64 Neben epochemachenden modernen Bestrebungen lebt in der „Edelschmiedekunst“ Münchens eine archaisierende Richtung, die in der Innendekoration die verwandte Seele beim Münchener Meister Gabriel Seidl findet. Diese bisherige Eigenart ist heute noch keineswegs durchbrochen worden. Ratsherrliche Tafelzierate, Willkommensbecher, Schaugerät für die mächtigen Kredenzen alter Stadthäuser, geschaffen im Geiste deutscher Vergangenheit, verraten uns die Schöpfungen von Professor Seitz und Ferdinand von Miller. Hinweisen wollen wir noch auf die vollendete Münchener Kunst der Medaillen und Rlaquetten, auf die Geldstücke und Schmuck münzen, die zarten Frauenköpfe in mattgetönten Basreliefs, welche zu Nadeln und Knöpfen, sowie Anhängern verwendet werden, auf die schöngeschwungenen Beschläge, Griffe und Schließen, auf die Leuchter endlich in schönen organisch sich auswachsenden Formen aus Bronze, Messing und Schmiede eisen. Münchener Gold- und Silberschmiedearbeiten werden nicht wie solche in Hanau, Pforzheim, Heilbronn und Bremen für Weiterverkäufer gefertigt, sondern fast ausschließlich für Kunden direkt, weshalb sie den Übergang zur fabrikmäßigen Produktion nicht unbedingt bedürfen. Und doch besteht seit 1900 in der Stadt eine Fabrikation von Silbergeräten, Goldge räten und Schmucksachen in einem industriellen Großbetriebe, der Gold- und Silberwarenfabrik Rosenau in München, welche sich selbst als „kunstgewerbliche Werk stätte“ bezeichnet. 100—130 Arbeiter, worunter durchschnitt- * lieh sich etwa 10 Frauen befinden, arbeiten hier teils als Kunsthandwerker, teils als Maschinenarbeiter, Welche an den Metalldrückern und Stanzen Beschäftigung finden und von dem künstlerischen Prozeß wenig oder gar nichts verstehen. Der Wochenverdienst des Arbeiters schwankt zwischen 28 und 36 Mark,bei 9 bis 9y 2 stündiger Arbeitszeit. Der Betrieb richtet sich nicht wie die kleinen Werkstätten allzusehr nach dem Konsum, er hat vielmehr München nur als günstigsten Arbeitsplatz zum Standort gewählt. Seine Produkte fin den als Münchener Arbeiten auch anderwärts großen Absatz, obwohl sie unter der Konkurrenz der Bijouteriewarenfabrik Pforzheim etc. zu leiden haben.