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        <title>München als Industriestadt</title>
        <author>
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            <forname>Carl</forname>
            <surname>Fritz</surname>
          </persName>
        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>1020784822</idno>
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        MÜNCHEN  ALS
INDUSTRIESTADT

VON  DR.  PHIL.  CARL  FRITZ

.  -  -  .....
        <pb n="2" />
        Verlag  von  Puttkammer  8}  Mühlbrecht,  Berlin  W.  56

System  der  Welthandelslehre
Ein  Lehr-  und  Handbuch
des  internationalen  Handels  von  Dr.  Josef  Hellauer
ordentl.  Professor  a.  d.  Exportakademie  d.  k.  k.  österr.  Handelsmuseums
Professor  a.  d.  k.  u.  k.  Konsularakademie
Band  1:  Allgemeine  Welthandelslehre.  I.  Teil.
Gr.  8°.  XVI,  482  Seiten.  Preis  geh.  M.  10.—,  geb.  M.  12.—.
Das  Buch,  das  aus  dem  Unterrichte  an  einer  kommerziellen  Hochschule
und  an  einer  Hochschule  zur  Heranbildung  von  Konsularbeamten  hervorgegangen
  ist,  soll  ein  Lehr-  und  Handbuch  sein  in  erster  Linie  für  Handelshochschulen, ­
  sowie  für  alle,  die  sich  ein  gründliches  Wissen  über  den  Warenhandel
und  speziell  den  internationalen  erwerben  wollen.  Es  wird  sich  eignen  als
Nachschlagebuch  zur  Information  über  einzelne  Fragen  und  dürfte  als  solches
insbesondere  willkommen  sein  öffentlichen  Beamten,  die  sich  mit  dem  Hände
zu  befassen  haben,  wie  Verwaltungsbeamten,  Konsularbeamten,  Beamten  von
Korporationen  zur  Förderung  und  Interessenvertretung  des  Handels  usw.,
Volkswirten  jeder  Art  und  Juristen.  Es  wird  ein  Hilfsbuch  sein  für  staatswirtschaftliche ­
  und  juristische  Seminare.  Nicht  zuletzt  darf  es  aber  als
kommerziell-wissenschaftliches  Werk  wohl  erwarten,  in  den  Kreisen  der
Kaufmannschaft  Aufnahme  zu  finden.

Zielpunkte  der  Exportpraxis
von  Moritj  Schanz.
216  Seiten.  8°.  Preis  3.60  M.;  geb.  M.  4.50.
Schanz’  Mitgliedschaft  an  den  von  der  Reichsregierung  entsandten
Handelskommissionen  nach  Ostasien  (1897)  und  nach  Südafrika  (1902-03)
spricht  wohl  am  besten  für  die  Kompetenz  des  Verfassers  in  der  Behandlung
des  vorliegenden  Stoffes.  Er  bietet  hier  in  gedrängter  Form  die  Quintessenz
seiner  Erfahrungen.
Aus  dem  Inhalt:
Allgemeine  Organisation  des  Exports.  —  Konsignationen.  —  Kaufverträge.  —
Indents.  —  Reisende.  —  Ständige  Vertreter.  —  Musterläger  und  Ausstellungen
im  In-  und  Ausland.  —  Deutsche  Warenhäuser  im  Ausland.  —  Export  der
schweren  Industrien  und  Auslandvertretungen  großer  Werke.  —  Ausschreibungen. ­
  —  Sprachkundige  Techniker  und  Bergingenieure  im  Ausland.  —  Angebote, ­
  Mustersendungen,  Kataloge  und  Preislisten.  —  Reklame.  —  Lieferung,
Aufmachung,  Packung.  —  Fakturen,  Zollangaben,  Konnossemente,  Versand.  —
Zahlungsweise,  Kreditgewährung,  Auskunftswesen.  —  Deutsche  Ausland-Banken.
  —  Reklamationen,  Surveys,  Rechtsverfoigungen  im  Ausland.  —
Konsular-Tätigkeit.  —  Handelssachverständige.  —  Handelskammern  im  Inund
  Ausland.  —  National-Exportämter.  —  Handelshochschulen.
Bestellungen  nimmt  jede  Buchhandlung  entgegen.
Ausführliche  Prospekte  kostenlos  vom  Verlage.
        <pb n="3" />
        MÜNCHEN  ALS
INDUSTRIESTADT
VON  DR.  PHIL.  CARL  FRITZ

PUTTKAMMER  ü.  MÜHLBRECHT
BUCHHANDLUNG  F.  STAATS-  U.  RECHTSWISSENSCHAFT
1913  /  BERLIN  W.  56  /  FRANZÖSISCHE  STRASSE  28
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        Inhaltsverzeichnis

Seite
Vorwort  V
Literatur  VII
Einleitung:  Die  Großstadt  München,  ihr  Charakter  als  Residenz-,
Kunst-  und  Fremdenstadt  1
Erster  Abschnitt:  Klassen-  und  Berufsgliederung  der  Münchener
Bevölkerung  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Arbeiterklasse ­
  6
Zweiter  Abschnitt:  Soziale  Gliederung  der  Erwerbstätigen  und
Zuzugsverhältnisse  der  Arbeiter  14

Hauptteil:  Die  Großindustrie  in  München  (unter  Berücksichtigung
ihres  Standorts).
Dritter  Abschnitt:  Allgemeine  Lage  und  Lebensbedingungen

der  Münchener  Industrie  28
Vierter  Abschnitt:
Teil  I.  Graphische  Industrie,  Buchgewerbe,  Zeitungsdruck
und  Verlagswesen  46
Teil  II.  Kunstgewerbe-Industrie  62
Fünfter  Abschnitt:
Teil  I.  Bierbrauerei  86
Teil  II.  Maschinen-  und  Eisenindustrie  102
Teil  III.  Sonstige  bemerkenswerte  Industrien  125
Zusammenfassung  und  Ausblick  160
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        Vorwort
Vorliegende  Arbeit  entsprang  dem  Wunsche,  die  Gestaltung ­
  des  industriellen  Lebens  einiger  größerer  Städte  zu  untersuchen ­
  und  im  Zusammenhang  damit  auch  den  Klassenbildungsprozeß ­
  klarzulegen.  Leider  mußten  wir  auf  diese  letztere  Aufgabe ­
  verzichten,  da  es  an  dem  nötigen  verwendbaren  Material
fehlte.  Wir  haben  aber  in  der  Darstellung  der  Klassengliederung ­
  unter  Hervorheben  der  Arbeiterverhältnisse  einen  Ersatz
dafür  gefunden,  da  wir  aus  dieser  Darstellung,  welche  den
ersten  kleineren  Teil  der  Arbeit  bildet,  entnehmen  können,  in
welchem  Maße  die  Bevölkerung  an  dem  industriellen  Gedeihen
der  Stadt  Anteil  nimmt.  Unser  Hauptinteresse  galt  aber  der
Untersuchung,  wie  sich  die  Lage  der  Großindustrie  in  München ­
  heute  gestaltet;  denn  die  Frage,  ob  München  Industriestadt ­
  ist  und  ob  die  Stadt  für  neu  hinzuziehende  Industrien
einen  günstigen  Standort  bedeutet,  gehört  zu  den  schwerwiegendsten ­
  Problemen,  wie  sie  die  neuzeitliche  Entwicklung
schafft.
Wenn  es  mir  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  gelang,  einen
Überblick  über  die  Entwicklung  und  den  Stand  der  bedeutendsten ­
  Großbetriebe,  und  Industriezweige  überhaupt,  zu  geben, ­
  so  habe  ich  das  zunächst  der  weitgehendsten  und  liebevollsten ­
  Unterstützung,  wie  dem  regen  Interesse  der  verschiedenen ­
  Firmen  —  die  Isariazählerwerke  A.-G.  ausgenommen
—  zu  danken,  welche  mir  reichhaltiges  Material  überließen
und  mich  außerdem  mit  den  im  Laufe  der  Jahre  gesammelten
Erfahrungen  vertraut  machten.  Großen  Vorteil  gewährten  meiner ­
  Darstellung  außerdem  die  ausführlichen  Besprechungen  mit
den  Leitern  des  statistischen  Amts  der  Stadt,  den  Herren  Dr.
Morgenroth  und  Dr.  Fiack,  die  mir  einen  tieferen  Einblick  in
das  Erwerbsleben  der  Münchener  Bevölkerung  ermöglichten.
Es  sei  mir  an  dieser  Stelle  erlaubt,  ihnen  allen,  die  mich  beim
Zustandekommen  meiner  Arbeit  unterstützten,  meinen  herzlichsten ­
  Dank  auszusprechen.
Heidelberg,  Februar  1913.

Der  Verfasser,
        <pb n="6" />
        Literatur
Hansen,  Gg.:  Die  3  Bevölkerungsstufen.  1909.
Mombert:  Studien  zum  Bevölkerungswesen  in  Deutschland.  1907.
Schmidt,  Herrn.:  Citybildung  und  Bevölkerungsverteilung  in  den  Großstädten. ­
  1907.
Schnapper-Arndt:  Sozialstatistik.  1912.
Weber,  Alfred:  Standort  der  Industrien.  I.  Teil.
Derselbe:  Die  Standortslehre  und  die  Handelspolitik.  1911.  Archiv  f.
Sozialwissenschaft  Band  XXXII.

Bayern  und  seine  Gemeinden  unter  dem  Einfluß  der  Wanderungen  während
der  letzten  50  Jahre.  Statist.  Landesamt  Bayern.
Beiträge  zur  Statistik  des  Königreichs  Bayern.  Heft  82,  herausgegeb.  vom
stat.  Landesamt.
Berichte  der  Handelskammer  Münchens.  1910  und  1911.
Jahres-  und  Monatsberichte  des  stat.  Amtes  der  Stadt  München.
Mitteilungen  des  Statist.  Amts  der  Stadt  München,  insbes.  Band  XXII.
Heft  3  und  2  I.
Reichsstatistik:  Band  111,  116,  210.
Statistisches  Jahrbuch  Deutscher  Städte.  15.—18.  Jahrgang.
Statistisches  Jahrbuch  für  das  Königreich  Bayern  1910,  1911,  1912.
Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich.  1912.

Akten  aus  dem  Kreisarchiv.
Akten  aus  dem  Stadtarchiv.
Akten  aus  dem  Archiv  der  Münchener  Neuesten  Nachrichten.
Arnold:  Das  Münchener  Bäckergewerbe.
Bayrisches  Industrie-  und  Gewerbeblatt  Jahrgang  1895,  1900,  1905,  1910.
Beiträge  zur  Geschichte  des  Bieres  und  der  Brauerei.  Vorträge  von  Prof.
A.  Delbrück  und  Prof.  Dr.  Struve.  1903.
Bericht  des  Kgl.  Staatsministeriums  des  Innern  über  den  Stand  der  Wasserkraftausnutzung ­
  und  der  Elektrizitätsversorgung  in  Bayern  i.  J.
1910/11.
Bericht  über  die  Verhandlungen  des  deutschen  Werkbundes  vom  11.  und
12.  Juli  1908.
Bernstein:  Die  Arbeiterfrage.
Bode,  W.:  Kunst  und  Kunstgewerbe.
Bosch:  Die  Wasserkraftanlagen  im  Süden  der  Stadt  München.
        <pb n="7" />
        Brougier,  Ad.:  Gedanken  über  die  fernere  Entwicklung  Münchens  als
Industriestadt.
Festschrift  von  Nürnberg  1907,  verfaßt  von  Oberbürgermeister  Schuh.
Festschrift  des  Verbandes  Deutscher  Architekten-  und  Ingenieurvereine
1912:  München  und  seine  Bauten.
Festschrift  des  Aerzte-Vereins  1912.  Die  Entwicklung  Münchens  unter
dem  Einfluß  der  Naturwissenschaften  während  der  letzten  Dezennien.
Fischer-Tölz:  Handwerk  und  Kunst.
Geschichte  des  Münchener  Buchdruckergewerbes,  bearbeitet  von  Fuchs.
Gutmann,  A.:  Bayerns  Industrie  und  Handel  1907.
Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften.
Heller,  Alfr.:  Das  Buchgewerbe.  Die  wirtschaftliche  Bedeutung  seiner
technischen  Entwicklung.  München  1911.
Herzberg:  Das  Schneidergewerbe  in  München.
Isarwerke  G.  m.  b.  H.  München,  Ausstellungsdenkschrift  1908.
Jahrbuch  des  Deutschen  Werkbundes  1912:  Wege  und  Ziele  im  Zusammenhang ­
  von  Industrie,  Handwerk  und  Kunst.
Jahrbuch  der  Gehestiftung  zu  Dresden.  Bd.  IX.  1903.  (Die  Großstadt).
J  ö  ri  s  s  e  n:  Die  deutsche  Leder-  und  Lederwarenindustrie.
Jubiläums-  und  Festschriften  mehrerer  bearbeiteter  Firmen.
Kahn:  Münchens  Großindustrie  und  Großhandel  1895.
Kau  mann:  Das  Verwendungsgebiet  der  bayerischen  Wasserkräfte.
Mau  er  er:  Die  Lage  der  Brauereiarbeiter  in  München.  1902.
München,  I.  und  II.  Teil,  herausgeg.  vom  Verein  zur  Förderung  des  Fremdenverkehrs ­
  in  München  und  dem  bayer.  Hochland.
Neuhaus:  Die  deutsche  Volkswirtschaft  und  ihre  Wandlungen  im
XX.  Jahrhundert.
Rauecker:  Das  Kunstgewerbe  in  München  1911.
Rehlingen,  Frh.  v.,  Hugo:  Beruflich-soziale  Gliederung  der  Bevölkerung
des  Königreichs  Bayern  vom  Jahre  1840  bis  1907.
Stru  v  e:  Die  Entwicklung  des  bayerischen  Baugewerbes  im  19.  Jahrhundert.
Thuneyssen:  Das  Münchener  Schreinergewerbe.
Trefz:  Das  Wirtsgewerbe  in  München.
Unger:  Wie  ein  Buch  entsteht.  1911.
Wassermann:  Die  deutsche  Spiritusindustrie.
Weise:  Schrift-  und  Buchwesen  in  alter  und  neuer  Zeit.
Wibiral,  Rob.:  Kapitalkonzentration  im  Brauereigewerbe.
Wolfs  Jahrbuch  für  die  Deutschen  Aktien-Brauereien  und  Malzfabriken.
22.  Jahrgang  1912.
Zahn:  Die  Handwerksordnung  der  Münchener  Bierbrauer  vom  Jahre  1660
und  1776.
Zeitschrift  Nord  und  Süd:  Sonderheft  München.  35.  Jahrgang,  Band  136
Heft  424.
        <pb n="8" />
        Einleitung:
Die  Großstadt  München,
ihr  Charakter  als  Residenz-,  Kunst-  und
Fremdenstadt.
Mit  Recht  weist  in  den  Versen  seines  „Weihspruches  in
das  goldene  Buch  der  Stadt  München“  Paul  Heyse  auf  die
außergewöhnliche  Fürsorge  hin,  welche  die  regierenden  Fürsten ­
  seit  ihrer  Entstehung  der  Stadt  München  angedeihen  ließen, ­
  welches  seit  Überreichung  des  hohenstaufisch-friedericianischen
  Kaiserbriefes,  des  Spruchbriefes  Friedrich  Barbarossas,
im  Verlauf  von  anderthalb  Jahrhunderten  zu  Bedeutung  gelangt ­
  ist.  Trotzdem  war  München  bis  zum  Beginn  des  vorigen ­
  Jahrhunderts  eine  verhältnismäßig  kleine  Stadt.  Während
Augsburg  und  Nürnberg  im  Mittelalter  als  freie  Reichsstädte  in
der  Politik  und  im  Wirtschaftsleben  des  alten  Deutschen  Reichs
eine  höchst  einflußreiche  Stellung  einnahmen  und  dank  der
ihrer  Bürgerschaft  eigenen  Tatkraft  und  Wohlhabenheit  die
kommerziellen  und  gewerblichen  Verhältnisse  im  Süden
Deutschlands  beherrschten,  beruhte  die  Bedeutung  Münchens
fast  ausschließlich  auf  seiner  Eigenschaft  als  Residenzstadt, ­
  als  der  Herrschersitz  des  Fürstengeschlechts  Wittelsbach, ­
  das  auf  die  Wohlfahrt  der  Bürgerschaft  im  allgemeinen
in  patriarchalischem  Sinne  einen  höchst  segensreichen  Einfluß
übte.  Dennoch  nahm  die  Stadt  in  ihrem  Innern  im  Laufe  der
Jahrhunderte  immer  mehr  einen  großstädtischen  Charakter  an,
während  die  Umgebung  noch  lange  von  dieser  Umgestaltung
befreit  blieb.
Fritz,  München  als  Industriestadt.

1
        <pb n="9" />
        2

Wer  vor  einem  Menschenalter  über  den  Burgfrieden  der
Stadt  hinaus  in  die  Vororte  wanderte,  der  traf  dort  noch  meist
rein  ländliche  Verhältnisse.  Erst  der  Ausbau  der  Verkehrsverbindungen, ­
  die  Einführung  des  Vorortverkehrs  und  die  Ausdehnung ­
  des  Straßenbahnbetriebs,  das  immer  lebhaftere  Nachrücken ­
  der  städtischen  Bauquartiere,  die  Ansiedelung  von  Industrie ­
  in  manchen  Gemeinden  gaben  dem  ländlichen  Charakter ­
  der  Vororte  neue  Züge,  unter  denen  die  friedvolle
Idylle  einer  jahrhundertelangen  stillen  Entwicklung  rascher  und
immer  rascher  verschwindet.  Die  Vororte  werden  von  dem
Riesen  „Großstadt“  aufgesaugt,  sie  unterliegen  dem  Eingemeindungsprozeß ­
  und  das  ruhige  Bild  bäuerlichen  Erwerbslebens ­
  verschwindet  im  Großstadtgetriebe.
Um  von  dieser  enormen  Entwicklung  der  bayrischen
Hauptstadt  im  Verlauf  von  etwa  4  Jahrzehnten  einen  annähernden ­
  Begriff  zu  bekommen,  muß  man  das  München  der
70er  Jahre  mit  seinem  kleinstädtischen  Charakter  gekannt  haben ­
  und  muß  es  in  Parallele  bringen  zu  dem  München  von
heute.  Man  muß  sich  beispielsweise  einmal  das  Stadtmodell  im
Münchener  Nationalmuseum  besehen,  das  etwa  in  den  sechziger ­
  Jahren  angefertigt  wurde,  und  man  muß  daneben  den
neuen  zehntausendteiligen  Stadtplan  nach  den  Grundlagen  des
städtischen  Vermessungsamtes  legen!  Welche  Entwicklung,
welches  Dehnen  und  Strecken  und  Recken  eines  Riesenkörpers,
der  das  enge  Mieder  steinerner  Mauerringe  sprengte,  der  hineinwuchs ­
  in  die  Natur,  eins  wurde  mit  der  Landschaft,  die
Ufer  der  Isar  okkupierte,  in  der  grünen  Umgebung,  die  in
den  Burgfrieden  einbezogen  wurde,  neue,  gesunde,  behagliche
und  komfortable  Wohnungen  fand!  Und  heute,  nach  dieser
segensreichen  Entwicklung,  gehört  München  zu  jenen  Städten,
die  wegen  einer  Bevorzugung  zu  Mittelpunkten  einer  gesteigerten ­
  Geselligkeit  und  Luxusentfaltung  geworden  sind,  die
sich  in  hervorragender  Weise  der  Pflege  von  Kunst  und  Wissenschaften ­
  widmen,  die  daher  auch  einen  starken  Fremdenverkehr ­
  aufweisen,  zu  den  sogenannten  „geselligen  Städten“. ­
  In  ihm  zeigt  sich  eine  ausgesprochene  Citybildung  und
eine  fortschreitende  Dezentralisation  des  Wohnungsmarktes.
Die  Mitte  wird  gemeinsamer  Tätigkeit  und  gemeinsamem  Ver ­
        <pb n="10" />
        3

1*

gnügen  Vorbehalten,  in  den  äußeren  Bezirken  dagegen  nimmt
die  Wohnbevölkerung  rasch  zu.  Rings  um  die  Stadt  ziehen
sich  Fabriken  und  Erholungsstätten,  die  aber  mit  der  Erweiterung ­
  des  Bauareals  immer  weiter  hinausgedrängt  werden.  Das
„gesellige  München“  hat  sich  in  ursprünglichem  Zustande  erhalten, ­
  dank  der  Fürsorge  des  königlichen  Hauses,  das  als
Hauptziel  die  Verschönerung  der  Landeshauptstadt,  ihre  Erhebung ­
  zur  ersten  Pflegestätte  der  Kunst  und  Wissenschaft  in
deutschen  Landen  im  Auge  behielt.
„Ich  will  aus  München  eine  Stadt  machen,  die  Teutschland
  zur  Ehre  gereichen  soll,  daß  keiner  Teutschland  kennt,
wenn  er  nicht  auch  München  gesehen  hat,“  diese  Worte  hat
König  Ludwig  I.  buchstäblich  zur  Wahrheit  gemacht.  Seine
Regierungszeit  ist  geradezu  das  Zeitalter  der  Wiedergeburt
der  bildenden  Künste  und  daß  in  Deutschland  München  der
Mittelpunkt  erfolgreicher  Kunstbestrebungen  geworden,  ist  tatsächlich ­
  sein  Werk.  München  trägt  von  jener  Zeit  her  das
Gepräge  einer  Kunststadt  und  diesen  Ruf  zu  erhalten  ist
man  ängstlich  bis  in  die  neueste  Zeit  bestrebt  und  die  städtischen ­
  Kollegien  schienen  dies  zu  ihrer  wesentlichen  Aufgabe
gemacht  zu  haben.  Diese  ernste  Kunstpflege  auch  durch  den
Landesherrn  ist  ja  bekanntlich  von  erstaunlichem  wirtschaftlichen ­
  Erfolge  belohnt  worden.  Obwohl  München  weder
Handels-  noch  Industriezentrum  ist,  hat  es  sich  ungeahnt  rasch
aus  einer  mehr  landstädtischen  Residenz  zu  einer  der  größten
Städte  Deutschlands  entwickelt.  Dazu  trägt  noch  die  stete
Steigerung  seines  Fremdenverkehrs  weiter  bei.  München  ist
Fremdenstadt  heute  im  weitesten  Sinne  des  Wortes.  Nach
Angaben  der  Königl.  Polizeidirektion  bezifferte  sich  die  Zahl
der  Meldungen  vorübergehend  anwesender  Fremden  1911  auf
551  585  —  also  nahezu  die  Größe  der  Einwohnerzahl,  in  Wirklichkeit ­
  aber  dürften  es  nicht  unter  eine  Million  sein  —,  während ­
  die  Anzahl  derselben  im  Jahre  1909  erst  480763  betrug.
Beigefügte  Tabelle  gibt  genügend  Aufschluß  über  die  rasche
Zunahme  des  Fremdenzuzugs  in  der  „Königsstadt“.
Fremdenverkehr  in  München  (soweit  polizeilich  gemeldet)
aus  den  Akten  des  stat.  Amts  der  Stadt  München  entnommen.
        <pb n="11" />
        4

Jahr

dauernd
anwesende

Fremde
vorübergehend
anwesende

zusammen

1911

66812

551  585

618397

1910

58676

523025

581  701

(Ausstellung  München  1910,  Oberammergauer  Passionsspiele,
Jahrhundertfeier  des  Oktoberfestes.)

1909

52802

504026

556828

1908

54188

480763

534951

(Ausstellung  München  1908.)
Im  Jahre  1910  war,  wie  eine  Zusammenstellung  des  Straßburger ­
  statistischen  Amts  zeigt,  der  Münchener  Fremdenverkehr ­
  der  größte  von  allen  deutschen  Städten  —  mit  Ausnahme
des  Verkehrs  Von  Berlin.  1910  wurden  nämlich  in  München
581701  P.ersonen  gemeldet,  während  der  Berliner  Fremdenverkehr ­
  sich  auf  1  178  609  Personen  belief.
Dabei  besteht  noch,  nicht  nur  in  München,  neben  den
polizeilich  gemeldeten  Fremden  die  Zahl  derjenigen  Personen, ­
  welche  in  Privathäusern,  bei  Verwandten,  Bekannten  etc.
längere  öder  kürzere  Zeit  in  München  anwesend  waren.  Würde
man  hierüber  einen  statistischen  Nachweis  führen  können,  so
würde  zweifellos  die  Summe  aller  in  München  anwesenden
Fremden  noch  eine  ganz  erhebliche  Steigerung  erfahren.
Der  Nutzen  des  Fremdenverkehrs  verteilt  sich  in  München ­
  nicht  allein  auf  eine  oder  wenige  Schichten  der  Bevölkerung, ­
  sondern  alle  Volkskreise  sind  mehr  oder  weniger
daran  interessiert,  vom  Handwerker  bis  zum  Großhändler,
Architekten  und  Bankier.  Daher  haben  im  vergangenen  Jahrzehnt ­
  zweifellos  diejenigen  Bemühungen  am  meisten  Erfolg
gehabt,  welche  darauf  hinzielten,  München  zu  einem  Hauptort ­
  des  internationalen  Fremdenverkehrs  zu  machen.  Dennoch
muß  es  die  würdigste  Aufgabe  für  ein  großes  modernes  Gemeinwesen ­
  bleiben,  —  und  dies  kann  nicht  genügend  betont
werden  —  seine  wirtschaftliche  Blüte  auf  der  intensiven  Mitarbeit ­
  an  den  großen  wirtschaftlichen  Aufgaben  der  Gegenwart ­
  zu  begründen,  auf  der  industriellen  Basis  eines  gesunden
gewerblichen  Lebens  seiner  Bewohner.  Von  diesem  Gedanken
        <pb n="12" />
        5

ließen  sich  gewiß  jene  warnenden  Stimmen  aus  der  Münchener ­
  Bevölkerung  selbst  leiten,  welche  der  glänzenden  Entwicklung ­
  Münchens  als  Fremdenstadt,  als  „Rensionopolis“,  ein
Halt  zurufen  möchten.  Haben  nun  diese  .Warner  recht?  „Was
veranlaßt  diese  plötzliche  Kursänderung?  Welche  Gründe  sprechen ­
  dafür,  aus  der  Musenstadt  in  Zukunft  eine  durch  Rauch
und  Ruß  geschwärzte  Industrie-Niederlassung  zu  machen?“
fragt  Brougier  in  seiner  kleinen  Broschüre  „Gedankenüber
die  fernere  Entwicklung  Münchens“.  Er  glaubt,  nur  die  Angst
vor  dem  Rückgang  der  Grundwerte  würde  solche  Bestrebungen ­
  hervorbringen,  denn  die  Besitzer  von  Aktien  oder  Anteilscheinen ­
  von  Terraingesellschaften,  ebenso  wie  die  Besitzer
von  Zinshäusern,  insbesondere  die  Terrainspekulanten,  würden ­
  jedes  angängige  Mittel  willkommen  heißen,  das  geeignet
erscheint,  durch  Belebung  der  Bautätigkeit  die  Boden-  und
Grundwerte  wieder  zu  heben.  Aber,  möchten  wir  einwenden,
sind  es  nicht  Erfolge  auf  industriellem  Gebiete  gewesen,  welche
dem  deutschen  Reich  einen  führenden  Platz  angewiesen  haben ­
  im  Rate  der  Völker  und  sind  eben  diese  industriellen  Erfolge ­
  ihrerseits  nicht  Ursache  für  politische  Umgestaltungen
nach  innen  und  außen  hin  geworden!  Nach  außen,  weil  sie
für  die  Einigung  Deutschlands  ein  sehr  wesentliches  Subtrakt
gebildet  haben  und  weil  sie  nach  der  erfolgten  Einigung  in
ihrer  ungeheuren  überseeischen  Entfaltung,  in  ihrem  Einfluß
auf  den  Welthandel  für  die  Politik  des  Reiches  mitbestimmend
geworden  sind;  nach  innen,  weil  sie  die  soziale  Gesetzgebung
veranlaßten  und  damit  ein  Gebiet  schufen,  welches  für  alle
Zeiten  einen  kulturgeschichtlichen  Markstein  bilden  wird  und  in
welchem  gegenwärtig  Deutschland  noch  die  führende  Stellung
zukommt.
Inwieweit  Münchens  Zukunft  neben  seiner  Verkehrsbedeutung ­
  als  Fremdenstadt  auch  in  seiner  Industrie  liegen  muß,
wollen  wir  in  dem  späteren  Hauptabschnitt  der  vorliegenden
Arbeit  untersuchen.  Zunächst  müssen  wir  uns  über  seine
Klassengliederung  klar  werden,  um  aus  ihr  zu  sehen,  wieweit
die  Bevölkerung  die  Veranlagung  dazu  hat,  tatkräftig  einzugreifen ­
  in  den  geschäftlichen  Konkurrenzkampf  und  in
welchem  Maße  sie  an  dem  Blühen  der  industriellen  Großbetriebe ­
  Anteil  nimmt.
        <pb n="13" />
        Erster  Abschnitt:
Klassen-  und  Berufsgliederung  der  Münchener
Bevölkerung  mit  besonderer  Berücksichtigung
der  Arbeiterklasse.
Unter  den  Hilfsmitteln,  die  in  den  Dienst  dieser  Ermittlung ­
  der  Klassenbildung  Münchens  gestellt  sind,  nehmen
die  Ergebnisse  der  Berufszählungen  des  Reiches  wie  namentlich ­
  des  statistischen  Amtes  der  Stadt  München  selbst  verdientermaßen ­
  den  ersten  Platz  ein.  Die  Verteilung  der  Bevölkerung
auf  die  einzelnen  Berufe  mit  ihren  zahlreichen  Unterarten  in
der  Industrie  und  im  Handel  geben  die  deutlichsten  Auskünfte
darüber,  was  den  Menschen  in  der  Großstadt  festhält,
was  ihn  bewogen  hat,  seine  Heimat  zu  verlassen  um
sich  hier  erwerbend  niederzulassen.  Um  aber  einen  möglichst ­
  zusammenhängenden  Überblick  zu  erhalten,  wollen  wir
auch  die  wirtschaftliche  Lage  Münchens  nicht  ganz  unberücksichtigt ­
  lassen.  Denn,  „dinglich-wirtschaftliche  und  persönlich-soziale ­
  Kultur  stehen  in  mannigfacher  Hinsicht  in  Wechselwirkung ­
  und  der  Entwicklungslauf  einer  Gesellschaftsschicht
sowohl,  wie  der  ganzen  Bevölkerung  einer  Stadt  stellt  sich
als  ein  Auf  und  Nieder  in  den  vielgestaltigen  Verknüpfungen
wirtschaftlicher  und  sozialer  Zusammenhänge  dar“.  Die  Großstädte, ­
  die  Produkte  unserer  wirtschaftlichen  Entwicklung,
hängen  in  Wirklichkeit  aufs  innigste  zusammen  mit  der  gewaltigen ­
  quantitativen  und  qualitativen  Steigerung  der  materiellen ­
  Kräfte  und  mit  der  Vermehrung  der  Bevölkerung.
Aus  den  neuzeitlichen  staatswissenschaftlichen  Betrachtungen ­
  —  auf  Grund  der  modernen  Wirtschaftsentwicklung  —
wurde  auch  ersichtlich,  daß  die  Glieder  einer  Volkswirtschaft
        <pb n="14" />
        nicht  eine  Gesamtheit  gleicher  Einzelindividuen  sind,  sondern
sich 1  vielmehr  nach  dem  Maße  von  Vermögen  und  Einkommen,
nach  der  Berufsart  und  Stellung  innerhalb  des  Berufs,  nach
dem  Bildungsgrad  usw.  in  soziale  Gruppen  gliedern.  Vom
volkswirtschaftlichen  Standpunkt  aus  sind  in  der  Bevölkerung
4  solche  Gruppen  zu  unterscheiden:  Erwerbstätige  im  Hauptberuf, ­
  Dienende  im  Haushalte  der  Herrschaft,  Angehörige  ohne
Hauptberuf  und  beruflose  Selbständige.  Der  Charakter  der
beruflichen  Gliederung  der  Bevölkerung  der  Großstädte  ist
nicht  allein  durch  das !  besonders  häufige  Vorkommen  gewisser
Berufe  bestimmt;  die  Großstädte  charakterisieren  sich  öfters
dadurch,  daß  in  ihnen  sämtliche  Berufe  vertreten  sind,  abgesehen ­
  von  solchen,  deren  Ausübung  von  dem  Vorhandensein ­
  besonderer  natürlicher  Bedingungen  abhängig  ist.  Die
Großstädte  untereinander  unterscheiden  sich  tatsächlich  dadurch, ­
  daß  in  einigen  von  ihnen  die  große  Masse  der  Erwerbstätigen ­
  bestimmten  Berufen  angehört,  wie  z.  B.  in  Nürnberg ­
  und  Hamburg,  und  diese  Städte  somit  als  Industrie-  oder
Handelsstädte  anzusehen  sind.  Bei  anderen  bildet  das  unterscheidende ­
  Merkmal,  daß  sie  in  ihrem  Burgfrieden  eine
Mineralquelle  besitzen  (Badestädte),  daß  ihre  Lagen  ganz  vorzügliche ­
  sind  für  leidende  Personen  oder  daß  sie  die  Oberbehörde ­
  der  Regierung  in  ihren  Mauern  als  Residenzstädte  umfassen. ­
  Letzteres  ist  auch  bei  München  der  Fall,  obwohl,
wie  wir  sehen  werden,  hier  gewerbliche  Berufe  vertreten  sind,
welche  ihm  ein  industrielles  Gepräge  verleihen.  Die  industriellen ­
  Berufszweige  treten  in  München  absolut  und  relativ
nicht  sehr  hervor,  weil  außer  dem  Handel  auch  der  öffentliche
Dienst  viele  Personen  beschäftigt  und  namentlich  die  berufslosen ­
  Selbständigen  sehr  zahlreich  vertreten  sind.  Immerhin
verleiht  auch  der  Münchener  Bevölkerung  die  Industrie  den
wirtschaftlichen  Grundzug.  —
Die  Münchener  Bevölkerung  stieg  von  234129  Seelen  im
Jahre  1882  auf  391  307  im  Jahre  1895  und  533  253  im  Jahre
1907.  Der  Zuwachs  betrug  von  1882—1895:  157178  (==  67,1  o/ 0 )
und  von  1895—1907  141  946  Personen  (=  36,3o/o).  Dabei  darf
man  nicht  außer  Acht  lassen,  daß  wegen  der  gegen  1882  wesentlich ­
  erhöhten  Grundzahlen  des  Jahres  1895  die  Epoche  1895
        <pb n="15" />
        8

bis  1907  einen  relativ  geringeren  Zuwachs  als  die  vorhergehende
aufweist,  obwohl  die  absolute  Zunahme  im  allgemeinen
stärker  ist.
In  engem  Zusammenhang  mit  dem  gewaltigen  Wachstum
seiner  Bevölkerung  hat  München  die  bedeutendste  Steigerung
seiner  Gewerbetätigkeit  aufzuweisen.
Die  Erwerbstätigen  stiegen  nämlich  von  97  245  (=  41,5°/o
der  Gesamtbevölkerung)  im  Jahre  1882,  wo  man  München
noch  als  „gewerbearm“  bezeichnen  konnte,  auf  180818
(=  46,2o/o  der  Gesamtbevölkerung)  im  Jahre  1895,  d.  i.  mehr
gegen  1882  um  83  573  (—  85,9°/o).  Im  Jahre  1907  wuchs  die
erwerbstätige  Bevölkerung  auf  232  887  (=43,7o/ 0 ),  also  um
52  069  (=  28,8)  mehr  wie  1895.
Im  allgemeinen  gliedert  sich  die  Bevölkerung  in  München
wie  uns  folgende  Übersicht  der  Mitt.  des  statist.  Amts  der
Stadt  München  (Bd.  XXII.  Heft  2/1)  deutlich  zeigt:

Gliederung

männl
Zahl

ich
in  %

weibl
Zahl

ich
in  %

zusam
Zahl

men
in  %

Erwerbstätige
Beruflose

158656

62,76

74231

26,47

232887

43,67

Selbständige

20694

8,19

24561

8,76

45255

8,49

Dienstboten

467

0,19

23120

8,24

23587

4,42

Familienangehörige

72  960

28,86

158564

56,53

231  524

43,42

zusammen

252  777

100

280  476

100

533253

100

„Der  Prozentsatz  der  Erwerbstätigen  und  der  berufslosen
Selbständigen,  von  deren  Tätigkeit  und  Vermögen  die  beiden
übrigen  Bevölkerungsgruppen  wirtschaftlich  abhängen,  macht
etwas  über  die  Hälfte  der  Bevölkerung  überhaupt  aus.  Nach
Geschlechtern  unterschieden,  ändert  er  sich  jedoch  merklich
und  beträgt  beim  männlichen  über  70o/ 0 ,  beim  weiblichen
nur  mehr  35  o/o  der  gesamten  männlichen  bezw.  weiblichen
Einwohnerschaft.  Andererseits  ist  der  Anteil  der  männlichen
gegenüber  den  weiblichen  Dienstboten  verschwindend  gering,
wie  auch  die  weiblichen  Familienangehörigen  die  männlichen
sehr  erheblich  übertreffen.
        <pb n="16" />
        Bei  Zugrundelegung  des  prozentualen  Verhältnisses  der
beiden  Geschlechter  zueinander  entfallen  auf  das  männliche
Geschlecht  68,lo/ 0  und  auf  das  weibliche  31,9%  aller  Erwerbstätigen, ­
  während  die  entsprechenden  Ziffern  für  die
selbständigen  Berufslosen  45,7  bezw.  54,3,  für  die  Dienstboten ­
  2,0  bezw.  98,0  und  für  die  Familienangehörigen  31,5
bezw.  68,5  lauten.“  (Mitteilungen  des  statistischen  Amts  der
Stadt  München  Bd.  XXII.  H.  2/1  p.  18).
Wenn  somit  auch  die  weiblichen  Familien-An  gehörigen ­
  die  männlichen  noch  übertreffen,  so  hat  doch  der  Anteil ­
  der  ersteren  sehr  schnell  von  1882—1907  abgenommen.
Dies  kommt  eben  nach  unserer  Ansicht  davon,  daß  die  moderne
Industrie  und  die  Ausstattung  der  Wohnungen  mit  Wasserleitung, ­
  Kanalisation  usw.  einen  nicht  geringen  Teil  der  früher
zu  leistenden  Arbeit  dem  häuslichen  Betätigungsgebiete  des
weiblichen  Geschlechts  entzogen,  sowie  auf  der  andern  Seite
die  neuzeitliche  Emanzipationsbewegung  der  Frauen  eine  erhebliche ­
  Zahl  noch  im  Hause  wirkender  Angehöriger  ihrem
weiblichen  Berufe  allmählich  entfremdet  hat.  Dadurch  sind
nun  viele  weibliche  Arbeitskräfte  für  eine  Erwerbstätigkeit
außerhalb  der  Familie  frei  geworden.  Dementsprechend  ist
ja  auch  die  absolute  Anzahl  der  weiblichen  in  einem  Hauptberuf ­
  Erwerbstätigen  erstaunlich  gewachsen.
Daß  bei  der  männlichen  Bevölkerung  der  Anteil  der
Familienangehörigen  nur  relativ  wenig  zurückgegangen  ist,  läßt
sich  vielleicht  auf  folgende  Ursachen  zurückführen:  größere
Beschäftigungsmöglichkeit  der  jungen  Arbeiter  durch  die  Industrie ­
  und  Anstreben  besserer  Bildung  durch  größere  Wohlhabenheit ­
  der  Eltern  derselben.  Während  so  die  wirtschaftlichen ­
  Veränderungen  einen  Teil  der  Söhne  aus  dem  Elternhaus ­
  früh  zum  Erwerb  hinaustreiben,  halten  sie  dafür  einen
andern  Teil  länger  wie  früher  dort  zurück.
Die  selbständigen  Berufslosen,  welche  aus  sozial  und
wirtschaftlich  höchst  verschiedenen  Gruppen  zusammengesetzt
sind,  besitzen  als  allgemeine  Erscheinung  den  „Zug  nach  der
Stadt“.  Dies  hatte  für  München  auch  eine  Bevölkerungs-Agglomeration
  der  Berufslosen  zur  Folge.  Speziell  hier  stieg
nach  den  Berechnungen  Dr.  v.  Rehlingen-Haltenbergs  die
        <pb n="17" />
        10

Zahl  der  Berufslosen  im  Zeitraum  von  1871—1907  von  13  008
auf  45  255,  also  eine  Mehrung  um  das  3V 2 fache.  Diese
soziale  Erscheinung  beruht  nach  ihm  vor  allem  darauf,  daß
„gerade  in  den  größten  Städten  sich  diejenigen  Volksangehörigen ­
  sammeln,  welche  infolge  des  erhöhten  .Wohlstandes ­
  von  der  beruflichen  Tätigkeit  zurücktreten  und  von
Renten  und  Pensionen  leben.“  Auch  hat  die  Zahl  der  in
Anstalten  zwecks  Ausbildung  und  Studien,  also  außerhalb  des
Familienhaushaltes  lebenden  Personen  in  München  stark  zugenommen ­
  (8839  männliche  und  2359  weibliche)  da  es  nicht
nur  Universität,  sondern  technische,  tierärztliche,  Handels-  und
Musikhochschule,  sowie  Akademie  der  bildenden  Künste  besitzt. ­
  Namentlich  sind  es  die  norddeutschen  und  Rheinpfälzer
Studenten,  die  München  auf  1  oder  2  Semester  zu  ihrem
Wohnsitz  machen.  Schließlich  darf  das  große  Beamtenheer
(nahezu  1 / 2  Hunderttausend)  nicht  übersehen  werden,  welches
gerade  dadurch  bedingt  ist,  daß  in  München  sich  die  höchsten
Staatsbehörden  und  die  Residenz  selbst  befinden;  denn  durch
die  Zunahme  der  öffentlichen  wie  der  privaten  Beamten  und
Angestellten  ist  eine  starke  Mehrung  der  Pensionäre,  sowie
durch  die  Unfall-  und  Invalidenversicherung  eine  bedeutende
Zunahme  invalider  Rentner  eingetreten,  deren  Zahl  sich  auf
23  774  ohne  Familienangehörige  beläuft.
Mehr  noch  als  die  Zugehörigkeit  zu  den  großen  Bevölkerungsgruppen ­
  bedingt  die  Zugehörigkeit  zu  einem  bestimmten ­
  Berufe  die  soziale  Oesamtstellung  eines  Menschen.
Auch  die  Berufszugehörigkeit  hat  in  erster  Linie  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung,  sie  ist  aber  als  eine  Eigenschaft  des
Wirtschaftssubjektes  aufs  engste  mit  diesem  verbunden  und
daher  sozialwissenschaftlich,  d.  h.  für  die  Betrachtung  der
Unterschiede  der  menschlichen  Lebenshaltung  und  gesellschaftlichen ­
  Schichtung  von  nicht  zu  unterschätzendem  Werte.
Denn  durch  die  Berufszugehörigkeit  ist  in  den  meisten  Fällen
von  vornherein  in  großen  Umrissen  die  Entscheidung  getroffen ­
  über  die  Ausgestaltung  der  Lebenstätigkeit,  ferner
über  die  Aussichten  für  Vermögenserwerb  sowie  das  Aufsteigen ­
  zu  einer  höheren  sozialen  Klasse,  über  die  Gefahren
und  Krankheiten  in  körperlicher,  geistiger  und  sittlicher  Hin ­
        <pb n="18" />
        11

sicht,  über  das  Maß  der  unbedingt  erforderlichen  Bildung
und  schließlich  über  das  normale  Maß  der  Lebenshaltung  und
des  gesellschaftlichen  Ansehens.
Aus  den  Mitteilungen  des  statistischen  Amtes  der  Stadt
München  entnehmen  wir  folgende  allgemeine  Übersicht:

Die  Bevölkerung  nach  Hauptberufsabteilungen.

Hauptberufsabteilungen ­


männl
Zahl

ich
%

weibli
Zahl

ch
%

zusam
Zahl

men
°/o

A.  Land  und  Forstwirtschaft ­


2919

1.15

2503

0.89

5422

1.02

B.  Industrie

117117

46.33

107241

38.23

224  358

42.07

C.  Handel  und  Verkehr ­


63011

24.92

79505

28.35

142  516

26.72

D.  Lohnarbeit
wechselnder  Art

10255

4.05

16396

5.85

26  651

5.00

E.  Öff.  Dienst  und
freie  Berufe

33216

13.13

28585

10.19

61801

11.59

F.  Ohne  Beruf  und
Berufsangabe

26259

10.42

46246

16  49

72505

13.60

Zusammen

252  777

100

280476

100

533253

100

Mit  Einschluß  ihrer  Dienstboten  und  Familienangehörigen  leben
etwa  42o/o  aller  Münchener  von  industrieller  Tätigkeit,  es
folgen  mit  26,7o/ 0  Handel  und  Verkehr,  mit  11,6  o/o  öffentlicher
Dienst  und  freie  Berufe,  mit  5  o/o  die  Lohnarbeit  wechselnder
Art  und  nur  mit  1  o/ 0  Land-  und  Forstwirtschaft,  während
die  Berufslosen  13,6o/o  der  Oesamtbevölkerung  ausmachen.
Bei  der  Gliederung  nach  dem  Geschlecht  verschieben  sich
diese  Prozentsätze.  Es  überwiegen  in  der  Industrie  und  dem
öffentlichen  Dienst  einschließlich  der  freien  Berufe  die  Männer,
im  Handel  und  Verkehr,  bei  den  Berufslosen  und  den  wechselnde ­
  Lohnarbeit  verrichtenden  Personen  die  Frauen.
Scheidet  man  die  Hauptberufsabteilungen  nach  Erwerbstätigen, ­
  Dienenden  und  Angehörigen,  so  ergibt  sich  aus  nachstehender ­
  Tabelle:
        <pb n="19" />
        Erwerbstätige,  Dienende  und  Familienangehörige  nach
Hauptberufsabteilungen.

Hauptberufs- ­




Erwerbs ­
 ­


Dienende ­


Angehörige ­


Von  je
Berufsa
Erwerbs ­
 ­


100  Pers
bt.  entfa
Dienende ­


onen  jed.
llen  auf
Angehörige ­


A

2643

328

2451

48.7

6.1

45.2

B

109148

5486

109  724

48.7

2.4

48.9

C

71  174

5736

65606

50.0

4.0

46.0

D

16670

109

9  872

62.6

0.4

37.0

E

33252

5222

23327

53.8

8.5

37.7

F

45255*)

6706

20544

62.4

9.3

28.3

Zus.

278142

23587

231  524

52.2

4.4

43.4

Daß  der  relative  Anteil  der  Erwerbstätigen  in  der  unsteten
Lohnarbeit  am  größten,  ist  ein  Charakteristikum,  wie  bei  der
sozialen  Gliederung  deutlich  zu  Tage  tritt,  des  gesamten  Münchener ­
  Wirtschaftslebens.  In  der  Industrie  ist  die  absolute
Zahl  der  Erwerbstätigen  die  höchste,  aber  relativ  steht  sie
mit  48,7o/o  auf  gleich  niedriger  Stufe  wie  die  Zahl  der  in
der  Land-  und  Forstwirtschaft  erwerbstätigen  Personen.
Bei  der  Betrachtung  der  einzelnen  Berufsgruppen  nach
folgender  Tabellenübersicht:

Die  Bevölkerung  nach  Berufsgruppen

Berufsgruppen ­


Perso
überh:
Zahl

nen
lupt
%

Berufsgruppen ­


Perso
überh:
Zahl

nen
rupt
%

I

5  061

1.0

XIV

33155

6.2

II

361

0.1

XV

8903

1.7

III

251

—

XVI

39  590

7.4

IV

4041

0.8

XVII

11921

2.2

V

23  490

4.4

XVIII

6109

1.1

VI

23255

4.4

XIX

1061

0.2

*)  Selbständige  Berufslose.
        <pb n="20" />
        Berufs-Personen



Berufs-Personen



überhaupt

überhaupt

gruppen

Zahl

%

gruppen

Zahl

%

VII

2411

0.5

XX

70121

13.2

VIII

2  706

0.5

XXI

4  907

0.9

IX

2612

0.5

XXII

47058

8.8

X

3013

0.6

XXIII

20420

3.8

XI

7659

1.4

XXIV

26  651

5.0

XII

23152

4.3

XXV

61801

11.6

XIII

31029

5.8

XXVI

72  505

13.6

Zus.

533253

100

muß  uns  auffallen,  daß  die  Gruppe  XXVI  „Ohne  Beruf  und
Berufsangabe“  mit  72  505  Personen  von  allen  Gruppen  die
stärkste  Besetzung  aufweist.  Verhältnismäßig  wenig  geringer
ist  die  Gruppe  XX  (Handelsgewerbe)  vertreten,  während  die
Industriegruppen  V—XIII  in  der  Mittelstellung  sich  einreihen
lassen.  Hervorzuheben  ist  nur  Gruppe  XIII  selbst,  die  Industrie ­
  der  Nahrungs-  und  Genußmittel  mit  31  029  beschäftigten ­
  Personen.  Dahin  gehören  die  jeder  Großstadt  eigentümlichen ­
  Großbäckereien,  Großschlächtereien  sowie  die
Konservenfabriken,  welche  bei  unserer  späteren  Betrachtung
ausscheiden.  Die  Gruppe  V,  Metallverarbeitung,  mit  23  490
und  die  folgende  der  Industrie  der  Maschinen,  Instrumente
und  Apparate  mit  23  255,  sowie  die  Gruppe  XII,  der  Industrie ­
  der  Holz-  und  Schnitzstoffe  mit  23152  Personen  stehen
obenan  und  sind  hier  besonders  hervorzuheben,  da  die  sonstigen
in  der  vorstehenden  Tabelle  angeführten  Berufsgruppen  die
Zahl  10  000  der  beschäftigten  Personen  nicht  erreichen.  Um
zu  zeigen,  wie  sehr  Münchens  chemische  Industrie  noch  im
Entwicklungsstadium  sich  befindet,  wollen  wir  zum  Schlüsse
noch  auf  die  geringe  Zahl  der  2411  darin  erwerbstätigen  Personen, ­
  d.  i.  0,5  o/o  der  in  Berufen  stehenden  Bevölkerung  Münchens, ­
  ergänzend  hinweisen.  —
        <pb n="21" />
        Zweiter  Abschnitt:

Soziale  Gliederung  der  Erwerbstätigen  und
Zuzugsverhältnisse  der  Arbeiter.
Um  die  Klassengliederung  der  Münchener  Bevölkerung
ganz  zu  verstehen,  müssen  wir  in  folgendem  die  soziale
Gliederung  der  Bewohnerschaft  näher  ins  Auge  fassen.
Die  deutsche  Statistik  unterscheidet  in  den  3  Berufszählungen ­
  von  1882,  1895  und  1907  drei  sozial  voneinander
verschiedene  Klassen  der  erwerbstätigen  Bevölkerung,  soweit
sie  den  Berufsabteilungen  Landwirtschaft,  Industrie,  Handel
und  Verkehr  (A—C)  angehört:
Selbständige  (einschließlich  der  leitenden  Beamten),  Angestellte ­
  (alle  nicht  leitenden  wissenschaftlich,  technisch  oder
kaufmännisch  gebildete  Beamte)  und  Arbeiter.
Wir  wollen  auf  diese  Unterscheidung  eingehend,  dennoch
nicht  außer  acht  lassen,  daß  München  als  Metropole  der  Kunst
txnd  als  Residenzstadt  auffallend  viel  Berufszugehörige  des
höheren  Dienstes,  der  Wissenschaft  und  Künste,  sowie  der
Rentner  und  Pensionäre  besitzt  und  daher,  wie  aus  späteren
Berechnungen  folgt,  die  Arbeiterklasse  im  Vergleich  mit  der
Gesamtbevölkerung  einen  verhältnismäßig  geringen  Teil  derselben ­
  ausmacht.  Deshalb  sind  auch  in  München  die  Entwicklungstendenzen ­
  der  3  sozialen  Klassen  der  Selbständigen,  Angestellten ­
  und  Arbeiter  ganz  andere  wie  in  sämtlichen  Kreisen
Bayerns  und  im  Deutschen  Reich.  Wenn  auch  bei  Betrachtung ­
  der  Verschiebung  der  beruflichen  Volksgliederung  allgemein ­
  eine  starke  Zunahme  der  gewerblichen,  industriellen
und  Handelsbevölkerung  als  hervorragende  Erscheinung  festgestellt ­
  werden  konnte,  so  ist  doch  die  soziale  Umschichtung
in  München  selbst  nicht  gekennzeichnet  durch  absolute  Ab ­
        <pb n="22" />
        15

nähme  der  Selbständigen  und  rasches  Anwachsen  der  Arbeiterklasse, ­
  wenn  auch  die  Relativzahlen  das  Gegenteil  zu
bezeugen  scheinen.

In  München  waren

1895

1907

1895
in  %  a  b  c

1907
in  %  a  b  c

Selbständige

34  595

40  411

23,5

22,1

Angestellte

11  918

22  879

8,1

12,5

Arbeiter

100  958

119  675

68,4

65,4

Es  haben  demnach  entgegen  der  allgemeinen  Tendenz
die  Selbständigen  absolut  um  5816  zugenommen  (rel.  —  1,4),
obwohl  die  „Alleinbetriebe  in  dem  ganzen  Bannkreis  der  Stadt
erfreulicherweise  abgenommen  haben“.  (Gewerbestatistik
des  statistischen  Amts  der  Stadt  München.)  Diese  eigentümliche ­
  Tatsache  zu  begründen,  bedürfte  es  ganz  eingehender
Lokaluntersuchungen,  da  dies  nicht  aus  den  allgemeinen  Ergebnissen ­
  der  Berufs-  und  Betriebszählungen  zu  erklären  ist.
Die  fehlenden  Untersuchungen  einwandfrei  durchzuführen,  bedarf ­
  auch  außerordentlicher  Lokalkenntnis  und  fällt  aus  dem
Rahmen  dieser  Arbeit  heraus.  Einen  äußerst  raschen  Aufschwung ­
  haben  die  Angestellten  genommen,  deren  Zahl  nicht
nur  absolut,  sondern  auch  relativ  sehr  gestiegen  ist.  Dies
hat  auch  darauf  eingewirkt,  daß  1907,  obwohl  die  Arbeiterzahl ­
  absolut  sich  um  18  717  erhöhte,  auf  100  Erwerbstätige  nur
65,4  Arbeiter  kommen,  während  die  Relativzahl  der  arbeitenden
Bevölkerung  1895  auf  68,4  stand.  Im  Voraus  sei  bemerkt,  daß
der  weitaus  größte  Teil  der  Mehrung  der  industriellen  Arbeiter
auf  die  ungelernten  Arbeiter  fällt,  weil  durch  die  weitgehende
Verwendung  und  Vervollkommnung  der  Maschinen  die  gelernte
Arbeit  in  der  Industrie  vielfach  im  Verschwinden  begriffen
ist.  Das  soziale  Bild,  das  sich  daraus  für  München  entrollt,
ist  bei  weitem  nicht  so  proletarisch  gefärbt,  wie  es  von  vielen
Männern  unseres  politischen  Lebens  behauptet  wurde.  Diese
Schattierung  wird  noch  um  eine  Nüance  heller  bei  der  Betrachtung, ­
  daß  auch  bei  solcher  Abgrenzung  die  als  „proletarische“ ­
  bezeichnete  Schicht  noch  sehr  verschiedene  Schichten
        <pb n="23" />
        16

von  mehr  oder  minder  tiefer  oder  gehobener  sozialer  Stellung
in  sich  schließt.
München  hat  ebenso  wie  die  andern  Großstädte  Deutschlands ­
  an  der  günstigen  wirtschaftlichen  Entwicklung  des  letzten
Vierteljahrhunderts  einen  erheblichen  Anteil  gehabt,  was  für
manche  kleine  Industrien  von  Bedeutung  wurde.  Aber  der
soziale  Aufbau  seiner  Bevölkerung  weist  erhebliche  Ungleichheiten ­
  gegenüber  den  anderen  Großstädten  auf.  Die  Anzahl
der  Arbeiter  hat  sich  ja  nicht  so  sehr  vermehrt  wie  in  jenen.
Im  Jahre  1907  zählten  die  Selbständigen  und  Angestellten
zusammen  fast  zwei  Dritteil  der  Arbeiter  (119  675)  (s.  Tabelle).

1907

Berufsabteil.  A—  C

Selbständige

Angestellte

Arbeiter

männlich

26  939

17  664

81  069

weiblich

13  472

5  215

38  606

zusammen

40411

22879

119675

Den  Anteil  der  Selbständigen,  Angestellten  und  Arbeiter  an
den  Erwerbstätigen  der  Berufsabteilungen  A—C  zeigt  folgende
Berechnung:

Von  100  aller  Erwerbstätigen  männlichen,  bezw.
weiblichen  Geschlechts,  bezw.  überhaupt  in  den
Berufsabteilungen  A—C  waren

Selbständige

Angestellte

Arbeiter

männlich

21,44

14,05

64,5

weiblich

23,52

9,10

67,38

zusammen

22,09

12,50

65,41

Von  100  Erwerbstätigen  der  Berufsgruppen  A—C  trafen
65,41  auf  die  Arbeiter,  12,5  auf  die  Angestellten  und  22,09
auf  die  Selbständigen.  Damit  kann  man  München  zu  den
Städten  zählen,  welche  die  meisten  Selbständigen  innerhalb
der  Erwerbstätigen  der  Berufsgruppen  A—C  besitzen.
Werfen  wir  jetzt  noch  einen  Blick  auf  die  Zusammensetzung ­
  der  Arbeiterschaft  nach  dem  Geschlecht,  so  ersehen
        <pb n="24" />
        17

wir  aus  der  Tabelle,  daß  in  München  die  weiblichen  Arbeitskräfte ­
  nicht  ganz  x / 3  aller  ausmachen  (38  606  gegen  81  069  männliche). ­
  Dies  ist  ganz  anders  in  Städten  mit  sogenannter  schwerer
Industrie,  denn  hier  tritt  das  weibliche  Element  stark  zurück.
Der  Anteil,  den  die  Arbeiter  an  der  ortsanwesenden  Bevölkerung ­
  haben,  erhellt  sich  aus  folgender  Berechnung:

Ortsanwesende
Bevölkerung
533253

Von  100  der  Gesamtbevölkerung  waren:
Selbständige  |  Angestellte  I  Arbeiter

7,58  |  4,29  |  22,44
■Während  für  alle  deutschen  Großstädte  zusammen  die  Arbeiter ­
  fast  V 4  der  ortsanwesenden  Bevölkerung  (24,76  o/o)  ausmachen, ­
  weist  München  eine  Arbeiterzahl  von  22,44_o/o  auf.
München  hat  demnach  einen  zu  kleinen  Arbeiterstamm
gegenüber  seinen  Schwesterstädten.
Weil  die  Vergleichung  des  Zählungsergebnisses  von  1907
mit  den  früheren  bezüglich  der  Schicht  der  Arbeiter  erschwert
ist,  dadurch,  daß  die  mithelfenden  Familienangehörigen  in  der
Schicht  der  Selbständigen  früherer  Zählungen  nicht  als  erwerbstätige ­
  Angehörige  erscheinen,  wurde  folgende  Tabelle
aufgestellt  um  die  Arbeiter-Bevölkerung  Münchens  in  der  Gesamtzahl ­
  mit  den  Dienenden  und  Angehörigen  zu  erfassen:
Arbeiterbevölkerung:

Dienende  und  Angehörige
der  Arbeiter

insgesamt

in  %  der  Gesamtbevölkerung ­


101064

220379

41,33

In  München  kommen  demnach 1  auf  100  Personen  der  Gesamtbevölkerung ­
  41,33  Arbeiter  mit  Dienenden  und  Angehörigen,
d.  h.  Münchens  Arbeiterbevölkerung  steht  ebenfalls  unter  dem
Purchschnitt  der  42  Großstädte  Deutschlands,  wonach  die
Arbeitermasse  zusammen  rund  die  Hälfte  der  gesamten  Bevölkerung ­
  beträgt.  Dafür  zeigt  sich  in  München  eine  verhältnismäßig ­
  starke  Besetzung  der  jüngeren  und  mittleren
Altersklassen  der  Arbeiter.  Die  Begründung  mögen  folgende
Fritz,  München  als  Industriestadt,  2
        <pb n="25" />
        18

Ausführungen  liefern.  Die  Stadt  ist,  wie  aus  ihrer  wirtschaftlichen ­
  Lage  folgt,  nicht  sehr  für  Industrie,  wohl  aber  für  Handel
und  Verkehr  vorzüglich  gelegen;  dennoch  hat  sie  in  den  letzten
Jahrzehnten  ihre  gewerbliche  Tätigkeit  durch  Umwandlung
kleiner  Unternehmungen  zu  größeren  weiterentwickelt.  Die
eingeborene  Bevölkerung  vermochte  nicht  die  nötige  Anzahl
von  Händen  zur  Verfügung  zu  stellen,  weshalb  sie  durch  hinzuströmende ­
  Arbeiter  aus  anderen  Gemeinden  ergänzt  werden
mußte,  wie  wir  noch  in  den  nächsten  Seiten  sehen  werden.
Von  den  zugewanderten  Arbeitern  waren  bei  weitem  die  meisten ­
  mittleren  Alters,  da  nur  sie  den  neuen  und  außerdem  gesteigerten ­
  Ansprüchen  der  Großstadt  München  genügen  konnten. ­
  Auch  ziehen  viele  jüngere  Arbeiter  jahraus  jahrein  nur
deshalb  hierher,  um  durch  die  Tätigkeit  in  den  Betrieben,  in
denen  meist  qualifizierte  Arbeiten  geleistet  werden,  ihre  gewerbliche ­
  Geschicklichkeit  zu  steigern  und  hier  die  in  weit
größerem  Maße  vorhandenen,  sehr  guten  gewerblichen  Bildungsanstalten ­
  in  den  Freistunden  zu  besuchen.  Nach  einigen
Jahren  aber  wandern  viele  von  ihnen  wieder  ab,  um  ihr  Gewerbe ­
  selbständig  oder  doch  in  einer  besseren  Stellung  zu  betreiben. ­
  Hier  ist  es  noch  möglich,  daß  vom  Lohnarbeiterstand
ein  Aufsteigen  stattfindet  in  den  Mittelstand.  Dies  ist  aber  auch
nicht  allgemein  der  Fall,  da  die  Eltern  vieler  solcher  jungen
Arbeiter  selbständige  Handwerker  sind  oder  doch  dem  Arbeiterstand ­
  nicht  angehören.
Daß  die  Leistungsfähigkeit  des  Arbeiters  mit  40  Jahren
sehr  rasch  nachläßt,  hat  uns  ein  Pionier  des  Kulturfortschritts
im  20.  Jahrhundert,  Professor  Abbe,  an  seinem  Vater  selbst
sehr  drastisch  vor  Augen  geführt.  „Mein  Vater  war  ein  Hüne
an  Gestalt  und  Kraft,  so  erzählt  er  von  ihm,  ich  mußte  ihm
abwechselnd  mit  meiner  Schwester 1  mittags  das  Essen  in  einem
Henkeltopf  in  die  Fabrik  bringen,  wo  er  es  stehend,  an  die
Maschine  gelehnt,  hastig  verzehrte,  um  ja  nicht  zu  viel  von  der
13—löstündigen  Arbeitszeit  zu  verlieren.  —  Und  mit  40  Jahren ­
  war  mein  Vater  ein  Greis,  verarbeitet  und  verbraucht!“
Die  Folge  dieser  Tatsache  ist  für  München,  daß  viel  solche
Arbeiter,  die  nicht  unter  die  von  der  Stadt  Unterstützungspflichtigen ­
  fallen  und  die  nur  noch  schwer  in  den  Mauern  der
        <pb n="26" />
        19

Stadt  ihr  Brot  verdienen  können,  nach  anderen  Gemeinden
oder  der  Heimat  wieder  abwandern,  in  denen  vielleicht  geringere ­
  Anforderungen  an  sie  gestellt  werden  oder  sie  infolge ­
  des  Bürgerrechts  auskömmliche  Beschäftigung  bei  der
Gemeinde  erhalten.
.Welche  Mengen  fremder  Arbeiter  München  braucht,  um
die  Nachfrage  der  Industrie  und  des  Handels  zu  befriedigen,
woher  sie  kommen,  all  das  lehrt  uns  die  statistische  Betrachtung ­
  im  Folgenden.  Wir  wollen  versuchen  die  Zuwanderungsverhältnisse ­
  der  verschiedenen  Berufsgruppen'  insbesondere  der
Arbeiter  sowie  die  Stellung  der  Ortsgebürtigen  zu  den  zugewanderten ­
  für  München  festzustellen,  wobei  uns  wieder  die
Lage  der  Arbeiter,  insbesondere  der  Industriearbeiter,  hauptsächlich ­
  beschäftigen  wird.
Die  örtlichen  Verschiebungen  innerhalb  der  Landesgrenzen,
mögen  sie  auch  am  Gesamtstand  nichts  ändern,  rufen  einen
bedeutsamen  Wandel  in  der  Verteilung  und  in  der  natürlichen
sowie  sozialen  Zusammensetzung  der  Volksmassen  einzelner
Gebiete  hervor.
Die  Tendenz,  welche  den  Binnenwanderungen  fast  aller
Länder  Europas  im  vergangenen  Jahrhundert  eigen  war  und
die  sich  in  der  Gegenwart  selbst  noch  zu  steigern  scheint,
wird  bekanntlich  mit  dem  „Zug  in  die  Stadt“  gekennzeichnet.
Auch  in  Bayern  kann  man  von  einem  starken  Zug  in  die
Städte,  namentlich  Großstädte,  sprechen.  Dieser  Zustrom  in
die  Großstadt  bildet  vielfach  das  Schlußergebnis  einer  langen
Reihe  von  Verschiebungen,  die  zunächst  zwischen  den  einzelnen ­
  Ortschaften,  Gemeinden  und  größeren  Gebietsteilen  vor
sich  gehen,  bevor  sie  in  der  Großstadt  und  in  dem  sie  umgebenden ­
  Wirtschaftsgebiet  ihren  Abschluß  finden.
Die  Bevölkerung  Münchens  betrug  im  Jahre  1907,  wie
wir  schon  gehört  haben,  rund  533  000  Seelen.  Davon
waren  216  000,  also  ungefähr  zwei  Fünftel  in  München  selbst
geboren,  während  weitaus  die  Mehrheit  der  Einwohnerschaft,
317  000  oder  drei  Fünftel,  von  auswärts  eingewandert  waren,
davon  allein  255000,  beinahe  48o/ 0 ,  aus  anderen  bayerischen
Gemeinden.  Untersucht  man  die  Herkunftsverhältnisse  der
Binnenwanderer,  so  zeigt  sich  zunächst  der  heimische
2*
        <pb n="27" />
        20

Kreis  als  der  wichtigste  Ausgangspunkt  des  Zuzugs  aus  dem
Landesinnern  nach  der  Hauptstadt:  beinahe  76  000  Einwohner
oder  14  "p/o  der  gesamten  Bevölkerung  waren  aus  einer  oberbayerischen ­
  Gemeinde  nach  München  gezogen.  Allein  auch
die  übrigen  südlichen  Kreise  und  die  Oberpfalz  steuern  nicht
viel  weniger  zur  hauptstädtischen  Bevölkerung  bei;  von  Niederbayern ­
  stammten  über  58  000,  aus  Schwaben  fast  35  000  und
aus  der  Oberpfalz  beinahe  40  000  Personen  der  Münchener  Bevölkerung, ­
  so  daß  beinahe  der  vierte  Teil  der  gesamten  Einwohnerschaft ­
  in  diesen  drei  Kreisen  geboren  war.
Die  Bevölkerung  der  Hauptstadt  besteht  also  in  ihrer  überwiegenden ­
  Mehrheit  aus  altbayerischen  Elementen,  auch  unter
den  Zugewanderten  bilden  die  Oberbayern,  Niederbayern  und
Oberpfälzer  den  Hauptkern.  Erheblich  ist,  wie  oben  gezeigt,
auch  die  Zuwanderung  aus  Schwaben.  Dagegen  steuern  die
fränkischen  Gebietsteile  und  die  Pfalz  zusammen  nicht  einmal
den  zehnten  Teil  der  hauptstädtischen  Einwohnerschaft  bei.  Da
München,  wie  überhaupt  die  süddeutschen  Hauptstädte,  ein
Zuwanderungszentrum  für  einen  Umkreis  ist,  der  sich  fast  auf
das  Staatsgebiet  beschränkt  und  so  im  Gegensatz  steht  zu  Berlin, ­
  der  ersten  Stadt  des  deutschen  Reiches,  für  welche  dessen
Gesamtgebiet  als  Zuwanderungsrayon  in  Betracht  kommt,
nimmt  es  nicht  wunder,  daß  die  auswärts  geborene  Bevölkerung
mit  der  Entfernung  sich  recht  schnell  verringert,  eine  auch  für
die  sonstigen  Herkunftsbezirke  zutreffende  Tatsache.
Dann  darf  man  nicht  vergessen,  daß  München  das  Zuwanderungszentrum ­
  für  die  fast  ausschließlich  katholische  Landbevölkerung ­
  Ober-  und  Niederbayerns  sowie  Schwabens  und
der  Oberpfalz  ist,  während  die  rechtsrheinischen  Regierungsbezirke ­
  mit  vorwiegend  evangelischen  Bewohnern  ihren  wirtschaftlichen ­
  Mittelpunkt  in  Nürnberg  haben.  Auf  diese  Tatsache ­
  kommen  wir  noch  zurück.
Allgemein  wollen  wir  hier  feststellen,  daß  das  Wachstum
der  Bevölkerung  Münchens  während  der  verflossenen  Jahrzehnte ­
  weit  mehr  auf  starker  Zunahme  als  auf  natürlicher
-Vermehrung  beruhte  und  zwar  hat  sie  seit  Gründung  des
Reiches  beinahe  zu  vier  Fünftel  durch  den  Überschuß  der
        <pb n="28" />
        21

Zuwanderung  und  um  etwa  zu  ein  Fünftel  durch  eigenes,  natürliches ­
  Wachstum  zugenommen.
Haben  wir  bis  jetzt  Stärke  und  Richtung  des  Münchener
Zuzugs  charakterisiert,  so  wollen  wir  nun  die  Industriebevölkerung ­
  näher  ins  Auge  fassen.
Während  die  in  der  Land-  und  Forstwirtschaft  Tätigen
überwiegend  aus  München  und  den  benachbarten  Regierungsbezirken ­
  selbst  stammen,  verschieben  sich  die  Ziffern  in  der
Industrie  etwas  zu  Gunsten  der  Nichtbayern.  Das  statistische
Amt  gibt  an,  daß  bei  31,1  °/o  Münchnern,  15,9  o/o  aus  dem
übrigen  Oberbayern,  13,5  %  aus  Niederbayern,  6,8o/o  aus
Schwaben  und  9,0  o/ 0  aus  der  Oberpfalz  Gebürtigen  der  Anteil ­
  der  Ober-,  Mittel-  und  Unterfranken  sowie  der  Pfälzer  an
der  industriell  tätigen  Bevölkerung  8,3  o/o,  der  Anteil  der  übrigen ­
  Süddeutschen  3,7  o/ 0 '  und  der  anderorts  Geborenen  11,7  °/o,
darunter  5  °/o  aus  Österreich  ausmache.
Für  den  Industriearbeiter  kommen,  nach  diesen  Relativzahlen ­
  zu  schließen,  sowohl  die  nächsten  wie  entferntesten
Gegenden  als  Herkunftsland  in  Betracht.  Für  den  ungelernten
Arbeiter  gibt  es  keine  Zuwanderung  aus  fernen  Bezirken,  was
beim  gelernten  Arbeiter  in  stärkerem  Maße  vorkommt,  namentlich ­
  beziehen  manche  Spezialindustrien  gelernte  Arbeiter  aus
sehr  fernen  Gegenden,  in  denen  diese  Industrien  alteingesessen
sind.  Überhaupt  zeigen  sich  die  Wirkungen  der  Freizügigkeit
immer  mehr,  je  besser  ein  Arbeiter  zu  qualifizieren  ist,  je  mehr
er  sich  einer  sozial  höherstehenden  Klasse  nähert.  So  waren
von  den  aus  Österreich  gebürtigen  3943  Arbeitern  und  564  Arbeiterinnen, ­
  3398  männliche  und  698  weibliche  gelernte  Arbeitskräfte, ­
  denen  nur  543  männliche  und  433  weibliche  ungelernte ­
  gegenüberstanden.
Den  gelernten,  oft  sogar  den  an-  bezw.  ungelernten  Arbeitern ­
  zuzurechnen  sind  die  Heimarbeiter,  welche  zumeist  von
ihren  Verlegern  wirtschaftlich  abhängig  und  von  den  Selbständigen ­
  zu  trennen  sind.  Sie  stammen  meist  aus  München
selbst  oder  den  nächstgelegenen  Regierungsbezirken.
Über  die  genauen  Herkunftsgebiete  der  Münchener  Arbeiterbevölkerung ­
  in  Industrie,  Handel  und  Verkehr  mögen  uns
folgende  Ziffern  eine  ergänzende  Darstellung  geben:
        <pb n="29" />
        22

Die  Arbeiterschaft
der  Hauptberufsabtei  1  ungen  A—C  nach
Geschlecht,  Berufsstellung,  städtischer  und
ländlicher  Herkunft.

Herkunfts-Helf.



Farn.-Gelernte



Ungelernte

gegenden

Angeh.

Arbeiter

Arbeiter

m.

w.

m.

w.

m.

w.

München  Stadt

239

2300

18497

8944

3412

2917

Oberbayern  Stadt

11

377

2127

1164

968

837

„  Land

22

931

6693

1903

4109

2153

Niederbayern  Stadt

2

256

2252

871

666

598

„  Land

10

689

6325

1706

3533

2031

Schwaben  Stadt

1

209

1728

542

367

293

„  Land

3

401

2596

474

1087

475

Oberpfalz  Stadt

3

232

1754

490

343

635

„  Land

6

507

4443

707

1569

664

Oberfranken  Stadt

—

48

481

140

96

39

„  Land

—

80

882

110

269

99

Mittelfranken  Stadt

3

108

1031

261

157

119

„  Land

—

135

1387

227

460

235

Unterfranken  Stadt

1

51

468

120

67

41

„  Land

2

83

834

98

192

85

Rheinpfalz  Stadt

—

21

197

51

45

22

„  Land

—

19

225

32

76

25

übriges  Süd-  Stadt

3

95

1140

251

124

94

deutschland  Land

—

86

915

155

223

89

Norddeutsch-  Stadt

8

88

1885

283

128

77

land  Land

3

36

815

93

82

51

Zus.  Stadt

271

3785

32560

131171

6373

5672

Land

46

2967

25115

55051

11600

5907

Darin  sehen  wir  zugleich,  daß  mit  der  Entfernung  von
München  die  Gebürtigkeit  der  Arbeiter  in  den  Städten  zunimmt ­
  und  die  Zahl  der  auf  dem  Land  geborenen  Arbeiter
schnell  sinkt.  Diese  Arbeiterbevölkerung,  die  München  von
weit  entfernten  Gegenden  herbeiziehen  muß,  sucht  die  Stadt
allmählich  seßhaft  zu  machen,  was  ihr  durch  die  Gebundenheit
        <pb n="30" />
        der  Industrie  an  bestimmte,  zumeist  nicht  sehr  zahlreiche'Standorte ­
  gelingt.
Von  den  verschiedenen  Berufszvveigen  zeigen  vor  allem
die  mit  dem  künstlerischen  und  literarischen  Leben  verknüpften ­
  Industrien  einen  stark  großstädtischen  Zug:  von  den  in
künstlerischen  Gewerben  tätigen  Personen  wurden  64,6  °/o,  von
den  im  polygraphischen  Gewerbe  beschäftigten  mehr  als  die
Hälfte  (53,5  o/o)  als  Eingeborene  in  der  Zählgemeinde  München ­
  gezählt.  Nicht  so  stark  herrscht  die  Stadtbevölkerung
vor  in  einigen  Wirtschaftszweigen,  obwohl  auch  sie  noch  erheblich ­
  ist:  in  der  Maschinenindustrie,  der  Industrie  forstwirtschaftlicher ­
  Nebenprodukte,  der  Metallindustrie,  im  Reinigungsgewerbe, ­
  in  der  Lederfabrikation  und  anderen.
Zweifellos  fällt  hier  die  geographische  Verteilung  der  Industrie ­
  stark  ins  Gewicht,  wie  dies  uns  später  deutlich  vor
Augen  treten  wird.  Wir  wollen  es  aber  nicht  unterlassen,
schon  jetzt  darauf  hinzuweisen,  daß  dies  zum  Teil  mit  natürlichen ­
  Verhältnissen  zusammenhängt,  teils  auch  mit  historischen; ­
  trotzdem  beeinflußt  gerade  die  geographische  Industrieverteilung ­
  sehr  stark  die  Verteilung  der  Wirtschaftszweige  auf
die  einzelnen  Siedlungsgruppen.  —
Diese  Arbeiterschaft,  die  nach  München  gezogen  wird,
müssen  wir,  wie  schon  bei  Betrachtung  der  Gebürtigkeit  geschehen, ­
  in  die  zwei  sozial  wichtigen  Gruppen  der  gelernten
und  ungelernten  Arbeiter  teilen.  Die  gelernten  Arbeiter  stehen
ihren  Arbeitgebern  in  einer  weit  günstigeren  Position  gegenüber, ­
  weil  vermöge  der  für  die  Ausübung  ihres  Berufes  erforderlichen ­
  Vorbildung  das  Angebot  von  Arbeitern  in  der
Regel  ein  beschränktes  ist  und  zwar  besonders  in  den  günstig
sich  entwickelnden  Industrien,  bei  denen  der  gewerblich-gelernte ­
  Nachwuchs  sich  in  engen  Grenzen  bewegt.  Je  höher
qualifiziert  eine  zu  leistende  Arbeit  ist,  um  so  sicherer  ist  die
Stellung  der  sie  verrichtenden  Arbeiter,  desto  höher  ist  der
Lohn  und  desto  mehr  sind  die  Arbeiter  vor  Entlassung  und
damit  vor  Arbeitslosigkeit  und  Not  geschützt.  Der  gelernte
Arbeiter,  insofern  er  nicht  ortsgebürtig  ist,  vermag  infolge  seiner
guten  beruflichen  Schulung  und  auch  infolge  seiner  Zugehörigkeit ­
  zu  einer  Organisation  viel  weiter  zu  wandern  wie  der
        <pb n="31" />
        24

ungelernte,  der  meist  den  benachbarten  größeren  Gemeinden
zustrebt  und  erst  wieder  weiterzieht,  wenn  keine  Arbeit  mehr
für  ihn  Vorhänden  ist.  Neben  Baden  und  Württemberg  zeichnen
sich  Thüringen,  Sachsen  und  die  Rheinlande  als  Hauptherkunftsgebiete ­
  für  die  gelernten  Arbeitskräfte  aus.  Die  Lage
der  ungelernten  Arbeiter  ist  weit  ungünstiger.  Da  von  ihnen
solche  Arbeit  verlangt  wird,  bei  der  es  nur  in  geringem  Maße
auf  Geschicklichkeit,  sondern  fast  ausschließlich  auf  ihre  Körperkraft ­
  ankommt,  so  sind  sie  leicht  zu  ersetzen.  Da  auch
nur  die  Intelligenteren  zu  gelernter  Arbeit  herangezogen  werden, ­
  ist  das  Angebot  von  ungelernter  Arbeit  ein  außerordentlich ­
  großes  und  zwar  um  so  mehr  als.  in  diese  soziale  Schicht
alle  diejenigen  hinabsteigen,  welche  in  anderen  Berufen  Schiffbruch ­
  gelitten  haben,  deren  es  leider  in  München  ja  Sehr
viele  gibt.  In  der  Hauptsache  aber  rekrutieren  sich  diese  ungelernten ­
  Arbeiter  aus  den  von  den  umgebenden  Gegenden
zugezogenen  bäuerlichen  Elementen,  die  infolge  ihrer  Schwerfälligkeit ­
  zu  besseren  Arbeiten  selten  herangezogen  werden
können.  Ihre  Zahl  ist  aber  für  München  erheblich  größer  wie
die  der  gelernten  Arbeiter,  da  gerade  hier  infolge  der  hohen
Löhne  der  letzteren  bei  der  Industrie  nicht  nur  das  Bestreben
besteht,  die  menschliche  Arbeit  durch  Maschinen  zu  ersetzen,
sondern  vielfach  auch  die  gelernten  Arbeiter  durch  die  ungelernten. ­

Für  das  Gesamtbild  ist  von  nicht  unwesentlicher  Bedeutung ­
  die  starke  Entwicklung  des  Münchener  Baugewerbes,  in
welchem  allein  x / 3  aller  ungelernten  Arbeiter  Beschäftigung
finden.
Die  gesamte  Münchener  Lohnarbeiterschaft  rekrutiert  sich
in  ihrer  Masse  aus  ganz  verschiedenen  Gesellschaftsschichten:
aus  ehemaligen  Kleinmeistern  und  Meisterssöhnen  der  vom
Großbetrieb  eroberten  Produktionszweige,  aus  gelernten  Gesellen ­
  handwerksmäßiger  Berufe  und  derjenigen  Abteilungen
der  Großindustrie,  die  noch  im  wesentlichen  handwerksmäßige
Arbeitsgeschicklichkeit  erfordern  und  schließlich  aus  dem  Taglöhnerproletariat ­
  in  Stadt  und  Land.  Dabei  macht  die  letzte
Schicht  allein  etwa  70  o/o  der  gesamten  Lohnarbeiterschaft  aus.
Sie  stammen,  wie  wir  dies  schon  gezeigt  haben,  zum  geringen
        <pb n="32" />
        —  25  —
Teil  aus  München  selbst,  größtenteils  kommen  die  Massen
dieser  Arbeiter  aus  den  umliegenden  Gauen  und  Bezirken.
So  umfaßt  die  aus  den  Regierungsbezirken  Südbayerns,  erfolgende ­
  Zuwanderung  einen  beträchtlichen  Teil  ungelernter
Arbeiter,  da  sie  eine  vorwiegend  landwirtschaftliche  Bevölkerung ­
  haben.  Wenig  vorteilhafte  Verhältnisse,  die  Voraussicht
nie  eigenen  Grund  und  Boden  besitzen  zu  können  und  die
rosigen  Schilderungen  heimkehrender  Arbeiter,  läßt  sie  das,
Leben  in  der  Stadt  und  die  industrielle  Tätigkeit  der  heimatlichen ­
  Scholle  und  der  schweren  landwirtschaftlichen  Arbeit
vorziehen.  Aber  auch  hier  wird  ihnen  nur  selten  die  Möglichkeit, ­
  ihre  Existenz  wirtschaftlich  durch  Besitz  zu  sichern,  sie
bleiben  großenteils  zeitlebens  vom  Ertrage  ihrer  Arbeit  abhängig. ­

Da  München  ein  ausgedehntes  Kleinbürgertum,  Kleinhandwerker ­
  und  Kleinhändler,  besitzt  und  viele  Betriebe  sich  im
wirtschaftlichen'  Kampfe  nicht  mehr  zu  halten  vermochten,  zeigt
die  Masse  der  gelernten  Arbeiter  einen  erheblichen  Einschlag
an  früheren  Kleinmeistern,  die  ihren  Betrieb  aufgegeben  haben
und  nun  teils  als  Virtuosenarbeiter,  Aufseher,  Meister  oder
doch  bessere  Arbeiter  in  den  Großbetrieben  tätig  sind.  Häufig
finden  wir  dies  im  künstlerischen  und  polygraphischen  Gewerbe, ­
  aber  auch  die  holzverarbeitenden  Industrien,  wie  die
Möbelfabriken,  weisen  eine  beträchtliche  Anzahl  solcher  Arbeiter ­
  auf,  die  ihre  einstige  Selbständigkeit  aufgeben  mußten.
Während  diese  Arbeiterkategorie  fast  ausnahmslos  zu  den  Münchener ­
  Bürgern  zählt  oder  doch  schon  lange  Jahre  hier  ansässig ­
  ist,  gehören  die  als  Arbeiter  tätigen  früheren  Gesellen
eines  Handwerks  zu  4 / 5  den  Zugewanderten  an.  Sie  bilden
jenen  Teil  der  gelernten  Arbeiter,  der  weit  von  seiner  Heimat
weg  Beschäftigung  sucht  und  findet.  Wir  sehen  sie  sowohl  in
der  Maschinenindustrie  wie  namentlich  im  Buchdruckergewerbe,
das  ja  von  den  tariftreuen  Arbeitern  eine  Lehrzeit  von  4  Jahren
fordert,  außerdem  bei  all  den  Industrien,  die  auch  bei  größter
Arbeitsteilung,  intelligente,  anpassungsfähige  und  willensstarke
Menschen  verlangen.
Leider  machten  wir  gerade  in  München  die  Erfahrung,
daß  solche  Arbeiter  nur  Arbeiter  bleiben  und  es  nicht  weiter
        <pb n="33" />
        26

bringen,  weil  sie  es  teils  nicht  wollen,  teils  nicht  können.  Ein
Anfsteigen  in  eine  sozial  höhere  Schicht  ist  einfach  unmöglich.
Denn,  auch  wenn  er  nie  vom  Klassenkampf  gehört  hat,  nichts
von  Theorien  über  das  gegensätzliche  Interesse  von  Unternehmer ­
  und  Arbeiter  weiß,  was  wir  kaum  anzunehmen  brauchen, ­
  ist  der  Lohnarbeiter  gerade  in  den  Münchener  kapitalistischen ­
  Unternehmungen  sehr  darauf  bedacht,  das  Arbeitsquantum, ­
  das  er  für  eine  bestimmte  Summe  Lohnes  leisten  soll,
so  niedrig  wie  nur  möglich  zu  halten.  Ein  anderes  Hindernis,
das  den  Wunsch  zur  Verbesserung  sowohl  wie  jede  Arbeitsfreude ­
  ersticken  muß,  liegt  ebenfalls  außerhalb  der  Betriebsorganisation ­
  in  der  Parole  der  organisierten  Arbeiter,  daß  die
Lohnverhältnisse  zwischen  dem  schlechten  und  dem  vortrefflichen ­
  Arbeiter  keine  nennenswerten  Differenzen  aufweisen  dürfen ­
  und  daß  ferner  die  quantitative  Arbeitsleistung  des  hervorragenden ­
  Arbeiters  über  eine  bestimmte  von  der  Organisation
vorgeschriebene  Grenze  nicht  hinausgehen  darf,  sonst  wird
der  Mann  zur  Verantwortung  herangezogen.  Dieses  Vorgehen
wird  von  den  Fabrikunternehmern  sehr  beklagt,  aber  es  gibt
auch  kaum  etwas  Unheilvolleres  gerade  für  das  Aufsteigen
des  Arbeiterstandes  wie  diese  Organisationsparole.
Außer  diesen  gelernten  und  ungelernten  Arbeitern  der
Industrie  besitzt  München  eine  sehr  große  Anzahl  unsicherer
Existenzen,  Saisonarbeiter,  da  die  Stadt  eine  Fülle  von  Erwerbsquellen ­
  aufweist,  die  den  Charakter  nicht  ständigen  sondern ­
  mehr  gelegentlichen  Erwerbs  tragen,  wie  dies  die  Arbeitslosenzählung ­
  vom  11.  II.  1912  beweist.  Dennoch  darf
man  bei  dem  allgemeinen  Überblick  gerade  sie  nicht  unerwähnt ­
  lassen,  weil  das  Münchener  Wirtschaftsleben  seinem
ganzen  Charakter  nach  mehr  auf  der  Grundlage  solcher
Erwerbszweige  ohne  ständige  Beschäftigung  beruht  wie  das
jener  Städte,  wo  regelmäßige  Werkstätten-  und  Fabrikarbeit
in  höherem  Maße  Gelegenheit  gibt  zu  ständigeren  dem  Saisoncharakter ­
  weniger  unterliegenden  Beschäftigungsgelegenheiten.
Wir  denken  an  die  Arbeiter,  welche  neben  dem  Baugewerbe,
in  den  an  dem  Fremdenverkehr  interessierten  Erwerbszweigen,
dem  Gast-  und  Schankwirtschaftsgewerbe,  Kaffeehausbetrieb
und  in  persönlichen  Dienstleistungen  eine  zeitweise  Beschäf ­
        <pb n="34" />
        tigung  finden.  Sie  sind  es,  welche  das  Angebot  ungelernter
Arbeiter  sehr  erheblich  vermehren  und  die  Löhne  dieser  Arbeiterklasse ­
  herabzudrücken  imstande  sind.  Daß  ihnen  das
nicht  voll  gelingt,  ist  zum  großen  Teil  ein  Verdienst  des  allgemeinen ­
  Fabrikarbeiterverbandes,  der  die  ungelernten  Arbeiter ­
  in  seinem  Mitgliederstande  mit  umfaßt.
Allgemein  dürfen  wir  aber  annehmen,  daß  der  Arbeiterstand ­
  Münchens  die  verschiedensten  Berufs-  und  Klassenelemente ­
  in  sich  vereinigt  vom  geringsten  Proletarier,  dessen
Ahnen  stets  dem  vierten  Stande  zugehörten,  an  gerechnet
bis  zu  dem  Arbeiter,  der  einst  einen  selbständigen  Betrieb  geleitet ­
  hatte  und  dessen  Familie  dem  alten  Flandwerkerstande
treu  geblieben  war.
        <pb n="35" />
        Dritter  Abschnitt:

Allgemeine  Lage  und  Lebensbedingungen
der  Münchener  Industrie.
München  hat  nach  all  dem  Gehörten  im  Verhältnis  zu
seiner  Einwohnerzahl  mehr  gewerbliche  Arbeiter  wie  seine
Schwesterstädte  Nürnberg  und  Augsburg,  welche  von  alters
her  als  Industriestädte  bekannt  waren.  Zur  eigentlichen  Industriestadt ­
  ist  München  nach  Ansicht  Vieler  gleichwohl  nicht
geschaffen.  Es  fehlte  auch  im  allgemeinen,  wie  dies  Dr.  von
Borscht,  das  langjährige  Oberhaupt  der  Stadt,  in  seinem  Aufsätze ­
  über  Münchens  Zukunft  sagt,  der  Bevölkerung  die  Veranlagung ­
  dazu  den  für  die  industrielle  Entwicklung  unvermeidlichen ­
  Konkurrenzkampf  mit  jener  zähen  Energie  durchzuführen, ­
  die  allein  einen  nachhaltigen  Erfolg  sichert.  Dieselbe
Macht  der  Tradition,  die  unter  dem  Zepter  des  Hauses  Wittelsbach ­
  in  den  alten  Reichsstädten  Nürnberg  und  Augsburg  auf
industriellem  Gebiete  die  alte,  auf  Selbsthilfe  beruhende,  Reichtum ­
  und  Einfluß  verbürgende  Tatkraft  wieder  aufleben  ließ,
hielt  bei  dem  Münchener  die  von  seinen  Vätern  ererbte  Meinung
aufrecht,  daß  bei  den  günstigen  Verhältnissen,  die  ihm  die
Eigenschaft  seiner  Heimat  als.  königliche  Residenzstadt  bot,
behagliches  Genießen  bei  bescheidenem  Wohlstände  ohne  harte
Anstrengung  dem  Streben  nach  Reichtum  unter  gleichzeitiger
Überspannung  der  Kräfte  vorzuziehen  sei.  So  kam  es,  daß
Nürnberg  und  Augsburg  die  Brennpunkte  des  industriellen
Lebens  in  Bayern  wurden,  in  München  aber  der  Boden  für
eine  allgemeine  gewerbliche  Entwicklung  im  Großen  fehlte.
Unter  den  bürgerlichen  Gewerbetreibenden  gab  es  auch
vor  über  100  Jahren  in  München  nur  je  einen  Barometermacher,
Brillen-  und  Geigenmacher,  Goldschläger,  Hammerschmied,
        <pb n="36" />
        29

Kupferstecher,  Musikalienverleger,  Pinselmacher,  Schönfärber,
Spiegelmacher,  Strohhutmacher,  Zahnarzt.  Man  unterschied
noch  die  privilegierten  Gewerbe,  die  von  dem  Hof  und  unter
dessen  Schutz  verliehen  wurden;  ihre  Inhaber  hießen  „Hofschutzbefreite“ ­
  und  unterlagen  keinen  bürgerlichen  Abgaben;
zu  diesen  zählte  1804  u.  a.  ein  Trüffeljäger,  1  Federkielhändler,
1  „Mignaturmahler“,  1  Milchmann,  1  Offizierkuppellakierer.
Trotz  allem  hatte  München  damals  5  Buchdruckereien  und
eine  Steindruckerei,  die  Senefeldersche.
War  so  Münchens  Entwicklung  zur  eigentlichen  Industriestadt ­
  von  den  frühesten  Zeiten  seiner  Entwicklung  überhaupt
gehemmt,  so  drang  sein  Ruf  als  Handelsstadt  schon  damals
sehr  weit.  Auch  Nürnbergs  Bürgersohn,  Hans  Sachs,  singt
in  seinem  „Lobspruch  der  fürstlichen  Stadt  München“:
„.  .  .  So  ist  Stat  München  obgenand
Die  Namhafftigst  im  Bayerland,
Darum  die  Bürgerschaft  on  wandel
Den  meisten  theil  treibt  Kaufmannshandel...“
Die  Zunahme  der  Bevölkerung  Münchens,  die  sich  in  den
folgenden  100  Jahren  steter  Entwicklung  verfünfzehnfacht  hat,
bot  naturgemäß  von  selbst  auch  der  Industrie  ein  Absatzgebiet, ­
  das  sich  zuerst  auf  den  Stadtbezirk  beschränkte,  nach
und  nach  aber  weit  darüber  hinausgriff.  Der  ungeahnte  wirtschaftliche ­
  Aufschwung,  den  München'im  Laufe  der  Jahrzehnte
erfahren  hat,  war  eng  mit  einer  tiefgehenden  Wandlung  auf
dem  Gebiete  nicht  nur  des  Wirtschaftslebens,  sondern  auch
der  beruflichen  und  sozialen  Gliederung  verknüpft.  W'enn
auch  in  seiner  wirtschaftlichen  Entwicklung  Rückschläge  nicht
ausgeblieben  sind,  so  ergibt  sich  doch  im  ganzen  eine  gewaltige ­
  und  überraschend  schleunige  Aufwärtsbewegung,  bei
welcher  auch  heute  ein  Ende  oder  nur  eine  Verlangsamung
nicht  vorauszusehen  ist,  die  vielleicht  noch  gesteigert  werden
kann,  wenn  den  für  München  geeigneten  Industrien  erheblich ­
  weniger  Lasten  aufgebürdet  und  mehr  allgemeine  Vergünstigungen ­
  gewährt  würden.
Jede  Großstadt  hat  heute  solche  Industrien,  die  ihrem
ganzen  Gewerbeleben  ein  eigenes  Gepräge  geben  und  für
deren  Entstehen  und  .Weiterentwicklung  gerade  die  günstigsten
        <pb n="37" />
        30

Vorbedingungen  oder  Standortsbedingungen  gegeben  sind.  Um
die  für  München  als  charakteristisch  zu  bezeichnenden  Industrien ­
  auf  systematischem  Wege  zu  ermitteln,  wurden  für
die  einzelnen  Oewerbeklassen  und  Gewerbearten  an  Hand
der  Reichsstatistik  die  prozentualen  Verhältnisse  der  1907  gezählten ­
  48  Großstädte  im  deutschen  Reiche  von  uns  festgestellt ­
  und  mit  den  gewerblichen  Verhältniszahlen  der  Stadt
München  in  Vergleich  gebracht  Alle  Industrien,  die  prozentual
unter  den  Durchschnitt  der  48  Großstädte  heruntersanken,
wurden  als  unbedeutend  bei  der  späteren  Betrachtung  fallen
gelassen  und  nur  in  folgendem  allgemein  gestreift.  Durch
diese  auf  rein  methodischer  Erfassung  der  Gewerbetätigen
in  den  einzelnen  Gewerbearten  beruhende  Ausgliederung  der
Industrien  kamen  jene  Gewerbearten  zum  Vorschein,  die  schon
rein  empirisch  durch  größere  Enqueten  bei  den  Betrieben  uns
selbst  als,  bodenständig  für  München  bekannt  waren.  Auf
sie  wollen  wir  später  noch  näher  eingehen.  Zunächst  versuchen ­
  wir  die  Verhältnisse  festzustellen,  mit  denen  eine  Industrie ­
  in  München  zu  rechnen  hat.
Die  geographische  Lage  der  Stadt  München  ist  nicht  besonders ­
  günstig.  Von  vielen  Großstädten  des  Reiches  liegt
München  am  südlichsten  in  einem  von  Gebirgen  und  nachbarlichen ­
  Zollgrenzen  umschlossenen  Winkel  des  deutschen
Gebietes.  Ihm  fehlt  das  große  kauffähige  Hinterland,  an  das
es  seine  Produkte  absetzen  kann.  Es  hat  keinen  Anteil  an
den  großen  Binnenwasserstraßen,  an  Kanälen,  die  eine  Verbindung ­
  mit  dem  Meere,  dem  Auslande  ermöglichten.  Die
billige  Wasserfracht  für  Rohprodukte  wie  für  Fertigfabrikate
wird  durch  die  teueren  Eisenbahntarife  ersetzt.  Da  fast
sämtliche  Rohstoffe  für  die  industrielle  Produktion  fehlen,  wachsen ­
  diese  Frachtkosten  ins  Ungeheure,  noch  mehr  aber  durch
das  Fehlen  einer  für  die  Industrien  brauchbaren  Kohle.  Die
natürliche  Entwicklung  vieler  Industrien,  namentlich  derjenigen,
welche  die  Kohle  als  Hauptkonsumartikel  bedingen,  hängt  von
der  billigen  Beschaffung  der  letzteren  ab.  Bayern  rechtsrheinisch, ­
  das  für  uns  in  diesem  Fall  in  Betracht  kommt,  erfreut ­
  sich  aber  keineswegs,  eines  besonderen  Kohlenreichtums
und  ist  zum  größten  Teil  auf  Kohlenimport  angewiesen.  Wohl
        <pb n="38" />
        fördert  die  oberbayerische  Aktiengesellschaft  für  Kohlenbergbau ­
  jährlich  über  1 / 2  Millionen  Tonnen  Kohlen,  aber  diese
Kohle  kann  sich  in  Bezug  auf  Qualität  gar  nicht  messen  mit
guten  Steinkohlen  und  ist  auch  nicht  zu  billig,  infolge  der
erheblichen  Kosten  des  Abbaus.  Die  oberbayerischen  Kohlengruben ­
  liefern  tatsächlich  nur  eine  Art  Mineral-  oder  Pechkohle, ­
  d.  h.  nach  den  Angaben  des  kgl.  Oberbergamts  eine
„Braunkohle,  welche  der  Steinkohle  ähnliche  Qualitäten  besitzt“. ­
  Diese  Kohle  hat  neben  allzugroßer  Schlackenmenge
eine  zu  geringe  Heizkraft,  als  daß  sie  für  die  Industrie
direkt  brauchbar  wäre.  Erst  der  Einbau  des  sogenannten  kontinuierlichen ­
  „Münchener  Stufenrostes“  in  die  Kesselanlage
läßt  eine  beschränkt-industrielle  Verwertung  zu.  Für  München ­
  kommen  diese  Kohlen  deshalb  meist  nur  für  den  Hausbrand ­
  in  Betracht.  Die  Folge  davon  sind  wiederum  große
Auslagen  an  Kohlenfrachten,  denn  man  ist  genötigt,  den
schwarzen  Diamanten  in  Hauptmengen  aus  dem  Saargebiet,
bezw.  Rheinland-Westfalen  und  Schlesien  zu  beziehen.  Jährlich ­
  werden  nahezu  30  Millionen  Mark  an  Fracht  zu  dem
Zwecke  einer  geeigneten  Kohlenversorgung  ausgegeben.
Wäre  der  Ludwig-Donau-Mainkanal  nicht  zu  umständlich
und  veraltet  und  müßte  man  nicht  bei  121  km  Länge  146  Schleusen ­
  passieren,  so  würden  diese  Frachten  schon  erheblich
verringert  werden.  Daß  eine  Besserung  dieser  Verhältnisse
in  den  nächsten  Jahrzehnten  schon  geschehen  wird,  dafür  bürgt
das  Wort  des  bayerischen  Ministers,  Freiherrn  von  Hertling,
in  der  Kammer  der  Abgeordneten  im  April  1912:  „Für  eine
größere  Ausgestaltung  unseres  Wasserwegs  nach  modernem
Bedürfnis  ist  die  Mainkanalisierung  die  unentbehrliche  Voraussetzung. ­
  Nach  Verabschiedung  des  Gesetzes  über  die
Schiffahrtsabgaben  ist  die  Mainkanalisation  in  absehbare  Nähe
gerückt  und  in  nicht  allzuferner  Zeit  wird  der  erste  Spatenstich ­
  geschehen  können.“  Auf  die  vielen  anderen  Projekte
einzugehen  erlaubt  uns  der  gesteckte  Rahmen  der  Arbeit  nicht.
Erwähnen  aber  wollen  wir,  daß  man  durch  die  Speisung  eines
Kanals  seitens  der  Isar,  Amper  und  des  Lech  eine  Verbindung
von  München  mit  dem  Main  bei  Uffenheim  zu  bewirken  und
von  hier  den  Kanal  in  gerader  Linie  direkt  an  den  Rhein
        <pb n="39" />
        32

nach  Mannheim  zu  führen  wünscht.  Dadurch  würde  eine
direkte  Verbindung  Münchens  mit  dem  Rheine  ermöglicht  und
München  zugleich  zu  einer  Hafenstadt  gemacht  werden.
Liegen  die  Dinge  jetzt  schon  erschwerend  für  die  Industrie, ­
  so  wirken  auch  die  lokalen  Bauvorschriften  Münchens
einer  möglichen  industriellen  Entwicklung  entgegen.  Man
ängstigt  sich  viel  zu  sehr,  daß  München  unter  einer  solchen
Veränderung  in  seinem  Prestige  als  gemütliche  und  von
Fremden  mit  Vorliebe  aufgesuchte  Stadt  verlieren  würde  und
fürchtet  die  Angliederung  einer  großen  Industrie.  Aber  man
sehe  sich  nur  die  modernen  Fabrikbauten  an,  mit  deren  Fertigstellung ­
  Künstler  betraut  sind.  Sie  entkräften  diesen  Einwand
oder  dämmen  ihn  doch  in  Grenzen  zurück.
Nach  allem  können  für  München  nur  ausnahmsweise  solche
Industrien  in  Frage  kommen,  deren  Rohmaterialien  von  weiter
Ferne  herbeigezogen  werden  müssen  und  mit  großen  Bahnfrachten ­
  belastet  sind,  Erzeugnisse  aus  denselben,  die  man
dann  unter  Aufwand  bedeutender  Frachtkosten  erst  in  die
Absatzgebiete  zu  transportieren  hätte.  Die  Rohstoffversorgungsplätze ­
  für  die  Münchener  Industrien  liegen  weit  entfernt, ­
  die  Transportkosten  lassen  die  Stadt  als  ungünstigen
Standort  all  jener  Industrien 1  erscheinen,  bei  welchen  die  hohen
Frachtkosten  ein  Hindernis  bilden  für  ihre  Ansiedelung.  Als
weitere  Vorbedingung  eines  industriellen  Unternehmens  hat
das  Vorhandensein  eines  entsprechenden  Arbeitermaterials  zu
gelten.  In  zwei  Richtungen  liegen  diese  Anforderungen,  welche
an  das  Arbeitsmaterial  stets  gestellt  werden:  absolute  Beschaffungsmöglichkeit ­
  bestgeeigneter  Kräfte  und  billige  Arbeiterversorgung. ­
  Wie  wir  schon  in  den  vorhergehenden
Kapiteln  sahen,  hat  München  eine  verhältnismäßig  geringe
Arbeiterbevölkerung.  Die  Anzahl  der  ungelernten  Arbeiter  ist
dennoch  eine  sehr  große,  während  an  gelernten  Arbeitern
stets  ein  Mangel  ist.  Wir  führen,  um  dies  zu  beleuchten,  die
Äußerung  eines  in  der  Lederbranche  tätigen  Fachmannes  an,
wie  sie  uns  Ad.  Bfougier  in  seiner  eingangs  genannten,  kleinen
Schrift  mitteilt:  „Es  gelingt  jetzt  kaum,  unseren  Arbeiterstand
zu  erhalten,  geschweige  denn,  ihn  zu  erhöhen.  Vielmehr  ist
■man  gezwungen,  gegen  Entschädigung  von  Fahrgeld  und
        <pb n="40" />
        33

Deponierung  für  die  Kosten  der  Rückfahrt  (bei  Nichtkonvenienz)
tüchtig  geschulte  Kräfte  aus  Berlin,  Sachsen,  Württemberg
kommen  zu  lassen.  Natürlich  müssen  solch  zuziehenden  Arbeitskräften ­
  höhere  Löhne  in  Aussicht  gestellt  werden,  als  sie
von  ihnen  bisher  bezogen  wurden.  Gerade  bei  den  Artikeln
der  Lederbranche  bedarf  es  geschickter  und  geübter  Hände.
Das  Einlernen  selbst  von  willigen,  an  Pünktlichkeit  gewöhnten
Personen  ist  nicht  leicht  und  erfordert  oft  ein  jahrelanges
geduldiges  Üben.  Von  der  gewandten,  korrekten  Bearbeitung
aber  hängt  die  Prosperität  und  Konkurrenzfähigkeit  jedes
Unternehmens  ab.  Sind  jedoch  durch  frische  Kräfte,  welche
erst  geschult  werden  müssen,  oder  durch  allzu  hohe  Spesen
und  Löhne  für  von  auswärts  bezogene  Arbeitskräfte  die  Herstellungskosten ­
  zu  teuer  geworden,  so  ist  die  Konkurrenz  nicht
zu  überwinden.“
Obgleich  diese  Angabe  nicht  für  alle  Industrien  zutrifft,
gibt  sie  uns  doch  ein  charakteristisches  Bild,  mit  welchen
Schwierigkeiten  es  verknüpft  ist,  in  München  eine  Beschaffung
von  geeigneten  Arbeitskräften  zu  erlangen.  Am  wenigsten
schwer  fällt  dies  bei  dem  den  Münchener  Arbeitsmarkt  beherrschenden ­
  Baugewerbe  mit  seiner  fluktuierenden  Arbeitermasse.
  Die  meisten  der  in  diesem  Saisongewerbe  tätigen  Arbeiter ­
  sind  auch  einfache  Taglöhner,  ungelernte  Arbeiter,  deren
es  in  München,  wie  wir  im  vorhergehenden  Abschnitt  bewiesen ­
  haben,  oft  überzählige  gibt,  was  gleichbedeutend  mit
einer  Arbeitslosigkeit  jener  Arbeiter  ist.  Bei  der  Frage  der
reinen  Beschaffungsmöglichkeit  muß  also  als  ausschlaggebend
für  die  Versorgung  der  Unterschied  zwischen  gelernten  und
ungelernten  Arbeitskräften  vorangestellt  werden;  denn  die  Beschaffungsmöglichkeit
  von  Arbeitermaterial  aus  beiden  Kategorien ­
  ist  schlechthin  grundverschieden,  weil  ungelernte  Arbeiter ­
  von  allerhand  anderen  Beschäftigungsarten  übernommen
werden  können,  während  gelernte  Arbeiter  eine  bestimmte
Vorbildung  durchgemacht  haben  müssen.  Haben  wir  es  also
mit  Industrien  zu  tun,  welche  ungelerntes.  Arbeitermaterial
verwenden  können,  so  wird  die  Schwierigkeit  der  Beschaffung
nie  so  groß  sein  wie  bei  den  Industrien  mit  großem  Bedarf  an
gelerntem  Arbeitermaterial.
Fritz,  München  als  Industriestadt.

3
        <pb n="41" />
        34

In  engster  Beziehung  zu  dieser  eigentlichen  Beschaffungsmöglichkeit ­
  steht  natürlich  die  Lohnfrage,  von  welcher  bei
einzelnen  Industrien,  namentlich  bei  solchen  mit  viel  Arbeitsinvestition ­
  in  das  Fertigprodukt,  die  Wahl  des  Standorts  vollkommen ­
  abhängig  werden  kann.
Auch  die  Grunderwerbskosten  können  bei  Neuanlagen  von
größter  Bedeutung  werden,  wenn  sie  nicht  in  der  Regel  den
Ausschlag  geben.  Wenn  auch  München  gute  überallhin  geführte ­
  Bahngleisansehlüsse  besitzt,  wenn  es  auch  ergiebige
Wasserleitung  und  beste  Kanalisation  zum  Zwecke  der  Entfernung ­
  einer  reichlichen  Abwassermenge  aufweist,  so  wurden
schon  viele  Industrien  von  der  Erwerbung  eines  Bauplatzes
abgeschreckt  durch  die  allzuhohen  Grundstückskosten  und  die
erheblich  gesteigerten  Steuern,  Gemeindeumlagen  wie  Staatssteuern. ­

Und  gerade  die  Einführung  der  neuen  bayerischen  Steuergesetzgebung ­
  im  letzten  Jahre,  welche  die  Aktiengesellschaften
und  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung  ganz  außerordentlich ­
  belastet,  droht  in  jeder  Hinsicht  der  Stadt  München  unberechenbaren ­
  Schaden  zuzufügen.  Da  die  Gesellschaften  mit
beschränkter  Haftung,  beziehungsweise  deren  Gesellschafter,
unter  diesen  neuen  Steuergesetzen  eine  Doppelbesteuerung
zu  ertragen  haben,  indem  sowohl  das  Gewinnergebnis  der
Gesellschaft  als  auch  der  Gewinnanteil  des  einzelnen  Gesellschafters ­
  besteuert  wird,  haben  verschiedene  Großindustrien
und  Großhandelshäuser  in  München  als  Gegenwirkung  neben
der  G.  m.  b.  H.  eine  Kommanditgesellschaft  gegründet.  Dabei
ist  die  G.  m.  b.  H.  der  persönlich  haftende  Gesellschafter,
der  „Gerant“,  mit  festem  Bezüge,  sodaß  der  Gewinn  nicht
in  Frage  kommt  und  so  die  eigentlichen  Mitglieder  der
G.  m.  b.  H.  nur  mit  einer  geringeren  Ertragsanlage  besteuert
werden.  Große  wirtschaftliche  Schäden  aber  müssen  für  die
an  sich  industriearme  Stadt  entstehen,  wenn  diese  steuerkräftigsten ­
  Gesellschaften  ihren  Sitz  außerhalb  Münchens  und
Bayerns  verlegten,  denn  mit  ihnen  ziehen  sie  auch  ihre  steuerzahlenden ­
  und  ihr  Gehalt  hier  verzehrenden  Beamten  mit
fort;  ganz  abgesehen  davon,  daß  diese  Unternehmen  sich  auf
dem  Gebiete  der  gemeinnützigen  Bestrebungen  in  bezug  auf
        <pb n="42" />
        35

3*

Wohltätjgkeits-  und  Wohlfahrtseinrichtungen  in  sehr  erfreulicher ­
  Weise  betätigen.  Die  Zeit,  wo  eine  Stadt  durch  die
Gunst  eines  einzigen  Mäcens  zu  überragender  Entwicklung
gebracht  und  auf  diesem  Wege  weitergeführt  werden  konnte,
ist  heute  endgültig  vorüber.  Die  Gegenwart  verlangt  als  Grundlage ­
  für  den  kulturellen  Fortschritt  einer  Großstadt  nachhaltige
und  zahlreiche  Finanzkräfte,  die  nicht  nur  ein  Heer  gutbezahlter
  Beamter,  Angestellter  und  Arbeiter  beschäftigen,
sondern  auch  durch  ihre  reichen  Steuerleistungen  es  der  Gemeinde ­
  erst  ermöglichen  eine  fortschrittliche  Kommunalpolitik
zu  verwirklichen.
In  den  letzten  zwei  Jahren  haben  einige  größere  Werke
Münchens  Mauern  den  Rücken  gewendet.  Schließen  sich  dieser
„Flucht“  noch  mehr  Großindustrien  an,  so  droht  für  München ­
  geradezu  ein  Zusammenbruch  auf  wirtschaftlichem  und
kommunalem  Gebiet.
Dennoch  müssen  nicht  nur  die  bestehenden  Industrien
erhalten  bleiben,  sondern  man  muß  mit  allen  Mitteln  danach
trachten,  neue  industrielle  Unternehmungen  heranzuziehen.
Denn  überall  macht  sich  bei  den  Geschäftsleuten  eine  Meinung
geltend,  die  letzteres  verlangt,  weil  eine  Überproduktion  der
eigens  für  die  Fremden  arbeitenden  Gewerbe  schon  jetzt  vorhanden ­
  sei.  Der  Fremdenverkehr,  mag  er,  wie  wir  in  der
Einleitung  ausgeführt  haben,  noch  so  sehr  wachsen,  er  hat
einen  anderen  Charakter  im  Laufe  der  letzten  Jahre  angenommen. ­
  Das  kann  darauf  beruhen,  daß  durch  die  außerordentlich
günstigen  Bahnverbindungen  mit  Italien  und  den  Ausflugsorten ­
  in  der  Umgebung  Münchens  viele  Fremden  veranlaßt
werden,  München  nur  zu  streifen,  um  möglichst  bald  wieder
weiterzureisen  oder  es  nur  als  Aufenthalt  allgemein  zu  benützen, ­
  die  größte  Zeit  aber  in  der  Umgebung  zuzubringen.
Dann  aber  kaufen  die  Mehrzahl  der  Fremden  nur  kleinere  Andenken, ­
  da  ihnen  München  als  zu  teuer  bekannt  ist.  Die  wirtschaftlichen ­
  Folgen  sind  nicht  in  ihrer  Gesamtheit  zu  umfassen.
Tatsache  ist  aber,  daß  die  in  München  anwesenden  Studenten
den  Geschäftsleuten  mehr  Geld  einbringen,  wie  der  Fremdenverkehr ­
  heute  vermag.  Ausgenommen  sind  bei  dieser  Betrachtung ­
  die  zahlreichen  Hotelbetriebe  und  die  Paket-  und
        <pb n="43" />
        Personenbeförderungsanstalten,  welche  auf  dem  Fremdenverkehr ­
  beruhend  auch  von  diesem  den  größten  Vorteil  erringen.
Die  Aufgabe  aber,  München  zu  einer  rentablen  Großindustrie ­
  zu  verhelfen,  ist  nach  allem  Vorstehenden  eine  nicht
sehr  leichte  und  nach  unserer  Meinung  nur  unter  Leistung
großer  Opfer  und  Voraussetzung  weitgehendster  Unterstützung
aller  Behörden  zu  erledigen.  Die  Einführung  neuer  großer
Unternehmungen  auf  industriellem  Gebiete  in  München  ist
trotz  allem  möglich.  Die  Errichtung  solcher  Anlagen  hängt
nur  davon  ab,  wie  man  die  wirtschaftlichen  Nachteile,  die
wir  im  Vorstehenden  streiften,  beseitigt.  Neben  den  schon
angeführten  Verbesserungen  des  Ludwig-Donau-Mainkanals
läge  es  im  Interesse  der  Stadt,  wenn  an  Stelle  der  mit  teueren
Frachtkosten  belasteten  besseren  Kohlensorten,  die  in  den
Gebirgswässern,  und  namentlich  der  Isar  selbst,  zahlreich  vorhandenen ­
  Kräfte  einer  ausgiebigeren  Benützung  entgegengeführt ­
  würden  als  es  bislang  der  Fall  war.  Die  Schwesterstadt ­
  Augsburg  sollte  hierin  ein  Vorbild  sein,  denn  hier  haben
die  großen  Industriellen  ihre  Werke  längst  abgeschrieben,  nachdem ­
  sie  früh  genug  darauf  bedacht  waren,  die  gegebenen
Wasserkräfte  auf  das  Wirtschaftlichste  zur  Erzeugung  von  Elektrizität ­
  auszunützen.  Wenn  auch  die  Isar  durch  weitgehende
Korrektionen  einen  Teil  ihrer  ursprünglichen  Unbändigkeit  verloren ­
  hat  und  so  zur  Anlage  von  Wasserkraftwerken  dienen
konnte,  so  stellen  sich  die  neuen  Anlagen  —  unter  Berücksichtigung ­
  der  Verzinsung  und  Amortisation  des  Anlagekapitals,
der  Betriebs-,  Verwaltungs-  und  Unterhaltungskosten  —  dennoch ­
  erst  so,  daß  eine  erzeugte  Kilowattstunde  am  Schaltbrett ­
  auf  2,6  bis  2,8  Pfennig  zu  stehen  kommt.  Dies  ist
aber  für  die  allgemeine  Anlage  in  den  größeren  industriellen
Werken  noch  zu  teuer  und  es  muß  als  eine  Aufgabe  von
eminent  wirtschaftlicher  Bedeutung  betrachtet  werden,  diese
Normalsätze  für  den  Bezug  elektrischer  Kraft  durch  noch  intensivere ­
  Ausnützung  der  vorhandenen  Wasserkräfte  der  Isar  und
anderer  Gebirgsflüsse  herabzumindern.  Welche  segensreiche
Erfolge  die  elektrische  Kraftübertragung  zu  zeitigen  vermag,
zeigt  die  Kraftanlage  des  württembergschen  Städtchens  Heilbronn. ­
  Von  Laufen  am  Neckar  wird  durch  eine  oberirdische
        <pb n="44" />
        37

Leitung  dem  etwa  10  km  entfernten  Heilbronn  eine  mittels
drei  Turbinen  der  Wasserkraft  des  Neckar  entnommene  Energie
bis  zu  900  Pferdestärken  zugeführt,  sodann  innerhalb  der  Stadt
durch  Kabel  unterirdisch  nach  den  Transformatoren  gebracht
und  von  da  zur  Abgabe  von  Licht  und  Kraft  verteilt.
Als  alleinige  Abnehmerin  der  Elektrizität  könnte  in  München ­
  nur  die  Industrie  in  Frage  kommen,  für  deren  Fabrikbetrieb ­
  Kraftschwankungen  keinen  Nachteil  bedeuten.  Gerade
diese  letztere  Einschränkung  bildet  den  Hauptgrund  dafür,  daß
sich  hier,  wie  in  so  seltenen  Fällen,  zwischen  Staat  und  Privatindustrie ­
  eine  völlige  Interessengemeinschaft'in  der  Ausnützung
der  Wasserkräfte  erzielen  läßt,  da  der  Staat  erst  dann  die
billigsten  Einheitspreise  gibt,  wenn  die  Grenze  der  Wirtschaftlichkeit ­
  erreicht  wird.  Im  übrigen  wird  der  Ausbau  der
Wasserkräfte  auch  nicht  die  Grundlagen  der  bayerischen  Industrie ­
  umgestalten,  vielmehr  nur  für  einzelne  Industriezweige
von  Vorteil  sein,  deren  Entwicklung  bis  jetzt  als  ausgeschlossen
zu  betrachten  war.
Der  derzeitige  Oberbürgermeister  der  Stadt  München,  Geheimer ­
  Hofrat  Dr.  von  Borscht,  spricht  sich  über  die  Zukunft
Münchens  dahin  aus,  daß  neben  der  Schwierigkeit,  sich  heute
auf  einem  bisher  nicht  gepflegten  Gebiete  in  die  erste  Reihe
zu  stellen,  für  München  noch  dazu  komme,  daß  es  als  die  südlichste ­
  deutsche  Großstadt  kein  Hinterland  für  den  Absatz
im  großen  Stil  besitze  und  daß  wegen  der  hohen  Transportkosten ­
  sowohl  für  den'  Bezug  des  Rohmaterials  als  des  fertigen
Produkts  die  Spesen  in  München  viel  zu  hoch  seien.  „Eine
Änderung  in  diesen  Verhältnissen  könnte  vielleicht  die  Ausnützung ­
  der  weißen  Kohle  und  der  Wasserkräfte  mit  sich
bringen,  die  in  den  bayerischen  Alpen,  also  in  unmittelbarer
Nähe  Münchens,  in  einer  Fülle  vorhanden  sind,  die  in  Deutschland ­
  ihresgleichen  nicht  haben.  Wäre  die  Stadt  München  in
der  Lage,  elektrische  Energie  aus  diesen  Wasserkräften  der
Industrie  zu  billigstem  Preise  auf  billigem  Gelände  zur  Verfügung ­
  zu  stellen,  so  könnten  damit  wahrscheinlich  die  mannigfachen ­
  wirtschaftlichen  Hindernisse,  die  der  Entwicklung
Münchens  zur  Industriestadt  entgegenstehn,  beseitigt  werden.
Daß  eine  solche  Beseitigung  möglich  ist,  beweist  das  Unter ­
        <pb n="45" />
        33

nehmen  der  Isarwerke,  die  unter  Ausnützung  von  etwa  10  000
Pferdekräften  in  der  Isar  oberhalb  Münchens  bedeutende
Kraftanlagen  geschaffen  und  damit  eine  stattliche  Zahl  von
Industrien,  darunter  solche  von  mehr  als  1000  Arbeitern  nach
München  gezogen  haben.“
Ein  Hemmschuh  für  die  Neuansiedelung  von  Industrien
bilden,  wie  wir  schon  ausgeführt  haben,  die  allzustrengen
lokalen  Bauvorschriften.  Man  kann  ja  die  Industrie  an  der
Grenze  des  Burgfriedens,  in  den  Vororten  ansiedeln,  wenn
man  absolut  die  Umgebung  dem  Fremdenverkehr  zuliebe
nicht  verunstalten  will,  was  noch  immer  eine  offene  Frage
bleiben  muß,  da  bei  den  heutigen  Anlagen  von  Fabriken  eine
Anpassung  an  die  Gegend  schon  möglich  ist.
Aus  der  neuesten  Zeit  datieren  Offerten  von  Stadtgemeinden, ­
  welche  ganz  verlockende  Bedingungen  für  die
Industrie  enthalten.  Könnte  man  auch  nicht,  wie  diese,  eine
freie  Überlassung  günstiger  mit  Gleisanschlüssen  versehener
Baugründe  ermöglichen,  so  wäre  es  doch  in  Erwägung  zu
ziehen,  ob  man  nicht  erheblich  billigere  Baugründe  wie  die
derzeitig  angebotenen  den  Industrien  als  Ansiedelungsplätze
zuzuweisen  vermöchte.  Wenn  dann  noch  die  Gemeinde  einen
größeren  Teil  der  Wasserleitungskosten  und  die  Herstellung
der  nötigen  Kanalisation  übernehmen  würde,  wäre  es  einer
neu  aufstrebenden  Industrie  auch  möglich,  die  zu  ihrem  Betriebe ­
  notwendigen  Arbeitermengen  zu  bekommen,  da  sie  dieselben ­
  durch  höhere  Löhne  nach  hier  ziehen  müßte.  Dies
kann  keiner  Industrie  schwer  fallen,  wenn  man  berücksichtigt,
daß  gerade  die  besser  gelernten  Arbeiter  die  Großstadt  am
liebsten  zu  ihrem  Wirkungsfeld  machen,  sobald  sie  zufriedenstellende ­
  Befriedigung  ihrer  Lebens-  und  Wohnungsbedürfnisse ­
  zu  erhalten  glauben.  Es  ist  ja  klar,  daß  die  Wohnungsfrage, ­
  welche  mit  einem  zahlreichen  Zuzuge  auswärtiger  Arbeitskräfte ­
  bei  Entwicklung  von  Großindustrien  unmittelbar
verknüpft  ist,  wieder  ernsthaft  in  den  Vordergrund  treten
muß.  Doch  darauf  näher  einzugehen,  dünkt  uns  nicht  geeignet ­
  und  wir  verweisen  auf  die  vom  statistischen  Amt  der
Stadt  München  herausgegebenen  Schriften  und  Berichte,  aus
denen  der  in  diesem  Falle  einzuschlagende  Weg  ersichtlich  ist.
        <pb n="46" />
        39

Dann  darf  nicht  versäumt  werden,  darauf  hinzuweisen,
daß  andere  Stadtverwaltungen  große  Anstrengungen  machen,
fremde  hervorragende  Industrien  zur  Niederlassung  zu  bewegen, ­
  indem  sie  ihnen  Befreiung  von  den  Gemeindeumlagen
auf  einige  Jahre  hinaus  gewähren,  bis  dann  die  Industrien
sich  geeignete  Absatzgebiete  geschaffen  haben  und  nun  mit
anderen  Betrieben  benachbarter  Städte  erfolgreich  in  den  Konkurrenzkampf ­
  eintreten  können.  Dann  werden  sie  von  selbst
die  steuerzahlenden  Elemente  bilden,  als  welche  wir  die  Industrien ­
  kennen  und  in  der  Kommunalpolitik  zu  schätzen
wissen.
Wichtiger  noch  wie  all  diese  Hinweise  auf  die  verschiedenen ­
  Möglichkeiten,  mit  denen  trotz  der  wirtschaftlich  ungünstigen ­
  Lage  Münchens  eine  Heranziehung  von  großindustriellen
  Unternehmungen  zu  bewerkstelligen'  wäre,  scheint
uns  eine  eingehende  Untersuchung  gerade  der  Industrien,
welche  für  München  am  rentabelsten  sein  würden.  Doch
dies  bedarf  der  weitgehendsten  Erhebungen  wie  sie  von  uns
nicht  vorgenommen  werden  können.  Wir  müssen  uns  rein
darauf  beschränken,  festzustellen,  welche  Industrien  für  den
Burgfrieden  der  Stadt  München  überhaupt  nicht  in  Betracht
kommen,  welche  Arten  industriellen  Gewerbefleißes  wenig  und
welche  vorwiegend  hier  vertreten  sind.
Vorausschicken  wollen  wir,  daß  ganz  Bayern  in  erster
Linie  auf  Erzeugung  von  Qualitätsprodukten  und  Spezialitäten
angewiesen  ist,  da  die  Beschaffung  der  nötigen  Rohstoffe
erhebliche  Produktionskosten  erfordert,  die  im  Zusammenhalt ­
  mit  den  relativ  teuren  Spesen  für  den  Absatz  den  Wettbewerb ­
  mit  dem  Norden  Deutschlands  und  dem  Auslande
außerordentlich  erschweren.  Dabei  kommt  ihm  allerdings  die
von  jeher  eigene  Übertragung  der  Kunst  in  das  Gewerbe  hilfreich ­
  entgegen.  Wird  dem  Land  aber  so  der  Absatz  von
Massenprodukten  recht  erheblich  erschwert,  so  ist  es  begreiflich, ­
  wenn  als  Rückwirkung  dieser  ungünstigen  Verhältnisse
der  an  sich  territorial  beschränkte  Markt  nicht  genügend  aufnahmefähig ­
  geblieben  ist.  Wenn  man  diese  ungewöhnlich
schwierige  Lage  Bayerns  berücksichtigt,  so  muß  man  allgemein
Bewunderung  empfinden  für  die  gewaltigen  Leistungen  von
        <pb n="47" />
        40

*

Industrie  und  Handel  des  Landes  innerhalb  der  letzten  Jahrzehnte. ­

Der  Norden  Bayerns  liegt  nun  für  den  Import  der  Rohstoffe ­
  sowohl  wie  für  den  Export  der  fertigen  Produkte  wesentlich ­
  günstiger  als  der  Süden,  als  Oberbayern  mit  seiner
Hauptstadt  München.
Daß  im  Burgfrieden  Münchens  keine  Bergwerke,  keine
Salinen-  und  Hüttenwerke  anzutreffen  sind,  ist  wohl  nach  all
dem  Vorhergehenden  klar.  München,  auf  dem  oberbayerischen ­
  Hochplateau  gelegen,  ohne  angrenzendes  Gebirge,  kann
sich  solcher  Materiallager  nicht  rühmen.  Auch  Torf  wird  innerhalb ­
  des  Burgfriedens  neuerdings  nicht  mehr  gegraben.  Wohl
weiß  die  Statistik  im  Jahre  1907  erstmalig  von  mehreren  kleinen ­
  Gold-  und  Silberschmelzereien  zu  berichten,  aber  sie
spielen  mit  insgesamt  nur  21  beschäftigten  Personen  eine  untergeordnete ­
  Rolle.  Auch  die  gleichzeitig  vermerkte,  zu  einer
Ofenfabrik  gehörige  Rohgießerei  ist  nur  als  Hilfsindustrie  zu
werten,  ähnlich  wie  die  Eisengießereien  in  der  Gruppe  „Metallverarbeitung“, ­
  obwohl  hier  ein  selbständiger  Mittelbetrieb  von
Bedeutung  ist.  Wohl  sind  die  Eisengießereien  in  Bayern  selbst
sehr  zahlreich,  aber  eine  solche  Eisengießerei  in  München  hat
sehr  unter  der  geographisch-ungünstigen  Lage  der  Stadt  zu
leiden,  um  so  mehr  als  die  Arbeiterverhältnisse  sich  in  den
letzten  Jahren  immer  schwieriger  gestaltet  haben.  Das  Absatzgebiet ­
  der  Münchener  Eisengießerei  ist  fast  ausschließlich
auf  die  Stadt  und  deren  nähere  Umgebung  beschränkt,  da  die
schweren  Gußteile  bei  doppelter  Frachtbelastung  im  übrigen
Bayern  nicht  mehr  konkurrieren  können.  Diese  Eisenindustrien
sind  ihrer  Natur  nach  an  weiterverarbeitende  Industrien  gefesselt. ­
  Sie  können  daher  von  den  Rohstoffversorgungsplätzen
wegrücken,  wegen  des  größeren  Vorzugs  der  Angliederung
an  die  Weiterverarbeitung,  wodurch  sie  jedenfalls  in  transportlicher
  Beziehung  den  Erfolg  erzielen,  daß  die  fertigen  Produkte ­
  keine  größeren  Frachten  verschlingen.  Die  Transportkosten ­
  sind  deshalb  hier  doch  von  größtem  Einfluß  auf  die
Standortswahl,  während  der  Faktor  „Arbeitskosten“  dahinter
weit  zurücksteht,  da  das  Rohmaterial  im  rein  umformenden
Veredelungsprozeß  nur  eine  sehr  geringe  Werterhöhung  erfährt.
        <pb n="48" />
        41

Darin  liegt  die  Erklärung  dafür,  daß  in  München,  wohin  'das
Rohmaterial  von  weither  bezogen  werden  muß,  Eisengießereien
bestehen  können,  obwohl  ja  durch  die  Eisenindustrien  in  der
Stadt  selbst  Alteisen  in  größeren  Mengen  an  Stelle  des  Roheisens ­
  treten  kann  und  so  letzteres  entbehrlicher  wird.
ln  der  Industrie  der  Steine  und  Erden  ist  München  auch
nicht  groß.  Die  Betriebe,  die  sich  mit  der  Fabrikation  feiner
Steinwaren  befaßten,  gingen  zurück,  die  Zementfabriken  nahmen ­
  sehr  ab,  was  aber  der  Kunststeinverfertigung  zugute  kam.
Bemerkenswert  ist  das  Verschwinden  der  Ziegeleien  innerhalb ­
  Münchens  Mauern.  Die  großen  „Ziegeleiwerke  A.  G.“
haben  ihren  Betrieb  nach  Unterföhring,  einem  Vorort  Münchens
verlegt,  da  sich  eine  Ausziegelung  des  lehmigen  Bodens,  innerhalb ­
  des  Burgfriedens  der,  Stadt  eingestellt  hat.
Von  der  Gruppe  der  metallverarbeitenden  Industrien  fehlen ­
  für  München  gänzlich  die  Spielwarenindustrien  wohl  wegen
der  von  altersher  berühmten  und  blühenden  Industrie  in  dem
nahen  Nürnberg,  das  sich  wie  München  seiner  Kunst  im  allgemeinen ­
  auch  sehr  rühmen  kann  und  äußerst  geschmackvolle ­
  Produkte  dieser  Art  auf  den  Markt  bringt.  Die  Schrot-■und
  Bleikugelfabrikation,  die  Näh-  und  Stecknadelfabrikation,
Herstellung  von  Aluminiumwaren  sind  sämtlich  nicht  mehr
vorhanden  und  haben  als  ihren  Standort  Nürnberg  gewählt.
Trotz  ähnlicher  Vorbedingungen  wie  in  Augsburg,  Kaufbeuren
und  anderen  oberfränkischen  Orten,  den  alteingesessenen  Arbeiterstamm ­
  ausgenommen,  fehlt  in  München  die  Textilindustrie, ­
  deren  Fertigprodukte  nicht  sehr  hochwertig  sind  gegenüber ­
  dem  Rohmaterial,  fast  gänzlich.  Weder  reine  Spinnereien,
noch  Spinnwebereien  oder  Webereien  sind  in  München  zu
finden.  Nur  eine  beschränkte  Anzahl  von  Allein-  und  Kleinbetrieben ­
  weist  es  in  der  Stickerei  und  Wirkerei  auf.  Von
den  113  Millionen  Mark  festgelegtem  Wert  an  Kapitalaufwand
für  Gebäude,  Maschinen,  Kraft  und  Betriebsfonds  der  Baumwollanlagen
  in  Bayern  hat  München  auch  gar  keinen  Anteil.
Da  die  Baumwolle  selbst  aus  den  Südstaaten  der  amerikanischen ­
  Union,  aus  Westindien,  Ostindien  und  den  Vereinigten
Staaten  eingeführt  wird,  so  kann  es  der  Unterschied  der  Frachtkosten ­
  nicht  sein,  w'as  diese  Industrie  von  München  fernhält,
        <pb n="49" />
        42  —

während  sie  in  dem  benachbarten  Augsburg  blüht.  Aber  die
Textilindustrie  braucht,  wie  wir  schon  bemerkten,  einen  billigen ­
  Arbeiterstamm  und  dieser  fehlt  München:  der  Arbeitskostenfaktor ­
  bestimmt  hier  den  Standort.  Deshalb  mangelt
;es  ihm  auch  vollständig  an  jenen  Fabriken,  welche  die  Maschinen ­
  und  Maschinenbestandteile  für  die  Spinnerei,  Weberei,
Färberei  und  andere  einschlägige  Arten  herstellen.  Sie  müssen, ­
  um  mit  anderen  Maschinenfabriken  konkurrenzfähig  zu
sein,  möglichst  konsumorientiert  erscheinen,  damit  die  hohen
Transportkosten  der  Rohmaterialien  nicht  noch  durch  die  ebenso ­
  hohen  Kosten  der  Verfrachtung  der  fertigen  Maschinen  verdoppelt ­
  werden.  Allgemein  aber  wird  es  interessieren,  daß
entgegen  den  statistischen  Angaben  des  Amtes  der  Stadt  München ­
  (Heft  13,  Band  XXII.)  in  München  der  Schiffsbau  betrieben ­
  wird.  Die  Firma  Maffei  baute  schon  1847  das  erste  für  die
Donau  bestimmte  Dampfschiff,  dem  bald  eine  stattliche  Anzahl ­
  größerer  und  kleinerer  Schiffe  für  den  Bodensee,  Starnberger ­
  und  Ammersee,  den  Chiemsee,  für  die  Donau,  den
Neckar  und  andere  Flüsse  folgten,  die  teils  in  der  Maffeischen
Fabrik  vollständig  erbaut  wurden,  teils  in  der  Maffeischen
Schiffswerft  in  Regensburg  auf  Stapel  gelegt  und  von  dem
Maffeischen  Eisenwerk  Hirschau  mit  den  notwendigen  Dampfmaschinen, ­
  Kesseln  und  Zubehörmaschinen  versehen  wurden.
Auch  die  Fabrik  von  Jos.  Rathgeber  hat  für  den  Bodensee,
Würmsee,  Ammer-  und  Chiemsee  für  zwölf  Dampfbote  die
Herstellung  der  Verdecke,  Ausstattung  der  Salons  und  Kabinen
übernommen  und  auch  sonst  noch  eine  Reihe  von  Bauten  und
Umbauten  von  Schiffen  vorgenommen.
Auch  die  Herstellung  von  Fahrrädern  kommt  mit  Ausnahme ­
  eines  Betriebes,  der  Fahrradwerke  in  Riesenfeld,  nicht
mehr  in  Betracht,  da  diese  Betriebe  erheblich  zurückgegangen
sind  und  heute  nur  noch  als  Allein-  oder  Kleinbetriebe  gerechnet
werden.  Ein  einziger  Betrieb  ist,  wie  angedeutet,  vorhanden, ­
  welcher  mit  etwas  über  50  Arbeitern  zu  den  Mittelbetrieben
gezählt  werden  muß.  Dies  erklärt  sich  für  München  speciell
aus  der  geringer  gewordenen  Verwendung  des  Fahrrades  zu
Sportzwecken.  Dabei  kommt  auch  für  die  minderbemittelten
Bevölkerungsklassen,  namentlich  der  Arbeiter,  die  dasselbe  als
        <pb n="50" />
        43

Verkehrsmittel  verwenden,  vielfach  nur  die  Anschaffung  gebrauchter ­
  Maschinen  in  Betracht.  Außerdem  hat  die  auswärtige
Konkurrenz  überall  Verkaufslokale  in  der  Stadt.  Wohl  ist
der  gelernte  Arbeiterstamm,  der  in  diesem  Falle  maßgebende
Faktor  für  die  Wahl  des  Standorts,  vorhanden  und  würde
sich  ohne  große  Schwierigkeiten  aus  nächster  Nähe  ergänzen
lassen;  aber  nur  bei  größten  Kapitalinvestierungen  wäre,  wie
uns  wiederholt  versichert  wurde,  ein  Wiederaufblühen  der  Industrie ­
  in  den  Mauern  der  Stadt  möglich.
Bekanntlich  hat  sich  seit  den  zwei  letzten  Dezennien  des
vorigen  Jahrhunderts  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der
praktischen  Chemie  ein  immer  lebhafteres  Bestreben  gezeigt,
das  Haus-  und  Kleingewerbe  zur  Fabrikation  überzuführen,  die
wissenschaftlichen  Errungenschaften  möglichst  unmittelbar  der
technischen  Verwertung  zugänglich  zu  machen.  Da  aber  für
die  chemische  Industrie  nicht  nur  die  Wasserwege  von  Bedeutung ­
  sind  wegen  der  billigen  Verfrachtung  der  Fertigprodukte
und  der  Beschaffung  des  Rohmaterials,  so  liegt  an  der  Lösung ­
  der  Frage  über  die  Wasserrechte,  die  Ausnützung  der
vorhandenen  Wasserkräfte  in  der  bayerischen  Hochebene  nicht
nur  die  Existenzbedingung  für  die  chemische  Industrie  der
Stadt  München,  sondern  für  die  ganze  Entwicklung  dieser
Industrie  in  Bayern.  Von  dieser  Bedingung  hängt  es  ab,  ob  die
chemische  Industrie  sich  in  Bayern  eines  Aufschwungs  erfreut
oder  ob  sie  sich  ins  Ausland  wendet.  In  München  gingen  die
chemischen  Werke  zurück  mit  Ausnahme  der  Herstellung  „sonstiger ­
  chemischer  Präparate“.  Auch  die  Herstellung  von
Farbmaterial  zeigt  eine  Neigung  zur  Entwicklung  von  Mittelbetrieben. ­
  Von  großer  Bedeutung  aber  ist  diese  Industrie
in  München  nicht  für  uns,  da  sie  im  ganzen  rund  700  Personen ­
  beschäftigt.  In  der  Nähe  von  München,  in  Pasing,
befindet  sich  ein  Betrieb,  der  der  näheren  Betrachtung  wegen
der  für  München  ins  Gewicht  fallenden  Eigenart  der  Rohprodukte ­
  nicht  entzogen  werden  darf.  Aus  den  umliegenden
Gasfabriken  sammelt  sich  diese  Fabrik  den  Rohteer,  jährlich
ca.  800  Tonnen,  um  diesen  Steinkohlenteer  sowie  das  Teeröl
weiterzuverarbeiten  zu  Benzol,  Toluol,  Naphtalin,  Karbolsäuren, ­
  besonders  Rech  und  vielen  anderen  Nebenprodukten.  Das
        <pb n="51" />
        44

Pech  findet  dann  seine'  Anwendung  in  den  Pichereien  verschiedener ­
  Münchener  Brauereien.  Dagegen  fällt  die  Holzteergewinnung ­
  für  München  selbst  auch  fort  und  ist  nur  noch  in  der
waldreichen  Umgebung  zu  finden.  Zu  wünschen  wäre  ja  eine
Wiederbelebung  der  Münchener  chemischen  Industrie,  denn
sie  würde  dann  sicher  mit  ihren  vielfach  eigenartigen  Anforderungen ­
  und  Bedürfnissen  wieder  anregend  auf  die  verschiedensten ­
  sonstigen  Industriezweige  wirken,  wie  die  Maschinenund
  Apparatebauanstalten,  die  Stanz-  und  Emaillirwerke.
In  dem  Maße,  in  dem  die  Erkenntnis  von  dem  großen
Werte  der  Heranziehung  genannter  Industrien,  die  für  München ­
  fehlen  oder  nur  gering  an  seinem  wirtschaftlichen  Werden ­
  beteiligt  sind,  in  immer  weitere  Kreise  dringt,  wird  auch
die  Bedeutung  Münchens  für  den  Weltmarkt  immer  mehr  und
mehr  zunehmen.  Wie  sich  jetzt  seine  wirtschaftliche  Produktion ­
  und  Konsumtion  darstellt,  soll  folgende  Tabelle  zeigen,
welche  Eingang  und  Versand  der  sämtlichen  Münchener  Bahnhöfe ­
  im  Jahre  1911  zusammenfaßt:

Produkte

Eingang  |  Versand
in  Tonnen

Bier

4021*)

260259

Chemikalien,  Drogen

4810

1481

Altes  Eisen

3164

18022

Stahl  und  Eisen

56862

17274

Maschinen  und  -teile

13135

15862

Eisen-  und  Stahldraht

1606

1532

Glas  und  -waren

13806

2919

Häute,  Felle,  Leder

5466

8313

Papier,  Pappe

31377

8958

Teer,  Pech,  Harz,  Asphalt

16680

6563

Ton  waren,  Porzellan

11518

4260

Fahrzeuge

5871

5878

Malz

11616

10716

Tabak

1850

65

Wollten  wir  aber  aus  diesen  Zahlen  auf  die  Größe  oder
'die  Bedeutung  einzelner  Industriezweige  Münchens  schließen,

*)  Größtenteils  Weißbier.
        <pb n="52" />
        so  würde  sich  ein  ganz  falsches.  Bild  von  dem  industriellen
Erwerbsleben  der  Stadt  daraus  ergeben.  Deshalb  gehen  wir
in  folgenden  Kapiteln  dazu  über,  die  einzelnen  Großbetriebe
in  ihrer  Bedeutung  sowohl  für  München  wie  für  den  Weltmarkt
sachgemäß  zu  beleuchten  und  auch  die  Standortsbedingungen
zu  untersuchen,  die  sich'  heute  als  wesentlich  andere  darstellen
gegenüber  den  bei  der  Gründung  maßgebenden  Faktoren,  was
wir  an  dieser  Stelle  schon  vorausschicken  möchten.
        <pb n="53" />
        is

■

•  ^

Vierter  Abschnitt,  Teil  I.
Graphische  Industrie,  Buchgewerbe,
Zeitungsdruck  und  Verlagswesen.
Große  Bedeutung  besitzt  heute  Münchens  graphische
Industrie,  welche  an  sich  so  alt  ist  wie  die  uns  überlieferte
Kultur  aus  grauester  Vorzeit;  bei  den  alten  Persern  ebenso
wie  bei  den  alten  Ägyptern  hat  es  schon  in  frühesten  Zeiten
Angehörige  der  graphischen  Künste  gegeben,  welche  die  Erzeugnisse ­
  von  Bild  und  Schrift  berufsmäßig  herstellten,  wie  die
ausgegrabenen  Inschriften  uns  solches  bezeugen.  Und  die
Priesterin  im  germanischen  Götterhain,  welche  die  Runenzeichen ­
  in  Horn  oder  Holz  schnitzte  und  als  Amulette  oder
Kriegszeichen  weitergab  oder  Briefe  in  Runenschrift  ritzte,
war  sie  nicht  auch  eine  Jüngerin  der  graphischen  Künste?
Die  graphische  Kunst  ist  sicherlich  eine  der  ältesten  Künste
der  Welt.  Heute  sehen  wir  die  graphische  Industrie  in  der  Buchdruckerkunst ­
  besonders  sichtbar  verkörpert.  Der  moderne
Mensch,  selbst  erzogen  unter  den  Einflüssen  des  gedruckten ­
  Buchstabens  und  Bildes,  selbst  Träger  der  ihm  so  übermittelten ­
  Kultur  und  als  solcher  berufen,  mitzuwirken  an  der
Fortbildung  der  Menschheit,  steht  der  eigenen  Zeit  gegenüber ­
  (zu  sehr  im  Banne  einer  allgemeinen  subjektiven  Befangenheit, ­
  als  daß  er  die  Erfindung  der  beweglichen  Lettern  durch  den
Altmeister  Gutenberg  zu  würdigen  im  Stand  sei.  Noch  viel
weniger  denkt  die  Nachwelt  daran,  daß  der  Erfinder  der  Lithographie ­
  und  des  Steindrucks,  Alois  Senefelder,  ein  Münchener
Bürger  war.  Ihm  hat  nicht  nur  die  Solhofer  Steinbruchindustrie ­
  ihre  Existenzmöglichkeit  zu  danken,  auf  seiner  Erfindung ­
  baut  sich  auch  die  Entwicklung  des  Farbendrucks,
die  ungeahnte  Ausdehnung  des  Bilder-  und  Kunstdruckes  auf.
Nimmt  es  da  Wunder,  wenn  wir  in  der  alten  freien  Stadt
München,  der  herzoglichen  Residenz  schon  1842  eine  deutsche
Übersetzung  der  damals  beliebten  Mirabilia  urbis  Romae
(Wunderbare  Dinge  der  Stadt  Rom)  von  seinem  ersten  Buch ­
        <pb n="54" />
        47

drucker  Hans  Schauer  erschien.  Gleichwohl  konnten  andere
bayrische  Städte  zu  jener  Zeit  sich  einer  rascheren  Entwicklung ­
  der  Buchdruckerkunst  rühmen.  Der  Grund  dafür,
daß  München  damals  erst  an  neunter  Stelle  unter  den  bayrischen, ­
  fränkischen  und  schwäbischen  Druckorten  zu  nennen ­
  war,  ist  hauptsächlich  darin  zu  suchen,  daß  andere  Städte,
wie  vor  allem  Augsburg  und  Nürnberg,  wegen  ihrer  günstigen ­
  Lage  an  den  damaligen  Haupthandelsstraßen  rasch  an
Bedeutung  gewannen  und  so  München,  das  seine  Entwicklung ­
  einer  späteren  Zeit  verdankt,  in  politischer,  geistiger  und
wirtschaftlicher  Beziehung  weit  überflügelten.  Mit  dem  raschen
Aufschwung  aber,  den  München  auf  allen  Gebieten  menschlichen ­
  Denkens  und  Schaffens  bald  genommen,  entwickelte
sich  seine  Druckindustrie  in  hohem  Maße.  400  Jahre  nach
der  Einführung  der  Buchdruckerkunst  in  seinen  Mauern,  im
Jahre  1882,  zählte  man  81  Druckereien  und  lithographische
Anstalten  mit  zusammen  5  Rotationsmaschinen,  148  Schnellpressen ­
  und  229  Tret-  und  Handpressen.  Heute  zählt  die
Stadt  nun  deren  200,  in  denen  ca.  27  Rotationsmaschinen,  389
einfache  Schnellpressen,  175  Tret-  und  Handpressen,  92  Setzmaschinen ­
  und  46  Spezialmaschinen  in  Betrieb  sind.  So  kann
es  uns  nicht  wundemehmen,  daß  von  100  erwerbstätigen  Personen ­
  in  München  7,6  auf  die  in  der  Buchdruckerei  (allein
6,5o/o),  Stein-,  Kupfer-  und  Stahldruckerei  und  Schriftgießerei
Beschäftigten  entfallen.

Berufszugehörige ­


Familien-Dienende



Polygraphische  Gewerbe

angeb.ohne
Hauptberuf

für  häusl.
Dienste

m.

w.

m.

w.

m.

w.

Schriftschneiderei  und

Gießerei

63

32

10

25

2

Holzschnitt

63

49

25

46

3

Buchdruckerei

3496

3660

982

2196

100

Stein-  und  Zinkdruckerei

1591

1258

392

905

42

Kupfer-  und  Stahldruckerei

132

128

37

119

3

Farbendruckerei

87

97

31

48

5

Photographie

688

577

141

372

42
        <pb n="55" />
        48

Die  angeführte  Tabelle  erübrigt  ein  längeres  Verweilen
bei  den  Zahlen  und  wir  wollen  im  folgenden  diese  Tatsache,
daß  die  Buchdruckerei  so  stark  gerade  in  München  vertreten
ist,  nach  der  Richtung  des  günstigen  Standorts  untersuchen.
Als  grundlegende  .Wirkung  der  technischen  Entwicklung  im
Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  zeigt  sich  heute  die  Umwandlung
des  Buchdruckgewerbes  in  steigendem  Maße  zu  einem  kapitalistischen ­
  Unternehmerzweig.  Nicht  mehr  die  Tüchtigkeit
des  Einzelnen  ist  der  Hauptgrund  für  das  Entstehen  eines  Betriebes, ­
  sondern  das  Kapital,  das  zur  Anlage  drängt.  Das
Kapital  schafft  alle  Vorbedingungen  zu  einem  gewinnversprechenden ­
  Arbeiten,  das  Kapital  bringt  es  mit  Leichtigkeit
zuwege,  daß  auch  die  tüchtigen  Arbeitskräfte  der  vollkommenen
Einrichtung  nicht  fehlen.  .Wenn  gleich  die  Tüchtigkeit  des
Leiters  gerade  in  der  Buchdruckerei  von  größter  Wichtigkeit
geworden  ist,  so  bestimmt  doch  das  Kapital  die  Entwicklung ­
  jeden  Betriebes.
Die  technischen  Vorbedingungen  für  die  Errichtung  und
den  Betrieb  sind  überall  gegeben,  da  eine  Abhängigkeit  von
dem  Vorkommen  irgendwelcher  natürlicher  Produktionsfaktoren
  nicht  besteht.  Wohl  ist  die  Leichtigkeit  Arbeitskräfte
zu  erhalten  zwar  nicht  überall  die  gleiche,  aber  für  München
entsteht  eine  ernstliche  Schwierigkeit  nicht  dank  der  durch
die  Organisation  der  Unternehmer  und  Gehilfen  geschaffenen
Arbeitsnachweise  einerseits  und  seine  Anziehungskraft  als
Großstadt  andererseits,  was.  namentlich  für  die  besseren  Arbeiter ­
  gilt.  Die  Rohstoffbeschaffung  spielt  deshalb  keine
Rolle,  weil  einmal  die  Papierfabriken,  Schriftgießereien  und
Maschinenfabriken  nicht  so  zahlreich  sind,  daß  auch  nur  wenig ­
  die  Ersparung  von  Frachtkosten  in  die  Wage  fällt,  obwohl ­
  wir  in  den  Mauern  der  Stadt  Schriftgießereien  finden  und
Papierfabriken  wie  Spezialmaschinenfabriken  ganz  in  nächster.
Nähe  Münchens  ihren  Sitz  haben.  Andererseits  aber  können
die  Münchener  Buchdruckereien  ihren  Bedarf  nicht  von  diesen
nächst  gelegenen  Stellen  allein  decken,  da  sie  gleichzeitig  andere ­
  Betriebe  beim  Einkäufen  berücksichtigen  müssen,  wie
sich  dies  aus  der  nach  Art  und  Qualität  verschiedenen  Produktion ­
  der  Lieferanten  von  Papier,  Schrift  und  Maschinen
        <pb n="56" />
        ergibt.  Heute  kommt  für  die  Wahl  des  Standorts  namentlich
kleinerer  Betriebe  die  Eigenart  Münchens  in  Betracht,  daß
es  ein  Buchdruckereiutensilienlager  und  Schriftgießereien,
große  Klischeeanstalten,  ausgedehnte  Platten-  und  Farbenlager
wie  Papiergroßhandlungen  besitzt,  welche  dem  wechselnden
Bedarf  der  Buchdruckereibetriebe  mit  der  notwendigen  Schnelligkeit ­
  in  jeder  Weise  Rechnung  tragen.
Der  günstige  Standort  für  das  Buchdruckergewerbe  ergibt
sich  aber  für  München  aus  den  Absatzverhältrfissen,  als  der
Ort,  an  dem  die  Kunden  des  Buchdruckes  am  zahlreichsten  und
zweckmäßigsten  vereint  sind.  Das  Buchdruckergewerbe  als
solches  arbeitet  ausschließlich  auf  Bestellung,  sei  es  auch  auf
Bestellung  der  eigenen  Verlagsabteilung  wie  wir  noch  ausführen ­
  werden.  Auch  sind  die  Produkte  durchweg  individuell,
insofern,  als  die  für  den  Kunden  angefertigten  Waren  fast
gar  nicht  für  einen  andern  Kunden  Verwertung  finden  können. ­
  Das  Buchdruckergewerbe  ist  daher  konsumorientiert, ­
  wozu  auch  noch  die  Versendungskosten  der  Ware
beitragen.  Dann  wirkt  daraufhin  die  dringende  Notwendigkeit
eines  innigen  Kontaktes  zwischen  Besteller  und  Drucker.  Und
gerade  hierin  werden  nach  Buchdruckereibesitzer  Dr.  Alfred
Heller  „die  geistvollen  Untersuchungen  und  Berechnungen
Professor  Alfred  Webers  bei  ihrer  Übersetzung  in  die  Praxis
eine  Schwierigkeit  darin  finden,  das  Gewicht  dieses  letzten
Einflusses  zahlenmäßig  zu  erfassen“.  Die  Notwendigkeit  dieses ­
  direkten  Verkehrs  zwischen  Konsument  und  Fabrikant  ist
am  stärksten  beim  Akzidenzdruck  und  beim  Zeitungsdruck,
wobei  gerade  dieser  ein  stetes  Zusammenarbeiten  von  Redaktion, ­
  Expedition  und  Druckerei  erfordert.  Anders  ist  es
beim  Werkdruck,  Besteller  und  Drucker  haben  hier  oft  garkeinen
  direkten  Verkehr  nötig.
München  als  Sitz  der  Regierung,  der  obersten  Behörden
des  Landes,  der  großen  Banken,  Handelsunternehmen,  und
mehrerer  bedeutender  Industrien,  das  „wissenschaftliche“
München  mit  seinen  Gelehrten  und  Schriftstellern,  das  „politische“ ­
  München  mit  seinen  vielen  Vereinen  und  Corporationen,
  ist  das  Hauptfeld  der  Reklame  mit  dem  wachsenden
Drucksachenverbrauch,  der  Markt  für  Broschüren,  Flugschrif-Fritz,
  München  als  Industriestadt.

4
        <pb n="57" />
        50

ten,  Zeitschriften,  Zeitungen  und  Kleinakzidenzen,  wie  Visitenkarten, ­
  Einladungs-,  Vermählungskarten  und  sonstige  für  persönliche ­
  Zwecke  bestimmte  Karten.
Kein  Wunder  also,  daß  neben  mehreren  bedeutenden
Großbetrieben,  sehr  viel  Mittel-  und  Kleinbetriebe  hier  mitarbeiten
  an  einem  Teil  des  Bedarfes,  der  auf  rasche  Befriedigung ­
  drängt.  Der  Grundzug  für  die  Entwicklung  der  Betriebsformen ­
  bildet  die  fortschreitende  Spezialisierung  der  Betriebe, ­
  die  Tendenz  zum  Großbetrieb  und  schließlich  auch  die
Erleichterung  der  Betriebskombination.
Ein  solches  Beispiel  des  Zusammenschlusses  zeigt  uns
ein  Hauptbetrieb,  die  graphischen  Kunstanstalten  und
Kunstdruckereien  von  Meisenbach  Riffarth&amp;amp;Co.,
welche  heute  eine  Weltfirma  sind,  tonangebend  und  anführend
in  der  ganzen  Branche.  Die  Firma  Meisenbach  &amp;amp;  Co.  in  München ­
  vereinigte  sich  mit  der  Berliner  Firma  Riffarth  &amp;amp;  Co.  zu
einem  Betriebe,  sodaß  die  kaufmännische  Leitung,  die  zum
großen  Teil  in  München  selbst  sich  befindet,  alles  beherrscht,
die  technischen  Betriebe  jedoch  dezentralisiert  in  Berlin,  München ­
  und  Leipzig  eigene  Anstalten  bilden.  Obwohl  die  Absatzgebiete ­
  der  einzelnen  Betriebe  geographisch  abgegrenzt  sind,
erhält  München  mehr  Aufträge  aus  Norddeutschland  wie  Berlin ­
  aus  dem  Süden  des  Reiches,  was.  lediglich  mit  der  Eigenschaft ­
  und  dem  Ruf  Münchens  als  Kunststadt  zusammenhängt,
denn  man  bezieht,  nach  der  Anschauung  des  kaufenden  Publikums, ­
  solche  Kunsterzeugnisse  besser  in  München,  wo  das
Kunstgewerbe  bodenständig  ist.  Die  Fusion  der  beiden  Firmen ­
  G.  Meisenbach  &amp;amp;  Co.  in  München  und  Heinrich  Riffarth
&amp;amp;  Co.  in  Berlin  wurde  deshalb  nötig,  weil  der  wachsenden
Bedeutung  der  photomechanischen  Verfahren  einerseits  und
der  Wichtigkeit  Berlins  als  Centrale  deutscher  Wissenschaft,
Kunst  und  Industrie  andererseits  nur  eine  Einrichtung  des
Geschäfts  in  größtem  Maßstabe  entsprechen  konnte.  Heute
hat  die  Firma  Meisenbach  Riffarth  &amp;amp;  Co.  fast  sämtliche  Zweige
des  Buchgewerbes  in  ihrem  Betriebe  aufgenommen  und  damit
Anstalten  geschaffen  wie  sie  hinsichtlich  Mannigfaltigkeit  und
vollkommener  Ausbildung  aller  Spezialitäten  einzig  dastehen
dürften.  Der  Begründer  der  Firma  Meisenbach  &amp;amp;  Co.  war
        <pb n="58" />
        der  Erfinder  der  Autotypie,  der  frühere  Kupferstecher  Georg
Meisenbach,  ein  Münchener  Bürgersohn.  Wie  die  Lithographie ­
  Senefelders  so  hat  auch  diese  Münchener  Erfindung
seit  1881  ihren  Siegeszug  durch  die  Welt  angetreten.  Denn  die
durch  die  Erfindung  und  Entwicklung  der  Autotypie  erfolgte
umfassende  Popularisierung  des  Bildes,  die  Erfindung  der
Bildtype  für  den  Buchdruck,  die  Erfindung  der  modernen
Bildschrift  ist  eine  Errungenschaft,  welche  für  die  Entwicklung
unseres  Kulturlebens  gar  nicht  hoch  genug  angeschlagen  werden
kann.  Die  Autotypie,  welche  auf  allen  Gebieten  der  Illustration ­
  eine  gewaltige  Umwälzung  hervorgerufen  hat,  entwickelte ­
  sich  inzwischen  zu  einer  Weltindustrie.  Dem  Holzschnitt ­
  und  der  Lithographie  wurde  ein  großer  Teil  ihrer  bisherigen ­
  Arbeitsfelder  entrissen,  andrerseits  aber  die  Schmükkung
  der  Bücher  und  Zeitschriften  mit  bildlichen  Darstellungen
in  ganz  außerordentlicher  Weise  ausgedehnt.  In  den  letzten
10  Jahren  ist  es  Deutschland  gelungen,  eine  führende  Stellung
nicht  nur  auf  allen  Gebieten  des  Buchgewerbes,  sondern  speziell
der  Autotypie  wieder  zu  erlangen,  nachdem  die  Vereinigten
Staaten  längere  Zeit  eine  hervorragende  Position  in  der  technischen ­
  Vollendung  der  Autotypie  inne  hatten.
Die  Firma  Meisenbach  Riffarth  &amp;amp;  Co.  beschäftigt  in
München  167  Personen,  worunter  sich  36  weibliche  und  9
jugendliche  (bis  zu  16  Jahren)  befinden.  Im  Jahre  1911  hat
die  Firma  223156  Mark  allein  an  Löhne  ausgezahlt,  welche
im  Tarifvertrag  des  deutschen  Buchdruckerverbandes  festgelegt
sind.  Die  Lohnhöhen  schwanken  auch  hier  entsprechend  der
Größe  des  Betriebes  und  entsprechend  der  Qualitätsarbeit,
welche  fast  ausschließlich  auf  männlicher  Tätigkeit  beruht,
zwischen  20—46  Mark  für  alle  graphischen  Arbeiter,  der  Durchschnittswochenlohn ­
  beträgt  36  Mark.  Die  Länge  der  Arbeitszeit ­
  ist  der  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter  angepaßt  und  beträgt ­
  nicht  mehr  als  8—9  Stunden,  da  um  5  Uhr  geschlossen
wird.  Von  Schmädel  sagte  einmal  in  einem  Vortrage,  es  sei
charakteristisch  für  den  fortschrittlichen  Geist,  der  in  dieser
Industrie  wirksam  tätig  ist,  daß  sich  sowohl  Arbeitgeber  wie
Arbeitnehmer  zu  geschlossenen  Organisationen  entwickelt  haben, ­
  die  durch  gegenseitige  Verträge  ein  die  gemeinsame  Ziele
3*
        <pb n="59" />
        52

energisch  verfolgendes  Ganze  bilden.  Der  Bund  der  chemigraphischen
  Anstalten  Deutschlands,  stellt  vertragsgemäß  nur
organisierte  Arbeiter  ein.  Arbeitgeber  wie  Arbeitnehmer  haben ­
  sich  vertraglich  verpflichtet,  alle  Interessen  dieser  Industrie
gemeinsam  zu  fördern.  Strittige  Fragen  werden  durch  Tarifausschüsse ­
  der  Ortsgruppen,  das  oberste  Tarifamt  und  Schiedsgerichte ­
  entschieden.  Ein  gemeinsam  organisierter  Arbeitsnachweis ­
  regelt  Arbeitsangebot  und  Arbeitsnachfrage.  Arbeitszeit ­
  und  Arbeitslohn,  Entlohnung  der  Überarbeitszeit,  die
Aufkündigung,  das  Lehrlingswesen  und  die  Arbeitsordnung  sind
durch  gemeinsame  Tarifbestimmungen  auf  das  genaueste  geregelt. ­
  Sowohl  Arbeitgeber  wie  Arbeitnehmer  sorgen  für  die
Einhaltung  einer  von  den  Arbeitgebern  gemeinsam  festgestellten ­
  und  vereinbarten  Preiskonvention.  Das  Hand  in  Hand
gehen  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  auf  Grund  gegenseitiger ­
  Verträge,  die  sogenannte  Tarifgemeinschaft,  hat  sich
in  München  bisher  auf  das  beste  bewährt,  und  so  wirkt  die
durch  die  Erfindung  der  Autotypie  ins  Leben  gerufene  Industrie
auch  $uf  dem  Gebiete  des  sozialen  Fortschritts  vorbildlich
und  aneifernd.  („Bayrisches  Industrie-  und  Gewerbeblatt.“
1909).  Von  den  vielen  mittleren  und  Kleinbetrieben  auf  dem
Gebiete  der  Graphik  wollen  wir  hier  ganz  absehen  und  nur
noch  einen  Großbetrieb  anführen,  dessen  Leistungsfähigkeit
als  Kunstinstitut  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der  modernen ­
  Reproduktionstechniken  weltberühmt  ist,  die  Graphischen ­
  Kunstanstalten  Bruckmann  A.  G.  Sie  beschäftigen ­
  125—150  Arbeiter,  die  ebenso  den  Bedingungen  des  allgemeinen ­
  Tarifvertrages  unterworfen  sind  wie  alle  auf  diesem
Gebiete  tätigen  Personen  überhaupt.
Der  Gesamtabsatz  verteilt  sich  in  Prozenten  berechnet
auf:  München  zu  ca.  20,  Deutsches  Reich  60  und  Ausland  20
pro  Hundert  des  Gesamtumsatzes.  Die  Anstalt  hat  von  jeher
dem  Illustrationsdruck  ihr  besonderes  Augenmerk  zugewendet
und  zwar  nicht  nur  dem  einfarbigen  von  Holzschnitten  und
von  Autotypien,  sondern  speziell  dem  Drei-  und  Vierfarbendruck, ­
  demjenigen  Verfahren,  dem  vermöge  seiner  künstlerischen ­
  Wirkung  ebensosehr  wie  auch  seiner  Einfachheit  und
relativen  Billigkeit  wegen  neuerdings  vielfach  der  Vorzug  vor
        <pb n="60" />
        53

der  bisher  ausschließlich  benutzten  Chromolithographie  gegeben ­
  wird.  Der  Kunst-  und  Farbendruck,  den  die  Firma  wie
alle  größeren  Betriebe  sorgfältig  pflegt,  ist  in  erster  Linie
beeinflußt  von  den  Fortschritten  auf  dem  Gebiete  der  Chemigraphie, ­
  besonders  der  Zinkätzung,  der  schon  genannten  Auto
typie,  der  Zwei-,  Drei-  und  Vierfarbenätzung  und,  als  Ursprungswissenschaft
  von  all  diesen,  der  Farbenphotographie.
In  unseren  Tagen  leitet  die  Lumieresche  Farbenphötographie
Umwälzungen  im  Farbendruck.  Je  naturgetreuer  und  billiger
die  Reproduktionsverfahren  für  Hochdruck  werden,  desto  häufiger ­
  kann  zur  Ausstattung  von  Werken  mit  Bildern  übergegangen ­
  werden,  desto  wohlfeiler  können  Reproduktionen
nach  Gemälden  bester  Meister  ins  Rublikum  getragen  werden,
desto  mehr  wird  auch  der  Buchdruck  auf  jene  Gebiete  übergreifen ­
  können,  die  jetzt  noch  ausschließlich  dem  Lichtdruck,
der  Lithographie,  der  Heliogravüre  und  anderen  Vorbehalten
sind,  infolge  der  allzuhohen  Klischeekosten,  was  namentlich
für  die  Münchener  Betriebe  erschwerlich  ins  Gewicht  fällt.
Heute  sind  bei  Firma  Bruckmann,  A.  G.,  31  Druckmaschinen ­
  und  20  Hilfsmaschinen  in  der  Buchdruckerei  im  Betrieb,
die  Klischeefabrik  arbeitet  mit  30,  die  Galvanoplastik  mit  10
und  die  Buchbinderei  mit  6  Haupt-  und  Hilfsmaschinen.  Alle
Errungenschaften  der  neuzeitlichen  Technik  fanden  hier  zweckmäßige ­
  Anwendung.  Die  moderne  Entwicklung  drängte  die
Antriebarten  von  Gas-,  Petroleum-  und  Benzinmotoren  zurück
und  setzte  an  ihre  Stelle  den  meist  wohlfeileren,  einfacheren
und  leichter  zu  bedienenden  Betrieb  durch  Elektromotore.
Um  endlich  auch  die  kraftverzehrenden  und  in  mannigfachen
Beziehungen  lästigen  Transmissionen  zu  ersparen,  wird  der
ursprünglich  übliche  Gruppenantrieb,  der  alle  Maschinen  durch
einen  stärkeren  Motor  mittelst  Transmissionen  in  Bewegung
setzte,  durch  den  Einzelantrieb  verdrängt.  Bei  ihm  ist  es
nicht  möglich,  daß  infolge  Reißens  des  Hauptantriebriemens
der  ganze  Betrieb  behindert  oder  gestört  wird.  Als  rationelle
Kraftausnützung  schaffte  das  Prinzip  sich  immer  mehr  Eingang
in  diese  Druckwerkstätten,  an  jede  Maschine  einen  eigenen,
der  Maschine  genau  entsprechenden  Einzelmotor  zu  kuppeln.
Dies  ist  auch  deshalb  von  Vorteil,  da  die  Maschinen  ja  nicht
        <pb n="61" />
        54

unausgesetzt  laufen,  sondern  immer  längere  Zeit  infolge  der.
Zurichtung  zum  Stillstand  kommen.
Neben  diesen  beiden  hervorragenden  Firmen  gibt  es  noch
eine  ganze  Reihe  anderer  Münchener  Kunstdruckereien,  deren
guter  Ruf  oft  weit  über  die  Mauern  der  Stadt  hinaus  bis  ins
Ausland  dringt.  Es  kann  aber  nicht  unsere  Aufgabe  sein,
sie  alle  hierorts  aufzuzählen  und  dennoch  müssen  wir  im
kommenden  zweier  Betriebe  gedenken,  die  uns  auf  eine  andere
Erscheinung  des  Buchdrucks,  auf  den  Verlag,  hinleiten.  Ergänzend ­
  bemerken  wir  noch,  daß  die  gesamte  Graphik  Münchens ­
  auf  sehr  hoher  Stufe  steht,  wenngleich  die  einheimischen
chemigraphischen  Anstalten  besonders  unter  dem  norddeutschen ­
  Wettbewerb  zu  leiden  haben.  Daß  die  besten  Kunstkräfte ­
  sowohl  durch  eigentliche  Kunstgraphik,  durch  Radierungen ­
  mitwirken  als  auch  durch  ihre  Entwürfe  —  den
Münchener  Anstalten  zur  Reproduktion  überlassen  —  gibt  von
vornherein  die  Grundlage  zu  einer  höheren  Stufe  der  Graphik ­
  und  einen  Vorsprung  Münchens  vor  anderen  Städten,
schon  in  dem  Sinne,  daß  wegen  der  vielen  Bilder,  wegen  der
zahlreichen  in  ersten  Zeitschriften  eingestreuten,  farbigen  Reproduktionen ­
  viel  genauer  und  besser  gedruckt  und  gearbeitet
werden  muß.  Das  hat  auch  seinen  Einfluß  auf  eine  ganze
Anzahl  kleiner  Druckereien  ausgeübt,  die  bemüht  sind  im
Existenzkampf  sich  durch  moderne  Schriften,  geschmackvolles
Arrangement  neben  den  großen  Firmen  zu  halten.
In  einem  jener  Großbetriebe,  der  Buch-  und  Kunstdruckerei ­
  Knorr  &amp;amp;  Hirth,  welche  zugleich  die  bekannte
Zeitungsdruckerei  der  über  alle  Welt  zerstreuten  „Münchener
Neuesten  Nachrichten“  ist,  finden  wir  weitgehende  Durchführung ­
  der  Spezialisation,  Arbeitsteilung  und  Arbeitshäufung,
namentlich,  wenn  größere  Werke  in  kürzerer  Zeit  zu  erledigen
sind.  Wir  finden  hier  als  eine  Folge  des  ungeheuren  Materials
und  der  verschiedenen  Hantierungsweise  damit,  die  vom  Einzelnen ­
  oft  nicht  beherrscht  wird,  und  der  mannigfachen  Arten
von  Drucksachen  und  der  Anforderungen,  welche  diese  jeweils
stellen,  daß  sich  eine  weitgehende  Spezialisierung  auch  unter
den  Setzern  bildet:  man  unterscheidet  Akzidenzsetzer,  Werk-,
Zeitungs-  und  Maschinensetzer  mit  ihren  Unterabteilungen.  Im
        <pb n="62" />
        55

Gesamten  sind  bei  Knorr  und  Hirth  stets  430—450  Arbeiter
beschäftigt,  darunter  durchschnittlich  330—340  männlichen,
80—90  weiblichen  Geschlechts  und  etwa  10  jugendliche  Arbeitskräfte, ­
  d.  h.  Arbeiter  bis  zu  16  Jahren.  Die  angelernten  Arbeiter ­
  übertreffen  mit  70  o/o  der  Gesamtarbeiterschaft  die  ungelernten ­
  Arbeiter,  die  bloße  Lohnarbeiter  im  Tagelohn  sind,
bei  weitem.  Auf  die  einzelnen  Löhne  einzugehen,  erübrigt
sich,  da  dieselben  nach  dem  allgemein  bekannten  mustergültigen
Buchdruckertarif  geregelt  sind.
Diese  beträchtliche  Zahl  von  Arbeitskräften  zusammen  mit
erheblichem  Kostenaufwand  ist  heute  nötig  um  allen  Anforderungen ­
  gerecht  zu  werden.  Das  Haus  Knorr  und  Hirth
hat,  sich  aus  kleinen  Anfängen  zu  einer  der  bedeutsamsten
Anstalten  dieser  Art  emporarbeitend,  mit  dem  Aufblühen  der
Technik  wacker  Schritt  gehalten,  stets  gebessert  und  ergänzt,
immer  das  Beste  und  Neueste  in  maschinellen,  baulichen  und
sozialen  Einrichtungen  sich  angeeignet  und  steht  wohl  heute
als  mustergültiges  Unternehmen  da.  Die  Anstalt  steht  nicht
nur  in  allen  Zweigen  des  Buch-  und  Kunstdruckes  auf  voller
Höhe  der  Zeit,  sie  umfaßt  auch,  wie  schon  bemerkt,  eine
der  größten  und  besteingerichteten  Zeitungsdruckereien
Deutschlands.  „Gestützt  auf  viele  hundert  ständiger  Mitarbeiter ­
  in  allen  Teilen  des  Reiches,  insbesondere  in  Süddeutschland, ­
  berichten  die  Münchner  Neuesten  Nachrichten  über  die
Tätigkeit  der  Regierungen  und  der  Gesetzgebung,  über  die
Bewegung  der  Parteien  und  nehmen  als  liberales  Organ  in
unabhängiger  Kritik  zu  den  Tagesfragen  Stellung,  in  freimütiger
Vertretung  der  liberalen  Grundanschauungen,  in  unnachsichtlicher
  Bekämpfung  jeglicher  Beengung  der  staatsbürgerlichen
Freiheit  durch  reaktionäre  Übergriffe  jeder  Art,  in  unverdrossener ­
  Förderung  der  Wohlfahrt  aller  Deutschen,  gleichviel ­
  welcher  Weltanschauung  und  Konfession  sie  sind,  und
in  einer  nachdrücklichen  Wahrung  der  Wehrkraft  des  Reiches
zu  Lande  und  zur 1  See.“  So  kann  es  nicht  wundernehmen,  daß
das  Blatt  seit  dem  Beginn  der  achtziger  Jahre  einen  außerordentlichen ­
  Aufschwung  nahm;  wenn  1876  die  Auflageziffer
26  700  betrug,  so  beträgt  die  noch  stetig  im  Steigen  begriffene
Auflageziffer  heute  über  100  000.  Aber  nicht  nur  diese  Ziffer
        <pb n="63" />
        56

wuchs,  auch  der  Umfang  des  Blattes  wurde  vergrößert  durch
die  ungewöhnliche  Zunahme  der  Inserate  und  die  Ausdehnung
des  redaktionellen  Teiles,  obwohl  das  Blatt  seit  14.  Juni  1887
zweimal  täglich  erscheint.  Damit  übertreffen  die  Münchener
Neuesten  Nachrichten  alle  anderen  großen  Zeitungen  Münchens, ­
  deren  es  noch  sehr  bedeutende  wie  die  „Münchener
Zeitung“,  die  „Münchener  Post“,  die  „München-Augsburger
Abendzeitung“  und  andere  mehr  besitzt.  Der  gewaltige  Aufschwung ­
  des  deutschen  Zeitungswesens  in  den  letzten  dreißig
Jahren  mit  der  Entwicklung  der  redaktionellen  Anforderungen,
der  geschäftlichen  Organisation,  dem  Ausbau  des,  Maschinenparks ­
  und  der  sinnreichen  Organisation  der  fast  auf  Sekunden
berechneten  Herstellung  der  Zeitung  und  ihrer  Versendung  in
die  Hand  des  Lesers  hat  auch  in  Münchens  Mauern  eine
äußerst  mächtige  Förderung  erfahren  und  ist  zum  Teil  auf
die  Mitarbeiterschaft  der  sämtlichen  Münchner  Zeitungen  zurückzuführen. ­

Wie  wir  schon  ausführten,  ist  München  die  Heimat  der
Lithographie  und  ihr  verdankt  München  seine  heutige  Stellung
als  Hauptfeld  der  graphischen  Industrien  und  Künste,  welche
sich  hier  zur  höchsten  Blüte  entwickelten.  Zu  den  hervorragendsten, ­
  die  Lithographie  und  besonders  die  Chromolithographie ­
  betreibenden  Münchener,  ja  deutschen  Firmen,
gehört  unstreitig  die  „Lithographisch-Artistische
Anstalt  München“  (vorm.  Gebrüder  Obpacher).  Dieses
Unternehmen  ist  1867  aus  kleinen  Anfängen  gegründet  worden
und  ging  1872/73,  als  der  Bedarf  nach  lithographischen  Erzeugnissen ­
  ein  ungewöhnlich  großer  wurde,  zum  Großbetrieb
über.  Seit  1889  ist  der  Betrieb,  der  dem  Begründer  der
Firma  als  Eigentum  unterstand,  in  eine  Aktiengesellschaft  umgewandelt, ­
  da  auf  diese  Weise  die  nötige  Kapitalinvestition
erfolgen  konnte  und  der  weiteren  Ausgestaltung  des  Unternehmens ­
  mit  den  neuesten  technischen  Hilfsmitteln  nichts
hindernd  im  Wege  stand.  Heute  beschäftigt  die  Firma  etwas
über  600  Arbeiter,  wovon  300  weibliche  Arbeitskräfte  teils
als  geübte  Arbeiterinnen,  teils  als  Hilfspersonal  wie  Einlegerinnen ­
  und  Bogenfängerinnen  tätig  sind.  Von  den  männlichen ­
  Arbeitern  kommen  nur  wenige  als  Hilfsarbeiter  für
        <pb n="64" />
        57

den  Steintransport  in  Frage.  Die  Entlohnung,  Arbeitszeit  und
sonstige  Obliegenheiten  der  Arbeiter  sind  geregelt  durch  die
Tarifbestimmungen  des  Arbeitgeberverbandes  mit  dem  sogenannten ­
  „Senefelderbund“,  dem  „Verband  der  Lithographie
und  Steindrucker  und  verwandte  Berufe  Deutschlands“  und
dem  deutschen  Buchbinderverband.  Die  Löhne  der  männlichen
Arbeiter  schwanken  zwischen  17,50  und  28  Mark,  die  der  weiblichen ­
  Arbeitskräfte  zwischen  7  und  14,50  Mark  pro  Woche.
Alle  Arbeiter  sind  bis  zum  letzten  Mann  stark  organisiert  und
einem  nichtorganisierten  ist  es  wegen  der  allseitigen  Anfeindung ­
  durch  die  organisierten  Arbeiter  auch  beim  besten  Willen ­
  nicht  möglich  im  Betriebe  zu  bleiben.  Der  Betrieb  ist
sehr  abhängig  von  geschickten  Arbeitern  und  den  Künstlern,
die  in  München  ansässig  sind.  Arbeiter  selbst  stellt  die  Firma
nur  unter  Vermittlung  des  Senefelderbundes  ein.  Mädchen, ­
  die  als  Hilfsarbeiterinnen  zum  Zählen  und  Sortieren
der  Karten  Verwendung  finden,  werden  teils  durch  Annoncen,
teils  bei  freier  Anmeldung  oder  Nachfrage  in  den  Betrieb
aufgenommen.  Diese  lithographisch-artistische  Anstalt  ist  im
Gegensatz  zu  allen  ähnlichen  ihrer  Branche  eine  arbeitsorientierte ­
  Industrie.  Sie  stellte  ihre  Produkte,  Luxuskalender ­
  und  Postkarten  im  „Phantasiegenre“,  fast  ausschließlich ­
  für  den  Export  her,  der  zu  zweidrittel  nach  England  und
Amerika,  wo  in  London  und  New-York  eigene  Filialen  bestehen,
und  ein  Drittel  nach  dem  engeren  Deutschland  und  Europa
geht,  mit  Vertretern  in  Berlin,  Paris  und  Wien.  Der  Konsum  in
der  Stadt  München  kommt  nach  den  uns  gemachten  Angaben
für  die  Firma  noch  weniger  in  Betracht  wie  irgend  eine  deutsche ­
  Großstadt,  etwa  Köln.  Auch  das  Rohmaterial  wird  mit
wenig  Ausnahmen  von  auswärts  bezogen.  So  kommt  das
Chromopapier  aus  Sachsen,  die  für  die  Ausstattung  benützte
Seide  aus  den  Rheinlanden  und  der  Schweiz,  die  Farben  entstammen ­
  den  Farbfabriken  in  Berlin,  Dresden,  Stuttgart  und
nur  zum  kleinsten  Teil  der  eigenen  Stadt.  Die  Lithographiesteine ­
  werden  wohl  großenteils  den  Solnhofener  Brüchen  entnommen, ­
  aber  auch  in  größeren  Mengen  von  Mailand  bezogen.
Die  verwendeten  Maschinen,  wie  Schnellpressen  und  Papierbearbeitungsmaschinen ­
  sind  ausschließlich  deutsches  Fabrikat,
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        58

sie  wurden  namentlich  von  den  Augsburger  und  Nürnberger
Werken  hergestellt.  Heute  stellt  sich  der  Bestand  an  Maschinen ­
  auf  45  Schnellpressen,  ungefähr  50  Prägebalanciers
und  20  Schneidemaschinen  neben  mehreren  kleineren  Hilfsmaschinen. ­
  Der  Antrieb  geschieht  durch  zwei  Dampfmaschinen,
deren  Abdampf  zur  Heizung  der  Arbeitsräume  dient.  Eine  an
diese  Kraftquelle  angeschlossene  Dynamomaschine  sorgt  für  die
elektrische  Beleuchtung  des  ganzen  Fabrikanwesens.  Zur  Anheizung ­
  des  Dampfkessels  wird  Österreicher  Steinkohle  verwendet. ­

Aus  den  vielen  größeren  und  kleinen  Betrieben  der
Kunst-  und  Buchdruckerei  im  Münchener  Stadtgebiet  greifen
wir  noch  eine  altehrwürdige  Firma  heraus,  die  uns  namentlich ­
  als  Verlagsunternehmen  bekannt  ist  und  uns  zu  der  bedeutenden ­
  Rolle  Münchens  als  „Verlegerstadt“  hinüberleitet,
die  Verlagsbuchhandlung  und  Buchdruckerei
R.  Oldenburg,  welche  im  Jahre  1858  gegründet  wurde.
Diese  Gründung  fiel  in  eine  Zeit,  in  der  einzelne  Zweige  der
Technik  zuerst  das  Bedürfnis  des  Sammelns  der  gewonnenen
Forschungsergebnisse  empfanden,  was  namentlich  auf  die  junge
aufstrebende  Gastechnik  zutraf.  Der  Begründer  der  Firma
schuf  das  heute  noch  blühende  und  in  hohem  Ansehen  stehende
„Journal  für  Gasbeleuchtung  und  Wasserversorgung“  und  damit
seinen  „Verlag“.  Die  Firma  wurde  bald  weiter  ausgebaut
und  der  Höhe  des  Großbetriebes  zugeführt.  Eine  eigene
Druckerei  wurde  Voraussetzung  für  die  Angliederung  des.  bayerischen ­
  Zentralschulbücherverlages.  Dieser,  anfangs  Staatsmonopol, ­
  wurde  für  die  Firma  die  Veranlassung  zur  Gründung
eines  selbständigen  Schulbücherverlags,  der 1  heute  nahezu  zweihundert ­
  Unternehmungen  umfaßt  und  seinen  Absatz  in  ganz
Deutschland  sucht  und  findet.  Eine  daraufhin  angegliederte
Groß-Buchbinderei  bildet  dann  mit  der  Buchdruckerei  und  einer
sehr  ausgedehnten  Stereotypie  qnd  Galvanoplastik  die  heute
in  glänzender  Weise  mit  etwa  450—500  Arbeitskräften  tätigen
„technischen  Betriebe“  der  Firma.  In  der  Buchbinderei  laufen ­
  heute  6  Falzmaschinen,  21  Heftmaschinen,  6  Beschneidemaschinen, ­
  4  Kaschiermaschinen,  12  Druck-  und  Prägepressen, ­
  7  Pappenbearbeitungsmaschinen,  je  eine  Deckenmach ­
        <pb n="66" />
        59

und  Bucheinhängemaschine  und  endlich  über  50  Hilfsmaschinen ­
  für  Kraft-  und  Handbetrieb,  während  den  Bestand
der  Buchdruckerei  18  Schnellpressen,  4  Tiegeldruckpressen  und
eine  Liniiermaschine  bilden.  Alle  Maschinen  haben  den  schon
besprochenen  elektrischen  Einzelantrieb  durch  65  Motoren.
Die  elektrische  Kraftzuleitung  geschieht  teils  vom  städtischen
Elektrizitätswerke  an  der  Isar,  teils  von  zwei  Dynamomaschinen,
welche  von  einer  Dampfmaschine  von  ca.  85  PS  betrieben
werden.  Die  Arbeiterverhältnisse  sind  sehr  günstige,  die  Löhne
und  alle  sonstigen  Arbeitsbedingungen  sind  durch  den  des
öfteren  erwähnten  allgemeinen  Buchdruckertarif  geregelt.
Die  Firma  R.  Oldenburg  kann  auf  eine  umfangreiche  und
ersprießliche  Tätigkeit  zurückblicken.  Ihr  Absatz,  der  sich
größtenteils  auf  Süddeutschland  erstreckt,  geschieht  zu  etwa
60  o/ 0  für  Fremde  als  „Lohndruck,  wie  Kataloge,  Preislisten,
und  andere  merkantile  Sachen,  und  40  o/„  für  den  eigenen  Verlag. ­
  Auf  ihrem  eigentlichen  Felde,  dem  Verlage  ,  wandte  die
Firma  sich  früh  bestimmten  Richtungen  zu.  Wie  schon  angedeutet, ­
  erfuhr  die  Schulbuchliteratur  eine  besondere  Pflege.
Außerdem  wurden  Werke  von  grundlegender  Bedeutung  aus
den  Gebieten  der  Rechts-  und  Staatswissenschaft,  der  Naturwissenschaften, ­
  der  Geschichte,  Länder-  und  Völkerkunde,  der
Technik,  Kriegswissenschaft  und  schönen  Literatur  verlegt.  In
die  Erledigung  der  Arbeiten  des  Verlags  teilen  sich  heute
etwa  50—60  Personen.
Ähnlich,  wenn  auch  nicht  so  ausgeprägt  wie  hier,  haben
sich  die  schon  genannten  Firmen  Bruckmann  einen  religiösen ­
  Kunstverlag  und  Knorr  und  Hirth  einen  modernen  Buchund
  Kunstverlag  angegliedert.  Der  Begründer  der  letzten
Firma,  Dr.  Georg  Hirth,  hat  dadurch,  daß  er  seine  vielen
eigenen  Publikationen  selbständig  nach  eigenem  Geschmack
in  Ausstattung  und  Druck  herausbringen  wollte,  wie  zu  vielem
in  München  auch  zum  Ausbau  des  modernsten  Verlagswesens
den  ersten  mutigen  Anstoß  gegeben.  Andere  große  Verlagsfirmen ­
  folgten  und  bald  marschierte  sogar  München  unter
den  Städten  an  erster  Stelle,  die  Kunstblätter  und  vor  allem
Prachtwerke  über  Kunst  auf  den  Markt  bringen,  die  oft  Hunderte
von  Mark  kosten  und  von  hier  aus  in  die  ganze  Welt  hinaus ­
        <pb n="67" />
        60

gehen.  .Wissenschaftliche  Verlage  und  Antiquariatsverlage
folgten  und  ließen  die;  alte  Meinung,  ein  guter  Verlag  dürfe  nur
in  Leipzig  sitzen,  zu  nichte  werden.  Ja,  die  Münchener  Buchhändler ­
  waren  jüngst  selbst  überrascht,  als  nach  der  neuesten
Statistik  München  als  Buchhändlerstadt  nach  Leipzig  und  Berlin ­
  an  dritter  Stelle  marschierte,  sogar  die  altehrwürdige  Buchhändlerstadt ­
  Stuttgart  hinter  sich  lassend.  Der  Grund  dafür,
daß  der  Buchhandel  und  das  Verlagsgeschäft  in  München
sich  im  letzten  Jahrzehnt  so  kolossal  entwickelten,  der  Grund
auch  für  das  Emporblühen  neuer  Verlage,  für  das  Herziehen
alter,  liegt  in  der  geistigen  Freiheit,  im  wissenschaftlichen  und
literarischen  Leben  Münchens.  Trotzdem  kann  man  heute  nicht
wie  dies  schon  wiederholt  die  öffentliche  Meinung  versuchte,
von  einer  Gefährdung  der  Verlagsmetropole  und  Zentrale
Leipzig  sprechen,  weil  dort  die  großen  Auslieferungsstellen, ­
  die  Bar-Sortimenter  und  Kommissionäre  tätig  sind.
In  neuester  Zeit  ist  aber  auch  eine  Münchener  Verlagsfirma,
das  Haus  Sutter,  bemüht,  für  München  wenigstens  die  Anfänge ­
  zu  einem  großen  Kommissionshaus  in  die  Wege  zu
leiten.
Unsere  Betrachtungen  über  die  polygraphischen  Gewerbe,
mit  Buch-  und  Zeitungsdruck,  sowie  Verlag  abschließend,
müssen  wir  noch  erwähnen,  daß  auf  dem  Gebiete  des  Verlags
und  der  literarischen  Produktion  überhaupt  die  Ursache  der
bedeutend  die  Einfuhr  überwiegenden  Ausfuhr  von  Büchern
in  Deutschland  liegt.  Das  Absatzgebiet  des  Münchener  Buchdrucks ­
  vergrößert  sich  dabei  im  Verhältnis  nur  indirekt;  der
Verlag  hat  den  Vorteil  der  Ausbreitung,  wodurch  eine  Großunternehmergruppe ­
  des  Buchdrucks  gestärkt  wird,  was  ja  Druckaufträge ­
  derselben  zur  Folge  hat.  Der  Kunst-  und  Farbendruck ­
  ist  im  Gegensatz  dazu  am  meisten  direkt  am  Weltmarkt ­
  interessiert.  Einer  ganz  geringen  Einfuhr  im  Deutschen
Reich  steht  denn  auch  eine  ganz  gewaltige  Ausfuhrziffer  gegenüber, ­
  was  die  große  Leistungsfähigkeit  des  deutschen,  namentlich ­
  des  Münchener  und  Berliner  Kunstdrucks  beweist.
Münchens  Anteil  ist  dabei  ein  überaus  großer.  Wie  wir  gesehen ­
  haben,  beherbergt  sein  Burgfrieden  gerade  die  führenden
Betriebe.  Es  weist  ja  auch  den  größten  Teil  der  in  Betracht
        <pb n="68" />
        61

kommenden  Künstler  auf,  die  ihnen  die  Originale  liefern  und
gleichzeitig  die  Ausführung  überwachen  können.  Auch  ist
die  direkte  Photographie  der  Gemälde  in  seinen  Galerien  und
Museen  von  größtem  Einfluß  auf  seine  Entwicklung  in  der
graphischen  Kunst.  Gründlichkeit,  feines  Abwägen,  künstlerisches ­
  Empfinden,  das  so  sehr  auf  die  Qualität  der  Erzeugnisse ­
  wirkt,  finden  wir  hier  in  den  Münchener  Betrieben
bis  ins  Kleinste  und  Äußerste  gepflegt.
        <pb n="69" />
        Vierter  Abschnitt,  Teil  II.
Kunstgewerbe-Industrie.
Erst  seit  dem  Jahre  1900  spielt  das  Kunstgewerbe
in  Deutschland  eine  große  Rolle.  So  lange  hatte  es  bei  uns
geschlafen;  nur  hohe  Kunst,  Bilder  und  Plastik  gab  es;  den
Gegenständen  des  Gebrauches  wendete  keine  Künstlerhand,
keines  Mäzens  Güte  sich  zu,  sie  blieben  der  industriellen
Massenherstellung  überliefert.  Beschäftigung  mit  angewandter,
mit  Nutzkunst,  erschien  den  Malern  und  Bildhauern  unwürdig.
Heute  hat  sich  gerade  die  Münchener  Richtung  losgelöst  von
fremden  Einflüssen  und  hat  auf  das  glücklichste  gewisse  Hauptmerkmale ­
  moderner  Geschmacksbestrebungen  in  der  Innendekoration ­
  verwirklicht:  entschiedene  Betonung  alles  Konstruktiven, ­
  rustikale  Einfachheit,  Verpönen  alles  den  Möbeln
nur  äußerlich  unorganisch  angehefteten  Geschmacks.  Die
Stücke  sollten  wirken  durch  ihren  logischen  Aufbau,  durch  das
harmonische  Spiel  ihrer  Linien,  durch  die  natürliche  Schönheit
des  Materials.  Auch  Syndikus.  Dr.  Kuhlo  weiß  in  einem  kleinen ­
  Aufsatze  davon  zu  berichten,  daß  in  München  in  den  letzten ­
  Jahren  eine  andere  Industrie  heimisch  geworden  sei:  die
Kunstgewerbeindustrie.  Die  neuen  Wege  der  angewandten
Kunst  in  Deutschland  sind  in  der  Hauptsache  auf  die  Initiative ­
  Münchens  zurückzuführen;  dort  entstand  der  jetzt  glücklich ­
  überwundene  Jugendstil,  der  immerhin  das  Verdienst  hat,
eine  Reform  der  Innenkunst  vorbereitet  zu  haben.  In  München ­
  sind  die  Seidl,  Riemerschmidt,  Bruno  Paul,  Fischer,
Bartsch,  Troost  und  viele  andere  zu  Hause,  die  der  Raumkunst ­
  neue  Bahnen  eröffnet  haben  und  den  Ruhm  Münchens
im  ganzen  Reiche  iVerbreiteten.  Das  Kunstgewerbe  ist  im
        <pb n="70" />
        63

allgemeinen  eine  Mittel-  und  Kleinbetriebsindustrie;  sie  beschäftigt ­
  aber  viele  Tausende  und  ist  in  stetig  aufsteigender
Entwicklung  begriffen;  wenn  von  Münchens  Industrie  die
Rede  ist,  muß  sie  in  erster  Linie  erwähnt  werden.  Vielleicht
wird  Deutschland  einmal  seinen  neuen  Stil,  der  noch  immer
nicht  endgültig  gefunden  ist,  sich  aber  zweifellos  aus  den
vielen  talentvollen  Ansätzen  heraus  entwickeln  wird,  Münchener ­
  Anregungen  und  Münchener  Industriefleiß  verdanken.“
ln  Bayern  ist,  wie  wir  schon  in  den  einleitenden  Worten
über  den  Großstadtcharakter  der  Stadt  München  als  Kunststadt ­
  ausführten,  die  Bedeutung  des  Kunstgewerbes  für  das
Wirtschaftsleben  und  das  geistige  Leben  des  Volkes  stets  voll
gewürdigt  worden.  Von  jeher  hat  besonders  Bayern  kunstsinniges ­
  Herrscherhaus  mit  den  freien  Künsten  auch  das
Kunstgewerbe  mit  allen  Mitteln  gefördert.  Dem  Laien  sagt
dies  ein  Gang  durch  die  Residenz  und  die  königlichen  Schlösser ­
  des  Bayernlandes,  der  Kenner  weiß  es  auch  aus  der  Geschichte ­
  des  Münchener  Kunstgewerbes,  und  erst  kürzlich  hat
ein  vielbemerktes  Buch  über  die  „Geschichte  der  Münchener
Goldschmiedekunst“  neues  Licht  auf  diese  Tatsache  geworfen.
Daß  gerade  die  Bedeutung  der  Stadt  München  im  Kulturleben
der  Gegenwart  in  hervorragendem  Maße  der  gerade  hier  besonders ­
  lebendigen  Vereinigung  von  Kunst  und  Handwerk
zu  danken  ist,  lehrt  uns  die  Tatsache,  daß  von  Seiten  des
Magistrats  und  der  städtischen  Kollegien  alles  daran  gesetzt
wird,  jene  Bestrebungen,  die  darauf  abzielen,  diese  Verbindung
im  Sinne  einer  Verallgemeinerung  des  Verständnisses  für  wahre
Kunst  immer  segenbringender  zu  gestalten,  tatkräftigst  zu  unterstützen. ­
  Die  handwerksmäßige  Kunst  bestimmt  in  München ­
  den  Charakter  des  Kunstgewerbes,  wie  dies  Rauecker
in  seinem  Werke  „Das  Kunstgewerbe  in  München“  zeigt.
Trotzdem  haben  einige  bedeutende  Großbetriebe  und  einige
charakteristische  Mittelbetriebe  ihren  Standort  in  München  gewählt, ­
  denn  künstlerische  Arbeit  ist  sowohl  für  die  Einzelwerkstätte ­
  als  für  die  kunstindustriellen  Großbetriebe  unentbehrlich. ­
  Auf  sie  allein  wollen  wir  unsere  Darstellung,  gemäß
der  gestellten  Aufgabe,  beschränken  und  verweisen  im  Übrigen
auf  die  ganz  vorzüglichen  Untersuchungen  Raueckers.
        <pb n="71" />
        64

Neben  epochemachenden  modernen  Bestrebungen  lebt  in
der  „Edelschmiedekunst“  Münchens  eine  archaisierende
Richtung,  die  in  der  Innendekoration  die  verwandte  Seele
beim  Münchener  Meister  Gabriel  Seidl  findet.  Diese  bisherige
Eigenart  ist  heute  noch  keineswegs  durchbrochen  worden.
Ratsherrliche  Tafelzierate,  Willkommensbecher,  Schaugerät  für
die  mächtigen  Kredenzen  alter  Stadthäuser,  geschaffen  im
Geiste  deutscher  Vergangenheit,  verraten  uns  die  Schöpfungen
von  Professor  Seitz  und  Ferdinand  von  Miller.  Hinweisen
wollen  wir  noch  auf  die  vollendete  Münchener  Kunst  der
Medaillen  und  Rlaquetten,  auf  die  Geldstücke  und  Schmuckmünzen, ­
  die  zarten  Frauenköpfe  in  mattgetönten  Basreliefs,
welche  zu  Nadeln  und  Knöpfen,  sowie  Anhängern  verwendet
werden,  auf  die  schöngeschwungenen  Beschläge,  Griffe  und
Schließen,  auf  die  Leuchter  endlich  in  schönen  organisch  sich
auswachsenden  Formen  aus  Bronze,  Messing  und  Schmiedeeisen. ­
  Münchener  Gold-  und  Silberschmiedearbeiten  werden
nicht  wie  solche  in  Hanau,  Pforzheim,  Heilbronn  und  Bremen
für  Weiterverkäufer  gefertigt,  sondern  fast  ausschließlich  für
Kunden  direkt,  weshalb  sie  den  Übergang  zur  fabrikmäßigen
Produktion  nicht  unbedingt  bedürfen.  Und  doch  besteht  seit
1900  in  der  Stadt  eine  Fabrikation  von  Silbergeräten,  Goldgeräten ­
  und  Schmucksachen  in  einem  industriellen  Großbetriebe,
der  Gold-  und  Silberwarenfabrik  Rosenau  in
München,  welche  sich  selbst  als  „kunstgewerbliche  Werkstätte“ ­
  bezeichnet.  100—130  Arbeiter,  worunter  durchschnitt-*
  lieh  sich  etwa  10  Frauen  befinden,  arbeiten  hier  teils  als
Kunsthandwerker,  teils  als  Maschinenarbeiter,  Welche  an  den
Metalldrückern  und  Stanzen  Beschäftigung  finden  und  von
dem  künstlerischen  Prozeß  wenig  oder  gar  nichts  verstehen.
Der  Wochenverdienst  des  Arbeiters  schwankt  zwischen  28
und  36  Mark,bei  9  bis  9y 2  stündiger  Arbeitszeit.  Der  Betrieb
richtet  sich  nicht  wie  die  kleinen  Werkstätten  allzusehr  nach
dem  Konsum,  er  hat  vielmehr  München  nur  als  günstigsten
Arbeitsplatz  zum  Standort  gewählt.  Seine  Produkte  finden ­
  als  Münchener  Arbeiten  auch  anderwärts  großen  Absatz,
obwohl  sie  unter  der  Konkurrenz  der  Bijouteriewarenfabrik
Pforzheim  etc.  zu  leiden  haben.
        <pb n="72" />
        65

Ein  sehr  altes  Kunstgewerbe  ist  zweifellos  die  Porzellanfabrikation. ­
  Wenn  auch  in  Bayern  die  Lager  an  Rohstoffen ­
  für  die  Porzellanherstellung  nicht  so  reich  sind  wie
in  manchen  anderen  Ländern,  so  ist  doch  die  Industrie  dieses
Zweiges  in  den  letzten  Dezennien  mächtig  emporgeblüht  und
dank  der  dienstbereiten  Hilfe  der  Künstler  hat  sie  sich  neben
großen  Fabrikanlagen  zu  einer  hohen  Stufe  in  der  Qualität
der  gelieferten  Waren  heraufgerungen.  Sie  findet  in  der  Kgl.
Porzellanmanufaktur  in  N  y  m  p  h  e  n  b  u  rg-  München
eine  hervorragende  Vertretung.  Diese  weltbekannte  Nymphenburger ­
  Manufaktur,  welche  den  alten  Namen  „Manufaktur“
im  eigentlichen  Sinne  tatsächlich  gar  nicht  mehr  verdient,  hält
die  alte  Tradition  in  modernem  Gewand  noch  hoch.  Die  Porzellankunst ­
  in  vornehmem  Stil  wurde  aufgenommen  und  auch
die  Porzellanplastik  wieder  ausgeübt.  Diese  Porzellanfabrikation ­
  besitzt  in  der  Welt  einen  guten  Ruf  und  man  verspricht
sich  heute  viel  von  ihren  Leistungen,  wenn  es  ihr  auch  an
rechten  Abnehmern  und  Bestellern  fehlt,  die  eine  volle  Entwicklung ­
  der  ihr  innewohnenden  Kräfte  ermöglichen  könnten.
Darum  muß  gerade  in  dieser  Industrie  darauf  gedrungen  werden, ­
  daß  man  das  Zeichen  beachte,  unter  dem  heute  allein
der  Sieg  errungen  werden  kann,  das  Zeichen  „modern“.  Daß
die  alte  Manufaktur  heute  tatsächlich  zu  den  Fabrikbetrieben
gehört,  davon  zeugen  die  Menge  Kraftmaschinen,  wie  Kollergänge, ­
  Kugelmühlen,  Filterpressen,  Membranpumpen,  Kraftdrehscheiben ­
  und  1  Pochwerk,  sowie  eine  Masseschlagmaschine,
die  alle  teils  elektrischen,  teils  Dampfantrieb  besitzen.  Der
Betrieb  ist  sehr  abhängig.von  seinen  Arbeitern.  Als  arbeitsorientierte
  Industrie  muß  die  Manufaktur  ihren  Arbeiterstamm ­
  zu  erhalten  suchen  und  sie  dauernd  beschäftigen,
da  die  130—140  im  Betrieb  tätigen  Arbeiter  mit  100—110
Leuten  zu  den  Spezialisten  in  der  Porzellanfabrikation  zu
rechnen  sind,  während  der  Rest  von  nur  30  Arbeitern  auf  die
Klasse  der  Lohnarbeiter,  der  Taglöhner,  entfallen.  Jeder
bessere  Arbeiter  ist  ein  Virtuosenarbeiter,  der  nach  den  Vorlagen ­
  der  angestellten,  ausnahmsweise  auch  fremder  Künstler
arbeiten  muß.  Der  Absatz  der  Fertigprodukte  zerstreut  sich
auf  die  ganze  zivilisierte  Welt.  München  selbst  als  Fremden-Fritz,
  Mönchen  als  Industriestadt.  5
        <pb n="73" />
        stadt  weist  auch  einen  ganz  erheblichen  Anteil  des  Verkaufes
von  Nymphenburger  Arbeiten  auf.  Die  Rohprodukte  kommen
zum  geringsten  Teil  aus  Bayern;  sie  werden  meistens  aus
Norwegen  und  Schweden,  auch  von  dem  näheren  Böhmen,
bezogen.  Bemerkenswert  ist,  daß  der  Betrieb  alle  Abfälle
wiederverwendet  und  so  eine  Einbuße  des  kostbaren  Materials
nicht  erleidet.
Weit  zurück  bis  in  die  Morgenstunden  aller  Menschenkultur ­
  an  den  Ufern  des  Nils,  wo  kunstfertige  Handwerker
aus  Quarzsand  Glas  bereiteten  und  bemalten,  reicht  die  Geschichte ­
  der  Glasmalkunst.  Die  Beziehungen  Bayerns
zur  Glasmalerei  ragen  an  Alter  und  Bedeutung  vor  anderen
Ländern.  Empfängt  jene  weltbekannte  Stiftung  von  Fenstern
für  die  Abteikirche  zu  Tegernsee  um  die  Jahrtausendwende  im
Lichte  der  Entwicklungsgeschichte  eine  modifiziertere  Bedeutung ­
  als  man  ihr  sonst  zuzuschreiben  pflegt,  so  bleibt  für
immer  bestehen,  daß  Bayern  an  zwei  Marksteinen  der  herrlichen ­
  Kunst  führend  vorangegangen  ist:  eben  um  das  Jahr
1000,  wie  zu  Beginn  des  vorigen  Jahrhunderts,  als  es  galt,
den  verstummten  goldenen  Mund  der  Glasmalerei  wieder  zu
öffnen.  In  München  speziell  fand  Sigismund  Frank  königliche ­
  Huld  und  Unterstützung,  um  die  verloren  gegangenen
Geheimnisse  des  farbigen  Hüttenglases  neu  zu  entdecken.
Bayerns  Herrscherhaus  hat  für  die  wiedererwachende  Kunst
eine  eigene  staatliche  Anstalt  geschaffen,  die  später  in  die
Hände  des  um  die  moderne  Glasmalerei  hochverdienten  Max
Ainmiller  und  nach  dessen  Tod  auf  Herrn  F.  X.  Zettler  überging, ­
  welcher  aus  dem  Mutterinstitut  der  Glasmalerei  alles
für  sein  „Institut  für  kirchliche  Glasmalerei“  erwarb.  König
Ludwig  I.  verlieh  nun,  gleichsam  um  die  Tradition  der  einstigen
Glasmalerei  nicht  schwinden  zu  lassen,  dem  jungen  Zettlerschen
  Institute  den  Titel  einer  „Kgl.  Hofglasmalerei“  und  zwar
wurde  dieser  Titel  nicht,  wie  sonst  üblich,  dem  Inhaber,
sondern  dem  Institut  als  solchem  verliehen.  Die  kgl.  bayr.
Hofglasmalerei  F.  X.  Zettler  hat  auch  in  dem  vergangenen ­
  Dezennium  das  gehalten,  was  sie  bei  ihrer  Gründung ­
  versprochen  hat  und  was  ihr  bei  ihrem  30  jährigen  Bestehen ­
  gutgeschrieben  worden  ist.  Sie  stellt  einen  wichtigen
        <pb n="74" />
        5*

Faktor  in  dem  Kunst-  und  Wirtschaftsleben  Münchens  und
des  Bayerlandes  dar.  In  steter  Fühlung  mit  den  neueren  Problemen ­
  in  Kunst  und  Kultur  hat  das  Institut  jede  Richtung  zu
Wort  kommen  lassen,  die  auf  solider  Grundlage  neue  Formen
schaffte  und  hat  so  mitgewirkt  zum  weiteren  Ruhm  der  Kunststadt ­
  München.
Wenn  innerhalb  40  Jahre  2  Millionen  Mark  Honorare  für
Skizzen  und  Kartons  an  fast  ausschließlich  in  München  lebende
Künster  bezahlt  wurden,  wenn  die  ein  und  einhalb  Million
Entlohnung  der  Glasmaler,  wenn  viele  Hunderttausende  von
Mark  Verdienst  der  Glaser  und  Techniker  in  ihrem  nackten
Wert  sich  an  uns  wenden,  so  künden  sie  uns  ein  schönes
Stück  praktischer  Lösung  der  sozialen  Frage  und  zeigen  klar
die  sozialpolitische  Bedeutung  der  Industrie  für  München.
Münchens  Hofglasmalanstalt  hat  auf  allen  fünf  Erdteilen  die
Zeugen  ihres  künstlerischen  Schaffens,  in  großer  Anzahl  verstreut, ­
  obgleich  die  Nürnberger  Konkurrenz  in  Deutschland
sich  fühlbar  macht.  Von  den  Rohprodukten  bezieht  die  Firma
das  Blei  als  eingeschmolzenes  Rohblei  von  München,  wegen
der  Frachtverteuerung  beim  Bezüge  von  auswärts,  ebenso  den
Kitt.  Das  Glas,  namentlich  die  farbigen  Gläser,  entstammen
den  Glashütten  im  bayrischen  Wald.  Im  Betriebe  waren  zur
Zeit  unserer  Erhebung  ca.  60—75  Arbeitskräfte  tätig,  wovon
3  als  ungelernte  Arbeiter  ausscheiden.  Alle  anderen  waren
als  Virtuosenarbeiter  Spezialisten  in  ihrem  Fach  und  entfallen
auf  die  Berufe  der  Zeichner,  Glasmaler,  Glaser  und  Brenner.
Die  Löhne  schwanken  zwischen  27—30  Mark  Fixum  pro
Woche.  Vier  akademisch  gebildete  Künstler  mit  je  3000—6000
Mark  Jahreseinkommen  fertigen  teils  die  Entwürfe  an,  teils
arbeiten  sie  als  Figuren-  und  Ornamentmaler  an  der  Vollendung ­
  eines  Werkes  mit.  Der  Betrieb,  der  seine  Entstehung
auf  historische  Grundlagen  zurückleitet,  kann  heute  als  rein
arbeitsorientiertes  Unternehmen  angesehen  werden.
Die  zum  Fassen  der  sehr  zahlreichen,  farbigen  Glasstücke  gebrauchten ­
  „Bleiruthen“  werden  in  einer  sehr  rationell  konstruierten ­
  Bleizugsmaschine  hergestellt,  die  von  jedermann  ohne
viel  Vorkenntnisse  zu  bedienen  ist.
Ein  dieser  Anstalt  ähnlicher  Betrieb  ist  die  M  a  y  e  r  s  c  h  e
        <pb n="75" />
        68

Kgl.  Hofku  nstanstalt,  welche  neben  der  Glasmalkunst
die  Bildhauerei  und  Architektur  pflegt  zur  ausschließlichen  Verwendung ­
  in  der  „christlichen“,  religiösen  Kunst.
Das  Unternehmen  ging  hervor  aus  einer  staatlichen  Anstalt,
der  „kgl.  Anstalt  für  krüppelhafte  Knaben“,  zu  deren  Vorstande ­
  die  Regierung  den  Begründer  der  heutigen  Hofkunstanstalt, ­
  Jos.  Gabriel  Mayer,  mit  dem  Titel  eines  kgl.  Inspektors ­
  berief.  Der  Gedanke,  den  Krüppeln  bei  ihrem  Austritt
aus  der  Anstalt  die  Möglichkeit  eines  geeigneten  Fortkommens
zu  verschaffen,  trieb  Mayer  an,  ein  eigenes  Privatkunstinstitut
zu  errichten,  dessen  religiöse  Kunstwerke  sich  bald  eines  guten
Rufes  erfreuten.  So  wurde  in  München  jene  Anstalt  gegründet,
die  heute  eines  der  bedeutendsten  Kunstinstitute  auf  dem  Kontinent ­
  bildet:  die  Mayersche  kgl.  Hofkunstanstalt.  Die  mittelalterliche ­
  Bauhütte  war,  nach  Kahn,  das  Vorbild  des  Gründers; ­
  „wie  in  ihr  vereinigte  er  in  seiner  Anstalt  die  drei  bildenden ­
  Künste  zur  inneren  Ausschmückung  und  Einrichtung
christlicher  Kirchen  nach  liturgischen  Vorschriften:  die  Bildhauerei, ­
  welche  sich  mit  der  Ausführung  von  Statuen  und
Reliefen,  insbesondere  auch  Kreuzwegstationen  in  den  verschiedensten ­
  Materialien  befaßt;  die  Architektur,  welche  sich  mit
der  Herstellung  kirchlicher  Einrichtungsgegenstände,  wie  Altäre, ­
  Kanzeln,  Beicht-  und  Chorstühle,  Baldachine,  Krippen  etc.
beschäftigt  und  endlich  die  freilich  erst  späterhin  in  den  Geschäftsbereich ­
  der  Anstalt  aufgenommene  Glasmalerei,  durch
deren  Pflege  Glut-  und  Farbenpracht,  sowie  die  Dauerhaftigkeit ­
  der  herrlichen  Glasgemälde  in  den  alten  Domen  erreicht
und  womöglich  erhöht  werden  sollte.“  Heute  beherrscht  die
Firma  den  Weltmarkt  mit  ihren  Erzeugnissen,  deren  jedes  für
ein  Kunstwerk  ersten  Ranges  gelten  kann.
Schon  anfangs  war  das  Unternehmen  ein  rein  arbeitsorientierter ­
  Betrieb  und  ist  heute  wo  die  Produkte  in  alle
Welt  gehen,  ohne  Rücksicht  auf  Zoll  und  Fracht,  und  wo  die
Arbeiterverhältnisse  am  Orte  keine  allzugünstigen  sind,  noch
viel  mehr  auf  einen  guten  Arbeiterstamm  angewiesen.  Dies
zeigt  schon  die  verhältnismäßig  starke  Lehrlingshaltung.  25  bis
30  solcher  junger  Arbeiter  lernen  bei  strengster  Arbeitsteilung
die  einzelnen  Facharbeiten  bis  zur  künstlerischen  Vollendung  als
        <pb n="76" />
        Glasmaler,  Faßmaler,  Glaser  und  Terrakotisten.  Bei  unserer
Erhebung  waren  neben  diesen  Lehrlingen  und  5  Hausdienern
150—160  Arbeiter  im  Betriebe  tätig,  während  nach  Angaben
Sinzheimers  im  Jahre  1893  ca.  300  und  nach  Rauecker  im
Jahre  1910  nicht  ganz  200  Arbeiter  Beschäftigung  fanden.  Von
den  Arbeitern  sind  einige  Bildhauer  akademisch  gebildet,  die
große  Mehrzahl  aber  steht  auf  der  Stufe  der  besseren  Arbeiter,
der  „Virtuosenarbeiter“.  Sie  sind  teilweise  organisiert.  Welche
Berufsorganisationen  in  Betracht  kommen,  ist  dem  Betriebe
nicht  bekannt,  es  dürfte  jedoch  nach  den  uns  gemachten  Angaben ­
  die  Mitgliedschaft  an  den  christlichen  Gewerkschaften
überwiegen.  Tarifvertrag  herrscht  nicht;  die  Löhne  bewegen
sich  zwischen  3  und  10  Mark  pro  Tag,  betragen  aber  je  nach
Art  der  Betätigung  und  je  nach  Beschaffenheit  des  Werkes
auch  bedeutend  mehr.
In  die  große  Gruppe  des  Kunstgewerbes  müssen  wir  unbedingt ­
  auch  die  Münchener  Wachsindustrie  zählen.
So  alt  wie  die  Sitte  der  religiösen  Opfergaben  irgend
einer  Art  ist  die  Spende  von  Weihe-(Votiv-)Gaben  aus  Wachs.
Auch  das  Christentum  vermochte  sich  diesem  volkstümlichen
Brauche  nicht  zu  entziehen.  Um  aber  nun  auch  dem  Ärmsten
die  Möglichkeit  zu  bieten,  jenem  Empfinden  gerecht  zu  werden, ­
  bestimmte  die  Kirche  als  Hauptmaterial  für  derlei  Gegenstände ­
  das  Wachs.  Die  Wahl  dieses  außerordentlich  bildsamen
Naturproduktes  legte  dessen  künstlerische  Verarbeitung  sofort
nahe.  So  sehen  wir  denn  auch  neben  der  nicht  selten  prächtig
verzierten  Votivkerze  jene  originellen  Wachsgußwerke  entstehen, ­
  die  insbesondere  an'  Wallfahrtsorten  ein  stark  begehrter
Artikel  waren.
München  ist  schon  vor  vielen  hundert  Jahren  ein  für  das
Wachsziehergewerbe  ganz  bekannter  Platz  gewesen.  Die  Wachszieherei ­
  und  Lebzelterei  gehört  mit  zu  den  urältesten  Gewerben ­
  der  Stadt.  Auch  die  heutige  K.  B.  Hof-Wachs  warenfabrik
  und  Wa  ch  s  bl  e  i  ch  e  r  ei,  Firma  Joseph
Gautsch,  besteht  schon  heit  mehreren  Jahrhunderten.  Der
damals  noch  kleine  Wirkungskreis  des,  Geschäftes  erstreckte
sich  auf  die  Deckung  des  Bedarfes  an  Wachskerzen  einer  beschränkten ­
  Anzahl  von  Kirchen  und  eines  kleinen  Kunden ­
        <pb n="77" />
        70

kreises  im  Detailhandel.  Ein  lebhafter  Aufschwung  des  Betriebs ­
  hatte  einen  Neuaufbau  des  Fabrikanwesens  zur  Folge.
Der  Absatz  wurde  rasch  größer,  wenn  auch  der  Hauptbestandteil ­
  der  Fabrikation  nach  wie  vor  die  Herstellung  von  Kerzen
für  den  katholischen  Kultus,  also  für  die  Kirchen  war.  Außerdem ­
  wurden  auch  noch  andere  Artikel  des  Wachsziehergewerbes ­
  wie  Wachsstöcke,  Weihnachtslichter,  dekorierte  Kirchenkerzen, ­
  Jesukinder,  Engel,  überhaupt  bossierte  Wachswaren, ­
  Wachs  für  technische  Zwecke  und  vieles  andere  hergestellt. ­
  Heute  besitzt  die  Firma  einen  hohen  Ruf,  ihre  Artikel
sind  gesucht  nicht  nur  in  Deutschland,  auch  in  anderen  Länderen ­
  des  Kontinents,  sie  versendet  viele  ihrer  Artikel  sogar
über  den  Ozean.  Ein  besonderes  Gewicht  wurde  von  dieser
Münchener  Wachswarenfabrik  auf  eine  künstlerische  Ausgestaltung ­
  der  Fabrikate  gelegt.  Das  war  von  jeher  einej  Hauptstärke
der  Münchener  Wachsindustrie.  Die  Überlegenheit  auf  diesem
Gebiete  hat  sie  sich  nicht  nur  bis  zum  heutigen  Tag  erhalten,
sondern  auch  noch  wesentlich  gesteigert.  Maßgebend  für  die
Gründung  der  Wachsindustrie  in  München  waren  nicht  etwa
billige  Arbeitskräfte  und  billiger  Boden,  sondern  der  Konsum
und  in  der  weiteren  Entwicklung  der  Industrie  auch  der  Ruf
Münchens  als  Kunststadt.  Daß  die  Wachsindustrie  in  München ­
  konsumorientiert  sein  muß,  geht  auch  daraus  hervor, ­
  daß  es  die  Beschaffung  billigen  Rohmateriales  jedenfalls
nicht  sein  konnte,  welche  ihre  Bodenständigkeit  schuf,  denn
die  Wachsindustrie  in  ihrer  heutigen  bedeutenden  Ausdehnung
leidet  unter  den  schwierigen  Verkehrsverhältnissen,  welche  die
geographische  Lage  Münchens  verursacht,  ebensosehr  wie
andere  Industrien,  die  sich  hier  einst  festgesetzt  haben  und
groß  geworden  sind.
Als  Haupt-Rohmaterial  wird  Bienenwachs  verarbeitet,
welches  aus  fast  allen  Ländern  bezogen  wird.  —  Die  einheimische ­
  Produktion  an  Bienenwachs  reicht  für  den  heutigen
Konsum  bei  weitem  nicht  aus  und  ist  qualitativ  oft  wenig  den
Anforderungen  entsprechend.  Infolgedessen  wird  Wachs  aus
Süd-Amerika,  Ägypten,  Deutsch-Ost-Afrika,  Tunis,  überhaupt
aus  dem  französischen  Nord-Afrika  bezogen,  welches  die  feinsten ­
  Qualitäten  darstellt.
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        71

Der  Hauptabsatz  der  Produktion  findet  in  Deutschland
statt  und  zwar  ungefähr  zur  Hälfte  in  Bayern;  das  Übrige
verteilt  sich  auf  das  Deutsche  Reich  und  auf  den  Export.  Es
werden  im  ganzen  zur  Zeit  177  Personen  beschäftigt.  Davon
sind  36  männliche  und  141  weibliche.  Männliche  Lehrlinge
werden  nicht  ausgebildet.  An  geübten  Arbeitskräften  ist  kein
Mangel.  In  den  weiblichen  Abteilungen  sind  die  Arbeitskräfte
alle  zum  größten  Teil  selbst  im  eigenen  Betriebe  groß  geworden ­
  und  mit  der  Arbeit  vertraut,  namentlich  soweit  es 1  sich
um  die  hochentwickelte  Wachsbildnerei  handelt,  d.  h.  um  jene
Abteilung,  in  welcher  das  Verzieren  von  Wachskerzen  und
Wachsstöcken  vorgenommen  wird.  Je  nach  der  Art  der  Arbeit
handelt  es  sich  hier  um  tüchtige  kunstgewerbliche  Leistungen.
Für  die  Bezahlung  der  Arbeiter  kommen  sowohl  Taglohn  als
auch  Wochenlohn  in  Betracht.  Außerdem  wird  sehr  viel  im
Akkord  gearbeitet.
Zum  Betrieb  der  zur  Anwendung  kommenden  Maschinen,
der  Rührwerke,  Bohrmaschinen,  Farbmühlen  wie  der  Klöppelmaschinen ­
  zur  Herstellung  der  für  die  Fabrikation  benötigten
geflochtenen  Dochte,  dient  eine  größere  Dampfmaschine,  deren
Abdampf  und  überflüssiger  Dampf  ausschließlich  zum  Schmelzen ­
  des  Rohmaterials  verwendet  wird.  Die  Firma  stellt  außerdem ­
  noch  Met  her,  ein  Getränk,  welches  aus  Honig  und  Wasser
besteht  und  ungefähr  so  gesotten  und  behandelt  wird  wie  Bier.
Die  jahrelangen  reichen  Erfahrungen  der  Firma  in  der  Kellerei ­
  werden  dazu  benützt,  die  besten  Rezepte  zur  Bereitung
eines  guten  gesunden  Metes  zusammenzustellen.  Der  Met  findet
seinen  Absatz  heute  noch  hauptsächlich  in  Südbayern  und  in
München.  In  den  kleinen  Ortschaften  in  Ober-  und  Niederbayern
wird  er  bei  gewissen  Festlichkeiten  in  nicht  unbedeutendem
Maße  konsumiert.  Es  liegt  ja  in  der  Natur  der  Sache,  daß  in
dem  Verkehr  mit  der  Landbevölkerung  und  mit  den  Bienenzüchtern ­
  nicht  nur  die  Abnahme  von  Wachs,  sondern  auch
jene  des  Honigs  bedingt  ist.  Da  nicht  aller  Honig  zum  Brauen
von  Met  verwertet  wird,  treibt  die  Firma  auch  einen  umfangreichen ­
  Handel  mit  Honig,  was  im  allgemeinen  wenig  bekannt ­
  sein  dürfte.
Seit  einigen  Jahren  hat  die  Firma  einen  neuen  Zweig  in
        <pb n="79" />
        72

ihren  Betrieb  aufgenommen,  der  jedem  Kulturhistoriker  gefallen
wird:  die  .Wachsabgüsse  aus  Jahrhunderte  alten  „Holzmodeln“.
Heute,  wo  der  naiven  alten  Volkskunst  mit  Recht  so  intensives ­
  Interesse  entgegengebracht  wird,  ist  es  zu  begrüßen,  daß
mit  den  im  Original  dargestellten  Wachsgußarbeiten,  die  auch
in  jedem  Wohnraum  köstlich  dekorativ  wirken,  der  Sinn  für
solche  Kunstarbeiten  wieder  geweckt  wird.  Bis  an  den  Ausgang ­
  des  XVI.  Jahrhunderts  reichen  diese  Originalmodel  zurück, ­
  Model  aus  Birnbaumholz  geschnitten  und  in  Museen
aufbewahrt.  Die  verschiedenen  Wachsfiguren,  nach  diesen  Modeln ­
  in  rotem  Wachs  gegossen,  oft  auch  naturgetreu  bemalt,
bilden  eine  Serie  ganz  reizender  Kulturdokumente  einer  längst
entschwundenen  Zeit,  deren  manches  dem  Freunde  echter
Volkskunst  dauernde  Freude  bereiten  wird.
Mit  der  neuzeitlichen  Entwicklung  der  Stadt  München  gewachsen ­
  und  groß  geworden,  verdankt  auch  die  Herstellung ­
  künstlicher  Blumen  namentlich  der  Pflege  von
Kunst  und  Kunstgewerbe,  durch  welche  das,  Königshaus  die
Stadt  München  zur  Metropole  im  Reiche  künstlerischen  Schaffens ­
  emporgehoben  hat,  ihre  Entstehung  und  reichste  Förderung. ­
  Verfeinerte  Bedürfnisse  und  Lebensansprüche  mit  der
Entwicklung  Münchens  bei  dem  Publikum  im  allgemeinen  und
ein  für  Schönheit  und  Schmuck  empfänglicher  Sinn  besonders
bei  den  Damen  hatte  schon  längst  der  französischen,  insbesondere ­
  der  Pariser  Industrie  künstlicher  Blumen  ein  günstiges
Absatzgebiet  geschaffen,  als  Fräulein  Antoinette  von  Heckei
den  Gedanken  faßte,  die  Herstellung  künstlicher  Blumen  nach
den  von  der  französischen  Industrie  dargebotenen  Mustern
aufzunehmen.  Der  sich  immer  mehr  ausdehnende  Kunstsinn
der  Münchener  Bevölkerung  kam  zu  Hilfe.  Elemente  aus  höheren ­
  Kreisen,  zu  denen  sich  bald  die  Töchter  kleiner  Beamten
und  Bürger  gesellten,  bildeten  zusammen  einen  Arbeitsstock,
dem  es  bald  gelang  die  Fabrikation  schrittweise  auf  die  mannigfaltigsten ­
  Sorten  von  Blüten,  Blumen  und  Blättern  auszudehnen
und  qualitativ  auf  die  Höhe  der  Pariser  Industrie  zu  bringen.
So  wurde  die  Herstellung  künstlicher  Blumen  in  München
eingeführt  und  bald  in  einem  Betriebe  zur  höchsten  Blüte  gebracht ­
  durch  Josef  von  Heckei,  dessen  Wirken  fruchtbar  und
        <pb n="80" />
        73

fördernd  auch  für  die  Entwicklung  dieses  Industriezweiges  in
München  und  Bayern  überhaupt  wurde.  Heute  kann  die  kgl.
bayr.  Hofblumen-,  Blätter-  und  Pflanzenfabrik
J.  v.  Heckei  in  München  auf  allen  Gebieten  der  Kunstblumenindustrie ­
  voll  und  ganz  die  Konkurrenz  mit  Paris  aufnehmen ­
  und  mit  dieser  dominierend  auf  dem  Weltmärkte  auftreten.
  Sie  ist  von  den  vielen  in  München  im  Laufe  der  Jahrzehnte ­
  entstandenen  Blumenindustrien  weitaus,  die  größte  und
bedeutendste  und  wir  können  bei  weiterer  Betrachtung  ihrer
Produktions-  und  Arbeiterverhältnisse  die  allgemeine  Lage  der
Münchener  Kunstblumenindustrie  ersehen.
Die  Firma  müßte  man  eigentlich  als  Kunstanstalt  bezeichnen, ­
  weil  kunstgewerbliche  Arbeit  geleistet  wird:  bei  arbeitgeteiltem ­
  Handbetrieb,  soweit  die  Herstellung  der  Halbfabrikate ­
  in  Betracht  kommt,  bei  rein  individueller,  kunstfertiger
Einzelhandarbeit,  soweit  sie  die  Fertigstellung  und  Ausarbeitung ­
  eines  Artikels  betrifft.  Diese  Arbeit  liegt  hauptsächlich  in
den  geschickten  Händen  von  Frauen  und  Mädchen,  während  die
elektrisch  betriebenen  Stanzmaschinen  und  sonstigen  kleinen
Werk-  und  Hilfsmaschinen  von  männlichen  Arbeitern  bedient
werden.  In  den  Betriebsräumen  sind  30  männliche,  130  weibliche ­
  und  20  jugendliche  (unter  16  Jahren)  Arbeitskräfte  beschäftigt. ­
  Volkswirtschaftlich  aber  von  großem  Werte  ist  das
Eindringen  der  ganzen  Industrie  in  alle  Bevölkerungsschichten,
was  sich  in  der  großen  Zahl  der  Heimarbeiterinnen  äußert.
Etwa  300  solcher  hausarbeitenden  Frauen  und  Mädchen  zählen
zu  den  ständigen  Produzenten,  denen  man  teils  die  ganze
Fertigverarbeitung,  teils  nur  die  Weiterverarbeitung  des  ihnen
gegebenen  Materials  überläßt.  Und  trotzdem  hat  man  heute,
nachdem  die  Kunst  „Blumen  zu  machen“  in  die  Münchener
Bevölkerungsschichten  tief  eingedrungen  ist  und  sich  sehr  viele
Leute  nur  durch  diese  Beschäftigung  oder  durch  die  Stellung
eines  „Zwischenmeisters“  ernähren,  stets  Mangel  an  tüchtigen
Arbeitskräften.  Früher  lediglich  ein  konsumorientierter  Industriezweig, ­
  muß'  der  Betrieb  heute  auf  einen  tüchtigen  Arbeiterstamm ­
  sehen,  was  sehr  schwer  wird,  obwohl  tausende  geschickter ­
  Hände  vorhanden  sind,  welche  die  Herstellung  künstlicher ­
  Blumen  bis  ins  Kleinste  beherrschen.  Es  liegt  einmal
        <pb n="81" />
        daran,  daß  keine  besseren  Elemente  mehr  in  einer  „Fabrik“
arbeiten  wollen  und  lieber  in  Büros  tätig  sind;  andererseits
muß  eine  Arbeiterin  bei  sehr  geringer  Entlohnung  eine  Lehrzeit ­
  durchmachen,  während  sie  in  einem  Ladengeschäft  als  gewöhnliche ­
  Handlangerin  sofort  mehr  verdienen  kann  und  sie
will  und  muß  oft  möglichst  viel  erwerben.  In  München  besonders ­
  macht  sich  hier  der  Einfluß  der  Cafes  und  Restaurants
geltend,  welche  die  intelligenteren  Mädchen  zu  sich  anziehen,
denn  diese  ergreifen  lieber  das  Kellnerinnengewerbe,  als  daß
sie  in  eine  Fabrik  eintreten.  Man  ist  daher  aufs  äußerste  bemüht ­
  den  Arbeiterstamm  sich  zu  erhalten  und  zahlt  dementsprechend ­
  hohe  Löhne,  wodurch  ein  immer  schwererer  Stand
der  Münchener  Kunstblumenindustrie  gegenüber  der  Konkurrenz ­
  der  sächsischen  Orte  Sebnitz,  Neustadt,  ja  sogar  der
Stadt  Dresden,  sich  geltend  macht.  Der  Tagelohn  der  Arbeiter
und  der  Vollarbeiterin  beträgt  von  2.50  Mark  an  bis  6  Mark,
die  Entlohnung  der  Lehrmädchen  bewegt  sich  von  60  Pfennig
aufwärts  bis  1  Mark  pro  Tag.  Selbstredend  werden  die  höchsten ­
  Löhne  erzielt  bei  Akkordarbeit,  die  wiederum  erhöht  werden ­
  können  dadurch,  daß  die  Arbeiter  sich  Arbeit  nachhaus
mitnehmen,  wo  selbst  die  Angehörigen  noch  mitarbeiten.  Die
Rohstoffe  werden  aus  den  verschiedensten  Gegenden  bezogen.
Baumwoll-  und  Seidenstoffe,  Samte,  Papier,  Draht  und  Bindegarne ­
  liefern  deutsche,  elsässer,  wie  englische  und  französische
Firmen,  ganz  besonders  aber  sind  Schweizer  Häuser  an  der
Lieferung  beteiligt.  Staubfäden  und  künstliche  Früchte  bezieht
die  Firma  aus  Spezialfabriken  in  dem  schon  genannten  sächsischen ­
  Orte  Sebnitz,  ferner  aus  Paris,  und  teilweise  von  Münchener ­
  Hausarbeiterinnen.
Neben  der  Herrschaft  über  den  lokalen  Markt  —  durch
großen  Detailhandel  in  einem  eigenen  Ladengeschäft  —  ist  die
Firma  J.  v.  Heckei  in  den  bedeutendsten  Ländern  der  Welt
konkurrenzfähig  geworden.  Deutschland,  England,  Frankreich,
Österreich,  Nord-  und  Südamerika,  Italien,  Skandinavien,  Rußland, ­
  Australien  und  Kanada  zählen  zu  ihren  Absatzgebieten.
Ein  anderer  Betrieb,  die  alteingesessene  Blumenfabrik  Joh.
Wenzel,  arbeitet  nur  für  den  Engros-Verkauf  und  den  Export,
da  die  Konkurrenz  am  Platze  selbst  eine  zu  große  ist.  Beim
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        75

Export  machen  sich  die  schlechten  Zollverhältnisse  immer  mehr
geltend;  während  früher  die  französische  Ware  mit  hohem  Einfuhrzoll ­
  belegt  worden  ist,  und  so  für  die  junge  deutsche  Industrie ­
  ein  Erziehungszoll  vorhanden  war,  wird  seit  dem  Jahre
1911  von  Seiten  Frankreichs  ebenfalls  ein  so  hoher  Zoll  auf
das  deutsche  Produkt  gefordert,  sodaß  die  deutsche  Industrie,
namentlich  aber  die  Münchener  Firmen  infolge  ihrer  hohen  Produktionskosten, ­
  das  französische  Geschäft  fast  gänzlich  eingebüßt ­
  hat.
Zu  den  Industrien,  die  ohne  ständige  Fühlung  mit  den
maßgebenden  künstlerischen  Persönlichkeiten  gar  nicht  auskommen
  können,  deren  Entwicklung  gerade  in  München  hauptsächlich ­
  durch  den  Ruf  Münchens  als  Kunststadt  bedingt  ist,
gehört  ein  rasch  aufstrebender  Industriezweig,  der  aus  dem
Rahmen  einer  gewöhnlichen  Skulpturen-  oder  Plastikenwerkstätte ­
  weit  heraustritt:  die  Plastoindustrie  München, ­
  G.  m.  b.  H.  Dies  zeigt  die  Vielseitigkeit  der  technischen ­
  Mittel,  die  nach  patentiertem  Verfahren  zur  Anwendung
gelangen  und  die  gefertigten  Arbeiten,  welche  nach  Aussage
berühmter  Architekten  den  Eindruck  eines  erstklassigen,  kunstgewerblichen ­
  Unternehmens  hinterlassen.
Das  Plastoidmaterial  —  ein  feines  der  Vergoldermasse
ähnliches  Stuckmaterial,  hauptsächlich  aus  eigens  behandeltem
Gips  bestehend,  welches  nach  dem  Erstarren  eine  hohe  Widerstandskraft, ­
  auch  gegen  Temperatureinflüsse,  und  große  Dauerhaftigkeit ­
  erhält  —  hat  das  Unternehmen  befähigt  als  kunstgewerbliche ­
  Werkstätten  sowohl  auf  dem  gesamten  Gebiete
der  Innendekoration  wie  in  der  plastischen  Außenarchitektur,
der  Gartenplastik  und  der  Grabmalkunst,  jede  Künstleridee,
jeden  persönlichen  Wunsch  des  Bestellers  unbedingt,  ohne  Maschinenbetrieb ­
  in  arbeitsgeteilter  Einzelhandarbeit,  zum  vollendeten ­
  Ausdruck  zu  bringen.  Die  Plastoidindustrie  bietet  in
ihren  Produkten  ein  außergewöhnlich  verwendungsfähiges  Material, ­
  für  welches  in  allen  Kreisen  großer  Bedarf  vorhanden
ist  und  zwar  bei  den  bildenden  und  Baukünstlern,  den  Baugeschäften, ­
  Möbel-  und  Tapetenfabriken,  den  Kunst-  und  Antiquitätenanstalten, ­
  den  Industriellen  für  Reklame,  den  Luxuswarengeschäften ­
  und  den  Kaufhäusern  für  billige  plastische
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        76

Schaufensterdekoration,  endlich  in  der  gesamten  kirchlichen
Kunst.  Es  darf  in  dieser  Verbindung  vielleicht  erwähnt  werden,
daß  das  bekannte  deutsche  Theater  in  seiner  Innenausstattung
und  Wanddekoration  fast  vollständig  aus  Plastoidmaterial  besteht. ­

Diese  junge  Münchener  Industrie,  die  wohl  erkannt  hat,
daß  dem  Publikum  von  zeitgenössischer,  künstlerischer  Reliefkunst ­
  viel  zu  wenig  gediegene  Arbeit  geboten  wird,  hat  sich
die  Aufgabe  gestellt  diese  Lücke  dadurch  auszufüllen,  daß  sie
mit  den  ortsansässigen  großen  Künstlern  vertragsmäßige  Abmachungen ­
  über  Lieferung  geeigneter  Modelle  einging.
Hohen  volkswirtschaftlichen  Wert  gewinnt  das,  Unternehmen ­
  dadurch,  daß  es  an  der  Ausbildung  gemeinsamer  künstlerischer ­
  Bedürfnisse  in  Bezug  auf  das  Wohnhaus  und  dessen
Einrichtung,  die  durch  die  beschränkte  Stellung  des  Einzelnen
und  den  geringen  Wohlstand  der  mittleren  und  sozial  tiefer
stehenden  Volksklassen  gehindert  sind,  tatkräftig  mitarbeitet.  Es
will  versuchen  auch  auf  billigem  Wege  eine  künstlerische  Gestaltung ­
  der  bis  jetzt  weder  praktisch  noch  sanitär  günstigen
Form  des  Zinshauses,  des  festen  Wohnungstypus  der  Großstädte ­
  herbeizuführen.  Was  diese  Aufgabe  wesentlich  erleichtert, ­
  ist  ein  besonderer  Vorzug  der  Industrie,  welcher  darin  besteht, ­
  daß  die  hergestellten  Erzeugnisse  nur  sehr  geringes  Gewicht ­
  aufweisen  und  deshalb  ohne  allzu  große  Erhöhung  der
Transportkosten  einen  Versand  auf  große  Entfernungen  hin
zulassen,  wodurch  der  Absatz  sich  über  den  ganzen  Kontinent
auszudehnen  vermochte.
In  dem  Vorstehenden  haben  wir  schon  angedeutet,  daß
die  Plastoidindustrie,  so  sehr  sie  auch  anfangs  konsumiert
gewesen  sein  mag,  doch  wesentlich  ihren  Standort  in  München
hat,  weil  neben  dem  Vorhandensein  der  Künstler  und  Münchens ­
  Ruf  als  Kunstmetropole  hier  der  optimale  Arbeitsmarkt
für  sie  da  ist:  sie  gehört  heute  zu  den  arbeitsorientierten ­
  Industrien.  München  mit  seinen  zahlreichen  Kunstschulen
und  Ateliers  besitzt  stets  die  hier  in  Betracht  kommenden
Arbeitskräfte  in  genügender  Anzahl,  als  daß  es  einmal  an
einem  Angebot  von  wirklich  tüchtigen  Kräften  für  das  genannte ­
  Unternehmen  fehlte.  Die  Industrie  benötigt  auch  nur
        <pb n="84" />
        77

gelernte  Arbeiter  als  Bildhauer,  Maler,  Stukkateure  und  Former, ­
  alle  anderen  Arbeiten  können  von  ungelernten  Arbeitern,
deren  München  auch  eine  erhebliche  Zahl  aufweist,  nach  einiger
Zeit  vollständig  bewältigt  werden.  Der  Betrieb  ist  infolgedessen ­
  sehr  ausdehnungsfähig  und  vermag  bei  entsprechend
breiter  finanzieller  Basis  eine  Industrie  von  Weltruf  zu  werden.
Zur  Zeit  unserer  Erhebung  beschäftigt  das  Unternehmen  als
in  einer  ruhigen  Geschäftszeit  ca.  20—25  Arbeiter,  während
sich  die  Arbeiterzahl  in  der  Hochsaison  auf  etwa  50  beläuft.
Die  Löhne  werden  durchweg  nach  Stunden  berechnet.  Die
geringsten  Löhne  erhalten  die  Hilfsarbeiter  mit  dem  ortsüblichen
Tagelohn  von  55  Pfennig  pro  Stunde,  während  die  Stukkateure
und  Bildhauer  den  Höchstlohn  von  95  Pfennig  und  eine  Mark
für  die  Stunde  beziehen.  Die  Arbeiter,  die  mit  Ausnahme  einzelner, ­
  als  Virtuosenarbeiter,  Arbeiterorganisationen  angehören,
sind  meist  in  München  ansässig.
Heimarbeiter  beschäftigt  das  Unternehmen  noch  keine.  Jedoch ­
  will  man  die  bekanntlich  sehr  notleidenden  Handwerkerklassen ­
  der  Vorstädte  und  auch  der  Innenstadt  zur  Heimarbeit
erziehen,  indem  man  ihnen  kleinere  Arbeiten  zur  endgültigen
Fertigstellung  überläßt.  Ob  die  Durchführung  dieser  Aufgabe,
die  zugleich  sozialpolitisch  für  München  von  größter  Wichtigkeit ­
  ist,  gelingt,  ist,  wie  uns  von  maßgebender  Seite  erklärt
wurde,  nur  eine  Frage  der  Zeit.
Heute  in  der  Zeit  des  Kapitalismus  sind  wir  soweit,  daß
wir  allgemein  daran  festhalten:  im  Großbetrieb  sehen  wir  die
Zukunft  und  die  Unterlage  der  gewerblichen  Arbeit  für  den
Massenbedarf.  Solange  persönliche  Bedürfnisse  vorliegen,  wird
das  Handwerk  leben  können.  Bei  individueller  Arbeit  ist  der
Ausdruck  leicht  zu  finden,  wie  es  die  Geschichte  der  Handwerksprodukte ­
  zeigt.  Für  die  Massenproduktion,  die  heute  das
Problem  der  gewerblichen  Produktion  darstellt,  fehlt  dagegen
sehr  leicht  ein  Maßstab  für  den  richtigen  Ausdruck.  Und  doch
werden  in  den  großbetrieblichen  Arbeitsstätten  Produkte  geschaffen, ­
  die  ihrem  Ausdruck  nach  dem  gleichwertig  sind,  was
die  alte  Handwerkskunst  uns  früher  gegeben  hat.  Gerade  für
München  ist  es  die  großbetriebliche  gewerbliche  Produktion,
die  eine  Zukunft  haben  wird,  wenn  sie  Qualitätsarbeit  leistet,
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        wenn  sie  also  eine  Verfeinerungsindustrie  ist.  Es  müssen  der
Stadt  München  solche  Qualitätsarbeitsstätten  erstehen,  wie  sie
schon  jetzt  in  der  Möbelindustrie  in  ausgedehntem  Maße
dazu  beitragen,  durch  das  Zusammenwirken  von  Indsutrie,
Handwerk  und  Kunst  nur  zeitgemäße  Formen  auf  den  Markt
zu  bringen.
In  der  Münchener  Möbelindustrie  hat  sich  überraschend
gezeigt,  wie  schnell  und  begeistert  von  den  geistig  regen  Kreisen ­
  des  Bürgertums  die  neuen  Ideen  und  Arbeitsresultate  aufgenommen ­
  worden  sind.  Man  darf  heute  ohne  Überhebung
sagen,  daß  sich  in  weiten  Kreisen  —  vor  allem  der  Intellektuellen ­
  —  der  moderne  Interieurstil  durchgesetzt  hat.  Unter
„modernem  Stil“  wird  dabei  verstanden:  eine  aus  lebendig
neuem  Formempfinden,  aus  Zweckmäßigkeit  und  gesunden  Bedürfnissen ­
  geborene  Nutzkunst,  die  dem  Geiste  unserer  Zeit,
der  Epoche  phrasenloser  aber  auch  kühner  industrieller  Arbeit
und'verfeinerter  Lebenshaltung  entspricht,  die  zugleich  repräsentativ ­
  und  sachlich  einfach,  zugleich  international  verständlich
und  national  bürgerlich  ist.
Die  größeren  Firmen  spüren  es  auch,  nach  uns  gewordenen ­
  Mitteilungen,  von  Jahr  zu  Jahr,  wie  die  Arbeit  des
Deutschen,  vor  allem  auch  des  Münchener  Kunstgewerbes  auf
dem  Weltmarkt  immer  mehr  beachtet  wird  und  wie  es  sich
anschickt  den  internationalen  Markt,  durch  die  Kraft  der  ihm
innewohnenden  Qualität  allein,  zu  erobern.  Die  Zeiten  sind
vorbei,  wo  man  den  von  Münchener  Künstlern  entworfenen
Möbeln  manchmal  mit  Recht  den  Vorwurf  machen  konnte,  sie
seien  zu  persönlich,  und  wer  sich  mit  diesen  Möbeln  einrichte,
der  sei  nicht  bei  sich  zu  Hause,  sondern  bei  dem  Künstler  zu
Gast.  Heute  haben  sich  schon  Typen  von  allgemeinem  Geschmack, ­
  objektiver  Gültigkeit  herausgebildet,  und  die  Persönlichkeit ­
  des  Künstlers  hat  sich  in  „Stil“  im  höchsten  Sinne
gewandelt.  Trotz  dieser  Allgemeingültigkeit  ist  aber  die  persönliche ­
  Arbeit  des  Künstlers  noch  keineswegs  überflüssig  geworden: ­
  die  Möbel  lassen  sich  nicht  etwa  ungefähr  nachmachen, ­
  ohne  ihren  Charakter,  ihre  Qualität  zu  verlieren,  die
gerade  in  der  Nuance,  in  dem  durchgebildeten  Gefühl  des
Künstlers  liegen.  Wir  wissen,  daß  der  neue  deutsche  Stil  nicht
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        etwa  aus  dem  Streben,  die  Möbelkunst  unserer  Mode  und
unserem  gesellschaftlichen  Gebaren  anzupassen,  entstanden  ist.
Desto  wertvoller  ist  es,  diesen  ungewollten,  von  selbst  sich
ergebenden  Einklang  zu  konstatieren.  Daß  das  Beispiel  künstlerisch, ­
  technisch,  kulturell  und  wirtschaftlich  stimmt,  ist  längst
bekannt.
In  München  herrscht  eine  dreifache  Richtung  in  der  Art
und  Weise  wie  die  Möbelgroßindustrie  ihrem  verschiedenen
Charakter  entsprechend  den  Geschmack  des  konsumierenden
Publikums  beeinflußt.
Von  der  Sphäre  der  mittleren  Bürgerlichkeit  über  die  des
Großbürgertums  bis  zum  Patrizierhaften  und  Aristokratischen
finden  wir  eine  äußerste  Anpassung  einiger  bedeutender  Möbelfabriken ­
  in  ihrer  Produktion  an  den  individuellen  Geschmack
des  Käufers  wie  dies  die  Firmen  Pößenbacher  und  Ballin
seit  langer  Zeit  in  ihren  Betrieben  bestens,  zur  Ausführung
bringen.  Auf  sie  gehen  wir  aber  bei  vorliegender  Untersuchung
nicht  ein  und  verweisen  wieder  auf  die  genauen  Beschreibungen
in  Raueckers  „Kunstgewerbe  in  München.“
Einen  direkten  Gegensatz  zeigen  die  Bestrebungen  der
Holzwaren-  und  Möbelfabrik  München-Riesenfeld, ­
  G.  m.  b.  H.,  welche  den  Käufer  dadurch  dazu  bewegt,
eine  gewisse  Stilart  zu  übernehmen,  daß  sie  bestimmte  Möbeltypen, ­
  von  eigner  künstlerischer  Kraft  entworfen,  auf  den  Markt
bringt,  Möbeltypen,  die  durch  eine  sehr  feinsinnig  ausgedachte
Anwendung  der  Maschine  im  Großen  hergestellt  werden  können
und  deshalb  bedeutend  billiger  sind,  ohne  daß  die  Qualität
der  Arbeit,  des  Holzes  sich  irgendwie  von  den  teuersten  handgearbeiteten ­
  Möbeln  unterscheidet.
Diese  Fabrik  besteht  erst  seit  1905,  wo  der  jetzige  Direktor ­
  Friedr.  Dreger,  mit  1  Arbeiter  auf  einem  Raum  von
27  qm  eine  Spielwaren-  und  Holzbearbeitung  begann.  Absatz,
namentlich  für  Möbel  war  genügend  da,  während  für  Spielwaren, ­
  an  denen  gar  nicht  viel  verdient  wurde,  die  Nürnberger
Konkurrenz  zu  groß  war.  1907  wandelte  sich  der  inzwischen
vergrößerte  Betrieb  um  in  eine  Möbelfabrik,  die  sich  nur  auf
Herstellung  von  Schlafzimmereinrichtungen  spezialisierte.  Durch
große  Kapitalinvestierungen  entwickelte  sich  das  zu  einer  G.  m.
        <pb n="87" />
        80

b.  H.  umgewandelte  Unternehmen  in  überraschendster  Weise.
1912  beschäftigte  es  ca.  360  Arbeiter,  17  Betriebsbeamte  und
Werkführer  und  13  kaufmännisches  Personal.  Der  Jahresumsatz ­
  belief  sich  1911  auf  2 x f 2  Millionen  Mark,  wovon  60  °/o
auf  Deutschland,  40  p/o  auf  das  Ausland,  namentlich  Belgien  und
Rußland,  und  allein  1 / 2  Million  Mark  d.  i.  11,1  o/o  auf  München
treffen.  Die  Absatzmöglichkeit,  die  Nachfrage  nach  dem  Produkte ­
  ist  in  den  wenigen  Jahren  nicht  so  sehr  gestiegen,  daß
sich  daraus  diese  große  Entwicklung  erklären  ließe,  sie  war
immer  gegeben.  Erst  die  durch  großen  Kapitalzusammenschluß
gesteigerte  Leistungsfähigkeit  des  Betriebes  und  seine  ganze
mit  allen  neuesten  Errungenschaften  der  Technik  ausgestattete
Einrichtung  rief  solche  Blüte  der  Fabrik  hervor.
Sie  steht  heute  an  dritter  Stelle  aller  Möbelfabriken
Deutschlands,  denn  die  führende  Möbelfabrik  ist  die  in  Frankfurt ­
  a.  Oder  mit  1200  Arbeitern.  Die  Konkurrenz  der  Kleinbetriebe ­
  kommt  wenig  in  Betracht,  trotzdem  geht  das  Bestreben ­
  der  größten  Firmen  dahin,  die  Kapitalien  zusammenzuwerfen, ­
  sich  zu  einem  Ring  zusammenzuschließen  und  die
kleineren  Betriebe  aufzukaufen.  Bis  jetzt  bestehen  noch  keinerlei ­
  Vereinigungen  bei  der  seit  etwa  30  Jahren  in  Deutschland
existierenden  Möbelfabrikation  zwecks  Preisregulierung  und  Regelung ­
  der  Absatzverhältnisse.
In  Bayern  gab  es  bis  1907  keine  Fabrik,  die  Möbel  in
Massen  speziell  zum  Verkauf  an  den  Möbelhändler  herstellte.
Andere  Fabriken  verfertigten  Einzelmöbel  und  ganze  Einrichtungen ­
  nach  Wunsch  und  Geschmack  der  Privatkunden,  eventuell ­
  sogar  nach  Entwurf.  Genannte  Fabrik  aber  verlegte  sich
nur  auf  Schlafzimmermöbel,  wodurch  ihre  ganze  Anlage  rationeller ­
  arbeiten  konnte.
Das  Holz  wird  durch  die  Firma  selbst  im  Walde  ausgesucht ­
  und  dann  per  Achse  nach  dem  Gelände  der  Holzlagerplätze ­
  gebracht,  von  wo  es  nach  Bedarf  mit  Lastauto  zur
Fertigverarbeitung  in  die  Fabrik  kommt.  Zur  Verarbeitung  des
Holzes  dienen  dort  41  Holzbearbeitungsmaschinen  verschiedenster ­
  Art,  darunter  Stammholz-,  Kreis-  und  Bandsägen,  Hobel-, ­
  Frais-  und  sonstige  Spezialmaschinen  neuester  technisch
■vollkommener  Art.
        <pb n="88" />
        81

Die  Fabrik  verwendet  zum  Antrieb  der  Maschinen  meistens
durch  Dampf  erzeugte  Elektrizität  im  Betrage  von  300  P.  S.,
daneben  benützt  sie  etwa  100  PS  elektrischer  Kraft  vom  städtischen ­
  Elektrizitätswerk  für  einige  Spezialmaschinen.  Daß  die
Fabrik  gerade  in  München  ihren  Sitz  hat,  liegt  nicht  an  den
Arbeitslöhnen,  nicht  an  dem  vorhandenen  Arbeiterstamm.  Die
Arbeitslöhne  sind  durch  die  über  Deutschland  verbreiteten  Organisationen ­
  fast  überall  gleich  hohe.  Die  Fabrik  arbeitet  zudem ­
  mit  Akkordlöhnen.  Dadurch,  daß  sie  einen  Mindestsatz
von  60  Pfennig  einsetzt,  unter  den  ein  Arbeiter  bei  Strafe  der
Entlassung  im  Akkordlohn  nicht  sinken  darf,  sichert  sie  sich
die  geschicktesten  und  fleißigsten  Arbeiter  bei  einem  Maximalsatz ­
  von  80  Pfennig  pro  Stunde.  Das  Fabrikunternehmen  hat
den  Ruf  Münchens  als  Kunststadt  tüchtig  „ausgeschlachtet“
und  hält  sich  auch  einen  eigenen  Künstler,  der  immer  die:
neueste  Mode  in  seinen  Ornamententwürfen  berücksichtigen 1
muß.
Die  Transportverhältnisse  der  Rohmaterialien  haben  auf
den  Standort  wohl  einen  Einfluß  gehabt,  denn  der  nahe  bayerische ­
  Wald  lieferte  das  Rohholz  der  Fichte  und  aus  der  Bukowina ­
  bezog  man  die  Eichenstämme.  Die  anderen  Materialien ­
  wie  Fournierholz  und  Eisenbeschläge,  Schrankstangen,
Schrauben  kommen  aus  Hamburg  und  Rheinland  bis  Mannheim
per  Schiff  und  werden  hier  auf  die  Bahn  umgeladen.  Aus  dem
nahen  Nürnberg  bezieht  man  die  nötigen  Glasscheiben.  Um
die  teure  Kohlenfracht  nicht  tragen  zu  müssen  und  um  die
eigenen  Abfälle  zu  verwerten,  hat  das  Unternehmen  eine  Sauganlage ­
  mit  elektrischem  Antrieb  geschaffen.  Hobelspäne  und
Sägemehl  werden  durch  mächtige  Exhaustoren  von  den  Arbeitsmaschinen ­
  weg  aus  allen  Teilen  der  Holzbearbeitungsund ­
  Schreinereiwerkstätten  angesaugt  und  entweder  direkt  in
die  Feuerungen  der  Dampfkessel  für  Betriebs-  und  Heizungszwecke ­
  oder  in  eine  Spänekammer  geblasen.  Mit  diesen  Abfällen ­
  und  den  aus  der  Schreinerei  entstammenden  Holzstücken ­
  wird  die  ganze  Kesselanlage  geheizt.  Sonst  wird  kein
Feuermaterial  verwertet.
Am  meisten  hat  die  günstige  Absatzmöglichkeit  der  Fertigprodukte ­
  in  Bayern,  die  lediglich  per  Achse  befördert  werden,
fOtz,  München  als  Industriestadt.  g
        <pb n="89" />
        82

den  Standort  beeinflußt.  In  Bayern  selbst  besteht  keine  solche
Fabrik,  es  fehlt  die  Konkurrenz;  wir  können  deshalb  diese
Industrie  als  rein  konsumorientiertes  Unternehmen  bezeichnen.
Die  große  Arbeitermenge  dient  nicht  zum  Bedienen  der
Maschinen.  Es  herrscht  vielmehr  in  dem  Unternehmen  die
feinstdurchdachte  Arbeitsteilung  zwischen  mechanisiertem
Handwerksbetrieb  und  der  Maschinenarbeit.  Die  Maschine
scheidet,  poliert,  kanneliert,  bohrt  und  leimt,  aber  die  mechanische ­
  Arbeit  des  Nachreinigens,  namentlich  des  Zusammensetzens ­
  und  des  Lakierens  bleibt  der  Menschenhand  überlassen. ­
  So  findet  man  in  den  großen  Fertigpfriemereien  und
Lakierwerkstätten  der  Fabrik  die  meisten  Arbeiterkategorien
vereinigt.
Viel  gemäßigter  erscheint  eine  dritte  Richtung  der  Möbelindustrie, ­
  welche  sowohl  einzelne  in  dem  eigenen  Zeichenatelier ­
  entworfene  Möbel  von  geschmacklich  und  technisch
denkbar  höchster  Qualität  wie  auch  solche  und  vollständige
Wohnungseinrichtungen  nach  Wunsch  oder  direkter  Angabe
seitens  der  Kunden  hersteilen.  Sie  wird  beherrscht  von  den
„Deutschen  Werkstätten  für  Handwerkskunst,
G.  m.  b.  H.“  Sie  liefern  neben  ganzen  Zimmereinrichtungen
auch  Polster-  und  Schreinermöbel  in  eigenen  Werkstätten,  während ­
  die  Vorhang-  und  Bezugsstoffe,  Teppiche,  Beleuchtungskörper ­
  etc.  sowie  die  Kleinkunst,  aus  Spezialbetrieben  zum
größten  Teil  nach  eigenen  Entwürfen  bezogen  wird,  wodurch
eine  segensreiche  Beschäftigung  des  Münchener  Kleinhandwerkers ­
  erreicht  wird.  Der  Betrieb,  der  erst  1901  mit  2  Arbeitern ­
  gegründet  wurde,  ist  auf  der  modernen  kunstgewerblichen ­
  Bewegung  aufgebaut.  Gegenwärtig  beschäftigt  der  Betrieb ­
  in  seinen  Werkstätten  3  Werkmeister,  8  Zeichner,  62
Zuschneider,  Polierer  und  Fertigmacher,  6  Maschinenarbeiter,
11  Tapezierer,  9  Näherinnen,  10—15  Ausgeher,  Tagelöhner  und
Packer.  Es  ist  ein  Stamm  tüchtiger  kunstgewerblicher  Arbeiter ­
  vorhanden,  dank  den  Aufgaben,  welche  die  Künstlerschaft ­
  schon  frühzeitig  auf  kunstgewerblichem  Gebiete  gestellt
hatte.  Da  der  Betrieb  dafür  bekannt  ist,  daß  er  ausschließlich
hochwertige  Sachen  herstellt,  hat  er  genügend  Angebote  an
guten  Arbeitskräften,  unter  denen  sich  sehr  viele  frühere  Hand-
        <pb n="90" />
        werksmeister  befinden;  deshalb  ist  auch  der  Arbeiterwechsel
geringfügig.  Die  Lohnverhältnisse  sind  durch  Tarifvertrag  festgelegt ­
  und  bewegen  sich  zwischen  50—72  Pfennig  Stundenlohn. ­
  Akkordarbeit  ist  nicht  eingeführt,  ebenso  werden  keine
Lehrlinge  gehalten,  da  beides  mit  künstlerisch-vollkommener
Arbeitsleistung  nicht  in  Einklang  zu  bringen  ist.  Den  Arbeiterersatz ­
  vermittelte  des  öfteren  der  von  dem  deutschen  Holzarbeiterverband ­
  unterhaltene  Arbeitsnachweis,  doch  ist  der  Betrieb ­
  nicht  an  seine  Benützung  gebunden.  Die  Maschinenarbeit ­
  macht  ungefähr  10  o/o  des  Schreinerlohnes  von  jedem
einzelnen  Stücke  aus,  denn  die  Maschine  soll  nur  die  gröbsten
Arbeiten  verrichten  und  die  Handarbeit  im  Fabrikationsprozeß
durchaus  vorherrschend  bleiben.  Trotzdem  laufen  7  Maschinen
im  Betriebe.  Die  Band-  und  Kreissäge,  Bohr-  und  Fraismaschine, ­
  sowie  eine  Dicktenhobelmas.chine  —  das  mit  der
Kreissäge  aufgeschnittene  und  abgerichtete  Rohholz  wird  mittels ­
  der  Dicktenhobelmaschine  geglättet  und  die  verleimten
Bretter  durch  dieselbe  Maschine  zu  gleicher  Stärke  gepreßt  —
empfangen  ihren  Antrieb  durch  einen  Industriearm  der  Isar,
dessen  Wasserkraft  in  20  PS  ausgenutzt  wird.  Außerdem  hat
der  Betrieb  einen  Anschluß  an  das  Leitungsnetz  der  Stadt,
um  bei  einer  Regulierung  der  Isar  keine  Betriebsstockung  zu
erleiden.
Die  Deutschen  Werkstätten  für  Handwerkskunst  liefern
nur  an  Private  direkt.  Ihre  Abnehmer  sind  Militär,  Akademiker, ­
  Künstler,  Kaufleute,  Beamte  etc.  Etwa  60  o/o  der  Lieferungen ­
  erfolgt  nach  außerhalb,  nach  Süd-  und  Westdeutschland, ­
  was  auf  die  Tätigkeit  der  Dresdener  Abteilung  zurückzuführen ­
  ist.  35  o/o  kommen  auf  das  Ausland  und  nur  5  °/o
entfallen  auf  das  Platzgeschäft,  das  in  erheblichem  Umfang  auf
das  reisende  Publikum  angewiesen  ist,  denn  die  Konkurrenz,
die  für  sich  schon  sehr  groß  ist  für  das  aufblühende  Geschäft,
wird  noch  vermehrt  durch  die  Tätigkeit  einzelner  geschickter
Schreinermeister.  Wie  sehr  diese  Werkstätten  sich  auf  die
Künstlerschaft  Münchens  stützen,  zeigt  der  Umstand,  daß  sie
in  ihren  Verkaufshallen  hervorragende  Arbeiten  neuerer  Handwerkskunst ­
  ebenso  wie  gute  Einzelarbeiten  von  Künstlern  und
Kunstgewerblerinnen,  die  sie  ausfindig  machten,  dem  Publikum
6*
        <pb n="91" />
        84

zum  Erwerb  anbieten.  Künstlerische  Glas-  und  keramische  Arbeiten, ­
  Porzellan,  Handarbeiten  und  Stickereien,  sowie  nach
eigenen  Entwürfen  geknüpfte  Teppiche,  eigens  gedruckte  Tapeten ­
  und  Stoffe  stehen  zum  Verkauf;  außerdem  steht  dem
Käufer  alles  zur  Verfügung,  was  zur  Einrichtung  und  zum
Schmuck  von  Zimmern  gehört.
Zur  allgemeinen  Beleuchtung  der  Schwierigkeiten,  welche
den  Münchener  Möbelfabriken  auf  dem  Weltmarkt  entstehen,
möge  die  Bemerkung  dienen,  daß  die  Begründung  des  österreichischen ­
  Möbelsyndikats.,  die  der  Preisunterbietung  der
österreichischen  Möbelfabriken  im  Exportgeschäft  ein  Ende  bereiten ­
  soll,  geeignet  sein  dürfte,  die  Lage  der  bayerischen  Möbelfabriken ­
  insbesondere  im  Südosten  des  Landes  in  günstiger
Weise  zu  beeinflussen.  Die  bayerischen  Möbelfabriken  in  ihrer
Gesamtheit  haben  ja  in  den  letzten  Jahren  neben  dem  österreichischen ­
  Wettbewerb  auch  dem  amerikanischen  zu  begegnen. ­
  Zwar  handelt  es  sich  hier  weniger  um  Fertigfabrikate!
als  um  Möbelteile,  die  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
in  großen  Massen  maschinell  hergestellt  und  in  Deutschland
zusammengefügt  werden.  Immerhin  übt  auch  die  starke  Zunahme ­
  der  amerikanischen  Einfuhr  auf  das  bayerische  Tischlereigewerbe ­
  einen  ungünstigen  Einfluß  aus.
Bei  dieser  Betrachtung  der  Kunstgewerbeindustrie  Münchens ­
  können  wir  nicht  unterlassen  darauf  hinzuweisen,  daß
hier  Massenbetrieb  und  Arbeitsteilung  nichts  ist,  was  an  sich
verderblich  wäre,  sondern  der  Umstand,  daß  das  Ziel  „Qualitätsarbeit“ ­
  aus  den  Augen  verloren  wird  und  daß  die  Industrie ­
  im  großen  Ganzen  sich  nicht  als  dienender  Teil  einer
Kulturgemeinschaft,  sondern  als  Herrin  der  Gegenwart  empfindet. ­
  Auch  das  Handwerk  wird  der  Industrie  vielfach  zur
Seite  stehen  können  und  darin  eine  neue  zeitgemäße  Aufgabe ­
  erblicken  müssen,  daß  es  sich  bei  der  Weiterverarbeitung
vieler  Industrieerzeugnisse  als  ein  Faktor  zeigt,  der  die  guten
Eigenschaften  eines  Fabrikats  durch  geschulte  handwerksmäßige
Weiterverarbeitung  erst  richtig  zur  Geltung  bringt.
Und  nur'dem  unmittelbaren,  rastlosen  und  schaffensfrohen
Eingreifen  der  Münchener  Künstler  im  Sinne  der  Veredelung
auch  des  alltäglichen  Lebens  ist  es  zu  danken,  wenn  da  und
        <pb n="92" />
        dort  sich  bereits  vielverheißende  Ansätze  eines  wahrhaften,
innerlichen  Aufschwungs  zeigen,  Ansätze  zu  einer  Verallgemeinerung ­
  der  Kunst,  zu  einer  Popularisierung  ihrer  Bestrebungen, ­
  das  Hineindringen  ins  Volk  und  das,  Durchdringen
aller  Lebensverhältnisse.  Dieser  soziale  Zug  geht  heute  durch
das  ganze  Münchener  Kunstgewerbe.  Die  Konsumenten  sind
auch  nicht  mehr  genötigt,  ihren  gesamten  Bedarf  an  qualitativ
hochstehenden  kunstgewerblichen  Erzeugnissen  aus  anderen
Städten  oder  gar  dem  Auslande  zu  decken.  Münchens  Kunstgewerbe ­
  und  Industrie  sorgen  dafür,  einen  großen  Teil  des
nationalen  Bedarfs,  auch  den  der  höchsten  Ansprüche,  aus
eigenster  Produktion  zu  decken,  wodurch  München  volkswirtschaftlich ­
  einen  großen  Vorsprung  vor  anderen  deutschen
Städten  gewonnen  hat.  —
        <pb n="93" />
        Fünfter  Abschnitt,  Teil  I.
Bierbrauerei.
In  erster  Linie  hört  man  München  als  Künstlerstadt  nennen, ­
  welchen  Namen  es,  wie  wir  in  dem  einleitenden  Abschnitte ­
  ausführten,  zweifellos  verdient.,  Und  dennoch  darf  man
ruhig  behaupten,  daß  es  seinen  Weltruf  zum  großen  Teile
auch  seinem  Biere  verdankt.  Nicht  nur  in  München,  Bayern
und  Deutschland,  sondern  in  der  ganzen  Welt  wird  bayerisches
und  Münchener  Bier  getrunken,  und  die  ganze  Welt  ist  heute
ein  Absatzgebiet  für  Münchener  Bier  geworden.  Im  wahrsten
Sinne  bodenständig  für  München  ist  neben  der  Kunstpflege
nur  diese  Brauindustrie;  von  ihr  stammt  auch  der  Beiname ­
  „die  Bierstadt“.  Die  Luft  ist  um  München  bierfeucht,
soweit  das  Auge  in  die  Vergangenheit  zurückblicken  kann.
Es  waren  unlängst  1100  Jahre,  daß  in  Oberföhring  nachweisbar ­
  Bier  gesotten  wurde.
Wenn  man  auch  annehmen  darf,  daß  die  Schwaiger  der
Kloster  Tegernseer-Meierei,  die  auf  dem  Boden  des.  heutigen
Isar-Athens  gestanden,  zum  Abendschoppen  Oberföhringer  Bier
getrunken  haben,  so  darf  es  als  sicher  betrachtet  werden,  daß
im  Jahre  1158  bei  Gründung  der  „lieben  guten  Münchener
Stadt“  die  ersten  Ansiedler  darauf  bedacht  gewesen  sein  werden, ­
  neben  Wohn-  und  Gotteshaus  sofort  sich  eine  eigene
Bräustatt  anzulegen.
Die  erste  Münchener  Braustatt  hat  dem  Bedürfnis,  nicht
lange  genügt,  weder  der  rasch  zunehmenden  Bevölkerungszahl ­
  noch  dem  verschiedenartigen  Geschmacke  ihrer  Zungennerven. ­

So  erhob  sich  denn  neben  der  ersten  bald  eine  zweite
Braustatt  und  daneben  wieder  eine  dritte  und  so  fort  und  tnan
konnte  nicht  bloß  sagen:
Ist  die  Gasse  noch  so  klein,
Ein  Brauer  muß  darinnen  sein,
sondern  es  gab  Gassen,  in  denen  10  und  mehr  Braupfannen
sotten  und  zisdhten  und  prasselten.
        <pb n="94" />
        87

Es  waren  freilich  lauter  Kleinbetriebe,  die  ohne  Zapfenwirte ­
  ihr  Produkt  im  eigenen  Hause  verschänkten.
Es  wurde  schon  im  13.  Jahrhundert  in  München  gebraut,
wie  eine  von  Herzog  Ludwig  dem  Strengen  im  Jahre  1286
dem  Heil.  Geistspitale  erteilte  Bierbrauereigerechtsame  beweist;
im  Jahre  1370  gab  es  in  München  aber  erst  drei  Bierbrauereien, ­
  von  welchen  eine  schon  im  Jahre  1325  unter  Kaiser
Ludwig  dem  Bayern  Iandesfürstlidies  Eigentum  war.  Der  Verbrauch ­
  an  Bier  scheint  damals  in  München  noch  sehr  gering
gewesen  zu  sein;  Meth  und  Wein  bildeten  bis  ins  15.  Jahrhundert ­
  das  Hauptgetränk  der  Münchener  Bevölkerung;  bis
dahin  wurde  auch  in  der  Bierbrauerei  die  warme  Gärung
(sog.  Obergärung)  angewendet.  Mit  der  Einführung  der  bis
auf  den  heutigen  Tag  beibehaltenen  kalten  Gärung  (sog.
Untergärung),  welche  ins  15.  Jahrhundert  fällt,  stieg  der  Verbrauch ­
  des  braunen  Gerstenbieres,  und  im  Jahre  1500  finden
wir  schon  38  Bierbrauereien  in  München.  Inzwischen  waren,
wie  dies  auch  in  der  Folge  wiederholt  geschah,  sowohl  vom
Magistrat  wie  vom  Landesfürsten  verschiedene  Brauordnungen
erlassen  worden.  Im  Jahre  1616,  in  welchem  abermals  eine
neue  Bierordnung  erschien,  befanden  sich  in  München  bereits ­
  69  Brauereien;  deren  Zahl  ging  bis  Ende  des  18.  Jahrhunderts ­
  auf  58  zurück.  Nach  einer  statistischen  Übersicht
von  Seiffert  und  Wenng  bestanden  1819  61  Brauereien  in
München,  von  welchen  jedoch  bloß  35  betrieben  wurden.
Um  jene  Zeit  beginnt  der  Aufschwung  des  Münchener  Brauereigewerbes. ­
  Teils  die  Vervollkommnung  der  technischen  Einrichtungen ­
  in  den  Brauereien,  teils  das  den  Verbrauch  mehrende ­
  rasche  Wachstum  Münchens  beförderten  diesen  Fortschritt, ­
  der  sich  anfangs  nur  zögernd,  später  aber  in  umso
großartigerer  Weise  vollzog  und  zu  einer  gewaltigen  Steigerung ­
  der  Erzeugung  führte.
Es  ist  interessant,  festzustellen,  daß  Umstände,  welche
sonst  die  gewerbliche  Entwicklung  regelmäßig  hindern,  nämlich ­
  polizeiliche  Verordnungen,  gerade  das  Münchener  Braugewerbe ­
  erheblich  gefördert  haben.  Die  strengen  Polizeivorschriften ­
  für  die  Brauereien,  deren  wesentlichste  schon  im
Jahre  1516  erlassen  wurde,  haben  den  Grund  zu  dem  Ruf
        <pb n="95" />
        8S

und  der  Weltbedeutung  des  Münchener  Bieres  gelegt.  In
dieser  Landesverordnung  vom  Jahre  1516  wurde  die  Bestimmung ­
  erlassen,  daß  „füran  allenthalben  in  Unsere  Stette,  Märkte
und  auf  dem  Lande  zu  keinem  Pier  merer  Stukh,  dann  allein
Gersten,  Hopfen  und  Wasser  genommen  und  gebraucht  solle
werden.“  Wurde  gegen  diese  Bestimmung  trotz  der  streng
geübten  „Bierpolizei“,  deren  Befugnisse  sich  auf  die  Herstellung ­
  des  Bieres,  den  Verkehr  mit  Bier  und  die  Kontrolle  über
beide  bezogen,  in  der  Folgezeit  noch  häufig  verstoßen,  wie
aus  zahlreichen,  auf  sie  zurückgreifenden  Erinnerungen  in  den
Akten  hervorgeht,  so  blieb  sie  doch  für  die  ganze  spätere  Gesetzgebung ­
  als  ein  Hauptpunkt  maßgebend  und  wurde  fast
wörtlich  in  die  Bestimmungen  der  neueren  Malzsteuergesetzgebung ­
  übernommen.  Diese  alte  Verordnung  stellt  heute  allgemein ­
  noch  die  Norm  dar  für  das,  was  man  unter  Bier  Zu
verstehen  hat.  Struve  sagt  darüber,  daß  unter  Bier  in  dem
durch  die  moderne  Entwicklung  der  Bierbrauerei  bestimmten
Sinne  ein  aus  Getreide  oder  anderen  stärkemehlhaltigen  Rohstoffen, ­
  Hopfen  und  Wasser  hergestelltes,  mittels  Hefe  teilweise ­
  vergorenes  Getränk  verstanden  wird.  Der  Begriff  „Bier“
hat  demnach  in  dem  für  seine  Bereitung  und  Verbreitung  in
der  Neuzeit  in  erster  Linie  in  Betracht  kommenden  Lande,  in
Bayern,  hinsichtlich  der  die  Grundlage  des  Biers  bildenden
Rohstoffe  schon  seit  etwa  400  Jahren  die  gesetzgeberische  Einschränkung ­
  erfahren,  daß  als  Rohstoff  nur  Malz  und  zwar  für
das  untergärige  Lagerbier,  das  sogenannte  „braune“  Bier,  nur
Gerstenmalz  verwendet  werden  darf.  Dadurch  also,  daß  die
Herstellung  des  Bieres  schon  vor  Jahrhunderten  in  München
von  den  Behörden  strenger  überwacht  wurde,  als  irgendwo
anders  in  der  Welt,  war  seine  Qualität  der  aller  anderen  Produkte ­
  überlegen  und  fand  bald  den  Weg  auf  den  Weltmarkt.
Diese  Entwicklung  aber  ging  bis  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts ­
  sehr  langsam  vor  sich.  Dem  alten  volkstümlichen
Charakter  des  Bierbrauens  als  Bestandteil  der  eigenen  Hauswirtschaft ­
  entsprechend,  zieht  sich  durch  das  ganze  Mittelalter
  der  Zug  des  Widerstreits  des  ursprünglich  für  jedermann ­
  freien  Rechts  zu  brauen  mit  der  Ausgestaltung  desselben ­
  zu  einem  besonderen,  rechtlich  gebundenen  Gewerbe-
        <pb n="96" />
        S9

betriebe.  In  Bayern  war  unter  dem  Zusammenwirken  eigentümlicher ­
  Umstände  das  Braurecht  landesherrliches  Regal  geworden ­
  und  wurde  entweder  nur  von  Fall  zu  Fall  „gnadenweise“ ­
  als  Lehen  vergeben  unter  Befolgung  des  Satzes  „Kunst
erbt  nicht“  oder  es  wurde  wie  das  Brauen  von  „weißem
Weizenbier“  ausschließlich  in  eigener  landesfürstlicher  Regie
betrieben.  Selbst  im  Besitze  zahlreicher  Brauereien  hatten
Bayerns  Flerrscher  ein  sehr  konkretes  Interesse  an  dem  guten
Zustande  der  Brauerei  und  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß
gerade  die  Blüte  der  damaligen  Bierbrauereibetriebe  in  Norddeutschland ­
  für  sie  vorbildlich  gewesen  ist,  auch  in  ihren  Landen ­
  diesen  Nahrungszweig  auf  eine  gleich  hohe  Stufe  zu  heben.
Es  war  gewissermaßen  ein  geschichtlich  entscheidender  Moment, ­
  als  der  kurfürstliche  Hof,  der  bei  dem  mangelhaften
Zustande  des  derzeitigen  Brauwesens  in  München  seinen  Bierbedarf ­
  aus  Norddeutschland  und  Sachsen  bezog,  sich  entschloß,
im  Jahre  1614  einen  „Ainbecker“  Braumeister  kommen  zu
lassen,  um  selbst  im  eigenen  Hofbräuhause,  das  schon  1589
gegründet  worden  war  und  nur  für  den  Bedarf  des  Hofes
braute,  Bier  nach  „Ainpöckischer“  Art  brauen  zu  lassen.  Diese
Art  des  Bieres  gilt  heute  als  der  Urtypus  des  Münchener
Bieres.  Von  dieser  Zeit  an  beginnt  für  das  bayerische  und
speziell  für  das  Münchener  Braugewerbe  ein  rascher  Aufschwung, ­
  wenn  auch  festgestellt  werden  muß,  daß  diese  Entwicklung ­
  schwer  erkämpft  wurde;  denn  mehr  als  jede  andere
Industrie  war  die  Braunahrung  gebunden  in  altem  zopfigen
Herkommen,  gefesselt  durch  Biertaxe,  durch  Zwangswirte  und
eine  brauberechtigte  Bürgerschaft,  welche  den  Geldbeutel  wohl
noch  offen  hielt,  das  Brauen  aber  längst  nicht  mehr  verstand.
Die  kräftige  Entwicklung  des  Münchener  Braugewerbes  datiert
erst  aus  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Sie  beginnt
erst  mit  der  befreiend  wirkenden  Gewerbegesetzgebung  und
dem  Zeitpunkt,  indem  das  untergärige  Münchener  Brauverfahren ­
  entstand  und  aus  dem  Handwerk  die  Industrie  hervorging. ­
  Der  Mann,  der  in  dieser  Zeit  mit  genialem  Blick
die  technischen  Fortschritte  der  damals  schon  hochstehenden
englischen  Brauerei  für  seine  Münchener  Braukunst  nutzbar
gemacht  hat,  war  Gabriel  Sedlmayr,  der  Sohn  einer  Mün-
        <pb n="97" />
        QO

chener  Brauerfamilie,  welche  im  Besitz  der  später  so  berühmten ­
  Spatenbrauerei  in  München  war.  Aber  als  nach  Übertragung ­
  und  richtiger  Anpassung  des  englischen  Musters  auf
das  andersgeartete  Münchener  Braugewerbe  die  Fundamente
für  den  modernen  Großbetrieb  gelegt  waren,  da  sind  seinen
Anregungen  und  seiner  Initiative  noch  viele  Fortschritte  zu
verdanken,  die  endgültig  den  Weltruf  des  Münchener  Bieres
und  der  bayerischen  Brauindustrie  begründeten.
Letztere  hat  in  ihrer  glanzvollen  Entwicklung  aber  eine
getreue  Gehilfin  in  der  Brauwissenschaft  gefunden.  Gerade
die  frühzeitig  wissenschaftliche  Durchdringung  des  bayerischen
Gewerbes  war  es  ja,  die  es  zu  einer  hohen  kulturellen  Aufgabe
besonders  befähigte  und  es  geeignet  machte  die  Lehrmeisterin
der  ganzen  kontinentalen  Brauerei  zu  werden.
Die  bayerische  Regierung  selbst  war  zu  sehr  an  dem
Gedeihen  dieses  Industriezweiges  interessiert,  als  daß  sie  nicht
Mittel  und  Wege  suchte  die  Brauindustrie  zu  fördern  und
zu  unterstützen.  Nicht  unerwähnt  soll  es  bleiben,  daß  sie
schon  in  der  ersten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  mit  Gelehrtenhilfe ­
  Methoden  ausarbeiten  ließ,  nach  welchen  das  Bier
untersucht  werden  konnte.  Die  so  entstandene  hallymetrische
und  die  optische  Bierprobe,  welche  die  fast  mittelalterliche,
unhaltbare  Einrichtung  der  „Bierkieser“  beseitigten,  mußten
bald  der  im  Jahre  1844  erfundenen  epochemachenden  saccharometrischen
  Bierprobe  weichen,  welche  heute  noch  die  maßgebende ­
  ist.  Heute  besteht  auch,  da  sich  mit  der  aufstrebenden ­
  Brauindustrie  eine  bedeutende  Entwicklung  des  brautechnischen ­
  Unterrichts  naturgemäß  ergab,  in  nächster  Nähe  Münchens ­
  eine  staatlich  subventionierte  Anstalt,  die  Brauereiakademie ­
  Weihenstephan,  welche  mit  der  Schwesteranstalt  in  Nürnberg ­
  zusammen  mit  großem  Erfolge  daran  gearbeitet  hat,  das
auf  dem  platten  Lande  noch  viel  verbreitete  kleine  Braugewerbe
mit  den  Errungenschaften  der  neuesten  Technik  und  Wissenschaft ­
  im  Brauereiwesen  bekannt  zu  machen.
Diese  Kleinbrauereien,  die  in  ganz  Bayern  im  Laufe  der
Jahre  stetig  abgenommen  haben,  sind  in  München  vollständig
eingegangen.  Denn  bei  der  heutigen  Wirtschaftslage  ist  nur
noch  der  Kleinbrauer  konkurrenzfähig,  welcher  neben  seiner
        <pb n="98" />
        91

Brauerei  eine  Ökonomie  betreibt  und  einen  größeren  Teil  seines
Bieres  in  der  Brauhausschenke  selbst  absetzt.  Wenn  auch  dem
letzteren  die  Ausgaben  für  Betriebsunkosten  und  Löhne  höher
zu  stehen  kommen,  so  ist  derselbe  doch  existenzfähig,  nur  muß
er  sich  leider  mit  einem  geringen  Gewinne  begnügen.  Angesichts ­
  der  modernen  Entwicklung,  welche  die  Brauindustrie
wie  alle  anderen  Industrien  ebenfalls  durchgemacht  hat,  konnten
diese  kleinsten  und  unvollkommensten  Unternehmungen  in
München  gegenüber  den  besser  organisierten,  rationelleren  Mittel- ­
  und  Großbetrieben  nicht  entsprechend  geschützt  werden,
auch  nicht  durch  künstliche  Maßregeln,  wie  eine  Ausdehnung
der  Steuerstaffeln.  Das  allgemeine  Bild,  das  sich  uns  ergibt,
ist  das  der  Konzentration  und  des  langsamen  Rückganges  der
kleinsten  Betriebe,  eine  Erscheinung,  wie  sie  mit  den  auch  auf
anderen  Wirtschaftsgebieten  gemachten  Beobachtungen  übereinstimmt. ­
  Der  Zug  nach  industrieller  Ausgestaltung  und  Konzentration ­
  der  Produktion  ist  hierin  unverkennbar,  es  entstehen ­
  Großbrauereien,  die  teils  auf  kleinen  Brauanlagen  aufgebaut, ­
  teils  durch  Aufsaugung  vieler  Kleinbetriebe  rasch  emporgewachsen ­
  sind.  Diese  Entwicklung  war  unausbleiblich,
denn  die  Handarbeit  mußte  durch  Maschinenarbeit  ersetzt  werden, ­
  um  so  durch  Verringerung  der  Unkosten  die  Produktion
zu  verbilligen  und  dem  steigenden  Bedarf  nach  Bier  durch  erheblich ­
  größere  Erzeugungsmengen  gerecht  zu  werden.
Sei  es  nun  zur  Nutzbarmachung  von  Transportkosten,
Kohlen  oder  Arbeitslohn  sparenden  Anlagen,  sei  es  zu  Investitionen, ­
  um  bei  geeigneter  Konjunktur  große  Rohstoffvorräte
längere  Zeit  aufspeichern  zu  können  oder  sei  es  endlich  um
die  Absatzgelegenheiten  einer  Brauerei  für  dieselbe  sicher  zu
stellen,  es  müssen  stets  große  Kapitalsummen  in  einer  Großbrauerei ­
  investiert  werden,  um  derselben  die  Zuwendung  dieser
Vorteile  auch  dauernd  zu  sichern.  Eine  Brauunternehmung
wird  Kapitalunternehmung;  das  Kapital  ist  aber  nicht  von  außen
in  das  Brauereigewerbe  hineingetragen,  sondern  ist  von  selbst
geschaffen.  Die  Entwicklung  der  Münchener  Brauereien  zum
Großbetrieb  hat  stets  den  Übergang  zu  einer  neuen  kapitalistischen ­
  Form  mit  sich  gebracht.  Das  Stadium  dieser  aufstrebenden ­
  Unternehmungen  bis  zum  Eintritt  in  großindustrielle  Be ­
        <pb n="99" />
        92

r

triebsformen  wird  gekennzeichnet  meist  durch  die  Umwandlung
in  Aktiengesellschaften.  Nur  für  kleinere  Unternehmen  besteht
heute  eine  viel  geeignetere  Einkleidung  in  das  gesellschaftlichkapitalistische ­
  Gewand  in  Gestalt  der  Gesellschaft  mit  beschr.
Haftung.  Die  Wirksamkeit  dieses  für  den  Zug  zum  Industrialismus ­
  charakteristischen  kapitalistischen  Moments  hat  der  Entwicklung ­
  des  bayerischen  Brauwesens  ein  neues,  gegen  früher
abweichendes  Gepräge  verliehen.  So  ist  besonders  die  gegenwärtige ­
  wirtschaftliche  Lage  der  Münchener  Brauerei  ganz  hervorragend ­
  durch  die  überragende  Herrschaft  des  Kapitalismus
gekennzeichnet.
In  München  sind  zur  Zeit  23  Brauereien,  davon  6  Weißbierbrauereien, ­
  tätig  die  Biermengen  herzustellen,  die  der  seit
zwei  Jahren  wieder  steigende  Konsum  erfordert.  Von  den  17
Braunbierbrauereien  sind  2  als  Gesellschaften  mit  beschr.  Haftung, ­
  9  als  Aktiengesellschaften  und  5  als  Privatbrauereien  im
Handelsregister  eingetragen;  außerdem  besteht  noch  eine
Staatsbrauerei,  das  kgl.  Hofbräuhaus,  welches  in  Staatsregie  betrieben ­
  wird.
Wir  wollen  die  Privatbrauereien  nur  dem  Namen  nach  erwähnen, ­
  da  dieselben  genauere  Angaben  über  ihre  Produktion
verweigern.  Unter  sie  fallen  die  Namen  des  Wagner-,  Pschorr-,
Spaten-,  Thomas-  und  Augustinerbräu,  deren  Bedeutung  für
München  eine  ganz  ungeheure  ist.,
Namentlich  der  Spatenbrauerei  von  GabrielSedlm
  a  y  r,  dem  Begründer  des  neuzeitlichen  Brauwesens,  war  es
beschieden  eine  führende  Rolle  in  der  Entwicklung  des  deutschen ­
  Braugewerbes  zur  Industrie  zu  spielen  und  heute  noch
als  größte  Exportfirma  den  Ruf  des  Münchener  Bieres  in  alle
Welt  zu  verbreiten.  Die  Bedeutung  dieses  Unternehmens  sehen
wir  an  seiner  Größe.  Die  Gesamtfläche  auf  der  die  heutige
Brauerei  steht,  hat  eine  Größe  von  8  2  000  qm,  wovon  48  000  qm
unterkellert  sind.  In  der  Mälzerei  (14  000  qm  Tennenfläche,  14
Doppeldarren)  werden  jährlich  während  einer  achtmonatlichen
Kampagne  über  220  000  Zentner  Gerste  zu  Malz  verarbeitet,
womit  jedoch  noch  nicht  der  Gesamtbedarf  der  Brauerei  gedeckt ­
  ist.  Zum  Versieden  des  Malzes  stehen  5  Doppelsudwerke
zu  je  65  Ztr.  Einmaischquantum  zur  Verfügung,  der  Fassungs ­
        <pb n="100" />
        93

raum  der  Lagerkeller  (die  wie  die  Gärkeller  selbstverständlich
alle  mit  Lindekühlung  versehen  sind)  beträgt  180  000  hl.  12
Dampfkessel  ä  80  qm  Heizfläche  dienen  zur  Speisung  der
Dampfmaschinen  von  mehr  als  1000  Pferdekräften.  In  etwa
150—160  eigenen  Eisenbahnwagen  versendet  die  Brauerei  ihr
Bier  nach  fast  allen  Ländern  des  Kontinents  und  nach  den
Hafenstädten  für  den  überseeischen  Export.  Pasteurisiertes
Spatenbier  in  Flaschen,  seit  neuerer  Zeit  auch  in  Metallfässern,
hat  sich  die  ganze  Welt  erobert.
Die  Umwandlung  in  eine  Aktiengesellschaft  haben,  wie
schon  erwähnt,  9  Großbrauereien  vollzogen.  Folgende  von  uns
nach  Angaben  der  Brauereien  zusammengestellte  Tabelle  gibt
neben  dem  Namen  der  Brauerei,  das  bedeutende  Aktienkapital,
den  Absatz  im  Jahre  1911,  die  gezahlte  Dividende  und  die  in
der  Anlage  investierten  Werte  an:

Davon  für

Name

Aktien-Absatz



Dividende

Anlage-Wirt

 ­
  u.

kapital

in  hl

werte

Wirtschaftsanwesen ­


M.

M.

°lo

M.

M.

Aktienbrauerei
zum  Löwenbräu
Unionsbrauerei

9  300  000

820  000

1  860  000

20,0

19602777

10629572

Schülein
Jos.  Sedlmayr,

6  700  000

325  000

469  000

7,0

9840207

3529283

Brauerei  zum
Franziskaner
Leistbräu

4  000  000

300  000

360  000

9,0

5119442

2877354

Akt.-Ges.
Hackerbräu
Bürgerliches

3  600  000

208  000

180  000

5,0

10515719

6199572

Brauhaus
(Bürgerbräu)
Paulanerbräu,

3  000  000

213  000

270  000

9,0

9903778

5191827

Salvatorbrauerei



2  900  000

186  000

348  000

12,0

7260484

3762192

Aktienbrauerei

z.  Eberl-Faber

2  100  000

136  000

94  500

4,5

5899197

2366209

Kochelbräu
Schwabinger-2

  000  000

117  000

6627668

3222302

bräu-1

  250  000

88  000

93  750

7,5

7087833

3922177
        <pb n="101" />
        94

Diese  Zahlen  reden  sehr  deutlich  von  den  ungeheuren  Kapitalanlagen, ­
  welche  die  Münchener  Großbrauereien  geschaffen
haben,  um  den  weitverzweigten,  rasch  emporgewachsenen  Exportverkehr ­
  zu  erhalten,  ihn  sogar  immer  weiter  auszudehnen.
Die  industrielle  Erstarkung  der  außerbayerischen  Brauereien
hatte  an  die  Kapitalkraft  der  auf  Export  basierenden  Münchener ­
  Brauereien  immer  höhere  Anforderungen  gestellt,  daß
es  einigen  von  diesen  trotz  der  größten  Anstrengungen  nicht
mehr  gelang,  auf  die  Dauer  ihren  Exportverkehr  aufrecht  zu
erhalten,  denn  die  wenigen  altrennomierten,  kapitalkräftigen
Großbrauereien  rissen  immer  mehr  das  Monopol  des  Exportes
an  sich.
Der  Export  Münchener  Bieres  hat  großen  Umfang  eigentlich ­
  erst  seit  dem  Jahre  1872,  d.  h.  zur  Zeit  des  allgemeinen
wirtschaftlichen  Aufschwungs  in  Deutschland,  angenommen  und
ist  heute  ungefähr  die  Hälfte  der  gesamten  bayerischen  Bierausfuhr, ­
  obwohl  die  Brauereien  in  Kulmbach,  Nürnberg  und
Würzburg  ebenfalls  große  Quantitäten  ausführen.  Daß  der
Export  nach  Norddeutschland  erheblich  abgenommen  hat,  liegt
nach  Aussage  eines  Fachmannes  in  dem  Surrogatverbot,  d.  h.
dem  Verbote  einer  weiteren  Verwertung  von  gebranntem  Zukker
  (Couleur)  und  anderen  Chemikalien  zum  Versetzen  des
Bieres,  wie  dies  noch  im  Auslande  gebräuchlich  ist.
Die  großen  Mengen  erzeugten  Bieres,  die  Ausfuhrverhältnisse ­
  desselben,  den  Verbrauch  von  Malz  und  den  Bierkonsum ­
  des  Jahres  1911  in  der  Stadt  zeigt  uns  eine  Tabelle,
welche  nach  Veröffentlichungen  des  Statistischen  Amts  der
Stadt  München  mit  einem  Rückblick  bis  zum  Jahre  1881  zusammengestellt ­
  ist.
Der  interessanten  Zusammenstellung  entnehmen  wir,  daß
der  Bierkonsum  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  berechnet  gegenüber ­
  dem  Vorjahre  wieder  um  10  Liter  gestiegen  ist.  Es
muß  jedoch  berücksichtigt  werden,  daß  das  Jahr  1911  zu  den
besten  zählte,  welche  die  deutsche  und  speziell  auch  die  bayerische ­
  Brauindustrie  zu  bezeichnen  hat.  Außerordentlich  günstige, ­
  den  Konsum  fördernde  Witterungsverhältnisse  und  gute
Qualität  der  Rohstoffe  haben  die  Erträgnisse  der  Brauereien
so  gesteigert,  daß  die  die  Brauerei  belastenden  Steuern,  die
        <pb n="102" />
        95

höheren  Gerstenpreise  und  vermehrten  Unkosten  in  den  erhöhten ­
  Gewinnziffern  nicht  sichtbar  wurden.
Die  Biereinfuhr  (einschließlich  geringer  Mengen  „Weißbier“, ­
  d.  i.  Weizenbier),  die  seit  Jahren  stets  zugenommen
hat,  ist  im  Jahre  1911  zurückgegangen  und  weist  nur  mehr
23,404  Hektoliter  gegen  27,152  Hektoliter  im  Jahre  1910  auf.
Die  Bierausfuhr  ist  von  Jahr  zu  Jahr  im  Wachsen  begriffen ­
  und  betrug  im  Jahre  1911  1  806  630  Hektoliter,  ausschließlich ­
  des  nach  bayerischen  Orten  ausgeführten  Flaschenbieres, ­
  dessen  Menge  nicht  bekannt  ist.
Auf  den  Kopf  berechnet  treffen  im  letzten  Jahre  320  Liter
(gegen  310  Liter  im  Vorjahre)  bei  einer  mittleren  Einwohnerzahl ­
  von  604  000.  Die  Höchstziffer  ward  im  Jahre  1889  erreicht ­
  mit  525  Liter  (alte  Berechnung),  während  die  niedrigste
Ziffer  das  Jahr  1909  mit  255  Liter  ausweist.  Bei  der  Berechnung ­
  des  Bierverbrauches  ist  jedoch  zu  bedenken,  daß
man  nicht  genau  feststellen  kann,  wieviel  auf  den  Ortsansässigen
trifft,  denn  der  von  Jahr  zu  Jahr  größer  werdende  Fremdenverkehr ­
  bringt  immer  zahlreichere  Konsumenten  nach  München.
Infolge  der  erwähnten  Konzentration  des  Bierexportes  in
Händen  weniger  Großbrauereien  und  infolge  des  Ausfalles  im
Exportverkehr  bei  den  anderen  Brauereien,  mußte  naturgemäß
eine  bedeutende  Verschärfung  der  Konkurrenzverhältnisse  im
Lokalverkehr  eintreten,  da  man  unter  die  einmal  erreichte  Höhe
der  Biererzeugung  nicht  heruntersinken  wollte.  Man  sucht  sich
den  bestehenden  Absatz  zu  sichern  dadurch,  daß  man  verschiedene ­
  Anwesen  durch  Kauf  erwirbt,  in  denen  Bier  ausgeschenkt
wird  oder  daß  man  den  Wirten  Darlehen  in  einer  Höhe  gewährt, ­
  die  durch  den  Bierverbrauch  der  Wirte  durchaus  nicht
gerechtfertigt  erscheinen.  Außerdem  sieht  sich  die  Brauerei
stets  veranlaßt,  das  Mobiliar,  wie  Tische,  Stühle,  Eiskisten
und  Trinkgeschirre,  zu  stellen  und  dazu  noch  dem  Wirte  einen
Kredit  zuzubilligen.  Ein  solcher  Wirt  bekommt  z.  B.  30  000
Mark  als  Darlehen,  das  ihm  überlassene  Inventar  hat  einen
Wert  von  2000  Mark  und  der  ihm  gewährte  Kredit  in  Gestalt ­
  von  geliefertem  Bier  beläuft  sich  auf  1500  Mark.
Für  das  Inventar  gibt  es  keine  Amortisation,  die  Verzinsung ­
  des  Darlehens  geschieht  mit  nur  4  pro  Hundert  und  die
        <pb n="103" />
        96

Rückzahlung  desselben  braucht  solange  nicht  zu  geschehen  als
der  Bierbezug  stetig  weiterläuft.  So  ruht  das  Kapital  oft  30
bis  40  Jahre  lang.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  Brauerei  auch
schlechte  Hypothekenstellen  besitzt,  da  die  von  Privaten  abgewiesenen ­
  Darlehensbedürftigen  sich  meist  an  die  Brauerei
wenden,  die  es  ihnen  in  der  Regel  gewährt.  Da  die  Münchener ­
  Brauereien  auch  über  Spezialausschänke  im  Auslande
und  überseeische  Depots  verfügen,  erstrecken  sich  diese  Finanzgeschäfte ­
  sogar  bis  ins  Ausland.
Der  maßlose  .Wettbewerb  hat  demnach  auf  Seite  der  Brauereien ­
  ungeheure  Kapitalien  in  Ausständen,  noch
viel  größere  in  Hypotheken  und  Darlehen,  Wechselschulden
etc.  festgelegt,  während  auf  Seite  der  Kundschaft  teils  durch
das  Übermaß  von  neugegründeten  Wirtschaften,  teils  durch
den  infolge  der  Kreditpolitik  der  Brauereien  verursachten  Zuzug ­
  minderwertiger,  vermögensloser  Elemente  in  den  Gastwirtestand ­
  derselbe  moralisch  und  finanziell  tief  herabgedrückt
wurde.  Wir  können  der  früheren  Tabelle  (Seite  93)  entnehmen, ­
  daß  die  Anlagewerte  sogar  zum  großen  Teil,  oft  fast
bis  zur  Hälfte,  als  solche  Kauf-  bezw.  Pachtwerte  für  Wirtschaften ­
  und  Wirtschaftsanwesen  in  Betracht  kommen.  Hierin
spiegelt  sich  zugleich  die  kommunalwirtschaftliche  Bedeutung,
welche  den  Brauereien  heute  für  die  Stadt  München  zuerkannt ­
  werden  muß,  denn  sie  sind  nicht  nur  Hypothekengläubiger, ­
  sondern  auch  Mieter,  Vermieter  und  Hausbesitzer  zugleich, ­
  ganz  zu  schweigen  von  dem  sozialen  Werte,  der  darin
liegt,  daß  die  Brauerei  den  Wirten  erlaubt,  gleich  einer  Sparkasse ­
  kleinere  verzinsliche  Beträge  bei  ihr  einzulegen.
Dieses  kapitalistische  Walten  der  Großbrauereien  birgt
eine  große  Gefahr  in  sich,  da  heute  schon  eine  Anzahl  Brauereien ­
  mit  Betriebsschulden  anstelle  der  flüssigen  Betriebsmittel
als  Betriebskapital  arbeiten.  Denn  Geldknappheit,  bezw.  Kapital- ­
  oder  Kreditmangel,  ist  für  eine  Brauerei  bei  der  Methode,
wie  sie  sich  heute  zur  Festlegung  des  Absatzes  herausgebildet ­
  hat,  ein  Moment,  welches  ein  Unternehmen  auch  bei
guter  Leistung  in  einem  regen  Konkurrenzgebiet  meist  in  jedem
weiteren  Aufschwünge  hemmt.
        <pb n="104" />
        Trotzdem  aber,  wie  wir  wiederholt  ausführten,  Münchener
Bier  überall  in  der  .Welt  getrunken  wird  und  die  Ausfuhr
ganz  stattliche  Ziffern  aufweist,  trotzdem  ferner  der  Konsum
der  Münchener  an  Bier  pro  Kopf  der  Bevölkerung  in  den
letzten  Jahren  ganz  erheblich  zurückgegangen  ist,  werden  noch
immer  mehr  als  drei  Viertel  des  in  München  gebrauten  Bieres
in  München  selbst  getrunken.  Ein  besserer  Beweis  für  die
Bodenständigkeit  der  Brauindustrie  in  München  ist  kaum  anzuführen. ­
  Sie  war  von  ihren  Uranfängen  an  konsumorientiert ­
  und  ist  es  bis  in  die  neueste  Zeit  geblieben,  wenn  auch
heute  andere  Faktoren  noch  den  Standort  dieser  Industrie
i
in  München  bedingen.  Die  heutige  industrielle  Lagerung  der
Münchener  Brauindustrie  ist  nichts  anderes  als  eine  „rationalistische ­
  Umgestaltung  eines  historisch  gewachsenen  Körpers“,
sie  ist  historisch  durch  die  verschiedensten  Entwicklungsfaktoren ­
  bedingt.  Neben  jener  berühmten,  anderorts  schon  näher
besprochenen  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  Verwendung ­
  der  Braustoffe,  mag  Münchens  Höhenlage,  der  Sauerstoffgehalt ­
  der  Luft  und  nicht  zuletzt  die  Hefereinzucht  seitens
der  Brauereien  auf  die  Entwicklung  der  Brauindustrie  auf  Münchener ­
  Boden  eingewirkt  haben.  Außerdem  spielte  von  jeher
das  Wasser  eine  wichtige  Rolle,  denn  die  Beschaffenheit  desselben ­
  ist  von  nicht  geringem  Einfluß  auf  den  Charakter  des
damit  hergestellten  Bieres.  Natürlich  verursacht  die  Beschaffung ­
  solch  riesiger  Wassermengen,  wie  sie  eine  moderne  Großbrauerei ­
  benötigt,  nicht  selten  große  Schwierigkeiten  und  ungeheure ­
  Kosten  beim  Bezüge  aus  den  städtischen  Wasserwerken, ­
  sodaß  verschiedene  Brauereien  in  ihrem  Anwesen  einen
oder  mehrere  eigene  Brunnen  besitzen.  So  verbraucht  die
Aktienbrauerei  zum  Löwenbräu  ausschließlich  für  den  Brauereibetrieb ­
  täglich  ungefähr  vier  Millionen  Liter  Wasser,  die  sie
aus  den  Wasserwerken  der  Stadt  bezieht  und  für  die  sie  an
die  Stadtverwaltung  jährlich  rund  60  000  Mark  entrichtet.  Die
gleiche  Wassermenge,  und  zwar  ausschließlich  für  Maschinenzwecke, ­
  liefern  täglich  die  eigenen  Brunnen  der  Brauerei.  Die
berühmteste  Quelle  Münchens  nennt  aber  die  Paulanerbrauerei
ihr  Eigentum.  In  deren  Besitz  befinden  sich  die  alten  Keller,
welche  vor  mehr  als  2Y2  Jahrhunderten  von  den  Paulaner-Fritz,
  München  als  Industriestadt.  7
        <pb n="105" />
        Ordensmönchen  angelegt  wurden.  Sie  bergen  die  „Salvatorquelle“, ­
  ein  kristallklares  Bächlein,  das  aus  dem  50  Meter
langen  Stollen  in  dem  Quellsee  sich  sammelt  und  von  dort
aus  mittelst  Doppelpumpe  nach  den  verschiedenen  Betriebsabteilungen ­
  geleitet  wird.  Diese  Quelle,  deren  Ursprung,  man
auf  den  bei  Pullach,  in  der  Nähe  Münchens,  verschwindenden
Hachingerbach  zurückführt,  ist  so  ergiebig,  daß  man  die  beiden
Vorstädte  Au  und  Giesing  mit  Wasser  vollständig  versorgen
könnte.
Der  außerordentliche  Aufschwung  der  Brauereien  hat
naturgemäß  dem  gesamten  Braugewerbe  eine  erhöhte  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  verliehen.  Nach  der  staatswirtschaftlichen ­
  Seite  hin  erwähnen  wir  nur  die  unumstößliche  Tatsache, ­
  daß  der  steigende  Ertrag  des  Malzsteuer-  und  Biersteueraufschlags ­
  belebend  auf  das  gesamte  Steuer-  und  Staatsschuldenwesen ­
  eingewirkt  hat.  Andererseits  ist  nicht  zu  verkennen, ­
  daß  das  Brauwesen  bedeutende  Massen  von  Kapitalien ­
  in  den  Verkehr  gebracht  hat  und  wegen  des  stets  sich
steigernden  Materialbedarfs  in  gesunder  Rückwirkung  auf  die
Landwirtschaft  einen  wohltätigen  Einfluß  auf  dieselbe  ausübt.
Große  Summen,  nahezu  50  Millionen,  geben  die  Münchener
Brauereien  jährlich  für  die  zu  verarbeitenden  Braustoffe,  für
Malz,  Gerste  und  Hopfen  aus  und  der  Wert,  welcher  der
heimischen  Landwirtschaft  zurückgegeben  wird  in  Gestalt  der
für  diese  noch  nutzbaren  Abfallstoffe  und  Nebenprodukte,  beträgt ­
  etwa  6—7  Millionen  Mark.  Kein  anderer  Produktionszweig ­
  weist  so  wertvolle  Beziehungen  zur  Landwirtschaft  auf;
ähnlich  wie  auf  diese  begann  auch  die  Bedeutung  der  Münchener ­
  Brauereien  seit  Mitte  des  Jahrhunderts  sich  auf  die
von  ihr  benötigten  Hilfsindustrien  geltend  zu  machen,  deren
Anfänge  vielfach  aus  dieser  Zeit  stammen.  Dies  gilt  neben
den  Faßfabriken  namentlich  von  der  gewerblichen  Malzfabrikation, ­
  die  heute  noch  von  Wichtigkeit  ist,  wenngleich  hier
eine  Konzentrationsbestrebung  der  Brauerei  eingesetzt  hat,  die
es  erreichte,  daß  heute  die  Münchener  Großbrauereien  ihr
Malz  zum  größten  Teile  in  eigener  Mälzerei  herstellen.
Dies  alles  spricht  deutlich  für  die  große  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  des  Münchener  Brauwesens  und  es  spiegelt
        <pb n="106" />
        sich  ein  gutes  Stück  Kulturgeschichte  in  dem  Werden  dieses
Gewerbes  und  seines  Erzeugnisses  wieder.  Es  erfüllt  auch
mit  Recht  die  alten  Brauer  mit  Stolz  einem  Gewerbe  anzugehören, ­
  das  auf  eine  so  ruhmvolle  Vergangenheit  blickt  und
heute  so  enormen  wirtschaftlichen  Wert  besitzt.  Dies  mag
nicht  unwesentlich  auf  die  ganzen  Arbeiterverhältnisse  gewirkt
haben.  Während  doch  heute  für  die  industrielle  Produktionsentwicklung ­
  stets  das  Moment  der  Arbeiter-  und  Lohnbewegung ­
  von  einschneidender  Bedeutung  ist,  haben  diese  Verhältnisse ­
  noch  keinen  großen  Einfluß  auf  die  heutige  Lage  der
Münchener  Brauindustrie  gehabt.  Dies  mag  seinen  Grund  haben ­
  in  dem  ihre  Entwicklung  charakterisierenden  konservativen
Zug,  der  in  den  gestreiften  nationalen,  historisch  bedingten
Verhältnissen  wurzelt.  Es  wäre  nicht  uninteressant,  hier  die
im  Braugewerbe  beschäftigten  Personen  ihrer  sozialen  Stellung
nach  und  ebenso  die  allgemein  herrschenden  Arbeitsverhältnisse ­
  derselben  näher  zu  betrachten,  um  tiefer  in  die  eine
Arbeiterbewegung  bedingenden  Verhältnisse  der  Münchener
Brauereien  einzudringen.  Wir  wollen  uns  aber  darauf  beschränken, ­
  festzustellen,  daß  die  sozialen  Verhältnisse  und  neben
diesen  auch  die  im  einzelnen  sehr  verschiedenartigen,  im  ganzen
aber  nicht  ungünstigen  wirtschaftlichen  Bedingungen  nicht  dazu ­
  geschaffen  sind,  Unstimmigkeiten  bei  den  Arbeitern  hervorzurufen. ­
  Das  Münchener  Braugewerbe  zahlt  nach  den  berufsgenossenschaftlichen ­
  Ausweisen  mit  die  höchsten  Löhne.
Die  Mindestlöhne,  von  denen  laut  Tarifvertrag  des  Vereins
Münchener  Brauereibesitzer  mit  dem  Brauereiarbeiterverband
eine  Brauerei  durch  Mehrzahlung  abweichen  kann,  regeln  sich
einschließlich  des  Wohnungsgeldes  und  der  Entschädigung  für
Ablösung  des  Freibieres  nach  dem  neuen  Tarifvertrag  vom
1.  Januar  1913.
Die  Folge  der  guten  Bezahlung  und  der  Berühmtheit  Münchens ­
  als  Bierstadt  und  Hauptsitz  der  Brauindustrie  Bayerns
ist  ein  dauernder  Andrang  von  Brauarbeitern,  die  alle  in  den
Münchener  Großbetrieben  beschäftigt  werden,  wollen.  Die  günstige ­
  Lage  des  Arbeitsmarktes  hat  die  Brauereibesitzer  auch
veranlaßt,  den  Antrag  des  Arbeitsausschusses  auf  Errichtung
eines  Arbeitsnachweises  abzuweisen,  da  für  sie  kein  Bedürfnis
7*
        <pb n="107" />
        besteht;  namentlich  deshalb  nicht,  weil  die  Dauer  des  Arbeitsund ­
  Dienstverhältnisses  bei  den  Brauarbeitern  ein  sehr  lang
andauerndes  ist  und  der  im  Dienst  stehende  Brauer  seinen
Posten  nicht  freiwillig  wieder  aufgibt.  Die  Zahl,  der  in  Münchener ­
  Betrieben  beschäftigten  Brauer  beträgt  insgesamt  etwa
2000—2200  je  nach  Jahreszeit  und  Geschäftsgang.
Die  „Jos.  Sedlmayr  Brauerei  zum  Franziskaner-Leistbräu,
A--G-“  beschäftigt  als  eine  der  größten  Brauereien  Deutschlands ­
  im  Durchschnitt  allein  stets  450—500  Personen,  welche
Zahl  nur  noch  von  der  Löwenbrauerei  München  A.-G.  mit
etwa  900  Arbeitern  übertroffen  wird.  Jede  der  Münchener
Brauereien  hat  aufs  beste  für  das  Wohl  der  Arbeiter  gesorgt.
Große  helle  Speisesäle  und  Schlafräume  wurden  getrennt  von
den  Trockenräumen  der  Betriebe  errichtet.  Die  Anlage  besonderer ­
  Ankleide-  und  Waschräume  war  meist  vorausgegangen. ­
  Außerdem  besitzen  mehrere  Großbrauereien  auf  ihre
eigenen  Kosten  Pensionskassen  für  sämtliche  Arbeiter,  aus
denen  an  dienstunfähige  und  pensionierte  Arbeiter  wie  an
Hinterbliebene  von  Arbeitern  jährlich  große  Summen  gezahlt
werden.
Die  bedeutende  Vervollkommnung  des  Maschinenwesens,
die  sich  in  der  Industrie  und  Landwirtschaft  allgemein  geltend
gemacht  hat,  ist  demnach  auch  nicht  ohne  Einfluß  auf  das
Braugewerbe  geblieben,  die  Entwicklung  der  Technik  hat  auf
diesem  Gebiete  nicht  nur  eine  Erhöhung  der  Erzeugung,  sondern ­
  auch  eine  Verbesserung  der  Qualität  zur  Folge  gehabt,
ein  Umstand,  für  den  die  Geschichte  der  Münchener  Brauindustrie ­
  typisch  geworden  ist.
Heute  nimmt  München  auf  dem  Gebiete  des  Brauereigewerbes ­
  zweifelsohne  den  ersten  Platz  auf  dem  europäischen
Festlande  ein.  Nicht  nur  der  Umfang,  sondern  auch  die  Beschaffenheit ­
  der  Erzeugung  haben  dem  Münchener  Braugewerbe ­
  den  glänzenden  Namen  verschafft,  dessen  es  sich  heute
erfreut  und  nicht  allein  das  Inland,  nicht  nur  Europa,  sondern
die  ganze  Welt  erscheint  heute  als  Absatzgebiet  für  das  Münchener ­
  Bier.
Wenngleich  auch  in  den  letzten  Jahren  im  Auslande  viele
Brauereien  entstanden  sind,  die  es  sich  sehr  angelegen  sein
        <pb n="108" />
        101

lassen,  dem  bayerischen  Braugewerbe  den  Absatz  zu  schmälern, ­
  so  sind  diese  Versuche  doch  in  der  Hauptsache  Versuche
geblieben,  denn  das  Münchener  Bier  wird  heute  noch  ebenso
gern  und  viel  getrunken  wie  vorher,  der  Absatz  steigt  vielmehr ­
  von  Jahr  zu  Jahr,  wie  wir  gesehen  haben,  und  München
ist  immer  noch  die  berühmteste  Biererzeugungsstätte  der  Welt
und  wird  es  auch  bleiben.  Denn  nur  auf  diesem  Gebiete  vermochte ­
  sich  in  München  eine  den  Weltmarkt  beherrschende  Industrie ­
  zu  entwickeln:  die  Erzeugung  von  Bier,  jenes  Produkts,
das  zur  Naturveranlagung  des  Münchners  in  enger  Wechselbeziehung ­
  steht,  weil  sein  Genuß,  auf  alter  Gepflogenheit  beruhend, ­
  in  dessen  Charakter  mehr  das  Nachgiebige,  Gemütvolle ­
  zur  Ausbildung  bringt  und  die  allgemeine  Sympathie  in
Münchener  Volkskreisen  ihm  in  der  Stadt  selbst  einen  gewaltigen ­
  Absatz  sichert.  Dies  ist  ein  starkes  Gegenmittel  für  die
entstandene  Konkurrenz  im  eigenen  Lande  und  die  Vermehrung
von  Braustätten  in  anderen  Ländern,  welche  mit  der  dadurch
bewirkten  Gefährdung  des  Exports  heute  die  Existenzbedingungen ­
  der  Münchener  Brauereien  wesentlich  erschweren.  Wir
glauben  aber  als  sicher  aussprechen  zu  können,  daß  bei  ihrer
großen  wirtschaftlichen  Bedeutung  die  bayerische  Staatsregierung ­
  wie  bisher  Wege  finden  wird,  um  unter  Wahrung  der
Interessen  der  Produktion  wie  der  Konsumenten  die  stets
steuerkräftig  gewesene  Industrie  vor  ernstlichen  Überlastungen
zu  schützen  und  sie  lebenskräftig  zu  erhalten,  damit  sie  blühe
wie  bisher.
        <pb n="109" />
        Fünfter  Abschnitt,  Teil  II.
Maschinen-  und  Eisenindustrie.
Es  sind,  wie  wir  schon  ausführten,  die  allgemeinen  Voraussetzungen ­
  für  eine  günstige  Entwicklung  einer  großen  Industrie ­
  m  München  nicht  gegeben.  Besonders  die  sogenannte
schwere  Industrie  kann  dort  keinen  Boden  finden.  Einige  Versuche ­
  sind  nach  schweren  Verlusten,  wie  Dr.  Kuhlo,  der  Syndikus ­
  des  bayerischen  Industriellenverbandes,  aussagt,  „kläglich
gescheitert“.  Die  ungünstige  geographische  Lage  mag  der
Hauptgrund  hierfür  sein;  müssen  doch  die  Rohstoffe  zu  enormen ­
  Frachtpreisen  vom  Norden  her  bezogen  werden  und  die
Fertigprodukte  oft  denselben  Weg  wieder  zurückgehen  wegen
des  zu  wenig  kauffähigen  Hinterlandes.  Um  so  bewunderungswürdiger ­
  ist  es,  daß  trotz  der  einer  günstigen  Entwicklung
von  vornherein  gezogenen  Grenzen  die  Münchener  Eisen-  und
Maschinenindustrie  in  Gestalt  einiger  Spezialfabriken  sowohl  in
technischer  als  sonstiger  Beziehung  vollständig  auf  der  Höhe
der  Zeit  steht  und  es  dank  der  unbesiegbaren  Willenskraft
ihrer  Leiter  zu  einer  Reihe  schöner  Erfolge  bringen  konnte.
Die  bescheidenen  Anfänge  der  Münchener  Eisenund
  Maschinenindustrie  begannen  in  den  vierziger
und  fünfziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  sich  mächtig
unter  der  alle  gewerbliche  Tätigkeit  belebenden  Einführung
der  Eisenbahn  zu  entwickeln.  Denn  diese  Zeit  brachte  Bayern
die  ersten  großen  Eisenbahnlinien,  die  sich  bald  zu  einem
mit  jedem  Jahrzehnt  enger  werdenden  Netze  zusammenschlossen, ­
  so  sehr  hat  sich  Bayern,  als  erster  deutscher  Staat,
die  Verbesserung  der  Verkehrsverhältnisse  durch  Erbauung  von
Eisenbahnen  angelegen  sein  lassen.  Der  Unternehmungsgeist
begann  sich  überall  zu  rühren.  Die  Eisenbahnen  vermittelten
auch  den  weiten  Kreisen,  die  damals  noch  keine  rechte  Vor-
        <pb n="110" />
        103

Stellung  von  der  Bedeutung  der  neuen  Technik  hatten,  einen
Begriff  von  dem,  was  die  Maschineningenieure  zu  leisten  imstande ­
  waren.  Hatte  man  bis  dahin  nur  gehört,  daß  es  gelungen ­
  sei,  aus  den  Kohlen  Kraft  und  Bewegung  mit  Hilfe
der  Dampfmaschine  zu  erzeugen,  daß  in  fernen  Bergwerken
zur  Bewältigung  der  unterirdischen  Wasser  große  Pumpmaschinen ­
  tätig  seien,  oder  daß  hier  und  da  ein  unternehmender
Gewerbetreibender  sich  auch  eine  Dampfmaschine  zum  Antrieb ­
  seiner  Arbeitsmaschinen  angeschafft  habe,  so  lernte  man
jetzt  in  der  Lokomotive  die  Dampfkraft  aus  eigenster  Erfahrung ­
  kennen.  Man  fühlte,  daß  man  in  eine  neue  Zeit  hineinwuchs, ­
  in  der  die  Technik  eine  ausschlaggebende  Rolle  zu'spielen ­
  berufen  war.  Die  Maschinenindustrie  hielt  jetzt  in  München ­
  ihren  Einzug.  Denn  nur  wenige  Jahre  nach  der  Eröffnung ­
  der  ersten  deutschen  Eisenbahn  von  Nürnberg  nach  Fürth
errichtete  Joseph  Anton  von  Maffei  in  München  die  erste
deutsche  Lokomotivenfabrik,  die  Gründung  der  Krauß’schen
Lokomotivenfabrik  folgte  bald  darauf  im  Jahre  1S66  und  um
dieselbe  Zeit  wandte  sich  die  Firma  J.  Rathgeber  dem  Bau
von  Eisenbahnwaggons  zu.
Schon  sehr  früh  also  entwickelten  sich  die  Ansätze,  die
dann  zur  Blüte  gekommen,  dem  heutigen  München  eine  so
hervorragende,  Achtung  gebietende  Stellung  auch  auf  dem  Gebiete ­
  der  Maschinenindustrie  errungen  haben.  Zunächst  galt
es,  im  eigenen  Lande  sich  Geltung  zu  verschaffen,  bald  aber  gewann ­
  die  Aufgabe,  neue  Absatzgebiete  auch  außerhalb  Bayerns
zu  erobern,  immer  mehr  an  Bedeutung.  Die  Erzeugnisse  der
Münchener  Maschinenfabriken  eroberten  sich  in  nicht  zu  langer
Frist,  wie  wir  bei  der  nun  folgenden  eingehenden  Betrachtung
der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  derselben  sehen  werden,  auch
im  Auslande  manches  Absatzgebiet.
Der  große  Bedarf  der  bayerischen  Staatsbahnen  an  Wagenmaterial, ­
  Lokomotiven  und  sonstigen  Fabrikaten  der  Eisenindustrie ­
  gab  also  für  München  den  Anlaß  zur  Errichtung
größerer  Etablissements,  die  sich  mit  der  Herstellung  dieser
Produkte  befaßten.
Die  Gründung  der  Lokomotiv-  und  Maschinenfabrik ­
  J.  A.  Maffei  fällt  mit  den  ersten  Anfängen  des
        <pb n="111" />
        104

Eisenbahnbetriebes  in  Deutschland,  speziell  in  Bayern  zusammen. ­
  Im  Jahre  1837  gelangte  ein  am  Englischen  Garten  bei
München  gelegenes  kleines  Eisenwerk  mit  Wasserkraft  in  den
Besitz  des  Herrn  Joseph  Anton  von  Maffei.  Die  erfolgreiche
Eröffnung  der  Privatbahn  München—Augsburg  im  Jahre  1840
an  deren  Spitze  J.  A.  Maffei  stand,  gab  dem  tatkräftigen  Manne
Veranlassung  zur  Aufnahme  des  Baues  von  Lokomotiven,  welche
bisher  aus  England  bezogen  wurden.  Bereits  im  Jahre  1841
lieferte  die  Firma  die  erste  Lokomotive  „der  Münchener“  für
die  genannte  Privateisenbahn  und  zählt  somit  zu  den  ältesten
Anlagen  dieser  Art  in  Deutschland.
Aus  kleinen  Anfängen  hervorgegangen,  bedecken  heute  die
Etablissements  ein  Areal  von  ca.  24  Hektaren,  wovon  über  ein
Fünftel  überbaut  sind.
Bei  der  in  den  letzten  Jahren  erfolgten  Vergrößerung
und  Neueinrichtung  der  Werke  ist  die  elektrische  Kraftübertragung ­
  in  ausgedehntem  Maße  angewendet  worden.  Die  Betriebskraft ­
  wird  in  einer  Kraft-Zentrale  erzeugt,  welche  mit  drei
Francisturbinen  von  je  330  effektiven  Pferdestärken  ausgerüstet
ist.  Die  durch  einen  Isarkanal  zufließende  Wassermenge  beträgt ­
  21,5  Kubikmeter  per  Sekunde,  bei  einem  Gefälle  von
4,3  Meter.  Außerdem  ist  in  dieser  Kraftzentrale  eine  Dampfreserve ­
  aufgestellt,  bestehend  aus  3  Stück  von  Maffei  konstruierten ­
  stehenden  Verbund-Tandem-Dampfmaschinen  von  je
330  effektiven  Pferdestärken  und  einer  Dampfturbine,  gekuppelt ­
  mit  2  Generatoren  von  je  350  Kw.  Leistung.
Zum  Antrieb  der  verschiedenen  Werkabteilungen,  der  ca.
900  Werkzeugmaschinen  und  Kranen  dienen  230  Elektromotoren
von  1/30  bis  110  Pferdestärken  und  einer  Gesamtkraft  von
etwa  1500  Pferdestärken.  Die  verfügbare  Betriebskraft  beträgt
somit  heute  ca.  2200  PS  gegenüber  ca.  300  PS  im  Jahre  1896.
Die  Firma  J.  A.  Maffei  hat  neben  dem  Lokomotivenbau
auch  den  Bau  stationärer  Dampfmaschinen  und  Dampfkessel
für  München  und  Umgebung  gepflegt  und  ist  zu  Anfang  des
letzten  Dezenniums  des  vorigen  Jahrhunderts  in  die  Fabrikation ­
  moderner  Dampfmaschinen  aller  Systeme  in  größerem
Maßstabe  eingetreten,  besonders  für  den  Betrieb  großer  elektrischer ­
  Zentralen.
        <pb n="112" />
        105

In  jeder  Sparte  aber  blieb  die  Firma  auf  den  nahen  Konsum ­
  angewiesen  und  wir  wagen  nicht  zu  viel,  wenn  wir  das
Unternehmen  als  konsumorientiert  bezeichnen.  Denn
nur,  so  wurde  uns  versichert,  wenn  die  Inlandsaufträge  nicht
in  dem  Maße  kommen  um  den  angelernten  Arbeiterstamm  stets
zu  beschäftigen,  —  und  man  will  und  muß  diesen  Arbeiterstamm ­
  erhalten  —  ist  man  gezwungen  für  das  Ausland  zu
arbeiten,  sich  dort  Aufträge  zu  holen,  welche  in  der  Regel
wenig  gewinnbringend  sind,  da  dort  die  Preisunterbietungen
von  anderen  Firmen,  die  unter  günstigeren  Produktionsbedingungen ­
  liefern  können,  sehr  zahlreich  vorhanden  sind.
Anders  zeigt  sich  die  Lage  in  dem  Werkzeugmaschinenbau, ­
  dessen  Einführung  bei  der  Firma  neueren  Datums  ist.
Amerika,  das  bis  vor  nicht  allzulanger  Zeit  fast  der  alleinige
Produzent  von  Werkzeugmaschinen  war,  wurde  infolge  des  allgemeinenAufschwungs
  der  Industrie  in  Deutschland  und  der
infolgedessen  größeren  Nachfrage  nach  einheimischen  Produkten ­
  von  den  inländischen  Fabriken  überflügelt.  Die  Firma
Maffei  hat  daran  einen  großen  Anteil  gehabt,  sodaß  man  heute
tatsächlich  von  einer  Münchener  Werkzeugmaschinenindustrie
sprechen  kann.
Der  Einfluß  dieses  Industriezweiges  auf  das  Gewerbe  liegt
vor  allem  in  dem  Vorhandensein  eines  Stammes  tüchtiger
Schlosser.  In  Verbindung  mit  diesen  leistet  die  Maschine  Vollwertiges. ­
  Die  Bedienung  erfordert  intelligente,  besonders  ausgebildete ­
  Arbeiter,  an  welchen  aber  in  München  großer  Mangel
ist.  Dies  erschwert  die  Konkurrenz  unserer  heimischen  Industrie ­
  mit  anderen  Werken.  Die  Neuerungen  in  Werkzeugmaschinen ­
  haben  bei  unseren  Gewerbetreibenden  schon  vielfach ­
  Anwendung  gefunden,  so  besonders  die  Aufstellung  von
Bohr-  und  Schneidemaschinen.  Für  die  einzelnen  Werkstätten
ergibt  sich  daraus  eine  Vereinfachung  des  Betriebes  und  deshalb ­
  auch  eine  einfache  Kalkulation  und  Buchführung.  Nur
sollten  nicht  die  Kosten,  sondern  der  Nutzen  bei  der  Aufstellung ­
  solcher  Maschinen  maßgebend  sein.  Dann  wird  der
Handwerker  aufhören,  in  der  Großindustrie  nur  seinen  Feind
zu  sehen.
        <pb n="113" />
        106

Daß  die  Firma  neben  Dampfturbinen  und  Dampfstraßenwalzen ­
  auch  Dampfschiffe  für  die  Fluß-  und  Binnenschiffahrt
baut,  haben  wir  anderorts  schon  erwähnt.
Wie  sehr  die  Firma  bestrebt  ist,  die  Frachten  an  Rohmaterial ­
  zu  verringern,  sehen  wir  daraus,  daß  im  Jahre  1911
von  den  15  000  Tonnen  Rohprodukte  und  Halbfabrikate  —
Roheisen,  Brucheisen,  Walzeisen,  Blöcke,  Eisenbleche  und  geschweißte ­
  Kesselteile,  Räder,  Achsen,  Bandagen,  Schmiedestücke, ­
  Federn,  Metalle,  Metallguß,  Kupferbleche  etc.  Eisenund
  Stahlguß,  Rohre,  Nieten,  Schrauben,  Maschinenteile  etc.
und  Holz  —  nur  148  Tonnen  aus  dem  Ausland  bezogen  wurden
und  zwar  411  aus  Österreich,  71  aus  Frankreich,  22  aus
Belgien  und  14  Tonnen  aus  Holland.
Die  wirtschaftliche  Bedeutung  des  Unternehmens  für  München ­
  ersehen  wir  auch  aus  der  Verteilung  des  Absatzes  der
gelieferten  Produkte.  Folgende  Angaben,  die  uns  auf  Anfrage ­
  mitgeteilt  wurden,  zeigen  die  Absatzverhältnisse  vom
Jahre  1911.  Es  entfallen  von  gelieferten  Lokomotiven  auf
Bayern  2210  Tonnen
Deutschland  420  „
Europäisches  Ausland  2978  „
Übersee  2566  „
von  Dampfkesseln,  Dampfmaschinen,
Dampfturbinen  und  Werkzeugmaschinen ­
  etc.  auf
Bayern  700  „
Deutschland  667  „
und  von  Eisenbahnwagen  nur  auf
Bayern  2379  „
Aus  diesen  Zahlen  mag  ein  Beweis  hervorgehen  dafür,
bis  zu  welcher  Blüte  es  eine  durch  die  Lage  in  keiner  Weise
begünstigte  Industrie  bei  Anspannung  aller  Kräfte  bringen
kann;  sie  geben  uns  ein  annäherndes  Bild  von  dem  Umfang
des  Schaffens  in  der  Fabrik.
Als  für  die  Entwicklung  charakteristisch  muß  das  Anwachsen ­
  der  Arbeiterzahlen  hier  Platz  finden.  Die  Durchschnittszahl ­
  der  beschäftigten  Arbeiter  betrug  im  Jahre  1896
863,  1906  1260,  1909  1949  und  zur  Zeit  unserer  Enquete  waren
        <pb n="114" />
        107

2026  männliche  und  36  weibliche  Arbeiter  im  Betriebe  tätig,
welche  größtenteils  Mitglieder  ihrer  Berufsgewerkschaften  sind.
Bei  der  Arbeiterzahl  ist  zu  bemerken,  daß  stets  eine  große
Anzahl  selbsttätig  arbeitender  sowie  anderer  Werkzeugmaschinen ­
  und  Einrichtungen  angeschafft  wurden,  welche  bei  genauester ­
  Arbeit  viele  Arbeitskräfte  ersparen.  Nur  aus  diesem
Grunde  ist  es  erklärlich,  daß  die  Produktion  ohne  eine  entsprechende ­
  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  so  sehr  vergrößert
werden  konnte.
Bei  Gründung  der  Fabrik  wurden  Meister  und  Vorarbeiter
aus  England  bezogen  und  die  Arbeiter  selbst  angelernt.  Heute
kommen  dieselben  größtenteils  aus  Bayern  und  Deutschland.
Kein  Arbeiter  aber  darf  von  der  Firma  bei  Zahlung  einer  hohen
Konventionalstrafe  eingestellt  werden,  ohne  durch  die  bestehende ­
  Arbeitsvermittlungsstelle  des  Industriellen  Verbandes
zugewiesen  zu  sein.  Die  Entlohnung  der  Arbeiter  ist  an  keinen
Tarifvertrag  gebunden  und  es  herrschen  sowohl  Stunden-  wie
Akkordlöhne.  Der  durchschnittliche  tägliche  Arbeitslohn  sämtlicher ­
  Arbeitergruppen  und  die  Lohnsätze  einschließlich  der
Taglöhner  und  Lehrlinge  sind  vom  Gründungsjahr  bis  heute
stetig  gestiegen.  Die  Minimal-  und  Maximallöhne  der  Hauptarbeiterkategorien ­
  teilt  uns  die  Firma  mit  wie  folgt:
Mindestverdienst  Höchstverdienst

Eisendreher

40  Pf.

80  Pf.

Schlosser

37

)&amp;gt;

78  „

Maschinenarbeiter

37

&amp;gt;&amp;gt;

65  „

Gießer

44

&amp;gt;&amp;gt;

75  „

Modellschreiner

54

&amp;gt;&amp;gt;

80  „

Schmiede

36

&amp;gt;&amp;gt;

78  „

Kesselschmiede

46

&amp;gt;&amp;gt;

85  „

Taglöhner  etc.

37

&amp;gt;&amp;gt;

55  „

Die  Modellschreiner  weisen  demnach  das  höchste  Verdienst ­
  auf  und  wir  wollen  nicht  unerwähnt  lassen,  daß  der
Modellschreiner  als  gelernter  Arbeiter  tatsächlich  der  geschickteste ­
  unter  seinen  sämtlichen  Kollegen  in  der  Fabrik  ist.  Er
muß  nicht  nur  die  schwersten  Modelle  anfertigen,  er  muß
zu  diesem  Zwecke  auch  die  Pläne,  die  ihm  vom  technischen
Büro  gegeben  werden  und  nach  denen  er  arbeiten  soll,  ge-
        <pb n="115" />
        108

wandt  und  sicher  lesen  können.  So  hat  sich  eine  besondere
Art  von  talentierten  Arbeitern  in  der  Fabrik  herausgebildet,
die  trotz  allem  ihren  Organisationen  nicht  fern  bleiben.
Fassen  wir  diese  Ergebnisse  unserer  Untersuchung  zusammen, ­
  so  läßt  sich  wohl  mit  Recht  die  sozialpolitische  Bedeutung ­
  des  großen  Fabrikunternehmens  betonen.  Die  Fabrik
entstand  zu  einer  Zeit,  als  die  Industrie  in  München  eben
erst  im  Erwachen  begriffen  war.  Daß  heute  die  Kunstmetropole
dennoch  die  größten  Lokomotivenfabriken  des  Kontinents  ihr
eigen  nennt,  daß  die  Arbeiterschaft  dieser  Großbetriebe  ganze
Vorstädte  Münchens  bevölkert,  daß  auf  allen  Schienenwegen
die  Erzeugnisse  dieser  Fabriken  das  Land  durchfahren,  das
sind  sozialpolitische  Werte,  die  für  das  bayerische  Land  und
für  München  selbst  von  unschätzbarer  Bedeutung  sind,  und  die
seitens  der  regierenden  Fürsten  sowohl  wie  der  Behörden  stets
richtig  erkannt  und  in  ihrer  Wichtigkeit  anerkannt  worden
sind.
Während,  wie  wir  sahen,  die  Firma  J.  A.  Maffei  neben
Lokomotiven  noch  andere  Maschinen,  Dampfkessel,  Dampfturbinen ­
  und  die  mannigfachsten  Werkzeugmaschinen  herstellte, ­
  beschäftigte  sich  die  Lokomotivfabrik  Krauß
&amp;amp;  Comp.  Aktiengesellschaft  seit  ihrer  Gründung  ausschließlich ­
  mit  dem  Bau  von  Lokomotiven  von  sehr  verschiedenem ­
  Typus.
Diese  Lokomotivfabrik  wurde  als  Kommanditgesellschaft
am  17.  Juli  1866  von  Georg  Krauß,  dem  ehemaligen  Obermaschinenmeister ­
  der  Schweizerischen  Nordostbahn,  unter  Mitwirkung ­
  von  vorwiegend  den  Handels-  und  Industriekreisen  der
Nachbarstadt  Augsburg  angehörigen  Interessenten  ins  Leben
gerufen.  Sie  entstand  deshalb  in  München,  weil  die  Fabrik
größtenteils  für  die  bayerischen  Staatsbahnen  arbeitete  und
doch  am  Sitz  der  bayerischen  Verkehrsverwaltung  den  besten
Standort  haben  mußte,  weil  hier  die  Verfrachtung  des  Fertigproduktes ­
  wegfiel,  welches  nach  einer  Prüfung  direkt  ab  Fabrik
übernommen  wurde.  Die  Fabrik,  welche  sich  bei  ihrer  Gründung ­
  schon  einem  dichten  Eisenbahnnetze  und  einem  stärkeren
Lokomotivenpark  gegenübersah,  mußte  von  Anfang  an  ebenso
für  den  Export  arbeiten.  Dank  der  Vorzüglichkeit  der  Fabri ­
        <pb n="116" />
        109

,4  i

kate  hatte  sich  der  Betrieb  in  Österreich-Ungarn  eine  bedeutende ­
  und  schätzenswerte  Kundschaft  herangezogen,  die
ihm  wegen  der  sich  für  die  Einfuhr  immer  schwieriger  gestaltenden ­
  Zollverhältnisse  verloren  zu  gehen  drohte.  Zur  Erhaltung ­
  dieses  Arbeitsfeldes  errichtete  die  Firma  in  Linz  a.  D.
eine  Filialwerkstätte,  welche  sich  vorwiegend  mit  dem  Bau
leichter  und  mittelschwerer  Lokomotiven  beschäftigt.  Die  große
Fabrik  am  Hauptbahnhof  in  München  baut  Vollbahn-  und
Schmalspurlokomotiven  schwererer  Gattung,  für  die,  soweit  dies
tunlich  ist,  an  dem  bewährten  „Krauß’schen  System“  festgehalten ­
  wird.  Neben  dem  Bau  von  Lokomotiven  für  den
Betrieb  von  Hauptbahnen  wurde  von  Anfang  an  gleichwie  in
der  Folge  die  Herstellung  von  solchen  für  allerlei  Arten  von
Bauanlagen  untergeordneter  Bedeutung  ins  Auge  gefaßt.  Die
unerwartete  Ausbreitung  dieser  Spezialität  und  der  Wunsch
nach  eingehender  Spezialisierung  dieser  Fabrikation  führte  zur
Inangriffnahme  einer  weiteren  Filialwerkstätte  am  Münchener
Südbahnhof  (Sendling),  da  man  die  Herstellung  von  Lokomotiven ­
  für  den  Hauptbahnbetrieb  von  jeder  anderen  Fabrikation
trennen  mußte.  Denn  infolge  der  bekannten,  ungünstigen  geographischen ­
  Lage  Münchens  ist  das  Arbeiten  der  Fabrik  ein
wenig  günstiges  und  man  muß  daher,  um  einen  wirtschaftlichausgleichenden ­
  Faktor  zu  erhalten,  äußerst  rationell  und  wirtschaftlich ­
  arbeiten:  dies  geschieht  durch  die  Spezialisation  der
Betriebe.  Die  Filialfabrik  am  Südbahnhof  baut  daher  leichte
Lokomotiven  für  Schmal-  und  Normalspur,  zum  Betriebe  von
Neben-,  Klein-  und  Straßenbahnen,  Lokomotiven  für  Militär-,
Plantagen-,  Feld-  und  Waldbahnen,  für  Docks,  Industriebahnen
und  Steinbrüche,  für  Zechenbauten  und  unterirdischen  rauchlosen ­
  Betrieb,  sowie  feuerlose  Lokomotiven.
Diese  Vielseitigkeit  des  Werkes  in  seinen  Fabrikaten,  die
neuen  Konstruktionen,  die  Güte  der  Herstellung  und  Schönheit ­
  der  Formen  derselben,  haben  der  Firma  Krauß  &amp;amp;  Comp,
einen  wohlbegründeten  Weltruf  errungen  und  weit  über  die
Grenzen  Bayerns  und  Deutschlands  hinaus,  in  Frankreich,
Italien,  in  Rußland,  Griechenland  und  in  Spanien,  in  Afrika
und  Asien  verkünden  Krauß’sche  Lokomotiven  aus  München
deutsches  Können.  Die  Firma  Krauß  &amp;amp;  Comp,  konnte  schon

II
f|
        <pb n="117" />
        110

im  Jahre  1905  das  Jubiläum  der  Herstellung  der  5000.  Lokomotive ­
  feiern;  von  diesen  Maschinen  wurde  nur  ein  Fünftel
an“den  bayerischen  Staat  geliefert;  die  übrigen  laufen  im  übrigen
Deutschland  und  in  anderen  europäischen  Staaten;  bis  1910
gingen  606  Lokomotiven  über  See  und  die  Gesamtzahl  der
bis  1910  gelieferten  Lokomotiven  betrug  6372  Stück  mit  einem
Rechnungswerte  von  M.  202  740  930,25.
Die  Rohprodukte  werden  zum  Teil  von  München  und
seiner  Umgebung  bezogen.  Der  gesamte  Eisenguß  wird  von
der  Münchener  Eisengießerei  Sugg&amp;amp;Comp.  geliefert,  welches
Unternehmen  fast  ausschließlich  für  die  Firma  Krauß  &amp;amp;  Comp,
arbeitet  und  mit  ihr  finanziell  sehr  stark  fusioniert  ist.  Für
die  Lieferung  des  Modellholzes  kommt  Münchens  waldreiche
Umgebung  und  für  den  Bezug  von  Stahl-  und  Temperguß  die
bayerische  Stahlgießerei  Aalach  in  Betracht.  Die  Kohlen  werden ­
  zum  geringsten  Teil  aus  Oberbayern,  mehr  aus  den  Rheinlanden ­
  (Ruhrbriketts)  bezogen.  Eisenbleche,  Kupferbleche,
Stahlblöcke,  die  in  der  eigenen  Schmiede  weiter  verarbeitet
werden,  entstammen  verschiedenen  Betrieben  im  Rheinland,
Lokomotivachsen  und  Radreifen  erhält  die  Firma  fertig  aus  den
Kruppschen  Stahlwerken  in  Essen.  Bei  der  Auswahl  der  Rohstoff ­
  und  Halbfabrikat  liefernden  Fabriken  wurde  sehr  viel  auf
die  jeweilige  Entfernung  derselben  von  München  gesehen,  was
den  Beweis  liefert,  daß  die  Frachtkosten  eine  bedeutende  Rolle
auch  bei  dem  Krauß’schen  Unternehmen  spielen.
Im  Gegensatz  zu  dem  Jahre  1900,  in  welchem  2264  Arbeiter ­
  die  höchste  Jahresleistung  mit  271  Lokomotiven  vollbrachten, ­
  beschäftigte  der  Betrieb  im  Oktober  1912  —  bei
unserer  Umfrage  —  in  München  ca.  840  Arbeiter,  denen  129
Beamte  gegenüberstanden.  Arbeiterinnen  in  der  Fabrik  oder
weibliche  Arbeitskräfte  auf  den  Büros  kennt  die  Firma  nicht,
was  auf  einen  Wunsch  ihres  Gründers  zurückzuführen  ist.  Die
Entlohnung  der  Arbeiter  erfolgt  teilweise  nur  durch  Stundenlohn, ­
  das  vielgebrauchte  Akkordsystem  herrscht  vor.  Die
Durchschnittslöhne  der  Arbeiter  schwanken  zwischen  4.10  Mark
und  etwas  über  6.00  Mark  pro  Tag.  Dieses  Höchstverdienst
kommt  ausschließlich  dem  ausgebildeten,  gelernten  Arbeiter,
den  Monteuren,  Schlossern  und  Schmieden  zu.  Alle  Arbeiter
        <pb n="118" />
        111

sind  organisiert  und  gehören  dem  Deutschen  Metallarbeiterverband ­
  an.  Die  Firma  selbst  kümmert  sich  um  die  Organisationszugehörigkeit ­
  des  einzelnen  Arbeiters  nicht.  Die  Arbeitsvermittlung ­
  geschieht  ausschließlich  durch  den  Arbeitsnachweis ­
  des  Verbandes  bayerischer  Metallindustrieller.
Im  Betriebe  selbst  —  die  beiden  Münchener  Betriebe  allein
—  laufen  ca.  400  Arbeitsmaschinen,  wie  Hobel-,  Stoß-,  Bohrund
  Fraismaschinen,  wie  Drehbänke,  Hydraulische  Pressen  und
Dampfhämmer.  Für  den  Transport  in  der  Werkstatt  stehen
etwa  65  Kranen  zur  Verfügung.  Der  Antrieb  dieser  Werkzeug- ­
  und  Arbeitsmaschinen  sowie  die  gesamte  elektrische  Beleuchtung ­
  des  Werkes  wird  von  Dampfmaschinen,  Lokomobilen,
Diessel-  und  Gasmotoren,  4  Dynamos  und  etwa  55  Elektromotoren ­
  geleistet,  welche  zusammen  eine  Kraftmenge  von
500  PS  erzeugen.  Außerdem  besitzt  die  Unternehmung  eine
komplette  pneumatische  Anlage  —  Preßlufterzeugung  und  Verwertung ­
  —  zum  Nieten,  Stemmen,  Meißeln;  eine  Autogenschweißanlage ­
  vervollständigt  diese  Neuerung,  die  dazu  beiträgt ­
  den  Betrieb  trotz  seines  heute  nicht  mehr  in  dem  Maße
günstigen  Standortes  wie  in  seinen  Gründungsjahren  konkurrenzfähig ­
  zu  erhalten.
Direkt  auf  den  Bedarf  der  Eisenbahnen  nach  Wagenmaterial
ist  die  Gründung  der  großen  Waggonfabrik  Jos.  Rathgeber, ­
  A.-G.  in  Moosach-München  zurückzuführen.  Von
Anfang  an  bis  heute  ist  dieses  Unternehmen,  wie  aus  der
folgenden  Gesamtdarstellung  folgt,  rein  konsumorientiert
geblieben.  Der  Begründer  der  Firma,  Jos.  Rathgeber,  der  in
München  eine  Huf-  und  Wagenschmiede  betrieb,  sah  sich  durch
die  Entwicklung  der  Eisenbahnen  und  das  rasche  Emporblühen
aller  mit  diesen  arbeitenden  Industrien  veranlaßt,  ein  größeres
Arbeitsfeld  zu  suchen  und  gründete  im  Jahre  1852  eine  Waggonfabrik ­
  in  der  Marsstraße.  Durch  größere  Lieferungen  nach
Österreich-Ungarn  und  Schweiz  gründete  sich  die  Firma  wegen
ihrer  guten  Personenwagen  bald  auch  einen  Ruf  im  Ausland.
Vor  dem  Krieg  1870—71  und  nach  demselben  wurden  auch
bedeutende  Lieferungen  von  Militärfahrzeugen  ausgeführt.  Die
Industrie  hat  dann  den  außerordentlichen  Tiefstand  der  gesamten ­
  Eisenindustrie  und  besonders  des  Waggonbaues,  der
        <pb n="119" />
        112

anfangs  der  70er  Jahre  einsetzte,  überwunden,  weil  sie  schon
damals  gut  fundiert  war.  Um  aber  während  dieser  Zeit  sich
den  guten  Stamm  von  Arbeitern  zu  erhalten,  griff  die  Firma
zur  Fabrikation  von  Werkzeugen  und  Schulmöbeln,  aber  schon
anfangs  der  achtziger  Jahre  ging  man  auf  die  alte  Produktion
zurück  und  stellte  bis  1900  eine  große  Anzahl  von  Personenund
  Güterwagen  her.  Auch  große  Salonwagen  für  verschiedene
Fürsten  in  Deutschland  entstammen  dieser  Arbeitsperiode.  Eine
Reihe  von  Jahren  wurde  dann  mit  dem  Bau  von  anderen
Straßenfahrzeugen  für  das  Münchener  Stadtbauamt  ausgefüllt.
Im  Jahre  1896  begann  die  Umwandlung  der  Pferdestraßenbahn ­
  zum  elektrischen  Betrieb,  was  ein  reges  Absatzgebiet
schuf.  Innerhalb  4  Jahren  wurden  über  300  Motorwagen
größtenteils  für  München  selbst  gebaut.  Heute  befaßt  sich  der
Betrieb  neben  dem  Bau  jeder  Gattung  von  Personen-  und
Güterwagen  mit  der  Herstellung  und  Reparatur  von  Lastautomobilen, ­
  ferner  Militärfahrzeugen,  Eisenkonstruktionen,
Ausbau  von  Dampfbooten,  Straßenbahn-  und  Straßenfahrzeugen. ­
  Das  Etablissement  hat  sich  aus  ganz  kleinen  Anfängen
in  den  letzten  20—30  Jahren  mächtig  entwickelt.  Während
bei  der  Gründung  nur  der  abwägende  Geist  des  Kaufmanns
maßgebend  war,  wurden  in  diesen  Jahren  bei  baulichen  Veränderungen ­
  und  Vergrößerungen  des  Betriebes  volkswirtschaftliche ­
  Erwägungen  ausschlaggebend.
Die  Stadt  München  gab  dem  Werke  im  Jahre  1900  keine
Erlaubnis  mehr  bauliche  Veränderungen  im  großen  Stil  vorzunehmen. ­
  Da  die  Preise  der  Bauplätze  auf  dem  Marsfeld
heute  um  das  200fache  gegenüber  den  Preisen  bei  der  Anlage ­
  der  Fabrik  im  Jahre  1851  gestiegen  sind,  war  eine  Verschiebung ­
  der  Industrie  aus  dem  Zentrum  der  Stadt  in  den
Vorort  Münchens,  nach  Moosach,  die  notwendige  Folge.  Hier
kaufte  die  Firma  einen  Platz,  der  viermal  so  groß  ist,  wie
das  Areal  auf  dem  Marsfelde  und  nur  die  Hälfte  des  Bodenpreises ­
  desselben  ausmacht.  Dieser  große  Bauplatz  war  notwendig, ­
  denn  heute  beziffert  sich  die  Jahresleistung  der  Firma
auf  nahezu  vier  Millionen  Mark.  Außerdem  verlangt  eine  Waggonfabrik ­
  sehr  viel  Raum,  mehr  wie  eine  Maschinenfabrik,
deren  Produkte  kleiner  und  hochwertiger  sind.  Der  geringe
        <pb n="120" />
        113

Wert  der  großen  Wagen,  besonders  der  Güterwagen  fordert
diese  großen  Räumlichkeiten,  da  man  gezwungen  ist,  mehrere
zu  gleicher  Zeit  aufzustellen.  Um  pro  Woche  15—20  Güterwagen ­
  herstellen  zu  können,  bedarf  man  ungefähr  600  m  gedeckter ­
  Gleislänge,  was  etwa  einer  Werkstätte  von  3 1 / 2  Tausend
Quadratmetern  =  1  Tagewerk  entspricht.  .Heute  hat  die  Firma
ungefähr  2  Hektar  Werkstätten  ohne  Magazin,  Holzschuppen
und  Büroräumlichkeiten.  Trotzdem  wacht  die  Betriebsleitung
noch  mit  äußerster  Sorgfalt  darüber,  daß  eine  Arbeit  nicht
lange  in  den  Werkstätten  bleibt,  sondern  so  rasch  wie  möglich
fertig  gestellt  wird,  um  anderer  Arbeit  zu  weichen.  Heute  umfaßt ­
  die  Gesamtanlage  einen  Flächenraum  von  27  Tagewerk
=  9  Hektar.  Die  Einteilung  der  Neuanlage  zeigt  für  jede
Sparte  eine  eigene  Halle,  zwischen  denen  der  Verkehr  durch
Gleise,  Schiebebühnen  etc.  bewerkstelligt  wird.  Spezialisation
der  Arbeit  und  Arbeitsteilung  sind  die  leitenden  Prinzipien.  Das
Werk  ist  in  Moosach  an  das  Bahngleise  nach  Münchens  Hauptbahnhof
  angeschlossen.  Seit  der  Verlegung  des  Betriebes  nach
diesem  Vorort,  die  von  1907—1911  dauerte,  hat  sich  die  Firma
zu  einer  Aktiengesellschaft  unter  Beibehaltung  des  alten  Namens
umgewandelt.
Während  einer  Reihe  von  Jahren  setzt  die  Firma  Dreiviertel
ihrer  Gesamtproduktion  in  Bayern,  speziell  in  München  selbst
ab;  für  Bayern  kommen  namentlich  Eisenbahnwagen  und  -Waggons, ­
  für  München  die  Lieferung  von  Straßenbahnwagen  in
[Betracht.  Die  Militärfahrzeugherstellung  liegt  jeweils  in  einer
Umbewaffnung  der  Armee  begründet  und  ist  für  momentanen
Bedarf  vorbereitet.  Der  Export  ist  unbedeutend,  was  lediglich
auf  die  ungünstige  Lage  Münchens  zurückzuführen  ist.  Die
doppelte  Fracht  der  Materialien  einmal  aus  dem  Rohmateriallager ­
  zur  Verwertungsstätte  und  von  hier  in  Gestalt  des  Fertigproduktes ­
  nach  dem  Ausfuhrhafen  erschwert  die  Konkurrenz
ungeheuer.  Für  eine  Tonne  Rohmaterial  von  Westfalen  nach
München  zahlt  die  Firma  24  Mark,  während  eine  Konkurrenzfirma ­
  in  Riga  infolge  der  billigeren  Wasserfracht  von  der  gleichen
Abfuhrstelle  nur  12  Mark  Frachtkosten  pro  Tonne  Material
tragen  muß  und  so  das  Rohmaterial  schon  um  die  Hälfte  billiger ­
  bezieht,  wie  das  örtlich  näher  gelegene  München.  Für
Fritz,  München  als  Industriestadt.  8
        <pb n="121" />
        114

den  Export  ist  der  Standort  der  Waggonfabrik  Rathgeber  sehr
ungünstig,  weshalb  die  Firma  sich  auf  den  nahen  Konsum
beschränkt,  der,  ja  so  groß  ist,  daß  er  einen  ausreichenden  Umsatz ­
  verbürgt.
Das  Unternehmen  bezieht  seine  elektrische  Energie  durch
Kraftübertragung  aus  den  Isarwerken,  welche  mindestens  300
Arbeitsmaschinen  den  Antrieb  liefern.  Der  elektrische  Gruppenantrieb ­
  herrscht  vor,  nur  einzelne  Maschinen,  die  periodisch
im  Betriebe  sind,  haben  den  in  diesem  Falle  wirtschaftlicheren
Einzelantrieb.  Für  die  gesamte  Anlage  der  Arbeitsmaschinen
wurden  die  neuesten  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete  des  Werkstättenbaues ­
  verwertet,  sodaß  heute  allen  Anforderungen  der
Neuzeit  Genüge  geleistet  und  die  rationellste  Produktionsweise
ermöglicht  wird.
Die  Firma  bezieht  ihre  Rohstoffe,  soweit  dies  möglich  ist,
aus  nächster  Nähe.  Alles  Holz,  ausgenommen  die  slavonische
Eiche,  kommt  aus  Bayern.  München  selbst  liefert  den  Rotguß
nur  teilweise,  der  von  der  Betriebsleitung  lieber  von  Nürnberg
bezogen  wird,  weil  dort  bessere  Metallachsen  produziert
werden.  Eisen,  Stahl  und  Gußeisen  liefern  mit  hoher  Frachtbelastung ­
  rheinländisch-westfälische  Werke.
Die  Fabrik  kann  heute  nach  den  räumlichen  Verhältnissen
leicht  tausend  Arbeiter  beschäftigen.  Im  Jahre  1912  hatte  sie
eine  durchschnittliche  Arbeiterzahl  von  650  aufzuweisen.  Wir
haben  bei  sämtlichen  im  Vorhergehenden  betrachteten  Betrieben ­
  eine  Zugehörigkeit  derselben  zu  irgend  einem  Arbeitgeberverband ­
  festgestellt.  Die  Firma  Rathgeber  aber  ist  aus
dem  großen  Verband  bayerischer  Metallindustrieller  ausgeschieden, ­
  verkehrt  bei  Differenzen  auch  nicht  direkt  mit  den
Arbeiterorganisationen,  sondern  behält  sich  in  Lohnsachen  selbständige ­
  Entscheidung  vor  und  verhandelt  nur  mit  dem  von
den  eigenen  Arbeitern  zu  wählenden  Arbeiterausschuß.  So  hat
denn  auch  die  Fabrik  mit  den  einzelnen  Arbeiterkategorien  der
Schmiede,  Dreher  und  Bohrer,  Schlosser  (Monteure),  Schreiner,
Sattler,  Maler  und  Lackierer  Vereinbarungen  nach  eigenem  Gutdünken ­
  abgeschlossen,  ohne  sich  an  irgend  einen  Verband  anzulehnen. ­
  Die  pro  Tag  gezahlten  Löhne  bewegen  sich  zwischen
4  Mark  bei  Taglöhnern  und  7.50  Mark  bei  gelernten  Arbeitern.
        <pb n="122" />
        115

Diese  machen  ungefähr  75  o/o  der  gesamten  Arbeiterschaft  aus
und  haben  ein  Durchschnittsverdienst  von  5,75  Mark  pro  Tag.
Allgemein  hat  die  Fabrik  genügend  Angebot  von  guten  Arbeitern. ­
  Die  Arbeitseinstellung  geschieht  meist  durch  direkte
mündliche  oder  schriftliche  Anmeldung  des  Arbeiters;  nur  bei
besonderen  Bedarfsfällen  wird  das  Arbeitsamt  oder  die  Zeitung ­
  zum  Arbeitsvermittler.
Heute  ist  in  München  und  Bayern,  wie  auch  im  Ausland
die  Firma  J.  G.  Landes,  Maschinen-  und  Kesselfabrik, ­
  Eisen  -und  Metallgießerei  als  ein  bedeutendes ­
  Unternehmen  bekannt,  im  Ausland  namentlich  wegen  einiger ­
  Spezialmaschinen,  die  nur  diese  eine  Firma  herstellt.  Sonst
beschränkt  sich,  nach  den  uns  gemachten  Angaben,  der  Absatz ­
  speziell  auf  München  und  seine  weitere  Umgebung;  sogar ­
  nach  Norddeutschland  liefert  die  Fabrik  ganz  wenig  Produkte, ­
  da  die  Frachtkosten  zu  hohe  sind  um  mit  anderen  Firmen
konkurrieren  zu  können.  So  zeigt  sich  die  Fabrik  als  ein  rein
konsumorientiertes  Unternehmen.
•
Der  Betrieb  hat  sich  aus  kleinsten  Anfängen  vom  Jahre
1858  zu  seiner  heutigen  Gestalt  emporgerungen.  Aus  der
Schaffensstätte,  die  anfänglich  nur  für  den  Mühlenbau  bestimmt ­
  war,  gingen,  abgesehen  von  den  vielen,  verschiedenen
gewerblichen  und  industriellen  Zwecken  dienenden  Maschinen
und  Motoren,  im  Aufträge  hoher  Militärbehörden  die  kompliziertesten ­
  Maschinen,  Vorrichtungen  und  Werkzeuge  für
Zwecke  der  Geschoßfabrikation  und  anderer  militärischer
Zwecke  hervor.
Außer  diesen  Militärlieferungen  beschäftigte  sich  die  Fabrik ­
  als  Spezialität  mit  Brauerei-Einrichtungen  und  zwar  zählte
Landes'die  bedeutendsten  Brauereien  Münchens  zu  seiner  Kundschaft; ­
  des  weiteren  kultivierte  er  den  Bau  von  Sägeeinrichtungen ­
  und  er  war  einer  der  Ersten,  welcher  im  Jahre
1863  den  Bau  von  Walzensägen  in  Angriff  nahm,  von  welchen
viele  Hunderte  ausgeführt  wurden.  Außerdem  gingen  aus  dem
Etablissement  eine  große  Zahl  von  Holzschleiferei-  und  Papierfabrik-Einrichtungen ­
  hervor;  auch  dem  Wassermotoren-,  speziell ­
  Turbinenbau  widmete  sich  Landes  mit  vielem  Erfolge
8*
        <pb n="123" />
        116

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und  zwar  ging  die  erste  Turbine  schon  im  Jahre  1864  aus
der  Fabrik  hervor.  Doch  bildeten  diese  Spezialitäten  nicht
allein  das  Feld  seiner  Tätigkeit,  sondern  es  erstreckte  sich
dasselbe  auf  den  gesamten  allgemeinen  Maschinenbau,  Dampfkessel, ­
  Dampfmaschinen,  Transmissionen,  Brauereimaschinen
und  Aufzüge.  Die  von  der  Firma  gepflegte  Kesselfabrikation
gibt  uns  ein  ausgezeichnetes  Beispiel  für  eine  Fabrikationsart,
bei  welcher  der  Transportkostenfaktor  nur  nach  einer  Seite  hin
und  zwar  ganz  klar  in  die  Erscheinung  tritt.  Die  Kesselfabrikation ­
  braucht  den  nahen  Konsum,  ohne  welchen  sie  nicht
leben  kann.  Dies  erklärt  sich  neben  der  Geringwertigkeit  des
Fertigproduktes  aus  der  Sperrigkeit  der  Ware.  Die  Kesselfabrikation ­
  ist  wie  der  Eisengießereiprozeß  ein  Sonderbetrieb
und  auch  hier  nur  im  Anschluß  an  andere  Fabrikationszweige
richtig.  Die  Eisengießerei  verarbeitet  auch  Kundenguß,  während ­
  die  Metallgießerei  nur  für  den  eigenen  Bedarf  tätig  ist,
was  ja  auch  bei  der  Kesselschmiede  und  der  angegliederten
kleinen  Kupferschmiede  der  Fall  ist.  Die  Modelle  werden  in
eigener  Modellschreinerei  gefertigt.  Die  Fabrik  sucht  die  hohen
Frachtkosten  beim  Bezüge  von  Rohmaterial  verschiedentlich
zu  verringern,  indem  sie  teils  am  Platze  bei  Großhändlern,  teils
in  möglichster  Nähe  einkauft.  Roheisen  kommt  deshalb  aus
dem  kgl.  Hüttenwerk  zu  Amberg  und  den  Rheinlanden;  die
Halbfabrikate,  wie  Blech-  und  Stabeisen  werden  meist  von
ansässigen  Eisengroßhändlern  bezogen,  weil  dies  oft  billiger,
stets  aber  schneller  geschehen  kann  wie  durch  direkten  Bezug
aus  dem  Werk,  von  denen  viele  überhaupt  nur  an  Händler
liefern,  weil  sie  mit  diesen  Lieferungsverträge  abgeschlossen
haben.  Diese  Rohstoffe  und  Halbfabrikate  werden  mittels
ca.  140  Arbeitsmaschinen  zu  Fertigprodukten  umgestaltet.
Die  wichtigsten  dieser  Arbeitsmaschinen  sind  wohl  die
mächtigen  Drehbänke,  Eisenhobel-  und  Eisenfraismaschinen,
Bohr-,  Niet-  und  Stanzmaschinen,  denen  verschiedene  Hebezeuge, ­
  besonders  Kranen,  Hilfe  leisten.  Den  Antrieb  liefert  —
und  dies  ist  für  uns  besonders  wichtig  —  die  Isar  mit  ihren
Wasserkräften,  welche,  ungeachtet  der  zentralen  Lage  des  Betriebes, ­
  mittels  Turbinen  und  Transmissionen  direkt  zu  der
maschinellen  Aufbrauchungsstätte  geleitet  werden.  Nur  einige
        <pb n="124" />
        117

kleinere  Maschinen  laufen  mit  elektrischem  Antrieb,  den  die
städtische  Zentrale  liefert.
Im  Betriebe  sind  zur  Zeit  180—220  Arbeiter  tätig,  unter
denen  10  Lehrlinge  sich  befinden.  Letztere  erhalten  eine  Stundenentschädigung ­
  von  10  Pfg.,  welche  gegen  Mitte  der  Lehrzeit, ­
  die  3—4  Jahre  dauert,  auf  20  Pfennige  erhöht  wird.  Die
Löhne  der  Schlosser  bewegen  sich  zwischen  3  Mark  und
5.20  Mark  pro  Tag,  die  der  Schmiede  schwanken  zwischen
2.50  und  5  Mark  den  Tag.  Die  Dreher  und  teilweise  auch  die
Schlosser  arbeiten  im  Akkord  und  erreichen  einen  Stundenlohn ­
  in  der  Höhe  von  60—65  Pfennig  bei  normaler  lOstündiger
  Arbeitszeit.  Überstunden  sind  nur  ausnahmsweise  bei
dringenden  Fällen  gestattet.  Wie  überall  ist  die  Mehrzahl  der
Arbeiter  organisiert;  die  Firma  kümmert  sich  ebenfalls  wie  wir
des  öfteren  bei  anderen  Betrieben  beobachtet  haben,  nicht
darum.  Auch  hier  geschieht  die  Arbeitervermittlung,  weil  die
Unternehmung  dem  Verband  bayerischer  Metallindustrieller  angehört, ­
  nur  durch  die  Vermittlungsstelle  dieses  Verbandes.
Unbedingt  zur  Großindustrie  zu  rechnen  und  mit  den
glänzendsten  Namen  auf  dem  Münchener  Platze  zu  nennen
ist  die  Firma  F.  S.  Kustermann,  Eisenkonstruktio'nswerk,
  Eisen-,  Metall-  und  Tempergießerei,
Eisen-  und  Kohlenhandel.
Aus  dem  Alter  der  Firma,  deren  Gründung  bis  in  das
18.  Jahrhundert  zurückreicht,  und  dem  heutigen  umfangreichen
Geschäftsbetrieb,  läßt  sich  die  Tatsache  ableiten,  daß  nur  wenige ­
  Münchener  Firmen  so  stadtbekannt  sind,  wie  dieser  Betrieb. ­
  Daß  dies  voll  berechtigt  ist,  mögen  folgende  Ausführungen ­
  beweisen.
Das  gesamte  Anwesen  der  Firma  Kustermann  umfaßt
heute  ca.  170000  qm  und  enthält  außer  mehreren  großen
Lager-  und  Verladeplätzen  für  Bau-Träger  und  Eisenkonstruktionen ­
  mit  elektrisch  betriebenen  Laufkrananlagen,  auch  Lagerplätze ­
  für  Eisen  und  Tonröhren,  Kohlen  und  Brennholz  der
Handelsabteilung,  für  Roheisen  und  sonstige  Materialien  der
Fabrikabteilung;  außerdem  stehen  nahezu  50  Gebäude  auf  dem
Riesenplatz,  welche  teils  für  das  Eisenkonstruktionswerk  und
die  Gießereien,  teils  für  die  Lagerhaltung  dienen.  Denn  schon
        <pb n="125" />
        118

vor  Eröffnung  der  Gießerei  hatte  Kustermann  den  Kohlenhandel ­
  betrieben;  seit  einigen  Jahren  wird  außer  den  verschiedenen ­
  Sorten  von  Kohlen,  Koks,  Briketts,  Torf,  Holzkohlen
auch  Brennholz  geführt,  und  wurde  zu  diesem  Zwecke  eine
elektrisch  betriebene  Spalterei  eingerichtet.
Im  Jahre  1872  hatte  dann  Kustermann  die  industrielle
Tätigkeit  begonnen.  Eine  mechanische  Werkstätte  mit  einer
6  PS  Dampfmaschine  wurde  errichtet.  Aber  schon  1877  erfolgte ­
  der  Bau  einer  Eisengießerei  und  großen  Werkstätte
für  Holz-  und  Eisenbearbeitung,  sowie  eine  Gießerei  zur  Erzeugung ­
  von  schmiedbarem  Guß,  ausgestattet  mit  einer  80  PS-Dampfm
  aschine.
Heute  arbeitet  die  Fabrik  mit  2  Dampfmaschinen  von
ca.  400  PS,  etwa  420  Hilfsmaschinen  und  Aufzügen,  6  Kupolöfen, ­
  6  Trockenöfen,  10  Schmelz-  und  Glühöfen.  Das  Etablissement ­
  ist  durch  ein  Industriegeleise  direkt  mit  dem  Ostbahnhof ­
  verbunden,  und  sind  außer  den  etwa  4000  m  langen
Rangiergeleisen  noch  Rollbahnen  mit  ca.  4500  m  Gesamtlänge,
mit  ca.  50  Drehscheiben  und  etwa  100  Rollwagen  vorhanden.
Die  Erzeugnisse  der  Gießereien  umfassen  alle  Arten
von  Bau-,  Handels-  und  Maschinenguß,  schmiedbarem  Eisenguß ­
  sowie  Kunstguß  in  Eisen,  Bronze  und  Zink;  speziell  werden ­
  auch  Kandelaber  und  Stalleinrichtungen  angefertigt.  Das
Eisenkonstruktionswerk  befaßt  sich  mit  Arbeiten  für  Eisenhochund
  Brückenbau,  Bau-  und  Kunstschlosserei  und  allgemeinen
Maschinenbau.
In  dem  Fabrikbetrieb 1  sind  nahezu  600  Arbeiter  tätig,  unter
denen  sich  etwa  35  Lehrlinge  befinden.  Bei  den  Tagelöhnern,
d.  h.  den  einfachen  Eisenarbeitern  kommt  nur  der  ortsübliche ­
  Tagelohn  mit  durchschnittlich  4.30  Mark  zur  Verrechnung. ­
  Bei  den  gewerblichen  Arbeitern,  den  Gießern,  Schlossern, ­
  Schmieden,  Zimmerleuten,  Schreinern  und  Anstreichern
herrscht  Akkordlohn.  Der  Stundenlohn  dieser  „Professionisten“
schwankt  zwischen  45  und  65  Pfennig.  Die  meisten  Arbeiter
gehören  dem  deutschen  Metallarbeiterverband  an,  der  Rest
verteilt  sich  auf  die  einzelnen  Berufsgewerkschaften.  Auch  diese
Firma  erkundigt  sich  nicht  darnach  und  bezieht  ihre  Arbeiter
ebenfalls  durch  Vermittlung  des  Arbeitsnachweises  des  Ver ­
        <pb n="126" />
        119

bandes  bayerischer  Metallindustrieller.  Für  Tagelöhner,  Schreiner ­
  und  ähnliche  Arbeiter  gelten  die  Vorschriften  dieses  Verbandes ­
  nicht;  sie  können  bei  Bedarf  durch  einfache  Anmeldung ­
  in  dem  Betriebsbüro  eingestellt  werden.  Hie  und  da,
wenn  große  Posten  fällig  sind,  wird  das  städtische  Arbeitsamt ­
  benötigt.
Für  den  Absatz,  der  sich  jährlich  mit  dem  Lagerumsatz
zusammen  auf  ca.  300000  Tonnen  beläuft,  kommt  zunächst
München  selbst  mit  über  zwei  Drittel  in  Betracht.  Nur  ungefähr ­
  ein  Drittel  des  Oesamtabsatzes  verteilt  sich  auf  Gebiete ­
  außerhalb  Münchens,  namentlich  Ober-  und  Niederbayern,
Oberpfalz,  Mittelfranken  und  Schwaben.  Teilweise  gehen  auch
größere  Sendungen  nach  Oberitalien,  Österreich,  Tirol  und  Voralberg.
  Export  hat  die  Firma,  die  sich  lediglich  als  nach  dem
besten  Konsum  orientiert  erweist,  fast  gar  keinen.  Ihr  Lagerabsatzgebiet ­
  ist  noch  mehr  begrenzt  durch  die  Berechnung
sämtlicher  Berufsfrachten  auch  anderer  Betriebe  ab  Neunkirchen. ­
  Kustermann  vermag  deshalb  nur  an  die  Orte,  die  weiter
von  dieser  Zentrale  Neunkirchen  wegliegen  wie  München,  billiger ­
  zu  liefern  wie  die  Konkurrenz.  Der  Bezug  des  Rohmaterials ­
  geschieht  teils  aus  Amberg  in  Bayern,  teils  'aus
Luxemburg,  während  die  Halb-  und  Fertigfabrikate  für  das
Lagergeschäft  sämtliche  über  Neunkirchen  im  Saargebiet  bezogen ­
  werden.  Durch  die  ungeheuer  große  und  auswahlreiche
Lagerhaltung  in  Bezug  auf  Walzeisen  (Stabeisen),  Form-,  Zierund
  Fa9oneisen  —  nach  der  Ausscheidung  des  Stahlwerkverbandes ­
  als  A-  und  B-Produkte  bekannt  —  ist  die  Firma  Kustermann ­
  für  die  Münchener  Industrie  und  Bautätigkeit  von
größter  Bedeutung,  weil  sie  dadurch  imstande  ist,  die  größten,
namentlich  im  Baugewerbe  oft  plötzlich  auftretenden  Bestellungen ­
  voll  zu  befriedigen,  was  zugleich  von  der  großen  Leistungsfähigkeit ­
  zeugt.
Ehe  wir  einige  kleine,  aufblühende  Industriezweige  dieser
Branche  erwähnen,  wollen  wir  noch  einen  Großbetrieb  untersuchen, ­
  dessen  umfangreiche  Werkanlage  jeden  Besucher  des
Münchener  Industrieviertels  Obersendling  auffällt:  die  Motorenfabrik ­
  München-Sendling.  Die  Firma,  die  sich
ausschließlich  mit  der  Fabrikation  von  Betriebsmotoren  (Benzin,
        <pb n="127" />
        120

Sauggas  etc.)  für  industrielle,  gewerbliche  und  landwirtschaftliche ­
  Zwecke  befaßt,  wurde  vor  zehn  Jahren  gegründet  und
hat  sich  verhältnismäßig  rasch  zur  heutigen  Ausdehnung  entwickelt. ­
  Die  unter  der  Marke  „Sendlinger  Motoren“  bekannten ­
  Erzeugnisse  des  Werkes  erfreuen  sich  infolge  ihrer  qualitativen ­
  Vorzüge  nicht  nur  bei  uns,  sondern  auch  im  Auslande
eines  guten  Rufes,  und  besonders  der  Export  der  Firma  nach
Österreich-Ungarn  ist  bedeutend,  welcher  30  o/o’  des  Gesamtabsatzes ­
  beträgt.  Das  läßt  sich  auf  die  Tatsache  zurückleiten,
daß  bis  vor  wenigen  Jahren  noch  keine  größere  Konkurrenz,
wohl  aber  eine  starke  Nachfrage  vorhanden  war.  München
selbst  kommt  als  Absatzgebiet  wenig  in  Betracht,  da  hier
sämtliche  einschlägige  Betriebe,  welche  die  gebauten  Motore
verwenden  könnten,  teils  mit  Wasserkraft,  teils  mit  elektrischer
Energie  arbeiten.  Dagegen  fallen  35  o/o  des  Absatzes  auf  seine
nähere  und  weitere  Umgebung,  namentlich  Ober-  und  Niederbayern ­
  mit  Schwaben,  da  hier  infolge  der  Leutenot  der  Bedarf ­
  an  landwirtschaftlichen  Maschinen  sehr  groß  war  und
diese  Bauern  lieber  in  München  kaufen.  Außerdem  kommen
sie  stets  zur  landwirtschaftlichen  Ausstellung  des  Oktoberfestes
in  die  Hauptstadt  und  kaufen  hier  schon  aus  dem  Grunde
von  Münchener  Betrieben,  weil  die  Fabrik  zugleich  die  nahe
Reparaturwerkstätte  bildet.  Wie  wichtig  gerade  der  letzte
Grund  für  den  Käufer  sein  mag,  bezeugt  die  Gründung  einer
eigenen  Reparaturwerkstätte  der  Deutzer  Motorenfabrik  in
München.  Die  uns  gewordene  Mitteilung  von  reiner  Konsumorientierung ­
  findet  soweit  ihre  Bestätigung,  wenn  auch  die
Arbeiterverhältnisse  deshalb  nicht  schlecht  sind,  weil  sich  am
Platze  selbst,  wie  wir  aus  Vorstehendem  wissen,  einige  große
Maschinenfabriken  befinden  und  in  nächster  Nähe  das  Dorado
der  bayerischen  Maschinenindustrie,  Nürnberg,  liegt.  Außerdem ­
  weist  ein  kleiner  Prozentsatz  der  Arbeiter  norddeutsche
Herkunft  auf.  Gegenwärtig  beschäftigt  der  Betrieb  150  Arbeiter, ­
  die  ebenfalls  alle  dem  deutschen  Metallarbeiterverband
angehören,  und  etwa  10  Lehrlinge,  welche  nach  altem  Brauche
bei  Beendigung  ihrer  Lehrzeit  die  Fabrik  verlassen  um  anderwärts ­
  Stellung  zu  nehmen.  Die  Stundenlöhne  steigen  je  nach
Jahren  und  Beschäftigungsart  von  34  auf  70  Pfennig.  Das
        <pb n="128" />
        Höchstverdienst  wird  im  Akkordlohn  von  den  Eisendrehern
und  Schlossern  erreicht.
Der  Rohmaterialbezug  richtet  sich,  wo  möglich,  nach  den
nächsten  Rohmaterialienlagern.  So  kommt  der  Grauguß  teils
aus  der  Maxhütte  in  der  Oberpfalz,  teils  aus  dem  kgl.  Hüttenwerk ­
  Oberreichstätt  im  Juragebiet.  Stahl  und  Stahlguß  liefert ­
  nur  das  Ruhrgebiet.  Aus  den  Antrazitkohlen,  die  in  großen ­
  Mengen  gebraucht  werden,  stellt  man  Gas  her,  welches
mit  Wasserdampf  vermischt  zum  Antrieb  der  Motoren  dient.
Von  diesen  geschieht  dann  die  Kraftübertragung  auf  etwa
50  Arbeitsmaschinen,  wie  Drehbänke,  Frais-  und  Stanzmaschinen ­
  und  etliche  Spezialmaschinen,  die  teilweise  Fabrikgeheimnis ­
  sind.
Die  Fabrikation  von  Automobilkarosserien
steht  in  München  wohl  auf  der  Höhe  der  Zeit,  wie  dies  die
Erzeugnisse  der  eingesessenen  Firmen  ja  zeigen.  Aber  die
Betriebe  selbst  gehören  den  Mittel-  und  Kleinbetrieben  an,  was
nicht  ausschließt,  daß  die  gelieferten  Wagentypen  den  Charakter ­
  erstklassiger  Arbeit  tragen  und  den  Ruf  rechtfertigen,
welchen  sich  die  Firmen  alle  auf  diesem  Gebiete  erworben
haben.  Wir  wollen  darum  nicht  näher  auf  die  einzelnen  Unternehmungen ­
  eingehen.

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Aus  demselben  Grunde  begnügen  wir  uns  auch  mit  der
allgemeinen  volkswirtschaftlichen  Darstellung  der  Fabrikation ­
  von  Drahtwaren-  und  Drahtgeflechten,  bei
welcher  der  Transportkostenfaktor  von  Einfluß  auf  die  Standortswahl ­
  sowohl  für  die  Rohstoffversorgung  wie  für  den  Fertigabsatz ­
  ist.  Der  Bezug  von  Rohmaterialien  und  der  Absatz
der  Produkte  hat  hier  mit  Bedingungen  zu  rechnen,  welche
durch  Kartellierung  vorgeschrieben  sind.  Die  zu  einem  Syndikat ­
  zusammengeschlossenen  Drahtwalzwerke  beherrschen  von
gemeinsamer  Verkaufsstelle  aus  die  Produktion  der  syndizierten ­
  Werke  in  bestimmt  gesonderten  Teilgebieten.  Beim  Bahnbezug ­
  bestehen  für  München  sehr  günstige  Spezialtarifierungen, ­
  auf  die  man  außerordentlich  angewiesen  ist  wegen  der
Geringwertigkeit  des  Rohmaterials  und  der  unbedeutenden
Werterhöhung  desselben  durch  die  Fabrikation.
        <pb n="129" />
        122

Die  jüngste  bedeutendste  Industrie  in  Bayern  hat  sich
in  München  auch  niedergelassen  und  läßt  auf  eine  baldige  Großindustrie ­
  rechnen:  Die  „Flugzeugindustrie“.  In  einer  kurz  erscheinenden ­
  Zeit  hat  der  bescheidene  Anfang  dieser  Industrie
erreicht,  daß  heute  bereits  Flugmaschinen  in  allen  Einzelheiten, ­
  Motoren,  Propeller  und  Tragflächen  in  den  Münchener
Flugmaschinen-Werken  Gustav  Otto  selbst  hergestellt ­
  werden,  dabei  aber  Fabrikate  darstellen,  die  sich  den  besten ­
  anderen,  wie  die  Erfolge  Lindpaintners  und  Baierleins
zeigen,  ebenbürtig  erwiesen  haben.
Trotz  der  ungünstigen  Produktionsbedingungen  hat  also
die  Entwicklung  der  Maschinen-  und  Eisenindustrie  in  München ­
  verschiedene  Spezialbetriebe  gezeitigt,  deren  Namen  heute
zu  den  ersten  Firmen  der  heimischen  Industrie  gezählt  werden
dürfen.  Wir  haben  versucht  uns  in  den  vorhergehenden  Ausführungen ­
  einen  Überblick  zu  verschaffen  über  die  Entwicklung
und  den  heutigen  Stand  der  Maschinen-  und  Eisenindustrie  in
München.  Außerordentlich  vielfältig  ist  die  Tätigkeit  der  einzelnen ­
  Betriebe,  die  Tausende  von  Menschen  beschäftigen  und
erst  Farbe  und  Gestalt  gewinnen  durch  die  Menschen,  die  in
ihrem  Rahmen  tagaus  tagein  ihre  Arbeit  zu  verrichten  haben.
Je  tiefer  man  in  das  Wesen  dieser  Jndustrie  eindringt,  um  so
deutlicher  empfindet  man  den  Wert  der  Einzelnen.  Von  weitem
gesehen  verschwinden  diese  Menschen,  die  innerhalb  der  Industrie ­
  heute  das  Münchener  Wirtschaftsleben  so  ungewöhnlich ­
  stark  beeinflussen,  für  den  flüchtigen  Beschauer  nur  zu
sehr  zu  einer  in  sich  geschlossenen,  scheinbar  vollständig  gleichartigen, ­
  unterschiedslosen  Masse.  Je  näher  man  aber  zusieht,
um  so  stärker  differenziert  sich  die  Masse,  um  so  mehr  löst
sie  sich  auf  in  Einzelpersonen,  von  denen  jede  an  ihrem  Teile
zum  Gedeihen  des  Unternehmens  wesentlich  beiträgt.  Freilich,
wie  weit  die  Lust  und  Liebe  zum  Beruf,  die  Hingabe  an  die
Tätigkeit,  die  er  sich  gewählt  hat,  die  Leistungsfähigkeit  des
Arbeiters  beeinflußt,  läßt  sich  zahlenmäßig  nicht  feststellen.
Von  einem  einsichtsvollen  Fabrikanten  wurde  uns  bei  dieser
Gelegenheit  gesagt,  daß  bei  der  überall  durchgeführten  Maschinisierung ­
  und  Spezialisierung  des  Produktionsprozesses  und
dem  allseits  herrschenden  Akkordlohn,  die  Interessen  des  Ar ­
        <pb n="130" />
        123

beiters  an  der  Maschine  das  Interesse  am  Produkt  ersetze
und  die  Lohnfreudigkeit  vielfach  an  die  Stelle  der  mehr  und
mehr  schwindenden  Arbeitsfreudigkeit  trete.
Was  die  Ausbildung  der  Arbeiter  der  Münchener  Maschinenindustrie ­
  anbelangt,  so  haben  von  100  gelernten  Arbeitern
im  Gesamtdurchschnitt  75—90  ihre  Ausbildung  in  den  Fabriken ­
  erhalten,  nur  durchschnittlich  10—25  sind  aus  dem  Handwerk ­
  hervorgegangen.  Aus  diesen  Zahlen  macht  sich  deutlich
die  uns  wiederholt  gewordene  Aufklärung  bemerkbar,  daß  handwerksmäßig ­
  ausgebildete  Arbeiter  nicht  ohne  weiteres  im  Fabrikbetriebe ­
  zu  verwenden  sind  und  daß  einmal  aus  dem  Fabrikbetrieb ­
  hervorgegangene  Arbeiter  sich  stets  wieder  der
Arbeit  in  der  Fabrik,  oft  sogar  derjenigen,  in  der  sie  die
Lehrjahre  durchgemacht  haben,  zuwenden.  Damit  wären  ja
auch  die  Klagen  des  Handwerkerstandes,  daß  die  Industrie
die  vom  Handwerk  angelernten  jungen  Arbeiter  von  demselben ­
  ab  und  zu  sich  heranziehe,  für  die  Maschinenindustrie
vollständig  entkräftet  und  widerlegt.
In  der  Organisation  unserer  Münchener  Maschinenindustrie
nehmen  auch  die  Einrichtungen  für  soziale  Zwecke  eine  nicht
unwichtige  Stellung  ein.  Abgesehen  von  den  hoch  einzuschätzenden ­
  Gefühlswerten,  die  auch  seitens  einzelner  Unternehmer
mit  die  erste  Veranlassung  zur  Schaffung  solch  sozialer  Einrichtungen ­
  gegeben  haben,  sind  sie  auch  für  die  kühl  denkenden ­
  Organisatoren  von  hohem  Wert,  je  mehr  sich  solche
Schöpfungen  als  Mittel  erweisen,  die  Arbeitsfreudigkeit  und
damit  naturgemäß  die  Arbeitsleistung  zu  steigern  und  das
Gefühl  des  persönlichen  Interesses  von  Arbeitern  und  Beamten ­
  am  Gedeihen  des  ganzen  Werkes  zu  stärken.
Obwohl  schon  durch  die  sozialpolitische  Gesetzgebung  des
Reiches  belastet,  hat  die  Firma  J.  A.  Maffei  stets  in  umfangreicher ­
  Weise  für  Wohlfahrtseinrichtungen  ihrer  Arbeiter  und
Angestellten  gesorgt.  Hier  sei  zunächst  der  Kasse  für  invalide ­
  Arbeiter  mit  mehr  als  zwanzig  Dienstjahren,  des  außerordentlichen ­
  Unterstützungsfonds  und  einer  Beamtenpensionskasse ­
  gedacht.  Diese  großen  Kapitalien  werden  alljährlich  noch
durch  beträchtliche  Zuschüsse  erhöht.  Den  verheirateten  Arbeitern ­
  werden  stets  auch  Darlehen  zum  Ankauf  kleiner  Wohn ­
        <pb n="131" />
        124

häuser  gewährt,  die  der  Arbeiter  dann  allmählich  zurückzahlen
kann.  Außerdem  besteht  noch  eine  Fabriksparkasse,  welche
die  kleinsten  Einlagen  der  Arbeiter  sammelt,  sie  verzinst  und
das  Kapital  ihnen  bei  Bedarf  wieder  zur  Verfügung  stellt.
Der  Lokomotivenfabrik  Krauß  &amp;amp;  Comp.  Aktiengesellschaft
steht  zur  Betätigung  der  sozialen  Fürsorge  für  ihr  Arbeiterpersonal ­
  ein  seit  der  Umwandlung  der  Firma  in  eine  Aktiengesellschaft ­
  angesammelter,  von  den  jeweiligen  Generalversammlungen ­
  der  Aktionäre  freiwillig  je  nach  den  Jahreserträgnissen ­
  dotierter  Arbeiterunterstützungsfonds  zur  Verfügung.
Aus  Anlaß  des  fünfundzwanzigjährigen  Bestehens  hat  der  Gründer ­
  des  Unternehmens  eine  Arbeiterwitwen-  und  -waisenstiftung
  ins  Leben  gerufen,  welche  bis  heute  segensreiche  Erfolge
gezeitigt  hat.  Eine  weitere  Wohlfahrtseinrichtung  bietet  denjenigen ­
  Arbeitern,  die  mindestens  10  Jahre  ohne  Unterbrechung
bei  der  Firma  tätig  sind,  einen  Urlaub  von  6  Arbeitstagen  unter
Bezahlung  der  normalen  Wochenstunden  nach  Maßgabe  des
verdienten  Stundenlohns.  Zugleich  besteht  neben  der  selbständigen ­
  Beamtenpensionskasse  für  den  Arbeiter  eine  eigene
Betriebskrankenkasse.
Diese  beiden  Beispiele  könnten  noch  durch  Angliederung
einer  Reihe  größerer  oder  weniger  umfangreicher  Aufwendungen ­
  für  die  Arbeiter  seitens  der  anderen  Firmen  der  Eisenund
  Maschinenindustrie  Münchens  ergänzt  werden;  dies  kann
aber  nicht  unsere  Aufgabe  sein,  da  beide  schon  beweisen,  daß
man  in  den  Münchener  Betrieben  in  Anbetracht  des  ungünstigen ­
  Arbeitsmarktes  für  die  Maschinenindustrie  nichts  versäumt, ­
  um  die  Lage  der  Arbeiter  möglichst  günstig  zu  gestalten. ­
        <pb n="132" />
        Fünfter  Abschnitt,  Teil  DI:
Sonstige  bemerkenswerte  Industrien.
Wir  haben  in  vorstehenden  Kapiteln  jene  Großindustrien
einer  eingehenden  Betrachtung  unterzogen,  welche  in  München ­
  das  wirtschaftliche  Übergewicht  besitzen  und  von  denen
wir  annehmen,  daß  sie  wirtschaftspolitisch  die  bedeutendsten
und  allgemein  die  Industrien  darstellen,  welche  dem  gesamten
industriellen  Leben  der  Stadt  das  ihr  eigene  Gepräge  verleihen. ­
  Sie  begründeten  und  festigten  nicht  nur  den  Ruf  Münchens ­
  als  Kunstmetropole,  Fremden-  und  Bierstadt,  sie  schufen
ihm  auch  einen  Namen  auf  dem  Gebiete  der  Maschinen-  und
Eisenindustrie  und  geben  in  ihren  Erzeugnissen  einen  Beweis
von  dem  allseits  entwickelten  Gewerbefleiß  seiner  Bevölkerung.
Die  in  der  Stadt  ansässige  Arbeiterschaft  lebt  zu  ungefähr
70  pro  Hundert  dauernd  von  der  Beschäftigung  in  jenen  Betrieben. ­

Das  „industriearme“  München  weist  aber  innerhalb  seines
Burgfriedens  noch  einige  nicht  weniger  bedeutende  Fabrikbetriebe ­
  auf,  welche  in  ihrer  Art  vereinzelt  dastehen,  trotzdem ­
  aber  an  räumlicher  Ausdehnung  und  Größe  des  Absatzes ­
  sich  den  schon  erwähnten  Industrien  würdig  zur  Seite
stellen.  Wir  wenden  hier  unsere  Aufmerksamkeit  zunächst
jenen  Gebieten  industrieller  Betätigung  zu,  die  als  Folge  oder
Begleiterscheinung  jener  das  Wirtschaftsleben  Münchens  beherrschenden ­
  Industrien  anzusehen  sind.
Sehr  eng  mit  dem  gesamten  Buchgewerbe  und  der  graphischen ­
  Kunst  verknüpft  und  nicht  minder  wichtig  wie  die
Papierfabrikation  für  beide  Industriezweige  ist  die  Herstellung
der  Druckfarbe,  wie  sie  in  einem  der  ältesten  Unternehmen
        <pb n="133" />
        126

dieser  Art,  in  der  allen  Interessenten  bekannten  Farbfabrik
Michael  Huber  in  Müchen  selbst  bewerkstelligt  wird.
Dieser  Betrieb  hat  sich  aus  kleinsten  Anfängen,  aus  der  Farbenbereitung ­
  als  häusliche  Beschäftigung,  hervor  von  1780  bis
heute  zu  einem  Großbetriebe  entwickelt,  dessen  Erzeugnisse
sich  schon  seit  langer  Zeit  des  besten  Rufes  erfreuen.  Später
noch  mehr  wie  anfangs  war  die  ganze  Produktion  von  Karminfarben ­
  und  Karminlacken,  den  sogenannten  Münchener  Lacken,
denen  die  Fabrik  ihren  Weltruf  und  Export  verdankt,  auf  den
nächsten  Konsum  durch  die  Münchener  Kunstdruckereien  gerichtet. ­
  Der  Standort  München,  als  dem  Orte  der  intensivsten
Nachfrage,  erwies  sich  für  den  Betrieb  bald  als  sehr  glücklich
gewählt.  Mit  der  Erfindung  des  Steindrucks,  der  Senefelderschen
  Lithographie,  kamen  die  Münchener  Lacke  noch  zu  stärkerer ­
  lokaler  Verwendung,  obwohl  der  Rohstoff,  die  Cochenille ­
  —  eine  Schildlausart,  welche  vorzugsweise  in  Westindien
und  Teneriffa  gezüchtet  und  jährlich  zweimal  geerntet  wird
—  stets  derselbe  geblieben  ist.  Wenn  auch  Karmin  als  Farbstoff ­
  durch  die  Anilinfarben  weit  vom  Weltmarkt  zurückgedrängt ­
  worden  ist,  so  fand  er  doch  seine  lokale  Verwendung
als  giftfreie  Künstlerfarbe  oder  als  Färbemittel  von  Nahrungsund ­
  Genußmittel.  Um  einem  allgemeinen  Bedürfnis  entgegenzukommen, ­
  widmete  sich  die  Firma  mehr  und  mehr  der  Herstellung ­
  von  Farben  für  graphische  und  andere  künstlerische
Zwecke  aller  Art,  und  für  die  verschiedensten  Druckverfahren,
den  Schwarzdruck  mit  inbegriffen.  Außerdem  nahm  die  Fabrik,
die  sich  bis  Ende  der  siebziger  Jahre  nur  mit  der  Herstellung
trockener  Farben  beschäftigte,  auch  die  Bereitung  der  fertigen, ­
  angeriebenen  Druckfarben  und  für  das  Bedürfnis  der
Künstler  ebenso  die  Verfertigung  von  Tubenfarben  in  ihren
Betrieb  auf.  Die  Firma  Huber  besitzt  eine  eigene,  vorzüglich
eingerichtete  Hausdruckerei  um  die  Farben  gründlichst  auf
ihre  Druckfähigkeit  und  Ergiebigkeit  zu  prüfen,  da,  wie  schon
bemerkt,  die  Farben  nicht  nur  trocken  sondern  für  die  verschiedenen ­
  Techniken  druckfertig  angerieben  geliefert  werden.
Von  ihren  Rohprodukten  kauft  das  Unternehmen  den  Ruß
zur  Druckerschwärze  teils  in  Deutschland,  teils  in  Amerika,  die
Anilinfarben  werden  aus  Ludwigshafen  und  Höchst  bezogen,
        <pb n="134" />
        Leinöl,  Harze  und  die  Cochenille  liefert  wieder  Amerika.  Von
dem  Qesamtabsatz  des  Hauses  kommen  allein  etwa  25  o/o  auf
München.  Diese  Zahl,  mag  sie  noch  so  klein  aussehen,  ist  in
Wirklichkeit  sehr  groß,  wenn  man  den  bedeutenden  Absatz  der
Firma  im  Ganzen  und  die  beträchtliche  Anzahl  der  Kunden  in
den  Mauern  Münchens,  dem  Hauptsitz  der  polygraphischen
Gewerbe  und  der  Künstler  überhaupt,  in  Betracht  zieht.  Auf
das  übrige  Deutschland  entfallen  ca.  30  o/ 0  und  der  Rest  mit
45  o/o  ist  Exportunternehmen  nach  Australien,  Süd-  und  Nordamerika ­
  und  namentlich  den  Vereinigten  Staaten.  Trotzdem
bleibt  dieses  Unternehmen  konsumorientiert,  denn  beim
Export  kommen  wegen  der  hohen  Frachten,  der  teuren  Verpackungsspesen ­
  und  der  nicht  gerade  günstigen  geographischen
Lage  Münchens  nur  bessere  Qualitäten  in  Frage,  während
andererseits  der  Betrieb  mit  billigen  Fabrikaten  auf  dem  Weltmarkt ­
  aus  diesen  Gründen  gar  nicht  mehr  konkurrenzfähig
ist  und  sie  nur  den  lokalen  Markt  damit  beherrscht.
Die  Arbeiterzahl  beträgt  heute  100—120  und  umfaßt  weder
weibliche  noch  jugendliche  Arbeitskräfte,  da  der  Betrieb  dieselben ­
  nicht  einstellt.  Die  Arbeiter  fallen  in  die  Kategorie
der  Fabrikarbeiter,  sind  also  keine  Facharbeiter,  was  einen  günstigen ­
  Arbeitsmarkt  in  München  zur  Folge  hat.  Für  den  Standort ­
  aber  war  die  Arbeiterfrage  keineswegs  bestimmend  oder
ausschlaggebend.  Alle  Arbeiter  sind  organisiert  in  Gewerkschaften ­
  christlicher  und  sozialer  Richtung.  Der  Betrieb  fragt
nicht  darnach  und  hat  auch  keinen  Tarifvertrag  mit  irgend
einem  Arbeitnehmerverband.  Die  Einstellung  der  Arbeiter  erfolgt ­
  trotzdem  nicht  durch  das  städtische  Arbeitsamt,  sondern
teils  durch  ausgehängte  Tafeln,  teils  durch  persönliche  Empfehlung ­
  seitens'  der  Arbeiter,  die  ihre  Freunde  und  Verwandten
vormerken  lassen.  Es  herrscht  Stundenlohn  vor,  nur  einigen
älteren  Arbeitern  wird  Wochenlohn  gewährt.  Der  einfache
Arbeiter  hat  einen  Verdienst  von  43—49  Pfennig  pro  Stunde
bei  9y 2 stündiger  Arbeitszeit.  Die  vorhandenen  ca.  50  Arbeitsmaschinen, ­
  wie  Farbmühlen,  Kollergänge  zum  Pulverisieren
der  Farben  und  Farbreibmaschinen,  bedürfen  eines  Kraftantriebes ­
  seitens  einer  150pferdigen  Dampfmaschine  und  eines
Dieselmotors  von  70  PS.  Ihre  Bedienung  erfordert  keine  be-1

  ß
        <pb n="135" />
        128

sondere  Kenntnisse  und  wird  vom  Arbeiter  ohne  erhebliche
Schwierigkeiten  gelernt.
Ein  ebenso  altehrwürdiges  Gewerbe  wie  das  der  Bierbrauer
ist  die  Böttcherkunst,  welche  den  größten  Anteil  an  der
fortschreitenden  Entwicklung  der  Brautechnik  hatte  und  sich
nur  infolge  des  schnellen  Wachstums  des  Braugewerbes  zu
einer  Großindustrie  emporzuschwingen  vermochte.  Lange  Zeit
hatte  sich  die  Methode  der  Faßherstellung  gar  nicht  oder
kaum  geändert.  Der  Sohn  lernte  es  vom  Vater  und  hinterließ
seinerseits  wieder  seinen  Nachkommen  die  so  erworbene  Wissenschaft. ­
  Ein  Umschwung  trat  erst  ein,  als  im  letzten  Drittel
des  neunzehnten  Jahrhunderts  auch  auf  diesem  Gebiet  die
Mechanik  mitzureden  begann  und  nach  einigen  tastenden  Versuchen ­
  die  ersten  brauchbaren  Faßfabrikationsmaschinen  gebaut ­
  wurden.  Daß  in  Bayern,  dem  Lande  der  Bierbrauerei,
und  besonders  in  seiner  Hauptstadt,  in  München,  die  Faßfabrikation ­
  auf  hoher  Stufe  steht,  daß  sie  in  Technik  und
Materialverwendung  für  die  deutschen  Faßfabriken  tonangebend
geworden  ist,  darf  beinahe  als  selbstverständlich  vorausgesetzt
werden.
Zu  den  größten  und  ältesten  Fabriken  dieses  Nebengebietes ­
  der  Brauindustrie  gehört  die  Münchener  Mechan.
Faßfabrik,  Jos.  Dorn,  die  im  Jahre  1842  gegründet  sich
von  Anfang  an  der  manuellen  Faßherstellung  widmete  und
lediglich  für  die  benachbarten  Brauereien  arbeitete.  Sie  erkannte ­
  als  eine  der  ersten  Firmen  des  Kontinents  den  Weg
des  Fortschritts,  der  sich  durch  Einführung  der  Faßfabrikationsmaschinen ­
  eröffnete  und  nahm  schon  im  Jahre  1888  die  mechanische ­
  Herstellung  auf,  wodurch  sie  erst  zur  Faßfabrik
wurde  und  über  den  Rahmen  des  alten  Böttchergewerbes  zu
stehen  kam.  Die  Fabrik  blieb  nun  in  ständiger  Fühlung  mit
den  in  Betracht  kommenden  Maschinenfabriken,  denen  sie  selbst
auf  Grund  ihrer  Erfahrung  manchen  wertvollen  Wink  zuteil
werden  ließ  und  deren  Neuerungen  stets  sofort  in  der  Dornschen
  Fabrik  in  die  Praxis  umgesetzt  wurden.  Deshalb  stand
die  Firma  Dorn  von  Anfang  an  an  der  Spitze  der  deutschen
Faßfabriken,  und  ihre  Einrichtung  kann  als  mustergiltig  bezeichnet ­
  werden.
        <pb n="136" />
        129

Die  Spezialitäten  der  Münchener  Mechan.  Faßfabrik  sind
Biertransport-Fässer,  Pressions-Fässer,  Lager-Fässer  und  Gär-Bottiche;
  daneben  werden  aber  auch  Weinlager-Fässer,  ganze
Einrichtungen  für  Essig-Fabriken,  Spiritus-Brennereien  und  chemische ­
  Fabriken  hergestellt.
Der  Absatz  der  Firma,  der  mit  459/o  der  Gesamtproduktion
auf  die  Stadt  München  selbst  und  mit  etwa  25  o/o  auf  Bayern
ohne  Hauptstadt  entfällt,  zeigt  deutlich  die  Lagerung  des  Betriebes ­
  am  Orte  des  günstigsten  Konsums.  Da  München  für
Frachten  nach  auswärts  allgemein  sehr  unvorteilhaft  liegt  und
die  Firma  mit  ihren  Produkten  infolgedessen  mit  den  anderen
Faßfabriken  kaum  in  einen  Wettbewerb  eintreten  kann,  erreicht ­
  die  Absatzziffer  für  das  übrige  Deutschland  nur  die
Höhe  von  ca.  5  o/ 0 .  Der  Rest  der  Jahresproduktion  verteilt
sich  auf  das  europäische  und  außereuropäische  Ausland,  weil
hier  eine  steigende  Nachfrage  nach  Qualitätsprodukten  speziell
aus  München  vorhanden  ist.  Aus  dem  Auslande  selbst  bezieht
die  Fabrik  das  Eichenholz  und  zwar  für  Transportfässer  aus
Rußland,  für  Lagerfässer  und  Bottiche  größtenteils  aus  Slavonien.
  Welche  riesigen  Summen  für  Frachten  aufgewendet
werden  müssen,  mag  die  Angabe  beleuchten,  daß  für  10  Tonnen ­
  Holz  aus  Rußland  durchschnittlich  4500  Mark  bezahlt  werden. ­
  Das  benötigte  Baueisen  liefern  Großhändler  am  Orte
selbst;  die  verwendeten  Lacke  werden  ebenso  einem  Münchener ­
  Betriebe  entnommen.  Ein  geschulter  Stamm  von  70—80
männlichen  Arbeitern  ist  trotz  der  maschinellen  Einrichtung
im  Betriebe  tätig.  Obwohl  diese  Industrie  durch  die  bedeutend ­
  höheren  Löhne  gegenüber  anderen  Industrieorten  in  ihrer
Entwicklung  etwas  gehindert  ist,  besteht  für  sie  infolge  dieser
Lohndifferenz  ein  günstiger  Arbeitsmarkt.  An  tüchtigen  Arbeitern ­
  ist  aber  auch  hier  wie  anderwärts  im  Gewerbe  stets
ein  fühlbarer  Mangel.  Die  stellenlosen  Böttcher  gehen  nach
altem  Brauch  von  Werkstatt  zu  Werkstatt  um  sich  Arbeit  zu
suchen  und  werden  ohne  weitere  Vermittlung  nach  Bedarf
eingestellt.  Die  Firma  hat  mit  den  Arbeitern  einen  Tarifvertrag
vereinbart,  wonach  die  Schäffler  ein  Tagesverdienst  von  4.70
bis  7  Mark  und  die  Hilfsarbeiter  einen  Tagelohn  von  4—4.50
Mark  aufweisen.
Fritz,  München  als  Industriestadt.

9
        <pb n="137" />
        —  130  —
Die  Holzabfälle  werden  mit  böhmischer  Nußkohle  gemischt
als  Feuermaterial  für  die  Dampfmaschinen  verwendet,  die  etwa
30  Arbeitsmaschinen  wie  Hobelmaschinen,  Kreissägen  und  einigen ­
  Spezialmaschinen  die  Antriebskraft  liefern.  Nahezu  1  Million ­
  Kapital  ist  im  Betriebe  investiert,  da  ein  großer  Lagerplatz ­
  für  die  ausgedehnten  Holzvorräte  nötig  ist  und  gedeckte
Räume  in  größerer  Ausdehnung  das  Fabrikat  vor  schädlichen
.Witterungseinflüssen  schützen  müssen.
Viel  zu  wenig  Beachtung  schenkt  man  unserer  Ansicht
nach  dem 1  Teil  der  Münchener  Industrie,  der  sich  der  Tabakfabrikation ­
  zugewendet  hat.  Auch  die  Statistik,  welche  die
Gesamtzahl  der  auf  diesem  Gebiete  erwerbstätigen  Personen
am  12.  VI.  1907  mit  714  angibt,  kann  dadurch  ein  vollkommen
falsches  Bild  von  dieser  Art  industriellen  Lebens  in  München
geben.  Erwägt  man,  daß  69  Betriebe  vorhanden  sind,  in  denen
1—50  Personen  Beschäftigung  finden,  so  darf  man  nicht  genug
hinweisen  auf  die  wirtschaftliche  Bedeutung  eines  Großbetriebes, ­
  in  dem  allein  285  Arbeiter  in  der  Tabakverarbeitung  tätig
sind.  Wohl  haben  wir  bei  genauer  Untersuchung  gefunden,
daß  die  Schnupf-  und  Rauchtabakfabrikation,  ebenso  die  Zigarrenherstellung, ­
  wegen  der  erfolgreichen  Konkurrenz  alter
Nürnberger  Firmen  und  der  österreichischen  Regietabake  wenig
imstande  ist,  auch  nur  den  lokalen  Markt  zu  beherrschen.
Anders  gestaltet  sich  die  wirtschaftliche  Lage  der  Zigarettenfabrikation, ­
  obgleich  dieser  Industriezweig  nicht  viel  weniger
unter  der  österreichischen  Konkurrenz  zu  leiden  hat.  Dies  ist
darauf  zurückzuführen,  daß  das  Fabrikat  der  Firma  Zuban,
Kommanditgesellschaft,  sich  ein  weites  Reich  von
Rauchern  erobert  hat;  die  Zubanzigarette  erfreut  sich  heute
eines  ausgedehnten  Konsumenten-  bezw.  Abnehmerkreises,
hauptsächlich  in  München  mit  ca.  25  o/o  der  Gesamtproduktion
und  Bayern  ohne  Hauptstadt  mit  ebenfalls  nahezu  30  o/ 0  der
Gesamtfabrikation,  die  sich  heute  auf  etwa  600  Millionen  Zigaretten ­
  beläuft.  Auf  Mittel-  und  Norddeutschland  kommen
etwas  über  40  o/o  des  Gesamtabsatzes  der  Firma.  Auch  am
Export  nach  der  Schweiz,  Italien,  Holland,  Dänemark  und
in  kleinen  Mengen  nach  Südamerika  und  Südafrika  beteiligt
sich  dieser  leistungsfähige  Münchener  Betrieb.  Wenn  der  Ex-
        <pb n="138" />
        131

port  mit  3V 2  &amp;gt;°/o  des  Absatzes  nicht  sehr  bedeutend  ist,  so
liegt  das  mit  an  dem  Umstande,  daß  das  Innlandgeschäft  noch
in  stetem  Wachsen  begriffen  ist  und  ausgebaut  werden  soll.
Wie  die  Gründungsgeschichte  und  die  weitere  Entwicklung
dieses  Großbetriebes  beweist,  ist  diese  Zigarrettenindustrie
lediglich  konsumorientiert.  Denn  die  Zusammenführungskosten ­
  der  Roh-  und  Kraftstoffe  spielen  keine  Rolle,  da
die  Rohmaterialien  meist  aus  dem  Orient  bezogen  werden
und  eine  kleine  Mehrfracht,  veranlaßt  durch  Ortsveränderung
der  Industrie  nicht  ins  Gewicht  fallen  kann.  Als  Kraftquelle
dient  der  Anschluß  an  die  Isarwerke,  deren  gelieferter  Wechselstrom ­
  für  die  Leuchtzwecke  allerdings  zu  Gleichstrom  umgeformt ­
  wird.
Die  geographische  Orientierung  der  Zubanschen  Zigarettenfabrik ­
  ist  auch  dadurch  die  denkbar  beste,  weil  ca.  1 / i  ihrer
Fertigprodukte  fast  gar  keine  Abführungskosten  an  die  Konsumplätze ­
  aufweist,  wie  dies  ja  aus  oben  angeführten  Absatzverhältnissen ­
  deutlich  hervorgeht.
Weniger  mögen  die  Absatzverhältnisse  mitbestimmend  bei
der  Gründung  der  Fabrik  gewesen  sein,  die  1881  von  Georg
Zuban  erfolgt  ist.  Er  hatte  die  Wahrnehmung  gemacht,  daß  es
in  München  an  geschulten  Kräften,  wie  an  geeigneter  Industrie
mangelte,  um  wirklich  gute  Zigaretten  zu  schaffen.  Durch
mehrere  Juden  und  Jüdinnen,  die  er  als  geschickte  Zigarettenarbeiter ­
  anwarb,  ließ  er  deshalb  Zigaretten  für  seine  eigene
Verkaufsstelle  anfertigen.  Orientalische  Studenten  machten
seine  Fabrikate  unter  den  deutschen  Studierenden  bekannt  und
mit  dem  Einbürgern  der  Gewohnheit  des  Rauchens  in  Offizierskreisen ­
  war  der  erste  Anstoß  zur  Vergrößerung  gegeben.
Wenn  die  Fabrikeinrichtungen  anfangs  in  bescheidenen  Räumlichkeiten ­
  Unterkunft  finden  konnten,  verlangte  doch  die  stete
Zunahme  der  Nachfrage  und  die  dadurch  bedingte  erhöhte  Produktion ­
  die  Umwandlung  der  bisherigen  Betriebsform  in  eine
G.  m.  b.  H.  zum  Zwecke  größerer  Kapitalinvestierung. 1  Bei  der
Gründung  der  neuen  Fabrik  1904  suchte  man  sich  frei  zu
machen  von  der  durch  die  Arbeitskosten  bewirkten  Attraktion
der  Industrie  an  den  für  sie  optimalen  Arbeitsplatz  fern  von
München.  Man  führte  nach  und  nach  Maschinenarbeit  ein

9’
        <pb n="139" />
        132

und  entließ  die  teueren  Zigarettenmacher,  deren  man  eine  große
Anzahl  besaß.  Da  die  Handhabung  der  Maschine  bald  gelernt
war  und  München  einen  günstigen  Arbeitsmarkt  für  ungelernte ­
  Arbeiter  bot,  da  andererseits  die  Maschine  bis  zu  20  000
Stück  Zigaretten  pro  Stunde  lieferte,  ließ  man  die  Handarbeit
bis  auf  einen  verschwindend  geringen  Teil  der  Produktion,
der  von  6—8  Leuten  bewältigt  wird,  ganz  fallen  und  führte
nur  Maschinenarbeit  ein.  j
Es  wurde  dadurch  möglich  den  Massenbedarf  an  Zigaretten, ­
  eher  zu  befriedigen  und  billigere  Arbeitskräfte  zu  bekommen. ­
  Selbstverständlich  war  eine  äußerst  sorgfältige  Behandlung ­
  des  Tabaks  nötig,  wie  auch  die  peinlich  genaue  Handhabung ­
  der  Maschinen  Bedingung  für  einen  rationellen  Betrieb
wurde.  Die  neue  Fabrikanlage  der  infolge  der  eingangs  gewürdigten ­
  neuen  Steuergesetzgebung  zur  Kommanditgesellschaft ­
  gewordenen  Zubanschen  Zigarettenfabrik  ist  eine  Musteranlage, ­
  die  allen  Anforderungen  der  Neuzeit  entspricht  und
mit  den  modernsten  Hilfsmitteln  ausgestattet  ist.  In  der,  Tabakschneiderei ­
  befinden  sich  6  Tabakschneidmaschinen  mit  5
Hilfsmaschinen,  wie  Schleif-,  Zigarettenaufreiß-  und  Siebmaschine. ­
  In  den  großen  Arbeitssälen  stehen  21  Zigarettenmaschinen, ­
  welche  die  Zigarette  meist  von  Anfang  an  fertigstellen, ­
  zum  Teil  auch  nur  den  Tabak  in  die  von  4  Hülsenmaschinen ­
  hergestellten  Zigarettenhülsen  einstopfen.  Sogar  die
Umklebung  der  fertigen  Packungen  mit  der  Steuerbanderole
geschieht  mittels  4  Banderoliermaschinen.  Eine  eigene  Mechan.
Werkstätte  zur  Herstellung  der  Maschinenersatzteile  wie  zur
Reparatur  und  eine  dem  Betrieb  angegliederte  Schreinerei  vervollkommnen ­
  dieses  große  Fabrikunternehmen.
Die  in  der  Fabrikation  vorherrschende  reine  Maschinenarbeit ­
  bedingt  demgemäß  eine  große  Anzahl  männlicher  Arbeiter. ­
  Unter  den  285  in  dem  Betrieb  beschäftigten  Personen
befinden  sich  nur  63  weibliche,  denen  die  Tabaksortierung
und  das  Aussortieren  und  Einpacken  der  Zigaretten  zufällt.
Die  Löhne  für  weibliche  ungelernte  Arbeiter  bewegen  sich
zwischen  10  und  12  Mark  pro  Woche,  der  Maximallohn  der
Arbeiterinnen  beträgt  wöchentlich  18  Mark.  Der  wöchentliche
Lohn  der  männlichen  Arbeiter  schwankt  zwischen  25  und  52.50
        <pb n="140" />
        Mark.  Vereinzelt  arbeiten  auch  die  im  Betrieb  beschäftigten
Personen  im  Akkord,  wobei  das  wöchentliche  Verdienst  von
12  Mark  auf  28  Mark  zu  steigen  vermag.  Der  Arbeitsmarkt
ist  für  diese  Art  der  Zigarettenfabrikation  sehr  günstig.  Obwohl ­
  die  Arbeiter  teilweise  organisiert  sind,  geschieht  doch
die  Arbeitsvermittlung  meist  durch  das  „städtische  Arbeitsamt";
nur  vereinzelt  werden  persönlich  sich  meldende  oder  durch
andere  Arbeiter  empfohlene  Stellensuchende  aufgenommen.
Heimarbeiter  besitzt  die  Zigarettenfabrik  Zuban  keine,  was  mit
der  ausgeprägten  maschinellen  Herstellung  der  Zigaretten  in
ihrem  Betriebe  zusammenhängt.
Für  die  Arbeiter  ist  in  sanitärer  und  hygienischer  Hinsicht
weitgehendst  gesorgt,  wie  denn  auch  eine  eigene  Kantine  den
Arbeitern  und  Beamten  ermöglicht  in  der  einstündigen  Mittagspause ­
  billig  und  gut  zu  essen.
Die  Zubansche  Zigarettenfabrik  ist  der  bedeutendste  Betrieb ­
  dieser  Art  in  München  und  Umgebung  und  stellt  heute
allein  den  20sten  Teil  aller  konsumierten  Zigaretten  Deutschlands ­
  her,  obgleich  durch  ausländische  Fabrikate  die  schärfste
Konkurrenz  geschaffen  wird.  Die  anderen  zur  Tabakfabrikation
zu  rechnenden  Firmen  in  München  kommen  über  Klein-  und
Mittelbetriebe  nicht  hinaus,  wenn  auch  einige  auf  eine  ebenso
frühe  Gründungszeit  Anspruch  machen  können.  Sie  stehen
daher  außerhalb  des  Rahmens  unserer  Untersuchung.
In  Bayern  spielt  trotz  der  bedeutenden  bayerischen  Viehzucht ­
  die  Verarbeitung  der  tierischen  Haut  zu  Leder  keine
große  Rolle.  Wohl  ist  die  handwerksmäßige  Gerberei  noch
sehr  viel  im  Lande  verbreitet,  aber  Großbetriebe  mit  über
50  beschäftigten  Personen,  die  sich  mit  der  Lederfabrikation ­
  beschäftigen,  gibt  es  in  ganz  Bayern  nur  acht,  wovon ­
  fünf  Fabriken  auf  die  Pfalz  und  zwei  allein  auf  München
treffen.  Diese  beiden  Großbetriebe  legen  Zeugnis  ab  von  dem
hohen  Stand  der  heutigen  Lederindustrie  Münchens.
Eine  Untersuchung  der  geschichtlichen  Entwicklung  der
Münchener  Gerberei  ergibt,  daß  die  Arbeitsmethoden  dieses
unzweifelhaft  ältesten  Gewerbes  von  den  Urzeiten  an  bis  zur
Mitte  des  19.'Jahrhunderts  im  wesentlichen  dieselben  geblieben
sind.  Der  Aufschwung  in  dem  Gerbprozeß  hat  sich  ganz  empi-
        <pb n="141" />
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risch  vollzogen,  denn  die  Erfahrung  war  der  einzige  Stützpunkt ­
  in  der  Ausübung  dieses  Gewerbes.  Er  war  eine  Folge
der  großen  Umwälzungen,  welche  besonders  seit  den  siebziger ­
  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  auf  allen  Gebieten  der
deutschen  Industrie  und  des  einheimischen  Handels  zutage
getreten  sind.  Sie  rüttelten  die  Gerberei  auf,  denn  der  gewaltige ­
  wirtschaftliche  Aufschwung  bedingte  eine  ungeahnte
Zunahme  des  Lederverbrauches  und  so  sah  sich  der  das  Gerbereiwesen ­
  beseelende  konservative  Geist  gezwungen,  die  Errungenschaften ­
  moderner  Technik  sich  anzueignen  und  die  Forschungen ­
  der  Wissenschaft  in  dem  Gerbprozeß  zu  unterstützen
und  ihre  Ergebnisse  selbst  vorteilhaft  wieder  zu  verwenden.
Diese  Entwicklung  führte  also  von  der  althergebrachten
Gerbung  mit  Handbetrieb  weg  zur  Großindustrie  mit  steter
Verbreitung  der  maschinellen  Verarbeitung  der  Rohprodukte.
Die  kleinen  Betriebe  waren  bald  nicht  mehr  imstande  der
Nachfrage  und  den  Ansprüchen,  die  man  an  das  Fertigprodukt
stellte,  zu  genügen.  Sie  gingen  zum  Teil  ein  oder  entwickelten
sich  zu  großen  Industrien,  welche  die  Hilfe  sowohl  der  Technik ­
  wie  der  Chemie  in  Anspruch  nahmen,  um  erstklassige
Leder  dem  Bedarfe  entsprechend  in  kürzester  Zeit  herzustellen.
Einen  solchen  Betrieb,  der  sich  seit  dem  Gründungsjahre  1808
in  fortschreitender  Entwicklung  zum  heutigen  Großbetrieb  ausgestaltete, ­
  sehen  wir  in  einer  der  größten  Lederfabriken
Deutschlands,  in  der  Aktiengesellschaft  für  Lederfabrikation ­
  München.  Als  Sohlleder-  und  Oberledergerberei ­
  wählte  sich  das  Unternehmen  seinen  Standort  an  der
Isar.  Schon  1808  wurde  ein  Kanal  gegraben,  um  dessen  Wasserkräfte ­
  für  den  eigenen  Betrieb  nutzbar  zu  machen,  was
um  so  wichtiger  war,  weil  man  früher  die  Häute  längere  Zeit
in  das  Wasser  hängen  mußte.  Auch  heute  hat  sich  der  Betrieb ­
  noch  nicht  frei  machen  können  von  dem  großen  Einfluß
fließenden  Wassers,  obgleich  heute  die  Rohproduktorientierung
die  ausschlaggebende  sein  dürfte.  München  als  Mittelpunkt  des
Häutemarktes  für  das  landwirtschaftliche  Oberbayern  liefert
am  günstigsten  die  allein  zur  Verwendung  kommenden  süddeutschen ­
  Häute.  Nur  „zahme  Häute“  werden  verarbeitet,
also  solche  von  Ochsen,  Kühen,  Stieren,  namentlich  auch
        <pb n="142" />
        135

Schweinshäute.  Bei  Bedarfsfällen  greift  man  auch  zu  den  Tierhäuten ­
  aus  der  nächsten  Nachbarschaft,  aus  der  Schweiz.  Von
den  verwendeten  Gerbstoffen  kommt  nur  die  Fichtenrinde  aus
Bayern;  Eichenrinde  wird  hauptsächlich  aus  Ungarn  bezogen,
da  die  Eichenschälwaldungen  in  Bayern  infolge  der  größer
werdenden  Unrentabilität  im  Verschwinden  begriffen  sind.  Da
aber  eine  Gerberei  heute  nur  leistungsfähig  ist,  wenn  sie  stets
eine  Mischung  der  verschiedensten  Gerbstoffe  verwertet,  bezieht ­
  die  Firma  aus  Südamerika,  Brasilien  die  sogenannten
exotischen  Gerbstoffe.  Südfrankreich  und  Italien  liefern  das
berühmte  Kastanienholzextrakt.  Da  die  Fabrik  ausgedehnte
Militärlieferungen  ausführt,  bei  denen  gut  gegerbtes  Leder
Grundbedingung  ist,  hat  sie  die  schnelle,  aber  um  so  intensivere
Chromgerberei  überhaupt  nicht  in  ihren  Betrieb  aufgenommen.
Trotzdem  arbeitet  das  Unternehmen  nicht  nach  dem  alten  Gerbverfahren, ­
  bei  dem  die  Gerbung  fast  zwei  Jahre  dauert,  sondern ­
  hat  zum  Zwecke  einer  rascheren  Umsetzung  und  Verwertung ­
  des  Betriebskapitals  sehr  viele  Apparate,  wie  Walkfässer, ­
  eingeführt,  welche  unter  Beibehaltung  der  vegetabilischen ­
  Gerbung  die  Zeit  „bis  man  die  Häute  wieder  sieht“
auf  3—5  Monate  festlegen.
Die  Aktiengesellschaft  für  Lederfabrikation-München  ist
nach  allem  materialorientiert,  was  noch  deutlicher  hervortritt ­
  durch  den  Umstand,  daß  sie  eine  Exportfirma  ist  und
der  Absatz  mit  über  2 / 3  der  Gesamtproduktion  auf  das  Ausland ­
  fällt.  München  kommt  als  Konsumplatz  nur  in  geringem
Maße  in  Betracht.
Die  Arbeiterzahl,  die  sich  bei  unserer  Erhebung  auf  240
männliche  und  15  weibliche  belief,  schließt  Lehrlinge  aus,  denn
der  gesamte  Arbeiterstamm,  der  von  dem  Betriebe  schon  seit
Jahren  herangezogen  wird,  weist  wenig  gelernte  Gerber  auf.
Die  Arbeiter  werden  infolge  der  maschinellen  Einrichtung  heute
nur  als  Taglöhner  eingestellt  und  erst  mit  der  Zeit  je  nach
Befähigung  besserer  Arbeit  zugeteilt,  wo  sie  dann  im  Akkordlohn ­
  bis  zu  42  Mark  pro  Woche  verdienen  können.  Sie  sind
meistens  in  Fachverbänden  oder  Gewerkschaften  organisiert,
was  die  Fabrikleitung  jedoch  nicht  erfragt,  da  sie  mit  den
eigenen  Arbeitern  unter  Ausschluß  jeglichen  Verbandes  einen
        <pb n="143" />
        136

Tarifvertrag  abgeschlossen  hat.  Um  die  Wasserkraft  des  eigenen ­
  Isarkanals  auszunutzen  hat  die  Fabrik  einige  Wasserturbinen ­
  zum  Antrieb  der  Arbeitsmaschinen  angelegt,  deren  Kraftspendung ­
  noch  durch  3  Dampfmaschinen  unterstützt  wird,  da
infolge  der  ausgedehnten  Gebäudeanlage  eine  Kraftübertragung
erschwert  ist  und  außerdem  die  gepreßte  Lohe  gut  als  Feuermaterial ­
  durch  Benutzung  des  „Münchener  Stufenrostes“  Verwendung ­
  findet.  Eigene  Zubereitungsstätten  für  Lacke  und  für
die  sonstigen  Hilfsmittel,  die  für  die  Lederverarbeitung  notwendig ­
  sind,  vervollkommnen  die  Betriebsanlage,  welche  imstande ­
  ist  jährlich  60  000  gepresste  Rindhäute  und  15  000
Schweinshäute  herzustellen.  Heute  gilt  dieser  Betrieb  als  führend ­
  auf  dem  Gebiete  der  Lacklederfabrikation  für  Wagen-  und
Automobilbekleidung.
Im  Gegensatz  zur  Gründung  dieser  Lederfabrik  ist  die
Anlage  des  zweiten  Münchener  Großbetriebes,  der  Lederfabrik ­
  Biederstein  von  Gebrüder  Hesselberger ­
  nur  infolge  des  veränderten  Konsums  erfolgt.  Die  Firma
Gebr  Hesselberger  selbst  besteht  schon  über  50  Jahre  in
München  als  Lederhandlung  und  hat  sich  heute  als  Leder-  und
Häutegroßhandlung  in  selbständigem,  von  der  Fabrik  getrenntem ­
  Betriebe  einen  bedeutenden  Namen  in  Handelskreisen
erworben.  Die  ursprüngliche  Lederhandlung  hatte  stets  ausgedehnte ­
  Militärlieferungen  für  den  bayerischen  Staat  auszuführen, ­
  welche  verloren  zu  gehen  drohten,  als  die  Militärbehörde ­
  verlangte,  daß  die  Lieferanten  das  Leder  auch  selbst
herstellten  Die  Firma  entschloß  sich  deshalb  eine  Fabrik
zu  errichten,  umso  mehr,  als  in  Bayern  die  Lederindustrie
nur  in  geringem  Maße  entwickelt  war.  Mit  dem  kolossalen
Aufschwung,  den  die  gesamte  deutsche  Lederindustrie  im  letzten  1
Jahrzehnt  genommen,  hat  die  im  Jahre  1890/91  gegründete
Lederfabrik  Biederstein  sowohl  in  Bezug  auf  Produktion  als
auch  durch  Anpassen  an  die  Modeartikel  Schritt  gehalten.
Heute  gelten  als  die  Hauptartikel  der  Firma  nicht  nur  Sohlund
  Vacheleder,  sondern  auch  Maschinenriemenleder,  Sattlerleder ­
  sowie  sämtliche  Leder  für  Militärbedarf.  Die  Fabrik,
welche  mit  den  modernsten  Lederbearbeitungsmaschinen  —  wie
Spalt-,  Blanchier-,  Falz-  und  Ausstoßmaschinen,  Walzen,  Ent-
        <pb n="144" />
        137

haarungsmaschinen  —  ausgerüstet  ist,  befindet  sich  in  der
Lage  jährlich  über  60  000  Großviehhäute  und  30  000  Felle
fertigzustellen.  Sie  beschäftigt  ca.  -?00  Arbeiter  und  20  weibliche ­
  Arbeitskräfte,  hat  eigene  Feuerwehr,  Arbeiterwohnhäuser,
eigene  Krankenunterstützungskasse,  Kantine  und  Bäder  für  die
Arbeiter.  Sämtliche  Arbeitskräfte  gehören  Organisationsverbänden ­
  an.  Die  im  Betriebe  beschäftigten  Taglöhner,  welche
sich  bei  Arbeitslosigkeit  meist  selbst  melden,  sind  an  den
Verband  der  Fabrikarbeiter  Deutschlands  angeschlossen.  Die
Gerber  haben  sich  dem  Verband  der  deutschen  Lederarbeiter
und  die  Sattler  dem  Sattlerverband  angegliedert,  sodaß  die
Fabrik  mit  der  Zustimmung  dieser  Verbände  mit  allen  Arbeiterkategorien ­
  eigene  Tarifverträge  abschließen  konnte.  Im  allgemeinen ­
  sind  die  meisten  Arbeiter  schon  sehr  lange  im  Betriebe
tätig,  da  die  Lohnverhältnisse  sehr  günstig  genannt  werden
können.  Die  Stundenlöhne  bewegen  sich  bei  männlichen  Arbeitern ­
  zwischen  41  und  44,  für  weibliche  zwischen  24  und
26  Pfennig.  Der  nur  dem  Arbeiter  gezahlte  (Akkordlohn
schwankt  von  48  bis  75  Pfennig  pro  Stunde  bei  97 2 stündiger
Arbeitszeit.
Die  Beschaffung  der  Rohhäute  geschieht  seitens  der  Fabrik
neben  Bayern  aus  den  Städten  Mannheim,  Frankfurt,  Dresden,
Leipzig  und  Berlin,  welche  als  die  bedeutendsten  deutschen
Häutemärkte  bekannt  sind.  Außerdem  werden  Wildhäute  aus
Argentinien  und  die  sogenannten  „Ripse“  aus  Ostindien  importiert. ­
  Da  die  Fabrik  noch  den  größten  Teil  ihrer  Fabrikate
sowohl  für  Militär  als  auch  Zivilbedarf  nach  altem  System
gerbt,  werden  noch  ganz  bedeutende  Mengen  Eichen-  und
Fichtenlohe  gebraucht,  die  aus  Ungarn  bezw.  Bayern  selbst
stammen.  Auch  den  neuen  Systemen  wird  Rechnung  getragen,
denn  die  Firma  fabriziert  auch  Chromleder  und  bringt  sogar
ein  gesetzlich  geschütztes  Fabrikat  auf  den  Markt,  das  führend
in  dieser  Sparte  gilt.
Der  Gesamtabsatz  der  Fabrik  fällt  fast  zu  66  o/ 0 ’  auf
München  und  seine  nähere  Umgebung,  was  den  konsumorientierten ­
  Standort  des  Unternehmens  nochmals  deutlich
erkennen  läßt.  Der  Rest  verteilt  sich  zu  30  o/ 0 ’  auf  Sachsen,
Schlesien,  Norddeutschland  und  die  Rheinlande,  während  nur
        <pb n="145" />
        138

etwa  4  o/o  der  Gesamtproduktion  nach  Süd-  und  Zentralamerikä
exportiert  wird.  Anschließend  an  die  Lederfabrik  betreibt  die
Firma  seit  1907  eine  eigene  Treibriemenfabrik  und  werden
bei  den  Treibriemen  nur  selbstgegerbte  Leder  verwendet,  was
den  Vorteil  hat,  daß  die  Fabrik  ihrerseits  unabhängig  von
anderen  Lieferanten  ist  und  gleichzeitig  die  Garantie  hat,  wirklich ­
  gute  Ware  zu  verarbeiten.  Die  Treibriemenfabrik  ist  gleichfalls ­
  mit  den  modernsten  Maschinen  versehen.  Als  Spezialität
stellt  die  Firma  einen  wasser-  und  säurefesten  Riemen  her  und
exportiert  große  Mengen  von  dieser  Ware.  Diese  Abteilung
befaßt  sich  ferner  mit  der  Herstellung  aller  technischen  Leder
für  Spinnereien  und  Webereien,  Rohhauträder  für  Privat-  und
Staatsbetriebe,  Werften  und  Bergwerke,  ferner  Rohhautkolben
angefangen  beim  feinsten  Künstlerhammer  bis  zum  schwersten
Arbeitsschlägel.  —
Wie  für  die  Arbeiterverhältnisse  ist  auch  München  sehr
günstig  für  den  Häutebezug,  wie  wir  dies  an  anderer  Stelle
schon  ausführten.  Hier  sammeln  sich  im  Schlachthof  Häute
in  großen  Mengen  an,  die  deshalb  sehr  begehrt  sind,  weil
die  bayerischen  Häute  in  Bezug  auf  Qualität  als  die  besten
von  ganz  Deutschland  gelten.  Eine  Folgeerscheinung  ist  die
verhältnismäßig  große  Anzahl  von  Häutehandlungen,  unter
denen  sich  einige  bedeutende  Firmen  befinden,  sodaß  die  Häute
nur  zum  kleineren  Teil  von  den  Metzgern  direkt,  meist  aber
von  solchen  Handlungen  bezogen  werden.
Die  Lederindustrie  leidet  nun  schon  seit  Jahren  an  dem
bestehenden  Mißverhältnis  zwischen  dem  Rohhäutepreis  und
dem  Preis  ihres  Fabrikates.  Die  Rohhäute  sind  sehr  teuer  und
stiegen  im  Laufe  der  letzten  Jahre  allgemein  zu  rasch,  sodaß
der  Preis  des  fertigen  Leders  hauptsächlich  wegen  der  großen
Überproduktion  in  Deutschland  keinen  Schritt  mit  dieser  Preissteigerung ­
  halten  konnte.  Wohl  beabsichtigen  einzelne  Lederfabriken ­
  ihre  Produktion  einzuschränken,  um  diese  wirtschaftliche ­
  Schädigung  einzudämmen,  aber  die  einzelnen  Industrien
können  mit  dieser  Maßregel  unmöglich  durchdringen,  wenn
sich  nicht  sämtliche  auch  die  kleineren  Konkurrenzbetriebe  anschließen. ­
  Es  liegt  das  Schicksal  der  Lederindustrie  somit  noch
        <pb n="146" />
        I

—  139  —
sehr  viel  in  den  Händen  von  kleinen  Gerbern,  welche  ohne
Kalkulation  ihre  Produkte  äußerst  billig  verkaufen.  &amp;gt;
Trotz  allem  ist  in  München  im  Gegensatz  zu  ganz  Bayern
die  Herstellung  von  Leder  außerordentlich  stark  entwickelt.
Auch  die  Erzeugnisse  seiner  Handschuhfabrikation
stehen  heute  den  Fabrikaten  der  altbewährten  Meister  in  der
Handschuhkunst,  den  französichen  und  böhmischen  Handschuhen, ­
  nicht  mehr  nach,  sondern  haben  sich  bald  den  Weltmarkt ­
  erobert  und  sind  heute  gleichwertige  Konkurrenzprodukte
auch  des  besten  französischen  Fabrikats  geworden.  Diesen
Ruf,  ein  Hauptsitz  der  deutschen  Handschuhfabrikation  zu  sein,
verdankt  die  Stadt  München  der  in  seinem  Burgfrieden  im
Jahre  1838  entstandenen  zweitgrößten  deutschen  Handschuhmacherei, ­
  der  Hof-Handschuhfabrik  J.  Roeckl.  Es
ist  dies  eine  Großindustrie,  welche  nicht  aus  dem  zünftigen
Handwerk  hervorgegangen  ist,  obwohl  sie  aus  kleinen  Anfängen ­
  geschaffen  wurde.  Sie  ist  französischen  Ursprungs
und  wurde  von  den  französischen  Emigranten  im  17.  Jahrhundert ­
  nach  Erlangen  in  Bayern  gebracht,  wo  sich  bald  eine
Anzahl  von  Handschuhmachern  niederließ.  Etwa  1835  kam  die
Kunst  der  Handschuhherstellung  auch  nach  München  und  wurde
hier  sogleich  von  dem  Säckler  Roeckl  übernommen.  Die
heutige  Größe  aber  verdankt  die  Firma  dem  deutsch-französischen ­
  Kriege  und  weiter  dem  Fremdenverkehr  Münchens.
Als  durch  den  Krieg  Frankreich  in  den  Jahren  1870/71  vom
Weltmärkte  abgeschlossen  war,  bestellten  Engländer  und  Amerikaner ­
  ihre  Ware  zum  Teil  auch  bei  Roeckl  in  München.  Die
zur  Zufriedenheit  ausgeführte  Bestellung  eroberte  der  Firma
Roeckl  einen  ausgedehnten  Kundenkreis  im  Ausland  und  veranlaßte
  sie  mit  dem  den  Weltmarkt  noch  beherrschenden  französischen ­
  Erzeugnis  in  Konkurrenz  zu  treten,  was  ihr,  wie  wir
schon  ausführten,  gelang.  Alle  die  unzähligen  Prozesse,  die  das
Leder  vom  rohen  Fell  bis  zur  Fertigstellung  des  Handschuhes
durchzumachen  hat,  werden  hier  mittels  der  neuesten  Errungenschaften ­
  auf  maschinellem  und  chemischem  Gebiet  bewältigt
und  ermöglichen  es  der  Firma,  jährlich  etwa  500  000  bis  600  000
Paar  Handschuhe  fertigzustellen.
Die  Absatzverhältnisse  der  Firma,  welche  nur  feinere  Ware
        <pb n="147" />
        140

herstellt  und  den  Zwischenhandel  vollständig  ausschaltet,  gestalten ­
  sich  so,  daß  40  ojo  der  Fertigprodukte  nach  Amerika,
20  o/o  nach  England,  Frankreich,  Österreich,  Chile  und  Schweden
exportiert  werden  und  die  übrigen  30  o/ 0  der  Gesamtproduktion
sich  auf  die  sechzehn  Filialen  in  Deutschland  verteilen.  Der
Export  von  Lederhandschuhen  ist  in  München  der  größte  von
allen  Erzeugungsstätten  Deutschlands;  während  der  letzten
2  Monate  vor  unserer  Erhebung  wurden  allein  für  etwas  über
400  000  Mark  Handschuhe  ausgeführt.  Heute  bringt  der
Fremdenverkehr  mit  seinen  Veranstaltungen  die  reichen  Amerikaner ­
  und  Engländer,  denen  diese  Bestellungen  zu  verdanken
sind,  nach  München.
Außerdem  findet  seitens  der  Firma,  welche  eine  eigene
Gerberei  und  Färberei  an  den  Betrieb  angegliedert  hat,  ein
bedeutender  Versand  von  fertigen  Handschuhfellen  statt,  die
ihren  Weg  namentlich  nach  Schweden,  Norwegen  und  Rußland
nehmen.  Zugleich  werden  in  der  Lohnfärberei  die  eingesandten ­
  Felle  fremder  —  hauptsächlich  österreichischer  —  Fabrikanten ­
  gegen  festen  Preis  gefärbt  und  „gebimst“.  Das  Rohmaterial ­
  der  Handschufabriken  bilden  die  Lammfelle,  Ziegenfelle, ­
  Reh-  und  Renntierfelle,  aus  welchen  durch  ein  eigenes
Weißgerbverfahren  das  Handschuhleder  gewonnen  wird.  Die
Lammfelle  bezieht  die  Firma  von  einer  Agentur  in  Florenz,
welche  diese  Felle  einzeln  zusammenkauft  und  an  bestimmte
Lederfabrikanten  weiterverkauft.  Mittels  Offerte  werden  Ziegenfelle ­
  aus  Sachsen  und  Bayern  selbst  bezogen;  Rehfelle  kommen
aus  Deutschland,  Renntierfelle  liefert  Rußland  in  größeren
Mengen.
Da  es  bei  der  Handschuhfabrikation  auf  die  subtile  Behandlung ­
  des  Materials  ankommt,  spielt  die  Maschine  bis  auf
die  Nähmaschine  in  diesem  Gewerbezweig  keine  so  große
Rolle,  als  man  bei  der  Massenproduktion  von  Handschuhen
anzunehmen  geneigt  ist.  Trotzdem  besitzt  die  Firma  Roeckl
eine  Anzahl  Lederbearbeitungsmaschinen,  die  auf  die  Angliederung ­
  der  Gerberei  und  Färberei  zurückzuführen  sind.  Ein
Wasserrad  überträgt  die  Kräfte  der  Isar  auf  die  verschiedenen
Entfleischungs-,  Walk-  und  Bimsmaschinen.
        <pb n="148" />
        141

.Wenn  man  berücksichtigt,  daß  die  mehrfachen  Kontrollen
sowohl  des  Leders  während  der  Bearbeitung  als  auch  der
fertiggestellten  Handschuhe  eine  ganz  besondere  Sorgfalt  erfordern, ­
  so  ist  es  erklärlich,  daß  zu  diesen  Arbeiten  ein  zahlreiches ­
  und  gut  geschultes  Personal  nötig  ist.  Die  Fabrik  beschäftigt ­
  350—380  Gerber,  Handschuhmacher  und  Färber.
Als  Näherinnen  im  Betriebe  und  Heimarbeiterinnen  beschäftigt
die  Firma  nahezu  600  Personen.  Da  der  Betrieb  seine  Arbeiter
selbst  heranziehen  muß,  hat  er  drei  eigene  Lehrmeister,  die  je
3—4  Lehrlinge  in  der  Kunst  des  Handschuhmachens  unterweisen. ­
  Die  Lage  des  Arbeitsmarktes,  die,  wie  wir  gelegentlich ­
  der  Untersuchung  der  Vorbedingungen  für  die  Münchener
Industrien  ausführten,  eine  nicht  gerade  günstige  ist,  gestaltet
sich  noch  ungünstiger  dadurch,  daß  die  norddeutschen  Arbeiter
gewöhnt  sind,  mehr  auf  der  Maschine  zu  arbeiten  und  so  im
hiesigen  Betriebe,  der  durchaus  Handarbeit  fordert,  versagen.
Mit  ängstlicher  Sorgfalt  sucht  man  daher  die  Arbeiter  recht
lange  an  den  Betrieb  zu  fesseln  um  einen  Stock  tüchtiger
Arbeiter  zu  erhalten.  Die  Lohnverhältnisse  ergeben  sich  aus
dem  Tarif,  den  die  Firma  mit  ihrer  Arbeiterschaft  auf  die  Dauer
von  5  Jahren  abgeschlossen  hat.  Darnach  herrschen  bei  Gerbern ­
  und  Färbern  Stundenlöhne  und  nur  die  Handschuhmacher
sind  Akkordarbeiter,  da  es  bei  ihnen  auf  individuelle  Geschicklichkeit ­
  und  Fertigkeit  bei  der  Arbeit  ankommt.  Da  in
München  selbst  nur  wenig  Handschuhnäherinnen  ansässig  sind
und  auch  zu  teuer  wären,  schickt  man  die  bessere  Ware,  welche
teils  mit  der  Hand,  teils  mit  dem  sogenannten  Nähkamm  gesteppt ­
  werden  soll,  im  sogenannten  „passiven  Veredelungsverkehr“ ­
  nach  Belgien  und  Böhmen.  Dort  hat  die  feine  Handschuhnäherei ­
  ihren  Sitz  und  die  Leute  sind  von  Kind  auf  mit
dieser  Arbeit  vertraut.  Auch  gehen  wöchentlich  große  Körbe
mit  etwa  600  Dutzend  Handschuhen  nach  etlichen  kleineren
Orten  in  Sachsen,  wo  die  Arbeit  des  Nähens  von  Heimarbeiterinnen, ­
  denen  ein  Zwischenmeister  vorsteht,  übernommen ­
  wird.
Zu  den  Verarbeitungsgewerben  der  Lederindustrie  ist  auch
die  Schuh  Warenfabrikation  zu  rechnen,  welche  in
München  mit  einigen  leistungsfähigen  Betrieben  vertreten  ist.
        <pb n="149" />
        142

Als  einzigen  Großbetrieb  wollen  wir  die  Schuhfabrik
Monachia  vop  Gebr.  Regensteiner  in  den  Bereich
unserer  Untersuchung  ziehen.  Sie  wurde  im  Jahre  1885  gegründet ­
  und  ging  aus  einem  Zwischenhandel  mit  Schuhwaren
hervor.  Man  sah,  daß  das  Handw'erk  nicht  fähig  war  der
immer  rascher  wechselnden  Mode  und  der  steten  Änderung
in  der  Geschmacksrichtung,  noch  viel  weniger  aber  der  steigenden ­
  Nachfrage  zu  genügen.  Infolgedessen  machte  man  sich
bei  der  Neugründung  die  Umwälzung  der  Technik  in  der
Schuhwarenverfertigung,  wie  dies  die  Schuhzentrale  Pirmasens
lehrte,  zu  Nutzen  und  führte  rein  maschinellen  Betrieb  ein,  der
stets  vervollkommnet  und  dem  Bedarf  entsprechend  auch  durch
neue  Maschinen  ergänzt  wurde.  Heute  laufen  in  ununterbrochener ­
  Tätigkeit  neben  verschiedenen  Hilfsmaschinen  etwa
130  Arbeitsmaschinen,  wie  Zwick-,  Durchnäh-,  Absatzbau-,
Stanz-  und  Steppmaschinen  allerneuester  und  praktischster  Konstruktion. ­
  Die  elektrische  Kraft  zum  Einzelantrieb  der  Motore
liefern  die  Isarwerke.
Heute  kann  infolge  dieser  Verbesserung  der  Technik  das
sechsfache  von  derselben  Anzahl  Arbeiter  hergestellt  werden
wie  vor  etwa  15  Jahren,  was  bei  dem  gesteigerten  Bedarfe
einen  enormen  Fortschritt  und  Gewinn  bedeutet.  Ein  Schuh
geht  aber  auch  infolge  der  äußersten  maschinellen  Arbeitsteilung ­
  vom  Rohmaterial  (Leder)  an  gerechnet  bis  zu  seiner  vollständigen ­
  Fertigstellung  zum  Versand  durch  85  bis  90  Hände.
Und  trotzdem  wird  die  Begabung  des  einzelnen  Arbeiters  vollkommen ­
  ausgebildet,  da  er  seine  Maschine  genau  kennen  muß,
damit  sie  nicht  durch  Stillstand  ihm  weniger  Verdienst  einbringt.
Die  Arbeiter  wurden  bei  der  Gründung  der  Fabrik  aus  Mainz
und  Pirmasens  bezogen,  weil  daselbst  die  Industrie  schon
länger  heimisch  war.  Allmählich  zog  man  ungelernte  junge
Arbeiter  aus  der  Umgegend  von  München  und  aus  der  Stadt
selbst  heran,  um  sie  auszubilden.  Heute  ergänzt  man  diesen
Arbeiterstamm  gern  durch  Einstellung  von  jugendlichen  Arbeitskräften ­
  im  Alter  von  14—15  Jahren,  denen  man  als  Lehrlinge ­
  sofortige  Bezahlung  gewährt.  Die  Zeit,  bis  zu  welcher
der  herangebildete  Arbeiter  zu  seiner  Volleistung  gelangt,  hängt
von  seiner  Geschicklichkeit  und  seinem  Willen  ab  und  ist  deshalb
        <pb n="150" />
        143

sehr  verschieden.  Dadurch,  daß  durch  Einführung  der  Maschine
viel  kleine  Handwerksmeister  keine  lohnende  Tätigkeit  mehr
fanden,  gingen  auch  sie  zur  Industrie  und  hatten  sich  gewöhnlich ­
  in  kurzer  Zeit  mit  dem  maschinellen  Betrieb  vertraut
gemacht.  So  wurden  die  nachteiligen  Folgen  der  Einführung
der  Maschinen  auf  dem  Arbeitsmarkt  ausgeglichen,  wenn  auch
heute  noch  die  Leistungsfähigkeit  der  Schuhwarenproduzenten
und  die  ökonomische  Fähigkeit  der  Bevölkerung  zum  Erwerb
von  Schuhwaren  in  einem  gewissen  Mißverhältnis  zueinander
stehen.  ICO—110  männliche  Arbeitskräfte  sind  in  der  Montage ­
  mit  der  Fertigstellung  der  Stiefel  beschäftigt,  denn  nur  sie
vermögen  die  schweren  Maschinen  zu  bedienen.  Schwächere
Anstrengung  gewährt  den  40  Arbeiterinnen  ihre  Beschäftigung
bei  der  Oberteil-  oder  Schaftherstellung.  Die  Entlohnung  der
Zeitlohnarbeiter  richtet  sich  nach  dem  Minimaltarif,  einem  Vertrag, ­
  der  nach  Ansicht  der  Arbeitgeber  sich  in  Bezug  auf  die
gewährten  Mindestlöhne  gegenüber  der  geringen  Leistungsfähigkeit ­
  mancher  Arbeiter  gar  nicht  bewährt.  Darnach  beträgt ­
  das  Mindestwochenverdienst  eines  Arbeiters  über  18  Jahre
23  Mark.  Akkordlöhne  können  unter  diese  Summe  sinken;
der  Wochenlohn  eines  Akkordarbeiters  übersteigt  diesen  Mindestsatz ­
  gewöhnlich  und  kann  die  Maximalhöhe  von  48  Mark
erreichen.  Die  Arbeiter  sind  alle  organisiert,  da  ein  „Wilder“
sich  infolge  der  offenen  Gehässigkeiten  seiner  Kollegen  nicht
lange  im  Betriebe  halten  kann.  Die  Arbeitsvermittlung  geschieht ­
  teils  durch  Nachfrage  seitens  der  Stellenlosen,  teils  durch
Anzeige  in  einem  Fachblatte;  nur  in  äußersten  Bedarfsfällen
wird  das  städtische  Arbeitsamt  in  Anspruch  genommen.
Die  Fabrik  wurde  in  München  infolge  des  ausgedehnten
Konsums  am  Platze  gegründet.  Diese  Konsumorientierung ­
  hat  sich  kaum  verschoben,  denn  auf  die  Stadt  allein
treffen  etwa  25  o/o  des  gesamten  Absatzes,  während  50  o/o]
auf  die  nähere  Umgebung,  das  übrige  Bayern  und  die  Bundesstaaten ­
  entfallen.  Der  Export  beträgt  nur  20—25  o/o  der
Produktion.  Das  verwendete  feine  Oberleder  wird  ausschließlich ­
  aus  Deutschland,  zum  größten  Teil  aus  Worms  a.  Rhein
bezogen,  während  das  Sohlleder  zu  gewissen  Mengen  am
Platze  eingekauft  wird.
        <pb n="151" />
        I.  J

I,  hk-Hr



Dieser  geschilderte  Großbetrieb  gibt  uns  ein  klares  Bild
der  Verhältnisse  wie  sie  in  den  drei  anderen  Schuhfabriken,
welche  die  Gewerbestatistik  der  Stadt  München  als  Gehilfebetriebe ­
  mit  über  50  Personen  uns  noch  nennt,  ganz  ähnlich
sein  werden,  wenn  auch  die  Zahl  und  Art  der  aufgestellten
Maschinen  je  nach  der  Menge  der  beschäftigten  Arbeiter  und
der  .Warensorte,  welche  vorwiegend  hergestellt  wird,  ganz
verschiedene  sind.  Es  erübrigt  sich  daher  für  uns  näher  darauf
einzugehen.
Zu  den  ureigensten  Zweigen  der  Münchener  Großindustrie
gehört  dieoptischelndustrie,  welche  an  Umfang  und  Bedeutung ­
  stets  unmittelbar  hinter  die  Bierindustrie  eingereiht
wurde,  da  sich  in  ihr  die  Ansicht  vieler  bewahrheitet,  daß  München ­
  hauptsächlich  der  Platz  für  Qualitätsindustrie  sei  und  bleibe.
Bayern  und  vor  allen  München,  die  Arbeitsstätte  Frauenhofers,
des  Begründers  der  neuzeitlichen  Optik,  war  bis  zu  Beginn
der  90er  Jahre  des  vergangenen  Jahrhunderts  der  Hauptplatz
der  optischen  Jndustrie  in  Deutschland;  in  diesen  Jahren  wurde
es  jedoch  von  einigen  norddeutschen  Städten  wesentlich  überholt, ­
  bis  vor  einem  Jahrzehnt  der  Stadt  München  durch  die
ständige  und  rasche  Entwicklung  der  optischen  Fabriken ­
  G.  Rodenstock  der  alte  Vorrang  in  gewissem  Sinne
wieder  zurückgegeben  wurde  und  es  ist  tatsächlich  ein  Verdienst ­
  dieser  Firma,  wenn  die  Münchener  optische  Industrie
heute  wie  ehemals  Weltruf  besitzt.  Den  Kern  dieser  Industrie
bildet,  mit  verwandten  Produktionszweigen  kombiniert,  die
Optik,  d.  i.  in  diesem  Falle  die  Herstellung  von  Linsen,  Spiegeln, ­
  Prismen  und  Linsenkombinationen  zu  astronomischen  und
anderen  wissenschaftlichen  Zwecken,  sowie  zu  photographischen ­
  Apparaten,  auch  die  Herstellung  von  Brillengläsern.
Wir  wollen  an  dieser  Stelle  nur  die  Namen  der  bedeutendsten ­
  Firmen  anführen,  in  denen  der  Vereinigung  von  Wissenschaft ­
  und  Industrie  eine  hervorragende  Stätte  bereitet  wird,
auf  die  München  stolz  sein  kann.  Es  sind  dies  die  Firmen
C.  A.  Steinheil  Söhne,  A.  Hch.  Rietzschel,  Reinfelder  und  Hertel,
Dr.  Stähle  u.  Co.,  alles  optische  Anstalten  und  Fabriken,  deren
Instrumente  und  Apparate  längst  einen  Weltruf  besitzen;  unter
ihnen  ist  die  optisch-astronomische  Werkstätte  von  C.  A.  Stein ­
        <pb n="152" />
        145

heil  Söhne  das  bedeutendste  Institut,  das  auch  den  berühmtesten ­
  Sternwarten  Deutschlands,  Frankreichs  und  Italiens  ihre
Instrumente  geliefert  hat.
Zu  welch  großer  Bedeutung  in  der  optischen  Industrie
sich  die  Anstalten  der  Firma  G.  Rodenstock  emporschwangen,
bestätigt  die  allgemeine  wirtschaftliche  Stellung  des  Betriebes
als  zweitgrößtes  Unternehmen  seiner  Art  in  ganz  Europa.
Diesen  Ruf  hat  die  Firma  der  Angliederung  einer  Zweigfabrik
in  Regen  zuzuschreiben.  Man  wählte  diesen  Platz  im  bayerischen ­
  Walde  in  erster  Linie  deshalb,  weil  er  inmitten  der
alteingesessenen  bayerischen  Glasindustrie  gelegen  ist  und  man
hier  zugleich  ein  optisches  Glaswerk  großen  Umfanges  errichten ­
  konnte,  welches  heute  den  gesamten  Bedarf  an  Flintund
  Browngläsern  und  ^sonstigen  optischen  Glasarten  den  Werkstätten ­
  zur  Verfügung  stellt.  Außerdem  bezieht  die  Fabrik
das  optische  Glas  als  Rohprodukt  von  Jena,  Paris  und  einer
englischen  Glashütte.  Die  an  sich  bedeutenden  Frachtzuschläge
kommen  infolge  des  hohen  Materialwertes  —  1  kg  kostet
25—30  Mark  —  gar  nicht  in  Betracht.  Der  Absatz  der  Rodenstock-Werke
  verteilt  sich  zu  20  !»/o  auf  Deutschland,  35  °/o  der
Produktion  entfallen  allein  auf  die  Stadt  München  und  ungefähr ­
  45  ’o/o  der  Fertigfabrikate  werden  nach  dem  Auslande
exportiert.  Die  ausgeführten  Waren  kommen  vorzugsweise
nach  Österreich,  Italien,  Rußland,  England  und  den  Vereinigten
Staaten;  auch  Ostasien  kommt  in  letzter  Zeit  als  Ausfuhrland
in  Frage.  Wie  sehr  die  Firma  vom  Konsum  am  Platze
abhängig  ist,  beweist  die  mit  dem  optischen  Verkaufshaus
größten  Stils,  Jos.  Rodenstock,  eingegangene  Interessengemeinschaft; ­
  diese  Firma  ist  durch  Kontrakt  gezwungen,  die  in  die
Branche  der  optischen  Fabrik  G.  Rodenstock  fallenden  Produkte ­
  fast  ausschließlich  von  ihr  zu  beziehen,  damit  sie  den
alten  Namen  des  Stammhauses,  J.  Rodenstock,  weiterführen
•darf.  Jn  München  beherrschen  die  Rodenstock’schen  Brillengläser ­
  den  Markt  vollständig.
Ein  Realrecht  aus  früheren  Zeiten  hat  der  Firma  die  Ausnützung ­
  der  Isarwasserkräfte  gestattet;  aus  diesem  Grunde
legte  sie  eine  Schmirgelwäscherei  und  ein  Turbinenhaus  für
Transmissionskraft-  und  Stromerzeugung  an.
Fritz,  München  als  Industriestadt.

10
        <pb n="153" />
        146

Abgesehen  von  der  Verfertigung  des  Glases  wird  in  diesem
Institute  das  Schleifen  und  Polieren  der  Gläser  mit  vollkommenen, ­
  von  den  bisher  bekanntlich  sich  wesentlich  unterscheidenden ­
  Maschinen  und  Vorrichtungen  bewerkstelligt.  Die  Maschinenteile ­
  und  die  Stative  und  Fassungen  der  Instrumente  werden
ebenfalls  hier  angefertigt  und  hierbei  auch  mehrere  neue,  das
Beobachten  sehr  erleichternde  Vorrichtungen  und  Verbesserungen ­
  verwertet.
Der  Arbeitsmarkt  ist  für  die  gesamte  optische  Industrie
in  München  sehr  ungünstig,  wie  für  alle  Industrien,  welche
gelernte  Arbeiter  benötigen.  Man  ist  daher  gezwungen,  sich,
die  Arbeiter  selbst  heranzubilden  und  bei  größerem  Bedarf
seine  Arbeitskräfte  aus  Norddeutschland,  insbesondere  von  Berlin, ­
  dem  Sitz  der  Feinindustrie,  zu  beziehen.  Die  Rodenstocksche
  Fabrik  beschäftigt  in  München  190—200  Arbeiter
und  zahlt  in  der  eigentlichen  Fabrikation  größtenteils  Akkordlohn, ­
  um  so  der  individual  verschiedenen  Leistungsfähigkeit
und  Arbeitsgeschicklichkeit  der  Arbeiter  gerecht  zu  werden.
Die  Justierer  können  pro  Woche  bei  regulärer  Arbeitszeit  bis
zu  45  Mark  und  mehr  verdienen.  Nur  die  Arbeiter,  welche
in  den  Versuchswerkstätten  und  in  der  Fertigverarbeitung  tätig
sind,  erhalten  Stundenlöhne,  die  je  nach  Beschäftigungsart  von
45  bis  75  Pfennig  betragen.
Kein  Wunder  ist  es,  daß  eine  Industrie,  die  aufs  engste
mit  der  Landwirtschaft  zusammenhängt,  die  Spiritusin ­
  d  u  s  t  r  i  e,  in  einem  Staate  wie  Bayern,  den  die  Landwirtschaft
mehr  als  irgend  einen  der  anderen  Bundesstaaten  fundamentiert
und  beherrscht,  eine  hervorragende  Stellung  einnimmt.  Die
Brennerei  ist  in  Bayern  fast  ausschließlich  landwirtschaftlicher
Nebenbetrieb.  Den  2440  über  ganz  Bayern  verbreiteten  Getreide- ­
  und  Kartoffelbrennereien  mit  173  000  hl  Jahresproduktion ­
  stehen  nur  17  gewerbliche  Brennereien  dieser  Art  gegenüber, ­
  welche  zusammen  23  000  hl  produzieren.  Speziell  in
der  Nähe  der  Stadt  München  gibt  es  infolge  des  guten  Kartoffelbodens ­
  eine  Anzahl  solcher  Kartoffelbrennereien,  welche
ausserdem  durch  die  Bevorzugung  der  Kontingentsgestaltung
sehr  günstig  gestellt  sind.  Diese  Brennereien  in  der  Umgegend
Münchens  liefern  jährlich  5—6  Millionen  Liter  Rohspiritus  von
        <pb n="154" />
        10*

—  147  —
76—92  o/o  nach  Tralles.  Dieser  wird  in  Münchener  Spritfabriken, ­
  den  sogenannten  Raffinerien,  zu  Feinsprit  bis  zu
96  und  97  °/o'  rektifiziert,  der  an  die  Likörfabriken,  Pulverfabriken ­
  und  Kunstseidefabriken  als  Fertigprodukt  weitergegeben
wird.  Außerdem  stellt  man  vergällten  Branntwein  her,  den  man
zu  technischen  Zwecken  und  als  Brennspiritus  verwendet,  welch
letzteren  man  heute  noch  besser  aus  dem  Osten  Deutschlands ­
  bezieht,  weil  er  von  dort  zu  besonders  billigen  Tarifen
—  infolge  des  Aufgeldes,  das  für  München  als  dem  südlichsten
Paritätsplatz  genehmigt  ist  —  geliefert  und  verfrachtet  wird.
Als  Spritraffinerien  kamen  in  München  bis  vor  etwa  4—5
Jahren  die  Betriebe  von  Macholl,  Riemerschmid,  Tipp  ü.  Co.  und
.Wassermann  in  Frage,  welche  sich  als  rein  materialorientierte ­
  Industrien  in  der  Stadt  stets  vergrößert  hatten.  Neben
der  Nähe  des  Rohmaterials,  das  ausschlaggebend  bei  der  Gründung ­
  sämtlicher  Betriebe  war,  kam  die  Konsumfrage  in  Betracht. ­
  Die  Großstadt  mit  ihrem  Fremdenverkehr  verlangte
die  Errichtung  von  Likörfabriken  um  den  gesteigerten  Bedarf
an  besseren  Likören  selbst  befriedigen  zu  können  und  diese
wurden  große  Abnehmer  für  die  in  den  Rektifikationsanstalten
gewonnenen  Feinsprite.  Die  genannten  Firmen  wurden  aber
in  den  letzten  Jahren  von  der  Spirituszentrale  G.  m.  b.  H.
in  Berlin,  welche  in  München  eine  Verkaufsstelle  hat,  nacheinander ­
  aufgekauft;  an  ihrer  Stelle  errichtete  die  Zentrale  eine
Spritfabrik  in  den  vergrößerten  Anlagen  des  von  Gebr.  Macholl
in  ihren  Besitz  übergegangenen  Fabrikbetriebes.  Diese  Zusammenlegung ­
  von  Spritfabriken  seitens  der  Spirituszentrale  erstreckte ­
  sich  auf  ganz  Bayern,  sodaß  ein  Privatmonopol  der
Gesellschaft  in  dem  entstehenden  Spiritusring  oder  Syndikat
zu  sehen  ist.  Das  ganze  bayerische  Geschäft  wird  heute  von
zwei  Stellen,  von  der  Münchener  Spritfabrik  und  der  durch  Vereinbarung ­
  verpflichteten  Nürnberger  Spritfabrik  Jakobi-Nachfolger, ­
  erledigt.  Die  Münchener  Spritfabrik  der  Spirituszentrale
beschäftigt  heute  nur  15  Arbeiter,  weil  jeder  Großbetrieb  in
dieser  Industrie  mit  verhältnismäßig  wenigen,  unqualifizierten
Kräften  die  notwendigen  Arbeitsprozesse  erledigen  kann,  sobald ­
  dem  Betrieb  ein  oder  mehrere  chemisch-technisch  gebildete
Beamte  vorstehen,  die  wieder  von  Maschinisten  und  etlichen
        <pb n="155" />
        148

.Brennern  unterstüzt  werden.  Eine  Arbeiterfrage  kann  somit
durch  die  Zahl  der  Beschäftigten  nicht  hervorgerufen  werden.
Die  Arbeiter  wurden  von  der  Macholl’schen  Fabrik  übernommen ­
  und  werden  bei  eintretendem  Bedarfe  durch  die  sich  frei
meldenden  Stellenlosen  ergänzt.  Die  Löhne  bevcegen  sich  allgemein ­
  zwischen  27  und  40  Mark  pro  Woche,  nur  der  Wochenlohn ­
  der  einfachen  Fabrikarbeiter  beträgt  durchschnittlich
24  Mark.
Die  einzige  heute  noch  selbständig  produzierende  Spritfabrik
  ist  die  Max  Wassermann’sche.  Sie  arbeitet
mit  einem  Rektifakationsapparat,  einigen  Pumpen  mit  Dampfund
  Elektrizitätsantrieb  und  mehreren  Filtern.  Sie  beschäftigt
etwa  50  Arbeiter,  meistens  ungelernte  Taglöhner,  die  sich
ziemlich  leicht  in  den  Betrieb  einarbeiten.  Dennoch  ist  die
Selbständigkeit  dieses  Betriebes  keine  volle,  denn  die  Firma
ist  ein  Gesellschafter  des  Spiritussyndikats,  welches  jedem  einzelnen ­
  ein  Verkaufsgebiet  zuweist,  das  nach  den  Prinzipien
der  Frachtgünstigkeit  geregelt  ist.  Die  Firma  Wassermann
setzt  ihre  Produkte  zum  größten  Teil  in  München  selbst  und
seiner  näheren  Umgebung  ab.
Anders  gestaltet  sich  heute  die  Lage  der  Deutschfranzösischen ­
  Cognacbrennerei  vorm.  Gebr.  Macholl, ­
  A.  G.,  welche  sich  durch  Verkauf  der  früher  angegliederten ­
  Weinsprit-Raffinerie  von  dem  Spirituskartell  ganz
unabhängig  gemacht  hat.  Ihr  Hauptaugenmerk  hat  die  Firma
auf  die  Herstellung  von  Cognac  und  sonstiger  Edelbranntweine
wie  Kirsch-  und  Zwetschgenwasser,  Enzian,  Hefen  und  Vogelbeerbranntwein, ­
  gerichtet.
Jährlich  kauft  die  Firma  zu  diesem  Zweck  in  großen  Quantitäten ­
  Kirschen  und  Zwetschgen  hauptsächlich  aus  Tirol  und
dem  oberbayerischen  Gebirge,  von  den  Bergen  Bayerns  Enzianwurzeln, ­
  Heidelbeeren,  Wachholder,  Vogelbeeren  und  dergleichen, ­
  die  im  Gebirge  längst  als  bewährte  Hausmittel  gelten.
Die  Früchte  und  Wurzeln  lagern  in  großen  Fässern  auf  den
weitausgedehnten  Hofräumen,  wo  sie  den  natürlichen  Gärungsprozeß ­
  durchmachen,  um  sodann  destilliert  zu  werden.  Außerdem ­
  werden  leichte  französische  Weine  aus  der  Charente  und
inländische  Weine  zur  Cognacbereitung  bezogen.
        <pb n="156" />
        149

ln  ausgedehnten  Böttcherwerkstätten,  Dampf-  und  Brühhäusern ­
  werden  Fässer  aller  Art  hergestellt  und  präpariert,
deren  Vorbehandlung  für  Cognac-Lagerung  und  Versand  ganz
besondere  Sorgfalt  erheischt.  In  den  Kellerhallen  sowie  in  der
Brennerei  sind  etliche  eingeschulte  französische  Fachleute  aus
der  Charente  tätig,  während  die  anderen  Böttcher  und  Küfer
aus  München  selbst  stammen,  das  infolge  der  Bierindustrie  einen
sehr  guten  Arbeiterschlag  besitzt.  Im  ganzen  beschäftigt  die
Fabrik  trotz  des  überwiegend  elektrischen  und  Dampfbetriebes
etwa  50—60  Arbeiter,  darunter  10  Frauen  und  Mädchen,  welche
das  Abfüllen  und  Waschen  der  Flaschen  besorgen.  Die  Durchschnittslöhne ­
  belaufen  sich  für  die  männlichen  Arbeiter  auf
28  Mark,  für  die  Arbeiterinnen  auf  13—14  Mark  pro  Woche.
Die  Fabrikate  der  Firma,  die  Weltruf  genießen  und  den  französischen ­
  Erzeugnissen  heute  gleichwertig  sind,  beherrschen
den  Münchener  Markt,  verteilen  sich  aber  mit  über  70  °/o  auf
das  übrige  Deutschland  und  das  Ausland.  In  Cognac  in  Frankreich ­
  besitzt  diese  leistungsfähige  Firma  eine  Zweigniederlassung, ­
  ebenso  in  Mainz,  dem  Zentrum  des  rheinischen  Weinbaugebietes. ­
  '  ;
München  gehört  neben  der  Reichshauptstadt  Berlin  zu
den  Städten,  in  denen  das  Bekleidungsgewerbe  sehr  bedeutend ­
  entwickelt  ist.  Der  dauernd  sich  steigernde  Konsum
für  fertige  Kleidung,  namentlich  auf  Seiten  des  männlichen
Geschlechts,  hatte  zur  Entwicklung  von  Kleiderfabriken  geführt,
deren  größte  und  bedeutendste,  die  Kleiderfabrik  Isidor
Bach,  offene  Handelsgesellschaft,  deshalb  auch  ein  rein  konsumorientiertes ­
  Unternehmen  ist.  Im  eigenen  Detailgeschäft ­
  für  fertige  Konfektion  wird  über  ein  Viertel  der  Gesamtfabrikation ­
  konsumiert;  60—70  der  Produkte  gehen
nach  dem  übrigen  Deutschland  —  im  Gegensatz  zu  München
fast  einzig  an  Grossisten  —,  während  auf  den  Export  nach
Frankreich  ünd  der  Schweiz  nur  5—10  o/o  des  Absatzes  gerechnet ­
  werden.  Hier  sind  die  gegen  früher  bedeutend  ungünstigeren ­
  Zollverhältnisse  maßgebend.  Während  100  kg  Konfektion ­
  nach  den  letzten  Handelsvertragsbestimmungen  45  Mark
Zoll  kosteten,  beläuft  sich  die  Zollabgabe  für  dieselbe  Menge
Produkt  nach  dem  heutigen  Vertrage  mit  der  Schweiz  auf
        <pb n="157" />
        150

150  Mark,  also  nahezu  das  vierfache  von  früher.  Noch  ungünstiger ­
  gestalten  sich  in  diesem  Fabrikationszweig  die  Zollverhältnisse ­
  nach  Amerika,  welche  eine  Ausfuhr  deutscher  Fabrikate ­
  unmöglich  machen.
Die  Firma  Bach  führt  die  Bezeichnung  „Fabrik“  mit  Recht,
wenn  auch  ein  großer  Teil  der  Produktion  mittels  Handarbeit
geschieht.  Zwei  elektrisch  betriebene  Zuschneidemaschinen  und
ca.  150  Nähmaschinen  mit  Kraft-  und  Fußbetrieb  bilden  mit
2  Bügelmaschinen  (mit  Oasbetrieb)  die  für  eine  Fabrik  notwendige ­
  maschinelle  Anlage.  Dabei  beschäftigt  die  Firma  500—600
männliche  und  ungefähr  100  weibliche  Arbeitskräfte.  Außerdem ­
  sind  noch  etwa  150  Heimarbeiter  in  der  Fertigproduktion
tätig.  Es  herrscht  hier  in  München  kein  Zwischenmeistersystem ­
  wie  in  Berlin.  Die  Heimarbeiter  sind  auch  keine  Hausindustrielle, ­
  wenngleich  sie  nicht  in  Betriebswerkstätten  der
Firma  sondern  in  ihren  eigenen  Wohnungen  arbeiten.  Sie  kommen ­
  an  bestimmten  Ablieferungs-und  Arbeitsausgabetagen  in  die
Betriebsräume,  nehmen  hier  die  maschinell  zugeschnittenen
Stoffe  nebst  Zutaten  in  Empfang  und  stellen  zuhause  das
Kleidungsstück  vollständig  fertig  her.  Sie  sind  wohl  Schneider
von  Beruf,  nur  verstehen  sie  nicht  die  Formen  und  Teile  der
Kleider  zuzuschneiden.
Die  Arbeiter,  welche  in  die  Kategorien  der  Zuschneider,
Modellschneider  und  Schablonenschneider  zerfallen,  sind  alle
organisiert.  Die  Firma  hat  daher  mit  dieser  Arbeiterorganisation, ­
  dem  Allgemeinen  Deutschen  Schneiderverband,  einen
Tarifvertrag  abgeschlossen,  der  durchweg  die  Lohnverhältnisse
ordnet.  In  den  Werkstätten  bestehen  Arbeiterausschüsse,
welche  stets,  wenn  es  sich  um  Einrichtungen  der  Werkstätten,
um  Überstunden  und  andere,  den  Arbeiter  selbst  berührende
Punkte  handelt,  direkt  mit  der  Firma  in  Verhandlung  treten,
sodaß  eine  Klage  des  einzelnen  Arbeiters  ausgeschlossen  ist.
Durch  diese  Organisation,  meist  aber  durch  Jnserat  in  den
Münchener-  und  Fach-Zeitungen,  unter  Vermeidung  der  Hilfe
der  Arbeitsämter,  sucht  die  Firma  die  nötigen  Arbeitskräfte  aufzutreiben, ­
  was  infolge  der  schlechten  Lage  des  Arbeitsmarkts
äußerst  schwer  ist.  Qute  Arbeiter  sind  ganz  selten,  sodaß  die
Firma  durch  Arbeitermangel,  oft  in  der  Produktion  behindert  ist.
        <pb n="158" />
        151

„Wenn  Sie  uns  heute  100  tüchtige  Arbeiter  bringen,  so  werden
sie  sofort  beschäftigt“,  lautete  die  uns  gewordene  Antwort
der  Firma  auf  eine  in  dieser  Sache  gestellte  Frage.  Die  Betriebsleitung ­
  sorgt  daher  aufs  beste  für  das  Wohl  ihrer  Arbeiter
und  unterstützt  kranke  und  arbeitsunfähige  Arbeiter  durch
Geldspenden  aus  den  Zinsen  einer  50  Tausend  Mark  betragenden ­
  Stiftung  der  Firma.
Einen  in  Bayern  ganz  neuen  Industriezweig  hat  die
Seiden  Warenfabrikationsfirma  und  Gürtelfabrik ­
  Hesselberger  und  Herz  nach  München  verpflanzt. ­
  Gegründet  im  Jahre  1894  ist  dieselbe  aus  kleinen  Anfängen ­
  sehr  rasch  emporgeblüht  und  stets  bedeutender  geworden ­
  und  gilt  jetzt  seit  einer  Reihe  von  Jahren  nicht  nur  als
die  erste  Fabrik  der  Branche  in  Bayern  sondern  auch  in  ganz
Deutschland.  Man  hatte  bei  Gründung  des  Betriebes  nur
München  als  Standort  gewählt,  weil  hier  in  der  Großstadt
keine  Konkurrenz  und  ein  günstiges  Absatzgebiet  vorhanden
war.  Diese  Standortsbedingung  hat  sich  mit  Ausgestaltung
des  Betriebes  zur  Weltfirma  vollständig  verschoben,  denn  München ­
  kommt  nur  mit  5—6  °/o  des  gesamten  Absatzes  als
Konsumtionsort  in  Frage.  Heute  spielt  München  als  günstiger ­
  Arbeitsplatz  und  als  Kunststadt  im  Leben  des
Betriebes  die  Hauptrolle,  —  obgleich  die  Arbeiterbeschaffung
anfänglich  eine  gegenüber  anderen  Städten  sehr  schwierige  war
und  die  Arbeiter  sämtlich  neu  angelernt  werden  mußten,  um
ein  geschultes  Arbeiterpersonal  zu  besitzen.  Seit  einigen  Jahren
bietet  München  mit  seinen  ausgedehnten,  in  ärmlichen  Verhältnissen ­
  lebenden  Kleinbürgertum  namentlich  für  weibliche  Arbeiter ­
  einen  Ort  großen  Arbeiterangebots  für  die  Firma;  dies  gilt
auch  für  die  Heimarbeiterinnen,  deren  etwa  300  für  den  Betrieb
tätig  sind  und  die  teilweise  diesen  mittleren  Bürgerkreisen
angehören.  Von  welcher  Bedeutung  diese  Umstände  sind,
lehrt  die  Zusammensetzung  des  Arbeiterstammes  der  Fabrik.
Es  werden  insgesamt  in  München  300  Arbeitskräfte  beschäftigt,
von  denen  allein  250  weiblichen  Geschlechts  sind.  Der  Wochenlohn ­
  für  die  männlichen  Arbeiter,  die  teils  als  Zuschneider,  teils
als  Aufsichtspersonal  Beschäftigung  finden,  ist  höher  wie  der
den  Frauen  und  Mädchen  gezahlte  wöchentliche  Lohn;  er
        <pb n="159" />
        152

beträgt  22—30  Mark,  gegenüber  9—10  Mark  für  jüngere,
12—24  für  ältere  und  geschickteste  Arbeiterinnen.
Der  Verkauf  von  .Waren,  welcher  en  gros  geschieht,  wird
von  Reisenden  mit  festem  Gehalt  bewirkt.  Neben  München
entfallen  etwas  über  die  Hälfte  der  Jahresproduktion  auf
Deutschland  (mit  Bayern)  und  ungefähr  40  o/oj  auf  den  Export
nach  Holland,  Belgien,  Schweiz,  Italien,  Dänemark  und  Schweden-Norwegen. ­
  Um  den  Absatz  auf  gleicher  Höhe  zu  halten
oder  ihn  womöglich  noch  zu  steigern,  muß  die  Firma  fortwährend ­
  eine  schnellste  Anpassung  der  Fabrikation  an  die
jeweils  herrschende  Mode  erstreben.  Diese  Abhängigkeit
von  der  Mode  und  die  damit  verbundene  Notwendigkeit  besserer ­
  Kundenbedienung,  wie  sie  von  dem  entlegenen  München
geschehen  konnte,  haben  zur  Etablierung  eines  Zweiggeschäftes
in  Berlin  und  einer  Filiale  in  Elberfeld  geführt,  wo  stets  größere
Mengen  Waren  auf  Lager  gehalten  werden.  Nun  ließ  man  der
Frachtersparnis  und  der  geringeren  Arbeitskosten  wegen  die  zu
den  Hosenträgern  gebrauchten  Gummibänder  in  Barmen  und
die  Metallzubehörteile  in  dem  nahen  Lünescheid  hersteilen  und
richtete  die  Fertigfabrikation  je  nach  Bedarf  in  Elberfeld  und
München  ein,  wodurch  eine  enorme  Frachtersparnis  erzielt  wird.
Sehr  wichtig  ist  heute  die  sogenannte  „Transitfabrikation“
der  Firma.  Ausländische  Rohstoffe  werden  aus  allen  möglichen ­
  Teilen  Europas,  zum  Teil  sogar  aus  Japan  und  China
zum  Veredeln  und  Konfektionieren  bezogen.  Nachdem  die  eingelagerte ­
  Rohware  dem  Veredelungsprozeß  unterzogen  ist,
kommt  sie  als  reinkonfektionierte  Ware  zur  Abmeldung  in  die
Zollabfertigung  des  Betriebes,  wird  hier  gewogen  und  geht  bei
gleichem  Gewicht  wie  die  eingeführten  Rohwaren  zollfrei  zurück
ins  Ausland.  Das  gegenseitige  Vertrauen  zwischen  der  Firma
und  der  Zollbehörde  erleichtert  diesen  Transitverkehr  sehr.
Der  Betrieb  mußte,  um  die  wachsende  Nachfrage  zu  befriedigen, ­
  die  modernsten  Arbeitsmaschinen  einführen.  Vier
Elektromotoren,  denen  das  städtische  Elektrizitätswerk  Kraftzufuhr ­
  leistet,  bewirken  den  Antrieb  einer  Reihe  Spezialmaschinen, ­
  wie  Hohlsaum-,  Kurbelstick-  und  Plissiermaschinen,  Stanzen, ­
  Zuschneide-  und  Cartonnagemaschinen.  Ein  Atelier  für
Spritzmalerei  zur  Herstellung  bemalter  Seidenecharpes  und  ein
        <pb n="160" />
        153

besonderes  Zeichenbüro  zum  Entwerfen  stets  neuer  Muster
vervollkommnen  die  Einrichtung  dieser  leistungsfähigen  Fabrik.
Seit  den  siebziger  Jahren  hat  sich  in  Deutschland  die
Bürstenfabrikation  von  dem  beherrschenden  Einfluß
des  Auslandes,  namentlich  Englands  und  Frankreichs  frei  gemacht ­
  und  hat  sich  im  Laufe  der  Jahrzehnte  so  sehr  entwickelt,
daß  es  nicht  nur  den  Bedarf  seines  Inlandmarktes  zu  befriedigen ­
  vermag,  sondern  auch  erhebliche  Mengen  Produkte  exportiert. ­
  München  ist  in  diesem  Fabrikationszweig  nicht  zurückgeblieben, ­
  denn  es  besitzt  neben  mehreren  Mittel-  und  Kleinbetrieben, ­
  einen  Großbetrieb,  der  zu  den  bedeutendsten  Firmen
Deutschlands  zu  zählen  ist:  die  Bürstenfabrik  Pensberg
  e  r  u.  Co.,  A.  G.  mit  einem  Jahresumsatz  von  nahezu  2  Millionen ­
  Mark.  Ihr  Hauptrohprodukt,  die  Borste,  bezieht  die
Firma  hauptsächlich  aus  Bayern  und  Österreich;  außerdem  werden ­
  russische,  chinesische  und  indische  Borsten  sowie  Surrogate ­
  der  Haare  und  Borsten  aus  Mexiko  in  Gestalt  der  Tampicofaser ­
  und  der  Fasern  verschiedener  südamerikanischer  Palmenarten ­
  verwendet.  An  der  Lieferung  der  für  die  Fabrikation
benötigten  Mengen  Holzes  ist  nicht  nur  der  einheimische  Markt
mit  Ahorn-,  Buchen-  und  Erlenholz  beteiligt,  denn  die  Hölzer
aus  den  tropischen  .Wäldern  finden  ebenfalls  eine  sehr  ausgedehnte ­
  Verwendung.  Um  die  erhöhten  feuerpolizeilichen  Auflagen ­
  zu  umgehen  und  wegen  der  billigeren  Arbeitskräfte  hat
die  Firma  eine  Zweigfabrik  in  Schönheide  im  sächsischen  Erzgebirge ­
  gegründet,  welche  die  im  Betriebe  geforderten  Mengen
von  Celluloid  herstellt,  ein  Produkt,  auf  das  infolge  seiner  Hochwertigkeit ­
  und  seines  geringen  Gewichts  die  Frachtkosten
keinen  Einfluß  haben.
Die  Fabrik,  die  ihren  Standort  in  München  nur  deshalb
gewählt  hat,  weil  ihr  hier  die  Materialbeschaffung  äm
günstigsten  schien,  reist  in  München  selbst  nicht,  da  viele
kleine  Bürstenmachereien  Rohmaterialien  von  ihr  beziehen,
denen  sie  keine  Konkurrenz  machen  will.  Von  den  50  %  des
auf  Deutschland  kommenden  Gesamtabsatzes  entfallen  daher
auch  nur  9  °/o  auf  München,  während  Berlin,  wo  stets  Reisende ­
  der  Firma  tätig  sind,  einen  Anteil  von  17  o/ 0  des  Umsatzes ­
  aufweist.  Die  Hälfte  der  gesamten  Jahresproduktion
        <pb n="161" />
        154

der  Firma  geht  ins  Ausland,  obwohl  überall  bedeutende  Zollsätze, ­
  in  Nordamerika  sogar  40  o/o  des  Wertes  der  Produkte,
die  Einfuhr  erschweren.  Auf  Nordamerika  kommt  trotzdem
1 / i  des  Gesamtumsatzes,  auf  England  und  Schweiz  treffen  je
3V,  °/o,  auf  Rußland  2 1 / 2  o/ 0  und  auf  Dänemark,  Belgien,  Italien, ­
  Frankreich  und  Holland  je  2  o/ 0  der  Jahresproduktion.
Uns  interessieren  bei  dieser  Fabrik  besonders  die  Arbeiterverhältnisse, ­
  da  im  Betriebe  etwa  700  Arbeitskräfte,  darunter
450  weibliche  Arbeiter,  beschäftigt  sind.  Daneben  sind  dauernd
etwa  300  Heimarbeiterinnen  mit  der  Borsteneinziehung  in  die
Hölzer  für  die  Fabrik  tätig.  Diese  Heimarbeit  stellt  sich  für
den  Betrieb  im  Verhältnis  zu  den  eigenen  Löhnen  so  billig,  daß
die  Hinfracht  der  Halbfabrikate  und  Rückfracht  der  Fertigprodukte ­
  aus  den  Gegenden  des  badischen  Schwarzwaldes,
des  Erzgebirges  und  dem  Städtchen  Altenburg  in  Sachsen  keine
erhebliche  Verringerung  des  bestehenden  Vorteils  bewirken.
In  diesen  Gebieten  steht  die  Fabrik  mit  Zwischenmeistern  in
Verbindung,  welche  eine  unbekannte  Anzahl  von  Heimarbeitern
beschäftigen.  Sie  erhalten  ebenso  wie  die  Münchener  Heimarbeiterinnen ­
  die  fertigen  Unterhölzer,  Borsten  und  den  nötigen
Draht  mit  nach  Haus  oder  arbeiten  zusammen  in  einer  dem
Zwischenmeister  gehörigen  Werkstätte.  In  München  selbst
liefern  die  Heimarbeiterinnen  ihre  eingezogene  Ware  selbst
in  der  Fabrik  ab,  wo  ihnen  der  Lohn  pro  Tausend  Stück  berechnet ­
  wird.  Als  geringstes  Tagesverdienst  ist  seitens  der
Fabrik  die  Höhe  von  60  Pfennig  noch  gestattet.  Unter  diesem
Minimalverdienst  wird  an  keine  Arbeiterin  mehr  Material  abgegeben. ­
  Diese  Frauen  betreiben  auch  das  Einziehen  neben
der  Hausarbeit  wie  neben  ihrem  Beruf  und  sind  daher  wenig
geübt.  Das  Höchstverdienst  mit  2—2,20  Mark  pro  Tag  fällt
nur  den  geschicktesten  Arbeiterinnen  zu,  welche  diese  Tätigkeit ­
  schon  10—20  Jahre  lang  als  Beruf  ausüben  und  gegenüber ­
  den  anderen  die  Mehrheit  bilden.  Die  in  der  Fabrik  beschäftigten ­
  Arbeitskräfte  werden  schon  im  Alter  von  14—15
Jahren  als  Lehrlinge  aufgenommen  und  im  Betriebe  selbst
angelernt.  Dadurch  besitzt  man  stets  einen  Stamm  tüchtiger
angelernter  Arbeiter  und  hat  es  nicht  nötig,  weder  das  städtische ­
  Arbeitsamt  noch  die  paritätischen  Arbeitsnachweise  der
        <pb n="162" />
        155

Organisationen  in  Anspruch  zu  nehmen.  Außerdem  zahlt  die
Firma  die  höchsten  Löhne  der  Branche  in  ganz  Deutschland.
Der  Minimallohn  —  abgesehen  von  der  Entlohnung  der  jugendlichen ­
  Arbeiter,  welche  beim  Eintritt  60  Pfennig  pro  Tag  mit
vierteljährlicher  Aufbesserung  von  10  Pfennig  bis  zum  16.  Jahre
erhalten  —  ist  für  die  männlichen  Arbeiter  3,50  Mark  und  die
weiblichen  1,50  Mark  pro  Tag,  während  die  höchstbezahlten
Arbeitskräfte  täglich  ein  Verdienst  von  7  Mark  bezw.  3  Mark
erreichen.  Um  die  Arbeiter  zu  äußerster  Tätigkeit  anzuspornen
sind  Prämien  für  das  Einziehen  einer  gewissen  Zahl  Bürsten
festgesetzt.  Die  Akkordlöhne  kommen  den  gezahlten  Höchststundenlöhnen ­
  meistens  gleich  und  gehen  nur  vereinzelt  über
diese  Grenze  hinaus.  Dies  soll  nach  Ansicht  der  Fabrikleitung
darin  begründet  sein,  daß  die  Arbeiterorganisationen  —  der
Holzarbeiterverband  und  mit  wenigen  Mitgliedern  auch  die
christlichen  Gewerkschaften  —  Weisungen  ausgeben,  wonach
die  Leute  nur  bis  zu  einem  bestimmten  Betrage  verdienen
sollten.
Trotz  der  großen  Anzahl  Arbeiter  finden  wir  im  Betriebe
seiner  Größe  und  Bedeutung  entsprechend  eine  Menge  Maschinen ­
  laufen.  Eine  Dampfmaschinenanlage  liefert  60  Frais-,
Säge-  und  Hobelmaschinen,  20  Stanzen  und  automatischen  Universalmaschinen, ­
  welche  neben  gewöhnlichen  Handbürsten  auch
bessere  Ware  selbständig  fertigen,  und  6  Borstenschneidmaschinen ­
  den  Antrieb.  Eine  eigene  Schlosserei  fertigt  die
Bestandteile  dieser  Maschinen  und  dient  allgemein  als  Reparaturwerkstätte. ­
  Außerdem  ist  dem  Betriebe  eine  größere  Drechslerei ­
  mit  6  Drehbänken  und  eine  Bohrerei  mit  31  Bohrmaschinen ­
  angegliedert.
In  unseren  Tagen  ist  Deutschland  der  Hauptsitz  der  europäischen ­
  Roßhaarindustrie  geworden,  zu  welcher  Industrie
neben  der  Roßhaarspinnerei  auch  die  Haarzurichterei  und  Haargarnspinnerei ­
  zu  rechnen  ist.  Heute  ist  die  Roßhaarspinnerei
zweifellos  der  bedeutendste  Zweig  der  gesamten  Haarverarbeitungsindustrie. ­
  Einen  großen  Anteil  an  ihrer  Entwicklung  gebührt ­
  der  Dampfroßhaarspinnerei  J.  H.  Höningsberger
  &amp;amp;  Co.,  Kommanditgesellschaft,  welche  sich  seit  ihrer
Niederlassung  im  Jahre  1872  in  München  aus  kleinem  Betriebe
        <pb n="163" />
        156

zu  einer  der  größten  und  leistungsfähigsten  deutschen  Roßhaarspinnereien ­
  und  Haarziehereien  entwickelt  hat.  Heute  arbeitet
die  Fabrik  mit  einem  Batteriedampfkessel  und  einer  Dampfmaschine ­
  von  40  PS.  und  beschäftigt  ca.  150  Arbeiter  und  Arbeiterinnen ­
  und  ebensoviele  Heimarbeiter,  welche  besonders  in
der  Haarzieherei  verwendet  werden.  Sie  ist  die  einzige  Roßhaarspinnerei ­
  Deutschlands,  welche  einen  Tarifvertrag  mit  den
Arbeitern  abgeschlossen  hat.  Die  Arbeiter,  die  dem  Textilarbeiterverband ­
  und  dem  Verband  der  Fabrikarbeiter  angehören, ­
  erhalten  teils  Tagelohn,  teils  arbeiten  sie  im  Akkord
und  werden  nach  Stunden  bezahlt.  Sie  sind  nur  zum  geringsten
Teil  heimische  Arbeitskräfte,  da  die  gelernten  Arbeiter,  wie
die  Roßhaarspinner,  aus  Norddeutschland  und  sehr  viel  aus
Österreich  zuwandern.  In  Bedarfsfällen  bedient  man  sich  der
Verbandszeitungen  als  Arbeitsvermittlungsstellen.
Die  gesamte  Fabrikation  der  Firma  hängt  heute  sehr  von
der  Beschaffung  des  Rohmaterials  ab,  welches  am  besten  aus
Dänemark,  Frankreich  und  zum  Teil  auch  aus  Deutschland
selbst  bezogen  wird.  Da  dies  aber  für  den  Produktionsbedarf
infolge  stets  wachsenden  Konsums  nicht  ausreicht,  kommen  als
weitere  hauptsächliche  Importgebiete  Südamerika,  Rußland  mit
Sibirien,  Österreich-Ungarn  und  Skandinavien  in  Frage.  Die
Einfuhr  aus  Südamerika,  dem  Hauptproduktionsgebiet  für  rohe
Pferdehaare,  ist  gegenüber  früheren  Jahren  infolge  Rückganges
des  Pferdebestands  und  Abnahme  der  Schlachtungen  in  steter
Verminderung  begriffen.  Auch  in  anderen  Ländern  liegen  heute
ähnliche  Verhältnisse  vor.*)  Dies  ist  um  so  empfindlicher  als
umgekehrt  der  Konsum  der  Roßhaare,  der  Rinderschweif-  und
Ziegenhaare  durch  die  anwachsende  Automobilindustrie  und  den
größeren  Bedarf  der  Bürsten-  und  Pinselfabriken  eine  außergewöhnliche ­
  Steigerung  erfahren  hat.  Auf  diesen  Ursachen  be-*)
  Eine  Abnahme  hat  der  Pferdebestand  aller  Länder  dadurch  erfahren, ­
  daß  in  der  Landwirtschaft  die  maschinellen  Betriebe  so  stark  zugenommen ­
  haben,  daß  die  Straßenbahnen  fast  ausschließlich  elektrisch
betrieben  werden  und  überhaupt  der  Personen-  und  Lastenverkehr  sich
immer  mehr  durch  Automobile  vollzieht.  Auch  des  Umstandes  sei  noch
gedacht,  daß  in  Asien  der  kolossale  Karawanenverkehr,  der  früher  Hunderttausende ­
  von  Pferden  in  Anspruch  nahm,  durch  die  sibirischen  Eisenbahnen ­
  nahezu  verdrängt  ist.
        <pb n="164" />
        157

ruht  eine  Preiserhöhung  für  die  Rohmaterialien,  die  in  den
letzten  dreiviertel  Jahren  speziell  für  einzelne  Produkte  sich  so
sprungweise  fortgesetzt  hat,  daß  die  Beschaffung  des  Rohmaterials ­
  in  enormer  Weise  erschwert  und  verteuert  wird  und  die
ganze  Situation  in  der  Roßhaarindustrie  einen  geradezu  bedenklichen ­
  Charakter  annehmen  mußte.  Um  dafür  einen  möglichsten ­
  Ausgleich  zu  schaffen,  hat  die  Firma  wesentliche  Erweiterungen ­
  des  Betriebes  durch  Gründung  einer  Zweigfabrik
in  Neufreimann  bei  München  vorgenommen  und  hat  außerdem, ­
  um  die  Zollverhältnisse  im  Hinblick  auf  den  bedeutenden
Export  auszuschalten,  in  Kufstein  eine  Filiale  errichtet.
Das  Fertigprodukt  der  Firma  findet  seine  Hauptverwendung
für  „Krollhaar“  als  Polstermöbel  in  der  Möbel-  und  Bettwarenindustrie, ­
  beim  Wagen-  und  Eisenbahnwaggonbau  und  in  der
Automobilindustrie.  Ein  Teil  der  anderen  Haare  wird  in  der
Haarzieherei  für  Bürsten,  Pinsel  und  Haargewebe,  sowie  für
Haarsiebe,  Violinbogen  und  zu  Modezwecken  (z.  B.  Gemsbärte!)
  verarbeitet.  Der  Standort  des  Betriebes  ist  vollständig
an  den  günstigen  Konsumplatz  verlegt.  Außer  dem  direkten ­
  Absatz  an  die  Verbraucher  findet  ein  lebhaftes  Geschäft
mit  dem  Engroszwischenhandel  statt.
Von  der  Gesamtproduktion  der  Firma  entfallen  30  o/o  auf
München  und  Bayern  und  etwa  40  °/o  auf  das  übrige  Deutschland; ­
  der  Rest  verteilt  sich  auf  den  Absatz  nach  Österreich-Ungarn,
  Frankreich,  Skandinavien,  Rußland  und  der  Schweiz.
Die  Fabrik  besitzt  eine  mechanische  Werkstätte  zur  Herstellung ­
  ihrer  eigenen  Arbeitsmaschinen  und  zu  Reparaturzwecken. ­
  Neben  einer  besonderen  Bleicherei  und  Färberei
unterhält  der  Betrieb  eine  Desinfektionsanstalt,  in  welcher  auf
Verlangen  auch  alte,  gebrauchte,  aus  Matrazen  und  Polstern
stammenden  Haare  in  Lohn  desinfiziert  und  gereinigt  werden.
Zum  Schutze  ihrer  Arbeiter  sind  nach  dem  Erlaß  des  Bundesrats ­
  von  der  Fabrik  die  modernsten  Einrichtungen  auf  diesem
Gebiete  geschaffen  worden;  den  Arbeitern  steht  eine  eigene
Speiseanstalt,  ein  großes  Wohnhaus  mit  Wirtschaftsräumen  und
Brausebädern  zur  Verfügung.
Zum  Abschlüsse  unserer  Untersuchungen,  die  uns  bedeutungsvolle ­
  Industriestätten  haben  kennen  lernen,  erwähnen  wir
        <pb n="165" />
        158

einen  Großbetrieb,  der  zu  den  bedeutendsten  Industrien  auf
Münchens  Boden  zählt.  Außerordentliche  Leistungsfähigkeit
und  Herstellung  qualitativ  hochwertiger  Erzeugnisse  haben  der
im  Jahre  1872  gegründeten  Gummiwarenfabrik  Metzler ­
  &amp;amp;  Co.,  A.-G.  einen  Weltruf  erworben.  Verschiedene  Abteilungen ­
  des  Betriebes  sind  mit  der  Herstellung  sowohl  sämtlicher
technischer  Gummiartikel,  wie  Dichtungsplatten  und  -ringe,
Fahrradschläuche  und  Automobilpneumatiks  beschäftigt.  Ebenso
untersteht  die  Fertigstellung  sämtlicher  chirurgischer  Gummiwaren, ­
  von  den  großen  Luftmatrazen  an  bis  zur  feinsten  Schlundröhre, ­
  und  die  Fabrikation  von  Gummischuhen  wie  von:  Patentgummiartikeln ­
  einer  besonderen  Abteilung.  Seit  etwa  20  Jahren
stellt  die  Firma  mit  stets  steigender  Vervollkommnung  Ballonstoff ­
  her,  dessen  Verarbeitung  bisher  in  der  bekannten  Ballonfabrik ­
  A.  Riedinger  in  Augsburg  erfolgte.  Erst  seit  einem  Jahre,
von  welcher  Zeit  an  die  Herstellung  von  Ballonstoff  ein  Hauptartikel ­
  des  Betriebes  wurde,  hat  die  Firma  auch  die  Konfektion
der  Ballons  selbst  übernommen.
Die  Absatzverhältnisse  zeigen  die  Konsumorientierung ­
  dieses  Industriebetriebes,  denn  von  der  ungeheuren  Produktion ­
  fallen  allein  15—20  o/o  auf  München-Stadt,  in  der  auch
eine  Verkaufsniederlage  errichtet  ist;  der  übrige  Teil  des  Gesamtabsatzes ­
  verteilt  sich  auf  Deutschland  und  überwiegend  auf
die  Exportländer  England  und  Frankreich,  Rußland  und  Spanien.
Der  Rohgummi,  der  den  Pflanzungen  in  Afrika,  Indien,
Ceylon  und  hauptsächlich  in  Südamerika  entstammt,  wird  nicht
an  die  Firma  direkt  geliefert,  vielmehr  von  dieser  durch  Vermittlung ­
  der  großen  Importhandlungen  in  Hamburg,  Rotterdam,
Antwerpen  und  Liverpool  bezogen.  Die  anderen  Hilfsmittel  zur
Produktion  wie  Farben,  Schwefel  und  Chlor  liefern  einige  chemische ­
  Fabriken  in  Deutschland;  auch  Stoffe  und  Gewebe  werden ­
  im  Inland,  von  Fabriken  in  Augsburg,  Mühlhausen  und
Stuttgart  und  anderen  Orten,  in  denen  Spinnereien  und  Webereien ­
  ihren  Sitz  haben,  gekauft.  Eine  große  Anzahl  Maschinen,
die  teils  durch  Dampf,  teils  durch  selbsterzeugte  Elektrizität
ihren  Antrieb  erfahren,  dient  zur  Verarbeitung  dieser  Rohprodukte. ­
  Als  Hauptmaschinen  kommen  Gummiwalzen,  Kalander ­
  und  Vulkanisierapparate  in  Betracht.  Eine  Reihe  mas-
        <pb n="166" />
        159

siver  Walzwerke  mit  kurzen  dickleibigen  Walzen  sind  in  Tätigkeit ­
  um  den  Rohgummi  zu  verwalzen  und  von  fremden  Bestandteilen, ­
  wie  Sand,  Steinen,  Holz  usw.,  die  vom  Gummisammler  teils
mit,  teils  ohne  Absicht  in  die  Masse  hineingekommen  sind,  zu
reinigen;  während  auf  den  geheizten  Kalandern  die  schon  gereinigte ­
  und  mit  den  erforderlichen  Chemikalien  gemischte
Gummimasse  zu  Platten  ausgezogen  wird.  Zur  Bedienung  dieser ­
  Maschinenanlage  und  der  manuellen  Weiter-  und  Fertigverarbeitung ­
  bedarf  die  Fabrik  durchschnittlich  1400  Arbeitskräfte, ­
  von  denen  etwa  die  Hälfte  weiblichen  Geschlechts  ist.
Diese  Arbeiterzahl  wechselt  mit  der  Saison.  Die  Arbeiter  selbst
sind  zum  größten  Teile  ungelernte  Kräfte,  welche  in  sehr  kurzer
Zeit  im  Betriebe  angelernt  werden  können.  Sie  sind  im  Verband
der  Fabrikarbeiter  Deutschlands  organisiert,  mit  welchem  die
Firma  einen  Tarifvertrag  auf  5  Jahre  abgeschlossen  hat,  der  die
Lohn-  und  Arbeitsverhältnisse  bis  ins  Kleinste  regelt.  Der  Akkordlohn ­
  herrscht  im  Betriebe  vor  und  nur  die  Hilfsarbeiter
werden  im  Stundenlohn  bezahlt.  Bei  Arbeitermangel  hängt  die
Fabrik  an  ihrem  Einlaßtor  Tafeln  aus,  wodurch  Stellenlose
auf  die  freien  Arbeitsplätze  hingewiesen  werden;  nur  selten
wird  die  Vermittlung  des  städtischen  Arbeitsamts  in  Anspruch
genommen.  Gesondert  von  der  eigentlichen  Gummiwarenfabrik
hat  die  Firma  eine  Asbestfabrik  angegliedert,  deren  Erzeugnisse
mitbeigetragen  haben,  den  Produkten  der  Firma  Metzler  &amp;amp;  Co.
nicht  nur  den  europäischen  Markt  zu  erobern,  sondern  sich  auch
mit  großem  Erfolge  an  dem  Export  über  den  Ozean  zu  beteiligen. ­
        <pb n="167" />
        Zusammenfassung  und  Ausblick.
In  den  Voruntersuchungen  haben  wir  die  Lebensbedingungen ­
  der  Münchener  Industrie  klargelegt  und  im  Vorstehenden
die  gegenwärtige  Lage  der  einzelnen  Großbetriebe  unter  dem
Gesichtspunkt  einfacher  Tatsachenfeststellung  und  Beschreibung ­
  zu  erfassen  versucht.  Zusammenfassend  können  wir  nun
ausführen,  daß  München  seine  Größe  nicht  nur  den  Vorzügen
seiner  Lage  und  seinem  Ruf  als  Kunst-  und,  Fremdenstadt  allein
verdankt,  daß  vielmehr  sein  Ansehen  und  seine  Wohlfahrt  in
bisher  nur  zu  sehr  unterschätzter  Ausdehnung  auf  seinem  industriellen ­
  und  großgewerblichen  Leben  beruht,  wenn  auch
die  Bedingungen,  unter  denen  sich  andere  deutsche  Städte
mit  Hilfe  der  Industrie  zu  mächtiger  Blüte  entfalteten,  für
München  nicht  in  gleichem  Maße  gegeben  sind.  Die  Stadt
ist  daher  auch  keine  Industriestadt  im  eigentlichen  Sinne  des
Wortes  und  wird  es  in  Zukunft  nach  Lage  der  Verhältnisse
wohl  auch  nie  werden,  wenngleich  nicht  zu  leugnen  ist,  daß
trotz  erschwerender  Bedingungen  das  weitere  Stadtgebiet  für
neuhinzuziehende  Industrien  noch  einen  annehmbaren  Entwicklungsboden ­
  darbieten  wird,  namentlich  für  solche  Industrien,
welche  sich  mit  der  Herstellung  von  Qualitätsarbeit  zur  Dekkung
  der  lokalen  Nachfrage  befassen.  Der  zunehmende  Reichtum ­
  der  Bevölkerung  hat  hier  die  Nachfrage  nach  Qualitätsarbeit
fortwährend  gesteigert.  Aber  auch  die  für  den  Auslandsmarkt
arbeitende  Industrie  hat  sich  mehr  und  mehr  genötigt  gesehen,
die  Qualität  ihrer  Erzeugnisse  in  dem  Maße  zu  steigern,  als  die
Staaten  der  neuen  Welt  und  des  fernen  Ostens  im  eigenen  Lande
mit  billigen  Arbeitskräften  Industrien  großzuziehen  begannen,
durch  welche  der  Münchener  Exportindustrie  auf  dem  Weltmarkt ­
  eine  zunehmende  Konkurrenz  erwuchs.
        <pb n="168" />
        161

Dennoch  haben  wir  bei  allen  Großindustriellen  die  Klage
gehört,  daß  man  in  München  die  Bedeutung  der  gewerblichen
Großbetriebe  allgemein  unterschätze,  obwohl  die  moderne  Industrie ­
  zu  einem  der  wichtigsten  Faktoren  in  der  großstädtischen ­
  Entwicklung  Münchens  geworden  ist.  Die  Stadt  als  Verwaltungseinheit, ­
  als  leistungsfähige  Finanzkörperschaft  wie  als
Wirtschaftsgemeinschaft  für  die  Befriedigung  geistiger  und  materieller ­
  Gemeinbedürfnisse,  hat  die  Verpflichtung,  die  gewerbliche ­
  Arbeit  auch  in  Gestalt  großkapitalistischer  Anlagen  nach
Möglichkeit  zu  unterstützen.  Wenn  wir  uns  heute  die  Frage
vorlegen,  ob  angesichts  der  stark  zunehmenden  Industriearbeiterbevölkerung ­
  in  München  überhaupt  noch  eine  weitere  Ausdehnung ­
  der  Großindustrie  angestrebt  werden  soll,  die  ohnedies ­
  mit  Schwierigkeiten  und  Opfern  verbunden  ist,  so  muß  die
Antwort  trotzdem  eine  bejahende  sein,  weil  die  mit  Sicherheit
in  den  nächsten  Jahren  zu  erwartende  Bevölkerungszunahme
ohne  Zuhilfenahme  der  Industrie  —  und  mit  ihr  verbunden,  dem
Handel,  nicht  zu  ernähren  sein  wird.  Wir  haben  darauf  schon
an  anderer  Stelle  hingewiesen.  München  muß  um  der  wirtsc
  haftlichen  Seite  willen,  mit  allen  Mitteln  versuchen,  seine
Großindustrie  sich  zu  erhalten  und  die  Zahl  der  Betriebe  noch
um  vieles  zu  vergrößern;  aber  um  den  Charakter  der  Großstadt
als  Kunst-  und  Fremdenstadt  nicht  zu  schwer  durch  Anhäufung
seiner  Industriebevölkerung  zu  schädigen,  soll  die  Stadt  um'der
sozialen  Seite  willen  eine  ausgiebige  kommunale  Sozialpolitik
und  Wohlfahrtspflege  treiben,  um  die  Arbeiterbevölkerung  fortgesetzt ­
  zu  heben.  Man  soll  an  dem  Aufbau  eines  großstädtischen
Mittelstandes  auf  industrieller  Basis  teilnehmen  und  geeignete
Maßregeln  ergreifen,  um  die  einsetzende  Klassenbewegung  zu
fördern,  welche  dem  Industrieangestellten  und  dem  Arbeiter
einen  besseren  Platz  in  dem  Gesamtorganisnius  des  Volkskörpers ­
  der  Stadt  zu  erringen  sucht.  Die  Überbrückung  der
geschaffenen  sozialen  Gegensätze,  die  den  Gemeinsinn  der  Bevölkerung ­
  zum  Schaden  der  Stadt  untergraben  müssen,  läßt
sich  nur  bewerkstelligen  durch  geeignete  Sozialpolitik  der  Stadtverwaltung, ­
  des  Magistrats,  welche  in'  einer  dem  Arbeiter  gegenüber ­
  wohlwollenden  Stellungnahme  und  in  der  Ausgestaltung
von  Arbeitsvermittlungsstellen,  Arbeitslosenunterstützung  und
Fritz,  München  als  Industriestadt.  ||
        <pb n="169" />
        162

der  Förderung  der  Arbeiterversicherung  zum  Ausdruck  kommen
muß.  Zu  einer  solchen  Sozialpolitik  ist  die  Münchener  Stadtverwaltung ­
  umsomehr  berufen,  als  sie  die  soziale  Struktur
der  Stadtbevölkerung  genauestens  kennt  und  infolge  der  Erhebungen ­
  und  Veröffentlichungen  des  statistischen  Amtes  der
Stadt  auch  Kenntnis  hat  von  dem  Umstand,  daß  München,  obwohl ­
  die  Zahl  der  Großbetriebe  nicht  vorherrscht  und  die
mittel-  und  kleingewerblichen  Betriebstätten  sich  durch  starke
Vertretung  auszeichnen,  eine  große  Arbeiterbevölkerung  besitzt ­
  und  daß  indirekt  nahezu  2 / 3  seiner  Bewohner  nur  von
der  Industrie  leben.  Es  heißt  zunächst  diesen  Teil  der  Großstadtbevölkerung ­
  aus  den  Mietskasernen  mit  ihren  schweren
sozialen  und  volksgesundheitlichen  Schäden  herauszuholen  und
ihn  durch  Wohnungen  mit  Luft  und  Licht  vor  .weiterer  Degeneration ­
  zu  bewahren,  was  am  besten  auch  ohne  Anlagen  von
Kleinhäuserkolonien  durch  gute  und  billigste  Verkehrsverbindungen ­
  Münchens  mit  seinen  Vorstädten  mittels  Vorortzügen
oder  elektrischer  Bahnen  mit  Sondertarif  zu  erreichen  wäre.
Dadurch  würde  Münchens  „Prestige  als  Kunst-  und  Fremdenstadt“ ­
  kaum  nennenswert  beeinflußt  werden  und  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  des  „Isarathen“  eine  gesicherte  Grundlage
geschaffen  sein.  In  dem  Maße,  wie  dieses  Problem  seiner  einstigen ­
  Lösung  entgegengeht,  wird  sich  auch  manch  unberechtigtes ­
  Vorurteil  gegen  die  „Großstadt  München“  als  solche
verlieren.  Ihre  wirtschaftliche  Bedeutung  würde  sich  noch  mehr
heben  und  könnte  in  segensreicher  Einwirkung  auf  das  Land
den  Vorwurf  wieder  entkräften,  welcher  der  Stadt  von  vielen
Seiten  in  der  Provinz  stets  gemacht  wird:  alle  wissenschaftlichen ­
  Sammlungen  und  Institute  an  sich  ziehen  und  sich  auf
Kosten  des  Landes  zu  bereichern.  Aber  München  mit  seiner
kolossalen  wirtschaftlichen  Entwicklung  in  den  letzten  Dezennien, ­
  mit  seiner  räumlichen  Ausdehnung  und  der  fortgesetzten
Steigerung  seiner  Einwohnerzahl  hat  ein  Anrecht  auf  die  bevorzugte ­
  Stellung,  die  es  heute  im  Wirtschaftsleben  Bayerns  einnimmt. ­
  Nicht  nur,  daß  eine  Stadt  wie  München  für  das  übrige
Land  ein  unerschöpfliches  Absatzgebiet  bildet,  weil  ihr  Verbrauch ­
  an  Nahrungsmitteln,  Materialien  und  industriellen  Werten, ­
  zu  deren  Lieferung  das  Land  herangezogen  wird,  ein  ganz
        <pb n="170" />
        163

gewaltiger  ist,  bringt  auch  München  für  sich  allein  nahezu  so
viele  Steuern  auf,  als  ganz  Bayern  zusammengenommen;  denn
es  muß  schon  von  dem  gesamten  etwa  70—71  Millionen  Mark
betragenden  Staatssteuersoll  ungefähr  19  Millionen,  also  nicht
weniger  wie'  26,5  -ojo,  tragen.  Außerdem  hat  München  aus  eigener ­
  Kraft  den  Sieg  über  die  sich  mehrende  Konkurrenz  davongetragen, ­
  was  ihm  nur  durch  Anspannen  aller  Kräfte  gelang.
In  diesem  gewaltigen  Anspannen  der  Kräfte  aber  liegt  die
Weltmarktfähigkeit  und  die  Möglichkeit,  in  der  Produktion  gleichen ­
  Schritt  mit  den  Städten  anderer  Nationen  zu  halten  und
so  der  einheimischen  Industrie  ihre  Absatzgebiete  zu  wahren.

ir
        <pb n="171" />
        Verlag  von  Puttkammer  fy  Mühlbrecht,  Berlin  W.  56

Altes  und  Neues  über  Sammelvermögen.  von  Dr.  Hans
Brinkmann-Bondi.  Lex.  8°,  183  S.,  M.  3.60
Behörden'Adreßbuch  Deutschlands.  Ein  Verzeichnis  von  über
80000  staatlichen,  provinzialen  und  kommunalen  Behörden,  Instituten,
Anstalten  nebst  Korporationen  des  Deutschen  Reiches,  sowie  der
Schutzgebiete  in  alphabetischer  Reihenfolge  nach  Landesteilen,  Provinzen
und  Orten  geordnet.  Gr.  8°,  VI.  u.  653  S.,  gebunden  M.  25.—.
Das  Besitzsteuerproblem  in  Deutschland  und  in  Frankreich  in  seiner
heutigen  Lösung  von  Dr.  Friedr.  Karl  Herrmann.  8°,  140  S.,  M.  3.20
Die  Besteuerung  der  Gebäude  und  Baustellen  insbesondere
die  Wertzuwachssteuer  von  Dr.  Karl  Keller.  Zweite  vermehrte
Auflage.  324  S.,  Gr.  8°.  Geheftet  4.—  M.,  gebunden  5.20  M.
Erläuterungen  des  Invaliden'  und  Hinterbliebenenver-Sicherungsgesetzes
  nach  der  Reichsversicherungsordnung  v.  19.  7.  11.
zum  praktischen  Volksgebrauch  von  Arthur  vonFranfois.  121.  bis
140.  Tausend.  8°,  16  S.,  einzeln  25  Pfg.  (Mehrere  Exemplare  billiger!)
Illustrierte  Deutsche  Statistik.  Diagramme  und  Stufenkarten  (Sytsem
Kowastch)  von  Dipl.-Ing.  Ambr.  Kowastch.  Lex.  8°,  XXVIII  und
140  S.,  geheftet  M.  6.—,  gebunden  M.  7.50.
Die  Kabel  des  Weltverkehrs,  hauptsächlich  in  volkswirtschaftlicher
Hinsicht  dargestellt  von  Dr.  Max  Roscher,  Oberpostpraktikant.
Gr.  8°,  X,  240  Seiten,  mit  einer  Weltkarte.  Preis  6.60,  in  Ganzleinen
gebunden  8.—  M.
Die  Krankenversicherung  der  Reichsversicherungsordnung  Zusammenstellung ­
  der  wichtigsten  Bestimmungen  zum  prakt.  Gebrauch
von  Gustav  Wagner.  KL  8°,  23  S.,  M.  0  20.
Die  Rechtsverhältnisse  der  Fabrikpensions-  und  Unterstutzungskassen
  von  Hans  Götze.  Preisgekrönte  Arbeit  der  juristischen
Fakultät  der  Fr.  W.  Universität  Berlin.  8°,  XV  und  143  S.,  M.  3.—.
Der  Zweck  in  der  Volkswirtschaft.  Die  Volkswirtschaft  als  sozialethisches
  Zweckgebilde.  Versuch  einer  sozialorgan.  Begründung  der
Volkswirtschaftslehre.  Von  Rudolf  Stolzmann,  Kaiserl.  Geheimen
Regierungsrat.  Gr.  8  0  ,  XXIV  u.  779  S.,  geheftet  16.—  M.,  gebd.  18  —  M
Die  Theorien  über  den  Zusammenhang  von  Produktion  und
Kaufkraft  von  Dr.  E.  Hellwig.  8°,  101  S.,  M.  2.—.
Der  Zinsfuß  seit  1895.  Preisschrift  der  rechts-  und  staatswissenschaftlichen ­
  Fakultät  der  Kaiser-Wilhelm-Universität  zu  Straßburg  i.  E.
Von  Dr.  Heinrich  Bichmann.  Gr.  8°.  154  Seiten  und  Anhang:
Statistischer  Teil  52  Tabellen  und  Diagramme.  Preis  5.20  M.,  gebunden
in  Leinen  6.60  M.
Zur  Frage  der  Qualitätsverfeinerung  oder  Entfeinerung
unseres  Exports  von  Dr.  R.  Pantzer.  8°,  315  Seiten.  Preis  6.—  M.,
gebunden  in  Leinen  7.20  M.
        <pb n="172" />
        ‘öerlag  oon  &amp;lt;puttftammer  &amp;amp;  &amp;lt;müf)lbred)t,  Berlin  SB.  56

2&amp;gt;as  ©efefj  gegen  ben  unlauteren  2Bettbemerb
oom  7.3uni  1909  mit  (srläuferungen
unter  Senkung  ber  SRegierungsmotioe  unb  ber  Spienar»  unb  ÄoTnmiffions=5Berhanblungen
  bes  SReichstages  mit  äur  3tnroenbung  tornmcnben  Formularen,  Olbfüräungen
unb  Sachregifter.
SBon  D.  33aer,  in  Firma  SBaer  Sot)n,  SBerlin,  Erfier  SBorfihenber  bes  Detaitliften*
oerbanbes  ber  SBefleibungsinbuftrie  unb  oerroanbter  SBrandjen,  E.  SB.
3roeite  oermehrte  unb  oerbefferte  Süuflage.
8 0 .  443  Seiten.  Spreis  6.—  StR.  3n  ©anäleinen  geb.  7.50  StR.
2)  er  ©läubigerfcbub  im  $Menrecf)fe
Eine  fpftematifihe  Darftellung  auf  ber  ©runblage  bes  beutfdien  unb  mit  teifoeifer
SBerüdfidjtigung  bes  [djroeijcrifdjen,  öfterreidjifcfien,  englif&amp;lt;hen  unb  anberer  3tttienred)te.
SBon  SRedjtsamoalt  Dr.  für.  SHIberf  kaufte.
8°.  280  Seiten,  spreis  geheftet  5.—  StR.,  gebunben  6.50  StR.
3)  te  ©rünbung  ber  SIhtiengefeltfcbaff
naih  beutfdjem,  fcf)tDci3erifd)em,  franjöfift^em  unb  englifd)em  SRftienrecht.
SBon  Dr.  Qilfreb  Silbernaget,  EioiIgerid)tspräfibent  in  SBafel.
©r.  8°.  513  Seiten.  Spreis  10.—  SIR.,  in  fieinen  gebunben  12.—  StR.
2&amp;gt;ie  ßerabfefjung  bes  ©runbhapitafe
bei  2Ihfiengefeltfcbaften
SBon  Dr.  jur.  31.  Slteuburger.
80.  XII,  312  Seiten.  Spreis  geh-  6.—  StR.,  geb.  7.20  StR.
2Bie  lautet  ber  ©efetlfcbaftenertrag  einer
^thtiengefettfebaft?
Eine  Einführung  in  bie  ltnternehmungsreform  ber  SJIItiengefeIIf(^aften,  bargeftellt  für
Fünften  unb  £aien  an  ber  §anb  eines  ausgearbeiteten  ©efellfdjaftsoertrages.
SBon  Dr.  SRob.  ©eorg  Senflner.
8  0.  Spreis  1.20  SOI.
&amp;lt;Die  ©tefoonfierung  non  93ucbforberungen
in  Sporte  unb  'prajis
in  banhlechnifcher,  oolhsnsirffchaftlicher  unb  rechtlicher  Se^iehung
erfdjöpfenb  bargeftellt
oon  Dr.  ©eorg  äarfrobl.
8°.  138  Seiten.  Spreis  StR.  2.80.

23efteltungen  nimmt  jebe  33ucf)t)anblnng  entgegen.
        <pb n="173" />
        Verlag  von  Puttkammer  fy  Mühlbrecht,  Berlin  W.  56

System  der  Welthandelslehre

Ein  Lehr-  und  Handbuch
des  internationalen  Handels  von  Dr.  Josef  Hellauer
ordentl.  Professor  a.  d.  Exportakademie  d.  k.  k.  österr.  Handelsmuseums
Professor  a.  d.  k.  u.  k.  Konsularakademie
Band  I:  Allgemeine  Welthandelslehre.  I.  Teil.
Gr.  8°.  XVI,  482  Seiten.  Preis  geh.  M.  10.—,  geb.  M.  12.—.
Das  Buch,  das  aus  dem  Unterrichte  an  einer  kommerziellen  Hochschule
und  an  einer  Hochschule  zur  Heranbildung  von  Konsularbeamten  hervorgegangen
  ist,  soll  ein  Lehr-  und  Handbuch  sein  in  erster  Linie  für  Handelshochschulen, ­
  sowie  für  alle,  die  sich  ein  gründliches  Wissen  über  den  Warenhandel
und  speziell  den  internationalen  erwerben  wollen.  Es  wird  sich  eignen  als
Nachschlagebuch  zur  Information  über  einzelne  Fragen  und  dürfte  als  solches
insbesondere  willkommen  sein  öffentlichen  Beamten,  die  sich  mit  dem  Handel
zu  befassen  haben,  wie  Verwaltungsbeamten,  Konsularbeamten,  Beamten  von
Korporationen  zur  Förderung  und  Interessenvertretung  des  Handels  usw.,
Volkswirten  jeder  Art  und  Juristen.  Es  wird  ein  Hilfsbuch  sein  für  staatswirtschaftliche ­
  und  juristische  Seminare.  Nicht  zuletzt  darf  es  aber  als
kommerziell-wissenschaftliches  Werk  wohl  erwarten,  in  den  Kreisen  der
Kaufmannschaft  Aufnahme  zu  finden.

Exportpraxis

von  Moritj  Schanz.
216  Seiten.  8°.  Preis  3  60  M.;  geb.  M.  4.50.

Schanz’  Mitgliedschaft  an  den  von  der  Reichsregierung  entsandten
Handelskommissionen  nach  Ostasien  (1897)  und  nach  Südafrika  (1902-03)
spricht  wohl  am  besten  für  die  Kompetenz  des  Verfassers  in  der  Behandlung
des  vorliegenden  Stoffes.  Er  bietet  hier  in  gedrängter  Form  die  Quintessenz
seiner  Erfahrungen.

Aus  dem  Inhalt:

Allgemeine  Organisation  des  Exports.  —  Konsignationen.  —  Kaufverträge.  —
Indents.  —  Reisende.  —  Ständige  Vertreter.  —  Musterläger  und  Ausstellungen
im  In-  und  Ausland.  —  Deutsche  Warenhäuser  im  Ausland.  —  Export  der
schweren  Industrien  und  Auslandvertretungen  großer  Werke.  —  Ausschreibungen. ­
  —  Sprachkundige  Techniker  und  Bergingenieure  im  Ausland.  —  Angebote, ­
  Mustersendungen,  Kataloge  und  Preislisten.  —  Reklame.  —  Lieferung,
Aufmachung,  Packung.  —  Fakturen,  Zollangaben,  Konnossemente,  Versand.  —
Zahlungsweise,  Kreditgewährung,  Auskunftswesen.  —  Deutsche  Ausland-Banken.
  —-  Reklamationen,  Surveys,  Rechtsverfolgungen  im  Ausland.  —
Konsular-Tätigkeit.  —  Handelssachverständige.  —  Handelskammern  im  Inund
  Ausland.  —  National-Exportämter.  —  Handelshochschulen.

Bestellungen  nimmt  jede  Buchhandlung  entgegen.
Ausführliche  Prospekte  kostenlos  vom  Verlage.
        <pb n="174" />
        Verlag  von  Puttkammer  fr  Mühlbrecht,  Berlin  W.  56

Das  Recht
Sammlung  von  Abhandlungen
für  Juristen  und  Laien
Herausgegeben  von  Dr.  Franz  Ko  bl  er
Preis  des  Bandes  1  80  M.;  Doppelbände  3.60  M
Bei  Subskription  auf  je  10  Bände  je  1.50  Mk.  bezw.  3.—  M.
Jeder  Band  enthält  eine  selbständige,  praktisch  wie  theoretisch  wertvolle,
  auch  dem  Nichtjuristen  verständliche  Abhandlung  von  allgemeinem
Interesse  aus  dem  Gebiet  des  Rechtslebens.
Reichsdeutsches  und  österreichisches  Recht  werden  im  allgemeinen
gleichmäßig  und  vergleichend  behandelt,  fremdländische  Gesetzgebungen
nach  Tunlichkeit  berücksichtigt.
Die  Sammlung  dient  nicht  nur  der  Darstellung,  Erläuterung  und  Kritik
der  gegenwärtigen  Rechtsordnung,  sondern  behandelt  auch  Probleme  der
Rechtsphilosophie,  Rechtsgeschichte  und  der  juristischen  Grenzgebiete.
Bis  jetzt  sind  erschienen:
I.  Die  Rechtsfähigkeit.  Von  Prof.  Dr.  Eugen  Ehrlich.
II/III.  Die  Beleidigung.  Von  Prof.  Dr.  M.  Liepmann.
IV.  Der  Richter.  Von  Dr.  Max  Burckhard.
V/VI.  Das  Recht  des  Handlungsgehilfen.
Von  Dr.  R.  van  der  Borght.
VII.  Kunst  und  Recht.  Von  Prof.  Dr.  A.  Osterrieth.
VIII.  Die  Tötungsdelikte.  Von  Prof.  Dr.  Fr.  Wachenfeld.
IX/X.  Psychologie  der  Aussage.  Von  Prof.  Dr.  Ad.  Stöhr.
XI.  Das  Verbrechen.  Von  Prof.  Dr.  Theodor  Sternberg.
XII.  Die  G.  m.  b.  H.  Von  Prof.  Dr.  H.  Crüger.
XIII.  Das  Problem  der  Verantwortlichkeit.
Von  Prof.  Dr.  Wilhelm  Schuppe.
XIV.  Das  Arbeitszeugnis.  Von  Dr.  Hans  Gotthard  Schmaltz.
Die  Sammlung  wird  fortgesetzt!

Die  Sammlung  ist  in  jeder  Buchhandlung  vorrätig.
Ausführliche  Prospekte  von  der  Verlagsbuchhandlung  auf  Verlangen  kostenfrei.
        <pb n="175" />
        ffi.  Scdjuere  23ud)bntctaet  (ß.  Sctjotj)  (Buben.

Verlag  oon  'Putffuunmer  &amp;amp;  ^Hüf)lörccf&amp;gt;f,  Aerlin  A3.  56

3mei  23rofd)üren,  bie  für  jeben
Arbeitgeber  unb  für  jeben
Arbeitnehmer  unentbehrlich  finb:
Erläuterungen  bes
3noaIiben*ui5interf)liebencn'
Q3erficberungS'©efebe5
nadjber  Q*d(f)SDerfid)erungsorönungD.19.3uli  1911  3um  prahfifcben'öolhsgebraucf)
oon  2(rlf)ur  oon  granfois
121.  bis  140.  Aaufenb
Pflichten  unb  Aechte  ber  Aerficherten  unb  Arbeitgeber
Sicherung  ber  Amuartfchaft  auf  Aenten
Äinterbtiebenen=5ürforge,  QBitroengetb  unb  ABaifenausfteuer
Aecfahren  bei  Aentenanfprüchen
IJrcis  einjcln  25  'JJf.
oon  2/10  (Sjemplaren  für  je  20  gif.
ab  10  „  für  je  15  „
ab  50  „  für  je  12  „
ab  100  „  für  je  10  „
©ic  £tranftem)erftcf)enmg
ber  &amp;amp;eid)5öerficl)erungsorbnung
3ufammenffeItungb.toichtigfienAeiftmmungen3umprahlifchen©ebrauch
oon  ©uffao  Ißagner
^reis  20  Pf.
®urd&amp;gt;  jebe  33ucf)t)anölung  3u  be3iet)en!
        <pb n="176" />
        Verlag  »Mt  'Outfftammer  &amp;amp;  &amp;lt;Htiif)Ibrecf)f,  Berlin  2B.  56

Sas  ©efeb  gegen  ben  unlauteren  SSeffberoerb
oom  7.  Sunt  1909  mit  ßriciuierungen
unter  ©enutjuug  ber  9tegicrungsmotioe  uttb  ber  ©lenar=  unb  &amp;amp;ommiffions=©erhanb=Jungen
  bes  ^Reichstages  mit  3ur  Slmuenbung  fommenben  Formularen,  StbJürsungen
unb  Sadjregifter.
©on  9.  ©aer,  in  Firma  ©aer  Soffn,  Serlin,  (Erster  Sorfihenber  bes  $etailliftenoerbanbes
  ber  ©eüeibungsinbuftrie  unb  oercoanbter  ©rangen,  l£.  33.
3toeile  oermefjrie  unb  oerbefferte  ©uflage.
8°.  443  Seiten,  ©reis  6.—  93t.  Sn  ©an3leinen  geb.  7.50  93t.
Ser  ©läubigerfcbuij  im  Sthiienrecbie
(Eine  fgftematifcfte  DarftelJung  auf  ber  ©runblage  bes  beutfdjen  unb  mit  teiltoeifer
©erüdficljttgung  bes  [d)toei3eri[c[jen,  öfterreidjifdien,  englifcijen  unb  anberer  tttftienredjte.
©on  ©edjtsaniuait  9r.  jur.  ©Iberf  üautlo.
8°.  280  Seiten.  ©reis  geheftet  5.—  931.,  gebuttben  6.50  93t.
Sie  (Briinbung  ber  2MengefeIlfcbaft
und)  beutfdhent,  jdjroeijerifthcm,  fratt3öfi[&amp;lt;t)em  unb  cnglift^em  (tlltienredjt.
©on  9r.  ©Ifreb  Silbcrttagel,  (Eioitgeridjtspräfibent  in  ©afel.
©r.  8°.  513  Seiten.  ^8reis  10.—  93t.,  in  Seinen  gebunben  12.—  99t.
Sie  ßerabfebung  bes  (Brunbbapifafe
bei  Sthfiengefelifcbaffen
©on  9r.  jur.  21.  Neuburger.
8°.  XII,  312  Seiten,  ©reis  gel).  6.—  99t.,  geb.  7.20  99t.
S3ie  tautet  ber  (Befeilfcbaftsoerfrag  einer
2MengefeIifcbaff?
(Eine  (Einführung  in  bie  Hnterneljmungsreform  ber  31tticngcjell[d)aften,  bargeftellt  für
Fünften  unb  ßaien  an  ber  Esattb  eines  ausgearbeiteten  ©efellfchaftsoertrages.
©on  9r.  ©ob.  ©corg  Senftner.
80.  (preis  1.20  99t.
Sie  Sishontierung  non  Bucbforberungen
in  2f)eorie  unb  ^rajis
in  banhtechnifcher,  oollisroirffchafflicher  unb  rechtlicher  ©egiehung
erfäjöpfenb  bargeftellt
oon  9r.  ©eorg  dSarfrobf.
8°.  138  Seiten,  ©reis  99t.  2.80.

Seffeflungen  nimm!  jebe  Q3ucf)f)anblung  enfgegen.
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        Verlag  von  Puttkammer  §  Mühlbrecht,  Berlin  W.  56

Altes  und  Neues  über  Sammelvermögen,  von  Dr.  Hans
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Sicherungsgesetzes  nach  der  Reichsversicherungsordnung  v.  19.  7.  11.
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  der  wichtigsten  Bestimmungen  zum  prakt.  Gebrauch
von  Gustav  Wagner.  KI.  8°,  23  S.,  M.  0.20.
Die  Rechtsverhältnisse  der  Fabrikpensions'  und  Unter'
stutzungskassen  von  Hans  Götze.  Preisgekrönte  Arbeit  der  juristischen
Fakultät  der  Fr.  W.  Universität  Berlin  8°,  XV  und  143  S.,  M.  3.—.
Der  Zweck  in  der  Volkswirtschaft.  Die  Volkswirtschaft  als  sozialethisches
  Zweckgebilde.  Versuch  einer  sozialorgan.  Begründung  der
Volkswirtschaftslehre.  Von  Rudolf  Stolzmann,  Kaiserl.  Geheimen
Regierungsrat.  Gr.  8°,  XXIV  u.  779  S.,  geheftet  16.—  M.,  gebd.  18  —  M
Die  Theorien  über  den  Zusammenhang  von  Produktion  und
Kaufkraft  von  Dr.  E.  Hellwig.  8°,  101  S.,  M.  2.—.
Der  Zinsfuß  seit  1895.  Preisschrift  der  rechts-  und  staatswissenschaftlichen ­
  Fakultät  der  Kaiser-Wilhelm-Universität  zu  Straßburg  i.  E.
Von  Dr.  Heinrich  Bichmann.  Gr.  8°.  154  Seiten  und  Anhang:
Statistischer  Teil  52  Tabellen  und  Diagramme.  Preis  5.20  M  ,  gebunden
in  Leinen  6.60  M.
Zur  Frage  der  Qualitätsverfeinerung  oder  Entfeinerung
unseres  Exports  von  Dr.  R.  Pantzer.  8°,  315  Seiten.  Preis  6.—  M  ,
gebunden  in  Leinen  7.20  M.
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5  ist,  bringt  auch  München  für  sich  allein  nahezu  so
rn  auf,  als  ganz  Bayern  zusammengenommen;  denn
sr  lon  von  dem  gesamten  etwa  70—71  Millionen  Mark
r  n  Staatssteuersoll  ungefähr  19  Millionen,  also  nicht
te  26,5  -o/o,  tragen.  Außerdem  hat  München  aus  eigelen
  Sieg  über  die  sich  mehrende  Konkurrenz  davon-_was
  ihm  nur  durch  Anspannen  aller  Kräfte  gelang,
gewaltigen  Anspannen  der  Kräfte  aber  liegt  die
rähigkeit  und  die  Möglichkeit,  in  der  Produktion  gleitt
  mit  den  Städten  anderer  Nationen  zu  halten  und
heimischen  Industrie  ihre  Absatzgebiete  zu  wahren.

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