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        <title>Die deutsche Ölmüllerei</title>
        <author>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Klaue</surname>
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        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1023363054</idno>
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        Die  deutsche  Olmüllerei

Eine  Darstellung  der  volkswirtschaftlichen
Bedeutung  ihrer  technischen  Entwicklung

Inaugural-  Dissertation
zur  Erlangung  der  Doktorwürde
vorgelegt  einer
Hohen  staatswirtschaftlichen  Fakultät
der  Universität  München
von
Hermann  Klaue
aus  Harburg  a.  d.  Elbe

Leipzig  1913
Druck  von  Oscar  Brandstetter
        <pb n="2" />
        Vorwort.

Das  vorliegende  Buch,  welches  seine  Entstehung  einer  Anregung ­
  des  Herrn  Professors  Dr.  Sinzheimer  verdankt,  wendet
sich  sowohl  an  den  Nationalökonomen  wie  auch  an  den
Techniker.  Wie  in  der  Einleitung  näher  ausgeführt  werden
wird,  will  ich  in  ihm  versuchen,  die  gegenseitige  Beeinflussung ­
  von  Technik  und  Wirtschaft  in  der  Ölindustrie  klarzulegen, ­
  und  ich  hoffe  mit  dieser  Untersuchung  nicht  allein  eine
Lücke  in  der  Literatur  dieses  Industriezweiges  auszufüllen,  sondern ­
  auch  denjenigen,  welche  sich  für  die  Ölindustrie  interessieren, ­
  in  mancher  Hinsicht  neue  Anregungen  zu  geben.
Behandelt  wird  ausschließlich  die  Industrie  der  fetten
Pflanzenöle,  jedoch  wird  an  einigen  Stellen,  wo  es  der  Zusammenhang ­
  erford  1  '  'die  Mineralöle  eingegangen. ­



Das  Material  zu  meiner  Arbeit  habe  ich  mir  zum  Teil
durch  eingehende  literarische  Studien,  zum  Teil  durch  persönliches ­
  Studium  einer  ganzen  Reihe  von  Betrieben  an  Ort
und  Stelle  erworben.  Sehr  zu  statten  kam  mir  dabei,  daß  ich
als  Sohn  eines  Ölindustriellen  schon  von  Kindheit  an  mit  der
Technik  der  Ölmüllerei  vertraut  war,  und  daß  ich  mir  ferner
durch  mehrjähriges  theoretisches  und  praktisches  Studium  des
Maschinenbaufachs  auch  einige  grundlegende  allgemeine  technische ­
  Kenntnisse  angeeignet  hatte.
Am  Schlüsse  dieses  Geleitwortes  drängt  es  mich,  noch
kurz  derer  zu  gedenken,  welche  mich  bei  meiner  Arbeit  unterstützt ­
  und  gefördert  haben.  An  erster  Stelle  spreche  ich  Herrn
        <pb n="3" />
        4

Vorwort.

Professor  Dr.  Sinzheimer  für  seine  ständige  liebenswürdige
Unterstützung  meiner  Arbeit  meinen  verbindlichsten  Dank  aus.
Des  weiteren  danke  ich  aber  ebenfalls  bestens  allen  Behörden
und  Vereinen,  welche  durch  Erlaubnis  zur  Bibliothekbenützung,
durch  Informationen  und  Empfehlungen,  allen  Fabrikanten,
Kaufleuten,  Angestellten  und  Arbeitern,  welche  durch  Auskünfte ­
  und  Erlaubnis  von  Besichtigungen  die  Durchführung
meines  Planes  gefördert  haben.
München,  November  1912.

Hermann  Klaue.
        <pb n="4" />
        Inhalt.

Seite

Einleitung.  Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen
Wirtschaftslebens  7
I.  Abschnitt.  Die  Lage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vor  Einführung
der  Oewerbefreiheit  20
1.  Kapitel.  Einführung  20
2.  Kapitel.  Die  Technik  der  Ölerzeugung  um  1800  23
3.  Kapitel.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800  27
II.  Abschnitt.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes
in  der  Ölmüllerei  in  der  Zeit  von  der  Einführung  der  Oewerbefreiheit ­
  bis  ungefähr  1870  •  .  .  47
1.  Kapitel.  Die  Einführung  der  Gewerbefreiheit  und  die  Vermehrung ­
  der  Zahl  der  Ölfnühlen.  Die  Zunahme  der  Absatzgebiete ­
  für  Öle  •  '.  47
2.  Kapitel.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung  und
ihr  Einfluß  auf  Produktivität,  Produktionskosten  und  ölpreise  55
3.  Kapitel.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik  und  der
veränderten  wirtschaftlichen  Zustände  auf  Betriebsformen  und
Betriebsgrößen  80
111.  Abschnitt.  Die  Ausbildung  des  entfalteten  Fabrikbetriebes  in  der
Zeit  von  1870  bis  zur  Gegenwart  103
1.  Kapitel.  Die  treibenden  Kräfte  103
A.  Die  Technik  103
B.  Die  Rohmaterialfrage  142
C.  Die  Preisbildung  im  Zusammenhang  mit  den  Absatzverhältnissen ­
  152
2.  Kapitel.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen ­
  und  die  heutige  Ausdehnung  des  Großbetriebs  ...  158
3.  Kapitel.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung  171
        <pb n="5" />
        x )  Hefter,  „Technologie  der  Öle  und  Fette".  Berlin.  Bd.  I,  S.  1.

Einleitung.
Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des
deutschen  Wirtschaftslebens.
Zu  den  Ölen  im  allgemeinen  rechnet  man  neben  den  fetten
ölen  vegetabilischer  Herkunft  auch  die  ätherischen  Öle,  die  aus
dem  Tierreiche  stammenden  Öle,  die  Mineralöle  und  die  Öle
der  trockenen  Destillation  des  Harzes,  der  Steinkohle  usw.  gerade ­
  so  wie  zu  den  Fetten  neben  denen  vegetabilischer  Abkunft
auch  die  animalischen  und  paraffinartigen  Fette,  sowie  die  technischen ­
  Fettkompositionen  (wie  z.  B.  Wagenfett,  konsistente
Schmierfette,  Riemenfette  usw.)  gezählt  werden 1 ).
Der  Industriezweig,  welcher  sich  mit  der  Herstellung  von
fetten  Ölen  und  Fetten  aus  pflanzlichen  Stoffen  beschäftigt  und
bei  uns  unter  dem  Namen  „Ölmüllerei“  zusammengefaßt  wird,
bildet  also  eigentlich  nur  einen  einzigen  der  verschiedenartigen
Produktionszweige,  welche  sich  mit  der  Erzeugung  von  Ölen
und  Fetten  befassen.  Immerhin  haben  wir  in  ihm  den  bedeutendsten ­
  dieser  Industriezweige  vor  uns  und,  da  sich  die  bei
ihm  vorliegenden  Produktionsverhältnisse  sowie  seine  Technik
wesentlich  von  denen  der  anderen  unterscheiden,  soll  von  ihm
allein  in  den  folgenden  Untersuchungen  gehandelt  werden.
Damit  wir  uns  ein  Bild  von  dem  Umfange  und  der  Bedeutung ­
  der  deutschen  Ölmüllerei  machen  können,  will  ich  in  dieser
Einleitung  einen  kurzen  Überblick  über  die  heutige  Stellung  der
Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens  zu  geben
versuchen.
Nach  den  Ergebnissen  der  Gewerbezählung  von  1907  gab  es
in  Deutschland  1116  Ölmühlenhauptbetriebe  und  661  ölmühlennebenbetriebe;
  das  in  diesen  Betrieben  investierte  Kapital
        <pb n="6" />
        8

Einleitung.

schätzte  man  im  Jahre  1909  auf  etwa  250  Millionen  Mark 2 ).  Die
Zahl  der  in  den  Ölmühlen  tätigen  Personen  belief  sich  nach  den
Ergebnissen  der  Berufsstatistik  im  Jahre  1907  auf  10110  Personen. ­
  Über  die  Höhe  der  jährlich  an  Arbeitslöhnen  und  Beamtengehältern ­
  gezahlten  Beträge  stehen  leider  einigermaßen
sichere  Angaben  nicht  zur  Verfügung,  doch  betrug  nach  den
Katastern  der  Müllerei-Berufsgenossenschaft  im  Jahre  1908  die
Summe  der  verdienten  anrechnungsfähigen  Löhne  und  Gehälter,
in  den  dieser  Berufsgenossenschaft  angeschlossenen  451  Ölmühlenbetrieben ­
 3 )  bereits  über  8200000  Mark.
An  Rohmaterialien  wurden  in  den  deutschen  Ölmühlen  im
Jahre  1909  über  1  2000001  verarbeitet.  Bei  einem  Durchschnittswerte ­
  von  300  Mark  pro  Tonne  ergibt  das  eine  Ausgabe  für  Rohmaterialien ­
  von  jährlich  etwa  360000000  Mark.
Durch  den  Bezug  der  Rohmaterialien  stand  die  Ölmüllerei
während  des  größten  Teils  des  vorigen  Jahrhunderts  in  engen
Beziehungen  zur  heimischen  Landwirtschaft,  wurden  doch  bis
vor  ca.  40  Jahren  fast  ausschließlich  einheimische  Ölsaaten  verarbeitet. ­
  Im  Laufe  der  letzten  vier  Jahrzehnte  hat  sich  dann  das
Bild  vollständig  verändert;  aus  Gründen,  welche  ich  noch  an  anderer ­
  Stelle  erörtern  werde,  ging  der  Ölsaatenanbau  in  Deutschland ­
  ständig  zurück,  und  heute  stammen  nur  noch  ca.  50  bis
100  000  t  oder  4—8°/ 0  der  überhaupt  verarbeiteten  Ölsaaten
und  Ölfrüchte  aus  Deutschland,  während  die  übrigen  92—96%
aus  anderen  Ländern,  und  zwar  zum  weitaus  größten  Teile  von
Übersee  bezogen  werden.
Durch  diese  Verschiebung  in  der  Bezugsquelle  ihrer  Rohmaterialien ­
  hat  die  Ölmüllerei  ihre  Bedeutung  für  die  deutsche
Landwirtschaft  allerdings  verloren,  andererseits  werden  die  deutschen ­
  Ölmühlen  aber  nunmehr  von  größerer  Wichtigkeit  für  die
Transportunternehmungen,  und  besonders  für  die  Seeschiffahrt.
Wegen  der  großen  Schwankungen  in  der  Höhe  der  Frachtraten
lassen  sich  die  von  den  deutschen  Ölmühlen  an  Frachten  bezahlten ­
  Beträge  nicht  einwandfrei  ermitteln,  legt  man  jedoch  eine

a )  Nach  einer  Angabe  des  „Verbandes  deutscher  Ölmühlen  zur
Wahrung  ihrer  gemeinschaftlichen  Interessen"  in  einer  Eingabe  an  den
Reichstag  im  Jahre  1909  betreffs  zollfreier  Einführung  von  Sojabohnen.
a )  Unter  diesen  451  Ölmühlen  befinden  sich  die  meisten  bedeutenden
deutschen  Ölmühlen;  die  übrigen  Ölmühlen  sind  bei  verschiedenen  anderen
Berufsgenossenschaften  katastriert.
        <pb n="7" />
        Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  Q
Durchschnittsseefracht  von  nur  15  Mark  pro  Tonne  zugrunde 4 ),,  so
verausgaben  die  deutschen  Ölmühlen  für  Seefrachten  jährlich
ca.  171/4  Millionen  Mark,  und  diese  Summe  fließt,  wie  ich  durch
Erkundigungen  feststellen  konnte,  zum  großen  Teile  in  die
Kassen  deutscher  Schiffahrtsgesellschaften.  Von  den  Seehäfen
wird  ein  großer  Teil  der  Rohmaterialien  der  Binnenschiffahrt
zum  Weitertransport  bis  an  die  Ölmühlen  übergeben.  Nimmt
man  die  hierfür  fälligen  Frachten  mit  durchschnittlich  10  Mark
pro  Tonne 5 )  an,  so  ergibt  das  eine  weitere  Summe  von  etwa  zehn
Millionen  Mark,  welche  von  den  Ölmühlen  jährlich  an  die  Binnenschiffahrt ­
  gezahlt  werden.
Von  großer  Bedeutung  versprechen  verschiedene  Rohmaterialien ­
  der  Ölmüllerei  für  die  deutschen  Kolonien  zu  werden;
namentlich  sind  es  die  Kokospalmen  und  die  Ölpalmen,  welche
bereits  heute  in  unseren  Kolonien  in  großen  Mengen  kultiviert
werden,  aber  auch  der  Anbau  und  Export  von  Erdnüssen  und
Sesam  zeigt  ein  bedeutendes  Wachstum.
In  seinem  bekannten  Werke  über  „Die  tropische  Agrikultur“
schreibt  Semler  z.  B.  bereits  1897  über  den  Anbau  der  Kokospalme ­
  in  deutschen  Kolonien  (Bd.  I,  S.  622ff.):  „Für  die  deutschen ­
  Besitzungen  in  der  Südsee  bildet  die  Kopra  schon  seit
Jahren  den  wichtigsten  Exportartikel  usw.“,  und  weiter:  „In
Afrika  hat  die  Kultur  der  Kokospalme  wie  die  der  meisten  tropischen ­
  Gewächse  zweifellos  noch  eine  gewinnreiche  Zukunft.
In  Deutsch-Ostafrika  allein  sollen  nach  neuester  Schätzung  eine
Million  Palmen  im  Besitze  der  Eingeborenen  sein  und  1/2  Million
unter  Bewirtschaftung  Weißer  stehen.  In  den  letzten  Jahren  sind
in  Deutsch-Ostafrika  von  Weißen  große  Kokospalmenpflanzungen
angelegt  worden,  welche  noch  fortwährend  weiter  ausgedehnt
werden  usw.“.  Über  den  Anbau  der  Ölpalme  in  Kamerun  heißt
es  in  demselben  Werke  an  anderer  Stelle  (Bd.  I,  S.  662):  „Ein
sehr  großer  Teil  der  von  den  Alt-Kalabar-Händlern  im  Niger-Schutzgebiet
  exportierten  Menge  Palmkerne  stammt  aus  dem
deutschen  Kamerun,  welches  namentlich  in  dem  Oberlaufe  des
Cross-Flusses  unermeßlichen  Reichtum  an  Ölpalmen  besitzt.  Alte
Beziehungen  und  leidlich  bequemer  Wasserweg  bis  zur  Mündung ­
  des  Alt-Kalabar  und  andererseits  der  Mangel  an  leichter
*)  Diese  Durchschnittsfrachthöhen  sind  entnommen  dem  Jahresberichte
der  Breslauer  Handelskammer  von  1902.
*)  cf.  Anm.  4.
        <pb n="8" />
        10

Einleitung.

Verbindung  mit  der  deutschen  Küste 6 )  sind  die  Veranlassung,
daß  der  Export  dieser  auf  deutschem  Boden  gewonnenen  Produkte ­
  seinen  Weg  über  die  englische  Kolonie  nimmt.  Trotz
dieser  Abgabe  Kameruns  an  das  Niger-Schutzgebiet  ist  die
direkte  Ausfuhr  der  deutschen  Kolonie  noch  sehr  beträchtlich,
Kamerun  exportierte  nämlich  1895  60000  Doppelzentner  Palmkeme
  im  Werte  von  über  1  Million  Mark.“
Nach  den  Angaben  des  „Statistischen  Jahrbuches  für  das
Deutsche  Reich"  betrug  der  Wert  der  Ausfuhr  im  Jahre  1908  in

Deutsch-Ostafrika:  an  Kopra  .  806000  M.
Erdnüssen  345000  „
Sesam  193000  „
zusammen:  1344000  M.
oder  12,4°/ 0  vom  Werte  der  Gesamtausfuhr.
Kamerun  an:  Palmkernen  2204000  M.
oder  18,l°/ 0  vom  Werte  der  Gesamtausfuhr.
Togo:  an  Kopra  19000  „
Palmkernen  957000  „
Erdnüssen  15000  „

zusammen:  991000  M.
oder  14,4°/ 0  vom  Werte  der  Gesamtausfuhr.
Deutsche  Besitzungen  in  der  Südsee:  an  Kopra  4846000  M.
oder  55,6  °/ 0  vom  Werte  der  Gesamtausfuhr.
Die  Verarbeitung  der  ölhaltigen  Samen  und  Früchte  hat
den  Zweck,  das  Öl  derselben  zu  gewinnen.  Es  kann  dies  auf
dreifache  Weise  geschehen,  nämlich  durch  Auskochen,  durch
Extraktion  oder  durch  mechanisches  Auspressen,  ln  Deutschland ­
  arbeitet  die  weitaus  größte  Anzahl  aller  Ölmühlen  nach
dem  Preßverfahren,  nur  sehr  wenige  bedienen  sich  der  Extraktionsmethode, ­
  und  das  Auskochen  kommt  wohl  heute  bei  uns
überhaupt  nicht  mehr  vor.  Als  Produkte  der  Fabrikation  erhält ­
  man  bei  allen  drei  Verfahren  einerseits  die  verschiedenen
Öle,  andererseits  Rückstände  in  der  Form  von  Kuchen  oder
Mehl.
Durch  den  Absatz  dieser  Fabrikate  steht  die  Ölindustrie
mit  den  verschiedensten  Gewerbezweigen  und  Bevölkerungs*) ­
  Mit  dem  zunehmenden  Ausbau  der  Eisenbahnen  werden  sich  diese
Verhältnisse  wohl  bessern.
        <pb n="9" />
        Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  H

schichten  in  Verbindung.  Betrachten  wir  zuerst  kurz  die  Verwertung ­
  der  Öle;  die  Absatzgebiete  derselben  lassen  sich  in
zwei  große  Oruppen  scheiden,  zu  einem  Teile  finden  die  Öle
nämlich  Verwendung  als  menschliches  Genußmittel,  zum  anderen ­
  dienen  sie  verschiedenen  technischen  Zwecken  oder  werden ­
  von  anderen  Gewerbezweigen  zu  neuen  Produkten  verarbeitet. ­

Als  menschliche  Genußmittel  finden  verschiedene  Öle  in
raffiniertem  Zustande  Verwendung  als  Speiseöle,  ln  Deutschland ­
  benutzt  man  für  diese  Zwecke  Olivenöl,  Erdnußöl,  Sesamöl, ­
  Sonnenblumenöl,  Baumwollsamenöl,  Leinöl  und  vereinzelt
auch  Rüböl;  mit  Ausnahme  des  Olivenöles  und  des  für  den
Konsum  als  Speiseöl  bestimmten  Baumwollsamenöles  können
alle  diese  Öle  im  Binnenlande  hergestellt  werden.  Während  in
den  südlichen  Ländern  Italien,  Frankreich,  Spanien  usw.  der
direkte  Gebrauch  der  Speiseöle  zum  Braten  usw.  ein  ganz  allgemeiner ­
  ist,  bedient  man  sich  bei  uns  für  diese  Zwecke  meistens
anderer  Fette,  und  der  Verbrauch  der  Speiseöle  im  Originalzustande ­
  ist  daher  bei  uns  in  der  Hauptsache  auf  das  Anrichten
von  Salaten  usw.  beschränkt.  Anders  verhält  es  sich  mit  den
verschiedenartigen  seit  Ende  der  siebziger  Jahre  als  Butterersatzmittel ­
  auf  den  Markt  gebrachten  Speisefetten;  diese  haben
im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  ihr  Absatzgebiet  ständig  vergrößert, ­
  und  es  ist  eine  weitere  Ausdehnung  des  Konsums  bei
den  steigenden  Butterpreisen  auch  fernerhin  zu  erwarten.
Unter  den  von  der  Industrie  hergestellten  Speisefetten  ist
die  Margarinebutter  (kurz  Margarine  genannt)  das  älteste.  Ursprünglich ­
  wurden  bei  ihrer  Herstellung  nur  tierische  Fette  verwandt, ­
  später  wurden  aber  aus  ökonomischen  Gründen  und,  um
die  Konsistenz  der  Fettmischung  herabzudrücken,  auch  vegetabilische ­
  Öle  und  Fette  beigemischt.  „Während  den  Erfindern  der
Margarine  seinerzeit  ein  ausschließlich  aus  Rindstalg  gewonnenes, ­
  mit  Milch  emulgiertes  Fett  als  Butterersatz  vorschwebte,
ist  heute  ein  wesentlicher  Prozentsatz,  mitunter  sogar  die  Hauptmenge ­
  des  in  der  Kunstbutter  enthaltenen  Fettes  nicht  animalischer, ­
  sondern  vegetabilischer  Herkunft,  ja  man  kennt  sogar
Margarinesorten,  die  ausschließlich  aus  Pflanzenfetten  hergestellt ­
  sind“ 7 ).  Verwendet  werden  für  diese  Zwecke  hauptsäch-7

 )  Hefter,  „Technologie  der  Fette  und  Öle".  Berlin  1910.  Bd.  III,  S.  86.
        <pb n="10" />
        12

Einleitung.

lieh  das  Baumwollsamenöl,  Sesamöl  und  Erdnußöl.  In  Deutschland ­
  muß  auf  Grund  des  Margarinegesetzes  vom  Jahre  1897
aller  Margarinebutter  10%  Sesamöl  zugesetzt  werden,  weil  es
durch  diesen  Zusatz  möglich  gemacht  wird,  Margarine  leicht
und  sicher  von  Naturbutter  zu  unterscheiden.  Da  die  Margarine-Industrie
  Deutschlands  jährlich  gegen  100000000  kg  Kunstbutter ­
  herstellt,  ist  auf  diese  Weise  der  Sesamölindustrie
ein  Absatz  von  jährlich  10  000  t  Sesamöl  gesichert 8 ).  Nach
einer  Zusammenstellung  aus  dem  Jahre  1899  8 )  wurden  in  jenem
Jahre  in  der  deutschen  Margarine-Industrie  231410  Doppelzentner ­
  vegetabilischer  Öle  und  Fette  im  Werte  von  rund  vierzehn ­
  Millionen  Mark  (davon  wurden  mehr  als  die  Hälfte  im  Inlande ­
  hergestellt)  verarbeitet,  und  diese  Menge  bildete  17,04%
der  überhaupt  in  der  Margarine-Industrie  verbrauchten  Rohmaterialien ­
  (40,50%  animalische  Fette,  39,00%  Milch  und
3,46  o/o  Salz).
Nächst  der  Kuhbutter  ist  das  wichtigste  Nahrungsfett  das
Schweinefett.  Auch  hier  treten  seit  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  Bestrebungen  auf,  infolge  der  hohen  Schweinefettpreise
dieses  Fett  teilweise  durch  billigere  Surrogate  zu  ersetzen;  als
solche  werden  wieder  in  erster  Linie  die  verschiedenen  Pflanzenöle ­
  (Erdnuß-,  Sesam-,  Baumwollsamenöl  usw.)  benutzt.  Die  aus
solchen  Mischungen  von  Schweinefett  und  Pflanzenölen  resp.
anderen  Surrogaten  entstandenen  Fettprodukte  kommen  in
Deutschland  unter  dem  Namen  „Kunstspeisefett“  (in  Amerika
Compound  lard)  in  den  Handel.
Seit  den  letzten  15  Jahren  wird  in  immer  ausgedehnterem
Maße  raffiniertes  Kokosöl  (Kokosbutter)  zur  Herstellung  von
Speisefett  benutzt.  Dasselbe  kommt  unter  den  verschiedensten
Namen  in  den  Handel  (Palmin,  Palmona,  Kunerol,  Ceres,  Sanella,
Palmefka  usw.)  und  ist  entweder  ganz  reines  Kokosfett,  oder  es
ist  dem  Kokosfett  durch  Färben,  Streichbarmachen  und  Verbuttern ­
  mit  Milch  Schweinefettähnlichkeit  oder  Butterähnlichkeit
verliehen.
Die  steigende  Bedeutung  der  Kokosbutterindustrie  als  Absatzgebiet ­
  der  deutschen  Ölmüllerei  zeigen  uns  die  zunehmenden
Einfuhrziffern  von  Kopra  in  Deutschland,  welche  zum  größten

8 )  Hefter,  1.  c.  Bd.  III,  S.  263.
        <pb n="11" />
        Die  Stellung  der  ÖlmiUlerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  13

Teile  eine  Folge  der  Ausdehnung  der  Kokosbutterindustrie  sein
dürften.  Es  betrug  die  Einfuhr  von  Kopra  in  Deutschland  in  den
Jahren:
1906  (März  bis  Dezember)  391270  dz

1907  497847  „
1908  836688  „
1909  1121593  „
1910  1559890  „

Nach  Hefter  (Bd.  III,  S.  340)  werden  zur  Zeit  in  Deutschland
jährlich  einige  Hunderttausende  von  Doppelzentnern  Kokosbutter
erzeugt,  von  denen  ein  beträchtlicher  Teil  exportiert  wird.
Man  kann  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Kunstspeisefette ­
  erzeugenden  Industriezweige  und  damit  auch  der
deutschen  Ölindustrie,  welche  einen  großen  Teil  der  dazu  notwendigen ­
  Rohmaterialien  herstellt,  nicht  hoch  genug  einschätzen,
liefern  uns  diese  industriellen  Unternehmungen  doch  nicht  allein
billige,  sondern  auch  in  gesundheitlicher  Beziehung  vollkommen
einwandfreie  Ersatzmittel  der  tierischen  Fette  (die  Verdaulichkeit ­
  der  verschiedenen  Fette  beträgt  nach  den  Untersuchungen
H.  Lührigs 9 ):  Butter  ca.  97,01  °/ 0 ,  Schweinefett  ca.  96,36°/ 0 ,
Margarine  ca.  96,75%,  Palmin  [Kokosbutter]  ca.  96,40%).  Bei
dem  ständig  wachsenden  Konsum  an  Fetten  würden  die  Preise
für  animalische  Fette  bald  eine  unerschwingliche  Höhe  erreichen, ­
  wenn  nicht  in  den  Kunstspeisefetten  billige  Ersatzstoffe
vorhanden  wären.  Auch  die  angeblich  von  diesen  Industriezweigen ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  zugefügte  Konkurrenz
stellt  sich  bei  näherer  Betrachtung  als  illusorisch  heraus,  kann
doch  die  heimische  Landwirtschaft  trotz  des  Bestehens  der
Speisefettfabriken  auch  heute  noch  nicht  annähernd  den  deutschen ­
  Bedarf  an  tierischen  Fetten  decken,  wie  die  große  Einfuhr ­
  in  diesen  Artikeln  zeigt,  welche  sich  nach  Hefter 10 )  auf
jährlich  durchschnittlich  80  Millionen  Mark  an  Butter  und  über
90  Millionen  Mark  an  Schweinefett  beläuft.  (Die  Mehreinfuhr
an  Butter  nach  Deutschland  betrug  nach  der  Reichsstatistik  1909
449330  Doppelzentner,  die  an  Schweinefett  im  gleichen  Jahre

®)  Zeitschrift  für  Untersuchung  der  Nahrungs-  und  Genußmittel,  Jahrgange ­
  1899,  Bd.  II,  S.  622  und  679,  1900,  Bd.  III,  S.  73.
10 )  Hefter,  1.  c.  Bd.  III,  S.  51.
        <pb n="12" />
        14

Einleitung.

“)  Hefter,  1.  c.  Bd.  III,  S.  51.

928151  Doppelzentner.)  Ich  schließe  mich  aus  diesen  Oründen
vollkommen  der  Ansicht  Hefters  an,  welcher  in  seiner  „Technologie ­
  der  Öle  und  Fette“  schreibt 11 ):  „Die  heimische  Landwirtschaft ­
  vermag  also  keinesfalls  den  notwendigen  Bedarf  an  Butter
und  Speisefett  zu  decken,  und  es  muß  vom  volkswirtschaftlichen
Standpunkt  aus  mit  Freude  begrüßt  werden,  wenn  gleich  nährkräftige ­
  und  verdauliche,  dabei  aber  billigere  Ersatzstoffe  für
Naturbutter  und  Schweinefett  im  Inlande  erzeugt  werden.  Die
immer  neuen  Belastungen,  die  man  der  Margarine-  und  Speisefettindustrie ­
  aufzuerlegen  bestrebt  ist,  müssen  daher  als  verkehrte ­
  Maßregeln  bezeichnet  werden,  ebenso  wie  eine  gewisse
passive  Resistenz,  die  man  dieser  Industrie  vielfach  entgegenbringt ­
  (es  sei  nur  daran  erinnert,  daß  Kunstbutter  nicht  ohne
weiteres  mit  Eilzügen  verfrachtet  wird  wie  z.  B.  Naturbutter),
unangebracht  ist.“
Außer  als  Genußmittel  finden  die  Öle  Verwendung  zu  technischen ­
  Zwecken  und  als  Rohstoffe  anderer  Industrien.  Technischen ­
  Zwecken  in  rohem  und  raffiniertem  Zustande  dient  in
erster  Linie  das  Rüböl.  Während  der  größeren  Hälfte  des
vorigen  Jahrhunderts  war  das  Rüböl  das  am  meisten  in  Deutschland ­
  hergestellte  Öl,  und  zwar  fand  es  zum  allergrößten  Teile
Verwendung  als  Brennöl  und  Schmieröl.  Mit  dem  Aufkommen
der  Petroleum-,  Gas-  und  elektrischen  Beleuchtung  und  der
Einführung  der  billigen  Mineral-Schmieröle  hat  das  Rüböl  diese
Vormachtstellung  verloren.  Als  Brennöl  findet  es  heute  nur
noch  sehr  beschränkte  Verwendung,  hauptsächlich  im  Bergbau
als  Grubenlicht,  im  Eisenbahnbetrieb  als  Signallicht  und  zur  Beleuchtung ­
  der  Eisenbahnwagen,  in  den  katholischen  Kirchen  als
„ewiges  Licht“  und  im  Haushalt  als  Nachtlicht.  Als  Schmieröl
hat  das  Rüböl  von  seinem  Konkurrenten,  dem  Mineralöl,  nicht
so  vollständig  verdrängt  werden  können;  es  hängt  dies  damit  zusammen, ­
  daß  dem  Rüböl  und  auch  den  anderen  als  Schmierölen
benutzten  pflanzlichen  Ölen  bestimmte  Eigenschaften  (vor  allem
ist  hier  die  Eigenschaft  der  Pflanzenöle  zu  nennen,  bei  wachsenden ­
  Temperaturen  ihre  Viskosität  nicht  in  gleichem  Maße  wie
die  Mineralöle  zu  verlieren)  eigen  sind,  die  sie  als  Schmieröle
besonders  geeignet  machen.  Infolge  des  großen  Preisunterschiedes ­
  zwischen  Pflanzen-  und  Mineralschmieröl  ist  aber  auch
        <pb n="13" />
        Die  Steilung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  15
der  Konsum  der  Pflanzenschmieröle  ganz  bedeutend  eingedämmt. ­

Neben  dem  Rüböl  finden  in  Deutschland  als  Schmier-  und
Brennöle  von  vegetabilischen  Ölen  noch  das  Rizinus-,  Senf-,
Erdnuß-  und  Baumwollsamenöl  Verwendung.
In  immer  steigendem  Maße  werden  die  pflanzlichen  Öle
seit  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  in  den  verschiedensten ­
  Industriezweigen  als  Rohmaterial  verwendet.  An
weitaus  erster  Stelle  steht  da  der  Konsum  der  Seifenindustrie.
Bis  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  war  in  Deutschland  fast
das  einzige  Ausgangsmaterial  der  Seifenfabrikation  der  Talg.  Im
Laufe  des  dritten  und  vierten  Jahrzehntes  findet  das  Rohmaterialgebiet ­
  dieses  Gewerbezweiges  eine  bedeutende  Erweiterung.
Baumöl,  Leinöl,  Leindotteröl,  Rüböl,  Palmkernöl  und  Kokosöl
finden  in  der  Seifenindustrie  vermehrte  Verwendung 12 ),  und
heute  haben  wir  in  der  Seifenindustrie  die  Hauptabnehmerin  der
deutschen  Ölmüllerei,  und  zwar  wird  in  ihr  ein  großer  Teil  fast
aller  in  Deutschland  hergestellten  Arten  vegetabilischer  Öle  verwertet. ­

Schon  seit  dem  Mittelalter  ist  die  Verwendung  der  trocknenden ­
  und  halbtrocknenden  Öle  zur  Herstellung  von  Firnissen  und
Lacken  bekannt  und  eingeführt,  und  heute  werden  alljährlich  von
diesen  Industriezweigen  gewaltige  Mengen  vegetabilischer  Öle;
und  zwar  vornehmlich  von  Leinöl,  verarbeitet.
Auch  die  Linoleumindustrie  ist  eine  bedeutende  Abnehmerin
der  deutschen  Ölmüllerei,  stellt  sie  doch  aus  dem  Leinöl  das
Linoxyn,  ihren  wichtigsten  Rohstoff,  her.
Weitere  Mengen  pflanzlicher  Öle  finden  Absatz  in  der
Pharmazie  und  Kosmetik  (Senföl,  Mohnöl,  Rizinusöl,  Krotonöl),
in  der  Kautschukindustrie  (aus  Rüböl  wird  künstlicher  Kautschuk ­
  hergestellt),  in  der  Textilindustrie  (Rizinusöl  als  Wollspicköl ­
  und  Türkischrotöl),  in  der  Kerzenindustrie  (Kokosöl)
und  vielen  anderen  Industriezweigen  mehr,  auf  die  im  einzelnen
einzugehen  jedoch  zu  weit  führen  würde.
Ein  Export  von  in  Deutschland  hergestellten  Ölen  findet  in
größerem  Umfange  heute  nur  bei  Palmkernöl  satt 13 ),  immerhin
la )  cf.  Riemerschmid,  Die  deutsche  Seifenindustrie.  München  1910,
S.  25,  aber  auch  die  Anm.  16  auf  S.  53/54  dieser  Abhandlung.
13 )  ln  den  früheren  Jahrzehnten  fand  aus  Deutschland  ein  ziemlich
bedeutender  Rübölexport  statt.  Mit  dem  Rückgang  des  Rübölkonsums
        <pb n="14" />
        16

Einleitung.

zeigt  die  Oesamtausfuhr  in  den  letzten  Jahren  ein  nicht  unbedeutendes ­
  Wachstum,  wie  die  folgenden  Ziffern  dartun.  Es
betrug  die  deutsche  Ausfuhr  an  Öl  (ohne  Oliven-,  Kotton-,
Rizinus-,  Holz-,  Knochen-,  Klauen-  und  Maisöl):
1900:  244855  dz.  davon  Palmkern-u.  Kokosnußöl  143611  dz 14 )
1907:  402727  „  ,,  Palmkernöl  293  247  „  l4 )
1908:  435609  „  „  „  295658  „  l4 )
1909:  540169  „  „  432322  „  “)
Als  Rückstände  der  Ölmüllerei  erhält  man  beim  Preßverfahren
  die  Ölkuchen  und  beim  Extraktionsverfahren  die  Extraktionsmehle. ­
  Die  Verwendungsmöglichkeit  dieser  Rückstände
ist  zwar  nicht  so  umfangreich  wie  die  der  Öle  —  das  Hauptabsatzgebiet ­
  bildet  die  Landwirtschaft  —,  aber  dieser  landwirtschaftliche ­
  Konsum  ist  in  ständigem  bedeutendem  Wachstum
begriffen  und  spielt  heute  auch  in  Deutschland  eine  gewaltige
Rolle.
Bis  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  bildeten  die  Ölkuchen  für
die  deutsche  Ölmüllerei  nur  geringwertige  Nebenprodukte,  deren
Absatz  in  Deutschland  mit  ziemlichen  Schwierigkeiten  verbunden
war,  aus  welchem  Grunde  sie  vielfach  nach  anderen  Ländern  exportiert ­
  wurden.  Man  benutzte  sie  zum  Teil  als  Heizmaterialien,
zum  Teil  als  Düngemittel,  in  der  Hauptsache  aber  wurden  sie
als  Kraftfuttermittel  verwendet.  Heute  dient  der  überwiegende
Prozentsatz  aller  in  Deutschland  konsumierten  Ölkuchen  als
Kraftfuttermittel  bei  der  Viehzucht,  zu  Heizzwecken  werden  die
Ölkuchen  gar  nicht  mehr  gebraucht,  und  als  Düngemittel  kommen
nur  die  Rückstände  giftiger  Samen  zur  Verwendung  (Rizinuskuchen, ­
  Krotonkuchen  usw.).
Während  man  sich  in  einigen  Ländern,  namentlich  Holland
und  England,  schon  im  18.  Jahrhundert  von  den  vorzüglichen
Eigenschaften  der  Ölkuchen  als  Kraftfuttermittel  überzeugt
hatte 15 ),  und  dort  demzufolge  bereits  seit  jener  Zeit  große

ging  aber  auch  der  Export  zurück.  Es  betrug  die  Rübölausfuhr  1880
180937  dz,  1900:  80239  dz  und  1909  :  34760  dz.
u )  Miteinbegriffen  ist  in  diesen  Zahlen  der  Export  an  Palmöl,  doch
dürfte  derselbe  nur  ganz  unbedeutend  sein.
16 )  Nach  Hefter  1.  c.  Bd.  I,  S.  451  sind  die  Ölkuchen  „die  wertvollsten ­
  Kraftfuttermittel,  über  welche  der  Landwirt  verfügt“.  Sie  entsprechen ­
  den  Anforderungen,  die  man  an  ein  Kraftfuttermittel  stellt,  in
        <pb n="15" />
        Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  17

Mengen  Ölkuchen  verfütterte,  bequemte  man  sich  in  Deutschland ­
  und  anderen  Ländern  nur  langsam  zur  Verwendung  der
Ölkuchen  als  Futtermittel,  und  der  deutsche  Konsum  an  Ölkuchen ­
  zeigt  ein  bedeutendes  Wachstum  eigentlich  erst  in  den
letzten  zwanzig  Jahren.  Die  gewaltige  Veränderung  in  den
deutschen  Konsumverhältnissen  veranschaulichen  die  folgenden
Zahlen:
Es  betrug  im  Durchschnitt  von  1840—49  die  Einfuhr  an
Ölkuchen  im  Zollverein  jährlich  1288  t,  die  Ausfuhr  22551  t;
die  Menge  der  jährlich  im  Zollverein  verarbeiteten  Ölsaaten
dürfte  500000  t  keinesfalls  überstiegen  haben.  Bei  ca.  55°/ 0
Ausbeute  ergibt  das  eine  Menge  von  275  000  t  Ölkuchen.  Es
wurden  also  insgesamt  im  Zollverein  jährlich  höchstens  250000  t
Ölkuchen  konsumiert.
Im  Jahre  1909  betrug  im  deutschen  Reiche  die  Einfuhr  an
Ölkuchen  731  323,41,  die  Ausfuhr  195  518,5  t;  die  Menge  der  1909
im  Deutschen  Reiche  verarbeiteten  Ölsaaten  überstieg  1  200000  t.
Bei  durchschnittlich  65%  Ausbeute  ergibt  das  eine  Menge  von
780000  t  Ölkuchen.  Der  Konsum  an  Ölkuchen  betrug  also  1909
über  1316000  t,  oder  mehr  als  das  Fünffache  der  jährlichen
Durchschnittsmenge  von  1840—49.
Der  ziemlich  bedeutende  Export  von  Ölkuchen  (1904  bis
1909  durchschnittlich  jährlich  184344  t)  findet  in  der  Hauptsache ­
  von  den  in  Harburg  und  Bremen  gelegenen  Ölfabriken
statt,  deren  Hinterland  auch  heute  noch  einen  verhältnismäßig
geringen  Konsum  an  Ölkuchen  aufweist.  Die  Hauptbezugsländer ­
  sind  Holland,  England,  Dänemark  und  Schweden,  und
der  Transport  dorthin  geschieht  fast  ausnahmslos  durch  kleine,
zum  großen  Teil  deutsche  Segler.
Mit  der  deutschen  Maschinenindustrie  steht  die  deutsche
Ölmüllerei  neuerdings  infolge  des  ausgedehnten  maschinellen
Apparates  der  modernen  Ölfabriken  in  engen  Beziehungen.  Bis
gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  bezogen  die  deutschen
Ölmühlen  ihre  Maschinen  zum  größten  Teile  aus  England  und
Amerika,  weil  die  dort  verfertigten  Pressen  usw.  auf  einer  weit
vollkommenster  Weise,  „denn  sie  enthalten  in  geringem  Volumen  verhältnismäßig ­
  große  Mengen  leicht  verdaulicher  Nährstoffe,  insbesondere
viel  Fett  und  Eiweiß  und  weisen  einen  entsprechenden  Gehalt  an  verdauungsfördernden ­
  und  die  andere  Körpertätigkeit  anregenden  Reizstoffen
auf“.
Klaue,  Ölmüllerei.

2
        <pb n="16" />
        18

Einleitung.

höheren  Stufe  technischer  Vollkommenheit  standen  als  die  in
Deutschland  hergestellten.  Im  Laufe  der  letzten  zehn  bis  zwanzig
Jahre  hat  sich  dies  geändert.  In  den  Hauptsitzen  der  Ölmüllerei
haben  sich  eine  ganze  Reihe  von  Maschinenfabriken  dem  Spezialstudium ­
  des  Baues  und  der  Einrichtung  von  Ölfabriken  zugewandt, ­
  und  der  Erfolg  dieser  Bemühungen  kommt  deutlich
darin  zum  Ausdruck,  daß  heute  die  deutschen  Ölmühlen  ihre
Neuanschaffungen  fast  ausnahmslos  in  deutschen  Maschinenfabriken ­
  vornehmen.
Es  bleibt  mir  noch  übrig,  mit  einigen  Worten  auf  die  fiskalische ­
  Bedeutung  der  Ölmüllerei  einzugehen.  Diese  besteht,
außer  in  den  Steuerbeträgen,  welche  die  Ölmühlen  aufbringen,
in  der  Hauptsache  in  den  Summen,  welche  die  Ölmüllerei  dem
Staate  durch  Eisenbahnfrachten  und  durch  Zölle  für  Rohmaterialien ­
  zuführt.
Nach  der  Güterbewegungsstatistik  wurden  im  Jahre  1909
auf  deutschen  Eisenbahnen  folgende  Mengen  von  Rohmaterialien ­
  und  Fabrikaten  der  Ölmüllerei  transportiert:

Ölsamen

Empfang
t
.  172536

Versand
t
107795

Öle,  Fette,  Trane  und  Talg 16 )  .

.  649539

608286

Ölkuchen

.  1117294

915173

An  Zolleinnahmen  flössen  dem  Deutschen  Reiche  aus  der
Einfuhr  von  Ölsaaten 17 )  im  Jahre  1909  rund  6  Millionen  Mark
zu,  gleich  0,8%  der  gesamten  Zolleinnahmen.  Von  dieser
Summe  kamen  2743713  Mark  auf  die  Zölle  aus  der  Rapseinfuhr, ­
  3197208  Mark  auf  die  Zölle  aus  der  Einfuhr  von
Sesamsaat,  Erdnüssen  und  Mohnsaat.

Die  folgenden  Untersuchungen  sollen  sich  damit  beschäftigen, ­
  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Entwicklung  zunächst ­
  der  preußischen,  dann  von  1870  ab  der  deutschen  Öl16 ­

 )  ln  der  Güterbewegungsstatistik  werden  Öle,  Fette,  Trane  und
Talg  gemeinsam  aufgeführt.
17 )  Auf  Grund  des  Zolltarifs  von  1902  und  der  Handelsverträge  wird
von  Rapssaat,  Mohnsaat,  Sesamsaat,  Erdnüssen  und  einigen  anderen  wenig
verarbeiteten  Ölsaaten  bei  der  Einfuhr  ein  Zoll  von  2  Mk.  pro  100  kg
erhoben.
        <pb n="17" />
        Die  Stellung  der  Ölmüllerei  im  Rahmen  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  19
müllerei  klarzulegen,  und  zwar  soll  dies  in  der  Weise  versucht
werden,  daß  immer  zuerst  diejenigen  Faktoren  besprochen  werden, ­
  welche  von  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Ölmüllerei
gewesen  sind,  und  daß  dann  diese  Entwicklung  selbst  mit  ihren
wirtschaftlichen  und  sozialen  Folgen  geschildert  wird.  Insbesondere ­
  sollen  dabei  die  Zusammenhänge  aufgedeckt  werden,
welche  bestehen  einerseits  zwischen  wirtschaftspolitischen  Maßnahmen ­
  des  Staates  sowie  privatwirtschaftlichen  Faktoren  und
den  Veränderungen  in  der  Technik  der  Ölmüllerei,  andererseits
zwischen  diesen  Veränderungen  der  Technik  und  der  Gestaltung
der  Produktivität  und  Produktionskosten,  der  Betriebsformen
und  Betriebsgrößen,  der  Qualität  und  Absatzverhältnisse  der
Fabrikate,  sowie  endlich  der  sozialen  Verhältnisse  der  in  der
Ölmüllerei  tätigen  Personen 18 ).
Die  Entwicklungsgeschichte  der  deutschen  Ölmüllerei  zerfällt ­
  in  drei  große  Perioden,  von  denen  die  erste  gekennzeichnet
ist  durch  Kleinbetrieb  und  handwerksmäßige  Technik,  die  zweite
durch  das  Aufkommen  des  Fabrikbetriebes  und  die  dritte  durch
die  Ausbildung  des  entfalteten  Fabrikbetriebes.
Diese  Einteilung  bildet  die  Grundlage  dieser  Abhandlung,  und
zwar  werden  in  den  ersten  beiden  Abschnitten  allein  die  preußischen ­
  Verhältnisse  näher  untersucht,  einmal  weil  sich  in  Preußen
von  jeher  der  Hauptsitz  der  deutschen  Ölmüllerei  befand,
zum  andern  weil  die  Entwicklung  der  Ölmüllerei  in  den  einzelnen ­
  Bundesstaaten,  obwohl  im  großen  ganzen  die  gleiche,
wegen  der  verschiedenen  Gewerbeverfassungen  zeitlich  nicht
überall  zusammenfällt.

l8 )  Vgl.  die  Abhandlung  „Technik  und  Volkswirtschaft“  von  Prof.
Dr.  L.  Sinzheimer  in  Nr.  41,  Jahrgang  1909  der  „Beilage  zu  den  Münchner
Neuesten  Nachrichten“.
        <pb n="18" />
        Erster  Abschnitt.

Die  Lage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vor  Einführung ­
  der  Gewerbefreiheit.
»
1.  Kapitel.
Einführung.
Betrachten  wir  die  Lage  des  Gewerbes  der  Ölbereitung  in
Deutschland  und  besonders  in  Preußen  am  Ende  des  18.  und
zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  so  finden  wir  dasselbe  auf
das  engste  verknüpft  mit  dem  Wohlergehen  der  heimischen
Landwirtschaft,  verwandte  man  doch  als  Rohmaterial  zu  jener
Zeit  fast  ausschließlich  inländische  Ölsämereien  und  -früchte.
Neben  den  Samen  des  Raps  und  Rübsens  sowie  des  Leins,
welche  hauptsächlich  für  die  Zwecke  der  Ölgewinnung  in  Betracht ­
  kamen,  benutzte  man  auch  noch  die  Samen  des  Mohns,
Hanfes,  der  Sonnenblumen  und  des  Leindotters,  sowie  die  Bucheckern, ­
  Wallnüsse,  Haselnüsse  und  andere  Früchte  mehr,  um
daraus,  wie  der  technische  Ausdruck  lautet,  „Öl  zu  schlagen“.
Über  die  Menge  der  aus  dem  Anbau  dieser  Ölgewächse  für  die
Verarbeitung  zur  Verfügung  stehenden  Samen  und  Früchte
liegen  leider  bei  der  Mangelhaftigkeit  der  damaligen  Statistik
so  gut  wie  gar  keine  Nachrichten  vor,  da  sich  die  wenigen  vorhandenen ­
  Angaben  nur  auf  einige  Provinzen  beschränken.  Allerdings ­
  versucht  Krug  in  seinen  „Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum ­
  des  preußischen  Staates“  die  Menge  der  jährlich  zur
Aussaat  gelangenden  Leinsaat  festzustellen.  —  Wenn  man  nun
auch  aus  diesen  seinen  Angaben  berechnen  kann,  daß  in  jener
Zeit  in  Preußen  ca.  200000  ha  mit  Lein  bestellt  wurden,  so  sind
diese  Zahlen  doch  mit  äußerster  Vorsicht  aufzunehmen,  da  Krug
in  allen  Fällen,  wo  es  ihm  an  tatsächlichen  Unterlagen  fehlte,
zu  Schätzungen  seine  Zuflucht  nahm,  denen  naturgemäß  nur  ein
beschränkter  Wert  beigemessen  werden  kann.
        <pb n="19" />
        1.  Einführung.

21

Auch  über  die  Zahl  und  Art  der  Ölmühlen  haben  wir  nur
spärliche  Mitteilungen.  Allgemein  klagen  jedoch  die  Schriftsteller ­
  der  damaligen  Zeit  über  eine  zu  geringe  Verbreitung  der
Ölmüllerei  und  begründen  diese  Ansicht  damit,  daß  noch  viele
Ölsämereien  nach  Holland,  England  und  Belgien  exportiert  und
dafür  Öl  importiert  würde.  Andererseits  gab  es  aber  bereits
in  einigen  Gegenden  eine  blühende  Ölindustrie,  die  sich  nicht
darauf  beschränkte,  den  lokalen  Markt  zu  versorgen,  sondern
einen  Teil  ihrer  Erzeugnisse,  sowohl  Öl  wie  Kuchen,  im;  Ausland
absetzte 1 ).
Werfen  wir  einen  kurzen  Blick  auf  die  Preise  der  Rohmaterialien ­
  und  die  Verwendung  der  Öle  und  Kuchen.  Wie  ich
an  anderer  Stelle  noch  näher  ausführen  werde 1  2 ),  ist  die  Gefahr
einer  Mißernte  beim  Anbau  der  Ölgewächse  eine  sehr  große  und
sind  dementsprechend  auch  die  Erntemengen  an  Ölsaaten  sehr
verschieden.  Die  Preise  der  Rohmaterialien  sind  daher  bedeutenden ­
  Schwankungen  unterworfen;  so  wird  uns  z.  B.  berichtet 3 ),
daß  der  Preis  für  einen  Scheffel  Raps  in  ganz  kurzer  Zeit  von
50  Sgr.  auf  70,  80,  ja  sogar  auf  90  und  100  Sgr.,  also  um  100%
gestiegen  ist.  Allgemein  kann  man  sagen,  daß  um  1800  der
Preis  für  eine  Wispel  Rübsaat  zwischen  24  und  80  Reichstalern
schwankte,  und  die  anderen  Ölsaaten  bei  ähnlichen  Preisen  je
nach  der  Ernte  den  gleichen  Differenzen  im  Preise  unterworfen
waren.  Es  ist  hier  noch  nicht  der  Platz,  näher  auf  die  Folgen
einzugehen,  welche  diese  Preisdifferenzen  beim  Bezüge  der  Rohmaterialien ­
  auf  die  Preisbildung  der  Öle  und  die  ganze  Entwicklung ­
  der  Ölmüllerei  gehabt  haben,  immerhin  sei  bereits
jetzt  darauf  hingewiesen,  daß  wir  in  diesen  Schwankungen  einen
derjenigen  Faktoren  vor  uns  haben,  welche  zusammengenommen
die  Entwicklung  zum  kapitalistischen  Großbetrieb  nach  sich
ziehen  mußten,  wie  wir  diese  in  der  deutschen  Ölmüllerei  im
Laufe  des  vergangenen  Jahrhunderts  erlebt  haben.
Bei  der  Verarbeitung  der  Ölsamen  erhalten  wir  als  Produkte ­
  der  Fabrikation  die  Öle,  sowie  Rückstände  in;  der  Form
von  Kuchen.  Verwendung  fanden  die  Öle  in.  dreifacher  Weise,,

1 )  Vgl.  4.  Abschnitt  S.  201.
2 )  Vgl.  3.  Abschnitt  S.  145/146.
s)  Friedrich  Benno  Weber,  „Handbuch  der  Staatswirtschaitlichen
Statistik  und  Verwaltungskunde  der  preußischen  Monarchie“.  Breslau  1840,
S.  592.
        <pb n="20" />
        22  Die  Lage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vorEinführung  der  Gewerbefreiheit.
nämlich  als  Speiseöl,  als  Brennöl  und  in  den  verschiedensten
Gewerben,  wie  z.  B.  bei  der  Firnisherstellung,  als  Schmiermittel, ­
  beim  Einfetten  der  Wolle  usw.  Die  Ölkuchen  wurden
meistens  als  Viehfutter  benutzt,  zuweilen  wohl  auch  als  Düngemittel ­
  und  Heizmaterial.  Vielfach  wurden  die  Ölkuchen  ins  Ausland ­
  exportiert.
Zum  Verständnis  der  Lage  der  Ölmüllerei  Deutschlands
um  die  Wende  des  19.  Jahrhunderts  ist  es  notwendig,  sich  kurz
die  damaligen  wirtschaftlichen  Zustände  ins  Gedächtnis  zu  rufen.
Von  den  rund  10  Millionen  Einwohnern  Preußens  entfielen  im
Jahre  1804  über  73%  auf  das  platte  Land,  und  zwar  kann  man
ohne  weiteres  annehmen,  daß  der  weitaus  größte  Teil  dieser
Landbewohner  sich  von  der  Landwirtschaft  ernährte.  Eine  Folge
der  damals  überall  bestehenden  Zollschranken,  die  dem  Verkehr
nicht  nur  zwischen  den  verschiedenen  Staaten,  sondern  auch
innerhalb  der  einzelnen  Staaten  hindernd  in  den  Weg  traten,  war
es  nun,  daß  in  den  bäuerlichen  Wirtschaften  sowohl,  wie  auch
auf  den  großen  Rittergütern  des  Ostens  noch  in  großem  Umfange ­
  die  hauswirtschaftliche  Eigenproduktion  herrschte.  Auch
die  städtischen  Ackerbürger,  von  denen  Dieterici  in  seinen
„Untersuchungen  über  den  Volkswohlstand  im  preußischen
Staate“  annimmt,  daß  sie  häufig  mehr  als  die  Hälfte  der  gesamten ­
  städtischen  Bevölkerung  ausmachten,  unterschieden  sich
in  jener  Zeit  in  ihrer  Wirtschaftsführung  nicht  allzusehr  von  den
Bewohnern  des  platten  Landes.  Vergegenwärtigt  man  sich  nun
einerseits  diese  eben  geschilderten  wirtschaftlichen  Zustände,
und  behält  andererseits  ,die  doppelte  Verwendungsart  der  Öle
im  Auge,  nämlich  entweder  im  Haushalt  oder  im  Gewerbebetriebe, ­
  so  wird  es  verständlich,  daß  in  jener  Zeit  drei  verschiedene ­
  Betriebssysteme,  nämlich  Hauswerk,  Lohnwerk  und
Preiswerk,  in  der  Ölmüllerei  nebeneinander  bestehen  konnten.
Bevor  ich  jedoch  näher  auf  diese  verschiedenen  Betriebsformen ­
  eingehe  und  sie  in  ihrer  ökonomischen  Bedeutung  würdige, ­
  ist  es  zuvor  notwendig,  das  hauptsächlichste  über  das
Herstellungsverfahren  der  Ölbereitung  und  die  Technik  der  damaligen ­
  Zeit  mitzuteilen.
        <pb n="21" />
        2.  Die  Technik  der  Ölerzeugung  um  1800.

23

2.  Kapitel.
Die  Technik  der  Ölerzeugung  um  1800. 1 )
Will  man  sich  über  den  Hergang  des  Produktionsprozesses
in  irgendeinem  Gewerbe  Klarheit  verschaffen,  so  ist  es  vor  allen
Dingen  notwendig,  denselben  in  seine  einzelnen  Teile  zu  zerlegen. ­
  Untersucht  man  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  das  Gewinnungsverfahren ­
  in  der  Ölmüllerei,  so  findet  man,  daß  dasselbe ­
  aus  folgenden  Operationen  besteht:
1.  das  Reinigen  der  Saat;
2.  das  Zerkleinern  der  Saat;
3.  das  Erwärmen  der  Saat;
4.  das  Auspressen  des  Öles;
5.  die  Reinigung  des  Öles.
Betrachten  wir  kurz  den  Zweck  der  einzelnen  Verrichtungen
und  die  um  1800  gebräuchlichen  Maschinen.
Naturgemäß  ist  es  dem  Landmann  stets  unmöglich,  dem
Ölmüller  eine  vollkommen  reine  Saat  zu  liefern,  dieselbe  wird
vielmehr  immer  mehr  oder  weniger  durch  Erdteilchen,  Staub,
Spreu,  Fremdsamen,  Stengelteile,  taube  Körner  und  ähnliche
Beimengungen  verunreinigt  sein.  Diese  Fremdkörper  vermindern
nun  teils  die  Qualität  der  erzeugten  Öle  und  Kuchen,  teils,  wie
z.  B.  kleine  Steinchen  und  Eisensplitter,  führen  sie  einen  schnellen
Verschleiß  der  Maschinen  herbei.  Es  liegt  daher  im  Interesse
des  Ölmüllers,  diese  Schäden  nach  Möglichkeit  zu  verhindern
und  die  Saat  vor  der  Verarbeitung  gut  zu  reinigen.  In  der  vorkapitalistischen ­
  Periode,  welche  ich  hier  zu  behandeln  habe,
traten  jedoch  die  Folgen  einer  schlechten  Reinigung  noch  wenig
zutage,  da  es  fast  vollkommen  an  einer  Konkurrenz  der  Ölmühlen ­
  untereinander  mangelte,  und  die  Kunden  demnach  auf
die  ihnen  gelieferten  Fabrikate  angewiesen  waren;  auch  war
die  Technik  der  Verarbeitung  meist  so  mangelhaft,  daß  auch
die  Maschinen  nur  wenig  unter  harten  Beimengungen  litten.  So
gehörte  denn  auch  eine  Reinigung  der  Ölsaaten  in  den  Ölmühlen
der  damaligen  Zeit  zu  den  Ausnahmen  und  beschränkte  sich,
wo  sie  stattfand,  auf  ein  ein-  oder  mehrmaliges  Durchsieben
durch  mit  der  Hand  bewegte  einfache  Siebe.  *
x )  Vgl.  die  Werke  von  Krünitz,  Schreiber,  Borhek,  Scholl,  Ubbelohde,
Hefter.
        <pb n="22" />
        24  I-  DieLage  derölmüllerei  inPreußen  vorEinführung  der  Gewerbefreiheit.
Die  Zerkleinerung  der  ölhaltigen  Früchte  und  Samen  hat
den  Zweck,  die  Öl  führenden  Pflanzenzellen  zu  öffnen,  damit
das  öl  nachher  beim  Pressen  austreten  kann.  Man  erreicht  dies
dadurch,  daß  man  die  Samen  resp.  Früchte  in  eine  mehlartige
Masse  verwandelt.  Die  Schwierigkeit  dieser  Operation  liegt
darin,  daß  man  das  Material  nicht  so  feinpulverig  mahlen  darf,
daß  es  seine  Struktur  völlig  einbüßt,  da  dies  für  die  Ölgewinnung
ungünstig  wäre,  denn  es  muß  unter  dem  hohen  Preßdruck  noch
genügend  porös  und  öldurchlässig  bleiben,  daß  das  Öl  ausfließen
kann.  Diese  Zerkleinerung  geschah  damals  in  Stampfwerken
oder  auf  Ölgängen.  Das  Stampf-  oder  Schlagwerk  war  eine  fast
ganz  aus  Holz  hergestellte  Maschine,  bei  welcher  die  Zerkleinerung, ­
  wie  schon  der  Name  sagt,  durch  Stampfen  der  in  die
sog.  Grubenlöcher  gefüllten  Saat  geschah.  Die  treibende  Kraft
griff  dabei  an  einer  mit  mehreren  Daumen  versehenen  horizontalen ­
  Welle,  der  Daumenwelle  an,  durch  welche  ein  System
von  Schlägern  gehoben  wurde,  die  frei  herabfielen  und  durch  ihr
Aufschlagen  auf  eine  harte  in  den  Grubenlöchern  befindliche
Unterlage  das  auf  dieser  befindliche  Material  zerstampften.  In
den  meisten  Stampfwerken  arbeiteten  in  jedem  Grubenloche
zwei  Stampfer,  welche  abwechselnd  gehoben  wurden,  es  kam
aber  auch  vor,  daß  in  jeder  Grube  drei  und  in  anderen  Gegenden
wieder  nur  ein  Stampfer  arbeitete.  An  Stelle  der  Stampfwerke
benutzte  man  in  einigen  Gegenden  zum  Zerkleinern  der  Saat
die  Ölgänge.  Es  war  dies  eine,  den  in  den  Mahlmühlen  gebrauchten ­
  Mahlgängen  sehr  ähnliche  Maschine,  die  aus  zwei
zylindrischen  aufrechtgehenden  sehr  harten  Mühlsteinen  bestand, ­
  welche  mit  ihren  krummen  Flächen,  dem  Mantel,  auf  der
geraden  Fläche  eines  horizontalen  Bodensteines  herumgewälzt
wurden  und  die  auf  dem  Bodenstein  ausgebreiteten  Substanzen
zermalmten  und  zerrieben.
Das  Erwärmen  der  Saat  geschah  um  1800  herum  über
freiem  Feuer,  und  zwar  entweder  einfach  auf  über  das  Feuer  gelegten ­
  Platten  oder  in  flachen  Pfannen.  Dieses  Erhitzen  der
zerkleinerten  Saat  hat  den  Zweck  das  in  den  Samen  enthaltene
Öl  dünnflüssiger  zu  machen,  weil  es  sich  dann  leichter  auspressen ­
  läßt;  auch  werden  bei  dieser  Operation  die  in  den
Samen  enthaltenen  eiweißartigen  Bestandteile  zum  Gerinnen
und  die  schleimhaltigen  Substanzen  zum  Eintrocknen  gebracht,
wodurch  ebenfalls  der  Ölaustritt  erleichtert  wird.  Andererseits
        <pb n="23" />
        2.  Die  Technik  der  Ölerzeugung  um  1800.

25

hat  aber  das  Erwärmen  auch  große  Nachteile,  denn  die  in  den
Samen  enthaltenen  färbenden  und  unangenehm  kratzend  schmekkenden
  Substanzen  werden  von  dem  warmen  Öle  viel  leichter
aufgenommen,  verunreinigen  dasselbe  und  machen  es  für  Speisezwecke ­
  unbrauchbar.  Um  nun  gutes  Speiseöl  zu  erhalten,  und
doch  auch  die  größtmöglichste  Ausbeute  zu  erzielen,  verfiel  man
auf  den  Gedanken,  die  Saat  mehrmals  zu  pressen,  und  zwar  das
erstemal  kalt,  das  heißt  ohne  die  zerkleinerte  Saat  vor  dem  Auspressen ­
  zu  erwärmen.  Diese  erste  kalte  Pressung  nannte  man
den  „Vorschlag“,  und  das  dabei  gewonnene  Öl,  das  sogenannte
„Jungfernöl“,  benutzte  man  zu  Speisezwecken.  Die  beim  Vorschlag ­
  erhaltenen  Rückstände  ließ  man  wieder  auf  dem  Ölgang
oder  im  Stampfwerk  zerkleinern,  erwärmte  sie  dann  und  preßte
sie  ein  zweites  Mal  aus;  das  dabei  gewonnene  Öl,  das  sogen.
„Nachschlagöl“,  diente  als  Brennöl  und  für  gewerbliche  Zwecke.
Damit  man  so  viel  Öl  wie  möglich  erziele,  unterzog  man  dann
vielfach  die  Rückstände  noch  einer  dritten  Pressung,  ja  Borhek 2 )
berichtet  sogar,  daß  die  Ölmüller  in  der  Gegend  von  Göttingen
den  Rapssamen  viermal  auspreßten,  um  ja  kein  Öl  zu  verlieren.
Sind  die  Samen  oder  Früchte  in  der  vorerwähnten  Weise
zum  Auspressen  vorgerichtet,  so  muß  man  noch  dafür  sorgen,
daß  sie  irgendwie  eingeschlossen  werden,  damit  sie  in  der  Presse
dem  Drucke  nicht  ausweichen  können.  Zu  diesem  Zwecke  verpackt ­
  man  sie  entweder  in  Säcke  oder  Beutel  oder  schlägt  sie
in  offene  Tücher  ein.  Das  Material,  aus  welchem  diese  Beutel
und  Tücher  gefertigt  sind,  ist  natürlich  von  großem  Einfluß  auf
die  Ausbeute  an  Öl  und  die  Qualität  desselben;  einerseits  muß
es  nämlich  so  dicht  sein,  daß  beim  Pressen  kein  Mehl  durchgelassen ­
  wird,  andererseits  muß  es  aber  auch  wieder  die  Eigenschaft ­
  haben,  das  ausgepreßte  Öl  so  leicht  als  möglich  durchfließen ­
  zu  lassen.  Außerdem  muß  es  eine  hohe  Widerstandsfähigkeit ­
  besitzen,  d.  h.  bei  hohem  Drucke  nicht  zerreißen.  Als
Material  für  Preßstoffe  kommen  hauptsächlich  Roß-,  Kamel-,
Kuhschweif-  und  Boxhaare,  Baum-  und  Schafwolle  in  Betracht,
ln  der  uns  hier  beschäftigenden  Periode  benutzte  man  Beutel
aus  Wolle  oder  Roßhaar,  verschloß  sie  durch  einen  über  die
Öffnung  zu  schlagenden  Deckel  und  umwand  das  so  entstandene

2 )  Borhek,  „Gründliche  Anweisung  zur  richtigen  Anlage  der  Beutelmaschinen
  und  der  deutschen  Ölmühlen“.  Göttingen  1826.  S.  101.
        <pb n="24" />
        26  I-  DieLage  derölmüllerei  inPreußen  vorEinführung  derOewerbefreiheit.
Paket  noch  der  größeren  Vorsicht  wegen  mit  einem  Leder-  oder
Roßhaargurt.
Es  folgt  nun  das  Auspressen  des  Öles  aus  den  zerkleinerten
und  verpackten  Samen.  Dies  geschieht  fast  ausschließlich  durch
mechanischen  Druck,  und  zwar  bediente  man  sich  um  1800  zu
diesem  Zwecke  der  Keil-  oder  der  Schraubenpressen.  Die
Schraubenpressen  fanden  sich  nur  in  kleinen  Ölschlägereien  vor,
da  ihre  Bedienung  eine  sehr  anstrengende  war  und  nur  langsam
vonstatten  ging.  Die  Arbeitsweise  einer  Schraubenpresse  bestand ­
  darin,  daß  durch  das  Anspannen  einer  Schraube  ein  Balken
niedergedrückt  wurde,  an  welchem  sich  ein  Querstück  befand.
Dieses  Querstück  drückte  auf  den  in  einer  Vertiefung  des  Grundblocks ­
  befindlichen  Samenkuchen,  welcher  mit  zunehmendem
Drucke  immer  mehr  zusammengepreßt  wurde  und  dabei  das
Öl  ausfließen  ließ.  Derartige  Pressen  waren  natürlich  nur  für
Handbetrieb  geeignet;  in  den  Wasser-  und  Windölmühlen  benutzte ­
  man  denn  auch  ausschließlich  Keilpressen.  Von  diesen
waren  zwei  Arten  im  Gebrauch,  die  deutschen  oder  Schlägelund ­
  die  holländischen  oder  Rammpressen.  Beide  bestanden  in
ihrem  Hauptteil  aus  einem  starken,  gewöhnlich  eichenen  Block,
der  sogen.  Öllade,  in  welcher  sich  mehrere  Löcher,  die  Preßgruben,
  befanden,  ln  diese  Preßgruben  legte  man  die  Samenpakete ­
  und  die  Pressung  wurde  dann  durch  das  Einschlagen
eines  hölzernen  Keiles  bedingt.  Bei  der  Schlägelpresse  wurde
dieser  Keil  seitwärts  durch  einen  schweren  Hammer,  den
Schlägel,  eingetrieben,  bei  der  Rammpresse  dagegen  von  oben
mittels  des  sogen.  Rammes,  einer  den  Stampfern  des  Stampfwerks ­
  ähnlichen  Vorrichtung.  Die  Rammpresse  war  meistens
eine  Doppelpresse,  d.  h.  sie  war  so  eingerichtet,  daß  immer
gleichzeitig  zwei  Ölkuchen  ausgepreßt  wurden,  bei  der  Schlägelpresse ­
  erhielt  man  jedesmal  nur  einen  Kuchen.  Außer  den
Schlägel-  und  Rammpressen  fanden  sich  auch  wohl  vereinzelt
Handkeilpressen  vor,  bei  denen  der  Keil  mit  der  Hand  vermittels ­
  eines  schweren  Holzhammers  eingetrieben  wurde.  Auf
die  Vorzüge  und  Nachteile  der  verschiedenen  Pressen  will  ich
erst  weiter  unten  eingehen.
Zum  Schluß  sei  noch  einiges  über  die  Reinigung  —  das
Raffinieren  —  des  erzeugten  Öles  gesagt.  Dieselbe  hat  den
Zweck,  färbende,  schleimige  und  eiweißartige  Körper,  welche
beim  Pressen  mit  abgepreßt  werden  und  die  Öle  etwas  milchig
        <pb n="25" />
        Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  27

trübe  machen,  zu  entfernen.  Wegen  dieser  leichtveränderlichen
Beimengungen  nämlich  bleiben  die  Öle  nicht  haltbar  und  werden
leicht  ranzig;  auch  in  bezug  auf  die  Brauchbarkeit  der  Öle  als
Beleuchtungsmaterial  sind  diese  Bestandteile  sehr  nachteilig,  da
sie  beim  Verbrennen  Kohle  hinterlassen,  während  dies  bei
reinem  Öle  nicht  der  Fall  ist.  Um  die  Wende  des  19.  Jahrhunderts ­
  geschah  nun  die  Reinigung  der  Öle  in  sehr  einfacherWeise,
indem  man  das  gewonnene  Öl  in  großen  Behältern  sammelte
und  sich  dann  im  Laufe  längerer  Zeit  klären  ließ.  Allerdings
nahm  diese  Art  der  Reinigung  ziemlich  lange  Zeit  in  Anspruch
(ca.  14  Tage),  aber  sie  erfüllte  wenigstens  ihren  Zweck  einigermaßen, ­
  während  die  anderen  neueren  Verfahren  teils  zu  teuer,
teils  auch  zu  umständlich  waren,  um  sich  schnell  in  die  Praxis
einzuführen.

3.  Kapitel.
Die  Produktionsverhältnisse  in  der  ÖlmUllerei  um  1800.
Wenden  wir  uns  nach  dieser  einführenden  Schilderung  der
um  1800  gebräuchlichen  Maschinen  zu  dem  eigentlichen  Arbeitsverfahren ­
  in  den  verschiedenartigen  Ölmühlen.  Als  Betriebskraft ­
  verwendete  man  in  damaliger  Zeit  Menschen-  oder  Tierkraft, ­
  Wind  oder  Wasser  und  unterschied  dementsprechend  Ölschlägereien, ­
  Roßölmühlen,  Wind-  und  Wasserölmühlen.  Es  ist
ohne  weiteres  klar,  daß  die  Wassermühle  die  fortgeschrittenste
Form  des  Betriebs  war;  bevor  ich  mich  ihr  jedoch  zuwende,
will  ich  die  anderen  Produktionsarten  behandeln  und  ihre  ökonomische ­
  Bedeutung  würdigen.
Die  Roßölmühlen  waren  gewöhnlich  so  eingerichtet,  daß
die  Ölsamen  auf  einem  Ölgange  zerkleinert  und  nachher  durch
Menschenkraft  in  einer  Handpresse  ausgepreßt  wurden.  Der
Ölgang  wurde  von  einem  oder  mehreren  Pferden,  auch  wohl
Ochsen,  welche  in  einem  Tremel  oder  auf  einem  Tretrad  arbeiteten, ­
  in  Bewegung  gesetzt.  So  einfach  derartige  Roßölmühlen
auch  eingerichtet  waren,  so  erforderten  sie  doch  im  Verhältnis
zu  den  geringen  mit  ihnen  erzielten  Leistungen  hohe  Anlage-  und
vor  allem  Unterhaltungskosten.  Die  Schwierigkeit  lag  in  der
Übertragung  der  Tierkraft  auf  den  Ölgang,  welche  nicht  ohne
        <pb n="26" />
        28  1.  Die  Lage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vor  Einführung  der  Oe  Werbefreiheit.

umständliches  Räderwerk  herzustellen  war.  Die  geringste
Schadhaftigkeit  oder  Unordnung  an  diesem  aus  Holz  hergestellten ­
  Räderwerk  verursachte  einen  Stillstand  des  Betriebes,
und  es  mußte  bei  den  geringen  technischen  Kenntnissen  der
damaligen  Zeit  in  solchen  Fällen  „oft  meilenweit  ein  Werkverständiger ­
  herbeigeschafft  werden,  um  das  Fehlende  wieder
herzustellen,  da  die  gewöhnlichen  Handarbeiter  dazu  nicht  imstande ­
  waren“ 1 ).  Entsprechend  diesen  Nachteilen  war  denn
auch  die  Verbreitung  derartiger  Roßölmühlen  nur  eine  verhältnismäßig ­
  geringe  und  hauptsächlich  auf  den  Osten  des  Reiches
beschränkt,  wo  sie  auf  den  großen  Gütern,  auf  denen  die  Tierkraft ­
  billig  zur  Verfügung  stand,  vielfach  zur  Eigenproduktion
verwandt  wurden.  Verarbeitet  werden  konnten  in  ihnen  täglich
ungefähr  4—5  Scheffel  Samen,  doch  wurde  eben  wegen  der
vielen  Unterbrechungen  häufig  diese  Ziffer  nicht  erreicht.  Über
die  Ausbeute  an  Öl,  welche  mit  ihnen  erzielt  wurde,  sind  heute
Zahlen  nicht  mehr  festzustellen,  doch  kann  dieselbe  nur  gering
gewesen  sein,  da  das  Anspannen  einer  Schraubenpresse  so  langsam ­
  vonstatten  ging,  daß  das  Saatgut  bei  Erreichung  des  höchsten ­
  Preßdrucks  bereits  ganz  erkaltet  und  der  Zweck  der  Erwärmung ­
  dadurch  ein  rein  illusorischer  war.
ln  der  Ölschlägerei  finden  wir  die  typische  Vertreterin  des
Systems  des  Lohnwerks.  Sie  war  über  das  ganze  Land  verbreitet, ­
  fand  sich  aber  besonders  in  den  Gegenden,  in  welchen
viel  Flachs  gebaut  wurde;  dort  gab  es  fast  in  jedem  Dorfe  einen
oder  gar  mehrere  Ölschläger,  welche  sich  nur  mit  Lohnmüllerei
befaßten  und  den  Bauern  die  beim  Flachsbau  als  Nebenprodukt
erzielten  Leinsamen  zu  Öl  und  Kuchen  verarbeiteten.  Die  Einrichtung ­
  solcher  Ölschlägereien  bestand  gewöhnlich  aus  einem
Stampfwerk,  welches  nach  Art  der  Hirsestampfen  von  Menschen
getreten  wurde,  einem:  Wärmeherde  und  einer  Handpresse.  Zum
Auspressen  mußte  der  Landmann  dem  Ölschläger  Leute  zur
Hilfe  ins  Haus  schicken,  welche  die  Stampfen  treten,  die  Samen
in  den  Grubenlöchern  und  auf  den  Wärmeherden  umrühren  und
überhaupt  dem  Ölschläger  zur  Hand  gehen  mußten.  Über  die
Leistungen  solcher  Betriebe  gehen  die  Angaben  auseinander,
doch  dürften  immerhin  drei  Arbeiter,  wenn  sie  gut  eingeübt  und  *

x )  Schreiber,  Beiträge  zur  Mühlenbaukunde.  Königsberg  1837.
Heft  1,  S.  27.
        <pb n="27" />
        Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  29

die  Verrichtungen  so  unter  sie  verteilt  waren,  daß  keiner  müßig
stehen  durfte,  in  einem  Tage  5—6  Scheffel  Leinsaat  zu  Öl  verarbeitet ­
  haben 2 ).  Wie  die  hier  erwähnte  Arbeitsteilung  vorgenommen ­
  wurde,  darüber  konnte  leider  nichts  Genaues  mehr
festgestellt  werden,  doch  ist  anzunehmen,  daß  dieselbe  derjenigen ­
  ähnlich  war,  wie  ich  sie  weiter  unten  bei  den  Wassermühlen ­
  schildern  werde.
Als  Entgelt  für  seine  Arbeit  erhielt  der  Ölschläger  den  sogen.
Schlaglohn.  Dieser  konnte  entweder  in  Geld  bezahlt  werden  und
betrug  dann  z.  B.  für  den  Himten  Saat  5  Gr.  4  Pf.  oder  in
natura,  wo  der  Ölschläger  in  diesem  Falle  für  den  Himten  Saat
1  Pfund  Öl,  2  Kuchen  und  2  Gr.  in  bar  erhielt 3 ).
In  den  spärlichen  Berichten,  welche  uns  aus  jener  Zeit
über  den  Betrieb  der  Ölschlägereien  überkommen  sind,  hört
man  viele  Klagen  darüber,  daß  neben  der  mangelhaften  Einrichtung ­
  der  Betriebe  solche  Ölschläger  vielfach  auch  nur  geringe
Kenntnisse  von  ihrem  Gewerbe  besäßen,  und  es  noch  dazu
häufig  an  der  nötigen  Sorgfalt  bei  Verarbeitung  der  Saat  fehlen
ließen.  Ohne  Verkennung  dieser  Mißstände,  die  ohne  Zweifel
in  den  Ölschlägereien  bestanden  haben,  dürfte  aber  doch  wohl
ein  Teil  der  Schuld  an  den  geringen  Leistungen  in  dem  System
dieser  Lohnmüllerei  selbst  gelegen  haben.  Bei  der  mangelhaften
Technik  des  18.  Jahrhunderts  war  nämlich  die  Ölausbeute  in
hervorragendem  Maße  von  der  richtigen  Behandlung  der  Samen
in  den  Stampfgruben,  auf  dem  Wärmeherde  und  beim  Verpacken ­
  abhängig.  Da  nun  der  Ölschläger  auf  die  Mitarbeit
fremder  unkundiger  Leute  angewiesen  war,  denen  er  einen  Teil
dieser  Arbeiten  übertragen  mußte,  so  dürfte  es  selbstverständlich ­
  sein,  daß  der  Ölschläger  auch  beim  besten  Willen  und  bei
größter  Sachkenntnis  nicht  die  Resultate  erzielen  konnte,  welche
möglich  wären,  wenn  alle  Beteiligten  die  gleiche  Kenntnis  des
Gewerbes  besäßen  und  aufeinander  eingearbeitet  wären.
Vergleicht  man  zusammenfassend  die  Ölschlägereien  mit
den  Roßölmühlen,  so  kann  man  feststellen,  daß  zwar  die  Produktionsmittel ­
  bei  beiden  gleich  unvollkommen  waren,  daß
jedoch  bei  den  Ölschlägereien  bei  geringeren  Anlage- 4 )  und

2 )  Krünitz,  „Ökonomisch-technologische  Ericyklopädie“,  Teil  104,  S.744.

*&amp;gt;  Schreiber,  „Beiträge“.  1.  Heft,  S.  75.

)  Bei  den  Stampfwerken  der  Ölschlägereien  fiel  das  bei  den  Ölgangen ­
  notwendige  umständliche  Räderwerk  fort,  wodurch  sich  die  An-
        <pb n="28" />
        30  I-  DieLage  derÖlmüllerei  in  Preußen  vorEinführung  derGewerbefreiheit.
vor  allem  Betriebskosten  die  Menge  der  täglich  verarbeiteten
Rohmaterialien  die  gleiche,  wenn  nicht  gar  eine  größere  war
als  bei  den  Roßölmühlen.
Wenden  wir  uns  zu  dem  Produktionsverfahren  in  den  beiden
wichtigsten  Betriebsformen  jener  Zeit,  nämlich  in  den  Wasserund
  Windölmühlen.  Diese  unterschieden  sich  hauptsächlich  nur
durch  die  verschiedene  Betriebskraft,  im  übrigen  war  die  Technik
bei  beiden  die  gleiche.  Ihr  Arbeitsverfahren  war  zwar  noch
durchaus  handwerksmäßig,  immerhin  aber  hatten  sie  durch  Ausnützung ­
  von  Naturkräften  eine  bedeutend  größere  Betriebskraft
zur  Verfügung  als  die  Ölschlägereien  und  Roßölmühlen,  arbeiteten ­
  infolgedessen  schneller  und  erzielten  auch  größere  Ausbeute ­
  als  diese.
Der  allgemeinen  Ausbreitung  dieser  Arten  von  Ölmühlen
stand  als  hauptsächlichster  Grund  das  sogen.  „Mühlenregal  des
Reiches“  entgegen.  Die  Geschichte  der  Wassermühlen  sowie
des  Mühlenregals  ist  unter  Zugrundelegung  des  Artikels  über
„Mühlenrecht“  in  Conrads  „Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften“ ­
  kurz  folgende:  Die  Anlage  der  Wassermühlen  verursachte ­
  wegen  der  damit  verbundenen  Damm-  und  Schleusenbauten ­
  von  jeher  große  Anlagekosten.  Daraus  erklärt  es  sich,
daß  derartige  Mühlen  zu  denjenigen  gewerblichen  Anlagen  gehörten, ­
  welche  sich  gewöhnlich  auf  großen  Grundherrschaften
vorfanden,  und  zwar  wurden  sie,  nachdem  der  eigene  Betrieb
der  Grundherren  immer  mehr  zurücktrat,  von  diesen  meistens
in  der  Form  der  Erbleihe  und  Erbpacht  ausgetan.  Das  Recht  zur
Anlegung  einer  Mühle  stand  ursprünglich  jedermann  als  Ausfluß ­
  seines  Grundeigentums  zu.  Auf  dem  Reichstag  auf  den  ronkalischen
  Feldern  vom  Jahre  1154  jedoch  wurde  das  Recht,  eine
Mühle  anzulegen  und  zu  betreiben  von  Friedrich  I.  zu  einem
Regal  gemacht.  Der  Grund  war  die  Anschauung,  daß  dem  Kaiser
das  Wasser  als  „Des  Reiches  Straße“  gehöre 5 ).  Dieses  Mühlenregal ­
  des  Reiches,  d.  h.  das  ausschließliche  Recht  des  Reiches,
Wassermühlen  zu  erbauen  und  zu  betreiben,  wurde  vom  Reiche
gewöhnlich  durch  Privilegien  auf  Landesherren  und  Städte  überschaffungs-
  wie  auch  die  Reparaturkosten  verminderten.  Überhaupt  stellte
sich  schon  der  Ölgang  an  sich  teurer  als  diese  einfachen  von  Menschen
getretenen  Stampfen.
a )  Anton,  „Geschichte  der  deutschen  Landwirtschaft“.  1802.  Bd.  III,
S.  238.
        <pb n="29" />
        Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüilerei  um  1800.  31
tragen;  diese  verliehen  es  wieder  weiter  an:  Private  gewöhnlich
unter  Verpflichtung  der  Zinsgabe.  Das  ursprünglich  nur  an
Wassermühlen  bestehende  Regal  wurde  mit  Erfindung  der  Windmühlen ­
  ohne  weiteres  auch  auf  diese  ausgedehnt.
Die  Ausnutzung  der  Kraft  des  Windes  zum  Betriebe  von
Ölmühlen  hat  in  Holland  seinen  Ursprung;  dort  wurden  Windölmühlen ­
  zuerst  Ende  des  16.  Jahrhunderts  in  Benutzung  genommen, ­
  und  zwar  arbeiteten  diese  mit  Stampfwerken  und
Rammpressen.  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  wurde  dann  zuerst
von  Jan  Andriaansche  Leegwater  die  Benutzung  von  Ölgängen
eingeführt,  und  bürgerte  sich  diese  neue  Erfindung  schnell  allgemein ­
  in  Holland  ein.  Neben  den  Ölgängen  blieben  jedoch
auch  die  Stampfwerke  in  Gebrauch,  nur  ließ  man  jetzt  bloß
noch  je  einen  Stempel  in  jedes  Grubenloch  fallen  und  stampfte
kürzere  Zeit,  da  ja  der  Samen  schon  auf  den  Ölgängen  zerkleinert ­
  war.  Gebrauchte  eine  derartig  eingerichtete  Ölmühle
infolge  des  vermehrten  Räderwerkes  des  Betriebes  sowie  der
vermehrten  Maschinen  auch  mehr  Kraft  als  eine  deutsche  Ölmühle, ­
  so  läßt  diese  doppelte  gründliche  Zerkleinerung  der
Samen  doch  den  Schluß  zu,  daß  die  Holländer  schon  damals
richtig  erkannt  hatten,  daß  die  gehörige  Vorbereitung  der
Saaten  eine  der  wichtigsten  Vorbedingungen  für  eine  gute  Ölausbeute ­
  ist.
Von  Holland  aus  verbreiteten  sich  die  5Vindölmühlen  auch
über  den  Nordwesten  Deutschlands,  und  zwar  fanden  sie  sich
besonders  in  den  Küstenländern  vor,  weil  dort  erfahrungsgemäß
die  Winde  viel  gleichmäßiger  wehen  als  in  den  Binnenländern.
Die  Wasserölmühlen  bestanden  entweder  für  sich  allein  oder,
und  das  war  in  jener  Zeit  noch  sehr  häufig  der  Fall,  verbunden
mit  Mehl-  oder  anderen  Mühlen.  Der  Grund  für  letztere  Erscheinung ­
  dürfte  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  zu  suchen  sein.
Wie  ich  schon  früher  festgestellt  habe,  erforderte  nämlich  die
Anlage  der  Wassermühlen  ziemlich  umfangreiche  und  kostspielige ­
  Dammbauten,  ja  bei  Flüssen  mit  geringem  Gefälle
häufig  große  Stauteiche.  Derartige  Anlagen  sind  natürlich  nicht
nur  kostspielig  in  ihrer  Errichtung,  sondern  erfordern  auch
größere  Unterhaltungskosten.  Es  ist  also  wohl  erklärlich,  daß
man  ihre  Kraft  nach  Möglichkeit  ganz  auszunutzen  suchte.  Nun
es  aber  häufig  vor,  daß  eine  Mehlmühle  nicht  genügend
Mahlgäste  hatte,  um  die  ihr  zur  Verfügung  stehende  Wasser-
        <pb n="30" />
        32  I-  DieLage  der  Ölmüllerei  inPreußen  vor  Einführung  derOewerbefreiheit.
kraft  ständig  auszunützen,  oder  daß  sie  einen  Überschuß  an
Wasserkraft  hatte,  welchen  sie  zu  anderen  Zwecken  verwenden
konnte.  In  beiden  Fällen  half  man  sich  meistens  durch  Anlage
einer  Öl-  oder  anderen  Mühle.
Konnte  man  die  Mehlmühle  wegen  mangelnder  Beschäftigung ­
  nicht  ständig  in  Betrieb  halten  und  entschloß  sich  daher ­
  noch  zur  Anlage  einer  Ölmühle,  so  errichtete  man  diese  gewöhnlich ­
  im  gleichen  Gerinne 6 )  oder  sogar  im  selben  Hause
mit  der  Mehlmühle;  herrschte  dann  einmal  Mangel  an  Mahlgästen, ­
  so  legte  man  die  Mahlmühle  still  und  benutzte  die
Wasserkraft  zum  Betriebe  der  Ölmühle.  Die  Besitzer  derartiger
Ölmühlen  arbeiteten  gewöhnlich  gegen  Schlaglohn,  und  wir
hören  über  ihren  Betrieb  dieselben  Klagen,  wie  wir  sie  bei  den
Ölschlägern  gehabt  haben,  nämlich  Vorwürfe  wegen  Unkenntnis
und  Nachlässigkeit,  ja  vielfach  auch  Unredlichkeit  der  Müller 7 ).
Hatte  man  dauernd  Überfluß  an  Wasser,  oder  wollte  man
aus  anderen  Gründen  neben  der  Mahlmühle  noch  eine  Ölmühle
betreiben,  so  legte  man  diese  in  einem  eigenen  Gerinne  an,  so
daß  man  sie  ständig  neben  der  Mahlmühle  in  Betrieb  halten
konnte.  Derartige  Ölmühlen  treffen  wir  häufig  bei  den  landesherrlichen ­
  Mahlmühlen  und  auf  den  großen  Gütern,  und  es  wird
in  ihnen  bereits  gerade  wie  in  den  für  sich  allein  bestehenden
Ölmühlen  viel  Handelsmüllerei  betrieben.
Sehen  wir  uns  die  Einrichtung  der  Wind-  und  Wasserölmühlen ­
  einmal  etwas  näher  an.  Zur  Zerkleinerung  der  Saat
waren  fast  überall  Stampfwerke  in  Gebrauch.  Je  nach  der
Größe  des  Betriebes  und  der  vorhandenen  Kraft  hatte  man
Stampfwerke  mit  2—12  Paar  Stampfern,  doch  waren  es  gewöhnlich ­
  4—8  Paar.  Vereinzelt  wurden  zu  jener  Zeit  auch
bereits  Ölgänge  benützt,  deren  Gebrauch  sich  von  Holland  aus
eingeführt  hatte,  wo  die  Ölmüllerei  auf  einer  für  die  damalige
Zeit  hohen  Stufe  technischer  Vollkommenheit  stand.  In  solchen
mit  Ölgängen  ausgestatteten  Mühlen  verwandte  man  in  Deutschland ­
  dann  die  Stampfwerke  gar  nicht  mehr,  sondern  begnügte
sich  mit  der  alleinigen  Arbeit  der  Ölgänge.
Wenn  auch  das  holländische  Verfahren,  neben  den  Öl6 ­
 )  Ein  Gerinne  nennt  man  den  aus  Brettern  oder  sonstigen  Materialien
zusammengebauten  künstlichen  Wasserlauf,  aus  welchem  das  Wasser  direkt
auf  das  Mühlrad  läuft.
7 )  Vgl.  hierzu  S.  37.
        <pb n="31" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  33

gängen  noch  Stampfwerke  zu  benutzen,  als  das  zu  jener  Zeit
vollkommenste  bezeichnet  werden  muß,  so  hatte  doch  auch
schon  der  alleinige  Gebrauch  der  Ölgänge  gegenüber  dem  alleinigen ­
  Gebrauch  von  Stampfwerken  so  bedeutende  offenkundige
Vorzüge,  daß  es  sich  wohl  der  Mühe  verlohnen  dürfte,  der
Frage  etwas  näher  nachzugehen,  wodurch  die  allgemeine  Einführung ­
  der  Ölgänge  verzögert  wurde.
Erläutern  wir  zuerst  kurz,  worin  sich  die  Überlegenheit  des
Ölganges  äußert.  In  erster  Linie  sind  da  geringerer  Kraftverbrauch ­
  bei  schnellerer  Arbeit  und  bedeutend  geringere  Reparaturkosten ­
  zu  nennen.  Die  Betriebskraft  einer  Mühle,  sie  mag
durch  Wasser,  Wind  oder  Tiere  erzeugt  werden,  wird  am  vorteilhaftesten ­
  an  einer  Hauptwelle  hervorgebracht,  welche  durch
eben  diese  Kraft  in  eine  drehende,  gleichförmige  Bewegung  versetzt ­
  wird.  Von  dieser  Stelle  läßt  sich  nun  naturgemäß  eine
andere  drehende  Bewegung  leichter  abnehmen  als  eine  verschiedenartige, ­
  z.  B.  auf-  und  abgehende,  denn  erstere  ist  nur
eine  Erweiterung  oder  Verkleinerung  der  bestehenden  Bewegung, ­
  letztere  aber  eine  vollständige  Umänderung 8 ).  Bei  den
Stampfwerken  findet  nun  eine  derartige  auf-  und  abgehende
Bewegung  der  Stampfer  statt,  und  zwar  müssen  bei  ihnen  die
wirkenden  Massen  stets  aufs  neue  aufgehoben  werden,  wenn
sie  von  dem  vorherigen  Hube  auf  die  Samen  gefallen  sind,
kommen  also  abwechselnd  in  Ruhe  und  Bewegung.  Diese  stets
und  oft 9 )  wiederkehrende  Überwindung  des  Trägheitsmomentes
der  Stampfer  verzehrt  natürlich  einen  bedeutenden  Teil  der  Betriebskraft, ­
  während  bei  den  Ölgängen  dieser  Kraftverlust  infolge ­
  der  gleichmäßigen,  drehenden  Bewegung  der  Steine  viel
geringer  ist.  Die  schnellere  Arbeit  der  Ölgänge  beruht  auf  ihrer
fortwährenden  Wirkung,  sowie  darauf,  daß  die  Steine  infolge
ihrer  Eigendrehung  neben  der  zermalmenden  Wirkung  auch
noch  eine  zerreißende  ausüben,  wodurch  die  Ölabgabe  bei  der
Pressung  bedeutend  erleichtert  wird.  Praktisch  drückt  sich  diese
Überlegenheit  der  Ölgänge  über  die  Stampfwerke  darin  aus,  daß
ein  Ölgang  mit  Steinen  von  5  Fuß  Durchmesser  bei  8—10  Umgängen ­
  in  der  Minute  in  12  Stunden  soviel  Samen  verarbeitet,

a )  Scholl,  „Der  Bau  und  Betrieb  der  Ölmühlen“.  Darmstadt  1844.  S.  34.
9 )  Nach  Schreiber  muß  bei  einem  gut  gehenden  Stampfwerk  jeder
Stampfer  50—60  mal  in  der  Minute  gehoben  werden.
Klaue,  Ölmüllerei.  3
        <pb n="32" />
        34  I.  DieLage  derÖlmüllerei  in  Preußen  vorEinführung  deröewerbefreiheit.

wie  vier  Paar  Stampfen  gewöhnlicher  Dimension,  während  er
nur  der  Kraft  von  drei  Paar  Stampfen  bedarf 10  * ).
Neben  diesem  Vorteil  der  Ölgänge  muß  man  noch  die
höheren  Reparaturkosten  der  Stampfwerke  in  Betracht  ziehen
und  außerdem  auch  die  Schäden  berücksichtigen,  welche  die
Stampfwerke  wegen  des  mit  ihrem  Betriebe  verbundenen  unerträglichen ­
  Lärmes  auf  die  Gesundheit  der  in  solchen  Ölmühlen
arbeitenden  Leute  haben  mußten.  Nach  einem  Praktiker  der
damaligen  Zeit 11 )  soll  nämlich  ein  Stampfer,  um  wirksam  zu
sein,  ein  Gewicht  von  115—120  Pfund  haben  und  in  der  Minute
56—60  Schläge  machen.  Nehmen  wir  nun  ein  Stampfwerk  mit
der  Durchschnittszahl  von  6  Paar  Stampfen  an,  so  fallen  in
jeder  Minute  ca.  700  Schläge.  Es  bedarf  wohl  keiner  näheren
Ausführungen,  um  zu  beweisen,  einerseits  wie  schädlich  der
hierdurch  verursachte  Lärm  auf  Nerven  und  Gesundheit  der  Ölmüller ­
  einwirken  mußte,  andererseits  wie  durch  die  700  Schläge
in  der  Minute  die  Umgebung  des  Stampfwerkes  sowie  dieses
selbst  in  beständige  Erschütterung  versetzt  und  dadurch  sowohl
die  Getriebe  wie  auch  die  ganzen  Gebäude  geschwächt  wurden.
Trotz  all  dieser  unverkennbaren  Vorzüge  der  Ölgänge  hatten
sich  diese  bisher  in  Deutschland  nicht  allgemein  einbürgern  und
die  Stampfwerke  verdrängen  können.  Worin  lag  die  Ursache
für  diese  Erscheinung?
In  erster  Linie  dürfte  hier  der  Konservatismus  der  Ölmüller
selbst  zu  nennen  sein.  Nichts  drängte  diese  zu  technischen  Fortschritten, ­
  war  doch  infolge  der  veralteten  Wirtschaftsgesetzgebung ­
  Konkurrenz  so  gut  wie  gar  nicht  zu  befürchten.  Wozu
sich  also  in  größere  Unkosten  stürzen,  wo  sie  sogar  wohl
häufig  die  Neuerung  nur  vom  Hörensagen  kannten,  da  die  Fachliteratur ­
  in  jener  Zeit  äußerst  spärlich  war.  Hierzu  kommt  noch,
und  das  dürfte  gleichzeitig  eine  weitere  Ursache  für  die  geringe
Verbreitung  der  Ölgänge  sein,  daß  die  Landleute  die  meist  als
Viehfutter  dienenden  Ölkuchen  aus  der  in  Stampfwerken  zerkleinerten ­
  Saat  denjenigen  vorzogen,  bei  denen  die  Saat  auf  Ölgängen ­
  zerkleinert  wurde,  weil  erstere  leichter  in  Flüssigkeiten
aufzuweichen  waren.  Der  Grund  für  diese  bessere  Löslichkeit

10 )  Schreiber,  „Praktisches  Hilfsbuch  für  die  Besitzer  von  Ölmühlen“.
Königsberg  1837.  S.  39.
”)  Schreiber,  „Praktisches  Hilfsbuch“  S.  32.
        <pb n="33" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  35

der  sogen.  Stampfkuchen  lag  wohl  darin,  daß  in  den  Stampfwerken ­
  die  Zerkleinerung  häufig  weiter  getrieben  wurde  als  auf
den  Ölgängen,  weil  bei  diesen  die  Samen  das  Öl  infolge  der  die
Ölzellen  zerreißenden  Wirkung  der  Steine  auch  schon  bei  geringerer ­
  Feinheit  des  Samenmehls  abgaben 12 ).
Ein  weiteres  Hindernis  bildeten  schließlich  noch  die  verhältnismäßig ­
  hohen  Anschaffungskosten  der  Ölgänge,  welche
wieder  im  Zusammenhang  standen  mit  dem  sogen.  „Mühlsteinregal“. ­
  Dieses  war  ein  Fabrikations-  und  Handelsmonopol  des
Staates,  und  bemerke  ich  darüber  kurz  folgendes 13  14  * ):  „Schon  im
Landtagrezeß  von  1653  geschieht  des  Mühlsteinhandels  als  eines
Regalrechtes  Erwähnung,  jedoch  galt  es  anfangs  nur  in  einzelnen ­
  Teilen  des  Staates  und  wurde  erst  gegen  Ende  des  17.
und  im  18.  Jahrhundert  auf  weitere  Teile  ausgedehnt.  Auch
konnte  1653  sich  ein  jeder  noch  Mühlsteine  außerhalb  des
Landes  kaufen  und  zu  seinem  eigenen  Gebrauche  einführen,
während  im  Edikt  vom  19.  April  1689  u )  diese  Freiheit  nur  dem
Adel  gestattet  blieb.  Für  den  Mühlsteinhandel  bestanden  besondere ­
  Faktoreien  in  den  verschiedensten  Städten,  denen  sogen.
Faktors  vorgesetzt  waren.  Die  Preise  der  Mühlsteine  waren
natürlich  in  den  einzelnen  Städten  sehr  verschieden,  und  betrugen ­
  die  Preisdifferenzen  zwischen  Magdeburg  und  Königsberg ­
  sogar  das  Zwei-  ja  Dreifache.  Zudem  war  die  Beschaffung
der  Steine  noch  mit  großen  Belästigungen  verbunden.  Es  mußten
Steine  bestimmter  Art  monatelang  vorher  bestellt  werden,
zum  Pfand  für  sichere  Abholung  mußte  ein  Drittel  des  Verkaufspreises ­
  hinterlegt  und  beim  Kauf  schließlich  noch  ziemlich
hohe  Faktorgebühren  erlegt  werden.“
War  die  Saat  in  den  Stampfwerken  oder  auf  den  Ölgängen
gehörig  zerkleinert,  so  kam  das  Samenmehl,  falls  man  den  ersten
Schlag  nicht  kalt  ausführte,  auf  den  Wärmeofen.  Hier  wurde  es
ungefähr  bis  zur  Wärme  des  siedenden  Wassers  erhitzt,  welche
hinreichend  war,  um  das  Eiweiß  gerinnen  zu  machen  und  auch

12 )  Diese  Vorliebe  der  Bauern  für  Stampfkuchen  spielte  wohl  ebenfalls ­
  dabei  mit,  daß  die  Holländer  außer  auf  den  Ölgängen  die  Saat  auch
noch  in  Stampfwerken  zerkleinern  ließen.
13 )  Vgl.  Mohr,  „Die  Entwicklung  des  Großbetriebes  in  der  Getreidemüllerei ­
  Deutschlands“.  Berlin  1899.  S.  7—8.
14 )  Einführung  des  Mühlsteinmonopols  in  Westpreußen  und  im  Netzedistrikt ­
  durch  Edikt  vom  29.  April  1773.

2*
        <pb n="34" />
        36  I.  Die  Lage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vor  Einführung  der  Gewerbefreiheit.

den  Schleim  auszutrocknen.  Während  dieser  Erwärmung  mußte
das  Samenmehl  auf  dem  Wärmeofen  beständig  umgerührt  werden, ­
  damit  die  Erwärmung  eine  gleichmäßige  sei  und  das  Samenmehl ­
  nicht  an  einzelnen  Stellen  anbrenne;  in  den  Ölschlägereien
und  Roßölmühlen  wurde  dies  durch  Menschen  besorgt,  während
man  in  den  Wind-  und  Wasserölmühlen  dazu  ein  Rührwerk
hatte,  das  von  der  Hauptwelle  aus  in  Bewegung  gesetzt  wurde,
und  das  natürlich  billiger  und  obendrein  noch  zuverlässiger  war
als  Menschenkraft.
Bei  dem  Erwärmen,  häufig  auch  bereits  während  des  Stampfens, ­
  wurde  dem  Samenmehl  etwas  warmes  Wasser  zugesetzt,
weil  die  zerkleinerten  Samen  ohne  diesen  Wasserzusatz  vielfach
ein  trockenes  Pulver  bildeten,  welches  beim  Pressen  nur  wenig
Öl  hergab  und  auch  dieses  wenige  nur  beschwerlich.  Das  gehörige ­
  Maß  des  Wasserzusatzes  und  der  richtige  Grad  der  Erwärmung ­
  der  Saat  waren  zwei  Verrichtungen,  bei  welchen  es
sich  zeigte,  ob  der  Ölmüller  etwas  von  seinem  Berufe  verstand,
war  beides  doch  bei  jeder  Saat  verschieden  und  lediglich  Sache
der  Geschicklichkeit  und  Erfahrung  des  Ölmüllers 15 ).  Gerade
über  diese  Verrichtungen  hören  wir  denn  auch  in  den  Veröffentlichungen ­
  der  damaligen  Zeit  vielfach  Klagen,  ob  mit  Recht  oder
Unrecht  kann  natürlich  heute,  da  der  Ölgehalt  der  Samen  der
einzelnen  Ernten  sehr  stark  schwankt,  nicht  mehr  festgestellt
werden.  Von  welcher  Wichtigkeit  aber  eben  diese  Verrichtungen
waren,  geht  zur  Genüge  aus  einer  Bemerkung  bei  Krünitz 16 )  hervor, ­
  welche  besagt,  „daß  die  Ölsamen  bei  richtiger  Behandlung
das  Drei-  ja  Vierfache  an  öl  geben  als  bei  unzweckmäßiger“.
Zum  Auspressen  des  Samenmehles  bediente  man  sich  in  den
Wind-  und  Wassermühlen  entweder  der  Schlägel-  oder  der  Rammpresse. ­
  Erstere  waren  hauptsächlich  im  Norden  verbreitet,  während ­
  man  im  Westen  schon  vor  1800  zum  großen  Teil  Rammpressen ­
  benutzte.
Bevor  ich  mich  über  die  Zweckmäßigkeit  dieser  beiden

16 )  „Den  richtigen  Grad  der  Erwärmung  der  Öisaat  erkennen  die
Ölmüller  daran,  daß  das  Mehl,  zwischen  den  Händen  gedrückt,  das  Öl
leicht  fahren  läßt,  und  in  der  Form,  welche  es  durch  den  Druck  der  Hand
erhielt,  stehen  bleibt,  also  fähig  ist,  einen  Kuchen  zu  bilden.“  Jede  weitergetriebene ­
  Erwärmung  wirkte  nicht  nur  nachteilig  auf  die  Größe  der  Ölausbeutung, ­
  sondern  auch  auf  die  Qualität  des  Öles  selbst.  Scholl,  1.  c.  S.  83.
i«)  Krünitz,  1.  c.  Teil  104,  S.  493.
        <pb n="35" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  37

Arten  von  Pressen  äußere,  ist  es  nötig,  noch  einige  Worte  über
die  Verpackung  des  Samenmehls  zu  sagen.
Diese  geschah  entweder  in  viereckigen  Tüchern,  deren  Zipfel ­
  wie  die  Klappen  eines  Briefumschlages  zusammengelegt  wurden, ­
  oder  in  aus  Wolle  oder  Pferdehaaren  hergestellten  Beuteln,
welche  mit  einem  Gurte  umwunden  wurden.  Häufigen  Anlaß  zu
Klagen  gab  nun  der  Umstand,  daß  die  Ölmüller  vielfach  schlechte
und  lose  Tücher  bzw.  Beutel  zum  Verpacken  der  Samen  verwendeten, ­
  so  daß  dann  beim  Auspressen  alle  möglichen  Verunreinigungen ­
  mit  durch  das  Gewebe  gingen,  und  man  infolgedessen ­
  zwar  mehr  aber  dafür  schlechteres  Öl  erhielt  als  bei  Gebrauch ­
  von  guten  Tüchern  und  Beuteln.
Was  War  die  Veranlassung  zu  einer  derartigen  freiwilligen
Verschlechterung  der  Produktionsweise  durch  die  Ölmüller?
Einzig  und  allein  die  Lohnmüllerei,  denn  hier  haben  die  Ölmüller ­
  ein  Interesse  daran,  möglichst  viel,  wenn  auch  schlechtes
Öl  zu  erhalten.  Ließ  der  Bauer  nämlich  seinen  Samen  gegen
Schlaglohn  auspressen,  so  erhielt  er  in  den  Wasser-  und  Windölmühlen ­
  meistens  für  eine  bestimmte  Menge  Ölsamen  ein  bestimmtes ­
  Quantum  Öl,  bei  Halle  z.  B.  auf  9  Scheffel  Rübsamen
eine  Tonne  Öl.  Brauchte  der  Ölmüller,  um  dieses  Quantum  Öl
herzustellen,  nicht  allen  eingelieferten  Samen,  so  gehörte  der
Rest  ihm  zur  freien  Verfügung,  was  lag  also  dem  Ölmüller,  wenn
er  nicht  ein  durchaus  ehrlicher  Mann  war,  näher,  als  möglichst
viel,  wenn  auch  schlechtes  Öl  zu  erzielen.  Die  Versuchung  hierzu
war  um  so  größer  als  es,  wie  bereits  früher  erwähnt,  an  der  gehörigen ­
  Konkurrenz  mangelte,  die  Bauern  vielmehr  zur  Auspressung ­
  ihrer  Ölsaat  auf  eine  oder  einige  wenige  Ölmühlen  angewiesen ­
  waren.
Vergleicht  man  die  Ramm-  und  die  Schlägelpresse  in  bezug
auf  ihre  Zweckmäßigkeit,  so  muß  man  der  Rammpresse  den  Vorzug ­
  geben,  denn  sie  arbeitete  besser  und  lieferte  mehr  Ölausbeute ­
  als  die  Schlägelpresse 17 ).  Hinzu  kommt  noch,  daß  die
Schlägelpresse  infolge  der  Vielheit  der  Übertragung  der  Bewegung, ­
  welche  zum  Betriebe  des  Schlägels  nötig  War,  bedeutend
kraftverschwenderischer  arbeitete  als  die  Rammpresse  und  auch
noch  viel  mehr  Lärm  verursachte  als  letztere.

17 )  Es  ist  leider  nicht  möglich,  dies  zahlenmäßig  zu  beweisen,  da
sich  in  der  spärlichen  Literatur  der  damaligen  Zeit  hierüber  keine  näheren
Angaben  finden.
        <pb n="36" />
        38  I-  Die  Lage  derÖlmüllerei  in  Preußen  vor  Einführung  derOewerbefreiheit.
Einen  wichtigen  Punkt  bildeten  auch  hier  wieder  natürlich
die  Anschaffungskosten.  Wenn  nun  auch  diese  bei  der  Rammpresse ­
  etwas  höher  gewesen  sein  sollen  als  bei  der  Schlägelpresse ­
 18 ),  so  darf  man  doch  nicht  vergessen,  daß  bei  Errichtung
einer  Rammpresse  dadurch  indirekt  Kosten  erspart  wurden,  daß
man  diese  in  einer  Linie  und  im  gleichen  Grubenstock  mit  den
Stampfern  anlegen  konnte,  wodurch  man  verglichen  mit  der  Errichtung ­
  einer  Schlägelpresse  bedeutend  an  Raum  und  Geld
sparte,  denn  diese  brauchte  stets  einen  eigenen  Grubenstock  und
infolgedessen  sowie  der  seitlichen  Bewegung  des  Schlägels  eine
weitläufigere  und  damit  auch  teurere  Transmission,  sowie  ein
größeres  Gebäude  zur  Aufstellung.  Der  einzige  Nachteil  der
Rammpresse  gegenüber  der  Schlägelpresse  bestand  darin,  daß
sie  etwas  mühsamer  zu  bedienen  war  als  die  letztere,  ein  Nachteil, ­
  welchem  man  später  durch  sinnreiche  Verbesserungen  abzuhelfen ­
  suchte.
Die  meisten  Ölmühlen  der  damaligen  Zeit  waren  nur  im
Sommer  und  im  Herbste  in  Betrieb,  arbeiteten  in  dieser  Zeit  dafür ­
  aber  häufig  Tag  und  Nacht.  Diese  Einrichtung  hatte  ihren
Grund  wohl  hauptsächlich  in  der  mangelhaften  Technik;  in  der
Kälte  gerinnt  nämlich  das  Öl  in  den  Samen  und  läuft  dann  schwer
von  den  Häuten  und  Hülsen  des  Ölteiges  ab.  In  einigen  Ölmühlen
suchte  man  diesem  Übelstande  dadurch  zu  begegnen,  daß  man
in  der  Nähe  der  Pressen  große  Öfen  anlegte,  welche  den  Zweck
hatten,  das  Öl  in  den  Samen  warm  zu  halten.  Eine  derartige
Einrichtung  bestand  z.  B.  in  der  Ölmühle  in  Niederochtenhausen,
im  Amte  Bremervörde,  von  der  uns  berichtet  wird 19 ),  daß  sie
das  ganze  Jahr  hindurch  in  Betrieb  war  und  im  strengsten  Winter
ebensoviel  Ölausbeute  erzielte  wie  im  Sommer.
Die  vorherrschende  Betriebsform  war  um  1800  der  Alleinbetrieb, ­
  und  auch  große  Ölmühlen  hatten  selten  mehr  als  drei
Arbeiter.  Die  tägliche  Arbeitszeit  schwankte  in  der  Regel  zwischen ­
  12  und  18  Stunden,  und  die  Arbeit  selbst  war  keine  leichte;
abgesehen  von  dem  Lärm,  der  in  den  mit  Stampfwerken  arbeitenden ­
  Ölmühlen  herrschte  und  einen  ungesunden  Einfluß  auf
das  Befinden  der  Arbeiter  ausüben  mußte,  war  auch  noch  die
an  den  Pressen  zu  leistende  Arbeit  eine  sehr  anstrengende,  da

»s)  Scholl,  1.  c.  S.  102.
19 )  Beckmann,  „Anleitung  zur  Technologie“.  Güttingen  1802.
        <pb n="37" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  39

das  In-  und  Ausdeingangbringen  der  Preßschüsser  bei  den  Rammpressen ­
  sowie  das  Anspannen  der  Schraubenpressen  viel  Kraft
erforderte.  In  den  Alleinbetrieben  mußte  naturgemäß  der  Ölmüller ­
  sämtliche  einschlägigen  Arbeiten  nacheinander  verrichten,
beschäftigte  der  Ölmüller  jedoch  einen  oder  mehrere  Gehilfen,
so  fand  Arbeitsteilung  statt,  d.  h.  die  Arbeiten  wurden  so  verteilt, ­
  daß  sie  schneller  vonstatten  gingen,  als  wenn  jeder  für  sich
allein  sämtliche  Verrichtungen  nacheinander  ausführte.  Die  Arbeitsweise ­
  in  einem  Betriebe,  in  welchem  außer  dem  Ölmülier
noch  ein  Arbeiter  beschäftigt  war,  wird  uns  in  einem  technologischen ­
  Werke  der  damaligen  Zeit  geschildert,  und  lasse  ich
diese  Beschreibung  des  besseren  Verständnisses  halber,  und
um  für  die  später  zu  besprechenden  Änderungen  in  der  Arbeitsteilung ­
  einen  Anhalt  zu  haben,  hier  im  Auszuge  folgen  20 ):  „Nachdem ­
  der  Same  in  den  Stampfen  gehörig  gestampft  ist,  wird  er
auf  den  Wärmeherd  geschüttet  und  gewärmt.  Hierbei  muß  viel
Vorsicht  aufgewendet  werden,  damit  er  nicht  verbrennt;  deswegen ­
  muß  er  mit  dem  Wärmeherdbrettchen  häufig  gewendet
werden.  Hat  der  Same  seine  richtige  Wärme,  wird  er  auf  das
auf  dem  Wärmeherdrahmen  ausgebreitete  Schlagetuch  gescharrt,
darauf  die  vier  Zipfel  des  Tuches  von  oben  gefaßt,  so  daß  dadurch ­
  ein  Beutel  entsteht,  welchen  der  „Einwärmer“  mit  der
rechten  Hand  faßt  und  zur  Presse  trägt.  Der  „Ölmüller“  setzt
unterdessen  die  Preßpfanne  auf  den  Preßklotz  und  breitet  über
dieselbe  das  Haartuch  aus.  Auf  dieses  setzt  der  Einwärmer
seinen  Beutel  und  geht  zum  Wärmeherd  zurück.  Der  Müller
hingegen  drückt  den  Beutel  in  die  Pfanne  und  überschlägt  mit
den  Zipfeln  des  Haartuches  denselben,  legt  eine  aus  leinenem
Tuch  gemachte  Scheibe  auf  das  Haartuch  zu  einem  Deckel  und
setzt  die  ausgefüllte  Pfanne  ins  Preßloch,  zieht  den  Lösekeil  in
die  Höhe,  setzt  den  Preßkeil  ein  und  läßt  den  Ölschlägel  gehen.
Während  der  Rammelschläge  auf  den  Keil  geht  er  nach  dem
Grubenstock,  macht  ein  Loch  leer  und  füllt  es  wieder.  Unterdessen ­
  ist  der  Treibekeil  durch  den  Schlägel  eingetrieben,  und
der  Ölmüller  befestigt  nun  durch  eine  Vorrichtung  den  Schlägel.
Darauf  läßt  er  aus  diesem  Preßloch  das  Öl  aus  der  Pfanne  abziehen
  und  geht  zum  zweiten  Preßloch,  um  den  gepreßten

20 )  Rosenthals  Ergänzungsbände  zu  Jacobsons  „Technologischem
Wörterbuch“.  1793.
        <pb n="38" />
        40  I-  DieLage  derölmüilerei  in  Preußen  vor  Einführung  derGewerbefreiheit.
Kuchen  herauszuholen.  Er  läßt  dort  den  Lösekeil  durch  den
Löserammei  losschlagen  und  zieht  den  Treibekeil  heraus.  Dann
nimmt  er  die  Pfanne  heraus,  nimmt  die  Scheibe  ab,  faßt  an  den
Zipfeln  des  Haartuches  an  und  hebt  den  Ölkuchen  heraus,  nimmt
das  Haartuch  ab  und  setzt  den  gepreßten  Kuchen  auf  den  Preßklotz;
  dann  breitet  er  das  Häartuch  wieder  über  die  Pfanne  und
der  Einwärmer  bringt  den  nächsten  Beutel  und  setzt  denselben,
wie  bereits  oben  erwähnt,  auf  das  Haartuch.  Nun  nimmt  der
Einwärmer  den  im  Schlagtuch  befindlichen  Kuchen  mit  zum
Wärmeherd,  löst  das  Schlagetuch  ab,  setzt  den  Kuchen  an  einen
bestimmten  Ort,  reibt  das  Tuch  aus,  breitet  es  über  den  Wärmerahmen ­
  und  rafft  das  gewärmte  wieder  darauf.“
Auf  diese  Weise  wurde  die  ganze  täglich  zur  Verarbeitung
kommende  Menge  Saat  verarbeitet  und  dann  erst  zur  zweiten
und  eventuell  auch  noch  zur  dritten  Pressung  übergegangen,  wobei ­
  auf  dieselbe  Weise  wie  bei  der  ersten  Pressung  verfahren
wurde.  Es  ist  leicht  zu  verstehen,  daß  eine  derartige  Arbeitsteilung ­
  ein  bedeutend  schnelleres  Arbeiten  und  damit  auch  bessere
Ausnutzung  der  Maschinen  gestattete,  als  wenn  der  Ölmüller
auch  den  Wärmeherd  bedienen  mußte,  ging  doch  in  letzterem
Falle  die  ganze  Zeit,  während  welcher  der  Ölmüller  am  Wärmeherde ­
  bzw.  mit  dem  Einpacken  der  Saat  zu  tun  hatte,  für  die
Pressung  verloren.
Als  Abschluß  meiner  Untersuchungen  über  Wind-  und
Wassermühlen  muß  ich  mich  noch  mit  den  Leistungen  der  Betriebe, ­
  ihren  Unkosten,  sowie  den  Preisen  der  Fabrikate  beschäftigen. ­
  Ohne  Zweifel  wäre  es  gerade  für  meine  späteren
Untersuchungen  zu  Vergleichszwecken  von  großem  Vorteil,
könnte  ich  hier  genaue  Zahlen  über  Betriebsgrößen,  Unkosten,
Löhne  und  Arbeitsverhältnisse  anführen,  doch  ist  dies  leider
nicht  möglich,  da  die  an  sich  schon  spärliche  Literatur  jener
Zeit  in  diesem  Punkte  fast  völlig  versagt,  und  derartige  Feststellungen ­
  sich  heute  nicht  mehr  mit  Sicherheit  machen  lassen.
Zu  der  uns  hier  beschäftigenden  Zeit  drückte  man  die  Größe
eines  Betriebes  nicht,  wie  man  dies  heute  meistens  tut,  in  Pressen
oder  in  der  jährlich  verarbeiteten  Menge  Rohmaterial  aus,  sondern ­
  man  rechnete  damals  nach  der  Zahl  der  im  Betrieb  befindlichen ­
  zur  Saatzerkleinerung  dienenden  Stampfer  und  unterschied
dementsprechend  Ölmühlen  mit  zwei  bis  zwölf  Paar  Stampfern.
Waren  die  Ölmühlen  nicht  mit  Stampfwerken,  sondern  mit  Öl ­
        <pb n="39" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  4t

gangen  eingerichtet,  so  konnte  man  in  bezug  auf  die  tägliche
Leistung,  wie  schon  vorher  angeführt,  einen  Ölgang  mit  Steinen
von  5  Fuß  Durchmesser  und  8—10  Umdrehungen  in  der  Minute
ungefähr  4  Paar  Stampfern  gleich  setzen.
Um  die  auf  den  Stampfwerken  resp.  Ölgängen  zerkleinerte
Saat  auszupressen,  genügten  bei  2—8  Paar  Stampfern  2  Preßörter
  mit  je  e  i  n  e  r  Form,  hatte  die  Mühle  jedoch  mehr  als  8  Paar
Stampfer,  so  waren,  wenn  die  Arbeit  ohne  Unterbrechung  vonstatten ­
  gehen  sollte,  zwei  Preßörter  mit  je  zwei  Formen  oder
vier  mit  je  einer  Form  nötig.
Die  Größe  der  Mühlen  war  natürlich  in  erster  Linie  von  der
Stärke  der  zur  Verfügung  stehenden  motorischen  Kraft  abhängig.
Neben  dieser  dürfte  aber,  namentlich  bei  den  mit  Stampfwerken
arbeitenden  Mühlen,  auch  die  Raumfrage  von  großem  Einfluß
gewesen  sein;  um  die  Kraftverluste  bei  der  Übertragung  nach
Möglichkeit  herabzumindern,  legte  man  nämlich  die  Stampfen
meistens  in  einer  Linie  an,  und  es  wuchsen  dementsprechend
mit  der  größeren  Zahl  der  Stampfer  auch  die  Größe  des  Mühlengebäudes ­
  und  die  dafür  aufzubringenden  Baukosten.
Zur  Berechnung  der  Leistungsfähigkeit  der  Ölmühlen  ist  es
nötig,  die  Saatmenge  zu  kennen,  welche  in  einer  Grube  des
Stampfwerkes  pro  Tag  zum  Auspressen  gehörig  hergerichtet
werden  konnte.  Unter  Zugrundelegung  einer  derartigen  Angabe,
nach  welcher  in  einer  Grube  in  vier  Stunden  ein  halber  Scheffel
Leinsamen  zum  einmaligen  und  völligen  Auspressen  verarbeitet
werden  konnte 21 ),  erhält  man  als  Leistungsfähigkeit  der  verschieden ­
  großen  Ölmühlen  folgende  Zahlen:

Zahl  der  Verarbeitete  Samenmenge  in  Scheffel
Stampfer-  bei  einer  täglichen  Arbeitszeit  von
paare  12  Stunden  16  Stunden

2  3  6
4  6  8
6  9  12
8  12  16
10  15  20
12  18  24

21 )  Schreiber,  „Praktisches  Hilfsbuch“  S.  32.  Von  den  sogen,  fetten
Ölsaaten,  wie  z.  B.  Raps  und  Rübsen  konnte  zwar  in  derselben  Zeit  durchschnittlich ­
  das  Doppelte  der  für  Leinsaat  angegebenen  Menge  zerkleinert
        <pb n="40" />
        42  I-  DieLage  der  Ölmüllerei  in  Preußen  vorEinführung  derGewerbefreiheit.
Vergleicht  man  die  hier  theoretisch  gefundenen  Zahlen  mit
den  tatsächlich  als  Leistung  einiger  Ölmühlen  bei  Schriftstellern
der  damaligen  Zeit  angegebenen,  so  findet  man,  daß  erstere
durchschnittlich  zu  hoch  gegriffen  sind.  So  erfahren  wir  z.  B.,
daß  in  einer  Ölmühle  mit  8  Paar  Stampfern  in  24  Stunden  270
bis  280  Pfund  Rüböl  gewonnen  wurden 22 ),  was  ungefähr  einer
Samenmenge  von  11  Scheffeln  entspräche.  In  einer  anderen  Ölmühle ­
  mit  9  Paar  Stampfern  wurden  sogar  durchschnittlich  täglich ­
  nur  9  Scheffel  verarbeitet,  und  in  einer  andern 23 )  mit  10  Paar
Stampfern  täglich  12—15  Scheffel  Saat,  wobei  die  Arbeitszeit
mindestens  16  Stunden  betragen  haben  dürfte.  Diese  geringeren
Leistungen  müssen  in  erster  Linie  darauf  zurückgeführt  werden,
daß  die  in  obiger  Tabelle  errechneten  Zahlen  technisch  vollkommene ­
  Stampfwerke  (so  weit  diese  in  jener  Zeit  überhaupt
hergestellt  werden  konnten)  als  Voraussetzung  haben  und  Zeitverluste ­
  bei  der  Arbeit  außer  acht  lassen.  Um  1800  jedoch  ließen
wohl  die  meisten  in  Betrieb  befindlichen  Stampfwerke  was  Vollkommenheit ­
  der  Konstruktion  anbelangt  noch  sehr  viel  zu
wünschen  übrig  und  auch  von  einem  richtigen  Ineinandergreifen
der  einzelnen  Arbeiten  konnte  meistens  kaum  die  Rede  sein.
Auch  wurde  sehr  häufig  der  Samen  nicht  nur  ein  bzw.  bei  den
fetten  Ölen  zweimal  ausgepreßt,  sondern  zwei-  bzw.  dreimal,  damit ­
  man  ja  alles  Öl  erhielte.  So  kam  es,  daß  trotz  der  sehr  langen
Arbeitszeit  von  meistens  12—18  Stunden  dennoch  nicht  die  oben
angegebenen  Zahlen  erreicht  wurden.
Über  die  Unkosten,  welche  mit  dem  Betriebe  einer  Ölmühle
verbunden  waren,  gibt  uns  Gassers  „Einleitung  zu  den  ökonomischen ­
  Wissenschaften“ 24  * )  einigen  Aufschluß,  in  welcher  der
Pachtanschlag  einer  in  der  Nähe  von  Halle  gelegenen  Wasserölmühle ­
  mitgeteilt  wird.  Diese  Ölmühle  arbeitete  mit  neun
Stampferpaaren  und  war  durchschnittlich  jährlich  26  Wochen  in
werden,  doch  mußten  dieselben  wegen  ihres  größeren  Ölgehaltes  zweimal
gepreßt  und  zerkleinert  werden.  Aus  diesem  Grunde  dürfte  die  täglich
verarbeitete  Menge  bei  beiden  ungefähr  gleich  gewesen  sein.
22 )  F.  L.  v.  Cancrin,  „Kleine  technologische  Werke“.  Marburg  1799.
Bd.  VI,  Abhandlung  3,  S.  126.
23 )  Krünitz  1.  c.  Teil  104,  S.  486.
24 )  Halle  1729.  Kapitel  IX,  §  9  und  10.  Dieser  Pachtanschlag  stammt
demnach  bereits  aus  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts;  infolge  der
Stabilität  der  damaligen  Verhältnisse  dürften  jedoch  seine  Angaben  auch
noch  für  die  uns  hier  beschäftigende  Zeit  zutreffend  sein.
        <pb n="41" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  43

Betrieb.  In  dieser  Zeit  wurden  von  2  Ölschlägern  ungefähr
1350  Scheffel  Rübsamen  verarbeitet  und  daraus  150  Tonnen  Öl
gewonnen.  Der  Pachtanschlag  zeigt  folgende  Gestalt  :

Einnahmen.
150  Tonnen  Öl  ä  12  Tlr  1800  Tlr.
225  Schock  Ölkuchen  ä  2 1 / 2  Tlr  562 l j t

Gesamteinnahmen  2362 l / a  Tlr.

Ausgaben.

1350  Scheffel  Rübsaat  ä  1  Tlr.  4  Gr

1575  Tlr.

—  Gr.

Schlaglohn  an  die  Ölschläger  pro  Tonne  12  Gr.
Kost  für  26  Wochen  an  die  Ölschläger  pro

75

tr

tt

Woche  12  Gr

26

tr

tt

7  Paar  Tücher  ä  3  Tlr.  12  Gr

24

tt

12  „

2  Klafter  Holz  für  den  Wärmeofen  ä  3  Tlr.  .  .

6

rr

tt

Schmiedearbeit  jährlich  ca

20

tt

.  tt

Fuhrlohn  für  jede  Tonne  Öl  nach  Halle  6  Gr.

37

tt

12  „

Insgemein

10

11

tr

Gesamtausgaben

1774  Tlr.

—  Gr.

Überschuß  demnach

588  Tlr.

12  Gr.

Der  auf  diese  Art  nach  einem  Durchschnitt  errechnete  Überschuß ­
  wurde  als  Pacht  an  den  Besitzer  der  Ölmühle  entrichtet.
In  demselben  ist  ohne  Zweifel  ein  Gewinn  enthalten,  da  diesen
jedoch  der  Besitzer  der  Mühle  einstrich,  mußte  der  Pächter  die
ganze  Summe  als  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote  für  Gebäude, ­
  Grundstück  und  Maschinen  einsetzen  und  erhielt  demnach ­
  die  folgende  Verteilung  der  Unkosten:

Rohmaterialien  ca.  65  °/ 0
Pachtgelder  „25  °/ 0
Arbeitslöhne  „5  °/ 0

Sonstige  Unkosten  5°/ 0
Dieser  hohe  Anteil  der  Rohmaterialkosten  an  den  Gesamtunkosten ­
 25 )  zeigt  uns  den  Weg,  auf  welchem  sich  zunächst  das
technische  Streben  in  der  Ölmüllerei  weiter  bewegen  wird,  das  26

26 )  Ist  die  Ölmühle  Eigentum  des  Ölmüllers,  so  ist  der  prozentuale
Anteil  der  Rohmaterialkosten  an  den  Oesamtkosten  aus  dem  oben  angeführten ­
  Grunde  noch  größer.
        <pb n="42" />
        44  I.  DieLage  derÖImüllerei  inPreußen  vorEinführung  derGewerbefreiheit.

Bestreben  wird  nämlich  dahin  gehen,  durch  möglichst  vervollkommnete
  Arbeitsmethoden,  die  Ausbeute  an  Öl  pro  Einheit  zu
erhöhen,  um  auf  diese  Weise  den  hervorragenden  Einfluß,  welchen ­
  die  Rohmaterialpreise  auf  die  Rentabilität  des  Unternehmens ­
  ausüben,  herabzumildern.
Damit  komme  ich  zu  der  Bedeutung,  welche  die  Rohmaterialkosten ­
  für  die  Preisbildung  bei  den  Erzeugnissen  der  Ölmüllerei ­
  haben.  Diese  ist  natürlich  bei  dem  hohen  prozentualen
Anteil  der  Rohmaterialkosten  an  den  Gesamtunkosten  sehr  groß.
Sonderbarerweise  äußert  sie  sich  zu  der  uns  hier  beschäftigenden ­
  Zeit  nur  bei  den  Ölpreisen,  da  sich  für  die  Ölkuchen  ein  für
allemal  der  feste  Preis  von  21/2  Tlr.  pro  Schock,  d.  s.  60  Stück,
eingebürgert  hatte.  Entsprechend  den  schwankenden  Saatpreisen,
die,  wie  wir  ja  weiter  oben  gesehen  haben,  in  ganz  kurzer  Zeit
um  100%  stiegen  oder  fielen,  differierten  auch  die  Ölpreise  ganz
bedeutend.  Bei  Raps-  und  Rüböl  schwankten  sie  im  allgemeinen
zwischen  12  und  22  Rtlr.  pro  Tonne  von  220  Pfund,  doch  werden ­
  uns  auch  Preise  von  fast  37  Tlr.  berichtet.  Die  Leinölpreise
differierten  in  ähnlicherWeise,  waren  jedoch  trotz  der  niedrigeren
Saatpreise  gewöhnlich  etwas  höher  als  die  Rübölpreise,  weil  der
Ölgehalt  der  Leinsaat  geringer  als  der  der  Raps-  und  Rübsaat  ist.
Diese  schnell  wechselnden  Preise  bilden  natürlich  einen
großen  Anreiz  zur  Spekulation  und  sind,  wie  wir  im  weiteren
Verlaufe  dieser  Arbeit  noch  sehen  werden,  von  bedeutendem
Einfluß  auf  die  Konzentration  in  der  Ölmüllerei  gewesen,  die  sich
im  vergangenen  Jahrhundert  vollzogen  hat  und  noch  jetzt  weiter
vollzieht.  Um  1800  herum  konnte  allerdings  diese  Erscheinung
noch  nicht  augenfällig  zutage  treten,  da  es  sowohl  an  der  nötigen
Kapitalkraft  der  Ölmüller  wie  auch  an  dem  Massenabsatz  der
Öle  —  das  vorherrschende  Betriebssystem  war  das  Lohnwerk
—  fehlte;  immerhin  wurde  schon  von  einem  Schriftsteller  der
damaligen  Zeit  auf  diesen  Punkt  hingewiesen,  indem  er  den  Besitzern ­
  von  Ölmühlen  anriet  „zu  einer  Zeit,  wo  die  Wispel  Rübsaat ­
  24  Rtlr.  koste,  möglichst  viel  Samen  auf  Vorrat  zu  kaufen,  da
der  Preis  der  Samen,  falls  die  nächste  Ernte  schlecht  sei,  bald
steigen  könne,  und  der  Ölmüller  auf  diese  Weise  in  kurzer  Zeit
einige  tausend  Taler  verdienen  könne“ 26 ).

28 )  Krünitz,  1.  c.  Teil  76,  1803.  S.  395.
        <pb n="43" />
        3.  Die  Produktionsverhältnisse  in  der  Ölmüllerei  um  1800.  45

Fasse  ich  die  Ergebnisse  meiner  bisherigen  Untersuchungen
noch  einmal  zusammen,  so  kann  ich  folgendes  feststellen:  Obwohl ­
  in  zahlreichen  Betrieben  über  das  ganze  Land  verbreitet,
ist  die  preußische  Ölmüllerei  um  1800  infolge  der  geringen  Produktivität ­
  der  meisten  Betriebe  nicht  in  der  Lage,  die  im  Inlande
gezogenen  Rohmaterialien  sämtlich  zu  verarbeiten  und  den  ganzen
Ölkonsum  Preußens  zu  decken.
Entsprechend  ihrer  natürlichen  Gebundenheit  an  den  Boden
wurde  die  Ölmüllerei  ursprünglich  meistens  als  landwirtschaftliches ­
  Nebengewerbe  betrieben:  die  Bauern  preßten  die  Samen
und  Früchte  mit  den  allereinfachsten  Apparaten  aus  und  benutzten ­
  das  so  gewonnene  Öl  zur  Deckung  des  eigenen  Bedarfes. ­
  Mit  dem  Aufkommen  der  Stampfwerke,  Ölgänge,  Keilund
  Schraubenpressen  wurde  die  Technik  der  Ölgewinnung  zwar
verbessert,  dem  kleinen  Landwirt  war  es  aber  nun  vielfach  nicht
mehr  möglich,  diese  verhältnismäßig  teuren  Maschinen  anzuschaffen. ­
  So  entstand,  da  natürlich  jeder  möglichst  viel  Öl  aus
seinem  Samen  gewinnen  wollte,  die  Lohnmüllerei  und  verdrängte
in  vielen  Fällen  das  Hauswerk.
Um  1800  ist  die  Lohnmüllerei  die  überwiegende  Betriebsform, ­
  und  zwar  wird  sie  entsprechend  ihren  schwer  transportierbaren ­
  Produktionsmitteln  als  Heimwerk  betrieben 27 ).  Meistens
waren  die  Lohnmüller  Gewerbetreibende,  welche  die  Ölmüllerei
als  Hauptbeschäftigung  trieben,  in  manchen  Gegenden  aber  gab
es  auch  Landwirte,  welche  die  ölstampfen  bzw.  Roßölmühlen
ursprünglich  nur  zur  Eigenproduktion  bestimmt  hatten,  sich
später  aber  zur  besseren  Ausnutzung  und  Verzinsung  der  Maschinen ­
  auch  mit  Lohnmüllerei  beschäftigten.
Neben  diesen  beiden  Betriebsformen  findet  sich  in  einigen
Gegenden  des  Staates,  so  besonders  in  den  Provinzen  Sachsen,
Rheinland  und  Westfalen,  auch  bereits  Handelsmüllerei,  wobei
häufig  ein  Teil  der  Erzeugnisse  ins  Ausland  exportiert  wurde.
Die  Technik  ist  noch  durchaus  handwerksmäßig  und  hat
sich  während  der  letzten  drei  Jahrhunderte  nur  wenig  verbessert.
Die  Schuld  an  diesem  Stillstände  ist  in  erster  Linie  den  veralteten
wirtschaftlichen  Zuständen  zuzuschreiben,  und  ist  hier  hauptsächlich ­
  das  Mühlenregal  hervorzuheben,  welches  eine  allge-I7

 )  Vgl.  die  Terminologie  in  Bücher,  „Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft“. ­
  Tübingen  1898.  S.  142.
        <pb n="44" />
        46  DieLage  derölmüllerei  in  Preußen  vorEinführung  derOewerbefreiheit.

meine  Verbreitung  der  technisch-vollkommensten  Betriebsarten,
nämlich  der  Wind-  und  Wasserölmühlen  künstlich  hintanhielt.
Bei  der  dadurch  und  durch  die  schlechten  Verkehrsverhältnisse
hervorgerufenen  fast  monopolistischen  Beherrschung  des  lokalen
Marktes  durch  die  einzelnen  Ölmühlen,  konnte  natürlich  von
einer  Konkurrenz  dieser  Mühlen  untereinander  kaum  die  Rede
sein,  und  es  fehlte  somit  für  die  Ölmüller  jeglicher  Antrieb  zum
Ersinnen  und  zur  Einführung  von  technischen  Vervollkommnungen. ­

Auch  die  in  den  Ölmühlen  beschäftigten  Arbeiter  haben
unter  diesen  Zuständen  zu  leiden.  Ohrenbetäubender  Lärm  der
Maschinen,  zugige  und  häufig  auch  feuchte  Arbeitsräume,  schwere
Arbeit  —  ich  denke  hier  namentlich  an  das  Anhalten  und  Ingangsetzen ­
  der  Stampfer  und  Preßschüsser 28 )  —  sowie  lange
Arbeitszeit  kennzeichnen  ihre  Lage.

28 )  Die  Preß-  und  Lösestampfen  hatten  Gewichte  bis  zu  je  500  Pfund.
Bedenkt  man  nun,  daß  das  Ingangbringen  und  Anhalten  der  Stampfer  bei
jeder  Pressung  je  zweimal  vorgenommen  wurde,  daß  also  bei  vierzehnstündiger ­
  Arbeitszeit  und  einer  durchschnittlichen  Dauer  jeder  Pressung
von  5  Minuten  diese  Arbeit  täglich  beinahe  700  mal  verrichtet  werden
mußte,  so  wird  man  es  verstehen,  daß  sich  nur  die  kräftigsten  Leute  zu
dieser  Arbeit  eigneten  und  diese  sich,  wenn  sie  Lohnarbeiter  waren,
meistens  auch  nur  gegen  doppelte  Bezahlung  (Vgl.  Schreiber,  „Ausführliche ­
  Beschreibung  einer  neuen  Ölpresse“.  Königsberg  u.  Leipzig  1821,
S.  24)  dazu  herbeiließen.
        <pb n="45" />
        Zweiter  Abschnitt.

Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes ­
  in  der  Ölmüllerei  in  der  Zeit  von  der
Einführung  der  Gewerbefreiheit  bis  ungefähr  1870.
1.  Kapitel.
Die  Einführung  der  Gewerbefreiheit  und  die  Vermehrung
der  Zahl  der  Ölmühlen.  Die  Zunahme  der  Absatzgebiete
für  Öle.
Während  der  Herrschaft  der  Zunftverfassung  und  der  merkantilistischen
  Ideen  war,  wie  wir  im  vorigen  Abschnitte  gesehen
haben,  die  wirtschaftliche  Lage  der  Ölmüllerei  Preußens  gekennzeichnet ­
  durch  handwerksmäßigen  Betrieb,  und  zwar  vollzog ­
  sich  dieser  zum  überwiegenden  Teile  in  der  Form  des  Lohnwerkes. ­
  Mit  der  Verwirklichung  der  volkswirtschaftlichen  Lehren
des  Adam  Smith  brach  auch  für  die  Ölmüllerei  eine  völlig  neue
Zeit  an,  welche  in  ihrem  Verlaufe  der  Handelsmüllerei  zum  Siege
über  die  Lohnmüllerei  verhalf  und  die  Entstehung  des  Fabriksystems ­
  herbeiführte.  Meine  Aufgabe  in  diesem  Abschnitte  soll
es  sein,  festzustellen,  auf  welche  Weise  und  aus  welchen  Ursachen ­
  heraus  diese  Entwicklung  vor  sich  gegangen  ist.
Den  Beginn  dieser  neuen  wirtschaftlichen  Epoche  bildete
in  Preußen  die  Einführung  der  Gewerbefreiheit.  Friedrich  Wilhelm ­
  111.  kündigte  dieselbe  nach  dem  unglücklichen  Ausgange
des  Krieges  von  1806  in  dem  berühmten  Edikt  vom  9.  Oktober
1807  mit  den  Worten  an:  „..  .  daß  es  ebensowohl  den  unerläßlichen ­
  Forderungen  der  Gerechtigkeit,  als  den  Grundsätzen  einer
wohlgeordneten  Staatswirtschaft  gemäß  sei,  alles  zu  entfernen,
was  den  einzelnen  bisher  hinderte,  den  Wohlstand  zu  erlangen,
den  er  nach  dem  Maße  seiner  Kräfte  zu  erreichen  fähig  war,..  A).“

1 )  Mylius,  „Novum  corpus  constitutionumPrussicoBrandenburgensium
praecipue  Marchicarum“.  Berlin  1822.  Bd.  XII,  Nr.  16.
        <pb n="46" />
        48  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Es  würde  zu  weit  führen  und  auch  den  Rahmen  dieser  Abhandlung ­
  überschreiten,  wollte  ich  hier  im  einzelnen  auf  alle  diejenigen ­
  Verordnungen  eingehen,  welche  die  Durchführung  der
in  obigem  Edikte  im  Prinzip  angekündigten  Gewerbefreiheit  bezweckten, ­
  ich  will  mich  vielmehr  darauf  beschränken,  hier  kurz
die  Gesetze  anzuführen,  welche  einen  direkten  Einfluß  auf  die
Entwicklung  der  Ölmüllerei  gehabt  haben.
Als  zeitlich  erste  Verordnung,  welche  in  dieser  Richtung
wirkte,  ist  die  Aufhebung  des  Mühlsteinregals  anzuführen.  Es
wurde  nämlich  durch  das  Patent  vom  23.  Januar  1808 2 )  vorerst
in  den  Provinzen  Ost-  und  Westpreußen  sowohl  die  Zubereitung
von  Mühlsteinen  aus  Feldsteinen  als  auch  der  Handel  mit  inund
  ausländischen  Mühlsteinen  vollständig  f  reigegeben.  Die  Einfuhr ­
  ausländischer  Mühlsteine  wurde  gegen  eine  geringe  Akzisengebühr ­
  von  9  Pf.  für  den  Taler  ihres  Wertes  gestattet.  Ein
Jahr  später,  am  20.  März  1809 3 ),  wurde  diese  Verordnung  auch
auf  die  Provinzen  Kurmark,  Neumark  und  Pommern  ausgedehnt.
Ungleich  wichtiger  für  die  Entwicklung  des  gesamten  Mühlengewerbes ­
  und  damit  auch  der  Ölmüllerei  war  die  Aufhebung  des
Mühlenregals,  was  für  Ostpreußen,  Littauen,  Ermeland  und  den
Marienwerderschen  landrätlichen  Kreis  durch  das  Edikt  vom
29.  März  1808  geschah 4 ).  Als  Hauptursache  der  Aufhebung  wurde
darin  angeführt,  daß  das  Mühlenregal  einerseits  der  Finanzverwaltung ­
  keinen  erheblichen  Nutzen  gewähre,  andererseits  aber
der  Wohlfahrt  des  Landes  und  der  heilsamen  Vermehrung  der
Mühlen  im  Wege  stände.  Für  die  Zukunft  setzte  das  neue  Gesetz ­
  in  §  1  fest,  daß  jeder  Eigentümer  auf  seinem  Grund  und
Boden  Mühlen  aller  Art  an  Privatgewässern  und  Windmühlen
anlegen  dürfe,  nur  gegen  Übernahme  der  Mühlengewerbesteuer.
In  Hinsicht  auf  die  Wasser-  und  Schiffsmühlen  an  und  in
öffentlichen  Flüssen  sollte  es  bei  den  Vorschriften  des  A.L.R.
T.  II,  Tit.  15  §  229—232 5 )  sein  Bewenden  haben.  Beschränkungen ­
  dieser  Erlaubnis  zur  Errichtung  von  Mühlen  bestanden  nur  in
landespolizeilichem  Interesse.

2)  Mylius  1.  c.  Bd.  XII,  Nr.  25.
»)  Mylius  1.  c.  Bd.  XII,  Nr.  71.
4 )  Mylius  I.  c.  Bd.  XII,  Nr.  29.
5 )  Diese  Paragraphen  besagen,  daß  das  Recht,  Wasser-  und  Schiffsmühlen ­
  an  und  in  öffentlichen  Flüssen  anzulegen,  ein  Vorbehalt  des
Staates  ist.
        <pb n="47" />
        1.  Die  Einführung  der  Gewerbefreiheit.

49

Ergänzt  wurde  dies  Gesetz  durch  das  Edikt  in  betreff  der
Aufhebung  der  Mühlengerechtigkeit  vom  28.  Oktober  1810  und
durch  die  Mühlenordnung  für  die  gesamte  Monarchie  vom
gleichen  Tage 6 ).  Diese  Gesetze  deckten  sich  ihrem  Inhalte  nach
in  den  wesentlichen  Punkten  mit  dem  Edikt  von  1808,  und  zwar
galten  sie  für  das  gesamte  Königreich  mit  Ausnahme  der  Provinzen, ­
  in  welchen  schon  das  März-Edikt  1808  Gültigkeit  hatte.
Hand  in  Hand  mit  der  Einführung  der  Gewerbefreiheit  ging
als  notwendige  Folge  derselben  eine  vollständige  Neuordnung
des  preußischen  Abgabewesens.  Diese  wurde  bereits  in  dem
Edikt  über  die  Finanzen  des  Staates  vom  27.  Oktober  1810 7 )  in
Aussicht  gestellt,  fand  ihre  vorläufig  endgültige  Regelung  aber
erst  zehn  Jahre  später  durch  das  Gesetz  über  die  Einrichtung
des  Abgabewesens  vom  30,  Mai  1820 8 ).  Letzteres  besagte,  daß
hinsichtlich  der  Zölle  und  der  Verbrauchssteuern  von  ausländischen ­
  Waren  das  Gesetz  vom  26.  Mai  1818 9 )  in  Kraft  bliebe,
die  Gewerbesteuer  aber  durch  ein  neues  Gesetz  vom  gleichen
Tage  geregelt  würde.
Wenden  wir  uns  zuerst  zu  dem  Gesetz  vom  26.  Mai  1818.
Durch  dasselbe  wurden  sämtliche  in  preußischen  Staaten  noch
bestehende  Binnenzölle  mit  Ausnahme  der  Rhein-,  Elbe-  und
Weserzölle  abgeschafft  und  innerhalb  des  Staates  eine  vollständige ­
  Handelsfreiheit  anerkannt.  Auch  die  Einfuhr  fremder  und
die  Ausfuhr  einheimischer  Erzeugnisse  war  grundsätzlich  unbeschränkt. ­
  Ausnahmen  waren  nur  zulässig  aus  polizeilichen
Rücksichten  und  auf  bestimmte  Zeit.  Für  fremde  Waren  wurde
ein  Einfuhrzoll  von  durchschnittlich  einem  halben  Taler  für  den
Zentner  nebst  einer  Verbrauchssteuer  bei  dem  Verbleiben  der
Ware  im  Inlande,  in  der  Regel  bis  zu  10%  des  Wertes,  eingeführt, ­
  während  bei  der  Ausfuhr  die  Zollfreiheit  die  Regel  sein
sollte 10 ).  Allerdings  unterschied  dies  Gesetz  noch  immer  zwei
Zolltarife,  einen  für  die  östlichen  und  einen  für  die  westlichen

6 )  „Allgemeine  Gesetzessammlung  für  die  Kgl.  Preuß.  Staaten  für
das  Jahr  1810“  Nr.  10  und  11.
7 )  „Allgem.  Gesetzsammlung  für  die  Kgl.  Preuß.  Staaten  vom  Jahre
1810“,  S.  25.
8 )  „Allgem.  Gesetzsammlung  v.  Jahre  1820“,  S.  134.
9 )  „Allgem.  Gesetzsammlung  v.  Jahre  1818“,  S.  65.
l0 )  Bornhak,  „Geschichte  des  preußischen  Verwaltungsrechts“  Berlin
1886.  III.  Bd.,  S.  185.
Klaue,  Ölmüllerci.

4
        <pb n="48" />
        50  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Provinzen,  doch  kam  diese  Unterscheidung  bereits  bei  der  ersten
Revision  der  Tarifsätze  im  Jahre  1821,  bei  welcher  ein  einheitlicher ­
  Tarif  für  das  ganze  Königreich  erlassen  wurde,  in  Wegfall. ­
  Bei  dieser  Revision  wurden  ferner  die  Verbrauchssteuer
und  der  Zoll  zu  einer  einzigen  Abgabe  zusammengezogen,  weil
man  die  Unterscheidung  zwischen  beiden  für  völlig  unnötig  und
nur  die  Abfertigung  erschwerend  hielt.
Der  Tarif  von  1821  setzte  demnach  für  Öle  und  Ölsämereien
folgendes  fest 11 ):
Eingangszoii  Ausgangszoll
Tlr.  Sgr.  Tlr.  Sgr.

Leinsaat  für  je  40  Scheffel  —  25  —  —
Hanf-,  Raps-,  Rüb-,  Mohn-,  Senfsaat  und
Leindotter  für  je  40  Scheffel  ...  —•  —  1  20
Speiseöl  aller  Art  in  Fässern  pro  Ztr.  2  —
Speiseöl  aller  Art  in  Flaschen  oder
Kruken  pro  Ztr  8  —  —  —
Leinöl,  Rüb-  und  Hanföl  pro  Ztr.  .  .  —-  20
Alle  anderen  Öle  pro  Ztr  —  12  —  ■  —

Die  durch  ein  besonderes  Gesetz  vom  30.  Mai  1820  eingeführte ­
  Gewerbesteuer  erklärte  im  Gegensatz  zu  der  bisher  bestehenden ­
  allgemeinen  Gewerbesteuerpflicht  nur  einige  Gewerbe
für  steuerpflichtig.  Zu  diesen  letzteren  gehörte  auch  der  Betrieb
von  Mühlwerken,  wenn  diese  nicht  ausschließlich  für  den  eigenen
Gebrauch  des  Besitzers  arbeiteten.  Hinsichtlich  der  Ölmühlen
wurden  folgende  Steuersätze  aufgestellt *  12 ):
Wasserölmühlen  zahlen  nunmehr  für  jede  Presse  je  nach
der  Länge  der  jährlichen  Betriebszeit  2—12  Rtlr.  jährlich.
Windölmühlen  zahlen,  je  nachdem  es  deutsche  Bockwindmühlen ­
  oder  sogen,  holländische  Windmühlen  sind,
monatlich  ein  Drittel  bis  einen  Taler  Steuer.
Roßölmühlen  zahlen  für  jede  Presse  monatlich  ein
Sechstel  Taler.
Mühlen,  die  durch  Dampf  getrieben  werden,  zahlen  für
jede  Pferdekraft  ein  Sechstel  Taler  monatlich.
Welches  sind  nun  die  Folgen  dieser  eben  geschilderten  freiheitlichen ­
  Gesetzgebung?  Mit  der  Einführung  der  Gewerbefreilx ­

 )  „Allgem.  Gesetzsammlung  v.  Jahre  1821“.
12 )  „Allgem.  Gesetzsammlung  v.  Jahre  1820“.
        <pb n="49" />
        1.  Die  Einführung  der  Oewerbefreiheit.

51

heit  und  der  Aufhebung  des  Mühlenregals  sind  die  die  Entwicklung ­
  der  Ölmüllerei  hindernden  Schranken  gefallen  und  der
Ausbreitung  der  Mühlen  alle  Wege  geebnet.  Trotz  der  schwierigen ­
  wirtschaftlichen  Verhältnisse 13 ),  welche  bis  ca.  1830
herrschten  und  die  wohltätigen  Folgen  der  Gewerbefreiheit  nicht
klar  zutage  treten  ließen,  kann  man  denn  auch  bereits  innerhalb
der  ersten  20  Jahre  eine  gewaltige  Vermehrung  der  Mühlen
feststellen.
Für  die  ganze  Monarchie  liegen  statistische  Aufnahmen
leider  erst  seit  1816  vor,  aber  für  die  vier  östlichen  Provinzen
kann  man  die  Angaben  der  statistischen  Aufnahme  von  1810  benützen ­
  und  sich  so  ein  Bild  von  der  Zunahme  der  Mühlen  nach
Einführung  der  Gewerbefreiheit  machen.

Hand-ii.
Fuß-Öl-Roß-,


Wass.-Ölmühlen



Zunahme

stampf.

Wind-Öl-M.


überhaupt

1810

1816

1828

1810—1828

1816-1828



Ost-,  Westpreußen

und  Littauen  .  .

225

139

183

268

129=  92  °/ 0

85  =

46  %

Pommern  ....

60

61

113

201

140  =  230%

88  =

78%

Schlesien  ....

2705

116

405

352

236  =  203%

-53  =

-13%

Brandenburg  .  .  .

472

148

294

369

221  =  149%

75  =

26%

Summe:

3462

464

995

1190

726=156  %

195  =

20%

Darnach  hätten  wir  in  diesen  Provinzen  zwischen  1810  und
1828  eine  Zunahme  der  Ölmühlen  um  156  °/ 0  und  zwischen  1816
und  1828  um  20  %.  Wegen  der  Mangelhaftigkeit  der  damaligen
Statistik  kann  allerdings  diese  Berechnung  auf  absolute  Richtigkeit ­
  keinen  Anspruch  machen.  Das  preußische  statistische  Bureau ­
  war  erst  im  Jahre  1805  gegründet  worden  und  die  von
ihm  hergestellten  Aufnahmen  ließen  wegen  der  fehlenden  Erls
 )  Schmoller  schreibt  darüber  in  seiner  „Geschichte  der  deutschen
Kleingewerbe  im  19.  Jahrhundert“,  Halle  1870,  S.  50/51;  „ln  jener  Zeit  der
napoleonischen  Kriege  herrschten  ganz  exzeptionelle  wirtschaftliche  Zustände, ­
  welche  die  segensreichen  Wirkungen  der  Gewerbefreiheit  nur
langsam  in  die  Erscheinung  treten  ließen.  Auch  die  ersten  Jahre  nach
dem  Kriege  waren  nicht  eben  günstig  für  die  wirtschaftliche  Entwicklung.
Die  Nachwehen  der  großen  Verluste  und  Zerstörungen,  die  Hungersnot
1816/17  und  die  Ackerbaukrisis  1820/25  waren  harte  Schläge.  Die  Grenzregulierung ­
  brachte  für  die  rheinischen  Staaten  manchen  Verlust  und  das
Aufhören  der  Kontinentalsperre  eine  Überschwemmung  der  deutschen  Märkte
mit  den  Erzeugnissen  der  englischen  Industrie.“

4*
        <pb n="50" />
        52  II-  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

fahrung  in  mancher  Hinsicht  sehr  viel  zu  wünschen  übrig.  Was
speziell  die  Statistik  der  Ölmüllerei  angeht,  so  muß  man  als  den
Grundfehler  derselben  die  Unvollständigkeit  der  Aufnahmen  in
bezug  auf  den  Umfang  der  Erhebungen  ansehen.  Um  sich  ein
Bild  von  dem  Wachstum  der  Ölmüllerei  machen  zu  können,
müßten  sich  wenigstens  in  der  Statistik  Angaben  über  die  Zahl
der  Pressen  und  die  Art  der  Betriebskraft,  ob  Hand-  bzw.  Fußölstampfen, ­
  Roß-,  Wind-,  Wasser-  oder  Dampfölmühlen,  finden.
Auch  wären  Erhebungen  über  die  Zeitdauer,  während  welcher
in  den  Wasserölmühlen  volle,  halbe  oder  nicht  zureichende
Wasserkraft  zur  Verfügung  stand,  von  Wichtigkeit  gewesen,  da
es  ohne  derartige  Angaben  natürlich  unmöglich  ist,  auch  bei
sonst  einwandfreien  Aufnahmen  die  jährliche  Produktionsmenge
zu  berechnen.  Für  die  hier  zum  Vergleich  stehende  Zeitperiode
kommen  zu  den  Allgemeinmängeln  der  Statistik  aber  noch  zwei
besondere  Momente  hinzu,  welche  mich  veranlassen,  die  aus  den
statistischen  Aufnahmen  berechneten  Resultate  nur  als  relativ
richtig  hinzustellen.  Bei  dem  kurzen  Bestehen  des  statistischen
Bureaus  gingen  natürlich  die  Ansichten  über  das  Schema  der
Aufnahmen  auseinander,  und  man  findet  infolgedessen  in  diesen
ersten  Jahrzehnten  einen  mehrfachen  Wechsel  der  einzelnen
Rubriken.  So  werden  bei  den  Aufnahmen  der  ersten  drei  Jahre
die  Ölmühlen  getrennt  gezählt  nach  Hand-  und  Fußölstampfen,
Roß-,  Wind-  und  Wassermühlen,  während  vom  Jahre  1814  ab
nur  einfach  noch  die  Zahl  der  Ölmühlen  angegeben  wird,  ohne
daß  sich  irgendwo  eine  Erklärung  findet,  was  unter  diesen  Ölmühlen ­
  verstanden  ist,  ob  die  Ölschlägereien  (Hand-  bzw.  Fußölstampfen) ­
  mitgezählt  sind  oder  nicht.  Die  folgende  Zusammenstellung ­
  zeigt,  daß  sich  infolge  dieser  Änderung  für  einen  Vergleich ­
  Schwierigkeiten  ergeben,  hat  es  doch  den  Anschein,  daß
in  Preußen  und  Pommern  die  Ölschlägereien  1814  nicht  mit  zu
den  Ölmühlen  gezählt  worden  sind,  während  dies  in  Schlesien
und  Brandenburg  zum  Teil  der  Fall  gewesen  zu  sein  scheint.

1813

1814

Hand-  und

Roß-,  Wass.-Ölmühlen



Fußölstampfen

u.  Windöl-M.

überhaupt

Preußen  .  .

.  .  118

155

160

Pommern  .

.  .  71

69

71

Brandenburg

.  .  460

161

337

Schlesien  .

.  .  2179

137

394
        <pb n="51" />
        1.  Die  Einführung  der  Gewerbefreiheit.

53

Eine  weitere  Veranlassung  zu  Unrichtigkeiten  liegt  endlich
in  der  Tatsache  begründet,  daß  es  in  jener  Zeit  eine  große  Anzahl ­
  kleiner  Landwirte  gab,  welche  gelegentlich,  wenn  sie  sonst
keine  Beschäftigung  hatten  oder  der  Preis  des  Öles  ihnen  vorteilhaft ­
  erschien,  auf  den  allereinfachsten  Apparaten  Öl  gewannen ­
 14 ).  Diese  Nebenbeschäftigung  ist  wahrscheinlich  in  den
Gewerbetabellen  als  Ölmüllerei  aufgeführt  und  daraus  sind  wohl
die  enormen  Schwankungen  in  der  Zahl  der  Ölmühlen  zu  erklären, ­
  wie  sie  sich  in  ganz  kurzen  Zeiträumen  vorfinden 15 ).
Diese  Einwendungen  gegen  die  absolute  Richtigkeit  der
Zahlen  der  Gewerbeaufnahmen  waren  nötig,  einerseits  damit
man  die  Resultate  derselben  ihrem  Werte  nach  richtig  einschätzen
kann,  andererseits  weil  sich  erst  jetzt  Widersprüche  aufklären
lassen,  welche  sich  eventuell  zwischen  den  Zahlen  der  Statistik
und  meinen  sonstigen  Ergebnissen  ■  heraussteilen.
Wenden  wir  uns  wieder  zu  unserem  Thema  zurück  und
werfen  noch  einen  kurzen  Blick  auf  die  Aufnahmen  der  Jahre
1816  und  1828.  Im  Jahre  1816  wurden  im  ganzen  Königreich
Preußen  an  Ölmühlen  gezählt  3428  Stück,  im  Jahre  1828  dagegen ­
  bereits  4107,  es  ergibt  sich  also  ein  Zuwachs  von  679  Stück
oder  20°/ o ,  der  sich  ziemlich  gleichmäßig  über  das  ganze  Reich
verteilt.
Natürlich  war  diese  starke  Vermehrung  nicht  allein  in  der
Einführung  der  Gewerbefreiheit  in  der  Ölmüllerei  begründet,
sondern  es  wirkten  auch  noch  eine  Reihe  anderer  Faktoren  günstig ­
  auf  die  Entwicklung  unseres  Gewerbes  ein.  Von  ganz  besonderem ­
  Einfluß  ist  da  ohne  Zweifel  die  bedeutende  Steigerung
des  Ölkonsums  gewesen.
Hand  in  Hand  mit  dem  bedeutenden  Aufschwünge,  welchen
fast  alle  Gewerbe-  und  Industriezweige  infolge  der  Einführung
der  Gewerbefreiheit  nahmen,  ging  natürlich  auch  eine  Vermehrung ­
  des  Verbrauches  der  in  diesen  Betrieben  benötigten  Öle 16 ).

14 )  W.  v.  Reden,  „Erwerbs-  und  Verkehrsstatislik  für  das  Königreich
Preußen“.  Darmstadt  1853/54.  I.  Bd.,  S.  628ff.
15 )  Es  wurden  z.  B.  gezählt  an  Ölmühlen  im
Reg.-Bez.  Frankfurt  1819:  192,  1822:  134  und  1825:  216,
„  Breslau  1819:  215,  1822:  86,
„  Düsseldorf  1819:  97,  1822:  209  usw.
*•)  Für  unser  Gewerbe  kommt  besonders  der  bedeutende  Aufschwung
der  Seifensiederei  in  Betracht.  Vgl.  darüber  Gühlich,  „Geschichtliche
        <pb n="52" />
        54  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Auch  der  Konsum  von  Speiseöl  steigerte  sich  in  dieser  Zeit,  da
sich  die  Bevölkerung  nach  dem  glücklich  geführten  Kriege  schnell
vermehrte  und  die  Lebenshaltung  aller  Bevölkerungsschichten
eine  bessere  wurde.  Weit  größer  aber  als  der  vermehrte  Absatz ­
  der  Öle  zu  Speisezwecken  und  zum  Gewerbebetriebe  war
die  Steigerung  des  Verbrauchs  der  Öle  zum  Brennen.  Der  Grund
hierfür  lag  einerseits  in  Verbesserungen,  welche  sowohl  in  der
Konstruktion  der  Lampen  wie  auch  in  der  Reinigung  der  Öle  erzielt ­
  wurden,  andererseits  in  der  schon  vorher  erwähnten  höheren
Lebenshaltung  aller  Bevölkerungsschichten,  welche  erst  die  allgemeine ­
  Verbreitung  dieser  Verbesserungen  möglich  machte.
Durch  Jahrtausende  hindurch  hatte  man  sich  trotz  ihrer
großen  Mängel  mit  der  aus  der  Antike  überlieferten  Form  der
Öllampe  begnügt,  bei  welcher  ein  runder  Docht  in  einem  Ölbehälter ­
  lag  und  etwas  seitlich  durch  eine  Öffnung  heraustrat.
Erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  gelang  es,  diese  Lampen
durch  Einführung  der  röhrenförmigen  Dochte  (durch  Argand
1789)  und  der  Lampenzylinder  (ebenfalls  durch  Argand)  sowie
durch  künstliche  Erleichterung  des  Ölzuflusses  (Carcel-Lampe
1780)  wesentlich  zu  verbessern 17 ).
So  bedeutend  aber  diese  Erfindungen  an  sich  auch  waren,
so  waren  sie  doch  nicht  vollkommen,  so  lange  es  nicht  gelang,
die  zum  Brennen  benötigten  Öle  besser  zu  reinigen.  Beim  Verbrennen ­
  des  nur  oberflächlich  gereinigten  Öles  verstopften  sich
nämlich  nach  wie  vor  infolge  Ablagerung  von  Kohle  sehr  bald
die  Poren  des  Dochtes,  was  Verkohlen  der  Dochtspitze  und
Rußen  der  Lampe  zur  Folge  hatte.  Notwendigerweise  mußten
also  die  obigen  beiden  Erfindungen  eine  dritte  nach  sich  ziehen,
nämlich  eine  vollkommenere  Methode  zur  Reinigung  des  Brennöles, ­
  durch  welche  eine  Verstopfung  der  Poren  des  Dochtes  verDarstellung ­

  des  Handels  usw.“  IV.  Bd.,  S.  500.  Nach  Riemerschmied,
„Die  deutsche  Seifenindustrie“.  München  1910.  S.  25  ff.  finden  im  3.  Jahrzehnt ­
  des  19.  Jahrh.  die  vegetabilischen  Öle  überhaupt  erst  Eingang  in
die  Seifenindustrie.  Aus  verschiedenen  Bemerkungen  bei  zeitgenössischen
Schriftstellern  (Beckmann,  Krünitz,  Poppe  u.  a.  m.)  geht  nun  aber  hervor,
daß  auch  schon  in  früheren  Jahren  die  Öle  als  Rohmaterialien  bei  der
Seifenfabrikation  benützt  wurden.  Immerhin  dürfte  erst  zu  der  von  Riemerschmied ­
  angeführten  Zeit  die  Benutzung  vegetabilischer  Öle  eine  ausgedehntere ­
  und  allgemeine  geworden  sein.
1T )  Näheres  in:  Dr.  Lunge,  „Beleuchtung  sonst,  jetzt  und  einst“.
        <pb n="53" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  55
hindert  wurde 18 ).  Diese  Forderung  wurde  erfüllt  durch  die  bereits ­
  1792  von  dem  Engländer  Gowen  empfohlene  aber  erst
1811  durch  den  Franzosen  Thenard  verbesserte  und  in  die  Praxis
eingeführte  Raffination  der  Öle  durch  Schwefelsäure.  Diese  Methode ­
  der  Ölreinigung  beruhte  auf  der  Entdeckung,  daß  die  in
den  Ölen  enthaltene  schleimige  Substanz  durch  die  Behandlung
mit  einer  geringen  Menge  konzentrierter  Schwefelsäure  (ca.  2%)
verkohlt  werden  kann,  während  die  Öle  selbst  durch  die  Säure
nicht  oder  doch  nur  sehr  wenig  angegriffen  werden.  Durch
nachheriges  Waschen  mit  Wasser  und  Filtration  entfernte  man
dann  aus  dem  schleimfreien  Öl  die  letzten  Reste  der  Schwefelsäure. ­
  Diese  vorzügliche  Reinigungsmethode,  welche  das  Öl  zum
Brennen  überaus  geeignet  machte,  führte  sich  nun  verhältnismäßig ­
  schnell  ein  und  verhalt  der  Lampenbeleuchtung  zu  einer
ganz  bedeutenden  Vermehrung 19 ).

2.  Kapitel.
Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung  „und  ihr
Einfluß  auf  Produktivität,  Produktionskosten  und  Ölpreise.
Neben  der  im  vorigen  Kapitel  geschilderten  quantitativen
Entwicklung  der  Ölmüllerei  haben  wir  als  eine  weitere  Folge
des  vermehrten  Ölkonsums  und  der  nach  Einführung  der  Gewerbefreiheit ­
  allmählich  zwischen  den  einzelnen  Ölmühlen  entstehenden ­
  Konkurrenz  auch  eine  gewaltige  Weiterentwicklung
der  Technik  der  Ölmüllerei  zu  verzeichnen.

18 )  Diese  Entwicklungsgeschichte  der  Öllampen  bietet  einen  interessanten ­
  Beleg  für  die  Tatsache,  daß  eine  Erfindung  häufig  noch  eine  Reihe
von  Erfindungen  auf  anderen  Gebieten  nach  sich  zieht.
19 )  Der  enorme  Aufschwung,  welchen  der  Konsum  von  Brennöl  infolge ­
  dieser  Erfindung  genommen  hat,  wird  veranschaulicht  durch  die
Tatsache,  daß  in  dieser  Zeit  eine  ganze  Reihe  von  Betrieben  entstanden,
welche  sich  allein  mit  dem  Raffinieren  des  Rüböles  beschäftigten  und  zum
Teil  eine  nicht  unbedeutende  Größe  erlangten.  Der  Grund,  daß  die  Ölmühlen ­
  diese  Raffination  z.  T.  nicht  selbst  Vornahmen,  sondern  das  ungereinigte ­
  Roh-Öl  an  die  Raffineure  verkauften,  lag  wohl  darin,  daß  diese
Reinigung  ziemlich  umständliche  Vorrichtungen  erforderte,  die  die  damaligen ­
  kleinen  Ölmühlen  wegen  ihrer  geringen  Produktionskraft  nicht
genügend  ausnutzen  konnten.
        <pb n="54" />
        56  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
Ich  habe  bereits  gegen  Schluß  des  vorigen  Abschnittes
(S.  43/44)  darauf  hingewiesen,  daß  man  bei  Versuchen  die  Technik ­
  in  der  Ölmüllerei  zu  verbessern  in  erster  Linie  bemüht  sein
würde,  die  Ölausbeute  pro  Einheit  des  verarbeiteten  Rohmaterials ­
  zu  vermehren.  Dieses  Bestreben  führte  zur  Einführung
einer  Maschine  in  die  Ölmüllerei,  welche  von  einschneidender
Bedeutung  für  die  Weiterentwicklung  dieses  Gewerbes  geworden ­
  ist,  nämlich  der  hydraulischen  Presse 1 ).
Die  Einrichtung  der  hydraulischen  Presse  beruht  einerseits
auf  der  Eigenschaft  der  tropfbar  flüssigen  Körper,  sich  nur  höchst
wenig  zusammendrücken  zu  lassen,  andererseits  darauf,  daß  sich
der  auf  diese  Flüssigkeiten  in  verschlossenen  Gefäßen  ausgeübte
Druck  nach  allen  Richtungen  und  in  gleicher  Stärke  fortpflanzt,
so  daß  also  auch  die  Wände  des  Gefäßes  den  gleichen  Druck
erleiden.  Bereits  der  berühmte  Franzose  Pascal  hatte  dieses
Prinzip  der  gleichen  Druckfortpflanzung  durch  Flüssigkeiten,
welche  nicht  ausweichen  können,  erkannt  und  1652  zur  Vervielfältigung ­
  einer  gegebenen  Kraft  benutzt,  doch  blieben  seine  Versuche ­
  mehr  oder  weniger  physikalische  Spielereien,  und  erst  dem
Engländer  Bramah  gelang  es  1795  eine  in  der  Praxis  brauchbare
hydraulische  Presse  zu  konstruieren,  welche  vielfach  verändert
und  verbessert  im  Laufe  der  Jahre  eine  überaus  große  Verbreitung ­
  in  den  verschiedensten  Industriezweigen  gewonnen  hat.
Die  von  Bramah  konstruierten  hydraulischen  Pressen  dienten ­
 1  2 )  anfänglich  vorzugsweise  zum  Ersatz  der  Schraubenpresse
in  Manufakturen  und  Fabriken  für  Papier,  Schießpulver,  Tabak
usw.,  ferner  zum  Heben  von  Lasten,  als  Packpresse,  sowie  zum
Betriebe  von  Holzhobel-  und  Metallbohrmaschinen,  zur  Prüfung
der  Festigkeit  eiserner  Ketten,  zum  Ausziehen  eingerammter
Pfähle  usw.  Erst  mehrere  Jahre  später  ging  man  dazu  über,  die
hydraulischen  Pressen  zum  Ölauspressen  zu  benutzen,  was  wohl
damit  zusammenhing,  daß  an  eine  Ölpresse  noch  einige  besondere ­
  Anforderungen  gestellt  werden.  Diese  Anforderungen  lassen
sich  dahin  zusammenfassen,  daß
1.  die  Presse  bis  zu  dem  Zeitpunkte,  wo  öl  aus  dem  Preßgut ­
  auszufließen  beginnt,  schnell  unter  Druck  gehen  muß;
1 )  Die  folgenden  Erläuterungen  technischer  Art  haben  zur  Grundlage
die  Ausführungen  über  hydraulische  Pressen  bei  Hefter,  Ubbelohde,
Rühlmann,  Bolley,  Scholl  und  Bornemann.
2 )  Gilberts  „Annalen  der  Physik“.  1819.  Bd.  60,  S.  1.
        <pb n="55" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.

57

2.  der  Druck  in  der  Presse  allmählich  zunehmen  muß,  während ­
  der  Preßraum  langsam  abnimmt,  damit  das  Öl  Zeit
zum  Abfließen  hat  und
3.  der  Druck  gegen  das  Ende  der  Pressung  gleichmäßig
bleiben  muß,  obwohl  das  Volumen  der  Rückstände  sich
noch  immer,  wenn  auch  langsam,  verringert.
Diese  Aufgaben  fallen  im  wesentlichen  den  Vorrichtungen
zu,  welche  die  Druckflüssigkeit  zur  Presse  liefern,  also  den
Pumpen.  Diese  müssen  demnach  so  eingerichtet  sein,  daß
sie  anfangs  eine  größere  Menge  Druckflüssigkeit  von  geringem ­
  Druck  abgeben,  später  aber  eine  kleinere  von  höherem
Druck.  Mit  einer  einzigen  einfachen  Saug-  und  Druckpumpe, ­
  wie,  sie  Bramah  1795  verwandte,  ließ  sich  diese  Aufgabe ­
  natürlich  nicht  erfüllen,  sollten  sich  daher  die  hydraulischen ­
  Pressen  in  der  Ölmüllerei  einführen,  so  mußte  man
Pumpen  bzw.  Pumpwerke  konstruieren,  welche  den  obigen  Anforderungen ­
  gerecht  wurden.  Auch  dies  gelang  bald,  und  zwar
half  man  sich  in  einfacher  Weise  durch  Anbringung  einer  zweiten
Pumpe  von  größerem  Kolbendurchmesser.  So  lange  der  Widerstand ­
  des  Preßmaterials  noch  gering  war,  ließ  man  beide  Pumpenkolben ­
  arbeiten,  was  bei  einerlei  Hub  dasselbe  war,  als  wenn
nur  ein  Kolben  von  der  Summe  der  Querschnitte  beider  vorhanden ­
  gewesen  wäre.  Hatte  der  Widerstand  dann  eine  gewisse
Größe  erreicht,  so  löste  man  den  großen  Kolben  aus  (anfänglich
durch  Menschenhand,  später  aber  automatisch)  und  arbeitete  nur
mit  dem  kleinen  Kolben  allein  weiter.
Mit  dieser  Vervollkommnung  der  Pumpwerke  waren  alle
technischen  Vorbedingungen  zur  Einführung  der  hydraulischen
Pressen  in  die  Ölmüllerei  erfüllt;  aus  der  Praxis  heraus  ergaben
sich  aber  gar  bald  einige  neue  Probleme,  deren  Lösung  sich
zum  Teil  durch  die  ganze  Entwicklung  der  hydraulischen  Pressen
bis  in  die  Jetztzeit  hinzieht.  Das  Wichtigste  dieser  Probleme
bildet  die  Verpackung  und  Unterbringung  des  Samenmehles  in
den  Pressen.  Zur  Aufnahme  des  Preßgutes  dienten  und  dienen
noch  heute  entweder  aus  hartem  Material  hergestellte,  unnachgiebige ­
  Behälter  (sogen.  Preßtröge,  Preßtöpfe,  Preßseiher)  oder
widerstandsfähige,  dabei  aber  öldurchlässige  Gewebe  (Preßtücher),
  in  welche  man  das  Preßgut  einfüllt  und  unter  die  Presse
bringt.  Bei  der  zweiten  Art  der  Verpackung  (der  Verpackung
in  Preßtücher)  erleiden  die  Preßtücher  infolge  des  hohen  Drucks,
        <pb n="56" />
        58  H-  D* e  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
den  sie  unter  der  Presse  auszuhalten  haben,  eine  sehr  starke
Abnutzung,  ein  Nachteil,  der  bei  der  Verpackung  in  Preßtrögen
usw.  fortfällt;  man  würde  also  aus  wirtschaftlichen  Gründen
wohl  bald  zur  ausschließlichen  Verwendung  von  Preßtrögen
usw.  übergegangen  sein,  wenn  nicht  auch  die  Größe  der  Ölausbeute ­
  in  bedeutendem  Maße  von  der  Verpackung  bzw.  Unterbringung ­
  des  Samenmehles  abhängig  wäre.  Es  ist  klar,  daß  für
die  Größe  der  Ölausbeute  die  Weglängen  eine  wichtige  Rolle
spielen,  welche  das  Öl  bis  zu  seiner  Abscheidung  zu  durchlaufen
hat.  Auch  ist  es  von  Wichtigkeit,  wie  der  Preßraum  beschaffen
ist,  in  welchem  sich  das  Preßgut  befindet.  Kann  das  ausgepreßte ­
  Öl  leicht  und  frei  aus  dem  Preßraum  austreten,  wie  dies
bei  der  Verpackung  in  Preßtüchern  meistens  der  Fall  ist,  so
wird  die  Ausbeute  bei  sonst  gleichen  Bedingungen  eine  bessere
sein,  als  bei  Pressen,  bei  denen  das  austretende  Öl  gewisse
Widerstände  zu  überwinden  hat,  wie  in  den  Preßtrögen  usw.
Es  tritt  also  hier  der  Fall  ein,  daß  sich  Größe  der  Ölausbeute
und  Stärke  der  Verpackungsmaterialabnutzung  gegenüberstehen;
daraus  ergaben  sich  für  den  Techniker  interessante  Aufgaben,
auf  deren  Lösung  ich  jedoch  erst  im  nächsten  Abschnitte  eingehen
  will.  Erwähnen  will  ich  hier  nur  gleich,  daß  sich  auf
Grund  der  eben  angeführten  Tatsachen  zwei  große  Gruppen
von  hydraulischen  Pressen  herausgebildet  haben,  nämlich  solche,
bei  welchen  sich  das  Preßgut  in  einem  unnachgiebigen,  feststehenden ­
  oder  beweglichen  Behälter  befindet  (sogen,  geschlossene ­
  Pressen)  und  Pressen,  bei  welchen  das  Preßgut  in  Form
von  Paketen,  die  allseitig  frei  bleiben,  unter  die  Pressen  kommt
(offene  Pressen).
Ein  weiteres  Problem  bildete  die  Frage,  ob  man  die  hydraulischen ­
  Pressen  als  liegende  oder  stehende  bauen  sollte.  Auch
hier  hat  wieder  jede  Form  ihre  Vor-  und  Nachteile  gegenüber
der  anderen;  so  geht  bei  den  liegenden  Pressen  der  Ölabfluß
leichter  vor  sich  als  bei  den  stehenden,  und  sie  sind  bequemer
zu  bedienen,  andererseits  haben  sie  gegenüber  den  stehenden
Pressen  den  Nachteil  größeren  Raumbedarfs,  schwierigerer  Verpackung ­
  der  Samenpakete  und  der  Notwendigkeit  einer  Vorrichtung ­
  zum  Rückgänge  des  Preßkolbens.
Ihre  erste  Anwendung  in  Ölmühlen  fand  die  hydraulische
Presse  in  Deutschland  im  Jahre  1818,  in  welchem  der  Mechaniker ­
  Neubauer  in  der  Maschinenfabrik  von  Nathusius  zu  Hun-
        <pb n="57" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  59

disburg  bei  Magdeburg  eine  stehende  hydraulische  Ölpresse
baute;  1821  wurde  dann  in  Bremen  von  einem  gewissen  Henry
Plump 3 )  die  erste  horizontale  Ölpresse  in  Gebrauch  genommen,
welche  nach  einer  Version  von  ihm  selbst  erbaut,  nach  einer
anderen  von  der  Firma  Bramah  bezogen  sein  soll.  Als  die  Ölpressen ­
  sich  allmählich  im  Laufe  der  nächsten  Jahrzehnte  ausbreiteten, ­
  baute  man  teils  eigene  Vorschlag-  und  Nachschlagpressen, ­
  teils  benutzte  man  die  gleichen  Pressen  zum  Vor-  und
Nachschlag;  häufig  benutzte  man  die  hydraulischen  Pressen
auch  nur  zum  Vor-  oder  Nachschlag  und  daneben  Pressen  anderer ­
  Systeme.  Auch  waren  diese  Pressen  teils  stehende,  teils
liegende,  zum  Teil  offene,  zum  Teil  geschlossene;  Einzelheiten
lassen  sich  darüber  jetzt  nicht  mehr  feststellen,  haben  aber  auch
für  uns  wenig  Wert.
Wie  ich  im  nächsten  Kapitel  noch  näher  ausführen  werde,
standen  der  allgemeinen  Einführung  der  hydraulischen  Pressen
in  den  ersten  Jahrzehnten  des  verflossenen  Jahrhunderts  noch
verschiedene  rein  wirtschaftliche  Schwierigkeiten  entgegen;  vielfach ­
  wurde  aber  auch  in  dieser  Einführungsperiode  noch  überhaupt ­
  die  Überlegenheit  dieser  Pressen  über  die  anderen  Pressensysteme ­
  angezweifelt.
Ich  will  mich  daher  jetzt  der  Frage  zuwenden,  worin  die
hauptsächlichsten  Vorteile  der  hydraulischen  Pressen  gegenüber
den  anderen  Pressen  bestanden,  d.  h.  also  der  Frage,  ob  die
Produktivität  der  hydraulischen  Pressen  eine  höhere,  die  Produktionskosten ­
  pro  Einheit  hergestellter  Fabrikate  aber  geringere
waren  als  bei  den  anderen  damals  in  Betracht  kommenden
Pressen.
Der  bedeutendste  Gegner,  welcher  sich  der  Einführung  der
hydraulischen  Pressen  entgegenstellte,  war  die  Keilpresse.  Da
dieselbe  bisher  fast  ausschließlich  in  allen  größeren  Ölmühlen  in
Benutzung  gewesen  war,  wird  man  gerade  bei  einem  Vergleiche
zwischen  ihren  Leistungen  und  Produktionskosten  und  denen
der  hydraulischen  Pressen  deutlich  die  Unterschiede  zwischen
alter  und  neuer  Technik  erkennen  können 4 ).

s )  Die  Nationalität  dieses  Plump  ist  nicht  einwandfrei  festgestellt;
einige  behaupten,  er  sei  Deutscher  gewesen,  andere  Engländer.

*)  Das  bei  diesem  Vergleiche  benutzte  Zahlenmaterial  ist  entnommen:
„Mitteilungen  des  Oewerbevereins  für  das  Königreich  Hannover“,  Jahrg.
1844,  S.28—32;  1859,  S.  308—10.  „Förster’s  Allgemeine  Bauzeitung“,  Jahrg
        <pb n="58" />
        60  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Die  tägliche  Leistungsfähigkeit  einer  Presse  in  bezug  auf
verarbeitete  Saatmengen  ist  abhängig  einerseits  von  der  Menge
des  bei  jeder  Pressung  verarbeiteten  Samens  (der  Größe  der
jedesmaligen  Charge),  andererseits  von  der  Zeitdauer,  welche
bei  jeder  Pressung  erforderlich  ist,  um  das  Öl  auszubringen.
Über  die  Größe  der  jedesmaligen  Charge  der  hydraulischen
Pressen  lassen  sich  nur  schwer  Zahlen  anführen,  da  dieselbe
äußerst  verschieden  war;  jedenfalls  übertraf  sie  aber  die  der
Keilpresse  bedeutend,  konnte  man  doch  bei  der  hydraulischen
Presse  den  Unterschied  des  Raumes,  welchen  die  Presse  in
ihrem  Preßort  vor  und  nach  der  Anspannung  gewährte,  nach
Belieben  einrichten  und  dadurch  auch  die  jedesmalig  verarbeitete ­
  Samenmenge  beliebig  groß  machen,  während  dies  bei  der
Keilpresse  nur  in  geringem  Maße  der  Fall  war.  Die  Dauer
einer  jeden  Pressung  richtete  sich  nach  der  Art  der  verarbeiteten ­
  Saat,  nach  der  Größe  der  Charge  und  der  Höhe  des  aufzuwendenden ­
  Preßdruckes;  bei  den  Keilpressen  betrug  sie  im
allgemeinen  einschließlich  Einsetzen  der  Samenpakete  und  Entleeren ­
  der  Presse  4—5  Minuten,  bei  den  hydraulischen  Pressen
7—15  Minuten.  Entsprechend  diesen  Unterschieden  in  der  Größe
der  bei  jeder  Pressung  verarbeiteten  Samenmenge  und  der  Zeitdauer ­
  jeder  Pressung  sind  auch  die  Angaben  über  die  Größe
der  in  24  Stunden  verarbeiteten  Samenmenge  äußerst  schwankende. ­
  Als  Grenzzahlen  fand  ich  bei  verbesserten  Keilpressen
mit  zwei  Preßorten  350  und  600  kg  (bei  zweimaliger  Pressung),
bei  hydraulischen  Pressen  dagegen  720  und  1050  kg  (ebenfalls
bei  zweimaliger  Pressung).  Ist  der  Spielraum  zwischen  größter
und  kleinster  Tagesleistung  bei  diesen  Zahlen  auch  außerordentlich ­
  groß,  so  lassen  dieselben  doch  immerhin  deutlich  erkennen,
daß  die  Produktivität  der  hydraulischen  Presse  bereits  damals
eine  bedeutend  größere  (um  ca.  100°/ 0 )  war  als  die  der  Keilpressen ­
  5 ).

1857,  S.  170.  Bolley,  „Das  Beleuchtungswesen“.  Braunschweig  1862.
Scholl,  I.  c.  Schreiber,  1.  c.
l )  Sonderbarerweise  wurde  dieser  Vorzug  der  hydraulischen  Pressen
nicht  allgemein  anerkannt.  So  behauptete  der  Ölmühlenbesitzer  Heins,
und  diese  Behauptung  ist  in  mehrere  Bücher  über  Ölmühlenbau  übergegangen, ­
  an  der  Hand  eines  ausführlichen  Vergleiches  zwischen  Rammpresse ­
  und  hydraulischer  Presse  (Mitteilungen  des  Gewerbevereins  für
das  Königreich  Hannover,  Jahrg.  1844,  S.  30.),  daß  die  hydraulische  Presse
        <pb n="59" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  61

Zu  diesem  Vorteile  der  größeren  Tagesleistung  trat  als
weiterer  noch  bedeutsamerer  Vorzug  der  hydraulischen  Presse
die  mit  ihr  erzielte  größere  Ölausbeute.  Durch  die  bedeutende
Steigerung  des  Preßdrucks  erhielt  man  nämlich  mit  den  hydraulischen ­
  Pressen  gegenüber  den  Keilpressen  eine  Mehrausbeute
an  Öl  von  3—5%,  was,  abgesehen  von  dem  höheren  Ertrag
pro  Einheit  verarbeitete  Saat,  natürlich  auch  die  Produktionskosten ­
  pro  Einheit  hergestellten  Fabrikates  nicht  unwesentlich
verringerte.
Aber  die  Einführung  der  hydraulischen  Presse  brachte  auch
sonst  noch  Herabminderung  der  Produktionskosten.  So  stellte
sich  namentlich  der  Kraftverbrauch  pro  Einheit  verarbeiteter
Saat  bei  ihnen  bedeutend  niedriger  als  bei  den  Keilpressen 6 ).
Es  lag  dies  zum  Teil  an  den  geringen  Kraftverlusten  durch  Reibeim

  Vorschläge  in  bezug  auf  verarbeitete  Samentnenge  von  den  Keilpressen ­
  übertroffen  würde.  Er  gibt  in  diesem  Aufsatze  an,  daß  in  seiner
in  Harburg  a.  d.  Elbe  belegenen  Ölmühle  Versuche  über  die  Leistungen
dieser  beiden  Pressensysteme  angestellt  wurden,  und  daß  dabei  von  3  Keilpressen ­
  im  Vorschläge  in  22  Arbeitsstunden  zusammen  6229  kg  Rapssaat
verarbeitet  wurden,  während  3  hydraulische  Pressen  bei  einer  Preßdauer
von  nur  7  Minuten  es  nur  auf  zusammen  4200  kg  brachten.  Dieser  Behauptung, ­
  daß  die  hydraulischen  Pressen  beim  Vorschläge  in  bezug  auf
verarbeitete  Saatmenge  von  den  Keilpressen  übertroffen  würden,  muß  auf
Grund  von  Angaben  anderer  Schriftsteller  widersprochen  werden.  So  erfahren ­
  wir  bei  Hartmann,  daß  beim  Vorpressen  jede  Pressung  64  Pfund
Kuchen  liefere,  was  einer  Charge  von  ungefähr  50  kg  entspricht;  Scholl
gibt  die  Leistungen  einer  Vorpresse  bei  einer  Preßdauer  von  10—12  Minuten
auf  jedesmal  55  kg  an,  und  Schädler  spricht  von  einer  jedesmaligen  Verarbeitung ­
  von  50—60  kg.  Ähnliche  Angaben  könnten  noch  mehr  erbracht
werden.  Entweder  beruht  demnach  die  Angabe  Heins’  auf  einem  direkten
Irrtum,  es  würde  nach  seinen  Angaben  jede  Charge  nur  7,4  kg  Samen  betragen
haben,  oder  aber  und  das  ist  das  Wahrscheinlichere,  es  waren  seine
hydraulischen  Pressen  aus  der  ersten  Zeit  der  Einführung  der  Pressen,
speziell  als  Nach  pressen  gedacht  (wozu  sie  auch  benutzt  wurden)  und
von  besonders  geringer  Ladefähigkeit.  Diese  meine  Meinung  finde  ich
noch  durch  Heins'  eigene  Angabe  unterstützt,  eine  Nachpressung  daure
nur  7  Minuten,  was  nur  bei  sehr  geringer  Beschickung  denkbar  ist,  da
bei  einer  Nachpresse  normaler  Ladefähigkeit  die  Pressung  10—15  Minuten
in  Anspruch  nahm.
6 )  Zahlen  über  die  Höhe  des  Kraftverbrauches  lassen  sich  nicht  anführen, ­
  da  derselbe  sowohl  bei  den  Keilpressen  (je  nach  Gewicht  des
Stampfers  und  Anzahl  der  Hube  in  der  Minute)  wie  auch  bei  den  hydrau-'
lischen  Pressen  (je  nach  Zahl  und  Einrichtung  der  Pumpen)  vielfach  verschieden ­
  ist.
        <pb n="60" />
        62  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
bung,  welche  die  hydraulische  Presse  aufzuweisen  hat  (bei  einer
hydraulischen  Presse  bis  höchstens  20%  Kraftverlust  durch
Reibung,  bei  einer  Rammkeilpresse  mindestens  25%),  zum
Teil  daran,  daß  man  bei  der  hydraulischen  Presse  den  Druck
durch  Veränderung  der  Querschnitte  der  Preß-  und  Pumpenkolben ­
  beliebig  ändern  kann,  während  man  dies  bei  der  Keilpresse ­
  nur  durch  Vergrößerung  des  Stampfergewichtes  oder
größere  Hubhöhe  erreichen  konnte,  was  natürlich  vermehrten
Kraftaufwand  zur  Voraussetzung  hatte.
Weit  überlegen  war  die  hydraulische  Presse  der  Keilpresse
endlich  auch  noch  in  bezug  auf  Betriebssicherheit  und  Höhe
der  Reparaturkosten.  Da  sich  die  benötigte  Transmission  bei
ihr  äußerst  einfach  gestaltete  und  auch  ein  Bruch  der  Presse
infolge  Anbringung  automatisch  wirkender  Sicherheitsventile  zu
den  Seltenheiten  gehörte,  beschränkten  sich  die  bei  ihr  vorkommenden ­
  Reparaturen  in  der  Hauptsache  auf  häufigeres  Ersetzen
der  Liderungen  an  den  Kolben,  was  in  kurzer  Zeit  geschehen
konnte.  Anders  bei  den  Keilpressen:  das  umständliche  Räderwerk, ­
  welches  die  drehende  Bewegung  in  eine  auf-  und  abgehende ­
  Bewegung  umänderte,  erforderte  häufige  und  langwierige ­
  Reparaturen.  Ferner  veranlaßte  die  Erschütterung,
welche  das  Fallen  des  schweren  Stampfers  hervorrief,  Reparaturen ­
  an  der  Presse,  der  Transmission  und  den  Gebäuden.
Endlich  verursachte  auch  noch  die  Presse  selbst  durch  häufigere
Erneuerung  der  Keile,  Kissen  und  Scheiden  sowie  das  Abrichten
derselben  allerhand  Kosten.
Gegenüber  diesen  mannigfachen  Vorzügen  hatte  die  hydraulische ­
  Presse  nur  einen  einzigen  wesentlichen  Nachteil,  nämlich
ihren  hohen  Anschaffungspreis.  Während  sich  die  Kosten  einer
doppelten  Keilpresse  mit  eisernem  Preßkasten  nur  auf  ca.  700  M.,
ohne  eisernen  Preßkasten  sogar  nur  auf  400  M.  stellten,  schwankten ­
  die  Kosten  der  hydraulischen  Presse  je  nach  deren  Größe
und  Ausführung  zwischen  1200  und  6000  M.  Auf  die  Folgen,
welche  diese  hohen  Anschaffungskosten  in  bezug  auf  die  Einführung ­
  der  hydraulischen  Pressen  in  die  Praxis  hatten,  komme
ich  noch  im  nächsten  Kapitel  zu  sprechen,  hier  habe  ich  mich
nur  insofern  mit  diesen  Kosten  zu  beschäftigen,  als  durch  sie
die  für  Verzinsung  und  Amortisation  aufzubringenden  jährlichen ­
  Beträge  sich  änderten.  Da  die  Anschaffungskosten  der
hydraulischen  Pressen  höhere  als  die  der  Keilpressen  waren,
        <pb n="61" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.

63

waren  ohne  Zweifel  auch  jährlich  größere  Summen  für  Verzinsung ­
  und  Amortisation 7 )  des  Anlagekapitals  aufzubringen.
Diese  absolut  höheren  Beträge  wurden  aber  auf  die  Einheit  des
hergestellten  Fabrikates  berechnet  bedeutend  herabgemindert,
weil  die  Produktivität  der  hydraulischen  Presse  um  das  Doppelte
größer  war  und  die  Ölausbeute  bei  ihr  ca.  3—5%  mehr  betrug ­
  als  bei  der  Keilpresse.  Sollte  die  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote ­
  aber  dennoch  pro  Einheit  hergestellten  Fabrikates ­
  rechnungsmäßig  bei  der  hydraulischen  Presse  eine
größere  gewesen  sein,  als  bei  der  Keilpresse,  so  wurde  diese
Differenz  in  der  Praxis  mehr  als  ausgeglichen  durch  die  bedeutend ­
  geringeren  Reparaturkosten  und  vor  allem  durch  die
große  Betriebssicherheit  der  hydraulischen  Presse,  welch  letztere
es  ermöglichte,  die  Ölmühle  regelmäßig  ohne  Unterbrechung
in  Betrieb  zu  halten,  während  bei  den  mit  Keilpressen  ausgerüsteten ­
  Ölmühlen  Arbeitsunterbrechungen  unvermeidlich  waren.
Fasse  ich  die  Ergebnisse  meines  Vergleiches  zwischen  Leistungen ­
  und  Produktionskosten  der  Keilpresse  und  hydraulischen ­
  Presse  zusammen,  so  ergeben  sich  bedeutende  Vorzüge
auf  Seiten  der  hydraulischen  Presse,  ist  doch  deren  Leistung  bei
niedrigeren  Produktionskosten  (nach  einer  Angabe  in  den  „Mitteilungen ­
  des  Gewerbevereins  für  das  Königreich  Hannover“
sind  die  Produktionskosten  bei  hydraulischen  Pressen  insgesamt
um  ca.  12°/ 0  niedriger  als  bei  Keilpressen)  durchschnittlich  um
fast  100%  höher  als  die  der  Keilpresse.  Dazu  kommen  noch
als  weitere  Vorteile  die  vollkommen  geräuschlose  Arbeitsweise
der  hydraulischen  Pressen  und  ihre  im  Vergleich  zur  Rammpresse ­
  leichte  Bedienung  (die  Tätigkeit  der  Arbeiter  beschränkt
sich  bei  ihnen  auf  Einsetzen  und  Herausnehmen  der  Samenbzw.
  Kuchenpakete  und  An-  und  Abstellen  des  Pumpwerkes),
beides  Punkte,  welche  die  Tätigkeit  der  an  ihnen  beschäftigten
Arbeiter  außerordentlich  erleichterten.
Aber  nicht  allein  bei  den  zum  Auspressen  benötigten  Maschinen ­
  wurden  in  dieser  Zeit  des  technischen  Fortschritts  Verbesserungen ­
  erzielt,  sondern  auch  in  allen  anderen  Stadien  des
Arbeitsprozesses.  Im  vorigen  Kapitel  habe  ich  bereits  die  bessere
Reinigungsmethode  des  Rüböles  zum  Brennen  besprochen,  aber

7 )  Hier  allerdings  in  geringerem  Maße,  da  ja  die  Lebensdauer  der
hydraulischen  Presse  eine  längere  als  die  der  Keilpresse  war.
        <pb n="62" />
        64  II-  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
auch  ganz  allgemein  finden  wir  jetzt  eine  bedeutende  Verbesserung ­
  der  Qualität  der  Öle.  Man  erreichte  dies  durch  bessere
Reinigung  der  Saaten  (mehrmaliges  Durchsieben  derselben),
durch  vorsichtigere  Erwärmung  (an  Stelle  der  direkten  Erwärmung ­
  über  freiem  Feuer  trat  häufig  die  indirekte  Erwärmung
über  kochendem  Wasser  oder  Dampf,  wodurch  Anbrennen  vermieden ­
  wurde)  und  durch  bessere  Reinigung  der  erzeugten  Öle
(neben  der  vorher  beschriebenen  Raffination  mit  Schwefelsäure
kamen  noch  verschiedene  andere  Reinigungsmethoden  in  Aufnahme). ­

Besondere  Fortschritte  erzielte  man  ferner  bei  der  Zerkleinerung ­
  der  Ölsaaten.  Die  Überlegenheit  des  Ölganges  über
das  Stampfwerk  wurde  jetzt  allgemein  anerkannt  und  führte
nach  Aufhebung  des  Mühlsteinregals  zur  Anschaffung  desselben
in  den  meisten  Mühlen.  War  dadurch  schon  eine  bedeutende
Kraftersparnis  und  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit  der  Ölmühlen ­
  erzielt,  so  wurde  diese  noch  vermehrt  durch  die  Einführung ­
  der  Quetschwalzen.  Sowohl  bei  den  Stampfwerken
wie  auf  den  Ölgängen  wurde  nämlich  die  Zerkleinerung  der  Ölsaaten ­
  dadurch  verzögert,  daß  sich  am  Anfänge  der  Arbeit  immer
ein  Teil  der  Samen  infolge  ihrer  runden  oder  eiförmigen  Oberfläche ­
  durch  Abgleiten  der  Bearbeitung  entzog.  Man  suchte
diesem  Nachteil  durch  Anbringung  der  Streichwerke  an  den  Ölgängen, ­
  sowie  dadurch,  daß  man  den  Stampfgruben  eine  eiförmige ­
  Gestalt  gab,  abzuhelfen,  ohne  daß  dies  jedoch  vollständig
gelang.  Erst  die  Quetschwalzen  brachten  hier  eine  durchgreifende ­
  Besserung;  ihre  Wirksamkeit  erklärt  sich  dadurch 8 ),  „daß,
indem  kein  Korn  unzerteilt  aus  den  Walzen  herauskommt,  bei
den  fertigmahlenden  Vorrichtungen  kein  Ausweichen,  kein
Aufenthalt  und  Kraftverlust  entstehen  kann“.  Die  Walzwerke
beginnen  durch  das  Zerreißen  der  Samenkörner  die  Zerkleinerung, ­
  weiter  fortgeführt  wird  dieselbe  dann  auf  den  Ölgängen
oder  Stampfwerken.  Der  Vorteil  der  Quetschwalzen  war  also
nur  ein  indirekter,  sie  trugen  selbst  wenig  zur  Zerkleinerung  bei,
erhöhten  aber  die  Leistung  der  übrigen  Maschinen.
Die  Einrichtung  solcher  Walzwerke  war  eine  sehr  einfache,
sie  bestanden  nämlich  in  der  Hauptsache  nur  aus  zwei  parallel
zueinander  auf  einem  Gestell  gelagerten  Walzen,  deren  Entfer-8

 )  Scholl,  1.  c.  S.  17.
        <pb n="63" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.

65

nung  von  einander  man  ursprünglich  durch  Stellschrauben,  etwas
später  durch  elastischen  Druck  regulierte.  Die  Walzen  hatten
die  Form  glatter  abgedrehter  Zylinder  und  waren  meistens  aus
Gußeisen  hergestellt.
Versuchen  wir  die  verschiedenen  Zerkleinerungsmaschinen
in  bezug  auf  ihre  Leistungsfähigkeit  und  Kraftverbrauch  einem
Vergleiche  zu  unterziehen.  Bei  den  Stampfwerken  bildete  eigentlich ­
  jedes  Grubenloch  mit  seinen  beiden  Stampfern  eine
Maschine  für  sich,  deren  Leistungsfähigkeit  etwa  ein  Viertel
Scheffel  Raps  pro  Stunde  betrug.  Bei  den  Ölgängen  hängt  die
Leistungsfähigkeit  von  der  Größe,  d.  h.  dem  Gewichte  der
aufrechtgehenden  Steine,  sowie  der  Zahl  der  Umdrehungen  um
die  stehende  Welle  ab.  Schreiber 9 )  berechnet  aus  diesen  Angaben ­
  die  Leistung  der  Ölgänge  wie  in  der  folgenden  kleinen
Zusammenstellung  angegeben,  aus  welcher  hervorgeht,  daß  die
Leistung  eines  Ölganges  je  nach  seinen  Abmessungen  und  der
Zahl  der  Umdrehungen  in  der  Minute  der  von  4—12  Stampferpaaren ­
  gleichkam.

Durchmesser  der

Umdrehungen  der

In  12  Stunden  verLäufer ­

  bei  18  Zoll  Dicke

stehenden  Welle  in  der
Minute

arbeitete  Menge  Rapssamen ­
  in  Scheffel

5

8—10

12

5%

8—10

14,4

6

7—  8

17,2

67,

7—  8

20

7

6—  7

23,4—24

77,

6—  7

27—28

8

5—  6

32—36

Da  die  Ölsamen  auf  den  Walzwerken  nicht  fertig  gemahlen
wurden,  sondern  die  Zerkleinerung  nachher  in  den  Stampfwerken
oder  auf  den  Ölgängen  beendigt  wurde,  so  kann  man  die  Leistung ­
  der  Walzen  auch  nur  im  Zusammenhang  mit  cjiesen  Maschinen ­
  bestimmen.  Gewöhnlich  wurden  in  einem  guten  Walzwerk ­
  die  Samen  so  weit  verarbeitet,  daß  die  Leistungen  der  Ölgänge ­
  bzw.  Stampfwerke  um  50%  erhöht  wurden 10 ).  Unter
Zugrundelegung  dieser  Angabe  schwankte  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Walzwerke  je  nach  der  Länge  der  Walzen,  der  Zahl
•)  Schreiber,  „Praktisches  Hilfsbuch“  S.  3Q/40.
10 )  Schreiber,  „Praktisches  Hilfsbuch“  S.  42.
Klaue,  Ölmüllerei.

5
        <pb n="64" />
        66  II.  Dig  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

“)  Scholl,  1.  c.  S.  31.

der  Umdrehungen  in  der  Minute  und  dem  Druck  der  Walzen
gegeneinander  zwischen  11/4  und  10  Scheffel  Raps  in  der  Stunde  u ).
Sollten  mehr  als  10  Scheffel  in  der  Stunde  verarbeitet  werden,
so  mußte  man  zwei  Walzwerke  aufstellen.
Als  Resultat  unserer  Untersuchungen  über  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Zerkleinerungsmaschinen  ergibt  sich  somit  eine
bedeutende  Zunahme  der  Leistungen  der  neuen  Maschinen
gegenüber  den  alten,  bzw.  eine  Erhöhung  der  Leistungen  der
älteren  Maschinen  durch  die  Einführung  der  Walzwerke.  Bei
der  Einführung  von  technischen  Verbesserungen  in  die  Praxis
spielen  jedoch  neben  der  Leistungsfähigkeit  die  Produktionskosten ­
  eine  Rolle.  Sollen  sich  Neuerungen  einführen,  so  muß,
wenn  nicht  andere  besondere  Vorteile  für  die  neue  Maschine
sprechen,  mit  der  erhöhten  Leistungsfähigkeit  eine  Herabminderung ­
  der  Produktionskosten,  auf  die  Einheit  der  hergestellten
Fabrikate  gerechnet,  Hand  in  Hand  gehen.  Die  Produktionskosten ­
  setzen  sich  zusammen  aus  Verzinsung  und  Amortisation
des  Anlagekapitals,  Kosten  für  Reparatur,  Bedienung  und  Betriebskraft. ­
  Wie  stand  es  nun  in  bezug  auf  diese  Unkosten  mit
den  neuen  Maschinen?
Ober  die  Anschaffungskosten  der  einzelnen  Maschinen  stehen
mir  leider  gar  keine  Zahlen  zur  Verfügung,  doch  ist  anzunehmen,
daß  die  Walzwerke  am  wenigsten  kosteten,  dann  die  Stampfwerke ­
  und  endlich  die  Ölgänge.  In  bezug  auf  die  Reparaturen
kamen  die  Stampfwerke  trotz  der  an  ihnen  gemachten  Verbesserungen ­
  immer  noch  sehr  teuer,  wohingegen  Walzwerke  und  Ölgänge ­
  nur  wenig  Reparaturen  erforderten.  Dementsprechend
dürfte  auch  die  Lebensdauer  der  Ölgänge  eine  bedeutend  längere
als  die  der  Stampfwerke  gewesen  sein,  so  daß  der  doch  nur  verhältnismäßig ­
  wenig  höhere  jährliche  Zinsaufwand,  welcher  bei
den  Ölgängen  infolge  ihrer  höheren  Anschaffungskosten  nötig
war,  durch  die  bedeutend  niedrigere  Amortisationsquote  wieder
ausgeglichen  wurde,  sich  hier  also  nur  geringe  Unterschiede
finden  können.  Zur  Bedienung  brauchte  man  beim  Stampfwerke
wie  auch  beim  Ölgang  je  einen  Arbeiter,  das  Walzwerk  erforderte ­
  keine  besondere  Bedienung,  sondern  konnte  von  dem  am
Stampfwerk  bzw.  Ölgang  beschäftigten  Arbeiter  mit  versorgt
werden.
        <pb n="65" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  67

Bei  den  Untersuchungen  über  die  Vorteile  der  Ölgänge
gegenüber  den  Stampfwerken  habeich  bereits  angeführt  (S.  33/34),
daß  der  Kraftverbrauch  eines  Ölganges  mit  Steinen  von  5  Fuß
Durchmesser  bei  8—10  Umgängen  in  der  Minute  gleich  dem
von  3  Paar  Stampfern  war,  während  die  Leistung  der  von  vier
Stampferpaaren  entsprach.  Bei  alleiniger  Verwendung  von  Ölgängen ­
  hatte  man  also  gegenüber  der  alleinigen  Verwendung
von  Stampfwerken  eine  Ersparnis  von  1/4  der  Betriebskraft  zu
verzeichnen.  Nach  Scholl  (1.  c.  S.  32)  benötigte  man  zur  Verarbeitung ­
  von  1/4  Scheffel  Raps  in  der  Stunde  bei  Benutzung
von  Stampfwerken  eine  Kraft  von  ungefähr  2  P.S.  Der  Kraftaufwand, ­
  welchen  die  Walzwerke  verlangten,  belief  sich  bei  Verarbeitung ­
  von  Raps  auf  3 /io  P-S.  für  jeden  in  der  Stunde  zu
verarbeitenden  Scheffel,  über  5  Scheffel  in  der  Stunde  hinaus  für
jeden  weiteren  Scheffel  auf  7io  P.S.  12 ).  Berechnet  man  sich
aus  diesen  Angaben  den  verschieden  großen  Kraftaufwand  bei
dem  Betriebe  von  Stampfwerk,  Ölgang  und  Walzwerk,  so  erhält ­
  man,  prozentual  ausgedrückt,  eine  Kraftersparnis  der  Ölgänge ­
  gegenüber  den  Stampfwerken  von  25  °/ 0 ,  der  Stampfwerke
mit  Walzwerk  gegenüber  den  Stampfwerken  von  18—20  %,  den
Ölgängen  mit  Walzwerken  gegenüber  den  Ölgängen  von  ca.  14  °/ 0
und  endlich  der  Ölgänge  mit  Walzwerken  gegenüber  den  Stampfwerken
  ohne  Walzwerke  von  ca.  35%.  Wir  sehen  also,  daß
auch  die  durch  die  Neuerungen  erzielte  Kraftersparnis  eine  bedeutende ­
  war,  und  zwar  fällt  dieselbe  aus  dem  Grunde  ganz
besonders  ins  Gewicht,  weil  die  Mühlen  jener  Zeit  meistens
mit  einer  gegebenen  Betriebskraft,  über  welche  sie  nicht  hinaus
konnten,  rechnen  mußten,  und  ihnen  infolgedessen  eine  Vergrößerung ­
  ihrer  Produktion  außer  durch  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit ­
  ihrer  Maschinen  nur  durch  Kraftersparnis  beim
Betriebe  der  schon  vorhandenen  Maschinen  möglich  war.
Nachdem  ich  so  im  einzelnen  die  neuen  Maschinen  in  bezug
auf  die  Gestaltung  der  Produktionskosten  sowie  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  untersucht  habe,  will  ich  nunmehr  versuchen,  ein  Bild
von  der  veränderten  Produktivität  und  den  Produktionskosten
der  Gesamtbetriebe  zu  geben.
Der  benötigte  Kraftaufwand  sowie  die  Leistungsfähigkeit
der  mit  Stampfwerken  und  Keilpressen  ausgerüsteten  alten  Öl-12

 )  Scholl,  1.  c.  S.  32.

5*
        <pb n="66" />
        68  U.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
mühlen  richtete  sich  nach  dem  Gewichte  der  Stampfer,  der  Zahl
der  Hube  in  der  Minute  und  der  Hubhöhe.  Da  sich  nun  in  der
Literatur  über  diese  drei  Punkte  so  gut  wie  gar  keine  tatsächlichen ­
  Angaben  finden  und  naturgemäß  die  Betriebskraft  des
Wassers  und  Windes  je  nach  der  Jahreszeit  und  der  Lage  der
Ölmühle  verschieden  war,  so  ist  es  nicht  möglich,  vollkommen
genaue  Zahlen  aus  dieser  Zeit  vor  Einführung  der  neuen  Maschinen ­
  und  der  Dampfkraft  zu  geben.  Allgemein  dürfte  jedoch
der  zum  Betriebe  der  Stampfwerke  pro  Grube  benötigte  Kraftaufwand ­
  je  nach  der  technischen  Vollkommenheit  der  Stampfwerke ­
  (der  Reibungsverlust  stieg  bis  zu  2 / 5  der  ganzen  Kraft)
1/2—1  P.S.  betragen  haben  und  für  eine  Doppelkeilrammpresse
ungefähr  2 / 3  P.S.  Legt  man  diese  Berechnungen  zugrunde,  so
erhält  man  für  die  im  ersten  Abschnitte  (S.  42)  angeführten  Beispiele ­
  folgende  Zahlen:
Ölmühle  mit  8  Paar  Stampfern  und  einer  Doppelpresse:
Kraftbedarf  ca.  7  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden  200—210  kg
Rapssaat.  Ölausbeute  ca.  33°/ # .
Ölmühle  mit  10  Paar  Stampfern  und  zwei  Doppelpressen:
Kraftbedarf  ca.  9  P.S.,  täglich  (Arbeitszeit  nicht  angegeben)
verarbeitete  Samenmenge  440—560  kg  Rapssaat.
Vergleichen  wir  damit  die  Angaben  einiger  mit  Ölgängen,
Walzwerk  und  hydraulischen  Pressen  eingerichteten  Ölmühlen  aus
dem  uns  hier  beschäftigenden  Zeitabschnitt.
Ölmühle  Struss  in  Linderte.
2  stehende  hydraulische  Pressen.  Kraftaufwand:  Dampfmaschine ­
  von  4  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden  720  kg  Rapssaat.
Ölfabrik  in  Goslar.
2  stehende  hydraulische  Pressen.  Kraftaufwand:  Wasserrad
von  4  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden  726,4  kg  Rapssaat.
Ölfabrik  von  Capelle  in  Hannover.
(Gegründet  1788.  Bis  1864  Göpel-Betrieb,  dann  Dampfkraft).
2  stehende  hydraulische  Pressen  zu  je  4  Kuchen.  Kraftaufwand: ­
  Dampfmaschine  von  6  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden  ca.
1030  kg  Rapssaat.  Ölausbeute  je  nach  Ölgehalt  der  Saat  zwischen
34,6  und  40,9  »/„.
        <pb n="67" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  69

Ölmühle  von  Nepp.
2  hydraulische  Vorpressen,  1  doppelte  hydraulische  Nachpresse.
Kraftaufwand:  Wasserrad  von  10  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden
ca.  2200  kg  Rapssaat.  Ölausbeute  durchschnittlich  37,8%.
Ölmühle  bei  Hamm.
Eine  stehende  hydraulische  Vorpresse,  eine  stehende  und  vier
liegende  hydraulische  Nachpressen.  Kraftaufwand:  13  P.S.,  Leistung
in  12  Stunden  3327  kg  Rübsaat.
Ölmühle  in  Neuss.
1  stehende  hydraulische  Vorpresse,  4  liegende,  hydraulische
Nachpressen,  Kraftaufwand:  Dampfmaschine  von20P.S.,  Leistung
in  12  Stunden  4620—4650  kg  Rapssaat.
Ölmühle  von  Egells  in  St.  Petersburg.
16  stehende  hydraulische  Pressen.  Kraftaufwand:  Dampfmaschine ­
  von  15  P.S.,  Leistung  in  12  Stunden  25660—26300  kg
Leinsaat.
Windölmühle  nach  Hailette.
1  Ölgang,  1  verbesserte  Doppelkeilpresse,  Kraftaufwand:  bei
der  angegebenen  Leistung  ist  ein  beständiger  Wind  von  10—12  P.S.
erforderlich.  Leistung  in  12  Stunden  bis  zu  1100  kg  Rapssat.
Als  Resultat  der  Gegenüberstellung  ergibt  sich  somit  eine
ganz  bedeutende  Steigerung  der  Produktivität  der  Gesamtbetriebe, ­
  nämlich  bis  zu  300%.  Interessant  ist  ein  Vergleich  der
Leistungen  der  oben  angeführten  Windölmühle  mit  denen  sowohl ­
  der  alten  wie  auch  der  neuen  Ölmühlen.  Ausgestattet  mit
einem  Ölgang  und  einer  verbesserten  Keilpresse  übertrifft  ihre
Leistung  die  der  Ölmühle  mit  10  Stampferpaaren  und  zwei  Keilpressen ­
  (diese  gebraucht  allerdings  1—-2  P.S.  weniger  Kraft)
um  mehr  als  das  Doppelte,  wird  aber  selbst  wieder  von  den
ihre  Betriebskraft  durch  moderne  Maschinen  (vor  allem  hydraulische ­
  Pressen)  voll  ausnützenden  Ölfabriken  um  das  Zwei-  bis
Dreifache  übertroffen.
Ein  ganz  vorzügliches  Bild  von  der  mit  der  Einführung  der
neuen  Technik  verbundenen  Steigerung  der  Produktivität  der
Gesamtbetriebe  gibt  uns  auch  die  Geschichte  der  mit  der  Hofkunstmühle ­
  in  Plauen  bei  Dresden  verbundenen  Ölmühle.  Diese
war  bis  zum  Jahre  1850  mit  16  Paar  Stampfen  und  einer  Schlägel ­
        <pb n="68" />
        70  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
presse  ausgestattet,  und  es  wurden  mit  dieser  Einrichtung  in
24  Stunden  1250  kg  Ölsaat  verarbeitet.  Im  Jahre  1850  wurde
die  maschinelle  Einrichtung  insofern  verbessert,  als  man  8  Paar
Stampfen  entfernte  und  dafür  ein  paar  Walzen  und  zwei  Kollergänge ­
  einführte  und  außerdem  die  Schlägelpresse  durch  eine
doppelte  Keilpresse  ersetzte.  Mit  dieser  Einrichtung  gelang  es,
die  tägliche  Produktion  auf  2500—3000  kg  zu  steigern.  Im  Jahre
1861  wurde  dann  diese  Ölmühle  vollständig  abgerissen  und  an
ihrer  Stelle  eine  neue  mit  modernsten  Maschinen  ausgestattete
Ölmühle  erbaut.  Die  maschinelle  Einrichtung  derselben  bestand
aus  einem  Saatreinigungszylinder,  zwei  Walzwerken,  4  hydraulischen ­
  Topfpressen  zum  Vorschlag,  einem  Kuchenbrecher,
4  Kollergängen,  6  hydraulischen  Beutelpressen  für  den  Nachschlag, ­
  12  Dampfsamenwärmern  und  2  hydraulischen  Pumpwerken. ­
  Auch  wurde  bereits  in  ausgedehntem  Maße  mechanische ­
  Förderung  der  Ölsaaten  angewandt.  In  dieser  neuen  Ölmühle ­
  wurden  nunmehr  auf  demselben  Raume  und  mit
derselben  Kraft,  womit  früher  1250  kg  Saat  verarbeitet  worden ­
  waren,  in  24  Stunden  15000  kg  verarbeitet,  und  zwar  von
22  Mann 13 ),  die  sich  in  12stündigen  Schichten  zu  je  11  Mann
ablösten.  Es  entspricht  dies  einer  Steigerung  der  Produktivität
um  1200%,  eine  Steigerung,  die  in  dieser  Höhe  wohl  einzigartig ­
  gewesen  sein  dürfte,  wie  denn  auch  der  damalige  Besitzer ­
  der  Hofkunstmühle,  Herr  Kommerzienrat  G.  T.  Bienert,
in  seinen  „Erinnerungen  aus  meinem  Leben“ 14 ),  denen  ich  diese
Angaben  entnommen  habe,  selbst  schreibt,  daß  er  kaum  glaube,
„daß  es  damals  (1861)  noch  eine  Ölmühle  gab,  die  auf  so  kleinem
Raume  und  mit  so  wenig  Personal  ein  solches  Quantum  Saat
verarbeitete“.
Wie  steht  es  nun  mit  den  Gesamtproduktionskosten  der
mit  modernen  Maschinen  ausgestatteten  Ölmühlen?  Haben  diese
sich  auf  die  Einheit  der  erzeugten  Waren  bezogen  im  Vergleich
zu  früher  vermehrt  oder  vermindert?  Da  diese  Frage  im  engsten
Zusammenhänge  mit  der  nach  dem  Einfluß  der  veränderten

ls )  Es  sind  dies  nur  die  in  der  eigentlichen  Ölmühle  beschäftigten
Arbeiter;  Speicherarbeiter,  Hofarbeiter  usw.  sind  nicht  mitgezählt.
w )  Seite  71—78.  Dieselben  sind  nicht  im  Buchhandel  erschienen.
Ich  erhielt  das  Buch  durch  die  Liebenswürdigkeit  des  jetzigen  Besitzers
der  „T.  Bienert,  Dampfmühle  und  Ölfabrik“,  Herrn  T.  Bienert,  Dresden-Plauen.
        <pb n="69" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  71

Technik  auf  die  Gestaltung  der  Preise  der  Erzeugnisse  der  Ölmüllerei ­
  steht,  will  ich  diese  beiden  Punkte  zusammen  behandeln.
Ich  habe  im  vorigen  Abschnitte  darauf  hingewiesen,  daß
das  Bestreben  der  Techniker  dahin  gehen  würde,  die  Ölausbeute
pro  Einheit  Saat  zu  vermehren,  weil  dadurch  die  Rentabilität
des  Unternehmens  auf  eine  beständigere  Basis  gebracht  werden
würde.  Durch  die  vielfachen  Verbesserungen  und  Neuerfindungen ­
  sowohl  bei  den  Zerkleinerungsmaschinen  wie  auch  den
Pressen  wurde  diese  Forderung,  wie  ich  an  anderer  Stelle  näher
ausgeführt  habe,  nun  tatsächlich  erfüllt,  erzielte  man  doch  nunmehr ­
  mit  Keilpressen  bei  Rapssaat  eine  Ölausbeute  bis  zu  35%
gegen  früher  33%  und  mit  den  hydraulischen  Pressen  sogar
bis  zu  41  %.  Etwas  anderes  ist  es  aber,  ob  damit  wirklich  der
Ertrag  auf  eine  sicherere  Grundlage  gestellt  ist.  Dieser  Punkt
muß  erst  näher  untersucht  werden.  Als  Material  stehen  mir
dabei  zwei  Kostenberechnungen  zur  Verfügung,  die  ich  hier
folgen  lasse 15 ):
1.  Um  1820  gab  es  im  französischen  Departement  du  Nord
436  Ölmühlen,  von  denen  weitaus  die  meisten  durchwind
betrieben  wurden.  Dieselben  waren  mit  verbesserten  Keilpressen, ­
  Ölgängen,  Stampfwerken  oder  Walzwerken  versehen. ­
  In  diesen  Ölmühlen  wurden  jährlich  durchschnittlich ­

  ca.  800000  hl  Ölsamen  verarbeitet.
Frs.
Der  Einkaufspreis  der  Ölsaaten  betrug  unter
normalen  Verhältnissen  ca  13500000
Die  Unkosten  für  die  Verarbeitung  beliefen
sich  insgesamt  auf  1300000
Gesamtunkosten  ca.  14  800000
Die  Einnahmen  aus  Öl  und  Kuchen  betrugen
bei  normalen  Preisen  ca  15800000

16 )  Die  beiden  Berechnungen  stammen  allerdings  von  französischen
Mühlen.  Da  mir  jedoch  keine  deutschen  Berechnungen  zur  Verfügung
stehen,  muß  ich  mich  mit  diesen  begnügen,  was  ich  um  so  leichter  kann,
da  die  französischen  Ölmühlen  dieselbe  Technik  wie  die  deutschen  hatten,
die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  bezug  auf  Einkauf,  Verkauf  und  Unkosten ­
  ähnlich  lagen,  und  es  mir  hier  nur  auf  annähernde  Zahlen  ankommt. ­
  Die  Anschläge  sind  entnommen:  Matthias,  „Neueste  Erfindungen
der  Ölfabrikation“,  Bernoulli,  „Handbuch  der  Technologie“  und  Georg
Barth,  „Einrichtung  und  Betrieb  der  Ölmühlen“.
        <pb n="70" />
        72  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.  '
2.  Eine  französische  Ölfabrik  mit  einer  Dampfmaschine  von
40  P.S.  und  moderner  Einrichtung  mit  Walzwerken,  Ölgängen ­
  und  hydraulischen  Pressen  verarbeitete  täglich
23  000  kg  Rapssaat.  Die  Rentabilitätsrechnung  stellte  sich
ungefähr  1856  unter  Annahme  normaler  Preisverhältnisse
folgendermaßen:

Ausgaben.  Frs
Generalunkosten  inkl.  Heizmaterial,  Reparaturen ­
  usw.  auf  250  Arbeitstage  120000  Frs.
d.  h.  täglich  480
23000  kg  Rapssaat  pro  hl  (65  kg)  36  Frs.  12780
Tägliche  Gesamtausgaben  .......  13  260

Einnahmen.
Das  ungereinigte  Öl  kostete  damals  pro
100kg  140  Frs.  Bei  durchschnittlich  36°/ 0
Ölausbeute  ergab  das  eine  tägliche  Einnahme ­
  für  Öl  von  .  11592
Die  Ölkuchen  kosteten  200  Frs.  pro  1000  kg
Bei  durchschnittlich  61%  Ertrag  an  Ölkuchen ­
  ergab  das  eine  tägliche  Einnahme
für  Ölkuchen  von  .  2806
Tägliche  Gesamteinnahme  14398
Täglicher  Überschuß  (ohne  Berechnung  der
Abschreibungen  usw.)  1138

Berechnet  man  sich  auf  Grund  dieser  beiden  Kostenanschläge ­
  den  prozentualen  Anteil  der  Rohmaterialkosten  an  den
Betriebsunkosten  und  setzt  damit  die  Zahlen  des  im  vorigen
Abschnitt  mitgeteilten  Pachtanschlages  in  Vergleich,  so  erhält ­
  man
1729  89%
um  1820  91%  und
um  1856  96%
sieht  also,  daß  sich  trotz  der  erhöhten  Ölausbeute  der  Einfluß
der  Rohmaterialpreise  auf  die  Rentabilität  des  Unternehmens
nicht  vermindert,  sondern  sogar  noch  etwas  vermehrt  hat.  Auf
die  Folgen,  welche  diese  Tatsache  für  die  Gestaltung  der  Betriebsform ­
  und  Größe  gehabt  hat,  komme  ich  noch  an  anderer
        <pb n="71" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.  73

Stelle  zu  sprechen,  hier  habe  ich  nunmehr  nach  einer  Erklärung
für  diese  Erscheinung  zu  suchen.
Zwei  Gründe  können  dabei  mitgewirkt  haben,  es  müssen
nämlich  entweder  die  Betriebskosten  bedeutend  herabgemindert,
oder  die  Rohmaterialpreise  müssen  mächtig  emporgeschnellt
sein.  Auf  Grund  der  drei  Anschläge  erhält  man  pro  100  kg  hergestellten ­
  Öles 16 ):

Rohmaterialkosten
1729  28,5  M.
um  1820  102,8  Frs.  =  82,24  „
„  1855  154,3  „  =123,44  „

Betriebsunkosten
3,6  M.
9,9  Frs.  =  7,92  „
5,8  „  =4,64  „

Man  erhält  somit  eine  ganz  bedeutende  Steigerung  der  Rohmaterialpreise, ­
  während  die  Betriebskosten  bis  ungefähr  1820
gestiegen  und  dann  wieder  gefallen  sind,  im  ganzen  sich  aber
doch  noch  vergrößert  haben.
Es  ist  nicht  Aufgabe  dieser  Abhandlung,  die  Gründe  für  die
Preissteigerung  der  Ölsaaten  festzustellen  —  diese  hing  mit  der
Steigerung  der  Bodenpreise,  der  bedeutend  vermehrten  Nachfrage ­
  nach  Ölsaaten  usw.  zusammen  —,  ich  wende  mich  daher
sofort  zur  Vergrößerung  der  Betriebsunkosten.  Diese  ist  nur
eine  scheinbare,  da  sie  eine  Folge  der  allgemeinen  Preissteigerung ­
  aller  Lebensbedürfnisse,  Löhne  usw.  am  Anfänge  des
19.  Jahrhunderts  ist.  Dies  wird  um  so  klarer,  wenn  man  bedenkt, ­
  daß  die  Betriebe,  deren  Verhältnisse  den  Angaben  des
Kostenanschlages  von  1820  zugrunde  liegen,  noch  ausnahmslos
mit  Keilpressen  ausgestattet  und  noch  nicht  mit  Dampfkraft  als
Betriebskraft  ausgerüstet  sind,  die  höheren  Betriebskosten  also
nur  durch  höhere  Löhne,  teurere  Preise  der  Reparaturen  usw.
verursacht  sein  können.  Für  eine  Feststellung  der  durch  die
Einführung  der  hydraulischen  Presse,  Dampfkraft  usw.  veränderten ­
  Betriebskosten  kann  man  daher  nur  die  Zahlen  von  1820
und  1856  heranziehen,  und  hier  hat  denn  auch  eine  Verminderung ­
  der  Betriebskosten  um  gut  40°/ o  stattgefunden.
Bei  meinen  Untersuchungen  über  die  Veränderung  der
Produktionskosten  der  Gesamtbetriebe  habe  ich  mich  bisher

le )  Ich  betone  nochmals  ausdrücklich,  daß  diese  Zahlen  nur  als  relativ
richtig  zu  gelten  haben,  da  ja  Rohmaterialkosten,  Löhne,  Kosten  für  Heizmaterial ­
  usw.  innerhalb  eines  einzigen  Jahres  Schwankungen  unterworfen
und  an  verschiedenen  Orten  verschieden  hoch  sind.
        <pb n="72" />
        74  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
darauf  beschränkt,  die  Veränderungen  in  den  reinen  Betriebsunkosten ­
  festzustellen,  habe  aber  die  Veränderungen  in  der  auf
die  Einheit  hergestellten  Fabrikates  entfallenden  Verzinsungsund ­
  Amortisationsquote  unberücksichtigt  gelassen.  Es  geschah
dies,  einerseits  weil  es  an  Zahlenmaterial  zur  einwandfreien
Berechnung  dieser  Quote  vollkommen  fehlt,  andererseits  weil
auch  die  Einbeziehung  der  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote ­
  an  dem  Endergebnis  nichts  wesentliches  geändert  haben
würde,  dasselbe  sogar  vielleicht  noch  günstiger  für  die  hydraulische ­
  Presse  ausgefallen  wäre 17 ).
17 )  Um  die  auf  100  kg  hergestellten  Öles  entfallende  Verzinsungsund ­
  Amortisationsquote  einwandfrei  feststellen  zu  können,  müßte  die
Höhe  des  umlaufenden  und  stehenden  Kapitals  der  einzelnen  Ölmühlen
bekannt  sein.
Bei  der  auf  Seite  42/43  näher  beschriebenen  Ölmühle  bildet  die
jährlich  zu  zahlende  Pacht  in  Höhe  von  588  %  Tlr.  für  den  Pächter  die
jährliche  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote.  Berechnen  wir  uns  nun
die  Höhe  des  prozentualen  Anteils  der  Rohmaterialkosten  an  den  gesamten
Produktionskosten  (also  einschließlich  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote), ­
  so  erhalten  wir  hier  65%;  die  auf  100  kg  hergestellten  Öles  ohne
Einrechnung  der  Rohmaterialkosten  entfallenden  Produktionskosten  belaufen
sich  nunmehr  auf  14,3  Mk.
Von  der  Seite  72  angeführten  Ölfabrik  wissen  wir  nur,  daß  die
Anschaffungskosten  des  maschinellen  Apparates  rund  120000  Frs.  betragen
haben  (vgl.  Försters  „Allgemeine  Bauzeitung“,  Jahrg.  1857,  S.  165  ff.  und
auch  S.  83/84  dieser  Arbeit).  Um  aber  auch  hier  eine  Berechnung  der
Verzinsungs-  und  Amortisationsquote  vornehmen  zu  können,  will  ich  versuchen, ­
  die  hier  fehlenden  Kapitalziffern  durch  Schätzung  (und  zwar  durch
absichtlich  hoch  gegriffene  Summen)  zu  ergänzen.  Das  gesamte  Kapital
dieser  Fabrik  dürfte  höchstens  350000  Frs.  betragen  haben,  von  denen
also  120000  Frs.  auf  die  maschinelle  Einrichtung  entfallen.  Von  dem  Reste
mögen  100000  Frs.  auf  Gebäude  fallen,  während  der  Rest  von  130000  Frs.  zum
Teil  in  Grund  und  Boden  investiert  sei,  zum  Teil  als  umlaufendes  Kapital
verwendet  werde.  Bei  einer  jährlichen  Arbeitszeit  von  250  Tagen,  einer
jährlichen  5%igen  Verzinsung  des  gesamten  Kapitals  und  einer  jährlichen
Amortisation  von  7%%  des  auf  die  maschinelle  Einrichtung  verwandten
Kapitals  und  von  2%  des  auf  Gebäude  verwandten  Kapitals  (diese  Amortisationsquoten ­
  sind  der  Praxis  entnommen)  ergibt  sich  dann  als  täglich
für  Verzinsung  und  Amortisation  aufzuwendende  Summe  114  Frs.  Berechnen ­
  wir  uns  nun  die  Höhe  des  prozentualen  Anteils  der  Rohmaterialkosten
an  den  gesamten  Produktionskosten,  so  erhalten  wir  hier  95,6%.  Die
auf  100  kg  hergestellten  Öles  ohne  Einrechnung  der  Rohmaterialkosten
entfallenden  Produktionskosten  belaufen  sich  nunmehr  auf  5,70  Mk.  Es
ergibt  sich  also  als  Resultat,  daß  unsere  oben  erhaltenen  Ergebnisse  nicht
nur  bestätigt,  sondern  sogar  noch  zu  Gunsten  der  modernen  Fabriken
ganz  bedeutend  verbessert  werden.
        <pb n="73" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.

75

Zu  demselben  Resultate  gelangt  man  aber  auch  noch  auf
andere  Weise.  Meine  Ansicht,  daß  sich  die  gesamten  Produktionskosten ­
  durch  Einführung  der  modernen  Technik  vermindert
haben,  wird  nämlich  bestätigt,  sowohl  durch  einen  Vergleich
der  jeweiligen  prozentualen  Anteile  der  Rohmaterialkosten  an
dem  für  das  aus  ihnen  gewonnene  Öl  bezahlten  Preis,  als  auch
durch  einen  Vergleich  der  Veränderungen  im  Einkaufspreis  der
Rohmaterialien  und  im  Verkaufspreis  der  Öle.
I.
Der  prozentuale  Anteil  der  Rohmaterialkosten  an  dem  Erlöse ­
  des  aus  der  Saat  gewonnenen  Öles  betrug:
1729  87,5  °/ 0
um  1806  75—85  °/ # 18 )
„  1820  85,7°/ 0 19 )
1853—60  durchschn.  107°/ o 20 )
1861—65  „  109,6°/ o 20 )  und
1866—70  „  123  °/ 0  20 )
II.

Jahr

Der  Einkaufspreis
der  Rapssaat  betrug
pro  100  kg:
M.

Prozentuale
Zunahme
%

Der  Verkaufspreis
des  Rüböles  betrug
pro  100  kg:
M.

Prozentuale
Zunahme
°/o

1729

ca.  7,6

ca.  26,2

1806

bis  zu  13,5

77,6

bis  zu  48

83,2

1853

durchschn.  28,68

112,4

durchschn.  68,16

42

1863

„  31,20

9

„  85,14

24,9

Als  Resultat  ergibt  sich  somit  einerseits  eine  bedeutende
Steigerung  des  prozentualen  Anteils  der  Rohmaterialkosten  an
dem  Erlöse  des  aus  ihnen  gewonnenen  Öles 21 )  und  andererseits
zwischen  1806  und  1853  eine  bedeutende  Zunahme  der  Rohmaterialpreise, ­
  dagegen  nur  ein  relativ  geringes  Wachsen  der
Ölpreise.
18 )  Berechnet  nach  Angaben  von  Krünitz,  1.  c.
19 )  Berechnet  nach  Angaben  in  Matthiae,  1.  c.
20 )  Berechnet  nach  Angaben  in  „Hamburgs  Handel  und  Schiffahrt“.
21 )  Übersteigen  die  Rohmaterialpreise  den  Erlös  aus  dem  aus  ihnen
gewonnenen  öl  (wie  dies  seit  1853  der  Fall  ist),  so  muß  der  Ölmüller
seine  Betriebskosten  und  seinen  Unternehmergewinn  in  dem  Erlös  aus  den
Ölkuchen  finden.
        <pb n="74" />
        76  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
Erklären  lassen  sich  diese  Tatsachen 22 )  nur  durch  eine  Verringerung ­
  sowohl  der  Produktionskosten  wie  auch  der  Gewinne
der  Ölmüller  pro  Einheit  hergestellten  Öles.  Keine  dieser  Erklärungen ­
  dürfte  für  sich  allein  hinreichend  sein,  dazu  sind  die
obigen  Differenzen  zu  groß 23 ),  sie  dürften  vielmehr  beide  zusammen ­
  diese  Erscheinung  hervorgerufen  haben.
Vergegenwärtigen  wir  uns  noch  einmal  kurz  die  Ergebnisse
der  Untersuchungen  über  die  Gestaltung  der  Produktionskosten
und  der  Ölpreise,  so  kommen  wir  zu  dem  Resultat,  daß  infolge
der  verbesserten  Technik  und  der  Einführung  der  Dampfkraft
die  Produktionskosten  pro  Einheit  hergestellten  Fabrikates  sich
vermindert  haben  und  gleichzeitig  auch  die  Ölpreise  relativ  gefallen ­
  sind.
Kehren  wir  noch  einmal  zum  Ausgangspunkte  der  letzten
Untersuchungen  zurück.  Durch  die  Einführung  der  hydraulischen ­
  Presse  war  es  gelungen,  die  Ölausbeute  bedeutend  zu
erhöhen,  man  erhielt  jetzt  bei  der  hauptsächlich  verarbeiteten
Rapssaat  im  günstigsten  Falle  bis  zu  41%  Öl.  Trotzdem  begnügten ­
  sich  die  meisten  mit  hydraulischen  Pressen  eingerichteten ­
  Ölmühlen  mit  einer  Ausbeute  von  36—38%  (gegen  früher
ein  Plus  von  3—5%).  Der  Grund  hierfür  bestand  darin,  daß
sich  bei  einer  größeren  Ölausbeute  die  Produktionskosten  derartig ­
  erhöhten,  daß  sie  meistens  nicht  mehr  rentabel  war.
Anfangs  hatte  man  sich  eingebildet,  durch  Vergrößerung
des  Preßdruckes  bei  zweimaligem  Pressen  obige  Ölausbeute
erreichen  zu  können,  aber  bald  stellte  sich  dies  als  ein  Irrtum
heraus.  Gerade  so  nämlich  wie  man  beim  Auspressen  von
Früchten,  Keltern  von  Trauben  usw.  diese  Substanzen  nach  Erreichung ­
  eines  gewissen  Druckes  erst  wieder  vorbereiten  muß,
ehe  man  weitere  Wirkung  durch  erhöhten  Preßdruck  erlangen
2a )  Schwankungen  größeren  Stils  in  den  Kuchenpreisen  kommen  erst
um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  auf,  ich  lasse  dieselben  daher  hier  noch
unberücksichtigt.
2a )  Um  sich  diese  Differenz  zu  veranschaulichen,  muß  man  sich  klar
machen,  daß,  33%  Ölausbeute  in  1806  und  36%  Ölausbeute  in  1853  angenommen, ­
  zur  Herstellung  von  100  kg  Öl  1806  ca.  300  kg,  1853  ca.
280  kg  Samen  notwendig  waren  und  demnach  bei  einer  Steigerung  der
Samenpreise  zwischen  1806  und  1853  um  15,18  Mk.  pro  100  kg  bei  gleichbleibenden ­
  Produktionskosten,  Kuchenpreisen  und  Gewinnen  die  Ölpreise
pro  100  kg  um  42,50  Mk.  hätten  steigen  müssen,  während  sie  tatsächlich
nur  von  48  auf  68,16  Mk.,  also  um  20,16  Mk.,  gewachsen  sind.
        <pb n="75" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Ölerzeugung.

77

kann,  ist  es  auch  bei  den  Ölsaaten.  Bei  in  dieser  Richtung  angestellten

  Versuchen  ergab  sich  folgendes 24 ):
3250  kg  Rapssaat  gaben  in  erster  Pressung  bei
ca.  4700  kg  Druck  an  Öl  .  .  889,07  kg
Die  Kuchen  wieder  vermahlen  und  erwärmt
gaben  in  zweiter  Pressung  bei  ca.  14000  kg
Druck  an  Öl  weitere  275,73  275,73  „
Man  erhielt  demnach  insgesamt  an  Öl  .  .  .  .  1164,80  „
oder  35,846%.

Benutzte  man  bei  der  zweiten  Pressung  den  enormen  Druck
von  200000  kg,  so  erhielt  man  insgesamt  36,980  °/ 0  Ausbeute,
trotz  des  viel  höheren  Druckes  also  nur  etwa  1  %  mehr  Öi.
Wurden  dagegen  die  Kuchen,  aus  welchen  man  bei  zweimaligem
Auspressen  35,846%  Öl  gewonnen  hatte,  nochmals  zerkleinert,
erwärmt  und  dann,  und  zwar  unter  einem  Druck  von.  200000  kg,
ausgepreßt,  so  erhielt  man  noch  etwa  4,91  %  Öl.  Unter  Anwendung ­
  eines  Preßdruckes  von  200000  kg  erhielt  man  somit
bei  zweimaligem  Pressen  36,980%  Ausbeute,  bei  dreimaligem
dagegen  40,756%.  Aus  diesem  Resultat  geht  deutlich  hervor,
daß  man  auch  aus  unter  hohem  Druck  ausgepreßter  Saat  durch
eine  dritte  Pressung  mit  demselben  Druck  noch  eine  gewisse
Menge  Öl  ausziehen  kann.  Da  dieses  Öl  aber  schlechterer  Qualität ­
  ist,  und  die  Gewinnungskosten  genau  die  gleichen  wie  bei
der  ersten  und  zweiten  Pressung  sind,  stellt  sich  eine  dritte
Pressung  in  den  meisten  Fällen  als  unwirtschaftlich  heraus.
Als  man  auf  Grund  derartiger  Versuche  einzusehen  begann,
daß  die  hydraulische  Presse  für  die  Gewinnung  alles  in  den
ölhaltigen  Sämereien  und  Früchten  enthaltenen  Öles  nicht  ausreichend ­
  sei,  versuchte  man  dieses  Ziel  auf  andere  Weise  zu
erreichen.  Man  ging  dabei  von  dem  Gedanken  aus,  die  nach
dem  Auspressen  in  den  Kuchen  verbleibenden  Ölreste  wie  überhaupt ­
  alles  in  den  Samen  enthaltene  Öl  durch  Verdrängung  mittels
anderer  Flüssigkeiten  auszubringen,  wie  dies  bereits  die  alten
Römer  durch  Kochen  der  ölreichen  Stoffe  mit  Wasser  versucht
hatten.  Wasser 25  26 )  und  wässerige  Salzlösungen  eigneten  sich  zu
diesem  Zwecke  allerdings  sehr  wenig,  weil  das  Wasser,  da  mit
24 )  Barth,  „Die  Einrichtung  und  der  Betrieb  der  Ölmühlen“.
Weimar  1862.
26 )  Vgl.  Hefter,  1.  c.  Bd.  I  S.  345.
        <pb n="76" />
        78  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
Öl  nicht  mischbar,  nur  schwer  in  die  fetten  Pflanzenzellen  eindringt. ­
  Anders  lag  die  Sache  bei  öl-  und  fettlösenden  Flüssigkeiten; ­
  läßt  man  diese  auf  zerkleinerten  Ölsamen  einwirken,  so
tritt  eine  Diffusion  ein,  und  die  Ölsaat  gibt  bei  genügend  langer
Berührung  und  mehrmaliger  Zuführung  neuer  Mengen  des
Lösungsmittels  ihren  Ölgehalt  schließlich  vollkommen  ab.
Dies  richtig  erkannt  und  als  erster  in  die  Praxis  umgesetzt
zu  haben,  ist  das  Verdienst  des  Franzosen  Deiss,  welchen  man
daher  als  den  Vater  des  Extraktionsverfahrens  bezeichnen  kann.
Er  erhielt  1856  ein  Patent  auf  „eine  Methode  der  Anwendung
eines  Apparates  zur  Extraktion  von  Ölen,  Fetten,  Schmalzarten
und  Harzen  aus  Knochen,  roher  Wolle,  Samen  und  anderen
Substanzen  mittels  Schwefelkohlenstoff,  Chloroform,  Äther,
flüchtigen  Ölen,  Benzin  oder  Benzol“.  Seine  Extraktionsanlage
bestand  aus  einem  Extraktor,  einem  Destillator  und  einem
Kondensator,  und  von  den  in  seinen  Patenten  aufgezählten  Lösemitteln ­
  benützte  er  den  Schwefelkohlenstoff,  welchen  er  für  das
geeignetste  Mittel  zur  Extraktion  hielt  und  selbst  im  Großen
fabrikmäßig  herstellte.  Die  gut  zerkleinerte  Ölsaat  wurde  in  den
Extraktor  gebracht  und  kam  dort  so  lange  mit  Schwefelkohlenstoff ­
  in  Berührung,  bis  alles  Öl  aus  der  Saat  verdrängt  war.  In
dem  Destillator  wurde  darauf  das  Öl  durch  direkten  und  indirekten ­
  Wasserdampf  von  dem  Lösemittel  befreit  und  letzteres
im  Kondensator  wieder  vom  Wasser  geschieden.  Die  Rückstände ­
  befreite  man  ebenfalls  durch  Einblasen  von  Wasserdampf ­
  von  den  Resten  des  Lösemittels.
Da  es  Deiss  mit  seinem  Verfahren  tatsächlich  gelang,  die
Rückstände  fast  vollständig  zu  entölen,  brachte  man  seinen  Versuchen ­
  bald  allgemeines  Interesse  entgegen,  und  es  entfaltete
sich  in  den  nächsten  Jahren  eine  äußerst  rege  Erfindertätigkeit
auf  diesem  Gebiete.  Im  großen  und  ganzen  brachten  aber  alle
Patente  nur  unwesentliche  Änderungen  der  Deiss’schen  Apparatur, ­
  und  allein  das  von  dem  Deutschen  Seyffarth  1857  empfohlene ­
  und  von  Heyl  1862  in  einer  Fabrik  in  Riesa  angewendete
Verfahren  unterschied  sich  in  wesentlichen  Punkten  von  dem
Deiss’schen.  Während  nämlich  Deiss  nach  dem  Prinzipe  der
Verdrängung  arbeitete,  d.  h.  dem  Ölsamen  in  jedem  einzelnen
Extraktor  so  lange  frischen  Schwefelkohlenstoff  zuführte,  bis
eine  vollständige  Entfettung  desselben  erzielt  war,  benutzte
Seyffarth  das  Prinzip  der  systematischen  Auslaugung,  bei  wel-
        <pb n="77" />
        2.  Die  Änderungen  in  der  Technik  der  Öierzeugung.  79

ehern  das  Lösungsmittel  der  Reihe  nach  eine  Reihe  von  Extraktoren ­
  durchläuft  und  sich  auf  diesem  Wege  systematisch  mit
Öl  anreichert,  so  daß  es  die  Extraktionsbatterie  vollkommen  mit
Öl  gesättigt  verläßt 26 ).
Obwohl  von  vielen  Fachleuten  bald  nach  der  Erfindung  des
Deiss’schen  und  Seyffarth’schen  Extraktionsverfahrens  ein  völliger ­
  Umschwung  in  der  Gewinnung  der  Öle  in  Aussicht  gestellt ­
  wurde,  konnte  die  Extraktionsmethöde  in  der  uns  hier
beschäftigenden  Zeitperiode  keine  größere  Verbreitung  finden,
das  Preßverfahren  blieb  vielmehr  auf  der  ganzen  Linie  siegreich. ­
  Die  Ursache  hierfür  lag  einerseits  in  der  Schwierigkeit,
Öl  und  Rückstände  vollkommen  von  den  Resten  des  Lösemittels
zu  befreien,  was  schwere  Verkäuflichkeit  und  niedrigere  Preise,
als  sie  für  die  Erzeugnisse  des  Preßverfahrens  gezahlt  wurden,
zur  Folge  hatte,  andererseits  in  dem  großen  Verlust  an  Lösemittel, ­
  welcher  die  Produktionskosten  sehr  in  die  Höhe  schraubte.
So  sah  sich  z.  B.  die  neugegründete  „Chemische  Ölfabrik  in
Dessau“  bald  gezwungen,  den  Betrieb  wieder  einzustellen,  weil
er  unrentabel  war.  Bornemann  macht  darüber  folgende  Angaben ­
 *  27 ):  „In  24  Tagen  wurden  4082,4  Pfund  rektifizierter
Schwefelkohlenstoff  erzeugt,  der  7571/2  Tlr.  kostete.  Ein  Pfund
Schwefelkohlenstoff  kostete  somit  (Anlagekapital  nicht  eingerechnet) ­
  3  Sgr.  8,75  Pf.  Die  Kosten  der  Entfettung  einer  Wispel
Saat  beliefen  sich  auf  130i/2Tlr„  wobei  ein  Verlust  von  128  Pfund
Schwefelkohlenstoff  stattfand.  Die  gewonnenen  900  Pfund  Öl
kosteten  somit  130i/2T!r.  und  einZentnerÖl  kam  auf  M^Tlr. 28 )
zu  stehen.  Der  Wert  der  Rückstände  ließ  sich  nicht  ermitteln,
da  sich  keine  Abnehmer  fanden.  Das  Verfahren  war  demnach
unrentabel.“
Ähnlich  lagen  die  Verhältnisse  trotz  der  vielen  theoretischen
Vorzüge  des  Extraktionsverfahrens  in  den  meisten  anderen  nach
dieser  Methode  arbeitenden  Fabriken.  Im  weiteren  Verlaufe
meiner  Untersuchungen  werde  ich  Gelegenheit  haben,  festzu2# ­

 )  Es  würde  an  dieser  Stelle  zu  weit  führen,  näher  auf  technische
Einzelheiten  der  verschiedenen  Extraktionsverfahren  einzugehen.  Zu  diesem
Zwecke  sei  auf  Bornemann,  „Die  fetten  Öle  des  Pflanzenreichs“  verwiesen,
der  die  Geschichte  der  Extraktion  eingehend  behandelt.
27 )  Bornemann,  1.  c.  Weimar  1889.
28 )  Der  Marktpreis  des  Pressrüböles  betrug  pro  Zentner  nach  einem
Durchschnitt  1860/70  39,78  Mk.
        <pb n="78" />
        80  II-  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

stellen,  ob  es  der  Technik  gelungen  ist,  die  dem  neuen  Verfahren ­
  noch  anhaftenden  Mängel  zu  beseitigen  und  demselben
allgemeineren  Eingang  in  die  Praxis  zu  verschaffen.

3.  Kapitel.
Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik  und  der  veränderten ­
  wirtschaftlichen  Zustände  auf  Betriebsformen
und  Betriebsgrößen.
Nachdem  ich  in  den  beiden  vorhergehenden  Kapiteln  die
durch  die  Einführung  der  Gewerbefreiheit  veränderten  wirtschaftlichen ­
  Zustände  sowie  die  sich  daran  anschließenden  Verbesserungen ­
  in  der  Technik  der  Ölmüllerei  geschildert  habe,
will  ich  in  diesem  Kapitel  dazu  übergehen  festzustellen,  wie  sich
infolge  der  Einwirkung  dieser  beiden  Faktoren  die  Betriebsgrößen ­
  und  -formen  der  Ölmühlen  verändert  haben.
Wir  haben  im  vorigen  Abschnitte  gesehen,  daß  die  Ölmüllerei ­
  der  verflossenen  Zeitperiode  zum  überwiegenden  Teile
in  der  Form  des  handwerksmäßigen  Kleinbetriebs  vollzogen
wurde.  Dies  änderte  sich  nach  Einführung  der  Gewerbefreiheit.
Infolge  der  gesteigerten  Nachfrage  nach  den  Erzeugnissen  der
Ölmüllerei  machte  sich  bei  den  Ölmüllern  das  Bestreben  nach
Vermehrung  der  Produktion  geltend.  Dem  angeborenen  Konservatismus ­
  der  meisten  Ölmüller  würde  es  nun  wohl  entsprochen
haben,  diese  Produktions  Vergrößerung  einfach  durch  Vermehrung ­
  der  Zahl  der  Pressen  und  Zerkleinerungsmaschinen  alten
Systems  zu  bewerkstelligen,  da  sie  naturgemäß  fast  alle  vor  der
höheren  Kapitalinvestitur  zurückschreckten,  wie  sie  mit  der  Einführung ­
  der  neuen  modernen  Maschinen  verbunden  war.  Diese
parallele  Vergrößerung  der  Betriebe  wurde  jedoch  durch  zwei
Momente  hintangehalten,  von  denen  das  eine  auf  wirtschaftlichem, ­
  das  andere  auf  technischem  Gebiete  lag.
Das  wirtschaftliche  Moment,  welches  die  Ölmüller  zur  Einführung ­
  der  verbesserten  Technik  drängte,  bildete  die  unter  den
einzelnen  Ölmühlen  im  Entstehen  begriffene  Konkurrenz.  Mit
der  Einführung  der  Gewerbefreiheit  war  die  bis  zu  diesem  Zeitpunkte ­
  unumschränkte  Beherrschung  des  lokalen  Marktes  durch
die  einzelnen  Ölmühlen  zwar  noch  nicht  vollkommen  aus  der
Welt  geschafft,  da  es  noch  an  dem  nötigen  Ausbau  der  Ver ­
        <pb n="79" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.  81

kehrswege  mangelte,  immerhin  machte  sich  aber  infolge  der
bedeutenden  Vermehrung  der  Ölmühlen  (vgl.  Kap.  1  dieses  Abschnittes) ­
  doch  bereits  eine  gewisse  Konkurrenz  geltend,  bei
welcher  die  durchweg  auf  einer  höheren  Stufe  technischer  Vollkommenheit ­
  stehenden  neuen  Mühlen  infolge  ihrer  geringeren
Produktionskosten  im  Vorteil  waren.  Allein  wäre  dieser  Grund
aber  in  den  ersten  Jahrzehnten  nach  Einführung  der  Gewerbefreiheit ­
  wohl  nicht  ausschlaggebend  gewesen,  da  sich,  wie  schon
angedeutet,  diese  Konkurrenz  wegen  der  schlechten  Transportverhältnisse ­
  noch  nicht  frei  entfalten  konnte,  es  kam  vielmehr
noch  ein  rein  technisches  Moment  hinzu.  Der  Vergrößerung  der
Betriebe  durch  Vermehrung  der  altherkömmlichen  Maschinen
widersetzte  sich  nämlich  häufig  die  nur  in  beschränktem  Maße
vorhandene  Betriebskraft;  Wind-  und  Wasserkraft  waren  gegebene ­
  Größen,  welche  sich  nicht  beliebig  vermehren  ließen,
sondern  gebieterisch  einen  Ersatz  der  alten  kraftverzehrenden
Maschinen  durch  neuere  mit  geringerem  Kraftanspruch  verlangten. ­
  Diesen  Anforderungen  entsprachen  nun  aber  die  neuen
Maschinen,  welche,  wie  wir  gesehen  haben,  nicht  nur  bedeutend
produktiver  als  die  alten  waren,  sondern  mit  dieser  vermehrten
Produktivität  auch  einen  verminderten  Kraftverbrauch  verbanden. ­
  Besonders  die  neuen  Zerkleinerungsmaschinen,  Ölgänge
und  Walzwerke,  verlangten  pro  Einheit  verarbeiteter  Saat  eine
bedeutend  niedrigere  Betriebskraft,  belief  sich  doch  bei  ihnen,
wie  ich  weiter  oben  näher  ausgeführt  habe,  die  Ersparnis  an
Betriebskraft  gegenüber  den  Stampfwerken  auf  ungefähr  35%.
Hierzu  kam  noch  hinzu,  daß  ihr  Anschaffungspreis  sich  nur
wenig  höher  als  der  der  Stampfwerke  stellte  und  ihre  Einführung ­
  in  den  Betrieb  sich  ohne  große  Umwälzungen  der
ganzen  Arbeitsweise  ermöglichen  ließ.
Wesentlich  anders  lagen  aber  die  Verhältnisse  bei  der  Einführung ­
  der  hydraulischen  Pressen.  Mit  ihrer  Inbetriebnahme
war  notwendigerweise  der  Übergang  zum  Fabrikbetrieb  verbunden. ­
  Um  dies  verstehen  zu  können,  müssen  wir  uns  etwas
näher  mit  der  Arbeitsweise  beschäftigen,  wie  diese  sich  in  Fabriken
mit  hydraulischen  Pressen  herausbildete.  Sollte  die  Arbeit  rationell ­
  betrieben  werden,  so  benötigte  man  in  einer  Ölmühle,
die  nur  eine  einzige  hydraulische  Presse  in  Betrieb  hatte,  für
diese  drei  Arbeiter,  nämlich  einen,  der  den  Wärmeofen  beaufsichtigte ­
  und  das  Samenmehl  in  die  Säcke  bzw.  Tücher  füllte,
Klaue,  Öimiillerei.  6
        <pb n="80" />
        82  H-  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
einen  zweiten,  welcher  die  Samenpakete  in  die  Presse  einlegte,
die  Presse  in  Gang  setzte  und  später  wieder  leerte,  und  endlich
einen  dritten,  welcher  die  Beutel  bzw.  Tücher  von  den  Ölkuchen ­
  abzog  und  letztere  verpackte.  Sollte  die  Arbeit  ohne
Aufenthalt  von  statten  gehen,  d.  h.  in  diesem  Falle  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Presse  nach  Möglichkeit  ausgenutzt  werden,  so
konnte  man  keinen  dieser  drei  Leute  entbehren,  da  z.  B.  die  Zeit
der  Pressung,  während  welcher  der  an  der  Presse  beschäftigte
Arbeiter  nichts  zu  tun  hatte,  nicht  lange  genug  dauerte,  daß
dieser  Arbeiter  inzwischen  die  Verrichtungen  eines  der  beiden
anderen  vollbringen  könnte.  Andererseits  wurde  aber  bei  Betrieb ­
  einer  Presse  die  Arbeitskraft  keines  der  drei  Arbeiter
voll  ausgenutzt.  Diese  reichte  vielmehr  zum  Betrieb  von  zwei
ja  sogar  drei  Personen  aus.  Auch  die  vorhandene  Betriebskraft
wurde  beim  Betriebe  nur  einer  Presse  nicht  ununterbrochen  verwendet, ­
  da  sie  ja  während  der  Zeit  des  Füllens  und  Leerens  der
Presse  nicht  benötigt  wurde.  Zu  einer  wirtschaftlichen  Gestaltung ­
  des  Betriebes  waren  demnach  mindestens  zwei  Pressen
nötig.  Bei  diesen  gestaltete  sich  die  Arbeitsweise  dann  so,  daß
die  zweite  Presse,  während  die  Pumpen  auf  die  erste  einwirkten, ­
  mit  Samenbeuteln  gefüllt  wurde,  dann  die  erste  Presse  abgestellt ­
  wurde,  und  die  Pumpen  auf  die  zweite  Presse  gerichtet
wurden;  auf  diese  wirkten  sie  dann  so  lange  ein,  bis  die  erste
Presse  entleert  und  wieder  gefüllt  war,  worauf  sich  die  Arbeit
in  umgekehrter  Reihenfolge  wiederholte.  Auf  diese  Weise  gelang ­
  es  ohne  Erhöhung  der  Betriebsunkosten,  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Mühle  zu  verdoppeln.
Immerhin  war  auch  hiermit  noch  nicht  der  höchste  Grad
der  Wirtschaftlichkeit  erreicht.  Ich  habe  im  vorigen  Kapitel  bereits ­
  darauf  hingewiesen,  daß  man  in  manchen  Ölmühlen  mit
eigenen  Vor-  und  Nachpressen  arbeitete.  Dies  brachte  mehrere
Vorteile  mit  sich,  bedeutete  aber  eine  weitere  Vergrößerung  des
Betriebes.  Da  das  Samenmehl  bei  der  ersten  Pressung  noch  alles
Öl  enthält,  geht  hier  die  Ölabgabe  beim  Pressen  viel  leichter  und
unter  geringerem  Drucke  vor  sich,  als  bei  der  zweiten  Pressung.
Man  kann  daher  hier  die  Kuchen  bedeutend  stärker  machen  als
beim  Nachschlag,  d.  h.  die  jedesmalige  Charge  der  Presse  kann
eine  größere  sein.  Diese  Erkenntnis  setzte  man  dadurch  in  die
Praxis  um,  daß  man  für  die  erste  Pressung  eigene  Pressen  baute,
welche  zwar  nur  einen  geringeren  Druck  als  die  Nachschlag-
        <pb n="81" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

83

pressen  aushalten  konnten,  dafür  aber  bei  jeder  Pressung  eine
gut  doppelt  so  große  Samenmenge  verarbeiteten.  Auf  konstruktive ­
  Einzelheiten  einzugehen  hat  an  dieser  Stelle  keinen  Wert,  es
genügt  vielmehr  für  uns  die  Tatsache,  daß  sich  bald  eigene  Systeme ­
  von  Vor-  und  auch  Nachpressen  herausbildeten,  welche,
auf  den  speziellen  Anforderungen  des  Vor-  und  Nachschlags  beruhend, ­
  zu  jener  Zeit  besser  arbeiteten,  als  die  sowohl  dem  Vorwie
  auch  Nachschlag  dienenden  Pressen  und  sich  aus  diesem
Grunde  in  sehr  vielen  Fabriken,  namentlich  der  Rheinprovinz 1 ),
einführten.  Wie  oben  angedeutet,  war  aber  mit  ihrer  Einführung
eine  weitere  Vergrößerung  des  Betriebes  bedingt,  da  ja  eine
Vorpresse  reichlich  das  Doppelte  einer  Nachpresse  leistete,  und
somit  zu  jeder  Vorpresse  mindestens  zwei  Nachpressen  gehörten.
Glaube  ich  somit  den  Nachweis  erbracht  zu  haben,  daß  mit
der  Einführung  der  hydraulischen  Pressen  eine  bedeutende  Vergrößerung ­
  des  Betriebes  notwendig  verbunden  war,  —  ich  werde
weiter  unten  noch  Gelegenheit  haben,  diese  Tatsache  auch  durch
Angabe  der  Produktionsziffern  einiger  Mühlen  der  damaligen
Zeit  zu  erhärten 1  2 )  -—,  so  entsteht  nunmehr  die  Frage,  welche
Folgen  eine  derartige  Betriebsvergrößerung  für  die  Ölmüller
haben  mußte,  bzw.  welche  Voraussetzungen  erst  erfüllt  sein
mußten,  damit  sie  überhaupt  möglich  und  wirtschaftlich  durchführbar ­
  war.
Zuerst  muß  man  sich  da  mit  den  Kosten  der  Neueinrichtung ­
  einer  Ölmühle  beschäftigen,  da  es  natürlich  für  den  Ölmüller ­
  Vorbedingung  war,  daß  seine  Kapitalkraft  bzw.  sein  Kredit ­
  zu  derartigen  Neuanschaffungen  ausreichte.  Ich  habe  bereits
im  vorigen  Kapitel  im  einzelnen  auf  die  bedeutenden  Preisunterschiede ­
  zwischen  den  alten  und  neuen  Maschinen  hingewiesen, ­
  zum  besseren  Verständnis  lasse  ich  hier  den  Kostenanschlag ­
  einer  französischen  Ölfabrik  aus  den  fünfziger  Jahren
folgen,  welche  mit  einem  Quetschwalzwerk,  zwei  Ölgängen,
acht  Samenwärmern,  zwei  doppelten  Vor-  und  vier  doppelten

1 )  Derartig  besonders  konstruierte  Vor-  und  Nachpressen  wurden
zuerst  in  der  um  1840  größten  deutschen  Ölfabrik  von  H.  Thywissen  in
Neuß  benutzt  und  verbreiteten  sich  von  da  aus  über  die  ganze  Rheinprovinz. ­
  Bekannt  waren  sie  später  unter  dem  Namen  Faßbender'sche
Vor-  und  Nachpressen,  so  benannt  nach  der  Fabrik,  in  welcher  sie  gebaut
wurden.
2 )  Vgl.  auch  die  S.  68/69  gemachten  Angaben.

6*
        <pb n="82" />
        84  H.  Die  "Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Nachpressen  arbeitete,  und  damit  täglich  ca.  5—6000  kg  Rüböl
gewann  3 ):
Frs.
1.  Eine  Mitteldruckdampfmaschine  von  ca.  40P.S.
mit  2  Generatoren,  die  eine  Verdampfungskraft ­
  von  60—65  qm  Heizoberfläche  haben  38000—40000
2.  Zwei  Ölgänge  mit  dem  nötigen  Zubehör  .  .  10000—11000
3.  Ein  Quetschwalzwerk  mit  Vorgelege,  Ausrücker, ­

  Aufschütter  usw  2500—  2800
4.  8  Samenwärmer,  von  denen  ein  Teil  mit  freiem
Feuer,  ein  Teil  mit  Dampf  geheizt  wird.
Jeder  500  Frs  4000
5.  6  horizontale  Doppelpressen,  von  denen  zwei
zur  Vor-,  vier  zur  Nacharbeit  dienen,  ca.  .  .  24000
6.  drei  Injektionströge,  von  denen  jeder  zwei
doppelten  und  gekuppelten  Pressen  entspricht  7000—7500

7.  Die  gesamte  Transmission  11000—11100
8.  Das  gesamte  Röhrenwerk  für  Pressen,  Pumpen,
Wärmeöfen  usw  ca.  5000—5500
9.  Ein  Sackaufzug  (inkl.  Transmission)  zum
Transport  der  Saat  in  die  Magazine  ...  375
10.  Nebenapparate  wie  Putzmühlen,  Ölpumpen  usw.
ca.  600—800
Summe  Frs.  102475—107075
Für  eine  Reinigungsanlage  für  das  gewonnene  Öl  war  eine
weitere  Aufwendung  von  ungefähr  14—15000  Frs.  nötig,  so  daß
sich  die  Anschaffungs-  und  Montierungskosten  des  maschinellen
Apparates  einer  derartigen  Anlage  auf  ungefähr  120000  Frs.  mit
Dampfmaschine  und  70—80000  Frs.  ohne  Dampfmaschine  stellte.
Hat  man  es  bei  dem  hier  angeführten  Kostenanschläge  auch
mit  einem  für  damalige  Verhältnisse  sehr  bedeutenden  Unternehmen ­
  zu  tun,  so  geht  doch  aus  demselben  zur  Genüge  hervor,
daß  schon  zur  Anlage  kleinerer  Ölmühlen  große  Kapitalien  Vorbedingung ­
  waren.  Dies  wird  noch  klarer,  wenn  man  in  Betracht
zieht,  daß  bei  obigem  Anschläge  die  Grundstücks-  und  Gebäudekosten ­
  nicht  mit  in  Ansatz  gebracht  worden  sind.  Auch  sind  in
der  Kostenberechnung  die  Anschaffungspreise  der  6  Doppel-*)

  Vgl.  Försters  „Allgemeine  Bauzeitung“,  Jahrg.  1857,  S.  165  ff.
        <pb n="83" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

85

pressen  einschließlich  Pumpen  mit  ca.  31  000  Frs.  so  niedrig  angenommen, ­
  daß  man  sie  in  Deutschland  —  wenigstens  in  den
zwanziger  und  dreißiger  Jahren  —  zu  diesem  Preise  wohl
schwerlich  bekommen  konnte 4 ).
Die  mit  modernen  Maschinen  ausgerüsteten  Ölmühlen  benötigten ­
  jedoch  nicht  nur  ein  größeres  stehendes  Kapital  als  die
alten  Ölmühlen,  auch  das  umlaufende  Kapital  stieg  natürlich  mit
der  Vergrößerung  der  Leistungsfähigkeit  der  Betriebe,  weil  bedeutend ­
  größere  Saatvorräte  als  früher  gehalten  werden  mußten.
Standen  in  einem  Betriebe  größere  flüssige  Kapitalien  zur  Verfügung, ­
  so  konnte  derselbe  daraus  unter  Umständen  große  Vorteile
ziehen.  Ich  habe  bereits  im  vorigen  Abschnitte  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  häufigen  Schwankungen  in  den  Rohmaterialpreisen ­
  infolge  des  hohen  Anteils  der  Rohmaterialkosten  an
den  gesamten  Betriebskosten  auch  große  Schwankungen  in  der
Höhe  der  Ölpreise  verursachten.  Wie  wir  des  weiteren  bei  unseren
Untersuchungen  über  die  Gestaltung  der  Produktionskosten  nach
Einführung  der  neuen  Technik  gesehen  haben,  hatte  sich  die  Hoffnung ­
  der  Ölmüller  auf  eine  Herabminderung  dieses  Einflusses
der  Rohmaterialpreise  auf  die  Ölpreise  durch  die  Erhöhung  der
Ölausbeute  nicht  erfüllt,  es  war  sogar  dieser  Einfluß  noch  gestiegen. ­
  Für  den  kapitalkräftigen  Ölmüller  entstand  aus  dieser
Tatsache  seinem  kapitalschwächeren  Konkurrenten  gegenüber
der  Vorteil,  daß  er  durch  geschicktes  Anpassen  an  die  jeweilige
Konjunktur  (vergl.  S.  44)  häufig  größere  Spekulationsgewinne
erzielen  konnte,  während  dies  den  kleinen  kapitalschwachen  Ölmüllern, ­
  auch  wenn  sie  die  Geschäftslage  richtig  erkannten,
meistens  wegen  ihres  Mangels  an  flüssigen  Kapitalien  nicht
möglich  war.
Nicht  genug  mit  dieser  Inanspruchnahme  ihrer  Kapitalkraft
traten  bald  weitere  Forderungen  an  die  Ölmühlenbesitzer  heran.
In  vielen  Fällen  stellte  es  sich  nämlich  heraus,  daß  die  Einführung ­
  der  Dampfkraft  in  den  Betrieb  unumgänglich  nötig  war,  da
die  vorhandenen  Naturkräfte  den  gesteigerten  Kraftansprüchen,
wie  sie  eine  Folge  der  bedeutenden  Vergrößerungen  der  Betriebe ­
  waren,  nicht  mehr  genügen  konnten.  Aber  auch  wo  dies
4 )  Scholl,  einer  der  besten  Kenner  der  Ölmüllerei  seiner  Zeit,  gibt
in  seinem  bekannten  Werke  1844  die  Kosten  einer  Pressenanlage  von  einer
vertikalen  Vor-  und  vier  horizontalen  Nachpressen  einschl.  Pumpen  auf
ca.  7500  Tlr.  an.
        <pb n="84" />
        86  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

nicht  der  Fall  war,  kam  man  bald  zu  der  Einsicht,  daß  mit  der
Einführung  der  Dampfkraft  bedeutende  Vorteile  sowohl  wirtschaftlicher ­
  wie  auch  technischer  Natur  verbunden  waren.  In
erster  Linie  spielte  da  die  Unzuverlässigkeit  der  Wind-  und
Wasserkraft  eine  große  Rolle 5 ).  Nicht  immer  zu  allen  Tagesund ­
  Jahreszeiten  und  in  allen  Gegenden  weht  der  Wind  gleich
stark,  und  auch  der  Wasserbetrieb  leidet  an  häufigen  Störungen.
Oft  reißt  im  Frühjahr  plötzlich  hereinbrechendes  Hochwasser
das  Wehr  hinweg  und  beschädigt  die  Gerinne  und  Wasserräder,
im  Sommer  und  Herbst  herrscht  oft  infolge  Trockenheit  Wassermangel, ­
  und  im  Winter  endlich  ist  das  Eis  gefährlich,  welches
häufig  den  Zufluß  zum  Wasserrade  verstopft  und  auf  diese  und
andere  Weise  den  Betrieb  lahmlegt.  All  diese  Hindernisse  fallen
bei  der  Dampfmaschine  fort;  sie  ist  jederzeit  betriebsbereit,
arbeitet  regelmäßig  ohne  Unterbrechungen  und  setzt  den  Ölmühlenbesitzer ­
  auch  noch  in  den  Stand,  seine  Ölmühle  an  jeder
beliebigen  Stelle  zu  errichten.
Speziell  für  die  Ölmühlen  kommen  zu  diesen  allgemeinen
Vorteilen  der  Dampfkraft  noch  einige  besondere.  Bekanntlich
erwärmt  man  das  Samenmehl  beim  Nachschlag  und  vielfach
auch  schon  beim  Vorschlag,  um  die  Ölabgabe  zu  erleichtern.
Diese  Erwärmung  geschah  ursprünglich  in  Pfannen  über  freiem
Feuer,  was,  wie  an  anderer  Stelle  erörtert,  vielfache  Nachteile
für  die  Qualität  der  Öle  mit  sich  brachte;  aus  diesem  Grunde
ging  man  im  Laufe  der  Zeit  zur  indirekten  Erwärmung  der
Saat  über,  und  zwar  zuerst  über  siedendem  Wasser  und  später
zur  Erwärmung  durch  Dampf,  bei  welchem  ein  Anbrennen  des
Samenmehles  ausgeschlossen  war.  Hier  brachte  nun  die  Dampfmaschine ­
  eine  Verbilligung  des  Betriebes  mit  sich,  insofern,  als
man  bei  Hochdruckdampfmaschinen  die  Samenwärmer  mit  dem
Abdampf  der  Dampfmaschinen  heizen  konnte,  bei  Niederdruckdampfmaschinen, ­
  bei  welchen  der  Abdampf  nicht  mehr  zur  Erwärmung ­
  der  Saat  ausreichte,  den  Dampf  einfach  aus  dem  Dampfkessel ­
  der  Dampfmaschine  entnehmen  konnte,  während  früher
ein  eigener  kleiner  Dampfkessel  nötig  gewesen  war.
Mit  der  erhöhten  Produktivität  der  einzelnen  Maschinen
und  der  Vergrößerung  der  Ölmühlen  überhaupt,  nahm  natür-8

 )  Menschen-  und  Tierkraft  kommen  wegen  ihrer  Unzulänglichkeit
und  wegen  ihres  teuren  Preises  überhaupt  nicht  mehr  in  Frage.
        <pb n="85" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

87

lieh  auch  trotz  der  erhöhten  Ölausbeute  der  Verbrauch  an  Rohmaterial ­
  zu.  Wie  bedeutend  diese  Zunahme  war,  ersehen  wir
bei  einem  Vergleiche  des  Rohmaterialbedarfs  der  einzelnen  Ölmühlen ­
  früherer  und  jetziger  Zeit.  Wir  haben  im  vorigen  Abschnitte ­
  gesehen,  daß  die  Roßölmühlen  durchschnittlich  ca.  200  kg
Saat  täglich  (in  12—18  Stunden)  verarbeiteten,  und  daß  der  Bedarf ­
  großer  Wassermühlen  mit  8—10  Stampferpaaren  sich  auf
ca.  300—350  kg  bei  einer  täglichen  Arbeitszeit  von  12  bis
16  Stunden  belief.  Aus  der  uns  hier  interessierenden  Zeit  wird
uns  dagegen  berichtet 6 ),  daß  die  in  Ölmühlen  mit  2  hydraulischen ­
  Pressen  in  12  Stunden  verarbeitete  Saatmenge  ungefähr ­
  700—1000  kg  betrug  und  in  den  großen  Ölmühlen
mit  5—7  Pressen  auf  3500—6000  kg  anwuchs.  Auch  arbeiteten
diese  Fabriken  in  der  Kampagnezeit  meistens  Tag  und  Nacht,
so  daß  sich  also  der  tägliche  Bedarf  noch  verdoppelte.  Bei  einer
derartigen  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  Mühlen  konnte  natürlich ­
  der  Absatz  nicht  mehr  auf  den  lokalen  Markt  beschränkt
bleiben,  sondern  er  mußte  sich  weiter  ausdehnen.  Voraussetzung ­
  hierfür,  sowie  für  die  Beschaffung  der  Rohmaterialien
waren  aber  neben  einer  günstigen  Lage  vor  allem  gute  Transportmittel ­
  und  -wege.
So  haben  wir  also,  um  es  noch  einmal  zusammenzufassen,
drei  Vorbedingungen 7 ),  welche  erst  erfüllt  sein  müssen,  ehe
sich  die  hydraulische  Presse  und  mit  ihr  der  Fabrikbetrieb  allgemein ­
  durchsetzen  können,  nämlich  die  Kapitalkraft  der  Ölmüller ­
  muß  bedeutend  gestiegen  sein,  bzw.  das  Anlage  suchende
Kapital  muß  für  unser  Gewerbe  interessiert  werden,  die  Dampfmaschine ­
  muß  so  verbessert  und  verbilligt  sein,  daß  sie  für  die
Ölmühle  rentabel  wird,  und  endlich  muß  der  Verkehr  so  vervollkommnet ­
  sein,  daß  die  Ölfabriken  sich  bequem  mit  genügendem
Rohmaterial  versorgen  können  und  ihre  mit  modernen  Maschinen
hergestellten  billigeren  und  besseren  Erzeugnisse  auch  auf  größere
Entfernungen  noch  konkurrenzfähig  bleiben.

6 )  Vgl.  Scholl,  I.  c.  und  Rühlmann,  „Allgemeine  Maschinenlehre“.
Braunschweig  1865  und  1876.  Bd.  II,  1.  und  2.  Auflage.
7 )  Eine  weitere  Vorbedingung  bildete  natürlich  das  Vorhandensein
genügender  Absatzmöglichkeiten.  Diese  waren  aber,  wie  ich  ja  im  ersten
Kapitel  dieses  Abschnittes  ausgeführt  habe,  bereits  vorhanden,  auch  Gelegenheit ­
  zum  Massenabsatz  bot  sich  namentlich  in  den  Industriegegenden
in  genügendem  Maße.
        <pb n="86" />
        88  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Natürlich  ist  es  nicht  möglich,  ein  bestimmtes  Jahr  anzugeben, ­
  in  dem  diese  Vorbedingungen  insgesamt  erfüllt  waren,
dies  wird  vielmehr  in  einigen  wirtschaftlich  günstig  gelegenen
Landesteilen  früher,  in  anderen  wieder  später  der  Fall  gewesen
sein.  Allgemein  kann  man  jedoch  annehmen,  daß  Mitte  der
fünfziger  Jahre  die  Entwicklung  so  weit  fortgeschritten  war,  daß
nunmehr  auch  in  der  Ölmüllerei  der  Sieg  des  Fabriksystems
entschieden  war.
Durch  einige  Daten  sei  diese  Ansicht  kurz  erläutert:  Infolge
des  allgemeinen  Wirtschaftsaufschwunges,  welchen  Preußen
durch  das  Zusammentreffen  verschiedener  günstiger  Momente
genommen  hatte  —  es  sei  hier  nur  auf  die  sich  erst  nach  1830
allgemeiner  bemerkbar  machenden  günstigen  Einwirkungen  der
Einführung  der  Gewerbefreiheit,  auf  die  Gründung  des  Zollvereins, ­
  die  Ausdehnung  der  sibirischen  Goldproduktion  in  den
dreißiger  und  vierziger  Jahren  und  die  Erschließung  der  neuen
großen  Goldlager  in  Kalifornien  und  Australien  1848  und  1851
hingewiesen  —,  war  die  Interessierung  größerer  Kapitalien  für
die  verschiedenen  Gewerbe  in  den  vierziger  und  fünfziger  Jahren
mit  immer  geringeren  Schwierigkeiten  verbunden.
Der  Verkehr  hatte  durch  die  Einführung  der  Dampfkraft  als
Fortbewegungsmittel  einen  ungeahnten  Aufschwung  genommen.
Obwohl  erst  im  Jahre  1835  zwischen  Nürnberg  und  Fürth  die
erste  deutsche  Eisenbahn  in  einer  Länge  von  6  km  eröffnet  war,
betrug  1850  das  Schienennetz  bereits  6044  km  und  1860  11088  km;
die  mit  der  Eisenbahn  beförderte  Gütermenge  wuchs  von
19603272  tkm  in  1844  auf  189604528  tkm  in  1850  und
925993451  tkm  in  1860 8 ).  Die  Verbilligung  der  Frachten,  welche
die  Einführung  der  Eisenbahn  mit  sich  brachte,  geht  aus  folgenden ­
  Zusammenstellungen  hervor 9 ):  In  Preußen  betrugen  die
Frachtkosten  für  Steinkohle  pro  Zentner  und  Meile
M.
Vor  der  Eröffnung  der  Eisenbahn  im  Jahre  1836  .  .0,15
Nach  der  Eröffnung  der  Eisenbahn  bis  zum  Jahre  1848  0,042

Im  Jahr  1853  0,031
Im  Jahr  1858  0,0187
Im  Jahr  1863  0,0083

®)  Engel,  „Das  Zeitalter  des  Dampfes“.  Berlin  1880.  S.  160.
•)  Engel,  1.  c.  S.  157.
        <pb n="87" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

89

Im  Königreich  Sachsen  betrugen  die  Frachtsätze  pro  Tonne
und  Kilometer:
Pf.
Vor  der  Eröffnung  der  Eisenbahn 10 )  .  .  33,3—66,6

Nach  der  Eröffnung  der  Eisenbahn  1839  17,58
1845  .  .  .  15,14
1850  12,60
1855  11,10
1860  10,07
1865  8,02

Auch  sonst  wurden  alle  Verkehrsmöglichkeiten  weiter  ausgebildet. ­
  Bedeutende  Aufwendungen  wurden  sowohl  für  die  Verbesserung ­
  der  natürlichen  wie  auch  für  die  Herstellung  künstlicher ­
  Wasserstraßen  gemacht.  Hierher  gehören  die  Regulierung
des  Rheins  und  der  Oder,  die  Schiffbarmachung  der  Saale,  der
Lippe  und  der  Havel,  die  Verbesserung  des  Klodnitz-Kanals
usw. 11 ).  Ebenso  zeigte  der  Straßenbau  rasche  Fortschritte.  Noch
im  Jahr  1832  besaß  der.  preußische  Staat  nicht  mehr  als  etwa
1400  Meilen  Kunststraßen,  1849  1660  Meilen,  1855  1767i/ 2  Meilen,
und  1859  waren  es  an  Staats-  und  Privatstraßen  bereits  gegen
3400  Meilen  oder  1,93  Meilen  auf  eine  Quadratmeile 12 ).
Zum  Schluß  noch  einige  Daten  über  die  Entwicklung  des
Dampfmaschinenbaues.  Die  allgemeinere  Einführung  der  Dampfmaschine ­
  als  Betriebskraft  in  Deutschland  hängt  sehr  eng  zusammen ­
  einmal  mit  der  bedeutenden  Verbilligung  der  Frachten
(siehe  die  obigen  Tabellen),  durch  die  die  Betriebskosten  herabgemindert ­
  wurden,  andererseits  mit  dem  Entstehen  und  Emporblühen ­
  der  deutschen  Maschinenindustrie,  wodurch  der  Anschaffungspreis ­
  der  Dampf-  und  Arbeitsmaschinen  verbilligt
wurde.  Dieses  Wachstum  der  deutschen  Maschinenindustrie
war  jedoch  erst  möglich,  nachdem  man  in  den  deutschen  Hochofenwerken ­
  allgemein  zum  Ersatz  der  Holzkohle  durch  die  Steinkohle ­
  übergegangen  war  und  damit  den  Herstellungspreis  des
Roheisens  verringert  hatte 13 ).  Dies  geschah  erst  Ende  der  vierziger ­
  Jahre.  Zwar  war  schon  1796  der  erste  deutsche  Stein10 ­
 )  Gemeint  ist  die  Bahnlinie  Leipzig—Riesa—Dresden.
“)  Mohr,  1.  c.  S.  35.
*“)  Mohr,  1.  c.  S.  34,  Weber,  „Historisch-Statistisches  Jahrbuch  über
die  Jahre  1830/31“.  S.  247,  Reden,  „Gewerbe-und  Verkehrsstatistik“.  S.  401.
        <pb n="88" />
        90  H.  D*e  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

kohlenhochofen  in  Betrieb  gesetzt,  aber  noch  1847  wurden  von
den  227  preußischen  Hochöfen  195  mit  Holzkohle  betrieben,  und
erst  von  diesem  Zeitpunkte  an  ging  man  zu  einer  allgemeineren
Verwendung  der  Steinkohle  über.  Die  Zunahme  der  deutschen
Roheisenproduktion  und  die  vermehrte  Verwendung  der  Dampfkraft ­
  als  Betriebskraft  veranschaulichen  die  folgenden  drei  Tabellen ­
  u ):

Roheisenproduktion  Preußens

in  Mill.

1829

46,5

1833

60,0

1838

67,0

1843

76,2

1847

103,25

Roheisenproduktion  des  deutschen  Zollvereins  in  Mill.  kg.

1850

208,0

1855

306,0

1860

529,0

1865

988,0

1869

1413,0

In  Preußen  in  Betrieb  befindliche  Dampfmaschinen  für  gewerbliche ­
  und  landwirtschaftliche  Zwecke  (ohne  Lokomotiven

und  Dampfschiffe):

Zahl  der  Maschinen

Zahl  der  PS.

1837

419

7355

1840

615

11712

1843

862

16496

1846

1139

21716

1849

1445

29482

1852

2124

43049

1855

3049

61945

1858

5187

112955

1861

7000

142658

1875

28783

632067

ls )  Vgl.  Schuchardt,

„Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  technischen

  Entwicklung  der  deutschen  Zuckerindustrie“.  Leipzig  1908.  S.  44.
14 )  Die  beiden  ersten  Tabellen  sind  entnommen  dem  Handwörterbuch

der  Staatswissenschaften,  Bd.  III,  die  dritte:  Engel,  1.  c.  S.  151.
        <pb n="89" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

91

Als  Beleg  für  meine  oben  ausgesprochene  Ansicht  mögen
diese  Angaben  genügen,  und  ich  kann  nunmehr  zu  einer  Würdigung ­
  des  über  die  Vergrößerung  der  Betriebe  der  Ölmühlen
vorliegenden  statistischen  Materials  übergehen.  Leider  ist  dies
Material  nur  sehr  gering,  da  vor  1875  über  die  Größe  der  einzelnen ­
  Betriebe  keinerlei  Aufnahmen  stattfanden.  Um  daher  das
amtliche  Material  etwas  zu  erweitern,  habe  ich  die  Angaben  der
verschiedenen  privaten  statistischen  Arbeiten  über  die  Vergrößerung ­
  und  Verbesserung  der  Ölmühlen  gesammelt  und  lasse  dieselben ­
  hier  folgen:
Weber  schreibt  in  einer  Veröffentlichung  betitelt  „Blicke
in  die  Zeit“ 15 )  1830:  „Die  Ölbereitung  und  -raffinierung  hat
in  neuerer  Zeit  durch  Verbesserung  der  Ölmühlen  (mit  EinrichtungaufWalzenstattderStampfen)
  und  durch  Verbreitung ­
  der  Lampenbeleuchtung  auch  auf  dem  Lande  überall
sehr  zugenommen.“  Hier  ist  also  wohl  von  den  Verbesserungen
der  Zerkleinerungsmaschinen  die  Rede,  die  hydraulischen  Pressen ­
  werden  aber  noch  nicht  erwähnt.  Dies  geschieht  erst  in
einer  einige  Jahre  später  erschienenen  Arbeit  desselben  Schriftstellers ­
 16 ),  in  der  mitgeteilt  wird,  daß  die  Ölbereitung  „in  den
letzten  zwei  Jahren  durch  neue  mechanische  Erfindungen  sehr
vervollkommnet  sei“  und  dann  eine  Ölmühle  in  Wallisfurth  in
Schlesien  als  Beispiel  angeführt  wird,  welche  mit  einer  Dampfmaschine ­
  und  mehreren  hydraulischen  Pressen  ausgestattet  ist.
„Diese  Ölfabrik  verarbeitet  täglich  120  preußische  Scheffel
(ca.  4450  kg)  Raps,  und  jede  Presse  liefert  in  14  Tagen
700  Zentner  Ölkuchen,  die  5%  weniger  Öl  enthalten  als  mit
alten  Pressen  hergestellte  Kuchen.“
Der  bekannte  Statistiker  Viebahn  schreibt  1836  über  die
Ölmüllerei  in  Neuß  (Reg.-Bez.  Düsseldorf) 17 ):  „In  Neuß  werden
auf  den  kürzlich  verbesserten  fünf  Ölmühlen  jährlich  ca.  100000
Scheffel  Ölsamen  (ca.  3700000  kg)  verarbeitet.  Eine  unter  diesen
Mühlen,  die  Ölfabrik  von  Thywissen  &amp;amp;  Sohn,  zeichnet  sich  durch
eine  neue  hydraulische  Einrichtung  und  Dampfmaschine  aus  und
kann  bei  voller  Beschäftigung  wöchentlich  170  Ohm  Öl  liefern.“

«)  Berlin  u.  Stettin  1830.  S.  31.
18 )  „Historisch-statistisches  Jahrbuch  über  die  Jahre  1834/35".  Breslau ­
  1837.  S.  67.
17 )  „Statistik  des  Reg.-Bez.  Düsseldorf“.  Düsseldorf  1836.  Bd.  I,  S.  148.
        <pb n="90" />
        Q2  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

In  seiner  „geschichtlichen  Darstellung  des  Handels, ­
  der  Gewerbe  und  des  Ackerbaues“  macht  Gülich
1844  über  die  Ölfabrikation  folgende  Bemerkungen 18 ):  „Die  Ölmüllerei ­
  wurde  früher  meist  nur  als  Nebenzweig  der  Mehlbereitung,
  selten  für  sich  und  in  größerem  Umfange,  betrieben.  Mit
dem  Fortschreiten  der  Industrie  und  der  durch  die  Erweiterung
der  Tuchmanufaktur  und  anderer  viel  Öl  gebrauchender  Gewerbe
entstehenden  größeren  Konsumption  dieses  Artikels  aber  vermehrte ­
  sich  die  Produktion  dieses  Artikels  gar  sehr  und  wurde
mancher  Orten  zum  fabrikmäßigen  Betriebe,  kam  in  größerer
Ausdehnung  namentlich  in  mehreren  Gegenden  Preußens,  nicht
nur  in  den  östlichen  Provinzen,  sondern  ganz  vornehmlich  im
Rheinland  und  Westfalen  auf  und  wurde  mehrfach  mit  nicht  geringen ­
  Fonds  betrieben.“
Aus  den  Angaben  der  bisher  angeführten  Statistiker  geht
zwar  einerseits  die  mit  der  Einführung  der  hydraulischen  Presse
verbundene  Vergrößerung  der  Betriebe  klar  hervor,  andererseits
kann  man  aus  der  Art  ihrer  Mitteilungen  aber  auch  deutlich  entnehmen, ­
  daß  mit  hydraulischen  Pressen  und  Dampfbetrieb  ausgestattete ­
  Mühlen  immer  noch  in  verhältnismäßig  geringer  Zahl
vorhanden  waren.  Eine  deutliche  Veränderung  in  dieser  Richtung ­
  zeigt  das  1854  erschienene  Buch  Redens  über  die  „Erwerbs-undVerkehrsstatistik
  des  Königstaats  Preußen“. ­
  In  demselben  heißt  es  über  die  Ölmüllerei  Schlesiens 19 ):
„In  dem  ersten  Viertel  des  Jahrhunderts  war  in  Schlesien  sowohl ­
  der  Rapsbau  als  auch  die  Erzeugung  und  der  Bedarf  von
Öl  unbedeutend.  Eigentliche  Ölmühlen  bestanden  damals  in  der
Provinz  nicht 20 ).  Soviel  bekannt  ist,  wurde  gegen  das  Jahr  1827
die  erste  Rapsölmühle  mit  hydraulischen  Pressen  gebaut  und  befinden ­
  sich  gegenwärtig  in  der  Provinz  etwa  25  wirkliche  Ölmühlen ­
  mit  50  hydraulischen  Pressen.  Diese  dürften  im  Jahre  1851
ca.  400000  Scheffel  Raps  (gleich  14800000  kg)  verarbeitet  und
daraus  100000  Zentner  Öl  im  Werte  von  1  Million  Taler  und
200000  Zentner  Rapskuchen  im  Werte  von  200000  Tlr.  hergei8) ­

  IV.  Bd.,  1844,  S.  497.
1»)  Darmstadt  1853/54.  I.  Bd.,  S.  628ff.
zo )  Zwar  geben  die  amtlichen  Gewerbetabellen  für  Schlesien  bereits
eine  große  Zahl  von  Ölmühlen  an  (1816  435  Stück),  doch  waren  dies  eben
fast  ausschließlich  nur  Ölstampfen  oder  mit  Mahlmühlen  verbundene,  Lohnwerk ­
  treibende  Wassermühlen.
        <pb n="91" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

93

stellt  haben.  Auf  einer  mindestens  teilweise  noch  höheren  Stufe
technischer  Vollendung  scheinen  die  Ölmühlen  in  den  Provinzen
Sachsen,  Brandenburg  und  Pommern  zu  stehen,  welche  häufig
Raps  aus  Schlesien  beziehen  und  das  daraus  gewonnene  öl
wieder  nach  Schlesien  verkaufen.  Dies  dürfte  sich  jedoch  wahrscheinlich ­
  schon  in  den  nächsten  Jahren  ändern  und  dann  Rüböl
einen  Ausfuhrartikel  in  Schlesien  bilden.“
In  ihrem  erstenjahresberichte  schreibt  dieH  andelskammerNeuß
  1861:  „Die  Ölindustrie,  bereits  im  18.  Jahrhundert ­
  in  Neuß  betrieben,  entwickelte  sich  langsam  aber  stetig
unter  preußischer  Herrschaft  und  nahm  insbesondere  einen  vermehrten ­
  Aufschwung  als  die  hydraulische  Presse  (zuerst  1828)
eingeführt  wurde.  Heute  (1861)  sind  hier  10  Ölmühlen  in  Betrieb, ­
  6  mit  Dampf-,  4  mit  Wasserkraft;  bei  voller  Tätigkeit  verarbeiten ­
  sie  täglich  ca.  3000  Scheffel  Ölsaaten  (gleich  111000  kg).“
Deutlich  geht  der  Sieg  der  hydraulischen  Presse  und  der
Übergang  zum  Fabrikbetrieb  aus  Viebahns  „Statistik  des
zollvereinten  und  nördlichen  Deutschlands“  hervor.
Hier  heißt  es  1868 21 ):  „Die  Zahl  der  alten  kleinen  Ölschlägereien, ­
  die  die  Erzeugnisse  ihrer  nächsten  Umgebung  an  Raps,
Rübsen,  Mohn-  und  Leinsamen  für  den  Hausbedarf  verarbeiteten ­
  und  mit  Mahl-  oder  Sägemühlen  verbunden  waren,  hat
sich  vermindert;  die  Ölfrüchte  sind  mehr  Gegenstand  des  Großhandels ­
  geworden.  Große  Ölfabriken  mit  vollkommeneren  Konstruktionen, ­
  häufig  mit  Ölraffinerien  verbunden,  haben  sich  vermehrt ­
  und  ihren  Betrieb  ausgedehnt.  Befinden  sich  unter  den
3755  im  Jahre  1861  in  Preußen  gezählten  Ölmühlen  auch  noch
manche  kleine  Ölmühlen,  Handölpressen  und  Palmölbleichen,
so  sind  doch  die  Mehrzahl  größere  für  den  Handelsverkehr  arbeitende ­
  Geschäfte.  Der  Personalbestand  ist  bei  den  alten  mit
Kornmühlen  verbundenen  Ölgängen  gering,  bei  der  neueren
Massenproduktion  und  den  großen  Fabriken  für  Handelsöl  erheblich. ­
  Auf  zehn  Ölmühlen  entfallen  in  Preußen  im  Durchschnitt ­
  zwanzig  Arbeiter.  Namentlich  die  in  der  Nähe  der  großen
Handelsplätze  errichteten  Fabriken,  die  sich  auf  dem  Handelswege ­
  mit  beliebigen  Saatmengen  versehen  können,  dehnen  ihren
Betrieb  zu  großem  Personal  aus.“
Es  dürfte  sich  wohl  erübrigen,  nochmals  im  einzelnen  auf

*i)  Berlin  1858/68.  III.  Bd.,  1868,  S.  805  ff.
        <pb n="92" />
        94  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

die  Ergebnisse  der  obigen  Zusammenstellung  hinzuweisen,  liegen
diese  doch  klar  zutage,  und  ergibt  sich  auch  aus  dem  Vergleich
der  einzelnen  Angaben  untereinander  deutlich  das  Wachstum  der
Betriebsgrößen.
An  amtlichen  Aufnahmen  stehen  uns  die  preußischen  Gewerbeaufnahmen ­
  und  die  Zählungen  der  im  Gewerbebetrieb
befindlichen  Dampfmaschinen  zur  Verfügung.  Über  die  Mangelhaftigkeit ­
  der  Gewerbetabellen  ist  im  I.  Kapitel  dieses  Abschnittes ­
  schon  ausführlich  gehandelt  worden;  diese  tritt  jetzt  wieder
besonders  deutlich  in  Erscheinung,  beschränken  sich  doch  die
Angaben  auf  die  Zahl  der  Ölmühlen,  wozu  seit  1846  noch  die
Zahl  der  beschäftigten  Arbeiter  kommt.  Immerhin  können  wir
aus  ihnen  doch  die  Vergrößerung  der  Betriebe  erkennen.  Die
Zahl  der  Ölmühlen  und  der  in  ihnen  beschäftigten  Arbeiter  betrug

  in  Preußen:
Jahr

Zahl  der

Zahl  der

Zahl  der  Arbeiter,

Ölmühlen

Arbeiter

Leiter  u.  Angestellten

1816

3428

—

—

1822

3339

—

—

1828

4107

—

—

1831

4043

—

—

1834

4106

—

—

1837

4341

:

—

1841

4489

—

—

1843

4618

—

—

1846

4129

5511

—

1855

4109

6183

—

1858

3889

5919

—

1861

3755

6415

8455

Wir  sehen  somit,  daß  von  zwei  vorübergehenden  Ausnahmen
abgesehen  ein  ununterbrochenes  Wachstum  der  Zahl  der  Ölmühlen ­
  bis  zum  Jahre  1843  stattgefunden  hat,  während  von
diesem  Zeitpunkte  an  die  Zahl  der  Ölmühlen  wieder  ständig
sinkt,  und  zwar  in  ziemlich  bedeutendem  Maße,  nämlich  von
1843—--1861  um  863  Stück  oder  19%.  Die  Erklärung  für  das
Zurückgehen  der  Zahl  der  Ölmühlen,  welches  trotz  des  steigenden ­
  Ölkonsums  stattfindet,  geben  uns  die  Arbeiterzahlen,  aus
denen  die  zunehmende  Konzentration  hervorgeht.  1846  kamen
auf  10  Ölmühlen  im  Durchschnitt  13,3  Arbeiter,  1855:  15,0,  1858:
        <pb n="93" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

95

15,2  und  1861:  17,1  Arbeiter  und  22,5  beschäftigte  Personen
überhaupt.  Die  Gesamtzunahme  der  Arbeiter  zwischen  1846  und
1861  betrug  904  oder  16,4  °/ 0 .  Auf  den  ersten  Blick  allerdings
scheint  der  Zuwachs  der  einzelnen  Ölmühle  an  Arbeitern  und
damit  auch  die  Betriebsvergrößerung  selbst  nicht  bedeutend  zu
sein;  bei  näherer  Betrachtung  erkennen  wir  jedoch,  daß  in  Wirklichkeit ­
  der  Arbeiterbestand  in  den  mit  neuer  Technik  arbeitenden ­
  Ölmühlen  ein  wesentlich  größerer  war,  als  die  für  1861  angeführten ­
  Durchschnittsziffern  vermuten  lassen.
Von  den  1861  in  Preußen  gezählten  3755  Ölmühlen  umfaßte
ohne  Zweifel  der  weitaus  größte  Prozentsatz  kleine  und  kleinste
Ölmühlen,  welche  noch  mit  den  alten  überlieferten  Maschinen
arbeiteten  und  nach  wie  vor  eine  bis  drei  Personen  beschäftigten ­
 22 ).  Wollen  wir  demnach  die  mit  der  Einführung  der  neuen
Technik  verbundene  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  feststellen,
so  müssen  wir  in  erster  Linie  diese  kleinen  noch  nach  der  alten
Methode  arbeitenden  Betriebe  ausschalten.  Infolge  der  Unzulänglichkeit ­
  der  damaligen  statistischen  Aufnahmen,  welche  einen
Unterschied  der  Ölmühlen  nach  alter  und  neuer  Technik  nicht
kennen,  ist  dies  allerdings  zahlenmäßig  nicht  möglich;  aus  diesem
Grunde  muß  ich  mich  mit  diesem  Hinweise  begnügen.
Eine  weitere  Quelle  für  falsche  Ansichten  liegt  in  der  fehlenden ­
  Trennung  von  Haupt-  und  Nebenbetrieben.  Ich  habe  angeführt, ­
  daß  ein  großer  Teil  der  Ölmühlen  mit  Mehl-  oder  anderen ­
  Mühlen  verbunden  war 23 ).  Die  in  diesen  Ölmühlen  beschäftigten ­
  Arbeiter  sind  nun  nach  Angabe  der  Statistik  bei  den
Zahlen  der  in  Ölmühlen  beschäftigten  Personen  nicht  einbegriffen, ­
  so  daß  sich  in  Wirklichkeit  die  Zahl  der  in  Ölmühlen
tätigen  Personen  wesentlich  höher  stellen  würde.  Dies  erklärt
es  uns  auch,  daß  noch  nach  der  Aufnahme  von  1846  in  vier  Regierungsbezirken ­
  die  Zahl  der  Ölmühlen  diejenige  der  Arbeiter
übertrifft 24 ).
22 )  Auf  die  Ursachen  für  das  Weiterbestehen  dieser  kleinen  Betriebe,
deren  Gesamtproduktion  die  der  relativ  wenigen  technisch  vollkommenen
Ölmühlen  bei  weitem  nicht  erreichte,  wird  weiter  unten  im  zweiten  Kapitel
des  III.  Abschnittes  noch  näher  eingegangen.
23 )  Noch  nach  der  Gewerbezählung  von  1875  waren  von  den  3691
überhaupt  in  Preußen  gezählten  Ölmühlen  2178  Nebenbetriebe.
**)  Reg.-Bez.  Frankfurt:  337  Ölmühlen  mit  315  Arbeitern,  Reg.-Bez.
Merseburg:  350  mit  313,  Reg.-Bez.  Erfurt:  189  mit  170  und  Reg.-Bez.
Minden:  212  mit  187.
        <pb n="94" />
        Aus  der  amtlichen  Statistik  lassen  sich  somit  keine  Schlüsse
in  bezug  auf  die  Zahl  der  durchschnittlich  in  den  mit  modernen
Maschinen  ausgestatteten  Ölmühlen  beschäftigten  Personen
ziehen.  Auch  die  privaten  statistischen  Arbeiten  lassen  uns  hier
im  Stich,  denn  sie  begnügen  sich  meistens  mit  der  allgemeinen
Angabe,  daß  die  technisch  vollkommenen  größeren  Betriebe  auch
eine  weit  größere  Zahl  von  Arbeitern  (vgl.  S.  93)  beschäftigten ­
 25 ).  Durchschnittlich  dürfte  die  Zahl  der  in  modernen  Ölmühlen ­
  tätigen  Personen  in  den  sechziger  Jahren  zwischen  10
und  50  Personen  geschwankt  haben,  also  wesentlich  höher  sein
als  die  durchschnittlich  in  den  alten  Ölmühlen  beschäftigte  Zahl
von  Arbeitern.  Auch  die  bedeutende  Zahl  der  als  Leiter,  Aufseher ­
  oder  im  kaufmännischen  Betrieb  tätigen  Personen,  welche
1861  zum  erstenmal  angegeben  wird  und  damals  2040  Personen
betrug,  zeigt  klar,  daß  ein  Teil  der  Ölfabriken  schon  damals
bedeutende  Unternehmungen  gewesen  sein  müssen.
Zum  Schluß  lasse  ich  noch  das  Ergebnis  der  seit  dem  Jahr
1837  in  Preußen  vorgenommenen  Zählungen  der  Dampfmaschinen
folgen  26 ):

Jahr

Zahl  der

Zahl  der

Dampfmaschinen

PS.  derselben

1837

17

184

1840

24

242

1843

25

268

1846

48

504

1849

63

598

1852

74

836

1858

121

1347

Zur  Erklärung  dieser  Tabelle  muß  noch  folgendes  angeführt
werden:  Die  von  1837—1843  einschließlich  angeführten  Zahlen
geben  die  Zahl  der  Dampfmaschinen  an,  welche  sich  in  Betrieben
fanden,  in  denen  nur  Ölmüllerei  betrieben  wurde.  Von  1846  an
sind  die  Ölmühlen  nicht  mehr  allein  gezählt,  es  sind  die  von

* 6 )  Viebahn  erwähnt  eine  Ölmühle  mit  7  Arbeitern,  eine  mit  11,  zwei
mit  zusammen  28,  drei  mit  zusammen  46  Arbeitern.  Reden  führt  3  Dampfölmühlen ­
  in  Tilsit  mit  zusammen  208  Arbeitern  an.  Bornemann  erwähnt
eine  Ölmühle  mit  14—28  Arbeitern,  ferner  die  Herzsche  Ölmühle  mit
100—150  Arbeitern.  In  den  Akten  des  Preuß.  Statist.  Amtes  wird  die
Elbinger  Dampfölmühle  genannt,  welche  1846  33  Arbeiter  beschäftigte  usw.
28 )  Zusammengestellt  aus  den  Akten  des  K.  Preuß.  Statist.  Bureaus.
        <pb n="95" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

97

diesem  Zeitpunkte  an  angegebenen  Zahlen  vielmehr  die  der
Dampfmaschinen  „in  Mühlen  aller  Art  mit  Ausnahme  der  Getreide- ­
  und  Schneidemühlen“.  Als  solche  kommen  noch  außer
den  Ölmühlen  Knochen-,  Farbholz-  und  Pulvermühlen  in  Betracht, ­
  doch  dürfte  deren  Zahl  nur  gering  gewesen  sein;  andererseits ­
  sind  bei  diesen  Zahlen  alle  diejenigen  Dampfölmühlen  nicht
mit  aufgeführt,  die  in  Verbindung  mit  Getreide-  oder  Sägemühlen ­
  betrieben  wurden,  so  daß  wir  also  ohne  große  Fehler  die
angegebenen  Zahlen  als  die  der  in  Ölmühlen  aufgestellten  Dampfmaschinen ­
  ansprechen  können 27 ).
Auch  diese  Zahlen  über  die  Vermehrung  der  Dampfölmühlen
in  Preußen  zeigen  deutlich  die  Ausbreitung  der  neuen  Technik,
und  insbesondere  geht  aus  ihnen  der  Aufschwung  in  den  Jahren
1846—1858  (aus  den  sechziger  Jahren  liegen  keine  Zahlen  vor)
hervor.
Die  Zunahme  der  Dampfmaschinen  betrug:

Die  der  P.S.:

1837—43

47%

1846—52

54%

1846—58

152%.

1837—43

45,6  °/ (

1846—52

66%

1846—58

167%.

Die  Stärke  der  Dampfmaschinen  betrug:
1837—43  durchschnittlich  10,53  PS.
1846—58  „  10,6  „  und
1852—58  „  11,2  „

Ich  komme  nunmehr  zur  Behandlung  der  Frage,  welchen
Einfluß  die  veränderten  wirtschaftlichen  und  technischen  Verhältnisse ­
  auf  die  Gestaltung  der  Betriebsform  gehabt  haben.  Vor
Einführung  der  Gewerbefreiheit  bestanden,  wie  wir  im  vorigen
Abschnitt  gesehen  haben,  Hauswerk,  Lohnwerk  und  Preiswerk
friedlich  nebeneinander.  Die  überwiegende  Betriebsform  war
das  Lohnwerk.  Von  seiner  Ausdehnung  können  wir  uns  auf

27 )  Die  Zahl  der  mit  Getreide-  oder  Sägemühlen  verbundenen  Dampfölmühlen ­
  darf  nicht  unterschätzt  werden.  Es  gab  deren  1837  :  3  mit  29  P.S.,
1840  :  6  mit  76  P.S.,  1843:  6  mit  93  P.S.  und  1849:  6  mit  101  P.S.
Klaue,  Ölmüllerei.  7
        <pb n="96" />
        98  H.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.

Grund  der  statistischen  Aufnahmen  aus  den  Jahren  1810—1813
einen  Begriff  machen.
Im  Jahre  1810  gab  es  in  den  östlichen  Provinzen  neben
251  Wasser-  und  4  Windölmühlen  209  Roßölmühlen  und  3462
Hand  und  Fußölstampfen.  Diese  3462  Ölstampfen  dürften  wohl
ausschließlich  Lohnwerk  betrieben  haben,  ebenso  die  Roßölmühlen, ­
  so  weit  letztere  nicht  zur  Eigenproduktion  benutzt  wurden. ­
  Auch  der  größte  Teil  der  Wasser-  und  Windölmühlen  hat
ohne  Zweifel,  wenn  auch  nicht  hauptsächlich,  so  doch  neben
der  Handelsmüllerei  Lohnmüllerei  betrieben,  wie  ich  im  ersten
Abschnitt  ja  näher  ausgeführt  habe.
Für  den  Ölmüller  brachte  die  Lohnmüllerei  mancherlei  Nachteile ­
  mit  sich.  Von  günstigen  Konjunkturen  konnte  er  weder
beim  Saateinkauf  noch  beim  Ölverkauf  Nutzen  ziehen,  wohl
aber  konnte  sein  Schlaglohn,  wenn  er  „in  natura“  bezahlt  war
(was  damals  meistens  geschah),  durch  sinkende  Ölpreise  an
Geldwert  verlieren.  Der  ganze  Betrieb  konzentrierte  sich  auf
wenige  Monate  nach  der  Ernte,  in  denen  dann  meist  ununterbrochen ­
  Tag  und  Nacht  gearbeitet  werden  mußte;  während  der
übrigen  Zeit  des  Jahres  stand  die  Ölstampfe  meist  unbenutzt,
und  der  Ölmüller  mußte  seinen  Unterhalt  auf  irgendeine  andere
Weise  verdienen.  Trotz  des  großen  Andranges  in  der  Kampagnezeit ­
  konnte  der  Ölmüller  häufig  seinen  Betrieb  nicht  voll  ausnutzen, ­
  da  er  ja  jeden  Bauer  einzeln  bedienen  mußte,  d.  h.  die
Ölsaat  desselben  erst  vollständig  verarbeiten  mußte,  ehe  er  den
Posten  eines  anderen  Kunden  in  Angriff  nehmen  konnte.  Dieser
letztere  Nachteil  hatte  in  den  Wasser-  und  Windölmühlen  zu
einer  anderen  Art  der  Lohnmüllerei  geführt,  nämlich  der  Tauschmüllerei ­
 28 ).  Diese  ermöglichte  eine  vollkommenere  Ausnutzung
der  Betriebskraft  sowohl  wie  auch  der  Maschinen,  brachte  aber
wieder  neue  Schwierigkeiten  mit  sich,  da  sie  häufig  zu  Streitigkeiten ­
  zwischen  Ölmüller  und  Kunden  über  den  Wert  der  eingelieferten ­
  Ölsaaten  sowohl,  wie  des  als  Entgelt  gelieferten  Öles
führten.  Überhaupt  hatte  die  Lohnmüllerei  auch  für  den  Kunden
manche  Unannehmlichkeiten.  Diese  lagen,  wie  ich  im  vorigen
Abschnitt  ja  mehrfach  erläutert  habe,  besonders  in  der  minderwertigen ­
  Beschaffenheit  der  gegen  Schlaglohn  hergestellten  Öle,
welche  zum  Teil  in  den  schlechten  Maschinen,  zum  Teil  in  der

28 )  Diese  Tauschmüllerei  ist  beschrieben  S.  37.
        <pb n="97" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.

99

Untüchtigkeit  und  Unredlichkeit  der  Lohnmüller  ihre  Ursache
hatten.  Mit  dem  Übergang  zur  Handelsmüllerei  fielen  diese
Nachteile  natürlich  fort,  da  nunmehr  der  Ölmüller  im  eigensten
Interesse  auf  die  Erzeugung  möglichst  guter  Qualitäten  bedacht ­
  war.
Der  Übergang  zur  Handelsmüllerei  war  eine  notwendige
Konsequenz  der  neuen  Technik.  Infolge  des  hohen  stehenden
und  umlaufenden  Kapitals  war  nämlich  regelmäßige  und  vollständige ­
  Verwertung  der  Maschinen  und  der  Betriebskraft,  sowie ­
  Ausnützung  jeder  günstigen  Konjunktur  eine  Vorbedingung
für  ein  gutes  Gedeihen  des  Unternehmens.  Durch  die  Nachteile,
welche  die  Lohnmüllerei  sowohl  für  die  Ölmüller  wie  auch  die
Kunden  mit  sich  brachte,  wurde  nun  dieser  Übergang  wesentlich
erleichtert.  Trotzdem  würde  er  sich  wohl  nicht  so  schnell  haben
vollziehen  können,  wenn  der  Ölmüllerei  nicht  durch  den  großen
Aufschwung  der  Industrie  und  die  schnelle  Ausbreitung  der
Eisenbahnen  ein  neues  Absatzgebiet  entstanden  wäre,  von  welchem ­
  die  Lohnmüllerei  aus  natürlichen  Gründen  ausgeschlossen
war.
Von  der  bedeutenden  Steigerung  des  Bedarfs  der  Öl  verarbeitenden ­
  Industrien  (besonders  der  Seifenindustrie)  habe  ich
bereits  im  I.  Kapitel  dieses  Abschnittes  gesprochen  und  damals
auch  die  ganz  außerordentliche  Verbreitung  des  Rüböles  als
Brennmaterial  behandelt,  welche  eine  Folge  der  verbesserten
Reinigungsmethoden  des  Rüböles  sowohl,  wie  auch  der  Vervollkommnung ­
  der  Lampen  war.  Als  Beleuchtungsmaterial  diente  das
Rüböl  aber  nicht  nur  in  den  Wohnungen  auf  dem  Lande  und  in
der  Stadt,  sondern  es  war  bis  über  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts ­
  hinaus  schlankweg  das  Leuchtmittel  und  wurde  dementsprechend ­
  in  großen  Mengen  auch  im  Gewerbebetrieb  und  auf
den  neu  entstehenden  Eisenbahnen  als  Lichtquelle  benötigt.
Mit  der  Einführung  der  Dampfmaschine  und  dem  allgemeinen ­
  Aufkommen  der  Maschinentechnik  kam  zu  diesen  beiden
für  den  Absatz  in  großen  Mengen  geeigneten  Gebieten  noch  ein
drittes  mit  der  Verwendung  des  Rüböles  als  Schmiermittel.  Wie
bedeutend  diese  neue  Verwendungsart  des  Rüböles  für  die  Vermehrung ­
  des  Absatzes  war,  braucht  wohl  nicht  eingehender  erörtert ­
  zu  werden,  da  wir,  die  wir  im  Zeitalter  der  Maschine
leben,  ja  täglich  Gelegenheit  haben,  uns  von  dem  Werte  des
Schmiermittels  zur  Verminderung  der  Reibung  zwischen  sich
7*
        <pb n="98" />
        100  H-  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
bewegenden  Maschinenteilen  zu  überzeugen.  Erwähnt  soll  hier
nur  noch  werden,  daß  bis  in  die  zweite  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  hinein  die  vegetabilischen  Schmieröle  und  unter  ihnen
wieder  in  erster  Linie  das  Rüböl  fast  ausschließlich  den  Markt
beherrschten.
Begünstigt  durch  diese  Absatzmöglichkeiten  brachte  die
vollkommene  Durchführung  der  Handelsmüllerei  für  die  mit
neuen  Maschinen  ausgestatteten  Ölmühlen  keinerlei  Schwierigkeiten ­
  mit  sich,  und  auch  die  Landbevölkerung  gewöhnte  sich
bald  an  die  neue  Betriebsform,  da  derselben  die  mit  der  Lohnmüllerei ­
  verbundenen  Übelstände  nicht  anhafteten 29 ).  Mitte  der
vierziger  Jahre  ist  die  Handelsmüllerei  bereits  allgemein  verbreitet, ­
  auch  die  kleinen  Ölmühlen  sind  dazu  übergegangen,  und
die  Lohnmüllerei  tritt  mehr  und  mehr  zurück.  Da  ein  großer
Teil  der  früheren  Lohnmüller,  in  erster  Linie  die  Besitzer  der
Hand-  und  Fußölstampfen,  nicht  in  der  Lage  waren,  die  Mittel
zur  Errichtung  technisch  vollkommener  Ölmühlen  aufzubringen,
vermindert  sich  von  diesem  Zeitpunkte  ab  die  Zahl  der  Ölmühlen ­
  ständig,  wie  wir  weiter  oben  gesehen  haben  von  1843
bis  1861  um  über  800  Stück.  Mit  dem  Zurückgehen  der  Lohnmüllerei ­
  verliert  auch  die  als  landwirtschaftliches  Nebengewerbe
betriebene  Ölgewinnung  immer  mehr  an  Bedeutung.  Ich  habe
im  vorigen  Abschnitte  erwähnt,  daß  die  als  Hauswerk  betriebene
Ölmüllerei  bereits  vor  Einführung  der  Gewerbefreiheit  zurückgegangen ­
  war  und  an  ihre  Stelle  die  Lohnmüllerei  getreten  war,
welche  in  manchen  Gegenden  von  den  größeren  Bauern  als
Nebengewerbe  betrieben  wurde.  Diese  Bauern  konnten  oder
wollten  nun  in  den  meisten  Fällen  den  Übergang  zur  Handelsmüllerei ­
  nicht  mitmachen  und  verzichteten  daher  vielfach  überhaupt ­
  auf  die  Ölmüllerei.  Dies  hatte  folgende  Ursache:  So  lange
die  Lohnmüllerei  allgemein  verbreitet  war,  fand  der  Landwirt,
der  ja  ursprünglich  nur  Öl  zum  eigenen  Konsum  hergestellt  hatte,
in  dem  Ertrage  der  Lohnmüllerei  einen,  wenn  auch  nur  geringen,
so  doch  verhältnismäßig  sicheren  Nebenverdienst,  ohne  daß  mit
diesem  Betriebe  für  ihn  ein  großes  Risiko  verbunden  war.  Dies
änderte  sich  mit  dem  Übergang  zur  Handelsmüllerei.  Sie  erforderte, ­
  wenn  auch  in  kleinem  Umfange  betrieben,  ein  für  den
20 )  Erleichtert  wurde  die  Einführung  der  Handelsmüllerei  auf  dem
Lande  auch  noch  durch  den  in  jener  Zeit  stattfindenden  allgemeinen  Übergang ­
  von  der  Natural-  zur  Oeldwirtschaft.
        <pb n="99" />
        3.  Der  Einfluß  der  fortschreitenden  Technik.  101
Landwirt  beträchtliches  Betriebskapital  an  barem  Geld  und  eine
jeweilige  genaue  Kenntnis  der  Marktlage,  brachte  aber  im  Gegensatz ­
  dazu  wegen  der  großen  Preisschwankungen  der  Fabrikate
nur  unsichere  Gewinne,  ja  häufig  infolge  verfehlter  Spekulation
den  Verlust  des  gesamten  umlaufenden  Kapitals.

Welches  sind  die  Ergebnisse  meiner  Untersuchungen  in
diesem  Abschnitte?  Veranlaßt  durch  die  Einführung  der  Gewerbefreiheit ­
  vollzieht  sich  in  der  Ölmüllerei  Preußens  ein  gewaltiger ­
  Umschwung.  Die  Aufhebung  des  Mühlenregals  verursacht ­
  im  Zusammenhang  mit  dem  durch  die  höhere  Lebenshaltung ­
  aller  Bevölkerungsklassen  und  den  gewerblichen  Aufschwung ­
  gewaltig  gewachsenen  Ölkonsum  eine  bedeutende  Vermehrung ­
  der  Ölmühlen.  Durch  die  dadurch  zwischen  den  einzelnen ­
  Ölmühlen  entstehende  Konkurrenz,  welche  mit  den  sich
bessernden  Verkehrsmitteln  noch  zunimmt,  werden  die  Ölmüller
auf  die  Bahn  des  technischen  Fortschritts  gedrängt.  Dieser
wieder  hat  mit  der  Einführung  der  hydraulischen  Presse  den
Übergang  zum  Fabrikbetrieb  und  die  Verdrängung  der  Lohnmüllerei ­
  durch  die  Handelsmüllerei  zur  Folge.  Gegen  Ende  des
uns  hier  beschäftigenden  Zeitabschnittes  ist  zwar  dieser  Übergang ­
  zum  Fabriksystem  noch  nicht  vollkommen  durchgeführt,
—  es  gibt  noch  eine  große  Anzahl  kleiner  Ölmühlen  —,  aber
die  Ölfabriken  beherrschen  bereits  vollständig  den  Markt,  und
die  Aufsaugung  der  kleinen  Betriebe  kann  bei  den  Vorzügen 1  des
neuen  Betriebssystems  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit  sein.
Worin  bestanden  diese  Vorzüge  der  neuen  Technik?  Für
den  Ölmüller  brachte  sie,  wie  wir  gesehen  haben,  zwar  einerseits ­
  eine  bedeutende  Erhöhung  des  stehenden  und  umlaufenden ­
  Kapitals  mit  sich,  andererseits  aber,  neben  einer  Veringerung
  der  Produktionskosten  und  vermehrter  Ölausbeute,  infolge
der  gesteigerten  Produktivität  einen  schnelleren  Umsatz  des
Kapitals  und  damit  bei  guter  Geschäftsführung  einen  allerdings
(wegen  der  fallenden  Ölpreise)  pro  Einheit  geringeren,  im
ganzen  aber  höheren  Gewinn.  Die  Vorteile  des  Konsumenten
liegen  klar  zutage,  erhielt  er  doch  mit  dem  Aufkommen  der
neuen  Technik  durchwegs  Öle  besserer  Qualität,  und  zwar  zu
einem  relativ  bedeutend  geringeren  Preise  als  früher 30 ),  ln

30 )  Vgl.  dazu  die  Anm.  23  auf  S.  76.
        <pb n="100" />
        102  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
meinen  früheren  Ausführungen  habe  ich  bereits  mehrfach  darauf
hingewiesen,  daß  sich  mit  Einführung  der  neuen  Technik  auch
die  Lage  der  Arbeiter  wesentlich  gebessert  hat.  Im  folgenden
seien  diese  Verbesserungen  noch  einmal  kurz  zusammengestellt:
Die  Arbeitszeit  war  meistens  auf  12  Stunden  beschränkt,  und  die
Arbeitsräume  waren  gegen  früher  wesentlich  erweitert.  An  Stelle
der  häufig  qualmenden  offenen  Herdfeuer,  auf  denen  früher  die
Erwärmung  der  Samen  stattfand,  waren  die  Dampfsamenwärmer
getreten,  die  lärmenden  Stampfwerke  und  Rammpressen  durch
geräuschlos  wirkende  Walzwerke,  Ölgänge  und  hydraulische
Pressen  ersetzt,  und  der  Kraftaufwand  zum  Betriebe  der  Maschinen, ­
  welcher  früher  beim  In-  und  Ausdemgangbringen  der
Stampfer  und  Preßschüsser  ein  bedeutender  gewesen  war,  war
nunmehr  auf  einige  wenige  einfache  Handgriffe  beschränkt.
        <pb n="101" />
        Dritter  Abschnitt

Die  Ausbildung  des  entfalteten  Fabrikbetriebes  in
der  Zeit  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
1.  Kapitel.
Die  treibenden  Kräfte.
A.  Die  Technik.
Nach  dem  glücklichen  Ausgang  des  Krieges  von  1870  und
der  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Kaiserreiches  setzte  in
diesem  Neu-Deutschland  eine  beispiellose  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens ­
  ein,  welche  im  Laufe  der  nächsten  Jahrzehnte  den
Übergang  vom  Agrarstaate  zum  Industriestaate  zur  Folge  hatte.
Unter  den  Auspizien  dieses  allgemeinen  Aufschwunges  von
Handel  und  Industrie  machte  auch  die  Entwicklung  der  Ölmüllerei ­
  weitere  Fortschritte,  und  zwar  brachte  sie  uns  hier  das
immer  weitere  Zurückgehen  der  Kleinbetriebe  und  die  Weiterbildung ­
  des  Fabriksystems.  Im  folgenden  sollen  diese  Entwicklung ­
  und  ihre  Ursachen  einer  Untersuchung  unterzogen  werden.
Habe  ich  mich  bei  meinen  bisherigen  Ausführungen  der
Einfachheit  wegen  auf  die  Betrachtung  der  Verhältnisse  lediglich ­
  der  preußischen  Ölmüllerei  beschränkt,  so  kann  ich  nunmehr, ­
  nachdem  im  Laufe  der  sechziger  Jahre  auch  die  anderen
deutschen  Staaten  freiere  Gewerbeverfassungen  einführten  und
sich  damit  in  dieser  Hinsicht  unter  die  gleichen  wirtschaftlichen
Bedingungen  wie  das  Königreich  Preußen  stellten,  meine  Untersuchungen ­
  in  einem  bedeutend  größeren  Rahmen  vornehmen
und  denselben  die  Verhältnisse  des  gesamten  Deutschen  Reiches
zugrunde  legen.
Mit  der  schnellen  Weiterentwicklung  der  Verkehrsmöglichkeiten ­
  und  der  Verbilligung  der  Frachtsätze  machte  sich  die
Konkurrenz  in  immer  stärkerem  Maße  fühlbar,  und  zwar  nicht
allein  die  Konkurrenz  der  deutschen  Ölmühlen  untereinander,
sondern  auch  diejenige  ausländischer  Ölindustrien,  namentlich
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        104  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

derjenigen  Englands  und  Hollands.  So  wurden  die  deutschen
Ölmühlen  zu  immer  weiteren  Fortschritten  gedrängt,  indem  sie
gezwungen  wurden,  auf  ständige  weitere  Herabsetzung  der  Produktionskosten ­
  bedacht  zu  sein,  die  kleineren  Ölmühlen,  um
sich  ihre  Absatzgebiete  gegenüber  den  größeren  billiger  produzierenden ­
  zu  erhalten,  die  größeren,  um  die  ausländische  Konkurrenz ­
  vom  deutschen  Markte  zu  verdrängen  bzw.  femzuhalten.
  Diese  Bestrebungen  nach  einer  möglichst  großen  Herabsetzung ­
  der  Unkosten  haben  uns  die  großindustrielle  Entwicklung ­
  in  der  Ölmüllerei  gebracht,  und  zwar  sind  es  vornehmlich
drei  Momente,  welche  von  Einfluß  auf  diese  Entwicklung  gewesen ­
  sind.  Unter  den  treibenden  Kräften  gebührt  der  Hauptanteil ­
  der  Technik;  mit  ihr  müssen  wir  uns  daher  an  erster  Stelle
beschäftigen.
Wir  haben  im  vorigen  Abschnitte  gesehen,  daß  die  Einführung ­
  der  neuen  Technik  eine  bedeutende  Betriebsvergrößerung
in  den  meisten  Fällen  zur  Folge  hatte.  Parallel  mit  dieser  Zunahme ­
  der  Zahl  der  Maschinen  und  des  täglich  verarbeiteten
Saatquantums  ging,  wie  ich  ebenfalls  ausgeführt  habe,  eine
bedeutende  Vermehrung  der  Arbeiterzahl.  Als  nun  mit  dem
großen  Aufschwünge  aller  Industriezweige  in  den  siebziger
und  achtziger  Jahren  eine  starke  Nachfrage  nach  Arbeitskräften
sich  einstellte  und  infolgedessen  die  Arbeitslöhne  bedeutend
stiegen,  machte  sich  in  der  Ölindustrie  allmählich  das  Bestreben
geltend,  die  Handarbeit  nach  Möglichkeit  durch  mechanische
Mittel  zu  ersetzen,  um  auf  diese  Weise  die  Produktionskosten
herabzumindern.  War  in  der  verflossenen  Zeitperiode  das  Bestreben ­
  der  Techniker  in  erster  Linie  auf  möglichste  Ausnutzung
des  Rohstoffes  durch  intensivere  Arbeitsmethoden  gerichtet  gewesen, ­
  so  trat  nunmehr  der  Ersatz  der  „Arbeit“  durch  „Kapital“ ­
  in  den  Vordergrund.  Dadurch  entstanden  für  die  Technik ­
  neue  Aufgaben.
Stellen  wir  zunächst  einmal  fest,  wo  bisher  überall  Handarbeit ­
  in  den  Ölmühlenbetrieben  erforderlich  war.  Zu  diesem
Zwecke  wollen  wir  uns  noch  einmal  kurz  den  Fabrikationsgang
vergegenwärtigen:  War  die  Ölsaat  im  Fabrikhof  angekommen,
so  wurde  sie  zuerst  zur  Einlagerung  in  die  Saatspeicher  befördert. ­
  Dort  wurde  sie  meistens  lose  in  einer  mehrere  Zentimeter
hohen  Schicht  ausgebreitet  und  durch  tägliches  Umschaufeln
(namentlich  bei  frischer  Saat)  trocken  erhalten.  Zur  Verarbei ­
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        t.  Die  treibenden  Kräfte.

105

tung  wurde  die  Saat  dann  zuerst  in  die  Reinigungsmaschinen
verbracht,  in  denen  die  Reinigung  maschinell  vor  sich  ging.  Von
den  Reinigungsmaschinen  kam  die  Saat  zur  ersten  Zerkleinerung
in  die  Walzwerke  und  von  diesen  dann  in  die  Ölgänge.  Von  hier
wurde  das  Saatmehl  in  die  Samenwärmer  geschüttet,  in  welchen
es  ohne  menschliches  Zutun  bis  auf  die  gewünschte  Temperatur
erwärmt  wurde.  Nach  der  Erwärmung  wurde  das  Saatmehl  in
die  Tücher  bzw.  Beutel  verpackt  und  in  die  Pressen  eingesetzt,
in  denen  die  Pressung  dann  automatisch  vollzogen  wurde.  Das
ausfließende  Öl  wurde  durch  Kanäle  in  die  Reservoire  geleitet,
aus  denen  es  in  die  Reinigungsanlage  gepumpt  wurde,  wo  die
Reinigung  in  maschinell  betriebenen  Wasch-,  Trocken-  usw.  Anlagen ­
  betrieben  wurde.  Nach  dieser  Reinigungsprozedur  wurde
das  Öl  in  Bassins  geleitet  oder  gleich  in  Fässer  verzapft  und
war  nun  versandfertig.  Die  Ölkuchen  erster  Pressung  wurden,
falls  noch  eine  Nachpressung  stattfand,  mit  einem  Holzhammer
kleingeschlagen,  dann  nochmals  auf  dem  Ölgang  zerkleinert,
wieder  gewärmt  und  ausgepreßt,  wie  vorher  geschildert.  Die
Ölkuchen  zweiter  Pressung  wurden,  wenn  sie  aus  der  Presse
kamen,  an  den  Rändern  mit  einem  Messer  vom  Arbeiter  beschnitten, ­
  da  diese  Ränder  noch  einen  größeren  Ölgehalt  hatten.
Diese  Abfälle  wurden  wieder  auf  den  Ölgang  geworfen  und  zusammen ­
  mit  den  Kuchen  erster  Pressung  nochmals  ausgepreßt.
Die  zweimal  gepreßten  Ölkuchen  wurden  in  ein  Magazin  gebracht, ­
  wo  sie  bis  zum  Verkauf  eingelagert  wurden.
Aus  dieser  kleinen  Skizze  dürfte  zur  Genüge  hervorgehen,
daß  die  Mehrzahl  der  Arbeiter  mit  dem  Einbringen  der  Säat  in
die  Speicher,  der  Beförderung  von  diesen  in  die  eigentlichen
Fabrikräume  und  hier  wiederum  von  Maschine  zu  Maschine  beschäftigt ­
  war.  Es  entstand  somit  für  die  Techniker  in  erster
Linie  die  Aufgabe  für  eine  mechanische  Förderung  der  Ölsaaten
zu  sorgen.
Wie  wurde  diese  Forderung  erfüllt?
Schon  mit  der  bedeutenden  Vermehrung  der  Produktion
nach  Einführung  der  neuen  Technik  finden  sich  in  vielen  Ölmühlen ­
  Ansätze  zu  einer  mechanischen  Fortbewegung  der  Ölsaaten. ­
  An  Stelle  der  alten  einstöckigen  Gebäude  waren  große
mehrstöckige  Fabrikbauten  getreten.  Mit  Hilfe  eines  mechanisch
betriebenen  Sackaufzuges  brachte  man  die  Saat  in  die  oberen
Räume,  in  denen  sie  ausgebreitet  wurde.  Von  hier  aus  gelangte
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        106  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

sie  dann  durch  eine  mechanische  Vorrichtung  in  die  eine  Etage
tiefer  befindlichen  Walzwerke,  aus  denen  das  geschrotete  Saatgut ­
  durch  einen  schrägen  Kanal  selbsttätig  in  das  Erdgeschoß
weiter  befördert  und  dort  ursprünglich  in  einen  Kasten,  später
direkt  auf  den  Kollergang  geleitet  wurde.  Da  sich  eine  kontinuierliche ­
  Speisung  des  Kollerganges  nicht  bewährt  hatte,  hatte
man  hier  eine  sinnreiche  Einrichtung  getroffen,  um  das  geschrotete ­
  Saatgut  direkt  auf  diese  Maschine  zu  leiten  und  dennoch
einen  ununterbrochenen  Betrieb  des  Walzwerkes  zu  ermöglichen, ­
  indem  man  nämlich  am  oberen  und  unteren  Ende  der
Saatzufuhrleitung  im  Erdgeschoß  Klappen  anbrachte,  welche  so
angelegt  waren,  daß  die  eine  sich  schloß,  wenn  die  andere  sich
öffnete.  Durch  diese  Einrichtung  sparte  man  einerseits  eine
Arbeitskraft,  welche  sonst  damit  beschäftigt  werden  mußte,  das
geschrotete  Saatgut  auf  den  Ölgang  zu  schaufeln,  andererseits
aber  war  auch  eine  viel  bessere  Ausnutzung  dieser  Maschine
gewährleistet,  da  das  Füllen  des  Ölganges  jetzt  in  ganz  kurzer
Zeit  vonstatten  ging.
Brachten  auch  derartige  Vereinfachungen  im  Transporte
der  Ölsaaten  eine  Verminderung  der  früher  hierzu  benutzten
menschlichen  Arbeitskräfte,  so  war  es  von  diesen  Anfängen
mechanischer  Förderung  bis  zu  dem  heutigen  Stande  der  Fortbewegung ­
  der  Ölsaaten  in  Ölfabriken  doch  noch  ein  weiter  Weg.
Dieser  wurde  beschritten  mit  der  Einführung  von  Elevatoren,
Transportschnecken,  Förderspiralen,  Förderrinnen,  Fördergurten,
Kratzentransporten  usw.,  welche  in  den  siebziger  und  achtziger
Jahren  allgemein  in  der  Ölmüllerei  Eingang  fanden  und  seither
von  immer  größerer  Bedeutung  für  diesen  Industriezweig  geworden ­
  sind.  Ihre  Benutzung  ist  in  den  heutigen  großen  Ölfabriken ­
  so  ausgedehnt,  daß  auf  dem  ganzen  Wege  vom  Dampfer, ­
  Last-  oder  Eisenbahnwagen,  auf  welchem  das  Rohmaterial
in  der  Ölmühle  anlangt,  über  die  Speicher,  Reinigungs-,  Zerkleinerungs-
  und  Wärmemaschinen  kaum  noch  menschliche  Arbeit  benötigt ­
  wird.  Näher  auf  die  Verwendung  dieser  Transportmittel
im  einzelnen  einzugehen,  dürfte  überflüssig  sein,  da  ja  deren
Anwendung  allgemein  bekannt  ist,  und  es  nur  auf  eine  zweckmäßige ­
  Zusammenstellung  der  einzelnen  vertikalen  und  horizontalen ­
  Fortbewegungsmittel  ankommt,  um  den  oben  angedeuteten
Effekt,  nämlich  die  Ausschaltung  menschlicher  Tätigkeit,  zu  erreichen. ­
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        1.  Die  treibenden  Kräfte.

107

Ein  großes  Hindernis  für  diese  ununterbrochene  mechanische ­
  Fortbewegung  der  Ölsaat  bildete  die  Notwendigkeit  ihrer
zeitweiligen  Einlagerung.  Die  Ernteverhältnisse  der  Rohmaterialien, ­
  die  ständig  steigende  Produktion  der  einzelnen  Fabriken ­
  und  vor  allem  der  Übergang  zur  Verarbeitung  überseeischer ­
  Ölsaaten  (mit  letzterem  beschäftige  ich  mich  an  anderer
Stelle  noch  eingehender)  brachten  es  mit  sich,  daß  die  Ölmühlen
größere  Mengen  von  Rohmaterialien  vorrätig  halten  mußten,  um
einen  ununterbrochenen  Betrieb  der  Fabrik  zu  ermöglichen.  Im
allgemeinen  ist  nun  allerdings  die  Haltbarkeit  der  Ölsaaten  eine
ziemlich  bedeutende;  da  jedoch  die  Ölsämereien  wie  alle  Pflanzensamen ­
  keine  toten,  sondern  nur  ruhende  Körper  sind,  so  ist
diese  Haltbarkeit  dennoch  eine  nur  bedingte,  und  es  kann  Zufuhr ­
  von  Wärme  und  Feuchtigkeit  Veränderungen  hervorrufen
(Keimen),  bei  welchen  die  Saaten  teilweise  oder  ganz  verderben,
wie  sie  als  organische  Körper  unter  dem  Einflüsse  von  Feuchtigkeit ­
  natürlich  auch  einer  Selbsterwärmung  (sogen.  Verbrühen
der  Saat)  und  Schimmelbildung,  sowie  dem  Muffigwerden  ausgesetzt ­
  sind 1 ).  Um  daher  eine  Qualitätsverschlechterung  oder
gar  ein  vollständiges  Verderben  des  in  den  Samen  enthaltenen
Öles  zu  verhüten,  ist  es  notwendig,  Vorkehrungen  zu  treffen,
um  eine  Schädigung  der  Saaten  während  der  Einspeicherung  zu
verhindern.  Zu  diesem  Zwecke  bedient  man  sich  derselben  Vorrichtungen, ­
  wie  solche  bei  der  Magazinierung  von  Getreide  gebräuchlich ­
  sind.
„Die  Frage  der  Konservierung  von  Getreide  mittels  geeigneter ­
  Methoden  der  Lagerung  hat  schon  im  Altertum,  wenn  auch
nur  zeit-  und  stellenweise,  eine  hervorragende  Bedeutung  gehabt. ­
  Schon  früh  erkannte  man  den  einen  der  beiden  für  die
Erhaltung  des  Kornes  einzuschlagenden  Wege:  gänzliche  Verhütung ­
  des  Luftzutrittes.  Das  zweite,  gegenteilige  Mittel,  stete
Berührung  der  Körper  mit  frischer  Luft,  verdrängte  in  späterer
Zeit  die  erste  Methode  vollständig,  und  erst  in  neuester  Zeit
kehrt  man  —  und  zwar  mit  den  großartigsten  Erfolgen  —  zu
dem  erstgenannten  Systeme  zurück 2 ).“  Mit  diesen  Worten
leitet  Luther  sein  Werk  über  die  Konstruktion  und  Einrichtung
von  Speichern  ein  und  charakterisiert  damit  die  beiden  heute
l )  Hefter,  1.  c.  Bd.  I,  S.  150.
! )  O.  Luther  „Konstruktion  und  Einrichtung  von  Speichern".  Braunschweig ­
  1886.  S.  5.
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        108  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

üblichen  Methoden  der  Magazinierung  von  Getreide  sowohl  wie
Ölsaaten,  nämlich  die  der  Lagerung  in  Bodenspeichern  unter
möglichst  ausgedehntem  Luftzutritt  und  die  der  Aufbewahrung
in  sogen.  Silospeichern  unter  Luftabschluß.
Von  diesen  beiden  Methoden  war  die  der  Bodenspeicherung
bis  Ende  der  neunziger  Jahre  in  Ölfabriken  die  allgemein  gebräuchliche. ­
  Die  Bodenspeicher  sind  große  saalartige  Räume,
die  in  mehreren,  häufig  vier  bis  fünf  Etagen  übereinander  liegen,
ln  ihnen  werden  die  Saatvorräte  entweder  in  Säcken  oder  lose
in  einer  50  bis  100  cm  hohen  Schicht  aufgestapelt.  Lose  Lagerung ­
  wendet  man  besonders  bei  frischer  und  feuchter  Saat  an,
die  dann  täglich,  bzw.  zwei-  bis  dreimal  wöchentlich  umgeschaufelt ­
  wird  (sogen.  Umstechen  der  Saat),  bis  die  Saat  genügend ­
  trocken  ist,  um  ohne  Selbsterwärmung  lagern  zu  können.
Wie  schon  oben  ausgeführt,  geschah  die  mit  der  Aufbewahrung ­
  in  derartigen  Bodenspeichern  verbundene  Arbeit  bis  in  die
siebziger  Jahre  fast  ausschließlich  durch  menschliche  Arbeitskräfte, ­
  und  erst  von  diesem  Zeitpunkte  an  fanden  mechanische
Förderungsmittel  Aufnahme.  Immerhin  war  aber  auch  nach  Einführung ­
  der  Elevatoren,  Förderungsbänder  usw.  menschliche
Arbeit  nicht  ganz  zu  entbehren,  mußte  doch  sowohl  bei  Entnahme ­
  der  Saat  dieselbe  durch  Arbeiter  an  die  Fallrohre  geschaufelt ­
  werden,  als  auch  namentlich  das  „Umstechen“  der
Saat  durch  Menschenhand  geschehen.  Um  auch  hier  menschliche
Arbeitskräfte  entbehren  zu  können,  versieht  man  seit  Ende  der
achtziger  Jahre  die  Bodenspeicher  wohl  mit  sogen.  „Rieselvorrichtungen“. ­
  Zu  diesem  Zwecke 3 )  haben  die  Schüttböden  Öffnungen ­
  von  30—40  mm  Durchmesser  in  Entfernungen  von  i/ 4
bis  1/2  m,  welche  durch  flache  Schieber  reihenweise  verschließbar ­
  sind.  Unter  den  Löchern  sind  keilförmige  Vorrichtungen  angebracht, ­
  welche  die  auslaufenden  Körner  herumspritzen  und
im  Fallen  mit  der  Luft  reichlich  in  Berührung  bringen.  So  kann
man  die  Saat  von  einem  Stockwerk  in  das  andere  lassen  und
vom  letzten  Stockwerk  mit  Förderband  und  Becherwerk  entweder ­
  in  die  eigentliche  Ölmühle  oder  wieder  in  das  oberste
Stockwerk  des  Speichers  befördern.  Auf  diese  Weise  ist  es  gelungen, ­
  den  Bodenspeicher,  was  mechanischen  Transport  der
Saat  anbelangt,  vollkommen  auszustatten,  da  ihm  aber  an  und

3 )  Ubbelohde,  1.  c.  Bd.  I,  S.  377.
        <pb n="107" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

109

für  sich  verschiedene  Nachteile,  wie  geringe  Raumausnutzung,
große  Feuersgefahr,  starke  Mäuse-  und  Rattenplage,  anhaften,
geht  man  in  den  letzten  zehn  Jahren  in  Ölfabriken  immer  mehr
zur  Anwendung  der  Silospeicher  über.
Diese  sind  dadurch  charakterisiert 4 ),  daß  die  Magazine
nicht  in  mehrere  Etagen  zerfallen,  sondern  durch  viele  eng  aneinanderliegende, ­
  meist  sehr  hohe  Vertikalabteilungen  von  kleinem ­
  Querschnitt  in  ein  System  von  Vorratskammern  geteilt  sind,
die  durch  Elevatoren  und  Transportbänder  in  einfacher  Weise
gefüllt  und  durch  unten  angebrachte  Abzugsöffnungen  bequem
entleert  werden  können.  Dazu  kommt  als  weiterer  Vorzug,  daß
ein  Umfüllen  der  Saat  von  einem  in  den  anderen  solchen  Schacht
(Silo)  durch  die  erwähnten  Elevatoren  und  Transportbänder
ebenfalls  sehr  leicht  erreicht  werden  kann,  und  daß  dadurch  das
Umstechen  der  Saat,  wie  dies  in  den  Bodenspeichern  nötig  ist,
in  den  meisten  Fällen  vollkommen  ersetzt  wird.  Außer  diesen
Vorteilen  der  vollkommenen  Raumausnutzung  und  der  einfachen
durchaus  mechanischen  Saatförderung,  haben  die  Silospeicher
auch  noch  den  Vorzug  größtmöglicher  Feuersicherheit  und  geringer ­
  Ratten-  und  Mäuseplage.
Überblicken  wir  noch  einmal  zusammenfassend  die  Ergebnisse ­
  technischen  Strebens  auf  dem  Gebiete  der  mechanischen
Fortbewegung  der  Ölsaaten  von  ihrer  Ankunftsstätte  bis  zur
Stätte  der  Verarbeitung,  so  können  wir  auf  Grund  meiner  obigen
Ausführungen  feststellen,  daß  der  Technik  die  Lösung  dieses
Problems  vollkommen  gelungen  ist,  läßt  sich  doch  heute  dabei
menschliche  Arbeitskraft  fast  vollständig  entbehren.  Etwas  anderes ­
  ist  es  nun  allerdings,  ob  diese  Erfindungen  allen  Ölmühlen
in  gleichem  Maße  zugänglich  sind;  diese  Frage  muß  verneint
werden,  denn  es  werden  sich  die  Betriebs-  und  Amortisationskosten ­
  derartiger  Anlagen  für  mechanische  Einlagerung  und
Fortbewegung  von  Ölsaaten  wegen  der  stets  verhältnismäßig
hohen  Anlagekosten 5 ),  wie  auch  des  ziemlich  bedeutenden  Kraftaufwandes, ­
  welcher  zü  ihrem  Betriebe  nötig  ist,  erst  bei  einer
hohen  täglichen  Produktion  einer  Ölmühle  geringer  stellen,  als  *  6
4 )  Vgl.  „Seifensiederzeitung"  1902.  S.  600.
6 )  Nach  einer  durch  Verfasser  von  einer  bekannten  Mühlenbauanstalt
eingezogenen  Erkundigung  belaufen  sich  z.  B.  die  Anlagekosten  einer  Silospeicheranlage ­
  von  1000  t  Fassungsvermögen  einschließlich  der  notwendigen
Vorrichtungen  zur  Saatbeförderung  auf  ca.  60000  Mk.
        <pb n="108" />
        HO  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
»
bei  Verwendung  menschlicher  Arbeitskräfte  für  diese  Zwecke.
Wo  diese  Rentabilitätsgrenze  liegt,  wird  sich  immer  nur  von  Fall
zu  Fall  entscheiden  lassen,  denn  dieselbe  schwankt  je  nach  der
Höhe  der  örtlichen  Tagelöhne  und  der  durchschnittlichen  Menge
der  Saatvorräte  bei  jeder  Ölmühle 6 ).  Aus  diesem  Grunde  können
hier  denn  auch  über  diese  Punkte  keine  bestimmten  Angaben
gemacht  werden,  ich  muß  mich  vielmehr  mit  der  Mitteilung  begnügen, ­
  daß  ich  auf  meinen  Studienreisen  mechanische  Speicheranlagen ­
  nur  in  Großbetrieben  mit  mehr  als  30  t  täglicher  Verarbeitung ­
  vorgefunden  habe,  wohingegen  mechanische  Förderung ­
  der  Ölsaaten  in  mehr  oder  minder  ausgedehntem  Maße
auch  bereits  in  Mittelbetrieben,  d.  h.  in  Betrieben  mit  einer  täglichen ­
  Verarbeitung  von  je  3000  bis  ca.  20000  kg  Saat,  stattfand.
Gehen  wir  nunmehr  zu  den  Bestrebungen  über,  welche  darauf ­
  abzielten,  die  beim  Verpacken  der  Saat,  Füllen  und  Entleeren  6

6 )  Die  durchschnittlichen  Saatvorräte  einer  Ölmühle  sind  je  nach  der
Art  der  verarbeiteten  Saat  (a),  der  örtlichen  Lage  der  Ölmühle  (b),  der
Kapitalkraft  der  Unternehmer  und  der  jeweiligen  Konjunktur  (c)  verschieden.
a)  Die  Leinölfabriken  z.  B.  verarbeiten  Saat  aus  Argentinien,  Indien
und  Rußland.  Da  die  Erntezeit  in  diesen  Ländern  verschieden
ist,  steht  den  Fabriken  das  ganze  Jahr  Rohmaterial  zur  Verfügung. ­
  Anders  z.  B.  bei  der  Verarbeitung  von  Erdnüssen.
Diese  werden  nur  einmal  im  Jahr  geerntet,  und  die  Fabriken
decken  ihren  Rohmaterialbedarf  dann  ein;  allerdings  wird  die
Lieferung  auf  mehrere  Monate  verteilt,  aber  die  Fabriken  haben
doch  bedeutend  größere  Vorräte  als  im  allgemeinen  gleich  große
Leinölfabriken.  So  beliefen  sich  z.  B.  die  Saatvorräte  der  größten
deutschen  Speiseölfabrik,  des  „Vereins  deutscher  Ölfabriken",  bei
Aufstellung  der  Bilanz  1909  an  Erdnüssen,  Sesamsaat  und  Mohnsaat ­
  auf  ca.  32000  t  im  Werte  von  fast  9  Mill.  M.,  wohingegen
eine  der  größten  deutschen  Lein-  und  Cottonölfabriken  mit  einer
täglichen  Verarbeitung  von  ca.  290  t  Saat  nur  durchschnittlich
5000  t  Ölsaaten  vorrätig  zu  halten  braucht,  wie  Verfasser  durch
persönliche  Erkundigung  feststellen  konnte.
b)  Die  Mühlen  im  Binnenlande  sind  bei  den  hohen  Eisenbahnfrachten
auf  den  Wasserweg  bei  Bezug  ihrer  Saat  angewiesen  (vgl.  IV.  Abschnitt). ­
  Viele  Wasserwege  sind  nun  aber  im  Winter  gesperrt
(z.  B.  die  Oder),  so  daß  die  dort  liegenden  Fabriken  gezwungen
sind,  ihren  Rohmaterialbedarf  schon  vor  Schluß  der  Schiffahrt
für  den  ganzen  Winter  einzulagern.
c)  Bei  billigen  Saatpreisen  und  der  Aussicht  auf  höhere  Preise  wird
der  Fabrikant  größere  Vorräte  halten  als  im  umgekehrten  Falle.
Natürlich  richten  sich  die  Vorräte  auch  nach  der  Kapitalkraft  des
Unternehmens.
        <pb n="109" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

111

der  Pressen  und  bei  der  Beschneidung  der  Kuchen  nötige  Handarbeit ­
  zu  verringern,  bzw.  ganz  überflüssig  zu  machen.  Hier  war
das  Problem  des  Ersatzes  der  menschlichen  Tätigkeit  durch
maschinelle  viel  schwieriger,  und  man  begann  bald  einzusehen,
daß  eine  vollkommene  Lösung  nur  möglich  war,  wenn  man  von
der  althergebrachten  Form  des  Auspressens  einzelner  kleiner
Saatmengen  zu  Ölkuchen  abging,  das  Samenmehl  vielmehr  vom
Samenwärmer  direkt  und  unverpackt  in  eine  kontinuierlich  arbeitende ­
  Presse  leitete,  welche  dasselbe  zu  Öl  und  Kuchenmehl
auspreßte.  Eine  derartige  Lösung  des  Problems  mußte  ohne
Zweifel  für  die  Techniker  sehr  verlockend  sein,  wäre  doch  damit ­
  der  Ring  geschlossen,  und  man  hätte  nunmehr  in  der  modernen ­
  Ölmühle  eine  Fabrik,  in  welcher  sich  während  des  ganzen
Produktionsprozesses  die  menschliche  Tätigkeit  nur  noch  auf
eine  Überwachung  der  Maschinen  beschränken  würde.
Auch  vom  Standpunkte  des  Nationalökonomen  aus  wäre
eine  vollkommene  Lösung  dieser  Aufgabe  wichtig,  würde  doch
damit  ein  Teil  derjenigen  technischen  Momente,  welche  den  Großbetrieb ­
  in  der  Ölmüllerei  zur  Folge  haben,  wegfallen.  Es  ist  aber  bis
auf  den  heutigen  Tag  trotz  vieler  Versuche  und  Patente  nicht  gelungen, ­
  eine  vollkommene  kontinuierliche  Presse  zu  konstruieren,
denn  auch  die  neueste  derartige  Presse,  die  Valerius  D.  Anderson-Presse
 7 ),  die  vereinzelt  in  Ölfabriken  Eingang  gefunden  hat,  hat
in  bezug  auf  Ölausbeute  und  Qualität  der  erzeugten  Öle  noch
solche  Nachteile  aufzuweisen,  daß  es  ihr  wohl  schwerlich  gelingen ­
  wird,  die  hydraulische  Presse  zu  verdrängen.
Parallel  mit  diesen  Versuchen  zur  Konstruktion  von  kontinuierlichen ­
  Pressen  gingen  Bemühungen,  das  Ziel  der
Herabminderung  menschlischer  Arbeit  auch  bei  den  hydraulischen ­
  Pressen,  wenigstens  so  weit  dies  möglich  war,  durchzuführen, ­
  im  übrigen  aber  diesem  Ziele  dadurch  nahezukommen,
daß  man  durch  Erfindung  maschineller  Hilfswerkzeuge  die  Arbeitsleistung ­
  der  an  diesen  Pressen  tätigen  Arbeiter  verdoppelte,
ja  verdreifachte.
Damit  komme  ich  zur  Entwicklungsgeschichte  der  hydraulischen ­
  Pressen.  Mit  den  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  schnell  zunehmenden  chemischen  und  technischen  Kenntnissen ­
  hatte  sich  allmählich  überall  die  Überzeugung  Bahn  ge7 ­

 )  D.  R.  P.  157,  221.
        <pb n="110" />
        112  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

brochen,  daß  eine  vollständige  Gewinnung  alles  in  den  Samen
bzw.  Früchten  enthaltenen  Öles  mit  Hilfe  des  Preßverfahrens
nicht  möglich  sei,  und  daß  im  übrigen  beim  Preßverfahren  die
Größe  der  Ölausbeute  in  hohem  Maße  von  der  Art  der  Zerkleinerung ­
  und  Erwärmung  der  Ölsaaten  abhängig  sei.  So  kam  es,
daß  nunmehr  bei  der  Konstruktion  der  hydraulischen  Pressen
das  Problem  der  Erhöhung  der  Ölausbeute  etwas  mehr  in  den
Hintergrund  trat,  und  statt  dessen  das  Bestreben  der  Verbilligung ­
  der  Betriebskosten  durch  Verminderung  der  Handarbeit,
Erhöhung  der  Produktivität  der  Pressen  und  Herabsetzung  des
Preßtuchverschleißes  das  Übergewicht  gewann.
Ich  muß  es  mir  im  Rahmen  dieser  Abhandlung  versagen,  im
einzelnen  auf  die  unendlich  vielen  Pressenkonstruktionen  der
vergangenen  sechzig  Jahre  einzugehen,  kann  vielmehr  nur  in
großen  Zügen  eine  Skizze  der  Entwicklung  geben,  um  dann  an
den  heutigen  hauptsächlichsten  Pressenkonstruktionen  kurz  zu
untersuchen,  einerseits  ob  und  inwieweit  die  eben  angedeuteten
Bestrebungen  Erfolg  gehabt  haben,  andererseits  welche  wirtschaftlichen ­
  Folgen  mit  Einführung  dieser  Vervollkommnungen
verbunden  waren.
In  den  größeren  Ölmühlen  Deutschlands,  namentlich  in  der
Rheingegend,  waren  bis  in  die  siebziger  Jahre  allgemein  liegende
hydraulische  Pressen  als  Nachpressen  im  Gebrauch,  während
man  in  den  kleinen  Mühlen,  besonders  in  den  Wasserölmühlen,
meistens  mit  stehenden  Pressen  sowohl  zum  Vorschlag  wie  auch
zum  Nachschlag  arbeitete.  Dies  hatte  seinen  Grund  einmal  in
der  mit  der  Aufstellung  von  Vertikalpressen  verbundenen  Raumersparnis, ­
  die  bei  Wassermühlen  sehr  ins  Gewicht  fiel,  zum  anderen ­
  in  dem  großen  Preisunterschied  zwischen  diesen  beiden
Pressentypen,  kosteten  doch  die  stehenden  Pressen  ca.  400  bis
700  Tlr.,  während  sich  der  Preis  der  liegenden  Pressen  mit
Kontre-Presse  auf  fast  2000  Tlr.  stellte.  Bei  den  einfachsten  Ausführungen ­
  der  stehenden  Presse  wurden  die  in  Beutel  verpackten
Samenpakete  einfach  in  der  Presse  übereinander  gelegt,  und  zwischen ­
  die  einzelnen  Pakete  kam  je  eine  Eisenplatte,  um  den  Ölabfluß ­
  zu  erleichtern.  Die  Nachteile  derartiger  Pressen  liegen
klar  auf  der  Hand,  ist  doch  ihre  Bedienung  sehr  umständlich
und  der  Preßtuchverschleiß  sehr  groß 8 ).  Eine  derartige  Presse

8 )  Die  vom  Wärmeofen  kommenden  Samen  werden  vom  Arbeiter
von  allen  Seiten  in  Tücher  eingeschlagen  und  dann  zur  Presse  gebracht.
        <pb n="111" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

113

wurde  zuerst  von  Montgolfier  1819  auf  der  Pariser  Weitausteilung ­
  vorgeführt  und  ist  heute,  allerdings  in  etwas  verbesserter
Form,  nur  noch  in  Marseille  in  Gebrauch,  weshalb  sie  bei  den
Ölmüllern  unter  dem  Namen  „Marseiller  Presse“  bekannt  ist.
Aus  diesen  Packpressen  entwickelten  sich  im  Laufe  der  Zeit
die  heutigen  „Etagenpressen“,  bei  denen  der  Verschleiß  an  Preßtüchem
  gegenüber  den  alten  Pressen  um  ca.  ein  Drittel  herabsetzt ­
 9 ),  die  Produktivität  dagegen,  wie  wir  noch  sehen  werden,
ganz  bedeutend  gesteigert  worden  ist.
Einen  besonderen  Markstein  in  der  Entwicklungsgeschichte
der  Etagenpressen  bildet  die  in  den  achtziger  Jahren  erfolgte
Einführung  der  sogen.  „Kuchenformmaschinen“,  welche  sich  in
den  heutigen  Ölfabriken  meistens  direkt  unter  oder  neben  den
Wärmeapparaten  befinden.  Die  Tätigkeit  dieser  Kuchenformer
besteht  darin,  ein  jedesmal  gleich  großes  Quantum  Samenmehl
zu  formen  und  vorzupressen.  Ihre  Vorzüge  liegen  auf  drei  Gebieten: ­
  einmal  beschleunigen  und  vereinfachen  sie  die  Tätigkeit
des  bedienenden  Arbeiters,  der  jetzt  nur  mehr  die  Preßtücher
auszubreiten,  den  Füllkasten  über  die  Tücher  zu  ziehen  und
die  Tuchenden  zusammenzuschlagen  braucht,  dann  erhöhen  sie
die  jedesmalige  Charge  der  Etagenpressen  dadurch,  daß  sie  den
Kuchen  in  einer  kurzen  Vorpressung  bereits  etwas  zusammendrücken, ­
  und  endlich  vermindern  sie  den  Preßtuchverschleiß,
weil  sie  den  Kuchen  vollkommen  gleichmäßig  formen  und  dadurch ­
  das  Zerren  der  Tücher  in  den  Pressen,  wie  dies  früher
bei  Unterdruckgehen  der  Pressen  häufig  stattfand,  verhindern.
Das  Bestreben  nach  Erhöhung  der  Produktivität  der  Etagenpressen ­
  brachte  in  den  letzten  Jahren  noch  zwei  weitere  NeueDort ­
  werden  sie  von  Hand  aus  einzeln  in  die  Presse  gelegt,  und
zwischen  jedes  Paket  schiebt  der  Arbeiter  eine  eiserne  Platte.  Beim  Verpacken ­
  der  Samenmasse  spielt  die  Geschicklichkeit  des  Arbeiters  eine  große
Rolle;  entstehen  nämlich  dabei  Falten  in  den  Einschlagetüchern,  oder  wird
der  Samen  nicht  vollständig  in  gleicher  Dicke  aufgehäuft,  so  geht  die
Presse  leicht  schief,  worunter  sowohl  die  Presse  wie  auch  besonders  die
Samentücher  leiden.  Da  die  Samenpakete  vollständig  frei  in  der  Presse
liegen,  müssen  die  Preßtücher  den  ganzen  seitlichen  Druck  aushalten  und
sind  auch  aus  diesem  Grunde  sehr  starkem  Verschleiß  ausgesetzt.  Um  ein
Schiefgehen  der  Presse  nach  Möglichkeit  zu  vermeiden,  brachte  man  später
innerhalb  des  Preßraumes  an  Ketten  zwei  stärkere  eiserne  Platten  an,  welche
beim  Unterdruckgehen  der  Presse  die  Ungleichheiten  der  einzelnen  Samenpakete ­
  etwas  verminderten.
®)  Festgestellt  auf  Grund  persönlicher  Erkundigungen.
Klaue,  Ölmüllerei.

8
        <pb n="112" />
        114  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

rungen,  die  heute  wohl  schon  vereinzelt  in  die  Praxis  Eingang
gefunden  haben.  Die  eine  dieser  Neuerfindungen  ist  eine  „Etagenpresse ­
  mit  Hubvorrichtung“,  die  andere  eine  sogen.  „Harmonikapresse“, ­
  d.  i.  eine  Etagenpresse  mit  Ausziehvorrichtung.
Beide  gehen  von  dem  Gedanken  aus,  die  toten  Zwischenräume
zwischen  den  einzelnen  Preßplatten,  welche  beim  Chargieren
nötig  sind,  um  die  Samenpakete  bequem  zwischen  die  Platten
einschieben  zu  können,  nach  Möglichkeit  zu  vermeiden.  Bei
der  Presse  mit  Hubvorrichtung  erreicht  man  dies  dadurch,  daß
zu  Beginn  der  Chargierung  der  untere  Teil  der  Preßplatten
direkt  aufeinander  liegt,  während  die  oberen  Platten  so  weit
voneinander  aufgehängt  sind,  daß  sie  bequem  beschickt  werden
können.  Ist  dies  geschehen,  so  werden  die  geladenen  Platten
durch  eine  mechanische  Vorrichtung  so  weit  gehoben,  daß  die
toten  Zwischenräume  verschwinden;  gleichzeitig  werden  die
unteren  Preßplatten  dabei  so  weit  voneinander  gezogen,  daß
auch  sie  nunmehr  geladen  werden  können.
Noch  bedeutend  leistungsfähiger,  dafür  aber  auch  etwas
komplizierter  ist  die  Harmonikapresse.  „Statt  einen  Teil  der
Preßplatten  zu  heben,  werden  hier  sämtliche  Preßplatten  durch
den  rahmenförmig  ausgebildeten  Holm  der  Presse  mit  Hilfe
einer  besonderen  Windevorrichtung  hindurchgezogen  und  oberhalb ­
  der  Presse  entleert  und  gefüllt 10 ).“  Wegen  der  bedeutenden ­
  Länge  dieser  Presse  stellt  man  dieselbe  meistens  im  Kellergeschoß ­
  auf,  so  daß  nur  der  obere  Teil  über  den  Fußboden  des
Arbeitsraumes  ragt,  und  man  Füllung  und  Entleerung  in  bequemer ­
  Arbeitshöhe  und  direkt  neben  der  Formmaschine  vornehmen ­
  kann.  Eine  derartige  Harmonikapresse  hat  neben  ihrem
großen  Fassungsvermögen  auch  noch  weitere  Vorzüge:  „Da  das
Auspressen  des  Öles  in  einem  unterhalb  des  Arbeitssaales  gelegenen ­
  Raum  stattfindet,  kann  die  Presse  selbst  vollkommen
durch  Verschalungsbleche  eingeschlossen  und  so  einem  Materialverluste ­
  vorgebeugt  werden;  die  Bedienungsmannschaft  arbeitet ­
  stets  in  der  gleichen,  bequem  gelegenen  Höhe,  wodurch
die  Chargierungszeit  wesentlich  verkürzt  wird;  die  Vermeidung
des  .toten  Raumes  bedingt  eine  beträchtliche  Ersparnis  an  Druckwasser ­
  und  damit  gleichzeitig  ein  schnelleres  Unterdruckgehen
der  Presse  (Abkürzung  der  Preßdauer).  An  Stelle  der  Preß-10

 )  Ubbelohde,  1.  c.  Bd.  I,  Seite  531,
        <pb n="113" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

115

8*

tücher  können  bei  allseitiger  keilförmiger  Verdickung  der  Preßplatten
  Preßdeckel  benützt  werden,  wodurch  der  Preßtuchverschleiß
  vermindert  wird 11 ).“
Die  Verteilung  des  Preßdruckes  in  den  offenen  Pressen
bringt  es  mit  sich,  daß  die  Ränder  der  Kuchen  nur  unvollkommen
ausgepreßt  werden  und  daher  eine  verhältnismäßig  großeMenge
Öl  zurückhalten.  Um  dieses  Öl  nicht  zu  verlieren  und  auch  die
rauhen  Ränder  der  Kuchen  abzuglätten,  beschneidet  man  die
Preßkuchen  an  den  Ecken  und  Rändern,  zerkleinert  die  Abfälle
wieder  und  mischt  sie  im  Wärmer  unter  frisches  Saatgut,  mit
dem  sie  dann  nochmals  ausgepreßt  werden.  Dies  Beschneiden
geschah  ursprünglich  einfach  mit  der  Hand  mit  starken  Messern,
später  benutzte  man  Apparate  ähnlich  unseren  heutigen  Brotschneidemaschinen. ­
  Erst  die  Zeit  nach  1870  brachte  uns  auch
hier  größere  Verbesserungen  mit  der  Einführung  von  Kuchenschneidemaschinen, ­
  bei  denen  eiin  an  Führungen  sitzendes  Messer
sich  in  dem  Schlitz  eines  Tisches  durch  maschinelle  Kraft  hin
und  her  bewegt.  Zwar  wurde  auch  bei  diesen  Maschinen  der
Preßkuchen  noch  durch  Menschenhand  gegen  das  Messer  gedrückt, ­
  immerhin  aber  war  eine  bedeutende  Beschleunigung  der
Arbeit  erreicht.  Neuerdings  haben  nun  vollkommen  maschinell
arbeitende  Kuchenschneider  in  verschiedenen  Ölmühlen  Eingang
gefunden,  bei  denen  das  Beschneiden  des  Kuchens  vollkommen
automatisch  vor  sich  geht.  Dadurch  ist  wieder  eine  menschliche
Arbeitskraft  pro  Kuchenschneider  überflüssig  geworden,  wodurch ­
  die  Betriebskosten  weiter  verringert  werden.
Was  nun  die  durch  alle  diese  Erfindungen  bzw.  Verbesserungen ­
  hervorgerufene  Steigerung  der  Produktivität  und  Verminderung ­
  der  Produktionskosten  anbelangt,  so  wird  darüber
in  einem  bekannten  Fachblatt  folgendes  berichtet,  wobei  die
Vervollkommnungen  der  letzten  10  Jahre  noch  gar  nicht  berücksichtigt ­
  sind 12 ):  „Die  letzten  Jahre  haben  in  den  Preßkonstruktioner.
  große  Umwandlungen  gebracht,  und,  wenn  man
heute  noch  alte  Topf-  oder  Etagenpressen  antrifft,  auf  denen  Rüboder
  Leinöl  gepreßt  wird,  so  straft  sich  dieser  Konservatismus
selbst.  Die  neueren  Modelle  von  Ölpressen  leisten  in  gleicher  Zeit
wenigstens  das  Doppelte  und  erfordern  dabei  höchstens  ein  Drittel

“)  Hefter,  1.  c.  Bd.  I,  S.  314.
12 )  Vgl.  „Seifensiederzeitung",  Jahrg.  1899,  Nr.  31.
        <pb n="114" />
        116  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

der  Bedienungsmannschaft.  Selbst  kleine  Ölpressereien  sollten
die  Anlage-  resp.  Rekonstruktionskosten  nicht  scheuen,  denn  der
Unterschied  in  den  Kosten,  die  das  Pressen  von  100  kg  Saat  nach
dem  alten  und  neuen  Verfahren  ausmacht,  ist  so  gewaltig,  daß
wenige  Jahre  genügen,  damit  diese  Ersparnisse  die  Anlagekosten
tilgen.“
Zur  näheren  Illustrierung  dieser  Sätze  mögen  folgende  Angaben ­
  dienen:
Aus  der  Zeit  vor  1870  wird  uns  die  Größe  der  Ölkuchen,
welche  damals  meistens  Trapezform  hatten,  mit  36—55  cm  Länge,
20—21,5  cm  oberer  und  14—17  cm  unterer  Breite  angegeben,
und  das  Fassungsvermögen  der  Presse  schwankte  zwischen  3  und
10  derartigen  Kuchen 13 ).  Heute  haben  die  Kuchen  der  Etagenpressen ­
  meistens  rechteckige  Form  und  sind  bis  zu  85  cm  lang
und  bis  zu  36  cm  breit;  die  jedesmalige  Charge  der  sogen,  „angloamerikanischen
  Etagenpressen“  beträgt  meistens  17  Kuchen,  die
der  Pressen  mit  Hubvorrichtung  bis  zu  24  Kuchen  und  die  der
Harmonikapressen  40  Kuchen  und  mehr.
ln  einer  Neußer  gut  eingerichteten  Dampfölmühle  verarbeitete ­
  vor  1870  jede  Nachpresse  in  24  Stunden  an  Rapssaat
ca.  1320—1500  kg 14 ).  Heute  verarbeitet  am  selben  Platze  in
einer  modern  eingerichteten  Ölfabrik  jede  Nachpresse  in  24  Stunden ­
  etwas  über  3000  kg  Rapssaat 15 ).
Noch  größer  ist  dieser  Unterschied  bei  der  Verarbeitung
von  Leinsaat,  wobei  allerdings  ins  Gewicht  fällt,  daß  man  früher
Leinsaat  zweimal  auspreßte,  während  man  sich  heute  an  einer
einmaligen  Pressung  von  allerdings  bedeutend  größerer  Dauer
genügen  läßt,  ln  der  Ölmühle  von  Struß  in  Linderte  kamen  um
1870  auf  jede  Presse  in  12  Stunden  an  verarbeiteter  Leinsaat
ca.  320—330  kg 16 ),  in  einer  vom  Verfasser  befragten  modern
eingerichteten  Ölfabrik  dagegen  ca.  1660—1670  kg 17 ).

13 )  Vgl.  Scholl,  1.  c.  und  Rühlmann,  1.  c.

14 )  Rühlmann,  1.  c.  Bd.  II,  1.  Aufl.,  S.  329.

16 )  Nach  persönlichen  Erkundigungen.  Ubbelohde  gibt  sogar  die
Leistung  einer  17kuchigen  Etagenpresse  bei  einem  Betriebsdruck  (Hochdruck) ­
  von  300  Atm.  und  35  Minuten  Druckdauer  auf  ca.  5000  kg  in  24  Stunden ­
  ah.

16 )  Vgl.  Rühlmann,  1.  c.  1.  Aufl.,  Bd.  II,  S.  331.

17 )  Die  „Harburger  Eisen-  und  Bronzewerke"  A.-G.  bauen  neuerdings
Etagenpressen  für  20  Kuchen,  deren  Leistung  in  12  Stunden  sogar  2500  bis
2750  kg  Leinsaat  betragen  soll.
        <pb n="115" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

117

Die  Zahl  der  an  den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter  hat
sich  nur  in  den  Ölfabriken  um  eine  Person  vermindert,  in  denen
der  vollständig  automatisch  arbeitende  Kuchenschneider  eingeführt ­
  ist.  Wohl  aber  ist  die  Zahl  der  Pressen  gestiegen,  welche,
trotz  der  jedesmal  größeren  Charge  der  Presse,  von  derselben
Zahl  Arbeiter  bedient  werden  kann.  Wir  haben  im  vorigen  Abschnitte ­
  erfahren,  daß  vier  Arbeiter  zwei  bis  drei  Pressen  ä  3  bis
10  Kuchen  bedienen  konnten;  heute  fand  Verfasser  Ölfabriken,
in  denen  von  vier  Arbeitern  zehn  Pressen  ä  16  Kuchen,  bzw.
neun  Pressen  ä  24  Kuchen  bedient  wurden.  Eine  derartige
enorme  Arbeitssteigerung  der  an  den  Pressen  beschäftigten  Personen ­
  ist  erst  möglich  geworden  mit  der  Einführung  der  Kuchenformmaschinen, ­
  mit  deren  Hilfe  eine  17kuchige  Presse  in  drei
Minuten  geladen  werden  kann.  (Allerdings  ist  auch  die  Preßdauer ­
  aus  Gründen  einer  besseren  Ölausbeute  verlängert  und
beträgt  heute  meistens  1/2—1  Stunde.)
Deutlich  zeigt  sich  die  Herabminderung  der  Zahl  der  benötigten ­
  Arbeitskräfte,  bzw.  die  Erhöhung  der  Leistung  des
einzelnen  Arbeiters  auch  an  folgenden  Zahlen:  Um  1870  kamen
in  der  Dampfölmühle  in  Mainz  (nach  Neußer  System  eingerichtet) ­
  an  verarbeiteter  Menge  Rapssaat  auf  jeden  der  an  den  Pressen ­
  beschäftigten  Arbeiter  in  12  Stunden  ca.  510  kg 18 );  in  einer
vom  Verfasser  befragten  modernen  Ölfabrik  auf  jeden  Arbeiter
in  12  Stunden  dagegen  ca.  1500  kg.
Über  die  Herabminderung  des  Preßtuchverschleißes  kann
leider  zahlenmäßiges  Material  nicht  gebracht  werden,  da  über
diesen  Punkt  aus  früheren  Jahren  keine  Angaben  zur  Verfügung
stehen.  Von  welcher  Bedeutung  aber  hier  jede  Verbesserung
für  die  Herabsetzung  der  Produktionskosten  ist,  dürfte  uns  klar
werden,  wenn  wir  erfahren,  daß  vor  einigen  Jahren  in  einer
großen  mit  anglo-amerikanischen  Pressen  arbeitenden  Ölfabrik
die  jährlichen  Preßtuchausgaben  mit  über  50000  M.  ungefähr
12%  der  gesamten  Fabrikationskosten  ausmachten 19 ).
Die  zweite  große  Gruppe  der  heute  im  Gebrauch  befindlichen ­
  Pressen  sind  die  sogen.  „Seiherpressen“,  welche  sich  aus

18 )  Rühlmann,  1.  c.  1.  Aufl.,  Bd.  II,  S.  333.
*•)  Auf  Grund  persönlicher  Erkundigungen.  Rohmaterialkosten  und
Handlungsunkosten,  Verzinsungs-  und  Amortisationsquote  sind  bei  den
Fabrikationskosten  nicht  mitberücksichtigt.
        <pb n="116" />
        118  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

den  alten  Topf-  bzw.  Kastenpressen  entwickelt  haben.  Bei  ihnen
liegt  das  Preßgut  nicht  offen  in  der  Presse,  sondern  wird  in
einem  siebartig  durchlöcherten  Behälter,  dem  Seiher,  ausgepreßt.
Bei  den  Topf-  und  Kastenpressen  wurde  der  Samen  genau  wie
bei  den  Packpressen  in  Säcke  oder  Tücher  eingeschlagen  oder
in  sogen.  Preßbeutel  eingefüllt  und  so  verpackt  in  den  Preßseiher
  gelegt.  Dabei  gingen  die  Hauptvorteile  der  Seiherpresse,
welche  in  ihrer  leichten  Beschickungsmöglichkeit  und  dem  Ersatz ­
  der  Einschlagetücher  durch  einfache  Filterzwischenlagen
bestehen,  gänzlich  verloren,  und  die  Folge  davon  war,  daß  man
sich  in  den  folgenden  Jahrzehnten  von  der  Seiherpresse  mehr
und  mehr  emanzipierte,  bis  man  endlich  erkannte,  daß  ein  Einschlagen ­
  des  Preßgutes  bei  den  Seiherpressen  gar  nicht  nötig
sei,  sondern  ein  einfaches  Einfüllen  des  losen  Preßgutes  in  den
Seiher  genüge,  und  es  zur  Erzielung  einer  besseren  Ölausbeute
lediglich  notwendig  sei,  den  Inhalt  des  Preßseihers  durch  Zwischenlagen ­
  aus  Eisenplatten  und  einem  öldurchlässigen  Gewebe
oder  Geflechte  in  mehrere  dünne  Chargenlager  zu  zerlegen 20 ).
Dies  geschah  Ende  der  siebziger  Jahre  und  von  diesem  Zeitpunkte ­
  an  machte  die  technische  Weiterbildung  der  Seiherpressen ­
  solche  Fortschritte,  daß  man  dieses  Pressensystem  heute
als  das  vollendetste  von  allen  bezeichnen  muß.
Nicht  zum  geringsten  Teile  hängt  das  mit  der  Ausbildung
der  Füll-  und  Entleerungsmethoden  zusammen,  denn  im  Laufe
der  letzten  zwanzig  Jahre  sind  dieselben  durch  Einführung  von
kombinierten  Vor-  und  Ausdrückapparaten  (kurz  Füllpressen
genannt)  so  vervollkommnet 21 ),  daß  die  einzige  menschliche

a**)  Hefter,  1.  c.  Bd.  I,  S.  261.
zl )  Ursprünglich  wurden  die  Seiher  unter  der  Presse  gefüllt  und
entleert,  da  dies  aber  ziemlich  umständlich  war,  ging  man  schon  bald  dazu
über,  zu  diesen  Arbeiten  den  Seiher  auf  einen  vor  der  Presse  angebrachten
Arbeitstisch  zu  ziehen.  Später  benutzte  man  dann  an  jeder  Presse,  um
die  Zeit,  welche  zum  Füllen  und  Entleeren  der  Seiher  nötig  war,  nicht
zu  verlieren,  zwei  Seiher,  von  denen  der  eine  immer  unter  der  Presse  war,
während  der  andere  entleert  und  gefüllt  wurde.
Da  man  in  den  Seiherpressen  mit  sehr  hohem  Druck  arbeitet,  hafteten
die  Kuchen  häufig  derart  fest  an  den  Wänden  des  Seihers,  daß  sie  mit
der  Hand  kaum  herausgebracht  werden  konnten.  Aus  diesem  Grunde
ging  man  dazu  über,  zum  schnelleren  Entleeren  der  -Seiher  eigene  Ausdrückapparate ­
  anzuwenden,  in  denen  die  Kuchen  durch  einen  hydraulisch
betriebenen  Kolben  aus  dem  Seiher  herausgedrückt  wurden.  Um  die  jedes-
        <pb n="117" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

119

Arbeit  beim  Füllen  und  Entleeren  der  Seiher  nur  noch  darin
besteht,  daß  der  Arbeiter  die  Preßdeckel  und  Zwischenbleche
hineinlegt,  bzw.  von  den  ausgepreßten  Kuchen  abzieht.  Diese
Füllpressen  werden  direkt  unter  dem  Samenwärmer  angebracht,
und  eine  einzige  genügt  zum  Betriebe  von  3—6  Pressen.  Die
Seiher  werden  dabei  zum  Entleeren  und  Füllen  aus  der  Presse
auf  einen  Wagen  gezogen  und  zur  Füllpresse  gefahren,  und  es
ist  zu  einem  kontinuierlichen  Betriebe  nur  ein  überzähliger
Seiher  nötig.  Zur  Bedienung  einer  derartigen  Seiherpressenbatterie ­
  sind  nur  zwei  Arbeiter  nötig  (der  eine  an  der  Füllpresse,
der  andere  zur  Bedienung  des  Wagens),  und  eine  jede  ihrer
Pressen  verarbeitet  bei  einer  Seiherabmessung  von  1200  zu
450  mm  und  einer  Druckdauer  von  je  35  Minuten  in  24  Stunden
ca.  4500  kg  Sesam  oder  Erdnuß  zweiter  Pressung 22 ).
Obgleich  das  Verbringen  der  Seiher  auf  die  Wagen  und  das
Fahren  zur  Füllpresse  heute  meistens  durch  maschinelle  Kraft
geschieht,  erfordert  es  doch  besonders  bei  kurzer  Druckdauer
(beim  Vorschlag)  relativ  viel  Zeit  und  Mühe.  Diese  Umständlichkeit ­
  des  Hin-  und  Herfahrens  wird  vermieden  bei  den  sogen.
Drehpressen,  in  denen  zwei  Seiher  um  eine  Säule  drehbar  aufgehängt ­
  sind.  Während  der  eine  Seiher  sich  unter  der  Presse
befindet  und  unter  Druck  steht,  wird  der  zweite  ausgeschwenkte
Seiher  in  einer  an  die  Hauptpresse  angebauten  Füllpresse  entleert ­
  und  gefüllt.  Da  selbst  bei  den  größten  Konstruktionen  des
Seihers  die  Zeit,  welche  zum  Entleeren  und  Füllen  eines  Seihers
nötig  ist,  nur  etwa  13  Minuten  beträgt,  kann  man  aber  eine
solche  Drehpresse,  namentlich  bei  längerer  Preßdauer,  nur  sehr
unvollkommen  ausnutzen.  Um  die  Ausnutzung  der  Presse  zu
steigern,  zieht  man  neuerdings  auch  die  Füllpresse  zur  eigentlichen ­
  Preßarbeit  mit  heran.  Man  preßt  nämlich  auf  ihr  mit  dem
Ausstoßkolben  schon  einen  gewissen  Teil  des  Öles  ab  und
schwenkt  erst  nach  einer  angemessenen  Zeit  den  teilweise  ausgepreßten ­
  Seiher  unter  die  Hauptpresse,  wo  er  nun  in  relativ
kürzerer  Zeit  völlig  ausgepreßt  wird 23 ).  Derartige  Drehpressen
sind  bekannt  unter  dem  Namen  „Verbundpressen“.  Das  Ummalige ­
  Charge  des  Seihers  zu  erhöhen,  baute  man  diese  Apparate  dann  bald
so,  daß  man  mit  ihnen  beim  Laden  auch  die  Samenmasse  zusammendrücken
konnte.
* 2 )  Nach  Ubbelohde,  1.  c.  Bd.  I,  S.  484.
2 »)  Nach  Ubbelohde,  1.  c.  Bd.  I,  S.  489.
        <pb n="118" />
        120  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

schwenken  der  Seiher  geht  in  wenigen  Sekunden  vor  sich  und
zur  Bedienung  der  ganzen  Presse  ist  nur  ein  Mann  nötig.  Verarbeitet ­
  werden  können  auf  ihr  im  Vorschlag  in  24  Stunden
ca.  18000—20000  kg  Saat.  Eine  wie  ungeheure  Steigerung  der
Produktivität  damit  eingetreten  ist,  können  wir  erkennen,  wenn
wir  uns  vergegenwärtigen,  daß  auf  den  für  ihre  Zeit  (1840  bis
1870)  sehr  leistungsfähigen  Faßbenderschen  Siebtopfpressen  in
24  Stunden  nur  ca.  6000  kg  Vorschlaggut  verarbeitet  werden
konnten  24 ).
Durch  die  Kombinierung  zweier  Drehpressen  zu  einer  Art
Drehpressenbatterie,  bei  welcher  eine  Füllpresse  zwei  Effektiv-Pressen
  bedient,  ist  es  gelungen,  die  Preßdauer  einer  solchen
Batterie  gegen  die  einer  einfachen  Drehpresse  zu  verdoppeln.
Eine  solche  „Drehpressenbatterie“,  welche  meist  auch  in  der
oben  geschilderten  Weise  als  Verbundpresse  ausgebildet  ist,
wird  ebenfalls  von  nur  einem  Arbeiter  bedient,  und  ihre  Leistung ­
  beträgt  im  Vorschlag  in  24  Stunden  bis  zu  30000  kg  Saatmehl. ­

Wenden  wir  uns  nunmehr  im  Anschluß  an  die  Ausführungen
über  die  Vervollkommnung  der  verschiedenen  Pressentypen  der
Erörterung  der  Frage  zu,  welchen  Einfluß  die  Einführung  dieser
Verbesserungen  in  die  Praxis  auf  die  Entwicklung  der  deutschen
Ölmüllerei  gehabt  hat,  oder  m.  a.  W.,  worin  die  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  dieser  technischen  Verbesserungen  liegt.
Ich  habe  bereits  durch  ausführliches  Zahlenmaterial  .die  Tatsache ­
  erhärtet,  daß  die  vervollkommneten  Pressen  eine  bedeutend ­
  höhere  Produktivität  aufweisen,  als  die  bis  dahin  im  Gebrauch ­
  gewesenen.  Daraus  ergibt  sich  für  die  Kleinbetriebe,
welche  von  den  alten  Keilpressen  oder  von  den  älteren  hydraulischen ­
  Pressen  zu  den  modernen  hydraulischen  Pressen  übergehen ­
  wollen,  ohne  weiteres,  auch  wenn  die  Besitzer  eine  Vergrößerung ­
  des  Betriebes  nach  Möglichkeit  zu  umgehen  suchen,
eine  Steigerung  der  täglichen  Produktion  und  damit  eine  Vergrößerung ­
  des  Betriebes.  Nicht  allein,  daß  die  zur  Aufrechterhaltung ­
  eines  ununterbrochenen  Betriebes  notwendigen  Saatvorräte, ­
  sowie  zeitweilig  auch  die  Vorräte  an  Öl  und  Kuchen
wachsen,  diese  größeren  Vorräte  an  Rohmaterialien  und  Fabrikaten ­
  erfordern  auch  größere  Lagerräume,  die  Wärmeapparate,

**)  Berechnet  nach  Angaben  bei  Scholl,  1.  c.  und  Rühlmann,  1.  c.
        <pb n="119" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

121

Reinigungs-  und  Zerkleinerungsmaschinen  müssen  vermehrt
werden,  kurz,  der  ganze  Betrieb  erfährt  eine  Erweiterung.
Ist  also  die  Einführung  der  modernen  Pressen  selbst  in
kleinstem  Maßstabe  bereits  mit  einer  Betriebsvergrößerung  und
Steigerung  des  stehenden  und  umlaufenden  Kapitals  verbunden,
so  ist  dies  in  noch  viel  stärkerem  Maße  der  Fall  bei  denjenigen
Betrieben,  welche  die  Vorteile  der  vervollkommneten  Technik
voll  und  ganz  ausnutzen  wollen.  Um  dies  richtig  verstehen  zu
können,  müssen  wir  uns  zuvor  noch  kurz  mit  den  Bestrebungen
nach  weiterer  Erhöhung  der  Ölausbeute  befassen.
Ich  habe  bereits  erwähnt,  daß  man  im  Laufe  der  letzten
vier  Jahrzehnte  immer  mehr  erkannte,  daß  neben  einem  hohen
Preßdruck  noch  verschiedene  andere  Momente  bei  der  Ölausbeute ­
  eine  gewichtige  Rolle  spielen,  habe  auch  bereits  die  durch
verschiedene  Verpackung  des  Samenmehles  in  der  Presse  erzielte ­
  verschieden  hohe  Ölausbeute  besprochen.  Außer  diesen
beiden  Faktoren  sind  nun  noch  drei  weitere  von  Einfluß  auf  die
Ölausbeute,  nämlich  die  Intensität  der  Zerkleinerung  des  Preßgutes, ­
  der  Grad  der  Erwärmung  desselben  und  die  Länge  der
Preßdauer.
Da  die  Vorrichtungen  und  der  Grad  der  Zerkleinerung,  sowie ­
  die  Intensität  und  Schnelligkeit  der  Erwärmung,  welche  die
Ölsaaten  und  -früchte  zum  Zwecke  der  größten  Ölausbeute  verlangen, ­
  bei  den  verschiedenen  Rohprodukten  ganz  verschieden
sind,  will  ich  hier,  was  die  Fortschritte  bei  der  Zerkleinerung
und  Erwärmung  betrifft,  nicht  auf  Einzelheiten  eingehen,  begnüge ­
  mich  vielmehr  mit  der  Feststellung,  daß  auch  auf  diesem
Gebiete  große  Verbesserungen  zu  verzeichnen  sind,  deren  Endpunkte ­
  die  mehrwalzigen  (drei  bis  sechs)  Walzenstühle  und  die
sogen.  Verbundwärmer  sind 25 ).
Von  weit  größerer  volkswirtschaftlicher  Bedeutung  als  diese
Verbesserungen  ist  aber,  wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,
die  Verlängerung  der  Preßdauer  gewesen,  welche  man  eintreten
ließ,  weil  man  erkannte,  daß  sich  die  Ölausbeute  bedeutend  erhöhte, ­
  wenn  man  die  Pressen  eine  Zeitlang  unter  dem  höchsten
Druck  stehen  ließ.  2
2&amp;amp; )  Auch  die  Zerkleinerung  der  Kuchen  des  Vorschlages,  wie  auch
der  Preßkuchen  überhaupt,  hat  große  Fortschritte  gemacht;  sie  geschieht
heute  nur  noch  maschinell  in  eigenen  Kuchenbrechern,  Schlagkreuzmühlen,
Desintegratoren  usw.
        <pb n="120" />
        122  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Die  Wichtigkeit  dieser  Verlängerung  der  Preßdauer  für  die
Erhöhung  der  Ölausbeute  ergibt  sich  deutlich  aus  der  folgenden
kleinen  Zusammenstellung,  wenn  wir  die  jeweilige  prozentuale
Ölausbeute  und  die  Leistungsfähigkeit  der  Presse  (durch  kürzere ­
  Preßdauer  erhöhte  Produktivität  der  Presse)  vergleichen.
Auch  gibt  uns  diese  Tabelle  ein  gutes  Bild  von  der  durch  die
gesamten  technischen  Fortschritte  in  den  letzten  40  Jahren  gesteigerten ­
  Ölausbeute  und  der  gestiegenen  Leistungsfähigkeit
der  hydraulischen  Pressen.
Die  Ölmühle  Struß  in  Linderte  bei  Hannover 26 )  verarbeitete
um  1860  auf  jeder  Presse  (bei  zweimaliger  Pressung)  in  24  Stunden ­
  648  kg  Leinsaat;  die  Ölausbeute  betrug  durchschnittlich
ca.  25—26%.
Die  von  einer  Berliner  Maschinenfabrik  eingerichtete  Ölfabrik ­
  von  Egells  in  St.  Petersburg 26 )  verarbeitete  1864  auf  jeder
Presse  (bei  zweimaliger  Pressung)  in  24  Stunden  3180  kg  Leinsaat; ­
  die  Ölausbeute  betrug  durchschnittlich  nur  18,8%.
Eine  vom  Verfasser  befragte  Ölfabrik  verarbeitete  1910  auf
jeder  17kuchigen  Presse  (bei  einmaliger  Pressung)  in  24  Stunden ­
  an  Leinsaat  ca.  3340  kg;  die  durchschnittliche  Ölausbeute
betrug  28,5  o/o  27).
Eine  in  einer  Fachzeitschrift 28 )  angeführte  Leinölfabrik  verarbeitete ­
  1903  bei  einmaliger  Pressung  an  Leinsaat  in  24  Stunden ­
  auf  einer  Presse  zu  16  Kuchen  3500  kg,  auf  einer  Presse
zu  26  Kuchen  4900  kg;  die  Ölausbeute  betrug  durchschnittlich
24,6  o/ 0 .

26 )  Berechnet  nach  Angaben  bei  Rühlmann,  1.  c.,  1.  Aufl.,  Bd.  II.
* 7 )  Die  Ölausbeute  richtet  sich  natürlich  nach  dem  Ölgehalt  der
Samen;  dieser  ist  je  nach  Provenienz  der  Saaten  und  den  verschiedenen
Jahren  verschieden.  Für  Leinsaat  zeigt  die  folgende  Zusammenstellung
den  verschieden  großen  Ölgehalt  der  Samen  (die  Angaben  darüber  sind

im  allgemeinen

sehr  schwankend)  und  die

heute  durchschnittlich  beim

Preßverfahren  erzielte  Ölausbeute

Ölgehalt

Ölausbeute

Herkunft

Max.

Min.

Max.

Min.

je  nach  i

dem  Jahrgang

je  nach  dem

Jahrgang

Calcutta-Lein

'  43,26  %

37,550/„

35%

33%

Bombay-  „

42,90  o/ 0

40,03  o/ 0

36%

33%

Russisch-  „

39,06  o/ 0

36,53  o/o

32%

30%

La  Plata-  „

39,18%

36,45  «/„

31%

29o/o

Nach  Angaben  Hefters,  i.  c.  Bd.  II,  S.  7  u.  16.

28 )  „Seifensiederzeitung",  Jahrg.  1903,  Nr.  24.
        <pb n="121" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

123

Nach  dieser  Abschweifung  will  ich  nunmehr  versuchen,  die
vorher  gestellte  Frage  zu  beantworten,  weswegen  diejenigen  Ölmüller, ­
  welche  die  Vorteile  der  verbesserten  Technik  voll  ausnützen ­
  wollten,  in  den  meisten  Fällen  zu  einer  bedeutenden  Betriebsvergrößerung ­
  schreiten  mußten.  Ich  habe  bereits  darauf
hingewiesen,  eine  wie  gewaltige  Steigerung  der  Arbeitsleistung
der  an  den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter  mit  der  Einführung
der  Kuchenformmaschinen,  Füllpressen  und  Kuchenschneidemaschinen ­
  verbunden  war.  So  beträgt  die  Leistung  der  Kuchenformmaschinen ­
  in  3  Minuten  17  Kuchen,  d.  h.  bei  einer  rationellen ­
  Arbeitsweise  kann  in  3  Minuten  eine  17kuchige  Etagenpresse ­
  geleert  und  wieder  gefüllt  werden.  Die  dabei  notwendige
Arbeitsteilung  wird  so  vorgenommen,  daß  ein  Arbeiter  die
Kuchenformmaschine  bedient,  ein  zweiter  die  Presse  entleert
und  ein  dritter  die  Presse  gleichzeitig  wieder  füllt 29 ).  Nimmt
man  nun  eine  Druckdauer  von  15  Minuten  an  (wie  sie  vor  1870
meistens  üblich  war),  so  können  diese  drei  Arbeiter  bei  voller
Ausnutzung  ihrer  Arbeitsfähigkeit  5  Pressen  ä  17  Kuchen  bedienen. ­
  Als  man  dann  später,  wie  vorher  geschildert,  aus  Gründen ­
  einer  besseren  Ölausbeute  zu  einer  Verlängerung  der  Druckdauer ­
  auf  eine  halbe  Stunde  und  mehr  überging,  erhöhte  sich
die  zu  einer  vollkommenen  Ausnutzung  der  Arbeitsfähigkeit  der
Kuchenformmaschine  und  der  an  den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter ­
  notwendige  Zahl  von  Pressen  auf  10.
Naturgemäß  ist  eine  derartig  vollkommene  Ausnutzung  der
Arbeitsfähigkeit  der  Arbeiter  nicht  möglich,  denn  die  Arbeiter
können  sich  aus  physischen  Gründen  selbstverständlich  nicht
während  ihrer  ganzen  8—12stündigen  täglichen  Arbeitszeit  (von
den  Frühstücks-,  Mittags-  und  Vesperpausen  will  ich  hier  absehen)
  in  ununterbrochener  angestrengter  Tätigkeit  befinden.
Aus  diesem  Grunde  beschränkt  man  daher  entweder  die  Zahl
der  von  3  bzw.  4  Arbeitern  bedienten  Etagenpressen  bei  einhalbstündiger ­
  Preßdauer  auf  6—8,  wobei  die  Arbeiter  dann  alle
halbe  Stunden  ca.  6—12  Minuten  Pause  haben 30 ),  oder  man
29 )  Es  ist  hierbei  ein  vollkommen  automatisch  arbeitender  Kuchenschneider ­
  angenommen.  Arbeitet  die  Fabrik  ohne  einen  solchen,  so  ist
noch  ein  Arbeiter  zur  Bedienung  des  Kuchenschneiders  notwendig.
30 )  Es  ist  dies  nicht  so  zu  verstehen,  daß  die  Arbeiter  am  Schluß
jeder  Pressung  nun  ganze  6  bis  12  Minuten  Pause  haben,  sondern  dieselbe
wird  so  verteilt,  daß  die  Bedienung  der  Pressen  etwas  langsamer  geschieht
und  dann  am  Schluß  noch  einige  Minuten  überbleiben.
        <pb n="122" />
        124  HI-  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

läßt  zwar  3  bzw.  4  Arbeiter  10  Pressen  bedienen,  verlängert
aber  die  Preßdauer  um  einige  Minuten,  was  ja  für  die  Ölausbeute ­
  nie  schädlich  ist,  den  Arbeitern  aber  bei  jeder  Pressung
einige  Minuten  Pause  bringt.  Im  letzteren  Falle  hat  man  dann
noch  den  Vorteil  in  Zeiten  der  Hochkonjunktur  die  Leistungsfähigkeit ­
  der  Pressen,  Kuchenformmaschinen  und  Wärmer  voll
ausnutzen  zu  können,  indem  man  die  Preßdauer  auf  1/2  Stunde
erniedrigt,  die  Zahl  der  an  den  Pressen  tätigen  Arbeiter  aber
um  1—2  vermehrt  und  auf  diese  Weise  jeden  einzelnen  Arbeiter
entlastet.
Ähnlich  wie  bei  den  Etagenpressen  liegt  der  Sachverhalt
auch  bei  den  Seiherpressen,  so  daß  ich  im  einzelnen  darauf  nicht
mehr  einzugehen  brauche.  Wie  wir  an  anderer  Stelle  ja  gesehen
haben,  können  beim  Seiherpressenbetriebe  bei  voller  Ausnützung
der  Füllpressen  von  2  Arbeitern  je  nach  der  Preßdauer  3  bis
6  Seiherpressen  bedient  werden.
Fassen  wir  die  Ergebnisse  der  Untersuchungen  über  diesen
Punkt  zusammen,  so  können  wir  feststellen,  daß  zu  einer  vollkommenen ­
  Ausnutzung  der  verbesserten  Preßtechnik  somit  beim
Etagenpressenbetriebe  mindestens  eine  Anlage  von  6  Pressen,
beim  Seiherpressenbetriebe  eine  solche  von  3  Pressen  notwendig ­
  ist.  Was  für  eine  Vergrößerung  des  ganzen  Betriebes  aber
eine  derartige  Einrichtung  mit  sich  bringt,  wird  uns  ohne  weiteres ­
  klar,  wenn  wir  die  folgenden  Produktionszahlen  miteinander ­
  vergleichen:
ln  der  in  kleinem  Maßstabe,  aber  äußerst  rationell  betriebenen ­
  Ölmühle  von  Capelle  in  Hannover  wurden  vor  1870  auf
zwei  hydraulischen  Pressen  in  24  Stunden  ca.  2060  kg  Rapssaat
verarbeitet 31 ).
Nach  den  Mitteilungen  der  bedeutendsten  deutschen  Spezialfabrik ­
  für  Einrichtung  von  Ölfabriken 32 )  können  in  vollkommen ­
  eingerichteten  Ölmühlen  heute  in  einer  Etagenpressenbatterie ­
  von  6  Pressen  ä  20  Kuchen  in  24  Stunden  ca.  30-  bis
33000  kg  Leinsaat,  in  einer  Seiherpressenbatterie  von  4  Hauptpressen ­
  in  24  Stunden  ca.  28  000  kg  Palmkerne  verarbeitet
werden.
Es  beträgt  also  die  tägliche  Produktion  der  mit  den  neuesten
technischen  Errungenschaften  versehenen,  vollkommen  rationell

31 )  Vgl.  S.  68.
32 )  Auf  Grund  persönlicher  Erkundigungen.
        <pb n="123" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

125

arbeitenden,  unter  diesen  Bedingungen  aber  in  kleinstem  Maßstabe ­
  errichteten  Ölmühlen  heute  ungefähr  das  14—17fache  der
unter  gleichen  Voraussetzungen  vor  etwa  40—50  Jahren  erbauten ­
  Ölmühlen.
Mit  der  eben  geschilderten  durch  die  Steigerung  der  Produktivität ­
  der  Einzelpressen,  wie  auch  der  Mindestzahl  der  zu
einem  rationellen  Betriebe  nötigen  Pressen  hervorgerufenen  Vergrößerung ­
  der  Gesamtbetriebe  ist  jedoch  die  volkswirtschaftliche
Bedeutung  der  Vervollkommnung  der  Pressenanlagen  keineswegs ­
  erschöpft;  wir  müssen  uns  vielmehr  jetzt  noch  mit  der
durch  diese  Verbesserungen  erzielten  Herabminderung  der  Produktionskosten ­
  und  ihren  Folgen  beschäftigen.
Auch  wenn  mir  eingehendere  Angaben  zur  Verfügung  gestanden ­
  hätten,  wäre  es  nicht  möglich  gewesen,  genaue  zahlenmäßige ­
  Belege  für  die  Herabminderung  der  Produktionskosten
in  den  letzten  40  Jahren  zu  bringen,  denn  die  Grundlagen  sind
für  einen  Vergleich  infolge  der  veränderten  Löhne,  Kohlenpreise!
usw.  zu  ungleich.  Immerhin  aber  kann  man  die  Verbilligung  der
Produktionskosten  auch  so  wahrnehmen,  wenn  man  nämlich
die  Steigerung  der  Produktivität  der  menschlichen  Arbeitskraft
bei  gleichbleibenden  oder  doch  in  geringerem  Maße  wachsenden
sonstigen  Betriebskosten  nachweist.
Den  Hauptprozentsatz  der  eigentlichen  Betriebskosten  (also
ohne  Kapitalzinsen  und  Abschreibungen)  machte  und  machen
auch  heute  noch  in  jeder  Ölmühle  die  Aufwendungen  für  die
Arbeitslöhne  aus.  Leider  ist  es  mir  nicht  möglich,  dies  zahlenmäßig ­
  aus  der  Zeit  vor  1870  zu  beweisen,  aber  aus  dem  Jahre
1900  steht  mir  auf  Grund  persönlicher  Erkundigung  genaues
Material  zur  Verfügung,  aus  dem  hervorgeht,  daß  in  diesem
Jahre  in  einer  der  größten  deutschen  Ölfabriken,  in  welcher
nach  Möglichkeit  alle  menschliche  Arbeit  durch  maschinelle  ersetzt ­
  ist,  die  Aufwendungen  für  Arbeitslöhne  (ohne  die  Gehälter
der  Beamten  und  des  Kontorpersonals)  immer  noch  47,3%  der
gesamten  Betriebs-  und  Handlungsunkosten  einschließlich  Gehälter ­
  (aber  ohne  Berücksichtigung  von  Kapitalzinsen  und  Abschreibungen) ­
  ausmachten.  Betrugen  also  noch  1900,  wo  der
Ersatz  menschlicher  Arbeit  durch  maschinelle,  wie  wir  ja  zuvor
gesehen  haben,  bereits  außerordentlich  weit  vorgeschritten  war,
die  Arbeitslöhne  annähernd  50%  der  eigentlichen  Betriebskosten, ­
  so  wird  dieser  Prozentsatz  vor  Einführung  der  ver ­
        <pb n="124" />
        126  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

besserten  Preßtechnik  bei  dem  relativ  größeren  Arbeiterbestand
ohne  Zweifel  noch  ein  weit  höherer  gewesen  sein,  also  jede  Verminderung ­
  der  Zahl  der  benötigten  Arbeiter,  bzw.  jede  Steigerung ­
  der  Arbeitsleistung  der  Arbeiter  eine  nicht  unbedeutende
Verbilligung  der  Produktionskosten  zur  Folge  gehabt  haben.
An  einem  Beispiel  sei  dies  bewiesen 33 ):
In  einer  sächsischen  Ölmühle,  in  welcher  täglich  15  t  Rohmaterial ­
  verarbeitet  wurden,  wurden  bis  in  die  neunziger  Jahre
in  der  eigentlichen  Ölmühle  24  Arbeiter  beschäftigt  (Speicherund ­
  Hofarbeiter  nicht  mitgezählt).  Es  kamen  damals  an  Löhnen
auf  jede  verarbeitete  Tonne  Rohmaterial  7,20  M.  Ende  der  neunziger ­
  Jahre  verbesserte  die  Fabrik  ihre  technische  Einrichtung,
indem  an  Stelle  der  vorher  benutzten  vier  hydraulischen  Topfpressen ­
  und  sechs  hydraulischen  Beutelpressen  vier  Seiherpressen ­
  mit  2  automatischen  Füllapparaten  aufgestellt  wurden.
Die  tägliche  Leistungsfähigkeit  betrug  jetzt  ca.  14  t,  die  Zahl
der  ;um  Betriebe  nötigen  Arbeiter  aber  fiel  von  24  auf  11  34 ).
Obgleich  inzwischen  der  Durchschnittslohn  der  Arbeiter  von
3,81  M.  auf  4,04  M.  pro  Tag  gestiegen  war,  kamen  nunmehr
an  Arbeitslöhnen  auf  jede  Tonne  verarbeiteten  Rohmaterials
nur  mehr  4,47  M.,  es  war  also  eine  Verminderung  der  Produktionskosten ­
  um  2,73  M.  pro  verarbeitete  Tonne  Saat  eingetreten.
Man  könnte  nun  der  Meinung  sein,  daß  diese  Verminderung
der  Produktionskosten  wieder  ausgeglichen  würde  durch  die
größeren  Beträge,  welche  für  Unterhaltung  der  nötigen  höheren
Betriebskraft,  sowie  für  die  Verzinsung  und  Amortisation  des
bedeutend  höheren  Anlagekapitals  aufzuwenden  seien.  Auf  den
ersten  Punkt  einzugehen,  kann  ich  mir  im  Rahmen  dieser  Abhandlung ­
  versagen,  darf  ich  doch  die  feststehende  Tatsache,  daß
die  Kosten  einer  Dampfpferdekraft  sich  bei  weitem  niedriger
stellen  als  die  Kosten  einer  gleichgroßen  durch  Menschenkraft
geleisteten  Arbeit,  als  bekannt  voraussetzen.  Außerdem  bringen
ja  auch  die  vervollkommneten  Pressenanlagen,  wie  wir  vorher
gesehen  haben,  infolge  des  größeren  Fassungsvermögens  der
Pressen,  sowie  durch  Einführung  des  Akkumulatorenbetriebes
eine  direkte  Ersparnis  an  Arbeitskraft  mit  sich.  Auch  der  zweite

3S )  Auf  Grund  persönlicher  Erkundigungen.

34 )  Von  diesen  11  Arbeitern  waren  8  an  den  Pressen  in  zwei
Schichten  tätig;  von  den  früher  beschäftigten  24  Arbeitern  waren  dagegen
21  in  zwei  Schichten  an  den  Pressen  beschäftigt.
        <pb n="125" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

127

Einwand  aber  erweist  sich  als  nicht  stichhaltig,  wie  wir  auf
Grund  der  folgenden  Angaben  erkennen  werden:
ln  der  auf  S.  72  und  S.  84  beschriebenen  Ölfabrik  betrug
bei  einer  täglichen  Leistungsfähigkeit  von  23  t  Rohmaterial  das
Anlagekapital  der  maschinellen  Einrichtung  120000  Frs.  Unter
Annahme  einer  5prozentigen  Verzinsung  und  7i/ 2  prozentigen
Amortisation  dieses  Kapitals 85 )  kamen  somit  in  dieser  Fabrik
bei  ganzjährigem  Betriebe  (tatsächlich  wurden  nur  250  Tage  gearbeitet) ­
  auf  jede  verarbeitete  Tonne  Saat  an  Abschreibungen
0,87  M. 36 )  (in  Wirklichkeit,  da  nur  250  Tage  gearbeitet  wurde,
1,26  M.)  und  an  Zinsen  0,58  M.  (in  Wirklichkeit  0,84  M.).
In  einer  mit  allen  Verbesserungen  der  Technik  ausgestatteten ­
  großen  deutschen  Ölfabrik 37 )  mit  ganzjährigem  Betriebe
und  einer  täglichen  Verarbeitung  von  150—160  t  Rohmaterial
kamen  bei  gleichen  Abschreibungen  und  gleicher  Verzinsung
trotz  des  bedeutend  höheren  für  die  maschinelle  Einrichtung
aufgewendeten  Anlagekapitals  im  Jahre  1900  an  Abschreibungen
auf  jede  Tonne  verarbeiteten  Rohmaterials  0,82  M.  und  an
Zinsen  0,55  M.
Es  beträgt  demnach  die  für  Verzinsung  und  Amortisation
des  Anlagekapitals  auf  jede  Tonne  verarbeiteten  Rohmaterials
entfallende  Summe  in  der  älteren  Fabrik  1,45  M.,  in  der  modernen ­
  dagegen  1,37  M.,  es  hat  also  trotz  der  viel  höheren
Kosten  der  neuen  Maschinen  nicht  nur  keine  Erhöhung  der
pro  Tonne  für  Verzinsung  und  Amortisation  aufzuwendenden
Summe  stattgefunden,  sondern  infolge  der  größeren  Produktivität ­
  dieser  neuen  Maschinen  sogar  noch  eine  Verbilligung
um  8  Pf.  pro  Tonne.
Die  Folgen  der  Verbilligung  der  Produktionskosten  finden
sich  auf  fünf  verschiedenen  Gebieten.  Es  hat  diese  Verbilligung
nämlich  herbeigeführt:
1.  eine  bedeutende  Verbesserung  der  sozialen  Lage  der  in
der  Ölmüllerei  beschäftigten  Arbeiter;
2.  den  Sieg  des  Großbetriebs  über  den  Kleinbetrieb;
3.  mit  anderen  Faktoren  zusammen  eine  gewisse  Spezialisation
  in  der  Ölmüllerei;
*  *  7
a6 )  Die  Höhe  der  Verzinsung^-  und  Amortisationsquote  ist  der  Praxis
entnommen.
3 «)  1  Fr.  ==0,80  Mk.  angenommen.
S7 )  Durch  persönliche  Erkundigung  festgestellt.
        <pb n="126" />
        128  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

4.  mit  anderen  Faktoren  zusammen  eine  Verbilligung  der
ölpreise  und
5.  endlich,  eine  Erweiterung  des  Absatzmarktes  für  Öle.
Mit  der  Verbesserung  der  sozialen  Lage  der  Arbeiter  beschäftige ­
  ich  mich  in  einem  der  nächsten  Kapitel  noch  eingehend, ­
  kann  daher  hier  sofort  zum  zweiten  Punkt  übergehen.
Auch  da  kann  ich  mich  an  dieser  Stelle  verhältnismäßig  kurz
fassen 3  *  *  38 ).  Die  uns  bei  diesem  Punkte  interessierende  Frage  ist
die,  ob  die  Anschaffung  der  vorher  beschriebenen  mit  billigeren
Produktionskosten  als  die  alten  Pressen  arbeitenden  modernen
Pressensysteme  nur  den  Großbetrieben  möglich  ist,  oder  auch
den  Klein-  und  Mittelbetrieben.  Es  wäre  verfehlt,  hier  nun  mit
Ziffern  über  die  Anschaffungskosten  der  modernen  Pressen  aufzuwarten ­
 39 ),  denn  allein  aus  diesen  Zahlen  kann  man  noch  keine
Schlüsse  auf  die  Höhe  des  zur  Einführung  der  modernen  Preßtechnik
  erforderlichen  Kapitals  ziehen,  ist  doch  mit  der  Einführung ­
  derartiger  Preßbatterien  von  4—6  Pressen  und  einer  täglichen ­
  Verarbeitung  von  28—33000  kg  Rohmaterial  eine  Vergrößerung ­
  des  gesamten  Unternehmens  und  eine  Vermehrung
sowohl  des  stehenden  wie  auch  des  umlaufenden  Kapitals  notwendig ­
  verbunden 40 ).  Diese  Kapitalziffern  aber  bereits  hier  an-3S

 )  Im  II.  Kapitel  dieses  Abschnittes  wird  dieser  Punkt  ausführlich
an  der  Hand  der  amtlichen  Statistik  behandelt.
39 )  Außerdem  ist  es  auch  unmöglich,  genaue  Preise  zu  bringen,  weil
es  keine  Kataloge  mit  festen  Preisangaben  gibt,  und  die  von  den  Maschinenfabriken ­
  den  Ölmühlen  gestellten  Preise  je  nach  dem  Material,  aus  welchem  die
Pressen  hergestellt  sind,  den  Abmessungen  der  Pressen  und  noch  anderen  Gesichtspunkten ­
  mehr  sehr  verschieden  sind.  Um  aber  doch  wenigstens  einen
Anhalt  zu  geben,  teile  ich  hier  die  mir  von  einer  großen  Spezial-Maschinenfabrik ­
  für  Ölfabrikenbau  gemachten  Preisangaben  mit:  nach  diesen  Angaben ­
  belaufen  sich  die  Anschaffungskosten  einer  Etagenpressenbatterie
(jedoch  ohne  alle  Nebenmaschinen,  wie  Kuchenformer  usw.)  von  6  Pressen
ä  20  Kuchen  auf  ca.  23  000  M.  und  die  Anschaffungskosten  einer  vierpressigen
  Seiherpressenbatterie  mit  1500  mm  hohen  Seihern  für  Kuchen
von  470  mm  :  470  mm  auf  ca.  56000  M.
40 )  Mit  der  Einführung  einer  modernen  Pressenbatterie  und  der  damit ­
  verbundenen  Steigerung  der  Produktion  ist  für  den  Klein-  und  Mittelbetrieb ­
  notwendig  verbunden:
1.  Erweiterung  der  Fabrikgrundstücke  und  Fabrikgebäude;
2.  Aufstellung  einer  größeren  Dampfmaschine,  Vermehrung  der
Reinigungs-,  Zerkleinerungs-  usw.  Maschinen,  Wärmeapparate,
Nebenmaschinen  usw.;
        <pb n="127" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

129

zuführen,  wäre  verfrüht,  weil  ich  noch  einige  andere  technische
Verbesserungen  zu  besprechen  habe,  deren  Einführung  ebenfalls
von  Einfluß  auf  die  Höhe  der  Kapitalien  der  modernen  Ölmühlen ­
  gewesen  ist.  Ich  begnüge  mich  daher  an  dieser  Stelle
mit  einem  Hinweis  auf  die  weiter  unten  folgenden  Zahlenangaben
und  erwähne  nur  noch,  daß  das  zur  Einrichtung  und  zum  Betriebe ­
  moderner  Ölmühlen  erforderliche  Kapital  tatsächlich  ein
viel  höheres  ist,  als  es  den  Klein-  und  Mittelbetrieben  in  der
Regel  zur  Verfügung  steht.
Ich  wende  mich  nunmehr  zum  dritten  Punkte,  nämlich  zu
der  Tatsache,  daß  die  Verbilligung  der  Produktionskosten  zusammen ­
  mit  anderen  Faktoren  eine  gewisse  Spezialisation  in
der  Ölmüllerei  herbeigeführt  hat.
Die  zunehmende  Konkurrenz  unter  den  einzelnen  Ölfabriken,
welche  durch  den  sich  immer  mehr  entwickelnden  Verkehr  und
den  Übergang  Deutschlands  zur  Weltwirtschaft  gesteigert  wurde,
—  diese  zunehmende  Konkurrenz  zwang  die  Fabrikanten,  auf
eine  möglichst  rationelle  Ausgestaltung  ihres  Betriebes  das  größte
Gewicht  zu  legen.
Aus  meinen  früheren  Ausführungen  (S.  58)  geht  hervor,
daß  die  Ölausbeute  bei  gleichen  Druckverhältnissen  in  offenen
Pressen  wesentlich  besser  als  in  geschlossenen  Pressen  ist.  Nun
arbeitet  man  allerdings  heute  bei  geschlossenen  Pressen  vielfach
mit  einem  höheren  Preßdruck  als  bei  offenen  Pressen,  trotzdem
aber  ist  bei  letzteren  die  Ölausbeute  wegen  des  leichteren  Ölabflusses ­
  immer  noch  eine  etwas  größere.  Andererseits  ist
wiederum  bei  den  geschlossenen  Pressen  die  Reinlichkeit  der
Arbeit  eine  weitaus  bessere  als  bei  den  offenen  Pressen,  was
natürlich  von  großem  Einflüsse  auf  die  Qualität  der  erzeugten
Öle  ist.  Während  nun  der  Fabrikant  technischer  Öle  eine  möglichst ­
  hohe  Ölausbeute  erzielen  will,  um  auf  diese  Weise  die
Produktionskosten  pro  Einheit  hergestellten  Fabrikates  zu  vermindern, ­
  muß  man  bei  der  Herstellung  von  Speiseölen  in  erster
Linie  darauf  bedacht  sein,  ein  möglichst  reines  Öl  zu  erhalten,
weil  der  Verkaufspreis  der  Speiseöle  fast  ausschließlich  von  der
Qualität  derselben  abhängig  ist.  Wir  sehen  somit,  daß  sich  zur
3.  Errichtung  größerer  Rohmaterialspeicher  und  Fabrikatlagerräume
und
4.  Vermehrung  des  umlaufenden  Kapitals  infolge  größerer  Rohmaterialund
  Fabrikatvorräte.
K  f  a  u  e,  Ölmüllerei.

9
        <pb n="128" />
        130  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Fabrikation  von  Speiseölen  geschlossene  Pressen  besser  eignen
als  offene,  während  bei  der  ausschließlichen  Herstellung  technischer ­
  Öle  meistens  offene  Pressen  vorzuziehen  sind.  Eine
Folge  dieser  Tatsache  ist  die  Trennung  der  Ölmühlenbetriebe
in  solche,  welche  in  der  Hauptsache  Speiseöle  herstellen,  und
solche,  welche  nur  technische  Öle  fabrizieren,  wie  sie  sich  im
Laufe  der  letzten  40  Jahre  entwickelt  hat 41 ).
Des  weiteren  lassen  sich  dann  auch  nicht  alle  für  technische
Zwecke  bestimmten  Öle  auf  einer  bestimmten  Pressentype  gleich
lukrativ  herstellen,  sondern  es  stellen  die  verschiedenen  Rohmaterialien ­
  vielfach  ganz  bestimmte  Anforderungen,  um  bei  geringstem ­
  Kostenaufwand  den  höchsten  Ertrag  zu  geben.  So
finden  wir  denn  auch  hier  wieder  eine  Scheidung  der  Ölmühlen  42 )
in  solche,  welche  ausschließlich  Leinsaat  oder  Rapssaat  oder
Palmkerne  verarbeiten,  um  durch  diese  Spezialisation  durch  Aufstellung ­
  von  besonders  für  die  Verarbeitung  dieser  Rohmaterialien ­
  geeigneten  Maschinen  die  Produktionskosten  nach  Möglichkeit ­
  zu  vermindern 43 ).
Die  verringerten  Produktionskosten  kommen  des  weiteren
zum  Ausdruck  in  den  fallenden  Ölpreisen.  Allerdings  läßt  sich
bei  diesen  der  Einfluß  der  Produktionskosten  nur  sehr  schwer
nachweisen,  einmal,  weil  die  Ölpreise  je  nach  den  Rohmaterialpreisen ­
  ständig  großen  Schwankungen  unterworfen  sind,  zum
andern,  weil  auf  die  Ölpreise  auch  noch  verschiedene  andere
Faktoren  eingewirkt  haben 44 ).  Da  eine  ausführliche  Preisstatistik ­
  der  Saat-  und  Ölpreise  während  des  letzten  Jahrhunderts

41 )  Natürlich  ist  diese  Spezialisation  nicht  allein  auf  die  obige  Tatsache ­
  zurückzuführen,  sondern  es  haben  dabei  noch  weitere  Faktoren  z.  B.
Ausgestaltung  der  Saatreinigungs-  und  Ölraffinationsanlagen  (vgl.  S.  133/134),
sowie  kaufmännische  Gesichtspunkte  (Einkaufs-  und  Absatzverhältnisse)
mitgespielt.
42 )  Auch  hier  dürften  noch  andere  Faktoren  nebenbei  von  Einfluß
gewesen  sein,  vgl.  dazu  Abschn.  4.
43 )  Neuerdings  zeigt  sich  allerdings  wieder  in  gewissem  Sinne  ein
Rückgang  der  Spezialisation,  indem  die  Fabriken  heute  meistens  mehrere
Ölsaaten  verarbeiten.  Vgl.  über  die  Gründe  dieser  Erscheinung  Abschn.  3
Kap.  1  C.  S.  156/158.
44 )  Auf  die  sinkende  Tendenz  des  Ölmarktes  ist  ferner  besonders
die  Tatsache  von  Einfluß  gewesen,  daß  infolge  der  Verbesserung  der  Verkehrswege ­
  und  der  Abnahme  der  Frachtkosten  des  Rohmaterials  die  überseeischen ­
  Exportländer  den  kontinentalen  Märkten  größere  Mengen  Ölsaaten ­
  liefern  konnten  und  können.
        <pb n="129" />
        nicht  zu  erhalten  war,  muß  ich  mich  mit  den  folgenden  beiden
Zusammenstellungen  begnügen,  aus  denen  doch  wenigstens  die
fallende  Tendenz  der  Ölpreise  klar  hervorgeht.
Es  betrugen  an  der  Amsterdamer  Börse  die  Leinölpreise
pro  100  kg 45 ):

Die  höchste  Notierung  des  Leinöls  seit  1850  fand  statt  im
Jahre  1856,  wo  das  Leinöl  in  Amsterdam  mit  581/2  fl.  notiert
wurde,  die  niedrigste  dagegen  im  Jahre  1897,  wo  es  an  der
gleichen  Börse  mit  14  fl.  notiert  wurde.
Die  Durchschnittspreise  des  Rüböles  betrugen  46 ):

Im  Zusammenhang  mit  der  gleichzeitigen  Verbesserung  der
Qualität  der  erzeugten  Öle  hat  uns  endlich  die  Verbilligung  der
Produktionskosten  eine  Erweiterung  des  Absatzgebietes  für
deutsche  Öle  gebracht.  Es  läßt  sich  dies  deutlich  aus  den  folgenden ­
  Einfuhr-  und  Ausfuhrziffern  verschiedener  Öle  entnehmen, ­
  geht  doch  aus  ihnen  einerseits  hervor,  daß  die;  deutsche
Ölmüllerei  die  ihr  früher  überlegene  ausländische  Konkurrenz
in  Deutschland  mehr  und  mehr  zurückdrängt,  und  andererseits,
daß  der  deutsche  Ölexport  in  ständigem  Wachstum  begriffen
ist.  Nach  der  Reichseinfuhr-  und  Ausfuhrstatistik  betrug:
45 )  Entnommen  dem  Handelsblatt  der  Seifensiederzeitung  vom  3./1.1900.
46 )  Berechnet  nach  den  Preisangaben  in  Otto  Schmitz:  „Die  Bewegung
der  Warenpreise  in  Deutschland  von  1851  bis  1902".
        <pb n="130" />
        132  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Jahr

Leinöleiufuhr
dz

Leinöiausfuhr
dz

1880

298291

2104

1890

360574

2732

1900

68794

4686

1909

23239

8867

An  Speiseölen  in

Fässern  (ohne

Oliven-  und  Kottonöl)

betrug:

Jahr

Einfuhr
dz

Ausfuhr
dz

1880

37760

719

1890

34262

5669

1900

30520

4114

1909

21196

22946

Kottonöl  wird  in

Deutschland  erst

seit  ungefähr  1905  in

größerem  Maßstabe  hergestellt.  Die  Zunahme  der  deutschen
Kottonölfabrikation  und  die  gleichzeitige  Abnahme  der  Kottonöleinfuhr ­
  veranschaulichen  die  folgenden  Ziffern:

Jahr

Kotton  ö  leinfuhr
dz

Kotton  saa  teinfuhr
dz

1890

199729

110

1900

460019

34816

1907

523332

404891

1908

442101

525281

1909

353506

934282

Die  deutsche  Qesamtausfuhr

an  Ölen  ohne  Oliven-,

Kotton-,  Rizinus-,  Holz-,  Klauen-,  Knochen-  und  Maisöl  betrug:

1880
1890
1900
1907
1908
1909

257576
249026
244858
402727
435609
540169

dz

Habe  ich  mich  bei  meinen  bisherigen  Ausführungen  hauptsächlich ­
  mit  solchen  technischen  Verbesserungen  beschäftigt,
welche  eine  Herabsetzung  der  Produktionskosten  bezweckten,
so  komme  ich  nunmehr  zu  denjenigen  Bestrebungen,  welche
        <pb n="131" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

133

auf  eine  Qualitätsverbesserung  der  Fabrikate  hinzielten.  Dabei
handelt  es  sich  in  den  meisten  Fällen  um  die  Qualität  der  erzeugten ­
  Öle;  diese  ist  abhängig,  einmal  von  dem  Reinheitsgrad
der  verarbeiteten  Rohmaterialien,  andererseits  von  einer  sorgfältigen ­
  Entfernung  der  bei  der  Gewinnung  in  die  Öle  übergeführten ­
  Verunreinigungen.
Naturgemäß  spielen  diese  Manipulationen  (Entfernung  aller
Fremdkörper  aus  den  Rohmaterialien  und  Reinigung  der  Öle)
die  größte  Rolle  bei  den  Speiseölen,  ist  doch  deren  Geschmack
und  Geruch  und  damit  ihr  Preis  in  erster  Linie  abhängig  von
ihrer  absoluten  Reinheit.  Etwas  anders  verhält  es  sich  mit  den
für  gewerbliche  Zwecke  bestimmten  Ölen.  Hier  handelt  es  sich
nicht  ganz  allgemein  um  einen  mehr  oder  minder  großen  Reinheitsgrad, ­
  sondern  es  wird  meistens  von  den  Abnehmern  nur
die  Abwesenheit  von  ganz  bestimmten  Verunreinigungen,  die
gerade  für  ihre  speziellen  Verwendungszwecke  schädlich  sind,
verlangt.  So  kommt  es,  daß  in  den  Fabriken,  welche  sich  ausschließlich ­
  mit  der  Erzeugung  technischer  Öle  befassen,  sich
die  Saatreinigung  fast  überall  auf  eine  Absiebung  der  groben
Verunreinigungen  beschränkt,  und  die  Öle  nur  so  weit  gereinigt
werden,  als  dies  für  ihre  weitere  Verarbeitung  nötig  ist.  ln  den
Speiseölfabriken  dagegen  bilden  die  Abteilungen  für  die  Reinigung ­
  der  Rohmaterialien  und  die  Raffination  der  erzeugten  Öle
die  wichtigsten  Teile  der  Fabrikation.  Umständliche  Saatreinigungsanlagen, ­
  bestehend  aus  den  verschiedensten  Sieb-,  Ventilations-,
  Magnet-,  Wasch-  und  Bürstapparaten,  sowie  Trieuren,
sorgen  in  den  modern  eingerichteten  Speiseölfabriken  für  die
vollkommene  Entfernung  aller  fremden  Beimengungen.  Zur
Raffination  sind  die  verschiedensten  Verfahren  in  Gebrauch,  die
jedoch  im  einzelnen  von  den  meisten  Fabriken  streng  geheimgehalten ­
  werden,  denn  die  richtige  Auswahl  der  passendsten
Raffinationsmethoden  aus  der  Unzahl  der  bekannten  Verfahren
ist  nicht  immer  leicht  zu  treffen.  „Sie  erfordert,“  wie  Hefter  in
seinem  mehrfach  zitierten  Werke 47 )  schreibt,  „neben  genauer
Kenntnis  der  Natur  der  einzelnen  Fette  ein  inniges  Vertrautsein
mit  der  Weiterverarbeitung  derselben  und  eine  reiche  Erfahrung.
Fällt  es  auch  nicht  schwer,  die  Grundmethode  zu  wählen,  nach
welcher  ein  Fett  raffiniert  werden  soll,  so  ist  das  Anpassen  der

* 7 )  Bd.  I,  S.  590.
        <pb n="132" />
        134  UI-  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Ausführungsdetails  des  Verfahrens  in  jedem  einzelnen  Falle  um
so  schwieriger,  und  erfordert  einen  wohlvertrauten  Kenner  der
Sache.“
Wie  steht  es  nun  in  bezug  auf  die  bei  der  Saatreinigung
und  Raffination  gemachten  Verbesserungen,  sind  sie  dem  Kleinbetriebe ­
  in  dem  gleichen  Maße  zugänglich  wie  dem  Großbetrieb? ­
  Auch  hier  ist  der  Großbetrieb  bei  weitem  im  Vorteil.
Vermöge  seiner  größeren  Kapitalkraft  und  besonders  seiner  bedeutend ­
  höheren  täglichen  Produktion  ist  für  ihn  eine  bis  ins
einzelne  gehende  Reinigung  der  Ölsaaten  durch  komplizierte
Maschinen  möglich,  während  hierzu  der  Kleinbetrieb  aus  Rentabilitätsgründen ­
  nicht  in  so  ausgedehntem  Maße  imstande  ist.
Auch  bei  der  Raffination  der  Öle  hat  der  Großbetrieb  ein  Übergewicht ­
  gegenüber  dem  Kleinbetrieb,  da  er  für  sich  die  tüchtigsten ­
  Ingenieure  und  Chemiker  zur  Leitung  dieser  Abteilung
anstellen  kann  und  infolge  dieser  spezialisierten  fachmännischen
Leitung  im  allgemeinen  eine  viel  vollkommenere  Reinigung  der
Öle  erreicht,  als  dies  in  den  kleinen  Fabriken  der  Fall  ist,  bei
denen  ein  einziger  Ingenieur  den  ganzen  Betrieb  leiten  muß.
Fasse  ich  die  Ergebnisse  meiner  Untersuchungen  über  die
Fortschritte  der  Technik  in  den  letzten  40  Jahren  zusammen,  so
komme  ich  zu  der  Feststellung,  daß  die  Einführung  der  Mehrzahl ­
  aller  Verbesserungen  mit  einer  bedeutenden  Kapitalsvermehrung ­
  und  einer  direkten  oder  doch  indirekten  Vergrößerung
der  Betriebe  verbunden  war.  Wie  weitgehend  diese  Erscheinungen ­
  waren,  davon  können  wir  uns  ein  Bild  auf  Grund  der
folgenden  Gegenüberstellung  machen:
Für  eine  große  nach  Neußer  System  um  1860  eingerichtete
Ölfabrik,  welche  mit  5  vertikalen  Vorpressen  und  16  horizontalen ­
  Nachpressen  arbeitete  (die  1864  größte  deutsche  Ölfabrik,
die  Ölmühle  von  H.  Thywissen  &amp;amp;  Sohn  in  Neuß,  arbeitete  mit
13  vertikalen  Vorpressen  und  27  horizontalen  Nachpressen),  betrugen ­
  die  Anschaffungskosten  für  Gebäude,  Maschinen,
Speicher,  Wohnungen  usw.,  280000  M. 48 ).
In  der  Ölfabrik  von  Herz  in  Wittenberge,  welche  mit  32  vertikalen ­
  Pressen  arbeitete  (1864  die  zweitgrößte  deutsche  Ölfabrik), ­
  wurden  in  den  sechziger  Jahren  täglich  ca.  40000  kg

48 )  Nach  Angaben  bei  Rühlmann,  I.  c.,  1.  Aufl.,  Bd.  II,  S.  333.
        <pb n="133" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

135

Rapssaat  verarbeitet 49 ),  es  haben  sich  also,  wenn  man  den
Doppelzentner  Raps  nach  einem  Durchschnitt  mit  32,41  M.  annimmt, ­
  bei  einer  jährlichen  Arbeitszeit  von  200  Tagen 49 ),  die
jährlich  für  Beschaffung  des  nötigen  Rohmaterials  (8000  t)
aufzuwendenden  Kosten  auf  ca.  2600000  M.  belaufen.
Die  derzeitig  größte  deutsche  Ölfabrik,  der  „Verein  deutscher ­
  Ölfabriken“  in  Mannheim,  arbeitete  nach  dem  Jahresberichte ­
  über  das  Geschäftsjahr  1908/09  mit  einem  Aktienkapital
von  10000000  M. 50 )  ;  die  Obligationsschuld  betrug  2439000  M.
Der  Reservefonds  hatte  eine  Höhe  von  1054230,50  M.,  ein
außerordentlicher  Reservefonds  betrug  645833,03  M. 51 ).  Der
Buchwert  der  gesamten  Grundstücke,  Gebäude,  Maschinen,
Utensilien  belief  sich  auf  6454527,15  M.,  die  Abschreibungen
seit  1887,  dem  Gründungsjahr  der  Aktiengesellschaft,  betrugen
4685965,49  M.,  so  daß  sich  die  Anschaffungskosten  auf
insgesamt  11  140492,64  M.  beliefen.
Die  „Fr.  Thörls  Vereinigte  Harburger  Ölfabriken“  A.-G.
(die  zur  Zeit  in  bezug  auf  investierte  Kapitalien  zweitgrößte
deutsche  Ölfabrik  [A.-K.  10  500  000  M.])  besitzt  nach  dem  Geschäftsberichte ­
  über  das  Geschäftsjahr  1909/10  insgesamt  sieben
Dampfmaschinen  von  zusammen  2850  P.S.,  welche  181  Pressen
und  16  Extraktoren  mit  Nebenapparaten  antreiben.  Es  können
an  Rohmaterial  bei  voller  Ausnutzung  der  Betriebsmittel  täglich
800000—820000  kg  verarbeitet  werden.  Während  des  Geschäftsjahres ­
  1909/10  wurden  insgesamt  193085  t  Ölsaaten  verarbeitet.
Nehmen  wir  als  Durchschnittspreis  ca.  30  M.  pro  Doppelzentner
Rohmaterial  an,  so  waren  demnach  für  Beschaffung  der
Rohmaterialien  rund  58  000  000  M.  aufzuwenden.
Leider  ist  es  nicht  möglich,  genaue  Zahlen  über  die  Höhe
der  Kapitalien  zu  bringen,  welche  zum  Betriebe  einer  rationell
arbeitenden,  mit  allen  Verbesserungen  der  modernen  Technik
ausgestatteten  Ölmühle  notwendig  sind,  immerhin  glaube  ich
aber  nicht  fehlzugehen,  wenn  ich  die  erforderliche  Summe  auf
Grund  meiner  Studien  und  der  mir  gemachten  Mitteilungen

**)  Nach  Angaben  bei  Rühlmann,  1.  c.,  2.  Aufl.,  Bd.  II.
60 )  Mittlerweile  hat  im  Jahre  1910  eine  weitere  Erhöhung  des  Aktienkapitals ­
  um  2  Mill.  M.  auf  12  Mill.  M.  stattgefunden.
51 )  Das  werbende  Kapital  belief  sich  also  insgesamt  auf  14139063,53  M.
        <pb n="134" />
        136  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

durchschnittlich  auf  mindestens  300000  bis  500000  M.  veranschlage. ­

Ein  Blick  auf  die  folgende  Tabelle  der  deutschen  Ölmühlenaktiengesellschaften ­
  und  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung ­
  zeigt  jedenfalls,  daß  die  zur  Verfügung  stehenden  Kapitalien ­
  in  den  meisten  Fällen  weit  größere  sind.

Die  deutschen  Ölmühlenaktiengesellschaften. 62 )

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.

Name  der  Gesellschaft  Aktien-Kapital  Anleihen

„Verein  deutscher  Ölfabriken",  Mannheim ­


M.
12000000

M.
3000000

„  Fr.Thörl’s  Ver.  Harburger  Ölfabriken  ",
Harburg  a.  d.  Elbe

10500000

„Ölfabrik  Groß-Gerau",  Bremen  .  .

6000000

1000000

„Bremen  -  Besigheimer  Ölfabriken  ",
Bremen

6000000

1800000

„Bremer  Ölfabrik",  Bremen  ....

1500000

1400000

„Lübecker  Ölmühle,  vorm.  Aßmuß",
Lübeck

1500000

700000

„  Stettiner  Ölwerke"  ,Züllchow  b.  Stettin

1500000

—

„Danziger  Ölmühle",  Danzig  .  .  .

1434000

1000000

„Niederrheinische  Ölwerke",  Goch  .

750000

300000

„Neußer  Dampfmühlen  A.-G.",  Neuß
am  Rhein

780000

„Ruhrorter  Dampfölfabrik“,  Amsterdam

500000

?

„Emmericher  Dampfölfabrik“,  Deventer
in  Holland

203000

„Vereinigte  Breslauer  Ölfabriken  A.-G.“,
Breslau.  In  Liquidation

6600000 83 )  1500000

„Braunschweigische  Dampfmühlengesellschaft", ­
  Braunschweig.  In  Liquidat.

600000

125000

6Z )  Zusammengestellt  nach  dem  „Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften" ­
  Ausgabe  1910/11  und  auf  Grund  persönlicher  Erkundigungen.
8S )  Bei  der  Gründung.
        <pb n="135" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

137

Die  deutschen  Ölmühlengesellschaften  m.  b.  H. M )
Name  der  Gesellschaft  Gesellsct

Kapital
1.  „Harburger  Ölwerke  Brinckmann  &amp;amp;  Mergell",  Har-  M.
bürg  a.  Elbe  .  — Sf&amp;gt; )
2.  „Fr.  Thörl’s  Kotton-Ölwerke",  Harburg  a.  d.  Elbe  .  2000000
3.  „Ölwerke  Teutonia",  Harburg  a.  Elbe  2000000
4.  „Noblee  &amp;amp;  Thörl  Nachf.",  Harburg  a.  d.  Elbe  .  .  1500000
5.  „Wesson  Q.  m.  b.  H.  für  Deutschland“,  Harburg  a.  d.  E.  600000
6.  „Ölfabrik  Bietigheim",  Bietigheim  307000
7.  „Ölwerke  Berlin",  Berlin  100000
8.  „Ölmühle  Neutomischel",  Neutomischel  Prov.  Posen  75000
9.  „Ölmühle  Liegnitz",  Liegnitz  30000

Ein  vorzügliches  Bild  von  den  steigenden  Anforderungen,
welche  während  der  letzten  Jahrzehnte  an  die  Kapitalkraft  derjenigen ­
  Unternehmungen  gestellt  wurden,  welche  sich  auf  der
Höhe  der  Vollkommenheit  halten  wollten,  gibt  uns  die  Geschichte ­
  der  „Bremen-Besigheimer  Ölfabriken  A.-G.“,  aus  der
ich  hier  einige  Angaben  folgen  lasse:
1889:  Gründung  der  Aktiengesellschaft  mit  einem  Aktienkapital
von  700000  M.
1895:  Zusammenlegung  des  Aktienkapitals  von  700000  M.  auf
300000  M.  und  gleichzeitige  Ausgabe  von  800000  M.
neuen  Aktien.
1897:  Erhöhung  des  Aktienkapitals  um  400000  M.  auf  1  500000M.
1902:  Erhöhung  des  Aktienkapitals  um  500000  M.  auf  2  000  000  M.
zur  Vergrößerung  der  Bremer  Fabrik  und  Verstärkung
der  Betriebsmittel.

**)  Zusammengestellt  aus  den  Angaben  in  Greulich  „Handbuch  der
Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung",  Berlin  1909  und  auf  Grund  persönlicher ­
  Erkundigungen.
66 )  Das  Kapital  dieser  Gesellschaft  betrug  1904:  1350  000  M.  Inzwischen ­
  ist  es  bedeutend  (auf  mehr  als  den  dreifachen  Betrag)  erhöht
worden,  doch  konnte  der  genaue  Betrag  nicht  festgestellt  werden,  da  die
Gesellschaft  1905  in  eine  offene  Handelsgesellschaft  umgewandelt  worden  ist.
        <pb n="136" />
        138  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

1906:  Zuzahlung  von  250  M.  auf  jede  Aktie  zur  Deckung  der
Verluste  aüs  den  Jahren  1905  und  1906  (1904  brannte
die  Besigheimer  Fabrik  mit  allen  Vorräten  vollständig
nieder;  1906  brannte  die  Bremer  Fabrik  fast  ganz  ab).
1908:  Erhöhung  des  Aktienkapitals  um  1OOOOOOM.  auf  3000000M.
zur  Vergrößerung  des  Betriebes.
1910:  Erhöhung  des  Aktienkapitals  um  1  OOOOOOM.  auf  4000000M.
zur  weiteren  Vergrößerung  des  Betriebes.
1911:  ErhöhungdesAktienkapitalsuml000000M.auf5000000M.
zur  weiteren  Vergrößerung  des  Betriebes  und  Vermehrung
der  Betriebsmittel.
1912:  Abermalige  Erhöhung  des  Aktienkapitals  um  1  OOOOOOM.
auf  6000000  M.  aus  denselben  Gründen.
Wie  bedeutend  des  weiteren  auch  die  ständigen  Ausgaben
der  Fabriken  aus  den  laufenden  Betriebsmitteln  zum
Zwecke  der  Aufrechterhaltung  der  technischen  Vollkommenheit
sind,  das  ergibt  sich  aus  den  Geschäftsberichten  der  „Fr.  Thörlschen
  Vereinigten  Harburger  Ölfabriken  A.-G.“,  nach  welchen
die  Zugänge  auf  Gebäude-  und  Maschinenkonto  aus  den  laufenden ­
  Mitteln  erforderten:

1906/07
1907/08
1908/09
1909/10
1910/11

167292  M.

206525
339572
287294

388709  „  66 )

Ich  kann  dies  Kapitel  über  die  Veränderungen  der  Technik
der  Ölmüllerei  in  den  letzten  vier  Jahrzehnten  nicht  schließen,
ohne  mich  noch  kurz  mit  derWeiterentwicklung  des  Extraktionsverfahrens ­
  beschäftigt  zu  haben.  Wie  ich  im  vorigen  Abschnitt
ausgeführt  habe,  war  die  Gewinnung  der  Öle  durch  Extraktion
aus  dem  Bestreben  heraus  entstanden,  den  Rohstoff  in  vollkommenerer ­
  Weise  auszunutzen,  als  dies  mit  Hilfe  des  Preßverfahrens
  möglich  war.  Tatsächlich  gelang  es  denn  auch,  die  Rohmaterialien ­
  durch  Extraktion  bis  auf  1—2°/ 0  ihres  Ölgehaltes  zu
entölen,  trotzdem  aber  konnte  sich  das  Extraktionsverfahren
nicht  allgemeiner  in  der  Praxis  einführen,  weil  die  Qualität  der  56

56 )  Darunter  147  639  M.  Zugänge  auf  Grundstückkonto.
        <pb n="137" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

139

erzeugten  Fabrikate  noch  zu  wünschen  übrig  ließ  und  außerdem
die  Produktionskosten  zu  hohe  waren.
Die  Qualität  der  Fabrikate  litt  hauptsächlich  dadurch,  daß
die  Extraktionsmittel  außer  den  Ölen  noch  andere  Stoffe  mit  auflösten, ­
  sowie  darunter,  daß  es  in  den  meisten  Fällen  nicht  gelang, ­
  Öl  und  Rückstände  vollständig  von  den  Resten  des  Lösemittels ­
  zu  befreien;  die  Produktionskosten  erhöhten  sich  durch
die  großen  bis  zu  5%  betragenden  Lösemittelverluste,  welche
ihren  Grund  meistens  in  der  unvollkommenen  Bauart  der  Apparate ­
  hatten.  Hier  bot  sich  also  dem  Ingenieur  eine  dankbare  Aufgabe, ­
  und  die  große  Anzahl  der  in  den  letzten  vierzig  Jahren  angemeldeten ­
  Patente  gibt  uns  ein  Bild  von  der  in  dieser  Richtung
geleisteten  Arbeit.  In  doppelter  Weise  suchte  man  das  Ziel  zu
erreichen,  nämlich  zum  Teil  durch  Verbesserung  der  Extraktionsapparate, ­
  zum  Teil  durch  Benutzung  geeigneterer  Lösemittel ­
  als  dies  der  Schwefelkohlenstoff  war.
Was  die  Verbesserungen  der  Extraktionsapparate  angeht,
so  sind  diese  nicht  prinzipieller  Art.  Auch  heute  noch  arbeitet
man  entweder  nach  dem  Verdrängungs-  oder  nach  dem  Anreicherungsprinzip, ­
  ohne  daß  eines  dieser  Verfahren  endgültig
den  Sieg  hätte  erringen  können.  Wohl  aber  ist  es  gelungen,
durch  Vereinfachung  der  einzelnen  Apparate,  Vermeidung  von
Hähnen,  Ansatzstücken  und  Ventilen,  Einführung  hydraulischer
und  anderer  möglichst  dichthaltender  Verschlüsse,  Evakuierung
der  Extraktoren,  Anbringung  von  Absorptionsflaschen  und
Wasserabscheidern  usw.  die  Lösemittelverluste  so  einzudämmen,
daß  dieselben  heute  in  einer  gut  eingerichteten  mit  Tetrachlorkohlenstoff ­
  als  Lösemittel  arbeitenden  Extraktionsanlage  nur  noch
ca.  0,4%  betragen.  Auch  die  vollständige  Vertreibung  der  letzten ­
  Spuren  von  Lösemittel  aus  Öl  und  Rückständen  erreicht  man
jetzt  durch  längere  Einwirkung  von  Lösemitteldämpfen,  direktem ­
  und  indirektem  Dampf  in  der  richtigen  Reihenfolge  und
Stärke.  Wirksam  unterstützt  wurden  diese  Verbesserungen  der
Apparate  durch  den  Ersatz  des  Schwefelkohlenstoffes  durch  geeignetere ­
  andere  Lösemittel.  Als  solche  sind  heute  entweder
Benzin  oder  Tetrachlorkohlenstoff  in  Gebrauch.  Ein  Extraktionsmittel, ­
  welches  ausschließlich  nur  Fettkörper  löst,  aus  Ölsämereien ­
  und  Ölfrüchten  aber  keine  sonstigen  Bestandteile  aufnimmt, ­
  existiert  nicht.  Alle  Lösungsmittel  lösen  neben  den  Fettkörpern ­
  auch  Farbstoffe,  Harze  und  ähnliche  Verbindungen  auf,
        <pb n="138" />
        J40  IH.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

nur  ist  die  Menge  der  von  den  verschiedenen  Extraktionsmitteln
gelösten  Stoffe  dieser  Art  verschieden  und  dementsprechend
auch  die  Qualität  der  erzeugten  Öle.  Das  beste  Lösungsmittel
in  dieser  Hinsicht  ist  ohne  Zweifel  der  Tetrachlorkohlenstoff,  in
der  Praxis  kurz  „Tetra“  genannt;  auf  ihn  folgt  das  Benzin,  und
am  wenigsten  geeignet  ist  der  Schwefelkohlenstoff.  Auch  in  bezug ­
  auf  Lösemittelverluste,  welche  außer  durch  Undichtigkeiten
der  Apparate  und  schlechteTrennung  von  Lösemittel  und  Öl  bzw.
Rückstand  auch  durch  mangelhafte  Trennung  von  Extraktionsmittel ­
  und  Wasser  beim  Ausdämpfen,  sowie  durch  Bildung  von
unkondensierbaren  Gemischen  von  Luft  und  Extraktionsmitteldampf ­
  hervorgerufen  werden,  schneidet  der  Tetrachlorkohlenstoff ­
  am  besten  ab.  Obgleich  somit  das  Tetra  als  das  geeignetste
Lösemittel  bezeichnet  werden  muß,  hat  es  doch  das  Benzin,  welches ­
  in  bezug  auf  Brauchbarkeit  an  zweiter  Stelle  steht  und
heute  meistens  benutzt  wird,  nicht  allgemein  verdrängen  können,
weil  sein  Preis  noch  ein  sehr  hoher  ist,  und  außerdem  die  Anlagekosten ­
  einer  Tetraextraktionsanlage  ungefähr  doppelt  so
hoch  als  die  einer  Benzinanlage  sind,  da  Tetra  die  meisten  Metalle ­
  stark  angreift,  und  man  aus  diesem  Grunde  verzinnte  oder
verbleite  Apparate  verwenden  muß.
Trotz  aller  dieser  Verbesserungen  und  der  unleugbaren  Vorzüge, ­
  welche  das  Extraktionsverfahren  in  bezug  auf  Anlage-  und
Betriebskosten  heute  hat,  werden  dennoch  die  meisten  Ölsamen
und  Ölfrüchte  immer  noch  nach  dem  Preßverfahren  verarbeitet ­
 57 ).  Worin  sind  die  Gründe  hierfür  zu  suchen?  ln  bezug  auf
Anlage-  und  Betriebskosten  sind,  wie  gesagt,  ohne  Zweifel  gut
eingerichtete  Extraktionsanlagen  weit  besser  gestellt  als  gleich
große  nach  dem  Preßverfahren  arbeitende  Fabriken 58 ).  Der
Grund  liegt  vielmehr  heute  einzig  und  allein  in  den  Absatzverhältnissen. ­
  Als  Speiseöle  kommen  extrahierte  Öle  nicht  in  Betracht, ­
  da  sie  durch  das  Abtreiben  des  Lösemittels  an  Geschmack

57 )  Bei  der  Gewerbezählung  im  Jahre  1907  wurden  im  deutschen
Reiche  nur  8  nach  dem  Extraktionsverfahren  arbeitende  Fabriken  gezählt.
Vgl.  Anm.  3  auf  S.  215/216.
58 )  Ich  kann  dies  allerdings  nicht  zahlenmäßig  beweisen,  da  die  Anlage- ­
  und  Betriebskosten  je  nach  den  lokalen  Verhältnissen  ganz  verschieden
sind  und  infolgedessen  gar  keine  authentischen  Zahlen  vorliegen;  wohl
aber  wird  meine  Ansicht  von  allen  Fachmännern  und  der  gesamten  einschlägigen ­
  Literatur  bestätigt.
        <pb n="139" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

141

leiden,  ein  Nachteil,  welcher  sich  nie  abstellen  lassen  wird,  da
man  das  Lösungsmittel  nur  durch  Erhitzung  entfernen  kann.  Zur
Verwendung  zu  technischen  Zwecken  sind  aber  die  extrahierten
Öle  den  gepreßten  durchaus  gleichwertig,  ja  es  wird  sogar  von
mancher  Seite  behauptet,  daß  hier  die  extrahierten  öle  vorzuziehen ­
  seien.  Der  Hauptnachteil  des  Extraktionsverfahrens  beruht ­
  in  den  schlechten  Absatzmöglichkeiten  für  die  Rückstände.
Die  Rückstände  der  Ölfabrikation  werden  zum  allergrößten
Teile  von  der  Landwirtschaft  bezogen,  wo  sie  meistens  als  Kraftfuttermittel ­
  Verwendung  finden.  Vielfach  bestehen  hier  nun
gegen  Extraktionsmehle  heute  allerdings  ganz  unbegründete
Vorurteile,  welche  noch  aus  der  Zeit  herrühren,  wo  die  vollständige ­
  Vertreibung  des  Lösungsmittels  aus  den  Rückständen
noch  nicht  gelang  und  die  Rückstände  vom  Vieh  wegen  ihres
schwachen  Benzin-  oder  Schwefelkohlenstoffgeruches  nicht  gefressen ­
  wurden.
Wichtiger  ist  der  zweite  Einwand,  der  gegen  die  Extraktionsmehle ­
  geltend  gemacht  wird.  Dieser  beruht  gerade  auf
ihrer  Ölarmut;  man  hat  nämlich  inzwischen  eingesehen,  daß
auch  dem  Fettgehalt  der  Rückstände  ein  großer  Wert  für  die
Ernährung  der  Tiere  zukommt  und  bezahlt  heute  die  Rückstände
je  nach  ihrem  Fettgehalt  verschieden  hoch 59 ).  Abgesehen  davon, ­
  daß  aus  diesen  Gründen  die  Extraktionsmehle  als  Kraftfuttermittel ­
  überhaupt  nur  schwer  Absatz  finden,  werden  sie  daher ­
  auch  bedeutend  niedriger  bezahlt  als  die  Preßrückstände,  wodurch ­
  der  durch  die  größere  Ölausbeute  erzielte  Mehrverdienst
der  Extraktionsfabriken  zum  großen  Teil  wieder  ausgeglichen
wird.  Deutlich  illustriert  wird  diese  Tatsache  durch  die  Verkaufsangaben ­
  der  deutschen  Landwirtschaftsgesellschaft.  Dieselbe ­
  verkaufte  im  Jahre  1905  an  ihre  Mitglieder  90717  Doppelzentner ­
  Ölkuchen  verschiedener  Provenienz,  konnte  dagegen
nur  200  Doppelzentner  Extraktionsmehl  (Erdnußmehl)  placieren,
und  der  für  Exlraktionserdnußmehl  erzielte  Preis  betrug  zirka
12,36  M.  pro  100  kg  gegenüber  14,06  M.,  mit  welchem  Preise
Erdnußpreßkuchen  von  gleichem  Nährstoffgehalt  bezahlt ­
  wurden 60 ).

S9 )  Im  Ölkuchenhandel  hat  es  sich  allgemein  eingebürgert,  einen  bestimmten ­
  Prozentsatz  von  Protein  und  Fett  zu  garantieren,  und  schwanken
die  Preise  nach  diesem  Gehalt.

80 )  Hefter,  1.  c.,  Bd.  I,  S.  433.
        <pb n="140" />
        142  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Weit  günstiger  stehen  dagegen  diejenigen  mit  Extraktion
arbeitenden  Fabriken  da,  welche  Rohmaterialien  verarbeiten,
deren  Rückstände  nicht  als  Futtermittel  verwandt,  sondern  als
Düngemittel  oder  zu  gewerblichen  Zwecken  gebraucht  werden.
Ffier  treten  die  Vorteile  der  Extraktion  klar  zutage,  wird  doch
in  diesen  Fällen  der  Ölgehalt  der  Rückstände  nicht  bezahlt,  ja
derselbe  ist  sogar  vielfach,  wie  z.  B.  bei  der  Benutzung  als
Düngemittel,  direkt  schädlich.  In  Deutschland  werden  allerdings
solche  Saaten  nur  in  ganz  geringen  Mengen  verarbeitet,  und  es
gibt  aus  diesem  Grunde  nur  sehr  wenige  nach  dem  Extraktionsverfahren ­
  arbeitende  Ölfabriken.  Diese  verarbeiten,  soweit  mir
bekannt  geworden,  nur  Palmkeme  nach  dem  Extraktionsverfahren, ­
  und  zwar  liegt  der  Hauptgrund  der  Extraktion  darin,
daß  die  Rückstände  der  Palmkemölfabrikation  zum  Teil  in  der
Zuckerindustrie  zur  Aufsaugung  von  Zuckermelasse  Verwendung ­
  finden,  und  dabei  der  Ölgehalt  der  Rückstände  keine  Rolle
spielt.

B.  Die  Rohmaterialfrage.
Habe  ich  auf  den  vorhergehenden  Seiten  zu  zeigen  versucht, ­
  welchen  gewaltigen  Einfluß  die  technischen  Fortschritte
auf  die  großindustrielle  Entwicklung  der  deutschen  Ölindustrie
gehabt  haben,  so  wäre  es  dennoch  verfehlt,  eben  diese  Entwicklung ­
  allein  auf  die  Technik  als  Ursache  zurückzuführen,  haben
doch  neben  dieser  ohne  Zweifel  noch  die  verschiedensten  wirtschaftlichen ­
  Faktoren  eine  Rolle  gespielt.  Von  nicht  zu  unterschätzender ­
  Bedeutung  ist  unter  diesen  die  Frage  der  billigsten
Beschaffung  der  Rohmaterialien  gewesen.
Ich  habe  an  anderer  Stelle  näher  ausgeführt,  daß  Preußen
am  Anfänge  des  vorigen  Jahrhunderts  fast  ausschließlich  einheimische ­
  Ölsaaten  verarbeitete,  und  daß  unter  diesen  die  Rapsund ­
  Leinsaat  weitaus  die  erste  Stelle  einnahmen.  Bis  zum  Jahre
1870  traten  in  diesen  Verhältnissen  nur  geringe  Änderungen  ein,
da  mit  dem  gewaltig  steigenden  Konsum  von  Rüböl  auch  der
Anbau  der  Rapspflanze  immer  mehr  an  Ausdehnung  gewann.
Liegen  auch  über  die  Größe  der  Anbaufläche  der  Ölgewächse ­
  keine  statistischen  Aufnahmen  vor,  so  geht  die  Vermehrung ­
  des  Rapsbaues  doch  deutlich  aus  den  Angaben  über
den  auswärtigen  Handel  hervor,  nach  denen  die  Einfuhr  von
        <pb n="141" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

143

Rapssaat  trotz  der  bedeutenden  Zunahme  der  Ölmühlen  nur
geringe  Änderungen  aufweist.  Es  betrug  die  Mehreinfuhr  an
Rapssaat  in  Tonnen  im  deutschen  Zollverein  durchschnittlich® 1 ):
1836—40  jährlich  2903  t
1841—45  „  12135  t
1846—50  „  18765  t
1851—55  „  5173  t
1856—60  „  18698  t
1861—1864  „  10954  t
Noch  1865—1870  betrug  die  jährliche  Mehreinfuhr
von  Ölsamen  und-früchten  im  deutschen  Zollverein  insgesamt ­
  nur  durchschnittlich  24364  t.  Mit  der  Gründung  des
Deutschen  Reiches  tritt  auch  hier  eine  Änderung  ein,  und  es
findet  nunmehr  ein  dauerndes  bedeutendes  Wachsen  der  Einfuhrziffern ­
  statt,  wie  uns  die  folgende  Zusammenstellung  näher
erläutert.
Es  betrug  die  jährliche  Mehreinfuhr  in  Tonnen  im  Deutschen ­
  Reich  durchschnittlich:

Jahreszahl

an  Leinsaat
t

Wert  in
Millionen
Mark

an  Rapssaat
t

Wert  in
Millionen
Mark

an  Ölsämereien
und  Fruchten
insgesamt
t

1872—80

23424

—

48376

1881—90

59344

11,6

72482

16,2

235195,9

1891—95

152706

29,6

114288

20,2

451328

1896—1900

254996

50,6

108310

23,0

559497

1901-05

316981

66,5

138512

36,7

767882

1906—09

423931

98,2

107503

28,0

973270

Im  Jahre  1909  wurden  im  Deutschen  Reich  insgesamt
1  153422  t  im  Werte  von  306,6  Millionen  Mark  an  Ölsaaten  und
Ölfrüchten  mehr  ein-  als  ausgeführt,  gegenüber  61545  t  im
Jahre  1871.
Für  dieses  gewaltige  Wachstum  der  Einfuhr  von  überseeischen ­
  Ölsaaten,  welches  nebenbei  auch  ein  vorzügliches  Bild
von  der  gestiegenen  Produktion  der  deutschen  Ölmühlen  gibt,

M )  Die  Schwankungen  in  den  Einfuhrziffern  erklären  sich  aus  der
verschiedenen  Ergiebigkeit  der  jeweiligen  Ernten  an  einheimischen  Ölsaaten.
        <pb n="142" />
        144  111.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

sind  zwei  Gründe  maßgebend  gewesen.  Einerseits  konnte  nämlich ­
  die  Produktion  der  deutschen  Landwirtschaft  mit  dem  immer
mehr  zunehmenden  Bedarf  der  Ölmühlen  an  Rohmaterialien
nicht  gleichen  Schritt  halten,  —  ja  der  Anbau  der  Ölgewächse  j
geht  sogar,  wie  ich  gleich  näher  ausführen  werde,  immer  mehr
zurück,  und  die  jährliche  deutsche  Ernte  ist  heute  im  Vergleich
zu  den  Importzahlen  nur  noch  von  geringer  Bedeutung  —,  andererseits ­
  ist  man  in  der  deutschen  Ölindustrie  in  den  letzten
40  Jahren  immer  mehr  dazu  übergegangen,  neben  den  von  jeher
verarbeiteten  Raps-,  Lein-  und  Mohnsaaten  auch  andere  ölhaltige ­
  von  Übersee  importierte  Ölsaaten  und  -früchte  zu  verwerten:
Wenden  wir  uns  zuerst  zu  dem  Rückgang  der  deutschen
Produktion  an  Ölsaaten.  Da  eine  Statistik  über  die  Verbreitung
des  Anbaues  der  verschiedenen  landwirtschaftlichen  Bodenerzeugnisse ­
  erst  seit  dem  Jahre  1878  besteht  und  alle  früheren
Angaben  fast  ausschließlich  auf  Schätzungen  beruhen,  so  nehme
ich  das  Jahr  1878  als  Ausgangspunkt  meiner  Untersuchungen
über  den  Rückgang  der  deutschen  Produktion  an  Ölsaaten.  Der
Anbau  an  Ölsaaten  im  Deutschen  Reich  betrug:

im  Jahre

1
an  Raps
und  Rübsen
ha

2
an  Leinsaat
u.  Hanfsaat
ha

3
an  Mohn
ha

Summe  1—3
ha

1878

179055

154247

6334

339636

1883

133471

123552

—

—

1893

105841

68877

3723

178441

1900

72736

37200

3279

113215

1909

41788

—

—

—

Wir  haben  somit  einen  Rückgang  der  Anbaufläche  bei  Rapsund ­
  Rübsaat  von  1878—1909  um  77%,  bei  Leinsaat  und  Hanfsaat ­
  von  1878—1900  um  76%  und  bei  Mohnsaat  von  1878  bis
1900  um  48%.  Insgesamt  betrug  der  Rückgang  der  Anbaufläche ­
  von  Raps  und  Rübsen,  Leinsaat,  Hanfsaat  und  Mohnsaat
von  1878—1900  ungefähr  66,4%.
Bei  der  großen  Wichtigkeit,  welche  die  Frage  der  Anbaumöglichkeit ­
  der  einzelnen  Ölgewächse  in  Deutschland  nicht  allein
für  die  deutsche  Landwirtschaft,  sondern  auch  für  die  deutsche
Ölindustrie  hat,  der  man  den  Bezug  ausländischer  Ölsaaten  durch
Einfuhrzölle  erschwert,  erscheint  es  nötig,  kurz  auf  die  Ursache
        <pb n="143" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.  145

des  gewaltigen  Rückganges  der  mit  Ölsaaten  bebauten  Fläche
hinzuweisen.
Wir  haben  gesehen,  daß  bis  über  die  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  hinaus  der  Rapsbau  in  Deutschland  immer  mehr  an
Ausdehnung  gewann,  und  daß  erst  seit  den  siebziger  Jahren  der
Umschwung  eingetreten  und  seit  dieser  Zeit  der  Rückgang  ein
ständiger  gewesen  ist.  Der  Hauptgrund  für  diese  Tatsache  ist
in  dem  bedeutenden  Wachstum  der  deutschen  Zuckerindustrie  /,
zu  sehen,  welche  eine  gewaltige  Vermehrung  des  Zuckerrübenbaues ­
  zur  Folge  hatte.  Bei  dem  steigenden  Bedarf  der  Zuckerrübenfabriken ­
  an  Rohmaterial  ging  der  Landwirt  in  immer  ausgedehnterem ­
  Maße  dazu  über,  an  Stelle  des  Rapsbaues  den
Zuckerrübenbau  zu  betreiben.  Veranlaßt  wurde  der  Landwirt
hierzu  durch  den  sichereren  Gewinn,  welchen  ihm  der  Zuckerrübenbau ­
  einbrachte,  denn  die  Erträgnisse  des  Rapsbaues  waren,
wie  wir  gleich  sehen  werden,  äußerst  schwankende  und  unsichere.
Über  die  Anbauverhältnisse  des  Rapses  schreibt  Meitzen  in
seinem  bekannten  Werke  „Der  Boden  und  die  landwirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  des  preußischen  Staates“ 62 )  folgendes:
„.  .  .  Bei  der  Stärke  der  Düngung,  welcher  er  bedarf,  und  den
geringen  Rückständen,  welche  er  wie  alle  Ölfrüchte  der  Wirtschaft ­
  liefert,  muß  der  Anbau  des  Rapses  in  beschränkten  Grenzen ­
  gehalten  werden.  Die  Gefahren  bei  seinem  Anbau  sind  sowohl ­
  beim  Anbau  als  Sommer-,  wie  auch  beim  Anbau  als  Winterfrucht ­
  groß;  er  leidet  vielfach  durch  Auswintern  und  Wurzelfäule,
  auch  wird  er  von  Pilzen  befallen,  die  sich  bei  günstiger
Witterung  rasch  verbreiten;  auch  verschiedene  Tiere*  wie  der
Erdfloh,  der  Engerling  usw.  zerstören  jährlich  einen  großen  Teil
der  Blüten,  ja  häufig  richten  sie  sogar  so  viel  Schaden  an,  daß
der  ganze  Reinertrag  verloren  geht.“  Entsprechend  diesen  Anbauverhältnissen ­
  sind  die  Ernteerträge  äußerst  unsichere  und
sehr  schwankend.  So  betrug  1878  die  Ernte  12,7  dz  pro  Hektar,
1883,  1888  und  1893  zwischen  9,2  und  10,9  dz  und  1898  13,5  dz;
als  Grenzzahlen  betrachtet  man  etwa  5,5  und  17,5  dz  pro  Hektar ­
 63 ).  Auch  die  folgenden  Zahlen,  welche  für  die  Jahre  1860
bis  1866  die  Ernteerträge  an  Rapssaat  in  Bruchteilen  einer  guten
Mittelernte  angeben,  beweisen  das  vorher  über  die  Anbauver-62

 )  B.  II,  S.  234.
63 )  Vgl.  „Organ  für  den  Öl-  und  Fetthandel“,  Jahrg.  1900,  Nr.  10.
Klaue,  Ölmüllerei.  10
        <pb n="144" />
        146  III*  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

hältnisse  Gesagte,  ist  doch  innerhalb  dieser  sieben  Jahre  kein
einziges  Mal  eine  gute  Mittelernte  erzielt  worden.  Es  betrug
die  Erntemasse  an  Rapssaat  in  Bruchteilen  einer  guten  Mittelernte ­
  ausgedrückt 64 ):

1860

0,93

1861

0,74

1862

0,78

1863

0,92

1864

0,65

1865

0,37

1866

0,78

Die  Verminderung  der  der  deutschen  Ölindustrie  zur  Verfügung ­
  stehenden  in  Deutschland  geernteten  Menge  Leinsaat  ist
in  erster  Linie  zurückzuführen  auf  den  Rückgang  der  deutschen
Leinenmanufaktur.  Da  aus  klimatischen  Gründen  ein  Ausreifen
der  Leinsaat  an  der  Pflanze  in  Deutschland  nur  in  den  seltensten
Fällen  möglich  ist,  wurde  der  Lein  hier  von  jeher  fast  ausschließlich ­
  als  Gespinstpflanze  zum  Zwecke  der  Flachsgewinnung  angebaut, ­
  die  sofort  nach  der  Blüte  erfolgt.  Die  dabei  als  Nebenprodukt ­
  gewonnenen  Leinsamen  sind,  weil  sie  nicht  ausgereift
sind,  als  Saatgut  nicht  zu  gebrauchen  und  werden  daher  zur  Ölgewinnung ­
  verwandt.  Seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts  nun
hat  die  Bedeutung  der  Leinenindustrie  mit  der  Einführung  der
Baumwolle  und  der  Vervollkommnung  in  der  Technik  der  Verarbeitung ­
  der  Baumwolle  und  Schafwolle  ständig  abgenommen,
und  die  Preise  des  Leinens  gingen  infolge  der  Konkurrenz  der
Woll-  und  Baumwollwaren  wesentlich  zurück.  Naturgemäß  blieb
dieser  Rückgang  der  Leinenindustrie  nicht  ohne  Einfluß  auf  den
Anbau  des  Flachses.  Schon  seit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
hörte  man  vielfach  Klagen  über  häufige  Mißernten  beim  Flachsbau, ­
  und  die  Anbaufläche  desselben  nahm  schon  zu  jener  Zeit
ab 65 );  als  nun  auch  noch  die  Flachspreise  fielen,  wurde  der
e4 )  Meitzen,  1.  c.,  Bd.  IV,  S.  526.
66 )  Diese  Abnahme  des  Flachsbaues  kann  man  z.  B.  aus  einer  bayerischen ­
  Verordnung  vom  Jahre  1762  erkennen,  in  der  jedem  Bauer  anbefohlen ­
  wurde,  auf  seinem  Acker  eine  verhältnismäßige  Menge  Flachs  und
Hanf  zu  bauen.  (Viebahn,  „Statistik  des  zollgeeinten  Deutschlands",  Bd.  II,
1862,  S.  897.)
Als  Grund  für  die  häufigen  Mißernten  wird  bei  den  meisten  Schriftstellern ­
  Veränderung  der  klimatischen  Verhältnisse  angegeben.
        <pb n="145" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

147

Flachsbau  in  vielen  Gegenden  direkt  unlohnend,  und  man  ging
aus  diesem  Grunde  zum  Anbau  anderer  mehr  Erfolg  versprechender ­
  Gewächse  über.  Während  der  ersten  Hälfte  des  vorigen
Jahrhunderts  hat  man  dann  ununterbrochen  versucht,  durch
staatliche  Unterstützungen  und  Begünstigungen  sowie  durch  aufklärende ­
  Tätigkeit  patriotischer  Vereine  (Verein  zur  Beförderung ­
  des  Gewerbefleißes  in  Preußen)  die  herabgekommene
Leinenindustrie  und  den  Flachsbau  wieder  zu  heben,  aber  alle
diese  Bemühungen  waren  erfolglos  und  trugen  nur  zur  Verbreitung ­
  der  Überzeugung  bei,  daß  der  Flachsbau  in  Deutschland
nie  mehr  in  der  früheren  Allgemeinheit  betrieben  werden  kann 66 ).
Der  Rückgang  des  Anbaues  des  Rapses  und  Leins  wurde
somit  in  erster  Linie  veranlaßt  durch  Veränderungen  in  den  industriellen ­
  Verhältnissen,  welche  ihrerseits  wieder  Veränderungen ­
  in  den  landwirtschaftlichen  Anbauverhältnissen  zur  Folge
hatten.  Obgleich  diese  Tatsache  sich  ohne  Zweifel  auch  durch
genaue  statistische  Untersuchungen  einwandfrei  beweisen
läßt  (ich  muß  es  mir  im  Rahmen  dieser  Abhandlung  versagen,
näher  in  diese  Nachforschungen  einzutreten),  wird  von  agrarischer ­
  Seite  in  neuerer  Zeit  immer  wieder  versucht,  den  Rückgang ­
  des  Raps-  und  Leinbaus  in  erster  Linie  auf  das  Sinken  der
Saatpreise  zurückzuführen,  ohne  daß  allerdings  der  Beweis  für
diese  Behauptung  erbracht  wird.  Um  daher  den  für  das  Gedeihen ­
  der  Landwirtschaft  wichtigen  Rapsbau  und  den  Leinsaatbau ­
  wieder  zu  heben,  sind,  so  wird  von  agrarischer  Seite
auf  Grund  obiger  Behauptung  weiter  argumentiert,  auf  die  Einfuhr ­
  ausländischer  Ölsaaten  Einfuhrzölle  zu  legen,  um  auf  diese
Weise  den  Anbau  im  Inlande  lohnender  zu  gestalten.  Diese
Klagen  hatten  bei  der  Neugestaltung  des  Zolltarifs  im  Jahre
1885  eine  Änderung  der  Position  Ölsaaten  zur  Folge.  Während
bis  zu  diesem  Zeitpunkte  alle  Ölsaaten  mit  Ausnahme  der  Rapssaat, ­
  welche  einen  Einfuhrzoll  von  0,30  M.  pro  100  kg  zu  zahlen
hatte,  zollfrei  eingehen  konnten,  waren  von  nun  an  nur  noch
Leinsaat,  Baumwollsaat,  Palmkerne,  Kopra  und  Rizinussamen
zollfrei,  während  für  alle  anderen  Ölsaaten,  darunter  Raps,  Mohn,
Erdnüsse  und  Sesam,  ein  Zoll  von  2  M.  pro  Doppelzentner  festgesetzt ­
  wurde.  Als  dann  im  Jahre  1902  abermals  der  Zolltarif
geändert  wurde,  wurden  die  Ölsaaten  noch  stärker  belastet,  in-#e

 )  Vgl.  Viebahn,  1.  c.,  Bd.  II,  S.  897.

10*
        <pb n="146" />
        148  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
dem  man  den  Zoll  auf  Raps,  Rübsen,  Dotter,  Ölrettichsaat,  Senf
und  Hederichsaat  von  2  M.  auf  5  M.  erhöhte  und  die  bisher
frei  eingehende  Leinsaat  mit  einem  Zoll  von  0,75  M.  pro  100  kg
belegte.  Während  man  im  Jahr  1885  auch  die  Einfuhrzölle  auf
Öle  entsprechend  den  Saatzöllen  erhöht  hatte,  wurde  1902  der
Einfuhrzoll  auf  Leinöl  überhaupt  nicht  verändert  und  der  auf
Rüböl  nur  von  9  auf  12  M.  heraufgesetzt,  obgleich  dem  vermehrten ­
  Saatzoll  eine  Erhöhung  um  ca.  8,40  M.  entsprochen
hätte.  Die  Folge  dieser  ungenügenden  Steigerung  der  Ölzölle
wäre  ohne  Zweifel  eine  bedeutende  Schädigung  der  deutschen
Leinöl-  und  Rübölindustrie  gewesen,  da  die  konkurrierenden
Länder  England,  Holland  und  Frankreich,  die  keine  Einfuhrzölle
auf  Ölsaaten  haben,  in  diesem  Falle  imstande  gewesen  wären,
Leinöl  und  Rüböl  zu  billigeren  Preisen  an  den  deutschen  Markt
zu  bringen,  als  dies  der  deutschen  Industrie  möglich  gewesen
wäre.  Dies  erkannte  man  denn  auch  noch  rechtzeitig  und  ermäßigte ­
  bei  Abschluß  der  Handelsverträge  den  Zoll  auf  Raps
usw.  von  5  M.  auf  2  M.  und  hob  gleichzeitig  den  Leinsaatzoll
wieder  auf.  Damit  ist  zunächst  die  Gefahr  für  die  deutsche  Ölmüllerei ­
  beseitigt,  da  aber  bei  Ablauf  der  Handelsverträge  die
im  Tarif  vorgesehenen  Zölle  von  5  M.  und  0,75  M.  pro  100  kg
in  Kraft  treten  können,  kann  nicht  oft  genug  darauf  hingewiesen
werden,  daß  auch  trotz  der  hohen  Einfuhrzölle  der  Anbau  der
Ölgewächse  in  Deutschland  sich  infolge  der  oben  angeführten
Ursachen  nicht  vermehren  wird,  und  die  Einfuhrzölle  auf  Ölsaaten ­
  daher  zu  verwerfen  sind.
Wenden  wir  uns  nach  dieser  Abschweifung  wieder  zu  unserer ­
  Aufgabe  zurück.  Mußte  sich  die  Einfuhr  an  Ölsaaten  schon
infolge  des  Rückganges  der  deutschen  Saatproduktion  vermehren, ­
  so  kam  als  weiterer  Grund  für  diese  Steigerung  noch  hinzu, ­
  daß  man  in  Deutschland  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  in
größerem  Maße  zur  Verarbeitung  neuer  Saaten  überging.  Bereits ­
  um  die  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  begann  man  in  einzelnen ­
  deutschen  Ölmühlen  Palmkerne  und  Erdnüsse  zu  verarbeiten, ­
  ohne  daß  diese  Zweige  der  Ölmüllerei  jedoch  größere
Bedeutung  erlangen  konnten.  Erst  mit  der  Vervollkommnung
der  Seeschiffahrt  und  der  damit  verbundenen  Verbilligung  der
Frachten  wird  es  lohnend,  überseeische  Saaten  in  größeren
Mengen  in  Deutschland  einzuführen  und  hier  auf  Öl  zu  verarbeiten. ­
  Die  Verbesserung  des  Schiffahrtsverkehrs  hatte  ihre
        <pb n="147" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

149

Ursache  in  dem  allgemeineren  Übergang  von  der  Segelschifffahrt ­
  zur  Dampfschiffahrt,  welche  sich  im  Laufe  der  siebziger
und  achtziger  Jahre  vollzog.  Mit  ihr  war  eine  bedeutende  Verkürzung ­
  der  Überfahrtszeit,  sowie  eine  gewaltige  Vergrößerung
der  Schiffskörper  verbunden,  welche  ihrerseits  wieder  ein  Sinken
der  Frachten  zur  Folge  hatten.  Leider  war  es  mir  nicht  möglich,
die  Frachtraten  für  Ölsaaten  in  den  verschiedenen  Jahren  festzustellen, ­
  man  kann  sich  jedoch  auch  auf  Grund  der  folgenden
Angaben  über  die  Verbilligung  der  Frachtsätze  von  Kohlen,
Weizen,  Reis  und  Stückgütern  ein  Bild  von  dieser  Verminderung ­
  machen,  da  sich  die  Frachtsätze  für  Ölsaaten  wohl  ungefähr ­
  in  derselben  Weise  verändert  haben  dürften.  Es  betrug
die  Fracht  pro  Tonne  zwischen  Fläfen  der  Clyde  und 67 )

1874

1896  am  7./II.

Verbilligung

sh.

sh.

ca.

(Buenos  Aires

40

10

75  %

für  Kohlen

j  Odessa  .  .  .

17,5

6,5

63°/,

1  Alexandria

18

7

61%

für  Weizen

San  Franzisko

57,5

21,25

637,

für  Stückgüter  Singapore  .  .

30

15

50%

für  Reis

Rangoon  .  .

65

25

62%

Hand  in  Hand  mit  der  Verbilligung  der  Seefrachten  ging
eine  bedeutende  Vermehrung  der  Absatzmöglichkeiten  der  verschiedenen ­
  Öle.  Da  die  einzelnen  Öle  einander  in  ihrer  Zusammensetzung ­
  und  Beschaffenheit  alle  bis  zu  einem  gewissen  Grade
ähneln,  können  sie  sich  in  ihren  Absatzgebieten  gegenseitig  mehr
oder  weniger  ersetzen.  Dies  hat  dazu  geführt,  daß  die  Abnehmer
der  Öle  häufig  bei  höheren  Preisen  des  einen  Öles  sich  für  ihre
Zwecke  eines  anderen  diesem  ähnlichen  Öles  bedienen,  dessen
Preise  sich  zur  Zeit  nicht  so  hoch  stellen.  Besonders  ist  dies
in  der  Seifenindustrie  der  Fall,  welche  der  bedeutendste  Ölkonsument ­
  ist.
Aber  auch  ganz  neue  Absatzgebiete  haben  sich  infolge  des
allgemeinen  industriellen  Aufschwunges  den  verschiedenen  Ölen
erschlossen.  Hierher  gehören  z.  B.  die  Verarbeitung  des  Leinöls ­
  in  der  Linoleumindustrie  seit  ca.  1870,  die  Verarbeitung  des

67 )  Entnommen  Wernicke  „System  der  nationalen  Schutzpolitik  nach
außen",  Jena.
        <pb n="148" />
        150  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
Leinöls  und  Rüböls  zu  Faktis,  die  vermehrte  Verwendung  des
Baumwollsaat-  und  besonders  des  Sesamöles 68 )  in  der  Margarineindustrie ­
  und  in  neuester  Zeit  die  Verarbeitung  des  Kopraöles
  zu  Kunstbutter,  die  in  den  letzten  Jahren  eine  außerordentliche ­
  Vermehrung  erfahren  hat.
So  kommt  es,  daß  die  Einfuhrziffern  aller  Ölsaaten  seit  1870
ein  dauerndes  Wachstum  zeigen 69  70 ).

Es  betrug  die

Mehreinfuhr  von

Leinsaat

1909

430242  t  gegenüber

22705

t  im  Jahre

1872

Palmkerne
Kopra 7 ®)

1909
1909

230388  t  \
108673  t  J

24737

t  „

ft

1872

Rapssaat

1909

137625  t

6053

t  „

ft

1872

Baumwollsaat

1909

93226  t

11

t  „

ff

1890

Sesamsaat

1909

77940  t

2914

t  „

ft

1880

Erdnüsse

1909

49891  t

3539

t  „

ft

1880

Mohnsaat

1909

20301  t

1126

t  „

ff

1872

Nachdem  wir  nunmehr  die  Ursachen  kennen  gelernt  haben,
welche  die  Veränderung  in  den  Bezugsquellen  der  für  die  Ölgewinnung ­
  benötigten  Rohmaterialien  veranlaßten,  können  wir
uns  mit  der  Frage  beschäftigen,  welchen  Einfluß  diese  Erscheinung ­
  auf  die  Gestaltung  der  Betriebsgrößen  ausgeübt  hat.  Im
vierten  Abschnitte,  in  welchem  ich  die  Veränderungen  imStand-68
 )  Auf  Grund  des  Margarinegesetzes  vom  Jahre  1896  muß  jeder
Margarine  10%  Sesamöl  zugesetzt  werden  zum  Zwecke  einer  leichteren
Unterscheidung  von  Naturbutter.  Da  die  deutsche  Margarineindustrie
jährlich  ca.  100  Mill.  kg  Margarine  fabriziert,  werden  auf  Grund  obigen
Gesetzes  seit  1896  von  dieser  Industrie  allein  jährlich  ca.  10  000  t  Sesamöl
benötigt.
6 ")  Allein  die  Importziffern  für  Rapssaat  zeigen  in  den  letzten  Jahren
einen  Stillstand.  Es  hängt  dies  ohne  Zweifel  mit  den  verminderten  Absatzmöglichkeiten ­
  für  Rüböl  zusammen,  auf  die  ich  an  anderer  Stelle  noch  zu
sprechen  komme  (vgl.  Kap.  II  ds.  Abschn.).
70 )  Besonders  in  den  letzten  Jahren  zeigt  sich  eine  gewaltige  Vermehrung ­
  des  Kopraimports,  was  wohl  mit  dem  bedeutenden  Wachstum
der  deutschen  Kunstbutterindustrie  zusammenhängt.  Es  betrug  die  Einfuhr

von  Kopra  im  deutschen  Reich:
1906  (März  bis  Dezember)  39127  t
1907  49785  „
1908  83  669  „
1909  112159  „
1910  155989  „
        <pb n="149" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

151

orte  der  Ölmüllerei  und  ihre  Ursachen  behandeln  werde,  werde
ich  näher  ausführen,  wie  sich  die  Ölfabriken  mit  dem  Übergang
zur  Verarbeitung  überseeischer  Saaten  in  immer  größerer  Zahl
gezwungen  sahen  aus  Rentabilitätsgründen,  die  Hafenplätze  aufzusuchen. ­
  Eine  derartige  Verlegung  eines  Unternehmens  von
einem  an  einen  anderen  Ort  ist  nun  aber  schon  an  und  für
sich  mit  solchen  Kosten  verbunden,  daß  dieselben  nur  einem
kapitalkräftigen  Betriebe  möglich  ist.  Auch  sind  selbstverständlich ­
  die  Preise  für  den  Grund  und  Boden  an  den  Hafenanlagen
namentlich  in  größeren  Plätzen  viel  höher  als  im  Binnenlande,
so  daß  häufig  auch  aus  diesem  Grunde  eine  Verlegung  des  Betriebes ­
  für  den  kleinen  Ölmüller  unmöglich  wird 71 ).
Bedeutend  sind  auch  die  Vorteile  des  Großbetriebes  beim
Bezüge  der  Saat.  Nicht  allein,  daß  der  Saatimporteur  bei  gleichem
Preisangebot  lieber  an  den  Großbetrieb  verkauft,  weil  dieser
ihm  größere  Posten  abnimmt  und  infolge  seiner  größeren  Kapitalmittel ­
  bessere  Sicherheit  für  prompte  Zahlung  bietet,  nein,  es
tritt  auch,  wie  mir  von  kundiger  Seite  mitgeteilt  wurde,  zuweilen
der  Fall  ein,  daß  der  Saatimporteur  seinen  ganzen  Vorrat  zu
einem  etwas  geringeren  Preise  an  einen  einzigen  Großbetrieb ­
  verkauft 72 ),  obgleich  er  denselben  zu  einem  etwas
höheren  Preise  an  mehrere  kleine  Fabriken  hätte  verkaufen ­
  können.  Auch  die  Frachten  verbilligen  sich  mit  der

71 )  Einen  Begriff  von  den  Kosten  einer  Übersiedelung  in  einen  Hafenplatz ­
  bzw.  von  der  Errichtung  einer  Filialfabrik  in  einem  Hafenplatz  können
wir  uns  auf  Grund  der  folgenden  kleinen  Übersicht  machen:
a)  Im  Jahre  1899  nahm  die  Ölfabrik  Groß-Gerau,  Bremen  A.-G.  eine
Kapitalerhöhung  um  1  Mill.  M.  vor  zum  Zwecke  der  Errichtung
einer  Ölfabrik  in  Bremen.
b)  Im  Jahre  1904  nahm  die  Bremer  Ölfabrik  A.-G.  eine  Kapitalerhöhung ­
  um  1  250000  M.  vor  zum  Zwecke  der  Errichtung  einer
Ölfabrik  in  Wilhelmsburg.  Die  Baukosten  der  Wilhelmsburger
Fabrik  beliefen  sich  auf  1672096  M.
c)  Die  Baukosten  einer  von  der  Bremen-Besigheimer  Ölfabriken  A.-G.
1908/09  in  Bremen  neu  errichteten  Ölfabrik  beliefen  sich  auf
1680672  M.
d)  Im  Jahre  1910  nahm  der  „Verein  deutscher  Ölfabriken  Mannheim" ­
  A.-G.  eine  Kapitalerhöhung  um  2  Mill.  M.  vor  zum  Zwecke
der  Errichtung  einer  neuen  Ölfabrik  in  Spyck  am  Niederrhein  und
Vergrößerung  der  Wilhelmsburger  Fabrik.
72 J  Der  Grund  dürfte  auch  hier  wieder  darin  liegen,  daß  der  Großbetrieb ­
  größere  Sicherheit  für  prompte  Zahlung  bietet.
        <pb n="150" />
        152  UI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
Menge  der  für  einen  bestimmten  Betrieb  in  einem  Dampfer  geladenen ­
  Güter,  und  erst,  wenn  ein  großer  Teil  der  Ladung  für
ihn  bestimmt  ist,  wird  es  einem  Betrieb  überhaupt  möglich,  den
Dampfer  an  seinen  Hafenplatz  zu  dirigieren,  während  der  Betrieb ­
  sonst  das  Saatgut  durch  Leichter  vom  Dampfer  an  die
Fabrik  schaffen  lassen  muß.  Ich  habe  bereits  an  anderer  Stelle
erwähnt,  daß  sich  mit  dem  Übergang  zur  Verarbeitung  überseeischer ­
  Saat  die  Saatvorräte  der  Fabriken  erhöhten  und  infolgedessen ­
  auch  nach  dieser  Richtung  hin  größere  Ansprüche  an  die
Kapitalkraft  der  Fabrikanten  gestellt  wurden.  Bei  den  hohen  Anlagekosten ­
  der  Fabriken  war  es  nötig,  um  die  Zinsen  und  Amortisationsquoten ­
  aufzubringen,  für  einen  ununterbrochenen  Betrieb ­
  der  Fabrik  zu  sorgen,  da  nun  aber  die  Dampfer  von  Übersee ­
  nur  mit  größeren  Unterbrechungen  ankommen,  und  es  außerdem ­
  im  Belieben  des  Importeurs  steht,  die  Saat  gegen  Anfang
oder  Schluß  des  Monats  zu  liefern 73 ),  müssen  die  Fabriken
immer  einen  ziemlich  großen  Vorrat  halten,  um  den  ununterbrochenen ­
  Betrieb  ihres  Werkes  zu  sichern.
Die  Folgen  des  Übergangs  zur  Verarbeitung  überseeischer
Saat  lassen  sich  folgendermaßen  zusammenfassen:  Die  für  einen
ununterbrochenen  Betrieb  notwendigen  Saatvorräte  der  einzelnen ­
  Fabriken  wachsen;  die  Fabriken  müssen,  um  an  Frachtkosten ­
  zu  sparen,  ihren  Betrieb  in  Hafenplätze  verlegen,  was  infolge ­
  der  höheren  Grundstückspreise  mit  einer  stärkeren  Inanspruchnahme ­
  der  Kapitalkraft  der  Fabrikanten  verbunden  ist.
Beim  Bezüge  der  Saat  sind  die  Großbetriebe  im  Vorteil,  weil
sie  geringere  Frachten  zahlen,  die  Dampfer  leichter  an  ihren
Fabrikplatz  dirigieren  können  und  beim  Saatankauf  häufig  vom
Importeur  bevorzugt  werden.
C.  Die  Preisbildung  im  Zusammenhang  mit  den
Absatz  Verhältnissen.
Wie  bei  allen  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  werden
auch  bei  den  Ölsaaten  die  Verkaufspreise  in  hervorragendem
7S )  Der  Verkauf  der  Ölsaaten  geht  in  der  Regel  so  vor  sich,  daß  die
Saaten  entweder  bereits  vor  ihrer  Verfrachtang  von  Übersee  oder  doch
noch  „schwimmend",  d.  h.  nach  Abgang  aus  den  überseeischen  Häfen,  verkauft ­
  werden.  Da  der  Tag  des  Eintreffens  der  Dampfer  nicht  bestimmt
vorausgesagt  werden  kann,  lauten  die  Verkaufs  vertrage  meist  auf  freie
Lieferung  innerhalb  eines  bestimmten  Monats.
        <pb n="151" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

153

Maße  von  der  Ergiebigkeit  der  Ernten  beeinflußt.  Da  nun  die
Ernteerträge  gerade  bei  Ölsaaten  besonders  schwankende  sind,
wie  ich  ja  an  anderer  Stelle  näher  ausgeführt  habe,  sind  auch
die  Preise  der  Ölsaaten  je  nach  den  Ernteaussichten  und  Ernten
in  den  verschiedenen  Jahren  und  Jahreszeiten  äußerst  wechselnde.
Diese  Tatsache  verleitet  naturgemäß  den  Ölmüller  zur  Spekulation, ­
  da  derselbe  sich  selbstverständlich  je  nach  seiner  Ansicht
von  der  Marktlage  für  kürzere  oder  längere  Zeit  mit  Saat  eindecken ­
  wird.  Hier  zeigt  sich  bereits  die  Überlegenheit  des  Großbetriebes. ­
  Vermöge  seiner  vielgestaltigen  Beziehungen  sowie
seines  ausgedehnten  kaufmännischen  Personals  kann  er  die
Marktlage  viel  leichter  und  sicherer  überblicken  als  der  kleinere
Betrieb 74 ).  Auch  wird  es  dem  Großbetrieb  infolge  seiner  größeren ­
  Kapitalkraft  leichter  möglich  sein,  fehlgeschlagene  Spekulationen ­
  zu  überwinden  als  dem  kleinen  Fabrikanten,  der  zuweilen ­
  bei  solchen  Fehlschlägen  sein  ganzes  verfügbares  Kapital
verliert.
Ich  habe  bereits  im  ersten  und  zweiten  Abschnitte  ausgeführt, ­
  daß  zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  Preisunterschiede ­
  von  100°/ 0  in  den  Saatpreisen  innerhalb  einer  verhältnismäßig ­
  kurzen  Zeit  nichts  Außergewöhnliches  waren.  Hier  hat
nun  allerdings  die  Entwicklung  eine  Besserung  gebracht.  Die
im  Laufe  des  letzten  Jahrhunderts  so  bedeutend  vervollkommneten
  Verkehrsmittel,  sowie  vor  allem  die  heute  meist  aus  mehreren ­
  Ländern  und  Erdteilen  mit  verschiedenen  Erntezeiten  und
Ernteergebnissen  zur  Verfügung  stehenden  Rohmaterialien  haben
einen  besseren  Ausgleich  von  Angebot  und  Nachfrage  herbeigeführt, ­
  so  daß  heute  derartig  hohe  Preisunterschiede  wohl  nicht
mehr  Vorkommen  können.  Verschwunden  sind  aber  deshalb  die
Preisschwankungen  keineswegs,  nur  bewegen  sie  sich  in  einem
engeren  Rahmen.  Leider  stehen  mir  keine  statistischen  Aufzeichnungen ­
  über  die  Schwankungen  der  Saatpreise  innerhalb
der  letzten  Jahrzehnte  zur  Verfügung;  da  sich  aber  die  Ölpreise
in  ihren  Schwankungen  zum  größten  Teile  nach  den  Rohmaterialpreisen ­
  richten,  können  wir  uns  auch  auf  Grund  der  folgenden ­
  Zusammenstellungen  ein  Bild  von  den  schwankenden  Saatpreisen ­
  machen.

7 *)  Ein  Teil  der  größeren  Ölfabriken  unterhält  in  den  Rohmaterialbezugsländern ­
  eigene  Einkaufsbureaus.
        <pb n="152" />
        154  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

An  der  Berliner  Börse  betrugen  im  Juni  1887  im  Terminhandel ­
  für  September/Oktober  die  Rübölpreise  pro  100  kg 75 ):

1.  Juni

M.

48,-4-

  „

ff

54,-9.

  „

ft

48,70

14.  „

rt

52,60

21.  „

ft

48,30

Es  betrugen  die  Preisschwankungen  des  Leinöls  pro  100  kg

in  Hamburg  in

den  Jahren  1905—1907  :

Monate

1905
M.

1906
M.

1907
M.

Januar

34,50

45,-44,30



34,-49,40



43,80

34,— 77 )

45,90

44,-47,-





44,50

Februar

34,-47,-





35,50

47,30

46,80

37,80

44,-47,50



42,70

47,60

43,80

März

37,80

43,80

47,60

37,30

44,70

47,80

37,70

44,40

49,50

36,—

45,20

50,80

37,30

44,30

49,80

44,30

50,80

44,80

April

37,30

44,80

50,30

37,10

44,80

48,80

36,80

46,70

48,80

75 )  Entnommen  Emil  Meyer,

„Berichte

über  den  Ölhandel  an  der

Berliner  Börse“.  Jahrg.  1887.  Berlin  1888.
78 )  Zusammengestellt  auf  Grund  der  Berichte  von  Franz  Gabain,
Hamburg,  im  Handelsblatt  der  Seifensiederzeitung.
77 )  Ist  derselbe  Preis  zweimal  nacheinander  angegeben,  so  bedeutet
dies,  daß  sich  der  betreffende  Preis  eine  Zeitlang  gehalten  hat.
        <pb n="153" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

155

Monate

1905
M.

1906
M.

April

38,50

47,80

46,80

47,-Mai



41,50

47,-40,20



47,20

42,-46,20



46,70

46,40

44,90

Juni

42,-44,90



44,30

43,70

43,30

43,30

41,70

41,70

Juli

41,70

43,70

41,70

43,30

40,80

44,20

43,80

45,20

August

40,80

45,20

40,10

45,20

40,10

45,70

39,80

44,50

39,70

September

39,70

44.50

39,40

43,50

38,30

42,30

37,80

43,70

37,30

43,70

36,90

37,80

37,-1907


M.
50,70

50.70
50.30
52.70
52,70
52.30
52.30
52,60
52,60
53.30
52,80
53,30
53.30
52,70
52,70
52.70
50.70
50.70
51.30
50.30
49,20
49,20
46.70
46,70
48,-48,-



49,30
48,40
48,40
        <pb n="154" />
        156  Hl.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Monate
Oktober

November

Dezember

1905

1906

1907

M.

M.

M.

37,-43,70



48,40

36,90

43,70

50,70

37,80

51,30

38,40

50,80

51,40

51-38,40



43,70

51-38,70



45,50

50,80

38,30

46,-49,30



38,30

46,30

49,30

38,70

45,80

48,70

38,70

45,80

48,70

39,40

49,30

39,40

45,80

49,30

39,50

45,80

47,80

40,70

44,80

47,80

40,80

44,30

47,30

45,-44,30



47,30

Die  Preisschwankungen  des  Leinöls  in  Hamburg  bewegten
sich  also  für  100  kg:
1905  zwischen  M.  34,—  und  M.  45,—
1906  „  „  42,30  „  „  49,40
1907  „  „  43,30  „  „  53,30

Ist  also  der  Großbetrieb  schon  beim  Einkauf  der  Saat  infolge ­
  seiner  besseren  Organisation  und  seines  größeren  Kapitals
im  Vorteil,  so  zeigt  sich  diese  Überlegenheit  noch  mehr  bei  dem
Verkauf  der  Fabrikate.  Wären  Öle  und  Kuchen  unentbehrliche
Produkte  und  daher  die  Nachfrage  nach  ihnen  im  großen  ganzen
stets  dieselbe,  so  würden  sich  Veränderungen  im  Rohmaterialpreise ­
  im  allgemeinen  voll  im  Verkaufspreise  der  Öle  und  Kuchen
bemerkbar  machen.  Bei  den  Fabrikaten  der  Ölmüllerei  liegt  der
Sachverhalt  aber  so,  daß  sich  einerseits  sowohl  die  Öle  wie  auch
die  Kuchen  der  verschiedenen  Saaten  in  vielen  Fällen  gegenseitig ­
  mehr  oder  weniger  vertreten  können,  andererseits  die  Öle
bzw.  Kuchen  vielfach  überhaupt  oder  doch  zum  großen  Teil
        <pb n="155" />
        1.  Die  treibenden  Kräfte.

157

durch  andere  Produkte  ersetzt  werden  können.  So  werden  z.  B.
in  der  Seifenfabrikation  die  verschiedensten  Öle,  neben  diesen
aber  auch  Talg  und  Tran  benutzt,  und  richtet  sich  die  vermehrte
Verwendung  des  einen  oder  anderen  Öles  bzw.  Fettes  zum
großen  Teil  nach  dem  Preise  dieser  Produkte.  Als  Schmieröl
wird  Rüböl  bei  hohen  Rübölpreisen  in  ausgedehntem  Maße  durch
die  billigeren  Mineralschmieröle  oder  Surrogate  ersetzt.  In  der
Margarineindustrie  werden  verschiedene  Öle  sowie  tierische
Fette,  je  nach  dem  Preisstande,  in  mehr  oder  weniger  starkem
Maßstabe  verwandt,  und  der  in  den  letzten  40  Jahren  bedeutend
gewachsene  Verbrauch  an  Margarine,  sowie  der  innerhalb  der
letzten  Jahre  so  sehr  gestiegene  Konsum  an  Pflanzenbutterist  zum
nicht  geringen  Teile  auf  die  Preissteigerung  der  Kuhbutter  sowie
anderer  animalischer  Fette  zurückzuführen  und  wechselt  je  nach
dem  Preisstande  dieser  tierischen  Produkte.  Da  auch  der  Kuchenabsatz ­
  kein  gleichbleibender  ist,  sondern  je  nach  der  Jahreszeit,
dem  Ausfall  der  Futtermittelernten  und  den  Preisen  der  Kuchen
schwankt,  lassen  sich  höhere  Rohmaterialkosten  nicht  etwa  einseitig ­
  auf  diesem  Gebiete  durch  Preisaufschläge  wieder  erbringen, ­
  sondern  es  ist  auch  hier  Rücksicht  auf  die  Konjunktur
zu  nehmen.
Die  Bedeutung  dieser  Ersatzmöglichkeit  der  Fabrikate  der
Ölmüllerei  liegt  für  den  Fabrikanten  darin,  daß  häufig  bei  steigenden ­
  Preisen  eines  bestimmten  Öles  oder  einer  Ölkuchensorte
die  Konsumenten  ihren  Bedarf  in  diesem  Artikel  einschränken  und
nach  Möglichkeit  an  seiner  Stelle  andere  Produkte  verwenden.
Dadurch  wird  der  Ölmüller  vor  die  Alternative  gestellt,  entweder
seinen  Betrieb  einzuschränken,  bzw.  auf  Vorrat  zu  arbeiten,  oder
aber  zu  so  niedrigen  Preisen  zu  verkaufen,  daß  durch  den  Ertrag ­
  häufig  nicht  einmal  die  Selbstkosten  gedeckt  werden.  Nach
Möglichkeit  wird  der  Ölmüller  natürlich  von  diesen  Mitteln  die
Arbeit  auf  Vorrat  wählen,  kann  er  doch  bei  den  schnell  wechselnden ­
  Konjunkturverhältnissen  hoffen,  später  durch  höhere  Verkaufspreise ­
  die  durch  die  Einlagerung  verursachten  Zinsverluste
reichlich  wieder  einzubringen.  Ein  derartiges  Zurückhalten  der
Erzeugnisse  fällt  aber  dem  Großbetrieb  viel  leichter  als  den
kleineren  Betrieben,  da  diese  bei  ihrer  geringeren  Kapitalkraft ­
  auf  einen  schnellen  Umsatz  ihres  Kapitals  angewiesen
sind  und  daher  vielfach  unter  dem  Herstellungspreis  verkaufen ­
  müssen.  Ein  zweiter  Weg,  den  Preis  der  Fabrikate
        <pb n="156" />
        158  IH.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
/

durch  geringes  Angebot  zu  stützen  und  einen  Verkauf  zu  verlustbringenden ­
  Preisen  zu  vermeiden,  liegt  in  der  Einschränkung
der  Produktion.  Wegen  der  hohen  Anlagekosten  der  maschinellen ­
  Einrichtung,  welche  verzinst  und  amortisiert  werden
müssen,  ist  eine  Einschränkung  der  Produktion  aber  nur  von
Wert,  wenn  man  die  nun  nicht  mehr  benötigten  Maschinen  mit
der  Herstellung  anderer  Erzeugnisse  lohnender  beschäftigen
kann.  So  erklärt  sich  das  Bestreben  der  Techniker,  Maschinen
zu  konstruieren,  auf  denen  die  Verarbeitung  verschiedener  Ölsaaten ­
  möglich  ist.  Im  allgemeinen  ist  dies  auch  gelungen,  so
daß  die  meisten  Ölfabriken  heute  mehrere  Saaten  verarbeiten
können;  nur  zur  Reinigung  und  Zerkleinerung  verlangen  die
meisten  Saaten  besondere  Einrichtungen.  Derartige  besondere
Maschinen,  welche  nur  zeitweilig  benutzt  werden,  aufzustellen,
verlohnt  sich  aber  in  vielen  Fällen  nur  für  den  Großbetrieb,  da
nur  dieser  dieselben  infolge  seiner  großen  Produktivität  genügend ­
  ausnutzen  kann.  Der  Kleinbetrieb  dagegen,  welcher  die
gleichen  Reinigungs-  und  Zerkleinerungsmaschinen,  nur  vielleicht ­
  in  etwas  geringeren  Abmessungen,  nötig  hat,  kann  dieselben ­
  wegen  seiner  geringen  Tagesproduktion  nicht  genügend
verzinsen.  Aus  diesem  Grunde  muß  er  dann  vielfach  ganz  auf
die  Herstellung  mehrerer  Öle  verzichten,  oder  aber  er  begnügt
sich  mit  einer  oberflächlicheren  Reinigung  und  Zerkleinerung
und  erzielt  aus  diesem  Grunde  geringere  Ausbeute  und  Qualität ­
  an  Öl.

2.  Kapitel.
Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen
und  die  heutige  Ausdehnung  des  Großbetriebs.
Habe  ich  in  den  theoretischen  Ausführungen  der  vorhergehenden ­
  Seiten  nachzuweisen  versucht,  in  welch  hervorragendem ­
  Maße  die  Entwicklung  der  Ölmüllerei  innerhalb  der  letzten
40  Jahre  von  den  drei  Faktoren  Technik,  Rohmaterialfrage  und
Preisbildung  (insoweit  dieselbe  durch  die  Absatzverhältnisse  beeinträchtigt ­
  wird)  beeinflußt  sein  dürfte,  so  will  ich  nunmehr  in
diesem  Kapitel  auf  Grund  des  statistischen  Materials  untersuchen, ­
  ob  und  in  welchem  Maßstabe  dieser  Einfluß  tatsächlich
wirksam  gewesen  ist.  Da  sich  als  Tendenz  der  Weiterentwick ­
        <pb n="157" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  159

lung,  so  weit  dieselbe  von  obigen  drei  Faktoren  abhängig  war,
eine  bedeutende  Vergrößerung  der  Betriebe  ergeben  hat,  werden ­
  sich  also  meine  Untersuchungen  auf  die  Feststellung  zu
erstrecken  haben,  ob  überhaupt  und  bis  zu  welchem  Grade  eine
Konzentration  in  der  Ölmüllerei  innerhalb  der  mich  hier  beschäftigenden ­
  Zeitperiode  stattgefunden  hat.
Zu  diesem  Zwecke  stelle  ich  zunächst  den  Ergebnissen  der
Gewerbezählung  von  1861  diejenigen  der  Zählung  von  1907
gegenüber:
Im  Jahre  1861  gab  es  im  Gebiete  des  deutschen  Zollvereins
9782  Ölmühlen  mit  insgesamt  16240  Erwerbstätigen.  Die  Menge
der  verarbeiteten  Rohmaterialien  dürfte  sich  schätzungsweise
auf  ungefähr  500—550000  t  belaufen  haben 1 ).
Nach  der  Gewerbestatistik  von  1907  betrug  dagegen  die
Zahl  der  Ölmühlen,  Ölraffinerien  und  Pflanzenfettfabriken *  2 )  im
Deutschen  Reiche  nur  mehr  1777  (Haupt-  und  Nebenbetriebe).
Die  Zahl  der  in  den  1116  Hauptbetrieben  Erwerbstätigen  belief
sich  auf  8711.  Die  Menge  der  in  den  Ölmühlen  jährlich  verarbeiteten ­
  Rohmaterialien  war  jedoch  bis  zum  Jahre  1909  auf
mehr  als  1200000  t 3 )  gestiegen.
Ganz  allgemein  kann  man  somit  feststellen,  daß  eine  gewaltige ­
  Konzentration  in  der  Ölmüllerei  in  den  letzten  fünf  Jahrzehnten ­
  statgefunden  hat.  Es  hat  sich  die  Zahl  der  Betriebe
seit  1861  um  rund  82°/ 0  vermindert,  wohingegen  die  Gesamtproduktion ­
  um  etwas  über  100  °/ 0  gestiegen  ist.  Im  Jahre  1861
wurden  im  Durchschnitt  in  jeder  Ölmühle  56,2  t  Rohmaterial
verarbeitet,  1909  dagegen  über  675  t;  es  entspricht  dies  einer
durchschnittlichen  Steigerung  der  Produktion  der  einzelnen  Ölmühle ­
  um  1100%.  Der  Ersatz  der  menschlichen  Arbeit  durch
Kapital  kommt  in  den  folgenden  Ziffern  zum  Ausdruck:  Es
kamen  an  jährlich  verarbeiteten  Rohmaterialien  im  Durchschnitt
auf  jeden  Arbeiter  1861  ca.  34  t,  1909  dagegen  ca.  137  t;  man  hat

*)  Berechnet  auf  Grund  der  Einfuhr-  und  Ausfuhrstatistik,  sowie  verschiedener ­
  Angaben  über  die  Anbaufläche  der  Ölgewächse.
2 )  Die  Zahl  der  Pflanzenfettfabriken  (diese  werden  mit  den  Ölmühlen
in  der  gleichen  Gewerbeklasse  gezählt)  ist  nur  gering  und  verändert  die
Resultate  nur  unwesentlich.
a )  Berechnet  auf  Grund  der  Einfuhr-  und  Ausfuhrstatistik,  der  Aufnahmen ­
  über  den  Anbau  der  Ölgewächse  und  der  durchschnittlichen
Ernteerträge.
        <pb n="158" />
        160  IH.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

somit  eine  Zunahme  der  Leistung  des  einzelnen  Arbeiters  von
ca.  300  °/ 0 .  Allerdings  sind  diese  letzten  Zahlen  nicht  ganz  genau, ­
  da  ja  die  in  den  Nebenbetrieben  beschäftigten  Arbeiter
nicht  mitgezählt  sind;  da  sich  aber  die  Nebenbetriebe  seit  1875 4 )
um  80°/ 0  vermindert  haben,  die  Hauptbetriebe  im  gleichen  Zeitraum ­
  aber  nur  um  61  %,  so  wird  in  Wirklichkeit  die  Zunahme
der  Leistung  des  einzelnen  Arbeiters  noch  mehr  als  300  °/ 0  betragen ­
  haben.
Die  zunehmende  Konzentration  veranschaulichen  ferner  die
folgenden  drei  Tabellen,  in  denen  ein  Vergleich  der  Betriebe
nach  Größenklassen  und  der  in  den  einzelnen  Größenklassen  beschäftigten ­
  Personenzahlen  vorgenommen  ist 5 ).  Die  erste  dieser
Tabellen  stellt  die  Kleinbetriebe  den  größeren  Betrieben  gegenüber; ­
  in  der  zweiten  wird  im  einzelnen  das  Wachstum  der  größeren ­
  Betriebe  vorgeführt,  und  in  der  dritten  die  Verminderung
der  Kleinbetriebe.

1875

1882

1895

1907

Zahl

der

Zahl

der

Zahl

der

Zahl  der

Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



triebe

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

Alleinbetriebe

und  Betriebe  mit

1—5  Personen

2707

4380

1413

2291

1181

1909

904

1553  "

Betriebe  mit  6  u.

mehr  Personen

162

4553

199

4972

194

6012

212

7158  '

Wt.

7-,'■  V

Ul°

1875

1882

1895

1907

Betriebe  mit

Zahl  der

Zahl  der

Zahl

der

Zahl

der

Personen

Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



triebe

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

f  6—10

44

81

622

58

429

76

564

1  11—20

1

1

59

876

55

817

rf  21—50

V  104

&amp;gt;  4553

I  ^

2089

42

1318

48

1495

j  51—200

14

)

21

1828

32

2702

29

2966

201—1000

—

—

2

433

3

687

4

1316

4 )  Erst  seit  1875  werden  Haupt-  und  Nebenbetriebe  gesondert  gezählt.
5 )  Bei  diesen  Tabellen  sind  die  Nebenbetriebe  formell  nicht  mitberücksichtigt. ­
  Auf  die  Ergebnisse  meiner  Untersuchungen  dürfte  dies
        <pb n="159" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  161

1875

1882

1895

1907

Zahl  der

Zah

der

Zahl

der

Zahl  der

Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



Bebesch.



triebe  |

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

triebe

Pers.

Alleinbetriebe

165

165

102

102

68

68

Gehilfen,  Mitinhaber

  u.  Motorenbetriebe

  mit

&amp;gt;2707

4380

1  Person

672

672

623

623

429

429

2  Personen

377

754

\  dAfi

\l

251

502

3—5  Personen

199

700

156

554

Betrachtet  man  die  Ergebnisse  der  ersten  Tabelle,  so  kann
man  feststellen,  daß  die  Zahl  der  größeren  Betriebe  in  den  letzten ­
  40  Jahren  zugenommen  hat  (um  31  °/ 0 ),  während  die  der
Kleinbetriebe  bedeutend,  nämlich  um  66,6  °/ 0 ,  abgenommen  hat.
Besonders  stark  ist  dieser  Rückgang  der  Kleinbetriebe  in  der
Zeit  von  1875—1882 6 ),  beträgt  er  doch  in  diesem  kurzen  Zeitraum ­
  von  sieben  Jahren  47,8  °/ 0 .  Sucht  man  nach  den  Ursachen
dieser  auffallenden  Verminderung  der  kleineren  Betriebe  in  der
zweiten  Hälfte  des  siebenten  und  zu  Anfang  des  achten  Jahrzehnts ­
  des  vorigen  Jahrhunderts,  so  kommt  man  zu  folgenden
Resultaten:  Ich  habe  in  diesem,  sowohl  wie  im  vorigen  Abschnitt ­
  auseinanderzusetzen  versucht,  daß  mit  der  Einführung
der  neuen  Technik  eine  bedeutende  Vergrößerung  der  Betriebe
verbunden  war.  Eine  Folge  der  verbesserten  Technik  und  der
Massenproduktion  War  dann  eine  Herabminderung  der  Unkosten ­
  pro  Einheit  und  ein  relatives  Sinken  der  Verkaufspreise
von  Öl  und  Kuchen.  Obgleich  es  den  kleinen  und  kleinsten  Ölmühlen ­
  nun  nicht  mehr  möglich  war,  zu  denselben  Preisen  wie
die  größeren  Mühlen  zu  produzieren,  wurde  ihnen  dennoch  die
Konkurrenz  eben  dieser  größeren  Betriebe  nicht  überall  gefährlich. ­
  Das  hatte  seinen  Grund  einerseits  in  den  Absatzverhältnissen, ­
  —  die  größeren  Ölmühlen  lieferten  zumeist  an  Fabriken,
jedoch  keinen  Einfluß  haben.  Vgl.  dazu  die  Begründung  in  Sinzheiiner
„Über  die  Grenzen  der  Weiterbildung  des  fabrikmäßigen  Großbetriebs".
Stuttgart  1893,  S.  38  Anm.  1.
8 )  Auch  der  Rückgang  der  Nebenbetriebe,  die  natürlich  zum  allergrößten ­
  Teile  kleine  und  kleinste  Betriebe  sind,  ist  gerade  in  den  Jahren
von  1875  bis  1882  besonders  groß.  Er  betrug  im  deutschen  Reich  in
diesen  sieben  Jahren  42,6%)  * n  Preußen  sogar  60%.
Klaue,  Ölmüllerei.

11
        <pb n="160" />
        162  HI-  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

den  Staat,  die  Bergwerke  usw.,  während  die  kleineren  Mühlen
nach  wie  vor  zum  größten  Teile  den  ländlichen  Konsum  an  Öl
deckten  —,  andererseits  in  den  noch  nicht  genügend  ausgebildeten ­
  Verkehrsverhältnissen,  welche  die  Vorteile  der  konzentrierten ­
  großbetrieblichen  Produktion  durch  hohe  Transportkosten ­
  wieder  aufhob.
Hier  traten  nun  aber  in  den  siebziger  Jahren  Änderungen
von  solcher  Tragweite  ein,  daß  sich  die  kleinen  Mühlen  zu  Hunderten ­
  gezwungen  sahen,  den  Betrieb  einzustellen.  Aus  der  Geschichte ­
  der  Leuchtmittel  dürfte  bekannt  sein,  daß  gegen  Ende
der  sechziger  Jahre  das  Petroleum  seinen  Siegeszug  als  Leuchtmittel ­
  begann  und  im  Laufe  des  siebenten  und  achten  Jahrzehnts
seinen  Konkurrenten,  das  Rüböl,  mehr  und  mehr  verdrängte.
Auf  Grund  der  folgenden  Einfuhrziffern  des  Petroleums  kann
man  sich  ein  Bild  von  dieser  zunehmenden  Ausbreitung  des
Petroleumkonsums  machen.  Es  betrug  nämlich  die  Einfuhr  von
Petroleum  abzüglich  der  Ausfuhr  im  deutschen  Zollverein,  bzw.
im  Deutschen  Reiche:

1866

40736

t

1870

119936

t

1875

250  692

t

1880

265587

t

1885

482047

t

1890

656743

t

Es  ist  nicht  Aufgabe  meiner  Abhandlung,  im  einzelnen  die
Vorzüge  der  Petroleumbeleuchtung  gegenüber  der  durch  Rüböl
aufzuzählen,  es  genügt  vielmehr,  einfach  diese  Überlegenheit
des  Petroleums  festzustellen,  ln  dem  Petroleum  entstand  nun
den  kleinen  Ölmühlen  der  Feind,  welcher  sie  zur  Kapitulation
zwang.  Mit  der  zunehmenden  Verbreitung  der  Petroleumbeleuchtung ­
  auch  auf  dem  Lande  ging  ihnen  nämlich  in  vielen
Fällen  die  letzte  Absatzquelle  verloren,  die  ihnen  bisher  noch
ein  Bestehen  neben  den  größeren  Ölmühlenbetrieben  ermöglicht
hatte.  Während  die  größeren  Ölmühlen  den  ihnen  durch  den
Übergahg  zur  Petroleumbeleuchtung  in  den  Städten  entstehenden ­
  Schaden  reichlich  durch  vermehrte  Lieferungen  an  Eisenbahnen ­
  und  Bergwerke,  die  in  dieser  Zeit  rapide  Zunahmen  und
noch  längere  Zeit  die  Rübölbeleuchtung  beibehielten,  wieder
einbrachten,  verminderten  sich  mit  der  infolge  der  Erweiterung
        <pb n="161" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  163

und  Verbilligung  der  Transportverhältnisse 7 )  immer  mehr
wachsenden  Konkurrenz  der  Großbetriebe  auch  die  den  kleinen
Ölmühlen  etwa  sonst  noch  gebliebenen  Absatzmöglichkeiten
ständig.  So  ist  es  zu  erklären,  daß  die  Zahl  der  kleinen  Betriebe
von  diesem  Zeitpunkte  an,  und  besonders  in  den  Jahren  um
1880  herum,  in  so  bedeutendem  Maße  abnimmt.
Ich  gehe  nunmehr  dazu  über,  die  Ausdehnung  und  Konkurrenzkraft ­
  der  kleinen  Betriebe  gegenüber  der  der  größeren  zu
betrachten.  Berücksichtigt  man  allein  die  Zahl  der  Betriebe,  so
findet  man,  daß  auch  heute  noch  die  Kleinbetriebe  bei  weitem
überwiegen;  immerhin  hat  sich  auch  hier  das  Bild  etwas  verschoben, ­
  denn  heute  machen  die  Betriebe  mit  sechs  und  mehr
Arbeitern  19%  aller  Betriebe  aus,  während  sie  sich  1875  nur  auf
5,6  %  beliefen.  Scheint  es  hiernach,  als  wenn  auch  heute  noch  die
kleinen  Betriebe  in  der  Ölmüllerei  eine  ziemliche  Rolle  spielen,  eine
Annahme,  welche  sich  noch  verstärkt,  wenn  man  bedenkt,  daß  ja
auch  der  größte  Teil  der  oben  nicht  mit  eingerechneten  Nebenbetriebe ­
  (1907  wurden  deren  625  gezählt)  unter  die  Kleinbetriebe
gehören  dürfte,  so  ändert  sich  dies  Bild  gleich  gewaltig,  wenn
man  neben  der  Zahl  der  Betriebe  auch  die  Zahl  der  beschäftigten
Personen  zum  Vergleich  heranzieht.  Bereits  1875  macht  die
Zahl  der  in  den  Betrieben  mit  sechs  und  mehr  Personen  Beschäftigten ­
  50,9%  der  Gesamtsumme  der  beschäftigten  Personen ­
  aus,  1882  ist  sie  auf  68,4%  gestiegen,  1895  auf  75,5%
und  1907  betrug  sie  82,2  o/ 0 .
Über  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Kleinbetriebe  gegenüber
den  größeren  Ölmühlen  geben  aber  auch  diese  Zahlen  noch
keinen  vollkommenen  Aufschluß;  um  diese  richtig  beurteilen  zu
können,  muß  man  vielmehr  auch  die  neben  den  menschlichen
Kräften  im.  Produktionsprozeß  mitwirkenden  maschinellen  Kräfte
heranziehen,  denn  auch  sie  beeinflussen  die  Größe  der  Produktion ­
  in  hervorragendem  Maße,  und  über  die  verschieden  große
Konkurrenzkraft  der  einzelnen  Betriebsformen  geben  schließlich ­
  nur  die  von  diesen  hergestellten  und  abgesetzten  Produktenmengen
  Aufschluß.

7 )  Besonders  die  Ausdehnung  des  Eisenbahnnetzes  war  in  den  siebziger
Jahren  eine  gewaltige,  wie  sich  dies  aus  den  folgenden  Zahlen  ergibt.
Das  Eisenbahnnetz  des  deutschen  Reiches  bezw.  des  Zollvereins  betrug
1850  :  6044  km,  1860:  11  088  km,  1870:  18450  km,  1880:  33411  km  und
1890:  42  869  km.

11*
        <pb n="162" />
        164  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Ich  habe  mich  im  ersten  Kapitel  dieses  Abschnittes  eingehend ­
  mit  der  Frage  des  Ersatzes  des  Produktionselementes
Arbeit  durch  Kapital,  d.h.  des  Ersatzes  menschlicher  Arbeit  durch
maschinelle,  beschäftigt  und  bin  bei  diesen  Untersuchungen  zu
dem  Ergebnis  gekommen,  daß  die  verbesserte  Technik  diesen
Ersatz  zwar  in  ausgedehntem  Maße  möglich  gemacht  hat,  daß
die  Einführung  dieser  Verbesserungen  aber  aus  verschiedenen
Gründen  nur  den  größeren  Ölmühlen  möglich  war.  Diese  Tatsache ­
  läßt  sich  auch  für  den  Zeitraum  1875—1882  statistisch
erfassen  durch  einen  Vergleich  der  Zahlen  der  durchschnittlich ­
  auf  einen  Betrieb  kommenden  erwerbstätigen  Personen.
Während  nämlich  die  Zahl  der  durchschnittlich  in  jedem
Betriebe  tätigen  Personen  in  den  kleinen  Betrieben  mit
1—5  Personen  von  1875—1882  um  ein  Geringes,  nämlich
von  1,61  auf  1,62  steigt,  fällt  diese  Zahl  in  den  größeren  Betrieben ­
  von  28,1  im  Jahre  1875  auf  24,98  im  Jahre  1882.  Da
die  Gesamtproduktion  in  diesen  Jahren  fortlaufend  gestiegen
ist,  wie  sich  aus  der  Einfuhr-  und  Erntestatistik  nachweisen  läßt,
die  Gesamtzahl  der  Betriebe  aber  bedeutend  gefallen  ist,  ergibt
sich  also  für  die  größeren  Betriebe  in  dieser  Periode  ein  ganz
bedeutender  Ersatz  der  menschlichen  Arbeit  durch  maschinelle.
Auch  in  den  späteren  Jahrzehnten  hat  dieser  Ersatz,  wie  wir  auf
Grund  meiner  Ausführungen  im  ersten  Kapitel  dieses  Abschnittes
wissen,  ohne  Zweifel  stattgefunden,  aus  der  Statistik  beweisen
läßt  sich  derselbe  allerdings  nicht 8 )-  Der  Grund  hierfür  ist  ein
doppelter:  Einerseits  fand  nämlich,  wie  wir  gesehen  haben,  der
Ersatz  menschlicher  Arbeit  zum  großen  Teil  dadurch  statt,  daß
dieselbe  Zahl  von  Arbeitern  mit  Hilfe  der  verbesserten  Technik
eine  viel  größere  Produktenmenge  herstellen  konnte,  andererseits ­
  bedingte  die  bedeutend  gestiegene  Produktion  auch  eine
größere  Zahl  mit  Nebenarbeiten  beschäftigter  Arbeiter  (Ein8 ­

 )  In  den  Berichten  der  preußischen  Gewerbeinspektoren  werden  zwei
Fälle  mitgeteilt,  in  denen  Ölfabriken  durch  verbesserte  technische  Einrichtungen ­
  ihre  Arbeiterzahl  verringern  konnten.  So  heißt  es  in  dem  Berichte ­
  des  Inspektors  für  die  Regierungsbezirke  Breslau  und  Liegnitz  vom
Jahre  1891  (Seite  74),  „daß  es  einer  dortigen  Ölfabrik  gelungen  sei,  durch
Beschaffung  leistungsfähiger  englischer  Maschinen  mit  einem  Fünftel  ihrer
bisherigen  Arbeiterzahl  auszukommen",  und  aus  Danzig  wird  im  Jahre  1901
(Seite  9)  berichtet,  „daß  in  einer  Ölfabrik  durch  verbesserte  Betriebseinrichtungen ­
  eine  größere  Anzahl  von  Arbeitern  überflüssig  geworden  sei."
        <pb n="163" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  165

richtung  eigener  Reparaturwerkstätten  für  Maschinen,  Fässer
usw.,  Vermehrung  der  Zahl  der  Hof-  und  Lagerarbeiter  usw.).
Ein  weiteres  Moment,  welches  für  eine  relativ  größere  Produktionsmenge ­
  der  größeren  Betriebe  spricht,  hängt  mit  der
besseren  Ausnutzung  des  Rohstoffes  in  diesen  Betrieben  zusammen. ­
  Wir  haben  im  vorigen  Abschnitt  gesehen,  daß  sich  mit
der  Einführung  der  neuen  Technik  die  Ausbeute  an  Öl  um
mehrere  Prozente  erhöhte;  infolge  dieser  erhöhten  Ölausbeute
brachten  also  schon  die  größeren  Betriebe,  in  denen  allein  sich
die  neue  Technik  einführte,  größere  Produktenmengen  an  den
Markt  als  die  kleinen  Betriebe.
Außer  diesen  Punkten  fällt  weiter  noch  ins  Gewicht,  daß
in  einem  Teile  der  kleinen  Mühlen  nicht  ununterbrochen  das
ganze  Jahr,  sondern  nur  wenige  Wochen  oder  Monate  nach  der
Ölsaatenernte  gearbeitet  wird,  während  die  größeren  Mühlen
das  ganze  Jahr  hindurch  oder  doch  wenigstens  zwei  Drittel  des
Jahres  in  Betrieb  sind.  Auch  haben  viele  der  kleinen  Wassermühlen ­
  nicht  genug  Wasser,  um  den  ganzen  Tag  oder  die  ganze
Woche  ununterbrochen  arbeiten  zu  können,  sondern  müssen  oft
tagelang,  bzw.  mehrere  Stunden  am  Tage  stillliegen,  damit  sich
erst  wieder  genügend  Wasser  für  den  Betrieb  des  Wasserrades
ansammeln  kann.  Endlich  darf  man  auch  nicht  die  produktiven
Kräfte  vergessen,  welche  in  der  nur  in  größeren  Betrieben  intensiv ­
  durchgeführten  Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung
liegen.
Unter  Berücksichtigung  aller  dieser  Momente  glaube  ich
auf  Grund  eingehender  Untersuchungen  eher  zu  niedrig  als  zu
hoch  zu  greifen,  wenn  ich  die  von  jeder  der  in  den  größeren
Betrieben  beschäftigten  Personen  hergestellte  Produktenmenge
heute  als  viermal  so  groß  annehme,  wie  die  auf  jeden  der  in
den  kleinen  Betrieben  Beschäftigten  entfallende.  Selbstverständlich ­
  macht  diese  Zahl  keinen  Anspruch  auf  absolute  Genauigkeit; ­
  es  wird  vielmehr  der  Unterschied  zwischen  den  größten
und  kleinsten  Ölmühlen  ein  größerer  sein,  während  derselbe  bei
den  um  die  Grenze  von  fünf  beschäftigten  Personen  sich  bewegenden ­
  Mühlen  wahrscheinlich  geringer  ist.
Berechnet  man  also  unter  Zugrundelegung  der  Zahl  4  den
Anteil  der  Kleinbetriebe  an  der  gesamten  erzeugten  Produktenmenge, ­
  so  findet  man,  daß  sich  dieser  im  Jahre  1907  auf  nur
mehr  5,1  %  beläuft;  die  Entwicklung  in  der  Ölmüllerei
        <pb n="164" />
        166  Ul.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
hat  uns  somit  einen  vollständigen  Sieg  der  mittleren ­
  und  großen  Betriebe  gebracht.
Ich  wende  mich  nunmehr  im  einzelnen  der  Entwicklung  der
verschiedenen  Betriebsgrößen  zu.  Bei  den  Kleinbetrieben  kann
ich  mich  kurz  fassen.  Hier  findet  in  allen  Größen  ein  Rückgang
der  Zahl  der  Betriebe  und  der  beschäftigten  Personen  statt,  und
zwar  ist  dieser  Rückgang  um  so  stärker,  je  weniger  Personen
in  den  einzelnen  Betrieben  beschäftigt  werden.  Von  1882—1907
nahmen  ab  die  Alleinbetriebe  ohne  Motore  um  58,8  °/ 0 ,  die
Alleinbetriebe  mit  Motoren  um  36,2%,  die  Betriebe  mit  zwei
beschäftigten  Personen  um  33,5%  und  die  Zahl  der  darin  beschäftigten ­
  Personen  um  33,4%,  endlich  die  Betriebe  mit  3  bis
5  beschäftigten  Personen  um  21,6  %  und  die  Zahl  der  darin  beschäftigten ­
  Personen  um  20,9%.
Wie  steht  es  nun  mit  der  Entwicklung  der  größeren  Betriebe? ­
  Hat  man  auch  hier  in  einzelnen  Betriebsgrößen  Rückgänge ­
  zu'verzeichnen,  oder  hat  überall  eine  Zunahme  der  Zahl
sowohl  der  Betriebe,  wie  auch  der  beschäftigten  Personen  stattgefunden? ­
  Diesen  Fragen  will  ich  im  folgenden  etwas  nähertreten. ­
  Zu  diesem  Zwecke  scheide  ich  die  größeren  Betriebe
wieder  in  Mittel-  und  Großbetriebe.  Die  amtliche  Statistik  nimmt
diese  Trennung  generell  für  alle  Gewerbe  vor  und  nennt  alle
Betriebe  mit  mehr  als  50  beschäftigten  Personen  Großbetriebe.
Nun  ist  aber  bekannt,  daß  nicht  allein  die  Zahl  der  beschäftigten
Personen  ein  Kriterium  des  Großbetriebs  bildet,  daß  vielmehr
bei  der  Beurteilung  der  Frage,  ob  ein  Betrieb  als  Großbetrieb
anzusehen  ist,  in  erster  Linie  die  Intensität  der  Arbeitsteilung
und  Arbeitsvereinigung,  die  Ausdehnung  der  Anwendung  maschineller ­
  Kräfte  und  Arbeitsmaschinen,  die  Größe  der  aufgewendeten ­
  Kapitalien,  die  Produktionsmengen  usw.  zu  berücksichtigen ­
  sind.  Will  man  daher  in  einem  bestimmten  Gewerbezweige ­
  die  Ausdehnung  des  Großbetriebs  feststellen  und  sich
zu  diesem  Zwecke  der  Zahl  der  beschäftigten  Personen  als
Kriterium  der  verschiedenen  Betriebsgrößen  bedienen,  so  darf
man  nicht  ohne  weiteres  die  Zahl  von  50  beschäftigten  Personen
als  Grenze  zwischen  Groß-  und  Mittelbetrieb  annehmen,  sondern ­
  man  muß  untersuchen,  bei  wieviel  beschäftigten  Personen
in  diesem  bestimmten  Gewerbezweige  die  Voraussetzungen  des
Großbetriebs  erfüllt  sind,  und  danach  die  Scheidung  zwischen
Groß-  und  Mittelbetrieb  durchführen,  ln  der  Ölmüllerei  muß
        <pb n="165" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  167

man  diese  Grenze  zwischen  Groß-  und  Mittelbetrieb  nun  bereits
bei  20  beschäftigten  Personen  festsetzen,  weil  auch  in  den  Betrieben ­
  mit  21—50  Personen  die  Zahl  der  Arbeitsmaschinen  und
der  zu  ihrem  Betriebe  benötigten  motorischen  Kräfte,  die  aufgewendeten ­
  Kapitalien,  die  verarbeiteten  Rohstoff-  und  die  aus
diesen  hergestellten  Produktenmengen  usw.  so  große  sind,  —
oder  mit  anderen  Worten,  weil  die  Organisation  und  Einrichtung
dieser  Fabriken  bereits  eine  derartige  ist,  daß  man  dieselben  unbedingt ­
  als  Großbetriebe  ansprechen  muß.
Leider  läßt  sich  eine  Trennung  der  Betriebe  in  solche  mit
bis  20  beschäftigten  Personen  und  solche  mit  21  und  mehr  beschäftigten ­
  Personen  erst  seit  der  Zählung  von  1895  durchführen,
immerhin  glaube  ich  auf  Grund  der  statistischen  Angaben  meiner
Tabelle  feststellen  zu  können,  daß  die  Vermehrung  des  prozentualen ­
  Anteiles  der  Produktion  der  größeren  Betriebe  an  der  Gesamtproduktion ­
  hauptsächlich  auf  Grund  der  Zunahme  sowohl
der  Zahl  wie  auch  der  Produktion  der  Großbetriebe  erfolgt  ist.
Betrachtet  man  zuerst  die  Betriebe  mit  6—10  Personen,  so  findet
man,  daß  ihre  Zahl  großen  Schwankungen  unterworfen  war.  Ihre
Zahl  ist  zwar  von  1875—1907  um  32  oder  72,7  °/ 0  gestiegen,  seit
1882  hat  sie  aber  um  6,2  °/ 0  abgenommen,  und  die  Zahl  der  beschäftigten ­
  Personen  sich  um  9,3%  vermindert 9 ).  Die  Zahl  der
Betriebe  mit  11—50  Personen  hat  von  1882—1895  um  6,3°/ 0 und
die  Zahl  der  in  ihnen  beschäftigten  Personen  um  5°/ 0 10 )  zugenommen. ­
  Von  1895—1907  verminderte  sich  die  Zahl  der  Betriebe
mit  11—20  Personen  um  4  oder  6,8  °/ 0 ,  wohingegen  die  Zahl  der
Betriebe  mit  21—50  Personen  um  6  oder  14,3  °/ 0  zunahm.  Eine
bedeutende  Steigerung,  nämlich  seit  1875  um  135,7  °/ 0 ,  zeigen
allein  die  Großbetriebe  mit  mehr  als  50  Personen,  auch  vermehrt
sich  bei  ihnen  die  Zahl  der  Beschäftigten  seit  1882  um  rund  85°/ 0 .
Es  entfielen  in  dieser  Betriebsgröße  durchschnittlich  an  beschäftigten ­
  Personen  auf  jeden  Betrieb  1882:  98,3,  1895:  96,8 n )  und
1907:  129,8.  Während  sich  somit  bei  den  Mittelbetrieben  im  Laufe
der  letzten  40  Jahre  nur  wenig  Änderungen  ergeben  haben,  zeigt

9 )  In  diesem  stärkeren  prozentualen  Rückgang  der  beschäftigten  Personen ­
  drückt  sich  der  Ersatz  menschlicher  Arbeit  durch  maschinielle  aus.
10 )  Auch  hier  trifft  das  in  der  vorigen  Anmerkung  Gesagte  zu.  Allerdings ­
  findet  hier  eine  geringere  prozentuale  Zunahme  der  beschäftigten
Personen  statt.
xl )  Vgl.  Anm.  9  auf  dieser  Seite.
        <pb n="166" />
        168  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

sich  bei  den  Großbetrieben,  und  zwar  namentlich  bei  denen  mit
mehr  als  50  Personen,  eine  bedeutende  Zunahme  sowohl  der  Zahl
der  Betriebe  wie  auch  der  beschäftigten  Personen.
Wie  steht  es  nun  mit  der  Verteilung  der  Produktion  zwischen
Groß-  und  Mittelbetrieb?  Auch  hier  muß  man  wieder  die  Leistung ­
  eines  jeden  im  Großbetrieb  beschäftigten  Arbeiters  höher
einschätzen  als  die  eines  im  Mittelbetrieb  beschäftigten  Arbeiters, ­
  und  zwar  dürften  sich  hier  die  Leistungen  unter  Berücksichtigung ­
  aller  in  Betracht  kommenden  Momente  durchschnittlich ­
  ungefähr  wie  2:1  verhalten.  Unter  Zugrundelegung  dieses
Verhältnisses  ergibt  sich,  daß  der  Großbetrieb  1907  ungefähr
89,3%  der  auf  die  größeren  Betriebe  entfallenden  Produktion
bewältigte.  Setzt  man  diese  Ziffer  in  das  vorher  zwischen  größeren ­
  und  kleineren  Betrieben  gefundene  Verhältnis  ein,  so  ergibt ­
  sich  für  1907  die  folgende  Verteilung  der  Produktion:
Kleinbetriebe  ungefähr  5,1  %
Mittelbetriebe  „  10,2%
Großbetriebe  „  84,7  %
Als  Ergebnis  meiner  Untersuchungen  ergibt  sich  somit,  daß
allein  die  Großbetriebe  zugenommen  haben.  Ihre  Produktion ­
  dürfte  heute  reichlich  vier  Fünftel  der  gesamten ­
  Produktion  der  deutschen  Ölmühlen  ausmachen.
Ein  anschauliches  Bild  von  dieser  eben  geschilderten  Konzentration ­
  erhält  man  auch,  wenn  man  die  Größe  der  Anwendung ­
  motorischer  Kraft  auf  Grund  der  einzelnen  Gewerbeaufnahmen ­
  feststellt,  da  sich  mit  der  zunehmenden  Vergrößerung
der  Betriebe  auch  die  Anwendung  der  Dampfkraft  gehäuft  und
die  Zahl  der  im  Durchschnitt  auf  jeden  Betrieb  fallenden  P.S.

vermehrt  hat.

1882

1895

1907

Zahl  der  Betriebe  mit  motorischer  Kraft
Prozentualer  Anteil  der  Motorenbetriebe

1228

1218

1080

an  der  Gesamtzahl  aller  Betriebe  .  .
Zahl  der  in  den  Motorenbetrieben  ver-34,3%



46,7%

60,8%

wendeten  P.  S
Auf  jeden  Motorenbetrieb  kommen

—

14924

25226

durchschnittlich  an  P.S
Von  den  Motorenbetrieben  wurden

—

12,25

23,36

durch  stationären  Dampf  betrieben  .

195

270

256
        <pb n="167" />
        2.  Die  Entwicklung  an  der  Hand  der  statistischen  Aufnahmen.  169

1882  1895  1907

Zahl  der  in  diesen  verwendeten  P.  S.  .  —  9442  18660
Demnach  kommen  auf  jeden  Dampfbetrieb ­
  durchschnittl.  an  P.  S.  .  .  .  —  35  73
Unter  den  Motorenbetrieben  wurden
durch  Elektrizität  betrieben  ....  —  5  78
Zahl  der  in  diesen  verbrauchten  Kilowatt  —  —  2546,9

Während  sich  also  die  absolute  Zahl  der  Motorenbetriebe
seit  1882  vermindert  hat  (1882—1907  um  12  °/ 0 ),  wächst  der  prozentuale ­
  Anteil  derselben  an  der  Gesamtzahl  aller  Betriebe  bedeutend, ­
  nämlich  um  26,5%.  Auch  absolut  gewachsen,  und
zwar  seit  1895  um  69%,  ist  die  Größe  der  in  den  Motorenbetrieben ­
  aufgewendeten  P.S.,  und  die  Zahl  der  im  Durchschnitt
auf  jeden  Motorenbetrieb  entfallenden  P.S.  ist  seit  1895  von
12,25  P.S.  auf  23,36  P.S.  in  1907  gestiegen.  Betrachtet  man  noch
speziell  die  Zahl  der  durch  stationäre  Dampfmaschinen  bewegten ­
  Betriebe,  so  sieht  man,  daß  deren  Zahl  sich  bis  1895
vermehrt,  dann  allerdings  etwas  fällt,  im  ganzen  aber  seit  1882
um  31,3%  zugenommen  hat.  Am  deutlichsten  zeigt  sich  hier
die  gewaltige  Konzentration  bei  einem  Vergleich  der  im  Durchschnitt ­
  auf  jeden  Dampfbetrieb  entfallenden  P.S.  Es  betrugen
dieselben,  wie  wir  im  vorigen  Abschnitte  gesehen  haben,  1852
bis  1858  nur  11,2  P.S.,  bis  1895  waren  sie  auf  35  P.S.  gestiegen,
und  heute  belaufen  sie  sich  auf  73  P.S.,  was  seit  1852—1858
einer  Steigerung  um  551,8%  entspricht.
Ich  habe  festgestellt,  daß  die  Produktion  der  Großbetriebe
heute  reichlich  vier  Fünftel  der  Gesamtproduktion  betragen
dürfte;  diese  Ansicht  wird  bestätigt  durch  einen  Vergleich  der
in  den  verschiedenen  Größenklassen  benutzten  motorischen
Kräfte,  wie  dieser  auf  Grund  der  letzten  Gewerbeaufnahmen
möglich  ist.  Es  betrug  im  Jahre  1907  die  Zahl  der  Motorenhauptbetriebe ­
  und  die  Größe  der  in  diesen  aufgewendeten  P.S.
unter  Zählung  der  Gesamtbetriebe  als  Betriebseinheiten 12 ):
12 )  Bei  den  Tabellen  der  Gewerbestatistik,  bei  denen  nicht  ausdrücklich
erwähnt  wird,  daß  die  Gesamtbetriebe  gezählt  sind,  sind  Teilbetriebe  als
Betriebseinheiten  gezählt.  In  den  Erläuterungen  zur  Gewerbestatistik  heißt
es  nämlich,  daß  da,  wo  verschiedenartige  Gewerbe  zu  einem  einheitlichen
Geschäft  verbunden  waren,  jedes  dieser  Gewerbe  als  ein  besonderer  Betrieb
behandelt  wurde,  sofern  sie  unter  verschiedene  Gewerbeordnungen  fielen.
Ebenso  wurden  gewerbliche  Anlagen  eines  und  desselben  In-
        <pb n="168" />
        170  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Ge
1—5

hilfenbetri
6-10

ebe  mit  ..
11—50

51—200

en:
201—1000

Zahl  der  Gesamtbetriebe ­


640

72

95

30

7

In  diesen  beschäftigte
Personen

1250

531

2159

3068

2430

In  diesen  benutzte  P.S.

2835

456

4626

11044

6383

ln  diesen  benutzte  Kilowatt ­


188,7

30,1

111,2

1367,7

1271,8

Auf  jeden
Gesamt  betrieb

besch.
Pers.

1,95

7,4

22,7

102,3

347,1

kommen  im

P.S.

4,4

6,3

48,7

368,1

911,9

Durchschnitt

Kilow.

0,3

0,4

1,06

45,59

181,7

Aus  dieser  Tabelle  ergibt  sich,  daß  bei  Zählung  der  Gesamtbetriebe ­
  als  Betriebseinheiten  sich  die  ziffernmäßige  Ausdehnung ­
  des  Großbetriebs  als  noch  größer  erweist,  als  ich  auf
Grund  meiner  früheren  Tabellen  annehmen  konnte.  Während
ich  bei  Zählung  der  Teilbetriebe  als  Betriebseinheiten  29  Betriebe ­
  mit  je  51—200  beschäftigten  Personen  und  4  Betriebe
mit  mehr  als  200  Personen  erhielt,  habe  ich  jetzt  30  Betriebe  der
ersteren  und  7  der  letzteren  Kategorie,  und  die  Summe  der  in
ihnen  insgesamt  beschäftigten  Personen  wächst  von  4282  auf
5498.  Berechnet  man  sich  die  in  den  Großbetrieben  aufgewendeten ­
  motorischen  Kräfte 13 ),  so  erhält  man  rund  20000  P.S.
bzw.  2694  Kilowatt,  also  ca.  79%  bzw.  91%  der  überhaupt  in
diesem  Gewerbe  aufgewendeten  motorischen  Kräfte;  auch  hiernach ­
  also  würde,  selbst  unter  Außerachtlassung  aller  sonstigen
noch  zugunsten  des  Großbetriebs  sprechenden  Momente,  die
Produktion  der  Großbetriebe  mindestens  %  der  Gesamtproduktion ­
  betragen.

habers,  welche  räumlich  von  einander  getrennt  lagen  und
jede  für  sich  bestanden,  als  einzelne  Betriebe  gezählt."  Auf
Grund  dieser  Zählweise  ergeben  sich  in  der  folgenden  Tabelle  Änderungen
gegenüber  meinen  früheren  Zusammenstellungen.
ls )  Es  ist  hier  leider  nicht  zwischen  Betrieben  mit  fl  bis  20  und
21  bis  50  beschäftigten  Personen  unterschieden.  Bei  der  Berechnung  der
auf  die  Großbetriebe  fallenden  motorischen  Kräfte  ist  deshalb  von  den
hier  gezählten  PS  und  Kilowatt  ungefähr  die  Hälfte  genommen.
        <pb n="169" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustrieilen  Entwicklung.  171
3.  Kapitel.
Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.
In  den  bisherigen  Kapiteln  dieser  Abhandlung  habe  ich
einerseits  diejenigen  Faktoren  vorgeführt,  welche  im  Laufe  des
vergangenen  Jahrhunderts  die  Entwicklung  der  deutschen  Ölmüllerei ­
  beeinflußt  haben;  zum  anderen  habe  ich  dann  diese
Entwicklung  selbst  geschildert  und  dabei  gezeigt,  daß  sich  auf
Grund  obiger  Faktoren  eine  vollständige  Umwandlung  sowohl
der  Betriebsform  wie  auch  der  Betriebsgröße  vollzogen  hat:  an
die  Stelle  des  Lohnwerks  ist  das  Preiswerk  getreten,  und  der
größte  Teil  der  zahlreichen  kleinen  Betriebe,  welche  zu  Beginn
des  Jahrhunderts  den  einheimischen  Bedarf  befriedigten,  ist
durch  die  Konkurrenz  verhältnismäßig  weniger  Großbetriebe
verdrängt  worden,  deren  Produktion  heute  den  Markt  vollkommen ­
  beherrscht.  Ich  habe  weiter  dargelegt,  daß  die  Überlegenheit ­
  des  Großbetriebs  gegenüber  dem  Kleinbetrieb  ihren
Grund  in  Vorteilen  hat,  welche  dem  Großbetrieb  sowohl  bei
der  Fabrikation  selbst,  als  auch  bei  der  Beschaffung  der  Rohmaterialien ­
  und  dem  Absatz  der  Fabrikate  zur  Verfügung  stehen.
Im  einzelnen  beruhen  diese  Vorteile  auf  der  ausgedehnteren
Anwendung  von  Maschinen  und  der  allgemein  besseren  Technik ­
  der  Großbetriebe,  auf  einer  vollkommeneren  Ausnutzung
der  menschlichen  Arbeitskraft,  auf  der  Möglichkeit  einer  billigeren
und  direkteren  Rohmaterialbeschaffung  und  endlich  auf  der  Möglichkeit, ­
  bessere  Preise  für  die  Fabrikate  zu  erzielen  durch  ein  geschicktes
Anpassen  des  Verkaufs  an  die  jeweiligen  Konjunkturverhältnisse.
Kann  ich  somit  feststeilen,  daß  unzweifelhaft  der  Großbetrieb ­
  in  der  Ölmüllerei  gegenüber  dem  früher  herrschenden
Kleinbetrieb  einen  wirtschaftlichen  Fortschritt  bedeutet,  so  erhebt ­
  sich  nunmehr  im  Anschluß  daran  die  Frage,  ob  dieser
wirtschaftliche  Fortschritt  zugleich  auch  einen  sozialen  mit  sich
gebracht  hat.  Ich  will  also  noch  untersuchen,  in  welcher  Weise
sich  im  Laufe  der  Jahrzehnte  die  Lage  der  in  der  Ölmüllerei
beschäftigten  Personen  verändert  hat,  bzw.  welches  heute  die
Lage  der  in  den  Großbetrieben  beschäftigten  Personen  gegenüber ­
  den  in  den  Kleinbetrieben  beschäftigten  ist.
Sehen  wir  uns  zunächst  einmal  die  Verschiebungen  an,
welche  sich  in  der  sozialen  Stellung  der  in  der  Ölmüllerei  beschäftigten ­
  Personen  vollzogen  haben.  Für  die  letzten  30  Jahre
ergeben  hiervon  die  berufsstatistischen  Aufnahmen  folgendes  Bild:
        <pb n="170" />
        Tabelle  I.  Die  soziale  Stellung  der  in  der  Ölmüllerei  tätigen  Personen.

Von  den  die  Ölmüllerei  als  Hauptberuf  ausübenden

Gesamtzahl  der

Von  diesen  üben  die  Olmüllerei

Personen

sind

die

Olmüllerei

aus

als

tätigen  m.  Nebenausübenden



ohne

mit

beruf  üben  Land-Personen



Hauptberuf

Nebenberuf

Nebenberuf

Nebenberuf

Wirtschaft  als

Nebenberuf

1882

1895

1907

1882

189511907

1882

1895

1907

1882

1895

1907

1882

1895

1907

1882

1895

1907

Summe

1607

589

1018

303

286

229

Eigentümer

männl.

1499

543!

956

283

260

205

weibl.

108

46

62

20

26

24

Selb-Summe



3391

2550

32

960

650

9

2431

1900

23

204

244

4

756

406

5

686

329

2

stän-Pächter



männl.

«206

12406

30

907

&amp;gt;619

9

&amp;gt;2299

&amp;gt;1787

21

188

&amp;gt;236

4

&amp;gt;719

&amp;gt;383

5

&amp;gt;651

&amp;gt;309

2

dige

weibl.

185

144

2

53

31

—

132

113

2

16

8

—

37

23

—

35

20

—

Sonstige

Summe

103

98

5

83

15

9

Betriebsmännl.



102

97

5

82)

15

9

leiter

weibl.

1

1

—

1

—

—

T  echnisch  gebildete

Summe

31

47

27

47

4

—

25

44

2

3

2

2

Betriebsbeamte

männl.

31

45

27

45

4

—

25

42

2

3

2

2

(Ingenieure  usw.)

weibl.

—

2

—

2

—

—

—

2

“

—

“

__

Technisches  Auf-Summe



214

146

216

197

140

214

17

6

2

169

113

187

28

27

27

12

24

23

sichtspersonal

männl.

214

146

215

197

140

213

17

6

2

169

113

186

28

27

27

12

24

23

(Werkmeister  usw.)

weibl.

—

—

1

—

—

1

—

—

—

—

—

1

—

—

—

—

—

—

Summe

394

1102

386

1090

8

12

360

1053

26

37

11

17

ivauimanmscnes

männl.

388

993

380

984

8

9

354

949

26

35

11

16

Personal

weibl.

6

109

6

106

—

3

6

104

—

2

—

1

Familienangehörige

Summe

337

301

46

72

291

229

30

38

16

34

13

29

d.  mittätig,  abernicht

173

142

13

26

160

116

8

12

5

14

3

14

eigentlich  Gehilfen

3563

164

159

2985

33

46

578

131

113

2146

22

26

839

11

20

784

10

15

oder  Arbeiter  sind

&amp;gt;3365

&amp;gt;2834

531

«016

&amp;gt;818

&amp;gt;764

Summe

198

5276

6702

151

4903

6552

47

373

150

130

3933

5598

21

970

954

20

909

893

ueseuen,  Lenrnnge

männl.

4985

6290

4636

6158

349

132

3675

5220

961

938

903

880

u.  Arbeiter

weibl.

291

412

267

394

24

18

258

378

9

16

6

13

Summe

7168

8734

10110

4142)6152  867l||  3026

2582(1439

2519(4705(7310

1623

1447(1361:

1482

1288

1204

172  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
        <pb n="171" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  173

Tabelle  II.
Die  soziale  Stellung  der  in  den  Ölmühlenhauptbetrieben
tätigen  Personen.

1875

1882

1895

1907

ln  den  Alleinbetrieben
und  den  Betrieben  mit
1—5  Personen  waren

Geschäftsleiter  .  .  .
Verwaltungs-  usw.
personal
Gehilfen  u.  Arbeiter 1 )

2551
jl843

824
31
1529

480
36
1393

447
61
1045

Geschäftsleiter  .  .  .

214

177

213

262

In

den  Betrieben  mit

Verwaltungs-  usw.

6

u.  mehr  Pers.  waren

personal

365

373

602

1130

Gehilfen  u.  Arbeiter 1 )

3974

4326

5197

5766

Die  erste  Tabelle  läßt  deutlich  die  bedeutenden  Veränderungen ­
  erkennen,  welche  in  der  sozialen  Stellung  der  in  der
Ölmüllerei  beschäftigten  Personen  vor  sich  gegangen  sind.  Von
1882—1907  fand  eine  Verminderung  der  Selbständigen  um  1649
oder  48,6  °/ 0  statt,  wohingegen  die  Abhängigen  in  derselben
Zeit  um  4591  oder  121,6  °/ 0  zugenommen  haben.  Von  den  Abhängigen ­
  hat  sich  relativ  am  meisten  das  kaufmännische  und
technische  Verwaltungs-  und  Aufsichtspersonal  vermehrt,  nämlich ­
  um  1151  oder  537,9  °/ 0 ,  die  Gehilfen  und  Arbeiter  um  3440
oder  96,5  °/ 0 .
Wie  sich  die  Zu-  und  Abgänge  auf  die  größeren  und  kleinen
Betriebe  verteilen,  zeigt  uns  die  zweite  Tabelle,  welche  auf
Grund  der  Gewerbeaufnahmen  die  Veränderungen  in  den
Hauptbetrieben  feststellt.  Darnach  hat  sich  von  1875—1907  in
den  Kleinbetrieben  die  Zahl  der  Selbständigen  um  82,5  °/ 0 ,  die
der  Abhängigen  um  rund  40°/ 0  vermindert *  2 ),  in  den  größeren
Betrieben  dagegen  um  22,4  °/ 0 ,  bzw.  58,9%  zugenommen.
Sehr  interessant  sind  die  Aufklärungen,  welche  uns  die
Berufsstatistik  durch  ihre  Angaben  über  hauptberufliche  und

x )  Einschließlich  mithelfender  Familienangehöriger.
2 )  Von  1875  bis  1882  allein  um  67,7  °/ 0 .  Die  Gründe  für  diesen  bedeutenden ­
  Rückgang  habe  ich  im  vorhergehenden  Kapitel  näher  auseinandergesetzt. ­
  Diese  Gründe  treten  gerade  Ende  der  siebziger  Jahre  besonders ­
  stark  in  Erscheinung,  wie  dort  ebenfalls  näher  ausgeführt.  Von
1875  bis  1882  haben  sich  daher  auch  die  Selbständigen  der  größeren  Betriebe ­
  vermindert,  nämlich  um  17,3°/ 0 .
        <pb n="172" />
        174  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

-  h

nebenberufliche  Tätigkeit  der  in  der  Ölmüllerei  beschäftigten
Personen  in  bezug  auf  die  aus  der  Beschäftigung  mit  Ölmüllerei
fließenden  Einkommen  gibt.  Von  der  Gesamtzahl  der  in  Ölmühlenbetrieben ­
  selbständig  Tätigen  übten  1882  nur  28,3  %
die  Ölmüllerei  hauptberuflich  aus,  und  von  diesen  wieder  nur
21,3%,  d.  s.  6%  der  Gesamtzahl,  ohne  Nebenberuf  oder  Nebenerwerb. ­
  Für  1895  waren  die  entsprechenden  Zahlen  25,5%,
37,5  %  und  9,6%,  für  1907  40%,  55,8  %  und  22,4%.  Diese
hohen  Prozentsätze  der  sich  neben  der  Ölmüllerei  noch  einer
anderen  Beschäftigung  widmenden  selbständigen  Personen,  bzw.
der  die  Ölmüllerei  überhaupt  nur  als  Nebenerwerb  treibenden
Selbständigen,  lassen  erkennen,  daß  die  aus  dem  Betriebe  von
Ölmühlen  fließenden  Gewinne  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  nicht
gerade  glänzende  sein  können.
Man  könnte  gegen  diese  Folgerung  einwenden,  daß  man
aus  der  großen  Zahl  der  sich  neben  der  Ölmüllerei  noch  mit
einem  Nebenerwerb  beschäftigenden  Selbständigen  nicht  ohne
weiteres  auf  geringen  Gewinn  bei  der  Ölmüllerei  schließen
könne,  da  wir  ja  gesehen  haben,  daß  ein  großer  Teil  der  Ölmühlen ­
  wegen  der  nur  in  beschränktem  Maße  zur  Verfügung
stehenden  Triebkraft  (Wasser  und  Wind)  nur  einen  Teil  des
Jahres  in  Betrieb  ist.  Es  ist  also  sehr  wohl  denkbar,  daß  der
Ölmüller,  obwohl  die  Ölmühle  sich  im  allgemeinen  gut  rentiert,
noch  einen  Nebenerwerb  betreibt,  um  die  ihm  neben  seiner
Tätigkeit  in  der  Ölmühle  verbleibende  Zeit  nutzbringend  zu  verwerten. ­
  ln  manchen  Fällen  mag  dies  zutreffen,  meistens  ist
aber  wohl  die  mangelnde  Rentabilität  die  Ursache  des  Nebenerwerbs, ­
  wenigstens  wurde  mir  bei  meinen  Erkundigungen
immer  die  Antwort  gegeben,  die  Konkurrenz  der  größeren  Ölmühlen ­
  hätte  den  Gewinn  so  herabgedrückt,  daß  die  Ölmüllerei
allein  ihren  Mann  nicht  mehr  ernähre.
Weiter  geht  auch  aus  den  absolut  bedeutend  fallenden
Zahlen,  sowohl  der  die  Ölmüllerei  überhaupt  betreibenden  Selbständigen, ­
  wie  auch  der  die  Ölmüllerei  nur  als  Nebenerwerb
oder  -beruf  ausübenden  Selbständigen,  hervor,  daß  in  vielen
Fällen  sich  der  Betrieb  der  Ölmühle  überhaupt  als  dauernd  unrentabel ­
  herausgestellt  hat.  Andererseits  aber  zeigt  uns  das
Steigen  des  Prozentsatzes  der  die  Ölmüllerei  ohne  Nebenerwerb
ausübenden  Selbständigen,  daß  die  großbetriebliche  Entwicklung ­
  der  letzten  30  Jahre  hier  Besserungen  gebracht  hat.  Aus
        <pb n="173" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  175

dem  hohen  Prozentsatz  der  als  Nebenberuf  Landwirtschaft  treibenden ­
  Selbständigen  endlich  kann  man  entnehmen,  daß  es
sich  in  den  meisten  Fällen,  wo  neben  der  Ölmüllerei  noch  ein
Nebenerwerb  betrieben  wird,  um  kleine  und  kleinste  Ölmühlen
handelt,  da,  wie  ich  im  vierten  Abschnitt  noch  näher  ausführen
werde,  schon  seit  den  neunziger  Jahren  der  größte  Teil  der
bedeutenderen  Ölmühlen  in  Hafenplätzen,  also  meistens  Städten,
gelegen  ist.
ln  bezug  auf  die  Lage  der  in  der  Ölmüllerei  selbständig
tätigen  Personen  ergibt  sich  also  folgendes  Bild:
Die  Entwicklung  in  der  Ölmüllerei  hat  die  Zahl  der  Selbständigen ­
  vermindert  und  die  der  Abhängigen  vermehrt.  Nach
der  Berufsstatistik  kamen  auf  je  einen  Selbständigen  an  Abhängigen ­
  1882:1,1;  1895:2,4  und  1907:4,8  (nach  der  Gewerbestatistik, ­
  welche  allerdings  nur  die  Hauptbetriebe  berücksichtigt,
kommen  auf  jeden  Selbständigen  1875:2,1;  1882:6,3;  1895:10,6
und  1907:11,3  Abhängige).  Viele  der  in  der  Ölmüllerei  selbständig ­
  tätigen  Personen  sind  gezwungen,  neben  der  Ölmüllerei
noch  einen  Nebenerwerb  zu  betreiben,  doch  scheinen  hier  mit
der  Vergrößerung  der  Betriebe  Änderungen  einzutreten,  da  sich
die  Zahl  der  in  der  Ölmüllerei  ohne  Nebenerwerb  selbständig
Tätigen  fortlaufend  relativ  und  absolut  vermehrt.
Gehen  wir  nunmehr  zur  Betrachtung  der  Lage  der  in  der
Ölmüllerei  tätigen  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  über.  Mit  dieser
muß  ich  mich  etwas  eingehender  beschäftigen,  und  zwar  will
ich  zuerst  die  Beschaffenheit  der  Arbeitsräume  und  die  Art  der
zu  leistenden  Arbeit  behandeln.  Hier  zeigen  sich  zwischen  Großbetrieb ­
  und  Kleinbetrieb  bedeutende  Unterschiede.  Während
wir  bei  den  älteren  Ölmühlen,  heute  namentlich  noch  bei  den
Wasserölmühlen,  häufig  nur  einen  einzigen,  engen,  dumpfigen
und  niedrigen  Arbeitsraum  vorfinden,  in  welchem  der  ganze
Fabrikationsprozeß  vor  sich  geht,  haben  wir  in  den  großen  Ölmühlen ­
  der  heutigen  Tage  ausgedehnte,  helle  Arbeitsräume,  getrennt ­
  nach  den  einzelnen  Stadien  des  Produktionsprozesses.
Demzufolge  finden  sich  denn  auch  in  den  Berichten  der  Gewerbeinspektoren ­
  und  den  Jahresberichten  der  Müllereiberufsgenossenschaft ­
 3 )  immer  wiederkehrende  Klagen  über  die  Zu-3

 )  Die  Ölmühlen  gehören,  so  weit  sie  selbständige  Betriebe  sind,  in
bezug  auf  die  Unfallversicherung  zur  Müllerei-Berufsgenossenschaft.
        <pb n="174" />
        176  HL  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
stände  in  den  kleineren  Mühlen.  So  heißt  es  z.  B.  in  dem  Jahresbericht ­
  der  Berufsgenossenschaft  über  das  Jahr  1909  von  den
kleinen  Wind-  und  Wassermühlen  (es  wird  in  diesem  Berichte
ganz  allgemein  von  den  diesen  Mühlen  anhaftenden  Nachteilen
gesprochen,  ohne  den  besonderen  Zweck  der  Mühle  —  Getreide-, ­
  Ölsamen-,  Holzverarbeitung  usw.  —  zu  berücksichtigen):
„Es  kann  kaum  verschwiegen  werden,  daß  die  Aufstellungsräume ­
  der  Maschinen  nicht  immer  geeignete  sind.  Oft  ist  kaum
Platz  für  den  Durchgang  vorhanden,  so  daß  die  ganze  Anlage
eine  stete  Gefahr  darstellt.  Bei  Betrieben  dagegen,  welche  mit
Wärmemotoren  arbeiten,  und  bei  denen  diese  die  hauptsächlichste ­
  oder  einzige  Kraftquelle  bedeuten,  kann  nur  in  wenigen
Fällen  ein  Mangel  festgestellt  werden.“  An  einer  anderen  Stelle
wird  dann  weiter  ausgeführt:  „Was  die  Transmission  angeht,
so  bieten  auch  hier  die  Anlagen  in  alten  Gebäuden  die  meiste
Gefahr,  da  sich  Welle  und  Riementrieb  in  nur  geringer  Höhe
befinden  und  der  Durchgang  nur  in  gebückter  Stellung  möglich ­
  ist;  unter  diesen  Umständen  ist  es  mit  großer  Schwierigkeit
verknüpft,  Schutzvorrichtungen  praktisch  anzuordnen,  denn  die
enge  Passage  wird  dadurch  noch  mehr  verengt.“  Die  Gründe
für  letztere  Tatsache  liegen  nach  Meinung  der  Aufsichtsbeamten
einerseits  in  der  Schwierigkeit  der  Anbringung  von  Schutzvorrichtungen ­
  in  Kleinbetrieben,  da  dazu  häufig  bauliche  Veränderungen ­
  notwendig  wären,  welche  der  Besitzer  wegen  seiner  an
und  für  sich  schon  mißlichen  wirtschaftlichen  Lage  nicht  vornehmen ­
  lassen  kann,  andererseits  darin,  daß  der  Besitzer  diesen
Forderungen  überhaupt  verständnislos  gegenübersteht.  „Es  finden ­
  sich  Mühlen,  die  seit  vielen  Jahren  im  Besitze  derselben
Familien  sind;  der  Inhaber  ist  zwischen  all  den  Rädern  und
Riementrieben  aufgewachsen  und  von  Kind  auf  an  die  Verhältnisse ­
  der  Arbeitsstätte  gewöhnt.  Er  ist  so  mit  seinem  Betriebe
verbunden,  daß  er  die  Gefahr  für  den  Fremden,  also  seinen
Arbeiter,  vollständig  verkennt.“
Auch  in  den  größeren  Betrieben  hat  die  Erweiterung  der
Arbeitsräume  und  die  damit  verbundene  Herabminderung  der
Unfallgefahr  eigentlich  allgemeiner  erst  in  den  letzten  zehn  bis
zwanzig  Jahren  stattgefunden.  Zwar  waren  hier  die  Arbeitsräume
von  Anfang  an  bedeutend  größer  als  in  den  Kleinbetrieben,
doch  wurde  auch  in  ihnen,  so  weit  nur  irgend  möglich,  aller
vorhandene  Platz  ausgenutzt,  weil  man  jede  Kraftübertragung
        <pb n="175" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  177

auf  weitere  Strecken  wegen  des  damit  verbundenen  größeren
Kraftverlustes  vermeiden  wollte.  Hier  brachte  erst  die  Einführung ­
  der  Elektrizität  Änderungen;  diese  ermöglicht  unter
Zuhilfenahme  von  Elektromotoren  eine  einfache  Kraftübertragung ­
  ohne  nennenswerten  Kraftverlust  von  Raum  zu  Raum
und  Gebäude  zu  Gebäude  und  wird  heute  in  allen  Großbetrieben
in  ausgedehntem  Maße  angewandt.  Infolge  ihrer  Einführung
erreicht  man  heute  einerseits  eine  bedeutende  Vereinfachung
der  Transmission  und  unterläßt  andererseits  eine  Überfüllung
der  Arbeitsräume  mit  Maschinen,  beides  Verbesserungen,  mit
deren  Einrichtung  eine  bedeutende  Herabminderung  der  Unfallgefahr ­
  verbunden  ist.
Welcher  Art  ist  nun  die  von  den  Arbeitern  zu  leistende
Arbeit,  ist  sie  eine  derartige,  daß  mit  ihrer  Ausübung  häufige
Unfälle  oder  sonstige  Gesundheitsschädigungen  verknüpft  sind,
und  wie  hat  sie  sich  im  Laufe  der  Entwicklung  verändert?
Nach  der  Art  der  zu  leistenden  Arbeit  lassen  sich  die  in
Ölmühlen  beschäftigten  Personen  scheiden  in  solche,  welche
1.  bei  der  Herstellung  der  Betriebskraft;
2.  beim  Transport  und  der  Lagerung  der  Rohmaterialien;
3.  bei  der  reinen  Verarbeitung  der  Rohmaterialien;
4.  bei  der  Behandlung  der  erzielten  Rohfabrikate;
5.  mit  der  Verladung  der  fertigen  Fabrikate  und
6.  mit  der  Instandhaltung  der  Betriebsmittel
beschäftigt  sind.
Bei  allen  diesen  Arbeiten  werden  jugendliche  Arbeiter  nur
in  sehr  beschränktem  Maße  verwendet,  und  ihre  Zahl  scheint
außerdem  noch  abzunehmen.  Es  waren  jugendliche  Arbeiter
(im  Alter  von  14—16  Jahren)  unter  den  in  den  Hauptbetrieben
beschäftigten  Gehilfen  und  Arbeitern  im  Jahre  1895:  2,3  %,  1907
nur  mehr  1,5%.  Von  diesen  jugendlichen  Arbeitern  waren  im
Jahre  1895  7,8%  mithelfende  Familienangehörige,  1907  war
deren  Prozentsatz  auf  32%  gestiegen.  Die  Beschäftigungsweise
der  jugendlichen  Arbeiter  kann  man  nicht  näher  verfolgen,  da
dieselbe  in  jedem  Betrieb  eine  verschiedene  ist.
Auch  die  Frauenarbeit  findet  sich  in  der  Ölmüllerei  nur  in
verhältnismäßig  geringem  Umfange  vor,  es  betrug  nämlich  die
Zahl  der  weiblichen  Gehilfen  und  Arbeiter  1895  7,7%  und  1907:
7%  der  Gesamtzahl  der  Gehilfen  und  Arbeiter.  Von  der  Ge-Klaue,
  Ölmüllerei.  12
        <pb n="176" />
        178  HI,  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

samtsumme  der  in  Ölmühlen  tätigen  Frauen  waren  mithelfende
Familienangehörige  1895:  27,4  °/ 0 ,1907:40,3%.  Nach  der  Größe
der  Betriebe  verteilt,  ergibt  sich  von  der  Ausdehnung  der  Frauenarbeit ­
  für  1895  und  1907  folgendes  Bild:

1895

Betriebe  mit

Weibl.  Gehilfen

Mithelfende  weibl.

Personen

u.  Arbeiterinnen

Familienangehörige

1—5

93

136

6—20

48

3

21  u.  mehr

227

—

1907

Betriebe  mit

Weibl.  Gehilfen

Mithelfende  weibl.

Personen

u.  Arbeiterinnen

Familienangehörige

1—5

40

184

6—10

25

9

11—50

77

—

51  u.  mehr

144

—

Was  die  Beschäftigungsweise  der  Frauen  angeht,  so  muß
man  hier  scharf  zwischen  der  Tätigkeit  in  größeren  und  kleineren ­
  Betrieben  unterscheiden.  In  den  Großbetrieben  werden
die  Frauen  fast  ausschließlich  damit  beschäftigt,  die  zerrissenen
Preßtücher  wieder  zu  flicken.  Zu  diesem  Zwecke  ist  meist  ein
gesonderter  Raum  vorhanden,  in  welchem  die  Frauen  auf  an
die  Transmission  angeschlossenen  oder  elektrisch  betriebenen
Nähmaschinen  diese  Arbeit  verrichten.  In  den  Kleinbetrieben
dagegen  werden  die  Frauen  zu  allen  möglichen  Arbeiten  herangezogen ­
  und  ersetzen  hier  in  vielen  Fällen  eine  männliche  Hilfskraft. ­
  Mit  letzterer  Tatsache  dürfte  es  Zusammenhängen,  daß
die  Zahl  der  mithelfenden  weiblichen  Familienangehörigen  von
1895—1907  um  54  oder  rund  39%  gewachsen  ist:  unter  der
Einwirkung  der  Konkurrenz  der  großen  Ölfabriken  ist  es  dem
kleinen  Ölmüller  häufig  nicht  mehr  möglich,  sich  eine  männliche
Hilfskraft  zu  halten,  und  er  zieht  nunmehr  an  deren  Stelle  seine
weiblichen  Familienangehörigen  zur  Unterstützung  bei  der  Arbeit ­
  heran.  Da  nun  die  Arbeit  in  diesen  kleinen  Ölmühlen,  die
        <pb n="177" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  ]79

12*

zum  großen  Teil  noch  mit  Rammpressen  arbeiten,  körperlich
eine  ziemlich  anstrengende  ist,  und  auch  die  Arbeitszeit,  wie
wir  nachher  noch  sehen  werden,  eine  viel  ausgedehntere  als
in  den  größeren  Betrieben  ist,  werden  die  Frauen  in  diesen
kleinen  Betrieben  leicht  überanstrengt,  und  es  ist  aus  diesem
Grunde  hier  eine  möglichste  Einschränkung  der  Frauenarbeit
zu  wünschen.
Gehen  wir  nunmehr  im  einzelnen  zur  Betrachtung  der  in
den  Ölmühlen  zu  leistenden  Arbeiten  über.  Über  die  bei  der
Herstellung  der  Betriebskraft  tätigen  Arbeiter  (Heizer  und  Maschinisten) ­
  ist  nichts  Besonderes  zu  sagen,  höchstens  könnte
auf  einen  Übelstand  bei  den  Wassermühlen  hingewiesen  werden, ­
  der  hier  leicht  zu  gesundheitlichen  Schäden  führen  kann.
In  den  kleinen  Wassermühlen  nämlich,  in  denen  natürlich  kein
ständiger  Maschinist  zur  Beaufsichtigung  des  Wasserrades  und
dessen  Maschinerie  gehalten  werden  kann,  muß  der  Ölmüller
neben  seiner  sonstigen  Arbeit  auch  noch  diese  Obliegenheiten
miterfüllen.  Dies  bringt  es  mit  sich,  daß  der  Ölmüller  nicht
selten  starken,  plötzlichen  Temperaturwechseln  ausgesetzt  ist,
wenn  er,  erhitzt  von  der  Arbeit,  ins  Freie  muß,  um  dort,  häufig
bei  Regen  und  Sturm,  das  Wasserrad  von  angeschwemmten  Eisoder ­
  Blättermengen  zu  reinigen  oder  den  Wasserlauf  zu  regulieren. ­
  Man  kann  es  leicht  verstehen,  daß  bei  solchen  Arbeiten
vielfach  der  Grund  zu  Erkrankungen  gelegt  wird;  in  einem  Gutachten ­
  des  kaiserlichen  Gesundheitsamtes  anläßlich  der  „Erhebungen ­
  der  Kommission  für  Arbeiterstatistik  über  die  Ar--
  beitszeit  in  Getreidemühlen“ 4 )  wird  dies  denn  auch  ausgesprochen, ­
  indem  dort  Rheumatismus  als  eine  häufig  durch  die
Tätigkeit  in  Wassermühlen  hervorgerufene  Krankheit  bezeichnet ­
  wird.
Was  die  beim  Transport  und  der  Lagerung  der  Rohmaterialien ­
  sowie  bei  der  Verladung  der  fertigen  Fabrikate  zu  leistenden ­
  Arbeiten  angeht,  so  ist  es  ja  ganz  klar,  daß  die  großbetriebliche ­
  Entwicklung  mit  ihren  technischen  Fortschritten
durch  den  Ersatz  der  menschlichen  Arbeit  durch  die  maschinelle ­
  mancherlei  Vorteile  für  die  hier  beschäftigten  Arbeiter
gebracht  hat.  Um  dies  einzusehen,  braucht  man  sich  nur  den
Betrieb  in  einer  kleinen  und  im  Gegensatz  dazu  in  einer  mo-4

 )  Vgl.  Nr.  8,  Seite  80/81.
        <pb n="178" />
        180  IH.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
dernen  großen  Ölmühle  zu  vergegenwärtigen.  In  den  Kleinbetrieben, ­
  und  vielfach  auch  in  den  Mittelbetrieben,  geschieht
noch  heute  aller  Transport  der  Rohmaterialien  und  Fabrikate
durch  Menschenkraft,  höchstens  noch  unter  Zuhilfenahme  eines
primitiven  Sackaufzuges.  Das  Verbringen  der  meist  zwei  Zentner ­
  schweren  Säcke  mit  Rohmaterial  vom  Wagen  in  die  Mühle,
der  Transport  der  Saat  innerhalb  der  Mühle,  die  Verladung  der
Öle  und  der  Ölkuchen,  bzw.  des  in  Säcke  verpackten  Kuchenmehles, ­
  all  dies  geschieht  durch  Menschenhand.  Ganz  anders
in  den  modernen  Großbetrieben:  Diese  liegen  meist  direkt  am
Hafen  und  sind  auf  der  Landseite  durch  eigenen  Geleiseanschluß ­
  mit  der  Eisenbahn  verbunden.  Die  in  den  Schiffen
ankommenden  Ölsaaten  werden  durch  Elevatoren,  Fallrohre
und  Schnecken  vollständig  selbsttätig  in  die  Lagerräume  befördert, ­
  und  die  menschliche  Tätigkeit  beschränkt  sich  dabei
allein  auf  das  Öffnen  und  Ausschütten  der  Säcke,  sowie  die
Überwachung  des  ganzen  maschinellen  Apparates.  Ähnlich  ist
es  auch  beim  Verladen  der  Fabrikate.  Werden  dieselben  auf
dem  Wasserwege  versandt,  so  sind  beim  Verfrachten  elektrisch
betriebene  Krähne  und  Gleitbahnen  behilflich;  geht  die  Beförderung ­
  auf  dem  Landwege  vor  sich,  so  geschieht  die  Verfrachtung
direkt  in  die  in  den  Verladeraum  gefahrenen  Eisenbahnwagen,
ebenfalls  unter  Mitwirkung  aller  möglichen  mechanischen  Hilfsmittel. ­
  In  einem  der  von  mir  besichtigten  Großbetriebe  wurden
dann  sogar  die  Eisenbahnwagen  durch  eine  eigene  kleine  elektrisch ­
  betriebene  Lokomotive  bis  an  das  Anschlußgeleis  gebracht.
Besondere  Vorteile  in  gesundheitlicher  Beziehung  hat  die
Anwendung  der  sogen.  Silospeicher  mit  sich  gebracht,  welche
heute  bei  allen  modern  eingerichteten  Großbetrieben  zur  Einspeicherung ­
  der  Saat  benutzt  werden.  Da  derartige  Silospeicher
nach  allen  Seiten  abgeschlossen  sind  und  die  Umlagerung  der
Saat  bei  ihnen  vollständig  maschinell  erfolgt,  kommen  die
schädlichen  Einflüsse,  welche  die  mit  dieser  Arbeit  stets  verbundene ­
  starke  Staubentwicklung  in  den  Bodenspeichern  auf
die  Gesundheit  der  mit  dem  „Umstechenö  oder  Ausbreiten  der
Saat  beschäftigten  Arbeiter  ausübt,  beim  Silospeicher  gänzlich  in
Fortfall.
Wir  sehen  somit,  daß  beim  Transport  und  der  Lagerung
von  Rohmaterialien  und  Fabrikaten  an  die  Stelle  der  rein  körperlichen ­
  Leistungen  der  Arbeiter  in  Klein-  und  Mittelbetrieben,
        <pb n="179" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  181

in  den  Großbetrieben  eine  mehr  beaufsichtigende  Tätigkeit  der
Arbeiter  getreten  ist,  was  neben  einer  Vermehrung  der  Anforderungen ­
  an  die  Intelligenz  der  Arbeiter  ohne  Zweifel  auch  eine
Herabminderung  der  gesundheitlichen  Schädigungen  mit  sich
gebracht  hat.
Ähnlich,  wie  es  sich  bei  den  eben  geschilderten  Arbeiten
verhält,  ist  es  auch  bei  den  Arbeiten,  welche  bei  der  Verarbeitung ­
  der  Rohmaterialien  und  der  Behandlung  der  erzielten  Rohfabrikate ­
  zu  leisten  sind.  Ich  habe  im  Laufe  meiner  Untersuchungen ­
  bereits  auf  die  großen  Vorteile  hingewiesen,  welche
der  Übergang  von  den  älteren  Betriebsverfahren  zum  hydraulischen ­
  Preßverfahren  für  die  Arbeiter  zur  Folge  hatte,  brauche
also  hier  nicht  nochmals  auf  dieselben  einzugehen 5 ).  Allerdings
hat  uns  andererseits  diese  Entwicklung  eine  vollständige  Mechanisierung ­
  der  Arbeit  gebracht.  Während  früher,  wie  wir  im
ersten  Abschnitte  gesehen  haben,  die  Qualität  der  Öle  und  die
Ölausbeute  in  hohem  Grade  von  der  Tüchtigkeit  des  Ölmüllers
abhängig  waren,  ist  dies  heute  nur  noch  in  sehr  beschränktem
Maße  der  Fall,  und  die  Arbeit  ist  eine  solche,  daß  die  Arbeiter,
wie  mir  ein  Betriebsingenieur  mitteilte,  in  kurzer  Zeit  derartig
eingearbeitet  sind,  daß  sie  die  Arbeit  „verständnislos“  machen
können.
In  bezug  auf  die  Feststellung  der  Qualifikation  der  in  der
Ölmüllerei  tätigen  Arbeiter  versagt  die  Berufsstatistik.  Zwar
unterscheidet  die  Berufsstatistik  „Arbeiter  für  Dienstleistungen,
zu  welchen  in  der  Regel  eine  Vorbildung  erforderlich  ist“  und
„Arbeiter  für  Dienstleistungen,  zu  welchen  in  der  Regel  eine
Vorbildung  nicht  erforderlich  ist“,  es  wird  aber  im  einzelnen
nicht  näher  ausgeführt,  weswegen  in  jedem  Falle  die  Zuweisung
in  die  eine  oder  andere  Kategorie  erfolgt  ist 6 ).  Nach  der  Berufsstatistik ­
  werden  nun  von  den  in  den  Ölmühlen  tätigen  Arbeitern ­
  ganz  allgemein  „Ölpresser,  Ölquetscher  und  Ölschläger“,

5 )  Vgl.  besonders  den  Schluß  der  Zusammenfassungen  des  ersten  und
zweiten  Abschnittes  S.  46  und  S.  102.

6 )  In  der  Einführung  zur  Berufsstatistik  (Bd.  202  der  Reichsstatistik,
neue  Folge)  heißt  es  lediglich:  „Die  Zuweisung  der  gelernten  Arbeiter  zur
Berufstellung  c 2  und  der  ungelernten  Arbeiter  zur  Berufsstellung  c s  ist  auf
Grund  eingehender  Umfragen  bei  den  in  Betracht  kommenden  Handelsund ­
  Gewerbekammern,  sonstigen  Körperschaften  und  Vereinigungen  der
Arbeitnehmer  und  Arbeitgeber  erfolgt  und  durch  entsprechend  gewonnene
Nachträge  der  landesstatistischen  Zentralstellen  vervollständigt."
        <pb n="180" />
        182  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
d.  s.  also  die  im  eigentlichen  Ölmühlenbetriebe  tätigen  Personen,
zu  den  Arbeitern  ohne  Vorbildung  gerechnet,  ohne  Zweifel  muß
aber  der  Ölschläger  in  den  kleinen  nach  alter  Technik  arbeitenden ­
  Ölmühlen,  wie  oben  näher  ausgeführt,  eine  nicht  zu  gering
einzuschätzende  Vorbildung  besitzen,  ehe  er  es  bei  Ausübung
seiner  Tätigkeit  zur  Vollkommenheit  bringt;  er  darf  daher,  was
Vorbildung  anbelangt,  keineswegs  auf  die  gleiche  Stufe  mit  denjenigen ­
  Arbeitern  gestellt  werden,  welche  die  Pressen  und
Wärmeapparate  in  den  modernen  Ölmühlen  bedienen.
Dieser  Mangel  der  Zählweise  der  Berufsstatistik  ist  eine
Folge  davon,  daß  die  Berufsstatistik  nur  gelernte  und  ungelernte
Arbeiter  unterscheidet.  Unter  einem  gelernten  Arbeiter  versteht
man  einen  Arbeiter,  der  sich  seine  besondere  Arbeitsfähigkeit
während  einer  längeren  Lehrzeit  erworben  hat,  unter  einem  ungelernten ­
  Arbeiter  einen  solchen,  der  keine  Lehrzeit  durchgemacht ­
  hat.  Zwischen  beiden  aber  stehen  die  sogen,  angelernten
Arbeiter,  d.  s.  Arbeiter,  welche  solche  Arbeiten  verrichten,  zu
denen  eine  mehrtägige  bis  mehrmonatliche  Lehrzeit  notwendig
ist.  Es  dürfte  nun  ohne  weiteres  einleuchten,  daß  die  Zuteilung
der  Arbeiter  in  der  Berufsstatistik  zu  der  Kategorie  der  gelernten ­
  oder  ungelernten  Arbeiter  zumindest  solange  eine  willkürliche ­
  bleibt,  bis  genauere  Angaben  über  die  Länge  der  Lehrzeit ­
  festgelegt  werden,  welche  für  den  Begriff  „der  gelernten
Arbeit“  notwendig  ist.
Auf  eine  andere  Schwäche  der  Berufsstatistik  will  ich  hier
nur  kurz  hinweisen.  Es  handelt  sich  dabei  um  den  Übergang
gelernter  Arbeiter  in  höheren  Altersklassen  zu  den  Beschäftigungen ­
  der  ungelernten  Arbeiter,  sei  es  nun  in  demselben  Industriezweige, ­
  oder  in  einem  anderen.  In  der  Berufsstatistik  erscheinen ­
  diese  Arbeiter  immer  noch  als  gelernte  Arbeiter,  obgleich ­
  sie  doch  nunmehr  eigentlich  zur  Berufsstellung  der
ungelernten  Arbeiter  gehörten.  Infolge  mangelnden  Materials
war  es  mir  leider  nicht  möglich,  für  den  hier  behandelten  Industriezweig ­
  Untersuchungen  über  diesen  Punkt  anzustellen;  da
aber  für  einige  andere  Industriezweige,  wie  z.  B.  für  die  Maschinenindustrie, ­
  solche  Übergänge  tatsächlich  in  größerer  Zahl
festgestelit  worden  sind,  liegt  imjmerhin  auch  für  die  Ölindustrie
die  Möglichkeit  vor,  daß  auch  hier  in  der  Berufsstatistik  zu  den
gelernten  Arbeitern  Arbeiter  gezählt  worden  sind,  welche  in
Wirklichkeit  mit  ungelernter  Arbeit  beschäftigt  werden.
        <pb n="181" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  183

Endlich  muß  auch  noch  darauf  hingewiesen  werden,  daß
sich  aus  dem  Zusatz  „in  der  Regel“  ergibt,  daß  tatsächlich  Ausnahmen ­
  bei  der  Zuweisung  der  Arbeiter  in  die  Kategorien  der
gelernten  oder  ungelernten  Arbeiter  gemacht  worden  sind,  weswegen ­
  und  in  welchen  Fällen  bleibt  aber  Geheimnis  des  statistischen ­
  Amtes.
Es  sollen  hier  keineswegs  die  Schwierigkeiten  verkannt
werden,  welche  sich  einer  einwandfreien  Feststellung  der  Qualifikation ­
  der  Arbeiter  in  den  verschiedenen  Gewerben  überall
entgegenstellen,  wohl  aber  möchte  ich  an  dieser  Stelle  darauf
hinweisen,  daß  sich  aus  den  Zahlen  der  Berufsstatistik,  wie  sie
uns  heute  dargeboten  werden,  einwandfreie  Schlüsse  nur  in  den
seltensten  Fällen  werden  ziehen  lassen.  Auf  Grund  dieser  Tatsachen ­
  habe  ich  denn  auch  in  der  Tabelle  auf  S.  172  auf  eine
getrennte  Angabe  der  Arbeiter  mit  und  ohne  Vorbildung  verzichtet, ­
  diese  beiden  Rubriken  der  Berufsstatistik  vielmehr  in
eine  einzige  der  „Gesellen,  Lehrlinge  und  Arbeiter“  zusammengezogen. ­

Große  Vorzüge  gegenüber  den  kleineren  Betrieben  besitzen ­
  die  Großbetriebe  auch  dadurch,  daß  sie  die  für  die  Gesundheit ­
  der  Arbeiter  schädliche  Staubentwicklung,  welche  in  diesen
Betriebsabteilungen  beim  Reinigen  der  Ölsaaten  und  der  Vermahlung ­
  der  Kuchen  stattfindet,  herabgemindert  hat,  bzw.  die
menschliche  Arbeit  in  diesen  Abteilungen  vollkommen  durch
mechanische  ersetzt  hat.  Erreicht  wurde  dies  bei  der  Reinigung
der  Rohmaterialien  durch  Anbringung  von  Exhaustoren  an  fast
allen  hier  tätigen  Maschinen,  bei  der  Vermahlung  der  Kuchen
durch  die  Aufstellung  vollständig  kontinuierlich  arbeitender
Schlagkreuzmühlen,  Mahlgänge,  Desintegratoren  usw.  und  Verlegung ­
  dieser  Operation  in  einen  vollständig  abgeschlossenen
Raum.
Die  letzte  Klasse  der  in  den  Ölmühlen  beschäftigten  Arbeiter ­
  und  Arbeiterinnen  bilden  die  mit  der  Instandhaltung  der
Betriebsmittel  betrauten  Personen.  Es  gehören  hierher  in  erster
Linie  die  in  der  mechanischen  Werkstätte  tätigen  Schlosser  und
Dreher,  die  in  der  Böttcherei  tätigen  Böttcher  und  Küper,  die
mit  der  Instandhaltung  der  Preßtücher  beschäftigten  Frauen,
die  Leute,  welche  die  Reinigung  der  Filtertücher  besorgen,  sowie ­
  diejenigen,  welche  die  Säcke  reinigen,  in  denen  die  Saat  angekommen ­
  ist;  in  zweiter  Linie  sind  dann  überhaupt  alle  die ­
        <pb n="182" />
        184  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

jenigen  Personen  hierher  zu  rechnen,  welche  für  die  Reinigung
der  gesamten  Fabrikanlage  sorgen.
Es  erübrigt  sich  im  einzelnen  auf  diese  Arbeiten  einzugehen,
ich  beschränke  mich  vielmehr  auf  die  Feststellung,  daß  auch
hier  in  den  Großbetrieben  vielfach  durch  Aufstellung  von  Hilfsmaschinen ­
  (z.  B.  geschieht  in  den  Großbetrieben  das  Reinigen
der  Säcke  vollständig  maschinell)  die  rein  körperliche  Arbeit
durch  eine  mehr  beaufsichtigende  Tätigkeit  ersetzt  ist.
Es  wäre  interessant,  den  prozentualen  Anteil  der  in  den
verschiedenen  eben  besprochenen  Arbeiterkategorien  beschäftigten ­
  Personen  an  der  Gesamtzahl  der  in  der  Ölmüllerei  tätigen
Arbeiter  und  Arbeiterinnen  kennen  zu  lernen,  doch  läßt  sich
eine  derartige  Untersuchung  nicht  vornehmen,  weil  nur  in  den
größeren  Großbetrieben  (ungefähr  von  50  Arbeitern  an)  für
jede  dieser  Arbeiten  besondere  Arbeiter  verwendet  werden,  in
den  anderen  Betrieben  aber  die  Arbeiter  zum  großen  Teil  bald
hier  bald  dort  beschäftigt  werden.
Einen  gewissen  Einblick  in  die  Verwendung  der  Arbeiter
bietet  uns  die  Gewerbestatistik  von  1895  in  einer  Tabelle,  in
welcher  die  Arbeiter  nach  ihrer  besonderen  Beschäftigung  nachgewiesen ­
 7 )  sind.  Ich  lasse  diese  Tabelle  hier  folgen,  vermeide
es  aber,  aus  den  in  ihr  enthaltenen  Zahlen  Schlüsse  zu  ziehen,
da  die  besondere  Beschäftigungsweise  der  Arbeiter  aus  der  dort
gewählten  Einteilung  nicht  deutlich  hervorgeht.  Es  verteilten
sich  im  Jahre  1895  die  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  in  den  Hauptbetrieben ­
  wie  folgt:

Betriebe  mit  ....  Personen:

21  u.

bis  5

6—20

mehr

Summe

Gesamtsumme  der  am  14./VI.  1895  in

diesen  Betrieben  tätigen  Arbeiter  ohne
mitarbeitende  Familienangehörige  .  .  .

1120

1006

3814

5940

Von  diesen  haben  gewerb-f  männlich  .  .

952

700

2536

4188

liehe  Beschäftigung  (  weiblich  .  .

73

38

109

220

Andere  Beschäftigung  (männlich  .  .

74

250

1099

1423

haben 8 )  \  weiblich  .  .

21

18

70

109

7 )  Eine  derartige  Tabelle  findet  sich  in  den  Veröffentlichungen  über
die  neueste  Gewerbezählung  (1907)  nicht  wieder  vor.
8 )  Hierher  gehören  Lohnarbeiter  wechselnder  Art,  Handlanger,
Maschinisten,  Heizer  usw.
        <pb n="183" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  185

Betriebe  mit  ....  Personen:

21  u.

bis  5

6—20

mehr

Summe

Von  den  Arbeitern

der  Jm..  .

918

582

2041

3541

mit  gewerblicher
Beschäftigung  ge-Ölmüllerei

  \w..  .
einer  anderen  (
Gewerheart  J  ■  ■

63
34

25
118

37
495

125
647

hören  an

oder-Gruppe  ( w ‘'  '

10

13

72

95

Metallverarbeitung  .  .  .

—

9

107

116»)

Von  den

Textilindustrie

—

4

22

26

anderen  Ge-Holz-

  und  Schnitzstoffe  .

5

38

220

263 *  10  * )

werbegruppen

Näherinnen  und  Schneiangehörigen



derinnen

—

5

11

16

Arbeitern  fallen

Maurer  und  Zimmerer

1

5

21

27

in  die

Handelsgewerbe  ....

11

14

96

121

Verkehrsgewerbe  ....

27

54

86

167

Fasse  ich  die  Ergebnisse  meiner  Ausführungen  über  die
Ausgestaltung  der  Arbeitsräume  und  die  Art  der  zu  leistenden
Arbeiten  zusammen,  so  kann  ich  feststellen,  daß  uns  die  großbetriebliche ­
  Entwicklung  ohne  Zweifel  eine  Besserung  der  Lage
der  Arbeiter  gebracht  hat,  indem  sie  sowohl  die  Krankheitsursachen ­
  wie  auch  die  Unfallgefahr  verminderte 11 ).
Eine  Bestätigung  meiner  Ansicht  von  der  geringeren  Unfallgefahr ­
  in  Betrieben  mit  hydraulischen  Pressen  gegenüber  den
Betrieben  mit  Stampfwerken  und  Keilpressen  finde  ich  in  den
Jahresberichten  der  Müllereiberufsgenossenschaft.  Es  rangieren
nämlich  die  Ölmühlen  mit  Stampfwerken  und  Keilpressen  in
einer  höheren  Gefahrenklasse  (2,50  M.)  als  die  Ölmühlen  mit

®)  Davon  die  meisten  Schlosser.
10 )  Darunter  244  Böttcher.
JI )  Eine  nachahmenswerte  Einrichtung  zur  Verminderung  der  Unfallgefahr ­
  wurde  im  Jahre  1907  von  einer  größeren  Harburger  Palmkernölfabrik ­
  getroffen,  ln  den  Berichten  der  Gewerbeinspektoren  wird  darüber
folgendes  mitgeteilt  (Jahrg.  1907,  S.  296):  „In  einer  Palmkernölfabrik  ist
zur  Verhütung  von  Unfällen  und  zur  Vervollkommnung  der  Schutzvorkehrungen ­
  des  Betriebes  die  Einrichtung  getroffen,  daß  jedem  Arbeiter
welcher  der  Fabrikleitung  anzeigt,  daß  irgendwo  eine  Schutzvorrichtung
fehlt  oder  Verbesserungen  angebracht  werden  können,  eine  Prämie  von
einer  Mark  bezahlt  wird.  Seit  Jahresfrist  wurden  für  diese  Prämien  20  M.
verausgabt."
        <pb n="184" />
        186  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

hydraulischen  Pressen  (1,50  M.).  An  gezahlten  Entschädigungen
kamen  nach  obigem  Berichte  auf  1000  M.  Löhne 12 ):

In  Ölmühlen  mit  Stampfwerken  und

1897
M.

1902
M.

1907
M.

1909
M.

Keilpressen
In  Ölmühlen  mit  hydraulischen

13,43

17,95

22,61

23,97

Pressen

7,24

10,71

14,01

14,99

In  den  Berichten  der  Berufsgenossenschaft  wird  des  weiteren ­
  alljährlich  eine  sehr  interessante  Statistik  über  die  Verteilung ­
  der  Unfälle  nach  der  Größe  der  Betriebe  veröffentlicht.
Leider  werden  jedoch  in  dieser  Statistik  Getreide-,  Öl-  und
Schneidemühlen  nicht  gesondert  nachgewiesen,  so  daß  absolut
verläßliche  Schlüsse  aus  dieser  Zusammenstellung  für  keine
dieser  Gewerbearten  gezogen  werden  können.  Ich  unterlasse  es
aus  diesem  Grunde,  eine  derartige  Tabelle  hier  anzuführen,  doch
ergibt  sich  aus  denselben,  daß  die  Unfallgefahr  mit  der
Größe  der  Betriebe  abnimmt.  Sind  auch  die  Arbeitsbedingungen, ­
  was  die  Unfallgefahr  angeht,  in  diesen  Mühlen
einander  sehr  ähnlich,  so  daß  spezialisierte  Tabellen  wahrscheinlich ­
  dieselben  Resultate  ergeben  würden,  so  kann  man
dennoch  nicht  mit  absoluter  Bestimmtheit  diese  allgemeinen
Ergebnisse  auf  die  Ölmühlen  übertragen,  und  es  bleibt  deswegen ­
  eine  Spezialisierung  dieser  Tabellen  nach  dieser  Richtung ­
  sehr  zu  wünschen.
Ich  wende  mich  nunmehr  der  Frage  nach  der  Arbeitszeit
in  den  Ölmühlen  zu,  und  zwar  muß  ich  da  sowohl  die  jährliche
wie  auch  die  tägliche  Arbeitszeit  behandeln.  Im  ersten  Abschnitte ­
  haben  wir  gesehen,  daß  die  Ölmühlen  zu  Anfang  des
vorigen  Jahrhunderts  fast  ausnahmslos  nur  einen  Teil  des  Jahres
in  Betrieb  waren.  Die  in  diesen  Mühlen  tätigen  Arbeiter  hatten
somit  nur  einen  Teil  des  Jahres  Beschäftigung  und  mußten  ihren
Erwerb  während  der  übrigen  Monate  in  einem  anderen  Gewerbe
suchen.  Noch  heute  liegt  der  Sachverhalt  genau  so  in  einem
Teile  der  kleinen  und  mittleren  Ölmühlen.  Da  sich  in  diesen
Mühlen  die  jährliche  Arbeitszeit  nach  den  lokalen  Ernteverhält12 ­

 )  Diese  Beträge  nehmen  zu,  weil  ja  aus  den  Vorjahren  immer  mehr
Renten  für  dauernde  Erwerbsunfähigkeit  zu  zahlen  sind.
        <pb n="185" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  187

nissen  und  der  jeweiligen  Konjunktur  am  Weltmärkte  richtet,
schwankt  in  ihnen  die  jährliche  Arbeitszeit  ständig,  was  eine
nicht  wünschenswerte  Unsicherheit  in  den  Erwerbseinkünften
der  hier  beschäftigten  Arbeiter  verursacht.
Mit  der  Einführung  der  neuen  Technik  machte  sich  das  Bestreben ­
  nach  einer  möglichsten  Ausdehnung  der  jährlichen  Betriebszeit ­
  geltend,  damit  eine  bessere  Verzinsung  des  Kapitals
stattfinden  konnte.  Dies  hatte  im  Zusammenhang  mit  anderen
Momenten  die  Verlegung  vieler  Ölmühlen  an  die  schiffbaren
Flüsse  zur  Folge,  wodurch  diesen  Mühlen  der  Rohmaterialbezug
erleichtert  wurde,  und  sie  unabhängiger  von  den  lokalen  Ernteverhältnissen ­
  wurden.  Als  man  dann  zur  Verarbeitung  ausländischer ­
  Öisaaten  überging,  welche  man  zum  Teil  das  ganze  Jahr
hindurch  beziehen  konnte  (weil  die  Erntezeiten  in  den  einzelnen
Herkunftsländern  verschiedene  sind),  nahm  die  Zahl  der  Ölmühlen, ­
  welche  das  ganze  Jahr  in  gleichmäßigerTätigkeit  waren,
ständig  zu,  und  heute  haben  wohl  alle  Großbetriebe  und  ein
großer  Teil  der  Mittel-  und  Kleinbetriebe  ganzjährige  Betriebszeit. ­
  Nach  den  Gewerbeaufnahmen  von  1895  (für  1907  liegt  eine
derartige  Aufnahme  leider  nicht  vor)  betrug  die  Zahl  der  das
ganze  Jahr  in  voller  Tätigkeit  befindlichen  Ölmühlen  839  mit
5896  Personen,  während  434  Betriebe  mit  1923  Personen  nur
einenTeil  des  Jahres  arbeiteten.  Von  letzteren  waren  im  Betrieb:
Monate  ....  11  10  987654321
Zahl  der  Betriebe  8  22  29  35  31  75  37  61  66  55  15
Berechnet  man  sich  die  durchschnittlich  auf  jeden  Betrieb
entfallende  Zahl  von  beschäftigten  Personen,  so  erhält  man  bei
den  das  ganze  Jahr  gleichmäßig  tätigen  Ölmühlen  eine  bedeutend ­
  höhere  Ziffer,  woraus  man  entnehmen  kann,  daß  es  sich
hier  zumeist  um  größere  Betriebe  handelt.
Die  Vorteile  des  ganzjährigen  Betriebes  für  die  Arbeiter
ergeben  sich  aus  dem  vorher  Gesagten:  Sie  haben  das  ganze
Jahr  sichere  Beschäftigung  und  lohnenden  Verdienst.  Demzufolge ­
  nimmt  auch  die  Zahl  der  Arbeiter  mit  Nebenerwerb  ständig ­
  ab,  und  zwar  ist  dieselbe  nach  den  Angaben  der  Tabelle  auf
S.  172  von  39,8  o/o  der  Gesamtzahl  der  in  der  Ölmüllerei  tätigen
        <pb n="186" />
        188  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Arbeiter  (einschließlich  Familienangehörige)  im  Jahre  1882  auf
19,5%,  im  Jahre  1907  gesunken.
Bei  meinen  früheren  Ausführungen  habe  ich  bereits  mehrfach ­
  darauf  hingewiesen,  daß  die  tägliche  Arbeitszeit  in  den
alten  mit  Stampfwerken  und  Keilpressen  arbeitenden  Ölmühlen
eine  sehr  ausgedehnte  war.  Arbeitszeiten  von  14—16  Stunden
waren  die  Regel,  doch  wurde  in  der  Kampagnezeit  häufig  auch
18,  ja  20  Stunden  gearbeitet.  Auch  heute  noch  ist  in  diesen
kleinen  Ölmühlen  die  Arbeitszeit  meistens  sehr  hoch.  Dieselbe
richtet  sich  nach  den  Wasser-  und  Windverhältnissen,  sowie
nach  der  Lage  der  Konjunktur  und  ist  infolgedessen  sehr
schwankend.  Durchschnittlich  dürfte  sie  jedoch,  wie  ich  durch
Befragen  mehrerer  kleiner  Ölmühlen  feststellte,  14  Stunden  täglich ­
  betragen.  Auch  in  den  Berichten  der  Gewerbeinspektoren
finden  sich  Klagen  über  zu  lange  Arbeitszeit;  so  heißt  es  z.  B,
in  einem  Berichte  aus  dem  Jahre  1890,  daß  die  Einrichtung  vieler
kleiner  Wind-  und  Wassermühlen  sehr  primitiv,  die  Schulung
der  Arbeiter  eine  mangelhafte  sei,  und  die  Arbeitszeit  12—15,
ja  mehrfach  auch  18  Stunden  betrage 13 ).
Auch  in  bezug  auf  die  Länge  der  täglichen  Arbeitszeit  hat
uns  die  Einführung  des  Fabrikbetriebes  und  dessen  Weiterbildung ­
  zum  Großbetrieb  Änderungen  gebracht.  Mit  der  Einführung ­
  der  neuen  Technik  gingen  die  meisten  Ölmühlen  zum  kontinuierlichen ­
  Tag-  und  Nachtbetrieb  über.  Der  Grund  hierfür
war  ein  doppelter:  Einerseits  war  man  nämlich  infolge  der  hohen
Anschaffungskosten  der  Maschinen  gezwungen,  auf  eine  möglichste ­
  Ausnützung  derselben  bedacht  zu  sein,  andererseits  brachte
der  ununterbrochene  Betrieb  aber  auch  Vorteile  für  die  Ölausbeute ­
  mit  sich.  Wir  haben  gesehen,  daß  die  Ölsaaten  zum  Zwecke
einer  größeren  Ölausbeute  erwärmt  werden.  Bei  der  Arbeit  erwärmen ­
  sich  nun  aber  auch  die  Pressen,  und  diese  Erwärmung
hat  nachgewiesenermaßen  eine  höhere  Ölausbeute  zur  Folge.
Wird  der  Betrieb  für  mehrere  Stunden  unterbrochen,  so  erkalten
die  Pressen,  und  die  Ölausbeute  ist  aus  diesem  Grunde  bei
Wiederbeginn  der  Arbeit  so  lange  eine  geringere,  bis  sich  die
Pressen  wieder  erwärmt  haben.  Ein  weiterer  Nachteil  einer
Unterbrechung  des  Betriebes  (allerdings  nur  bei  Dampfbetrieben)
liegt  darin,  daß  während  dieser  Unterbrechung  Dampf  unnütz

ls )  „Jahresberichte  der  preuß.  Gewerbeinspektoren".  1890,  S.  167.
        <pb n="187" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  18Q
verloren  geht  (die  Kessel  bleiben  meistens  unter  Feuer),  und
auch  zum  Ingangbringen  des  maschinellen  Apparates  jedesmal
ein  erhöhter  Kraftaufwand  nötig  ist.
Eine  Folge  des  Übergangs  zum  kontinuierlichen  Betrieb  war
die  Beschränkung  der  regelmäßigen  Arbeitszeit  auf  12  Stunden.
Allerdings  wurde  dieselbe  nicht  allgemein  streng  durchgeführt,
denn  in  mehreren  Fabriken  bürgerte  es  sich  ein,  daß  die  Arbeiter ­
  der  Nachtschicht  bei  Bedarf  noch  mehrere  Stunden  am
Tage  zu  anderen  Arbeiten  herangezogen  wurden.  Derartiges
wird  uns  z.  B.  noch  aus  dem  Jahre  1897  von  den  Neußer  Ölmühlen ­
  berichtet,  von  denen  es  in  dem  Berichte  des  Gewerbeinspektors ­
  heißt,  „daß  die  in  ihnen  übliche  Arbeitszeit  mit
12stündigen  Wechselschichten,  mittags  12  Uhr  und  Mitternacht,
den  Nachteil  habe,  daß  die  um  Mitternacht  entlassenen  Arbeiter
morgens  schon  wieder  mit  anderen  Arbeiten  beschäftigt  würden“. ­
  Immerhin  dürften  derartige  Fälle  nur  Ausnahmen  gebildet ­
  haben  und  in  den  größeren  Großbetrieben  (mit  mehr
als  50  Arbeitern)  wohl  überhaupt  nicht  vorgekommen  sein,  da
in  diesen  Betrieben  für  jede  Arbeit  besondere  Arbeiter  in  genügender ­
  Zahl  vorhanden  waren.  Auch  dürfte  die  Einführung
des  mechanischen  Transportes  der  Ölsaaten  und  Fabrikate  in
hohem  Maße  zur  Verminderung  der  Zahl  der  von  den  Arbeitern ­
  zu  leistenden  Überstunden  beigetragen  haben,  da  die  Arbeiter ­
  in  den  Überstunden  früher  hauptsächlich  mit  dem  Transport ­
  und  der  Lagerung  von  Rohmaterialien  und  Fabrikaten  beschäftigt ­
  wurden.
Im  Laufe  der  letzten  10  Jahre  ist  dann  in  vielen  Fällen  eine
weitere  Herabsetzung  der  Arbeitszeit  auf  10  Stunden  erfolgt,
und  es  dürfte  wohl  auch  für  die  Ölindustrie  zutreffen,  was  von
mehreren  Gewerbeinspektoren  ganz  allgemein  festgestellt  wurde,
daß  nämlich  in  betreff  der  Verkürzung  des  Arbeitstages  die  Arbeitgeber ­
  „den  gerechten  Forderungen  der  Arbeiter  nicht  mehr
so  schroff  wie  früher  gegenüberstehen“,  und  daß  in  industriellen ­
  Kreisen  „die  Erkenntnis  zunimmt,  daß  Verkürzung  der
Arbeitszeit  in  gewissen  Grenzen  keineswegs  ihren  Interessen
zuwiderläuft“ 14  * ).

14 )  Vgl.  „Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften"  Bd.  I.  Art.  Arbeitszeit ­
  S.  1010  ff.
        <pb n="188" />
        190  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Heute  haben  bereits  einige  gerade  der  größten  deutschen
Ölfabriken  seit  mehreren  Jahren  in  dem  eigentlichen  Ölmühlenbetriebe ­
  (das  ist  im  Pressensaal)  ohne  Herabsetzung  der  Löhne
die  8stündige  Arbeitszeit  eingeführt 15 ),  und  es  ist  dadurch,  wie
z.  B.  in  dem  Berichte  des  Gewerberates  für  den  Regierungsbezirk ­
  Lüneburg  vom  Jahre  1907  mitgeteilt  wird,  keine  Verminderung ­
  der  Arbeitsleistung  der  Arbeiter  eingetreten.
Nach  diesen  allgemeineren  Feststellungen  über  die  Veränderungen ­
  in  der  Dauer  der  täglichen  Arbeitszeit,  lasse  ich
hier  die  Ergebnisse  einer  Aufnahme  des  Verbandes  der  Fabrikarbeiter ­
  Deutschlands  „über  die  Lohn-  und  Arbeitsbedingungen
seiner  Mitglieder“ 16 )  aus  dem  Jahre  1909  folgen,  so  weit  diese
sich  auf  die  Arbeitszeit  der  in  der  .Öl-  und  Fettindustrie  tätigen
Arbeiter  und  Arbeiterinnen  beziehen.  Kann  diese  Tabelle  auch
keineswegs  erschöpfende  Aufklärung  über  die  heute  in  der  Ölmüllerei ­
  vorkommenden  Arbeitszeiten  geben,  —  dazu  ist  die
Zahl  der  befragten  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  bei  den  gerade
in  der  Ölmüllerei  so  verschiedenartigen  Arbeitszeiten  viel  zu
gering  (es  wurden  nur  ca.  15  °/ 0  der  Gesamtzahl  der  in  den
Hauptbetrieben  beschäftigten  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  befragt ­
  —,  so  zeigt  sie  uns  doch  zur  Genüge,  daß  die  Arbeitszeit
der  Arbeiter  in  den  größeren  Ölfabriken,  in  welchen  die  Mitglieder ­
  des  Fabrikarbeiterverbandes  wohl  zumeist  zu  suchen
sind,  bzw.  auf  welche  sich  wenigstens  diese  Aufnahmen  zum
größten  Teil  erstreckt  haben 17 ),  keineswegs  eine  zu  hohe  genannt ­
  werden  kann,  ergibt  sich  doch  als  durchschnittliche  tägliche ­
  Arbeitszeit  bei  Männern  und  Frauen  ungefähr  9 3 / 4  Stunden.
Nach  den  Erhebungen,  welche  sich  auf  1066  männliche  und
10  weibliche  Arbeiter  erstreckten,  belief  sich  die  Arbeitszeit:

lb )  In  diesen  Fabriken  wird  dann  in  drei  Schichten  gearbeitet.  Von
solchen  Ölfabriken  mit  achtstündigen  Wechselschichten  nenne  ich  „Fr.Thörl’s
Vereinigte  Harburger  Ölfabriken",  Harburg  a.  d.  Elbe  und  „Harburger  Ölwerke ­
  Brinckman  &amp;amp;  Mergell",  Harburg  a.  d.  Elbe.
ie )  Hannover  1909,  abgedruckt:  „Seifenfabrikant",  Jahrg.  1909,  Seite
1261  bis  1263.
17 )  Die  aus  Hamburg,  Bremen,  Lübeck,  Hannover  und  Schleswig-Holstein
  entnommenen  Angaben  dürften  sich  wohl  ausschließlich  auf  im
Großbetriebe  tätige  Arbeiter  beziehen,  da  sich  in  diesen  freien  Städten
und  Provinzen  fast  nur  Großbetriebe  der  Ölmüllerei  vorfinden.  Die  hier
befragten  Personen  machen  aber  bereits  77%  der  überhaupt  befragten
Personen  aus.
        <pb n="189" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  191

für  Arbeiter  auf  ....  Std.

für  Arbei-Summe



Staat,  Provinz,

terinnen  auf

der  bebezw.

  freie  Stadt

8

8  Vs

9V.

10  Vs

über

....  Stunden

fragten

—9

—10

—12

12

8Va-9

9V*-10

Personen

Brandenburg  .  .  .

—

—

54

10

—

2

2

68

Pommern  ....

—

—

9

—

—

—

—

9

Schlesien

—

—

1

—

—

—

—

1

Sachsen

—

—

11

7

—

—

—

18

Schleswig-Holstein

—

—

94

4

—

—

2

100

Hannover  ....

134

—

222

—

2

—

2

360

Hessen-Nassau  .  .

—

—

—

1

—

—

1

Bayern

—

—

24

—

—

—

—

24

Königreich  Sachsen

—

6

—

—

—

—

6

Württemberg.  .  .

—

—

2

—

—

—

1

3

Baden

—

—

43

—

—

—

—

43

Hessen

—

—

10

2

—

—

1

13

Oldenburg  ....

8

—

46

—

1

—

—

55

Braunschweig  .  .

—

—

—

4

—

—

~

4

Altenburg  ....

—

—

1

—

—

—

—

1

Lübeck

1

—

4

—

—

—

—

5

Bremen

38

—

81

4

—

—

—

123

Hamburg  ....

—

—

201

41

—

—

—

242

Summe

181

—

809

72

4

2

8

1076

Über  die  während  der  Arbeitszeit  gemachten  Pausen  gibt  die
folgende  Tabelle  Aufschluß:

Männer

Frauen

7*

Stunde

743

7

.
Frühstückspause  .  .  .

l U

Stunde

126

3

l

keine

197

—

7*

Stunde

8

■—

Stunde

449

6

Mittagspause

1 1 L  Stunde

417

4

keine

192

—

7

Stunde

291

5

Vesperpause

7*

Stunde

283

5

1

keine

492

—

7.

Stunde

66

10

am  Sonnabend  weniger

i

Stunde

3

—

gearbeitet

2

Stunden

2

—

3-5

  Stunden

—

—

Aus  der  zweiten  Tabelle  ergibt  sich,  daß  im  allgemeinen
ausreichende  Pausen  während  der  Arbeitszeit  gemacht  werden.
        <pb n="190" />
        192  III.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

da  die  Fälle,  in  denen  keine  Frühstücks-  und  Mittagspause  stattfindet, ­
  zum  größten  Teil  bei  Sstündiger  Arbeitszeit  zu  suchen
sein  dürften 18 ).
An  letzter  Stelle  muß  ich  nun  noch  die  Frage  behandeln,
welche  Löhne  in  der  Ölindustrie  gezahlt  werden.  Leider  gibt  es
für  die  Beantwortung  dieser  Frage  nur  ein  äußerst  geringes
Material,  da  die  Fabrikanten  nur  ungern  Auskunft  über  die  gezahlten ­
  Löhne  geben,  andere  Quellen  aber  nur  in  geringem  Maße
zur  Verfügung  stehen.
Was  zuerst  die  Lohnformen  angeht,  so  findet  sich  heute
fast  überall  Zeit-  oder  Akkordlohn.  Die  Anwendung  dieser
Lohnsysteme  im  einzelnen  richtet  sich  nach  den  örtlichen  Verhältnissen, ­
  und  zwar  findet  sich  meistens  in  Gegenden  mit  allgemein ­
  hohen  Löhnen  Akkordlohn,  in  solchen  mit  niedrigeren
Löhnen  Zeitlohn.  Die  Entlohnung  von  Arbeitergruppen  an  einen
einzelnen,  wie  solche  vor  ca.  30  Jahren  in  einigen  Gegenden
üblich  war,  ist  heute  vollständig  verschwunden,  da  die  Berufsgenossenschaft ­
  die  Aufgabe  des  Arbeitslohnes  von  jedem  einzelnen ­
  Arbeiter  verlangt.
Wegen  der  Mangelhaftigkeit  des  vorliegenden  Materials
muß  ich  auf  eine  eingehende  und  umfassende  statistische  Darstellung ­
  der  Veränderungen  im  Arbeitsverdienste  der  in  der
Ölmüllerei  beschäftigten  Personen,  wie  diese  sich  im  Laufe  des
vergangenen  Jahrhunderts  vollzogen  haben,  verzichten.  Einzelne
Ziffern  über  die  Lohnhöhe  von  in  den  Ölmühlen  tätigen  Personen ­
  aus  verschiedenen  Jahren  anzuführen,  hat  aber,  auch  wenn
mir  solche  zur  Verfügung  gestanden  hätten,  keinen  Wert,  da
sich  ihre  Beurteilung  wegen  der  dabei  zu  berücksichtigenden
Umstände  (Kaufkraft  des  Geldes,  Lohn  in  den  Städten  und  auf
dem  Lande  usw.)  äußerst  schwierig  gestalten  würde  und  derartige ­
  Untersuchungen  den  Rahmen  meiner  Abhandlung  überschreiten ­
  würden.
Die  Möglichkeit,  daß  eine  Steigerung  der  Löhne  innerhalb
der  letzten  13  Jahre  erfolgt  ist,  erhellt  aus  der  folgenden  Zu-18

 )  Achtstündige  Arbeitszeit  ist  heute,  wie  an  anderer  Stelle  ausgegeführt,
  in  mehreren  Fabriken  für  die  an  den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter
eingeführt.  Da  diese  Beschäftigung  es  mit  sich  bringt,  daß  alle  halben
Stunden  5  bis  10  Minuten  Arbeitspause  stattfindet,  erscheint  es  bei  der
an  sich  geringen  Arbeitszeit  überflüssig,  noch  besondere  Vesperpausen
festzusetzen.
        <pb n="191" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  ]Q3

sammenstellung  (entnommen  den  Jahresberichten  der  Müllereiberufsgenossenschaft). ­

Vor  der  Benutzung  dieser  Ziffern  muß  allerdings  festgestellt
werden,  daß  sich  die  wirklichen  Jahresdurchschnittslöhne  von
den  in  der  Statistik  der  Berufsgenossenschaft  angegebenen  entfernen, ­
  und  zwar  aus  folgenden  Gründen:
Da  auch  Beamte  mit  Jahreseinkommen  bis  zu  3000  M.  versicherungspflichtig ­
  sind,  sind  deren  Einkommen  bei  der  Berechnung ­
  der  Durchschnittslöhne  mit  berücksichtigt,  es  ist  nach
Abzug  dieser  Einkommen  also  der  an  den  Arbeiter  durchschnittlich ­
  gezahlte  Lohnsatz  etwas  niedriger  als  in  der  Tabelle
angegeben.  Andererseits  werden  nach  §  10  des  Gewerbeunfallversicherungsgesetzes ­
  bei  Gewährung  von  Unfallrenten  die
1500  M.  übersteigenden  Jahreseinkommen  der  Arbeiter  nur  mit
einem  Drittel  zur  Anrechnung  gebracht,  es  sind  also  die  wirklich ­
  gezahlten  Durchschnittslöhne  etwas  höher  als  die  von  der
Berufsgenossenschaft  berechneten.  Berücksichtigt  muß  endlich
auch  noch  werden,  daß  die  Lohnsätze  die  Durchschnittsziffern
der  Arbeitsverdienste  der  Arbeiter  der  sämtlichen  bei  der
Müllereiberufsgenossenschaft  katastrierten  Betriebe  darstellen,
also  neben  den  Arbeitsverdiensten  der  Arbeiter  in  Ölmühlen
auch  die  Arbeitsverdienste  der  in  Getreide-  und  Schneidemühlen
tätigen  Arbeiter  mit  in  die  Berechnung  einbezogen  sind.
Wenn  ich  die  Zusammenstellung  der  Müllereiberufsgenossenschaft ­
  trotz  dieser  Einwände  gegen  ihre  Genauigkeit  hier  dennoch ­
  folgen  lasse,  so  geschieht  das  unter  ausdrücklicher  Hervorhebung ­
  dieser  Momente.  Es  ist  übrigens  wohl  kaum  mit  Sicherheit ­
  anzunehmen,  daß  die  in  der  Zusammenstellung  zutage  tretende ­
  Steigerung  der  Jahresdurchschnittslöhne  allein  ein  Produkt ­
  entsprechender  Veränderungen  dieser  Momente  sei.
Es  betrug  die  Durchschnittslohnhöhe  der  Vollarbeiter 19 )
der  in  der  Müllereiberufsgenossenschaft  katastrierten  Betriebe:

1897

703,12  M.

1904

837,94

M.

1898

712,61  „

1905

861,16

ff

1899

736,12  „

1906

894,72

ft

1900

749,93  „

1907

947,69

//

1901

779,92  „

1908

974,72
1007,69

tt

1902

813,77  „

1909

tt

1903

820,61  „

19 )  1  Vollarbeiter  =  300  Arbeitstage  im  Jahr.
Klaue,  Ölmüllerei.  13
        <pb n="192" />
        194  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Ein  vorzügliches  Bild  von  der  Steigerung  der  Löhne  geben
auch  die  folgenden  Zahlen,  welche  mir  von  einer  größeren
sächsischen  Ölmühle  zur  Verfügung  gestellt  wurden.  Es  kamen
in  dieser  Fabrik  an  Löhnen  im  Durchschnitt  auf  jeden  Vollarbeiter
1890  1143  M.
1900  1212  „
1910  1404  „
und  zwar  verdienten  von  den  in  der  Ölmühle  beschäftigten  Personen ­
  über  4  M.  täglich
1890  20,8%
1900  63,6%
1910  75%
Seit  1890  haben  also  in  dieser  Fabrik  die  Durchschnittslöhne  um
261  M.  oder  22,8  %  zugenommen.
Allgemein  zahlen,  soweit  festzustellen,  die  großen  Ölfabriken
die  höchsten  Löhne.  Es  ist  dies  eine  Folge  der  höheren  Produktivität ­
  dieser  Betriebe.  Da  nämlich  in  den  Großbetrieben  vermöge ­
  der  technischen  Vollkommenheit  auf  jeden  Arbeiter  eine
bedeutend  größere  Menge  an  verarbeitetem  Rohmaterial  kommt
als  in  einem  Kleinbetriebe  (im  ersten  Kapitel  dieses  Abschnittes
habe  ich  dies  näher  nachgewiesen),  sind  in  den  Großbetrieben
trotz  höherer  Löhne  die  auf  jede  verarbeitete  Tonne  Rohmaterial ­
  entfallenden  Lohnbeträge  geringer  als  in  den  kleineren  Betrieben. ­
  Zur  Illustration  dieser  Tatsache  seien  die  folgenden
Zahlen  angeführt,  welche  von  mir  durch  Erkundigungen  festgestellt ­
  wurden:
1.  in  einer  kleinen  Wasserölmühle  mit  Ölgang  und  Rammpresse ­
  und  einer  täglichen  Verarbeitung  von  ca.  150  kg
Saat  kommen  an  Löhnen  aut  jede  verarbeiteten  1000  kg
Rohmaterial  rund  17  M.  DerTagelohn  der  an  den  Pressen
beschäftigten  Arbeiter  beträgt  bei  14  Stunden  Arbeitzeit
•  2,50  M.;
2.  in  einer  mittleren  Wasserölmühle  mit  hydraulischen  Pressen ­
  und  einer  täglichen  Leistung  von  2500  kg  Rohmaterial ­
  kommen  an  Löhnen  auf  jede  verarbeiteten  1000  kg
Saat  ca.  9  M.  Der  Tagelohn  der  an  den  Pressen  beschäf-
        <pb n="193" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  195

tigten  Arbeiter  beträgt  bei  12  Stunden  Arbeitszeit  (davon
2  Stunden  Pause)  3  M.;
3.  in  einer  mittleren  in  einer  Industriestadt  des  Rheinlandes
gelegenen  Dampfölmühle  mit  modernen  Pressen  und  einer
täglichen  Verarbeitung  von  ca.  12000  kg  Rohmaterial
kommen  an  Löhnen  auf  jede  verarbeiteten  1000  kg  Saat
ca.  5,80  M.  Der  Tagelohn  der  an  den  Pressen  beschäftigten ­
  Arbeiter  beträgt  bei  12  Stunden  Arbeitszeit  (die
Arbeitspausen  wurden  nicht  mitgeteilt)  3,50  M.  und  4M.
(an  Seiherpressen  3,50  M.,  an  Etagenpressen  4  M.);
4.  in  einer  auf  dem  Lande  gelegenen  Dampfölfabrik  mit  moderner ­
  Einrichtung  und  einer  täglichen  Verarbeitung  von
20000  kg  Rohmaterial  kommen  an  Löhnen  auf  jede  verarbeiteten ­
  1000  kg  Saat  ca.  4,75  M.  bis  5  M.  Der  Tagelohn ­
  der  an  den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter  beträgt
bei  12  Stunden  Arbeitszeit  (davon  11/2  Stunden  Pause)
3,50  M.;
5.  in  einer  großen  in  einem  Seehafenplatz  gelegenen  Dampfölfabrik ­
  mit  einer  täglichen  Verarbeitung  von  ca.  180000
Kilogramm  Rohmaterial  kamen  um  1900  auf  jede  verarbeiteten ­
  1000  kg  Saat  an  Löhnen  4,33  M.  Der  Verdienst
der  an  den  Pressen  tätigen  Arbeiter  belief  sich  bei  zehnstündiger ­
  Arbeitszeit  auf  ca.  5,70  M.  Im  Jahre  1910  verdienten ­
  die  an  den  Pressen  tätigen  Arbeiter  in  der  gleichen
Fabrik  bei  8  Stunden  Arbeitszeit  täglich  im  Akkordlohn
ca.  8  M.2°).
Aus  den  Katastern  der  Müllereiberufsgenossenschaft,  in
denen  bis  1892  die  Zahl  der  in  den  angeschlossenen  Ölmühlen
tätigen  Personen  gesondert  festgestellt  wurde,  konnte  ich  feststellen, ­
  daß  um  das  Jahr  1890  sich  das  umlagepflichtige  Jahreseinkommen ­
  im  Durchschnitt  bei  den  in  Ölmühlen  mit  Rammpressen ­
  beschäftigten  Arbeitern  auf  ca.  724  M.  stellte,  bei  den
in  Ölmühlen  mit  hydraulischen  Pressen  tätigen  Arbeitern  dagegen ­
  auf  ca.  790  M. 20  21 ).

20 )  Leider  konnte  ich  keine  Auskunft  darüber  erhalten,  wie  viel  an
Löhnen  nunmehr  im  Jahre  1910  auf  jede  verarbeiteten  1000  kg  Saat  fielen.
21 )  Auch  diese  Zahlen  sind  nicht  absolut  genau,  es  muß  vielmehr
auch  hier  das  S.  193  bei  der  Erörterung  der  Genauigkeit  der  von  der
Berufsgenossenschaft  aufgestellten  Lohnstatistik  Gesagte  (mit  Ausschaltung
des  dritten  Punktes)  beachtet  werden.

13*
        <pb n="194" />
        196  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.

Legt  man  sich  nunmehr  die  Frage  vor,  ob  die  in  den  Ölmühlen ­
  beschäftigten  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  aus  der  Verbilligung ­
  der  Produktionskosten,  welche  die  Fortschritte  der
Technik  gebracht  hat,  Vorteile  für  ihren  Arbeitsverdienst  gezogen ­
  haben,  so  kann  man  diese  Frage  auf  Grund  des  auf  den
vorigen  Seiten  beigebrachten  Materials  bejahen.  Des  weiteren
kann  ich  feststellen,  daß  diese  Lohnerhöhungen  zum  allergrößten
Teile  auf  friedlichem  Wege,  ohne  Streiks,  durchgesetzt  werden
konnten.  Es  fällt  nicht  schwer,  die  Gründe  für  letztere  Erscheinung ­
  festzustellen;  einerseits  bilden  nämlich  die  Arbeitslöhne  in
den  Großbetrieben  nur  einen  ziemlich  geringen  Prozentsatz  des
Mahllohnes 22 )  (nimmt  man  den  durchschnittlichen  Mahllohn
pro  Tonne  Rohmaterial  mit  25—30  M.  an,  so  betragen  die  Arbeitslöhne ­
  in  technisch  vollkommenen  Betrieben  nur  ca.  16  bis
19%  des  Mahllohnes 23 ),  so  daß  sich  Lohnerhöhungen  nur  verhältnismäßig ­
  wenig  fühlbar  machen,  andererseits  ist  aber  das  in
den  modernen  Großbetrieben  investierte  Kapital  so  groß,  daß
jeder  Tag  des  Stillstandes  dem  Unternehmen  einen  bedeutenden
Zinsverlust  bringt.
Untersucht  man  im  einzelnen  die  Höhe  des  Arbeitsverdienstes ­
  der  verschiedenen  Arbeiter  in  derselben  Ölmühle,  so
findet  man,  daß  die  an  den  Pressen  beschäftigten  Leute  in  den
meisten  Fällen  das  höchste  Einkommen  haben.  In  einer  mittleren ­
  Ölmühle  im  Rheinlande  betrugen  z.  B.  die  Löhne  der  an
den  Pressen  beschäftigten  Arbeiter  3,50  M.,  die  Heizer  (die
gleichzeitig  die  Maschinen  beaufsichtigten)  waren  mit  einem
festen  Monatsgehalt  von  100  M.  angestellt,  ein  mit  dem  Heranschaffen ­
  der  Saat  an  die  Reinigungsvorrichtung  beschäftigter
Arbeiter  erhielt  3,20  M.;  ebensoviel  erhielten  die  mit  der  Beaufsichtigung ­
  der  Kollergänge  (in  denen  die  Ölkuchen  zu  Kuchenmehl ­
  verarbeitet  werden)  betrauten  Personen,  ferner  die  mit

22 )  Unter  dem  Mahllohn  versteht  man  die  Differenz  zwischen  der  aus
dem  Erlöse  von  Öl  und  Kuchen  erhaltenen  Summe  und  dem  Kaufpreis  des
Rohmaterials.  Der  nach  Abzug  der  gesamten  Unkosten  und  der  Verzinsungs-
  und  Amortisationsquote  verbleibende  Betrag  stellt  den  Gewinn  dar.
23 )  Es  stehen  diese  Ziffern  keineswegs  im  Gegensatz  zu  den  Ausführungen ­
  auf  Seite  125/126.  Dort  ist  nur  von  den  eigentlichen  Betriebsunkosten ­
  die  Rede,  also  den  Aufwendungen  für  Löhne,  Kohlen,  Materialien,
Preßtüchern,  Reparaturen  usw.,  während  hier  auch  Zinsen  und  Abschreibungen, ­
  sowie  Gewinn  mit  eingerechnet  sind.
        <pb n="195" />
        3.  Die  soziale  Bedeutung  der  Großindustriellen  Entwicklung.  1Q7

dem  Verpacken  des  Kuchenmehls  in  die  Säcke,  sowie  die  mit
dem  Verzapfen  des  Öles  in  die  Fässer  beschäftigten  Arbeiter.
Eine  Frau,  welche  zum  Ausbessern  der  Preßtücher  angestellt
war,  erhielt  täglich  2  M.  Sonstige  Arbeiter  erhielten  täglich
3  M.  bis  3,20  M.
Über  die  heute  durchschnittlich  gezahlten  Löhne  geben  uns
die  schon  vorher  angeführten  Aufnahmen  des  „Verbandes  der
Fabrikarbeiter  Deutschlands“  einigen  Aufschluß.  Ich  lasse  die
Ergebnisse  derselben  folgen,  muß  jedoch  vorausschicken,  daß  bei
deren  Beurteilung  auch  hier  wieder  das  bereits  S.  190  Gesagte  beachtet ­
  werden  muß.  Die  Aufnahmen  erstreckten  sich  über  die
gleichen  1066  männlichen  und  10  weiblichen  Arbeiter,  bei  welchen ­
  die  Feststellung  der  Länge  der  täglichen  Arbeitszeit  vorgenommen ­
  war.  Es  wurden  in  einer  Woche  bei  regelmäßiger
Arbeit  verdient:

Staat,  Provinz,
bezw.  freie  Stadt

10—
12
M.

12—
15
M.

Von
15—
18
M.

18-21

M.

Arbe
21—
25
M.

tern
25—
30
M.

31—
35
M.

üb.
35
M.

8—
10
M.

Vc
Arbe
10—
12
M.

)n
terin
12—
15
M.

nen
15—
18
M.

Brandenburg  .

—

1

42

7

7

7

2

1

1

__

Pommern  .  .  .

—

—

—

4

5

Schlesien  .  .  .

1

Sachsen....
Schleswig-Hol-—



—

10

7

1

stein  ....

1

—

2

10

53

31

1

—

—

1

1

—

Hannover  .  .  .

1

—

14

10

204

97

16

16

—

1

1

—

Hessen-Nassau.

1

Bayern  ....
Königreich

1

—

—

3

20

—

—

—

—

—

—

—

Sachsen.  .  .

—

—

—

5

1

—

—

—

—

—

Württemberg  .

—

—

1

1

1

Baden  ....

—

—

—

1

41

1

Hessen  ....

—

—

—

8

4

—

1

—

Oldenburg  .  .

—

3

32

4

9

7

Braunschweig  .
Sachsen-Alten-—



2

2

bürg  ....

—

1

Lübeck  .  .

—

—

—

—

3

2

—

—

—

—

—

—

Bremen  ....

—

—

36

51

36

Hamburg  .  .  .

—

1

1

56

101

81

2

—

—

—

—

—

Summe

31  8

106

152

500

262

19

16

3

3

3

1
        <pb n="196" />
        198  HI.  Die  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  von  1870  bis  zur  Gegenwart.
Es  beläuft  sich  somit  nach  diesen  Aufnahmen  der  Durchschnittslohn ­
  pro  Woche  bei  männlichen  Arbeitern  auf  24,64  M.,
bei  Arbeiterinnen  auf  12,22  M.
Diese  Tabelle  bietet  auch  eine  Bestätigung  für  das  weiter
oben  über  die  Lohnhöhe  in  den  verschiedenen  Betriebsgrößen
Gesagte.  Es  sind  nämlich  die  Löhne  am  höchsten  bei  den  in
Hamburg,  Bremen,  Lübeck  und  den  Provinzen  Hannover  und
Schleswig-Holstein  befragten  Arbeitern,  welche,  wie  ich  zuvor
festgestellt  habe  (vgl.  die  Anm.  auf  S.  190),  zum  überwiegenden
Teil  in  Großbetrieben  tätig  sind.
Wenn  ich  die  Ergebnisse  meiner  Untersuchungen  in  diesem
Kapitel  zusammenfasse,  so  kann  ich  feststellen,  daß  die  großbetriebliche ­
  Entwicklung  bedeutende  soziale  Vorteile  im  Gefolge
gehabt  hat.  Nicht  allein  haben  mit  der  Vergrößerung  der  Betriebe ­
  die  gesundheitlichen  Schädigungen  der  Arbeiter  und  die
Unfallgefahr  bedeutend  abgenommen,  es  sind  auch  trotz  fallender ­
  Arbeitszeit  die  Löhne  um  ein  Beträchtliches  gestiegen.  Es
ist  somit  der  Großbetrieb  in  der  Ölmüllerei  nicht  allein  ein  wirtschaftlicher, ­
  sondern  auch  ein  sozialer  Fortschritt.

X,
*  *
        <pb n="197" />
        the  scale  towards  document

soziale  Bedeutung  der  großindustriellen  Entwicklung.  179

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Sill ­

  Teil  noch  mit  Rammpressen  arbeiten,  körperlich
Ich  anstrengende  ist,  und  auch  die  Arbeitszeit,  wie
“•;r  noch  sehen  werden,  eine  viel  ausgedehntere  als
:  ißeren  Betrieben  ist,  werden  die  Frauen  in  diesen
|  trieben  leicht  überanstrengt,  und  es  ist  aus  diesem
er  eine  möglichste  Einschränkung  der  Frauenarbeit
en.
wir  nunmehr  im  einzelnen  zur  Betrachtung  der  in
den  zu  leistenden  Arbeiten  über.  Über  die  bei  der
r  der  Betriebskraft  tätigen  Arbeiter  (Heizer  und  Maist
  nichts  Besonderes  zu  sagen,  höchstens  könnte
Übelstand  bei  den  Wassermühlen  hingewiesen  werier
  leicht  zu  gesundheitlichen  Schäden  führen  kann,
inen  Wassermühlen  nämlich,  in  denen  natürlich  kein
j 1 .Maschinist  zur  Beaufsichtigung  des  Wasserrades  und
ischinerie  gehalten  werden  kann,  muß  der  Ölmüller
ler  sonstigen  Arbeit  auch  noch  diese  Obliegenheiten
.  Dies  bringt  es  mit  sich,  daß  der  Ölmüller  nicht
ken,  plötzlichen  Temperaturwechseln  ausgesetzt  ist,
rhitzt  von  der  Arbeit,  ins  Freie  muß,  um  dort,  häufig
und  Sturm,  das  Wasserrad  von  angeschwemmten  Eisermengen ­
  zu  reinigen  oder  den  Wasserlauf  zu  regum
  kann  es  leicht  verstehen,  daß  bei  solchen  Arbeiten
:r  Grund  zu  Erkrankungen  gelegt  wird;  in  einem  Guts
  kaiserlichen  Gesundheitsamtes  anläßlich  der  „Erder ­
  Kommission  für  Arbeiterstatistik  über  die  Ar-_n
  Getreidemühlen“ 4 )  wird  dies  denn  auch  ausgeindem
  dort  Rheumatismus  als  eine  häufig  durch  die
in  Wassermühlen  hervorgerufene  Krankheit  bezeichdie
  beim  Transport  und  der  Lagerung  der  Rohmatevie
  bei  der  Verladung  der  fertigen  Fabrikate  zu  leirbeiten
  angeht,  so  ist  es  ja  ganz  klar,  daß  die  größte ­
  Entwicklung  mit  ihren  technischen  Fortschritten
i  Ersatz  der  menschlichen  Arbeit  durch  die  maschiicherlei
  Vorteile  für  die  hier  beschäftigten  Arbeiter
hat.  Um  dies  einzusehen,  braucht  man  sich  hur  den
einer  kleinen  und  im  Gegensatz  dazu  in  einer  mo-.

  Nr.  8,  Seite  80/81.

12*
        <pb n="198" />
        ﻿
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        ﻿
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        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
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