  Organisation  der  Unternehmungen,  die  Lage  der
Arbeiter  sowie  ihre  mannigfaltigen  Beziehungen,  die  sie  mit  den  Unternehmern
verbinden,  zu  untersuchen.  Zahlreiche  Missionen,  die  mir  auf  Bitten  fremder
Begierungen  übertragen  wurden,  haben  mir  Gelegenheit  gegeben,  die  eigen-
        <pb n="36" />
        *)  Kef.  soc.  I,  68.

32

Ml

artigsten  sozialen  Organisationen  persönlich  kennen  zu  lernen.  Endlich  habe
ich  große  Unternehmungen  geleitet,  und  ich  habe  Gelegenheit  gefunden,  mich
zu  unterrichten  durch  Besprechungen  mit  Leitern,  die  inmitten  sehr  verschiedener ­
  Gesellschaften  ihre  Ausbildung  empfangen  hatten.“
Ein  zweiter  Weg  war  dieVerbindung  mitgroßen  Praktikern, ­
  die  eine  politische,  administrative  oder  betriebsleitende
Tätigkeit  ausübten.  Le  Play  suchte  nach  Möglichkeit  ihre  Bekanntschaft, ­
  „um  ihre  Meinungen  kennen  zu  lernen  und  ihre  Praxis  in  der
Sozialwissenschaft  zu  beobachten“.  Seine  leitende  Tätigkeit  bei  einigen
Weltausstellungen  (Paris  1855;  London  1862;  Paris  1867)  benutzte
er,  um  hervorragende  Männer  solcher  Länder  kennen  zu  lernen,  die
er  nicht  selbst  bereist  hatte.
Die  dritte  und  wichtigste  Art  der  Untersuchung  Le  Play’s  ist
das  Studium  der  Familien-Wirtschaften*):
„Ich  habe  mir  die  Verpflichtung  auferlegt,  in  allen  Gegenden  Europas
mehr  als  300  Familien  zu  untersuchen,  die  den  numerisch  stärksten  Bevölkerungsklassen ­
  angehören.  Ich  habe  zum  wenigsten  eine  Woche,  oft  einen
ganzen  Monat  jeder  Monographie  gewidmet.  Besonders  wollte  ich  in  allen
Einzelheiten  das  materielle,  intellektuelle  und  moralische  Leben  der  hauptsächlichen ­
  europäischen  Kassen  untersuchen.  Ich  habe  zu  gleicher  Zeit  festgestellt, ­
  wie  die  Interessen  dieser  Familien  mit  denen  der  höheren  Gesellschaftsklassen ­
  sich  verbinden.  Ich  habe  in  fünf  Sprachen  mit  der  Mehrzahl
dieser  Familien  mich  unterhalten.  Bei  drei  weiteren  Sprachen  konnte  ich  die
Antworten  sofort  verstehen,  die  auf  die  Fragen  der  von  langer  Hand  auf  diese
mühsame  Arbeit  vorbereiteten  Vermittler  erfolgten.“
Aus  den  Aufzeichnungen,  die  so  entstanden,  wurde  dann  durch  Eintragung ­
  in  ein  festes  Schema  die  Monographie  der  Familie.  In  ihr
gipfeln  alle  weiteren  Beobachtungen.  Die  Familien-Monographie,
d.  h.  die  Art  ihrer  Aufnahme  und  ihr  Schema,  können  wir  als  die
„Methode“  Le  Play’s  im  engeren  Sinne  bezeichnen.
Wir  müssen  nun  Le  Play’s  wichtigste  Wege  zur  Erkenntnis
näher  kennen  lernen.
Die  sozialen  Führer.  Ihre  Stellung  im  Leben  und  ihre
Eigenschaften.  Die  Bevolution  des  Jahres  1830  ist,  wie  wir  wissen,
für  Le  Play  von  einschneidender  Bedeutung  gewesen.  An  ihr  glaubte
er  zu  erkennen,  warum  bis  dahin  alle  sozialen  Bestrebungen  zu
Gewalttaten  und  zu  Mißerfolgen  führen  mußten,  weil  nämlich  die
angestellten  Reformen  nicht  im  Anschluß  an  die  Wirklichkeit,  sondern
aus  der  Theorie  heraus  entwickelt  worden  waren.  Aus  dieser  Er-
        <pb n="37" />
        33

kenntnis  zog  er  für  seine  eigene  sozialreformatorische  Tätigkeit  die
Konsequenzen.  Er  mied  seitdem  zunächst  alleLiteratur,
mit  Ausnahme  der  beruflichen  und  einiger  wissenschaftlicher  und
klassischer  Werke.
„Ich  schloß  mich  mit  einer  fast  ausschließlichen  Vorliebe  an  die  „lebenden ­
  Bücher“  an,  an  die  Heim-  und  Arbeitsstätten,  die  mir  erklärt  wurden
durch  die  sozialen  Autoritäten  einer  jeden  Gegend 1 ).“
Bei  jenen  umfassenden  Vergleichen,  durch  die  Le  Play  sich  die
Erreichung  seines  Zieles  sichern  wollte,  mußte  er  sich  besonders  in
fremden  Ländern  neben  der  eigenen  Beobachtung  auf  Gewährsmänner
stützen,  die  ihm  seine  Aufgabe  erleichterten,  die  ihm  vor  allem  aber
durch  ihre  praktische  Tätigkeit  und  ihre  Erfolge  in  der  sozialen
Praxis  zeigten,  wie  der  soziale  Friede  erhalten  werden  kann.  Seine
Überzeugung  war,  daß  dort,  wo  es  soziale  Autoritäten  gibt,  die  ihre
Pflicht  tun,  der  soziale  Friede  erhalten  werden  kann.  Deshalb
nehmen  sowohl  in  der  Methode  wie  im  Lehrsystem  Le  Play’s  die
„Sozialen  Autoritäten“  eine  hervorragende  Stellung  ein.  Im  Anschluß ­
  an  Plato  definiert  Le  Play  den  Begriff  „Soziale  Autoritäten“
folgendermaßen 2 ):
„Unter  der  Menge  finden  sich  immer  göttliche  Menschen,  gering
an  Zahl,  deren  Handeln  von  unschätzbarem  Werte  ist,  die  in  zivilisierten
Staaten  nicht  häufiger  als  in  anderen  geboren  werden.  Die  Bürger,  die  unter
einer  guten  Eegierung  leben,  müssen  der  Spur  dieser  Menschen,  die  sich  vor
Verderbnis  bewahrt  haben,  folgen  und  sie  über  Land  und  Meer  hin  suchen,
teils  um  das  Gute  in  den  Gesetzen  ihres  Landes  bestätigt  zu  sehen,  teils  um
das  Mangelhafte  zu  verbessern.  Es  ist  nicht  möglich,  daß  unser  Gemeinwesen
jemals  vollkommen  ist,  wenn  man  diese  Beobachtungen  und  Untersuchungen
nicht  oder  schlecht  macht.“
Und  Le  Play  selbst  definiert  sie  als
„Menschen,  die  durch  ihre  eigenen  Tugenden  Muster  des  Privatlebens  geworden ­
  sind;  die  eine  große  Neigung  zum  Guten  zeigen,  bei  allen  Völkern,
in  allen  Ständen  und  sozialen  Verfassungen;  die  durch  das  Beispiel  ihres
Hauses  und  ihrer  Arbeitsstätte  wie  durch  die  peinliche  Beobachtung  der  göttlichen ­
  Gebote  und  der  Gewohnheiten  des  sozialen  Priedens  die  Zuneigung  und
den  Respekt  ihrer  ganzen  Umgebung  erlangen;  die  endlich  Glück  und  Frieden
in  ihrer  Nachbarschaft  zur  Herrschaft  bringen.“
Diese  sehr  allgemeine  Definition  wird  ergänzt  durch  weitere  Ausführungen ­
  an  anderen  Stellen.

')  0.  E.  I,  619.
2 )  0.  E.  I,  Vokabularium,  S.  446.

3*
        <pb n="38" />
        34

*)  Kef.  soc.  I,  S.  XII  ff.

In  erster  Linie  sollen  es  Praktiker 1 )  sein,  Landwirte  oder
Gewerbetreibende.  Dabei  ist  es  gleichgültig,  ob  sie  einem  großen
oder  einem  kleinen  Betriebe  vorstehen.  Ohne  die  Anwendung  von
Gewalt  halten  sie  den  öffentlichen  Frieden  aufrecht,  alle  durch  dieselben ­
  Mittel:  „Sie  geben  in  ihrer  Heimat  ein  gutes  Beispiel,  indem
sie  ihren  Dienstboten,  Arbeitern  und  Nachbarn  Bespekt  und  Zuneigung ­
  einflößen“.  Wo  sie  frei  herrschen,  schaffen  sie  feste  und
gedeihende  Gemeinwesen;  durch  Regierung  und  geschriebene  Verfassungen ­
  werden  sie  oft  gestört.
„Auf  gewisse,  wohlüberlegte  Fragen  geben  sie  fast  übereinstimmende
Antworten;  aber  gleichzeitig  bezeichnen  sie  es  als  eine  Unmöglichkeit,
daraus  allgemeine  Vorschriften  abzuleiten.  Sie  schließen  immer  mit
den  Worten,  daß  man  Völker  viel  mehr  durch  Gewohnheiten  als  durch  geschriebene ­
  Gesetze  regiert.“
Am  besten  sind  als  „Soziale  Autoritäten“  solche  Menschen  geeignet,
die  inneren  Anteil  an  ihren  Mitmenschen  nehmen.  Wie  Le  Play
überhaupt  die  Kunde  sozialer  Verhältnisse  mehr  vom  Herzen  ausgehen ­
  lassen  will  als  von  der  Vernunft,  so  stellt  er  auch  hier  den
inneren  Anteil  höher  als  das  soziale  Verständnis,  das  natürlich  nicht
fehlen  darf.  Dieser  innere  Anteil  wird  unter  dem  Einfluß  der
Religion  am  besten  erzeugt.
Im  Anfang  seiner'sozialen  Studien  glaubte  Le  Play  sich  vor
solchen  Menschen  hüten  zu  müssen,  die  ihr  Denken  den  religiösen
Überzeugungen  unterordnen.  Er  fürchtete,  daß  bei  ihnen  die  genaue ­
  Tatsachenschätzung  und  die  Unparteilichkeit  der  Schlußfolgerungen ­
  in  Gefahr  seien.  Doch  seine  Erfahrung  belehrte  ihn
eines  besseren.  Sie  zeigte  ihm  aber  auch,  daß  es  nur  darauf  ankomme, ­
  daß  man  das  Glück  seiner  Mitmenschen  will.  Die  Skeptiker ­
  kennen  dieses  Ziel  nicht,  deshalb  ist  von  ihnen  für  die  Sozialwissenschaft ­
  wenig  zu  erwarten.  Die  tiefste  sozialwissenschaftliche
Erkenntnis  fand  er  namentlich  dort  vor,  wo  die  Menschenliebe  zum
freien  Gehorsam  gegen  die  Gesetze  und  zum  Glauben  an  ein  Jenseits
geführt  hatte.  Trotzdem  hält  Le  Play  von  dem  sozialen  Verständnis
der  meisten  Geistlichen  nicht  sehr  viel;  selten  traf  er  bei  ihnen  auf
richtige  Anschauungen.  Zwar  sagt  er,  daß  mancher  einfache  Dorfgeistliche ­
  mehr  wirkliches  soziales  Verständnis  habe  als  liberale
Gelehrte.  Aber  er  machte  die  Erfahrung,  daß  oft  geistlicher  Bekehrungseifer, ­
  Bildungsstolz,  unbedingter  Gehorsam  gegen  geistliche
Autoritäten  die  Einsicht  trüben.  Religiös  gesunde  Laien,  die  vor
        <pb n="39" />
        35

Übertreibungen  bewahrt  werden  „durch  den  Respekt  vor  der  Freiheit
des  anderen,  durch  die  Pflichten  ihres  Berufes  und  die  Leitung
der  Familie“,  wurden  von  Le  Play  für  besser  geeignet  erachtet,  als
„Sozialen  Autoritäten“  zu  dienen.
Auf  die  Erhaltung  der  Familie  und  ihres  Zweckes  legt
Le  Play  besonderen  Wert.  Die  Familieninteressen  stehen  in  einer
gut  organisierten  Gesellschaft  obenan;  aber  ihre  richtige  Erkenntnis
findet  man  nur  da,  wo  die  Fruchtbarkeit  in  Ehren  steht.  Eine
Menge  richtiger  Gedanken  hat  Le  Play  immer  bei  solchen  Vätern
gefunden,  die  viele  Kinder  durch  Arbeit,  durch  gutes  Beispiel  zu
.Reichtum  erzogen  hatten.
Die  Kenntnis  der  Wahrheit  und  die  Neigung  richtiger  Reformen
fand  Le  Play  besonders  bei  den  Klassen,  die  arbeiten  um  der
Arbeit  willen,  ohne  daß  ihre  Existenz  davon  abhängt;  die  sich
das  Wohlergehen  ihrer  Untergebenen,  die  Unterstützung  der  Armen
und  die  Sorge  um  die  öffentlichen  Interessen  angelegen  sein  lassen;
die  glauben,  daß  Vorrang  der  Geburt  und  des  Reichtums  durch
selbstauferlegte  Pflichten  ergänzt  werden  muß.
Von  den  Angehörigen  der  sog.  freienBerufe  erfuhr  Le  Play
nicht  die  Förderung,  die  er  erwartet  hatte.  Er  hält  z.  B.  die
Rechtsgelehrten  wohl  für  geeignet,  eine  Wahrheit  ins  richtige  Licht
zu  setzen  und  sie  gut  auszudrücken;  aber
„diese  höhere  Anschauung  in  gewissen  Fragen  verbindet  sich  fast  immer  mit
der  Unkenntnis  aller  anderen;  und  diese  Eigenschaften  bleiben  unfruchtbar,
wenn  man  zu  einer  vollkommenen  Wahrheit  oder  zu  einem  praktischen  Schluß
gelangen  muß“.
Trotzdem  sind  manche  Gelehrte  und  Schriftsteller  hervorragende
Staatsmänner  gewesen;  sie  hatten  eben  ausnahmsweise  die  dafür  erforderlichen ­
  Eigenschaften,  nach  Le  Play,  meist  durch  praktische ­
  Tätigkeit  erlangt,  z.  B.  durch  Verwaltung  großer  Güter.
Montesquieu  ist  ein  Beispiel  einer  idealen  „sozialen  Autorität“.
Er  war  nicht  nur  Historiker  und  Philosoph,  sondern  zugleich  praktischer ­
  Landwirt  und  ein  geschickter  Kaufmann.  Die  Praxis  ist
also  die  beste  Schule  der  Sozial  wissen  Schaft,  wenn  die
Moral  nicht  hinter  der  Entwicklung  von  Intelligenz  und  Reichtum
zurückbleibt:
„Der  Großhandel  und  die  Großindustrie,  die  sich  gründen  auf
eine  Menge  feiner  Kombinationen,  sind  in  dieser  Hinsicht  bewundernswerte
Mittel  intellektueller  Kultur  für  die  Menschheit;  denn  ein  Irrtum  im  Urteil
hat  fast  immer  das  Mißlingen  der  ganzen  Operation  zur  Folge.  Gewerbe-
        <pb n="40" />
        36

treibende  oder  Kaufleute  sind  sehr  geeignet,  das  Wahre  aus  dem  scheinbaren
Wirrwarr  der  sozialen  Tatsachen  zu  erkennen.  Besser  als  andere  können  sie
die  gesunde  Praxis  der  Sozialökonomie  zeigen,  wenn  nicht  ihr  Interesse  sie
dazu  treibt,  dagegen  anzukämpfen  oder  die  ausschließliche  Kenntnis  für  sich
zu  bewahren.  Die  großen  Grundbesitzer,  die  auf  ihrem  Besitz  wohnen,
sich  allen  lokalen  Interessen  widmen  und  ihre  Untergebenen  durch  Zuneigung
an  sich  fesseln,  erlangen  denselben  Scharfblick,  noch  weniger  getrübt  durch
egoistische  Triebe.  In  der  sozialen  Klassifizierung  nimmt  also  der
Ackerbau  die  erste  Stelle  ein,  ....  im  Landleben  identifiziert  sich  das
Einzelinteresse  am  stärksten  mit  dem  allgemeinen  Interesse  der  Nation.“
So  ist  also  der  gemeinnützig  denkende  Unternehmer,  die
beste  soziale  Autorität.
Die  Familientradition  ist  es  vorzugsweise,  die  diese  Männer
gemeinnützig  handeln  läßt.  In  ihr  finden  sie  die  Anregung  zum
Wohltun  und  damit  auch  die  Quelle  des  eigenen  Glücks.  Ihre  vornehmste ­
  Beschäftigung  ist  es,  für  die  beiden  Elementarbedürfnisse
der  Menschheit  zu  sorgen:  für  den  sozialen  Frieden,  indem
sie  ihr  Denken  und  Handeln  nach  dem  göttlichen  Gebot  regeln;
für  das  tägliche  Brot,  indem  sie  alle  Glieder  der  Gemeinschaft
zur  Arbeit  anhalten.
Die  Bedeutung  der  sozialen  Autoritäten  für  die  Beobachtung, ­
  sowie  für  die  Kontrolle  des  Materials  und  der  Schlüsse.
Mit  wie  großem  Eifer  Le  Play  diese  Praktiker  aufgesucht  hat,  sagt
er  in  einem  Briefe  an  de  ßibbe  im  Jahre  1867  r ):
„Ich  habe  oft  2000  km  in  der  Extrapost  zurückgelegt,  um  irgendeinen
bedeutenden  Grundeigentümer  an  den  Grenzen  der  europäischen  Welt  um  Bat
zu  fragen.  Ich  habe  noch  den  nötigen  Eifer,  um  zu  demselben  Zweck  bis
zum  Ende  des  Eisenbahnnetzes  in  jeder  Kichtung  zu  fahren,  wo  es  eine
nützliche  Auskunft  zu  holen  gibt  oder  einen  Menschen  zu  sehen,  der  sich  dem
Guten  geweiht  hat.“
Mit  solcher  Begeisterung  gedachte  Le  Play  noch  im  Alter  von
62  Jahren  der  „Sozialen  Autoritäten“!  Und  diese  Begeisterung  war
berechtigt;  denn  neben  seinen  Jugendlehrern  verdankte  er  ihnen
wohl  den  besten  Teil  seiner  Eindrücke.  Bei  ihnen,  „die  die  Kunst
kennen,  in  ihrer  Umgebung  den  Frieden  herrschen  zu  lassen“,  lernte
er  seine  „sozialen  Wahrheiten“  kennen.
„Diese  Männer  jeden  Berufes  haben  auf  mein  Denken  einen  glücklichen
Einfluß  ausgeübt.  Sie  haben  die  Irrtümer  berichtigt,  die  die  Ideen,  Sitten  und
Einrichtungen  meines  Landes  trotz  des  Unterrichts  meiner  ersten  Lehrer  in
meinen  Geist  geworfen  hatten.  Ich  lernte  an  ihnen  das  Wahre  vom  Falschen

l )  Auburtin  ,  S.  121.
        <pb n="41" />
        37

unterscheiden  bei  einer  Menge  von  Dingen,  die  mich  bis  dahin  im  Zweifel
gelassen  hatten,  und  ich  sah  ein,  daß  sie  die  wahren  Lehrer  der  Sozialwissenschaft ­
  sind.“
Im  übrigen  hatte  Le  Play  aus  seinen  reichen  Erfahrungen  gelernt, ­
  daß  auch  zwischen  den  verschiedenen  Völkern  und  Berufen
in  dieser  Hinsicht  große  Unterschiede  vorhanden  sind 1 ).  So  fand
er,  daß  die  Engländer  sehr  richtige  Ansichten  haben,  wenn  ihnen
eine  freie  Erziehung  zuteil  geworden  ist,  und  wenn  sie  durch  Keisen
gebildet  sind.  Aber  man  kommt  mit  ihnen  nicht  oder  nur  sehr
selten  in  das  rechte  freundschaftliche  Verhältnis.  Der  Mittelstand
geht  im  Geschäft  auf  und  ist  oft  geradezu  fremdenfeindlich.  Die
Gesellschaft  hervorragender  Amerikaner  suchte  Le  Play  gern;  sie
machten  ihn  auf  die  hauptsächlichsten  Fehler  der  französischen  Institutionen ­
  aufmerksam.  Bei  den  Deutschen  fand  er  besonders
für  religiöse  Gesinnung  und  Arbeit  bedeutsame  Muster.  Und  im
eigenen  Vaterlande  stieß  er  zwar  am  meisten  auf  Vorurteile  und
Irrtümer,  aber  auch  zugleich  auf  das  größte  Entgegenkommen  und
die  Bereitwilligkeit  zu  rückhaltloser  Mitteilung 2 ).
„Ich  schulde  dem  Freimut,  der  bei  uns  im  Ideenaustausch  herrscht,  die
nützlichsten  Elemente  dieses  Werkes.  Wenn  diese  edelmütige  und  reizvolle
Neigung  sich  trotz  Revolutionen  und  bürgerlicher  Zwistigkeiten  aufrecht  erhalten ­
  kann,  so  wird  unserem  Volke  immer  eine  gewisse  Überlegenheit  in  der
Pflege  der  Sozialwissenschaft  sicher  sein.“
Außerdem  waren  die  „Sozialen  Autoritäten“  Le  Play  behilflich
bei  Abfassung  der  Familien-Monographien.  Eine  Familien-Monographie
  in  einem  fremden  Lande,  auch  im  eigenen,  konnte  ja
nur  schwer  zustande  kommen  ohne  die  Mitwirkung  angesehener,  einheimischer ­
  Personen.  Die  Auswahl  der  Familie  wurde  vielleicht
von  ihnen  vorgenommen,  wenigstens  vorgeschlagen;  oft  waren  es
wohl  eigene  Arbeiter  solcher  „Sozialen  Autoritäten“,  Familien,  die
durch  Tradition  mit  dem  Unternehmer  verbunden  waren.  Vor  allem
wurden  die  Angaben  der  Familien  von  ihnen  auf  ihre  Wahrscheinlichkeit ­
  nachgeprüft.  Denn  alle  solche  Angaben,  die  über  das
Familienleben  hinaus  ins  allgemeine  gingen,  mußten  ja  von  besser
orientierten  Männern  nachgeprüft  werden.  Sie  sollten  die  Angaben
der  Arbeiter  ergänzen  „für  die  Gegenwart  durch  ihre  eigenen  Beobachtungen, ­
  für  die  Vergangenheit  durch  die  Tagebücher,  die  ihnen
ihre  Vorfahren  hinterlassen  haben“.  Damit  meint  er  eine  Art

1 )  Ref.  soc.  I,  S.  70.
2 )  1.  c.,  S.  74.
        <pb n="42" />
        38

Familienchronik,  wie  sie  sich  vielfach  in  Familien  mit  Tradition
findet,  die  neben  Notizen  geschäftlicher  Art  Aufzeichnungen  über
die  eigene  Familie  und  solche  von  allgemeinem,  wenigstens  lokalem
Interesse  enthalten.  Über  einzelne  Angaben  bestimmter  sozialer
Autoritäten  wird  aber  nur  verhältnismäßig  selten  berichtet.
Die  wichtigere  Tätigkeit  der  „Sozialen  Autoritäten“  bestand
für  Le  Play  in  der  Nachprüfung  der  Ergebnisse.  Die  Zusammenfassung ­
  der  Einzelbeobachtungen  zu  praktisch  brauchbaren
Lehrsätzen  sollte  doch  der  Zweck  der  jahrelangen  beobachtenden
Tätigkeit  sein.  Da  liefen  Le  Play  oft  voreilige  Schlüsse  unter,
die  sich  hinterher  als  nicht  richtig  erwiesen.  Jugendeindrücke
machten  sich  bemerkbar,  so  daß  er  an  seiner  Unparteilichkeit
zweifelte.  Hier  mußten  die  „Sozialen  Autoritäten“  nach  Kräften
helfen*):
„Von  da  ab  machte  ich  es  mir  zur  Regel,  daß  meine  Schlüsse  mir  so  lange
verdächtig  blieben,  bis  sie  von  Männern  gebilligt  waren,  die  durch  ihre  hervorragende ­
  Stellung  und  ihre  bekannten  Eigenschaften  sich  als  die  natürlichen
Autoritäten  der  Sozialwissenschaft  erwiesen.“
Auch  wiederholte  Beobachtungen  führten  zu  Verbesserungen  voreiliger ­
  Schlüsse.  Alles  was  Le  Play  schließlich  an  Reformvorschlägen
veröffentlichte,  hatte  den  Beifall  der  Praktiker  gefunden *  2 ).
Ich  führe  in  diesem  Werke  nur  die  Prinzipien  und  Mittel  zur  Reform  an,
die  mir  aus  den  Tatsachen  herzurühren  schienen  und  die  in  Frankreich  wie
im  Auslande  den  Beifall  vieler  kompetenter  Männer  gefunden  haben.
Sie  halten  von  doktrinären  Lehren  alle  gleich  wenig:
Sie  haben  im  allgemeinen  wenig  Vertrauen  zu  den  Gelehrten,  die  sich
in  der  Öffentlichkeit  als  die  Interpreten  der  Vernunft  und  der  Gerechtigkeit
vorstellen.  Begabt  mit  gesundem  Menschenverstand  und  erfahren,  beurteilen
sie  nach  fast  untrüglichen  Verfahren  die  Doktrinen  nach  ihren  Resultaten  und
sehen  das  Gute  in  dem,  was  die  Menschen  nähert  und  das  Böse  in  dem,  was
sie  trennt.  Sie  verdammen  also  diese  angeblichen  Prinzipien,  die  die  Einbildung ­
  erzeugt.  Sie  verurteilen  diese  Massensuggestion,  die  immer  unfruchtbare ­
  Diskussionen  erregen,  die  Kluft  zwischen  den  politischen  Parteien  offen
halten  und  so  die  Zukunft  des  Vaterlandes  gefährden.
Le  Play  verwahrt  sich  dagegen,  daß  er  sich  als  Autoritäten
Männer  ausgesucht  habe,  die  ihm  zusagten  —  eine  Vermutung,  die
sehr  nahe  liegt,  und  auf  die  noch  zurückzukommen  sein  wird  —,
indem  er  sagt,  daß  die  Auswahl  keineswegs  willkürlich  vorgenommen,

*)  Ref.  soc.  I,  70.
2 )  Ref.  soc.  I,  90.
        <pb n="43" />
        39

sondern  immer  durch  die  öffentliche  Meinung  gegeben  worden
sei,  die  auch  die  vorbildlichen  Völker,  Landschaften  und  einzelne
Unternehmungen  wohl  kennt 1 ).
Sein  ganzes  Lebenswerk  betrachtet  Le  Play  als  im  Dienst  der
„Sozialen  Autoritäten“  stehend.  Als  im  Jahre  1870  sein  Werk
„l’organisation  du  travail“  einen  überraschenden  Erfolg  erzielte,
schrieb  er  in  einem  Briefe 2  * ):
Das  legt  mir  die  Pflicht  auf,  den  Erfolg  Gott  zuzuschreiben  und  hinter
den  sozialen  Autoritäten  zurückzustehen,  deren  Sekretär  ich  lediglich  hin.
Die  Familie  als  Zelle  der  menschlichen  Gesellschaft.  Die
Familien-Monographie  ist  für  Le  Play  das  „Präzisionsinstrument“
der  Sozialwissenschaft;  sie  ermöglicht,  die  beobachteten  Tatsachen
in  einer  immer  gleichen  und  demgemäß  vergleichbaren  Form  durch
Wort  und  Zahl  festzustellen.  Diese  Bedeutung  der  Familie  wird
dadurch  bedingt,  daß  sie  die  Ureinheit  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  ist.  Sie  muß  der  Ausgangspunkt  der  Beobachtung  und  der
Kristallisationspunkt  aller  über  sie  hinausgehenden  wichtigen  sozialen
Tatsachen  sein  8 ).
Alle  Völker  betrachten  die  Familie  als  die  Grundlage  der  sozialen  Verfassung ­
  und  der  individuellen  Existenzen:  sie  schafft  mit  Hilfe  von  Gesetz
und  Sitte  eine  enge  Gemeinschaft  zwischen  blutsverwandten  Personen,  indem
sie  diese  z.  B.  verpflichtet,  ihre  Unterhaltsmittel  gemeinsam  zu  erwerben,  nach
gewissen  Kegeln,  aber  im  einzelnen  sehr  verschiedenartig.
Alle  Gesellschaften  enthalten  mindestens  noch  Beste  dieses  Urcharakters,
  der  also  von  der  menschlichen  Natur  untrennbar  ist.  Die
„soziale  Einheit“  ist  die  Organisation  in  der  Familie.  Daneben
gibt  es  noch  andere  Organisationsformen;  aber  sie  sind  erst  im
Laufe  der  Zeit  entstanden  und  haben  nicht  entfernt  die  Wichtigkeit ­
  wie  die  Familien-Organisation.
Ganz  verkehrt  ist  die  Auffassung,  als  ob  die  menschliche  Gesellschaft ­
  eine  Organisation  einzelner  Individuen  sei 4 ):
Die  Völker  bestehen  nicht  aus  Individuen,  sondern  aus  Familien:  die
beobachtende  Tätigkeit,  die  ungenau,  unbegrenzt  und  ohne  die  Möglichkeit
von  Schlußfolgerungen  wäre,  wenn  sie  sich  auf  Individuen  verschiedenen  Geschlechts ­
  und  Alters  in  einer  Gegend  erstrecken  wollte,  wird  bestimmt  be1 ­

 )  Bef.  soc.  I,  S.  70  u.  92;  ferner  0.  E.  I,  S.  387.
2 )  Bibbe  S.  86.
*)  0.  E.,  1.  Aufl.,  S.  18.
4 )  0.  E.  I,  220.
        <pb n="44" />
        40

grenzt  und  ermöglicht  Schlußfolgerungen,  wenn  sie  Familien  zum  Gegenstand
hat.  In  dieser  klaren  Tatsache,  die  sich  auf  die  Natur  der  sozialen  Einheit
gründet,  ruht  die  praktische  Wirksamkeit  der  Familien-Monographien.
Zum  Beweise  dieser  Auffassung  von  der  Familie  als  Urzelle
der  Gesellschaft  beruft  sich  Le  Play  auf  die  Geschichte.  Und  da
wir  die  geschichtliche  Entwicklung  nicht  einwandfrei  verfolgen
können,  entwickelt  Le  Play  aus  den  in  der  Gegenwart  vorhandenen ­
  Familienformen  der  verschiedenen  Kulturstufen  eine  Reihe,
die  da  beginnt,  wo  Familie  und  Gesellschaft  noch  zusammenfallen,
und  mit  der  „aufgelösten“  Familie  Westeuropas  endigt.  Den  Urtyp
lernte  er  in  der  russisch-patriarchalischen 1 )  Familie  kennen,  die
alle  Funktionen,  die  heute  durch  Arbeitsteilung  getrennt  sind,  noch
in  sich  vereinigt.  Vor  allem  liegt  hier  noch,  worauf  Le  Play  großen
Wert  legte,  die  Organisation  der  Arbeit  in  der  Familie.  Aber  der
Patriarch  ist  nicht  nur  Leiter  der  wirtschaftlichen  Produktion;  er
ist  zugleich  auch  Vertreter  der  freien  Berufe.  Er  ist  ferner  Priester,
Herrscher  und  Richter.  In  der  weiteren  Entwicklung,  die  geknüpft
ist  an  die  Zivilisation  und  an  das  stärkere  Hervortreten  des  freien
Willens  des  Individuums,  wird  der  Kreis  der  Familie  kleiner  und
die  väterliche  Gewalt  wird  eingeschränkt.  Die  Familie  überläßt
der  Gesellschaft  einen  großen  Teil  ihrer  ursprünglichen  Funktionen.
Aber  auch  so  bleibt  sie  noch  die  kleinste  und  wichtigste  soziale
Einheit,  die  „Werkstätte“,  aus  der  die  Gesellschaft  alle  menschlichen
Wesen  empfängt.  Wo  die  Familien  stark  und  gesund  und  in  sich
gefestigt  sind,  da  muß  auch  die  Gesellschaft  diese  Eigenschaften
zeigen.
So  ist  es  ganz  logisch,  daß  Le  Play  die  älteste  und  einfachste
Existenzform  der  menschlichen  Gesellschaft  untersucht  und  dann
zur  Gesellschaft  selbst  aufsteigt.
Es  scheint,  als  ob  ursprünglich  für  die  genaue  Untersuchung
von  Familien  andere  Gründe  maßgebend  gewesen  sind;  er  gelangte
dazu  von  der  Seite  der  Güterproduktion:  Le  Play  sagt  gleich
anfangs  in  der  ersten  Auflage  der  „Ouvriers  europeens“,  daß  er  bei
seinen  Untersuchungen  über  die  Ausbeutung  der  Bergwerke  natürlich ­
  auch  die  Lage  der  Arbeiter  untersucht  habe 2 ):
Der  Selbstkostenpreis  der  Metalle  setzt  sich  zum  größten  Teil  aus  den
Kosten  zusammen,  die  der  Unterhalt  des  Personals  erfordert:  die  Wirtschaft
der  bergbaulichen  Unternehmungen,  ich  möchte  sogar  sagen,  das  Prinzip  der

*)  cf.  0.  E.,  1.  Aufl.,  S.  18  u.  Science  soc.,  S.  297.
2 )  0.  E-,  1.  Auf!.,  Avertissement.
        <pb n="45" />
        41

technischen  Prozesse,  die  man  anwendet,  kann  nicht  in  wissenschaftlicher
Weise  untersucht  werden,  wenn  man  nicht  wenigstens  vorläufig  die  wesentlichen ­
  Existenzbedingungen  der  zu  diesen  Arbeiten  nötigen  Bevölkerung  bestimmt. ­

Während  hiernach  anfangs  das  rein  wirtschaftliche  Moment  noch
im  Vordergründe  stand  und  Le  Play  die  Arbeiterfamilien  nur  in
ihrer  Eigenschaft  als  Produktionsfaktor  einer  Unternehmung  untersuchen ­
  wollte,  erweiterte  sich  ihm  die  Familie  nach  und  nach  mit
seinen  umfassenderen  sozialreformatorischen  Zielen  zum  Repräsentanten ­
  der  menschlichen  Gesellschaft.
Die  Arbeiterfamilie  als  Untersuchungsobjekt.  Wie  mit  der
fortschreitenden  Entwicklung  die  Familien  immer  mehr  Funktionen
an  die  Gesellschaft  abgetreten  haben  und  dadurch  heute  ein  ganz
anderes  Bild  als  früher  zeigen,  so  hat  die  Kultur  auch  noch  eine
weitere  Veränderung  bewirkt:  die  Familien  sind  unter  sich  ungleicher ­
  geworden;  dadurch  ist  es  —  so  sollte  man  meinen  —
schwieriger  geworden,  aus  der  Beschreibung  einzelner  Familien  allgemeingültige ­
  Schlüsse  für  die  ganze  Gesellschaft  zu  ziehen.  Doch
diese  Schwierigkeit  ist  nach  Le  Play  nicht  so  groß,  wie  es  auf  den
ersten  Blick  erscheint.  Le  Play’s  Untersuchungsobjekt  ist  die
„Arbeiterfamilie“  in  einer  Bedeutung  dieses  Wortes,  welche
weit  hinausgeht  über  die  der  Gegenwart;  er  faßt  den  Begriff  so,
wie  er  einem  unentwickelten,  verhältnismäßig  noch  wenig  differenzierten ­
  Zustande  der  menschlichen  Gesellschaft  entspricht 1 ):
Die  Personen,  die  mit  ihren  eigenen  Händen  die  Tätigkeiten  ausüben,
deren  Erzeugnisse  die  gewöhnlichen  Bedürfnisse  der  Gesellschaften  befriedigen,
diese  Personen  nehmen  überwiegenden  Anteil  an  der  Schaffung  der  wesentlichsten ­
  Unterhaltsmittel.  Sie  unterliegen  aber  starken  Änderungen  je  nach
Ort,  Volk  und  Zeit.  So  ergibt  sich,  daß  die  materielle  und  moralische  Organisation ­
  der  arbeitenden  Bevölkerung  und  die  Natur  ihrer  Arbeiten  einen  der
charakteristischen  Züge  der  Gesellschafts-Verfassungen  bilden.
Bei  wenig  entwickelten  Völkern  beschäftigen  sich  fast  alle  Familien
mit  solchen  Arbeiten,  deren  Erzeugnisse  sie  selbst  verzehren.  Dort  ist  die
Familie  ein  getreues  Spiegelbild  der  Gesellschaft.  Um  die  soziale  Verfassung
kennen  zu  lernen,  genügt  es,  die  Existenzmittel  der  Arbeiterfamilie  zu  untersuchen. ­
  So  ist  sie  denn,  durch  die  Natur  der  Dinge  selbst,  das  normale  Beobachtungsobjekt ­
  unserer  Methode.
Je  einfacher  die  Existenzbedingungen  einer  Familie  sind,  am  so
typischer  sie  ist,  um  so  mehr  wird  sie  entscheidend  beeinflußt  von
natürlichen  und  sozialen  Verhältnissen  ihrer  Umgebung.

')  0.  E.  I,  208.
        <pb n="46" />
        42

Die  Beschreibung  wohlhabender  Bürgerfamilien  der  Gegenwart
würde  sich  nicht  so  einfach  gestalten  lassen 1 ).
Die  individuelle  Willkür  spielt  in  ihrem  Leben  eine  große  Bolle  und
bringt  dadurch  notwendig  viel  Verschiedenheit  hinein.  Das  ist  ganz  anders
bei  der  arbeitenden  Klasse:  das  Fehlen  der  Fürsorglichkeit  (l’imprevoyance),
  das  äußerste  Armut  als  gewöhnlichen  Zustand  zur  Folge  hat,  der
Fürsorglichkeit,  die  die  Wirtschaft  bei  den  Ausgaben  leitet,  zwingt  jede
Familie,  ihre  Bedürfnisse  durch  die  direktesten  und  einfachsten  Mittel  zu  befriedigen. ­
  Ihr  Unterhalt  besteht,  selbst  wenn  er  nicht  von  der  Arbeit  eines
jeden  Tages  abhängt,  gewöhnlich  in  Erzeugnissen,  die  am  Orte  selbst  gewonnen ­
  werden  durch  die  überwiegende  Vermittlung  der  natürlichen  Kräfte.
Die  Existenzmittel  des  Arbeiters  sind  also  wesentlich  dem  Einfluß  von
Boden  und  Klima  unterworfen.  Diese  Einflüsse  und  die  Veränderungen,
die  menschlicher  Fleiß  hier  zustande  bringt,  bleiben  gewöhnlich  über  weite
Gebiete  hin  gleich,  wenn  sie  dieselben  natürlichen  Bedingungen  haben  und
von  derselben  Menschenrasse  bewohnt  werden;  daraus  ergibt  sich  für  diese
Gebiete  eine  bemerkenswerte  Gleichförmigkeit  in  den  Grundelementen  des
Lebens  der  Arbeiter.  Tradition  und  Sitte,  die  eine  so  starke  und  gleichmäßige ­
  Herrschaft  auf  die  menschlichen  Handlungen  ausüben,  heiligen  auf  die
Dauer  die  durch  die  Natur  der  Dinge  hervorgerufenen  Gewohnheiten  und
tragen  dadurch  noch  zu  ihrer  Verallgemeinerung  bei.  Diese  verschiedenen
Ursachen,  verbunden  mit  der  Einfachheit  der  Beschäftigungen  und  Vergnügungen, ­
  unterdrücken  die  Ausdehnung  der  individuellen
Neigungen  oder  machen  sie  unwirksam  bei  den  Arbeitern  desselben
Distriktes,  derselben  Easse,  desselben  Berufes;  sie  stehen  mit  den  wichtigsten
Einzelheiten  ihrer  Lebensweise  in  Verbindung;  sie  bilden  gleichsam  den  Widerschein ­
  der  Beständigkeit  und  Kegelmäßigkeit,  die  die  Naturforscher ­
  beim  Studium  der  organischen  Natur  konstatieren  in
Bezug  auf  die  Individuen  ein  und  derselben  Art.  Das  ist  der  Grund,  weshalb
die  arbeitenden  Klassen  für  die  methodische  Beobachtung  sich  gut  eignen,  und
weshalb  der  Beobachter  die  an  einer  kleinen  Zahl  von  Familien  konstatierten
Tatsachen  auf  die  Bevölkerung  oder  wenigstens  auf  ganze  Kategorien  anwenden ­
  kann;  das  ist  auch  der  Grund,  weshalb  man  von  einer  geschickt  gewählten ­
  Methode  der  Beobachtung  wahrhaft  wissenschaftliche  Kesultate  erwarten ­
  kann.
So  bilden  also  die  Arbeiter  in  ihrer  Abhängigkeit  von  den  gegebenen
natürlichen  und  durch  Sitte,  Gewohnheit,  Wirtschaft  geschaffenen
Verhältnissen  das  charakteristische  Element  eines  Volkes.
Zugleich  sind  sie  auch  als  die  Kraftquelle,  aus  der  sich  die
oberen  Schichten  ergänzen,  das  Fundament  des  ganzen  Volkes.
Die  „Arbeiterfamilie“  hält,  nach  Le  Play,  von  den  früheren
Zuständen  der  Gesellschaft  verhältnismäßig  viel  fest.  Um  dies  zu
verstehen,  müssen  wir  bedenken,  daß  Le  Play  durch  seine  Anschau-')

  0.  E.,  1.  Auf].,  21.
        <pb n="47" />
        43

ung  vom  Wesen  der  „Arbeiterfamilie“  im  Sinne  einer  umfassenden
Gemeinschaft  naturgemäß  dahin  geführt  wird,  auch  bei  den  Kulturvölkern ­
  vorzugsweise  diejenigen  „Arbeiterfamilien“  seiner  Beobachtung ­
  zu  unterziehen,  die  noch  viel  von  jenem  alten  Charakter  sich
bewahrt  haben.  So  sagt  er  schon  in  der  Einleitung  zur  ersten  Auflage ­
  seiner  „Ouvriers  europeens“  geradezu,  er  habe  nur  diejenigen
Arbeiter  beobachtet,  die  sich  mehr  oder  weniger  von  der
Eigenschaft  eines  Eigentümers  oder  kleinen  Unternehmers ­
  bewahrt  haben.
An  diesem  Grundsätze  hat  Le  Play  allerdings  später  nicht
streng  festgehalten.  Aber  im  wesentlichen  bleibt  sein  Absehen  auch
dann  darauf  gerichtet,  die  Familien  zu  beobachten,  bei  denen  sich
Erwerbswirtschaft  und  Verbrauchswirtschaft  noch  nicht  vollkommen
getrennt  haben.
Den  damit  begrenzten  Kreis  der  „Arbeiterfamilien“  teilt  er  in
sieben  große  Gruppen,  die  er  jedoch  nur  in  der  ersten  Auflage
systematisch  in  einem  großen  Tableau  zusammenstellt.  Dieses
Tableau  ist  als  Anhang  I  unserer  Untersuchung  abgedruckt.  Dabei ­
  verwendet  er  als  wesentliches  Kriterium  für  die  Lage  der
Arbeiterfamilie  die  Art  und  Dauer  des  ArbeitsVerhältnisses. ­

Le  Play  kennt  drei  Hauptarten  des  Arbeitsverhältnisses:  das
erzwungene,  das  freiwillig-dauernde  und  das  kurzdauernde ­
  Arbeitsverhältnis.  Im  Orient  herrschte  zur  Zeit  Le
Plays  noch  das  erzwungene,  in  Mitteleuropa  noch  das  freiwilligdauernde, ­
  in  Westeuropa  schon  das  kurzdauernde  Arbeitsverhältnis.
An  unterster  Stelle  stehen  die  Dienstboten  (ouvriersdomestiques).
  Sie  gehören  zum  Haushalt  des  Herrn,  für  dessen
Rechnung  sie  ausschließlich  arbeiten;  sie  werden  nur  oder  fast  nur
nach  ihren  Bedürfnissen  entlohnt  und  können  sowohl  Eigentümer
wie  Nichteigentümer  sein;  gewöhnlich  ist  nur  die  Kleidung  ihr
Eigentum.  Die  übrigen  Klassen  sind  dadurch  vor  den  Dienstboten
ausgezeichnet,  daß  sie  Haushaltungsvorstände  sind  und  neben
der  Kleidung  wenigstens  noch  Mobilien  besitzen.  Le  Play  bezeichnet ­
  sie  als  „Nicht-Eigentümer“,  wenn  sie  keinen  Grundbesitz  haben;
meist  haben  sie  aber  bewegliche  Werte:  Vieh,  Arbeitsgeräte  oder
gar  größere  Summen  Geldes.  Zu  ihnen  gehören  zunächst  die
Tagelöhner  (journaliers),  deren  Lohn  nach  der  Zahl  der  geleisteten ­
  Arbeitstage  bestimmt  wird  und  die  Stückarbeiter
(tächerons),  bei  denen  sich  der  Lohn  nach  der  Menge  der  geleisteten
        <pb n="48" />
        44

Arbeit  richtet.  Beide  arbeiten  hauptsächlich  für  Rechnung  eines
Unternehmers  oder  einer  Kundschaft.  Hier  denkt  Le  Play  vorzugsweise ­
  an  Heimarbeiter.  Ihnen  schließen  sich  zwei  weitere  Gruppen
von  größerer  Selbständigkeit  an,  die  hauptsächlich  für  eigene  Rechnung ­
  arbeiten  und  fast  ausschließlich  von  ihrem  Unternehmerlohn
leben.  Das  sind  einmal  die  Pächter  (ouvriers-tenanciers),  die
Grundstücke  in  Pacht  haben  und  vom  Roh-  oder  Reingewinn  einen
Zins  an  den  Eigentümer  zahlen.  Und  ferner  gehören  hierzu  die
kleinen  gewerblichen  Unternehmer  (ouvriers  chefs  de
metier),  die  für  ihre  Kundschaft  oder  auch  für  einen  größeren  Unternehmer ­
  arbeiten  (Beispiele  Le  Play’s  sind:  Handwerker,  kleine
Kaufleute,  Wäscher,  Lumpensammler  usw.,  andererseits  auch  Gießer).
Ihnen  stehen  die  Eigentümer  gegenüber,  für  die  das  Eigentum ­
  an  Grund  und  Boden  kennzeichnend  ist,  was  natürlich  nicht  ausschließt, ­
  daß  sie  auch  mobile  Werte  besitzen  wie  die  vorhergehenden
Gruppen.  Je  nachdem  sie  aus  ihrer  Arbeit  (als  Dienstbote,  Tagelöhner ­
  usw.)  oder  aus  der  Ausbeutung  ihres  Eigentums  ihren  hauptsächlichsten ­
  Gewinn  ziehen,  bezeichnet  sie  Le  Play  als  Eigentum
besitzende  Arbeiter  (ouvriers-proprietaires,  bei  welcher  Bezeichnung ­
  im  einzelnen  Falle  das  Wort  ouvrier  durch  journalier,
tächeron  usw.  ersetzt  wird)  oder  als  arbeitende  Eigentümer
(proprietaires-ouvriers).
Le  Play  wollte  lediglich  den  „sozialen  Wert“  dieser  verschiedenen ­
  Gruppen  der  handarbeitenden  Klasse  feststellen,  wobei
ihm  als  wichtigstes  Kriterium  diente  „die  relative  Fähigkeit,  die
jede  dieser  Tätigkeiten  zeigt,  um  die  sittliche  Ordnung  bei  den  sie
ausübenden  Familien  zu  erhalten“.
Auswahl  der  einzelnen  typischen  Familie.  Wenn  eben  gesagt ­
  ist,  daß  die  Arbeiter  in  ihrer  gleichmäßigen  Gebundenheit  an
die  natürlichen  und  durch  Sitte  und  Gewohnheit  charakterisierten.
Verhältnisse  eine  ziemlich  homogene  Masse  bilden,  so  trifft  das,  wie
wir  oben  sahen,  nach  der  Überzeugung  Le  Play’s  meist  für  ein  bestimmtes ­
  räumlich  begrenztes  Gebiet  zu.  Je  nachdem  in  einem
solchen  Gebiet  der  kleine  Bauer  oder  der  Pächter,  der  Hausindustrielle
  oder  der  Bergmann  überwiegt,  erachtet  Le  Play  eine
solche  Familie  als  typisch  für  dies  Gebiet.  In  anderen  Gebieten,
besonders  in  großen  Städten,  wird  man  schon  weniger  von  einem
Familien-Typus  sprechen  können.  Le  Play  hat  bei  seiner  Faminenauswahl
  sich  meist  an  Gebiete  mit  scharf  zu  erfassender  Eigenart
gehalten.  Er  will  doch  zeigen,  daß  zwischen  den  äußeren  sozialen
        <pb n="49" />
        (Zu  S.  43.)

Definition  des  ouvriers  (l)  et  des  rapports  qui  les  lient,  dans  les  diverses  organisations  sociales  (3)  de  l’Europe,  aux  maitre

Definition  des  sept  situations  principales
que  les  ouvriers  peuvent  occuper  suceessivement  dans  les  qnatre  organisations  sociales  (3)
pour  s’elever  des  rangs  inferieurs  de  la  hierarehie  industrielle
ä  la  condition  de  proprietaires  (4)  ou  de  chefs  d’industrie  (5).

Ouvriers  faisant  partie  du  menage  d’un  patron,  travaillant  exclusivement
pour  le  compte  de  ce  dernier;  retribues  principalement  ou  meine  exclusivement, ­
  en  proportion  des  besoins,  par  les  allocations  dites  subventions
(11)  (nourriture,  logement  etc.),  se  subdivisant,  comme  les  chefs  de
menage,  en  proprietaires  et  en  non-proprietaires,  possedant  au  moins
leurs  vetements.

Ouvriers  (1)
Personnes  (b)
exergant  un
travail  manuel
(autre  que  le
Service  personnel
  du
maitre  (2),
ayant  pour
Principal
moyen  d’existence
  la  retribution
  accordee
ä  ce  travail.

Ouvriersdomestiques


Chefs  de
menage  (c)
possedant
ordinairement
  (outre
les  v6tements)
  le
mobilier  de
l’habitation.

Non-proprietaires ­
  ne  possedant ­
  point
de  propriete
immobilere,
mais  possedant ­
  souvent
des  valeurs
mobilieres
productives
de  revenu  (d),
ou  des  droits
aux  allocations ­
  de
caisses  d’assurances
  mutuelles
  (e).

Salaries  et  subventionnes
travaillant  principalement
pour  le  compte  d’un  patron
ou  d’une  clientele;  retribues,
soit  seulement  en  proportion
du  travail  accompli,  par
des  allocations  dites  salaires
(10)  ,  soit  en  meme  temps,
en  proportion  des  besoins
de  la  famille,  par  des  allocations ­
  dites  subventions
(11)  ;  pouvant,  en  outre,
dans  ces  deux  cas,  6tre
retribues  en  proportion  de
la  qualite  du  travail,  par
des  allocations  dites  primes
(12)  ,  entreprenant  souvent
en  meme  temps,  ä  leur
propre  compte,  diverses
industries  aecessoires  (g).

A  la  journee:
travail  mesure
  par  le
nombre  de
journees
fournies  par
l’ouvrier.

A  la  täche:
travail  mesure
  par  la
quantite  de
produits
livres  par
l’ouvrier.

Journaliers

Täclierons

Chefs  d’industrie ­
  (5)  travaillant ­
  principalement ­

pour  leur  propre ­
  compte.

Exploitant  des  immeubles,
terres,  förets,  mines,  salines,
pecheries  etc.  fournis  par
un  proprietaire;  produisant
les  matieres  brutes;  retribues ­
  (sauf  le  prelevement
du  proprietaire)  par  les
produits  de  leur  travail.

Exploitant  un  metier;
mettant  en  ceuvre  les
matieres  brutes;  retribues
par  la  totalite  des  produits
de  leur  travail  (i),.P ar *?'
cipant  plus  ou  moins  aß
la  condition  de  rentier  (o).

Ouvrierstenanciers
  (h).

Ouvriers
chefs  de
metier.

Proprietaires
(4)  possedant
une  propriete
immobiliere
(f)  independamment
  des
valeurs  mobileres ­
  (d)  et
des  droits  (e)
que  peuvent
posseder  aussi
les  non-proprietaires. ­


Travaillant  principalement  en  _  qualite)  Ouvriersd’ouvriers-domestiques,
  de  salaries,  .  de  i  proprietaires
subvenntiones  ou  de  chefs  d’industrie.  ;  (k).

Ayant  pour  travail  principal  l’exploitation  \  Proprietairesde
  leur  propriete.  ’  °uvriers  (1).

Definition  des  quatre  organisations  principa

Peuples  nomades.

I.  Systeme  des  nomades  (a),
comprenant  les  trois  modes  d’engagement  signales  pour  les  peuples  sedentaires.

II.  Sy  st  ferne  des  engagement  forces  (a).

Individus  attaches  ä  un  patron  (2)  (chef  de  famille,  chef  de  tribu  etc.)  par  les  conditions
meines  de  leur  existence;
toujours  groupes  en  communaute.
Les  individus  de  chaque  communaute  restent  toujours  solidairement  unis  entre  eux  et  avec
leur  chef.

Les  individus  ne  quittent  jamais  la  communaute;  ils  ne  peuvent  guere  s’elever  independamment
  des  autres  membres  de  la  communaute,  si  ce  n’est  pour  occuper  les  positions
de  chef  de  famille,  de  chef  de  tribu  etc.
Tons  les  individus  de  chaque  communaute  jouissent  ä  peu  pres  de  la  meme  somme  de
bien-etre.

Sol  inculte,  offrant  des  päturages  naturels.

Pasteurs  attaches  aux  exploitations  de  troupeaux  diriges  par  de  grands  proprietaires
Pasteurs-domestiques  des  Mongole  nomades.
Etc.,  etc.

Nomades  executant  ä  la  journee  les  travaux  de  recolte  dans  la  contree  oü  ils  se  procurent
les  cereales:
Journaliers  nomades  du  Sahara  employes  par  les  agriculteurs  du  Teil  (Algerie).
Bachkirs  demi-nomades  employes  par  les  grands  proprietaires  russes  du  pays  d’Orembourg.


Nomades  executant  ä  la  täche,  souvent  avec  le  concours  de  leurs  animaux,  les  travaux  de
recolte  et  de  transport  pour  les  agriculteurs  qui  leur  fournissent  les  cereales:
Tächerons  nomades  du  Sahara  employes  par  les  agriculteurs  du  Teil  (Algerie).
Etc.,  etc.

Nomades  exploitant  ä  leur  propre  compte  les  troupeaux  de  grands  proprietaires  qui  se
reservent,  ä  titre  de  redevance,  une  part  des  produits:
Tenanciers  nomades  du  pays  des  Mongols.

Nomades  exergant  des  metiers  speciaux:
Bachkirs  demi-nomades  ayant  exerce  suceessivement  divers  metiers  speciaux.
Forgerons  nomades  de  la  Russie  orientale  et  meridionale.
Commergants  nomades  du  pays  des  Kirghiz  et  du  Sahara  algerien.

Nomades  possedant  quelques  animaux  dans  le  troupeau  des  grands  proprietaires  nomades
au  Service  desquels  ils  sont  attaches:
Domestiques-proprietaires  de  la  plupart  des  steppes  de  l’Asie.

Nomades  exploitant  leurs  propres  troupeaux:
Proprietaires-pasteurs  des  steppes  de  la  Caspienne  et  du  Don;  du  Sahara  algerien,
etc.
Bachkirs  demi-nomades  proprietaires  de  juments.

Definitions  complementaires  annexfees
L  Ouvriers:  (Voir  la  definition  donne  dans  le  tableau  meme).
&amp;lt;3.  Mait  res:  Personnes  disposant  des  moyens  de  travail  et  des  clienteles;  employant  les  ouvriers  ä  leur
propie  compte,  moyennant  une  retribution  (salaire,  Subvention,  prime  etc.);  on  designe  specialement
sous  le  nom  de  patrons  les  maitres  lies  d’une  manifere  permanente  aux  ouvriers  qu’ils  emploient.
ö.  Urganisations  sociales:  (Voir  les  definitions  donnes  dans  le  tableau  meme)..
4.  rroprietaires:  Personnes  possedant  (sauf  les  restrictions  derivant  de  l’organisatron  sociale)  une
propriete  immobiliere;  ayant  pour  principal  moyen  d’existence  le  revene  que  donne  ou  que  pourrait
donner  la  location  de  cette  propriete.  Chez  les  nomades  oü  il  n’existe  pas  d’immeubles,  i a  q ua i;^
proprietaire  est  essentiellement  attachee  ä  la  possession  des  troupeaux.
o.  Otiets  ct  Industrie:  Personnes  exploitant  une  propriete  immobilere,  un  fonds  ou  une  clientele
ayant  pour  principal  moyen  d’existence  le  benefice  resultant  de  cette  exploitation.
6.  Rentiers:  Personnes  ayant  pour  principal  moyen  d’existence  le  revenu  donne  par  une  pronriete
mobliiere.  1
7.  Communautes:  Associations  d’ouvriers  exploitant  en  commun  une  propriete  immobilere,  un
ou  une  clientele.
8.  Gorporations:  Associations  d’ouvriers  lies  par  des  interfets  collectifs  antres  que  ceux  des  commu
nautes.
9.  Systeme  du  travail  sans  engagements:  Ce  regime  s’observe  dans  les  contrees  soumises  au
regime  des  engagements  momentanes,  plus  ordinairement  que  dans  celles  oü  les  autres  systümes  sont
en  vigueur:  il  constitue  un  etat  d’equilibre  dans  lequel  chaque  travailleur  est  proprietaire  ou  chef
d’industrie,  oü,  par  consequent,  il  n’existe,  ä  vrai  dire,  ni  maitres  ni  ouvriers.  Les  chefs  de  metier

par  renvois  au  present  tableau.
travaillant  exclusivement  pour  une  clientele  nombreuse  et  variee,  se  rattaehent  «nn.mt
a  ce  regime;  mais  la  classe  qui  le  caracterise  le  mieux  est  celle  des  petits  promdöi.
ruraux  ayant  surtout  pour  clientele  le  marche  public,  se  maintenant  fermement  de
generation  en  generation,  ä  la  limite  commune  de  la  classe  des  ouvriers  et  de  eeii'des
proprietaires,  par  la  force  des  moeurs,  ä  la  faveur  des  biens  communaux  et  »»  i»
concours  d’un  Systeme  regulier  de  defriehement  ou  d’emigration.  Cette  classe  est  i  «.&amp;lt;»-ment
  representee  en  Suede  et  en  Norwege,  dans  l’Enrope  centrale,  en  Suisse  etc  pi ar ?,„,
in  F ar , tout  eile  contiibue  puissamment  ä  la  stabilite,  ä  la  force  et  ä  la  grandeurdo  SL
V  salaires:  Retributions  en  argent  ou  en  objets,  accordees  ä  1’onvrier  en  nronow-t  t d„'
est y suspen &amp;lt; du' Pli ’  ^  qUi  prennent  fin  aussit6t  f l ue &amp;gt;  P ar  nne  ca use  quelconque,  le  travail
11.  Subventions:  Retributions  en  objets  ou  en  usufruits  de  proprietes  acenrdöo
Portion  des  besoins  de  l’ouvrier  plutöt  qu’en  proportion  du  travail  accompU  ,® 11  pr ,t
ventions  sont  ordinairement  accordees  pour  toute  la  duree  des  engagempnio CS  8U ^»
volontfde P ro n uyrier. 10rSqUe  ^  tmVail  ^  SUSpe “ dU  Par  U " e  ° aUSe  Andante  de  ta
!,.!'' r ln . es:  Kätributions  qui  ne  sont  proportionelles  ni  aux  besoins  de  l’mred»
1&amp;gt;  •'’ ai  a . ccom Pji,  mais  qui  lui  sont  accordees  en  raison  de  la  qualite  de  son  t,-., 1  n , 1
onomie  et  des  soins  qu’il  y  apporte,  de  son  assiduite  etc.  a vail,  d e

Ouvriers  attaches  ä  un  patron  (seigneur,  proprietaire  etc.)  par  la  loi  ou  par  la  coutume;
souvent  aussi  ä  une  communaute.
Les  engagements  obligent,  en  general,  egalement  le  patron  et  l’ouvrier:  dans  quelques  cas
ils  n’obligent  que  l’une  des  parties.

Les  individus  doues  de  qualites  tres-eminentes  peuvent  atteindre  une  condition  elevee,  soit
avec  le  maintien,  soit  par  la  suppression  des  obligations  qui  les  attachent  aux  patrons
ou  aux  communautes:  ces  obligations  s’adoucissent,  d’ailleurs,  peu  ä  peu  par  la  force  des
moeurs,  dans  ce  qu’elles  ont  de  contraire  ä  l’exercice  utile  de  la  liberte  individuelle,  ä
mesure  que  les  individus  s’elevent  dans  l'ordre  moral  et  intellectuel.  Tous  les  individus
jouissent  au  moins  d’un  certain  minimum  de  bien-6tre.
Faible  partie  du  sol  appropriee  ä  la  culture.

Gens  (maries  ou  celibataires)  attaches  ä  l’habitation  seigneuriale,  executant  les  travaux  de
culture  ou  les  metiers  speciaux  dans  les  terres,  que  le  seigneur  exploite  ä  son  propre
compte  (Russie,  Pologne,  Hongrie  etc.):
Dvarovie  des  exploitations  seigneuriales  de  la  Russie.

Journaliers  emigrants  ou  sedentaires  executant  des  travaux  argricoles  et  industriels,  en
Russie,  en  Pologne,  en  Hongrie  etc.:
Maqons  emigrants  travaillant  ä  la  journee  dans  les  villes  et  dans  les  grands  ateliers
industriels.  —  Portefaix  et  bateliers  emigrants  du  bassin  de  l’Oka.
Sub-inquilini  des  eommunes  rurales  de  la  Hongrie.
Etc.,  etc.

Tächerons  emigrants  ou  sedentaires  voues  aux  travaux  agricoles  et  industriels,  ou  exergant
l’industrie  des  transports,  en  Russie,  en  Pologne,  en  Hongrie,  etc.:
Bateliers  emigrants,  du  pays  de  Viatka,  employes  dans  les  operations  de  transport
sur  la  Kama,  le  Wolga  etc.
Izvotschiks  (voituriers)  russes.
Inquilini  des  eommunes  rurales  da  la  Hongrie.
Etc.,  etc.

Paysans  exploitant  une  terre  allouee  par  le  seigneur,  moyennant  une  corvee  ayant  le  caractere
d’un  loyer  ou  d’un  fermage:
Tenanciers  russes  fournissant,  chaque  semaine,  au  seigneur,  3  jours  de  travail.  —
Paysans  agriculteurs  du  pays  d’Orembourg.
Tenanciers  ayant  pour  eux  et  leurs  descendants  le  droit  perpetuel  d’exploiter  certains  immeubles, ­
  ä  Texclusion  de  toutes  autres  personnes:
Saulnier-lettrier  de  la  Saintonge  exploitant  les  maris  salants,  moyennant  une  part
determinee  du  produit.

Chefs  de  metier  de  la  Russie,  de  la  Pologne,  de  la  Hongrie  etc.:
Charbonniers  et  charrons  du  pays  d’Orembourg.
Ouvriers  russes  des  eommunes  industrielles  ä  l’abrok.
Marchands  de  grains  des  laveries  d’or  de  l’Oural.
Mesterember,  ou  artisans  ruraux  de  la  Hongrie.
Etc.,  etc.

Journaliers  ou  tächerons-proprietaires  de  la  Russie,  de  la  Pologne,  des  provinees  du  Danube,
de  la  Turquie  etc.:
Rabotniks  russes  des  ateliers  industriels  exploites  en  regie  pour  le  compte  du  seigneur.
Forgeron  et  charbonnier  des  usines  ä  fer  de  l’Oural.
Charpentier  des  laveries  d’or  de  l’Oural.
Forgeron  des  usines  ä  fer  de  Samakowa  (Turquie).

Paysans  exploitant  une  terre  concedee  ä  titre  permanent  par  le  seigneur,  moyennant  une
redevance  en  argent,  en  produits  ou  en  travaux,  ayant  le  charactere  d’un  impot:
Paysans  russes  possedant  en  communaute  la  totalite  de  la  terre,  payant  au  seigneur
une  redevance  en  argent  dite  abrok.  —  Paysans  agriculteurs  du  bassin  de  l’Oka.
Krestianie  ou  proprietaires  cultivateurs  executant,  ä  titre  de  corvee,  pour  les  usines
seigneuriales  de  la  Russie,  les  travaux  forestiers  et  les  transports.
Iobajjy  ou  proprietaires-agriculteurs  de  la  Hongrie.

a)  Les  definitions  des  trois  premiers  systemes  sociaux  ne  s’appliquent  pas  integralement
aux  cas  exceptionnels  de  corruption  et  de  decadence  qui  peuvent  se  manifester  ga  et  lä;
mais  elles  conviennent  parfaitement  ä  l’ensemble  de  l’Europe,  pour  lequel  le  mouvement
de  progres  ne  peut  etre  meconnu.  On  admet,  dans  cet  ouvrage,  qu’une  soeiete  est  en
progres  lorsque  la  moralite,  l’intelligence  et  le  bien-etre  physique  s’y  developpent  dans
toutes  les  classes.  L’observation  prouve  qu’en  meme  temps  le  sentiment  religieux  s’y
maintient  avec  fermete,_  surtout  dans  les  classes  dirigeantes.
b)  On  ne  considere  explicitement,  dans  cet  ouvrage,  les  ouvriers  (maries  ou  celibataires),
qu’ä  dater  du  moment  oü  ils  ont  quitte  la  maison  paternelle;  les  autres  sont  decrits  implicitement
  avec  le  chef  de  famille  chez  lequel  ils  demeurent.
c)  On  comprend  sous  le  nom  de  chefs  de  menage  tous  les  ouvriers  qui  ne  font  pas  partie
d’un  autre  menage;  on  y  rattache  donc  aussi  les  ouvriers  (maries  ou  celibataires)  qui,
ne  pouvant  etre  rattaches  ä  la  classe  des  domestiques,  ne  sont  point  loges  dans  leurs
propres  meubles.
d)  Les  valeurs  mobilieres  productives  de  revenu,  que  possedent  ordinairement  les  ouvriers
non  proprietaires,  sont  les  animaux  domestiques,  le  materiel  et  le  fonds  de  roulement
des  travaux  et  industries:  les  ouvriers  qui  sont  en  voie  de  devenir  proprietaires  possedent,
en  outre,  quelquefois,  une  somme  d’argent  thesaurisee  ou  placee  ä  interet.
e)  Les  droits  aux  allocations  des  caisses  d’assurances  mutuelles  s’aequierent  par  des  souscriptions
  regulieres:  ils  sont  en  rapport  avec  l’importance  de  ces  souscriptions  et  les
chances  de  mutualite.
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        es  (2),  aux  communautes  (7)  et  aux  corporations  (8).

ales  ä  distinguer  chez  les  peuples  europeens.

Peuples  sedentaires.

III.  Systeme  des  engagements  volontaires  permanents  (a).

IV.  Systeme  des  engagements  momentanes  et  du  travail  sans
engagements  (9).

Ouvriers  attaches  ä  un  patron  (proprietaire,  chef  d’industrie,  negociant  etc.)  par  leur  volonte,
guidee  elle-meme  par  la  coutume  ou.  fixee  par  des  contrats  ä  longs  termes;
attaches  parfois  ä  une  communaute  ou  ä  une  Corporation.

Ouvriers  lies  momentanement  ä  un  maitre  (propietaire,  chef  d’industrie,  negociant  etc.,)
ou  ä  une  clientele  (de  proprietaires,  de  chefs  d’industrie,  de  negociants,  de  consommateurs
  etc.);
attaches  rarement  ä  une  communaute,  souvent  ä  une  Corporation.

L’obligation  morale  ou  la  stipulation  ecrite  qui  assure  la  permanence  de  Fengagement  pese
egalement  sur  le  patron  et  sur  l’ouvrier.

Les  engagements  du  maitre  et  de  l’ouvrier  s’interrompent  dans  deux  cas  essentiellement
differents:
1er  cas.  Knptures  frequentes  provoquees  par  Finconstance,  les  defauts  ou  l’incompatibilite
  d’humeur  des  deux  parties;  par  les  discussions  relatives,  ä  la  fixation  des
salaires;  par  la  concurrence  que  suscite  la  rarete  ou  la  surabondance  des  bras  etc
2«  cas.  Interruptions  ayant  lieu,  avec  l’accord  mutuel  des  deux  parties,  lorsque  l’ouvrier
trouve  dans  une  nouvelle  Situation  l’occasion  de  s’elever  dans  la  hierarchie  industrielle.

Quelques  individus,  doues  de  l’idee  de  prevoyance,  s’elevent  aux  conditions  superieures  et
meine  ä  celles  de  proprietaires,  de  chefs  d’industrie  et  de  rentiers  (6),  sous  l’influence
bienfaisante  des  patrons,  des  communautes  ou  des  corporations.
Lea  individus  depourvus  de  l’esprit  de  prevoyance  trouvent  au  moins,  sous  la  märne  inlluence,
  un  certain  minimum  de  bien-etre.

j  Beaucoup  d’individus  doues  de  prevoyance  s’elevent  aisement  aux  conditions  superieures
1  delasociete:  ce  succes  est  surtout  acquis  ä  ceux  qui,  dans  chacune  des  situations  ascenj
  dantes  qu’ils  occupent,  se  lient  par  des  engagements  ä  longs  termes,  aussi  longtemps
qu’ils  ne  sont  pas  arrives  ä  travailler  pour  leur  propre  compte.
Les  individus  imprevoyants  qui,  sans  sortir  d’une  condition  inferieure,  ne  contractent  que
des  engagements  de  courte  duree,  tombent  ordinairement  dans  une  degradation  physique
et  morale  inconnue  dans  les  trois  autres  systemes  sociaux.

Notable  partie  du  sol  appropriee  ä  la  culture.

Sol  approprie  presque  en  totalite  ä  la  culture.

Ouvriers-domestiques  (celibataires  ou  maries)  de  certaines  exploitations  rurales  situees  dans
toutes  les  regions  de  l’Enrope;  attaches  toute  leur  vie  ä  ces  exploitations,  sans  6tre
preoccupes  du  desir  de  s’elever  ä  une  condition  superieure:
Valets  et  servantes  de  ferme  de  l’Europe  centrale.
Parents  celibataires  des  petits  proprietaires  des  Hesses  et  du  Nassau.
Parents  celibataires  des  fermiers  de  la  Vendee.
Charbonnier  des  Alpes  de  la  Carinthie.

Ouvriers  celibataires  attaches,  jusqu’ä  Fepoque  de  leur  mariage,  en  qualite  de  domestiques
aux  exploitations  rurales  de  FOccident  etc.:
Valet  de  ferme  de  la  basse  Bretagne  aspirant  ä  devenir  Pen-ty.
Apprenti-coutelier  des  Sheffield.
Compagnon-marechal-ferrant  du  Maine.
Aide-blanchisseur  de  la  banlieue  de  Paris.

Journaliers  agriculteurs  travaillant  toute  leur  vie,  pour  le  compte  d’un  meme  patron,  sans
etre  preoccupes  du  desir  de  s’elever  ä  une  condition  superieure:
Stat-torpäre  de  la  Suede.
Brassiers  des  vignobles  de  l’Armagnac.
Etc.,  etc.
Journaliers  industriels  travaillant  toute  leur  vie,  pour  le  compte  d’un  meme  patron,  sans
§tre  preoccupes  du  desir  de  s’elever  ä  une  condition  superieure:
Fondeur  des  usines  ä  cobalt  du  Buskerud  (Norwege).
Fondeur  des  usines  ä  fer  (ä  la  bouille)  du  Derbyshire.
Etc.,  etc.

Journaliers  changeant  de  maitre,  sans  jamais  sortir  de  leur  condition:
Compaguon  de  la  Corporation  des  menuisiers  de  Vienne  (Autriche).
Journalier-agriculteur  du  Morvan  (Nievre).
Journalier-agriculteur  du  Maine  (Sarthe).
Etc.,  etc.
Journaliers  d’elite  attaches  en  permanence  ä  un  patron  ou  ä  une  clientHe  dans  les  positions
ascendantes  qu’ils  doivent  successivement  occuper:
Journaliers  industriels  norwegiens,  aspirant  ä  devenir  proprietaires-ouvriers.
Menuisiers  de  Sheffield,  aspirant  ä  devenir  ouvrier-proprietaire.
Pen-ty  dela  basse  Bretagne,  aspirant  ä  devenir  fermierou  proprietaire-ouvrier.

Tächerons  travaillant  toute  leur  vie,  pour  le  compte  d’un  meme  patron,  sans  etre  preoccupes
du  desir  de  s’elever  ä  une  condition  superieure:
Forgeron  des  usines  ä  fer  de  Danemora  (Suede).
Mineur  et  fondeur  des  mines  de  mercure  d’Idria  (Carniole).
Filateur  de  coton  de  la  banlieue  d’Elberfeld  (Prusse).

Tächerons  changeant  frequemment  de  maitre,  sans  jamais  sortir  de  leur  condition:
Armurier  de  Solingen  (Prusse  rhenane).
Tisserand  de  la  vallee  du  Bhin  (Prusse  rhenane).
Horloger  de  Geneve  (2e  type).
Coutelier  de  Londres
Coutelier  de  Sheffield  (Yorkshire),  etc.
Tisserand  de  la  ville  de  Marners  (Sarthe).
Tächerons  d’elite  attaches  en  permanence  ä  un  patron  ou  ä  une  clientHe,  dans  chacune
des  positions  ascendantes  qu’ils  occupent  successivement:
Horloger  de  Geneve  (1er  type),  aspirant  ä  devenir  chef  de  metier.
Mineur  des  montagnes  metalliferes  de  l’Auvergne.

Tenanciers  exploitant  toute  leur  vie  la  meme  propriete,  conformement  ä  la  coutume,  ou
par  suite  de  contrats  ä  longs  termes,  sans  6tre  preoccupes  du  desir  de  s’elever  ä  une
condition  superieure:
Torpäre  suedois  ou  tenanciers  executant,  ä  titre  de  redevance,  lestravauxagricoles
  ou  forestiers  et  les  transports  pour  le  compte  des  proprietaires.

Tenanciers  changeant  de  proprietaire,  sans  sortir  de  leur  condition:
Fermiers  ou  metayers  de  l’Europe  occidentale  exploitant  sans  baux  ou  avec  des  baux
de  courte  duree.
Tenanciers  aspirant  ä  quitter  Fimmeuble  qu’ils  exploitent  pour  s’elever  ä  une  condition
superieure:
Metayer  du  district  de  Santander  (Vieille-Castille).

Chefs  de  metier  travaillant  toute  leur  vie  pour  le  compte  d’un  seul  patron,  ou  restant  constamment
  unis  ä  une  communaute,  sans  6tre  preoccupes  du  desir  de  s’elever  ä  une  condition ­
  superieure:
Fondeurs  en  communaute  des  bergslags  de  la  Suede.
Fondeurs  en  communaute  du  pays  bergamasque.
Etc.,  etc.  S

Chefs  de  metier  travaillant  pour  une  clientele  nombreuse;  ne  pouvant,  par  l’organisation
meme  de  l’industrie,  travailler  exclusivement  pour  le  compte  d’un  seul  patron;  portes  ä
changer  frequemment  leurs  relations  commerciales  aspirant,  d’ailleurs,  ä  quitter  leur
clientele  ou  leur  patron  pour  s’elever  ä  la  condition  de  proprietaire  ou  de  rentier,  etc.:
Chiffonier  de  Paris  (travail  sans  engagements).
Maitre-blanchisseur  de  la  banlieue  de  Paris.
Marechal-ferrant  du  Maine,  considere  quelques  annees  avant  Fepoque  ä  laquelle ­
  se  rapporte  la  monographie.

Ouvriers-proprietaires  (journaliers,  tächerons  etc.)  travaillant  toute  leur  vie  pour  le  compte
d’un  meme  patron;  eleves  dejä  en  partie  ä  la  condition  de  proprietaires,  sous  la  bienfaisante ­
  influence  du  patronage;  n’ayant  point,  en  general,  le  desir  de  quitter  le  patron:
Fondeurs  slovaques  des  usines  ä  argent  de  Schemnitz  (Hongrie).
Mineur  de  la  Corporation  des  mines  d’argent  du  haut  Hartz  (Hanovre).
Fondeur  des  usines  ä  fer  lau  bois)  de  l’Hundsrueke  (Prusse  rhenane).
Fondeur  des  usines  ä  fer  (au  bois)  du  Nivernais.
Etc.,  etc.

Salaries-proprietaires,  travaillant  pour  un  maitre  ou  une  clientHe,  aspirant  ä  quitter  cette
Situation  pour  vivre  exclusivement  de  l’exploitation  d’une  propriete  personnelle:
Moissonneur  emigrant  et  terrassier  du  Soissonnais  (Aisne).
Mineur  emigrant  de  la  Galice  (Espagne).
Chefs  de  metier,  proprietaires  ou  capitalistes,  travaillant  ordinairement  pour  une  clientHe,
aspirant  ä  quitter  cette  clientele  pour  vivre  exclusivement  de  l’exploitation  d’une  propriete ­
  personnelle:  ....
Marechal-ferrant  du  Marne  (travail  sans  engagements).
Maitre-blanchisseur  de  la  banlieue  de  Paris.

Proprietaires-ouvriers  ayant  travaille  exclusivement,  pendant  la  premiere  partie  de  leur  vie,
pour  le  compte  d’un  seul  patron:  parvenus  ä  la  Situation  independante  dont  ils  jouissent,
par  des  circonstances  fortuites,  ou  par  un  developpement  graduel  d’idees  et  de  Sentiments,
Plutöt  qu’avec  un  desir  arrete,  des  l’origine  de  leur  earriere,  de  s’elever  ä  la  condition
de  proprietaire:
Quelques  proprietaires-ouvriers  de  la  Suede,  de  l’Europe  centrale,  etc.
Proprietaires  des  petits  majorats  agricoles  de  l’Allemagne.
Le  fondeur  des  usines  ä  fer  (an  bois)  de  l’Hundsrucke,  considere  dix  annees  environ
aprüs  Fepoque  ä  laquelle  se  rapporte  la  monographie.

Proprietaires-ouvriers,  ayant,  en  general,  commence  leur  earriere  aux  rangs  inferieurs  de  la
hierarchie  sociale;  animes,  dans  tout  le  cours  de  cette  earriere,  du  desir  de  s’elever  ä
une  condition  superieure:  _
Moissonneur  du  Soissonnais  et  marechal-ferrant  du  Maine,  consideres  une  dixaine  d’annees
apres  Fepoque  ü  laquelle  se  rapportent  les  monographies.
Mineur  emigrant  de  la  Galice,  considere  deux  annees  aprds  Fepoque  ä  laquelle  se
_  rapporte  la  monographie.  ,
Proprietaires-ouvriers  ayant  toujours  vecu  dans  la  meme  condition:
Proprietaires  des  pays  allemands,  oü  la  Conservation  integrale  des  petites  proprietes
est  maintenue  par  un  regime  regulier  d’emigration.

Proprietaires  des  districts  ruraux  de  France  (pourvus  de  biens  communaux),  dans
lesquels  la  population  reste  spontanement  en  equilibre.

Notes  annexäes  par  renvois  au  present  tableau.
f)  Les  proprietes  immobilieres  que  possfedent  ordinairement  les  ouvriers  sont:  l’habitation;
un  jardin  potager;  un  verger;  un  terrain  pour  la  production  des  pommes  de  terre,  des
cereales  ou  des  matieres  textiles;  un  vignoble;  une  prairie;  une  grange;  une  etable;  une
ecurie;  etc.
g)  Les  industries  que  les  familles  entreprennent  ordinairement  ä  leur  propre  compte,  independamment
  du  travail  execute  pour  le  compte  d’un  proprietaire  ou  d’un  chef  d’industrie,
offrent,  en  Europe,  une  grande  variete;  les  plus  habituelles  sont:  la  culture  des  terres
possedees  ou  louees  par  la  famille,  l’exploitation  des  animaux  domestiques  et  une  multitude
  de  petites  entreprises  eoncernant  la  production  des  aliments  ou  des  objects  de  vetement
  et  de  mobilier.
h)  Les  tenanciers  se  snbdivisent  en  deux  grandes  categories,  seien  la  natnre  des  prelevements
  attribues  au  proprietaire  de  l’immeuble:  on  les  nomine  fermiers  ä  partage,  metayers,
colons  partiaires  etc.,  lorsque  le  prelevement  du  proprietaire  consiste  en  une  part  de
produits  (souvent  la  moitie)  proportionelle  ä  la  production  totale;  on  les  nomme  fermiers
proprement  dits  quand  le  prelevement  du  proprietaire  est  forme  par  un  abonuement  fixe
en  travaux  (corvees),  en  produits  (redevances)  ou  en  argent  (rente).
Dans  les  constitutions  remontant  ä  une  epoque  ancienne  il  existe  des  classes  speciales
de  tenanciers  jouissant,  de  generation  en  generation,  du  droit  exclusif  d’exploiter  certains
immeubles,  ä  la  Charge  de  servir  le  prelevement  (fixe  ou  proportionnel)  stipule  en  faveur
des  auteurs  de  la  concession  et  de  leurs  descendants.  Cette  classe  de  tenanciers-proprietaires,
  fort  commune  encore  dans  l’Orient  et  dans  l’Europe  centrale  se  restreint,

depuis  un  siede  sous  l’influence  des  revolutions  politiques  et  des  lois  nouvelles,  chez
les  peuples  oü  s’ämoindrit  le  sentiment  de  la  solidarite.  Elle  est  encore  representee  en
France  par  plusieurs  types  interessants,  par  exemple  par  le  saulnier-lettrier  de  la  Saiutonge).

i)  Ordinairement  les  ouvriers  ne  s’etablissent  comme  chefs  de  metier  que  lorsqu’ils  ont  pu
acquerir  la  nropriete  du  fonds  et  de  la  clientele:  on  peut  concevoir  cependant  des  chefs
de  metier  pviiloitant  un  fonds  et  une  clientHe  fournis  par  un  predecesseur:  dans  ce  cas,
un  prelevement  aurait  lieu  au  profit  de  ce  dernier.  _  .  .
k)  On  desio-ncra  chaque  ouvrier  de  la  categorie  des  ouvriers-proprietaires  en  plaqant  avant
le  mot  pro  letaire  le  noin  du  type  qui  caracterise  la  condition  dans  laquelle  s’execnte  le
travail  urincinal'  aiusi  Fon  dira:  journalier-proprietaire,  tächeron-proprietaire  etc,  selon
fine  l’ouv  '  r  traVaille  principalement  en  qualite  de  journalier,  de  tächeron  etc.
l)  On  desio-Jil-a  ebaque  ouvrier  de  la  categorie  des  proprietaires-ouvriers  en  plaqant  apres
le  mot  uro  ietaire  le  nora  qui  caracterise  de  la  maniere  la  plus  speci'ale  le  genre  d’exploitation
  l’ouvrier;  ainsi  Fon  dira:  proprietaire-vigneron,  proprietaire  agriculteur  etc.,
selon  que  Pouvrier  exploite  une  vigne,  cultive  les  cereales  etc.
        <pb n="51" />
        45

Verhältnissen,  rechtlichen  und  wirtschaftlichen  Institutionen  und  einer'
gedeihlichen  gesellschaftlichen  Entwicklung,  die  sich  äußert  im
„sozialen  Frieden“  und  gegründet  ist  auf  die  Zufriedenheit  des  einzelnen ­
  mit  den  sozialen  Zuständen,  gewisse  gesetzmäßige  Zusammenhänge ­
  bestehen.
Auburtin 1 )  erinnert  in  seiner  Biographie  Le  Play’s  an
folgenden  Ausspruch  eines  älteren  französischen  Sozialreformators
de  Bonald,  der  auf  Le  Play  Einfluß  ausgeübt  zu  haben  scheint:
„Es  gibt  Naturgesetze  für  den  Ameisen-  und  Bienenstaat;  wie  könnte
man  glauben,  daß  es  für  die  menschliche  Gesellschaft  keine  gebe  und  daß
diese  dem  Zufall  menschlicher  Erfindungen  preisgegeben  sei.“
„Wenn  aber  —  so  ergänzt  Auburtin  den  Gedankengang  im  Sinne  Le  Play’s  :
—  diese  Gesetze  existieren,  so  sind  die  menschlichen  Gesellschaften  offenbar  ,
gehalten,  sich  ihnen  zu  unterwerfen;  wenn  sie  sich  darin  treu  zeigen,  können  :
sie  nicht  anders  als  glücklich  sein;  wenn  sie  die  Gesetze  übertreten,  wird  es
nicht  ausbleiben,  daß  sie  ins  Elend  kommen.“
Le  Play  selbst  war  anfangs  der  gesetzmäßige  Zusammenhang  noch
keineswegs  so  klar 2 ):
Ich  sah  Völker,  die  unter  denselben  Formen  der  Religion  und  der  Souveränität ­
  bald  glücklich,  bald  elend  waren  ;  ohne  schon  einen  endgültigen ­
  Schluß  zu  ziehen,  vermutete  ich,  daß  die  Bevölkerungen,  je  nachdem
sie  zufrieden  oder  unzufrieden  mit  ihrem  Schicksal  wären,  auch  in  entscheidenden ­
  Punkten  verschieden  denken  und  handeln  würden,  daß  sie  mir  daher
früher  oder  später  selbst  das  Geheimnis  des  Völkerglücks  entdecken  würden.
*  Das  ist  denn  auch  in  der  Tat,  nach  der  Überzeugung  Le  Play’s,
geschehen;  er  fand  jenes  Geheimnis  in  der  Befriedigung  der  zwei
wesentlichen  menschlichen  Bedürfnisse,  der  Beobachtung  des
Sittengesetzes  und  der  Sicherheit  des  täglichen  Brotes.
Von  dieser  Gesetzmäßigkeit  war  er  so  überzeugt,  daß  er  an  anderer
Stelle,  wo  er  seinen  Schülern  Anweisungen  gibt,  sagt:
Der  Beobachter  ist  immer  in  der  Lage,  zu  zeigen,  daß  die  Familie  elend
oder  glücklich  ist,  je  nachdem  diese  beiden  wesentlichen  Bedingungen  des
Unglücks  oder  des  Glücks  verschwunden  oder  erhalten  sind 3 ).
Le  Play  fand  bei  einfachen,  noch  nicht  stark  differenzierten  Verhältnissen, ­
  denen  er  seine  Beobachtungen  glücklicher  Familien  hauptsächlich ­
  entnahm,  keine  besonderen  Schwierigkeiten  einer  richtigen
Auswahl  typischer  Familien.  Er  hat,  wie  er  gesteht,  angesichts  der
unübersehbaren  Mannigfaltigkeit  der  menschlichen  Verhältnisse,
wiederholt  daran  gezweifelt,  ob  seine  Methode  genüge,  um  solche
’)  1.  c.,  s.  119.
2 )  o.  E.  I,  215  ff.
3 )  0.  E.  I,  227.
        <pb n="52" />
        46

‘)  0.  E.  I,  210.
i 2 )  0.  E.  I,  214.

Verschiedenheiten  zu  erklären.  Aber  durch  immer  neue  Beobachtungen ­
  glaubte  er  sich  davon  überzeugt  zu  haben,  daß  seine  Zweifel
unbegründet  seien 1 ):
Man  könnte  auf  den  ersten  Blick  glauben,  daß  das  Studium  einer  über
ein  weites  Gebiet  verstreut  wohnenden  Gesellschaft  nicht  ausgeführt  werden
könne  durch  methodische  Beobachtung  einer  kleinen  Zahl  von  Familien,  die
den  hauptsächlichsten  handarbeitenden  Berufen  angehören.  Die  Natur  des
Menschen  zeigt  eine  unbegrenzte  Verschiedenheit;  die  Kinder  aus  einer  Ehe
zeigen  in  der  Wahl  des  Guten  und  Bösen  oft  entgegengesetzte  Neigungen.
Um  so  mehr,  so  scheint  es,  müßten  an  demselben  Ort  und  in  demselben  Beruf
recht  große  Unterschiede  zwischen  den  einzelnen  Familien  herrschen.  Diese
Annahme  wird  aber  durch  die  Tatsachen  keineswegs  bestätigt.  Ich  werde
zeigen,  wie  es  den  guten  sozialen  Verfassungen  gelingt,  die  Ungleichheiten
auszutilgen,  die  die  Verschiedenheiten  der  menschlichen  Natur  herbeiführen
müßten.
Le  Play  stellt  nun  zunächst  fest,  daß  bei  den  von  ihm  beobachteten ­
  primitiven  Völkern  jene  Verschiedenheiten  überhaupt
noch  nicht  vorhanden  sind;  sie  bilden  sich  erst  mit  Entstehung  verschiedener ­
  Berufsarten,  durch  vollständige  Besitzergreifung  des  Bodens,
durch  Steigerung  des  Wohlstands.  So  geht  es  z.  B.  bei  den  Ackerbau- ­
  Völkern 2 ):
Die  Familien  erwerben  oft  mehr  Land,  als  sie  selbst  bearbeiten  können.
Den  Überfluß  geben  sie  an  Pächter  ab  und  leben  von  der  Bente,  die  sie
dafür  bekommen.  Sie  selbst  wenden  sich  liberalen  Berufsarten  zu.
Der  Bauer  kann  nur  einem  seiner  Kinder  sein  Besitztum  hinterlassen;
die  übrigen  siedelt  er  in  der  Nachbarschaft  an  als  freie  Arbeiter  usw.
Durch  eine  derartige  Differenzierung  des  Berufs  und  des
Einkommens  kompliziert  sich  das  soziale  Problem  immer  mehr;  aber
es  gibt  auch  in  solchen  Zuständen  noch  Mittel,  um  die  Beobachtung
des  Sittengesetzes  und  das  tägliche  Brot  zu  sichern.  Und  darauf,
so  sagt  Le  Play,  kommt  alles  an.  Diese  beiden  Existenzbedürfnisse
jeder  menschlichen  Gesellschaft  werden,  nach  Le  Play,  befriedigt  durch
zwei  dauernde  Grundelemente,  durch  das  göttliche  Gebot  und  durch
die  väterliche  Gewalt,  sowie  durch  fünf  variable  Elemente:  durch  die
Formen  der  Religion,  durch  die  Staatsordnung  und  durch  die  drei
Arten  des  Grundeigentums  (Gemeineigentum,  Patronagesystem  und
Privateigentum).  Nur  diese  fünf  variablen  Elemente  hält  Le  Play
für  die  Quellen  der  sozialen  Differenzierung:
        <pb n="53" />
        47

Ti

Die  Methode  der  Monographie,  so  fährt  er  fort,  zeigt  deutlich  die  Unveränderlichkeit ­
  der  beiden  Grundelemente  (göttliches  Gebot,  väterliche  Gewalt)
und  ebenso  die  Anpassung  der  fünf  variablen  Elemente  an  die  Verhältnisse
des  Ortes  und  der  Zeit  ....  Was  jene  ersten  beiden  Elemente  betrifft,
so  sind  die  sorgsamsten  Beobachter  überzeugt,  daß  eine  einzige  Monographie ­
  genügt,  die  monatelang  in  ländlicher  Umgehung  bei  einem  gedeihenden ­
  Volke  aufgenommen  ist,  unter  einfachen  oder  unter  komplizierten
Verhältnissen.  Hinsichtlich  der  5  variablen  Elemente  haben  dieselben  Beobachter ­
  es  für  angemessen  erachtet,  ihre  Studien  auf  mehrere  Berufsarten  und
auf  verschiedene  Bangstufen  dieser  Berufsarten  auszudehnen.  Aber  durch
Vergleich  von  drei  oder  vier  Monographien  haben  sie  immer  festgestellt,  daß
die  Fortsetzung  dieser  Untersuchungen  zu  keinem  neuen  Ergebnis  führen
würde.  In  der  Übereinstimmung  und  Allgemeinheit  einer  kleinen  Zahl  von
Monographien  beruht  die  Einfachheit  und  demgemäß  die  praktische  Nutzbarkeit
der  Methode').
In  der  von  Le  Play’s  Schüler  Fo  eil  Ion  später  verfaßten,  von
dem  Meister  genehmigten  Instruktion  für  die  Aufnahme  von  Monographien ­
  sind  für  die  richtige  Auswahl  der  Familien  noch  speziellere
Anweisungen  gegeben,  welche  zeigen,  daß  diese  Auswahl  doch  nicht
so  leicht  war,  wie  es  nach  den  eben  wiedergegebenen  allgemeinen
Anschauungen  den  Anschein  haben  könnte.  Es  heißt  dort  z.  B.:
man  muß  eine  Durchschnittsfamilie  wählen,  jedenfalls  eine  Familie,
die  aus  der  Gegend  stammt  und  nicht  erst  zugewandert  ist;  sie  soll
mittlere  Existenz-Bedingungen  zeigen,  also  weder  nach  oben  noch
nach  unten  in  ihrer  materiellen  wie  moralischen  Lage  wesentliche
Besonderheiten  enthalten.  Vor  allem  soll  es  eine  richtige  Familie
sein,  die  aus  zwei  Eltern  und  mehreren  Kindern  besteht.  Auch  die
Zahl  der  Kinder  muß  dem  allgemeinen  Durchschnitt  einigermaßen
entsprechen.  Sehr  wichtig  ist,  daß  die  Familie  sich  gern  zur  Beobachtung ­
  hergibt.  Den  Zutritt  zur  Familie  erlangt  man  in  Gegenden, ­
  wo  der  soziale  Friede  herrscht,  durch  den  „Patron“  des  Arbeiters, ­
  sonst  durch  Vermittlung  einflußreicher  und  Vertrauen  erweckender ­
  Persönlichkeiten.
Das  sind  einige  der  Richtlinien,  die  Le  Play  seinen  Schülern
für  die  Aufnahme  von  Familien-Monographien  mitgegeben  hat.  Inwieweit ­
  sie  genügten,  wird  sich  später  ergeben.
Die  Monographie.  1.  Das  Schema.  Die  Masse  der  Tatsachen,
die  Le  Play  von  jeder  einzelnen  Familie  zu  erfahren  für  wichtig
hielt,  mußte  geordnet  werden,  wenn  er  sie  verwerten  wollte.  Zu
dem  Zwecke  war  ein  Schema  erforderlich:

*)  0.  E.  I,  218.

4
        <pb n="54" />
        48

*)  0.  E.,  1.  Aufl.,  22.
2 )  0.  E.  III,  151.

„.  .  .  Der  Zweck  wäre  unvollkommen  erreicht,  wenn  der  Leser  eine
ganze  Monographie  durchsehen  müßte,  um  eine  einzelne  Tatsache  oder  Zahl
zu  finden.  In  Voraussicht  dieser  Schwierigkeit  habe  ich  das  Material  immer
in  derselben  Folge  angeordnet  und  zahlreiche  Unterabteilungen  geschaffen,
die  unter  gleichen  Überschriften  in  einem  unveränderlichen  Schema  (cadre
invariable)  vereinigt  sind.  Um  den  Vergleich  der  Örtlichkeiten  und  Menschen
zu  erleichtern,  habe  ich  die  Ausdehnung  einer  jeden  Monographie  auf  durchschnittlich ­
  50  Seiten  beschränkt,  indem  ich  lediglich  die  unentbehrlichsten
Einzelheiten  erwähnte.  Ich  konnte  diese  Kürzung  vornehmen,  ohne  mich
irgendwie  vom  Hauptzweck  meiner  Untersuchung  zu  entfernen.“
Le  Play  unterscheidet  folgende  drei  Teile  des  Schemas:  1.  den
Haupttitel  der  Monographie,  in  dem  die  entscheidenden  sozialen  Merkmale ­
  des  Arbeiters  beschrieben  sind;  2.  die  eigentliche  Monographie,
die  die  Beschreibung  der  Familie  in  der  Form  einer  Haushaltsrechnung ­
  enthält;  3.  allgemeine  Erläuterungen  und  Ergänzungen.
Das  Schema  der  Monographie  ist  erst  im  Laufe  vieler  Jahre
entstanden.  Schon  im  Jahre  1829,  auf  seiner  ersten  Reise  nach
Deutschland,  hat  Le  Play  im  Harz  Bergarbeiter-Familien  genauer
studiert  und  Material  gesammelt.  Aber  erst  allmählich  ging  ihm
der  Sinn  dafür  auf,  wie  wertvoll  die  Ordnung  dieses  Materials  sein
könnte,  und  er  suchte  nach  einer  Form,  damit  er  nicht  in  der
Mannigfaltigkeit  der  Tatsachen  ersticke.
In  den  ersten  10  Jahren,  die  diesen  Untersuchungen  gewidmet  waren,  war
es  in  der  Tat  nötig,  für  die  Beschreibung  eines  jeden  neuen  Typs  eine  neue
Form  zu  suchen,  die  fast  immer  Lücken  in  den  vorhergehenden  Beobachtungen
aufwies;  aber  dieses  Schema,  das  durch  weitere  Versuche  fortschreitend  verbessert ­
  wurde,  ist  so  vollständig  geworden,  daß  es  im  Laufe  der  letzten
10  Jahre  nicht  mehr  nötig  gewesen  ist,  den  aufgestellten  Plan  in  irgendeiner
Beziehung  zu  ändern,  sei  es  für  die  Beobachtung,  sei  es  für  die  Beschreibung
neuer  Tatsachen  *).
Im  Jahre  1839  war  der  Entwurf  in  den  wesentlichen  Teilen  fertiggestellt. ­
  Aber  im  Jahre  1848,  als  Le  Play,  gedrängt  von  seinen
Freunden,  die  Veröffentlichung  seiner  Monographien  beschloß,  ergaben ­
  sich  infolge  neuer  Reisen  wieder  Schwierigkeiten  der  Anordnung. ­
  Le  Play
erreichte  diesen  Zweck  durch  ein  ebenso  sicheres  Verfahren,  wie  das  war,  das
hei  der  Sammlung  der  Tatsachen  angewandt  worden  war:  er  begann  in  zwanzig
Wiederholungen  immer  wieder  die  handschriftliche  Abfassung  der  Monographien, ­
  bis  die  Erfahrung  von  drei  Jahren  gezeigt  hatte,  daß  die  neugewonnenen ­
  Tatsachen  ganz  von  selbst  ihren  Platz  in  dem  Schema  der  letzten
Abfassung  fanden 2 ).
        <pb n="55" />
        —  49  —
Während  Le  Play  anfänglich  nur  die  Haushalts-Einnahmen  und
Ausgaben  einander  gegenüb  erstellte,  merkte  er  bald,  daß  für  die
Mehrzahl  der  Leser  ein  erläuternder  Text  nötig  sein  würde.  So
entstand  die  endgültige  Form  der  Monographie.
Wir  wollen  nunmehr  die  einzelnen  Teile  des  Monographie-Schemas
  kurz  besprechen.
Als  ersten  Teil  der  Monographie  bezeichnet  Le  Play  das,
was  wir  die  Überschrift,  den  Titel  der  Monographie,  nennen  würden.
Er  ist  deshalb  bedeutsam,  weil  Le  Play  gemäß  seiner  Klassifikation
nach  dem  „sozialen  Wert“,  von  der.  oben  ausführlicher  die  Rede  war
(S.  43  ff.),  dem  Arbeiter  seine  soziale  Stellung  zuweist.  Wir  erfahren
hier  den  Beruf  des  Arbeiters,  seine  Stellung  innerhalb  des  Berufes
und  die  Art  des  Arbeitsverhältnisses  zum  Unternehmer.
Der  wichtigste  Teil  der  Monographie  ist  die  Haushaltsrechnung,
  in  der  alle  Ausgaben  und  Einnahmen  einer  Familie
für  den  Zeitraum  eines  Jahres  zahlenmäßig  aufgeführt  sind 1 ).
Die  Einnahmen  zerfallen  in  Geld-  und  Natural-Einnahmen;
letztere  werden  möglichst  genau  in  Geld  abgeschätzt.  Die  Einteilung ­
  der  Einnahmen  geht  von  den  Einnahmequellen  aus,  und
zwar  sind  diese  wieder  nach  ihrem  „sozialen  Wert“  angeordnet,
nicht  nach  ihrer  rein  zahlenmäßigen  Bedeutung,
„.  .  wie  es  sich  bei  einer  Methode  gehört,  die  die  Grundlagen  der  Sittlichkeit,
der  Sicherheit  und  der  fortschreitenden  Entwicklung  absehätzen  will,  die  jede
soziale  Organisation  ihren  verschiedenen  Arbeiter-Typen  gewährt.  Um  dieser
Notwendigkeit  zu  genügen  und  doch  den  natürlichen  Zusammenhang  der  Tatsachen ­
  und  der  Ideen  zu  respektieren,  entschloß  man  sich,  die  Einkünfte  aus
dem  Eigentum  an  die  erste  Stelle  zu  setzen  und  dann  nacheinander  die  Einkünfte ­
  aus  Subventionen,  den  Arbeitslohn  und  den  Ertrag  aus  häuslichem  Gewerbe ­
  anzuführen“  2  3  * ).
Das  Eigentum  steht  hier  an  erster  Stelle,  weil  es  der  Familie
die  größte  Selbständigkeit  verleiht  und  wertvolle  Eigenschaften  entwickelt; ­
  besonders  gilt  das  vom  Grundbesitz.  Das  Eigentum  kann
ergänzt  oder  auch  ersetzt  werden  durch  weitgehende  Gewährung
von  Subventionen 8 ).  Le  Play  erachtet  es  als  eine  gebieterische
soziale  Notwendigkeit,  daß  die  höheren  Klassen  den  niederen,  soweit
sie  sich  selbst  nicht  vollständig  erhalten  können,  zu  Hilfe  kommen.
Keine  Frage  hat,  nach  seiner  Meinung,  den  menschlichen  Geist
')  Das  Schema  der  Haushaltungsrechnung  ist  im  Anhänge  abgedruckt.
2 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  S.  24  ff.
3 )  Der  deutsche  Ausdruck  „Unterstützungen“  paßt  ebensowenig  ganz  wie  das
Wort  „  Wohlfahrts-Einrichtungen“.

4 :
        <pb n="56" />
        50

»)  0.  E.,  1.  Aufl.,  23.

häufiger  und  dauernder  beschäftigt  als  diese,  und  so  sind  die  mannigfaltigsten ­
  Lösungen  gefunden  worden.  Besonders  drei  Arten  von
„Subventionen“  lassen  sich  unterscheiden:  einmal  die  Nutznießungsrechte ­
  (proprietes  regues  en  usufruit);  die  gebräuchlichsten ­
  sind  solche  an  Wohnung,  landwirtschaftlichen  Grundstücken
und  Haustieren;  weniger  oft  erscheinen  solche  an  Betriebskapital,
zinslose  oder  gering  verzinsbare  Darlehen.  Ihnen  nahe  stehen  die
Gebrauchsrechte  (droits  d’usage  sur  les  proprietes),  die  sich
nur  darin  von  ersteren  unterscheiden,  daß  sie  nie  das  ausschließliche ­
  Verfügungsrecht  über  das  Eigentum  oder  seine  Produkte  verleihen. ­
  Sie  sind  sehr  weit  verbreitet.  Oft  sind  es  Hechte  an  gemeinschaftlichem ­
  Besitz,  so  z.  B.  an  der  Arbeitsstätte  und  den  Arbeitswerkzeugen ­
  (Backofen,  Schlachthaus,  Mühle,  Wein-  und  Ölpresse  usw.).
Einen  anderen  Charakter  hat  wieder  das  Recht  der  Nachlese,  das
von  größeren  Besitzern  gewährt  wird.  Die  wichtigsten  Hechte  dieser
Art  sind  aber  die  auf  freie  Erzeugnisse  der  Natur.  Hierher  gehören: ­
  Gras-,  Heu-  und  Streumachen,  Viehweide,  Jagd,  Fischfang,
das  Recht  auf  die  wildwachsenden  Waldfrüchte  und  Pilze,  auf  Werkund
  Brennholz,  auf  Torf,  Rohr,  Steine  usw.  Während  diese  beiden
Arten  von  Rechten  nur  indirekt  die  menschlichen  Bedürfnisse  befriedigen, ­
  dient  die  dritte  Kategorie  direkt  diesen  Bedürfnissen.
Le  Play  nennt  sie  die  Überlassung  von  Naturalgütern
und  Natural-Leistungen  (allocations  d’objets  et  Services):
Nahrung,  Wohnung,  Kleidung,  Gespanndienste  usw.
An  dritter  Stelle  der  Einnahmen  steht  der  Arbeitslohn
(salaire).  Nur  in  Westeuropa,  wo  vorübergehende  Arbeitsverhältnisse ­
  Vorkommen,  hat  dieses  Wort  einen  präzisen  Sinn,  nämlich  den
der  Entlohnung  für  geleistete  Arbeit.  Wo  die  ArbeitsVerhältnisse
Unternehmer  und  Arbeiter  dauernd  aneinander  ketten,  richtet  sich
das  Entgelt  für  die  Arbeit  nach  den  Bedürfnissen  des  Arbeiters
und  seiner  Familie;  dadurch  wird  die  Solidarität  beider  Klassen  gewährleistet; ­

die  öffentliche  Ordnung  wird  gestört,  sobald  diese  gebieterische  Notwendigkeit
nicht  mehr  befriedigt  wird,  zumal  wenn  der  intellektuelle  und  sittliche  Zustand
der  Bevölkerung  noch  nicht  genügend  entwickelt  ist 1 ).
Die  Arbeiten,  für  die  der  Lohn  gezahlt  wird,  sind  besonders  wichtig,
weil  sie  gewöhnlich  die  Haupteinnahmequelle  bilden;  sie  bilden  das
entscheidende  Merkmal  für  die  Eigenart  der  Familie:
        <pb n="57" />
        51

Die  methodische  Analyse  aller  Arbeiten,  die  von  den  einzelnen  Familiengliedern ­
  ausgeführt  werden,  ist  im  Grunde  genommen  die  genaueste  Definition,
die  man  von  der  sozialen  Lage  der  Familie  und  von  ihren  sittlichen  und  intellektuellen ­
  Gewohnheiten  geben  kann;  und  andererseits  sind  die  übrigen
Einnahmequellen  zwar  verschieden  vom  Arbeitslohn,  aber  doch  meist  mit  der
Arbeit  auf  die  innigste  und  unmittelbarste  Art  verbunden  *).
Die  Arbeiten  der  einzelnen  Familienglieder  betrachtet  Le  Play  getrennt ­
  voneinander  und  berechnet  Zeit  und  Lohn  jeder  Arbeit
für  sich.
Le  Play  beklagt  die  Tendenz  der  modernen  industriellen  Entwicklung, ­
  die  Arbeit  immer  mehr  zu  teilen,  Frauen  und  Kinder
immer  mehr  zur  Berufsarbeit  heranzuziehen.  Doch  können  wir  auf
diese  seine  Anschauungen  nicht  näher  eingehen.  Le  Play’s  Maßstäbe ­
  bei  Beurteilung  dieser  Fragen  waren  teils  ethische  (Beeinträchtigung ­
  des  Familienlebens),  teils  volkshygienische,  welche  letztere
er  bei  Beurteilung  der  Frauenarbeit  deutlich  von  jenen  anderen
sondert  :
Es  ist  nicht  nur  eine  Frage  der  Humanität,  sondern  eine  kluge  volkswirtschaftliche ­
  Maßnahme,  die  Frau  von  allzu  schwerer  Arbeit  zu  entlasten  2 ).
Der  Begriff  des  „Arbeitslohns“  wird  von  Le  Play  so  weit  gefaßt, ­
  daß  für  die  vierte  Einnahmequelle,  für  den  gewerblichen
Hausfleiß,  nicht  allzu  viel  übrig  bleibt.  Infolgedessen  legt
Le  Play  ihr  mehr  eine  moralische  als  eine  wirtschaftliche  Bedeutung ­
  bei,  wobei  er  indes  bemerkt,  daß  diese  nicht  für  alle
Arbeiterarten  die  gleiche  ist,  vielleicht  im  allgemeinen  mit
jeder  höheren  Stufe  wächst.  Er  bezeichnet  solche  Arbeiten  als
„Gymnastik  des  Eigentums“,  als  „Lehrzeit  des  Eigentums“.  Sie
regen  den  Spartrieb  an  und  reizen  zur  Erhaltung  des  Ersparten;
durch  die  Erziehung  zur  Wirtschaftlichkeit  und  Mäßigkeit  erheben
sie  den  Arbeiter  auf  eine  höhere  soziale  Stufe.  Zugleich  verschaffen
sie  ihm  auch  manche  Einnahmen,  wobei  besonders  wertvoll  ist,  daß
diese  meist  von  wirtschaftlichen  Krisen  unabhängig  sind.  Solche
Nebenarbeiten  sind  auch  das  geeignete  Tätigkeitsfeld  für  die  schwachen
Familienglieder.  Sie  werden  in  oder  bei  dem  Hause  ausgeführt
und  bewahren  so  die  Unabhängigkeit  der  Familie  und  den  moralischen ­
  Einfluß  des  Hauses  auf  Frau  und  Kinder.  Letzteren  geben
sie  noch  besonders  Gelegenheit,  ihre  Intelligenz  und  Handfertigkeit
kräftig  zu  entwickeln.
*)  0.  E.,  1.  Aufl.,  27.
2 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  28.
        <pb n="58" />
        52

Die  Ausgaben  zeigen  in  ihren  einzelnen  Teilen  nicht  die
großen  Verschiedenheiten  wie  die  Einnahmen,  welche  letztere  durch
die  Örtlichkeit,  die  Natur  der  Arbeiten  und  die  Organisation  der
Gesellschaft  stark  beeinflußt  werden:
Die  Ausgaben  sind  die  Folge  von  Bedürfnissen,  wie  sie  sich  aus  der
Natur  des  Menschen  ergeben.  Ihre  Verschiedenheiten  beanspruchen  zwar
großes  Interesse  und  müssen  durch  die  Methode  in  allen  Einzelheiten  untersucht ­
  werden.  Aber  immer  werden  sie  von  den  Bedürfnissen  des  Menschen
entscheidend  bestimmt  *).
Le  Play  teilt  die  Ausgaben  in  fünf  Abteilungen:  a)  Nahrung,
b)  Wohnung,  c)  Kleidung,  d)  Ausgaben  für  moralische  Bedürfnisse,
Erholung  und  Gesundheitsdienst,  e)  solche  für  eigene  Nebenarbeiten,
Schulden,  Steuern  und  Versicherungen  (Betriebsausgaben).
Wir  wollen  uns  hier  nur  mit  der  vierten  Abteilung,  also  mit
den  Ausgaben  beschäftigen,  welche  geistigen  Bedürfnissen  und
der  Körpergesundheit  dienen.  Wenn  diese  Ausgaben  auch
rein  zahlenmäßig  im  Budget  keine  große  Bolle  spielen,  so  legt  doch
Le  Play  auf  sie  großen  Wert;  er  sagt  geradezu:
Man  erhält  durch  diese  Untersuchung  nicht  nur  über  das  materielle
Leben  Aufklärung,  sondern  auch  über  das  intellektuelle  und  sittliche  Leben.
Wie  die  Monographien  der  „Ouvriers  europeens“  zeigen,  gibt  es  in  der  Lebensweise ­
  des  Arbeiters  kaum  ein  Gefühl  oder  eine  erwähnenswerte  Handlung,
die  nicht  im  Budget  der  Einnahmen  oder  Ausgaben  ihre  Spur  hinterließe 1  2 ).
Wenn  auch  manche  dieser  Bedürfnisse  vom  modernen  Staate  befriedigt ­
  werden,  ohne  das  Budget  der  einzelnen  Staatsangehörigen
direkt  zu  belasten,  so  bleibt  doch  dem  Einzelnen  noch  viel  zu  tun
übrig.  So  erwähnt 3 )  Le  Play  z.  B.  die  jährlichen  Seelenmessen,  die
in  katholischen  Gegenden  für  die  Verstorbenen  der  Familie  gelesen
werden,  und  er  ist  geneigt,  aus  solchen  in  Geld  meßbaren  seelischen
Bedürfnissen  weittragende  Schlüsse  zu  ziehen.  Er  sagt:
Die  regelmäßige  Feier  dieser  Jahresgedächtnisse  und  der  Pomp,  der  dabei
entfaltet  wird,  sind  in  vielen  Fällen  ein  ausgezeichnetes  Maß  der  Stärke  oder
der  Schwäche  der  sittlichen  Gefühle.
Ebenso  deuten  Ausgaben  für  Versicherungen,  Anlage  von  Ersparnissen ­
  usw.,  worin  sich  die  Wirtschaftlichkeit  einer  Familie  zeigt,
auf  einen  höheren  sittlichen  Zustand  als  das  vollständige  Fehlen
solcher  Ausgaben;  oft  werden  sie  der  Lage  der  Dinge  nach  nicht

1 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  31.
2 )  0.  E.  I,  237.
3 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  41.
        <pb n="59" />
        53

)  0.  E.,  1.  Aufl.,  22.

möglich  sein,  oft  werden  sie  aber  auch  von  anderen  minder  wichtigen ­
  Ausgaben  zurückgedrängt.
Als  Beweis  dafür,  daß  oft  eine  einzige  Zahl  der  Haushaltsrechnung ­
  mehr  über  den  sittlichen  Zustand  ganzer  Yolksklassen
aussagt  als  lange  Abhandlungen,  erwähnt  Le  Play  die  Tatsache,
daß  ein  Pariser  Schitfsauslader  12  °/ 0  seines  Einkommens  verwendet,
um  sich  zu  betrinken,  während  er  für  eine  sittliche  Erziehung  seiner
Kinder  keinen  Pfennig  opfert.
So  sagt  Le  Play  auch  einmal,  daß  die  Beleuchtungsausgaben,
unter  gleichen  klimatischen  Verhältnissen,  ein  ausgezeichneter  Maßstab ­
  für  die  Häuslichkeit  einer  Familie  seien;  gewiß  eine  feine  Bemerkung! ­
  Solche  Ergebnisse  gewinnt  nur  der,  welcher  sich  vergleichend ­
  in  diese  Zahlen  vertieft  und  hierdurch  ein  Verständnis
erlangt,  das  keine  Betrachtungsweise  aus  der  Vogelperspektive,  keine
Statistik  geben  kann.
Wir  gelangen  jetzt  zu  dem  in  jeder  Monographie  enthaltenen
erläuternden  Texte.  An  und  für  sich  müßte  nach  Ansicht
Le  Play’s  die  Haushaltsrechnung  selbst  genügen,  um  den  Leser  über
alle  wissenswerten  Punkte  aufzuklären.  Aber  einmal  gibt  sich
nicht  jeder  Leser  die  Mühe,  aus  Zahlen  zu  lernen,  oder  er  kann  es
nicht;  und  ferner  gibt  es  doch  manche  Tatsachen  allgemeiner  Art,
die  „dieser  finanziellen  Analyse  des  menschlichen  Lebens“  entschlüpfen ­
  oder  dadurch  nicht  in  ihrer  wirklichen  Bedeutung  hervortreten ­
  1 ).
Deshalb  hat  Le  Play  das  beschreibende  und  erläuternde
W  ort  hinzugenommen.  Er  teilt  den  Text  in  zwei  Teile:  der  Haushaltsrechnung ­
  gehen  voraus  „Einleitende  Beobachtungen“.
Es  sind  13  Paragraphen,  die  Auskunft  geben:  über  die  Örtlichkeit
im  weitesten  Sinne,  meist  auf  geologischer  Grundlage,  über  die  Art
des  Arbeitsverhältnisses  und  die  Familien-Organisation,  sodann  namentlich ­
  über  die  persönlichen  Verhältnisse  der  zu  beschreibenden  Familie.
Das  Budget  der  Einnahmen  wird  im  Texte  behandelt  unter  der
Überschrift  „Existenzmittel  der  Familie“.  Daran  schließt  sich  an
die  „Geschichte  der  Familie“,  die  nur  selten  über  frühere  Generationen ­
  unterrichtet,  sondern  meist  den  üblichen  Lebensgang  eines
Arbeiters  der  beschriebenen  Art,  seine  „Existenzphasen“  schildert.
Im  letzten  Paragraphen  dieser  einleitenden  Beobachtungen  behandelt
        <pb n="60" />
        54

Le  Play  „Sitten  und  Einrichtungen,  die  das  physische  und  moralische
Wohlergehen  der  Familie  sicherstellen“.
Der  zweite  Teil  des  Textes  schließt  sich  an  die  Haushaltsrechnung ­
  an  und  ist  überschrieben  „Die  verschiedenen  Elemente ­
  der  sozialenVerfassun  g“.  Er  gehört  nicht  zur  eigentlichen ­
  Monographie  :
Man  erwähnt  hier  soziale  Erscheinungen,  denen  gegenüber  sich  der
Arbeiter  rein  passiv  verhält,  und  deren  gute  oder  schlimme  Folgen  man  ihm
nicht  zuschreiben  darf.  So  muß  man  in  den  Monographien  französischer
Arbeiter  in  diesem  Teil  oft  der  revolutionären  Erbgesetze  Erwähnung  tun,
die  periodisch  das  Eigentum  des  häuslichen  Herdes  zertören,  das  mühsam
durch  die  Aufopferung  und  Wirtschaftlichkeit  der  Eltern  geschaffen  wurde*).
So  enthält  also  dieser  Teil  soziale  Tatsachen,  die  mit  der  Tätigkeit ­
  der  Familie  an  sich  nichts  zu  tun  haben  und  auch  im  Budget
nicht  erscheinen,  die  aber  sehr  charakteristisch  für  die  soziale  Verfassung ­
  des  Gebietes  sind.  Le  Play  nennt  diesen  Teil  eine  „Zusammenfassung ­
  seiner  Ernte“;  denn  er  hat  hier  ergänzende  Auszüge ­
  ans  Monographien  verarbeitet,  die  er  nicht  vollständig  veröffentlicht ­
  hat *  2  3 ).  Wir  finden  auch  sehr  oft  fertige  Urteile  in  diesem
Teil,  was  der  Regel  widerspricht,  die  er  selbst  aufstellt,  indem  er
schreibt 8 ):
Die  Noten  zu  unseren  Monographien  dürfen  niemals  ihren  Charakter
verlieren  und  Abhandlungen  werden.  Die  langen  Reflexionen,  die  die  Ansicht
des  Verfassers  wiedergeben,  sind  hier  unnütz.  Was  wichtig  ist,  das  sind  die
Tatsachen.
In  der  zweiten  Auflage  der  „Ouvriers  europeens“  hat  Le  Play  in
diesem  Teil  der  Monographie  oft  die  sozialen  Umgestaltungen  betrachtet, ­
  die  seit  der  ersten  Auflage  eingetreten  waren  (1855—77)
und  die  zusammenhängend  noch  in  einem  Epilog  zu  jedem  Bande
behandelt  wurden.
2.  Aufnahme  der  Monographie.  Es  bleibt  nun  noch  die  wichtige ­
  Frage  zu  beantworten,  wie  Le  Play  und  seine  Schüler  die  einzelne ­
  Monographie  aufgenommen  haben.  Bei  den  weittragenden
Schlußfolgerungen,  die  er  aus  dem  in  ihnen  vorliegenden  Material
zieht,  ist  es  von  der  größten  Bedeutung,  zu  ermitteln,  wie  die
Monographien  entstehen,  zumal  ihre  Aufnahme  offenbar  hohe  Anforderungen ­
  stellte.

‘)  0.  E.  I,  239.
2 )  0.  E.  I,  397.
3 )  Ribbe,  1.  c.,  176.
        <pb n="61" />
        55

Die  Dauer  der  Aufnahme  ist  bei  den  einzelnen  Monographien ­
  nicht  angegeben,  gewöhnlich  heißt  es:  im  Monat
des  Jahres  18  .  .,  womit  also  gesagt  sein  würde,  daß  im  Höchstfall
die  Aufnahme  einen  Monat  erfordert  hat.  An  anderer  Stelle  hören
wir  von  einer  „lange  Monate  dauernden  Aufnahme“;  wieder  an
einer  anderen  Stelle  sagt  Le  Play  ausdrücklich,  daß  er  „oft
einen  ganzen  Monat,  mindestens  aber  eine  Woche“  darauf  verwandt ­
  habe.  Das  ist  eine  erstaunlich  kurze  Zeit  für  die  Abfassung
einer  Haushaltsrechnung,  die  so  ins  einzelne  geht  und  schlechterdings ­
  nichts  unberücksichtigt  lassen  will.
Damit  im  Zusammenhang  steht  die  Dauer  der  aufzunehmenden ­
  Periode.  Wenn  Le  Play  nur  eine  Woche  lang  sich
mit  einer  Familie  beschäftigte,  so  konnten  natürlich  seine  eigenen
genauen  Beobachtungen  und  Aufzeichnungen  nur  diesen  Zeitraum
umfassen.  Nun  geben  aber  alle  Monographien  ein  Jahresbudget
wieder,  das  also  offenbar  in  vielen  Fällen  das  Resultat  aus  dem
Budget  einer  Woche,  vervielfältigt  mit  52  (der  Anzahl  der  Wochen
im  Jahre),  ist.  Le  Play  hielt  das  teilweise  für  ausreichend J )  und
sagt:
In  Gegenden,  wo  die  Arbeiter  mit  den  Unternehmern,  bei  denen  sie
arbeiten,  nur  durch  Beziehungen  von  kurzer  Dauer  verbunden  sind,  und  in
den  seltenen  Berufen,  wo  die  Familien,  jeder  landwirtschaftlichen  Beschäftigung ­
  fremd,  ausschließlich  in  der  Industrie  tätig  sind,  kann  man  summarisch
die  Lage  einer  jeden  Familie  mit  Hilfe  des  Budgets  einer  Woche  beschreiben.
Das  ist  z.  B.  bei  mehreren  Kategorien  englischer  Arbeiter  häufig  der  Fall.
Aber  dieser  Zeitraum  genügt  nicht  mehr,  wenn  man  eine  tiefergreifende
Untersuchung  anstellen  will,  weil  die  Subsistenzmittel,  besonders  für  die
Nahrung,  mit  den  Jahreszeiten  gewissen  Schwankungen  unterliegen.  Das  gilt
namentlich  auf  dem  Kontinent,  wo  die  Landwirtschaft  gewöhnlich  eine  beträchtliche ­
  Bolle  in  der  Existenz  des  Arbeiters  spielt;  wo  die  Natur  der  Arbeiten, ­
  der  Einnahmen  und  Ausgaben  in  den  verschiedenen  Zeiten  des  Jahres
wichtigen  Veränderungen  unterliegt.  Man  kann  oft  im  allgemeinen  nur  dann
allen  wesentlichen  Tatsachen  Keehnung  tragen,  wenn  man  bei  seinen  Schätzungen ­
  den  Lauf  eines  ganzen  Jahres  erfaßt.
Ein  Jahresbudget  mußte  also  in  einer  Woche  oder  in  einem  Monat
ermittelt  werden.  Hierdurch  wird  die  Art  der  Aufnahme  bedingt,
die  Technik:  es  ist  die  mündliche  Befragung,  die  Le  Play
anwendet,  um  über  alle  die  vielen  Einzelheiten  eines  Jahres  genaue
Auskunft  zu  erhalten.  Die  großen  Schwierigkeiten,  die  sich  einer
solchen  Befragung  entgegenstellen,  kennt  Le  Play  wohl.  Er  sagt *  2 ):

')  0.  E.,  1.  Aufl.,  22.
2 )  0.  E.  I,  221.
        <pb n="62" />
        56

Die  zahlreichen  Einzelheiten  .  .  .  die  sich  im  Schema  aller  Monographien ­
  finden,  können  nur  mit  Hilfe  einer  langen  und  minutiösen  Erhebung
gewonnen  werden.  Um  sie  gut  durchzuführen,  muß  der  Beobachter  in  alle
Teile  der  Wohnung  eindringen:  Möbel,  Haushaltungsgegenstände,  Wäsche,
Kleidung,  die  Höhe  der  verfügbaren  Geldsummen,  die  Haustiere,  das  Arbeitsmaterial, ­
  kurz:  das  Eigentum  der  Familie  inventarisieren;  er  muß  die  Vorräte
schätzen,  die  Nahrungsmittel  wiegen,  die  je  nach  der  Jahreszeit  zu  den
Speisen  verwendet  werden;  ferner  die  Arbeiten  der  Familie  innerhalb  und
außerhalb  des  Hauses  verfolgen.  Das  Studium  der  häuslichen  Arbeiten  ist
mitunter  unendlich  kompliziert,  besonders  bei  den  einfachen  Völkern,  die  selbst
die  Webstoffe  bauen,  ihre  Kleider  anfertigen  und  alles  selbst  produzieren  bis
zur  Seife,  die  zum  Waschen  ihrer  Kleidung  nötig  ist.  Noch  feinere  Untersuchungen ­
  sind  die,  welche  sich  auf  das  intellektuelle  und  moralische  Leben
beziehen,  auf  Keligion,  Erziehung,  Erholung,  auf  die  Eltern-  und  Freundschaftsgefühle, ­
  auf  die  Beziehungen  zum  Unternehmer,  zu  den  Mitarbeitern,
Dienstboten  und  Lehrlingen,  und  endlich  auf  die  Besonderheiten  der  Geschichte
der  Familie.
Le  Play  gibt  seinen  Schülern  für  die  Behandlung  der  einzelnen
Familienglieder  einige  Ratschläge  aus  dem  Schatze  seiner  Erfahrungen ­
  und  seiner  Menschenkenntnis.  Aber  abgesehen  davon,
daß  sich  die  Menschenbehandlung  vielleicht  gar  nicht  erlernen  läßt,
sind  die  Schwierigkeiten,  die  in  der  Materie  selbst  liegen,  immer
noch  sehr  groß,  auch  alle  Geschicklichkeit  des  Beobachters  vorausgesetzt. ­
  Le  Play  fährt  fort 1 ):
Andererseits  ist  der  Beobachter  in  eine  ihm  unbekannte  Welt  versetzt
und  anfangs  nur  wenig  dazu  befähigt,  die  Bestimmung  der  Gegenstände  zu
verstehen,  das  Jneinandergreifen  der  Arbeiten,  den  wahren  Sinn  der  Ideen
und  die  genaue  Wiedergabe  der  Gefühle.  Er  muß  also  unzählige  Fragen  an
die  Familie  richten  und  das  bedeutet  für  diese  einen  Zeitverlust.  Die  Schwierigkeit ­
  wächst  noch  in  den  zahlreichen  Fällen,  wo  der  Beobachter  bei  der  Befragung ­
  eine  durch  die  lokale  Mundart  veränderte  fremde  Sprache  anwenden
muß.  (Die  Kenntnis  der  fremden  Sprache  ist  also  schon  Voraussetzung.)  So
ist  verauszusehen,  daß  die  häufigen  Fragen  den  Personen  eine  große  geistige
Ermüdung  auferlegen,  die  an  Nachdenken  nicht  gewöhnt  und  wenig  geeignet
sind,  ihre  Gedanken  logisch  zu  ordnen.
Schlußbemerkungen  über  den  Wert  der  Familien-Monograpliien.
  Trotz  dieser  außerordentlich  großen  Schwierigkeiten  hat
Le  Play  selbst  erklärt,  er  habe  keine  Monographie  aufgenommen,
die  nicht  zu  seiner  eigenen  Zufriedenheit  und  zu  derjenigen  der
untersuchten  Familie  ausgefallen  wäre.  Ob  das  wirklich  ausreichte,
wird  später  zu  untersuchen  sein.  Aber  soviel  ist  gewiß:  die  monographische ­
  Methode  an  sich  war  ein  Präzisions-Instrument,  wie  es

*)  0.  E.  I,  222.
        <pb n="63" />
        57

bis  dahin  bei  solchen  Untersuchungen  noch  niemals  angewendet
worden  war.
Le  Play  selbst  hielt,  wie  wir  wissen,  das  Haushalts-Budget  für
den  wichtigsten  Teil  der  Monographie.  Er  glaubt,  in  dem  Budget
der  Familie  ein  Mittel  gefunden  zu  haben,  das  fiir  die  Sozialwissenschaft ­
  dasselbe  leistet  wie  die  Analyse  in  der  Chemie.
Ein  Mineral  ist  bekannt,  wenn  die  Analyse  jedes  seiner  Elemente  isoliert
hat  nnd  wenn  man  gezeigt  hat,  daß  das  Gewicht  aller  einzelnen  Elemente
genau  gleich  dem  des  analysierten  Minerals  ist.  Eine  zahlenmäßige  Prüfung
derselben  Art  hat  der  Gelehrte  immer  zur  Verfügung,  der  methodisch  die
Existenz  der  sozialen  Einheit,  wie  sie  die  Familie  darstellt,  analysiert
Alle  Akte,  aus  denen  die  Existenz  einer  Familie  sich  zusammensetzt,  laufen
mehr  oder  weniger  unmittelbar  auf  eine  Einnahme  oder  eine  Ausgabe  hinaus.
Und  es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  die  in  Geld  bewertete  Einnahme
einer  Familie  genau  gleich  ist  dem  Wert  der  Ausgabe  und  Ersparnis.  So
ergibt  sich,  daß  ein  Beobachter  die  vollständige  Kenntnis  einer  Familie  besitzt, ­
  wenn  er  alle  in  den  beiden  Teilen  des  häuslichen  Budgets  enthaltenen
Elemente  analysiert  hat  und  dann  zu  einer  genauen  Übereinstimmung  der
beiden  Endresultate  kommt 1 ).
An  anderer  Stelle 2 )  hat  er  diesen  Gedanken  noch  schärfer  ausgesprochen ­
  :
Die  Methode  gibt  zugleich  die  Mittel,  um  die  Tatsachen  zu  kontrollieren,
und  sie  fügt  sich  solchen  Anforderungen  leicht.  Der  Beobachter  ist  verpflichtet, ­
  seine  Nachfragen  so  lange  fortzusetzen,  wie  er  nicht  vollständige
Übereinstimmung  zwischen  den  Einnahmen  und  Ausgaben  eines  Haushalts
gefunden  hat.  Die  Prüfung,  die  in  gleicher  Weise  auf  die  Mengen  und  Werte
der  produzierten  und  der  konsumierten  Gegenstände  anwendbar  ist,  bietet
dieselben  Garantien  der  Exaktheit  wie  die  doppelte  Buchführung ­
  und  die  Berechnungen  der  analytischen  Chemie.
Inwieweit  solche  Anschauungen  schon  bei  der  Methode  Le  Play’s
zutrafen,  wird  im  folgenden  Abschnitt  zu  erörtern  sein.  Die  weitere
Entwicklung  dieser  Methode  wird  ihnen  vielleicht  recht  geben.

J )  0.  E.  I,  224.
2 )  0.  E.,  1.  AufL,  S.  22.
        <pb n="64" />
        Zweiter  Abschnitt.
Beurteilung  der  Methode  Le  Play’s.

1.  Die  Gegensätze  zwischen  der  Methode  und  der  Weltanschauung ­
  Le  Play’s.  Naturwissenschaftliche  Methode  Le  Play’s.
Die  Methode  Le  Play’s  ist,  wie  wir  wissen,  dadurch  entstanden,  daß
ihm  —  dem  naturwissenschaftlich  gebildeten  Manne  —  die  sozialwissenschaftlichen ­
  Methoden  schon  frühzeitig  nicht  genügten,  weil
sie  die  Herrschaft  politischer  Dogmen,  revolutionärer  Schlagworte
mindestens  nicht  hindern  konnten  und  oft  geradezu  beförderten.
Solche  Methoden  konnten  einen  Geist  wie  denjenigen  Le  Play’s
nicht  befriedigen.
Henry  deTourville,  der  bedeutendste  Schüler  und  zugleich
Kritiker  Le  Play’s,  sagt  von  dieser  Abneigung  Le  Play’s  gegen  die
Sozialwissenschaft  seiner  Zeit x ):
Gelehrter  im  großen  Stil,  liebte  er  nichts  weniger  als  die  falschen  Anmaßungen, ­
  die  im  Namen  der  Wissenschaft  erhoben  wurden.  Als  eine  Zeitplage, ­
  als  ein  großes  Übel  vieler  redlicher  Menschen  betrachtete  er  den  Gebrauch ­
  der  tönenden  und  vieldeutigen  Worte,  die  die  klare  Erkenntnis  der
Tatsachen  verdunkeln,  um  ihnen  vor  der  Öffentlichkeit  ein  Ansehen  zu  geben.
Le  Play  wollte  an  die  Stelle  dieser  Schlagworte,  die  in  jedem
Kopfe  eine  andere  Vorstellung  erwecken,  so  weit  wie  möglich,  die
Ausdrücke  des  gewöhnlichen  Lebens  setzen.  Vor  allem  aber  wollte
er  dieser  verworrenen  Begriifswelt  Tatsachen  entgegenstellen,  die
aus  der  Erfahrung,  aus  der  exakten  Beobachtung  der  Wirklichkeit ­
  gewonnen  waren.  Diese  Beobachtung  sollte  sich  aber  nicht  auf

*)  Science  sociale  1886,  p.  10ff.  art.  „La  Science  sociale  est-elle  une  Science?“
        <pb n="65" />
        59

ein  Volk  oder  ein  Land  erstrecken;  denn  daraus  gewinnt  man
keine  allgemeinen  Gesetze;  vielmehr  ist  man  so  immer  der  Gefahr
ausgesetzt,  das  Akzessorische  einer  Erscheinung  für  ihr  Wesen  zu
halten  und  kommt  so  zu  falschen  Ergebnissen.  Die  Beobachtung
vieler  Länder  hielt  Le  Play  für  die  richtige  Methode  der  Sozialwissenschaft, ­
  für  die  „Soziale  Methode“.  Sie  stellt  Le  Play  in
Parallele  zu  den  exakten  Methoden  der  Naturwissenschaften,  indem
er  sagt a ):
Die  Eeisen  sind  für  die  Gesellschaftswissenschaft  das,  was  die  chemische
Analyse  für  die  Wissenschaft  von  den  Mineralien,  das  Kräutersammeln  für  die
Botanik  ist,  oder  allgemeiner:  was  die  Beobachtung  der  Tatsachen  für  alle
Naturwissenschaften  ist.
Le  Play  sammelt  zunächst  Tatsachen,  um  das  Leben  der  Völker
im  einzelnen  kennen  zu  lernen.  Aus  diesen  Tatsachen  zieht  er
Schlüsse  und  steigt  so  „par  deduction“  zu  den  Grundlagen  alles
sozialen  Lebens  auf.  Durch  Anwendung  dieser  Schlüsse  auf  die
Gegenwart  gewinnt  er  die  Leitsätze  für  die  soziale  Eeform.  Die
Tatsachen,  wie  die  daraus  abgeleiteten  Grundsätze  kontrolliert  Le
Play  durch  neue  Beobachtungen  und  das  Urteil  erfahrener  Praktiker,
der  „Sozialen  Autoritäten“.
Die  Einwände,  die  man  gegen  die  durch  diese  Methode  dokumentierte ­
  Anschauung  von  der  Gesetzmäßigkeit  alles  sozialen  Geschehens ­
  und  der  Gleichstellung  der  Sozialwissenschaft  mit  den
exakten  Naturwissenschaften  erheben  könnte,  sucht  Tourville  zu
widerlegen.
Zunächst  wird  oft  gesagt,  daß  die  sozialen  Erscheinungen  vom
freien  Willen  des  Menschen  abhängig  sind,  womit  die  Gesetzmäßigkeit ­
  aufhöre.  Tourville  sieht  hierin  „eines  der  schönsten
Sophismen,  das  man  aufstellen  kann“:
Der  Mensch  bedient  sich  zur  Erreichung  des  von  ihm  gewählten  Zweckes
der  Gesetze,  die  von  Gott  festgelegt  sind.  Das  ist  die  Verbindung  der  menschlichen ­
  Dreiheit  mit  der  gesetzten  Ordnung.
Man  kann  das  auch  umgekehrt  ausdrücken:  der  menschliche  Wille
ist  ein  Teil  der  menschlichen  Ordnung.  Oder  um  Wundt  zu  folgen:
„Unser  Denken  und  Wollen  erscheint  uns  nicht  etwa  deshalb  frei,
weil  es  keinen  Gesetzen  folgt,  sondern  weil  es  von  solchen  Gesetzen
bestimmt  wird,  die  in  uns  selbst  liegen.“

*)  Le  Play,  „La  methode  sociale“  1879.  Avertissement.
        <pb n="66" />
        60

Ein  zweiter  Einwand  ist  der,  daß  es  wohl  eine  Sozialwissenschaft ­
  gebe,  daß  sie  aber  der  Beobachtung  nicht  bedürfe,  sondern
direkt  von  der  menschlichen  Vernunft  ausgehe.  Dem
widerspricht  Tourville  sehr  entschieden.  Aus  zwei  Gründen  kann
die  menschliche  Erkenntnis  die  Beobachtung  nicht  entbehren:  einmal ­
  umfaßt  die  „Vernunft“,  d.  h.  hier  die  rein  spekulative  Denkweise
nicht  alles,  besonders  nicht  alle  Erfordernisse  des  sozialen  Lebens,
z.  B.  Arbeitsmethoden,  Löhne  usw.  Dann  aber  erfordert  jede  Erkenntnis ­
  a  priori  doch  wieder  Beobachtungsarbeit,  sobald  es  sich  um
ihre  praktische  Anwendung  handelt.
Ein  letzter  Einwand  besagt:  Gut,  rühmt  die  Lebenserfahrung!
Aber  nennt  das  nicht  Wissenschaft!  Das  ist  reine  Erfahrung!
Dieser  Einwand  wäre  berechtigt,  wenn  die  Tätigkeit  Le  Play’s  nur
darin  bestanden  hätte,  das  Tatsachen-Material,  das  ihm  von  den
„Sozialen  Autoritäten“  geliefert  wurde,  einfach  weiterzugeben;  oder
—  da  es  sich  ja  hier  um  die  Prinzipien  der  ganzen  Methode  handelt
und  nicht  nur  darum,  wie  speziell  Le  Play  gearbeitet  hat  —,  wenn
es  überhaupt  unmöglich  wäre,  aus  dieser  Mannigfaltigkeit  der  Erfahrung ­
  mehr  herauszuholen,  als  in  der  einzelnen  Erfahrungstatsache
an  sich  schon  liegt,  wenn  es  also  unmöglich  wäre  das  Allgemeingültige ­
  der  Erfahrungen  festzustellen.  Das  ist  aber  keineswegs
der  Fall 1 ).  Schon  Le  Play  hat  mehr  getan.  Wenn  er  sich  auch
selbst  lediglich  als  „Sekretär  der  sozialen  Autoritäten“  bezeichnete,
so  ist  das  nur  übertriebene  Bescheidenheit  und  keine  Kennzeichnung
seiner  wissenschaftlichen  Arbeit.  Er  hat  mindestens  versucht,  die
Praxis  in  Wissenschaft  zu  verwandeln,  aus  den  einzelnen  Erfahrungstatsachen ­
  allgemeingültige  Ergebnisse  zu  gewinnen.  Es  sei  hier  an
seine  Äußerung  über  die  „Sozialen  Autoritäten“  erinnert 2 ):
Anf  gewisse  wohlüberlegte  Fragen  geben  sie  fast  übereinstimmende  Antworten; ­
  aber  gleichzeitig  bezeichnen  sie  es  als  eine  Unmöglichkeit,  daraus
allgemeine  Vorschriften  und  Gesetze  abzuleiten.
Damit  ist  der  Unterschied  zwischen  Praxis  und  Wissenschaft  gegeben ­
  ;  denn  die  Aufgabe  der  Wissenschaft  ist  es,  allgemein  gültige
Kausalverknüpfungen  zu  finden.
Ob  es  freilich  Le  Play  gelungen  ist,  die  rein  praktische  Lebensweisheit ­
  seiner  „Sozialen  Autoritäten“  in  Wissenschaft  umzusetzen,

*)  Archiv  für  exakte  Wirtschaftforschung  II,  548  ff.
2 )  Kef.  soc.  I,  S.  XIII.
        <pb n="67" />
        61

das  ist  eine  Frage,  die  schwerlich  ohne  weiteres  bejaht  werden
kann.  Wir  werden  am  Schlüsse  unserer  Untersuchung  darauf  zurückkommen. ­

Das  Eingreifen  yon  Toraussetzungen  in  die  induktive  Analyse. ­
  Le  Play  als  Anhänger  einer  historischen  Auffassung  des
sozialen  Lehens.  Trotz  dieser  naturwissenschaftlichen  Auffassung
des  sozialen  Lebens  und  der  umfassendsten  methodischen  Arbeit,  hat
Le  Play’s  Methode  nicht  die  Erfolge  gehabt,  die  man  erwarten  sollte.
Die  Resultate,  die  er  erzielte,  das  System,  das  er  auf  seinen  Untersuchungen ­
  aufbaute,  war  seiner  Ansicht  nach  durch  überwiegende
Induktion  gewonnen  und  genügte  seinen  eigenen  Ansprüchen.  Wir
werden  aber  sehen,  daß  seine  Schlüsse  von  Voraussetzungen  und
Dogmen  nicht  frei  waren,  daß  vielmehr  diese  von  der  Jugend  bis
zum  Alter  vorhandenen  Voraussetzungen,  trotz  aller  Anstrengungen,
sie  zu  überwinden,  sich  überall  in  den  methodischen  Gang  einzuschleichen ­
  wußten,  und  daß  die  Methode  von  ihm  nicht  genügend
ausgebaut  wurde,  um  diese  inneren  Hemmungen  auszuschalten.
Im  Gegensatz  zu  den  englischen  Individualisten  und  auch  zu
den  Sozialisten,  gehört  Le  Play  zu  den  historisch  gerichteten
Sozialforschern.  Ja,  man  könnte  ihn  in  gewissem  Grade  mit  Adam
Müller  und  anderen  deutschen  Nationalökonomen  vergleichen,  die
Roscher  als  „Romantische  Schule“  bezeichnet 1 ).  Die  Methode  Le
Play’s  ist  zwar  keine  direkt  historische,  denn  er  schildert  die  Gegenwart ­
  ;  aber  er  schildert  sie  dort,  wo  sie  ihm  die  Vergangenheit  seiner
eigenen  Umwelt  veranschaulicht.  Er  schilderte  in  den  primitiven,
aber  glücklichen  Zuständen  des  Ostens  die  Vergangenheit  des  europäischen ­
  Westens  und  war  sich  dessen  bewußt.  Er  fand  durch  seine
Untersuchungen  die  Weisheit  der  uralten  Entwicklung  und  Tradition,
die  „intelligence  du  passe“,  wieder,  welche  durch  die  Unwissenheit
und  die  Vorurteile  der  Revolutionäre,  insbesondere  der  französischen
Revolution,  teils  verloren  teils  durchbrochen  war 2 ).  Er  suchte  aber
auf  solche  Weise  nicht  das  Vorübergehende  der  einzelnen  historischen
Tatsachen,  sondern  das  Dauernde,  das  über  Zeit  und  Raum  Hinausgehende ­
  zu  erfassen.  So  kommt  er  zu  dem  Ergebnis 8 ):
In  den  Grundtatsachen  der  Sozialwissenschaft  gibt  es  nichts  zu  erfinden:
in  dieser  Wissenschaft  ist  das  Neue  einfach  das,  was  vergessen  worden  ist.

*)  Roscher,  Geschichte  der  Nationalökonomik  in  Deutschland,  S.  751  ff.
2 )  0.  E.,  1.  Auf!.,  12.
3 )  0.  E.  I,  389.
        <pb n="68" />
        62

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  beurteilt  Le  Play  die  politischen
wie  die  sozialen  Fragen  seiner  Zeit.  Er  verurteilt  die  französische
Revolution,  weil  er  „das  Heilmittel  in  der  Erneuerung  der  Tradition,
nicht  in  dem  schroffen  Wechsel  der  Macht“  sieht.  Und  diese  Anschauung ­
  findet  sich  auf  Schritt  und  Tritt  bei  Beurteilung  der
sozialen  Verhältnisse.
Sehr  lehrreich  ist  hierfür  das  Urteil,  das  er  von  seiner  ersten
Reise  nach  Deutschland  (1829)  mitnimmt,  die  neben  anderen  Studien
den  Zweck  verfolgte,  soziale  Streitfragen  zwischen  ihm  und  seinem
Freunde  Reynaud  zu  erledigen.  Er  sagt,  daß  sie  sich  zwar  über
evidente  wirtschaftliche  Tatsachen  einigten;
indessen  —  so  fährt  er  fort  —  gelangten  wir  keineswegs  zu  einer  Verständigung ­
  über  die  „Soziale  Frage“,  die  der  Ausgangspunkt  unseres  Unternehmens
gewesen  war;  wir  erkannten  nur,  daß  sie  viel  komplizierter  war,  als  wir  anfangs ­
  gedacht  hatten.  Ich  bestärkte  mich  in  dem  Gedanken,  daß  die
Lösung  zum  großen  Teil  in  den  Traditionen  der  Vergangenheit
zu  finden  sei.  Mein  Freund  dagegen  bewahrte  seine  Überzeugung  von  der
Lehre  vom  „unaufhörlichen  Fortschritt“  und  von  der  Mitarbeit,  die  der  Geist
der  Neuheit  hier  wie  in  jeder  anderen  Materie  leisten  kann.  Kurz:  wir  kehrten
zurück,  zugleich  verschiedener  in  unseren  Anschauungen  und  doch  bessere
Freunde  als  jemals  *).
Hierin  zeigt  sich  schon  die  Gefahr  der  vorgefaßten  Meinungen,
die  durch  ungenaue  Beobachtungen  niemals  unschädlich  gemacht
werden  können,  sondern  nur  verstärkt  werden.  Denn  man  gelangt
dazu,  die  Beobachtungen  da  abzubrechen,  wo  die  Meinungen  bewiesen ­
  zu  sein  scheinen,  und  das,  was  der  Beobachter  vor  der  Beobachtung ­
  als  wahrscheinlich  ansah,  wird  jetzt  in  seinen  Augen  zu
einer  aus  exakter  Beobachtung  gewonnenen  Tatsache.
Le  Play  kam  es  vor  allem  darauf  an,  Vorbilder  für  den  sozialen
Frieden  zu  finden,  erfreuliche  Gegensätze  zu  dem  Unfrieden  und
der  Unstetigkeit  Frankreichs.  Er  wird  dabei  geleitet
einmal  von  dem  Wunsche,  bei  den  glücklichen  Völkern  die  Traditionen  des
Guten  und  des  Friedens  in  Tätigkeit  zu  sehen;  dann  von  dem  Bedürfnis  zu
lernen,  wie  bei  den  unglücklichen  Völkern  die  sozialen  Autoritäten  dem  sie
umgebenden  Verderben  Widerstand  leisten *  2 ).
Es  ist  nicht  zu  viel  gesagt,  daß  Le  Play  fast  durchweg  das  Alte
als  das  Gute,  das  Neue  als  das  Schlechte  oder  doch  recht  zweifelhafte ­
  Gute  erscheint.  Dagegen  zog  er  die  neuen  Zustände  n  i  e  den

&amp;gt;)  0.  E.  I,  39.
2 )  0.  E.  I,  577.
        <pb n="69" />
        63

alten  vor.  Seine  Urteile  in  dieser  Hinsicht  sind  oft  sehr  richtig,
oft  gehen  sie  aber  viel  zu  weit.  Le  Play  ist  der  naheliegenden
Gefahr  erlegen,  vom  Alten  nur  die  besten  Seiten  zu  sehen  und  sie  ]
lediglich  in  Gegensatz  zu  den  schlimmen  Seiten  der  Neuerungen
zu  stellen.
Um  ein  einzelnes  Beispiel  schon  hier  anzuführen:  hei  Betrachtung ­
  der  rapiden  Entwicklung  des  Kuhrkohlenbergbaues  seit  seinen
früheren  Beobachtungen  (vor  1850)  sagt  Le  Play  mit  bezug  auf
die  zunehmenden  Klassengegensätze 1 ):
Die  soziale  Plage  ist  hinfort  endemisch  in  der  sächsischen  Ebene,  wie
Cholera  und  Pest  in  den  warmen  Regionen  des  alten  Kontinents.  Sie  ist
hervorgebracht  worden  durch  die  mächtigen  Einflüsse,  die  mehr  und  mehr  die
Arbeitsstätten  beherrschen.  Die  Finanzleute  und  Spekulanten  unserer  Zeit
haben  keineswegs  die  Traditionen  der  Männer  bewahrt,  die  im  16.  und  17.  Jahrhundert ­
  die  großen  Industrie-  und  Handelsunternehmungen  gründeten,  die  noch
heute  Muster  des  sozialen  Friedens  und  der  Stabilität  sind.  Durch  die  unbegrenzten ­
  Kräfte,  die  ihnen  die  Kohle  lieferte,  aus  den  Wegen  der  Tradition
herausgestoßen,  haben  sie  durch  ihre  fieberhafte  Tätigkeit  die  ausgezeichneten
Patronagebeziehungen  zerstört,  die  ich  lange  Zeit  in  den  Fabriken  Elberfelds
und  Solingens  bewundert  habe.
Es  ist  wirkungsvoll,  wie  Le  Play  hier  die  alte  und  die  neue
Zeit  einander  gegenüberstellt,  oft  beides  auf  Grund  eigener  Beobachtung. ­
  Wenn  man  aber  seine  Darstellung  der  Solinger  Verhältnisse ­
  liest,  auf  die  er  hier  verweist,  so  ist  von  den  „ausgezeichneten
Patronage-Beziehungen“  nicht  sehr  viel  zu  finden.  Und  bei  einer
kritischen  Betrachtung  jener  Darstellung  der  Solinger  Verhältnisse
wird  sich  zeigen,  daß  Le  Play  das  Gute  und  das  Schlechte  an  den
alten  Verhältnissen  mit  zweierlei  Maß  gemessen  hat:  das  Gute  sah
er  zu  gut  und  das  Schlechte  sah  er  entweder  gar  nicht  oder  doch
stark  gemildert.
So  glaubte  Le  Play  schließlich  doch,  in  seiner  Weltanschauung ­
  einen  Bewertungsmaßstab  für  die  gegenwärtigen  Verhältnisse ­
  zu  besitzen.  Aber  dieser  Maßstab  verhinderte  ihn,  die
Dinge  objektiv,  naturwissenschaftlich  zu  erfassen.  Die  einseitige
Bewertung  der  Tradition  nimmt  einen  dogmatischen  Charakter  an,
dem  sich  auch  die  beobachteten  Tatsachen  anpassen  müssen.  Zweifellos ­
  haben  letztere  auf  seine  Weltanschauung  stark  eingewirkt  (Harz,
Ural),  aber  doch  nur  in  einem  verhältnismäßig  begrenzten,  von
vornherein  gegebenen  Rahmen.  Er  versuchte  zwar,  diesen  Rahmen

‘)  0.  E.  IV,  563  ff.

5
        <pb n="70" />
        64

zu  erweitern  und  die  Einflüsse  seiner  Erziehung  abzustreifen,  teils
durch  erneute  Beobachtung,  teils  durch  verschärfte  Kontrolle  der
verdächtigen  Schlüsse;  doch  ist  ihm  das  nur  unvollkommen  gelungen. ­

Die  reformatorische  Absicht  Le  Play’s  war  ein  wesentliches ­
  Hindernis  für  die  Objektivität  seiner  Erkenntnis.  Sie  ist  ja
doch  der  Endzweck  seiner  Untersuchungen.  Sie  zeigt  sich  in  dem
oft  erwähnten  Gelübde  des  Jahres  1830,  in  seinen  Veröffentlichungen
und  Gründungen,  wie  in  seinen  Gesetzes-Vorschlägen.  Dabei  war
von  besonderer  Bedeutung,  daß  Le  Play  bestimmte  gesetzliche  Einrichtungen ­
  Frankreichs,  die  aus  der  Zeit  der  .Revolution  und  der
ersten  Kaiserzeit  herrührten,  so  z.  B.  die  gleiche  Erbteilung,  von
vornherein  für  verfehlt  ansah  und  ihr  verderbliche  soziale  W  irkungen
zuschrieb,  die  sich  auch  anders  erklären  lassen.  Er  sah  in  der
gleichen  Erbteilung  ein  falsches  Prinzip,  das  er  durch  ein  anderes
ersetzen  wollte,  und  es  genügte  ihm  deshalb  nicht,  im  Rahmen  des
anerkannten  Prinzips  die  bessernde  Hand  anzulegen.  Aus  seiner
reformatorischen  Absicht  in  Verbindung  mit  seiner  rückwärts  gerichteten ­
  Weltanschauung  entstehen  so  Reformvorschläge,  die  man
als  „reaktionär“  bezeichnen  kann,  ohne  damit  einen  Vorwurf  auszusprechen ­
  .
Vernunft  und  Sittengesetz  als  oberster  Maßstab  für  die
Beurteilung  sozialer  Zustände.  Wir  sagten,  daß  die  Weltanschauung ­
  Le  Play’s,  welche  teils  aus  den  Grundsätzen  seiner
Erziehung,  teils  aus  eigener  Beobachtung  erwachsen  war,  für  ihn
den  Charakter  eines  Dogmas  erlangte  und  hierdurch  die  Objektivität
seiner  Erkenntnis  beeinträchtigte.  In  diesem  Zusammenhänge  muß
noch  auf  die  Bedeutung  hingewiesen  werden,  die  Le  Play  für  die
„Vernunft“  und  das  „Sittengesetz“  in  Anspruch  nahm  zur  Bewertung ­
  sozialer  Verhältnisse.  Hier  ist  nochmals  zu  verweisen  auf
jenen  schon  zitierten  Ausspruch:
Als  ich  mir  vornahm,  die  Sozialwissenschaft  auf  der  Praxis  der  nach  allgemeiner ­
  Ansicht  am  höchsten  stehenden  Völker  aufzubauen,  schloß  ich  mich
nicht  an  die  traurigen  Doktrinen  an,  die  die  Gerechtigkeit  dem  Erfolg  oder
die  Vernunft  der  Gewalt  unterordnen.  Ich  verwarf  im  Gegenteil  a  priori  jeden
Schluß,  der  nicht  mit  den  Vorschriften  der  Vernunft  und  des  Sittengesetzes ­
  übereinstimmte').
Aber  diese  Norm  ist  leichter  aufgestellt  als  angewendet.  Wer
hat  das  Sittengesetz  zu  interpretieren?  Wessen  Vernunft  ist  berufen,

J )  Ref.  soc.  I,  90.
        <pb n="71" />
        65

das  zu  tun?  Le  Play  ging  zu  den  „Sozialen  Autoritäten“,  welche
die  Doktrinen  nach  „ihren  Ergebnissen  beurteilen,  indem  sie  das
Gute  in  dem  erblicken,  was  die  Menschen  einander  nähert,  das
Böse  in  dem,  was  sie  trennt“.  Aber  dadurch  werden  wir  noch
nicht  über  die  Schwierigkeiten  der  hier  aufgeworfenen  Frage  hinausgehoben. ­

Was  Le  Play  unter  „Vernunft“  versteht,  ist  nicht  klar;
denn  die  von  ihm  angegriffenen  zeitgenössischen  Gelehrten,  die  sich
als  „Interpreten  der  Vernunft“  ausgeben,  haben  nach  der  Anschauung ­
  der  „Sozialen  Autoritäten“  offenbar  nicht  die  richtige
„Vernunft“.  Wo  ist  also  diese  zu  finden?  Jeder  glaubt  schließlich,
daß  das,  was  er  denkt  und  tut,  vernünftig  ist,  und  so  geben  sich
alltägliche  Meinungen  für  die  einzig  richtige  „Vernunft“  aus.  Die
Weisheit  der  „Sozialen  Autoritäten“  in  allen  Ehren.  Es  waren
darunter  offenbar  sehr  bedeutende,  weitblickende  Männer.  Aber
zunächst  hing  natürlich  viel  davon  ab,  welche  „Soziale  Autoritäten“
Le  Play  konsultierte;  es  waren  doch  immer  nur  einzelne  Menschen,
und  dann  waren  es  eben  auch  Menschen  mit  menschlichen  Irrtümern,
vor  allem  Menschen  ihrer  Zeit,  die  daher  nicht  ohne  weiteres  als
Verkörperung  aller  Vernunft,  als  authentische  Interpreten  des
Sittengesetzes  betrachtet  werden  können.
Le  Play  versteht  unter  „Sittengesetz“  zunächst  die  zehn
Gebote,  den  „Dekalog“,  den  er  bei  jeder  Gelegenheit  erwähnt.  Er
betrachtet  ihn  mit  Recht  als  die  Grundlage,  als  Voraussetzung,  als
Maßstab  für  jede  soziale  Existenz.  Aber  den  gesamten  Inhalt
des  Sittengesetzes  kann  man  nicht  ohne  weiteres  aus  den  zehn  Geboten ­
  entnehmen,  sondern  muß  ihn  in  der  Regel  erst  durch  tiefgreifende ­
  Ermittlung  der  wechselnden  Existenzbedingungen  der  Gesamtheit ­
  zu  erfassen  suchen.
Le  Play  weiß  genau,  daß  der  „Dekalog“  der  Interpretation  bedarf; ­
  denn  er  definiert  das  Sittengesetz  als
die  Vorschriften  des  Dekalogs  mit  den  Interpretationen,  wie  sie  bei  den  der
sozialen  Grundverfassung  treuen  Völkern  durch  Religion,  Sitte  und  geschriebene
Gesetze  festgelegt  sind 1 ).
Aber  diese  Definition  ist  unklar,  wie  sehr  viele  Definitionen  Le  Play’s.
Zunächst  wieder:  was  ist  die  soziale  Grundverfassung  (constitution
essentielle)?  Le  Play  antwortet:

*)  0.  E.  I,  463.

5*
        <pb n="72" />
        66

Die  Gesamtheit  der  Ideen,  Sitten  und  Einrichtungen,  welche  die  zwei
wesentlichen  Bedürfnisse  des  Menschen  befriedigen  (Kenntnis  des  Sittengesetzes
und  tägliches  Brot).
Offenbar  liegt  liier  ein  Zirkelschluß  vor.  Vor  allem  aber:  dieser
ganze  Komplex  von  Grundsätzen  ist  in  seinen  Elementen  bei  Le  Play
von  jeher  vorhanden  gewesen  und  ist  nur  durch  seine  Keisebeobachtungen
  bis  zur  Formulierung  entwickelt  worden,  hat  aber  dann
einen  schematischen  und  dogmatischen  Charakter  angenommen,  der
namentlich  durch  die  sehr  allgemeine  Formulierung  entstanden ­
  ist.  Die  Formeln  sind  für  ihn  selbst  wohl  mit  bestimmten
Vorstellungen  ausgefüllt,  die  indes  naturgemäß  einen  subjektiven
Charakter  haben  und  bei  anderen  Beobachtern  einen  anderen
Charakter  haben  können.  Nur  die  allgemeine  Formulierung  verleiht
ihnen  eine  religiöse,  unbedingt  bindende  Bedeutung.  Im  Grunde
genommen,  sind  es  doch  wieder  nur  Wortbilder,  hinter  denen
erst  die  ganze  ungeheure  Fülle  der  Existenzbedingungen  menschlicher ­
  Gesellschaften  verborgen  liegt.  Sie  dürfen  nicht  von  vornherein ­
  als  gegeben  betrachtet,  sondern  müssen  erst  hinter  jenen
Formeln,  die  Etiketten  ähneln,  hervorgeholt  werden.  Das  ist  Le  Play
nur  unvollkommen  gelungen.  So  ist  er  denn  den  aprioristischen  Begriffen, ­
  deren  Herrschaft  er  beseitigen  wollte,  selbst  verfallen.
Seine  Schüler  leitete  er  im  gleichen  Geiste  an.  Er  denkt  sich
ihre  Weiterarbeit  lediglich  als  ein  Zusammentragen  von  Tatsachenmaterial. ­
  Er  gibt  Anweisungen  für  die  Abfassung  der  Monographien
und  sagt 2 ):
Um  sicher  zum  Schlußergebnis  seiner  Untersuchung  zu  gelangen,  hat  er
(der  Beobachter)  zwei  untrügliche  Leitfäden,  wenn  er  in  allen  Einzelheiten ­
  die  Lage  der  Familie  in  bezug  auf  Kenntnis  des  Sittengesetzes  und
Genuß  des  täglichen  Brotes  beobachtet  hat.  Er  ist  immer  in  der  Lage,  zu
beweisen,  daß  die  Familie  elend  oder  glücklich  ist,  je  nachdem  diese  beiden
wesentlichen  Bedingungen  des  Unglücks  oder  Glücks  zerstört  oder  wohlerhalten ­
  sind.
Damit  ist  für  ihn,  wie  für  seine  Schüler  die  Bewertung  der  Zustände ­
  von  vornherein  gegeben.  So  einfach  liegen  die  Dinge  aber
in  Wirklichkeit  nicht.  Jeder  Tatbestand  setzt  sich  aus  einer  Fülle
günstiger  und  ungünstiger  Momente  zusammen,  und  es  ist  unmöglich,
ihn  nach  solchen  allgemeinen  Formeln  bewerten  zu  wollen.

')  0.  E.  I,  449.
2 )  0.  E.  I,  227.
        <pb n="73" />
        67

Le  Play’s  Fragestellung  war  eine  viel  zn  allgemeine;  vor  allem
aber  hat  er  seine  Ergebnisse  zu  früh  generalisiert;  er  hat
die  Schwierigkeiten  einer  für  die  Bildung  einwandfreier  Schlüsse
ausreichenden  empirischen  Grundlegung  unterschätzt.  Darin  ist  wohl
letzten  Endes  der  Widerspruch  begründet,  der  zwischen  seinen  Anforderungen ­
  an  die  wissenschaftliche  Methode  und  seinen  Anschauungen ­
  besteht.  Dies  führt  uns  zu  seiner  Methode  zurück,  welche
wir  nunmehr  in  ihren  Einzelheiten  kritisch  zu  betrachten  haben.
Induktion  und  Deduktion  bei  Le  Play.  Schwierigkeiten,
die  Methode  Le  Play’s  zu  verfolgen.  Auf  die  Schwierigkeiten,
die  einer  genauen  Darstellung  der  Methode  Le  Play’s  im  Wege
stehen,  ist  schon  des  öfteren  aufmerksam  gemacht  worden;  sie  haben
auch  veranlaßt,  daß  in  dem  methodischen  Teil  dieser  Arbeit  die
Methode  nur  so  weit  verfolgt  wurde,  als  sie  klar  zutage  liegt,
nämlich  bis  zur  Monographie  einschließlich.  Wir  müssen  hier  jetzt
wieder  anknüpfen.
Die  erste  Ausgabe  der  „Ouvriers  europeens“  hatte  überwiegend
analytischen  Charakter.  Diesem  Werke  folgte  später  „La  reforme
sociale  en  France“,  ein  überwiegend  synthetisches  Werk.  Nach
Sainte-Beuve  sah  Le  Play  ein,
daß  der  Leser  nicht  aus  sich  heraus  in  seinem  großen  Foliowerke  die  tausend
zerstreuten  Induktionen  suchen  und  finden  könnte,  die  aus  dieser  Menge
von  Einzelbeobachtungen  resultieren,  und  er  nahm  sich  die  Mühe,  die  Ideen
zusammenzufassen,  die  Gesichtspunkte  zu  erhöhen,  die  Vergleiche  zu  Gruppen
zusammenzustellen,  sie  zu  gleicher  Zeit  zu  entwickeln  und  ins  rechte  Licht  zu
setzen,  mehr  oder  weniger  praktische  Schlüsse  daraus  zu  ziehen,  auch  mehr
oder  weniger  unmittelbare,  aber  alle  gegründet  auf  die  genaue  Kenntnis  der
Gesellschaften  und  Völker').
So  entstand  ein  Werk,  das  zum  großen  Teil  wohl  auf  den
Monographien  der  „Ouvriers  europeens“  aufgebaut  ist,  aber  den
Zusammenhang  nicht  selbst  erkennen  läßt.  Diesem  Mangel  hat
Le  Play  dadurch  zu  begegnen  gesucht,  daß  er  die  zweite  Auflage
der  „Ouvriers  europeens“  anders  anlegte,  als  die  erste  und  den
synthetischen  Teil  seiner  Arbeit  mit  dem  analytischen  in  direkten
Zusammenhang  brachte.  Aber  auch  diese  methodische  Umstellung
erwies  sich  als  ungenügend,  was  sich  besonders  bemerkbar  machte,
als  man  begann,  eine  Schule  zu  gründen,  und  als  die  Methode  zum
Gegenstand  des  Unterrichts  gemacht  werden  sollte.  Deshalb  beschloß ­
  Le  Play,  das  Werk  „La  reforme  sociale  en  France“  voll-’)

  Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis  IX,  179.
        <pb n="74" />
        68

ständig  umzuarbeiten.  Er  ist  aber  nicht  mehr  dazu  gekommen,  und
erst  seine  Schüler  haben  versucht,  sein  Werk  fortzusetzen.
Ursachen  dieser  Schwierigkeiten.  Selbst  den  unmittelbaren
Schülern  Le  Play’s,  die  nach  seiner  Methode  arbeiteten  und  in  den
methodischen  Zusammenhang  zwischen  System  und  Materialsammlung
einzudringen  suchten,  ist  es  nie  ganz  einwandfrei  gelungen,  den
Zusammenhang  klarzulegen.  Sie  sind  alle  überzeugt,  daß  ein  enges
Band  vorhanden  ist;  es  tritt  aber  nach  außen  nicht  in  die  Erscheinung. ­
  So  kam  es,  daß  Le  Play  selbst  von  vielen  ihm  Nahestehenden
verkannt  wurde,  und  daß  „La  reforme  sociale  en  France“  als  das
„Ergebnis  hoher  Philosophie“  angesehen  wurde.  Paul  deßousiers 1 )
gibt  einige  Gründe  an,  die  diesen  methodischen  Mangel  erklären
sollen.  Zunächst,  meint  er,  mußte  Le  Play  für  sich  selbst  erst
einmal  eine  Arbeitsmethode  finden,  ehe  er  daran  denken  konnte,  die
Methode  zu  lehren.  Das  ist  richtig.  Aber  die  Nichtlehrbarkeit  ist
ja  nicht  der  Vorwurf,  der  Le  Play  gemacht  wird,  sondern  die  Nichtsichtbarkeit ­
  der  Methode.  Es  ist  viel  wichtiger,  daß  eine  neue
Methode  zunächst  einmal  sichtbar  ist;  lehrbar  wird  sie  erst  im
weiteren  Verlauf  ihrer  Entwicklung,  nämlich  wenn  sie  einen  typischen,
allgemein  gültigen  Charakter  angenommen  hat.  Deßousiers  gibt
aber  einen  Fingerzeig  dafür,  weshalb  Le  Play  die  Methode,  auf  die
er  im  Anfänge  so  viel  Wert  gelegt  und  Arbeit  verwendet  hat,
später  vernachlässigte:  die  ßeformarbeit  wurde  in  Frankreich  immer
dringender;  sie  drängte  das  streng  wissenschaftliche  Verfahren  in
den  Hintergrund.  Er  sagt 2 ):
Zwanzig  Jahre  lang  wurden  seine  dauernden  Bemühungen,  in  das  Geheimnis ­
  des  ßesellschaftslebens  einzudringen,  durch  den  Wunsch  lebendig  gehalten, ­
  die  für  das  Heil  seines  Vaterlandes  nützlichen  Wahrheiten  zu  erkennen.
Als  er  so  weit  war,  die  Grundlagen  der  .Reform  in  Frankreich  klar  zu  sehen,
machte  er  sich  zunächst  daran,  sie  aufzuzeigen  und  die  wissenschaftliche  Sorge
um  die  Methode  sah  sich  an  die  zweite  Stelle  gedrängt.
Ein  zweiter  Grund,  den  de  ßousiers  angibt,  hält  mit  Tourville
dem  Genie  Le  Play’s  die  Vernachlässigung  der  Methode  zugute:
de  ßousiers  macht  einen  scharfen  Unterschied  zwischen  Le  Play
und  seinen  Schülern.  Der  Meister  sah  in  der  Monographie  der
Arbeiterfamilie  die  ganze  Gesellschaft  vor  sich;  schon  ehe  er  die
Auswahl  einer  Familie  vornahm,  war  er  über  die  sozialen  Verhältnisse ­
  gut  unterrichtet;  er  besaß  den  großen  Überblick  über  das

*)  La  Science  sociale  1904,  S.  18  ff.
2 j  1.  c.  S.  21.
        <pb n="75" />
        69

J )  0.  E.  I,  590  ff.

Ganze,  der  es  ihm  ermöglichte,  aus  der  Masse  von  Einzeltatsachen
das  Wesentliche  herauszuholen.  Anders  die  Schüler,  die  wohl  fleißig
Monographien  aufnahmen,  aber  nicht  darüber  hinauskamen.  Es
waren  mehr  Männer,  die  schon  entdeckte  Wahrheiten  wiederholten,
als  solche,  die  durch  Entwicklung  der  Methode  neue  Beziehungen
enthüllen  wollten.  Deshalb,  meint  de  Bousiers,  hat  die  Sozialwissenschaft ­
  seit  dem  Tode  Le  Play’s  keine  Fortschritte ­
  mehr  gemacht.  Die  Monographie  „ist  ein  Instrument,
dessen  sich  Le  Play  allein  zu  bedienen  wußte,  um  von  der  Arbeiterfamilie ­
  zur  Gesellschaft,  von  der  Beobachtung  zum  Allgemeingültigen
emporzusteigen“.
De  Bousiers,  der  der  Schule  der  „Science  sociale“  angehört,  die
im  Gegensatz  zur  Schule  der  „Beforme  sociale“  bald  nach  dem  Tode
des  gemeinsamen  Meisters  die  Methode  von  Grund  aus  änderte,
zeichnet  hier  die  Unterschiede  zwischen  Le  Play  und  seinen  Nachfolgern ­
  vielleicht  etwas  zu  kraß,  weil  er  die  Absicht  hat,  Le  Play
zu  schonen  und  die  Notwendigkeit  einer  Beform  seiner  Methode
damit  zu  erklären,  daß  nicht  jeder  ein  Genie  sein  und  den  methodischen ­
  Gang  durch  Intuition  ersetzen  könne.  Diese  ganze  einleitende ­
  Darlegung  de  Bousiers  ist  mehr  eine  captatio  benevolentiae,
die  ihn  aber  nicht  hindert,  die  Irrtümer  Le  Play’s  im  weiteren
Verlaufe  scharf  unter  die  Lupe  zu  nehmen.  Es  ist  richtig  und
eigentlich  auch  selbstverständlich,  daß  Le  Play  seine  Methode  besser
zu  handhaben  wußte  und  mehr  mit  ihr  erreichte  als  seine  Schüler.
Aber  auch  er  hat,  wie  sie,  die  Schwierigkeiten  kennen  gelernt, ­
  die  auf  dem  Wege  von  der  Beobachtung  zur  Schlußfolgerung
liegen.
Erste  Erfahrungen  Le  Play’s  mit  der  Methode.  Verzögerung
der  Erfolge.  Über  seine  ersten  Erfahrungen  mit  der  Methode
urteilt  Le  Play  folgendermaßen:
Als  ich  mich  anschickte,  an  die  Erforschung  der  Menschen  mit  einem  der
Erforschung  der  Mineralien  ähnlichen  Verfahren  heranzutreten,  empfand  ich
ein  Moment  des  Zögerns.  Ich  sah  wohl,  daß  die  Methode  in  beiden  Wissenschaften ­
  dieselbe  war;  aber  ich  fühlte  auch,  daß  in  mir  der  Mensch  und
der  Chemiker  nicht  dieselbe  Indifferenz  in  Rücksicht  auf  die
gesuchten  Resultate  zeigten.  Ich  mußte  mich  also  zunächst  fragen,
ob  meine  Wahrheitsliebe  dem  Einfluß  der  materiellen,  intellektuellen  und
moralischen  Gewohnheiten,  die  durch  meine  Erziehung  bedingt  waren,  Widerstand ­
  leisten  würde  *).
        <pb n="76" />
        70

Le  Play  fühlte,  wie  wir  sehen,  von  Anfang  an,  wo  die  größten
Hindernisse  der  wissenschaftlichen  Objektivität  zu  suchen  waren.
Aber  diese  Erkenntnis  war  nicht  nachhaltig  genug.  Er  fährt  fort:
Glücklicherweise  hielt  ich  mich  vor  dieser  Schwierigkeit  nicht  lange  auf.
Er  glaubte  sie  dadurch  zu  überwinden,  daß  er  sich  genau  an  die
Anweisung  eines  seiner  Lehrer  hielt,  der  ihm  jenes  untrügliche  Kriterium ­
  des  Wahren  und  Falschen  gegeben  hatte.  Folgendermaßen
glaubte  Le  Play  inmitten  all  der  falschen  Meinungen,  die  ihn
während  der  Anfänge  seiner  sozialen  Forschungen  umgaben,  das
Wahre  vom  Falschen  unterscheiden  zu  können:
Ich  brauchte  nur  die  Praxis  der  „Sozialen  Autoritäten“  zu  beobachten,  die
mir  von  meinem  Lehrer  gekennzeichnet  worden  -waren,  und  die  am  häuslichen
Herd  und  an  der  Arbeitsstätte  sich  die  Zuneigung  und  den  Eespekt  ihrer
Untergebenen  bewahrt  haben.
Also  wieder  der  alte  Zirkelschluß.  Doch  er  bemerkte  abermals,
daß  die  methode  d’observation  in  der  Sozialwissenschaft  nicht  so  rasch
zu  Erfolgen  führte  wie  in  den  Naturwissenschaften.  Unter  der
gleichen  Religion  und  Staatsform  wurde  das  eine  Volk  glücklich,
das  andere  unglücklich.  Mit  anderen  Worten:  Le  Play  bemerkte,
daß  die  differenzierenden  Momente  im  Völkerleben  doch
zahlreicher  sind,  als  er  angenommen  hatte.  Er  unterschied  von  jetzt
an  außer  den  unveränderlichen  Elementen  jeder  sozialen  Konstitution
„Beobachtung  des  Sittengesetzes“  und  „Sicherung  des  täglichen
Brotes“,  noch  weitere  variable  Elemente.  Aber  die  Tragweite
der  letzteren  suchte  er  nicht  zu  ermitteln,  und  hinsichtlich  der
ersteren  hielt  er  fest  an  den  einfachen,  schematischen  Vorstellungen,
die  ihm  von  Jugend  auf  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  waren.
Voraussetzungen  und  Vorurteile  als  innere  Hemmungen.
Le  Play  war  im  Irrtum,  wenn  er  glaubte,  daß  er  durch  den  engsten
Anschluß  an  die  „Sozialen  Autoritäten“  die  Einflüsse  seiner  Erziehung ­
  ausschalten  könnte.  Sie  sind  in  Wahrheit  immer  vorhanden
gewesen  und  nie  ganz  zurückgedrängt  worden.  Als  Le  Play  im
Jahre  1824  seine  Studien  in  Paris  begann,  betrachtete  er  die  politischen ­
  wie  die  sozialen  Verhältnisse  Frankreichs  nicht  mit  unbefangenem ­
  Auge.  Er  hatte  gar  nicht  die  Absicht,  zu  prüfen,  welche
guten  und  welche  schlimmen  Folgen  die  Umgestaltung  der  Dinge
seit  1789  gehabt  hatten;  er  sah  in  der  Revolution  nur  das  Wirken
„falscher  Ideen“,  „falscher  Dogmen“,  die  das  Verschwinden  der
alten  nationalen  Tradition  verschuldet,  teilweise  sogar  ihre  Kenntnis
        <pb n="77" />
        71

in  Vergessenheit  gebracht  hatten.  Deshalb  blieb  er  dem  neuen
Geiste  gegenüber  unzugänglich  und  ablehnend.  Er  war 1 )
gewappnet  gegen  die  Irrlehren,  die  die  modernen  Historiker,  die  Politiker, ­
  die  Dichter,  die  Presse  nsw.  yortrugen.  .  ..  Ich  blieb  zuerst  gleichgültig
gegenüber  den  Schriften,  die  meine  Mitschüler  begeisterten;  dann  verabscheute
ich  sie,  als  ich  die  blutigen  Ereignisse  vom  Juli  1830  daraus  hervorgehen  sah,
die  sich  seitdem  so  oft  wiederholt  haben.
Also  immer  Ablehnung  und  Verabscheuung  der  modernen  Ideen,  die
allein  für  das  nationale  Unglück  haftbar  gemacht  wurden.
Daneben  finden  wir  bei  Le  Play  schon  früh  jene  ausgeprägte
„hierarchische“  Auffassung  vom  Staats-  und  Gesellschaftsleben,
d.  h.  die  Vorstellung  von  über-  und  untergeordneten  Gesellschaftsklassen, ­
  die  ihm  ebenfalls  vollkommen  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen ­
  war.  Auch  in  seinem  Privatleben  zeigt  sich  diese  Auffassung ­
  von  der  Überordnung  des  einen  über  den  anderen.  Als  er
mit  seinem  Freunde  Reynaud  in  Deutschland  reiste,  ergaben  sich
oft  lebhafte  Meinungsverschiedenheiten;  aber
die  hierarchischen  Gewohnheiten  bestimmten  mich  dazu,  die  manchmal  etwas
scharfen  Wendungen  des  „Älteren“  gern  hinzunehmen 2 ).
Wie  wir  in  der  Jugend  diese  Auffassung  schon  wahrnehmen  können,
so  finden  wir  sie  später  wieder,  bis  in  die  Einzelheiten  systematisch
ausgebaut.  Eine  solche  organische  Auffassung  des  Volkslebens  hatte
ihre  volle  Berechtigung;  aber  indem  jede  andere  Auffassung  von
vornherein  abgewiesen  wurde,  entstand  ein  „Vorurteil“.  Er  hätte
die  Notwendigkeit  der  „hierarchischen“  Gliederung  beweisen  müssen.
Le  Play  wußte  wohl,  daß  auch  er  sich  vor  „opinions  precongues“
zu  hüten  habe 3 );  aber  er  dachte  dabei  je  länger,  um  so  weniger  an
jene  ihm  in  der  Jugend  eingepflanzten  Vorstellungen,  an  die  ganze
Richtung  seiner  eigenen  Erziehung,  sondern  an  gewisse  sein  Volk
und  seine  Zeit  beherrschenden  Vorstellungen,  vor  allem  an  die
Überschätzung  des  Reichtums,  an  die  demokratischen  Anschauungen
der  großen  Revolution.  Sie  suchte  er  bei  sich  zurückzudrängen,
weil  er  sie  als  Hemmungen  seiner  wissenschaftlichen  Arbeit  betrachtete. ­
  Er  sah  die  Gefahr  immer  nur  auf  der  einen  Seite,  so
sehr  stand  er  selbst  auf  der  anderen.  Dieser  Standpunkt,  zu  dem

')  0.  E.  I,  619.
2 )  0.  E.  I,  39.
3 )  Ref.  soc.  I,  65.
        <pb n="78" />
        72

l )  0.  E.  I,  81.

er  immer  wieder  zurückkehrte,  war  aber  derjenige  seiner  Erzieher;
er  hat  es  seihst  ganz  naiv  ausgesprochen 1 ):
Ich  suche  seit  einem  halben  Jahrhundert  die  glücklichen  Gesellschaften,
die  meinen  Mitbürgern  als  Muster  vorgehalten  werden  können.  Ich  habe  bei
dieser  schwierigen  Materie  immer  zunächst  versucht,  mich  dem  Drucke  der
vorgefaßten  Anschauungen  zu  entziehen;  nachdem  ich  alle  zeitgenössischen
Neuerer  angehört  hatte,  bin  ich  immer  zu  der  Wahrheit  zurückgeführt
worden,  die  ich  seit  meinem  fünften  Jahre  von  meiner  Mutter  empfangen  hatte:
ich  erkannte  mehr  und  mehr  als  Kriterium  des  Glücks  und  Gedeihens  das  sittliche ­
  Lehen  und  das  tägliche  Brot.
Indem  Le  Play  der  Scylla  des  Zeitgeistes  entging,  fiel  er  der
Charybdis  der  Vorstellungen  anheim,  welche  seine  Erzieher  ihm  eingepflanzt ­
  hatten.
Diese  Vorstellungen  waren  nicht  falsch,  aber  zu  allgemein  und
unvollständig;  das  ist  die  Wahrnehmung,  die  sich  uns  immer  wieder
aufdrängt.  Le  Play  wollte  „Musterbilder  glücklicher  Völker“
suchen,  die  als  Vorbilder  für  Frankreich  dienen  sollten.  Die  „Tradition ­
  des  Guten  und  des  Friedens“  wollte  er  in  Tätigkeit  sehen,
um  ihre  Prinzipien  für  Frankreich  nutzbar  zu  machen,  wenigstens
dem  französischen  Denken  näher  zu  bringen.  Das  war  keine  klar
umschriebene  Aufgabe.  Für  den  Begriff  „Glück“  hat  Le  Play
mehrere  Bezeichnungen.  Einmal  „bien-etre“,  das  materielle  Wohlergehen ­
  des  einzelnen,  dann  „bonheur“,  das  physische  und
moralische  Wohlergehen;  letzterem  entspricht  für  die  Gesellschaft
„prosperite“.  Alle  sind  zurückzuführen  auf  „die  andauernde
Wirkung  des  Guten“,  worunter  Le  Play  die  Prinzipien  der  „Constitution ­
  essentielle“  und  das  dadurch  verwirklichte  praktische  System
versteht.  Welche  Unbestimmtheit  der  Begriffe  für  eine  exakte
Untersuchung!  Und  welches  fortgesetzte  Sichdrehen  im  gleichen
Kreise!
Die  unklaren  Bewertungs-Maßstäbe  mußten  Le  Play  dazu  verführen, ­
  die  von  ihm  beobachteten  Tatsachen  des  Lebens  in  die
fertigen  Fächer  seiner  Begriffe  einzuordnen,  statt  umgekehrt  letztere
aus  den  Beobachtungen  selbst  zu  bilden.  Mit  anderen  Worten:  Le
Play  verfuhr,  ganz  gegen  seine  eigene  Absicht,  überwiegend
deduktiv.  Wie  konnte  er  selbst  in  diesen  von  ihm  so  scharf  erkannten ­
  und  gerügten  Fehler  verfallen?  Die  Antwort  lautet:  weil
seine  induktive  Methode  ein  Torso  blieb,  und  weil  die  breiten
Lücken  seiner  Methode  ihn  zwangen,  sie  mit  Hilfe  jener  vagen
        <pb n="79" />
        73

Vorstellungen  und  Begriffe  durch  überwiegende  Deduktion  auszufüllen. ­
  Wir  haben  hier  nicht  zu  untersuchen,  ob  und  inwieweit  es
überhaupt  möglich  ist,  die  allgemeinen  Begriffe  „Glück“,  „Sittengesetz“, ­
  „Tägliches  Brot“  usw.  durch  schärfer  umgrenzte  Begriffe
zu  ersetzen.  Genug:  Le  Play  hat  dies  nicht  einmal  zu  tun  versucht. ­

Le  Play’s  Methode  blieb  unvollendet.  Die  Unvollkommenheit
der  Methode  Le  Play’s  wird  im  einzelnen  aus  der  folgenden  Kritik
seiner  Monographien  ersichtlich  werden.  Vorher  wollen  wir  nochmals ­
  auf  Grund  seiner  eigenen  Äußerungen  uns  dasjenige  zu  vergegenwärtigen ­
  suchen,  was  er  unter  „Induktion“  verstand.  Auch
dies  war  bei  ihm  ein  recht  unbestimmter  Begriff,  dessen  eigentliches
Wesen  wir  nicht  erfassen  können,  so  gewissenhaft  er  sich  selbst
gerade  an  diesem  Teile  seines  Lebenswerkes  abmühte.
Als  Le  Play  1829  die  Bergwerke  des  Harzes  besuchte,  fand
er  dort,  wie  wir  wissen,  dasjenige  verwirklicht,  was  er  später  „la
Constitution  essentielle  de  l’humanite“  nannte:  die  Befolgung  des
Sittengesetzes  und  die  Sicherung  des  täglichen  Brotes.
Jedes  Jahr  bestärkte  ich  mich  in  dieser  Überzeugung,  während  der
Sommerreise,  die  mir  die  Kenntnis  der  sozialen  Tatsachen  vermittelte,  dann
während  des  Winters  durch  die  Induktionsarbeit,  die  mich  langsam  von  diesen
Tatsachen  zu  den  Prinzipien  aufsteigen  ließ  *).
Die  „Induktionsarbeit“  des  Winters,  die  sich  an  jede  einzelne
Reise  anschloß,  war  viel  bedeutungsvoller  als  das  Materialsammeln,
schon  rein  äußerlich;  Le  Play  hat  viel  mehr  Zeit  darauf  verwendet.
Die  Darstellung  der  57  Monographien  nimmt  den  größten  Teil  meines
Werkes  in  Anspruch,  aber  nur  den  geringsten  Teil  der  Zeit,  die  ich  darauf
verwendet  habe.  Diese  Zeit  wurde  hauptsächlich  zu  unaufhörlicher
Überlegung  verwendet,  die  es  mir  erlaubt  hat,  dem  Joche  der  zeitgenössischen ­
  Irrtümer  zu  entschlüpfen.  Ich  bin  erst  nach  und  nach  zu  ewigen  Wahrheiten ­
  gelangt,  d.  h.  zu  solchen,  die  für  die  glücklichen  Völker  aller  Zeiten
entscheidend  gewesen  sind.
Le  Play  fand  also  gleich  bei  Beginn  seiner  Beobachtungen  im  Harz
ein  Prinzip  bestätigt,  das  ihm  schon  in  frühester  Jugend  vor  Augen
gestanden  hatte.  Alle  Beobachtungen  der  nächsten  Jahre  (in  den
Pyrenäen,  in  Belgien,  in  England,  im  Südosten  Rußlands) 2 )  dienten
zur  Prüfung  dieses  Prinzips  und  schienen  es  entweder  zu  bestätigen
oder  ihm  zu  widersprechen.  Wenn  die  „Prinzipien“  der  beob-’)

  0.  E.  I,  425.
2 )  0.  E.  I,  413.
        <pb n="80" />
        74

achteten  Tatsachen  nicht  miteinander  in  Einklang  zu  bringen
waren,  so  war  das  für  Le  Play  die  Veranlassung  zu  erneuter  Nachprüfung; ­
  er  hatte  offenbar  die  Prinzipien  noch  „nicht  richtig  verstanden“. ­
  So  hat  er  manche  Gegenden  dreimal  besucht,  bis  er
schließlich  den  tieferen  Sinn  in  den  äußeren  Erscheinungen  entdeckt ­
  zu  haben  glaubte:
Endlich  erschien  mir  die  Methode  der  Monographien  in  ihrer  vollen  Fruchtbarkeit. ­
  Jede  neue  Beobachtung  führte  sofort  zu  Folgerungen,  die  stets  durch
die  Meinung  der  weisesten  Männer  ihrer  Gegend  bestätigt  wurden l ).
Man  sieht  hier  förmlich  vor  Augen,  wie  sich  Le  Play  immer  mehr
in  seinen  Anschauungen  befestigte,  von  denen  er  glaubte,  daß  sie
voraussetzungslos  aus  seinen  Beobachtungen  gewonnen  seien.  Er
sah  nicht,  daß  sie  zum  größten  Teil  schon  aus  seiner  Fragestellung
herrührten.
Soweit  war  er  gelangt,  als  die  Anzeichen  einer  neuen  bevorstehenden ­
  Revolution  sich  am  Horizont  zeigten,  im  Jahre  1844 2 ).
Seine  Freunde  bedrängten  ihn  jetzt  mit  Fragen  nach  den  Ergebnissen ­
  seiner  vieljährigen  Studien.  Es  wurde  aus  Angehörigen  der
verschiedenen  Parteien  ein  sozialer  Reformausschuß  gebildet,  dem
u.  a.  Le  Play,  Tocqueville,  Montalembert,  Jean  Reynaud,  Frangois
Arago  und  Lanjuinais  angehörten.  Le  Play  versprach  die  dafür
erforderlichen  Materialien  zu  liefern.  Er  selbst  wollte  jeder  politischen ­
  Aktion  fernbleiben.  Aber  seine  Ergebnisse  sollten  ihr
dienen.
Da  brach  die  Februar-Revolution  aus.  Alle  Reformarbeit  wurde
unterbrochen.  Der  Streit  der  extremen  Meinungen  erreichte  seinen
Höhepunkt.  Le  Play  wurde,  seinem  lebhaften  Widerstande  zum
Trotz,  von  seinen  Freunden  moralisch  gezwungen,  direkt  in  den
Streit  klärend  einzugreifen.  Er  verpflichtete  sich,  durch  ein  Werk
die.Bedingungen  der  sozialen  Reform  vorzutragen 3 ).
Mit  Rücksicht  auf  diese  Reform,  auf  politische  Zwecke,  ging
Le  Play  an  eine  erneute  Nachprüfung  seiner  Ergebnisse,  und  zwar
schon  mit  ganz  befestigten  Anschauungen,  während  die  Monographien
nur  in  ihren  Elementen  vorhanden  waren,  eine  zusammenfassende
Darstellung  überhaupt  noch  nicht  vorlag.  Jetzt  widmete  sich
Le  Play  ganz  der  Sozialwissenschaft,  die  früher  in  zweiter  Linie

&amp;gt;)  0.  E.  I,  421.
2 )  0.  E.  I,  422  ff.
3 )  0.  E.  I,  431.
        <pb n="81" />
        75

*)  0.  E.  I,  432  ff.

gestanden  hatte.  Es  galt  die  Lücken  der  Monographien  auszufüllen,
die  alten  Beobachtungen  nachzuprüfen  und  neue  zu  sammeln.  Wieder
war  Le  Play  sechs  Sommer  auf  Reisen,  während  er  die  Winterzeit
zur  Abfassung  der  Monographien  benutzte.  Im  Jahre  1854  war  das
Manuskript  der  „Ouvriers  europeens“  fertig.  Er  hatte  von  300
beobachteten  Familien  36  genauer  bearbeitet,  „die  allenfalls  genügten,
um  die  Grundsätze  der  sozialen  Reform  unseres  Landes  darzulegen“.
Jede  Monographie  zeigte  die  „Induktionen“,  die  aus  ihr  gewonnen
waren.  Ein  zusammenfassendes  Schlußkapitel  behandelte  „die
Sitten  und  Einrichtungen,  die  auf  Grund  der  Erfahrung  und  nach
einstimmiger  Ansicht  der  sozialen  Autoritäten  Europas  für  die
Existenz  jeder  glücklichen  Gesellschaft  unentbehrlich  sind“  1 ).
Aber  gerade  dieses  Schlußkapitel,  welches  die  Folgerungen  enthielt, ­
  ließ  Le  Play  in  der  1.  Auflage  der  „Ouvriers  europeens“  fort,
weil  inzwischen  sich  die  politischen  Verhältnisse  wieder  derart  geändert ­
  hatten  (Staatsstreich  von  1851),  daß  jene  Schlußfolgerungen
den  momentanen  Gesamteindruck  des  Werkes  gefährdet  haben  würden.
Der  Text  der  1.  Auflage  beschränkte  sich  daher  auf  dasjenige,  was
unbedingt  notwendig  war  zum  Verständnis  der  Monographien.  Erst
in  der  2.  Auflage  hat  Le  Play  die  Schlußfolgerungen  hinzugefügt
(vol.  I  ch.  XVI  u.  XVII):  die  Darstellung  der  wesentlichen  Bestandteile ­
  eines  glücklichen  sozialen  Zustandes.  Hierdurch  macht  die
erste  Auflage  einen  weit  unbefangeneren  Eindruck  als  die  zweite.
So  ist  es  gekommen,  daß  die  erste  Auflage  der  „Ouvriers
europeens“  das  einzige  der  Werke  Le  Play’s  geblieben  ist,  in  dem
die  Politik,  die  Sozialreform  nicht  als  Zweck  seiner  Studien  offen
zutage  tritt.  Aber  unter  der  Oberfläche  war  sie  auch  dort  vorhanden. ­

Man  sieht:  Le  Play  bemühte  sich  unendlich,  aus  seinen  Beobachtungen ­
  die  wesentlichen  Grundlagen  des  Völkerglücks  und  aus
ihnen  die  Grundsätze  sozialer  Reform  abzuleiten.  Aber  diese  „Induktionen“ ­
  waren  etwas  völlig  anderes  wie  dasjenige,  was  er  ursprünglich ­
  angestrebt  hatte.
Er  hatte  nach  vorurteilsloser,  nach  zwingender,  nach  naturwissenschaftlicher ­
  Erkenntnis  gestrebt.  Aber  seine  tatsächliche
Fragestellung  machte  es  ihm  schon  unmöglich,  dieses  Ziel  zu  erreichen; ­
  denn  ersuchte  die  wesentlichen  Elemente  des  Völkerglücks,
        <pb n="82" />
        76

des  sozialen  Friedens.  Eine  an  sich  berechtigte,  aber  viel  zu  allgemeine ­
  und  auch  einseitige,  unvollständige  Fragestellung.  Sie
schob  schon  einen  Teil  der  zu  beobachtenden  Tatsachen  in  den

Vordergrund,  einen  anderen  Teil  in  den  Hintergrund;  sie  konnte
den  verwickelten  Tatbeständen  ausgebildeter  sozialer  Differenzierung
nicht  gerecht  werden.  Ferner  war  aber  auch  dasjenige,  was  er
suchte,  schon  in  seinem  eigenen  Geiste  für  ihn  gegeben:  ein  allgemeiner ­
  idealer  Wertmaßstab  der  zu  beobachtenden  Tatsachen,  der
diese  unvermeidlich  färbte.  Seine  Erkenntnis  war  also  von  Voraussetzungslosigkeit ­
  weit  entfernt.
Sie  war  auch  nur  scheinbar  zwingend.  Ihr  zwingender  Charakter ­
  lag  unbewußt  darin,  daß  sich  seine  Beobachtungen  von  Anfang ­
  an  und  später  nur  noch  immer  mehr  nach  dem  Prinzip  orientierten, ­
  daß  die  Beobachtung  des  Sittengesetzes  und  die  Sicherung
des  täglichen  Brotes  die  wesentlichen  Bestandteile  des  sozialen
Wohlergehens  seien.  Wo  die  von  ihm  beobachteten  Tatsachen  für
die  Wahrheit  dieses  Prinzips  sprachen,  da  wurden  sie  von  ihm  ohne
weiteres  als  Beweismittel  verwendet;  wo  sie  gegen  die  Wahrheit
des  Prinzips  sprachen,  erschien  ihm  dies  als  ein  sicheres  Symptom
des  Verfalles,  während  es  doch  ebensogut  ein  Zeichen  eines  Übergangszustands ­
  oder  auch  der  unzureichenden  Fragestellung  sein
konnte.  Aber  das  kam  ihm  nicht  in  den  Sinn.  Deshalb  wirkten
seine  „Induktionen“  auf  ihn  selbst  um  so  mehr  zwingend,  je
weiter  er  seine  Beobachtungen  ausdehnte;  aber  bei  Nachprüfung
seiner  scheinbaren  Induktionsschlüsse  werden  wir  sehen,  daß  diese
keineswegs  zwingend  und  überhaupt  oft  gar  keine  wirklichen  Induktionen ­
  waren,  sondern  Deduktionen  aus  vorgefaßten  Meinungen.
Das  war  kein  naturwissenschaftliches  Verfahren.
Gerade  diejenigen  Beobachtungen  Le  Play’s,  die  bei  weiterem
Ausbau  seiner  Methode  ihr  einen  zwingenden,  einen  naturwissenschaftlichen ­
  Charakter  hätten  geben  können,  die  meßbaren  Tatsachen ­
  der  Familien-Wirtschaft,  ließen  sich  im  Lichte  seiner  sozialen
Wertmaßstäbe  am  wenigsten  verwerten  und  sind  auch,  soweit  ersichtlich ­
  ist,  kaum  von  ihm  verwertet  worden.  Deshalb  gelangte
die  Entwicklung  der  Methode,  soweit  sie  einen  naturwissenschaftlichen ­
  Charakter  hatte  oder  doch  haben  konnte,  nicht  über  die
Beobachtung  hinaus.  Schon  die  Analyse  der  beobachteten  Tatsachen ­
  konnte  gar  nicht  mehr  einen  solchen  Charakter  haben,  noch
weniger  die  Synthese.
        <pb n="83" />
        77

Die  Wirklingen  des  wirtschaftlichen  Vorwärtsstrebens,  der  aufopfernden ­
  Kraftanspannung  im  Dienste  der  eigenen  Familie,  die
Wirkungen  dieses  Prinzips,  das  in  der  Neuzeit  das  vorherrschende
geworden  ist,  wären  mit  Hilfe  der  Methode  Le  Play’s  hei  dessen
weiterem  Ausbau  wohl  zu  messen  gewesen.  Aber  sie  paßten  nicht
in  sein  Schema  der  wesentlichen  Elemente  sozialer  Glückseligkeit
und  blieben  deshalb  unverwertet.  So  ist  die  Methode  Le  Play’s
über  die  Anfänge  nicht  hinausgelangt.
3.  Die  Monographie.  Der  Kähmen  der  Familie  reicht  nicht
ans.  In  der  Kritik,  die  Paul  de  Rousiers  in  dem  schon  erwähnten ­
  Artikel  „L’ecole  de  la  Science  sociale“  an  der  Methode  Le
Play’s  übt,  betrachtet  er  die  Tatsache,  daß  zwischen  den  Monographien ­
  Le  Play’s  und  denen  seiner  Schüler  sehr  weitgehende
Unterschiede  bestehen,  als  einen  Beweis  für  die  allzu  rohe  Schematisierung ­
  der  Monographie  seines  Meisters.  Während  bei  Le  Play
das  Allgemeine  und  Wesentliche  immer  gut  herausgearbeitet  ist,  geben
die  Schüler  in  denselben  Paragraphen  oft  „kindliche  Beobachtungen“
wieder  oder  solche  von  speziellem  Interesse.  Aus  dieser  Ungleichheit ­
  entnimmt  de  Rousiers,  daß  das  Schema  der  Monographie  viel
zu  weit  ist  und  dem  Beobachter  nicht  die  nötigen  Hilfen  gibt.  In
Wahrheit  liegt  der  Fehler  noch  tiefer:  es  fehlt  eine  strenge  Methode ­
  der  Analyse  wie  der  Synthese.  Le  Play  hat  diesen  Fehler
nie  erkannt,  sondern  immer  geglaubt,  daß  der  gute  Wille  des  Beobachters ­
  und  die  im  Schema  liegenden  Anweisungen  zur  Abfassung
einer  guten  Monographie  durchaus  genügen.
Vor  allem  richtet  sich  die  Kritik  de  Rousiers  gegen  den  Teil
der  Monographie,  der  unter  dem  Titel  „Verschiedene  Elemente  der
sozialen  Verfassung“  die  außerhalb  der  Familie  liegenden,  von  der
Familie  zur  Gesellschaft  hinführenden  wesentlichen  Bestandteile  der
Gesellschaftsverfassung  enthalten  soll.  In  dieser  unsystematischen
Betrachtungsweise,  die  auch  in  der  Verschiedenheit  der  Überschriften
in  den  einzelnen  Monographien  ihren  Ausdruck  findet,  erblickt  de
Rousiers  ein  Eingeständnis  der  Schwäche,  des  Nichtkönnens.
In  der  Tat  liegt  hier  eine  große  Schwäche  der  Monographie
vor  und  damit  der  ganzen  Arbeit  Le  Play’s.  Er  selbst  war  wohl
imstande,  auf  Grund  seiner  Erfahrungen  und  Beobachtungsgaben  die
wesentlichen  Punkte  richtig  zu  erfassen  und  hervorzuheben.  Solange ­
  er  lebte,  hat  er  an  allen  Monographien,  die  seine  Schüler
fertigstellten,  mitgearbeitet  oder  sie  nachgeprüft.  Er  hätte  also  auffällige ­
  Lücken,  die  sich  in  diesem  Teile  zeigten,  entdecken  und  ev.
        <pb n="84" />
        78

eine  Änderung  des  Schemas  vornehmen  müssen.  Wenn  er  es  nicht
tat,  so  darf  dies  als  Beweis  dafür  gelten,  daß  er  den  Hauptwert  auf
die  eigentliche  Familien-Beschreibung  und  besonders  auf  das  Budget
legte,  daß  ihm  der  allgemeine  Teil  weniger  wichtig  schien.  Die
Familien-Verfassung  war  ihm  viel  wesentlicher  als  die  sonstigen
Elemente  der  Gesellschafts-Verfassung;  damit  überließ  er  deren
Untersuchung  tatsächlich  dem  „Zufall  und  dem  Scharfsinn“  des  Beobachters, ­
  anstatt  sie  mit  in  das  Schema  aufzunehmen.  Er  ging
eben  von  der  Ansicht  aus,  daß  alle  diese  wichtigen  Elemente  irgendwelche ­
  Beziehungen  zur  Familie  haben  und  deshalb  bei  einer  eingehenden ­
  Beschreibung  der  Familie  schon  von  selbst  mit  in  den
Kreis  der  Betrachtung  gezogen  werden.
Le  Play  erkannte  offenbar  nicht  ausreichend  die  Tragweite  der
Erscheinung,  daß  durch  die  immer  weiterschreitende  soziale  Differenzierung ­
  die  Familie  fortgesetzt  Elemente  an  die  Kirche,  an  die
Gemeinde,  an  den  Staat,  an  die  Erwerbswirtschaft  usw.  abgegeben
hat,  daß  ihre  Kenntnis  also  in  immer  geringerem  Grade  zur  Kenntnis
der  sozialen  Verfassung  ausreicht.
Hierdurch  wird  unvermeidlich  die  Behandlungsweise  einseitig  und
lückenhaft.  Betrachten  wir  z.  B.  eine  Arbeiterfamilie,  in  der  Verbrauchs- ­
  und  Erwerbswirtschaft  völlig  unabhängig  voneinander  sind,
weil  der  Mann  in  einem  ihm  nicht  gehörenden  großen  Betriebe
arbeitet,  der  ihm  die  Möglichkeit  gibt,  zu  existieren.  Trotzdem  sind
die  Existenzbedingungen  eines  solchen  Betriebes  für  Le  Play  nur
nebenbei  Objekte  der  Beobachtung.  Namentlich  die  Erwerbswirtschaft ­
  wird  nicht  als  etwas  für  sich  Bestehendes
betrachtet,  ihre  inneren  Gesetze  werden  nicht  weiter  untersucht,
sondern  sie  wird  höchstens  insoweit  in  den  Kreis  der  Betrachtung
gezogen,  als  sie  Einfluß  auf  die  Familie  ausübt.
Die  rückwärts  gewendete  Betrachtungsweise  Le  Play’s  erlaubte
es  ihm  eben  nicht,  aus  der  sozialen  Differenzierung  zwischen  Erwerbsund ­
  Verbrauchswirtschaft  die  unerläßlichen  Konsequenzen  zu  ziehen.
Er  untersuchte  ganz  überwiegend  solche  Familien,  in  denen  jene
Differenzierung  sich  noch  unvollkommen  vollzogen  hatte,  also  namentlich ­
  ländliche  Familien  und  städtische  Familien  von  Heimarbeitern
oder  sonstigen  halb  selbständigen  Existenzen.  Wenn  Le  Play  im
Ural  Familien  untersuchte,  welche  sich  noch  den  größten  Teil  ihrer
ursprünglichen  Funktionen  erhalten  hatten,  so  konnte  er  die  übrigen
Elemente  der  sozialen  Verfassung  leicht  in  diesen  Kähmen  einfügen.
Aber  schon  bei  den  Familien  deutscher  Heimarbeiter  war  das  nicht
        <pb n="85" />
        79

mehr  möglich,  geschweige  denn  bei  Arbeiterfamilien  in  Paris,  Sheffield ­
  usw.  Ein  Vergleich  zwischen  Familien,  die  in  ihrer  Bedeutung  für
den  Zustand  der  Gesellschaft  so  verschiedenwertig  waren,  mußte  zu
schiefen  Ergebnissen  führen.  Manche  Schüler  Le  Play’s  haben  diesen
Mangel  erkannt  und  haben  sich  bemüht  ihn  auszufüllen,  wobei  sie
sich  freilich  von  Le  Play’s  ganzem  Verfahren  weit  entfernten.
Kritik  der  Monographie  im  einzelnen.  Vorbemerkungen.
Man  hat  bisher,  namentlich  bei  uns  in  Deutschland,  sich  darauf  beschränkt, ­
  gewisse  Unzulänglichkeiten  der  wissenschaftlichen  Technik
Le  Play’s  zu  kritisieren,  die  sich  von  vornherein  erkennen  lassen,
z.  B.  die  Tatsache,  daß  er  die  Einnahmen  und  Ausgaben  der  Familie
lediglich  auf  Grund  von  Unterhaltungen  mit  deren  Angehörigen
festzustellen  suchte.  Aber  dies  reicht  nicht  aus.  Um  über  den
Wert  der  Familien-Monographien  ins  klare  zu  kommen,  ist  es  nötig,
einzelne  von  ihnen  soweit  wie  möglich  nachzuprüfen.  Das  ist  mit
französischen  Monographien  schon  geschehen  l ).  Wir  haben  es  auch
bei  Monographien  deutscher  Familien  zu  tun  versucht,  um  festzustellen,
inwieweit  er  genau  beobachtet,  die  Kausalzusammenhänge  richtig
und  allgemeingültig  erfaßt  hat.
Der  Versuch  hat  mit  der  Schwierigkeit  zu  kämpfen,  daß  die  Monographien ­
  Le  Play’s  spätestens  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
aufgenommen  sind,  also  weit  zurückliegen.  Immerhin  konnte  man
hoffen,  über  die  damaligen  allgemeinen  Verhältnisse,  vielleicht  sogar
über  die  einzelner  Familien  Material  zu  erlangen,  wenn  man  Monographien ­
  aus  einer  Gegend  wählte,  hinsichtlich  deren  viel  Literatur
vorliegt,  und  wo  die  Verhältnisse  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  sich  nicht  völlig  verändert  haben.
Die  Wahl  fiel  in  erster  Linie  auf  die  Monographie  eines
Solinger  Waffenschmiedes,  die  in  beiden  Auflagen  der
„Ouvriers  europeens“  (2.  Aufl.  Bd.  III)  veröffentlicht  ist.  Dieser
Waffenschmied  war  ein  sogenannter  „Aufschläger“,  der  die
Klingen  und  Hefte  zusammensetzte.  Für  die  Nachprüfung  der  als
Anhang  II  abgedruckten  Monographie  wurde  an  Ort  und  Stelle
einiges  Material  gesammelt.  Es  gelang  sogar,  die  Familie  des  Aufschlägers ­
  mit  Hilfe  mehrerer  mit  den  Verhältnissen  vertrauter  alter
Leute  einwandfrei  nachzuweisen.  Zwei  in  der  Monographie  erwähnte

’)  R.  Pinot,  Monographie  du  Jura  bernois  (Science  sociale  1887);  Butel,
La  vallee  d’Ossau;  etude  sur  la  population  originaire  et  la  pretendue  famille-souche
des  Pyrenees  (Science  sociale  1892/93).

6
        <pb n="86" />
        80

Töchter  leben  noch  jetzt.  Sie  wissen  zwar  nichts  von  der  monographischen ­
  Aufnahme,  was  aber  bei  der  Länge  der  Zeit  und  der
kurzen  Dauer  der  Aufnahme  sich  leicht  erklären  läßt.  Die  älteste
Tochter,  1832  geboren,  also  im  Jahre  der  Aufnahme  (1851)  19  Jahre
alt,  ist  eine  geistig  noch  durchaus  rege  Frau,  die  die  Beobachtungen
Le  Play’s  sehr  gut  beurteilen  und  berichtigen  konnte.  Auch  die
jüngeren  Familienglieder  zeigten  sich  über  die  früheren  Verhältnisse
gut  unterrichtet.
An  Literatur  über  die  allgemeinen  Verhältnisse  standen  zur
Verfügung  die  folgenden  drei  Werke:
Alfons  Thun,  Die  Industrie  am  Niederrhein  und  ihre
Arbeiter,  2.  Teil,  1879.  (Staats-  und  sozial  wissenschaftliche
Forschungen  von  Schmoller,  II.  Bd.,  3.  Heft.)  Grunow,  Die
Solinger  Industrie.  (Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.
Verhandlungen  von  1899,  Bd.  88,  Anhang.)  Franz  Ziegler,
Wesen  und  Wert  kleinindustrieller  Arbeit,  gekennzeichnet  in
einer  Darstellung  der  Bergischen  Kleineisen-Industrie,  1901.
Neben  dieser  Monographie  wurde  noch  die  eines  „Harzer
Bergmannes“  (0.  E.  Bd.  III)  zwar  nicht  an  Ort  und  Stelle,  aber
an  der  Hand  umfangreicher  Literatur  nachgeprüft.
Die  einzelnen  Ergebnisse  dieser  beiden  Nachprüfungen  sind  im
folgenden  mit  sonstigen  zur  Kritik  der  Monographien  verfügbaren
Materialien  zusammen  verarbeitet  worden.  Dabei  ist  aber  schließlich
ein  großer  Teil  der  Ergebnisse  als  überflüssig  fortgelassen  worden.
Die  Monographie  ist  kein  Zustandsbild.  Die  Überschriften
der  Monographien  geben  meist  an,  daß  die  Aufnahme  in  zwei  verschiedenen ­
  Jahren  erfolgt  ist.  Le  Play  hat  vor  der  Veröffentlichung ­
  seine  Monographien  nachgeprüft  und  vervollständigt;  die
spätere  Jahreszahl  ist  meist  die  der  Nachprüfung.  In  der  zweiten
Auflage  der  „Ouvriers  europeens“  finden  sich  wiederholt  einzelne
Ergebnisse  weiterer  Nachprüfungen,  die  die  Entwicklung  in  der
Zwischenzeit  angeben  sollen  und  in  einem  neuen  Paragraphen  angefügt ­
  werden.  Soweit  ist  also  Klarheit  vorhanden.
Anders  steht  es  mit  den  Angaben  aus  früherer  Zeit.  So  ist
z.  B.  die  Monographie  des  Harzer  Bergarbeiters  in  den  Jahren  1829
und  1845  aufgenommen.  Das  Material  dieser  beiden  Aufnahmen  ist
aber  nicht  getrennt,  sondern  ineinander  verarbeitet;  aus  der  Monographie ­
  geht  nicht  hervor,  in  welcher  Zeit  das  Budget  entstanden
ist,  in  welcher  Zeit  die  Beschreibung.  Das  ist  aber  sehr  wichtig.
        <pb n="87" />
        m

81

Eine  Monographie  soll  doch  ein  Zustandsbild,  ein  „Querschnitt  durch
die  Geschichte“  sein;  Budget  und  Beschreibung  sollen  sich  ergänzen,
was  nicht  geht,  wenn  sie  verschiedenen  Zeiten  entstammen.  Sechzehn
Jahre  können  sowohl  in  der  Lebenshaltung,  die  sich  im  Budget
äußert,  wie  auch  in  den  allgemeinen  sozialen  und  wirtschaftlichen
Verhältnissen,  wie  sie  in  der  Beschreibung  sich  zeigen,  Umwälzungen
hervorrufen,  so  daß  bei  diesem  Verfahren  die  beiden  Teile  zeitlich ­
  auseinander  fallen.  Das  ist  bei  dieser  Monographie  in  der  Tat
der  Fall.
Das  Budget  des  Harzer  Bergarbeiters  ist  sicher  erst  im
Jahre  1845,  wahrscheinlich  von  einem  Mitarbeiter  Le  Play’s,  aufgenommen; ­
  denn  erst  damals  entstand  der  Gedanke,  genaue  Budgets
aufzunehmen  und  zu  veröffentlichen.  Bei  Cheysson  „Les  budgets
compares“  (1890)  ist  das  Jahr  1845  für  die  Entstehung  der  ganzen
Monographie  angegeben.  Auch  aus  dem  Budget  selbst  geht  das
hervor.  Der  Bergmann  erzielt  einen  Wochenlohn,  wie  er  erst  Ende
der  40er  Jahre  üblich  ist:  7,60  M.  Lahmeyer 1 )  gibt  erst  für  das
Jahr  1848  den  Höchstlohn  auf  7,75  M.  an,  eine  Steigerung,  die  durch
die  Erlaubnis,  noch  eine  Schicht  mehr  zu  verfahren,  erreicht  wurde.
Im  Jahre  1829  war  der  Lohn  bedeutend  geringer,  nach  der  Angabe
Le  Play’s 2 )  für  die  Hüttenarbeiter  7  Groschen  (0,70  M.)  pro  Tag;
danach  ist  kein  Zweifel,  daß  das  Budget  im  Jahre  1845  entstanden ­
  ist.
Anders  die  Beschreibung.  Im  Jahre  1829  hielt  sich  Le  Play
6  Wochen  im  Harz  auf,  davon  10  Tage  in  Klausthal;  er  lernte
dabei  die  Bergwerks-Verfassung  des  Harzes  gut  kennen.  Den  damaligen ­
  Zustand  hat  er  der  Beschreibung  zugrunde  gelegt;  denn
grundlegende  Veränderungen  aus  den  Jahren  1834/35,  in  denen  die
meisten  Gruben  von  den  Gewerken  verlassen  wurden  und  in  landesherrlichen ­
  Besitz  übergingen,  erwähnt  Le  Play  nicht.
Durch  diese  äußerlich  nicht  ersichtliche  Zweiteilung  der  Monographie ­
  verliert  sie  an  Wert.  Der  Zustand  nämlich,  den  Le  Play
beschreibt  und  der  für  das  Jahr  1829  zutrifft,  bestand  1845  nicht
mehr,  was  der  Leser  doch  zunächst  annehmen  muß.  Die  Kombination ­
  von  Staats-  und  Privatbetrieb,  die  Le  Play  als  mustergültig
erschien,  hatte  sich  inzwischen  in  dieser  Form  als  unhaltbar  er-■)

  Über  die  gegenwärtige  Lage  und  die  Aussichten  des  oberharzischen  Bergwerks- ­
  und  Hiittenhaushalts.  Klausthal  1862.
! )  Fr.  Le  Play,  Voyages  en  Europe,  Paris  1899,  S.  57.

6*
        <pb n="88" />
        82

wiesen.  Deshalb  durfte  auch  die  Monographie,  die  im  Jahre  1855
veröffentlicht  wurde,  diesen  Zustand  nicht  mehr  als  einen  noch
bestehenden  in  Verbindung  mit  einem  Budget  aus  späterer  Zeit
darstellen.
Das  Verfahren  ist  irreführend.  Es  zeigt,  daß  Le  Play  die
Voraussetzungen  einer  richtigen  Analyse  nicht  klar  erkannte.  Die
zeitliche  Einheitlichkeit  ist  doch  eine  unerläßliche  Voraussetzung
für  jeden  Versuch,  eine  Kausalität  festzustellen.  Zahlen  und  Worte
müssen  einander  entsprechen.  Hier  fehlt  aber  jede  Verbindung
zwischen  beiden.  Wenn  Le  Play  ohne  Bedenken  eine  solche  Monographie ­
  veröffentlichte,  so  beweist  dies,  daß  bei  Le  Play  Wort  und
Zahl  überhaupt  nicht  so  eng  zusammenliingen,  wie  er  versicherte,
und  wie  die  Methode  es  verlangt.
Auswahl  der  Familien.  Der  „Typus“.  Die  nächste  sich  uns
aufdrängende  Frage  besteht  darin,  festzustellen,  ob  die  Familie
„typisch“  ist  für  ihre  Gegend.  Diese  Frage  ergibt  sich  ohne  weiteres
aus  dem  Gedanken  Le  Play’s.
Er  hatte  bei  Aufnahme  seiner  Monographien  die  Absicht,  die
sozialen  Verhältnisse  eines  Bezirks,  der  in  der  Familien-  oder
Arbeitsverfassung  oder  aus  sonstigen  Gründen  ihm  charakteristisch
erschien,  an  der  Hand  einer  Familien-Monographie  zu  beschreiben.
Weshalb  er  die  soziale  Einheit  der  Familie  wählte,  und  weshalb  die
sog.  „Arbeiter“-Familie,  wissen  wir  bereits.  Le  Play  hat  aber  nicht
alle  diese  Monographien  veröffentlicht,  sondern  nur  einen  kleinen
Teil;  von  300  wählte  er  57  aus,  die  ihm  „besser  als  die  anderen
verschiedene  Gegenden  Europas  zu  repräsentieren  schienen“ 1 ).  Dabei ­
  wurde  Le  Play  von  der  Absicht  geleitet,  eine  Entwicklungsreihe ­
  aufzustellen,  von  der  asiatischen  Urfamilie  bis  zur  Familie
Westeuropas.
Wenn  man  von  dieser  Absicht  Le  Play’s  ausgeht,  ist  es  natürlich ­
  sehr  wichtig,  ob  er  für  die  einzelnen  Stufen  die  geeigneten
Muster  wirklich  ermittelt  hat;  denn  es  handelt  sich  dabei  um  eine
Bewertung  der  ganzen  Entwicklung.  Ob  Le  Play  immer  die  Durchschnitts-Familie ­
  gefunden  hat,  können  wir  nicht  entscheiden;  es  ist
möglich;  ebenso  möglich  ist  es  aber  auch,  daß  er  eine  Familie
wählte,  die  seiner  Bewertung  des  Zustandes  am  besten  ent-|[
  sprach.

»)  0.  E.  I,  397.
        <pb n="89" />
        83

Lavergne  hat  schon  darauf  aufmerksam  gemacht 1 ),  daß  Le
Play  diese  bei  seiner  Methode  wichtige  Frage  nicht  eingehend
genug  behandelt  hat.  Er  sagt  weiter:
Darin  liegt  der  Hauptübelstand  der  Monographien,  daß  sie  nicht  aut  die
Ergebnisse  der  allgemeinen  Statistik  gestützt  sind.  Man  kann  zweifellos  Durchschnitte ­
  leicht  mißbrauchen,  und  man  hat  sie  oft  mißbraucht,  aber  es  ist  unmöglich, ­
  irgendeinen  Schluß  zu  ziehen  ohne  diese  Grundlage.
Lavergne  wünscht  besonders  eine  größere  Zahl  von  Haushalts-Budgets
  und  die  Produktions-  und  Konsumtionsziffern.  Für  eine
strenge  Vergleichung  der  einzelnen  Budgets  wäre  damit  allerdings
schon  eine  bessere  Grundlage  geschaffen.  Sie  hat  Le  Play  vielleicht
beabsichtigt,  aber  nie  durchgeführt.
Die  Budgets  sind  bei  Le  Play  eine  ziemlich  fruchtlose  Arbeit
geblieben,  „Perlen  ohne  Schnur“  nach  einem  Worte  Engel’s.  Die
gelegentliche  Verwertung  einzelner  Zahlen  bei  Le  Play  wäre  auch
ohne  Budget  möglich  gewesen.  Le  Play  entnimmt  aus  den  Zahlen
lediglich  das,  was  er  für  wichtig  hält,  also  z.  B.  welche  Bolle  die
Eigenproduktion  im  Gesamtbudget  spielt,  welche  Bedeutung  den
Subventionen  zukommt  u.  a.  m.  Die  Hauptaufgabe  des  Budgets,
nämlich  die  Messung  der  Lebenshaltung,  zunächst  physiologisch,
dann  kulturell,  hat  Le  Play  nicht  zu  lösen  versucht.  Es  findet  sich
aber  bei  Le  Play  eine  Äußerung,  die  vielleicht  zeigt,  daß  er  aus
bestimmten  Gründen  davon  absah.  Von  dem  Pariser  Schiffsauslader 2  3 ),
der  sich  gern  berauschte,  sagt  Le  Play:
Nach  einer  von  den  kompetentesten  Personen  am  Orte  vorgenommenen
Untersuchung  ist  die  vom  Familienvater  anfgenommene  Nahrung  nicht  genügend, ­
  um  seine  Kräfte  vollständig  wiederherzustellen.  Der  Wein,  den  der
Arbeiter  außerhalb  der  Familie  trinkt,  um  sich  das  Vergnügen  eines  Rausches
zu  verschaffen,  gleicht  lange  nicht  das  aus,  was,  regelmäßig  verteilt,  die  normale ­
  Erhaltung  seiner  Kräfte  sicherstellen  würde.
Ein  paar  Seiten  weiter  ist  von  den  Bretagner  Saisonarbeitern 8 )  die
Bede,  die  sich  viel  schlechter  als  der  einheimische  Pariser  Arbeiter
nähren:
Man  ist  erstaunt,  daß  sie  bei  der  schlechten  Nahrung  die  Arbeit  mit
Leichtigkeit  ertragen  können.  Wenn  es  in  gewissem  Sinne  zuzugeben  ist,  daß
die  Arbeitsfähigkeit  eines  Arbeiters  von  dem  Nahrungsverbrauch  abhängig  ist,
so  muß  man  doch  auch  den  ursprünglichen  Fonds  von  Kraft  und  Gesundheit
berücksichtigen,  der  auf  Rechnung  der  moralischen  Gewohnheiten,  der  regel-J

 )  Lavergne,  L’agriculture  et  la  population.  Paris  1865.
2 )  0.  E.  VI,  482.
3 )  0.  E.  VI,  489  unten.
        <pb n="90" />
        84

mäßigen  Sitten  zu  setzen  ist,  die  von  Kindheit  an  geübt  sind.  Bei  den
Menschen,  die  seit  ihrer  Jugend  durch  Trunkenheit  und  Laster  geschwächt
sind,  ist  die  Notwendigkeit  der  Kräfte-Erneuerung  konstanter  und  gebieterischer;
daraus  resultiert  eine  höhere  Ausgabe  und  die  Notwendigkeit  eines  höheren
Lohnes.  Die  Arbeiter,  die  am  meisten  und  am  billigsten  arbeiten,  haben  alle
durch  geregelte  Gewohnheiten  und  musterhafte  Sitten  in  der  Jugendzeit  eine
robuste  Gesundheit  und  ursprüngliche  Kraft  erlangt.  Die  Erfahrung  widerlegt
täglich  unter  meinen  Augen  das  Axiom  der  politischen  Ökonomie,  das,  ohne
sich  von  den  moralischen  Einflüssen  Kechenschaft  zu  geben,  einfach  die
Leistungsfähigkeit  (puissance  du  travail)  zur  Menge  der  verbrauchten  Nahrung
in  Beziehung  setzt.
Was  Le  Play  hier  sagt,  ist  nicht  ohne  Berechtigung  und  zeigt
wieder  die  Schwierigkeit  aller  wirtschafts-wissenschaftlichen  Vergleiche ­
  :  der  hier  vorliegende  Fall  ist  aber  so  extrem,  daß  er  nichts
beweist.  Zu  genauerer  Vergleichung  der  physiologischen  Werte
wird  man  Arbeiter  mit  durchschnittlichen  Lebens-Gewohnheiten  sehr
gut  verwenden  können.
Inwieweit  dieser  Mangel  die  Ergebnisse  Le  Play’s  entwertet,
ist  eine  Frage  für  sich.  Seine  Zahlen  haben  für  seine  Ergebnisse
tatsächlich  nur  relativ  geringen  Wert  erlangt,  und  insofern  ist  der
ganze  Plan  seiner  Methode  unausgeführt  geblieben.  Le  Play  verglich ­
  nicht  Zahlen,  sondern  nur  Zustände,  Sitten,  Gesetze  usw.  Sie
sind  in  der  Tat  mehr  oder  weniger  „typisch“.  Aber  da  ein  vergleichbares ­
  Gerippe  an  Zahlen  fehlt,  läßt  sich  nicht  feststellen,  inwieweit ­
  die  sich  aus  den  Vergleichen  ergebenden  Schlüsse
zwingend,  allgemeingültig,  „typisch“  sind.  Dabei  muß  hier  unerörtert
bleiben,  ob  die  Forderung,  die  von  Le  Play  gewählten  Familien
müßten  „typischen“  Charakter  haben,  am  letzten  Ende  berechtigt
ist,  ob  sie  erfüllt  werden  muß,  wenn  die  Aufgabe,  die  Le  Play  sich
stellte,  gelöst  werden  soll.  So  wie  er  diese  Aufgabe  faßte,  indem
er  in  der  einzelnen  Familie  einen  Repräsentanten  der  ganzen  Gesellschaft ­
  erblickte,  ist  jene  Forderung  sicherlich  berechtigt,  und  da
er  ihre  Erfüllung  auf  keine  Weise  gewährleistete,  läßt  uns  seine
Methode  wiederum  im  Stich.
Die  Bedeutung  der  Zahlen  hei  Le  Play.  Wie  wir  jetzt
wissen,  besteht  bei  Le  Play  ein  Zwiespalt  zwischen  der  ursprünglichen ­
  Absicht  und  der  daraus  hervorgegangenen  Anlage  der  Monographie ­
  einerseits,  wobei  das  Schwergewicht  durchaus  auf  den
Zahlen  des  Budgets  liegen  sollte,  und  zwischen  der  wissenschaftlichen ­
  Verwertung  der  so  mühsam  gewonnenen  Zahlen.  Er  erwartete
von  diesen  Zahlen  eine  vollständige  Aufklärung  über  die  Existenz ­
        <pb n="91" />
        85

bedingungen  der  Familien,  ja  auch  über  deren  Empfindungsleben.
Warum,  so  fragen  wir,  hat  er  so  wenig  von  den  Zahlen  verwertet?
Warum  hat  er  sie  nie  einander  gegenübergestellt  ?
Auch  Paul  de  Eousiers  hat  sich  schon  mit  dieser  Frage  beschäftigt. ­
  Er  macht  darauf  aufmerksam,  daß  ein  für  die  Anschauungen ­
  Le  Play’s  so  wichtiger  Kreis  von  Tatsachen,  wie  es  die  Erziehung ­
  der  Kinder  ist,  in  den  Zahlen  der  Familien-Budgets
Le  Play’s  wenig  oder  gar  nicht  zur  Geltung  gelangt  ist.  Aber  wie
wäre  es  möglich  gewesen,  den  Wert  der  Erziehung  in  solchen  Zahlen
auszudrücken?  Man  kann  die  Arbeit  der  Mutter  für  Vieh  und
Garten,  für  den  engeren  Haushalt,  für  Anfertigung  von  Kleidern
für  die  Kinder  usw.  ungefähr  abschätzen  und  in  Geld  bewerten,
aber  die  erzieherische  Tätigkeit,  die  doch  mehr  ein  lebendiges  Beispiel ­
  als  eine  besondere  Arbeit  ist,  läßt  sich  weder  in  Zeit  noch  in
Geld  abschätzen.
So  ist  es  in  anderen  Fällen  auch.  Was  erfahren  wir  aus  dem
Budget  über  das  jeweilige  Erbrecht?  Vielleicht  ersehen  wir  aus
der  Zahlung  von  Zinsen  an  die  Geschwister  oder  an  Kreditanstalten
etwas  derartiges;  meist  ist  es  nicht  der  Fall  und  wenn  schon,  so
sind  das  doch  nur  unbestimmte  Anhaltspunkte.  Eher  lassen  sich
schon  die  wirtschaftlichen  Wirkungen  des  Patronage-Systems,
der  „Subventionen“,  aus  den  Zahlen  der  Subventionen  ersehen.
Aber  doch  nur  die  unmittelbaren  Wirkungen,  nicht  ihre  weiteren,
welche  sich  auf  die  dauernde  Existenz  der  Familien  beziehen.
Überhaupt  sagen  uns  die  Zahlen  Le  Play’s  nichts  von  der  Entwicklung ­
  der  Familien,  und  selbst  der  erläuternde  Text  enthält
darüber  nur  wenig,  selbst  von  der  gegenwärtigen  Generation,  geschweige ­
  denn  von  den  früheren.  Liegt  das  an  der  Fragestellung
oder  daran,  daß  es  eben  keine  Entwicklung  gab,  daß  diese  stagnierte? ­
  Le  Play  bleibt  uns  die  Antwort  schuldig.
Zu  diesen  Lücken  im  Budget  tritt  als  weiterer  Mangel  hinzu,  daß
andere  wichtige  Funktionen  zwar  zahlenmäßig  erscheinen,  daß  aber
die  Größe  der  Zahlen  zur  Wichtigkeit  der  Funktionen
in  keinem  Verhältnis  steht,  und  daß  sich  deshalb  ihre  zahlenmäßig ­
  feststellbaren  Wirkungen  weder  mit  denen  anderer  Funktionen ­
  derselben  Familie  vergleichen  lassen,  noch  mit  den  Wirkungen
derselben  Funktionen  anderer  Familien.  De  Eousiers  erwähnt  besonders ­
  den  Unterricht  und  die  religiöse  Betätigung;  man  kann  aber
ruhig  sagen,  daß  das  gesamte  geistige  und  sittliche  Leben  im  Budget
nicht  in  der  richtigen  Weise  zur  Geltung  kommt.  De  Eousiers  zieht
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        86

als  Beispiel  das  Budget  der  Baschkiren  heran  (0.  E.  II,  p.  27),  in
dem  als  Ausgabe  für  den  Schulunterricht  der  drei  Kinder  zusammen
0,63  Fr.  angegeben  sind.  Wollte  man  daraus  schließen,  daß  der
Unterricht  sehr  minderwertig  sein  muß,  so  wäre  das  verfehlt;  wir
erfahren  aus  dem  Text,  daß  es  zur  Funktion  des  Geistlichen  gehört,
den  Kindern  gratis  Unterricht  zu  erteilen.  Und  ebensowenig  läßt
sich  aus  den  Zahlen  schließen,  die  die  Ausgaben  für  den  religiösen
Kultus  wiedergeben.  Der  „Pariser  Lumpensammler“  (0.  E.  VI)
macht  gar  keine  Ausgaben  in  dieser  Hinsicht  und  wird  doch  als
tiefreligiöser  Mann  geschildert,  der  päpstlicher  Soldat  war  und  sogar
eine  kleine  religiöse  Bibliothek  sein  eigen  nannte.  So  ist  also  das
Budget  kein  Ausdruck  seiner  Überzeugung,  die  sich  ja  überhaupt
nicht  in  Zahlen  ausdrücken  läßt.  Denn  was  wäre  damit  bewiesen,
wenn  ein  oder  gar  mehrere  Prozente  der  Ausgaben  unter  der  Rubrik
„Kultus“  figurierten?  Für  die  religiöse  Überzeugung  der
Familie  gar  nichts.
Dagegen  ist  es  wohl  möglich,  vom  ganzen  sozialen  Niveau  einer
Arbeiterfamilie  und  von  ihrem  geistigen  Habitus  eine  annähernd
richtige  Vorstellung  aus  der  Monographie  zu  erlangen,  wobei  die
Zahlen  des  Budgets  nicht  ohne  Wert  sind.  So  ist  z.  B.  für  den
„Solinger  Aufschläger“  die  Angabe  gewiß  charakteristisch,  daß  der
Alkohol  und  der  Rauchtabak  seine  einzige  Erholung  bildeten;  das
Budget  enthält  tatsächlich  beträchtliche  Ausgaben  dafür.  Dieser
Aufschläger  ist  auch  in  der  Tat  typisch  für  den  Solinger  Heimarbeiter; ­
  nur  die  Schleifer,  die  noch  viel  unsolider  sind,  weichen
dadurch  vom  Typus  ab.  Also  ein  ziemlich  düsteres  Bild.  Aber  in
dem  gewählten  Einzelfalle  waren  die  Beobachtungen  Le  Play’s,  nach
den  Angaben  einer  jetzt  noch  lebenden  Tochter,  unvollständig.  Der
Aufschläger  war  Mitglied  eines  Schützenvereins,  in  dem  er  gesellschaftliche ­
  Anregung  fand.  Er  hatte  eine  starke  Passion  für  Politik,
und  zwar  war  er  entgegen  der  Strömung  der  Zeit  (1851)  konservativ
gesonnen.  (Natürlich  hielt  er  sich  auch  seine  Zeitung.)  Durch  diese
Mängel  in  der  Berichterstattung  Le  Play’s,  der  sonst  Bruchteile  von
Pfennigen  angibt,  wo  es  nicht  nötig  ist,  wird  doch  das  Bild  wesentlich ­
  geändert.  Aus  dem  unsoliden  Manne,  der  seine  Zeit  zwischen
der  Arbeitsstätte  und  dem  Wirtshaus  teilt,  wird  eine  andere  Persönlichkeit: ­
  der  kleine  Handwerksmeister  aus  der  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts,  der  zugleich  „Bierbankpolitiker“  ist,  einem  Verein  angehört ­
  und  durch  sein  politisches  Interesse  und  seine  der  allgemeinen
Anschauung  zuwiderlaufenden  Ansichten  zeigt,  daß  seine  Gedanken
        <pb n="93" />
        87

über  seine  vier  Wände  und  die  materiellen  Genüsse  hinausgehen.
Daß  solche  kleinen,  aber  wie  uns  scheint,  sehr  wesentlichen  Züge,
vergessen  werden  konnten,  liegt  an  der  Art  der  Aufnahme.  An  und
für  sich  wäre  das  Budget  wohl  geeignet,  uns  über  solche  Tatsachen
zu  unterrichten;  unter  den  Ausgaben  hätte  der  Beitrag  für  den
Verein  und  die  Ausgabe  für  die  Zeitung  erscheinen  müssen  und  im
Texte  wäre  das  entsprechend  zu  erläutern  gewesen.
Le  Play  glaubt,  daß  es  leicht  sei,  das  Eigentum  der  Familien
zahlenmäßig  zu  erfassen,  obwohl  diese  dazu  neigen,  es  zu  verheimlichen. ­
  Vermietetes  oder  verpachtetes  Eigentum  und  ausgeliehenes
Kapital  will  er  nach  dem  Zins  berechnen.  Es  liegt  aber  doch  nahe,
daß  von  verheimlichtem  Eigentum  auch  dieser  Zins  nicht  oder  nicht
richtig  angegeben  wird.  Darüber  sagt  Le  Play  nichts.  Andererseits ­
  ist  es  richtig,  daß  die  in  Betracht  kommenden  Familien  meist
ihr  Eigentum  selbst  nutzen.  Die  Einnahmen  wie  der  Kapitalwert
werden  danach  berechnet,  was  sie  nach  Ortsbrauch  zahlen  müßten,
wenn  sie  nicht  Eigentümer  wären.
Ein  anderer  Mangel  des  Budgets  ist,  daß  die  Bewertung  des
Vermögens  sich  erschöpft  in  der  Angabe  des  Verkaufs  wertes.
Sehr  wichtige  Fragen  bleiben  dabei  unbeantwortet,  vor  allem  die
nach  der  Herkunft  des  Vermögens:  ob  Erbschaft  des  Mannes  oder
Mitgift  der  Frau  oder  Ersparnis  beider.  Ganz  willkürlich  sind  aber
selbst  die  Angaben  des  Verkaufswertes  da,  wo  sich  überhaupt  noch
kein  solcher  Wert  gebildet  hat;  also  z.  B.  bei  den  Baschkiren  der
asiatischen  Steppe,  wo  der  Boden  alle  15  Jahre  neu  aufgeteilt  wird.
Hier  hat  Le  Play  einfach  einen  Verkaufs  wert  für  den  Grund  und
Boden  konstruiert.
Eine  zweifelhafte  Berechnung  ist  auch  die  des  Ertrags  aus  den
sogenannten  „Subventionen“.  So  berechnet  er  z.  B.  den  Wert
der  Nutznießung  an  einer  Weide  folgendermaßen:  er  nimmt  in  diesem
Beispiel  an,  daß  die  Familie  eine  Kuh  hält;  allen  Einnahmen,  die
die  Familie  von  der  Kuh  hat,  stellt  er  alle  Ausgaben  gegenüber;
die  Differenz  ergibt  den  Wert  der  Weidegerechtigkeit  und  enthält
außerdem  noch  den  ganzen  Unternehmerlohn  aus  dieser  Tätigkeit.
Da  es  sich  aber  immer  nur  um  geringe  Summen  handelt,  glaubt  Le
Play,  daß  bei  der  Scheidung  dieser  beiden  Faktoren  keine  erheblichen ­
  Fehler  unterlaufen  könnten.  Immerhin  läßt  diese  Berechnung
die  notwendige  Genauigkeit  vermissen.
Die  gewerblichen  Arbeiten,  welche  für  eigene  Rechnung  der
Familie  unternommen  werden,  nennt  Le  Play  „gymnastique  de  la
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        propriete“,  weil  sie  die  Mäßigkeit  and  den  Spartrieb  wecken,  weil
sie  in  Zeiten  kommerzieller  Krisen  meist  davon  unabhängig  sind  und
überhaupt  ein  Aufsteigen  auf  der  sozialen  Stufenleiter  ermöglichen.
Aber  für  die  Erfassung  dieser  Nebenarbeiten  ist  die  Methode  Le  Play’s
keineswegs  sehr  geeignet.  Er  stellt  auch  hierbei  wieder  alle  Einnahmen ­
  aus  einer  bestimmten  Beschäftigung  allen  Ausgaben  gegenüber. ­
  Die  Differenz  von  Einnahmen  und  Ausgaben  setzt  sich  dann
aus  zwei  Faktoren  zusammen:  aus  Unternehmerlohn,  Arbeitslohn  und
ev.  noch  Subventionswert  oder  Verzinsung  des  Eigentums,  das  dabei
mitgewirkt  hat.  Der  Anteil  jedes  einzelnen  Elements  bestimmt  sich
bald  direkt,  bald  durch  Analogie,  bald  als  die  Differenz  der  beiden
anderen  bekannten  Elemente.  Wie  groß  hier  die  Fehlermöglichkeiten
sind,  liegt  auf  der  Hand.  Sie  liegen  allerdings  nicht  in  dieser
speziellen  Berechnungsweise,  sondern  sind  charakteristisch  für  die
ganze  Methode,  die  sich  lediglich  auf  Schätzung  aufbaut,  anstatt
auf  genauesten  schriftlichen  Unterlagen.
Aus  alledem  geht  schon  zur  Genüge  hervor,  daß  die  Zahlen  der
Monographien  an  zwei  Hauptmängeln  leiden.  Einmal  bleiben  für
Le  Play’s  Aufgabe  —  nicht  für  jede  wissenschaftliche  Untersuchung ­
  von  Familienwirtschaften!  —  besonders  wichtige  Momente
außerhalb  des  Budgets  und  lassen  sich  überhaupt  nicht  in  Zahlen
ausdrücken;  andererseits  gibt  es  eine  ganze  Reihe  von  Faktoren,  die
zwar  zahlenmäßig  erfaßt  werden,  bei  denen  aber  die  Zahlen  nicht
die  volle  Bedeutung  wiedergeben.  Zwar  ist  der  letztere  Mangel
mindestens  zum  Teil  kein  unvermeidlicher.  Immerhin  ist  doch  so
viel  sicher,  daß  ein  Budget  allein  kein  richtiges  Bild  der  Familie
geben  kann,  sondern  daß  das  beschreibende  Wort  als  wesentlicher
Faktor  mit  dazu  gehört,  nicht  nur,  wie  Le  Play  glaubt,  als  Hilfe
für  die,  welche  Zahlen  nicht  lesen  können.
Technik  der  Befragung.  Balancierung  des  Budgets.  Eine
weitere  Frage  besteht  darin,  ob  denn  die  übrigen  Zahlen,  die  Le
Play  gibt,  im  großen  und  ganzen  der  Wirklichkeit  entsprechen.
Das  ist  keine  prinzipielle  Frage  der  Methode  mehr,  sondern  nur
eine  solche  nach  der  besonderen  Technik,  die  Le  Play  anwendete,
um  zur  Feststellung  der  Zahlen  zu  gelangen.
Das  Verfahren  Le  Play’s  ist  bei  der  Beschreibung  seiner  Methode
des  näheren  erörtert.  Es  ist  das  der  mündlichen  Befragung,  ein
Verfahren,  über  dessen  Unzulänglichkeit  man  sich  heute  einig  ist.
Setzen  wir  auf  seiten  Le  Play’s  auch  eine  reiche  Erfahrung  und
Routine  voraus,  so  können  wir  uns  doch  nicht  vorstellen,  wie  ledig ­
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        89

lieh  durch  Befragung  unter  Zuhilfenahme  eines  Wochenbudgets  ein
Jahresbudget  zustande  kommen  kann,  das  sich  in  Einnahme  und
Ausgabe  genau  deckt,  wie  es  die  Budgets  Le  Play’s  tun.  Man  hat
bei  allen  diesen  so  sehr  minutiösen  Berechnungen  immer  den  Eindruck ­
  des  Errechneten,  nicht  des  Tatsächlichen.  Es  i
kommt  hinzu,  daß  der  Aufenthalt  Le  Play’s  bei  einer  Familie  oft
nicht  länger  dauerte,  als  zur  Aufnahme  eines  Wochenbudgets  gehörte, ­
  „mindestens  eine  Woche,  oft  einen  ganzen  Monat“,  in  einzelnen
Fällen  auch  wohl  mehrere  Monate.  Die  Beobachtungszeit  von  einem
Monat  ist  doch  nur  ein  kleiner  Ausschnitt  aus  der  Mannigfaltigkeit
des  ganzen  Jahres.  Aber  selbst  so  viel  Zeit  hat  Le  Play  gar  nicht
an  jede  einzelne  Monographie  wenden  können.  Abgesehen  davon,
daß  er  in  derselben  Zeit  neben  den  Familien-Untersuchungen  noch
viele  sonstige  Studien  trieb,  technische,  geologische  usw.,  ergibt  eine
einfache  Berechnung,  daß  für  die  meisten  der  von  ihm  gesammelten
300  Budgets  nicht  so  viel  Zeit  verfügbar  sein  konnte.
Ferner  hat  Le  Play  das  feste  Schema  für  seine  Untersuchungen ­
  sich  erst  allmählich  gebildet;  es  mußten  daher  notwendigerweise ­
  sich  viele  Lücken  bei  der  Bearbeitung  zeigen.  Le
Play  glaubte  einen  ganz  sicheren  Maßstab  für  die  Richtigkeit  eines
Budgets  zu  haben:  die  restlose  Deckung  der  Einnahmen
und  Ausgaben.  Es  ist  aber  nicht  einzusehen,  weshalb  die  Übereinstimmung ­
  zwischen  Einnahmen  plus  Ersparnis  auf  der  einen,  den
Ausgaben  auf  der  anderen  Seite  ein  Beweis  exakter  Wiedergabe  der
Wirklichkeit  sein  muß  und  nicht  vielleicht  Zufall  oder  nur  errechnete
Übereinstimmung  in  der  Gesamtsumme.  Ist  die  eine  Seite  des  Budgets
wenigstens  durch  ganz  genaue  Zahlenangaben  bestimmt,  z.  B.  die
Einnahmen,  so  bietet  eine  gut  durchgeführte  mündliche  Befragung
nach  den  Ausgaben  dann  ziemliche  Gewähr  für  die  Richtigkeit,
wenn  sich  Einnahmen  und  Ausgaben  decken.  Etwaige  kleine  Differenzen ­
  bleiben  unseres  Erachtens  auch  dann  besser  bestehen,  da
sie  nicht  die  natürlichen  Mängel  der  Methode  verwischen,  wie  es
die,  ja  doch  nur  errechnete  Übereinstimmung  auf  den  Bruchteil  eines
Pfennigs  bei  Le  Play  tut.  Bei  ihm  fehlt  aber  jene  Voraussetzung,
und  beide  Budgetseiten  bieten  Möglichkeiten  zu  fehlerhafter
Berechnung.  Hat  der  Befraget’  nun  zuerst  die  Einnahmen  festgestellt, ­
  so  wird  er  Sich  bei  den  Ausgaben  zufrieden  geben,  sobald
hier  die  Summe  der  Einnahmen  erreicht  ist,  obwohl  die  Familie
vielleicht  mit  einem  chronischen  Defizit  arbeitet  oder  ihre  Ersparnisse ­
  in  Verbesserung  des  Inventars,  in  Bauten  usw.  verwendet.
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        90

Le  Play  hat  denn  auch  die  Fehler,  die  sich  notwendig  bei  einer
solchen  Erhebungsweise  einstellen  müssen,  nicht  vermeiden  können.
Solche  Fehler  ihm  hier  nachzuweisen,  ist  weder  nötig,  weil  sie  eben
unvermeidlich  sind,  noch  in  größerem  Umfange  möglich,  da  zu  viel
Zeit  seitdem  vergangen  ist.  Zwar  ist  es  in  einzelnen  Punkten  zufällig ­
  doch  möglich;  aber  es  hat  keinen  Zweck,  solche  Einzelheiten
hier  anzuführen.
Optimistische  Darstellung  hausindustrieller  Arbeitsverhältnisse.
  Das  Urteil  Le  Play’s  über  die  Solinger  Industrie  im  allgemeinen ­
  ist  beeinflußt  von  seinem  Ideal.  Er  erkennt  an,  daß  die
Arbeiter  sich  in  einer  „ganz  guten  Lage“  befinden,  daß  die  Produktion ­
  stetig  steigt  und  immer  mehr  Arbeitskräfte  von  außerhalb  herangezogen ­
  werden  müssen.  Doch  die  Solinger  Industrie  hat  nach  Le
Play  einen  großen  Fehler:  sie  ist  abhängig  vom  Absätze  in  der
Fremde.
ln  dieser  Beurteilung  zeigt  sich  ein  großes  Mißtrauen  gegen
jede  neuzeitliche  Industrie-Entwicklung.  Die  Autarkie  kleinster
Wirtschaftsgebiete,  am  besten  jeder  Wirtschaftseinheit,  um  durch
die  Unabhängigkeit  eine  vermeintliche  Sicherheit  zu  erzielen,  war
das  Ideal  Le  Play’s.  Und  da  er  die  Unstetigkeit,  verursacht  durch
die  Verwendung  der  Dampfkraft,  als  unvermeidliche  Wirkung  der
modernen  Fabrikindustrie  betrachtet,  befürchtet  er  für  die  Solinger
Hausindustrie,  die  in  der  Nähe  des  Ruhrkohlen-Gebietes  liegt,  den
baldigen  Beginn  des  Zeitalters  der  Unstetigkeit.  Es  sind  seine
schematischen  Vorstellungen  von  den  verschiedenen  Stadien  der
wirtschaftlichen  Entwicklung,  welche  seinen  Geist  entscheidend  beeinflussen ­
  bei  der  Darstellung  der  Solinger  Verhältnisse,  indem  sie
namentlich  die  Vergangenheit  zu  sehr  begünstigen.
Le  Play  stellt  das  Arbeitsverhältnis  in  der  Solinger  Hausindustrie ­
  folgendermaßen  dar:
Die  Beziehungen  zwischen  Unternehmern  und  Arbeitern  beschränken  sich
in  der  Regel  darauf,  in  aller  Güte  den  Preis  für  einen  Auftrag  zu  regeln,
den  der  letztere  ausführen  soll:  ihm  nach  Bedarf  Vorschuß  an  Material  und
Geld  zu  geben;  endlich,  ihm  nach  der  Lieferung  den  für  den  Auftrag  vereinbarten ­
  Preis  ganz  auszuzahlen.  Bei  dieser  unabhängigen  Lage  verfehlen  die
Arbeiter  nicht,  die  Vorteile  der  Aufschwungs-Perioden  sich  zunutze  zu  machen;
aber  ebenso  müssen  sie  die  ungünstigen  Palle  auf  sich  nehmen,  die  ein  Nachlassen ­
  der  Aufträge  mit  sich  bringt.  Doch  fühlen  sich  die  Unternehmer  verpflichtet, ­
  in  Zeiten  einer  Krise  etwas  Arbeit  anfrechtzuerhalten;  sie  geben  im
Bedürfnisfalle  den  Arbeitern,  die  sie  gewöhnlich  beschäftigen,  Vorschüsse,  für
die  sie  sich  später  aus  den  Löhnen  bezahlt  machen,  wenn  die  Arbeiten  wieder
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        91

aufgenommen  sind.  In  diesen  Zeiten  der  Krise  findet  der  Arbeiter  auch  einige
Hilfsquellen  in  dem  Kredit,  den  der  Hauseigentümer  und  die  Nahrungsmittel-Lieferanten
  gewähren.
Aus  dieser  Darstellung  würde  sich  ergeben,  daß  das  Arbeitsverhältnis ­
  in  Solingen  im  allgemeinen  friedlich  war,  dank  dem  weitgehenden ­
  Entgegenkommen  von  beiden  Seiten,  und  daß  auch  heftige
Konjunktur-Schwankungen  ziemlich  leicht  ertragen  wurden.  Aber
diese  Darstellung  stimmt  nicht  überein  mit  Nachrichten  aus  deutschen
Quellen,  aus  denen  vor  allem  hervorgeht,  daß  das  „Trucksystem“
in  Solingen  stark  entwickelt  war 1 ):
Schon  im  Jahre  1822  hatte  der  Landrat  von  Hammer  versucht,
das  Trucksystem  zu  beseitigen.  Dies  war  nicht  gelungen.  Noch
im  Jahre  1845  besaßen  in  Solingen  von  68  „Fabrikanten“  42  einen
Laden  und  8  eine  Schankstube.  Bares  Geld  bekamen  die  Arbeiter
kaum  zu  sehen;  hatten  sie  es  nötig,  so  mußten  sie  die  hoch  angerechnete ­
  minderwertige  Ware  zu  billigem  Preise  an  andere  verkaufen. ­
  Alle  Vorschläge  der  Arbeiterschaft  zu  einer  festen  Regelung
der  „Preise“  und  zu  einer  Warenkontrolle  wurden  von  der  Regierung
abgelehnt,  weil  sie  der  Gewerbefreiheit  widersprächen,  und  ein  Verbot ­
  des  Warenzahlens  für  nicht  dringlich  erklärt,  da  das  Gewerbe
nicht  fabrikmäßig  betrieben  werde.  Die  Tumulte  der  Arbeiter
wurden  mit  Waffengewalt  niedergeschlagen.  Das  Solinger  Kreisblatt ­
  von  1847  bringt  in  diesen  Jahren  häufige  und  heftige  Klagen
gegen  das  Warenzahlen;  als  dessen  Folgen  werden  bezeichnet:
Armut  und  zugleich  Verschwendung,  vor  allem  schlechte  Fabrikation.
Die  Sitten  Verwilderung  und  der  Leichtsinn  nahmen  überhand;  die
Armenlasten  wurden  für  die  Stadt  immer  drückender,  und  es  ergingen ­
  mannigfache  Anregungen  zur  Untersuchung  der  Ursachen
des  Umsichgreifens  der  öffentlichen  Armut.  Ein  Unterstützungsverein ­
  ließ  an  die  armen  Kinder  mittags  Essen  verteilen;  um  den
Schulbesuch  regelmäßiger  zu  gestalten,  wurde  ersucht,  bettelnden
Kindern  nichts  zu  verabreichen.
Von  all  diesen  Umständen,  die  das  Niveau  der  Solinger  Arbeiterschaft ­
  herunterdrückten,  erwähnt  Le  Play  nichts.  Allerdings  war
schon  im  Jahre  1849  das  Warenzahlen  gesetzlich  verboten  und  mit
500  Tlr.  Strafe  bedroht.  Aber  im  Jahre  1851,  als  Le  Play  in
Solingen  war,  hatte  das  Warenzahlen  noch  nicht  aufgehört,  weshalb
*)  Vgl.  Thun  a.  a.  0.,  ferner  Braunschweig,  Die  Solinger  Stahlwaren-Industrie
  (Diss.)  1911,  aber  auch  die  zeitgenössischen  Handelskammerberichte  und
Zeitschriften.
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        92

der  Landrat  dringend  auf  das  Verbot  vom  Jahre  1849  hinwies 1 ).
Selbst  wenn  zur  Zeit  Le  Play’s  solche  Zustände  nicht  mehr  existiert
hätten,  so  wäre  es  doch  unumgänglich  nötig  gewesen,  auf  diesen
Krebsschaden  der  Vergangenheit  hinzuweisen.  Es  findet  sich  aber
nicht  einmal  eine  Andeutung  davon  bei  Le  Play.  Wohl  werden
einige  Schäden  oberflächlich  erwähnt,  so  z.  B.  stellt  er  es  als  eine
Solinger  Gewohnheit  hin,  keine  Ersparnisse  zu  machen,  wobei  er
aber  nicht  untersucht,  woran  das  liegt.  Gewiß  erschwerten  die  geschilderten ­
  Verhältnisse  das  Sparen;  doch  blieb  es  das  Ziel  des
Solinger  Arbeiters,  ein  kleines  Häuschen  mit  etwas  Land  als  Eigentum ­
  zu  haben.  Auch  der  beschriebene  Aufschläger,  der  zu  Le  Play’s
Zeit  zur  Miete  wohnte,  hat  später  ein  eigenes  Haus  erworben,  als
ihm  die  Verhältnisse  zu  sparen  gestatteten.  Der  frühere  Fabrikant  W.
erzählte  dem  Verfasser,  daß  die  Arbeiter  ihr  Geld  zinslos  beim
Arbeitgeber  stehen  ließen,  weil  sie  es  dort  gut  aufgehoben  glaubten
und  sich  nur  so  viel  holten,  wie  sie  nötig  hatten.  Solche  Guthaben
erreichten  manchmal  die  Höhe  von  10000  M.  Es  ist  also  auch  nicht
richtig,  von  einem  gewohnheitsmäßigen  Nichtsparen  zu  sprechen.
Wenn  Le  Play  es  so  darstellt,  als  ob  die  ungünstigen  Konjunkturen ­
  durch  die  Fürsorge  der  „Fabrikanten“  ziemlich  unschädlich ­
  gemacht  worden  wären,  so  entspricht  auch  das  nicht  ganz  den
tatsächlichen  Verhältnissen.  In  nennenswertem  Umfange  ist  wohl
früher  nie  auf  Lager  gearbeitet  worden,  besonders  nicht  in  der
Waffenfabrikation,  wo  selbst  heute  nur  bestellte  Ware  hergestellt
wird,  weil  der  Fabrikant  bei  der  Verschiedenartigkeit  der  Modelle  nie
weiß,  ob  er  später  seine  Ware  noch  los  wird.  So  ist  also  die  Waffenfabrikation ­
  heute  noch  bedeutend  größeren  Schwankungen  ausgesetzt
als  die  Messer-  und  Scherenfabrikation,  die  um  die  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  auch  ganz  von  den  jeweiligen  Aufträgen  abhängig
war.  Es  gab  kaum  ein  Mittel,  die  Konjunktur-Schwankungen  auszugleichen. ­
  So  schreibt  die  Handelskammer  im  Jahre  1846:
Es  ist  ein  wahrhaft  herzzerreißender  Anblick,  bei  der  jetzigen  Teuerung
täglich  eine  Menge  sonst  fleißiger  Arbeiter,  denen  man  teils  schon  den  Hunger
und  den  Kummer  auf  dem  Gesicht  ansieht,  von  einem  Fabrikanten  zum  anderen
wandern  zu  sehen,  die  unter  dem  Anerbieten,  sich  alles  gefallen  lassen  zu
wollen,  um  Arbeit  gleichsam  betteln,  ohne  daß  ein  Fabrikant  auch  beim  besten
Willen  ihren  Ansprüchen  willfahren  kann 2 ).

J )  Solinger  Kreis-  und  Intelligenzblatt,  Jahrg.  1851,  Nr.  28.
2 )  Braunschweig  1.  c.  S.  17.
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        93

Die  Vorschüsse  der  Unternehmer  waren  nur  Ausnahmen;  größere
Firmen  gaben  vielleicht  den  Arbeitern,  die  sie  als  zuverlässig
kannten,  während  schlechter  Zeiten  ein  Darlehen;  doch  die  vielen
kleinen  „Fertigmacher“  und  Kaufleute  waren  dazu  nicht  imstande;
sie  gingen  selbst  zugrunde,  wenn  die  Aufträge  längere  Zeit  ausblieben. ­

Noch  in  manchen  anderen  Punkten  hat  Le  Play  ungenau  beobachtet. ­
  Er  sagt  bei  Besprechung  der  gesundheitlichen  Verhältnisse ­
  :
Die  Tätigkeit,  die  in  gut  gelüfteten  Werkstätten  geübt  wird,  setzt  alle
Organe  des  Körpers  in  Bewegung,  ohne  eines  über  Gebühr  zu  ermüden,  und
ist  so  der  Gesundheit  mehr  zuträglich  als  schädlich.
Dieses  Urteil  paßt  höchstens  für  den  beschriebenen  Aufschläger
resp.  seinen  Beruf,  auf  keinen  Fall  aber  für  die  Schleifer,  die  doch
an  Zahl  alle  anderen  Berufsarten  übertreffen.  Von  103  Schleifereien
wurden  im  Jahre  1852  noch  93  durch  Wasserkraft  betrieben ] j.
Diese  alten,  im  Wupper-  und  Ittertale  gelegenen  „Schleifkotten“
waren  mehr  Höhlen  als  Arbeitsstätten,  Holzbauten,  in  denen  je
nach  der  Größe  20—60  Schleifer  arbeiteten.  Hygienische  Fürsorge
gab  es  damals  nicht.  Alte  Leute  erzählen,  daß  man  einen  Schleifer
oft  vor  Staub  in  seiner  Werkstätte  nicht  sehen  konnte.  Der  feine
Metall-  und  Sandstaub  setzte  sich  in  der  Lunge  fest  und  zerriß  die
feinen  Gewebe.  Zugleich  war  der  Körper,  besonders  die  Knie,  bei
dem  „Naßschleifen“  ständiger  Nässe  ausgesetzt,  so  daß  sich  frühzeitig ­
  Rheumatismus  einstellte.  Dadurch  wurde  die  Schleiferei  zu
einem  sehr  ungesunden  Berufe,  und  die  Schleifer  starben  meist
zwischen  dem  45.  und  50.  Lebensjahre.  Heute  sind  die  Verhältnisse
durch  strenge  Schutzmaßregeln  wesentlich  gebessert.  Von  dieser
wichtigsten  Kategorie  der  Schleifer  spricht  Le  Play  nur  ganz  nebenbei, ­
  und  sein  Urteil  über  sie  ist,  wie  wir  auch  später  noch  sehen
werden,  nicht  richtig.
Optimistische  Darstellung  der  Kolonisation  niedersächsischer
Bauernfamilien.  Die  Harz-Monographie  bietet  ähnliche  Beispiele.
Hierher  gehört  die  dort  anhangsweise  veröffentlichte  Darstellung
der  „Hermannsburger  Mission“,  die  zeigt,  daß  Le  Play  in  der  Bewunderung ­
  der  niedersächsischen  Bauernfamilie  die  tatsächlichen
Verhältnisse  verkannte.  Wir  lassen  die  Darstellung  Le  Play’s
folgen,  um  dann  zu  sehen,  wie  weit  sie  der  Wirklichkeit  entspricht.

J )  Braunsckweig  1.  c.  S.  40.
        <pb n="100" />
        94

Nachdem  Le  Play  zunächst  die  Anerbenfamilie  eingehend  geschildert ­
  und  bedingungslos  gepriesen  hat 1 ),  bezeichnet  er  die  Auswanderung ­
  als  eine  mit  ihr  verknüpfte  Notwendigkeit  und  zwar  die
von  Le  Play  so  genannte  „reiche  Auswanderung“,  bei  der  für  alle
Kinder  gut  gesorgt  ist.  Er  fährt  fort:
In  dieser  Hinsicht  ist  jedoch  dank  der  Initiative  des  Pastors  Harms  aus
Hermannsburg  ein  bemerkenswerter  Sonderfall  geschaffen.  Unter  seiner  Leitung
hat  man  einen  doppelten  Gedanken  verwirklicht:  auf  einem  von  bäuerlicher
Bevölkerung  bewohnten  Lande  ein  Unternehmen  zu  gründen,  das  zugleich  den
Charakter  einer  christlichen  Mission  und  einer  Kolonie  haben  soll,  und  eine
Stätte  zu  finden  für  die  auswandernde  Bevölkerung  Hermannsbur ­
  g  s;  kurz:  an  der  sittlichen  Erziehung  eines  wilden  Volkes  die  Arbeit  und
die  Keligion  eines  Kulturvolkes  arbeiten  zu  lassen.
Le  Play  schildert  dann  die  Gründung  der  Mission,  in  den
Einzelheiten  zwar  ungenau,  doch  im  wesentlichen  richtig,  und  sagt,
daß  eine  eigens  zu  dem  Zweck  gebaute  Brigg  jedes  Jahr  Missionare
und  Auswanderer  nach  Afrika  bringt.  Er  schließt  mit  einem  Urteil,
aus  dem  man  die  Unzufriedenheit  mit  dem  französischen  Kolonialsystem ­
  heraushört:
Die  freie  Initiative  einer  bäuerlichen  Gemeinschaft  hat
das  Problem  der  Kolonisation  vollkommen  gelöst,  an  dem  in
unseren  Tagen  Kräfte  scheiterten,  die  zu  viel  größerer  Kraftentfaltung  fähig
schienen.  Hier  zeigt  sich  eines  der  Grundgesetze  der  „Wissenschaft  der  Welt“.
Wenn  die  Nationen  neben  der  Fruchtbarkeit  eine  feste  Organisation  der  Religion,
des  Eigentums,  der  Familie  und  der  Arbeit  bewahren,  breiten  sie  sich  von
selbst  über  ihr  Geburtsland  hinaus  aus,  auch  ohne  eine  Unterstützung  der
Kegierung.  Sei  es  durch  Arbeit,  sei  es  durch  Eroberung  unterwerfen  die
Nachkommen  andere  Länder  ihren  Sitten,  ihrer  Sprache  und  ihrer  .Religion.
Das  Beispiel  der  Hermaunsburger  Mission,  das  Le  Play  hier
anführt,  soll  dartun,  daß  die  von  ihm  seit  langer  Zeit  am  höchsten
bewertete  Familienform,  die  „Stammfamilie“,  auch  „Anerbenfamilie“
genannt,  aus  sich  heraus  die  für  das  Gedeihen  ihrer  Nachkommenschaft ­
  nötige  Initiative  entwickelt  und  ferner,  daß  auch  jedes  einzelne ­
  Familienglied  in  der  richtigen  Weise  für  das  Leben  ausgestattet ­
  wird.  Dieser  Beweis  läßt  sich  aber  durch  die  Hermannsburger ­
  Mission  nicht  führen;  denn  erstens  ist  es  falsch,  daß  „durch
die  freie  Initiative  einer  bäuerlichen  Gemeinschaft“  die  Mission
geschaffen  ist,  und  zweitens  ist  das  Problem  der  Kolonisation  keineswegs ­
  „vollkommen  gelöst“,  sondern  kaum  berührt.

')  Monographie  des  Harzer  Bergmanns,  §  19,  20  (0.  E.  III).
        <pb n="101" />
        95

Erst  die  zweite  Auflage  der  „Ouvriers  europeens“  enthält  die
Beschreibung  der  niedersächsischen  Anerbenfamilie  und  der  Hermannsburger ­
  Mission;  Le  Play  hat  sie  eingefügt  auf  Grund  eines  Berichtes ­
  von  Monnier,  der  im  Bulletin  der  „Societe  internationale“
vom  Jahre  1868  niedergelegt  ist.
Die  Hermannsburger  Mission  ist  in  Wahrheit  das  ganz  persönliche ­
  Werk  des  Pastors  Harms 1 ).  Die  Gründung  erfolgte  im
Jahre  1849  und  ist  veranlaßt  durch  den  Niedergang  der  „Norddeutschen ­
  Mission“.  Harms  ist  der  Schöpfer  eines  Lüneburger
Bauernchristentums.  Schon  sein  Vater  hatte  den  Boden  geebnet;
er  war  im  zweiten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  nach  Hermannsburg ­
  gekommen  und  hatte  die  Gemeinde,  in  der  wenig  religiöses
Leben  herrschte,  allmählich  wieder  zu  eifrigen  Christen  gemacht.
Sein  Sohn  schuf  nun  „als  praktisch  sichtbares  Ziel  und  zugleich  als
Krönung  des  religiösen  Lebens  die  Heidenmission“ 2 ).  Allerdings
sollte  mit  der  Mission  eine  Kolonisation  verbunden  werden;  aber  es
war  nicht  der  Zweck,  den  heimischen  Überschuß  anzusiedeln.  Die
Kolonisation  hatte  nur  die  Bedeutung,  den  für  die  Mission  nötigen
Bedarf  an  Lebensmitteln  sicherzustellen  und  die  Heiden  durch  das
Beispiel  der  Arbeit  Gottes  Wort  zugänglicher  zu  machen.  Deshalb
wurden  im  Missionshause  zu  Hermannsburg  Missionare  und  Kolonisten ­
  ausgebildet.  Alle  waren  junge,  unverheiratete  Leute,  die  in
kommunistischer  Gemeinschaft  lebten.  Immer  betont  Harms  den
rein  religiösen  Zweck  der  Mission.  So  schreibt  er  gelegentlich  der
Niederlassung  der  Missionare  in  Natal,  die  er  beklagte,  weil  sein
eigentlicher  Plan,  die  Niederlassung  bei  den  Gallas  in  Ostafrika,
fehlgeschlagen  war 3 ):
....  auch  die  Kolonie  hat  keine  irdischen  Absichten,  sondern  soll  lediglich
der  Predigt  des  Evangeliums  dienen.
Ebenso  dachten  die  Bauern,  die  in  dem  ganzen  Werk  nur  das
religiöse  Moment  sahen  und  in  ihrer  religiösen  Begeisterung  gern
die  ziemlich  bedeutenden  Summen  für  das  Unternehmen  zusammenbrachten. ­
  Der  Grundgedanke  der  Bauern  war  dabei  nur  die  Heidenbekehrung. ­
  Harms  sagt  darüber 4 ):
Fast  bei  jeder  Taufe,  bei  jeder  Kopulation,  bei  jeder  Beerdigung,  bei
jeder  Konfirmation,  bei  jeder  Kommunion,  bei  jeder  Einsegnung  der  Kirchen-*)
  Haccius,  Hannoversche  Missionsgeschichte  1907,  2.  Teil.
2 )  Linde,  Die  Lüneburger  Heide  1904,  S.  100.
8 )  Haccius  1.  c.  S.  261.
4 )  Haccius  1.  c.  S.  67.

7
        <pb n="102" />
        96

gängerinnen  werden  Opfer  für  die  Heidenbekehrnng  mit  den  einfachen  Wortenmir
  in  die  Hand  gelegt:  „Dat  is  för  de  Heiden,  dat  se  ok  bald  so  glücklich
ward,  als  wi  sünd.“
Das  ist  in  den  späteren  Jahren  keineswegs  anders  geworden;  im
Gegenteil:  das  rein  religiöse  Moment  hat  sich  noch  viel  mehr  durchgesetzt. ­
  Schon  im  Jahre  1862,  also  erst  7  Jahre  nach  Gründung
der  ersten  Niederlassung  spricht  sich  der  Superintendent  Hardelehen, ­
  der  oberste  Leiter  der  Mission,  gegen  die  Kolonisten
aus.  Er  schließt  seinen  Bericht  an  Harms:
Kurzum:  fast  in  jeder  Hinsicht  sind  Kolonisten  auf  einer  Station  der
Mission  nur  zum  Schaden.  Man  errichte  daher  in  jedem  größeren  Kreise  nur
eine  Station,  auf  der  auch  einige  Kolonisten  sind.  Die  müssen  von  dort  aus
auf  den  anderen  Stationen  zeitweilig  aushelfen,  wenn  Bauten  oder  andere
Extraarbeiten  solche  Aushilfe  nötig  machen.  Und  da  wir  nun  schon  fast  zu
viel  Kolonisten  haben,  bitte,  so  senden  Sie  wenigstens  die  ersten  10  Jahre
doch  ja  keine  mehr!
So  sah  es  also  damals  mit  der  Hermannsburger  Mission  aus,  in
der  nach  Le  Play  das  „Problem  der  Kolonisation  vollständig  gelöst“
ist.  Le  Play  war  von  der  Idee  der  „Stammfämilie“,  die  nach  ihm
in  der  schönsten  Weise  den  Fortschritt  mit  dem  Beharren  vereinigt,
schon  zu  sehr  eingenommen,  so  daß  seine  Objektivität  in  der  Beobachtung ­
  dadurch  bedeutend  geschwächt  wurde.  Vor  allem  kam
es  ihm  hier  darauf  an,  die  „Initiative“  dieser  Familienform  zu  erweisen. ­
  Dieser  Gedanke  hat  ihn  so  beherrscht,  daß  bei  ihm  aus
der  Hermannsburger  Mission  etwas  ganz  anderes  wurde,  als  wirklich
vorhanden  war.
In  dieser  Art  der  Beobachtung  liegt  eines  der  schwersten  Bedenken ­
  gegen  die  Monographien  Le  Play’s.  Er  hat  oft  gesehen,
was  er  sehen  wollte;  aber  ebenso  oft  hat  er  auch  das  nicht  gesehen,
was  er  nicht  sehen  wollte,  was  gegen  seine  schon  anderweitig  gewonnene ­
  Meinung  war.
Optimistische  Beurteilung  der  Anerbenfamilie  überhaupt.
Auch  hier  kann  wieder  die  Darstellung  der  „Stammfamilie“  als
Beispiel  gelten.  Von  ihr  erwartete  Le  Play  die  „Soziale  Reform“;
deshalb  sah  er  an  ihr  nur  die  guten  Seiten.  Alles  was  man  dagegen ­
  anführen  kann,  erwähnte  Le  Play  nicht.
Für  die  Geschwister  des  Anerben  sieht  Le  Play  nur  Vorteile.
Sie  haben  es  eigentlich  viel  besser  als  er  selbst.  Denn
alle  Ersparnisse,  die  bei  der  einfachen  Lebensweise  gemacht  werden,  m.  a.  W.,.
alle  Erzeugnisse  des  Gutes  werden  von  ihm  (dem  Vater)  und  seinem  Erben
dazu  verwendet,  sie  in  einen  ihrem  Charakter  und  den  Gewohnheiten  der-
        <pb n="103" />
        97

Familie  entsprechenden  Beruf  zu  bringen.  Die  einen  verheiraten  sich  in  der
Nachbarschaft,  die  anderen  treten  in  den  Staatsdienst  oder  gehen  ins  Ausland,
um  dort  neue  Unternehmungen  zu  gründen.  Die,  welche  den  väterlichen  Herd
verlassen  müssen,  die  besonders,  welche,  mit  außerordentlichen  Fähigkeiten  begabt, ­
  frei  in  der  Wahl  ihres  Berufes  und  frei  von  den  Lasten  sind,  die  die  Erhaltung ­
  des  Besitzes  dem  Erben  auferlegt,  erlangen  oft  eine  viel  höhere  Stellung
als  dieser  letztere.  Sie  unterstützen  bei  ihren  Unternehmungen  die  Liebe  und
die  Autorität  des  Vaters,  der  für  das  Glück  aller  seiner  Kinder  verantwortlich
ist,  oder  in  anderen  Worten:  die  aufgeklärteste,  uneigennützigste,  gerechteste
und  am  wenigsten  bestechliche  aller  sozialen  Mächte.  Endlich  bieten  sie  als
Garantie  den  guten  Ruf  der  Vorfahren  und  den  Teil,  den  ihnen  das  Stammhaus ­
  von  der  Familienehre  und  Familientugend  mitgibt.
Demgegenüber  hat  der  Anerbe  eigentlich  nur  Pflichten:
Wenn  das  Gut  unversehrt  erhalten  bleibt,  so  geschieht  das  nicht  zum
persönlichen  Vorteil  der  Erben,  sondern  zum  Besten  des  Geschlechts,  dem  er
angehört  und  zur  Sicherung  der  kommenden  Geschlechter.  Jede  realisierbare
Ersparnis  ist  für  die  Ausstattung  der  Brüder  und  Schwestern  bestimmt.  Die
Gewohnheit  verpflichtet  ihn,  diejenigen,  die  ehelos  bleiben,  bei  sich  zu  behalten.
Wenn  irgendeiner  von  ihnen  bei  seinen  Unternehmungen  gescheitert  ist,  schuldet
er  ihm  Beistand  und  im  Bedürfnisfalle  ein  Asyl  am  väterlichen  Herd.  Er  übernimmt ­
  auch  den  Schutz  und  die  Vormundschaft  über  die  verwaisten  Geschwisterkinder. ­
  Auf  ihm  liegen  alle  Abgaben  des  Gemeinwesens,  denn  Arbeiter  und
Tagelöhner  sind  davon  frei.  Er  allein  muß  alle  Schulden,  die  durch  den  Erbgang ­
  entstehen,  abtragen.  Solche  Dienste  rufen  in  den  Herzen  eine  tiefe  und
allgemeine  Anhänglichkeit  an  die  Familie  und  ihren  ersten  Repräsentanten
hervor.  .  .  .
Diese  Darstellung  ist  einseitig.  Im  allgemeinen  ist  man  immer
der  Ansicht  gewesen,  daß  das  Anerbenrecht  in  früherer  Zeit  (jetzt
hat  sich  das  ja  oft  geändert)  eine  starke  Bevorzugung  eines  Kindes
auf  Kosten  der  anderen  mit  sich  brachte,  daß  es  aber  aus  sozialen
Gründen  vorzuziehen  sei.  Für  Le  Play  dagegen  ist  das  Anerbenrecht ­
  eine  Institution,  die  für  alle  Teile  in  der  besten  Weise  sorgt.
Das  ist  doch  nur  mit  Einschränkung  richtig.  Gewiß,  kranke  Geschwister ­
  hatten  auf  dem  Bauernhöfe  eine  Zuflucht;  aber  besser  als
Gesinde  wurden  sie  meist  nicht  gehalten.  Die  Gesunden  mußten  den
Hof  verlassen,  wenn  sie  der  Anerbe  nicht  beschäftigen  konnte;  für
ihr  Fortkommen  wurde  oft  nicht  so  gut  gesorgt,  wie  Le  Play  es
darstellt.  Meist  wurden  sie  in  der  Landwirtschaft  groß,  im  Dienste
des  Bruders  oder  anderer  Landwirte,  wenn  es  ihnen  nicht  gelang,
sich  dort  anzukaufen,  wo  der  Boden  billig  war.  Der  Zusammenhang
zwischen  der  Familie  ist  bei  diesem  System  naturgemäß  stärker  als
sonst,  weil  der  Hof  als  äußeres  und  inneres  Band  die  einzelnen  zusammenhält. ­
  Ob  die  Geschwister  aber  den  Erben  meist  derart  lieben
7*
        <pb n="104" />
        98

und  verehren,  wie  Le  Play  annimmt,  besonders  in  Gegenden,  wo  die
Bevorzugung  nocli  sehr  stark  ist,  muß  bezweifelt  werden.
Le  Play  stellt  ferner  manches  als  typisch  für  die  Anerbenfamilie ­
  hin,  was  für  jede  andere  fürsorgliche  Familie  ebenso  gut
gilt.  Daß  ältere  Geschwister  mit  den  jüngeren  die  Schulaufgaben
machen,  kommt  wohl  auch  sonst  vor  und  ist  nicht  besonders  charakteristisch ­
  für  die  „Stammfamilie“.  Daß  Le  Play  es  anführt,  zeigt,
wie  er  bemüht  ist,  alles  nur  Erdenkliche  zum  Ruhme  der  Stammfamilie ­
  zusammenzutragen.  Auf  solche  Weise  entsteht  schließlich
ein  hinreißendes  Panegyrikus  auf  die  Anerbenfamilie.  Er
sagt  weiter:
In  dieser  fürsorglichen  und  gesunden  Umgebung  sind  die  Schwierigkeiten
des  Studiums  geringer;  der  Wissenstrieb  wächst;  die  Geister  sind  dem  Kespekt,
der  Unterwerfung  geneigter;  die  Betätigung  des  Guten  erhält  sich,  weil  sein
Beispiel  fortwährend  vor  aller  Augen  ist.
Für  Le  Play  ist  es  eine  Tatsache,  daß  geschlossener  Erbgang
Hand  in  Hand  geht  mit  großer  Kinderzahl  und  umgekehrt.
So  sagt  er,  außer  an  vielen  anderen  Stellen,  bei  Besprechung  der
Fruchtbarkeit  der  Anerbenfamilie*)  :
Die  Beobachtung  zeigt,  daß  die  Bevölkerung  unweigerlich  abnimmt  bei
allen  Völkern,  bei  denen  das  Gesetz  die  Kinder  ermächtigt,  den  väterlichen
Nachlaß  in  natura  und  zu  gleichen  Erbportionen  zu  teilen.  Der  Familienvater
hat  in  der  Tat  nicht  mehr  die  Macht,  über  sein  Eigentum  zu  verfügen,  noch
Einfluß  auf  die  Laufbahn  seiner  Kinder;  er  kann  das  Wohlergehen  seiner
Kinder  für  die  Zukunft  nur  dadurch  sichern,  daß  er  ihre  Zahl  beschränkt.  Das
ist  die  Lösung,  die  sich  die  französischen  Bauern  mehr  und  mehr  zu  eigen
machen.
Demgegenüber  sagt  Lavergne,  der  durchaus  kein  unbedingter
Anhänger  der  französischen  gleichen  Erbteilung  ist,  daß  ja  auch  in
Frankreich  die  Möglichkeit  einer  Erbeseinsetzung  besteht,  daß  die
Sitte  dem  aber  entgegensteht  und  deshalb  von  dieser  Möglichkeit
kein  Gebrauch  gemacht  wird  2 ).
Es  ist  sicherlich  ein  voreiliger  Schluß,  einzig  und  allein  das
Erbrecht  für  große  oder  kleine  Kinderzahl  verantwortlich  zu  machen.
Hier  sprechen  so  viel  andere  Faktoren  noch  mit,  daß  das  Erbrecht,
wenn  auch  sein  Einfluß  nicht  geleugnet  werden  soll,  doch  sicher
nicht  den  Haupteinfluß  ausübt.  Die  Beobachtung  Le  Play’s  ist
ungenau,  und  seine  Schlußfolgerung  zu  rasch  gezogen.

*)  O.  E.  1.  Aufl.  Solinger  Monographie:  Notes  diverses  B.
2 )  Lavergne  I.  c.  S.  554.
        <pb n="105" />
        99

Es  lassen  sich  auch  gegenteilige  Beobachtungen  anführen.  Zunächst ­
  käme  in  Betracht  der  Kinder-Beichtum  derjenigen  deutschen
Gebiete,  die  gleichfalls  das  französische  Erbrecht  hatten,  wie  Württemberg, ­
  Baden,  Elsaß,  Rheinprovinz.  Dagegen  würde  Le  Play  vielleicht
einwenden,  daß  ein  gewisser  Kulturgrad  erst  erreicht  sein  muß,  der
sich  in  der  „prevoyance“  äußert,  und  daß  zu  seiner  Zeit  diese  deutschen ­
  Gebiete  einen  solchen  Kulturgrad  noch  nicht  hatten.  Aber
heute  haben  sie  ihn  doch  wahrscheinlich,  und  ihr  Kinder-Reichtum
übertrifft  dennoch  weit  den  der  französischen  Bauern  und  steht
sicherlich  auch  hinter  dem  der  sächsischen  „Stammfamilie“  nicht
zurück.  Und  ferner:  dasselbe  Mittel,  das  nach  Le  Play  dem  französischen ­
  Bauern  die  einzige  Möglichkeit  bietet,  für  seine  Kinder
zu  sorgen,  wird  auch  dort  angewendet,  wo  Anerbenrecht  und  ungeteilter ­
  Erbgang  herrscht.  So  lesen  wir  bei  Sering 1 ),  daß  in  der
nordöstlichen  Ecke  der  Provinz  Hannover,  also  nicht  weit  ab  von
der  Lüneburger  Heide,  in  der  Le  Play  seine  Beobachtungen  gemacht
hat,  die  Kinderzahl  künstlich  eingeschränkt  wird,  trotzdem  dort  Anerbenrecht ­
  herrscht.  Und  diese  Sitte  scheint  schon  aus  älterer  Zeit
zu  stammen;  die  ausgesprochene  Absicht  dabei  ist,  den  Hof  leistungsfähig ­
  zu  erhalten.  Überhaupt  hat  die  Provinz  Hannover,  für  die
das  Überwiegen  des  alten  Bauernstandes  so  charakteristisch  ist,  von
allen  preußischen  Provinzen,  außer  Schleswig-Holstein,  die  geringste
Kinderzahl.
So  kann  man  noch  lange  fortfahren,  ungenaue  Beobachtungen
und  einseitige  Urteile  Le  Play’s  anzuführen.  Es  handelt  sich  aber
nicht  darum,  an  einem  bedeutenden  Manne  der  Vergangenheit  billiges
Splitter-Richtertum  zu  üben,  sondern  nur  darum,  zu  zeigen,  wie
stark  Le  Play  noch  unter  dem  Einflüsse  vorgefaßter  Meinungen  stand,
und  wie  das  auf  seine  Beobachtungen  wirkte.
Das  Fehlen  zuverlässiger  Ermittlungen  von  Kausalverkniipfungen.
  Le  Play  glaubte  in  seiner  Monographie  ein  Präzisionsinstrument ­
  zu  besitzen,  nicht  nur  für  genaue  Beobachtungen,  sondern
auch  für  die  Bildung  sicherer  Induktionsschlüsse  auf  Grund  solcher
Beobachtungen.  Hätte  er  seine  Budgets  mit  Hilfe  seiner  sonstigen
Beobachtungen  systematisch  verglichen,  so  wäre  wenigstens  der
Anfang  zu  solchen  sicheren  Induktionsschlüssen  gemacht  worden.
Aber  tatsächlich  ist  davon  nichts  zu  finden.  Wir  treffen  zwar  bei
Le  Play  eine  Masse  von  Schlüssen,  die  offenbar  von  gesundem

9  Sering,  Die  Vererbung  d.  ländi.  Grundbesitzes  in  Freuten,  Bd.  VI,  S.  71.
        <pb n="106" />
        100

Menschenverstand  erzeugt  sind;  das  ist  nicht  zu  verwundern,  da
Le  Play  selbst  viel  gesunden  Menschenverstand  hatte,  und  seine
sozialen  Autoritäten  sich  ebenfalls  gerade  hierdurch  auszeichneten.
Doch,  wie  schon  früher  gesagt,  ist  praktische  Lebensweisheit  noch
keine  Wissenschaft;  es  fehlt  ihr  die  Allgemeingültigkeit.
Andererseits  finden  wir  bei  Le  Play  auch  zahlreiche  Schlüsse,
die  deutlich  zeigen,  daß  es  ihm  an  sicheren  Mitteln  zur  Feststellung
von  Ursachen-Verknüpfungen  fehlte.  Beispiele  müssen  auch  hier
genügen.
Le  Play  hat  beobachtet,  daß  die  niedersächsische  Stammfamilie
wahrscheinlich  von  alters  her  gewisse  Einrichtungen  geschaffen  hat,
die  sie  selbst  und  die  sozial  schwächeren  Glieder  der  Gesellschaft
schützen  sollen.  Wie  sehr  er  alle  diese  Einrichtungen  bewunderte,
wissen  wir  schon.  Nun  kommt  er  nach  Solingen  und  sieht,  daß  auch
da  die  Arbeiterfamilie  noch  nicht  ganz  von  der  Scholle  losgelöst  ist,
daß  die  Frau  und  die  Kinder  des  Hausindustriellen  noch  Land  und
Wiese  bearbeiten,  wenn  sie  es  auch  nur  gepachtet  haben.  Und
er  sagt:
Die  Industriegegend  Westfalens  bleibt  den  ländlichen  Traditionen  der
Hannoveraner  und  Skandinavier  treu.
Auch  die  Elberfelder  Wohlfahrts-Einrichtungen  finden  den  Beifall
Le  Play’s.  Er  beschreibt  sie  ausführlich  und  fährt  dann  fort:
Diese  Gewohnheiten  der  Patronage  gehen  zurück  auf  Gefühle,  die  die
alte  ländliche  Verfassung  der  sächsischen  Ebene  entwickelt  hat.  Ob  wohl  die
Elberfelder  Fabrikanten  ihr  treu  bleiben  und  trotzdem  an  den  Errungenschaften
der  modernen  Industrie  teilnehmen  können?
Es  ist  nicht  klar,  ob  Le  Play  hier  von  der  niedergehenden  Elberfelder ­
  Hausindustrie  oder  von  der  jungen  Fabrikindustrie  spricht.
In  der  Hausindustrie  herrschte  auch  in  Elberfeld  das  Trucksystem,
wie  in  Solingen.  Es  ist  also  wahrscheinlich,  daß  Le  Play  die
junge  Fabrikindustrie  meinte,  in  der  tatsächlich  damals  manche
Wohlfahrts-Einrichtungen  entstanden,  um  die  (von  Le  Play  mit
Hecht  beklagten)  schlimmen  Wirkungen  zu  mildern,  welche  durch
die  Loslösung  der  Fabrikarbeiter  von  ihrer  Heimat  verursacht
worden  waren.  Diese  Einrichtungen  waren  aber  keineswegs  aus
uraltem  Patriarchalismus  hervorgegangen;  dieser  war,  wenn  je  vorhanden, ­
  jahrhundertelang  unterbrochen  gewesen  durch  das  rein  geschäftliche ­
  hausindustrielle  Arbeitsverhältnis  zwischen  den  kaufmännischen ­
  Verlegern  und  den  kleinen  Heimarbeitern,  das  schließ ­
        <pb n="107" />
        101

lieh  in  der  Zeit  des  Niedergangs  der  Hausindustrie  auch  hier  schon
zu  so  schlimmen  Übeln  geführt  hatte 1 ).  Wie  kam  es  nun,  daß
Le  Play  jene  ganz  neue  Erscheinung  der  Wohlfahrts-Einrichtungen
in  der  Fabrikindustrie  so  mißverstand?  Es  lag  daran,  daß  er  den
tatsächlichen  Verhältnissen  nicht  genug  auf  den  Grund  ging,  und
das  wiederum  geschah,  weil  er  beherrscht  wurde  von  der  Vorstellung
der  niedersächsischen  Stammfamilie.  Die  Bewunderung,  die  er  für
sie  hegte,  verleitete  ihn  dazu,  die  guten  Einrichtungen,  die  er  im
Wuppertale  fand,  mit  ihr  in  Verbindung  zu  bringen  und  durch  die
^Stammeszugehörigkeit  zu  erklären.  Aber  abgesehen  davon,  daß  die
Bewohner  des  Berger  Landes  keine  Sachsen,  sondern  Franken  sind,
ist  die  ganze  hier  zugrunde  liegende  Theorie,  daß  patriarchalische
Einrichtungen  vom  niedersächsischen  Stamm  am  kräftigsten  festgehalten ­
  wurden,  durchaus  ungenügend  begründet;  es  ist  nur  eine
allgemeine  vage  Anschauung.  Mit  solchen  Anschauungen  lassen
sich  keine  Kausalverknüpfungen  einwandfrei  feststellen,  und  durch
Le  Play’s  Beobachtungen  an  Ort  und  Stelle  ließen  sich,  soweit  wir
wissen,  solche  Feststellungen  ebensowenig  ermöglichen.
Ein  anderes  Beispiel  zeigt  den  gleichen  Mangel.  Le  Play
glaubte  beobachtet  zu  haben,  daß  die  Solinger  Schleifer  sehr  unsolide ­
  seien,  und  zwar  deshalb,  weil  sie  sehr  hohe  Löhne  hatten.
Er  sagt:
Es  ist  beachtenswert,  daß  die  liederlichsten  Arbeiter  der  Klasse  der
Schleifer  angehören,  deren  Löhne  gewöhnlich  sehr  hoch  sind,  mitunter  (wie
z.  B.  jetzt)  das  Zehnfache  der  Durchschnittslöhne  in  der  Fabrik  betragen.  In
der  Stufe  der  mittleren  Löhne  finden  sich  die  mäßigsten  Arbeiter,  die  infolgedessen ­
  am  befähigsten  sind,  sich  durch  Ersparnisse  zu  Fabrikanten  oder  Kaufleuten ­
  emporzuarbeiten 2 ).
Le  Play  konstatiert  hier  ein  Abhängigkeitsverhältnis  zwischen  der
Lohnhöhe  und  der  Möglichkeit  sozialen  Aufstiegs,  und  zwar  in  der
Weise,  daß  allzu  hohe  Löhne  zur  Unsolidität  verleiten  und  dem
Aufstieg  hinderlich  sind,  mittlere  Löhne  dagegen  zur  Mäßigkeit  anhalten
  und  den  Aufstieg  fördern.  Das  ist  nicht  unwahrscheinlich,
aber  aus  dem  angezogenen  Beispiel  schwerlich  ohne  weiteres  herzuleiten. ­
  Es  ist  richtig,  daß  die  Schleifer  damals  —  wie  auch  jetzt
noch  —  hohe  Löhne  bezogen.  Sie  erklären  sich  wohl  aus  der  besonderen ­
  Kunstfertigkeit,  aus  der  Ungesundheit  des  Berufes  und  aus

')  Vgl.  Mer  Ehrenberg,  Das  Arbeitsverhältnis  als  Arbeitsgemeinschaft
(Archiv  II,  180).
2 )  3  d.  M.
        <pb n="108" />
        102

der  Tatsache,  daß  die  Schleiferei  damals  in  ihrer  Abhängigkeit  vom
Wasser  noch  mehr  den  Charakter  eines  Saisongewerbes  hatte.  Es
mag  auch  zugegeben  werden,  daß  die  Schleifer  noch  weniger  solidewaren ­
  als  die  übrigen  Arbeiter-Kategorien;  der  Schnapsgenuß  war
ja  in  Solingen  weit  verbreitet,  wie  auch  aus  der  Beschreibung  des
Aufschlägers  hervorgeht.  Die  Schleifer,  die  draußen  an  den  Wasserläufen ­
  wohnten  und  selten  zur  Stadt  kamen,  werden  dann  aber  wohl
die  Trinkgelegenheit  gut  ausgenutzt  und  hierdurch  aufgefallen  sein.
Sie  wußten,  daß  ihr  Beruf  sie  vorzeitig  ins  Grab  bringen  würde 1 );-denn
  der  feine  Staub  von  Stahl  und  Stein  zerriß  ihnen  die  Gewebe
der  Lunge;  der  Staub  erzeugte  auch  erhöhtes  Durstgefühl.  Ein
Hauptgrund  für  die  Unsolidität  der  Schleifer  wird  aber  die  Unregelmäßigkeit ­
  der  Arbeit  gewesen  sein,  wodurch  ja  auch  die  Lohnhöhe ­
  mit  bedingt  war.
Doch  für  Le  Play  ist  offenbar  das  Wichtigste  die  Möglichkeit,
des  sozialen  Aufstiegs.  Ist  da  wirklich  die  Lohnhöhe  ein  Hindernis?
Leider  fehlen  alle  Zahlenangaben  darüber,  aus  welcher  Klasse  der
Heimarbeiter  die  „Fabrikanten“  und  „Kaufleute“  hervorgegangen
sind.  Auch  Le  Play  hat  nichts  Derartiges  veröffentlicht.  Wir
wissen,  daß  mehrere  der  heutigen  Fabrikanten,  besonders  der  Basiermesserbranche, ­
  ehemals  Schleifer  waren.  Nehmen  wir  aber  an,  daß
Le  Play  richtig  beobachtet  hat,  daß  die  Schleifer  tatsächlich  am
sozialen  Aufstieg  weniger  beteiligt  waren,  so  drängen  sich  uns  für
die  Erklärung  dieser  Erscheinung  eine  ganze  Anzahl  von  Tatsachen
auf,  die  eine  größere  Wahrscheinlichkeit  für  sich  haben  als  die  von
Le  Play  herangezogenen.  Wenn  wir  bedenken,  daß  das  Schleifen
ein  Zwischenstadium  in  der  Produktion  bildet,  ferner,  daß  die
Schleifer  außerhalb  Solingens  vereinzelt,  dagegen  die  anderen  an
der  Fabrikation  beteiligten  Arbeiter  in  der  Stadt  wohnten,  so  liegt
darin  wohl  eine  nicht  unerhebliche  Schwierigkeit  für  die  Schleifer,
direkte  Beziehungen  zum  Konsumenten  anzuknüpfen  und  sich  zu
Produktionsleitern  emporzuschwingen.  Als  weiterer  Grund  zur  Erklärung ­
  dieser  Tatsache  wurde  dem  Verfasser  der  damals  sicher  nicht
geringe  Unterschied  in  den  städtischen  und  ländlichen  Schulverhältnissen ­
  angegeben.  Vielleicht  hat  auch  noch  der  Umstand  dazu  beigetragen, ­
  daß  die  Schleifer  die  angesehenste  Arbeiterklasse  Solingens
bildeten,  der  es  ja  auch  gelang,  lange  Zeit  nach  Einführung  der
Gewerbefreiheit  noch  den  zunftmäßigen  Charakter  zu  bewahren;

*)  Grunow,  S.  291.
        <pb n="109" />
        103

infolgedessen  fehlte  ihnen  vielleicht  der  Ehrgeiz  zu  weiterem  Aufstieg. ­
  Alles  das  ist  gewiß  nicht  unwahrscheinlich.  Aber  was  wird
damit  für  unsere  Erkenntnis  gewonnen?
Jedenfalls  ist  die  Deduktion  Le  Play’s,  wenn  auch  durchaus
plausibel,  so  doch  kaum  besser  begründet,  als  die  von  uns  aufgestellten ­
  Hypothesen.  Es  fehlt  an  jeder  wirklichen  Beweisführung.
Die  von  uns  hier  berührten  Momente,  die  doch  gewiß  zur  Erklärung
der  von  Le  Play  festgestellten  Tatsachen  auch  in  Betracht  kommen,
sind  nicht  einmal  erwähnt.  Nur  zwei  Momente,  die  besonders  in  die
Augen  springen,  sind  von  Le  Play  besprochen;  von  ihnen  glaubt  er,
daß  sie  in  einem  Kausalitätsverhältnis  zueinander  stehen  müssen.
Wenn  wir  wenigstens  bei  Le  Play  noch  irgendwie  geartete  Untersuchungen ­
  über  die  Tragweite  der  einzelnen  Momente  fänden,  so
könnte  man  sagen,  daß  ihm  nach  reiflicher  Überlegung  ein  bestimmter ­
  Kausalzusammenhang  als  der  richtige  erschien.  Solche
Untersuchungen  finden  sich  aber  nicht;  vielmehr  geht  aus  seiner
ganzen  Ausdrucksweise  in  unserem  Beispiel  mit  einem  hohen  Grad
von  Wahrscheinlichkeit  hervor,  daß  andere  Momente  für  ihn  überhaupt ­
  nicht  in  Betracht  kamen.  Jedenfalls  gab  ihm  seine  eigene
Methode  keine  Mittel  an  die  Hand,  um  die  einzelnen  Faktoren  voneinander ­
  zu  sondern  und  ihre  Tragweite  zu  messen.  Dies  ist  aber
nur  ein  Beweis  ihrer  Unvollkommenheit,  nicht  ein  Beweis  der  Unmöglichkeit, ­
  sie  zu  vervollkommnen.
So  sehen  wir  denn,  daß  Le  Play’s  Methode  zwar  einen  wesentlichen ­
  Fortschritt  in  der  Entwicklung  der  wissenschaftlichen  Technik
gebracht,  daß  sie  aber  dasjenige  nicht  gehalten  hat,  was  er  sich
selbst  und  der  Welt  versprochen  hatte.  Er  sah  das  von  Comte
verheißene  Land,  aber  zu  fern  und  zu  undeutlich,  als  daß  er  imstande ­
  gewesen  wäre,  seine  Jünger  zur  Erreichung  dieses  Landes
anzuleiten.
        <pb n="110" />
        Anhang  II. 1 )
(Zu  S.  49  u.  79.)

Waffenschmied  aus  der  halb-ländlichen  Verlagsindustrie ­
  Solingens.
(Stückarbeiter  im  System  des  kurzdauernden  Arbeitsverhältnisses.)
Nach  am  Orte  eingezogenen  Erkundigungen  im  September  1851  unter  Mitarbeit
von  E.  Holler  verfaßt  von  Fr.  Le  Play.

Vorgängige  Beobachtungen  über  die  Lage  der  verschiedenen
Familien-Mitglieder.
Beschreibung  des  Ortes,  der  industriellen  Organisation  und
der  Familie.
§  1.  Zustand  des  Bodens,  der  Industrie  und  der  Bevölkerung. ­
  Der  Arbeiter  wohnt  in  der  kleinen  Stadt  Solingen,
zwischen  Elberfeld  und  Köln.  Die  Stadt  liegt  an  der  Wupper,  an
der  Stelle,  wo  die  letzten  Ausläufer  von  tonigem  Schiefer,  Grauwacke
und  anderen  Urgesteinen,  die  den  Westerwald  bilden,  zutage  streichen.
Ebenso  berührt  sie  den  schmalen  Alluvialstreifen,  der  nahe  dem
rechten  Rheinufer  in  einer  Ausdehnung  von  50  km  die  große,  weiter
unten  unter  dem  Namen  „die  sächsische  Ebene“  beschriebene  Formation ­
  fortsetzt.  Die  Gegend  vereinigt  alle  Bedingungen,  die  den
Erfolg  eines  Fabrikunternehmens  sicherstellen  können.  Der  an
Solingen  angrenzende  Boden  eignet  sich  zum  Anbau  von  Getreide,
Gemüse  und  Früchten,  zur  Aufzucht  von  Kühen  und  Milchziegen

*)  Anhang  I  ist  auf  besonderem  Blatte  beigefügt.
        <pb n="111" />
        105

und  bringt  so  alles  hervor,  was  zur  Ernährung  einer  zahlreichen
gewerbetreibenden  Bevölkerung  nötig  ist.  Die  Stadt  wird  von  einem
starken  Wasserlauf,  der  Wupper,  und  von  mehreren  Nebenbächen
gestreift,  die  den  zahlreichen  für  die  Messer-  und  Waffenfabriken
unentbehrlichen  Schleifwerkstätten  die  Kraft  liefern.  Die  Stadt
Solingen  mit  den  umliegenden  Ortschaften,  die  zusammen  eine  Ausdehnung ­
  von  ungefähr  10  000  ha  haben,  bilden  für  diese  Erzeugnisse
den  wichtigsten  Fabrikationsort  des  europäischen  Kontinents.
Der  Stahl,  der  hier  verarbeitet  wird,  kommt  zum  größten  Teil
vom  Stahlberg.  Dieses  Spateisenlager  liegt  inmitten  des  Westerwaldes; ­
  die  Erze  werden  dort  verhüttet  mit  Hilfe  von  Holzkohle,
die  die  Wälder  desselben  Gebirges  liefern.  Die  10000  Arbeiter
Solingens  verarbeiten  für  1  Million  Fr.  Stahl  und  liefern  für  ungefähr ­
  10  Millionen  Fr.  gewerbliche  Produkte.  Man  kann  die
Arbeiter  in  drei  Hauptklassen  teilen,  die  wieder  in  zahlreiche  Kategorien ­
  zerfallen.  Die  erste  Klasse  umfaßt  „die  Zurichter“,
d.  h.  die  Schmiede,  die  Feiler  und  die  Härter,  mit  anderen  Worten
die  Arbeiter,  die  dem  Gegenstand  die  passende  Form  und  die  richtige ­
  Härte  geben.  Die  zweite  Klasse  bilden  „die  Schleifer“,
d.  h.  die  Arbeiter,  die  den  so  zugerichteten  Stahl  am  Schleifstein
glätten  und  schärfen.  Die  dritte  Klasse  endlich  umfaßt  „die
Fertigarbeiter“,  d.  h.  die  Zusammensteller,  die  die  fertige
Klinge  in  den  Griff  oder  in  das  Heft  einfügen  und  die  Eeihe  der
Tätigkeiten  vollenden,  die  nötig  sind,  bevor  die  Gegenstände  in  den
Handel  gegeben  werden  können.  Vom  Gesichtspunkt  der  Vorbildung
und  der  Wichtigkeit  für  die  Fabrik  aus  betrachtet,  zerfallen  die
Arbeiter  einer  jeden  Klasse  noch  in  zwei  Kategorien:  die  gelernten
Arbeiter,  die  sich  durch  drei-  oder  vierjährige  Lehrzeit  auf  ihr
Handwerk  vorbereiten  und  die  aus  der  einheimischen  Bevölkerung
hervorgehen;  und  die  Handlanger,  die  Hilfs-  oder  Vorarbeiten
machen,  wozu  lediglich  rohe  Kraft  gehört;  sie  ergänzen  sich  aus  den
angrenzenden  Teilen  Hessens  und  des  Nassauer  Landes.  Die  Arbeiter
Solingens  sind  niemals  in  großen  Fabriken  tätig;  jeder  von  ihnen
erledigt  für  eigene  Rechnung  einen  Teil  der  Fabrikation.  Die  Zurichter ­
  und  die  Fertigarbeiter  arbeiten  gewöhnlich  in  ihrer  eigenen
Wohnung,  inmitten  des  Haushaltes.  Die  Schleifer,  die  mit  mächtigen,
durch  mechanische  Kraft  betriebenen  Schleifsteinen  arbeiten,  mieten
sich  gegen  wöchentlichen  Zins  einen  Platz  in  einer  großen  Schleifwerkstätte, ­
  die  durch  ein  Wasserrad  oder  durch  eine  Dampfmaschine
ihre  Kraft  erhält.  Alle  Produkte  werden  für  Rechnung  der  Unter-
        <pb n="112" />
        106

nelimer  —  „der  Fabrikanten“  —  angefertigt.  Sie  liefern  das  Rohmaterial, ­
  bezahlen  den  Arbeitern  den  Stücklohn  und  versenden  die
Produkte  auf  ihre  Rechnung  und  Gefahr  in  alle  Teile  der  Welt.
Die  Arbeiter,  die  diese  Monographie  speziell  beschreibt,  gehören ­
  zur  dritten  Klasse.  Sie  arbeiten  immer  für  Rechnung  derselben ­
  Unternehmer;  aber  dieser  Umstand  ist  eine  Ausnahme:  er  ist
keine  allgemeine  Tatsache,  sondern  der  Rest  einer  alten  Tradition.
In  der  Mehrzahl  der  Fälle  gehen  die  Arbeiter  nur  ein  kurzfristiges
Verhältnis  mit  den  Unternehmern  ein.
Die  Arbeiter  der  ersten  und  zweiten  Klasse  wohnen  vorzugsweise ­
  auf  dem  Lande  und  treiben  meist  etwas  Landwirtschaft  neben
ihrem  industriellen  Hauptberuf.  Die  der  dritten  Klasse  dagegen
wohnen  fast  alle  in  Solingen  selbst  und  beschäftigen  sich  weniger
mit  Landwirtschaft.
Nahe  bei  Solingen  und  in  den  angrenzenden  Provinzen  gibt  es
eine  zahlreiche  Klasse  von  Bauern;  sie  sind  gewöhnlich  mit  Gemeindeland ­
  ausgestattet  und  widmen  ihre  ganze  Zeit  der  Landwirtschaft; ­
  ihre  Höfe  sind  nur  klein  und  werden  beim  Tode  des  Besitzers ­
  nicht  geteilt.  Es  gibt  auch  einige  Pächter;  sie  zahlen  eine
feste  Geldrente  für  ihre  kleinen  Güter,  deren  Größe  ebenfalls  festgelegt ­
  ist.  Die  jungen  Bauern,  die  keine  Gelegenheit  finden,  eines
dieser  Gütchen  als  Besitzer  oder  Pächter  zu  bewirtschaften  oder  als
Knechte  zu  arbeiten,  entschließen  sich  gewöhnlich,  mit  einem  Stück
Geld,  das  sie  geerbt  haben,  oder  mit  einem  Darlehn  der  Eltern  nach
Amerika  auszuwandern.  Selten  treten  sie  als  Lehrlinge  in  die  industriellen ­
  Werkstätten  ein.  Diese  Abneigung  gegen  gewerbliche
Tätigkeit  ist  ein  vorherrschender  Zug  bei  allen  Bauernstämmen,  die
die  weite  sächsische  Ebene  zwischen  Elbe  und  Rhein  bewohnen.
§  2.  Zivilstand  der  Familie.  Die  Familie  besteht  aus
den  beiden  Eltern  und  vier  Kindern.  Gemäß  einem  dem  Verfasser
gegenüber  geäußerten  Wunsche  sind  im  folgenden,  ebenso  wie  bei
den  meisten  anderen  Monographien,  nur  die  Anfangsbuchstaben  der
Familiennamen  angegeben.  Zu  den  Vornamen  sind  die  Abkürzungen
hinzugefügt,  die  im  Hause  und  in  der  Nachbarschaft  gebräuchlich
sind,  eine  der  reizendsten  Gewohnheiten  des  deutschen  Volkes.  Im
Falle,  daß  mehrere  Abkürzungen  nebeneinander  gebraucht  wurden,
ist  nur  die  kürzeste  angegeben.
        <pb n="113" />
        1.  Friedrich  oder  Fritz  B  .  .  der  Vater,  geboren  zu
Solingen,  verheiratet  seit  29  Jahren  50  Jahre
2.  Theresia  oder  Eesi  M  .  .  .,  seine  Frau,  geboren  zu
Lennep  52  „
3.  Josef  oder  Sepp  B  .  .  .,  ihr  zweiter  Sohn,  geboren
zu  Solingen  23
4.  Karoline  oder  Line  B  .  .  .,  ihre  älteste  Tochter,
geboren  zu  Solingen  20
5.  Margarethe  oder  Gretchen  B  .  .  .,  ihre  zweite
Tochter,  geboren  zu  Solingen  17  „
6.  Christian  oder  Christ  B  .  .  .,  ihr  dritter  Sohn,  geboren ­
  zu  Solingen  9

Der  älteste  Sohn,  Johannes  oder  Hans  B  .  .  .,  ist  28  Jahre  alt
verheiratet  und  hat  einen  eigenen  Haushalt.  Er  gehört  infolgedessen ­
  nicht  mehr  zu  der  Familie,  obwohl  er  in  der  Werkstatt  des
Vaters  als  Arbeiter  tätig  ist.  Der  zweite  Sohn  arbeitet  ebenfalls
mit  dem  Vater,  der  dritte  Sohn  geht  noch  zur  Schule.
§  3.  Religion  und  moralische  Gewohnheiten.  Die
Familie  ist  kalvinistischer  Konfession.  Ohne  gerade  besonderen
Eifer  zu  zeigen,  kommt  sie  ihren  hauptsächlichsten  religiösen
Pflichten  regelmäßig  nach.  Jeden  Sonntag  begeben  sich  alle  zur
Kirche  und  empfangen  jedes  Jahr  einmal  die  Kommunion.  Im
gegenseitigen  Verkehr  herrscht  große  Höflichkeit.  Die  Neigung  für  J
einen  guten  Tisch  und  gegorene  Getränke  ist  der  einzige  hervortretende ­
  Fehler  der  Familie;  die  Unmäßigkeit  zeigt  sich  besonders
stark  bei  dem  ältesten  Sohne,  der  mehrere  Jahre  in  der  preußischen
Armee  gedient  hat.
Diese  Gewohnheiten  sind  zugleich  die  des  größeren  Teiles  der
Bevölkerung  von  Solingen.  Die  Sitten  sind  anständig;  uneheliche
Geburten  sind  selten  und  werden  gewöhnlich  durch  die  Ehe  wieder
in  Ordnung  gebracht.  Indessen  unterscheiden  sich  in  dieser  Be-  •
ziehung  die  in  §  1  erwähnten  drei  Arbeiterklassen.  Es  ist  beachtenswert, ­
  daß  die  liederlichsten  Arbeiter  der  Klasse  der  Schleifer
angehören,  deren  Löhne  gewöhnlich  sehr  hoch  sind  und  mitunter
(wie  z.  B.  jetzt),  das  Zehnfache  der  Durchschnittslöhne  der  Fabrik
betragen.  In  der  Stufe  der  mittleren  Löhne  finden  sich  die  mäßigsten
Arbeiter,  die  infolgedessen  am  befähigsten  sind,  sich  durch  Ersparnisse ­
  zu  Fabrikanten  oder  Kaufleuten  emporzuarbeiten.
        <pb n="114" />
        108

§  4.  Hygiene  und  Gesundheitsdienst.  Die  Gegend
ist  gesund.  Die  Tätigkeit,  die  in  gut  gelüfteten  Werkstätten  ausgeübt ­
  wird,  setzt  alle  Organe  des  Körpers  in  Bewegung,  ohne  eines
über  Gebühr  zu  ermüden,  und  ist  so  der  Gesundheit  mehr  zuträglich
als  schädlich.  Die  Schlafzimmer  sind  gesund;  sie  liegen  in  der  ersten
Etage.  Kurz,  die  Familie  lebt  unter  guten  hygienischen  Bedingungen; ­
  im  Falle  schwerer  Krankheit  nimmt  sie  ihre  Zuflucht  zu
einem  Arzt  der  Stadt,  der  für  den  Besuch  1,25  Fr.  erhält.  Die
größten  Lasten,  die  sie  bis  jetzt  zu  tragen  hatte,  waren  herbeigeführt ­
  durch  Krankheiten,  denen  drei  kleine  Kinder  zum  Opfer
fielen.
§  5.  Stellung  der  Familie.  Der  Arbeiter  arbeitet  im
Stücklohn 1 ),  in  einer  Werkstatt,  die  er  auf  eigene  Rechnung
mietet;  er  schafft  sich  selbst  die  Werkzeuge  und  die  zur  Ausführung
der  Arbeit  nötigen  Zutaten  an.  Er  engagiert  sich  Hilfskräfte  und
unterscheidet  sich  vom  Unternehmer  im  allgemeinen  nur  dadurch,
daß  er  den  Rohstoff  nicht  besitzt  und  nicht  über  die  Kundschaft
verfügt,  die  seine  Produkte  verbraucht.  Doch  steht  der  Arbeiter
in  Anbetracht  der  Wichtigkeit  seiner  Arbeiten  über  der  Mehrzahl
der  Stücklohnarbeiter.  Er  würde  sich  leicht  zum  Fabrikanten  emporarbeiten, ­
  wenn  er  die  für  diese  Stellung  erforderlichen  Eigenschaften
besäße:  Urteilsfähigkeit,  Voraussicht  und  Ordnungssinn.

Existenzmittel  der  Familie.
§6.  Eigentum  (ohne  Mobiliar  und  Kleidung).  Immobilien
und  Geld.  Gemäß  den  in  der  Arbeiterbevölkerung  dieses  Distrikts
herrschenden  Gewohnheiten  hat  die  Familie  kaum  Ersparnisse  gemacht, ­
  außer,  um  Möbelstücke  und  die  für  die  Ausübung  des  Handwerks ­
  nötigen  Werkzeuge  zu  erwerben;  sie  besitzt  weder  Geld  noch
Immobilien.  Der  Garten,  das  Feld  und  die  Wiese,  die  sie  bewirtschaftet, ­
  sind  in  Pacht  genommen.
Haustiere,  die  das  ganze  Jahr  gehalten  werden:  1  Ziege  =
18,75  Fr.;  2  Hühner  —  2  Fr.  Zusammen  20,75  Fr.

*)  Le  Play  unterscheidet  nicht  den  Stücklohn  des  Fabrikarbeiters  von  der  nur
äußerlich  ähnlichen,  aber  auf  ganz  andersartiger  Grundlage  beruhenden  Löhnungsart
des  Heimarbeiters  und  Handwerkers,  die  ja  als  halb  bzw.  ganz  selbständige  Gewerbetreibende ­
  notwendigerweise  pro  Stück  bezahlt  werden.
        <pb n="115" />
        109

Haustiere,  die  nur  während  eines  Teiles  des  Jahres  gehalten
werden:  1  Schwein  im  Durchschnittswert  von  72  Fr.,  das  5  Monate
gehalten  wird;  unter  Zugrundelegung  des  Jahresdurchschnitts  ist
sein  Wert  30—  Fr.
Der  Arbeiter  kauft  das  Schwein  Mitte  Juli,  zu  der  Zeit,  da
man  zu  den  Überresten  und  dem  Spülichtwasser  der  Küche  schon
einige  Kartoffeln  aus  dem  selbstbebauten  Felde  hinzutun  kann;
dann  schlachtet  er  es  um  Weihnachten  zum  eigenen  Verbrauche.
Ärmere  Familien  können  das  nicht  tun.  Sie  begnügen  sich  damit,
am  Ende  des  Jahres  wenigstens  ein  halbes  Schwein  zu  kaufen,  das
sie  salzen  und  einlegen.
Besondere  Geräte  für  die  Berufsarbeiten  und  die  häusliche
Arbeit  215,62  Fr.
1.  Für  die  Waffenschmiederei.  —  Einrichtung  und  verschiedene ­
  Werkzeuge  (für  5  Personen),  112,50  Fr.;  —  Ofen  mit  Bohr  für
Heizung  der  Werkstatt  18,75  Fr.;  4  Lampen  zur  Erleuchtung  der
Werkstatt  9,37  Fr.  Zusammen  140,62  Fr.
2.  Für  Vermieten  eines  Teiles  des  Hauses  mit  Möbeln:  Verschiedene ­
  Möbel  75j—  jr r .
Betriebsfonds.  Die  für  die  Berufsarbeit  notwendigen  Rohstoffe ­
  werden  dem  Arbeiter  vom  Fabrikanten,  für  den  er  arbeitet,
geliefert.  Die  Zutaten  werden  auf  Kredit  gekauft  oder  mittels  eines
Darlehns,  das  der  Kaufmann  gibt,  und  die  Löhne,  die  der  Arbeiter
seinen  Mitarbeitern  schuldet,  werden  nur  soweit  gezahlt,  als  er
selbst  vom  Fabrikanten  bezahlt  wird.  Irgendein  Betriebsfonds  ist
also  nicht  nötig  für  die  Ausübung  der  Haupttätigkeit  des  Arbeiters.
Er  besitzt  auch  nichts  dergleichen  für  die  Nebenarbeiten.  Dieser
Umstand  ist  es  besonders,  der  voraussehen  läßt,  daß  der  Arbeiter
sich  niemals  zum  „Fabrikanten“  emporschwingen  wird.  Gesamtwertwert ­
  des  Eigentums  266,37  Fr.
§  7.  Subventionen.  Die  Arbeiter  Solingens  sind  mehr
kleine  Handwerksmeister  als  eigentliche  Stücklohnarbeiter.  Daher
sind  auch  die  Unternehmer  mehr  Kaufleute  und  Kapitalisten  als
Fabrikanten.  Die  Beziehungen  zwischen  Unternehmer  und  Arbeiter
beschränken  sich  in  der  Kegel  darauf,  in  aller  Güte  den  Preis  für
einen  Auftrag  zu  regeln,  den  der  letztere  ausführen  soll,  ihm  nach
Bedarf  Vorschuß  von  Material  und  Geld  zu  geben,  endlich,  ihm  nach
der  Lieferung  den  für  den  Auftrag  vereinbarten  Preis  ganz  auszuzahlen. ­
  Bei  dieser  unabhängigen  Lage  verfehlen  die  Arbeiter
nicht,  die  Vorteile  der  Aufschwungsperioden  sich  zunutze  zu  machen;
        <pb n="116" />
        110

aber  ebenso  haben  sie  unter  den  ungünstigen  Fällen  zu  leiden,  die
durch  ein  Nachlassen  der  Aufträge  eintreten.  Doch  fühlen  sich  die
Unternehmer  verpflichtet,  in  Zeiten  einer  Krise  etwas  Arbeit  aufrechtzuerhalten; ­
  sie  geben  im  Bedarfsfälle  den  Arbeitern,  die  sie
gewöhnlich  beschäftigen,  Darlehen,  für  die  sie  sich  später  an  den
steigenden  Löhnen  bezahlt  machen,  wenn  die  Arbeiten  wieder  aufgenommen ­
  sind.  In  diesen  Zeiten  der  Krise  findet  der  Arbeiter
auch  einige  Hilfsquellen  in  dem  Kredit,  den  der  Hauseigentümer
und  die  Nahrungsmittel-Lieferanten  gewähren.
§  8.  Gewerbliche  Arbeiten  und  Nebenarbeiten.
Arbeit  des  Mannes:  Der  Arbeiter  gehört  zur  Klasse  der
Fertigarbeiter.  Seine  Haupttätigkeit  besteht  in  dem  Fertigmachen
der  Säbel.  Er  bekommt  von  dem  Fabrikanten,  der  den  Export
dieses  Artikels  betreibt,  die  Klingen,  die  Hefte  und  die  Scheiden,
und  er  macht  die  Säbel  für  den  Handel  fertig,  zu  einem  vereinbarten
Durchschnittspreis  pro  Stück.  Der  Arbeiter  wird  dabei  von  seinen
beiden  ältesten  Söhnen  und  einem  nicht  zur  Familie  gehörigen
fremden  Arbeiter  unterstützt.  Der  Arbeiter  beschäftigt  sich  niemals
für  Rechnung  benachbarter  Grundeigentümer  oder  Pächter  mit  landwirtschaftlichen ­
  Arbeiten.
Arbeiten  der  Frau  und  der  zwei  ältesten  Töchter:
Ihre  Hauptarbeit  knüpft  an  die  gewerbliche  Tätigkeit  des  Vaters  an.
Zunächst  holen  sie  die  Klingen,  Hefte  und  Scheiden  beim  Fabrikanten
ab  und  bringen  die  fertigen  Säbel  wieder  dorthin.  Bei  guter  Beschäftigung ­
  haben  die  Frauen  auf  diese  Weise  an  jedem  Arbeitstage ­
  zweimal  ein  Durchschnittsgewicht  von  210  kg  auf  1  km  Entfernung ­
  zu  transportieren.
Unter  den  anderen  Arbeiten  nehmen  die  für  den  Haushalt  die
erste  Stelle  ein;  die  Frauen  stricken  und  nähen,  bewirtschaften  den
Garten  und  das  Kartoffelfeld  und  verrichten  die  verschiedenen
Arbeiten,  die  die  Haustiere  verlangen.
Arbeit  des  ältesten  Sohnes  im  Alter  von  23  Jahren:  Die
Hauptarbeit  des  Sohnes  ist  dieselbe,  wie  die  des  Vaters,  mit  dem  er
zusammenarbeitet.  Seine  einzige  Nebenarbeit  besteht  darin,  daß  er
die  Wiese  mäht,  welche  die  Familie  für  ihre  Ziege  gepachtet  hat.
Arbeit  des  fremden  Gehilfen:  Er  verrichtet  dieselben
Arbeiten  wie  der  Meister.
Gewerbliche  Tätigkeit  für  Rechnung  der  Familie.
Die  Haupttätigkeit  dieser  Art  besteht  in  den  verschiedenen  spekulativen ­
  Erwägungen,  die  die  Familie  bei  der  Berufsarbeit  des  Mannes
        <pb n="117" />
        111

.anstellt.  Andere  Tätigkeiten  sind:  Fettmachen  und  Schlachten  des
Schweines,  Nutzung  der  Ziege  und  der  Hühner,  möbliertes  Vermieten
eines  Teiles  des  Hauses,  endlich  Nutzung  der  drei  Landparzellen,  die
von  dem  Eigentümer  des  Hauses  gepachtet  sind:
Gemüsegarten,  250  m  von  der  Wohnung  entfernt
6,11  ar  ä  7,—  Fr.  =  42,77  Fr.
Kartoffelfeld,  1500  m  von  der  Wohnung
entfernt  4,82  ar  ä  3,50  „  =  16,87  „
Wiese  für  Gras  und  Heu,
400  m  von  der  Wohnung  entfernt
3,37  ar  ä  7,—  „  -  23,59  „
14,30  ar  83,23  Fr.
Vergleicht  man  diese  Zahlen  mit  dem  Budget  (§  14—16),  so  ergibt ­
  sich,  daß  die  häusliche  Tätigkeit  eine  beachtenswerte  Holle  in
der  hier  beschriebenen  Familie  spielt.  Das  ist  wohl  vorherrschend
im  ganzen  Lande.  Die  Industriegegend  Westfalens  bleibt  also  den
ländlichen  Traditionen  der  Hannoveraner  und  Skandinavier  treu.
Und  bis  heute  zeigen  sich  die  Unternehmer  nicht  geneigt,  die  ganze
Tätigkeit  ihrer  Arbeiter  für  die  Berufsarbeit  in  Anspruch  zu
nehmen,  wie  es  die  von  England  tun,  und  sie  so  in  Zeiten  der  Ruhe
jedes  Existenzmittels  zu  berauben.

Lebensweise  der  Familie.
§  9.  Ernährung  und  Mahlzeiten.  Die  Familie  macht
vier  Mahlzeiten  am  Tag.  Frühstück  (8  Uhr  morgens):  Kaffee
-ohne  Zucker,  mit  wenig  oder  ohne  Milch;  man  nimmt  reinen  Kaffee,
ohne  Zichorie,  und  rechnet  ungefähr  40  g  Wasser  auf  1  g  Kaffee;
dazu  ißt  man  Butterbrot.  Mittagessen:  Man  kocht  eine  Suppe
aus  Wasser,  Kartoffeln  und  Fett.  Außerdem  gibt  es  ein  Gericht,
bestehend  aus  0,96  kg  Fleisch  (außer  wenn  es  Schweinefleisch  ist),
Kohl  und  anderen  frischen  und  konservierten  Gemüsen,  Salz  und
1,2  1  Wasser,  das  allmählich  verdunstet,  so  daß  nur  eine  Kraftbrühe
zurückbleibt.  Wenn  das  Geld  zum  Fleisch  nicht  reicht,  begnügt
man  sich  mit  gekochtem  Gemüse  und  ein  wenig  Speck  aus  dem
Vorrat.  Ein  Arbeiter,  der  2,50  M.  pro  Tag  verdient,  und  dessen
Familie  5—6  Personen  umfaßt,  kann  kaum  mehr  als  2—3  mal  in
der  Woche  Fleisch  essen.  Sonntags  gibt  es  oft  noch  Bouillon  mit
8
        <pb n="118" />
        112

Reis.  Vesperbrot  (4  Uhr  nachmittags):  wie  beim  Frühstück.
Abendbrot  (8  Uhr  abends):  Kartoffeln  oder  eine  Mehlspeise,  genannt ­
  Buchweizenkuchen,  eine  Art  Pfannkuchen  aus  dem  Buchweizenmehl, ­
  das  mit  Wasser  und  Salz  zu  Teig  verarbeitet  und  dann  in
der  Pfanne  gebraten  wird.  Dazu  ißt  man  Butterbrot  und  zum
drittenmal  Kaffee,  aber  ohne  Milch.  Mitunter  gibt  es  zum  Abendessen ­
  als  Hauptgericht  einen  Eierkuchen,  eine  Art  Omelette  aus
Weizenmehl,  Milch,  Salz  und  Eiern,  mit  etwas  Butter  in  der  Pfanne
gebraten.
Die  Produkte  des  Schweines  erscheinen  in  den  mannigfachsten
Formen  auf  dem  Tische.  Der  Arbeiter  kauft  Mitte  Juli  ein  Schwein
von  ungefähr  33  kg,  macht  es  fett  und  schlachtet  es  um  Weihnachten; ­
  es  wiegt  dann  ungefähr  105  kg.  Einige  Teile  werden  zu
Bratwurstteig  verarbeitet,  indem  man  5  kg  Mehl  mit  14  kg  feingehacktem ­
  Fleisch  mengt;  man  schneidet  die  Masse  in  Scheiben,
läßt  sie  im  Ofen  5  Std.  backen,  wobei  man  sie  mit  Lake  übergießt,
und  bewahrt  sie  dann  in  der  Wurstkammer  auf.  Ebenso  bereitet
man  2,8  kg  Kotwurst.  Die  4  Schinken  werden  gesalzen  und  geräuchert. ­
  Der  Kopf  wird  zerhackt,  eingesalzen  und  einige  Zeit  an
die  Luft  gehängt;  der  Speck  wird  teils  geräuchert,  teils  zu  Schmalz
ausgelassen.  Der  Rest  des  Fleisches  wird  geräuchert  außer  Ohren,,
Kopf  und  Pfoten,  die  frisch  gegessen  werden.
Außer  Schmalz  und  der  oben  erwähnten  Butter  wird  noch  Rüböl
verwendet  als  Fett,  besonders  als  Zutat  zu  den  Kartoffeln:  um  es
zu  reinigen  und  ihm  den  eigenartigen  bitteren  Geschmack  zu
nehmen,  erhitzt  man  es  stark  und  hält  während  einiger  Zeit  ein
Stück  Brot  hinein.  Dann  tut  man  eine  Zwiebel  und  Mehl  in  das
kochende  Öl  und  dann  die  zuvor  gekochten  Kartoffeln.  Mitunter
gibt  es  eine  bessere  Sauce  zu  den  Kartoffeln,  besonders  zu  den
Pfannkuchen,  indem  man  dem  Öl  eine  gleiche  Menge  Butter  beimengt. ­
  Für  die  Gemüse  verwendet  man  ebenfalls  gereinigtes  Öl,
wenn  kein  Speck  vorhanden  ist,  mitunter  nimmt  man  auch  Rindsfett..
Das  gebräuchlichste  Getränk  ist  der  Kaffee;  während  der  Mahlzeiten ­
  werden  keine  alkoholischen  Getränke  genossen.  Dafür  trinken
aber  die  Arbeiter  nebenher  und  vor  allem  im  Wirtshaus  viel.  Jeder
Arbeiter  trinkt  den  Tag  über  0,14  1  Branntwein'  durchschnittlich;
die  Enthaltsamsten  begnügen  sich  mit  der  Hälfte.
§  10.  Wohnung,  Mobiliar  und  Kleidung.  Die  Familie
bewohnt  ein  Haus,  das  sie  von  einem  Solinger  Kleinkaufmann
gemietet  hat.  Dieses  Haus  hat  im  Erdgeschoß  eine  große  Werk-
        <pb n="119" />
        Bibliothek  des  Instituts
—  113  —  für  Weltwirtschaft  Kiel
statt,  eine  Küche  und  ein  Zimmer,  in  dem  die  Familie  ihre  Mahlzeiten ­
  einnimmt.  Im  ersten  Stock  sind  drei  Schlafzimmer,  eines
für  die  Eheleute,  eines  für  die  Söhne  und  eines  für  die  Töchter.
Ein  viertes  Zimmer  ist  von  der  Familie  mit  Zubehör  möbliert  an
einen  Fremden  zum  Preise  von  105  Fr.  vermietet.  Da  der  ganze
Mietspreis  des  Hauses  nur  277,50  Fr.  beträgt,  bedeutet  dieses  Abvermieten ­
  für  die  Familie  ein  lohnendes  Geschäft.
Die  Wohnung  wird  mit  einer  gewissen  Peinlichkeit  gehalten.
Das  Mobiliar  und  die  Kleidung  deuten  auf  einige  Wohlhabenheit
und  Komfort  hin.
Möbel  979,25  Fr.
1.  Betten:  3  Betten,  dabei  für  jedes:  1  Matratze,  1  Decke,
2  Federkissen,  1  Kopf-Pfühl,  1  Strohsack  —  530,50  Fr.
2.  Mobiliar:  4  Tische  =  67,50  Fr.;  15  Stühle  =  45  Fr.;  1  Küchenschrank ­
  (Eßgeschirr)  =  45  Fr.;  1  Kleiderschrank  =  67,50  Fr.;
1  Wäscheschrank  =  3,75  Fr.;  3  Koffer  oder  Kasten  =  22,50  Fr.;
2  Bänke  —  7,50  Fr.;  1  Herd  für  die  Küche  =  75  Fr.;  1  Uhr  =  15  Fr.;
Möbel  und  Wäsche  in  Vorrat  für  die  demnächstige  Ehe  des  ältesten
Sohnes  =  100  Fr.  Zusammen  448,75  Fr.
Geräte  110,62  Fr.
1.  Eßgeschirr:  Geschirr,  Töpfe  und  Gläser  =  15  Fr.;  Eisen-und
Kupfertöpfe  =  75  Fr.;  Messer,  Gabeln  und  Löffel  =  11,25  Fr.  Zusammen ­
  101,25  Fr.
2.  Für  diversen  Gebrauch:  4  Lampen  für  das  Haus  =  9,57  Fr.
Wäsche  für  den  sofortigen  Gebrauch  32,—  Fr.
6  Paar  Bettücher  =  32  Fr.
Kleidung,  die  mit  Reinlichkeit  und  weiser  Sparsamkeit  gehalten
wird.  In  der  Ernährung,  nicht  in  der  Kleidung  zeigen  sich  die
Neigungen  der  Familie  für  die  materiellen  Genüsse  .  .  485,—  Fr.
Kleidung  des  Arbeiters:  100  Fr.;  silberne  Uhr  15  Fr.
=  115  Fr.
„  der  Mutter:  80  Fr.
„  des  zweiten  Sohnes:  100  Fr.
„  der  beiden  Töchter:  160  Fr.
„  des  Kindes  von  9  Jahren:  30  Fr.
Gesamtwert  des  Mobiliars  und  der  Kleidung  .  .  .  1606,87  Fr.
§  11.  Erholung.  Das  Rauchen,  sowohl  während  der  Arbeit
wie  während  der  Pausen,  ist  die  Haupterholung  der  3  Arbeiter
8*
        <pb n="120" />
        114

der  Familie.  Jeder  Mann  verbraucht  durchschnittlich  am  Tage  67  g
Tabak.  Eine  andere  Erholung,  der  sie  alle  großen  Wert  beilegen,
ist  der  Branntweingenuß  morgens  und  abends.  In  der  hier  beschriebenen ­
  Familie  trinken  die  beiden  Arbeiter  täglich  0,14  1  Branntwein
im  Hause  und  ebensoviel  im  Wirtshaus.  Samstags  gibt  es  außerdem
noch  eine  Extragabe  Branntwein  in  der  Werkstatt,  an  der  der  Meister
und  seine  drei  Arbeiter  teilnehmen.  Die  Frauen  genießen  weder  Spirituosen ­
  noch  Narkotika.  Es  ist  sehr  selten,  daß  die  Familie  während
der  Mahlzeit  Branntwein,  Bier  oder  gar  Wein  trinkt.  Jedes  Jalir
beteiligen  sich  die  Männer  an  einem  Scheibenschießen,  das  man  als
die  Hauptlustbarkeit  der  Gegend  betrachten  kann.  Die  vier  Märkte,
die  jedes  Jahr  in  Solingen  stattfinden,  und  einige  Feste  in  den  benachbarten ­
  Dörfern  sind  fast  die  einzige  Erholung,  an  der  alle
Familienglieder  gemeinsam  teilnehmen.  Eine  Mahlzeit  im  Wirtshaus, ­
  Tanz,  seltener  kleine  theatralische  Vorführungen,  sind  bei
dieser  Gelegenheit  die  begehrtesten  Vergnügungen.  Viele  Arbeiter
indessen  bleiben  auch  diesen  letzteren  Vergnügungen  fern,  und  man
kann  sagen,  daß  die  einzigen  unerläßlichen  Vergnügungen  dieses
Landes  der  Tabak  und  der  Branntwein  sind,  wenigstens  für  die
Männer;  für  die  Frauen  die  Unterhaltung  mit  den  Nachbarinnen.

Geschichte  der  Familie.
§  12.  Hauptphasen  der  Existenz.  Vor  ihrer  ersten
Kommunion  unterstützen  die  Kinder  die  Eltern  kaum  in  ihren
Arbeiten  ,  sondern  widmen  ihre  ganze  Zeit  der  Schule.  Mit  13
oder  14  Jahren  beginnen  die  Mädchen,  ihre  Mutter  zu  unterstützen ­
  und  helfen  beim  Transport  der  Gegenstände,  die  der  Vater
bearbeitet.  Zur  selben  Zeit  treten  die  Söhne  als  Lehrjungen  in
irgendeinen  Zweig  der  lokalen  Industrie  ein.  In  den  Familien  der
Klasse  der  „Fertigarbeiter“  ergreift  höchstens  ein  Sohn  den  Beruf
des  Vaters.  Die  Brüder  entgehen  so  der  Notwendigkeit,  sich  eines
Tages  Konkurrenz  machen  zu  müssen.  In  dieser  Hinsicht  bietet  die
hier  beschriebene  Familie  eine  ganz  seltene  Ausnahme  unter  den
zu  dieser  Klasse  gehörigen  Arbeitern  Solingens.  Nach  3  oder
4  Jahren  Lehrzeit  macht  der  junge  Arbeiter  seine  Gesellenprüfung
und  arbeitet  als  solcher  1  oder  2  Jahre  bei  seinem  ersten  Meister
oder  bei  einem  anderen,  der  ihm  schon  einen  festen  Lohn  zahlt.
So  kommt  er  ins  militärpflichtige  Alter;  dieser  Dienst  dauert  durch-
        <pb n="121" />
        115

schnittlich  2  Jahre.  Nach  Erfüllung  dieser  Pflicht  muß  der  Arbeiter
seine  Meisterprüfung  machen,  ehe  er  selbständig  arbeiten  darf.
Endlich  verheiratet  er  sich,  sobald  er  genügend  Werkzeug,  Wäsche
und  Möbel  hat.  Hierbei  bringen  die  Töchter  der  arbeitenden  Bevölkerung ­
  im  allgemeinen  ihrem  Gatten  nichts  mit  in  die  Ehe,  so
daß  dieser  oft  eine  kleine  Aussteuer  in  Möbeln  oder  Geld  von  seinen
Eltern  empfängt.  Von  dieser  Epoche  an  entwickeln  sich  die  Haushaltungen, ­
  in  denen  Ordnung  und  Sparsinn  herrschen,  schrittweise
zur  Wohlhabenheit.  Unglücklicherweise  fehlen  diese  Eigenschaften
der  größten  Anzahl,  und  so  bleiben  die  Familien  dauernd  in  den
hier  beschriebenen  mittleren  Verhältnissen.  Sie  streben  danach,  sich
sogleich  allen  physischen  Genuß  zu  verschaffen,  den  die  industrielle
Tätigkeit  abwirft,  und  ertragen  mit  Resignation  alle  Entbehrungen,
die  aus  dem  Fehlen  jeder  Reserve  in  Zeiten  der  Not  hervorgeht.
Die  Prüfungen,  die  Lehrling  und  Geselle  zu  machen  haben,  um
Geselle  und  Meister  zu  werden,  sind  in  Preußen  erst  seit  1850  eingeführt. ­
  Vor  dieser  Zeit  herrschte  dort,  seit  der  französischen
Okkupation,  unbedingte  Freiheit  in  der  Wahl  und  Ausübung  der
Berufe.  In  Solingen  setzt  sich  die  Prüfungskommission  aus
25  Personen  zusammen,  aus  denen  zu  jeder  Prüfung  ein  Ausschuß
von  5  Gliedern  zusammengestellt  wird.  Für  die  Gesellenprüfung
besteht  das  Komitee  aus  einem  Fabrikanten  als  Präsidenten,  zwei
Meistern  und  zwei  Gesellen;  für  die  Meisterprüfung  nur  aus  Fabrikanten ­
  und  Meistern.  Die  Prüfung  besteht  in  der  Ausführung  einer
Arbeit  vor  dem  Ausschüsse  oder  in  der  von  glaubwürdigen  Zeugen
bestätigten  Anfertigung  eines  Meisterstückes.
§  13.  Sitten  und  Einrichtungen,  die  das  physische
und  moralische  Wohlergehen  der  Familie  sichern.
Trotz  des  Fehlens  regelmäßiger  Subventionen  und  des  Mangels
jeder  Fürsorge  für  die  Zukunft,  befinden  sich  die  Arbeiter  Solingens
und  besonders  die  hier  beschriebene  Familie  in  einer  ziemlich
glücklichen  Lage.  Infolge  der  günstigen  Fabrikationsbedingungen
und  der  stetigen  Vorwärtsbewegung  erfährt  die  handarbeitende
Bevölkerung  keinen  übertriebenen  Zuwachs;  sie  muß  sich  sogar
regelmäßig  aus  den  benachbarten  Provinzen  noch  Ersatz  verschaffen. ­
  Indessen  sind  keineswegs  die  wünschenswerten  Garantien
für  die  Zukunft  gegeben;  denn  die  Solinger  Industrie  hat  nicht  in
sich  selbst  die  Quellen  des  Wohlergehens,  dessen  sie  sich  erfreut.
Hier  ist  in  Wirklichkeit  das  Wohlergehen  der  Familien  garantiert
durch  den  Konsum  außerhalb  des  Landes,  der  von  Jahr  zu  Jahr
        <pb n="122" />
        116

viel  schneller  wächst  als  die  natürliche  Be  Völker  ungsvermehrung
beträgt
In  mehrfacher  anderer  Beziehung  befinden  sich  die  westfälischen ­
  Arbeiter  der  Industriegegend  in  einer  viel  schlechteren  Lage
als  die  skandinavischen  und  hannoverschen  Arbeiter;  sie  nähern
sich  dort  schon  der  „unstetigen“  Lage,  die  mehr  und  mehr  inmitten ­
  der  Massen  herrscht,  die  in  den  Kohlegebieten  Englands,
Belgiens  und  Frankreichs  zusammengeströmt  sind.  Eine  der  bedauerlichsten ­
  Seiten  dieser  Lage  ist  die  Gewohnheit,  die  Arbeiter
mehr  und  mehr  in  MietsWohnungen  unterzubringen;  es  ist  beklagenswert, ­
  daß  dieses  System  noch  immer  mehr  um  sich  greift.
Bis  heute  haben  die  Verhältnisse  zwischen  der  Familie  und
dem  Kapitalisten,  dem  Eigentümer  des  Hauses,  einen  herzlichen
Charakter,  der  sich  auf  gegenseitiger  Willfährigkeit  und  dem  Patronatsverhältnis ­
  gründet.  Der  Eigentümer  glaubt  sich  nicht  befugt,
den  einmal  vereinbarten  Mietzins  zu  steigern;  und  der  Mieter  fühlt
sich  zu  kleinen  Dienstleistungen  gehalten,  die  dem  Eigentümer  vielleicht ­
  angenehm  sein  können.  Wenn  an  die  Stelle  dieser  guten  Beziehungen ­
  von  Eigentümer  zum  Mieter  eines  Tages  die  aufreizenden
Kämpfe  getreten  sind,  die  in  gewissen  Städten  des  Westens  die
Festsetzung  des  Mietzinses  hervorruft,  dann  wird  man  das  Fehlen
einer  gesetzlichen  Regelung  bedauern,  die  z.  B.  den  Kaufleuten  im
Harz  verbietet,  ihr  Kapital  in  der  Weise  anzulegen,  daß  sie  die
Häuser,  in  denen  Arbeiter  wohnen,  erwerben.  Die  oben  bezeichneten
guten  Beziehungen  sind  sicherlich  dem  sozialen  Frieden  günstig.
Doch  scheint  es,  daß  seine  Herrschaft  in  diesem  besonderen  Falle
sich  viel  sicherer  darauf  gründen  ließe,  daß  man  den  Arbeiter  beim
Erwerb  seiner  Wohnung  vom  Wettbewerb  der  Kapitalisten  freimacht. ­
  Die  beträchtlichen  Summen,  die  die  Familie  für  unnütze
und  schädliche  Erholungen  verwendet,  zeigen,  daß  sie  schon  längst
ihr  Häuschen  zu  eigen  haben  könnte,  wenn  die  Gewohnheit,  unterstützt ­
  von  der  Patronage,  auf  dieses  wichtige  Interesse,  die  Fürsorge
für  die  Familie,  hingelenkt  würde.  Letztere  würde  nicht  nur  ihre
finanzielle  Position  verbessert  haben;  sie  würde  auch  in  der  sozialen
Rangordnung  eine  viel  höhere  Stellung  einnehmen.
Viele  Gründe  geben  zu  der  Befürchtung  Anlaß,  daß  die  Entwicklung ­
  der  Industrie  in  der  sächsischen  Ebene  in  Zukunft  den
I  Familien  dieser  Gegend  die  sittliche  Höhe,  die  sie  sich  im  Laufe
von  sechs  Jahrhunderten  der  Tugend  erworben  haben,  wieder  entreißt. ­
  Um  die  Gefahr  zu  erkennen,  die  ihrer  Existenz  droht,  ge-
        <pb n="123" />
        117

niigt  es,  zu  vergleichen,  welches  Los  die  ärmsten  Arbeiter  der  ländlichen ­
  Gegenden  ihren  Nachkommen  verschaffen,  und  welches  die
-am  besten  gestellten  Arbeiter  des  Industriebezirks.
Einem  einfachen  Häusler  (Kotter)  oder  Landarbeiter  Westfalens, ­
  dessen  Tagelohn  selten  1,50  Fr.  überschreitet,  gelingt  es  gewöhnlich, ­
  die  Brüder  und  Schwestern  seines  Erben  in  der  Neuen
Welt  als  unabhängige  Eigentümer  anzusiedeln.  Dagegen  wird  der
Solinger  Waffenschmied,  der  durchschnittlich  3,80  Fr.  verdient,  in
seinem  Alter  von  allem  entblößt  sein,  wenn  er  nicht  von  seinen
Kindern  unterstützt  wird.  Wenn  er  indessen  von  seiner  Heirat  an
die  mäßigen  Gewohnheiten  eines  Häuslers  angenommen  hätte,  würde
er  jetzt  als  Eigentum  alle  die  Grundstücke  besitzen,  die  er  jetzt
nur  gemietet  bzw.  gepachtet  hat,  und  würde  der  Ausstattung  seiner
Nachkommen  eine  jährliche  Summe  von  1200  Fr.  widmen  können.
(§§  14—16  siehe  auf  8.  118-128.)

Elemente  der  sozialen  Konstitution.
Für  die  soziale  Organisation  wichtige  Tatsachen.  Bemerkenswerte
Eigentümlichkeiten.  Allgemeine  Beurteilungen.  Schlüsse.
§  17.  Über  die  alte  soziale  Konstitution  der
sächsischen  Ebene,  die  durch  das  deutsche  Ufer  der
Nordsee  begrenzt  wird.  Die  Industriegegend  um  Solingen
und  die  des  Kohlenbeckens  der  Buhr  liegt  im  Mittelpunkt  der
Ebene,  die  sich  im  Norden  von  der  Mündung  der  Elbe  bis  zur
Westgrenze  der  Niederlande  hinzieht.  Gegen  Süden  erstreckt  sich
diese  Ebene  den  Rhein  aufwärts  bis  Bonn,  300  km  lang,  und  250  km
die  Elbe  aufwärts  bis  Magdeburg.  Im  Mittelteil  ist  sie  kaum  mehr
als  220  km  breit.  Die  Bewohner  dieser  Ebene  bewohnen  nur  einen
kleinen  Teil  des  großen  Anschwemmungslandes,  das  sich  vom  Südosten ­
  Englands  bis  zur  Wolga  in  derselben  geologischen  Beschaffenheit ­
  ausdehnt.  Indessen  haben  ihre  Vorfahren  eine  wichtige  Rolle
in  der  alten  Geschichte  Europas  gespielt,  und  die  Tugenden  der
Rasse  haben  sich  bei  den  Nachkommen  erhalten.  Vielleicht  sind
sie  berufen,  durch  ihr  Beispiel  die  Übel,  die  heute  den  Westen
zerstören,  zu  heilen.  Die  Menschen,  die  sich  dem  Fortschritt  gewidmet ­
  haben,  sollten  sich  angelegen  sein  lassen,  die  Gestaltung
dieser  einzelnen  Gegenden  zu  erforschen,  deren  Ausdehnung  von
Osten  nach  Westen  3000  km  übersteigt.
        <pb n="124" />
        \

—  118  —
14.  Budget  der  Jahreseinnahmen.

Quellen  der  Einnahmen

Annäherungswert
der  Einnahmequellen. ­

Wert  des
Eigentums

I.  Sektion.
Eigentum  der  Familie.
1.  Unbewegliche  Güter
(Die  Familie  besitzt  kein  Eigentum  dieser  Art)

2.  Bewegliche  Güter
a)  Haustiere,  die  das  ganze  Jahr  gehalten  werden:
1  Ziege  =  18,75  Fr.;  2  Hühner  =  2  Fr.

20,75

b)  Haustiere,  die  nur  einen  Teil  des  Jahres  gehalten  werden:
1  Schwein  (Schätzungswert)  (6)

30,-c)

  Material  für  die  heruflichen  und  häuslichen  Arbeiten:
a)  Für  die  Waffenschmiedetätigkeit:  Werktische,  Möbel,
Mobiliar,  Werkzeuge

140,62

ß)  Für  das  Vermieten  en  garni  eines  Teiles  des  Hauses:
verschiedene  Möbel

75,—

3.  Ansprüche  gegen  Versicherungsgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit ­

(Die  Familie  ist  in  keiner  derartigen  Gesellschaft)

—

Gesamtwert  des  Eigentums

Fr.  266,37

II.  Sektion.
Subventionen.
1.  Nutzeigentum
(Die  Familie  hat  kein  Nutzeigentum)
2.  Nutzungsrechte  am  Eigentum  des  Herrn
(Die  Familie  hat  keine  derartigen  Rechte)
3.  Bewilligung  von  Sachen  und  Diensten.

Im  Westen  ist  die  Formation  der  erratischen  Lager  im  Südosten ­
  Englands  vertreten  durch  die  Gebirgslappen  des  Wash  und
Holderness.  Sie  erscheint  auf  dem  Kontinent  in  Belgien,  nicht  weit
von  Pas-de-Calais.  Von  da  ah  zieht  die  südliche  Grenze  des
Schwemmlandes  von  Westen  nach  Osten  durch  die  Niederlande,  dann
gegen  Südosten  bis  zum  Rhein.  Sie  überschreitet  den  Rhein  bei
Bonn,  an  dem  Punkt,  wo  dieser  Fluß  das  Gebirge  verläßt  und  sich
in  die  Ebene  ergießt.  Sie  wendet  sich  dann  am  rechten  Rheinufer
nach  Norden,  wobei  sie  den  letzten  Ausläufern  des  Westerwaldes
folgt,  und  bildet  so  an  diesem  Ufer  eine  fruchtbare  Zone,  die
zwischen  Bonn  und  Wesel  bei  50  km  Länge  10  km  breit  ist.  Hier
        <pb n="125" />
        119

§  14.  Budget  der  Jahreseinnahmen.

Betrag  der  Einahmen

Einnahmen

Geldwert
der  Naturalien ­


Einnahmen
in  Geld

I.  Sektion.
Einnahmen  aus  Eigentum.
1.  Einnahmen  aus  beweglichen  Gütern
(Die  Familie  hat  keine  Einnahmen  dieser  Art)
2.  Einnahmen  aus  unbeweglichen  Gütern
a)  Zinsen  (6%)  des  Wertes  der  Haustiere
k)  „  „  „  des  Schweines
«)  Zinsen  des  Wertes  dieser  Gegenstände  (5%)
ß)  Zinsen  und  Amortisation  (5%)  des  Wertes  der
Möbel

1,24
1,80

7,03
7,50

3.  Auszahlungen  von  Versicherungen  auf  Gegenseitigkeit
(Die  Familie  empfängt  keine  derartige  Auszahlung)

—

Gesamtwert  der  Einnahmen  aus  Eigentum

Fr.  3,04

14,53

II.  Sektion.
Erträge  aus  den  Subventionen.
1.  Erträge  aus  Nutzeigentum
(Die  Familie  hat  keine  Erträge)
2.  Erträge  aus  Nutzungsrechten
(Die  Familie  hat  keine  Erträge)
3.  Bewilligte  Sachen  und  Dienste
Geld,  das  dem  Arbeiter  in  Zeiten  der  Not  zinslos
geliehen  wird  —
Geld  (im  Jahr  durchschnittlich  50  Fr.),  das  zum
Ankauf  von  Materialien  vom  Unternehmer  zinslos ­
  vorgeschossen  wird.  Zinsgewinn  (5  °/ 0 )  2,50
Gesamtwert  der  Erträge  aus  Subventionen  Fr.  2,50

in  dieser  Ebene,  mitten  zwischen  Bonn  und  Wesel,  im  devonischen
und  sibirischen  Hügelland,  das  von  der  Wupper,  einem  kleinen
Nebenfluß  des  Rheins,  durchflossen  wird,  liegen  die  Fabriken  von
Elberfeld  und  Solingen.  Von  Wesel  ab  zieht  sich  die  südliche
Grenze  des  Schwemmlandes  am  linken  Ufer  der  Lippe  hin,  schlägt
dann  einen  Bogen  um  das  Emstal  bis  nördlich  von  Osnabrück  und
wendet  sich  dann  wieder  vorwiegend  nach  Osten.  An  dem  Punkte,
(Fortsetzung  S.  128.)
        <pb n="126" />
        120

Menge  der

aus-Höhe

  der  täglichen

Bezeichnung  der  Arbeiten  und  des

geführten  Arbeit

Löhne

Zeitaufwandes

3

2

3

9!

Vater

Frauen

Söhne

Vater  ]Frauen]  Söhne

Tage

Fr.  C.

Fr.  C.

Fr.  C.

III.  Sektion.

Arbeiten  der  Familie.

1.  Berufsarbeit,  ausgeführt  im  Akkord  auf  Bechnung

2,50

eines  Unternehmers:  Zusammensetzen  der  Säbel

300

300

2,50

2.  Transport  (auf  dem  Bücken)  der  einzelnen  Teile

und  der  fertigen  Säbel
3.  Nebenarbeiten,  auf  Bechnung  der  Familie:

360

0,60

a)  Arbeiten  im  Haushalt:  Zubereitung  der  Mahl-Zeiten,

  Beinhalten  des  Hauses  und  der  Möbel,
Beinigung  und  Unterhaltung  der  Kleidung  und

Wäsche

210

—

b)  Strümpfestricken  und  Anfertigung  von  Kleidern

182

0,25

c)  Gartenkultur  (gepachtet)

30

0,30

d)  Pflege  der  Ziege

10

0,30

e)  Bearbeiten  des  Kartoffelfeldes  (gepachtet)

12

0,30

fl  Mähen  der  Wiese  (gepachtet)
g)  Heuernte  und  Futtertransport  (für  die  Ziege)

18

0,5

0,30

2-h)

  Besorgung  des  Schweines

60

0,30

Gesamtsumme  der  Tage  für  alle  Familienglieder

300

882

300,5

|

IY.  Sektion.
Tätigkeit  der  Familie
(auf  eigene  Bechnung).
1.  Spekulationen,  die  sich  auf  die  Berufsarbeit  des  Arbeiters
beziehen:
a)  Lieferung  der  Werkzeuge  und  verschiedener  Gegenstände
b)  Ersetzung  des  Tagelohns  durch  Akkord
c)  Annahme  von  Gesellen
2.  Auf  Bechnung  der  Familie  ausgeübte  Tätigkeit:
a)  Bearbeitung  des  Gartens  von  6,11  ar
b)  „  ,,  Kartoffelfeldes  von  4,82  ar
c)  Nutzung  der  Ziege  und  der  Wiese,  die  für  deren  Unterhalt
gepachtet  ist
d)  Nutzung  des  Geflügels
e)  Fettmachen  und  Schlachten  des  Schweines
f)  Möbliertes  Yermieten  eines  Teiles  des  Hauses

*)  Zu  S.  121:  Die  Zahlen  16  A,  B,  C  usw.  beziehen  sich  auf  die  Spezifikationen  des  §  16-
        <pb n="127" />
        121

Einnahmen  (Fortsetzung)

Betrag  der  Einnahmen

Geldwert  der
Naturalien

Einnahmen
in  Geld

III.  Sektion.

Arbeitslöhne.

(Dabei  ist  der  Teil  des  Lohnes  nicht  eingerechnet,  der  als  Gewinn
der  spekulativen  Tätigkeit  des  Stücklohnarbeiters  angesehen
wird.)  (Sektion  IV.)
1.  Lohn,  den  ein  Tagelöhner  empfangen  würde,  der  dieselbe  Arbeit
ausführt  und  nur  seine  Arbeit  besorgt
2.  Gesamtlohn  für  diese  Arbeit

1500,—
216,—

3.  a)  (Für  diese  Arbeit  kann  kein  Lohn  gerechnet  werden)
b)  Gesamtlohn  für  diese  Arbeit
J&amp;gt;  V  J)  JJ
&amp;gt;&amp;gt;  11  11  11
®)  ”  V  n  &amp;gt;&amp;gt;
J&amp;gt;  11  11  11
S)  11  11  11  11
ii  ii  n  ii

45,50
1=3,60

1-5,40

18-Gesamtlöhne



der  Familie

85,50

1716,—

IV.  Sektion.
Ertrag  dieser  Tätigkeit.
1.  a)  (Einschließlich  desjenigen  Teils  des  Lohnes,  der
als  der  Gewinn  der  spekulativen  Tätigkeit  des
Akkordarbeiters  anzusehen  ist  (Sektion  III).
b)  Nota:  Ein  Tagelöhner,  der  dieselbe  Arbeit  ausführt ­
  und  nur  seine  Arbeit  verrichtet,  bekommt
c)  Mehrertrag  aus  diesen  Unternehmungen  (16  A‘)
siehe  S.  120)

Verrechnung
des  durchschnittlichen ­

Tagelohns

2,50
1,34

401,63

Gesamtsumme  des  durchschnittlichen  Lohnes

3,84

2.  a)  Ertrag  aus  dieser  Tätigkeit
ii  ii  ii  ii

16  B
16  C

12,05
18,50

11  ii  ii  ii
^  ii  ii  ii  ii
y  ii  ii  ii  ii
*/  11  11  11  11

16  D
16E
16F
16G

3,23
7,88
46,27

39,50

Gesamtertrag  aus  dieser  Tätigkeit

87,93

441,13

Nota:  Außer  diesen  in  ßechnung  gestellten  Einnahmen  ergeben
die  Beschäftigungen  noch  eine  Einnahme  von  2017,92  Fr.,  welche
von  neuem  für  diese  Dinge  verwandt  wird  (16  H).  Diese  Einnahme ­
  und  die  Ausgaben,  die  sich  gegenseitig  aufheben,  sind  auf
beiden  Seiten  fortgelassen  worden.

Gesamtsumme  der  Jalireseinnalimeii  (aufgehend  m.  d.  Ausgaben)
(2350,63  Fr.)

Fr.  146,47

2174,16

I
        <pb n="128" />
        122

§  15.  Budget  der  Jahresausgaben.

Betrag  der  Ausgaben

Verzeichnis  der  Ausgaben

I.  Sektion.
Ausgaben  fürNahrung.

Geldwert
der  verbrauchten ­

Naturalien

Gewicht  und  Preis
der  Nahrung

1.  Speisen,  die  im  Haushalt  verbraucht  werden  (vom
Arbeiter,  seiner  Frau,  2  Söhnen,  23  und  9  Jahre,
2  Töchtern,  20  und  17  Jahre,  während  365  Tagen).

Gewicht
kg

Preis
pro  kg

Korn:
Weizen:  Mehl  zu  Pfannkuchen,  47  kg  ä  0,356  Fr.
—  1673  Fr.  Weißbrot  vom  Bäcker  50  kg
ä  0,40  Fr.  =  20  Fr.
Boggen:  Brot  (vom  Bäcker  gekauft)
Buchweizen:  Mehl
Reis
Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis
Fette:
Kuhbutter
Speck,  innerer:  9,2  kg  ä  1,60  Fr.  =  14,72  Fr.,
äußerer:  32,8  kg  ä  1,47  Fr.  =  48,22  Fr.
Rüböl
Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis
Milch  und  Eier:
Kuhmilch  (gekauft)  116  1  ä  0,121  Fr.  =  14,04  Fr.
Ziegenmilch  (16  D)  230  1  ä  0,138  Fr.  =  31,74  Fr.
Hühnereier  (16  E)
Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis
Fleisch  und  Fisch:
Fleisch  aus  der  Schlächterei:  Rindfleisch  195  kg
ä  0,89  Fr.  =  173,55  Fr.,  Kalbfleisch  7  kg  ä  0,45  Fr.  =
3.15Fr.,  Hammelfleisch  49kg  ä0,80  Fr.  =  39,20Fr.
Schweinefleisch:  Rauchfleisch  10  kg  ä  1,10  Fr.  =
11  Fr.,  4  Schinken  29  kg  ä  1,20  =  34,80  Fr.,
Bratwürste  14  kg  ä  1,20  =  16,80  Fr.,  Blutwürste
2,8  kg  ä  1,00  =  2,80  Fr.,  Kopf,  Pfoten  und  Ohren
7.2  kg  ä  1  Fr.  =  7,20  Fr.  (16  F)
Fische  (solche  werden  im  Haushalt  niemals  verzehrt)
Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis
Gemüse  und  Früchte:
Knollengewächse:  Kartoffeln
Grüne  Gemüse  zumKoehen:  Weißkohl  37  kg  ä  0,07  Fr.,
=  2,59  Fr.,  Sauerkraut  71  kg  ä  0,20  Fr.  =
14,20  Fr.,  Rotkohl  24  kg  ä  0,135  Fr.  =  3,24  Fr.,
Bohnen  140  kg  ä  0,09  Fr.  =  12,60  Fr.,  Erbsen
3  kg  ä  1  Fr.  =  3  Fr.,  Brechbohnen  16  kg
ä  0,37  Fr.  =  5,92  Fr.
Wurzelgemüse:  Karotten
Gewürzgemüse:  Zwiebeln
Salate:  Endivie  (röm.  Salat)  Cichorie
Kürbisartige  Pflanzen:  Gurken  (16  B)
Kern-  u.  Steinobst:  Äpfel  10  kg  ä  0,075  Fr.=0,75  Fr.,
Birnen  6  kg  ä  0,075  Fr.  =  0,45  Fr.,  Zwetschen
5  kg  ä  0,25  Fr.  =  1,25  Fr.,  Pflaumen  3,5  kg
ä  0,50  =  1,75  Fr.,  Backpflaumen  1  kg  =  0,50  Fr.
Beerenobst:  Johannis-  und  Stachelbeeren  (16  B)
Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis

97
1196
215
6

0,379
0,190
0,175
1,070

1514

0,203

49

1,600

42

1,498

14,6

1,000

105,6  1,477

346,0
10,0

0,132
0,800

356,0

0,151

251

0,860

63

1,52

314,—

0,919

1469

0,030

291
47
4
14
10

0.143
0,040
0,150
0,270
0,210

25.5  0,184
28  0,180

1888,5

0,078

41,69

6,15
8-46,38



9,2

14,65
0,73
0,20
1,36
0,70

1,84

Ausgaben ­

in  Geld

36,73
227,24
37,63
6,42

78,40
21,25
14,60

39,63

215,90

26,22

79,12

26,90
1,15
0,40
2,42
1,40
        <pb n="129" />
        Betrag  der  Ausgaben

Verzeichnis  der  Ausgaben  (Fortsetzung)

Geldwert
der  verbrauchten ­

Naturalien

Ausgaben ­

in  Geld

Gewicht  und  Preis
der  Nahrung

Würzstoffe  und  Reizmittel:
Salz
Gewürze:  Pfeffer  0,7  kg  ä  1,61  Fr.  Safran,  Muskatnüsse, ­
  Gewürznelken  usw.  2,16  Fr.
Weinessig
Süßigkeiten:  Rohr-  oder  Rübenzucker  1,9  kg  ä  2,14  Fr.
=  4,07  Fr.  Raffinade  1,9  kg  ä  1,33  Fr.  =  2,53  Fr.
Aromatische  Getränke:  Kaffee  (gemahlen  gekauft)

Gewicht
kg

Preis
pro  kg

85
I 6
3,8
36,5

0,230
2,513
0,200
1,757
2,680

—

19,55
3,77
0,60
6,60
97,82

Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis

129,8

0.989

Gegorene  Getränke:
Branntwein:  zu  Hause  genossen  51,2  1  ä  0,880  Fr.
=  45,06  Fr  (im  Wirtshaus  genossen  (Sekt.  IV)
51,2  1  ä  1,760  =  90,12  Fr.  In  der  Werkstatt
zusammen  mit  den  Gesellen  getrunken  (16  A)
22  1  ä  0,880  Fr.  =  19,36  Fr.)
Wein:  im  Wirtshaus  getrunken  (berechnet  unter
Sekt.  IV)
Bier  (desgl.)

124,4
48,0
520

1,242
1,250
0,145

—

45,06

Gesamtgew.  u.  Durchschnittspreis

692,4

0,419

2.  Speisen,  die  außerhalb  des  Hauses  zubereitet  und  genossen  werden.
(Außerhalb  des  Haushaltes  wird  keine  Mahlzeit  eingenommen.)

II.  Sektion.
Ausgaben  für  Wohnung.
Wohnung:
Mietzins  für  den  von  der  Familie  bewohnten  Teil  des  Hauses  144,92  Fr.;
Unterhaltung  dieses  Teiles  8,75  Fr.
Mobiliar:
Hausgerät  und  Reparaturen  6  Fr.;  Stroh  für  die  Betten  3  Fr.
Heizung:
Kohle  (aus  dem  Ruhrrevier)  2000  kg  ä  2,14  Fr.  für  100  kg  =  42,80  Fr.;
Holz  zum  Anzünden  7,60  Fr.
Beleuchtung:
Rüböl  43,8  kg  ä  1  Fr.
Gesamtausgaben  für  die  Wohnung  —
III.  Sektion.
Ausgaben  für  Bekleidung.
Kleidungsstücke:
Vater:  Stoffe  u.  Kleider  89,93  Fr.  Arb.  f.  d.  Anfertg.  i.  Hause  (16  J.)  5,35  Fr.
Mutter:  „  „  „  58,31  „  „  „  „  „  „  »  (  »  )  ^9’Z5  »
”  ”  89,93  „  „  „  „  „  „  „  (  „  )  5|35  „
I  »  »  »  116,62  „  „  „  „  „  „  „  (  „  j  21,50  „
^  »  »  »  n  »  »  »  (  »  )  n
Wasche  und  Reinigung:
Schwarze  Seife  (für  grobe  Wäsche)  24,3  kg  ä  0,80  Fr.  =  19,44  Fr.;  Seife  (für
feine  Wäsche)  5  kg  ä  1,33  Fr.  =  6,65  Fr.;  Pottasche  476  gr  =  0,53  Fr.;
Berliner  Blau  0,70  Fr.
Abonnement  bei  einem  Barbier  (für  Vater  und  Sohn)
Gesamtausgaben  für  Bekleidung
        <pb n="130" />
        124

Betrag  der  Ausgaben

Verzeichnis  der  Ausgaben  (Fortsetzung)

IV.  Sektion.

Geldwert
der  verbrauchten ­

Naturalien!

Ausgaben ­

in  Geld

Ausgaben  für  moralische  Bedürfnisse,  Erholung,  Gesundheitspflege. ­

Kultus:
Für  Unterhaltung  der  Kirche,  unter  der  Bezeichnung  Steuer
Unterricht  der  Kinder:
Schulgeld  7,50  Fr.  —  Bücher,  Papier,  Feder  usw.  1,88  Fr.
Unterstützung  und  Almosen:
In  der  Kirche  gegeben  für  die  Armenkasse  5,62  Fr.,  zu  Hause  3,76  Fr.
Erholung  und  Feste:
Vater:  Bier  im  Wirtshaus  260  1  ä  0,145  Fr.  =  37,70  Fr.;  Wein  im
Wirtshaus  24  1  ä  1,25  Fr.  =  30  Fr.;  Branntwein  im  Wirtshaus  25,6  1
ä  1,76  =  45,06  Fr.;  Tabak  24,5  ä  1,07  Fr.  =  26,21  Fr.
Sohn  (23  J.:  Bier,  Wein,  Branntwein,  Tabak  wie  der  Vater:  138,97  Fr.;
Ausgaben  bei  Märkten  und  Festen  in  Solingen  und  der  Umgegend
(für  Tänze  und  Mahlzeiten)  30  Fr.
Die  anderen  Kinder  und  die  Mutter:  Spielsachen  usw.
Alle  gemeinschaftlich:  Essen  und  Getränke  bei  Schützenfesten  45  Fr.;
Theater  3,75  Fr.
Gesundheitspflege:
Besuch  des  Arztes  und  Kauf  von  Medikamenten
Gesamtausgabe  für  moralische  Bedürfnisse,  Erholung  und  Gesundheitspflege ­

V.  Sektion.

—  2,50
—  9,38
—  9,38
—  138,97
—  168,97
0,25  15,—
48,75
16,—
0,25  408,95

Ausgaben  für  die  berufliche  Tätigkeit,  Schulden,  Steuern,
Versicherungen.
Gewerbliche  Tätigkeit:
Nota:  Die  Ausgaben  für  die  auf  eigene  Rechnung  unternommenen  Beschäftigungen ­
  betragen  2077,99  Fr.  (16  H).  Sie  sind  gedeckt  durch
die  Einnahmen  daraus:  Geld  und  im  Haushalt  verbrauchte  Gegenstände, ­
  unter  diesem  Titel  in  Rechnung  gestellt  Fr.  60,07
Geld  und  wieder  im  Gewerbe  verwandte  Sachen,  die  nur  als
Betriebskapital  zeitweiligen  Wert  haben  und  nicht  unter
den  Ausgaben  für  den  Haushalt  figurieren  können  „  2017,92
Fr.  2077,y9
Zinsen  der  Schulden:
Zinsen  (5%)  für  Darlehn  (50  Fr.),  das  der  Unternehmer  zum  Ankauf
von  Materialien  leiht.  Die  Summe  ist  in  den  Ausgaben  für  gewerbl.
Tätigkeit  mit  einbegriffen  (16  A),  Zinsen  (10°/o)  für  verbrauchbare
auf  Kredit  gekaufte  Sachen  (50  Fr.),  vom  Kaufmann  in  den  Kaufpreis ­
  einbezogen
Steuern:
Staatssteuer  (Klassenst.),  der  Arbeiter  gehört  zur  dritten  Klasse
Gemeindesteuer  (für  Verwaltung  und  Schulden  der  Kommune)
Einquartierung,  durchschnittlich  6  Tage  im  Jahr,  tägl.  Ausgabe  0,75  Fr.
Versicherungen  für  d.  körperl.  u.  moralische  Wohlergehen:
Die  Familie  hat  keine  andere  Garantie  als  den  guten  Geschäftsgang
des  Solinger  Gewerbes,  der  sich  auch  in  der  Tat  gut  behauptet.  Sie
macht  für  solche  Zwecke  keine  Ausgaben
Gesamtausgaben  der  V.  Sektion
Ersparnisse  des  Jahres:
Ersparnisse  zugunsten  des  23jährigen  Sohnes
Nota:  Die  Familie  ist  gewohnt,  allen  Verdienst  auszugeben  und  hat
ausnahmsweise  diese  Summe  gespart,  um  Möbel  und  Wäsche  zu  kaufen,
die  der  Sohn  nötig  hat,  um  einen  Haushalt  zu  begründen.  Ist  dieser
Zweck  erreicht,  so  fällt  die  Familie  wieder  zurück  in  ihre  Sorglosigkeit.
Gesamtausgaben  des  Jahres
(mit  den  Einnahmen  balanzierend  (2350,63  Fr.)

176,47

5-7.50

14,12
4.50

31.12

65,40

2174,16
        <pb n="131" />
        125

§  16.  Anhang  zum  Budget.

Werte

in
Naturalien

in  Geld

I.  Sektion.
Berechnungen  des  Verdienstes  aus  den  Arbeiten
der  Familie
(für  eigene  Rechnung).
A.  Unternehmerlohn  aus  derBerufstätigkeit,  die
ausgeübt  wird  vom  Vater  unter  Beihilfe  der  Familie,
eines  selbständigen  Sohnes  und  eines  Gesellen.
Einnahmen:
Bezahlung  für  300  Arbeitstage  (7—8  Std.),  gleichwertig  mit
160  Tagen  bei  viel  Beschäftigung  (14  Std.).
Lohn,  den  die  Familie  bekommen  würde,  wenn  sie  täglich  dieselbe ­
  Arbeit  und  nur  diese  leisten  würde:
Lohn  des  Vaters  (14.  Sekt.  III).  750,—
„  „  23  jährigen  Sohnes  (desgl.)  750,—
„  der  Frau  und  zweier  Töchter  (desgl.)  216,—

Summe,  die  der  Haushalt  noch  zu  diesem  Lohn  hinzuerhält  Fr.
Ausgaben:
Lohn  für  den  ältesten  außer  dem  Hause  wohnenden  Sohn
„  „  „  Gesellen
Mietzins  für  den  Teil  des  Hauses,  der  als  Werkstatt  dient
Heizung  der  Werkstatt:  Kohlen  450kg  ä  2,14  Fr.  für  100  kg
Branntwein  am  Samstag  (alle  Arbeiter  gemeinsam)  221  ä  0,88  Fr.
Zinsen  für  Betriebskapital:  dieses  besteht  einzig  in  dem  Vorschuß, ­
  den  der  Unternehmer  gibt.  Die  Zinsen,  die  er  nicht
fordert,  würden  betragen  bei  5%
Kosten  für  Material  und  Zutaten:  Zinsen  (5°/o)  des  Wertes  des
Arbeitstisches,  der  Werkzeuge,  Möbel  u.  Utensilien  (140,62  Fr.)
Unterhaltung  dieser  Gegenstände  und  Neukauf
Es  kommt  zum  Lohn  hinzu  für  Lieferung  der  Werkzeuge  und
verschiedener  Gegenstände,  Ersatz  der  Tagelohnarbeit  durch

Gesamtsumme

wie  oben

Fr.

2156,86

B.  Kultur  des  Gartens  von  6,11  ar
Einnahmen:
Kartoffeln

187  kg  ä  0.06

Fr.

3,92

7,30

Weißkohl  für  Sauerkraut

71

„  ä  0,20

4,90

9,30

Weißkohl  frisch  gegessen

37

„  ä  0,07

0.99

1,60

Rotkohl

24

„  ä  0,135

1,24

2-Bohnen

  (frische)

140

„  ä  0,09

4,30

8,30

Grüne  Erbsen

3

„  ä  1,—

1,10

1,90

Brechbohnen

16

„  ä  0,37

2,12

3,80

Karotten

47

„  a  0,04

0,73

1,15

Zwiebeln

4

„  ä  0,15

0,20

0.40

Salat  (Endivie)

14

,,  ä  0,27

1,36

242

Gurken

10

„  ä  0,21

0,70

1.40

Johannes-  und  Stachelbeeren

28

„  ä  0,18

1,84

3,20

Runkelrüben  (für  die  Ziege)

26

„  ä  0,025

JJ

0,65

—

Überreste  (für  die  Düngung)

100

„  ä  0,02

2-—



Ausgaben:
Pachtzins  für  den  Garten:  6,11  ar  ä  7  Fr.
Düngung:  1  Wagen  ä  5  Fr.
Arbeit  der  Familie:  30  Tage  ä  0,30  Fr.
Kosten  des  Materials:  unbedeutend
Gewinn  aus  dieser  Beschäftigung

Summe

26,05
57-9-



42,77
42,77

3872,86

1716,-2156,86



750  —
562,50
77,08
9,63
19,36

2,50
7,03
327,13

401,63

Gesamtsumme  wie  oben  I  26,05  I  42,77
        <pb n="132" />
        126

Werte

Anhang  zum  Budget  (Fortsetzung)

in
Naturalien

in  Geld

C.  Bearbeitung  des  Kartoffelfeldes  von  4,82  ar.
Einnahmen:

1264  kg  Kartoffeln  ä  0,06  Fr.

32,10

43,74

Ausgaben:

Pachtzins:  4,82  ar  ä  3,60  Fr.

—

16,87

Dünger:  4  Wagen  ä  5  Fr.  (D)

10,-io-



  die  ein  Bauer  aus  der  Nachbarschaft  besorgt:

16,87

4,82  ar  ä  3,50  Fr.

3,60

Arbeit  der  Familie  bei  der  Ernte  usw.  12  Tage  ä  0,30  Fr.

—

Kosten  des  Materials  (unbedeutend)

18,50

Ertrag  aus  dieser  Tätigkeit

—

Gesamtsumme  wie  oben

32,10

43,74

D.  Nutzung  der  Ziege  und  der  für  ihren  Unterhalt  gepachteten ­
  Wiese.
Einnahmen:

Milch:  2301  ä  0,138  Fr.

6,15

25,59

1  Zicklein,  ausgetauscht  gegen  Kuchen

0,25

—

Dünger:  4  Wagen  ä  5  Fr.

10,—

10,—

Gesamtsumme

16,40

35,59

Ausgaben:

Zinsen  für  den  Wert  der  Ziege  (6  °/ 0 )  18,75

1,12

—

Futter  für  die  Ziege:

Pachtzins  für  die  Wiese:  3,37  ar  ä  7  Fr.

—

23,59

Bewirtschaftung  der  Wiese:  Mähen,  l j 2  Tag  Arbeit  für  den

1-5,40


Sohn  ä  2  Fr.

—

Heuernte,  18  Tage  Arbeit  für  die  Frau  ä  0,30  Fr.

—

Kunkelrüben  (aus  dem  Garten)  26  kg  ä  0,025  Fr.

0,65

—

Streu:

12,-Stroh

  400  kg  ä  3  Fr.  pro  100  kg

—

Abfälle  aus  dem  Garten:  100  kg

2-—



Besorgung  der  Ziege:  10  Tage  ä  0,30  Fr.

3,

—

Ertrag  aus  dieser  Beschäftigung

3,23

—

Gesamtsumme  wie  oben

16,40

35,59

E.  Nutzung  des  Geflügels.
Einnahmen:

200  Eier  ä  0,04  Fr.

8-—



Ausgaben:

Zinsen  (6%)  für  den  Wert  der  Hühner  (2  Fr.)

0,12

—

Futter  (nur  als  Notiz)

7,88

—

Ertrag  aus  dieser  Tätigkeit

—

Gesamtsumme  wie  oben

8-—



F.  Fettmachen  und  Schlachten  des  Schweines.
Einnahmen:

Speck:  innerer:  9,2  kg  ä  1,60  Fr.

9,82

4,90

„  äußerer:  32,8  „  ä  1,47  „

31,87

16,35

Rauchfleisch  10  ,,  ä  1,10  „

6,30

4,70

4  Schinken  29  .,  ä  1,20  ,,

22,95

11,85

Bratwurst  14  „  ä  1,20  „

10,45

6,35

Blutwurst  2,8  ,,  ä  1,—  „

1,87

0,93

Kopf  2,2  „  ä  1,—  „

1,47

0,73

Pfoten,  Ohren  usw.  5  „  ä  1,—  „

3,34

1,66

105  kg

Dünger:  1  Wagen

5  —

—

Gesamtsumme

93,07

47,47
        <pb n="133" />
        127

9

Anhang  zum  Budget  (Fortsetzung)

Werte

in
Naturalien

in  Geld

Ausgaben:

Kauf  eines  Schweines  im  Gewicht  von  33  kg

41,25

Zinsen  (6  °/ 0 )  für  den  berechneten  Wert  des  Schweines

1,80

—

Futter:  450  kg  Kartoffeln  ä  0,06  Fr.

27,-—



Arbeit  der  Weiber:  60  Tage  ä  0,30  Fr.

18,-—



Bezahlung  des  Schlächters  für  Töten  und  Salzen

1,25

Salz:  14  kg  ä  0,23  Fr.

—

3,22

Pfeffer,  Muskat  usw.

—

1  —

Bezahlung  des  Bäckers  für  das  Backen  der  Bratwürste

—

0,75

Ertrag  aus  dieser  Tätigkeit

46,27

—

Gesamtsumme  wie  oben

93,07

47,47

G.  Vermieten  eines  Teiles  der  Wohnung
Einnahm  en:

Mietzins  vom  Mieter

—

105,—

Ausgaben:

Mietzins  für  den  abvermieteten  Teil  des  Hauses

—

55,—

Zinsen  und  Amortisation  der  Möbel  (Sekt.  1)

—

7,50

Unterhaltung  des  abvermieteten  Teiles

—

2,50

Ertrag  aus  dieser  Tätigkeit

—

39,50

Gesamtsumme  wie  oben

—

105,—

H.  Zusammenfassungen  der  Verdienste  aus  den
verschiedenen  Tätigkeiten  (A—G).
Gesamt-Einnahmen:

Naturprodukte,  die  von  der  Familie  verbraucht  werden

130,72

159,97

,  die  zur  Erholung  der  Familie  verwendet  werden

0,25

—

und  Geldeinnahmen,  die  im  Betriebe  von  neuem

wieder  verwendet  werden  2017,92  Fr.

44,65

1973,27

Geldeinnahmen,  die  für  den  Haushalt  verwendet  werden

—

298,19

Gesamtsumme

175,62

2431,43

Gesamt-Ausgaben:
Zinsen  des  Eigentums  der  Familie,  das  sie  bei  ihren  verschiedenen

  Tätigkeiten  gebraucht

3,04

14,53

Erträge  der  Subventionen,  die  bei  der  beruflichen  Tätigkeit

2,50

wieder  aufgebraucht  werden

—

Löhne

40,00

—

Produkte  der  gewerblichen  Arbeit,  die  in  natura  wieder  ausgegeben ­
  werden,  und  Geldausgaben  für  den  gewerblichen

44,65

1973,27

Betrieb  (2017,92)

Gesamtausgaben  (2077,99)

87,69

1990,30

Gesamtertrag  aus  diesen  Tätigkeiten  (529,06)  14  Sekt.  IV.

87,93

441,13

Gesamtsumme  wie  oben

175,62

2431,43
        <pb n="134" />
        128

(Fortsetzung.)

We
in
Naturalien

rte
in  Geld

II.  Sektion.
Berechnungen  für  die  Subventionen.
Nota:  Die  einzige  Subvention,  die  die  Familie  genießt,  ist  so
einfacher  Natur,  daß  die  Berechnung  im  Budget  selbst  untergebracht ­
  werden  konnte  (14  Sekt.  II).
HI.  Sektion.
Verschiedene  Berechnungen.
J.  Berechnung  der  Ausgaben  für  Stricken  und
Anfertigung  derKleidung
1.  Ausgabe  für  den  ganzen  Haushalt  zusammen.
Arbeit  der  Frauen:  182  Tage  ä  0,25  Fr.

45,50

2.  Verteilung  der  Ausgaben  zwischen  die  einzelnen  Glieder.
Kleidung  des  Vaters

5,35

„  der  Mutter

10,75

—

„  des  zweiten  Sohnes

5,35

—

„  der  2  Töchter

21.50

—

„  des  9-jährigen  Kindes

2,55

—

Zusammen

45,50

—

wo  der  Nordosten  Westfalens  an  das  mittlere  Hannover  grenzt,
wendet  sie  sich  nach  Nordwesten,  umgeht  das  Harzgebirge,  wendet
sich  wieder  nach  Südosten  und  berührt  fast  die  Elbe  hei  Magdeburg.
In  der  leicht  hügeligen  Ebene  zwischen  dieser  Stadt  und  Bonn
ist  die  alte  soziale  Verfassung  entstanden,  die  in  diesem  Paragraphen
beschrieben  ist.
Diese  Ebene,  wie  sie  hier  gezeichnet  ist,  bildet  den  kleinsten  Teil
einer  größeren,  die  sich  in  weiter  Ausdehnung  in  den  Orient  hinein
erstreckt.  Ihre  Grenze  bleibt  oberhalb  Magdeburgs,  auf  dem  linken
Elbufer.  Sie  überschreitet  den  Fluß  oberhalb  Dresdens,  umgeht  die
böhmischen  Gebirge,  durchschneidet  die  Oder  bei  Oppeln,  die
Weichsel  100  km  oberhalb  Warschaus,  die  Beresina  nahe  bei  ihrer
Einmündung  in  den  Dnjepr.  Sie  erstreckt  sich  weit  in  das  Innere
Rußlands,  und  nachdem  sie  die  Wolga  100  km  nördlich  von  Nishnij-Nowgorod
  überschritten  hat,  wendet  sie  sich  nach  Norden.
Innerhalb  dieser  Grenzen  umfaßt  die  Ebene,  die  längs  der  Nordsee-Küste ­
  zwischen  der  Elbe  und  den  Niederlanden  zieht,  den
größten  Teil  von  Westfalen  und  Hannover,  mit  dem  ehemaligen
        <pb n="135" />
        —  129  —
Herzogtum  Berg,  Oldenburg  und  Braunschweig.  Sie  hat  eine  Ausdehnung ­
  von  ungefähr  4  Millionen  ha.  Die  in  einer  anderen  Monographie ­
  gekennzeichneten  Unterschiede,  die  in  der  Nähe  der
Elbe  zwischen  Ebene  und  Gebirge  hervortreten,  finden  sich  wieder
im  Westen  am  Bhein  und  in  den  mittleren  Gebieten.  In  der  Mitte
sind  die  fruchtbaren  Hügel  von  den  Tannenwäldern  des  Westerwaldes ­
  und  des  Sauerlandes  beherrscht,  aber  mehr  als  im  Harz
vermischt  mit  Laubwald  und  Ackerland.  Im  Norden  bietet  das
Land  überall  bis  zum  Meer  dieselbe  Mischung  von  Ackerland,
von  weiten  Wiesenflächen  entlang  den  Flußläufen,  von  Kiefernund
  Birkenwäldern  und  von  Mooren  und  Heiden.  Das  ist  die
Gegend  Deutschlands,  die  in  höchstem  Grade  die  schon  für  die
skandinavischen  Staaten  erwähnten  wohltätigen  Einflüsse  in  bezug
auf  ihre  materiellen  Existenzmittel  genießt.  Die  Fluten  und
Winde  des  Golfstromes  bringen  mit  der  Wärme  und  Feuchtigkeit
einen  Ausgleich  gegen  die  natürliche  Dürre  des  Bodens.  Die  Lachse
gehen  in  den  Flüssen  aufwärts.  Die  anderen  Produkte  des  Meeres,
der  Moore,  der  Brachfelder  und  Wälder  ergänzen  überall  vorteilhaft
die  von  der  Landwirtschaft  erzeugten  Produkte.  Die  Elemente  des
Wohlstandes,  hervorgehend  aus  den  Vorschriften  des  Dekalogs  und
der  Organisation  der  Stammfamilie,  haben  noch  nichts  von  ihrer
traditionellen  Macht  verloren.  Die  Bewohner  haben  hier  im  Wesen,
wenn  auch  nicht  immer  in  der  Form,  die  Sitten  der  Sachsen  bewahrt,
die  vor  1400  Jahren  England  eroberten.  Das  Eigentum,  die  Familie
und  die  Arbeit  haben  wenig  Veränderungen  erfahren.  Die  Regierungen ­
  selbst  haben,  soweit  wie  möglich,  die  Volksgewohnheiten
respektiert.  Und  die  hannoversche  Armee  zeigt  noch  auf  ihrer
Fahne  die  Embleme,  die  die  beiden  sächsischen  Brüder,  Hengist
und  Horsa,  aufrichteten,  als  sie  im  Jahre  449  an  der  Themsemündung ­
  landeten.
Im  Jahre  1829  hatte  der  Verfasser  das  Glück,  die  Geologie  der
Umgebung  von  Dresden  unter  der  Leitung  eines  tüchtigen  Professors
zu  studieren.  Dieser  nannte  „sächsische  Ebene“  die  Ebene  aus
erratischen  Sanden,  die  am  rechten  Elbufer  an  das  reizende  Bergund
  Hügelland  angrenzte,  das  er,  im  Gegensatz  dazu  „sächsische
Schweiz“  nannte.  Man  kann  aber  wohl  besser  als  „sächsische
Ebene“  das  weite  Gebiet  bezeichnen,  das  wir  eben  beschrieben
haben.
In  dieser  Ebene  bilden  den  Grundstock  der  Bevölkerung  Bauern,
von  denen  ein  besonderer  Typ  für  das  hannoversche  Lüneburg  be-9*
        <pb n="136" />
        130

schrieben  ist.  Ähnliche  Stämme  sitzen  und  gedeihen  überall  zwischen
Elbe  und  Rhein,  wenn  man  die  Ähnlichkeit  betrachtet,  die  noch
zwischen  den  Ortschaften  und  den  häuslichen  Traditionen  herrscht.
Die  Bauernfamilien  bieten  mitunter  diesen  Gleichgewichtszustand, ­
  daß  die  Zahl  der  Arbeitskräfte  dem  Bedarf  des  Hofes  entspricht, ­
  so  daß  sie  weder  außerhalb  Arbeit  zu  suchen  brauchen,
noch  Hilfskräfte  in  Anspruch  nehmen  müssen.  Viele  Umstände  bewirken ­
  eine  Änderung  dieser  Verhältnisse.  So  entstand  für  die
großen  Güter  ein  Arbeitermangel,  dem  man  begegnen  mußte,  indem
man  eine  besondere  Klasse  ländlicher  Arbeiter  schuf,  für  die  besonders ­
  charakteristisch  ist,  daß  sie  mit  ihrer  Familie  in  einer  Hütte
wohnen,  die  durch  einige  landwirtschaftliche  Nebengebäude  vervollständigt ­
  wird,  und  die  daher  im  hannoverschen  Lüneburg  als  „Häuslinge“
  bezeichnet  werden.  In  Westfalen  nennt  man  denselben
Arbeiter  „Kotter“  und  seine  Hütte  „Kotten“.  Die  Arbeiter  dieser
Klasse,  in  Mittelfrankreich  „Grenzler“  genannt  (bordiers),  zerfallen
wie  die  Bauern  in  zwei  Kategorien,  je  nachdem  sie  ihr  Gut  als
Eigentümer  oder  als  Pächter  besitzen.  In  gewissen  Gegenden  sind
die  Familien  der  Kotter  ebenso  stetig  wie  die  der  Bauern.  Das
ist  der  Fall,  wo  die  Tugend  in  beiden  Klassen  gleich  gepflegt  wird:
aus  den  Kotten  wie  aus  den  Höfen  gehen  Sprößlinge  hervor,  welche
die  Lücken  ausfüllen,  die  das  Laster  in  die  höheren  Schichten  der
Gesellschaft  gerissen  hat.  Die  Kötter  stehen  gewöhnlich  unter  der
Patronage  eines  Bauern,  manchmal  auch  unter  der  eines  Adligen.
Sie  leisten  dem  Patron  zahlreiche  Dienste,  besonders  zur  Erntezeit.
Dafür  bekommen  sie  einen  Geldlohn,  zeitweilige  Überlassung  der
für  die  Arbeit  und  die  Ernte  auf  ihren  kleinen  Feldern  nötigen  Gespanne, ­
  oft  auch  eine  Menge  von  Subventionen.
Der  größte  Teil,  mitunter  —  wie  im  hannoverschen  Lüneburg  —
9 / 10  der  sächsischen  Ebene,  sind  von  diesen  Bauern  und  Häuslingen
besetzt.  Aber  seit  den  ältesten  Zeiten  der  Geschichte  hat  die  soziale
Konstitution  dieses  Landes,  als  höchste  Stufe  die  Organisation  eines
starken  Adels  geschaffen,  dessen  besondere  Funktion  es  ist,  die
großen  sozialen  Pflichten  zu  erfüllen,  die  von  den  Bauern  nicht
richtig  erfüllt  werden  können.  Obenan  steht  die  Verteidigung  des
Landes,  der  Militärdienst.  Ein  großes  Gut,  ein  sog.  „Lehngut“
gewährt  jeder  adligen  Familie  die  zur  Ausübung  dieser  Pflichten
nötigen  Mittel;  so  ist  sie  nicht  gezwungen,  das  tägliche  Brot  zu
verdienen  und  das  Haupt  der  Familie  erfreut  sich  dadurch  einer
Sicherheit  und  eines  Einflusses,  den  es  nicht  genießen  würde,  wenn
        <pb n="137" />
        131

es  vom  Staate  bezahlt  würde.  Das  Lehngut  wird  vom  König  einem
Manne  gewährt,  der  sich  große  Verdienste  um  den  Staat  erworben
hat.  Es  ist  vererblich  im  Mannesstamm  nach  den  Grundsätzen  der
Primogenitur,  so  lange  ein  Erbe  existiert.  Wenn  die  männliche
Nachkommenschaft  ausstirbt,  fällt  das  Lehngut  an  die  Krone  zurück,
aber  es  kann  ihr  nicht  endgültig  einverleibt  werden.  Es  muß  von
neuem  einem  tüchtigen  Staatsdiener  mit  oder  ohne  Adel  zugeteilt
werden.  Für  die  Domänen  in  Hannover,  wo  sie  „Kittergut“  heißen,
gilt  dies  besonders.  Anderswo  können  sie  verkauft  werden,  unter
der  Bedingung,  daß  der  Erwerber  die  ihm  auferlegten  Pflichten  erfüllt; ­
  aber  auf  keinen  Fall  dürfen  sie  zerstückelt  werden.  Wie  in
Dänemark  und  Schweden  bewirtschaften  die  Besitzer  ihre  Güter,
sei  es  durch  ihre  Dienstboten  oder  durch  Pächter,  Bauern  oder  Häuslinge.
  Sie  leben  in  gutem  Einvernehmen  mit  der  Mehrzahl  der
ländlichen  Bevölkerung,  über  die  sie  oft  Patronage  ausüben,  und
die  zum  größten  Teil  ganz  unabhängig  ist.  Fast  immer  betrachtet
die  Bevölkerung  in  nationalen  Fragen  diese  Großgrundbesitzer  als
ihre  natürlichen  Vertreter.  Der  Adel,  den  die  Grundeigentümer
bilden,  ist  mit  oder  ohne  Titel,  in  der  Meinung  des  Volkes  die  wahre
obere  Klasse  der  sächsischen  Ebene,  weil  ihr  Einfluß  sich  nicht
gründet  auf  beneidete  Privilegien,  sondern  auf  harte  Pflichten.  Er
versammelt  sich  periodisch  in  den  verschiedenen  territorialen  Bezirken, ­
  um  in  den  Mitgliedern  das  Gefühl  dieser  Pflichten  zu  erwecken ­
  und  den  weniger  wohlhabenden  Familien  ihre  Ausübung  zu
erleichtern.  So  vereinigen  sich  z.  B.  in  Lüneburg  die  Vertreter  des
Adels  in  Celle,  der  alten  Hauptstadt  der  Provinz,  unter  dem  Vorsitz
eines  erwählten  Marschalls.  Die  Versammlung  ernennt  eine  besondere
Kommission,  die  die  alten  Stiftungen  der  Korporation  zu  verwalten
und  neue  Legate  entgegenzunehmen  hat.  Ihre  Hauptaufgabe  besteht ­
  darin,  die  Einkünfte  aus  diesem  Eigentum  zu  verteilen,  besonders ­
  arme  Töchter  zu  dotieren  und  zur  Equipierung  junger
Offiziere  beizusteuern.
In  der  sächsischen  Ebene,  wie  in  den  früher  beschriebenen
Gegenden,  beruhen  diese  trefflichen  Gewohnheiten  auf  dem  Gehorsam
gegenüber  den  Vorschriften  des  göttlichen  Gebots  („eternel  decaloque“);
aber  sie  erhalten  sich  im  reinen  Zustande  nur  unter  dem  wohltätigen
Einfluß  des  regelmäßigen  Kultus.  Die  religiösen  Zwistigkeiten  des
16.  und  17.  Jahrhunderts  haben  zahlreiche  Spuren  in  dieser  Gegend
zurückgelassen.  In  vielen  Gegenden  der  Ebene  und  des  angrenzenden
Hügellandes  wetteifern  die  Katholiken  und  Lutheraner  neben ­
        <pb n="138" />
        132

einander  im  religiösen  Dienst;  sie  widerstehen  dem  Neid  in  den
Herzen  durch  die  Beobachtung  des  vierten  Gebots,  durch  das  Prinzip
des  Friedens  in  den  Familien;  aber  sie  hüten  sich,  mit  dem  religiösen
Gedanken  die  Gefühle  des  sozialen  Gegensatzes  zu  verbinden.  Die
Geistlichkeit  beider  Lager  sieht  in  dem  Christentum  ein  Mittel  zur
Einigung  und  nicht  ein  Element  der  Trennung.  In  den  gemischten
Gemeinden  vereinigen  sich  der  protestantische  und  der  katholische
Geistliche,  beide  Pfarrer  oder  Pastor  genannt,  oft  an  den  gewohnten ­
  Stätten  der  Erholung.  Sie  besprechen  sich  in  besonderen ­
  Fällen  über  ihr  Verhalten  zu  ihren  Pfarrkindern,  besonders
wegen  Verurteilung  schlechter  Bücher.  Mitunter  dedizieren  sie
sich  gegenseitig  ihre  literarischen  Erzeugnisse.  Dieselbe  Einigkeit
herrscht  zwischen  den  Gliedern  der  beiden  Konfessionen  in  ihren
Interessen-  und  Freundschaftsbeziehungen  und  in  der  Regelung
der  öffentlichen  Interessen.  Dieser  Geist  der  Einigkeit  ist  ein  neuer
Ruhmestitel  für  die  Gegend,  wo  1648  der  westfälische  Friede  geschlossen ­
  wurde.  Dieser  denkwürdige  Akt  hat  zwar  eine  bedauernswerte ­
  Tatsache  bestätigt,  nämlich  den  Riß  durch  das  christliche
Europa,  aber  er  hat  zugleich  ein  großes  Gut  hervorgebracht:  indem
er  für  die  Zukunft  einen  vollständigeren  Frieden  vorbereitete,  hat
er  dem  Blutvergießen  ein  Ende  gemacht.
Die  Gleichförmigkeit  der  Sitten  und  Einrichtungen  ist  in  der
sächsischen  Ebene  viel  ausgesprochener  als  in  den  anderen  Gegenden
Deutschlands.  Der  ganzen  Ebene  ist  gemeinsam  die  Dauer  der
Grundelemente  der  sozialen  Konstitution:  die  Unteilbarkeit  der
adligen  und  bäuerlichen  Güter,  die  Fruchtbarkeit  aller  Familien,
der  gleichzeitige  Übergang  von  Blut,  Name  und  Familientraditionen
mit  dem  Gute,  die  Institution  des  Anerben  und  die  Teilung  aller
verkäuflichen  Gutserzeugnisse  zwischen  seine  Brüder  und  Schwestern.
Mitunter  haben  gewisse  lokale  Verhältnisse  eine  Änderung  dieser
Gleichförmigkeit  in  gewissen  Punkten  bewirkt.  So  hat  z.  B.  der
Reichtum  der  Hansestädte  Hamburg  und  Bremen  das  Kapital  zum
Erwerb  von  Landbesitz  getrieben.  So  ist  hier  und  da  die  Zahl
der  großen  Güter  vermehrt.  Wie  in  Dänemark  und  besonders  in
den  Niederlanden,  ist  so  auch  ein  Stamm  von  reichen  Pächtern  entstanden. ­
  Anderswo  ist  die  alte  soziale  Konstitution  durch  die  Nähe
von  Bergwerken  verändert,  durch  gewerbliche  Anlagen  und  ganz
allgemein  durch  Neuerungen,  die  die  Bevölkerung  verdichten  und  die
materiellen  Existenzmittel  vermindern,  indem  sie  den  Teil  reduzieren,
den  jede  Familie  von  den  Erzeugnissen  der  urwüchsigen  Produktion
        <pb n="139" />
        133

nehmen  kann.  Die  Industrie  schafft  nicht  allein  dort,  wo  sie  sich
ausbreitet,  eine  neue  Organisation  der  Gesellschaft,  sie  ändert  auch
allmählich  die  soziale  Verfassung  der  angrenzenden  Länder.  Das
ist  noch  keineswegs  vollendet,  aber  darauf  läuft  die  Entwicklung
in  der  Gegend  hinaus,  wo  der  hier  beschriebene  Arbeiter  wohnt.
Der  besondere  Charakter  der  Gegend  längs  des  rechten  Rheinufers ­
  ist  die  Anhäufung  der  industriellen  Bevölkerung  in  der  Umgebung ­
  von  Elberfeld  und  Solingen.  In  der  Reihenfolge  unserer
Monographien  wird  dieser  Charakter  hier  zum  ersten  Male  sichtbar
und  zwar  in  dem  Bande,  welcher  die  soziale  Verfassung  der  Stämme
behandelt,  die  vom  Nordosten  zum  Südwesten,  der  Nordsee  entlang
aufeinander  folgen.  Die  Entwicklung  der  Industrie  am  Rhein  steht
unter  einem  ähnlichen  Einfluß  wie  die  der  Niederlande  und  Englands, ­
  die  sich  seit  einem  halben  Jahrhundert  viel  schneller  vollzieht. ­
  Dieser  Einfluß  ist  die  Nähe  eines  reichen  Kohlenbassins  —
desjenigen  der  Ruhr  —,  das  zu  derselben  Bestimmung  berufen
scheint  wie  die  bedeutenden  Kohlenlager  Englands  und  Belgiens.
Die  Industriegegend  der  Ruhr  ist  bisher  weniger  geeignet  gewesen
als  die  letzteren  Gebiete,  diese  ungeheuren  Hilfsquellen  auszunutzen;
aber  es  ist  kein  Grund  vorhanden,  das  zu  bereuen.  Wie  man  im
weiteren  Verlauf  dieser  Arbeit  sehen  wird,  ist  der  soziale  Gegensatz, ­
  der  die  Industriegegenden  Englands,  Frankreichs  und  Belgiens
zerrüttet,  die  Folge  des  zu  schnellen  Aufschwungs,  der  ihnen  durch
die  unbegrenzte  Kohlenproduktion  aufgezwungen  worden  ist.  Die
relativ  langsame  Umformung  der  Arbeitsgewohnheiten  hat  der  Bevölkerung ­
  von  Elberfeld  und  Solingen  bis  heute  den  sozialen  Frieden
bewahrt,  der  in  Manchester  und  Sheffield,  in  Gent  und  Lüttich,  in
Rouen  und  St.  Etienne  zum  Teil  schon  verschwunden  ist.
Die  Überlegenheit,  die  in  dieser  Beziehung  die  rheinische  Industrie ­
  zeigt,  darf  zum  großen  Teil  der  ausgezeichneten  sozialen
Verfassung  der  sächsischen  Ebene  zugeschrieben  werden.  In  England ­
  und  in  Belgien  sitzen  die  Unternehmer  der  jungen  Industrien
überall  in  den  Handelsstädten,  sie  holten  sich  leicht  ihre  Arbeiter
aus  der  ländlichen  Bevölkerung,  die  ohne  jeden  Grundbesitz  ist.  Das
ist  am  Rhein  anders  gewesen.  Die  ersten  Unternehmer  konnten
nur  aus  den  Handelsstädten  des  Südens  kommen,  und  die  Arbeiter
sind  zuerst  aus  den  armen  Wanderarbeitern  des  westlichen  Deutschland ­
  genommen  worden,  die  sich  gewöhnlich  nach  Paris  wenden  oder
über  Bremen  und  die  Niederlande  nach  Amerika  gehen.  Der  Verfasser ­
  hat  für  die  Zeit  von  1829—1845  konstatiert,  daß  die  Bevöl-
        <pb n="140" />
        134

kerung  der  sächsischen  Ebene  kaum  zur  Schöpfung  der  Industrie
beigetragen  hat.  Die  adligen  Familien  schlugen  auch  ferner  fast
nur  die  militärische  Karriere  ein.  Die  Bauern  und  selbst  die  kleinsten
Grundeigentümer  (Kötter)  haben  einen  dauernden  Widerstand  gegen
die  Textil-  und  Eisenindustrie  gezeigt;  und  die  wohlhabenden  Auswanderer ­
  der  Stammfamilien  gingen  weiter  nach  Nordamerika,  um
dort  Landgüter  zu  gründen.  Indessen  zeigten  sich  einige  Symptome
der  Änderung  in  der  sächsischen  Ebene,  als  der  Verfasser  im  Jahre
1851  zum  letzten  Male  Solingen  besuchte.
§  18.  Geschichte  und  gegenwärtige  Organisation
der  halbländlichen  Verlagsindustrie  in  blanken  Waffen,
Messerschneidewaren  und  Stahlwerkzeugen  in  Solingen.
Die  Solinger  Industrie,  die  älteste  und  wichtigste  in  ihrer  Art
auf  dem  Kontinent,  verarbeitet  seit  nahezu  100  Jahren  unter  den
in  §  1  angegebenen  Bedingungen  den  deutschen  Stahl  des  Stahlbergs. ­
  Dieser  Stahl  zeichnet  sich  weniger  aus  durch  seine  Vollkommenheit ­
  und  die  Gleichförmigkeit  des  Stoffes  als  vielmehr  durch
hochgradige  Geschmeidigkeit  und  Leichtigkeit  der  Bearbeitung.  Die
Fabriken  von  Solingen  haben  unter  diesen  Bedingungen  kaum  die
Absicht  gehabt,  Qualitätsartikel  herzustellen,  wie  sie  die  Spezialität
von  London,  Sheffield,  Paris  und  Nogent  (JHaute-Marne)  bilden;  vielmehr ­
  haben  sie  die  Artikel  des  täglichen  Gebrauchs  bevorzugt.
Sie  ersetzen  so  durch  eine  raschere  Fabrikation  und  durch  den  Reiz
billiger  Preise  die  Überlegenheit,  die  in  bezug  auf  Qualität  die
ähnlichen  Produkte  Englands  und  Frankreichs  bieten.  Die  Werkstätten ­
  Solingens  haben  überhaupt  bei  der  Produktion  aller  der
Artikel  einen  bemerkenswerten  Vorteil,  bei  denen  die  Schmiedearbeit ­
  viel  Handarbeit  erfordert,  wo  folglich  der  Arbeiter  durch
Ausnutzen  der  äußersten  Geschmeidigkeit  des  Metalls  es  mit  einem
viel  geringeren  Zeitaufwand  bearbeiten  kann,  als  bei  jedem  anderen
Stahl  nötig  ist.  Das  gilt  bekanntlich  für  die  gewöhnlichen  Scheeren,
die  auf  vielen  Märkten  der  Konkurrenz  der  anderen  Fabriken  Trotz
bieten.  Im  übrigen  bietet  die  Gegend  dieser  Industrie  alle  übrigen
Elemente  des  Erfolgs:  die  Kohlen  der  Ruhr,  die  Steine  zum  Schleifen,
die  Wasserkraft,  endlich  eine  Arbeiterbevölkerung,  die  seit  langem
mit  diesen  Arbeiten  vertraut  ist,  und  die  sich  leicht  aus  den  ländlichen ­
  Gebieten  Süddeutschlands  ergänzt.
Die  Arbeiter  dieses  Bezirks,  die  früher  auf  dem  Lande  zerstreut ­
  wohnten,  haben  sich  größtenteils  in  die  kleine  Stadt  Solingen
und  in  die  Nachbardörfer,  die  unaufhörlich  wachsen,  zusammen ­
        <pb n="141" />
        135

gezogen.  Die  Industrie  hat  unter  diesen  Bedingungen  hier  mehr
und  mehr  den  Charakter  einer  halbiändlichen  Verlagsindustrie  angenommen, ­
  bei  der  die  Arbeiter  in  ihrem  eigenen  Haushalt  arbeiten
und  in  der  Aufzucht  von  Haustieren  und  der  Gemüsegartenkultur
eine  Ergänzung  ihrer  Existenzmittel  suchen.  Die  Stahlverarbeitung
gehört  zu  den  Gewerben,  für  die  sich  der  Kleinbetrieb  am  besten
eignet.  Die  glücklichen  Verwendungen  von  Maschinenarbeit  in
einigen  Zweigen  der  Messerschmiederei  lassen  nicht  daran  denken,
daß  diese  Kunst  vollständig  im  Großbetrieb  mit  mechanischer  Kraft
aufgehen  werde.  So  scheint  dieser  Industriezweig  berufen,  in  einer
guten  wirtschaftlichen  Organisation  den  glücklichsten  Einfluß  auf
die  Erhaltung  und  sogar  auf  die  Entwicklung  des  kleinsten  ländlichen ­
  Besitzes  zu  üben.
Der  Handel  mit  den  Fabrikaten  liegt  in  der  Hand  kleiner  Kaufleute ­
  und  Unternehmer.  Die  ersteren  ergänzen  sich  aus  den  Elitearbeitern ­
  oder  deren  Eltern.  Sie  beschäftigen  sich  besonders  damit,
die  Produkte  auf  den  Messen  und  Märkten  der  Nachbarschaft
Solingens  zu  verkaufen.  Die  Fähigsten  und  Unternehmendsten  erweitern ­
  allmählich  ihren  Geschäftskreis  bis  zu  den  Städten  und
Haupt-Märkten  Nord-Deutschlands.  Die  großen  Unternehmer  haben
nicht  nur  Beziehungen  zu  diesen  inneren  Märkten,  sondern  auch  zu
allen  fremden  Ländern.  Sie  fördern  den  Fortschritt  der  Industrie,
indem  sie  neue  Absatzquellen  erschließen;  indem  sie  den  Stahl  wählen,
der  für  jeden  Artikel  am  geeignetsten  ist;  indem  sie  die  Aufnahme
neuer  Arbeitsmethoden  und  neuer  Modelle  veranlassen;  indem  sie
endlich  über  die  gewissenhafte  Ausführung  wachen.  So  verdienen
diese  sehr  fähigen  Unternehmer  wirklich  den  Namen  „Fabrikanten“,
den  sie  ihren  Käufern  gegenüber  annehmen,  ohwohl  sie  keine  eigene
Werkstätte  besitzen.  Diese  Fabrikanten  ersten  Ranges  —  ungefähr ­
  20  —  unterhalten  Reisende  und  Kommissionäre  in  den  Absatzländern ­
  und  den  Ausfuhrhäfen,  besonders  in  Südamerika,  den  Vereinigten ­
  Staaten,  Italien,  Schweiz,  Spanien,  in  Marseille,  Havre,
London  und  Liverpool.  Sie  setzen  auf  all  diesen  Märkten  ihre  Produkte ­
  mit  Erfolg  ab  in  Konkurrenz  mit  denselben  Produkten  der
Sheffielder  Industrie.
§  19.  Über  das  Auswanderungs-System  in  Westfalen ­
  und  den  anderen  an  die  Nordsee  grenzenden
Ländern.  Einfluß  dieses  Systems  auf  den  Wohlstand
und  die  glückliche  Ausdehnung  eines  starken  Bauerngeschlechts ­
  in  Stammfamilien.  Die  vier  Teile  der  sächsischen
        <pb n="142" />
        136

Ebene  und  die  Gebirge,  die  sie  nach  Süden  begrenzen,  haben  die
Stammfamilie  bewahrt,  d.  h.  eine  der  grundlegenden  Institutionen
der  sächsischen  und  skandinavischen  Stämme.  Die  Familien  dieser
Gegenden  bewahren  ihre  alte  gewohnte  Fruchtbarkeit:  sie  haben
also  immer  Sorge  zu  tragen  für  die  Ausstattung  der  Nachkommen,
die  nicht  ehelos  am  väterlichen  Herde  bleiben.  Das  ist  ihre  Hauptaufgabe; ­
  und  sie  erfüllen  sie  durch  das  Mittel  der  Auswanderung,
das  seit  den  ersten  Jahrhunderten  der  Geschichte  alle  Stammfamilien
des  Nordens  anwenden.
In  den  oben  bezeichneten  Gegenden  ist  die  Auswanderung  überall ­
  in  den  ländlichen  Distrikten  auf  festen  Grundsätzen  aufgebaut;
sie  gewinnt  den  Charakter  einer  nationalen  Institution.  Die  Nachkommen ­
  der  Stammhäuser,  die  keine  neuen  Betriebe  gründen  und
auf  dem  vollständig  besetzten  Gebiete  keine  Arbeit  finden  können,
haben  die  einzige  Lösung  gefunden,  die  das  Gleichgewicht  in  der
sozialen  Organisation  aufrecht  erhalten  kann.  Anstatt  die  Schwierigkeit ­
  mit  ungenügenden  Mitteln  zu  bekämpfen  und  den  Boden  in
Parzellen  zu  teilen,  was  bald  den  Familien  nur  gleiches  Elend
bringen  würde,  haben  die  Bauern  dieser  Gegenden,  Pächter  und
Eigentümer,  aus  eigener  Initiative  ein  Auswanderungs  -  System
organisiert,  das  den  Bevölkerungsüberschuß  regelmäßig  nach  Nordamerika ­
  ableitet.
Wenn  die  Zeit  der  Auswanderung  für  eine  Stammfamilie  gekommen ­
  ist,  machen  sich  die  Familienglieder,  die  nicht  im  Lande
Beschäftigung  finden  können,  daran,  mit  Hilfe  des  Anerben,  der  den
väterlichen  Hof  bekommen  hat,  die  nötigen  Mittel  bereitzustellen.
Andererseits  erhalten  sie  vorher  von  ihren  Eltern  oder  von  Landsleuten, ­
  die  früher  ausgewandert  sind,  Unterweisungen,  die  ihnen  bei
ihrem  Unternehmen  nützlich  sein  können;  dann  werden  sie  von
Schiffen,  die  speziell  für  solchen  Transport  zu  billigem  Preis  zur
Verfügung  gestellt  sind,  zu  dem  ihrem  Bestimmungsort  zunächst
gelegenen  amerikanischen  Hafen  geführt.  Dort  finden  sie  noch  Rat
und  Unterstützung,  sei  es,  daß  sie  sich  sofort  in  das  Land  begeben
wollen,  in  dem  sie  sich  endgültig  niederlassen  wollen,  sei  es,  daß
sie  vorher  noch  ihre  Mittel  durch  Annahme  einer  Stellung  ergänzen
müssen  als  Arbeiter  oder  Dienstboten  an  der  Seeküste,  wo  Handarbeit
immer  gut  bezahlt  wird.
In  den  in  §  17  bezeichneten  ländlichen  Gegenden  sind  diese
Gewohnheiten  seit  1400  Jahren  in  die  Sitten  der  Bevölkerung  eingedrungen. ­
  Sie  sind  eng  verknüpft  mit  dem  ungeteilten  Übergang
        <pb n="143" />
        137

des  kleinbäuerlichen  Besitzes  und  dem  ungeteilten  Genuß  der  Gemeingüter. ­
  Dieser  Kleinbesitz  entspricht  gewöhnlich  einer  Fläche,
die  wenigstens  für  den  Unterhalt  eines  Gespannes  für  Pflug  und
Wagen  genügt.  Das  Verfahren  sichert  nicht  nur  die  „reiche  Auswanderung“, ­
  d.  i.  das  beste  Auswanderungs-System  in  schon  bevölkerten ­
  Ländern;  sie  hat  auch  alle  die  glücklichen  Folgen,  die  sich
anderswo  unter  ähnlichen  Bedingungen  zeigen.  Bei  diesem  System
verhütet  tatsächlich  der  kleine  Besitz  das  Eindringen  des  Pauperismus,
auch  wenn  die  Sorge  für  die  Zukunft  keine  allgemeine  Tugend  ist,  und
hält  die  Familienbande  aufrecht,  indem  er  den  Eltern  eine  anständige
Lage  bietet;  er  vermehrt  die  Pferde  und  das  Vieh  und  bietet  hierdurch ­
  Mittel  für  die  Verteidigung  des  Landes,  die  im  Gegensatz
dazu  in  den  Gegenden  abnehmen,  wo  der  Besitz  fortwährend  zerstückelt ­
  wird.
Die  Gewohnheiten,  die  die  ungeteilte  Übertragung  des  Grundbesitzes ­
  sichern,  haben  eine  große  Macht.  In  Dänemark  besonders
und  bei  den  Ackerbau  Völkern  an  der  Nordsee  zwischen  diesem
Königreich  und  den  Niederlanden  hat  das  Gesetz  ausdrücklich  die
Grundbesitzverteilung  bestimmt,  so  daß  sie  zur  Ernährung  einer
bestimmten  Anzahl  Zugtiere  genügen  müssen.  Es  ist  den  Besitzern
nicht  erlaubt,  zu  teilen,  was  so  vereinigt  ist.  Nach  ähnlichen  Regeln
hat  man  in  Schweden  die  landwirtschaftlichen  Einheiten  —  genannt
„Himmans“  —  geregelt.  Diese  Einheiten  sind  außerdem  im  öffentlichen ­
  Interesse  begrenzt  durch  die  Pflicht,  eine  große  Anzahl  von
Soldaten  der  Landarmee  „Indelta“  oder  Matrosen  der  Kriegsmarine
zu  unterhalten.  In  diesen  beiden  skandinavischen  Staaten  hat  also
der  Gesetzgeber,  besonders  hinsichtlich  der  großen  Güter  geglaubt,
in  seiner  Sorge  vor  Teilung  des  Bodens,  der  das  nationale  Interesse
am  besten  schützt,  nicht  allein  auf  den  Familiensinn  und  die  individuelle ­
  Initiative  vertrauen  zu  dürfen.
Die  unversehrte  Erhaltung  der  Anerberschaft  lebt  so  vollständig
in  dem  Geist  der  Bevölkerung,  daß  man  oft,  z.  B.  in  Hessen  und
Nassau,  den  Willen  der  Natur  sich  dieser  nationalen  Anschauung
unterordnen  sieht.  Die  jungen  Leute  beiderlei  Geschlechts,  die  nicht
genug  Energie  haben,  um  den  Mühen  und  Zufällen  der  Auswanderung ­
  zu  trotzen,  verharren  gern  in  der  Ehelosigkeit.  Sie  verzichten  auf
ihr  Erbteil  und  leben  in  Gemeinschaft  zusammen  mit  dem  Familiensproß, ­
  der  am  fähigsten  ist,  dem  anderen  als  Führer  zu  dienen  und
die  Bewirtschaftung  des  väterlichen  Gutes  zu  leiten.  Dieselben  Gewohnheiten ­
  finden  sich  im  westlichen  Frankreich,  besonders  bei  den
        <pb n="144" />
        138

Halbbauern  der  Bocage  in  der  Vendee.  Dieser  Teil  der  Bevölkerung,
der  so  darauf  verzichtet,  die  Rasse  fortzupflanzen,  ist  genau  der,
welcher,  was  physische  und  moralische  Qualität  betrifft,  an  letzter
Stelle  steht.
Man  kann  im  Gegensatz  dazu  bemerken,  daß  in  den  Staaten,
wo  Teilung  durch  das  Gesetz  geboten  ist,  die  Vermehrung  der  Rasse
sich  besonders  bei  der  ärmsten  und  niedrigsten  Bevölkerung  findet.
Diese  Bevölkerung  ist  zu  gleicher  Zeit  die,  welche  am  wenigsten
geeignet  ist,  ein  gutes  Auswanderungs-System  zu  organisieren.  Die
ärmsten  Auswanderer,  die  in  den  auf  der  europäischen  Auswanderungslinie ­
  liegenden  Häfen  Europas  und  Amerikas  ihr  Elend  zur
Schau  stellen,  stammen  alle  aus  Württemberg,  Baden,  der  Schweiz
und  den  Rheinprovinzen,  die  das  System  der  unbegrenzten  Teilung
der  Erbschaft  angenommen  haben.
Einige  gelehrte  Zeitgenossen  haben  es  sich  angelegen  sein  lassen,
über  zwei  Arten  der  sozialen  Ordnung  ein  Urteil  abzugeben;  nämlich
darüber,  wie  der  richtige  Gleichgewichtszustand  eines  Staates  zerstört ­
  oder  erhalten  wird,  der  bei  glücklichen  Völkern  zwischen  der
Zahl  der  Einwohner  und  den  Subsistenzmitteln  bestehen  muß.  Zu
allen  Zeiten  haben  viele  Völker  diese  Seite  des  sozialen  Problems
vollkommen  gelöst;  so  ist  es  noch  heute  der  Fall  bei  den  Völkern  des
Nordens,  die  in  den  drei  vorhergehenden  Monographien  beschrieben
sind.  Den  Schwierigkeiten,  das  richtige  Gleichgewicht  für  eine
glückliche  Bevölkerung  auf  einem  gegebenen  Territorium  herzustellen,
hat  man  immer  durch  dieselben  Mittel  vorgebeugt;  und  wenn  diese
heute  endlose  Debatten  hervorrufen,  so  kommt  das  daher,  daß  die
Gelehrten  des  Okzidents  das  Publikum  durch  ihre  vorgefaßten  Meinungen ­
  verwirren,  anstatt  es  durch  die  Belehrung  der  sozialen
Autoritäten  und  durch  das  vergleichende  Studium  der  glücklichen
und  der  notleidenden  Völker  aufzuklären.  Bei  dieser  Vergleichung
muß  man  sein  Augenmerk  auf  zwei  wesentliche  Umstände  richten:
auf  die  Fruchtbarkeit  oder  die  Sterilität  der  Familien  und  auf  den
Überfluß  oder  den  Mangel  an  Boden,  über  den  sie  verfügen.
Die  fruchtbaren  europäischen  Stämme  zeigen  dem  Beobachter
drei  Hauptfälle.
Im  ersten  Falle  ist  der  Teil  des  Bodens,  der  nicht  für  Kulturzwecke ­
  in  Eigentum  übergegangen  ist,  noch  von  beträchtlicher  Ausdehnung; ­
  infolgedessen  haben  die  Familienhäupter  nie  Grund  zu  der
Befürchtung,  daß  der  neuen  Generation  die  Subsistenzmittel  mangeln.
So  ist  es  z.  B.  bei  einigen  nomadisierenden  Hirtenstämmen  der
        <pb n="145" />
        139

großen  asiatischen  Steppe  und  bei  den  Fronbauern  des  Oremburger
Landes.
Im  zweiten  Falle  ist  Mangel  an  verfügbarem  Boden,  und  die
Existenzmittel  bleiben  fortan  in  engen  Grenzen.  Doch  die  Familienväter ­
  erhalten  weiter  die  Gewohnheiten  der  Fruchtbarkeit.  Wenig
geübt  in  vorausschauenden  Berechnungen,  überlassen  sie  vertrauensvoll ­
  der  göttlichen  Vorsehung  das  Geschick  ihrer  Kinder.  Das  ist
die  Lage  der  armen  Bevölkerung,  die  auf  die  Arbeiten  in  den  Städten
und  auf  dem  Lande  angewiesen  ist.  Sie  zeigt  sich  oft  bei  den
zerrütteten  oder  zerstörten  Völkern,  die  in  den  beiden  letzten  Bänden
dieses  Werkes  beschrieben  sind.  Sie  ist  zahlreich  bei  den  süddeutschen ­
  Stämmen,  denen  die  guten  Beispiele  der  nördlichen  Stämme
fremd  geblieben  sind.  Der  Ursprung  dieser  Sachlage  liegt  gewöhnlich ­
  in  den  Sitten  oder  in  den  geschriebenen  Gesetzen,  die  die  natürlichen ­
  Verfügungen  der  Familienväter  hindern,  und  die  die  Kinder
zu  fortwährender  Teilung  der  Brocken  der  väterlichen  Erbschaft  ermächtigen, ­
  wie  winzig  sie  auch  durch  die  vorhergegangenen  Teilungen
geworden  sein  mögen.  Zuerst  werden  die  Erben  zu  dieser  Teilung
durch  den  Geist  der  Neuheit  getrieben,  durch  das  Vergessen  der
Tradition  und  die  Unkenntnis  der  wahren  Gründe  des  Wohlergehens,
und  bald  finden  sie  in  ihrer  Parzelle  mehr  ein  Hindernis  des  Fortschritts ­
  als  ein  Mittel  des  Erfolges.  So  gelangen  sie  schließlich
in  die  Lage  der  armen  Eigentümer.  Aller  Mittel  beraubt,  müssen
sie  sich  dann  zur  Auswanderung  entschließen.  Aber  sie  verfügen
nicht  über  die  Mittel,  die  die  Bauern  des  Nordens  ihren  auswandernden ­
  Kindern  sichern,  und  daraus  rekrutiert  sich  die  „arme
Auswanderung“.  Viele  deutsche  Verwaltungen  bemühen  sich  zwar,
durch  Heiratsverbote  der  Vermehrung  dieses  Teiles  der  Bevölkerung
zu  begegnen;  aber  die  Beobachtungen,  die  in  den  folgenden  Bänden
erwähnt  sind,  lassen  keinen  Zweifel  an  der  Unsittlichkeit  und
Unmöglichkeit  solcher  Maßnahmen.
Im  dritten  Falle  endlich  hat  die  ländliche  Bevölkerung,  die  auf
einem  ganz  besetzten  Boden  lebt,  die  glückliche  und  solide  Lage
bewahrt,  die  das  Wort  „Bauer“  ausdrückt.  Die  Familienväter,  die
frei  von  jeder  gesetzlichen  Fessel  in  bezug  auf  den  Gebrauch  ihrer
Güter  leben  und  der  Sitte  der  „Stammfamilie“  unterworfen  sind,
übertragen  dem  Anerben,  den  sie  auswählen,  das  ganze  Eigentum
am  Familiengute.  Geleitet  von  der  üblichen  Vorsicht,  nehmen  Vater
und  Erbe  von  den  Produkten  einzig  das,  was  zur  Erhaltung  der
Familie  unentbehrlich  ist;  der  Überschuß,  d.  h.  der  Reinertrag  der
        <pb n="146" />
        140

Wirtschaft,  wird  in  gleiche  Teile  zwischen  die  auswandernden  Kinder
geteilt.  Es  ist  also  leicht  zu  begreifen,  daß  auf  einem  ganz  besetzten ­
  und  urbar  gemachten  Gebiet  diese  soziale  Organisation  es
ist,  die  allen  Individuen  das  größtmögliche  Wohlergehen  sichert  und
den  Völkern  die  stärkste  Beteiligung  an  der  Ausdehnung  über  die
unbesetzten  und  unkultivierten  Gebiete  der  beiden  Hemisphären.  Der
Anerbe  ist  gehalten,  alle  Früchte  seiner  Arbeit  der  Ausstattung  seiner
Brüder  und  Schwestern,  dann  der  seiner  eigenen  Kinder  zu  opfern.
Um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  bedient  sich  der  Erbe  eines  alten
Bauernhofes  wertvoller  Hilfsmittel,  die  in  den  bevölkerten  Gebieten
der  „armen  Eigentümer“  zerstört  sind.  Er  hat  lange  Zeit  die  Mitarbeit ­
  und  die  Katschläge  eines  erfahrenen  Vaters.  Er  genießt
Achtung,  Einfluß  und  den  Kredit,  den  die  Leitung  einer  Stammfamilie ­
  gibt,  die  durch  Arbeit  und  Tugend  gestützt  wird  und  seit
Jahrhunderten  auf  der  Scholle  sitzt.  Er  kann  also  die  Kinder  unter
den  günstigsten  Umständen  ausstatten,  sodaß  sie  die  nötigen  Eigenschaften ­
  haben,  um  in  der  Hauptstadt  vorwärtszukommen;  und  so
sieht  man  Bauernsöhne  sich  zu  höheren  Gesellschaftsstufen  erheben,
sobald  sie  besonders  begabt  sind.  Was  die  Kinder  anbetrifft,  die
ins  Ausland  gehen,  so  geht  es  ihnen  allen  gut  unter  dem  wohltätigen
Einfluß  der  „reichen  Auswanderung“.  Die  bewundernswerten  Bauernstämme, ­
  die  vorstehend  beschrieben  sind,  sichern  so  das  Glück
ihrer  Kinder,  obwohl  das  Gebiet  ganz  besetzt  ist;  sie  besorgen
selbst  im  Zustand  absoluter  Freiheit  ihre  gemeinsamen  Interessen;
endlich  haben  sie  nicht  die  Unterstützung  der  Regierung  nötig,  um
ihrem  Volk  ein  Kolonialreich  zu  schaffen,  und  arbeiten  an  der  sittlichen ­
  Verbesserung  der  wilden  Völker.
Die  europäischen  Völker  mit  unfruchtbaren  Familien  sind  auf
unserem  Kontinent  seit  der  Zeit  des  römischen  Niederganges  fast
ganz  unbekannt  gewesen.  Sie  erstehen  jetzt  wieder  in  Frankreich
im  Gegensatz  zu  den  Traditionen  der  zwölf  letzten  Jahrhunderte.
Dieses  Unglück  führt  auf  unserem  Boden  eine  Zeit  der  sozialen  Desorganisation ­
  herbei,  die  noch  verdeckt  ist  durch  den  Anschein  von
Gedeihen,  die  aber  dem  aufmerksamen  Beobachter  augenscheinlich
ist.  Wie  zur  Zeit  des  oströmischen  Kaiserreichs  ist  das  Übel  schon
groß  und  es  wird  täglich  verstärkt  durch  drei  Ursachen:  die  gesteigerte ­
  Anhäufung  der  Reichtümer;  den  Verlust  der  Moral,  durch
Müßiggang,  Egoismus  und  die  Laster  der  Sinnlichkeit;  durch  die
Vernichtung  der  väterlichen  Autorität.  Heute  wie  vor  15  Jahrhunderten ­
  würden  viele  Väter  bereit  sein,  gegen  dieses  Übel  an ­
        <pb n="147" />
        141

zukämpfen;  aber  in  ihrer  Mission,  die  bei  ihnen  göttlichen  Ursprungs
ist,  sind  sie  behindert  durch  den  beklagenswerten  Geist,  den  die
Gesetzgeber  des  römischen  Rechts  unserem  Volke  eingepflanzt  haben.
Das  Erbfolgegesetz,  von  den  Männern  des  „Schreckens“  ohne  irgendeine ­
  gesetzliche  Form  auferlegt,  hat  das  Zerstörungswerk  vollendet,
das  durch  die  Gesetzgeber  des  ancien  regime  begonnen  war.  Die
in  den  letzten  Bänden  angeführten  Tatsachen  zeigen  oft,  daß  die
erste  Bedingung  des  Heiles  in  Frankreich  die  Rückkehr  zu  den
Gewohnheiten  ist,  die  die  unversehrte  Übertragung  des  Familiengutes ­
  und  der  Werkstätten  sichern.  Einzig  von  dieser  Reform  ist
es  zu  erwarten,  daß  der  vorsichtige  Familienvater  die  guten  Traditionen ­
  seiner  Familie  fortsetzen  wird,  ohne  zur  Sterilität  gezwungen
zu  sein,  ohne  die  Seinigen  zu  berauben,  und  ohne  dem  Vaterland  die
ungeheuren  Wohltaten  der  Fruchtbarkeit  zu  entziehen.
§  20.  Über  die  Sitten,  die  in  der  Elberfelder  Industrie ­
  die  gegenseitigen  Beziehungen  zwischen
Unternehmer  und  Arbeiter  regeln.  Die  Elberfelder
Industrie  liefert  dem  Handel  eine  Menge  von  Produkten,  unter
denen  die  Baumwollstoffe  die  erste  Stelle  einnehmen.  Am  Rande
einer  fruchtbaren  Ebene  gelegen,  in  der  Nähe  reicher  Kohlenlager
und  der  Eisen-  und  Stahlwerke  der  Ruhrgegend,  in  günstiger  Lage
für  die  Einfuhr  der  Rohstoffe  und  die  Ausfuhr  der  Produkte
durch  den  Rhein  und  die  niederländischen  Häfen,  vereinigt  sie  in
höchstem  Grade  die  Bedingungen,  die  die  großen  industriellen
Werke  Belgiens,  Frankreichs  und  der  Niederlande  prosperieren
lassen.  Aber  das,  was  die  Elberfelder  Industrie  von  mehreren
dieser  letzteren  unterscheidet,  ist,  daß  die  Unternehmer  allgemein
nicht  geglaubt  haben,  auf  die  Traditionen  der  Patronage  verzichten ­
  zu  können.  In  der  Erkenntnis,  daß  die  Sicherheit  der
Arbeiter  für  die  Industrie  ebenso  unentbehrlich  zum  Erfolg  ist,  wie
die  Vervollkommnung  der  technischen  Prozesse  und  der  kaufmännischen ­
  Unternehmungen,  haben  sie  alle  ihre  Unternehmungen
dieser  großen  sozialen  Notwendigkeit  untergeordnet.  So  haben  sie
in  dauernder  Weise  für  die  Bedürfnisse  ihrer  Arbeiter  gesorgt
durch  Anweisung  von  Wohnungen,  von  Gemüsegärten,  Kartoffelfeldern ­
  und  Haustieren,  d.  h.  durch  ein  Subventions-System,  das  die
Unternehmer  mit  dem  Kapital  für  die  erste  Anschaffung  belastet,
das  aber  die  Arbeiter  in  mehrfacher  Hinsicht  von  industriellen  oder
kommerziellen  Krisen  unabhängig  macht.  Stark  durch  den  Einfluß,
den  ihnen  diese  Organisation  gibt,  haben  sie  sich  zur  selben  Zeit
        <pb n="148" />
        142

angelegen  sein  lassen,  den  G-eist  der  Subordination  und  des  Respektes
aufrechtzuerhalten.
Dieses  System  wird  überall  in  der  Industrie  Elberfelds  angewandt: ­
  die  Arbeiterfamilien  besitzen  gewöhnlich  eine  Kuh  oder
wenigstens  eine  Milchziege.  Sie  sind  durch  Gewohnheit  berechtigt,
diese  Tiere  längs  der  Wege  an  den  Einfriedigungen  des  bebauten
Bodens  und  am  Waldrande  grasen  zu  lassen.  Die  Familie  holt  sich
umsonst  das  dürre  Holz,  das  Gesträuch  und  das  Heidekraut  zum
häuslichen  Verbrauch.  Sie  findet  immer  zu  mäßigem  Preise  Pachtland, ­
  wenn  sie  nicht  schon  eigenen  Boden  für  den  Kartoffelbau  erworben ­
  hat.  Der  Eigentümer  einer  jeden  Fabrik  trägt  selbst  zu
den  Kosten  bei,  die  Schule  und  Gesundheitspflege  verursachen.  Er
macht  den  jungen  Arbeitern  die  nötigen  Vorschüsse  zu  ihrer  Einrichtung; ­
  diese  Vorschüsse  sind  hier  allemal  mit  einem  jährlichen
Zins  von  3  %  belastet,  während  sie  in  den  sozialen  Systemen  des
Orients  umsonst  gegeben  werden.  Die  Fabrikbesitzer  ergänzen  gewöhnlich ­
  dieses  Patronagesystem,  indem  sie  durch  ihren  Rat  den
Spartrieb  wecken,  indem  sie  in  Fällen  höherer  Gewalt  den  Familien,
die  noch  kein  Reservekapital  gesammelt  haben,  hilfreiche  Hand
leisten,  indem  sie  endlich  allen  gegen  minimalen  Pachtzins  und  als
dauernde  Subvention  eine  anständige  Wohnung  und  Gemüsegarten
sichern.
Diese  Gewohnheiten  der  Patronage  gehen  zurück  auf  Gefühle,
die  die  alte  ländliche  Verfassung  der  sächsischen  Ebene  entwickelt
hat.  Ob  die  Elberfelder  Fabrikanten  ihr  treu  bleiben  und  trotzdem
an  den  Errungenschaften  der  modernen  Industrie  teilnehmen  können?
§  21.  Über  die  Anzeichen  von  Zerrüttung,  welche
sich  in  der  sozialen  Verfassung  der  sächsischen  Ebene
bei  den  Kohlenbergwerken  derRuhr  um  das  Jahr  1855
zeigen. 1 )  Im  unteren  Ruhrtale  streichen  zahlreiche  Kohlenflöze
zutage,  in  einer  Länge  von  25  km,  besonders  zwischen  Essen,  Werden
und  Mülheim.  Im  Westen  dieses  Gebietes,  bis  zum  Rhein,  ist  die
Kohlenformation  von  einer  schwachen  Alluvialschicht  bedeckt.  Im
Osten  von  Essen  verschwindet  sie  unter  jüngere  Schichten  und  erstreckt ­
  sich  wahrscheinlich  bis  Osnabrück.  Der  Teil  des  Kohlengebietes, ­
  der  zwischen  Essen  und  dem  Rhein  liegt,  ist  20000  ha
groß.  Der  Teil  östlich  von  Essen  umfaßt  dagegen  60000  ha.  In

*)  Vgl.  Mer  jetzt  Ehrenberg,  Die  Frühzeit  der  Krupp’scheu  Arbeiterschaft
(Archiv  III,  7  ff.).
        <pb n="149" />
        143

diesen  zwei  Gebieten  gibt  es  120  Kohlenlager  oder  Kohlenadern,
von  denen  65  ausbeutbar  sind,  in  einer  Gesamtstärke  von  68  m.
Die  aufgeschlossenen  Gruben  dieses  Bassins  haben  im  Jahre  1854
wenigstens  2  Millionen  metrische  Tonnen  gefördert,  die  als  Hauptabsatzgebiete ­
  die  heimische  Industrie,  das  Rheinland  und  sogar  die
Niederlande  haben,  wo  sie  den  von  Belgien  und  England  eingeführten
Kohlen  Konkurrenz  zu  machen  beginnen.
Die  gegenwärtige  Lage  der  Buhr-Kohlengruben  läßt  nicht  entfernt ­
  die  nächste  Zukunft  ahnen,  die  ihnen  beschieden  ist.  Das
Lager  läuft  unzweifelhaft  vom  Rhein  65  km  zusammenhängend  in
der  Richtung  Nord-Nordost;  aber  man  kennt  keineswegs  immer  die
ganze  Breite,  weil  die  Kohlenformation  überall  gegen  Norden  untertaucht ­
  unter  jüngere  Schichten  und  das  Alluvium  der  sächsischen
Ebene.  Besonders  in  dieser  Verlängerung  bleiben  noch  große  Entdeckungen ­
  zu  machen.  Man  weiß  schon,  daß  das  Kohlenlager  sich
auf  das  linke  Rheinufer,  in  der  Richtung  auf  Krefeld  erstreckt;
und  es  ist  Grund  anzunehmen,  daß  es  sich  unter  dem  Alluvium  bis
zu  den  Ausläufern  des  Kohlengebietes  in  der  Nähe  von  Aachen,  von
Herzogenrath  und  Eschweiler  ausdehnt.  Allem  Anschein  nach  gehören ­
  die  Ruhr-Kohlengruben  zu  dem  größten  Kohlengebiet  des
Kontinents.  Im  Osten  erstreckt  sich  dieses  Gebiet  parallel  der  Nordsee ­
  in  einer  Länge  von  200  km  von  Osnabrück  bis  Aachen;  im
Westen  wendet  es  sich,  300  km  lang,  von  dieser  Stadt  bis  westlich
von  Pas-de-Calais,  über  Lüttich,  Charleroy,  Mons  und  Anzin.  Sind
diese  Voraussetzungen  richtig,  so  würde  das  Ruhr-Kohlengebiet  mit
den  Kohlenlagern  Englands  verglichen  werden  können;  jedenfalls
scheint  es  berufen,  der  Mittelpunkt  der  kontinentalen  Industrie  zu
werden.
Wenn  man  das  Elend  betrachtet,  das  die  Ausbeutung  der  -
Kohlengruben  im  Schoße  der  Industriebevölkerung  Englands,  Belgiens
und  Frankreichs  hat  entstehen  lassen,  so  stellt  man  sich  zunächst
die  Frage,  ob  dasselbe  Schicksal  auch  den  Arbeitern  beschieden  ist,
die  in  der  Nähe  des  Ruhrbeckens  sich  anzusiedeln  beginnen.  Der
Verfasser  würde  einige  Gründe  haben,  daran  zu  zweifeln,  wenn  er
sich  allein  auf  die  Eindrücke  bezöge,  welche  die  während  mehrerer
Reisen  in  den  Jahren  1825—1849  beobachteten  Tatsachen  in  ihm
hervorgebracht  haben.  Die  früheren  Bestimmungen  überließen  den
staatlichen  Bergbeamten  die  höhere  Leitung  der  Kohlenbergwerke ­
  und  den  Schutz  der  in  den  Gruben  tätigen  Arbeiter.  Sie
widersetzten  sich  dem  allzuraschen  Anhäufen  der  Bevölkerung.
10
        <pb n="150" />
        144

Die  Eigentümer  der  Kohlenbergwerke  ertrugen  diese  Hindernisse
mit  Geduld;  und  trotz  der  täglichen  Entdeckung  neuer  Kohlenfelder
gaben  sie  kaum  den  Antrieben  nach,  die  unter  ähnlichen  Umständen
sich  im  Westen  zeigen.  Die  Kohlenproduktion  entwickelte  sich  also
langsam,  ohne  die  soziale  Lage  der  Bevölkerung  zu  erschüttern.
Noch  in  anderer  Hinsicht  blieb  die  Industrie  bei  den  Sitten  der
sächsischen  Ebene  und  der  angrenzenden  Gebiete  Hessen  und  Nassau.
Sie  vermehrte  nur  mit  äußerster  Vorsicht  die  Zahl  ihrer  Betriebe
und  die  Nachfrage  nach  Kohle.  Nach  ihrer  Meinung  war  der
Unternehmer,  der  eine  neue  Fabrik  schaffen  wollte,  moralisch  verpflichtet, ­
  das  Wohlergehen  und  die  Sicherheit  der  Arbeiter,  die  er
hierher  berief,  zu  garantieren.  Zu  diesem  Zweck  sollten  die  neuen
Betriebe  durch  Wohnungen  ergänzt  werden,  die  mit  kleinen  ländlichen ­
  Nebengebäuden  versehen  waren,  durch  Schulen,  Kapellen,
medizinische  und  pharmazeutische  Hilfe.  Diese  Ansichten  waren
eine  wertvolle  Garantie  für  die  Arbeiterbevölkerung.  Sie  stellten
sie  sicher  gegenüber  den  harten  Proben,  die  alsbald  die  fieberhafte
Schöpfung  von  Betrieben  mit  mechanischer  Kraft,  die  von  Dampfmaschinen ­
  geleistet  wird,  den  Arbeitern  des  Westens  auferlegte.
Gerade  jetzt  hat  ein  Freund  des  Verfassers,  von  Dechen,  der  in
Bonn  in  der  ßheinebene  wohnt  und  in  der  Bergwerksverwaltung
eine  leitende  Stellung  inne  hat,  den  in  seiner  Verwaltung  geübten
mäßigenden  Einfluß  hoch  bewertet.  Noch  höher  schätzt  er  die  weise
Mitarbeit  der  Industriellen  des  Ruhrgebietes  und  besonders  die  Gesamtheit ­
  der  Sitten,  wie  sie  oben  beschrieben  sind  (§  20).
Im  Jahre  1851  bestanden  diese  guten  Gewohnheiten  noch  bei
den  bedeutendsten  Fabrikanten  Elberfelds  und  Solingens;  aber  sie
fingen  bei  einigen  anderen  an,  sich  zu  verschlechtern.  Das  waren
die  ersten  Anzeichen  einer  Zerrüttung,  die  seit  4  Jahren  fühlbarer
zu  werden  scheint.  Damals  bewahrten  in  der  Tat  die  königlichen
Gruben  ihren  großen  Einfluß  auf  die  Kohlengewinnung.  Das  Bevormundungsrecht, ­
  das  sie  im  Interesse  der  Arbeiten  ausübten,  war
noch  keineswegs  bestritten;  aber  die  Grubeneigentümer  protestierten
lebhaft  gegen  gewisse  Einzelheiten  der  finanziellen  Organisation.
In  diesem  Jahre  wurden  sogar  die  10  °/ 0  Steuer,  die  der  Staat  von
den  geförderten  Kohlen  erhebt,  auf  6  °j 0  herabgesetzt.  Die  neuen
Fabrikanten,  die  vom  Westen  kamen,  um  verschiedenartige  Unternehmungen ­
  zu  schaffen,  führten  in  ihren  Beziehungen  zu  den
Arbeitern  die  bedauerlichen  Sitten  ihres  Landes  ein.  Sie  gaben
nicht  mehr  Wohnung  und  Gemüsegarten,  sondern  ersetzten  diese
        <pb n="151" />
        145

10*

Subvention  durch  einen  Lohnzuschuß  in  Höhe  der  Miete,  welche  die
Familien  an  die  Kapitalisten  zahlten,  die  durch  diese  Art  der  Spekulation ­
  das  Industriesystem  unter  großer  Gefahr  für  den  sozialen
Frieden  verwirrten.  Die  hier  beschriebene  Familie  wohnte  1851
unter  solchen  Bedingungen.  Wenn  der  soziale  Friede  durch  dieses
gefährliche  Wohnungssystem  noch  nicht  getrübt  war,  so  kam  das
daher,  daß  der  Hauseigentümer  ein  Bekannter  der  Familie  aus
Westfalen  war,  mit  den  Gewohnheiten,  die  den  Mietern  dauernden
Wohnungsgenuß  sichern.  Immerhin  konnte  man  damals  schon  voraussehen, ­
  daß  der  Bruch  mit  diesem  Friedenszustande  eines  Tages
kommen  würde  durch  das  dem  Eigentümer,  früher  oder  später,  zum
Bewußtsein  kommende  augenscheinliche  Interesse,  von  dieser  Tradition ­
  abzugehen.
Dieselbe  Familie  zeigt  uns  durch  mehrere  andere  Einzelheiten
ihrer  Lebensweise  den  Übergang  von  der  Stabilität  und  dem  Frieden,
wie  sie  in  den  drei  ersten  Monographien  dieses  Bandes  beschrieben
sind,  zur  Unstetigkeit  und  dem  Klassengegensätze,  wie  sie  in  den
folgenden  Monographien  oft  erscheinen.  So  hat  z.  B.  das  Familienhaupt ­
  als  einfacher  Mieter  seiner  Wohnung  die  Würde  verloren,  den
für  die  Zukunft  vorsorgenden  Sinn,  die  Mäßigkeit,  die  das  Eigentum ­
  an  Grund  und  Boden  einflößt.  Er  vergeudet  unnütz  und  gefährlich ­
  einen  beträchtlichen  Teil  seines  Lohnes,  der  genügen  würde,
ihn  in  die  Klasse  der  Eigentümer  emporzuheben.  Er  zerstört  so
rings  um  sich  die  Gefühle  und  Interessen,  die  in  der  alten  sozialen
Verfassung  die  Glieder  der  Stammfamilie  zusammenhielten.  Man
hat  also  Grund  zu  der  Befürchtung,  daß  damit  auch  in  der  sächsischen ­
  Ebene  jener  trostlose  Zustand  eingeleitet  ist.  der  in  den
Kohlengebieten  Belgiens,  Frankreichs  und  Englands  schon  besteht:
das  Hinsterben  ganzer  Geschlechter  alter  Arbeiter  in  Not  und  Verlassenheit. ­

Zusammenfassend:  die  Solinger  Industrie  und  die  zahlreichen
Werke  im  Ruhrbecken  bilden  heute  ein  neutrales  Gebiet  zwischen
den  beiden  Bevölkerungsgruppen,  den  noch  stetigen  und  den  schon
zerrütteten,  die  an  den  beiden  äußersten  Grenzen  der  Nordsee
wohnen.  Die  Zukunft  wird  uns  lehren,  ob  der  sächsische  Stamm,
der  sich  auf  seinem  Heimatboden  rein  erhalten  hat,  den  gefährlichen
Neuerungen  der  Kohle  und  des  Dampfes  besser  widerstehen  wird,
als  der  Zweig,  den  dieser  Stamm  nach  England  getrieben  hat.
        <pb n="152" />
        Literaturverzeichnis.

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seinem  Buche:  L’agriculture  et  la  population.  1865.
Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis,  IX.  Jahrg.,  1867,  8.  162ff.
Charles  de  Eibbe,  Le  Play  apres  sa  correspondance.  Paris  1881,  2.  Aull.,
1906.
Ad.  Focillon,  Instruction  sur  l’observation  des  faits  sociaux  selon  la  methode
des  monographies  de  familles.  Paris  1887.
Cheysson-Toque,  Les  budgets  compares  des  cent  monographies  de  familles
publiees  d’apres  un  cadre  uniforme  dans  „Les  ouvriers  europeens“  et  „Les
ouvriers  des  deux  mondes“.  Eome  1890.
Maurice  Vigne,  La  Science  sociale  d’apres  les  principes  de  Le  Play  et  de  ses
continuateurs.  Paris  1897.
Albert  Le  Play,  Frederic  Le  Play.  Voyages  en  Europe  1829—1854.  Extraits
de  sa  correspondance.  Paris  1899.
Fernand  Auburtin,  Frederic  Le  Play  d’apres  lui-meme.  Vie-Methode-Doctrine.
Paris  1906.  ^
FranqoisEscard,  Comment  travaillait  Le  Play?  Souvenirs  personnels.  Paris
1907.  v
Engel  in  der  Zeitschrift  des  Statist.  Bureaus  des  Kgl.  Sächsischen  Ministeriums,
1857,  S.  153  ff.
Schäffle,  Le  Play.  Deutsche  Vierteljahrsschrift,  Jahrg.  28,  1865.
—,  Das  gesellschaftliche  System  der  menschlichen  Wirtschaft,  2.  Aufl.,  1867,  S.  360  ff.,
u.  3.  Aufl.,  S.  520ff.
L.  v.  Hammerstein,  Le  Play  und  die  richtige  Methode  der  Sozial  Wissenschaft.
Stimmen  aus  Maria-Laach,  12.  Bd.,  1877.
v.  Wenckstern,  Le  Play.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft ­
  im  Deutschen  Eeich,  18.  Jahrg.,  1.  Heft,  1894.
Auguste  Bechaux,  Die  französische  Nationalökonomie  der  Gegenwart.  Übersetzt ­
  von  G.  Wampach.  Berlin  1903.
Schnapper-Arndt,  Sozialstatistik.  Herausgegeben  von  Leon  Zeitlin.  1908.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.  Stuttgart  1910.
In  der  Zeitschrift  „La  Science  sociale“  die  Artikel  von:
Edouard  Demolins,  L’etat  actuel  de  la  Science  sociale,  d’apres  les  travaux  de
ces  dix  dernieres  annees.  1893.
Demolins,  Pinot  et  de  Eousiers,  La  methode  sociale,  ses  procedes  et  ses
applications.  1904.
        <pb n="153" />
        Lebenslauf.

Ich,  Alfons  Reuß,  bin  am  17.  November  1887  zu  Hersfeld
(Provinz  Hessen-Nassau)  als  Sohn  des  Verwalters  des  städtischen
Gaswerks  Heinrich  Reuß  geboren.  Ich  besuchte  das  Gymnasium
meiner  Vaterstadt,  an  dem  ich  Ostern  1907  die  Maturitätsprüfung
bestand.  Dann  bezog  ich  die  Universitäten  München  (2  Semester),
Göttingen  (2  Semester),  Berlin  (1  Semester),  Marburg  (1  Semester)
und  Rostock  (4  Semester),  an  denen  ich  hauptsächlich  Jurisprudenz
und  Nationalökonomie,  außerdem  in  Rostock  Geographie  und  Philosophie ­
  studierte.  Größere  nationalökonomische  Vorlesungen  hörte
ich  bei  den  Herren  Professoren  Cohn,  Wagner,  Tröltsch  und
Ehrenberg.
Herrn  Professor  Ehrenberg,  unter  dessen  steter  Anteilnahme
und  bereitwilliger  Förderung  vorliegende  Arbeit  entstanden  ist,  bin
ich  zu  großem  Danke  verpflichtet.
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des  kleinbäuerlichen  Besitzes  und  dem  ungeteilten  Genuß  der  Gemeingüter. ­
  Dieser  Kleinbesitz  entspricht  gewöhnlich  einer  Fläche,
die  wenigstens  für  den  Unterhalt  eines  Gespannes  für  Pflug  und
IWagen  genügt.  Das  Verfahren  sichert  nicht  nur  die  „reiche  Aus-Vwanderung“,
  d.  i.  das  beste  Auswanderungs-System  in  schon  be-:
  völkerten  Ländern;  sie  hat  auch  alle  die  glücklichen  Folgen,  die  sich
|  anderswo  unter  ähnlichen  Bedingungen  zeigen.  Bei  diesem  System
verhütet  tatsächlich  der  kleine  Besitz  das  Eindringen  des  Pauperismus,
auch  wenn  die  Sorge  für  die  Zukunft  keine  allgemeine  Tugend  ist,  und
hält  die  Familienbande  aufrecht,  indem  er  den  Eltern  eine  anständige
Lage  bietet;  er  vermehrt  die  Pferde  und  das  Vieh  und  bietet  hierdurch ­
  Mittel  für  die  Verteidigung  des  Landes,  die  im  Gegensatz
dazu  in  den  Gegenden  abnehmen,  wo  der  Besitz  fortwährend  zerstückelt ­
  wird.
Die  Gewohnheiten,  die  die  ungeteilte  Übertragung  des  Grundbesitzes ­
  sichern,  haben  eine  große  Macht.  In  Dänemark  besonders
und  bei  den  Ackerbauvölkern  an  der  Nordsee  zwischen  diesem
Königreich  und  den  Niederlanden  hat  das  Gesetz  ausdrücklich  die
Grundbesitzverteilung  bestimmt,  so  daß  sie  zur  Ernährung  einer
bestimmten  Anzahl  Zugtiere  genügen  müssen.  Es  ist  den  Besitzern
nicht  erlaubt,  zu  teilen,  was  so  vereinigt  ist.  Nach  ähnlichen  Regeln
hat  man  in  Schweden  die  landwirtschaftlichen  Einheiten  —  genannt
:  „Himmans“  —  geregelt.  Diese  Einheiten  sind  außerdem  im  öffent-;
  liehen  Interesse  begrenzt  durch  die  Pflicht,  eine  große  Anzahl  von
5 1  Soldaten  der  Landarmee  „Indelta“  oder  Matrosen  der  Kriegsmarine
zu  unterhalten.  In  diesen  beiden  skandinavischen  Staaten  hat  also
der  Gesetzgeber,  besonders  hinsichtlich  der  großen  Güter  geglaubt,
„in  seiner  Sorge  vor  Teilung  des  Bodens,  der  das  nationale  Interesse
am  besten  schützt,  nicht  allein  auf  den  Familiensinn  und  die  individuelle ­
  Initiative  vertrauen  zu  dürfen.
Die  unversehrte  Erhaltung  der  Anerberschaft  lebt  so  vollständig
in  dem  Geist  der  Bevölkerung,  daß  man  oft,  z.  B.  in  Hessen  und
Nassau,  den  Willen  der  Natur  sich  dieser  nationalen  Anschauung
-anterordnen  sieht.  Die  jungen  Leute  beiderlei  Geschlechts,  die  nicht
genug  Energie  haben,  um  den  Mühen  und  Zufällen  der  Auswanderung ­
  zu  trotzen,  verharren  gern  in  der  Ehelosigkeit.  Sie  verzichten  auf
ihr  Erbteil  und  leben  in  Gemeinschaft  zusammen  mit  dem  Familieni
  sproß,  der  am  fähigsten  ist,  dem  anderen  als  Führer  zu  dienen  und
lie  Bewirtschaftung  des  väterlichen  Gutes  zu  leiten.  Dieselben  Gewohnheiten ­
  finden  sich  im  westlichen  Frankreich,  besonders  bei  den
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