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        <title>München als Industriestadt</title>
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            <forname>Carl</forname>
            <surname>Fritz</surname>
          </persName>
        </author>
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          <msIdentifier>
            <idno>1020784822</idno>
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        ﻿
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        ﻿MÜNCHEN ALS
INDUSTRIESTADT

VON DR. PHIL. CARL FRITZ

. - - .....
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag von Puttkammer 8} Mühlbrecht, Berlin W. 56

System der Welthandelslehre

Ein Lehr- und Handbuch

des internationalen Handels von Dr. Josef Hellauer

ordentl. Professor a. d. Exportakademie d. k. k. österr. Handelsmuseums
Professor a. d. k. u. k. Konsularakademie

Band 1: Allgemeine Welthandelslehre. I. Teil.

Gr. 8°. XVI, 482 Seiten. Preis geh. M. 10.—, geb. M. 12.—.

Das Buch, das aus dem Unterrichte an einer kommerziellen Hochschule
und an einer Hochschule zur Heranbildung von Konsularbeamten hervorge-
gangen ist, soll ein Lehr- und Handbuch sein in erster Linie für Handelshoch-
schulen, sowie für alle, die sich ein gründliches Wissen über den Warenhandel
und speziell den internationalen erwerben wollen. Es wird sich eignen als
Nachschlagebuch zur Information über einzelne Fragen und dürfte als solches
insbesondere willkommen sein öffentlichen Beamten, die sich mit dem Hände
zu befassen haben, wie Verwaltungsbeamten, Konsularbeamten, Beamten von
Korporationen zur Förderung und Interessenvertretung des Handels usw.,
Volkswirten jeder Art und Juristen. Es wird ein Hilfsbuch sein für staats-
wirtschaftliche und juristische Seminare. Nicht zuletzt darf es aber als
kommerziell-wissenschaftliches Werk wohl erwarten, in den Kreisen der
Kaufmannschaft Aufnahme zu finden.

Zielpunkte der Exportpraxis

von Moritj Schanz.

216 Seiten. 8°. Preis 3.60 M.; geb. M. 4.50.

Schanz’ Mitgliedschaft an den von der Reichsregierung entsandten
Handelskommissionen nach Ostasien (1897) und nach Südafrika (1902-03)
spricht wohl am besten für die Kompetenz des Verfassers in der Behandlung
des vorliegenden Stoffes. Er bietet hier in gedrängter Form die Quintessenz
seiner Erfahrungen.

Aus dem Inhalt:

Allgemeine Organisation des Exports. — Konsignationen. — Kaufverträge. —
Indents. — Reisende. — Ständige Vertreter. — Musterläger und Ausstellungen
im In- und Ausland. — Deutsche Warenhäuser im Ausland. — Export der
schweren Industrien und Auslandvertretungen großer Werke. — Ausschreib-
ungen. — Sprachkundige Techniker und Bergingenieure im Ausland. — An-
gebote, Mustersendungen, Kataloge und Preislisten. — Reklame. — Lieferung,
Aufmachung, Packung. — Fakturen, Zollangaben, Konnossemente, Versand. —
Zahlungsweise, Kreditgewährung, Auskunftswesen. — Deutsche Ausland-
Banken. — Reklamationen, Surveys, Rechtsverfoigungen im Ausland. —
Konsular-Tätigkeit. — Handelssachverständige. — Handelskammern im In-
und Ausland. — National-Exportämter. — Handelshochschulen.

Bestellungen nimmt jede Buchhandlung entgegen.

_______Ausführliche Prospekte kostenlos vom Verlage.
        <pb n="4" />
        ﻿MÜNCHEN ALS
INDUSTRIESTADT

VON DR. PHIL. CARL FRITZ

PUTTKAMMER ü. MÜHLBRECHT

BUCHHANDLUNG F. STAATS- U. RECHTSWISSENSCHAFT
1913 / BERLIN W. 56 / FRANZÖSISCHE STRASSE 28
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        ﻿
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        ﻿Inhaltsverzeichnis

Seite

Vorwort................................................................V

Literatur............................................................VII

Einleitung: Die Großstadt München, ihr Charakter als Residenz-,

Kunst- und	Fremdenstadt......................................... 1

Erster Abschnitt: Klassen- und Berufsgliederung der Münchener
Bevölkerung mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiter-
klasse	................................................6

Zweiter Abschnitt: Soziale Gliederung der Erwerbstätigen und
Zuzugsverhältnisse	der Arbeiter................................14

Hauptteil: Die Großindustrie in München (unter Berücksichtigung
ihres Standorts).

Dritter Abschnitt: Allgemeine Lage und Lebensbedingungen

der Münchener Industrie..................................28

Vierter Abschnitt:

Teil I. Graphische Industrie, Buchgewerbe, Zeitungsdruck

und Verlagswesen......................................46

Teil II. Kunstgewerbe-Industrie..........................62

Fünfter Abschnitt:

Teil I. Bierbrauerei.....................................86

Teil II. Maschinen- und Eisenindustrie..................102

Teil III. Sonstige bemerkenswerte Industrien.............125

Zusammenfassung und Ausblick......................................160
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        ﻿Vorwort

Vorliegende Arbeit entsprang dem Wunsche, die Gestal-
tung des industriellen Lebens einiger größerer Städte zu unter-
suchen und im Zusammenhang damit auch den Klassenbildungs-
prozeß klarzulegen. Leider mußten wir auf diese letztere Auf-
gabe verzichten, da es an dem nötigen verwendbaren Material
fehlte. Wir haben aber in der Darstellung der Klassengliede-
rung unter Hervorheben der Arbeiterverhältnisse einen Ersatz
dafür gefunden, da wir aus dieser Darstellung, welche den
ersten kleineren Teil der Arbeit bildet, entnehmen können, in
welchem Maße die Bevölkerung an dem industriellen Gedeihen
der Stadt Anteil nimmt. Unser Hauptinteresse galt aber der
Untersuchung, wie sich die Lage der Großindustrie in Mün-
chen heute gestaltet; denn die Frage, ob München Industrie-
stadt ist und ob die Stadt für neu hinzuziehende Industrien
einen günstigen Standort bedeutet, gehört zu den schwer-
wiegendsten Problemen, wie sie die neuzeitliche Entwicklung
schafft.

Wenn es mir in verhältnismäßig kurzer Zeit gelang, einen
Überblick über die Entwicklung und den Stand der bedeu-
tendsten Großbetriebe, und Industriezweige überhaupt, zu ge-
ben, so habe ich das zunächst der weitgehendsten und liebe-
vollsten Unterstützung, wie dem regen Interesse der verschie-
denen Firmen — die Isariazählerwerke A.-G. ausgenommen
— zu danken, welche mir reichhaltiges Material überließen
und mich außerdem mit den im Laufe der Jahre gesammelten
Erfahrungen vertraut machten. Großen Vorteil gewährten mei-
ner Darstellung außerdem die ausführlichen Besprechungen mit
den Leitern des statistischen Amts der Stadt, den Herren Dr.
Morgenroth und Dr. Fiack, die mir einen tieferen Einblick in
das Erwerbsleben der Münchener Bevölkerung ermöglichten.
Es sei mir an dieser Stelle erlaubt, ihnen allen, die mich beim
Zustandekommen meiner Arbeit unterstützten, meinen herz-
lichsten Dank auszusprechen.

Heidelberg, Februar 1913.

Der Verfasser,
        <pb n="8" />
        ﻿Literatur

Hansen, Gg.: Die 3 Bevölkerungsstufen. 1909.

Mombert: Studien zum Bevölkerungswesen in Deutschland. 1907.
Schmidt, Herrn.: Citybildung und Bevölkerungsverteilung in den Groß-
städten. 1907.

Schnapper-Arndt: Sozialstatistik. 1912.

Weber, Alfred: Standort der Industrien. I. Teil.

Derselbe: Die Standortslehre und die Handelspolitik. 1911. Archiv f.
Sozialwissenschaft Band XXXII.

Bayern und seine Gemeinden unter dem Einfluß der Wanderungen während
der letzten 50 Jahre. Statist. Landesamt Bayern.

Beiträge zur Statistik des Königreichs Bayern. Heft 82, herausgegeb. vom
stat. Landesamt.

Berichte der Handelskammer Münchens. 1910 und 1911.

Jahres- und Monatsberichte des stat. Amtes der Stadt München.
Mitteilungen des Statist. Amts der Stadt München, insbes. Band XXII.
Heft 3 und 2 I.

Reichsstatistik: Band 111, 116, 210.

Statistisches Jahrbuch Deutscher Städte. 15.—18. Jahrgang.

Statistisches Jahrbuch für das Königreich Bayern 1910, 1911, 1912.
Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. 1912.

Akten aus dem Kreisarchiv.

Akten aus dem Stadtarchiv.

Akten aus dem Archiv der Münchener Neuesten Nachrichten.

Arnold: Das Münchener Bäckergewerbe.

Bayrisches Industrie- und Gewerbeblatt Jahrgang 1895, 1900, 1905, 1910.
Beiträge zur Geschichte des Bieres und der Brauerei. Vorträge von Prof.

A. Delbrück und Prof. Dr. Struve. 1903.

Bericht des Kgl. Staatsministeriums des Innern über den Stand der Wasser-
kraftausnutzung und der Elektrizitätsversorgung in Bayern i. J.
1910/11.

Bericht über die Verhandlungen des deutschen Werkbundes vom 11. und
12. Juli 1908.

Bernstein: Die Arbeiterfrage.

Bode, W.: Kunst und Kunstgewerbe.

Bosch: Die Wasserkraftanlagen im Süden der Stadt München.
        <pb n="9" />
        ﻿Brougier, Ad.: Gedanken über die fernere Entwicklung Münchens als
Industriestadt.

Festschrift von Nürnberg 1907, verfaßt von Oberbürgermeister Schuh.

Festschrift des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine
1912: München und seine Bauten.

Festschrift des Aerzte-Vereins 1912. Die Entwicklung Münchens unter
dem Einfluß der Naturwissenschaften während der letzten Dezennien.

Fischer-Tölz: Handwerk und Kunst.

Geschichte des Münchener Buchdruckergewerbes, bearbeitet von Fuchs.

Gutmann, A.: Bayerns Industrie und Handel 1907.

Handwörterbuch der Staatswissenschaften.

Heller, Alfr.: Das Buchgewerbe. Die wirtschaftliche Bedeutung seiner
technischen Entwicklung. München 1911.

Herzberg: Das Schneidergewerbe in München.

Isarwerke G. m. b. H. München, Ausstellungsdenkschrift 1908.

Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1912: Wege und Ziele im Zusammen-
hang von Industrie, Handwerk und Kunst.

Jahrbuch der Gehestiftung zu Dresden. Bd. IX. 1903. (Die Großstadt).

J ö ri s s e n: Die deutsche Leder- und Lederwarenindustrie.

Jubiläums- und Festschriften mehrerer bearbeiteter Firmen.

Kahn: Münchens Großindustrie und Großhandel 1895.

Kau mann: Das Verwendungsgebiet der bayerischen Wasserkräfte.

Mau er er: Die Lage der Brauereiarbeiter in München. 1902.

München, I. und II. Teil, herausgeg. vom Verein zur Förderung des Fremden-
verkehrs in München und dem bayer. Hochland.

Neuhaus: Die deutsche Volkswirtschaft und ihre Wandlungen im
XX. Jahrhundert.

Rauecker: Das Kunstgewerbe in München 1911.

Rehlingen, Frh. v., Hugo: Beruflich-soziale Gliederung der Bevölkerung
des Königreichs Bayern vom Jahre 1840 bis 1907.

Stru v e: Die Entwicklung des bayerischen Baugewerbes im 19. Jahrhundert.

Thuneyssen: Das Münchener Schreinergewerbe.

Trefz: Das Wirtsgewerbe in München.

Unger: Wie ein Buch entsteht. 1911.

Wassermann: Die deutsche Spiritusindustrie.

Weise: Schrift- und Buchwesen in alter und neuer Zeit.

Wibiral, Rob.: Kapitalkonzentration im Brauereigewerbe.

Wolfs Jahrbuch für die Deutschen Aktien-Brauereien und Malzfabriken.
22. Jahrgang 1912.

Zahn: Die Handwerksordnung der Münchener Bierbrauer vom Jahre 1660
und 1776.

Zeitschrift Nord und Süd: Sonderheft München. 35. Jahrgang, Band 136
Heft 424.
        <pb n="10" />
        ﻿Einleitung:

Die Großstadt München,
ihr Charakter als Residenz-, Kunst- und
Fremdenstadt.

Mit Recht weist in den Versen seines „Weihspruches in
das goldene Buch der Stadt München“ Paul Heyse auf die
außergewöhnliche Fürsorge hin, welche die regierenden Für-
sten seit ihrer Entstehung der Stadt München angedeihen lie-
ßen, welches seit Überreichung des hohenstaufisch-friedericia-
nischen Kaiserbriefes, des Spruchbriefes Friedrich Barbarossas,
im Verlauf von anderthalb Jahrhunderten zu Bedeutung ge-
langt ist. Trotzdem war München bis zum Beginn des vori-
gen Jahrhunderts eine verhältnismäßig kleine Stadt. Während
Augsburg und Nürnberg im Mittelalter als freie Reichsstädte in
der Politik und im Wirtschaftsleben des alten Deutschen Reichs
eine höchst einflußreiche Stellung einnahmen und dank der
ihrer Bürgerschaft eigenen Tatkraft und Wohlhabenheit die
kommerziellen und gewerblichen Verhältnisse im Süden
Deutschlands beherrschten, beruhte die Bedeutung Münchens
fast ausschließlich auf seiner Eigenschaft als Residenz-
stadt, als der Herrschersitz des Fürstengeschlechts Wittels-
bach, das auf die Wohlfahrt der Bürgerschaft im allgemeinen
in patriarchalischem Sinne einen höchst segensreichen Einfluß
übte. Dennoch nahm die Stadt in ihrem Innern im Laufe der
Jahrhunderte immer mehr einen großstädtischen Charakter an,
während die Umgebung noch lange von dieser Umgestaltung
befreit blieb.

Fritz, München als Industriestadt.

1
        <pb n="11" />
        ﻿2

Wer vor einem Menschenalter über den Burgfrieden der
Stadt hinaus in die Vororte wanderte, der traf dort noch meist
rein ländliche Verhältnisse. Erst der Ausbau der Verkehrs-
verbindungen, die Einführung des Vorortverkehrs und die Aus-
dehnung des Straßenbahnbetriebs, das immer lebhaftere Nach-
rücken der städtischen Bauquartiere, die Ansiedelung von In-
dustrie in manchen Gemeinden gaben dem ländlichen Cha-
rakter der Vororte neue Züge, unter denen die friedvolle
Idylle einer jahrhundertelangen stillen Entwicklung rascher und
immer rascher verschwindet. Die Vororte werden von dem
Riesen „Großstadt“ aufgesaugt, sie unterliegen dem Einge-
meindungsprozeß und das ruhige Bild bäuerlichen Erwerbs-
lebens verschwindet im Großstadtgetriebe.

Um von dieser enormen Entwicklung der bayrischen
Hauptstadt im Verlauf von etwa 4 Jahrzehnten einen an-
nähernden Begriff zu bekommen, muß man das München der
70er Jahre mit seinem kleinstädtischen Charakter gekannt ha-
ben und muß es in Parallele bringen zu dem München von
heute. Man muß sich beispielsweise einmal das Stadtmodell im
Münchener Nationalmuseum besehen, das etwa in den sech-
ziger Jahren angefertigt wurde, und man muß daneben den
neuen zehntausendteiligen Stadtplan nach den Grundlagen des
städtischen Vermessungsamtes legen! Welche Entwicklung,
welches Dehnen und Strecken und Recken eines Riesenkörpers,
der das enge Mieder steinerner Mauerringe sprengte, der hin-
einwuchs in die Natur, eins wurde mit der Landschaft, die
Ufer der Isar okkupierte, in der grünen Umgebung, die in
den Burgfrieden einbezogen wurde, neue, gesunde, behagliche
und komfortable Wohnungen fand! Und heute, nach dieser
segensreichen Entwicklung, gehört München zu jenen Städten,
die wegen einer Bevorzugung zu Mittelpunkten einer gestei-
gerten Geselligkeit und Luxusentfaltung geworden sind, die
sich in hervorragender Weise der Pflege von Kunst und Wis-
senschaften widmen, die daher auch einen starken Fremden-
verkehr aufweisen, zu den sogenannten „geselligen Städ-
ten“. In ihm zeigt sich eine ausgesprochene Citybildung und
eine fortschreitende Dezentralisation des Wohnungsmarktes.
Die Mitte wird gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamem Ver-
        <pb n="12" />
        ﻿3

gnügen Vorbehalten, in den äußeren Bezirken dagegen nimmt
die Wohnbevölkerung rasch zu. Rings um die Stadt ziehen
sich Fabriken und Erholungsstätten, die aber mit der Erwei-
terung des Bauareals immer weiter hinausgedrängt werden. Das
„gesellige München“ hat sich in ursprünglichem Zustande er-
halten, dank der Fürsorge des königlichen Hauses, das als
Hauptziel die Verschönerung der Landeshauptstadt, ihre Er-
hebung zur ersten Pflegestätte der Kunst und Wissenschaft in
deutschen Landen im Auge behielt.

„Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutsch-
land zur Ehre gereichen soll, daß keiner Teutschland kennt,
wenn er nicht auch München gesehen hat,“ diese Worte hat
König Ludwig I. buchstäblich zur Wahrheit gemacht. Seine
Regierungszeit ist geradezu das Zeitalter der Wiedergeburt
der bildenden Künste und daß in Deutschland München der
Mittelpunkt erfolgreicher Kunstbestrebungen geworden, ist tat-
sächlich sein Werk. München trägt von jener Zeit her das
Gepräge einer Kunststadt und diesen Ruf zu erhalten ist
man ängstlich bis in die neueste Zeit bestrebt und die städti-
schen Kollegien schienen dies zu ihrer wesentlichen Aufgabe
gemacht zu haben. Diese ernste Kunstpflege auch durch den
Landesherrn ist ja bekanntlich von erstaunlichem wirt-
schaftlichen Erfolge belohnt worden. Obwohl München weder
Handels- noch Industriezentrum ist, hat es sich ungeahnt rasch
aus einer mehr landstädtischen Residenz zu einer der größten
Städte Deutschlands entwickelt. Dazu trägt noch die stete
Steigerung seines Fremdenverkehrs weiter bei. München ist
Fremdenstadt heute im weitesten Sinne des Wortes. Nach
Angaben der Königl. Polizeidirektion bezifferte sich die Zahl
der Meldungen vorübergehend anwesender Fremden 1911 auf
551 585 — also nahezu die Größe der Einwohnerzahl, in Wirk-
lichkeit aber dürften es nicht unter eine Million sein —, wäh-
rend die Anzahl derselben im Jahre 1909 erst 480763 betrug.
Beigefügte Tabelle gibt genügend Aufschluß über die rasche
Zunahme des Fremdenzuzugs in der „Königsstadt“.

Fremdenverkehr in München (soweit polizeilich gemeldet)
aus den Akten des stat. Amts der Stadt München entnommen.

1*
        <pb n="13" />
        ﻿4

Jahr	dauernd  anwesende	Fremde  vorübergehend  anwesende	zusammen
1911	66812	551 585	618397
1910	58676	523025	581 701
(Ausstellung München 1910, Oberammergauer Passionsspiele, Jahrhundertfeier des Oktoberfestes.)			
1909	52802	504026	556828
1908	54188	480763	534951

(Ausstellung München 1908.)

Im Jahre 1910 war, wie eine Zusammenstellung des Straß-
burger statistischen Amts zeigt, der Münchener Fremdenver-
kehr der größte von allen deutschen Städten — mit Ausnahme
des Verkehrs Von Berlin. 1910 wurden nämlich in München
581701 P.ersonen gemeldet, während der Berliner Fremden-
verkehr sich auf 1 178 609 Personen belief.

Dabei besteht noch, nicht nur in München, neben den
polizeilich gemeldeten Fremden die Zahl derjenigen Perso-
nen, welche in Privathäusern, bei Verwandten, Bekannten etc.
längere öder kürzere Zeit in München anwesend waren. Würde
man hierüber einen statistischen Nachweis führen können, so
würde zweifellos die Summe aller in München anwesenden
Fremden noch eine ganz erhebliche Steigerung erfahren.

Der Nutzen des Fremdenverkehrs verteilt sich in Mün-
chen nicht allein auf eine oder wenige Schichten der Be-
völkerung, sondern alle Volkskreise sind mehr oder weniger
daran interessiert, vom Handwerker bis zum Großhändler,
Architekten und Bankier. Daher haben im vergangenen Jahr-
zehnt zweifellos diejenigen Bemühungen am meisten Erfolg
gehabt, welche darauf hinzielten, München zu einem Haupt-
ort des internationalen Fremdenverkehrs zu machen. Dennoch
muß es die würdigste Aufgabe für ein großes modernes Ge-
meinwesen bleiben, — und dies kann nicht genügend betont
werden — seine wirtschaftliche Blüte auf der intensiven Mit-
arbeit an den großen wirtschaftlichen Aufgaben der Gegen-
wart zu begründen, auf der industriellen Basis eines gesunden
gewerblichen Lebens seiner Bewohner. Von diesem Gedanken
        <pb n="14" />
        ﻿5

ließen sich gewiß jene warnenden Stimmen aus der Mün-
chener Bevölkerung selbst leiten, welche der glänzenden Ent-
wicklung Münchens als Fremdenstadt, als „Rensionopolis“, ein
Halt zurufen möchten. Haben nun diese .Warner recht? „Was
veranlaßt diese plötzliche Kursänderung? Welche Gründe spre-
chen dafür, aus der Musenstadt in Zukunft eine durch Rauch
und Ruß geschwärzte Industrie-Niederlassung zu machen?“
fragt Brougier in seiner kleinen Broschüre „Gedankenüber
die fernere Entwicklung Münchens“. Er glaubt, nur die Angst
vor dem Rückgang der Grundwerte würde solche Bestrebun-
gen hervorbringen, denn die Besitzer von Aktien oder Anteil-
scheinen von Terraingesellschaften, ebenso wie die Besitzer
von Zinshäusern, insbesondere die Terrainspekulanten, wür-
den jedes angängige Mittel willkommen heißen, das geeignet
erscheint, durch Belebung der Bautätigkeit die Boden- und
Grundwerte wieder zu heben. Aber, möchten wir einwenden,
sind es nicht Erfolge auf industriellem Gebiete gewesen, welche
dem deutschen Reich einen führenden Platz angewiesen ha-
ben im Rate der Völker und sind eben diese industriellen Er-
folge ihrerseits nicht Ursache für politische Umgestaltungen
nach innen und außen hin geworden! Nach außen, weil sie
für die Einigung Deutschlands ein sehr wesentliches Subtrakt
gebildet haben und weil sie nach der erfolgten Einigung in
ihrer ungeheuren überseeischen Entfaltung, in ihrem Einfluß
auf den Welthandel für die Politik des Reiches mitbestimmend
geworden sind; nach innen, weil sie die soziale Gesetzgebung
veranlaßten und damit ein Gebiet schufen, welches für alle
Zeiten einen kulturgeschichtlichen Markstein bilden wird und in
welchem gegenwärtig Deutschland noch die führende Stellung
zukommt.

Inwieweit Münchens Zukunft neben seiner Verkehrsbedeu-
tung als Fremdenstadt auch in seiner Industrie liegen muß,
wollen wir in dem späteren Hauptabschnitt der vorliegenden
Arbeit untersuchen. Zunächst müssen wir uns über seine
Klassengliederung klar werden, um aus ihr zu sehen, wieweit
die Bevölkerung die Veranlagung dazu hat, tatkräftig ein-
zugreifen in den geschäftlichen Konkurrenzkampf und in
welchem Maße sie an dem Blühen der industriellen Groß-
betriebe Anteil nimmt.
        <pb n="15" />
        ﻿Erster Abschnitt:

Klassen- und Berufsgliederung der Münchener
Bevölkerung mit besonderer Berücksichtigung
der Arbeiterklasse.

Unter den Hilfsmitteln, die in den Dienst dieser Er-
mittlung der Klassenbildung Münchens gestellt sind, nehmen
die Ergebnisse der Berufszählungen des Reiches wie nament-
lich des statistischen Amtes der Stadt München selbst verdienter-
maßen den ersten Platz ein. Die Verteilung der Bevölkerung
auf die einzelnen Berufe mit ihren zahlreichen Unterarten in
der Industrie und im Handel geben die deutlichsten Auskünfte
darüber, was den Menschen in der Großstadt festhält,
was ihn bewogen hat, seine Heimat zu verlassen um
sich hier erwerbend niederzulassen. Um aber einen mög-
lichst zusammenhängenden Überblick zu erhalten, wollen wir
auch die wirtschaftliche Lage Münchens nicht ganz unberück-
sichtigt lassen. Denn, „dinglich-wirtschaftliche und persön-
lich-soziale Kultur stehen in mannigfacher Hinsicht in Wech-
selwirkung und der Entwicklungslauf einer Gesellschaftsschicht
sowohl, wie der ganzen Bevölkerung einer Stadt stellt sich
als ein Auf und Nieder in den vielgestaltigen Verknüpfungen
wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge dar“. Die Groß-
städte, die Produkte unserer wirtschaftlichen Entwicklung,
hängen in Wirklichkeit aufs innigste zusammen mit der ge-
waltigen quantitativen und qualitativen Steigerung der mate-
riellen Kräfte und mit der Vermehrung der Bevölkerung.

Aus den neuzeitlichen staatswissenschaftlichen Betrach-
tungen — auf Grund der modernen Wirtschaftsentwicklung —
wurde auch ersichtlich, daß die Glieder einer Volkswirtschaft
        <pb n="16" />
        ﻿nicht eine Gesamtheit gleicher Einzelindividuen sind, sondern
sich1 vielmehr nach dem Maße von Vermögen und Einkommen,
nach der Berufsart und Stellung innerhalb des Berufs, nach
dem Bildungsgrad usw. in soziale Gruppen gliedern. Vom
volkswirtschaftlichen Standpunkt aus sind in der Bevölkerung
4 solche Gruppen zu unterscheiden: Erwerbstätige im Haupt-
beruf, Dienende im Haushalte der Herrschaft, Angehörige ohne
Hauptberuf und beruflose Selbständige. Der Charakter der
beruflichen Gliederung der Bevölkerung der Großstädte ist
nicht allein durch das! besonders häufige Vorkommen gewisser
Berufe bestimmt; die Großstädte charakterisieren sich öfters
dadurch, daß in ihnen sämtliche Berufe vertreten sind, ab-
gesehen von solchen, deren Ausübung von dem Vorhanden-
sein besonderer natürlicher Bedingungen abhängig ist. Die
Großstädte untereinander unterscheiden sich tatsächlich da-
durch, daß in einigen von ihnen die große Masse der Er-
werbstätigen bestimmten Berufen angehört, wie z. B. in Nürn-
berg und Hamburg, und diese Städte somit als Industrie- oder
Handelsstädte anzusehen sind. Bei anderen bildet das unter-
scheidende Merkmal, daß sie in ihrem Burgfrieden eine
Mineralquelle besitzen (Badestädte), daß ihre Lagen ganz vor-
zügliche sind für leidende Personen oder daß sie die Ober-
behörde der Regierung in ihren Mauern als Residenzstädte um-
fassen. Letzteres ist auch bei München der Fall, obwohl,
wie wir sehen werden, hier gewerbliche Berufe vertreten sind,
welche ihm ein industrielles Gepräge verleihen. Die in-
dustriellen Berufszweige treten in München absolut und relativ
nicht sehr hervor, weil außer dem Handel auch der öffentliche
Dienst viele Personen beschäftigt und namentlich die berufs-
losen Selbständigen sehr zahlreich vertreten sind. Immerhin
verleiht auch der Münchener Bevölkerung die Industrie den
wirtschaftlichen Grundzug. —

Die Münchener Bevölkerung stieg von 234129 Seelen im
Jahre 1882 auf 391 307 im Jahre 1895 und 533 253 im Jahre
1907. Der Zuwachs betrug von 1882—1895: 157178 (== 67,1 o/0)
und von 1895—1907 141 946 Personen (= 36,3o/o). Dabei darf
man nicht außer Acht lassen, daß wegen der gegen 1882 wesent-
lich erhöhten Grundzahlen des Jahres 1895 die Epoche 1895
        <pb n="17" />
        ﻿8

bis 1907 einen relativ geringeren Zuwachs als die vorhergehende
aufweist, obwohl die absolute Zunahme im allgemeinen
stärker ist.

In engem Zusammenhang mit dem gewaltigen Wachstum
seiner Bevölkerung hat München die bedeutendste Steigerung
seiner Gewerbetätigkeit aufzuweisen.

Die Erwerbstätigen stiegen nämlich von 97 245 (= 41,5°/o
der Gesamtbevölkerung) im Jahre 1882, wo man München
noch als „gewerbearm“ bezeichnen konnte, auf 180818
(= 46,2o/o der Gesamtbevölkerung) im Jahre 1895, d. i. mehr
gegen 1882 um 83 573 (— 85,9°/o). Im Jahre 1907 wuchs die
erwerbstätige Bevölkerung auf 232 887 (=43,7o/0), also um
52 069 (= 28,8) mehr wie 1895.

Im allgemeinen gliedert sich die Bevölkerung in München
wie uns folgende Übersicht der Mitt. des statist. Amts der
Stadt München (Bd. XXII. Heft 2/1) deutlich zeigt:

Gliederung	männl  Zahl	ich  in %	weibl  Zahl	ich  in %	zusam  Zahl	men  in %
Erwerbstätige  Beruflose	158656	62,76	74231	26,47	232887	43,67
Selbständige	20694	8,19	24561	8,76	45255	8,49
Dienstboten	467	0,19	23120	8,24	23587	4,42
Familienangehörige	72 960	28,86	158564	56,53	231 524	43,42
zusammen	252 777	100	280 476	100	533253	100

„Der Prozentsatz der Erwerbstätigen und der berufslosen
Selbständigen, von deren Tätigkeit und Vermögen die beiden
übrigen Bevölkerungsgruppen wirtschaftlich abhängen, macht
etwas über die Hälfte der Bevölkerung überhaupt aus. Nach
Geschlechtern unterschieden, ändert er sich jedoch merklich
und beträgt beim männlichen über 70o/0, beim weiblichen
nur mehr 35 o/o der gesamten männlichen bezw. weiblichen
Einwohnerschaft. Andererseits ist der Anteil der männlichen
gegenüber den weiblichen Dienstboten verschwindend gering,
wie auch die weiblichen Familienangehörigen die männlichen
sehr erheblich übertreffen.
        <pb n="18" />
        ﻿Bei Zugrundelegung des prozentualen Verhältnisses der
beiden Geschlechter zueinander entfallen auf das männliche
Geschlecht 68,lo/0 und auf das weibliche 31,9% aller Er-
werbstätigen, während die entsprechenden Ziffern für die
selbständigen Berufslosen 45,7 bezw. 54,3, für die Dienst-
boten 2,0 bezw. 98,0 und für die Familienangehörigen 31,5
bezw. 68,5 lauten.“ (Mitteilungen des statistischen Amts der
Stadt München Bd. XXII. H. 2/1 p. 18).

Wenn somit auch die weiblichen Familien-An gehöri-
gen die männlichen noch übertreffen, so hat doch der An-
teil der ersteren sehr schnell von 1882—1907 abgenommen.
Dies kommt eben nach unserer Ansicht davon, daß die moderne
Industrie und die Ausstattung der Wohnungen mit Wasser-
leitung, Kanalisation usw. einen nicht geringen Teil der früher
zu leistenden Arbeit dem häuslichen Betätigungsgebiete des
weiblichen Geschlechts entzogen, sowie auf der andern Seite
die neuzeitliche Emanzipationsbewegung der Frauen eine er-
hebliche Zahl noch im Hause wirkender Angehöriger ihrem
weiblichen Berufe allmählich entfremdet hat. Dadurch sind
nun viele weibliche Arbeitskräfte für eine Erwerbstätigkeit
außerhalb der Familie frei geworden. Dementsprechend ist
ja auch die absolute Anzahl der weiblichen in einem Haupt-
beruf Erwerbstätigen erstaunlich gewachsen.

Daß bei der männlichen Bevölkerung der Anteil der
Familienangehörigen nur relativ wenig zurückgegangen ist, läßt
sich vielleicht auf folgende Ursachen zurückführen: größere
Beschäftigungsmöglichkeit der jungen Arbeiter durch die In-
dustrie und Anstreben besserer Bildung durch größere Wohl-
habenheit der Eltern derselben. Während so die wirtschaft-
lichen Veränderungen einen Teil der Söhne aus dem Eltern-
haus früh zum Erwerb hinaustreiben, halten sie dafür einen
andern Teil länger wie früher dort zurück.

Die selbständigen Berufslosen, welche aus sozial und
wirtschaftlich höchst verschiedenen Gruppen zusammengesetzt
sind, besitzen als allgemeine Erscheinung den „Zug nach der
Stadt“. Dies hatte für München auch eine Bevölkerungs-
Agglomeration der Berufslosen zur Folge. Speziell hier stieg
nach den Berechnungen Dr. v. Rehlingen-Haltenbergs die
        <pb n="19" />
        ﻿10

Zahl der Berufslosen im Zeitraum von 1871—1907 von 13 008
auf 45 255, also eine Mehrung um das 3V2fache. Diese
soziale Erscheinung beruht nach ihm vor allem darauf, daß
„gerade in den größten Städten sich diejenigen Volks-
angehörigen sammeln, welche infolge des erhöhten .Wohl-
standes von der beruflichen Tätigkeit zurücktreten und von
Renten und Pensionen leben.“ Auch hat die Zahl der in
Anstalten zwecks Ausbildung und Studien, also außerhalb des
Familienhaushaltes lebenden Personen in München stark zu-
genommen (8839 männliche und 2359 weibliche) da es nicht
nur Universität, sondern technische, tierärztliche, Handels- und
Musikhochschule, sowie Akademie der bildenden Künste be-
sitzt. Namentlich sind es die norddeutschen und Rheinpfälzer
Studenten, die München auf 1 oder 2 Semester zu ihrem
Wohnsitz machen. Schließlich darf das große Beamtenheer
(nahezu 1/2 Hunderttausend) nicht übersehen werden, welches
gerade dadurch bedingt ist, daß in München sich die höchsten
Staatsbehörden und die Residenz selbst befinden; denn durch
die Zunahme der öffentlichen wie der privaten Beamten und
Angestellten ist eine starke Mehrung der Pensionäre, sowie
durch die Unfall- und Invalidenversicherung eine bedeutende
Zunahme invalider Rentner eingetreten, deren Zahl sich auf
23 774 ohne Familienangehörige beläuft.

Mehr noch als die Zugehörigkeit zu den großen Be-
völkerungsgruppen bedingt die Zugehörigkeit zu einem be-
stimmten Berufe die soziale Oesamtstellung eines Menschen.
Auch die Berufszugehörigkeit hat in erster Linie volkswirt-
schaftliche Bedeutung, sie ist aber als eine Eigenschaft des
Wirtschaftssubjektes aufs engste mit diesem verbunden und
daher sozialwissenschaftlich, d. h. für die Betrachtung der
Unterschiede der menschlichen Lebenshaltung und gesell-
schaftlichen Schichtung von nicht zu unterschätzendem Werte.
Denn durch die Berufszugehörigkeit ist in den meisten Fällen
von vornherein in großen Umrissen die Entscheidung ge-
troffen über die Ausgestaltung der Lebenstätigkeit, ferner
über die Aussichten für Vermögenserwerb sowie das Auf-
steigen zu einer höheren sozialen Klasse, über die Gefahren
und Krankheiten in körperlicher, geistiger und sittlicher Hin-
        <pb n="20" />
        ﻿11

sicht, über das Maß der unbedingt erforderlichen Bildung
und schließlich über das normale Maß der Lebenshaltung und
des gesellschaftlichen Ansehens.

Aus den Mitteilungen des statistischen Amtes der Stadt
München entnehmen wir folgende allgemeine Übersicht:

Die Bevölkerung nach Hauptberufsabteilungen.

Hauptberufs-  abteilungen	männl  Zahl	ich  %	weibli  Zahl	ch  %	zusam  Zahl	men  °/o
A. Land und Forst- wirtschaft	2919	1.15	2503	0.89	5422	1.02
B. Industrie	117117	46.33	107241	38.23	224 358	42.07
C. Handel und Ver- kehr	63011	24.92	79505	28.35	142 516	26.72
D. Lohnarbeit wechselnder Art	10255	4.05	16396	5.85	26 651	5.00
E. Öff. Dienst und freie Berufe	33216	13.13	28585	10.19	61801	11.59
F. Ohne Beruf und Berufsangabe	26259	10.42	46246	16 49	72505	13.60
Zusammen	252 777	100	280476	100	533253	100

Mit Einschluß ihrer Dienstboten und Familienangehörigen leben
etwa 42o/o aller Münchener von industrieller Tätigkeit, es
folgen mit 26,7o/0 Handel und Verkehr, mit 11,6 o/o öffentlicher
Dienst und freie Berufe, mit 5 o/o die Lohnarbeit wechselnder
Art und nur mit 1 o/0 Land- und Forstwirtschaft, während
die Berufslosen 13,6o/o der Oesamtbevölkerung ausmachen.

Bei der Gliederung nach dem Geschlecht verschieben sich
diese Prozentsätze. Es überwiegen in der Industrie und dem
öffentlichen Dienst einschließlich der freien Berufe die Männer,
im Handel und Verkehr, bei den Berufslosen und den wech-
selnde Lohnarbeit verrichtenden Personen die Frauen.

Scheidet man die Hauptberufsabteilungen nach Erwerbs-
tätigen, Dienenden und Angehörigen, so ergibt sich aus nach-
stehender Tabelle:
        <pb n="21" />
        ﻿Erwerbstätige, Dienende und Familienangehörige nach
Hauptberufsabteilungen.

Haupt-  berufs-  abtei-  lungen	Er-  werbs-  tätige	Die-  nende	Ange-  hörige	Von je Berufsa Er- werbs- tätige	100 Pers bt. entfa  Die-  nende	onen jed. llen auf  Ange-  hörige
A	2643	328	2451	48.7	6.1	45.2
B	109148	5486	109 724	48.7	2.4	48.9
C	71 174	5736	65606	50.0	4.0	46.0
D	16670	109	9 872	62.6	0.4	37.0
E	33252	5222	23327	53.8	8.5	37.7
F	45255*)	6706	20544	62.4	9.3	28.3
Zus.	278142	23587	231 524	52.2	4.4	43.4

Daß der relative Anteil der Erwerbstätigen in der unsteten
Lohnarbeit am größten, ist ein Charakteristikum, wie bei der
sozialen Gliederung deutlich zu Tage tritt, des gesamten Mün-
chener Wirtschaftslebens. In der Industrie ist die absolute
Zahl der Erwerbstätigen die höchste, aber relativ steht sie
mit 48,7o/o auf gleich niedriger Stufe wie die Zahl der in
der Land- und Forstwirtschaft erwerbstätigen Personen.

Bei der Betrachtung der einzelnen Berufsgruppen nach
folgender Tabellenübersicht:

Die Bevölkerung nach Berufsgruppen

Berufs-  gruppen	Perso  überh:  Zahl	nen  lupt  %	Berufs-  gruppen	Perso  überh:  Zahl	nen  rupt  %
I	5 061	1.0	XIV	33155	6.2
II	361	0.1	XV	8903	1.7
III	251	—	XVI	39 590	7.4
IV	4041	0.8	XVII	11921	2.2
V	23 490	4.4	XVIII	6109	1.1
VI	23255	4.4	XIX	1061	0.2

*) Selbständige Berufslose.
        <pb n="22" />
        ﻿Berufs-	Personen		Berufs-	Personen	
	überhaupt			überhaupt	
gruppen	Zahl	%	gruppen	Zahl	%
VII	2411	0.5	XX	70121	13.2
VIII	2 706	0.5	XXI	4 907	0.9
IX	2612	0.5	XXII	47058	8.8
X	3013	0.6	XXIII	20420	3.8
XI	7659	1.4	XXIV	26 651	5.0
XII	23152	4.3	XXV	61801	11.6
XIII	31029	5.8	XXVI	72 505	13.6
			Zus.	533253	100

muß uns auffallen, daß die Gruppe XXVI „Ohne Beruf und
Berufsangabe“ mit 72 505 Personen von allen Gruppen die
stärkste Besetzung aufweist. Verhältnismäßig wenig geringer
ist die Gruppe XX (Handelsgewerbe) vertreten, während die
Industriegruppen V—XIII in der Mittelstellung sich einreihen
lassen. Hervorzuheben ist nur Gruppe XIII selbst, die In-
dustrie der Nahrungs- und Genußmittel mit 31 029 beschäf-
tigten Personen. Dahin gehören die jeder Großstadt eigen-
tümlichen Großbäckereien, Großschlächtereien sowie die
Konservenfabriken, welche bei unserer späteren Betrachtung
ausscheiden. Die Gruppe V, Metallverarbeitung, mit 23 490
und die folgende der Industrie der Maschinen, Instrumente
und Apparate mit 23 255, sowie die Gruppe XII, der In-
dustrie der Holz- und Schnitzstoffe mit 23152 Personen stehen
obenan und sind hier besonders hervorzuheben, da die sonstigen
in der vorstehenden Tabelle angeführten Berufsgruppen die
Zahl 10 000 der beschäftigten Personen nicht erreichen. Um
zu zeigen, wie sehr Münchens chemische Industrie noch im
Entwicklungsstadium sich befindet, wollen wir zum Schlüsse
noch auf die geringe Zahl der 2411 darin erwerbstätigen Per-
sonen, d. i. 0,5 o/o der in Berufen stehenden Bevölkerung Mün-
chens, ergänzend hinweisen. —
        <pb n="23" />
        ﻿Zweiter Abschnitt:

Soziale Gliederung der Erwerbstätigen und
Zuzugsverhältnisse der Arbeiter.

Um die Klassengliederung der Münchener Bevölkerung
ganz zu verstehen, müssen wir in folgendem die soziale
Gliederung der Bewohnerschaft näher ins Auge fassen.

Die deutsche Statistik unterscheidet in den 3 Berufs-
zählungen von 1882, 1895 und 1907 drei sozial voneinander
verschiedene Klassen der erwerbstätigen Bevölkerung, soweit
sie den Berufsabteilungen Landwirtschaft, Industrie, Handel
und Verkehr (A—C) angehört:

Selbständige (einschließlich der leitenden Beamten), An-
gestellte (alle nicht leitenden wissenschaftlich, technisch oder
kaufmännisch gebildete Beamte) und Arbeiter.

Wir wollen auf diese Unterscheidung eingehend, dennoch
nicht außer acht lassen, daß München als Metropole der Kunst
txnd als Residenzstadt auffallend viel Berufszugehörige des
höheren Dienstes, der Wissenschaft und Künste, sowie der
Rentner und Pensionäre besitzt und daher, wie aus späteren
Berechnungen folgt, die Arbeiterklasse im Vergleich mit der
Gesamtbevölkerung einen verhältnismäßig geringen Teil der-
selben ausmacht. Deshalb sind auch in München die Entwick-
lungstendenzen der 3 sozialen Klassen der Selbständigen, An-
gestellten und Arbeiter ganz andere wie in sämtlichen Kreisen
Bayerns und im Deutschen Reich. Wenn auch bei Betrach-
tung der Verschiebung der beruflichen Volksgliederung all-
gemein eine starke Zunahme der gewerblichen, industriellen
und Handelsbevölkerung als hervorragende Erscheinung fest-
gestellt werden konnte, so ist doch die soziale Umschichtung
in München selbst nicht gekennzeichnet durch absolute Ab-
        <pb n="24" />
        ﻿15

nähme der Selbständigen und rasches Anwachsen der Ar-
beiterklasse, wenn auch die Relativzahlen das Gegenteil zu
bezeugen scheinen.

In München waren

	1895	1907	1895  in % a b c	1907  in % a b c
Selbständige	34 595	40 411	23,5	22,1
Angestellte	11 918	22 879	8,1	12,5
Arbeiter	100 958	119 675	68,4	65,4

Es haben demnach entgegen der allgemeinen Tendenz
die Selbständigen absolut um 5816 zugenommen (rel. — 1,4),
obwohl die „Alleinbetriebe in dem ganzen Bannkreis der Stadt
erfreulicherweise abgenommen haben“. (Gewerbestatistik
des statistischen Amts der Stadt München.) Diese eigentüm-
liche Tatsache zu begründen, bedürfte es ganz eingehender
Lokaluntersuchungen, da dies nicht aus den allgemeinen Er-
gebnissen der Berufs- und Betriebszählungen zu erklären ist.
Die fehlenden Untersuchungen einwandfrei durchzuführen, be-
darf auch außerordentlicher Lokalkenntnis und fällt aus dem
Rahmen dieser Arbeit heraus. Einen äußerst raschen Auf-
schwung haben die Angestellten genommen, deren Zahl nicht
nur absolut, sondern auch relativ sehr gestiegen ist. Dies
hat auch darauf eingewirkt, daß 1907, obwohl die Arbeiter-
zahl absolut sich um 18 717 erhöhte, auf 100 Erwerbstätige nur
65,4 Arbeiter kommen, während die Relativzahl der arbeitenden
Bevölkerung 1895 auf 68,4 stand. Im Voraus sei bemerkt, daß
der weitaus größte Teil der Mehrung der industriellen Arbeiter
auf die ungelernten Arbeiter fällt, weil durch die weitgehende
Verwendung und Vervollkommnung der Maschinen die gelernte
Arbeit in der Industrie vielfach im Verschwinden begriffen
ist. Das soziale Bild, das sich daraus für München entrollt,
ist bei weitem nicht so proletarisch gefärbt, wie es von vielen
Männern unseres politischen Lebens behauptet wurde. Diese
Schattierung wird noch um eine Nüance heller bei der Be-
trachtung, daß auch bei solcher Abgrenzung die als „prole-
tarische“ bezeichnete Schicht noch sehr verschiedene Schichten
        <pb n="25" />
        ﻿16

von mehr oder minder tiefer oder gehobener sozialer Stellung
in sich schließt.

München hat ebenso wie die andern Großstädte Deutsch-
lands an der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung des letzten
Vierteljahrhunderts einen erheblichen Anteil gehabt, was für
manche kleine Industrien von Bedeutung wurde. Aber der
soziale Aufbau seiner Bevölkerung weist erhebliche Ungleich-
heiten gegenüber den anderen Großstädten auf. Die Anzahl
der Arbeiter hat sich ja nicht so sehr vermehrt wie in jenen.
Im Jahre 1907 zählten die Selbständigen und Angestellten
zusammen fast zwei Dritteil der Arbeiter (119 675) (s. Tabelle).

1907

Berufsabteil. A— C	Selbständige	Angestellte	Arbeiter
männlich	26 939	17 664	81 069
weiblich	13 472	5 215	38 606
zusammen	40411	22879	119675

Den Anteil der Selbständigen, Angestellten und Arbeiter an
den Erwerbstätigen der Berufsabteilungen A—C zeigt folgende
Berechnung:

	Von 100 aller Erwerbstätigen männlichen, bezw. weiblichen Geschlechts, bezw. überhaupt in den Berufsabteilungen A—C waren		
	Selbständige	Angestellte	Arbeiter
männlich	21,44	14,05	64,5
weiblich	23,52	9,10	67,38
zusammen	22,09	12,50	65,41

Von 100 Erwerbstätigen der Berufsgruppen A—C trafen
65,41 auf die Arbeiter, 12,5 auf die Angestellten und 22,09
auf die Selbständigen. Damit kann man München zu den
Städten zählen, welche die meisten Selbständigen innerhalb
der Erwerbstätigen der Berufsgruppen A—C besitzen.

Werfen wir jetzt noch einen Blick auf die Zusammen-
setzung der Arbeiterschaft nach dem Geschlecht, so ersehen
        <pb n="26" />
        ﻿17

wir aus der Tabelle, daß in München die weiblichen Arbeits-
kräfte nicht ganz x/3 aller ausmachen (38 606 gegen 81 069 männ-
liche). Dies ist ganz anders in Städten mit sogenannter schwerer
Industrie, denn hier tritt das weibliche Element stark zurück.

Der Anteil, den die Arbeiter an der ortsanwesenden Be-
völkerung haben, erhellt sich aus folgender Berechnung:

Ortsanwesende

Bevölkerung

533253

Von 100 der Gesamtbevölkerung waren:
Selbständige | Angestellte I Arbeiter

7,58	|	4,29	|	22,44

■Während für alle deutschen Großstädte zusammen die Ar-
beiter fast V4 der ortsanwesenden Bevölkerung (24,76 o/o) aus-
machen, weist München eine Arbeiterzahl von 22,44_o/o auf.
München hat demnach einen zu kleinen Arbeiterstamm
gegenüber seinen Schwesterstädten.

Weil die Vergleichung des Zählungsergebnisses von 1907
mit den früheren bezüglich der Schicht der Arbeiter erschwert
ist, dadurch, daß die mithelfenden Familienangehörigen in der
Schicht der Selbständigen früherer Zählungen nicht als er-
werbstätige Angehörige erscheinen, wurde folgende Tabelle
aufgestellt um die Arbeiter-Bevölkerung Münchens in der Ge-
samtzahl mit den Dienenden und Angehörigen zu erfassen:

Arbeiterbevölkerung:

Dienende und Angehörige der Arbeiter	insgesamt	in % der Gesamt- bevölkerung
101064	220379	41,33

In München kommen demnach1 auf 100 Personen der Gesamt-
bevölkerung 41,33 Arbeiter mit Dienenden und Angehörigen,
d. h. Münchens Arbeiterbevölkerung steht ebenfalls unter dem
Purchschnitt der 42 Großstädte Deutschlands, wonach die
Arbeitermasse zusammen rund die Hälfte der gesamten Be-
völkerung beträgt. Dafür zeigt sich in München eine ver-
hältnismäßig starke Besetzung der jüngeren und mittleren
Altersklassen der Arbeiter. Die Begründung mögen folgende

Fritz, München als Industriestadt,	2
        <pb n="27" />
        ﻿18

Ausführungen liefern. Die Stadt ist, wie aus ihrer wirtschaft-
lichen Lage folgt, nicht sehr für Industrie, wohl aber für Handel
und Verkehr vorzüglich gelegen; dennoch hat sie in den letzten
Jahrzehnten ihre gewerbliche Tätigkeit durch Umwandlung
kleiner Unternehmungen zu größeren weiterentwickelt. Die
eingeborene Bevölkerung vermochte nicht die nötige Anzahl
von Händen zur Verfügung zu stellen, weshalb sie durch hinzu-
strömende Arbeiter aus anderen Gemeinden ergänzt werden
mußte, wie wir noch in den nächsten Seiten sehen werden.
Von den zugewanderten Arbeitern waren bei weitem die mei-
sten mittleren Alters, da nur sie den neuen und außerdem ge-
steigerten Ansprüchen der Großstadt München genügen konn-
ten. Auch ziehen viele jüngere Arbeiter jahraus jahrein nur
deshalb hierher, um durch die Tätigkeit in den Betrieben, in
denen meist qualifizierte Arbeiten geleistet werden, ihre ge-
werbliche Geschicklichkeit zu steigern und hier die in weit
größerem Maße vorhandenen, sehr guten gewerblichen Bil-
dungsanstalten in den Freistunden zu besuchen. Nach einigen
Jahren aber wandern viele von ihnen wieder ab, um ihr Ge-
werbe selbständig oder doch in einer besseren Stellung zu be-
treiben. Hier ist es noch möglich, daß vom Lohnarbeiterstand
ein Aufsteigen stattfindet in den Mittelstand. Dies ist aber auch
nicht allgemein der Fall, da die Eltern vieler solcher jungen
Arbeiter selbständige Handwerker sind oder doch dem Ar-
beiterstand nicht angehören.

Daß die Leistungsfähigkeit des Arbeiters mit 40 Jahren
sehr rasch nachläßt, hat uns ein Pionier des Kulturfortschritts
im 20. Jahrhundert, Professor Abbe, an seinem Vater selbst
sehr drastisch vor Augen geführt. „Mein Vater war ein Hüne
an Gestalt und Kraft, so erzählt er von ihm, ich mußte ihm
abwechselnd mit meiner Schwester1 mittags das Essen in einem
Henkeltopf in die Fabrik bringen, wo er es stehend, an die
Maschine gelehnt, hastig verzehrte, um ja nicht zu viel von der
13—löstündigen Arbeitszeit zu verlieren. — Und mit 40 Jah-
ren war mein Vater ein Greis, verarbeitet und verbraucht!“

Die Folge dieser Tatsache ist für München, daß viel solche
Arbeiter, die nicht unter die von der Stadt Unterstützungs-
pflichtigen fallen und die nur noch schwer in den Mauern der
        <pb n="28" />
        ﻿19

Stadt ihr Brot verdienen können, nach anderen Gemeinden
oder der Heimat wieder abwandern, in denen vielleicht ge-
ringere Anforderungen an sie gestellt werden oder sie in-
folge des Bürgerrechts auskömmliche Beschäftigung bei der
Gemeinde erhalten.

.Welche Mengen fremder Arbeiter München braucht, um
die Nachfrage der Industrie und des Handels zu befriedigen,
woher sie kommen, all das lehrt uns die statistische Betrach-
tung im Folgenden. Wir wollen versuchen die Zuwanderungs-
verhältnisse der verschiedenen Berufsgruppen' insbesondere der
Arbeiter sowie die Stellung der Ortsgebürtigen zu den zuge-
wanderten für München festzustellen, wobei uns wieder die
Lage der Arbeiter, insbesondere der Industriearbeiter, haupt-
sächlich beschäftigen wird.

Die örtlichen Verschiebungen innerhalb der Landesgrenzen,
mögen sie auch am Gesamtstand nichts ändern, rufen einen
bedeutsamen Wandel in der Verteilung und in der natürlichen
sowie sozialen Zusammensetzung der Volksmassen einzelner
Gebiete hervor.

Die Tendenz, welche den Binnenwanderungen fast aller
Länder Europas im vergangenen Jahrhundert eigen war und
die sich in der Gegenwart selbst noch zu steigern scheint,
wird bekanntlich mit dem „Zug in die Stadt“ gekennzeichnet.
Auch in Bayern kann man von einem starken Zug in die
Städte, namentlich Großstädte, sprechen. Dieser Zustrom in
die Großstadt bildet vielfach das Schlußergebnis einer langen
Reihe von Verschiebungen, die zunächst zwischen den ein-
zelnen Ortschaften, Gemeinden und größeren Gebietsteilen vor
sich gehen, bevor sie in der Großstadt und in dem sie um-
gebenden Wirtschaftsgebiet ihren Abschluß finden.

Die Bevölkerung Münchens betrug im Jahre 1907, wie
wir schon gehört haben, rund 533 000 Seelen. Davon
waren 216 000, also ungefähr zwei Fünftel in München selbst
geboren, während weitaus die Mehrheit der Einwohnerschaft,
317 000 oder drei Fünftel, von auswärts eingewandert waren,
davon allein 255000, beinahe 48o/0, aus anderen bayerischen
Gemeinden. Untersucht man die Herkunftsverhältnisse der
Binnenwanderer, so zeigt sich zunächst der heimische

2*
        <pb n="29" />
        ﻿20

Kreis als der wichtigste Ausgangspunkt des Zuzugs aus dem
Landesinnern nach der Hauptstadt: beinahe 76 000 Einwohner
oder 14 "p/o der gesamten Bevölkerung waren aus einer ober-
bayerischen Gemeinde nach München gezogen. Allein auch
die übrigen südlichen Kreise und die Oberpfalz steuern nicht
viel weniger zur hauptstädtischen Bevölkerung bei; von Nie-
derbayern stammten über 58 000, aus Schwaben fast 35 000 und
aus der Oberpfalz beinahe 40 000 Personen der Münchener Be-
völkerung, so daß beinahe der vierte Teil der gesamten Ein-
wohnerschaft in diesen drei Kreisen geboren war.

Die Bevölkerung der Hauptstadt besteht also in ihrer über-
wiegenden Mehrheit aus altbayerischen Elementen, auch unter
den Zugewanderten bilden die Oberbayern, Niederbayern und
Oberpfälzer den Hauptkern. Erheblich ist, wie oben gezeigt,
auch die Zuwanderung aus Schwaben. Dagegen steuern die
fränkischen Gebietsteile und die Pfalz zusammen nicht einmal
den zehnten Teil der hauptstädtischen Einwohnerschaft bei. Da
München, wie überhaupt die süddeutschen Hauptstädte, ein
Zuwanderungszentrum für einen Umkreis ist, der sich fast auf
das Staatsgebiet beschränkt und so im Gegensatz steht zu Ber-
lin, der ersten Stadt des deutschen Reiches, für welche dessen
Gesamtgebiet als Zuwanderungsrayon in Betracht kommt,
nimmt es nicht wunder, daß die auswärts geborene Bevölkerung
mit der Entfernung sich recht schnell verringert, eine auch für
die sonstigen Herkunftsbezirke zutreffende Tatsache.

Dann darf man nicht vergessen, daß München das Zu-
wanderungszentrum für die fast ausschließlich katholische Land-
bevölkerung Ober- und Niederbayerns sowie Schwabens und
der Oberpfalz ist, während die rechtsrheinischen Regierungs-
bezirke mit vorwiegend evangelischen Bewohnern ihren wirt-
schaftlichen Mittelpunkt in Nürnberg haben. Auf diese Tat-
sache kommen wir noch zurück.

Allgemein wollen wir hier feststellen, daß das Wachstum
der Bevölkerung Münchens während der verflossenen Jahr-
zehnte weit mehr auf starker Zunahme als auf natürlicher
-Vermehrung beruhte und zwar hat sie seit Gründung des
Reiches beinahe zu vier Fünftel durch den Überschuß der
        <pb n="30" />
        ﻿21

Zuwanderung und um etwa zu ein Fünftel durch eigenes, natür-
liches Wachstum zugenommen.

Haben wir bis jetzt Stärke und Richtung des Münchener
Zuzugs charakterisiert, so wollen wir nun die Industriebevölke-
rung näher ins Auge fassen.

Während die in der Land- und Forstwirtschaft Tätigen
überwiegend aus München und den benachbarten Regierungs-
bezirken selbst stammen, verschieben sich die Ziffern in der
Industrie etwas zu Gunsten der Nichtbayern. Das statistische
Amt gibt an, daß bei 31,1 °/o Münchnern, 15,9 o/o aus dem
übrigen Oberbayern, 13,5 % aus Niederbayern, 6,8o/o aus
Schwaben und 9,0 o/0 aus der Oberpfalz Gebürtigen der An-
teil der Ober-, Mittel- und Unterfranken sowie der Pfälzer an
der industriell tätigen Bevölkerung 8,3 o/o, der Anteil der üb-
rigen Süddeutschen 3,7 o/0' und der anderorts Geborenen 11,7 °/o,
darunter 5 °/o aus Österreich ausmache.

Für den Industriearbeiter kommen, nach diesen Relativ-
zahlen zu schließen, sowohl die nächsten wie entferntesten
Gegenden als Herkunftsland in Betracht. Für den ungelernten
Arbeiter gibt es keine Zuwanderung aus fernen Bezirken, was
beim gelernten Arbeiter in stärkerem Maße vorkommt, nament-
lich beziehen manche Spezialindustrien gelernte Arbeiter aus
sehr fernen Gegenden, in denen diese Industrien alteingesessen
sind. Überhaupt zeigen sich die Wirkungen der Freizügigkeit
immer mehr, je besser ein Arbeiter zu qualifizieren ist, je mehr
er sich einer sozial höherstehenden Klasse nähert. So waren
von den aus Österreich gebürtigen 3943 Arbeitern und 564 Ar-
beiterinnen, 3398 männliche und 698 weibliche gelernte Ar-
beitskräfte, denen nur 543 männliche und 433 weibliche un-
gelernte gegenüberstanden.

Den gelernten, oft sogar den an- bezw. ungelernten Ar-
beitern zuzurechnen sind die Heimarbeiter, welche zumeist von
ihren Verlegern wirtschaftlich abhängig und von den Selb-
ständigen zu trennen sind. Sie stammen meist aus München
selbst oder den nächstgelegenen Regierungsbezirken.

Über die genauen Herkunftsgebiete der Münchener Ar-
beiterbevölkerung in Industrie, Handel und Verkehr mögen uns
folgende Ziffern eine ergänzende Darstellung geben:
        <pb n="31" />
        ﻿22

Die Arbeiterschaft

der Hauptberufsabtei 1 ungen A—C nach
Geschlecht, Berufsstellung, städtischer und
ländlicher Herkunft.

Herkunfts-	Helf.	Farn.-	Gelernte		Ungelernte	
gegenden	Angeh.		Arbeiter		Arbeiter	
	m.	w.	m.	w.	m.	w.
München Stadt	239	2300	18497	8944	3412	2917
Oberbayern Stadt	11	377	2127	1164	968	837
„	Land	22	931	6693	1903	4109	2153
Niederbayern Stadt	2	256	2252	871	666	598
„	Land	10	689	6325	1706	3533	2031
Schwaben Stadt	1	209	1728	542	367	293
„	Land	3	401	2596	474	1087	475
Oberpfalz Stadt	3	232	1754	490	343	635
„	Land	6	507	4443	707	1569	664
Oberfranken Stadt	—	48	481	140	96	39
„	Land	—	80	882	110	269	99
Mittelfranken Stadt	3	108	1031	261	157	119
„	Land	—	135	1387	227	460	235
Unterfranken Stadt	1	51	468	120	67	41
„	Land	2	83	834	98	192	85
Rheinpfalz Stadt	—	21	197	51	45	22
„	Land	—	19	225	32	76	25
übriges Süd- Stadt	3	95	1140	251	124	94
deutschland Land	—	86	915	155	223	89
Norddeutsch- Stadt	8	88	1885	283	128	77
land	Land	3	36	815	93	82	51
Zus. Stadt	271	3785	32560	131171	6373	5672
Land	46	2967	25115	55051	11600	5907

Darin sehen wir zugleich, daß mit der Entfernung von
München die Gebürtigkeit der Arbeiter in den Städten zu-
nimmt und die Zahl der auf dem Land geborenen Arbeiter
schnell sinkt. Diese Arbeiterbevölkerung, die München von
weit entfernten Gegenden herbeiziehen muß, sucht die Stadt
allmählich seßhaft zu machen, was ihr durch die Gebundenheit
        <pb n="32" />
        ﻿der Industrie an bestimmte, zumeist nicht sehr zahlreiche'Stand-
orte gelingt.

Von den verschiedenen Berufszvveigen zeigen vor allem
die mit dem künstlerischen und literarischen Leben verknüpf-
ten Industrien einen stark großstädtischen Zug: von den in
künstlerischen Gewerben tätigen Personen wurden 64,6 °/o, von
den im polygraphischen Gewerbe beschäftigten mehr als die
Hälfte (53,5 o/o) als Eingeborene in der Zählgemeinde Mün-
chen gezählt. Nicht so stark herrscht die Stadtbevölkerung
vor in einigen Wirtschaftszweigen, obwohl auch sie noch erheb-
lich ist: in der Maschinenindustrie, der Industrie forstwirtschaft-
licher Nebenprodukte, der Metallindustrie, im Reinigungs-
gewerbe, in der Lederfabrikation und anderen.

Zweifellos fällt hier die geographische Verteilung der In-
dustrie stark ins Gewicht, wie dies uns später deutlich vor
Augen treten wird. Wir wollen es aber nicht unterlassen,
schon jetzt darauf hinzuweisen, daß dies zum Teil mit natür-
lichen Verhältnissen zusammenhängt, teils auch mit histori-
schen; trotzdem beeinflußt gerade die geographische Industrie-
verteilung sehr stark die Verteilung der Wirtschaftszweige auf
die einzelnen Siedlungsgruppen. —

Diese Arbeiterschaft, die nach München gezogen wird,
müssen wir, wie schon bei Betrachtung der Gebürtigkeit ge-
schehen, in die zwei sozial wichtigen Gruppen der gelernten
und ungelernten Arbeiter teilen. Die gelernten Arbeiter stehen
ihren Arbeitgebern in einer weit günstigeren Position gegen-
über, weil vermöge der für die Ausübung ihres Berufes er-
forderlichen Vorbildung das Angebot von Arbeitern in der
Regel ein beschränktes ist und zwar besonders in den günstig
sich entwickelnden Industrien, bei denen der gewerblich-ge-
lernte Nachwuchs sich in engen Grenzen bewegt. Je höher
qualifiziert eine zu leistende Arbeit ist, um so sicherer ist die
Stellung der sie verrichtenden Arbeiter, desto höher ist der
Lohn und desto mehr sind die Arbeiter vor Entlassung und
damit vor Arbeitslosigkeit und Not geschützt. Der gelernte
Arbeiter, insofern er nicht ortsgebürtig ist, vermag infolge seiner
guten beruflichen Schulung und auch infolge seiner Zugehörig-
keit zu einer Organisation viel weiter zu wandern wie der
        <pb n="33" />
        ﻿24

ungelernte, der meist den benachbarten größeren Gemeinden
zustrebt und erst wieder weiterzieht, wenn keine Arbeit mehr
für ihn Vorhänden ist. Neben Baden und Württemberg zeichnen
sich Thüringen, Sachsen und die Rheinlande als Haupther-
kunftsgebiete für die gelernten Arbeitskräfte aus. Die Lage
der ungelernten Arbeiter ist weit ungünstiger. Da von ihnen
solche Arbeit verlangt wird, bei der es nur in geringem Maße
auf Geschicklichkeit, sondern fast ausschließlich auf ihre Kör-
perkraft ankommt, so sind sie leicht zu ersetzen. Da auch
nur die Intelligenteren zu gelernter Arbeit herangezogen wer-
den, ist das Angebot von ungelernter Arbeit ein außerordent-
lich großes und zwar um so mehr als. in diese soziale Schicht
alle diejenigen hinabsteigen, welche in anderen Berufen Schiff-
bruch gelitten haben, deren es leider in München ja Sehr
viele gibt. In der Hauptsache aber rekrutieren sich diese un-
gelernten Arbeiter aus den von den umgebenden Gegenden
zugezogenen bäuerlichen Elementen, die infolge ihrer Schwer-
fälligkeit zu besseren Arbeiten selten herangezogen werden
können. Ihre Zahl ist aber für München erheblich größer wie
die der gelernten Arbeiter, da gerade hier infolge der hohen
Löhne der letzteren bei der Industrie nicht nur das Bestreben
besteht, die menschliche Arbeit durch Maschinen zu ersetzen,
sondern vielfach auch die gelernten Arbeiter durch die unge-
lernten.

Für das Gesamtbild ist von nicht unwesentlicher Bedeu-
tung die starke Entwicklung des Münchener Baugewerbes, in
welchem allein x/3 aller ungelernten Arbeiter Beschäftigung
finden.

Die gesamte Münchener Lohnarbeiterschaft rekrutiert sich
in ihrer Masse aus ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten:
aus ehemaligen Kleinmeistern und Meisterssöhnen der vom
Großbetrieb eroberten Produktionszweige, aus gelernten Ge-
sellen handwerksmäßiger Berufe und derjenigen Abteilungen
der Großindustrie, die noch im wesentlichen handwerksmäßige
Arbeitsgeschicklichkeit erfordern und schließlich aus dem Tag-
löhnerproletariat in Stadt und Land. Dabei macht die letzte
Schicht allein etwa 70 o/o der gesamten Lohnarbeiterschaft aus.
Sie stammen, wie wir dies schon gezeigt haben, zum geringen
        <pb n="34" />
        ﻿— 25 —

Teil aus München selbst, größtenteils kommen die Massen
dieser Arbeiter aus den umliegenden Gauen und Bezirken.
So umfaßt die aus den Regierungsbezirken Südbayerns, er-
folgende Zuwanderung einen beträchtlichen Teil ungelernter
Arbeiter, da sie eine vorwiegend landwirtschaftliche Bevölke-
rung haben. Wenig vorteilhafte Verhältnisse, die Voraussicht
nie eigenen Grund und Boden besitzen zu können und die
rosigen Schilderungen heimkehrender Arbeiter, läßt sie das,
Leben in der Stadt und die industrielle Tätigkeit der heimat-
lichen Scholle und der schweren landwirtschaftlichen Arbeit
vorziehen. Aber auch hier wird ihnen nur selten die Möglich-
keit, ihre Existenz wirtschaftlich durch Besitz zu sichern, sie
bleiben großenteils zeitlebens vom Ertrage ihrer Arbeit ab-
hängig.

Da München ein ausgedehntes Kleinbürgertum, Kleinhand-
werker und Kleinhändler, besitzt und viele Betriebe sich im
wirtschaftlichen' Kampfe nicht mehr zu halten vermochten, zeigt
die Masse der gelernten Arbeiter einen erheblichen Einschlag
an früheren Kleinmeistern, die ihren Betrieb aufgegeben haben
und nun teils als Virtuosenarbeiter, Aufseher, Meister oder
doch bessere Arbeiter in den Großbetrieben tätig sind. Häufig
finden wir dies im künstlerischen und polygraphischen Ge-
werbe, aber auch die holzverarbeitenden Industrien, wie die
Möbelfabriken, weisen eine beträchtliche Anzahl solcher Ar-
beiter auf, die ihre einstige Selbständigkeit aufgeben mußten.
Während diese Arbeiterkategorie fast ausnahmslos zu den Mün-
chener Bürgern zählt oder doch schon lange Jahre hier an-
sässig ist, gehören die als Arbeiter tätigen früheren Gesellen
eines Handwerks zu 4/5 den Zugewanderten an. Sie bilden
jenen Teil der gelernten Arbeiter, der weit von seiner Heimat
weg Beschäftigung sucht und findet. Wir sehen sie sowohl in
der Maschinenindustrie wie namentlich im Buchdruckergewerbe,
das ja von den tariftreuen Arbeitern eine Lehrzeit von 4 Jahren
fordert, außerdem bei all den Industrien, die auch bei größter
Arbeitsteilung, intelligente, anpassungsfähige und willensstarke
Menschen verlangen.

Leider machten wir gerade in München die Erfahrung,
daß solche Arbeiter nur Arbeiter bleiben und es nicht weiter
        <pb n="35" />
        ﻿26

bringen, weil sie es teils nicht wollen, teils nicht können. Ein
Anfsteigen in eine sozial höhere Schicht ist einfach unmöglich.
Denn, auch wenn er nie vom Klassenkampf gehört hat, nichts
von Theorien über das gegensätzliche Interesse von Unter-
nehmer und Arbeiter weiß, was wir kaum anzunehmen brau-
chen, ist der Lohnarbeiter gerade in den Münchener kapitalisti-
schen Unternehmungen sehr darauf bedacht, das Arbeitsquan-
tum, das er für eine bestimmte Summe Lohnes leisten soll,
so niedrig wie nur möglich zu halten. Ein anderes Hindernis,
das den Wunsch zur Verbesserung sowohl wie jede Arbeits-
freude ersticken muß, liegt ebenfalls außerhalb der Betriebs-
organisation in der Parole der organisierten Arbeiter, daß die
Lohnverhältnisse zwischen dem schlechten und dem vortreff-
lichen Arbeiter keine nennenswerten Differenzen aufweisen dür-
fen und daß ferner die quantitative Arbeitsleistung des hervor-
ragenden Arbeiters über eine bestimmte von der Organisation
vorgeschriebene Grenze nicht hinausgehen darf, sonst wird
der Mann zur Verantwortung herangezogen. Dieses Vorgehen
wird von den Fabrikunternehmern sehr beklagt, aber es gibt
auch kaum etwas Unheilvolleres gerade für das Aufsteigen
des Arbeiterstandes wie diese Organisationsparole.

Außer diesen gelernten und ungelernten Arbeitern der
Industrie besitzt München eine sehr große Anzahl unsicherer
Existenzen, Saisonarbeiter, da die Stadt eine Fülle von Er-
werbsquellen aufweist, die den Charakter nicht ständigen son-
dern mehr gelegentlichen Erwerbs tragen, wie dies die Ar-
beitslosenzählung vom 11. II. 1912 beweist. Dennoch darf
man bei dem allgemeinen Überblick gerade sie nicht un-
erwähnt lassen, weil das Münchener Wirtschaftsleben seinem
ganzen Charakter nach mehr auf der Grundlage solcher
Erwerbszweige ohne ständige Beschäftigung beruht wie das
jener Städte, wo regelmäßige Werkstätten- und Fabrikarbeit
in höherem Maße Gelegenheit gibt zu ständigeren dem Saison-
charakter weniger unterliegenden Beschäftigungsgelegenheiten.
Wir denken an die Arbeiter, welche neben dem Baugewerbe,
in den an dem Fremdenverkehr interessierten Erwerbszweigen,
dem Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe, Kaffeehausbetrieb
und in persönlichen Dienstleistungen eine zeitweise Beschäf-
        <pb n="36" />
        ﻿tigung finden. Sie sind es, welche das Angebot ungelernter
Arbeiter sehr erheblich vermehren und die Löhne dieser Ar-
beiterklasse herabzudrücken imstande sind. Daß ihnen das
nicht voll gelingt, ist zum großen Teil ein Verdienst des all-
gemeinen Fabrikarbeiterverbandes, der die ungelernten Ar-
beiter in seinem Mitgliederstande mit umfaßt.

Allgemein dürfen wir aber annehmen, daß der Arbeiter-
stand Münchens die verschiedensten Berufs- und Klassen-
elemente in sich vereinigt vom geringsten Proletarier, dessen
Ahnen stets dem vierten Stande zugehörten, an gerechnet
bis zu dem Arbeiter, der einst einen selbständigen Betrieb ge-
leitet hatte und dessen Familie dem alten Flandwerkerstande
treu geblieben war.
        <pb n="37" />
        ﻿Dritter Abschnitt:

Allgemeine Lage und Lebensbedingungen
der Münchener Industrie.

München hat nach all dem Gehörten im Verhältnis zu
seiner Einwohnerzahl mehr gewerbliche Arbeiter wie seine
Schwesterstädte Nürnberg und Augsburg, welche von alters
her als Industriestädte bekannt waren. Zur eigentlichen In-
dustriestadt ist München nach Ansicht Vieler gleichwohl nicht
geschaffen. Es fehlte auch im allgemeinen, wie dies Dr. von
Borscht, das langjährige Oberhaupt der Stadt, in seinem Auf-
sätze über Münchens Zukunft sagt, der Bevölkerung die Ver-
anlagung dazu den für die industrielle Entwicklung unver-
meidlichen Konkurrenzkampf mit jener zähen Energie durch-
zuführen, die allein einen nachhaltigen Erfolg sichert. Dieselbe
Macht der Tradition, die unter dem Zepter des Hauses Wittels-
bach in den alten Reichsstädten Nürnberg und Augsburg auf
industriellem Gebiete die alte, auf Selbsthilfe beruhende, Reich-
tum und Einfluß verbürgende Tatkraft wieder aufleben ließ,
hielt bei dem Münchener die von seinen Vätern ererbte Meinung
aufrecht, daß bei den günstigen Verhältnissen, die ihm die
Eigenschaft seiner Heimat als. königliche Residenzstadt bot,
behagliches Genießen bei bescheidenem Wohlstände ohne harte
Anstrengung dem Streben nach Reichtum unter gleichzeitiger
Überspannung der Kräfte vorzuziehen sei. So kam es, daß
Nürnberg und Augsburg die Brennpunkte des industriellen
Lebens in Bayern wurden, in München aber der Boden für
eine allgemeine gewerbliche Entwicklung im Großen fehlte.

Unter den bürgerlichen Gewerbetreibenden gab es auch
vor über 100 Jahren in München nur je einen Barometermacher,
Brillen- und Geigenmacher, Goldschläger, Hammerschmied,
        <pb n="38" />
        ﻿29

Kupferstecher, Musikalienverleger, Pinselmacher, Schönfärber,
Spiegelmacher, Strohhutmacher, Zahnarzt. Man unterschied
noch die privilegierten Gewerbe, die von dem Hof und unter
dessen Schutz verliehen wurden; ihre Inhaber hießen „Hof-
schutzbefreite“ und unterlagen keinen bürgerlichen Abgaben;
zu diesen zählte 1804 u. a. ein Trüffeljäger, 1 Federkielhändler,
1 „Mignaturmahler“, 1 Milchmann, 1 Offizierkuppellakierer.
Trotz allem hatte München damals 5 Buchdruckereien und
eine Steindruckerei, die Senefeldersche.

War so Münchens Entwicklung zur eigentlichen Industrie-
stadt von den frühesten Zeiten seiner Entwicklung überhaupt
gehemmt, so drang sein Ruf als Handelsstadt schon damals
sehr weit. Auch Nürnbergs Bürgersohn, Hans Sachs, singt
in seinem „Lobspruch der fürstlichen Stadt München“:

„. . . So ist Stat München obgenand
Die Namhafftigst im Bayerland,

Darum die Bürgerschaft on wandel

Den meisten theil treibt Kaufmannshandel...“

Die Zunahme der Bevölkerung Münchens, die sich in den
folgenden 100 Jahren steter Entwicklung verfünfzehnfacht hat,
bot naturgemäß von selbst auch der Industrie ein Absatz-
gebiet, das sich zuerst auf den Stadtbezirk beschränkte, nach
und nach aber weit darüber hinausgriff. Der ungeahnte wirt-
schaftliche Aufschwung, den München'im Laufe der Jahrzehnte
erfahren hat, war eng mit einer tiefgehenden Wandlung auf
dem Gebiete nicht nur des Wirtschaftslebens, sondern auch
der beruflichen und sozialen Gliederung verknüpft. W'enn
auch in seiner wirtschaftlichen Entwicklung Rückschläge nicht
ausgeblieben sind, so ergibt sich doch im ganzen eine ge-
waltige und überraschend schleunige Aufwärtsbewegung, bei
welcher auch heute ein Ende oder nur eine Verlangsamung
nicht vorauszusehen ist, die vielleicht noch gesteigert werden
kann, wenn den für München geeigneten Industrien erheb-
lich weniger Lasten aufgebürdet und mehr allgemeine Ver-
günstigungen gewährt würden.

Jede Großstadt hat heute solche Industrien, die ihrem
ganzen Gewerbeleben ein eigenes Gepräge geben und für
deren Entstehen und .Weiterentwicklung gerade die günstigsten
        <pb n="39" />
        ﻿30

Vorbedingungen oder Standortsbedingungen gegeben sind. Um
die für München als charakteristisch zu bezeichnenden In-
dustrien auf systematischem Wege zu ermitteln, wurden für
die einzelnen Oewerbeklassen und Gewerbearten an Hand
der Reichsstatistik die prozentualen Verhältnisse der 1907 ge-
zählten 48 Großstädte im deutschen Reiche von uns fest-
gestellt und mit den gewerblichen Verhältniszahlen der Stadt
München in Vergleich gebracht Alle Industrien, die prozentual
unter den Durchschnitt der 48 Großstädte heruntersanken,
wurden als unbedeutend bei der späteren Betrachtung fallen
gelassen und nur in folgendem allgemein gestreift. Durch
diese auf rein methodischer Erfassung der Gewerbetätigen
in den einzelnen Gewerbearten beruhende Ausgliederung der
Industrien kamen jene Gewerbearten zum Vorschein, die schon
rein empirisch durch größere Enqueten bei den Betrieben uns
selbst als, bodenständig für München bekannt waren. Auf
sie wollen wir später noch näher eingehen. Zunächst ver-
suchen wir die Verhältnisse festzustellen, mit denen eine In-
dustrie in München zu rechnen hat.

Die geographische Lage der Stadt München ist nicht be-
sonders günstig. Von vielen Großstädten des Reiches liegt
München am südlichsten in einem von Gebirgen und nach-
barlichen Zollgrenzen umschlossenen Winkel des deutschen
Gebietes. Ihm fehlt das große kauffähige Hinterland, an das
es seine Produkte absetzen kann. Es hat keinen Anteil an
den großen Binnenwasserstraßen, an Kanälen, die eine Ver-
bindung mit dem Meere, dem Auslande ermöglichten. Die
billige Wasserfracht für Rohprodukte wie für Fertigfabrikate
wird durch die teueren Eisenbahntarife ersetzt. Da fast
sämtliche Rohstoffe für die industrielle Produktion fehlen, wach-
sen diese Frachtkosten ins Ungeheure, noch mehr aber durch
das Fehlen einer für die Industrien brauchbaren Kohle. Die
natürliche Entwicklung vieler Industrien, namentlich derjenigen,
welche die Kohle als Hauptkonsumartikel bedingen, hängt von
der billigen Beschaffung der letzteren ab. Bayern rechts-
rheinisch, das für uns in diesem Fall in Betracht kommt, er-
freut sich aber keineswegs, eines besonderen Kohlenreichtums
und ist zum größten Teil auf Kohlenimport angewiesen. Wohl
        <pb n="40" />
        ﻿fördert die oberbayerische Aktiengesellschaft für Kohlenberg-
bau jährlich über 1/2 Millionen Tonnen Kohlen, aber diese
Kohle kann sich in Bezug auf Qualität gar nicht messen mit
guten Steinkohlen und ist auch nicht zu billig, infolge der
erheblichen Kosten des Abbaus. Die oberbayerischen Kohlen-
gruben liefern tatsächlich nur eine Art Mineral- oder Pech-
kohle, d. h. nach den Angaben des kgl. Oberbergamts eine
„Braunkohle, welche der Steinkohle ähnliche Qualitäten be-
sitzt“. Diese Kohle hat neben allzugroßer Schlackenmenge
eine zu geringe Heizkraft, als daß sie für die Industrie
direkt brauchbar wäre. Erst der Einbau des sogenannten kon-
tinuierlichen „Münchener Stufenrostes“ in die Kesselanlage
läßt eine beschränkt-industrielle Verwertung zu. Für Mün-
chen kommen diese Kohlen deshalb meist nur für den Haus-
brand in Betracht. Die Folge davon sind wiederum große
Auslagen an Kohlenfrachten, denn man ist genötigt, den
schwarzen Diamanten in Hauptmengen aus dem Saargebiet,
bezw. Rheinland-Westfalen und Schlesien zu beziehen. Jähr-
lich werden nahezu 30 Millionen Mark an Fracht zu dem
Zwecke einer geeigneten Kohlenversorgung ausgegeben.

Wäre der Ludwig-Donau-Mainkanal nicht zu umständlich
und veraltet und müßte man nicht bei 121 km Länge 146 Schleu-
sen passieren, so würden diese Frachten schon erheblich
verringert werden. Daß eine Besserung dieser Verhältnisse
in den nächsten Jahrzehnten schon geschehen wird, dafür bürgt
das Wort des bayerischen Ministers, Freiherrn von Hertling,
in der Kammer der Abgeordneten im April 1912: „Für eine
größere Ausgestaltung unseres Wasserwegs nach modernem
Bedürfnis ist die Mainkanalisierung die unentbehrliche Vor-
aussetzung. Nach Verabschiedung des Gesetzes über die
Schiffahrtsabgaben ist die Mainkanalisation in absehbare Nähe
gerückt und in nicht allzuferner Zeit wird der erste Spaten-
stich geschehen können.“ Auf die vielen anderen Projekte
einzugehen erlaubt uns der gesteckte Rahmen der Arbeit nicht.
Erwähnen aber wollen wir, daß man durch die Speisung eines
Kanals seitens der Isar, Amper und des Lech eine Verbindung
von München mit dem Main bei Uffenheim zu bewirken und
von hier den Kanal in gerader Linie direkt an den Rhein
        <pb n="41" />
        ﻿32

nach Mannheim zu führen wünscht. Dadurch würde eine
direkte Verbindung Münchens mit dem Rheine ermöglicht und
München zugleich zu einer Hafenstadt gemacht werden.

Liegen die Dinge jetzt schon erschwerend für die In-
dustrie, so wirken auch die lokalen Bauvorschriften Münchens
einer möglichen industriellen Entwicklung entgegen. Man
ängstigt sich viel zu sehr, daß München unter einer solchen
Veränderung in seinem Prestige als gemütliche und von
Fremden mit Vorliebe aufgesuchte Stadt verlieren würde und
fürchtet die Angliederung einer großen Industrie. Aber man
sehe sich nur die modernen Fabrikbauten an, mit deren Fertig-
stellung Künstler betraut sind. Sie entkräften diesen Einwand
oder dämmen ihn doch in Grenzen zurück.

Nach allem können für München nur ausnahmsweise solche
Industrien in Frage kommen, deren Rohmaterialien von weiter
Ferne herbeigezogen werden müssen und mit großen Bahn-
frachten belastet sind, Erzeugnisse aus denselben, die man
dann unter Aufwand bedeutender Frachtkosten erst in die
Absatzgebiete zu transportieren hätte. Die Rohstoffversor-
gungsplätze für die Münchener Industrien liegen weit ent-
fernt, die Transportkosten lassen die Stadt als ungünstigen
Standort all jener Industrien1 erscheinen, bei welchen die hohen
Frachtkosten ein Hindernis bilden für ihre Ansiedelung. Als
weitere Vorbedingung eines industriellen Unternehmens hat
das Vorhandensein eines entsprechenden Arbeitermaterials zu
gelten. In zwei Richtungen liegen diese Anforderungen, welche
an das Arbeitsmaterial stets gestellt werden: absolute Be-
schaffungsmöglichkeit bestgeeigneter Kräfte und billige Ar-
beiterversorgung. Wie wir schon in den vorhergehenden
Kapiteln sahen, hat München eine verhältnismäßig geringe
Arbeiterbevölkerung. Die Anzahl der ungelernten Arbeiter ist
dennoch eine sehr große, während an gelernten Arbeitern
stets ein Mangel ist. Wir führen, um dies zu beleuchten, die
Äußerung eines in der Lederbranche tätigen Fachmannes an,
wie sie uns Ad. Bfougier in seiner eingangs genannten, kleinen
Schrift mitteilt: „Es gelingt jetzt kaum, unseren Arbeiterstand
zu erhalten, geschweige denn, ihn zu erhöhen. Vielmehr ist
■man gezwungen, gegen Entschädigung von Fahrgeld und
        <pb n="42" />
        ﻿33

Deponierung für die Kosten der Rückfahrt (bei Nichtkonvenienz)
tüchtig geschulte Kräfte aus Berlin, Sachsen, Württemberg
kommen zu lassen. Natürlich müssen solch zuziehenden Ar-
beitskräften höhere Löhne in Aussicht gestellt werden, als sie
von ihnen bisher bezogen wurden. Gerade bei den Artikeln
der Lederbranche bedarf es geschickter und geübter Hände.
Das Einlernen selbst von willigen, an Pünktlichkeit gewöhnten
Personen ist nicht leicht und erfordert oft ein jahrelanges
geduldiges Üben. Von der gewandten, korrekten Bearbeitung
aber hängt die Prosperität und Konkurrenzfähigkeit jedes
Unternehmens ab. Sind jedoch durch frische Kräfte, welche
erst geschult werden müssen, oder durch allzu hohe Spesen
und Löhne für von auswärts bezogene Arbeitskräfte die Her-
stellungskosten zu teuer geworden, so ist die Konkurrenz nicht
zu überwinden.“

Obgleich diese Angabe nicht für alle Industrien zutrifft,
gibt sie uns doch ein charakteristisches Bild, mit welchen
Schwierigkeiten es verknüpft ist, in München eine Beschaffung
von geeigneten Arbeitskräften zu erlangen. Am wenigsten
schwer fällt dies bei dem den Münchener Arbeitsmarkt be-
herrschenden Baugewerbe mit seiner fluktuierenden Arbeiter-
masse. Die meisten der in diesem Saisongewerbe tätigen Ar-
beiter sind auch einfache Taglöhner, ungelernte Arbeiter, deren
es in München, wie wir im vorhergehenden Abschnitt be-
wiesen haben, oft überzählige gibt, was gleichbedeutend mit
einer Arbeitslosigkeit jener Arbeiter ist. Bei der Frage der
reinen Beschaffungsmöglichkeit muß also als ausschlaggebend
für die Versorgung der Unterschied zwischen gelernten und
ungelernten Arbeitskräften vorangestellt werden; denn die Be-
schaffungsmöglichkeit von Arbeitermaterial aus beiden Kate-
gorien ist schlechthin grundverschieden, weil ungelernte Ar-
beiter von allerhand anderen Beschäftigungsarten übernommen
werden können, während gelernte Arbeiter eine bestimmte
Vorbildung durchgemacht haben müssen. Haben wir es also
mit Industrien zu tun, welche ungelerntes. Arbeitermaterial
verwenden können, so wird die Schwierigkeit der Beschaffung
nie so groß sein wie bei den Industrien mit großem Bedarf an
gelerntem Arbeitermaterial.

Fritz, München als Industriestadt.

3
        <pb n="43" />
        ﻿34

In engster Beziehung zu dieser eigentlichen Beschaffungs-
möglichkeit steht natürlich die Lohnfrage, von welcher bei
einzelnen Industrien, namentlich bei solchen mit viel Arbeits-
investition in das Fertigprodukt, die Wahl des Standorts voll-
kommen abhängig werden kann.

Auch die Grunderwerbskosten können bei Neuanlagen von
größter Bedeutung werden, wenn sie nicht in der Regel den
Ausschlag geben. Wenn auch München gute überallhin ge-
führte Bahngleisansehlüsse besitzt, wenn es auch ergiebige
Wasserleitung und beste Kanalisation zum Zwecke der Ent-
fernung einer reichlichen Abwassermenge aufweist, so wurden
schon viele Industrien von der Erwerbung eines Bauplatzes
abgeschreckt durch die allzuhohen Grundstückskosten und die
erheblich gesteigerten Steuern, Gemeindeumlagen wie Staats-
steuern.

Und gerade die Einführung der neuen bayerischen Steuer-
gesetzgebung im letzten Jahre, welche die Aktiengesellschaften
und Gesellschaften mit beschränkter Haftung ganz außerordent-
lich belastet, droht in jeder Hinsicht der Stadt München un-
berechenbaren Schaden zuzufügen. Da die Gesellschaften mit
beschränkter Haftung, beziehungsweise deren Gesellschafter,
unter diesen neuen Steuergesetzen eine Doppelbesteuerung
zu ertragen haben, indem sowohl das Gewinnergebnis der
Gesellschaft als auch der Gewinnanteil des einzelnen Gesell-
schafters besteuert wird, haben verschiedene Großindustrien
und Großhandelshäuser in München als Gegenwirkung neben
der G. m. b. H. eine Kommanditgesellschaft gegründet. Dabei
ist die G. m. b. H. der persönlich haftende Gesellschafter,
der „Gerant“, mit festem Bezüge, sodaß der Gewinn nicht
in Frage kommt und so die eigentlichen Mitglieder der
G. m. b. H. nur mit einer geringeren Ertragsanlage besteuert
werden. Große wirtschaftliche Schäden aber müssen für die
an sich industriearme Stadt entstehen, wenn diese steuer-
kräftigsten Gesellschaften ihren Sitz außerhalb Münchens und
Bayerns verlegten, denn mit ihnen ziehen sie auch ihre steuer-
zahlenden und ihr Gehalt hier verzehrenden Beamten mit
fort; ganz abgesehen davon, daß diese Unternehmen sich auf
dem Gebiete der gemeinnützigen Bestrebungen in bezug auf
        <pb n="44" />
        ﻿35

Wohltätjgkeits- und Wohlfahrtseinrichtungen in sehr erfreu-
licher Weise betätigen. Die Zeit, wo eine Stadt durch die
Gunst eines einzigen Mäcens zu überragender Entwicklung
gebracht und auf diesem Wege weitergeführt werden konnte,
ist heute endgültig vorüber. Die Gegenwart verlangt als Grund-
lage für den kulturellen Fortschritt einer Großstadt nachhaltige
und zahlreiche Finanzkräfte, die nicht nur ein Heer gut-
bezahlter Beamter, Angestellter und Arbeiter beschäftigen,
sondern auch durch ihre reichen Steuerleistungen es der Ge-
meinde erst ermöglichen eine fortschrittliche Kommunalpolitik
zu verwirklichen.

In den letzten zwei Jahren haben einige größere Werke
Münchens Mauern den Rücken gewendet. Schließen sich dieser
„Flucht“ noch mehr Großindustrien an, so droht für Mün-
chen geradezu ein Zusammenbruch auf wirtschaftlichem und
kommunalem Gebiet.

Dennoch müssen nicht nur die bestehenden Industrien
erhalten bleiben, sondern man muß mit allen Mitteln danach
trachten, neue industrielle Unternehmungen heranzuziehen.
Denn überall macht sich bei den Geschäftsleuten eine Meinung
geltend, die letzteres verlangt, weil eine Überproduktion der
eigens für die Fremden arbeitenden Gewerbe schon jetzt vor-
handen sei. Der Fremdenverkehr, mag er, wie wir in der
Einleitung ausgeführt haben, noch so sehr wachsen, er hat
einen anderen Charakter im Laufe der letzten Jahre angenom-
men. Das kann darauf beruhen, daß durch die außerordentlich
günstigen Bahnverbindungen mit Italien und den Ausflugs-
orten in der Umgebung Münchens viele Fremden veranlaßt
werden, München nur zu streifen, um möglichst bald wieder
weiterzureisen oder es nur als Aufenthalt allgemein zu be-
nützen, die größte Zeit aber in der Umgebung zuzubringen.
Dann aber kaufen die Mehrzahl der Fremden nur kleinere An-
denken, da ihnen München als zu teuer bekannt ist. Die wirt-
schaftlichen Folgen sind nicht in ihrer Gesamtheit zu umfassen.
Tatsache ist aber, daß die in München anwesenden Studenten
den Geschäftsleuten mehr Geld einbringen, wie der Fremden-
verkehr heute vermag. Ausgenommen sind bei dieser Be-
trachtung die zahlreichen Hotelbetriebe und die Paket- und

3*
        <pb n="45" />
        ﻿Personenbeförderungsanstalten, welche auf dem Fremdenver-
kehr beruhend auch von diesem den größten Vorteil erringen.

Die Aufgabe aber, München zu einer rentablen Groß-
industrie zu verhelfen, ist nach allem Vorstehenden eine nicht
sehr leichte und nach unserer Meinung nur unter Leistung
großer Opfer und Voraussetzung weitgehendster Unterstützung
aller Behörden zu erledigen. Die Einführung neuer großer
Unternehmungen auf industriellem Gebiete in München ist
trotz allem möglich. Die Errichtung solcher Anlagen hängt
nur davon ab, wie man die wirtschaftlichen Nachteile, die
wir im Vorstehenden streiften, beseitigt. Neben den schon
angeführten Verbesserungen des Ludwig-Donau-Mainkanals
läge es im Interesse der Stadt, wenn an Stelle der mit teueren
Frachtkosten belasteten besseren Kohlensorten, die in den
Gebirgswässern, und namentlich der Isar selbst, zahlreich vor-
handenen Kräfte einer ausgiebigeren Benützung entgegen-
geführt würden als es bislang der Fall war. Die Schwester-
stadt Augsburg sollte hierin ein Vorbild sein, denn hier haben
die großen Industriellen ihre Werke längst abgeschrieben, nach-
dem sie früh genug darauf bedacht waren, die gegebenen
Wasserkräfte auf das Wirtschaftlichste zur Erzeugung von Elek-
trizität auszunützen. Wenn auch die Isar durch weitgehende
Korrektionen einen Teil ihrer ursprünglichen Unbändigkeit ver-
loren hat und so zur Anlage von Wasserkraftwerken dienen
konnte, so stellen sich die neuen Anlagen — unter Berück-
sichtigung der Verzinsung und Amortisation des Anlagekapitals,
der Betriebs-, Verwaltungs- und Unterhaltungskosten — den-
noch erst so, daß eine erzeugte Kilowattstunde am Schalt-
brett auf 2,6 bis 2,8 Pfennig zu stehen kommt. Dies ist
aber für die allgemeine Anlage in den größeren industriellen
Werken noch zu teuer und es muß als eine Aufgabe von
eminent wirtschaftlicher Bedeutung betrachtet werden, diese
Normalsätze für den Bezug elektrischer Kraft durch noch inten-
sivere Ausnützung der vorhandenen Wasserkräfte der Isar und
anderer Gebirgsflüsse herabzumindern. Welche segensreiche
Erfolge die elektrische Kraftübertragung zu zeitigen vermag,
zeigt die Kraftanlage des württembergschen Städtchens Heil-
bronn. Von Laufen am Neckar wird durch eine oberirdische
        <pb n="46" />
        ﻿37

Leitung dem etwa 10 km entfernten Heilbronn eine mittels
drei Turbinen der Wasserkraft des Neckar entnommene Energie
bis zu 900 Pferdestärken zugeführt, sodann innerhalb der Stadt
durch Kabel unterirdisch nach den Transformatoren gebracht
und von da zur Abgabe von Licht und Kraft verteilt.

Als alleinige Abnehmerin der Elektrizität könnte in Mün-
chen nur die Industrie in Frage kommen, für deren Fabrik-
betrieb Kraftschwankungen keinen Nachteil bedeuten. Gerade
diese letztere Einschränkung bildet den Hauptgrund dafür, daß
sich hier, wie in so seltenen Fällen, zwischen Staat und Privat-
industrie eine völlige Interessengemeinschaft'in der Ausnützung
der Wasserkräfte erzielen läßt, da der Staat erst dann die
billigsten Einheitspreise gibt, wenn die Grenze der Wirt-
schaftlichkeit erreicht wird. Im übrigen wird der Ausbau der
Wasserkräfte auch nicht die Grundlagen der bayerischen In-
dustrie umgestalten, vielmehr nur für einzelne Industriezweige
von Vorteil sein, deren Entwicklung bis jetzt als ausgeschlossen
zu betrachten war.

Der derzeitige Oberbürgermeister der Stadt München, Ge-
heimer Hofrat Dr. von Borscht, spricht sich über die Zukunft
Münchens dahin aus, daß neben der Schwierigkeit, sich heute
auf einem bisher nicht gepflegten Gebiete in die erste Reihe
zu stellen, für München noch dazu komme, daß es als die süd-
lichste deutsche Großstadt kein Hinterland für den Absatz
im großen Stil besitze und daß wegen der hohen Transport-
kosten sowohl für den' Bezug des Rohmaterials als des fertigen
Produkts die Spesen in München viel zu hoch seien. „Eine
Änderung in diesen Verhältnissen könnte vielleicht die Aus-
nützung der weißen Kohle und der Wasserkräfte mit sich
bringen, die in den bayerischen Alpen, also in unmittelbarer
Nähe Münchens, in einer Fülle vorhanden sind, die in Deutsch-
land ihresgleichen nicht haben. Wäre die Stadt München in
der Lage, elektrische Energie aus diesen Wasserkräften der
Industrie zu billigstem Preise auf billigem Gelände zur Ver-
fügung zu stellen, so könnten damit wahrscheinlich die mannig-
fachen wirtschaftlichen Hindernisse, die der Entwicklung
Münchens zur Industriestadt entgegenstehn, beseitigt werden.
Daß eine solche Beseitigung möglich ist, beweist das Unter-
        <pb n="47" />
        ﻿33

nehmen der Isarwerke, die unter Ausnützung von etwa 10 000
Pferdekräften in der Isar oberhalb Münchens bedeutende
Kraftanlagen geschaffen und damit eine stattliche Zahl von
Industrien, darunter solche von mehr als 1000 Arbeitern nach
München gezogen haben.“

Ein Hemmschuh für die Neuansiedelung von Industrien
bilden, wie wir schon ausgeführt haben, die allzustrengen
lokalen Bauvorschriften. Man kann ja die Industrie an der
Grenze des Burgfriedens, in den Vororten ansiedeln, wenn
man absolut die Umgebung dem Fremdenverkehr zuliebe
nicht verunstalten will, was noch immer eine offene Frage
bleiben muß, da bei den heutigen Anlagen von Fabriken eine
Anpassung an die Gegend schon möglich ist.

Aus der neuesten Zeit datieren Offerten von Stadt-
gemeinden, welche ganz verlockende Bedingungen für die
Industrie enthalten. Könnte man auch nicht, wie diese, eine
freie Überlassung günstiger mit Gleisanschlüssen versehener
Baugründe ermöglichen, so wäre es doch in Erwägung zu
ziehen, ob man nicht erheblich billigere Baugründe wie die
derzeitig angebotenen den Industrien als Ansiedelungsplätze
zuzuweisen vermöchte. Wenn dann noch die Gemeinde einen
größeren Teil der Wasserleitungskosten und die Herstellung
der nötigen Kanalisation übernehmen würde, wäre es einer
neu aufstrebenden Industrie auch möglich, die zu ihrem Be-
triebe notwendigen Arbeitermengen zu bekommen, da sie die-
selben durch höhere Löhne nach hier ziehen müßte. Dies
kann keiner Industrie schwer fallen, wenn man berücksichtigt,
daß gerade die besser gelernten Arbeiter die Großstadt am
liebsten zu ihrem Wirkungsfeld machen, sobald sie zufrieden-
stellende Befriedigung ihrer Lebens- und Wohnungsbedürf-
nisse zu erhalten glauben. Es ist ja klar, daß die Wohnungs-
frage, welche mit einem zahlreichen Zuzuge auswärtiger Ar-
beitskräfte bei Entwicklung von Großindustrien unmittelbar
verknüpft ist, wieder ernsthaft in den Vordergrund treten
muß. Doch darauf näher einzugehen, dünkt uns nicht ge-
eignet und wir verweisen auf die vom statistischen Amt der
Stadt München herausgegebenen Schriften und Berichte, aus
denen der in diesem Falle einzuschlagende Weg ersichtlich ist.
        <pb n="48" />
        ﻿39

Dann darf nicht versäumt werden, darauf hinzuweisen,
daß andere Stadtverwaltungen große Anstrengungen machen,
fremde hervorragende Industrien zur Niederlassung zu be-
wegen, indem sie ihnen Befreiung von den Gemeindeumlagen
auf einige Jahre hinaus gewähren, bis dann die Industrien
sich geeignete Absatzgebiete geschaffen haben und nun mit
anderen Betrieben benachbarter Städte erfolgreich in den Kon-
kurrenzkampf eintreten können. Dann werden sie von selbst
die steuerzahlenden Elemente bilden, als welche wir die In-
dustrien kennen und in der Kommunalpolitik zu schätzen
wissen.

Wichtiger noch wie all diese Hinweise auf die verschie-
denen Möglichkeiten, mit denen trotz der wirtschaftlich un-
günstigen Lage Münchens eine Heranziehung von groß-
industriellen Unternehmungen zu bewerkstelligen' wäre, scheint
uns eine eingehende Untersuchung gerade der Industrien,
welche für München am rentabelsten sein würden. Doch
dies bedarf der weitgehendsten Erhebungen wie sie von uns
nicht vorgenommen werden können. Wir müssen uns rein
darauf beschränken, festzustellen, welche Industrien für den
Burgfrieden der Stadt München überhaupt nicht in Betracht
kommen, welche Arten industriellen Gewerbefleißes wenig und
welche vorwiegend hier vertreten sind.

Vorausschicken wollen wir, daß ganz Bayern in erster
Linie auf Erzeugung von Qualitätsprodukten und Spezialitäten
angewiesen ist, da die Beschaffung der nötigen Rohstoffe
erhebliche Produktionskosten erfordert, die im Zusammen-
halt mit den relativ teuren Spesen für den Absatz den Wett-
bewerb mit dem Norden Deutschlands und dem Auslande
außerordentlich erschweren. Dabei kommt ihm allerdings die
von jeher eigene Übertragung der Kunst in das Gewerbe hilf-
reich entgegen. Wird dem Land aber so der Absatz von
Massenprodukten recht erheblich erschwert, so ist es begreif-
lich, wenn als Rückwirkung dieser ungünstigen Verhältnisse
der an sich territorial beschränkte Markt nicht genügend auf-
nahmefähig geblieben ist. Wenn man diese ungewöhnlich
schwierige Lage Bayerns berücksichtigt, so muß man allgemein
Bewunderung empfinden für die gewaltigen Leistungen von
        <pb n="49" />
        ﻿40

Industrie und Handel des Landes innerhalb der letzten Jahr-
zehnte.

Der Norden Bayerns liegt nun für den Import der Roh-
stoffe sowohl wie für den Export der fertigen Produkte wesent-
lich günstiger als der Süden, als Oberbayern mit seiner
Hauptstadt München.

Daß im Burgfrieden Münchens keine Bergwerke, keine
Salinen- und Hüttenwerke anzutreffen sind, ist wohl nach all
dem Vorhergehenden klar. München, auf dem oberbayeri-
schen Hochplateau gelegen, ohne angrenzendes Gebirge, kann
sich solcher Materiallager nicht rühmen. Auch Torf wird inner-
halb des Burgfriedens neuerdings nicht mehr gegraben. Wohl
weiß die Statistik im Jahre 1907 erstmalig von mehreren klei-
nen Gold- und Silberschmelzereien zu berichten, aber sie
spielen mit insgesamt nur 21 beschäftigten Personen eine un-
tergeordnete Rolle. Auch die gleichzeitig vermerkte, zu einer
Ofenfabrik gehörige Rohgießerei ist nur als Hilfsindustrie zu
werten, ähnlich wie die Eisengießereien in der Gruppe „Metall-
verarbeitung“, obwohl hier ein selbständiger Mittelbetrieb von
Bedeutung ist. Wohl sind die Eisengießereien in Bayern selbst
sehr zahlreich, aber eine solche Eisengießerei in München hat
sehr unter der geographisch-ungünstigen Lage der Stadt zu
leiden, um so mehr als die Arbeiterverhältnisse sich in den
letzten Jahren immer schwieriger gestaltet haben. Das Ab-
satzgebiet der Münchener Eisengießerei ist fast ausschließlich
auf die Stadt und deren nähere Umgebung beschränkt, da die
schweren Gußteile bei doppelter Frachtbelastung im übrigen
Bayern nicht mehr konkurrieren können. Diese Eisenindustrien
sind ihrer Natur nach an weiterverarbeitende Industrien gefes-
selt. Sie können daher von den Rohstoffversorgungsplätzen
wegrücken, wegen des größeren Vorzugs der Angliederung
an die Weiterverarbeitung, wodurch sie jedenfalls in trans-
portlicher Beziehung den Erfolg erzielen, daß die fertigen Pro-
dukte keine größeren Frachten verschlingen. Die Transport-
kosten sind deshalb hier doch von größtem Einfluß auf die
Standortswahl, während der Faktor „Arbeitskosten“ dahinter
weit zurücksteht, da das Rohmaterial im rein umformenden
Veredelungsprozeß nur eine sehr geringe Werterhöhung erfährt.

*
        <pb n="50" />
        ﻿41

Darin liegt die Erklärung dafür, daß in München, wohin 'das
Rohmaterial von weither bezogen werden muß, Eisengießereien
bestehen können, obwohl ja durch die Eisenindustrien in der
Stadt selbst Alteisen in größeren Mengen an Stelle des Roh-
eisens treten kann und so letzteres entbehrlicher wird.

ln der Industrie der Steine und Erden ist München auch
nicht groß. Die Betriebe, die sich mit der Fabrikation feiner
Steinwaren befaßten, gingen zurück, die Zementfabriken nah-
men sehr ab, was aber der Kunststeinverfertigung zugute kam.
Bemerkenswert ist das Verschwinden der Ziegeleien inner-
halb Münchens Mauern. Die großen „Ziegeleiwerke A. G.“
haben ihren Betrieb nach Unterföhring, einem Vorort Münchens
verlegt, da sich eine Ausziegelung des lehmigen Bodens, inner-
halb des Burgfriedens der, Stadt eingestellt hat.

Von der Gruppe der metallverarbeitenden Industrien feh-
len für München gänzlich die Spielwarenindustrien wohl wegen
der von altersher berühmten und blühenden Industrie in dem
nahen Nürnberg, das sich wie München seiner Kunst im all-
gemeinen auch sehr rühmen kann und äußerst geschmack-
volle Produkte dieser Art auf den Markt bringt. Die Schrot-
■und Bleikugelfabrikation, die Näh- und Stecknadelfabrikation,
Herstellung von Aluminiumwaren sind sämtlich nicht mehr
vorhanden und haben als ihren Standort Nürnberg gewählt.
Trotz ähnlicher Vorbedingungen wie in Augsburg, Kaufbeuren
und anderen oberfränkischen Orten, den alteingesessenen Ar-
beiterstamm ausgenommen, fehlt in München die Textilindu-
strie, deren Fertigprodukte nicht sehr hochwertig sind gegen-
über dem Rohmaterial, fast gänzlich. Weder reine Spinnereien,
noch Spinnwebereien oder Webereien sind in München zu
finden. Nur eine beschränkte Anzahl von Allein- und Klein-
betrieben weist es in der Stickerei und Wirkerei auf. Von
den 113 Millionen Mark festgelegtem Wert an Kapitalaufwand
für Gebäude, Maschinen, Kraft und Betriebsfonds der Baum-
wollanlagen in Bayern hat München auch gar keinen Anteil.
Da die Baumwolle selbst aus den Südstaaten der amerikani-
schen Union, aus Westindien, Ostindien und den Vereinigten
Staaten eingeführt wird, so kann es der Unterschied der Fracht-
kosten nicht sein, w'as diese Industrie von München fernhält,
        <pb n="51" />
        ﻿42 —

während sie in dem benachbarten Augsburg blüht. Aber die
Textilindustrie braucht, wie wir schon bemerkten, einen bil-
ligen Arbeiterstamm und dieser fehlt München: der Arbeits-
kostenfaktor bestimmt hier den Standort. Deshalb mangelt
;es ihm auch vollständig an jenen Fabriken, welche die Ma-
schinen und Maschinenbestandteile für die Spinnerei, Weberei,
Färberei und andere einschlägige Arten herstellen. Sie müs-
sen, um mit anderen Maschinenfabriken konkurrenzfähig zu
sein, möglichst konsumorientiert erscheinen, damit die hohen
Transportkosten der Rohmaterialien nicht noch durch die eben-
so hohen Kosten der Verfrachtung der fertigen Maschinen ver-
doppelt werden. Allgemein aber wird es interessieren, daß
entgegen den statistischen Angaben des Amtes der Stadt Mün-
chen (Heft 13, Band XXII.) in München der Schiffsbau betrie-
ben wird. Die Firma Maffei baute schon 1847 das erste für die
Donau bestimmte Dampfschiff, dem bald eine stattliche An-
zahl größerer und kleinerer Schiffe für den Bodensee, Starn-
berger und Ammersee, den Chiemsee, für die Donau, den
Neckar und andere Flüsse folgten, die teils in der Maffeischen
Fabrik vollständig erbaut wurden, teils in der Maffeischen
Schiffswerft in Regensburg auf Stapel gelegt und von dem
Maffeischen Eisenwerk Hirschau mit den notwendigen Dampf-
maschinen, Kesseln und Zubehörmaschinen versehen wurden.
Auch die Fabrik von Jos. Rathgeber hat für den Bodensee,
Würmsee, Ammer- und Chiemsee für zwölf Dampfbote die
Herstellung der Verdecke, Ausstattung der Salons und Kabinen
übernommen und auch sonst noch eine Reihe von Bauten und
Umbauten von Schiffen vorgenommen.

Auch die Herstellung von Fahrrädern kommt mit Aus-
nahme eines Betriebes, der Fahrradwerke in Riesenfeld, nicht
mehr in Betracht, da diese Betriebe erheblich zurückgegangen
sind und heute nur noch als Allein- oder Kleinbetriebe gerechnet
werden. Ein einziger Betrieb ist, wie angedeutet, vorhan-
den, welcher mit etwas über 50 Arbeitern zu den Mittelbetrieben
gezählt werden muß. Dies erklärt sich für München speciell
aus der geringer gewordenen Verwendung des Fahrrades zu
Sportzwecken. Dabei kommt auch für die minderbemittelten
Bevölkerungsklassen, namentlich der Arbeiter, die dasselbe als
        <pb n="52" />
        ﻿43

Verkehrsmittel verwenden, vielfach nur die Anschaffung ge-
brauchter Maschinen in Betracht. Außerdem hat die auswärtige
Konkurrenz überall Verkaufslokale in der Stadt. Wohl ist
der gelernte Arbeiterstamm, der in diesem Falle maßgebende
Faktor für die Wahl des Standorts, vorhanden und würde
sich ohne große Schwierigkeiten aus nächster Nähe ergänzen
lassen; aber nur bei größten Kapitalinvestierungen wäre, wie
uns wiederholt versichert wurde, ein Wiederaufblühen der In-
dustrie in den Mauern der Stadt möglich.

Bekanntlich hat sich seit den zwei letzten Dezennien des
vorigen Jahrhunderts auf den verschiedensten Gebieten der
praktischen Chemie ein immer lebhafteres Bestreben gezeigt,
das Haus- und Kleingewerbe zur Fabrikation überzuführen, die
wissenschaftlichen Errungenschaften möglichst unmittelbar der
technischen Verwertung zugänglich zu machen. Da aber für
die chemische Industrie nicht nur die Wasserwege von Bedeu-
tung sind wegen der billigen Verfrachtung der Fertigprodukte
und der Beschaffung des Rohmaterials, so liegt an der Lö-
sung der Frage über die Wasserrechte, die Ausnützung der
vorhandenen Wasserkräfte in der bayerischen Hochebene nicht
nur die Existenzbedingung für die chemische Industrie der
Stadt München, sondern für die ganze Entwicklung dieser
Industrie in Bayern. Von dieser Bedingung hängt es ab, ob die
chemische Industrie sich in Bayern eines Aufschwungs erfreut
oder ob sie sich ins Ausland wendet. In München gingen die
chemischen Werke zurück mit Ausnahme der Herstellung „son-
stiger chemischer Präparate“. Auch die Herstellung von
Farbmaterial zeigt eine Neigung zur Entwicklung von Mittel-
betrieben. Von großer Bedeutung aber ist diese Industrie
in München nicht für uns, da sie im ganzen rund 700 Per-
sonen beschäftigt. In der Nähe von München, in Pasing,
befindet sich ein Betrieb, der der näheren Betrachtung wegen
der für München ins Gewicht fallenden Eigenart der Roh-
produkte nicht entzogen werden darf. Aus den umliegenden
Gasfabriken sammelt sich diese Fabrik den Rohteer, jährlich
ca. 800 Tonnen, um diesen Steinkohlenteer sowie das Teeröl
weiterzuverarbeiten zu Benzol, Toluol, Naphtalin, Karbolsäu-
ren, besonders Rech und vielen anderen Nebenprodukten. Das
        <pb n="53" />
        ﻿44

Pech findet dann seine' Anwendung in den Pichereien verschie-
dener Münchener Brauereien. Dagegen fällt die Holzteerge-
winnung für München selbst auch fort und ist nur noch in der
waldreichen Umgebung zu finden. Zu wünschen wäre ja eine
Wiederbelebung der Münchener chemischen Industrie, denn
sie würde dann sicher mit ihren vielfach eigenartigen Anforde-
rungen und Bedürfnissen wieder anregend auf die verschie-
densten sonstigen Industriezweige wirken, wie die Maschinen-
und Apparatebauanstalten, die Stanz- und Emaillirwerke.

In dem Maße, in dem die Erkenntnis von dem großen
Werte der Heranziehung genannter Industrien, die für Mün-
chen fehlen oder nur gering an seinem wirtschaftlichen Wer-
den beteiligt sind, in immer weitere Kreise dringt, wird auch
die Bedeutung Münchens für den Weltmarkt immer mehr und
mehr zunehmen. Wie sich jetzt seine wirtschaftliche Produk-
tion und Konsumtion darstellt, soll folgende Tabelle zeigen,
welche Eingang und Versand der sämtlichen Münchener Bahn-
höfe im Jahre 1911 zusammenfaßt:

Produkte	Eingang | Versand  in Tonnen	
Bier	4021*)	260259
Chemikalien, Drogen	4810	1481
Altes Eisen	3164	18022
Stahl und Eisen	56862	17274
Maschinen und -teile	13135	15862
Eisen- und Stahldraht	1606	1532
Glas und -waren	13806	2919
Häute, Felle, Leder	5466	8313
Papier, Pappe	31377	8958
Teer, Pech, Harz, Asphalt	16680	6563
Ton waren, Porzellan	11518	4260
Fahrzeuge	5871	5878
Malz	11616	10716
Tabak	1850	65

Wollten wir aber aus diesen Zahlen auf die Größe oder
'die Bedeutung einzelner Industriezweige Münchens schließen,

*) Größtenteils Weißbier.
        <pb n="54" />
        ﻿so würde sich ein ganz falsches. Bild von dem industriellen
Erwerbsleben der Stadt daraus ergeben. Deshalb gehen wir
in folgenden Kapiteln dazu über, die einzelnen Großbetriebe
in ihrer Bedeutung sowohl für München wie für den Weltmarkt
sachgemäß zu beleuchten und auch die Standortsbedingungen
zu untersuchen, die sich' heute als wesentlich andere darstellen
gegenüber den bei der Gründung maßgebenden Faktoren, was
wir an dieser Stelle schon vorausschicken möchten.
        <pb n="55" />
        ﻿



is





■

• ^

Vierter Abschnitt, Teil I.

Graphische Industrie, Buchgewerbe,
Zeitungsdruck und Verlagswesen.

Große Bedeutung besitzt heute Münchens graphische
Industrie, welche an sich so alt ist wie die uns überlieferte
Kultur aus grauester Vorzeit; bei den alten Persern ebenso
wie bei den alten Ägyptern hat es schon in frühesten Zeiten
Angehörige der graphischen Künste gegeben, welche die Er-
zeugnisse von Bild und Schrift berufsmäßig herstellten, wie die
ausgegrabenen Inschriften uns solches bezeugen. Und die
Priesterin im germanischen Götterhain, welche die Runen-
zeichen in Horn oder Holz schnitzte und als Amulette oder
Kriegszeichen weitergab oder Briefe in Runenschrift ritzte,
war sie nicht auch eine Jüngerin der graphischen Künste?
Die graphische Kunst ist sicherlich eine der ältesten Künste
der Welt. Heute sehen wir die graphische Industrie in der Buch-
druckerkunst besonders sichtbar verkörpert. Der moderne
Mensch, selbst erzogen unter den Einflüssen des gedruck-
ten Buchstabens und Bildes, selbst Träger der ihm so über-
mittelten Kultur und als solcher berufen, mitzuwirken an der
Fortbildung der Menschheit, steht der eigenen Zeit gegen-
über (zu sehr im Banne einer allgemeinen subjektiven Befangen-
heit, als daß er die Erfindung der beweglichen Lettern durch den
Altmeister Gutenberg zu würdigen im Stand sei. Noch viel
weniger denkt die Nachwelt daran, daß der Erfinder der Litho-
graphie und des Steindrucks, Alois Senefelder, ein Münchener
Bürger war. Ihm hat nicht nur die Solhofer Steinbruchin-
dustrie ihre Existenzmöglichkeit zu danken, auf seiner Er-
findung baut sich auch die Entwicklung des Farbendrucks,
die ungeahnte Ausdehnung des Bilder- und Kunstdruckes auf.

Nimmt es da Wunder, wenn wir in der alten freien Stadt
München, der herzoglichen Residenz schon 1842 eine deutsche
Übersetzung der damals beliebten Mirabilia urbis Romae
(Wunderbare Dinge der Stadt Rom) von seinem ersten Buch-
        <pb n="56" />
        ﻿47

drucker Hans Schauer erschien. Gleichwohl konnten andere
bayrische Städte zu jener Zeit sich einer rascheren Ent-
wicklung der Buchdruckerkunst rühmen. Der Grund dafür,
daß München damals erst an neunter Stelle unter den bay-
rischen, fränkischen und schwäbischen Druckorten zu nen-
nen war, ist hauptsächlich darin zu suchen, daß andere Städte,
wie vor allem Augsburg und Nürnberg, wegen ihrer gün-
stigen Lage an den damaligen Haupthandelsstraßen rasch an
Bedeutung gewannen und so München, das seine Entwick-
lung einer späteren Zeit verdankt, in politischer, geistiger und
wirtschaftlicher Beziehung weit überflügelten. Mit dem raschen
Aufschwung aber, den München auf allen Gebieten mensch-
lichen Denkens und Schaffens bald genommen, entwickelte
sich seine Druckindustrie in hohem Maße. 400 Jahre nach
der Einführung der Buchdruckerkunst in seinen Mauern, im
Jahre 1882, zählte man 81 Druckereien und lithographische
Anstalten mit zusammen 5 Rotationsmaschinen, 148 Schnell-
pressen und 229 Tret- und Handpressen. Heute zählt die
Stadt nun deren 200, in denen ca. 27 Rotationsmaschinen, 389
einfache Schnellpressen, 175 Tret- und Handpressen, 92 Setz-
maschinen und 46 Spezialmaschinen in Betrieb sind. So kann
es uns nicht wundemehmen, daß von 100 erwerbstätigen Per-
sonen in München 7,6 auf die in der Buchdruckerei (allein
6,5o/o), Stein-, Kupfer- und Stahldruckerei und Schriftgießerei
Beschäftigten entfallen.

	Berufs-  zugehörige		Familien-		Dienende	
Polygraphische Gewerbe			angeb.ohne  Hauptberuf		für häusl. Dienste	
	m.	w.	m.	w.	m.	w.
Schriftschneiderei und						
Gießerei	63	32	10	25		2
Holzschnitt	63	49	25	46		3
Buchdruckerei	3496	3660	982	2196		100
Stein- und Zinkdruckerei	1591	1258	392	905		42
Kupfer- und Stahldruckerei	132	128	37	119		3
Farbendruckerei	87	97	31	48		5
Photographie	688	577	141	372		42
        <pb n="57" />
        ﻿48

Die angeführte Tabelle erübrigt ein längeres Verweilen
bei den Zahlen und wir wollen im folgenden diese Tatsache,
daß die Buchdruckerei so stark gerade in München vertreten
ist, nach der Richtung des günstigen Standorts untersuchen.
Als grundlegende .Wirkung der technischen Entwicklung im
Laufe der letzten Jahrzehnte zeigt sich heute die Umwandlung
des Buchdruckgewerbes in steigendem Maße zu einem ka-
pitalistischen Unternehmerzweig. Nicht mehr die Tüchtigkeit
des Einzelnen ist der Hauptgrund für das Entstehen eines Be-
triebes, sondern das Kapital, das zur Anlage drängt. Das
Kapital schafft alle Vorbedingungen zu einem gewinnver-
sprechenden Arbeiten, das Kapital bringt es mit Leichtigkeit
zuwege, daß auch die tüchtigen Arbeitskräfte der vollkommenen
Einrichtung nicht fehlen. .Wenn gleich die Tüchtigkeit des
Leiters gerade in der Buchdruckerei von größter Wichtigkeit
geworden ist, so bestimmt doch das Kapital die Entwick-
lung jeden Betriebes.

Die technischen Vorbedingungen für die Errichtung und
den Betrieb sind überall gegeben, da eine Abhängigkeit von
dem Vorkommen irgendwelcher natürlicher Produktionsfak-
toren nicht besteht. Wohl ist die Leichtigkeit Arbeitskräfte
zu erhalten zwar nicht überall die gleiche, aber für München
entsteht eine ernstliche Schwierigkeit nicht dank der durch
die Organisation der Unternehmer und Gehilfen geschaffenen
Arbeitsnachweise einerseits und seine Anziehungskraft als
Großstadt andererseits, was. namentlich für die besseren Ar-
beiter gilt. Die Rohstoffbeschaffung spielt deshalb keine
Rolle, weil einmal die Papierfabriken, Schriftgießereien und
Maschinenfabriken nicht so zahlreich sind, daß auch nur we-
nig die Ersparung von Frachtkosten in die Wage fällt, ob-
wohl wir in den Mauern der Stadt Schriftgießereien finden und
Papierfabriken wie Spezialmaschinenfabriken ganz in nächster.
Nähe Münchens ihren Sitz haben. Andererseits aber können
die Münchener Buchdruckereien ihren Bedarf nicht von diesen
nächst gelegenen Stellen allein decken, da sie gleichzeitig an-
dere Betriebe beim Einkäufen berücksichtigen müssen, wie
sich dies aus der nach Art und Qualität verschiedenen Pro-
duktion der Lieferanten von Papier, Schrift und Maschinen
        <pb n="58" />
        ﻿ergibt. Heute kommt für die Wahl des Standorts namentlich
kleinerer Betriebe die Eigenart Münchens in Betracht, daß
es ein Buchdruckereiutensilienlager und Schriftgießereien,
große Klischeeanstalten, ausgedehnte Platten- und Farbenlager
wie Papiergroßhandlungen besitzt, welche dem wechselnden
Bedarf der Buchdruckereibetriebe mit der notwendigen Schnel-
ligkeit in jeder Weise Rechnung tragen.

Der günstige Standort für das Buchdruckergewerbe ergibt
sich aber für München aus den Absatzverhältrfissen, als der
Ort, an dem die Kunden des Buchdruckes am zahlreichsten und
zweckmäßigsten vereint sind. Das Buchdruckergewerbe als
solches arbeitet ausschließlich auf Bestellung, sei es auch auf
Bestellung der eigenen Verlagsabteilung wie wir noch aus-
führen werden. Auch sind die Produkte durchweg individuell,
insofern, als die für den Kunden angefertigten Waren fast
gar nicht für einen andern Kunden Verwertung finden kön-
nen. Das Buchdruckergewerbe ist daher konsumorien-
tiert, wozu auch noch die Versendungskosten der Ware
beitragen. Dann wirkt daraufhin die dringende Notwendigkeit
eines innigen Kontaktes zwischen Besteller und Drucker. Und
gerade hierin werden nach Buchdruckereibesitzer Dr. Alfred
Heller „die geistvollen Untersuchungen und Berechnungen
Professor Alfred Webers bei ihrer Übersetzung in die Praxis
eine Schwierigkeit darin finden, das Gewicht dieses letzten
Einflusses zahlenmäßig zu erfassen“. Die Notwendigkeit die-
ses direkten Verkehrs zwischen Konsument und Fabrikant ist
am stärksten beim Akzidenzdruck und beim Zeitungsdruck,
wobei gerade dieser ein stetes Zusammenarbeiten von Re-
daktion, Expedition und Druckerei erfordert. Anders ist es
beim Werkdruck, Besteller und Drucker haben hier oft gar-
keinen direkten Verkehr nötig.

München als Sitz der Regierung, der obersten Behörden
des Landes, der großen Banken, Handelsunternehmen, und
mehrerer bedeutender Industrien, das „wissenschaftliche“
München mit seinen Gelehrten und Schriftstellern, das „po-
litische“ München mit seinen vielen Vereinen und Corpo-
rationen, ist das Hauptfeld der Reklame mit dem wachsenden
Drucksachenverbrauch, der Markt für Broschüren, Flugschrif-

Fritz, München als Industriestadt.

4
        <pb n="59" />
        ﻿50

ten, Zeitschriften, Zeitungen und Kleinakzidenzen, wie Visiten-
karten, Einladungs-, Vermählungskarten und sonstige für per-
sönliche Zwecke bestimmte Karten.

Kein Wunder also, daß neben mehreren bedeutenden
Großbetrieben, sehr viel Mittel- und Kleinbetriebe hier mit-
arbeiten an einem Teil des Bedarfes, der auf rasche Befrie-
digung drängt. Der Grundzug für die Entwicklung der Be-
triebsformen bildet die fortschreitende Spezialisierung der Be-
triebe, die Tendenz zum Großbetrieb und schließlich auch die
Erleichterung der Betriebskombination.

Ein solches Beispiel des Zusammenschlusses zeigt uns
ein Hauptbetrieb, die graphischen Kunstanstalten und
Kunstdruckereien von Meisenbach Riffarth&amp;Co.,
welche heute eine Weltfirma sind, tonangebend und anführend
in der ganzen Branche. Die Firma Meisenbach &amp; Co. in Mün-
chen vereinigte sich mit der Berliner Firma Riffarth &amp; Co. zu
einem Betriebe, sodaß die kaufmännische Leitung, die zum
großen Teil in München selbst sich befindet, alles beherrscht,
die technischen Betriebe jedoch dezentralisiert in Berlin, Mün-
chen und Leipzig eigene Anstalten bilden. Obwohl die Absatz-
gebiete der einzelnen Betriebe geographisch abgegrenzt sind,
erhält München mehr Aufträge aus Norddeutschland wie Ber-
lin aus dem Süden des Reiches, was. lediglich mit der Eigen-
schaft und dem Ruf Münchens als Kunststadt zusammenhängt,
denn man bezieht, nach der Anschauung des kaufenden Pu-
blikums, solche Kunsterzeugnisse besser in München, wo das
Kunstgewerbe bodenständig ist. Die Fusion der beiden Fir-
men G. Meisenbach &amp; Co. in München und Heinrich Riffarth
&amp; Co. in Berlin wurde deshalb nötig, weil der wachsenden
Bedeutung der photomechanischen Verfahren einerseits und
der Wichtigkeit Berlins als Centrale deutscher Wissenschaft,
Kunst und Industrie andererseits nur eine Einrichtung des
Geschäfts in größtem Maßstabe entsprechen konnte. Heute
hat die Firma Meisenbach Riffarth &amp; Co. fast sämtliche Zweige
des Buchgewerbes in ihrem Betriebe aufgenommen und damit
Anstalten geschaffen wie sie hinsichtlich Mannigfaltigkeit und
vollkommener Ausbildung aller Spezialitäten einzig dastehen
dürften. Der Begründer der Firma Meisenbach &amp; Co. war
        <pb n="60" />
        ﻿der Erfinder der Autotypie, der frühere Kupferstecher Georg
Meisenbach, ein Münchener Bürgersohn. Wie die Litho-
graphie Senefelders so hat auch diese Münchener Erfindung
seit 1881 ihren Siegeszug durch die Welt angetreten. Denn die
durch die Erfindung und Entwicklung der Autotypie erfolgte
umfassende Popularisierung des Bildes, die Erfindung der
Bildtype für den Buchdruck, die Erfindung der modernen
Bildschrift ist eine Errungenschaft, welche für die Entwicklung
unseres Kulturlebens gar nicht hoch genug angeschlagen werden
kann. Die Autotypie, welche auf allen Gebieten der Illu-
stration eine gewaltige Umwälzung hervorgerufen hat, ent-
wickelte sich inzwischen zu einer Weltindustrie. Dem Holz-
schnitt und der Lithographie wurde ein großer Teil ihrer bis-
herigen Arbeitsfelder entrissen, andrerseits aber die Schmük-
kung der Bücher und Zeitschriften mit bildlichen Darstellungen
in ganz außerordentlicher Weise ausgedehnt. In den letzten
10 Jahren ist es Deutschland gelungen, eine führende Stellung
nicht nur auf allen Gebieten des Buchgewerbes, sondern speziell
der Autotypie wieder zu erlangen, nachdem die Vereinigten
Staaten längere Zeit eine hervorragende Position in der tech-
nischen Vollendung der Autotypie inne hatten.

Die Firma Meisenbach Riffarth &amp; Co. beschäftigt in
München 167 Personen, worunter sich 36 weibliche und 9
jugendliche (bis zu 16 Jahren) befinden. Im Jahre 1911 hat
die Firma 223156 Mark allein an Löhne ausgezahlt, welche
im Tarifvertrag des deutschen Buchdruckerverbandes festgelegt
sind. Die Lohnhöhen schwanken auch hier entsprechend der
Größe des Betriebes und entsprechend der Qualitätsarbeit,
welche fast ausschließlich auf männlicher Tätigkeit beruht,
zwischen 20—46 Mark für alle graphischen Arbeiter, der Durch-
schnittswochenlohn beträgt 36 Mark. Die Länge der Arbeits-
zeit ist der Leistungsfähigkeit der Arbeiter angepaßt und be-
trägt nicht mehr als 8—9 Stunden, da um 5 Uhr geschlossen
wird. Von Schmädel sagte einmal in einem Vortrage, es sei
charakteristisch für den fortschrittlichen Geist, der in dieser
Industrie wirksam tätig ist, daß sich sowohl Arbeitgeber wie
Arbeitnehmer zu geschlossenen Organisationen entwickelt ha-
ben, die durch gegenseitige Verträge ein die gemeinsame Ziele

3*
        <pb n="61" />
        ﻿52

energisch verfolgendes Ganze bilden. Der Bund der chemi-
graphischen Anstalten Deutschlands, stellt vertragsgemäß nur
organisierte Arbeiter ein. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer ha-
ben sich vertraglich verpflichtet, alle Interessen dieser Industrie
gemeinsam zu fördern. Strittige Fragen werden durch Tarif-
ausschüsse der Ortsgruppen, das oberste Tarifamt und Schieds-
gerichte entschieden. Ein gemeinsam organisierter Arbeits-
nachweis regelt Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Arbeits-
zeit und Arbeitslohn, Entlohnung der Überarbeitszeit, die
Aufkündigung, das Lehrlingswesen und die Arbeitsordnung sind
durch gemeinsame Tarifbestimmungen auf das genaueste ge-
regelt. Sowohl Arbeitgeber wie Arbeitnehmer sorgen für die
Einhaltung einer von den Arbeitgebern gemeinsam festgestell-
ten und vereinbarten Preiskonvention. Das Hand in Hand
gehen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Grund gegen-
seitiger Verträge, die sogenannte Tarifgemeinschaft, hat sich
in München bisher auf das beste bewährt, und so wirkt die
durch die Erfindung der Autotypie ins Leben gerufene Industrie
auch $uf dem Gebiete des sozialen Fortschritts vorbildlich
und aneifernd. („Bayrisches Industrie- und Gewerbeblatt.“
1909). Von den vielen mittleren und Kleinbetrieben auf dem
Gebiete der Graphik wollen wir hier ganz absehen und nur
noch einen Großbetrieb anführen, dessen Leistungsfähigkeit
als Kunstinstitut auf den verschiedensten Gebieten der mo-
dernen Reproduktionstechniken weltberühmt ist, die Graphi-
schen Kunstanstalten Bruckmann A. G. Sie beschäf-
tigen 125—150 Arbeiter, die ebenso den Bedingungen des all-
gemeinen Tarifvertrages unterworfen sind wie alle auf diesem
Gebiete tätigen Personen überhaupt.

Der Gesamtabsatz verteilt sich in Prozenten berechnet
auf: München zu ca. 20, Deutsches Reich 60 und Ausland 20
pro Hundert des Gesamtumsatzes. Die Anstalt hat von jeher
dem Illustrationsdruck ihr besonderes Augenmerk zugewendet
und zwar nicht nur dem einfarbigen von Holzschnitten und
von Autotypien, sondern speziell dem Drei- und Vierfarben-
druck, demjenigen Verfahren, dem vermöge seiner künst-
lerischen Wirkung ebensosehr wie auch seiner Einfachheit und
relativen Billigkeit wegen neuerdings vielfach der Vorzug vor
        <pb n="62" />
        ﻿53

der bisher ausschließlich benutzten Chromolithographie gege-
ben wird. Der Kunst- und Farbendruck, den die Firma wie
alle größeren Betriebe sorgfältig pflegt, ist in erster Linie
beeinflußt von den Fortschritten auf dem Gebiete der Chemi-
graphie, besonders der Zinkätzung, der schon genannten Auto
typie, der Zwei-, Drei- und Vierfarbenätzung und, als Ur-
sprungswissenschaft von all diesen, der Farbenphotographie.
In unseren Tagen leitet die Lumieresche Farbenphötographie
Umwälzungen im Farbendruck. Je naturgetreuer und billiger
die Reproduktionsverfahren für Hochdruck werden, desto häu-
figer kann zur Ausstattung von Werken mit Bildern über-
gegangen werden, desto wohlfeiler können Reproduktionen
nach Gemälden bester Meister ins Rublikum getragen werden,
desto mehr wird auch der Buchdruck auf jene Gebiete über-
greifen können, die jetzt noch ausschließlich dem Lichtdruck,
der Lithographie, der Heliogravüre und anderen Vorbehalten
sind, infolge der allzuhohen Klischeekosten, was namentlich
für die Münchener Betriebe erschwerlich ins Gewicht fällt.

Heute sind bei Firma Bruckmann, A. G., 31 Druckmaschi-
nen und 20 Hilfsmaschinen in der Buchdruckerei im Betrieb,
die Klischeefabrik arbeitet mit 30, die Galvanoplastik mit 10
und die Buchbinderei mit 6 Haupt- und Hilfsmaschinen. Alle
Errungenschaften der neuzeitlichen Technik fanden hier zweck-
mäßige Anwendung. Die moderne Entwicklung drängte die
Antriebarten von Gas-, Petroleum- und Benzinmotoren zurück
und setzte an ihre Stelle den meist wohlfeileren, einfacheren
und leichter zu bedienenden Betrieb durch Elektromotore.
Um endlich auch die kraftverzehrenden und in mannigfachen
Beziehungen lästigen Transmissionen zu ersparen, wird der
ursprünglich übliche Gruppenantrieb, der alle Maschinen durch
einen stärkeren Motor mittelst Transmissionen in Bewegung
setzte, durch den Einzelantrieb verdrängt. Bei ihm ist es
nicht möglich, daß infolge Reißens des Hauptantriebriemens
der ganze Betrieb behindert oder gestört wird. Als rationelle
Kraftausnützung schaffte das Prinzip sich immer mehr Eingang
in diese Druckwerkstätten, an jede Maschine einen eigenen,
der Maschine genau entsprechenden Einzelmotor zu kuppeln.
Dies ist auch deshalb von Vorteil, da die Maschinen ja nicht
        <pb n="63" />
        ﻿54

unausgesetzt laufen, sondern immer längere Zeit infolge der.
Zurichtung zum Stillstand kommen.

Neben diesen beiden hervorragenden Firmen gibt es noch
eine ganze Reihe anderer Münchener Kunstdruckereien, deren
guter Ruf oft weit über die Mauern der Stadt hinaus bis ins
Ausland dringt. Es kann aber nicht unsere Aufgabe sein,
sie alle hierorts aufzuzählen und dennoch müssen wir im
kommenden zweier Betriebe gedenken, die uns auf eine andere
Erscheinung des Buchdrucks, auf den Verlag, hinleiten. Er-
gänzend bemerken wir noch, daß die gesamte Graphik Mün-
chens auf sehr hoher Stufe steht, wenngleich die einheimischen
chemigraphischen Anstalten besonders unter dem norddeut-
schen Wettbewerb zu leiden haben. Daß die besten Kunst-
kräfte sowohl durch eigentliche Kunstgraphik, durch Ra-
dierungen mitwirken als auch durch ihre Entwürfe — den
Münchener Anstalten zur Reproduktion überlassen — gibt von
vornherein die Grundlage zu einer höheren Stufe der Gra-
phik und einen Vorsprung Münchens vor anderen Städten,
schon in dem Sinne, daß wegen der vielen Bilder, wegen der
zahlreichen in ersten Zeitschriften eingestreuten, farbigen Re-
produktionen viel genauer und besser gedruckt und gearbeitet
werden muß. Das hat auch seinen Einfluß auf eine ganze
Anzahl kleiner Druckereien ausgeübt, die bemüht sind im
Existenzkampf sich durch moderne Schriften, geschmackvolles
Arrangement neben den großen Firmen zu halten.

In einem jener Großbetriebe, der Buch- und Kunst-
druckerei Knorr &amp; Hirth, welche zugleich die bekannte
Zeitungsdruckerei der über alle Welt zerstreuten „Münchener
Neuesten Nachrichten“ ist, finden wir weitgehende Durch-
führung der Spezialisation, Arbeitsteilung und Arbeitshäufung,
namentlich, wenn größere Werke in kürzerer Zeit zu erledigen
sind. Wir finden hier als eine Folge des ungeheuren Materials
und der verschiedenen Hantierungsweise damit, die vom Ein-
zelnen oft nicht beherrscht wird, und der mannigfachen Arten
von Drucksachen und der Anforderungen, welche diese jeweils
stellen, daß sich eine weitgehende Spezialisierung auch unter
den Setzern bildet: man unterscheidet Akzidenzsetzer, Werk-,
Zeitungs- und Maschinensetzer mit ihren Unterabteilungen. Im
        <pb n="64" />
        ﻿55

Gesamten sind bei Knorr und Hirth stets 430—450 Arbeiter
beschäftigt, darunter durchschnittlich 330—340 männlichen,
80—90 weiblichen Geschlechts und etwa 10 jugendliche Arbeits-
kräfte, d. h. Arbeiter bis zu 16 Jahren. Die angelernten Ar-
beiter übertreffen mit 70 o/o der Gesamtarbeiterschaft die un-
gelernten Arbeiter, die bloße Lohnarbeiter im Tagelohn sind,
bei weitem. Auf die einzelnen Löhne einzugehen, erübrigt
sich, da dieselben nach dem allgemein bekannten mustergültigen
Buchdruckertarif geregelt sind.

Diese beträchtliche Zahl von Arbeitskräften zusammen mit
erheblichem Kostenaufwand ist heute nötig um allen Anfor-
derungen gerecht zu werden. Das Haus Knorr und Hirth
hat, sich aus kleinen Anfängen zu einer der bedeutsamsten
Anstalten dieser Art emporarbeitend, mit dem Aufblühen der
Technik wacker Schritt gehalten, stets gebessert und ergänzt,
immer das Beste und Neueste in maschinellen, baulichen und
sozialen Einrichtungen sich angeeignet und steht wohl heute
als mustergültiges Unternehmen da. Die Anstalt steht nicht
nur in allen Zweigen des Buch- und Kunstdruckes auf voller
Höhe der Zeit, sie umfaßt auch, wie schon bemerkt, eine
der größten und besteingerichteten Zeitungsdruckereien
Deutschlands. „Gestützt auf viele hundert ständiger Mit-
arbeiter in allen Teilen des Reiches, insbesondere in Süddeutsch-
land, berichten die Münchner Neuesten Nachrichten über die
Tätigkeit der Regierungen und der Gesetzgebung, über die
Bewegung der Parteien und nehmen als liberales Organ in
unabhängiger Kritik zu den Tagesfragen Stellung, in freimütiger
Vertretung der liberalen Grundanschauungen, in unnachsicht-
licher Bekämpfung jeglicher Beengung der staatsbürgerlichen
Freiheit durch reaktionäre Übergriffe jeder Art, in unver-
drossener Förderung der Wohlfahrt aller Deutschen, gleich-
viel welcher Weltanschauung und Konfession sie sind, und
in einer nachdrücklichen Wahrung der Wehrkraft des Reiches
zu Lande und zur1 See.“ So kann es nicht wundernehmen, daß
das Blatt seit dem Beginn der achtziger Jahre einen außer-
ordentlichen Aufschwung nahm; wenn 1876 die Auflageziffer
26 700 betrug, so beträgt die noch stetig im Steigen begriffene
Auflageziffer heute über 100 000. Aber nicht nur diese Ziffer
        <pb n="65" />
        ﻿56

wuchs, auch der Umfang des Blattes wurde vergrößert durch
die ungewöhnliche Zunahme der Inserate und die Ausdehnung
des redaktionellen Teiles, obwohl das Blatt seit 14. Juni 1887
zweimal täglich erscheint. Damit übertreffen die Münchener
Neuesten Nachrichten alle anderen großen Zeitungen Mün-
chens, deren es noch sehr bedeutende wie die „Münchener
Zeitung“, die „Münchener Post“, die „München-Augsburger
Abendzeitung“ und andere mehr besitzt. Der gewaltige Auf-
schwung des deutschen Zeitungswesens in den letzten dreißig
Jahren mit der Entwicklung der redaktionellen Anforderungen,
der geschäftlichen Organisation, dem Ausbau des, Maschinen-
parks und der sinnreichen Organisation der fast auf Sekunden
berechneten Herstellung der Zeitung und ihrer Versendung in
die Hand des Lesers hat auch in Münchens Mauern eine
äußerst mächtige Förderung erfahren und ist zum Teil auf
die Mitarbeiterschaft der sämtlichen Münchner Zeitungen zu-
rückzuführen.

Wie wir schon ausführten, ist München die Heimat der
Lithographie und ihr verdankt München seine heutige Stellung
als Hauptfeld der graphischen Industrien und Künste, welche
sich hier zur höchsten Blüte entwickelten. Zu den hervor-
ragendsten, die Lithographie und besonders die Chromo-
lithographie betreibenden Münchener, ja deutschen Firmen,
gehört unstreitig die „Lithographisch-Artistische
Anstalt München“ (vorm. Gebrüder Obpacher). Dieses
Unternehmen ist 1867 aus kleinen Anfängen gegründet worden
und ging 1872/73, als der Bedarf nach lithographischen Er-
zeugnissen ein ungewöhnlich großer wurde, zum Großbetrieb
über. Seit 1889 ist der Betrieb, der dem Begründer der
Firma als Eigentum unterstand, in eine Aktiengesellschaft um-
gewandelt, da auf diese Weise die nötige Kapitalinvestition
erfolgen konnte und der weiteren Ausgestaltung des Unter-
nehmens mit den neuesten technischen Hilfsmitteln nichts
hindernd im Wege stand. Heute beschäftigt die Firma etwas
über 600 Arbeiter, wovon 300 weibliche Arbeitskräfte teils
als geübte Arbeiterinnen, teils als Hilfspersonal wie Ein-
legerinnen und Bogenfängerinnen tätig sind. Von den männ-
lichen Arbeitern kommen nur wenige als Hilfsarbeiter für
        <pb n="66" />
        ﻿57

den Steintransport in Frage. Die Entlohnung, Arbeitszeit und
sonstige Obliegenheiten der Arbeiter sind geregelt durch die
Tarifbestimmungen des Arbeitgeberverbandes mit dem soge-
nannten „Senefelderbund“, dem „Verband der Lithographie
und Steindrucker und verwandte Berufe Deutschlands“ und
dem deutschen Buchbinderverband. Die Löhne der männlichen
Arbeiter schwanken zwischen 17,50 und 28 Mark, die der weib-
lichen Arbeitskräfte zwischen 7 und 14,50 Mark pro Woche.
Alle Arbeiter sind bis zum letzten Mann stark organisiert und
einem nichtorganisierten ist es wegen der allseitigen Anfein-
dung durch die organisierten Arbeiter auch beim besten Wil-
len nicht möglich im Betriebe zu bleiben. Der Betrieb ist
sehr abhängig von geschickten Arbeitern und den Künstlern,
die in München ansässig sind. Arbeiter selbst stellt die Firma
nur unter Vermittlung des Senefelderbundes ein. Mäd-
chen, die als Hilfsarbeiterinnen zum Zählen und Sortieren
der Karten Verwendung finden, werden teils durch Annoncen,
teils bei freier Anmeldung oder Nachfrage in den Betrieb
aufgenommen. Diese lithographisch-artistische Anstalt ist im
Gegensatz zu allen ähnlichen ihrer Branche eine arbeits-
orientierte Industrie. Sie stellte ihre Produkte, Luxus-
kalender und Postkarten im „Phantasiegenre“, fast ausschließ-
lich für den Export her, der zu zweidrittel nach England und
Amerika, wo in London und New-York eigene Filialen bestehen,
und ein Drittel nach dem engeren Deutschland und Europa
geht, mit Vertretern in Berlin, Paris und Wien. Der Konsum in
der Stadt München kommt nach den uns gemachten Angaben
für die Firma noch weniger in Betracht wie irgend eine deut-
sche Großstadt, etwa Köln. Auch das Rohmaterial wird mit
wenig Ausnahmen von auswärts bezogen. So kommt das
Chromopapier aus Sachsen, die für die Ausstattung benützte
Seide aus den Rheinlanden und der Schweiz, die Farben ent-
stammen den Farbfabriken in Berlin, Dresden, Stuttgart und
nur zum kleinsten Teil der eigenen Stadt. Die Lithographie-
steine werden wohl großenteils den Solnhofener Brüchen ent-
nommen, aber auch in größeren Mengen von Mailand bezogen.
Die verwendeten Maschinen, wie Schnellpressen und Papier-
bearbeitungsmaschinen sind ausschließlich deutsches Fabrikat,
        <pb n="67" />
        ﻿58

sie wurden namentlich von den Augsburger und Nürnberger
Werken hergestellt. Heute stellt sich der Bestand an Ma-
schinen auf 45 Schnellpressen, ungefähr 50 Prägebalanciers
und 20 Schneidemaschinen neben mehreren kleineren Hilfs-
maschinen. Der Antrieb geschieht durch zwei Dampfmaschinen,
deren Abdampf zur Heizung der Arbeitsräume dient. Eine an
diese Kraftquelle angeschlossene Dynamomaschine sorgt für die
elektrische Beleuchtung des ganzen Fabrikanwesens. Zur An-
heizung des Dampfkessels wird Österreicher Steinkohle ver-
wendet.

Aus den vielen größeren und kleinen Betrieben der
Kunst- und Buchdruckerei im Münchener Stadtgebiet greifen
wir noch eine altehrwürdige Firma heraus, die uns nament-
lich als Verlagsunternehmen bekannt ist und uns zu der be-
deutenden Rolle Münchens als „Verlegerstadt“ hinüberleitet,
die Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
R. Oldenburg, welche im Jahre 1858 gegründet wurde.
Diese Gründung fiel in eine Zeit, in der einzelne Zweige der
Technik zuerst das Bedürfnis des Sammelns der gewonnenen
Forschungsergebnisse empfanden, was namentlich auf die junge
aufstrebende Gastechnik zutraf. Der Begründer der Firma
schuf das heute noch blühende und in hohem Ansehen stehende
„Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung“ und damit
seinen „Verlag“. Die Firma wurde bald weiter ausgebaut
und der Höhe des Großbetriebes zugeführt. Eine eigene
Druckerei wurde Voraussetzung für die Angliederung des. bay-
erischen Zentralschulbücherverlages. Dieser, anfangs Staats-
monopol, wurde für die Firma die Veranlassung zur Gründung
eines selbständigen Schulbücherverlags, der1 heute nahezu zwei-
hundert Unternehmungen umfaßt und seinen Absatz in ganz
Deutschland sucht und findet. Eine daraufhin angegliederte
Groß-Buchbinderei bildet dann mit der Buchdruckerei und einer
sehr ausgedehnten Stereotypie qnd Galvanoplastik die heute
in glänzender Weise mit etwa 450—500 Arbeitskräften tätigen
„technischen Betriebe“ der Firma. In der Buchbinderei lau-
fen heute 6 Falzmaschinen, 21 Heftmaschinen, 6 Beschneide-
maschinen, 4 Kaschiermaschinen, 12 Druck- und Prägepres-
sen, 7 Pappenbearbeitungsmaschinen, je eine Deckenmach-
        <pb n="68" />
        ﻿59

und Bucheinhängemaschine und endlich über 50 Hilfsma-
schinen für Kraft- und Handbetrieb, während den Bestand
der Buchdruckerei 18 Schnellpressen, 4 Tiegeldruckpressen und
eine Liniiermaschine bilden. Alle Maschinen haben den schon
besprochenen elektrischen Einzelantrieb durch 65 Motoren.
Die elektrische Kraftzuleitung geschieht teils vom städtischen
Elektrizitätswerke an der Isar, teils von zwei Dynamomaschinen,
welche von einer Dampfmaschine von ca. 85 PS betrieben
werden. Die Arbeiterverhältnisse sind sehr günstige, die Löhne
und alle sonstigen Arbeitsbedingungen sind durch den des
öfteren erwähnten allgemeinen Buchdruckertarif geregelt.

Die Firma R. Oldenburg kann auf eine umfangreiche und
ersprießliche Tätigkeit zurückblicken. Ihr Absatz, der sich
größtenteils auf Süddeutschland erstreckt, geschieht zu etwa
60 o/0 für Fremde als „Lohndruck, wie Kataloge, Preislisten,
und andere merkantile Sachen, und 40 o/„ für den eigenen Ver-
lag. Auf ihrem eigentlichen Felde, dem Verlage , wandte die
Firma sich früh bestimmten Richtungen zu. Wie schon ange-
deutet, erfuhr die Schulbuchliteratur eine besondere Pflege.
Außerdem wurden Werke von grundlegender Bedeutung aus
den Gebieten der Rechts- und Staatswissenschaft, der Natur-
wissenschaften, der Geschichte, Länder- und Völkerkunde, der
Technik, Kriegswissenschaft und schönen Literatur verlegt. In
die Erledigung der Arbeiten des Verlags teilen sich heute
etwa 50—60 Personen.

Ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt wie hier, haben
sich die schon genannten Firmen Bruckmann einen religi-
ösen Kunstverlag und Knorr und Hirth einen modernen Buch-
und Kunstverlag angegliedert. Der Begründer der letzten
Firma, Dr. Georg Hirth, hat dadurch, daß er seine vielen
eigenen Publikationen selbständig nach eigenem Geschmack
in Ausstattung und Druck herausbringen wollte, wie zu vielem
in München auch zum Ausbau des modernsten Verlagswesens
den ersten mutigen Anstoß gegeben. Andere große Verlags-
firmen folgten und bald marschierte sogar München unter
den Städten an erster Stelle, die Kunstblätter und vor allem
Prachtwerke über Kunst auf den Markt bringen, die oft Hunderte
von Mark kosten und von hier aus in die ganze Welt hinaus-
        <pb n="69" />
        ﻿60

gehen. .Wissenschaftliche Verlage und Antiquariatsverlage
folgten und ließen die; alte Meinung, ein guter Verlag dürfe nur
in Leipzig sitzen, zu nichte werden. Ja, die Münchener Buch-
händler waren jüngst selbst überrascht, als nach der neuesten
Statistik München als Buchhändlerstadt nach Leipzig und Ber-
lin an dritter Stelle marschierte, sogar die altehrwürdige Buch-
händlerstadt Stuttgart hinter sich lassend. Der Grund dafür,
daß der Buchhandel und das Verlagsgeschäft in München
sich im letzten Jahrzehnt so kolossal entwickelten, der Grund
auch für das Emporblühen neuer Verlage, für das Herziehen
alter, liegt in der geistigen Freiheit, im wissenschaftlichen und
literarischen Leben Münchens. Trotzdem kann man heute nicht
wie dies schon wiederholt die öffentliche Meinung versuchte,
von einer Gefährdung der Verlagsmetropole und Zentrale
Leipzig sprechen, weil dort die großen Auslieferungs-
stellen, die Bar-Sortimenter und Kommissionäre tätig sind.
In neuester Zeit ist aber auch eine Münchener Verlagsfirma,
das Haus Sutter, bemüht, für München wenigstens die An-
fänge zu einem großen Kommissionshaus in die Wege zu
leiten.

Unsere Betrachtungen über die polygraphischen Gewerbe,
mit Buch- und Zeitungsdruck, sowie Verlag abschließend,
müssen wir noch erwähnen, daß auf dem Gebiete des Verlags
und der literarischen Produktion überhaupt die Ursache der
bedeutend die Einfuhr überwiegenden Ausfuhr von Büchern
in Deutschland liegt. Das Absatzgebiet des Münchener Buch-
drucks vergrößert sich dabei im Verhältnis nur indirekt; der
Verlag hat den Vorteil der Ausbreitung, wodurch eine Großun-
ternehmergruppe des Buchdrucks gestärkt wird, was ja Druck-
aufträge derselben zur Folge hat. Der Kunst- und Farben-
druck ist im Gegensatz dazu am meisten direkt am Welt-
markt interessiert. Einer ganz geringen Einfuhr im Deutschen
Reich steht denn auch eine ganz gewaltige Ausfuhrziffer gegen-
über, was die große Leistungsfähigkeit des deutschen, na-
mentlich des Münchener und Berliner Kunstdrucks beweist.
Münchens Anteil ist dabei ein überaus großer. Wie wir ge-
sehen haben, beherbergt sein Burgfrieden gerade die führenden
Betriebe. Es weist ja auch den größten Teil der in Betracht
        <pb n="70" />
        ﻿61

kommenden Künstler auf, die ihnen die Originale liefern und
gleichzeitig die Ausführung überwachen können. Auch ist
die direkte Photographie der Gemälde in seinen Galerien und
Museen von größtem Einfluß auf seine Entwicklung in der
graphischen Kunst. Gründlichkeit, feines Abwägen, künst-
lerisches Empfinden, das so sehr auf die Qualität der Er-
zeugnisse wirkt, finden wir hier in den Münchener Betrieben
bis ins Kleinste und Äußerste gepflegt.
        <pb n="71" />
        ﻿Vierter Abschnitt, Teil II.

Kunstgewerbe-Industrie.

Erst seit dem Jahre 1900 spielt das Kunstgewerbe
in Deutschland eine große Rolle. So lange hatte es bei uns
geschlafen; nur hohe Kunst, Bilder und Plastik gab es; den
Gegenständen des Gebrauches wendete keine Künstlerhand,
keines Mäzens Güte sich zu, sie blieben der industriellen
Massenherstellung überliefert. Beschäftigung mit angewandter,
mit Nutzkunst, erschien den Malern und Bildhauern unwürdig.
Heute hat sich gerade die Münchener Richtung losgelöst von
fremden Einflüssen und hat auf das glücklichste gewisse Haupt-
merkmale moderner Geschmacksbestrebungen in der Innen-
dekoration verwirklicht: entschiedene Betonung alles Kon-
struktiven, rustikale Einfachheit, Verpönen alles den Möbeln
nur äußerlich unorganisch angehefteten Geschmacks. Die
Stücke sollten wirken durch ihren logischen Aufbau, durch das
harmonische Spiel ihrer Linien, durch die natürliche Schönheit
des Materials. Auch Syndikus. Dr. Kuhlo weiß in einem klei-
nen Aufsatze davon zu berichten, daß in München in den letz-
ten Jahren eine andere Industrie heimisch geworden sei: die
Kunstgewerbeindustrie. Die neuen Wege der angewandten
Kunst in Deutschland sind in der Hauptsache auf die Initia-
tive Münchens zurückzuführen; dort entstand der jetzt glück-
lich überwundene Jugendstil, der immerhin das Verdienst hat,
eine Reform der Innenkunst vorbereitet zu haben. In Mün-
chen sind die Seidl, Riemerschmidt, Bruno Paul, Fischer,
Bartsch, Troost und viele andere zu Hause, die der Raum-
kunst neue Bahnen eröffnet haben und den Ruhm Münchens
im ganzen Reiche iVerbreiteten. Das Kunstgewerbe ist im
        <pb n="72" />
        ﻿63

allgemeinen eine Mittel- und Kleinbetriebsindustrie; sie be-
schäftigt aber viele Tausende und ist in stetig aufsteigender
Entwicklung begriffen; wenn von Münchens Industrie die
Rede ist, muß sie in erster Linie erwähnt werden. Vielleicht
wird Deutschland einmal seinen neuen Stil, der noch immer
nicht endgültig gefunden ist, sich aber zweifellos aus den
vielen talentvollen Ansätzen heraus entwickeln wird, Mün-
chener Anregungen und Münchener Industriefleiß verdanken.“
ln Bayern ist, wie wir schon in den einleitenden Worten
über den Großstadtcharakter der Stadt München als Kunst-
stadt ausführten, die Bedeutung des Kunstgewerbes für das
Wirtschaftsleben und das geistige Leben des Volkes stets voll
gewürdigt worden. Von jeher hat besonders Bayern kunst-
sinniges Herrscherhaus mit den freien Künsten auch das
Kunstgewerbe mit allen Mitteln gefördert. Dem Laien sagt
dies ein Gang durch die Residenz und die königlichen Schlös-
ser des Bayernlandes, der Kenner weiß es auch aus der Ge-
schichte des Münchener Kunstgewerbes, und erst kürzlich hat
ein vielbemerktes Buch über die „Geschichte der Münchener
Goldschmiedekunst“ neues Licht auf diese Tatsache geworfen.
Daß gerade die Bedeutung der Stadt München im Kulturleben
der Gegenwart in hervorragendem Maße der gerade hier be-
sonders lebendigen Vereinigung von Kunst und Handwerk
zu danken ist, lehrt uns die Tatsache, daß von Seiten des
Magistrats und der städtischen Kollegien alles daran gesetzt
wird, jene Bestrebungen, die darauf abzielen, diese Verbindung
im Sinne einer Verallgemeinerung des Verständnisses für wahre
Kunst immer segenbringender zu gestalten, tatkräftigst zu un-
terstützen. Die handwerksmäßige Kunst bestimmt in Mün-
chen den Charakter des Kunstgewerbes, wie dies Rauecker
in seinem Werke „Das Kunstgewerbe in München“ zeigt.
Trotzdem haben einige bedeutende Großbetriebe und einige
charakteristische Mittelbetriebe ihren Standort in München ge-
wählt, denn künstlerische Arbeit ist sowohl für die Einzel-
werkstätte als für die kunstindustriellen Großbetriebe unent-
behrlich. Auf sie allein wollen wir unsere Darstellung, gemäß
der gestellten Aufgabe, beschränken und verweisen im Übrigen
auf die ganz vorzüglichen Untersuchungen Raueckers.
        <pb n="73" />
        ﻿64

Neben epochemachenden modernen Bestrebungen lebt in
der „Edelschmiedekunst“ Münchens eine archaisierende
Richtung, die in der Innendekoration die verwandte Seele
beim Münchener Meister Gabriel Seidl findet. Diese bisherige
Eigenart ist heute noch keineswegs durchbrochen worden.
Ratsherrliche Tafelzierate, Willkommensbecher, Schaugerät für
die mächtigen Kredenzen alter Stadthäuser, geschaffen im
Geiste deutscher Vergangenheit, verraten uns die Schöpfungen
von Professor Seitz und Ferdinand von Miller. Hinweisen
wollen wir noch auf die vollendete Münchener Kunst der
Medaillen und Rlaquetten, auf die Geldstücke und Schmuck-
münzen, die zarten Frauenköpfe in mattgetönten Basreliefs,
welche zu Nadeln und Knöpfen, sowie Anhängern verwendet
werden, auf die schöngeschwungenen Beschläge, Griffe und
Schließen, auf die Leuchter endlich in schönen organisch sich
auswachsenden Formen aus Bronze, Messing und Schmiede-
eisen. Münchener Gold- und Silberschmiedearbeiten werden
nicht wie solche in Hanau, Pforzheim, Heilbronn und Bremen
für Weiterverkäufer gefertigt, sondern fast ausschließlich für
Kunden direkt, weshalb sie den Übergang zur fabrikmäßigen
Produktion nicht unbedingt bedürfen. Und doch besteht seit
1900 in der Stadt eine Fabrikation von Silbergeräten, Goldge-
räten und Schmucksachen in einem industriellen Großbetriebe,
der Gold- und Silberwarenfabrik Rosenau in
München, welche sich selbst als „kunstgewerbliche Werk-
stätte“ bezeichnet. 100—130 Arbeiter, worunter durchschnitt-
* lieh sich etwa 10 Frauen befinden, arbeiten hier teils als
Kunsthandwerker, teils als Maschinenarbeiter, Welche an den
Metalldrückern und Stanzen Beschäftigung finden und von
dem künstlerischen Prozeß wenig oder gar nichts verstehen.
Der Wochenverdienst des Arbeiters schwankt zwischen 28
und 36 Mark,bei 9 bis 9y2 stündiger Arbeitszeit. Der Betrieb
richtet sich nicht wie die kleinen Werkstätten allzusehr nach
dem Konsum, er hat vielmehr München nur als günstigsten
Arbeitsplatz zum Standort gewählt. Seine Produkte fin-
den als Münchener Arbeiten auch anderwärts großen Absatz,
obwohl sie unter der Konkurrenz der Bijouteriewarenfabrik
Pforzheim etc. zu leiden haben.
        <pb n="74" />
        ﻿65

Ein sehr altes Kunstgewerbe ist zweifellos die Porzel-
lanfabrikation. Wenn auch in Bayern die Lager an Roh-
stoffen für die Porzellanherstellung nicht so reich sind wie
in manchen anderen Ländern, so ist doch die Industrie dieses
Zweiges in den letzten Dezennien mächtig emporgeblüht und
dank der dienstbereiten Hilfe der Künstler hat sie sich neben
großen Fabrikanlagen zu einer hohen Stufe in der Qualität
der gelieferten Waren heraufgerungen. Sie findet in der Kgl.
Porzellanmanufaktur in N y m p h e n b u rg- München
eine hervorragende Vertretung. Diese weltbekannte Nym-
phenburger Manufaktur, welche den alten Namen „Manufaktur“
im eigentlichen Sinne tatsächlich gar nicht mehr verdient, hält
die alte Tradition in modernem Gewand noch hoch. Die Por-
zellankunst in vornehmem Stil wurde aufgenommen und auch
die Porzellanplastik wieder ausgeübt. Diese Porzellanfabri-
kation besitzt in der Welt einen guten Ruf und man verspricht
sich heute viel von ihren Leistungen, wenn es ihr auch an
rechten Abnehmern und Bestellern fehlt, die eine volle Ent-
wicklung der ihr innewohnenden Kräfte ermöglichen könnten.
Darum muß gerade in dieser Industrie darauf gedrungen wer-
den, daß man das Zeichen beachte, unter dem heute allein
der Sieg errungen werden kann, das Zeichen „modern“. Daß
die alte Manufaktur heute tatsächlich zu den Fabrikbetrieben
gehört, davon zeugen die Menge Kraftmaschinen, wie Koller-
gänge, Kugelmühlen, Filterpressen, Membranpumpen, Kraft-
drehscheiben und 1 Pochwerk, sowie eine Masseschlagmaschine,
die alle teils elektrischen, teils Dampfantrieb besitzen. Der
Betrieb ist sehr abhängig.von seinen Arbeitern. Als arbeits-
orientierte Industrie muß die Manufaktur ihren Arbeiter-
stamm zu erhalten suchen und sie dauernd beschäftigen,
da die 130—140 im Betrieb tätigen Arbeiter mit 100—110
Leuten zu den Spezialisten in der Porzellanfabrikation zu
rechnen sind, während der Rest von nur 30 Arbeitern auf die
Klasse der Lohnarbeiter, der Taglöhner, entfallen. Jeder
bessere Arbeiter ist ein Virtuosenarbeiter, der nach den Vor-
lagen der angestellten, ausnahmsweise auch fremder Künstler
arbeiten muß. Der Absatz der Fertigprodukte zerstreut sich
auf die ganze zivilisierte Welt. München selbst als Fremden-

Fritz, Mönchen als Industriestadt.	5
        <pb n="75" />
        ﻿stadt weist auch einen ganz erheblichen Anteil des Verkaufes
von Nymphenburger Arbeiten auf. Die Rohprodukte kommen
zum geringsten Teil aus Bayern; sie werden meistens aus
Norwegen und Schweden, auch von dem näheren Böhmen,
bezogen. Bemerkenswert ist, daß der Betrieb alle Abfälle
wiederverwendet und so eine Einbuße des kostbaren Materials
nicht erleidet.

Weit zurück bis in die Morgenstunden aller Menschen-
kultur an den Ufern des Nils, wo kunstfertige Handwerker
aus Quarzsand Glas bereiteten und bemalten, reicht die Ge-
schichte der Glasmalkunst. Die Beziehungen Bayerns
zur Glasmalerei ragen an Alter und Bedeutung vor anderen
Ländern. Empfängt jene weltbekannte Stiftung von Fenstern
für die Abteikirche zu Tegernsee um die Jahrtausendwende im
Lichte der Entwicklungsgeschichte eine modifiziertere Bedeu-
tung als man ihr sonst zuzuschreiben pflegt, so bleibt für
immer bestehen, daß Bayern an zwei Marksteinen der herr-
lichen Kunst führend vorangegangen ist: eben um das Jahr
1000, wie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als es galt,
den verstummten goldenen Mund der Glasmalerei wieder zu
öffnen. In München speziell fand Sigismund Frank könig-
liche Huld und Unterstützung, um die verloren gegangenen
Geheimnisse des farbigen Hüttenglases neu zu entdecken.
Bayerns Herrscherhaus hat für die wiedererwachende Kunst
eine eigene staatliche Anstalt geschaffen, die später in die
Hände des um die moderne Glasmalerei hochverdienten Max
Ainmiller und nach dessen Tod auf Herrn F. X. Zettler über-
ging, welcher aus dem Mutterinstitut der Glasmalerei alles
für sein „Institut für kirchliche Glasmalerei“ erwarb. König
Ludwig I. verlieh nun, gleichsam um die Tradition der einstigen
Glasmalerei nicht schwinden zu lassen, dem jungen Zettler-
schen Institute den Titel einer „Kgl. Hofglasmalerei“ und zwar
wurde dieser Titel nicht, wie sonst üblich, dem Inhaber,
sondern dem Institut als solchem verliehen. Die kgl. bayr.
Hofglasmalerei F. X. Zettler hat auch in dem ver-
gangenen Dezennium das gehalten, was sie bei ihrer Grün-
dung versprochen hat und was ihr bei ihrem 30 jährigen Be-
stehen gutgeschrieben worden ist. Sie stellt einen wichtigen
        <pb n="76" />
        ﻿Faktor in dem Kunst- und Wirtschaftsleben Münchens und
des Bayerlandes dar. In steter Fühlung mit den neueren Pro-
blemen in Kunst und Kultur hat das Institut jede Richtung zu
Wort kommen lassen, die auf solider Grundlage neue Formen
schaffte und hat so mitgewirkt zum weiteren Ruhm der Kunst-
stadt München.

Wenn innerhalb 40 Jahre 2 Millionen Mark Honorare für
Skizzen und Kartons an fast ausschließlich in München lebende
Künster bezahlt wurden, wenn die ein und einhalb Million
Entlohnung der Glasmaler, wenn viele Hunderttausende von
Mark Verdienst der Glaser und Techniker in ihrem nackten
Wert sich an uns wenden, so künden sie uns ein schönes
Stück praktischer Lösung der sozialen Frage und zeigen klar
die sozialpolitische Bedeutung der Industrie für München.
Münchens Hofglasmalanstalt hat auf allen fünf Erdteilen die
Zeugen ihres künstlerischen Schaffens, in großer Anzahl ver-
streut, obgleich die Nürnberger Konkurrenz in Deutschland
sich fühlbar macht. Von den Rohprodukten bezieht die Firma
das Blei als eingeschmolzenes Rohblei von München, wegen
der Frachtverteuerung beim Bezüge von auswärts, ebenso den
Kitt. Das Glas, namentlich die farbigen Gläser, entstammen
den Glashütten im bayrischen Wald. Im Betriebe waren zur
Zeit unserer Erhebung ca. 60—75 Arbeitskräfte tätig, wovon
3 als ungelernte Arbeiter ausscheiden. Alle anderen waren
als Virtuosenarbeiter Spezialisten in ihrem Fach und entfallen
auf die Berufe der Zeichner, Glasmaler, Glaser und Brenner.
Die Löhne schwanken zwischen 27—30 Mark Fixum pro
Woche. Vier akademisch gebildete Künstler mit je 3000—6000
Mark Jahreseinkommen fertigen teils die Entwürfe an, teils
arbeiten sie als Figuren- und Ornamentmaler an der Voll-
endung eines Werkes mit. Der Betrieb, der seine Entstehung
auf historische Grundlagen zurückleitet, kann heute als rein
arbeitsorientiertes Unternehmen angesehen werden.
Die zum Fassen der sehr zahlreichen, farbigen Glasstücke ge-
brauchten „Bleiruthen“ werden in einer sehr rationell kon-
struierten Bleizugsmaschine hergestellt, die von jedermann ohne
viel Vorkenntnisse zu bedienen ist.

Ein dieser Anstalt ähnlicher Betrieb ist die M a y e r s c h e

5*
        <pb n="77" />
        ﻿68

Kgl. Hofku nstanstalt, welche neben der Glasmalkunst
die Bildhauerei und Architektur pflegt zur ausschließlichen Ver-
wendung in der „christlichen“, religiösen Kunst.
Das Unternehmen ging hervor aus einer staatlichen Anstalt,
der „kgl. Anstalt für krüppelhafte Knaben“, zu deren Vor-
stande die Regierung den Begründer der heutigen Hofkunst-
anstalt, Jos. Gabriel Mayer, mit dem Titel eines kgl. Inspek-
tors berief. Der Gedanke, den Krüppeln bei ihrem Austritt
aus der Anstalt die Möglichkeit eines geeigneten Fortkommens
zu verschaffen, trieb Mayer an, ein eigenes Privatkunstinstitut
zu errichten, dessen religiöse Kunstwerke sich bald eines guten
Rufes erfreuten. So wurde in München jene Anstalt gegründet,
die heute eines der bedeutendsten Kunstinstitute auf dem Kon-
tinent bildet: die Mayersche kgl. Hofkunstanstalt. Die mittel-
alterliche Bauhütte war, nach Kahn, das Vorbild des Grün-
ders; „wie in ihr vereinigte er in seiner Anstalt die drei bil-
denden Künste zur inneren Ausschmückung und Einrichtung
christlicher Kirchen nach liturgischen Vorschriften: die Bild-
hauerei, welche sich mit der Ausführung von Statuen und
Reliefen, insbesondere auch Kreuzwegstationen in den verschie-
densten Materialien befaßt; die Architektur, welche sich mit
der Herstellung kirchlicher Einrichtungsgegenstände, wie Al-
täre, Kanzeln, Beicht- und Chorstühle, Baldachine, Krippen etc.
beschäftigt und endlich die freilich erst späterhin in den Ge-
schäftsbereich der Anstalt aufgenommene Glasmalerei, durch
deren Pflege Glut- und Farbenpracht, sowie die Dauerhaftig-
keit der herrlichen Glasgemälde in den alten Domen erreicht
und womöglich erhöht werden sollte.“ Heute beherrscht die
Firma den Weltmarkt mit ihren Erzeugnissen, deren jedes für
ein Kunstwerk ersten Ranges gelten kann.

Schon anfangs war das Unternehmen ein rein arbeits-
orientierter Betrieb und ist heute wo die Produkte in alle
Welt gehen, ohne Rücksicht auf Zoll und Fracht, und wo die
Arbeiterverhältnisse am Orte keine allzugünstigen sind, noch
viel mehr auf einen guten Arbeiterstamm angewiesen. Dies
zeigt schon die verhältnismäßig starke Lehrlingshaltung. 25 bis
30 solcher junger Arbeiter lernen bei strengster Arbeitsteilung
die einzelnen Facharbeiten bis zur künstlerischen Vollendung als
        <pb n="78" />
        ﻿Glasmaler, Faßmaler, Glaser und Terrakotisten. Bei unserer
Erhebung waren neben diesen Lehrlingen und 5 Hausdienern
150—160 Arbeiter im Betriebe tätig, während nach Angaben
Sinzheimers im Jahre 1893 ca. 300 und nach Rauecker im
Jahre 1910 nicht ganz 200 Arbeiter Beschäftigung fanden. Von
den Arbeitern sind einige Bildhauer akademisch gebildet, die
große Mehrzahl aber steht auf der Stufe der besseren Arbeiter,
der „Virtuosenarbeiter“. Sie sind teilweise organisiert. Welche
Berufsorganisationen in Betracht kommen, ist dem Betriebe
nicht bekannt, es dürfte jedoch nach den uns gemachten An-
gaben die Mitgliedschaft an den christlichen Gewerkschaften
überwiegen. Tarifvertrag herrscht nicht; die Löhne bewegen
sich zwischen 3 und 10 Mark pro Tag, betragen aber je nach
Art der Betätigung und je nach Beschaffenheit des Werkes
auch bedeutend mehr.

In die große Gruppe des Kunstgewerbes müssen wir un-
bedingt auch die Münchener Wachsindustrie zählen.

So alt wie die Sitte der religiösen Opfergaben irgend
einer Art ist die Spende von Weihe-(Votiv-)Gaben aus Wachs.
Auch das Christentum vermochte sich diesem volkstümlichen
Brauche nicht zu entziehen. Um aber nun auch dem Ärmsten
die Möglichkeit zu bieten, jenem Empfinden gerecht zu wer-
den, bestimmte die Kirche als Hauptmaterial für derlei Gegen-
stände das Wachs. Die Wahl dieses außerordentlich bildsamen
Naturproduktes legte dessen künstlerische Verarbeitung sofort
nahe. So sehen wir denn auch neben der nicht selten prächtig
verzierten Votivkerze jene originellen Wachsgußwerke ent-
stehen, die insbesondere an' Wallfahrtsorten ein stark begehrter
Artikel waren.

München ist schon vor vielen hundert Jahren ein für das
Wachsziehergewerbe ganz bekannter Platz gewesen. Die Wachs-
zieherei und Lebzelterei gehört mit zu den urältesten Gewer-
ben der Stadt. Auch die heutige K. B. Hof-Wachs waren-
fabrik und Wa ch s bl e i ch e r ei, Firma Joseph
Gautsch, besteht schon heit mehreren Jahrhunderten. Der
damals noch kleine Wirkungskreis des, Geschäftes erstreckte
sich auf die Deckung des Bedarfes an Wachskerzen einer be-
schränkten Anzahl von Kirchen und eines kleinen Kunden-
        <pb n="79" />
        ﻿70

kreises im Detailhandel. Ein lebhafter Aufschwung des Be-
triebs hatte einen Neuaufbau des Fabrikanwesens zur Folge.
Der Absatz wurde rasch größer, wenn auch der Hauptbestand-
teil der Fabrikation nach wie vor die Herstellung von Kerzen
für den katholischen Kultus, also für die Kirchen war. Außer-
dem wurden auch noch andere Artikel des Wachszieher-
gewerbes wie Wachsstöcke, Weihnachtslichter, dekorierte Kir-
chenkerzen, Jesukinder, Engel, überhaupt bossierte Wachs-
waren, Wachs für technische Zwecke und vieles andere her-
gestellt. Heute besitzt die Firma einen hohen Ruf, ihre Artikel
sind gesucht nicht nur in Deutschland, auch in anderen Län-
deren des Kontinents, sie versendet viele ihrer Artikel sogar
über den Ozean. Ein besonderes Gewicht wurde von dieser
Münchener Wachswarenfabrik auf eine künstlerische Ausgestal-
tung der Fabrikate gelegt. Das war von jeher einej Hauptstärke
der Münchener Wachsindustrie. Die Überlegenheit auf diesem
Gebiete hat sie sich nicht nur bis zum heutigen Tag erhalten,
sondern auch noch wesentlich gesteigert. Maßgebend für die
Gründung der Wachsindustrie in München waren nicht etwa
billige Arbeitskräfte und billiger Boden, sondern der Konsum
und in der weiteren Entwicklung der Industrie auch der Ruf
Münchens als Kunststadt. Daß die Wachsindustrie in Mün-
chen konsumorientiert sein muß, geht auch daraus her-
vor, daß es die Beschaffung billigen Rohmateriales jedenfalls
nicht sein konnte, welche ihre Bodenständigkeit schuf, denn
die Wachsindustrie in ihrer heutigen bedeutenden Ausdehnung
leidet unter den schwierigen Verkehrsverhältnissen, welche die
geographische Lage Münchens verursacht, ebensosehr wie
andere Industrien, die sich hier einst festgesetzt haben und
groß geworden sind.

Als Haupt-Rohmaterial wird Bienenwachs verarbeitet,
welches aus fast allen Ländern bezogen wird. — Die ein-
heimische Produktion an Bienenwachs reicht für den heutigen
Konsum bei weitem nicht aus und ist qualitativ oft wenig den
Anforderungen entsprechend. Infolgedessen wird Wachs aus
Süd-Amerika, Ägypten, Deutsch-Ost-Afrika, Tunis, überhaupt
aus dem französischen Nord-Afrika bezogen, welches die fein-
sten Qualitäten darstellt.
        <pb n="80" />
        ﻿71

Der Hauptabsatz der Produktion findet in Deutschland
statt und zwar ungefähr zur Hälfte in Bayern; das Übrige
verteilt sich auf das Deutsche Reich und auf den Export. Es
werden im ganzen zur Zeit 177 Personen beschäftigt. Davon
sind 36 männliche und 141 weibliche. Männliche Lehrlinge
werden nicht ausgebildet. An geübten Arbeitskräften ist kein
Mangel. In den weiblichen Abteilungen sind die Arbeitskräfte
alle zum größten Teil selbst im eigenen Betriebe groß ge-
worden und mit der Arbeit vertraut, namentlich soweit es1 sich
um die hochentwickelte Wachsbildnerei handelt, d. h. um jene
Abteilung, in welcher das Verzieren von Wachskerzen und
Wachsstöcken vorgenommen wird. Je nach der Art der Arbeit
handelt es sich hier um tüchtige kunstgewerbliche Leistungen.
Für die Bezahlung der Arbeiter kommen sowohl Taglohn als
auch Wochenlohn in Betracht. Außerdem wird sehr viel im
Akkord gearbeitet.

Zum Betrieb der zur Anwendung kommenden Maschinen,
der Rührwerke, Bohrmaschinen, Farbmühlen wie der Klöppel-
maschinen zur Herstellung der für die Fabrikation benötigten
geflochtenen Dochte, dient eine größere Dampfmaschine, deren
Abdampf und überflüssiger Dampf ausschließlich zum Schmel-
zen des Rohmaterials verwendet wird. Die Firma stellt außer-
dem noch Met her, ein Getränk, welches aus Honig und Wasser
besteht und ungefähr so gesotten und behandelt wird wie Bier.
Die jahrelangen reichen Erfahrungen der Firma in der Kel-
lerei werden dazu benützt, die besten Rezepte zur Bereitung
eines guten gesunden Metes zusammenzustellen. Der Met findet
seinen Absatz heute noch hauptsächlich in Südbayern und in
München. In den kleinen Ortschaften in Ober- und Niederbayern
wird er bei gewissen Festlichkeiten in nicht unbedeutendem
Maße konsumiert. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß in
dem Verkehr mit der Landbevölkerung und mit den Bienen-
züchtern nicht nur die Abnahme von Wachs, sondern auch
jene des Honigs bedingt ist. Da nicht aller Honig zum Brauen
von Met verwertet wird, treibt die Firma auch einen um-
fangreichen Handel mit Honig, was im allgemeinen wenig be-
kannt sein dürfte.

Seit einigen Jahren hat die Firma einen neuen Zweig in
        <pb n="81" />
        ﻿72

ihren Betrieb aufgenommen, der jedem Kulturhistoriker gefallen
wird: die .Wachsabgüsse aus Jahrhunderte alten „Holzmodeln“.
Heute, wo der naiven alten Volkskunst mit Recht so inten-
sives Interesse entgegengebracht wird, ist es zu begrüßen, daß
mit den im Original dargestellten Wachsgußarbeiten, die auch
in jedem Wohnraum köstlich dekorativ wirken, der Sinn für
solche Kunstarbeiten wieder geweckt wird. Bis an den Aus-
gang des XVI. Jahrhunderts reichen diese Originalmodel zu-
rück, Model aus Birnbaumholz geschnitten und in Museen
aufbewahrt. Die verschiedenen Wachsfiguren, nach diesen Mo-
deln in rotem Wachs gegossen, oft auch naturgetreu bemalt,
bilden eine Serie ganz reizender Kulturdokumente einer längst
entschwundenen Zeit, deren manches dem Freunde echter
Volkskunst dauernde Freude bereiten wird.

Mit der neuzeitlichen Entwicklung der Stadt München ge-
wachsen und groß geworden, verdankt auch die Herstel-
lung künstlicher Blumen namentlich der Pflege von
Kunst und Kunstgewerbe, durch welche das, Königshaus die
Stadt München zur Metropole im Reiche künstlerischen Schaf-
fens emporgehoben hat, ihre Entstehung und reichste Förde-
rung. Verfeinerte Bedürfnisse und Lebensansprüche mit der
Entwicklung Münchens bei dem Publikum im allgemeinen und
ein für Schönheit und Schmuck empfänglicher Sinn besonders
bei den Damen hatte schon längst der französischen, insbe-
sondere der Pariser Industrie künstlicher Blumen ein günstiges
Absatzgebiet geschaffen, als Fräulein Antoinette von Heckei
den Gedanken faßte, die Herstellung künstlicher Blumen nach
den von der französischen Industrie dargebotenen Mustern
aufzunehmen. Der sich immer mehr ausdehnende Kunstsinn
der Münchener Bevölkerung kam zu Hilfe. Elemente aus höhe-
ren Kreisen, zu denen sich bald die Töchter kleiner Beamten
und Bürger gesellten, bildeten zusammen einen Arbeitsstock,
dem es bald gelang die Fabrikation schrittweise auf die mannig-
faltigsten Sorten von Blüten, Blumen und Blättern auszudehnen
und qualitativ auf die Höhe der Pariser Industrie zu bringen.

So wurde die Herstellung künstlicher Blumen in München
eingeführt und bald in einem Betriebe zur höchsten Blüte ge-
bracht durch Josef von Heckei, dessen Wirken fruchtbar und
        <pb n="82" />
        ﻿73

fördernd auch für die Entwicklung dieses Industriezweiges in
München und Bayern überhaupt wurde. Heute kann die kgl.
bayr. Hofblumen-, Blätter- und Pflanzenfabrik
J. v. Heckei in München auf allen Gebieten der Kunst-
blumenindustrie voll und ganz die Konkurrenz mit Paris auf-
nehmen und mit dieser dominierend auf dem Weltmärkte auf-
treten. Sie ist von den vielen in München im Laufe der Jahr-
zehnte entstandenen Blumenindustrien weitaus, die größte und
bedeutendste und wir können bei weiterer Betrachtung ihrer
Produktions- und Arbeiterverhältnisse die allgemeine Lage der
Münchener Kunstblumenindustrie ersehen.

Die Firma müßte man eigentlich als Kunstanstalt bezeich-
nen, weil kunstgewerbliche Arbeit geleistet wird: bei arbeit-
geteiltem Handbetrieb, soweit die Herstellung der Halbfabri-
kate in Betracht kommt, bei rein individueller, kunstfertiger
Einzelhandarbeit, soweit sie die Fertigstellung und Ausarbei-
tung eines Artikels betrifft. Diese Arbeit liegt hauptsächlich in
den geschickten Händen von Frauen und Mädchen, während die
elektrisch betriebenen Stanzmaschinen und sonstigen kleinen
Werk- und Hilfsmaschinen von männlichen Arbeitern bedient
werden. In den Betriebsräumen sind 30 männliche, 130 weib-
liche und 20 jugendliche (unter 16 Jahren) Arbeitskräfte be-
schäftigt. Volkswirtschaftlich aber von großem Werte ist das
Eindringen der ganzen Industrie in alle Bevölkerungsschichten,
was sich in der großen Zahl der Heimarbeiterinnen äußert.
Etwa 300 solcher hausarbeitenden Frauen und Mädchen zählen
zu den ständigen Produzenten, denen man teils die ganze
Fertigverarbeitung, teils nur die Weiterverarbeitung des ihnen
gegebenen Materials überläßt. Und trotzdem hat man heute,
nachdem die Kunst „Blumen zu machen“ in die Münchener
Bevölkerungsschichten tief eingedrungen ist und sich sehr viele
Leute nur durch diese Beschäftigung oder durch die Stellung
eines „Zwischenmeisters“ ernähren, stets Mangel an tüchtigen
Arbeitskräften. Früher lediglich ein konsumorientierter Indu-
striezweig, muß' der Betrieb heute auf einen tüchtigen Arbeiter-
stamm sehen, was sehr schwer wird, obwohl tausende ge-
schickter Hände vorhanden sind, welche die Herstellung künst-
licher Blumen bis ins Kleinste beherrschen. Es liegt einmal
        <pb n="83" />
        ﻿daran, daß keine besseren Elemente mehr in einer „Fabrik“
arbeiten wollen und lieber in Büros tätig sind; andererseits
muß eine Arbeiterin bei sehr geringer Entlohnung eine Lehr-
zeit durchmachen, während sie in einem Ladengeschäft als ge-
wöhnliche Handlangerin sofort mehr verdienen kann und sie
will und muß oft möglichst viel erwerben. In München be-
sonders macht sich hier der Einfluß der Cafes und Restaurants
geltend, welche die intelligenteren Mädchen zu sich anziehen,
denn diese ergreifen lieber das Kellnerinnengewerbe, als daß
sie in eine Fabrik eintreten. Man ist daher aufs äußerste be-
müht den Arbeiterstamm sich zu erhalten und zahlt dement-
sprechend hohe Löhne, wodurch ein immer schwererer Stand
der Münchener Kunstblumenindustrie gegenüber der Konkur-
renz der sächsischen Orte Sebnitz, Neustadt, ja sogar der
Stadt Dresden, sich geltend macht. Der Tagelohn der Arbeiter
und der Vollarbeiterin beträgt von 2.50 Mark an bis 6 Mark,
die Entlohnung der Lehrmädchen bewegt sich von 60 Pfennig
aufwärts bis 1 Mark pro Tag. Selbstredend werden die höch-
sten Löhne erzielt bei Akkordarbeit, die wiederum erhöht wer-
den können dadurch, daß die Arbeiter sich Arbeit nachhaus
mitnehmen, wo selbst die Angehörigen noch mitarbeiten. Die
Rohstoffe werden aus den verschiedensten Gegenden bezogen.
Baumwoll- und Seidenstoffe, Samte, Papier, Draht und Binde-
garne liefern deutsche, elsässer, wie englische und französische
Firmen, ganz besonders aber sind Schweizer Häuser an der
Lieferung beteiligt. Staubfäden und künstliche Früchte bezieht
die Firma aus Spezialfabriken in dem schon genannten sächsi-
schen Orte Sebnitz, ferner aus Paris, und teilweise von Mün-
chener Hausarbeiterinnen.

Neben der Herrschaft über den lokalen Markt — durch
großen Detailhandel in einem eigenen Ladengeschäft — ist die
Firma J. v. Heckei in den bedeutendsten Ländern der Welt
konkurrenzfähig geworden. Deutschland, England, Frankreich,
Österreich, Nord- und Südamerika, Italien, Skandinavien, Ruß-
land, Australien und Kanada zählen zu ihren Absatzgebieten.

Ein anderer Betrieb, die alteingesessene Blumenfabrik Joh.
Wenzel, arbeitet nur für den Engros-Verkauf und den Export,
da die Konkurrenz am Platze selbst eine zu große ist. Beim
        <pb n="84" />
        ﻿75

Export machen sich die schlechten Zollverhältnisse immer mehr
geltend; während früher die französische Ware mit hohem Ein-
fuhrzoll belegt worden ist, und so für die junge deutsche In-
dustrie ein Erziehungszoll vorhanden war, wird seit dem Jahre
1911 von Seiten Frankreichs ebenfalls ein so hoher Zoll auf
das deutsche Produkt gefordert, sodaß die deutsche Industrie,
namentlich aber die Münchener Firmen infolge ihrer hohen Pro-
duktionskosten, das französische Geschäft fast gänzlich einge-
büßt hat.

Zu den Industrien, die ohne ständige Fühlung mit den
maßgebenden künstlerischen Persönlichkeiten gar nicht aus-
kommen können, deren Entwicklung gerade in München haupt-
sächlich durch den Ruf Münchens als Kunststadt bedingt ist,
gehört ein rasch aufstrebender Industriezweig, der aus dem
Rahmen einer gewöhnlichen Skulpturen- oder Plastikenwerk-
stätte weit heraustritt: die Plastoindustrie Mün-
chen, G. m. b. H. Dies zeigt die Vielseitigkeit der tech-
nischen Mittel, die nach patentiertem Verfahren zur Anwendung
gelangen und die gefertigten Arbeiten, welche nach Aussage
berühmter Architekten den Eindruck eines erstklassigen, kunst-
gewerblichen Unternehmens hinterlassen.

Das Plastoidmaterial — ein feines der Vergoldermasse
ähnliches Stuckmaterial, hauptsächlich aus eigens behandeltem
Gips bestehend, welches nach dem Erstarren eine hohe Wider-
standskraft, auch gegen Temperatureinflüsse, und große Dauer-
haftigkeit erhält — hat das Unternehmen befähigt als kunst-
gewerbliche Werkstätten sowohl auf dem gesamten Gebiete
der Innendekoration wie in der plastischen Außenarchitektur,
der Gartenplastik und der Grabmalkunst, jede Künstleridee,
jeden persönlichen Wunsch des Bestellers unbedingt, ohne Ma-
schinenbetrieb in arbeitsgeteilter Einzelhandarbeit, zum voll-
endeten Ausdruck zu bringen. Die Plastoidindustrie bietet in
ihren Produkten ein außergewöhnlich verwendungsfähiges Ma-
terial, für welches in allen Kreisen großer Bedarf vorhanden
ist und zwar bei den bildenden und Baukünstlern, den Bau-
geschäften, Möbel- und Tapetenfabriken, den Kunst- und Anti-
quitätenanstalten, den Industriellen für Reklame, den Luxus-
warengeschäften und den Kaufhäusern für billige plastische
        <pb n="85" />
        ﻿76

Schaufensterdekoration, endlich in der gesamten kirchlichen
Kunst. Es darf in dieser Verbindung vielleicht erwähnt werden,
daß das bekannte deutsche Theater in seiner Innenausstattung
und Wanddekoration fast vollständig aus Plastoidmaterial be-
steht.

Diese junge Münchener Industrie, die wohl erkannt hat,
daß dem Publikum von zeitgenössischer, künstlerischer Relief-
kunst viel zu wenig gediegene Arbeit geboten wird, hat sich
die Aufgabe gestellt diese Lücke dadurch auszufüllen, daß sie
mit den ortsansässigen großen Künstlern vertragsmäßige Ab-
machungen über Lieferung geeigneter Modelle einging.

Hohen volkswirtschaftlichen Wert gewinnt das, Unterneh-
men dadurch, daß es an der Ausbildung gemeinsamer künstle-
rischer Bedürfnisse in Bezug auf das Wohnhaus und dessen
Einrichtung, die durch die beschränkte Stellung des Einzelnen
und den geringen Wohlstand der mittleren und sozial tiefer
stehenden Volksklassen gehindert sind, tatkräftig mitarbeitet. Es
will versuchen auch auf billigem Wege eine künstlerische Ge-
staltung der bis jetzt weder praktisch noch sanitär günstigen
Form des Zinshauses, des festen Wohnungstypus der Groß-
städte herbeizuführen. Was diese Aufgabe wesentlich erleich-
tert, ist ein besonderer Vorzug der Industrie, welcher darin be-
steht, daß die hergestellten Erzeugnisse nur sehr geringes Ge-
wicht aufweisen und deshalb ohne allzu große Erhöhung der
Transportkosten einen Versand auf große Entfernungen hin
zulassen, wodurch der Absatz sich über den ganzen Kontinent
auszudehnen vermochte.

In dem Vorstehenden haben wir schon angedeutet, daß
die Plastoidindustrie, so sehr sie auch anfangs konsumiert
gewesen sein mag, doch wesentlich ihren Standort in München
hat, weil neben dem Vorhandensein der Künstler und Mün-
chens Ruf als Kunstmetropole hier der optimale Arbeitsmarkt
für sie da ist: sie gehört heute zu den arbeitsorientier-
ten Industrien. München mit seinen zahlreichen Kunstschulen
und Ateliers besitzt stets die hier in Betracht kommenden
Arbeitskräfte in genügender Anzahl, als daß es einmal an
einem Angebot von wirklich tüchtigen Kräften für das ge-
nannte Unternehmen fehlte. Die Industrie benötigt auch nur
        <pb n="86" />
        ﻿77

gelernte Arbeiter als Bildhauer, Maler, Stukkateure und For-
mer, alle anderen Arbeiten können von ungelernten Arbeitern,
deren München auch eine erhebliche Zahl aufweist, nach einiger
Zeit vollständig bewältigt werden. Der Betrieb ist infolge-
dessen sehr ausdehnungsfähig und vermag bei entsprechend
breiter finanzieller Basis eine Industrie von Weltruf zu werden.
Zur Zeit unserer Erhebung beschäftigt das Unternehmen als
in einer ruhigen Geschäftszeit ca. 20—25 Arbeiter, während
sich die Arbeiterzahl in der Hochsaison auf etwa 50 beläuft.
Die Löhne werden durchweg nach Stunden berechnet. Die
geringsten Löhne erhalten die Hilfsarbeiter mit dem ortsüblichen
Tagelohn von 55 Pfennig pro Stunde, während die Stukkateure
und Bildhauer den Höchstlohn von 95 Pfennig und eine Mark
für die Stunde beziehen. Die Arbeiter, die mit Ausnahme ein-
zelner, als Virtuosenarbeiter, Arbeiterorganisationen angehören,
sind meist in München ansässig.

Heimarbeiter beschäftigt das Unternehmen noch keine. Je-
doch will man die bekanntlich sehr notleidenden Handwerker-
klassen der Vorstädte und auch der Innenstadt zur Heimarbeit
erziehen, indem man ihnen kleinere Arbeiten zur endgültigen
Fertigstellung überläßt. Ob die Durchführung dieser Aufgabe,
die zugleich sozialpolitisch für München von größter Wichtig-
keit ist, gelingt, ist, wie uns von maßgebender Seite erklärt
wurde, nur eine Frage der Zeit.

Heute in der Zeit des Kapitalismus sind wir soweit, daß
wir allgemein daran festhalten: im Großbetrieb sehen wir die
Zukunft und die Unterlage der gewerblichen Arbeit für den
Massenbedarf. Solange persönliche Bedürfnisse vorliegen, wird
das Handwerk leben können. Bei individueller Arbeit ist der
Ausdruck leicht zu finden, wie es die Geschichte der Hand-
werksprodukte zeigt. Für die Massenproduktion, die heute das
Problem der gewerblichen Produktion darstellt, fehlt dagegen
sehr leicht ein Maßstab für den richtigen Ausdruck. Und doch
werden in den großbetrieblichen Arbeitsstätten Produkte ge-
schaffen, die ihrem Ausdruck nach dem gleichwertig sind, was
die alte Handwerkskunst uns früher gegeben hat. Gerade für
München ist es die großbetriebliche gewerbliche Produktion,
die eine Zukunft haben wird, wenn sie Qualitätsarbeit leistet,
        <pb n="87" />
        ﻿wenn sie also eine Verfeinerungsindustrie ist. Es müssen der
Stadt München solche Qualitätsarbeitsstätten erstehen, wie sie
schon jetzt in der Möbelindustrie in ausgedehntem Maße
dazu beitragen, durch das Zusammenwirken von Indsutrie,
Handwerk und Kunst nur zeitgemäße Formen auf den Markt
zu bringen.

In der Münchener Möbelindustrie hat sich überraschend
gezeigt, wie schnell und begeistert von den geistig regen Krei-
sen des Bürgertums die neuen Ideen und Arbeitsresultate auf-
genommen worden sind. Man darf heute ohne Überhebung
sagen, daß sich in weiten Kreisen — vor allem der Intellek-
tuellen — der moderne Interieurstil durchgesetzt hat. Unter
„modernem Stil“ wird dabei verstanden: eine aus lebendig
neuem Formempfinden, aus Zweckmäßigkeit und gesunden Be-
dürfnissen geborene Nutzkunst, die dem Geiste unserer Zeit,
der Epoche phrasenloser aber auch kühner industrieller Arbeit
und'verfeinerter Lebenshaltung entspricht, die zugleich repräsen-
tativ und sachlich einfach, zugleich international verständlich
und national bürgerlich ist.

Die größeren Firmen spüren es auch, nach uns gewor-
denen Mitteilungen, von Jahr zu Jahr, wie die Arbeit des
Deutschen, vor allem auch des Münchener Kunstgewerbes auf
dem Weltmarkt immer mehr beachtet wird und wie es sich
anschickt den internationalen Markt, durch die Kraft der ihm
innewohnenden Qualität allein, zu erobern. Die Zeiten sind
vorbei, wo man den von Münchener Künstlern entworfenen
Möbeln manchmal mit Recht den Vorwurf machen konnte, sie
seien zu persönlich, und wer sich mit diesen Möbeln einrichte,
der sei nicht bei sich zu Hause, sondern bei dem Künstler zu
Gast. Heute haben sich schon Typen von allgemeinem Ge-
schmack, objektiver Gültigkeit herausgebildet, und die Per-
sönlichkeit des Künstlers hat sich in „Stil“ im höchsten Sinne
gewandelt. Trotz dieser Allgemeingültigkeit ist aber die per-
sönliche Arbeit des Künstlers noch keineswegs überflüssig ge-
worden: die Möbel lassen sich nicht etwa ungefähr nach-
machen, ohne ihren Charakter, ihre Qualität zu verlieren, die
gerade in der Nuance, in dem durchgebildeten Gefühl des
Künstlers liegen. Wir wissen, daß der neue deutsche Stil nicht
        <pb n="88" />
        ﻿etwa aus dem Streben, die Möbelkunst unserer Mode und
unserem gesellschaftlichen Gebaren anzupassen, entstanden ist.
Desto wertvoller ist es, diesen ungewollten, von selbst sich
ergebenden Einklang zu konstatieren. Daß das Beispiel künst-
lerisch, technisch, kulturell und wirtschaftlich stimmt, ist längst
bekannt.

In München herrscht eine dreifache Richtung in der Art
und Weise wie die Möbelgroßindustrie ihrem verschiedenen
Charakter entsprechend den Geschmack des konsumierenden
Publikums beeinflußt.

Von der Sphäre der mittleren Bürgerlichkeit über die des
Großbürgertums bis zum Patrizierhaften und Aristokratischen
finden wir eine äußerste Anpassung einiger bedeutender Möbel-
fabriken in ihrer Produktion an den individuellen Geschmack
des Käufers wie dies die Firmen Pößenbacher und Ballin
seit langer Zeit in ihren Betrieben bestens, zur Ausführung
bringen. Auf sie gehen wir aber bei vorliegender Untersuchung
nicht ein und verweisen wieder auf die genauen Beschreibungen
in Raueckers „Kunstgewerbe in München.“

Einen direkten Gegensatz zeigen die Bestrebungen der
Holzwaren- und Möbelfabrik München-Riesen-
feld, G. m. b. H., welche den Käufer dadurch dazu bewegt,
eine gewisse Stilart zu übernehmen, daß sie bestimmte Möbel-
typen, von eigner künstlerischer Kraft entworfen, auf den Markt
bringt, Möbeltypen, die durch eine sehr feinsinnig ausgedachte
Anwendung der Maschine im Großen hergestellt werden können
und deshalb bedeutend billiger sind, ohne daß die Qualität
der Arbeit, des Holzes sich irgendwie von den teuersten hand-
gearbeiteten Möbeln unterscheidet.

Diese Fabrik besteht erst seit 1905, wo der jetzige Di-
rektor Friedr. Dreger, mit 1 Arbeiter auf einem Raum von
27 qm eine Spielwaren- und Holzbearbeitung begann. Absatz,
namentlich für Möbel war genügend da, während für Spiel-
waren, an denen gar nicht viel verdient wurde, die Nürnberger
Konkurrenz zu groß war. 1907 wandelte sich der inzwischen
vergrößerte Betrieb um in eine Möbelfabrik, die sich nur auf
Herstellung von Schlafzimmereinrichtungen spezialisierte. Durch
große Kapitalinvestierungen entwickelte sich das zu einer G. m.
        <pb n="89" />
        ﻿80

b. H. umgewandelte Unternehmen in überraschendster Weise.
1912 beschäftigte es ca. 360 Arbeiter, 17 Betriebsbeamte und
Werkführer und 13 kaufmännisches Personal. Der Jahres-
umsatz belief sich 1911 auf 2xf2 Millionen Mark, wovon 60 °/o
auf Deutschland, 40 p/o auf das Ausland, namentlich Belgien und
Rußland, und allein 1/2 Million Mark d. i. 11,1 o/o auf München
treffen. Die Absatzmöglichkeit, die Nachfrage nach dem Pro-
dukte ist in den wenigen Jahren nicht so sehr gestiegen, daß
sich daraus diese große Entwicklung erklären ließe, sie war
immer gegeben. Erst die durch großen Kapitalzusammenschluß
gesteigerte Leistungsfähigkeit des Betriebes und seine ganze
mit allen neuesten Errungenschaften der Technik ausgestattete
Einrichtung rief solche Blüte der Fabrik hervor.

Sie steht heute an dritter Stelle aller Möbelfabriken
Deutschlands, denn die führende Möbelfabrik ist die in Frank-
furt a. Oder mit 1200 Arbeitern. Die Konkurrenz der Klein-
betriebe kommt wenig in Betracht, trotzdem geht das Be-
streben der größten Firmen dahin, die Kapitalien zusammen-
zuwerfen, sich zu einem Ring zusammenzuschließen und die
kleineren Betriebe aufzukaufen. Bis jetzt bestehen noch keiner-
lei Vereinigungen bei der seit etwa 30 Jahren in Deutschland
existierenden Möbelfabrikation zwecks Preisregulierung und Re-
gelung der Absatzverhältnisse.

In Bayern gab es bis 1907 keine Fabrik, die Möbel in
Massen speziell zum Verkauf an den Möbelhändler herstellte.
Andere Fabriken verfertigten Einzelmöbel und ganze Einrich-
tungen nach Wunsch und Geschmack der Privatkunden, even-
tuell sogar nach Entwurf. Genannte Fabrik aber verlegte sich
nur auf Schlafzimmermöbel, wodurch ihre ganze Anlage ratio-
neller arbeiten konnte.

Das Holz wird durch die Firma selbst im Walde ausge-
sucht und dann per Achse nach dem Gelände der Holzlager-
plätze gebracht, von wo es nach Bedarf mit Lastauto zur
Fertigverarbeitung in die Fabrik kommt. Zur Verarbeitung des
Holzes dienen dort 41 Holzbearbeitungsmaschinen verschie-
denster Art, darunter Stammholz-, Kreis- und Bandsägen, Ho-
bel-, Frais- und sonstige Spezialmaschinen neuester technisch
■vollkommener Art.
        <pb n="90" />
        ﻿81

Die Fabrik verwendet zum Antrieb der Maschinen meistens
durch Dampf erzeugte Elektrizität im Betrage von 300 P. S.,
daneben benützt sie etwa 100 PS elektrischer Kraft vom städ-
tischen Elektrizitätswerk für einige Spezialmaschinen. Daß die
Fabrik gerade in München ihren Sitz hat, liegt nicht an den
Arbeitslöhnen, nicht an dem vorhandenen Arbeiterstamm. Die
Arbeitslöhne sind durch die über Deutschland verbreiteten Or-
ganisationen fast überall gleich hohe. Die Fabrik arbeitet zu-
dem mit Akkordlöhnen. Dadurch, daß sie einen Mindestsatz
von 60 Pfennig einsetzt, unter den ein Arbeiter bei Strafe der
Entlassung im Akkordlohn nicht sinken darf, sichert sie sich
die geschicktesten und fleißigsten Arbeiter bei einem Maximal-
satz von 80 Pfennig pro Stunde. Das Fabrikunternehmen hat
den Ruf Münchens als Kunststadt tüchtig „ausgeschlachtet“
und hält sich auch einen eigenen Künstler, der immer die:
neueste Mode in seinen Ornamententwürfen berücksichtigen1
muß.

Die Transportverhältnisse der Rohmaterialien haben auf
den Standort wohl einen Einfluß gehabt, denn der nahe baye-
rische Wald lieferte das Rohholz der Fichte und aus der Bu-
kowina bezog man die Eichenstämme. Die anderen Mate-
rialien wie Fournierholz und Eisenbeschläge, Schrankstangen,
Schrauben kommen aus Hamburg und Rheinland bis Mannheim
per Schiff und werden hier auf die Bahn umgeladen. Aus dem
nahen Nürnberg bezieht man die nötigen Glasscheiben. Um
die teure Kohlenfracht nicht tragen zu müssen und um die
eigenen Abfälle zu verwerten, hat das Unternehmen eine Saug-
anlage mit elektrischem Antrieb geschaffen. Hobelspäne und
Sägemehl werden durch mächtige Exhaustoren von den Ar-
beitsmaschinen weg aus allen Teilen der Holzbearbeitungs-
und Schreinereiwerkstätten angesaugt und entweder direkt in
die Feuerungen der Dampfkessel für Betriebs- und Heizungs-
zwecke oder in eine Spänekammer geblasen. Mit diesen Ab-
fällen und den aus der Schreinerei entstammenden Holz-
stücken wird die ganze Kesselanlage geheizt. Sonst wird kein
Feuermaterial verwertet.

Am meisten hat die günstige Absatzmöglichkeit der Fertig-
produkte in Bayern, die lediglich per Achse befördert werden,

fOtz, München als Industriestadt.	g
        <pb n="91" />
        ﻿82

den Standort beeinflußt. In Bayern selbst besteht keine solche
Fabrik, es fehlt die Konkurrenz; wir können deshalb diese
Industrie als rein konsumorientiertes Unternehmen bezeichnen.

Die große Arbeitermenge dient nicht zum Bedienen der
Maschinen. Es herrscht vielmehr in dem Unternehmen die
feinstdurchdachte Arbeitsteilung zwischen mechanisiertem
Handwerksbetrieb und der Maschinenarbeit. Die Maschine
scheidet, poliert, kanneliert, bohrt und leimt, aber die mecha-
nische Arbeit des Nachreinigens, namentlich des Zusammen-
setzens und des Lakierens bleibt der Menschenhand überlas-
sen. So findet man in den großen Fertigpfriemereien und
Lakierwerkstätten der Fabrik die meisten Arbeiterkategorien
vereinigt.

Viel gemäßigter erscheint eine dritte Richtung der Möbel-
industrie, welche sowohl einzelne in dem eigenen Zeichen-
atelier entworfene Möbel von geschmacklich und technisch
denkbar höchster Qualität wie auch solche und vollständige
Wohnungseinrichtungen nach Wunsch oder direkter Angabe
seitens der Kunden hersteilen. Sie wird beherrscht von den
„Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst,
G. m. b. H.“ Sie liefern neben ganzen Zimmereinrichtungen
auch Polster- und Schreinermöbel in eigenen Werkstätten, wäh-
rend die Vorhang- und Bezugsstoffe, Teppiche, Beleuchtungs-
körper etc. sowie die Kleinkunst, aus Spezialbetrieben zum
größten Teil nach eigenen Entwürfen bezogen wird, wodurch
eine segensreiche Beschäftigung des Münchener Kleinhand-
werkers erreicht wird. Der Betrieb, der erst 1901 mit 2 Ar-
beitern gegründet wurde, ist auf der modernen kunstgewerb-
lichen Bewegung aufgebaut. Gegenwärtig beschäftigt der Be-
trieb in seinen Werkstätten 3 Werkmeister, 8 Zeichner, 62
Zuschneider, Polierer und Fertigmacher, 6 Maschinenarbeiter,
11 Tapezierer, 9 Näherinnen, 10—15 Ausgeher, Tagelöhner und
Packer. Es ist ein Stamm tüchtiger kunstgewerblicher Ar-
beiter vorhanden, dank den Aufgaben, welche die Künstler-
schaft schon frühzeitig auf kunstgewerblichem Gebiete gestellt
hatte. Da der Betrieb dafür bekannt ist, daß er ausschließlich
hochwertige Sachen herstellt, hat er genügend Angebote an
guten Arbeitskräften, unter denen sich sehr viele frühere Hand-
        <pb n="92" />
        ﻿werksmeister befinden; deshalb ist auch der Arbeiterwechsel
geringfügig. Die Lohnverhältnisse sind durch Tarifvertrag fest-
gelegt und bewegen sich zwischen 50—72 Pfennig Stunden-
lohn. Akkordarbeit ist nicht eingeführt, ebenso werden keine
Lehrlinge gehalten, da beides mit künstlerisch-vollkommener
Arbeitsleistung nicht in Einklang zu bringen ist. Den Arbeiter-
ersatz vermittelte des öfteren der von dem deutschen Holz-
arbeiterverband unterhaltene Arbeitsnachweis, doch ist der Be-
trieb nicht an seine Benützung gebunden. Die Maschinen-
arbeit macht ungefähr 10 o/o des Schreinerlohnes von jedem
einzelnen Stücke aus, denn die Maschine soll nur die gröbsten
Arbeiten verrichten und die Handarbeit im Fabrikationsprozeß
durchaus vorherrschend bleiben. Trotzdem laufen 7 Maschinen
im Betriebe. Die Band- und Kreissäge, Bohr- und Frais-
maschine, sowie eine Dicktenhobelmas.chine — das mit der
Kreissäge aufgeschnittene und abgerichtete Rohholz wird mit-
tels der Dicktenhobelmaschine geglättet und die verleimten
Bretter durch dieselbe Maschine zu gleicher Stärke gepreßt —
empfangen ihren Antrieb durch einen Industriearm der Isar,
dessen Wasserkraft in 20 PS ausgenutzt wird. Außerdem hat
der Betrieb einen Anschluß an das Leitungsnetz der Stadt,
um bei einer Regulierung der Isar keine Betriebsstockung zu
erleiden.

Die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst liefern
nur an Private direkt. Ihre Abnehmer sind Militär, Akade-
miker, Künstler, Kaufleute, Beamte etc. Etwa 60 o/o der Lie-
ferungen erfolgt nach außerhalb, nach Süd- und Westdeutsch-
land, was auf die Tätigkeit der Dresdener Abteilung zurück-
zuführen ist. 35 o/o kommen auf das Ausland und nur 5 °/o
entfallen auf das Platzgeschäft, das in erheblichem Umfang auf
das reisende Publikum angewiesen ist, denn die Konkurrenz,
die für sich schon sehr groß ist für das aufblühende Geschäft,
wird noch vermehrt durch die Tätigkeit einzelner geschickter
Schreinermeister. Wie sehr diese Werkstätten sich auf die
Künstlerschaft Münchens stützen, zeigt der Umstand, daß sie
in ihren Verkaufshallen hervorragende Arbeiten neuerer Hand-
werkskunst ebenso wie gute Einzelarbeiten von Künstlern und
Kunstgewerblerinnen, die sie ausfindig machten, dem Publikum

6*
        <pb n="93" />
        ﻿84

zum Erwerb anbieten. Künstlerische Glas- und keramische Ar-
beiten, Porzellan, Handarbeiten und Stickereien, sowie nach
eigenen Entwürfen geknüpfte Teppiche, eigens gedruckte Ta-
peten und Stoffe stehen zum Verkauf; außerdem steht dem
Käufer alles zur Verfügung, was zur Einrichtung und zum
Schmuck von Zimmern gehört.

Zur allgemeinen Beleuchtung der Schwierigkeiten, welche
den Münchener Möbelfabriken auf dem Weltmarkt entstehen,
möge die Bemerkung dienen, daß die Begründung des öster-
reichischen Möbelsyndikats., die der Preisunterbietung der
österreichischen Möbelfabriken im Exportgeschäft ein Ende be-
reiten soll, geeignet sein dürfte, die Lage der bayerischen Möbel-
fabriken insbesondere im Südosten des Landes in günstiger
Weise zu beeinflussen. Die bayerischen Möbelfabriken in ihrer
Gesamtheit haben ja in den letzten Jahren neben dem öster-
reichischen Wettbewerb auch dem amerikanischen zu begeg-
nen. Zwar handelt es sich hier weniger um Fertigfabrikate!
als um Möbelteile, die in den Vereinigten Staaten von Amerika
in großen Massen maschinell hergestellt und in Deutschland
zusammengefügt werden. Immerhin übt auch die starke Zu-
nahme der amerikanischen Einfuhr auf das bayerische Tisch-
lereigewerbe einen ungünstigen Einfluß aus.

Bei dieser Betrachtung der Kunstgewerbeindustrie Mün-
chens können wir nicht unterlassen darauf hinzuweisen, daß
hier Massenbetrieb und Arbeitsteilung nichts ist, was an sich
verderblich wäre, sondern der Umstand, daß das Ziel „Quali-
tätsarbeit“ aus den Augen verloren wird und daß die In-
dustrie im großen Ganzen sich nicht als dienender Teil einer
Kulturgemeinschaft, sondern als Herrin der Gegenwart emp-
findet. Auch das Handwerk wird der Industrie vielfach zur
Seite stehen können und darin eine neue zeitgemäße Auf-
gabe erblicken müssen, daß es sich bei der Weiterverarbeitung
vieler Industrieerzeugnisse als ein Faktor zeigt, der die guten
Eigenschaften eines Fabrikats durch geschulte handwerksmäßige
Weiterverarbeitung erst richtig zur Geltung bringt.

Und nur'dem unmittelbaren, rastlosen und schaffensfrohen
Eingreifen der Münchener Künstler im Sinne der Veredelung
auch des alltäglichen Lebens ist es zu danken, wenn da und
        <pb n="94" />
        ﻿dort sich bereits vielverheißende Ansätze eines wahrhaften,
innerlichen Aufschwungs zeigen, Ansätze zu einer Verallge-
meinerung der Kunst, zu einer Popularisierung ihrer Bestre-
bungen, das Hineindringen ins Volk und das, Durchdringen
aller Lebensverhältnisse. Dieser soziale Zug geht heute durch
das ganze Münchener Kunstgewerbe. Die Konsumenten sind
auch nicht mehr genötigt, ihren gesamten Bedarf an qualitativ
hochstehenden kunstgewerblichen Erzeugnissen aus anderen
Städten oder gar dem Auslande zu decken. Münchens Kunst-
gewerbe und Industrie sorgen dafür, einen großen Teil des
nationalen Bedarfs, auch den der höchsten Ansprüche, aus
eigenster Produktion zu decken, wodurch München volkswirt-
schaftlich einen großen Vorsprung vor anderen deutschen
Städten gewonnen hat. —
        <pb n="95" />
        ﻿Fünfter Abschnitt, Teil I.

Bierbrauerei.

In erster Linie hört man München als Künstlerstadt nen-
nen, welchen Namen es, wie wir in dem einleitenden Ab-
schnitte ausführten, zweifellos verdient., Und dennoch darf man
ruhig behaupten, daß es seinen Weltruf zum großen Teile
auch seinem Biere verdankt. Nicht nur in München, Bayern
und Deutschland, sondern in der ganzen Welt wird bayerisches
und Münchener Bier getrunken, und die ganze Welt ist heute
ein Absatzgebiet für Münchener Bier geworden. Im wahrsten
Sinne bodenständig für München ist neben der Kunstpflege
nur diese Brauindustrie; von ihr stammt auch der Bei-
name „die Bierstadt“. Die Luft ist um München bierfeucht,
soweit das Auge in die Vergangenheit zurückblicken kann.

Es waren unlängst 1100 Jahre, daß in Oberföhring nach-
weisbar Bier gesotten wurde.

Wenn man auch annehmen darf, daß die Schwaiger der
Kloster Tegernseer-Meierei, die auf dem Boden des. heutigen
Isar-Athens gestanden, zum Abendschoppen Oberföhringer Bier
getrunken haben, so darf es als sicher betrachtet werden, daß
im Jahre 1158 bei Gründung der „lieben guten Münchener
Stadt“ die ersten Ansiedler darauf bedacht gewesen sein wer-
den, neben Wohn- und Gotteshaus sofort sich eine eigene
Bräustatt anzulegen.

Die erste Münchener Braustatt hat dem Bedürfnis, nicht
lange genügt, weder der rasch zunehmenden Bevölkerungs-
zahl noch dem verschiedenartigen Geschmacke ihrer Zungen-
nerven.

So erhob sich denn neben der ersten bald eine zweite
Braustatt und daneben wieder eine dritte und so fort und tnan
konnte nicht bloß sagen:

Ist die Gasse noch so klein,

Ein Brauer muß darinnen sein,
sondern es gab Gassen, in denen 10 und mehr Braupfannen
sotten und zisdhten und prasselten.
        <pb n="96" />
        ﻿87

Es waren freilich lauter Kleinbetriebe, die ohne Zapfen-
wirte ihr Produkt im eigenen Hause verschänkten.

Es wurde schon im 13. Jahrhundert in München gebraut,
wie eine von Herzog Ludwig dem Strengen im Jahre 1286
dem Heil. Geistspitale erteilte Bierbrauereigerechtsame beweist;
im Jahre 1370 gab es in München aber erst drei Bierbraue-
reien, von welchen eine schon im Jahre 1325 unter Kaiser
Ludwig dem Bayern Iandesfürstlidies Eigentum war. Der Ver-
brauch an Bier scheint damals in München noch sehr gering
gewesen zu sein; Meth und Wein bildeten bis ins 15. Jahr-
hundert das Hauptgetränk der Münchener Bevölkerung; bis
dahin wurde auch in der Bierbrauerei die warme Gärung
(sog. Obergärung) angewendet. Mit der Einführung der bis
auf den heutigen Tag beibehaltenen kalten Gärung (sog.
Untergärung), welche ins 15. Jahrhundert fällt, stieg der Ver-
brauch des braunen Gerstenbieres, und im Jahre 1500 finden
wir schon 38 Bierbrauereien in München. Inzwischen waren,
wie dies auch in der Folge wiederholt geschah, sowohl vom
Magistrat wie vom Landesfürsten verschiedene Brauordnungen
erlassen worden. Im Jahre 1616, in welchem abermals eine
neue Bierordnung erschien, befanden sich in München be-
reits 69 Brauereien; deren Zahl ging bis Ende des 18. Jahr-
hunderts auf 58 zurück. Nach einer statistischen Übersicht
von Seiffert und Wenng bestanden 1819 61 Brauereien in
München, von welchen jedoch bloß 35 betrieben wurden.
Um jene Zeit beginnt der Aufschwung des Münchener Braue-
reigewerbes. Teils die Vervollkommnung der technischen Ein-
richtungen in den Brauereien, teils das den Verbrauch meh-
rende rasche Wachstum Münchens beförderten diesen Fort-
schritt, der sich anfangs nur zögernd, später aber in umso
großartigerer Weise vollzog und zu einer gewaltigen Steige-
rung der Erzeugung führte.

Es ist interessant, festzustellen, daß Umstände, welche
sonst die gewerbliche Entwicklung regelmäßig hindern, näm-
lich polizeiliche Verordnungen, gerade das Münchener Brau-
gewerbe erheblich gefördert haben. Die strengen Polizeivor-
schriften für die Brauereien, deren wesentlichste schon im
Jahre 1516 erlassen wurde, haben den Grund zu dem Ruf
        <pb n="97" />
        ﻿8S

und der Weltbedeutung des Münchener Bieres gelegt. In
dieser Landesverordnung vom Jahre 1516 wurde die Bestim-
mung erlassen, daß „füran allenthalben in Unsere Stette, Märkte
und auf dem Lande zu keinem Pier merer Stukh, dann allein
Gersten, Hopfen und Wasser genommen und gebraucht solle
werden.“ Wurde gegen diese Bestimmung trotz der streng
geübten „Bierpolizei“, deren Befugnisse sich auf die Herstel-
lung des Bieres, den Verkehr mit Bier und die Kontrolle über
beide bezogen, in der Folgezeit noch häufig verstoßen, wie
aus zahlreichen, auf sie zurückgreifenden Erinnerungen in den
Akten hervorgeht, so blieb sie doch für die ganze spätere Ge-
setzgebung als ein Hauptpunkt maßgebend und wurde fast
wörtlich in die Bestimmungen der neueren Malzsteuergesetz-
gebung übernommen. Diese alte Verordnung stellt heute allge-
mein noch die Norm dar für das, was man unter Bier Zu
verstehen hat. Struve sagt darüber, daß unter Bier in dem
durch die moderne Entwicklung der Bierbrauerei bestimmten
Sinne ein aus Getreide oder anderen stärkemehlhaltigen Roh-
stoffen, Hopfen und Wasser hergestelltes, mittels Hefe teil-
weise vergorenes Getränk verstanden wird. Der Begriff „Bier“
hat demnach in dem für seine Bereitung und Verbreitung in
der Neuzeit in erster Linie in Betracht kommenden Lande, in
Bayern, hinsichtlich der die Grundlage des Biers bildenden
Rohstoffe schon seit etwa 400 Jahren die gesetzgeberische Ein-
schränkung erfahren, daß als Rohstoff nur Malz und zwar für
das untergärige Lagerbier, das sogenannte „braune“ Bier, nur
Gerstenmalz verwendet werden darf. Dadurch also, daß die
Herstellung des Bieres schon vor Jahrhunderten in München
von den Behörden strenger überwacht wurde, als irgendwo
anders in der Welt, war seine Qualität der aller anderen Pro-
dukte überlegen und fand bald den Weg auf den Weltmarkt.

Diese Entwicklung aber ging bis zur Mitte des 19. Jahr-
hunderts sehr langsam vor sich. Dem alten volkstümlichen
Charakter des Bierbrauens als Bestandteil der eigenen Haus-
wirtschaft entsprechend, zieht sich durch das ganze Mittel-
alter der Zug des Widerstreits des ursprünglich für jeder-
mann freien Rechts zu brauen mit der Ausgestaltung des-
selben zu einem besonderen, rechtlich gebundenen Gewerbe-
        <pb n="98" />
        ﻿S9

betriebe. In Bayern war unter dem Zusammenwirken eigen-
tümlicher Umstände das Braurecht landesherrliches Regal ge-
worden und wurde entweder nur von Fall zu Fall „gnaden-
weise“ als Lehen vergeben unter Befolgung des Satzes „Kunst
erbt nicht“ oder es wurde wie das Brauen von „weißem
Weizenbier“ ausschließlich in eigener landesfürstlicher Regie
betrieben. Selbst im Besitze zahlreicher Brauereien hatten
Bayerns Flerrscher ein sehr konkretes Interesse an dem guten
Zustande der Brauerei und es unterliegt keinem Zweifel, daß
gerade die Blüte der damaligen Bierbrauereibetriebe in Nord-
deutschland für sie vorbildlich gewesen ist, auch in ihren Lan-
den diesen Nahrungszweig auf eine gleich hohe Stufe zu heben.
Es war gewissermaßen ein geschichtlich entscheidender Mo-
ment, als der kurfürstliche Hof, der bei dem mangelhaften
Zustande des derzeitigen Brauwesens in München seinen Bier-
bedarf aus Norddeutschland und Sachsen bezog, sich entschloß,
im Jahre 1614 einen „Ainbecker“ Braumeister kommen zu
lassen, um selbst im eigenen Hofbräuhause, das schon 1589
gegründet worden war und nur für den Bedarf des Hofes
braute, Bier nach „Ainpöckischer“ Art brauen zu lassen. Diese
Art des Bieres gilt heute als der Urtypus des Münchener
Bieres. Von dieser Zeit an beginnt für das bayerische und
speziell für das Münchener Braugewerbe ein rascher Auf-
schwung, wenn auch festgestellt werden muß, daß diese Ent-
wicklung schwer erkämpft wurde; denn mehr als jede andere
Industrie war die Braunahrung gebunden in altem zopfigen
Herkommen, gefesselt durch Biertaxe, durch Zwangswirte und
eine brauberechtigte Bürgerschaft, welche den Geldbeutel wohl
noch offen hielt, das Brauen aber längst nicht mehr verstand.
Die kräftige Entwicklung des Münchener Braugewerbes datiert
erst aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie beginnt
erst mit der befreiend wirkenden Gewerbegesetzgebung und
dem Zeitpunkt, indem das untergärige Münchener Brauver-
fahren entstand und aus dem Handwerk die Industrie her-
vorging. Der Mann, der in dieser Zeit mit genialem Blick
die technischen Fortschritte der damals schon hochstehenden
englischen Brauerei für seine Münchener Braukunst nutzbar
gemacht hat, war Gabriel Sedlmayr, der Sohn einer Mün-
        <pb n="99" />
        ﻿QO

chener Brauerfamilie, welche im Besitz der später so berühm-
ten Spatenbrauerei in München war. Aber als nach Über-
tragung und richtiger Anpassung des englischen Musters auf
das andersgeartete Münchener Braugewerbe die Fundamente
für den modernen Großbetrieb gelegt waren, da sind seinen
Anregungen und seiner Initiative noch viele Fortschritte zu
verdanken, die endgültig den Weltruf des Münchener Bieres
und der bayerischen Brauindustrie begründeten.

Letztere hat in ihrer glanzvollen Entwicklung aber eine
getreue Gehilfin in der Brauwissenschaft gefunden. Gerade
die frühzeitig wissenschaftliche Durchdringung des bayerischen
Gewerbes war es ja, die es zu einer hohen kulturellen Aufgabe
besonders befähigte und es geeignet machte die Lehrmeisterin
der ganzen kontinentalen Brauerei zu werden.

Die bayerische Regierung selbst war zu sehr an dem
Gedeihen dieses Industriezweiges interessiert, als daß sie nicht
Mittel und Wege suchte die Brauindustrie zu fördern und
zu unterstützen. Nicht unerwähnt soll es bleiben, daß sie
schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Ge-
lehrtenhilfe Methoden ausarbeiten ließ, nach welchen das Bier
untersucht werden konnte. Die so entstandene hallymetrische
und die optische Bierprobe, welche die fast mittelalterliche,
unhaltbare Einrichtung der „Bierkieser“ beseitigten, mußten
bald der im Jahre 1844 erfundenen epochemachenden saccharo-
metrischen Bierprobe weichen, welche heute noch die maß-
gebende ist. Heute besteht auch, da sich mit der aufstreben-
den Brauindustrie eine bedeutende Entwicklung des brautech-
nischen Unterrichts naturgemäß ergab, in nächster Nähe Mün-
chens eine staatlich subventionierte Anstalt, die Brauereiakade-
mie Weihenstephan, welche mit der Schwesteranstalt in Nürn-
berg zusammen mit großem Erfolge daran gearbeitet hat, das
auf dem platten Lande noch viel verbreitete kleine Braugewerbe
mit den Errungenschaften der neuesten Technik und Wissen-
schaft im Brauereiwesen bekannt zu machen.

Diese Kleinbrauereien, die in ganz Bayern im Laufe der
Jahre stetig abgenommen haben, sind in München vollständig
eingegangen. Denn bei der heutigen Wirtschaftslage ist nur
noch der Kleinbrauer konkurrenzfähig, welcher neben seiner
        <pb n="100" />
        ﻿91

Brauerei eine Ökonomie betreibt und einen größeren Teil seines
Bieres in der Brauhausschenke selbst absetzt. Wenn auch dem
letzteren die Ausgaben für Betriebsunkosten und Löhne höher
zu stehen kommen, so ist derselbe doch existenzfähig, nur muß
er sich leider mit einem geringen Gewinne begnügen. An-
gesichts der modernen Entwicklung, welche die Brauindustrie
wie alle anderen Industrien ebenfalls durchgemacht hat, konnten
diese kleinsten und unvollkommensten Unternehmungen in
München gegenüber den besser organisierten, rationelleren Mit-
tel- und Großbetrieben nicht entsprechend geschützt werden,
auch nicht durch künstliche Maßregeln, wie eine Ausdehnung
der Steuerstaffeln. Das allgemeine Bild, das sich uns ergibt,
ist das der Konzentration und des langsamen Rückganges der
kleinsten Betriebe, eine Erscheinung, wie sie mit den auch auf
anderen Wirtschaftsgebieten gemachten Beobachtungen über-
einstimmt. Der Zug nach industrieller Ausgestaltung und Kon-
zentration der Produktion ist hierin unverkennbar, es ent-
stehen Großbrauereien, die teils auf kleinen Brauanlagen auf-
gebaut, teils durch Aufsaugung vieler Kleinbetriebe rasch em-
porgewachsen sind. Diese Entwicklung war unausbleiblich,
denn die Handarbeit mußte durch Maschinenarbeit ersetzt wer-
den, um so durch Verringerung der Unkosten die Produktion
zu verbilligen und dem steigenden Bedarf nach Bier durch er-
heblich größere Erzeugungsmengen gerecht zu werden.

Sei es nun zur Nutzbarmachung von Transportkosten,
Kohlen oder Arbeitslohn sparenden Anlagen, sei es zu Inve-
stitionen, um bei geeigneter Konjunktur große Rohstoffvorräte
längere Zeit aufspeichern zu können oder sei es endlich um
die Absatzgelegenheiten einer Brauerei für dieselbe sicher zu
stellen, es müssen stets große Kapitalsummen in einer Groß-
brauerei investiert werden, um derselben die Zuwendung dieser
Vorteile auch dauernd zu sichern. Eine Brauunternehmung
wird Kapitalunternehmung; das Kapital ist aber nicht von außen
in das Brauereigewerbe hineingetragen, sondern ist von selbst
geschaffen. Die Entwicklung der Münchener Brauereien zum
Großbetrieb hat stets den Übergang zu einer neuen kapitalisti-
schen Form mit sich gebracht. Das Stadium dieser aufstreben-
den Unternehmungen bis zum Eintritt in großindustrielle Be-
        <pb n="101" />
        ﻿92

r

triebsformen wird gekennzeichnet meist durch die Umwandlung
in Aktiengesellschaften. Nur für kleinere Unternehmen besteht
heute eine viel geeignetere Einkleidung in das gesellschaftlich-
kapitalistische Gewand in Gestalt der Gesellschaft mit beschr.
Haftung. Die Wirksamkeit dieses für den Zug zum Industrialis-
mus charakteristischen kapitalistischen Moments hat der Ent-
wicklung des bayerischen Brauwesens ein neues, gegen früher
abweichendes Gepräge verliehen. So ist besonders die gegen-
wärtige wirtschaftliche Lage der Münchener Brauerei ganz her-
vorragend durch die überragende Herrschaft des Kapitalismus
gekennzeichnet.

In München sind zur Zeit 23 Brauereien, davon 6 Weiß-
bierbrauereien, tätig die Biermengen herzustellen, die der seit
zwei Jahren wieder steigende Konsum erfordert. Von den 17
Braunbierbrauereien sind 2 als Gesellschaften mit beschr. Haf-
tung, 9 als Aktiengesellschaften und 5 als Privatbrauereien im
Handelsregister eingetragen; außerdem besteht noch eine
Staatsbrauerei, das kgl. Hofbräuhaus, welches in Staatsregie be-
trieben wird.

Wir wollen die Privatbrauereien nur dem Namen nach er-
wähnen, da dieselben genauere Angaben über ihre Produktion
verweigern. Unter sie fallen die Namen des Wagner-, Pschorr-,
Spaten-, Thomas- und Augustinerbräu, deren Bedeutung für
München eine ganz ungeheure ist.,

Namentlich der Spatenbrauerei von GabrielSedl-
m a y r, dem Begründer des neuzeitlichen Brauwesens, war es
beschieden eine führende Rolle in der Entwicklung des deut-
schen Braugewerbes zur Industrie zu spielen und heute noch
als größte Exportfirma den Ruf des Münchener Bieres in alle
Welt zu verbreiten. Die Bedeutung dieses Unternehmens sehen
wir an seiner Größe. Die Gesamtfläche auf der die heutige
Brauerei steht, hat eine Größe von 8 2 000 qm, wovon 48 000 qm
unterkellert sind. In der Mälzerei (14 000 qm Tennenfläche, 14
Doppeldarren) werden jährlich während einer achtmonatlichen
Kampagne über 220 000 Zentner Gerste zu Malz verarbeitet,
womit jedoch noch nicht der Gesamtbedarf der Brauerei ge-
deckt ist. Zum Versieden des Malzes stehen 5 Doppelsudwerke
zu je 65 Ztr. Einmaischquantum zur Verfügung, der Fassungs-
        <pb n="102" />
        ﻿93

raum der Lagerkeller (die wie die Gärkeller selbstverständlich
alle mit Lindekühlung versehen sind) beträgt 180 000 hl. 12
Dampfkessel ä 80 qm Heizfläche dienen zur Speisung der
Dampfmaschinen von mehr als 1000 Pferdekräften. In etwa
150—160 eigenen Eisenbahnwagen versendet die Brauerei ihr
Bier nach fast allen Ländern des Kontinents und nach den
Hafenstädten für den überseeischen Export. Pasteurisiertes
Spatenbier in Flaschen, seit neuerer Zeit auch in Metallfässern,
hat sich die ganze Welt erobert.

Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft haben, wie
schon erwähnt, 9 Großbrauereien vollzogen. Folgende von uns
nach Angaben der Brauereien zusammengestellte Tabelle gibt
neben dem Namen der Brauerei, das bedeutende Aktienkapital,
den Absatz im Jahre 1911, die gezahlte Dividende und die in
der Anlage investierten Werte an:

						Davon für
Name	Aktien-	Absatz	Dividende		Anlage-	Wirt- schaften u.
	kapital	in hl			werte	Wirtschafts-  anwesen
	M.		M.	°lo	M.	M.
Aktienbrauerei zum Löwenbräu Unionsbrauerei	9 300 000	820 000	1 860 000	20,0	19602777	10629572
Schülein  Jos. Sedlmayr,	6 700 000	325 000	469 000	7,0	9840207	3529283
Brauerei zum  Franziskaner  Leistbräu	4 000 000	300 000	360 000	9,0	5119442	2877354
Akt.-Ges.  Hackerbräu  Bürgerliches	3 600 000	208 000	180 000	5,0	10515719	6199572
Brauhaus  (Bürgerbräu)  Paulanerbräu,	3 000 000	213 000	270 000	9,0	9903778	5191827
Salvator-						
brauerei	2 900 000	186 000	348 000	12,0	7260484	3762192
Aktienbrauerei						
z. Eberl-Faber	2 100 000	136 000	94 500	4,5	5899197	2366209
Kochelbräu  Schwabinger-	2 000 000	117 000			6627668	3222302
bräu-	1 250 000	88 000	93 750	7,5	7087833	3922177
        <pb n="103" />
        ﻿94

Diese Zahlen reden sehr deutlich von den ungeheuren Ka-
pitalanlagen, welche die Münchener Großbrauereien geschaffen
haben, um den weitverzweigten, rasch emporgewachsenen Ex-
portverkehr zu erhalten, ihn sogar immer weiter auszudehnen.
Die industrielle Erstarkung der außerbayerischen Brauereien
hatte an die Kapitalkraft der auf Export basierenden Mün-
chener Brauereien immer höhere Anforderungen gestellt, daß
es einigen von diesen trotz der größten Anstrengungen nicht
mehr gelang, auf die Dauer ihren Exportverkehr aufrecht zu
erhalten, denn die wenigen altrennomierten, kapitalkräftigen
Großbrauereien rissen immer mehr das Monopol des Exportes
an sich.

Der Export Münchener Bieres hat großen Umfang eigent-
lich erst seit dem Jahre 1872, d. h. zur Zeit des allgemeinen
wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland, angenommen und
ist heute ungefähr die Hälfte der gesamten bayerischen Bier-
ausfuhr, obwohl die Brauereien in Kulmbach, Nürnberg und
Würzburg ebenfalls große Quantitäten ausführen. Daß der
Export nach Norddeutschland erheblich abgenommen hat, liegt
nach Aussage eines Fachmannes in dem Surrogatverbot, d. h.
dem Verbote einer weiteren Verwertung von gebranntem Zuk-
ker (Couleur) und anderen Chemikalien zum Versetzen des
Bieres, wie dies noch im Auslande gebräuchlich ist.

Die großen Mengen erzeugten Bieres, die Ausfuhrver-
hältnisse desselben, den Verbrauch von Malz und den Bier-
konsum des Jahres 1911 in der Stadt zeigt uns eine Tabelle,
welche nach Veröffentlichungen des Statistischen Amts der
Stadt München mit einem Rückblick bis zum Jahre 1881 zu-
sammengestellt ist.

Der interessanten Zusammenstellung entnehmen wir, daß
der Bierkonsum auf den Kopf der Bevölkerung berechnet ge-
genüber dem Vorjahre wieder um 10 Liter gestiegen ist. Es
muß jedoch berücksichtigt werden, daß das Jahr 1911 zu den
besten zählte, welche die deutsche und speziell auch die baye-
rische Brauindustrie zu bezeichnen hat. Außerordentlich gün-
stige, den Konsum fördernde Witterungsverhältnisse und gute
Qualität der Rohstoffe haben die Erträgnisse der Brauereien
so gesteigert, daß die die Brauerei belastenden Steuern, die
        <pb n="104" />
        ﻿95

höheren Gerstenpreise und vermehrten Unkosten in den er-
höhten Gewinnziffern nicht sichtbar wurden.

Die Biereinfuhr (einschließlich geringer Mengen „Weiß-
bier“, d. i. Weizenbier), die seit Jahren stets zugenommen
hat, ist im Jahre 1911 zurückgegangen und weist nur mehr
23,404 Hektoliter gegen 27,152 Hektoliter im Jahre 1910 auf.

Die Bierausfuhr ist von Jahr zu Jahr im Wachsen be-
griffen und betrug im Jahre 1911 1 806 630 Hektoliter, aus-
schließlich des nach bayerischen Orten ausgeführten Flaschen-
bieres, dessen Menge nicht bekannt ist.

Auf den Kopf berechnet treffen im letzten Jahre 320 Liter
(gegen 310 Liter im Vorjahre) bei einer mittleren Einwohner-
zahl von 604 000. Die Höchstziffer ward im Jahre 1889 er-
reicht mit 525 Liter (alte Berechnung), während die niedrigste
Ziffer das Jahr 1909 mit 255 Liter ausweist. Bei der Be-
rechnung des Bierverbrauches ist jedoch zu bedenken, daß
man nicht genau feststellen kann, wieviel auf den Ortsansässigen
trifft, denn der von Jahr zu Jahr größer werdende Fremden-
verkehr bringt immer zahlreichere Konsumenten nach München.

Infolge der erwähnten Konzentration des Bierexportes in
Händen weniger Großbrauereien und infolge des Ausfalles im
Exportverkehr bei den anderen Brauereien, mußte naturgemäß
eine bedeutende Verschärfung der Konkurrenzverhältnisse im
Lokalverkehr eintreten, da man unter die einmal erreichte Höhe
der Biererzeugung nicht heruntersinken wollte. Man sucht sich
den bestehenden Absatz zu sichern dadurch, daß man verschie-
dene Anwesen durch Kauf erwirbt, in denen Bier ausgeschenkt
wird oder daß man den Wirten Darlehen in einer Höhe ge-
währt, die durch den Bierverbrauch der Wirte durchaus nicht
gerechtfertigt erscheinen. Außerdem sieht sich die Brauerei
stets veranlaßt, das Mobiliar, wie Tische, Stühle, Eiskisten
und Trinkgeschirre, zu stellen und dazu noch dem Wirte einen
Kredit zuzubilligen. Ein solcher Wirt bekommt z. B. 30 000
Mark als Darlehen, das ihm überlassene Inventar hat einen
Wert von 2000 Mark und der ihm gewährte Kredit in Ge-
stalt von geliefertem Bier beläuft sich auf 1500 Mark.

Für das Inventar gibt es keine Amortisation, die Verzin-
sung des Darlehens geschieht mit nur 4 pro Hundert und die
        <pb n="105" />
        ﻿96

Rückzahlung desselben braucht solange nicht zu geschehen als
der Bierbezug stetig weiterläuft. So ruht das Kapital oft 30
bis 40 Jahre lang. Dazu kommt noch, daß die Brauerei auch
schlechte Hypothekenstellen besitzt, da die von Privaten ab-
gewiesenen Darlehensbedürftigen sich meist an die Brauerei
wenden, die es ihnen in der Regel gewährt. Da die Mün-
chener Brauereien auch über Spezialausschänke im Auslande
und überseeische Depots verfügen, erstrecken sich diese Fi-
nanzgeschäfte sogar bis ins Ausland.

Der maßlose .Wettbewerb hat demnach auf Seite der Braue-
reien ungeheure Kapitalien in Ausständen, noch
viel größere in Hypotheken und Darlehen, Wechselschulden
etc. festgelegt, während auf Seite der Kundschaft teils durch
das Übermaß von neugegründeten Wirtschaften, teils durch
den infolge der Kreditpolitik der Brauereien verursachten Zu-
zug minderwertiger, vermögensloser Elemente in den Gast-
wirtestand derselbe moralisch und finanziell tief herabgedrückt
wurde. Wir können der früheren Tabelle (Seite 93) entneh-
men, daß die Anlagewerte sogar zum großen Teil, oft fast
bis zur Hälfte, als solche Kauf- bezw. Pachtwerte für Wirt-
schaften und Wirtschaftsanwesen in Betracht kommen. Hierin
spiegelt sich zugleich die kommunalwirtschaftliche Bedeutung,
welche den Brauereien heute für die Stadt München zuer-
kannt werden muß, denn sie sind nicht nur Hypothekengläu-
biger, sondern auch Mieter, Vermieter und Hausbesitzer zu-
gleich, ganz zu schweigen von dem sozialen Werte, der darin
liegt, daß die Brauerei den Wirten erlaubt, gleich einer Spar-
kasse kleinere verzinsliche Beträge bei ihr einzulegen.

Dieses kapitalistische Walten der Großbrauereien birgt
eine große Gefahr in sich, da heute schon eine Anzahl Braue-
reien mit Betriebsschulden anstelle der flüssigen Betriebsmittel
als Betriebskapital arbeiten. Denn Geldknappheit, bezw. Kapi-
tal- oder Kreditmangel, ist für eine Brauerei bei der Methode,
wie sie sich heute zur Festlegung des Absatzes herausge-
bildet hat, ein Moment, welches ein Unternehmen auch bei
guter Leistung in einem regen Konkurrenzgebiet meist in jedem
weiteren Aufschwünge hemmt.
        <pb n="106" />
        ﻿Trotzdem aber, wie wir wiederholt ausführten, Münchener
Bier überall in der .Welt getrunken wird und die Ausfuhr
ganz stattliche Ziffern aufweist, trotzdem ferner der Konsum
der Münchener an Bier pro Kopf der Bevölkerung in den
letzten Jahren ganz erheblich zurückgegangen ist, werden noch
immer mehr als drei Viertel des in München gebrauten Bieres
in München selbst getrunken. Ein besserer Beweis für die
Bodenständigkeit der Brauindustrie in München ist kaum an-
zuführen. Sie war von ihren Uranfängen an konsumorien-
tiert und ist es bis in die neueste Zeit geblieben, wenn auch
heute andere Faktoren noch den Standort dieser Industrie

i

in München bedingen. Die heutige industrielle Lagerung der
Münchener Brauindustrie ist nichts anderes als eine „rationa-
listische Umgestaltung eines historisch gewachsenen Körpers“,
sie ist historisch durch die verschiedensten Entwicklungsfak-
toren bedingt. Neben jener berühmten, anderorts schon näher
besprochenen gesetzlichen Bestimmungen über die Verwen-
dung der Braustoffe, mag Münchens Höhenlage, der Sauer-
stoffgehalt der Luft und nicht zuletzt die Hefereinzucht seitens
der Brauereien auf die Entwicklung der Brauindustrie auf Mün-
chener Boden eingewirkt haben. Außerdem spielte von jeher
das Wasser eine wichtige Rolle, denn die Beschaffenheit des-
selben ist von nicht geringem Einfluß auf den Charakter des
damit hergestellten Bieres. Natürlich verursacht die Beschaf-
fung solch riesiger Wassermengen, wie sie eine moderne Groß-
brauerei benötigt, nicht selten große Schwierigkeiten und un-
geheure Kosten beim Bezüge aus den städtischen Wasser-
werken, sodaß verschiedene Brauereien in ihrem Anwesen einen
oder mehrere eigene Brunnen besitzen. So verbraucht die
Aktienbrauerei zum Löwenbräu ausschließlich für den Brauerei-
betrieb täglich ungefähr vier Millionen Liter Wasser, die sie
aus den Wasserwerken der Stadt bezieht und für die sie an
die Stadtverwaltung jährlich rund 60 000 Mark entrichtet. Die
gleiche Wassermenge, und zwar ausschließlich für Maschinen-
zwecke, liefern täglich die eigenen Brunnen der Brauerei. Die
berühmteste Quelle Münchens nennt aber die Paulanerbrauerei
ihr Eigentum. In deren Besitz befinden sich die alten Keller,
welche vor mehr als 2Y2 Jahrhunderten von den Paulaner-

Fritz, München als Industriestadt.	7
        <pb n="107" />
        ﻿Ordensmönchen angelegt wurden. Sie bergen die „Salvator-
quelle“, ein kristallklares Bächlein, das aus dem 50 Meter
langen Stollen in dem Quellsee sich sammelt und von dort
aus mittelst Doppelpumpe nach den verschiedenen Betriebs-
abteilungen geleitet wird. Diese Quelle, deren Ursprung, man
auf den bei Pullach, in der Nähe Münchens, verschwindenden
Hachingerbach zurückführt, ist so ergiebig, daß man die beiden
Vorstädte Au und Giesing mit Wasser vollständig versorgen
könnte.

Der außerordentliche Aufschwung der Brauereien hat
naturgemäß dem gesamten Braugewerbe eine erhöhte volks-
wirtschaftliche Bedeutung verliehen. Nach der staatswirtschaft-
lichen Seite hin erwähnen wir nur die unumstößliche Tat-
sache, daß der steigende Ertrag des Malzsteuer- und Bier-
steueraufschlags belebend auf das gesamte Steuer- und Staats-
schuldenwesen eingewirkt hat. Andererseits ist nicht zu ver-
kennen, daß das Brauwesen bedeutende Massen von Kapi-
talien in den Verkehr gebracht hat und wegen des stets sich
steigernden Materialbedarfs in gesunder Rückwirkung auf die
Landwirtschaft einen wohltätigen Einfluß auf dieselbe ausübt.
Große Summen, nahezu 50 Millionen, geben die Münchener
Brauereien jährlich für die zu verarbeitenden Braustoffe, für
Malz, Gerste und Hopfen aus und der Wert, welcher der
heimischen Landwirtschaft zurückgegeben wird in Gestalt der
für diese noch nutzbaren Abfallstoffe und Nebenprodukte, be-
trägt etwa 6—7 Millionen Mark. Kein anderer Produktions-
zweig weist so wertvolle Beziehungen zur Landwirtschaft auf;
ähnlich wie auf diese begann auch die Bedeutung der Mün-
chener Brauereien seit Mitte des Jahrhunderts sich auf die
von ihr benötigten Hilfsindustrien geltend zu machen, deren
Anfänge vielfach aus dieser Zeit stammen. Dies gilt neben
den Faßfabriken namentlich von der gewerblichen Malzfabri-
kation, die heute noch von Wichtigkeit ist, wenngleich hier
eine Konzentrationsbestrebung der Brauerei eingesetzt hat, die
es erreichte, daß heute die Münchener Großbrauereien ihr
Malz zum größten Teile in eigener Mälzerei herstellen.

Dies alles spricht deutlich für die große volkswirtschaft-
liche Bedeutung des Münchener Brauwesens und es spiegelt
        <pb n="108" />
        ﻿sich ein gutes Stück Kulturgeschichte in dem Werden dieses
Gewerbes und seines Erzeugnisses wieder. Es erfüllt auch
mit Recht die alten Brauer mit Stolz einem Gewerbe anzu-
gehören, das auf eine so ruhmvolle Vergangenheit blickt und
heute so enormen wirtschaftlichen Wert besitzt. Dies mag
nicht unwesentlich auf die ganzen Arbeiterverhältnisse gewirkt
haben. Während doch heute für die industrielle Produktions-
entwicklung stets das Moment der Arbeiter- und Lohnbewe-
gung von einschneidender Bedeutung ist, haben diese Ver-
hältnisse noch keinen großen Einfluß auf die heutige Lage der
Münchener Brauindustrie gehabt. Dies mag seinen Grund ha-
ben in dem ihre Entwicklung charakterisierenden konservativen
Zug, der in den gestreiften nationalen, historisch bedingten
Verhältnissen wurzelt. Es wäre nicht uninteressant, hier die
im Braugewerbe beschäftigten Personen ihrer sozialen Stellung
nach und ebenso die allgemein herrschenden Arbeitsverhält-
nisse derselben näher zu betrachten, um tiefer in die eine
Arbeiterbewegung bedingenden Verhältnisse der Münchener
Brauereien einzudringen. Wir wollen uns aber darauf be-
schränken, festzustellen, daß die sozialen Verhältnisse und neben
diesen auch die im einzelnen sehr verschiedenartigen, im ganzen
aber nicht ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen nicht da-
zu geschaffen sind, Unstimmigkeiten bei den Arbeitern her-
vorzurufen. Das Münchener Braugewerbe zahlt nach den be-
rufsgenossenschaftlichen Ausweisen mit die höchsten Löhne.
Die Mindestlöhne, von denen laut Tarifvertrag des Vereins
Münchener Brauereibesitzer mit dem Brauereiarbeiterverband
eine Brauerei durch Mehrzahlung abweichen kann, regeln sich
einschließlich des Wohnungsgeldes und der Entschädigung für
Ablösung des Freibieres nach dem neuen Tarifvertrag vom
1. Januar 1913.

Die Folge der guten Bezahlung und der Berühmtheit Mün-
chens als Bierstadt und Hauptsitz der Brauindustrie Bayerns
ist ein dauernder Andrang von Brauarbeitern, die alle in den
Münchener Großbetrieben beschäftigt werden, wollen. Die gün-
stige Lage des Arbeitsmarktes hat die Brauereibesitzer auch
veranlaßt, den Antrag des Arbeitsausschusses auf Errichtung
eines Arbeitsnachweises abzuweisen, da für sie kein Bedürfnis

7*
        <pb n="109" />
        ﻿besteht; namentlich deshalb nicht, weil die Dauer des Arbeits-
und Dienstverhältnisses bei den Brauarbeitern ein sehr lang
andauerndes ist und der im Dienst stehende Brauer seinen
Posten nicht freiwillig wieder aufgibt. Die Zahl, der in Mün-
chener Betrieben beschäftigten Brauer beträgt insgesamt etwa
2000—2200 je nach Jahreszeit und Geschäftsgang.

Die „Jos. Sedlmayr Brauerei zum Franziskaner-Leistbräu,
A--G-“ beschäftigt als eine der größten Brauereien Deutsch-
lands im Durchschnitt allein stets 450—500 Personen, welche
Zahl nur noch von der Löwenbrauerei München A.-G. mit
etwa 900 Arbeitern übertroffen wird. Jede der Münchener
Brauereien hat aufs beste für das Wohl der Arbeiter gesorgt.
Große helle Speisesäle und Schlafräume wurden getrennt von
den Trockenräumen der Betriebe errichtet. Die Anlage be-
sonderer Ankleide- und Waschräume war meist vorausge-
gangen. Außerdem besitzen mehrere Großbrauereien auf ihre
eigenen Kosten Pensionskassen für sämtliche Arbeiter, aus
denen an dienstunfähige und pensionierte Arbeiter wie an
Hinterbliebene von Arbeitern jährlich große Summen gezahlt
werden.

Die bedeutende Vervollkommnung des Maschinenwesens,
die sich in der Industrie und Landwirtschaft allgemein geltend
gemacht hat, ist demnach auch nicht ohne Einfluß auf das
Braugewerbe geblieben, die Entwicklung der Technik hat auf
diesem Gebiete nicht nur eine Erhöhung der Erzeugung, son-
dern auch eine Verbesserung der Qualität zur Folge gehabt,
ein Umstand, für den die Geschichte der Münchener Brau-
industrie typisch geworden ist.

Heute nimmt München auf dem Gebiete des Brauerei-
gewerbes zweifelsohne den ersten Platz auf dem europäischen
Festlande ein. Nicht nur der Umfang, sondern auch die Be-
schaffenheit der Erzeugung haben dem Münchener Brauge-
werbe den glänzenden Namen verschafft, dessen es sich heute
erfreut und nicht allein das Inland, nicht nur Europa, sondern
die ganze Welt erscheint heute als Absatzgebiet für das Mün-
chener Bier.

Wenngleich auch in den letzten Jahren im Auslande viele
Brauereien entstanden sind, die es sich sehr angelegen sein
        <pb n="110" />
        ﻿101

lassen, dem bayerischen Braugewerbe den Absatz zu schmä-
lern, so sind diese Versuche doch in der Hauptsache Versuche
geblieben, denn das Münchener Bier wird heute noch ebenso
gern und viel getrunken wie vorher, der Absatz steigt viel-
mehr von Jahr zu Jahr, wie wir gesehen haben, und München
ist immer noch die berühmteste Biererzeugungsstätte der Welt
und wird es auch bleiben. Denn nur auf diesem Gebiete ver-
mochte sich in München eine den Weltmarkt beherrschende In-
dustrie zu entwickeln: die Erzeugung von Bier, jenes Produkts,
das zur Naturveranlagung des Münchners in enger Wechsel-
beziehung steht, weil sein Genuß, auf alter Gepflogenheit be-
ruhend, in dessen Charakter mehr das Nachgiebige, Gemüt-
volle zur Ausbildung bringt und die allgemeine Sympathie in
Münchener Volkskreisen ihm in der Stadt selbst einen gewal-
tigen Absatz sichert. Dies ist ein starkes Gegenmittel für die
entstandene Konkurrenz im eigenen Lande und die Vermehrung
von Braustätten in anderen Ländern, welche mit der dadurch
bewirkten Gefährdung des Exports heute die Existenzbedin-
gungen der Münchener Brauereien wesentlich erschweren. Wir
glauben aber als sicher aussprechen zu können, daß bei ihrer
großen wirtschaftlichen Bedeutung die bayerische Staatsregie-
rung wie bisher Wege finden wird, um unter Wahrung der
Interessen der Produktion wie der Konsumenten die stets
steuerkräftig gewesene Industrie vor ernstlichen Überlastungen
zu schützen und sie lebenskräftig zu erhalten, damit sie blühe
wie bisher.
        <pb n="111" />
        ﻿Fünfter Abschnitt, Teil II.

Maschinen- und Eisenindustrie.

Es sind, wie wir schon ausführten, die allgemeinen Vor-
aussetzungen für eine günstige Entwicklung einer großen In-
dustrie m München nicht gegeben. Besonders die sogenannte
schwere Industrie kann dort keinen Boden finden. Einige Ver-
suche sind nach schweren Verlusten, wie Dr. Kuhlo, der Syn-
dikus des bayerischen Industriellenverbandes, aussagt, „kläglich
gescheitert“. Die ungünstige geographische Lage mag der
Hauptgrund hierfür sein; müssen doch die Rohstoffe zu enor-
men Frachtpreisen vom Norden her bezogen werden und die
Fertigprodukte oft denselben Weg wieder zurückgehen wegen
des zu wenig kauffähigen Hinterlandes. Um so bewunde-
rungswürdiger ist es, daß trotz der einer günstigen Entwicklung
von vornherein gezogenen Grenzen die Münchener Eisen- und
Maschinenindustrie in Gestalt einiger Spezialfabriken sowohl in
technischer als sonstiger Beziehung vollständig auf der Höhe
der Zeit steht und es dank der unbesiegbaren Willenskraft
ihrer Leiter zu einer Reihe schöner Erfolge bringen konnte.

Die bescheidenen Anfänge der Münchener Eisen-
und Maschinenindustrie begannen in den vierziger
und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich mächtig
unter der alle gewerbliche Tätigkeit belebenden Einführung
der Eisenbahn zu entwickeln. Denn diese Zeit brachte Bayern
die ersten großen Eisenbahnlinien, die sich bald zu einem
mit jedem Jahrzehnt enger werdenden Netze zusammen-
schlossen, so sehr hat sich Bayern, als erster deutscher Staat,
die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse durch Erbauung von
Eisenbahnen angelegen sein lassen. Der Unternehmungsgeist
begann sich überall zu rühren. Die Eisenbahnen vermittelten
auch den weiten Kreisen, die damals noch keine rechte Vor-
        <pb n="112" />
        ﻿103

Stellung von der Bedeutung der neuen Technik hatten, einen
Begriff von dem, was die Maschineningenieure zu leisten im-
stande waren. Hatte man bis dahin nur gehört, daß es ge-
lungen sei, aus den Kohlen Kraft und Bewegung mit Hilfe
der Dampfmaschine zu erzeugen, daß in fernen Bergwerken
zur Bewältigung der unterirdischen Wasser große Pumpmaschi-
nen tätig seien, oder daß hier und da ein unternehmender
Gewerbetreibender sich auch eine Dampfmaschine zum An-
trieb seiner Arbeitsmaschinen angeschafft habe, so lernte man
jetzt in der Lokomotive die Dampfkraft aus eigenster Erfah-
rung kennen. Man fühlte, daß man in eine neue Zeit hinein-
wuchs, in der die Technik eine ausschlaggebende Rolle zu'spie-
len berufen war. Die Maschinenindustrie hielt jetzt in Mün-
chen ihren Einzug. Denn nur wenige Jahre nach der Eröff-
nung der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth
errichtete Joseph Anton von Maffei in München die erste
deutsche Lokomotivenfabrik, die Gründung der Krauß’schen
Lokomotivenfabrik folgte bald darauf im Jahre 1S66 und um
dieselbe Zeit wandte sich die Firma J. Rathgeber dem Bau
von Eisenbahnwaggons zu.

Schon sehr früh also entwickelten sich die Ansätze, die
dann zur Blüte gekommen, dem heutigen München eine so
hervorragende, Achtung gebietende Stellung auch auf dem Ge-
biete der Maschinenindustrie errungen haben. Zunächst galt
es, im eigenen Lande sich Geltung zu verschaffen, bald aber ge-
wann die Aufgabe, neue Absatzgebiete auch außerhalb Bayerns
zu erobern, immer mehr an Bedeutung. Die Erzeugnisse der
Münchener Maschinenfabriken eroberten sich in nicht zu langer
Frist, wie wir bei der nun folgenden eingehenden Betrachtung
der wirtschaftlichen Verhältnisse derselben sehen werden, auch
im Auslande manches Absatzgebiet.

Der große Bedarf der bayerischen Staatsbahnen an Wagen-
material, Lokomotiven und sonstigen Fabrikaten der Eisen-
industrie gab also für München den Anlaß zur Errichtung
größerer Etablissements, die sich mit der Herstellung dieser
Produkte befaßten.

Die Gründung der Lokomotiv- und Maschinen-
fabrik J. A. Maffei fällt mit den ersten Anfängen des
        <pb n="113" />
        ﻿104

Eisenbahnbetriebes in Deutschland, speziell in Bayern zusam-
men. Im Jahre 1837 gelangte ein am Englischen Garten bei
München gelegenes kleines Eisenwerk mit Wasserkraft in den
Besitz des Herrn Joseph Anton von Maffei. Die erfolgreiche
Eröffnung der Privatbahn München—Augsburg im Jahre 1840
an deren Spitze J. A. Maffei stand, gab dem tatkräftigen Manne
Veranlassung zur Aufnahme des Baues von Lokomotiven, welche
bisher aus England bezogen wurden. Bereits im Jahre 1841
lieferte die Firma die erste Lokomotive „der Münchener“ für
die genannte Privateisenbahn und zählt somit zu den ältesten
Anlagen dieser Art in Deutschland.

Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, bedecken heute die
Etablissements ein Areal von ca. 24 Hektaren, wovon über ein
Fünftel überbaut sind.

Bei der in den letzten Jahren erfolgten Vergrößerung
und Neueinrichtung der Werke ist die elektrische Kraftüber-
tragung in ausgedehntem Maße angewendet worden. Die Be-
triebskraft wird in einer Kraft-Zentrale erzeugt, welche mit drei
Francisturbinen von je 330 effektiven Pferdestärken ausgerüstet
ist. Die durch einen Isarkanal zufließende Wassermenge be-
trägt 21,5 Kubikmeter per Sekunde, bei einem Gefälle von
4,3 Meter. Außerdem ist in dieser Kraftzentrale eine Dampf-
reserve aufgestellt, bestehend aus 3 Stück von Maffei kon-
struierten stehenden Verbund-Tandem-Dampfmaschinen von je
330 effektiven Pferdestärken und einer Dampfturbine, gekup-
pelt mit 2 Generatoren von je 350 Kw. Leistung.

Zum Antrieb der verschiedenen Werkabteilungen, der ca.
900 Werkzeugmaschinen und Kranen dienen 230 Elektromotoren
von 1/30 bis 110 Pferdestärken und einer Gesamtkraft von
etwa 1500 Pferdestärken. Die verfügbare Betriebskraft beträgt
somit heute ca. 2200 PS gegenüber ca. 300 PS im Jahre 1896.

Die Firma J. A. Maffei hat neben dem Lokomotivenbau
auch den Bau stationärer Dampfmaschinen und Dampfkessel
für München und Umgebung gepflegt und ist zu Anfang des
letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts in die Fabri-
kation moderner Dampfmaschinen aller Systeme in größerem
Maßstabe eingetreten, besonders für den Betrieb großer elek-
trischer Zentralen.
        <pb n="114" />
        ﻿105

In jeder Sparte aber blieb die Firma auf den nahen Kon-
sum angewiesen und wir wagen nicht zu viel, wenn wir das
Unternehmen als konsumorientiert bezeichnen. Denn
nur, so wurde uns versichert, wenn die Inlandsaufträge nicht
in dem Maße kommen um den angelernten Arbeiterstamm stets
zu beschäftigen, — und man will und muß diesen Arbeiter-
stamm erhalten — ist man gezwungen für das Ausland zu
arbeiten, sich dort Aufträge zu holen, welche in der Regel
wenig gewinnbringend sind, da dort die Preisunterbietungen
von anderen Firmen, die unter günstigeren Produktionsbedin-
gungen liefern können, sehr zahlreich vorhanden sind.

Anders zeigt sich die Lage in dem Werkzeugmaschinen-
bau, dessen Einführung bei der Firma neueren Datums ist.
Amerika, das bis vor nicht allzulanger Zeit fast der alleinige
Produzent von Werkzeugmaschinen war, wurde infolge des all-
gemeinenAufschwungs der Industrie in Deutschland und der
infolgedessen größeren Nachfrage nach einheimischen Produk-
ten von den inländischen Fabriken überflügelt. Die Firma
Maffei hat daran einen großen Anteil gehabt, sodaß man heute
tatsächlich von einer Münchener Werkzeugmaschinenindustrie
sprechen kann.

Der Einfluß dieses Industriezweiges auf das Gewerbe liegt
vor allem in dem Vorhandensein eines Stammes tüchtiger
Schlosser. In Verbindung mit diesen leistet die Maschine Voll-
wertiges. Die Bedienung erfordert intelligente, besonders aus-
gebildete Arbeiter, an welchen aber in München großer Mangel
ist. Dies erschwert die Konkurrenz unserer heimischen Indu-
strie mit anderen Werken. Die Neuerungen in Werkzeug-
maschinen haben bei unseren Gewerbetreibenden schon viel-
fach Anwendung gefunden, so besonders die Aufstellung von
Bohr- und Schneidemaschinen. Für die einzelnen Werkstätten
ergibt sich daraus eine Vereinfachung des Betriebes und des-
halb auch eine einfache Kalkulation und Buchführung. Nur
sollten nicht die Kosten, sondern der Nutzen bei der Auf-
stellung solcher Maschinen maßgebend sein. Dann wird der
Handwerker aufhören, in der Großindustrie nur seinen Feind
zu sehen.
        <pb n="115" />
        ﻿106

Daß die Firma neben Dampfturbinen und Dampfstraßen-
walzen auch Dampfschiffe für die Fluß- und Binnenschiffahrt
baut, haben wir anderorts schon erwähnt.

Wie sehr die Firma bestrebt ist, die Frachten an Roh-
material zu verringern, sehen wir daraus, daß im Jahre 1911
von den 15 000 Tonnen Rohprodukte und Halbfabrikate —
Roheisen, Brucheisen, Walzeisen, Blöcke, Eisenbleche und ge-
schweißte Kesselteile, Räder, Achsen, Bandagen, Schmiede-
stücke, Federn, Metalle, Metallguß, Kupferbleche etc. Eisen-
und Stahlguß, Rohre, Nieten, Schrauben, Maschinenteile etc.
und Holz — nur 148 Tonnen aus dem Ausland bezogen wurden
und zwar 411 aus Österreich, 71 aus Frankreich, 22 aus
Belgien und 14 Tonnen aus Holland.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Unternehmens für Mün-
chen ersehen wir auch aus der Verteilung des Absatzes der
gelieferten Produkte. Folgende Angaben, die uns auf An-
frage mitgeteilt wurden, zeigen die Absatzverhältnisse vom
Jahre 1911. Es entfallen von gelieferten Lokomotiven auf
Bayern	2210	Tonnen

Deutschland	420	„

Europäisches Ausland	2978	„

Übersee	2566	„

von Dampfkesseln, Dampfmaschinen,

Dampfturbinen und Werkzeugmaschi-
nen etc. auf

Bayern	700	„

Deutschland	667	„

und von Eisenbahnwagen nur auf

Bayern	2379	„

Aus diesen Zahlen mag ein Beweis hervorgehen dafür,
bis zu welcher Blüte es eine durch die Lage in keiner Weise
begünstigte Industrie bei Anspannung aller Kräfte bringen
kann; sie geben uns ein annäherndes Bild von dem Umfang
des Schaffens in der Fabrik.

Als für die Entwicklung charakteristisch muß das An-
wachsen der Arbeiterzahlen hier Platz finden. Die Durch-
schnittszahl der beschäftigten Arbeiter betrug im Jahre 1896
863, 1906 1260, 1909 1949 und zur Zeit unserer Enquete waren
        <pb n="116" />
        ﻿107

2026 männliche und 36 weibliche Arbeiter im Betriebe tätig,
welche größtenteils Mitglieder ihrer Berufsgewerkschaften sind.

Bei der Arbeiterzahl ist zu bemerken, daß stets eine große
Anzahl selbsttätig arbeitender sowie anderer Werkzeugmaschi-
nen und Einrichtungen angeschafft wurden, welche bei ge-
nauester Arbeit viele Arbeitskräfte ersparen. Nur aus diesem
Grunde ist es erklärlich, daß die Produktion ohne eine ent-
sprechende Vermehrung der Arbeiterzahl so sehr vergrößert
werden konnte.

Bei Gründung der Fabrik wurden Meister und Vorarbeiter
aus England bezogen und die Arbeiter selbst angelernt. Heute
kommen dieselben größtenteils aus Bayern und Deutschland.
Kein Arbeiter aber darf von der Firma bei Zahlung einer hohen
Konventionalstrafe eingestellt werden, ohne durch die be-
stehende Arbeitsvermittlungsstelle des Industriellen Verbandes
zugewiesen zu sein. Die Entlohnung der Arbeiter ist an keinen
Tarifvertrag gebunden und es herrschen sowohl Stunden- wie
Akkordlöhne. Der durchschnittliche tägliche Arbeitslohn sämt-
licher Arbeitergruppen und die Lohnsätze einschließlich der
Taglöhner und Lehrlinge sind vom Gründungsjahr bis heute
stetig gestiegen. Die Minimal- und Maximallöhne der Haupt-
arbeiterkategorien teilt uns die Firma mit wie folgt:

Mindestverdienst Höchstverdienst

Eisendreher	40 Pf.		80 Pf.
Schlosser	37	)&gt;	78 „
Maschinenarbeiter	37	&gt;&gt;	65 „
Gießer	44	&gt;&gt;	75 „
Modellschreiner	54	&gt;&gt;	80 „
Schmiede	36	&gt;&gt;	78 „
Kesselschmiede	46	&gt;&gt;	85 „
Taglöhner etc.	37	&gt;&gt;	55 „

Die Modellschreiner weisen demnach das höchste Ver-
dienst auf und wir wollen nicht unerwähnt lassen, daß der
Modellschreiner als gelernter Arbeiter tatsächlich der geschick-
teste unter seinen sämtlichen Kollegen in der Fabrik ist. Er
muß nicht nur die schwersten Modelle anfertigen, er muß
zu diesem Zwecke auch die Pläne, die ihm vom technischen
Büro gegeben werden und nach denen er arbeiten soll, ge-
        <pb n="117" />
        ﻿108

wandt und sicher lesen können. So hat sich eine besondere
Art von talentierten Arbeitern in der Fabrik herausgebildet,
die trotz allem ihren Organisationen nicht fern bleiben.

Fassen wir diese Ergebnisse unserer Untersuchung zu-
sammen, so läßt sich wohl mit Recht die sozialpolitische Be-
deutung des großen Fabrikunternehmens betonen. Die Fabrik
entstand zu einer Zeit, als die Industrie in München eben
erst im Erwachen begriffen war. Daß heute die Kunstmetropole
dennoch die größten Lokomotivenfabriken des Kontinents ihr
eigen nennt, daß die Arbeiterschaft dieser Großbetriebe ganze
Vorstädte Münchens bevölkert, daß auf allen Schienenwegen
die Erzeugnisse dieser Fabriken das Land durchfahren, das
sind sozialpolitische Werte, die für das bayerische Land und
für München selbst von unschätzbarer Bedeutung sind, und die
seitens der regierenden Fürsten sowohl wie der Behörden stets
richtig erkannt und in ihrer Wichtigkeit anerkannt worden
sind.

Während, wie wir sahen, die Firma J. A. Maffei neben
Lokomotiven noch andere Maschinen, Dampfkessel, Dampf-
turbinen und die mannigfachsten Werkzeugmaschinen her-
stellte, beschäftigte sich die Lokomotivfabrik Krauß
&amp; Comp. Aktiengesellschaft seit ihrer Gründung aus-
schließlich mit dem Bau von Lokomotiven von sehr verschie-
denem Typus.

Diese Lokomotivfabrik wurde als Kommanditgesellschaft
am 17. Juli 1866 von Georg Krauß, dem ehemaligen Ober-
maschinenmeister der Schweizerischen Nordostbahn, unter Mit-
wirkung von vorwiegend den Handels- und Industriekreisen der
Nachbarstadt Augsburg angehörigen Interessenten ins Leben
gerufen. Sie entstand deshalb in München, weil die Fabrik
größtenteils für die bayerischen Staatsbahnen arbeitete und
doch am Sitz der bayerischen Verkehrsverwaltung den besten
Standort haben mußte, weil hier die Verfrachtung des Fertig-
produktes wegfiel, welches nach einer Prüfung direkt ab Fabrik
übernommen wurde. Die Fabrik, welche sich bei ihrer Grün-
dung schon einem dichten Eisenbahnnetze und einem stärkeren
Lokomotivenpark gegenübersah, mußte von Anfang an ebenso
für den Export arbeiten. Dank der Vorzüglichkeit der Fabri-
        <pb n="118" />
        ﻿109

kate hatte sich der Betrieb in Österreich-Ungarn eine be-
deutende und schätzenswerte Kundschaft herangezogen, die
ihm wegen der sich für die Einfuhr immer schwieriger ge-
staltenden Zollverhältnisse verloren zu gehen drohte. Zur Er-
haltung dieses Arbeitsfeldes errichtete die Firma in Linz a. D.
eine Filialwerkstätte, welche sich vorwiegend mit dem Bau
leichter und mittelschwerer Lokomotiven beschäftigt. Die große
Fabrik am Hauptbahnhof in München baut Vollbahn- und
Schmalspurlokomotiven schwererer Gattung, für die, soweit dies
tunlich ist, an dem bewährten „Krauß’schen System“ fest-
gehalten wird. Neben dem Bau von Lokomotiven für den
Betrieb von Hauptbahnen wurde von Anfang an gleichwie in
der Folge die Herstellung von solchen für allerlei Arten von
Bauanlagen untergeordneter Bedeutung ins Auge gefaßt. Die
unerwartete Ausbreitung dieser Spezialität und der Wunsch
nach eingehender Spezialisierung dieser Fabrikation führte zur
Inangriffnahme einer weiteren Filialwerkstätte am Münchener
Südbahnhof (Sendling), da man die Herstellung von Lokomo-
tiven für den Hauptbahnbetrieb von jeder anderen Fabrikation
trennen mußte. Denn infolge der bekannten, ungünstigen geo-
graphischen Lage Münchens ist das Arbeiten der Fabrik ein
wenig günstiges und man muß daher, um einen wirtschaftlich-
ausgleichenden Faktor zu erhalten, äußerst rationell und wirt-
schaftlich arbeiten: dies geschieht durch die Spezialisation der
Betriebe. Die Filialfabrik am Südbahnhof baut daher leichte
Lokomotiven für Schmal- und Normalspur, zum Betriebe von
Neben-, Klein- und Straßenbahnen, Lokomotiven für Militär-,
Plantagen-, Feld- und Waldbahnen, für Docks, Industriebahnen
und Steinbrüche, für Zechenbauten und unterirdischen rauch-
losen Betrieb, sowie feuerlose Lokomotiven.

Diese Vielseitigkeit des Werkes in seinen Fabrikaten, die
neuen Konstruktionen, die Güte der Herstellung und Schön-
heit der Formen derselben, haben der Firma Krauß &amp; Comp,
einen wohlbegründeten Weltruf errungen und weit über die
Grenzen Bayerns und Deutschlands hinaus, in Frankreich,
Italien, in Rußland, Griechenland und in Spanien, in Afrika
und Asien verkünden Krauß’sche Lokomotiven aus München
deutsches Können. Die Firma Krauß &amp; Comp, konnte schon

II

f|

,4 i
        <pb n="119" />
        ﻿110

im Jahre 1905 das Jubiläum der Herstellung der 5000. Loko-
motive feiern; von diesen Maschinen wurde nur ein Fünftel
an“den bayerischen Staat geliefert; die übrigen laufen im übrigen
Deutschland und in anderen europäischen Staaten; bis 1910
gingen 606 Lokomotiven über See und die Gesamtzahl der
bis 1910 gelieferten Lokomotiven betrug 6372 Stück mit einem
Rechnungswerte von M. 202 740 930,25.

Die Rohprodukte werden zum Teil von München und
seiner Umgebung bezogen. Der gesamte Eisenguß wird von
der Münchener Eisengießerei Sugg&amp;Comp. geliefert, welches
Unternehmen fast ausschließlich für die Firma Krauß &amp; Comp,
arbeitet und mit ihr finanziell sehr stark fusioniert ist. Für
die Lieferung des Modellholzes kommt Münchens waldreiche
Umgebung und für den Bezug von Stahl- und Temperguß die
bayerische Stahlgießerei Aalach in Betracht. Die Kohlen wer-
den zum geringsten Teil aus Oberbayern, mehr aus den Rhein-
landen (Ruhrbriketts) bezogen. Eisenbleche, Kupferbleche,
Stahlblöcke, die in der eigenen Schmiede weiter verarbeitet
werden, entstammen verschiedenen Betrieben im Rheinland,
Lokomotivachsen und Radreifen erhält die Firma fertig aus den
Kruppschen Stahlwerken in Essen. Bei der Auswahl der Roh-
stoff und Halbfabrikat liefernden Fabriken wurde sehr viel auf
die jeweilige Entfernung derselben von München gesehen, was
den Beweis liefert, daß die Frachtkosten eine bedeutende Rolle
auch bei dem Krauß’schen Unternehmen spielen.

Im Gegensatz zu dem Jahre 1900, in welchem 2264 Ar-
beiter die höchste Jahresleistung mit 271 Lokomotiven voll-
brachten, beschäftigte der Betrieb im Oktober 1912 — bei
unserer Umfrage — in München ca. 840 Arbeiter, denen 129
Beamte gegenüberstanden. Arbeiterinnen in der Fabrik oder
weibliche Arbeitskräfte auf den Büros kennt die Firma nicht,
was auf einen Wunsch ihres Gründers zurückzuführen ist. Die
Entlohnung der Arbeiter erfolgt teilweise nur durch Stunden-
lohn, das vielgebrauchte Akkordsystem herrscht vor. Die
Durchschnittslöhne der Arbeiter schwanken zwischen 4.10 Mark
und etwas über 6.00 Mark pro Tag. Dieses Höchstverdienst
kommt ausschließlich dem ausgebildeten, gelernten Arbeiter,
den Monteuren, Schlossern und Schmieden zu. Alle Arbeiter
        <pb n="120" />
        ﻿111

sind organisiert und gehören dem Deutschen Metallarbeiter-
verband an. Die Firma selbst kümmert sich um die Organi-
sationszugehörigkeit des einzelnen Arbeiters nicht. Die Ar-
beitsvermittlung geschieht ausschließlich durch den Arbeitsnach-
weis des Verbandes bayerischer Metallindustrieller.

Im Betriebe selbst — die beiden Münchener Betriebe allein
— laufen ca. 400 Arbeitsmaschinen, wie Hobel-, Stoß-, Bohr-
und Fraismaschinen, wie Drehbänke, Hydraulische Pressen und
Dampfhämmer. Für den Transport in der Werkstatt stehen
etwa 65 Kranen zur Verfügung. Der Antrieb dieser Werk-
zeug- und Arbeitsmaschinen sowie die gesamte elektrische Be-
leuchtung des Werkes wird von Dampfmaschinen, Lokomobilen,
Diessel- und Gasmotoren, 4 Dynamos und etwa 55 Elektro-
motoren geleistet, welche zusammen eine Kraftmenge von
500 PS erzeugen. Außerdem besitzt die Unternehmung eine
komplette pneumatische Anlage — Preßlufterzeugung und Ver-
wertung — zum Nieten, Stemmen, Meißeln; eine Autogen-
schweißanlage vervollständigt diese Neuerung, die dazu bei-
trägt den Betrieb trotz seines heute nicht mehr in dem Maße
günstigen Standortes wie in seinen Gründungsjahren konkur-
renzfähig zu erhalten.

Direkt auf den Bedarf der Eisenbahnen nach Wagenmaterial
ist die Gründung der großen Waggonfabrik Jos. Rath-
geber, A.-G. in Moosach-München zurückzuführen. Von
Anfang an bis heute ist dieses Unternehmen, wie aus der
folgenden Gesamtdarstellung folgt, rein konsumorientiert
geblieben. Der Begründer der Firma, Jos. Rathgeber, der in
München eine Huf- und Wagenschmiede betrieb, sah sich durch
die Entwicklung der Eisenbahnen und das rasche Emporblühen
aller mit diesen arbeitenden Industrien veranlaßt, ein größeres
Arbeitsfeld zu suchen und gründete im Jahre 1852 eine Waggon-
fabrik in der Marsstraße. Durch größere Lieferungen nach
Österreich-Ungarn und Schweiz gründete sich die Firma wegen
ihrer guten Personenwagen bald auch einen Ruf im Ausland.
Vor dem Krieg 1870—71 und nach demselben wurden auch
bedeutende Lieferungen von Militärfahrzeugen ausgeführt. Die
Industrie hat dann den außerordentlichen Tiefstand der ge-
samten Eisenindustrie und besonders des Waggonbaues, der
        <pb n="121" />
        ﻿112

anfangs der 70er Jahre einsetzte, überwunden, weil sie schon
damals gut fundiert war. Um aber während dieser Zeit sich
den guten Stamm von Arbeitern zu erhalten, griff die Firma
zur Fabrikation von Werkzeugen und Schulmöbeln, aber schon
anfangs der achtziger Jahre ging man auf die alte Produktion
zurück und stellte bis 1900 eine große Anzahl von Personen-
und Güterwagen her. Auch große Salonwagen für verschiedene
Fürsten in Deutschland entstammen dieser Arbeitsperiode. Eine
Reihe von Jahren wurde dann mit dem Bau von anderen
Straßenfahrzeugen für das Münchener Stadtbauamt ausgefüllt.
Im Jahre 1896 begann die Umwandlung der Pferdestraßen-
bahn zum elektrischen Betrieb, was ein reges Absatzgebiet
schuf. Innerhalb 4 Jahren wurden über 300 Motorwagen
größtenteils für München selbst gebaut. Heute befaßt sich der
Betrieb neben dem Bau jeder Gattung von Personen- und
Güterwagen mit der Herstellung und Reparatur von Last-
automobilen, ferner Militärfahrzeugen, Eisenkonstruktionen,
Ausbau von Dampfbooten, Straßenbahn- und Straßenfahr-
zeugen. Das Etablissement hat sich aus ganz kleinen Anfängen
in den letzten 20—30 Jahren mächtig entwickelt. Während
bei der Gründung nur der abwägende Geist des Kaufmanns
maßgebend war, wurden in diesen Jahren bei baulichen Ver-
änderungen und Vergrößerungen des Betriebes volkswirtschaft-
liche Erwägungen ausschlaggebend.

Die Stadt München gab dem Werke im Jahre 1900 keine
Erlaubnis mehr bauliche Veränderungen im großen Stil vor-
zunehmen. Da die Preise der Bauplätze auf dem Marsfeld
heute um das 200fache gegenüber den Preisen bei der An-
lage der Fabrik im Jahre 1851 gestiegen sind, war eine Ver-
schiebung der Industrie aus dem Zentrum der Stadt in den
Vorort Münchens, nach Moosach, die notwendige Folge. Hier
kaufte die Firma einen Platz, der viermal so groß ist, wie
das Areal auf dem Marsfelde und nur die Hälfte des Boden-
preises desselben ausmacht. Dieser große Bauplatz war not-
wendig, denn heute beziffert sich die Jahresleistung der Firma
auf nahezu vier Millionen Mark. Außerdem verlangt eine Wag-
gonfabrik sehr viel Raum, mehr wie eine Maschinenfabrik,
deren Produkte kleiner und hochwertiger sind. Der geringe
        <pb n="122" />
        ﻿113

Wert der großen Wagen, besonders der Güterwagen fordert
diese großen Räumlichkeiten, da man gezwungen ist, mehrere
zu gleicher Zeit aufzustellen. Um pro Woche 15—20 Güter-
wagen herstellen zu können, bedarf man ungefähr 600 m ge-
deckter Gleislänge, was etwa einer Werkstätte von 31/2 Tausend
Quadratmetern = 1 Tagewerk entspricht. .Heute hat die Firma
ungefähr 2 Hektar Werkstätten ohne Magazin, Holzschuppen
und Büroräumlichkeiten. Trotzdem wacht die Betriebsleitung
noch mit äußerster Sorgfalt darüber, daß eine Arbeit nicht
lange in den Werkstätten bleibt, sondern so rasch wie möglich
fertig gestellt wird, um anderer Arbeit zu weichen. Heute um-
faßt die Gesamtanlage einen Flächenraum von 27 Tagewerk
= 9 Hektar. Die Einteilung der Neuanlage zeigt für jede
Sparte eine eigene Halle, zwischen denen der Verkehr durch
Gleise, Schiebebühnen etc. bewerkstelligt wird. Spezialisation
der Arbeit und Arbeitsteilung sind die leitenden Prinzipien. Das
Werk ist in Moosach an das Bahngleise nach Münchens Haupt-
bahnhof angeschlossen. Seit der Verlegung des Betriebes nach
diesem Vorort, die von 1907—1911 dauerte, hat sich die Firma
zu einer Aktiengesellschaft unter Beibehaltung des alten Namens
umgewandelt.

Während einer Reihe von Jahren setzt die Firma Dreiviertel
ihrer Gesamtproduktion in Bayern, speziell in München selbst
ab; für Bayern kommen namentlich Eisenbahnwagen und -Wag-
gons, für München die Lieferung von Straßenbahnwagen in
[Betracht. Die Militärfahrzeugherstellung liegt jeweils in einer
Umbewaffnung der Armee begründet und ist für momentanen
Bedarf vorbereitet. Der Export ist unbedeutend, was lediglich
auf die ungünstige Lage Münchens zurückzuführen ist. Die
doppelte Fracht der Materialien einmal aus dem Rohmaterial-
lager zur Verwertungsstätte und von hier in Gestalt des Fertig-
produktes nach dem Ausfuhrhafen erschwert die Konkurrenz
ungeheuer. Für eine Tonne Rohmaterial von Westfalen nach
München zahlt die Firma 24 Mark, während eine Konkurrenz-
firma in Riga infolge der billigeren Wasserfracht von der gleichen
Abfuhrstelle nur 12 Mark Frachtkosten pro Tonne Material
tragen muß und so das Rohmaterial schon um die Hälfte bil-
liger bezieht, wie das örtlich näher gelegene München. Für

Fritz, München als Industriestadt.	8
        <pb n="123" />
        ﻿114

den Export ist der Standort der Waggonfabrik Rathgeber sehr
ungünstig, weshalb die Firma sich auf den nahen Konsum
beschränkt, der, ja so groß ist, daß er einen ausreichenden Um-
satz verbürgt.

Das Unternehmen bezieht seine elektrische Energie durch
Kraftübertragung aus den Isarwerken, welche mindestens 300
Arbeitsmaschinen den Antrieb liefern. Der elektrische Gruppen-
antrieb herrscht vor, nur einzelne Maschinen, die periodisch
im Betriebe sind, haben den in diesem Falle wirtschaftlicheren
Einzelantrieb. Für die gesamte Anlage der Arbeitsmaschinen
wurden die neuesten Erfahrungen auf dem Gebiete des Werk-
stättenbaues verwertet, sodaß heute allen Anforderungen der
Neuzeit Genüge geleistet und die rationellste Produktionsweise
ermöglicht wird.

Die Firma bezieht ihre Rohstoffe, soweit dies möglich ist,
aus nächster Nähe. Alles Holz, ausgenommen die slavonische
Eiche, kommt aus Bayern. München selbst liefert den Rotguß
nur teilweise, der von der Betriebsleitung lieber von Nürnberg
bezogen wird, weil dort bessere Metallachsen produziert
werden. Eisen, Stahl und Gußeisen liefern mit hoher Fracht-
belastung rheinländisch-westfälische Werke.

Die Fabrik kann heute nach den räumlichen Verhältnissen
leicht tausend Arbeiter beschäftigen. Im Jahre 1912 hatte sie
eine durchschnittliche Arbeiterzahl von 650 aufzuweisen. Wir
haben bei sämtlichen im Vorhergehenden betrachteten Betrie-
ben eine Zugehörigkeit derselben zu irgend einem Arbeit-
geberverband festgestellt. Die Firma Rathgeber aber ist aus
dem großen Verband bayerischer Metallindustrieller ausge-
schieden, verkehrt bei Differenzen auch nicht direkt mit den
Arbeiterorganisationen, sondern behält sich in Lohnsachen selb-
ständige Entscheidung vor und verhandelt nur mit dem von
den eigenen Arbeitern zu wählenden Arbeiterausschuß. So hat
denn auch die Fabrik mit den einzelnen Arbeiterkategorien der
Schmiede, Dreher und Bohrer, Schlosser (Monteure), Schreiner,
Sattler, Maler und Lackierer Vereinbarungen nach eigenem Gut-
dünken abgeschlossen, ohne sich an irgend einen Verband an-
zulehnen. Die pro Tag gezahlten Löhne bewegen sich zwischen
4 Mark bei Taglöhnern und 7.50 Mark bei gelernten Arbeitern.
        <pb n="124" />
        ﻿115

Diese machen ungefähr 75 o/o der gesamten Arbeiterschaft aus
und haben ein Durchschnittsverdienst von 5,75 Mark pro Tag.
Allgemein hat die Fabrik genügend Angebot von guten Ar-
beitern. Die Arbeitseinstellung geschieht meist durch direkte
mündliche oder schriftliche Anmeldung des Arbeiters; nur bei
besonderen Bedarfsfällen wird das Arbeitsamt oder die Zei-
tung zum Arbeitsvermittler.

Heute ist in München und Bayern, wie auch im Ausland
die Firma J. G. Landes, Maschinen- und Kessel-
fabrik, Eisen -und Metallgießerei als ein bedeuten-
des Unternehmen bekannt, im Ausland namentlich wegen eini-
ger Spezialmaschinen, die nur diese eine Firma herstellt. Sonst
beschränkt sich, nach den uns gemachten Angaben, der Ab-
satz speziell auf München und seine weitere Umgebung; so-
gar nach Norddeutschland liefert die Fabrik ganz wenig Pro-
dukte, da die Frachtkosten zu hohe sind um mit anderen Firmen
konkurrieren zu können. So zeigt sich die Fabrik als ein rein

konsumorientiertes Unternehmen.

•

Der Betrieb hat sich aus kleinsten Anfängen vom Jahre
1858 zu seiner heutigen Gestalt emporgerungen. Aus der
Schaffensstätte, die anfänglich nur für den Mühlenbau be-
stimmt war, gingen, abgesehen von den vielen, verschiedenen
gewerblichen und industriellen Zwecken dienenden Maschinen
und Motoren, im Aufträge hoher Militärbehörden die kompli-
ziertesten Maschinen, Vorrichtungen und Werkzeuge für
Zwecke der Geschoßfabrikation und anderer militärischer
Zwecke hervor.

Außer diesen Militärlieferungen beschäftigte sich die Fa-
brik als Spezialität mit Brauerei-Einrichtungen und zwar zählte
Landes'die bedeutendsten Brauereien Münchens zu seiner Kund-
schaft; des weiteren kultivierte er den Bau von Sägeeinrich-
tungen und er war einer der Ersten, welcher im Jahre
1863 den Bau von Walzensägen in Angriff nahm, von welchen
viele Hunderte ausgeführt wurden. Außerdem gingen aus dem
Etablissement eine große Zahl von Holzschleiferei- und Papier-
fabrik-Einrichtungen hervor; auch dem Wassermotoren-, spe-
ziell Turbinenbau widmete sich Landes mit vielem Erfolge

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        <pb n="125" />
        ﻿116

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und zwar ging die erste Turbine schon im Jahre 1864 aus
der Fabrik hervor. Doch bildeten diese Spezialitäten nicht
allein das Feld seiner Tätigkeit, sondern es erstreckte sich
dasselbe auf den gesamten allgemeinen Maschinenbau, Dampf-
kessel, Dampfmaschinen, Transmissionen, Brauereimaschinen
und Aufzüge. Die von der Firma gepflegte Kesselfabrikation
gibt uns ein ausgezeichnetes Beispiel für eine Fabrikationsart,
bei welcher der Transportkostenfaktor nur nach einer Seite hin
und zwar ganz klar in die Erscheinung tritt. Die Kesselfabri-
kation braucht den nahen Konsum, ohne welchen sie nicht
leben kann. Dies erklärt sich neben der Geringwertigkeit des
Fertigproduktes aus der Sperrigkeit der Ware. Die Kessel-
fabrikation ist wie der Eisengießereiprozeß ein Sonderbetrieb
und auch hier nur im Anschluß an andere Fabrikationszweige
richtig. Die Eisengießerei verarbeitet auch Kundenguß, wäh-
rend die Metallgießerei nur für den eigenen Bedarf tätig ist,
was ja auch bei der Kesselschmiede und der angegliederten
kleinen Kupferschmiede der Fall ist. Die Modelle werden in
eigener Modellschreinerei gefertigt. Die Fabrik sucht die hohen
Frachtkosten beim Bezüge von Rohmaterial verschiedentlich
zu verringern, indem sie teils am Platze bei Großhändlern, teils
in möglichster Nähe einkauft. Roheisen kommt deshalb aus
dem kgl. Hüttenwerk zu Amberg und den Rheinlanden; die
Halbfabrikate, wie Blech- und Stabeisen werden meist von
ansässigen Eisengroßhändlern bezogen, weil dies oft billiger,
stets aber schneller geschehen kann wie durch direkten Bezug
aus dem Werk, von denen viele überhaupt nur an Händler
liefern, weil sie mit diesen Lieferungsverträge abgeschlossen
haben. Diese Rohstoffe und Halbfabrikate werden mittels
ca. 140 Arbeitsmaschinen zu Fertigprodukten umgestaltet.
Die wichtigsten dieser Arbeitsmaschinen sind wohl die
mächtigen Drehbänke, Eisenhobel- und Eisenfraismaschinen,
Bohr-, Niet- und Stanzmaschinen, denen verschiedene Hebe-
zeuge, besonders Kranen, Hilfe leisten. Den Antrieb liefert —
und dies ist für uns besonders wichtig — die Isar mit ihren
Wasserkräften, welche, ungeachtet der zentralen Lage des Be-
triebes, mittels Turbinen und Transmissionen direkt zu der
maschinellen Aufbrauchungsstätte geleitet werden. Nur einige
        <pb n="126" />
        ﻿117

kleinere Maschinen laufen mit elektrischem Antrieb, den die
städtische Zentrale liefert.

Im Betriebe sind zur Zeit 180—220 Arbeiter tätig, unter
denen 10 Lehrlinge sich befinden. Letztere erhalten eine Stun-
denentschädigung von 10 Pfg., welche gegen Mitte der Lehr-
zeit, die 3—4 Jahre dauert, auf 20 Pfennige erhöht wird. Die
Löhne der Schlosser bewegen sich zwischen 3 Mark und
5.20 Mark pro Tag, die der Schmiede schwanken zwischen
2.50 und 5 Mark den Tag. Die Dreher und teilweise auch die
Schlosser arbeiten im Akkord und erreichen einen Stunden-
lohn in der Höhe von 60—65 Pfennig bei normaler lOstün-
diger Arbeitszeit. Überstunden sind nur ausnahmsweise bei
dringenden Fällen gestattet. Wie überall ist die Mehrzahl der
Arbeiter organisiert; die Firma kümmert sich ebenfalls wie wir
des öfteren bei anderen Betrieben beobachtet haben, nicht
darum. Auch hier geschieht die Arbeitervermittlung, weil die
Unternehmung dem Verband bayerischer Metallindustrieller an-
gehört, nur durch die Vermittlungsstelle dieses Verbandes.

Unbedingt zur Großindustrie zu rechnen und mit den
glänzendsten Namen auf dem Münchener Platze zu nennen
ist die Firma F. S. Kustermann, Eisenkonstruk-
tio'nswerk, Eisen-, Metall- und Tempergießerei,
Eisen- und Kohlenhandel.

Aus dem Alter der Firma, deren Gründung bis in das
18. Jahrhundert zurückreicht, und dem heutigen umfangreichen
Geschäftsbetrieb, läßt sich die Tatsache ableiten, daß nur we-
nige Münchener Firmen so stadtbekannt sind, wie dieser Be-
trieb. Daß dies voll berechtigt ist, mögen folgende Ausfüh-
rungen beweisen.

Das gesamte Anwesen der Firma Kustermann umfaßt
heute ca. 170000 qm und enthält außer mehreren großen
Lager- und Verladeplätzen für Bau-Träger und Eisenkonstruk-
tionen mit elektrisch betriebenen Laufkrananlagen, auch Lager-
plätze für Eisen und Tonröhren, Kohlen und Brennholz der
Handelsabteilung, für Roheisen und sonstige Materialien der
Fabrikabteilung; außerdem stehen nahezu 50 Gebäude auf dem
Riesenplatz, welche teils für das Eisenkonstruktionswerk und
die Gießereien, teils für die Lagerhaltung dienen. Denn schon
        <pb n="127" />
        ﻿118

vor Eröffnung der Gießerei hatte Kustermann den Kohlen-
handel betrieben; seit einigen Jahren wird außer den ver-
schiedenen Sorten von Kohlen, Koks, Briketts, Torf, Holzkohlen
auch Brennholz geführt, und wurde zu diesem Zwecke eine
elektrisch betriebene Spalterei eingerichtet.

Im Jahre 1872 hatte dann Kustermann die industrielle
Tätigkeit begonnen. Eine mechanische Werkstätte mit einer
6 PS Dampfmaschine wurde errichtet. Aber schon 1877 er-
folgte der Bau einer Eisengießerei und großen Werkstätte
für Holz- und Eisenbearbeitung, sowie eine Gießerei zur Er-
zeugung von schmiedbarem Guß, ausgestattet mit einer 80 PS-
Dampfm aschine.

Heute arbeitet die Fabrik mit 2 Dampfmaschinen von
ca. 400 PS, etwa 420 Hilfsmaschinen und Aufzügen, 6 Kupol-
öfen, 6 Trockenöfen, 10 Schmelz- und Glühöfen. Das Eta-
blissement ist durch ein Industriegeleise direkt mit dem Ost-
bahnhof verbunden, und sind außer den etwa 4000 m langen
Rangiergeleisen noch Rollbahnen mit ca. 4500 m Gesamtlänge,
mit ca. 50 Drehscheiben und etwa 100 Rollwagen vorhanden.

Die Erzeugnisse der Gießereien umfassen alle Arten
von Bau-, Handels- und Maschinenguß, schmiedbarem Eisen-
guß sowie Kunstguß in Eisen, Bronze und Zink; speziell wer-
den auch Kandelaber und Stalleinrichtungen angefertigt. Das
Eisenkonstruktionswerk befaßt sich mit Arbeiten für Eisenhoch-
und Brückenbau, Bau- und Kunstschlosserei und allgemeinen
Maschinenbau.

In dem Fabrikbetrieb1 sind nahezu 600 Arbeiter tätig, unter
denen sich etwa 35 Lehrlinge befinden. Bei den Tagelöhnern,
d. h. den einfachen Eisenarbeitern kommt nur der orts-
übliche Tagelohn mit durchschnittlich 4.30 Mark zur Verrech-
nung. Bei den gewerblichen Arbeitern, den Gießern, Schlos-
sern, Schmieden, Zimmerleuten, Schreinern und Anstreichern
herrscht Akkordlohn. Der Stundenlohn dieser „Professionisten“
schwankt zwischen 45 und 65 Pfennig. Die meisten Arbeiter
gehören dem deutschen Metallarbeiterverband an, der Rest
verteilt sich auf die einzelnen Berufsgewerkschaften. Auch diese
Firma erkundigt sich nicht darnach und bezieht ihre Arbeiter
ebenfalls durch Vermittlung des Arbeitsnachweises des Ver-
        <pb n="128" />
        ﻿119

bandes bayerischer Metallindustrieller. Für Tagelöhner, Schrei-
ner und ähnliche Arbeiter gelten die Vorschriften dieses Ver-
bandes nicht; sie können bei Bedarf durch einfache Anmel-
dung in dem Betriebsbüro eingestellt werden. Hie und da,
wenn große Posten fällig sind, wird das städtische Arbeits-
amt benötigt.

Für den Absatz, der sich jährlich mit dem Lagerumsatz
zusammen auf ca. 300000 Tonnen beläuft, kommt zunächst
München selbst mit über zwei Drittel in Betracht. Nur un-
gefähr ein Drittel des Oesamtabsatzes verteilt sich auf Ge-
biete außerhalb Münchens, namentlich Ober- und Niederbayern,
Oberpfalz, Mittelfranken und Schwaben. Teilweise gehen auch
größere Sendungen nach Oberitalien, Österreich, Tirol und Vor-
alberg. Export hat die Firma, die sich lediglich als nach dem
besten Konsum orientiert erweist, fast gar keinen. Ihr Lager-
absatzgebiet ist noch mehr begrenzt durch die Berechnung
sämtlicher Berufsfrachten auch anderer Betriebe ab Neunkir-
chen. Kustermann vermag deshalb nur an die Orte, die weiter
von dieser Zentrale Neunkirchen wegliegen wie München, bil-
liger zu liefern wie die Konkurrenz. Der Bezug des Roh-
materials geschieht teils aus Amberg in Bayern, teils 'aus
Luxemburg, während die Halb- und Fertigfabrikate für das
Lagergeschäft sämtliche über Neunkirchen im Saargebiet be-
zogen werden. Durch die ungeheuer große und auswahlreiche
Lagerhaltung in Bezug auf Walzeisen (Stabeisen), Form-, Zier-
und Fa9oneisen — nach der Ausscheidung des Stahlwerkver-
bandes als A- und B-Produkte bekannt — ist die Firma Ku-
stermann für die Münchener Industrie und Bautätigkeit von
größter Bedeutung, weil sie dadurch imstande ist, die größten,
namentlich im Baugewerbe oft plötzlich auftretenden Bestel-
lungen voll zu befriedigen, was zugleich von der großen Lei-
stungsfähigkeit zeugt.

Ehe wir einige kleine, aufblühende Industriezweige dieser
Branche erwähnen, wollen wir noch einen Großbetrieb unter-
suchen, dessen umfangreiche Werkanlage jeden Besucher des
Münchener Industrieviertels Obersendling auffällt: die Moto-
renfabrik München-Sendling. Die Firma, die sich
ausschließlich mit der Fabrikation von Betriebsmotoren (Benzin,
        <pb n="129" />
        ﻿120

Sauggas etc.) für industrielle, gewerbliche und landwirtschaft-
liche Zwecke befaßt, wurde vor zehn Jahren gegründet und
hat sich verhältnismäßig rasch zur heutigen Ausdehnung ent-
wickelt. Die unter der Marke „Sendlinger Motoren“ bekann-
ten Erzeugnisse des Werkes erfreuen sich infolge ihrer quali-
tativen Vorzüge nicht nur bei uns, sondern auch im Auslande
eines guten Rufes, und besonders der Export der Firma nach
Österreich-Ungarn ist bedeutend, welcher 30 o/o’ des Gesamtab-
satzes beträgt. Das läßt sich auf die Tatsache zurückleiten,
daß bis vor wenigen Jahren noch keine größere Konkurrenz,
wohl aber eine starke Nachfrage vorhanden war. München
selbst kommt als Absatzgebiet wenig in Betracht, da hier
sämtliche einschlägige Betriebe, welche die gebauten Motore
verwenden könnten, teils mit Wasserkraft, teils mit elektrischer
Energie arbeiten. Dagegen fallen 35 o/o des Absatzes auf seine
nähere und weitere Umgebung, namentlich Ober- und Nieder-
bayern mit Schwaben, da hier infolge der Leutenot der Be-
darf an landwirtschaftlichen Maschinen sehr groß war und
diese Bauern lieber in München kaufen. Außerdem kommen
sie stets zur landwirtschaftlichen Ausstellung des Oktoberfestes
in die Hauptstadt und kaufen hier schon aus dem Grunde
von Münchener Betrieben, weil die Fabrik zugleich die nahe
Reparaturwerkstätte bildet. Wie wichtig gerade der letzte
Grund für den Käufer sein mag, bezeugt die Gründung einer
eigenen Reparaturwerkstätte der Deutzer Motorenfabrik in
München. Die uns gewordene Mitteilung von reiner Kon-
sumorientierung findet soweit ihre Bestätigung, wenn auch die
Arbeiterverhältnisse deshalb nicht schlecht sind, weil sich am
Platze selbst, wie wir aus Vorstehendem wissen, einige große
Maschinenfabriken befinden und in nächster Nähe das Dorado
der bayerischen Maschinenindustrie, Nürnberg, liegt. Außer-
dem weist ein kleiner Prozentsatz der Arbeiter norddeutsche
Herkunft auf. Gegenwärtig beschäftigt der Betrieb 150 Ar-
beiter, die ebenfalls alle dem deutschen Metallarbeiterverband
angehören, und etwa 10 Lehrlinge, welche nach altem Brauche
bei Beendigung ihrer Lehrzeit die Fabrik verlassen um ander-
wärts Stellung zu nehmen. Die Stundenlöhne steigen je nach
Jahren und Beschäftigungsart von 34 auf 70 Pfennig. Das
        <pb n="130" />
        ﻿

Höchstverdienst wird im Akkordlohn von den Eisendrehern
und Schlossern erreicht.

Der Rohmaterialbezug richtet sich, wo möglich, nach den
nächsten Rohmaterialienlagern. So kommt der Grauguß teils
aus der Maxhütte in der Oberpfalz, teils aus dem kgl. Hüt-
tenwerk Oberreichstätt im Juragebiet. Stahl und Stahlguß lie-
fert nur das Ruhrgebiet. Aus den Antrazitkohlen, die in gro-
ßen Mengen gebraucht werden, stellt man Gas her, welches
mit Wasserdampf vermischt zum Antrieb der Motoren dient.
Von diesen geschieht dann die Kraftübertragung auf etwa
50 Arbeitsmaschinen, wie Drehbänke, Frais- und Stanzmaschi-
nen und etliche Spezialmaschinen, die teilweise Fabrikgeheim-
nis sind.

Die Fabrikation von Automobilkarosserien
steht in München wohl auf der Höhe der Zeit, wie dies die
Erzeugnisse der eingesessenen Firmen ja zeigen. Aber die
Betriebe selbst gehören den Mittel- und Kleinbetrieben an, was
nicht ausschließt, daß die gelieferten Wagentypen den Cha-
rakter erstklassiger Arbeit tragen und den Ruf rechtfertigen,
welchen sich die Firmen alle auf diesem Gebiete erworben
haben. Wir wollen darum nicht näher auf die einzelnen Unter-
nehmungen eingehen.

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Aus demselben Grunde begnügen wir uns auch mit der
allgemeinen volkswirtschaftlichen Darstellung der Fabrika-
tion von Drahtwaren- und Drahtgeflechten, bei
welcher der Transportkostenfaktor von Einfluß auf die Stand-
ortswahl sowohl für die Rohstoffversorgung wie für den Fer-
tigabsatz ist. Der Bezug von Rohmaterialien und der Absatz
der Produkte hat hier mit Bedingungen zu rechnen, welche
durch Kartellierung vorgeschrieben sind. Die zu einem Syn-
dikat zusammengeschlossenen Drahtwalzwerke beherrschen von
gemeinsamer Verkaufsstelle aus die Produktion der syndizier-
ten Werke in bestimmt gesonderten Teilgebieten. Beim Bahn-
bezug bestehen für München sehr günstige Spezialtarifierun-
gen, auf die man außerordentlich angewiesen ist wegen der
Geringwertigkeit des Rohmaterials und der unbedeutenden
Werterhöhung desselben durch die Fabrikation.
        <pb n="131" />
        ﻿122

Die jüngste bedeutendste Industrie in Bayern hat sich
in München auch niedergelassen und läßt auf eine baldige Groß-
industrie rechnen: Die „Flugzeugindustrie“. In einer kurz er-
scheinenden Zeit hat der bescheidene Anfang dieser Industrie
erreicht, daß heute bereits Flugmaschinen in allen Einzelhei-
ten, Motoren, Propeller und Tragflächen in den Münchener
Flugmaschinen-Werken Gustav Otto selbst herge-
stellt werden, dabei aber Fabrikate darstellen, die sich den be-
sten anderen, wie die Erfolge Lindpaintners und Baierleins
zeigen, ebenbürtig erwiesen haben.

Trotz der ungünstigen Produktionsbedingungen hat also
die Entwicklung der Maschinen- und Eisenindustrie in Mün-
chen verschiedene Spezialbetriebe gezeitigt, deren Namen heute
zu den ersten Firmen der heimischen Industrie gezählt werden
dürfen. Wir haben versucht uns in den vorhergehenden Ausfüh-
rungen einen Überblick zu verschaffen über die Entwicklung
und den heutigen Stand der Maschinen- und Eisenindustrie in
München. Außerordentlich vielfältig ist die Tätigkeit der ein-
zelnen Betriebe, die Tausende von Menschen beschäftigen und
erst Farbe und Gestalt gewinnen durch die Menschen, die in
ihrem Rahmen tagaus tagein ihre Arbeit zu verrichten haben.
Je tiefer man in das Wesen dieser Jndustrie eindringt, um so
deutlicher empfindet man den Wert der Einzelnen. Von weitem
gesehen verschwinden diese Menschen, die innerhalb der In-
dustrie heute das Münchener Wirtschaftsleben so ungewöhn-
lich stark beeinflussen, für den flüchtigen Beschauer nur zu
sehr zu einer in sich geschlossenen, scheinbar vollständig gleich-
artigen, unterschiedslosen Masse. Je näher man aber zusieht,
um so stärker differenziert sich die Masse, um so mehr löst
sie sich auf in Einzelpersonen, von denen jede an ihrem Teile
zum Gedeihen des Unternehmens wesentlich beiträgt. Freilich,
wie weit die Lust und Liebe zum Beruf, die Hingabe an die
Tätigkeit, die er sich gewählt hat, die Leistungsfähigkeit des
Arbeiters beeinflußt, läßt sich zahlenmäßig nicht feststellen.
Von einem einsichtsvollen Fabrikanten wurde uns bei dieser
Gelegenheit gesagt, daß bei der überall durchgeführten Maschi-
nisierung und Spezialisierung des Produktionsprozesses und
dem allseits herrschenden Akkordlohn, die Interessen des Ar-
        <pb n="132" />
        ﻿123

beiters an der Maschine das Interesse am Produkt ersetze
und die Lohnfreudigkeit vielfach an die Stelle der mehr und
mehr schwindenden Arbeitsfreudigkeit trete.

Was die Ausbildung der Arbeiter der Münchener Maschi-
nenindustrie anbelangt, so haben von 100 gelernten Arbeitern
im Gesamtdurchschnitt 75—90 ihre Ausbildung in den Fa-
briken erhalten, nur durchschnittlich 10—25 sind aus dem Hand-
werk hervorgegangen. Aus diesen Zahlen macht sich deutlich
die uns wiederholt gewordene Aufklärung bemerkbar, daß hand-
werksmäßig ausgebildete Arbeiter nicht ohne weiteres im Fa-
brikbetriebe zu verwenden sind und daß einmal aus dem Fa-
brikbetrieb hervorgegangene Arbeiter sich stets wieder der
Arbeit in der Fabrik, oft sogar derjenigen, in der sie die
Lehrjahre durchgemacht haben, zuwenden. Damit wären ja
auch die Klagen des Handwerkerstandes, daß die Industrie
die vom Handwerk angelernten jungen Arbeiter von dem-
selben ab und zu sich heranziehe, für die Maschinenindustrie
vollständig entkräftet und widerlegt.

In der Organisation unserer Münchener Maschinenindustrie
nehmen auch die Einrichtungen für soziale Zwecke eine nicht
unwichtige Stellung ein. Abgesehen von den hoch einzuschät-
zenden Gefühlswerten, die auch seitens einzelner Unternehmer
mit die erste Veranlassung zur Schaffung solch sozialer Ein-
richtungen gegeben haben, sind sie auch für die kühl den-
kenden Organisatoren von hohem Wert, je mehr sich solche
Schöpfungen als Mittel erweisen, die Arbeitsfreudigkeit und
damit naturgemäß die Arbeitsleistung zu steigern und das
Gefühl des persönlichen Interesses von Arbeitern und Be-
amten am Gedeihen des ganzen Werkes zu stärken.

Obwohl schon durch die sozialpolitische Gesetzgebung des
Reiches belastet, hat die Firma J. A. Maffei stets in umfang-
reicher Weise für Wohlfahrtseinrichtungen ihrer Arbeiter und
Angestellten gesorgt. Hier sei zunächst der Kasse für in-
valide Arbeiter mit mehr als zwanzig Dienstjahren, des außer-
ordentlichen Unterstützungsfonds und einer Beamtenpensions-
kasse gedacht. Diese großen Kapitalien werden alljährlich noch
durch beträchtliche Zuschüsse erhöht. Den verheirateten Ar-
beitern werden stets auch Darlehen zum Ankauf kleiner Wohn-
        <pb n="133" />
        ﻿124

häuser gewährt, die der Arbeiter dann allmählich zurückzahlen
kann. Außerdem besteht noch eine Fabriksparkasse, welche
die kleinsten Einlagen der Arbeiter sammelt, sie verzinst und
das Kapital ihnen bei Bedarf wieder zur Verfügung stellt.

Der Lokomotivenfabrik Krauß &amp; Comp. Aktiengesellschaft
steht zur Betätigung der sozialen Fürsorge für ihr Arbeiter-
personal ein seit der Umwandlung der Firma in eine Aktien-
gesellschaft angesammelter, von den jeweiligen Generalver-
sammlungen der Aktionäre freiwillig je nach den Jahreserträg-
nissen dotierter Arbeiterunterstützungsfonds zur Verfügung.
Aus Anlaß des fünfundzwanzigjährigen Bestehens hat der Grün-
der des Unternehmens eine Arbeiterwitwen- und -waisenstif-
tung ins Leben gerufen, welche bis heute segensreiche Erfolge
gezeitigt hat. Eine weitere Wohlfahrtseinrichtung bietet den-
jenigen Arbeitern, die mindestens 10 Jahre ohne Unterbrechung
bei der Firma tätig sind, einen Urlaub von 6 Arbeitstagen unter
Bezahlung der normalen Wochenstunden nach Maßgabe des
verdienten Stundenlohns. Zugleich besteht neben der selb-
ständigen Beamtenpensionskasse für den Arbeiter eine eigene
Betriebskrankenkasse.

Diese beiden Beispiele könnten noch durch Angliederung
einer Reihe größerer oder weniger umfangreicher Aufwen-
dungen für die Arbeiter seitens der anderen Firmen der Eisen-
und Maschinenindustrie Münchens ergänzt werden; dies kann
aber nicht unsere Aufgabe sein, da beide schon beweisen, daß
man in den Münchener Betrieben in Anbetracht des ungün-
stigen Arbeitsmarktes für die Maschinenindustrie nichts ver-
säumt, um die Lage der Arbeiter möglichst günstig zu ge-
stalten.
        <pb n="134" />
        ﻿Fünfter Abschnitt, Teil DI:

Sonstige bemerkenswerte Industrien.

Wir haben in vorstehenden Kapiteln jene Großindustrien
einer eingehenden Betrachtung unterzogen, welche in Mün-
chen das wirtschaftliche Übergewicht besitzen und von denen
wir annehmen, daß sie wirtschaftspolitisch die bedeutendsten
und allgemein die Industrien darstellen, welche dem gesamten
industriellen Leben der Stadt das ihr eigene Gepräge ver-
leihen. Sie begründeten und festigten nicht nur den Ruf Mün-
chens als Kunstmetropole, Fremden- und Bierstadt, sie schufen
ihm auch einen Namen auf dem Gebiete der Maschinen- und
Eisenindustrie und geben in ihren Erzeugnissen einen Beweis
von dem allseits entwickelten Gewerbefleiß seiner Bevölkerung.
Die in der Stadt ansässige Arbeiterschaft lebt zu ungefähr
70 pro Hundert dauernd von der Beschäftigung in jenen Be-
trieben.

Das „industriearme“ München weist aber innerhalb seines
Burgfriedens noch einige nicht weniger bedeutende Fabrik-
betriebe auf, welche in ihrer Art vereinzelt dastehen, trotz-
dem aber an räumlicher Ausdehnung und Größe des Ab-
satzes sich den schon erwähnten Industrien würdig zur Seite
stellen. Wir wenden hier unsere Aufmerksamkeit zunächst
jenen Gebieten industrieller Betätigung zu, die als Folge oder
Begleiterscheinung jener das Wirtschaftsleben Münchens be-
herrschenden Industrien anzusehen sind.

Sehr eng mit dem gesamten Buchgewerbe und der gra-
phischen Kunst verknüpft und nicht minder wichtig wie die
Papierfabrikation für beide Industriezweige ist die Herstellung
der Druckfarbe, wie sie in einem der ältesten Unternehmen
        <pb n="135" />
        ﻿126

dieser Art, in der allen Interessenten bekannten Farbfabrik
Michael Huber in Müchen selbst bewerkstelligt wird.
Dieser Betrieb hat sich aus kleinsten Anfängen, aus der Farben-
bereitung als häusliche Beschäftigung, hervor von 1780 bis
heute zu einem Großbetriebe entwickelt, dessen Erzeugnisse
sich schon seit langer Zeit des besten Rufes erfreuen. Später
noch mehr wie anfangs war die ganze Produktion von Karmin-
farben und Karminlacken, den sogenannten Münchener Lacken,
denen die Fabrik ihren Weltruf und Export verdankt, auf den
nächsten Konsum durch die Münchener Kunstdruckereien ge-
richtet. Der Standort München, als dem Orte der intensivsten
Nachfrage, erwies sich für den Betrieb bald als sehr glücklich
gewählt. Mit der Erfindung des Steindrucks, der Senefelder-
schen Lithographie, kamen die Münchener Lacke noch zu stär-
kerer lokaler Verwendung, obwohl der Rohstoff, die Coche-
nille — eine Schildlausart, welche vorzugsweise in Westindien
und Teneriffa gezüchtet und jährlich zweimal geerntet wird
— stets derselbe geblieben ist. Wenn auch Karmin als Farb-
stoff durch die Anilinfarben weit vom Weltmarkt zurückge-
drängt worden ist, so fand er doch seine lokale Verwendung
als giftfreie Künstlerfarbe oder als Färbemittel von Nahrungs-
und Genußmittel. Um einem allgemeinen Bedürfnis entgegen-
zukommen, widmete sich die Firma mehr und mehr der Her-
stellung von Farben für graphische und andere künstlerische
Zwecke aller Art, und für die verschiedensten Druckverfahren,
den Schwarzdruck mit inbegriffen. Außerdem nahm die Fabrik,
die sich bis Ende der siebziger Jahre nur mit der Herstellung
trockener Farben beschäftigte, auch die Bereitung der fer-
tigen, angeriebenen Druckfarben und für das Bedürfnis der
Künstler ebenso die Verfertigung von Tubenfarben in ihren
Betrieb auf. Die Firma Huber besitzt eine eigene, vorzüglich
eingerichtete Hausdruckerei um die Farben gründlichst auf
ihre Druckfähigkeit und Ergiebigkeit zu prüfen, da, wie schon
bemerkt, die Farben nicht nur trocken sondern für die ver-
schiedenen Techniken druckfertig angerieben geliefert werden.
Von ihren Rohprodukten kauft das Unternehmen den Ruß
zur Druckerschwärze teils in Deutschland, teils in Amerika, die
Anilinfarben werden aus Ludwigshafen und Höchst bezogen,
        <pb n="136" />
        ﻿

Leinöl, Harze und die Cochenille liefert wieder Amerika. Von
dem Qesamtabsatz des Hauses kommen allein etwa 25 o/o auf
München. Diese Zahl, mag sie noch so klein aussehen, ist in
Wirklichkeit sehr groß, wenn man den bedeutenden Absatz der
Firma im Ganzen und die beträchtliche Anzahl der Kunden in
den Mauern Münchens, dem Hauptsitz der polygraphischen
Gewerbe und der Künstler überhaupt, in Betracht zieht. Auf
das übrige Deutschland entfallen ca. 30 o/0 und der Rest mit
45 o/o ist Exportunternehmen nach Australien, Süd- und Nord-
amerika und namentlich den Vereinigten Staaten. Trotzdem
bleibt dieses Unternehmen konsumorientiert, denn beim
Export kommen wegen der hohen Frachten, der teuren Ver-
packungsspesen und der nicht gerade günstigen geographischen
Lage Münchens nur bessere Qualitäten in Frage, während
andererseits der Betrieb mit billigen Fabrikaten auf dem Welt-
markt aus diesen Gründen gar nicht mehr konkurrenzfähig
ist und sie nur den lokalen Markt damit beherrscht.

Die Arbeiterzahl beträgt heute 100—120 und umfaßt weder
weibliche noch jugendliche Arbeitskräfte, da der Betrieb die-
selben nicht einstellt. Die Arbeiter fallen in die Kategorie
der Fabrikarbeiter, sind also keine Facharbeiter, was einen gün-
stigen Arbeitsmarkt in München zur Folge hat. Für den Stand-
ort aber war die Arbeiterfrage keineswegs bestimmend oder
ausschlaggebend. Alle Arbeiter sind organisiert in Gewerk-
schaften christlicher und sozialer Richtung. Der Betrieb fragt
nicht darnach und hat auch keinen Tarifvertrag mit irgend
einem Arbeitnehmerverband. Die Einstellung der Arbeiter er-
folgt trotzdem nicht durch das städtische Arbeitsamt, sondern
teils durch ausgehängte Tafeln, teils durch persönliche Emp-
fehlung seitens' der Arbeiter, die ihre Freunde und Verwandten
vormerken lassen. Es herrscht Stundenlohn vor, nur einigen
älteren Arbeitern wird Wochenlohn gewährt. Der einfache
Arbeiter hat einen Verdienst von 43—49 Pfennig pro Stunde
bei 9y2stündiger Arbeitszeit. Die vorhandenen ca. 50 Arbeits-
maschinen, wie Farbmühlen, Kollergänge zum Pulverisieren
der Farben und Farbreibmaschinen, bedürfen eines Kraftan-
triebes seitens einer 150pferdigen Dampfmaschine und eines
Dieselmotors von 70 PS. Ihre Bedienung erfordert keine be-



1 ß
        <pb n="137" />
        ﻿128

sondere Kenntnisse und wird vom Arbeiter ohne erhebliche
Schwierigkeiten gelernt.

Ein ebenso altehrwürdiges Gewerbe wie das der Bierbrauer
ist die Böttcherkunst, welche den größten Anteil an der
fortschreitenden Entwicklung der Brautechnik hatte und sich
nur infolge des schnellen Wachstums des Braugewerbes zu
einer Großindustrie emporzuschwingen vermochte. Lange Zeit
hatte sich die Methode der Faßherstellung gar nicht oder
kaum geändert. Der Sohn lernte es vom Vater und hinterließ
seinerseits wieder seinen Nachkommen die so erworbene Wis-
senschaft. Ein Umschwung trat erst ein, als im letzten Drittel
des neunzehnten Jahrhunderts auch auf diesem Gebiet die
Mechanik mitzureden begann und nach einigen tastenden Ver-
suchen die ersten brauchbaren Faßfabrikationsmaschinen ge-
baut wurden. Daß in Bayern, dem Lande der Bierbrauerei,
und besonders in seiner Hauptstadt, in München, die Faß-
fabrikation auf hoher Stufe steht, daß sie in Technik und
Materialverwendung für die deutschen Faßfabriken tonangebend
geworden ist, darf beinahe als selbstverständlich vorausgesetzt
werden.

Zu den größten und ältesten Fabriken dieses Nebenge-
bietes der Brauindustrie gehört die Münchener Mechan.
Faßfabrik, Jos. Dorn, die im Jahre 1842 gegründet sich
von Anfang an der manuellen Faßherstellung widmete und
lediglich für die benachbarten Brauereien arbeitete. Sie er-
kannte als eine der ersten Firmen des Kontinents den Weg
des Fortschritts, der sich durch Einführung der Faßfabrikations-
maschinen eröffnete und nahm schon im Jahre 1888 die me-
chanische Herstellung auf, wodurch sie erst zur Faßfabrik
wurde und über den Rahmen des alten Böttchergewerbes zu
stehen kam. Die Fabrik blieb nun in ständiger Fühlung mit
den in Betracht kommenden Maschinenfabriken, denen sie selbst
auf Grund ihrer Erfahrung manchen wertvollen Wink zuteil
werden ließ und deren Neuerungen stets sofort in der Dorn-
schen Fabrik in die Praxis umgesetzt wurden. Deshalb stand
die Firma Dorn von Anfang an an der Spitze der deutschen
Faßfabriken, und ihre Einrichtung kann als mustergiltig be-
zeichnet werden.
        <pb n="138" />
        ﻿129

Die Spezialitäten der Münchener Mechan. Faßfabrik sind
Biertransport-Fässer, Pressions-Fässer, Lager-Fässer und Gär-
Bottiche; daneben werden aber auch Weinlager-Fässer, ganze
Einrichtungen für Essig-Fabriken, Spiritus-Brennereien und che-
mische Fabriken hergestellt.

Der Absatz der Firma, der mit 459/o der Gesamtproduktion
auf die Stadt München selbst und mit etwa 25 o/o auf Bayern
ohne Hauptstadt entfällt, zeigt deutlich die Lagerung des Be-
triebes am Orte des günstigsten Konsums. Da München für
Frachten nach auswärts allgemein sehr unvorteilhaft liegt und
die Firma mit ihren Produkten infolgedessen mit den anderen
Faßfabriken kaum in einen Wettbewerb eintreten kann, er-
reicht die Absatzziffer für das übrige Deutschland nur die
Höhe von ca. 5 o/0. Der Rest der Jahresproduktion verteilt
sich auf das europäische und außereuropäische Ausland, weil
hier eine steigende Nachfrage nach Qualitätsprodukten speziell
aus München vorhanden ist. Aus dem Auslande selbst bezieht
die Fabrik das Eichenholz und zwar für Transportfässer aus
Rußland, für Lagerfässer und Bottiche größtenteils aus Sla-
vonien. Welche riesigen Summen für Frachten aufgewendet
werden müssen, mag die Angabe beleuchten, daß für 10 Ton-
nen Holz aus Rußland durchschnittlich 4500 Mark bezahlt wer-
den. Das benötigte Baueisen liefern Großhändler am Orte
selbst; die verwendeten Lacke werden ebenso einem Mün-
chener Betriebe entnommen. Ein geschulter Stamm von 70—80
männlichen Arbeitern ist trotz der maschinellen Einrichtung
im Betriebe tätig. Obwohl diese Industrie durch die bedeu-
tend höheren Löhne gegenüber anderen Industrieorten in ihrer
Entwicklung etwas gehindert ist, besteht für sie infolge dieser
Lohndifferenz ein günstiger Arbeitsmarkt. An tüchtigen Ar-
beitern ist aber auch hier wie anderwärts im Gewerbe stets
ein fühlbarer Mangel. Die stellenlosen Böttcher gehen nach
altem Brauch von Werkstatt zu Werkstatt um sich Arbeit zu
suchen und werden ohne weitere Vermittlung nach Bedarf
eingestellt. Die Firma hat mit den Arbeitern einen Tarifvertrag
vereinbart, wonach die Schäffler ein Tagesverdienst von 4.70
bis 7 Mark und die Hilfsarbeiter einen Tagelohn von 4—4.50
Mark aufweisen.

Fritz, München als Industriestadt.

9
        <pb n="139" />
        ﻿— 130 —

Die Holzabfälle werden mit böhmischer Nußkohle gemischt
als Feuermaterial für die Dampfmaschinen verwendet, die etwa
30 Arbeitsmaschinen wie Hobelmaschinen, Kreissägen und eini-
gen Spezialmaschinen die Antriebskraft liefern. Nahezu 1 Mil-
lion Kapital ist im Betriebe investiert, da ein großer Lager-
platz für die ausgedehnten Holzvorräte nötig ist und gedeckte
Räume in größerer Ausdehnung das Fabrikat vor schädlichen
.Witterungseinflüssen schützen müssen.

Viel zu wenig Beachtung schenkt man unserer Ansicht
nach dem1 Teil der Münchener Industrie, der sich der Tabak-
fabrikation zugewendet hat. Auch die Statistik, welche die
Gesamtzahl der auf diesem Gebiete erwerbstätigen Personen
am 12. VI. 1907 mit 714 angibt, kann dadurch ein vollkommen
falsches Bild von dieser Art industriellen Lebens in München
geben. Erwägt man, daß 69 Betriebe vorhanden sind, in denen
1—50 Personen Beschäftigung finden, so darf man nicht genug
hinweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung eines Großbetrie-
bes, in dem allein 285 Arbeiter in der Tabakverarbeitung tätig
sind. Wohl haben wir bei genauer Untersuchung gefunden,
daß die Schnupf- und Rauchtabakfabrikation, ebenso die Zi-
garrenherstellung, wegen der erfolgreichen Konkurrenz alter
Nürnberger Firmen und der österreichischen Regietabake wenig
imstande ist, auch nur den lokalen Markt zu beherrschen.
Anders gestaltet sich die wirtschaftliche Lage der Zigaretten-
fabrikation, obgleich dieser Industriezweig nicht viel weniger
unter der österreichischen Konkurrenz zu leiden hat. Dies ist
darauf zurückzuführen, daß das Fabrikat der Firma Zuban,
Kommanditgesellschaft, sich ein weites Reich von
Rauchern erobert hat; die Zubanzigarette erfreut sich heute
eines ausgedehnten Konsumenten- bezw. Abnehmerkreises,
hauptsächlich in München mit ca. 25 o/o der Gesamtproduktion
und Bayern ohne Hauptstadt mit ebenfalls nahezu 30 o/0 der
Gesamtfabrikation, die sich heute auf etwa 600 Millionen Zi-
garetten beläuft. Auf Mittel- und Norddeutschland kommen
etwas über 40 o/o des Gesamtabsatzes der Firma. Auch am
Export nach der Schweiz, Italien, Holland, Dänemark und
in kleinen Mengen nach Südamerika und Südafrika beteiligt
sich dieser leistungsfähige Münchener Betrieb. Wenn der Ex-
        <pb n="140" />
        ﻿131

port mit 3V2 &gt;°/o des Absatzes nicht sehr bedeutend ist, so
liegt das mit an dem Umstande, daß das Innlandgeschäft noch
in stetem Wachsen begriffen ist und ausgebaut werden soll.

Wie die Gründungsgeschichte und die weitere Entwicklung
dieses Großbetriebes beweist, ist diese Zigarrettenindustrie
lediglich konsumorientiert. Denn die Zusammenfüh-
rungskosten der Roh- und Kraftstoffe spielen keine Rolle, da
die Rohmaterialien meist aus dem Orient bezogen werden
und eine kleine Mehrfracht, veranlaßt durch Ortsveränderung
der Industrie nicht ins Gewicht fallen kann. Als Kraftquelle
dient der Anschluß an die Isarwerke, deren gelieferter Wech-
selstrom für die Leuchtzwecke allerdings zu Gleichstrom um-
geformt wird.

Die geographische Orientierung der Zubanschen Zigaretten-
fabrik ist auch dadurch die denkbar beste, weil ca. 1/i ihrer
Fertigprodukte fast gar keine Abführungskosten an die Konsum-
plätze aufweist, wie dies ja aus oben angeführten Absatzver-
hältnissen deutlich hervorgeht.

Weniger mögen die Absatzverhältnisse mitbestimmend bei
der Gründung der Fabrik gewesen sein, die 1881 von Georg
Zuban erfolgt ist. Er hatte die Wahrnehmung gemacht, daß es
in München an geschulten Kräften, wie an geeigneter Industrie
mangelte, um wirklich gute Zigaretten zu schaffen. Durch
mehrere Juden und Jüdinnen, die er als geschickte Zigaretten-
arbeiter anwarb, ließ er deshalb Zigaretten für seine eigene
Verkaufsstelle anfertigen. Orientalische Studenten machten
seine Fabrikate unter den deutschen Studierenden bekannt und
mit dem Einbürgern der Gewohnheit des Rauchens in Offi-
zierskreisen war der erste Anstoß zur Vergrößerung gegeben.
Wenn die Fabrikeinrichtungen anfangs in bescheidenen Räum-
lichkeiten Unterkunft finden konnten, verlangte doch die stete
Zunahme der Nachfrage und die dadurch bedingte erhöhte Pro-
duktion die Umwandlung der bisherigen Betriebsform in eine
G. m. b. H. zum Zwecke größerer Kapitalinvestierung.1 Bei der
Gründung der neuen Fabrik 1904 suchte man sich frei zu
machen von der durch die Arbeitskosten bewirkten Attraktion
der Industrie an den für sie optimalen Arbeitsplatz fern von
München. Man führte nach und nach Maschinenarbeit ein

9’
        <pb n="141" />
        ﻿132

und entließ die teueren Zigarettenmacher, deren man eine große
Anzahl besaß. Da die Handhabung der Maschine bald gelernt
war und München einen günstigen Arbeitsmarkt für unge-
lernte Arbeiter bot, da andererseits die Maschine bis zu 20 000
Stück Zigaretten pro Stunde lieferte, ließ man die Handarbeit
bis auf einen verschwindend geringen Teil der Produktion,
der von 6—8 Leuten bewältigt wird, ganz fallen und führte
nur Maschinenarbeit ein.	j

Es wurde dadurch möglich den Massenbedarf an Zigaret-
ten, eher zu befriedigen und billigere Arbeitskräfte zu bekom-
men. Selbstverständlich war eine äußerst sorgfältige Behand-
lung des Tabaks nötig, wie auch die peinlich genaue Hand-
habung der Maschinen Bedingung für einen rationellen Betrieb
wurde. Die neue Fabrikanlage der infolge der eingangs ge-
würdigten neuen Steuergesetzgebung zur Kommanditgesell-
schaft gewordenen Zubanschen Zigarettenfabrik ist eine Mu-
steranlage, die allen Anforderungen der Neuzeit entspricht und
mit den modernsten Hilfsmitteln ausgestattet ist. In der, Tabak-
schneiderei befinden sich 6 Tabakschneidmaschinen mit 5
Hilfsmaschinen, wie Schleif-, Zigarettenaufreiß- und Sieb-
maschine. In den großen Arbeitssälen stehen 21 Zigaretten-
maschinen, welche die Zigarette meist von Anfang an fertig-
stellen, zum Teil auch nur den Tabak in die von 4 Hülsen-
maschinen hergestellten Zigarettenhülsen einstopfen. Sogar die
Umklebung der fertigen Packungen mit der Steuerbanderole
geschieht mittels 4 Banderoliermaschinen. Eine eigene Mechan.
Werkstätte zur Herstellung der Maschinenersatzteile wie zur
Reparatur und eine dem Betrieb angegliederte Schreinerei ver-
vollkommnen dieses große Fabrikunternehmen.

Die in der Fabrikation vorherrschende reine Maschinen-
arbeit bedingt demgemäß eine große Anzahl männlicher Ar-
beiter. Unter den 285 in dem Betrieb beschäftigten Personen
befinden sich nur 63 weibliche, denen die Tabaksortierung
und das Aussortieren und Einpacken der Zigaretten zufällt.

Die Löhne für weibliche ungelernte Arbeiter bewegen sich
zwischen 10 und 12 Mark pro Woche, der Maximallohn der
Arbeiterinnen beträgt wöchentlich 18 Mark. Der wöchentliche
Lohn der männlichen Arbeiter schwankt zwischen 25 und 52.50
        <pb n="142" />
        ﻿Mark. Vereinzelt arbeiten auch die im Betrieb beschäftigten
Personen im Akkord, wobei das wöchentliche Verdienst von
12 Mark auf 28 Mark zu steigen vermag. Der Arbeitsmarkt
ist für diese Art der Zigarettenfabrikation sehr günstig. Ob-
wohl die Arbeiter teilweise organisiert sind, geschieht doch
die Arbeitsvermittlung meist durch das „städtische Arbeitsamt";
nur vereinzelt werden persönlich sich meldende oder durch
andere Arbeiter empfohlene Stellensuchende aufgenommen.
Heimarbeiter besitzt die Zigarettenfabrik Zuban keine, was mit
der ausgeprägten maschinellen Herstellung der Zigaretten in
ihrem Betriebe zusammenhängt.

Für die Arbeiter ist in sanitärer und hygienischer Hinsicht
weitgehendst gesorgt, wie denn auch eine eigene Kantine den
Arbeitern und Beamten ermöglicht in der einstündigen Mit-
tagspause billig und gut zu essen.

Die Zubansche Zigarettenfabrik ist der bedeutendste Be-
trieb dieser Art in München und Umgebung und stellt heute
allein den 20sten Teil aller konsumierten Zigaretten Deutsch-
lands her, obgleich durch ausländische Fabrikate die schärfste
Konkurrenz geschaffen wird. Die anderen zur Tabakfabrikation
zu rechnenden Firmen in München kommen über Klein- und
Mittelbetriebe nicht hinaus, wenn auch einige auf eine ebenso
frühe Gründungszeit Anspruch machen können. Sie stehen
daher außerhalb des Rahmens unserer Untersuchung.

In Bayern spielt trotz der bedeutenden bayerischen Vieh-
zucht die Verarbeitung der tierischen Haut zu Leder keine
große Rolle. Wohl ist die handwerksmäßige Gerberei noch
sehr viel im Lande verbreitet, aber Großbetriebe mit über
50 beschäftigten Personen, die sich mit der Lederfabri-
kation beschäftigen, gibt es in ganz Bayern nur acht, wo-
von fünf Fabriken auf die Pfalz und zwei allein auf München
treffen. Diese beiden Großbetriebe legen Zeugnis ab von dem
hohen Stand der heutigen Lederindustrie Münchens.

Eine Untersuchung der geschichtlichen Entwicklung der
Münchener Gerberei ergibt, daß die Arbeitsmethoden dieses
unzweifelhaft ältesten Gewerbes von den Urzeiten an bis zur
Mitte des 19.'Jahrhunderts im wesentlichen dieselben geblieben
sind. Der Aufschwung in dem Gerbprozeß hat sich ganz empi-
        <pb n="143" />
        ﻿m

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— 134 —

risch vollzogen, denn die Erfahrung war der einzige Stütz-
punkt in der Ausübung dieses Gewerbes. Er war eine Folge
der großen Umwälzungen, welche besonders seit den sieb-
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf allen Gebieten der
deutschen Industrie und des einheimischen Handels zutage
getreten sind. Sie rüttelten die Gerberei auf, denn der ge-
waltige wirtschaftliche Aufschwung bedingte eine ungeahnte
Zunahme des Lederverbrauches und so sah sich der das Ger-
bereiwesen beseelende konservative Geist gezwungen, die Er-
rungenschaften moderner Technik sich anzueignen und die For-
schungen der Wissenschaft in dem Gerbprozeß zu unterstützen
und ihre Ergebnisse selbst vorteilhaft wieder zu verwenden.

Diese Entwicklung führte also von der althergebrachten
Gerbung mit Handbetrieb weg zur Großindustrie mit steter
Verbreitung der maschinellen Verarbeitung der Rohprodukte.
Die kleinen Betriebe waren bald nicht mehr imstande der
Nachfrage und den Ansprüchen, die man an das Fertigprodukt
stellte, zu genügen. Sie gingen zum Teil ein oder entwickelten
sich zu großen Industrien, welche die Hilfe sowohl der Tech-
nik wie der Chemie in Anspruch nahmen, um erstklassige
Leder dem Bedarfe entsprechend in kürzester Zeit herzustellen.
Einen solchen Betrieb, der sich seit dem Gründungsjahre 1808
in fortschreitender Entwicklung zum heutigen Großbetrieb aus-
gestaltete, sehen wir in einer der größten Lederfabriken
Deutschlands, in der Aktiengesellschaft für Leder-
fabrikation München. Als Sohlleder- und Oberleder-
gerberei wählte sich das Unternehmen seinen Standort an der
Isar. Schon 1808 wurde ein Kanal gegraben, um dessen Was-
serkräfte für den eigenen Betrieb nutzbar zu machen, was
um so wichtiger war, weil man früher die Häute längere Zeit
in das Wasser hängen mußte. Auch heute hat sich der Be-
trieb noch nicht frei machen können von dem großen Einfluß
fließenden Wassers, obgleich heute die Rohproduktorientierung
die ausschlaggebende sein dürfte. München als Mittelpunkt des
Häutemarktes für das landwirtschaftliche Oberbayern liefert
am günstigsten die allein zur Verwendung kommenden süd-
deutschen Häute. Nur „zahme Häute“ werden verarbeitet,
also solche von Ochsen, Kühen, Stieren, namentlich auch
        <pb n="144" />
        ﻿135

Schweinshäute. Bei Bedarfsfällen greift man auch zu den Tier-
häuten aus der nächsten Nachbarschaft, aus der Schweiz. Von
den verwendeten Gerbstoffen kommt nur die Fichtenrinde aus
Bayern; Eichenrinde wird hauptsächlich aus Ungarn bezogen,
da die Eichenschälwaldungen in Bayern infolge der größer
werdenden Unrentabilität im Verschwinden begriffen sind. Da
aber eine Gerberei heute nur leistungsfähig ist, wenn sie stets
eine Mischung der verschiedensten Gerbstoffe verwertet, be-
zieht die Firma aus Südamerika, Brasilien die sogenannten
exotischen Gerbstoffe. Südfrankreich und Italien liefern das
berühmte Kastanienholzextrakt. Da die Fabrik ausgedehnte
Militärlieferungen ausführt, bei denen gut gegerbtes Leder
Grundbedingung ist, hat sie die schnelle, aber um so intensivere
Chromgerberei überhaupt nicht in ihren Betrieb aufgenommen.
Trotzdem arbeitet das Unternehmen nicht nach dem alten Gerb-
verfahren, bei dem die Gerbung fast zwei Jahre dauert, son-
dern hat zum Zwecke einer rascheren Umsetzung und Ver-
wertung des Betriebskapitals sehr viele Apparate, wie Walk-
fässer, eingeführt, welche unter Beibehaltung der vegetabili-
schen Gerbung die Zeit „bis man die Häute wieder sieht“
auf 3—5 Monate festlegen.

Die Aktiengesellschaft für Lederfabrikation-München ist
nach allem materialorientiert, was noch deutlicher her-
vortritt durch den Umstand, daß sie eine Exportfirma ist und
der Absatz mit über 2/3 der Gesamtproduktion auf das Aus-
land fällt. München kommt als Konsumplatz nur in geringem
Maße in Betracht.

Die Arbeiterzahl, die sich bei unserer Erhebung auf 240
männliche und 15 weibliche belief, schließt Lehrlinge aus, denn
der gesamte Arbeiterstamm, der von dem Betriebe schon seit
Jahren herangezogen wird, weist wenig gelernte Gerber auf.
Die Arbeiter werden infolge der maschinellen Einrichtung heute
nur als Taglöhner eingestellt und erst mit der Zeit je nach
Befähigung besserer Arbeit zugeteilt, wo sie dann im Akkord-
lohn bis zu 42 Mark pro Woche verdienen können. Sie sind
meistens in Fachverbänden oder Gewerkschaften organisiert,
was die Fabrikleitung jedoch nicht erfragt, da sie mit den
eigenen Arbeitern unter Ausschluß jeglichen Verbandes einen
        <pb n="145" />
        ﻿136

Tarifvertrag abgeschlossen hat. Um die Wasserkraft des eige-
nen Isarkanals auszunutzen hat die Fabrik einige Wassertur-
binen zum Antrieb der Arbeitsmaschinen angelegt, deren Kraft-
spendung noch durch 3 Dampfmaschinen unterstützt wird, da
infolge der ausgedehnten Gebäudeanlage eine Kraftübertragung
erschwert ist und außerdem die gepreßte Lohe gut als Feuer-
material durch Benutzung des „Münchener Stufenrostes“ Ver-
wendung findet. Eigene Zubereitungsstätten für Lacke und für
die sonstigen Hilfsmittel, die für die Lederverarbeitung not-
wendig sind, vervollkommnen die Betriebsanlage, welche im-
stande ist jährlich 60 000 gepresste Rindhäute und 15 000
Schweinshäute herzustellen. Heute gilt dieser Betrieb als füh-
rend auf dem Gebiete der Lacklederfabrikation für Wagen- und
Automobilbekleidung.

Im Gegensatz zur Gründung dieser Lederfabrik ist die
Anlage des zweiten Münchener Großbetriebes, der Leder-
fabrik Biederstein von Gebrüder Hesselber-
ger nur infolge des veränderten Konsums erfolgt. Die Firma
Gebr Hesselberger selbst besteht schon über 50 Jahre in
München als Lederhandlung und hat sich heute als Leder- und
Häutegroßhandlung in selbständigem, von der Fabrik getrenn-
tem Betriebe einen bedeutenden Namen in Handelskreisen
erworben. Die ursprüngliche Lederhandlung hatte stets aus-
gedehnte Militärlieferungen für den bayerischen Staat auszu-
führen, welche verloren zu gehen drohten, als die Militär-
behörde verlangte, daß die Lieferanten das Leder auch selbst
herstellten Die Firma entschloß sich deshalb eine Fabrik
zu errichten, umso mehr, als in Bayern die Lederindustrie
nur in geringem Maße entwickelt war. Mit dem kolossalen
Aufschwung, den die gesamte deutsche Lederindustrie im letzten 1
Jahrzehnt genommen, hat die im Jahre 1890/91 gegründete
Lederfabrik Biederstein sowohl in Bezug auf Produktion als
auch durch Anpassen an die Modeartikel Schritt gehalten.
Heute gelten als die Hauptartikel der Firma nicht nur Sohl-
und Vacheleder, sondern auch Maschinenriemenleder, Sattler-
leder sowie sämtliche Leder für Militärbedarf. Die Fabrik,
welche mit den modernsten Lederbearbeitungsmaschinen — wie
Spalt-, Blanchier-, Falz- und Ausstoßmaschinen, Walzen, Ent-
        <pb n="146" />
        ﻿137

haarungsmaschinen — ausgerüstet ist, befindet sich in der
Lage jährlich über 60 000 Großviehhäute und 30 000 Felle
fertigzustellen. Sie beschäftigt ca. -?00 Arbeiter und 20 weib-
liche Arbeitskräfte, hat eigene Feuerwehr, Arbeiterwohnhäuser,
eigene Krankenunterstützungskasse, Kantine und Bäder für die
Arbeiter. Sämtliche Arbeitskräfte gehören Organisationsver-
bänden an. Die im Betriebe beschäftigten Taglöhner, welche
sich bei Arbeitslosigkeit meist selbst melden, sind an den
Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands angeschlossen. Die
Gerber haben sich dem Verband der deutschen Lederarbeiter
und die Sattler dem Sattlerverband angegliedert, sodaß die
Fabrik mit der Zustimmung dieser Verbände mit allen Arbeiter-
kategorien eigene Tarifverträge abschließen konnte. Im all-
gemeinen sind die meisten Arbeiter schon sehr lange im Betriebe
tätig, da die Lohnverhältnisse sehr günstig genannt werden
können. Die Stundenlöhne bewegen sich bei männlichen Ar-
beitern zwischen 41 und 44, für weibliche zwischen 24 und
26 Pfennig. Der nur dem Arbeiter gezahlte (Akkordlohn
schwankt von 48 bis 75 Pfennig pro Stunde bei 972stündiger
Arbeitszeit.

Die Beschaffung der Rohhäute geschieht seitens der Fabrik
neben Bayern aus den Städten Mannheim, Frankfurt, Dresden,
Leipzig und Berlin, welche als die bedeutendsten deutschen
Häutemärkte bekannt sind. Außerdem werden Wildhäute aus
Argentinien und die sogenannten „Ripse“ aus Ostindien impor-
tiert. Da die Fabrik noch den größten Teil ihrer Fabrikate
sowohl für Militär als auch Zivilbedarf nach altem System
gerbt, werden noch ganz bedeutende Mengen Eichen- und
Fichtenlohe gebraucht, die aus Ungarn bezw. Bayern selbst
stammen. Auch den neuen Systemen wird Rechnung getragen,
denn die Firma fabriziert auch Chromleder und bringt sogar
ein gesetzlich geschütztes Fabrikat auf den Markt, das führend
in dieser Sparte gilt.

Der Gesamtabsatz der Fabrik fällt fast zu 66 o/0’ auf
München und seine nähere Umgebung, was den konsum-
orientierten Standort des Unternehmens nochmals deutlich
erkennen läßt. Der Rest verteilt sich zu 30 o/0’ auf Sachsen,
Schlesien, Norddeutschland und die Rheinlande, während nur
        <pb n="147" />
        ﻿138

etwa 4 o/o der Gesamtproduktion nach Süd- und Zentralamerikä
exportiert wird. Anschließend an die Lederfabrik betreibt die
Firma seit 1907 eine eigene Treibriemenfabrik und werden
bei den Treibriemen nur selbstgegerbte Leder verwendet, was
den Vorteil hat, daß die Fabrik ihrerseits unabhängig von
anderen Lieferanten ist und gleichzeitig die Garantie hat, wirk-
lich gute Ware zu verarbeiten. Die Treibriemenfabrik ist gleich-
falls mit den modernsten Maschinen versehen. Als Spezialität
stellt die Firma einen wasser- und säurefesten Riemen her und
exportiert große Mengen von dieser Ware. Diese Abteilung
befaßt sich ferner mit der Herstellung aller technischen Leder
für Spinnereien und Webereien, Rohhauträder für Privat- und
Staatsbetriebe, Werften und Bergwerke, ferner Rohhautkolben
angefangen beim feinsten Künstlerhammer bis zum schwersten
Arbeitsschlägel. —

Wie für die Arbeiterverhältnisse ist auch München sehr
günstig für den Häutebezug, wie wir dies an anderer Stelle
schon ausführten. Hier sammeln sich im Schlachthof Häute
in großen Mengen an, die deshalb sehr begehrt sind, weil
die bayerischen Häute in Bezug auf Qualität als die besten
von ganz Deutschland gelten. Eine Folgeerscheinung ist die
verhältnismäßig große Anzahl von Häutehandlungen, unter
denen sich einige bedeutende Firmen befinden, sodaß die Häute
nur zum kleineren Teil von den Metzgern direkt, meist aber
von solchen Handlungen bezogen werden.

Die Lederindustrie leidet nun schon seit Jahren an dem
bestehenden Mißverhältnis zwischen dem Rohhäutepreis und
dem Preis ihres Fabrikates. Die Rohhäute sind sehr teuer und
stiegen im Laufe der letzten Jahre allgemein zu rasch, sodaß
der Preis des fertigen Leders hauptsächlich wegen der großen
Überproduktion in Deutschland keinen Schritt mit dieser Preis-
steigerung halten konnte. Wohl beabsichtigen einzelne Leder-
fabriken ihre Produktion einzuschränken, um diese wirtschaft-
liche Schädigung einzudämmen, aber die einzelnen Industrien
können mit dieser Maßregel unmöglich durchdringen, wenn
sich nicht sämtliche auch die kleineren Konkurrenzbetriebe an-
schließen. Es liegt das Schicksal der Lederindustrie somit noch
        <pb n="148" />
        ﻿I

— 139 —

sehr viel in den Händen von kleinen Gerbern, welche ohne
Kalkulation ihre Produkte äußerst billig verkaufen.	&gt;

Trotz allem ist in München im Gegensatz zu ganz Bayern
die Herstellung von Leder außerordentlich stark entwickelt.
Auch die Erzeugnisse seiner Handschuhfabrikation
stehen heute den Fabrikaten der altbewährten Meister in der
Handschuhkunst, den französichen und böhmischen Hand-
schuhen, nicht mehr nach, sondern haben sich bald den Welt-
markt erobert und sind heute gleichwertige Konkurrenzprodukte
auch des besten französischen Fabrikats geworden. Diesen
Ruf, ein Hauptsitz der deutschen Handschuhfabrikation zu sein,
verdankt die Stadt München der in seinem Burgfrieden im
Jahre 1838 entstandenen zweitgrößten deutschen Handschuh-
macherei, der Hof-Handschuhfabrik J. Roeckl. Es
ist dies eine Großindustrie, welche nicht aus dem zünftigen
Handwerk hervorgegangen ist, obwohl sie aus kleinen An-
fängen geschaffen wurde. Sie ist französischen Ursprungs
und wurde von den französischen Emigranten im 17. Jahr-
hundert nach Erlangen in Bayern gebracht, wo sich bald eine
Anzahl von Handschuhmachern niederließ. Etwa 1835 kam die
Kunst der Handschuhherstellung auch nach München und wurde
hier sogleich von dem Säckler Roeckl übernommen. Die
heutige Größe aber verdankt die Firma dem deutsch-franzö-
sischen Kriege und weiter dem Fremdenverkehr Münchens.
Als durch den Krieg Frankreich in den Jahren 1870/71 vom
Weltmärkte abgeschlossen war, bestellten Engländer und Ame-
rikaner ihre Ware zum Teil auch bei Roeckl in München. Die
zur Zufriedenheit ausgeführte Bestellung eroberte der Firma
Roeckl einen ausgedehnten Kundenkreis im Ausland und ver-
anlaßte sie mit dem den Weltmarkt noch beherrschenden fran-
zösischen Erzeugnis in Konkurrenz zu treten, was ihr, wie wir
schon ausführten, gelang. Alle die unzähligen Prozesse, die das
Leder vom rohen Fell bis zur Fertigstellung des Handschuhes
durchzumachen hat, werden hier mittels der neuesten Errungen-
schaften auf maschinellem und chemischem Gebiet bewältigt
und ermöglichen es der Firma, jährlich etwa 500 000 bis 600 000
Paar Handschuhe fertigzustellen.

Die Absatzverhältnisse der Firma, welche nur feinere Ware
        <pb n="149" />
        ﻿140

herstellt und den Zwischenhandel vollständig ausschaltet, ge-
stalten sich so, daß 40 ojo der Fertigprodukte nach Amerika,
20 o/o nach England, Frankreich, Österreich, Chile und Schweden
exportiert werden und die übrigen 30 o/0 der Gesamtproduktion
sich auf die sechzehn Filialen in Deutschland verteilen. Der
Export von Lederhandschuhen ist in München der größte von
allen Erzeugungsstätten Deutschlands; während der letzten
2 Monate vor unserer Erhebung wurden allein für etwas über
400 000 Mark Handschuhe ausgeführt. Heute bringt der
Fremdenverkehr mit seinen Veranstaltungen die reichen Ameri-
kaner und Engländer, denen diese Bestellungen zu verdanken
sind, nach München.

Außerdem findet seitens der Firma, welche eine eigene
Gerberei und Färberei an den Betrieb angegliedert hat, ein
bedeutender Versand von fertigen Handschuhfellen statt, die
ihren Weg namentlich nach Schweden, Norwegen und Rußland
nehmen. Zugleich werden in der Lohnfärberei die eingesand-
ten Felle fremder — hauptsächlich österreichischer — Fabri-
kanten gegen festen Preis gefärbt und „gebimst“. Das Roh-
material der Handschufabriken bilden die Lammfelle, Ziegen-
felle, Reh- und Renntierfelle, aus welchen durch ein eigenes
Weißgerbverfahren das Handschuhleder gewonnen wird. Die
Lammfelle bezieht die Firma von einer Agentur in Florenz,
welche diese Felle einzeln zusammenkauft und an bestimmte
Lederfabrikanten weiterverkauft. Mittels Offerte werden Ziegen-
felle aus Sachsen und Bayern selbst bezogen; Rehfelle kommen
aus Deutschland, Renntierfelle liefert Rußland in größeren
Mengen.

Da es bei der Handschuhfabrikation auf die subtile Be-
handlung des Materials ankommt, spielt die Maschine bis auf
die Nähmaschine in diesem Gewerbezweig keine so große
Rolle, als man bei der Massenproduktion von Handschuhen
anzunehmen geneigt ist. Trotzdem besitzt die Firma Roeckl
eine Anzahl Lederbearbeitungsmaschinen, die auf die Angliede-
rung der Gerberei und Färberei zurückzuführen sind. Ein
Wasserrad überträgt die Kräfte der Isar auf die verschiedenen
Entfleischungs-, Walk- und Bimsmaschinen.
        <pb n="150" />
        ﻿141

.Wenn man berücksichtigt, daß die mehrfachen Kontrollen
sowohl des Leders während der Bearbeitung als auch der
fertiggestellten Handschuhe eine ganz besondere Sorgfalt er-
fordern, so ist es erklärlich, daß zu diesen Arbeiten ein zahl-
reiches und gut geschultes Personal nötig ist. Die Fabrik be-
schäftigt 350—380 Gerber, Handschuhmacher und Färber.
Als Näherinnen im Betriebe und Heimarbeiterinnen beschäftigt
die Firma nahezu 600 Personen. Da der Betrieb seine Arbeiter
selbst heranziehen muß, hat er drei eigene Lehrmeister, die je
3—4 Lehrlinge in der Kunst des Handschuhmachens unter-
weisen. Die Lage des Arbeitsmarktes, die, wie wir gelegent-
lich der Untersuchung der Vorbedingungen für die Münchener
Industrien ausführten, eine nicht gerade günstige ist, gestaltet
sich noch ungünstiger dadurch, daß die norddeutschen Arbeiter
gewöhnt sind, mehr auf der Maschine zu arbeiten und so im
hiesigen Betriebe, der durchaus Handarbeit fordert, versagen.
Mit ängstlicher Sorgfalt sucht man daher die Arbeiter recht
lange an den Betrieb zu fesseln um einen Stock tüchtiger
Arbeiter zu erhalten. Die Lohnverhältnisse ergeben sich aus
dem Tarif, den die Firma mit ihrer Arbeiterschaft auf die Dauer
von 5 Jahren abgeschlossen hat. Darnach herrschen bei Ger-
bern und Färbern Stundenlöhne und nur die Handschuhmacher
sind Akkordarbeiter, da es bei ihnen auf individuelle Ge-
schicklichkeit und Fertigkeit bei der Arbeit ankommt. Da in
München selbst nur wenig Handschuhnäherinnen ansässig sind
und auch zu teuer wären, schickt man die bessere Ware, welche
teils mit der Hand, teils mit dem sogenannten Nähkamm ge-
steppt werden soll, im sogenannten „passiven Veredelungs-
verkehr“ nach Belgien und Böhmen. Dort hat die feine Hand-
schuhnäherei ihren Sitz und die Leute sind von Kind auf mit
dieser Arbeit vertraut. Auch gehen wöchentlich große Körbe
mit etwa 600 Dutzend Handschuhen nach etlichen kleineren
Orten in Sachsen, wo die Arbeit des Nähens von Heim-
arbeiterinnen, denen ein Zwischenmeister vorsteht, übernom-
men wird.

Zu den Verarbeitungsgewerben der Lederindustrie ist auch
die Schuh Warenfabrikation zu rechnen, welche in
München mit einigen leistungsfähigen Betrieben vertreten ist.
        <pb n="151" />
        ﻿142

Als einzigen Großbetrieb wollen wir die Schuhfabrik
Monachia vop Gebr. Regensteiner in den Bereich
unserer Untersuchung ziehen. Sie wurde im Jahre 1885 ge-
gründet und ging aus einem Zwischenhandel mit Schuhwaren
hervor. Man sah, daß das Handw'erk nicht fähig war der
immer rascher wechselnden Mode und der steten Änderung
in der Geschmacksrichtung, noch viel weniger aber der steigen-
den Nachfrage zu genügen. Infolgedessen machte man sich
bei der Neugründung die Umwälzung der Technik in der
Schuhwarenverfertigung, wie dies die Schuhzentrale Pirmasens
lehrte, zu Nutzen und führte rein maschinellen Betrieb ein, der
stets vervollkommnet und dem Bedarf entsprechend auch durch
neue Maschinen ergänzt wurde. Heute laufen in ununter-
brochener Tätigkeit neben verschiedenen Hilfsmaschinen etwa
130 Arbeitsmaschinen, wie Zwick-, Durchnäh-, Absatzbau-,
Stanz- und Steppmaschinen allerneuester und praktischster Kon-
struktion. Die elektrische Kraft zum Einzelantrieb der Motore
liefern die Isarwerke.

Heute kann infolge dieser Verbesserung der Technik das
sechsfache von derselben Anzahl Arbeiter hergestellt werden
wie vor etwa 15 Jahren, was bei dem gesteigerten Bedarfe
einen enormen Fortschritt und Gewinn bedeutet. Ein Schuh
geht aber auch infolge der äußersten maschinellen Arbeits-
teilung vom Rohmaterial (Leder) an gerechnet bis zu seiner voll-
ständigen Fertigstellung zum Versand durch 85 bis 90 Hände.
Und trotzdem wird die Begabung des einzelnen Arbeiters voll-
kommen ausgebildet, da er seine Maschine genau kennen muß,
damit sie nicht durch Stillstand ihm weniger Verdienst einbringt.
Die Arbeiter wurden bei der Gründung der Fabrik aus Mainz
und Pirmasens bezogen, weil daselbst die Industrie schon
länger heimisch war. Allmählich zog man ungelernte junge
Arbeiter aus der Umgegend von München und aus der Stadt
selbst heran, um sie auszubilden. Heute ergänzt man diesen
Arbeiterstamm gern durch Einstellung von jugendlichen Ar-
beitskräften im Alter von 14—15 Jahren, denen man als Lehr-
linge sofortige Bezahlung gewährt. Die Zeit, bis zu welcher
der herangebildete Arbeiter zu seiner Volleistung gelangt, hängt
von seiner Geschicklichkeit und seinem Willen ab und ist deshalb
        <pb n="152" />
        ﻿143

sehr verschieden. Dadurch, daß durch Einführung der Maschine
viel kleine Handwerksmeister keine lohnende Tätigkeit mehr
fanden, gingen auch sie zur Industrie und hatten sich ge-
wöhnlich in kurzer Zeit mit dem maschinellen Betrieb vertraut
gemacht. So wurden die nachteiligen Folgen der Einführung
der Maschinen auf dem Arbeitsmarkt ausgeglichen, wenn auch
heute noch die Leistungsfähigkeit der Schuhwarenproduzenten
und die ökonomische Fähigkeit der Bevölkerung zum Erwerb
von Schuhwaren in einem gewissen Mißverhältnis zueinander
stehen. ICO—110 männliche Arbeitskräfte sind in der Mon-
tage mit der Fertigstellung der Stiefel beschäftigt, denn nur sie
vermögen die schweren Maschinen zu bedienen. Schwächere
Anstrengung gewährt den 40 Arbeiterinnen ihre Beschäftigung
bei der Oberteil- oder Schaftherstellung. Die Entlohnung der
Zeitlohnarbeiter richtet sich nach dem Minimaltarif, einem Ver-
trag, der nach Ansicht der Arbeitgeber sich in Bezug auf die
gewährten Mindestlöhne gegenüber der geringen Leistungs-
fähigkeit mancher Arbeiter gar nicht bewährt. Darnach be-
trägt das Mindestwochenverdienst eines Arbeiters über 18 Jahre
23 Mark. Akkordlöhne können unter diese Summe sinken;
der Wochenlohn eines Akkordarbeiters übersteigt diesen Min-
destsatz gewöhnlich und kann die Maximalhöhe von 48 Mark
erreichen. Die Arbeiter sind alle organisiert, da ein „Wilder“
sich infolge der offenen Gehässigkeiten seiner Kollegen nicht
lange im Betriebe halten kann. Die Arbeitsvermittlung ge-
schieht teils durch Nachfrage seitens der Stellenlosen, teils durch
Anzeige in einem Fachblatte; nur in äußersten Bedarfsfällen
wird das städtische Arbeitsamt in Anspruch genommen.

Die Fabrik wurde in München infolge des ausgedehnten
Konsums am Platze gegründet. Diese Konsumorientie-
rung hat sich kaum verschoben, denn auf die Stadt allein
treffen etwa 25 o/o des gesamten Absatzes, während 50 o/o]
auf die nähere Umgebung, das übrige Bayern und die Bundes-
staaten entfallen. Der Export beträgt nur 20—25 o/o der
Produktion. Das verwendete feine Oberleder wird ausschließ-
lich aus Deutschland, zum größten Teil aus Worms a. Rhein
bezogen, während das Sohlleder zu gewissen Mengen am
Platze eingekauft wird.
        <pb n="153" />
        ﻿I. J

I, hk-

Hr

Dieser geschilderte Großbetrieb gibt uns ein klares Bild
der Verhältnisse wie sie in den drei anderen Schuhfabriken,
welche die Gewerbestatistik der Stadt München als Gehilfe-
betriebe mit über 50 Personen uns noch nennt, ganz ähnlich
sein werden, wenn auch die Zahl und Art der aufgestellten
Maschinen je nach der Menge der beschäftigten Arbeiter und
der .Warensorte, welche vorwiegend hergestellt wird, ganz
verschiedene sind. Es erübrigt sich daher für uns näher darauf
einzugehen.

Zu den ureigensten Zweigen der Münchener Großindustrie
gehört dieoptischelndustrie, welche an Umfang und Be-
deutung stets unmittelbar hinter die Bierindustrie eingereiht
wurde, da sich in ihr die Ansicht vieler bewahrheitet, daß Mün-
chen hauptsächlich der Platz für Qualitätsindustrie sei und bleibe.
Bayern und vor allen München, die Arbeitsstätte Frauenhofers,
des Begründers der neuzeitlichen Optik, war bis zu Beginn
der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Hauptplatz
der optischen Jndustrie in Deutschland; in diesen Jahren wurde
es jedoch von einigen norddeutschen Städten wesentlich über-
holt, bis vor einem Jahrzehnt der Stadt München durch die
ständige und rasche Entwicklung der optischen Fabri-
ken G. Rodenstock der alte Vorrang in gewissem Sinne
wieder zurückgegeben wurde und es ist tatsächlich ein Ver-
dienst dieser Firma, wenn die Münchener optische Industrie
heute wie ehemals Weltruf besitzt. Den Kern dieser Industrie
bildet, mit verwandten Produktionszweigen kombiniert, die
Optik, d. i. in diesem Falle die Herstellung von Linsen, Spie-
geln, Prismen und Linsenkombinationen zu astronomischen und
anderen wissenschaftlichen Zwecken, sowie zu photographi-
schen Apparaten, auch die Herstellung von Brillengläsern.

Wir wollen an dieser Stelle nur die Namen der bedeutend-
sten Firmen anführen, in denen der Vereinigung von Wissen-
schaft und Industrie eine hervorragende Stätte bereitet wird,
auf die München stolz sein kann. Es sind dies die Firmen
C. A. Steinheil Söhne, A. Hch. Rietzschel, Reinfelder und Hertel,
Dr. Stähle u. Co., alles optische Anstalten und Fabriken, deren
Instrumente und Apparate längst einen Weltruf besitzen; unter
ihnen ist die optisch-astronomische Werkstätte von C. A. Stein-
        <pb n="154" />
        ﻿145

heil Söhne das bedeutendste Institut, das auch den berühm-
testen Sternwarten Deutschlands, Frankreichs und Italiens ihre
Instrumente geliefert hat.

Zu welch großer Bedeutung in der optischen Industrie
sich die Anstalten der Firma G. Rodenstock emporschwangen,
bestätigt die allgemeine wirtschaftliche Stellung des Betriebes
als zweitgrößtes Unternehmen seiner Art in ganz Europa.
Diesen Ruf hat die Firma der Angliederung einer Zweigfabrik
in Regen zuzuschreiben. Man wählte diesen Platz im baye-
rischen Walde in erster Linie deshalb, weil er inmitten der
alteingesessenen bayerischen Glasindustrie gelegen ist und man
hier zugleich ein optisches Glaswerk großen Umfanges er-
richten konnte, welches heute den gesamten Bedarf an Flint-
und Browngläsern und ^sonstigen optischen Glasarten den Werk-
stätten zur Verfügung stellt. Außerdem bezieht die Fabrik
das optische Glas als Rohprodukt von Jena, Paris und einer
englischen Glashütte. Die an sich bedeutenden Frachtzuschläge
kommen infolge des hohen Materialwertes — 1 kg kostet
25—30 Mark — gar nicht in Betracht. Der Absatz der Roden-
stock-Werke verteilt sich zu 20 !»/o auf Deutschland, 35 °/o der
Produktion entfallen allein auf die Stadt München und unge-
fähr 45 ’o/o der Fertigfabrikate werden nach dem Auslande
exportiert. Die ausgeführten Waren kommen vorzugsweise
nach Österreich, Italien, Rußland, England und den Vereinigten
Staaten; auch Ostasien kommt in letzter Zeit als Ausfuhrland
in Frage. Wie sehr die Firma vom Konsum am Platze
abhängig ist, beweist die mit dem optischen Verkaufshaus
größten Stils, Jos. Rodenstock, eingegangene Interessengemein-
schaft; diese Firma ist durch Kontrakt gezwungen, die in die
Branche der optischen Fabrik G. Rodenstock fallenden Pro-
dukte fast ausschließlich von ihr zu beziehen, damit sie den
alten Namen des Stammhauses, J. Rodenstock, weiterführen
•darf. Jn München beherrschen die Rodenstock’schen Brillen-
gläser den Markt vollständig.

Ein Realrecht aus früheren Zeiten hat der Firma die Aus-
nützung der Isarwasserkräfte gestattet; aus diesem Grunde
legte sie eine Schmirgelwäscherei und ein Turbinenhaus für
Transmissionskraft- und Stromerzeugung an.

Fritz, München als Industriestadt.

10
        <pb n="155" />
        ﻿146

Abgesehen von der Verfertigung des Glases wird in diesem
Institute das Schleifen und Polieren der Gläser mit vollkomme-
nen, von den bisher bekanntlich sich wesentlich unterscheiden-
den Maschinen und Vorrichtungen bewerkstelligt. Die Maschi-
nenteile und die Stative und Fassungen der Instrumente werden
ebenfalls hier angefertigt und hierbei auch mehrere neue, das
Beobachten sehr erleichternde Vorrichtungen und Verbesserun-
gen verwertet.

Der Arbeitsmarkt ist für die gesamte optische Industrie
in München sehr ungünstig, wie für alle Industrien, welche
gelernte Arbeiter benötigen. Man ist daher gezwungen, sich,
die Arbeiter selbst heranzubilden und bei größerem Bedarf
seine Arbeitskräfte aus Norddeutschland, insbesondere von Ber-
lin, dem Sitz der Feinindustrie, zu beziehen. Die Roden-
stocksche Fabrik beschäftigt in München 190—200 Arbeiter
und zahlt in der eigentlichen Fabrikation größtenteils Akkord-
lohn, um so der individual verschiedenen Leistungsfähigkeit
und Arbeitsgeschicklichkeit der Arbeiter gerecht zu werden.
Die Justierer können pro Woche bei regulärer Arbeitszeit bis
zu 45 Mark und mehr verdienen. Nur die Arbeiter, welche
in den Versuchswerkstätten und in der Fertigverarbeitung tätig
sind, erhalten Stundenlöhne, die je nach Beschäftigungsart von
45 bis 75 Pfennig betragen.

Kein Wunder ist es, daß eine Industrie, die aufs engste
mit der Landwirtschaft zusammenhängt, die Spiritus-
in d u s t r i e, in einem Staate wie Bayern, den die Landwirtschaft
mehr als irgend einen der anderen Bundesstaaten fundamentiert
und beherrscht, eine hervorragende Stellung einnimmt. Die
Brennerei ist in Bayern fast ausschließlich landwirtschaftlicher
Nebenbetrieb. Den 2440 über ganz Bayern verbreiteten Ge-
treide- und Kartoffelbrennereien mit 173 000 hl Jahresproduk-
tion stehen nur 17 gewerbliche Brennereien dieser Art gegen-
über, welche zusammen 23 000 hl produzieren. Speziell in
der Nähe der Stadt München gibt es infolge des guten Kar-
toffelbodens eine Anzahl solcher Kartoffelbrennereien, welche
ausserdem durch die Bevorzugung der Kontingentsgestaltung
sehr günstig gestellt sind. Diese Brennereien in der Umgegend
Münchens liefern jährlich 5—6 Millionen Liter Rohspiritus von
        <pb n="156" />
        ﻿— 147 —

76—92 o/o nach Tralles. Dieser wird in Münchener Sprit-
fabriken, den sogenannten Raffinerien, zu Feinsprit bis zu
96 und 97 °/o' rektifiziert, der an die Likörfabriken, Pulverfabri-
ken und Kunstseidefabriken als Fertigprodukt weitergegeben
wird. Außerdem stellt man vergällten Branntwein her, den man
zu technischen Zwecken und als Brennspiritus verwendet, welch
letzteren man heute noch besser aus dem Osten Deutsch-
lands bezieht, weil er von dort zu besonders billigen Tarifen
— infolge des Aufgeldes, das für München als dem südlichsten
Paritätsplatz genehmigt ist — geliefert und verfrachtet wird.

Als Spritraffinerien kamen in München bis vor etwa 4—5
Jahren die Betriebe von Macholl, Riemerschmid, Tipp ü. Co. und
.Wassermann in Frage, welche sich als rein materialorien-
tierte Industrien in der Stadt stets vergrößert hatten. Neben
der Nähe des Rohmaterials, das ausschlaggebend bei der Grün-
dung sämtlicher Betriebe war, kam die Konsumfrage in Be-
tracht. Die Großstadt mit ihrem Fremdenverkehr verlangte
die Errichtung von Likörfabriken um den gesteigerten Bedarf
an besseren Likören selbst befriedigen zu können und diese
wurden große Abnehmer für die in den Rektifikationsanstalten
gewonnenen Feinsprite. Die genannten Firmen wurden aber
in den letzten Jahren von der Spirituszentrale G. m. b. H.
in Berlin, welche in München eine Verkaufsstelle hat, nach-
einander aufgekauft; an ihrer Stelle errichtete die Zentrale eine
Spritfabrik in den vergrößerten Anlagen des von Gebr. Macholl
in ihren Besitz übergegangenen Fabrikbetriebes. Diese Zu-
sammenlegung von Spritfabriken seitens der Spirituszentrale er-
streckte sich auf ganz Bayern, sodaß ein Privatmonopol der
Gesellschaft in dem entstehenden Spiritusring oder Syndikat
zu sehen ist. Das ganze bayerische Geschäft wird heute von
zwei Stellen, von der Münchener Spritfabrik und der durch Ver-
einbarung verpflichteten Nürnberger Spritfabrik Jakobi-Nach-
folger, erledigt. Die Münchener Spritfabrik der Spirituszentrale
beschäftigt heute nur 15 Arbeiter, weil jeder Großbetrieb in
dieser Industrie mit verhältnismäßig wenigen, unqualifizierten
Kräften die notwendigen Arbeitsprozesse erledigen kann, so-
bald dem Betrieb ein oder mehrere chemisch-technisch gebildete
Beamte vorstehen, die wieder von Maschinisten und etlichen

10*
        <pb n="157" />
        ﻿148

.Brennern unterstüzt werden. Eine Arbeiterfrage kann somit
durch die Zahl der Beschäftigten nicht hervorgerufen werden.
Die Arbeiter wurden von der Macholl’schen Fabrik übernom-
men und werden bei eintretendem Bedarfe durch die sich frei
meldenden Stellenlosen ergänzt. Die Löhne bevcegen sich all-
gemein zwischen 27 und 40 Mark pro Woche, nur der Wochen-
lohn der einfachen Fabrikarbeiter beträgt durchschnittlich
24 Mark.

Die einzige heute noch selbständig produzierende Sprit-
fabrik ist die Max Wassermann’sche. Sie arbeitet
mit einem Rektifakationsapparat, einigen Pumpen mit Dampf-
und Elektrizitätsantrieb und mehreren Filtern. Sie beschäftigt
etwa 50 Arbeiter, meistens ungelernte Taglöhner, die sich
ziemlich leicht in den Betrieb einarbeiten. Dennoch ist die
Selbständigkeit dieses Betriebes keine volle, denn die Firma
ist ein Gesellschafter des Spiritussyndikats, welches jedem ein-
zelnen ein Verkaufsgebiet zuweist, das nach den Prinzipien
der Frachtgünstigkeit geregelt ist. Die Firma Wassermann
setzt ihre Produkte zum größten Teil in München selbst und
seiner näheren Umgebung ab.

Anders gestaltet sich heute die Lage der Deutsch-
französischen Cognacbrennerei vorm. Gebr. Ma-
choll, A. G., welche sich durch Verkauf der früher ange-
gliederten Weinsprit-Raffinerie von dem Spirituskartell ganz
unabhängig gemacht hat. Ihr Hauptaugenmerk hat die Firma
auf die Herstellung von Cognac und sonstiger Edelbranntweine
wie Kirsch- und Zwetschgenwasser, Enzian, Hefen und Vogel-
beerbranntwein, gerichtet.

Jährlich kauft die Firma zu diesem Zweck in großen Quan-
titäten Kirschen und Zwetschgen hauptsächlich aus Tirol und
dem oberbayerischen Gebirge, von den Bergen Bayerns Enzian-
wurzeln, Heidelbeeren, Wachholder, Vogelbeeren und der-
gleichen, die im Gebirge längst als bewährte Hausmittel gelten.
Die Früchte und Wurzeln lagern in großen Fässern auf den
weitausgedehnten Hofräumen, wo sie den natürlichen Gärungs-
prozeß durchmachen, um sodann destilliert zu werden. Außer-
dem werden leichte französische Weine aus der Charente und
inländische Weine zur Cognacbereitung bezogen.
        <pb n="158" />
        ﻿149

ln ausgedehnten Böttcherwerkstätten, Dampf- und Brüh-
häusern werden Fässer aller Art hergestellt und präpariert,
deren Vorbehandlung für Cognac-Lagerung und Versand ganz
besondere Sorgfalt erheischt. In den Kellerhallen sowie in der
Brennerei sind etliche eingeschulte französische Fachleute aus
der Charente tätig, während die anderen Böttcher und Küfer
aus München selbst stammen, das infolge der Bierindustrie einen
sehr guten Arbeiterschlag besitzt. Im ganzen beschäftigt die
Fabrik trotz des überwiegend elektrischen und Dampfbetriebes
etwa 50—60 Arbeiter, darunter 10 Frauen und Mädchen, welche
das Abfüllen und Waschen der Flaschen besorgen. Die Durch-
schnittslöhne belaufen sich für die männlichen Arbeiter auf
28 Mark, für die Arbeiterinnen auf 13—14 Mark pro Woche.
Die Fabrikate der Firma, die Weltruf genießen und den fran-
zösischen Erzeugnissen heute gleichwertig sind, beherrschen
den Münchener Markt, verteilen sich aber mit über 70 °/o auf
das übrige Deutschland und das Ausland. In Cognac in Frank-
reich besitzt diese leistungsfähige Firma eine Zweigniederlas-
sung, ebenso in Mainz, dem Zentrum des rheinischen Weinbau-
gebietes.	' ;

München gehört neben der Reichshauptstadt Berlin zu
den Städten, in denen das Bekleidungsgewerbe sehr be-
deutend entwickelt ist. Der dauernd sich steigernde Konsum
für fertige Kleidung, namentlich auf Seiten des männlichen
Geschlechts, hatte zur Entwicklung von Kleiderfabriken geführt,
deren größte und bedeutendste, die Kleiderfabrik Isidor
Bach, offene Handelsgesellschaft, deshalb auch ein rein kon-
sumorientiertes Unternehmen ist. Im eigenen Detail-
geschäft für fertige Konfektion wird über ein Viertel der Ge-
samtfabrikation konsumiert; 60—70	der Produkte gehen

nach dem übrigen Deutschland — im Gegensatz zu München
fast einzig an Grossisten —, während auf den Export nach
Frankreich ünd der Schweiz nur 5—10 o/o des Absatzes gerech-
net werden. Hier sind die gegen früher bedeutend ungünsti-
geren Zollverhältnisse maßgebend. Während 100 kg Kon-
fektion nach den letzten Handelsvertragsbestimmungen 45 Mark
Zoll kosteten, beläuft sich die Zollabgabe für dieselbe Menge
Produkt nach dem heutigen Vertrage mit der Schweiz auf
        <pb n="159" />
        ﻿150

150 Mark, also nahezu das vierfache von früher. Noch un-
günstiger gestalten sich in diesem Fabrikationszweig die Zoll-
verhältnisse nach Amerika, welche eine Ausfuhr deutscher Fa-
brikate unmöglich machen.

Die Firma Bach führt die Bezeichnung „Fabrik“ mit Recht,
wenn auch ein großer Teil der Produktion mittels Handarbeit
geschieht. Zwei elektrisch betriebene Zuschneidemaschinen und
ca. 150 Nähmaschinen mit Kraft- und Fußbetrieb bilden mit
2 Bügelmaschinen (mit Oasbetrieb) die für eine Fabrik notwen-
dige maschinelle Anlage. Dabei beschäftigt die Firma 500—600
männliche und ungefähr 100 weibliche Arbeitskräfte. Außer-
dem sind noch etwa 150 Heimarbeiter in der Fertigproduktion
tätig. Es herrscht hier in München kein Zwischenmeister-
system wie in Berlin. Die Heimarbeiter sind auch keine Haus-
industrielle, wenngleich sie nicht in Betriebswerkstätten der
Firma sondern in ihren eigenen Wohnungen arbeiten. Sie kom-
men an bestimmten Ablieferungs-und Arbeitsausgabetagen in die
Betriebsräume, nehmen hier die maschinell zugeschnittenen
Stoffe nebst Zutaten in Empfang und stellen zuhause das
Kleidungsstück vollständig fertig her. Sie sind wohl Schneider
von Beruf, nur verstehen sie nicht die Formen und Teile der
Kleider zuzuschneiden.

Die Arbeiter, welche in die Kategorien der Zuschneider,
Modellschneider und Schablonenschneider zerfallen, sind alle
organisiert. Die Firma hat daher mit dieser Arbeiterorgani-
sation, dem Allgemeinen Deutschen Schneiderverband, einen
Tarifvertrag abgeschlossen, der durchweg die Lohnverhältnisse
ordnet. In den Werkstätten bestehen Arbeiterausschüsse,
welche stets, wenn es sich um Einrichtungen der Werkstätten,
um Überstunden und andere, den Arbeiter selbst berührende
Punkte handelt, direkt mit der Firma in Verhandlung treten,
sodaß eine Klage des einzelnen Arbeiters ausgeschlossen ist.
Durch diese Organisation, meist aber durch Jnserat in den
Münchener- und Fach-Zeitungen, unter Vermeidung der Hilfe
der Arbeitsämter, sucht die Firma die nötigen Arbeitskräfte auf-
zutreiben, was infolge der schlechten Lage des Arbeitsmarkts
äußerst schwer ist. Qute Arbeiter sind ganz selten, sodaß die
Firma durch Arbeitermangel, oft in der Produktion behindert ist.
        <pb n="160" />
        ﻿151

„Wenn Sie uns heute 100 tüchtige Arbeiter bringen, so werden
sie sofort beschäftigt“, lautete die uns gewordene Antwort
der Firma auf eine in dieser Sache gestellte Frage. Die Be-
triebsleitung sorgt daher aufs beste für das Wohl ihrer Arbeiter
und unterstützt kranke und arbeitsunfähige Arbeiter durch
Geldspenden aus den Zinsen einer 50 Tausend Mark betragen-
den Stiftung der Firma.

Einen in Bayern ganz neuen Industriezweig hat die
Seiden Warenfabrikationsfirma und Gürtelfa-
brik Hesselberger und Herz nach München ver-
pflanzt. Gegründet im Jahre 1894 ist dieselbe aus kleinen An-
fängen sehr rasch emporgeblüht und stets bedeutender gewor-
den und gilt jetzt seit einer Reihe von Jahren nicht nur als
die erste Fabrik der Branche in Bayern sondern auch in ganz
Deutschland. Man hatte bei Gründung des Betriebes nur
München als Standort gewählt, weil hier in der Großstadt
keine Konkurrenz und ein günstiges Absatzgebiet vorhanden
war. Diese Standortsbedingung hat sich mit Ausgestaltung
des Betriebes zur Weltfirma vollständig verschoben, denn Mün-
chen kommt nur mit 5—6 °/o des gesamten Absatzes als
Konsumtionsort in Frage. Heute spielt München als gün-
stiger Arbeitsplatz und als Kunststadt im Leben des
Betriebes die Hauptrolle, — obgleich die Arbeiterbeschaffung
anfänglich eine gegenüber anderen Städten sehr schwierige war
und die Arbeiter sämtlich neu angelernt werden mußten, um
ein geschultes Arbeiterpersonal zu besitzen. Seit einigen Jahren
bietet München mit seinen ausgedehnten, in ärmlichen Verhält-
nissen lebenden Kleinbürgertum namentlich für weibliche Ar-
beiter einen Ort großen Arbeiterangebots für die Firma; dies gilt
auch für die Heimarbeiterinnen, deren etwa 300 für den Betrieb
tätig sind und die teilweise diesen mittleren Bürgerkreisen
angehören. Von welcher Bedeutung diese Umstände sind,
lehrt die Zusammensetzung des Arbeiterstammes der Fabrik.
Es werden insgesamt in München 300 Arbeitskräfte beschäftigt,
von denen allein 250 weiblichen Geschlechts sind. Der Wochen-
lohn für die männlichen Arbeiter, die teils als Zuschneider, teils
als Aufsichtspersonal Beschäftigung finden, ist höher wie der
den Frauen und Mädchen gezahlte wöchentliche Lohn; er
        <pb n="161" />
        ﻿152

beträgt 22—30 Mark, gegenüber 9—10 Mark für jüngere,
12—24 für ältere und geschickteste Arbeiterinnen.

Der Verkauf von .Waren, welcher en gros geschieht, wird
von Reisenden mit festem Gehalt bewirkt. Neben München
entfallen etwas über die Hälfte der Jahresproduktion auf
Deutschland (mit Bayern) und ungefähr 40 o/oj auf den Export
nach Holland, Belgien, Schweiz, Italien, Dänemark und Schwe-
den-Norwegen. Um den Absatz auf gleicher Höhe zu halten
oder ihn womöglich noch zu steigern, muß die Firma fort-
während eine schnellste Anpassung der Fabrikation an die
jeweils herrschende Mode erstreben. Diese Abhängigkeit
von der Mode und die damit verbundene Notwendigkeit bes-
serer Kundenbedienung, wie sie von dem entlegenen München
geschehen konnte, haben zur Etablierung eines Zweiggeschäftes
in Berlin und einer Filiale in Elberfeld geführt, wo stets größere
Mengen Waren auf Lager gehalten werden. Nun ließ man der
Frachtersparnis und der geringeren Arbeitskosten wegen die zu
den Hosenträgern gebrauchten Gummibänder in Barmen und
die Metallzubehörteile in dem nahen Lünescheid hersteilen und
richtete die Fertigfabrikation je nach Bedarf in Elberfeld und
München ein, wodurch eine enorme Frachtersparnis erzielt wird.

Sehr wichtig ist heute die sogenannte „Transitfabrikation“
der Firma. Ausländische Rohstoffe werden aus allen mög-
lichen Teilen Europas, zum Teil sogar aus Japan und China
zum Veredeln und Konfektionieren bezogen. Nachdem die ein-
gelagerte Rohware dem Veredelungsprozeß unterzogen ist,
kommt sie als reinkonfektionierte Ware zur Abmeldung in die
Zollabfertigung des Betriebes, wird hier gewogen und geht bei
gleichem Gewicht wie die eingeführten Rohwaren zollfrei zurück
ins Ausland. Das gegenseitige Vertrauen zwischen der Firma
und der Zollbehörde erleichtert diesen Transitverkehr sehr.

Der Betrieb mußte, um die wachsende Nachfrage zu be-
friedigen, die modernsten Arbeitsmaschinen einführen. Vier
Elektromotoren, denen das städtische Elektrizitätswerk Kraft-
zufuhr leistet, bewirken den Antrieb einer Reihe Spezialmaschi-
nen, wie Hohlsaum-, Kurbelstick- und Plissiermaschinen, Stan-
zen, Zuschneide- und Cartonnagemaschinen. Ein Atelier für
Spritzmalerei zur Herstellung bemalter Seidenecharpes und ein
        <pb n="162" />
        ﻿153

besonderes Zeichenbüro zum Entwerfen stets neuer Muster
vervollkommnen die Einrichtung dieser leistungsfähigen Fabrik.

Seit den siebziger Jahren hat sich in Deutschland die
Bürstenfabrikation von dem beherrschenden Einfluß
des Auslandes, namentlich Englands und Frankreichs frei ge-
macht und hat sich im Laufe der Jahrzehnte so sehr entwickelt,
daß es nicht nur den Bedarf seines Inlandmarktes zu befrie-
digen vermag, sondern auch erhebliche Mengen Produkte expor-
tiert. München ist in diesem Fabrikationszweig nicht zurück-
geblieben, denn es besitzt neben mehreren Mittel- und Klein-
betrieben, einen Großbetrieb, der zu den bedeutendsten Firmen
Deutschlands zu zählen ist: die Bürstenfabrik Pensber-
g e r u. Co., A. G. mit einem Jahresumsatz von nahezu 2 Mil-
lionen Mark. Ihr Hauptrohprodukt, die Borste, bezieht die
Firma hauptsächlich aus Bayern und Österreich; außerdem wer-
den russische, chinesische und indische Borsten sowie Surro-
gate der Haare und Borsten aus Mexiko in Gestalt der Tampico-
faser und der Fasern verschiedener südamerikanischer Palmen-
arten verwendet. An der Lieferung der für die Fabrikation
benötigten Mengen Holzes ist nicht nur der einheimische Markt
mit Ahorn-, Buchen- und Erlenholz beteiligt, denn die Hölzer
aus den tropischen .Wäldern finden ebenfalls eine sehr ausge-
dehnte Verwendung. Um die erhöhten feuerpolizeilichen Auf-
lagen zu umgehen und wegen der billigeren Arbeitskräfte hat
die Firma eine Zweigfabrik in Schönheide im sächsischen Erz-
gebirge gegründet, welche die im Betriebe geforderten Mengen
von Celluloid herstellt, ein Produkt, auf das infolge seiner Hoch-
wertigkeit und seines geringen Gewichts die Frachtkosten
keinen Einfluß haben.

Die Fabrik, die ihren Standort in München nur deshalb
gewählt hat, weil ihr hier die Materialbeschaffung äm
günstigsten schien, reist in München selbst nicht, da viele
kleine Bürstenmachereien Rohmaterialien von ihr beziehen,
denen sie keine Konkurrenz machen will. Von den 50 % des
auf Deutschland kommenden Gesamtabsatzes entfallen daher
auch nur 9 °/o auf München, während Berlin, wo stets Rei-
sende der Firma tätig sind, einen Anteil von 17 o/0 des Um-
satzes aufweist. Die Hälfte der gesamten Jahresproduktion
        <pb n="163" />
        ﻿154

der Firma geht ins Ausland, obwohl überall bedeutende Zoll-
sätze, in Nordamerika sogar 40 o/o des Wertes der Produkte,
die Einfuhr erschweren. Auf Nordamerika kommt trotzdem
1/i des Gesamtumsatzes, auf England und Schweiz treffen je
3V, °/o, auf Rußland 21/2 o/0 und auf Dänemark, Belgien, Ita-
lien, Frankreich und Holland je 2 o/0 der Jahresproduktion.

Uns interessieren bei dieser Fabrik besonders die Arbeiter-
verhältnisse, da im Betriebe etwa 700 Arbeitskräfte, darunter
450 weibliche Arbeiter, beschäftigt sind. Daneben sind dauernd
etwa 300 Heimarbeiterinnen mit der Borsteneinziehung in die
Hölzer für die Fabrik tätig. Diese Heimarbeit stellt sich für
den Betrieb im Verhältnis zu den eigenen Löhnen so billig, daß
die Hinfracht der Halbfabrikate und Rückfracht der Fertig-
produkte aus den Gegenden des badischen Schwarzwaldes,
des Erzgebirges und dem Städtchen Altenburg in Sachsen keine
erhebliche Verringerung des bestehenden Vorteils bewirken.
In diesen Gebieten steht die Fabrik mit Zwischenmeistern in
Verbindung, welche eine unbekannte Anzahl von Heimarbeitern
beschäftigen. Sie erhalten ebenso wie die Münchener Heim-
arbeiterinnen die fertigen Unterhölzer, Borsten und den nötigen
Draht mit nach Haus oder arbeiten zusammen in einer dem
Zwischenmeister gehörigen Werkstätte. In München selbst
liefern die Heimarbeiterinnen ihre eingezogene Ware selbst
in der Fabrik ab, wo ihnen der Lohn pro Tausend Stück be-
rechnet wird. Als geringstes Tagesverdienst ist seitens der
Fabrik die Höhe von 60 Pfennig noch gestattet. Unter diesem
Minimalverdienst wird an keine Arbeiterin mehr Material ab-
gegeben. Diese Frauen betreiben auch das Einziehen neben
der Hausarbeit wie neben ihrem Beruf und sind daher wenig
geübt. Das Höchstverdienst mit 2—2,20 Mark pro Tag fällt
nur den geschicktesten Arbeiterinnen zu, welche diese Tätig-
keit schon 10—20 Jahre lang als Beruf ausüben und gegen-
über den anderen die Mehrheit bilden. Die in der Fabrik be-
schäftigten Arbeitskräfte werden schon im Alter von 14—15
Jahren als Lehrlinge aufgenommen und im Betriebe selbst
angelernt. Dadurch besitzt man stets einen Stamm tüchtiger
angelernter Arbeiter und hat es nicht nötig, weder das städ-
tische Arbeitsamt noch die paritätischen Arbeitsnachweise der
        <pb n="164" />
        ﻿155

Organisationen in Anspruch zu nehmen. Außerdem zahlt die
Firma die höchsten Löhne der Branche in ganz Deutschland.
Der Minimallohn — abgesehen von der Entlohnung der jugend-
lichen Arbeiter, welche beim Eintritt 60 Pfennig pro Tag mit
vierteljährlicher Aufbesserung von 10 Pfennig bis zum 16. Jahre
erhalten — ist für die männlichen Arbeiter 3,50 Mark und die
weiblichen 1,50 Mark pro Tag, während die höchstbezahlten
Arbeitskräfte täglich ein Verdienst von 7 Mark bezw. 3 Mark
erreichen. Um die Arbeiter zu äußerster Tätigkeit anzuspornen
sind Prämien für das Einziehen einer gewissen Zahl Bürsten
festgesetzt. Die Akkordlöhne kommen den gezahlten Höchst-
stundenlöhnen meistens gleich und gehen nur vereinzelt über
diese Grenze hinaus. Dies soll nach Ansicht der Fabrikleitung
darin begründet sein, daß die Arbeiterorganisationen — der
Holzarbeiterverband und mit wenigen Mitgliedern auch die
christlichen Gewerkschaften — Weisungen ausgeben, wonach
die Leute nur bis zu einem bestimmten Betrage verdienen
sollten.

Trotz der großen Anzahl Arbeiter finden wir im Betriebe
seiner Größe und Bedeutung entsprechend eine Menge Ma-
schinen laufen. Eine Dampfmaschinenanlage liefert 60 Frais-,
Säge- und Hobelmaschinen, 20 Stanzen und automatischen Uni-
versalmaschinen, welche neben gewöhnlichen Handbürsten auch
bessere Ware selbständig fertigen, und 6 Borstenschneid-
maschinen den Antrieb. Eine eigene Schlosserei fertigt die
Bestandteile dieser Maschinen und dient allgemein als Repara-
turwerkstätte. Außerdem ist dem Betriebe eine größere Drechs-
lerei mit 6 Drehbänken und eine Bohrerei mit 31 Bohrmaschi-
nen angegliedert.

In unseren Tagen ist Deutschland der Hauptsitz der europäi-
schen Roßhaarindustrie geworden, zu welcher Industrie
neben der Roßhaarspinnerei auch die Haarzurichterei und Haar-
garnspinnerei zu rechnen ist. Heute ist die Roßhaarspinnerei
zweifellos der bedeutendste Zweig der gesamten Haarverarbei-
tungsindustrie. Einen großen Anteil an ihrer Entwicklung ge-
bührt der Dampfroßhaarspinnerei J. H. Hönings-
berger &amp; Co., Kommanditgesellschaft, welche sich seit ihrer
Niederlassung im Jahre 1872 in München aus kleinem Betriebe
        <pb n="165" />
        ﻿156

zu einer der größten und leistungsfähigsten deutschen Roßhaar-
spinnereien und Haarziehereien entwickelt hat. Heute arbeitet
die Fabrik mit einem Batteriedampfkessel und einer Dampf-
maschine von 40 PS. und beschäftigt ca. 150 Arbeiter und Ar-
beiterinnen und ebensoviele Heimarbeiter, welche besonders in
der Haarzieherei verwendet werden. Sie ist die einzige Roß-
haarspinnerei Deutschlands, welche einen Tarifvertrag mit den
Arbeitern abgeschlossen hat. Die Arbeiter, die dem Textil-
arbeiterverband und dem Verband der Fabrikarbeiter ange-
hören, erhalten teils Tagelohn, teils arbeiten sie im Akkord
und werden nach Stunden bezahlt. Sie sind nur zum geringsten
Teil heimische Arbeitskräfte, da die gelernten Arbeiter, wie
die Roßhaarspinner, aus Norddeutschland und sehr viel aus
Österreich zuwandern. In Bedarfsfällen bedient man sich der
Verbandszeitungen als Arbeitsvermittlungsstellen.

Die gesamte Fabrikation der Firma hängt heute sehr von
der Beschaffung des Rohmaterials ab, welches am besten aus
Dänemark, Frankreich und zum Teil auch aus Deutschland
selbst bezogen wird. Da dies aber für den Produktionsbedarf
infolge stets wachsenden Konsums nicht ausreicht, kommen als
weitere hauptsächliche Importgebiete Südamerika, Rußland mit
Sibirien, Österreich-Ungarn und Skandinavien in Frage. Die
Einfuhr aus Südamerika, dem Hauptproduktionsgebiet für rohe
Pferdehaare, ist gegenüber früheren Jahren infolge Rückganges
des Pferdebestands und Abnahme der Schlachtungen in steter
Verminderung begriffen. Auch in anderen Ländern liegen heute
ähnliche Verhältnisse vor.*) Dies ist um so empfindlicher als
umgekehrt der Konsum der Roßhaare, der Rinderschweif- und
Ziegenhaare durch die anwachsende Automobilindustrie und den
größeren Bedarf der Bürsten- und Pinselfabriken eine außer-
gewöhnliche Steigerung erfahren hat. Auf diesen Ursachen be-

*) Eine Abnahme hat der Pferdebestand aller Länder dadurch er-
fahren, daß in der Landwirtschaft die maschinellen Betriebe so stark zu-
genommen haben, daß die Straßenbahnen fast ausschließlich elektrisch
betrieben werden und überhaupt der Personen- und Lastenverkehr sich
immer mehr durch Automobile vollzieht. Auch des Umstandes sei noch
gedacht, daß in Asien der kolossale Karawanenverkehr, der früher Hundert-
tausende von Pferden in Anspruch nahm, durch die sibirischen Eisen-
bahnen nahezu verdrängt ist.
        <pb n="166" />
        ﻿157

ruht eine Preiserhöhung für die Rohmaterialien, die in den
letzten dreiviertel Jahren speziell für einzelne Produkte sich so
sprungweise fortgesetzt hat, daß die Beschaffung des Rohmate-
rials in enormer Weise erschwert und verteuert wird und die
ganze Situation in der Roßhaarindustrie einen geradezu be-
denklichen Charakter annehmen mußte. Um dafür einen mög-
lichsten Ausgleich zu schaffen, hat die Firma wesentliche Er-
weiterungen des Betriebes durch Gründung einer Zweigfabrik
in Neufreimann bei München vorgenommen und hat außer-
dem, um die Zollverhältnisse im Hinblick auf den bedeutenden
Export auszuschalten, in Kufstein eine Filiale errichtet.

Das Fertigprodukt der Firma findet seine Hauptverwendung
für „Krollhaar“ als Polstermöbel in der Möbel- und Bettwaren-
industrie, beim Wagen- und Eisenbahnwaggonbau und in der
Automobilindustrie. Ein Teil der anderen Haare wird in der
Haarzieherei für Bürsten, Pinsel und Haargewebe, sowie für
Haarsiebe, Violinbogen und zu Modezwecken (z. B. Gems-
bärte!) verarbeitet. Der Standort des Betriebes ist vollständig
an den günstigen Konsumplatz verlegt. Außer dem di-
rekten Absatz an die Verbraucher findet ein lebhaftes Geschäft
mit dem Engroszwischenhandel statt.

Von der Gesamtproduktion der Firma entfallen 30 o/o auf
München und Bayern und etwa 40 °/o auf das übrige Deutsch-
land; der Rest verteilt sich auf den Absatz nach Österreich-
Ungarn, Frankreich, Skandinavien, Rußland und der Schweiz.

Die Fabrik besitzt eine mechanische Werkstätte zur Her-
stellung ihrer eigenen Arbeitsmaschinen und zu Reparatur-
zwecken. Neben einer besonderen Bleicherei und Färberei
unterhält der Betrieb eine Desinfektionsanstalt, in welcher auf
Verlangen auch alte, gebrauchte, aus Matrazen und Polstern
stammenden Haare in Lohn desinfiziert und gereinigt werden.
Zum Schutze ihrer Arbeiter sind nach dem Erlaß des Bundes-
rats von der Fabrik die modernsten Einrichtungen auf diesem
Gebiete geschaffen worden; den Arbeitern steht eine eigene
Speiseanstalt, ein großes Wohnhaus mit Wirtschaftsräumen und
Brausebädern zur Verfügung.

Zum Abschlüsse unserer Untersuchungen, die uns bedeu-
tungsvolle Industriestätten haben kennen lernen, erwähnen wir
        <pb n="167" />
        ﻿158

einen Großbetrieb, der zu den bedeutendsten Industrien auf
Münchens Boden zählt. Außerordentliche Leistungsfähigkeit
und Herstellung qualitativ hochwertiger Erzeugnisse haben der
im Jahre 1872 gegründeten Gummiwarenfabrik Metz-
ler &amp; Co., A.-G. einen Weltruf erworben. Verschiedene Abtei-
lungen des Betriebes sind mit der Herstellung sowohl sämtlicher
technischer Gummiartikel, wie Dichtungsplatten und -ringe,
Fahrradschläuche und Automobilpneumatiks beschäftigt. Ebenso
untersteht die Fertigstellung sämtlicher chirurgischer Gummi-
waren, von den großen Luftmatrazen an bis zur feinsten Schlund-
röhre, und die Fabrikation von Gummischuhen wie von: Patent-
gummiartikeln einer besonderen Abteilung. Seit etwa 20 Jahren
stellt die Firma mit stets steigender Vervollkommnung Ballon-
stoff her, dessen Verarbeitung bisher in der bekannten Ballon-
fabrik A. Riedinger in Augsburg erfolgte. Erst seit einem Jahre,
von welcher Zeit an die Herstellung von Ballonstoff ein Haupt-
artikel des Betriebes wurde, hat die Firma auch die Konfektion
der Ballons selbst übernommen.

Die Absatzverhältnisse zeigen die Konsumorientie-
rung dieses Industriebetriebes, denn von der ungeheuren Pro-
duktion fallen allein 15—20 o/o auf München-Stadt, in der auch
eine Verkaufsniederlage errichtet ist; der übrige Teil des Ge-
samtabsatzes verteilt sich auf Deutschland und überwiegend auf
die Exportländer England und Frankreich, Rußland und Spanien.

Der Rohgummi, der den Pflanzungen in Afrika, Indien,
Ceylon und hauptsächlich in Südamerika entstammt, wird nicht
an die Firma direkt geliefert, vielmehr von dieser durch Vermitt-
lung der großen Importhandlungen in Hamburg, Rotterdam,
Antwerpen und Liverpool bezogen. Die anderen Hilfsmittel zur
Produktion wie Farben, Schwefel und Chlor liefern einige che-
mische Fabriken in Deutschland; auch Stoffe und Gewebe wer-
den im Inland, von Fabriken in Augsburg, Mühlhausen und
Stuttgart und anderen Orten, in denen Spinnereien und Webe-
reien ihren Sitz haben, gekauft. Eine große Anzahl Maschinen,
die teils durch Dampf, teils durch selbsterzeugte Elektrizität
ihren Antrieb erfahren, dient zur Verarbeitung dieser Roh-
produkte. Als Hauptmaschinen kommen Gummiwalzen, Ka-
lander und Vulkanisierapparate in Betracht. Eine Reihe mas-
        <pb n="168" />
        ﻿159

siver Walzwerke mit kurzen dickleibigen Walzen sind in Tätig-
keit um den Rohgummi zu verwalzen und von fremden Bestand-
teilen, wie Sand, Steinen, Holz usw., die vom Gummisammler teils
mit, teils ohne Absicht in die Masse hineingekommen sind, zu
reinigen; während auf den geheizten Kalandern die schon ge-
reinigte und mit den erforderlichen Chemikalien gemischte
Gummimasse zu Platten ausgezogen wird. Zur Bedienung die-
ser Maschinenanlage und der manuellen Weiter- und Fertig-
verarbeitung bedarf die Fabrik durchschnittlich 1400 Arbeits-
kräfte, von denen etwa die Hälfte weiblichen Geschlechts ist.
Diese Arbeiterzahl wechselt mit der Saison. Die Arbeiter selbst
sind zum größten Teile ungelernte Kräfte, welche in sehr kurzer
Zeit im Betriebe angelernt werden können. Sie sind im Verband
der Fabrikarbeiter Deutschlands organisiert, mit welchem die
Firma einen Tarifvertrag auf 5 Jahre abgeschlossen hat, der die
Lohn- und Arbeitsverhältnisse bis ins Kleinste regelt. Der Ak-
kordlohn herrscht im Betriebe vor und nur die Hilfsarbeiter
werden im Stundenlohn bezahlt. Bei Arbeitermangel hängt die
Fabrik an ihrem Einlaßtor Tafeln aus, wodurch Stellenlose
auf die freien Arbeitsplätze hingewiesen werden; nur selten
wird die Vermittlung des städtischen Arbeitsamts in Anspruch
genommen. Gesondert von der eigentlichen Gummiwarenfabrik
hat die Firma eine Asbestfabrik angegliedert, deren Erzeugnisse
mitbeigetragen haben, den Produkten der Firma Metzler &amp; Co.
nicht nur den europäischen Markt zu erobern, sondern sich auch
mit großem Erfolge an dem Export über den Ozean zu be-
teiligen.
        <pb n="169" />
        ﻿Zusammenfassung und Ausblick.

In den Voruntersuchungen haben wir die Lebensbedingun-
gen der Münchener Industrie klargelegt und im Vorstehenden
die gegenwärtige Lage der einzelnen Großbetriebe unter dem
Gesichtspunkt einfacher Tatsachenfeststellung und Beschrei-
bung zu erfassen versucht. Zusammenfassend können wir nun
ausführen, daß München seine Größe nicht nur den Vorzügen
seiner Lage und seinem Ruf als Kunst- und, Fremdenstadt allein
verdankt, daß vielmehr sein Ansehen und seine Wohlfahrt in
bisher nur zu sehr unterschätzter Ausdehnung auf seinem in-
dustriellen und großgewerblichen Leben beruht, wenn auch
die Bedingungen, unter denen sich andere deutsche Städte
mit Hilfe der Industrie zu mächtiger Blüte entfalteten, für
München nicht in gleichem Maße gegeben sind. Die Stadt
ist daher auch keine Industriestadt im eigentlichen Sinne des
Wortes und wird es in Zukunft nach Lage der Verhältnisse
wohl auch nie werden, wenngleich nicht zu leugnen ist, daß
trotz erschwerender Bedingungen das weitere Stadtgebiet für
neuhinzuziehende Industrien noch einen annehmbaren Entwick-
lungsboden darbieten wird, namentlich für solche Industrien,
welche sich mit der Herstellung von Qualitätsarbeit zur Dek-
kung der lokalen Nachfrage befassen. Der zunehmende Reich-
tum der Bevölkerung hat hier die Nachfrage nach Qualitätsarbeit
fortwährend gesteigert. Aber auch die für den Auslandsmarkt
arbeitende Industrie hat sich mehr und mehr genötigt gesehen,
die Qualität ihrer Erzeugnisse in dem Maße zu steigern, als die
Staaten der neuen Welt und des fernen Ostens im eigenen Lande
mit billigen Arbeitskräften Industrien großzuziehen begannen,
durch welche der Münchener Exportindustrie auf dem Welt-
markt eine zunehmende Konkurrenz erwuchs.
        <pb n="170" />
        ﻿161

Dennoch haben wir bei allen Großindustriellen die Klage
gehört, daß man in München die Bedeutung der gewerblichen
Großbetriebe allgemein unterschätze, obwohl die moderne In-
dustrie zu einem der wichtigsten Faktoren in der großstädti-
schen Entwicklung Münchens geworden ist. Die Stadt als Ver-
waltungseinheit, als leistungsfähige Finanzkörperschaft wie als
Wirtschaftsgemeinschaft für die Befriedigung geistiger und ma-
terieller Gemeinbedürfnisse, hat die Verpflichtung, die gewerb-
liche Arbeit auch in Gestalt großkapitalistischer Anlagen nach
Möglichkeit zu unterstützen. Wenn wir uns heute die Frage
vorlegen, ob angesichts der stark zunehmenden Industriearbei-
terbevölkerung in München überhaupt noch eine weitere Aus-
dehnung der Großindustrie angestrebt werden soll, die ohne-
dies mit Schwierigkeiten und Opfern verbunden ist, so muß die
Antwort trotzdem eine bejahende sein, weil die mit Sicherheit
in den nächsten Jahren zu erwartende Bevölkerungszunahme
ohne Zuhilfenahme der Industrie — und mit ihr verbunden, dem
Handel, nicht zu ernähren sein wird. Wir haben darauf schon
an anderer Stelle hingewiesen. München muß um der wirt-
sc haftlichen Seite willen, mit allen Mitteln versuchen, seine
Großindustrie sich zu erhalten und die Zahl der Betriebe noch
um vieles zu vergrößern; aber um den Charakter der Großstadt
als Kunst- und Fremdenstadt nicht zu schwer durch Anhäufung
seiner Industriebevölkerung zu schädigen, soll die Stadt um'der
sozialen Seite willen eine ausgiebige kommunale Sozialpolitik
und Wohlfahrtspflege treiben, um die Arbeiterbevölkerung fort-
gesetzt zu heben. Man soll an dem Aufbau eines großstädtischen
Mittelstandes auf industrieller Basis teilnehmen und geeignete
Maßregeln ergreifen, um die einsetzende Klassenbewegung zu
fördern, welche dem Industrieangestellten und dem Arbeiter
einen besseren Platz in dem Gesamtorganisnius des Volks-
körpers der Stadt zu erringen sucht. Die Überbrückung der
geschaffenen sozialen Gegensätze, die den Gemeinsinn der Be-
völkerung zum Schaden der Stadt untergraben müssen, läßt
sich nur bewerkstelligen durch geeignete Sozialpolitik der Stadt-
verwaltung, des Magistrats, welche in' einer dem Arbeiter gegen-
über wohlwollenden Stellungnahme und in der Ausgestaltung
von Arbeitsvermittlungsstellen, Arbeitslosenunterstützung und

Fritz, München als Industriestadt.	||
        <pb n="171" />
        ﻿162

der Förderung der Arbeiterversicherung zum Ausdruck kommen
muß. Zu einer solchen Sozialpolitik ist die Münchener Stadt-
verwaltung umsomehr berufen, als sie die soziale Struktur
der Stadtbevölkerung genauestens kennt und infolge der Er-
hebungen und Veröffentlichungen des statistischen Amtes der
Stadt auch Kenntnis hat von dem Umstand, daß München, ob-
wohl die Zahl der Großbetriebe nicht vorherrscht und die
mittel- und kleingewerblichen Betriebstätten sich durch starke
Vertretung auszeichnen, eine große Arbeiterbevölkerung be-
sitzt und daß indirekt nahezu 2/3 seiner Bewohner nur von
der Industrie leben. Es heißt zunächst diesen Teil der Groß-
stadtbevölkerung aus den Mietskasernen mit ihren schweren
sozialen und volksgesundheitlichen Schäden herauszuholen und
ihn durch Wohnungen mit Luft und Licht vor .weiterer Degene-
ration zu bewahren, was am besten auch ohne Anlagen von
Kleinhäuserkolonien durch gute und billigste Verkehrsverbin-
dungen Münchens mit seinen Vorstädten mittels Vorortzügen
oder elektrischer Bahnen mit Sondertarif zu erreichen wäre.
Dadurch würde Münchens „Prestige als Kunst- und Fremden-
stadt“ kaum nennenswert beeinflußt werden und der wirtschaft-
lichen Entwicklung des „Isarathen“ eine gesicherte Grundlage
geschaffen sein. In dem Maße, wie dieses Problem seiner ein-
stigen Lösung entgegengeht, wird sich auch manch unberech-
tigtes Vorurteil gegen die „Großstadt München“ als solche
verlieren. Ihre wirtschaftliche Bedeutung würde sich noch mehr
heben und könnte in segensreicher Einwirkung auf das Land
den Vorwurf wieder entkräften, welcher der Stadt von vielen
Seiten in der Provinz stets gemacht wird: alle wissenschaft-
lichen Sammlungen und Institute an sich ziehen und sich auf
Kosten des Landes zu bereichern. Aber München mit seiner
kolossalen wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Dezen-
nien, mit seiner räumlichen Ausdehnung und der fortgesetzten
Steigerung seiner Einwohnerzahl hat ein Anrecht auf die bevor-
zugte Stellung, die es heute im Wirtschaftsleben Bayerns ein-
nimmt. Nicht nur, daß eine Stadt wie München für das übrige
Land ein unerschöpfliches Absatzgebiet bildet, weil ihr Ver-
brauch an Nahrungsmitteln, Materialien und industriellen Wer-
ten, zu deren Lieferung das Land herangezogen wird, ein ganz
        <pb n="172" />
        ﻿163

gewaltiger ist, bringt auch München für sich allein nahezu so
viele Steuern auf, als ganz Bayern zusammengenommen; denn
es muß schon von dem gesamten etwa 70—71 Millionen Mark
betragenden Staatssteuersoll ungefähr 19 Millionen, also nicht
weniger wie' 26,5 -ojo, tragen. Außerdem hat München aus eige-
ner Kraft den Sieg über die sich mehrende Konkurrenz davon-
getragen, was ihm nur durch Anspannen aller Kräfte gelang.
In diesem gewaltigen Anspannen der Kräfte aber liegt die
Weltmarktfähigkeit und die Möglichkeit, in der Produktion glei-
chen Schritt mit den Städten anderer Nationen zu halten und
so der einheimischen Industrie ihre Absatzgebiete zu wahren.

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        <pb n="173" />
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System der Welthandelslehre

Ein Lehr- und Handbuch

des internationalen Handels von Dr. Josef Hellauer

ordentl. Professor a. d. Exportakademie d. k. k. österr. Handelsmuseums
Professor a. d. k. u. k. Konsularakademie
Band I: Allgemeine Welthandelslehre. I. Teil.

Gr. 8°. XVI, 482 Seiten. Preis geh. M. 10.—, geb. M. 12.—.

Das Buch, das aus dem Unterrichte an einer kommerziellen Hochschule
und an einer Hochschule zur Heranbildung von Konsularbeamten hervorge-
gangen ist, soll ein Lehr- und Handbuch sein in erster Linie für Handelshoch-
schulen, sowie für alle, die sich ein gründliches Wissen über den Warenhandel
und speziell den internationalen erwerben wollen. Es wird sich eignen als
Nachschlagebuch zur Information über einzelne Fragen und dürfte als solches
insbesondere willkommen sein öffentlichen Beamten, die sich mit dem Handel
zu befassen haben, wie Verwaltungsbeamten, Konsularbeamten, Beamten von
Korporationen zur Förderung und Interessenvertretung des Handels usw.,
Volkswirten jeder Art und Juristen. Es wird ein Hilfsbuch sein für staats-
wirtschaftliche und juristische Seminare. Nicht zuletzt darf es aber als
kommerziell-wissenschaftliches Werk wohl erwarten, in den Kreisen der
Kaufmannschaft Aufnahme zu finden.

Exportpraxis

von Moritj Schanz.

216 Seiten. 8°. Preis 3 60 M.; geb. M. 4.50.

Schanz’ Mitgliedschaft an den von der Reichsregierung entsandten
Handelskommissionen nach Ostasien (1897) und nach Südafrika (1902-03)
spricht wohl am besten für die Kompetenz des Verfassers in der Behandlung
des vorliegenden Stoffes. Er bietet hier in gedrängter Form die Quintessenz
seiner Erfahrungen.

Aus dem Inhalt:

Allgemeine Organisation des Exports. — Konsignationen. — Kaufverträge. —
Indents. — Reisende. — Ständige Vertreter. — Musterläger und Ausstellungen
im In- und Ausland. — Deutsche Warenhäuser im Ausland. — Export der
schweren Industrien und Auslandvertretungen großer Werke. — Ausschreib-
ungen. — Sprachkundige Techniker und Bergingenieure im Ausland. — An-
gebote, Mustersendungen, Kataloge und Preislisten. — Reklame. — Lieferung,
Aufmachung, Packung. — Fakturen, Zollangaben, Konnossemente, Versand. —
Zahlungsweise, Kreditgewährung, Auskunftswesen. — Deutsche Ausland-
Banken. —- Reklamationen, Surveys, Rechtsverfolgungen im Ausland. —
Konsular-Tätigkeit. — Handelssachverständige. — Handelskammern im In-
und Ausland. — National-Exportämter. — Handelshochschulen.

Bestellungen nimmt jede Buchhandlung entgegen.
Ausführliche Prospekte kostenlos vom Verlage.
        <pb n="176" />
        ﻿Verlag von Puttkammer fr Mühlbrecht, Berlin W. 56

Das Recht

Sammlung von Abhandlungen
für Juristen und Laien

Herausgegeben von Dr. Franz Ko bl er

Preis des Bandes 1 80 M.; Doppelbände 3.60 M
Bei Subskription auf je 10 Bände je 1.50 Mk. bezw. 3.— M.

Jeder Band enthält eine selbständige, praktisch wie theoretisch wert-
volle, auch dem Nichtjuristen verständliche Abhandlung von allgemeinem
Interesse aus dem Gebiet des Rechtslebens.

Reichsdeutsches und österreichisches Recht werden im allgemeinen
gleichmäßig und vergleichend behandelt, fremdländische Gesetzgebungen
nach Tunlichkeit berücksichtigt.

Die Sammlung dient nicht nur der Darstellung, Erläuterung und Kritik
der gegenwärtigen Rechtsordnung, sondern behandelt auch Probleme der
Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte und der juristischen Grenzgebiete.

Bis jetzt sind erschienen:

I. Die Rechtsfähigkeit. Von Prof. Dr. Eugen Ehrlich.

II/III. Die Beleidigung. Von Prof. Dr. M. Liepmann.

IV. Der Richter. Von Dr. Max Burckhard.

V/VI. Das Recht des Handlungsgehilfen.

Von Dr. R. van der Borght.
VII. Kunst und Recht. Von Prof. Dr. A. Osterrieth.

VIII. Die Tötungsdelikte. Von Prof. Dr. Fr. Wachenfeld.
IX/X. Psychologie der Aussage. Von Prof. Dr. Ad. Stöhr.

XI.	Das Verbrechen. Von Prof. Dr. Theodor Sternberg.

XII.	Die G. m. b. H. Von Prof. Dr. H. Crüger.

XIII.	Das Problem der Verantwortlichkeit.

Von Prof. Dr. Wilhelm Schuppe.

XIV.	Das Arbeitszeugnis. Von Dr. Hans Gotthard Schmaltz.

Die Sammlung wird fortgesetzt!

Die Sammlung ist in jeder Buchhandlung vorrätig.

Ausführliche Prospekte von der Verlagsbuchhandlung auf Verlangen kostenfrei.
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        ﻿Verlag oon 'Putffuunmer &amp; ^Hüf)lörccf&gt;f, Aerlin A3. 56

3mei 23rofd)üren, bie für jeben
Arbeitgeber unb für jeben
Arbeitnehmer unentbehrlich finb:

Erläuterungen bes
3noaIiben*ui5interf)liebencn'
Q3erficberungS'©efebe5

nadjber Q*d(f)SDerfid)erungsorönungD.19.3uli 1911 3um prahfifcben'öolhsgebraucf)
oon 2(rlf)ur oon granfois
121. bis 140. Aaufenb

Pflichten unb Aechte ber Aerficherten unb Arbeitgeber

Sicherung ber Amuartfchaft auf Aenten

Äinterbtiebenen=5ürforge, QBitroengetb unb ABaifenausfteuer

Aecfahren bei Aentenanfprüchen

IJrcis einjcln 25 'JJf.
oon 2/10 (Sjemplaren für je 20	gif.

ab 10	„	für	je	15	„

ab 50	„	für	je	12	„

ab 100	„	für	je	10	„

©ic £tranftem)erftcf)enmg

ber &amp;eid)5öerficl)erungsorbnung

3ufammenffeItungb.toichtigfienAeiftmmungen3umprahlifchen©ebrauch

oon ©uffao Ißagner
^reis 20 Pf.

®urd&gt; jebe 33ucf)t)anölung 3u be3iet)en!

ffi. Scdjuere 23ud)bntctaet (ß. Sctjotj) (Buben.
        <pb n="178" />
        ﻿Verlag »Mt 'Outfftammer &amp; &lt;Htiif)Ibrecf)f, Berlin 2B. 56

Sas ©efeb gegen ben unlauteren SSeffberoerb

oom 7. Sunt 1909 mit ßriciuierungen

unter ©enutjuug ber 9tegicrungsmotioe uttb ber ©lenar= unb &amp;ommiffions=©erhanb=
Jungen bes ^Reichstages mit 3ur Slmuenbung fommenben Formularen, StbJürsungen

unb Sadjregifter.

©on 9. ©aer, in Firma ©aer Soffn, Serlin, (Erster Sorfihenber bes $etailliften=
oerbanbes ber ©eüeibungsinbuftrie unb oercoanbter ©rangen, l£. 33.

3toeile oermefjrie unb oerbefferte ©uflage.

8°. 443 Seiten, ©reis 6.— 93t. Sn ©an3leinen geb. 7.50 93t.

Ser ©läubigerfcbuij im Sthiienrecbie

(Eine fgftematifcfte DarftelJung auf ber ©runblage bes beutfdjen unb mit teiltoeifer
©erüdficljttgung bes [d)toei3eri[c[jen, öfterreidjifdien, englifcijen unb anberer tttftienredjte.
©on ©edjtsaniuait 9r. jur. ©Iberf üautlo.

8°. 280 Seiten. ©reis geheftet 5.— 931., gebuttben 6.50 93t.

Sie (Briinbung ber 2MengefeIlfcbaft

und) beutfdhent, jdjroeijerifthcm, fratt3öfi[&lt;t)em unb cnglift^em (tlltienredjt.

©on 9r. ©Ifreb Silbcrttagel, (Eioitgeridjtspräfibent in ©afel.

©r. 8°. 513 Seiten. ^8reis 10.— 93t., in Seinen gebunben 12.— 99t.

Sie ßerabfebung bes (Brunbbapifafe
bei Sthfiengefelifcbaffen

©on 9r. jur. 21. Neuburger.

8°. XII, 312 Seiten, ©reis gel). 6.— 99t., geb. 7.20 99t.

S3ie tautet ber (Befeilfcbaftsoerfrag einer
2MengefeIifcbaff?

(Eine (Einführung in bie Hnterneljmungsreform ber 31tticngcjell[d)aften, bargeftellt für
Fünften unb ßaien an ber Esattb eines ausgearbeiteten ©efellfchaftsoertrages.

©on 9r. ©ob. ©corg Senftner.

80. (preis 1.20 99t.

Sie Sishontierung non Bucbforberungen

in 2f)eorie unb ^rajis

in banhtechnifcher, oollisroirffchafflicher unb rechtlicher ©egiehung
erfäjöpfenb bargeftellt
oon 9r. ©eorg dSarfrobf.

8°. 138 Seiten, ©reis 99t. 2.80.

Seffeflungen nimm! jebe Q3ucf)f)anblung enfgegen.
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        ﻿Verlag von Puttkammer § Mühlbrecht, Berlin W. 56

Altes und Neues über Sammelvermögen, von Dr. Hans
Brinkmann-Bondi. Lex. 8°, 183 S., M. 3.60.

Behörden-Adreßbuch Deutschlands. Ein Verzeichnis von über
80000 staatlichen, provinzialen und kommunalen Behörden, Instituten,
Anstalten nebst Korporationen des Deutschen Reiches, sowie der
Schutzgebiete in alphabetischer Reihenfolge nach Landesteilen, Provinzen
und Orten geordnet. Gr. 8°, VI. u. 653 S., gebunden li. 25.—.

Das Besitzsteuerproblem in Deutschland und in Frankreich in seiner
heutigen Lösung von Dr. Friedr. Karl Herrmann. 8°, 140 S., M. 3.20.

Die Besteuerung der Gebäude und Baustellen insbesondere
die Wertzuwachssteuer von Dr. Karl Keller. Zweite vermehrte
Auflage. 324 S., Gr. 8°. Geheftet 4 — M., gebunden 5.20 M.

Erläuterungen des Invaliden' und Hinterbliebenenver'
Sicherungsgesetzes nach der Reichsversicherungsordnung v. 19. 7. 11.
zum praktischen Volksgebrauch von Arthur vonFranfois. 121. bis
140. Tausend. 8°, 16 S., einzeln 25 Pfg. (Mehrere Exemplare billiger!)

Illustrierte Deutsche Statistik. Diagramme und Stufenkarten (Sytsem
Kowastch) von Dipl.-Ing. Ambr. Kowastch. Lex. 8°, XXVIII und
140 S., geheftet M. 6.—, gebunden M. 7.50.

Die Kabel des Weltverkehrs, hauptsächlich in volkswirtschaftlicher
Hinsicht dargestellt von Dr. Max Roscher, Oberpostpraktikant.
Gr. 8°, X, 240 Seiten, mit einer Weltkarte. Preis 6.60, in Ganzleinen
gebunden 8.— M.

Die Krankenversicherung der Reichsversicherungsordnung Zu-
sammenstellung der wichtigsten Bestimmungen zum prakt. Gebrauch
von Gustav Wagner. KI. 8°, 23 S., M. 0.20.

Die Rechtsverhältnisse der Fabrikpensions' und Unter'
stutzungskassen von Hans Götze. Preisgekrönte Arbeit der juristischen
Fakultät der Fr. W. Universität Berlin 8°, XV und 143 S., M. 3.—.

Der Zweck in der Volkswirtschaft. Die Volkswirtschaft als sozial-
ethisches Zweckgebilde. Versuch einer sozialorgan. Begründung der
Volkswirtschaftslehre. Von Rudolf Stolzmann, Kaiserl. Geheimen
Regierungsrat. Gr. 8°, XXIV u. 779 S., geheftet 16.— M., gebd. 18 — M

Die Theorien über den Zusammenhang von Produktion und
Kaufkraft von Dr. E. Hellwig. 8°, 101 S., M. 2.—.

Der Zinsfuß seit 1895. Preisschrift der rechts- und staatswissen-
schaftlichen Fakultät der Kaiser-Wilhelm-Universität zu Straßburg i. E.
Von Dr. Heinrich Bichmann. Gr. 8°.	154 Seiten und Anhang:

Statistischer Teil 52 Tabellen und Diagramme. Preis 5.20 M , gebunden
in Leinen 6.60 M.

Zur Frage der Qualitätsverfeinerung oder Entfeinerung
unseres Exports von Dr. R. Pantzer. 8°, 315 Seiten. Preis 6.— M ,
gebunden in Leinen 7.20 M.
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5 ist, bringt auch München für sich allein nahezu so
rn auf, als ganz Bayern zusammengenommen; denn
sr lon von dem gesamten etwa 70—71 Millionen Mark
r n Staatssteuersoll ungefähr 19 Millionen, also nicht
te 26,5 -o/o, tragen. Außerdem hat München aus eige-
len Sieg über die sich mehrende Konkurrenz davon-
_was ihm nur durch Anspannen aller Kräfte gelang,
gewaltigen Anspannen der Kräfte aber liegt die
rähigkeit und die Möglichkeit, in der Produktion glei-
tt mit den Städten anderer Nationen zu halten und
heimischen Industrie ihre Absatzgebiete zu wahren.

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