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        <title>Die Entwicklung der deutschen Stahlindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Martinstahlerzeugung und der Bedeutung des Schrottes für dieselbe</title>
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            <forname>Emil</forname>
            <surname>Künzer</surname>
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        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1023991519</idno>
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        ﻿
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        ﻿Die Entwicklung
der deutschen Stahlindustrie

mit besonderer Berücksichtigung der

Martinstahlerzeugung

und der Bedeutung des Schrottes für dieselbe.
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        ﻿Die Entwicklung
der deutschen Stahlindustrie

mit besonderer Berücksichtigung der

Martinstahlerzeugung

und der Bedeutung des Schrottes für dieselbe.

Inaugural - Diss ertation

zur

Erlangung der Würde eines Doktor Philosophiae

der

Grossherzoglich Badischen Universität in Heidelberg
vorgelegt von

Emil^Künzer.

o—

Neunkirchen (Saar)

Buchdruckerei Otto H. Bauer
1013.
        <pb n="4" />
        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Literatur.

Simmersbach, die Eisenindustrie,

Wüst, die Entwicklung der deutschen Eisenindustrie in den letzen
Jahren.

Schumacher, die westdeutsche Eisenindustrie und die Moselkana-
lisierung,

Tille, südwestdeutsche Wirtschaftsfragen.

Sehmer, die Erzversorgung von Europa,

Verein deutscher Eisenhüttenleute, gemeinfaßliche Darstellung der
Eisenhüttenkunde.

Stahl und Eisen, Zeitschrift des Vereins deutscher Eisenhüttenleute.
Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure.
        <pb n="6" />
        ﻿Die Entwicklung der deutschen Stahlindustrie mit be-
sonderer Berücksichtigung der Martinstahlerzeugung
und der Bedeutung des Schrottes für dieselbe.

Inhalt.

I.	Vergleichende Darstellung der Wirtschaftslage der deutschen und
ausländischen Eisenindustrie,

II.	Technische Vorbemerkung.

III.	Die Entwicklung der verschiedenen Stahlbereitungsarten.

a)	Das Bessemerverfahren,

b)	Das Thomasverfahren,

c)	Das Martinverfahren.

IV.	Die Entstehung des Martinverfahrens in den einzelnen deutschen
Industriezentren.

a)	Oberschlesien,

b)	Lothringen — Luxemburg — Saarrevier,

c)	Niederrheinland und Westfalen.

V.	Die deutschen Martinöfen und ihre Gesamt-Erzeugung.

VI.	Die verschiedenen für das Martinverfahren in Frage kommenden
Schrottarten.

VII,	Die Schrottentstehung.

VIII.	Die Bedeutung des Schrottes.

IX.	Der Bedarf der preussischen Eisenbahnverwaltung an neuem
Eisenbahnbaumaterial und der Verkauf von Altmaterial.

X.	Schrottpreise.

XI.	Der Schrotthandel und Versuche zu dessen Organisierung.

XII.	Das Martinverfahren mit flüssigem Roheiseneinsatz,
        <pb n="7" />
        ﻿Unter den an der Stahl- und Eisenerzeugung be-
teiligten Ländern steht Deutschland seit mehreren Jahren
sowohl für die Stahl- wie für die Eisenerzeugung an
zweiter Stelle; dagegen ist England, das vor nicht allzu-
langer Zeit die Führung hatte, an den dritten und vierten
Platz zurückgedrängt worden. Den ersten Platz behauptet
jetzt mit einem anscheinend unerreichbaren Vorsprung die
nordamerikanische Union. Jedoch ist in den Vereinigten
Staaten die Erzeugungsentwiklung in den letzen Jahren
nicht gleichmäßig gewesen. In der Eisenerzeugung war der
Ertrag des Jahres 1911 — die Gewichtsmenge betrug 23,6
Millionen Tonnen — um 2,2 Millionen geringer als im
Jahre 1910, Auch in der Stahlindustrie ist das Jahr 1911
mit einer Erzeugung von 22,5 Millionen Tonnen hinter der
Erzeugung der beiden Vorjahre, die nahezu 24 Millionen
in 1909 und über 26 in 1910 betragen hatte, beträchtlich
zurückgeblieben.

Deutschland hat dagegen seine Eisenerzeugung fort-
gesetzt gesteigert: von 12,9 in 1909 auf 14,8 Millionen in
1910 und 15,5 Millionen in 1911, Auch die Stahlherstel-
lung zeigt steigenden Verlauf mit 12 Millionen im Jahre

1909	und 13,7 Millionen in 1910. England erfreut sich
zwar einer fortgesetzten Zunahme seiner Eisen- und Stahl-
erzeugung, die aber so wenig beträchtlich ist, daß der
Vorsprung,, den Deutschland gegenüber England besitzt,
immer größer wird. Während im Jahre 1909 der Ueber-
schuß der deutschen Eisenerzeugung über die englische
erst 3,4 Millionen Tonnen betrug, belief er sich im Jahre

1910	bereits auf nahezu 4,8 Millionen und hat im Jahre
        <pb n="8" />
        ﻿6

1911	die Größe von 5,5 Millionen erreicht. Ebenso hat
sich in der Stahlherstellung der Vorsprung Deutschlands
gegenüber Englands erhöht, von 6,2 Millionen im Jahre
1909 auf 7,7 Millionen im Jahre 1910.

Frankreich befindet sich ungefähr in gleicher Lage
wie England, seine Stahl- und Eisenerzeugung macht Fort-
schritte, kann aber in der Steigerung den Wettbewerb
mit den Vereinigten Staaten und Deutschland nicht mehr
aufnehmen, Frankreich steht mit einer Eisenerzeugungs-
menge von 4,4 Millionen Tonnen im Jahre 1911 und mit
einer Stahlerzeugungsmenge von 3,7 Millionen Tonnen in
der Reihe der vier Länder an letzter Stelle, Die gewal-
tige Ueberlegenheit der Vereinigten Staaten tritt besonders
deutlich in Erscheinung, wenn man sich vergegenwärtigt,
daß im Jahre 1910 die Eisenerzeugung der Vereinigten
Staaten nur um 1V3 Million geringer war als die Eisen-
erzeugung Deutschlands, Englands und Frankreichs zusam-
mengenommen, und wenn man sich ferner vergegenwär-
tigt, daß die Stahlerzeugung der Vereinigten Staaten von
Amerika in dem gleichen Jahre um über 3 Millionen Tonnen
größer war als die in Deutschland, England und Frank-
reich erzielte Menge,

Die deutsche Eisenindustrie verdient insofern ein
Interesse, als ihre Entwicklung kennzeichnend für unsere
Großindustrie ist. Noch mehr — sie schreitet an der
Spitze und hat die wirtschaftliche Führung aller Industrien
übernommen, die mit dem Berg- und Hüttenwesen in
irgend einem Zusammenhänge stehen.

Warum das so ist, kann man nicht so ohne weiteres
sagen. Die Statistik wird kaum die Handhabe geben.
Man kann aber leicht die Erklärung finden, wenn man die
Versammlungen der Eisenhüttenleute verfolgt. Wenn
man sieht wie dort wissenschaftlich und wirtschaftlich ge-
arbeitet wird, wie Kohle und Eisen ihre Zusammengehörig-
        <pb n="9" />
        ﻿7

keit ausdrücken, wie die Maschinenindustrie und die che-
mische Industrie ihre Mitarbeiter entsenden, und wie auch
die Staatsbehörden vertreten sind, um Fühlung mit allen
Erscheinungen zu haben, welche die schnelle Entwickelung
eines Industriestaates auf die Tagesordnung stellt.

Im Jahre 1880 herrschte England noch unumschränkt,
wie es als erste Industriemacht gewohnt war. Es erzeugte
in diesem Jahre 8000000 t Roheisen, Deutschland nur
3000000 t und die Vereinigten Staaten 4000000 t. In
der Folgezeit wuchsen die Erzeugnisse aller drei Länder,
aber die Englands sehr langsam. So kam es, daß es be-
reits im Jahre 1889 von den Vereinigten Staaten und
1900 von Deutschland eingeholt wurde. Gegenwärtig be-
trägt die Jahreserzeugung der Vereinigten Staaten 26 Mil-
lionen Tonnen, Deutschlands 13 Millionen Tonnen, Groß-
britanniens 10 Millionen Tonnen. Die anderen Länder
zusammen erzeugten nur etwa 20 °/o der Welterzeugung.

Die Roheisenstatistik ist für das gesamte Eisenhütten-
wesen kennzeichnend. Stahlwerks- und Walzwerkser-
zeugnisse schließen sich den Zahlen an.

Untersucht man die Grundlagen der Eisenindustrie
der drei Länder, so muß man sie vom technischen und
wirtschaftlichen Standpunkte gleichzeitig betrachten.

Die Vereinigten Staaten sind am besten ausgestattet.
Eine vorzügliche billige Kokskohle in den Alleghanies und
sehr reiche, gutartige und große Eisenerzvorkommen an
den westlichen Ufern des Oberen Sees bilden den Grund-
stock. Dazu werden diese Erze auf den billigen Wasser-
straßen der großen Seen mit den vollkommensten Trans-
port- und Verlademitteln befördert.

Wirtschaftlich liegt es so, daß die Vereinigten Staaten
erst l/a ihres Landes mit einer Bevölkerungsdichte, die an
europäische Verhältnisse erinnert, besiedelt haben. s/8
harren noch größtenteils der wirtschaftlichen Erschließung.
        <pb n="10" />
        ﻿8

Diese geschieht durch den Bau von Eisenbahnen; Land-
straßen und Kanäle kommen kaum in Betracht, Alle
Schienen, Brücken, Lokomotiven, Eisenbahnwagen werden
in dem Lande der hohen Schutzzölle ausschließlich von
amerikanischen Werken geliefert.

Noch mehr, auch für die Eisenbahnen, die in Kanada
und Mexiko gebaut werden, gilt dasselbe. Es ist dies ein
Beweis für die weit ausholende, rücksichtslose Politik der
großen Trusts, deren Einfluß auch da nicht halt macht,
wo die Gebietsteile anderer Staaten beginnen,

Ueberall, wo die Eisenbahn ihre Trace zieht, folgen
die Pioniere der Kultur, die Farmer, die Bergleute und
die Industriearbeiter, überall neue Absatzgebiete für Eisen
und Maschinen eröffnend.

Großbritanien hat als große Kolonialmacht sehr gün-
stige wirtschaftliche Verhältnisse. Den Kolonialregierungen
und den in den Kolonien ansässigen Engländern gelingt es
meist, fremde Wettbewerber bei Eisenbahn- und anderen
großen Lieferungen fernzuhalten. Sie sorgen auch im
Interesse des Mutterlandes dafür, daß in Indien, Kapland
und Australien und anderen Kolonien keine Eisenindustrie
von nennenswerter Bedeutung entsteht.

Der Schiffbau hat in doppelter Beziehung Einfluß.
Einmal ist die große britische Handelsflotte, welche in
runder Zahl 4mal so groß ist wie die deutsche und stän-
discher Ergänzung und Erneuerung bedarf, ein guter Eisen-
abnehmer; anderseits begünstigen die englischen Reede-
reien den Außenhandel ihres Reichs und den Absatz ein-
heimischer Erzeugnisse. Dazu kommt die günstige Lage
der Eisenwerke an der Küste und die Nachbarschaft von
Kohle und Eisenerz, wie sie vielfach besteht. Allerdings
beruht die Hälfte der Roheisenerzeugung auf ausländischen
Erzen (in Deutschland sind es etwa 40 u/y) die aber fracht-
günstiger für englische als für deutsche Werke liegen.
        <pb n="11" />
        ﻿In Deutscland ist dies alles ganz anders. Die wirt-
schaftliche Lage ist viel schwieriger.

Um die gegenwärtige Erzeugungsmenge aufrecht zu
erhalten, müssen wir ungefähr 1/3 dem Gewicht nach ge-
rechnet, in das Ausland führen. Legt man Geldwert zu-
grunde, so erhöht sich die Zahl auf nahezu 50 %, auch
wenn man die Einfuhr von vornherein in Abzug bringt.
Dieses Ausfuhrgut stößt im Auslande auf Wettbewerb, oft
von mehreren Seiten und meist auch auf Einfuhrzölle.
Um diese Schwierigkeiten zu bekämpfen mußte die deut-
sche Eisenindustrie von Jahr zu Jahr mehr dazu über-
gehen verfeinerte Erzeugnisse auszuführen, die allerdings
zum Teil außerhalb der Eisenhüttenwerke hergestellt wer-
den, So arbeitet der deutsche Großmaschinenbau, der
große Mengen von Eisen und Stahl verbraucht, zu etwa
50 % auf Ausfuhr.

Geht man in das Gebiet der Kleinindustrie z. B, in
das bergische Land, so erfährt man vielfach noch höhere
Ziffern.

In Gestalt von unzähligen Warengattungen muß die
deutsche Eisenindustrie ihren Absatz im Auslande suchen
und findet ihn, dank der Tüchtigkeit, der Sprachkenntnisse
und des Anpassungsvermögens seiner Kaufleute.

Das natürliche Absatzgebiet Deutschlands für Eisen-
bahnmaterial ist bei dem Fehlen bedeutender Kolonien
lediglich das Inland, Das Eisenbahnnetz Deutschlands ist
aber ausgebaut; es handelt sich also nur um kleinere An-
schlußstrecken und um Ergänzungen, Letztere haben in
dem letzten Jahrzehnt infolge des allgemeinen industriellen
Aufschwungs allerdings verhältnismäßig große Erzeugungs-
mengen aufgenommen, aber diese Werte sind sehr klein
im Vergleich mit den Absatzbeträgen, welche die zahl-
reichen neuen Strecken der englischen Kolonien und des
amerikanischen Festlandes verschlingen.
        <pb n="12" />
        ﻿10

In technischer Beziehung liegen die Verhältnisse in
Deutschland derart, daß nirgends Kohle und Eisenerze
zusammen Vorkommen, wenn man die oberschlesischen
Erze als abgebaut betrachtet, was beinahe zutrifft. Da,
wo Kohlen Vorkommen, müssen die Erze zum größten
Teil aus dem Auslande über See eingeführt werden, und
da, wo Erze gewonnen werden, muß Koks meist auf weite
Eisenbahnfrachtstrecken herangeschafft werden.

Etwa 44 % des Roheisens wird aus der Minette er-
zeugt, einem armen, aber billig zu fördernden, phosphor-
reichen Eisenerz, das in Lothringen und Luxemburg, hart
an der französischen Grenze, in mächtigen Flözen vor-
kommt, die auch nach Frankreich hinüberstreichen ; 16 °/o
des Roheisens werden aus anderen einheimischen Erzen,
vorwiegend Siegerländer, nassauischen und Ilseder Erzen,
erblasen und 40 °/0 aus ausländischen Erzen, an denen die
Länder aller Weltteile, aber Spanien und Schweden be-
sonders großen Anteil haben.

Die Roheisenerzeugung aus ausländischen Erzen ge-
geschieht am Niederrhein und in Westfalen unter Benutz-
ung der Wasserstraßen des Rheins und der Ems und zum
Teil in Oberschlesien unter Benutzung der Oder.

Die auf dem Ruhrkohlenbecken aufgebaute Eisen-
industrie erzeugt 40 °/0, der Lothringer-Luxemburger Be-
zirk, einschließlich des auch auf die Minette angewiesenen
Saarbezirks, ebenfalls 40 °/o des Roheisens, Die übrigen
20 % verteilen sich auf das Siegerland und Nassau mit
7 %, Oberschlesien mit 8 u/„, Ilsede mit 3 °/o und einige
andere Gegenden.

In der Zukunft — man rechnet mit 30 Jahren —
wird man auf die Siegerländer und einige andere Erzvor-
kommen verzichten müssen. Es wird dann die Minette
das einzige große, für ein bis zwei Jahrhunderte aus-
reichende deutsche Erzvorkommen darstellen. Trotzdem
        <pb n="13" />
        ﻿11

wird die Eisenindustrie anderer Gegenden nicht ver-
schwinden, weil in Lothringen ein geeigneter Arbeiter-
stamm fehlt und schwer zu beschaffen ist. Viele Betriebe
müssen mit einer Belegschaft geführt werden, die bis zu
90 % aus Italienern besteht, Dieser Umstand gleicht die
höheren Erzeugungskosten im Rheinlande, Westfalen und
Oberschlesien zum Teil aus. Hier besteht auch die Mög-
lichkeit einer Verfeinerungs- und Veredelungsindustrie,
welche große Umsatzwerte schafft und die Zollschranken
bei der Ausfuhr meist leichter überwindet.

Die geschilderten wirtschaftlichen und technischen
Verhältnisse lassen erkennen, daß der Kampf auf dem
Weltmärkte mit sehr ungleichen Waffen geführt wird.
Amerika und England sind Deutschland weit voraus, so
daß unter gleichartiger Geschäfts- und Betriebsführung
Deutschland bald vom Weltmärkte zurückgedrängt sein
würde. Bisher ist es aber gelungen, die Stellung dadurch
zu behaupten, daß die Oekonomie des Betriebes ersetzen
mußte, was durch die Ungunst der Verhältnisse entgeht.

Seine jetzige Machtstellung auch auf technischem
Gebiete verdankt unser modernes Eisenhüttenwesen den
großen Verbänden und Syndikaten, in deren Zeichen es
voll und ganz steht. Die Tätigkeit der Syndikate hat sich
darin als segensreich erwiesen, daß eine Stetigkeit der
Erzeugungsmengen und Preise eingetreten ist. Diese Ste-
tigkeit erlaubt technische Verbesserungen auf Grund zu-
verlässiger Kalkulationen einzuführen. Man hat zuerst
befürchtet, daß durch das Ausschalten des Wettbewerbes
— die Verkaufspreise sind für alle Werke die gleichen —
auch der Wettbewerb in technischer Beziehung aufhören
würde; gerade das Gegenteil ist eingetreten. Es kommt
darauf an, welches Werk die besten Einrichtungen und
die sparsamste Betriebsführung und infolgedessen die ge-
ringsten Selbkosten hat. Abgesehen davon muß jedes
        <pb n="14" />
        ﻿12

Werk im Ausblick auf den neuen Vertragsschluß dahin
streben, eine große Erzeugungsmenge leisten zu können
und auf den guten Ruf der eigenen Erzeugnisse zu halten,
um bei Festsetzung der neuen Anteilziffern nicht zu kurz
zu kommen.

Die Syndikate setzen die Preise im Verein mit ande-
ren Syndikaten, z, B, dem Kohlensyndikat, fest, halten
sie aber absichtlich so niedrig, daß nur Werke mit guten
und zeitgemäßen Einrichtungen eine dem Begriff des In-
dustriekapitals angemessene Verzinsung herausbringen
können, und im weiteren Sinne auch nur die Werke,
welche alle erforderlichen Rohstoffe in eigenen Betrieben
herstellen,

So sind in dieser Erwägung die Werke entstanden,
die Kohlen und Erzgruben ihr eigen nennen und meist
auch umfangreiche Werkstätten angegliedert haben, um
ihre Erzeugnisse möglichst handelsfertig abzuliefern. Wirt-
schaftliche und technische Erwägungen haben dazu geführt
den Umfang der Werke zu vergrößern. Vor zehn Jahren
galt eine tägliche Erzeugungsmenge von 1000 t als die
übliche, inzwischen sind aber viele Werke entstanden, die
3000 t täglich erzeugen, in einigen Fällen auf ein und dem-
selben Grundstück.
        <pb n="15" />
        ﻿Technische Vorbemerkung.

Das in dem Gewerbe unter dem Namen Eisen ver-
wandte Metall ist kein Element, sondern eine Legierung;
denn chemisch reines Eisen wird technisch nicht verwertet,
da seine Herstellung einerseits viel zu kostspielig ist,
während andererseits das reine Metall sehr weich und
dabei äußerst schwer schmelzbar ist. In den Eisenlegier-
ungen finden wir fast ausnahmslos Mangan, Silizium,
Phosphor und stets Kohlenstoff, deren Einfluß auf die
chemischen und physikalischen Eigenschaften des Eisens
ein so tief greifender ist, daß die durch ihn bedingten
Unterschiede seit Jahrhunderten die Grundlage bilden für
die Einteilung des Eisens in mehrere Sorten.

Unter Zugrundelegung der Menge und der Art des
in dem Eisen enthaltenen Kohlenstoffs erhalten wir fol-
gende Einteilung:

I. Roheisen, mit mehr als 2°/0 Kohlenstoff, geht beim
Schmelzen aus dem festen unmittelbar in den flüs-
sigen, gießbaren Zustand über; es läßt sich nicht
schmieden.

a)	Weisses Roheisen, der Kohlenstoff ist an das
Eisen chemisch gebunden. Die Legierung ist sehr
hart, spröde, von silberweißer Farbe und wird in
erster Linie zum Zwecke der Umwandlung in
schmiedbares Eisen dargestellt; der Schmelzpunkt
liegt bei etwa 11000 C.

b)	Graues Roheisen, ein mehr oder minder großer
Teil des Kohlenstoffs ist als Graphit oder Temper
Kohle zugegen. Es ist weicher, zäher, von hell-
grauer bis tiefgrauer Farbe und dient zum Teil
ebenfalls zur Umwandlung in schmiedbares Eisen,
        <pb n="16" />
        ﻿14

zum Teil zur Erzeugung von Gußwaren. Der
Schmelzpunkt liegt bei etwa 1200° C,

II. Schmiedbares Eisen, mit weniger als 2 °/0
Kohlenstoff, ist schmiedbar, strengflüssig und geht
beim Schmelzen erst allmählich aus dem festen
über den teigförmigen in den flüssigen Zustand über.
Bei der Einstellung des schmiedbaren Eisens ist man
von zwei verschiedenen Gesichtspunkten ausgegangen:
entweder von der Herstellungsart oder von den chemi-
schen bezw. mechanischen Eigenschaften des Materials.
Im ersteren Falle unterscheidet man zwischen Schweiß-
eisen und Flußeisen, im letzteren zwischen Schmiedeeisen
und Stahl; jedoch sind die beiden letztgenannten Begriffe
nicht feststehend. Die Grenze zwischen ihnen bildete
früher der höhere, die Härtbarkeit des Stahles bedingende
Kohlenstoffgehalt; heute aber, wo so viele Uebergangs-
arten hergestellt werden und es ferner keine scharfen
Grenzen für die Härtbarkeit gibt, ist die alte Einteilungs-
weise nicht mehr scharf aufrecht zu erhalten. Auch die
Versuche den Kohlenstoffgehalt als Kennzeichen für die
Grenze von Eisen und Stahl zu bestimmen, haben nicht
ihren Zweck erreicht, weil dem Eisen durch Zusatz von
gewissen anderen Metallen, z. B. Nickel, Chrom, Mangan,
Wolfram, auch bei geringerem Kohlenstoffgehalt eine
größere Härte erteilt wird. Als weiteres Unterscheidungs-
merkmal hat man dann an einigen Stellen die Zugfestig-
keit eingeführt und nach den Bestimmungen der Preußi-
schen Eisenbahnverwaltung vom Jahre 1889 sowie nach
den Vorschlägen des Deutschen Verbandes für die Mate-
rialprüfungen der Technik alles Material, das mehr als
50 kg Festigkeit für 1 qmm Querschnitt besitzt, als Stahl
bezeichnet; aber auch diese Unterscheidungsgrenze ist
nicht ganz eindeutig, da das Ergebnis der Festigkeitsprü-
fung je nach der thermischen Vorbehandlung und nach
        <pb n="17" />
        ﻿15

der Größe des Probestückes verschieden ausfällt. Trotz
dieser mannigfachen Bestrebungen nach Vereinheitlichung
der Namengebung ist auch heute der Begriff Stahl in der
Praxis noch schwankend, und die Wahl der Bezeichnung
ist mehr oder weniger der Willkür anheimgegeben. Ganz
allgemein spricht man bei uns von „Stahlwerken“ — und
nie von „Flußeisenwerke“ —, selbst dann wenn die be-
treffenden Werke ausschließlich Flußeisen mit einer unter
50 kg/qmm Festigkeit darstellen und im Betriebe spricht
man von „Stahlblöcken" unbekümmert darum, ob das
Material wirklich 50 kg/qmm Festigkeit besitzt oder nicht,
gerade so gut wie die Engländer und Franzosen auch
heute noch einfach steel bezw. acier sagen, gleichviel ob
es sich um ein weiches oder hartes Erzeugnis handelt.

Berücksichtigt man noch die Art der Gewinnung und
den Zustand in dem sich das schmiedbare Eisen am Ende
des Herstellungsverfahrens befindet, so ergeben sich fol-
gende Unterabteilungen: Schweißstahl und Flußstahl, bezw,
Schweißeisen und Flußeisen,

I, Roheisen

nicht schmiedbar, spröde, beim Erhitzen plötzlich schmel-
zend, Gehalt an Kohlenstoff mindestens 2 °/0,

1, Weißes Roheisen,
Der Kohlenstoff ist che-
mich gebunden. Farbe der
Bruchfläche weiß. Härter
und spröder als graues
Roheisen,

2, Graues Roheisen,

Ein Teil des Kohlenstoffs
wird beim Erkalten graphi-
tisch ausgeschieden. Farbe
der Bruchfläche grau.

II. Schmiedbares Eisen.

Schmiedbar und in gewöhnlicher Temperatur weniger
        <pb n="18" />
        ﻿16

spröde als Roheisen, beim Erhitzen allmählich bis zum
Schmelzen erweichend. Gehalt an Kohlenstoff weniger
als 2 %.

1. Schweißeisen u. Schweiß-
stahl

Im nichtflüssigen teigartigen
Zustand erzeugt. Schlacken-
haltig und aus zahlreichen,
einzeln entstandenen zu-
sammengeschweißten Ei-
senkörnern bestehend.

a) Schweißstahl b) Schweiß-
eisen.

2. Flußeisen und Fluß-
stahl,

Im flüssigen Zustand er-
zeugt. Schlackenfrei,

a) Flußstahl b) Flußeisen.
        <pb n="19" />
        ﻿Unser modernes Eisenhüttenwesen zählt eigentlich
erst von dem Zeitpunkte an, als die Eisenerzeugung aus
den Händen des Kleinbetriebes in die der Großindustrie
überging. Man hatte gelernt, das Schmiedeeisen durch ent-
sprechende Behandlung aus Roheisen darzustellen. Doch war
man gezwungen die Eisenerzeugung auf viele Punkte, meist
abgelegene Täler zu verteilen, weil man die nötige Menge
Holzkohle an einem Punkt nicht zusammenbringen konnte.
Von einer Eisengroßindustrie kann man erst sprechen, als
durch die Erfindung des Puddelprozesses die Möglichkeit
geboten war, den Betrieb an einzelnen günstig gelegenen
Plätzen zu konzentrieren. Mit dieser Konzentrierung der
Schweißeisenfabrikation war aber auch wiederum die
Möglichkeit geboten, mehr Geld auf die maschinellen Ein-
richtungen der Hüttenwerke zu verwenden, und damit
war der Zeitpunkt gekommen, die alten „Hämmer“ durch
„Walzwerke“ zu ersetzen, und in der Tat wurden erst
nach der Erfindung des Puddelprozesses wesentliche Fort-
schritte in der Weiterverarbeitung des Eisens erzielt. Bei
uns in Deutschland wurde der Puddelprozeß in den Jahren
1815—20 eingeführt

Als in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich
infolge des Baues der Eisenbahnen ein ungeheuerer Be-
darf an Eisen einstellte, war überall das Streben vorhan-
den, die damaligen Verfahren zur Herstellung schmiedbaren
Eisens zu verbessern und die Erzeugung der vorhandenen
Oefen zu steigern. Trotz jahrzehntelanger Bemühungen
ist es jedoch den Eisenhüttenleuten nicht gelungen eine
gründliche Wandlung herbeizuführen, da ihr Streben nur
darauf ausging, den bereits vorhandenen Puddelprozeß ab-
zukürzen oder die mühselige Handarbeit durch Maschinen-
kraft zu ersetzen.
        <pb n="20" />
        ﻿18

Beim Puddelverfabren kann die Umwandlung von
Roheisen in schmiedbares Eisen nur unter Mitwirkung von
atmosphärischer Luft erfolgen. Henry Bessemer kam nun
im Jahre 1854 auf den Gedanken, diese Einwirkung der
Luft dadurch erheblich kräftiger zu gestalten, daß er
letztere nicht auf das geschmolzene Eisen sondern durch
die flüssige Metallmasse blies. Nach manchen vergeblichen
Versuchen erzielte er auch aus dem Roheisen ein stahl-
artiges brauchbares Produkt; es gelang ihm jedoch erst
1862 die öffentliche Meinung derart umzustimmen, daß der
Bessemerprozeß dem Puddelprozeß ebenbürtig an die Seite
gestellt wurde.

Der unschätzbare Wert dieses neuen Prozesses lag
hauptsächlich darin, daß auf einfache Weise und mit
verhältnismäßig geringen Kosten Eisen und Stahl als Mas-
senprodukt hergestellt wurde. Während in einem Puddel-
ofen in 24 Stunden etwa 3000 bis 4000 kg Eisen erzeugt
werden können, liefert der zum Bessemern dienende Apparat
in der gleichen Zeit wohl das Zweihundertfache an Stahl.
Ein weiterer Vorteil des Windfrischens, wie man das Bes-
semerverfahren auch nennt, ist der, daß es kein beson-
deres Brennmaterial erfordert, denn die in das geschmol-
zene Roheisen hineingeblasene Luft, bezw. deren Sauer-
stoff, bewirkt eine so rasche Verbrennung der zu entfernen-
den Bestandteile des Roheisens, daß die dadurch erzeugte
Wärme groß genug ist, um das gereinigte Metall längere
Zeit flüssig zu erhalten. Ein dritter, nicht zu unterschätzen-
der Vorteil besteht endlich darin, daß die schwere Hand-
arbeit, die einen Hauptfaktor des Puddelverfahrens bildet,
hier ganz wegfällt, sodaß man hinsichtlich der Güte des
Endproduktes nicht mehr von der Geschicklichkeit des ein-
zelnen Arbeiters abhängig ist.

In Deutschland wurde das erste Bessemerwerk im
Jahre 1862 von der Firma Krupp in Betrieb gesetzt. Doch
        <pb n="21" />
        ﻿19

auch an anderen Stellen erlangte das neue Verfahren
größere Ausdehnung, sodaß im Jahre 1867 schon 22 Kon-
verter mit einer jährlichen Erzeugungsmöglichkeit von
73000 t im Betrieb waren.

Nach den ersten Erfolgen Bessemers war man allge-
mein der Ansicht, daß sein Verfahren für den Puddel-
prozeß den baldigen Untergang bedeute, zumal im Jahre
1870 Bessemers Patent erlosch, und die Flußeisenerzeugung
dadurch einen weiteren großen Aufschwung nahm. Doch
auch hier wurde dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in
den Himmel wachsen. Vor allem stellte sich die Ansicht
Bessemers, aus jedem Roheisen sei guter Stahl zu er-
zeugen, als Irrtum heraus, denn es war unmöglich den
Phosphor in der Bessemerbirne aus dem Roheisen zu ent-
fernen, und somit kam die Erfindung nur den Ländern zu
gute, die phosphorarme Eizenerze sogenannte Bessemererze,
besitzen. Deutschland besitzt keine Bessemererze, wäh-
rend England an der Westküste große Lager von geeigne-
ten Erzen aufweist, sodaß die Möglichkeit vorhanden war,
die Eisenerzeugung in England in ungeahntem Maße aus-
zudehnen und eine Zeitlang einen gewaltigen Vorsprung
vor den anderen Ländern zu erlangen. In Amerika lagen
die Verhältnisse für die Ausführung des Bessemerprozesses
noch günstiger als in England. Infolgedessen die Ausbrei-
tung dieses Verfahrens, wenn auch später als in England,
einen immer größeren Umfang annahm, was schließlich
dahin führte, daß Amerika im Jahre 1886 England in der ’’
Erzeugung von Flußstahl überholte und den ersten Platz
in der Reihe der Eisen und Stahl erzeugenden Länder ein-
nahm, den es aller Voraussicht nach auch auf die Dauer
behalten wird. Deutschland mußte die Bessemererze ent-
weder einführen oder es mußte von England Bessemerroh-
eisen beziehen, wodurch die englische Roheiseneinfuhr
stark in die Höhe ging.
        <pb n="22" />
        ﻿20

Man war deshalb schon bald in Deutschland bestrebt,
den Phosphor, dessen Abscheidung in der Birne als un-
möglich erkannt war, durch eine Vorbehandlung des Roh-
eisens in die Schlacke überzuführen, wobei auch gute Er-
folge erzielt wurden. Doch wurden diese Verfahren nicht
weiter ausgebildet, da sie durch die endliche Lösung des
Problems überholt wurden.

Im Jahre 1879 gelang es dem englischen Ingenieur
Thomas, Roheisen in der Bessemerbirne zu entphosphoren,
indem er das bis dahin hauptsächlich aus Kieselsäure be-
stehende sauere Futter der Birne durch ein basisches aus
Aetzkalk bestehendes ersetzte; später verwandte er an-
stelle des Aetzkalkes gebrannten Dolomit. Ferner gab
Thomas zu Beginn des Prozesses gebrannten Kalk in die
Birne, um die entstandene Phosphorsäure zu binden.

In Deutschland erkannte man sofort die Wichtigkeit
des Entphosphorungsverfahrens für die heimischen Verhält-
nisse. Denn in Lothringen und dem in Deutschland zoll-
politisch vereinigten Luxemburg waren ungeheure Mengen
phosphorhaltiger Eisenerze vorhanden, die bisher wenig
Beachtung finden konnten, trotzdem der Abbau wenig
Schwierigkeiten bot. Nunmehr trat mit einem Schlage eine
Aenderung in der Sachlage ein. Schon vier Jahre nach
der Erfindung waren in Deutschland 41 Thomasbirnen mit
basischer Auskleidung im Gebrauch. Im Jahre 1884 wurde
die Bessemerstahlerzeugung bereits überholt und 1887 wur-
den in Deutschland bereits 800000 t Thomasstahl mehr
erzeugt als Bessemerstahl. Die Gesamterzeugung gestaltete
sich in den ersten 12 Jahren nach der Erfindung von
Thomas folgendermaßen:

	Bessemerstahl	Thomasstahl
1879	465 000	1 782
1880	678 953	18180
1881	509 400	200000
        <pb n="23" />
        ﻿21

	Bessemerstahl	Thomasstahl
1882	687 324	235 132
1883	396 745	328 908
1884	388 876	440 000
1885	378 814	548 212
1886	341 142	784 212
1887	345 642	1 167 702
1888	316 702	1 137 632
1889	324 392	1 305 887
1890	350 862	1 493157

Auch die Auwendung des Schweißeisens wurde durch
die Ausbreitung des Thomasprozesses immer mehr zurück-
gedrängt und schon im Jahre 1886 hielt sich die Produk-
tion an Flußeisen und Schweißeisen die Wage. Das
Thomasmetall hat zur Verdrängung des Schweißeisens in
viel höherem Maße beigetragen als das Bessemermetall,
und zwar aus dem Grunde, weil es in dem basischen Kon-
verter eher möglich ist, ein weiches zähes, dem Schweiß-
eisen in seinen Eigenschaften näher stehendes Material
herzustellen, als in dem saueren Bessemerkonverter, Im
Laufe der Jahre hat man es verstanden die Qualität des
Thomas-Flußeisens mehr und mehr derart zu verbessern,
daß man imstande war ein Produkt herzustellen, das dem
Bessemerflußeisen an Zähigkeit überlegen und in viel höhe-
rem Maße als Konstruktionsmaterial geeignet ist.

Anfänglich waren die Erzeugungskosten des Thomas-
flußeisens höher als diejenigen des Bessemerflußeisens, weil
der Abbrand in der basischen Birne größer ist, und die
Herstellung des basischen Futters mehr Kosten erfordert,
als die der sauren Auskleidung. Ferner kam noch der Zu-
schlag an Kalk beim basischen Prozeß inbetracht. Durch
die vielseitigen und weitgehenden Erfahrungen wurden die
Umwandlungskosten heruntergedrückt, namentlich dadurch
daß man in der phosphorsäurehaltigen Schlacke ein wert-
        <pb n="24" />
        ﻿22

volles Nebenprodukt erkannte, das durch einfaches Mahlen
in ein gesuchtes Düngemittel übergeführt werden kann.
Man war in Deutschland imstande, das Thomasflußeisen
wesentlich billiger herzustellen als in England das Bessemer-
flußeisen und nicht nur den deutschen Markt unabhängig
von englischem Material zu machen, sondern auch ganz
beträchtliche Mengen Flußeisen auszuführen und dadurch
die Erzeugung derart zu vergrößern, daß Deutschland im
Jahre 1893 an die zweite Stelle der Flußeisen erzeugenden
Länder unter Ueberflügelung von England trat und diesen
Platz bis heute behauptet hat.

Neben dem Bessemer- und Thomasprozeß hat sich
ein anderes wichtiges Verfahren zur Darstellung von Fluß-
eisen ausgebildet, bei welchem die Darstellung auf dem
Herde eines Flammofens erfolgt, nämlich das Siemens-
Martin- oder Herdfrischverfahren. Die ersten Versuche,
Flußeisen bezw. Flußstahl durch Zusammschmelzen von
Roheisen und wenig Kohlenstoff enthaltendem Schmiede-
eisen im Flammofen zu erzeugen, wurden schon in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgeführt. Diese Ver-
suche hatten aber erst ein befriedigendes Ergebnis als
Friedrich und Wilhelm Siemens mit ihrer neuen Ofenkon-
struktion durch Einführung der Gasfeuerung und Wieder-
gewinnung der Abgashitze in Wärmespeichern es möglich
gemacht hatten, im Flammofen eine erheblich höhere
Temperatur als zuvor zu erreichen. Als dann im Jahre
1865 Emil und Pierre Martin sich entschlossen, diese neue
Feuerungsart bei ihren Versuchen in Sireuil zur Anwen-
dung zu bringen, hatten sie einen wirklichen Erfolg zu
verzeichnen.

Den Herd des Martinofens kann man — in derselben
Weise wie die Birne beim Windfrischverfahren — mit
saurer Masse oder auch mit einer basischen Masse aus-
kleiden. Wegen der Möglichkeit, auf dem basischen Herde
        <pb n="25" />
        ﻿23

den Phosphor aus dem Bade abscheiden zu können, wird
die basische Zustellung weitaus am meisten angewandt;
den sauer zugestellten Ofen benutzt man fast nur noch
zur Formgußdarstellung.

Die in dem Martinofen sich abspielenden Prozesse
beruhen auf einem Frischvorgang, indem der in den Gasen
enthaltene Sauerstoff mit Hilfe der sich bildenden Schlacke
auf die Fremdkörper des Eisens oxydierend einwirkt. In
der ersten Zeit seiner Entstehung wurde das Martinver-
fahren nur dazu benutzt, die bei der Weiterverarbeitung
des Eisens im Betriebe in grossen Mengen entstehenden
Abfallstücke, den sogenannten Schrott durch Einschmelzen
mit Zusatz von Roheisen wieder zu verwerten. Bei seiner
weiteren Entwicklung hat sich das Verfahren aber allmäh-
lich zu einem selbständigen Frischverfahren ausgebildet
und steht heute in seiner Bedeutung für die Erzeugung
von Flußeisen dem Windfrischverfahren nicht nach.

Und da ist der seltsame Fall eingetreten, daß heute
nicht mehr wie einst das Roheisen der einzige Stoff ist,
aus dem man Stahl macht, sondern daß dasselbe einen
Mitbewerber bekommen hat, welcher an Kraft so stark
wächst, daß er in wenigen Jahren von gleicher Stärke
sein wird. Dieser starke Mitbewerber ist der von Jahr
zu Jahr in immer größeren Mengen auf dem Markte er-
scheinende Schrott, der gerade für das Martinverfahren,
das in absehbarer Zeit wohl das wichtigere Verfahren zur
Massenstahlerzeugung sein wird, so ungeheuere Bedeutung
erlangt hat. Zwar hat man stets in den Eisengießereien
Altguß eingeschmolzen um neue Gußwaren daraus zu er-
zeugen; allerdings hat man stets Schweißeisenschrott mit
Schweißeisendraht zu Packen zusammengeschnürt und
diese dann im Schweißofen geglüht und unter dem Wasser-
und Fausthammer ja selbst unter der Walze zu neuen
Erzeugnissen ausgearbeitet. Doch hat die Wiederumar-
        <pb n="26" />
        ﻿24

beitung alten Stahles zu neuen Stahlerzeugnissen neben
der Herstellung von Neustahl aus Roheisen früher nie
eine erhebliche Rolle gespielt. Dazu ist das Auftreten des
Stahles als eines Massenerzeugnisses ja viel zu jung. Erst
nachdem überhaupt der Stahl in Deutschland zu stärkerer
Verwendung gekommen war, konnte die Frage auftauchen,
einstmals verbrauchten Stahl nach seiner Abnutzung, nach
seiner Umwandlung in Stahlschrott, zur Neuverwendung
umzuschmelzen. Solange keine nennenswerte Mengen
Flußstahlschrott vorhanden waren, mußte naturgemäß die
Ausbreitung des Martinverfahrens eine sehr langsame sein.
So blieben ihm denn in Deutschland lange die engsten
Grenzen gezogen und sie mußten es solange bleiben, bis
der Lauf der Jahrzehnte die großen Mengen Flußstahl,
welche der Stahlverbrauch der siebziger, achtziger und
neunziger Jahre im Lande geschluckt hatte, als verbrauch-
ten Stahl, als Altstahl, als Altschrott wieder ausstieß und
auf den Markt brachte. Dies geschah aber erst seit dem
Jahre 1890 und bildete sich erst unter dem Einflüsse des
Thomasprozesses ins Große aus.

Der Bessemerstahl ist, solange er auch die deutsche
Stahlerzeugung beherrscht hat, in Deutschland nie ein
Massenerzeugnis im heutigen Sinne gewesen. Erst mit
dem Jahre 1887, in welchem die Produktion von Thomas-
stahl eine Million Tonnen erreichte, setzt die Massenstahl-
erzeugung im deutschen Reiche ein; von da an beherrscht
der Thomasstahl das Feld, Er überstieg 1892 2, 1896 3,
1904 4, 1903 5, 1905 6 und 1907 7 Millionen Tonnen. Durch
diese seine Riesenentwicklung baute er sich jedoch selbst
einen Damm, der seine künftige Ausdehnung einst auf-
halten mußte. Bei dem raschen Verschleisse, dem z. B.
Eisenbahnschienen an stark befahrenen Stellen unterwor-
fen sind, bei der raschen Folge, in der Eisenkonstruktionen
durch modernere abgelöst werden, in der Maschinen ver-
        <pb n="27" />
        ﻿25

alten und Gebrauchseisen zum Trödler wandert, mußten
entsprechend dem im Laufe der Jahrzehnte zunehmenden
Eisenverbrauche eine gewisse Spanne Zeit später auch
ähnliche zunehmende Schrottmengen auf den Markt kom-
men. Diese immer mehr anwachsenden Schrottmengen
bilden dann die Grundlage zu der in gleichem Maße wach-
senden Martinstahlerzeugung. Die Eisengießereien kauften
von jeher größere Mengen Alteisen auf, um sie im Kupol-
ofen mit Roheisen vermischt wieder einzuschmelzen. Aber
der Bedarf der Gießereien, der sich heute auf etwa 5 bis
700000 t beläuft, ist bei weitem nicht groß genug, um
alles Alteisen aufzunehmen. So bauten denn die Eisen-
werke zu Beginn kleinere Martinöfen und schmolzen darin
das in ihren Betrieben fallende Abfalleisen, den sogenann-
ten Hüttenneuschrott, selbst wieder um, wenn es keine
Verwertung als Zusatz für zu heiß geblasene Chargen im
Konverter finden konnte. So finden wir im Jahre 1880
in Deutschland 12 Martinöfen mit einem Fassungsvermögen
von 3—10 t. Natürlich fand das in diesen Oefen darge-
stellte Metall anfänglich nicht die Berücksichtigung eines
nach besonderem Verfahren erschmolzenen Stahles. Erst
als das Angebot von Altschrott dem früheren Eisenver-
brauche entsprechend größer wurde und die der Stahl-
produktion entsprechenden Mengen Hüttenneuschrott immer
mehr anwuchsen, wurde die Anzahl und auch das Fas-
sungsvermögen der Martinöfen immer größer. So haben wir
schon im Jahre 1885 eine Martinstahlerzeugung von 276000 t,
die 10 Jahre später die erste Million Tonnen überstieg. Zu
Beginn des Jahres 1900 finden wir in Deutschland 219 ba-
sische und 23 saure Siemens-Martinöfen, und augenblick-
lich sind auf deutschen Flußeisenwerken 361 Martinöfen
mit einem Gesamtfassungsvermögen von 10117 t im Betrieb,

Mit dieser fortschreitenden Menge der Erzeugung
mußten natürlich auch die Bauart und die Einrichtungen
        <pb n="28" />
        ﻿26

der Martinöfen gleichen Schritt halten. So sind jetzt all-
gemein die sogenannten Chargierkrane in Anwendung, wo-
durch eine ganze Anzahl von Arbeitern erspart wird. Zu
Beginn wurde der Schrott in Blechmulden sogenannten
Chargiermulden geladen und von Hand in den Martinofen
eingesetzt; dies wird jetzt alles maschinell besorgt. Magnet-
krane füllen die Chargiermulden mit der erforderlichen
Menge Schrott und diese werden dann von den Chargier-
maschinen in den Ofen entleert.

Die Entwicklung des Martinverfahrens war in den
einzelnen deutschen Industriezentren eine sehr verschie-
dene. Denn die Eisenproduktionsstätten liegen in geo-
graphisch getrennten Gebieten und arbeiten unter sehr
verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Die Oberschlesische Eisenindustrie konzentriert sich
auf die äußerste Ostecke der Provinz Schlesien. Ihre
Grundlage war außerordentlich günstig, denn inmitten un-
geheurer Kohlenfelder fanden sich auch reichliche Erzvor-
kommen. Der Kohlenreichtum Oberschlesiens ist derart
groß, daß er allein ausreicht, um Deutschland noch auf
800—1000 Jahre mit Brennmaterial zu versorgen. Auf
solcher Basis entwickelte sich dann die oberschlesische
Eisenindustrie ständig ansteigend, allerdings nicht in der
rapiden Art wie in anderen deutschen Industriegebieten.
Sie nahm auch Teil an den großen Erfindungen mit ihren
Neuerungen auf dem Gebiete der Eisenhüttenkunde, zumal
bei der Schweißeisenbereitung. Die Darstellung des
schmiedbaren Eisens entwickelte sich gerade in Ober-
schlesien zu ziemlich hoher Blüte, da ja die Ausgangspro-
dukte Kohle und Erz in genügender Menge vorhanden
waren und ohne große Frachten herbeigeschafft werden
konnten. Anders wurde es jedoch, als die Verfahren von
Thomas und Bessemer in Deutschland Eingang fanden.
Wenn auch damals die in Schlesien geförderten Erzmengen
        <pb n="29" />
        ﻿27

ausreichten, um den Eigenverbrauch zu decken, so konn-
ten sie doch für die neuen Erfindungen, nicht nutzbar
gemacht werden, Denn der Phosphorgehalt der in Ober-
schlesien hauptsächlich geförderten Brauneisensteine ist
für das Bessemerverfahren zu hoch und für das Thomas-
verfahren zu niedrig. Heute reichen die im Industriebe-
zirke Schlesiens gegrabenen Erze bei weitem nicht mehr
aus, um den Selbstbedarf zu decken und machen nur
noch den vierten Teil des oberschlesischen Erzverbrauches
aus. Bei dem großen Erzmangel werden verhältnismäßig
viele andere eisenhaltige Schmelzmaterialien im Hochofen
verhüttet, z. B, Schlacken, Walzensinter und Eisenschrott,

Da auf diesen Erzsurrogaten für Oberschlesien hohe
Frachtsätze liegen, so war es für diesen Industriebezirk
bedeutend wirtschaftlicher, diese Materialien, vor allem
den Eisenschrott, nicht erst im Hochofen durch Zusatz
von phosphorhaltigen Rasenerzen zu Thomasroheisen um-
zuschmelzen, sondern gleich im Martinofen zu Stahl um-
zuarbeiten, So fand denn das Martinverfahren in Ober-
schlesien rasch Eingang und wurde für die dortige Stahl-
erzeugung von maßgebender Bedeutung, Auf den sämt-
lichen 10 vorhandenen Flußeisenwerken geschieht die
Stahlfabrikation im Martinofen; allerdings sind auf zwei
von diesen Werken neben den Martinöfen auch noch
Thomaskonverter im Betrieb. Im Ganzen sind 46 Oefen
mit einem Gesamtfassungsvermögen von 1185 Tonnen in
Oberschlesien vorhanden.

In Westdeutschland gestaltete sich die Entwicklung
der Eisenindustrie ganz anders, und zwar sind dort wieder
zwei Bezirke gesondert zu behandeln. Dies sind der
Saar-Lothringer-Luxemburger-Bezirk einerseits und der
niederrheinisch-westfälische Bezirk andererseits. Da früher
als Brennstoff im wesentlichen nur Holzkohle bei der Ver-
hüttung von Erzen in Betracht kam, so war die Grund-
        <pb n="30" />
        ﻿28

läge für die Entwicklung der Eisenindustrie in doppelter
Weise dort gegeben, wo Erze in waldreichen Gegenden
sich fanden. Dies war insbesondere in dem heutigen
Westdeutschland in den Gebirgsgegenden der Eifel, des
Hunsrücks und des bergischen Nassau der Fall. Dort fin-
den wir schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts Namen von
Hüttenbesitzern, die auch heute in der Eisenindustrie noch
eine namhafte Rolle spielen. Auch in Lothringen, wo sich
das größte bekannte Eisenerzlager Europas vorfindet,
lassen sich die Anfänge der Eisenindustrie weit zurück
verfolgen.

Nicht soweit reicht die Entwicklung der Industrie im
rheinisch-westfälischen Kohlenrevier zurück, Wohl ist in
diesem volkreichen Gebiet die Eisenverarbeitung seit Jahr-
hunderten von großer Bedeutung. Aber das Eisen, das
man hier verarbeitete, wurde größtenteils von außerhalb,
aus Schweden und aus dem Siegerland bezogen. Die
Eisenindustrie beginnt hier erst und zwar in sehr beschei-
denen Anfängen gegen Mitte des 18, Jahrhunderts. Doch
bald reichte das Erz und vor allem das Holzvorkommen
nicht mehr aus. Man mußte also auch wie in den ande-
ren Industriebezirken versuchen die Holzkohle durch aus
Steinkohle erzeugten Koks zu ersetzen. Während in
Schlesien schon 1796 der erste Kokshochofen erbaut wor-
den war, gelang es in Niederrheinland-Westfalen den ersten
brauchbaren Koksofen erst 50 Jahre später in Betrieb zu
setzen. Damit war die bisher fehlende Verbindung zwi-
schen Eisenindustrie und Steinkohlenindustrie auf deut-
schem Boden in vollem Maße hergestellt. Der Ruhrbezirk
war nun zum natürlichen Heimatboden für die Eisenindu-
strie geworden. Dort setzte die Entwicklung alsbald kräf-
tig ein und die deutsche Unternehmungslust konnte sich
mächtig entfalten, zumal noch viel nachzuholen war. So
nahm die Eisenindustrie in Rheinland und Westfalen einen
        <pb n="31" />
        ﻿29

fast stürmischen Aufschwung, der noch gewaltiger wurde
mit der Erfindung des Thomasverfahrens. Da es sich hier-
bei um ein Stahlbereitungsverfahren handelt so wuchs denn
auch die Stahlproduktion weit schneller als die Roheisen-
erzeugung. Das bis dahin in hoher Blüte gestandene
Puddelverfahren wurde nur noch auf ganz wenige Spe-
zialitäten beschränkt, und das Bessemerverfahren wurde
auch weiter zurückgedrängt, da es immer schwieriger für
die westdeutsche Industrie wurde die hierzu erforderlichen
Erze zu beschaffen, während für das Thomasverfahren ge-
eignete Erze aus Lothringen-Luxemburg und vor allem
aus Schweden in hinreichender Menge angeboten wurden.

Seitdem in der deutschen Eisenindustrie der Stahl
seine vorherrschende Stellung gewonnen hat, entwickelte
sich in dem westdeutschen Industriegebiete ein ziemlich
scharfer Konkurrenzkampf zwischen der nordwestlichen
Gruppe Niederrhein-Westfalen einerseits und der südwest-
lichen Gruppe Saargebiet-Lothringen-Luxemburg anderer-
seits. Im Südwesten fanden sich bis zur Mitte der 90er
Jahre fast ausschließlich reine Hochofenwerke, die das
erzeugte Roheisen in der Hauptsache versandten, nur ein
ganz geringer Teil wurde zu Stahl weiter verarbeitet. Im
Ruhrbezirk standen diesen reinen Hochofenwerken gleich-
zeitig eine ganze Reihe reiner Stahl- und Walzwerke
gegenüber, die keine Erze aus der Ferne bezogen, sondern
Roheisen ankauften.

Solange der Südwesten und Nordwesten im Verhält-
nis von Käufer und Verkäufer zueinander standen, be-
stand weniger ein Wettbewerb. Dies wurde jedoch anders,
als man in Lothringen anfing die Werke zur Weiterver-
arbeitung des Roheisens auszubauen. Mit dem Entstehen
der gewaltigen Stahlwerke im Südwesten, sah sich Nieder-
rheinland und Westfalen gezwungen, die Werke auch zu
erweitern, oder umzubauen. So entstehen in den 90er
        <pb n="32" />
        ﻿— 30

Jahren und um die Jahrhundertwende am Rhein und der
Ruhr die großen modernen Hochofenwerke und die Um-
bauten der alten Werke. Auf diese Weise machten sich
die nordwestlichen Werke unabhängig vom Roheisenbezug
und der Südwesten trat mit ihnen in Wettbewerb, indem
er dieselben Fertigprodukte auf den Markt brachte. Da-
mit trat der Absatzgesichtspunkt dem Gesichtspunkt des
Rohstoffbezuges gegenüber beherrschend in den Vorder-
grund. Während nun der Nordwesten die möglichst gün-
stigsten Absatzverhältnisse hat, so ist die südwestliche
Eisenindustrie ohne aufnahmefähigen Markt in der Nähe
und muß ihren Absatz in der Ferne suchen, was ihr da-
durch erschwert wird, daß ihr kein brauchbarer Wasser-
weg zur Verfügung steht und im Westen die französische
Zollbarriere ihr den Zugang verwehrt.

Daher war die südwestliche Industrie schon seit
Jahren bestrebt, eine geeignete Wasserstraße für den Ab-
satz ihrer Erzeugnisse nutzbar zu machen. Als solche
kamen in erster Linie die Saar und Mosel in Betracht und
das Bemühen der Industriellen ging dahin, die Regierung
für die Kanalisierung dieser beiden Flüsse zu gewinnen.

Für die südwestdeutsche Industrie ist die Kanalisie-
rung von Mosel und Saar von größter Bedeutung. Dieser
Erkenntnis ist von maßgebender Seite immer wieder Aus-
druck verliehen worden. Noch im Jahre 1902 betrug der
Anteil Südwestdeutschlands an der gesamten Roheisener-
zeugung 39,72 70, der Anteil Rheinland-Westfalen 38,69 %!
im Jahre 1911 hingegen war der südwestdeutsche auf
37,60 % gesunken, der rheinisch-westfälische Anteil auf
43,97 % gestiegen. In diesenZiffern spiegelt sich deutlich
das verhältnismässige Zurückbleiben der südwestdeutschen
Eisenindustrie wieder. Die Kanalisierung der Mosel und
Saar ist freilich nicht nur für die Industrie, sondern auch
für Handel, Schiffahrt und namentlich für die Landwirt-
        <pb n="33" />
        ﻿31 —

schaft der beteiligten Wirtschaftsgebiete geradezu eine
Lebensfrage. Ueberdies war die Korrektion der Mosel
bereits durch Artikel 14 des Frankfurter Friedens vom
10, Mai 1871 ausdrücklich festgelegt worden, denn es hieß
darin folgendermaßen:

„Jede der vertragschließenden Parteien wird auf
„ihrem Gebiete die zur Kanalisierung der Mosel
„unternommenen Arbeiten fortführen.1'

Der Provinziallandtag der Rheinprovinz sprach sich in
gleichem Sinne am 12. Dezember 1890 dahin aus, daß die
Ausführung dieser Projekte als eine der Landwirtschaft
wie dem Weinbau an der Mosel und dem Rhein nützliche,
dem Handel und Gewerbe dieser Gegenden in hohem
Maße fördersame und der Industrie derselben dringend
benötigte Verkehrsverbesserung zu erachten sei. Diese
Frage entstammt also nicht erst der unmittelbaren Gegen-
wart, sie hat schon seit einem halben Jahrhundert die
Geister erregt. Der wichtigste Grund aber, der sich für
die Kanalisierung beider Flüsse anführen läßt, liegt darin,
daß durch Herstellung einer leistungsfähigen Wasserstraße
zwischen dem größten deutschen Kohlenbecken in Nieder-
rheinland-Westfalen und den wichtigsten deutschen Erz-
lagerstätten in Lothringen vermittels des größten Neben-
flusses der bedeutendsten Wasserverkehrsader Europas
gleichsam ein natürlicher Austausch herbeigeführt werden
würde. Die Eisenindustrie des Reiches ist schon ohnehin
trotz unseres unbestreitbaren natürlichen Reichtums an
Eisenerzen in hohem Grade auf die ausländische Eisen-
erzzufuhr angewiesen; daher müßte zum mindesten dahin
gewirkt werden, daß das gewaltige Lothringische Erzre-
servoir nach Gebühr ausgenutzt werden könnte.

Schon aus den vorstehend angeführten Gründen er-
hellt, welche große Bedeutung die Moselkanalisierung für
die südwestdeutsche Eisenindustrie im’ besonderen und in
        <pb n="34" />
        ﻿32

wirtschaftlicher Hinsicht für das Reich im allgemeinen hat.
Es ist eigentlich bedauerlich, daß dieses wirtschaftspoli-
tische Problem im Reichstag nicht das richtige Verständnis
fand. Jede Hebung des Verkehrs in einer Gegend mit
natürlichem Reichtum und regsamer Bevölkerung muß der
gesamten Volkswirtschaft schließlich zugute kommen. Die
Gründe, welche wegen Befürchtung verminderter Exsenbahn-
erträge vom Ministertische dagegen geltend gemacht wur-
den, erscheinen bei näherer Prüfung kaum recht stichhaltig.
So äußerte sich der preußische Eisenbabnminister, Herr
von Breitenbach, am 7. April 1910 im preußischen Ab-
geordnetenhause zu dieser Frage folgendermaßen:

„Wenn auch nicht allein ausschlaggebend, so doch
„wesentlich mitbestimmend für die Entscheidung der
„Frage der Kanalisierung von Mosel und Saar sind
„die Rückwirkuagen auf die Einnahmen der Staats-
„eisenbahnverwaltung. Diese Wirkungen haben auf
„Grund der vorhandenen Unterlagen von der Staats-
„regierung allein ermittelt werden können. Nach dem
„Ergebnis der Ermittelungen würde die Kanalisierung
„der Mosel und Saar so erhebliche Ausfälle in den
„Einnahmen der Staatseisenbahnverwaltung nach sich
„ziehen, daß sie bei der jetzigen Finanzlage ohne Er-
schütterung der Staatsfinanzen nicht ertragen werden
„können.

Selbstverständlich wird man es begreiflich finden, daß sich
der Minister dagegen verwahrt hat, die gesteigerten Aus-
gaben für ein verhältnismäßig kleines Gebiet des Preußi-
schen Staates durch eine die Allgemeinheit treffende Steuer
zu decken, aber als werbende Anleihe würde sich ein der-
artiges Unternehmen jederzeit verzinsen und amortisieren
lassen. Die preußische Regierung hat indessen ausschließ-
lich den eisenbahnfiskalischen Gesichtspunkt in den Vorder-
grund geschoben, denn wenige Wochen nach jener mini-
        <pb n="35" />
        ﻿33

steriellen Aeußerung erklärte an gleicher Stelle der stell-
vertretende Unterstaatssekretär:

„Durch die Moselkanalisierung wird ein Eisenbahn-
„kapital von 700 Millionen brachgelegt; das ist doch
„keine Bagatelle.

Als dann im vergangenen Jahre im Preussischen Ab-
geordnetenhause die Frage nochmals angeschnitten wurde,
führte Herr von Breitenbach wiederum folgendes aus:

„Nach der finanziellen Seite kann angenommen wer-
„den, daß das Unternehmen sich nicht selbst finan-
„ ziert, wenngleich auch hierbei immer noch einige
„Items sind, vielleicht sehr große Fragezeichen, da
„noch kein Mensch weiß, ob die 4 Millionen Tonnen
„Koks, die heute von der Ruhr nach dem Südwesten
„gehen, in der Tat mit Rücksicht auf die ja bekann-
ten Schädigungen, die der Koks beim Umladen er-
fährt, den Wasserweg aufsuchen können. Diese
„Frage ist nicht völlig geklärt.

Der Kapitalausfall von 700 Millionen Mark ist regie-
rungsseitig dadurch errechnet worden, daß ein jährlicher
Nettoausfall an Eisenbahneinnahmen von 24 Millionen
Mark angenommen wurde. Man hat also eine Verzinsung
des preussischen Eisenbahnkapitals von 3,4 °/0 in Ansatz ge-
bracht. In Wirklichkeit beträgt die Verzinsung in der
Gegenwart etwa 6 %; das ausfallende Kapital würde so-
mit nur auf 400 Millionen Mark zu berechnen sein, wo-
von noch überdies 100 Millionen auf die Reichslande ent-
fallen würden. Dabei ist noch keineswegs berücksichtigt
worden, wieviel die voraussichtliche Verkehrsvermehrung
dem Preussischen Staate einbringen würde.

Von besonders großer Bedeutung ist die schon be-
rührte Frage der Eisenerzgewinnung. Das Deutsche Reich
bezog im Jahre 1902 3,9 Millionen Tonnen fremde Eisen-
erze im Werte von 69,2 Millionen Mark, im Jahre 1910
        <pb n="36" />
        ﻿34

9,8 Millionen Tonnen im Werte von 148,2 Millionen Mark,
Diese Zahlen beweisen auf das deutlichste wie sehr unser
Vaterland von der ausländischen Eisenerzeinfuhr abhängig
ist und wie wir unter allen Umständen das auszunutzen
gezwungen sind, was sich uns an Eisenerzen auf dem
deutschen Boden darbietet. Man sollte die Lothringische
Eisenerzgewinnung nicht so gering einschätzen, denn die-
selbe stieg von 8,7 Millionen Tonnen im Jahre 1902 auf
16,6 Millionen im Jahre 1910, Nebenbei kommt noch in-
betracht, daß auch in Französisch-Lothringen in den letz-
ten Jahren große Erzfunde gemacht wurden. Im Jahre
1908 sollen aus ganz Frankreich schon 925 000 t nach dem
Deutschen Reiche ausgeführt worden sein; für die letzt-
verflossenen Jahre liegt leider einstweilen keine amtliche
Schätzung französischerseits vor. Es sind also nahmhafte
weltwirtschaftliche Gründe, die sich für die Kanalisierung
der Mosel und der Saar anführen lassen.

Die ausserordentlich ungünstigen Transportverhält-
nisse des niederdeutschen Eisenindustriegebietes sind auch
von einschneidender Bedeutung auf die Herstellungsart
des Stahles gewesen. Das Bessemerverfahren hat im
Südwesten nie Eingang gefunden, da die dort verhütteten
Erze hoch phosphorhaltig sind und somit dieses Verfahren
nicht zulassen. Anders steht es mit dem Thomasverfahren,
Die lothringische Minette schien eigens für diese Herstel-
lungsart geschaffen und die Entwicklung in der modernen
Stahlproduktion nahm einen ausserordentlich stürmischen
Aufschwung, Die meisten Saarwerke erbauten meistens
direkt im Erzgebiete Lothringens neue Hochofenwerke,
sodaß die Roheisenerzeugung im Laufe von 10 Jahren um
über 100 °/0 stieg. Auch im Roheisenversand trat eine
Aenderung ein. Wenn er auch noch immer stieg, so ge-
schah dies doch nicht mehr im gleichen Verhältnis zur
Produktion wie früher, sondern der Selbstverbrauch an
        <pb n="37" />
        ﻿35

Roheisen in den Stahlwerken nahm in weit stärkerem
Maße zu. Während nun an der Mosel die Flußeisenwerke
fast ausschließlich ihren Stahl im Konverter herstellen,
sind an der Saar einige Werke mit Martinöfen entstanden.
Da aber, wie oben schon erwähnt, für diese Werke sich
die Frachtkosten für die Rohstoffe zur Erzeugung des
Martinstahles, und zwar in erster Linie für Schrott, äußerst
hoch stellen, so sind es auch nur Werke, die Spezialfab-
rikate erzeugen, wie das Dillingerwerk mit seinen Panzer-
platten und die Mannesmannwerken mit ihren Röhren und
andere Werke, die neben dem Thomasstahl noch bessere
Qualitäten von Flußstahl erzeugen. So finden wir in Lu-
xemburg, in Lothringen und an der Saar im ganzen 34
Martinöfen mit einem Gesamtfassungsvermögen von 834
Tonnen,

Da nun in sämtlichen Flußeisenwerken jährlich eine
ziemlich große Menge Schrott entsteht, — man rechnet
10 °/n der Gesamterzeugnisse — so sind die meisten Werke
des Südwestens gezwungen, diesen für die Stahlbereitung
sehr gesuchten Rohstoff wieder zu verkaufen. Und so
erklärt sich auch, daß vier Saarwerke, die ihren Schrott
gemeinsam verkaufen, jährlich ungefähr 100 bis 120 000 t
Hüttenneuschrott in Mannheim umladen und so im Sieger-
land und bei Koblenz die Martinwerke zum Teil mit Roh-
stoffen versorgen.

Weit günstiger gestalten sich die Verhältnisse im
größten deutschen Eisenindustriegebiete in Niederrheinland
und Westfalen. An sich geographisch schon äußerst gün-
stig gelegen, hat man es verstanden die Lage noch wirk-
samer auszubauen.

Da das Saargebiet seit 1902 eine besondere Roh-
stahlstatistik führt, so ergibt eine Zusammenstellung seit
dieser Zeit folgendes Bild:
        <pb n="38" />
        ﻿36

Flußstahlerzeugung des Saargebietes 1902—1911.

Jahr	Deutsches Zoll- gebiet	Saargebiet			
		Thomasstahl	Martin-	Flußroh-	Flußroh-
	Flußrohstahl t	t	stahl t	stahl t	stahl %
1902	7 780 682	773 742	131 005	867 754	11,15
03	8 801 515	898 382	144510	1 001 628	11,38
04	8 930 291	926 621	136 499	1 026 977	11,49
05	10 006 553	1 033 904	174 370	1 156 645	11,55
06	11 135 085	1 140 410	190 374	1 268 507	11,32
07	12 063 632	1 176 461	197 853	1 303 053	10,80
08	11 078 660	968 673	171 805		
09	11 947 992	1 045 009	169 953		
1910	13 579 248	1 148 350	180 737		
11	14 879 919	1 221 301	244 822	•	

Seit 1905 ist auch die Martinstahlerzeugung des
ganzen Südwestens bekannt. Sie wird für das Saarge-
biet von der Handelskammer Saarbrücken und für Loth-
ringen-Luxemburg und die Bairische Pfalz von der süd-
westlichen Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und
Stahlindustrieller geführt. Die Zahlen waren:

	Saargebiet	Bayerische  Pfalz	Lothringen	Luxemburg	Summe
1905	174370	—	88 883	—	263 253
1906	190 374	—	109 801	—	300115
1907	197 853	—	129 321	—	327174
1908	131 805				
1909	169 953				
1910	180 737				
1911	244 822
        <pb n="39" />
        ﻿37

Die Martinstahlerzeugung des Südwestens ist also eine
verschwindende und macht von der gesamten deutschen
Martinstahlerzeugung folgende Bruchteile aus :

	Deutsches Zollgebiet	Südwesten	Vomhundert
1905	3 252 520	263 253	8,09
1906	3 765 280	300175	7,97
1907	4 252 560	327 174	7,69

Schon immer haben die Rheinhäfen an der Ruhrmündung
eine erhebliche Bedeutung für die Eisenindustrie besessen.
So ist denn auch die große Wanderbewegung unserer
Eisenindustrie an den Rhein nichts anders als eine stärkere
Ausnutzung des Hauptvorzuges ihrer geographischen Lage.
Schon in der Mitte des 19, Jahrhunderts haben sich an
der Ruhrmündung die größeren Hüttenwerke angesiedelt,
denen im Laufe der Zeit ein Werk nach dem anderen
folgte, sodaß heute der Schwerpunkt der niederrheinisch-
westfälischen Eisenindustrie an die leistungsfähigste Ver-
kehrsstraße des europäischen Kontinents verlegt ist. Die
Rheinwerke nutzen die Vorteile der Lage dieses In-
dustriebezirks aufs beste aus. Sie vereinigen infolge-
dessen einen immer größeren Anteil der Roheisenerzeug-
ung auf sich.

Auch die östliche Gruppe der niederrheinisch-west-
fälischen Eisenwerke ist der Handelsstraße des Meeres
unmittelbar angeschlossen worden durch den Dortmund-
Ems-Kanal. Die Verbindung zwischen diesem künstlichen
Verkehrsweg und der Eisenindustrie ist noch wirksamer
        <pb n="40" />
        ﻿38

gestaltet worden durch die Industriebahn der Stadt Dort-
mund.

Zu dieser günstigen geographischen Lage tritt noch
hinzu, daß wir im Ruhrgebiet die beste Kokskohle vor-
finden. Gerade die Beschaffenheit des Koks ist für die
Erzeugung des Roheisens äußerst wichtig. Die Ruhrkohle
besitzt nun alle Fähigkeit, die man in der Eisenindustrie
von einer Kokskohle verlangt. Daher finden wir auch
fast auf sämtlichen Hochofenwerken Deutschlands Ruhr-
koks.

Unter diesen günstigen Voraussetzungen konnte sich
naturgemäß eine bedeutende Industrie entwickeln. Hier
hat die deutsche Eisenindustrie sämtliche Wandlungen
durchgemacht. Sämtliche maßgebenden Erfindungen wur-
den hier praktisch erprobt. Wir finden in Westfalen das
Puddelverfahren, aufgebaut auf wissenschaftlichen Unter-
suchungen in der größten Vollendung, Dann kam das
Bessemerverfahren, das hier wohl in Deutschland seine
einzige Heimstätte hatte. Darauf wurde das für Deutsch-
land so außerordentlich nutzbringende Thomasverfahren
eingeführt. Trotz seines englischen Ursprungs fand dieses
Verfahren ausschließlich auf dem Kontinent seine Anwen-
dung und gerade Ingenieure des nordwestdeutschen Indu-
striegebietes verstanden es durch auf wissenschaftlicher
Grundlage ausgeführte Versuche, dasselbe zu einer sehr
großen Vollkommenheit auszubauen. So sind denn auch
am Niederrhein und in Westfalen die Thomaswerke mit
den modernsten Einrichtungen versehen.

Als man dann lernte, aus alten Eisen- und Stahl-
gegenständen im Martinofen neuen Stahl herzustellen, ging
man im niederrheinisch-westfälischen Industriegebiet zuerst
dazu über, dieses Verfahren zur Massendarstellung des
Stahles anzuwenden. Wie oben schon erwähnt, benutzte
        <pb n="41" />
        ﻿39

man anfänglich den Martinofen nur dazu, die im eigenen
Betriebe entstehenden Abfallstücke von Eisen und Stahl
wieder umzuschmelzen. Doch nicht alle Werke bauten
Martinöfen, sondern verkauften ihren Schrott zu billigen
Preisen an die Nachbarwerke. So entstand denn aus dem
Notbehelf allmählich das selbständige Verfahren. Die Be-
dingungen zur weiteren Ausbreitung des Martinverfahrens
waren nun gerade für die niederrheinisch-westfälische
Eisenindustrie die denkbar günstigsten. Denn der Martin-
stahl ist dort am billigsten herzustellen, wo die billigste
Kohle und der meiste und billigste Schrott vorhanden ist.
Diese Rohstoffe weist Niederrheinland und Westfalen in
einzigen Verhältnissen auf. Seine Eisenwerke liegen un-
mittelbar auf der besten deutschen Kohle, zumeist sogar
auf eigener Kohle. Die Menge des Hüttenschrottes be-
stimmt sich nach der Ausdehnung der Herstellung von
Fertigerzeugnissen in den Stahl- und Walzwerken, und
letztere sind in sehr großer Menge vorhanden. Die Größe
der gewerblichen Altschrottmassen richtet sich nach dem
Alter, der Anzahl und der Größe gewerblicher Betriebe,
welche Fabrikhallen, Maschinen und sonstige eiserne Vor-
richtungen benutzen. Die Größe der Eisenbahnschrott-
massen bestimmt sich nach der Ausdehnung, der Dichtig-
keit und der Benutzung des Eisenbahnnetzes. Die Menge
des Haus- und Bauschrottes und Kleinschrottes endlich
bestimmt sich in erster Linie nach der Dichtigkeit der
städtischen Bevölkerung.

Das ganze Niederrheinisch-westfälische Industrie-
gebiet ist von Fabriken übersät. Eine blühende Kohlen-
industrie, Maschinenindustrie, Textilindustrie, chemische
Industrie, Holzindustrie, Lederindustrie ist vorhanden.
Auch ist es von dem dichtesten Eisenbahnnetze bedeckt.
Zahlreiche große Verkehrsstrecken mit unzähligen Gleisen
und Nebenlinien liegen dort nebeneinander. Infolgedessen
        <pb n="42" />
        ﻿40

ist die Eisenbahnschrottmasse im Nordwesten außerordent-
lich groß.

Auf dieser gesunden Grundlage hat denn auch das
Martinverfahren am Niederrhein und in Westfalen einen
gewaltigen Aufschwung genommen und wird wohl in nicht
allzuferner Zeit für diesen Bezirk das einzige Verfahren
bilden zur Massenstahlherstellung. So finden wir denn
unter den dortigen Flußeisenwerken nur ein einziges, das
ausschließlich nach dem Thomasverfahren arbeitet, während
10 Thomasstahl und Martinstahl produzieren, 3 neben
Martinöfen auch noch kleinere Bessemerbirnen in Betrieb
haben und 31 Werke nur Martinstahl erzeugen. Im
Ganzen sind auf diesen Werken vorhanden 9 Besse-
mer und 44 Thomaskonverter, denen 242 Martinöfen
gegenüberstehen mit einem Gesamtfassungsvermögen von
6897 t.

Im Siegerland hat sich neuerdings auch eine blühende
Martinstahlindustrie entwickelt, die jedoch für vorliegende
Arbeit weniger in Betracht kommt, da sie in der Haupt-
sache Roheisen zu Stahl umschmilzt.

Der Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller
stellt seit dem Jahre 1892 Erhebungen an über die Fort-
schritte des Siemens-Martinverfahrens in Deutschland. Seit
1900 scheidet die Stahlstatistik desselben Vereins die Her-
stellung von Flußstahlblöcken nach dem sauren (Bessemer)
und basischen (Thomas-) Verfahren und nach ihrer Er-
zeugung im Konverter und im Siemens-Martinofen und
führt besonders noch Stahlformguß auf.

Nach dieser Statistik, welche seit 1900 unmittelbar
vergleichbar ist, betrug die Erzeugung des deutschen Zoll-
gebietes an
        <pb n="43" />
        ﻿Flußeise nblöcke:

	Martinstahl	%	Thomasstahl	0 /  /0	Bessemer-  stahl	°/o	Stahlform-  guss	°/o	Flußstahl
1894	899111		2 342161						
1895	1 018 807			2 520 396		Für diese Zeit fehlen die Angaben für				
1896	1292 832		 ,	3004 615			Besse	:merst	ahl und St	ahifori	nguss.
1897	1304423	—	3 234 214	—					
1898	1459 159	—	3 606 739	—					
1899	1693 825	—	3 973 225	-					
1900	2145 565	32,28	4141587	62,32	223 063	3,36	135 654	2,04	6 645 869
1901	2 012126	31,46	3 975 070	62,17	299 816	4,69	107 210	1,68	6394222
1902	2 434 219	31,29	4888054	62,81	341 885	4,40	116 524	1,50	7 780 682
1903	2 761 237	31,37	5 473195	62,19	435 327	4,94	131 756	1,50	8 801515
1904	2 828306	31,67	5 525 429	61,87	423 742	4,75	152 814	F71	8 930291
1905	3 252 520	32,31	6 203 706	61.63	424196	4,22	186131	1,84	10 066 553
1906	3 765 280	33,81	6 772 804	60,83	407 688	3,66	189 313	1,70	11135085
1907	4 252 560	35,25	7 212 454	59,79	387120	3,21	211498	1,75	12063 632
1908	4 000 923	36,11	6510 754	58,77	374100	3,38	129 883	1,74	11078 660
1909	4 072 937	34,19	7 512 451	62,89	151148	1,28	206456	1,73	11942 992
1910	5 113 758	37,60	8030571	59,05	171108	1,26	283811	2,09	13 599 248
1911	5 783 024	38,86	8640164	58,07	187 359	1,26	269 372	1,81	14 879 919
        <pb n="44" />
        ﻿42

Aus diesen Zahlen ist deutlich zu sehen, wie das Martin-
verfahren immer weiteren Fuß faßt und dem Thomasver-
fahren scharfe Konkurrenz macht. Während im Jahre
1900 der nach dem letzen Verfahren hergestellte Stahl
noch 62,32 °/n und der Martinstahl 32,28 °/o der gesamten
deutschen Stahlerzeugung ausmacht, hat sich das Bild im
Laufe von 10 Jahren wesentlich verschoben. Zwar be-
trägt die Tonnenzahl der Rohblöcke aus Thomasstahl 1911
das Doppelte derjenigen des Jahres 1900, aber der Anteil
an der Gesamtstahlproduktion beläuft sich nur mehr auf
58,07 %. Anders der Martinstahl; nicht nur daß 1911
über ll/2 Millionen Tonnen mehr als das Doppelte von
1900 hergestellt wurden, sondern auch der prozentuale
Anteil an der ganzen Stahlerzeugung stieg erheblich. Von
32,28 % stieg er auf 38,86 %, also über 6 %• Dazu
kommt noch, daß das Metall zum Stahlformguß in der
Hauptsache auch in Martinöfen hergestellt wird. Der
Bessemerstahl nimmt bei der Gesamtflußstahlproduktion nur
noch eine untergeordnete Stelle ein. Während bis zum
Jahre 1905 wieder ein langsames Wachsen zu verzeichnen
war, ist seitdem ein rapides Fallen der Erzeugungsmengen
zu bemerken. 1911 betrug der Anteil des Bessemerstahles
an der Gesamtproduktion nur noch 1,26 °/0.

Entsprechend der Zunahme der Martinstahlerzeugung
stieg auch die Anzahl der Martinöfen. Im Jahre 1880
finden wir im deutschen Zollgebiet 12 Siemens-Martinöfen,
die ein Fassungsvermögen von 3—10 t pro Ofen hatten.
Basisch zugestellte Oefen waren überhaupt keine vorhan-
den. Während nun die Anzahl der saueren Oefen sich
bis zum Jahre 1900 bloß um 11 vermehrte, waren zu gleicher
Zeit 219 basische Oefen im Betrieb, die einen Fassungs-
raum von 4—30 t auf wiesen. In den zahllosen Eisen- und
Stahlgießereien findet der Martinofen auch Verwendung,
wenn auch dort nur solche mit kleinerem Fassungsvermögen.
        <pb n="45" />
        ﻿43

Wenn man die Gesamtzahl der in Flußeisenwerken und
Gießereien aufgestellten Oefen in Betracht zieht, so weist
das deutsche Zollgebiet in den Jahren 1900 und 1911 fol-
gende Zahlen auf:

Liste der Martinöfen des deutschen Zollgebietes.

	Martinöfen 1900		Martinöfen		1911
	Sauer	Ba' Sa.	Sauer	Ba-	Sa.
		sisch		sisch	
Rheinland Westfalen	48	164 212	62	260	322
Saar, Lothringen, Luxemburg	5	18	23	3	33	36
Oberschlesien	5	32	37	9	48	57
Uebrige Bezirke	12	22	34	19	50	69
Zusammen	70	236 306	93	391	484

Die Entwicklung der Stahlbereitungsverfahren zeigt
in den verschiedenen Ländern ganz auffallende Unterschiede.
Diejenigen Nationen, welche dem Thomasprozeß nicht das
nötige Verständnis entgegenbrachten und am Bessemerver-
fahren festhielten, hatten immer größere Mühe, die erfor-
derlichen Mengen Erz mit dem nötigen geringen Phosphor-
gehalt zu beschaffen, so daß ganz allmählich der Phosphor-
gehalt des Flußeisens und Flußstahles stieg. Wenn nun die
Verbraucher bezüglich der Qualität an das Material große
Anforderungen stellen müssen, so gaben sie dem Martin-
flußeisen den Vorzug.

In England waren die Bessemererze bald abgebaut
und die Erze mußten von Nordspanien eingeführt werden.
Mit der Höhe der Fracht für die Erze stieg aber auch der
Preis für das Roheisen. Da England nun günstig für den
Bezug von Schrott liegt, so wirkten diese beiden Umstände
zusammen, daß stetig neue Martinöfen in England errichtet
        <pb n="46" />
        ﻿44

wurden, in welchen die Erzeugung von Flußeisen durch
Umschmelzen von Schrott und wenig Roheisen stattfand.

Der prozentuale Anteil des Martinstahles betrug 1890
in England etwa 51 % der Gesamtflußeisendarstellung und
zeigte in den nächsten 5 Jahren nur wenig Veränderung.
Erst vom Jahre 1895 ab nimmt der Prozentsatz an Martin-
stahl beträchtlich zu, bis er schließlich 1907 auf 71 °/o
anlangt. Die Entwicklung der Rohstahlerzeugung in Eng-
land vom Jahre 1900—-1910 zeigt folgende Tabelle.

Rohstahlerzeugung Großbritanniens.

	Saures Verfahren  Martin	Bessemer		Basisches Verfahren Martin	] Bessemer	
1900	2 908 367	1 273 967	298180	498 857
1901	2 993 760	1133841	359 795	498 112
1902	2 719 332	1175 695	413 288	679 296
1903	2 655 086	1336 986	518 982	602 592
1904	2 624 615	1147 292	672 687	662 746
1905	3091519	1418573	807 961	587 224
1906	3 432 750	1328063	1195 065	609792
1907	3438 937	1300800	1299 168	588 207
1908	2 620 102	920970	1258 075	581 226
1909	2 807 208	1 128 776	1407 660	631952
1910	2 695 000	1157 000	1604000	651000

Obgleich England etwas weniger wie die Hälfte Martin-
flußeisen als die Vereinigten Staaten und wenig mehr wie
Deutschland erzeugt, so hat doch der Martinprozeß in
diesem Lande die relativ größte Verbreitung gefunden und
die englische Eisenindustrie hat das größte Interesse daran,
daß für die verschiedenen Verwendungszwecke dem Martin-
eisen der Vorzug gegeben wird.
        <pb n="47" />
        ﻿45

Amerika verfügte bei Einführung des Bessemerpro-
zesses über reichliche Mengen phosphorarmer Eisenerze,
die jedoch infolge der anwachsenden Erzeugung mehr und
mehr abgebaut wurden. So sind denn auch seit 1900
keine Bessemerwerke mehr errichiet worden und man hat
bei Neubauten dem Martinofen den Vorzug gegeben, zu-
mal die Nachfrage nach Martinsfahl immer größer wurde.

Der amerikanische Stahltrust baut nur noch Martin-
öfen und hat auch auf seinem neuen großen Stahlwerk der
Illinois Stahlwerk Compagnie in Gary nur Martinöfen auf-
gestellt, die imstande sind jährlich 1 Million Tonnen Stahl
zu erzeugen. Amerika zeigt sowohl absolut wie relativ
die größte Steigerung der Erzeugung an Martinfluß eisen.
Im Jahre 1890 betrug Amerikas Martinstahlerzeugung kaum
V* Millionen Tonnen und 10 Jahre später 31/* Millionen t.
Im Jahre 1907 betrug sie jedoch weit über 11 Millionen
Tonnen. In dem Zeitraum von 18 Jahren stieg also der
Anteil des Martinstahles an der Gesamtflußstahlerzeugung
von 12,2 auf 47,4 %•

Rohstahlerzeugung der Vereinigten Staaten.

	Saueres Verfahren  Martin	Bessemer		Basisches Verfahren  Martin
1900	866693	6 791 726	2 585 812
1901	1053913	8 852 715	3676897
1902	1210 255	9284577	4568478
1903	1113 410	8 730 314	4 817 784
1904	814120	7 984886	5188069
1905	1174 136	11 116437	7 940 777
1906	1342 799	12472243	9 813304
1907	1290090	11854230	10443 783
1908	707445	6214 623	7197 921
1909		9480076	14 725 839 )
1910		9563 376	16 768 581 j

basisches
und saueres
Verfahren.
        <pb n="48" />
        ﻿46

Die große Bedeutung des Siemens-Martin-Verfahrens
liegt in der Hauptsache darin, daß es auf verhältnismäßig
billige und einfache Weise ermöglicht, alles Eisen nach
einer gewissen Gebrauchsdauer der Wirtschaft wieder zu-
zuführen. Es konnte natürlich erst dann größere Verbrei-
tung finden, nachdem genügend Alteisen und Schrott zur
Verfügung stand.

Dieser Schrott erscheint nun auf dem Markte in ver-
schiedener Form und Art, und man kann sich vom Schrott-
markte nur dann ein richtiges Bild machen, wenn man sich
vor Augen hält, daß es sechs verschiedene Arten von
Schrott gibt, welche statistisch verschieden behandelt sein
wollen.

1.,	Schweißeisenaltschrott. Derselbe wird noch heute in
gewissem Umfange in jeder Dorfschmiede zu neuen
Eisenerzeugnissen umgearbeitet.

2.,	Schweißeisenneuschrott. Abfälle dei der Schweiß-
eisenerzeugung. Dieselben werden fast ausnahmslos
in dem Werke, in welchem sie fallen, sofort wieder
zur Schweißeisenerzeugung verwendet, stecken also
in der Gesamterzeugung von Schweißeisen aus Puddel-
eisen drin.

3.,	Altguß. Derselbe findet in größeren und kleineren
Eisengießereien überall Verwendung als Zusatz zu
dem einzuschmelzenden Gießereiroheisen

4.,	Bruch- und Wascheisen. Abfall beim Gießereibetriebe.
Dasselbe wird fast immer in der Gießerei, in der es
als Abfall entsteht, wieder eingeschmolzen, steckt
also in den Gußwaren zweiter Schmelzung drin.

5.,	Stahlaltschrott. Derselbe dient wesentlich der Mar-
tinstahlerzeugung, und seine Mengen entsprechen etwa
        <pb n="49" />
        ﻿47

dem Stahlverbrauch von vor 25 Jahren. Sein größter
Bestandteil ist Eisenbahnschrott.

6.,	Stahlneuschrott oder Hüttenschrott. Stahlabfälle bei
der Weiterverarbeitung des Eisens. Ihre Menge ist
gleich 10—12 % der Stahlerzeugung überhaupt, und
sie werden fast ausschließlich zur Martinstahlerzeug-
ung verwandt.

Von diesen sechs Schrottarten spielen nur die letzten
beiden eine ausschlaggebende Rolle bei der Martinstahl-
erzeugung. Der Neuschrott fällt, wie oben erwähnt, direkt
bei der Verarbeitung des Rohstahls. Dahin gehören z. B.
die Enden der Schienen, Trägern, Schwellen, Knüppeln,
Platinen, Formeisen, Laschen, ferner Blockenden, Rest-
blöcke, Grobblechschrott und Feinblechschrott. Die Menge
des Stahlneuschrotts oder Hüttenschrotts bestimmt sich
ohne weiteres durch die Stahlerzeugung des betreffenden
Jahres. Wenn das deutsche Zollgebiet z. B. 1907
12 064 632 t Rohstahl schuf, so ergab das, davon ein
Zehntel 1 200 000 t Hüttenschrott.

Die Menge des verarbeiteten Altschrotts läßt sich
leicht aus der Menge des erzeugten Martinstahls berech-
nen. Der Eisen- und Stahleinsatz im Martinofen weist
bei der Ueberführung im Martinstahl einen Abbrand von
rund 10 % auf. Es muß also eine denselben Prozentsatz
höhere Schrottmenge eingesetzt werden, als man Martin-
stahl zu haben wünscht. Nun werden etwa 10—15 %
andere Zuschläge als Schrott im Martinofen zugesetzt z.
B. Erze, Roheisen und vorgeblasenes Thomaseisen. Wenn
man diese mit etwa 10 % des Einsatzes annimmt, was in
Westdeutschland dem Durchschnitt entspricht, so kommt
man zu dem Ergebnis, daß die Jahreserzeugung an Mar-
tinstahl etwa gleich der zur Martinstahlerzeugung ver-
wandten Schrottmenge ist. Damit man nun die verbrauchte
Menge Altschrott erhält, braucht man von dem Gesamt-
        <pb n="50" />
        ﻿— 48 —

einsatz in den Martinöfen nur die Hüttenschrottmenge ab-
zuziehen.

Der Altschrott rührt meistens von verbrauchten
Gegenständen und Materialien her und zerfällt in folgende
Hauptgruppen, die aber nicht scharf voneinander geschie-
den sind:

1.,	Kernschrott, Er besteht aus alten Schienen, Schwel-
len, Laschen, schweren Fabrikationsabfällen etc,

2.,	Schmelzeisen. In der Hauptsache minderwertige, teils
stark verrostete Abfälle von Fabrikationsblechen,
Gußschrott, Draht, Drahtseilen, welche lose verladen
und bei den weiter verarbeitenden Werken maschi-
nell gebündelt werden.

3.,	Späne. Das sind Dreh- und Bohrspäne aus Fluß-
eisen und Flußstahl, meistens zu Briketts gepreßt.

4.,	Bleche. Geschirrblechschrott und Fabrikationsabfälle
zu Paketen gebündelt und entzinnte Bleche, maschi-
nell gebündelt von Entzinnungsanstalten.

Bei der Ungleichartigkeit des Materials ist die Be-
wertung desselben natürlich sehr schwer, wozu indessen
eine lange praktische Erfahrung gehört, denn es ist nicht
üblich, beim Verkauf einen bestimmten Silizium- oder
Phosphorgehalt zu garantieren. Meist gelten die schweren
Walzwerksabfälle als der wertvollste Martinschrott, der
deshalb auch am teuersten bezahlt wird. Die Preise der
anderen Handelssorten weichen davon mehr oder weniger
ab, ohne daß jedoch von einem bestimmten Preisverhältnis
der verschiedenen Schrottsorten untereinander die Rede
sein könnte.

Die nach oben erwähnter Berechnung ausgeführte
Tabelle der Schrottmenge ergibt folgendes Bild:
        <pb n="51" />
        ﻿49

	A  Martinstahl- erzeugung — dem dazu verwandten Schrott	B  Hüttenschrott- erzeugung •— 10 % der  Stahlerzeugung	C  A-B  Altschrottver- brauch zur Martin- stahlerzeugung
1885	276 000	89 000	187 000
1886	211000	95 000	116000
1887	225 000	116 000	109 000
1888	409000	129 000	280 000
1889	465 000	142 000	323 000
1890	388000	161000	227 000
1891	476 000	184000	292000
1892	491 000	197 000	294 000
1893	537 000	223 000	314 000
1894	899 000	260 000	639 000
1895	1 019 000	283000	736000
1896	1293000	346000	947000
1897	1304000	386000	918000
1898	1459 000	573000	886000
1899	1694 000	629 000	1065000
1900	2146000	664 000	1482000
1901	2 012000	639000	1373000
1902	2 434000	778 000	1656000
1903	2 761000	880000	1881 000
1904	2 828 000	893 000	1935 000
1905	3 253 000	1 006 000	2247 000
1906	3 765 000	1113 000	2652 000
1907	4253000	1206 000	3047 000
1908	4 000000	1119 000	2 881 000
1909	4073000	1 205 000	2 868000
1910	5114 000	1 370 000	3 744000
1911	5 783 000	1 502 000	4 281 000
        <pb n="52" />
        ﻿50

Da das Eisen nicht in seinem Stoff, sondern nur in seiner
Form verbraucht wird, so kann es, nachdem es seinem
Zweck genügt hat, zur Produktion von neuem verwendet
werden. Die Menge solchen Altschrotts, die von neuem
für die Produktion zur Verfügung steht, entspricht frühe-
rem Eisenverbrauch. Wie der Eisenverbrauch ist sie auch
in beständigem schnellem Wachsen. Es fragt sich nun,
nach welcher Zeit das in einem bestimmten Jahre ver-
brauchte Eisen wieder auf dem Markte als Altschrott er-
scheint. Durch einfache Gegenüberstellung des Eisenver-
brauchs und Altschrottangebots läßt sich diese Zeit leicht
feststellen. Im Jahre 1882 betrug der Eisenverbrauch des
deutschen Zollgebietes 3 Millionen Tonnen, und im Jahre
1907 erschienen zum ersten Male 3 Millionen Tonnen
Altschrott auf dem Markte. Es läßt sich mithin nicht an-
nehmen, daß das Eisen eine längere Umlaufzeit als 25
Jahre hat.

Wenn nun gesagt wird, das Schrottangebot des
Jahres 1925 entspricht dem Eisenverbrauch von 1900, so
soll das keineswegs heißen, die 1900 verbrauchten Eisen-
mengen werden genau 1925 als Altmaterial angeboten.
Denn die Gebrauchsdauer der einzelnen eisernen Gegen-
stände ist sehr verschieden und außerdem geht durch
Oxydation und Verschleiß manches verloren. Die rein
empirisch durch Vergleich gefundene Periode soll nur da-
zu dienen, die Betrachtungen über die Entwicklung der
Schrottfrage zu erleichtern. In Wirklichkeit ist diese
Periode auch nicht immer gleich groß, sondern zeigt ge-
rade in den letzen Jahren die Tendenz kleiner zu werden,
was wohl auf die immer schneller sich verändernden Kon-
struktionen und größeren Anforderungen, die an das Ma-
terial gestellt werden, zurückzuführen ist.

Es taucht nun die Frage auf, welche Folgen sich aus
der Annahme einer 25jährigen Umlaufszeit des Eisens und
        <pb n="53" />
        ﻿— 51

der daraus sich ergebenden Gegenüberstellung des Eisen-
verbrauchs der Jahre 1860—1885 und der erscheinenden
Mengen Altschrott der Jahre 1885—1910 für die Schrott-
mengen ergeben, welche 1885—1910 zu anderen Zwecken
als zu Martinstahl verwandt worden sind. Das sind in
den früheren Jahren offenkundig mäßig steigende Mengen
Altguß gewesen. Neben ihnen haben aber die ganze Zeit
hindurch ehe der Stahl das Schmiedeeisen aus allen mög-
lichen Verwendungszwecken ablöste, mit dem steigenden
Eisenverbrauche steigende Mengen Schmiedeschrott ge-
standen, welche eben solange stiegen, bis der Stahl auch
ihre Verwendungszwecke eroberte. Während noch 1899
= 1169000 t Schrott zu anderen Zwecken als der Mar-
tinstahlbereitung verwandt wurden und nur 1065 000 t
Altschrott dem Martinofen verfielen, so dienten 1900 an-
deren Zwecken nur noch 834 000 t, der Martinstahlberei-
tung aber schon 1482000 t Altschrott. Seit 1900 stiegen
dann die zur Martinstahlerzeugung benutzten Mengen Alt-
schrott mit reissender Schnelle von 1 482000 t auf 3047000
t in 1907, während die zu anderen Zwecken benutzten
Altschrottmengen von 834000 t auf 362 000 t fielen. Die
Folgen der Gegenüberstellung des Eisenverbrauchs von
1860—1882 und der Altschrottentstehung sind also derart,
daß sie aufs beste zu dem stimmen, was wir sonst über
die Entwicklung der Arten des verbrauchten Eisens wissen.
Auf keinen Fall wird man heute die Umlaufszeit des Eisens
durch die wirtschaftliche Verwendung auf eine längere
Dauer als 25 Jahre ansetzen dürfen.

Wenn die Zahlen der für andere Zwecke als die
Martinstahlerzeugung verwandten Altschrottmengen zu klein
erscheinen, wird man sogar noch eine kürzere Umlaufs-
frist annehmen müssen, indem man z. B. die Altschrott-
verwendung zu Martinstahl von 1907 in Höhe von 3 047 000
t dem Eisenverbrauche von 3 900000 t des Jahres 1887
        <pb n="54" />
        ﻿52

entgegenstellt. Dies würde sogar nur eine Umlaufszeit des
Eisens von 20 Jahren bedeuten. Für letzere Annahme spricht
auch noch der Umstand, daß nicht alles Eisen, das früher
einem bestimmten Zweck gedient hat, nach seiner Aus-
rangierung sofort in den Martinofen oder in die Giesserex
wandert. Sehr viel Altmaterial und in erster Linie Träger
und Schienen, findet trotz seiner Ausrangierung in dem
einen Betrieb noch Verwendung bei anderen Bauten, wo
es auf Jahre hinaus noch seinen Zweck voll und ganz erfüllt.

Doch soll in folgendem mit der angenommenen Um-
laufsperiode von 25 Jahren gerechnet werden, wenn auch
nicht zu verkennen ist, daß in den letzten 15 Jahren eine
25jährige Umlaufszeit nicht mehr ganz den Verhältnissen
entspricht. Denn wenn eine kürzere Zeit angenommen
wird, so ergeben sich für die zu anderen Zwecken als der
Martinstahlbereitung verwandten Mengen Altschrott zu
hohe Zahlen. Seit dem Jahre 1908 führt die deutsche
Reichsstatistik in ihren Produktionserhebungen auch die
Schrottmengen auf, die in den einzelnen Hüttenbetrieben
Verwendung finden Wenn man diese Zahlen mit denen
der errechneten Tabelle vergleicht, so stimmen sie im
wesentlichen mit denselben überein bei Annahme einer
25jährigen Umlaufszeit des Eisens,

Die Produktionsstatistik hat für 1908 folgende Zahlen
ermittelt:

Schrottverbrauch in Hochöfen ......	64 030 t

Schweißeisenwerken . ,	104433 „

Eisen- u. Stahlgießereien 592 412 „
Flußeisen-(Martin)werken 3 392 724 „

Sa. . . . 4153 599 t
Die ermittelten Mengen Schrott, worunter altes Ma-
terial, Gußbruch oder Gußschrott zu verstehen ist, um-
fassen nur die in den einzelnen Betrieben eingebrachten
und dort verbrauchten Mengen, nicht auch die in der eigenen
        <pb n="55" />
        ﻿53

Giesserei etc. entstandenen Massen von Bruch, Fehlguß etc.

An die Tatsache, daß der Schrottkonsum der letzten
Jahre ungefähr dem Eisenverbrauch der Zeit vor 25 Jahren
quantitativ entspricht, knüpfen nun weiter sich sehr wichtige
Folgerungen. Haben wir bereits 1910 mit 3,7 t Altschrott,
dem Eisenverbrauche von 1885 zu rechnen gehabt, so
werden wir in Zukunft mit noch ganz anderen Altschrott-
mengen zu rechnen haben. Denn der Eisenverbrauch des
deutschen Volkes ist ja seit 1883 der folgende gewesen:

Eisenverbrauch	Tonnen	Altschrottentstehung
1883	3 418 000	1908
1884	3 584 000	1909
1885	3 646 000	1910
1886	3 382 000	1911
1887	3 900000	1912
1888	4 373 000	1913
1889	4 674 000	1914
1890	4 897 000	1915
1891	4 711000	1916
1892	4 966 000	1917
1893	5 032 000	1918
1894	5 350 000	1919
1895	5 434 000	1920
1896	6 538000	1921
1897	7 171 000	1922
1898	7 403 000	1923
1899	8 535 000	1924
1900	9 106 000	1925
1901	7 823 (100	1926
1902	8 144 000	1927
1903	9 657 000	1928
1904	9 917 000	1929
1905	10 513 000	1930
1906	12 149 000	1931
1907	13 016 000	1932
1908	11 712 000	1933
1909	11938 000	1934
1910	12 791 000	1935
        <pb n="56" />
        ﻿54

Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, daß sich die
Umlaufszeit trotz der steigenden Raschlebigkeit der heuti-
gen Maschinen und Anlagen, trotz der steigenden Ab-
nutzung der Eisenbahnschienen und der Vermehrung des
kurzlebigen Verbrauchseisens nicht weiter verkürzen sollte,
werden wir 1913 mit 4, 1918 mit 5, 1930 mit 10 und 1935
mit 12 Millionen Tonnen Altschrott auf dem deutschen
Markte zu rechnen haben. Selbst wenn sich die deutsche
Roheisenerzeugung, die 1910 14 793 325 t betragen hat,
nicht weiter vermehrt, gibt es also, wenn man 14 Millionen
Tonnen Roheisen und 12 Millionen Tonnen Stahl als den
Durchschnitt der letzten 3 Jahre annimmt auf dem deut-
schen Markte

1913	12 +	3,6 = 15,6 Tonnen Stahl,
1918	12 +	4,5 = 16,5	,,	„
1921	12 +	5,4 = 17,4	„
1922	12 +	6,3 = 18,3	„	„
1924	12 +	7,2 - 19,2
1925	12 +	8,1 - 20,1
1930	12 +	9,0 = 21,0
1931	12 +	10,8 = 22,8
Der deutsche Markt ist gewiss noch einer Steigerung		

seines Stahlverbrauchs fähig, aber ob er diese Massen
Stahl aufzunehmen im Stande sein wird, welche schon
ohne eine Vermehrung der Stahlerzeugung aus Roheisen
bis 1935 entstehen werden, ist doch mehr als zweifelhaft.
Dabei trifft diese Erscheinung nicht nur Deutschland, son-
dern alle alten Eisenländer der Erde, vor allem England, wel-
ches weit eher einen großen Eisenverbrauch gehabt hat
als die andern.

Nimmt man den Eisenverbrauch des Jahres 1900 mit
9 000000 t an, so kommen 1925 diese 9000 000 t als Alt-
eisen auf den Markt. Würden nun 1925 bloß 10 Millionen t
        <pb n="57" />
        ﻿55

Neueisen, das aus Erzen stammt, verbraucht, so würde
sich der Gesamtverbrauch des Jahres auf
10 000 000 t + 9 000 000 t (Altmaterial) = 19 000 000 t
belaufen. Diese 19 000 000 t kämen dann 25 Jahre später
also 1950 wieder als Altmaterial auf den Markt (und zwar
die darin steckenden 9 000 000 Tonnen, die 1900 konsu-
miert wurden zum zweiten Male als Altmaterial). Werden

diese Betrachtungen fortgesetzt,		so erhält	man	folgendes
Schema:				
in 1000 Tonnen	1900	1925	1950	1975
Zum				
1. Mal verbrauchtes Neueisen	9 000	10 000	15 000	20 000
2.	„	„	(Alt) „	—	9 000	10 000	15 000
3			—	9 000	10 000
4		—	—	—	9 000
Gesamtverbrauch pro Jahr	9 000	19 000	34 000	54 000

Für das Jahr 2000 ergibt sich dann auf dem deut-
schen Markt eine Schrottmenge, die gleich der Summe
des Eisenverbrauchs von 1900, 1925, 1950 und 1975 ist.
Der Bedarf an Eisenwaren müßte sich aber geradezu ge-
waltig gesteigert haben, wenn neben diesen Schrottmengen
noch ebenso bedeutende neu aus Erzen gewonnene Eisen-
mengen zur Verwendung kommen könnten.

In der obigen Zusammenstellung wurde angenommen,
daß sich der Eisenverbrauch 1975 auf 54 000 000 t stellt,
also genau 6 mal so groß ist als 1900. Während nun
heute das aus dem Erz frisch gewonnene Eisen noch bei
weitem überwiegt, so wäre 1975 die Bedeutung desselben
sehr zurückgegangen.

Bemerkenswert ist weiter, daß das im Jahre 1900
gewonnene Eisen im Jahre 2000 zum 5. Male das 1925
erzeugte zum 4. Male usw. in Fertigwaren verwandelt
wird.

Der jährliche Schrottverbrauch steigert sich demnach
erstens ungefähr entsprechend dem um 25 Jahre zurück-
        <pb n="58" />
        ﻿56

liegenden Eisenkonsum, dann aber zweitens gemäß der in
früheren 25 Jahrperioden auf den Markt gebrachten
Schrottmengen und zwar mit fortschreitender Zeit in
immer schnellerer Weise.

Die Bedeutung des Schrotts für die moderne Eisen-
industrie vergrößert sich von Jahr zu Jahr und er wird
ein immer schwerer zu besiegenden Konkurrent des Eisen-
erzes, besonders dann, wenn der Eisengehalt des Erzes
abnimmt und seine Förderkosten von Jahr zu Jahr steigen.

Gerade in letzter Zeit hat die Eisenerzgewinnung ge-
waltige Dimensionen angenommen und trotzdem auf dem
Geologenkongress in Stockholm im Jahre 1910 die vor-
handenen Eisenvorräte als für lange Zeit noch ausreichend
bezeichnet wurden, so gehört gerade das Thema der
„Eisenerznot“ zu den am meisten erörterten wirtschaft-
lichen Problemen der Gegenwart. Doch wo der Schrott
gerade heute dem Erze als Rohstoff zur Gewinnung des
Eisens so außerordentlich Konkurrenz macht, wird die
Erzgewinnung nicht mehr auf viele Jahrzehnte hinaus in
dem bisherigen Tempo zunehmen. Es wird vielmehr im
Laufe der Jahre eine Verlangsamung eintreten die in spä-
teren Zeiten selbst dann zu einer Stagnation der Förder-
mengen führen wird, wenn noch genügend Vorräte vor-
handen sind.

Der Schrott hat also eine außerordentlich günstige
Wirkung auf die Nachhaltigkeit der Erzlager und stellt für
alle eisenindustriellen Staaten einen sehr erwünschten
Faktor insofern dar, als er den Zeitpunkt der Erschöpfung
der Erzreserven hinausschiebt.

Die Martinwerke haben dieser Bedeutung des Schrotts
Rechnung tragend bei ihren Neuanlagen dem Schrottplatz,
der Anlage, wo der Schrott aufgestapelt wird, mehr Sorg-
falt zugewandt und ihm die Vorteile der vorgeschrittenen
Technik zu Teil werden lassen. Um für die umfangreichen
        <pb n="59" />
        ﻿57

Schrottmassen Platz zu gewinnen, strebt man dahin die
Geleise hoch zu legen und mit Hilfe von modernen Hebe-
zeugen und Magnetkranen möglichst direkte Verladungen
vom Waggon in die Schrottmulden zu gestatten, da na-
türlich das doppelte Umladen des eingehenden Schrottes
hohe Kosten verursacht.

Am meisten Sorge und Arbeit bereiten den Betriebs-
leitern die großen Massen von Sammelschrott, Schmelz-
eisen und Spänen usw, die in einer solchen Form ange-
liefert werden, daß selbst beim maschinellen Chargieren
und bei sorgfältiger Einladung in die Chargiermulden hohe
Transportkosten entstehen. Chargiermulden, deren Inhalt
bei Kernschrott 2000—3000 kg beträgt, fassen von diesem
leichten und sperrigen Schrott oft nur wenige hundert
Kilogramm. Darunter leidet wieder die Chargierdauer,
der Ofen wird unnötig abgekühlt, der Abbrand steigt
durch das lose im Ofen liegende lockere Material usw.:
hoher Kohlenverbrauch und geringe Erzeugung sind die
Folgen. Man ist daher schon dazu übergegangen, solchen
Schrott von Hand zusammenzustampfen oder wenigstens
mit Draht zu bündeln. Die Kosten für die Tonne solcher
Art von Hand gebündelten Schrotts einschließlich Draht-
verbrauch stellen sich auf etwa 3—4 Mark. Aber bald
genügten auch diese Art Pakete nicht mehr den gesteiger-
ten Anforderungen des Ofenbetriebes und man ging zur
Einführung von hydraulisch betriebenen Pressen über. Die
Leistung einer solchen Pressanlage konnte aber nicht sehr
groß sein, und die Kosten der Paketierung wurden we-
sentlich teurer als bei Handpaketierung. Sie stellten sich
einschließlich Verzinsung, Amortisation, Drahtverbrauch und
Kohlenverbrauch bezw. Dampfverbrauch für die Akkumu-
latorenpumpen auf 8 Mark für die Tonne gebündelter
Pakete,

Neuerdings scheinen nun die auf den Markt kom-
        <pb n="60" />
        ﻿— 58 —

menden elektrisch betriebenen Paketierungspressen mehr
den vorhandenen Bedürfnissen zu genügen und besonders
die Kosten des Paketierens zu verringern. Die fertigen
Pakete, die 800—2500 kg wiegen, erhalten ohne mit Draht
gebündelt zu sein ein solche Festigkeit gegen Auseinander-
fallen, daß man sie mittels Magnetkranens aufeinander-
stapeln kann. Dieser Umstand läßt sich vorteilhaft aus-
nutzen, indem man den oft sehr ungleichmässig angeliefer-
ten Schrott sofort presst und die fertigen Pakete auf Lager
setzt. Man spart dadurch an Raum bei den oft so wert-
vollen und für andere Zwecke dringend notwendigen
Lagerplätzen. An manchen Stellen hat man sich stets be-
müht, im Schrotteinkauf mit Erfolg eine starke Quelle der
Verbilligung der Selbstkosten zu suchen, und zwar durch
den Einkauf minderwertigen und damit billigen Sammel-
und Landschrottes, von Spänen, Draht usw. Der verhält-
nismässig billige Preis solcher Ware rechtfertigt natürlich
die weitere Ausgabe von mehreren Mark auf die Tonne,
um das Material ofengerecht und besser verwertbar zu
machen. Nachdem aber in den letzten Jahren der Bedarf
an solch minderwertigem Schrott erheblich gestiegen ist,
hat gleichermaßen die Preisspannung zwischen diesem für
die Paketierung in erster Linie in Frage kommenden
Sammelschrotts und dem Kernschrott abgenommen. Die
geringe Spannung wird natürlich um den Kostenbetrag des
Paketierens verringert, so daß unter Umständen, besonders
bei steigenden Preisen dieses leichten minderwertigen
Schrottes, die Grenze seiner Wirtschaftlichkeit nahe ge-
rückt erscheint, ganz abgesehen davon, daß ein Betrieb
auch nur bis zu einem gewissen Prozentsatz derartigen
leichten Sammelschrott verarbeiten kann.

Diese wirtschaftlichen Erwägungen sind natürlich von
Fall zu Fall verschieden und dürfen nicht verallgemeinert
werden. Die Bedeutung der mechanischen Ausrüstung
        <pb n="61" />
        ﻿59

unserer Schrottplätze mit guten Hebezeugen, Magnetkranen,
elektrischen Pressen bleibt voll und ganz bestehen, und
es kann ihr nur noch eine weitere gedeihliche Weiterent-
wicklung prophezeit werden.

Zur Beantwortung der Frage, woher diese ungeheu-
ren Mengen von Altschrott kommen, die jährlich umge-
schmolzen werden, muß man die verschiedenen Arten des
Schrottes auseinander halten und zwar den Kernschrottf
welcher vor allen anderen Arten, den Vorzug genießt und
den minderwertigen, sogenannten Sammelschrott. Letzterer
entsteht dort in größtem Maße, wo die dichteste Bevöl-
kerung ist und das trifft hauptsächlich für die großen
Städte zu. Hier sammeln sich dann die ungeheueren
Mengen von Abfallblechen, Geschirrblechen Draht usw.

Der Kernschrott, aus alten Schienen, Schwellen und
Laschen und schweren Fabrikationsabfällen bestehend,
wird in erster Linie von der Eisenbahn, dann von den
großen Fabriken geliefert. Die Eisenbahn ist ja der Haupt-
abnehmer der Eisenindustrie, Der gesamte Oberbau der
Eisenbahnen der Erde dürfte im Jahre 1910 eine Aus-
dehnung von rund 1 Million Kilometer gehabt haben.
Schätzungsweise beträgt das Gewicht dieses Oberbaues
etwa 100 Millionen Tonnen, welche jährlich für Ersatz und
Neuanlage eine Menge von mindestens 12 Millionen Tonnen
erfordern. Diesen 12 Millionen Tonnen entspricht dann
eine etwas geringere Menge ausrangierten Eisens, das als
Schrott überall Käufer findet.

Für die preußisch hessischen Eisenbahnen finden sich
genaue Angaben über die jährlich verbrauchten Mengen
an Schienen, Schwellen und Kleineisenzeug und ebenso
über die Einnahmen aus den Veräußerungen insonderheit
über dieselben aus dem Verkauf von alten Materialien,
Materialabfällen und Oberbaumaterialien in den Berichten
über die Betriebsergebnisse der Preussisch-hessischen
        <pb n="62" />
        ﻿60

Eisenbahnen die jährlich dem Abgeordnetenhause vorge-
legt werden.

Folgende Tabellen geben hierüber genaueren Auf-
schluß. Zuerst ist die Erweiterung des Preußischen
Staatseisenbahnnetzes vom Jahre 1870—1909 dargetan.
Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, daß als Länge die
Betriebslänge angenommen ist, während die Gesamtlänge
der Gleise das Doppelte derselben wesentlich übersteigt.
So betrug z. B. 1909 die Betriebslänge der preußischen
Eisenbahnen 36 948 km, die Länge der durchgehenden und
anderen Gleisen zusammen aber 76479 km.

Die folgenden Tabellen bringen die Tonnenzahl der
in den Jahren 1876—1909 jährlich verbrauchten Oberbau-
materialien und die Erträgnisse aus den Veräußerungen.
        <pb n="63" />
        ﻿61

Erweiterung des preußischen Staatseisenbahnetzes
seit dem Jahre 1870;

seit 1. April 1897 des preussischen und hessischen
Besitzes.

Gesamtlänge zu Beginn des Jahres		Gesamtlänge zu Beginn des Jahres	
1870	3 195 km	1890	23 732 km
1871	3 245	1891	24 708
1872	3546	1892	25 011
1873	3 720	1893	25 399
1874	3 870	1894	25 881
1875	3 870	1895	26 304
1876	4100	1896	27199
1877	4 408	1897	27 966 mit hess. Bes.
1878	4 803	1898	29172
1879	5 255	1899	29 785
1880	6 049	1900	30170
1881	11244	1901	30 653
1882	11397	1902	31 509
1883	14 034	1903	33263
1884	15 431	1904	34073
1885	19 377	1905	34 492
1886	20 918	1906	35101
1887	21279	1907	35 558
1888	22405	1908	36211
1889	22 961	1909	36948
        <pb n="64" />
        ﻿— 62 —

An neuen Oberbaumaterialien wurden für die Er-
neuerung des Oberbaues, Umbau und Einzelauswechselung
verwendet:

Jahr	Schienen t	Kleineisen t	Schwellen t
1876	32 051			24 476
1877	30 375	—	7 404
1878	28 811	—	13330
1879	26 415	—	17 836
1880	41996	6 632	17 985
1881	40 705	9 729	26 001
1882	50 881	12 370	34 484
1883	54 572	13 232	35 618
1884	74 998	18 164	40009
1885	76 038	18 296	40 214
1886	73 676	18 343	31913
1887	73 262	20 962	31 327
1888	79 345	24122	36 340
1889	79 985	26 024	30 800
1890	87 863	30 158	34 203
1891	120 739	38 899	42 688
1892	120 387	38 297	34 095
1893	130110	42 662	44 206
1894	117 245	34 741	47 128
1895	104176	35 166	50 909
1896	100115	32 155	51 584
1897	129 161	48 018	61 663
1898	137 880	51 803	68 652
1899	158 986	55 766	76147
1900	150 407	58 969	82 857
1901	166 337	62 091	81 010
1902	187 401	74 480	96 825
1903	185157	74 940	96 206
1904	193114	79 963	111057
1905	206 531	85 418	109 925
1906	206 826	90 586	109 781
1907	229 555	91461	124 942
1908	242 227	96 019	139 698
1909	234 007	101 246	135 888
        <pb n="65" />
        ﻿63

Erträge der Preußischen Eisenbahnen aus Veräußerungen.

Jahr	Gesamtertrag	| Durch Verkauf von Material und Materialabfällen	Durch Verkauf von altem  Oberbaumaterial
	Jl	Jl	Jl
1876	1 802 820	—:		
1877	1 887 606	—		 - :
1878	2 100 366		 •	—
1879	2 810 206	—		
1880	7 042 899	5 718 100		
1881	12 973 358	10 944 498		
1882	13 954 265	12 202 178		
1883	15 216 068	13 129 435	—
1884	16 221 308	13 868 099		
1885	15126 201	12182 970	—
1886	9 846 713	6 594 610	—
1887	10 243 474	7 042 524	—
1888	11 171 460	7 914 985	
1889	13 884 487	10184 764		
1890	15 263 912	11518 382	
1891	19 406 766	15 585 900	
1892	17 563 861	13645 210		
1893	16 959 337	12 878 566		
1 1894	15 919 180	11 549 021		
1895	20 804 637	11519 159		
1896	23 726 484	13 438 395	
1897	26 639 415	14 210109	
1898	24 563 700	17 044 781	
1899	33 098 260	24 441 543	_
1900	25 727 904	16 856 312	
1901	26 387132	18 416 708	
1902	27 746 492	20 285 245	
1903	30 333 163	21 192 430	
1904	33 051 993	22 701 475	
1905	37 116 947	24 734 998	12 226 542
1906	42 714 733	28529 565	14 254 403
1907	43 196 864	27 225 289	13 561 954
1908	36 317 268	20 921 704	9 836 845
1909  j	I	41 229 341	26 620 653	13 066 826
        <pb n="66" />
        ﻿64 —

Bei den Erträgen aus Veräußerungen werden die
Einnahmen nicht nur durch den Verkauf von Eisen und
Eisenabfällen erzielt, es kommen auch andere Altmaterialien
zum Verkauf. In der Hauptsache Altmessing von Wagen-
beschlägen herrührend etc. Doch erzielen die alten Ober-
baumaterialien allein schon einen Preis, der die Hälfte der
gesamten Erträge aus dem Verkauf von Materialabfällen
ausmacht. Dazu kommen noch die verschiedenen anderen
Schrottmengen, die die Eisenbahn jährlich abstößt.

Die seit dem Jahre 1905 von den Preußisch-hessischen
Eisenbahnen durchschnittlich jährlich verkauften Mengen
Schrott belaufen sich auf

90 000 t unbrauchbare Schienen,

23 000 t eiserne Schwellen,

65 000 t unbrauchbares Kleineisen, Weichenmaterialien,
50000 t Blech- und Eisenschrott,

27 000 t Dreh- und Bohrspäne von Eisen und Stahl,

25 000 t Gußschrott und
20 000 t Stahlschrott

- 300 000 t.

In den Bezirken der westlichen Eisenbahndirektionen
werden die aufkommenden Altmaterialien durch die König-
lichen Eisenbahndirektionen öffentlich verkauft, kleinere
Mengen gelangen auch ausnahmsweise zum freihändigen
Verkauf. Von den Altmaterialien aus den Bezirken der
östlichen Eisenbahndirektionen werden diejenigen, die nur
noch zum Verhütten geeignet sind, durch das Königliche
Eisenbahnzentralamt freihändig verkauft, die übrigen Altmate-
rialien, die noch für besondere Zwecke brauchbar sind
(alte Schienen, Schwellen usw.) werden durch die Eisen-
bahndirektion teils öffentlich, teils freihändig verkauft.

In Amerika hat der sich immer fühlbarer machende
Mangel an Eisenschrott für den Martinprozeß den großen
        <pb n="67" />
        ﻿65

amerikanischen Stahlwerken, welche neben Converteran-
lagen auch Martinöfen besitzen, Veranlassung gegeben,
Aenderungen im Bessemerbetrieb vorzunehmen. Früher
fanden die Abfälle von älteren Einsätzen, Schienen enden
usw. ihre vorteilhafte Verwendung im Converter selbst,
indem man den bei der Verarbeitung von siliziumreichen
Roheisen entstehenden heißen Gang durch Einwerfen von
Flusseisenabfällen regulierte. Dies war deshalb gut mög-
lich, weil immer noch genug Schrott und Altmaterialien
zur Versorgung der Martinofenwerke vorhanden war. In
manchen Fällen wurde die Erbauung von Martinöfen durch
den Ueberschuß von Schrott veranlaßt, der im Converter
nicht mehr verarbeitet werden konnte. Unter den dama-
ligen Marktverhältnissen stieg dagegen der Preis des Schrotts
so hoch und die Nachfrage nach Flußeisen war so stark,
daß die Martinwerke die größtmögliche Leistung anstreben
mußten. Zu diesem Zwecke verwendet man daher auch
diejenigen Abfälle, welche früher zum großen Teil in den
Converter aufgegeben wurden. Hierdurch wurden die Bes-
semerhütten genötigt, nahezu ohne Schrottzusatz zu arbeiten.
Dies zu ermöglichen war die genaue Einhaltung eines be-
stimmten Siliziumgehalts im Roheisen erforderlich. Es
mußte genug Silizium vorhanden sein, um durch seine Ver-
brennung die gewünschte Temperatur zu erzeugen, andern-
falls durfte der Siliziumgehalt nicht so groß sein, daß da-
durch die Dauer des Blasens wesentlich verlängert wurde.

Interessant ist die Tatsache, daß durch die oben ge-
schilderte Abänderung der Bessemer-Betriebe die „United
States Stel Corporation“ eine auswärtige Zufuhr von Schrott
fast ganz entbehren kann. Die Gesamterzeugung an
Blöcken war im Jahre 1901 = 9 084 580 t. Wenn man
annimmt, daß bei Verarbeitung dieser Quantität von Blöcken
ein Abfall von nur 12,5 % entsteht, so ergibt sich daraus
eine Menge von 1 130 000 t Abfall, was ein wenig über
        <pb n="68" />
        ﻿66

40 0/o der Martinerzeugung der Gesellschaft ausmacht.
(2 772 378 t).

Ein anderes Werk, die Great Western lron and Steel
Company, hat seinen Schrottbedarf dadurch zu decken ge-
sucht, daß es die nach der großen Katastrophe in San
Francisko im Jahre 1906 gesammelten Mengen Alteisen an-
kaufte. Seit der großen Feuersbrunst hat die genannte
Firma 150 000 t Schrott verladen und besitzt 4 Schrott-
haufen, die je 100 Fuß im Quadrat bei 40 Fuß haben und
insgesamt 80000 t Schrott enthalten.

Ueber die Schrottpreise ist oben schon gesagt wor-
den, daß sie nicht für alle Sorten einheitlich sind. Der
Kernschrott erzielt im allgemeinen die höchsten Preise,
doch stehen die Preise der anderen Sorten in keinem be-
stimmten Verhältnis dazu. Für Neuschrott bestimmen sich,
die Preise durch die Mengen des Schrottentfalles bei den
Thomaswerken und den Beschäftigungsgrad der Martin-
werke. Der Schrottpreis steht natürlich in einem gewissen
Verhältnis zum Roheisen- und Stahlpreis, aber damit ist
nicht gesagt, daß die Preisbildung beider Produkte mit-
einander parallel geht. Meist ist der Preis der Walzwerks-
abfälle niedriger als für Stahlroheisen, aber er ist auch
schon höher gewesen.

Gerade in letzter Zeit sind mehrfach durch die Presse
Nachrichten gegangen, die von einer Abschwächung des
Schrottmarktes berichteten. Diese Nachrichten sind an
sich zutreffend, nicht aber die Gründe, die für diese an-
gesichts der sehr starken Beschäftigung der gesamten Eisen-
industrie sonderbaren Preisrückgänge angeführt worden
sind. In den Zeitungsmitteilungen findet man als Haupt-
ursache für den Rückgang des Schrottpreises vielfach die
Tatsache erwähnt, daß eine Anzahl großer Werke zur Ver-
arbeitung von flüssigem Roheisen in Martinöfen anstelle
von Alteisen übergegangen sei. Dieser dem flüssigen Ver-
        <pb n="69" />
        ﻿67

fahren zugeschriebene Einfluß ist zwar nicht ganz unrichtig,
aber mindestens stark übertrieben, denn abgesehen von
Werken wie Hoesch, Osnabrück und Hüsten, die — von
zeitweisen Unterbrechungen abgesehen — schon seit Jahren
nach dem flüssigen Verfahren arbeiten, sind andere Werke
in neuerer Zeit zu diesem Verfahren nicht übergegangen.

Wenn aber das flüssige Verfahren für den Preisrück-
gang nicht zutreffend ist, so sind doch Faktoren dafür
verantwortlich zu machen, die nicht mit weniger Aufmerk-
samkeit verfolgt werden dürfen. Die Preise für Schrott
beliefen sich in der Hochkonjunktur der vergangenen Jahre
auf 70—71 Mark für besten Walzwerkschrott, um seit
kurzem auf 60—65 Mark zu sinken. Diese Erscheinung,
die bei den steigenden Roheisenpreisen und der starken
Beschäftigung auffallend erscheinen muß und die nach
früherer Theorie als Zeichen beginnender Abschwächung
würde angesehen werden müssen, hat gerade ihren Grund
in der überaus starken Beschäftigung. Denn wenn auch
die Martinproduktion und damit der Bedarf an Schrott
nicht unerheblich zugenommen hat, so ist, absolut genom-
men, die Thomasproduktion viel stärker angewachsen und
damit auch die auf den Markt kommenden Schrottmengen.
Daß gerade diesem Umstand, der zunächst nur die eine
Schrottsorte: neue schwere Walzwerksabfälle, berührt, der
Hauptanteil an dem Preisrückgang beizumessen ist, ist
darin erkennbar, daß sich die Preise für die alten Schrott-
sorten weniger gesenkt haben, als wie für die oben ge-
nannte Sorte, für die als teuerste Sorte auch nur ein be-
schränkter Abnehmerkreis vorhanden ist. Und weiter ist
als Beweis anzusehen, daß mit der Inbetriebsetzung der
neuen großen Werke von Hagendingen und Esch der Preis-
druck sich verschärft hat, weil für diesen starken Zuwachs
an Entfall, kein Zuwachs an Absatz gefunden werden kann.

Außerdem darf nicht unerörtert bleiben, daß auch die
        <pb n="70" />
        ﻿68

Verhältnisse im Ausland, soweit sie wenigstens für den
Westen Deutschlands in Betracht kommen, für die Preis-
gestaltung von Schrott ungünstig liegen- In Belgien be-
steht ein großer Entfall für den erst in letzter Zeit ein
etwas gebesserter Absatz nach England besteht. In großem
Umfang suchte dieser Entfall Unterkunft in Deutschland
teils in zollfreiem Verkehr, teils auch mit erheblichen
Mengen unter Erlegung des Zolls. Andererseits war die
Ausfuhr von Schrott nach Italien sehr gering, weil dort die
Wirtschaftslage unter dem Einfluß des Krieges recht schlecht
war. Die amtliche Statistik der Ein- und Ausfuhr zeigt
dieses Anwachsen der Einfuhr und Nachlassen der Ausfuhr
von Schrott deutlich. Neben diesen Hauptursachen be-
stehen natürlich noch eine ganze Reihe mehr lokaler Gründe,
die aber fast durchweg einer Preisbesserung entzogen sind.
Und da eine Aenderung der Hauptursachen nach ihrer
Natur in absehbarer Zeit nicht erwartet werden kann, be-
steht kaum Aussicht, eine Preisbesserung für Schrott durch-
zusetzen, wie es wohl in der Absicht der großen Werke
liegen mag. Man wird nicht umhin können, sich daran zu
gewöhnen, daß auch in der Folge der Schrottpreis sich auf
einem niedrigeren Niveau hält.

Die Preise für Altschrott richten sich wie bei jedem
anderen Handelsprodukt in erster Linie nach Angebot und
Nachfrage, Und seit der Schrott für die Stahlbereitung
seine außerordentliche Bedeutung gewonnen hat, findet
man in den technischen Fachzeitschriften, sowohl deut-
schen, wie englischen und amerikanischen, die Marktbe-
richte über Eisen und Stahl bringen, auch die genauen
Preisnotierungen von den verschiedensten Schrottarten und
jeweils Berichte über die Lage des Schrottenmarktes.

In den letzten Jahren ist an sehr vielen Stellen und
in mannigfaltiger Weise versucht worden, den Schrotthandel
        <pb n="71" />
        ﻿69

zu organisieren. Diese Versuche sind sowohl von Seiten
der Schrotthändler als auch von Seiten der Schrottab-
nehmer angestellt worden. Doch traten diesen Unterneh-
mungen immer Schwierigkeiten entgegen. Denn der Schrott-
handel verteilt sich auf eine sehr große Anzahl von Fir-
men und Personen, die unter den verschiedensten Voraus-
setzungen arbeiten. So trifft man einerseits Schrottfirmen,
die den Handel mit einem Kapital von Millionen betäti-
gen, andererseits, und das ist bei weitem die größere An-
zahl, gibt es aber eine Menge von Händlern, die den Alt-
eisenhandel nur gelegentlich betreiben. Hierunter fallen
besonders jene Händler, die man in jedem Dorfe antrifft
und die von Ort zu Ort ziehen und den dort entfallenden
Altschrott aufkaufen und an die größeren Firmen weiter
absetzen. Zwar gibt es in Deutschland kleinere Vereinig-
ungen der Händler, so in Hamburg und in Berlin, doch ist
der Einfluß derselben auf die Schrottpreise und den ge-
samten Handel von geringer Bedeutung.

Auch die schrottverbrauchenden Werke haben zu
verschiedenen Zeiten versucht dem Schrotthandel eine
straffere Organisation zu geben; doch sind die sämtlichen
entstandenen Vereinigungen über kurz oder lang alle wieder
in die Brüche gegangen. So wurde im April 1904 von
den oberschlesischen Werken eine Schrotteinkaufsgesell-
schaft unter der Firma „Eisenhandelsgesellschaft m. b. H.“
ins Leben gerufen. Sie wurde lediglich zu dem Zwecke
gegründet, den Werken das zur Verhüttung erforderliche
Altmaterial so günstig als möglich zu beschaffen. Im Juni
1907 traten jedoch mehrere oberschlesische Werke aus
dieser Vereinigung aus und traten auf dem Schrottmarkt
als Konkurrenten derselben auf. Da nun im Osten gerade
von der Eisenbahn der nur noch zum Verhütten geeignete
Schrott freihändig verkauft wird, so trat bald bei den Alt-
materialien eine ganz erhebliche Preisteuerung ein. Der
        <pb n="72" />
        ﻿70

Kampf endete schließlich damit, daß die Alteisenvereinigung
der oberschlesischen Werke einging.

Im Mai 1910 plante man auch in Niederrheinland und
Westfalen eine Schrotteinkaufsvereinigung, doch war sie
nur von ganz kurzer Dauer, da sich die mitorganisierten
Schrotthändler gegenseitig heimlich unterboten und so die
ganze Sache illusorisch machten.

t

Doch besteht bei den rheinisch-westfälischen Hütten-
werken einerseits und den dortigen Schrottbändlern ande-
rerseits eine nicht organisierte stille Vereinbarung bezüg-
lich des Schrottankaufs und der Preise, die sich ganz gut
bewährt hat. Alle vier bis sechs Wochen kommen näm-
lich die Vertreter der Werke und die Händler in Düssel-
dorf zusammen und setzen die Preise für die verschiedenen
Schrottarten fest und schließen auch dort ihre Käufe und
Verkäufe ab.

In Süddeutschland haben vier größere Werke seit
ungefähr 11/a Jahren den Einkauf ihres gesamten Schrott-
bedarfs gemeinschaftlich organisiert. Da bei der großen
Zahl von Händlern und der Mannigfaltigkeit der Materialien
eine Schrotteinkaufsgesellschaft vom Standpunkte der
Stahlwerke sehr zu wünschen ist, so möge unten dargetan
werden, wie diese süddeutschen Werke den Schrottein-
kauf betätigen zumal sich ihre Einkaufsorganisation in der
Praxis sehr gut bewährt hat.

Die Verhältnisse für einen gemeinsamen Schrottein-
kauf sind in Süddeutschland denkbar ungünstig. Die Werke
liegen weit auseinander, die Ausschließung von Outsiders
war von vorneherein unmöglich, weil in Süddeutschland nicht
nur die norddeutschen, sondern besonders auch österrei-
chische und italienische Werke als Käufer in Frage kommen.
Auf den Versuch, diese alle unter einen Hut zu bringen mußte
von Anfang verzichtet werden, um so mehr, als die ge-
        <pb n="73" />
        ﻿71

nannten ausländischen Schrottkäufer dank der klugen
Zollpolitik ihrer Regierungen gegenüber den Deutschen
stark im Vorteil sind. Sowohl Oesterreich wie Italien
haben ganz geringe Einfuhrzölle auf Schrott, dagegen sehr
hohe auf Fertigfabrikate, die aus diesem Material herge-
stellt werden. Dadurch haben die Werke in den genann-
ten Ländern hohe Eisenpreise, unter deren Schutz sie dem
deutschen Erzeuger mit seinen niedrigen Erlöspreisen den
fast zollfrei eingehenden Schrott wegziehen können. Das
ist ihnen um so leichter möglich, als die süddeutschen
Bahnverwaltungen unbegreiflicherweise den außerdeutschen
Werken den Schrott zu einem billigeren Tonnenkilometer-
satz befördern als den deutschen (Transitfrachten). Bei
solchen Verhältnissen wo mit Wettbewerb von allen Seiten
gerechnet werden mußte, war das bisher meist angewandte
System ausgeschlossen, nach welchem für eine gewisse
Zeitspanne, etwa für ein Vierteljahr Richtpreise für die
verschiedenen Schrottsorten angegeben werden. Denn
solche Richtpreise geben nur dem Wettbewerb die Mög-
lichkeit, in die Karten der Einkaufsstelle zu sehen und
ihr das Material durch ein kleineres Ueberbieten wegzu-
nehmen. Es konnte auch nicht, wie wohl sonst, der
Hauptgewinn der Vereinigung darin liegen, daß man auf
die Schrottverkäufer einen Druck ausübte, in dem man
ihnen die Abnahme solange sperrte, bis die Preise einen
gewissen Stand erreicht haben. Oberster Grundsatz der
Organisation war vielmehr: es sind nach Möglichkeit die
Vorteile des freien mit denen des gemeinschaftlichen Ein-
kaufs zu verbinden unter Vermeidung der Nachteile beider
Systeme. Es ist deshalb das Verfahren der Richtpreise
wie auch jeder lästige Druck auf den Schrotthandel zu
vermeiden, um ihn nicht der Konkurrenz in die Arme zu
treiben. Dieses Problem wurde auf folgende Weise- ge-
löst; Die beteiligten Werke reichten zunächst ein Ver-
        <pb n="74" />
        ﻿72

zeichnis ihrer gesamten Bezüge an Schrott der letzten
zwei Jahre unter Angabe der Abgangsstationen ein. Aus
diesen Verzeichnissen wurden die Anspruchsziffern er-
rechnet und außerdem der Anfall in den einzelnen Ge-
bieten festgesteltt. Hierauf wurde das gesamte Gebiet in
zwei Arten von Zonen geteilt, erstens die Werkszonen,
zweitens das gemeinschaftliche Gebiet, Die Werkszonen
waren als Kreise gedacht mit dem betreffenden Werk als
Mittelpunkt und wurden so groß bemessen, daß ihr Anfall
an Schrott 20 B/0 des Bedarfes der Werke deckte. Wo
die Kreise sich berühren würden, sollten sie abgeplattet
und dafür nach der anderen Seite entsprechend erweitert
werden. Alles Gebiet außerhalb der Werkszonen ist ge-
meinschaftlich. In seiner Zone kauft jedes Werk seinen
Schrott nach wie vor unmittelbar ein zu Preisen, die
keinesfalls höher sein dürfen, als sie in dem gemeinschaft-
lichen Gebiet zu gleichen Zeiten bezahlt werden. In dem
letzteren sind die Käufe durch das Einkaufsbureau vorzu-
nehmen. Alle Käufe werden gegenseitig, d, h. zwischen
der Einkaufsstelle und den einzelnen Werken angemeldet.
Auf jeden Kauf im gemeinschaftlichen Gebiet kann jedes
Werk im Verhältnis zu seinem Anspruch ein Anrecht gel-
tend machen. Nehmen wir z. B. an, die Bedarfszahlen der
Werke A, B. C und D seien 20000, 15 000, 10 000 und
5 000 t und es seien bei gleichen Ansprüchen, als z. B.
als erstes Geschäft 100 t Kernschrott gekauft worden.
So hat A ein Anrecht auf ä/5 = 40, B auf 1,5/5 = 30, C
auf 1 5 = 20 und D auf 0,5/» = 10 t und die Ueberwei-
sung ist demgemäß durch die Einkaufsstelle vorzunehmen.
Sie erfolgt nicht erst bei der Lieferung, sondern sofort nach
getätigtem Abschluß in der Weise, daß A= 40, B = 30 t usw.
wie einen mit dem betreffenden Händler direkt getätigten
Kauf als Abschluß bucht. Dadurch ist die Einkaufstelle
auf einfache Weise auf allen Fragen der Abnahme, der
        <pb n="75" />
        ﻿73

Qualitätsbeanstandungen und der Bezahlung entlastet.
Mit der Zuteilung des Kaufes ist ihre Tätigkeit beendet.
Um bei der Verteilung bei dem Lieferanten nicht auf
Schwierigkeiten zu stoßen, bestimmen die Einkaufsbeding-
ungen der Vereinigung, daß sie sich vorbehält, über die
Mengen nach Belieben zu verfügen.

Wo Ansprüche seitens der Werke nicht gestellt wer-
den, wird die Verteilung von der Einkaufsstelle vorge-
nommen und zwar so, daß möglichst die Abschlüsse nicht
geteilt, sondern im Ganzen den Werken überwiesen wer-
den. In erster Linie ist für die Verteilung das betreffende
Sortiment, wie es von den Werken benötigt wird, dann
der Anspruch, endlich die Frage der günstigsten Fracht
maßgebend. In der Tat überlassen die Werke bisher
regelmäßig die Verteilung der Abschlüsse aus dem gemein-
schaftlichen Gebiet der Einkaufsstelle; das Verlangen Ab-
schlüsse zu teilen, ist fast nie vorgekommen, es genügt
das Recht und die Möglichkeit, es zu tun, um kein Miß-
trauen aufkommen zu lassen. Neben den Anmeldungen
der Käufe wird wöchentlich auch der Materialieneinkauf
jedem Werke mitgeteilt. Für jedes Vierteljahr gibt die
Einkaufsstelle Mitteilung über den Gesamteinlauf, das
ganze eingekaufte Material und die Verteilung auf die
verschiedenen Gebiete. Die Werke bleiben dadurch stets
im Bilde über die Vorgänge auf dem Schrottmarkte in
ihrem Bezugsgebiet und üben gegenseitig eine gewisse
Kontrolle aus, ob nicht durch eine falsche Preispolitik zu-
viel Material aus den Werkszonen und aus dem gemein-
schaftlichen Gebiet abfließt.

Die Vorteile, die mit diesem hier schematisch darge-
stellten System erzielt werden, sind die folgenden:

1.	Ein Ausspielen der einzelnen Werke gegeneinander

durch die Verkäufer zu Spekulationszwecken und
        <pb n="76" />
        ﻿74

damit die Hauptursache imgesunder Preistreibereien
ist unmöglich gemacht.

2.	Das Material wird nach dem Grundsatz der günstig-
sten Frachten verteilt.

3.	Für den Handel spielt sich der Verkehr ganz in der
beim freien Einkauf üblichen Weise auf dem Weg
von Abschlüssen ab. Es ist dadurch ohne weiteres
möglich, den Beziehungen einzelner Werke zu be-
stimmten Händlern bei der Tätigkeit- der Geschäfte
Rechnung zu tragen. Manche unangenehme Erschei-
nungen anderer Verbandsformen, die von vorne-
herein zur Kritik und zur Gegnerschaft reizen, sind
dadurch vermieden; so braucht der Händler, der
vor der Türe eines Werkes liegt, seinen Anfall nicht
auf dem Umwege über eine 300 km entfernte Ein-
kaufsstelle sondern er kann sie nach wie vor auf
dem natürlichen Wege, d. h. direkt verkaufen. Alles
Unorganische und Bureaukratische ist damit nach
Möglichkeit ausgeschaltet.

4.	Da die Funktion der Einkaufsstelle nur in der Kaufs-
und Verteilungstätigkeit und in einfachen statistischen
Arbeiten besteht, während sie von allem, was die
weitere Entwicklung der Geschäfte zu tun hat, ent-
lastet ist, so sind die Kosten, welche durch die Ein-
kaufsstelle entstehen, außerordentlich gering (0,25
Mk. pro 1000 kg. nicht für 100 kg, wie es bei älte-
ren mir bekannten Schrotteinkaufsvereinigungen der
Fall war).

5.	Die Outsiders sind nicht in dem Maße, wie sonst
zu fürchten, da man sich nicht auf Richtpreise fest-
legt, Vielmehr kämpft die Vereinigung, da sie das
bewegliche, jeder Marktschwankung und jedem Vor-
gehen der Konkurrenz sich leicht anpassende Ab-
schlußsystem hat, einerseits mit gleichen Waffen wie
        <pb n="77" />
        ﻿75

diese, anderseits ist sie stärker, weil sie durch ihren
großen Bedarf von den Lieferanten größere Zuge-
ständnisse erhält und durch die gegenseitigen An-
meldungen die Marktlage leichter beurteilen kann.
Die Schwächung durch den Verbandsbeitrag ist, wie
unter 4. gezeigt, so gering (rd V2 °/o). daß sie ver-
nachlässigt werden kann.

Die oben geschilderte Einkaufsorganisation hat sich in der
Praxis vorzüglich bewährt. Es sei von ihr hervorgehoben,
daß seit ihrem Bestehen nicht ein einziger Mißton zwi-
schen den Beteiligten vorgekommen ist, nicht eine einzige
Beschwerde, nicht ein einziger unzufriedener Brief.

In letzter Zeit sind vom Stahlwerksverband und vom
Verein deutscher Eisenhüttenleute vielfach Anregungen
ergangen, den gesamten deutschen Schrotthandel zu syn-
dizieren und den einzelnen Werken den Schrott zu einem
vom Syndikat festgesetzten Preis abzugeben. Doch schei-
terten diese Pläne immer an dem Konkurrenzkampf
der einzelnen deutschen Industriezentren. Da diese unter
verschieden günstigen Bedingungen arbeiten, so konnte
man sich auf einen Einheitspreis nicht einigen, besonders
da Oberschlesien sich dabei benachteiligt fühlte. Außer-
dem wollen die kleineren Gießereien sich an dem Syndi-
kat nicht beteiligen, da sie glauben, so ihren Bedarf bil-
liger decken zu können und würden dadurch, falls eine
allgemeine Vereinigung der übrigen Werke wirklich zu
stände käme, die Preise unnötig in die Höhe treiben.

Für die rheinisch-westfälische Industrie, die ja in
Deutschland der Hauptverbraucher von Schrott ist, wäre
es möglich, eine allgemeine Schrotteinkaufsstelle zu grün-
den, wenn verschiedene größere Werke dahin zielende
Abkommen träfen und die großen Schrottfirmen für ihr
Unternehmen interessierten.

Aus den gesamten Darstellungen ergibt sich unzwei-
        <pb n="78" />
        ﻿76

felhaft, daß der Schrott für die deutsche Martinstahler-
zeugung von außerordentlicher Bedeutung ist und diese
Bedeutung auch in absehbarer Zeit nicht verlieren wird.
Da nun der Martinstahl dem Thomasstahl bezüglich seiner
Qualität bedeutend überlegen ist, so hat es nicht an Ver-
suchen gefehlt, das Martinverfahren immer wirtschaftlicher
zu gestalten. Ein Hauptnachteil des Schrottverfahrens ist
seine Abhängigkeit vom Schrottmarkte bezüglich des größe-
ren Teiles der benötigten Rohmaterialien, während beim
Thomasverfahren das Roheisen in den meisten Fällen auf
demselben Werk hergestellt wird.

Um dieser Abhängigkeit vorzubeugen, ist man dazu
übergegangen die Martinöfen so zu bauen, daß man darin
auch mit flüssigem Roheinsatz arbeiten kann. Diese neue
Arbeitsweise ist an den verschiedenen Stellen verschie-
den ausgebildet. Darunter können heute zwei Arten als
besonders erfolgreich angesehen werden, nämlich das Tal-
bot- und das Hoeschverfahren. Dazu kommt noch das
Duplexverfahren, das in Europa zwar bald wieder aufge-
geben worden ist, in Amerika aber steigende Bedeutung
zu erlangen scheint. Der Talbotofen ist hauptsächlich in
England, aber auch in den Vereinigten Staaten, das Hoesch-
verfahren in Deutschland im Betrieb. Allgemein ist über
dieses, auch Roheisenerz-Verfahren genannte zu sagen,
daß es neben geringen Mengen Schrott und Eisenerze in
der Hauptsache flüssiges Roheisen in dem Martinofen ein-
setzt,

Hierin ist es sowohl dem Thomasverfahren als auch
dem Bessemerverfahren bedeutend überlegen, denn es
gestattet die verschiedensten Mischungen und macht da-
durch die Stahlbereitung unabhängig von der Qualität
des Roheisens und damit von der Beschaffenheit der Erze.

Dies hat man in England und Amerika sehr bald er-
kannt und die nötigen Schlußfolgerungen gezogen, d. h.
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man ist in England dazu übergegangen anstelle der bis-
herigen Prüfungsvorschriften, die sich nur auf die mecha-
nischen Eigenschaften des Eisens stützten, die chemische
Zusammensetzung und namentlich in erster Linie den
Phosphorgehalt ebenfalls als Grundlage für die Abnahme
festzusetzen. Man hat von maßgebender Seite als Maxi-
malgrenze für den zulässigen Phosphorgehalt der Schienen
0,03 °/0 festgesetzt. Diesen Anforderungen können wir
mit unserem Thomasstahl nicht nachkommen.

Wenn dieser Umstand auch auf den ersten Blick die
Befürchtung erregt, unser deutscher Stahl könne auf dem
Weltmarkt dem Wettbewerb des ausländischen aus Quali-
tätsmängeln nicht standhalten, so ist diese Befürchtung
durchaus unbegründet. Des öfteren sind schon deutsche
Schienen in England selbst auf den Markt gekommen, und
wenn sie zurückgewiesen wurden, so geschah dies niemals
ihrer Qualität sondern, wie sich immer später herausstellte,
ihrer Nationalität wegen.

In den beiden genannten Ländern ist das neue Mar-
tinverfahren auch nur unter Zwang erfolgt. Dieser Zwang
besteht in der schon weiter oben gekennzeichneten Be-
schaffenheit der Erze. Der Mangel an phosphorreichen
Erzen wie sie uns in Lothringen und Luxemburg zur Ver-
fügung stehen, hat beim Versiegen der Bessemererze Eng-
land und die Vereinigten Staaten genötigt, zum neuen
Martinverfahren überzugehen. Aehnlich liegen auch die
Verhältnisse in Rußland und auch in Schweden,

Deutschland macht dagegen eine Ausnahme. Hier
hat das Roheisenerzverfahren nur in der oberschlesischen
Eisenindustrie Eingang gefunden; dort liegen die Verhält-
nisse für dieses Verfahren aber auch günstiger als rfür
jede andere Stahlbereitungsart. Doch wird in Oberschle-
sien auch noch bis 40 °/0 Schrott zugesetzt. In West-
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        ﻿78

deutschland ist das neue Martinverfahren mit ganz weni-
gen Ausnahmen noch so gut wie gar nicht vertreten.

Diese Ausnahmestellung Westdeutschlands erklärt
sich daraus, daß heute ein Zwang zur Einführung des
neuen Verfahrens hier noch nicht wie in den Vereinigten
Staaten und England vorliegt.

Vorläufig genügen unsere Stahlerzeugnisse, beson-
ders unser Martinstahl, sämtlichen Qualitätsanforderungen
und brauchen keine Konkurrenz zu scheuen, zumal der
nach dem neuen Martinverfahren hergestellte Stahl bezüg-
lich seiner Qualität den nach dem Schrottverfahren pro-
duzierten keineswegs übertrifft. Um nun auf jeden Fall
zu einem Kampfe gerüstet zu sein, haben fast sämtliche
größeren Martinwerke von Niederrheinland und Westfalen
in ihren Betrieben Vorkehrungen getroffen, die es ge-
statten, auch nach dem neuen Verfahren arbeiten zu
können, falls die zwingende Notwendigkeit hierzu ein-
treten sollte.

Wenn bei diesen Werken eventl. Pläne bestanden
haben sollen, ihren Stahl augenblicklich nach dem flüssigen
Verfahren herzustellen, so haben sie unbedingt an Inte-
resse verloren, seitdem die Schrottpreise so gesunken
sind. Heute schlägt die Wage der Rentabilität entschie-
den zu Gunsten der Werke aus, die nach dem Schrott-
verfahren arbeiten.

Daß das Martinverfahren in Deutschland auf die
Dauer eine größere Verbreitung gewinnt als das Thomas-
verfahren, liegt klar zu Tage, es handelt sich nur darum,
ob das alte oder das neue in Zukunft vorherrscht, Dies
wird stets nur eine reine Preisfrage bleiben. Bezüglich
des Produktes liegt kein Grund vor, dem einen den Vor-
zug vor dem anderen zu geben, es kann sich bloß um die
Wirtschaftlichkeit handeln und da bei beiden die Betriebs-
kosten fast gleich sind, nur um die Kosten der Rohstoffe.
        <pb n="81" />
        ﻿79

Solange die Kosten für den Schrott sich billiger stellen
als die für das Roheisen, wird man dem Schrottverfahren
den Vorzug geben müssen, und dies ergibt sich beinahe
als Notwendigkeit aus sich heraus, da jährlich immer
größere Schrottmassen auftauchen und den Martinwerken
zugeführt werden,
        <pb n="82" />
        ﻿Emil Künzer

geb. den 6. August 1886 zu Forsthaus Lanterthal bei Neun-
kirchen (Saar), besuchte von Ostern 1897 bis 1906 das
Real-Gymnasium dortselbst. Nach bestandenem Abitu-
rientenexamen studierte er auf den Hochschulen zu Aachen
und Breslau und promovierte im Januar 1913 an der
Universität Heidelberg,
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        ﻿
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        ﻿
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        ﻿Image Engineering Scan Reference Chart TE263

— 75

P |k |s p

se, anderseits ist sie stärker, weil sie durch ihren
&gt;ßen Bedarf von den Lieferanten größere Zuge-
ndnisse erhält und durch die gegenseitigen An-
ldungen die Marktlage leichter beurteilen kann.

&gt; Schwächung durch den Verbandsbeitrag ist, wie
:er 4. gezeigt, so gering (rd 1/2 °/0), daß sie ver-
hlässigt werden kann.

i geschilderte Einkaufsorganisation hat sich in der
orzüglich bewährt. Es sei von ihr hervorgehoben,
ihrem Bestehen nicht ein einziger Mißton zwi-
_:n Beteiligten vorgekommen ist, nicht eine einzige
rde, nicht ein einziger unzufriedener Brief,
letzter Zeit sind vom Stahlwerksverband und vom
deutscher Eisenhüttenleute vielfach Anregungen
j, den gesamten deutschen Schrotthandel zu syn-
und den einzelnen Werken den Schrott zu einem
tdikat festgesetzten Preis abzugeben. Doch schei-
Üese Pläne immer an dem Konkurrenzkampf
einen deutschen Industriezentren. Da diese unter
i: len günstigen Bedingungen arbeiten, so konnte
: auf einen Einheitspreis nicht einigen, besonders
Schlesien sich dabei benachteiligt fühlte. Außer-
len die kleineren Gießereien sich an dem Syndi-
y ; beteiligen, da sie glauben, so ihren Bedarf bil-
ken zu können und würden dadurch, falls eine
te Vereinigung der übrigen Werke wirklich
äme, die Preise unnötig in die Höhe treiben,
die rheinisch-westfälische Industrie, die ja
md der Hauptverbraucher von Schrott ist, wäre
:h, eine allgemeine Schrotteinkaufsstelle zu grün-
m verschiedene größere Werke dahin zielende
s4 en träfen und die großen Schrottfirmen für ihr
; men interessierten.

den gesamten Darstellungen ergibt sich unzwei-

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