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        <title>Wie muß sich das Stickstoff-Monopol gestalten?</title>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Ehrenberg</surname>
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        Wie  muß  sich  das  Stickstoff-Monopol
  gestalten?

Unter  besonderer  Berücksichtigung  der
Bedürfniste  der  deutschen  Landwirtschaft
behandelt  von
Oe.  Paul  Ehrenberg,
Professor  der  Agrikultur  chemie  an  der  Grorg-Angust-Universität
xu  Goltingen-Sertin


Verlagsbuchhandlung  Paul  pare?
Verlag  für  Sandwirls»att.  «arleabau  und  S°rftwele°
SW.  11,  tz-drmannstratze  10  u.  11
1915
V  )

Weltwirtschaftliche")  Archiv
        <pb n="2" />
        Wie  muh  sich  das  Stickstoff-Monopol
  gestatten?
Unter  besonderer  Berücksichtigung  der
Bedürfnisse  der  deutschen  Landwirtschaft

behandelt  von

Dr.  Paul  Ehrenberg,
Professor  der  Agrikulturchrnür  an  der  Georg-August-RinvrrsiM
;u  Goltingru-Kerlin


Verlagsbuchhandlung  Paul  pare^
Verlag  für  Landwirtschaft,  Gartenbau  und  Forstwesen
SW.  11,  Hedemannstraße  10  u.  11

1915
        <pb n="3" />
        1»

Der  Bedarf  der  deut-  Ganz  außerordentlich  ist  mit  den  Jahren  der
scheu  Landwirtschaft  Bedarf  der  deutschen  Landwirtschaft  an  Stickstosfan ­
  Stickstoffdünger  Verbindungen  zu  Düngezwecken  gestiegen.  Obwohl
vor  dem  Kriege.  bem  fortschreitenden  Massenbezug  vorwiegend
stickstoffreicher  Futtermittel  (annähernd  je  eine  Milliarde  wurde  dafür
in  den  letzten  Jahren  ans  Ausland  gezahlt)  schon  ohne  weiteres  eine
Steigerung  der  in  den  einzelnen  Wirtschaften  gewonnenen  Düngestickstoffmengen ­
  eintrat,  die  freilich  infolge  zumeist  nicht  ausreichender  Fürsorge ­
  fiir  die  Stalldüngerbehandlung  eine  nur  mäßige  war,  hat  sich  in
den  letzten  zehn  Jahren  der  Verbrauch  Deutschlands  an  Düngestickstoff
in  Form  von  Handelsdüngemitteln  reichlich  verdoppelt.  Um  welche
Mengen  es  sich  hierbei  handelt,  mag  die  folgende  Aufstellung  dartun:

Deutschlands  Verbrauch  an  Stick  st  off  zu  Düngezwecken ­
  im  letzten  Jahr  vor  dem  Kriege,  etwa  bis
Ende  der  Frühjahrsbestellung  1914,

betrug  in  Form  von:

bei  einem
Stickstoffgehalt ­
  von

Chilesalpeter

100000  Tonnen')

15,5  °/ 0

schwefelsaurem  Ammoniak  ....

95  000  „  2 )

20,5  „

Kalkstickstoff
Kalksalpeter  (auch  als  Norgesal-17

  000  „  3 )

18,5  „

Peter  bezeichnet

5  000  „  4 )

13,0  „

zusammen.  .  .

217  000  Tonnen

1)  Je  nachdem  man  den  Verbrauch  der  deutschen  chemischen  Industrie
veranschlagt,  ergeben  sich  auch  bis  um  etwa  ein  Fünftel  niedrigere  Zahlen.
2)  Das  in  Deutschland  hergestellte,  schwefelsaure  Ammoniak  wurde  fast
ausschließlich  als  Düngemittel  verwendet,  da  für  Sprengstoffe  Ammoniaksalpeter, ­
  für  die  Kälteindustrie  Ammoniakwasser  eigens  hergestellt  wurde  und
nicht  unter  der  oben  erwähnten  Aufstellung  berücksichtigt  ist.  Allenfalls  braucht
z.  B.  die  Seidenindustrie  eine  kleine  Menge  von  dem  oben  angegebenen
schwefelsauren  Ammoniak.
Anmerkung  3  und  4  siehe  Seite  4.
        <pb n="4" />
        4

Dazu  kommen  noch  in  Form  von  Peruguano,  Knochenmehl,  Blutmehl,
  Hornmehl  und  ähnlichen  stickstoffhaltigen  Handelsdüngeniitteln
nennenswerte  Stickstoffmengen  hinzu,  die  hier  aber  nicht  weiter  berücksichtigt ­
  seien.  Das  Ammoniaksuperphosphat  wird  erst  durch  Mischung
aus  schwefelsaurem  Ammoniak  und  Superphosphat  hergestellt,  sein
Stickstoffgehalt  ist  in  den  oben  für  schwefelsaures  Ammoniak  angeführten ­
  Werten  enthalten.
Die  Verminderung  Mit  Kriegsausbruch  fielen  nun  außer  ge&amp;gt;
des  zur  Verfügung  ringeren,  beim  Verbraucher  selbst  lagernden  Menstehenden ­
  Dünge-  gen  von  Chilesalpeter  zunächst  einmal  die  100  000
stickstoffs  durch  den  Tonnen  Chilesalpeterstickstoff  völlig  fort,  da  etwa
noch  vorrätige  Mengen  für  andere  Zwecke  eingezogen ­
  wurden  und  Zufuhren  wegen  der  Tätigkeit  der  englischen  Flotte
ausblieben.  Die  Gewinnung  von  schwefelsaurem  Ammoniak  sank
nach  der  Mobilmachung  auf  annähernd  die  Hälfte,  von  der  indessen
ganz  erhebliche  und  dauernd  steigende  Mengen  anderen  Zwecken  zugeführt ­
  werden  müssen,  so  daß  für  die  Landwirtschaft  jetzt  kaum  ein
Sechstel  der  ursprünglich  96  000  Tonnen  übrig  bleibt.  Die  ausländischen ­
  Zufuhren  von  Kalksalpeter  dürsten  sich  wenigstens  um  ein
Drittel  bis  die  Hälfte  verringert  haben,  soweit  sie  nicht  mit  der  Zeit
ganz  ausblieben.  Wie  weit  sie  landwirtschaftlichen  Zwecken  nutzbar  gemacht ­
  wurden,  ist  nicht  anzugeben.  Aus  blieb  auch  zumeist  der  sonst  eingeführte ­
  Kalkstickstoff,  von  dem  wir  nämlich  reichlich  ein  Drittel  des
Jahresbedarfs  aus  dem  Auslande  bezogen.  Somit  müßte  sich  jetzt
nach  Verbrauch  der  meisten  etwa  verfügbaren  Vorräte^)  die  noch  ver-3)
  Von  anderer  Seite  wird  der  Verbrauch  auch  als  geringer  angesehen.
Ob  die  gesamte  Menge  in  der  Landwirtschaft  als  Kalkstickstoff  angewandt  worden ­
  ist,  oder  ob  ein  Teil  vorher  auch  in  andere  Stickstofformen,  besonders
schwefelsaures  Ammoniak  umgewandelt  wurde,  ist  nicht  mit  Sicherheit  zu
sagen;  da  ferner  eine  nicht  anzugebende  Menge  Kalkstickstoff  mit  etwa  16"/«
Stickstoffgehalt  in  den  Handel  kam,  so  kann  auch  aus  diesem  Grunde  die
oben  genannte  Menge  einer  Herabsetzung  bedürfen.
4)  Auch  dieser  Wert  ist  nicht  als  durchaus  genau  anzusehen.  Alle  Angaben ­
  sind  in  Tonnen  gebundenen  Stickstoffs  gemacht,  da  ein  Vergleich  der
Gewichtsmengen  der  einzelnen  Düngemittel  an  sich  natürlich  ihrer  verschiedenen ­
  Prozentgehalte  halber  keine  gute  Überblicksmöglichkeit  gibt.
5)  Für  schwefelsaures  Ammoniak  z.  B.  waren  die  in  der  deutschen
Ammoniak-Verkaufsvereinigung  verbundenen  Werke  Ende  1913  bis  zu  ihrer
vollen  Lagerungsverpflichtung  mit  Vorräten  besetzt.
        <pb n="5" />
        5

bleibende  Menge  an  Düngestickstoff  für  Deutschland  zunächst  noch  stellen
auf  jährlich:
16  000  Tonnen  Stickstoff  in  Form  von  schwefelsaurem  Ammoniak,  und
11  000  „  Stickstoff  in  Form  von  Kalkstickstoff"),  somit  zusammen
27  000  Tonnen  oder  rund  12,6  "/„  des  sonstigen  Jahresverbrauches.
Daß  hierdurch  ein  ganz  außerordentlich  bedenklicher  Rückgang  der
deutschen  Ernten  hätte  herbeigeführt  werden  müssen,  liegt  auf  der  Hand.
Man  hat  mit  einiger  Berechtigung  angenommen,  daß  durch  eine  Tonne
Düngestickstoff  unter  sonst  günstigen  Verhältnissen  rund  20  Tonnen  Getreidekörner ­
  mehr  erzeugt  werden  können.  Das  gilt  natürlich  nicht  für
die  Verhältnisse  der  Landwirtschaft  ini  allgemeinen,  wo  die  außer  der
Stickstoffgabe  erforderlichen  günstigen  Bedingungen  sich  häufig  nur  zum
Teil,  bei  ungünstiger  Witterung  aber  auch  gar  nicht  herstellen  lassen.
Immerhin  mag  man  aus  der  Zahl  entnehmen,  was  es  für  die  Versorgung ­
  unseres  Vaterlandes  mit  Brotgetreide,  mit  Kartoffeln,  für  die
sich  der  Gewinn  für  die  Tonne  Düngestickstoff  auf  200  Tonnen  stellen
kann,  und  mit  Zuckerrüben  u.  dgl.  bedeuten  würde,  wenn  nur  der  achte
Teil  des  sonst  verwendeten  Düngestickstoffs  aus  Handelsdüngemitteln
verfügbar  wäre.
DiedeutscheLuftstick-  Die  Staatsregierung  hat  denn  auch  in  weiser
stoffgewinnung  und  Voraussicht  den  Warnungen  der  beteiligten  Kreise
ihre  Ausdehnung  Gehör  geschenkt  und  dahin  gewirkt,  daß  nach  Verdnrch
  den  Krieg,  brauch  frer  Vorräte  und  Eintritt  des  vollen  Bedarfs
für  anderweitige  Zwecke  neue  Stickstoffmengen  in  Form  von  Düngemitteln ­
  in  den  Verkehr  kommen  können,  die  aus  dem  großen,  unerschöpflichen ­
  Stickstoffvorrat  der  Luft  mit  Hilfe  unserer  chemischen  Industrie ­
  gewonnen  worden  sind.
Gerade  zur  rechten  Zeit  nämlich  ist  die  Gewinnung  von  gebundenen! ­
  Stickstoff  für  Düngezwecke  aus  der  Luft  von  der  Zeit  größerer
Versuche  in  die  Zeit  der  Durchführung  im  Großbetriebe  getreten.  Es
niuß  hier  genügen,  daran  zu  erinnern,  daß  wesentlich  drei  Verfahren
für  die  Gewinnung  von  Düngestickstoff  aus  Luft  heute  in  Betracht
kommen:  Die  Verbrennung  der  Luft  durch  den  elektrischen  Strom  nach

6)  In  Wirklichkeit  weniger  Kalkstickstoff  und  mehr  schwefelsaures  Ammoniak, ­
  da  auch  der  Kalkstickstoff  von  anderen  Industrien  herangezogen  wurde
und  so  das  schwefelsaure  Ammoniak  entlastete.
        <pb n="6" />
        6

B  i  r  k  e  l  a  n  d  -  E  Y  d  e  oder  Schönherr,  ein  Verfahren,  das  in
Deutschland  bei  dem  Fehlen  großer  Wasserkräfte  und  dadurch  bedingter,
sehr  billiger  Elektrizitätsgewinnung  mit  seinen  hohen  Ansprüchen  an
elektrische  Kraft  wohl  nicht  wohlfeil  genug  arbeitet.  Dann  die  Bindung ­
  des  Luftstickstoffs  bei  höheren  Temperaturen  durch  Kalziumkarbid,
welche  als  Endprodukt  den  Kalkstickstofs  liefert,  wie  die  Luftverbrennung ­
  den  Kalk-  oder  Norgesalpeter.  Und  endlich  die  Vereinigung  der
Elemente  Wasserstoff  und  Stickstoff  mit  Hilfe  von  Kontaktstoffen  unter
hohem  Druck  bei  mäßiger  Wärme  zu  Ammoniak  nach  dem  Verfahren
von  Haber.  Die  Methoden  von  H  ä  u  ß  e  r,  Luft  durch  Explosion  von
Gichtgasen  zu  verbrennen,  und  vou  S  e  r  p  e  k,  Ammoniak  aus  Aluminiumnitrid
  herzustellen,  scheinen  noch  nicht  ausreichende  Bedeutung
für  Anwendung  im  Großbetriebe  zur  Düngestickstoffherstellung  erlangt
zu  haben.  Jedenfalls  hat  man  noch  nichts  davon  gehört,  daß  sie  für
unseren  landwirtschaftlichen  Bedarf  eine  Rolle  zu  spielen  vermöchten.
Vor  Kriegsausbruch  stellte  indessen  auch  die  inländische  Kalkstickstoffindustrie
  nur  rund  11000  Tonnen  gebundenen  Stickstoff  her,  wie  schon
erwähnt,  und  nach  dem  Ha  berschen  Verfahren  wurden  annähernd
7500  Tonnen  gewonnen,  so  daß  die  Luftstickstoffgewinnung  in  Deutschland ­
  praktisch  noch  eine  recht  geringe  Bedeutung  gegenüber  der  Stickstoffgewinnung ­
  aus  Kohlch)  und  durch  Einfuhr  aus  Chile  besaß.  Daß
sich  das  im  Laufe  der  Zeit  ändern  würde,  war  anzunehmen,  machte  bereits ­
  den  Vertretern  der  sozusagen  alteingesessenen  Stickstoffdüngemittel ­
  einige  Sorge,  und  hatte  auch  schon  zum  Teil  durch  Verträge  zur
Sicherung  vor  schneller  Vermehrung  der  Herstellung  geführt.  Wenn
eine  derartige  künstliche  Niederhaltung  des  Angebots  auch  nicht  im
Interesse  der  Verbraucher,  hier  in  der  ersten  Linie  unserer  Landwirtschaft ­
  liegt,  so  mag  sie  doch  vom  Gesichtspunkt  der  beteiligten  Industrie
als  verständlich  gelten.  Nur  muß  man  dann  es  auch  als  verständlich
ansehen,  wenn  die  Landwirtschaft  auf  ähnlichem  Gebiet  für  ihre  eigenen
Interessen  Stellung  zu  nehmen  sucht.  Das  sei  schon  hier  gesagt.
Eine  Beschleunigung  trat  nun  in  der  Entwicklung  der  Luftstickstoffgewinnung ­
  im  höchsten  Grade  durch  die  mit  dem  Kriegsausbruch  so
außerordentlich  sinkende  Menge  verfügbar  werdenden  Chilesalpeters
und  Kokereiammoniaks  ein.  Da  die  bisherigen  Quellen  nicht  oder  nicht
7)  In  Kokereien  und  Gasanstalten,  die  zur  Gewinnung  von  schwefelsaurem ­
  Ammoniak  führt.
        <pb n="7" />
        7

annähernd  in  ausreichendem  Maße  den  Bedarf  zu  decken  vermochten,
hieß  es,  schleunigst  so  weit  wie  niöglich  die  Fehlbeträge  zu  ersetzen,  wozu
nur  die  Luftstickstoffgewinnung  in  der  Lage  sein  konnte.  Die  Staatsregierung ­
  hat  denn  auch  dafür  gesorgt,  so  schnell  wie  möglich  das
Nötige  in  die  Wege  zu  leiten  und  der  Stickstoffindustrie  die  Anpassung
an  die  neuen  Verhältnisse  zu  erleichtern.  Sehr  richtigerweise  hat  nian
nicht  nur  ein  Verfahren  gewählt,  obwohl  das  vielleicht  rechnerisch  Vorzüge ­
  hätte  bieten  können.  Da  aber  angesichts  der  Aushungerungspläne ­
  unserer  Feinde  die  ausreichende  Stickstoffversorgung  der  deutschen
Landwirtschaft  Lebensbedingung  für  uns  war,  von  anderen  Anforderungen ­
  an  den  heimischen  Stickstoffmarkt  zu  schweigen,  so  konnte  weise
Vorsicht  nur  zu  ihrem  Rechte  kommen,  weinr  die  im  großen  als  durchführbar ­
  erprobten  Stickstoffgewinnungsverfahren  beide  gefördert  wurden, ­
  also  sowohl  die  Frank-Caro  sche  Kalkstickstoffgewinnung,  wie
die  Ammoniakherstellung  nach  Haber.  Und  bei  schneller  Inangriffnahme ­
  der  erforderlichen  Einrichtungen  war  zu  erwarten,  daß  gerade
dann,  wenn  nach  Verbrauch  der  Vorräte  das  oben  angegebene.  Mindestmaß") ­
  der  Versorgung  unserer  heimischen  Landwirtschaft  mit  27  000
Tonnen  Düngestickstoff  fürs  Jahr  erreicht  zu  werden  drohte,  durch  neu
aus  der  Lust  gewonnenen  Stickstoff  wieder  der  Gefahr  begegnet  werden
konnte.
Sobald  die  neuen  Werke  völlig  im  Betriebe  sind,  werden  sie,  da  unvorhergesehene ­
  Störungen  wohl  als  ausgeschlossen  gelten  dürfen,  schwefelsaures ­
  Ammoniak  nach  Haber  in  Mengen  von  zunächst  jährlich  61  500
Tonnen  Stickstoff  liefern,  d.  h.  sechs  Zehntel  des  uns  früher  aus  Chile
zufließenden  Düngestickstoffs.  Kalkstickstoff  wird  uns  aber  zwischen
76  000  und  80  000  Tonnen  Stickstoff  bieten,  somit  reichlich  drei  Viertel
des  sonst  als  Chilesalpeter  gebrauchten  Düngestickstoffs.  Wir  kommen
daher,  wenn  wir  noch  etwaigen  Bedarf  von  anderer  Seite  vorsichtig
abziehen,  auf  die  Menge  von  etwa  130  000  Tonnen  Düngestickstoff,
die  für  das  weitere  Kriegsjahr  zunächst  der  deutschen  Landwirtschaft

8)  Ohne  daß  man  sicher  urteilen  kann,  ist  anzunehmen,  daß  dasselbe  ohne
umfangreiche  Neuherstellung  von  gebundenem  Stickstoff  mit  der  Zeit  infolge
wachsender  Anforderungen  von  anderen  Seiten  bis  auf  Null  herabgegangen  wäre,
so  daß  für  die  deutsche  Landwirtschaft  nur  noch  die  in  der  Wirtschaft  selbst  gewonnenen ­
  Stickstoffdüngemittel  und  ein  wenig  schwerer  löslicher  Knochen
mehlftickstoff  u.  dgl.  übrig  geblieben  wäre.
        <pb n="8" />
        8

zur  Verfügung  stehen  wird.  Das  sind,  da  die  Rechnung  ziemlich
vorsichtig  durchgeführt  wurde,  immerhin  annähernd  zwei  Drittel
der  sonst  von  der  deutschen  Landwirtschaft  benutzten  Stickstoffmengen.
Es  bleibt  allerdings  so  noch  ein  erheblicher  Fehlbetrag  gegen  den
früheren  Verbrauch,  besonders  wenn  man  mit  der  schon  oben  erwähnten
Verminderung  des  Stickstoffgehalts  in  unserem  Stalldünger  infolge
verminderter  Verfütterung  von  Kraftfutter  u.  dgl.  rechnet,  aber  jedenfalls ­
  ist  von  einer  Stickstoffnot  für  die  deutsche  Landwirtschaft  nicht
mehr  die  Rede.  Und  es  mag  sogar  fraglich  erscheinen,  ob  bei  der  durch
den  Krieg  zweifellos  aus  mannigfachen  Gründer?)  verringerten  Aufnahmefähigkeit ­
  unserer  Landwirtschaft  für  Stickstoffdüngemittel  die  Bereitstellung ­
  sehr  erheblich  größerer  Mengen  ratsam  und  von  Erfolg  begleitet ­
  gewesen  wäre.  Zudem  dürfen  wir  ja  auch  die  Hoffnung  hegen,  daß
dem  nun  bald  abschließenden  ersten  Kriegsjahre  nicht  etwa  noch  eine
Reihe  weiterer  folgen  wird,  sondern  daß,  dank  den  Erfolgen  unserer
tapferen  Truppen,  das  zweite  Kriegsjahr  doch  Wohl  den  siegreichen  Abschluß ­
  dieses  Existenzkanipfes  für  Deutschland  bringen  wird.  Eine  gewisse, ­
  in  mäßigem  Umfange  weitergehende  Vermehrung  der  Luftstickstoffherstellung ­
  wäre  aber  auch  jetzt  noch  durchaus  zu  wünschen.
Sonst  läßt  sich  auch  durch  zweckmäßige  Kalkdüngung  noch  Stickstoff ­
  in  weitem  Umfange  aus  unseren  Ackerböden  den  Pflanzen  zur
Verfügung  stellen.  —
Herstellung  und  Ab-  Was  uns  nun  aber  weiter  beschäftigen  soll,  ist
satz  von  Düngestick-  die  Frage:  Wie  wird  es  nach  dem  Kriege?  Daß
st-ff  in  Deutschland  unsere  Landwirtschaft  nach  dem  Kriege  jedenfalls
nach  dem  Kriege.  mt f  Jahre  hinaus  nicht  die  früher  durch  Einfuhr,  aus
den  Kokereien  und  den  sonstigen  damals  bestehenden  Anlagen  gelieferte
Menge  von  anähernd  217  000  Tonnen  Düngestickstoff  zuzüglich  der
durch  die  neuen  Anlagen  dazu  neu  hergestellten  rund  126  000  Tonnen
verbrauchen  kann,  unterliegt  überhaupt  keiner  Frage,  falls  man  mit  den
vor  dem  Kriege  üblichen  Preisen  der  Stickstoffdüngemittel  rechnet.  Im
Gegenteil,  es  ist  wohl  anzrinehmen,  daß  unsere  durch  Verlust  vieler  tüchtiger ­
  Männer,  durch  Entzug  erheblicher  und  durchaus  nicht  schnell  zu
ersetzender  Mengen  von  Spannvieh  und  viele  andere  Lasten  stark  bell) ­
  Verminderter  Zuckerrübenanbau,  weniger  sorgfältige  Bestellung  wegen
geringerer  Anspannung,  erschwerter  Bezug  der  Düngemittel,  vermehrte  Sparsamkeit ­
  in  der  ganzen  Bewirtschaftung,  usw.
        <pb n="9" />
        9

2

einträchtigte  Landwirtschaft  viel  eher  einen  erheblichen  Minderbedarf
an  Stickstoffdüngemitteln  gegen  früher  aufzuweifen  haben  wird.  So
mancher  früher  mit  Chilesalpeter  etwas  verschwenderisch  umgehende
Landwirt  auf  unseren  besseren  Böden  hat  zudem  voraussichtlich  in  der
Kriegszeit  gelernt,  daß  es  bei  den  hohen  Aufwendungen  für  solche  Düngung ­
  auch  mit  weniger  geht,  wenigstens  was  seinen  privatwirtschaftlichen ­
  Standpunkt  anbelangt.  Für  mehr  als  höchstens  200  000  Tonnen
Kunstdüngerstickstoff  in  der  leichter  löslichen  Form  wird  daher
meines  Erachtens  in  den  nächsten  zwei  bis  drei  Jahren  nach  dem
Kriege  in  der  deutschen  Landwirtschaft  bei  den  vor  dem  Kriege
üblichen  Preisen  kein  Verbrauch  zu  finden  sein,  wobei  zunächst  etwas
weniger,  dann  etwas  mehr  als  diese  Menge  verbraucht  werden  wird.
Ja,  selbst  wenn  wir  annehmen,  daß  der  bisherige  Friedensbedarf
unserer  Industrie  an  Stickstoff  nicht  mehr  in  Form  von  Chilesalpeter,
sondern  durch  heimische  Produkte  gedeckt  werden  würde,  und  so  hierdurch
annähernd  30  000  Tonnen^)  Stickstoff  aus  dem  heimischen  Düngemittelstickstoffmarkt
  noch  Aufnahme  finden  könnten,  so  würde  auch  auf  diese
Weise  die  heimische  Produktion  kaum  untergebracht  werden  können.  Denn
sie  würde  mit  rund  236  000  Tonnen  immer  noch  um  nicht  ganz  10  000
Tonnen  über  den  Bedarf  hinausgehen,  wenigstens  für  die  ersten  Jahre
nach  dem  Kriege,  selbst  wenn  überhaupt  kein  gebundener  Stickstoff,
weder  Chilesalpeter,  noch  Kalksalpeter,  noch  Kalkstickstoff  aus  dem  Auslande
  eingeführt  würde.  Es  müßte  wohl  auch  noch  auf  die  stickstoffhaltigen ­
  natürlichen  Düngergemische,  wie  Peruguano,  Knochenmehl,
Blutmehl  u.  dgl.,  welche  wir  zum  Teil  aus  dem  Auslande  einführten,
ebenfalls  mehr  oder  weniger  Verzicht  geleistet  werden,  sollte  die  nach
dem  Kriege  in  Deutschland  produzierte  Stickstoffmenge  bei  uns  auch
Aufnahme  finden,  oder  es  müßten  besondere  Maßregeln  für
diesen  Zweck  ergriffen  werden.  Freilich  kann  man  ja  noch
berücksichtigen,  daß  zunächst  Ammoniak  aus  den  Kokereien  nicht
in  der  vor  dem  Kriege  gelieferten  Menge  erhalten  werden
wird.  Denn  auch  die  Schwerindustrie  und  die  mit  ihr  zusammenhängende ­
  Herstellung  des  schwefelsauren  Ammoniaks  in  den  Kokereien ­
  wird  nicht  sogleich  wieder  in  voller  Tätigkeit  sein  können.

10)  Die  von  der  Industrie  bei  uns  verbrauchte  Menge  Salpeterstickstoff
wird  auch  erheblich  höher,  und  die  von  der  Landwirtschaft  aufgenommene
Menge  dann  entsprechend  niedriger  eingeschätzt.
        <pb n="10" />
        10

Immerhin  ist  es  aber  bei  dem  großen  Eisenbedarf  von  Heer  und  Flotte,
bei  der  wieder  auflebenden  Bautätigkeit  und  bei  den  Anforderungen
der  Eifenbahnen  wie  der  Schiffahrt  und  vieler  Industriezweige  auf  Erneuerung ­
  und  Erweiterung,  doch  zu  erwarten,  daß  die  Ammoniakherstellung
  durch  Verkokung  von  Kohlen  viel  schneller  wieder  ihre  volle  Produktionsziffer ­
  erreicht  haben  wird,  als  die  Landwirtschaft  ihre  frühere
Aufnahmefähigkeit  für  den  bei  Preisen  wie  vor  dem  Kriege  doch  auch
recht  teueren  Stickstoffhandelsdünger.
Wir  feheu  hiernach,  daß  selbst  bei  Fernhaltung  allen  früher  vom
Ausland  her  eingeführten  Dünger-  und  industriellen  Stickstoffs  unsere
einheimische  Produktion  auf  Jahre  nach  dem  Kriege  hinaus  voraussichtlich ­
  Absatzschwierigkeiten  haben  und  verurteilt  sein  würde,  jede  Ausdehnung ­
  ängstlich  zu  vermeiden.  Eine  Erhöhung  des  Absatzes  ins  Ausland, ­
  das  ja  zudem  die  bisher  vom  deutschen  Markt  aufgenommenen
ausländischen  Stickstoffverbindungen  zur  Verfügung  haben  würde,  muß
sich  durch  die  gleichfalls  als  Folge  des  Krieges  dort  zunächst  vorhandene
geringere  Aufnahmefähigkeit  der  Landwirtschaft,  wie  durch  die  in  denVereinigten
  Staaten  von  Nordamerika  steigende  Ausnutzung  der  Möglichkeit,
Kokereiammoniak  zu  gewinnen,  bei  den  vor  dem  Kriege  üblichen  Preisen
als  ziemlich  ausgeschlossen  erweisen.  Das  einzige,  aber  freilich  sicheren
Erfolg  in  Aussicht  stellende  Hilfsmittel  wäre  eine  erhebliche  Verbilligung ­
  des  Düngestickstoffs  nach  dem  Kriege.  Und  bei  richtiger  Durchführung ­
  der  notwendigen  Maßnahmen  muß  eine  solche  durchaus  als
möglich  bezeichnet  werden!  Doch  darüber  später.  —
Das  Angebot  von  Die  in  den  vorstehenden  Zeilen  geschilderten
Chilesalpeter  nach  Schwierigkeiten  für  den  deutschen  Stickstoffmarkt
dem  Kriege.  müssen  sich  nun  ohne  Frage  ganz  außerordentlich
steigern,  wenn  nach  Abschluß  des  Krieges  der  Salpeterhandel  wieder
auf  dem  deutschen  Markt  auftritt.  Die  sichtbaren  Vorräte  in  Chile
haben  sich  für  den  31.  Dezember  1914  trotz  Stillegung  einer  Anzahl  der
dortigen  Betriebe  gegen  das  Jahr  1913  um  nahezu  dreiviertel  Millionen ­
  Tonnen  Chilesalpeter,  gleich  weit  über  109  000  Tonnen  Chilesalpeterstickstoff, ­
  vermehrt,  und  werden  sich  vielleicht  noch  weiter  vermehren. ­
  Soweit  es  die  Schwierigkeiten  der  Verschiffung  erlauben,
wird  voraussichtlich  der  Salpeterhandel  versuchen,  selbst  mit  Opfern
nach  dem  Kriege  seine  Lagerbestände  zu  räumen  und  seine  Produktion
wieder  in  möglichst  vollem  Umfange  aufzunehmen.
        <pb n="11" />
        11

2*

Der  Entwurf  des  Diese  Umstände  haben  in  Verbindung  mit  der
Stickstoff-Handels-  für  unsere  Landessicherheit  auch  in  Zukunft  drinmonopols.
  gend  erwünschten  Sicherung  unseres  Bedarfs  an  ,,
Stickstofsverbindungen  dahin  geführt,  daß  am  8.  März  dieses  Jahres
dem  Reichstag  ein  Gesetzentwurf  vorgelegt  wurde,  der  den  Bundesrat ­
  ermächtigen  will,  für  die  bisher  genannten  und  einige  sich  anschließende ­
  Stickstoffdüngemittel  und  die  daraus  hergestellten  Handelsprodukte ­
  einfacher  Art  ein  Handelsmonopol  bis  zunächst  zuin  Jahre
1922  durchzuführen.
Der  Entwurf  gibt  ungefähr  die  folgenden  Forderungen:
„Der  Bundesrat  wird  ermächtigt,  für  die  Zeit  bis  zum  31.  März
1922  für  die
a)  anorganischen  stickstoffhaltigen  Mineralien,  worunter  Kalisalpeter ­
  und  Chilesalpeter  verstanden  sind,
b)  aus  Naturerzeugnissen  sowie  aus  Stickstoff  primär  hergestellten
  künstlichen  Stickstosfverbindungen,  wozu  Salpetersäure, ­
  salpetrige  Säure,  Ammoniakgas  und  Kalkstickstosf  gehören, ­

o)  aus  den  unter  a  und  b  genannten  oder  anderen  Stoffen  erzeugten ­
  stickstoffhaltigen  Düngemittel,  wozu  hauptsächlich
künstlich  hergestellte  salpetersaure  und  salpetrigsaure  Salze
(Kalisalpeter,  Natronsalpeter,  Kalksalpeter,  Ammoniaksalpeter, ­
  Natriumnitrit),  schwefelsaures  Ammoniak,  Harnstoff
und  Guanidin  gezählt  werden,
ein  Handelsmonopol  einzuführen  und  die  hierfür  erforderlichen  Vorschriften ­
  zu  erlassen.  Über  den  31.  März  1922  hinaus  darf  das  Handelsmonopol ­
  nur  auf  Grundlage  eines  besonderen  Reichsgesetzes  erstreckt ­
  werden."
Nach  einigen  weiteren  Darlegungen,  die  hier  übergangen  werden
können,  weil  sie  nur  kurze  Erklärungen  zu  der  hier  eingehender  gewürdigten ­
  Sachlage  bringen,  heißt  es  dann  in  dem  Entwurf:
„Zur  Erhaltung  dieser  in  Kriegszeiten  geschaffenen,  für  die
Sicherung  des  Ernteergebnisses  der  Landwirtschaft  und  des  Rohstoffbedarfs ­
  der  Sprengstoffherstellung  überaus  wichtigen  Stickstoffindustrie
  auch  nach  dem  Kriege  muß  deren  Rentabilität  sichergestellt  werden.
Das  läßt  sich  erreichen,  ohne  daß  der  Landwirtschaft  die  ihr  unbe-
        <pb n="12" />
        12

dingt  nötigen  Stickstoffdüngemittel  gegenüber  den  von  ihr  früher  gezahlten ­
  Preisen  irgendwie  verteuert  werden.  Die  Berechnung  der  Produktionskosten ­
  der  neuen  Anlagen  ergibt  vielmehr,  daß  die  Landwirtschaft ­
  auf  die  Dauer  zu  geringeren  als  den  bisherigen  Preisen  mit
Stickstoff  versorgt  werden  kann.  Eine  Sicherung  der  Rentabilität  der
neuen  Anlagen  und  damit  die  dauernde  Erhaltung  der  Vorteile  kann
nur  dadurch  gewährleistet  werden,  daß  die  Möglichkeit  einer  Einführung ­
  eines  Stickstoffhandelsmonopols  geschaffen  wird.  Bei  der  Notwendigkeit ­
  eines  schleunigen  Vorgehens  bietet  sich  fetzt  nur  der  eine
Weg,  daß  dem  Bundesrat  durch  ein  Gesetz  die  Ermächtigung  erteilt
wird,  ein  Handelsmonopol  einzuführen.  Die  vom  Bundesrat  zu  erlassenden ­
  Vorschriften  werden  nur  als  ein  Notgesetz  anzusehen  sein.
Über  ein  endgültiges  Gesetz  werden  zu  gegebener  Zeit  die  beiden  gesetzgebenden ­
  Körperschaften  des  Reiches  zu  beschließen  haben."
Die  Sicherung  un-  Soweit  der  Gesetzentwurf.  —  Erwägen  wir  zuseres
  Stickstoffbe-  nächst,  ob  das  für  ihn  in  den  Vordergrund  gestellte
darfs  und  ihre  Not-  Ziel,  die  „Erhaltung  dieser  in  Kriegszeiten  gewendigkeit.
  schaffenen,  für  die  Sicherung  des  Ernteergebnisses
der  Landwirtschaft  und  des  Rohstoffbedarfs  der  Sprengstoffherstellung
überaus  wichtigen  Stickstoffindustrie  auch  nach  dem  Kriege"  als  für
Deutschland  erstrebenswert,  ja,  als  notwendig  anzusehen  ist?
Die  Antwort  kann  Wohl  nur  bejahend  lauten.  Denn  mag  der  Krieg
noch  so  erfolgreich  für  unser  Vaterland  verlaufen,  die  Zeit  ewigen  Friedens ­
  wird  ebensowenig  hereinbrechen,  wie  etwa  nach  den  Kriegen  von
1813/15  und  1870/71.  Im  Gegenteil;  je  weniger  unsere  Feinde  ihre
Hoffnungen  erreicht  haben,  je  härter  sie  nach  Friedensschluß  die  selbstverschuldeten ­
  Folgen  des  Krieges  empfinden,  je  mehr  das  Dogma  von  der
Minderwertigkeit  alles  Deutschen  aus  der  Auslandslügenpresse  in  breite
Volkskreise  überging,  um  so  leichter  wird  es  dort  gelingen,  bei  einer
anscheinend  günstigen  Gelegenheit  den  Versuch  eines  erneuten  Waffenganges ­
  bei  Regierung  und  Bevölkerung  ratsam  erscheinen  zu  lassen.
Zudem  wird  für  unseren  Gegner  im  Osten  bis  auf  weiteres  stets  die
Zeit  mit  dem  dort  vorhandenen  großen  Geburtenüberschuß  arbeiten.
Daß  aber  die  Heeresverwaltung  und  die  Sprengstoffindustrie  besser
durch  eine  lebenskräftige  Stickstoffindustrie  für  den  Notfall  gewappnet
fein  werden  und  sein  müssen,  als  durch  etwa  zu  erhaltende  große
        <pb n="13" />
        13

Lagerbestände,  dürfte  einleuchten,  zumal  es  sich  im  anderen  Falle  um
riesige  Mengen")  einzulagernder,  voraussichtlich  auch  noch  feuergefährlicher ­
  Stoffe  handeln  dürfte.  Man  würde  auch  daran  denken  müssen,  daß
unsere  Heeresverwaltung  ohnehin  auf  so  manchem  anderen  Gebiete  nach
dem  Kriege  einen  „Juliusturm"  im  Inland  fehlender  Rohstoffe  wird  anlegen ­
  müssen.  Wollte  man  aber  auch  die  Möglichkeit  zugeben,  den  Bedürfnissen ­
  unseres  Munitions-  und  Sprengstoffbedarfs  durch  Speicherung ­
  großer  Vorräte  für  einen  Krieg  genügende  Sicherheit  zu  schaffen,
so  würde  das  Gleiche  kaum  für  die  Bedürfnisse  der  Landwirtschaft  möglich ­
  sein,  die  ein  Mehrfaches  von  dem  soeben  erwähnten  Bedarf  darstellen. ­
  Und  doch  wäre  Vorsorge  nötig,  denn  die  wachsende  Bevölkerungszahl ­
  unseres  Heimatlandes  wird  das  Ausbleiben  der  nötigen  Stickstoffdüngemittel
  und  deren  Beschaffung  auf  völlig  neuer  Grundlage  nicht
wieder  so  gut  in  einem,  hoffentlich  noch  in  weiter  Ferne  liegenden  neuen
Kriege  ertragen  können,  wie  in  dem  jetzt  noch  im  Gange  befindlichen.
Welche  Anforderungen  an  Geldmitteln  solche  ungeheueren  Vorräte
stickstoffhaltiger  Rohmaterialien  dazu  stellen  würden,  und  zwar  an  neu
aufzuwendenden  Mitteln  gegenüber  den  bereits  größtenteils  ausgegebenen ­
  für  unsere  neue  Stickstoffindustrie,  bliebe  auch  noch  zu  erwägen.
Und  endlich  ist  eine  solche  Speicherung  der  außerordentlichen,  in  Betracht ­
  kommenden  Mengen  halber  wohl  erst  im  Lause  eines  Jahrzehnts
oder  in  nur  wenig  kürzerer  Frist  durchführbar.  Wir  müssen  aber  sofort
nach  dem  Friedensschluß  schon  wieder  völlig  gesichert  dastehen,  um  die
Erhaltung  des  Friedens  dann  nicht  nur  vom  guten  Willen  der  jetzigen
Feinde  abhängig  zu  wissen.
So  wird  man  bei  ruhiger,  sachgemäßer  Überlegung  nicht  umhin
können,  mit  der  Begründung  des  Gesetzentwurfs  die  Erhaltung  der
neugeschaffenen  Stickstoffindustrie  für  erforderlich  zu  halten.  Dabei  ist
wohl  selbstverständlich  nirgends  die  Absicht  vorhanden,  diese  heimische
Stickstoffindustrie  nun  dauernd  auf  ihrem  jetzigen  Standpunkt  zu  erhalten, ­
  sie  gewissermaßen  versteinern  zu  lassen,  sondern  nur,  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  unter  möglichst  ständiger  Verbesserung  dem  Bedarf  angepaßt
bleiben  zu  lassen.

11)  Die  von  einer  Seite  als  ausreichend  angesehene  Summe  von  vierzig
Millionen  Mark  würde  nur  einen  durchaus  unzulänglichen  Bruchteil  eines
solchen  „eisernen  Bestandes"  sichern  können.
        <pb n="14" />
        14

Der  Wettbewerb  des
Chilesalpeters  nach
dem  Kriege  und  das
englische  Kapital.

Wenn  aber  unsereStickstoffindustrie  lebensfähig
bleiben  muß,  wird  damit  auch  ein  Monopol  unerläßlich? ­
  —  Bereits  oben  konnte  ich  ausführen,  wie
sich  nach  Abschluß  des  Krieges  wahrscheinlich  der
Stickstoffmarkt  für  Deutschland  gestalten  wird,  und  daß  überreichlichem
Angebot  möglicherweise  nicht  ausreichende  Nachfrage  gegenüberstehen
kann.  Es  kommen  aber  noch  die  verschiedensten  Umstände  hinzu,  um
diese  voraussichtliche  Gestaltung  des  Marktes  gerade  für  die  deutsche
Stickstoffindustrie  bedrohlich,  ja  verhängnisvoll  zu  machen:
Zunächst  ist  zu  bedenken,  daß  die  Salpeterausbeutung  in  Chile  zun&amp;gt;
überwiegenden  Teil  in  den  Händen  englischen  Kapitals  ist.  Zwar  sind
nach  einer  Angabe  der  Hamburgischen  Handelskammer  neuerdings  auch
einige  Bremer  und  Hamburger  Firmen  dort  beteiligt,  deren  Werke,  wie
vorsichtig  gesagt  wird,  eine  Leistungsfähigkeit  von  etwa  600  000  Tonnen
Salpeter,  gleich  rund  76  000  bis  80  000  Tonnen  Salpeterstickstoff  besitzen. ­
  Wieviel  bisher  gefördert,  wie  groß  nicht  die  Leistungsfähigkeit"
sondern  die  Leistung  dieser  Werke  war,  ist  nicht  angegeben.  Nur  wird
gesagt,  daß  eine  der  vier  Firmen  die  Ausbeute  noch  nicht  aufgenommen
habe.  —  Aber  selbst  bei  voller  Ausnutzung  ihrer  Leistungsfähigkeit  würden ­
  diese  deutschen  Firmen  doch  nur  etwas  mehr  als  ein  Sechstel  der  für
1913  festgestellten  Gesamtgewinnung  an  Chilesalpeter  mit  rund  2  800  000
Tonnen,  gleich  434  000  Tonnen  Salpeterstickstoff,  in  den  Händen  haben
und  damit  kauin  irgendwie  maßgeblichen  Einfluß  ausüben  können.
Wohl  aber  darf  man  als  sicher  annehmen,  daß  daß  das  für  die  Salpeterausbeutung
  maßgebende  englische  Kapital  nach  dem  Kriege  einmal  im
wohlüberlegten  Selbstinteresse,  und  zweitens  in  Fortsetzung  des  wirtschaftlichen ­
  Kampfes  gegen  unser  Vaterland  alles  tun  wird,  um  die  ihm
bereits  nahezu  eigene  Monopolstellung  auf  dem  Stickstoffmarkt,  der  jetzt
zum  erstenmal  von  Deutschlands  Stickstoffindustrie  eine  wirkliche  Gefahr
droht,  zu  festigen  und  auszudehnen.  Der  Absicht  wird  mit  zähem  britischem ­
  Zielbewußtsein  das  Vollbringen  folgen,  wenn  Deutschland  den
wohl  kaum  wiederkehrenden  Zeitpunkt  heut  verpassen  sollte.  Bereits
jetzt  hat  man  von  englischer  Seite  Versuche  gemacht,  den  chilenischen
Salpeterausfuhrzoll  zu  pachten,  wie  glaubwürdige  Nachrichten  melden.
Zwar  ist  das  Ansinnen  bislang  abgewiesen  worden,  aber  man  weiß
nicht,  wie  lange  der  Widerstand  dauern  wird,  da  Chile  schwer  unter  den
Wirkungen  des  Krieges  leidet.  Schon  für  das  Jahr  1914  hat  die  Sal-
        <pb n="15" />
        15

Peterausfuhr  des  Landes  sich  um  ein  Drittel  vermindert,  für  1915  wird
diefe  Verminderung  ganz  erheblich  größer  sein,  da  ja  nicht,  wie  im
Vorjahre,  die  Ausfuhr  eines  halben  Jahres  in  die  Friedenszeit  fällt.
Dadurch  leidet  nicht  nur  die  Zahlungsbilanz  des  Landes,  sondern  auch
die  Staatseinnahmen,  von  denen  gut  die  Hälfte  durch  den  Salpeterzoll ­
  aufgebracht  wurde.  Wie  es  mit  ihnen  demnach  im  Jahre  1915
aussehen  wird,  liegt  auf  der  Hand,  zumal  mit  Verminderung  der  Einnahmen ­
  durch  Verkauf  und  Verzollung  von  Salpeter  naturgemäß  auch
die  Einfuhr  und  damit  gleichzeitig  die  Erträge  der  Einfuhrzölle  wesentlich ­
  zurückgingen.  Für  die  Engländer,  in  deren  Hand  bereits  die  überwiegende ­
  Zahl  der  Salpeterlager  und  -gruben  ist,  bedeutet  aber  die
Übernahme  des  Salpeterausfuhrzolles  gegen  eine  feste,  selbst  höher  als
die  bisherigen  höchsten  Erträge  des  Salpeterzolles  für  Chile  bemessene
Abgabe  ein  sehr  gutes  Geschäft.  Denn  dann  ist  es  ihnen  leicht,  auch
die  noch  in  andern  Händen  befindlichen  Salpeterbeteiligungen  und
Besitze  in  ihre  Hände  zu  bringen  und  damit  das  nahezu  schon  erreichte
Salpetermonopol  zu  einem  tatsächlichen  zu  gestalten,  das  dann  durch
seine  Macht  auch  eine  Verminderung  der  Abgabe  für  den  Salpeterzoll
seinerzeit  wieder  erreichen  könnte,  überhaupt  zum  maßgebenden  Faktor
in  Chiles  Wirtschaftsleben  auswachsen  würde,  gewiß  nicht  zur  Freude
des  deutschen  Handels  und  der  deutschen  Überseeinteressen.  Besonders
würden  die  den  Salpeterverkauf  dann  völlig  leitenden  Engländer  aber
dann  den  Kampf  gegen  Deutschlands  schon  ohnehin  mit  Überproduktion
kämpfende  junge  Stickstoffindustrie  nach  denr  Kriege  aufnehmen,  falls
bei  uns  nicht  ein  zweckmäßig  gestaltetes  Monopol  oder  Ähnliches  die
Abwehr  erleichtert.  Und  sie  würden  mit  großer  Aussicht  auf  Erfolg
in  diesen  Kampf  hineingehen  können.  Das  sei  kurz  dargelegt.
...  Von  den  dann  bei  Ausbleiben  des  Monopols
Tue  Fähigkeit  der  .
deutschen  Luftstick-  mit  Friedensanfang  wieder  fret  aus  dem  Stickstoffdüngemittel
  stoffmarkt  in  Wettbewerb  tretenden  Stickstoffzum
  Wettbewerb  mit  düngemitteln  hat  sich  bislang  der  Chilesalpeter
dem  Chilesalpeter  weitaus  der  größten  Beliebtheit  erfreut.  Die
»ach  dem  Kliege.  hat  ganz  wesentlich  ihren  Stickstoffbedarf ­
  durch  ihn  gedeckt,  und  ebenso  hat  der  Landwirt  in  sehr
vielen  der  Fälle,  in  denen  er  nicht  ein  Düngergemisch,  wie
z.  B.  das  Ammoiiiaksuperphosphat  bezog,  weitgehend  dem  Chilesalpeter ­
  den  Vorzug  gegeben.  Häufig,  aber  durchaus  nicht  immer  mit
        <pb n="16" />
        16

Recht.  Daß  der  Chilesalpeter  für  den  Landwirt  die  größten  Bequemlichkeiten ­
  bietet,  ist  nicht  zu  bezweifeln:  zu  jeder  Zeit  anwendbar,  ohne
größere  Vorsicht  auszustreuen,  nach  anzuwendender  Menge  und  Verwendungsart ­
  altgewohnt,  und  von  in  der  Praxis  sehr  angesehener
Seite  den  übrigen  Stickstoffdüngemitteln  Wohl  nicht  immer  auf  Grund
sicheren  Beweisnmterials  stark  vorangestellt,  hat  er  seine  führende  Stellung ­
  vor  dem  Kriegs  noch  unbeschränkt  besessen.  Unsere  deutsche  Landwirtschaft, ­
  die  nach  dem  Kriege  durch  Mangel  an  Arbeits-  und  Spannkräften, ­
  Futtermitteln  und  Vieh,  sowie  an  leitenden  Männern  für  viele
Wirtschaften,  wohl  auch  durch  Schwierigkeiten  im  Geldverkehr  mehr  als
je  ihre  volle  Tatkraft  in  Anspruch  genommen  finden  wird,  dürfte
dann  freiwillig  ganz  sicherlich  nicht  geneigt  sein,  Düngemittel  anzuwenden, ­
  die  ihr  in  der  Kriegszeit  zwar  bekannt  geworden  sind,  die  aber
doch  Unbequemlichkeiten,  Schwierigkeiten  und  anch  geringere  Erfolge
entweder  wirklich  oder  vernieintlich  bieten.  Daran  werden  auch  mäßige
Preisherabsetzungen  der  anderen  Stickstoffdüngemittel  gegenüber  dem
Chilesalpeter  nicht  viel  ändern,  zumal  man  zunächst  überhaupt  der  Neigung ­
  begegnen  wird,  den  Bezug  der  kostspieligen  Stickstoffdünger  etwas
einzuschränken.  Nutzen  nun  die  englischen  Salpeterproduzenten  die
Gunst  der  Stunde  durch  eine  Herabsetzung  der  Chilesalpeterpreise  aus,
so  ist  nicht  wohl  abzusehen,  wie  die  deutsche  Stickstoffindustrie,  falls  ihr
der  Schutz  eines  Monopols  oder  ähnlicher  Einrichtungen  fehlt,  sich
lebensfähig  erhalten  soll.  Nicht  nur  der  Kalkstickstoff,  der  zunächst  am
stärksten  leiden  würde,  da  seine  Anwendung  noch  am  wenigsten  durchgedrungen ­
  und  auch  am  schwierigsten  ist,  sondern  auch  das  schwefelsaure
Ammoniak  würde  voraussichtlich  mit  derartigen  Absatzschwierigkeiten  zu
tun  haben,  daß  die  beteiligten  Industrien  in  der  Zeit  von  einigen
Jahren  mürbe  gemacht  wären  und  nun  entweder  die  Tätigkeit  mehr  oderweniger
  einstellten,  oder  sich  zu  Vereinbarungen  mit  den  englischen  Salpeterinteressenten ­
  verstehen  würden,  welche  diesen  noch  mehr  als  sonst
die  Macht  in  die  Hände  gäben.  Man  hat  es  nur  nötig,  die  Vorgänge
auf  dem  Petroleum-  und  Zigarettenmarkte  im  Laufe  der  letzten  Jahre
vor  dem  Kriege  zu  verfolgen,  um  zu  wissen,  wie  schwer  sich  selbst  von
Staats  wegen  gegen  derartige  wirtschaftliche  Kämpfe  Stellung  nehmen
läßt,  wenn  einnial  der  richtige  Zeitpunkt  versäumt  war.  Und  dafür,
daß  dort,  wo  es  sich  um  Bequemlichkeit  in  der  Anwendung  von  Düngemitteln ­
  handelt,  der  deutsche  Landwirt  in  großer  Zahl  schon  vor
        <pb n="17" />
        17

dem  Kriege  leider  noch  für  seinen  Geldvorteil  blind  war,  fei  ein  deutliches ­
  Beispiel  gegeben:  Der  Kalkstickstoff  hat,  seiner  Herstellung  entsprechend, ­
  einen  Stickstoffgehalt  von  etwa  17—21°/„;  trotzdem  erwies
es  sich  für  seinen  Vertrieb  als  ratsam,  durch  Beimischung  wertloser
Steinkohlenasche  oder  ähnlicher,  feingemahlener  Stoffe  ihn  zum  Teil
auf  den  ungefähren  Gehalt  des  Chilesalpeters  zu  strecken,  nur  aus  dem
Grunde,  weil  es  vielen  Abnehmern  angenehmer  war,  mit  der  gleichen
Zentncrzahl  und  Pfundzahl  wie  beim  Chilesalpeter  rechnen  zu  können.
Daß  man  dabei  Mahlung,  Zumischung  und  Fracht  des  wertlosen  Zusatzes ­
  bezahlen  mutzte,  trat  für  manchen  Landwirt  gegenüber  der  Bequemlichkeit ­
  zurück.

Voraussichtliche  Folgen ­
  des  freien  Wettbewerbes ­
  auf  dem
heimischen  Stickstoff,
markt  nach  dem
Kriege.

Findet  also  der  Chilesalpeter  nach  dem  Kriege
in  Deutschland  freie  Bahn  neben  den  bei  uns  im
Inland  erzeugten  Stickstossdüngemitteln,  so  wird
es  voraussichtlich  zu  scharfen  Preiskümpfen  und  Unterbietungen ­
  kommen,  die  zwar  zunächst  dem  Landwirt ­
  billigen  Stickstoffdünger  verschaffen,  wahrscheinlich ­
  aber  dazu  führen  würden,  unsere  einheimische  Stickstoffinduftrie
 12 )  zum  großen  Teil  scharf  zu  schädigen,  zum  anderen  Teil  aber,
nämlich  soweit  sie  sich  halten  kann,  zu  einem  Produktions-  und  Preisabkommen ­
  mit  deu  Salpeterinteressenten  zu  bringen,  dessen  Kosten  in
erster  Linie  der  deutsche  Landwirt  zu  tragen  hätte.  Daß  solche  Abkommen ­
  leicht  zustande  kommen,  beweist  ja  die  bereits  erwähnte  Vereinbarung ­
  zwischen  den  Vertretern  des  Kokereiammoniaks  und  des  synthetisch ­
  hergestellten  Ammoniaks,  die  erst  für  das  Jahr  1917  die  Herstellung ­
  der  knappen  Hälfte  des  synthetischen  Ammoniaks  in  Aussicht
nahm,  das  wir  im  Laufe  des  kommenden  Jahres  erwarten  dürfen.

Reichsmonopel  oder  Mit  kurzen  Worten:  das  von  so  mancher  Seite
Privatmonopol?  um  seiner  selbst  willen,  aus  Prinzip,  gefürchtete  und
bekämpfte  Stickstoffmonopol  kommt  mit  oder  ohne  Zustimmung  unserer
gesetzgebenden  Stellen;  entweder  in  irgendeiner  Form  als  Reichsmonopol ­
  oder  in  irgendeiner  anderen  Form  als  Monopol  des  englischen
Salpeterkapitals,  mit  mehr  oder  minder  Beteiligung  der  leistungsfähig
  bleibenden  einheimischen  Firmen.  Vielleicht,  daß  sich  zur  Scho-12)

  Und  zwar  nicht  nur  für  Kalkstickstoff,  sondern  auch  für  schwefelsaures
Ammoniak.
        <pb n="18" />
        18

nung  deutscher  Empfindlichkeit  und  zur  Sicherung  einer  festeren
Stellung  gegenüber  Gegenmaßnahmen  der  deutschen  Regierung  auch
amerikanisches  Kapital  beteiligen  würde.  —  Eine  dritte,  augenblicklich
noch  ferner  liegende  Möglichkeit  der  inländischen  Salpeterherstellung
aus  Ammoniak  wird  später  noch  berücksichtigt,  indes  läuft  auch  sie  leicht
auf  ein  Privatmonopol  hinaus.
Somit,  wie  auch  die  Zukunft  für  den  Stickstoffmarkt  Deutschlands
sich  gestalten  mag:  Sehr  wahrscheinlich  wird  eine  Monopolbildung  eintreten. ­

Wer  daher  das  Monopol  an  sich  fürchtet  und  bekämpft,  der  mache
sich  klar,  daß  er  nicht  fein  Kommen  verhindern,  sondern  nur  die  Form,
die  es  gewinnen  wird,  und  die  Stelle,  welche  den  Ertrag  einsammeln
darf,  zu  beeinflussen  vermag.  Da  dürfte  es  wohl  vorzuziehen  fein,
daß  das  Reich  in  weitem  Umfange  an  den  zu  erhoffenden  Erträgen
teilnimmt,  anstatt  allein  deutsches,  oder  noch  wahrscheinlicher,  ausländisches ­
  Großkapital.  Zumal  für  unsere  heimische  Landwirtschaft  ist
die  Beteiligung  des  Reiches  wichtig,  uni  nicht  nur  rein  privatwirtschaftliche, ­
  sondern  auch  die  wichtigen  Interessen  der  Volksernährung  und
der  Erhaltung  der  Leistungsfähigkeit  unserer  Landwirtschaft  berücksichtigt
  zu  wissen.  Doch  auch  unsere  Stickstoff  verbrauchende  Industrie,
möge  sie  nun  Bedürfnis  für  Salpeter  oder  Ammoniak  haben,  wird  aus
der  rücksichtslos  über  Recht  und  Verträge  hinweggehenden  Kampfesweife ­
  der  Engländer  im  Wirtschaftskrieg  wohl  genug  gelernt  haben,  um
zu  wünschen,  keinesfalls  von  einem  letzten  Endes  englischen  Stickstoffmonopol ­
  abhängig  zu  werden.  Daher  kann  bei  ruhiger  und  möglichst
vorurteilsfreier,  sowie  unbeeinflußter  Überlegung  die  Entscheidung  für
ein  Reichs-Stickstoffmonopol  nicht  lange  zweifelhaft  sein.  Anders  mag
sich  aber  die  zweite  Frage  beantworten,  ob  das  von  der  Staatsregierung
vorgeschlagene  Handelsmonopol  sich  nun  als  der  beste  Weg  erweisen
wird,  aus  Schwierigkeiten  der  Zukunft  Zukunftsvorteile  zu  gestalten.
Die  Gestaltung  des  Die  Art  und  Weise,  wie  das  bisher  vor-Handelsmonopols.
  geschlagene  Handelsmonopol  sich  gestalten  soll,
ist  zunächst  noch  durchaus  dunkel.  Zwar  darf  man  annehmen, ­
  daß  dabei  die  Benutzung  der  Organisation  großer,  schon
vorhandener  Jnteressentengruppen  geplant  ist,  aber  eine  ganze  Unzahl
wichtiger  Fragen  nach  der  Durchführung  konnten  noch  nicht  einmal  zur
flüchtigen  Besprechung  in  der  Öffentlichkeit  gelangen,  weil  die  voraus-
        <pb n="19" />
        19

zusetzenden  Grundlagen  weitgehend  unbekannt  waren.  Das  ist  Wohl
auch  der  Grund,  weshalb  so  viele  Eingaben  aus  beteiligten  Industriekreisen
  sich  gegen  den  Regierungsentwurf  wandten:  man  fürchtet  nicht
das  Monopol  selbst,  sondern  die  Möglichkeit,  daß  es  einseitig  zugunsten
der  einen  oder  anderen  Gruppe,  der  man  selbst  nicht  zugehört,  gestaltet
wird,  bevor  Einwände  Erfolg  haben.
Verteuerung  des  Dabei  ist  es  für  die  Vertreter  der  Landwirt-Stickstoffs
  für  die  schaft  übrigens  sehr  erfreulich  anzusehen,  und  wird
Landwirtschaftdurch  hoffentlich  die  Tage  des  heutigen  Streites  um  das
das  Monopol.  Stickstoffmonopol  überdauern,  mit  welch  zarter
Rücksichtnahme  die  verschiedenartigsten  Vertretungen  von  Handel  und
Industrie  sich  bemühen,  die  Landwirtschaft  vor  den  angeblich  so  bösen
Folgen  eines  Monopols,  vor  starker  Preiserhöhung  der  Stickstoffdüngemittel ­
  zu  bewahren.
Einer  solchen  Verteuerung  der  Stickstoffdüngemittel  ließe  sich  nun
sehr  leicht  begegnen,  indem  man  Höchstpreise  in  das  Monopol  einführt,
und  es  ist  Wohl  anzunehmen,  daß  solche  dem  Gesetzentwurf  beigefügt
werden  würden,  wenn  er  zur  Verabschiedung  gelangt.  Doch  scheinen
die  beabsichtigten  Höchstpreise,  soweit  man  darüber  bislang  ein  Urteil
gewinnen  kann,  einer  anderen  Befürchtung  Recht  zu  geben,  daß  nämlich
den  Hauptnutzen  des  geplanten  Handelsmonopols  nicht  das  Reich,  sondern ­
  die  deutschen  Stickstoffproduzentcn  haben  werden,  zu  denen  das
Reich  und  Preußen  zwar  neuerdings  gehören,  indessen  doch  unter  vorläufig ­
  noch  unbekannten  Bedingungen  und  Gewinnanteilen.
Stickstoff-  Der  Entwurf  des  Monopolgesetzes  stellt
Höchstpreise.  zwar  in  Aussicht,  daß  keine  Verteuerung  der
bisher  von  der  Landwirtschaft  gezahlten  Preise  erforderlich  sein
wird,  sondern  im  Gegenteil,  daß  die  Landwirtschaft  auf  die
Dauer  zu  geringeren  als  den  bisherigen  Preisen  mit  Stickstoff  versorgt ­
  werden  kann.  Das  ist  aber  doch  noch  kaum  eine  Grundlage,  auf
der  man  feste  Stellung  zu  dem  Gesetzentwurf  gewinnen  kann.  Denn
die  „bisherigen  Preise"  der  letzten  zehn  Jahre  für  Stickstoff  in  Form
der  hier  in  Betracht  kommenden  Düngemittel  schwanken^')  von  1,04  Jl
für  das  Kiloprozent  in  Kalkstickstoff  (im  Jahre  1911)  bis  zu  1,80  für

13)  Die  verschiedenen  Bezugsbedingungen  hinsichtlich  der  Fracht  usw.
würden  diese  oben  genannten  Schwankungen  noch  größer  machen,  wenn  sie
sich  leicht  berücksichtigen  ließen.
        <pb n="20" />
        20

das  Kiloprozent  in  Chilesalpeter  (im  Jahre  1907  und  1913),  und  auch
für  die  einzelnen  Stickstoffdüngennttel  kamen  erhebliche  Preisschwankungen ­
  vor  (Chilesalpeter  1,13—1,50  Jt  fürs  Kiloprozent,  schwefelsaures
Ammoniak  1,18—1,395  Jt,  Kalkstickstoff  1,04—1,18  Jt).  —  Will  man  sich
an  die  Höchstpreise  halten,  die  von  gewisser  Seite  für  den  Gesetzentwurf
vorgeschlagen  sein  sollen,  so  gewinnt  man  vielleicht  ein  besseres  Urteil,
denn  es  ist  wohl  anzunehmen,  daß  diese  Zahlen  nicht  ganz  ohne  Aussicht ­
  auf  Billigung  von  seiten  der  Regierung  genannt  wurden.  Hiernach ­
  würde  für  das  erste  Jahr  nach  Friedensschluß  für  das  Kiloprozent
Stickstoff  in  Kalkstickstoff  \\ZJL,  schwefelsaurem  Ammoniak  1,25  Jt,
Salpeter  1,38  Jt,  und  für  die  spätere  Zeit  der  in  Aussicht  genommenen
Dauer  des  Handelsmonopols  in  Kalkstickstoff  0,98°^,  schwefelsaurem
Ammoniak  1,08  Jt,  Salpeter  1,18  Jt  zu  zahlen  sein.  Dabei  darf  der
Verdienst  des  Reiches  aber  6  Pfennig  für  das  Kiloprozent  Stickstoff
nicht  übersteigen.
Lassen  wir  die  fiirs  erste  Jahr  nach  dem  Friedensschluß  in  Aussicht
genommenen  Preise  unbeachtet,  weil  dann  naturgemäß  noch  nicht  wieder ­
  normale  oder  jetzt  genügend  zu  übersehende  Verhältnisse  auf  dem
Stickstoffniarkt  herrschen  können  und  hieran  auch  alle  gesetzlichen  oder
durch  Verordnung  erfolgenden  Bestimmungen  über  Preise  nichts  zu
ändern  vermögen,  und  wenden  wir  uns  den  für  die  weiteren,  vielleicht
etwa  fünf  Jahre  geltenden  Höchstpreisen  zu.  Die  Preisverminderung
gegenüber  den  kurz  vor  Ausbruch  des  Krieges,  also  bis  August  1914,
geltenden  Preisen  würde  betragen  fürs  Kiloprozent:  Kalkstickstoff
7  Pf.,  schwefelsaures  Ammoniak  20  Pf.,  Salpeter  4  Pf.,  eine  namhafte
Preisermäßigung  würde  hiernach  nur  für  das  schwefelsaure  Ammoniak
in  Aussicht  stehen.  Und  da  weiter  das  Reich  nur  einen  Höchstverdienst
von  6  Pf.  für  das  Kiloprozent  Stickstoff  aus  seinen  Werken  ziehen  soll,
so  scheint  man  anzunehmen,  daß  jedenfalls  für  das  Reich  die  Aussicht
vorliegt,  mit  Erwerbungs-  bzw.  Herstellungskosten  für  das  Kiloprozent
Kalkstickstoff  von  0,93  Jt,  schwefelsaurem  Ammoniak  von  1,03  Jt,  Sal-Peter
  von  etwa  1,13  Jt  rechnen  zu  müssen.
Die  Produktions-  ist  ja  nun  bei  der  natürlichen  Geheimhalkoften
  für  heimischen  tung,  welche  im  allgemeinen  jeder  Produzent,  Land-Kokerei-
  und  Luft-  Wirt  wie  Industrieller,  mit  seinen  wirklichen  Prostickstoff:
  duktionskosten  berechtigterweise  übt,  sehr  schwierig,
ein  Urteil  über  die  Berechtigung  solcher  Preise  fürs  Kiloprozent  Stick-
        <pb n="21" />
        21

floss  zu  fällen.  Indessen  muß  man  doch  sagen,  daß  sie  durchgehends
noch  sehr  hoch  sind,  gemessen  an  den  Nachrichten,  die  ein  leidlich  gut
unterrichteter  Beobachter  sich  verschaffen  konnte,  ohne  allerdings  damit
die  absolute  Sicherheit  fehlerfreier  Kenntnis  zu  besitzen,
bei  Haberschem  Am  billigsten  wird  zweifellos  Habers  Ver-Ammoniak.
  fahren  das  Kiloprozent  Stickstoff  herstellen.  Ob
es  dabei  möglich  ist,  sämtlichen  erforderlichen  Wasserstoff  als  Nebenprodukt ­
  anderer  Industriezweige  von  chemischen  Fabriken,  und  so
natürlich  besonders  billig  zu  erhalten,  scheint  zweifelhaft,  kann
aber  im  Laufe  der  Zeit  möglicherweise  in  immer  größerem  Umfange
durchführbar  werden.  Aber  auch  abgesehen  davon  steht  es  ziemlich  fest,
daß  die  Badische  Anilin-  und  Sodafabrik  das  Kiloprozent  Stickstoff  in
Form  des  schwefelsauren  Ammoniaks  für  50  Pf.  herstellen  kann.  Sie
würde  demnach  bei  einem  Verkaufspreise  von  1,08  M,  wie  ihn  die  oben
genannten  Höchstpreise  festsetzen  wollen,  immer  noch  nicht  wenig  über
die  Hälfte  des  Verkaufspreises  verdienen,  vom  Doppelzenter  schwefele
saures  Amruoniak  nahezu  12,60  Ji.  Die  staatlichen  Fabriken  müßten
entweder  für  schwefelsaures  Ammoniak  nach  Haber  ganz  ungeheuerlich ­
  viel  teurer  arbeiten,  was  wohl  kaum  wahrscheinlich  ist,  oder  aber
sehr  stark  mit  Patentgebühren  belastet  sein,  was  ja  auch  nicht  in  solchem
Umfange  in  Frage  kommen  kann,  sollten  sie  das  Kiloprozent  Stickstoff
im  schwefelsauren  Ammoniak  nach  Haber  nicht  weit  unter  dem  oben
angeführten  Höchstpreis  von  1,08  Jl  zu  liefern  vermögen.  Es  mag
angenommen  werden,  daß  sie  nur  wenige  Pfennige  mehr  als  die  Badische ­
  Anilin-  und  Sodafabrik  zur  Herstellung  brauchen  dürften.
bei  Kalkstickstoff.  Die  Kalkstickstoffgewinnung  hat  sich,  soweit
inan  hörte,  in  den  letzten  Jahren  durch  bessere  Ausnutzung  von  Nebenprodukten ­
  und  einige  andere  Umstände  weniger  kostspielig  gestaltet  als
früher.  Immerhin  fehlt  es  weitgehend  an  sicheren  Unterlagen  für  die
Beurteilung  der  Kosten  der  Herstellung  eines  Kiloprozents  Stickstoff.
Ob  die  Annahme,  daß  eine  der  jedenfalls  kleineren'Fabriken  das  Kiloprozent
  zu  70  Pf.  zu  liefern  vermag,  durchaus  zutrifft,  kann  ich  nicht
sagen.  Immerhin  hat  diese  Zahl  einige  Wahrscheinlichkeit  für  sich.  Soweit
größere  oder  gar  größte  Anlagen  in  Betracht  kommen  sollten,  darf  man
wohl  mit  Sicherheit  dann  auf  noch  niedrigere  Unkosten  rechnen.  Und  da
die  Kalkstickstoffpatente  im  kommenden  Jahre  ablaufen,  so  wird  in  dieser
Hinsicht  die  Belastung  der  neuerstandenen  Fabriken  wohl  kaum  eine
        <pb n="22" />
        22

große  sein  können.  Daß  die  Stickstoffgewinnung  nach  dem  Kalkstickstoffverfahren ­
  wesentlich  teurer  arbeitet  als  nach  Haber,  kann  kaum
noch  bezweifelt  werden,  immerhin  wird  auch  die  erstgenannte  Herstellungsweise ­
  Verbesserungen  zugänglich  sein,  und  besonders  auch  zu
dem  genannten  Preise  zunächst  mit  Nutzen  zu  arbeiten  vermögen.  Ich
komme  hierauf  noch  zurück.
bei  Kokereiammoniak.  Endlich  kommt  die  Herstellung  von  schwefelsaurem ­
  Ammoniak  bei  der  Verkokung  der  Kohlen  für  ihre  Verwendung
als  Hochofenmaterial  und  für  andere  Zwecke  in  Betracht.  Hier  ist  eine
sichere  Angabe  der  Herstellungskosten  besonders  schwer,  weil  es  sich
bei  der  Ammoniakgewinnung  auf  diesem  Wege  nur  um  eines  von  einer
Reihe  von  wertvollen  Nebenprodukten  handelt,  die  neben  den:  Koks
gewonnen  werden  und  die  auch  bei  einem  erheblichen  Sinken  ihres  Preises
gewonnen  werden  müssen.  Die  Befürchtung,  es  könne  bei  starkem
Sinken  des  Preises  für  schwefelsaures  Ammoniak  von  unserer  Kokereiindustrie ­
  und  den  mit  ihr  zusammenhängenden  Zechen  die  Gewinnung
der  Nebenprodukte,  also  Ammoniak,  Steinkohlenteer  mit  seinen  wertvollen ­
  Bestandteilen,  wie  Benzol,  eingestellt  werden,  ist  wohl  kaum
irgendwie  begründet.  Denn  bei  Unterlassen  der  Ausnutzung  der  nahezu
überall  schon  vorhandenen  Anlagen  zur  Gewinnung  der  Nebenprodukte
würde  sich  die  Kokereiindustrie  nur  in  ihr  eigenes  Fleisch  schneiden,
und  so  weit,  daß  neue  Anlagen  nicht  mehr  gebaut  werden  würden,
dürfte  das  Sinken  der  Ammoniakpreise  auch  kaum  jemals  gehen.  Sollten
vielleicht  in  solcher  Richtung  von  beteiligter  Seite  doch  Befürchtungen
geäußert  werden,  so  dürften  sie  wohl  mehr  im  Dienste  der  möglichsten
Hochhaltung  sehr  erwünschter  und  umfangreicher  Nebeneinnahmen
stehen.  Unter  Berücksichtigung  dieser  Umstände  ist  wohl  die  Summe
von  rund  50  Pf.  für  das  Kiloprozent  Stickstoff  im  schwefelsauren  Ammoniak ­
  der  Kokereien"),  die  ich  als  Herstellungskosten  nennen  hörte,  zu
verstehen:  unter  ihr  würde  die  Ammoniakgewinnung  bei  der  Kokerei
unrentabel  sein.  Allerdings  ist  wohl  zu  beachten,  daß  sich  die  ganze,
mit  der  Kohlenverkokung  zusammenhängende  Industrie  seit  langer  Zeit
auf  einen  mehr  als  doppelt  so  hohen  Preis  eingerichtet  hat.  Erst  in  den

14)  Und  Gasanstalten,  in  denen  ja  auch  schwefelsaures  Ammoniak  gewonnen ­
  wird.  Indessen  spielen  sie  gegenüber  den  Kokereien  für  die  Ammoniakgewinnung ­
  nur  eine  sehr  bescheidene  Rolle.
        <pb n="23" />
        23

letzten  Jahren  haben  bei  der  Weitsichtigkeit  der  hier  in  Betracht  kommenden ­
  Jnteressentenvertretungen  dieselben  nach  Erprobung  der  Haber ­
  scheu  Erfindungen  im  wirklichen  Fabrikbetriebe  trotz  des  bereits
mehrfach  erwähnten  Abkommens  sich  mit  einem  Sinken  des  Verdienstes
am  Ammoniak  vertraut  machen  müssen.  Der  Krieg  mit  seinem  Heranwachsen ­
  der  deutschen  Luftindustrie  wird  ein  weiteres  Herabgehen  desselben ­
  bedingen,  aber  mit  Monopol  selbst  bei  den  später  zu  empfehlenden ­
  Preisen  immer  noch  ein  geringeres,  als  es  ohne  Monopol  eintreten
dürfte.
Nachteile  der  vor-  Wenn  nun  bei  diesen  Herstellungskosten  für
geschlagenen  Höchst-  das  Kiloprozent  Stickstoff  die  oben  genannten
preise.  Höchstpreise  etwas  reichlich  zu  hoch  erscheinen,  so
koinmen  noch  zwei  gewichtige  Gründe  gegen  dieselben  hinzu:
Einmal,  sie  bieten  keinen  rechten  Anreiz  zur  Verwendung  und  besonders ­
  zur  Mehrverwendung  von  Stickstoffdüngemitteln.  Es  gibt  aber  in
Deutschland  noch  viele  Tausende  und  Zehntausende  von  landwirtschaftlichen ­
  Betrieben,  in  denen  bei  zweckmäßiger  Anwendung  noch  reichliche
Mengen  von  Stickstoff  über  den  bisherigen  Bedarf  hinaus  nnt  Nutzen
herangezogen  werden  können.  Die  Anwendungsmöglichkeiten  vermehren
sich  mit  dem  Sinken  des  Stickstoffpreises  für  das  Kiloprozent  auf  jeden
Pfennig  ganz  erheblich.  Können  demnach  die  Stickstoffpreise  gegenüber
den  vor  dem  Kriege  gültigen  erheblich  gesenkt  werden,  so  wird  es  nicht
nur  möglich  sein,  eine  aus  bereits  dargelegten  Gründen  entspringende
Abneigung,  die  bisher  verbrauchten  Stickstoffmengen  in  unserer  Landwirtschaft ­
  weiter  zu  verwenden,  zu  überwinden;  wir  werden  vielmehr
in  kürzerer  Zeit  zu  einer  merklichen  Vermehrung  des  Stickstoffbedarfs
unserer  Landwirtschaft  kommen,  was  ebenso  im  Interesse  der  Unterbringung ­
  unserer  heimischen  Stickstoffproduktion  wie  ini  Interesse  der
Nahrungsmittelgewinnung  im  eigenen  Lande  gelegen  und  daher  vom
höchsten  volkswirtschaftlichen  Nutzen  ist.
Dann  muß  es  zweitens  als  unerwünscht  erscheinen,  daß  nachher
etwa  bei  einem  auf  6  Pfennig  begrenzten  Höchstverdienste  des  Reiches
für  das  Kiloprozent  die  Stickstoffpreise  auf  dem  heimischen  Markt  sehr
weit  unter  die  im  Gesetz  genannten  Höchstpreise  fallen.  Es  würde  das
in  nicht  landwirtschaftlichen  Kreisen  als  eine  nicht  vorausgesehene,  oder
jedenfalls  nicht  in  diesem  Umfange  beabsichtigte  „Liebesgabe"  an  die
        <pb n="24" />
        24

Landwirtschaft  angesehen  werden,  und  in  unser  wirtschaftliches  wie
politisches  Parteileben  viel  Uneinigkeit  hineintragen,  ja,  vielleicht  nun
wieder  nach  der  anderen  Seite  übers  Ziel  hinausschießende  Gegenmaßnahmen ­
  bedingen  können.
Vorschlag  anderer  Besser,  man  setze  gleich  von  Anfang  an  niedrigere
Höchstpreise.  Höchstpreise  fest  —  natürlich  abgesehen  vom  ersten
Jahre  nach  Friedensschluß  —,  gebe  so  mit  vollem  Bewußtsein  der  Landwirtschaft ­
  billigeren  Stickstoff  zrnn  Zwecke  der  schnelleren  Überwindung  der
Schäden  des  Krieges  und  der  raschen  Erzielung  höherer  Nahrungsmittelgewinnung, ­
  Dinge,  die  ja  für  alle  Kreise  unserer  Bevölkerung  Nutzen
bieten  und  selbstverständlich  auf  die  Lebensmittelpreise  ihren  Einfluß
ausüben  würden.  Aber  nach  dieser  Festsetzung  niedriger  Stickstofspreise
denke  man  an  die  Bedürfnisse  des  Reiches  und  gehe  ihm  ben  sonstigen
aus  dem  Monopol  erzielten  Gewinn  zur  Bestreitung  der  nach  den;
Kriege  wahrlich  nicht  geringen  Ausgaben.  Ich  denke  dabei,  daß  man
etwa  für  das  Kiloprozent  Stickstoff  im  Kalkstickstoff  0,80—0,85  &amp;lt;M,  in
schwefelsaurem  Ammoniak  aber  0,95—1,00  Jt  als  festen  Preis  in  Aussicht ­
  nähme.  Die  Spannung  zwischen  beiden  Preisen  erscheint  erforderlich, ­
  um  die  einnial  hergestellten,  großen  Mengen  Kalkstickstoff  auch  in
der  Landwirtschaft  unterzubringen.  Und  der  erhebliche  Mehrverdienst
am  schwefelsauren  Ammoniak  wird  unserem  Reichsschatzsekretär  ja  zu
gönnen  sein.  Natürlich  müßte  in  den  Ausführungsbestimmungen  des
Monopols  dafür  gesorgt  sein,  daß  dieser  Mehrverdienst  auch,  soweit  es
sich  um  in  der  Privatindustrie  gewonnenes,  schwefelsaures  Ammoniak
handelt,  zum  nicht  unerheblichen  Teil  in  die  Tasche  des  Reiches  flösse.
Mindestpreis  für  Das  Kiloprozent  Stickstoff  im  Chilesalpeter
Chilesalpeter  zu  müßte  dagegen  wesentlich  höher  im  Preise  gehalten
Düngezweckcn.  werden,  um  der  Landwirtschaft  einen  Anreiz  zu
geben,  die  heimischen  Düngemittel  trotz  der  etwas  vermehrten  Sorgfalt,
die  sie  erfordern,  auch  überall  dort  anzuwenden,  wo  sie  den  Chilesalpeter
ersetzen  können.  Solcher  Gelegenheiten  gibt  es  sehr  tnele 15  16 ).  Man

15)  Vielfach  wird  bei  der  Bewertung  des  Kalkstickstoffs  und  des  schwefelsauren ­
  Ammoniaks  gegenüber  dem  Chilesalpeter  mit  Annahmen  gearbeitet,
die  durchaus  nicht  als  bewiesen  angesehen  werden  können.  Es  rechnen  allein
drei  mir  bekannte  Denkschriften  zum  Stickstoffhandelsmonopol  aus  den  Kreisen
der  Industrie  mit  den  Vergleichswerten:  Stickstoff  im  Chilesalpeter  —  100,  im
        <pb n="25" />
        25

Würde  somit  hier  zu  einem  Mindestpreise  von  1,20  dl  kommen,  bei
einem  Steigen  des  Weltmarkts-Salpeterpreises  über  diese  Summe  aber
diesen  fordern  müssen.  Da  beim  Bezug  durch  eine  Monopolverwaltung

schwefelsauren  Ammoniak  —  78,  im  Kalkstickstoff  =  65,  die  den  Vergleichsversuchen ­
  über  Wirkung  stickstoffhaltiger  Düngemittel,  herausgegeben  1914  vom
Reichsamt  des  Innern,  entnommen  sind.  Ich  weiß,  daß  aus  den  Kreisen  der
Ammoniakstickstoffinteressenten  man  sich  schon  scharf  gegen  diese  Versuche  gewendet ­
  haben  würde,  wenn  nicht  der  Krieg  hindernd  im  Wege  gestanden  hätte.
Und  auch  die  praktischen  Landwirte,  die  in  weitem  Umfange  Ammoniakstickstoff
zur  Düngung  verwenden,  werden  einigermaßen  überrascht  sein,  zu  erfahren,
daß  schwefelsaures  Ammoniak  nur  drei  Viertel  der  Wirkung  des  Chilesalpeters
haben  soll,  während  die  seinerzeit  von  Paul  Wagner  auf  sehr  umfangreiche
Versuchsreihen  gegründeten  Verhältniszahlen:  Chilesalpeterstickstoff  —  100,
Stickstoff  im  schwefelsauren  Ammoniak  —  90  schon  von  nicht  wenigen  Seiten
als  für  das  schwefelsaure  Ammoniak  zu  ungünstig  angesehen  wurden.  Kann
man  aber  dem  Vergleichswerte  der  Veröffentlichung  des  Rcichsamts  des  Innern
für  schwefelsaures  Ammoniak  keinen  irgendwie  maßgebenden  Wert  beimessen,
so  muß  das  Gleiche  selbstverständlich  auch  für  den  Kalkstickstoff-Vergleichswert
dieser  Veröffentlichung  gelten,  darüber  kann  keine  Frage  sein.
In  Wirklichkeit  liegt  die  Sache  so,  daß  wir  heute,  nach  vielen  Jahren  vergleichender ­
  Versuche,  noch  kaum  in  der  Lage  sind,  für  Chilesalpeter  und  schwefelsaures ­
  Ammoniak  allgemein  brauchbare  Vergleichswerte  anzugeben,  weil  es
wahrscheinlich  solche  nicht  gibt.  Für  gewisse  Fälle  ist  der  ‘  Chilesalpeter  für
den  Landwirt  zweifellos  unentbehrlich  und  übertrifft  die  meisten,  ja  wohl
sämtliche  anderen  Stickstoffdünger  um  ein  sehr  Beträchtliches.  Ebenso  aber
t  kann  er  in  gewissen  Fällen  durch  dieselben  völlig  und  ohne  erhebliche  Schwierigkeiten ­
  ersetzt  werden,  und  wird  dies  mit  fortschreitender  Erkenntnis  unserer
Agrikulturchemie  immer  mehr.  Was  besonders  den  Kalkstickstoff  anbelangt,
so  bedenke  man,  daß  dies  Düngemittel  uns  überhaupt  erst  seit  rund  anderthalb
Jahrzehnten  bekannt  ist,  seine  Anwendung  in  größerem  Umfange  aber  der
Mehrzahl  unserer  deutschen  Landwirte  bis  zum  Kriegsausbruch  fremd  war.
Will  man  daher  eine  gegenseitige  Bewertung  des  Stickstoffs  im  Kalkstickstoff  und
Chilesalpeter  eintreten  lassen,  so  wird  man  augenblicklich  wohl  nur  ein  Hilfsmittel ­
  dafür  als  einwandfrei  ansehen  dürfen,  nämlich  den  Vergleich  der
Marktpreise,  zu  denen  in  letzter  Zeit  die  deutsche  Landwirtschaft  sowohl  den
Chilesalpeter  wie  den  Kalkstickstoff  gekauft  hat.  Denn  wenn  die  Landwirte
im  einzelnen  nicht  der  Ansicht  gewesen  wären,  zu  dem  vorliegenden
Preise  des  Kalkstickstoffs  mit  demselben  gegenüber  dem  Chilesalpeter  ein
gutes  Geschäft  zu  machen,  so  würden  sie  sich  schwerlich  die  mit  dem  Kalkstickstoff ­
  und  seiner  Anwendung  zusammenhängenden  Unbequemlichkeiten
aufgeladen  haben.  Wie  hoch  beliefen  sich  aber  diese  Preise  für  das  Kilogramm ­
  Stickstoff?
        <pb n="26" />
        26

ganz  zweifellos  der  Chilesalpeter  nicht  allzu  teuer  eingekauft  zu  werden ­
  brauchte  —  man  denke  daran,  daß  diese  Verwaltung  jederzeit  mit
Ersatz  desselben  durch  in  größeren  Mengen  hergestelltes  schwefelsaures
Ammoniak  drohen  könnte  —,  so  müßte  auch  hier  ein  erheblicher  Verdienst ­
  für  das  Reich  zu  erzielen  sein.  Für  die  Zwecke  aber,  die  uns  den
Chilesalpeter  als  ziemlich  unentbehrlich  kennen  lernen  ließen,  würde
er  bei  dem  vorgeschlagenen  Mindestpreis  immer  noch  nicht  teurer  sein
als  im  Durchschnitt  der  letzten  Jahre.
Chilesalpeterpreis  Der  Industrie  würde  man  unter  diesen  Umfür
  die  Industrie,  ständen  gewiß  dadurch  entgegenkommen  können,  daß
inan  ihr  bis  auf  weiteres  den  Weltmarkthandelspreis  für  Chilesalpeter
auch  dann  zugesteht,  wenn  er  sich  niedriger  als  1,20  Jl  für  das  Kiloprozent ­
  Stickstoff  stellt,  also  die  Landwirtschaft  den  Mindestpreis  von
1,20  Ji  zahlen  muß.
Deutscher  Salpeter.  Ich  sagte  mit  Absicht  „bis  auf  weiteres",  nicht
um  zu  empfehlen,  der  Industrie  später  den  Salpeterpreis  hinauszusetzen, ­
  sondern  aus  der  Überzeugung  heraus,  daß  Deutschland  in  immerhin ­
  absehbarer  Zeit  für  seinen  Salpeterbezug  nicht  mehr  wesentlich  auf
das  Ausland  angewiesen  sein  wird.  Soweit  man  hört,  bietet  die  Gewinnung ­
  von  Ammoniakstickstoff  nach  Haber  noch  die  sehr  erfreuliche
Aussicht,  daß  man  auf  ihrer  Grundlage  auch  in  Friedenswetlbewerb
mit  dem  Chile-  und  Kalk-  oder  Norgesalpeter  wird  Salpeter  herstellen
können.  Das  Habersche  Ammoniak  besitzt  eine  ausgezeichnete  Reinheit
und  eignet  sich  daher  wie  kein  zweites  zur  Verarbeitung  auf  Salpetersäure. ­
  Da  diese  Verarbeitung  bei  verhältnismäßig  niedrigen  Wärmegraden ­
  durchführbar  ist,  sw  besteht  die  Annahme  zu  Recht,  daß  deutscher,
inländischer  Salpeter,  und  zwar  je  nach  Belieben  Ammoniaksalpeter
Chilesalpeter  Kalkstickstoff
Für  das  zweite  Halbjahr  1013  1,37  M  1,18  Jl
Für  das  erste  Halbjahr  1914  1,31  „  1,14  „
Für  das  zweite  Halbjahr  1914,  bis  Kriegsausbruch ­
  1,22  „  1,05  „
Das  heißt,  das  Preisverhältnis  stellte  sich  wie  100  :  86—87,  wobei  aber  nicht
berücksichtigt  ist,  daß  der  Chilesalpeterprcis  nur  frei  Hamburg,  der  Kalkstickstoffpreis ­
  frei  jeder  Bahnstation  galt.  Doch  dürfte  die  Berücksichtigung  der
Fracht  bei  der  Berechnung  keine  sehr  große  Nolle  spielen,  so  daß  man  mit
einem  Preisverhältnis  vom  Stickstoff  im  Chilesalpeter  zu  dem  im  Kalkstickstoff
wie  100  :  80—85  rechnen  kann.  Das  würde  immerhin  eine  andere  Rentabilitätsberechnung ­
  ergeben,  als  ein  Wertverhältnis  von  100  :  68.
        <pb n="27" />
        27

für  Weite  Transporte,  oder  Kalk-,  Kali-  oder  Natronsalpeter  nach  Wunsch
des  Bestellers,  wenige  Jahre  nach  Friedensschluß  als  aussichtsvoller
Nebenbuhler  des  Chilesalpeters  um  die  Gunst  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  und  Industrie  auftreten  wird.  Ein  ganz  wesentlicher  Grund
mehr,  uin  jetzt  dem  Reich  seinen  Anteil  an  dem  zu  erwartenden  Gewinn ­
  durch  zielbewußte  Gesetzgebung  zu  sichern.
Bedenken  gegen  den  Allerdings  konnte  ich  bereits  sagen,  daß  die
Manopolentwnrf.  Zustinimung  zu  dem  Monopolentwurf  durch  zweckmäßige ­
  feste  Höchst-  bzw.  Mindestpreise  erleichtert  werden  müßte,  besonders ­
  aber  auch  durch  weitere  Klarlegung  der  beabsichtigten  Durchführungsbestimmungen. ­

Die  Besorgnisse  der  Landwirtschaft  und  Industrie,  auch  soweit  diese
Stickstoff,  besonders  Salpeterstickstoff  verarbeitet,  können  wohl  bezüglich ­
  der  künftigen  Stickstoffpreise  auf  dem  bereits  angegebenen  Wege
größtenteils  verscheucht  werden.  Daß  dabei  ein  gewisser  Druck  auf  die
Landwirtschaft  ausgeübt  wird,  vorwiegend  die  heinrischen  Stickstoffdüngemittel
  anzuwenden,  wird  diese  zum  Nutzen  der  Allgemeinheit  um
so  leichter  tragen  können,  als  sie  ja  dafür  eine  Preisermäßigung  erhält.
Mischdünger.  Weiterhin  besteht  in  der  Superphosphatinduftrie
  und  ihr  nahestehenden  Kreisen  Besorgnis  davor,  daß  man
den  ja  im  allgemeinen  wenig  beliebten  Kalkstickstoff  dadurch
marktgängiger  zu  machen  suchen  könnte,  daß  man  ihn  zu  einem
Mischdünger  verarbeitet.  Ob  derartige  Versuche  jetzt  mehr  Aussicht ­
  auf  Erfolg  haben  als  früher,  vermag  ich  nicht  zu  beurteilen. ­
  An  sich  eignet  der  Kalkstickstoff,  seines  erheblichen  Gehalts ­
  an  Kalk  wegen,  sich  wenig  zu  einem  etwa  dem  Ammoniaksuperphosphat
  ähnlichen  Mischdünger.  Möglich  wäre  es  ja,  daß  es
rührigeni  Erfindergeist  gelingen  könnte,  auch  hiergegen  irgend  welche
Abhilfe  zu  entdecken  und  so  zur  Herstellung  eines  brauchbaren  Mischdüngers ­
  zu  kommen.  Ob  das  auch  nur  zu  wünschen  wäre,  erscheint
fraglich.  Denn  wenn  es  nicht  gelungen  sein  sollte  oder  noch  gelingen
wird,  die  Herstellungskosten  für  das  Kiloprozent  Stickstoff  im  Kalkstickstoff ­
  nennenswert  unter  die  Kosten  beim  schwefelsauren  Ammoniak  nach
Haber  herunterzudrücken,  und  das  dürfte  sehr  zu  bezweifeln  sein,  zumal ­
  doch  beide  Verfahren  nach  Kräften  weiter  ausgebaut  werden  dürften, ­
  dann  wird  die  Zukunft  nicht  dem  Kalkstickstoff  gehören.  Das
        <pb n="28" />
        28

Habersche  Verfahren,  das  mit  verhältnismäßig  geringen  Kosten  vom
Ammoniak  zum  Salpeter  zu  gelangen  erlaubt,  wird,  soweit  man  zurzeit ­
  urteilen  kann,  den  deutschen  Zukunftsmarkt  beherrschen.  Bei  dieser
Erwartung  sehe  ich  auf  Grund  der  bisher  vorliegenden  Mitteilungen
es  als  wahrscheinlich  an,  daß  nennenswerte  Schwierigkeiten  für  das
Verfahren  nach  Haber  nicht  mehr  auftreten.  Sie  schließt  übrigens
durchaus  nicht  aus,  daß  man  die  vorhandenen  Einrichtungen
für  die  Herstellung  von  Kalkstickstoff  bis  auf  weiteres  so  weit  wie
möglich  ausnutzt  und  auch,  wie  z.  B.  oben  vorgeschlagen,  den  Absatz
dieses  Düngemittels  fördert.  Mit  der  Zeit  wird  aber  an  einen  schonenden ­
  Übergang  zur  Herstellung  nach  Haber  auch  hier  zu  denken  sein,
falls  nicht  diese  Übergangsfrist  es  dem  Kalkstickstoff  ermöglicht  hat,
billiger,  und  noch  unter  den  Kosten  des  Haberschen  Verfahrens  zu  arbeiten. ­

Jetzt  einer  alten  und  berechtigten  Industrie  durch  ein  neues  Produkt ­
  Schwierigkeiten  zu  machen,  um  einem  für  die  weitere  Zukunft  doch
wahrscheinlich,  oder  sagen  wir,  möglicherweise,  nicht  konkurrenzfähigen
Düngemittel  die  Lebensdauer  etwas  zu  verlängern,  würde  nicht  berechtigt ­
  sein.  Daher  dürften  auch  die  oben  für  Kalkstickstoff  und
schwefelsaures  Ammoniak  von  mir  vorgeschlagenen  festen  Monopolpreise, ­
  bei  denen  das  Ammoniak  absichtlich  gegenüber  dem  Kalkstickstoff ­
  benachteiligt  ist,  um  dessen  Absatz  sicherzustellen,  nicht  dazu  benutzt
werden,  dem  Kalkstickstoff  in  Form  eines  Mischdüngers  zum  leichten
Wettbewerb  mit  dem  Amoniaksuperphosphat  zu  verhelfen.  Für
solche  Zwecke  müßte  man  unbedingt  von  einer  Preisbegünstigung  des
Kalkstickstoffs  absehen,  und  wenn  diese  fortfällt,  so  ist  die  Erzeugung
eines  zum  Wettbewerb  niit  Ammoniaksuperphosphat  fähigen  Mischdüngers ­
  wenigstens  bei  den  augenblicklich  anzunehmenden  Produktionskosten ­
  wohl  ausgeschlossen.  Es  würde  aber  voraussichtlich  schon  genügen, ­
  Kalkstickstoff,  der  einer  fabrikmäßigen  Mischung  mit  anderen
Düngemitteln  dienen  soll  oder  gedient  hat,  nur  zu  gleichem  Preise  wie
schwefelsaures  Animoniak  für  das  Kiloprozent  Stickstoff  abzugeben.
Doch  könnte  man  auch  andere  Maßregeln  anwenden.  —
Viele  Fragen  wären  noch  weiter  zu  berühren,  würden  aber  aus
diesem  bescheidenen  Heftchen  eine  umfangreiche  Denkschrift  machen.
Vielleicht  ergibt  sich  für  mich  gelegentlich  noch  die  Möglichkeit,  den  einen
oder  anderen  Punkt  weiter  zu  behandeln.  Ich  glaube  aber  mit  dem
        <pb n="29" />
        29

Gesagten  einige  Richtlinien  gegeben  zu  haben,  ohne  nun  irgendwie  den
Anspruch  zu  erheben,  daß  meine  Meinung  die  einzig  richtige  sei.  Nur
zu  weiterer  Klärung  mag  sie  mit  Nutzen  beitragen.
Unerledigte  Fragen.  Fragen  wie  die,  auf  welchen  Wegen  sich  bei  Einrichtung ­
  eines  Handelsmonopols  die  Aufnahme  des  bestehenden  Düngemittelhandels ­
  in  den  Staatsbetrieb  anbahnen  muß;  wie  weit  der
deutsche  Besitz  an  Salpetergruben  für  den  übrig  bleibenden  Bezug  aus
Chile  zu  bevorzugen  wäre;  wie  die  Propagandatätigkeit  gedacht  sein
und  von  wem  sie  geleitet  werden  würde;  wie  sich  die  seltener  benutzten,
vielfach  schwerer  löslichen  Strckstoffdüngemittel  wre  Knochenmehl,
Peruguano  und  ähnliche  mit  tunlichster  Schonung  berechtigter  Jnlandsinteressen
  den  neuen  Preisen  einzuordnen  hätten;  wie  die  Jnnehaltung
der  vereinbarten  Gehaltssätze  an  Stickstoff  zu  kontrollieren  wäre,  und
von  welchen  Stellen;  besonders  aber:  wieweit  eine  Abnahmeverpflichtung
des  Staates  für  im  Inland  erzeugten  Stickstoffdünger  bestehen,  oder
wieweit  hier  freies  Angebot  und  Zuschlag  an  den  billigst  Liefernden
entscheidend  sein  würde,  und  ähnliche,  die  Beziehungen  zwischen  Privatdüngerindustrie ­
  und  Monopol  regelnde,  wichtige  Fragen;  auch  ob  das
Monopol  nicht  nur  den  Innen-,  sondern  auch  den  Außenhandel  übernehmen ­
  müßte;  diese  alle  und  manche  andere  können  hier  nicht  besprochen ­
  werden.  Und  doch  werden  sie  für  die  Stellungnahme  zu  dem
Monopol  vielfach  entscheidend  sein.
Wirkung  des  Mono-  Mir  bleibt  nur  noch  übrig,  die  Wirkungen  der
Pols  auf  Chile.  Ausdehnung  unserer  deutschen  Stickstoffindustrie,  und
des  beabsichtigten  Monopols  auf  einzelne  unserer  Beziehungen  zum
Auslande  zu  streifen,  da  man  auch  diese,  und  zumal  den  deutschen
Handel  mit  Chile  gegen  ein  Stickstoffmonopol  angeführt  hat.  Dazu  ist
einmal  zu  bedenken,  daß  die  wahrscheinlich  mit  der  Zeit  auch  auf  die
künstliche  Herstellung  von  Salpeter  aller  Arten  übergreifende  Stickstoffindustrie ­
  mit  und  ohne  Monopol  den  chilenischen  Salpeter  weitgehend
zurückdrängen  wird.  Daß  ferner  die  großen  Neuanlagen  auf  diesem
Gebiet  bei  uns  doch  nicht  nur  aus  Freundschaft  gegen  Chile  nach  dem
Kriege  ihre  Tätigkeit  einstellen  können,  und  daß  schließlich  Deutschland
ein  größeres  Interesse  hat,  seine  eigenen  der  Stickstoffgewinnung  dienenden ­
  Anlagen  einer  angemessenen  Verzinsung  entgegenzuführen,  als
die  in  größtenteils  englischen!  Besitze  befindlichen  chilenischen,  wenn  dadurch ­
  auch  die  chilenischen  Staatseinnahmen  benachteiligt  werden^
        <pb n="30" />
        30

Einen  solchen  Verzicht  auf  seinen  eigenen  Vorteil  würde  Deutschland
vielleicht  nicht  einmal  einem  verbündeten  Staate  gewähren  können,  gewiß
aber  nicht  einem  für  uns  nur  peinlich  neutral  verbliebenen.  Auch  ist  es
nicht  gut  möglich,  daß  man  in  Chile  ein  deutsches  Stickstoffmonopol  als
gegen  den  dortigen  Staat  gerichtet  ansehen  sollte,  zumal  ja  auch  in
Zukunft  ein  gar  nicht  unbedeutender  Bezug  von  Chilesalpeter  bis  auf
weiteres  immer  noch  stattfinden  wird,  also  von  einem  Ausschluß  des
Chilesalpeters  vom  deutschen  Markt  nicht  die  Rede  ist.  —  Setzen  wir
einmal  den  Fall,  daß  in  Chile  größere  Kalisalzlager  entdeckt  werden
würden.  Meint  jemand,  daß  man  dort  aus  Freundschaft  für  Deutschland ­
  auf  die  Ausbeutung  derselben  verzichten  würde,  um  Deutschlands
Einnahmen  aus  feinen  Kaliwerken  nicht  zu  schmälern,  und  daß  man
nicht  vielmehr  die  aufkommende  Industrie  durch  jede  zweckmäßig  erscheinende ­
  Gesetzgebung  zum  Erstarken  gegenüber  dem  Wettbewerb  des
Auslandes  bringen  würde?  —
Die  Monopol-  Wenn  hier  also  Bedenken  nicht  zwingend  erverwaltung.
  scheinen,  so  mag  es  nach  anderer  Richtung  von
Nutzen  sein,  zu  überlegen,  welche  Ausdehnung  die  deutsche  Stickstoffindustrie ­
  sehr  leicht  in  nicht  allzu  ferner  Zukunft  nehmen  könnte,  und
wie  notwendig  es  daher  ist,  daß  das  Reich  an  den  dabei  in  Aussicht
stehenden  großen  Gewinnen  zum  allgemeinen  Nutzen  sich  seinen  Anteil
sichert.  Allerdings  sei  ganz  besonders  hervorgehoben,  daß  es  von  allergrößter ­
  Bedeutung  sein  wird,  bei  Einrichtung  einer  solchen  Monopolverwaltung ­
  dem  Industriellen  und  dem  Kaufmann  ebenso  wie  dem  Landwirt
seinen  Platz  zu  sichern,  und  zwar  den  Besten  aus  jedem  Berufe,  und  auch
sonst  nicht  nach  Prüfungen,  Rang  und  Würden,  sondern  nach  organisatorischer ­
  .Leistungsfähigkeit  die  maßgebenden  Stellen  dabei  zu  besetzen.
Eine  Bevorzugung  der  Tüchtigsten  würde  unumgänglich  sein,  nicht  ein
Aufrücken  nach  Zahl  der  Dienstjahre.  Was  bei  uns  in  Heer  und  Flotte
möglich  ist,  sollte  auch  in  einer  derartigen  Verwaltung  sich  durchsetzen
lassen,  die  ohne  eine  ziemlich  weitgehende  Beweglichkeit  und  Selbständigkeit ­
  nicht  zu  höchsten  Erfolgen  gelangen  kann.
Zukunftsaussichten.  Um  auf  die  Aussichten,  welche  sich  dem  deutschen ­
  Auslandshandel  mit  Stickstoffdüngern  in  den  nächsten  zwei  Jahrzehnten ­
  nach  dem  Kriege  erschließen  können,  näher  einzugehen,  verlohnt
cs  sich  zunächst  darüber  Klarheit  zu  gewinnen,  daß  vor  dem  Kriege  Belgien ­
  sich  mit  Frankreich  iin  Wettbewerb  um  die  dritte  Stelle  im  Chile-
        <pb n="31" />
        31

salpeterweltverbrauch  befand,  wenngleich  Frankreich  ihm  noch  um
einige  Tausend  Tonnen  Stickstoff  voran  war.  Neben  einem  mäßigen
Verbrauch  an  Ammoniakstickstoff  bezog  Belgien  jährlich  annähernd
50  000  Tonnen  Chilesalpeterstickstoff.  Da  jo.  nun  Wohl  zu  erwarten  ist,
daß  Deutschland  nach  Friedensschluß  einigen  wirtschaftlichen  Einfluß
auf  Belgien  besitzen  wird,  und  weiterhin  billige  Wasserfracht  den  Handelsverkehr ­
  mit  Kunstdüngemitteln  nach  Belgien  weitgehend  erleichtert,
so  wird  voraussichtlich  hier  sich  eine  höchst  erwünschte  Gelegenheit  für
den  Absatz  deutscher  Jnlandsstickstoffdüngemittel  bieten.  Auch  für  die
Niederlande  werden  die  Wasserstraßen  und  die  weitgehenden  Handelsbeziehungen, ­
  wie  endlich  für  Belgien  wie  für  die  Niederlande  die  geringen ­
  Entfernungen  gegenüber  dem  überseeischen  Chile  dem  deutschen
Stickstoffdünger  verhältnismäßig  günstige  Absatzgelegenheiten  in  Aussicht ­
  stellen;  denn  die  Niederlande  sind  mit  rund  40000  Tonnen  Stickstoff, ­
  die  sie  bisher  größtenteils  als  Chilesalpeter  bezogen  hatten,  auch
ein  starker  Verbraucher.  Es  wird  gelten,  hier  durch  eine  klug  vorausschauende ­
  Preis-  und  Handelsvertragspolitik  der  deutschen  Stickstoffherstellung ­
  ein  weites  Absatzgebiet  zu  erringen.  Die  zunächst  vielleicht ­
  Jahre  andauernde  Schwierigkeit,  für  Massengüter  nach  dem
Frieden  billigen  llberseeschiffsraum  zu  erhalten,  wird  den  Wettbewerb
deutscher  Stickstoffdünger  hier  als  leidlich  aussichtsvoll  erscheinen
lassen  können,  wenn  er  geschickt  geleitet  wird,  und  seine  Kräfte  nicht
im  Kampf  der  verschiedenen  Herstellungsmethoden  untereinander  verbraucht. ­
  Auch  hier  könnte  der  Nutzen  eines  Monopols  oder  ähnlicher
Einrichtungen  beträchtlich  sein.
Ganz  besonders  sind  aber  die  Aussichten  auf  Versorgung  der  mit
der  Zeit  sich  entwickelnden  Landwirtschaft  in  Österreich-Ungarn  und  in
Rußland  für  die  deutsche  Stickstoffherstellung  bedeutungsvoll.  Österreich-Ungarn ­
  ist  bislang  nur  ein  ganz  schwacher  Verbraucher  von  Düngestickstoff ­
  gewesen.  Rußlands  Bedarf  war  noch  geringer  oder  etwa  gleich
groß,  wenn  man  nur  die  westlichenGebietsteileRußlands  inBctracht  zieht.
Es  kann  indessen  keinen!  Zweifel  unterliegen,  daß  beide  Staaten  nach
Friedensschluß  in  einer  planmäßigen  Förderung  und  Entwicklung  ihrer
Landwirtschaft  ein  ganz  wesentliches  Hilfsmittel  zur  Steigerung  der
allgemeinen  Wohlfahrt  und  der  Einnahmequellen  des  Staates  erblicken
werden.  So  wird  für  die  günstig  gelegenen  landwirtschaftlichen  Bezirke ­
  auch  der  Gebrauch  des  Düngestickstoffs  sich  ausdehnen  und  voraus-
        <pb n="32" />
        32

sichtlich  besonders  schnell  ausdehnen,  da  es  der  deutschen  Stickstoffindustrie ­
  gelingen  mutz,  durch  aus  Haberschem  Ammoniak  hergestellten  Amnwniaksalpeter
  ein  Stickstoffdüngemittel  für  die  Ausfuhr  zu  gewinnen,
das  verrnöge  feines  über  das  Doppelte  dem  Chilesalpeter  überlegenen
Wirkungswertes  auch  noch  recht  erhebliche  Frachten  zu  tragen  verniag
und  zudem  zu  verhältnismätzig  niedrigem  Preise  abgegeben  werden ­
  kann.
Man  sieht  bereits  aus  diesen  knappen  Andeutungen,  datz  hier  die
Grundlagen  für  eine  wirtschaftliche  Machtstellung  vorhanden  sind,  die
um  so  leichter  zu  verwirklichen  sein  dürfte,  als  unser  Vaterland  durch
feine  Kalischätze  bereits  ohnehin  eine  besondere  Stellung  auf  dein
Düngermarkte  der  Welt  besitzt  und  auch  hierfür  schon  eine  weitgehende
Organisation  geschaffen  hat.
Der  Wettbewerb  des  Ein  Bedenken  mag  noch  berührt  sein:  Wird
Auslands.  nicht  auch  das  Ausland  versuchen,  auf  dem  Gebiete
der  künstlichen  Herstellung  von  Stickstoffdüngemitteln  in  entsprechender
Weise  vorzugehen  und  so  eine  Ausdehnung  der  deutschen  Stickstoffindustrie ­
  für  die  Zukunft  auf  den  deutschen  Bedarf  beschränken?  Ganz
wahrscheinlich  ist  dies  nicht.  Die  in  der  kommenden  Zeit  z.  B.  für  die
Ausfuhr  sehr  wahrscheinliche  und  aussichtsvolle  Vereinigung  eines  Kaliund
  eines  Stickstoffdüngers  in  Form  des  Kalisalpeters  vermag  billig
genug  nur  Deutschland  zu  liefern,  nachdem  gerade  der  Krieg  gezeigt
haben  dürfte,  daß  die  Hoffnungen  auf  Ausbeutung  von  Kalilagern  in
Spanien  und  in  Ostafrika  für  unsere  deutschen  Kaliwerke  keinen  Grund
zur  Beunruhigung  zu  geben  vermögen.  Fernerhin  wird,  wenn  wir  ein
zweckmäßig  gestaltetes  und  vor  allem  klug  und  zielbewußt  geleitetes  Stickstoffnwnopol
  bekommen,  Deutschlands  Vorsprung  auf  dem  Gebiete  der
Herstellung  künstlicher  Stickstoffdünger  in  nicht  allzulanger  Zeit  ein  so
bedeutender  fein,  daß  er  nicht  leicht  von  anderer  Seite  eingeholt  werden
kann,  zumal  da  kein  anderes  Land  durch  eine  Stickstoff  stark  verbrauchende ­
  eigene  Landwirtschaft  in  ähnlicher  Weise  gestützt  werden  dürfte
wie  Deutschland,  besonders  wenn  Belgien  mit  ihm  in  enge  wirtschaftliche
Beziehungen  tritt  und  auch  die  Niederlande  wenigstens  zum  Teil  durch
nennenswerte  Vorteile  für  den  Bezug  vom  bisher  benutzten  Chilesalpeter ­
  abgelenkt  werden  können.  Und  endlich  wird  es  bei  der  Herstellung ­
  von  Stickstoffdüngemitteln  wie  auf  vielen  anderen  Gebieten
der  chemischen  Industrie  das  Hauptproblem  sein,  nach  Möglichkeit
        <pb n="33" />
        33

3

andernfalls  wertlose  Nebenprodukte  auszunutzen  und  dadurch  die  Fabrikation ­
  zu  verbilligen.  Welches  Land  könnte  hierfür  aber  bessere  Anssichten
  besitzen  als  Deutschland  mit  seiner  chemischen  Industrie,  der  ersten
der  Welt?
Die  Stunde  scheint  gekommen,  in  der  die  Grundlage  für  eine  weitgehende ­
  Förderung  der  deutschen  Kunstdüngerindustrie  und  des  deutschen ­
  Kunstdüngerhandels  unter  Teilnahme  des  Reiches  an  Arbeit  wie
an  Gewinn  geschaffen  werden  muß.  Möge  Regierung  und  Volksvertretung ­
  eine  glückliche  Hand  zeigen,  und  so  schon  jetzt  zur  schnellen  Heilung ­
  der  Wunden  des  Krieges  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  wesentlich
tätig  sein!
Schluß.  Ein  Wort  zum  Schluß:  In  der  „Norddeutschen
Allgemeinen  Zeitung"  fand  sich  eine  Darlegung,  derzufolge  man  von
Regierungsseite  in  der  öffentlichen  Besprechung  des  Gesetzeickwurfs  über
das  Stickstosfhandelsnionopol  Zurückhaltung  zu  üben  beabsichtige,  unter
dem  „Gesichtspunkt,  daß  eine  vollständige  Beurteilung  der  in  Betracht
kommenden  Fragen  nur  möglich  ist  auf  Grund  von  Tatsachen  und  Erwägungen, ­
  deren  öffentliche  Darlegung  geeignet  wäre,  gewisse  Interessen, ­
  die  während  der  Kriegsdauer  unbedingt  den  Ausschlag  geben
müssen,  zu  gefährden.  Das  gleiche  gilt  für  die  öffentliche  Darlegung
der  von  der  Reichsleitung  bisher  in  die  Wege  geleiteten  praktischen
Maßnahmen  zirr  Sicherung  einer  ausreichenden  Erzeugung  von  Stickstoffverbindnngeu
  während  des  Krieges.  Wir  haben  allen  Grund,
unsere  Feinde  über  das  Wie  und  Wo  auf  diesem  Gebiete  nicht  zu
unterrichten  "
Ich  habe,  wie  ich  glaube  für  mich  in  Anspruch  nehmen  zu  können,
mich  in  der  vorliegenden  Besprechung  streng  an  diese  Grundlinien  gehalten. ­
  Es  gibt  aber  zweifellos  bei  der  Behandlung  der  Frage  eines
Stickstoffhandelsmonopols  noch  eine  ganze  Reihe  von  wichtigen  Umständen ­
  und  Verhältnissen,  die  lediglich  auf  die  Zeit  nach  dem  Kriege
bezüglich,  wohl  in  keiner  Weise  die  Sicherheit  unseres  Vaterlandes  in
irgend  einer  Weise  berühren  können,  zumal  da  sie  ausschließlich  auf  dem
in  Kriegszeiten  nicht  maßgebenden  wirtschaftlichen  Gebiete  liegen.  Und
zweitens  sind  andere  Einzelheiten  entweder  schon  vor  dem  Kriege  allgemein ­
  bekannt  gewesen,  wie  z.B.  die  in  Betracht  kommenden  Herstellungsverfahren, ­
  oder  seit  Monaten  in  vielen  Denkschriften  und  Zeitungen  bei
        <pb n="34" />
        34

uns  eingehend  erörtert  werden,  ohne  daß  die  Zensurbehörde  eingegriffen
hätte.  Hier  lag  ein  Gebiet  vor,  bei  dem  eine  öffentliche  Besprechung
zweifellos  klärend  und  nützlich  wirken  konnte,  und  nur  Teile  dieses  Gebiets ­
  glaube  ich  zur  Besprechung  herangezogen  zu  haben.  Möge  sie  sich
als  fruchtbar  erweisen!
Güttingen,  Steinsgraben  28.
6.  Juli  1915.

Druck  von  Lebr.  Ungrr  in  Berlin,  Brruburger  Straße  SO.
        <pb n="35" />
        Verlag  von  Paul  Parey  in  Berlin  SW,  Hedemannstraße  10  u.  11.

Landw.  Kriegsverordnungen.
Zusammenstellung  der  für  die  Landwirtschaft
wichtigen  Verordnungen  und  Erläuterungen.
Zum  Handgebrauch  herausgegeben
von  der  Landwirtschaftskammer  für  die  Provinz  Pommern.
Preis  2,50  M.,  25  Stück  50  M.

Kriegsmaßnahmen
für  Ackerbau  und  Viehzucht.
Von  Geh.  Regierungsrat  Prof.  Dr.  v.  Rümker-Berlin
und  Ökonomierat  Dr.  Warmbold-Berlin.
Preis  1  Mark.
Juteersatz  und  Hanfbau.
Ein  Beitrag  zur  Organisation  unseres  inneren  Wirtschaftsmarktes ­
  während  des  Krieges,  zugleich  ein  Vorschlag  für
Deutschlands  Landwirtschaft  und  Textil  -  Faserindustrie.
Von  Dr.  Werner  Friedrich  Bruck,
Professor  an  der  Universität  Gießen.
Preis  1  Mark.
Die  Sicherung  der  Getreideernte,
insbesondere
durch  die  künstliche  Trocknung.
Von  Dr.  J.  F.  Hoffmann,
Professor  in  Berlin.
Mit  10  Textabbildungen.  Preis  80  Pf.
(Kießlings  landwirtschaftliche  Hefte.  Nr.  28).
Unsere  Volksernährung
und  die  deutsche  Hausfrau.
Von  Professor  Dr.  F.  Wohltmann,
Kais.  Oeh.  Reg.-Rat,  Direktor  des  Landw.  Institutes  d.  Universität  Halle.
Preis  25  Pf.

Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.
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Peterweltverbrauch  befand,  wenngleich  Frankreich  ihm  noch  um
,nge  Tausend  Tonnen  Stickstoff  voran  war.  Neben  einem  mäßigen
rbrauch  an  Ammoniakstickstoff  bezog  Belgien  jährlich  annähernd
000  Tonnen  Chilefalpeterstickstoff.  Da  ja  nun  Wohl  zu  erwarten  ist,
;  Deutschland  nach  Friedensschluß  einigen  wirtschaftlichen  Einfluß
&amp;gt;f  Belgien  besitzen  wird,  und  weiterhin  billige  Wasserfracht  den  Hansverkehr
  mit  Kunstdüngemitteln  nach  Belgien  weitgehend  erleichtert,
wird  voraussichtlich  hier  sich  eine  höchst  erwünschte  Gelegenheit  für
Absatz  deutscher  Jnlandsstickstoffdüngemittel  bieten.  Auch  für  die
ederlande  werden  die  Wasserstraßen  und  die  weitgehenden  Handelsjiehungen,
  wie  endlich  für  Belgien  wie  für  die  Niederlande  die  genügen ­
  Entfernungen  gegenüber  dem  überseeischen  Chile  dem  deutschen
ickstosfdünger  verhältnismäßig  günstige  Absatzgelegenheiten  in  Aus-,t
  stellen;  denn  die  Niederlande  sind  mit  rund  40000  Tonnen  Stickff,
  die  sie  bisher  größtenteils  als  Chilesalpeter  bezogen  hatten,  auch
*  i  starker  Verbraucher.  Es  wird  gelten,  hier  durch  eine  klug  vorsschauende
  Preis-  und  Handelsvertragspolitik  der  deutschen  Stickffherstellung
  ein  weites  Absatzgebiet  zu  erringen.  Die  zunächst  vielcht
  Jahre  andauernde  Schwierigkeit,  für  Massengüter  nach  dem
jeden  billigen  Überseeschiffsraum  zu  erhalten,  wird  den  Wettbewerb
Ascher  Stickstoffdiinger  hier  als  leidlich  aussichtsvoll  erscheinen
J  sen  können,  wenn  er  geschickt  geleitet  wird,  und  seine  Kräfte  nicht
-  Kampf  der  verschiedenen  Herstellungsmethoden  untereinander  verrucht. ­
  Auch  hier  könnte  der  Nutzen  eines  Monopols  oder  ähnlicher
^  arichtungen  beträchtlich  sein.
Ganz  besonders  sind  aber  die  Aussichten  auf  Versorgung  der  mit
?  Zeit  sich  entwickelnden  Landwirtschaft  in  Österreich-Ungarn  und  in
Rußland  für  die  dentsche  Stickftosfherstellung  bedeutungsvoll.  Öfter  -
ch-Ungarn  ist  bislang  nnr  ein  ganz  schwacher  Verbrancher  von  Düugekstoff
  gewesen.  Rußlands  Bedarf  war  noch  geringer  oder  etwa  gleich
,.rß,  wenn  man  nur  die  westlichen  Gebietsteile  Rußlands  inBetracht  zieht.
kann  indessen  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  beide  Staaten  nach
iedensschluß  in  einer  planmäßigen  Förderung  und  Entwicklung  ihrer
|  ndwirtschaft  ein  ganz  wesentliches  Hilfsmittel  zur  Steigerung  der
gemeinen  Wohlfahrt  und  der  Einnahmequellen  des  Staates  erblicken
^  rden.  So  wird  für  die  günstig  gelegenen  landwirtschaftlichen  Beke
  auch  der  Gebrauch  des  Düngestickstoffs  sich  ausdehnen  und  vorans-
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