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      <titleStmt>
        <title>Die oberschlesische Kohlen- u. Eisenindustrie</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Bernhard</forname>
            <surname>Rach</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1022447920</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
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  <text>
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        Staatswissenschaft ­


d

uic  oberschlesische
Kohlen-  u.  Eisenindustrie»

Eine  Kritik  ihrer  Wirtschaftslage
und
Vorschläge  zu  ihrer  Gesundung.

3n  augurahDiff  er  tation
zur
(Erlangung  der  Doktorwürde
der
Philosophischen  Fakultät
der  Königlichen  Universität  Greifswald

vorgelegt  von

Beuthen  O.-S.
Buchdruckerei  Dr.  Gustav  Robert.
19W-
        <pb n="2" />
        Tag  der  mündlichen  Prüfung  21.  Oktober  1913.

■  i

Die  Arbeit  erscheint  gleichzeitig  im  Verlag
von  Herrmann  Freund,  Beuthen  O.-S.
        <pb n="3" />
        Die  vorliegende  Abhandlung  „Die  oberschlesische ­
  Kohlen-  und  Eisenindustrie,  eine  Kritik
ihrer  Wirtschaftslage  und  Vorschläge  zu  ihrer
Gesundung"  ist  von  Sommer  1912  bis  Sommer
1913  im  Staatswissenschaftlichen  Seminar  der
Kgl.  Universität  Greifswald  unter  Herrn  Prof.
Dr.  K.  Oldenberg  verfaßt  worden.  Die  Voruntersuchung ­
  reicht  sedoch  auf  eine  im  Sommer
1910  im  Staatswissenschaftlich-Statistischen  Seminar ­
  der  Kgl.  Universität  Breslau  angefertigte
Arbeit  „Die  wirtschaftliche  Struktur  der  Provinz
Schlesien  mit  besonderer  Berücksichtigung  des
oberschlesischen  Jnduftriebezirks"  zurück.
        <pb n="4" />
        Inhaltsverzeichnis.

Benutzte  Literatur

.  Seite

VII

-XIV

§  1.

Einleitung

1

—  7

§  2.

Geschichtliche  Entwicklung  der  aberschlesischen

  Kohlen-Eisenindustrie  .  .

•

4

—  28

§  3-Natürliche

  Grundlagen

•

28

—  70

§  4.

Arbeitsgrundlagen

■

70

—  79

§  5.

Kapitalsgrundlagen

&amp;gt;

79

—  83

§  6.

Berkehrsverhältnisse

•

83

—  99

§  7.

Der  Produktionsprozeß

•

99

—  112

S  8.

Der  Absatzprozeß

.

112

—  145

§  9.

Zusammenfassung

.  .

145

—  149

§  io.

Vorschläge

149

—  151
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        Benutzte  Literatur:
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  (Schr.  d.  V.  s.  S.  P.,  Bd.  92.)  Leipzig  1901.
K.  Ballod,  „Die  deutsch-russischen  Handelsbeziehungen."  (Schr.
d.  V.  f.  S.  P.,  Bd.  90,  IV.)  Leipzig  1901.  seit.  I.)
C.  Ballod,  „Grundriß  der  Statistik."  Berlin  1913.  seit.  II.)
R.  v.  d.  Borght,  „Das  Verkehrswesen."  Leipzig  1894.
A.  Bosenick,  „Ueber  die  Arbeitsleistung  beim  Steinkohlenbergbau ­
  in  Preußen."  Stuttgart/Berlin  1906.
L.  Brentano,  „Die  Schrecken  des  überwiegenden  Industriestaats." ­
  Berlin  1908.  (eit.  I.)
L.  Brentano,  „Ueber  das  Verhältnis  von  Arbeitslohn  uns
Arbeitszeit  zur  Arbeitsleistung."  München  1893.  (eit.  I  I.)
I.  Bronn,  „Die  Entwicklung  des  Berg-  und  Hüttenwesens  in
Rußland."  (Zeitschr.  f.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen  im
preußischen  Staate,  Bd.  49,  S.  582—640.)  Berlin  1901.
E.  v.  d.  Brüggen,  „Das  heutige  Rußland."  Leipzig  1902.
A.  Buchenberger,  „Grundzüge  der  deutschen  Agrarpolitik."
Berlin  1899.
O.  Caro.  „Der  deutsche  Walzwerksverband."  (Schr.  d.  B.  f.
Soz.-Pol.,  Bd.  60.)  Leipzig  1894.
I.  Conrad,  „Politische  Oekonomie,"  4.  Teil:  Statistik.  Jena
1910/18.
„Th«  Coal  Resources  of  the  World."  An  Inquiry  made  upon
the  initiative  of  !ho  executive  Committee  of  the  XII.  international
Geological  congross  Canada.  Vol.  III.  Tcronto/Canada  1913.
Th.  M.  Cords,  „Die  Bedeutung  der  Binnenschifsahrt  für  die
deutsche  Seeschiffahrt."  Stuttgart/Berlin  1906.
E.  Davidson,  „Die  metallurgische  und  die  Kohlenindustrie  in
Rußland."  (Zeitschr.  f.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen,  Bd.  49,
S.  114-176.)  Berlin  1901.
H.  Ehrenberg.  „Die  Eisenhüttentechnik  und  der  deutsche  Hüttenarbeiter." ­
  Stuttgart/Berlin  1906.
        <pb n="6" />
        VIII

„Gemeinfaßliche  Darstellung  des  Eisenhüttenwesens",  herausgegeben ­
  vom  Verein  deutscher  Eisenhüttenleute.  6.  Auflage.  Düsseldorf ­
  1907.  8.  Auflage.  Düsseldorf  1912.
E.  v.  Eynern,  „Zwanzig  Jahre  Kanalkämpfe."  Berlin  190i.
H.  Fechner,  „Geschichte  des  schlesischen  Berg-  und  Hüttenwesens ­
  1741—1806.“  Zeitschrift  für  das  Berg-,  Hütten-  u.  Salinenwesen ­
  im  preußischen  Staats,  Berlin  1900/02.
48.  Band,  S.  279-^01.  sott.  I.)
49.  Band,  S.  1—87,  243—288,  388—147,  487—569.  (eit.  I  I.)
50.  Band,  S.  140—229,  243—311,  415—506.  691—797.  (eit.  III.)
F.  Frech,  „Deutschlands  Steinkohlenfelder  und  Steinkohlen  -
Vorräte."  Stuttgart  1912.
A.  Friedrich,  „Schlesiens  Industrie  unter  dem  Einfluß  der
Caprivi'schen  Handelspolitik  1889—1900.“  Stuttgart/Berlin  1902.
„Führer  auf  den  deutschen  Schisfahrtstraßen",  5.  Seil:  „Das
Odergebiet."  Berlin  1909.
P.  Goehts,  „Berlin  als  Binnenfchiffahrtsplatz."  Berlin  1909.
Th.  v.  d.  Goltz,  „Vorlesungen  über  Agrarwesen  und  Agrarpolitik." ­
  Jena  1899.
G.  Gothein,  „Die  oberschlesische  Montanindustrie.  Lage,  Aussichten ­
  und  Verhältnis  zur  allgemeinen  Wirtschaftslage."  Waldenburg ­
  1887.  (eit.  I.)
G.  Gothein,  „Der  Außenhandel  Deutschlands."  Berlin  1901.
(eil.  II.)
K.  Grünberg,  „Die  handelspolitischen  Beziehungen  Oesterreich-Ungarns
  zu  Rumänien,  Serbien  und  Bulgarien."  (Schr.  d.  V.
f.  Soz.  Pol.,  Bd.  93.)  Leipzig  1901.
I.  Grunzel,  „System  der  Handelspolitik."  Leipzig  1906.  (eit.  I.)
I.  Grunzel,  „Die  handelspolitischen  Beziehungen  Deutschlands
und  Oesterreichs."  (Schr.  d.  V.  f.  S.  P.,  Bd.  93.)  Leipzig  1901.
(eit  I  I.)
Handbuch  der  Wirtschaftskunde  Deutschlands.  1.  Bd.  Leipzig
1901.  (Landeskunde  etc.)  3.  Band  Leipzig  1904.  (Hauptindustrien.)
4.  Band  Leipzig  1904.  (Handel,  Verkehr  etc.)
„Handels-  und  Machtpolitik",  Reden  und  Aufsätze,  herausg.
von  Schmoller,  Sering,  Wagner.  Stuttgart  1900.
Hecker,  „Bericht  über  eine  im  Sommer  1903  nach  den  Eisenerzvorkommen ­
  an  der  Ofotenbahn  ausgeführte  Studienreise."  (Zeitschrift ­
  s.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen,  Bd.  52,  S.  61  ff.)
Berlin  1904.
        <pb n="7" />
        IX

H.  G.  Heymann,  „Die  gemischten  Werke  im  deutschen  Grotzeisengewerbe."
  Stuttgart/Berlin  1906.
R.  Holtze,  „Die  Lebeverhältnisse  der  oberschlesischen  Arbeiter."
Kattowitz  1888.
F.  C.  Huber,  „Deutschland  als  Industriestaat."  Stuttgart  1901.
„Jahrbuch  für  den  Oberbergamtsbezirk  Breslau."  Kattowitz-Breslau
  1913.
O.  Junghann,  „Die  Gründung  und  Weiterentwicklung  der
Königshütte."  (Festschrift  zur  100  jährigen  Jubelfeier  1802—1902.)
Berlin  1902.
F.  Jüngst,  „Ueber  den  Einfluß  des  Bezuges  ausländischer
Eisenerze  auf  die  Roheisenerzeugung  in  Oberschlesien."  (  Zeitschrift
f.  d.  Berg-.  Hütten-  und  Salinen-Wesen  im  Preußischen  Staat)
48.  Bd.  S.  519  ff.)  Berlin  1900.
F.  Kestner,  „Die  deutschen  Eisenzölle  1879—1900.“  Leipzig  1902.
A.  Knoke,  „Ausländische  Wanderarbeiter  in  Deutschland."
Leipzig  1911.
B.  Kosmann,  „Oberschlesien,  sein  Land  und  seine  Industrie."
sFestschrift  für  die  29.  Hauptversammlung  des  Vereins  deutscher
Ingenieure  zu  Breslau.)  Gleiwitz  1888.
F.  Kuh,  „Die  Hüttenindustrie  Oberschlesiens."  (Schriften  des
Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  106:  „Die  Störungen  im  deutschen
Wirtschaftsleben  während  der  Jahre  1900  ff."  2.  Bd.  „Montan-  und
Eisenindustrie.")  Leipzig  1903.
Kuhna,  „Die  Ernährungsverhältnisse  der  oberschlesischen
Arbeiterbevölkerung."  Leipzig  1894.
V.  Kurs,  „Schiffahrtstraßen  im  Deutschen  Reiche."  (Jahrbuch
f.  Rat.  und  Statistik,  Bd.  65.)  Jena  1895.
W.  Leihe,  „Wandlungen  in  der  Organisation  der  Eisenindustrie
und  des  Eisenhandels."  (Staats  -  und  Sozialwissenschaftliche
Forschungen  Heft  158,  herausgegeben  von  Gustav  Schmoller  und
Max  Sering.)  München/Leipzig  1912.
Fr.  List,  „Das  nationale  System  der  politischen  Oekonomie."
7.  Ausl.  Stuttgart  1883.
H.  Lomnitz,  „Ein  Weg  zur  Verringerung  der  Frachtkosten  von
Koks  und  Minette  für  die  rheinisch-westfälische  und  luxemburgischlothringische
  Eisenindustrie."  Berlin  1903.
H.  Losch,  „Nationale  Produktion  und  nationale  Berufs  -
gliederung."  Leipzig  1892.
W.  Lotz,  „Verkehrsentwicklung  in  Deutschland  1800—1900."
3.  Auflage,  Leipzig  1910.  (cit.  I.)
        <pb n="8" />
        X

W.  Lotz,  „Die  Ideen  der  deutschen  Handelspolitik  1860—1891."
Leipzig  1892.  (cit.  II.)
W.  Lotz,  „Die  Handelspolitik  des  Deutschen  Reiches  unter  Gras
Caprivi  und  Fürst  Hohenlohe  1890—1900.“  Leipzig  1901.  (cit.  111.)
R.  Martin,  „Die  Eisenindustrie  in  ihrem  Kamps  um  ben
Absatzmarkt.“  Leipzig  1904.
A.  o.  Matlekovits,  „Die  handelspolitischen  Interessen  Ungarns.“
(Schr.  d.  33.  f.  S.  P.,  Bd.  93.)  Leipzig  1901.
I.  MLline,  „Die  Rückkehr  zur  Scholle  und  die  industrielle
Ueberproduktion,“  (Uebersetzung).  Berlin  1906.
A.  Miethe,  „Die  Technik  im  20.  Jahrhundert.“  1.  Band:  „Die
Gewinnung  der  Rohmaterialien.“  Braunschweig  1911...
E.  Moritz,  „Eisenindustrie,  Zolltarif  und  Außenhandel."
Berlin  1902.
R.  Nasse,  „Die  Kohlenvorräte  der  europäischen  Staaten,  insbes.
Deutschlands,  und  deren  Erschöpfung.  Berlin  1893.
F.  Naumann,  „Neudeutsche  Wirtschaftspolitik.“  Berlin  1906.
W.  Neumeister,  „Die  natürlichen  Grundlagen  für  die  Eisenindustrie
  in  Deutschland  und  den  Bereinigten  Staaten.“  Leipzig  1910.
Nikolai-on.,  „Die  Volkswirtschaft  in  Rußland  nach  der  Bauern,
emanzipation.“  München  1899.
F.  Oppenheimer,  „Die  Siedlungsgenossenschast.“  Leipzig  1896.
Verhandlungen  der  Gesellschaft  österreichischer  Volkswirte,  „Ein
Zoll-  und  Handelsbündnis  mit  Deutschland.“  Wien  1900.
„Export-Enquete  des  Oesterreichisch-ungarischen  Exportvereins.“
Wien  1898.
Zentralverband  der  Industriellen  Oesterreichs,  „Oesterreichs
künftige  Handelspolitik  vom  Standpunkt  der  Industrie.“  Wien  1899.
R.  Pantzer,  „Zur  Frage  der  Qualitätsverfeinerung  oder  Enifeinerung
  unseres  Exports.“  (Greifswalder  Dissertation.)  Melle-Hannover
  1911.
I.  Partsch,  „Schlesien“,  1.  u.  2.  Teil.  Breslau  1896  bezw.  1911.
L.  Pohle.  „Deutschland  am  Scheidewege.“  Leipzig  1902.
Verhandlungen  des  Königl.  Preutzischen  Landes-Oekonomie-Kollegiums
  am  9.  Februar  1912  über  „Die  Politik  der  Grundbesitzverteilung ­
  in  den  großen  Reichen.“  Referat  erstattet  von  Pros.
Dr.  M.  Sering.  (Veröfsentl.  des  Kgl.  Preuß.  Landes-Oekonomm-Kollegiums,
  Heft  9.)  Berlin  1912.
E.  Reimann,  „Abhandlungen  zur  Geschichte  Friedrichs  d.  Gr.“,
Gotha  1892.
        <pb n="9" />
        I.  Ritter  v.  Renault»,  Edler  v.  Kellenbach,  „Der  Bergbau  und
die  Hüttenindustrie  von  Oberschlesien  1884—1897.“  (Eine  Untersuchung ­
  über  die  Wirkung  der  staatlichen  Eisenbahntarifpolitik  und
des  Wasserverkehrs.)  Stuttgart/Berlin  1900.
C.  Rotz,  „Die  Entstehung  von  Großeisenindustrie  an  der
deutschen  Seeküste.“  Berlin  1911.
A.  Schäffle,  „Ein  Votum  gegen  den  neuesten  Zolltarifgesetzentwurf.“
  Tübingen  1901.  (eit.  I.)
A.  Schäffle,  „Die  nationalökonomische  Theorie  der  ausschließenden ­
  Absatzverhältnisse.“  Leipzig  1867.  (eit.  11.)
M.  Schanz,  „Zielpunkte  der  Exportpraxis.“  Berlin  1908.
K.  Schroth,  „Geschichte  der  Verkehrs-  und  Absatzverhältnisse
beim  oberschlesischen  Steinkohlenbergbau  in  den  ersten  100  Jahren
seiner  Entwicklung  1748—1845“,  Breslau  1912.
G.  v.  Schulze-Gävernitz,  „Volkswirtschaftliche  Studien  aus
Rußland.“  Leipzig  1899.
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Dkw.  im  D.  R..  34.  Jcihrg.,  S.  1281  ff.)  Berlin  1910.  (eit.  I.)
H.  Schumacher,  „Binnenschiffahrtsabgaben.“  Berlin  1901.
(eit.  II.)
H.  Schumacher,  „Die  Wanderungen  der  Großindustrie  in
Deutschland  und  den  Vereinigten  Staaten.“  (Jahrbuch  f.  Gesetzgebung, ­
  Verwaltung  und  Volkswirtschaft,  herausg.  v.  Schmoller,
1910,  2.  Heft.  S.  1—31.)  Leipzig  1910.  (eit.  I  I  I.)
Th.  Sehmer,  „Die  Eisenerzversorgung  Europas.“  (Probleme
der  Weltwirtschaft,  herausgegeben  von  Harms.)  Jena  1911.
M.  Sering,  „Geschichte  der  preußisch-deutschen  Eisenzölle.“
Leipzig  1882.
A.  Serlo,  „Beiträge  zur  Geschichte  des  schlesischen  Bergbaues
in  den  letzten  100  Jahren.“  (Festschrift  zur  Feier  des  100  jährigen
Bestehens  des  Kgl.  Oberbergamtes  zu  Breslau,  5.  Juni  1869.)
Breslau/Berlin,  1869.
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russischen  Eisenindustrie.“  (Zeitschr.  f.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen. ­
  Bd.  54,  S.  382—413.)  Berlin  1906.  (eit.  I.)
B.  Simmersbach,  „Die  neuere  Entwicklung  des  russischen  Bergund
  Hüttenwesens.“  (Zeitschrift  s.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen, ­
  Bd.  57,  S.  9—18.)  Berlin  1909.  (cit.  II.)
B.  Simmersbach,  „Die  Eisenindustrie."  Leipzig  1906.  (eit.  III.)
H.  Solger,  „Der  Kreis  Beuchen  in  Oberschlesien“,  Breslau  1860.
        <pb n="10" />
        W.  Sombart,  „Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  19.  Jahrhundert." ­
  Berlin  1903.  sott.  I.)
W.  Sombart,  „Einige  Bemerkungen  zur  Lehre  vom  Standort
der  Industrien  von  Alfred  Weber."  sArch.  f.  Soz.-Polit.  u.  Soz.&amp;gt;
Miss.  Bd.  30,  S.  753.)  Tübingen  1910.  seit.  I  I.)
Spakeler,  „Die  schwed.  Eisenerzvorkommen  und  ihre  weltwirtsch.
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K.  Spaltowski,  „Die  Erzversorgung  der  deutschen  Eisen  -
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E.  v.  Stein,  „Zur  Frage  einer  Zollunion  mit  Deutschland  vom
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(ott.  I  I  I.)
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        <pb n="11" />
        XIII

A.  Weber,  „Die  Lehre  vom  Standort  der  Industrien",  1.  Teil.
Leipzig  1907.  (cit.  I.)
„Die  Standortslehre  und  die  Handelspolitik."  (Archiv  f.  Soz.
Wissensch.  33.  Bd.,  3.  Hest.)  Berlin  1908.  (eit.  II.)
A.  Weber,  „Die  gemeinsamen  Interessen  Deutschlands  und
Oesterreichs."  Wien  1902.  seit.  III.)
R.  Weber,  „System  der  deutschen  Handelspolitik  und  Handelsverträge." ­
  Leipzig  1912.
H.  Wedding,  „Eisenerzvorkommen  bei  Gellivaara.  (Zeitschrift
f.  o.  Berg-,  Hütten-  und  Salinenwesen  im  Preuß.  Staat,  Bd.  46.)
Berlin  1898.  (cit.  I.)
H.  Wedding,  „Grundriß  der  Eisenhüttenkunde."  Leipzig  1908.
(cit.  II.)
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Berlin  1828.
V.  Wittschewsky,  „Rußlands  Handels-,  Zoll-  und  Industriepolitik
  von  Peter  d.  Gr.  bis  auf  die  Gegenwart."  Berlin  1905.
A.  Zimmermann,  „Geschichte  der  preußisclpdeutschen  Handelspolitik." ­
  Oldenburg/Leipzig  1906.
„Zwei  Wünsche  aus  Oberschlesien"  die  Beförderung  der  Bergund
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E.  Zweig,  „Die  russische  Handelspolitik  seit  1877,  unter  des.
Berücksichtigung  des  Handels  über  die  europäische  Grenze."
Leipzig  1906.
Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich.
Statistik  des  Oberschlesischen  Berg-  und  Hüttenmännischen
Vereins*)  zu  Kaltowitz  über  „die  Iahresergebniffe  der  oberschlesischen
Berg-  und  Hüttenwerke."
Rundschreiben  der  Oberschlesischen  Stahlwerksgesellschaft  zu
Gleiwitz  vom  23.  Januar  1909  betr.  die  Neubildung  eines  Oberschlesischen ­
  Stahlwerksverbandes.
Eingabe  des  Oberschles.  Berg-  und  Hüttenmännischen  Vereins
an  den  Kgl.  Staatsminister  der  öffentlichen  Arbeiten  vom  4.  OKI.
1909  betr.  die  Erstellung  eines  Ausnahmetarifes  für  Gaskohlen  nach
Berlin  und  seinen  Vororten.
Denkschrift  d.  Oberschl.  Berg-  und  Hüttenmännischen  Vereins
vom  30.  Nov.  1911  betr.  die  Verschiebung  der  Wettbewerbsverhältnisse
  für  die  Schlesische  Montanindustrie  durch  die  Inbetriebnahme
des  Großschiffahrtsweges  Stettin—Berlin.
*)  In  den  Anmerkungen  kurz  als  Verein  angeführt.
        <pb n="12" />
        XIV

Berichte  des  Vorstandes  des  OS.  Berg-  und  Hüttenmännischen
Vereins.
Zeitschrift  des  Oberschl.  Berg-  und  Hüttenmännischen  Vereins.
Jahresberichte  der  Handelskammer  zu  Oppeln  für  den  Reg.-Bezirk
  Oppeln.
Monatliche  Mitteilungen  der  Handelskammer  zu  Oppeln.
Jahresberichte  der  Handelskammer  zu  Breslau.
„Kohle  und  Erz",  Zeitschrift  für  die  oberschlesische  Industrie.
Kattowitz.
„Stahl  und  Eisen",  Zeitschrift  für  das  deutsche  Eisenhüttenwesen.
  Düsseldorf.
„Berg-  und  Hüttenmännische  Rundschau",  Kattowitz.
„Deutsche  Bergwerkszeitung."  Essen.
„Glückauf."  Berg-  und  Hüttenmännische  Zeitschrift.  Essen.
„Berliner  Tageblatt",  „Kölnische  Zeitung",  „Schief.  Zeitung".
„Kattowitzer  Zeitung."
„Berichte  über  Handel  und  Industrie,"  Berlin.
„Nachrichten  für  Handel  und  Industrie,"  Berlin.
„Handelsarchiv,"  Berlin.
„Salings  Börsenjahrbuch  für  1912."
„Handwörterbuch  der  Staatswissenschasten,"  3.  Auslage.  Jena
1909/1911.
„Wörterbuch  der  Volkswirtschaft",  3.  Ausl.  Jena  1911.
„Reichsgesetzblatt",  Jahrgang  1911.  Berlin  1911.
*
Zu  dem  12.  Allgemeinen  Deutschen  Bergmannstag  in  Breslau,
2.  bis  ü.  September  1913,  gab  der  Obevschlesische  Berg-  und  Hüttenmännische ­
  Verein  zu  Kattowitz  ein  „Handbuch  des  Oberschlesischen
Industriebezirks"  als  Festschrift  heraus.  Dieses  Werk,  dessen  wirtschaftspolitischer ­
  Teil  von  dem  nationalökonomischen  Dezernenten
des  genannten  Vereins,  Herrn  Dr.  H.  Bonikowsky,  Kattowitz
stammt,  konnte  von  der  vorliegenden,  Prioren  Arbeit  nicht  berücksichtigt ­
  werden.
        <pb n="13" />
        §  1.  Einleitung.
Wir  in  der  Ostmark  haben  alle  Tage  das  große  Schauspiel
deutscher  Pionierarbeit  vor  Augen.  Und  das  Bewußtsein  ihrer
Bedeutung  für  unser  gesamtes  deutsches  Vaterland  erweckt  ein
hohes  Gefühl  der  Verantwortlichkeit,  aber  auch  des  Stolzes.
Während  in  der  gesamten  übrigen  Ostmark  die  Polenfrage ­
  —  diese  größte  aller  inneren  nationalpolitischen  Schwierigkeiten ­
  im  Deutschen  Reich  —  ausgesprochen  agrarischer  Natur
ist,  ist  sie  in  OberschlesierU)  dagegen  durchaus  industriell.  Der
oberschlesische  Grund  und  Boden  ist  in  altem  und  festem  Besitz ­
  deutscher  Magnaten,  einen  bäuerlichen  Grundbesitz  im  eigentlichen ­
  Sinne  hat  es  nie  gegeben^).  Die  slavische  Bevölkerung
ist  fast  ausnahmslos  im  industriellen  Betrieb  beschäftigt.
Die  oberschlesische  Industrie  ist  als  deutsche  Gründung
und  in  deutschem  Besitz  das  Rückgrat  der  deutschen  Ostmarkenpolitik ­
  in  Oberschlesien.  Deutsche  Unternehmer,  deutsches
Kapital,  deutsche  Ingenieure  und  Beamte  auf  der  einen  Seite
—  auf  der  anderen  polnische  Arbeitermassen,  die  anfangs  aus
verwahrlost  tiefer  Kulturstufe  emporgehoben  werden  mußten
und  allmählich  für  die  schwerste  Jndustriearbeit  geschickt  gemacht
worden  sind.  Jndustriearbeit  stellt  u.  E.  weit  höhere  An-1)

  Unter  Oberschlesien  ist  in  der  Arbeit  nicht  der  Reg.-Bezirk
Oppeln  sondern  lediglich  der  Industriebezirk  verstanden,  d.  h.  die
Kreise  und  Städte  Tarnowitz,  Gleiwitz,  Zabrze,  Beuchen,  Königshütte, ­
  Kattowitz,  sowie  der  Norden  des  Kreises  Pleß,  also  der  von
der  Regierung  geplante  Reg.-Bez.  „Industrieoberschlesien."
2)  I.  Partsch,  „Schlesien"  über  das  oberschles.  Zwerggutsystem.
        <pb n="14" />
        2

forberuntjen 1 )  an  Aufmerksamkeit  und  Energie,  an  Intelligenz
als  landwirtschaftliche.  So  hebt  sich  die  gewaltige  Leistung
der  oberschlestschen  Industrie  in  der  Erziehung  ihrer  Arbeiterschaft ­
  leuchtend  ab.
Von  der  1913  über  1,2  Millionen  zählenden  Bevölkerung
Jndustrieoberschlestens  sind  über  200  000  Erwerbstätige  in  der
Industrie  beschäftigt,  die  mit  ihren  Familienangehörigen  zirka
70%  der  Gesamtbevölkerung  ausmachen.  Der  Rest  ist  in  Gewerben, ­
  Handel  und  Verkehr  mit  dem  Schicksal  der  Industrie
unmittelbar  und  eng  verknüpft.
Die  Erhaltung  und  Stärkung  der  oberschlesischen  Industrie
ist  daher  wichtigstes  Interesse  der  deutschen  Ostmarkenpolitik.
Von  ihrer  Gründung  an  hat  die  oberschlestsche  Montanindustrie ­
  stets  mit  bedeutenden  Schwierigkeiten  zu  kämpfen
gehabt,  ihre  Klagen  sind  in  den  letzten  Jahrzehnten  aber  besonders ­
  laut  geworden.  Hier  handelt  es  sich  nicht  um  jene
Beschwerden  der  Produktion,  die  als  Folgen  des  freien  Spieles
der  Wirtschaftskräfte  sich  im  Laufe  der  Zeit  regelmäßig  einzustellen ­
  pflegen,  also  um  Wirtschaftskrisen,  denen  wieder  bessere
Zeiten  folgen,  die  die  erlittenen  Verluste  wieder  reichlich  einbringen, ­
  sondern  um  eine  andauernde  Krankheit,  die  zu  heilen
trotz  allseitiger  Anstrengungen  bisher  noch  nicht  gelungen  ist.
Unser  Interesse  konzentriert  sich  allein  auf  die  Kohlenund
  Eisenindustrie,  da  die  Lage  dieser  beiden  Industriezweige
wirklich  ernst  ist,  während  z.  B.  die  Zink-  und  Bleiindustrie
unter  immerhin  günstigeren^)  Verhältnissen  arbeitet.  Auch  ist
die  Kohlen-  und  Eisenindustrie  für  das  oberschlesische  Wirtschaftsleben ­
  ausschlaggebend,  wie  sich  aus  der  folgenden  Aufstellung ­
  ergibt^):  *  3

1l  Die  Ursache  ist  die  größere  „Gefährlichkeit"  der  Arbeit  an
Maschinen;  freilich  ist  dasselbe  bei  dem  immer  mehr  wachsenden  Gebrauch ­
  von  landwirtschaftlichen  Maschinen  in  der  modernen  Landwirtschaft ­
  der  Fall.
2i  Reiche  Zink-Bleierze,  billigste  Kohlen,  beschränkte  Konkurrenz. ­

3)  Nach  den  Iahresstatistiken  des  Vereins  zusammengestellt.
        <pb n="15" />
        3

Gesamte  Montanindustrie  Oberschlesiens:

Arbeiterzahl

Arbeiterlöhne

Wert  d.  Produktion

in  1000

in  Millionen  Mark

1881—85  i.D.

74,4

40,9

154,5

1886—90  i.  D.

87,2

51,1

200,6

1890—95  i.D.

103,3

72,3

257,9

1896—00  i.D.

120,2

95,8

388,2

1901—05  i.D.

144,5

129,9

496,1

l906—10  i.D.

179,2

184,9

727,7

1911

191,8

205,3

798,9

1912

197,1

222,7

896,0

Oberschlesischer  Steinkohlenbergbau:

Arbeiterzahl

Arbeiterlöhne

Wert  d.  Produktion

in  IOOd

!n  Millionen  Mark

1881—85  i.D.

36,9

24,9

42,5

1886—90  i.D.

43,5

29,9

56,4

1891—95  i.D.

53,9

40,1

92,2

1896—00  i.  D.

61,1

52,0

131,2

1901—05  i.D.

82,0

78,2

189,8

1906—10  i.D.

105,4

115,8

280,5

1911

117,8

130,8

305,9

1912

120,6

142,7

353,0

Oberschlefischc  Eisenindustrie

(inkl.  Eisenerzbergbau):

Arbeiterzahl

Arbeiterlöhne

Wert  d.  Produktion

ln  1000

in  Millionen  Mark

1881—85  i.D.

16,8

10,6

68,0

1886—90  i.D.

19,1

12,4

75,0

1891—95  i.D.

25,2

17,5

110,0

1896—00  i.D.

32,2

23,6

130,0

1901—05  i.D.

36,2

30,1

173,0

1906—10  i.  D.

43,9

42,2

278,3

1911

44,5

45,9

290,9

1912

46,4

49,8

318,5

Der  Anteil

der  Kohlen-Eisenindustrie  an

der  Gesamt-Montanindustrie

  Oberschlesiens  betrug  demnach

1912  bei  der

Arbeiterzahl  85  %,  bei  der  Gesamtlohnsumme  90%  und  dem
Gesamtwert  der  Produktion  75%,

Der  oberschlesische  Steinkohlenbergbau  steht  mit  der  Eisenerzeugung ­
  nicht  erst  seit  den  jüngsten  Jahrzehnten,  seitdem
die  moderne  Zentralisationsbewegung  die  sog.  „gemischten"  Industriebetriebe ­
  allgemein  zur  Erscheinung  brachte  und  heute  noch
jeden  Tag  bringt,  in  engstem  wirtschaftlichen  Zusammenhang,
        <pb n="16" />
        sondern  beide  Industrien  waren  seit  ihrer  Gründung  miteinander ­
  wirtschaftlich  verwachsen.  Wie  nirgends  anderswo  decken
sich  ihre  Interessen,  daher  muß  bei  einer  Behandlung  der  einen
Industrie  zugleich  die  andere  mit  berücksichtigt  werden.
Wenn  wir  nicht  flüchtig  sein  wollen,  werden  wir  also  den
Steinkohlenbergbau  und  die  Eisenindustrie  Oberschlesiens  zusammenfassend ­
  abhandeln,  um  die  vorgeworfene  Aufgabe  zu
erfüllen,  die  ursächlichen  Beziehungen  der  Schwierigkeiten  der
oberschlesischen  Montanindustrie  kennen  zu  lernen.
Ein  kurzer  geschichtlicher  Ueberblick  über  die  Entwickelung
Oberschlesiens  wird  uns  am  besten  in  das  Milieu  einführen').

§  2.  Geschichtliche  Entwicklung  der  oberschlesischen ­
  Kohlen-  und  Eisenindustrie.
Die  Anfänge^)  der  oberschlesischen  Montanindustrie,  d.  h.
der  Bergbau  auf  silberhaltiges  Bleierz,  gehen  bis  ins  12.  und
11.  Jahrhundert  zurück,  um  welche  Zeit  größere  Ansiedelungen,
Beuthen  und  Tarnowitz  entstehen,  die  bald  das  Stadtrecht  erlangen^). ­
  Der  Zuzug  deutscher  Kolonisten  besonders  aus  dem
Bergbaubezirk  des  Harzes  und  Sachsens  beförderte  die  Blüte
dieses  unbekannten  und  von  deutscher  Kultur  so  entfernten
polnischen  Landes'').  Mehrfach  jedoch  geriet  der  Bergbau  infolge ­
  der  kriegerischen  Beunruhigungen  durch  das  angrenzende
Polen,  das  die  germanisatorische  Arbeit  der  schlesischen  Piasten
mit  Haß  verfolgte,  ins  Stocken.  Nochmals  kam  für  Oberschlesien ­
  eine  Zeit  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Aufschwunges,
als  1523  der  Markgraf  Georg  der  Fromme  von  Brandenburg-Ansbach
  den  Pfandbesitz  der  Fürstentümer  Oppeln  und  Rail ­
  Eine  zusammenfassende  Darstellung  der  Geschichte  der  oberschlesischen ­
  Montanindustrie  ist  befriedigend  nicht  vorhanden.  Sämtliches ­
  Material  ist  zerstreut.  Es  wurden  besonders  benutzt:  H.  Fechners
  Atztenveröffentlichungen,  dann  H.  Solger,  O.  Iunghann,  L.
Wachler,  E.  Reimann,  K.  Schroth  usw.
2)  H.  Solger.
3)  Beuthen  erlangte  i.  I.  1254  deutsches  Recht.
4)  Durch  Berufung  bes.  Mansfelder  Bergleute,  Anstellung  von
Aussichtsbeamten  und  Gewährung  von  bedeutenden  Vorschüssen.
Diese  betrugen  allein  1561—65:  79  372  Taler,  eine  damals  gewiß
hohe  Summe.  (Solger,  S.  11.)
        <pb n="17" />
        5

tibor  sowie  der  Herrschaften  Oderberg  und  Beuthen  erwarb.
Er  und  sein  Sohn  Georg  Friedrich  hoben  mit  weitsichtigen
Maßregeln  und  auch  großen  Geldopfern  den  durch  Wasser  arg
bedrängten  Bergbau.  Tann  aber  brachen  die  Wirren  des
30jährigen  Krieges  über  das  unglückliche  Land  herein.
Dse  deutschen  Bergleute,  meist  Protestanten,  wurden
drangsaliert  und  vertrieben,  sodaß  der  Bergbau  allmählich  einging. ­
  Die  mühsam  geschaffenen  Werke  treuer  deutscher  Kultur-  •
arbeit  verfielen,  das  Land  wurde  wieder  polnisch.  In  den
nun  folgenden  Zeiten  tat  die  kaiserliche  Regierung^  nichts,  das
Berg-  und  Hüttenwesen  zu  heben,  entgegen  den  Prinzipien  des
damals  herrschenden  Mercantilsystems^).  1754  hörte  der  Tarnowitzer
  Blei-  und  Silberbergbau  gänzlich  auff).  Mitte  des
16.  Jahrhunderts  hatte  ein  Tarnowitzer  Bürger,  Peter  Jost,
Galmeierz  zu  graben  begonnen^),  aus  dem  man  zwar  noch  nicht
das  Zinkmetall  aber  mit  Kupfererz  zusammengeschmolzen  Messing ­
  herzustellen  verstand.  Der  Breslauer  Kaufmann  Georg
Giesche  hatte  darauf,  durch  das  kaiserliche  Privilegs)  von  1704
mit  dem  ausschließlichen  Rechte  zum  Galmeigraben  belehnt,
einen  bedeutenden  Galmeihandel  nach  Schweden  und  Holland
eröffnet,  da  es  zur  Verhüttung  des  Galmeis  in  Oberschlesien
selbst  an  Arbeitern  und  Absatz  mangelte.  Auch  Eisenerze
wurden  mit  dem  Galmei  vermengt  gefördert  und  in  kleinen
Eisenhämmern  verschmolzen^).  Von  einer  bedeutenderen  Eisenindustrie ­
  kann  jedoch  nicht  die  Rede  sein.  Steinkohlen,  deren
Vorhandensein  schon  längere  Zeit  bekannt  war,  wurden  zuerst
1748  auf  dem  Gute  des  Herrn  v.  Stechow  bei  Ruda  durch  eine
Schachtanlage  ausgeschlossen^),  während  im  Waldenburger  Gebiet ­
  und  in  der  Grafschaft  Glatz  bei  Neurode  schon  seit  dem
16.  Jahrhundert  Kohlengruben  betriebe:-  wurden^).
1)  H.  Fechner,  I,  S.  295  ff.
2)  E.  Reimann,  S.  132.
3)  Infolge  der  Abgabenforderungen  der  Grafen  Henckel  von
Donnersmarck.
4)  Bei  Rudy  Piekar.  lSolger,  S.  12.)
6)  H.  Fechner  I,  S.  286.
6)  Bei  Lublinitz,  Kreuzburg,  Naklo,  Radzionkau,  Bobrownik
und  Radofchau.
7»  K.  Schroth,  S.  11.  H.  Voltz,  S.  87.
8)  H.  Fechner  I,  S.  280  ff.
        <pb n="18" />
        6

In  solch  vernachlässigtem  Zustande  also  befand  sich  die
oberschlesische  Montanindustrie,  als  Friedrich  der  Große  1740
von  Schlesien  Besitz  ergriff.  Mit  ganzer  Energie  wandte  sich
der  große  König  sogleich  der  Hebung  des  Bergbaues  zu,  den
er  als  das  Hauptstück  seiner  neuen  Erwerbung  erkannte.  Schon
im  Besttzergreifungspatent  vom  25.  November  1741H  forderte
er  „jedermann  auf,  wer  etwas  Vernünftiges  und  Ersprießliches
in  Bergbausachen  vorzubringen  hätte,  solches  ungescheut  sogar
bei  Sr.  Majestät  allerhöchster  Person  zu  tun".  Doch  fehlte
es  zunächst  an  einem  ordentlichen  Bergamte,  Welches^)  den  Baulustigen ­
  mit  gutem  Rate  zur  Hand  gehen  und  selbige,  „von  unnutzbaren ­
  Bauten  abhalten  könne".  Dem  Könige  mangelte  es
an  den  nötigsten  Geldmitteln,  den  erforderlichen  Beamtenapparat ­
  eines  ordentlichen  Bergamts  zu  besolden.  Erst  nach
j  dem  Hubertusburger  Frieden  1763  besserten  sich  die  königlichen
Einnahmen,  sodaß  Friedrich  am  9.  Mai  1768  das  Bergwerksund ­
  Hüttendepartement  als  selbständige  siebente  Abteilung  des
Generaldirektoriums  für  den  gesamten  Staat  errichten  konnte
und  am  9.  Dezember  1769  zur  Hebung  des  bisher^)  „so  vernachlässigten ­
  Bergbaues  in  Schlesien  und  Glatz"  das  Oberbergamt ­
  zu  Reichenstein,  das  1779  nach  Breslau  verlegt  wurdeH.
Von  allergrößtem  Erfolge  aber  war  die  Berufung  des  ehemals
kursächsischen  Berghauptmannes  Friedrich  Anton  Freiherrn
von  Heinitz  zum  Präsidenten  des  Departements,  7.  September ­
  1777^).  Die  Größe  dieses  Staatsmannes  zeigt  sich  so  recht
in  seinem  Bericht  an  den  König  Friedrich  Wilhelm  II.,
10.  Oktober  1786,  in  dem  er  sagt,  „der  Bergbau  könne  selten
große  Ueberschüsse  an  die  Kgl.  Kasse  abliefern;  er  zwecke  vielmehr ­
  dahin  ab,  die  Nation  nützlich  zu  beschäftigen  und  zu  bereichern, ­
  einzelne  partikuliere  Anlagen  zu  befördern,  unentbehr-1)
  H.  Fechner  I,  S.  296.
2)  H.  Fechner  I,  S.  305.  (o.  Massom  an  den  König,  Breslau,
19.  April  1754.)
3)  H.  Fechner  I,  S.  313  f.
4)  Die  erste  Frucht  dieser  Gründungen  war  die  Regelung  des
schlesischen  Bergwesens  durch  die  Schlesische  Bergordnung  v.  5.  Juli
1769  und  die  damit  verbundene  Knappschaflsordnung  v.  20.  November ­
  1769.
5)  H.  Fechner  I,  S.  307.  S.  309  ff.
        <pb n="19" />
        7

liesse  Bedürfnisse  für  Kriegs-  und  Friedenszeiten  anzuschaffen,das
dafür  ehemals  auswärts  geschickte  Geld  dem  Staate  zu  erhalten
und  selbst  mit  den  über  den  Landesbedarf  gewonnenen  metallischen ­
  Produkten  nach  der  glücklichen  Lage  der  Provinzen  einen
Handel  ins  Ausland  zu  betreiben".  Heinitz  war  einer  der  hervorragendsten ­
  Mercantilisten  und  Staatsmänner  seiner  Zeit.
Zum  Direktor  des  schlesischen  Oberbergamtes  ernannte  er  den
Freiherrn  Friedrich  von  Reden,  der,  seinem  Vorgesetzten  an
Fähigkeiten  und  an  Arbeitskraft  ebenbürtig,  sich  um  die  oberschlesische ­
  Industrie  unsterbliche  Verdienste  erworben  hat.  Zunächst ­
  galt  es,  den  Bergbau  auf  Steinkohlen  zu  fördern  und
die  Steinkohlenfeuerung  in  Gebrauch  zu  bringen.  Da  der
private  Unternehmungsgeist  versagte,  errichtete  Reden  staatliche ­
  Steinkohlengruben').  Unmittelbare  Ursache  dazu  war  die
Aufstellung  von  Dampfmaschinen  auf  der  Kgl.  Friedrichsgrube
bei  Tarnowitz,  die  ben  eingeschlafenen  Bergbau  auf  silberhaltiges
Bleierz  mit  großen  Erfolgen  1786  wieder  aufnahm,  und  die
aus  England  übernommene  Verwendung  des  Steinkohlenkoks
an  Stelle  der  Holzkohle  bei  der  Eisenfabrikation").  Überaus ­
  schwer  war  es,  die  Steinkohlenfeuerung  in  Aufnahme  zu
bringen,  da  die  damaligen  Öfen  äußerst  primitiv  waren.  Den
in  bedeutendem  Umfange  betriebenen  Bleichen  usw.  wurden
zum  Umbau  der  Öfen  Prämien  bis  zu  200  Talern  ausgesetzt,
ebenfalls  Färbereien,  Brauereien  und  gewöhnlichen  Heizöfen").
Noch  schwieriger  gestaltete  sich  die  Versorgung  Breslaus  und
Berlins  mit  oberschlesischen  Steinkohlen  infolge  des  gänzlichen
Fehlens  geeigneter  und  ausreichender  Transportmittel^).
Mehrere  Probesendungen")  nach  Berlin  zeigten,  daß  die  hohen
Transportkosten  die  Kohle  so  verteuerten,  daß  sie  nicht  abzusetzen ­
  war.  Friedrich  der  Große  drückte  in  seinen  Erlassen  des
öfteren  den  Wunsch  aus,  inan  solle  Mittel  und  Wege  suchen,
die  Kosten  so  weit  zu  verringern,  daß  die  Kohlen  „hier  im
1)  H.  Fechner  I.  S.  338.
2)  H.  Fechner  11,  S.  434  ff.  1788  wurden  Versuche  mit  dem
Abschmefeln  der  oberschlesischen  Steinkohlen  unter  Anleitung  des
englischen  Fabrikanten  Wilkinson  angestellt,  die  endlich  die  Herstellung ­
  eines  brauchbaren  Koks  gelingen  ließen.
3)  H.  Fechner  I  I,  S.  493.
4)  H.  Fechner  I,  S.  339.
5)  H.  Fechner  I  I,  S.  487  ff.
        <pb n="20" />
        8

Lande  herum  debitiert  werden  könnten".  Er  erließ  ein  strenges
Kohleneinfuhrverbot  (1769)  gegen  die  englischen  Steinkohlen,
die  schon  damals  den  einheimischen  arge  Konkurrenz  machten.
Das  Verbot  wurde  1772  wiederholt,  und  die  Zuckersiedereien
zu  Berlin  und  Breslau  sowie  die  Gewehrfabriken  zu  Spandau
und  Potsdam  gingen  nun  mit  Widerstreben  zu  den
schlesischen  Kohlen  über.  Schon  1779  sprach  Heinitz  in  Anbetracht ­
  der  Transportschwierigkeiten  den  Plan  aus,  dem  oberschlesischen ­
  Steinkohlenbergbau  durch  Schiffbarmachung  der
Klodnitz  und  Verbesserung  der  Oderstraße  zu  Hilfe  zu
kommen *  2  3  4 ),  doch  wurde  der  Klodnitzkanal  erst  1788  in  Angriff
genonimen  und  1805  vollendet.  Dem  Mangel  an  geeignetem
Wagen-  und  Kahnmaterial  suchte  man  durch  die  Verordnung
beizukommen,  daß  nur  die  Fuhrleute  und  Oderschiffer  in  Berlin ­
  Salzfrachten  erhalten  sollten,  die  als  Rückfracht  Kohlen
transportierten^).  Der  Minister  v.  Hoym  ordnete  1791  sogar
an,  daß  jedes  Oderschiff  bei  Strafe  von  20  Talern  einnral  im
Jahr  mit  Steinkohlen  nach  Berlin  befrachtet  werden  müßte,
und  1793  wurde  den  Schiffern  befohlen,  die  Hälfte  des  Laderaumes ­
  mit  Steinkohlen  zu  befrachten.  Ferner  befreite  man
1777  die  schlesischen  Kohlen  von  Zöllen,  Accisen  und  Schleusengeldern. ­
  Dagegen  wurde  für  die  Verbesserung  der  Landstraßen  (
wenig  getan  und  ihre  Sorge  den  eigenen  Mitteln  des  Bergbaues ­
  überlassen.  Friedrich  der  Große  war  eifrig  bemüht,  durch
bessere  Absatzmöglichkeiten  den  Steinkohlenbetrieb  zu  fördern.
So  befahl  er,  daß  neue  Belehnungen  mit  Grubenfeldern  nur
dann  erteilt  werden  sollten,  wenn  der  Muter  nachweise,  daß  er  ^
den  nötigen  Absatz  habe:  „Ueberhaupt  halte  Ich  davor,  daß
es  dem  Lande  soviel  Bergwerke  auf  einmal  zu  unternehmen,
nicht  vorteilhaft  sein  könne,  weil  ein  Bau  dem  anderen  in  Anrechnung ­
  derer  sich  dabei  Interessierenden  nur  nachteilig  wird,
vielmehr  vorderhand  bei  6,  7  bis  8  Bauen  stehen  zu  bleiben,
ratsamer  sein  dürfte"')."  Auch  gründete  er  zur  Beförderung
des  Steinkohlenabsatzes  in  größeren  Städten  Expeditionskontore
 4 ),  sowohl  private  als  auch  staatliche.
H.  Fechner  I,  S.  325.  11,  S.  75.  S.  86.  S.  492  ff.
2)  H.  Fechner  I  I,  S.  487  ff.
3)  H.  Fechner  II.  S.  250.
4)  H.  Fechner  I  I,  S.  489.  S.  493.
        <pb n="21" />
        9

Mit  gleichem  Eifer  wurde  an  der  Hebung  der  bisher  unbedeutenden ­
  oberschlesischen  Eisenindustrie  gearbeitet.  Der  Eisenerzbergbau ­
  wurde  intensiviert,  das;  er  den  steigenden  Ansprüchen ­
  der  Hütten  folgen  konnte.  Auch  hier  griff  der  staatliche ­
  Betrieb  vorbildlich  ein,  indem  die  Kgl.  Eisenhütten  zu  j
Malapane  (1754),  Kreuzburg  (1755)  und  Gleiwitz  (1794)')
begründet  wurden.  1802  folgte  schließlich  noch  die  Kgl.  Eisenhütte ­
  zu  Königshütte.  Die  wichtigste  Folge  war  neben  der
größeren  Produktion  eine  bedeutende  Verbesserung  der  Qualität ­
  des  oberschlesischen  Eisens,  das  so  lange  in  keinem  guten
Rufe  gestanden  hatte.  1787  wurden  die  sog.  „Eisenschauordnung^)"
  für  das  in  die  anderen  Provinzen  zu  versendende
Eisen  erlassen,  die  dasselbe  zuerst  auf  der  Hütte,  dann  nochmals ­
  in  Breslau  einer  genauen  Probe  unterwirft.  Das  aus
Rasen-  oder  Moorerzen  auf  Luppenherden  erzeugte  Eisen  war
von  vornherein  von  den  Proben,  also  vom  Jnlandsabsatz,  ausgeschlossen. ­
  Die  Qualität  des  Eisens  besserte  sich  nun  rasche),
nachdem  man  die  Schmelzmethoden  verbessert  hatte  und  dein
Prozeß  mehr  Aufmerksamkeit  zuwandte.  Um  beu  Eisenabsatz
zu  erweitern,  wurde  auf  Heinitz'  Antrag  1779  die  Einfuhr
schwedischen  sowie  anderen  fremden  Eisens  verboten"').  Außerdem ­
  fielen  1787  die  Zölle  und  Accisen  bei  der  Einfuhr  des
oberschlesischen  Eisens  in  die  anderen  Provinzen  des  Staates
weg.  Ferner  wurde  der  Vertrieb  in  einem  Bcrgwerks-Produktenkontor
  organisiert  (1784),  das  in  vielen  Orten  Niederlassungen ­
  hatte  und  eine  Monopolstellung  einnahm.  Außer
mit  Eisen  handelte  es  mit  Kohlen  und  anderen  Jndustrieprodukten
  der  Kgl.  Hütten  und  Privatwerke,  ja  sogar  des  Auslandes, ­
  und  erfüllte  seine  Bestimmung  vollkommen,  indem  es
mit  den  Hüttenwerken  feste  Lieferungsverträge  abschloß  und
ihnen  so  eine  regelmäßige  Produktion  ermöglichte.  Alle  diese

1)  H.  Fechner  I,  S.  434.  Auf  der  Gleimitzer  Hütte  wurde  im
November  1766  der  erste  Kokshochofen  des  Kontinents  angeblasen.
Der  erste  überhaupt  war  der  zu  Covlbrookdale  in  Shropshire,  1740.
«Fechner  I  I,  S.  78  f.  H.  Solger,  S.  21.  H.  Fechner  I  I.  S.  266.)
2)  H.  Fechner  11,  S.  711  ff.  S.  434  ff.  I,  S.  338  s.  11,  S.  499.
3)  E.  Reimann,  S.  150  ff.  L.  Wachler,  I.  S.  96.  O.  Junghann, ­
  S.  4  ff.
4)  H.  Fechner  I  I,  S.  501  ff.  S.  622  ff.
        <pb n="22" />
        Bestrebungen  waren  von  Erfolg  begleitet,  die  Hütten  konnten
bald  die  Nachfrage  nicht  mehr  befriedigen.  Oberschlesisches
Eisen  ging  nach  aller  Herren  Ländern,  besonders  gern  nach
England^).
Geben  wir  einen  kurzen  Ueberblick,  so  ist  zu  sagen,  daß
Friedrich  der  Große  die  oberschlesische  Kohlen-  und  Eisenindustrie ­
  ins  Leben  rief,  geleitet  von  den  Prinzipien  mercantilistischer
  Staatskunst^).  Trotz  des  anfänglichen  Mangels  an
ausreichenden  Geldmitteln,  technischen  Methoden  sowie  vor
allem  privatem  Unternehmungsgeist  und  einer  intelligenten
Arbeiterbevölkerung,  gelang  das  ungeheure  Werk  dank  der
Größe  seiner  Schöpfer  und  den  reichen  natürlichen  Hilfskräften
des  Landes^).  Begeistert  schreibt  Reden  in  seinem  berühmten
Promemoria  vom  l7.  Januar  1786  an  den  Königs):  „Es
ist  unmöglich,  von  der  Leichtigkeit,  Ergiebigkeit  und  so  unerwarteten ­
  als  sonderbaren  Gestalt  dieses  Baues  einen  Begriff
zu  geben;  man  muß  die  Gruben  befahren  und  über  die  Schätze
erstaunen,  welche  die  Natur  mit  verschwenderischer  Freigebigkeit ­
  hierher  gelegt  hat.  Ueberall  gibt  es  mergelartigen  Eisenstein ­
  wie  in  England.  Der  Sandstein  ist  zu  Gestellsteinen  geeignet, ­
  sogar  zum  Glasmachen  statt  des  Sandes.  In  der  Nähe
der  Flöze  ist  feuerbeständiger  Ton  zu  Glasöfen,  Lehm  zu  Ziegeln ­
  und  Kalk  zum  Bauen  und  zur  Düngung.  Nirgends  finden
sich  Kalk  und  Kohle  so  nahe  wie  hier.  Welche  Aussichten  für
die  Kultur  des  Landes  und  für  anzulegende  Fabriken;  welche
Sicherheit  für  die  hiesige  Eisenfabrikation!  Alle  Zweifel,
welche  ich  ehedem  in  die  Nachahmung  der  englischen  Verfahrungsarten
  hcgte°),  verschwinden  jetzt,  da  Menge,  Wohlfeilheit
und  Güte  der  Kohlen  sowie  die  Hilfsmittel  zu  ihrer  Benutzung
und  endlich  der  Verschleiß  der  Produkte  gesichert  sind  .  .  .  Un-1)

  Faßreifen  gingen  über  Stettin  nach  Portugal  und  Spanien,
s.  E.  Reimann,  S.  150  ff.  H.  Fechner  II,  S.  74.
2)  H.  Fechner  11,  S.  256.  I  I  I,  S.  786.
3)  Heinih'  Bericht  an  den  König,  29.  Sept.  1791:  „Der  Graf
tx-  Sieben  verpflanzt  die  ganze  englische  Industrie  im  Mineralreich
nach  Schlesien.  Wir  erreichen  alle  Jahre  größere  Vollkommenheit ­
  .  .  .  ."  Fechner  I  I,  S.  76  ff.
4)  H.  Fechner  I,  S.  338  f.
5)  d.  h.  bezügl.  des  Koks.
        <pb n="23" />
        11

möglich  kann  die  Voraussetzung  gewagt  erscheinen,  daß  dereinst
unter  dem  unmittelbaren  Schutze  und  durch  die  kräftige  Unterstützung ­
  der  preußischen  Monarchen  ein  Etablissement  zu  Stande
kommen  und  erhalten  werden  sollte,  dergleichen  einzelne  Partikuliers ­
  in  England  mehrere  und  in  wenig  Jahren  errichten,  beleben ­
  und  unter  minder  günstigen  Verhältnissen  nicht  nur  zu
einem  hohen  Grade  der  Vollkommenheit,  sondern  auch  zu  einem
reichen  Ertrage  bringen.  Ich  finde  ein  unbeschreibliches  Vergnügen ­
  in  der  Vorstellung  dieser  vielleicht  noch  sehr  entfernten
Zukunft,  und  freue  mich  im  Voraus  der  Zeiten,  wo  belebte  Industrie, ­
  schnellere  Zirkulation  und  Kultur  diesen  ungeachteten
Winkel  zur  Perle  der  preußischen  Krone  erheben,  und  dessen  Bewohner ­
  aus  armen,  gedrückten  Sklaven  zu  gebildeten  und  glücklichen ­
  Menschen  umschafsen  werden."
Nichtsdestoweniger  krankte  die  oberschlesische  Montanindustrie ­
  vom  Tage  der  Geburt  an  einem  Hauptübel:  dem  Mangel
eines  genügend  großen  Absatzmarktes.  Schlesien  sah  sich  nach
dem  Hubertusburger  Frieden  plötzlich  von  Österreich  losaerissen,
mit  dem  es  seit  Jahrhunderten  im  engsten  wirtschaftlichem  wie
politischem  Verhältnis  gestanden  hatte.  Entgegen  den  Friedensbestimmungen, ­
  die  dem  Handel  der  Provinz  mit  dem  Kaiserreich ­
  freien  Lauf  ließen'),  sperrte  Maria  Theresia  ihre  Lande
gegen  Schlesien  durch  hohe  Schuümlle  und  Verbote  auf  Roheisen
und  Eisenwaren  ab,  die  Friedrich  d.  Gr.  mit  Kamuszöllen  beantwortete. ­
  Dagegen  war  der  Handel  nach  dem  Königreich
Polen  ungehindert  und  sehr  lebhaft 1  2  3 ).  Das  enaere  Gebiet  des
oberschlesischen  Jndustriebezirks  aber  wasr  wirtschaftlich  noch
unentwickelt  und  zu  klein,  um  einer  Großindustrie  genügend  Beschäftiaung
  geben  zu  können,  umsomehr  als  die  slavische,  unfreie
Bevölkerung  auf  einem  äußerst  niedrigen  Wirtschaftsniveau  sich
befand.  Der  weitere  Jnlandsmarkt  war  schwer  zu  erreichen  infolge ­
  der  peripheren  Lage  Oberschlesiens  und  seiner  völligen
Armut  an  Kommunikationen.  Heinitz  schreibt  in  seinem  Bericht ­
  voin  8.  September  1801 3 )  „.  .  .  an  Steinkohlen  kann  es

1)  H.  Fechner  HI,  S.  787  ff.  II,  S.  74  f.
2)  Bei  der  2.  Teilung  Polens  1793  kam  das  Oberschlesien  benachbarte ­
  Gebiet  um  Czenstochau  als  „Nsufchlefien"  zu  Preußen.
3)  H.  Fechner  I  I,  &amp;lt;5.  75  ff.
        <pb n="24" />
        12

für  Schlesien  und  die  angrenzenden,  an  der  Oder  und  Elbe  gelegenen ­
  Provinzen  mehrere  Jahrhunderte  nicht  fehlen.  .  ./es
kommt  auch  weniger  ans  deren  Herausforderung  als  auf  deren
Transport  an;  durch  den  Klodnitzkanal  wird  die  Fortschaffung
der  oberschlesischen  Steinkohlen  zur  -Oder  wesentlich  befördert
werden,  die  Hauptsache  aber  die  Oderschiffahrt  bleiben."  Der
1788  begonnene  Kanal  wurde  erst  1805  vollendet.  Am  20.  Juni
1805  ging  das  erste  Schiff  mit  Gusiwaren  aus  der  Kgl.  Hütte
Gleiwitz  von  Laband  ab.  Doch  zeigte  der  Kanal  von  Anfang
an  große  Mängel*).  Die  zahlreichen  Schleusen  erforderten  häufig ­
  Reparaturen,  die  den  Verkehr  aufhielten  und  Umladungen
veranlaßten.  Das  Eis  des  Kanals  taute  schwer  auf.  Auch  die
Oder  war  durch  viele  Schleusen  und  Mühlenwehre  behindert.
Die  Frühjahrswasser  liefen  schnell  ab,  so  daß  die  Schiffahrtszeit
siw  sehr  verkürzte.  Vor  allem  ging  der  Transport  allzu  langsam ­
  vor  sich.  Heinitz  erkannte  diese  Mängel  sogleich  und  schlug
die  Erbauung  von  mehr  und  flacher  gehenden  Schiffen,  Einführung ­
  des  Leinenzuges  durch  Pferde  und  eine  gründliche
Stromräumung  vor").  Die-Landstraßen  hingegen  blieben  in
ihrem  trostlosen  Zustande,  soweit  sich  nicht  die  industriellen  Interessenten ­
  selbst  halfen.
Die  Nachfolger  Friedrichs  d.  Gr.,  König  Friedrich  Wilhelm ­
  II.  und  Friedrich  Wilhelm  III.  brachten  der  oberschlesischen
Industrie  das  gleiche  Interesse  entgegen  und  suchten  sie  auf  alle
Weise  zu  heben.  Mit  Heinitz'  Tode,  18.  Mai  1802,  ließ  zwar
die  Energie  im  Berg-  und  Hüttenwesen  bedeutend  nach,  vollends
aber  nach  Redens  Abgana,  der  bis  1807  Heinitz'  Nachfolger  in
der  Leitung  des  preußischen  Berg-  und  Hüttenwesens  war.
Die  folgenden  napoleonischen  Kriegsjahre  brachten  wie  den
ganzen  preußischen  Staat  so  die  oberschlesische  Montanindustrie
an  den  Rand  des  Verderbens.  Anders  als  in  den  übrigen  Industriegebieten^) ­
  befand  sich  ja  in  Oberschlesien  der  Steinkohlenbergbau ­
  und  das  Eisengewerbe  fast  ausschließlich  in  der  Hand
des  Staates,  der  nun  den  Betrieb  einstellen  mußte,  da  die  Beil ­

  H.  Fechner  I  I,  S.  210.
2)  H.  Fechner  I  I,  S.  80  ff.
3)  Die  niederschlefischen  und  westfälischen  Gruben  waren  ausnahmslos ­
  im  Privatbesitz.  (H.  Fechner,  II,  S.  55.)
        <pb n="25" />
        13

triebsmittel  notwendig  anderweitig  gebraucht  wurden.  Jetzt
aber  zeigte  sich  die  erziehliche  Wirkung  der  staatlichen  Industriepolitik
  Heinih'  und  Redens  im  besten  Lichte.  Die  private
Tätigkeit  erwachte  zur  rechten  Zeit,  die  Industrie  durch  die
Kriegsjnhre  hinüberzuretten.  Neue  Kohlenschächte  wurden  abgeteuft, ­
  und  Privatgewerken  erbauten  1809  zu  Hohenlvhehütte
und  1810  zu  Antonienhütte  KokshochöferL).  Auch  schritten
Private  um  diese  Zeit  nach  dem  von  dem  Schmelzmeister  Joh.
Christ.  Ruberg  zu  Wessola  1798  erfundenen  Verfahren,  aus
Galmei  Zink  darzustellen,  zur  Errichtung  von  Zinkhütten^).
Nach  der  durch  die  Stein-Hardenberg'sche  Reformgesetzgebung ­
  und  die  Befreiungskriege  erwirkten  Wiedergeburt  des
preußischen  Staates  sehte  auch  in  Oberschlesien  ein  gewaltiger
industrieller  Aufschwung  ein.  Freilich  ging  in  dem  äußersten
Winkel  des  Staates  die  Bauernbefreiung  sehr  langsam  von
statten,  vielfach  wußten  die  oberschlesischen  Magnaten  die  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  gänzlich  zu  umgehen,  auch  mangelte  es
lange  Zeit  an  Kapital,  da  nach  dem  Kriege  ein  allgemeiner,  großer ­
  Kapitalbedarf  besonders  des  Staates  befriedigt  sein  wollte.
Überdies  war  die  in  der  2.  Teilung  Polens  1793  erworbene
Provinz  Neuschlesien,  die  wirtschaftlich  erfolgreich  au  Oberschlesien
  geschweißt  worden  war,  auf  dem  Wiener  Kongreß  mit
dem  größten  Teile  des  ehemaligen  Königreiches  Polen  an  Nußland
  gekommen^),  das  entgegen  den  auf  dem  Kongreß  mit  Österreich ­
  und  Preußen  getroffenen  Abkommen^),  nach  den  die  ehenrals
  polnischen  Landesteile  auch  fernerhin  ein  zollpolitisches
Einheitsgebiet  darstellen  sollten,  mit  der  Maßgabe,  daß  alle
Erzeugnisse  des  Bodens  und  der  Industrie  frei  und  unbeschränkt
sollten  umgesetzt  werden  dürfen,  seinen  polnischen  Anteil  durch
hohe  Zölle  von  Oberschlesien  abschloß.  Der  Verlust  des  sehr
aufnahmefähigen  polnischen  Absatzmarktes  bedeutete  für  die
oberschlesische  fohlen-  und  Eisenindustrie  einen  harten  Schlag.
1)  H.  Solger,  S.  22  f.
2)  Siegismund-Zinkhütte  1810,  Coneordiahütte  1813,  beide
bei  Scharley  und  der  Bergwerksgosellschaft  von  Giesches  Erben  gehörig. ­
  1814  die  Georgs-Zinkhütte  bei  Siemianowitz  derselben
Gesellschaft.  (Jahrbuch  f.  d.  Oberbergamtsbezirk  Breslau,  1013.)
3)  V.  Wittfchewsky,  S.  44  ff.
4)  vom  21.  April/3.  Mai  1815.
        <pb n="26" />
        14

Berücksichtigt  inan,  daß  während  der  KriegsjahreH  für  die  Landstraßen ­
  nichts  getan  worden  war,  die  Schiffahrtsverhältnisse  auf
der  Oder  und  dem  Klodnitzkanal  sich  eher  verschlechtert  als  verbessert ­
  hatten,  so  ist  verständlich,  daß  die  Absatzverhältnisse  im
Jnlande  sich  auch  nicht  gehoben  hatten^).  So  konnte  die  oberschlesische ­
  Industrie  nur  äußerst  langsam  vorankommen.
Das  Ansteigen  überhaupt  wurde  ermöglicht  durch  das
Wachsen  des  Bedarfs  an  Hausbrandkohlcn  der  sich  rasch  vermehrenden ­
  Bevölkerung  des  Jndustriebezirks  sowie  durch  die
Ausweitung  der  Produktion  der  oberschlesischen  Zink-,  Blei-  und
in  geringerem  Maße  auch  der  Eisenindustrie.  Zeitweise  konnte
die  Steinkohlenförderung  denn  auch  den  Anforderungen  des
engeren  Marktes  kaum  folgen.
Dagegen  blieben  die  Eisenhütten  mehr  und  mehr  zurück,
hinsichtlich  der  Quantität,  vielmehr  noch  was  die  Qualität  ihrer
Produkte  betraf.
Sie  waren  auf  den  durch  Heinitz  und  Reden  erworbenen
Lorbeeren  eingeschlafen.  Die  Qualität  des  oberschlesischen  Roheisens ­
  ließ  gegenüber  der  des  westdeutschen  und  englischen  viel
zu  wünschen  übrig,  daß  es  damals  durchaus  kein  gesuchter  Artikel ­
  war.  Hinzu  kamen  die  oben  erwähnten  Sckwierigkeiten
des  Absatzes,  so  daß^)  „bei  der  fortschreitenden  Entwicklung  des
oberschlesischen  Eisengewerbes  keineswegs  die  massenhafte  Zunahme ­
  der  Produktion  als  besonders  bemerkenswert  vorlag,
sondern  vielmehr  der  angeregte  Kampf  des  Alten  mit  dem
Neuen^)".  1817  brachten  die  Rhbniker  Eisenwerke  das  erste
in  Oberschlesien  gewalzte  Stabeisen  in  den  Handel,  und  1828
gelang  cs  zum  ersten  Mal,  oberschlesisches  Koksroheisen  im
Flammofen  mit  Steinkohlen  zu  frischen.  „Es  gab  eine  Zeit,
wo  Oberschlesien  die  Schule  des  angehenden  Eisenhüttenmannes
mit  Recht  genannt  wurde."  Inzwischen  war  die  englische  Eisen-1)

  Ueber  diese  und  die  nächstfolgende  Zeit  ist  wenig  Material
vorhanden,  s.  L.  Wachler  I,  S.  10.
2)  H.  Solger,  S.  22  ff.,  K.  Cchroth,  S.  18  ff.
3)  L.  Wachler  I.  S.  6  ff.
4)  Jetzt  setzte  die  private  Walzeisenproduktion  ein,  denn  sie
war  nun  nicht  mehr  von  dem  aus  staatlichen  Forsten  gewonnenen,
teuren  Holzkohlenkoks  abhängig  und  konnte  die  eigenen  Steinkohlen ­
  schmelzen.
        <pb n="27" />
        Industrie  technisch  wie  kommerziell  der  deutschen  Eisenindustrie
und  der  der  ganzen  Welt  derart  vorangeeilt,  daß  sie  ganz
Deutschland  mit  so  billigem  Eisen  überschweinmte,  als  es  das  Inland ­
  nicht  zu  erzeugen  vermochte*).  Für  den  Vorsprung  der
englischen  Produkte  wirkten  die  vorzügliche  Beschaffenheit  der
Materialien,  die  Überlegenheit  des  -Kapitals,  Billigkeit  der
Frachten  und  kaufmännische  Spekulation  zusammen.  Dem
allen  standen  in  Oberschlesien  die  geringere  Brauchbarkeit  der
Materialien,  Mangel  an  Anlage-  und  Betriebskapital,  teuere
Frachten  und  mangelhafter  Betrieb  der  technischen  und  kommerziellen ­
  Geschäftsführung  gegenüber.  Auch  für  den  in  immerhin
kräftigeren  Märkten  eingebetteten  Westen  Deutschlands  traf  dies
alles  in  vollem  Umfange  zu.  Die  einheimische  Eisenindustrie
gegen  das  englische  Eisen  durch  Schutzzölle  zu  schützen,  fürchtete
sich  Preußen  und  der  von  ihm  geleitete  Zollverein  (1834),  da
man  glaubte,  daß  England  sofort  mit  Kampfzöllen  auf  die
deutsche  Getreideeinfuhr  in  England  antworten  würde.  Indessen ­
  wurde  1844  ein  mäßiger  Zoll  auf  die  englische  Roheiseneinfuhr ­
  im  Zollvereiir  gelegt.  Immerhin  war  etwa  die  Hälfte
des  damals  konsumierten  Roheisens  englischer  Provenienz.  Für
Oberschlesien  kommt  L.  Wachter 1  2  3 )  1846  zu  „dem  wohl  allein
richtigen  Resultat,  daß  dermalen  bei  vollem  Betriebe  der  Werke
jedenfalls  nur  sehr  geringe  Quanta  als  Roheisen  aus  der  Provinz ­
  versandt  werden  können,  sondern  die  jetzt  vorhandene  Broduktion
  an  Roheisen  in  der  Provinz  selbst  verfeinert  und  somit
konsumiert  wird,  ja  vielleicht  hierzu  jetzt  schon  nicht  mehr  ausreicht ­
  und  Mangel  daran  empfinden  läßt,  weshalb  man  bei  den
hochgeschraubten  Preisen  des  Roheisens  auch  auf  eine  schleunige
Vermehrung  dieser  Produktion  durch  den  Bau  so  vieler  Hochöfen ­
  Bedacht  genommen  hat,  weil  auch  statt  der  Ausfuhr  immer
noch  Einfuhr  von  fremdem  Roheisen  stattfindet.  Immer  tuxfj 3 )
bezieht  das  Ausland  große  Geldsummen  für  Artikel  in  gewöhnlichen ­
  Eisensorten,  ja  selbst  für  Roheisen,  von  uns,  die  beweisen,
daß  wir  eines  Teils  noch  nicht  genug  und  dann  noch  nicht  billig
genug  produzieren."  Der  unterdes  mächtig  einsetzende  Eisen-1)

  H.  Solger.  S.  138  sf.  21.  Steinbeck,  S.  48,
2)  L.  Wachter  I,  S.  20  ff.
3)  L.  Wachter  II,  S.  6.
        <pb n="28" />
        16

bahnbau')  erhöhte  allerdings  die  Aufnahmefähigkeit  ganz  bedeutend ­
  im  Inlande,  so  daß  auch  die  gestiegenen  Eisenpreise
nicht  Ansporn  genug  sein  konnten  für  die  deutschen  und  oberschlesischen ­
  Hochöfen,  ihre  Leistungsfähigkeit  wie  nur  irgend
möglich  zu  steigern.  Sie  produzierten  bis  zur  Grenze  ihres  Könnens, ­
  erweiterten,  hoffend  auf  das  Anhalten  der  gestiegenen
Nachfrage,  ihre  Anlagen,  sahen  sich  aber  durch  die  Konkurrenz
der  leistungsfähigeren  englischen  Eisenindustrie  bald  zurückgedrängt^). ­
  In  den  Kampfgebieten  drückte  das  englische  Eisen
den  Preis  so  tief  hinab,  daß  die  einheimischen  Eisenwerke  den
Atem  verloren,  während  jenes  immer  noch  einen  Gewinn  abwarf ­
  und  in  seinen  unbestrittenen  Absatzgebieten  in  Deutschland
ungeheuere  Profite  realisierte:  „So  gingen  beim  deutschen
Eisenbahnbau  dem  Vaterlande  viele  Millionen  Taler  für  immer
verloren")."  Der  Grund,  weshalb  die  Eisenschutzzölle  nicht  weiter ­
  ausgebaut  wurden,  ist  in  den  wirtschaftspolitischen  Auffassungen ­
  jener  Zeit  zu  suchen.  Der  Freihandelsgedanke  dringt
von  England  aus  auch  in  Deutschland  ein.  H.  Solger,  der
doch  für  die  oberschlesische  Montanindustrie  so  besorgt  ist,  sagt'')
als  tppischer  Anhänger  des  „Free-Trade-Principle":  „Es  ist
natürlich,  daß  der  Konsument  fein  Eisen  kauft,  wo  er  es  am
billigsten  erhalten  kann.  Vaterländisches  Eisen  nur  um  deshalb ­
  teurer  zu  kaufen,  weil  es  aus  dein  Jnlande  herstammt,
wäre  ein  übel  angebrachter  Patriotismus,  denn  es  würde  dadurch ­
  der  Verbrauch  dieses  so  unentbehrlichen  Metalls  für  alle,
welche  dessen  bedürfen,  im  ganzen  Lande  verteuert  werden,  und
der  Vorteil  davon  nur  den  wenigen  Hüttenbesitzern  zu  Gute
kommen."  Nicht  durch  zwangsweise  Ausschließung  fremder  Konkurrenz, ­
  sondern  dureb  Entfernung  der  Ursachen,  welche  die  einheimische ­
  Eisenerzeugung  kostspieliger  machen,  als  die  fremde
ist,  sei  der  inländische  Markt  der  inländischen  Industrie  zu
sichern.  Dagegen  eiferten  die  Schutzzöllner,  der  Nationalwohl-1)

  L.  Wachler  I.  S.  14  sf.
2)  Das  englische  Eisen  konnte  die  gut  schiffbaren  Mündungen
der  deutschen  Ströme  und  die  Küsten  benutzen,  um  tief  in  Deutschland ­
  einzudringen.
3)  L.  Wachler  I,  S.  14.
4)  H.  Solger,  S.  138  ff.
        <pb n="29" />
        stand  des  Vaterlandes  fordere  unbedingt  Schutz  und  Erhaltung
der  seine  Selbständigkeit  begründenden  Produkte,  so  daß  sie
unabhängig  vom  Auslande  mit  der  Zunahme  der  Bevölkerung
und  des  Bedürfnisses  in  steigenden  Mengen  gewonnen  werden
möchten').  Wichtigstes  Interesse  der  Regierung  aber  sei,  daß
die  eigene  Industrie  des  Eisens,  des  unentbehrlichsten  aller  Metalle, ­
  welches  jeder  Industrie  die  Werkzeuge  und  der  Macht  die
Waffen  liefert,  dem  Lande  erhalten  bleibe.  Dann  aber  müsse
sie  dafür  sorgen,  daß  die  Erzeugungsanstalten  rentieren,  denn
nur  dann  könnten  sie  gedeihen.  Obgleich  1846  eine  Zollkonferenz ­
  der  am  meisten  beteiligten  Zollvereinsstaaten  die  Sicherung
des  Eisengewerbes  durch  einen  ausreichenden  Schutzzoll  befürwortet ­
  hattet),  drangen  die  freihändlerischen  Bestrebungen
durch,  indem  der  Roheisenzoll  um  25  Prozent  ermäßigt  wurde.
Da  der  übrig  bleibende  Zoll  zu  niedrig  war,  um  einen  wirksamen ­
  Schutz  zu  gewähren,  waren  die  Eisenwerke  auf  ihre  eigene
Kraft  angewiesen,  ihren  Betrieb  technisch  zu  modernisieren  und
die  Produktion  zu  steigern  in  dem  Maße,  als  es  ihnen  gelang,
die  trotz  des  Zolles  übermächtige  Konkurrenz  Englands  aus  dem
Felde  zu  schlagen.  Dabei  gingen  viele  deutsche  Betriebe  ein,
die  ihre  Produktionskosten  nicht  annähernd  auf  das  niedrige
Niveau  der  englischen  herabsetzen  konnten").  Dazu  setzte  allmählich ­
  ein  beständiges  Sinken  der  Preise  ein,  das  aus  dem  Mißverhältnis
  der  gestiegenen  Produktion  und  der  weichenden  Nachfrage ­
  resultierte;  ein  völliaes  Stocken  des  Absatzes  war  die  Folge.
Hiervon  wurde  auch  der  Steinkohlenbergbau  betroffen,  dessen
Hauptabnehmer  ja  die  Eisenhütten  waren.
Die  Eisenbahnbauten  wurden  von  der  oberschlesischen  Industrie ­
  als  Eröffnung  eines  neuen  industriellen  Aufschwungs
lebhaft  begrüßt^).  Jetzt  erhielt  die  seit  ihrer  Entstehung  mit
den  ungünstigsten  Verkehrsverhältnissen  kämpfende  oberschlesische ­
  Montanindustrie  ein  leistungsfähiges  Eisenbahnnetz,  das

1)  L.  Wachter  I  I  I,  S.  VI.
2)  L.  Wachter  I,  S.  15.
3)  Hier  wirkten  die  sicherheitspolizeil.  Vorschriften  Preußens
und  des  Zollvereins  bedeutend  ein,  Lasten,  welche  die  englische
Industrie  nicht  zu  tragen  brauchte.  (Auch  heute  noch  nicht.)
4)  Die  „Oberschles.  Eisenbahn"  wurde  1841  genehmigt  und  bis
1859  eröffnet.
        <pb n="30" />
        18

die  Produkte  überall  hintrug,  nicht  allein  in  die  äußersten  Winkel ­
  des  Inlandes  sondern  auch  zu  den  Seehäfen,  den  Anschlüssen
an  den  Weltmarkt.  Auch  für  die  Besserung  der  Landstraßen  des
engeren  Bezirks  war  inzwischen  viel  geschehen  durch  Erlaß  des
Allgemeinen  Preußischen  Berggesetzes  vom  24.  Juni  1865,  das
die  Leistungen  für  die  Straßen  seitens  der  Regierungen,  der  Gesellschaften, ­
  Privaten  und  besonders  der  Oberschlesischen  Bergbauhilfskasse ­
  genau  regelte').  Für  den  Verkehr  der  Gruben  und
Hütten  untereinander  wurde  von  der  Oberschlesischen  Eisenbahn-Gesellschaft
  eine  Schmalspurbahn  gelegt"),  doch  hatte  diese  Industriebahn ­
  infolge  hoher  Tarifsätze  und  des  mangelhaften  Betriebes ­
  keinen  Erfolg.  Hatte  der  Staat  während  der  40er  und
50er  Jahre  immerhin  noch  Bauten  zur  Verbesserung  der  Schifffahrtsverhältuisse
  auf  dem  Oderstrom  vornehmen  lassen^),  so
wurde  seit  dem  Aufkommen  der  Eisenbahnen  nichts  mehr  für
die  Wasserstraßen  getan.  Allerdings  ließ  im  Anfang  des  Eisenbahnverkehrs ­
  die  Benutzung  der  Schiffahrtsstraßen,  selbst  des
Rheins  sehr  nach,  doch  war  der  Hauptgrund  für  ihre  Vernachlässigung ­
  die  Furcht,  die  Rentabilität  einer  Eisenbahn  würde
durch  eine  leistungsfähige,  parallele  Wasserstraße  gefährdet.  Dies
führte  allmählich  dazu,  daß  die  Eisenbahnen  in  den  Besitz  eines
s  gewissen  Verkehrsmonopols  gelangten  und  mittels  der  Tarifpolitik
  Industrie  und  Handel  beherrschten.  So  klagt  Solger^):
„Die  Produzenten  sind  in  die  Hand  der  Oberschlestschen  Eisenbahn ­
  gegeben  und  können  selbst  ihre  natürliche  Wasserstraße,  die
Oder,  nicht  benutzen.  .  die  Fracht  z.  B.  nach  Berlin  komme
so  hoch  zu  stehen,  das;  das  oberschlesische  Eisen  von  dem  Absatz
nach  den  dortigen  großen  Maschinenbauanstalten  und  Eisenbahnen ­
  ausgeschlossen  sei.  Zwar  bemühte  sich  die  Regierung,  die
Eisenbabnaesellschaften  zur  Herabsetzung  der  Tarife  zu  bewegen,
soweit  es  ihr  Interesse  an  gut  rentierenden  Eisenbahnen  gestattete, ­
  aber  die  Erfolge  reichten  doch  nicht  hirch).  Bereits  1849
wurde,  um  die  englischen  Steinkohlen  vom  Berliner  Markt  zu

1)  B.  Kosmann,  S.  43.  (f.  a.  G.  Gothein  I.)
2)  I.  Renauld,  S.  146.
3)  W.  Tietze,  S.  25  ff.  W.  Latz  I,  S.  94.
4)  H.  Saiger,  S.  140.
5)  I.  Renauld,  S.  58  f.
        <pb n="31" />
        19

verdrängen,  der  billige  Sah  von  1  Silberpfennig  pro  Zentnermeile ­
  —  2,2  Pfennige  pro  Tonkilometer  für  Kohlenzüge  nach
Berlin  eingeführt.  Dieser  erste  „Einpfennigtarif"  wurde  aber
bald  wieder  fallen  gelassen.  Auch  wurden  alle  etwa  vorgenommenen ­
  Frachtermäßigungen  durch  gleich  hohe  oder  noch  höhere
bei  den  wettbewerbenden  Jndustriebezirken  und  durch  das  starke
Sinken  der  Seefrachten  von  England  nach  Stettin  wieder  praktisch ­
  unwirksam  gemacht.  So  konnten  die  Eisenbahnen  keine
wesentliche  Erweiterung  des  Absatzgebietes  der  oberschlesischen
Kohlen-  und  Eisenindustrie  mit  sich  bringen.  ,
Die  Umwälzung,  die  die  Eisendarstellung  durch  das  von
Henry  Bessemer  1856  erfundene  Bessemerverfahren  erfuhr,
brachte  für  die  oberschlesische  Eisenindustrie  neue  Not,  da  für
dieses  sog.  „saure"  Verfahren  die  englischen  Eisenerze  mit  ihrem
geringsten  Phosphorgehalt  vorzüglich  geeignet  waren  und  die
massenhafte  Schmiedeeisen-  und  Stahlfabrikation  begünstigten.
Die  englischen  Produkte  wurden  so  befähigt,  noch  tiefer  als  bisher ­
  in  Deutschland  einzudringen,  zu  einer  Zeit,  da  der  Eisenbahnbau ­
  enorme  Mengen  Schienen  und  anderen  Materials  anforderte. ­

In  Folge  der  Stockung  des  Absatzes  mußte  das  oberschlesische ­
  Eisen  teilweise  unter  den  Selbstkosten  verkauft  werden.
Daß  die  Eisenindustrie  trotzdem  nicht  gänzlich  zusammenbrach,
ist  dem  Umstand  zu  danken,  daß  in  Oberschlesien  früher  als  anderswo ­
  Kohlenzeche  uird  Eisenhütte  vergesellschaftet  zusammen
arbeiteten,  sie  teilten  Freude  und  Leid.  Durch  diese  Fusion,  die
ihren  letzten  Ursprung  in  der  physiokratischen  Theorie  hatte,  daß
die  Hütte  garnicht  selbst  produzieren  sondern  nur  Ersparnisse
gegen  den  aufgestellten  Ökonomieplan  machen  könne,  also  als
Annex  der  Kohlengrube  zu  betrachten  sei,  konnten  die  Eisenhüttenbesitzer ­
  das  tiefe  Sinken  der  Eisenvreise  aushalten^).  Sie
mußten  dann  freilich  auf  den  Gewinn  aus  ihrer  eigenen  Kohlenund
  Eisenerzproduktion  Verzicht  leisten.  Dagegen  gingen  die
kleineren  Hüttenwerke,  die  weder  Kohlen  noch  Eisenerze  selbst
förderten,  sondern  alle  Materialien  kaufen  mußten,  nach  und
nach  eirU).

1)  L.  Wachter.  H.  Solger,  S.  129  ff.
2)  H.  G.  Heymann,  S.  216  ff.

3
        <pb n="32" />
        20

Die  unmittelbare  Folge  des  andauernd  schlechten  Geschäftsganges ­
  war  ferner,  daß  die  innere  Organisation  der  oberschlefischen
  Eisenindustrie  auf  ihrem  alten  Stand  stehen  blieb,  sowohl
was  die  Produktionsfähigkeit  der  Qualität  als  auch  der  Quantität ­
  betrifft.
Wenn,  wie  es  hin  und  wieder  geschah,  die  Konkurrenz  des
englischen  Eisens  in  Deutschland  wie  auf  dem  ganzen  Kontinente ­
  nachließ,  und  der  inländische  wie  auswärtige  Bedarf  mit
gesteigerten  Anforderungen  an  die  oberschlesischen  Werke  herantrat, ­
  mußten  diese  Roheisen  aus  Schweden  oder  sogar  England
für  ihre  Schmelzöfen  heranschaffen,  da  ihre  eigenen  Hochöfen
nur  geringer  Produktionssteigerungen  fähig  warenH.  Ferner
wurde  die  „nach  ihrem  Kohlengehalt  zwischen  Schmiedeeisen  und
Roheisen  unter  dem  Namen  Stahl  bekannte  Mittelstufe  des
Eisens"  nicht  erzeugt  wegen  der  geringen  Güte  des  oberschleschen
  Roheisens.
Die  Entwickelung  der  oberschlesischen  Steinkohlengruhen
dagegen  war  in  der  ganzen  Zeit  erfreulich,  sie  erlebte  des  öfteren
sogar  stürmische  Haussen  durch  die  stetig  fortschreitende  Ausweitung ­
  des  Eisenbahnnetzes  sowie  die  schon  zu  jenen  Zeiten  einsetzenden ­
  Fabrikgründungen,  in  Schlesien  besonders  der  Leinenund
  Zuckerrübenindustrie,  der  Kalk-  und  Zementwerke,  Ziegeleien ­
  und  Getreidemüllerei.
Die  kriegerischen  Erfolge  Preußens  1866  und  1870/71
brachten  wie  das  Wirtschaftsleben  ganz  Deutschlands  so  auch
Oberschlestens  einen  kräftigen  Ruck  vorwärts.
Die  jetzt  wuchtig  beginnende  „systematische  Industrialisierung", ­
  durch  die  französischen  Milliarden  unterstützt,  vornehmlich
die  stetig  steigende  Bautätigkeit  der  Städte  rief  eine  ungeheure
I  Vermehrung  der  Nachfrage  irach  Kohle  und  Eisen  hervor.  Hatte
bisher  der  Eisenbahnbau  den  größten  Teil  der  Roheisenproduktion ­
  absorbiert,  ca.  60  bis  65  Prozent,  während  nur  30  Prozent
auf  die  Industrie  und  5  bis  7  Prozent  auf  die  Landwirtschaft
entfielen 2 ),  so  nahm  nun  der  Markt  der  kleinen  privaten  Verbraucher ­
  in  den  Städten  wie  auf  dem  platten  Lande  rasch  an
Bedeutung  zu.  Gleicherweise  ja  noch  mehr  war  dies  bei  der
Steinkohle  der'  Fall.
1)  H.  Solger,  S.  132  f.
2)  R.  Martin,  S.  64.
        <pb n="33" />
        21

So  sehr  die  gesamte  deutsche  Eisenindustrie  in  jenen
„Gründerjahren"  auch  ihre  Produktion  anspornte,  vermochte  sie
den  riesig  gewachsenen  Bedarf  des  Inlands  doch  nicht  zu  befriedigen, ­
  so  daß,  um  dem  überlegen  vorausgeeilten  englischen  Eisen
den  Eingang  zu  erleichtern,  1873  der  deutsche  Roheisenzoll  be-  i
seitigt  wurde.
Jetzt  erfolgte  ein  bedeutender  Preissturz  für  alle  Eisensorten, ­
  der  dann  auch  die  Steinkohle  in  scharfe  Mitleidenschaft  zog.
Dazu  kam  die  allgemeine  Wirtschaftsdepression,  die  Mai  1873  {
von  Wien  ausgehend,  sich  über  alle  großen  Wirtschaftsgebiete  der
Welt  ausdehnte,  und  die  bekannte  deutsche  Jndustriekrisis  hervorrief, ­
  unter  der  wiederum  die  Kohlen-  und  Eisenindustrie  am
meisten  litt.
Oberschlesien  litt  unter  dieser  Krise  zwar  in  geringerem
Maße,  da  einmal  seine  Entwickelung  weniger  stürmisch  gewesen
war  und  ihm  außerdem  damals  noch  der  aufnahmefähige  polnisch-russische ­
  Markt  offen  stand,  auf  dem  es  seine  Überproduktion ­
  absetzen  konnte.  Aber  um  diese  Zeit  trat  ein  neues  für  die
oberschlesische  Eisenindustrie  so  überaus  ungünstiges  Moment  an
den  Tag,  dessen  Folgen  schon  in  den  ersten  1880er  Jahren  rasch
eintraten.  Durch  das  1879  von  Thomas  und  Gilchrist  erfundene ­
  basische  Verfahren  wurde  die  Grundlage  der  deutschen  Eisenindustrie ­
  vollständig  verändert.
Die  westdeutsche  Eisenindustrie,  vorzüglich  lothringischluxemburgische ­
  Hüttench,  auf  ungeheuren  phosphorreichen  Erzschätzen ­
  stehend,  die  vorher  für  das  saure  Bessemerverfahren  fast
wertlos  waren,  stieg  nun  mit  Riesenschritten  auf.  Durch  die
1879  zur  Stärkung  der  Großindustrie  und  der  Landwirtschaft
inaugurierte  Schutzzollpolitik  Bismarcks^)  in  seiner  Konkurrenzkraft ­
  gehoben,  verdrängte  das  westdeutsche  Eisen  die  englische
Konkurrenz  von  dem  größten  Teil  des  deutschen  Markts.
Die  oberschlesischen  Eisenhütten  dagegen,  die  schon  solange
mit  der  allgemeinen  Entwickelung  nicht  hattenSchritt  halten  kön-1)

  H.  Schumacher  I.
2)  Bismarck  erscheint  anfangs  passiv,  s.  a.  „Eisenhüttenwesen
1912"  S.  311,  Brief  König  Wilhelms,  Gastein  d.  22.  Juli  1876  an
Bismarck.  Nach  der  Erkenntnis  aber  der  für  die  damalige  deutsche
Wirtschaftsnot  einzig  richtigen  Hilfsaktion  übernahm  er  die  Führung ­
  und  setzte  die  wirksamsten  Zollschutzmahregeln  durch.
        <pb n="34" />
        22

neu,  blieben  jetzt  vollends  zurück.  Die  allmähliche  Erschöpfung
der  Eisenerzlager  des  Bezirks  und  das  neuerfundene  basische
Verfahren,  für  das  der  mittlere  Phosphorgehalt  der  oberschlesischen ­
  Erze  nicht  geeignet  war,  in  Verbindung  mit  den  durch
das  Thomasverfahren  an  die  Güte  des  Roheisenprodukts  gestellten ­
  erhöhten  Anforderungen  zwang  die  oberschlesischen  Eisenhütten, ­
  bessere  Erze  irgendwoher  zu  beschaffen.  Da  sie  solche  im
Jnlande  nicht  fanden,  so  griffen  sie  notgedrungen  auf  das  Ausj
  land  zurück.  In  Betracht  kamen  Rußland  und  Österreich-Ungarn
—  hier  konnte  das  Erzmaterial  nur  auf  langen  teuren  Eisenbahntransporten ­
  herangebracht  werden  —  sowie  die  Magneteisenerze ­
  Schwedens,  die  von  Stettin  570  Kilometer  Eisenbahntransport ­
  oder  unter  beschränkten  Bedingungen  einen  kombinierten ­
  Wasser-  und  Eisenbahnweg  von  720  und  60  Kilometern  zurückzulegen ­
  hatten.  Entstand  so  durch  die  enormen  Frachten
eine  erhebliche  Verteuerung  der  Produktionskosten,  die  weder
Lothringen-Luxemburg  noch  das  im  Herzen  Europas  gelegene
und  mit  deni  nahen  Meer  durch  die  beste  Wasserstraße  Europas
verbundene  Rheinland-Westfalen  zu  tragen  hatte,  so  standen
ausreichende  und  für  Massentransporte  geeignete  Verkehrsmittel
Oberschlesien  überhaupt  nicht  zur  Verfügung^).
Die  Oderschiffahrt  lag  infolge  der  schlechten  Wasserverhältnisse ­
  des  Stromes  und  des  Mangels  jeder  Regulierung  völlig
im  argen.  Bis  in  den  Jndustriebezirk  konnten  auf  dem  verfallenen ­
  Klodnitzkanal  nur  Kähne  kleinster  Abmessungen  gelangen,
und  einen  Oderhafen  mit  größerem  Umschlagverkehr  gab  es  bis
Ende  der  1890er  Jahre  nicht.  Die  Eisenbahnen  waren  so  das
einzige  Verkehrsmittel.
Wie  erwähnt,  hatten  vor  der  vollen  Verstaatlichung  der
j  oberschlesischen  Eisenbahnen  (1884)  erhebliche  Tarifherabsetzungen
  stattgefunden.  Da  dem  Staate  dabei  keine  Kosten  erwuchsen, ­
  hatte  er  die  Jndpstrieinteressen  den  Eisenbahnen  gegenüber ­
  nachdrücklichst  unterstützt.  Nach  der  Erwerbung  der  Eisenbahnen ­
  aber  kam  der  Staat  den  tarifarischen  Wünschen  der  Jn-1)

  Generaldirektor  Hegenscheidt  auf  der  Kartellenquete  1905,
20.  Juni.  (Verhandlungen  über  die  Stahlwerksverbände.)
        <pb n="35" />
        23

dustrie  sehr  langsam  entgegen?),  da  sein  privatkapitalistischer
Standpunkt  möglichst  hoher  Einnahmen  gegen  jede  Tarifermäßigung ­
  sprechen  mußte,  ja  er  hinderte  sogar  die  Steigerung
der  Leistungsfähigkeit  der  Oderschiffahrt  —  z.  B.  den  Bau  eines
Oderumschlaghafes  in  Oppeln  Ende  der  1880er  Jahre  —  aus
Furcht,  der  Wassertransport  könnte  die  Rentabilität  der  Staatseisenbahnen ­
  gefährden^).  Allerdings  spielte  vielleicht  auch  das
agrarische  Interesse  hierbei  eine  bedeutende  Rolle,  die  ungestüm
fortschreitende  Industrialisierung  des  Landes  nach  Kräften  zu
zügeln.
Den  Absatz  der  oberschlesischen  Kohle  und  Eisenprodukte  be-i
trafen  diese  Transportschwierigkeiten  in  gleichem  Maße,  wenn
auch  die  Steinkohle  durch  ihre  unvergleichlich  niedrigen  Gestehungskosten ­
  die  als  Folge  des  teuren  Transports  entstehende
Schwächung  ihrer  Konkurrenzkraft  für  bestimmte  Marktentfernungen ­
  noch  einigermaßen  ertragen  konnte.
Die  Oberschlesische  Eisenindustrie  aber  trafen  noch  außerdem ­
  andere  Schwierigkeiten^).  Der  seit  Jahrzehnten  so  wenig
lohnende  Geschäftsgang  hatte  den  oberschlefischen  Eisenhütten
nicht  erlaubt,  größere  Aufwendungen  für  die  Modernisierung
ihrer  Anlagen  zu  machen,  die  doch  im  Hinblick  auf  die  epochemachenden ­
  Erfindungen  der  Eisenhüttentechnik  dringend  erforderlich ­
  waren.  Sie  klebten  an  dem  teuer  arbeitenden  Puddelverfahren^),
  während  die  westdeutschen  Werke  dasselbe  zum
überwiegenden  Teile  sofort  stilllegten  und  an  seiner  Statt  neue
Konverteranlagen  in  Betrieb  setzten,  die  mit  erhöhter  Qualität
des  erzeugten  Eisens  zugleich  eine  bedeutende  Ermäßigung  der
Produktionskosten  erzielen  ließen.  So  konnte  das  in  jeder  Hin-1)

  Allerdings  ist  der  Staatsbahnverwaltung  zuzugestehen,  daß
sie  nach  bestem  Wissen  und  Gewissen  die  Tarifpolitik  handhabt,
s.  a.  W.  Latz  I,  S.  96.
2)  W.  Eras,  „Die  Organisation  des  Binnenschiffahrtsbetriebes."
1887.
3)  H.  G.  Heymann,  C.  185  f.
4)  Die  Vereinigte  Königs-  und  Laurahütte  dagegen  erwarb
schon  Mitte  der  1880  er  Jahre  die  Thomas-  und  Gilchristpatente,
doch  behielt  ihr  Puddlingsbetrieb  seine  ganze  Ausdehnung  und
Bedeutung.
        <pb n="36" />
        u

sicht  überlegene*)  Westdeutsche  Eisen  das  oberschlesische  nach  und
nach  von  dessen  alteingesessenen  Märkten  Zurückdrängen.  Diese
technisch-organisatorische  Schwierigkeit  ist  neben  der  Verkehrsfrage ­
  der  Hauptschlüssel  zu  dem  Verständnis  der  Lage  der  oberschlesMen
  Kohlen-Eisenindustrie  seit  den  l  870er  Jabren.
Tie  Not  erzeugte  gleich  das  Bestreben  der  oberschlesischenJndustrie,
  ihre  Wirtschaftlichkeit  durch  Kartellierung  zu  heben.  1886
wurde  denn  auch  das  „Gleiwitzer  Verkaufsbureau  vereinigter
Oberschlesischer  Walzwerke"  gegründet^),  dem  1887  alle  Werke
mit  Ausnahme  des  privaten  Borsigwerkes  beitraten.  Auch  der
schon  1879  gemachte  Versuch,  die  oberschlesische  Steinkohlenproduktion ­
  zu  syndizieren,  der  zunächst  an  dem  Widerstände  der
unter  besonderen,  günstigen  Verhältnissen  arbeitenden  fiskalischen ­
  Zechen  gescheitert  war,  gelang  1890,  indem  die  Kohlenindustriellen ­
  mit  Einschluß  des  Fiskus  sich  zu  der  zwar  losen
„Oberschlesischen  Steinkohlenkonvention"  zusammenschlossen.
Diese  Kartellierungen  vermochten  wohl  die  ärgsten  Stöße
abzuschwächen,  konnten  aber  bei  der  Übermacht  der  westdeutschen
wie  englischen  Konkurrenz  keine  merkliche  Besserung  bringen.
Westdeutsches  Eisen  und  englische  Kohlen  behaupteten  die  Oberschlesien ­
  abgerungenen  Positionen.
Dazu  kam  in  den  1890er  Jahren  die  bedeutende  Verschlechterung ­
  der  handelspolitischen  Beziehungen  des  Deutschen  Reit
  ches  sowohl  zu  Rußland  als  auch  zu  Österreich-Ungarn.  Hatte
Oberschlesien  bislang  einen  ziemlich  konkurrenzlosen  Auslandsmarkt ­
  besessen,  so  wurde  ihm  dieser  setzt  durch  die  Hochschutzzölle
der  beiden  Staaten  abgeschlossen^).  Rußland  erhöhte  bedeutend
seine  Kohlen-  und  Eisenzölle  zum  Schutze  seiner  eigenen,  aufblühenden ­
  Montanindustrie,  und  ebenfalls  die  Donaumonar-1)

  Noch  1881  war  es  der  Bismarckhütte  unmöglich,  zum
Stanzen  geeignete  Feinbleche  herzustellen.  Draht  konnte  nur  aus
dem  schwer  herzustellenden  Feinkornschweitzeisen  gewalzt  werden,
nicht  aber  aus  dem  damals  schlechten  oberschlesischen  Flutzeisen.  (F.
Jüngst,  S.  520  f.)
8)  B.  Kosmann,  S.  107.  Vorbild  des  1887  gegründeten
„Deutschen  Walzwerks-Verbandes",  (f.  a.  Caro,  S.  45  ff.)
3)  s.  S.  127,  129.  Den  Höhepunkt  erreichten  die  russischen
Zölle  in  dem  Maximaltaris  von  1892,  der  während  des  Zollkrieges
bis  1894  galt.
        <pb n="37" />
        25

chie  was  die  Eisenindustrie  anlangt.  Auf  die  zollfreie  Steinkohleneinfuhr ­
  dagegen  konnte  dieser  Staat  nach  wie  vor  im  Interesse ­
  seiner  gesamten  Volkswirtschaft  nicht  verzichten.  Die
Lage  der  oberschlcfischen  Kohlen-Eisenindustrie  wurde  nun
geradezu  verzweifelt.  Ihre  Aufmerksamkeit  wandte  sich  jetzt
wieder  in  stärkerem  Maße  der  inländischen  Verkehrsfrage  zu,
deren  Lösung  man  allein  in  Maßnahmen  der  Eisenbahntarifund
  Wasserstraßenpolitik  zu  finden  glaubte.
Die  ungünstige  geographische  Lage  Oberschlesiens,  eingekeilt ­
  zwischen  den  unübersteigbaren  Zollmauern  Rußlands  und
Österreich-Ungarns  und  im  südöstlicküen  Zipfel  des  Reiches  weit
entfernt  von  den  inländischen  Marktzentren  gelegen,  sei  einzig
und  allein  die  Wurzel  des  Übels.  Da  der  Betrieb  der  oberschlesischen ­
  Steinkohlenbergwerke  und,  nach  den  enormen  finanziellen
Anstrengungen  der  Eisenhütten  zur  Modernisieruna  ihrer  Anlagen ­
  seit  Ende  der  1890er  Jahre,  auch  der  Eisenindustrie  sich
aus  intensiv  moderner  Höhe  befinde,  in  ihm  bei  steinenden  Löhnen ­
  und  sozialen  Lasten  besten  Willens  Ersparnisse  nicht  erzielt
werden  könnten,  so  bleibe  als  letzter  Ausweg  übrig,  die  Transportkosten ­
  zu  ermäßigen,  und  zwar  die  beim  Absatz  der  Kohle
und  der  Eisenprodnkte  sowie  die  des  Erzmaterialbezuges  der
Hochöfen.  Als  zweckentsprechendes  Mittel  käme  einmal  der
Ausbau  der  Oderschiffahrtsstraße  zum  Großschiffahrtsweg,  vorzüglich ­
  aber  die  bedeutende  Ermäßiaung  der  hohen  Staatsbahntarife ­
  Preußens  in  Betracht.
^  Die  Staatsregierung  erkannte  die  schwierige  Wirtschaftslage ­
  der  oberschlesischen  Montanindustrie  auch  an.  Sie  förderte
den  1888  in  Angriff  genommenen  Ausbau  der  Oder  fortgesetzt
mit  erheblichen  finanziellen  Austvendungen,  um  so  der  Verkehrsnot ­
  Oberschlesiens  abzuhelfen.  Das  ist  aber  tatsächlich  bisher
nicht  gelunaen,  da  die  auchktvendeten  Mittel  im  Verhältnis  zu
der  Schwierigkeit  des  Problems  viel  zu  gering  waren.  Die
Leistungsfähigkeit  der  Oderschiffahrtsstraße  ist  auch  heute  noch
unvollkommen,  jedenfalls  kann  sie  nur  einen  kleinen  Teil  der
oberschlesischen  Montanprodukte  bewältigen,  ganz  abgesehen  davon, ­
  daß  ohne  einen  Großklodnitzkanal  die  Oderschiffahrt  für
Oberschlesien  stets  von  nur  halber  Bedeutung  sein  kann.  Die
oberschlesischen  Industriellen  haben  denn  auch  von  Anfang  an
        <pb n="38" />
        26

aus  die  Zwecklosigkeit  der  nicht  ausreichend  großzügigen  Oderstrombauten ­
  hingewiesen^),  überhaupt  bestritten,  daß  auf  dem
Wege  wasserstraßenpolitischer  Maßnahmen  jemals  Oberschlesien
geholfen  werden  könnte,  da  ja  nicht  nur  die  Oderstraße  verbessert
werde,  sondern  zugleich  und  in  weitsichtigerer  Weise  die  anderen
Wasserwege  des  Inlands  auch  (z.  B.  der  Berlin-Stettiner  Großschiffahrtsweg!), ­
  die  den  inländischen  wie  auswärtigen  Konkurrenten ­
  Oberschlesiens  nur  neue  Vorteile  brächten.  In  der  nächsten ­
  Zukunft  könnten  allein  Tarifherabsetzungen  der  preußischen
Staatseisenbahnen  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie
wirksame  Hilfe  bringen.  Diese  Hauptforderung  wird  zunächst
durch  den  Hinweis  gestützt,  daß  „eine  so  gut  rentierende'Staatsbahn
  wie  die  preußisch-hessische  sich  überhaupt  nicht  auf  den
privatkapitalistischen  Standpunkt  größtmöglicher  Einnahmen
stellen  sollte,  wenn  es  sich  um  bedeutende  volkswirtschaftliche  Interessen ­
  handelt,  denn  es  sei  ja  gerade  der  Zweck  der  Verstaatlichung ­
  der  Eisenbahnen  gewesen,  daß  die  Verwaltuna  rti^t  nur
den  eisenbahnfiskalischen  Gewinn,  sondern  auch  den  volkswirtschaftlichen ­
  berücksichtigen  sollte^).
So  wünschenswert  möglichst  billige  Eisenbahntarife  vom
allgemeinen  Standpunkte  sind,  so  wird  hier  einmal  übersehen,
daß  eine  Tarifermäßigung,  wenn  sie  allgemein  verfügt  wird,
Oberschlesien  keine  absolute  Besserung  bringen  kann,  da  alle  Industrien ­
  des  Landes  an  ihr  teilhaben^).  Lediglich  der  oberschlesische ­
  Eisenerzbezug  würde  auch  bei  einer  allgemeinen  Tarifermäßigung ­
  absolut  wie  relativ  profitieren,  da  er  im  Gegensatz  zu
anderen  deutschen  Eisenindustrien  unter  den  gegenwärtigen  Verkehrsverhältnissen ­
  des  oberschlesischen  Bezirks  auf  die  Eisenbahnen ­
  allein  angewiesen  ist.  Also  würde  dadurch  eine  Stärkung
der  oberschlesischen  Eisenindustrie  herbeigeführt  werden,  natürlich ­
  nur  was  den  Produktionsprozeß  anbetrifft.
Es  ist  jedoch  kurzsichtig,  der  Staatsbahnverwaltung  die  Berechtigung ­
  ihres  privatkapitalistischen  Standpunktes  abzusprechen. ­
  Die  Eisenbahneinnahmen  sind  nun  einmal  seit  drei  Dezennien ­
  der  sichere  Grund  des  preußischen  Staatshaushaltes,  der

1)  Berichte  des  Vorstandes  des  Vereins.
2)  f.  a.  W.  Lotz  I,  S.  55  f.,  S.  108  f.
3)  u.  a.  nach  F.  Ulrich,  W.  Lotz  I,  S.  65  f.
        <pb n="39" />
        —  27  —
durch  bedeutende  allgemeine  Tarifermäßigungen  für  Massentransporte ­
  wie  Kohle,  Erz  und  Eisen  zweifellos  stark  erschüttert
werden  würde,
Um  aber  jene  Tarifherabsetzungen  für  einen  JndustriebeUrk
allein  zu  bewirken,  müßten  spezielle  Gründe  nachgewiesen  werden, ­
  durch  irgendwelche  Staatsmaßnahmen  verursachte  wirtschaftliche ­
  Benachteiligungen  des  betreffenden  Bezirks,  deren  Beseitigung ­
  möglich  und  voin  Standpunkt  einer  gerechten  Verteilung ­
  der  Staatsfürsorge  zu  fordern  ist.  Für  die  Frage  des
Berlin-Stettiner  Großschiffahrtsweges  z.  B.  treffen  diese  Voraussetzungen, ­
  wie  wir  zeigen  werden,  wohl  zu.  Nichtsdestoweniger ­
  hat  die  Staatsbahnverwaltung  seit  der  letzten  großen
Tarifermäßigung,  der  Einführung  des  Rohstofftarifes  1897*),
der  oberschlesischen  Industrie  mehrere  Ausnahmetarife  zugestanden, ­
  so  für  Kohle  nach  Oft-  und  Westpreußen  —  zuletzt  noch
1911  —  und  Stettin  (transito).  wie  für  die  Erzzufuhr  von
Stettin.
Die  letzte  tarifarische  Erleichterung  hat  die  oberschlesische
Eisenindustrie  in  dem  Ausnahmetarif  für  Erze  ab  dem  Siegerland ­
  sowie  den  Lahn-  und  Dillgcbieten  erhalten,  durch  den  ein
ganz  neues  bisher  wirtschaftlich  unerreichbares  Erzgebiet  für  die
Versorgung  der  oberschlesischen  Hochöfen  erschlossen  worden  ist 1  2 ).
Desgleichen  sind  1911  die  Tarifsätze  für  den  oberschlesischen  Fertigeisenversand ­
  nach  den  Ostseehäfen  zur  überseeischen  Ausfuhr
nach  außerdeutschen  Ländern  erheblich  ermäßigt  worden.
Es  ist  kaum  zu  erwarten,  daß  die  Eisenbahnverwaltung  sobald ­
  weitere  allgemeine  oder  spezielle  Tarifermäßigungen  zugestehen ­
  wird,  da  sie  immer  wieder  betont,  daß  sie  von  ihrem
Standpunkt  die  Jndustriemassenprodukte  heute  schon  zu  den
billigsten  Sätzen  befördert.
So  wenig  demnach  die  Eisenbahntarifpolitik  imstande  ist,
die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie
  zu  bessern,  so  wichtig  erscheint  uns  für  diese  Aufgabe ­
  eine  moderne  ausreichende  Oderschifsahrtsftraße,  unter  der

1)  Renauld,  S.  124/131.  Th.  M.  Cords.  S.  84.  Berichte  des
Vereins.
2)  Geschäftsbericht  1911/12,  C.  5  f.  Dieser  Siegerländer  Erztarif, ­
  der  auf  0,87  Pfg.  pro  1km  hinabgeht,  ist  1913  auf  weitere
2  Jahre  verlängert  worden.
        <pb n="40" />
        28

Voraussetzung,  daß  der  Klodnitzkanal  auf  die  gleiche  Leistungsfähigkeit ­
  gebracht  würde.  Nicht  die  Eisenbahntarifpolitik,  sondern ­
  der  Ausbau  der  Klodnitz-Oderftraße  sollten  die  oberschlesischen ­
  Industriellen  in  den  Mittelpunkt  ihrer  verkehrspolitischen
Jntereistn  stellen.
Wir  behaupten  jedoch,  daß  die  „Verkehrsnot"  nicht  das
Ursächliche  der  Schwierigkeiten  der  oberschlestschen  Montanindustrie ­
  ist,  daß  sie  vielmehr  bis  heute  irrtümlich  dafür  angesehen
worden  ist 1 ).  Auch  größere  wissenschaftliche  Arbeiten  haben  in
der  Verkehrsfrage  den  Hauptschlüssel  der  Jndustrienöte  Oberschlesiens ­
  erblickt.  Wir  glauben  die  Lösung  auf  anderen  Gebieten ­
  zu  finden.  Auch  weisen  wir  der  neuerdings  wiederbringend
gewordenen  Arbeiterfrage  der  oberschlesischen  Kohlen-  und  Eisenindustrie ­
  größte  Wichtigkeit  Zu.  Sie  muß  möglichst  bald  in
nationalem  Sinne  gelöst  werden.  In  Hinblick  auf  das  nicht
mehr  ferne  Erlöschen  der  deutschen  Handelsverträge  mit  den
für  die  oberschlesische  Montanindustrie  in  Frage  kommenden
fremden  Staaten  wird  uns  endlich  auch  die  auswärtige  Handelspolitik ­
  beschäftigen,  indem  wir  untersuchen  werden,  inwiefern
sie  zur  Gesundung  der  Wirtschaftslage  der  Kohlen-Eisenindustrie
Oberschlesiens  beitragen  kann.

Das  oberschlestsche  Steinkohlenbecken^)  gehört  zu  dem  etwa
6000  Quadratkilometer  bedeckenden  Kohlengebirge,  das  sich  vom
rechten  Ufer  der  oberen  Oder  nach  Osten  und  Südosten  bis  zu
den  nördlichen  Karpathenausläufern  und  nach  Russisch-Polen
hinzieht  und  von  mächtigen  Ablagerungen  der  Triasformation,
besonders  Buntsandstein,  Muschelkalk  und  jüngeren  Schichten
(Tertiär  und  Diluvium)  bedeckt  ist.  Von  dem  Kohlenbecken
entfallen  auf  Oberschlesien  rund  3600  Quadratkilometer,  wovon  1  2

1)  So  z.  B.  I.  v.  Renauld,  B.  Kosmann,  A.  Friedrich,  Th.
Sehmer,  u.  a.  m.,  vor  allem  aber  die  Denkschriften  des  Vereins.
2)  Nach  R.  Nasse,  „Eisenhüttenwesen  1912",  H.  Solger,  A.
Miethe,  S.  68  ff.,  Fr.  Frech,  S.  21—49.  W.  Neumeister,  „Coal  Resou-668",
  S.  906—922.  Williger,  Zeitschr.  des  Vereins  1903,  S.  253.
        <pb n="41" />
        29

fiecientonrtifl  erst  ungefähr  1600  Quadratkilometer  im  Abbau
stehen.  Es  werden  von  unten  nach  oben  drei  flözführende
Hauptschichten  des  Steinkohlengebirges  unterschieden:
1)  die  Ostrauer  Schichten  oder  Randgruppe  mit  zirka
65  m  bauwürdiger  Steinkohle,
2)  die  Sattelflözgruppe  mit  30  m  bauwürdiger  Kohle,
3)  die  Orzesche-  oder  Karwiner  Schichten  oder  Muldengruppe ­
  mit  zirka  68  in  bauwürdiger  Steinkohle.
Die  bedeutendste  der  drei  Gruppen,  die  Sattelflözgruppe
im  nördlichen  Teil  des  Steinkohlenbeckens,  trögt  ihren  Namen
daher,  daß  durch  starke  Sattelbildung  das  Kohlengebirge  erheblich ­
  gehoben  ist  und  teilweise  sogar  zu  Tage  tritt  oder  durch
nur  schwache  Ablagerungen  jüngerer  Schichten  bedeckt  ist.
Der  Abbau  dieser  Flözgruppen  macht  zum  überwiegenden
Teil  den  heutigen  oberschlestschen  Steinkohlenbergbau  aus,
während  die  Orzesche-  oder  Karwiner  Schichten  im  südlichen
Bezirk  bisher  noch  wenig  in  Förderung  stehen.
Die  oberschlesische  Steinkohle  tritt  im  Gegensatz  zu  den
anderen  deutschen  Steinkohlenvorkommen  in  ungewöhnlicher
Mächtigkeit  auf.  Während  im  Ruhrbezirk  die  Kohlenflöze
eine  durchschnittliche  Mächtigkeit  von  0,50  bis  1,00  m  besitzen ­
  und  größte  Mächtigkeit  nur  zirka  2,50  in  beträgt,
das  Saarkohlenbecken  ähnliche  Verhältnisse  aufweist,  und  man
im  niederschlefischen  Becken  Flöze  von  höchstens  4,00  in
Mächtigkeit  baut,  ist  der  oberschlefische  Bergmann  an  Flöze  von
3,00  nr  bis  8,00  in  gewöhnt,  deren  er  eine  ganze  Anzahl ­
  besitzt,  sogar  einige  Vorkommen  mit  18,00  in  Mächtigkeit. ­
  Damit  steht  Oberschlesien  unter  den  bisher  erforschten
Vorkommen  der  Welt  an  erster  Stelle.  Allerdings  ist  dies
nicht  ohne  weiteres  ein  Vorzug  zu  nennen,  da  sich  mit  steigender ­
  Flözmächtigkeit  Abbauschwierigkeiten  einstellen.  Zunächst
sind  bei  den  durch  den  Abbau  entstehenden  Hohlräumen  außerordentliche ­
  Sicherheitsvorrichtungen  im  Betriebe  erforderlich,
da  sonst  die  Gefahr  des  Zubruchegehens  der  Hangenden  Schichten
mit  wachsenden  Hohlräumen  steigt.  Es  müssen  besonders  starke
Sicherheitspfeiler,  d.  h.  Kohlenmassen,  die  nicht  abgebaut  werden ­
  dürfen,  also  einen  wirtschaftlichen  Verlust  an  bauwürdiger
Steinkohle  darstellen,  stehen  bleiben.  So  ist  denn  auch  der
        <pb n="42" />
        30

Abbauverlust  auf  den  oberschlestschen  Gruben  im  Durchschnitt
25—30%,  während  er  im  Ruhrrevier  nur  10—15%  beträgt.
Ferner  werden  im  oberschlesischen  Steinkohlenbergbau  unvergleichlich ­
  größere  Mengen  teuren  Grubenholzes  zur  Zimmerung
verbraucht,  und  endlich  treten,  häufig  Senkungen  des  iiber
solchen  mächtigen  zu  Bruche  gehenden  Hohlräumen  gelegenen
Geländes  in  Erscheinung  und  damit  Beschädigungen  von  Grundstücken ­
  und  Gebäuden,  wofür  die  betreffende  Zeche  natilrlich
haftetch.  Das  heute  auf  den  meisten  Steinkohlengruben  mit
besten  Erfolgen  in  Gebrauch  stehende  Sandversatzverfahren,
durch  das  die  Hohlräume  mit  Sand  und  Schlacken  ausgefüllt
werden,  ist  indessen  geeignet,  diese  Nachteile  wieder  zu'beheben,
vor  allem  den  hohen  Abbauverlust  herabzusetzen  und  damit  die
Rentabilität  des  oberschlesischen  Steinkohlenbergbaues  wie  seine
allgemeine  Wirtschaftlichkeit  zu  erhöhen^).
Bei  maximalen  Hohlräumen,  die  durch  den  Abbau  der
stärksten  Flöze  entstehen,  ist  allerdings  auch  das  Versatzverfahren
bis  heute  nicht  ausreichend,  um  über  Tage  liegende  Eisenbahnstrecken ­
  und  größere  Gebäude  zu  sichern.  In  diesem  Falle
müssen  besondere  Sicherungsbauten  auch  heute  angewendet
werden^).
Die  oberschlesische  Steinkohle  lagert  in  nicht  allzu  großer
Tiefe,  in  dem  gehobenen  Sattel  tritt  sie  sogar  zu  Tage.  Jedenfalls ­
  baut  man  gegenwärtig  in  Oberschlesien  im  allgemeinen
nur  bis  zirka  600—700  m  Tiefe,  dagegen  die  westdeutschen
Steinkohlengruben  in  einer  durchschnittlichen  Tiefe  von  800
bis  1000  in,  belgische,  englische  und  amerikanische  Kohlenschächte ­
  gehen  meist  bis  1000—1300  ra  Tiefe  hinab.  Berücksichtigt ­
  man,  daß  die  Förderkosten  mit  steigender  Förderhöhe ­
  steigen,  in  größerer  Tiefe  die  Wetterzufuhr  kostspieliger
1)  A.  Miethe,  8.  84  ff.
2)  Man  hofft,  den  Abbauverlust  durch  das  Spülverfatzverfahren
auf  12—15  Prozent  hinabzudrücken.
3)  f.  ct.  A.  Miethe,  8.  86  f.:  „Die  anfänglich  gehegte  Hoffnung,
daß  nach  der  Anwendung  des  8pülverfatzes  die  schädlichen  Einwirkungen ­
  des  Abbaues  auf  die  Oberfläche  so  gut  wie  ganz  aufhören
würden,  hat  sich  zwar  nicht  erfüllt.  Selbst  die  geringe  Volumen  -
Verminderung  von  6  Prozent,  die  die  eingeführten  Materialien  unter
dem  Gebirgsdruck  mindestens  erleiden,  macht  sich  bei  mächtigen
Flözen  doch  an  der  Erdoberfläche  bemerkbar."
        <pb n="43" />
        31

Wird  und  die  Arbeitsleistung  des  Bergmannes  infolge  der  mit
der  Tiefe  zunehmenden  Erdwcirme  beträchtlich  sinkt,  endlich
das  oberschlesische  Becken  im  Gegensatz  zu  den  anderen  Steinkohlenvorkommen ­
  Deutschlands  frei  von  Schlagwettern  ist,  so
folgt,  daß  die  Produktionsbedingungen  des  oberschlesischen
Steinkohlenbergbaues  außerordentlich  günstig  zu  nennen  sind.
Was  nun  die  Qualität  der  oberschlesischen  Steinkohle  anlangt, ­
  so  ist  sie  eine  gasreiche  Sinterkohle,  zum  Hausbrand,
zur  Kesselfeuerung  und  Leuchtgasherstellung  vorzüglich  geeignet.
Dagegen  gibt  sie  infolge  ihrer  geringeren  Backfähigkeit  einen
weniger  festen  Koks.  Indessen  führen  einige  Flöze  auch  gute
Backkohlen,  so  auf  den  staatlichen  Bergwerken  „Königin  Luise"
und  „Delbrück",  ferner  auf  der  „Concordia"  der  Donnersmarckhütte
  A.-G.,  „Hedwigwunsch"  der  Firma  Gebr.  Borfig-Berlin,
„kons.  Paulus-Hohenzollern"  der  Gräfl.  Schaffgotsch-Werke  G.
m.  b.  H.,  „kons.  Brandenburg"  und  „Castellengo"  des  Grafen
Ballestrem,  „kons.  Deutschland"  des  Fürsten  Henckel  von
Donnersmarck,  „Dubensko"  der  Vereinigten  Königs-  und
Laurahütte  A.-G.,  „Friedensgrube"  der  Oberschlesischen  Eisenbahnbedarfs ­
  A.-G.,  „Emma"  der  Rybniker  Steinkohlengewerkschaft, ­
  u.  a.  m.  Tatsache  ist,  daß  die  Backfähigkeit  der  Kohle
mit  wachsender  Abbautiefe  und  von  Osten  nach  Westen  zunimmt). ­
  Auch  wird  durch  Mischen  von  Kohlen  aus  verschiedenen ­
  Flözen  und  Stampfen  der  Kokskohlen  zu  festen
Kohlenkuchen  vor  dem  Einsetzen  in  die  Koksöfen  ein  fester,
silberweißer  Koks  erzielt,  der  zum  Eisenhochofenprozeß  gut  geeignet ­
  ist.
Wenn  F.  Jüngst^)  in  seinem  Aufsatz  die  Ansicht  ausspricht,
daß  „die  Gewinnung  von  backenden  Kohlen  in  Oberschlesien  und
damit  die  Kokserzeugung  an  der  Grenze  der  Leistungsfähigkeit
angelangt  ist"  so  trifft  dies  keineswegs  zu.  Wie  die  nachfolgende
Aufstellung  zeigt,  ist  die  Kokskohlenförderung  der  staatlichen
Bergwerke,  die  hierbei  bisher  eine  Art  Monopol  besaßen,  zwar
stehen  geblieben,  dagegen  hat  die  Kokskohlenförderung  der  privaten ­
  Steinkohlenzechen,  besonders  der  Eisenindustriegesellschaften ­
  stetig  und  bedeutend  zugenommen.
1)  s.  a.  A.  Miethe,  S.  69.
2)  F.  Jüngst,  S.  524  sf.
        <pb n="44" />
        32

Koksproduktion  aus  Steinkohlen
in  1  0  0  0  To.

1902

1173

1667

1903

1241

1753

1904

1353

1912

1905

1418

1989

1906

1568

2216

1907

1617

2238

1908

1668

2316

1909

1583

2223

1910

1605

2270

1911

1843

2583

1912

2086

2898

hiervon  aus:

staatl.  Gruben  Privatgruben

besonders  Gruben
d,  Eisenhüttenges,

in  1  0  0  0  T

o.

1902

989

678

305

1903

936

817

389

1904

961

951

452

1905

930

1059

472

1906

948

1268

559

1907

908

1330

553

1908

906

1410

655

1909

898

1325

636

1910

888

1382

674

1911

965

1618

717

1912

1096

1802

765

Die  oberschlesische

Eisenindustrie  darf  daher  ausreichende

Versorgung  mit  brauchbarem  Koks  als  gesichert  annehmen.
Über  die  wahrscheinliche  Nachhaltigkeit  des  oberschlesischen
Steinkohlenvorkommens  lassen  sich  naturgemäß  nur  Vermutungen ­
  anstellen.  Die  „Gemeinfaßliche  Darstellung  des
Eisenhüttenwesens"  gab  1907  folgende  Zahlen  an 1 ):

1)  6.  Aufl.  1907,  S.  184.
        <pb n="45" />
        aufgeschlossen:

mutmaßlich  vorhanden:

Ruhrgebiet

129,3

258,6

Saargebict

7,7

11,5

Aachener  Gebiet

1,2

2.4

Oberfchlesien

140,8

140,8

Niederschlefien

0,8

1,2

Kgr.  Sachsen

0,4

0,4

Sonstige  Becken

0.4

0.4

Dagegen  schätzte  der

Breslauer  Geologe

Prof.  Dr.  Fr.

Frech  i)  1911  die  Steinkohlenvorräte  Deutschlands  wie  folgt:

Milliarden  To.

Saarrevier  bis  1500  ni

Tiefe

9,413

Rechtsrhein.  Gebiet  bis

1500  m

Tiefe

83,200

Preuß.  Oberfchlesien  b.

1000  m

Tiefe

57,800

Niederschlefien  und  Sachsen

1,400

Linksrheinisches  Gebiet

10,413

Unter  Zugrundelegung  der  Förderung  des  Jahres  1911
und  des  wahrscheinlichen  Entwickeluugskoeffizienten  errechnet
Professor  Frech:

für  die  europäischen  Steinkohlenreviere  eine  voraussichtliche
Förderungsdauer

Zentralfrankreich

100  Jahre

Zentralböhmen

100

Königreich  Sachsen

100

Waldenburg-Schatzlar

100—200

,,

Nordengland

100—200

„

Uebriges  England

250—350

„

Nordfrankreich

350—400

„

Saarbrücken

300—500

„

Belgien

zirka

800

„

Aachen,  Niederrheinland-Westfalen

über

800

„

Ostrau-Karwin,  Iaworzno,  Russisch-Polen

über

800

„

Preußifch-Oberfchlefien

über

1000

&amp;gt;»

Die  Ergebnisse  der  jüngsten  Untersuchungen  endlich  finden
wir  in  „The  Coal  Resources  of  the  World 1  2 )  1913“  auf  Veran-1)

  Fr.  Frech,  1912,  S.  135  ff.,  S.  149  ff.
2)  6.  824—832,  S.  906  ff.,  S.  839.  Die  uns  hauptsächlich
interessierenden  Ergebnisse  über  das  Rheinisch-Westfälische  Revier
find  von  Bergafsessor  Kukuk  und  Dr.  Mintrop  errechnet  worden,
die  über  Oberfchlesien  von  Prof.  Dr.  R.  Michael  und  Dr.  W.  Quitzoio.
        <pb n="46" />
        34

lassung  des  XII.  internationalen  Geologenkongresses  in  Kanada
(August  1913)  veröffentlicht.  Darnach  besitzt  Deutschland  gemäß ­
  heutigen  Verhältnissen  tatsächlich  bauwürdige  Steinkohlen:

Sichere  Vorräte  Wahlschein!.  V.
Teufe  Teufe
E  E
o  E  o
o  si
vO  &amp;gt;  o  ^

S
p
©

I
o

o
o
o

Mögl.V.  Insgesamt

Teufe
B
o

Milliarden  T  o.

Teufe

o
8

Oberschiesten  7.368  —  52.997  53.630  mäßig  1,8.995  +  ?
^Gebiet*"  22.708  16.742  7.708  361388  61.600  145.746
Saar  16  548  —  sehr  erhebt.  16  548-»-?
Niederschtesten  0.718  2.226  mäßig  erh.  2.944  +  ?
Linksrhein.  Gebiet  10.458  sehr  erheb!.  erheblich  10458-s-?

Rechnet  man  aber  auch  die  unter  0.50  Meter  bis  0.30  Mtr.
mächtigen  Flöze  hinzu,  so  ergibt  sich  für:
Sichere  Voriäte  Wahrscheink.  V.  Mögl.V.  Insgesamt
Teufe  Teufe  Teuse  Teufe

«s,  0(^0  C&amp;lt;£  4S&amp;gt;
vQ  ■—&amp;lt;  &amp;lt;0  »-1  ^  sQ

Milliarden  T  o.
Oberschlesten  10.325  —  75.920  79.742  mäßig  165.987  -s-?
Rechtsrhein  ^.326  24.008  12.756  55.966  88.500  213.566
Gebiet
Demnach  würde  das  oberschlesische  Steinkohlenbecken  dem
rechtsrheinischen  an  Reichtum  nachstehen,  doch  birgt  es  bis  zur
1000  in  Teufe  doppelt  jo  viel  Steinkohlen  als  dieses:
„Es  ist  daher  das  nach  heutigen  Untersuchungen  und  gemäß
der  heute  in  Abbau  befindlichen  Teufenstufe  das  sicherste
Kohlenbecken  Deutschlands".  Uns  will  es  jedoch  scheinen,  daß
die  Oberschlesien  betreffenden  Untersuchungen  nicht  die  Genauigkeit ­
  derjenigen  über  das  rechtsrheinische  Becken  erreicht
haben,  daß  vielmehr  noch  sehr  erhebliche  Kohlenschätze  in  der
untersten  Teufenstufe  mit  Recht  vermutet  werden  können.
Ueber  die  Flözführung  der  bedeutenden  Ostrauer  Schichten
(Randgruppe)  im  Innern  der  oberschlesischen  Hauptmulde  ist
z.  B.  eingestandenerniaßen  wenig  bekannt.  Wären  diese  Schich ­
        <pb n="47" />
        4

35

ten  auch  im  Innern  in  der  Stärke  der  Randgebiete  entwickelt,
so  würden  sich  die  oberschlesischen  Zahlen  bedeutend  erhöhen^).
Oberschlestens  Eisenindustrie  .  ist  auf  dem  gemeinsamen
Vorkommen  von  Steinkohlen  und  Eisenerzen  begründet  worden^). ­
  Eisenerz  tritt  in  Oberschlesien  wesentlich  in  den  mächtigen ­
  Muschelkalkablagerungen,  die  auf  dem  Steinkohlengebirge
liegen,  als  sedimentäre  Brauneisenerze  in  sog.  Linsen  eingelagert ­
  aus.  Das  Erz  ist  als  Niederschlag  stark  eisenhaltiger
Wasser  zu  betrachten  und  zeitlich  zugleich  mit  dem  Galmeierz
entstanden,  mit  dem  es  häufig  innig  gemengt  gefördert  wird.
Es  bildet  meist  erdige  Massen  von  brauner  Farbe,  die  durch'
tonige  Bestandteile  verunreinigt  sind,  oder  feste  dunkelbraune
bis  schwarze  Stücke.  Die  unregelmäßigen  Erzlinsen  fanden
sich  früher  zahlreich  in  den  Höhenzügen  der  Beuthener  Erzmulde
  bei  Chorzow,  Bobrek,  Dombrowa  und  Scharley,  sind  aber
jetzt  nahezu  abgebaut.  Sie  werden  heut  nur  noch  bei  Tarnowitz,
  Stollarzowitz,  Naklo  und  Georgenberg  in  verhältnismäßig
geringen  Mengen  gewonnen.  Ihr  Abbau  ist  ziemlich  leicht,
da  sie  nicht  zu  tief  lagern,  und  weder  mit  Wassern  noch  festen
Hangenden  Gebirgsmassen  zu  kämpfen  ist.  Toneisensteine  oder
Sphärosiderite,  die  sich  in  dem  die  Kohlenflöze  begleitenden
Schieferton  finden,  werden  nicht  gewonnen,  weil  die  Ablagerungen ­
  zu  klein  sind  und  nicht  zusammenhängen.  Die  Beschaffenheit ­
  des  Brauneisenerzes  ist  sehr  geringwertig.  Es  hat
im  naturfeuchten  Zustande  durchschnittlich  24—28%  Fe  und
im  getrockneten  33—35%  Fe.  Der  Phosphorgehalt  ist  schwankend, ­
  doch  meist  so,  daß  er  fiir  das  saure  Verfahren  zu  hoch,
für  das  basische  zu  niedrig  ist.  Bis  zur  Erfindung  des  basischen
Verfahrens  durch  Thomas  und  Gilchrist  1879  erzeugte  man
&amp;gt;nit  den  oberscklesischen  Brauneisenerzen  ein  wenig  wertvolles
Produkt.  Beim  basischen  Prozeß  kann  man  es  wiederum  nur
mit  phosphorreicheren  Erzen  vermengt  verschmelzen.  Ferner
zeichnet  sich  das  Erz  ungünstig  durch  den  hohen  Siliciumgehalt
aus,  der  das  Produkt  „faul"brüchig  macht,  und  durch  starke
1)  Die  zahlreichen  und  tiefsten  Bohrlöcher  Oberschlestens  sieben
an  keiner  Stelle  das  Unterkarbon  und  den  Sohlenstein  erreicht.
2)  H.  Solger,  S.  105  ff.  H.  Fechner  I  I.  S.  418  ff.  Die  Eisenerze ­
  gehören  in  Schlesien  nicht  zu  den  Mineralien,  die  gemutet  und
verliehen  werden,  sondern  sind  Eigentum  des  Grundbesitzers.
        <pb n="48" />
        36

Verunreinigungen  durch  Zink  und  silberhaltiges  Blei,  wodurch
der  den  Schmelzstrozeß  störende  „Ofenbruch"  entsteht*).  Das
Erz  ist  so  das  an  metallischem  Eisen  ärmste  und  geringwertigste
Eisenerz,  das  in  deutschen  Hochöfen  überhaupt  verhüttet  wird.
Es  erfordert  außerordentlich  hohe  Kalkzuschläge,  wodurch  ein
Wämeverlust  im  Ofen  entsteht,  der  die  Menge  des  zum  Schmelzen ­
  nötigen  Koks  und  damit  die  Produktionskosten  des  Roheisens ­
  unwirtschaftlich  steigert.
Infolge  der  immer  mehr  zunehmenden  Erschöpfung  der
oberschlestschen  Erzlagerstätten  hat  die  Förderung  unaufhaltsam ­
  abgenommen.  In  den  Jahren  1886—1890  betrug  sie  noch
durchschnittlich  688  000  To.  jährlich  bei  zirka  3600  Arbeitern
und  war  damit  auf  ihrem  Höhepunkt  angelangt.  Sie  betrugt) ­
  :

in  1000  To.

bet  einem  Hochofenverbrauch  an
Eisenerzen  Gesamtschmelzmaterial

1902

428

1099

1471

1903

369

1139

1539

1904

337

1228

1659

1905

315

1251

1731

1906

245

1333

1792

1907

■  283

1422

1901

1908

264

1370

1878

1909

233

1269

1694

1910

239

1324

1784

1911

150

1399

1957

1912

165

1526

2109

Darnach  spielen  die  oberschlestschen  Erze  für  die  Hochöfen
eine  nur  untergeordnete  Rollt?).  Es  ist  mit  völliger
Sicherheit  anzunehmen,  daß  die  oberschlesische  Eisenerzproduktion ­
  in  nicht  ferner  Zeit  ganz  aufhören  wird.
—  .  M  1  !  li  Ijfi]
1)  s.  a.  B.  Simmersbach,  I  I  I.  H.  Wedding  I  I.  A.  Miethe,
S.  120  ff.
2)  Nach  der  Statistik  des  Vereins.
3)  Die  Menge  der  tatsächlich  im  Hochofen  verschmolzenen  obersäMischen
  Eisenerze  ist  etwas  größer  als  die  jährliche  Förderung,
da  die  in  Kalkgruben,  Ziegeleien  geförderten  Eisenerze  von  der
Statistik  nicht  ergriffen  sind.  Die  Differenz  beträgt  ea.  60  bis
80  000  Tonnen.
        <pb n="49" />
        37

&amp;lt;

Das  Fortbestehen  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  in
ihrer  bisherigen  Entwicklung  und  Verfassung  zunächst  einmal
vorausgesetzt,  werden  die  Hochöfen  neben  dem  Verschmelzen  von
Schlacken,  Sintern  usw.  je  länger  je  mehr  auf  den  Bezug  fremder ­
  Eisenerze  angewiesen  sein.  Die  durch  die  Frachtkosten  hierbei ­
  eintretende  Verteuerung  der  Rohmaterialien  bedeutet  allerdings ­
  eine  außerordentliche  Belastung  des  Produktionsprozesses.
Doch  steht  Oberschlesien  in  dieser  Schwierigkeit  nicht  isoliert  da.
So  glücklich  wie  die  gegenwärtige  englische  Eisenindustrie,  die
in  einunddemselben  Schacht  Steinkohle  wie  Eisenerz  fördern
kann,  der  Hochofen  also  sowohl  auf  Kohle  wie  auf  Erz  steht,
ist  heute  keine  andere  mehr  in  der  Welt.
Bei  der  zumeist  örtlich  getrennten  Lage  der  bekannten
großen  Steinkohlen-  und  Eisenerzlagerstätten  der  Erde  ist  oft
versucht  worden,  die  Frage  des  zweckmäßigsten  Standorts  des
Eisenhochofens,  ob  er  auf  der  Kohle  oder  auf  dem  Erz  errichtet
werden  soll,  allgemein  gültig  zu  lösen.  Die  meisten  Anhänger
hat  die  Meinung,  daß  das  Erz  zur  Kohle  gehen  muß,  was  auch
praktisch  gewöhnlich  der  Fall  ist,  mit  der  großen  Ausnahme  des
lothringisch-luxemburgischen  Minettebezirks.  Daß  diese  Frage
ungeheuer  kompliziert  ist,  zeigt  das  Beispiel  der  rheinisch-westfälischen
  und  der  lothringisch-luxemburgischen  Eisenindustrie^).
Diese  steht  auf  riesigen  Erzfeldern  ohne  Steinkohle,  jene  auf
Kohlenfeldern  ohne  Erze  zu  haben.  Wechselseitig  beziehen  die
rheinisch-westfälischen  Hütten  Minette,  die  lothringisch-luxemburgischen ­
  Ruhrkohle  um  Eisenprodukte  herzustellen,  die  sich
auf  allen  Märkten  erfolgreich  Konkurrenz  machen  können.  Beide
prinzipiell  so  verschieden  gegründeten  Eisenindustrien  stehen
in  gleich  hoher  Blüte.
Eine  absolute  Standortstheorie  erscheint  unmöglich.  Nach
A.  Webers  „Lehre  vom  Standort  der  Industrien^)"  geht  jede
Industrie  an  die  Plätze,  wo  die  Konsumtionsorte  auf  der  einen,
die  Materiallager  auf  der  anderen  Seite  in  Betracht  gezogen,
die  geringsten  Transportkosten  erwachsen.  Die  Höhe  der
Transportkosten  hängt  vom  Gewicht  des  Transportgutes  und

1)  Man  hat  nachgewiesen,  daß  die  rhein.-westf.  Eisenindustrie
auch  bei  alleinigem  Verschmelzen  der  Minette  lebensfähig  wäre.
2)  A.  Weber  I,  S.  34  ff.
        <pb n="50" />
        38

der  Entfernung  ab,  ferner  von  der  Art  des  Transportapparates
und  dem  Maße  seiner  Ausnützung,  der  konkreten  Natur  der
Gegend  und  der  davon  abhängigen  Art  des  Weges,  schließlich
der  Art  der  Transportgüter  selbst.  Dieses  erste  Grundnetz  der
Jndustrieorientierung  wird  durch  etwaige  Arbeitskostendifferenzen ­
  dienert.  Als  dritten  Alterationsfaktor  genereller  Natur
der  Jndustrielagerung  steht  Weber  „lebe  Agglomerationstendenz ­
  "an,  die  auch  die  Zusammenfassung  aller  möglichen
übrigen  Standortsfaktoren  sein  kann.  Aus  diesen  Definitionen
Webers  läßt  sich  kein  Urteil  über  die  Existenzberechtigung  der
oberschlesischen  Eisenindustrie  fällen,  da  sie  eine  Fülle  von
„Nebensächlichkeiten"  gelten  lassen  müssen,  die  praktisch  den
Ausschlag  geben  können  und  so  alle  Berechnungen  über  den
Haufen  werfen.
W.  Sombart  sagt  in  seiner  KritikH  der  Weberschen  Standvrtslehre:
  „Webers  Theorie  ist  die  Theorie  dessen,  was  man  den
„freien"  Standort  nennen  kann.  Sie  ist  unvollständig.  Denn
nur  in  einem  Teil  der  Fälle  ist  der  Standort  ein  „freier",  d.  h.
können  die  Gewerbe  ihn  wählen  —  anders  ausgedrückt,  könnte
er  (phvsisch)  auch  woanders  sein.  Daneben  gibt  es  —  und  zwar
keineswegs  in  etwa  belanglos  geringem  Umfange  —  Standorte, ­
  die  nicht  auf  ..freier"  Wahl  beruhen,  weil  sie  nirgends
anders  sein  könnten:  „gebundene"  Standorte.  Die  Bindung
kann  an  jedem  der  drei  Orientierungspunkte  erfolgen:  am
Konsumplatz,  Arbeitsplatz  oder  Materialplatz."
Dann  ist  die  oberschlestsche  Eisenindustrie  als  „gebundene"
Industrie  zu  erkennen.  Eine  lange  geschichtliche  Entwicklung
hat  in  ihr  enorme  Kapitalien  festgelegt,  die  im  Besitz  der  großen
Geldinstitute,  aber  auch  des  „kleinen  Mannes"  sind.  Diese
Kapitalien  lassen  sich  nicht  aus  der  Industrie  herausziehen,
denn  dabei  würden  sie  zum  bedeutenden  Teile  verloren  gehen;
sie  sind  einfürallemal  verankert.  Die  Gefahr,  alles  zu  verlieren,
nötigt  das  Kapital,  auch  in  schweren  Zeiten  in  der  Industrie
zu  bleiben,  sie  selbst  mit  großen  Opfern  zu  stärken  und  für  künftige
  bessere  Zeiten  produktionsfähig  zu  erhalten.  Auch  der
Staat,  der  wie  wir  sehen  werden,  zum  überwiegenden  Teil  im
Interesse  der  oberschlesischen  Industrie  gewaltige  Summen  in

1)  W.  Sombart  II.,  S.  40  ss.
        <pb n="51" />
        39

den  Wasserbauten  besonders  der  Oder  oberhalb  Breslaus  fortdauernd ­
  angelegt  hat  und  heute  noch  anlegt,  der  ferner  an  der
möglichst  intensiven  Ausnutzung  des  großzügig  gebauten  Eisenbahnnetzes ­
  des  l^ndustriebezirks  interessiert  ist  —  auch  dieses
fiskalische  Kapital  bildet  einen  Faktor  traditioneller  Art,  der
die  einmal  eingepflanzte  Eisenindustrie  Oberschlesiens  an  ihrem
alten  Sitze  festhält^).
Dann  aber  ist  mit  dem  Schicksal  der  oberschlelischen  Eisenindustrie ­
  das  Wohl  und  Wehe  bedeutender  Arbeitermassen
(1912:  46  400)  eng  verknüpft,  die  aus  rein  psychologischen  wie
besonders  allgemein  wirtschaftlichen  Gründen  unmöglich  mit
einemmal  aus  ihrem  alten  Wirkungskreise  entführt  und  anderswohin ­
  verpflanzt  werden  könnten.  Im  großen  ist  etwas
derartiges  praktisch  noch  nicht  erschienen  und  im  kleinen  bezw.
kleinsten  oft  gescheitert.
Neben  der  Kapitalverlustgefahr  hält  die  Arbeiterschaft  die
Eisenindustrie  in  Oberschlesien  fest.  Die  oberschlesischen  Eisenhütten ­
  sind  zugleich  auch  z.  T.  am  Materialplatz  gelegen  insofern,

1)  Alfred  Weber  hat  in  seiner  Standortstheorie  u.  E.  die  Wichtigkeit ­
  dieses  traditionellen  Momentes  wie  noch  anderer  individueller ­
  Faktoren,  die  den  Standort  einer  Industrie  bestimmen  oder
vielmehr  vor  langer  Zeit  bestimmt  haben,  so  daß  eine  Revision
eines  solchen  vor  langer  Zeit  gewählten  Standortes  auf  seine  wirtschaftliche ­
  Richtigkeit  hin  eben  schlechterdings  unmöglich  erschein!,
unterschätzt.  Er  spricht  wohl  von  dem  3.  generellen  Alterationsfaktor, ­
  „der  jede  Aglomerationstendenz  oder  auch  die  Zusammenfassung ­
  aller  möglicher  übrigen  Standortsfaktoren  sein  kann"
(S.  67  f.)  und  den  Standort  einer  Industrie  zu  bestimmen  fähig  ist,
doch  wie  uns  scheint,  nicht  mit  der  gehörigen  besonderen  Betonung.
Seine  Lehre  kann  —  das  steht  u.  E.  fest  —  für  unsere  deutschen
Verhältnisse  nur  dann  von  praktischer  Bedeutung  werden,  wenn
eine  neue  Industrie  begründet  werden  soll,  so  daß  sie  dem  Kapital
bei  der  Auswahl  des  Standorts  der  neu  zu  begründenden  Industrie
mit  gutem  Rat  zur  Seite  stehen  könnte.  Für  die  Masse  der  entwickelten ­
  deutschen  Industrien  gelten  eben  jene  wichtigen  traditionellen ­
  und  anderen  individuellen  Momente;  das  Schwergewicht
wird  bei  den  alten  Centren  bleiben,  wenn  auch  neue  Arbeitsstätten
an  anderen  neuen  Standorten  entstehen.  Wenn  H.  Schumacher
(I  H,  S.  28  ff.)  in  der  Gegenwart  eine  allgemeine,  verhältnismäßig
rasche  Wanderung  der  amerikanischen  Eisenindustrie  von  der  Küste
ins  Innere  gemäß  der  Rohmaterialorientierung  konstatiert,  also
trotz  traditioneller  Momente,  die  doch  auch  in  der  amerikanischen
Eisenindustrie  vorhanden  sind,  so  liegt  dieses  u.  E.  an  den  beson-
        <pb n="52" />
        40

als  die  oberschlesischen  Steinkohlenschätze  Hochofenkoks  sowie
das  Kraftmaterial  für  ferne  Zeiten  zu  liefern  imstande  sein
werden,  Materialien,  die  etwa  die  Hälfte  des  Rohstoffbedarfs
des  Hoäiofens  ausmachen,  und  deren  Anteil  an  den  Gesamtmaterialien ­
  mit  der  weiteren  Verarbeitung  des  Roheisens  bedeutend ­
  steigt.
Die  oberschlestsche  Eisenindustrie  kann  garnicht  „irgend
anderswo"  sein.
In  seinem  Aufsatz  „Die  Standortslehre  und  die  HandelspolitikH"
  der  einen  Versuch  zu  seinem  Vorhaben  darstellt,  seine  v
abstrakte  Theorie  ins  Reale  zu  übertragen,  spricht  es  Weber
deutlich  aus,  daß  die  nahe  den  großen  Kohlenlagern  der  Erde
gelegenen  Arbeitsmärkte  vor  allen  anderen  in  der  Welt  zunehmend ­
  mehr  die  Oberhand  in  der  industriellen  Produktion
erlangen  werden.  Er  fufjrt  dann  unter  den  5  ganz  großen,
Prinzipalen  Kohlenbezirken  der  Erde  die  deutschen  am  Niederrhein ­
  und  in  Oberschlesien,  unter  den  4  heut  schon  entfalteten
Arbeitsmarktgebieten  der  Erde  ebenfalls  den  niederrheinischbelgischen ­
  und  oberschlesisch-polnischen  an.  „Wenn'und  insoweit ­
  die  Industrie  international  an  Arbeitsmärkte  geht  —
und  es  ist  ja  der  ganze  Großteil  der  internationalen  Weltindustrie, ­
  der  das  tut  —  werden  jene  4  großen  Arbeitsmarktgebiete ­
  die  künftigen  großen  Weltindustriezentren  bleiben,  soderen
  Verhältnissen,  der  wirtschaftlichen  Uebermacht  der  Stahltrusts,
dem  vor  nichts,  vor  allem  nicht  vor  Tradition,  zurückschreckenden
amerikanischen  Geschäftssinn.  In  Deutschland  erscheint,  wie  gesagt,
eine  allgemeine  Standortsrevision  ivenigstens  der  großen  Industrien
unmöglich.  Die  Entstehung  der  jüngsten  Seehochöfen  in  Stettin,
Lübeck  usw.  widerspricht  dem  noch  nicht,  denn  genauer  gesehen,  ist
das  bisher  einzig  rentabel  arbeitende  Werk  „Kraft"  zu  Kratzwieck-Stettin
  die  Gründung  eines  der  größten  deutschen  Kapitalisten,  des
Fürsten  Henckel  von  Donnersmarck,  der  die  erforderlichen  großen
Mittel  ohne  Gefährdung  seines  übrigen  Vermögens  hergeben
konnte.  Auch  das  Lübecker  Werk  ist  von  dem  kapitalkräftigen
Liibeck  begründet  worden.  Die  anderen  Seewerke  sind  z.  T.  eingegangen,
  z.  T.  ohne  größere  Aussichten,  (s.  a.  C.  Roß.)  Die
Wanderung  der  deutschen  Hochöfen  zur  Küste  erscheint  im  großen
ganzen  abgeschlossen.  lDie  Hapag  wie  der  Bremer  Lloyd  beabsichtigten ­
  s.  Zt.  die  Errichtung  von  Großeisenhütten  in  Hamburg  bezw.
Bremen,  doch  ist  in  letzter  Zeit  nichts  Genaueres  davon  lautbar
geworden.)
1)  A.  Weber  I  I.  S.  683  ff.
        <pb n="53" />
        fern  die  fremde  Handelspolitik  nicht  gewaltsam  die  Industrien
aus  den  Arbeitsmarktgebieten  herausreißt".
Nicht  nur  die  oberschlesische  Steinkohle  sondern  auch  die
oberschlesische  Arbeiterschaft  zieht  die  Eisenindustrie  wie  ein
Magnet  in  den  Bezirk  herein^.  Damit  ist  freilich  noch  nicht
gesagt,  daß  alle  Zweige  der  Eisenerzeugung  gleicherweise  rentabel ­
  sein  müssen,  vielmehr  werden  Vorteile  wie  Nachteile  dieser
oder  jener  Betriebsabteilungen  gegenüber  den  Eisenindustrien
anderer  Bezirke  bei  der  vielseitigen  Differenzierung  der  Eisenhüttentechnik ­
  wahrscheinlich  auftreten,  sodaß  der  Eisenhüttenbetrieb ­
  sich  günstig  auf  ganz  bestimmte  Produktionszweige  wird
spezialisieren  müssen.  Als  Grundlage  und  Ausgang  zu  diesen
Produktionszweigen  wird  die  Erzeugung  des  Roheisenmaterials
natürlich  aufrechtzuerhalten  sein,  sofern  nicht  ganz  gewichtige
Gründe  dagegen  sprechen.
Die  Provinz  Schlesien  hat  außer  den  besprochenen  oberschlesischen ­
  keine  bedeutenderen  Eisenerzvorkommen  aufzuweisen.
Wohl  werden  bei  Bad  Reinerz  in  der  Grafschaft  Glatz  gute
Not-  und  Brauneisenerze  sowie  Magneteisensteine^),  ebenso  bei
Willmannsdorf,  westlich  von  Jauer,  und  bei  Jänkendorf  und
Niesky  in  der  Nähe  von  Görlitz  gefördert,  jedoch  nur  in  geringen ­
  Mengen  von  5—10  000  To.  jährlich.  Gleichfalls  unbedeutend ­
  ist  die  Ausbeute  von  Kohleneisenstein  aus  den
Gruben  bei  Neurode  und  Waldenburg.  Beachtenswerter  dagegen ­
  erscheinen  die  Magneteisensteine  bei  Schmiedeberg  i.
Nsgb.  Das  Erz  ist  von  reiner  Beschaffenheit,  hat  50—65%  Fe
und  für  den  basischen  Prozeß  ausreichenden  Phosphorgehalt.
Es  wird  in  der  seit  Mitte  des  18.  Jahrhunderts^)  bestehenden
Grube  „Bergfreiheit"  zu  gegenwärtig  40—50  000  To.  jährlich ­
  gewonnen  und  zur  Eisenbahn  nach  dem  Königshütter
Hochofenwerk  der  Pächterin  der  Grube,  der  Vereinigten  Kö-1)

  insofern  Arbeitermassen  anerkanntermaßen  einen  fest  verankerten ­
  Standortsfaktor  bilden,  s.  a.  A.  Weber  I,  S.  34,  S.  94  ss.
2)  Schon  unter  Heinitz  und  Reden  in  Ausbeutung,  1793  die
Eisenhütte  Rückerz  gegründet.  (H.  Fechner  II,  S.  15  ff.)
3)  1802  g-ing  zum  ersten  Male  eine  Sendung  von  200  Ctr.
Schmiedeberger  Erze  nach  dem  Kgl.  Hochofenwerk  zu  Gleiwitz  und
Malapane.  (H.  Fechner  II,  S.  417  fs.)
        <pb n="54" />
        42

nigs-  und  Laurahütte  A.-G?),  gebracht.  Immerhin  ist  das
Schmiedeberger  Erzvorkommen,  dessen  Nachhaltigkeit  auf  ungefähr ­
  1  Million  To.  geschätzt  wird,  zu  klein,  um  einen  wesentlichen ­
  Teil  des  Bedarfs  der  oberschlesischen  Hochöfen  decken  zu
können^).
Die  gleiche  Armut  an  Eisenerzen  weist  das  nächstgelegen,e
Inland  aus.  Die  Raseneisenerze^)  der  Wartheniederung  in  der
Provinz  Posen,  des  Spreewaldes  in  Brandenburg  liefern  int
Durchschnitt  nur  20-—30  000  To.  jährlich,  zudem  ist  ihr  Eisengehalt ­
  sehr  niedrig,  25—30%.  Im  Kgr.  Sachsen  und  in
Thüringen  werden  ebenfalls  Rasen-  und  Brauneisenerze  in
kleineren  Mengen  gewonnen.
Infolge  dieser  Armut  des  östlichen  Deutschland  an  Eisenerzen ­
  und  der  entfernten  Lage  der  oberschlesischen  Eisenhütten
zu  den  reichen  westdeutschen,  besonders  lothringisch-luxemburgischen ­
  Eisenerzgebieten,  richtete  sich  zu  Beginn  der  70er  Jahre
des  vorigen  Jahrhunderts,  dem  Eingang  der  Entwicklung  zur
Großindustrie,  das  Augenmerk  der  oberschlesischen  Eisenhüttenleute
  auf  die  von  Oberschlesien  aus  erreichbaren  Eisenerze  des
Auslandes.  In  erster  Linie  kamen  die  Nachbarländer  Österreich-Ungarn ­
  und  Rußland,  vornehmlich  Polen,  dann  Schweden
und  Spanien  in  Betracht.
Die  ersten  Bezüge  fremder  Erze*)  in  größerem  Umfange
kamen  in  den  Jahren  1870—72  aus  Ungarn,  die  bald  schnell
anwuchsen.  Daneben  sind  schon  seit  1867  Spateisensteine  aus
Steiermark  eingeführt  worden,  zwar  bis  1893  wegen  der  hohen
3)  Diese  pachtete  die  „Bergfreiheit"  1881  (bis  31.  12.  1921).
s.  Salings  Börsenjahrbuch,  S.  886.
4)  Die  Eisenerzsörderung  ganz  Schlesiens  außer  Ober^
schlesien  betrug  1908,  24  000  Tonnen,
1909:  35  000  Tonnen,
1910;  34  000  Tonnen,
1911:  45  000  Tonnen,
1912-  39  000  Tonnen.
5)  Sie  werden  dicht  unter  der  Oberfläche  im  Tagebau
gewonnen.
1)  Die  Friedenshütte  und  die  Kgl.  Hütte  Gleiwitz  machten  die
ersten  Versuche  mit  ungarischen  Spaten.  1888  kaufte  die  Friedens--Hütte
  die  Eisenerzgrube  Roztoken  bei  Marksdorf  an  der  Kafchau-Oderberger
  Eisenbahn.  Salings  Bövfenjahrbuch.  F.  Jüngst,
S.  520  ff.
        <pb n="55" />
        43

Erztarife  der  österreichischen  Eisenbahnen  in  bescheidenen  Grenzen. ­
  Die  polnischen  Braun-  und  Raseneiseuerze,  die  in  ihren
Eigenschaften  den  oberschlesischen  ähneln,  sind,  solange  es  keine
bedeutende  polnische  Eisenindustrie  gab,  von  den  oberschlesischen
Hochöfen  ausnahmslos  verhüttet  worden.  Als  die  1880
einsetzenden  zollpolitischen  Masinahmen  Rußlands  auch
in  Polen  eine  Großeisenindustrie  erweckten,  indem  die  am
russischen  Markt  stark  interessierten  oberschlesischen  Hütten  an
der  Grenze  Filialwerkc  errichteten,  ging  die  Einfuhr  polnischer
Erze  zurück,  die  seitdem  von  den  polnischen  Hochöfen  verschmolzen ­
  werden.  Zudem  gab  die  russische  Regierung  die  Bestimmung ­
  heraus,  daß  die  polnische  Erzausfuhr  an  besondere
staatliche  Lizenzen  geknüpft  und  ein  Ausfuhrzoll  erhoben  werden
sollte.  Dieselben  Vorschriften  wurden  für  die  Ausfuhr  der  südrussischen ­
  Erze  erlassen,  die  freilich  wegen  des  unentwickelten
russischen  Eisenbahnwesens  und  der  enormen  Entfernung  für
die  oberschlesischen  Hütten  damals  noch  keine  Bedeutung  besaßen.
Die  Einfuhr  schwedischer  Magneteisensteine  schlug  schon  1866
H.  Wedding  bot 1 ),  sie  begann  1870  mit  der  Zufuhr  von
9600  To.  Sogleich  bemühten  sich  die  oberschlesischen  Eisenwerke, ­
  schwedische  Eisenerzfelder  zu  erwerben  und  eine  regelmäßige
  Erzzufuhr  nach  Oberschlesien  einzurichten.  Doch  kam
ihnen  bald  der  schwedische  Staat  zuvor,  der  die  Eisenerzschätze
in  nationaler  Hand  bewahrt  wissen  wollte.  Was  Spanien  betrifft, ­
  so  kamen  für  Oberschlesien  lediglich  die  Rio-Tinto  Abbrände^)
  in  Frage,  wie  überhaupt  die  oberschlesischen  Hochöfen
früher  und  umfangreicher  als  irgend  eine  andere  Eisenindustrie
Deutschlands  die  Verschmelzung  von  Abbränden,  Schlacken,
Sintern  aller  Art  und  Anilinrückständen  aufgenommen  Haber?).
Mit  fortschreitender  Entwicklung  der  oberschlesischen  Eisenindustrie ­
  ist  der  Anteil  der  ausländischen  Erze  an  dem  Hochofenmöller ­
  stetig  gestiegen,  da  einerseits  die  oberschlestsche  Eisenerzförderung ­
  durch  die  zunehmende  Erschöpfung  der  Lager
1)  In  der  Zeitschrift  für  das  Berg-,  Hütten-  und  Salinenmefen
  im  preußischen  Staate,  Iahrg.  1866.
2)  Rio-Tinto  Abbrände  sind  Kupferhaltige  Schwefelkiese,  die
nach  Extraktion  des  Kupfers  und  Oxydation  des  Schwefels  einen
sehr  eisenreichen  Abbrand  liefern.
3)  F.  Jüngst,  S.  520  f.
        <pb n="56" />
        44

stetig  sank  sowie  die  an  das  erblasene  Roheisen  gestellten  Qualitätsanforderungen ­
  bessere  Erzsorten,  als  die  oberschlesischen
Erze  es  sind,  verlangten,  und  andererseits  durch  die  allmähliche
Verbesserung  der  Verkehrswege  und  Herabsetzung  der  Tarife  der
Bezug  größerer  Erzmengen  und  auf  weite  Entfernungen  ermöglicht ­
  wurde.  Fremde  Erze  sind  heute  die  Grundlage  der
oberschlesischen  Hochöfen.
Die  Hütten  beziehen  diese  zum  großen  Teil  aus  eigenen
oder  gepachteten  Erzgruben.  1912  besaßen*):
1)  Vereinigte  Königs-  und  Laurahütte  A.-G?)  Roberti-Grube
  bei  Gölnicybanpa  in  Oberungarn,  seit  1900  in
eigenem  Besitz  und  Betrieb.  Spateisenstein  in  3 / 4  —  2  m
mächtigen  Schichten,  29—32%  Fe,  geröstet  42—47%  Fe.
Die  Eisenerzgruben  der  Czenstochauer  A.-G.  (deren
Aktienkapital  400  000  Rubel  ganz  im  Besitz  der  oberschlesischen ­
  Gesellschaft  ist)  in  den  Kreisen  Czenstochau  und
Bendzin,  Gouv.  Petrikau.  Die  Erze  werden  zum  größten
Teil  von  dem  Filialwerk  Katharinenhütte  in  Sosnowice
verschmolzen,  eine  Ausfuhrlizenz  gestattet  die  Ausfuhr
von  50  000  To.  jährlich  nach  Oberschlesien.
2)  Donnersmarkhütte  A.-G.:  Edlach  am  Knappenberg  bei
Payerbach,  Niederösterreich,  seit  1896  mit  der  Oberschles.
Eisenbahnbedarfs-A.-G.,  Friedenshütte,  gemeinschaftlich  auf
Spateisenstein,
Eisensteinbergbau  am  .  Grillenberge  in  Steiermark
seit  1900  mit  derselben  Gesellschaft  gemeinsam,  Beteiligung
init  30%  vom  Aktienkapital  1,5  Mill.  Kr.  der  norwegischen
Bergwerks-A.-G.,  Salangen,  Beteiligung  mit  20%  vom
Aktienkapital  1,5  Mill.  Mk.  der  südrussischen  Pyroluzit-A.-G.
  zur  Gewinnung  südrussischer  Manganerze.
3)  Oberschlesische  Eisenbahnbedarfs-A.-G.  Friedenshütte:
Erzgrube  Roztoken  bei  Marksdorf  in  Ungarn  an  der
Kaschau-Oderberger  Eisenbahn,  fett  1890  im  Betriebe,
Spateisenstein  40—50%  Fe.

1)  Salings  Börsenjahrbuch  11  1912.
2)  s.  a.  O.  Iunghann.
        <pb n="57" />
        45

Die  Erzgruben  der  Eisenerzgewerkschaft  Czerna  in
Galizien,  Rot-  und  Brauneisenstein  35—42%  Fe.  Beteiligung ­
  mit  70%  von:  Aktienkapital  1,5  Mill.  Kr.  der
norwegischen  Bergwerks  A.-G.  Salangen.  Die  Magneteisensteine ­
  werden  aufbereitet  und  brikettiert,  seit  1910  im
Betrieb.
4)  Oberschlestsche  Eisenindustrie-A.-G.-Gleiwitz:  Erzbergwerk ­
  Mereny  in  Ungarn,  seit  1900  in  Förderung  auf  Spateisenstein ­
  40—52%  Fe.
Eisenerzbergwerk  Toroczko  in  Siebenbürgen,  auf
30—40%  Fe.  Brauneisenstein.
Die  Kattowitzer  A.-G.  für  Bergbau  und  Eisenhüttenbetrtieb
sowie  die  Bismarckhütte  A.-G.  betreiben  gleichfalls  Eisenerzgruben ­
  in  Ungarn  und  Schweden.
In  den  letzten  10  Jahren  wurden  von  den  oberschlesischen
Hochöfen  verhüttet)

Eisenerze

Schlacken

Summe

i  n

1  0  0  0  T

o.

1902

1099

372

1471

1903

1139

400

1539

1904

1227

432

1659

1905

1251

480

1731

1906

1334

458

1792

1907

1421

480

1901

1908

1370

508

1878

1909

1268

426

1694

1910

1324

460

1784

1911

1398

559

1957

1912

1526

583

2109

Von  den  Eisenerzen
Oberschlesten

staminten  aus:
Übrigen  Inland  Ausland

in  1  0  0  0  To.

1902

523

35

478

1903

461

48

491

1904

390

47

646

1905

364

52

642

1)  Nach

der  Statistik  der  Oberschl.  Berg-  und

Hüttenwerke
        <pb n="58" />
        46

Oberschlesien  Übrigen  Inland  Ausland

i  lr

10  0  0

T  o.

1906

304

93

726

1907

292

130

787

1908

292

132

732

1909

320

94

674

1910

302

124

686

1911

252

156

714

1912

226

298

711

Die  ausländischen  Erze  kamen  aus:

Schwed.-Norwg.  Österr.-Ung.  Rusild.

Sonst.  Ausld.

r  n

1  0

0  0  To.

1902

184

260

31

3

1903

164

231

90

6

1904

217

250

170

9

1905

254

270

110

8

1906

274

287

157

8

1907

262

205

309

11

1908

238

214

268

12

1909

216

183

263

12

1910

241

152

283

10

1911

305

124

274

11

1912

350

108

243

10

Von  den  verhütteten  Schlacken  stammten

aus:

Oberschl.

Übrig.  Inland  Ausland  Dazu  Abbrände,

Rückstände*)

i  it  1

0  0

0  T  o.

1902

241

80

115

63

1903

243

101

194

139

1904

260

59

113

145

1905

267

76

137

193

1906

251

65

142

210

1907

259

67

154

213

1908

263

86

159

214

1909

230

69

126

181

1)  Herkunft  nicht  angegeben,  etwa  zur  Hälfte  aus  dem  Ausland ­
  (Spanien,  Schweden,  Rußland),  zu  je  V»  aus  Oberfchlefien
und  dem  übrigen  Inland.
        <pb n="59" />
        47

Oberschl.  Übrig.  Inland  Ausland

in  1  0  0  0  To.

1910

246

101

133

1911

277

108

172

1912

284

130

170

Dazu  Abbrände,
Rückstände
212
277
281

Demnach  stammten  von  den  Gesamtmaterialien  der
oberschlesischen  Hochösen  aus:

Oberschles.

Übrig.  Inland  Ausland

Dazu  Abbrände

i  n

1  0  0  0  To.

1902

764

115

593

63

1903

704

149

685

139

1904

650

106

759

145

1905

631

128

868

193

1906

555

158

868

210

1907

551

197

941

213

1908

555

218

891

214

1909

550

163

800

181

1910

548

225

819

212

1911

529

264

886

277

1912

519

428

881

281

Dem  unverkennbaren

Sinken  des  Anteils  der  oberschlesischen

  Eisenerze  an  dem  Hochofenmvller  steht  ein  schwankendes ­
  Steigen  der  anderen  deutschen  Schmelzmaterialien  gegenüber. ­
  die  besonders  1912  enorm  angewachsen  sind.  Die
Statistik  der  oberschlesischen  Berg-  und  Hüttenwerke  gibt  für
Erze  arü):
Aus  Nieder-  und  Mittelschlesien  38  616  To.
Aus  der  Provinz  Posen  76  086  To.
Aus  dem  übrigen  Deutschland  182  978  To.

Summe  297  680  To.
Die  entsprechende  Menge  für  1911  betrug  dagegen  nur
156  000  To.  Diese  außergewöhnlich  starke  Steigerung  würde,
wenn  sie  andauerte,  von  großer  Tragweite  für  die  Frage  des
oberschlesischen  Erzmaterialbezuges  sein.

1)  Statistik  für  1912,  S.  27.
        <pb n="60" />
        48

Wenn  wir  nochmals  rekapitulieren,  stellt  sich  die  Situation
wie  folgt  dar:  Die  eigenen  Eisenerze  des  oberschlestschen  Jndustriebezirks
  nahen  ihrer  Erschöpfung,  ihre  gegenwärtige
Fördermenge  ist  zwar  immer  noch  nicht  unerheblich,  doch  weicht
sie  ständig  und  erheblich  zurück.  Die  übrige  Provinz  Schlesien
und  der  gesamte  Osten  des  Reiches  besitzen  nur  wenige  Eisenerzlager ­
  von  relativ  geringer  Nachhaltigkeit.  Thüringen  soll
zwar  nach  neuesten  Untersuchungen  bedeutendere  Erzschätze  aufweisen, ­
  die  aber  erst  bei  weiter  fortgeschrittener  Hüttentechnik
praktischen.  Wert  erlangen  können.  Es  würde  hier  auch  noch
eine  billige  Wasserstraße  zur  Oder  neu  zu  bauen  sein.  Die
Heranziehung  der  riesigen  Minettelager  Westdeutschlands  zur
großzügigen  Erzmaterialversorgung  der  oberschlesischen  Hochöfen ­
  erscheint  ebenfalls  nicht  möglich,  selbst  wenn  der  deutsche
Mittellandkanal  endlich  gebaut  würde,  da  der  relativ  geringe
Metallgehalt  des  Minetteerzes  einen  solch  enormen  Weg  nicht
erlauben  würde.
Einheimische  wie  inländische  Eisenerze  können  also  der
oberschlesischen  Hochofenindustrie  keine  sicheren  Grundlagen  zu
einer  noch  so  bescheidenen  Entwickelung  geben.
Die  Roheisenproduktion  aber  völlig  aufzugeben  und  statt
dessen  fertiges  Roheisen  zu  kaufen,  verbietet  die  hüttentechnische
Kalkulation*),  die  im  allgemeinen  heute  nur  dann  ein  dem  Verkaufspreise ­
  nach  konkurrenzfähiges  Eisenprodukt  herauszubringen ­
  vermag,  wenn  die  einzelnen  Stufen  des  Eisenproduktionsprozesses ­
  unmittelbar  einander  in  die  Hände  arbeiten  und
so  größtmögliche  Ersparnisse  an  Wärmeenergie  erzielen  lassen.
Der  oberschlesische  Hüttenmann  muß  sich  daber  nach  ausländischen ­
  Erzen  umsehen,  die  seinen  Hochofen  ausreichend  und
voraussichtlich  andauernd  mit  Erzmaterial  versorgen  könnten.
Gibt  es  nun  solche  auswärtige  Erzlagerstätten?
Th.  Sehmer^)  behauptet,  während  der  Kampf  sich  meist
nicht  so  sehr  darum  drehe,  „Erz  an  sich"  zu  bekommen,  als  vielmehr ­
  um  das  „billigste"  Erz,  da  Eisenerze  noch  genug  vorhanden ­
  seien,  handelte  es  sich  für  Oberschlesien  in  erster  Linie

1)  G.  Gothein  II.  S.  360  f.  G.  Heymann,  S.  4  ff.,  S.  11  ff.
s.  a.  H.  Wedding,  SB-,  Simmersbach.
2)  Th.  Sehmer.  S.  263.
        <pb n="61" />
        49

doch  darum,  überhaupt  Eisenerz  zu  beschaffen.  Das  halten  wir
für  nicht  richtig,  denn  prinzipiell  ist  die  Lage  der  oberschlesischen
Eisenhütten,  was  die  Erzversorgung  anbetrifft,  genau  die  gleiche
wie  z.  33,  der  rheinisch-westfälischen  Eisenindustrie.  Es  stimmt
daher  auch  nicht,  daß  „abgesehen  von  Oberschlesien  die  Zukunft ­
  der  deutschen  Erzversorgung  in  durchaus  günstigem  Licht
erscheint^)".  Rheinland-Westfalen  ist  heute  wie  in  näherer
Zukunft  zum  bedeutendsten  Teil  seines  Erzbedarfes  auf  ebendieselben ­
  ausländischen  Eisenerze  angewiesen  wie  Oberschlesten
auch,  besonders  z.  B.  auf  die  schwedischen  Magnetite.  Neben
diesen  kamen  bisher  die  Eisenerzschätze  Rußlands  und  Österreich-Ungarns ­
  für  die  oberschlesischen  Hochöfen  in  Frage.  Unsere
nächste  Aufgabe  wird  sich  daher  der  Untersuchung  zuwenden
müssen,  welches  der  Stand  des  Eisenexports  in  Rußland,  Österreich-Ungarn ­
  und  Schweden  gegenwärtig  ist,  und  welche  Entwicklung ­
  er  voraussichtlich  in  der  nächsten  Zukunft  nehmen  wird.
Das  ungeheure  russische  Reichs)  birgt  gewaltige  Vorräte
an  Eisenerzen,  deren  bekannteste  die  des  Ural  und  Südrußlands
sind.  Die  Uralerze  sind  Magnet-,  Spat-  und  Brauneisensteine
von  50—67%  Fe  und  sehr  reiner  Qualität.  Von  den  südrussischen ­
  Eisenerzen  sind  die  von  Kriwoi  Rog,  südwestlich  von  Jekaterinoslaw
  am  Dniepr  ihrer  Mächtigkeit  und  nächsten  Lage
zu  den  Steinkohlen  des  Donezbeckens^)  wegen  die  bedeutendsten.
Sie  wurden  auf  75  Millionen  To.  Nachhaltigkeit  geschätzt,  ihr
Gehalt  an  Eisen  beträgt  im  Mittel  60—68%.  Noch  nachhaltiger ­
  sollen  die  Erzlager  der  Halbinsel  Kertsch  der  Krim  sein,
wenn  das  Erz  auch  nur  40—48%  Fe  enthält.  Am  rechten
Ufer  des  unteren  Dniepr  bei  Nicopol  finden  sich  reiche  Manganerze ­
  mit  40—50%  Mn-Gehalt.  Die  größten  Manganerzlager
der  Welt  besitzt  Transkaukasien  zwischen  Schwarzem  und
1)  Allerdings  nimmt  die  Minettezufuhr  nach  den  rheinischwestfälischen
  Eisenwerken  zu,  1810  schlug  diese  die  schwedische  Zufuhr ­
  mit  3  Mill.  Tonnen,  dennoch  ist  der  Anteil  der  ausländischen
Erze  an  dem  Gesamterzmaterial  der  rheinisch-westsälischen  Hochöfen ­
  noch  über  80  Proz.  (1909:  58  Proz.)  s.  Eisenhllttenwesen  1912,
S.  200  ff.
2)  Eisenhüttenwesen,  S.  152  ff.  K.  Spaltowski,  S.  26.  W.
Neumeister,  S.  44  f.  Th.  Sehmer,  S.  88  ff.
3)  Die  Brauneisensteinlager  des  Donezbeckens  sind  bereits
abgebaut.

(7&amp;gt;

i
        <pb n="62" />
        50

Kaspischem  Meer.  Die  Erze  sind  von  einer  erstaunlichen  Güte,
im  Mittel  40%  Fe  und  30%  Mn.  Die  weiten  Gebiete  Mittelrußlands ­
  sind  ebenfalls  reich  an  Braun-  und  Toneisensteinen
von  30—36%  Fe-Gehalt,  und  die  zahlreichen  Seen  Finnlands
und  der  russischen  Ostseeprovinzen  bergen  auf  ihrem  Grund
bisher  noch  wenig  erforschte  Schätze  an  mangan-  und  phosphorreichen ­
  Eisenerzen.  Die  mächtigen  Lager  des  Olonetz'schen
Bezirkes  am  Ladogasee  stehen  schon  in  regem  Abbau  und  liefern ­
  besten  Eisenglanz  und  Magneteisenstein  bis  70%  Fe-Gehalt.
  Die  russische  Eisenerzförderung  betrug  seit  1880,  dem
Einsetzen  der  modernen  Jndustriepolitik  der  russischen  RegierunsZ):


in

Millionen

Zubezw



in

Millionen

Zubezw.



Tonnen

Abnahme  °/o

Tonnen

Abnahme  0

1880

1.024

1890

1.796

+

75.4

1905

4.778

—

9.5

1895

2.987

+

60.2

1906

5.176

+

8.3

1900

6.112

+  104.0

1907

5.493

+

6.1

1901

4.724

—

23.0

1908

5.385

1.9

1902

3.987

—

15.5

1909

5.121

4.9

1903

4.219

+

5.7

1910

5.915

+

15.5

1904

5.280

+

25.1

1911

6.870

+

16.2

Das  überaus  heftige  Schwanken  der  Produktion  ist  in
den  verworrenen  wirtschaftlichen.  Verhältnissen  der  Kriegszeiten
und  den  periodisch  wiederkehrenden  Agrarkrisen  des  Landes
begründet.
Zu  den  Eisenerzen  gesellen  sich  gleich  reiche  Schätze  an
Steinkohlen^).  Das  bedeutendste  der  fünf  russischen  Kohlenbecken ­
  ist  das  nördlich  vom  Asowschen  Meer  gelegene  Donezsche,
das  zirka  27  000  Quadratkilometer  bedeckt  und  11  Milliarden
To.  halten  soll.  Es  liefert  alle  Arten  gasreicher  Fettkohle  bis
vorzüglichen  Antrazit,  der  beim  Hochofenprozeß  roh  an  Stelle
von  Koks  verschmolzen  wird.  Doch  weist  die  Kohle  einen  beim
Eisenschmelzen  sehr  störenden  Schwefelgehalt  auf.  Dennoch  er-1)

  Eisenhüttenwesen  1912,  S.  188.  Die  Einfuhr  russischer
Erze  nach  Deutschland  umfaßte  1910:  780  000  Tonnen,  1911:
868  000  Tonnen,  1912:  655  000  Tonnen,  wovon  aus  Oberschlesien
fast  der  vierte  Teil  entfiel,  (s.  S.  77.)
2)  nach  Eisenhüttenwesen,  ©.  151  f.  Tijttler.  F.  Thieh.
Th.  Sehmer,  S.  208  ff.  A.  Miethe,  S.  72.
        <pb n="63" />
        51

5

zielt  man  durch  geeignete  Verfahren  einen  einigermaßen  brauchbaren ­
  Koks,  während  die  Kohle  sich  als  Heizmaterial  sehr  bewährt. ­
  Das  nächstwichtigste  Steinkohlenvorkommen  ist  das
polnische,  das  die  Fortsetzung  des  oberschlesischen  darstellt.  Es
fördert  ausnahmslos  gasarme  Sandkohle,  die  sich  nicht  zu  Koks
backen  läßt,  auch  als  Kesselfeuerung  nicht  sehr  ergibig  ist,
daher  für  die  Industrie  weniger  vorteilhaft  verwendbar  erscheint. ­
  Die  Steinkohlen  des  Moskauer  Beckens,  die  in  ihrer
Beschaffenheit  den  Braunkohlen  ähneln,  sind  ihres  geringen
Heizwertes  wegen  lediglich  zu  Hausbrandzwecken  zu  gebrauchen.
Die  Kohlenschätze  des  Urals  und  Kaukasus  sind  bislang  in  unbedeutendem ­
  Abbau,  teils  noch  nicht  genügend  erforscht.
Die  russische  Steinkohlenproduktion  hat  eine  enorm  rasche
Entwicklung  erfahren;  es  wurden  gefördert):

Donezb  ecken

Russisch-Polen

Gesamtrußland

in  10  0  0

T  o.

1881—85

1800

1660

3800

1886—90

2500

2350

5300

1891—95

4060

3140

7840

1896—00

8000

3860

12580

1901

11400

4140

16530

1902

11500

4230

16470

1903

12400

4750

17870

1904

13000

4620

19600

1905

12100

3510

17070

1906

12  200

4550

16990

1907

13320

5320

20900

1908

15440

5520

23060

1909

15500

5590

24460

1910

16000

5470

24750

1911

17300

5770

27800

1912

18500

6315

29700

Kaum  eine  andere  Kohlenindustrie  der  Welt  hat  einen

1)  Nach  dem  Statistischen  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich,
Eisenhüttenwesen,  Statistik  der  oberschlesischen  Berg-  und  Hüttenwerke, ­
  I.  Bronn,  E.  Davidson,  Tittler,  F.  Thieß,  B.  Simmersbach.
K.  Ballod  11.  I.  Conrad.  Für  1911  und  1912  nach  persönlichen
Mitteilungen.  Eisenhüttenwesen  1912,  S.  186.
        <pb n="64" />
        52

vergleichbaren  Lauf  zurückgelegt,  nur  die  der  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  ist  ähnlich  rasch  vorwärtsaeschritten.
Auf  diesen  ungeheuren  Naturschätzen  hat  sich  trotz  größter
Schwierigkeiten,  welche  die  Kapital-,  Arbeiter-  und  Marktverhältnisse ­
  Rußlands  entgegensetzten,  eine  russische  Großindustrie
in  Kohle  und  Eisen  entwickelt  unter  der  beständigen  und  eifrigsten ­
  Fürsorge  der  russischen  Regierung.
Die  Kohlen-Eisenindustrie  Rußlands  konzentriert  sich  auf
vier  Bezirke'):
1)  Donezsteinkohlenbecken,
2)  polnische  Steinkohlenbecken,
3)  Uraleisenerzgebiet,
4)  Olonetz'scher  Eisenbezirk.
In  den  beiden  ersten  Bezirken  stehen  die  Hochöfen  auf  den
Steinkohlen,  die  Erze  werden  zum  grüßten  Teil  aus  Südrußland ­
  herangeschafft^),  in  den  beiden  letzten  dagegen  auf  den
Eisenerzen,  die  sie  einerseits  mit  Holzkohlen  (Ural),  im  anderen
Falle  mit  englischem  Koks  verhüüen.  Die  besten  Entwicklungsaussichten ­
  hat  das  Donezbecken,  da  es  auf  guten  Steinkohlen
gegründet  ist  und  den  bedeutendsten  Eisenerzlagern  verhältnismäßig ­
  am  nächsten  liegt.  Der  Anteil  der  Eisenhütten  des
Donezbezirks  an  der  russischen  Roheisenproduktion  betrug  1900
zirka  52%,  und  stieg  1905  auf  zirka  65%,  1910  auf  zirka  70%.
Der  Anteil  an  der  Schmiedeeisen-  und  Stahlfabrikation
ist  um  zirka  5%  geringer,  da  die  Leistungsfähigkeit  des  Uraleisenbezirks ­
  in  Handelseisensorten  hervorragt,  und  auch  die
polnische  Eisenindustrie  verhältnismäßig  mehr  Schmiedeeisen
und  Stahl  als  Roheisen  produziert.
Die  gesamte  Roheisenerzeugung  Rußlands  stellt  sich  seit
1880,  dem  Beginn  der  modernen  schutzzöllnerischen  Industriepolitik
  Rußlands,  wie  folgt 3 ):

1)  E.  Zweig,  S.  170  ff.
2)  Immerhin  Entfernungen  von  300—400  km,  also  für  reichsdeutfche
  Verhältnisse  enorme  Strecken
3)  Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich,  E.  Davidson,
B.  Simmersbach,  Eisenhüttenwesen  1912,  S.  185.
        <pb n="65" />
        53

In  1000  To.  (ohne  Finnland)

1881—1885  i.D.

470

1903

2480

1886—1890  „

680

1904

2970

1891—1895  „

1180

1905

2130

1896

1620

1906

2720

1897

1850

1907

2820

1898

2220

1908

2740

1899

2680

1909

2870

1900

2900

1910

3040

1901

2860

1911

3590

1902

2590

1912

4100

Das  Wachsen  der  Eisenindustrie  Rußlands  ist

daher  ebenso

erstaunlich  wie  das  seines  Steinkohlenbergbaues.  Streng  zu
beachten  ist  dabei  jedesmal,  daß  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse
Rußlands  dem  industriellen  Fortschritt  bisher  außergewöhnlich
große  Schwierigkeiten  entgegengestellt  haben,  nach  deren  Hebung ­
  stch  der  Kohlen-Eisenindustrie  Rußlands  ungeahnte  Entwicklungsmöglichkeiten ­
  darbieten,  da  die  natürlichen  Hilfskräfte ­
  des  Landes  die  sichersten  Voraussetzungen  geben.  Der
südrussische  Kohlen-Eisenbezirk  ist  schon  im  Begriff,  zu  Weltmarktsbedeutung ­
  auszuwachsen,  indem  er  aus  dem  Inland  heraustritt ­
  und  dem  Ausland  erfolgreich  Lieferungen  offeriert.
Die  Folge  des  Erstarkens  der  russischen  industriellen
Produktion  wird,  was  die  Rohstoffe  des  Landes  betrifft,  sein,
daß  die  bisher  für  die  Ausfuhr  frei  verfügbaren  Eisenerze,  besonders ­
  Südrußlands,  von  den  russischen  Hochöfen  werden  beansprucht ­
  werden.  Die  relativ  starke  Ausfuhr  der  Kriwoi  Rog-,
Kertsch-  und  Kaukasuserze  hat  die  Aufmerksamkeit  der  südrussischen ­
  Eisenhüttenleute  erregt^).  Schon  1902  kamen  sie  bei
der  Regierung  darum  ein,  für  die  Ausfuhr  über  die  Schwarzmeerhäfen
  dieselben  Bestimmungen  zu  treffen,  die  für  die  westliche ­
  Landesgrenze  seit  1891  bestehen,  d.  h.  die  Ausfuhr  zu  verbieten ­
  und  nur  nach  jedesmalig  eingeholter  Erlaubnis  des
Ministeriums  für  eine  gewisse,  beschränkte  Menge  zu  gestatten.
Darauf  verfügte  die  Regierung  1908  eine  Ausfuhrbeschränkung,
die  die  Erteilung  neuer  und  Verlängerung  alter,  nicht  voll  aus-1)
  Handelsbericht  d.  Vicekonfulats  Nikolajerv  1903,  Serie  I,
No.  122.
        <pb n="66" />
        54  —

genutzter  Ausfuhrlizenzen  über  die  polnische  Landesgrenze  einstellte^). ­
  Im  übrigen  hoffen  die  russischen  Eisenindustriellen,
daß  die  Eisenerzausfuhr  aus  Rußland  von  selbst  aufhören
werde,  je  mehr  sie  die  Erzbergwerke  in  ihre  Gewalt  bekommen,
oder  sie  den  Gruben  durch  Verbilligung  des  Produktionsprozesses ­
  und  Stärkung  des  Absatzes  bessere  Preise  werden  bewilligen ­
  können.  Ihre  fortgesetzten  Bemühungen,  durch  Zollmaßnahmen ­
  den  Erzexport  weiter  zu  beschränken,  sind  bis  heute
erfolglos  geblieben^).  Für  den  Fall,  daß  die  Ausfuhr  über  die
polnische  Grenze  einmal  völlig  inhibiert  werden  sollte,  bliebe
Oberschlesien  immer  noch  die  Wahl,  die  südrussischen  Erze  statt
auf  dem  Landwege  über  Sosnowice  zur  See  über  Stettin  zu
beziehen,  denn  die  Verhinderung  auch  dieses  Exports'  braucht
nicht  befürchtet  zu  werden,  da  eine  große  Zahl  der  südrusfischen
Erzlager  durch  ihre  entfernte  Lage  von  den  südrussischen  Kohlenlagern ­
  für  die  russische  Eisenindustrie  wertlos  sind.  Heute  ist
der  Bezug  über  Stettin  zirka  2—3  Mark  pro  To.  teurer  als
über  Sosnowice,  doch  würde  dieser  Betrag  durch  eine  zweckmäßige ­
  Organisation  des  Erztransportes  auf  der  Ober-Klodnitzgroßschiffahrtsstraße
  mehr  als  aufgeholt  werden  können.
Immerhin  muß  betont  werden,  daß  der  Bezug  russischer
Eisenerze  voraussichtlich  keine  sichere  Grundlage  für  die  Entwicklung ­
  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  hinsichtlich  der
quantitativen  Ausweitung  bieten  kann.
Die  österreichisch-ungarische  Monarchie  besitzt  sowohl  in
der  österreichischen  wie  ungarischen  Reichshälste  erhebliche  Eisenerzschätze, ­
  die  wie  auch  die  Manganerze  Bosniens  für  die  oberschlesischen ­
  Hochöfen  von  gleich  großer  Bedeutung  sink?).
Das  wichtigste  österreichische  Eisenerzvorkommen  findet  sich
in  den  Ostalpen.  Es  setzt  sich  von  Reichenau  in  Böhmen  über
Neuberg,  Veitsch,  Eisenerz  nach  Steiermark,  über  Flachau,
Dienten  ins  Salzkammergut  und  Pillersee  nach  Tirol  fort.
Das  Erz  ist  Spateisenstein  von  38—42%  Fe-Gehalt  und  außer

1)  Hand.-Ber.  ix  Generalkonsulats  St.  Petersburg  1908,
Serie  I,  332.  Th.  Sehmer,  S.  106  ff.,  128  ff.
2)  „Schlesische  Zeitung",  No.  91,  6.  Februar  1913,  Handelsteil.
3)  Eisenhüttenwesen,  W.  Noumeister  S.  42  f.  K.  Spaltowski,
S.  22.  Th.  Sehmer,  S.  173  f.
        <pb n="67" />
        55

einem  2—3%  Mn-Geh  alt  von  Schwefel  und  Phosphor  ziemlich ­
  frei.  Man  schätzt  die  Nachhaltigkeit  dieses  Erzlagers  auf
zirka  200  Millionen  To.  ein.  Daneben  werden  verwitterte
Brauneisensteine  von  45—52%  Fe-Gehalt  zumeist  in  leichtem
Tagebau  gefördert.
In  Südsteiermark  werden  ebenfalls  Spat-,  Rot-  und
Brauneisenerze  gefunden,  die  aber  stark  verkieselt  und  schwieriger
abzubauen  sind.
Die  Eisenerze  Kärntens,  so  die  des  berühmten  Hüttenberger ­
  Erzberges,  der  „Haupteisenwurzen"  des  Landes,  sind
Braun-  und  Spateisensteine  von  außerordentlicher  Reinheit,
die  sie  zur  feinsten  Stahlproduktion  geeignet  macht,  Fhre  Nachhaltigkeit ­
  soll  jedoch  geringer  sein,  zirka  15  Mill.  To.
Im  Königreich  Böhmen  werden  bei  Kladno  und  Nucitz
teils  im  Tage,  teils  Tiefbau  Chamoisite  und  Brauneisensteine
von  44—49%  Fe-Gehalt  mit  2—3%  Phosphor  gewonnen.
Ferner  finden  sich  am  Südostabhang  der  Sudeten  in  Mähren
und  Österreichisch-Schlesien  zahlreiche  Lager  von  Rot-,  Braunund
  Magneteisenstein  von  44—49%  Fe-  und  2—3%  P-Gehalt,
  die  jedoch  meist  stark  kieselhaltig  sind  und  deshalb  im
großen  noch  nicht  gewonnen  werden.  Böhmens  Gesamteisenvorrat ­
  wird  auf  etwa  250  Mill.  To.  eingeschätzt.  Auch  in  der
Bukowina  sind  neuerdings  recht  bedeutende  Eisenerzlager  entdeckt ­
  worden,  die  für  Oberschlesten  bei  der  immerhin  günstigen
Lage  große  Bedeutung  erlangen  können,  sie  sind  bisher  aber
noch  zu  wenig  erforscht.
Der  Eisenerzvorrat  Österreichs  beträgt  somit  zirka  500  bis
600  Mill.  To.  in  nächster  Zukunft  sicher  förderbarer  Erze.
Das  Königreich  Ungarn  besitzt  zwei  Haupterzvorkommen:
1)  Das  nordwestliche  im  Gebirgszug  der  Hohen  Tatra,
das  sich  östlich  bis  nach  Galizien  und  südlich  bis  zum  Temes
hinzieht  und  heute  allein  von  Bedeutung  ist,
2)  das  südwestliche  im  Quellgebiet  der  Nebenflüsse  des  unteren ­
  Kulpa,  der  sich  in  die  Save  ergießt;  dieses  Vorkommen
ist  heute  noch  nicht  in  Förderung.
Von  dem  ersten  sind  die  Rot-  und  Spateisensteine  des
Bergbezirkes  Scepes-Jglo,  besonders  im  Komitat  Gömör  und
Scepes  die  wichtigsten.  Ferner  birgt  der  zirka  46  Kilometer
        <pb n="68" />
        56

langgestreckte  Erzdistrikt  der  Marmaros  an  der  oberen  Theiß,
an  der  Grenze  non  Ungarn,  Siebenbürgen  und  der  Bukowina
mächtige  Noteisenerzlager.  Überall  in  den  Karpaten  finden
sich  bedeutende  Lager  von  Magneteisensteinen,  Eisenglanz  und
stark  eisenhaltigem  Kalkstein.  Das  größte  ungarische  Brauneisenerzvorkommen ­
  ist  das  im  Hunyader  Komitat  in  Siebenbürgen. ­

Diese  Eisenerzlager  Ungarns  werden  sehr  verschieden  beurteilt, ­
  die  Schätzungen  schwanken  zwischen  120  und  600  Millionen
To.  und  scheinen  so  den  österreichischen  an  Menge  ziemlich  gleich
zu  kommen.  Bosnien  und  die  Herzegowina  sind  besonders  an
hochwertigen  Manganerzen  reich,  so  die  Vorkommen  von  Bares,
die  bislang  infolge  des  schlechten  Standes  der  Verkehrsmittel
des  Landes  in  größeren  Mengen  nicht  gewonnen  werden  konnten.
Die  gesamten  Eisenerzschätze  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  können  so  vorläufig  auf  1  Milliarde  To.  sicher  gewinnbarer ­
  Erze  angenommen  werden.

Die  Eisenerzproduktion  betrugt):

in  Österreich

Ungarn

Bosnien-Hzg.

Insgesamt

i  n  1

0  0  0  To.

1890

1362

792

5

2159

1895

1385

955

13

2353

1900

1895

1634

134

3663

1901

1963

1557

123

3643

1902

1744

1562

133

3439

1903

1716

1439

114

3269

1904

1719

1524

138

3381

1905

1914

1661

123

3698

1906

2254

1698

137

4084

1907

2540

1666

151

4357

1908

2632

1936

150

4718

1909

2490

1366

120

4427

1910

2628

1906

133

4534

Sie

hat  demnach  mit  Ausnahme  kleiner  zeitweiliger  Rückgänge

  eine  ruhige  und  stetige  Entwicklung  genommen.

1)  Nach  Eisenhüttenwesen  1912,  K.  Ballod  II,  I.  Conrad.
        <pb n="69" />
        57

Gegenüber  dem  bedeutenden  Eisenerzreichtum  ist  Österreich-Ungarn ­
  von  der  Natur  mit  Steinkohlen  weniger  bedacht
worden.  Die  Steinkohlenbezirke  liegen  in  einer  Linie,  die  von
Pilsen  nach  der  galizisch-russtschen  Grenze  reicht  und  die  Kohlenbecken ­
  von  Pilsen,  Kladno—Schlan—Rakonitz,  Schatzlar—
Schwadowitz  (die  Fortsetzung  des  Waldenburger  Beckens)  in
Böhmen  und  Ostrau—Karwin  sowie  Jaworzno  (beides  Fortsetzungen ­
  des  oberschlesischen  Reviers)  in  Mähren,  Österreich-Schlesien
  und  Galizien  umfaßt.  Im  mährischen  Bezirk  von
Rossitz  sowie  in  Ungarn  im  Komitat  Baranya  bei  Pecs*)  und
im  Komitat  Krasso—Szöreny  bei  Slntna 2 )  werden  ebenfalls
Steinkohlen,  wenn  auch  in  geringeren  Mengen  gefunden.
Mit  Ausnahme  der  zum  Verkoken  vorzüglich  geeigneten
Fettkohle  des  Ostrau-Karwiner  Steinkohlenreviers  liefern  die
österreichisch-ungarischen  Steinkohlen  keinen  für  den  Eisenhüttenprozeß ­
  brauchbaren  Koks.
Dagegen  besitzt  Österreich  sowohl  als  Ungarn  fast  unerschöpfliche ­
  Lager  bester  Braunkohlen,  die  neben  Hausbrand  auch
zur  Kesselfeuerung  und  Regenerativgasdarstellung  beim  Siemens-Martinstahlprozeß
  verwendet  werden  können.
Es  wurden  produziert:
Steinkohlen  Braunkohlen
in  1000  To.

1891

10  212

18  688

1896

11  032

22  868

1901  .

13  104

28  098

1902

12  208

27  697

1903

12  732

27  887

1904.

13  024

27  991

1905

13  673

29  321

1906

14  711

31  127

1907

15  125

33  375

1908

15  086

34  539

1909

15  110

34  398

1910

15  076

33  574

1911

15  670

33  420

1)  Im  Besitz  der  Donaudampfschiss.-Gesellschaft.
2)  Im  Besitz  der  Ungarischen  Staatseisenbahn.
        <pb n="70" />
        58

Diesen  natürlichen  Grundlagen  folgend  hat  sich  die  österreichisch-ungarische ­
  Eisenindustrie  in  vier  verschiedenen  Bezirken
konzentriert  H:
1)  im  böhmischen  Steinkohlenbecken,
2)  im  Ostrau-Karwiner  Steinkohlenrevier,
3)  im  Eisenerzbezirk  der  Steiermark  und  Kärntens,
4)  im  Hunvader  Eisenerzbezirk.
In  den  beiden  ersten  Revieren  stehen  die  Hochöfen  auf  den
Steinkohlen,  in  den  letzten  auf  den  Erzen.  Die  böhmischen  Hochöfen ­
  werden  ausnahmslos  mit  steirischen  und  einheimischen
Eisenerzen  versorgt,  dagegen  ist  die  Eisenindustrie  Mährens
ganz  auf  weiter  entfernte  Erzlager  des  Inlandes  angewiesen.
Soweit  die  Koksprodnktion  des  Mährisch-Ostrauer  Steinkohlenreviers ­
  nicht  ausreicht,  bezieht  die  österreichisch-ungarische  Eisenindustrie ­
  rheinisch-westfälischen  Hochofenkoks.
Die  österreichisch-ungarische  Roheisenproduktion  betrug:
in  1  0  0  0  To.

1891

922

1896

1228

1901

1522

1906

1688

1907

1873

1908

2042

1909

2044

1910

2056

191.1

2159

1912

2785

Trotz  der  guten  Erzgrundlagen  hat  die  österreichisch-ungarische ­
  Eisenindustrie  nur  geringe  Fortschritte  gemacht.  Neben
anderen  ist  die  Hauptursache  der  Mangel  an  Kokskohlen.  Das
Mährisch-Ostrauer  Steinkohlenbecken  wird  m  nächster  Zukunft
seine  Kokskohlenförderung  nicht  in  dem  Maße  steigern  können,
daß  es  sämtliche  Eisenhütten  des  Landes  mit  wachsenden  Mengen ­
  Koks  zu  versorgen  imstande  sein  würde.  Die  außerordentlich ­
  hohen  Gestehungskosten  im  Verein  mit  der  ungünstigen
peripheren  Lage  des  Bezirks  sowie  die  Arbeiternot  halten  die
Entwicklung  der  Kohlenproduktion  aus.
1)  Ein  besonderes  Eisenwerk  (Seewerk)  ist  die  Hütte  „Servola"
bei  Triest,  das  englische  Kohlen  und  Mittelmeererze  verschmilzt.
IMS  betrug  die  Roheisenproduktton  schon  ca.  100  000  Tonnen.
        <pb n="71" />
        59

-D

Eine  merkwürdige  Tatsache  aber  ist,  daß  Österreich-Ungarn
trotz  der  genannten  Schwierigkeiten  seit  1906  ständig  mehr
Eisenerze  verhüttet,  als  es  selbst  produziert,  indem  es  bedeutende ­
  Mengen  schwedischer  aber  auch  russischer  Erze  bezieht.
Österreich-Ungarn  führte  an  Eisenerzen
ausH  ein
in  1000  To.

1905

323

228

1906

221

390

1907

384

410

1908

220

433

1909

202

392

1910

202

416

1911

158

443

Österreich-Ungarns  natürliche  Aufgabe  wäre,  wenn  man
seine  bedeutenden  Erzlager  den  immerhin  kleinen  Steinkohlenvorkommen ­
  gegenüberstellt,  mehr  Eisenerze  zu  produzieren  als
zu  verhütten.  Nationalistische  Tendenzen  haben  in  der  Monarchie ­
  das  Streben  erweckt,  die  inländischen  Erzschätze  möglichst
aufzusparen  und  vorläufig  möglichst  viel  ausländisches  Erzmaterial ­
  zur  Beschickung  der  inländischen  Hochöfen  heranzuschafsen.
  Nebenher  wird  versucht,  die  Erzausfuhr  zurückzudrängen. ­
  So  haben  aus  Betreiben  des  „Bundes  ungarischer
Fabrikindustrieller"  die  ungarischen  Staatsbahnen  1908  durch
tarifarische  Maßnahmen  die  Fracht  für  die  Erzausfuhr  aus
den  ungarischen  Erzdistrikten  nach  Oberschlesien  um  0,40  bis
0,60  Mark  pro  To.  erhöht^).  Dies  hatte  gleich  den  ständigen  Rückgang ­
  der  Erzzufuhren  aus  Ungarn  nach  Oberschlesien  zur  Folge,
der,  wenn  die  betreffenden  Mengen  auch  nicht  ausschlaggebend
waren-  doch  den  schlimmen  Stand  der  oberschlesischen  Erzsrage
weiter  hinabdrückte.  Gerade  die  ungarischen  Erze  der  Südtatra
und  der  Marmaros  waren  von  Oberschlesien  verhältnismäßig
günstig  zu  erreichen,  weshalb  einzelne  Hüttenwerke  dort  auch
1)  Die  Ausfuhr  geht  ausschließlich  nach  Oberschichten.  Die
Einfuhr  ist  auf  das  Konto  der  mähr.-fchlef.  Eisenhütten  (Witkowitzer
  A.-G.)  und  des  Triefter  Hochofenwerks  zu  buchen.
2)  E.  Roß,  G.  58.
        <pb n="72" />
        60

Erzgruben  erworben  haben*).  Es  wird  Aufgabe  der  deutschen
Handelspolitik  sein  müssen,  die  Eisenerzeinfuhr  aus  Österreich-Ungarn
  Von  allen  Hemmungen  freizumachen,  und  das  dürfte
bei  dem  engen  politischen  wie  wirtschaftlichen  Verhältnis  des
Deutschen  Reiches  zu  der  Donaumonarchie  nicht  allzu  schwer
fallen.
Da  aber  die  österreichisch-ungarischen  EisenerUchätze  im
Hinblick  auf  die  einheimische,  auffteigende  Eisenindustrie  keineswegs ­
  „unerschöpflich"  erscheinen,  so  werden  sie  kaum  in  größerem
Maße  als  bisher  in  Zukunft  für  die  Erzversorgung  der  oberschlesischen
  Hochöfen  ins  Gewicht  fallen  können.  Der  geplante
Donau-Oderkanal  würde  zwar  eine  bedeutende  Verbilligung
der  Transportkosten  bewirken,  indem  die  Erze  die  zweckmäßigste
Rückfracht  für  die  Kohlenbezüge  der  Monarchie  aus  Oberschlesien
darstellen  würden.  Dann  würden  aber  mehr  die  steirischen  und
südungarischen  Eisenerze  für  den  Bezug  in  Betracht  kommen.
Schweden^)  ist  eines  der  eisenreichsten  Länder  der  Erde,
seine  Erzschätze  werden  auf  1  Milliarde  To.  berechnet.  Die
wichtigsten  Vorkommen  sind  die  von  Grängesberg  in  Mittelschweden ­
  und  die  in  Nordschweden  dicht  nördlich  des  Polarkreises ­
  gelegenen  von  Gellivaara  und  Kiirunavaara-Luossavaara.

Die  Eisenerze  von  Grängesberg  werden  schon  viele  Jahrhunderte ­
  gewonnen  und  lieferten  das  bis  ins  19.  Jahrhundert
ganz  Europa  beherrschende  schwedische  Eisen.  In  der  Hauptsache ­
  sind  es  Magnetite,  zum  kleineren  Teil  Roteisensteine  und
Eisenglanz  von  50—60%  Fe  und  0,2—0,8—2,0%  P.  Sie

1)  Die  Eisenbahnstrecken  betragen  nach  Oberschlesien  von
der  Südtatra  ca.  180—220  km
der  Marmaros  ca.  500—550  km
dagegen  von  Steiermark  ca.  600—650  km
2)  Norwegen  birgt  gleicherweise  ungeheure  Eisenerzlager,  doch
liegen  die  Transport-  und  Arbeiterverhältnisse  so  sehr  im  argen,
daß  eine  bedeutendere  Gewinnung  bisher  nicht  möglich  war.  Die
Donnersmarckhütte  A.-G.  und  die  Oberschles.  Eisenbahnbedarfs  A.-G.
betreiben  seit  1910  die  Norwegische  Erzgewinnungsgesellschaft
Salangen.  ls.  Salings  Börsenjahrbuch  1912.))  Eisenhüttenwesen,
S.  154  sf.  W.  Neumeister,  S.  45  sf.  Hecker,  S.  109.  Th.  Sehmer,
S.  55  ff.
        <pb n="73" />
        61

werden  von  der  blühenden  mittelschwedischen  Eisenindustrie,  die
aus  kleineren  Betrieben  besteht  und  in  der  Hauptsache  Qualitätsmaterial ­
  herstellt,  verschmolzen,  zum  anderen  bedeutenden  Teil
von  dem  südöstlich  Stockholms  gelegenen  Ostseehafen  Örelösund
nach  Oberschlesien  bezw.  Rheinland-Westfalen  ausgeführt*).  An
Stelle  der  vielen  kleinen  Grubenbesitzer  sind  heute  wenige  große
Gesellschaften  getreten,  von  denen  die  Grängesberg-Öxelösund-Trafikaktiebolaget
  die  mächtigste  ist.  Diese  Gesellschaft  hat
1903  den  Hauptteil  der  Aktien  der  Aktiebolaget  Gellivaara-Malmfällt
  und  der  Luossavaara-Kiirunavaara  Aktiebolaget  in
Nordschweden  aufgekauft  und  damit  die  größten  Eisenerzlagerstätten ­
  Skandinaviens  in  sich  vereinigt.
Die  Gellivaara-Erze  sind  Magneteisensteine  mit  60—70%
Fe,  0,02—1,9%  P  und  0,1—0,2%  Mn,  sehr  rein  und  von
fester,  stückiger  Beschaffenbeit.
Die  Erzlager  von  Luossavaara-Kiirunavaara  weisen  ähnliche ­
  Verhältnisse  auf  wie  die  von  Gellivaara,  der  Phosphorgehalt ­
  des  Erzes  dagegen  steigt  bis  zu  6%,  macht  sie  also  für
den  modernen  Thomasprozeß  besonders  wertvoll.
Außer  diesem  Haupterzvorkommen  gibt  es  noch  eine  Menge
kleinerer  Laaerstätten,  die  überall  über  das  Land  zerstreut  sind
und  vorläufig  kaum  Beachtung  finden.
Die  schwedische  Eisenerzproduktion  wird  zu  drei  Vierteln
ausgeführt.  Es  wurden  an  Eisenerzen^)  in  1000  To.:

gefördert

ausgeführt

davon  n.  d.  D.  Reich

1890

941

188

159

1895

1905

800

687

1900

2610

1620

1350

1905

4366

3317

2481

1910

5550

4435

3249

1911

5780

4615

3502

1912

3875

Für

die  Ausfuhr  der  maßgeblichen  nordschwedischen  Eisenerze

  kommen  der  schwedische  Ostseehafen  Lulea  und  der  nor-—
  1  11  '  !IHMIII  Hüll
1)  Allerdings  gehen  auch  bedeutende  Erzeugungen  nach  den
schottischen,  belgischen  und  amerikanischen  Hochöfen.
2)  Eisenhüttenwesen  1912,  S.  226.  Stat.  Jahrb.  d.  D.  R.
        <pb n="74" />
        62

Wegische  Atlantikhafen  Narvik  in  Frage.  Wie  wir  aus  den
Zahlen  ersehen,  geht  der  überwiegende  Teil  der  Erze  nach  dem
Deutschen  Reich,  nach  Rheinland-Westfalen  und  Oberschlesten.
Die  nordschwedischen  Erzvorkommen  sind  seit  Mitte  des
18.  Jahrhunderts  bekannt.  An  ihre  Gewinnung,  zunächst  an
die  der  Gellivaara-Erze  ging  aber  erst  in  den  1860er  Jahren
eine  englische  Gesellschaft^).  die  zur  Erschließung  der  Lager
die  Eisenbahn  Gellivaara-Lulea  baute.  1889  aber  in  Konkurs
geriet,  worauf  der  schwedische  Staat  die  Bahn  übernahm  und
die  Erzfelder  in  den  Besitz  der  oben  genannten  schwedischen  Gesells^"^
  übergingen.
Die  Ausbeutung  der  Lagerstätten  von  Luossavaara-Kiirunavaara
  nahm  die  1890  gegründete  Luossavaara-Kiirunavaara
Aktiebolaget.  Ende  1902  nach  Vollendung  der  Ofotenbahn  Lulea-Gellivaara-Narvik
  auff).  Da  Lulea  nur  etwa  5  Monate  eisfrei ­
  ist.  die  Strecke  Gellivaara-Lulea  auch  schon  durch  die  Gellivaara-Erze ­
  bis  zur  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  in  Anspruch
genommen  war.  und  überdies  Kiiruna  fast  halb  so  weit  vom
Atlantischen  Ozean  wie  von  Lulea  liegt,  war  die  Verbindung
Kiirunas  mit  Narvik  durchaus  notwendig,  obgleich  sich  die  Baukosten ­
  infolge  der  großen  Terrainschwierigkeiten  außerordentlich
hoch  stellten.  Diese  Eisenbahn  verschob  die  Wettbewerbsverhältnisse ­
  Oberschlesiens  und  der  anderen,  an  den  schwedischen  Erzen
interessierten  Eisenindustrien,  besonders  Rheinland-Westfalens
und  Englands.

1)  Hecker,  S.  66,  75.  Th.  Sehmer,  S.  71.
2)  Die  Bahn  wurde  vom  schweb,  und  norweg.  Staat  unter
der  Verpflichtung  der  Gesellschaft  gebaut,  daß  die  Betriebskosten
ersetzt,  Garantiesummen  geleistet  und  die  Immob.-Hypotheken
übernommen  werden.  Außerdem  hat  die  Gesellschaft  das  Anlagekapital ­
  von  13  Millionen  Kr.  (32  Mill.  für  die  230  km  lange
schwedische,  11  Mill.  für  die  40  km  betragende  norwegische  Strecke)
inkl.  5  Mill.  Kr.  für  das  rollende  Material  mit  3,8  Proz.  zu  verzinsen, ­
  wofür  die  jährliche  Beförderung  von  1,2  Mill.  Tonnen  Erz
zugesichert  ist.  Also  entfallen  pro  Tonne  Erz  an  Zinsen  1,52  Kr.
und  an  lausenden  Betriebs-  und  Unterhaltungskosten  ca.  2,25  Kr.,
im  ganzen  an  Transportkosten  Kiiruna-Narvik  3,77  Kr.  (Hecker,
S.  75  fs.
        <pb n="75" />
        —  63  —

Bei  gleicher  Qualität  kostete  1903  die  To.  ErzeH:

1)  fob  Narvik:
Gewinnung  1.70-2.03  Kr.
Bahntransp.  3.77  ,
Verladung  0.25  „
Insgesamt  6.05  Kr.

2)  fob  Lulea:
Gewinnung
Bahntransp.
Verladung
Insgesamt

2.47  Kr.
2.75  „
0.40  „

5.62  Kr.

Dieser  Preisvorsprung  des  Gellivaara-Erzes  in  Lulea  vordem ­
  Kiiruna-Erz  in  Narvik  in  Höhe  von  0,43  Kr,  pro  To.  ist
durch  die  bedeutend  höheren  Eisenbahntransportkosten  Kiiruna-Narvik
  entstanden,  die  die  teuren  Gewinnungs-  und  Verladekosten ­
  des  Gellivaara-Erzes  wieder  ausgleichen.  1908  hat  sich
die  Differenz  noch  um  den  vom  norwegischen  Staat  geschaffenen ­
  Eisenerzausfuhrzoll  von  0,25  Kr.  pro  Reg.-To.,  also
0,04—0,05  Kr.  pro  To.  auf  0,47—0,48  Kr.  erhöht^).  Für  die
Ausfuhr  von  Lulea  ist  Oberschlesien  am  günstigsten  gelegen,
da  der  Seeweg  Lulea-Stettin  bedeutend  kürzer  ist  als  der  entsprechende ­
  nach  Rotterdain  oder  Emden,  den  Häfen  der  rheinischwestfälischen ­
  Eisenindustrie,  und  England,  wobei  die  Schiffe
noch  die  beträchtlichen  Gebühren  des  Kaiser-Wilhelm-Kanals
tragen  müssen.  Andererseits  ist  zu  berücksichtigen,  daß  Lulea
nur  zirka  5  Monate  im  Jahr  eisfrei  ist,  also  die  Erzverladungen
  lediglich  während  dieser  kurzen  Zeit  vorgenommen  werden ­
  können,  was  dem  geregelten  Hochofenbetrieb  gerade  zuwidergeht. ­
  Die  gefaulte  Winterförderung  Gellivaaras  muß
daher  aufgestapelt  und  dann  im  Sommer  durch  Bagger  ins
Schiff  verladen  werden.  Dadurch  werden  die  Verladekosten
erbeblich  vermehrt  (0,40  Kr.  pro  To.  gegeli  0,25  Kr.  in  Narvik)
und  die  Qualität  des  Erzes  durch  Zerstäubung  ungünstig  beeinflußt. ­
  Dies  alles  bewirkt,  daß  die  Zufuhr  über  Lulea  trotz
des  Preisvorsprunges  vor  Narvik  viel  zu  wünschen  übrig  läßt,
vor  allem  Oberschlesien  seines  Vorteils  der  geringeren  Entfernung ­
  verlustig  wird.  In  Bezug  auf  den  das  ganze  Jahr
hindurch  eisfreien  norwegischen  Hafen  Narvik  ist  aber  Stettin
weit  ungünstiger  als  vergleichsweise  Rotterdam,  Emden  oder
Middlesbrough  gelegen,  so  daß  die  oberschlesische  Eisenindustrie
1)  teeu  1907  liegen  Staatsabgaben  auf  dem  Kiirunaerz
0,40  Kr.,  dem  Gellivaaraerz  0,25  Kr.  pro  Tonne.
2)  1  Schiffsregister-To.  faßt  ca.  6  Tonnen  Eisenerz.
        <pb n="76" />
        64

auf  diesen  Weg  verzichten  muß^).  Auf  die  Frage,  ob  eine  Aenderung ­
  dieser  Verhältnisse  möglich  wäre,  ist  zu  bemerken,  daß
eine  Verbesserung  der  Zufuhrbedingunaen  von  Lulea  lediglich
durch  Ausbau  der  Verladevorrichtungen  zu  bewerkstelligen  sein
kann.
Bei  seinem  unvergleichlichen  Reichtum  an  Eisenerzen
ist  Schweden  an  Steinkohlen  äußerst  arm.  Die  Provinz  Schonen ­
  in  Slldschweden  besitzt  ein  kleines  Vorkommen,  das

1891

198

000

To.

1896

226

000

To.

1901

272

000

To.

1906

297

000

To.

1910

303

000

To.

1911

312

000

To.

Steinkohlen  produzierte^).  Diese  Förderung  ist  wenig  entwicklungsfähig, ­
  da  die  Vorräte  zu  gering  sind.  Für  die  Eisenerze ­
  haben  diese  Steinkohlen  umsoweniger  Bedeutung,  als  ihre
Qualität  zum  Verkoken  minderwertig  ist.  Andere  größere
Steinkohlenlager  sind  kaum  vorhanden,  und  so  kann  sich  eine
schwedische  Großeisenindustrie  auf  eigenen  Steinkohlen  nicht  begründen. ­
  Die  jetzige  Eisenindustrie  in  Mittelschweden  verhüttet
Grängesberger  Erze  zum  Teil  noch  mit  Holzkohlenkoks,  den
die  enormen  Waldbestände  des  Landes  einigermaßen  billig
liefern,  zum  anderen  Teil  mit  eingeführtem  englischen  bezw.
rheinisch-westfälischen  Koks^).  Das  Produkt  ist  in  der  Hauptsache ­
  Qualitätsroheisen  und  -stahl.
Die  schwedische  Roheisenproduktion  betrugt):

1891

491  Tausend  To.

1906

605  Tausend  To.

1896

494

1907

616

1901

528

1908

568

1902

538

1909

445

1903

507

1910

604

1904

529

1911

634

1905

539

1912

702

1)  Allerdings  muß  die  Eissperre  der  Oderschiffahrtstraße,  die
etwa  von  Anfang  Dezember  bis  Anfang  März  andauert,  abgerechnet ­
  werden,  da  für  den  Erztransport  von  Stettin  nach
Oberfchlefien  nur  der  OderKahn  in  Betracht  Kommt.
2)  Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich  1912.
3)  C.  Rotz,  S.  66.  Th.  Sehmer,  S.  64.
4)  Stat.  Jahrbuch  s.  d.  D.  R.  Eisenhüttenwesen,  1912.
        <pb n="77" />
        65

Man  kann  also  sagen,  daß  sie  seit  zwei  Jahrzehnten  in
quantitativer  Beziehung  stehen  geblieben  ist.
Von  größtem  Interesse  für  alle  ausländischen  Eisenindustrieen,
  die  sich  auf  den  Bezug  der  schwedischen  Eisenerze
eingerichtet  haben,  erscheint  die  Frage,  ob  Schweden  in  aller
Zukunft  die  beste  Verwertung  seiner  nationalen  Erzschätze  in  der
Erzausfuhr  finden  wird,  ob  nicht  besser  einst  schwedische  Hochöfen ­
  diese  Erze  selbst  werden  verhütten  können.
Auf  eigenen  Steinkohlen  kann  eine  schwedische  Großeisenindustrie, ­
  wie  wir  zeigten,  niemals  errichtet  werden.
Doch  ist  in  den  zahlreichen  Wasserfällen  Schwedens  eine
gewaltige  Energie  geborgen,  die  in  elektrische  Kraft  umgewandelt, ­
  den  Mangel  an  Steinkohlen  reichlich  ersetzen  könnte*).
Die  Nutzbarmachung  der  Wasserfälle  durch  Turbinenanlagen,
welche  die  Kraft  des  fallenden  Wassers  in  elektrische  Energie
umwandeln,  ist  in  vollem  Gange.  Schätzungsweise  waren  1912
etwa  3  Millionen  Turbinen-PS.  in  den  Wasserkräften  enthalten,
von  denen  allerdings  erst  der  kleinste  Teil  in  Ausnutzung  stand.
Es  kann  sich  also  nur  noch  darum  handeln,  ein  praktisch
brauchbares  Schmelzverfahren  zu  erfinden,  um  eine  schwedische
Großeisenindustrie  ins  Leben  zu  rufen^).  Die  Regierung  unterstützt ­
  eifrig  alle  Versuche,  auf  elektrischem  Wege  ohne  wesentliche ­
  Mitarbeit  des  Koks  Roheisen  zu  erschmelzen,  und  es  sind
auch  schon  bemerkenswerte  Fortschritte  gemacht  worden,  die
technischen  Schwierigkeiten  zu  heben.
Wie  steht  es  aber  mit  den  klimatischen,  Arbeiter-,  Kapitalund
  Transportverhältnissen?
Wenn  auch  zugegeben  werden  muß,  daß  die  Erze  nicht
gerade  an  der  Gewinnstätte  verhüttet  zu  werden  brauchten,  z.  B.

1)  „Schlesische  Zeitung",  No.  82,  2.  Februar  1913.
2)  Handelsbericht  d.  Konsulats  Gotenbura  f.  1910,  S.  I,
No.  356:  „Die  elektrischen  Schmelzöfen  des  Eisenwerks  in  Trollhättan
  liefern  schon  je  5  Tonnen  in  einer  Arbeitsschicht.  Es  besteht ­
  die  Hoffnung,  bei  der  elektrischen  Erzreduktion  V»  der  beim
Hochofenprozeß  nötigen  Kohle  zu  sparen.  Das  erschmolzene  Roheisen ­
  hat  sich  von  erster  Güte  mit  sehr  geringem  Schwefel-  und
Phosphorgehalt  gezeigt.  Bis  Ende  1911  sollen  4  Schmelzöfen  in
Gang  gebracht  werden,  die  mit  12  000  E.  PS  jährlich  30—35  000  To.
Roheisen  herausbringen  können.
        <pb n="78" />
        66

in  dem  klimatisch  äußerst  rauhen  Haupterzdistrikt  Kiiruna  und
Gellivaara  in  Lappland,  wo  übrigens  auch  die  Wasserkraftanlagen ­
  durch  Vereisung  während  des  langen  Winters  still
liegen  müßten,  so  ist  doch  das  Klima  selbst  Südschwedens  einer
Großindustrie  nicht  gerade  förderlich.  Freilich  kann  der  elektrische ­
  Schmelzprozeß  auch  in  geschlossenen  Räumen  vor  sich
gehen,  der  allgemeine  Betrieb  würde  aber  ungünstig  beeinflußt
werden.  Darüber  kann  ferner  kein  Zweifel  herrschen,  daß
Schweden  die  für  eine  Großindustrie  notwendige  Arbeiterschaft
ohne  weiteres  nicht  zu  stellen  vermag.  So  hoch  der  Arbeitsverdienst ­
  z.  B.  im  lappländischen  Erzgebiet  ist 1 ),  hält  es  doch
sehr  schwer,  genügend  Arbeiter  zu  bekommen.  Die,  Lebensmittelteuerung
  und  Wohnungsnot  veranlaßt  die  aus  Agrarverhältnissen ­
  stammenden  Arbeiter  jedesmal,  in  ihren  früheren
Beruf  mit  seinen  solidereit  Grundlagen  zurückzukehren^).  G.
Gothein  kam  nach  gründlichem  Studium  der  schwedischen  Arbeiterverhältnisse
  zu  dein  Ergebnes,  daß  das  schwedische  Volk
einen  brauchbaren  Hüttenarbeiter  in  genügender  Zahl  nicht  sogleich ­
  stellen  könnte^).  Sicher  ist,  daß  die  Arbeiterfrage  die
Ausdehnung  der  Fabrikation  auf  die  verhältnismäßig  am
meisten  Arbeitskräfte  erfordernde  Schmiedeeisen-  und  Stahlerzeugung ­
  sowie  jede  Verfeinerungs-  uub  Konstruktionsarbeit
nicht  sofort  gestatten  würde.  Es  käme  daher  zunächst  lediglich
die  Produktion  von  Roheisen  in  Frage,  wobei  der  unwirtschaftliche ­
  Wärmeverlust,  welcher  durch  das  zur  Weiterverarbeitung
notwendige  Umschmelzen  des  Roheisens  entsteht,  sich  als
äußerst  nachteiliger  Faktor  bemerkbar  machen  würde.  Transportschwierigkeiten ­
  stehen  ebenfalls  entgegen;  schon  jetzt  kann

1)  In  Gellivaara  ca.  6  Kr.,  in  Kiiruna  6—8  Kr.  im  Durchschnitt ­
  bei  8stündiger  Schicht,  d.  h.  das  3—4  fache  des  landesüblichen ­
  Arbeitslohnes.  (Hecker.)
2)  G.  Gothein  I  I,  S.  364.  Der  freie  Fischfang  in  den  fischreichen ­
  Gewässern  läßt  in  den  Bewohnern  keine  Neigung  zu  unfrei
machender,  streng  geregelter  industrieller  Arbeit  aufkommen:  „Ist
ein  Heringszug  in  Sicht,  hört  jede  übernommene  Verpflichtung  auf."
3)  Bei  der  Begründung  des  Kraftwerkes  in  Kratzwieck-Stettiu
  1898  stellten  sich  ähnliche  Schwierigkeiten  in  den  Arbeiterverhältnissen ­
  entgegen.  (C.  Roh,  S.  60  ff.)
        <pb n="79" />
        67

6

sich  die  immerhin  kleine  Eisenindustrie  Mittelschwedens  aus
Mangel  an  ausreichenden  Verkehrsmitteln  nicht  entwickeln^).
Zur  Behebung  müßte  Schweden  ziemlich  unvermittelt  Kapitalien ­
  aufbringen,  die  es  ohne  Gefährdung  seiner  übrigen  Interessen ­
  nicht  entbehren  könnte^).  Ausländische  Kapitalien  hierzu
heranzuziehen,  dürfte  in  größerem  Maße  nicht  möglich  sein,  da
die  Geldinstitute  der  Kapitalistenländer,  z.  B.  Englands  und
Deutschlands  allzu  sehr  an  den  eigenen  Eisenindustrien  interessiert ­
  sind,  als  daß  sie  diesen  in  einer  nationalen  schwedischen
Eisenindustrie  einen  neuen  Konkurrenten  erweckten.  Aussichtslos ­
  ist  dann  endlich  die  Frage  des  Absatzes.  Der  inländische
Markt,  der  gegenwärtig  zirka  600  000  To.  Roheisen  aufnimmt,
ist  bei  der  relativ  kleinen  Volkszahl  nur  in  beschränktem  Maße
entwicklungsfähig^).  Im  Großen  und  Ganzen  wird  Schweden
immer  Agrarland  bleiben.  Das  schwedische  Eisen  müßte  deshalb ­
  im  Ausland  seinen  Käufer  suchen.  Nun  aber  ist  für  jede
Industrie  der  nationale  Absatzmarkt  stets  die  sicherste  Grundlage. ­
  Außerdem  würde  das  Ausland  gewiß  Zollschranken  gegen ­
  das  schwedische  Eisen  errichten,  und  überdies  besitzen  die
alten  Eisenindustrien  z.  B.  Englands  und  Deutschlands  hinreichende ­
  Reserven,  um  von  Anfang  den  Kampf  gegen  die  junge
Konkurrenz  mit  aller  Energie  aufnehmen  zu  können.
So  kommen  wir  zu  dem  Schluß,  daß  in  naher  Zukunft
eine  schwedische  Großeisenindustrie  auch  mit  noch  so  günstigen
elektrotechnischen  Grundlagen  nicht  entstehen  kann'').
1)  C.  Rotz,  S.  66.  Th.  Sehmer,  S.  65,  73.
2)  Zunächst  sind  naturgemäß  ungeheure  Geldmittel  für  die
Elektrizitätswerke  nötig,  sowie  die  daran  anschließende  Elektrisierung ­
  der  Staatseisenbahnen.  „Schles.  Ztg."  No.  82,  2.  Febr.  1913.
3)  1910:  5,5  Mill.  Einwohner,  13,44  pro  qkm,  0,72  93er--mehrungskoeffiz.,
  vergleichsweise  im  Deutschen  Reich  64,9  Mill.,
102,04  pro  qkm,  1,36  Vermehrungskoesfiz.  (Statistisches  Jahrbuch
f.  d.  D.  R.,  1912.)
4)  K.  Spaltowski  suchte  in  seiner  Dissertation  1908  S.  56  f.
zu  beweisen,  daß  eine  schwedische  Großeisenindustrie  wohl  lebensfähig ­
  wäre,  und  schwedisches  Eisen  den  deutschen  Hochöfen  bald
Konkurrenz  bereiten  wird.  Die  bisherige  Entwicklung  der  Technik
spricht  für  seine  Auffassung.  Es  ist  ihm  zuzugestehen,  datz  er  in
der  technischen  Seite  des  Problems  durch  die  Errungenschaften
der  schwedischen  Aktiebolaget  Elektrometall  in  Domnarfvet  Recht
bekommen  hat.  Dagegen  nicht  was  die  Wirtschaftlichkeit  des  93er-
        <pb n="80" />
        68

Es  sind  nun  Anhaltspunkte  gegeben,  die  geeignet  sind,  die
Frage  der  schwedischen  Eisenerze  in  neuer  Beleuchtung  erscheinen ­
  zu  lassen.
Der  schwedische  Staat  ist  eifrig  bemüht  gewesen,  die  Eisenerzschätze
  des  Landes  in  nationaler  Hand  zu  bewahren*).  So
wurde  der  Erwerb  von  Erzgruben  durch  Ausländer  erschwert,
indem  diese  nur  als  Aktionäre  einer  Gesellschaft  Grubenbesitz
haben  dürfen,  auch  nur  dann,  wenn  die  Aufsichtsorgane  der
Aktiengesellschaft  Schweden  sind.  In  diesem  Streben  suchte
er  den  Raubbau  der  Eisenerze  zu  verhindern,  indem  er  die
jährlich  aus  der  Ofotenbahn  zu  befördernde  Erzmenge  auf  eine
bestimmte  Höhe  festsetzte  und  die  Erhebung  eines  Erzausfuhrzolles ­
  plante.  In  jüngster  Zeit  ist  der  schwedische  Staat  erfolgreich ­
  am  Werk,  wie  die  Wasserkräfte  auch  die  Eisenerzfelder
in  seine  Hand  zu  bringen  2 ).  1907  hat  die  Regierung  mit  der
Grängesberg-Öxelösund-Trafik-Aktiebolaget  und  den  airderen
größeren  Eisenerzgesellschaften  ein  Abkommen  geschlossen^),
sahrens  anlangt.  Der  von  dem  schwedischen  IernKontor  (die  Bereinigung ­
  der  schwedischen  Eisenwerke)  nach  dem  Patente  der  genannten ­
  Gesellschaft  am  Trollhättan  erbaute,  Elektrohochofen
bringt  in  24  Stunden  bei  größtmöglichsten  Ausmassen  etwa  20  To.
heraus,  verbraucht  pro  Tonne  Roheisen  durchschnittlich  1736  Kilowattstunden ­
  und  336  kg  Holzkohle.  Nur  bei  billigster  elektrischer
Kraft,  d.  h.  bei  größten  Wasserkräften  ist  dieses  mit  teurer  Holzkohle ­
  erschmolzene  Elektroroheisen  und  zwar  nur  in  Qualitätslagen
  heute  wie  in  der  näheren  Zukunft  mit  dem  Koksrrcheisen
preislich  konkurrenzfähig.  An  eine  Massenproduktion  ist  überdies
vorläufig  auch  technisch  nicht  zu  denken,  da  die  erforderlichen
Kraftanlagen  noch  nicht  hergestellt  sind.  (s.  Eisenhüttenwesen  1912,
C.  111  ff.,  0.  226  f.)  Kurz,  wir  glauben,  daß  der  ehemalige
Hüttendirektor  der  Bismarckhütte  O.  Thallner  auch  ferner  Recht
behalten  wird,  der  in  seiner  Studie  „Qualitative  Arbeit  in  der
Stahlerzeugung  und  elektrisches  Schmelzverfahren"  &amp;lt;St.  u.  E.,  1907,
No.  47/48)  sagt:  man  vermag  heute  nichts  anderes  zu
sagen,  als  daß  durch  sie  (d.  i.  elektrischen  Verfahren)  ein  ungemein
  weites  Feld  für  den  weiteren  Fortschritt  gegeben  ist.  Nur
muß  warnend  hierher  gesetzt  werden,  daß  er  auch  hier  in  seinen
letzten  Konsequenzen  nicht  erzielbar  ist  ohne  Opfer  an  Arbeit  und
Selbstkosten,  also  optimistische  Geister  sich  nicht  mit  dem  Gedanken
tragen  dürfen,  hinfort  Qualitätsfabrikate  um  ein  Butterbrot  erwerben ­
  oder  auf  den  Markt  bringen  zu  können  .  .  .  ."
1)  Eiscnhüttenwesen,  S.  158.  C.  Roß,  S.  66.  Hecker,  S.  85  f.
2)  „Schlesische  Zeitung"  No.  82,  2.  Februar  1913.
3)  „Stahl  und  Eisen"  1907,  S.  1736  fs.
        <pb n="81" />
        demzufolge  der  Staat  Alleinbesitzer  aller  noch  nicht  in  Angriff
genommenen  Grubenfelder  der  Gesellschaften  und  Mitbesitzer
der  in  Abbau  stehenden  wurde  mit  dem  Rechte,  diese  nach  1932
ebenfalls  ganz  zu  erwerben.  Diese  Vereinigung  der  schwedischen
Eisenerze  in  dem  Staatsbesitz  ist  für  die  deutschen  Hochöfen
insofern  von  außerordentlicher  Bedeutung,  als  diese  je  länger
je  mehr  auf  den  Bezug  der  schwedischen  Eisenerze  werden  angewiesen ­
  sein.  Die  politischen  Verhältnisse  weisen  Schweden
notwendig  auf  den  Anschluß  an  das  Deutsche  Reich  hin.  Bei
dem  Drängen  Rußlands  nach  dem  Atlantischen  Weltmeere,
dessen  Erreichung  das  sehnsüchtigste  Ziel  der  russischen  Politik
der  letzten  Jahrhunderte  ist,  bei  der  kleinen  schwedischen  Volkszahl ­
  gegenüber  dem  riesigen  russischen  Volkskörper,  der  sich  von
Tag  zu  Tag  immer  mehr  seiner  Kraft  bewußt  wird,  bei  der
Stammesverwandtschaft  und  den  engen  wirtschaftlichen  Beziehungen ­
  des  schwedischen  und  deutschen  Volkes*)  ist  die  zunächst ­
  wirtschaftliche  Einigung  das  notwendige  Ziel  der  schwedischen ­
  Politik.  Zu  Anfang  1913  ist  die  schwedische  Handelskammer ­
  zu  Stockholm  mit  dem  deutschen  Handelsvertragsverein ­
  zwecks  Gründung  eines  Deutsch-Schwedischen  Handelsvereins ­
  in  Verbindung  getreten^).  Dieser  Verein  soll  dann
eine  Zollunion  Schwedens  mit  dem  Deutschen  Reich  anbahnen^).
Damit  wäre  die  Einleitung  erfolgt.
Für  die  Verwirklichung  des  großzügigen  Werkes  ist  gerade
die  wirtschaftliche  Macht  des  Staates,  die  derselbe  in  seinen
Eisenbahnen  sowie  den  nun  erworbenen  Wasserkräften  und  Erzlagerstätten ­
  vertritt,  die  sicherste  Gewähr.  Jene  im  Privatbesitzt
  oder  gar  in  den  Händen  von  Ausländern^),  würde  für

1)  1910  betrug  von  Schwedens
Gesamteinfuhr  Gesamtaussuhr
755,6  Mill.  Mb.  667,0  Mill.  Mk.
d.  deutsche  Anteil  163,8  Mill.  Mk.  100,5  Mill.  Mk.
(Statistisches  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich.)
2)  „Schlesische  Zeitung"  No.  73,  30.  Januar  1913.
3)  „Schlesische  Zeitung"  No.  247,  10.  April  1913.
4)  Es  sind  vornehmlich  von  englischen  und  amerikanischen
Industriellen  die  größten  Anstrengungen  gemacht  worden,  die  lappländischen ­
  Eisenerze  in  ihre  Gewalt  zu  bringen.  Schon  in  den
1860  er  Jahren  saß  eine  englische  Gesellschaft  in  dem  lappländischen
Erzdistrikt,  den  sie  durch  die  Bahn  Lulea-Gellivaara  erschloß,  aber
        <pb n="82" />
        -  70  —

die  Union  Schwedens  mit  dem  Deutschen  Reich  erhebliche  Hindernisse ­
  bedeuten.  Der  Abschluß  der  Union,  in  welcher  Form
sie  auch  erfolgen  mag,  löst  die  bange  Frage  der  schwedischen
Eisenerze  fiir  das  deutsche  Eisenhüttengewerbe.  Die  ungeheuren
Eisenerzschätze  Lapplands  werden  dann  die  stcherstc  Grundlage
  für  die  deutschen,  insbesondere  aber  für  die  oberschlesischen
Hochofen  auf  unabsehbare  Zeiten  bilden.
Die  schwedischen  Eisenerze  sind  also  die  natürliche  Grundlage ­
  der  oberschlesischen  Hochöfen.  Nach  Ausbau  der  Oder-Klodnitzstraße,
  denn  nur  diese  kommt  für  den  Transport  solcher
Gewichtsmaterialien  wie  Erze  in  Betracht,  ist  es  jedoch  wahrscheinlich, ­
  daß  auch  die  übrigen  großen  Erzmärkte  der  Erde  wie
für  die  rheinisch-westfälische  Eisenindustrie  so  für  die  oberschlesische ­
  Bedeutung  erlangen  werden.
Zusammenfassend  ist  festzustellen,  daß  die  Materialgrundlagen ­
  des  oberschlesischen  Steinkohlenbergbaues  geradezu  glänzend ­
  sind,  günstiger  als  sonstwo  in  der  Welt,  während  die
Eisen-  und  Stahlproduktion  nur  unter  ganz  bestimmten  Voraussetzungen ­
  entwicklungsmähig  ist.

Eine  bewundernswerte  Leistung  hat  die  oberschlesische
Industrie  mit  der  Erziehung  der  polnischen  Bevölkerung  aus
äußerst  niedriger  Kulturstufe  zu  einer  geschickten  Arbeiterschaft
vollbracht.
Der  oberschlesischc  Industriearbeiter  steht  seinem  westdeutschen ­
  Berufsgenossen  zwar  immer  noch  geistig  nach,  was
sich  besonders  in  seiner  unzweckmäßigen  Lebensweise  ausdrückte,
die  lange  Zeit  der  Industrie  wie  der  Regierung  schwere  Sorgen
bereitetes.  Vor  allem  schränkte  seine  Hinneigung  zu  starkein
1890  in  Konkurs  geriet  mit  ca.  8  Mill.  Kr.  Verlust.  (Hecker.)
Seit  1908  sind  die  Ver.  Staaten  von  Nordamerika  wieder  als
Käufer  der  schwedischen  Eisenerze  in  größerem  Umfange  hervorgetreten. ­
  Langfristige  Lieferungsverträge,  die  die  deutschen
Hütten  mit  den  schwedischen  Erzproduzenten  abgeschlossen  haben,
machten  bisher  diese  Konkurrenz  nicht  fühlbar.  (Persönliche
Mitteilungen.)
1)  H.  Solger,  R.  Holtze,  Kuhna.
        <pb n="83" />
        71

Alkoholgenuß  seine  Arbeitsfähigkeit  und  Lebensdauer  ein.  Die
energische  Aufklärung  lote  auch  der  Einfluß  der  Schule  haben
endlich  Erfolg  gehabt.  Durch  Konsumvereine  und  besondere
Nahrungsmittellieferungen  haben  die  Jndustrieverwaltungen
ihre  Arbeiter  zur  gesunden  Ernährungsweise  erzogen.
Was  das  physische  und  technische  Können  in  seinem  Berufe
betrifft,  ist  der  oberschlesische  Berg-  und  Eisenhüttenmann  dem
westdeutschen  durchaus  ebenbürtig,  wenn  nicht  überlegen.  Dies
zeigt  sich  beim  Bergbau  in  der  schwierigeren  Schießarbeit,  die
bei  der  Mächtigkeit  der  oberschlesischen  Flöze  weit  mehr  Geschicklichkeit ­
  erfordert,  als  in  Revieren  mit  weniger  mächtigen  Flözen,
und  im  Eisenhüttenbetrieb  schon  darin,  daß  allein  Oberschlesien
bis  heute  noch  größere  Mengen  Schweißstahl  im  Puddlingsverfahren
  herstellt,  das  an  den  Schmelzarbeiter  die  höchsten
technischen  Anforderungen  stellt.
Es  steht  fest,  daß  der  Oberschlester  eine  erstaunlich  technischingeniöse ­
  Begabung  besitzt,  die  ihn  befähigt,  jeder  qualitativen
Entwicklung  im  industriellen  Betrieb  rasch  zu  folgen.  Wie
nirgendwo  finden  wir  in  den  oberschlesischen  Betrieben  Arbeitsaufseher
  und  Hüttemneister,  die  ohne  Fachschulenbildung
vom  gewöhnlichen  Arbeiter  emporgestiegen  sind.
Was  nun  den  Lohn  betrifft,  so  ist  diese  Frage  durch  den
jüngsten  oberschlesischen  Arbeiterstreik  wieder  scharf  in  den  Vordergrund ­
  gerückt*).
Die  Industrieverwaltungen  bezeichneten  den  Streik  als
eine  „frivole  Machtprobe"  der  polnischen  Berufsvereinigung
und  behaupteten,  „die  Löhne  seien  durchgehends  höher  als  in
den  Vorjahren",  daher  hätten  die  Arbeiter  keinen  Anlaß  zu
Klagen.  Dagegen  bestanden  die  polnische  Organisation  und
die  anderen  Gewerkschaften  mit  Ausnahme  der  katholischen  auf
der  Forderung  einer  allgemeinen  Lohnerhöhung  um  15%  und
der  Einführung  der  achtstündigen  Schicht,  mit  dem  Hinweis,
daß  im  Westen  die  Löhne  bedeutend  höher  seien  und  auch  die
achtstündige  Schicht  schon  lange  durchgeführt  worden  sei.
Bei  einem  Vergleich  der  oberschlesischen  mit  den  rheinisch-)

1)  Im  April/Mai  1913,  er  scheiterte  an  der  Unnachgibigkeit
der  Verwaltungen.
        <pb n="84" />
        72

westfälischen  Löhnen  nach  der  Lohnstatistik  erscheint  Oberschlesien ­
  tatsächlich  relativ  wie  absolut  ungünstiger.
Die  Kohlengrubenlöhne  betrugen  pro  Schicht:

in

für  die  eigentl.  Bergarbeiter
Oberschi.  Rheinld.-Westf.

für  sämtl.  Bergarbeiter
Oberschl.  Rheinld.-Westf.

1908

4,04  dt

5,27  dH

3,62  dH

4,46  dl

1909

3,97  dl

5,33  dH

3,48  dH

4,49  dl

1910

3,91  dl

5,37  dH

3,44  dH

4,54  dl

1911

3,98  dH

5,55  dH

3,48  dl

4,69  dl

1912

4,22  dl

6,02  dH

3,64  dl

5,03  dl

Während  in  Rheinland-Westfalen  die  Löhne

andauernd  in

den  letzten  Jahre  gestiegen  sind,  sind  sie  in  Oberschlesien  von
dem  Hochkonjunkturjahr  1908  an  bis  1911  beständig  gesunken,
und  sie  sind  dem  absoluten  Betrage  nach  bedeutend  niedriger  als
die  des  Westens.
In  der  Rubrik  „eigentl.  Bergarbeiter"  erscheinen  nicht  nur
die  höchstentlohnten  Häuer,  sondern  auch  die  ihnen  beigegebenen
Schlepper  und  Wagenstößer,  Burschen  von  16—21  Jahren,  die
natürlich  weniger  verdienen.  Nun  liegen  die  Betriebsverhältnisse ­
  so,  daß  in  Oberschlesten  die  Zahl  der  Schlepper  und  Wagenstößer ­
  größer  als  die  der  Häuer  ist,  während  im  Ruhrbergbau
gerade  das  umgekehrte  Verhältnis  herrscht*).  Solange  die
Statistik  nicht  die  dringend  erforderliche  Spezialisierung
a)  Häuer  b)  Schlepper,  Wagenstößer  aufweist,  ist  aus  den
Zahlen  kein  Schluß  auf  den  allgemeinen  Lohn  des  erwachsenen
Bergmannes  zu  ziehen.  Die  oberschlesischen  Industriellen  behaupten, ­
  daß  der  normale  Häuer  auch  in  Oberschlesten  gut  verdiene, ­
  meist  über  6  dl  pro  Schicht,  ja  sogar  7—9  dH.  Die  stärkere ­
  Steigerung  der  Ruhrbergbaulöhne  werde  reichlich  ausgeglichen ­
  durch  andere  Zuwendungen,  die  der  oberschlesische  Arbeiter ­
  in  weiterem  Umfange  von  den  Jndustrieverwaltungen
erhalte.  So  sei  die  Menge  der  jährlichen  Freikohlen  des  oberschlesischen ­
  Bergmannes  größer  als  die  des  westdeutschen,  nämlich  *•
5—7  To.  pro  Arbeiter,  ferner  würden  ihm  Lebensrnittel  aller
Art,  besonders  Kartoffeln,  Kraut,  Seefische  von  den  Verls ­
  infolge  der  größeren  Flößmächtigkeit  Oberschlesiens.
Ferner  ist  die  Zahl  der  hochentlohnten,  aufsichtsührenden  Arbeiter
in  den  von  Schlagwettern  gefährdeten  Ruhrgruben  größer  als  in
den  von  solchen  Wettern  freien  obevschlesischen  Zechen.
        <pb n="85" />
        73

Waltungen  meist  unter  Selbstkostenpreis  zur  Verfügung  gestellt.
Auch  wohne  ein  großer  Teil  der  Arbeiter  in  sog.  herrschaftlichen
Wohnhäusern,  für  welche  an  die  Verwaltungen  Mieten  gezahlt
würden,  die  50—60%  geringer  als  die  ortsüblichen  sind.  und
die  Lebensmittelpreise  seien  weniger  gestiegen.  Dieses  moderne
..Trucksystem",  das  bei  der  Erziehung  der  Arbeiterschaft  zu
einer  vernünftigen  Lebenshaltung  so  wichtige  Dienste  leistet,
wird  jedoch  in  Rheinland-Westfalen  wie  den  übrigen  deutschen ­
  Jndustriebezirken  in  fast  gleichem  Umfange  angewendet.
Auf  keinen  Fall  läßt  sich  leugnen,  daß  dem  seit  1908  andauernden. ­
  beständigen  Steigen  der  rheinisch-westfälischen  Löhne
das  stetige  Sinken  der  oberschlesischen  Löhne  bis  1911  gegenübersteht. ­
  Gegen  den  Lohn  des  letzten  Hochkonjunkturjahres
1908  ist  der  von  1912  in  Oberschlesien  um  0.18  Jl  für  den
eigentlichen  Bergarbeiter,  um  0.02  Jl  für  den  Arbeiter  im
allgemeinen  gestiegen,  also  kleine,  nichtssagende  Beträge.  Betrachten ­
  wird  den  Gesamtarbeitslohn  pro  Jahr  und  Arbeiter,
wobei  auch  die  Arbeitskräfte  unter  16  Jahren  wie  die  weiblichen
Arbeiter  inbegriffen  sind.  so  betrug  dieser:

in  Gesamtmontanindustrie  Kohlenbergbau  Eisenindustrie

1908

1059  Jl

Oberschlesiens:
]  136  Jl

988  Jl

1909

1049  Jl

1112  Jl

968  Jl

1910

1034  Jl,

1073  -K

992  Jl,

1911

1070  Jl

1111  Jl

1032  Jl

1912

1130  Jl

1179  Jl

1074  Jl

Darnach  betrug  der-  Rückgang  im  Jahresverdienst  des
Steinkohlenbergmannes  1908—1909:  24  Jl\  1909—1910:
39  Jl\  des  Eisenhüttenmannes  1908—1909:  20  JL  Seit  1911
ist  zwar  der  Jahresverdienst  in  allen  Zweigen  gestiegen,  doch  ist
die  Frage,  ob  dadurch  eine  wirkliche  Besserung  der  Lebenshaltung ­
  dem  Arbeiter  ermöglicht  worden  ist.  Hier  kommt  es
auf  die  Kaufkraft  des  Lohnes,  den  Reallohn.  an.  Diesen  zu  ermitteln ­
  ist  leider  nicht  möglich,  da  eine  zuverlässige  Preisstatistik
der  Hauptnahrungsmittel  im  oberschlesischen  Jnduftriebezirk
nicht  zur  Verfügung  steht.  Tatsache  ist.  daß  die  oberschlesischen
Nahrungsmittelpreise  wie  im  ganzen  Inland  in  den  letzten
Jahren  sich  bedeutend  erhöht  haben,  bei  der  größeren  Be-
        <pb n="86" />
        74

völkerungsdichte  und  ihrem  rascheren  Anwachsen  sowie  der
weiten  Entfernung  Oberschlesiens  von  den  inländischen  Nahrungsmittelzentralmärkten ­
  in  relativ  stärkerem  MaßeH.
Die  Industriellen  versuchen  nun  zu  beweisen,  daß  die  gezahlten ­
  Löhne  keine  „Hungerlöhne"  sein  könnten,  da  „jedesmal
bei  Lohnsteigernngen  die  „Feierschichten"  sich  vermehrten,  die
die  Arbeiter  aus  Faulheit  einlegten".  Indem  der  Arbeiter  so
die  Möglichkeit  unbenutzt  vorbeigehen  lasse,  durch  Fleiß  seinen
Jahresverdienst  zu  erhöhen,  sei  bewiesen,  daß  er  auskömmlich
entlohnt  werde.
Die  genannten  „Feierschichten"  sind  zuzugeben,  doch  nicht
in  dem  Umfange  wie  behauptet.  Vielmehr  werden  jene  „Feierschichten" ­
  im  allgemeinen  höchstens  in  den  ersten  Tagen  nach  den
Lohnsteigerungen  verfahren.  Der  Arbeiter  erwacht  bald  aus
seinem  Rausch  und  geht  regelmäßig  zur  Arbeit.
Der  Fleiß  des  oberschlesischen  Industriearbeiters  hebt  sich
andauernd.
Im  Durchschnitt  entfielen  im  Jahr  auf  den  oberschlestschen
Kohlenbergmann

1885—1890

i.  D.

Arbeitstage
269.0

1891—1895

„

274.3

1896—1900

„

280.7

1901—1905

„

284.8

1906

291.9

1907

294.7

1908

292.6

1909

290.9

1910

284.8

1911

290.5

1912

297.3

Vergleicht  man  diese  Zahlen  mit  dem  Schichtlohn,  so  ist  das
gerade  Gegenteil  der  Behauptung  der  Industriellen  Wirklichkeit:
Bei  sinkenden  Löhnen  werden  weniger  Schichten  verfahren  —
die  Ursache  dazu  sind  allein  die  durch  die  sinkende  Konjunktur

1)  Nach  persönlichen  Beobachtungen  und  Umfragen.
        <pb n="87" />
        75

notwendigen  und  von  den  Verwaltungen  verfügten  Betriebseinschränkungen. ­
  die  der  Arbeiter  über  sich  ergehen  lassen  muß.  —
während  sich  bei  steigendem  Schichtlohn  die  Zahl  der  verfahrenen
Arbeitstage  deutlich  hebt.  Es  ist  daher  völlig  ungerechtfertigt,
wenn  die  oberschlesischen  Industriellen  ihr  Widerstreben  gegen
Lohnerhöhungen  damit  begründen,  daß  die  höheren  Löhne  der
Lebenshaltung  der  Arbeiter  und  ihrer  Familie  doch  nicht  zu  Gute
kämen,  sondern  nur  ihrem  Hang  zur  Faulheit.  Jedenfalls  sind
die  bedeutenden  Rückgänge  im  Jahresverdienst  des  oberschlesischen ­
  Industriearbeiters  allein  die  Folge  des  Sinkens  der  Konjunktur. ­

Bermtsichtigt  man.  daß  die  Lebensmittelpreise  in  den  genannten ­
  Baissejahren  durchaus  nicht  fielen,  sondern  mindestens
auf  der  einmal  erreichten  Höhe  stehen  blieben,  daß  ferner  die
Arbeiter,  sofern  sie  Familienväter  waren,  häufig  eine  inzwischen
vermehrte  Zahl  Kinder,  jedenfalls  aber  größere  Kinder  zu  ernähren ­
  hatten,  so  sind  die  Lohnsenkungen  sehr  zu  beklagen.  Freilich ­
  befanden  sich  die  Industriellen  durch  den  Konjunkturniedergang ­
  selbst  in  einer  Notlage,  doch  muß  gefordert  werden,  daß  sie
bei  Produktionseinschränkungen  mit  aller  Rücksicht  verfahren
und  nicht,  wie  der  Generaldirektor  der  Kattowitzer  Bergbauund
  Eisenhütten  A.-G.  Bergrat  Williger  es  auf  der  Kartellenquete
  als  üblich  zugabH,  in  solchen  Fällen  alle  überflüssigen
Arbeitskräfte  an  die  Luft  setzen  und  den  allgemeinen  Lohn  herabdrücken. ­
  Dadurch  schwächen  sie  sich  selbst,  indem  sie  die  Arbeiter ­
  Not  leiden  lassen,  deren  sie  bei  den  folgenden  Konjunkturaufstiegen ­
  notwendig  in  erhöhtem  Maße  bedürfen.
Eine  vorsichtige  und  gerechte  Lohnpolitik  in  Verbindung
mit  einiger  Opferwilligkeit  der  Industriellen  in  schlechten  Zeiten ­
  wird  stets  zum  Wohl  der  Industrieller!  wie  der  Arbeiterschaft
führen^)»
Vergleicht  man  in  dieser  Hinsicht  die  rheinisch-westfälischen
Löhne,  so  ist  anzuerkennen,  daß  diese  Industrie  ihre  Arbeiter-1)
  Kontradiktorische  Verhandlungen  über  deutsche  Kartelle
lOberschlesische  Kohlenkonvention  und  Ruhrkohlensyndikat),  Berlin
1908,  S.  387.
2)  Die  Löhne  der  fiskalischen  Steinkohlenzechen  in  Oberschlesien
  weisen  eine  größere  Beständigkeit  auf  als  die  der  Privaten
und  Gesellschaften.
        <pb n="88" />
        76

schaft  vor  Lohnrückgängen  bewahrt  und  ständig  steigende  Löhne
gezahlt  hat.
Welche  Bewandtnis  hat  es  mm  mit  der  Forderung  der  Arbeiter ­
  nach  der  achtstündigen  Schicht?
Während  im  Westen  die  achtstündige  Schicht  für  die  unterirdisch ­
  beschäftigten  Arbeiter  im  großen  ganzen  durchgeführt  ist,
beträgt  die  Schichtdauer  in  Oberschlesien  immer  noch  9  bis  10
Stunden  im  Durchschnitt*).  .  Dazu  führen  die  oberschlestschen
Kohlenindustriellen  etwa  folgendes  aus:  Bei  der  Härte  und  der
großen  Flözmächtigkeit  der  Kohle  ist  ihre  Gewinnung  nur  durch
schwierige  Schießarbeit  möglich.  Nach  jedem  Sprengschuß  muß
immer  eine  längere  Arbeitspause  eintreten,  da  die  Pulvergase
abziehen  müssen,  und  die  geschossenen  Kohlenmassen  Zeit  brauchen, ­
  um  von  selbst  hereinzubrechen.  Darüber  vergeht  jedesmal
] /4  bis  V-2  Stunde,  und  da  an  jedem  Arbeitsort  in  jeder  Schicht
3  bis  5  mal  geschossen  wird,  so  beträgt  die  reine  Arbeitszeit  tatsächlich ­
  nicht  mehr  als  ca.  8  Stunden.  Die  Verkürzung  der  offiziellen ­
  Schicht  auf  8  Stunden  würde  die  Notwendigkeit  zur
Folge  haben,  die  Belegschaft  um  *4  der  jetzigen  Zahl  zu  vermehren, ­
  was  bei  dem  notorischen  Arbeiteimangel  Oberschlesiens
nicht  möglich  sei,  ganz  abgesehen  von  der  dadurck  erfolgenden,
gewaltigen  Erhöhung  der  Produktionskosten.  Endlich  aber
dürfe  schon  heute  jeder  Arbeiter,  der  seine  übliche  ihm  aufgegebene ­
  Leistung  in  der  Schicht  erfüllt  hat,  ohne  Kürzung  seines
Schichtlohnes  früher  ausführen,  wovon  ein  großer  Teil  der  Belegschaft ­
  reichlich  Gebrauch  mache,  so  daß  für  diese  die  8stündige
Schicht  tatsächlich  schon  besteht.
Zunächst  ist  die  Ansicht  unhaltbar,  die  Pausen  zwischen  den
Schüssen  seien  als  „Nichtarbeitszeit"  von  der  Schichtdauer  abzurechnen. ­
  Das  widerspricht  der  sonstigen  Praxis  und  ist  hier
umsomehr  zu  verurteilen,  als  es  sich  um  Arbeitsräume  unter
Tage  handelt,  die  den  menschlichen  Organismus  stark  anstrengen. ­
  Die  angeführten  Befürchtungen  treffen  u.  E.  auch  nicht  zu,
da  bei  kürzerer  Arbeitszeit  die  Leistungen  vielfach  durchaus  nicht
kleiner  werden^),  sondern  dadurch  eine  wirkungsvolle  Konzen-1)

  s.  a.  A.  Bosenick,  S.  38  ff.,  101  ff.
2)  L.  Brentano,  Ueber  das  Verhältnis  von  Arbeitslohn  und
Arbeitszeit  zur  Arbeitsleistung.
        <pb n="89" />
        trierung  und  Jntensievierung  der  Arbeitsleistung  erzielt  werden
wird.
Beim  Steinkohlenbergbau  wird  dies  umsomehr  der  Fall
sein,  da  nach  mehrstündiger  Arbeit,  also  in  den  letzten  Arbeitsstunden ­
  der  heutigen  10—12stündigen  Schicht,  die  Wetter  durch
die  Mannschaft  trotz  bester  Ventilationsvorkehrungen  stark  verbraucht ­
  find,  so  daß  die  Arbeitsleistung  rapide  sinkt.  Der  ideale
Zustand  wäre  doch  der,  das;  der  Bergmann  nach  3—4stündiger
Schicht  zu  Tage  führe,  sich  erholte  und  dann  wiederum  nach
ca.  2stündiger  Pause  für  wiederum  3—4stündige  Arbeitszeit
vor  Ort  zurückkehrte.  Das  ist  nun  durch  die  lange  Einfahrt  wie
die  weiten  unterirdischen  Fahrten  zum  Ort  unmöglich.  Jedenfalls ­
  aber  leuchtet  die  Unwirtschaftlichkeit  der  letzten  Arbeitsstunden ­
  einer  übermäßig  langen  Schicht  von  10—12  Stunden
ein.  Überdies  haben  die  Kohlenindustriellen  die  von  uns  aufgestellte ­
  Behauptung,  die  Verkürzung  der  Schicht  auf  8  Stunden
würde  keine  allgemeine  Verringerung  der  Arbeitsleistung  also
der  Fördermengen  verursachen,  dadurch  schon  als  richtig  zugegeben, ­
  daß  ste  dem  Bergmann  erlauben,  nach  Erledigung  seines
Arbeitspensums  vorzeitig  nach  8  Stunden  auszufahren.  Und
davon  wird,  wie  berichtet),  heute  in  großem  Umfange  von  den
Arbeitern  Gebrauch  gemacht,  d.  h.  der  oberschlesische  Arbeiter  ist
für  eine  kürzere  Arbeitsschicht  reiff).
Die  allgemeine  Einführung  der  8stündigen  Schicht  sowohl
für  den  Steinkohlen-  wie  Eisenindustriearbeiter  Oberschlesiens  ist
dringend  zu  erstreben.  Dann  wird  dem  Arbeiter  mehr  Zeit  für
seine  körperliche  Erholung  und  geistige  Betätigung  übrig  bleiben, ­
  wodurch  auch  sein  Familienleben  eine  höhere  Bedeutung
gewinnen  dürfte.
Obgleich  Oberschlefien  eine  außerordentlich  starke,  natürliche ­
  Bevülkerungsvermehrung  aufweist,  leidet  die  oberschlesische
Kohlen-Eisenindustrie  doch  seit  Jahren  unter  wachsendem  ArbeitermangeU).

1)  „Schlesische  Zeitung,"  25.  April  1913.
2)  Was  vor  Jahren  allerdings  nicht  der  Fall  war.  Die  überaus
lange  Schicht  veranlaßte  die  älteren  Häuer  oft  auf  Kosten  der
jüngeren  vor  Ort  zu  feiern.  Die  erzieherische  Wirkung  der  kürzeren ­
  Schicht  liegt  klar.
3)  Jahresberichte  des  Vereins.
        <pb n="90" />
        78

Tatsächlich  sind  die  recht  häufigen  Abgänge  ausgelernter
Arbeiter  nach  Westdeutschland,  ja  selbst  nach  Belgien  und  Nordfrankreicb
  dabei  von  einiger  Bedeutung.  Diese  Leute  bleiben,
auch  wenn  sie  die  Löbne  in  den  westlichen  Industrien  nicht  um
so  viel  besser  finden  als  der  nominelle  Betrag  anzugeben  scheint^),
der  vberschlesischen  Industrie  doch  meist  für  immer  verloren.  Die
Folge  hiervon  aber  ist,  daß  die  oberschlesischen  Industrien  in
verstärktem  Maße  als  bisher  ausländische  Arbeiter  in  den  Betrieb ­
  einstellen  müssen^).
Keine  Großindustrie  der  Welt,  welche  wie  Oberschlesien
auf  einen  verhältnismäßig  kleinen  Bezirk  zusammengedrängt  ist,
ist  in  der  Lage,  im  eigenen  Bezirk  selbst  die  großen  Mengen  von
Arbeitskräften  zu  produzieren,  deren  sie  bei  foAschreitender  Entwicklung ­
  bedarf.  Die  Jndustriebezirke  saugen  beständig  aus  dem
ganzen  Inlande  das  benötigte  Mehr  an  Arbeitskräften  an,  soweit ­
  natürlich  das  Inland  Menschenmaterial  abzugeben  imstande ­
  ist.  Trotz  des  Kinderreichtums  der  Arbeiterbevölkerung
kann  die  natürliche  Bevölkerungsvermehrung  Oberschlesiens  den
wachsenden  Arbeiteranforderungen  der  Industrie  nicht  folgen.
Die  unglückliche  geographische  Lage  Oberschlesiens  zu  dem  Jnlande
  erschwert  es  nun,  aus  ihm  das  Mehr  an  Arbeitern  zu  beziehen. ­
  So  ist  die  oberschlesische  Montanindustrie  auf  Rußland
und  Österreich-Ungarn  als  natürliches  Hinterland  zur  Ergänzung ­
  ihrer  Arbeiterschaft  angewiesen.
Es  handelt  sich  hauptsächlich  um  Ruthenen  und  Polen  aus
Galizien  und  Russisch-Polen,  die,  teilweise  kleine  Bauern,  ihr
Anwesen  und  ihre  Familie  für  einige  Jahre  verlassen,  um  sich
in  der  fremden  Industrie  soviel  zusammen  zu  verdienen,  daß  sie
nach  ihrer  Rückkehr  ihr  Besitztum  instandsetzen  können,  teils  unverheiratete ­
  junge  Leute,  die  jedenfalls  die  Arbeit  nach  kurzer
Zeit  wieder  verlassen  und  in  ihr  Vaterland  zurückkehren^).  Zunächst ­
  drückt  dies  beständige  Fluktuieren  der  fremden,  slavischen
Arbeiter  die  Leistungsfähigkeit  der  oberschlestschen  Montanindustrie ­
  bedeutend  herab,  dann  aber  erschwert  es  die  germanisato-1)
  Infolge  der  höheren  Lebenshaltungskosten,  so  daß  der
Reallohn  im  Westen  durchaus  nicht  höher  als  in  Oberschlesien  ist.
2)  s.  a.  Knoke.  S.  17.  43.
3)  Sie  leisten  im  allgemeinen  nur  „ungelernte"  Arbeit,  lernen
aber  oft  zu  und  steigen  zu  besser  gelohnter  Arbeit  auf.
        <pb n="91" />
        79

rische  Arbeit  im  Bezirk,  wenn  auch  diese  Arbeiter  infolge  einer
beständigen  Überwachung  politisch  barmlos  sind.  Vor  allem
tragen  sie  enorme  Lohnsummen  ins  Ausland,  die  die  deutsche
Industrie  gern  deutschen  Arbeitern  zukommen  lassen  möchte  Auch
könnten  diese  mit  vielen  Mühen  und  Kosten  für  industrielle
Arbeit  geschickt  gemachten  Arbeiter  nach  ihrer  Rückkehr  in  ihre
Heimat  zur  Neugründung  von  Konkurrenzunternehmungen  in
den  fremden  Staaten  wirksam  gebraucht  werden.
Waren  früher  solche  fremden  Wanderarbeiter  in  genügender ­
  Zahl  zu  haben,  so  ist  durch  die  allgemeine  große  Nachfrage
besonders  der  deutschen  Landwirtschaft  nach  solchen  Arbeitern  für
die  oberschlesische  Industrie  heute  ein  recht  fühlbarer  Mangel
eingetreten.
So  sehr  die  eigenartigen  Verhältnisse  Oberschlesiens  auch
die  Anwerbung  ausländischer  Arbeitskräfte  heute  rechtfertigen
inögen,  so  ist  dieser  Zustand  ebenso  wie  der  in  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  als  durchaus  ungesund  zu  bezeichnen  in  volkswirtschaftlichem ­
  wie  politischem  Sinne.  Durch  Verbesserung  der  Arbeitsverhültnisse
  und  der  Löhnung  muß  die  oberschlesische  Industrie ­
  die  benötigten  Arbeitskräfte  ganz  aus  dem  Inland  zu  ziehen ­
  sich  bemühen,  auf  der  anderen  Seite  wird  es  Aufgabe  der
Regierung  sein,  durch  Populationistische  Maßnahmen  dafür  zu
sorgen,  daß  die  nationalen  Industrien  restlos  mit  nationalen
Arbeitskräften  versorgt  werden  können*).

A  5.  Kapitalsgrundlagen.
Wir  werfen  nun  einen  Blick  auf  die  Kapitalverhältnisse  in
der  oberi^lestschen  Kohlen-Eisenindustrie.

1)  Die  Arbeiternot  wird  durch  die  1915  in  Kraft  tretende  Gemerbeordnungsnovelle
  von  1908  bezgl.  der  Beschäftigung  weiblicher
Arbeiter  in  Bergwerksbetrieben  in  Kürze  verschärft  werden.  Die
oberschlesischen  Industriellen  hoffen,  noch  in  letzter  Stunde  auf
eine  Ausnahmeverfügung,  und  machen  alle  Anstrengungen,  sie  durchzusetzen. ­
  Da  es  sich  aber  meist  um  Mädchen  unter  20  Jahren  handelt, ­
  ist  ihre  Beschäftigung  mit  wenn  auch  noch  so  „leichter"  Arbeit
in  Betrieben  der  Schwerindustrie  als  der  Volksgesundheit  schädlich
zu  verwerfen.
        <pb n="92" />
        80

Das  für  unser  modernes  Gewerbeleben  allein  geltende
Prinzip  der  Zentralisation')  hat  sich  in  der  Montanindustrie
Oberschlesiens  nicht  erst  wie  z.  B.  in  Rheinland-Westfalen  mühsam ­
  und  unter  großen  Kosten  durchzusetzen  brauchen,  es  hat  hier
vielmehr  von  Anbeginn  geherrscht.  Da  der  Erwerb  von  Bergwerkseigentum ­
  in  Oberschlesien  durch  die  Schlesische  Bergordnung
von  1760  mit  dem  eigentümlichen  Institut  des  Mitbaurechts  der
über  den  Kohlenfeldern  liegenden  Grundbesitzer  beschwert  war,
kam  der  Steinkohlenbergbau  von  Anfang  an  in  die  Macht  einerkleinen
  Zahl  Großgrundeigentümer,  und  damit  die  aus  dem
Kohlenbergbau  geborenen  anderen  Industrien.  Meist  legten
die  Grundbesitzer  durch  rasche  Mutungen  die  kaum  entdeckten
Kohlenfelder  lückenlos  fest,  so  daß  Ende  der  1830er  Jahre  die
oberschlesischen  Steinkohlen  ausnahmslos  vergeben  waren.  Als
dann  diese  mühelos  zu  Industriellen  aufgerückten  Großgrundbesitzer ­
  den  gewaltigen  finanziellen  Anforderungen  der  industriellen ­
  Entwicklung  nicht  genügen  konnten,  auch  Verluste  einzelner
Industriezweige,  besonders  der  Hochöfen,  bedeutende  Sanierungskapitalien ­
  erforderlich  machten,  gaben  sie  Teile  ihres  industriellen ­
  Besitzes  an  eigens  dazu  gegründeten  Aktiengesellschaften ­
  ab,  zu  relativ  mäßigen  Preisen').  Diese  Entwicklung
schloß  in  der  Hauptsache  in  den  1870er  Jahren  ab,  sodaß  die
oberschlesischen  Jndustriewerke  z.  T.  in  erster  Hand,  z.  T.  in
immerhin  altem  Besitz  sich  befinden,  wahrend  in  Rheinland-Westfalen,
  wo  bis  vor  kurzem  die  industriellen  Besttzverhältnisse
in  stetem  Fluß  waren,  die  in  der  Äohlen-Eisenindustrie  arbeitenden ­
  Kapitalien  mit  weit  höheren  Gründergewinnen  im  allgemeinen ­
  belastet  sind.
Der  Betrag  der  in  der  oberschlesischen  Kohleneisenindustrie
angelegten  Kapitalien  ist  nicht  annähernd  zu  schätzen,  da  es  sich
zum  großen  Teil  um  Privatbesitz  handelt.
Die  Kohlenindustriellen  gliedern  sich  in  5  Gruppen:

1)  H.  G.  Heymann,  S.  210  ff.  W.  Leihe,  S.  22.  I.  v.  Renauld,
S.  41.  K.  Uhde,  S.  123.  H.  Solger,  S.  156.  Steinbeck,  S.  22.
A.  Serlo,  S.  1b.  H.  Voltz.  Salings  Börfenjahrbuch  11,  1912.  G.
Gothein  I,  S.  12.
2)  Unter  Mithilfe  der  Großbanken.
        <pb n="93" />
        81

Steinkohlenförderung  in  Millionen  To.

1911

1912

a)  der  Preuß.  Staat  .  .  .  .  .

6.2

7.0

b)  Private  (Magnaten)

9.1

10.0

c)  KohlengewerkschafterU)

3.3

3.8

d)  Zinkindustrie  ........

7.1

7.8

e)  Eisenindustrie  ...  ...

9.7

10.7

Die  Rentabilität  des  oberschlesischen  Steinkohlenbergbaues
läßt  sich  nicht  unmittelbar  feststellen,  da  er  ohne  Verbindung  mit
irgend  einem  anderen  Industriezweig  nur  in  den  Gruppen  a),
b)  und  c)  betrieben  wird.  Der  Staatsbetrieb  weist  Besonderheiten ­
  auf  (hochwertige  Kokskohlen,  bürokratische  Organisation,
usw.),  die  Privaten  veröffentlichen  ihre  Ergebnisse  nicht,  während ­
  die  Gewerkschaften  ebenfalls  unter  speziellen  Verhältnissen
arbeiten,  überdies  nur  mit  kleinem  Anteil  beteiligt  sind.
Dagegen  ist  es  möglich,  bei  den  beiden  anderen  großen
Gruppen  mittelbar  ein  zuverlässiges  Urteil  über  die  Rentabilität ­
  des  Steinkohlenbergbaues  zu  gewinnen,  da  sie  als  Aktiengesellschaften ­
  ihre  Jahresergebnisse  veröffentlichen^).  Wir  beschränken ­
  uns  auf  die  Gruppe  e)  Eisenindustrie,  wobei  wir  zugleich ­
  die  Rentabilität  des  Eisenhüttengewerbes  kennen  lernen.

Von  den  Eisenhüttenbetrieben^)  förderten  zugleich  Steinkohlen



1911  1912
in  1000  To.

a)  Kattowitzer  A.-G.

3947

4227

b)  Ver.  Königs-  und  Laurah.  A.-G.

2197

2400

c)  Donnersmarckhütte  A.-G.

1658

1860

d)  Borsigwerke

1310

1505

e)  Oberschles.  Eisenbahn-Bed.-A.-G.

587

668

Nach  Salings  Börsenjahrbüchern  zahlten  an  Dividenden:

1)  inkl.  der  A.-G.  „Gott  mit  uns-Grube",  Mittellazisk/Pletz.
Hinzu  kommt  die  Kons.  Hultschiner  Grube  der  österr.  Witkowitzer
Bergbau-  und  Eisenhütten-Gewerkfchaft  in  Witkowitz,  Mähren  mit
634  900  Tonnen  Förderung.
2)  Mit  Ausnahme  des  Borfigfchen  Privatbetriebes.
3)  Hinzu  kommt  die  Gleiwitzer  Steinkohlen-Gewerkfchaft,  die
im  Besitz  der  OS.  Eisenindustrie  A.-G.  Gleiwitz  ist,  mit  1912:
13  000  Tonnen  Forderung.
        <pb n="94" />
        82

Kattowitzer  Ver.Königs-  Donnersm.  OS  Eisenb.

A.G.

Saurat).  A.G.

A  G

BedarfsA.G.

1891—95  i.  D.

8.0  %

4.7  %

6.4  %

1.7  %

1896—00  „

12.4  sf
12.0  '

12.5

12.4

7.3

1901

14.0

14.0

3.0

1902

11.0

10.0

14.0

2.5

1903

10.0

11.0

14.0

5.0

1904

10.0

11.0

14.0

7.0

1905

11.0

10.0

14.0

7.0

1906

12.0

12.0

14.0

7.0

1907

14.0  '

12.0

14.0

6.0

1908

14.0

10.0

17.0

1.5

1909

12.0

4.0

14.0

'  1.5

1910

14.0

4.0

16.0

2.5

1911

14.0

4.0

16.0

3.5

,912

15.0

6.0

20.0

6.0

Gesellschaften,  wie  die  Kattowitzer  A.-G.  und  die  Donnersmarckhütte
  A.-G.,  deren  wirtschaftlicher  Schwerpunkt  im  Steinkohlenbergbau ­
  beruht,  haben  seit  den  letzten  zwei  Jahrzehnten
durchgehend  erstaunliche  Gewinne  verteilen  können^).  In
schwächerem  Maße  ist  dies  schon  bei  der  Vereinigten  Königs-  und
Laurahütte  A.-G.  der  Fall,  deren  Eisenhüttenbetrieb  den  größeren ­
  Anteil  an  dem  Unternehmen  hat.  Diejenigen  Eisenhüttengesellschaften, ­
  die  wie  die  Oberschlesische  Eisenbahnbedarfs-A.-G.
erst  seit  jüngster  Zeit  (1908)  und  in  geringem  Umfange,  oder
wie  die  Oberschlesische  Eisenindustrie-A.-G.  bisher  überhaupt
keine  Steinkohlen  produzierte  und  erst  jetzt  damit  zu  beginnen
sich  anschickt,  haben  z.  T.  recht  magere  Gewinne  erzielt^):  Die
Dividenden  der  letzten  Aktiengesellschaft  betrugen:  1901—1905
i,  D.  2.4  %,  1906  6.0  %,  1907  6.0  %,  1908  1.5  %,  1909  0  J6,
1910  0%,  1911  0%,  1912  3.0%.  Aus  den  Äußerungen  der
Direktoren  der  Kohlen-Eisengesellschaften  in  den  Generalversammlungen ­
  ist  jedesmal  die  Klage  herauszuhören,  daß  das
Eisengeschäst  die  z.  T.  recht  guten,  ja  sogar  glänzenden  Ergebnisse ­
  der  Steinkohlenbetriebe  in  großemUinfange  wieder  verzehre.
1)  Jahresberichte  der  genannten  A.-G.
2)  Die  ihrer  Betriebseröffnung  entgegensehende  Kons.  Gletwitzer
  Steinkohlengrube,  Gewerkschaft  befindet  sich  zum  überwiegenden ­
  Teil  in  ihrem  Besitz.
        <pb n="95" />
        83

Diese  schlechte  Rentabilität  der  oberschlesischen  Eisenindustrie, ­
  die  in  den  Kohlen-Eisengesellschaften  auch  auf  einen  bedeutenden ­
  Teil  des  Steinkohlenbergbaues  Rückwirkungen  ausübt,
ist  die  Ursache  zu  der  merklichen  Zurückhaltung  des  deutschen
Kapitalmarktes  gegenüber  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie
  seit  den  letzten  Jahren.  Zum  Ausdruck  kommt  diese  Tatsache ­
  besonders  in  dem  höheren  Zinssatz,  den  die  oberschlesischen
Eisenhüttenwerke  für  Obligationenanleihen  bewilligen  müssen
gegenüber  gleichwertigen  westdeutschen  Unternehmungen,  denen
um  ca  tzh—V2  %  billigeres  Geld  zur  Verfügung  steht,  ferner
auch  in  den  höheren  Kommissionspreisen  bei  Aktienneuemissionen. ­
  Es  besteht  die  Gefahr,  daß  eine  weitere  Versteifung  gegenüber ­
  dem  zur  unbedingt  notwendigen  Neuorganisation  der  oberschlesischen. ­
  Eisenindustrie  erforderlichen  Kapitalbedarf  eintritt,
wenngleich  zu  hoffen  ist,  daß  die  an  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie
  stark  interessierten  Großbanken  diese  Schwierigkeit ­
  in  ihrem  eigenen  Interesse  beheben  werden.
§  6-  Verkehrsverhältnisse.
Von  den  grundlegenden  Wirtschaftsfaktoren  bleiben  uns
noch  die  Verkehrsverhältnisse  des  oberschlesischen  Jndustriebezirks
zur  näheren  Behandlung  übrig.
Wie  wichtig  diese  Materie  erscheint,  beweist,  daß  die  oberschlesischen ­
  Industriellen  von  einer  besonderen,  großen,  Verkehrs-„not"
  der  Industrie  sprechen,  die  allein  Schuld  an  ihrer  schwierigen ­
  Lage  sei.
Die  modernen  Verkehrsmittel  einer  Großindustrie  sind
Eisenbahnen  und  Wasserstraßen.  Das  Eisenbahnnetz,  das  Oberschlesien ­
  mit  dem  Jnlande  bindet,  ist  großzügig  angelegt  und
ausreichend  leistungsfähig,  so  daß  in  dieser  Hinsicht  nichts  zu  beklagen ­
  noch  zu  fordern  ist.  Das  nahe  Ausland  allerdings  schließt
an  der  Grenze  kein  ebensolch  hoch  entwickeltes  Eisenbahnwesen
an  und  läßt  viel  zu  wünschen  übrissi),  was  hier  jedoch  nicht  interessiert. ­
  Angegriffen  werden,  wie  gesagt,  die  Tarife  der  preußischhessischen ­
  Staatseisenbahn  und  ihre  allgemeine  wie  bedeutende
Ermäßigung  als  das  einzige  Mittel  hingestellt,  die  brennende
Verkehrssrage  des  geographisch  so  ungünstig  gelegenen  Industriell ­
  Bericht  1908/09.  „Schles.  Zeitung"  No.  52.  22.  Jan.  1913.
7
        <pb n="96" />
        —  84  —
bezirks  zu  lösen 1 ).  Wir  glauben  bewiesen  zu  haben,  daß  diese
bisher  einzig  vertretene  Auffassung  nicht  zutrifft.  Die  Eisenbahntarifpolitik ­
  kann  nur  in  speziellen  Fällen  und  beschränkt
angewendet  werden.
Die  Verkehrsfrage  Oberschlesiens  ist  somit,  da  andere  Momente ­
  nicht  zu  berücksichtigen  find,  eine  Frage  auf  dem  Gebiete
der  Wasserstraßen.
Oberschlesien  liegt  im  Stromgebiet  der  Oder,  die  allein  für
den  Transport  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie  in  Betracht ­
  kommt.
Die  Oder  ist  nach  dem  Rhein  und  der  Elbe  der  drittgrößte
deutsche  Strom.  Ihre  Lange  beträgt  905  Kilometer-  und  ihr
Niederschlagsgebiet  umfaßt  112  000  Quadratkilometer^).  Die
Niederschlagsmengen  in  dem  Stromgebiet  der  Oder  sind  nach
den  Höhenlagen  sehr  verschieden,  am  reichlichsten  naturgemäß  in
den  Sudeten,  hier  aber  zeitlich  sehr  unregelmäßig.  Da  aus  den
Sudeten  die  bedeutendsten  Nebenflüsse  kommen,  die  in  kurzem,
steilfallendem  Lauf  die  besonders  im  Frühjahr  und  Spätsommer
starken  Niederschläge  des  Gebirges  rasch  der  Oder  zuführen  und
es  anderseits  an  größeren,  ausgleichenden  Tieflandsflüssen  mangelt, ­
  so  zeigt  der  Oderstrom  in  seinem  Wasserstand  weit  bedeutendere ­
  Schwankungen  als  vergleichsweise  der  Rhein  oder  die
Elbe^).  Dazu  kommt  das  stärkere  Gefälle  des  Hauptstromes
selbst,  es  beträgt:

Zwischen  Oderberg—Kosel

1  :

1800

IN

„

Kosel—Oppeln

1  :

3000

„

„

Oppeln—Breslau

1  :

3100

„

„

Breslau—Krossen

1  :

3500

„

„

Krossen—Küstrin

1  :

3700

„

„

Küstrin—Hohensaaten

1  :

5200

„

„

Hohensaaten—Schwedt

1  :

15700

„

„

Schwedt—Stettin

1  :

100000

„

1)  Denkschrift  des  Vereins,  4.  Oktober  1909.
2)  Die  entsprechenden  Zahlen  sind  beim  Rhein  1225  km  und
190  303  gkm,  bei  der  Elbe  1165  km  und  143  327  gkin.  Beim  Rhein
wirken  im  Oberlaus  die  Seen  und  Gletscher  seines  Quellgebieles
regulierend,  bei  der  Elbe  der  lange  Lauf  der  Moldau,  s.  a.  I.
Part  sch  I,  S.  173—204.
3)  Der  Pegelunterschied  Hoch/Tiesmasser  ist  bei  Breslau  5%  m.
        <pb n="97" />
        85

Vergleichsweise  überwindet  die  Oder  von  Kosel,  wo  sie  für
größere  Kähne  schiffbar  wird,  bis  Stettin,  ihrer  Mündung  ins
Haff,  auf  675  Kilometer  164  Meter  Gefälle,  dagegen  die  Elbe
in  der  entsprechenden  Strecke  von  Melnik  bis  Hamburg  auf
842  Kilometer  nur  152  Meter  und  der  Rhein  von  Kehl  bis  Mr
Mündung  auf  742  Kilometer  gar  nur  135  Meter  Gefälle.
Diese  natürlichen  Mißverhältnisse  haben  in  Verbindung
mit  anderen  Schwierigkeiten  seit  jeher  einer  geregelten  Großschiffahrt ­
  auf  dem  Oderstrom  schwere  Hindernisse  in  den  Weg
gestellt  und  künstliche  Verbesserungen  unbedingt  nötig  gemacht.
Der  aufstrebende  Breslauer  Handel  war  bereits  im  14.
Jahrhundert  eifrig  bemüht,  den  Strom  fahrbar  zu  machen,  doch
fehlten  größere  Geldmittel  zur  erfolgreichen  Durchführung  der
Arbeiten').  Mit  der  Besitzergreifung  Schlesiens  durch  Friedrich
d.  Gr.  brach  auch  für  die  Oderschiffahrt  eine  neue  Zeit  an.  Der
König  ließ  nach  den  Kriegen  bedeutende  Bauten  an  dem  verwilderten ­
  Strom  vornehmen^),  insbesondere  Krümmungen  durchstechen ­
  und  Windungen  geradelegen,  die  hemmenden  Mühlenwehre ­
  beseitigen  oder  durch  Schleusen  umgehen,  Deiche  errichten,
Baumstümpfe  und  sonstige  Hindernisse  im  Strombett  entfernen
und  die  allgemeine  Fahrwassertiefe  durch  Verengung  des  Laufes
erhöhen.  Diese  Arbeiten  wurden  jedoch  zu  flüchtig  vorgenommen
und  brachten  vor  allem  den  neuen  Nachteil  des  zu  raschen  Abfließens
  der  Wasser  und  in  Verbindung  damit  der  gefährlichen
Strömung  mit  sich.  Deshalb  auch  hatte  der  in  dieser  Zeit  gebaute ­
  Klodnitzkanal,  der  Oberschlestens  Industrie  mit  dem  Jnlande
  vor  allem  Breslau,  Berlin  und  Stettin  günstig  verbinden
sollte,  nicht  die  erhoffte  Wirkung.
Obgleich  nach  den  napoleonischen  Kriegsjahren  weitere
Stromverbesserungen  von  der  Regierung  vorgenommen  wurden"), ­
  besonders  durch  Buhnenbauten  den  Lauf  zu  besänftigen
und  die  noch  immer  vorhandenen  zahlreichen  Untiefen  zu  beseitigen, ­
  blieb  die  Oderschiffahrt  auch  ferner  häufigen  Störungen
durch  zu  geringe  Fahrwassertiefe  ausgesetzt.  Auch  war  der  Strom
bis  Beuthen  noch  von  Mühlenwehren  gesperrt,  von  denen  nur

1)  W.  Tietze,  S.  14  ss.  K.  Schroth,  S.  30  ff.
2)  W.  Tietze,  S.  21  ff.
3)  W.  Tietze,  S.  25  ff.
        <pb n="98" />
        86

die  Brieger  und  Breslauer  durch  gute  Schleusen  umgangen  werden ­
  konnten,  während  über  die  anderen  die  Oderkähne  mit  großer
Gefahr  Hinweggleiten  mußten.  Der  schlesische  Kaufmannsstand,
vor  allem  aber  die  oberschlesische  Montanindustrie  litt  unter  diesen ­
  Schiffahrtsmängeln  sehr,  und  häufig  wurde  bittere  Klage
über  die  Vernachlässigung  Schlesiens  gegenüber  den  anderen
Provinzen  des  Staates  insbesondere  Rheinland  und  Westfalen
geführt^).  !  ,  i ;
Die  Regierung  vertröstete  diese  Klagen  mit  dem  Versprechen, ­
  gute  Eisenbahnen  bauen  zu  wollen,  doch  wurde  treffend
erwidert,  daß  die  in  Aussicht  gestellten  Eisenbahnbauten  die
Oderschiffahrt  nie  überfliissig  machen  würden^).  Es.  wurden
denn  auch  1844—1848  225  000  &amp;lt;M  zur  Verbesserung  der  Oder
vom  Staate  bewilligt.  Dadurch  sollte  eine  Fahrwassertiefe  von
1  Meter  auch  bei  niedrigstem  Wasserstande  erzielt  werden.  In
der  Zeit  von  1848  bis  1858  wurden  dann  noch  3  Millionen  M
für  Oderstrombauten  verausgabt,  doch  reichten  diese  Mittel  nicht
aus,  diese  Bauten  auch  zu  erhalten.  Nach  1858  wurde  für  die
Schiffahrtsstraßen  im  ganzen  preußischen  Staate  fast  garnichts
getan,  da  die  Eisenbahnbauten  im  Vordergrund  des  Interesses
standen,  und  in  der  Tat  auch  die  Benutzung  der  Wasserstraßen,
selbst  des  Rheines  stark  zurückging.  Die  Folge  dieser  Vernachlässigung ­
  war,  daß  die  Verfassung  des  Oderstromes  immer  kläglicher ­
  wurde.  Mit  Recht  wies  man  darauf  hin,  daß  der  Hauptgrund ­
  darin  zu  suchen  sei,  daß  der  Oderstrom,  soweit  schiffbar,
ausschließlich  preußisch  ist  und  seine  Instandhaltung,  weil  keine
Verträge  mit  dem  Ausland  wie  z.  B.  beim  Rhein  und  der  Elbe
zu  beachten  wären,  lediglich  dein  guten  Willen  der  Regierung
überlassen  ist.
Inzwischen  aber  traten  die  Mißstände  des  Privatbahnsystems ­
  in  ausbeuterischen  Frachttarifen  grell  zu  Tage,  und  die
Regierung  erblickte  in  den  Wasserstraßei:  ein  wirksames  Gegenmittel, ­
  das  sie  sogleich  in  Anwendung  nahm.  1874  erfolgte  die
schon  in  den  1840er  Jahren  von  dem  schlesischen  Provinziallandtage ­
  geforderte  Errichtung  der  Oderstrombauverwaltung  in  Breslau, ­
  welche  die  Regulierungsarbeiten  des  Oderstromes  energisch
1)  „Zwei  Wünsche  aus  Oberschlesien."
2)  W.  Tietze,  S.  27  ff.
        <pb n="99" />
        37

aufnahm.  Zunächst  wurde  mit  einem  Kostenaufwand  von  6.3
Millionen  Mark  die  Strecke  Breslau-Schwedt  ausgebaut*),  und
so  von  Breslau  abwärts  eine  regelmäßige  Großschiffahrt  sichergestellt. ­
  1886  ging  man  nach  langen  Bemühungen  des  Schlesischen
Vereins  für  Fluß-  und  Kanalschiffahrt  sowie  des  Oberschlesischen
Berg-  und  Hüttenmännischen  Vereins  an  den  Bau  des  Oderspreekanals, ­
  der  1890  mit  12,6  Millionen  Mark  Kosten  fertiggestellt ­
  wurde^).  Endlich  bewilligte  das  großzügige  Wasserstraßengesetz ­
  vom  6.  Juni  1888 3 )  die  Kosten  im  Betrage  von
21.5  Millionen  Mark  für  den  Bau  des  Oderumschlagshafens
Kosel,  die  Kanalisierung  des  Stromes  von  Kosel  bis  zur  Neissemündung,
  den  Bau  großer  Schleusen  bei  Brieg  und  Ohlau  und
Anlage  eines  Großschiffahrtsweges  um  Breslau.  Diese  Arbeiten, ­
  die  1897  beendet  wurden,  geschahen  hauptsächlich  zur  Verbesserung ­
  der  Verkehrsverhältnisse  der  oberschlesischen  Montanindustrie ­
  und  stellten  eine  dauernde  Fahrwassertiefe  von  1.50
Meter  her.  Der  Strom  konnte  nun  von  Cosel  bis  zur  Neissemündung
  Fahrzeuge  bis  zu  400  To.  tragen,  während  er  von
Breslau  abwärts  für  solche  bis  zu  450  To.  leistungsfähig  war.
Da  sich  jedoch  auch  die  Strecke  Neissemündung—Breslau  als
unbedingt  verbesserungsbedürftig  erwies,  stellte  die  Staatsregierung ­
  in  dem  Wasserstraßengesetz  vom  1.  April  1905  als  Kompensation ­
  Schlesiens  für  den  Rhein-Weserkanal  19.65  Millionen
Mark  zu  diesem  Zweck  wie  zu  Anlagen  von  Schleppzugschleusen
auf  der  Strecke  Cosel—Breslau  zur  Verfügung.  Zugleich  wurden ­
  3.3  Mill.  Mark  für  Versuche  mit  Buhnenbauten  ausgeworfen, ­
  die  eine  Vertiefung  des  Fahrwassers  von  Breslau  abwärts
auf  möglichst  dauernd  1.50  Meter  auch  bei  niedrigstem  Wasserstande ­
  erzielen  sollten,  sowie  für  Versuche  mit  Zuschußwasserstaubecken, ­
  die  aber  als  zu  kostspielig  später  fallen  gelassen  wurden. ­
  Diese  Strombauten  sind  in  diesem  Jahr  zu  Ende  geführt
worden.  Die  Leistungsfähigkeit  der  oberen  Oder  ist  so  auf
450  Tonnen-Kähne  von  Cosel  bis  zur  Neissemündung  und  600

1)  W.  Tietze,  S.  30  s.  V.  Kurs.  I.  Partfch,  a.a.O.
2)  P.  Goeths,  S.  30  ff.  Verbindung  mit  Berlin  und  Hamburg.
Die  Bauten  des  ca.  1540  begonnenen  und  1662—68  vollendeten
Friedrich  Wilhelm-Kanals  wurden  benutzt.
3)  B.  Kosmann,  S.  32  f.  I.  v.  Renauld,  S.  9.
        <pb n="100" />
        88

C

Tonnen-Kähne  bis  Breslau  erhöht  worden 4 ),  eine  Steigerung,
die  den  Strom  unterhalb  Breslaus  dem  oberen  Teil  erheblich
unterlegen  gemacht  hat.  Der  weitere  Ausbau  der  Oder  unterhalb ­
  Breslaus  ist  daher  von  der  Staatsregierung  als  notwendig
anerkannt  worden-).  Zu  Beginn  dieses  Jahres  brachte  sie  im
preußischen  Landtage  einen  Gesetzentwurf  zur  Annahme,  der
für  den  Ausbau  der  freien  Oderstrecke  unterhalb  Breslaus  18.5
Millionen  Mark  und  für  die  Anlage  eines  Zuschußwasserstaubeckens ­
  an  der  Glatzer  Neisse  bei  Ottmachau  18.2  Millionen
Mark  auswirft.
Diese  Bauten,  die  etwa  10  Jahre  dauern  werden,  sollen
die  Fahrwassertiefe  von  Breslau  bis  Fürstenberg  auf  1.40  Meter
auch  bei  niedrigstem  Wasserstande  erhöhen,  sodaß  der  Strom
bis  zu  600  To.-Kähne  tragen  kann^).  Ferner  soll  das  Staubecken ­
  an  der  Glatzer  Neisse  zwischen  Patschkau  und  Ottmachau
ca.  118  Millionen  Kubikmeter  Zuschußwasser  ansammeln,  das
in  wasserarmen  Zeiten  der  Oder  zugeführt  werden  soll,  um  so
die  Schiffbarkeit  des  Stromes  zu  erhalten  4 ).  Es  ist  berechnet
worden,  daß  dieses  Staubecken  die  Wasserklemme  von  1904  :
130  Tage  um  43  Tage,  die  von  1911  :  139  Tage  um  44  Tage
verkürzt  haben  würde.  Die  Wirksamkeit  dieses  modernen  Strombauwerkes ­
  ist  sicher  geeignet,  die  einer  regelrechten  Großschiffahrt
auf  der  Oder  hinderlichen  Wasserverhältnisse  zu  verbessern,  sofern ­
  eine  genügende  Anzahl  von  solchen  Staubecken  errichtet
wird.  Die  Staatsregierung  hat  denn  auch  den  Bau  weiterer
Staubecken  in  Aussicht  genommen,  z.  B.  an  der  Malapane.
Nach  dem  allen  ist  der  entscheidende  Schritt  getan  worden,
die  Oder  ihrer  natürlichen  Bestimmung  gemäß  zu  einem  für  die
1)  Die  Leistungsfähigkeit  der  Strecke  Cosel—Neißemündung
erreicht  tatsächlich  nahezu  die  der  Strecke  Neißemündung—Breslau.
(Persönliche  Mitteilung.)
2)  „Schlesische  Zeitung"  No.  31,  14.  1.  1913.
„Schlesische  Zeitung"  No.  120,  17.  2.  1913.
„Schlesische  Zeitung"  No.  310,  6.  5.  1913.
3)  Von  der  293  km  langen  Strecke  Breslau  (Ransern)  —
Fürstenberg  sind  durch  die  genannten  Versuchsarbeiten  1905—1913
bereits  je  10  km  bei  Steinau,  Glogau  und  Krossen  mit  bestem  Erfolge ­
  reguliert.
4)  Es  soll  ca.  1880  ha  bedecken  und  eine  Maximaltiefe  von
15  Meter  besitzen,  wird  also  zur  größten  Talsperre  Deutschlands
werden,  s.  „Schlüs.  Ztg."  Na.  31.  14.  1.  1913.
        <pb n="101" />
        Jndustricprodukte  Oberschlesiens  brauchbaren  Schiffahrtsweg
auszubauen^).  Und  das  ist.  wie  wir  zeigten,  der  einzig  gangbare
Weg,  die  Verkehrsverhältnisse  des  oberschlesischen  Jndustriebezirks
  zu  heben.  Es  muß  jedoch  betont  werden,  daß  die  gegenwärtig ­
  noch  als  ausreichend  angesehenen  Oderstrombaupläne
schon  in  nächster  Zukunft  von  den  Anforderungen  des  Verkehrs
sicher  überholt  werden,  und  so  auss  neue  Verkehrsschwierigkeiten
entstehen  müssen.  Freilich  fällt  es  schwer,  auf  einmal  so  bedeutende ­
  Staatsmittel  für  Schifsahrtszwecke  flüssig  zu  machen.  Da
aber  die  Regierung  den  weitestgehenden  Ausbau  der  Oderstraße
tatsächlich  ins  Auge  gefaßt  hat,  so  ist  eine  einmalige,  allesumfassende
  Arbeil  billiger  als  ein  stückweise  nach  und  nach  vollbrachtes ­
  Werk,  und  daher  diesem  im  Interesse  des  Staates  vorzuziehen. ­
  Nur  die  sofortige  und  großzügige  Erweiterung  der  Oderstrombauten ­
  wird  den  endgesetzten  Zweck  erreichen,  den  zweitgrößten ­
  Jndustriebezirk  des  Deutschen  Reiches  mehr  als  bisher
mit  den  Zentralmärkten  des  Inlands  zu  verknüpfen,  ihn  vielleicht ­
  mit  den  Weltmärkten  in  Anschluß  zu  bringen.
Doch  ist  damit  noch  nicht  alle  Arbeit  getan.  Der  oberschlesische ­
  Jndustriebezirk  ist  vou  Cosel,  dem  nächsten  und  allein
in  Betracht  kommenden  großen  Oderhnfen  ca.  60  Kilometer
Eisenbahnweg  entfernt.  Der  für  Steinkohle,  Erze  geltende  Rohstofftarif ­
  setzt  die  Frachtkosten  mit  1.8  Pfg.  pro  Tonnenkilometer
plus  70  Pfg.  Abfertigungsgebühr  pro  Tonne  an,  also  für  die
Strecke  Cosel-Oderhafen—Oberschlesten  mit  1,80  Jl  pro  To.

1)  Der  Oderumschlag  oberschlesischer  Steinkohlen  betrug  nach
Angaben  der  König!.  Eisenbahndirektionen  Kattowitz  und  Breslau
in  den  Häfen

Losel-Oderhafen

Oppeln

Breslau

Jnsgesa

1898—1900  i.  D.

692

1

400

1093

1901—1903  i.  D.

1035

4

443

1482

1904—1906  i.  D.

1140

4

338

1482

1907—1909  i.  D.

1391

1

282

1674

1910

2021

2

291

2314

1911

1208

3

254

1465

1912

2303

—

620

2923

Der  im  Bau  befindliche  Oppelner  Hafen  wird  in  der  Hauptsache
die  im  nordwestlichen  Randgebiet  des  oberschlesischen  Steinkohlenreviers ­
  belegenen  Kohlengruben  mit  der  bei  Oppeln  schon  leistungsfähigeren ­
  Oderftratze  verbinden  und  so  den  Colseler  Umschlagverkehr
entlasten.
        <pb n="102" />
        90

Dieser  hohe  Perpendikulartarif  in  Verbindung  mit  den  Umschlaggebühren ­
  frißt  faßt  den  gesamten  Vorteil  auf,  den  die
Wasserverfrachtung  von  bzw.  nach  Cosel  bringt.  Selbst  wenn
dieser  Tarif,  wie  die  oberschlesischen  Industriellen  fordern,  auf
ein  niedrigstes  Maß  reduziert  würde,  würden  mit  fortschreitender ­
  Entwicklung  immer  wieder  Schwierigkeiten  besonders  im
Umschlagbetrieb  entstehen.  Nur  der  Anschluß  durch  einen  zum
Großschiffahrtsweg  ausgebauten  Klodnitzkanal  wird  der  oberschlesischen ­
  Kohlen-Eisenindustrie  die  erhofften  Vorteile  der
Odergroßschiffahrtsstraße  bringen.
Der  Klodnitzkanal*)  beginnt  am  Mundloch  des  Hauptschlüssel-Erbstollen ­
  der  fiskalischen  Königin  Luise-Grube  bei
Zabrze,  geht  durch  die  Kgl.  Eisenhütte  Gleiwitz,  begleitet  dann
auf  45  Kilometer  den  Klodnitzfluß  und  mündet  gegenüber  Cosel
nördlich  vom  Bahnhof  in  die  Oder.  Die  18  Schleusen  des  Kanals ­
  überwinden  auf  44.3  Kilometer  43.75  m  Gefälle  in
Abständen  von  1.1  bis  4.5  Kilometer.  Sie  haben  eine  nutzbare
Länge  von  35.33  m  und  Breite  von  4.08  m,  lassen  demnach ­
  Schiffsgefäße  von  höchstens  34.50  m  Länge  und  3.95  in
Breite  hindurch,  was  etwa  bei  1.50  in  Fahrwassertiefe ­
  einem  Gebalt  von  140  To.  entspricht.  Die  Schiffsbewegung
erfolgt  durch  Treideln  mit  Menschen-  oder  Pferdekraft.  Das
Schleppen  durch  Dampfer  mit  höchstens  2  Fahrzeugen  im  Anhang ­
  ist  gestattet,  dabei  darf  die  Fahrgeschwindigkeit  3.5  Kilometer ­
  in  der  Stunde  nicht  überschreiten.  Das  Nebeneinanderfahren ­
  oder  Kuppeln  von  Fahrzeugen  und  das  Segeln  sind  auf
dem  Kanal  untersagt.  Geschleußt  Wird  regelmäßig  nur  bei
Tage.
Der  Klodnitzkanal  ist  also  alles  andere  nur  kein  modernes
Verkehrsmittel,  denn  seit  seiner  Erbauung  1788—1812^)  sind
nur  die  nötigsten  Reparaturarbeiten,  nicht  aber  wesentliche  Erweiterungen ­
  vorgenommen  worden^).  Vergleicht  man  ihn  z.  B.
mit  dem  im  Interesse  des  rheinisch-westfälischen  Jndustriereviers
1)  Führer  aus  den  deutschen  Schiffahrtsstraßen,  V.  Teil:  Das
Odergebiet.  C.  136  sf.  I.  Partsch  I,  S.  199  ff.
2)  Die  Neubaukosten  betrugen  ca.  2,4  Mill.  Mk.  1888  wurden
1,120  Mill.  Mk.  zu  Wiederherstellungsarbeiten  ausgeworsen.
3)  Zuletzt  1888  bis  1892  mit  1  Mill.  Mk.  Kosten,  jedoch  ohne
bedeutenden  wirtschaftlichen  Erfolg.
        <pb n="103" />
        91

1893--1897  erbauten  Dortmund-Ems-Kanal,  der  3  bis  4fache
Abmessungen  aufweist  und  Schiffe  bis  zu  600  Tonnen  Tragfähigkeit ­
  faßt,  so  kann  man  den  Klodnitzkanal  einen  Miniaturkanal ­
  nennen.
Solange  die  Oderschiffahrtsstraße  selbst  nur  für  kleinere
Kähne  befahrbar  war,  genügten  die  beschränkten  Verhältnisse  des
Kanals.  Aber  seitdem  die  Oder  durch  die  nahezu  beendeten  Regulierungsarbeiten ­
  des  Wasserstraßengesehcs  von  1905  zu  einem
Großschiffahrtsweg  geworden  ist,  daß  sie  von  Cosel  ab  Schiffe
bis  600  Tonnen  trägt 1 ),  bringt  der  Klodnitzkanal  in  seinem
heutigen  Austande  dem  wachsenden  Transportbedürfnis  der  oberschlesischen
  Industrie,  für  die  er  doch  geschaffen  worden  ist,  gar
keinen  Nutzen.  Der  Verkehr  auf  ihm  ist  äußerst  gering,  da  die
kleinen  Kähne  bei  langsamster  Beförderung  gegeniiber  dem  Eisenbahntransport ­
  bis  Cosel  fast  keine  Frachtersparnis  erzielen,  ihre
Ladung  im  Coseler  Oderhafen  ebenso  wie  wie  Eisenbahntransporte ­
  in  größere  Oderkähne  umgeschlagen  wird,  die  Kosten  dafür
sogar  höher  sind  als  bei  den  mit  praktischen  Entladevorrichtungen
versehenen  Eisenbahnwaggvns.  So  wurden  im  Gleiwitzer  Kanalhasen ­
  z.  B.  an  Steinkohlen  umgeschlagen  nach  Cosel-Oderhafen:


1906

3000  To.

1911

5900  „

1912

6525  „

außerdem  kleine  Mengen  Eisen  und  Aink.
Der  Plan,  den  Klodnitzkanal  zum  Großschiffahrtsweg  auszubauen, ­
  ist  schon  in  den  1890er  Jahren  aufgetaucht  und  ernstlich
erwogen  worden.  Der  Oberschlesische  Berg-  und  Hüttenmännische ­
  Verein  ließ  1896  ein  dahingehendes  Projekt  ausarbeiten^),
welches  feststellte,  daß  einem  Kanal  für  Schiffsgefäße  bis  400  To.
Tragfähigkeit  keine  besonderen  Schwierigkeiten  entgegenstünden.
Die  Kosten  seien  so  gering,  daß  seine  Anlage  als  Aktienunternehmen ­
  lohnend  sei.  Als  Hauptschwierigkeit  erschienen  die  Gebühren, ­
  die  der  Fiskus  erheben  würde,  und  die  Perpendikulartarife
  der  Staatseisenbahn  für  die  kurzen  Anschlußstrecken  von
den  Gruben  und  Hütten  zu  dem  Kanal.  Aus  diesem  Grunde  1  2

1)  s.  Anmerkung  S.  87  f.
2)  Zeitschrift  des  Vereins,  1898,  S.  74  ff.
        <pb n="104" />
        92

entwarf  das  genannte  Projekt  ein  Schleppbahnsvstem.  das  die
größten  Jndustriewerke  mit  dem  Gleiwitzer  Kanalhafen  verband.
So  aussichtsreich  der  Entwurf  auch  war,  scheiterte  er  doch
an  den  zuwiderlaufenden  Staatsbahninteressen.  Bei  dem  mehr
als  z.  B.  in  Rheinland-Westfalen  überwiegenden  Anteil  der
Eisenbahn  an  dem  Verkehr  der  Industrieprodukte  Oberschlestens
fürchtete  die  Staatsbahnverwaltung  für  die  Rentabilität  der
oberschlesischen  Bahnen,  wenn  ein  Groß-Klodnitzkanal  einerseits
den  Gesamtperpendikulärverkehr  voin  Jndustrierevier  nach  dem
Coseler  Oderhafen  und  anderseits  einen  bedeutenden  Anteil  an
den  Transporten  nach  dem  weiteren  Inland  an  sich  bringen
würde.  Vom  Standpunkt  des  Staatsbahninteresses  lag  zum
Bau  des  Großkanals  durchaus  keine  Veranlassung  vor,  da  sie  damals ­
  noch  jeder  voraussichtlichen  Verkehrssteigerung  gewachsen
erschien,  also  nichts  abzugeben  gezwungen  war,  in  welchem  Falle
die  Eisenbahnverwaltung  sich  dagegen  gerade  im  Ruhrrevier  befand, ­
  wo  sie  denn  auch  deir  Bau  des  Dortmund-Ems-Kauals
eifrig  befiirwortete.  Eine  solche  Jnteressenpolitik  der  Staatsbahn ­
  ist  aber  vom  Standpunkt  dr  Gerechtigkeit  zu  verwerfen,
vor  allem  beruht  sie  auf  der  falschen  Voraussetzung,  daß  eine  leistungsfähige ­
  Wasserstraße  einer  parallellaufenden  Eisenbahn
jedesmal  eine  Transportabnahme  beibringe^),  während  doch  feststeht, ­
  daß  durch  das  Zusammenarbeiten  der  beiden  Verkehrsmittel ­
  nach  dem  Prinzip  der  Arbeitsteilung  eine  gesündere  Differenzierung ­
  der  Verfrachtungen  als  dies  durch  die  Eisenbahnfrachtpolitik ­
  geschieht,  erzielt  wird  und  gewöhnlich  eine  raschere
Verkehrssteigerung  als  Folge  erscheint.
Allerdings  gab  die  Eisenbahnverwaltung  den  industriellen
Interessen  in  der  Art  Raum,  daß  sie  einige  Tarife  ermäßigte,
besonders  1897  den  allgemeinen  Rohstosstarif  bewilligte  sowie
für  Oberichlesien  einige  Ausnahmetarife  (Kohle  und  Erz)  nach
Berlin,  Stettin  und  dem  oft-  und  westpreußischen  Küstengebiet^).
Heute  aber,  wo  die  Eisenbahnverwaltung  auf  Anträge  um  Tarifermäßigung ­
  stets  erklärt,  sie  könne  in  Rücksicht  auf  die  Rentabilität ­
  ihrer  Anlagen  beim  besten  Willen  nicht  zu  niedrigeren

1)  s.  a.  W.  Lotz  I,  S.  106  sf.
2)  I.  v.  Renauld,  S.  50  sf.
        <pb n="105" />
        93

Tarifsätzen  fahren'),  wo  die  Hauptstrecken  der  oberschlesischen
Eisenbahnen  trotz  großzügigsten  Ausbaues  überlastet  sind  und
den  Anforderungen  rascher  Konjunktursteigerungen  des  öfteren
nicht  folgen  können,  wo  der  Mangel  an  Wasserstraßen  die  oberschlesische ­
  Industrie,  besonders  die  Eisenindustrie  bei  bester  Betriebsgrundlage ­
  und  Organisation  gegenüber  den  konkurrierenden ­
  Industrien  vornehmlich  Westdeutschlands,  denen  ein  weites
Netz  guter  Schiffahrtstraßen  zur  Verfügung  steht,  nicht  recht  vorwärts ­
  kommen  läßt,  heute  ist  der  Bau  des  Groß-Klodnitzkanals
dringende  Lebensfrage  der  gesamten  oberschlesischen  Industrie.
Bei  den  nicht  sehr  reichen  Wassermengen  der  Klodnitz  und
ihrer  Zuflüsse  ist  die  Verringerung  der  Schlcusenzahl,  die  Steigerung ­
  der  Stauhöhe  der  Schleusenstufen  unbedingt  erforderlich^). ­
  Damit  würden  die  den  Verkehr  verhindernden,  allzu
kurzen  Fahrstrcken  des  heutigen  Kanals  verlängert  werden^).
Der  Kanal  rnüßte  über  Glciwitz  nach  zwei  Richtungen  hinausgeführt ­
  werden.  Einerseits  wäre  das  schon  1881  gefaßte  Projekt ­
  der  Kanalisierung  des  Beuthener  Wassers  zu  verwirklichen
und  anderseits  der  obere  Laus  des  Klodnitzflusses  bis  Makoschau-Bielschowitz
  zum  Kanal  auszubauen').  -  Jener  Kanal  würde
das  heutige  Zentrum  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie,
Znbrze-Beuthen,  dieser  hingegen  das  künftige  Steinkohlengebiet
im  Süden  des  Bezirks,  wohin  der  Steinkohlenbergbau  inimer
mehr  vordringt,  erreichen.  Hier  wie  bei  Zabrze  hat  auch  der
fiskalische  Bergbau  ein  starkes  Interesse  an  einer  billigen  und
leistungsfäbiaen  Wasserstraße.
Durch  einen  solchen  Groß-Klvdnitzkanal°)  in  Verbindung
mit  der  jetzt  und  in  Zukunft  noch  weiter  verbesserten  Oderschifffahrtsstraße ­
  würde  die  Verkehrskalamität  des  oberschlesischen  Jndustriebezirks
  beseitigt,  seine  Konkurrenzfähigkeit  gegenüber  dem
1)  F.  Jüngst,  S.  521  ff.
2)  Durch  Schiffshebewerke  in  der  Art  des  am  Dortmund-Ems-Kanal
  bei  Henrichenburg,  das  16  m  Hubhöhe  besitzt.
3)  2  zu  1,1  km,  2  zu  1,5  km,  1  zu  1,6  km,  1  zu  2,0  km,
2  zu  2,1  km,  2  zu  2,7  km,  1  zu  2,9  km,  1  zu  3,1  km,  1  zu  3,2  km,
2  zu  3,5  km,  1  zu  4,1  km,  1  zu  4,5  km.
4)  Zeitschrift  des  Vereins,  1881,  S.  156  ff.
5)  F.  Jüngst  berechnet  die  Verbilligung  der  Erzfracht  Stettin-Gleiwitz
  von  7,32  auf  5,20  Mtz.  pro  To.  (S.  528)  f.  a.  die  Auskührungen ­
  W.  Neumeisters,  S.  61  f.
        <pb n="106" />
        94

Inland  wie  Ausland  hinreichend  gestärkt  werden,  sodaß  die
oberschlesischen  Industrieprodukte  wieder  in  den  uneingeschränkten ­
  Besitz  ihres  natürlichen  Absatzmarktes  im  Jnlande,  mittels
des  Seehafens  Stettin  sogar  auf  den  Weltmarkt  unter  günstigen
Bedingungen  gelangen  könnten.
Die  Frage  der  Rückfrachten  ist  sogleich  durch  den  steigenden
Bedarf  der  Eisenwerke  an  fremden  Erzen,  wobei  die  schwedischen
immer  mehr  in  den  Vordergrund  rücken,  sowie  den  Transport
des  steigenden  Nahrungsmittelbedarfs  der  rasch  wachsenden  Jndustriebevölkerung
  Oberschlesiens  gelöst.
Der  zweite  für  eine  wenn  auch  nur  beschränkte  Schiffahrt
in  Betracht  kommende  oberschlesische  Fluß  ist  die  Przemsa*),  die
zugleich  Grenze  gegen  Österreich-Ungarn  ist.  Sie  kommt  aus
Rußland,  wird  nach  Aufnahme  der  Brinitza,  die  solange  die
Grenze  geaen  Rußland  bildet,  an  der  „Dreikaiserreichsecke"  bei
Myslowitz  schiffbar  und  mündet  nach  einem  weiteren  Lauf  von
26.4  Kilometer  bei  Czarucho  nördlich  von  Oswiecim  in  die
Weichsel.  Von  Myslowitz  ab  ist  der  Fluß  reguliert  und  dient
der  Verfrachtung  von  Steinkohlen  nach  Galizien  und  Russisch-Polen.
  Die  geringe  Fahrwassertiefe  von  0.50  bis  0.80  Meter
läßt  nur  die  flachgehendeu,  prahmartigen  Galeeren  zu,  die  höchstens ­
  25  Tonnen  tragen.  Die  beladenen  Kähne  werden  stromab
mit  Stangen  gestoßen  und  leer  stromauf  durch  Pferde  getreidelt.
Das  Frühjahrshochwasser  ermöglicht  einen  lebhafteren  Verkehr,
immerhin  sind  die  verfrachteten  Mengen  beschränkt.  So  wurden
Steinkohlen  verladen:  1901  :  12  000  To.,  1906  :  12  000  To.,
1911  :  26  000  To.,  1912  :  29  630  To.
Doch  würde  bei  einer  gründlichen  Kanalisierung  1  2 )  die  Leistungsfähigkeit ­
  dieses  Wasserweges  soweit  gesteigert  werden  können, ­
  daß  die  an  der  russischen  und  österreichischen  Grenze  geleaenen
  obers-blesischen  Steinkohlengruben  in  der  Erleichterung  des
bedeutenden  Absatzes  nach  Galizien  und  Russisch-Polen  ein  kleines ­
  Äquivalent  für  den  Bau  des  Groß-Klodnitzkanals,  an  dem
sie  weniger  Anteil  haben  als  die  westlichen  Zechen,  erhalten
würden.

1)  Führer  a.  d.  deutschen  Schiss-Str..  Odergebiet,  S.  144  f.
2)  Rußland  hat  mit  der  Regulierung  des  russischen  Teils  der
Przemsa  begonnen.
        <pb n="107" />
        95

Durch  die  staatsseitigen  Aufwendungen  für  die  Oderstraße
erscheint  die  Frage  der  Schiffahrtsabgaben  auf  der  Tagesordnung ­
  der  oberschlesischen  Jndustrieinteressen.
Nach  Artikel  54  der  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  ist  die
Schiffahrt  auf  den  deutschen  Strömen  von  Abgaben  frei.  Dieses
Prinzip  fällt  in  dem  durch  das  Gesetz  vom  24.  Dezember  1911 1 ),
„betreffend  den  Ausbau  der  deutschen  Wasserstraßen  und  die  Erhebung ­
  von  Schiffahrtsabgaben"  abgeänderten  Absatz  4  des  Artikels ­
  54  der  Reichsverfassung,  indem  der  Staat  auf  natürlichen
Wasserstraßen  für  solche  —  d.  h.  nur  für  solche  —  Anstalten
(Werke  und  Einrichtungen)  Abgaben  erheben  darf,  die  zur  Erleichterung ­
  des  Verkehrs  bestimmt  sind.  .  .  „Sie  dürfen  bei  staatlichen ­
  und  kommunalen  Anstalten  die  zur  Herstellung  und  Unterhaltung ­
  erforderlichen  Kosten  nicht  übersteigen.  Die  Herstellungs-
  und  Unterhaltungskosten  für  Anstalten,  die  nicht  nur  zur
Erleichterung  des  Verkehrs,  sondern  auch  zur  Förderung  anderer
Zwecke  und  Interessen  bestimmt  sind,  dürfen  nur  zu  einem  verhältnismäßigen ­
  Anteil  durch  Schiffahrtsabgaben  aufgebracht
werden.  Als  Kosten  der  Herstellung  gelten  die  Zinsen  und  Tilgungsbeträge ­
  für  die  aufgewendeten  Kapitalien.  Die  Vorschriften ­
  finden  auch  Anwendung  auf  die  Abgaben,  die  für  künstliche
Wasserstraßen  und  für  Anstalten  an  solchen  sowie  in  Häfen  erhoben ­
  werden")."
Bis  1874  dienten  die  für  die  Oder  geleisteten  Aufwendungen ­
  weniger  der  Schiffahrt  als  vielmehr  der  allgemeinen  Landeskultur. ­
  Auch  weiterhin  bis  zum  Abschluß  der  ersten  größeren
Strombauten  1897  wurden  Abgaben  nicht  erhoben,  da  so  lange
die  Oderschiffahrt  unbedeutend  war.  Am  18.  Juli  1897  wurde
dann  der  Schiffahrtsabgabentarif  für  die  obere  Oder  erlassen,
der  1898  in  Kraft  trat.  1  2
1)  W.  Lotz  I,  S.  97.  Reichsgesetzblatt,  Jahrgang  1911,  No.  72.
2)  Von  den  übrigen  Bestimmungen  des  angeführten  Wassergesetzes
  interessieren  uns  hier  nur  noch,  daß  für  die  Bemessung  der
Befahrungsabgaben  im  Bereiche  der  Binnenschiffahrt  die  Gesamtkosten ­
  für  eine  Wasserstraße,  ein  Stromgebiet  oder  ein  Wasserstraßennetz
  zu  Grunde  gelegt  werden  darf,  und  daß  Kohlen  und  Erze
stets  in  die  niedrigste  der  5  Tarisklassen  lzu  höchstens  0,02,  0,04.
0,06,  0,08  und  0,1  Pfennig  pro  1km  je  nach  der  Art  der  Güter
wie  der  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  Stromabschnitte  für  den
Verkehr)  gehören.
        <pb n="108" />
        96

Dieser  Tarif  war  gegenüber  dem  gleichzeitig  für  den  Dortmund-Emskanal ­
  verfügten  unvergleichlich  hoch.  Pro  Tonnenkilometer ­
  stellte  sich  die  Abgabe  auf  dem  Dortniund-Emskanal  in
den  ersten  Jahren  auf  0.037  Pfg.,  später  auf  0.11  Pfg.,  dagegen
auf  der  oberen  Oder  sofort  auf  0.15  Pfg.,  wenn  man  auch  die
lediglich  regulierte  Strecke  Neissemündung—Breslau  anrechnet,
und  sogar  auf  0.225  Pfg.,  wenn  man  nur  die  tatsächlich  kanalisierte ­
  Strecke  Cosel—Neissemündung  berücksichtigt.  Dabei  waren
die  für  den  Dortmund-Emskanal  aufgewendeten  Summen  unvergleichlich ­
  höher  als  die  für  die  Kanalisierung  und  Regulierung
der  oberen  Oder.  Auf  die  Vorstellungen  der  oberschlesischen  Industrie ­
  wurde  ein  neuer  Odertarif  vom  12.  September  1902  verfügt, ­
  der  die  Gleichstellung  der  Oderschisfahrt  mit  dem  Dortmund-Emskanal ­
  aber  nicht  brachte,  sondern  immer  noch  höher  ist.
Trotz  der  hohen  Tarife  ist  das  Ziel,  die  aufgewendeten  Kapitalien ­
  zu  verzinsen  und  amortisieren  und  die  laufenden  Betriebskosten ­
  zu  erstatten,  «richt  erreicht  worden,  da  der  Verkehr
infolge  der  unzureichenden  Schiffbarkeit  des  Oderstromes  bisher
in  engen  Grenzen  geblieberr  ist.  Die  Regierung  hat  darauf  derr
Plan  aufgenommen,  den  Schleppzwang  und  staatlichen  Schleppbetrieb ­
  wie  auf  den  anderen  Wasserstraßen  des  Landes  auch  auf
der  Oder  einzuführen.  Diese  Maßregel  aber  würde  den  Hauptvorteil ­
  der  Wasserverfrachtung,  die  freie  Konkurrenz  auf  dem
Frachtenmarkt  fast  restlos  beseitigen,  wie  die  Entwicklung  des
Schiffahrtsbetriebes  durch  die  voraussichtlich  hohen  Schlepptarife
sicher  gehemmt  werden  würde.  Dagegen  erscheint  als  das  zweckmäßigste
  Mittel  zur  Erzielung  recht  ausreichender  Einnahmen
aus  den  Schiffahrtsabgaben  die  Förderung  des  Verkehrs  durch
großzügigen  Ausbau  der  Wasserstraße  und  möglichste  Ermäßigung ­
  der  Gebühren*).  Der  nrassenhafte  Verkehr  allein  kann  die
bedeutenden  Kapitalien  verzinsen.
Eine  spezielle  Verkehrsfrage  bewegt  noch  gegenwärtig  das
Interesse  der  oberschlestschen  Kohlen-Eisenindustrie:  die  durch
den  Berlin-Stettiner  Großschiffahrtsweg  nach  seiner  Eröffnung
Ende  dieses  Jahres  zu  gewärtigende  Verschiebung  der  Wettbewerbsverhältnisse ­
  Oberschlesiens  auf  dem  Berliner  wie  brandenbürgisch-pommerschen
  Markt.

1)  W.  Lotz  I.  S.  115.
        <pb n="109" />
        97

Die  Verbindung  Berlins  mit  Stettin  durch  den  1604—
1620  erbauten  und  1740—1746  wie  auch  später  oft  erweiterten
Finowkanal  erwies  sich  bei  der  enormen  Verkehrssteigerung  der
letzten  Jahrzehnte  als  völlig  unzureichend.  Daher  wurde  seit
den  1870er  Jahren  die  Errichtung  einer  Großschiffahrtsstraße
geplant,  die  in  der  Kanalvorlage  von  1901  Gestalt  annahm,  doch
erst  mit  dem  großen  Wasscrgesetz  von  1905  durchging.
Mit  über  45  Millionen  Mark  Kosten  ist  der  Berlin-Stettiner
  Großschiffahrtswegs)  ui  diesem  Jahre  fertiggestellt  worden,
seine  Eröffnung  soll  im  Frühjahr  1914  erfolgen.  Er  führt  von
Berlin  nach  Hohensaathen  in  die  Oder,  indem  er  teilweise  den
Lauf  des  alten  Finowkanals  benutzt,  ist  106.7  Kilometer  lang
und  wird  bei  2.05  bis  2.55  in  Tiefe  Fahrzeuge  von  68  in
Länge,  8  ni  Breite  und  1.75  m  Tiefgang,  gleich  ca.  600  Tonnen
Ladefähigkeit  tragen  können.
Die  Folge  dieses  modernen  Wasserweges  wird  eine  bedeutende ­
  Verbilligung  der  Transportsätze  Stettin—Berlin  und  umgekehrt ­
  sein,  schätzungsweise  0,72  bis  0,97  Jl  pro  To.  Diese
Verbilligung  wird  besonders  bei  Gewichtsmaterialien  wie  Steinkohle, ­
  Eisen,  Zement  usw.  von  Wichtigkeit  sein,  indem  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  Oberschlesiens  gegenüber  den  die  neue  Großschiffahrtsstraße ­
  benutzenden  englischen  und  rheinisch-westfälischen
Kohlen-Cisenprodukten  dadurch  geschwächt  werden  wird.
Der  §  6  des  Wasserstraßengesetzes  vom  1.  Mai  1905  bestimmte ­
  im  Interesse  der  Erhaltung  der  Konkurrenzfähigkeit  der
oberfchlesifchen  Montanindustrie  auf  dem  Berliner  Markt,  daß
nach  Eröffnung  des  Berlin—Stettiner  Kanals  die  Frachtenspannung ­
  auf  dem  Schnittpunkte  Berlin  für  die  seewärts  eingehenden ­
  englischen  Kohleir  einerseits  und  die  oberschleüschen
Kohlen  anderseits  dadurch  garantiert  werden  solle,  daß  gegebenenfalls ­
  für  die  oberschlesischen  Kohlen  Frachtkompensationen
verfügt  werden.
Während  nun  die  oberschlesischen  Industriellen  aufgrund
der  damaligen  Parlamentsverhandlungen  und  ihrer  Vorgeschichte
niemals  daran  zweifelten,  daß  wenn  und  insoweit  diese  Kvmpensationen
  aus  dem  Wege  der  Verbesserung  der  Oderstraße  nicht

1)  P.  Gaeths,  S.  25  ff.  Berichte  1904/1912.  Denkschrift  des
Vereins,  S.  29.  Stettin  als  Handels-  u.  Industrieplatz.  (Denkschrift.)
        <pb n="110" />
        98

möglich  sein  sollten,  sie  ans  dem  Wege  der  Eisenbahntarife  erfolgen ­
  müßten,  d.  h.  aber,  da  bis  heute  die  Verbesserung  der  Oderschiffahrtsverhältnisse ­
  ganz  sicher  jene  Kompensationen  nicht  gewähren ­
  könnten,  zunächst  vorwiegend  und  in  erster  Linie  auf
dem  Gebiete  der  Eisenbahntarife  zu  erfolgen  hätten,  ist  regierungsseitig ­
  die  Richtigkeit  dieses  Standpunktes  zunächst  bestritten ­
  und  lediglich  auf  Wasserstraßenkompensationen  als  einzig
in  Betracht  kommend  verwiesen  worden."
Die  ausführliche  Denkschrift  des  Oberschlesischen  Berg-  und
Hüttenmännischen  Vereins  zu  Kattowitz  „betreffend  die  Verschiebung ­
  der  Wettbewerbsverhältnisse  für  die  oberschlesische  Montanindustrie ­
  durch  die  Inbetriebnahme  des  Großschiffahrtsweges
Stettin-Berlin"  vom  30.  November  1911  hat  die  Staatsregierung ­
  überzeugt,  so  daß  diese  eisenbahntarifarischen  Maßnahmen
ihre  Zustimmung  gegeben  hat.
Wenn  auch  als  Grundsatz  gelten  muß.  daß  Vcrkehrsverbesserungen
  zugunsten  eines  Landesteils  an  sich  nicht  gleich  Ausgleichsforderungen
  der  anderen  Landesteile  begründen,  so  erscheint ­
  doch  im  vorliegenden  Falle  die  Gewährung  von  Kompensationen ­
  an  die  für  das  Staatsganze  so  wichtige  oberschlestsche
Montanindustrie  gerecht,  umsoinehr  als  das  Ausland  sonst  den
größten  Vorteil  ziehen  würde.
Doch  ist  die  neue  Schwierigkeit  des  richtigen  Zeitpunktes
der  zu  gewährenden  Kompensationen  aufgetaucht,  indem  die
Regierung  an  Maßnahnien  erst  Herangehen  will,  wenn  sich  die
Verschiebung  der  Konkurrenzverhältnisse  genau  haben  feststellen
lassen.  Wir  müssen  den  Standpunkt  der  genannten  Denkschrift
vertreten,  daß  die  Kompensationen  gleichzeitig  mit  der  Eröffnung ­
  des  Berlin-  Stettiner  Großschiffahrtsweges  in  Kraft  gesetzt ­
  werden,  um  zu  verhindern,  daß  die  befürchteten  Schädigungen ­
  der  schlesischen  Montanindustrie  überhaupt  erst  eintretenH.
  Denn  die  Rückeroberung  einmal  verlorener  Märkte  ist
meist  sehr  schwer,  vielfach  unmöglich.
Natürlich  dürfen  jene  eisenbabntarifarischen  Maßnahmen
nur  so  lange  Gültigkeit  haben,  als  die  sie  rechtfertigende  Voraussetzung ­
  besteht,  daß  die  Leistungsfähigkeit  der  Oderschiffahrts-.
  straße  ungenügend  ist,  eine  Kompensation  von  sich  aus  zu  bieten.

1)  Denkschrift,  S.  13  fs.
        <pb n="111" />
        8

99  —

Stets  geht  mit  größter  Deutlichkeit  hervor,  daß  die  Gesundung ­
  der  Verkehrsverhältnisse  der  oberschlesischen  Montanindustrie ­
  allein  durch  Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  der  Oderschifffahrtspolitik ­
  herbeizuführen  ist.  Sowohl  die  Staatseisenbahnverwaltung ­
  wie  die  Industrie  sollte  darnach  streben,  die  für  beide
vorteilhafteste  Lösung  der  Verkehrsfragen  Oberschlesiens  in  dem
Klodnitz-Odergroßschiffahrtsweg  zu  verwirklichen.

§  7.  Der  Produktionsprozeß.
Wir  haben  damit  die  Erörterung  der  Hauptgrundlagen  der
oberschlestschen  Kohlen-Eisenindustrie:  Natur,  Arbeit,  Kapital,
Verkehrsmittel  beendet.  Welches  ist  nun  ihre  Produktion?
Zunächst  mögen  einige  vergleichende  Aufstellungen  einen
kurzen  Überblick  geben*).
A)  Steinkohlenproduktion.
in  1  0  0  0  To.  in  %  Anteile  an  d.  Produktion ­
  d.  deutsch.  Zollgb.

1881—85  i.D.  11  609  21.3
86—90  „  14  601  22.7
91—95  „  17  303  23.0
96—00  „  22  213  22.9
1901—05  „  25  477  22.2
06—10  „  32  987  22.6
1911  36  623  22.8
1912  41  543  23.4

B)  Oberschlesiens  Steinkohlenproduktiou  im  Vergleich  zu
den  benachbarten  Kohlenrevieren.
Ostrau-  Jaworzno.  Rufs.  Summe.  Ober-Karwin.
  Polen.  schlesien.
in  1000  To.

1901—05  i.  D.

6180

945

4240

11  365

25  477

06—10  „

7300

1285

5280

13  865

32  987

1911

8074

1653

5770

15  497

36  623

1912

8770

1922

6315

17  007

41  543

2)  Nach  den  Statistiken  des  Vereins.
        <pb n="112" />
        —  100  —

■■'V"

C)  Koksproduktion.
in  1  0  0  0  To.

1896—

-1900

i.  D.

1350

1901--1905



„

1288

1906--1910



„

1608

1911

1843

1912

2086

D)  Roheisenproduktion.

•  i  n

1  0

0  0  To.

in  %  Anteile  an  d.  Produktion ­

  d.  deutsch.  Zollgb.

1881—85

i.D.

384

11.3  -

86—90

„

440

10.5

91—95

„

494

9.8

96—00

„

690

10.0

1901—05

„

752

7.94

06—10

„

904

6.99

1911

963

6.21

1912

1048

5.92

E)  Spezialisierung  der  Roheisenproduktion.
Gießerei  Bessemer  Thomas  Puddel  Spezial-*)
Roheisen  in  1000  To.

1901—05  i.  D.

80

52

228

373

34

06—10  „

84

35

315

341

129

1911

90

17

335

258

263

1912

98

8

356

264

322

F)  Stahl-  und  Walzwerksproduktion.
Stahlwerke  Walzwerke
in  1  0  0  0  To.

1901—05  i.D.

851

778

06—10  „

1119

1063

1911

1320

1033

1912

1491

1166

t)  Unter  Spezialroheisen  sind
-silicium,  Stahleisen,  Spiegeleisen.

verstanden:

Ferromangan
        <pb n="113" />
        —  101  —

G)  Spezialisierung  der  Stahlwerksproduktion.
Flußeisenblöcke.  Schweißeisen.

in  1  0  0  0  To.

Thomas.  Siem.-Mart.  Tiegel.  Formguß.  Luppen.

1901—05  i.  D.

234

345

6

6

225

06—10  i.  D.

309

640

8

8

150

1911

340

878

7

9

86

1912

341

1047

8

10

85

SS)  Fertigerzeugnisse  der  Walzwerke.

Eisenb.-Ober-Grobbleche



Feinbleche

baumaterial

i  n

10  0  0

T  o.

1901-  05  i.  D.

63

66

59

06-10  i.  D.

135

108

89

1911

136

119

105

1912

109

126

113

I)  Produktion  der  Eisen-  und  Stahlgießerei.

Eisenguß

dav.  Röhren

Stahlguß

i  n

10  0  0

T  0.

1901—05  i.

D.  62

16

5

06  —10  i.

D.  72

20

8

1911

81

17

10

1912

95

20

12

K)  Verfeinerungseisenindustrie.

Rohrwalzwerke  Preß-Hamme»  Kaltwalzwerke
Rohrpreßwerke  Werke  Kleineisenfabr.
Rohrschweiß  Etsenblechwarenf.
in  1  0  0  0  To.

1904—06  i.  D.

49

35

79

07—09  „

64

52

90

1910

69

45

92

1911

83

52

98

1912

106

63

106

Konstruktions-Maschinenbau



Werkstätten

Anstalten

in  10

0  0  T  0.

1904—06  i.  D.

34

10

07—09  i.  D.

40

9

1910

36

8.5

1911

41

15

1912

49

23
        <pb n="114" />
        —  102  —

Überblicken  wir  diese  Aufstellungen,  so  ist  die  oberschlesische
Steinkohlenpwduktion  mit  der  deutschen  Kohlenindustrie  in  der
Entwicklung  mitgekommen,  ja  sie  hat  ihre  Quote  noch  erhöhen
können  (um  0,4  %  gegenüber  dem  Maximum  1891—95).  Dasselbe ­
  günstige  Bild  zeigt  der  Vergleich  mit  den  benachbarten
österreichischen  und  polnisch-russischen  Kohlenindustrien,  die  die
Fortsetzungen  des  oberschlesischen  Beckens  jenseits  der  Grenze  abbauen. ­
  Die  Förderzahlen  Oberschlestens  haben  die  jener  Reviere
um  ca.  8%  zurückgelassen.
Was  die  Gestehungskosten  der  oberschlesischen  Steinkohle
anlangt,  so  sind  sie  bei  den  aus  der  weitaus  günstigsten  Lagerung
resultierenden  niedrigen  .,reinen"  Förderkosten,  sowie  den  geringen ­
  Arbeitskosten  immer  noch  bedeutend  niedriger  als  in  den
anderen  Steinkohlenbezirken  des  Deutschen  Reiches,  ca.  2  Jl
billiger  als  im  Waldenburger  und  Saarrevier  und  ca.  1.20  bis
1.50  oft  als  im  rheinisch-westfälischen  Steinkohlenrevier.
Dabei  ist  zu  berücksichtigen,  daß  die  Qualität  der  Förderung
mit  steigender  Abbautiefe  ständig  zunimmt  und  damit  auch  der
Wert  der  Kohle.  Der  Hauptteil  der  oberschlesischen  Steinkohlensörderung
  besteht  aus  gasreichen  Flammkohlen,  dle  sich  zur
Kesselfeuerung  und  als  Hausbrand  vorzüglich  eignen.  Darin
übertreffen  sie  sämtliche  deutsche  Steinkohlen  und  stehen  den
englischen  völlig  gleich.  Mangel  herrschte  dagegen  bisher  an
guten  Kokskohlen,  die  bis  vor  ca.  10  Jahren  in  der  Hauptsache
nur  die  fiskalischen  Zechen  (Königin  Luise-Grube  bei  Zabrze)
fördern  konnten.  Seit  1901  haben,  wie  oben  erwähnt,  die  Steinkohlenzechen ­
  der  Eisenhüttengesellschaften  und  noch  mehr  die  der
Zinkhütten  die  Koksproduktion  in  erstaunlicher  Weise  steigern
können,  während  die  fiskalische  Förderung  nur  um  ein  geringes
gewachsen  ist?)
Die  Gestehungskosten  des  oberschlesischen  Koks  sind  infolge
der  billigeren  Kohle  ebenfalls  die  niedrigsten  im  Deutschen  Reich,
obgleich  die  Differenz  durch  das  geringere  Ausbringen  der  oberschlesischen ­
  Kokskohle  etwas  vermindert  wird.-1)

  Von  1901—1912  um  100  Proz.  bezw.  120  Proz.  bezw.  14  Proz.
s.  Tabelle  S.  32.
        <pb n="115" />
        103  —

Die  Roheisenproduktion  weist  zwar  eine  ständige  absolute
Zunahme  auf,  ihr  Anteil  an  der  gesamten  deutschen  Roheisenerzeugung ­
  ist  jedoch  fortgesetzt  und  bedeutend  gesunken.  Die  speziellen ­
  Zahlen  erweisen  die  Materialverfeineruna,  indem  die
Puddeleisenprodultion  stark  gesunken,  die  der  Spezialroheisensorten ­
  auffallend  rasch  gewachsen  ist.
Die  Statistik  der  Stahl-  und  Walzwerke  ist  das  getreue
Abbild  der  Roheisenzahlen.  Das  oberschlestsche  Roheisen  wird
im  Gegensatz  zu  dem  westdeutschen  nur  in  ganz  geringen  Mengen ­
  als  -Gießereieisen  unverarbeitet  verkauft,  sondern  fast  völlig
zu  Stahl  im  Bezirk  verarbeitet.  Die  speziellen  Zahlen  zeigen
den  Rückgang  der  Schweißeisenproduktion,  an  der  Oberschlesten
so  lange  geklebt  hat,  sowie  die  überragende  Stellung  des  Siemens-Martinprozesses ­
  unter  allen  Flußeisenverfahren  d.  h.  die
hohe  qualitative  Entwicklung  der  oberschlestschen  Stahlproduktion. ­
  Erstaunlich  ist  ferner  in  H)  der  bedeutende  Rückgang  der
Eisenbahnoberbau-Materialproduktion.
Im  Ganzen  ist,  wenn  man  auf  die  riesigen  Fortschritte
der  anderen  deutschen  Eisenindustrien  hinsieht,  die  Entwicklung
der  oberschlestschen  Eisenproduktion  in  Roh-  und  Grobmaterial ­
  ungünstig^).  Das  absolute  Steigen  der  Produktion
beweist  noch  nicht  ihre  Wirtschaftlichkeit.  Eine  Untersuchung
der  Gestehungskosten  kann  bei  der  Verschiedenheit  der  Betriebsorganisationen ­
  und  der  Masse  der  Produktionsfaktoren  natürlich ­
  nur  beschränkt  gültige  Resultate  erzielen.
Nach  Simmersbach  betrugen  die  Selbstkosten  in  Oberschlesien ­
  1908  für  die  To?):
Puddel-  Thomas-  Martin-  Gießerei-Roheisen

Erz  und  Kalk  32,50  Jt  33,00  Jl  35,00  M  35,50  Jt
Koks  13,20  Jt  12,50  Jl  14,00  Jt  15,80  Jt
Fabrik.  Unkost.  6—9  Jt  6—9  Jt  6—9  Jt  6—9  Jt
Summe  54,70  M  54,50  Jt  58,00  Jt  60,30  Jt
1)  F.  Kuh,  S.  257.
2)  Erzbergbau  1908,  S.  159.  Wenn  bei  Rheinland-Westfalen
dem  Hochofen  nicht  der  Koks  einer  eigenen  Hüttenzeche  zur  Verfügung ­
  steht,  sondern  Syndikatskoks  gekauft  werden  muß,  so  sollen
sich  die  Selbstkosten  um  6,50  M  erhöhen,  ebenso  bei  Lothring.-Luxemburg
  um  4,00  Jl,  wenn  das  Erz  von  einer  fremden  Grube
gekauft  werden  muß.
        <pb n="116" />
        —  104

Dagegen  nach  Krahmann  1908  für  die  To.  Gießereiroheisen: ­



in  Rheinland-Westf.

Erz  31,10  Jl
Kalk  1,00  Jl
Koks  13,00  Jl
Fabrik.  Unkost.  6,00  Jl
Amortisation  2,00  Jl
Summe  53,10  Jl,

Lothringen-Luxemburg
14,92  Jl
30,00  Jl
7,00  Jl
2,66  Jl

54,58  Jl

Daraus  ergibt  sich  schon,  wieviel  teurer  die  oberschlesischen
Produktionskosten  sind.  Doch  sind  in  den  Aufstellungen  einige
offenbare  Fehler  enthalten,  so  sind  die  oberschlesischen  Erzkosten
viel  höher  als  angegeben^).  Die  Differenz  beträgt  bei  schwedischen ­
  Magneten  zwischen  Rheinland-Westfalen  und  Oberschlesien ­
  pro  To.  3—4  Jl,  auf  die  To.  Roheisen  umgerechnet  aber
4,'30—5,40  Jl  zu  Ungunsten  Obrschlesiens.  Ferner  sind  die
Fabrikationsunkosten  der  rheinisch-westfälischen  Hochöfen  infolge
ihres  größeren  Ausmaßes  und  der  massenhaften  Produktion
weit  geringer  als  in  Oberschlesien.  Vollends  ungenau  sind  die
Angaben  für  Lothringen-Luxemburg,  das  in  Wirklichkeit  10  bis
20%  geringere  Selbstkosten  hat  als  selbst  Rheinland-Westfalen.
Die  Berechnungen  von  A.  Tille  kommen  der  Wahrheit  nahe,  indem ­
  sie  die  Gestehungskosten  des  Minettebezirks  pro  To.  Roheisen ­
  mit  46—47  Jl  angeben.
Durch  das  teurere  Roheisen  sind  naturgemäß  auch  die  Gestehungskosten ­
  des  daraus  erzeugten  Stahleisens  in  Oberschlesien
höher  als  in  den  beiden  anderen  deutschen  Eisenbezirken,  obschon ­
  die  niedrigen  Arbeitskosten,  die  aus  dem  absolut  geringeren
Arbeitslohn,  bei  gleiwertiger  Arbeitsleistung  des  oberschlesischen
Stahlwerksarbeiters,  bei  dem  stärker  „arbeitsorientierten"Stahlprodukt
  einen  Teil  des  Vorsprunges  der  westdeutschen  Eisenindustrie ­
  in  den  Roheisengestehungskosten  wieder  einholt.  Nach
besonderen  Mitteilungen  betragen  zur  Zeit  die  Gestehungskosten ­
  für  Flußstabeisen  pro  To.:
in  Lothringen-Luxemburg
in  Rheinland-Westfalen
in  Oberschlesten

70-76-



  Jt,
-85  Jl
-89  Jl

1)  Persönliche  Mitteilungen.
        <pb n="117" />
        —  105  —
Die  westdeutschen  Eisenindustrien  beherrschen  den  deutschen ­
  Markt,  nach  ihnen  richten  sich  die  Marktpreise  für  Roheisen
und  Stahleisen.  Der  Gewinn  aus  den  Selbstkosten  und  den
Verkaufspreisen  ist  bei  Oberschlesien  um  den  Betrag  der  Gestehungskostendifferenz ­
  verkürzt.  Diesen  Nachteil  können  natürlich ­
  auch  Kartelle  wie  der  Deutsche  Stahlwerksverband  nicht
beseitigen.  Daher  muß  die  oberschlesische  Roheisen-,  Roh-  und
Grobstahlproduktion  weniger  rentabel  sein,  als  die  Westdeutschlands. ­
  Sie  vermag  die  angelegten  Kapitalsummen  nicht  zu
verzinsen,  wie  aus  den  Jahresergebnissen  einiger  oberschlesischer
Eisenhütten  deutlich  hervorgeht.  Eine  Besserung  kann  nur  dann
eintreten,  wenn  es  gelingt,  die  Erzkosten  bis  auf  das  Niveau
Rheinland-Westfalens  herabzudrücken.  Ob  das  durch  eine
Oder-Klodnitz-Großschiffahrtsstraße  bis  zum  vollen  Umfange
wird  möglich  sein,  ist  zweifelhaft,  da  gleichzeitig  auch  die  Verkehrsmittel ­
  der  rheinisch-westfälischen  Hochöfen  si-ber  eine  fortschreitende ­
  Verbesserung  erfahren  werden.
Weit  schnellere  Fortschritte  als  die  Roheisen-  und  Stahleisenproduktion ­
  Oberschleflens  haben  fast  alle  Zweige  seiner
Eisenverfeinerungsindustrie  gemacht.
Von  1901/05  bis  1912  hat  die  Eisengießerei  ihre  Produktion ­
  um  93  300  To.  gleich  53,2%  erhöhen  können,  die  Stahlformgießerei ­
  um  11  000  To.  gleich  100%,  ferner  seit  1904/06
die  Rohrwerke  um  57  000  To.  gleich  116%,  die  Preß-  und
Hammerwerke  um  28  000  To.  gleich  80%,  die  Konstruktions-Werkstätten
  um  15  000  To.  gleich  44%,  die  Maschinenbauanstalten ­
  um  13  000  To.  gleich  130%,  sowie  die  Gruppe  Kaltwalzwerke, ­
  Kleineisen-  und  Eisenblechwarenfabriken  um  zusammen ­
  27  000  To.  gleich  34%,  also  durchgehends  beträchtliche,
ja  sogar  glänzende  Entwicklungen.  Allerdings  weisen  die
Zahlen  der  Preß-  und  Hammerwerke  wie  der  Konstruktions-Werkstätten
  erhebliche  Schwankungen  auf.  Jene  beiden  Betriebszweige ­
  haben  den  Konjunkturrückgang  1908/09  in  fühlbarem
Maße  über  sich  ergehen  lassen  müssen.
In  der  oberschlestschen  Eisenindustrie  bricht  sich  immer
mehr  die  Tendenz  der  Verfeinerung  und  Spezialisierung  der
Produktion  Bahn.  Dies  Streben  tritt  zwar  auch  bei  den  anderen ­
  deutschen  Eisenindustrien  in  Erscheinung.  Für  Ober-
        <pb n="118" />
        —  106

schlefien  hat  die  Verfeinerung  und  Spezialisierung  der  Eisenproduktion ­
  aber  den  besonderen  Charakter,  daß  auf  ihr  allein
alle  Lebenshoffnungen  der  Industrie  beruhen.
Die  schlechte  Rentabilität  der  drei  größten  oberschlesischen
Eisenhütten,  der  Vereinigten  Königs-  und  Laurahütte,  der
Oberschlesischen  Eisenbahnbedarfs-A.-G.  und  der  Oberschlesischen
Eisenindustrie  A.-G.  ist  schon  notiert  worden.  Erstaunlich  ist
dagegen  die  glänzende  Rentabilität  der  Bismarckhütte  A.-G.,
die  als  reines  Stahl-  und  Walzwerk  bis  1908  außergewöhnlich
hohe  Gewinne  ausschütten  konnte.
Nach  Salings  Börsenjahrbüchern  verteilte  die  Bismarck-Hütte

  an  Dividende:

1886—1890

i.D.

10,8%

des  Aktienkapitals

1891—1895

i.D.

8,0%

■n  n

1896—1900

i.D.

17,6%

n  n

1901

12,0%

„  „

1902

10,0%

„  „

1903

11,0%

,»  „

1904

16,0%

„  „

1905

20,0%

„  „

1906

22,0%

n  u

1907

25,0%

ii  ii

1908

18,0%

ii  ii

1909

9,0%

it  n

1910

7,0%

rr  ii

1911

0,0%

ii  ii

1912

9,0%

ii  ii

Die  Bismarckhütte*)  ist  1872  gegründet  und  am  2.  September ­
  1873  in  Betrieb  gesetzt  worden.  Bei  dem  Mangel  an
eigener  Kohle  und  eigenem  Roheisen  drängte  dieses  reine  Stahlwerk ­
  von  vornherein  auf  eine  möglichst  weitgehende  Verfeinerung
der  gekauften  Rohmaterialien,  auf  die  Herstellung  bester  Qualitäten ­
  und  Spezialitäten.  Es  besaß  von  Anfang  an  ein  Puddelwerk,
  das  aus  dem  gekauften  Roheisen  bestes  Spezialschweißeisen ­
  herstellte.  Daran  schließt  sich  ein  höchst  intensiv  arbeitendes ­
  Handelswalzwerk  an,  das  die  Schweißeisenblöcke  auf-1)
  Persönliche  Mitteilungen.  Berichte  und  Drucksachen.  Salings ­
  Börsenjahrbuch  II,  1912.
        <pb n="119" />
        —  107  —

steigend  von  der  Blockstraße  zur  Grobstraße/  Stabeisenstraße,
Mittelstraße,  Feinstraße  und  endlich  zur  Schnellstraße  zu  allen
Arten  Handelseisen  bis  zum  feinsten  Kaliber  durcharbeitet.
Desgleichen  ein  Feinblechwalzwerk,  das  die  dünnsten
Bleche  herstellt.  Da  der  Puddlingsprozeß  von  der
Eisenhüttentechnik  überholt  wurde,  schränkte  das  Werk
ihn  ein  und  setzte  1890  den  großartigen  Siemens-Martin-Prozeß
  in  Betrieb,  der  heute  den  Hauptteil  des  Stahlmaterials
der  Bismarckhütte  liefert.  Das  Siemens-Martinwerk  erzeugt
ausschließlich  Qualitätsstahl  für  Stanz-  und  Dynamobleche,
Griffstahl,  Achsgabel-  und  Federstahl  für  Eisenbahnzwecke,  Spezialstahlsorten ­
  für  die  Artillerie-  und  Schiffbauwerkstätten,
außerdem  Material  für  Eisenbahnoberbau,  Qualitätsstahl  für
Kessel  und  Röhren.  Das  ebenfalls  1890  gegründete  Tiegelgußstahlwerk ­
  stellt  kostbare  Qualitäten  von  Werkzeugstahl  aller
Art,  Spezialstahl  für  Automobilbau,  Waffenstahl,  Panzerschutzschilde ­
  für  Artillerie  und  Infanterie  her.  Im  Anschluß
daran  fabriziert  die  Kaltwalzerei  hochwertige  Handelsartikel,
wie  Bandstahl,  zu  Kartonnage-  und  Vcrpackungszwecken,
Sägen,  Patronenrahmen,  Schraubfedern  usw.  Das
Rohrwerk  erzeugt  verschiedenartig  geschweißte  Röhren,
besonders  auch  nahtlose  Röhren  nach  eigenem
Patent.  Neueren  Datums  ist  das  Elektrostahlwerk  (System
Heroult-Lindenberg),  sowie  die  Gewehrlauf-,  Maschinen-  und
Hufeisenfabrik  und  ferner  die  Eisen-  und  Stahlfacongießerei.
Ende  der  1890er  Jahre  nahm  die  Bismarckhütte  auch  die  Produktion ­
  von  gröberen  Materialien  auf,  z.  B.  Profileisen  wie
Grubenschienen,  Eisenbahnmaterial,  Quadrat-  und  Rundeisen.
Doch  auch  hierin  war  sie  bestrebt,  Spezialprodukte  herauszubringen, ­
  so  hatte  sie  mit  einer  Art  Straßenschienen  großen
Erfolg,  die  zur  Anlegung  von  sog.  Bauerneisenbahnen  verwendet ­
  wurden.
Infolge  dieser  einzigartigen  Verfeinerung  und  Spezialisierung ­
  des  Betriebes  erzielte  die  Bismarckhütte  auch  in  Jahren
rückläufiger  Konjunktur  zufriedenstellende  Betriebsergebnisse,
während  die  anderen  weniger  intensivierten  Eisenhütten  bescheidene ­
  Gewinne  herausbrachten.
Ebenso  erstaunlich  wie  die  hohen  Gewinne  bis  1908  ist
der  plötzliche  Umschwung  von  diesem  Zeitpunkte  ab.

X*  '
        <pb n="120" />
        —  108  —

Seine  Erklärung  ist  in  dem  29.  9.  1905  erfolgten  Ankauf ­
  der  Bethlen-Falvahochofenanlage  bei  Schwientochlowitz
vom  Fürsten  Henckel  von  Donnersmarck  zu  suchen.  Mit  diesem ­
  Hochofenwerk  wollte  die  Bismarckhütte  sich  in  der  Roheisenversorgung ­
  ihrer  Stahlwerke  auf  eigene  Füße  stellen,  mußte
aber  für  die  Modernisierung  der  veralteten  Anlagen  erhebliche
Kapitalien  aufwenden,  die  z.  T.  durch  verfehlte  Bauten  völlig
verloren  gingen.  So  wirtschaftlich  das  Prinzip  der  Zentralisierung ­
  in  unserem  modernen  Gewerbebetrieb  ist,  mußte  die
Transaktion  der  Bismarckhütte  doch  erfolglos  bleiben.  Die  angestammten ­
  Berfeincrungs-  und  Spezialproduktionsbetriebe  der
Bismarckhütte  sind,  wie  besonders  versichert  wird,  an  den  Mißerfolgen ­
  der  letzten  Jahre  zum  überwiegenden  Teil  schuldlos,
sie  haben  fortdauernd  gute  Ergebnisse  erzielt.
Der  Eisenhüttenbetrieb  der  Donnersmarkhütte  A.-G?)
charakterisiert  sich  ebenfalls  durch  eine  wenn  auch  nicht  so  weit
gehende  Spezialisierung  und  Verfeinerung.  Neben  vier  Hochöfen ­
  besitzt  sie  eine  Eisen-  und  Stahlgießerei  in  Verbindung  mit
einer  Gußröhrenfabrik,  eine  Kesselschmiede,  Eisenkonstruktionswerkstätte ­
  und  hochentwickelte  Maschinenbauanstalt,  die  hauptsächlich ­
  Fördermaschinen  für  den  Grubenbetrieb  nach  den  Jlgner-Patenten
  baut.  Ihre  guten  Jahresergebnisse  verdankt  die
Donnersmarckhütte  A.-G.  nicht  allein  dem,  wie  oben  näher  ausgeführt, ­
  rentablen  Steinkohlenbergbau,  ihr  qualitativ  hoch  entwickelter ­
  Eisenhüttenbetrieb  hat  vielmehr  zu  den  hohen  Dividenden ­
  das  Seine  beigetragen.
Je  weniger  verfeinert  und  spezialisiert  die  oberschlesischen
Eisenhüttenbetriebe  sind,  desto  mehr  sinkt  ihre  Rentabilität,  was
absteigend  von  der  Vereinigten  Königs-  und  Laurahütte  zur
Oberschlesischen  Eisenbahn-Bedarfs-A.-G.  zur  Oberschlesischen
Eisenindustrie-A.-G.  in  ihren  Dividenden  mit  größter  Gewißheit ­
  zu  erkennen  ist.
Die  Ausweitung  nicht  hinsichtlich  der  Quantität  der  Rohund
  Grobproduktion  sondern  einzig  und  allein  der  Qualität
der  Verfeinerung  und  Spezialisierung  kann  der  oberschlesischen
Eisenindustrie  andauernde  Lebensfähigkeit  geben.  Die  Ursache
1)  Persönliche  Mitteilungen,  Berichte.  Salings  Börsenjahrbuch ­
  II,  1912.
        <pb n="121" />
        -  109  —

ist,  daß  mit  steigender  Arbeitskostenquote  wie  mit  steigender
Kraftmaterialkostenquote  an  den  Gesamtproduktionskosten  das
oberschlesische  Eisenprodukt  seine  Konkurrenten  mehr  und  mehr
überholt.
Nach  A.  Webers  sind  die  Elemente  der  Jndustrieproduktionskosten:

1)  Grundkosten,
2)  Stehende  Sachkapitalienkosten  (Gebäude.  Maschinen  und
sonstige  Einrichtungen),
3)  Amortisationskosten  der  stehenden  Sachkapitalien,
4)  Anschaffungskosten  der  Material-  und  Kraftstoffe,
5)  Transportkosten,
6)  Arbeitskosten,
7)  Zinskosten  für  alle  Kapitalien.
Die  Elemente  1),  2)  und  3)  interessieren  uns  nicht,  da  in
ihnen  Oberschlesien  sich  von  den  anderen  Jndustriebezirken
kaum  unterscheiden  wird.  Ebenso  fällt  7)  fort,  da  es  nicht  ausschlaggebend ­
  sein  kann.
Drei  Faktoren  sind  es  also,  die  generell  den  Jndustriestandort
  bestimmen:
1)  Material-  und  Kraftstoffkosten,
2)  Transportkosten,
3)  Arbeitskosten.
Indem  wir  zunächst  von  dem  Absatzprozeß  absehen,  vergleichen ­
  wir  an  diesen  Elementen  die  oberschlesische  Eisenindustrie
mit  ihrer  Hauptgegnerin,  der  rheinisch-westfälischen,  deren  Situation, ­
  wie  wir  zeigten,  im  Prinzip  dieselbe  ist.
Beide  Eisenindustrien  sind  aus  Kohlenfeldern  aufgebaut,
die  Erzmaterialien  müssen  außerhalb  des  Bezirks  beschafft
werden.  Beim  Erzmaterialbezug  kann  Rheinland-Westfalen  auf
mehrere  kleinere  Erzlager  des  Inlandes  zurückgreifen,  den
Lahn-  und  Dillbezirk,  das  Siegerland,  sowie  auf  die  riesigen
Minettelager.  In  beiden  Fällen  geschieht  der  Transport  per
Eisenbahn  auf  ca.  100—150  Kilometer  bezw.  200—250  Kilometer ­
  langer  Strecke.  Dann  aber  stehen  fast  alle  heute  bekannten ­
  ausländischen  Eisenerzlager  zur  Verfügung,  die  nach
1)  A.  Weber  I.  S.  29  ff.  '
        <pb n="122" />
        1)  ©.  Gothein  II.  S.  361.

no  —

dem  Seetransport  nur  einen  kurzen  und  besten  Binnenwasserweg ­
  zu  überwinden  haben.
Dagegen  kommen  für  Oberschlesteir  inländische  Erzlagergegenwärtig
  weniger  in  Betracht,  vielmehr  können  ausländische
Erze  von  2  Richtungen  bezogen  werden.  Einmal  die  österreichisch-ungarischen ­
  auf  einem  180—750  Kilometer,  die  russischen ­
  auf  einem  zirka  1500  Kilometer  langen  Eisenbahnweg,
und  dann  hauptsächlich  die  schwedischen,  die  nach  dem  relativ
kurzen  Seeweg  einen  670  Kilometer  langen  und  bisher  nur  beschränkt ­
  leistungsfähigen  Wasserweg  in  Verbindung  mit  einerteueren
  60  Kilometer  langen  Eisenbahnanschlußstrecke  überwinden ­
  müssen,  um  auf  den  Hochofen  zu  gelangen.
Aus  dieser-  transportkostenmäßigen  Unterlegenheit  Oberschlesiens ­
  gegen  Rheinland-Westfalen,  die  auch  nach  Ausbau  der
Oder-Klodnitz-Großschiffahrtsstraße  gemildert  fortbestehen  wird,
ergibt  sich,  daß  die  Erzkosten  der  oberschlesischen  Eisenprodukte
stets  höher  als  die  der  rheinisch-westfälischen  sein  werden.
Wir  fügen  ein,  daß  wir  den  Faktor  1)  zerlegt  haben  in  a)
Erzmaterialkosten,  b)  Kraftmaterialkosten.  Indem  wir  Weber
folgen  und  die  Erzmaterialkosten,  in  denen  sowohl  hinsichtlich
Oberschlefiens  wie  Rheinland-Westfalens  zum  bedeutenden  Teile
Transportkosten  enthalten  sind,  in  Transportkosten  uinrechncn,
haben  wir  den  Standortsfaktor  2)  erledigt.  Was  den  Faktor  1)
nun  betrifft,  so  haben  wir  gesehen,  daß  infolge  der  bedeutend
günstigeren  natürlichen  Grundlagen  des  vberschlesischen  Steinkohlenbergbaues ­
  die  Kohlenkosten  wie  gegenwärtig  auch  in  Zukunft ­
  voraussichtlich  niedriger  sein  werden  als  in  Rheinland-Westfalen.
  Die  infolge  des  geringeren  Ausbringens  der  oberschlesischen ­
  Kokskohle  heute  noch  um  ein  Kleines  höheren  Kokskosten ­
  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  werden  bei  fortschreitender ­
  Güte  der  vberschlesischen  Kokskohlensörderung  voraussichtlich ­
  soweit  reduziert  werden  können,  daß  diese  geringe
Unterlegenheit  fallen  wird.  Demnach  ist  bezüglich  der  Kraststoffkosten
  die  oberschlesische  Eisenindustrie  der  rheinisch-westfälischen ­
  ebenbürtig,  im  reinen  Kohlenmaterial  sogar  sicher  überlegen^). ­
        <pb n="123" />
        111  —

Was  endlich  den  Arbeitskostenfaktor  angeht,  so  ist  Oberschlesiens ­
  Ueberlegenheit  unverkennbar.  Der  oberschlestsche
Eisenhüttenarbeiter  ist  dem  rheinisch-westfälischen  an  Arbeitsintensität ­
  und  technischem  Können  völlig  gewachsen,  dagegen
sind  die  Arbeitslöhne  über  20%  niedriger  als  in  der  rheinischwestfälischen ­
  Eisenindustrie*).  Daher  sind  die  Arbeitskosten
des  oberschlesischen  Eisenproduktes  geringer  als  die  des  rheinischwestfälischen ­
  Eisens.  Es  ist  allerdings  anzunehmen,  daß  bei
fortschreitender  Entwicklung  die  oberschlesischen  Löhne  sich  dem
Niveau  der  westdeutschen  nähern  werden.  Doch  halten  wir  es
für  unwahrscheinlich,  daß  sie  dies  Niveau  ganz  erreichen  können, ­
  da  einmal  der  slavische  Arbeiter  durch  Veranlagung  an  eine
genügsamere  Lebenshaltung  gewöhnt  ist,  und  außerdem  jenseits
der  nahen  Grenze  weite,  immerhin  noch  unentwickelte  und  langsam ­
  fortschreitende  Landgebiete  vornehmlich  agrarischen  Charakters ­
  eine  Depression  ausüben  werden.  Um  ein  gewisses  Verhältnis ­
  werden  die  Arbeitskosten  Oberschlesiens  bis  in  ferne  Zukunft ­
  denen  Rheinland-Westfalens  überlegen  sein.
Je  nach  dem  Qualitätsniveau,  dem  sogenannten  Formwert,
des  Produkts  ist  der  Anteil  der  Kraftmaterial-  und  der  Arbeitskosten ­
  an  den  Gesamtkosten  der  Produktion  verschieden
hoch,  er  wächst  mit  der  steigenden  Verarbeitung  des  Grundmaterials^).
  So  ist  die  Produktionslage  der  oberschlesischen
Eisenindustrie  gegenüber  Rheinland-Westfalen  völlig  klar.
Ist  der  Erzmaterialkostenindex-Transportkostenindex  ausschlaggebend ­
  —  so  bei  dem  Roheisen,  Rohstahl  und  den  gröberen
Stahleisenprodukten  —,  so  ist  das  oberschlesische  Eisenprodukt
dem  rheinisch-westfälischen  an  preislicher  Konkurrenzkraft  nicht
gewachsen.  Dagegen  wird  Oberschlesiens  Produktion  der  Rhein-1)

  Ende  1913  behauptete  sich  trotz  mehrmaliger  Dementis  in
oberschlesischen  Industriekreisen  die  Nachricht,  die  A.-G.  Friedrich
Krupp  in  Essen  sei  an  die  Oberschlesische  Eisenbahnbedarss-A.-G.  in
Friedenshütte  zwecks  einer  Fusion  herangetreten.  Krupp  beabsichtige, ­
  von  Oberschlesien  aus  den  Balkan  mit  Kriegsmaterial  zu  versorgen, ­
  da  außer  den  Frachtrelationen  auch  die  Verhältnisse  auf
dem  Gebiete  der  oberschlesischen  Verfeinerungsarbeit  günstig  seien.
2)  A.  Weber  I,  S.  166  ff.
        <pb n="124" />
        —  112  —

land-Westfalens  im  gleichen  Maße  überlegen,  als  der  Anteil  der
Kraftmaterial-  und  Arbeitskosten  an  den  Gesamtproduktionskosten ­
  größer  wird,  also  aufsteigend  von  den  rohen  Fein-  und
Spezialstählen  zu  den  feineren  Produkten  und  endlich  der  Fabrikation ­
  von  Geraten,  Apparaten  und  Maschinen.  Ziehen  wir
nun  auch  die  Transportkosten  des  Absatzprozesses  der  oberschlesischen ­
  Eisenprodukte  zur  Betrachtung  heran,  so  sind  ste  infolge ­
  der  ungünstigen  geographischen  Lage  des  Bezirks  zu  den
inländischen  Zentralmärkten  höher  als  die  der  westdeutschen
Eisenprodukte,  die  in  einem  großen  Markte  eingebettet  sind  und
zu  den  anderen  Hauptmärkten  billige  Wasserwege  oder  kürzere
Eisenbahnstjrecken  zur  Verfügung  haben,  während  die  oberschlesischen ­
  Eisenprodukte  in  beschränktem  Maße  die  relativ
teurere  Oderstraße,  in  der  Hauptsache  aber  vergleichsweise  bedeutend ­
  längere  Eisenbahnstrecken  zu  überwinden  haben.  Dies
gilt  von  den  Roh-  und  Grobeisenprodukten  wie  von  den  Erzeugnissen ­
  der  Feineisenindustrie,  ja  bei  den  letzten  in  stärkerem
Maße,  da  die  Eisenbahntarife  die  hochwertigen  Transportgüter
mit  stark  steigenden  Kilonreterjätzen  ergreifen.  Hier  tritt  wieder ­
  die  Bedeutung  der  Oder-Klodnitzgroßschiffahrtsstraße  hervor. ­
  Insofern  der  Wassertransport  Fein-  und  Spezialeisenprodukte ­
  zu  wenig  höheren  Tarifen  als  Roh-  und  Grobmaterial
befördert,  wird  gerade  der  Absatz  der  Fein-  und  Spezialeisenprodukte ­
  Oberschlesiens  durch  den  Ausbau  der  Oder-Klodnitzstraße
  außerordentlich  gefördert  und  verbilligt  werden.
In  den  Fein-  und  Spezialprodukten  bessert  sich  nicht  nur
Oberschlesiens  Produktionslage,  sondern  ebenfalls  seine  Absatzverhältnisse, ­
  sein  Markt  erweitert  sich.
Die  Verfeinerung  und  Spezialisierung  ist  somit  die  allgemein ­
  gültige  Formel,  auf  die  die  Entwicklung  der  oberschlesischen
Eisenindustrie  gebracht  werden  muß.

§  8.  Der  Absatzprozeß.
Das  natürliche  Absatzgebiet  jeder  Industrie  ist  der  Jnlandsmarkt.
  Sogleich  fällt  Oberschlesiens  ungünstige  geographische ­
  Lage  im  südöstlichen  Winkel  des  Staates  und  nur  mit
einem  Dritteil  seiner  Front  diesem  zugewandt  ins  Auge,  sodaß
        <pb n="125" />
        —  113

seine  Produkte,  abgesehen  von  dem  engeren  Markt  seiner  nächsten ­
  inländischen  Umgebung,  erst  sehr  bedeutende  Transportstrecken ­
  überwinden  müssen,  ehe  sie  zu  den  Zentralmärkten  gelangen. ­
  Betrachten  wir  den  Steinkohlenabsatz,  so  ist  naturgemäß ­
  der  engere  Bezirk  unbestrittener  Markt  der  oberschlesischen
Kohles.

An  die  Eisen-  und  Zinkindustrie  Oberschlesiens  wurden

abgesetzt:

in  1000  To.

in  %  des  Gesam

1901—05  i.D.

4670

26,0

1906—10  „

5424

22,7

1911

5776

15,75

1912

6291

15,07

Darin  drückt  sich  deutlich  das  Stagnieren  der  an  diesem
tndustrieabsatz  hauptbeteiligten  Eisenindustrie  Oberschlesiens

aus,  auf  die  1911  zirka  4,2  Mill.  To.,  1912  zirka  4,6  Mill.  To.

entfielen.
Im  Regierungsbezirk  Oppeln  ohne  den  Jndustriebezirk  betrug ­
  der  Steinkohlenabsatz^):

in  1000  To.

in  %  des  Gesamtabsatzes

1891—95  i.D.

2232

18,4

1896—00  „

3132

19,8

1901—05  „

3704

20,6

1906—10  „

4856

20,3

1911

5019

18,7

1912

6288

19,8

er  hat  also  seit  1891/95  an  Bedeutung  zugenommen,  obgleich  er
gegenüber  1901/10  zurückgegangen  ist.
Nach  dem  sonstigen  Inland  gingen^):

in  1000  To.

in  %  des  Gesamtabsatzes

1891—95

i.  D.

6644

54,8

1896—00

7737

49,0

1901—05

„

8955

49,9

1906—10

„

11025

46,1

1911

12225

45,3

1912

14503

45,6

1)  sog.  „Kumulativabsatz"  —  Absatz  von  den  aufgehäuften
Kohlenhalden.
2)  Der  Absatz  liegt  größtenteils  in  den  Händen  der  Firmen
E.  Friedländer  u.  Co.,  Berlin  und  Caesar  Wollheim,  Breslau-Berlin,
  die  an  die  Oberschlesische  Kohlenkonvention  fest  angeschlossen ­
  sind.
        <pb n="126" />
        —  114  —

1)  s.  a.  I.  v.  Renauld,  S.  106.

Ganz  erheblich  hat  sich  demnach  der  Jnlandsabsatz  im  Verhältnis ­
  zum  Gesamtabsatz  vermindert,  was  nichts  anderes  als
der  Ausdruck  der  ungünstigen  inländischen  Verkehrsverhältnisse
ist,  die  Oberschlesien  gegenüber  seinen  Hauptkonkurrenten,  der
englischen  und  westdeutschen  Kohle  benachteiligen.
Im  einzelnen  betrug  der  Steinkohlenabsatz:
nach  der  Provinz  Schlesien  (ohne  Reg.-Bez.  Oppeln)
in  1000  To.

1901

3038

1906

3132

1911

3578

1912

4217

nach  der  Provinz  Posen

in  1000  To.

1901

1472

1906

1890

1911

2167

1912

2320

In  diesen  beiden  Gebieten  hat  die  oberschlesische  Kohle  nur
die  Konkurrenz  des  Waldenburger  Reviers  zu  bestehen,  dem
gegenüber  sie  durch  ihre  um  zirka  1,00—2,00  Ji  billigeren
Selbstkosten  befähigt  ist,  sogar  in  den  engeren  natürlichen  Absatzmarkt ­
  der  Waldenburger  Kohle,  in  die  Bezirke  von  Schweidnitz ­
  und  Striegau,  einzudringen*).  Im  schlesischen  Odergebiet
und  in  der  Provinz  Posen  herrscht  sie  vollends  vor.  Mit  dem
großen  Flächeninhalt  der  beiden  Absatzgebiete  verglichen,  erscheint
der  Absatz  gering  wie  die  Steigerung  unerheblich,  was  in  dem
immerhin  langsamen  wirtschaftlichen  Fortschreiten  der  beiden
vorwiegend  agrarischen  Provinzen  seine  Erklärung  findet.  Von
den  übrigen  inländischen  Absatzgebieten  ist  zunächst  das  Königreich ­
  Bayern  durch  seine  stark  steigenden  Steinkohlenbezüge
interessant:
in  1000  To.
1901  6
1906  151
1911  503
1912  581
        <pb n="127" />
        —  115  —

n  ■

Trotz  der  teueren  Eisenbahnfracht  (650—800  Kilometer)
entwickelt  sich  Bayern  immer  mehr  zu  einem  wichtigen  Absatzmarkt ­
  der  oberschlesischen  Steinkohle.

Es  bezogen  ferner  an  oberschlestschen  Kohlen:

Provinz  Sachsen

Königreich  Sachsen

in  1000  To.

1901

343

253

1906

356

276

1911

244

493

1912

333

590

In  diesen  beiden  Bezirken  kämpft  die  oberschlesische  Steinkohle ­
  mit  der  Ruhrkohle  wie  besonders  mit  der  böhmischen  und
sächsischen  Braunkohle.  Während  der  Absatz  nach  der  Provinz
Sachsen  1901—1912  kaum  derselbe  geblieben  ist  (es  handelt  sich
zumeist  um  Eisenbahndienstkohlen),  ist  er  im  Königreich  Sachsen
immerhin  gestiegen.  Seine  absolute  Menge  ist  jedoch  im  Hinblick ­
  auf  den  industriellen  Charakter  des  Landes  gering.  Ein
großer  Teil  entfällt  übrigens  auf  den  Verbrauch  der  Eisenbahnen.
Wir  kommen  jetzt  zu  dem  übrig  bleibenden  Inland,  Norddeutschland, ­
  d.  h.  der  Provinz  Brandenburg  mit  Berlin,  den
beiden  Mecklenburg,  den  Provinzen  Pommern,  West-  und  Ostpreußen. ­

Hier  ist  die  oberschlesische  Steinkohle  in  scharfer  Konkurrenz ­
  mit  der  Einfuhr  englischer  Steinkohle,  in  Brandenburg,
Mecklenburg  auch  mit  der  Ruhrkohle,  da  diese  Bezirke  die
Schnittpunktgebiete  Oberschlestens  und  Rheinland-Westfalens
darstellen.  Begünstigt  durch  billige  Seefrachten  und  die  Zollfreiheit ­
  der  Einfuhr  ist  die  englische  Kohle  befähigt,  von  der
langen  deutschen  Nord-  und  Ostseeküfte  aus  auf  zumeist  Wasserwegen ­
  tief  in  die  Küstengebiete  einzudringen  zum  Schaden  der
deutschen  Kohlenindustrie.
Berlin,  das  genau  Schnittpunkt  der  oberschlesischen  und
rheinisch-westfälischen  Steinkohle  ist  (Schwientochlowitz—Berlin
und  Essen—Berlin  510  Kilometer),  also  natürliches  Absatzgebiet ­
  beider  Kohlenreviere  ist,  verbrauchte  an  Steinkohlen:
s
        <pb n="128" />
        —  116  —

aus  Ruhrbezirk

Niederschl.  Sachsen
in  10  0  0  To.

Oberschl.

1891—95

i.  D.

87

190

8

930

1896—00

„

182

219

5

990

1901—05

„

177

247

9

1034

1906—10

„

274

197

8

1009

1911

265

178

28

778

1912

288

195

49

1123

aus  dem  Inland

England  Insgesamt  Oberschles.
Anteil  in  %
in  1  0  0  0  To.

1891—95

i.  D.

1215

168

1383

67,2

1896—00

„

1387

306

1693

58,4

1901—05

„

1467

421

1888

54,7

1906—10

„

1488

761

2249

44,8

1911

1249  .

813

2062

37,7

1912

1655

728

2383

47,1

Wenn  man  von  1912  absieht,  in  welches  Jahr  der  letzte  große
englische  Bergarbeiterstreik  fällt,  hat  die  oberschlesische  Steinkohle ­
  nicht  nur  relativ  an  Bedeutung  eingebüßt,  sondern  ist  sogar ­
  der  absoluten  Menge  nach  von  1891/95  bis  1911  um  16,3%
von  1901/05  bis  1911  um  24,7%  zurückgegangen.
Ursache  sind,  wie  wir  ausführten,  die  teuren  Eisenbahnfrachten ­
  gegenüber  den  billigen  Wassertransporten  der  ^englischen
Einfuhr.  Auf  der  bisher  unzureichend  leistungsfähigen  Oderstraße ­
  gingen  an  oberschlesischen  Steinkohlen  nach  Berlin:

1891—95

i.  D.

220  Tausend  To.

1896—00

„

340  „  „

1901—05

„

414

1906—10

„

410  „

1911

210  „

1912

490  „  „

also  verhältnismäßig  geringe  Mengen,  wenn  auch  ein  langsames
Aufsteigen  zu  konstatieren  ist.
Bezüglich  der  Provinz  Brandenburg  trifft  die  oberschlesische
Kohle  im  Süden  auf  die  sächsisch-böhmische  Braunkohle,  im
Norden  auf  die  englische  Steinkohle.  Der  Bezug  aus  Oberschlesien ­
  betrug:
        <pb n="129" />
        —  117  —

1901

880  Tausend  To.

1906

1010

1911

807  „  „

1912

913

von  1901  bis  1911  ist  also  eine  absolute  Abnahme  von  9%  zu
verzeichnen.
An  oberschlestschen  Steinkohlen  bezogen:
Ost-  und  Westpreußen  oft-  und  westpr.  Häfen

(ohne  Häfen)
in  10  0  0

T  o.

1901

1078

278

1606

1468

357

1911

1675

495

1912

1923

720  •

Pommern  (ohnp  Häfen)

pommersche  H

in  10  0

0  T  o.

1901

454

271

1906

614

306

1911

730

435

1912

837

687

Großherzogtümer  Mecklenburg

ohne  Häsen

Häfen

in  1

0  0  0  To.

1901

56

2

1906

69

1

1911

84

4

1912

123

50

Demgegenüber  steht  eine  Einfuhr  englischer  Steinkohlen:
in  den  Häfen
Ost-  u.  Westpreußens  Pommerns  Mecklenburgs

1901

580

in  1  0  0  0  To.
991

195

1906

760

1274

253

1911

764

1821

263

1912

584

968

222

Demnach  ist  von  1901  bis  1911  eine  Steigerung  der  oberschlesischen ­
  Zufuhr  zu  bemerken:
        <pb n="130" />
        —  118  —

in  Ost-  und  Westpreußen  (ohne  Hafen)  um  55,4  %

in  Pommern  (ohne  Häfen)  um  60,8  %
in  Mecklenburg  (ohne  Häfen)  um  50,0  %
Dagegen  nahmen  zu  von  1901  bis  1911:
In  den  Häfen  die  oberschl.  Zufuhr  die  engl.  Zufuhr
Ost-  und  Westpreußens  um  78  %  31  %
Pommerns  um  60  %  83  %
Mecklenburgs  um  100  %  35  %

Es  ergibt  sich  also  eine  kräftige  Zunahme  des  oberschlestschen
Versandes  nach  allen  drei  Verkehrsbezirken,  der  eine  bedeutend
geringere  Zunahme  des  englischen  Imports  in  den  oft-  und
westprcußischen  Häfen  entgegensteht.  Dieser  zwar  meist  nur
mit  Preisopfern  seitens  der  oberschlesischen  Kohlengruben  erstrittene ­
  Erfolg  hat  durch  die  Herabsetzung  der  Tarife  für  den
Versand  der  oberschlesischen  Kohle  nach  Ost-  und  Westpreußen
1911  noch  bessere  Aussichten  bekommen^).
Dagegen  ist  es  nicht  geglückt,  denselben  Erfolg  in  den
Häfen  Pommerns  zu  erzielen.  Dies  wird  ganz  gewiß  erst  dann
möglich  sein,  wenn  der  oberschlestschen  Steinkohle  eine  voll
leistungsfähige  Oder-Klodnitz-Großschiffahrtsstraße  zur  Verfügung ­
  stehen  wird.
Immerhin  ist  es  interessant,  daß  gegenüber  den  Erfolgen
der  oberschlestschen  Steinkohle  die  Ruhrkohle  bisher  sich  völlig
machtlos  gezeigt  hat,  der  englischen  Kohle  in  den  Nordseehäfen
auch  nur  einen  Zoll  Raum  abzugewinnen,  ein  Beweis,  wie
schwierig  der  Konkurrenzkampf  mit  der  englischen  Kohle  ist.
Weit  günstiger,  ja  sogar  glänzend  ist  die  Entwicklung  des
Auslandsabsatzes  der  oberschlestschen  Steinkohle.  Dieser  betrug:
nach  Österreich-Ungarn  Rußland

i  n  1

0  0  0  To

1891—95  i.  D.

3062

172

1896  -00  „

4319

554

1901-05  „

4421

741

1906-10  „

7089

855

1911

8314

1177

1912

9486

1281

1)  Um  durchschnittlich  0,50  Jl  pro  Tonne.
        <pb n="131" />
        119  —

Von  dem  österreichisch-ungarischen  Bezüge  gingen  nach:

Galizien

Böhmen  übrig.  Österr.
in  1000  To.

Ungarn

1891—95  i.D.

310

413

1913

426

1996—00  „

528

470

2679

642

1901—05  „

600

502

2813

506

1906—10  „

1359

644

3854

1232

1911

1203

733

4533

1845

1912

1472

818

4995

2201

Die  Zunahme  beträgt  von  1901/05  bis  1912:

bei  Rußland

72,8  %

„  Österreich-Ungarn

114,5  %

„  Galizien

145,3  %

„  Böhmen

62,9  %

„  Übriges  Österreich

77,5  %

„  Ungarn

335,0  %

Im  allgemeinen  betrug  der  Auslandsabsatz  der  oberschlesischen

  Steinkohle:

1891—95

i.  D.

HL
00
-r-O  IO
§f§  §3
«&amp;gt;.£

°/ 0  Anteil  am  oberschl.
Gesamtabsatz
26,8

%  Anteil  a.  d.
deutsch.  Ausfuhr
33,5

1896—00

„

4890

31,1

36,5

1901—05

„

5276

29,5

31,0

1906—10

„

8013

33,5

37,0

1911

9681

36,0

35,3

1912

10999

34,6

32,1

Während  also  Oberschlesiens  Anteil  an  der  gesamten  deutschen ­
  Steinkohlenproduktion  1901/05:  22,2%,  1911:  22,8%
betrug,  war  sein  Anteil  an  der  gesamten  deutschen  Steinkohlenausfuhr ­
  1901/05-  31,0%,  1911:  35,3%%  Wie  für  keinen
anderen  Kohlenbezirk  ist  für  Oberschlesien  der  Auslandsabsatz
von  grösster  Wichtigkeit,  besonders  den  Staaten  der  österreichischungarischen ­
  Monarchie,  die  voraussichtlich  in  aller  Zukunft  dieses ­
  Importes  bedürfen  werden,  da  ihre  eigenen  Steinkohlenschätze

1)  Der  Abfall  des  Jahres  1912  ist  durch  den  englischen  Bergarbeiterausstand
  zu  erklären,  indem  die  oberschlesischen  Zechen  ihre
ganze  Aufmerksamkeit  und  Kraft  darauf  verwandten,  die  englischen
Kohlen  aus  dem  deutschen  Ostseegebiet  zu  verdrängen.  So  vernachlässigten ­
  sie  z.  T.  die  ausländischen  Absatzmärkte.
        <pb n="132" />
        —  120  —

den  Bedarf  des  äußerst  entwicklungsfähigen  Landes  kaum  jemals ­
  werden  decken  können.  Hier  handelt  es  sich  lediglich  um
die  Verbilligung  des  heute  allein  in  Frage  kommenden  teuren
Eisenbahntransportes,  und  wir  glauben,  daß  diese  Aufgabe  nicht
anders  als  durch  die  schnelle  und  großzügige  Ausführung  des
Donau-Oderkanals  gelöst  werden  kann.  Rußland  gegenüber  aber
wird  die  deutsche  Handelspolitik  die  möglichste  Erleichterung  der
Einfuhr  der  oberschlesischen  Steinkohle  durchsetzen  müssen.  Das
industriereiche  Russisch-Polen  braucht  überdies  aus  Mangel  an
ähnlichen  hochwertigen  Jndustriekohlen  in  steigendem  Maße  die
oberschlesische  Einfuhr.
Untersuchen  wir  nun  den  Absatzmarkt  der  oberschlesischen
Eisenindustrie.
Wie  wir  schon  ausführten,  wird  die  Roheisenproduktion  der
oberschlesischen  Hochöfen  fast  gänzlich  durch  die  Stahl-  und  Walzwerke ­
  sowie  die  Eisen-  und  Stahlgießereien  des  Bezirkes  konsumiert. ­
  Es  verbrauchten  an  Roheisen:
Stahlwerke  Gießereien  Summe  Produktion  also
in  1  0  0  0  To.

1891—95  i.

D.

450

39

489

494

+

5

3  896—00  i.

D.

627

59

686

690

+

4

1901—05  i.

D.

651

53

704

753

+

4!)

1900—10  i.

D.

792

62

854

904

+

50

1911

919

62

981

963

18

1912

971

70

1041

1048

+

7

Daraus  ergibt  sich,  daß  nur  sehr  geringe  Mengen  Roheisen
den  Jndustriebezirk  verlassen,  in  manchen  Jahren,  soweit  nicht
alte  Vorräte  aufgebraucht  werden  können,  sogar  noch  auswärtiges
Roheisen  eingeführt  werden  muß,  um  den  eigenen  Bedarf  zu
befriedigen^).
Bei  den  erheblich  höheren  Selbstkosten  des  oberschlesischen
Roheisens  kann  es  mit  dem  unvergleichlich  wohlfeileren  englischen
und  westdeutschen,  vorzüglich  lothringisch-luxemburgischen  Roheisen ­
  schon  innerhalb  der  Provinz  Schlesien,  in  nächster  Nähe
des  Jndustriebezirks  nicht  mehr  konkurrieren.  Nur  einwe  geringe ­
  Posten  Spezialroheisen  nehmen  auf  Grund  alter  Beziehungen ­
  ihren  Weg  nach  Niederschlesien  und  den  Eisen-1)
  Kleinere  Quanten  Spezialzusatzroheisens  werden  beständig
aus  anderen  Eisenindustrien  des.  Rheinland-Westfalens  eingeführt.
        <pb n="133" />
        »»»

121

gießereien  des  südöstlichen  Teils  der  Provinz  Brandenburg,  die
Oberschlesien  vor  einigen  Jahrzehnten  noch  allein  versorgte.
Die  Eisen--  und  Stahlgießereien  Ost-  und  Westpreußens,  Pommerns ­
  und  Posens  verschmelzen  heute  englisches  und  westdeutsches ­
  Roheisen  sowie  seit  der  Gründung  des  Hochofenwerkes
KraftH  zu  Stettin-Kratzwiek  1895/97  in  steigendem  Maße  Roheisen ­
  dieses  neuartigen  Seewerkes.  Dem  Kraftwerk  ist  es  innerhalb ­
  der  kurzen  Zeit  seines  Bestehens  schon  gelungen,  den  seewärtigen ­
  Eingang  von  Roheisen  in  Stettin  bedeutend  zurückzudrängen^). ­
  In  Stettin  wurden  seewärts  eingeführt:
1891—95  i.  D.  106  800  To.  Roheisen
1896—00  „  141  000  „
1901—05  „  48  900  „
1906—10  „  29  000  „
worunter  sich  sowohl  englisches  wie  westdeutsches  Roheisen  befindet. ­
  Gegen  Oberschlesien  hat  das  Kraftwerk  nördlich  der
Linie  Kottbus—Posen  jedenfalls  die  Vorhand.
Erscheint  so  die  Frage  des  Jnlandsmarktes  für  die  oberschlesischen ­
  Hochöfen  von  vornherein  aussichtslos,  umsomehr  gewinnt ­
  der  inländische  Walzeisenmarkt  für  die  oberschlesische
Eisenindustrie  an  Bedeutung.
Wir  sahen,  daß  die  Konkurrenzfähigkeit  des  oberschlesischen
Eisenproduktes  bei  steigendem  Formwert  gegenüber  dem  westdeutschen ­
  Erzeugnis  immer  mehr  zunimmt.  Doch  ist  das  in
Betracht  kommende  Jnlandsgebiet,  d.  h.  Ostdeutschland  überwiegend ­
  agrarischen  Charakters,  also  arm  an  Eisen  konsumierenden ­
  Industrien.
In  den  Ostseeprovinzen  stößt  Oberschlesten  auf  die  starke
.Konkurrenz  des  zu  billigen  Wasserfrachten  herangebrachten
Walzeisenproduktes  der  rheinisch-westfälischen  und  sogar
lothringisch-luxemburgischen  Eisenindustrie,  ebenso  auf  dem
mitteldeutschen  und  vornehmlich  Berliner  Mark.  Während
Oberschlesien  vor  einigen  Jahrzehnten  über  die  Hälfte  des  Berliner ­
  Walzeisenkonsums  versorgte,  ist  es  heute  an  dem  Berliner
Markte  nur  noch  mit  knapp  10%  beteiligt.
1)  C.  Rotz,  S.  21,  76,  16  f.  Denkschrift  des  Vereins  30.  Nov.
1911.  Magistrat  Stettin,  Denkschrift.
2)  Das  Kraftwerk  ist  eine  oberschlesische  Gründung,  des  Fürsten
Henckel  von  Donnersmarck,  s.  C.  Rotz.
        <pb n="134" />
        —  122

Eine  Verschiebung  in  diesen  allgemeinen  Absatzbedingungen
ist  durch  die  Syndizierung  eines  Hauptteiles  der  Eisenmaterialien ­
  eingetreten*).  In  dem  am  29.  Februar  1904  gegründetem
1907  und  1912  auf  je  5  Jahre  verlängerten  „Deutschen  Stahlwerks-Verband ­
  zu  Düsseldorf"  ist  die  gesamte  deutsche  Produktion ­
  an  Halbzeug,  Eisenbahnoberbaumatcrial  und  Form  eisen
syndiziert,  d.  h.  der  Anteil  der  Mitglieder  des  Verbandes  ist
gemäß  ihrer  in  Produktionszahlen  bestimmt  festgelegten
Leistungsfähigkeit  vorgeschrieben.  Dieser  Anteil,  der  keinen
effektiven,  sondern  relativen  Begriff  vorstellt,  richtet  sich  nach  der
Aufnahmefähigkeit  des  Marktes.  Er  beträgt  für  die  gesamten
oberschlesischcn  Stahl-  und  Walzwerke  in  oben  genannten
„Produkten  A."  am  1.  7.  1911:  294  000  To.  jährlich,  d.  h.
4,70%  der  Gesamtsyndizierung.  Die  Organisation  des  Verbandes ­
  ist  nun  dergestalt,  daß  er  nicht  nur  die  Produktion  bestimmt, ­
  sondern  sogar  den  Absatz  der  Produktion  als  Verinittler
zwischen  den  Werken  und  dem  Markt  übernimmt,  indem  er
selbst  die  Verkaufspreise  festsetzt.  Das  Halbzeug-  und  Eisenbahnschienengeschäft ­
  erledigt  der  Verband  meist  direkt,  da  hierfür ­
  nur  einige  Großabnehmer  in  Frage  kommen,  dagegen  bedient ­
  er  sich  beim  Formeisengeschäft  des  eng  angeschlossenen
Großhandels.  Die  von  dem  Eisenhandel  einlaufenden  Aufträge ­
  verteilt  der  Verband  prozentual  nach  den  Anteilsquoten
der  Mitglieder  unter  Berücksichtigung  günstigster  Frachtrelationen ­
  und  rationeller  Arbeitsteilung.  Mit  den  Händlern  bestehen
besondere  Verträge,  die  den  Jnlandsmarkt  in  bestimmt  abgegrenzte ­
  Gebiete  einteilen.  So  ist  für  den  Absatz  des  oberschlesischen ­
  Eisens  die  Norddeutsche  Trägerhändler-Vereinigung  gegründet ­
  worden,  der  neben  den  Hanpteisenfirmen  der  Provinzen
Posen,  Ost-  und  Westpreußen  besonders  schlesische  Händler  angehören, ­
  unter  denen  die  1909  begründete  Deutsche  Eisenhandels-A.-G.
  und  die  Schlesische  Montangesellschaft  m.  b.  H.
die  bedeutendsten  sind.  Der  Stahlwerksverband  ist  verpflichtet,
den  Alleinvertrieb  des  oberschlesischen  Eisens  diesem  Konzern
zu  überlassen,  soweit  solches  in  den  Provinzen  Schlesien,  Posen,
Ost-  und  Westpreußen  und  Pommern,  sowie  der  Provinz  Brandenburg ­
  südlich  der  Linie  Schwiebus—Guben—Kottbus—
1)  s.  a.  W.  Leihe,  S.  50  f.,  147  f.
        <pb n="135" />
        Senftenberg  konsumiert  wird.  Außerschlesisches  Formeisen
darf  in  diesen  Gebieten  nur  dann  untergebracht  werden,  wenn
der  Bedarf  es  erfordert.
Der  wichtige  Berliner  Baueisenmarkt  wird  von  dem  festgefügten ­
  Berliner  Trägerverkaufs-Kontor  kontrolliert,  dein  als
bedeutendste  Mitglieder  die  Deutsche  Eisenhandels-A.-G.  und
Steffens  &amp;amp;  Nölle  A.-G.  angehören,  von  denen  die  erste  die  Interessen ­
  der  Vereinigten  Königs-  und  Laurahütte  A.-G.,  die  letzte
die  der  übrigen  oberschlesischen  Stahlwerke  vertritt.
Was  die  übrigen  Walzwerksprodukte  betrifft,  die  sog.
„Produkte  B.",  d.  h.  Stabeisen,  Walzdraht,  Bleche,  Röhren
und  Guß-  und  Schmiedestücke,  so  waren  sie  bis  1912  vom
Stahlwerksverband  zur  Vermeidung  einer  Überproduktion,  und
da  eine  feste  Syndizierung  wie  bei  den  „Produkten  A."  nicht
gelang,  der  Quantität  nach  syndiziert,  d.  h.  ihr  Absatz  erfolgt
freihändig  ohne  Preisnormierung.  Oberschlesiens  Quote  an
„Produkten  B."  betrug  am  1.  7.  1911:  1  057  288  To.  gleich
8,5%,  war  also  weit  bedeutender  als  in  „Produkten  A."  In
dem  neuen  Stahlwerkverbandsvertrag  von  1912  ist  selbst  diese
quantitative,  lose  Bindung  der  „B.-Prooukte"  fortgefallen.
Während  im  übrigen  Deutschland  diese  Materialien  von
den  Werken  freihändig  verkauft  werden,  ist  in  Oberschlesien  auch
ein  Teil  der  „Produktion  B."  in  der  1607  begründeten  Oberschlesischen ­
  Stahlwerks-Gesellschaft  m.  b.  H.  zu  Gleiwitz  syndiziert, ­
  der  alle  Werke  mit  Ausnahme  der  Vereinigten  Königsund ­
  Laurahütte  und  des  Borstgwerkes  angehören^).  Dieser
Verband  steht  mit  den  bedeutendsten  Eisenhändlern  der  Provinzen ­
  Schlesien,  Posen  und  Ost-  und  Westpreußen  in  Verbindung ­
  und  wird  am  Berliner  Markt  durch  die  Firma  Steffens
&amp;amp;  Nölle-A.-G.  vertreten,  während  die  außenstehende  Königsund ­
  Laurahütte  ihre  Produkte  V.  durch  die  eigens  dazu  gegründete ­
  Werkssirma,  die  Schlesische  Montangesellschaft  m.  b.
H.,  und  die  Deutsche  Eisenhandels-A.-G.  vertreibt.  Wenn  so
bei  bester  Organisation  des  Distributionsprozesses,  in  inniger
1)  Rundschreiben  der  Stahlwerksgesellschast  vom  23.  Jan.  1909:
„Zur  Neubildung  eines  Oberschlesischen  Stahlwerksverbandes."  D.  h.
Walzeisen,  wie  Stab-,  Band-,  Universal  sBreit)-Eisen  einschl.  desjenigen ­
  leichteren  Formeitsens,  das  nicht  zu  den  sog.  Düsseldorfer
^.-Prod.  gehört.
        <pb n="136" />
        —  124  —

■C

Anlehnung  an  weitreichende  Handelsfirmen  der  Absatz  des  oberschlesischen ­
  Form-  und  Stabeisens  verhältnismäßig  geringe  Fortschritte ­
  gemacht  hat,  so  liegt  dies  hauptsächlich  an  dem  langsamen
Wachsen  des  Konsums  der  für  Oberschlesien  in  Betracht  kommenden ­
  Gebiete.  Während  die  westdeutsche  Eisenindustrie  im  unbestrittenen ­
  Besitz  der  dicht  bevölkerten  und  industriereichen  Märkte
des  Westens,  Südens  und  Mitteldeutschlands  ist,  sowie  die  bedeutender! ­
  Märkte  Norddeutschlands  auf  billigsten  Wassertransporten ­
  erreicht,  ist  Oberschlesien  allein  auf  den  agrarischen  Osten
angewiesen,  der  bei  seiner  geringen  Bevölkerungsdichte  und  Jndustriearmut
  naturgemäß  für  Eisenprodukte  nur  beschränkt  aufnahmefähig ­
  ist.  Zum  anderen  Teil  liegen  die  Schwierigkeiten
auf  dem  Gebiete  der  Verkehrsmittel,  indem  die  Oderschiffahrtsstraße ­
  dem  oberschlesischen  Eisenabsatz  bisher  so  wenig  nützen
konnte.
Da  das  oberschlesische  Eisenprodukt  mit  steigender  Verarbeitung ­
  an  Konkurrenzkraft  gegenüber  den  anderen  deutschen
Eisenfabrikaten  gewinnt,  so  ist  der  inländische  Absatzmarkt  der
oberschlesischen  Feineisenindustrie  erheblich  weiter  als  dev  des
Form-  und  Stabeisens.  Oberschlesische  Kessel,  guß-  und  schmiedeeiserne ­
  Röhren,  Draht-  Nägelfabrikate,  Konstruktionen,  Geräte
und  Maschinen  sowie  sämtliche  Spezialstahlsorten  dringen  sogar
in  das  natürliche  Absatzgebiet  der  westdeutschen  Eisenindustrien
ein.  „Es  wird  jetzt  kein  Kriegsschiff  mehr  gebaut,  zu  dem
die  oberschlesische  Eisenindustrie  nicht  die  wichtigsten  Bestandteile ­
  liefert".  Doch  ist  auch  dem  Absatz  dieser  Verfeinerungsund ­
  Spezialprodukte  der  bisher  allein  in  Frage  kommende  Eisenbahntransport ­
  stark  hinderlich  gewesen,  wie  auch  die  wirtschaftliche ­
  Struktur  des  natürlichen  oberschlesischen  Absatzgebietes,
des  Ostens,  eine  nur  schwache  Aufnahmefähigkeit  für  solche  Produkte ­
  besitzt.  Während  der  westdeutschen  Eisenindustrie  neben
dem  Jnlandsmarkt  der  Weltmarkt  zur  Verfügung  steht,  den  sie
auf  kürzestem  und  bestem  Wasserwege  mühelos  erreicht,  ist  Oberschlesien
  infolge  seiner  ungünstigen  geographischen  Lage  und  des
Mangels  an  einer  billigen  Wasserverbindung  mit  dem  Meere
von  dem  Überseeexport  in  der  Hauptsache  ausgeschlossen.  Lediglich ­
  nach  Österreich-Ungarn  und  Rußland  war  bisher  der
Export  des  oberschlesischen  Eisens  möglich.  Dieser  ist,  solange
        <pb n="137" />
        125

jene  Staaten  noch  keine  bedeutenden  eigenen  Eisenindustrien  besaßen, ­
  groß  gewesen,  heute  jedoch  bor  den  hohen  Zollmauern
der  beiden  Länder  bis  auf  knapp  9%  der  Stahlproduktion  zurückgewichen. ­
  Dennoch  erscheint  die  Frage,  ob  es  nicht  möglich
ist,  den  oberschlesischen  Eisenexport  nach  diesen  Ländern  zu
heben,  von  größter  Wichtigkeit,  wobei  die  deutsche  Handelspolitik ­
  ausschlaggebende  Bedeutung  besitzt.
Die  heutigen  Großindustrien  Rußlands  sind  das  Produkt
der  modernen  russischen  Jndustrialisierungspolitik,  die  1880
und  recht  eigentlich  1890  einsetzte*).
Bis  in  den  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  reichen  die  Bestrebungen ­
  der  russischen  Regierung  zurück,  die  gewerbliche
Tätigkeit  des  Landes  zu  heben,  insbesondere  die  Kohlen-  und
Eisenschätze  nutzbar  zu  machen.  Doch  der  völlige  Mangel  an
Verkehrswegen,  Kapitalien  und  fähigen  Arbeitskräften  ließ  die
Bemühungen  erfolglos.  Der  unglückliche  Ausgang  des  Krimkrieges ­
  gab  zu  umfassenden  Reformen  Anlaß.  Zunächst  wurde
durch  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft^)  ein  selbständiger
Bauernstand  geschaffen  und  seine  überschüssigen  Kräfte  für  gewerbliche ­
  Betätigung  entfesselt.  Dann  ging  man  mit  Eifer  an
den  Bau  von  Eisenbahnen^),  welche  die  gänzlich  fehlenden
Chausseen  und  schiffbaren  Wasserwege  zugleich  ersetzen  mußten*).
Das  Material  zu  den  Eisenbahnbauten  mußte,  da  die  damalige
russische  Eisenhütten-  und  Maschinenindustrie  den  Anforderungen
hinsichtlich  der  Menge  und  Güte  des  zu  liefernden  Materials
bei  weitem  nicht  gewachsen  war,  vom  Auslande  bezogen  werden.
Doch  suchte  die  Regierung,  Schienenwalzwerke,  Lokomotiv-  und
Waggonfabriken  ins  Leben  zu  rufen,  denen  sie  außer  hohen
LieferungsPreisen  Vorschüsse,  Prämien  und  Zollnachlaß  für
Rohmaterialien  gewährte^).  1861  wurde  sogar  der  zollfreie  Bezug ­
  von  Roheisen,  Maschinenteilen  und  Zubehör  gestattet,  wie
1)  Tittler.  V.  Wittschewsby.  E.  Zweig.  E.  Davidson.
2)  3.  März  1863.
3)  Rußland  besaß  an  Eisenbahnen:  1840:  26  km,  1850:
601  km,  1860:  1589  km,  1870:  11  243  km,  1880:  23  857  km,  1890:
30  456  km.  S.  a.  Süß.  Latz  I,  6.  129.
4)  „Rußland  hat  die  Periode  der  Chausseen  übersprungen."
Wittschewsby,  C.  65.
5)  Bis  1.  Juli  1884  wurden  an  Regierungsprämien  allein  für
Stahlschienen  14  265  Mill.  Rubel  gezahlt!  (Davidson.)
        <pb n="138" />
        —  126  —

überhaupt  die  Zölle  allmählich  abgebaut  wurden,  um  die  bisher
hohen  Preise  für  gewerbliche  Produkte,  insbesondere  Eisen,  hinabzudrücken ­
  und  die  unentwickelte  Konsumtion  zu  heben.
Jetzt  setzte  ein  allgemeiner  Aufschwung  ein,  der  als  eine
der  wichtigsten  Folgen  das  ausländische  Kapital,  das  vorher
Rußland  gemieden  hatte,  ins  Land  hereinzog.  Die  Mehrzahl
der  neuen  Fabrikanlagen  wurde  mit  französischem,  belgischem,
aber  auch  deutschem  Gelde  finanziert^).  Durch  Erhöhung  der
Zollsätze  für  Fertigfabrikate  wurde  den  Fabriken  der  inländische
Absatz  gesichert.  Es  ist  richtig,  daß  damit  das  allgemeine  und
normale  Entwicklungsprinzip  durchbrochen  wurde,  daß  ein  an
Rohstoffen  so  reiches  Land  wie  Rußland  zunächst  Halbfabrikate
herstellen  müßte,  um  erst  später  und  allmählich  an  die  Produktion ­
  gebrauchsfertiger  und  komplizierter  Erzeugnisse  gehen
zu  können.  Die  Gründe  für  den  ungewöhnlichen  Werdegang
der  russischen  Industrie  liegen  darin,  daß  die  Rohstoffbezirke
d.  h.  vornehmlich  von  Kohle  und  Eisenerz  damals  allzuweit  von
den  Verkehrszentren  lagen  und  nicht  so  rasch  entwickelt  werden
konnten^).  Die  Fabrikgründungen  geschehen  deshalb  fast  ausnahmslos ­
  in  den  der  Westgrenze  nächsten  Landesteilen,  ben  Ostseeprovinzen, ­
  besonders  St.  Petersburg,  und  Russisch-Polen  gegenüber ­
  dem  oberschlesischen  Jndustrierevier,  wo  auch  die  Arbeiterverhältnisse ­
  viel  günstiger  lagen.  Deshalb  ließ  der  Staat
die  Sorge  für  die  Produktion  ganz  zurücktreten  hinter  der
Förderung  der  verarbeitenden  Gewerbe  und  der  Kräftigung  der
Konsumtion.
Nationalistische  Tendenzen^),  die  auf  die  völlige  Selbständigkeit ­
  der  russischen  Volkswirtschaft  abzielten,  sowie  die  in  den
60er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Erscheinung  tretende
Verschlechterung  der  Zahlungsbilanz  Rußlands  brachten  den
Umschwung  der  russischen  Jndustrialisierungspolitik  herbei.
Die  übermächtige  Konkurrenz  des  nordamerikanischen  Getreides") ­
  hatte  den  Weltmarktpreis  dermaßen  gedrückt,  daß  die
1)  Das  englische  Kapital  blieb  infolge  politischer  Abneigung
der  russischen  Industrialisierung  fern.  (33.  Wittschewsky,  S.  236,
298  ff.,
2)  E.  Zweig.  E.  105  ff.
3,  V.  Wittschewsky,  S.  122  ff..  306  ff.
4)  V.  Wittschewsky,  S.  251  ff.
        <pb n="139" />
        —  127

Aktiva  der  russischen  Handelsbilanz,  die  in  der  Hauptsache  in
der  Getreideausfuhr  bestehen,  stark  entwertet  wurden  und  bei
dem  andauernden  Steigen  der  Einfuhr  industrieller  Produkte
der  Goldabfluß  aus  Rußland  ins  Ausland  gefährlich
wurde.  Da  es  nicht  möglich  war,  die  russische  Getreideausfuhr ­
  zu  steigern,  überdies  dadurch  der  Weltgetreidepreis ­
  nur  noch  mehr  gefallen  wäre,  blieb  der  Regierung ­
  nichts  übrig,  als  die  Einfuhr  einzuschränken,  selbst
wenn  es  die  Einfuhr  von  Gütern  des  Massenkonsums  wie
Eisen  war,  dessen  Wohlfeilheit  einer  der  wichtigsten  Faktoren
für  die  Leistungsfähigkeit  der  gesamten  Volkswirtschaft  ist 1 ).
Es  schien  auch  die  Zeit  gekommen,  an  die  Erschließung  der  ungeheuren ­
  Steinkohlen-  und  Eisenerzlager  zu  gehen.
In  der  nun  beginnenden  Ära  der  modernen  Industriepolitik
  Rußlands  spielen  die  Eisenzölle  die  Hauptrolle,  die  auf
Steinkohle  sind  nebensächlich.
1880  wurde  die  beschränkte  Zollfreiheit  für  Eisenrohmaterialien ­
  von  1861  aufgehoben  und  der  Roheisenzoll  auf
51/2  Kop.  pro  Pud  erhöhst).  Weitere  Erhöhungen  traten
ein:  1882  auf  6  Kop.,  1884  auf  8  Kop.,  1885  auf  12  Kop.,
1886  auf  15  Kop?).
Die  oberschlesische  Kohlen-  und  Eisenindustrie  hatte  als
nächstgelegenes  westeuropäisches  Industriegebiet  naturgemäß  den
stärksten  Anteil  an  diesen  Veränderungen.  Bis  1880  lieferten
die  oberschlesischen  Hütten  bedeutende  Mengen  Roheisen,  Stahlschienen ­
  und  Handelseisen  besonders  nach  Polen,  das  seit  jeher
mit  Schlesien  in  engsten  Handelsbeziehungen  gestanden  hatte.
Die  neugegründeten  Maschinenfabriken  in  Warschau,  Lodz  usw.
bezogen  z.  B.  1875  zirka  75  000  To.  Roheisen  aus  Oberschlesien ­
 1 ),  und  ebenso  stieg  die  Einfuhr  oberschlestscher  Steinkohlen ­
  rasch  mit  der  Ausbreitung  des  polnischen  Fabrikwesens,
da  die  polnischen  Kohlenbergwerke  infolge  Betriebsschwierig-  1  2  3

1)  V.  Wittschewsky,  S.  130,  144.
2)  V.  Wittschewsky,  S.  121,  124.
3)  In  Mark  betragen  die  Zollsteigerungen  pro  Tonne:  7,25  Mk.,
7,90  Alk.,  10,55  Mk.,  15,80  Mk..  19,75  Mk.
41  E.  Davidson,  S.  120.  Für  Schmiedeeisen  und  Stahl  wurde
nach  dem  Tarif  von  1868:  46—106  Mk.  pro  Tonne  Zoll  erhoben,
also  mäßige  Beträge.
        <pb n="140" />
        —  128

keilen  und  Arbeitermangel  der  Nachfrage  nicht  folgen  konnten,
andererseits  die  polnische  Steinkohle  zu  Jndustriezwecken  z.  T.
nicht  verwendbar  ist.  Die  oberschlesische  Industrie  hatte  sich  auf
einen  lebhaften  Absatz  nach  Rußland,  worauf  sie  schon  durch  ihre
natürliche  Lage  angewiesen  ist,  durch  Erweiterung  ihrer  Betriebsanlagen ­
  eingerichtet,  vor  allem  feste  Beziehungen  zu  dem
russischen  Markt  angeknüpft,  als  sich  Rußland  mit  Hochschutzzollmauern
  abschloßt).  Um  den  russischen  Markt  nicht  zu  verlieren, ­
  für  den  auch  nicht  Ersatz  zu  schassen  war,  gründeten  die
oberschlesischen  Eisenhüttenwerke  in  Polen  hart  an  der  preußischen ­
  Grenze  Filialen,  die  zunächst  das  oberschlesische  Roheisen
zu  Stahl  weiter  verarbeiten  sollten.  Diese  Filialwerke  waren^).
1)  Röhrenwalzwerk  Huldschinsky  &amp;amp;  Sohn  in  Selce  bei  Sosnowice
  1881  von  den  Huldschinsky-Werken  in  Gleiwitz
(in  der  Oberschles.  Eisenbahnbedarss-A.-G.  ausgegangen),
2)  Alexanderwerk  in  Milowice  bei  Sosnowice  1882  von  der
Oberschles.  Eisenbahnbedarfs-A.-G.,
3)  Katharinenhütte  in  Selce  1881  von  der  Vereinigten  Königs- ­
  und  Laurahütte  A.-G.,
4)  Eisenhütte  Puschkin  in  Selce  1882  vom  Grafen  Henckel
von  Donnersmarck,  ___
5)  W.  Fitzner  &amp;amp;  K.  Gamper  in  Selce  1880  von  der  Firma
W.  Fitzner,Laurahütte.
Durch  die  fortgesetzten  Zollerhöhungen  verschlechterte  sich
die  Lage  dieser  Filialwerke,  umsomehr  als  die  russische  Regierung ­
  sie  noch  besonders  bekämpfte^).  1885  befahl  das
Finanzministerium,  die  russisches  Roheisen  verarbeitende  Industrie ­
  „gegen  die  Konkurrenz  von  Unternehmungen  ausländischen ­
  Charakters  zu  schützen,  die  in  den  Grenzdistrikten  ausländisches ­
  Gußeisen  mit  ausländischem  Brennstoff  und  ausländischen ­
  Arbeitern  verarbeitetst)".  Dies  führte  zu  scharfem

1)  W.  Loltz  I  I,  S.  64  f.
2)  Seil  1897  sind  diese  Werke  in  A.-G.  umgewandelt,  da  der
Besitz  von  Grund  und  Boden  durch  Ausländer  seither  verboten  ist.
s.  a.  C.  Moritz,  S.  32  ff.
3)  V.  Wittschewsky,  S.  124,  239  f.
4)  Auch  der  Kohlen-  und  Kokszoll  wurde  erhöht,  1882  von
0,65  Jt  aus  1,25  M,  1884  auf  2,50  M,  1887  aus  3,75  M.  pro  Tonne.
        <pb n="141" />
        —  129  —

Vorgehen  gegen  die  oberschlesischen  Techniker  und  Arbeiter  sowie ­
  zur  Differenzierung  der  Zölle  auf  Steinkohle  und  Eisen.
1887  wurde  der  Zoll  auf  Roheisen  bei  der  Einfuhr  über  die
westliche  Landesgrenze  auf  30  Kop.,  zur  See  auf  25  Kop.  pro
Pud  festgesetzt.  Schon  1890/91  trat  eine  Steigerung  auf  36
bezw.  30  Kop.  ein.  Dadurch  wurde  die  Versorgung  der  Filialwerke
  mit  oberschlesischem  Roheisen  gänzlich  unmöglich  gemacht,
und  den  oberschlesischen  Hütten  blieb  nichts  übrig,  als  ihre  polnischen ­
  Filialen  mit  eigenen  Hochöfen  zu  versehen,  ihren  Betrieb ­
  völlig  getrennt  zu  führen*).  Da  die  deutsche  Reichsregierung ­
  die  Herabsetzung  der  russischen  Prohibitivzölle  im
Guten  nicht  erlangen  konnte,  schritt  sie  zu  Gegenmaßregeln,
Erhöhung  der  Kornzölle  und  Begünstigung  der  nicht  russischen
Agrareinfuhr.  Daraus  entstand  der  Zollkrieg  von  1893/94.  Die
oberschlesische  Industrie  erlitt  durch  ihn  bedeutende  Verluste,
ihre  Ausfuhr  hörte  fast  ganz  auff).  Die  öffentliche  Meinung
Russisch-Polens  proklamierte  den  Boykott  der  oberschlesifchen
Werke  und  ihrer  polnischen  Filialen  und  regte  die  Eröffnung
neuer  Verbindungen  mit  Frankreich,  Belgien  und  England  ar?).
Der  Handelsvertrag  von  1894  brachte  den  ersehnten  Frieden*).
Die  21  Artikel  des  Vertrages  setzten  als  Hauptsache  das  Prinzip ­
  der  gegenseitigen  Meistbegünstigung  sowohl  in  der  Behandlung ­
  der  Staatsangehörigen,  Schiffe  usw.,  als  auch  der
Warenzölle,  und  die  Gleichstellung  beider  Staaten  in  den
Eisenbahntarifen.  Abgaben  auf  Flüssen,  Kanälen  und  Landstraßen ­
  fest.  Der  Erlaß  von  Ein-  und  Ausfuhrverboten  war
unmöglich  gemacht,  außer  wenn  die  öffentliche  Gesundheit,
Sicherheit  und  Ordnung,  Staatsmonopole  usw.  solche  nötig
machten.  Für  Oberschlesien  am  wichtigsten  war  die  Beseitigung
1)  Auf  der  Katharinenhütte  wurde  1890  der  erste,  1898  der
zweite  Hochofen  angeblasen.  Für  die  Verhüttung  kamen  polnische
Braunersenerze,  hauptsächlich  aber  südrussische  Erze  und  Koks  aus
Lberschlesien  und  Mährisch-Ostrvu  in  Betracht,  da  die  polnische
Kohle  keinen  Koks  liefert.
2)  Noch  1887  konnten  25  700  Tonnen  Roheisen  nach  Polen
ausgeführt  werden.  (B.  Kosmann,  S.  118.)
8)  V.  Wittschewsky,  S.  157.
4)  E.  Zweig,  S.  45  f.
        <pb n="142" />
        —  130  —

der  Differenzierung  der  Zölle  aus  Eisen  und  KohleH.  Der
Zoll  auf  Roheisen  wurde  auf  30  Kop.,  Gußeisenfabrikate  von
75—170  Kop.  auf  60—140  Kop.,  Stahl  von  60—100  Kop.  auf
50—80  Kop.,  Blechfabrikate  von  170  Kop.  auf  140  Kop.  pro  Pud
herabgesetzt.  Obgleich  diese  Zölle,  vor  allem  der  für  Roheisen,
keine  wesentliche  Ermäßigung  brachten,  so  trat  mit  dem  Handelsvertrag ­
  doch  eine  gewisse  Stetigkeit  in  den  Handelsbeziehungen
Deutschlands  und  Rußlands  ein,  die  vordem  gefehlt  hatte.  Die
russische  Regierung  hatte  zum  ersten  Male  auf  die  zolltarifarische
Autonomie  verzichtet,  die  sie  so  lange  auf  Drängen  der  russischen
Industriellen  zur  Erhöhung  der  Zollmauern  gebraucht  hatte^).
Allerdings  hatte  sie  nach  ihrem  eigenen  Urteil  mehr  Zugeständnisse ­
  erhalten  als  gemacht^).  Wenn  immerhin  nach  1894
die  deutsche  Einfuhr  nach  Rußland  sehr  zunahm,  so  hatte  die
oberschlesische  Industrie  doch  keinen  Anteil  daran^).
Inzwischen  war  unter  den  energischen  Maßnahmen  der
russischen  Jndustrialisierungspolitik  besonders  die  südrussische
Kohlen-  und  Eisenindustrie  herangewachsen,  der  durch  die  hohen
Zölle  der  sichere  Besitz  des  inländischen  Marktes  verschafft  worden
war.  Die  großen  Lieferungen  für  die  beschleunigten  Eisenbahnbauten ­
  der  „Periode  Witte"  1894—1899  wurden  ausschließlich
den  nationalrussischen  Werken  zu  sog.  „Liebesgaben"-Preisen
in  Auftrag  gegeben^).  Nur  geringere  Quanten  höher  verarbeiteter ­
  Eisen-  und  Stahlwaren  konnten  einigermaßen  leistungsfähig ­
  in  preislicher  Konkurrenzkraft  über  die  russische  Zollmauer
gleiten.  Dagegen  war  der  Absatz  der  oberschlesischen  Steinkohlen ­
  nach  Polen  weiter  sehr  rege^).  Ende  der  1890er  Jahre
machte  sich  sogar  eine  große  Kohlennot  in  der  polnischen  Eisenund
  Textilindustrie  bemerkbar,  sodaß  die  Regierung  sich  1900
1}  Die  Zölle  auf  Steinkohle  und  Koks  wurden  nur  bis  1898
gebunden,  während  der  Vertrag  auf  10  Jahre  geschlossen  wurde.
1897  erfolgte  die  Erhöhung  des  Zolles  auf  Steinkohle  von  1—4  Kop.
auf  1,5—6  Kop.,  auf  Koks  von  1,5—6  auf  2,25—9  Kop.  pro  Pud.
2j  V.  Wittfchewsky,  S.  182.  E.  Zweig,  S.  51.  A.  Friedrich,  S.  35.
3)  V.  Wittfchewskr,,  C.  175  ff.
4)  P.  Arndt,  S.  27.
5)  v.  d.  Brüggen.  In  dieser  Zeit  wurden  für  Eisenbahnbauten
vom  Staate  1273  Mill.  Rubel  ausgegeben.
6)  F.  Thieß.  Handelsbericht  des  Konsulats  Riga  1900,
Serie  l,  No.  47.  A.  Friedrich,  S.  50,  65.
        <pb n="143" />
        —  131

genötigt  sah,  Warschau,  Lodz  und  anderen  Industriestädten,  sowie ­
  der  Südwest-ahn  die  zollfreie  Einfuhr  oberschlestscher  Steinkohlen ­
  bis  auf  weiteres  zu  gestatten.  Die  einbrechende  russische
Jndustriekrisis  und  der  Krieg  mit  Japan  machten  dem  erfreulichen ­
  Aufschwung  ein  jähes  Ende,  wovon  Oberschlesien  besonders ­
  benachteiligt  wurde.  Der  Preissturz  auf  dem  russischen
Markt  war  enorm,  sodaß  die  hohen  Zölle  mit  ihrer  ganzen
Schwere  wirkten.  Deshalb  nahm  die  oberschlesische  Industrie
frühzeitig  Vorbereitungen  auf,  bei  Ablauf  des  Handelsvertrages
von  1894  und  Abschluß  eines  neuen  für  Oberschlesien  günstigere
Tarife  zu  erwirken,  umsomehr  als  die  russische  Regierung  zur
Stärkung  ihrer  durch  dfe  schwere  Krisis  arg  geschwächten  Industrie ­
  schon  am  13.  Januar  1903  einen  Generaltarifentwurf
herausgab^),  der  die  Differentialzölle  (westliche  Landesgrenze  —
See)  wieder  einführte  und  die  Zölle  für  Eisenwaren  stark
steigerte.  Die  agrarischen  Interessen  im  Deutschen  Reich  andererseits ­
  boten  alles  auf,  die  deutschen  Getreidezölle  zu  erhöhen. ­

Der  neue  Handelsvertrag  wurde  am  15.  (28.)  Juli  1904
mit  der  Geltungsdauer  bis  1916  abgeschlossen.  Er  brachte
neue  Benachteiligungen  der  oberschlesischen  Industrie.  Die
deutschen  Zölle  auf  Getreide  waren  erhöht,  die  für  Bau-  und
Nutzholz  sowie  pflanzliche  Öle  usw.  herabgesetzt.  Rußland  dagegen, ­
  seinem  Prinzip  getreu,  „Vergünstigungen  auf  dem  Gebiete ­
  seiner  Jndustriezölle  nur  insoweit  zu  bewilligen,  als  seiner
Ausfuhr  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse  bedeutende  Erleichterungen ­
  zugestanden  werden^)",  erhöhte  die  Zölle  auf  Eisenund
  Stahlbleche,  bearbeitete  Gußeisenwaren,  Eisen-  und  Stahlwaren ­
  wie  Messer,  Handwerkszeugs  und  Geräte,  Maschinen
mit  Ausnahme  solcher  für  den  landwirtschaftlichen  Betrieb.
Roheisen  wurde  aus  dem  Vertragstarif  ausgelassen.  Als  das
Primäre  der  beiderseitigen  Zollsteigerungen  erscheinen  die
deutschen  Agrarzölle,  die  für  das  am  deutschen  Getreidemarkt
anr  meisten  beteiligte  Rußland  Lebensfrage  sind.  Fraglos  sind
die  Erhöhungen  der  russischen  Jndustriezölle  lediglich  Gegenmaßnahmen ­
  gegen  die  deutschen  Getreidezölle.  Die  dem  deut-1)

  V.  Wittschewsky,  C.  182.
2)  V.  Wittfchewskr),  S.  372.

10
        <pb n="144" />
        —  132

schen  Reichstage  bei  der  Einbringung  des  neuen  Handelsvertrages ­
  am  1.  Februar  1905  vorgelegte  Denkschrift  behauptet,
daß  eine  Ausdehnung  des  deutschen  Jndustrieexports  nach
Rußland  bei  dem  fortgeschrittenen  Stande  der  russischen  Industrie ­
  kaum  oder  nur  sehr  schwer  möglich  fei 1 )*  Dies  trifft
jedenfalls  nicht  für  die  oberschlesische  Steinkohlen-  und  Eisenindustrie ­
  Zu,  der  im  Wettbewerb  mit  der  allein  in  Frage  kommenden ­
  südrussischen  Montanindustrie  für  den  polnischen  und
angrenzenden  russischen  Markt  ein  bedeutender  Frachtvorsprung
zur  Verfügung  steht.  Die  polnische  Kohlen-  und  Eisenindustrie
steht  auf  recht  schwachen  Füßen.  Nur  die  hohen  Zölle  gegen
Oberschlesien  geben  ihr  Lebensfähigkeit,  sodaß  ihr  Betrieb  höchst
imwirtschaftlich  erscheint.  Neuerdings,  da  die  Produktionskosten ­
  der  Donezsteinkohlc  sich  sehr  ermäßigt  haben,  dringen
sogar  diese  nach  einem  zirka  l  l00  Kilometer  langen  Eisenbahnwege ­
  immer  mehr  in  Polen  eil?).  Die  polnischen  Hochöfen
sind  nach  Erschöpfung  der  eigenen  Brauneisenerzlager  auf  die
1440  Kilometer  entfernten  Krivoi-Rog-Erze  angewiesen^);  da
die  polnische  Sandkohle  nicht  verkokt,  müssen  sie  den  Koks  aus
Schlesien  oder  Mährisch-Ostrau  bei  teurem  Eisenbahntransport
heranholen.  So  steht  die  polnische  Eisenindustrie  an  einem
durchaus  unwirtschaftlichen  Standort  und  erweist  deutlich  ihre
Natur  als  NotgrimdungH:
Aus  diesen  Gründen  ist  die  Politik  der  Handelsverträge
für  Oberschlesien  von  ausschlaggebender  Bedeutung.
Eine  Oberschlesien  günstige  Handelspolitik  kann  seiner
Kohlen-  und  Eisenindustrie  den  bei  bestimmten  Verhältnissen
sehr  aufnahmefähigen  polnisch-russischen  Markt  erschließen.  Die
1)  B.  Wittschewsky,  S.  383.
2)  Handelsbericht  d.  Generalkonsulats  Warschau  1909/10,
S.  I,  No.  369.  Die  Fracht  kommt  mit  dem  Zoll  auf  10—12  Mk.  pro
Tonne.
3)  Allerdings  begünstigt  durch  billige  Differentialtarife,  s.  u.
Th.  Sehmer,  S.  103  ff.  Seine  Meinung  (S.  211),  die  von  Oberschlesien ­
  in  Russ.-Polen  angelegten  Hochöfen  seien  bestimmt,  nach
Absperrung  der  russ.  Erzausfuhr  Oberschlesien  mit  Roheisen  zu
versorgen,  ist  aus  den  hier  angeführten  Gründen  unhaltbar.
4)  Dis  Roheisengestehungskosten  betrugen  1908  pro  To.  ca.  65
bis  70  Mk.,  also  10  bis  15  Mk.  mehr  als  in  Oberschlesien.  Dazu  ist
die  Qualität  nicht  annähernd  die  gleiche.
        <pb n="145" />
        133  —

oberschlesischen  Industrien  müssen  deshalb  auf  eine  Herabsetzung ­
  der  russischen  Jndustriezölle  hinwirken  auf  dem  Wege,
daß  die  unberechtigten  Hochschutzzollforderungen  der  deutschen
Landwirtschaft  zunächst  abgewiesen  und  die  bestehenden  hohen
Getreidezölle  allmählich  abgebaut  werden,  wofür  Rußland  seinerseits ­
  die  Jndustriezölle  ermäßigen  wird.  Freilich  wäre  dann  vor
allem  die  Revision  des  bisherigen  prinzipiellen  Standpunktes
der  deutschen  Agrarpolitik,  die  Ernährung  des  deutschen  Volkes
durch  die  eigene  Landwirtschaft  völlig  oder  doch  größtenteils
sicher  zu  stellen,  notwendig.  Und  dies  erscheint  um  so  schwieriger ­
  als  die  deutsche  landwirtschaftliche  Bevölkerung  für  die  allgemeine ­
  deutsche  Politik  wachsendes  Interesse  im  populationistischen
  Sinne,  des  Ersatzes  des  in  industrieller  Arbeit  verbrauchten ­
  Menschenmaterials,  gewinnt,  wogegen  notwendig  alles
andere  zurücktreten  muß.
Es  ist  zuzugeben,  daß  die  russischen  Marktverhältnisse  noch
ziemlich  verworren  und  unsicher  sind.  Die  russische  Industrie
hat  in  den  Zeiten  der  staatlichen  „Liebesgaben"  auf  das  allgemeine ­
  wirtschaftliche  Interesse  des  Volkes  nicht  zu  achten
brauchen,  hatte  sich  um  den  Markt  der  kleinen  Verbraucher  nicht
gekümmert,  da  der  Staat  sie  mit  reichen  Aufträgen  beschäftigte
zu  Preisen,  die  enorme  Gewinne  abwarfen*).  Die  meisten
Werke  waren  lediglich  für  diese  staatlichen  Lieferungen  eingerichtet,
  bis  vor  einem  Jahrzehnt  war  russisches  Handelseisen,
mit  Ausnahme  aus  dein  Uralgebiet,  und  Bleche  ein  recht  seltenes ­
  Erzeugnis^).  Das  Ausbleiben  der  staatlichen  Bestellungen,
durch  finanzielle  und  politische  Verwicklungen  verursacht,  und
die  daraus  entstehende  schwere  Krisis  (1899—1903)  räumten
mit  diesen  Mißständen  auf.  Vor  allem  erzwang  die  Regierung
eine  Erleichterung  des  Konsums  durch  Ermäßigung  der  Eisenpreise, ­
  indem  sie  den  Preis  für  die  To.  Schienen,  wofür  sie  in
den  1880er  Jahren  ca.  263  &amp;lt;M,  in  den  1890er  Jahren  ca.  197  Jl
und  174  Jl  bewilligt  hatte,  um  1900  auf  145  Jl  hinabdrückte^).
Infolge  dieses  Preissturzes  brachen  zahlreiche  Werke  zusammen,
1)  V.  Wittschewsky,  &amp;lt;5.  234  ff.,  312  ff.  tz.Des  Ackerbauers  Not
schneidet  der  Fabrik  das  Brot.")
2)  E.  Zweig,  S.  133.  E.  Davidson,  S.  142.  B.  Simmersbach ­
  I  I,  S.  13.
3)  B.  Simmersbach  I.  S.  387.
        <pb n="146" />
        —  134  —

die  in  der  Sucht,  möglichst  große  Gewinne  Herauszuwirtschasten,
ihre  technischen  Anlagen  vernachlässigt  hatten*).  Nach  B.  Simmersbach ­
  ist  ein  merklicher  Rückgang  der  Erträge  der  südrussischen
  Eisengesellschaften  zu  verzeichnen.  In  %  des  Aktienkapitals ­
  betrugen  ihre  Dividenden-):
1901:  3,96,  1902:  3,10,  1903:  3,11,
1904:  2,98,  1905:  2,64,  1906:  2,07.
Im  Interesse  des  Konsums  sucht  die  Regierung  die  neuerdings ­
  auftretenden  Kartellierungsbestrebungen  der  russischen
Kohlen-  und  Eisenindustrie  zu  behindern"),  indem  sie  erklärte,
die  Syndikate  nur  dann  gelten  lassen  zu  können,  wenn  sie  sich
auf  die  Verminderung  der  Produktionskosten  beschränken
wollten"*).  Seit  1903  bestehen  Syndikate  für  Grobbleche,
Träger,  gezogenen  Draht,  Drahtnägel,  die  in  der  „Ersten  Gesellschaft ­
  für  den  Handel  mit  metallurgischen  Produkten,
Charkow")"  vereinigt  wurden.  Auch  ein  Roheisensyndikat  ist
1907  durch  die  süd-  und  nordrussischen  sowie  polnischen  Hochöfen ­
  begründet  worden"),  das  ziemlich  hohe  Preise*)  mit  einheitlicher ­
  Botts  für  ganz  Rußland  mit  Ausnahme  des  Uralbezirks ­
  durchführte.  Die  anderen  Syndikate  vermochten  ebenfalls ­
  Preissteigerungen  zu  erzielen").
In  großen  Zügen  ist  festzustellen,  daß  die  russische  Steinkohlen- ­
  und  Eisenproduktion  durch  die  ungeheuren  natürlichen
Hilfskräfte  des  Landes  und  den  starken  Bevölkerungszuwachs,
der  1912  über  2  Millionen  betrug  und  unmöglich  in  der  russischen ­
  Landwirtschaft  untergebracht  werden  kann,  für  alle  Zeiten
gesichert  erscheint").
1)  Handelsbericht  d.  Generalkons.  Odessa  1901,  S.  I,  86.
2)  B.  Simmersbach,  11,  S.  13  f.
3)  Handelsbericht  d.  Kons.  Libau,  1907,  S.  I,  No.  278.
4)  B.  Simmersbach  I  S.  398.  E.  Zweig,  S.  136  ff.
5)  sog.  „Prodameta."
6)  Handelsbericht  d.  Vice-Kons.  Nikolajew  1908,  S.  l,  314.
7)  „Schlesische  Zeitung"  No.  13,  7.  Januar  1913.
8)  1907  wurde  der  Plan  zu  einem  russischen  Eisen-  und
Stahltrust  gefaßt,  der  aber  daran  scheiterte,  daß  die  Regierung  mit
der  Herabsetzung  der  Schutzzölle  drohte,  und  die  notwendigen  170
Mill.  Rubel  nicht  ausgebracht  werden  konnten.  (33.  Simmers  -
'  dach  II,  e.  13  ff.)
9)  V.  Wittschewskg,  S.  319.  E.  Zweig,  S.  136  ff.  1904  betrug
die  Produktionsfähigkeit  der  russischen  Hochöfen  4,7  Mill.  Tonnen,
ihre  Produktion  dagegen  nur  2,9  Mill.  Tonnen.
        <pb n="147" />
        —  135  —

Die  Produktionskosten  zeigen  in  letzter  Zeit  endlich  die
Tendenz,  auf  das  Niveau  der  entsprechenden  westeuropäischen
hinabzugleiten.  Dadurch  und  das  Zurückbleiben  des  inländischen ­
  Konsums  hinter  der  stark  gestiegenen  Leistungsfähigkeit
der  Industrie  beginnt  die  Ausfuhr  für  die  russische  Kohlen-  und
Eisenindustrie  Interesse  zu  gewinnen^).  Es  handelt  sich  naturgemäß ­
  nur  um  Rohstoffe,  Halbfabrikate  und  gröbere  Artikel
sowie  um  diejenigen  Werke,  deren  Gründungskosten  gesund  und
technischen  Anlagen  auf  modernem  Stande  erhalten  sind.  In
der  Tat  sind  schon  bedeutende  Auslandsverkäufe  von  den  einzelnen ­
  südrussischen  Werken  getätigt  worden  zu  Preisen,  die  vielleicht ­
  keinen  Nutzen  abwarfen,  immerhin  aber  sicher  die  Gestehungskosten ­
  hereinbrachten  und  so  zur  Amortisation  der  Generalunkosten
  beitrüget?).  Besonders  werden  Eisenbahnschienen,
Träaer,  Bleche,  doch  auch  selbst  Roheisen  und  Rohstahl  nach
den  Balkanstaaten,  Italien,  England,  Ägypten  und  Südamerika
exportiert.  Ferro  man  gan  und  Spiegeleisen  sogar  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten^).  1907  machte  sich  die  Konkurrenz  der
russischen  Eisenbahnschienenausfuhr  dem  Internationalen  Eisenbahnschienen-Syndika?)
  derart  fühlbar,  daß  dieses  die  Russen
im  Jahre  1908  mit  einer  beträchtlichen  Beteiligung  aufnahm^).
Auch  die  Exportfähigkeit  der  Donezsteinkohle  nimmt  ständig  zu.
Nachdem  diese  die  englische  Kohle  allmählich  aus  dem  Küstengebiet ­
  des  Schwarzen  Meeres  verdrängt  hat,  geht  sie  von  den
Häfen  Tagan-Rog,  Mariupol,  Kertsch,  Sebastopol  und  Odessa
in  das  näher  gelegene  Ausland  bis  Italien^).
Die  Regierung  befördert  diese  Exportbestrebungen  der
Kohlen-  und  Eisenindustrie,  weil  dadurch  die  Zahlunasbilanz
des  Staates  erheblich  gestärkt  wird.  Ganz  verschieden  davon
sind  die  Verhältnisse  auf  dem  Gebiete  der  Verfeinerungs-1)

  „Schlesische  Zeitung"  No.  568,  15.  August  1913.
2)  Handelsbericht  d.  Vice-Kons.  Nikolajew  1907,  S.  1,  276.
3)  Handelsbericht  d.  Vice-Kons.  Miriupol  1907,  S.  I,  270.
4)  Handelsbericht  d.  Vice-Kons.  Nikolajew  1908,  S.  I,  314.
Die  russische  Schienenausfuhr  betrug:  1907:  43  000  To..  1908:
79  000  To.,  1909:  143  000  To.
5)  F.  Thietz.
6)  Handelsbericht  d.  Generalkons.  Warschau  1904,  S.  I,  174.
        <pb n="148" />
        —  136  —

Industrien').  Solange  der  russische  Fabrikarbeiter  nicht  annähernd ­
  das  Bildungsniveau  des  westeuropäischen,  z.  B.  deutschen ­
  erreicht  haben  wird,  ist  die  Ausdehnung  der  russischen
Jndustriearbcit  auf  die  Veredelung  der  groben  Fabrikate  ausgeschlossen. ­
  „Es  fehlt  an  tüchtigen  allgemein  und  technisch  vorgebildeten ­
  Arbeitern,  sodass  selbst  zu  den  einfachsten  Arbeiten
ein  und  für  sich  zahlreicheres  Personal  aufgewendet  werden  muß.
Zu  komplizierteren  Maschinen  müssen  immer  noch  teuer  bezahlte ­
  Ausländer  bezogen  werden,  oder  Techniker,  die  für
höhere  Leitungen  geeignet  wären,  in  solche  Stellen  eingesetzt
werden."
Auch  die  höhere  Bildung  ist  noch  sehr  zurück,  der  Erfinder
ist  nicht  vorhanden,  der  die  Wissenschaft  aus  die  Technik  anwendet, ­
  so  daß  jede  den  Betrieb  verbessernde  Neuerung  vom  Auslande ­
  teuer  abgekauft  werden  muß.  Eine  Besserung  ist  in  dieser
Hinsicht  jedenfalls  nicht  so  schnell  herbeizuführen.
In  höher  verarbeiteten  Eisen-  und  Stahlfabrikaten,  besonders ­
  Maschinen,  wird  der  russische  Konsument  auch  in  Zukunft ­
  wie  bisher  auf  ausländische  Ware  angewiesen  sein,  weil
das  Inland  die.betreffenden  Produkte  überhaupt  nicht  oder
nur  in  minderwertiger  Qualität  herstellen  kann.
Darin  liegt  der  Schwerpunkt  der  Entwicklungsmöglichkeit
des  russischen  Marktes  für  die  deutsche  und  speziell  oberschlesische
Industrie.  Und  man  kann  sagen,  daß  es  unbegrenzte  Möglichkeiten ­
  sind.
Von  hauptsächlichstem  Interesse  erscheinen  landwirtschaftliche ­
  Maschinen,  Nähmaschinen,  Fahrräder,  Schreibmaschinen,
1)  V.  Wittschewsky,  S.  377.  (Gutachten  des  Börsenkomitees  zu
Riga  zu  dem  deutsch-russischen  Handelsvertrag.)  Neben  der  schlechten
Volksschule  ist  die  rückständige  Agrarverfassung  an  den  schwierigen
Arbeiterverhältnissen  Schuld.  Grund  und  Boden  gehört  der  Land
gemeinde,  der  Bauer  ist  an  sie  gefesselt  und  kann  nur  „auf  Urlaub"
in  die  Industrie  gehen,  während  seine  Familie  das  Grundstück  bewirtschaftet. ­
  Er  ist  Bauer  und  Industriearbeiter  zugleich,  daher
beides  schlecht.  (Auch  ist  zu  beriicksichtigen,  daß  der  orthodoxe  Russe
im  Jahr  94  kirchliche  Feiertage  hat,  während  der  deutsche  Katholik
68  Tage,  der  Protestant  gar  nur  58  Tage  feiert,  was  zwar  für  die
Industrie  im  allgemeinen  zutrifft.  E."Zweig,  S.  100  f.)  Durch  das
großartige  Gesetz  vom  10.  beziehungsweise  23.  Juni  1910  ist  die  umfassende ­
  Umgestaltung  der  russischen  Agrarverhältnisse  gegenwärtig
        <pb n="149" />
        —  137  —

Emaille-  und  Blechgeschirr,  Lampen,  Handwerkszeug,  ferner
dünne  Sorten  Band-,  Fasson-  und  Fenstereisen,  Verpackungseisen, ­
  Dach-  und  Ofenbleche,  Sensen,  Messer  und  FeilenH.
Die  genannten  Maschinenarten  werden  in  Rußland  fast  garnicht ­
  fabriziert,  aber  in  stark  steigendem  Maße  konsumiert.  Die
letzangeführten  Eisenwaren  werden  zwar  auch  in  Rußland  erzeugt, ­
  doch  in  derart  schlechter  Qualität,  daß  für  gute  ausländische ­
  Waren  gern  ein  höherer  Preis  bezahlt  wird.  Oberschlesien ­
  liefert  besonders  die  feineren  Sorten  Handelseisen  und
Werkzeugstahl,  dagegen  ist  der  Markt  in  landwirtschaftlichen
Maschinen,  Näh-  und  Schreibmaschinen  sowie  Fahrrädern  in
der  Gewalt  meist  amerikanischer  Firmen^),  die  mit  großzügigen
Geschäftsverfahren,  leichten  Zahlungsbedingungen,  Krediten  und
reichen  Musterlagern  trotz  hoher  Preise  erfolgreich  arbeiten.  Gerade ­
  in  solch  hochwertigen  Erzeugnissen  könnte  die  oberschlesische
Eisenindustrie  einen  beträchtlichen  Teil  ihrer  Produktion  auch
auf  dem  russischen  Markte  mit  bestem  Nutzen  absetzen^).
Allerdings  wäre  zunächst  die  amerikanische  Konkurrenz
aus  dem  Felde  zu  schlagen,  was  in  dem  großen  Teil  Rußlands,

im  Gange,  indem  der  Mir  aufgelöst,  das  Land  —  ja  sogar  noch
dazu  neues  aus  aufgeteilten  Staatsdomänen  —  als  Privateigentum
den  nun  vom  Boden  persönlich  frei  gemachten  Bauern  zugeteilt
wird.  Dadurch  können  jetzt  die  in  der  Landwirtschaft  überflüssigen
Arbeitskräfte  ständig  und  unbehindert  den  Gewerben,  vor  allem  der
Großindustrie  zu  Gute  kommen.  „In  Rußland  vollzieht  sich  eine
Umgestaltung  aller  sozialen  Verhältnisse,  die  seine  Zukunft  aus
eine  neue  Grundlage  stellt."  Freilich  werden  noch  viele  Jahre  vergehen,
  ehe  Rußland  das  Niveau  Westeuropas,  besonders  was  gewerbliche ­
  Qualitätsarbeit  anlangt,  erreichen  wird,  so  daß  unsere
Untersuchung  davon  nicht  berührt  wird.  (f.  a.  Beröffentl.  d.  L.  Ö.  K.
1912,  Heft  9,  S.  19.)
1)  Handelsber.  d.  Kons.  Ssaratow  1905/6,  S.  I,  263.
Handelsber.  d.  Kons.  Rostow  a.  D.  1901,  C.  I,  85.
Handelsber.  d.  Kons.  Kiew  1900  u.  1905,  S.  I,  40  u.  207.
Handelsber.  d.  Kons.  Moskau  1906  u.  1907,  S.  I,  250  u.  290.
2)  Die  Harvester-Company,  Chicago  in  landw.  Maschinen  und
die  Singer-Company,  Newyork  in  Nähmaschinen.  (Handelsbericht
d.  Kons.  Ssaratow  1908,  S.  I,  333.)
3)  Handelsber.  d.  Kons.  Kiew  1905,  S.  I,  207.
        <pb n="150" />
        —  138

für  den  Oberschlesien  mit  bedeutendem  Frachtvorsvrung  vor
Amerika  vorliegt,  sicher  möglich  ist,  und  dann  mußte  das  Verfahren ­
  des  amerikanischen  Kaufmannes  in  Bezug  auf  den  Kredit
nachgeahmt  werden,  denn  gerade  der  Russe  ist  auf  diesem  Gebiete ­
  sehr  anspruchsvoll.  Überhaupt  ist  durchaus  notwendig,
daß  der  deutsche  Exporteur  sich  mehr  als  bisher')  die  Pflege  des
russischen  Marktes  angelegen  sein  läßt  und  nicht,  wie  es  häufig
vorkommen  soll,  minderwertige  Waren  in  Rußland  abzusetzen
sucht^).  Die  hohen  Zölle  auf  Maschinen  und  Eisenfabrikate
des  deutsch-russischen  Handelsvertrages  von  1904  haben  die
Einfuhr  nach  Rußland  nicht  in  dem  Maße  geschädigt  als  erwartet ­
  werden  mußte,  da  die  Zölle  z.  T.  durch  die  Verschlechterung ­
  der  Produktionsverhältnisse  etwaiger  russischer
Konkurrenten  paralysiert  worden  sind,  andererseits  die  ausländischen ­
  Konkurrenten  inindestens  dieselben  Zollsätze  zu  tragen
Habens.  Der  russische  Konsument  muß  eben  die  Zollerhöhungen
selbst  bezahlen.  Tatsächlich  macht  die  Wertschätzung  guter  deutscher ­
  Eisensabrikate  auf  dem  russischen  Markte  andauernd  Fortschritte. ­

Die  deutsche  Ausfuhr  nach  Rußland  betrug  in  den  wichtigsten ­
  Eisen-  und  Maschinenwaren''):

1)  N.  Wittschewsky,  S.  377.
2)  Handelsbericht  d.  Konsulats  Moskau  1906,  S.  I,  250.
Handelsbericht  d.  Konsulats  Ssaratow  1908,  S.  1,  333.  Hin  und
wieder  ist  aus  diesen  Gründen  das  deutsche  Fabrikat  von  französischem ­
  und  englischem  verdrängt  worden.
3)  In  Polen,  teils  auch  in  dem  Moskauer  und  Petersburger
Bezirk,  werden  schon  einfachere  Werkzeugmaschinen,  kleine  Bohrer,
Hämmer,  Zangen  usw.  hergestellt  und  zwar  meist  in  hausindustriellen
Betrieben.  Immerhin  sind  die  Fabrikate  von  beschränkter  Verwendbarkeit. ­
  sHandelsber.  d.  Kons.  Moskau  1907,  S.  I,  297.)

4)  Der  Gesamthandel  Deutschlands  mit  Rußland  betrug:

1)  Ausfuhr  nach  Rußland
1902  209  Mill.  Rubel
1907  337  Mill.  Rubel
1910  450  Mill.  Rubel
1912  519  Mill.  Rubel

2)  Einfuhr  aus  Rußland
1902  760  Mill.  Mk.
1907  1107  Mill.  Mk.
1910  1387  Mill.  Mk.
1912  1528  Mill.  Mk.

Nach  der  deutschen  Reichsstatistik  zusammengestellt.
        <pb n="151" />
        139  -

In  Millionen  Mark:

1907

1908  1909

1910

1911

1912

Feinste  Eisenwaren

0.8

0.5

0.6

0.8

1.5

1.8

Messer,  Scheren.

1.8

1.8

1.9

2.1

2.3

2.4

Gabeln  rc.
Haus-,  Küchengeräte

3.1

1.9

1.6

1.5

2.7

3.0

Nadeln,  Angelhaken  rc.

—

1.2

0.9

0.5

1.0

U

Schlösser,  Schlüssel

1.1

0.9

0.7

1.0

1.6

1.5

Bohrer,  Feilen,  Raspeln

1.9

2.7

2.7

35

3.1

3.7

Sägen.  Zangen

2.8

3.5

3.2

1.9

1.6

1.8

Schmiedbare  Eisen,  gußu.
  bearb.  schmiedeeiserne
Waren

1.8

1.5

1.3

2.9

3.6

4.5

Andere  Eisenwaren

—

0.9

0.8

0.9

2.1

7.4

Ackergeräte  ohne  Pflüge

1.0

1.1

1.1

1.2

1.7

19

Eiserne  Pflüge

4.3

4.8

4.8

5.8

6.2

6.8

Anderelandw.  Maschinen

0.7

0.8

0.7

1.9

2.8

4.6

Dreschmaschinen

1.8

1.9

2.6

2.9

3.0

4.4

Pumpen  rc.

—

0.7

0.5

0.9

1.3

3.0

Nähmaschinen  u.  Teile

6.8

6.2

6.7

6.6

7.0

6.7

Strick-  u  Stickmaschinen

1.0

0.9

0.6

1.2

2.0

0.8

Webstühle

—

0.8

0.8

1.0

2.6

2.8

Metallbearbeitungsmaschinen ­


4.0

5.5

4.8

6.9

8.0

9.0

Buchdruckmaschinen

2.2

2.8

2.6

3.4

3.8

3.1

Hozbearbeitungsmasch.

18

2.3

1.6

2.5

3.1

3.8

Rechnen-  u.  Schreibmasch.

—

0.8

1.1

1.3

1.5

—

Fahrräder  u.  Teile

1.0

1.8

2.1

2.7

3.3

14

Personenmotorwagen

0.8

1.8

2.4

4.6

7.7

10.7

Summe

38.7

47.1

45.0

58.0

73.5

86.2

Nach  allem  wird  es  Aufgabe  der  deutschen  Handelspolitik
sein,  für  den  Ende  1917  ablaufenden  gegenwärtigen  Handelsvertrag ­
  mit  Rußland  einen  neuen,  den  industriellen  Interessen
besonders  Oberschlesiens  günstigeren  Vertrag  abzuschließen,  bei
möglichster  Schonung  der  berechtigten  Ansprüche  der  deutschen
Landwirtschaft  auf  Schutz  ihrer  Erzeugnisse  vor  der  russischen
Einfuhr.  Diese  Aufgabe  ist  bei  der  heutigen  Struktur  der
        <pb n="152" />
        140

Landwirtschaft  Ostdeutschlands,  dem  Vorherrschen  der  großen
und  größten  Betriebe  äußerst  schwer.  Der  Großgrundbesitzer
kann  ohne  einen  ausreichenden  Zollschutz  vor  dem  russischen
Getreide  nicht  bestehen  —  während  anderseits  Rußland  an
seinem  handelspolitischen  Prinzip  festhält,  Vergünstigungen  auf
denl  Gebiete  seiner  Jndustriezölle  nur  insoweit  zu  bewilligen,
als  seiner  Ausfuhr  agrarischer  Produkte  Erleichterung  zugestanden ­
  wird.  Doch  wird  es  möglich  sein,  im  Einzelnen  die
Ermäßigung  der  russischen  Jndustriezölle  zu  erlangen,  da,  wie
wir  zeigten,  es  nicht  so  sehr  auf  Roh-  und  Grobprodukte  als
vielmehr  auf  verfeinerte  Eisenerzeugnisse  ankommt,  die  .  die
russische  Industrie  gar  nicht  oder  in  ganz  beschränktem  Umfange ­
  herstellt.  Der  russische  Industrie-  und  Handelsminister
Timaschew  hat  es  erst  kürzlich  ausgesprochen^),  die  russische  Regierung ­
  sei  zwar  bereit,  der  nationalen  Industrie  Unterstützung
durch  Schutzzölle  und  Staatsbestellungen  zuzuwenden,  doch  gäbe
es  eine  Grenze,  über  die  hiimus  das  Protektionssystem  schädlich
wirke.  Auf  dem  Gebiete  der  Herstellung  komplizierter  Maschinen ­
  beispielsweise  könne  die-russische  Industrie  selbst  bei
Anwendung  rigorosesten  Zollschutzes  nicht  in  Wettbewerb  mit
den  ausländischen  Industrien  treten.  .  .  Wird  man  es  doch
der  Regierung  nicht  zumuten  dürfen,  für  Eisbrecher  den  einheimischen ­
  Werken  6,8  Mill.  Rubel  zu  bezahlen,  wenn  sie  diese
im  Ausland  für  4,3  Mill.  Rubel  erstehen  kann".  Der  Umschwung ­
  in  der  Handelspolitik  Rußlands  scheint  nach  diesen
Aeußerungen  im  Anzüge  zu  sein.  Ein  Entgegenkommen  des
Deutschen  Reiches  in  seinen  Agrarzöllen  wird  sicher  die  größten
Erfolge  für  dse  deutsche  und  vor  allem  oberschlesische  Eisenindustrie ­
  erzielen.  Freilich  erscheint  uns  als  Vorbedingung  die
Reformierung  der  ostdeutschen  Landwirtschaft^).
1)  „Berliner  Tageblatt"  No.  408,  13.  August  1913.  Handelstell.
2)  Ende  1913  haben  denn  auch  Industrie  und  Handel  Russlands
mit  Vorbereitungen  für  die  Verhandlungen  zum  neuen  deutschrussischen ­
  Handelsvertrag  energisch  begonnen.  Als  Hauptforderungen
werden  die  Revision  der  deutschen  Agrarzölle  und  Abschaffung  des
deutschen  Einfuhrscheinsystems  verlangt.  Gegen  das  letzte  wird
sogar  ein  russischer  Getreideeinsuhrzoll  propagiert.  Im  übrigen
sollen  durchgreifende  Erhöhungen  der  russischen  Industriezölle  den
deutschen  Agrarzöllen  entgegengesetzt  werden.  Dieser  Klaffende
Widerspruch  der  wirtschaftlichen  Interessen  beider  Länder  wird  noch

!L
        <pb n="153" />
        —  141  —

Mit  den  Ländern  der  Donaumonarchie  hat  Oberschlesien
seit  jeher  in  engsten  wirtschaftlichen  Beziehungen  gestanden,  besonders ­
  wurden  oberschlesische  Eisenprodukte,  als  Puddelrobeisen,
  Gusiwaren  wie  Röhren,  Handelswalzeisen,  Eisenbahnschienen, ­
  feine  Bleche  und  Walzdraht  in  Österreich-Ungarn  eingeführt, ­
  obgleich  für  die  letzten  Erzeugnisse  beträchtlich  hohe
Zölle  bestanden.  Die  aufblühenden  Eisenindustrien  Steiermarks
  und  Kärtnens  riefen  Anfang  der  1870er  Jahre  laut
um  Schutz  .gegen  diese  fremde  Einfuhr,  und-  die  damals  allgemein ­
  einreißende  Jndustrieerziehungspolitik  unterstützte  ihre
Forderung^).  Der  freihändlerische  Handelsvertrag  vom  9.  März
1868  wurde  gekündigt,  und  1878  ein  autonomer  Zolltarif  geschaffen, ­
  der  besonders  die  Eisenzölle  stark  erhöhte.  Zwar  kam
am  23.  Mai  1881  mit  dem  Deutschen  Reich  ein  Handelsvertrag
zustande,  der  1887  erneut  verlängert  wurde,  aber  er  enthielt  nur
das  Prinzip-der.  Meistbegünstigung  ohne  Tarifbindung,  war  also
autonom.  Unter  den  hohen  Zollsätzen  ging  die  oberschlesische
Eiseneinfuhr  rasch  zurück  und  beschränkte  sich  schließlich  auf  diejenigen ­
  Produkte,  die  in  Österreich-Ungarn  nicht  hergestellt  wurden, ­
  z.  B.  feine  Bleche  und  Draht.
Die  hohen  Schutzzölle  nutzten  die  österreichischen  Eisenindustriellen ­
  aus^),  indem  sie  sich  kartellierten  und  nun  darnach
strebten,  die  höchsten  Preise  zu  erlangen,  die  nach  Maßgabe  der
ausländischen  Konkurrenz  soivie  der  Zoll-  und  Frachtverhältnisse
überhaupt  zu  erlangen  waren.  So  wurde  der  Jnlandsmarkt
der  nationalen  Eisenindustrie  gesichert,  aber  durch  die  wucherische
Politik  des  Eisenkartells  der  Konsum  gedrückt  und  die  gesamte
gewerbliche  Entwicklung  Österreich-Ungarns  empfindlich  gehemmt. ­
  Der  Handelsvertrag  vom  6.  Dezember  1891  mit  dem
Deutschen  Reich,  der  neben  dem  Meistbegünstigungsprinzip  auch
die  feste  Zollbindung  enthielt,  brachte  einige  geringe  Zolldurch

  ihre  andauernde  politische  Gegnerschaft  verstärkt.  Eine  recht,
zeitige  Nachgibigkeit  auf  beiden  Seiten  erscheint  uns  deshalb  unbedingt ­
  notwendig,  soll  der  politische  Frieden  erhalten  werden.
1s  Wittschewsky,  S.  359.
2)  Außerdem  wurden  sie  in  der  Begründung  industrieller
Unternehmungen  durch  Befreiung  von  allen  Steuerzuschlägen  sowie
durch  Darlehen  aus  staatlichen  Landesindustriefonds  gefördert,  s.  a.
Handelsbericht  s.  Konsulats  Lemberg  1909,  S.  I,  No.  353,  März  1911.
        <pb n="154" />
        —  142  —

ermäßigungen  auch  für  Eisen,  doch  hatten  diese  als  unbedeutend
leine  erheblichen  Wirkungen*),
Eugen  von  Philippovich  stellte  auf  der  Exportenquete  1898
fest 2 ),  daß  der  österreichisch-ungarische  Eisenkonsum  „alle  Arbeiter, ­
  die  im  Eisenerzbergbau  und  in  der  Verarbeitung  und  Gewinnung ­
  von  Eisen  und  Stahl  beschäftigt  sind,  samt  ihren  Familien, ­
  Frauen  und  Kindern  nach  Hause  schicken  und  pro  Kopf
—  insgesamt  etwa  52  000  Personen  —  mit  250  fl.  pensionieren
könne,  wenn  Eisen  und  Stahl  zollfrei  aus  Deutschland  eingehen ­
  dürfte,  und  er  dann  noch  nicht  mehr  ausgeben  würde  als
er  es  so  täte".  Roheisen  war  1898  ungefähr  60—75%  teurer
als  im  Deutschen  Reich,  gewöhnliches  Stabeisen  um  50—60%
und  Kesselbleche  um  60—80%.  Besoirders  klagten  die  Eisen
verarbeitenden  Industrien,  das  Schlosser-,  Schmiede-  und  Maschinenbaugewerbe, ­
  daß  die  Zölle  auf  ihre  Fertigfabrikate  durch
die  Verteuerung  der  Rohmaterialien  völlig  absorbiert  würden,
und  forderten  die  Herabsetzung  der  Zölle  auf  Roheisen  und  Rohstahl,
  dagegen  die  Erhöhung  der  Zölle  auf  Maschinen  und  Eisenwarerst).

Der  neue  Handelsvertrag,  den  die  Monarchie  mit  dem
Deutschen  Reiche  1902  schloß,  kam  diesen  Interessen  entgegen*)
und  erniedrigte  die  Zollsätze  auf  Eisenrohmaterialien,  doch  nicht
so  weit,  daß  die  Ausfuhr  der  in  diesen  Materialien  nur  beschränkt ­
  konkurrenzfähigen  Eisenindustrie  Oberschlefiens  nach
Österreich-Ungarn  sich  merklich  heben  konnte.  Die  böhmischen
Eisenbütten  der  Prager  Eisenindustrie  A.-G.  in  Wien,  der
Böhmischen  Montangesellschaft  in  Wien,  der  Skoda-Werke  A.-G.
in  Pilsen,  der  Deutsch-Österreichischen  Mannesmann-Röhrenwerke ­
  A.-  G.  in  Komotau-Berlin  sowie  der  Witkowitzer  Eisenwerke ­
  A-.G.  in  Mähren  und  der  Alpinen  Montangesellschaft  in
Steiermark  sind  inzwischen  leistungsfähig  genug  geworden,  um
unter  dem  Schutz  der  immerhin  noch  bestehenden  Zölle  den  Jnlandsmarkt
  zu  beherrschen.  Lediglich  feinere  Eisenprodukte,  die
in  Österreich-Ungarn  garnicht  oder  beschränkt  und  weit  teurer
hergestellt  werden,  gehen  über  die  Grenze.  Die  Hauptausfuhr
'  1)  Lotz,  S.  80.
2)  Exportenquete  Wien,  S.  115  fs.
3)  Exportenquete  Wien,  S.  123,  138  f.
4)  Matlekomts,  C.  57  ff.  A.  Miethe,  S.  196  ff.
        <pb n="155" />
        —  143  —

geht  nach  Galizien  und  der  Bukowina,  sowie  Ungarn/Siebenbürgen ­
  auch  in  Handelseisen  gröberer  Sorten.
Forschen  wir  nun  nach  den  Entwicklungsinöglichkeiten  des
Exports  oberschlesischer  Eisenprodukte  nach  Österreich-Ungarn.
Wenn  auch  die  Arbeiter-,  Verkehrs-  und  Kapitalverhältnisse  der
österreichisch-ungarischen  Eisenindustrie  weit  ungünstiger  sind
als  die  Oberschlesiens,  so  dürfte  Me  doch  auf  ihrem  heimischen ­
  Markte  solange  die  Oberhand  behaupten,  als  sie  durch
einen  Zoll  von  gewisser  Höhe  verstärkt  wird,  den  des  heute
geltenden  Handelsvertrages.  Die  Produktionsverhältnisse  Oberschlestens
  werden  sich  gegenüber  denen  der  österreichisch-ungarischen ­
  Eisenindustrie  kaum  in  dem  Maße  bessern,  daß  die  oberschlesischen ­
  Roh-  und  Grobeisenprodukte  an  Konkurrenzkraft
auf  dem  österreichisch-ungarischen  Markte  erheblich  gewinnen
werden.  Eine  kleine  Verstärkung  könnte  Oberschlesien  durch
den  geplanten  Donau—Oderkanal  erfahren.  Jedenfalls  ist  auf
eine  bedeutende  Herabsetzung  der  Zölle  aus  die  genannten  Eisenmaterialien ­
  nicht  zu  rechnen,  da  die  österreichisch-ungarische  Regierung ­
  die  unter  so  schweren  Opfern  mühsam  großgezogenen
Eisenindustrien  nicht  plötzlich  preisgeben  kann.  Dagegen  erscheint ­
  es  nicht  unmöglich,  eine  Erniedrigung  der  Zölle  auf  feine
Eisenprodukte,  wie  Ackerbaugeräte,  Handwerkszeug  zu  erwirken,
da  die  in  dieser  Produktion  hoch  entwickelte  alpine  Industrie
besonders  Steiermarks  der  deutschen  Industrie,  was  die
Leistungsfähigkeit  anlangt,  durchaus  ebenbürtig  ist,  also  in  dieser
Hinsicht  keines  Zollschutzes  mehr  bedarf.  Aus  der  günstigeren
tarifarischen  Lage  Oberschlesiens  zu  einem  großen  Teil  der
Monarchie,  z.  B.  Galizien,  Bukowina,  Nordungarn,  Mähren,
Schlesien  würde  sich  dann  den  oberschlesischen  Eisenwerken  ein
günstiges  Absatzgebiet  in  diesen  Ländern  eröffnen.
Die  größte  Bedeutung  aber  liegt  in  den  Maschinenzöllen
sowie  denen  für  Konstruktionsmaterialien.  Hierin  steht  die
österreichisch-ungarische  Eisenindustrie  hinter  der  deutschen  noch
so  weit  zurück,  daß  die  heutigen  Zölle  auf  solche  Materialien
als  wirkliche  Erziehungszölle  wirken.  Die  Zölle  müßten  daher
wenn  sie  überhaupt  wirken  sollen,  sehr  hoch  sein.  Es  mehren
sich  auch  die  Stimmen  in  der  Monarchie,  die  beträchtliche  Zollerhöhungen
  für  Maschinen,  Apparate  usw.  fordern.
        <pb n="156" />
        —  144

Diese  Zollsteigerungen  zu  verhindern  wird  der  Handelspolitik ­
  des  Deutschen  Reiches  um  so  eher  möglich  sein,  als  die
Monarchie  zu  dem  Deutschen  Reich  in  engstem  politischen  Bündnis ­
  steht.  Politische  Freundschaft  ist  mit  einer  feindlichen  Wirtschaftspolitik ­
  unvereinbar.  Naturgemäß  müßten'  dann  auch  die
deutschen  Agrarzölle  Österreich-Ungarn  gegenüber  ermäßigt
werden.  Dies  würde  für  die  deutsche  Landwirtschaft  keine
bedeutenden  Folgen  nach  sich  ziehen,  da  die  Struktur  der  österreichisch-ungarischen ­
  Agrarverhältnisse  sich  von  der  der  deutschen
Landwirtschaft  heute  kaum  mehr  unterscheidet,  sodaß  jedenfalls
die  deutsche  Landwirtschaft  den  österreichisch-ungarischen  Agrarimport ­
  nickt  zu  fürchten  braucht^).
Von  den  in  Hinsicht  auf  Eisenindustrieprodukte  als  Hinterland ­
  der  Donaumonarchie  anzusprechenden  Balkanstaaten  konzentriert ­
  sich  das  oberschlesische  Eisenindustrieinteresse  auf  den
fortgeschrittensten  Staat  Rumänien^).
Rumänien  besitzt  weder  Steinkohlen  noch  Eisenerze,  wird
also  in  diesen  Materialien  stets  auf  den  ausländischen  Import
angewiesen  sein.  Als  Lieferant  kam  bisher  hauptsächlich  Oberschlesien ­
  in  Frage,  das  jedoch  in  den  letzten  Jahren  in  Roheisen
und  Grobstahlprodukten  von  den  geographisch  günstiger  gelegenen ­
  Eisenindustrien  Südrußlands,  dessen  Eisenexport,  wie
wir  sahen  stark  wächst,  und  Österreich-Ungarns  fast  gänzlich  verdrängt ­
  worden  ist.  Dagegen  herrschen  die  feineren  und  Spezialeisenprodukte ­
  Oberschlesiens  nach  wie  vor  auf  dem  rumänischen
wie  auch  auf  den  anderen  Valkanmärkten  vor.  Berücksichtigt
man  die  enorme  Entwicklungsfähigkeit  der  jungen  rumänischen ­
  Volkswirtschaft,  so  ergeben  sich  die  besten  Exportaussichten
für  die  oberschlesischen  Fein-  und  Spezialeisenprodukte.  Auch
hier  wird  die  deutsche  Handelspolitik  dafür  sorgen  müssen,  daß
die  Zollmauern  für  die  deutschen  Eisenprodukte  möglichst  niedrig
gehalten  werden.
Von  größter  Bedeutung  sowohl  für  die  Eisenausfuhr  nach
Österreich-Ungarn  wie  nach  den  Balkanländern  wird  der  schon
Ende  der  1860er  Jahre  projektierte  aber  immer  noch  nicht

1)  Grunzet,  S.  73  ff.
2)  s.  ct.  M.  Ströll,  S.  62  ff.
        <pb n="157" />
        145  —

ausgeführte  Donau—Dberfcmal 1 )  sein,  dessen  Bau  nach  den
neuesten  Verhandlungen  endlich  in  Angriff  genommen  werden
soll.  Diese  Wasserstraße  würde,  wenn  sie  großzügig  errichtet
würde,  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  erheblichere  Vorteile
bringen  als  noch  so  beträchtliche  Zollermäßigungen  der  in  Betracht ­
  kommenden  Staaten  dazu  imstanoe  wären.  Darin  also,
glauben  wir,  liegt  der  Schwerpunkt  der  Interessen  der  oberschlesischen ­
  Eisenindustrie  Hinsichtlich  Österreich-Ungarns  wie  der
Balkanstaaten,  umsomehr  als  durch  den  Donau—Oderkanal  zugleich ­
  der  Bezug  der  österreichischen  wie  der  ungarischen  Eisenerze ­
  zu  neuer  Bedeutung  gelangen  würde,  und  ferner  die  oberschlesische ­
  Steinkohle  durch  die  Verbilligung  des  weiten  Transports ­
  in  noch  engere  Verbindung  mit  den  für  sie  so  wichtigen
österreichisch-ungarischen  Märkten  kommen  könnte.

8  9.  Zusammenfassung.
Ziehen  wir  nun  das  Resultat  unserer  Untersuchung,  so
ist  von  dem  oberschlestschen  Steinkohlenbergbau  zunächst  zu
sagen,  daß  seine  natürlichen  Grundlagen  durchaus  gesund  sind,
ebenso  wie  sein  Arbeits-  und  Kraftstoffkostenindex  günstiger
ist,  als  der  anderen  deutschen  Steinkohlenreviere.  Wenn  seine
Wirtschaftslage  dennoch  zu  wünschen  übrig  läßt,  so  liegt  dies  vor
allem  an  den  mangelhaften  Absatzverhältnissen  als  Folge  der
unvorteilhaften  Lage  des  Bezirks  zu  den  großen  Jnlandsmärkten
  und  zum  Überseeverkehr.
Die  bisher  im  Vordergrund  der  oberschlesischen  Industrieinteressen
  stehende  Forderung  nach  eisenbahntarifarischen  Maßnahmen ­
  zur  Behebung  der  Verkehrsnot  des  Bezirks  haben  wir
als  undurchführbar  und  nicht  zweckdienlich  zurückversetzt,  vielmehr ­
  den  Ausbau  der  Oder—Klodnitz-Großschiffahrtsstraße  als
das  einzig  wirksaine  Heilmittel  erkannt  und  dabei  betont,  daß
die  Wasserbauten  unbedingt  großzügig  durchgeführt  werden
müßten,  wenn  sie  die  erhofften  Erfolge  erzielen  sollen.  Was
den  Absatz  der  oberschlesischen  Steinkohle  nach  Österreich-Ungarn
anlangt,  ist  der  Bau  des  Donau—Oderkanals  von  alleinigem
Interesse  für  Oberschlesien,  während  Rußland  gegenüber  auf

1)  s.  a.  I.  Partsch  I.  S.  201.
        <pb n="158" />
        —  146

den  Ausbau  des  russisch-polnischen  Eisenbahnnetzes  und  handelspolitisch ­
  auf  die  möglichste  Ermäßigung  der  Kohlen-  und  Kokszölle
  zu  dringen  ist.
Wenn  der  Steinkohlenexport  infolge  der  ungünstigen  geographischen ­
  Lage  des  Bezirks  zum  Jnlande  für  Oberschlesien  von
solcher  Bedeutung  ist,  so  erscheint  doch  die  Stärkung  des  Jnlandsabsatzes
  als  das  vom  nationalwirtschaftlichen  Standpunkt
erstrebenswertere  Ziel.  Es  handelt  sich  ja  um  ein  unersetzbares
Produkt  des  nationalen  Bodens,  bei  dem  die  Forderung  berechtigt ­
  ist,  mit  ihm  sparsam  umzugehen  im  Interesse  der  Zukunft ­
  der  Nation^).
Nicht  das  Ausland,  sondern  die  nationale  Wirtschaft  soll
damit  befruchtet  werden.
Der  Forderung  „Die  nationalen  Kohlenschätze  der  Nation"
ist  aber  sofort  mit  der  gleichen  Berechtigung  die  nachzusetzen:
„Der  nationale  Markt  der  nationalen  Kohle".
Die  Verdrängung  der  englischen  Steinkohle  liegt  im  Interesse ­
  Oberschlesiens  wie  der  ganzen  Nation.  Der  Import  englischer ­
  Steinkohle  in  das  Deutsche  Reich  stellt  sich  als  ein  Tribut
von  vielen  Millionen  Mark  jährlich  dar  an  die  englischen  Bergwerksbesitzer ­
  und  Schiffseigentümer,  der  ohne  Beeinträchtigung
der  deutschen  Kohlenverbraucher  dem  inländischen  Bergbau  und
seinen  Arbeitern  sowie  dem  inländischen  Transportgewerbe  zu
Gute  kommen  könnte^).
So  wie  Westdeutschland  allein  durch  die  Ruhrkohlen  versorgt ­
  werden  sollte,  soll  ganz  Ostdeutschland  der  Markt  der
oberschlesischen  Steinkohle  werden.
Wichtigstes  Interesse  ist  daher  die  Stärkung  dieses  inländischen ­
  Marktes.
Die  Wirtschaftslage  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  ist
weit  schwieriger  zu  beurteilen.
Ungünstiger  als  der  anderen  deutschen  Eisenindustrien  sind
die  oberschlesischen  Erzinaterialverhältiüsse  und  werden  votraussichtlich
  auch  in  Zukunft  diesen  nachstehen.  Auch  bei  bestem
Oderklodnitzgroßschiffahrtsweg  werden  die  Erzmaterialkosten
1)  Oldenberg.
2)  Der  Import  der  englischen  Steinkohle  findet  meist  aus
englischen  Schissen  statt.
        <pb n="159" />
        147  —

11

der  oberschlesischen  Hochöfen  um  ein  Bestimmtes  teurer  sein,  als
die  Rheinland-Westfalens,  was  in  den  höheren  Gestehungskosten ­
  der  oberschlesischen  Roh-  und  Grobeisenmaterialien,  für
deren  Gesamtproduktionskosten  die  Erzmaterialkosten  ausschlaggebend ­
  sind,  stets  zum  Ausdruck  kommen  muß.  Deshalb  ist  die
Standortslage  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  an  sich  noch
nicht  falsch.
Abgesehen  davon,  daß  die  Eisenindustrie  keine  „freie",
sondern  „gebundene"  Industrie  ist 1 ),  steht  die  oberschlesische
Eisenindustrie  auf  dem  optimalen  Kraftmaterial-  und  Arbeitskostenpunkt,
  wie  auch  nach  Durchführung  der  geplanten  Verkehrsund ­
  handelspolitischen  Maßnahmen  günstige  Konsumplatzrelationen
  für  große  und  entwicklungsfähige  Märkte  vorhanden  sein
werden.  Mit  steigender  Verfeinerung  und  Spezialisierung  der
Cisenproduktion  steigen  die  Kraftstoff-  und  Arbeitskostenindices
so  weit,  daß  der  Vorteil  Oberschlesiens  in  diesen  beiden  Produktionsfaktoren ­
  schließlich  in  dem  Fein-  und  Spezialeisenprodukt
den  Erzkostennachteil  des  oberschlesischen  Roh-  und  Grobeisens
ein-  und  überholen  kann.  Wir  haben  diese  Beweisführung  mit
den  Betriebsergebnissen  der  einzelnen  oberschlestschen  Eisenhütten ­
  erhärten  können.
Die  Zukunft  der  oberschlesischen  Eisenindustrie  liegt  nicht
so  sehr  in  der  quantitativen  als  vielmehr  in  der  energischen
qualitativen  Ausweitung  der  Produktion.  Natürlich  ist  die
oberschlestsche  Roheisen-  und  Rohstahlproduktion  auch  ferner  als
Grundlage  der  Verfeinerungs-  und  Spezialeisenerzeugung  aufrecht ­
  zu  erhalten.
Diese  Neuorganisation  der  oberschlestschen  Eisenindustrie
ist  aber  nur  dann  möglich,  wenn  die  Absatzverhältnisse  sie  erlauben. ­
  Hat  eine  steigende  oberschlestsche  Fein-  und  Spezialeisenproduktion ­
  Aussicht  auf  gesunde  und  ausreichende  Absatzmärkte? ­

Betrachten  wir  zunächst  das  nahe  Ausland,  so  ergab  sich,
daß  der  russische  wie  österreichisch-ungarische  Eisenmarkt  —
und  der  der  Balkanstaaten  —  weniger  für  die  oberschlesischen
Roh-  und  Grobeisenprodukte  in  Frage  kommen  wird,  dagegen
bei  fortschreitender  Entwicklung  dieser  zukunftsreichen  Wirt1) ­

  s  die  Ausführungen  a.  S.  38.
        <pb n="160" />
        —  148  —
schaftsgebiete  in  steigendem  Maße  für  die  Fein-  und  Spezialeisenprodukte ­
  Oberschlesiens.
Die  Aufgabe  der  oberschlesischen  Verkehrspolitik  hinsichtlich ­
  des  Auslandes  ist,  die  transportkostenmäßiae  Vorhand  des
Bezirks  zu  großen  Gebieten  der  genannten  Staaten  weiter  zu
stärken,  und  diejenige  der  Handelspolitik,  die  Zölle  jener  Staaten
auf  die  als  aussichtsreich  erkannten  Produkte  herabzusetzen  zu
suchen.
Wenn  so  die  Entwicklungsaussichten  des  Auslandsmarktes
zum  guten  Teil  die  Grundlagen  für  eine  Entwicklung  der  oberschlesischen ­
  Fein-  und  Spezialeisenproduktion  bilden,  so.  ist  dies
-  abgesehen  von  den  Folgen  eines  Krieges  mit  jenem  Ausland ­
  —  durchaus  nicht  als  ungesund  zu  bezeichnen  .  K.  Oldenburg ­
  sagt  zwar  in  seiner  bekannten  Schrift  „Deutschland  als
Industriestaat*)":  „Durch  Maschinenexport  gräbt  unsere  Exportindustrie ­
  sich  selbst  ein  Grab,  und  ist  noch  stolz  darauf,  das;  ihr
diese  Totengräberarbeit  in  Entreprise  gegeben  wird,  und  sie
daran  verdient  .  .  ."  Wir  vermögen  den  Standpunkt  nicht  zu
vertreten,  daß  die  Lieferung  von  Maschinen  und  Maschinenteilen
an  das  Ausland  diesem  sogleich  die  Mittel  an  die  Hand  gebe,
sich  für  seinen  ferneren  Bedarf  an  Judustrieprodukten  selbstständig ­
  zu  machen  oder  gar  als  Konkurrent  seines  früheren  Lieferanten ­
  auf  dem  Weltmarkt  aufzutreten.  Wenn  man  auch
zugibt,  daß  durch  solche  Lieferungen  das  Ausland  industriell
ausgerüstet  wird,  erhält  die  nationale  Industrie  durch  den  Auslandsverkauf ­
  doch  die  Mittel,  einmal  den  an  solchen  Maschinenfabrikaten ­
  mit  überwiegender  Quote  beteiligten  Arbeitslohn
dem  nationalen  Arbeiter  zu  bezahlen  und  dann  den  FabrikationsProzeß ­
  soweit  zu  modernisieren,  daß  er'  die  Konkurrenz
der  jungen  Auslandsindustrie  weiter  erfolgreich  bestehen  kannP.
Nichtsdestoweniger  muß  wie  die  obcrschlesische  Steinkohle
auch  das  Eisen  seinen  Hauptabsatzmarkt  im  Jnlande  suchen.
Da  die  Verkehrsfrage  der  oberschlesischen  Eisenindustrie
mit  der  des  Steinkohlenbergbaues  zugleich  gelöst  ist,  so  steht

1)  s.  S.  22.
2)  R.  Pantzer,  S.  163.  Natürlich  nicht  bei  Verkäufen  zu
„Schleuderpreisen",  die  aber  für  vberschlesien  absolut  nicht  in  Betracht ­
  kommen.  (Persönl.  Mitteilungen.)
        <pb n="161" />
        149  —

noch  die  Frage  offen,  ob  der  wachsenden  oberschlesischen  Feinund
  Spezialeisenfabrikation  sich  auch  ein  gleicherweise  wachsender
inländischer  Bedarf  öffnen  wird.

Hier  wird  die  große  Agrarfrage  unseres  deutschen  Vaterlandes ­
  zur  speziellen  und  unmittelbaren  Lebensfrage  der  oberschlesischen ­
  Kohlen-Eisenindustrie.  Solange  der  Großgrundbesitz ­
  in  Ostdeutschland  vorherrscht,  und  die  z.  T.  dadurch  verursachte, ­
  über  vier  Jahrzehnte  andauernde  Landflucht  der  ostdeutschen ­
  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  die  Entwicklung  dieser ­
  weiten  Gebiete  zum  gänzlichen  Stillstand  bringt,  werden
die  Absatzaussichten  der  oberschlesischen  Kohlen-Eisenindustrie
bezüglich  ihres  Jnlandsmarktes  sehr  beschränkt  bleiben.  Die
Beseitigung  jener  Ostdeutschlands  wirtschaftliches  Fortschreiten
hemmenden  Hindernisse,  die  Vermehrung  seiner  Bevölkerung  auf
dem  Wege  der  Ansiedlung  einer  möglichst  großen  Zahl  landwirtschaftlicher ­
  Erwerbstätiger  —  an  dieser  gewaltigen  Aufgabe ­
  mitzuwirken,  ist  das  ureigenste  Interesse  der  oberschlesischen ­
  Montanindustrie.  Immer  mehr  gewinnt  die  Auffassung
an  Anhängern,  daß  unsere  deutsche  Volkswirtschaft  an  nationalem ­
  Menschenmaterial  nicht  genug  bekommen  kann.
Das  deutsche  Reich  ist  sowohl  Agrar-  als  auch  Industriestaat ­
  und  muß  beides  in  aller  Zukunft  bleiben.
Die  Landwirtschaft  hat  die  Aufgabe  zu  erfüllen,  möglichst
viel  und  gesunde  Menschen  zu  liefern  für  die  militärische  Macht
des  Staates  und  die  „menschenfressenden"  Industrien.
Handel  und  Gewerbe  dagegen  sind  berufen,  dem  Staate
die  für  seine  unmittelbaren  wie  besonders  militärischen  Zwecke
erforderlichen,  stark  wachsenden  Geldmittel  zur  Verfügung  zu
stellen.  Anerkanntermaßen^)  erfüllen  Handel  und  Industrie
schon  seit  Jahrzehnten  die  ihneir  gestellte  Aufgabe  in  Steuern,
Zöllen  wie  vorzüglich  in  den  Einnahmen  der  deutschen  Staatseisenbahnen. ­
  Die  deutsche  Landwirtschaft  dagegen  hat  bisher
nur  unter  äußerster  Anstrengung  und  Schädigung  der  agrarischen ­
  Landesgebiete  ihren  natürlichen  Zweck  erfüllen  können,
4)  s.  a.  die  Ausführungen  in  den  Berliner  Politischen  Nachrichten, ­
  10.  August  1913.
        <pb n="162" />
        150  —

und  zwar  nur  in  immer  mehr  beschränktem  Maße,  was  die
Vielen  Hnnderttausende  ausländischer  Wanderarbeiter  im  landwirtschaftlichen ­
  wie  industriellen  Betriebe  und  die  dennoch  herrschende ­
  empfindliche  Arbeiternot  beweisen.  Die  letzten  Heerespesetze ­
  des  Deutschen  Reiches  aber  haben  das  wichtige  Interesse ­
  der  militärischen  Macht  an  einer  möglichst  zahlreichen  landwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung  deutlich  gezeigr.
Der  einzuschlagende  Weg  liegt  klar:  die  energische  innere
Kolonisation  der  agrarischen  Provinzen,  Ost-  und  Westpreußens, ­
  Pommerns,  Brandenburgs,  Posens  und  Schlesiens
durch  Besiedelung  mit  selbständigen  deutschen  Bauernd).
Der  Einfluß  dieses  großen  Werkes  auf  die  Wirtschaftslage
der  oberschlesischen  Kohlen-  und  Eisenindustrie  svringt  sofort
in  die  Augen:  die  Beseitigung  der  Arbeiternot  und  eine  ungeheuere ­
  Ausweitung  ihres  natürlichen  inländischen  Absatzmarktes. ­
  Die  überschüssige  agrarische  Bevölkerung  wird  die
steigenden  Arbeiteranforderungen  der  oberschlesischen  wie  der
anderen  deutschen  Industrien  ausreichend  befriedigen  können.
Die  dichte  landwirtschaftliche  Bevölkerung  wird  andererseits ­
  einen  bedeutenden  und  fortgesetzt  wachsenden  Bedarf  an
Steinkohle  und  Eisenprodukten  zeigen,  der  durch  die  sicher  erfolgende ­
  Ansiedlung  gewisser  Industriezweige,  die  auf  landwirtschaftlichen ­
  Urprodukten  aufgebaut  sind,  noch  um  Erhebliches ­
  gesteigert  würde^).
Die  Besiedlung  Ostdeutschlands  mit  zahlreichen  deutschen
Bauern  ist  das  gegenwärtig  wichtigste  Lebensinteresse  des  Deutschen ­
  Reiches^).  Für  Oberschlesten  bedeutet  sie  die  Eroberung
eines  ganz  neuen,  großen  Wirtschaftsgebietes.
1)  Für  Oberschlesien  besonders  wichtig  ist  die  Parzellierung
des  in  dem  Bezirk  wie  nirgends  sonstwo  überwiegenden  Großgrundbesitzes ­
  der  Magnaten.  Eine  dichte  oberschlesische  Agrarbevölkerung ­
  würde  auf  die  Arbeiterverhältnisse  der  Montanindustrie  den
heilsamsten  Einfluß  ausüben.
2)  C.  Ient  sch  Die  Agrarkrisis  (Leipzig  1899),  S.  161:  „Der
natürliche  Weg  zur  Verpflanzung  der  Industrie  wäre:  Vermehrung
der  Bauern,  die  die  Vermehrung  der  Handwerker,  die  Vermehrung
der  kleinen  Städte  nach  sich  ziehen  würde.  Diese  würden  Eisenbahnen ­
  fordern,  und  mit  denen  zöge  die  Großindustrie  ein."
3)  F.  Oppenheimer,  S.  253,  269  ff.,  Verhandlungen  d.  Kgl.  Pr.
L.-Ö.-K.,  S.  31.  Th.  v.  d.  Goltz,  S.  289  f.  A.  Buchenberger,
S.  2  ff.
        <pb n="163" />
        —  151  —

Die  innere  Kolonisation  schleunigst  durchzuführen,  wird
die  oberschlesische  Kohlen-Eisenindustrie  mit  aller  Macht  zu
fördern  bestrebt  sein  müssen.
Mit  dem  großzügigen  Ausbau  der  Oder—Klodnitzschifffahrtsstraße
  ist  dann  die  Verbesserung  des  ostdeutschen  Fluß-  und
Kanalnetzes  dringend  erforderlich,  so  der  Warthe,  Netze,  Weichsel
und  des  ostpreußischen  oberländischen  Kanalsystems.  Von  sich
heraus  zu  ihrer  Gesundung  beizutragen  hat  endlich  die  oberschlesische ­
  Kohlen-Eisenindustrie,  indem  sie  sich  auf  diejenigen
Betriebszweige  spezialisiert  und  konzentriert,  für  welche  sie  von
Natur  aus  die  günstigsten  Arbeitsbedingungen  besitzt.  Der
Eisenhüttenbetrieb  wird  mit  Notwendigkeit  bis  ins  Kleinste  verfeinert ­
  und  spezialisiert  werden  müssen.  Besonders  muß  die
Maschinenfabrikation  und  die  Produktion  gebrauchsfertiger
Handwerks-,  Landwirtschafts-  und  Haushaltungsgeräte  in  den
oberschlesischen  Eisenhüttenbetrieb  hereingezogen  werden.  Die
ungeheuren  Kapitalaufwendungen  zur  Neuorganisation  der
Eisenproduktion  werden  sicher  wirtschaftlich  sein,  wenn  die  Absatzverhältnisse ­
  durch  die  besprochenen  Maßregeln  verbessert  werden. ­
  Es  gilt,  die  Äußerung  des  Generaldirektors  Williger  auf
der  Kartellenquete  1905  unwahr  zu  machen,  daß  „es  doch  Essig
sei  mit  der  Eisensache  in  Oberschlesien".  Nicht  die  Kohlenproduktion ­
  soll  das  Eisenhüttenwesen,  wie  bisher,  auf  Gnadenbrot ­
  fortführen,  die  Eisenindustrie  soll  vielmehr  wieder  auf
eigene  Füße  gestellt  werden.
        <pb n="164" />
        Lebenslauf,
Bernhard  Karl  Hermann  Rach  zu  Beuthen  OS.,  evangelischer ­
  Konfession  und  preußischer  Staatsangehörigkeit,  wurde
am  30.  November  1890  zu  Dambrau  OS.  als  Sohn  des  Kgl.
Obereisenbahn-Assistenten  Hermann  Rach  und  seiner  Ehefrau
Auguste  geb.  Eissing  geboren.  Er  besuchte  die  evangelischen
Stadtschulen  zu  Oppeln  und  Beuthen  OS.  und  von  1900  an
die  Oberrcalschule  zu  Beuthen  OS.,  an  der  er  Ostern  1909  die
Reifeprüfung  bestand.  Darauf  absolvierte  er  eine  sechsmonatige
kaufmännische  Ausbildung  und  studierte  die  Rechts-  und  Staatswissenschaften ­
  an  den  Kgl.  Universitäten  Breslau  (W.-S.  1909/
1910,  S.-S.  1910),  Halle-Wittenberg  (W.-S.  1910/11),
Breslau  (S.-S.  1911,  W.-S.  1911/12)  und  Greifswald  (S.-S.
1912,  W.-S.  1912/13,  S.-S.  1913).  Am  21.  Oktober  1913
bestand  er  in  Greifswald  die  philosophische  Doktorprüfung  mit
dem  Hauptfach  Staats-  und  Finanzwissenschaften  und  den  Nebenfächern ­
  Handels-,  Wechsel-  und  Schiffahrtsrecht  sowie
Mineralogie.
        <pb n="165" />
        —  117  —

1901

880  Tausend  To

1906

1010

1911

807  „  „

1912

913

von  1901  bis  1911  ist  also  eine  absolute  Abnahme  von  9%  zu
verzeichnen.
An  oberschlestschen  Steinkohlen  bezogen:

Ost-  und  Westpreußen  oft-  und  westpr.  Häfen

(ohne  Häfen)

in  10  0  0

T  o.

1901

1078

278

1806

1468

357

1911

1675

495

193  2

1923

720

Pommern  (ohn,e  Häfen)

pommersche  Häfen

in  10  0

0  T  o.

1901

454

271

1906

614

306

1911

730

435

1912

837

687

Großherzogtümer  Mecklenburg

ohne  Häfen

Häfen

in  10

0  0  To.

1901

56

2

1906

69

1

1911

84

4

1912

123

50

Demgegenüber  steht  eine  Einfuhr  englischer  Steinkohlen:
in  den  Häfen
Ost-  u.  Westpreußens  Pommerns  Mecklenburgs

1901

580

in  1  0  0  0  To.
991

195

1906

760

1274

253

1911

764

1821

263

1912

584

968

222

Demnach  ist  von  1901  bis  1911  eine  Steigerung  der  oberschlesischen ­
  Zufuhr  zu  bemerken:
        <pb n="166" />
        ﻿
        <pb n="167" />
        ﻿
        <pb n="168" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
