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            <forname>Willy</forname>
            <surname>Wygodzinski</surname>
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•immHUiiiiiMmei 
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Linsühmng in die 
^olkswirischasislehre 
von 
W. Wygo-zinski 
3. Auslage 
"SeieiimimmimsiiimmiiinmB r" 
iWcnfdidfl! 
''•si's . 
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und Bildung 
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        Quelle L Meyer 
Verlag in Leipzig 
Wissenschaft und $Bung 
(Linzeldarsiellungen aus allen Gebieten des Wissens 
© ie Sammlung will den Leser schnell und mühelos, ohne 
Fachkenntnisse vorauszusehen, in das Versiandnis aktueller 
wissenschastlicher Fragen einführen, ihn in ständiger Fühlung 
mit den Fortschritten der Wissenschaft halten und ihm so 
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Kenntnisse zu vertiefen, sowie neue Anregungen 
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Aolksleben im Lande der Bibel Von 
Professor Dr. M. L i br 2. Ausl. ■* 
Sabbat und Dvrmlag Von Pro 
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Einführung in das Alte Testament 
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Die Poesie des SUten Testamenls 
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\ David und sein Zeitalter Von Pro- 
rfj fesjor Dr. B.BaenIsch -&gt; 
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Oie israelitischen Propheten Von 
Professor Dr. W. § a sp a r i ■» 
DasShristentum FünfVortrige von 
Geheimrat Professor Dr. E.l^o rn ill, 
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Christus Von Professor Dr. O. 
Holtzmann 2. Ausl. •&gt; 
| l'ouiua Von Prof. Dr. R. Knops 
Das apostolische Glaubensbekennt. 
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Das Christentum im Weltanfchau- 
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WISSENSCHAFT UND BILDUNG 
Philosophie-/ Pädagogik 
CEinldhing in die Philosophie Von 
Professor Dr. P. M o n ,er 2. Aufs. 
Geschichte-erphilosophie Von Pro 
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Die Weltanschauungen der Gegen 
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Sinführung n die Ästhetik der Ge 
genwart Von Profesivr Dr.E. M e u- 
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DaS System der Äyheiit Don Prof. 
Dr. E. Meumann 3. Aufl. •» 
Mutit-tilch« Bildung und «rziehung 
zum inu l ifali i *cn Hören Von Pro 
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Grundrib der Musikwissenschaft Von 
Profeisor Dr. phil.et mus. H. Rie 
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Das Klavier und Klavierspiel Von 
Professor Dr. E.E ch m i h •» 
Mozan Von Prof. Dr. H. Freih. v. d. 
Pfordten 2. Auf!. * 
Beetdoven Von Professor Dr. H. 
Freiherrn v.d.P f o r d t« n 3. Aufl. » 
Richard Wagner Von ProfeflorDr. 
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Schubert und das deutsch« Lied Don 
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Christiich« Kunst Von Superinten 
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Christliche Kunst im Bilde Von Pro- 
fessorDr.G. GrakDitzthum -*
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feffor Dr. W. Waetzold 2. Aufl. 
Geschichte 
Eiszeit undllrgeschichte desMenschen 
Son professor Or. 3- P o (J I i g 3. Aufl. 
Di« Zn-ogennanen Son professor 
©r O. Schräder 3. Aufl. 
Aitorientalische Kultur im Bilde Son 
Dr. 3- Hunger und professor Or. 
H. Lamer 
Die babylonische Geisteskultur in 
ihren Seziehungen zur ffulturentrolrf» 
lung der Menschheit Son professor 
Or. H. Winckler 2. Aufl. 
vie Kultur des alten Ägypten Son 
prof. Dr. Freiherrn W. v. Äifsing 
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Die Sgckische Kultur Son prof. Dr. 
greift. Jt. v. Lichtenberg 2. Aufl. 
Griechisch« Kultur im Bilde Gin 
»liberating Son prof.Or.H. Lamer 
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Son prof. Or. A. Bauer 
Sam Judentum zum Christentum 
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BömischeKultur im Bilde GinBilder« 
atlas Son professor Dr. H.Lamer 
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Zur Kulturgeschichte Boms Son 
Geh. 31. prof Dr. Th. Birt 3. Aufl. 
Vas alte Item Sein Werden, Blühen 
und S-rgehen Son Professor Or. G. 
Di-Hl 2. Aufl. 
Cäsar Von Hauptmann @. Seith 
Westdeutschland zur Römerzeit Son 
Prof. Oi H. Draaendarff 2. Aufl. 
Die germanischen Tteiche der Sölker- 
roonberung Son professor Or. L. 
Schmidt 2. Aufl. 
Srundzüge der Deutschen Altertums- 
künde SonProf.Dr.H.Ii sch er 2.Aufl. 
Deutsche Altertümer im 3tahmen 
deutsche^ Sitte Son professor Or. 
O f uffer 
Iliederveutsche Solkskund« Son pro 
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Das deutsche HauS in Dorf und Stadt 
Son professor Or. O. Laufs er 
Sora Sikingerschiss zum Handels, 
»amvbool Deutschland« Seeschiffahrt 
und Geehandel oon den Ansängen bis 
zur Gegenwart Son Professor Dr. 
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Deutsche Kultur des Mittelalters im 
Bilde Son professor Or p. Herr« 
Kulturgeschichte der Deutschen im 
Mittelalter Son professor Or. G. 
Steinhausen 2. Aufl. 
Kulturgeschichte der Oeutschen in der 
Reuzeit Son prof. Or. G. Stein 
haufen 2. Aufl. 
Diedeutsch« Ttevolution (1548) Son 
Geh.»3tat prof. Dr. G. Branden 
burg 2. Aufl. 
Die Technik im Landkriege Sen Ge 
neralleutnant A. Schwarte 
Seehelden und Admirale Son Size- 
Admiral H. Kirchhofs 
Die Kultur der Araber Son prof. 
Dr. S Sell 2. Aufl. 
Mohammed und die Seinen Son 
Professor Dr. H. Dettendorf 
Die poiarvStter San Dr. H. Byhan 
Bürgerkunde und Volks« 
wtrischafislehre 
Cinführung in Sie 3t«chtswiff«nschast 
Son Prof. Dr. G 3ta bbruch 3. Aufl. 
Staat und Gesellschafl Son professor 
Or. A. Sierfanbt 
Grundlinien de« deutschen Staat«. 
Wesens S.Geh.Hofr.Dr. 3t.G ch m i dt 
Staatsbürgerkunde Son Geh. 3tat 
professor Or. G. Bernheim 2. Aufl. 
Politik Son professor Dr Fr Stier- 
Gomlo 4. Aufl. 
Unsere Gerichte und ihre Reform Son 
professor Or W fill'd)
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iiiiininiBiiiiaiiM' i,i. 1 lii' ij'iiiiiüiiMiHiiiiimiiiiiiiiiiin; 
WISSENSCHAFT UND BILDUNG 
Die deutsch« ReichSversassung Von 
Geh.NatVrof. Dr.VH.I o m3. Ausl. 
Die Haupttheorien der Bottswirt- 
schafisiehre Von Professor Or. O. 
Spann 5 Aufl. 
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ginn de? 19. Zahrhund. bis zur Gegen' 
wart Don Prof. Or. p. 2)1 o m be r t. 
(Kinsührung in die Voikswirtschasts. 
lehre Von ProfossorDr.W. Wy g o d- 
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Volkswirtschaft und Staat Bon Pro 
fessor Dr. 6. .Rinbetmann * 
Die Prärie des Bank- und Börsen, 
roefene Don Dankdirektor). Stein 
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Die Großstadt und ihre sozialen Pro- 
b lerne DonPros.Dr.A.N&gt;eber 2.2lufL 
Die Kleinwohnung Studien 'zur Woh 
nungsfrage Don Vaudirektor Pro- 
feifor F. S ch u m o che I 2. Au fl. * 
Der Mittelstand und feine wirtschaft- 
licht Vogt Don Snnbiku« Dr. I. 
Wernicke » 
Di« Frauenbewegung in ihren mo« 
dern&gt;-n Problemen Von Helene 
Lange 2. Aust. ' » 
Wrsorgewesen Einführung in das 
Versiänonis der Armut und der Ar- 
menpstege Von Professor Dr. Chr. 
Ä l u m t e r •&gt; 
Sozial» Säuglings, und Zugend- 
fürsorg« Don Prof. Dr. A. U ffen» 
h e i m e r ■* 
Zoologie und Botanik 
Anleitung zu zoologischen Beobach, 
hingen Von Professor Dr. F. D a h l 
Der T-«rkorpcr Seine Form und sein 
Bau Von Privatdozent Dr. C. Ne- 
reSheimer •* 
Licht und Leben im Tierreich Don 
Professor Dr. W. Stempelt ■» 
Die Säugetier« Deutschlands Don 
Privatdozent Dr. He nn i n gS ■* 
Kryptogamen (Algen, Pilze,Flechten, 
Moose und Farnpflanzen) Don Prof. 
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Dt« Bakterien und ihre Bedeutung 
im praktischen Leben Don Professor 
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Vogelweit Don Professor Dr. E. 
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Tier, und Pstanzenleben des Meeres 
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Pstanzcnwelt Don Professor Dr. F. 
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Befruchtung und Verbreitung im 
Pstanzenreich« Don Professor Dr. 
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nungen unt Gefahren Von Pro- , 
fe ssor Dr. F.MÜ tier ^ 
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Leib und (Seele Von Professor Dr. 
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Oa« Nervensystem und die Schädlich 
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Unsere (Sinnesorgane u. ihre Funk 
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den un» Kro&gt; ken Von Geh. Me: 
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Mnspfung Von Professor Dr. W. 
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Oie Hygiene de« männlichen Se. 
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        Wilhelm Scharrelmann 
Täter der Jugend w 
3)1 5. 
Geb. 331. 7.- 
»Täler der Jugend^ - das sind die blumigen Gründe mit den jungen Hainen 
der ersten Ireundschafi und der ersten Liede, durch die der junge Älensch wie 
durch ein Märchenland geht. »Täler der Jugend» — daS sind aber auch die 
Dtkberunqen, durch die jedes junge Leben gehl, ehe es die Straft findet, die 
Höhen und Gipfel zu erklimmen. (LS ist der Roman eineS jungen Arbeiter- 
fünftlere, der den Willen und den Drang zur Höhe hat und einen ein 
samen Weg gehl. Mädchenbllder von einer zarten, milden Schönheit, wie 
mit dem Silberstist gezeichnet, wandeln durch den Roman. 
Rund um Sankt Annen "E 
Seiten. Geheftet Mark 5.- 
Geschichten. 269 
Gebunden Mark 7.— 
piddk Hundertmark 
8s ist eine völlig einheitliche, in sich abgeschlossene Welt, die »pickdalae», 
aus der Wilhelm Gcharrelmann diesen neuen Sand humorvoller Erzäh 
lungen geschrieben hat. Zn eine enge, vom Strom des Großstadtlebens 
ableits liegende Gasse, in eine idyllische Welt hat Gcharrelmann mit dem 
Auge des Dichters geblickt und mit sicheren Strichen merkwürdige Gestalten 
und ergötzliche Geschichten daraus festgehalten, die sich dem Leser mit einer 
Eindringlichkeit einprägen, daß man sie nicht leicht wieder vergißt. 
Geschichte einer Kind, 
heit. Z. Auslage. 188 
Seiten. Geheftet 331. 2. — . Gebunden 331. 4.cü. *&lt; 
,,($in herzhafter und gesunder Geist weht durch dlekes Juch, und ein auf. 
rechter Mann steht dahinter. Er ist mit den Worten eher sparsam als ver 
schwenderisch; er moralisiert und reflektiert nicht; er hat mit sicherem Gefühl 
an der rechten Stelle nicht nur angefangen zu erzählen, sondern - was 
seltener und schwieriger ist - auch aufgehört. . . Man kann sich an Meter 
Geschichte einer Kindheit recht erfrischen - sie gehört vor allem in sämtliche 
^stolksbidllotbeken.» „Velhagen und Klafings Monulöheste.» 
Die Fahrt ins Leben 
Geheftet Mark 4.—. Gebunden Mark 6.— 
»Zedermann wird feine, Freude haben an diesen kleinen Geschichten, die 
gleicherweise durch ihren eigenartigen Inhalt, wie durch bie plastische 
Darstellung fesseln. Ob nun der Schalk aus den Älättern guckt oder vom 
Ernst und Kampf des Lebens erzählt wird oder moderne Anekdoten auf 
eine Schnur gereiht erscheinen — ein Grundsatz geht durch all die bunten 
Bilderchen; das ist der Kinderplauderton, der in den einfachsten Dingen 
eine Seele sicht, toten Gegenständen Leben einhaucht und vom Geheimsten 
Kunde bringt.» 0je 6 „ fc , 
'mililtinimimmmmiiiiiüiiüiiüiiinniülüIlsiirtHiillillilTIllllliiililüuiiiilllliiiillHIHIilliilliiiiililllTiiTI'nilllllililltlllllllliiliNjlliil
        <pb n="9" />
        Wissenschaft imö Bildung 
Einzeldarstellungen aus allen Gclnelen des Wissens 
113 
Einführung 
in die 
Volkswirtschaftslehre 
Von 
Prof. Dr. ID. Mvgodzinski 
, Z 
Dritte, durchgearbeitete Aufla ge ) 
Perlag von Quelle &amp; Meyer in Leipzig 
Abteilurg \ f 
Bibliothek / « 
/f'if 6 A *?&gt;
        <pb n="10" />
        # 
Druck von Dr. Reinhold &amp; Co.. Leipzig 
Geschenk der 
Handwerkskammer Hamburg 7. 2. 1968
        <pb n="11" />
        Vorwort zur dritten Auflage. 
Dieses Buch soll weder ein Lehrbuch sein noch ein Auszug aus 
einem solchen, sondern eben nichts anderes als eine Einführung. 
Wer sich entschließen will, das weite Gebiet der Volkswirtschafts 
lehre zu betreten, sei es zum Stubium oder nur zur Erweiterung 
und Abrundung seiner Bildung, wünscht wohl zunächst über Art 
und Grenzen dieses unbekannten Landes aufgeklärt zu werden. 
Diesem Zwecke ist hier in dieser Weise zu entsprechen versucht, 
daß eine zentrale Problemreihe herausgegriffen wurde, um an 
ihr zu zeigen, was eigentlich der Gegenstand dieser Lehre ist und 
wie sie ihn behandelt. Zugleich war der Verfasser bemüht, den 
Zusammenhang der Volkswirtschaft mit dem Leben und der Ge- 
samtkulktur anschaulich zu machen. 
Bonn a. Rh., August zyzy. 
IV. Wygodzinski.
        <pb n="12" />
        / 
Inhalt. 
Seite 
Aufgaben und Methoden der Mirtschaftslehre 5 
Grundbegriffe der Wirtschaft . . . &lt; 20 
Der Kreislauf der Wirtschaft 29 
A. Die (SiUerergeugung 
V Die Dorausfet^ungen der Giitererzeugung 34 
2. Die mi tel der Gürererzeugniig 42 
a) Die Natur 42 
b) Die Arbeit nt 
c) Das Kapital 68 
5. Die Leitung der Gütererztuguiig (Unternehmung) 78 
t. Störungen und Hemmungen der lvirtschaft und ihre Über 
windung 93 
B. Die Verteiln ng des Volkseinkommens i02 
• v Das Arbeitseinkommen (Lohn) (03 
2. Das Nesitzeinkommen (26 
3. Der Unteinchmergewinn (34 
C. Die Süterrerroenbung (3? 
Literatur (t4
        <pb n="13" />
        Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
Is Benedikt XIII., zum Papst gewählt, duf dem Balkon der 
"V 1 Peter-kirche trat, um urbi et orbi den Segen zu erteilen, sah 
er mit Staunen die ungeheure Oolksmenge zu seinen Füßen, die 
den Biesenplatz zwischen Berninis Kolonnaden füllte. Er wandte 
sich an einen der neben ihm stehenden Kardinäle und fragte: „wo 
von leben all diese Menschen?" 
wovon die Menschen leben, das ist die Grund 
frage der Volkswirtschaftslehre. Die Frage wird 
tausendmal, wird jedeir Tag gestellt und immer wieder mit 
aitberer Betonung: vom Staatsmann, der sein Volk zu Macht 
und Reichtum bringen will; von der bloßen Neugier; vom ver 
zweifelnden, der für sich und seine Familie kein Brot findet. In 
die Reihe der Fragenden ist auch die Wissenschaft getreten. Sie 
kann freilich nicht jedem einzelnen Schicksal nachgehen, will sie 
sich nicht bald ins Uferlose verlieren; vielmehr wird sie versuchen 
müssen, in der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Erscheinungen 
die wiederkehrenden Züge zu finden. Denn so sehr jedem 
Menschen sein eigenes Schicksal einzigartig und abweichend von 
den Erlebnissen aller anderen erscheinen mag, im Grunde leben 
wir fast alle nach Schablonen, wir werden irgend etwas, Kauf 
mann, Beamter, Fabrikarbeiter, und unser weg ist gewiesen und 
begrenzt. Die Triebkräfte der menschlichen Natur und die 
äußeren Umstände des Daseins sind in allen wesentlichen Be 
dingungen gleich, und so müssen wir alle dem gleichen Schicksal 
gehorchen. 
Nur darf man wieder diese Gleichheit sich nicht mechanisch, 
nicht als Identität bis in die kleinste Einzelheit vorstellen, wir 
haben, um nur ein ganz alltägliches Beispiel zu nehmen, alle 
hunger, den wir stillen wollen. Aber der Hunger ist verschieden 
groß, und so bedarf der eine schon mehr Mittel zur Befriedigung 
dieses primitiven Bedürfnisses als der andere. Nehmen wir 
nun auf der anderen Seite die 'ebenso einfache Tatsache, daß 
die Arbeitsfähigkeit der Menschen, d. h. also die Voraussetzung 
zur Beschaffung dieser Mittel, verschieden ist, nach Alter, Ge 
sundheitszustand, Begaburkg, so sehen wir schon eine ganze Reihe
        <pb n="14" />
        6 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
von Möglichkeiten für die Lösung des simplen problems an 
gedeutet, wie wir unseren Lebensunterhalt erwerben sollen. 
Der Mensch ist aber ein Wesen, das nicht nur unter Natur- 
bedingungen lebt, sondern auch unter geschichtlichen. Nicht das 
interessiert uns zunächst, wie der Naturmensch in Australien oder 
Afrika lebt, der seinen übergroßen junger durch Erjagen von 
mehr Tieren oder Sammeln von mehr Früchten stillt; nein für 
uns selbst gilt die Frage, wovon wir leben sollen, wir können 
nicht einfach Tiere jagen oder wurzeln graben; unsere Arbeit ist 
eine andere, wir verkaufen vielleicht wären oder schmieden 
Nägel; wo finden sich aber die Käufer, die uns nun gleich doppelt 
so viel waren abkaufen oder Nägel verlangen, wenn unsere Be 
dürfnisse steigen? wir sind abhängig von anderen geworden, die 
freilich auch uns wieder verpflichtet sind. Denn wir verkaufen 
ja nur, um zu kaufen; und wir kaufen nicht nur Nahrungsmittel. 
Unser Hunger ist gewachsen; wir hungern nach Behagen, nach 
Schönheit, nach wissen; aber auch nach Veränderung, nach Sen 
sation, nach Erregung. Für jedes unserer tausend Bedürfnisse 
-tritt ein anderer ein, wie unsere eigene Arbeit Tausenden zugute 
kommt. 
Mag unser verlangen unter all den neuen Masken im Grunde 
stets das gleiche sein, so sind die Wege zu seiner Stillung doch 
gänzlich verändert, sind Umwege geworden, die scheinbar oft 
genug vom ersehnten Ziel ganz abweicheir. hier will die Wissen 
schaft Führerin sein; sie zeigt die großen Richtlinien, unbeirrt 
durch die zufälligen Erscheinungen des Tages. Aber man ver 
stehe richtig: die Nationalökonomie ist keine Kunst des 
Goldmachens, keine Anweisung zum Reichwerden; sie ist eine 
Wissenschaft. Das will besagen, daß ihr Ziel nichts an 
deres ist als Erkennen und Erklären. 
3m Grunde gibt es nur eine einzige Wissenschaft, und nur die 
Unmöglichkeit für den menschlichen Geist, alles zugleich zu um 
fassen, führt zu einer Si^eidung. Aus dem unabsehbaren Gebiet 
des Wissensmöglichen werdem Teilgebiete Herausgeschnittm und 
zum Gegenstand einer besonderen Wissenschaft gemacht, wir 
sehen diesen Vorgang beinahe täglich; in der Naturforschung vor 
allem findet eine ständige Grenzregulierung zwischen alten und 
neuen „Wissenschaften" statt. Diese Aussonderung ist nötig, 
weil der Umfang unseres Wissens, so beschränkt er an sich sein
        <pb n="15" />
        Die Volkswirtschaftslehre. 
7 
mag, immerhin weit über die Fassiuigsmöglichkeit eines einzelnen 
Geistes hinausgewachsen ist. Sie kann aber auch rein historische 
Ursachen im Linzelfall haben, die das tüefen der Wissenschaft 
an sich nicht berühren; wie etwa die Bakteriologie zu einem 
eigenen Wissenszweig erst werden konnte, seit durch die Vervoll 
kommnung des Mikroskops eine neue Welt des bisher Unsicht 
baren sich erschloß, oder wie die Ausbildung- der Wissenschaft der 
Meteorologie eine zwingende Folgerung des Siegeszuges der 
Luftschiffahrt ist. 
So ist auch die Volkswirtschaftslehre zu ihrer Blüte erst er 
wachsen, man könnte sagen erst entstanden aus einer praktischen 
Forderung, nämlich dem Bedürfnis des modernen Staates heraus, 
Geld in die bfand zu bekommen. Diese jeweilige zufällige Ent 
stehungsursache hat aber nichts, gar nichts mit dem Wesen der 
Wissenschaft zu tun. Noch einmal: die Wissenschaft will nur er 
kennen, und insbesondere die Wissenschaft von der Volkswirt 
schaft will wittschaftlrche Zusammenhänge auffinden, will dir 
„Gesetze" der Wirtschaft entdecken. Unter Gesetz verstehen wir 
dabei nicht eine Vorschrift, nach welcher das Wirtschaftsleben sich 
zu richten habe, sondern die mit Sicherheit beobachtete oder 
logisch nachgewiesene stets wieder eintretende Aufeinanderfolge 
zweier Tatsachen. Das Greshamsche Gesetz besagt, gutes Geld 
werde durch minderwertiges verdrängt. Das will nicht etwa 
heißen, daß dort, wo neben bisherigem guten und vollwertigen 
Geld ein minderwertiges mit gleicher Rechtskraft eingeführt wird, 
nun jedermann die Verpflichtung habe, 'nur dies minderwertige 
Geld zu benutzen; sondern es stellt die Tatsache fest, daß dies ge 
schieht und das gute Geld anderweitigen Verwendungen (Zah 
lungen im Auslande, Einschmelzen) zugeführt wird. Freilich 
kann sich auch der Nationalökonom nicht völlig darauf be 
schränken, wirtschaftliche Vorgänge in ihrer Existenz und ihren 
Zusammenhängen nachzuweisen; er wird sich vielmehr auch über 
das, was geschehen soll, über wirtschaftspo'litische 
Fragen äußern müssen. Dabei ist nun wesentlich, daß die 
Wirtschaft nicht Selbstzweck ist; die allgemeinen Lebenszwecke der 
Menschen, wie Philippovich es einmal ausgedrückt hat, sind ziel 
gebend für die Wirtschaftspolitik. Die Antriebe der Wirtschafts 
politik liegen also außerhalb der Wirtschaft selbst, die vielmehr 
nur ein Mittel zur Erreichung allgemeiner Aullurideale ist. Diese
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        8 Aufgaben und lNelhoden der Volkswirtschaftslehre. 
Aulturideale sind selbstverständlich verschieden. Der eine hofft 
vielleicht auf eine allgemeine volkskultuc, die dann eine möglichst 
gleichmäßige Einkommens- und Vermögensverteilung zur Vor 
aussetzung haben muß, während her Anhänger Nietzsches wieder 
umgekehrt . die Abstände zwischen den Vielzuvielen und den 
wenigen wertvollen so breit als möglich wünscht, wirtschaftliche 
Selbständigkeit des Staates als Vorbedingung der politischen Un 
abhängigkeit, Ausbildung der besonderen Tätigkeit und Möglich 
keiten jeden Volkes in einer disserenzierten und aufeinander an 
gewiesenen Gesamtheit der Aulturnationen, dies ist ein zweiter 
derartiger Gegensatz. 
Das Ziel stellt also die Weltanschauung, der ethische oder po 
litische Glaube; sie nur geben wirtschaftlichen Vorgängen die 
Wertbetonung. Die Mittel zur Erreichung dieser 
überwirtschaftlich gesetzten Ziele untersucht 
die wissen schaftli che Wirtschaftspolitik, wenn 
auch das Ziel gegeben ist, sönnen die Wege' zu ihm unbekannt und 
streitig sein. Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß der Ge 
lehrte unter allen Umständen der geeignetste Mann sei, dem wirt 
schaftlichen ksandeln auch zum gegebenen Ziel die richtigen 
Wege zu weisen. Die Fülle der einwirkenden wirtschaftlichen 
und nichtwirtschastlichen Umstände ist im modernen Wirtschafts 
leben so groß, daß ihre völlige Klarlegung und Verfolgung oft, 
wir können vielleicht sagen meist, bei dem bisherigen Stande 
unseres Wissens nicht, möglich ist; der geniale Blick des handeln 
den Staatsmannes, des Praktikers, übersieht und erwägt diese 
Fülle der Möglichkeiten vielleicht schärfer und rascher als der 
abstrahierende Gelehrte. Doch bleibt es die gegebene Aufgabe 
der wissenschaftlichen Wirtschaftspolitik, immer tiefer auch die 
„Lebensvorgänge" der wirtschaft, ihre Bedingungen, lsemmun- 
gen und Verläufe zu studieren; dann- wird sie — ein letztes 
fernes, wahrscheinlich nie erreichbares Fdeal - die Elemente zur 
Erlangung eines gewünschten wirtschartserloigs so sicher auf 
bauen können wie der wissenschaftliche Maschinenkonstrukteur 
seine Dynamomaschine von so und soviel Pferdekräften oder seine 
Baumwollspindel mit der vorausberechneten Umdrehungszahl in 
der Minute. 
Im Verlauf der wissenschaftlichen Arbeitsteilung als Sonder 
wissenschaft entstanden, setzt die Volkswirtschaftslehre nun ihrer-
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        Die volkswirtschaflspolilik. 
setts die Schwesterwissenschaften wiederum voraus, 
knüpft an deren Arbeiten an. Wir baden bereits angedeutet, 
daß die Grundtatsache, die zu wirtschaftlicher Betätigung führt, 
das Bedürfnis des Menschen ist; die wirtschaft ist die Lehre von 
der Organisation der Bedarfsdeckung. Die Untersuchung der 
menschlichen Bedürfnisse ist aber nicht Aufgabe der National 
ökonomie, sondern der Psychologie und Physiologie, 
deren Ergebnisse der Forscher auf dem Gebiete der Volkswirt 
schaft einfach übernimmt. ' Die Feststellung der jeweiligen Be 
dingungen, unter denen sich das Wirtschaftsleben verwirklicht, 
ist der Geschichtsforschung im weitesten Sinne, der 
Wirtschaftsgeographie, der Soziologie über 
lassen. (Es gibt kaum eine Wissenschaft, die nicht irgendwie dar 
Nationalökonom seinen Zwecken dienstbar macht, wie er seiner 
seits anderen Forschern zu dienen hoffen kann. (Es sei dafür nur 
wieder umgekehrt daran erinnert, wie sehr die Geschichtswissen 
schaft ihr Gesichtsfeld erweiterte, als sie auf die materiellen Be 
dingungen der Volksentwicklung zu achten begann; es fei an die 
Bereicherung der Jurisprudenz durch das gleiche Vorgehen hin 
gewiesen. Um ein Mißverständnis zu vermeiden, das nahe liegen 
könnte, sei ausdrücklich betont, daß die Abgrenzung des Gebietes 
einer Wissenschaft keineswegs mit der des Arbeitsgebietes eines 
Forschers zusammenfällt. Im Gegenteil, das übergreifen in Dcr=' 
wandte Wissensgebiete befruchtet oft.genug beide; nur muß sich 
der Nationalökonom, der historische Forschungen für seine Zwecke 
anstellt, bewußt bleiben, daß solange er dies tut, er Historiker 
ist und den besonderen Bedingungen dieser Wissenschaft Rech 
nung zu tragen hat. 
Fragen wir nun nach diesen allgemeineren (Erörterungen, 
welches die besonderen Aufgaben der Volkswirt 
schaftslehre sind, so wissen wir, daß es sich um Fest 
stellung und Erklärung von Tatsachen handelt, 
und zwar dou T a tsachen der Wirtschaft. Wie der 
einzelne Mensch wirtschaftet, um sich die Mittel zur Bedarfs- 
befriedizung zu schaffen, welch-&gt; (Einwirkung das Neben-, Mit-, 
Gegeneinanderarbeiten der einzelnen Menschen in der Gesellschaft 
hat, wie der Staat als die Verkörperung des Gesamtwillcns 
regelnd, hemmend, fördernd in das freie Spiel der Rräfte ein 
greift. das ist der Gegenstand unserer Betrachtung. Zu diesem
        <pb n="18" />
        jo ' Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
Ziele aber können wir auf verschiedenen Megeir kommen, und 
keineswegs ist man sich in der lpiffenschaft über den richtigen 
weg einig. Der Streit um die Methode hat in den 
letzten Jahrzehnten eine große Rolle in der Wissenschaft gespielt. 
Jetzt hat er nachgelassen; aber nicht, weil man zu einer sachlichen 
Einigung gekommen sei, sondern aus der Einsicht heraus, daß es 
einen einzig richtigen weg zur Lösung aller wirtschaftlichen 
Probleme überhaupt nicht gebe. 
Die klassische Nationalökonomie ging — ohne sich 
übrigens grundsätzlich von der angewendeten Methode Rechen 
schaft abzulegen — von dem Individualegoismus aus, d. h. von 
der Annahme, daß jeder Mensch sein eigenes Interesse am besten 
erkenne und verfolge. Daß sie aus dieser Voraussetzung schließ 
lich eine Forderung machte, daß sie in der Wirtschaftspolitik Frei 
heit des Handelns zur Erreichung der von ihr gleichfalls an 
genommenen prästabilierten Karmonie der Interessen aller 
Menschen verlangte, sei nur nebenbei erwähnt. Uns interessiert 
nur, daß sie von diesen beiden Voraussetzungen aus eine Theorie 
der Wirtschaft aufzubauen versuchte und dabei schoir in ihren 
ersten Vertretern (Adam Smith, Ricardo) Ergebnisse erzielte, die 
z. T. jetzt noch die Basis weiterer Forschung sind. Aus diesem 
Wege des Aufsteigens von gewissen primären feststehenden oder 
als feststehend angenommenen Voraussetzungen, dem Wege der 
Deduktion, wir er herkömmlicherweise genannt wird, kann 
man durch rein 'logische Folgerung zu einer Erklärung der 
Kausalzusammenhänge des betrachteten wifserlschaftsgebietes 
kommen. Das Musterbeispiel für diese Betrachtungsweise ist die 
Mathematik und insbesondere wieder die euklidische Geometrie, 
die aus wenigen Axiomen ihr ganzes stolzes Lehrgebäude auf 
gebaut hat. Diese Methode verlangt die Möglichkeit einer Iso 
lierung der zu beobachtenden Gegenstände und. Vorgänge von der 
Außenwelt; es dürfen keine anderen als die einmal an 
genommenen Voraussetzungen wirkend sein, wenn nicht die 
Bündigkeit des Beweises hinfällig werden soll. Die Naturwissen 
schaften haben dazu das Mittel des Experiments; sie haben es in 
der ^and, die Bedingungen, unter denen sich etwa die Vereini 
gung zweier Elemente vollzieht, genau festzustellen und jede 
weitere Einwirkung auszuschließen. In dieser glücklichen Lage 
sind alle jene wissnschaften nicht, welche sich mit Vorgängen
        <pb n="19" />
        Die deduktive Methode. I r 
innerhalb der menschlichen Gesellschaft befassen, weil der Mensch 
Antrieben und Einwirkungen von hundert Seiten unweigerlich 
ausgesetzt ist. Das gälte selbst von Robinson auf seiner Insel, 
der nicht nur dem Einfluß der inneren und äußeren Natur 
bedingungen unterliegt, sondern auch von Vorstellungen und 
lvissensinhalten der Gesellschaft, deren Glied er srüher war. So 
ist diese Isolierung .nur im Geiste möglich, unkontrollierbrr 
durch das wirkliche Geschehen. ' Daraus ergibt sich schon die 
spezielle Schwierigkeit dieser Methode. Der kleinste Ausschlag 
winkel, die geringste Abweichung vom Lot zerstört Harmonie und 
Standfestigkeit des ganzen, auf noch so wuchtige Fundamente ge 
stellten Gebäudes. 
Die theoretische Sozialökonomie, die sich der deduktiven oder 
isolierenden Methode bedient, setzt eine Gesellschaft voraus, in 
der die Individuen reine „2D irtfchafts menschen" sind, 
nur vom Lrwerbstrieb bewegt werden, nur in der Rolle von 
Käufern oder Verkäufern von Grundstücken, Kapitalien, 2lrbeits- 
kräften, lDaren auftreten. Und ihre Forschung geht nun dahin, 
wie Dietzel es ausdrückt, festzustellen, „welche Phänomene, 
vermittelt durch die lDillensregungen dieser lDirtschaftsmenschen, 
sich in dieser lDirtschaftsgesellschaft abspielen werden, falls dies 
oder jenes wirtschaftlich relevante Ereignis eintritt, d. h. ein 
Ereignis, durch welches diese lDirtschaftsmenschen in ihrem wirt 
schaftlichen Zweckstreben berührt werden, welches ihnen die Gunst 
eines Vorteils oder die Gefahr eines Verlustes bedeutet". Der 
hypothetische lDirtschastsmensch muß ökonomisch handeln, d. h. 
nach dem Prinzip des kleinsten Mittels, indem er bestrebt ist, das 
Maximum wirtschaftlicher Bedürfnisse mit einem Minimum wirt 
schaftlicher Aufwendungen zu erreichen; es wird weiter an 
genommen, daß der lDirtschaftsmensch, der homo oeconomicus, 
das Eintreten' des wirtschaftlich wichtigen Ereignisses sieht und- 
würdigt. Mit anderen lDorten, das „erleuchtete Selbstinteresse", 
wie man es genannt hat, muß ihn leiten. 
Die Bedeutung dieser isolierenden Methode für die Findung 
wirtschaftlicher Gesetze ist groß. So, hat einer der größten deut 
schen Nationalökonomen, Johann Heinrich von 
Thünen, in seinem berühmten Buch vom „Isolierten Staat", 
folgenreiche Untersuchungen über den Einfluß der Entfernung 
und der Transportkosten airf Vroduktion und Bvdenwert unter
        <pb n="20" />
        12 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
der Voraussetzung eines völlig hyothetischen, von der übrigen 
lvelt gänzlich getrennten Staats aufgestellt, in dem nur eine 
einzige Stadt im Mittelpunkt gelegen ist und keinerlei natürliche 
Verkehrsstraßen existieren - das m Wirklichkeit unmögliche Experi 
ment ist gedankenmäßig völlig durchgeführt. 
Aber es leuchtet ohne weiteres wiederum ein, daß diese For 
schungsweise zwar viel, bei weitem aber nicht alles zu erklären 
vermag. Die Voraussetzung vom erleuchteten Selbstinteresse des 
„wirtschaftsmenschen" und dessen restloser Durchsetzung trifft 
eben durchaus nicht immer, eigentlich sogar niemals zu. wir 
können rrlhig sagen, glücklicherweise nicht, denn solch ein reiner 
wirtschastsmensch ohne Irrtum und Leidenschaft wäre unerträg 
lich, und wäre gar die ganze Welt so ausschließlich ökonomisch 
gerichtet, so fehlte ihr alles, was dem Leben Reiz und Farbe gibt. 
Tatsächlich werden denn auch jene ökonomischen Erwägungen 
tausendfach durchkreuzt, überholt, vom Wege abgelenkt von Be 
gehren und Leiden, hohem Flug der Gedanken und dumpfer 
Unwissenheit. 
Der Mensch der Wirklichkeit', der „geschichtliche 
Mensch" ist ein ariderer als der Wirtschaftsmensch, und es ist 
nach Dietzels schönem wort die Aufgabe des Wirtschaftshistorikers, 
zu zeigen, daß dieser geschichtliche Mensch keine ausschließlich 
vom Lrwerbsbetrieb bewegte Marionette ist. „Das gleiche Indi 
viduum mag heute wie ein geriebener Spekulant, morgen wie ein 
sorgloser Verschwender handeln. Die Lebensstellung, der Eharak- 
ter, die Laune des Moments differenzieren Maß und Art des Er 
werbstriebs. Die eine Zeit, das eine Volk mag sklavisch in seinen 
Banden liegen, eine andere Zeit, ein anderes Volk ihm eine weit 
geringere Herrschaftssphäre einräumen. Die Sucht nach Reichtum 
ist nur eine in der großen Zahl der psychischen Kräfte, welche in 
den wirklichen Menschen sich regen; sie kann die übrigen ertöten, 
doch gleicherweise von ihnen überwunden, mindestens gelähmt 
werden." 
Es ist nun aber das Eigentümliche auch dieser außerwirt 
schaftlichen Motive und Vorgänge, daß sie „wirt 
schaftliche" Folgen haben. Kaum ist wohl etwas Unwirt 
schaftlicheres zu denken als der Krieg, aber kaum auch et 
was, das tiefer in die Sphäre der Wirtschaft eingreift. Schon in 
seinen Vorbereitungsstadien, im Frieden, ist der Krieg Veranlasser 
unzähliger wirtschaftlicher Vorgänge. Die Riesensummen, dir
        <pb n="21" />
        Die historische Methode. 
&lt;3 
schon im Frieden für Heer und Marine ausgegeben werden, gehen 
natürlich der Volkswirtschaft nicht verloren; in Gestalt von Ge 
hältern der Gffizere und Beamten, Besoldung und Verpflegung 
der Truppen, Beschaffung von Kriegsmaterialien aller Art treten 
sie wieder in den volkswirtschaftlichen Kreislauf ein. Selbst 
verständlich wird durch diese Konzentration einer bestimmten Bach 
frage ein weitgehender Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaft 
ausgeübt; es ist bekannt, wie einzelne Zweige der Eisenindustrie 
(durch die Herstellung von Kanonen, Gewehren, Panzerplatten), 
des Schiffsbaues, der Bekleidungsgewerbe durch die Bestellung 
der Militärverwaltung gefördert und in bestimmte Richtungen 
gelenkt werden. Aber auch daß eine überaus' große Anzahl von 
Männern im kräftigsten Lebensalter der wirtschaftlichen produk 
tiven Arbeit entzogen, zu reinen Konsumenten gemacht werden, 
ist eine unmittelbar in die Augen springende Tatsache. Damit 
sind aber die wirtschaftlichen Einwirkungen des Krieges im Frie 
den bei weitem noch nicht.erschöpft. Ls fei nur an die Beschaf 
fung des Geldes für diese Zwecke erinnert; an die Steuern, Zölle, 
Abgaben, Staatsschulden, die diesem Zwecke dienen. 
Übt die furchtbar drohende Gefahr eines Krieges einen wirt 
schaftlich wirkenden Zwang der Gegenwehr aus, der mit den 
Mitteln der staatlichen Hoheit ausgeübt wird, so können nicht 
minder rein psychologische Stimmungen zu wirtschaftlichen Er 
gebnissen größter Bedeutung führen. Es sei nur an die Mode 
erinnert, deren sanften Zwang jeder Mann und jede Frau ■— 
jede Frau erst recht — am Geldbeutel spürt. Die Eitelkeit, der 
Spieltrieb oder welches sonst ihre psychologischen Antriebe sein 
mögen, wirken bis. zu den primitivsten Völkerschaften; Glas 
perlen, bunter Kattun und daneben natürlich Alkohol sind ge 
wöhnlich die ersten Mittel, die Farbigen in den Kreis unserer 
Wirtschaft hineinzuziehen, indem wir sie mxmlaffen, im Aus 
tausch für diese Kostbarkeiten die für uns wertvollen Erzeugnisse 
ihrer Heimat oder ihre Arbeitskraft herzugeben. 
Line Häufung weiterer Beispiele wird nicht eciorderlich sein; 
wir dürfen als feststehend annehmen, was jedem einzelnen seine 
tägliche Erfahrung bestätigen wird, daß der „geschichtliche " Mensch 
in seinem wirtschaftlichen handeln durchaus nicht immer von 
wirtschaftlichen Antrieben geleitet wird, wir wallen aber wissen, 
wie tatsächlich die Vorgänge der Wirtschaft um uns herum zu 
stande kommen, ebenso wie der Lhemiker sich nicht damit be-
        <pb n="22" />
        j(4 Aufgaben und Methoden der volkswirtschastslehrc. 
gnügt, die Wirkung Meier Stoffe auseinander im Reagenzglas 
zu beobachten, sondern auch die von ihm unbeeinflußten und un 
beeinflußbaren chemischen Vorgänge im Boden, in der Atino- 
fphäre, im menschlichen und tierischen Körper zu erkennen sich 
bemüht. Das Leitmotiv des ökonomischen Prinzips hilft uns nicht 
mehr durch. So kam denn eine neue Schiele auf. die den umge 
kehrten weg einschlug. Sie ging von den tatsächlichen Vorgängen 
der Wirtschaft aus, verfolgte ihren Verlauf, suchte durch sorg 
fältige Analyse der Wirklichkeit die treibenden Kräfte aufzu 
spüren. um schließlich die Gesetze der Wirtschaft erfahrungsmäßig 
festzustellen. 
Ls ist ohne weiteres klar, daß der letztere weg gegenüber der 
strengen mathematischen Schlußfolgerung der Deduktion der viel 
leichter zu verfehlende ist. wer jemals sich mit wirtschaftlichen 
Tagesfragen beschäftigt hat, wer auch nur Zeitungen lieft, wird 
oftmals mit Staunen gesehen haben, wie verschieden die scheinbar 
einfachsten wirtschaftlichen Tatsachen erklärt werden; und für 
kompliziertere Erscheinungen wie etwa die Krise, die Boden 
preisbildung, die Lage des tzandwerks füllen die Erklärungen 
nicht mehr Bücher, sondern Bibliotheken. Man wird sich nicht 
verhehlen können, daß diese Schwierigkeiten in der Methode selbst 
begründet find; der enge Zusammenhang aller Erscheinungen des 
Lebens von den rein physiologischen bis zu den höchsten intellek 
tuellen, ethischen und ästhetischen spottet jedes Versuches einer 
restlosen Auflösung in feine letzten Elemente. 
Die Methode der volkswirtschaftlichen Ana 
lyse (so nennen wir sie besser statt mit dem vielfach angewandten 
Namen der Induktion), des Schluffes von der Erscheinung auf 
das Gesetz, hat denn auch gerade wie die der induktiven Natur 
wissenschaften, ein kjauptangenmerk auf die Verfeinerung ihrer 
Werkzeuge, der Mittel der Beobachtung gerichtet. Es handelt sich 
dabei darum, sowohl den Verlauf als auch das Wesen der Er 
scheinung eindeutig festzustellen. Sind die zu beobachtenden Er 
scheinungen bereits vergangen, so tritt die Wirtschafts 
geschichte auf den Plan. wirtschaftsbistoriker waren es denn 
auch. Männer wie Ljildebrand, Roscher, Schmolle r, 
in deren fänden die Anwendung der neuen Methode ruhte, die 
demgemäß auch mit einem ihren Umfang nicht ganz deckenden 
Namen, die historische Methode genannt wurde. Die 
Wirtschaftsgeschichte hat, wie jede Geschichtswissenschaft, die Auf-
        <pb n="23" />
        Ivirtschastsgeschichle unö Statistik. 15 
gäbe, aus früheren Geschichtserzählungen, Chroniken, nrkunSlichein 
Material und anderen Lebensäußerunaen, einen 2lusschnitt aus 
der Gesamtwirklichkeit wieder lebendig zn machen und in seinen 
inneren Verknüpfungen nachzuweisen. Der Wirtschaftshistoriker 
zeigt etwa, wie gegen Ausgang des Mitelalters eine auf Geld 
erwerb gerichtete Grundstimmung langsam erwächst, und versucht, 
die Ursprünge dieses von uns so genannten kapitalistischen Geistes 
auf den Calvinismus, auf das Iudentun^ oder auf andere Ur 
sachen zurückzufahren. Gder er untersucht die Entstehung des 
modernen proletariats, zeigt, wie es aus drei (Quellen, nämlich 
dem alten handwerklichen Gesellentum, den deklassierten Land 
streichern und „Armen" sowie der neuen Überschußbevölkerung 
zusammenfließt, die erst mit Ejilfe der modernen produktions- 
und Verkehrstechnik ernährt werden kann; er verfolgt die Be 
dingungen, unter denen ein solches proletariat entstehen konnte, 
kommt auf die Entstehung der Großindustrie und der kapitalisti 
schen Produktion überhaupt und läßt so dies problem in das erste 
der Entstehung des kapitalistischen Geistes einmünden. Wie denn 
überhaupt das letzte, freilich unerreichbare Ziel der Geschichts 
wissenschaft. die lückenlose Erklärung des Zusammenhanges alles 
menschlichm Geschehens ist. 
Führen^ die zu untersuchenden Ereignisse ihr Leben nicht nur 
in Büchern und pergamenten, so werden wir sie auch auf andere 
Weise zu fassen vermögen. Eine große.Reihe wirtschaftlicker oder 
wirtschaftlich wichtiger Vorgänge und Erscheinungen haben die 
Eigenschaft, meßbar, zählbar und wägbar zu sein. Wir können 
Geburten und Sterbesälle zählen, wir können Steinkohlenproduk 
tion und Bierverbrauch, Anbaufläche von Weizen und Ausfuhr 
von Baumwollstoffen wägen oder messen. Die 2 t a t i st i k , denn 
um diese handelt es sich, ist freilich nicht nur auf wirtschaftlich be 
deutungsvolle Vorgänge anwendbar. Das Wort Statistik ist zum 
erstenmal von Achenwall im Jahre *748 angewendet worden: 
er verstand darunter die Lehre von der Staatsverfassung und den 
„Staatsmerkwürdigkeiten". In der Tat hatten die Kerrscher und 
Staatsmänner zuerstz das zwingende Bedürfnis, namentlich alles 
das zu ermitteln, was die Bevölkerung und die Produktion sowie 
die Produktionsmittel angeht. Auf die Ermittelung der „Staats« 
merkwürdigeiten" wurde zuerst die Methode des Messens, Wägens 
und Zählens angewendet, und so konnte es geschehen, daß man 
die Ermittlungsweise mit denr Gegenstand der Ermittlung un-
        <pb n="24" />
        \6 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
merklich gleichsetzte. Wir müssen aber streng daran festhalten, 
Laß die Statistik, welcher Namen jetzt dieser Ermattlungsweiss 
anhängt, eben nur eine Methode ist, die ebensowohl auf die Er 
mittlung der Ausbreitung von Haarkrankheiten oder der Durch 
schnittshäufigkeit von Gewittern angewendet werden, kann wie 
auf die Feststellung der Ein- und Auswanderung oder der Arbeiter 
löhne; gerade so wie die Geschichte als Dlethode für die Erfor 
schung aller Geschehnisse in der Zeit anwendbar ist. 
Man hat der Statistik viel Übles -nachgesagt; man hat sie der 
Lüge wie der Langweiligkeit beschuldigt. Beide Anschuldigungen 
sind durchaus falsch. Die Statistik lügt nie; sie ist nur ein ungemein 
seines und empfindliches Werkzeug, das in der Hand Ungeschickter 
und Böswilliger versagt, wie es dis Rräfte des Kundigen erhöht. 
Und sie ist erst recht nicht langweilig. Man muß nur zu lesen 
verstehen; dann beleben sich die Zahlenseiten der statistischen 
Jahrbücher, und die Schicksale der Völker steigen vor uns auf. 
Welch eindrückliches Zeugnis von der großen Unruhe unserer 
Zeit legen die Zahlen der Ein- und Auswanderungen ab; welche 
Sprache von Kampf, Not, Sieg und Niederlage sprechen die Zahlen 
der Streikstatistik. 
Line andere Form der Massenbeobachtung, die jetzt rechter Be 
liebtheit sich erfreut, ist die L n q u e t e. Bei ihr handelt es sich 
um Tatsachen, die nicht mittels Zahlen allein zu fasten sind, son 
dern ergänzender Beobachtungen und Untersuchungen bedürfen. 
Solche Enqueten hat z. B. der Verein für Sozialpolitik in den 
letzten Jahrzehnten wiederholt veranstaltet und damit ein äußerst 
wertvolles Tatsachenmaterial beschafft; die Lage der Handwerker, 
das landwirtschaftliche Kreditwesen, die Wirtschaftsbetriebe der 
Städte, Auslese und Anpassung der Arbeiter in der Großindustrie 
waren einige der von ihm behandelten Gegenstände. Ls wird da 
bei ein Fragebögenschema ausgearbeitet, auf Grund dessen mög 
lichst viele Linzelbeobachter Untersuchungen, vornehmen. Die 
Fehlerquelle liegt, abgesehen von der jeweiligen Zugänglichkeit 
des Untersuchungsstöffs, in-der verschiedcnartigkeit der'Beobach 
ter nach Vorbildung, Sachkenntnis, Vertiefung und Fähigkeit: 
die Ergebnisse bedürfen also einer ebenso sachkundig kritischen 
Würdigung wie die an und für sich zuverlässigeren aber spröderen 
der Statistik. 
Die Gesamtergebnisse der „historischen Methode" bilden eine 
außerordentlich wertvolle Bereicherung unserer Wissenschaft, viel-
        <pb n="25" />
        Die psychologische Methode. (7 
leicht nicht zum wenigsten deshalb, weil sie eine Befreiung von 
der einseitigen politischen Richtung der klassischen Schule be 
deuteten. Immerhin war es der historischen Methode nicht ge 
lungen, das Lrkenntnisbedürfnis restlos zu befriedigen. Dte 
historische Schule hat den unabsehbaren Tatsachenstoff nicht so zu 
bewältigen vermocht und wird dies niemals können, daß sie aus 
ihm ein lückenloses System der Wirtschaft aufzubauen imstande 
wäre; zu einer solchen Synthese ihrer Ergebnisse hat sie kaum 
den versuch gemacht. Aber nicht nur diese Unfähigkeit zur System 
bildung hat eine Gegenerschaft auf den plan gerufen, sondern 
noch mehr vielleicht das aus einer anderen Geistesartung ent 
springende Bedürfnis rein abstrakten Denkens. So hat die theo 
retische Richtung eine Auferstehung erfahren und beginnt schon 
fast, die „historische" zurückzudrängen. Die österreichische 
Schule, wie sie nach ihren tzauxtoertrctern' im deutschen 
Sprachgebiet genannt wird, ist keineswegs in sich einheitlich, außer 
in der Forderung, der theoretischen Betrachtung Raum zu schaffeir. 
Der eine Zweig, der allerdings hauptsächlich im Auslande blüht, - 
hat nichts Geringeres vor, als den Schlüffen der ökonomischen 
Theorie die Sicherheit der exakten mathematischen Be 
weisführung zu verleihen. Einen solchen versuch hat bei 
spielsweise S ch u m x e t er gemacht, indem er die Aufgabe der 
reinen Ökonomie in der Untersuchung der Funktionalbeziehungen 
der Güterquantitäten unter Voraussetzung eines Gleichgewichts 
zustandes sucht. Diese objektiv-quantitative Problemstellung steht 
im schärfsten Gegensatze zu der herrschenden Richtung innerhalb 
der Wiener Schule, die ihre Vertreter als die „psychologische 
Methode" charakterisieren. Damit ist nicht etwa gemeint, daß 
diese Theorie von der wissenschaftlichen psvchologie ausginge. Sie 
legt vielmehr Wert darauf, zu betonen, daß sie ihre Beobachtungen 
über das menschliche Innere selbständig mache, oder, wie ihr 
jetziger Führer v. W i e s e r es ausdrückt, den Inhalt der gemeinen 
wirtschaftlichen Erfahrung wisseuschaftlich auszuschöpfen und zu 
deuten sich zur Aufgabe gemacht habe. Das Bewußtsein der wirt 
schaftenden Menschen biete einen Schatz von Erfahrungen, die 
jedermann besitze; dies seien teils äußere Tatsachen wie das Da 
sein der Güter, teils innere wie die menschliche Bedürftigkeit. Der 
Umfang der Wirtschaftstheorie reiche genau so weit, wie diese 
gemeine Erfahrung. Die Aufgabe des Theoretikers ende immer 
dort, wo die gemeine Erfahrung endige und wo die Wissenschaft 
WvgodzinSKI, Slntütmmg in bie BolKSwirUchaftslehri. 
2
        <pb n="26" />
        18 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre. 
ihre Beobachtungm im Wege der historischen oder statistischen 
Arbeit auf irgendeinem anderen sonst für zulässig erachteten woge 
sammeln müsse. Erkenntnisse solcher Art überlasse der wirt- 
schaftstheoretiker also anderen Bearbeitern der wissenschaftlichen 
Ökonomie, die durch ihre Methode in den Stand gesetzt seien, 
die theoretisch gewonnenen Ergebnisse weiterzuführen. Doch 
werde der Theoretiker sich der Beziehung auf das geschichtliche 
Werden nicht ganz zu enthalten haben. Es gebe zahlreiche ge 
schichtliche Wirtschaftsprozesse, die, nachdem sie Jahrzehnte und 
Jahrhunderte gefüllt haben, auch heute noch im Lause und des 
halb der Einsicht durch die gemeine Erfahrung zugänglich seien; 
so z. B. die Entwicklung der Arbeitsteilung oder die Steigerung 
der Grundrente, oder auch selbst die Auslösung der Naturalwirt 
schaft durch die Geldwirtschaft. Die Methode der Wirtschasts- 
theorie ist also nach der 2lufsassung von Wieser empirisch, sie be 
ruht auf Beobachtung und hat kein anderes Ziel als die Wirk 
lichkeit zu beschreiben, allerdings nur in ihren typischen Erschei 
nungen und ihrem typischen Verlauf, unter Fortlassung des 
Nebensächlichen, Zufälligen, Besonderen. Als Lfilfsmittel dazu, 
dienen die gedankliche Isolierung, die Zerlegung der zusammen 
gesetzten Bilder der Erfahrung in ihre einfachsten Elemente, und 
die Idealisierung, die den empirischen Fall in Gedanken auf den 
höchsten Grad der Vollkommenheit erhöht. Die Isolierung enthält 
dabei weniger, die Idealisierung mehr als die empirische Wahr 
heit. Mit diesen' Annahmen äußerster Abstraktion beginnt der 
Theoretiker, ist sich aber bewußt, daß sie das volle Bild der Wirk 
lichkeit nickt geben. Um nun sein eigentliches Ziel, die Erklä 
rung der Wirklichkeit, zu erreichen, gestaltet er feine Annahnwn 
Schritt für Schritt durch ein System abnehmender Abstraktion 
konkreter und vielfältiger. Ganz an die Wirklichkeit kommt er 
damit nie heran; die Theorie verlange vielmehr, wie schon er 
wähnt, die fortsetzende Arbeit anderer wissenschaftlicher Methoden 
und selbst auch der praktischen Politik, die realistisch jene Einzel 
heiten einzeichnen, welche sie selber in ihrer stilisierenden Art der 
Darstellung nicht auszudrücken vermöge. 
Noch in einem weiteren Sinne verlangt v. Wieser eine Er 
gänzung der theoretischen Wirtschaftsbetrachtung. Der volks 
wirtschaftliche Prozeß, den zu erklären seine Absicht ist, hat nach 
ihm nämlich zwei Voraussetzungen. In der Volkswirtschaft treffen 
Einzelwirtschaften zusammen. Er untersucht deshalb zunächst die
        <pb n="27" />
        19 
Üie Soziologie. 
Linzelwirtschaft, d. h. die Wirkungen, die von den reinen lvirt- 
schastszwecken aus und nur von diesen, auf die Gestaltung des 
wirtschaftlichen Prozesses ausgeübt werden, unter der idali- 
sierenden Annahme eines wirtschaftlichen Mustersubjekts. In 
der Volkswirtschaft jedoch zeigt die Beobachtung, daß unter Um 
ständen bei dem Zusammentreffen der Linzelwirtschosten die 
Interessen sich kreuzen und daß im Kampfe der Stärkere siege, 
wobei sich große Mächte entwickelten, die ganzen volksklassen ein 
entscheidendes Übergewicht über die anderen verliehen. Das Ver 
hältnis der Macht zur Wirtschaft, die Frage der Macht überhaupt 
ist kein wirtschaftliches Problem mehr, sondern ein solches der 
Gefellschaftstheorie, die damit eine der Voraussetzungen der Er 
kenntnis der Volkswirtschaft wird. 
Diese Anerkennung der Bedeutung der Soziologie (mit 
diesem Namen nennen wir die Gesellschaftstheorie gewöhnlich) 
durch v. Wieser ist jedoch noch beträchtlich zu erweitern.' Nicht 
nur das Problem der Macht, sondern eine ganze Reihe weitere 
rein gesellschaftliche Vorgänge 'wirken auf die Wirtschaft entschei 
dend ein. Tatsächlich enthalten die meisten wirtschaftlichen Unter 
suchungen Einsprengsel soziologischer Art, ohne daß dies klar zum 
Bewußtsein und noch weniger zum Ausdruck kommt. Line syste 
matische Durchleuchtung der wirtschaftlichen Vorgänge vom Stand 
punkte der Soziologie gehört zu den dringendsten Aufgaben der 
Wissenschaft. 
Diese kurz von uns skizzierten Gedankengänge eines unserer 
hervorragendsten Theoretikers laufen darauf hinaus, nicht dis 
Alleinherrschaft einer Methode zu proklamieren, sondern den 
Herrschaftsbereich der verschiedenen Methoden abzugrenzen. Ls 
ist jetzt wohl die überwiegende Meinung der Forscher auf unserem 
Gebiete, der M a x w e b er folgendermaßen Ausdruck gab: „A u f 
dem Gebiete der Methodik wird man sich im 
Bereiche unserer Disziplin mehr an den Ge 
danken gewöhnen müssen: daß letztlich alle 
Wege wieder zusammenführen." Die Anwendung 
der einen oder anderen Methode ist teils Sache des jeweiligen 
Problems, teils der besonderen Veranlagung des Forschers. Ls 
sind schließlich Grundanlagen der menschlichen Natur,'die den 
einen vom Gedanken zur Erscheinung, den anderen von der Er 
scheinung zum Gedanken führen. Das Feld der Tätigkeit ist noch 
so unabsehbar, daß für sie alle Raum ist. ■
        <pb n="28" />
        20 
Grundbegriffe der Wirtschaft. 
Grundbegriffe der Wirtschaft. 
"MAir hatten die Volkswirtschaftslehre vorläufig gekennzeichnet 
die Lehre von der Bedarfsbefriedigung der Menschen. 
Jetzt müssen wir diese vorläufige Erklärung erweitern und deut 
licher machen. 
In dem Worte Volkswirtschaft stecken zwei' Begriffe: Wirt 
schaft und Volk. Unter Wirtschaft verstehen wir den I n - 
begriff der kfandlungen, Vorgänge und Ein 
richtungen, die auf die dauernde planmäßige 
Güterversorgung der Menschheit gerichtet 
sind. Daß ein solches Wirtschaften notwendig ist, hat zwei Ur 
sachen: die Bedürftigkeit der menschlichen Natur und die Knapp 
heit der Versorgungsniittel. Diogenes, der von Alexander nichts 
anderes zu erbitten weiß, als daß er ihm aus der Sonne gehe, 
ist ein Extrem der Bedürfnislosigkeit, für den das Wirtschaften 
zum mindesten nur eine sehr geringe Rolle spielt; die Bewohner 
des Paradieses kannten keine -Nahrungsmittelknapxheit und 
brauchten aus diesem Grunde nicht zu wirtschaften. In dem 
Maße, als die Summe der Bedürfnisse der an Zahl ständig zu 
nehmenden Menschheit wie der einzelnen Menschen selbst wächst, 
während die Natur sich weigert, ihre Gaben freiwillig zu ver 
mehren, wächst der Zwang zur Wirtschaft. 
Mit Rücksicht darauf, daß sowohl die Summe der zur Ver 
fügung stehenden Bedarfsdeckungsmittcl wie der zu ihrer 'Ge 
winnung und Verarbeitung erforderlichen Arbeitskräfte begrenzt 
ist, muß dieses Wirtschaften unter der Überlegung erfolgen, m i t 
den gegebenen Kräften und Materialien das 
Maximum von Nutzen zu erzielen. Man spricht hier 
von Wirtschaften in einem anderen Sinne als dem erstgenannten, 
und zwar in einem weiteren. Das sogenannte wrrtschaft- 
liche oder ökonomische Prinzip, das nichts anderes 
ist als das allgemeine Prinzip des geringsten Kraftaufwandes, 
gilt überall, wo menschliche Tätigkeit vernünftig sich vollzieht. 
In der Wirtschaft im erstgenannten Sinne aber spielt es eine so 
entscheidende Rolle, daß es für die Psychologie des „homo 
oeconomicus", des reinen wirtschastsmenschen geradezu ent- 
scheidend ist. 
Jeder einzelne sucht den Wirtschaftszweck für sich zu erreichen. 
Eine Einzelwirtschaft ist denkbar; jedoch eben nur als singuläres
        <pb n="29" />
        Gegenstand der Wirtschaft. 
21 
Robinsonschicksal. In Wirklichkeit -ist die Linzelwirtschast mit 
der der anderen Volksgenossen aufs engste verbunden: durch die 
Arbeitsteilung, die den Bauern auf den Handwerker, den Kauf 
mann auf den Schiffer und wiederum jeden einzelnen auf un 
zählige andere anweist, durch Kauf und verkauf, durch die staat 
lichen Eingriffe in die Produktion und all die anderen Verbin 
dungsfäden, die uns die „gemeine Erfahrung" überall zeigt, 
hier kommen wir auf den zweiten Begriff in dem Worte Volks 
wirtschaft. Rur ist der Ausdruck „v o 1 k" für das, worauf es hier 
ankommt, nicht ganz zutreffend, sogar irreführend. Gewiß hat 
jedes in einem Staate zusammengefaßte Volk eine Gemeinfamkeit 
der wirtschaftlichen Bedingungen aufzuweisen, und in der Wirt 
schaftspolitik, die ja immer vom Staat ausgehen und ihm dienen 
muß, kommt diese Gemeinsamkeit zum scharfen Ausdruck. Im 
übrigen aber sind die Beziehungen der Einzelwirtschaft zu den 
anderen Einzelwirtschaften teils engere, teils weitere. Der Nach 
bar auf der einen Seite, die weite Welt auf der anderen be 
rühren sie bisweilen stärker als die Gesamtheit der Volksgenossen. 
Daß überhaupt die Einzelwirtschaft mit anderen in Beziehung 
tritt, ist die entscheidende Tatsache, nicht aber, wie der Kreis sich 
abgrenzt. Man spricht deshalb besser nicht von 
Volkswirtschaft und Volkswirtschaftslehre, 
sondern von Sozialökonomie und Sozialökono- 
m i k. Man könnte dafür natürlich auf gut Deutsch Gesell 
schaftswirtschaft und Gesellschaftswirt- 
fchaftslehre sagen; doch sind diese Ausdrücke nicht üblich, 
während das römiffch griechische Mischwort schon viel im Ge 
brauch ist. Der Ausdruck Volkswirtschaft ist jedoch so ein-- 
gebürgert, daß wir ihn neben jenem ruhig weiter anwenden 
können, wenn wir uns nur darüber klar sind, daß Volkswirt 
schaft oder Sozialökonomie nichts anderes ist, als die Summe 
der durch den vermehr verbundenen Einzelwirtschaften. 
Die Wirtschaft hat also ihre Wurzel einerseits in den Bedürf 
nissen der menschlichen Natur, andererseirs in der Knappheit der 
Befriedigungsmittel. Der Zweck des Mirtschaftens ist 
die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse; die, Menge der 
hierzu erforderlichen Mittel nennen wir Bedarf. Die Eigen 
schaft eines Gegenstandes, ein nienschliches Bedürfnis zu be 
friedigen, heißt Nutzen; wir vergleichen die Dinge wirtschaft 
lich nach ihrem Nutzen.
        <pb n="30" />
        22 
Grundbegriffe der Wirtschaft. 
Das 23 e ö ü r f n t s ist keine rein individuelle Erscheinung, viel, 
mehr im großen Maßstabe historisch und gesellschaftlich bebingt, 
was allerdings seine Stärke keineswegs vermindert. Die Frage 
der Entstehung der Bedürfnisse- kommt für die wirtschaftslehre 
nicht direkt in Betracht; das ist Sache der j)ftchologie und der 
Aulturgeschichte; Wohl aber ist von der größten Bedeutung für 
sie die Intensität des Bedürfnisses. Das kommt fo= 
tDofil in Betracht für die verschiedenen Bedürfnisse wie für sedes 
einzelne Bedürfnis in seinen verschiedeneir Stadien. Man hat 
vielfache Versuche gemacht, eine' Rangordnung der Bedürfnisse 
aufzustellen. Die ursprünglichste Scheidung ist die in Existenz- 
und Aulturbedürfnisse, wobei allerdings die Grenze 
zwischen beiden ständig fließt. Im allgemeinen wachst der Kreis 
derjenigen Dinge, deren Besitz als ein Eristenzbedürsnis emp 
funden wird; man denke nur an die Zeitung oder an das Bade 
zimmer. Doch kann, wie die Entbehrungen unserer Soldaten im 
Felde und selbst die erzwungene Einschränkung der Lebenshaltung 
für die nichtkämpfende Bevölkerung gezeigt haben, manches, was 
bisher als unentbehrlich schien, wieder zum Luxus für wenige 
werden. Eine Bedürfnisskala hat Brentano aufgestellt, wobei er 
mit der Lebensunterhaltung- beginnt und über eine Reihe anderer 
Bedürfnisse, wie Anerkennung, Fürsorge für Wohlbefinden nach 
dem Tode, mit -der Bildung schließt. Wie man sieht, ist eine 
solche Skala recht subjektiv. 
Jedes einzelne Bedürfnis ist, sofern es gesund ist, in seiner 
Aufnahmefähigkeit begrenzt; der erste Schluck wein ist für den 
Verdurstenden eine Labsal sondergleichen, weitere sind angenehm, 
noch weitere lassen gleichgültig, bis zum Schluß das Trinken gänz 
lich unmöglich erscheint. Dieses Gesetz d er mitdemGrade 
der Sättigung abnehmenden B e d ü r f n i s inten 
sitätist klassisch von dem Rheinländer G o s s e n im Jahre 1834 
formuliert worden; es bildet den Ausgangspunkt der Kernlehre 
der wiener Schule. 
Dabei handelt es sich um folgendes: Die Mittel zur Bedürfnis 
befriedigung sind teils in der Natur, teils im Menschen selbst vor 
handen. von ersteren kommen nur solche als Gegenstand der 
Wirtschaft in Betracht, die der menschlichen Verfügungsgewalt 
unterworfen sind; man nennt sie Güter. Lin Teil dieser Güter 
sind unbeschränkt vorhanden, wie etwa in primitiven Verhält 
nissen zumeist basr Wasser, wie in Neuländern der Grund und
        <pb n="31" />
        Bedürfnis und lvert. 
27, 
Boden; ihnen gegenüber verhält sich der wirtschaftende Mensch 
gleichgültig, er braucht sich um sie nicht zu bemühen. Der bei 
weitem größte Teil aller Güter aber ist nicht frei, sondern nur in 
beschränkter Menge vorhanden, ünd zwar gilt das sowohl von 
solchen Gütern, die zum unmittelbaren Genuß bestimmt sind, wie 
von denen, die der Produktion dienen (Werkzeuge, Rohstoffe). 
Die Beschränktheit des Gütervorrats, der durch 
den verbrauch immer wieder vermindert wird, 
bedingt nun die eigentliche Arrfgabe des Wirt 
schaftsmenschen; er muß unter den zu konsumierenden 
Gütern wie unter den zu produzierenden eine Auswahl treffen, 
und zwar handelt es sich dabei sowohl um die verschiedenen 
Güterarten wie um die (Quantitäten der einzelnen Güterart. 
Dieses Auswahlprinzip, dieser Maßstab heißt wert. Pier ist 
einer der umstrittensten Punkte der Wirtschaftstheorie, wir 
können nur auf die Pauptpunkte dabei eingehen; die Literatur 
über das Wertproblem ist zu reich, um hier auch nur andeutungs 
weise nach ollen Richtungen hin charakterisiert werden zu können. 
wenn ich sage, ein Gut habe den und den wert; so meine ich 
im täglichen Spracbgebrauch den preis. Es ist aber klar, daß ich 
einen Preis nur zahle, weil das Gut Eigenschaften hat oder ich 
sie ihm beilege, welche die Zahlung eines Preises rechtfertigen; 
für einen wertlosen Gegenstand zahlt man nichts. Der wert 
ist also eine voraiwsetzung des Preises; auch solche Gegenstanoe 
haben wert, die nicht verkauft werden und infolgedessen auch 
keinen preis haben, wie etwa die Aunstgegenstände in einem 
staatlichen Museum oder die Erzeugnisse eines verkehrsfernen 
Bauernhofes, die von der Bauernfamilie selbst aufgebraucht 
werden. , , r , 
wo steckt nun der wert? Die Klassiker gaben zur Ant 
wort: in den Kosten (wenn sie daneben auch andere Erklärungen 
«oben) Dabei sind wieder zwei Richtungen zu verzeichnen. Dw 
eine von A d a m S m i t h und R i c a r d o ausgehend, setzt den 
wert aleich der 2lrbeit; Karl Marx bildet dann diese reme 
2lrbeitswerttheorie in dein Sinne weiter, daß er den wert nrcht 
qleich der wirklick auf ein Gut verwendeten Arbeit setzt, bte ,a 
bei Ungesckick des Arbeiters viel zu groß fein kann, sondern gleich 
der nach dem jeweiligen Stande der Produktionsbedingungen und 
der Technik notwendigen 2lrbeitszeit. Ricardo verließ spater 
die reine Arbeitswerttheorie und berücksichtigte auch andere, pro-
        <pb n="32" />
        24 Grundbegriffe der Wirtschaft. 
duktionskosten. Der Amerikaner Garer machte dann darauf auf 
merksam, daß nicht die Produktionskosten, sondern die Reproduk 
tionskosten wertbestimmend feien. Wenn ein neuer technischer 
Prozeß erfunden wird, der die Herstellung eines Gutes verbilligt, 
so werden -die nach dem alten Verfahren hergestellten Gitter „ent 
wertet", einen Vorgang, den man bei unserer rasch vorschreitenden 
Technik täglich beobachten kann. Die Erklärung des Giiterwertcs 
aus den aufgewendeten Rosten befriedigt jedoch in vielen Fällen 
nicht. .Manche Güter find überhaupt keine Arbeitsprodukte; 
andere, wie z. B. Kunstwerke, haben schon für die einfachste Ein 
sicht nicht einen Wert, der den aufgewendeten Produktionskosten 
entspräche. Die Aostenwerttheorien, die man auch wohl 
als die Theorien des objektiven Werts bezeichnet, 
wurden daher abgelöst von den subjektiven Theorien. 
Die Vertreter dieser entgegengesetzten Richtung, die Nutz 
wert- oder Gebrau ch swerttbeor et ik er, erklären, 
daß die Dinge nicht Wert haben, weil sie.Rosten erfordern, sondern 
daß umgekehrt aus sie Rosten nur deshalb aufgewendet werden, 
weil sie einen die Rosten lohnenden wert besitzen. Noch dieser Er 
klärung können tvir nun auch verstehen, warum der Boden, 
warum Runstwerke wert haben; der wert liegt in der 
Empfindung des Subjekts. 
Gegen diese Folgerung ist aber ein sehr naheliegender Ein 
wand zu machen: Wasser hat doch sicherlich unter allen Umständen 
wert, ist sogar von höchster L'ebenswichtigkeit. Trotzdem werten 
wir das Wasser in der Regel gar nicht; und das gleiche gilt von 
einer ganzen Reche unbezweifelbar nützlicher Dinge. Darauf 
antwortet nun die hauptsächlich von den Wienern ousaebaute 
Grenznutzen-THeorie, daß die Nützlichkeit 
eines Gutes zwar entscheidend sei, aber nur in 
Verbindung mit einem zweiten Faktor, näm- 
lrchder Menge, die davon zur Verfügung steht. 
Ls ist nämlich weiter zu beobachten, daß chin und dasselbe Gut 
nicht zu allen Zeiten gleich bewertet wird, kjaben wir Wasser, 
Brot, Bücher im Überfluß, so werten wir sie gering; haben wir 
wenig zur Verfügung, so steigt der wert. Ls wird nun 
stets die ganze zur Verfügung stehende B u a n -
        <pb n="33" />
        Grenznutzen und preis. 
28 
Grenznutzen. Das gleiche gilt bei der Wahl zwischen ver 
schiedenen Gütern; der Grenznutzcn der verschiedenen Güter ent 
scheidet die Reihcnsolge, in der sie begehrt werden. Das ist die 
Erklärung, warum ein Gut bei Übersättigung (Gosscnsches Ge 
setz) keinen wert mehr hat: die letzte Teilquantität bringt keinen 
Nutzen mehr; uuigekehrt, warum bei Rnappheit Teilquantitätrn 
weit höher gewertet werden als sonst: die portion Brot, die vor 
dem verhungern schützt, bringt höheren Nutzen als diejenige, die 
nur sättigt. Der Grenznutzen, nach dem ein Gut gewertet 
wird, ist also nach einem AusdruckeBöhm-Bawerks 
die Resultante von Nützlichkeit und Selten 
heit. 
Der Grenznutzen ist das Leitmotiv für die Produktion, für 
den Tausch und für die Konsumtion; bei allen diesen wirt 
schaftlichen Vorgängen wird die Reihenfolge der Güter nach der 
Intensität des Bedürfnisses festgestellt, und es erfolgt das quan 
titative Abbrechen beim einzelnen Gut sobald der Grenznutzen 
erreicht ist. Freilich spielen, wie schon ausgeführt, in der tatsäch 
lichen Wirtschaftsgestaltung noch eine Reihe autzerwirtschastlicher 
Einflüsse mit, die den Einfluß dieses wirtschaftlichen Grund 
gesetzes z. T. durchkreuzen. 
Das wirtschaftliche Kernproblem der ver 
kehrswirtschaft, d. h. derjenigen wirtschaftsgestaltunz, 
in der nicht jede Gruppe ihren Gesamtbedarf durch Eigenproduk 
tion zu Lecken sucht, sondern die wirtschaftsgesellschast arbeits 
teilig gegliedert ist und ein regelmäßiger Austausch der Übcr- 
schußprodukte stattfindet, iß b e r preis. Der preis ist dabei 
diejenige Quantität von Gütern, in der modernen Wirtschaft 
regelmäßig diejenige Geldmenge, die für die wirtschaftlich.» 
Leistung als Entgelt im Tausche gegeben wird. Der preis 
ergibt s i ch aus dem Verhältnis von Zlngebot 
und Nachfrage, wobei die Nachfrage die entscheidende Rolle 
spielt, insofern nämlich, als -ohne Nachfrage kein Angebot be 
stehen kann, während umgekehrt eine dauernde Nachfrage, wenn 
nicht Unmöglichkeiten vorliegen, stets ein Angebot hervorruft. 
Die Nachfrage ist nun in jedem einzelnen Falle abhängig von dem 
Grenznutzen, den das begehrte Gut für den Käufer hat, und von 
der Geldmenge, über die er verfügt; umgekehrt steht hinter dem 
Angebot wiederum der Grenznutzen, den die angebotenen Güter 
für den Verkäufer haben, im vergleich zu den Gütern, die er sich
        <pb n="34" />
        26 Grundbegriffe der Wirtschaft. 
für die erlöste Summe beschaffen kann. Nehmen wir nun den 
Fall der freien R o n k u r r e n z .an, d. h. also, daß die 
vorhandenen Güter nicht etwa Monoxolbesitz einer Gruppe sind, 
oder daß die Käufer sich monopolistisch zusammenschließen, sowie 
daß auch kein äußerer gewaltsamer Eingriff in die Preisbildung 
erfolgt, so können wir die Beziehungen vonNachfrage 
und An ge bot, wie wir sie eben charakterisiert haben, zunächst 
in einem Schema zum Ausdruck bringen. Dabei sind drei 
Möglichkeiten gegeben, daß nämlich entweder nur Nachfrage oder 
nur Angebot oder endlich beide Teile veränderlich sind, wir 
erhalten nunmehr folgende Möglichkeiten: 
a) veränderliche Nachfrage gegenüber gleichbleibendem An 
gebot: 
bei steigender Nachfrage steigt' der Preis, 
bei sinkender Nachfrage sinkt der preis. 
b) Gleichbleibende Nachfrage gegenüber veränderlichem An 
gebot: 
bei steigendem Angebot sinkt der preis, 
bei sinkendem Angebot steigt der Preis. 
c) veränderliche Nachfrage gegenüber veränderlichem An 
gebot: 
Nachfrage steigt, Preis steigt, Angebot steigt, 
Nachfrage sinkt, Preis sinkt, Angebot sinkt, 
Angebot steigt, preis sinkt, Nachfrage steigt, 
Angebot sinkt, preis steigt, Nackfrage sinkt. 
Nachfrage und Angebot verhalten stet} also durch Vermittlung 
des Preises wie Wasser in zwei kommunizierenden Röhren; sie' 
haben immer die Tendenz, sich auszugleichen. 
Dies mechanistische Sche&gt;na ist für den Anblick recht trocken; 
und doch enthält es das Grundphänomen der Volkswirtschaft 
überhaupt. Lebendiger wird es sogleich, wenn man die Frage 
stellt, ob nicht diese rein ökonomischen Tendenzen A b - 
weich ungen durch die außerwirtschaftlichen 
Kräfte erfahren, von deren Bedeutung für das Wirtschafts 
leben wir gesprochen haben. Das ist in der Tat in umfang 
reichem Maße der Fall, und zwar sind es Einflüsse tech 
nischer und psychologischer Art, die zu starken Ab 
wandlungen führen. Line erste Grupne solcher Einflüsse setzt 
der Veränderlichkeit von Angebot und Nachfrage Grenzen, wir 
habm gesehen, daß steigender Preis das Angebot steigert. Dies
        <pb n="35" />
        Preisbildung. 
27 
ist jedoch nur dann der Fall, wenn nicht bereits das P r o d u k - 
tionsopttmum erreicht. Es gibt durchwegs eine Grenze 
der Leistung, die nicht überschritten werden kann, sei es über 
haupt nicht oder nicht, ohne daß die Rosten noch stärker steigen. 
Am bekanntesten ist das Gesetz des abnehmenden Er 
trages in der Landwirtschaft. Von einer vorläufig noch nicht 
erreichten, aber dem einfachen Nachdenken einleuchtenden Grenze 
an wird sich der Boden weigern, seine Erträge weiter zu steigern, 
schon weil der Standraum für die pflanzen fehlt. Dies Gesetz 
des fallenden Ertrages wird von der neueren Theorie mit gutem 
Grunde auch für die Industrie behauptet; so läßt sich etwa die 
Tourenzahl des webstuhles nicht über eine bestimmte Ziffer in 
der Minute steigern, weil dann die Zahl der Arbeiter zur Be 
dienung vermehrt und damit die Rosten unproportional gesteigert 
würden. Diese Grenze ist freilich in der Industrie erst in seltenen 
Fällen erreicht, die Abnahme kann auch Lurch technische Neue 
rungen überkompensiert werden, und vor allem läßt sich in der 
Regel noch die Zahl der Fabriken vermehren. Denkbar ist auch 
hier eine Grenze, wo die Beschaffung des Rohstoffes nur mit 
steigenden Rosten sich ermöglichen läßt oder Arbeitskraft und 
Kapital in anderen Gewerben ökonomischer zu verwenden sind. 
Dieses Produktionsoptimum technischer Natur findet ein Seitcn- 
stück in dem Optimum der Bedürfnisbefrie 
digung. Der steigende Preis der Arbeit, die Lobnerhöhungen, 
haben in zahlreichen Fällen sowohl in primitiven Zuständen wie 
in denen hochentwickelter Volk-wirtschaft nicht zu einer höheren 
Leistung des einzelnen Arbeiters geführt, sondern zu einer ver 
minderten, also einer Senkung des Angebots, weil der Arbeiter 
nunmehr in weniger Stunden als vorher genug für seine Be 
dürfnisse verdiente. 
Das Sinken des Preises wirkt nach unserem Schema angebot 
senkend. Es kann jedoch vorkommen, daß eine Produktion aus 
technischen Gründen „durchhaltcn" muß, so der Hochofen, dessen 
Ausblasen ein schwerer Verlust wäre, so die Landwirtschaft, die 
ihren Betrieb durch schlechte wia gute Jahre gleichmäßig durch 
führen muß. Trotz sinkender Nachfrage bleibt also das An 
gebot — wenigstens eine Zeitlang — unvermindert. Ja es kann 
sogar das Umgekehrte eintreten; gerade weil die preise niedriger 
sind, produziert Der Einzelne mehr als bisher, um den Gewinn- 
entg'ang am Stück durch dm Verkauf einer größeren Anzahl
        <pb n="36" />
        28 
Grundbegriffe der Wirtschaft. 
Stücke zu kompensieren, hierin liegt auch das Wesen der 
„Schleuderkonkurrenz". 
Der sinkende preis wirkt auf die Nachfrage normal steigernd, 
falls nicht hier der Sättigungsgrad des Konsumenten schon er 
reicht ist. Man wird Streichhölzer oder Lampen und selbst Nah 
rungsmittel oder Kleider schließlich nicht mehr kaufen, wenn sie 
auch noch so billig sind. Endlich wirkt steigender preis in der 
Kegel nachfragesenkend, wenn nicht qerade das Steigen des 
Preises Veranlassung gibt, sich „einzudecken". Es ist die wohl 
bekannte Erscheinung der Angst- oder panikpreise, die Psycho 
logie des „hamstertums", die schon im (7. Jahrhundert der eng- 
lische Forscher Gregory King in der nach ihm benannten 
Kegel derart zum Ausdruck brachte, daß er bei einem Ernteaus- 
fall ein überproportionales Steigen der Getreidepreise behauptete, 
wenn auch die von ihm vorausgesetzte mathematische Beziehung 
zwischen Lrnterückgang und Preissteigerung nicht nachweisbar 
ist, so hat die Kichtigkeit der Grundbehauxtung die Zeit des 
Krieges schlagend erwiesen. 
Ls wäre nur noch zu fragen, wo die Grenzen d e r p r e i s- 
schwankungen liegen können, wobei für den Käufer dir 
Grenzen nach oben, für den Verkäufer nach unten zu bestimmen 
wären. Die Grenzen der Preissteigerung für den Käufer sind, 
soweit rein ökonon'ische Motive mitwirken, im Grenznutzen ge 
geben, der natürlich stark schwanken kann. Der Grenznutzen eines 
Wagens ist sehr verschieden, wenn der wagen zum' Spazieren 
fähren oder zur Flucht vor einbrechenden Feinden benutzt ivird 
Die Grenzkosten des Verkäufers lassen sich so eindeutig nicht be. 
stimmen, wenn Güter beliebig vermehrbar sind wird stw der 
preis nach den Kosten desjenigen Verkäufers richten, der die 
waren am billigsteii beschaffen kann, würde der preis höher 
getrieben, so fände sich stets ein neuer Konkurrent, der die bis 
herigen Anbietenden unterbieten und damit die Kundschaft an 
sich ziehen würde. Der größte Teil des Marktes der modernen 
volk-wirtschasr steht unter diesem Gesetz der niedrigsten Produk 
tionskosten. zu welchen natürlich auch ein anaemessener Gewinn 
der Verkäufers gehört. Ls gibt jedoch eine Keihe von Gütern 
die nicht beliebig vermehrt werde,, können, sei es aus technischen' 
fei es aus ökonomischen Gründen, hier entscheiden nicht die 
niedrigsten, sondern die höchsten Produktionskosten. So ist Ge- 
treiöe nach dem heutigen Stande der Technik und des Verkehrs 
vorläufig noch beliebig vermehrbar. Nehmen wir aber die Zeit
        <pb n="37" />
        Grenzen der Preisschwankungen. 
29 
vor dieser technischen Entfaltung, also das (8. Jahrhundert, oder 
denken wir uns in den „geschlossenen lsandelsstaat" hinein, wie 
ihn der Rr&gt;eg unserer Anschauung nahe genug gebracht hat, so 
ist klar, daß der preis für Getreide hoch genug sein muß, um die 
Produktionskosten auch desjenigen Landwirtes zu decken, der 
unter den ungünstigsten Verhältnissen (Bodenbeschaffenheit, ver- 
kehrslaae usw.) arbeitet, weil er eben sonst die Produktion ein- 
stellen müßte. (Es wäre wohl denkbar, daß man, um den Aon- 
sumenten diese Belastung aus einer allgemeinen Preissteigerung 
zu ersparen, den unter den ungünstigsten Bedingungen arbeiten 
den Produzenten einen Staatszuschuß zu dem niedrigeren son 
stigen preise gäbe; damit aber wäre das Gebiet der freien 
Preisbildung grundsätzlich verlassen. 
Lin solches grundsätzliches Absehen von der freien Preisbil 
dung können wir nun in der Wirtschaft nicht selten beobachten. 
Die pauptfälle sind die des Monopols und der Taxen, d. h. der 
obrigkeitlich festgesetzten preise. Das M 0 n 0 P 0 l hat wieder 
zu pauptformen die Übernahme eines Wirtschaftszweiges auf 
den Staat (Tabakmonopol, Branntweinmonopol usw.) oder den 
Zusammenschluß der Produzenten zu Kartellen, die uns später 
noch beschäftigen werden. Bei den Taren bleibt die Produk 
tion grundsätzlich frei, nur der Preis wird behördlich festgelegt, 
den der Verkäufer fordern oder der Käufer zahlen muß oder 
darf. Diese Linflüsse auf den Markt hinterlassen natürlich ihre 
Spuren; aber es ist doch zu sagen, daß die Preisgestaltung auf 
die Dauer durch sie nicht geändert werden kann. Friedens 
erfahrung aus der Politik der Kartelle, Kriegserfahrung aus der 
Politik des Staates haben uns gelehrt, daß die preise künstlich 
weder über den Grenznutzen des Käufers gesteigert werden 
sönnen — sonst hört er eben auf zu kaufen oder macht Revo 
lution — und ebensowenig unter die Grenzkosten des Produ 
zenten gesenkt, denn sonst wird eben die Produktion still gelegt. 
Die Gesetze der wirtschaft äußern sich mit elementarer Kraft. 
Der Kreislauf der Wirtschaft, 
ie Volkswirtschaft hat sich uns als die Summe der zur 
-^Deckung des menschlichen Bedarfs aufgewendeten Mittel und 
Veranstaltungen gezeigt. Ls sind also zwei wesentlich ver 
schiedene Gesichtspunkte, von denen aus sie betrachtet werden
        <pb n="38" />
        so 
Dev Kreislauf der Wirtschaft. 
kann. Auf de? einen Seite handelt es sich um die Gesamtheit 
eben jener Veranstaltungen zum Zwecke der Gütererzeugung, den 
Produktionsmechanismus, wie wir sagen können; auf der 
anderen Seite um die Menschen selbst, denen zuliebe jener 
Mechanismus in Bewegung gesetzt wird. 
Nun ist aber da- Eigentümliche, daß die Menschen in 
einer dopxe.lten Beziehung zur wirtschaft stehen; 
sie sind einmal die letzte Absicht der wirtschaft, tie 
ihrer Bedarssbesriodigung dienen soll; sie sind aber zugleich auch 
die unentbehrlichen Werkzeuge, die belebende Kraft 
des Produktionsmechanismus, der ohne sie tot wäre; ja sie sind 
zu einem sehr wesentlichen Teile, als körperliche und geistige 
Arbeiter, mit diesem Mechanismus identisch. Die Produktion 
dient nicht nur menschlichen Zwecken, sondern-umgekehrt zwingt 
die Produktion die Menschen in ihre Dienste, macht sie aus End 
zwecken zu Mitteln. 
Diese Wechselbeziehungen zwischen Produktion und Mensch 
sind unlösbar; sie können nur in der Form sich ändern. Die 
Mannigfaltigkeit der produktionssormen und ihre Bedeutung so 
wohl für die Güterer^euznng im allgemeinen wie für die 
an der Produktion beteiligten Menschen int besonderen müssen 
wir näher kennen lernen. Die beiden großen wirtschasts Welt 
anschauungen, welche in unserer Zeit im härtesten Kampfe 
ringen, die kapitalistische und die sozialistische, bringen diesen 
Gegensatz, den Kampf zwischen Produkt und Mensch, zum schärf 
sten Ausdruck. 
Fragen wir, wie ein solcher scheinbar unnatürlicher Gegensatz 
sich überhaupt bilden konnte, so kommen wir aus das Problem 
der Einkommensverteilung und der Klassenbildung. Nur die 
Voraussetzung einer ungleichen Einkommensverteilung hat in 
den bisherigen Wirtschaftsformen es ermöglicht, eine Über- unt 
Unterordnung in der wirtschaftlichen Arbeit festzuhalten, wie wir 
sie von den Damm- und pvramidenbauten der Pharaonen bis 
zur modernen Fabrik beobachten können, politische und recht 
liche Bindungen können, wie in der Sklaven- oder Fronhosswirt- 
schast, dieses wirtschaftliche Verhältnis auch äußerlich zum Aus 
druck bringen, cas. sich jedoch auch in einer formal freien und 
gleichberechtigten Gesellschaft durch den Zwang zur Lebens- 
fristung durchsetzt. Das Problem der Verteilung de- 
volkseinkommens nach Maßgabe des Besitzes, der
        <pb n="39" />
        Erzeugung, Verteilung und Verwendung. 2l 
geistigen oder der körperlichen Arbeit, steht deshalb ebenbürtig 
neben dem der Gütererzeugung. 
Die Verteilung des Einkommens ist aber wiederuni richtung 
gebend für das dritte Grundproblem der Volkswirtschaft, nämlich 
das der G ü t e r v e r w e n d u n g. Es wird ja nicht wirtschaft-, 
lich produziert nur des produzierens halber, wenn auch vielfach 
die Schaffensfreude mitspielt, sondern die Produktion steht von 
vornherein unter dem Zweckgedanken der Herstellung menschlicher 
Bedarfsgüter. Der Bedarf bestimnit Richtung und Umfang der 
Produktion; allerdings nicht der Bedarf schlechthin, sondern nur 
der zahlungsfähige Bedarf. Vielleicht möchten wir alle lieber 
Champagner trinken als Bier, den c^aust lieber in einem Druck 
der Doves. preß lesen als auf schlechtem Holzpapier mit abge 
nutzten Lettern; wir können nur leider diese schönen Dinge nicht 
bezahlen und müssen sie den oberen Zehntausend des Geldbeutels 
überlassen, während wir uns an Bier und Reclambändchen halten. 
Die Verteilung des volkseinkonrmens, neben seiner absoluten 
höhe, bestimmt den Verwendungszweck bis zu einem gewissen 
Grade ohne weiteres. Entfällt auf den größten Teil des Volkes 
nur eben soviel, daß er davon sein Leben fristen kann, so werden 
damit Lebensmittel, Kleidungsstücke, Wohnungen bezahlt und 
hergestellt werden. Lin Einkommen über die Lebensnotdurft hin 
aus kann entweder zur Kapitalbildung verwendet, also gespart 
werden, oder es dient zur Beschaffung von Kulturgütern, vielleicht 
allerdings auch zu sinn- und geschmacklosem Luxus, hier zeigt 
sich die Verankerung der Volkswirtschaft in der 
G e s a m t k u ltu r; die Bildungshöhe, die Weltanschauung eines 
Volkes ist in letzter Linie bestimmend und richtungweisend für 
seine Wirtschaft. 
Gütererz'eugung, Güterverteilung, Güter- 
vcrwendung, das ist der geschlossene Kreis der 
Wirtschaft, in dem Anfang und Ende zusammenstoßen. In 
diesem Kreisläufe spielt sich das gesamte Wirtschaftsleben ab. 
A. Die Gütererzeugung. 
Der Begriff der Gütererzeugung oder pro- 
d u k t i o n ist kein ganz eindeutiger, wir verbinden mit diesem 
Begriffe eine anerkennende Wertung; wer produziert, wer schasst, 
leistet etwas; und so kann es nicht wundernehmen, wenn die ein-
        <pb n="40" />
        32 
Die Glltererzeugung. 
zelnen Berufsstände sich gegenseitig diesen Ehrentitel abzusprechen 
und für sich allein zu beanspruchen geneigt sind, vor allem liegt 
der freilich grobmaterialistische Irrtuni nahe, den Begriff des 
produzierens an die Herstellung eines körperlichen Dbjekts zu 
binden; wer Nägel schmiedet oder Getreide ausdrischt, der produ 
ziert; wer aber nur Verse macht oder mathematische Lehrsätze sucht, 
der faulenzt. Diese Unterschätzung der geistigen Arbeit oder viel 
mehr die vollkommene Verkennung des Produktionscharakters der 
geistigen Leistung ist eine besondere Gefahr der handarbeiterschast, 
die leider heute noch zum großen Teile für die Bedeutung der 
Unternehmungsleitung blind ist. Aber auch innerhalb der wirt 
schaftlich selbständigen Klaffen sind die gegenseitigen Unterwcrtun- 
gen dieser Art noch häufig genug; namentlich wird die produktive 
Tätigkeit des Handels oft genug verkannt. Die physiokraten, eine 
volkswirtschaftliche Schule des J8. Jahrhunderts h vertraten sogar 
die Auffassung, daß überhaupt nur die Landwirtschaft neue Werte 
schasse; freilich zogen sie aus dieser schmeichelhaften Voraus 
setzung eine für die so belobten Landwirte recht unangenehme 
Folgerung, daß nämlich eine einzige Steuer auf die landwirt 
schaftlichen Produkte genüge, um damit das ganze Volkseinkommen 
an der «Duelle abzufangen. 
Der Irrtum ist durchaus auf der Hand liegend; man glaubte, 
daß durch die Tätigkeit des Landwirtes etwas schlechthin Neues, 
vorher noch nicht Dagewesenes entstehe. Die wissenschaftliche 
Lhemie hat uns längst gelehrt, daß auch die Tätigkeit des Land 
wirts keine andere ist als die jedes anderen Arbeiters an der 
Materie: die einer Stofsumwandlung. Aber auf den Begriff der 
Stoffumwandlung dürfen wir die Produktion nicht beschränken; 
ist doch diese Umwandlung nur Mittel zum Zweck, nämlich der 
Bedarfsbefriedigung. Der Landwirt zieht ein Stück Vieh; doch 
solange das Schwein noch auf seinen heimatlichen Gefilden wan 
delt, interessiert es uns nicht, sondern erst wenn sein Schinken auf 
unserem Tisch steht. Dazu aber bedarf es der Vermittlung des 
Viehhändlers, neben der des Schlächters. Der Kaffee in Brasilien, 
das Bild im Atelier des Künstlers, der Seidenstoff, der in Krefeld 
oder Lyon gewebt wurde, sie alle würden ohne die Vermittlung 
des Handels und des Transportes für uns nicht eristieren. Der 
Begriff der Produktion schließt eben eine Beziehung auf den Kon- 
' Vas griechische werk Physiokratie bedeutet „Herrschaft der Natur".
        <pb n="41" />
        Produktion und Produktivität. 
33 
sumenten ein; etwas wirtschaftlich wertvolles liegt nur dann, 
dann aber stets vor, wenn es tatsächlich gewertet wird. &lt;L s p r o - 
duziert also jeder, der wirtschaftliche Brauch 
barkeiten schafft, Bedürfnissen zur Befriedi- 
gungverhilft. Im Wesen unserer aus Arbeitsteilung und 
Verkehr aufgebauten Wirtschaft liegt es, daß mit der bloßen Stoff- 
umwandlung dieser Vorgang der Genußreife zumeist noch nicht 
zu Ende geführt ist; innerhalb des Verlaufs dieses Vorganges ist 
die Tätigkeit aller Beteiligten, sofern sie zur Erreichung dieses 
Zieles unentbehrlich ist, wirtschaftlich durchaus gleich zu werten. 
Das Wort produktivirät deckt noch einen zweiten Begriff. 
Ls genügt nämlich nicht, wirtschaftliche Brauchbarkeiten zu 
schaffen, wenn nicht — wenigstens der Begel nach — in dem Pro 
duktionsprozesse die Summe der Güter vermehrt wird, weil sonst 
keine dauernde Lebensfristung oder doch zum mindesten keine 
kfebung der Lebenshaltung möglich wäre. Der wert der Pro 
dukte muß also der Regel nach größer sein als der der aufgewen 
deten Kosten. 
wenn wir jetzt das Wesen der.Produktion näher kennen lernen 
wollen, werden wir zwischen Dbjekt und Subjekt der 
Güterher st ellung zu scheiden haben. Die Zielsetzung wie 
die Leitung des produktionsvorganges ist die eigentliche Ausgabe 
des Produzenten, des wirtschastsmenschsn. wir nennen den Pro 
duktionsleiter Unternehmer; in dieser Bezeichnung kommt 
nicht nur die Tatsache der Zielsetzung und Leitung selbst zum Aus 
druck, sondern auch noch weiter die Beziehung des Produzenten 
zum Wirtschaftserfolg, Las Risiko, das er trägt. Die Produktions 
leitung und die Risikotragung fallen nicht immer zusammen; so 
sind in der Aktiengesellschaft die Risikoträger und natürlich auch 
Gewinnempfänger die Aktionäre, die Produktionsleiter die Vor 
standsmitglieder. Zumeist vereinigen sich jedoch beide Aufgaben 
in einer Person, wenn man sich auch der Doppelbedeutung des 
Wortes Unternehmer immer bewußt bleiben muß. 
Bevor jedoch der Unternehmer in seiner Tätigkeit analysiert 
werden kann, muß man sich über die Bedingungen klar werden, 
unter denen er arbeitet, sowie über die Mittel, die ihm für seine 
Zwecke zur Verfügung stehen, als welche man herkömmlicherweise 
Natur, Arbeit und Kapital bezeichnet. 
Der leitende Unternehmungswille kann sich jedoch nicht immer 
rein durchsetzen. Abgesehen von den Hemmungen, die in ihm 
WygodzinSkl, Einführung In Me Volkswirtschaftslehre. 3
        <pb n="42" />
        Die Voraussetzungen der Güiererzeugung. 
selbst liegen mögen, mangelnden Fähigkeiten, Ablenkung durch 
andere Grund- oder Augenblicksstimmungen, sind es äußere, in 
den Mitteln wie der Verfassung der Wirtschaft liegende Be 
dingungen, die sich seiner restlosen Durchsetzung hindernd in den 
weg stellen können. Die Gesetzlichkeit auch dieser Hemmungen 
muß aufgewiesen werden, wenn man das Wesen der Produktion 
völlig klarlegen will, wir werden also nacheinander die 
Voraussetzungen, die Mittel, die Leitung und 
die Hemmungen der Produktion zu betrachten haben. 
V Die Voraussetzungen der Gütererzeugung. 
Die Voraussetzungen der Produktion sind die allgemeinen Be 
dingungen, unter denen sich jeder Produktionsvorgang vollzieht. 
Die Voraussetzungen sind gegeben; sie müssen vom Produktions 
leiter hingenommen und einkalkuliert werden, wir können dabei 
vier Gruppen solcher Bedingungen unterscheiden: natürliche, ge 
sellschaftliche, kulturelle und endlich wirtschaftliche selbst. 
Die wirtschaftlichen Bedingungen, die im Augen- &gt; 
blick wirksam sind, pflegt man als R o n j u n k t u r zu bezeichnen, 
deren Ausnutzung eine der wichtigsten, aber auch schwierigsten 
Aufgaben des Unternehmers ist. Man kann den Ronjunkturbegriff 
noch weiter fassen, ihn als den^ Inbegriff aller derjenigen Be 
dingungen nehmen, die Produktion und Absatz im Augenblick be 
einflussen, also etwa auch Krieg und Frieden einbdziehen. Diese 
wirtschaftlichen Voraussetzungen sind aber weiter verschieden nach 
der jeweiligen geschichtlichen und kulturellen Gesamtlage. Ls ist 
Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte, diese historischen Be 
dingungen klarzulegen, zuneigen, wie anders die Wirtschaft 
bei einem Negerstamm auf primitiver Kulturstufe, in einer alten 
verkümmerten Kultur wie in China, im Zeitalter des Feudalis 
mus oder des mittelalterlichen Ttädtetums oder in unserer west 
europäischen Gegenwart sich gestaltet. Selbstverständlich können 
wir aber auch als -,,reine" Nationalökonomcn von diesen histori 
schen Bedingungen nicht absehen; wir setzen eben einfach unsere 
Zeit und unsere Kultur voraus. Dies kommt vor allem darin 
zum Ausdruck, daß wir als Mittel der Produktion neben den 
beiden stets.wirksamen Faktoren Natur und Arbeit als drittes das 
Kapital bezeichnen, wir leben sober lebten) ja im Zeitalter des 
Kapitalismus, das heißt jener Wirtschaftsverfassung, welche die
        <pb n="43" />
        Art Der Voraussetzungen. 
35 
Verfügung über Kapital in sichtbarer Form als Geld und Geld 
ersatz (oder als jederzeit in materielle Form umsetzbaren Rechts- 
anspruch) zur Erzielung größerer lvirtschaftserfolge voraussetzt. 
Ljistorisch bedingt ist auch die Gesamtbeit der anderen kulturellen 
Voraussetzungen, unter denen vor allem der Stand der geistigen 
Entwicklung und der Technik unser Gebiet entscheidend beein 
flussen. Die Dampfmaschine oder die Zeitung gehören unbedingt 
zum Bilde der heutigen Wirtschaft. 
von der Bedeutung der gesellschaftlichenSchichtuna 
haben wir bereits gesprochen; es sind vor allem die Über- und 
Unlerordnungsverhältnisie, die als jeweilige Basis für den Ausbau 
der Produktion dienen. Sklaverei, mittelalterlicher Ständestaat, 
formale Freiheit im kapitalistischen, formale Gleichheit im sozia 
listischen Staat bedingen tiefgehende Verschiedenheiten der. Wirt 
schaftsverfassung. 
Die Knappheit des Raumes gestattet nicht, auf diese Dinge tiefer 
einzugehen; etwas ausführlicher fei nur die vierte Gruppe von 
Voraussetzungen besprochen, nämlich die natürlichen. Dabei 
seien einige Bemerkungen schon vorausgenommen, welche die 
Natur als Produktionsmittel betreffen, weil sie sich in diesen Zu 
sammenhang besser einreihen. 
Jede Produktion, und sei sie die höchste geistige, vollzieht sich 
unter gewissen stofflichen Bedingungen. Die Abhängig 
keit des Menschen von Boden und Klima, ja selbst von der Nah 
rung, ist oft genug ausgeführt worden; den klassischen Ausdruck hat 
dieser Theorie des physischen Milieus Buckle in seiner berühmten 
„Geschichte der Zivilisation in England" gegeben. Auch wenn 
wir von allen materialistischen Übertreibungen absehen, wenn wir 
besonders auch von dem keineswegs ausreichend aufgeklärten Zu 
sammenhang zwischen menschlicher Veranlagung und natürlichem 
Milieu ganz schweigen wollen, ist doch die Bedeutung der 
Natur zum wenigsten für jene Zweige der Produktion auf der 
kjand liegend, welche die Stoffumwandlung zur Aufgabe haben. 
Der Standort der Produktion ist für die ganze 
Landwirtschaft schlechthin entscheidend, wir können hier 
in Deutschland keine tropischen pflanzen anbauen, keine Palmen 
und keine Agaven; die Durchschnittswärme des Jahres, die Ver 
teilung von Sommer und Winter, die Regenhäufigkeit schließen 
solche Gewächse bei uns aus. Aber wir brauchen gar nicht bis an
        <pb n="44" />
        3e Die Voraussetzungen der Gütererzeugung. 
den Äquator zu gehen: schon im Msten Deutschlands müssen die 
Bestellungsarbeiten im Frühjahr beträchtlich später beginnen, im 
Herbst früher beendigt sein als im Westen. Der Weizen gedeiht 
nicht über bestimmte Höhenlagen hinaus, der wein verlangt ein 
unbedingtes Mindestnratz von Sonnenbestrahlung. 
So hat es sich denn auch im großen gezeigt, daß jedes Volk 
von feinem Sitze seine ersten wirtschaftlichen Antriebe empfängt. 
Im Gebirge und in der Steppe sitzen die Hirtenvölker, in der 
fruchtbaren Ebene die Ackerbauer, am Meer Fischer und Händler. 
Freilich ist die klimatischeund Höhenlage nicht allein 
entscheidend; es kommt weiter die Beschaffenheit des 
Bodens hinzu, wir haben ausgesprochenen Weizen- oder Aar- 
toffel-, wiesen- oder Waldboden. Zwar vermögen wir durch 
Meliorationen, Ent- und Bewässerungen, künstliche Düngung 
einen gewissen Einfluß auf diese Bodenbeschaffenheit zu üben"; 
aber doch nur innerhalb verhältnismäßig enger Grenzen. Die 
Natur bleibt doch die Meisterin, wenn die Mormonen in der 
Salzwüste von Utah durch Bewässerung ein blühendes Land ge 
schaffen haben, so konnten sie das eben nur, weil das Wasser 
Loch da war; sie haben nichts getan, als die aegebenen Natur 
bedingungen für die Zwecke der Wirtschaft genutzt" 
Diese Verschiedenheit der Naturbedingungen kann unter Um 
ständen zu schweren Störungen der Wirtschaft führen, nämlich 
dann, wenn neue Länder der Nutzung durch den Menschen zu 
gänglich gemacht werden, die vorher außerhalb seines Bereichs 
lagen, und in benen. der Verlauf der Jahrtausende Schätze zur 
direkten Inbesitznahme durch die Menschen aufgehäuft hat. Als 
der Westen der vereinigten Staaten durch Eisenbahnen aufqe- 
schlossen wurde, gestattete der „jungfräuliche" Boden der Prärie 
eine Getreideproduktion unter so günstigen Bedingungen, daß die 
alte Landwirtschaft Europas, die mit ihren Ergebnissen ein großes, 
dem Boden nach und nach zur Erhöhung seiner Ertragfähigkeit 
investiertes Kapitel zu verzinsen hatte, beinahe zugrunde gerichtet 
wurde. Dieses reine Zehren von Bodenschätzen ohne Ersatz, dieser 
Raubbau, wie man es zu nennen pflegt, erreicht freilich in 
den vereinigten Staaten jetzt auch allmählich sein Ende; die Auf 
wendungen für Meliorationen und Kunstdüngungen steigen, und 
im gleichen Maßstab geht der natürliche Vorsprung Nordamerikas 
vor den europäischen Staaten zurück.
        <pb n="45" />
        Naturbedingungen der Erzeugung. 37 
Dafür werden jetzt wieder andere Länder mit ähnlichen un- 
ausgebeuteten Bodenschätzen wie lvestkanada, Argentinien und 
die Laplatastaaten, vielleicht demnächst Sibirien und Mesopo 
tamien in den Kreis der lveltwirtschaft einbezogen. 
Dieser Zusammenhang mit der Natur gilt jedoch keineswegs 
nür von der Landwirtschaft. Unsere größten Industrien, die 
Eisen- und die Kohlenindustrie, sind bodenständig. Und wenn 
es die anderen größeren Industrien nicht oder nicht mehr in diesem 
Maße sind, so verdanken sie es wiederum nur Naturkräften, die 
man für ihre Zwecke dienstbar gemacht hat, vor allem natürlich 
der Kohle. 
Denn die ganze Entwicklung der Großindustrie, der Maschinen 
verwendung ist an die v e r w e n d u n g v o n N a t u r k r ä f t e n 
für motorische, also für Kraftzwecke gebunden. Ehe die 
Steinkohle für diesen Zweck verwendet wurde, waren es neben der 
Holzkohle vor allem die Wasserkräfte, die zum Treiben der kjammcr- 
werke dienten. Die Industrie saß damals in den Tälern, um das 
Gefälle der Bäche auszunutzen. Und heut, da wir gelernt habeir, 
die Kraft des Wassers in Elektrizität umzusetzen, geht die Industrie 
wieder dem Wasser nach, siedelt sich an den Wasserfällen der Alpen 
und Norwegens an oder staut das kraftspendende' Element zu 
künstlichen Seen, den Talsperren, wer weiß, ob nicht in wenig 
Jahrzehnten die Schweden ihre Erze mit Hilfe von Wasserfällen 
elektrisch schnrelzen und unsere mit der Steinkohle arbeitende 
Eisenindustrie ebenso verschwindet, wie die mit Holzkohle 
arbeitende Eisenindustrie der Eifel des Z7. und 18. Jahrhunderts, 
fast ohne eine Spur zu hinterlassen, vergangen ist. 
Die Natur bestimmt aber nicht nur Len Standort der Pro 
duktion, sondern durch die Beschaffenheit des 
Stoffes schließlich die Art und die Möglichkeit der 
Gütererzeugung. AIs Bessemer in der Mittv des vorigen 
Jahrhunderts das nach ihm benannte Verfahren der Eisen 
gewinnung erfand, das eine ungeahnte Beschleunigung und da 
mit Steigerung der Eisenproduktion ermöglichte, führte dies zu 
nächst nur zu einem außerordentlichen Aufschwung der Eisen 
industrie Englands. Denn nur dieses Land besaß ein phosphor 
freies Eisenerz, wie es allein für die Bessemerbirne taugt. Erst 
als. die beiden Engländer Thomas und Gilchriest ein basisches 
Verfahren fanden, durch das es gelang, den Phosphor durch Bin-
        <pb n="46" />
        58 Die Voraussetzungen der Gütererzeugung. 
dung an Aalk während des Schmelzprozesses aus dem Eisen zu 
entfernen, gewann nun wieder die deutsche Industrie die Möglich 
keit zu konkurrieren; ja der vorher so unangenehm empfundene 
Phosphorbeisatz des deutschen Eisenerzes wurde jetzt in der Form 
des im Thomasprozesse gewonnenen phosphorsauren Kalkes ein 
als Düngemittel hochgeschätztes und wertvolles Nebenprodukt. 
Organische Stoffe stellen auf Grund ihrer besonderen Eigen 
schaften nicht selten selbst der scheinbar rein mechanischen Weiter 
verarbeitung Schwierigkeiten entgegen. Ägyptische Zigaretten 
werden nicht aus ägyptischen, sondern aus türkischen und grie 
chischen Tabaken hergestellt. Man hat nun den versuch gemacht, 
ihre Herstellung nach Europa zu verpflanzen, hat die gleichen 1 
Tabake, die ägyptischen Arbeiter und selbst das bei der Fabrika 
tion verwendete Nilwasser herübergeschafft, ohne es möglich zu 
machen, ein Fabrikat von gleicher Feinheit zu erlangen. Das 
Aroma, welches der ägyptischen Zigarette ihre Besonderheit leiht, 
gewinnt sie nur in der Luft Ägyptens. In gleicher weise ist 
eine viel wichtigere Industrie, die Textilindustrie, von der Luft 
beschaffenheit abhängig. Die feinsten Garne, wie sie Lancashire 
erzeugt, kann der Kontinent trotz aller Bemühungen nicht Her 
stellen. Dies hängt vielleicht mit der größeren Geschicklichkeit eng 
lischer Arbeiter zum Teil zusammen; die wesentliche Ursache aber 
ist der größere Feuchtigkeitsgehalt der Luft Lancashire-. Auch 
bei uns wird erzählt, daß erfahrene Spinnereileiter die (Qualität 
des Spinnproduktes durch Offnen und Schließen der Fabrikfenster 
je nach der Richtung des Windes zu beeinflussen verstehen. 
wir können und müssen endlich den Menschen selbst, unseren 
wichtigsten Produktionsfaktor, als reines N a t u r w e s e n be 
trachten. Ganz abgesehen von allen sozialen und wirtschaftlichen 
Einflüssen sind gewisse natürliche vorbedingungn gegeben welche 
die Verwendung des Menschen zu WirtschaftHzwecken entscheidend 
beeinflussen; es find dies Alterszusammensetzung, Geschlecht und 
Zuwachs der Bevölkerung. 
Die GliederungnachdemAlterhat volkswirtschaftlich 
vor allem die Bedeutung, daß sich danach die Zahl der Arbeits- 
fähigen bestimmt. Kinder und Greise werden im allgemeinen 
nicht mehr oder noch nicht arbeiten. Nehmen wir einmal als 
Durchschnittsgrenzen des arbeitsfähigen Alters nach unten H, 
nach oben 60 Jahre an; ungefähr 55 °/ 0 der Gesamtbevölkerung
        <pb n="47" />
        39 
Der Mensch als Produktionsfaktor. 
in Deutschland fallen dann auf die jugendlichen Altersklassen, 
rund 8 auf die höchsten. Sowohl unter den Rindern wie unter 
den Alten sind allerdings eine ganze Anzahl, die als Arbeiter 
wohl mitzählen. Andererseits müssen wir aber auch daran Lenken, 
-aß wieder viele Menschen durch dauernde oder vorübergehende 
Krankheit an der Arbeit gehindert sind; wir werden also daniit 
rechnen können, Laß nur ungefähr drei Fünftel der Gesanitbe- 
völkerung als Arbeitende in Betracht kommen können. Tatsächlich ■ 
ergibt die Berufs- und Gewerbezählung einen noch etwas nie 
drigeren Prozentsatz. 
Die Zahl verschiebt sich nach den allgemeinen wohlstands- 
verhältnifsen (von dem Einfluß der Rriegsereignisse abgesehen); 
die Säuglingssterblichkeit vermindert sich, das Absterben verlang 
samt sich bei günstigeren Lrnährungsverhältnissen. Je wohl 
habender'ein Volk ist, in um so größerem Umfange wird es Nicht 
arbeiter, reine Konsumenten in seiner Mitte haben.. 
Die Vermehrung dieser volkswirtschaftlich gesprochen „toten 
Last" kann natürlich nicht ins Unendliche gehen; bei einem stei 
genden Mißverhältnis zwischen verzehrenden und Arbeitenden 
muß einmal die Grenze erreicht werden, wo die Arbeitenden 
nicht mehr imstande sind, genug auch für die Nichtarbeitenden 
zu verdienen. Dann wird unter Len Kindern und den alten 
Leuten wegen der schlechteren Ernährung eine raschere Sterblich 
keit eintreten, bis das gestörte Glerchgewicht wieder hergestellt 
ist. Man hat sogar die Frage aufgeworfen, ob nicht überhaupt 
einmal die.Zahl der Menschen auf der ganzen Erde so weit wach 
sen werde, daß die Nahrungsmittel für sie zu knapp werden. Ls 
war ein englischer Geistlicher, Thomas Robert Malthus 
der im Jahre 1798 in seinem berühmten „Essay on the principle 
of population" dieser Befürchtung klassischen Ausdruck gab. Nach 
seiner Meinung haben alle animalischen Wesen dieTendenz, 
sich über den gegebenen Nahrungsspiclraum hinaus zu vermehren. 
Er hat geglaubt, die Beziehungen zwiscken Bevölkerung uno 
Nahrungsspielraum in ein mathematisches Verhältnis bringen zu 
können: Die Bevölkerung verdoppelt sich nach ihm in 25 Iahren, 
vermehrt sich also in geometrischer Progression, während die 
Nahrungsmittel nur in arithmetischer Progression wachsen sollen. 
' Die Vermehrung der Bevölkerung wäre also: I, 2, 4, 8, *6, 32, 64, 
die der Nahrungsmittel dagegen t, 2, 5, 4, 5, 6, 7. In zwei Jahr- 
Hunderten würde die Bevölkerung sich zu den Nahrungsmitteln
        <pb n="48" />
        40 
Die Voraussetzungen der (Sütererzeugung, 
verhalten wie 256 :9, in drei Iahrunderten wie 4096 : (5, und 
in zwei Jahrtausenden würde die Differenz beinahe unberechen 
bar sein. (Es müßte also einfach durch Mangel an Nahrungs 
mitteln das Wachstum der Bevölkerung eine natürliche Beschrän 
kung finden. Diese Lehre von Malthus mit den weiteren Folge 
rungen, die er aus ihr gezogen hat und die oft genug mißverstanden 
worden sind, gehört zu den umstrittensten der ganzen Volkswirt 
schaftslehre. Im ganzen dürfte an ihrer Richtigkeit nicht zu 
zweifeln sein. Zwar wird niemand an den Zahlen der 
geometrischen und arithmetischen Progression unbedingt festhalten, 
die übrigens Malthus selbst nur als Vermutung aufgestellt hat; 
es ist weiter klar, daß durch die technischen Fortschritte der Land 
wirtschaft und durch die Entwicklung der Verkehrsmittel das 
Malthussche Gesetz vorläufig für uns praktisch außer Wirksamkeit 
gesetzt ist; aber da der Flächenraum der Erde begrenzt ist, da die 
Ertragssteigerung der Pflanzen nicht ins Ungemessene gehen kann, 
ist ein Ende der organischen Nahrungsmittelxroduktion, wenn auch 
in noch so ferner Zeit, und damit der Ernährungsmöglichkeit 
der Menschen gegeben. Wir wollen nur hoffen, daß bis dahin die 
Chemie die Prophezeiung Werner von Siemens' wahr macht, daß 
man die Lebensmittel aus ihren anorganischen Bestandteilen durch 
chemische Synthese herzustellen lernen werde. 
Inzwischen ist freilich eine andere Erscheinung aufgetreten, 
welche die praktischen Folgen des Malthusschen Gesetzes bis zu 
einem gewissen Grade aufhebt: dies ist der Rückgang der 
Geburtenziffer bei den Kulturnationen. Am 
deutlichsten zeigt sich dies bekanntlich in Frankreich, wo die Be 
völkerung schon stationär geworden ist; der natürliche Geburten 
überschuß dieses Landes betrug im Iahre 19 z 5 nur noch j pro 
Mille, gegen *2,4 pro Mille in Deutschland und jo,2 in England. 
Leider aber ist nun auch Deutschland, wie-vor ihm schon Groß 
britannien, auf den absteigenden Ast des Geburtenrückganges ge 
raten; namentlich die Großstädte zeigen trotz ihrer vorzüglichen 
hygienischen Einrichtungen erschreckende Ziffern dieser Art. So 
betrug die Zahl der Lebend geborenen in pro Mille der Be 
völkerung in Düsseldorf: 
im Iahre 4898 . . . 40,7 
„ 1901 • • • 38,3 
„ „ 1907 . . . 33,1 
„ 1912 . . . 26,3. •
        <pb n="49" />
        Bevölkerungsverhättmsse. 
3m Deutschen Reiche ist die Zahl der Geborenen (einschließ 
lich Totgeborenen) von 42,6 pro Mille im Jahre (876 aus 28,5 
im Jahre »915 zurückgegangen, (von dem weiteren Rückgang 
während des Arieges sei hier abgesehen.) Db rein physiologische 
Gründe für diese Erscheinung wirksam sind oder der Wunsch, die 
einmal erreichte Lebenshaltung aufrecht zu erhalten, sieht noch 
nicht fest; wahrscheinlich wirken Ursachen beider Art zusammen. 
Soviel auch noch zur völligen Erklärung der Tatsachen der 
Bewegung der Bevölkerungszahl fehlen mag, wir bleiben doch 
innerhalb'der rein kausalen Erklärungsversuche der Beziehungen 
zwischen Ursache und Wirkung. Darüber hinaus — wenigstens 
nach dem heutigen Stande unseres Wissens — führt uns die 
letzte für uns wichtige Tatsache, die des Zahlenverhält- , 
nisses derGes ch'le ch t e r. Ls war ein Feldprediger Fried 
richs des Großen, der spätere Vberkonsistorialrat Johann 
Peter Süß milch, der in seinen „Betrachtungen über di- 
göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Ge- 
schlechts aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung des 
selben erwiesen", datiert $74* auf dem Marsche vor Schweidnitz, 
eines der tiefsten Geheimnisse des Lebens der Menschheit nach 
wies. Er zeigte nämlich, daß regelmäßig auf je 2\ Knaben 
20 Mädchen geboren würden, daß dann die Knaben rascher weg- ^ 
stürben und im heiratsfähigen Alter ein Gleichgewicht bestehe, 
während später, da die männliche Sterblichkeit weiter die stärkere 
bleibe, die Frauen überwiegen. In der Tat werden auch heute 
noch, soweit unsere bisherigen Beobachtungen reichen, wenn nicht 
besondere Störungen vorliegen, in der Regel iog oder l05 Knaben 
auf ;oo Mädchen geboren. In Deutschland kamen auf je joo 
Mädchengeburten Knabengeburten in den Jahren 
1905 106,5 
1908 
106,1 1911 
106,1 
1906 106,0 
1909 
105,9 1912 
106,5 
1907 106,5 
1910 
105,9 1913 
106,1- 
Nach der Volkszählung 
vom 1. 
Dezember 1900 
waren 
in der 2lltersklasse 
männlich 
weiblich 
unter I Jahr 
. 
. . 825 665 
808 440 
21—25 Jahren 
. 
. . 2 026 096 
2 050 280 
60—65 „ 
• - 
. . 775 857 
890 612. 
Man sieht hier, in den Extremen, deutlich den angegebenen Ver 
lauf: ursprünglich überwiegen des männlichen Geschlechts^ Aus-
        <pb n="50" />
        Die Natur. 
42 
gleich im heiratsfähigen Alter, schließlich überwiegen des weib 
lichen Geschlechts. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung 
läßt sich dieser Zusammenhang, wie schon gesagt, nicht erklären; 
wir kennen die Ursache schlechterdings nicht. Wohl aber können 
wir einen Zweck sehen, der freilich über individuelle, ja über 
menschlich gesetzte und setzbare Zwecke überhaupt hinausgeht, 
nämlich die Erhaltung des Menschengeschlechts. Wir nennen 
eine solche Lrklärungsweise, die vom Zweck statt von der Ursache 
ausgeht, nach dem griechischen Worte (Zweck) teleologisch, 
von einer „Erklärung" im wissenschaftlichen Sinne darf aller 
dings dabei eigentlich nicht gesprochen werden; Liese Zwecksetzung 
ist nichts als eine Verrnutung. Wir stoßen hier wieder einmal 
deutlich und hart an die Grenze des für uns Erkennbaren. 
2. Die Mittel der Gütererzeugung, 
a) Die Natur. 
. Für die Zwecke der Gütererzeugung stehen dem Menschen eine 
Anzahl von Mitteln unmittelbar iit der Natur zur Verfügung, 
wir denken, wenn wir von Produktion sprechen, zwar viel mehr 
an Maschinen und Gebäude, Rohstoffe und Kalbsabrikate, die denn 
in der Tat mit einer Ausnahme — dem Boden für die Zwecke der 
landwirtschaftlichen Erzeugung — im Mechanismus der heutigen 
wirtschaft überwiegen. Diese „produzierten Produktionsmittel", 
die wir Kapital nennen, haben wir später zu behandeln; zunächst 
müssen wir wenigstens kurz von jenen naturgegebenen 
Produktionsmitteln sprechen. Das wichtigste ist, wie eben 
erwähnt, der landwirtschaftlich genutzte. Boden. 
Weiter stehen eine Anzahl von Naturschätzen ohne 
weitere Zurichtung, nur einfach zu gewinnen,,zur Ver 
fügung als Rohstoffe, wie die weiden zum Flechten oder die Ton 
erde zur Formung von Gefäßen. Die erste Nutzung der Tiere, 
wahrscheinlich zum Zwecke des Melkens, ist hierher zu rechnen. 
Line dritte Gruppe bilden die n at ii r l i ch e n Kraft 
quellen: das fließende Wasser, der Wind, das Tier als Zug- • 
kraft. Jetzt wird das Tier zunieift nicht wild eingefangen, son 
dern gezüchtet und rechnet demgemäß zu den „produzierten' Pro 
duktionsmitteln"; auch das Wasser wird in einer Reihe von Fällen 
(Talsperren, Kanälen usw.) erst sozusagen präpariert. Nur der
        <pb n="51" />
        mum 
Der Boden. 
Wind bleibt ein direkter Kraftspender. Um die Ausnutzung der 
Sonnenkraft und der Kraft von Flut und (Ebbe wird noch gerungen. 
Bei weitem das wichtigste natürliche probuttionsmittel aber 
bleibt der Boden. DerBoden war ursprünglich ein freies Gut, 
solange die Menfchenzahl ,wch klein war im Verhältnis zu dem 
vorhandenen kulturfähigen Lande. Auch jetzt noch ist Boden frer, 
wenn auch kaum in dem Sinne, daß er „Niemandsland" fer; viel 
mehr ist in den jungen Ländern (dem amerikanischen Kontmen ^ 
Sibirien usw.) das Land meist Kronland, nicht feiten allerding 
in den Händen von Spekulanten oder Spekulantengruppen, wo 
der Boden Kronland ist, pflegt er in diesen Ländern meist un 
entgeltlich oder sehr billig an solche abgegeben zu werden^ dw 
ihn zu kultivieren beabsichtigen. Nach dem wirtschaftlichen Gesetz 
wird nun, solange noch freier Boden vorhanden ist solcher Boden 
ausgesucht werden, der bei gleichem Arbeits- und. Kapitalauf 
wand die böchsten Lrttäae bringt. So sehen wir die merkwürdige 
Erscheinung, daß mitten im Industriegebiet der Gststaaten Amen- 
fas deserted farms", aufgegebene Bauerngüter, sich finden. Ihre 
bishekigen Besitzer haben die ursprüngliche Bodenkraft ausgenutzt 
und ziehen es vor. statt diesem aüsgesaugten Boden Dünger d. h 
Kapital, zuzuführen, in den fernen Westen zu gehen und^ sich dort 
jungfräuliches Regierungsland geben zu lassen. 
Aber selbst bei Wiederzuführung der entnommenen Boden- 
bestandteile und bei immer weiterem Arbeitsaufwand (Tief 
pflügen, hacken) kommt einmal der Punkt wo der Boden au 
natürlichen Gründen eine weitere Ertragssteigerung Nicht her- 
gibt Zwischen dem ersten Anbrechen des fungfraulichen Bodens 
und'dem Punkte, wo der Boden überhaupt eine Steigerung der 
Roherträge verweigert, findet ein ständiges Ruckgehen des Rein 
ertrages statt. Dieses sogenannte Gesetz des abnehmenden 
Bodenertrages führt zu der Konsequenz, daß bei einem ge 
gebenen Stande der Technik und der Preise eine Reche von Boden 
zweckmäßig nicht in Angriff genommen ober daß umkehrt sta 
der weiteren Kapital- und Arbeit-verwendung auf alte Ku tur 
böden nunmehr neue herangezogen werden. Diese Feststellung 
ch wieder in jedem einzelnen Falle Aufgabe des homo oecono- 
micus. So ist die Frage für uns während des Krieges von Wich 
tigkeit geworden und wird es weiter fein, ob es Zweckmäßiger ist, 
Moor- und GLlandböden zu kultivieren oder ob der gleiche Auf 
wand sick auf alten Kulturboden besser bezahlt macht.
        <pb n="52" />
        44 
Die Arbeit. 
Die Bodenfläche hat endlich Ausdehnung; diese Ausdehnung 
erfordert Aufwendung von Zeit und Transportkosten. Die bereits 
erwähnt Lehre T h ii n e n s basiert darauf, daß die Entfernung 
vom Wirtschaftshofe einerseits, von der Stadt andererseits die 
Wirtschaftsart beeinflussen muß, da bei einmal gegebenem preise 
auf einen Teil der Produktionskosten, als welche sich Zeit- und 
Transportaufwand darstellen, nur eine bestimmte (Quote der Ge 
samtkosten entfallen darf, wenn die Produktion nicht unrentabel 
werden soll. Aus der Tatsache der Ausdehnung der Bodenfläche 
folgt denn die Bestimmung der produktionsrichtuna durch den 
Standort. 
Die naturgegebenen Produktionsmittel baden die Besonderheit 
aller natürlicher Dinge, daß sie unberechenbar sind, wind 
und Welle ebenso wie der in seinem Ertrage von der Witterung 
abhängige Boden. So kann man denn verfolgen, wie d i e 
Menschheit sich bemüht, diese naturgegebenen 
Produktionsverfahren durch arbeitgegebene, 
erzeugteundbeherrschbarezuersetzem Die Dampf 
maschine tritt an die Stelle des Wasserrades der Mühle oder des 
Windes im Schiffssegel; die Chemie ersetzt den natürlichen Indigo 
oder Kautschuk durch den synthetischen; an Stelle des Holzes wird 
Eisen oder Eisenbeton zu Bauten verwendet, von einem voll 
ständigen Ersatz ist freilich auf absehbare Zeit keine Rede. 
Auch hie naturgegebenen Produktionsmittel bedürfen selbst 
für die primitivste Wirtschaft einer Ergänzung; die bereiten Schätze 
müssen gehoben werden. Der Schatzgräber ist die Arbeit. 
b) Die Arbeit. 
IDir sind alle Arbeiter, ob wir Eisen walzen oder das Feld 
beackern oder am stillen Schreibtisch sitzen. Und alle leisten wir 
mit unserer Arbeit ein Dreifaches: wir erwerben uns und den 
mistigen das tägliche Brotz wir schaffen und formen neue wirt 
schaftliche werte, und wir tragen, jeder zu seinem bescheidenen 
Teil, dazu bei, dem vaterlande zu nützen. Ls ist, so gesehen, 
wirklich kein Unterschied zwischen dem Tagelöhner, der Steine 
zum Bau trägt und dem Baumeister, der den Plan des Hauses 
entwarf, wir sind alle Arbeiter, und jede redliche Arbeit ist gleich 
viel wert. 
Aber es wäre töricht, wenn wir leugnen wollten, daß nicht
        <pb n="53" />
        Die Arbeitsteilung. 
45 
nur die Art der Arbeit innerhalb unseres Volkes unendlich ver 
schieden ist, sondern auch daß die Verschiedenheit dieser 
A r b e i t s a r t die Menschen selbst aufs tiefste beeinflußt, die sie 
ausüben. Und weiter, es kann schon nicht jeder ganz beliebig 
das eine oder andere werden, wer Baumeister werden will, 
der muß zeichnen und rechnen können. Sein Geist muß regsam 
und bildsam sein; er muß sich vorstellen können, wie das Gebäude, 
das er plant, in der Straße aussehen wird, ob es gut zu den Nach 
barhäusern steht. Lr muß die Bedürfnisse der Leute kennen und 
verstehen, die darin wohnen sollen, und muß das fjaus danach 
einrichten. Lr muß Geschmack haben, damit die Tapeten und die 
Decken auch später dem eine Wohltat sind, der in dem Zimmer 
leben muß, und nicht ein Greuel, weiter, er muß ein ernster 
und gewissenhafter Mann sein, der sich dessen bewußt ist, welche 
Verantwortung er übernimmt, damit seine plane und Berech 
nungen auch richtig sind und nicht etwa der Bau einstürzt und 
die begräbt, die darin sind. — Ganz anders der Maurer. Lr muß 
sein Handwerk kennen, muß wissen, wie Stein auf Stein geschichtet 
wird, wie das Lot gehandhabt wird, wie der Kalk bindet. Lr 
muß'einen Körper haben, der die Arbeit im Freien, in wind und 
Wetter verträgt. 
wir wissen wohl, daß nicht gerade jeder den Beruf ergriffen 
hat, für den seine Gaben ihn bestimmten; vielleicht wußte er 
zur Zeit der Berufswahl selbst noch nicht, wohin es ihn später 
ziehen werde, vielleicht — und das ist oft genug der Fall — hatte 
ex nicht die Mittel, um sich für ein Fach auszubilden, das rhn 
anzog, etwa zu studieren; bei vielen entscheidet das gute Zureden 
anderer, ja der Zufall. 
So entsteht eine bunte Mannigfaltigkeit der Arberten, dre zu 
sammen die Volkswirtschaft ausmachen. Nicht weniger als 10397 
Berufsbenennungen wies schon die deutsche Berufs- und Gewerbe 
zählung non 1395 auf, und seitdem hat sich ein gut Teil neuer 
Gewerbe gebildet. v , , 
Da ist z. B. der nützliche Stand der Dienstmänner und Lohn 
diener. wir würden vielleicht meinen, ein Dienstmann sei eben 
ein Dienstmann. (D nein, da gibt es nach der Berufszählung Be 
stellboten, Botenläufer, Dezemeinsammler, Lsochzeitsbitter und 
tzöhlenführer, Kofferträger, Schiebeböcker und Schiebkärcher; rm 
ganzen 69 verschiedene Arten, deren Unterschiede allerdings denr 
Uneingeweihten nicht immer ganz klar sind.
        <pb n="54" />
        46 
Die Arbeit. 
wenn wir nun auch von solchen Feinheiten absehen können, 
so ist es doch jedem bekannt, wie weit sich in unserer Jert die 
Arbeitsteilung durchgesetzt hat; nicht nur sür dw körper 
liche, sondern auch für die geistige Produktion gilt dres, un 3 1 
lernen Tesman, der „Fachmensch für hausindustrre rm Mittel- 
alter" ist ein guter Bekannter von uns allen, wenn wrr es nrcht 
gar selbst sind. Die Arbeitsteilung, zum mindesten rn rhrer ersten 
weit zurück wie die Geschichte des Menschen überhaupt. Ber allen 
primitiven Völkern behalten sich die Männer dre Jagd vor und 
überlassen den Frauen die Hausarbeit und bernahe alle Hand 
werke Töpfern, weben, Brauen, mit fast ernzrger Ausnahme .es 
Schmiedehandwerks. Die A r b e i t s t e i l u,r g n a ch d e n G e - 
,'cklechlern hat sich bis in die Gegenwart hrnem erhalten, 
wenn es auch Zeiten wie namentlich die des Fruhkaprtalrsmus 
gab, die jeden Unterschied verwischten. Zolas »Gemnnal w: 
immer ein erscbütterndes Zeugnrs aus jener §eit blexben, d.e 
Fmuen und Mädchen in die Stollen der Steinkohlenbergwerke 
^Die Beschränkung der Frau aus die Hausarbeit ist frerlrch nrcht 
mehr möglich. Die moderne Entwicklung hat den Frauen ernm 
großen Teil ihrer alten hauswirtschaftlichen Tatrgkert abgenoM' 
men Die trauen spinnen und weben nicht mehr, sie überlassen 
bas Backen dem Bäcker, das Schlachten dem Schlächter. Das Wasser 
w?rd nicht mehr vom Brunnen geholt (eine schwere, aber rerz- 
■ volle Arbeit), sondern kommt aus der wasserlertung, das Gas^ 
ober elektrische Licht macht das Lampenputzen uberflujsig. Das 
Lirrmachen besorgt die Ronservenfabrik, das waschen dre wajäj- 
anftalt. Innerhalb der Wirtschaft selbst bringt dre Maschine vo , 
um oirbeitskraft zu sparen, wenn auch bis jetzt erst rn bescherden m 
Umfange" ich^ nenne als Beispiele aus dem vorigen und diesem 
labrbunfcert die Nähmaschine und den vakuumrernrger. wen 
21mm n ch-dk &gt;&gt;°--°i-.,ch°,»Ich- Tätigkeit di- m-.,..n An. 
?»,«»- -n die .;»» deren Sc»mtu„9 uns m 6m ab- 
fdnütte über die Güterverwendung beschäftigen joll jo hat dre 
Entwicklung^ sie doch schon außerordentlich stark än andere Berufe 
Ungezwungen Rund 9 Millionen Frauen waren in Deutsch- 
land 2 der S-rns-Mnng °-n .907 im S««P«b-mf ,,m,,bs. 
r,.« sip?,,,, großen Zahl waren nur rund 1% Millionen 
ok Dienstmädchen oder Aushilfen im hausdienst beschäftigt, wah.
        <pb n="55" />
        Die Arbeitsteilung. 
4? 
rend die tzälste auf die Landwirtschaft entfiel. Dies will nicht 
etwa dadurch erklärt werden, daß die Landwirtschaft, was ja 
allerdings der Fall ist, ein alter Frauenberuf fei; dann nmßte sie 
auch früher in dem gleichen Maße von Frauen betrieben worden 
fein. Tatsächlich ist feit 1882 die Zahl der in der Landwirtschaft 
hauptberuflich tätigen Männer von 5% und ö'A Millionen zurück 
gegangen, die der gleicherweise tätigen Frauen aber von 2% auf 
434 Millionen gestiegen? 
wenn so der stärkere übertritt der Frau aus der Haus- in 
die Lrwerbswirtfchaft anscheinend unaufhaltsam ist, so können 
wir doch sehen, daß dabei die Arbeitsteilung nach dem Geschlecht 
im ganzen sich deutlich durchsetzt; dafür sorgt bis zu einem ge 
wissen Grade auch die moderne sozialpolitische Gesetzgebung, 
welche Fräuenbefchäftigung in einer Reihe von Fällen verbietet, 
wie in Bergwerken unter Tage, oder einschränkt. Nach der Zählung 
von &lt;907 ist die Zahl der beschäftigten weiblichen Arbeiter un 
gefähr ebenso groß oder größer als die der männlichen in der 
Tertilindustrie, dem Bekleidungsgewerbe, Reinigungsgewerbe, 
Handelsgewerbe und Gast- und Schankwirtfchaft, während wieder 
in anderen Gewerbegruppen, namentlich Bergbau, Metallver 
arbeitung und Industrie der Maschinen und Instrumente die 
Zahl der beschäftigten Frauen gegenüber der der Männer fast 
verschwindet. Diese Scheidung, die im wesentlichen durch die ver 
schiedenen Aörperkräfte der beiden Geschlechter bedingt ist, wird 
sich in dem Maße noch schärfer. ausprägen, als der Frauenerwerb 
immer mehr als selbstverständlich gilt und die Frauen für ihre 
neuen Berufe, wozu wir schon die, ersten Ansätze haben, ebenso 
• geschult werden, wie dies bei Männern (in Fortbildungs- und 
Fachschulen, Lehrlingsausbildung usw.) der Fall ist. wenn im 
Kriege die Frau notgedrungen viele ausgesprochen „männliche" 
Berufe übernahm, so wird sich das im Frieden allmählich wieder 
korrigieren. 
Dieser Arbeitsteilung im großen zwischen Mann und Frau 
steht als Seitenstück die Arbeitsteilung nach Völkern 
ober Kaffen gegenüber. Der Begriff des Volkes und auch der 
der Raffe ist durchaus nicht so fest bestimmt, daß man die beson 
deren Eiaentümlichkeiten eines Einzelvolkes mit der Sicherheit 
' Sie Stciaenm« in der Landwirtschaft ist zum Teil allerdnigs nur eine 
formale, indem die „mithelfenden weiblichen Familienmitglieder letzt als 
Erwerbstätige im Hauptberuf gezählt werden.
        <pb n="56" />
        48 
Die Arbeit. 
aufweisen könnte, wie die Zoologen die Tiergatlungen trennen; 
vor allem finden auch zwischen den Völkern, und zwar nicht 
nur in unserer Zeit der großen Wanderungen, stete Kreuzungen 
und Vermischungen statt. Je nach dem Grade der Mischung 
wird der Charakter der ursprünglichen Bevölkerung mehr oder 
minder stark beeinflußt, wie die Römer am Rhein vor fast zwei 
tausend Jahren, die französischen Refugies im Berlin Friedrichs 
des Großen deutlich genug in ihrer Nachwirkung heut noch zu 
spüren sind. Ist die (Quantität fremden Blutes eine größere, 
so entsteht auch wohl ein ganz neues Volk, wie Sachsen und Nor 
mannen zu Engländern werden. Im einzelnen Individuum, das 
ja schließlich uns in letzter Linie als Träger des volkscharakters 
entgegentritt, können der Kreuzungen so viele sein, daß Skeptiker 
den Gedanken einheitlicher Volkseigenschaften für unmöglich er 
klären. Aber man braucht nicht nur an Extreme, wie etwa meia- 
nesische Stämme der Südsee und blonde Nordländer zu denken, 
um über der Mannigfaltigkeit der Individuen die Volkseinheit 
zu sehen; schon zwischen Nord- und Süddeutschen, ja bisweilen 
zwischen Bewohnern von Nachbarstädten treten Unterschiede in 
Erscheinung, die jedem bekannt sind. Wieweit Liese Unterschiede 
auf Rasseneigentümlichkeiten und wieweit auf anderen Ursachen 
beruhen, ist für uns gleichgültig; genug, daß sie vorhanden sind. 
Es sei nur an die musikalische Begabung der Zigeuner und der 
Neger, die kaufmännischen Fähigkeiten der Armenier, Juden, 
Griechen, Indier, das technische Geschick der Nordamerikaner, 
Engländer, Deutschen erinnert. 
Fast noch wichtiger freilich als die verschiedene Begabung, 
über deren wandlungsmöolichkeit bei veränderten Umständen wir 
noch viel zu wenig unterrichtet sind, ist der verschiedene Lebens 
standard, der die Völker oder Volksgruppen in gewisse Lrwerbs- 
schichten ohne weiteres eingliedert. Er scheint durchwegs in der 
europäisch-amerikanischen Wirtschaft die Neigung zu bestehen, 
eine Reihe körperlich anstrengender Arbeiten an landfremde Rassen 
abzugeben. Italienische Erdarbeiter in Deutschland, schwarze 
Minenarbeiter in Südafrika, chinesische Kulis in der Zuckerindu 
strie Hawaiis, japanische Landarbeiter in den Gbstpflanzungen 
Kaliforniens; es ist durchwegs dasselbe Bild. Damit ist freilich 
nicht gesagt, daß diese Fremdlinge nun immer im Kreis der ihnen 
überlassenen groben Arbeiten bleiben müssen; die Furcht nament 
lich der weißen Arbeiter der angelsächsischen transozeanischen
        <pb n="57" />
        Die Arbeitsteilung. 
49 
Länder vor den gelben Konkurrenten — es seien nur wieder die 
Chinesen- und Iaxanerhetzen Kaliforniens erwähnt — sind ein 
hinreichender Beweis für diese Möglichkeit, und unter uns sehen 
wir, wie die Polen.sdwohl in ihrer östlichen Heimat wie im Berg- 
-revier Rheinlands-Westfalens wirtschaftlich aufstiegen. Darum 
hielten auch Zeiten und Völker Mit weniger empfindsamen Nerven 
diese fremden Rassen durch rechtliche Zwangsmittel, Sklaverei 
oder Frondienst, in ihrer wirtschaftlich niedrigen Stellung oder 
trennten die Lrwerbsstände durch soziale Schranken wie Kasten 
und Adel. (Erregt doch selbst heutzutage ein Adeliger bei uns, 
sofern er sich'am Erwerbsleben in dessen unteren Schichten be- 
teiliat, also etwa Kleinkaufmann wird, unsere Verwunderung. 
Diese kastenmäßige Scheidung der Lrwerbs 
stände galt überhaupt für uns noch immer als ungefchriebcnes 
Gesetz, an das wir' uns allerdings nicht gern erinnern ließen, 
vor allem wird jede Schicht ein hinuntersinken ihrer Angehörigen 
auf eine von ihr'als lieferstehend empfundene Stufe zu verhindern 
suchen; der Sohn eines Arztes darf nicht Handwerker werden, 
selbst wenn er nur dazu Lust und Neigung hat; die Tochter des 
Landgerichtsrats darf zwar eine Lrzieherinnenstelle annehmen, 
nicht aber die einer Köchin, obgleich letztere vielleicht oder wahr- 
scheinlich besser bezahlt wird. Umgekehrt hat der aus einer 
unteren Schicht Emporsteigend e gegen stille soziale widerstände 
zu kämpfen; selbst wenn die Tochter des millionenreich gewordenen 
amerikanischen Schuhwichsefabrikanten einen englischen Herzog 
heiratet, so bleibt der Papa Schuhwichsefabrikant doch ein Parvenu 
und bestenfalls ein Arrive. — Dieses, rlufsteigen von unten nach 
oben insbesondere aus Dem Arbeiterstande, war aber bei uns auch 
noch'durch die Entwicklung der Wirtschaft selbst aehemmt, die den 
Erfolg immer mehr an den vorherigen Besitz von Kapital oder 
doch an ganz ungewöhnliche Begabung knüpfte. 
Die individuell eBeg a bung und Veranlagung 
ist endlich die letzte natürliche Ursache der 2lrbeitsteilung, und 
zwar eine Ursache, die unaufhörlich am Werke i&gt;t. bie spielt, wie 
bereits gesagt, schon bei der Berufswahl in vielen Fällen eine 
entscheidende Rolle. Sie wird sich unter Umständen selbst gegen 
heftige widerstände durchsetzen, seien es konventionelle Vorstel 
lungen der Geburtskreise, sei es Mangel an Mitteln oder irgend 
eines der vielen Hemmnisse, die sich jeder Lebensentfaltung ent 
gegenstellen. Insbesondere sind es geistige, namentlich künstle- 
Wygodzlnski, Einführung in dir VolkswirifchafiSl-hr«
        <pb n="58" />
        50 
Die Arbeit. 
rische und wissenschaftliche Veranlagungen, die den Kampf um 
ihr Dasein Bis zum Sieg oder zum völligen Erliegen führen. In 
der Sphäre der rein ökonomischen Arbeit, in welche die über 
wältigende Masse des Volkes gebannt ist, sind freilich andere Ent 
scheidungen für Len Platz maßgebend, an den der einzelne ge 
stellt wird. 
Wir können, wenn wir von der rein geistigen Arbeit absehen, 
jene natürlichen Ursachen, Geschlecht, Begabung, Rasse und die 
konventionelle Festhaltung ihrer Wirkungen durch gesellschaftliche 
Vorschriften und Vorurteile als entscheidend für die Berufsver 
teilung im großen ansehen. Ihnen zur Seite tritt mit einem 
Zwange, der noch unerbittlicher ist, der moderne Produk 
tionsmechanismus, dessen Augenmerk nicht sowohl der 
Mensch ist, sondern das Produkt. Der wirtschaft kommt es nicht 
darauf an, daß der einzelne einen Beruf hat, der ihn befriedigt, 
weil er seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht; für sie ist 
der Mensch ein Werkzeug, ein Rad, das in die Maschine eingesetzt 
unabänderlich seinen vorgeschriebenen Lauf geht. Es hat ein 
junger Mann dazu Lust, Kaufmann zu werden; soweit hat er die 
Wahl. Aber ob er dann Expedient in einer Strumpfhandlung 
en gros oder Buchhalter in einer Fabrik chemischer Produkte wird, 
das hängt nicht mehr von ihm ab. Und nun gar erst der Arbeiter, 
den das Schicksal unauflöslich an den Webstuhl, die Lisendreh- 
bank, in die Erzgrube zwingt! 
Die wirtschaft lebt ihr eigenes- Leben und 
zwingt ihr Joch herrisch den Völkern aus. wie kommt die hübsche 
kleine Japanerin, die wir uns nur in ihrem Papierhäuschen oder 
auf den Reisfeldern denken konnten, in die in den letzten Jahr 
zehnten erst riesig erwachsenen Spinnereien Osakas? wie kommt 
der sorglose Schwarze, der alle Arbeit in Paus und Feld den Frauen 
überließ, in die Diamantgruben Kimberleps und die Goldminen 
von Rhodesia? Unsere moderne Wirtschaft hat die' Langarme 
nach ihnen ausgestreckt und verwandelt die Mädchen des Blumen 
landes wie die afrikanischen Naturkinder in „hands", wie es 
unsere Lehrmeister, die Engländer, so bezeichnend nennen. 
In diese sck^einbar gleiche Masse der Arbeiter bringt nun der 
Produktionsmechanismus eine neue Schichtung. Das Ziel der 
Produzenten ist: verdienen; das Ziel der Wirtschaft: zu diesem 
Zweck möglichst viel und möglichst billig zu produzieren. Ls ist 
nun eine bekannte Lrfahtung, daß die Leistungsfähigket in dem
        <pb n="59" />
        Arbeitszerlegung. 5 ' 
IlXafte steigt, als ein und dieselbe Arbeit-dem Arbeitenden immer 
vertrauter wird. Alles will gelernt und geübt sein; wer eine 
Arbeit zum erstennial macht, benötigt sehr viel mehr cheit, ist wert 
ungeschickter als der in sie hineingewachsene. Dieser L t nf lu tz 
ö e r Übung auf die Arbeitsleistung, der sich xhvsiologrsch sehr 
wohl erklären läßt, hat denn auch schon sehr früh zu dein geführt, 
was wir im Gegensatz zu der bisher besprochenen Berufsbildung 
Arbeitsteilung im engeren Sinne oder A r b e i t s ° 
Zerlegung nennen können. Innerhalb des weiteren Beruf-, 
also etwa des Handwerkers, oder auch wieder innerhalb^de- 
engsren Handwerks der Lifenverarbeitung, sondern sich neue Teil 
berufe aus: der Waffenschmied, der Nagelschmied, der Schlosser. 
Die Arbeitsteilung, wie wir sie eben kennengelernt haben, latzt 
iedoch immer noch den ganzen Arbeitsprozeß, wenn auch nur für 
ein einziges Produkt, durch die Hand ein- und desselben Arbeiter- 
gehen Der Schlosser alten Stils bekommt das Lisen und liefert 
das Schloß mit Schlüssel fertig ab, bringt vielleicht selbst noch 
an der Tür an. Dafür konnte &amp; denn auch, wenn der Besteller 
wert daraus legte, ein Kunstwerk werden; noch jetzt kann man 
diese Arbeiten in den Kunstgewerbemuseen und in den Glas- 
schränken der Sammler sehen, heut ist die Schloßfabrikation 
längst Gegenstand der a r b e i t s z e r l e g e n d e n Großher 
stellung geworden. Lin Mittelpunkt dieser Fabrikation ist 
die rheinische Stadt Velbert, deren Bevölkerung zu neun Zehntel 
von ihr lebt, verfolgen wir diese moderne Schloßherstcllung 
einmal etwas näher, wie sie uns ein neuerer Autor schildert, um 
uns ein anschauliches Bild der Arbeitszerlegung zu machen. Die 
Lisentafeln kommen zunächst unter die Schneidepressen, die, mit 
Dampf oder Elektrizität angetrieben, die schweren Tafeln oder 
Bandeisen von 6 mm Dicke wie Papier zerschneiden. Die ab 
geschnittenen Streifen wandern in die Schleiferei, um geschliffen 
und mit Schmirgel poliert zu werden, zu den Lochpressen, wo die 
Schloßbleche die Löcher für den Schlüsselbart, den Riegel und die 
Nieten- und Nagellöcher erhalten, und zur Friktionsmaschine, 
welche die Ränder umbiegt. Damit ist das Schloßblech fertig, 
und nun geht es an Herstellung von Federn und Riegel. Der 
Riegel wird mit den nötigen Ausschnitten aus Tafeleisen aus 
gepreßt. erhält zwei Kopsstücke zur Verstärkung aufgenietetz die 
unter dem Dampfhammer gestemmt werden, wird auf der Fräs- 
Maschine abgefräst und mit dem Schmirgelrad glatt geschlissen.
        <pb n="60" />
        Die Arbeit 
32 
Der Schlüssel wird roh gegossen; die geringeren Sorten werden 
bann in sog. Rommeln, d. h. achteckigen eisernen Rasten gereinigt 
und poliert, die mit einem Gemisch von Asche, Guß und Leder 
fetzen gefüllt, sich mit Blitzessckprelle um eine wagerecht liegende 
Achse drehen. Bessere Sorten werden feiner bearbeitet. Eine 
ganze Reihe von 2lrbeitern steht an einer Bank, die nebeneinander 
eine große Zahl sich sehr rasch drehender Schmirgelrader ausweist. 
Jedem Arbeiter ist nun ein kleiner Teil des Schlüssels überwiesen. 
Der erste bearbeitet nur den Bart, um ihn dann an den Nachbar 
weiter zu geben, der zweite die Rralle, der dritte die Pfeife und 
so fort. Dieses Ineinanderarbeiten geht so rasch, daß die Leute 
täglich über 2000 Stück schleifen Wieder andere Arbeiter be 
sorgen nun das Zusammensetzen der Schlösser, und zwar geschieht 
dies meist nicht in der Fabrik selbst, sondern als Hausarbeit. Für 
das Dutzend kann nur 20—50 pfg. gezahlt werden; es muß also 
ungemein rasch gearbeitet werden, um etwas zu verdienen; in 
der Tat werden in wenigen Minuten ein Dutzend zusammen 
gesetzt. weitere Arbeitergruppen endlich reinigen, sortieren und 
verpacken die fertigen Schlösser. Die komplizierte Arbeitszerleguna 
hat die Leistungsfähigkeit der Schloßarbeiter so hoch gesteigert, 
daß auf den Mann täglich gegen 30 fertige Schlösser kommen, 
während der Schlossermeister alten Stils'zu jedem einzelnen 
Schlosse mehrere Tage brauchte. 
Diese weitgehende Arbeitszerlegung mit ihren erstaunlichen 
Produktionsergebnissen ist aber keineswegs an 'Me Maschinen 
verwendung wie in der velberter Schloßindustrie gebunden. Sie 
zeigt sich vielmehr überall, wo an Stelle handwerksmäßiger Einzel 
produktion die Herstellung im großen getreten ist. Lharakteristische 
und allgemein bekannte Beispiele sind einige Hausindustrien, wie 
die Thüringer Spielwarenindustrie, welche für die Herstellung 
von Puppen oder Holzschäfchen ganze Familien vom Großvater 
bis zum kleinen Rinde herab beschäftigt, wobei jedes immer 
wieder dieselbe kleine Prozedur zu vollziehen hat, etwa der Puppe 
die Lippen rot zu malen. Die weiblichen Arbeitskräfte der Ber 
liner Ronfektion scheiden sich in solche in der Rock- und Iacket- 
bränche, der Hosenbranche, wchenbranche, in der Rnabenkonfek- 
tion, in der Damen- und Mädchenmäntelkonfektion; -innerhalb 
jeder einzelnen dieser „Branchen" werden wieder Stepperinnen 
und Einrichterinnen, Rnopflochmacherinnen und Verknöpferinnen 
unterschieden. In der Darnenkonfektion arbeitet ein Mädchen nur
        <pb n="61" />
        Die Maschine. 
Ärmel, ein anderes nur Kragen für Taillen, eine dritte setzt nur 
die einzelnen Stücke zusammen. Das; man die Arbeit ganz gut 
kann, wenn man jahrelang nur „Rnapflochmacherin in Knaben 
westen" ist, scheint begreiflich; so werden selbst schwache Kräfte 
aus ihre höchste Leistungsfähigkeit gesteigert. Wie elend trotz 
alledem oft genug der Verdienst dieser armen Geschöpfe ist, haben 
selbst denen, die nicht sehen wollten, die heimarbeitsaus- 
stellungen der letzteii Jahre gezeigt; hier haben wir wieder einen 
der Fälle, wo der Mensch int Produktionsmechanismus zerrieben 
worden ist. 
Entscheidend für unsere Zeit ist freilich die Verwendung 
der Maschine. Selbst in solchen Industrien wie im Bergbau, 
wo sie im eigentlichsten Betriebe, also bei der Kohlengewinnung, 
fast noch gar keine Bolle spielt, ist sie doch für die Betriebsbedin 
gungen, für Förderung von Mensch uild Kohle, Wasserhaltung, 
Wetterführung, Transport. Beinigung und Verladung der Kohle 
völlig unentbehrlich; ohne ihre gewaltigen Leistungen müßte der 
ganze Betrieb stillstehen. Sie Maschine ist das eindrucksvollste 
Symbol unserer Wirtschaft; hat sich doch im Ansang der kapita 
listischen wirtschost b^r paß und die Verzweiflung der Arbeiter 
gegen die Maschinen gerichtet, mit deren Zerstörung sie. die Frei 
heit wieder gewonnen zu haben glaubten, nicht wissend, daß die 
eisernen Sklaven nur die-stummen Diener eines Geistes sind, der 
sich stärker erwies als die Fäuste der Proletarier. Aber in 
der Maschine hat dieser Geist des unbedingten Gelderwerbs, der 
Geist des Rechnens, eine Form gesunden, die wieder ihr eigenes 
Leben hat. 
Wollen wir das wesen der Maschine richtig verstehen, so 
müssen wir von vornherein zwischen zwei durchaus verschiedenen 
Typen scheiden, nämlich der Kraftmaschine und der Arbeits 
oder Werkzeugmaschine, wo vorher Menschen oder Tiere, Wasser 
oder Wind als Triebkräfte verwendet werden mußten, war die 
Steigerung der Leistung über einen bestimmten Punkt hinaus 
nicht möglich, vor allem schon deshalb, weil alle diese Kräfte in 
' ihrer Wirkungsweise unregelmäßig, schwankend sind. Die KraIt- 
Maschine läßt eine Steigerung der Krastkonzentration ins 
Riesenhafte zu, und diese Kraft steht in immer gleicher Weise, 
immer gleichem Umsang zur versügungi Ist doch eben der gleich 
mäßige Bewegungsverlaus das erste in die Augen fallende Merk 
mal des „Maschinenhasten". So bewunderungswürdig'nun aber
        <pb n="62" />
        56 
Die Arbeit. 
durch einen Handgriff am Ausschalter still gestellt werden, und 
zwar ohne jeden ökonomischen Verlust. ' Dies wird von größter 
Bedeutung für alle diejenigen Aleinproduzenten, die sich für ihre 
Leistungen einer wenn auch noch so einfachen Arbeitsmaschine 
bedienten, die sie bisher mit Hand oder Fuß antreiben ntußten; 
der Webstuhl des Hauswebers, die Töpferscheibe des Töpfers, die 
Schleifscheibe des Diamantenschleifers erhalten nun mechanischen 
antrieb, welche Erleichterung des Arbeiters dies bedeutet zeigt 
vielleicht am deutlichsten ein Blick auf die verbreitetste Arbeits 
maschine, die Nähmaschine; alle Frauen wissen, wie anstrengend 
der Hand- oder Fußantrieb der Nähmaschine auf die Dauer ist 
* Der Elektromotor nimmt nun diese Aufgabe auf sich, und es 
wird nicht lange dauern, daß der Kleinmotor auch in die pribat» 
Wohnungen einzieht und nach einfachem Anschluß durch den 
Steckkontakt rascher, gleichmäßiger, unermüdlicher als je Men 
schenkrast dies vermöchte, die Nadel auf und nieder führt. 
Die Beherrschung der mechanischen Kraft entspricht aber noch 
mehr, sie will den Maschinentyxus des alten Schlages, dessen x 
IDefeh nach einer bekannten Begriffsbestimmung von Reuleaux 
in der zwangsläufigen Bewegung liegt, durch einen neuen er 
setzen, welcher der Arbeit die Freiheit der Bewegung zurückgibt. 
Ehe wir jedoch von diesen neuen Kräften — es handelt sich in 
erster Linie um Elektrizität und Preßluft — weiter sprechen 
müssen wir erst noch die A r b e i t s m a s ch i n e in ihren wir^ 
Fungen auf Produktion und Produzenten näher kennen lernen. 
Die Arbeitsmaschine ist es, mit der die überwältigende Mehrzahl 
der Arbeiter allein in Berührung kommt; sie ist es, die oft genug 
öen^ arbeitenden Menschen selbst zur Maschine herabgewürdigt 
entseelt, zum reinen Nittel der Produktion gemacht hat die an 
Stelle der menschlichen die „eiserne" Vernunft setzte. Ihr sind 
freilich auch die Großtaten der Technik, die Verfeinerung der 
äußeren Lebensführung zum großen Teile zu verdanken, auf die 
unsere Zeit in Ermangelung besserer Dinge so stolz war. . In 
ihren Wirkungen tritt der Kampf zwischen Produkt und Produ 
zent am schärfsten und klarsten in Erscheinung. 
Der Mensch ist ein unendlich beeindruckbares Wesen: „ein 
Spiel von jedent Druck der Luft". Die größten Dinge wie die 
kleinsten wirken auf uns, Schicksal und Verdauung, Barometer 
stand und Frühling, das Buch, das wir lesen, die Worte, die wir 
hören. Alle unterliegen wir steten Schwankungen des körperlichen
        <pb n="63" />
        Z 
/ 
Rrbeiterxsychologie. 
37 
Rraftgefühls wie der Stimmungen, und gerade in diesem Aus 
und Nieder, diesem steten wchsel der StimmungsLagen beruht 
für uns der Reiz des Lebens, und wir suchen die Veränderung, 
wo sie nicht von selbst gegeben ist. 
Etwas hoffen und bangen und sorgen 
Mutz der Mensch für den kommenden Morgen, 
Daß er die Schwere des Daseins ertrage, 
Und das ermüdende Gleichmaß der Tage. 
Diese Beeindruckbarkeit von außen und dieses Bedürfnis 
nach solchen Eindrücken ist nicht etwa eine Besonderheit unserer 
„nervösen" Zeit; es liegt vielmehr im Tiefsten der Menschen 
natur begründet. Nichts ist in seinen Stimmungen von Augen 
blick zu Augenblick schwankender als ein Rind, eben weil es auf 
jeden Eindruck sofort reagiert, wo bei dem Erwachsenen vielleicht 
andere gedankliche Vorstellungen ein Gegengewicht bilden. Bei 
den Naturvölkern steigert sich dieses verlangen nach Unter 
brechung des gewohnten Tagesablaufs bis zur völligen Ekstase, 
die sich in orgiastischen Tänzen auslöst. Umgekehrt wird auch 
der beherrschteste Mensch, der völlig Meister seiner selbst zu sein 
glaubt, der vollkonrmene Stoiker sich diesem allgemeinen Lose 
zuzeiten nicht entziehen können. 
Diese Abhängigkeit spüren wir nun bei der Arbeit auf das 
schärfste. Jeder wird es schon empfunden haben, wie die Arbeits 
fähigkeit von Stimmung und Befinden beeinflußt wird, wenn 
draußen die Sonne recht lockend scheint, wollen wir nicht gern 
über den Büchern sitzen, oder der Nebel macht uns spleenig und 
arbeitsunfähig; wir kommen einmal mit einer Arbeit mit aller 
Mühe nicht voran, und ein andermal geht es so ausgezeichnet, 
daß wir gar nicht aufhören möchten. Es ist aber keineswegs die 
geistige Arbeit allein, die solchen Schwankungen der Eingabe 
und damit auch der Leistung unterliegt; wir wissen vielmehr ganz 
genau, wie der Mensch auch der rein körperlichen Arbeit gegen 
über stets ein anderer ist. wir haben hierfür die Möglichkeit einer 
genauen Feststellung, und zwar in zweifacher Richtung, indem wir 
einmal Qualität und Quantität, des Produktes und andererseits 
die Rückwirkung des Produktionsprozesses auf den Arbeiter selbst 
in einigen Fällen messen können. 
Zuerst hie Rückwirkung auf den Arbeiter. Jede 
Produktion bietet gewisse Gefahren; diese können, entweder all-
        <pb n="64" />
        38 
Die Arbeit. 
gemeiner Art sein, wie Ausgleiten und Sturz, oder sie können 
der besonderen Art der jeweiligen Arbeit entspringen, wie Er 
faßtwerden von Transmissionsriemen oder Verletzung durch eine 
Schneidemaschine. Bis auf wenige Fälle (Explosion eines Dampf 
kessels und ähnliches) könnten die Unfälle bei hinreichender Auf 
merksamkeit und Vorsicht des Arbeiters vermieden werden; die 
Zahl der Unfälle gibt also irrt großen Durchschnitt einen durchaus 
brauchbaren Maßstab für den Grad der Aufmerksamkeit des 
Arbeiters. Das Reichsversicherungsamt, bei welchem die Nach 
richten über unsere Arbeiterversicherung zusammenlaufen, hat nun 
zweimal, in den Jahren 188? und (897, in seinen Unfallstatistiken 
Feststellungen über die Unfallhäufigkeit nach Tagesstunden und 
Wochentagen gemacht. Da hat sich denn durchweg gezeigt, daß 
die Unfälle am zahlreichsten in den Mittags- und in den Abend 
stunden sind, in denen unter dem Einfluß der Ermüdung die Auf 
merksamkeit nachläßt. Nicht ganz so einfach liegt die Erklärung 
der zweiten Regelmäßigkeit, nämlich der erhöhten Unfallhäufig 
keil am Samstagnachmittag und Montagvormittag. Zwar spricht 
auch beim Samstagnachmittag sicher die wochenermüdung mit, 
beim Montagvormittag aber versagt diese Erklärung. Man könnte 
wohl die Nachwirkungen etwaiger Sonntagsfeiern heranziehen; 
aber diejenigen Arbeiter, welche den bacchischen Freuden allzu 
ausgiebig- zu huldigen lieben, besorgen das wohl zumeist schon 
am Samstagabend, nach Auszahlung des Wochenlohnes; für die 
meisten dürfte der Sonntag wirklicher Erholungstag sein, wir 
denken aber vielleicht an uns selbst, wie schwer uns nach den 
Ferien die ersten Tage der Arbeit wieder werden, ehe wir im 
richtigen Trott sind; wir wissen auch alle, daß die letzte Zeit direkt 
vor den Ferien auch nicht allzu ergiebig für die Arbeit ist. kjöch- 
stens arbeiten wir möglichst viel „Reste" auf; in beiden Fällen 
aber ist die Aufmerksamkeit bereits oder noch bei den Ferien 
freuden. Die Sonntagsvorfreude und die blaue Montagsstim- 
mung müssen sich einen guten Teil dieser Unfälle auf ihr Konto 
schreiben lassen. 
Nun ein Fall der Messung des Produktes, wir be 
sitzen unter anderen eine neuere recht brauchbare Untersuchung 
über die Arbeitsschwankungcn in der Flaschenfabrikation, die 
wegen ihrer Technik und Arbeitsverfassung eine solche Messung 
mit hinreichender wissenschaftlicher Genauigkeit gestattet; da die 
Flaschen im Akkord hergestellt werden, ist zudem ein Interesse
        <pb n="65" />
        Arbeilerpsychologie. 
39 
der Arbeiter selbst an gleichmäßiger Produktion gegeben. Dabei 
reigt sich zuerst eine auffällige Schwankung der Leistungen tm 
Jahresdurchschnitt, und zwar läßt sich ein genauer Jusammcn- 
bang mit der Lufttemperatur feststellen. Dies kommt in doppelter 
Weise zur Erscheinung. In den heißen Monaten verhalten sich 
die Leistungen aller oder doch beinahe aller Glasmacher von 
Woche zu Woche umgekehrt wie Steigen oder Fallen der Lust- 
temperatur; in der kalten Jahreszeit sind die Leistungen durchwegs 
höher als in der w.armen. Für diese Leistungssteigerung nn 
Winter kommen freilich auch noch andere Gründe in Betracht, 
die erhöhten Anforderungen der Lebenshaltung in Heizung, Rler- 
dung und Nahrung, das weihnachtsfest, das besondere Anstren 
gungen der Arbeiter auslöst, um für diesen Zweck etwas übrig zu 
haben. Sehr merkwürdig ist die Feststellung, daß die Nachtarbeit 
— in den Glashütten muß kontinuierlich gearbeitet werden — 
geringere Schwankungen in Quantität und Qualität zeigt als die 
Tagarbeit; nur gegen Schluß der Nachtarbeit macht sich die natür 
liche Ermüdung in einem etwas stärkeren Fallen der Leistung 
bemerkbar. Diese Beobachtung wird durch die früher erwähnte 
Unfallstatistik des Neichsversicherungsamtes allgemein bestätigt; 
es lernt sich daß die Unfallziffer der Tagschicht die der Nachtschicht 
bedeutend übersteigt, obgleich die schlechtere Nachtbeleuchtung 
eine neue Gefahrenquelle darstellt. Die Erklärung kann nur auf 
psychologischem Gebiete liegen; die größere Ruhe in der Nacht, 
der Mangel an Alblenkung läßt die Aufmerksamkeit wacher sein 
als am Tage, wir wissen also, daß die Leistungen des einzelnen 
Arbeiters sehr stark schwanken, so bei einem unserer Glasmacher 
im Wochendurchschnitt während des Jahres von 85,5—121%. der 
Normalleistung, also um nicht weniger als 45%%. Der germsste 
bei 1? Arbeitern beobachtete Unterschied im wochenvurchschnitt 
belief sich immer noch auf 14,6%, also den siebenten Teil der Ge 
samtleistung. Ähnliche Schwankungen haben Untersuchungen über 
die Leistungen in einer Weberei ergeben. Solcher Untersuchungen 
besitzen wir jetzt schon eine ganze Reihe, namentlich seit der ver 
ein für Sozialpolitik der Frage seine Aufmerksamkeit zugewandt 
hat. Zwar ist die Wissenschaft der von Max web e r so ge 
nannten „Psychophysik der Arbeit", d. h. der Wissenschaft welche 
die Zusammenhänge der besonderen Veranlagung des Arbeiters 
und der Gesamtverumständung mit der Arbeit und umgekehrt der 
Rückwirkung der Arbeit auf den Arbeiter feststellen will, noch ganz
        <pb n="66" />
        60 
Die Arbeit. 
im Anfange; aber wir können schon aus der Erfahrung des täg 
lichen Lebens die Tendenz zur Ungleichheit der Arbeitsstimmung 
und Arbeitsleistung bestätigen. Die Monotonie einer Arbeit er 
schwert diese so sehr, daß die Arbeiter selbst oft genug versuchen, 
ihr entgegenzuwirken. Wir hören, daß die Mädchen in spanischen 
Zigarrenfabriken sich auf gemeinsame Rosten einen Vorleser an 
stellen, der während ihrer Tätigkeit, die ja geräuschlos ist, die 
Zeitung oder irgendwelche Geschichten vorliest, um die Eintönigkeit 
der allerdings hervorragend stumpfsinnigen Arbeit des Zigarren- 
wickelns etwas weniger fühlbar zu machen. Noch interessanter 
sind die Bemühungen, der Arbeit selbst einen anderen Charakter 
zu verleihen; Rarl Bücher hat in einer geistreichen Unter 
suchung über „Arbeit sind Rhythmus" darauf hingewiesen, wie 
bei Naturvölkern, aber auch bei uns die verschiedenartigsten 
Arbeiten, namentlich solche, die besondere körperliche Anstrengung 
erfordern, rhythmisch gestaltet und dadurch augenscheinlich er 
leichtert werden. Wir wissen alle, wie sehr der Rhythmus eines 
Marsches auch den müden Wanderer belebt, ganz zu schweigen 
von dem Feuer, das dem Rhythmus der Tanzmelodie entströmt. 
Fast alle bsandwerker machen von dieser geheimnisvollen Kraft 
des Rhythmus Gebrauch; der Schmied läßt den Kammer im 
gleichen Takt auf das Metall niederfallen, der Schreiner die Stöße 
des Hobels oder der Säge in gleichen Zeitabschnitten aufeinander 
folgen. Jedes Landkind kennt oder kannte wenigstens bis vor 
einigen Jahren den Dreitakt der Dreschflegel; jedes Stadtkind 
war vor der Asphaltzeit mit dem Rhythmus des Pflasterftaurpfens 
vertraut. Wenn zwei - Mädchen zusammen einen Teppich aus 
klopfen, werden sie Lies stets im Rhythmus tun; nicht aus Liebe 
zu der zweifelhaften Musik der Klopfer, sondern weil es augen 
scheinlich die Arbeit erleichtert. 
Die Arbeit ist nichts, was der Mensch ursprünglich freiwillig 
übernimmt; sie wird ihm durch die Not der Lebensfristung auf 
gezwungen. Seine durchaus auf Veränderung und Wechsel 
psychologisch wie physiologisch gestellte Natur sucht auch in der 
Arbeit diesem Bedürfnis Verwirklichung zu finden, wenn nicht 
direkt so auf anscheinend spielerischen Umwegen. In der Zeit 
der älteren handwerksmäßigen Produktion trägt die Arbeit denn 
auch noch durchaus den Charakter einer im augenblicklichen Ziel 
wie in den Mitteln stets wechselnden Betätigung; man denke, 
wie oft der Schuhmachermeister Handgriff -und Werkzeug bei
        <pb n="67" />
        Arbeiterpsychologie. 
61 
der einfachen Herstellung eines Schuhes vom ersten Klopfen und 
Zuschneiden des Leders bis zum Aufnähen der Knöpfe und dem 
schließlichen Blankputzen wechselt. Zudem kann die Arbeit jeder- 
zeit ausgesetzt werden, um dem Kunden Maß zu nehmen, um 
zum Frühschoppen zu gehen, um den Lehrling an den Ghren zu 
nehmen. Nun kommt die moderne Wirtschaft, die Arbeiter und 
Unternehmer völlig trennt, den Arbeiter in eine pausenlose 
Arbeitszeit von vielen Stunden einspannt. Ls wird weiter der 
Produktionsvorteil der Arbeitszerlegung entdeckt und dem Einzel 
arbeiter nun 'nicht mehr die ganze Herstellung eines Produktes 
mit seinen aufeinanderfolgenden Stadien der Fertigstellung über 
tragen, sondern er erhält nur noch einen einzigen möglichst ein 
fachen Handgriff während vieler Stunden am Tage als Inhalt 
seiner Betätigung. 
Und jetzt das letzte; die Arbeit wird dem Arbeiter ganz ge 
nommen und der Maschine übertragen, die sie unendlich gleich 
mäßiger, unermüdlicher leistet als er, weil sie eben eine Maschine 
und kein fühlender Mensch ist. Der Mensch hat nur noch die 
Maschine zu bedienen, dafür zu sorgen, daß sie in ihrem Lause 
durch nichts gehemmt wird. Er muß sich ihr anpassen, ihrer un 
erbittlichen und tödlichen Wiederholung. An Stelle des Spinn 
rades, an dem Grctchen ihre Liebe klagt, an dem arbeitend die 
Hausfrau nach Justus Mosers behaglicher Schilderung noch das 
ganze Haus regieren konntd, ist die Spinnmaschine getreten, die 
dem Arbeiter nichts übrig läßt als zerrissene Fäden wieder an 
zuknüpfen. An der Schnellpresse muß die 2lnlegerin immer 
wieder, immer in gleichem Tempo den Bogen anlegen, stunden 
lang, tagelang immer denselben kleinen Handgriff im selben 
Sekundenabstand. Das wandelbarste Geschöpf, der Mensch, mit 
dem unwandelbarsten, der Maschine, zusammengekettet, das muß, 
da die Maschine gefühllos -st, den fühlenden Teil des ungleichen 
Paares aufs tiefste beeinflussen. In der Tat ist die -Frage, wie 
die Maschinenproduktion aus den 2lrbeiter 
wirkt, die psychologische Grundfrage des Arbeiterproblems. 
Leider ist die Beantwortung dieser Frage durchaus nicht so einfach. 
Herkner sagt einmal: „Mensch zu sein ist heute Millionen 
von Arbeitern nur außerhalb der Berufshätigkeit möglich." Diese 
Formulierung, überscharf wie sie klingt, trifft bis zu einem ge 
wissen Grade sicher aus alle diejenigen zu, die reine „Futter- 
arbeiter" sind, nichts anderes zu tun haben als eine völlig auto-
        <pb n="68" />
        62 
Die Arbeit. 
malische Maschine ununterbrochen zu bedienen. Es ist bemerkens- 
wert, daß innerhalb der Maschinentechnik eine entschiedene und 
wirtschaftlich wohl begründete Tendenz besteht, die Be 
wegung der Maschine selbst immer mehr zu 
monotonisieren. Die Maschine ist ursprünglich die Nach 
ahmung menschlicher Tätigkeit; sie hat deshalb zuerst auch den 
Rhythmus der menschlichen Bewegung, das Lsin und Ejer des 
arbeitenden Armes angenommen. Die Aolbendampfmaschine, die 
zu jedem lsub immer wieder neu ausholen muß — wir können 
Las täglich bei der Eisenbahnlokomotive sehen — verliert beim 
Rückgehen des Kolbens gleicherweise Zeit und Kraft durch Dampf 
verbrauch und Reibung. Da setzt denn die Technik an die Stelle 
der Kolbenmaschine die Dampfturbine, die, genau nach Lein Prin 
zip des Mühlenrades gebaut (nur mit Dampf statt mit Wasser als 
Triebkraft), bei ihrer stets rotierenden Bewegung ohne Verlust von 
Zeit und Kraft arbeitet. Die Ersetzung des E)jn und her oder 
Auf und Nieder durch eine einseitige Bewegung können wir wie 
bei der Kraft- auch bei Ler Arbeitsmaschine beobachten; die alte 
Gattersäge, welche genau die Handgriffe des sägenden Menschen 
wiederholte, wird durch die Bandsäge ersetzt, bei der die Säge 
als endloses Blatt wie ein Triebriemen über zwei Rollen ge 
spannt ist, oder Lurch die Kreissäge, die sich als rotierende Scheibe 
darstellt. So wird selbst der Rhythmus und damit die letzte Form 
eines psychologischen Antriebs bei der Maschine beseitigt und an 
Stelle der Dampf- und Taktgeräusche tritt ein miß- und eintöniges 
Surren, das einen mit Nerven begabten Menschen zur Verzweif 
lung bringen kann. 
Die große Gefahr bei der Wartung dieser Vor 
gänge ist nun, daß wir unsere Empfindungen den Arbeitern ein 
fach unterlegen. Zwar sind wir alle Menschen, aber der Mensch 
ist eben zu einem guten Grade von den Lebensbedingungen ab 
hängig, in die ihn Geburt und Beruf hineinversetzen. Ls ist nicht 
unwahrscheinlich, daß der Durchschnitt, der hier allein in Be 
tracht kommt, sich in weitem Umfange auch hier eingewöhnen, 
anpassen kann, wir wissen, daß der fürchterliche Lärm der 
Weberei, der einen folgen Fabriksaal für uns zur akustischen 
Hölle macht, der wir schleunigst entfliehen, von den daran ge 
wöhnten Männern und Frauen kaum noch empfunden wird. Dies 
ist nur eine grobe Äußerlichkeit, aber wer bürgt uns dafür, daß 
wir nicht in den viel seigeren seelischen Regungen noch weiter
        <pb n="69" />
        Ärbeiterpsychologie. 
G’ 
aus einanderleben ? Es gibt allerdings Tatsachen von so elemen 
tarer Deutlichkeit, daß sie nicht zu übersehen sind. Durch Aarl 
Marxs „Kapital" sind die Berichte der englischen Fabrikinspek- 
toren aus der Frühzeit des Kapitalismus allgemein bekannt ge 
worden, die solche Fälle zu Hunderten anführen, in denen eine 
ganze Bevölkerung zu einem Grade des Stumpfsinns und des 
Elends herabgedrückt wurde, der zum Himmel schrie. 
wir sprachen von den Anlegerinnen in den Druckereien; in 
England verwendete man für diesen Zweck Jungen im Alter 
von u—l? Jahren, deren Geschäft ausschließlich darin bestand, 
einen Bogen Papier der Maschine zu unterbreiten oder ihr den 
gedruckten Bogen zu entziehen. Nach dem Bericht der amtlichen 
Üntersuchungskommission über Kinderarbeit vom Jahre ,866 
verrichteten sie, in London namentlich, diese Plackerei ,4, 
,6 Stunden ununterbrochen. Dafür waren sie aber auch nach der 
Schilderung des Berichts ganz verwilderte abnorme Geschöpfe, 
die, wenn sie mit ,7 Jahren entlassen wurden, wegen ihrer Un 
wissenheit, Roheit, körperlichen und geistigen Verkommenheit in 
keiner anderen Beschäftigung untergebracht werden konnten und 
Rekruten des Verbrechens wurden. Dieser krasse Fall, der jedoch 
keineswegs eine Ausnahme war, zeigt die Grenzen, bis zu denen 
das Übermaß spezialisierter Arbeit führen tarnt; hier ist die Be 
obachtung leicht, weil sie sich an das Ergebnis halten kann. Em 
Grenzfall anderer Art ist die von den Nordamerikanern der Süd- 
staaten mit großem moralischen Kraftaufwand beklagte Tatsache, 
daß die Neger nicht in die Baumwollfabriken zu bringen sind, und 
zwar ausgesprochenerweise deshalb, weil sie die Einförmigkeit 
dieser Arbeit nicht vertragen können. 
wie unsere deutschen Arbeiter der Gegenwart auf die Ver 
koppelung mit der Maschine reagieren, wissen wir sehr wenig. 
Zwar sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe von S e l b st - 
biographien und Briefen von 2lrbeitern ver 
öffentlicht worden, die uns das Land der Arbeiterseele un 
bekannter als Innerafrika — erschließen sollten. Aber diese 
documents humains, so groß ihre Bedeutung in manchen Be 
ziehungen ist, dürfen doch nur mit großer Vorsicht benutzt wer 
den; wer imstande war, sich derartig zu äußern, ist kein Durch- 
schnittsarbeiter mehr, sondern stellt eine Ausnahme dar. Ganz 
abgesehen davon, daß alle für die Äffentlichkeit bestimmten 
Autobiographien, von Julius Caesar bis August Bebel, ganz un-
        <pb n="70" />
        Die Arbeit. 
64 
willkürlich gefärbt sind, auch bei unbezweifelbarem wollen der 
Verfasser zur Wahrheit. Immerhin sehen wir doch in ihnen und 
besonders in den Äußerungen über bi'e Arbeit nicht unwahr 
scheinlicherweise den Niederschlag' allgemeiner Anschauungen der 
Arbeiterkreise. 
wir nehmen eine solche Äußerung, die eines Berliner Schlos 
sers. Lr preist das Lfandwerk, bei dem wirklich frei und selb 
ständig und deshalb mit Lust und Liebe gearbeitet werde, und stellt 
daneben den Arbeiter in der Fabrik, der stets das gleiche Orna 
ment genau nach den Angaben des leitenden Technikers aus 
zuführen habe; bei diesem löse die Arbeitsmethode ein Unlust 
empfinden aus, das sich weder beseitigen noch abschwächen und 
nur sehnsüchtig auf das Feierabendzeichen warten lasse. Er 
schilderte seine Beobachtungen in der Anopfsabrik, in der er eine 
Montagearbeit zu machen hatte; und zwar hat er die Detailauf 
gabe des Arbeiters am Stanzwerk „ beobachtet, der nur kleine 
Metallplättchen auszustanzen hat. „Der Arbeiter fängt frisch 
und munter an zu arbeiten bis zur ersten pause mit unglaub 
licher Geschwindigkeii. In einer zweiten Arbeitsperiode geht es 
schon nicht mehr ganz so flink, aber die unerbittlich laufende 
Maschine verlangt immer dieselbe Geschwindigkeit. Der Arbeiter 
hat sich aber noch bis zur zweiten pause ganz gut gehalten. Aber 
am Nachmittage ist die Ermattung nicht mehr so leicht zu über 
winden, und er denkt schon daran, wie er sich nur auf Augen 
blicke aus dieser Tretmühle befreien kann. Da geht er öfter als 
notwendig eine Notdurft verrichten, es wirft auch mal den An 
triebsriemen herunter ober ^r ölt die Maschine so oft, daß sie 
nahezu in Gl schwimmt; dann hat er doch wieder Gelegenheit, 
das überflüssige Gl abzuwischen. Das treibt er so lange, bis es 
Feierabend ist, um dann gebrochen an Leib und Seele nach tzause 
zu wanken und mit unsäglicher Gleichgültigkeit alles Schöne und 
Gute, was das Leben bietet, zu vermeiden. Nerven und Muskeln 
sind derartig überanstrengt, daß es großer Überwindung bedarf, 
um nicht schon beim Abendessen einzuschlafen. Oder aber er 
geht in die Kneipe, peitscht die erschlaffenden Lebensgeister mit 
Alkohol auf, bis die Reaktion nach einigen Stunden um so 
schlimmer auftritt. Dieser Mensch ist so ganz Sklave seiner 
Maschine, daß ihm jedes soziale Empfinden, jeder Kunstgenuß 
abgeht. Lr erblickt im Geschlechtsverkehr und im Alkoholgenuß, 
beides im reichlichen Maße genossen, die größte Freude." wir
        <pb n="71" />
        Die Mechanisierung 5er Arbeit. 
65 
haben freilich auch andere Äußerungen, wie die eines Webers, 
der den Webstuhl als fein „Brotpferd" ansieht, in die Geheimniffe 
dieses Mechanismus eingedrungen ist und feine Arbeit an ihn: 
gern tut. vor allem allerdings wohl deshalb, weil sie ihm nach 
feiner eigenen Mitteilung durch die Gewöhnung an ihren Verlauf 
die Möglichkeit läßt, an andere Dinge' zu denken, an astro 
nomische, geologische, religiöse. Fragen, kfier zeigt sich die 
charakteristische Erscheinung, daß ein begabter Mensch durch 
eine — sicher nicht allzu schwere — Maschinenarbeit zwar nicht 
geistig bedrückt, aber doch ebenso wenig angeregt wird; sein Ver 
hältnis zu feiner Lebensarbeit ist eben nur das, daß sie ihn in 
seinem eigentlichen Wesen nicht stört. Ls ist der typische Vor 
gang der Freisetzung des unbefriedigten Intellekts, dessen Rolle, 
im Arbeitsprozeß zuerst durch die Aufmerksamkeit und später 
Durdf bie Gewöhnung ersetzt wird. 
Die Mechanisierung der Arbeit widerstrebt dem innersten 
Wesen des Menschen; wer stets das gleiche Pensum in der 
gleichen Zeit zu leisten hat, wird eben stets das gleiche, nie etwas 
über das Gleichmaß hinaus, nie etwas persönliches leisten 
können, „wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei, Langeweile 
und Müßiggang dazu nötig ist, damit von Zeit zu Zeit ein Ge 
dicht zustande kommt," läßt Thomas Mann den Dichter dem 
Prinzen Klaus Heinrich erklären. Lin feines Ghr wird selbst 
der Sprache eines wissenschaftlichen Werkes anhören, ob es im 
Drang der Stunde entstanden ist; ob es, um mit Nietzsche zu 
reden, tie Zeichen des Zeitalters der „Arbeit" trägt, will sagen 
der tzaft, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das 
mit allem gleich „fertig werden" will, ode.r ob es von einem ge 
schaffen wurde, der sich Zeit ließ, still wurde, langsam wurde, der 
die Goldschmiedekunst und Rennerschaft des Wortes übte, die 
lauter feine vorsichtige Arbeit abzutun hat und nichts erreicht, 
wenn sie es nicht lento erreicht ... Es ist eben nicht nur die 
Maschine, sondern der G e i st der Zeit, der diese atemlose 
scheinbar Selbstzweck gewordene Arbeit erzwingt. Der Rohlen- 
hauer, der Arbeiter am Hochofen und in den Schmelzhütten, der 
Bureauarbeiter, sie alle sind ohne den Gleichgang der Maschine 
zu ebenso eintönigem Tagewerk verurteilt wie der Weber am 
Bandstuhl oder der Stanzer im Metallwerk. Aber es scheint 
fast, als ob in der Maschine selbst Kräfte 
Wvgodzlnski, Einführung In die B°lkswttlschaftsl-bre. 5
        <pb n="72" />
        Die Arbeit. 
66 
schlummerten, d i e dem Menschen und seinex 
Arbeit wieder grössere Freiheit ge'ben könnten. 
Zunächst einmal nimmt Die. Maschine dem Menschen manche 
Arbeiten allerschlimmster Eintönigkeit wieder ab. Mir sprachen 
mehrfach von dem Anlegen bei der Druckpresse. Die Rotations^ 
Maschine, die auf endlosem Papier druckt, nimmt für die gering 
wertigen Druckarbeiten, wie Zeitungsdruck, die Arbeit des An 
legens in den maschinellen Prozeß auf; durch besondere Anlezc- 
apparate oder durch Ansaugen wird beim Druck auf Linzelbogen 
das Zlnlegen vollzogen, wie die bedruckten Bogen auch wieder 
abgesaugt werden. Eine körperlich besonders anstrengende Arbeit 
war das Glasblasen, das die Lungen außerordentlich angreift. 
Nun wohl, es ist jetzt dem Amerikaner (Diven gelungen, eine 
Maschine zum Blasen der Glasflaschen zu erfinden. Diese 
Maschine ist seit \&lt;)07 auch in Deutschland eingeführt, zuerst in 
dem Gerresheimer Glashüttenwerk, nachdem die vereinigten 
europäischen Flaschensabriken dem Erfinder sein Patent für 
Europa für den Betrag von \2 Millionen Mark abgekauft haben. 
viel folgenreicher noch erscheint eine neue Bewegung, die im 
Grunde das Mesen der bisherigen Maschine im tiefsten ändert, 
wir wissen, daß die Maschine sich durch die Zwangsläufigkeit 
ihrer Bewegung bei äußerster Rraftkonzentration charakterisiert; 
die in ihr steckende Kraft kann immer nur ein und dieselbe 
Leistung vollführen, wenn man die Kraftkonzentration, die bis 
her allein die zwangsläufig bewegte Maschine ermöglichte, von 
dieser loslöst, sie ganz in die Band des Arbeiters zu Lessen freier 
Verwendung legt, so entsteht ein neues Gebilde, kaum noch 
Maschine zu nennen, das den Arbeiter aus seiner Gebundenheit 
an den Mechanismus zu erlösen verspricht. Solche Kraft- 
konzentration beweglicher Art zeigt sich in der 
tzitzeproduktion (ein etwas schwerfälliger Ausdruck, der 
aber die Sache scharf bezeichnet). Mittels des Thermits, 
d. h. einer Mischung von Eisenoryd und Aluminiumpulver sind 
wir imstande, an einem beliebigen Punkte eine solche pitze zu 
erzeugen, daß wir Schienen auf der Strecke zusammenschweißen 
können oder gebrochene Schiffssteven reparieren, und zwar in 
wenigen Augenblicken. Durch das autogene Sauer st off 
schneidverfahren, das nur einiger leicht tragbarer Stahl- 
zplinder mit komprimiertem Sauerstoff als Kraftbehälter bedarf, 
können wir die ^itze zum handlichen Werkzeug umgestalten; mit
        <pb n="73" />
        Bewegliche Rraftkünzentration. 
6? 
der Sauerstoffflamme, die wir beliebig führen, schneiden wir 
Lisenplatten durch wie mit einem Messer. 
Wie das Feuer, so haben wir uns auch die Luft für unsere 
Zwecke zum gehorsamen Diener gemacht. (Es sei wieder an den 
Vakuumreiniger im Kaushalt erinnert, der Besen und Staubtuch 
ersetzt, ksier spart die abgesaugte Luft eine besonders un 
angenehme kfandarbeit. In umgekehrter Behandlung unter 
starker Pressung verwendet man die Luft zum (Ersatz eines der 
ältesten und primitivsten Werkzeuge, des pammers. Die Anwen 
dung des pammers verlangte in den meisten Fachen nur rohe 
Muskelkraft. Dafür tritt jetzt der Drucklufthammer ein. 
(Er sieht äußerlich etwa aus wie tin kurzer Krückstock, also ein 
zylindrischer Körper mit einem Griff. In dem Zylinder bewegt 
sich^ein Kolben, der auf das Werkzeug einwirkt, das am (Ende 
hervorsteht. Durch Niederdrücken eines kleinen Ejebels am Griff 
gibt man der Preßluft, die durch einen beweglichen Schlauch zu 
geleitet wird, freien Zutritt zu den Steuerorganen, wenn die 
Luft nun hinter den Kolben tritt, wird er vorgeschleudert und übt 
einen Schlag auf das Werkzeug aus. In entsprechender Weise 
erfolgt auch wieder der Rückstoß. So lassen sich mehrere tausend 
pammerschläge in der Minute ausführen, mehr als der stärkste 
und gewandteste Schmied auch nur annähernd jemals leisten 
könnte. Die menschliche Ejand wird von der groben Arbeit des 
Zuschlagens entlastet; dafür bleibt ihr die feinere der Führung. 
Das geschmeidige Werkzeug des Drucklufthammers laßt sich überall 
hinleiten; er nietet Kessel, er klopft Siebe ab, er stampft Sand 
formen; er schiebt sich in die engen Siebrohre der Dampfkessel 
und befreit sie von dem lästigen Kesselstein. Kurz, er leistet jede 
Arbeit, die die pand des Menschen leistete, die den pammer 
schwang, und er leistet sie vollkommener. Aber er bedarf dw 
Führung. 
Noch deutlicher als bei den Preßluftwerkzeugen — es gibt 
deren noch mehr — zeigt sich die neugewonnene Herrschaft des 
arbeitenden Menschen über die Maschine bei der elektrischen 
Fernsteuerung, die sich vielleicht einmal als die reüoli;tio= 
nierendste technische (Erfindung unserer Zeit erweisen wird. &lt;Es 
handelt sich dabei darum, daß die elektrische Kraft mittels dünner 
Leitungsdrähte (bald wohl auch selbst ohne diese) nach bestimmten 
Punkten gelenkt und nach Belieben von einer weit entfernten 
Stelle aus ausgelöst, in Tätigkeit gesetzt werden kann. (Eine der
        <pb n="74" />
        €8 
Das Kapital. 
gefährlichsten, anstrengendsten und zugleich der geringwertigsten 
Arbeiten ist der Transport schwerer Lasten, wie etwa der glühen 
den Stahlblöcke im Hüttenwerk. Dieser Transport wurde zuerst 
dadurch erleichtert, daß man Krane konstruierte, die auf riesigen 
an der Decke des Arbeitsraumes befestigten Laufschienen gleiten; 
dre Arbeit des Menschen ist damit im wesentlichen auf die Be 
festigung der Last am Lasthaken des Krans beschränkt, was frei 
lich auch nicht viel besser ist. Hier greift die Fernsteuerung in 
Verbindung mit einer anderen Erfindung, nämlich bem Greif- 
kran ein. Der Greifkran hat an Stelle des bloßen Lafthakens 
Greifer, auch Zangen oder Pratzen genannt, die ohne weiteres 
die Last festzuhalten imstande sind. Auch der Tragmagnet hat sich 
als Greiforgan einfachster Art bewährt, das Eisen jeder Art von 
Roheisen bis zu den Werkstücken fassen kann. Wie komplizierte 
Arbeiten durch Greifkrane zu verrichten sind, zeigt z. B. der im 
Stahlwerk verwendete Tiefofenkran. Wenn er in Tätigkeit tritt, 
ergreift rwch der Schilderung Kämmerers die Zange zunächst 
die Kokille, d. &gt;h. die stählerne Form, in die vorher der flüssige 
Stahl gegossen worden war. Dann drückt ein Stempel den Stayl- 
block heraus. Nun hebt ein seitlicher Arm mittels eines Trag 
magneten den Deckel des Tiefofens ab; die Zange ersaßt den 
Stahlblock und senkt ihn in den Tiefofen, woraus der Seitenarm 
den Deckel wieder auflegt. Alle diese so verschiedenartigen Be 
wegungen roerbeit durch Elektromotoren ausgeführt, die ein ein 
ziger Kranführer steuert. 
Hier ist an die Stelle einer Reihe untergeordneter und zugleich 
gefährdeter Handlanger ein einziger Mann getreten, der, ganz 
von der bloßen Kraftanstrengung entlastet, nur noch Führungs 
arbeit verrichtet. Endlich einmal ist es dem Geist gelungen, rest 
los Herr der Materie zu werden, die seinen leisen winken ge 
horchen muß. Wer in der Entwicklung der Technik etwas anderes 
sieht als ein bloßes Hilfsmittel der Warenproduktion und des 
Geldverdienens, wird von einer Zeit zu träumen wagen, die un 
eingeschränkt, wie hier in einem einzelnen Falle, den S i e g d e s 
formenden M e n s ch e n w i l l e n s über den Stoff 
bringen wird. 
c) Das Kapital. 
Wenn wir irgendwie Arbeit tun, bedürfen wir dazu nicht 
nur unserer Hände und des zu formenden Stoffes, fondern^ es
        <pb n="75" />
        Begriff des Kapitals. 
«5 
sind auch gewisse sachliche Voraussetzungen unbedingt erforder 
lich. Ganz abgesehen davon, daß wir, wenigstens in unseren 
Breitegraden, Kleidung und Wohnung haben müssen, um dauernd 
physische Anstrengungen leisten zu können, erfordert gewöhnlich 
selbst die einfachste wirtschaftliche Tätigkeit einige Werkzeuge. 
Zum verladen von Saften, für die der Greiskran noch nicht ein 
tritt, sind Stricke, Kaken, Karren nötig; die Bestellung des Feldes 
ist nicht möglich, wenn Pflug und Egge fehlen, und der Neger 
Afrikas, der die Pflugkultur noch nicht kennt, benutzt doch die 
Spitzhacke. 3e höher wir in der Stufenleiter der Arbeit auf 
steigen, um so umfangreicher und komplizierter wird das Arsenal 
der Werkzeuge, die wir anwenden, was hat nicht alles der 
Schreiner schon in seiner Werkstatt, und nun gar die moderne 
Fabrik, deren Anlagen Millionenwerte darstellen, wenn wir 
den Ursprung, die Entstehung aller dieser Produktions. 
Hilfsmittel verfolgen, kommen wir freilich immer wieder 
auf die Arbeit zurück, die früher einmal diese Stosse so formte, 
wie wir sie jetzt verwenden. Es ist vorgetane Arbeit, 
„geronnene" Arbeit, wie es Karl Marx einmal mit einem 
treffenden Ausdruck nennt. Diese vorgetane Arbeit ist nicht nur 
solche körperlicher Natur. In jeder Maschine, ja in jedem ein 
fachen Werkzeug steckt eine Fülle gedanklicher Arbeit, oft die vieler 
Generationen, wir, die wir Erben eines alten Kulturbesitzös 
sind, blicken hochmütig auf frühere Zeiten herab, denen wir doch 
unser Bestes verdanken; erst wenn wir ein Problem unserer 
Zeit mit feinen Rätseln ansehen, ahnen wir, wie schwer errungen 
das ist, was wir fast gedankenlos, besitzen. Es fei nur an die 
Summe geistiger Energie erinnert, die auf die Ausgestaltung der 
drahtlosen Telegraphie oder der Flugtechnik verwendet wird, wie 
hier in beinahe unmerklichem Fortschritt an den ersten Gedanken 
. sich Schritt für Schritt weitere Bemühungen angliedern, bis 
wirklich ein greifbarer Erfolg erzielt ist. Selbst der einzelne 
Mensch ist, rein wirtschaftlich gesehen, ein solcher Akkumulator 
vorgetaner Arbeit; fein Volk, feine Familie, haben ihm von ihren 
geistigen und materiellen Gütern Unschätzbares zugewandt, er 
selbst hat sich für feinen Beruf in mühevoller Hingebung geschult, 
sich Kenntnisse und Fertigkeiten erworben, die seine Leistungs 
fähigkeit um das vielfache der rohen ungeschulten Kraft erhöhen. 
In dem Maße, als die Kultur fortschreitet,
        <pb n="76" />
        70 
Das Kapital. 
tionsprozeß einen immer größeren Raum ein. 
Bei dem Erdarbeiter, der primitive Arbeit wie seit llrväterzeit 
tut, ist der Mensch noch das eigentliche j)roduktionsinstrument, 
Sacke und Spaten nichts als unwesentliche Hilfen; in der 
Maschinenfabrik, in der Druckerei wäre umgekehrt der Mensch 
nichts ohne die vorgetane geistige und körperliche Arbeit, die sich 
in den Gebäuden, den Maschinen, den zu formenden Stoffen ver 
körpert. wir nennen diese akkumulierte Arbeit diese produ 
zierten Produktionsmittel Kapital. 
Aber deb Begriff des Kapitals umfaßt z w e i d u r ch- 
aus verschiedene Elemente, wir haben das Kapital 
bis jetzt ausschließlich vom Produktions st andpunkt-e 
aus betrachtet, haben gesehen, wie es in der Produktion ent 
standen und für ihre Zwecke verwandt wird, wenn wir aber 
heutzutage von einer kapitalistischen Wirtschaft sprechen, so klingt 
ein Unterton mit, der bestimmte Gefühlswerte auslöst, 
wenn er nicht gar allein gehört wird. Kapitalistisch ist für"uns 
aud; diejenige Wirtschaftsform, welche Kleider oder Spielwaren 
im Hause des Arbeiters selbst herstellen läßt, obgleich hier von 
einem in Betracht kommenden Produktionskapital im rein wirt 
schaftlich technischen Sinne kaum die Rede sein kann. Kapital 
muß also noch etwas anderes bedeuten als ein bloßes Produk 
tionsmittel, und Liese andere Bedeutung ist eine rechtliche, näm 
lich die v e r f ü g u n g s b e r e ch t i g u n g über d i e s e' P r o- 
duktionsmittel. Der Begriff erweitert sich schließlich 
noch mehr dadurch, daß durch die Einführung des Geldes an die 
Stelle des Besitzes von Produktionsmitteln Lie^ Möglichkeit 
treten kann, sie sich zu verschaffen, und zwar sowohl produzierte 
wie naturgegebene. Endlich muß auch.die Verfügung über pro 
duzierte Konsumgüter (waren) in den Kapitalbegriff in diesem 
Sinne einbezogen werden, wann und wie diese Verfügungs- 
berechtigung. dieses Privateigentum entstanden ist. läßt sich mit 
Gewißbeit nicht sagen. Es ist sicher, daß ein wirkliches Privat-, 
nicht ein Geschlechts- oder Familieneigentum an Einzelnen 
Gegenständen wie Schmucksachen oder Waffen, schon sehr zeitig 
nachweisbar ist; vielleicht auch schon ein solches an wirklichen 
Produktionsmitteln wie Sandwerkszeug und Netzen. Ebenso 
sicher aber geht bis weit in die Neuzeit hinein ein Allgemein 
besitz an einem der wichtigsten aller Produktionsmittel, nämlich 
dem Lano, in verschiedenen Formen; sehen wir doch erst
        <pb n="77" />
        Der Krebtt. 
7! 
in unseren Tagen die Auflösung fces bäuerlichen Gemeinbesitzes 
am Land in Rutzlanb, eine Maßnahme, welche auf die wirtschaft 
liche Struktur dieses Agrarlandes nicht weniger einschneidend 
wirken wird als die Aufhebung der Leibeigenschaft in den sech 
ziger Jahren, , 
Die Frage der verfügungsberechtigung über dre proeuktrons- 
mittel hat aber ihre Schärfe erst dadurch erhalten, daß im Pro 
duktionsprozesse das Kapital eine immer größere Rolle spielte 
und schließlich ausschlaggebend wurde. Solange der Gewerbe 
betrieb sich in bett Formen des Handwerks abspielte, solange tn 
fcer Tat das fertige Produkt im wesentlichen ein Werk der Hände 
war, machte die Beschaffung der Produktionsmittel keine be 
sonderen Schwierigkeiten. lVohl gab es auch unter den Hand- 
werksaesellen arme Teufel; aber im ganzen konnten sie wohl, 
wenn man sie nur erst Meister werden ließ, die Ausstattung einer 
Schuster- oder Schreinerwerkstatt erschwingen. Zudem war der 
Meg zwischen Produzenten und Konsumenten kurz; oft lieferte 
der Besteller auch noch den Rohstoff (Tuch. Holz), so daß, wenn 
der Besteller nun auch richtig bei der Ablieferung der Ware zahlte, 
die Umlaufzeit des Kapitals verhältnismäßig kurz war. Jetzt 
ist in der Industrie gar nicht daran zu denken, daß sich ein kleiner 
Mann aus eigenen Mitteln eine Fabrik bauen könnte, und selbst 
das Handwerk braucht immer mehr stehendes Kapital für llca- 
schinerie; in der Großstadt aber ist der Kapitalbesitz, die ver- 
süguna über möglichst viel Kapital geradezu entscheidend für dre 
Leistungsfähigkeit. Da nun nicht jeder Produzent oder ^genauer 
gesagt.' jeder der produzieren möchte, Kapital in genügendem 
Maße besitzt, während umgekehrt Kapitalbesitzer ost nicht zu pro 
duzieren geneigt oder fähig sind, findet ein 2lusgleich zwischen 
beiden Teilen statt. 
Ls kann das Verhältnis von Kapital und Produktion so ge 
regelt werden, daß der wirkliche Produzent sich die Verfügung 
über die Produktionsmittel leihweise übertragen läßt, das Risiko 
allein übernimmt und den Besitzer der Produktionsmittel durch 
eine bestimmte Leihgebübr entschädigt. Ein solches Verhältnis 
kommt in weitem Umfanae in der Landwirtschaft unter dem 
Namen Pacht vor; der Besitzer des Gutes bewirtschaftet es 
nicht selbst, sondern überläßt es einem Pächter, der dafür eine 
vorher ausgemachte Pachtsumme zahlt. In der Industrie ist eine 
solche direkte Verleihung von Produktionsmitteln selten, wenn
        <pb n="78" />
        72 
Das Kapital 
sie auch gelegentlich vorkommt; die gewerbliche Produktion ist 
zu stark individualisiert und spezialisiert, als daß man es wagen 
dürfte, den kostspieligen Apparat einer Fabrik auf gut Glück und 
in der Hoffnung, einen Pächter zu finden, herzustellen. 
Der Industrielle wird sich also nicht eine Fabrik leihen, son 
dern Kapital, mit dem er sich dieses und andere Produktions 
mittel (Rohstoffe, Arbeit) verschaffen kann; bas gleiche gilt vom 
Handwerker, vom Landwirt zum Zwecke des Gutskaufes oder der 
Beschaffung von Betriebsmitteln, vom Kaufmann. Die Über 
tragung der Verfügungsgewalt über das Kapital erfolgt unter 
der Bedingung eines Entgelts für die vorübergehende Verzicht 
leistung und der weiteren Bedingung späterer Rllckübertragung. 
wir sprechen dann von Kredit. 
Der Kredit ist ein Mittel, Kapital aus den Bänden derer, die 
es ungenutzt liegen lassen, in die Bände solcher zu führen, die 
gewillt und geeignet sind, es als Unternehmer auszunutzen, da 
mit Fabriken zu bauen, Eisen zu schmelzen und Baumwolle zu 
weben. Die Gründe, warum der Eigentümer das Kapital nicht 
selbst produktiv verwertet, können ganz verschiedene sein. Ls ist 
möglich, daß die Kapitalsumme, die dem einzelnen zur Verfügung 
steht, zu klein ist, um produktiv verwendet zu werden, und erst 
mit anderen ähnlich kleinen Summen zusammen zu einem wirt 
schaftlich brauchbaren Umfang anwächst. Oder umgekehrt, es 
besitzt jemand so viel Kapital, daß er es in seinem eigenen Be 
trieb nicht.mehr nutzbar verwenden kann, und es deshalb an 
andere ausleiht; oder endlich der Besitzer des Kapitals mag ein 
fach nicht produzieren, will als Rentner leben. Es kommt auch vor, 
baß er es aus bloßem Mißtrauen gar nicht aus der ffand geben 
und in Unternehmungen stecken will, die er nicht kennt. Er hebt 
es dann in dem Schrank, gar wohl im Strumpf auf und freut sich 
nur, wenn Taler sich an Taler reiht. Dieses tote Kapital — tot, 
weil es nicht arbeitet — kann ganz außerordentlich groß werden. 
Nach einer Schätzung, die vor einigen Jahren veröffentlicht 
wurde, steckten in dem armen Indien etwa noch 6 Milliarden 
Mark in solchen unzugänglichen verstecken, während es für alle 
großen Unternehmungen in Indien, namentlich für Eisenbahnen, 
an Kapital fehlte. Das Kapital ist also da, es muß nur aus 
seinem Schlupfwinkel hervorgeholt werden. Die Kreditwirtschaft 
unserer Tage war nun — und zwar innerhalb eines halben Jahr 
hunderts — so ausgebildet worden, daß wir wohl sagen konnten,
        <pb n="79" />
        Äreditvermittlung. 
75 
es wurde fast alles Kapital, das wir überhaupt haben, ausgenutzt. 
Ja wir begannen schon wieder, weil unser Unternehmungsgeist 
größer ist als unser Aapitalbesitz, Schuldner des 2luslandes zu 
werden. Namentlich wurde immer mehr französisches Geld in 
deutschen Unternehmungen angelegt. 
wir haben schon davon gesprochen, daß die Kapital Ver 
wendung in der wirtschaftlichen Produktion 
eine stets gewichtigere Nolle spielt. Die Unternehmungen wer 
den immer größer, beanspruchen immer riesigere Summen, die 
der Ligentümer nicht mehr aufbringen kann. In dem gleichen 
Maße schwindet der Zusammenhang zwischen dem Kapitalisten, 
d. h. dem Gläubiger, und dem Produzenten, d. h. dem Schuldner. 
Wer in früheren Zeiten dem Nachbar etwas borgte, der kannte 
den Mann genau, wußte, wie er lebte und arbeitete, verfolgte 
seinen weg mit Teilnahme. Dies liebenswürdig-menschliche 
Verhältnis zwischen Schuldner und Gläubiger wurde unmöglich, 
als der Gläubiger mehr und mehr den Schuldner nicht mehr 
kannte, weil dieser nicht mehr im Nachbarschaftsbereich, sondern 
irgendwo in weiter Lerne, vielleicht gar jenseits des Meeres 
lebte. Denn es muß noch gesagt werden, daß selbst der Aktionär^ 
wenn er auch rechtlich Teilinhaber des Unternehmens ist, dessen 
Aktien er besitzt, tatsächlich in den meisten Fällen sich als Gläu 
biger fühlt, wer sich eine Aktie einer Spinnerei in Sachsen oder 
einer amerikanischen Eisenbahn kauft, will in der Negel nccht 
etwa damit Teilunternehmer werden, einen Einfluß auf die Lei 
tung der Fabrik oder Eisenbahn ausüben, sondern er will Zinsen 
bekommen, ganz wie jeder andere Gläuiger, und allenfalls noch 
einen Kursgewinn mitnehmen. Doch kann dapaus natürlich wie 
derum ein Verlust werden, und so haben denn die industriellen 
Unternehmungen, um auch die vorsichtigen Leute zu veranlassen, 
ihnen Geld anzuvertrauen, außer den Aktien oft noch Bbliga- 
tionen ausgegeben. Das sind Schuldverschreibungen, die vor den 
Aktien bevorrechtet sind, denen die werte der Fabrik an Grund 
besitz, Gebäuden usw. als Pfand dienen, die aber dafür eine feste 
Verzinsung erhalten und sonst weder an Gewinn noch Verlust 
des Unternehmens teilnehmen. 
Die Industrie, fei sie in den fänden von Linzeiunternehmern 
oder von Gesellschaften, ist aber keineswegs der einzige Pro 
duzent, welcher Kapital beansprucht. Da ist weiter die Landwirt 
schaft,'der Verkehr, der Städtebau, der Staat und die anderen
        <pb n="80" />
        Das Kapital. 
öffentlich-rechtlichen Körperschaften, tie mit immer neuen An 
forderungen an den Geldmarkt herantreten, diese Anforderungen 
beliefen sich schon vor dem Kriege jährlich auf Hunderte von Mil 
lionen. -Ls ist gänzlich ausgeschlossen, daß diese Riesenumsätze 
ausschließlich zwischen dem Kapitalisten und dem Kapitalfucfyem 
den sich vollziehen, wenn ein großes Werk to Millionen Mark 
in Gbligationen ausgibt, so kann es damit nicht hausieren gehen, 
bis es sie in ganz Deutschland und darüber hinaus untergebracht 
hat, und ebensowenig vermag dies eisr Staat. So schieben sich 
naturgemäß zwischen den, der Kapitals sucht, und denjenigen, der 
es zu verleihen hat, Mittelspersonen, tlren Aufgabe und Gewerbe 
es ist, Kreditbeziehungen herzustellen. ^Solcher Bankiers oder 
Banken gibt es nun sehr verschiedener Art, je nach den be 
sonderen Zwecken, denen sie dienen. Namentlich haben sich mit 
Rücksicht auf den besonderen Charakter des Grund und Bodens 
verhältnismäßig zeitig Boden- und Baukreditbanken gebildet, die 
wir jetzt meist Lsypothekenbanken nennen. Sie geben 
Obligationen, sog. Pfandbriefe, aus, die das Publikum als be 
sonders sichere Kapitalsanlage kauft, weil dafür außer dem ver 
mögen der Banken noch sämtliche Hypotheken haften, welche die 
Bank wieder ihrerseits ausgeliehen hat. 
Aber nicht jeder ist gleich in der Lage, Obligationen, Aktien, 
Staatspapiere im werte von tooo oder mehr Mark zu kaufen. 
Manche Leute wollen auch ihr erspartes Geld gar nicht Lauernd 
festlegen, weil sie bald selbst Verwertung dafür haben, sind aber 
.wohl geneigt, es zeitweise gegen Verzinsungen herzugeben. Aus 
diesem Bedürfnis nicht der Kapitalsl'.chenden, sondern der Geld 
besitzer heraus entstanden die Sparkassen. 
Die Sparkassen, die von Städten und Landgemeinden wie von 
Kreisen angelegt sind, dienen dazu, kleinen Sparern vor allem 
.eine sichere Geldanlage zu bieten. Die bort angesammelten Riesen 
summen — im Jahre 1.915 waren es schon über 20 Milliarden 
Mark, Ende (918 33 — wurden ganz überwiegend dem Boden 
kredit und namentlich dem Städtebau zugefsihrt; ohne Mit 
wirkung der Sparkassen wäre der rasche Bau der ungeheuren 
Stabtquartiere seit der Begründung des Deutschen Reiches nicht 
möglich gewesen. 
Man kann dies voll anerkennen und trotzdem bedauern, daß 
die Sparkassen die bei ihnen angehäuften Mittel doch überwiegend 
der kleinen und kleinsten Leute nicht wieder diesen zur produk-
        <pb n="81" />
        (Einstufe des Kapitals auf die Wirtschaftsführung ?5 
tiven Verwendung zugeführt haben. 3" öer ^ at 'st f ür t ’ en 
steinen Mann und den Mittelstand die (Erlangung von Kredrt 
f-hr schwierig geworden, und auch die Kreditgenoffen- 
f d; a f t e n sind nicht ganz imstande gewesen, diese sehr fühlbare 
Lücke auszufüllen. Der wefentlick^e Grund dafür dürfte darin 
liegen, dafe die im engeren Sinne so genannten Bansen und 
namentlich die G r c fe b a n k e n mit vilfe eines Benes von 
Filialen und durch Verbindung mit Kleinbanken bemüht sind, 
die Spargelder mehr und mehr an sick; zu ziehen. Dieser 2luf- 
faugungsprozefe der Gelder des ganzen Landes und ihre §u«. 
führung in die Kaffen dex grofestädtifchen Banken hat die wirt 
schaftliche (Entwicklung unseres Landes immer stärker in kapita 
listischem Sinne beeinflusst. 
(Es ist von vornherein klar, dafe die Banken weder gewillt uoch 
überhaupt imstande fein werden, diese Gelder denselben Kreisen 
'zuzuführen, aus denen sie stammen; sie werden vielmehr zur 
Förderung ihres allgemeinen Geschäftsverkehrs verwendet wer 
den. Genauer gesprochen, die Spargroschen der kleinen Leute 
diene» zur Förderung der größten Unternehmen. 
Aber selbst dies ist noch nicht bedingungslos richtig. Die 
Banken fördern die Industrie nicht um deren schönen Augen 
willen, sondern um bei dieser Industrieförderung Geld zu ver 
dienen. Damit sollen die Verdienste der Banken um die wirt- 
fchaftsentwicklung Deutschlands keineswegs unterschätzt werden; 
sie haben oft genug dabeft- wenn auch nicht freiwillig, /zu 
gesetzt; aber diese Förderung war doch nur eine, wenn auch 
beabsichtigte, Nebenwirkung. Der (Einstufe der Banken auf die 
Industrie ist in Deutschland so groß geworden, dafe an bei irgend 
einer Aktion .eines gröfeeren industriellen Unternehmens zu einer 
(Erklärung in sehr vielen Fällen kommt, wenn man die Frage 
stellt: ■ Oü est la banque? Zwar gibt es eine Anzahl Grofe- 
industrieller, die sich von dem Bankeinflufe freigehalten haben; 
doch sind dies Ausnahmen. Im allgemeinen ist der leitende 
Geist die Bank. 
In jeder Unternehmung sind von vornberein zwei einander 
nicht selten widerstreitende Richtungen zu bemerken. Die eine 
können wir die technische nennen; sie geht auf höchste Vervoll 
kommnung der Produktion. Unsere Zeit neigt so sehr zur Be 
wunderung technischer Leistungen an sich, dafe sie stets bereit fein 
wird, das mit den neuesten und technisch am höchsten stehenden
        <pb n="82" />
        76 
Das Kapital. 
Einrichtungen arbeitende Unternehmen ganz anders zu werten 
als ein technisch zurückgebliebenes. Und doch kann unter Um 
ständen das letztere rentabler sein, mehr einbringen, weil es 
billiger arbeitet, weil die technisch vollendeten Maschinen und 
Einrichtungen so teuer sind, daß^ sie sich nicht bezahlt machen. 
Diese Differenz zwischen technischer und wirt- 
fchaftlicher Leistung macht es erklärlich, daß die eigent 
liche Leitung nicht dem Techniker, sondern dem Kaufmann zu 
steht; denn die Aufgabe einer Baumwollweberei ist wirtschaftlich 
genommen nicht sowohl, vortreffliche Tücher zu weben, als mög 
lich hohe Gewinne für das hineingesteckte Kapital herauszuwirt 
schaften. Der Kapitalist also und nicht der Techniker oder noch 
weniger der Arbeiter bestimmt die produktionsrichtung. 
Auch der Kapitalist gewinnt Verzinsung und Risikoprämie 
für sein Kapital doch eben durch die sdroduktiön. Hier bringt 
nun das in den Banken arbeitende Kapital ein ganz fremdes 
Element hinein, wenn es mit industrieller Produktion in Be 
rührung tritt. Die Bank ist nicht die Besitzerin der Fabrik oder 
ist es nur vorübergehend; ihr Gewinn entsteht also in der Regel 
auch nicht durch die Verwertung von Kapital in wirtschaftlicher 
Produktion, sondern durch den Handel mit solchen Produktiv 
werten. Die Bank „gründet" ein Unternehmen, d. h. beschafft 
ihm das nötige Kapital oder wandelt ein bisher von einem Ein 
zelnen betriebenes Unternehmen in eine 2lktiengesellschaft um, zu 
dem Zwecke, die Aktien nachher an das Publikum mit Gewinn 
abzustoßen, genau so wie sie die Anleihen eines Staates zu einem 
niedrigen Kurse übernimmt, um sie zu einem höheren abzugeben. 
Das Gleiche vollzieht sich, wenn eine Bank aus ihren Mitteln — 
genauer gesprochen den Mitteln ihrer Deponenten — einer Fabrik 
einen größeren Vorschuß zur Ausdehnung ihrer produktionscin- 
richtungen gewährt hat; sie wird versuchen, diese schwebende 
Schuld in Aktien oder Gbligationen umzuwandeln, die gleich 
falls auf das Publikum übergehen sollen. Das ist das gute Recht 
der Bank, ebenso wie es das gute Recht der MasckiNcnfabrikan- 
ten ist, Maschinen zu verkaufen. Mir können beobachten, daß 
die Maschinenfabrikanten, um nur ihre Maschinen abzusetzen, 
die Begründung von neuen Fabriken fast erzwingen, ohne Rück 
sicht auf die Zukunft dieser neuen Arbeitsstätten. Wie hier die 
Maschinenfabrikanten nur ihren Absatz und nicht das Gedeihen 
der neuen, Fabriken im Auge haben, ähnlich liegt es bei den
        <pb n="83" />
        Finanzkapital und Produktion. 
77 
Banken. Im allgemeinen zwar wird es im Interesse der Ban 
liegen daß ein von ipr gegründetes oder ihr nahestehendes Indu 
strieunternehmen gedeiht, schon ihres Ruses halber; aber - 
stifte zwischen den beiden Interessen sind möglich, und sie sind 
recht häusig. Am schärssten prägt siä; dies in Nordamerika aus, 
wo b'c Finanzmacht allerdings weniger in den Handen von 
Banken als von einzelnen oder zu Interessengruppen zusammen 
geschlossenen Millionären und Milliardären liegt. Der Kampf, 
den Regierung und Volk jenseits des großen Wassers gegen dre 
Trusts führen gegen Standard (DU Company, Zuckertrust, Stahl 
trust, Lisenbahngesellschasten, ist nicht etwa ein Kamps gegen das 
Produktionskapital, sondern gegen das reine Finanzkapital. 
Oer „Kapitalist" kann sogar unter Umständen selbst noch stark 
an einem Unternehmen beteiligt sein und doch es vorteilhaft 
finden, gegen dessen Interessen zu arbeiten- Als seinerzeit die 
unter deni Linsluß Rockefellers stehenden Bahnen des Petroleum- 
gebiets in pennsylvanien einen Tariskamps gegen das mit Rocke 
feller konkurrierende Lisenbahnsystem Vanderbilts aufnahmen, 
verloren sie dabei empfindlich; die leitenden Großaktionäre aber 
gewannen indem sie gegen ihre eigene Gesellschaft Baissespeku 
lationen durchführten. ' Oder noch ein Fall. Lin Direktor einer 
Berliner Großbank war zu gleicher Zeit führendes Mitglied 
einer Finanzgruppe, welche eine bedeutende Eisenbahn kontrol 
lierte und leitender Interessent eines nicht minder bedeutenden 
Lisenwerks. Dank dieser Iiiteressenverbindung erhielt das 
Eisenwerk eine große Schienenlieserung für die Bahn, die sie 
sonst wahrscheinlich nie erhalten hätte; sie verdiente barem, 
während die die Bahn an diesem zwangsmäßig gemachten Ge 
schäfte verlor, roeil die Schienenpreise weit höher waren als sie 
sonst sie bezahlt hätte. 
Der Finanzier und der „captain of industry" kann in einer 
Person vereinigt sein und ist es oft genug; aber es sind doch 
durchaus verschiedene Eigenschaften, die den einen und den 
anderen ausmachen. Der Finanzkapitalismus, der gar iiicht pro 
duzieren sondern nur Geld verdienen will, führt zu einer ebenso 
einseitigen Herrschaft des produktionssaktors Kapital wie der 
Sozialismus den produktionssaktor Arbeit überwertet, wirk 
lich e n e u e w e r t e s ch a s s t n u r d i e G e s a m tp rod uk - 
tion in der alle Teilglieder gleich wichtig sind; für die Ge- 
samtwirtschast des Volkes, ihre Blüte wie ihren verfall, ist denn
        <pb n="84" />
        Die Unternehmung. 
Is 
auf die Dauer der ITT a n n der wichtigste, welcher diese 
Produktion richtet und leitet, der Unter 
nehmer. ^ 
3. Die Leitung der Gütererzeugung (Unternehmung). 
Wenn wir den äußeren Aufbau der Volkswirtschaft betrachten, 
ist vielleicht di- augenfälligste Erscheinung die Riesenhaftigkeit 
einzelner Unternehmungen. Die Aktiengesellschaft Phönix in 
Vörde beschäftigte aus. ihren verschiedenen Werken im Durch 
schnitt des Geschäftsjahres tyt0/n 37 222 Arbeiter und r65t 
Beamte. Die vereinigte Königs- und Laurahütte hatte 24 855 
Angestellte. In den Kruppschen Werken wurden im Mai tylO 
einschließlich der Beamten 648 Ärbeiter gezählt. Lin sehr 
beträchtlicher Teil der Arbeiter ist natürlich verheiratet; nimmt 
man die Familienmitglieder hinzu, so ergibt sich, daß in einzelnen 
Werken eine Menschenmasse zusammengefaßt ist, die an Zahl 
die Bevölkerung einer ganzen Reihe deutscher Bundesstaaten über 
trifft. Man wird kaum zu hoch rechnen, wenn man unter Zu 
zählung der Familienmitglieder bei Phönix auf eine Arbeiter 
schaft von 90 000 Mann kommt; bei Krupp beläuft sich diese 
Zahl auf fast eine viertelmillion (241t 555). wohnten diese alle 
beisammen, so hätten wir eine Stadt etwa in der Größe von 
Eharlottenburg oder Lhemnitz. Nun denke man sich, was in 
einer solchen Stadt alles für Menschen in den verschiedensten 
Berufen ihr Brot suchen und finden, wie Handwerker und Ren 
tiers, Arbeiter und Gffiztere, Geistliche und Lehrer, kleine und 
große Kaufleute, Schneider und Schuhmacher, Buchhändler und 
Straßenkehrer, alle nach ihrem eigenen Kopf und Willen. Lin 
solches großes Werk faßt diese Menschenmassen zusammen, ordnet 
sie planmäßig zu einem Zwecke, unterwirft sie einem willen, 
zwingt ihre Schicksale zusammen, die sonst nach tausend Seiten 
verliefen. 
Solche Kolosse sind immerhin selten; aber in kleineren Maßen 
finden wir die zusammenfassende Unternehmung doch fast überall. 
Als Schiffahrtsgesellschaft auf dem Meere, als Warenhaus oder 
Konsumverein im Handel, überall ist es das gleiche Bild. Und 
was das Wichtigste ist. es hat fast den Anschein, als ob die Be 
wegung sich in dieser Richtung noch weiter fortsetzte. 
Fragen wir uns nach den Gründen oiejes auffälligen Vor 
dringens der Großunternehmung, so müssen wir
        <pb n="85" />
        Der Großbetrieb. 
uns zuerst daran erinnern, was wir bereits über die Rolle der 
Technik in der Wirtschaft der Gegenwart uns klar gemacht ßaben. 
Die technische Grundlage der Unternehmung ist der Betrieb; eme 
Unternehmung kann einen oder eine ganze Reihe von Betrieben 
(Betriebskombinationen in der Eisenindustrie, Filialgeschaste 
usw.) umfassen. Vas Vordringen der Maschinenarbeit führt von 
selbst zum. Vordringen des Großbetriebs. Line Maschrne 
ist teuer, so daß sie sich der kleine Meister selten bezahlen kann, 
und sie wird immer teurer, je komplizierter, je leistungsfähiger, je 
größer sie wird. Die Maschine dringt aber rastlos vorwärts. 
Das sehen wir schon an der Aahl, ganz abgesehen von der außer- _ 
ordentlich gesteigerten Leistungsfähigkeit der einzelnen Maschinen. 
&lt;846 waren in Preußen erst' \ 100 Dampfmaschinen im 
gegen 78 ooo in unseren Tagen, und jede unserer heutigen Ma 
schinen dürfte ein Riese gegen die damaligen sein. Die Gröge 
der Maschine macht sie aber nicht nur teuer; sie macht auch eben 
nur den Großbetrieb lohnend. So ein schnaubendes rasselndes 
Ungetüm verlangt Arbeit; die Maschine will womöglich Tag und 
Nacht lausen und jedenfalls nicht bloß, wenn einmal ein Runde 
kommt; sonst frißt sie Zinsen, weiter: je größer eine Fabrik 
ist um so billiger arbeitet sic überhaupt. Der Großfabrikant be 
zieht die Roh- und Lftlfsstofse billiger; die Beleuchtung, die Be 
heizung, alle Generalunkosten sind geringer. Je größer der Be 
trieb ist, um so mehr ist es möglich, hoch qualifizierte Arbeiter 
und Abteilungsleiter zu gewinnen; man denke nur an die zahl 
reichen wissenschaftlich geschulten Rräste, die als Ingenieure, 
Ehemiker, Techniker in den großen Werken beschäftigt werden. 
Ähnliches gilt von der rein kaufmännischen Seite; die An 
passung an die Ronjunktur, die Ausnutzung der wechselnden 
Gunst des Marktes, die Voraussicht des Rommenden,- all das 
sind Dinge, die jenseits des Horizontes des kleinen Mannes 
liegen. 
So ist es denn kein wunder,^ daß der Großbetrieb tatsächlich 
ganz außeroidentlich zunimmt, vergleichen wir die Zahlen, die 
uns die Betriebszählungen der 'Jahre v q 82 und 1907 zur Ver 
fügung stellen, so sehen wir eine beinahe atemraubende Wucht 
des vorwärtsstürmens dieser Großbetriebe, als welche eie Stati 
stik .alle Betriebe ansieht, welche mehr als 50 Arbeiter be 
schäftigen. In diesen Großbetrieben arbeiteten im Jahre 1882 
erst \ 613 247 Menschen, dagegen 1907 nicht weniger als
        <pb n="86" />
        80 
Die Unternehmung. 
5 350 025; die Zahl hat sich also mehr als verdreifacht. Imch 
deutlicher sehen wir diese Entwicklung bei einzelnen Gewerben, 
wie im Bergbau und in der Textilindustrie; sind doch im deut 
schen Bergbau die Kleinbetriebe fast ganz verschwunden, von 
536 289 Arbeitern in Hauptbetrieben des Bergbau-, Hütten- und 
Salinenwesens arbeiteten 5N in Großbetrieben. 
Aber gerade für unsere Zeit, das 20. Jahrhundert, ist es doch 
wesentlich, daß-auch Gegenwirkungen sich zeigen. Die 
Förderung, die der Mittelstand planmäßig erfährt wie das ganze 
Handwerk, bleibt nicht ganz ohne Wirkung. Ja wir haben eine 
ganze Reihe wichtiger Gewerbe, wo ein Großbetrieb wie in ein 
zelnen Zweigen der'Industrie kaum denkbar, ja zwecklos erscheint, 
weil die Voraussetzungen für seine Betätigung nicht gegeben 
sind. , Denn der Großbetrieb stellt sich nur dort ein, wo ent 
weder die Art der Technik dazu zwingt, wie bei Bahnen, Berg 
werken, Eisenhütten, oder wo er billiger ist, wie etwa im Waren 
haus. Das ganze große Baugewerbe, macht hier eine bmerkens- 
werte Ausnahme, nur ein Drittel der Gesamtarbeiterschast dieses 
Gewerbes ist in Großbetrieben beschäftigt. Maschinen sind beim 
Hausbau, abgesehen von ein paar Aufzügen und Kalkrühr 
maschinen, überhaupt nicht zu verwenden. Der Maurer muß 
oben seine Steine legen und mauern, und wenn \0 Maurer 
nebeneinander mauern, so leisten sie eben zehnmal soviel als ein 
einzelner, während in der Spinnerei \0 Arbeiter vielleickch 
hundertmal soviel fertig bringen als der Einzelne. Sille Hand 
werker, die nicht in der Fabrik, sondern an Grt und Stelle 
arbeiten müssen, wie&gt; Anstreicher, Installateure, Wegearbeiter er 
zielen beim Großbetrieb keinen Vorteil; zahlreiche andere, wie 
Schreiner, Schneider, Buchbinder, behalten auch neben dem Groß 
betrieb ein nicht unbeträchtliches Arbeitsfeld. 
Tatsächlich hat denn auch die Zählung von 190? keineswegs 
das vielfach erwartete verschwinden der Kleinbetriebe ergeben. 
Das Wachstum der Großbetriebe haben sie-freilich nicht erreichen 
können, und auch die Mittelbetriebe find ihnen voran; doch haben 
immerhin die Kleinbetriebe, d. h. solche Betriebe, die 
5 Personen beschäftigen, sich recht wacker gehalten. Die Zahl 
der ihnen angehörigen Personen stieg von 4.Hi Millionen im Jahre 
,882 auf 5K Millionen im Jahre ,907. Der Großbetrieb hat 
also nur den Bevölkerungsüberschuß aufgenommen, nicht aber die 
kleinen Leute aufgesaugt.
        <pb n="87" />
        Grenzen des Großbetriebs. 8 I 
3a es gibt sogar Vertreter der Meinung, daß der Äus- 
dehnung des Großbetriebs überhaupt Grenzen 
gesetzt sind, die er nicht überschreiten kann. Wir sehen rbas viel 
leicht am besten durch einen vergleich mit England. Die moderne 
Volkswirtschaft hat sich zuerst, lange vor uns, in England ent 
wickelt; und bei allen Verschiedenheiten, die zwischen Deutschland 
und dem Inselreich herrschen, sind beide doch nach Art und Ge 
sinnung der Bevölkerung recht ähnlich, wir können also wohl 
annehmen, daß die Entwicklung in England ein, wenn auch ulcht 
in allen Linzelzügen getreues Spiegelbild unserer eigenen künf 
tigen Entwicklung ist. Wie in England hat auch bei uns bcv 
Großbetrieb einen überraschenden Siegeszug gehalten, alle älteren 
Betriebsformen über Len Haufen werfend. Und wenn nun jetzt 
jenseits des Kanals in diesem Siegeszug eine Stockung eintrat, 
so ist die Annahme nicht unberechtigt, daß auch bei uns Klein* 
und Mittelbetrieb wieder werden Atem schöpfen können. 
Abgesehen von Bergbau und Textilindustrie waren in England 
vor denr Kriege sechsmal soviel Arbeiter in industriellen Mittel 
und Klein- als in Großbetrieben beschäftigt. Für London hat 
ein vorzüglicher Kenner, E h_a rles Booth, geradezu erklärt, 
daß für diese Stadt weit mehr diechngeheure Zahl «einer Unter 
nehmungen kennzeichnend sei als die angebliche Zunahme und 
Konzentration der Großbetriebe. Daß das Zünglein in der wag 
schale jetzt in England eine kleine Senkung zugunsten des Klein 
betriebes zu zeigen scheint, hat, wie Brodnitz in einer inter« 
.essanten Untersuchung nachgewiesen hat, sehr verschiedene Gründe. 
Zunächst einmal hat sich in England eine wachsende Bewegung 
gegen die Massenherstellung des Fabrikbtriebes erhoben, die zuerst 
von einigen wenigen Männern ausging, aber bald sich weite 
Kreise eroberte. Ls sind Thomas Earlyle, John Ruskin und 
William Morris, um nur die bedeutendsten Namen zu nennen, 
die an der Spitze dieser Bewegung standen. Nuskin vor allem, 
der in seinem vaterlande fast wie ein Pdrophet geehrt wird, konnte 
sich nicht genug tun mit Klagen gegen die Großindustrie. 
Zweierlei war es, was er ihr vorwarf. Einmal, daß sie mit ihrer 
lNassenproduktion den Geschmack verderbe. Die Fabrikarbeit führe 
mr langweiligen und geistlosen Gleichmäßigkeit, zur Schablone; 
nur die Handarbeit bewahre Schönheit, mache es jedem möglich, 
Gebrauchsgegenstände zu finden, die seinem eigenen Wesen, seinem 
Geschmack entsprechen. Weiter aber ist ihm die Fabrik, ja die 
Wvgodzinski, Glnfübtunfl in die Bolkswirlschastslehre. li
        <pb n="88" />
        82 
Die Unternehmung. 
Großstadt überhaupt mit ihrer Zusammenxferchung von Menschen 
in engen Straßen, in dumpfen Räumen, im tödlichen Einerlei 
verhaßt. Man muß wissen, wie sehr der Engländer, ganz anders 
als der Deutsche, die Natur, das Landleben liebt, wie die reizende 
englische ksügellandschaft, das satte Grün der Miesen, die Flüsse 
und Berge diesem merkwürdig widerspruchsvollen Volke ans 
tzerz gewachsen sind, um sich vorzustellen, wie Ruskins Ruf „tziin 
aus aufs Land" Widerhall fand, wie weite Kreise, bis tief in die 
Industrie hinein, sich diesem Gedanken hingeben. Ist doch auch 
die Gartenstadt in England erwachsen. Die erste Folge von 
Ruskins Nlahnruf jedoch war das Neuerwachen des englischen 
Aunsthandwerks, das sich seitdem die Welt erobert hat. Nament 
lich William.Morris, der Dichter und Maler, erwarb sich hier 
die größten Verdienste. Er ließ Teppiche weben und Bücher 
drucken, er schmückte die Kirchen mit Glasfenstern und schmiedete 
Metallarbeiten, wie die Welt sie lange nicht so schön gesehen 
hatte. Das Entscheidende für uns aber war, daß es wirklich ein 
Kunsthandwerk blieb, nicht etwa eine neue Industrie wurde. So 
bewahrte es die Schönheit, die jedes Ding behält, das ein ver 
ständiger und kunstreicher Mann mit nachdenklicher Liebe ge 
macht hat. 
Diese allgemeine Grundstimmung gegen die Massenfabrikation, 
gegen den Großbetrieb hätte freilich schließlich doch nrcht allzu 
viel erreicht, wenn nicht rein wirtschaftliche Gründe hinzu 
gekommen wären-, die in gleichem Sinne sprachen. Engla&gt;rd war 
früher, wie es sich selbst nannte, die Werkstatt der Welt, d. h? 
dank seiner früheren wirtschaftlichen und technischen Entwicklung 
versorgte es wirklich die halbe Welt mit Kattunen und Messer 
klingen und sonstigen nützlichen Dingen. Die Alleinherrschaft 
Englands schien nun vorbei zu sein; andere Völker wollten auch 
ihren Anteil an der Schüssel des Weltmarktes. Das waren in 
erster Linie die neuen großen Industrieländer wie Deutschland 
und -die vereinigten Staaten von Amerika. Aber damit nicht 
genug; auch solche Länder rühren sich, von denen man zuversicht 
lich hoffte, daß sie stets gehorsam zahlende Abnehmer Englands 
bleiben müßten. Die halbtropischen Länder entwickeln eine eigene 
Industrie; der getreue Bundesgenosse im fernen Osten, Japan, 
arbeitet fieberhaft und macht England in Gstasien schon eine 
recht bedenkliche Konkurrenz, und jetzt fängt sogar Indien unter
        <pb n="89" />
        (Bi'cnyn des Großbetriebs. 
80 
dem Einfluß nationalistischer Ideen an, seine Baumwolle selbst 
zu spinnen, die sonst nach Manchester oder Dldham ging. 
ksier gibt es nur einen Ausweg, nämlich die technische Über 
legenheit, die natürlich noch besteht, dadurch auszunutzen, daß 
man zu feinerer Arbeit übergeht, welche die Ronkurrenzländer 
noch nicht leisten können. So werden in England, um ein Bei 
spiel aus der Textilindustrie zu nehmen, mehr und mehr feinere 
Garne erzeugt und die Herstellung der gröberen aufgegeben. Da 
mit hat aber natürlich die Ausdehnung der Fabriken und Riesen 
betriebe ein absehbares Ende, denn der Riesenbetrieb lohnt sich 
nur bei massenhafter Anfertigung von Ware ohne besonderen 
Wualitätscharakter. Ls sind denn auch, was manche erstaunen 
mag, in England sogar die Baumwollsabriken in den Jahren 
jsgn—J90J nicht größer, sondern Heiner geworden. Die Neigung, 
bessere Ware herzustellen und zu verbrauchen, zeigt sich in Eng 
land durchweg. Selbst die Handwebereien sind für Wolle in 
Irland wieder im Aufblühen begriffen, und irisches „Homespun" 
hat Weltruf errungen. Der aufmerksame Beobachter wird nicht 
verkennen, daß in Deutschland eine-ähnliche Bewegung wenig 
stens in den Anfängen zu bemerken ist. 
Schließlich zeigt sich, daß der Kleinbetrieb unter bestimmten 
Umständen selbst technisch überlegen werden kann. In vielen 
Betrieben- ist die Arbeit das Werk des Einzelnen und der Groß 
betrieb nur durch gewisse ihm bisher allein zur Verfügung 
stehende Hilfsmittel überlegen. 
Falls es in entsprechenden Fällen möglich wäre, den Arbeitern 
die erforderliche mechanische Kraft zu liefern, könnte der Klein- 
und selbst der Einzelbetrieb recht wohl lebensfähig fein. Einen 
Weg dazu sucht England in der vielfach schon üblichen tenement 
factory, d. h. Mietsfabrik. Die tenement factory ist ein Fabrik 
gebäude, in dem einzelne Räume mit der nötigen Kraft und 
wohl auch den 2lrbeitsmaschinen, also z. B. Webstühlen mit 
Dampf- oder elektrischem Antrieb, den kleinen selbständigen 
Unternehmern vermietet werden. Diese Anordnung läßt sich für 
viele Gewerbe verwenden; sie ist bis jetzt namentlich in der 
Kammgarnspinnerei und der Kleineisenindustrie verbreitet. 
Der Konkurrenz der jungen Völker, der großen slavischen 
Masse, der Asiaten von der Türkei bis Japan, der Südamerikaner, 
vielleicht bald der Schwarzen ist ganz Westeuropa ausgesetzt, und 
so wird es die Entwicklung zur chualitätsproduk-
        <pb n="90" />
        Die Unternehmung. 
.84 
tiou wohl bald allgemein einschlagen. Nehmen wir dazu noch 
die ksemmungstendenzen, die aus der Schwerkraft des Bestehen- 
den sich ergeben, so ist die sozialistische Theorie von der voll 
kommenen Verdrängung des Kleinbetriebs als kaum haltbar an 
zusehen. Bestehen doch die kleinsten Betriebe, die 2llleinbetriebe s 
in Deutschland nach den Ausführungen Lonrads noch in einer 
Ausdehnung, die über das Bedürfnis hinausgeht, und selbst in 
den Vereinigten Staaten sind noch'tü^ aller Betriebe Allein-, 
also Zwergbetriebe. 
Groß- und Kleinunternehmung sind durchaus 
wesensverschieden. Die Kleinunternehmung, sei es ein Kram 
laden oder eine Schusterwerkstatt, stellt verhältnismäßig geringe 
2lnsorderungen an den Betriebsinhaber, seine Geschäftsgewandt 
heit, seine Rührigkeit. Sie bietet ihm dafür in der Regel freilich 
auch nicht mehr als die Mittel der bloßen Lebensfristung. In 
dem Maße, als die Unternehmung an Umfang wächst, 'wachsen 
auch die sachlichen und menschlichen Schwierigkeiten, wie aller 
dings auch materieller Gewinn und soziale Ehrung dem erfolg 
reichen Großunternehmer in unserer Zeit mehr als je winken. 
So wird denn in absehbarer Zeit nach wie vor neben den be 
scheiden lebenden oder vegetierenden Klein- und Mittelbetrieben, 
dem „Mittelstand", wie er sich er sich selbst nennt, ein starker 
Strom von Intelligenz und Tatkraft, von kserrscherwillen und 
Schöpferlust die Entwicklung der Großunternehmungen befruch 
ten. Sehr naheliegend ist der Gedanke, daß der Krieg in seinen 
Folgen aus die Entwicklung eine entscheidende Einwirkung 
haben wird. Teils wegen der besonderen Anforderungen, die 
während der Kriegszeit an die Leistungsfähigkeit namentlich der 
Kriegsindustrien gestellt wurden, teils wegen des Mangels an 
Rohmaterial und Arbeitern ist in dieser Zeit auf der einen Seite 
ein starkes inneres Wachstum der Großbetriebe erfolgt, während 
andererseits durch die seit 191? eingeleiteten Zusammenlegungen 
in verschiedenen Industrien wie der Schuhwarenfabrikation und 
der Brauerei die kleineren Betriebe stillgelegt wurden. Zu 
diesen mehr technischen Gründen, die möglicherweise auch 
jetzt noch fortdauern werden, kommt vor allem die künftige 
Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung, welche die Großunter-^ 
nehmung vor der kleineren begünstigt, (von den in gleicher 
Richtung wirkenden „Sozialisierungstendenzen" wird an anderer 
Stelle zu sprechen sein.) ^2lber es können sich so viele Gegen-
        <pb n="91" />
        Unternehmungrformen. 
85 
Wirkungen ergeben, daß es nicht airgängig ist, jetzt schon die 
künftige Entwicklung unter den neuen Verhältnissen vorauszusagen- 
wem gehören wohl eigentlich diese Eisengießereien und 
Bergwerke, diese Brauereien und Bankhäuser? Nun, eine Reihe 
von'Namen sind bekannt genug: die "Krupp und Borsig, die 
Thyssen rmd Stinnes, die Wertheim, die Sedlmayr, die Bleich 
röder sind in aller Munde. Dazu konrmen jetzt noch, wie in' 
England schon lange, hohe 2ldlige; die Henckel-Dormersmark und 
Hohenlohe gehören zu unseren größten Industriellen. Aber es 
ist bezeichnend, daß von diesen weltberühmten Namen einige nur 
noch scheinbar ihr Werk decken, das längst in eine Aktiengesell 
schaft übergegangen ist. Denn das ist fast der gewöhnliche Ver 
lauf. 3m Anfang, solange die Verhältnisse noch klein sind, so 
lange es noch mehr auf Tatkraft und Unrsicht ankommt als auf. 
großes Kapital, so lange ist der einzelne Mann als Geschäfts 
inhaber, als Unternehmer am Platze. Das galt ganz allgemein 
noch von der ersten Hälfte des \&lt;). Jahrhunderts, dem Beginn 
unserer wirtschaftlichen Entwicklung. Die Bankhäuser z. 23. sind 
bis gegen $850 alle von Einzelnen gegründet und geleitet. Wächst 
dann das Unternehmen, so glückt es nicht allen, wie es einigen 
der eben genannten geglückt ist, ihr Kapital so rasch zu vermehren, 
daß es den gesteigerten Bedürfitissen genügt. Da wird denn 
fremdes Kapital herangeholt, indem, man das werk, das Geschäft 
in eine Aktiengesellschaft umwandelt. 
Das wesen der A k t i e n g e s e l l s ch' a f t liegt in der Kapital 
zusammenfassung und damit der Erhöhung der Leistungsfähigkeit 
des zersplitterten Kapitals einzelner kleinerer oder sogar 
größerer Besitzer. Sie ist die eindrucksvollste, aber durchaus nicht . 
die einzige Form einer Verbindung mehrerer zu einem Geschäft. 
Die bloße Kompagnie, die offene und stille Kompagnie, ist 
schon recht alt. Daß aber die Weisheit der Alten davon im 
ganzen nicht gar zu gut dachte, beweist das Sprichwort: „Kum- 
pagnie ist Lumperie". Der entscheidende Iknterschied zwischen 
dieser Kompagnie und der Aktiengesellschaft ist die Tatsache, daß 
bei der älteren Form es auf ein Zusammenarbeiten von Menschen 
abgesehen war, die sich die Arbeit teilten und sich mit ihren be 
sonderen Erfahrungen und Kenntnissen ergänzten, während die 
Aktiengesellschaft dagegen nur ein Zusammenarbeiten von Kapital 
bedeutet. Die Aktionäre haben sich tatsächlich der Leitung ganz 
begeben, was bedeutet es auch schließlich, wenn man eine oder
        <pb n="92" />
        86 
Die Unternehmung. 
ein paar Aktien von jooo Mark von einem Unternehmen hat, 
das mit 30 Millionen arbeitet? Für die Geldanlage hat das 
Aktienwesen einen entscheidenden Vorzug. Wer Inhaber oder 
Teilhaber eines Geschäftes ist, setzt sein ganzes Glück aus eine 
Karte; mit dem Schicksal des Geschäfts ist das seinige verknüpft. 
Anders wenn dasselbe Kapital, das hier in eine m Unter 
nehmen festliegt, in Aktien verschiedener Unternehmungen, an 
gelegt wird: das Risiko verteilt sich; geht die eine Fabrik, an der 
der Aktionär beteiligt ist, schlecht, so geht die andere dafür viel 
leicht um so besser. Bietet so die Aktiengesellschaft dem bloßen 
Kapitalbesitzer ohne Unternehmungsgeist und Fähigkeit, selbst ein 
Geschäft zu führen, große vorteile, so gewinnt bei dieser Ord 
nung der Dinge auch derjenige, der nichts hat als seinen Hellen 
Kops und Geschäftsgewandtheit. Auch der Besitzlose, wenn er 
nur die nötigen geschäftlichen Fähigkeiten besitzt, hat so die Mög 
lichkeit, an die Spitze eines großen Unternehmens als Direktor 
zu kommen, und gerade das reizt jetzt vielfach die fähigsten 
Köpfe, zur Industrie oder zum Bankwesen zu gehen. Sind doch 
in den letzten Jahren so viel höhere Staatsbeamte zur Industrie 
übergetreten, daß man geradezu von einer Flucht aus dem Staats 
dienste sprechen konnte. 
So erfreut sich denn die Aktiengesellschaft einer immer steigen 
den Beliebtheit, jsso gab es in Deutschland 38 gewerbliche 
Aktiengesellschaften mit 255 Millionen Kapital. In bent einen 
Jahre I9U sind in Deutschland *69 neue Aktiengesellschaften 
mit einem Kapital von 256 Millionen Mark gegründet worden; 
im Jahre 1399 waren es gar 36q. mit 344 Millionen. 
. In Deutschland bestanden Ende 1914 insgesamt 4798 Lrwerbs- 
aktiengesellschaften, die zusammen an nominellem Aktienkapital, 
also abgesehen von Reserven und ihnen sonst zur Verfügung ge 
stelltem Gelhe, über nicht weniger als rund *6 Milliarden Mark 
verfügten. Zwei Drittel dieses Gesamtkapitals war in den 
thänden der größeren Aktiengesellschaften mit mehr als 2 Mil 
lionen Mark als Kapital. 
Neben der Aktiengesellschaft hat sich in Deutschland in unserer 
Zeit noch eine zweite Unternehmungssorm steigender Beachtung 
zu erfreuen, die Gesellschaft mit beschränkter lisaf- 
1 u n g. In gewisser Weise vereinigt sie — bei mancherlei Nach 
teilen — die Vorzüge der Aktiengesellschaft mit denen der 
Einzelunternehmung; sie beschränkt, wie die Aktiengesellschaft, das
        <pb n="93" />
        Unlernehmungsformen. 
87 
Aisiko und gestattet auch die Beteiligung solcher, die nur Geld, aber 
keine Arbeit einschießen wollen; andererseits aber ermöglicht sie 
doch,« nicht nur Geldgeber, die sich nicht kennen, zu vereinigen, 
sondern auch wirkliche Kompagnons im guten Sinne des Wortes. 
Die Zahl der Gesellschaften m. b. £}. betrug Ende 19 U in 
Deutschland rund 25 000 mit 434 Milliarden Stammkapital; es 
überwogen dabei die Gruppen oott 20 000 Mark bis l Million. 
Man wird sagen können, daß die Aktiengesellschaft die Unter 
nehmungsform für den Großbetrieb, tie G. m. b. kf. die für den 
Mittelbetrieb ist. Aber auch der Kleinbetrieb hat sich seine eigene 
gesellschaftliche Unternehmungssorm herausgebildet, und zwar ist 
dies eine Form, deren Erfolg ein ganz außerordentlicher und 
höchst erwünschter war, nämlich die Genossenschaft. 
Die Genossenschaft ist'eine Zusammenfassung kleinster 
wirtschaftlicher Kräfte, und zwar gewöhnlich im Nachbarschafts- 
verbande. Der Genosse, dessen Aufnahme im Ermessen der Ge 
nossenschaft steht, hat einen Geschäftsanteil zu übernehmen, der 
in der Regel nur etwa 20—lOO Mark beträgt; daneben aber muß 
er für die Genossenschaft haften, und zwar entweder mit seinem 
ganzen vermögen oder mit einer durch das Statut vorgesehenen 
kleineren Summe. Durch die Haftpflicht schaffen sich die Ge 
nossenschaften eine Kreditbasis zur Ergänzung ihres kleinen 
Kapitals. Sie haben eine ganz außerordentliche Verbreitung er 
langt; in Deutschland zählen wir gegenwärtig über 50 000 mit 
rund 5 Millionen Mitgliedern. Da es sich bei den Mitgliedern 
der Genossenschaften um wirtschaftlich Selbständige handelt, die 
wohl fast alle eigenen Haushalt und Familie haben, schätzen wir 
aewiß nicht zu hoch, wenn wir sagen, daß wenigstens der vierte 
'Teil des ganzen Volkes an Genossenschaften interessiert ist. 
Die erfolgreichsten Formen der Genossenschaft finden wir frei 
lich auf anderen Gebieten als denen der Produktion; es sind 
vor allem die Spar- und Darlehnskafsen und die Konsumvereine, 
die den Ruhm der Genossenschaften ausmachen. Aber auch sic 
sind Unternehmungen, welche beweisen, daß die Kollektivsorm 
wenigstens für bestimmte Zwecke auch in der Hand des „kleinen 
Manns" Außerordentliches leistet, wirkliche Produktivunter 
nehmungen in Genossenschastssorm sind der Landwirtschaft ge 
lungen, die bei der Verarbeitung ihrer Produkte, wie der Milch 
in den' Molkereigenossenschaften, mit jedem individuellen Groß 
unternehmen konkurrieren kann. Der Handwerker dagegen hat
        <pb n="94" />
        88 
THc Unternehmung. 
seine knorrige Ligenart der Disziplin einer j?roduktivgenossen- 
schaft nicht zu beugen vermocht, die freilich anders als in den 
Teilprodutionsgenossenschastsn der Landwirtschaft den selbftän- 
digen Betrieb völlig aufheben würde. Als Großunternehmer 
treten mehr und mehr die Aonfumvereine auf, indem sie Maffen- 
gobrauchsartikel einfacher Art (Brot, Seife, Mineralwasser, 
Wäsche usw.) selbst Herstellen. Früher hat man einmal gehofft, 
daß Produktivgenossenschaften von Industriearbeitern allmählich 
an Stelle der privaten Unternehmungen treten könnten, in denen 
sie jetzt als Angestellte beschäftigt sind; namentlich Lassalle hat 
diesen Gedanken ausgesponnen. x 
wir kommen mit dem letzten Punkt schon zu der Frage, die 
ja weite-Teile unseres Volkes ernstlich beschäftigt, ob nämlich 
nicht überhaupt dem Linzel-, dem Privatbetrieb eine Grenze ge 
setzt, ein Lüde gesteckt- sei, ob nicht besser die Aufgabe der wirt 
schaftlichen Produktion in die pände der Allgemeinheit, 
des Staates, der Gesellschaft gelegt werden solle. Ls 
sind ja viele Aufgaben, die früher der Linzelne oder ein kleiner 
Kreis erfüllte, in die Machtvollkommenheit des Staats über- 
geglitten. Für die persönliche Sicherheit tritt er. ein, die früher, 
in einzelnen Gegenden Asiens, in Innerafrika auch heut noch, 
jedermann mit den Waffen in der pand sich selbst erringen und 
schützen mußte. Der Unterricht, der früher Privatsache war, ist 
vom Staat und der Gemeinde übernommen, Kunst und Wissen 
schaft werden von ihnen gefördert. Ls ist also an sich bem 
Staat und anderen öffentlichen verbänden Tätigkeiten privater 
an sich zu ziehen nicht unbenommen; diese Mberherrlichkeit liegt 
in der Natur des Staates selbst. Und tatsächlich kann man 
darauf Hinweisen, daß der Staat schon eine Reihe 
wirtschaftlicher Tätigkeiten au.sübt. Denken wir 
vor allem an das Eisenbahnwesen, das bei uns in der pand des 
Staates liegt, während es z. B. in Frankreich noch fast ganz 
Privatgesellschaften überlassen ist. Der Staat hat in prmßen 
eine Reihe von Kohlengruben; den Befähigungsnachweis für 
den Kohlenbergwerksbetrieb hat er also abgelegt. 
In noch weiterem Umfange als der Staat - treten jetzt die 
Städte in die Reihe der sich wirtschaftlich Betätigenden ein. 
Die Stadt, und genauer gesprochen, die Großstadt, ist ja erst in 
der zweiten pälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Ls sind 
also eine Reihe neuer Forderungen und Bedürfnisse, die mit ihr
        <pb n="95" />
        Die öffentliche Unternehmung. 8- 
erwacht sind und Befriedigung verlangen. Diefe Bedürfnifse ent 
stehen einmal aus der bloßen Tatsache des Zusammenlebens fo 
vieler Menschen auf so engem Raume. Auf dem Raume eines 
(Quadratkilometers wohnen im glücklichen Großherzogtum Meck- 
lenburg-Strelitz recht behaglich und mit gehörigem Llldogenraum 
55 Menschen, in Berlin aber müssen sich in den gleichen Raum 
52 ooo Menschen teilen. Das erfordert schon Anstalten. Mo 
auf dem Lande ein gemütlicher unbefestigter Fahrweg durch das 
Feld schleicht, sind in der Stadt Bunderte von kostspieligen' 
Straßen zu pflastern und asphaltieren, zu unterhalten, öfter auch 
aufzureißen, um Gas-, Wasser- und sonstige Röhren zu legen. 
Da muß die. elektrische Tram durch die Straßen sausen, damit 
diese sehr eiligen Menschen auch rechtzeitig in ihr Geschäft, in ihr 
Bureau kommen. Die Kanalisation wird notwendig^ und ver 
schlingt große Summen.'Die Stadt muß Markthallen bauen, damit 
die Städter auch etwas zu essen bekommen. Da muß sie jdolizisten 
haben, die allzu angeregte Nachtschwärmer auf den Pfad der 
Tugend zurückführen und säumigen Bausherren Protokolle wegen 
unterlassener Straßenreinigung schreiben; sie muß Säuglingen 
Milch kochen, sie muß Gas, waster, Elektrizität ins paus liefern. 
Aber die Stadt muß noch mehr. Der Städter braucht, nicht nur 
das Notwendigste, das, was ein städtisches Zusammenleben über 
haupt erst ermöglicht; in ihm erwachen auch neue Bedürfnisse, 
die einfachere Zeiten und stillere Gegenden nicht oder doch nicht 
so kannten. Da muß die Stadt ein Theater bauen und ein städti 
sches Grchester besolden, sie muß Parke pflanzen und Schwimni- 
bäder einrichten. So dehnt sich der Tätigkeitskreis immer weiter aus. 
Neben Reich und Staaten wie den Städten treten noch weitere 
öffentliche Korporationen als Unternehmer auf: die Provinzial 
verbände, die Landkreise, selbst die Landgemeinden. Die öffent 
liche Körperschaft als Unternehmer dringt immer weiter vor. pat 
man doch schon von einer „D u r ch st a a t l i ch u n g" unseres 
ganzen Wirtschaftslebens gesprochen (Karl Renner). 
Immerhin aber ist zu sagen, daß damit keineswegs eine grund 
sätzliche Absage an die freie Unternehmung verbunden war. Des 
halb ist es begreiflich, wenn führende Sozialisten, wie seinerzeit 
Friedrich Engels, in der „Verstaatlichung" keine Erfüllung der 
Forderung auf „Vergesellschaftung" der Wirtschaft sahen. Diese 
Forderung, deren Verfechter jetzt die politische Herrschaft in 
weiten Teilen Gstcmopas und insbesondere auch in Deutschland
        <pb n="96" />
        90 
Die Unternehmung. 
erlangt haben, geht von ganz anderen Voraussetzungen aus als 
die Verstaatlichung, wenn im bürgerlichen Staats yetiriebe in 
die Verwaltung des Staates oder der Gemeinden übergingen, 
konnten die Gründe dafür verschiedene sein; die beiden einander 
ergänzenden tzauptgesichtspunkte waren wohl der Ronsumenten- 
schutz einerseits und die Finanznot der öffentlichen Körper« 
schäften anderseits. Der Sozialismus dagegen nimmt seinen 
Ausgang von dem Gesichtspunkt der Verteilung des Volks 
einkommens; er sieht in dem Privateigentum an den Produk 
tionsmitteln das Werkzeug zur Ausbeutung der Arbeiterschaft. 
Voraussetzung für die „vergesellschafüang" ist natürlich die 
Überlegenheit des Großbetriebs über den Kleinbetrieb, wie sie 
von Karl Marx mit stärkstem Nachdruck behauptet wird; die 
eigentliche Triebkraft der Newegung liegt aber nicht in solchen 
technischen Erwägungen, die niemals imstande gewesen wären, 
die Massen hinzureißen So ist es zu erklären, daß innerhalb des 
Sozialismus keineswegs Einigkeit über die Form einer Neu 
organisation der Wirtschaft herrscht, da diese Neuorganisation 
eben nur Mittel zum Zweck, nämlich der Linkommens- 
ausgleichung, ist. In dem gärenden Ehaos unserer Tage tauchen' 
denn auch, mit dem Anspruch, den wahren Sozialismus zu ver 
körpern, Vorschläge der verschiedensten Art und Tragweite aus. 
von der „Vollsozialisierung" nach dem vorbilde Sowjet-Ruß 
lands über die „Planwirtschaft" und das Staatsmonopol bis zur 
gemischt-wirtschaftlichen Gesellschaft und zur Produktivgenossen 
schaft verdrängt ein Vorschlag den anderen, alle mit gleicher 
Heftigkeit empfohlen wie bestritten. 
Zweifellos stehen wir vor einer Weltenwende. Der „Kapita 
lismus" alten Schlages ist dahin — was nicht etwa heißen soll, 
daß Ausbeutung und Profit dahin sind; haben sich diese doch als 
Schiebertum und ähnliche widerliche Erscheinungen erstaunlich 
lebenskräftig gezeigt, wenn hier von einem Ende des alten Ka 
pitalismus gesprochen wird, ist dies nur so gemeint, daß jede 
2lrt von „Herrentum" gegenüber den 2lrbeitermassen keinen 
Roden mehr findet. Die große Ausgabe der nächsten 
Zukunft scheint darin zu liegen, den empor 
drängenden Schichten der Arbeiterschaft Raum 
für Retatigung nicht nur der Hände, sondern 
auch der Seeleund des Willens zu schaffen, und 
dabei doch alle diejenigen unentbehrlichen
        <pb n="97" />
        Die Persönlichkeit in )er Unternehmung. - s»l 
z 
Kräfte z u erhalten, die in den, schaffe ir den 
F iihrertum der „Unternehmer" liegen. Sicherlich 
ist die Revolution in Deutschland an vielen Stellen in eine Lohn 
bewegung verflacht; die große Not, in der breite Massen in den 
letzten Kriegsjahren und nach Kriegsende lebten, ist dafür hin 
reichende Erklärung. Aber neben diefenr verteilungsproblcnr 
(das später noch zu behandeln ist), bewegt die deutsche Arbeiter 
schaft doch auch der glühende Wunsch, nicht nur Rad in der Ma 
schine zu fein, sondern selbst an dem Schaffen teil zu haben. Der 
Gedanke der „Betriebs- und Wirtschaftsräte", dessen politische 
Seite uns hier nicht berührt, die Idee des „Mitbestimmungs 
rechtes", der Vorschlag der Arbeiter-Aktionärschaft, sind der Aus 
druck dieses Verlangens. Selbstverständlich können sich daran 
Vorstellungen anderer Art anschließen und tun es auch reichlich; 
ein bloßes Machtverlangen ohne Verständnis für die Gegenseite 
kann sich darunter verbergen. Es ist dies eines der Zukunfts 
probleme, auf dessen Lösung noch viel Schweiß der Edlen ver 
wendet werden muß; gerecht kann ihm freilich nur derjenige wer 
den, der sich nicht von vornherein auf irgendein Programm ver 
steift. Der Absolutismus der Forderungen, ganz gleichgültig, ob 
diese auf völlige Ungebundenheit des Wirtschaftslebens oder auf 
völlige planmäßige Bindung sich richten, der „Individualismus" 
wie der „Sozialismus" werden beide gleich wenig den wirkenden 
Kräften des Lebens gerecht, die jeder Schablone spotten. Jede 
Form ist tot; der Geist allein, der sie trägt, ist entscheidend, 
welche Form gewählt wird, um die Wirtschaft aufzubauen, ist 
schließlich eine Konstruktionstlufgabe, wobei aber 'immer im 
Auge behalten werden muß, daß der Mensch mit feinem Streben, 
seinen Hoffnungen, ja auch seinen Irrtümern der Motor dieser 
Maschine ist. 
In keiner anderen Frage wie in der der Unternehmung, der 
wirtschastsleitung, ist es so deutlich, daß die r t&gt;ett einen neuen 
Geist verlangt, den Geist der gegenseitigen Anerkennung, des 
Verständnisses für die Hoffnungen und Sorgen des anderen 
Teils, den Geist des unbedingten guten Willens. Ist dieser Geist 
vorha'üden, so wird er den Körper finden, in d-m er sich aus 
wirken kann. 
wiederholen wir noch einmal, was wir von der Art festgestellt 
haben, wie sich jetzt die Volkswirtschaft in ihren Formen auf 
baut. ' Der kleine Kaufmann, der kleine Handwerker ist wohl noch
        <pb n="98" />
        92 
Die Persönlichkeit in der Unternehmung. 
vorhanden, ja stellenweise hat er das ganze Feld behauptet und 
erobert sich auch neuen Boden. Aber am eindrucksvollsten ist 
doch die große Unternehmung. Die Fabrik leistet so viel wie 
tausend selbständige Handwerker, das Warenhaus droht den 
Rleinkaufmann zu verschlingen. Die Großunternehmungen haben 
die Grenze vielfach überschritten, die dern vermögen und der 
Leistungsfähigkeit des einzelnen gesteckt ist. Sie. haben sieh des 
halb in verschiedenen Gesellschaftsformen, vor allem in der 
Aktiengesellschaft, die Möglichkeiten geschaffen, viel Kapital zu 
sammenzubringen, oder sie sind schließlich in die Hände des 
Staates, der Gemeinden übergeglitten. 
Sollen wir daraus schließen, daß die Persönlichkeit in der 
wirtschaft nichts mehr bedeute, daß sie von der unpersönlichen 
Macht des Kapitals verdrängt worden sei? Fast hat es den 2t»« 
schein, wenn wir die steigende Versachlichung der Unter 
nehmungsformen ansehen. Aber da liegt es eben; wir dürfen 
nicht die Forur mit dem wesen gleich setzen. Line wirtschaftliche 
Unternehmung ist kein Automat, der auf mechanischen 2lntrieb 
hin läuft, sondern ein feines und diffiziles Instruurent. Sie be 
darf der Meisterhand, des sicheren Lotsen, wenn sie durch das 
stürmische Meer -es Wirtschaftslebens zum Ziele der Aentabi- 
lität gelangen soll. Die eigentlichen Aufgaben des Unternehmers 
— Bestimmung der produktionsrichtung, Linkauf der Aohftoffe 
zur richtigen Zeit, Organisation der Arbeit, 2Zeschaffung des Ka 
pitals, kaufmännische Verwertung der Produkte — können gar 
nicht von einer mehr oder minder bureaukratisch organisierten 
Korporation ausgeübt werden; sie erfordern individuelle Be 
gabungen und Erfahrungen, Menschenkenntnis, Blick für die 
Konjunktur, rasche Entschlußfähigkeit zu ihrer sofortigen Aus 
nutzung. Tatsächlich liegt die Leitung auch der größten Unter 
nehmungen stets in einzelnen Händen; fönst müßten ja schließlich 
alle derartigen Betriebe gleichmäßig gedeihen, wenn der Herr 
„Generaldirektor", der Vorsitzende des Aufsichtsrats, der „Groß 
aktionär" in den privaten, der „Geheimrat" in den öffentlichen 
Betrieben auch nicht immer für die große Menge sichtbar hervor 
treten, sie bleiben doch die Organisatoren des Sieges oder auch 
der Niederlage. Die wirtschaftsdiktatoren vertragen wir freilich 
nicht mehr; das verlangen unserer Zeit ist das Necht und die 
Pflicht der geistigen 2knteilnahme aller Mlitarbeiter. Aber keine
        <pb n="99" />
        Störungen und Hemmungen der Wirtschaft. 0 5 
Wirtschaftsorganisation der Weit ist denkbar, in der nicht wie 
überall im Leben die einzelne Persönlichkeit den Aus 
schlag gibt. 
4,. Störungen und Hemmungen t&gt;er Wirtschaft und ihre 
Überwindung. 
Der Kaufmann sucht den Gewinn ^dieses Ziel liegt im wesen 
seiner Tätigkeit. Aber in dieser Zielsetzung liegt von vorn 
herein auch die Möglichkeit der umgekehrten Wendung, statt des 
Gewinnes kann auch Verlust eintreten. Dieser Verlust kann, 
hundert Ursachen haben: irrtümliche Kalkulation, plötzlicher 
Preissturz der betreffenden Ware, Iahlungsunsähigkeit des 
Käufers, verderben oder Zugrundegehen der Ware selbst. Und 
dies gilt nicht nur vom Kaufmann; es gilt von jedem, der im 
wirtschaftlichen Leben steht, vom Industriellen und vom Spedi 
teur, vom Handwerker wie vom Bankier. Das Risiko ist et» 
untrennbares, unausscheidbares Merkmal der Wirtschaft. 
Aber nicht nur der Erwerbende, der Güter einsetzt, um sie 
mit Gewinn zurückzuerhalten, kann verlieren. Dem ist vielmehr 
jeder ausgesetzt, der irgend etwas besitzt. Der kleine Rentier, der 
vor 50 Iahren seine paar Groschen in preußischen Konsols an 
gelegt hatte, verlor durch den Kursverlust, obgleich hier wahr 
haftig keine Spekulation vorlag; dem Lauern kann feine Ernte 
verhageln; der volksschullehrerin können ihre paar Möbelcheir 
verbrennen. 3a wer scheinbar gar nichts an irdischen Güter:: 
sein eigen nennt, der Ärmste der Armen, kann doch noch ve'- 
lieren, nämlich seine Arbertskraft; er kann krank und arbeits 
unfähig werden. 
wir können sagen, daß die ganze Geschichte der Volkswirt 
schaft im gewissen Sinne eine Geschichte des Kampfes gegen 
diese Möglichkeiten wirtschaftlicher Verluste ist. _ Denn man 
würde sehr irren, wenn man annehmen wollte, daß die verlust- 
nröglichkeit, das Risiko, ein Kennzeichen nur unserer Wirt 
schaftsperiode sei. Im Gegenteil, wir können ohne Übertreibung 
sagen daß cs wohl noch nie eine Zeit gab, die sich mit solchem 
Erfolge wirtschaftlich zusichern, vor Verlusten zu be 
hüten oder sie dem Einzelnen weniger empfindlich zu machen ver 
stand wie die unserige. 
Es sind im wesentlichen drei Wege, die Mehr und mehr zu 
diesem Ziele führen. Einmal handelt es sich darum, materielle
        <pb n="100" />
        &lt;j4 Steigerung der materiellen Sicherung. 
Mittel zu finden, um Verluste an werten überhaupt zu ver^ 
hindern. Lolche Mittel liegen in der Gesamtentwicklung 
unserer Kultur schon an sich. Denken wir nur baran, in 
welchem Umfange noch im 16. Jahrhundert in unserem Deutsch 
land die Warensendungen der Kaufleute der gewaltsamen fort 
nähme ausgesetzt waren. 
Reiten und Rauben ist keine Schande, 
Tuen es doch die besten im Lande! 
Der wackere Götz von Berlichingen, um nur ein Beispiel zu 
nehmen, hielt es durchaus für sein Recht und für seine ritterliche 
Tat, die „Krämer und pseffersäcke" ein bißchen zu erleichtern. 
In England hat sich der Straßenraub bei den sog. Highwaymen 
als ritterlicher Sport sogar bis ins 18. Jahrhundert erhalten. 
Noch viel länger blieb der Seeraub im großen lebendig. Bis 
in das 5. Jahrzehnt des W. Jahrhunderts zahlte selbst das stolze 
England den Barbareskenstaaten im Mittelmeer rrchig Tribut, 
bis n 830 die Franzosen das Raubnest Algier erorberten und da 
mit die Sicherheit in dem uralten Kulturbecken des Mittelmeers 
endlich herstellten. Und welchen Gefahren der Karawanenhandel 
in Afrika, in einzelnen Teilen Asiens wie Arabiens und selbst 
noch in Südamerika auch jetzt noch ausgesetzt ist, weiß jeder.. 
Die größere materielle Sicherheit, welche die Kulturentwicklung , 
mit sich brachte, spricht sich noch in vielen.anderen Zügen aus, 
an die nur erinnert zu werden braucht. Denken wir wieder an 
den Seetransport und die Gefahren, die ihm aus der Natur selbst, 
aus der Unbändigkeit von Wasser und Wind entstehen. Ls leuchtet 
sofort ein, welch ungeheuren Fortschritt in bezug aus erhöhte 
Sicherheit, auf geringere Verlustmöglichkeit die Einführung der 
Dampfmaschine als bewegendem Motor auf dem Schiffe .mit sich 
brachte. Der Riesendampfer der Neuzeit, bei dem eine Havarie 
als unerhörte Katastrophe gilt, und das unbeholfene Segelschiff 
früherer Jahrhunderte, für das jede Ozeanreise ein Wagnis ersten 
Ranges war, sind die Typen dieser Änderungen. Nehmen wir 
weiter aus dem flachen Lande die erhöhte Feuersicherheit, wie sie 
im festen Steinbau gegenüber dem alten Holzbau, in der Ein 
richtung einer geschulten Feuerwehr besteht, nehmen wir die erhöhte 
Sicherheit gegen Überschwemmungen, die uns die Regulierung 
. und Eindeichung der Flüsse gibt, so sehen wir, daß in der Tat bas 
Risiko eines Verlustes der Substanz der Ware sich mit dem Fort 
schreiten der materiellen Kultur unberechenbar vermindert hat.
        <pb n="101" />
        Störungen, und Hemmungen der Wirtschaft. 9 5 
Der zweite weg, den die Entwicklung beschritten hat, ist die 
Teilung des Risikos als Folge derallgemeinen 
Arbeitsteilung. Etwa noch um j500 ist eine durchaus z 
übliche Form des Fernhandels die, daß der Kaufmann ein 
Schiff kauft, es mit waren belädt und selbst damit hinausfährt. 
Er kann das Schiff und die waren verlieren und ist dann ein 
armer Mann wie Shakespeares ".Kaufmann von Venedig; er kann 
freilich auch mit einer Fahrt Reichtümer gewinnen. 1st so der 
Kaufmann alles, Schiffseigentümer, Verfrachter, Transporteur, 
Warenbesitzer in einer Person, so sehen wir schon, daß in der 
Neuzeit ein vollkommener Wandel eingetreten ist. Das Trans 
portgewerbe hat sich verselbständigt; es ist wieder in Landfracht-, 
Eisenbahn- und Schiffsverkehr auseinandergetreten; ja zwischeir 
Eisenbahn und Schiff schiebt sich vielleicht der Leichter oder bei 
(Setreide, wie etwa im Rotterdamer Hasen, die Elevator- 
kompagnie. Der Reeder und der Schiffssührer, der Kapitän, .sind 
verschiedene -Personen geworden. Der Warenbesitzer, der Ex 
porteur, besorgt nicht mehr den Kleinverkauf im fremden Lande; 
ja vielleicht bedient er sich noch für den Großabsatz eines Kom 
missionärs. lvenn die Güter lagern, so lagern sie nicht mehr im 
Speicher des Kaufmanns selbst, sondern im Lagerhaus, das 
wieder einer besonderen Gesellschaft gehört; spricht doch ein 
Pittsburger Großkaufmann in diesen Tagen in einem Geschäfts 
bericht öaoon, daß es in den meisten Fällen ganz unwahrscheinlich 
sei, daß der Kaufmann die Ware, mit der er handelt, überhaupt 
noch zu sehen bekomme, weil alle Funktionen der Materie dre 
La'gerhausgesellschaft besorgt. Diese weitgehende Arbeitsteilung 
hat natürlich eine ebenso weitgehende Teilung des Risikos zur 
Folge; die Verlustmöglichkeit, die vorher einen einzigen traf, ver 
teilt sich nun auf viele Köpfe. Nehmen wir dazu noch die Lin- 
"richtungen der modernen Handelstechnik, die dem Kaufmann 
unter Benutzung von Telegraph und Telephon gestatten, etwa 
eine Schiffsladung Weizen oder Eisen, die von Amerika kommt, 
schon in der Stunde des Kaufs) noch ehe sie den schützenden 
Hafen verlassen hat, wieder zu verkairfen, denken wir an den 
Lieferungs- und Terminhandel in seinen verschiedenen Formen, 
aber immer mit der Tendenz einer Sicherstellung von Gewinn 
oder Vermeidung von Verlusten für die Mehrzahl der Kontra 
hierenden, so wipd die früher angedeutete Entwicklung der 
modernen' Gesellschaft in Richtung einer stets steigenden Siche-
        <pb n="102" />
        06 
Bic Krisen. 
rung des geschäftlichen Verkehrs durch Teilung des Risikos und . ^ 
Übertragung auf breitere Schultern auf dem Wege der 2lrbeits- 
teilung immer deutlicher. ff 
Diese Risikominderung ist eine unbewußte Folge aus den Tat- ", 
fachen der Arbeitsteilung, die jedoch sehr bald in ihrer günstigen .1 
Wirkung beobachtet wurde. Ls lag nun der Gedanke nahe, die 
Risikominderung durch Verteilung auf breitere Schultern auch 1 
unabhängig von der Arbeitsteilung auszugestalten. Jedes Schiff, 
das über den Dzean geht, ist der Gefahr ausgesetzt, im Sturme 
zugrunde zu^gehen; aber es ist nicht wahrscheinlich, daß nun 
wirklich auch jedes Schiff dieser Gefahr unterliegt, von joo . i 
Schiffen, die das Weltmeer durchqueren, wird vielleicht nur eines .. jj 
von diesem traurigen Schicksale betroffen. Die $00 SchiffseigSn- 
tümer können sich nun zusammentun und vereinbaren, daß, falls 
ein Schiff verloren geht,-.die Besitzer der anderen 90 Schiffe den 
hundertsten Teil entschädigen. Jeder zahlt den too. Teil des 
Schiffswertes von vornherein in eine gemeinsame Kasse; dieses y 
Hundertstel opfert er, hat aber dafür die Sicherheit, den gesamten 
wert seines Schiffer ersetzt zu bekommen, falls dieses verloren 
geht. Sterben muß jeder Mensch; aber nur verhältnismäßig 
wenige sterben jung, wenn ein Familienvater. jung stirbt, so 
kann seine Familie in große Rot geraten. Tun sich nun eine 
Anzahl Familienväter zusammen und zahlen sie in einer Sterbe 
kasse regelmäßige Beiträge, so sichern sie sich durch dieses kleine 
(Dpfer einen Schutz ihrer Familie vor dringender Rot im Falle 
ihres frühzeitigen Todes. Das Prinzip der Versicherung, 
der dritte Weg, läßt sich auf. Hunderte von Möglichkeiten An 
wenden, und tatsächlich sehen wir heutzutage fast schon eine 
wahre Manie, Versicherungen gegen alles und jedes zu gründen. 
Man denkt bei uns zuerst an die Arbeiterversicherung und den 
Segen, den sie für das ganze Volk gebracht bat Die private Ver 
sicherung, gegen Feuersnot und Hagelschlag, die Lebens- und die 
Transportversicherung und wie die Versicherungszweige alle 
heißen, haben aber, volkswirtschaftlich gesprochen, sicher keine ge 
ringere Wichtigkeit, welchen Umfang die Versicherung in 
unserer Zeit gewonnen bat, was sie für die Ruhe und die Stetig 
keit unserer wirtschaftlichen Entwicklung bedeutet, ergibt sich aus 
der einfachen Zabl, daß gegenwärtig jährlich in Deutschland über 
eine Milliarde Mark Entschädigung von den Versicherungsgesell 
schaften der verschiedenen Formen ausgezahlt werden. Aber,
        <pb n="103" />
        Störungen und Hemmungen der Wirtschaft. 97 
darüber müssen wir uns auch klar werden, diese Milliarde be 
deutet keinen Gewinn für unser Volksvermögen, nicht einmal 
eine Ersparnis, sondern nur eine Verschiebung innerhalb der 
Volkswirtschaft selbst, deren segensreiche Wirkungen wir freilich 
vollkommen kennen. Eine noch viel größere Aufgabe, die ihrer 
Lösung erst noch im 20. Jahrhundert harrt, ist es, volkswirtschaft 
liche verluste überhaupt zu verhüten. 
Diese Verluste, gegen welche die Schäden durch Feuer, Hagel, 
Wasser ganz klein werden, sind solche, die sich aus der Natur 
unserer gegenwärtigen Wirtschaft heraus, nicht, wie die erst 
genannten, aus Zufall ergeben. Es sind vor allem dieKrisen- 
Verluste. 
Die Erscheinung der Krisen hat die Wissenschaft vielfach be 
schäftigt und die Erklärungsversuche sind zahlreich. Als Krise 
bezeichnet man zumeist eine längere Zeit andauernder Störung 
in dem Verhältnis von 2lngebot und Nachfrage. Schon 
M a l t h u s stellte die Theorie auf, daß die Produktion die Ten 
denz habe, sich stärker zu vermehren als der Konsum, so daß ein 
ständiges Mißverhältnis zwischen beiden im Wesen unserer Wirt 
schaft liege. Die Sozialisten, namentlich Robert Mwen und 
S i s m 0 n d i, erklärten das Krisenproblem als 'eine Frage der 
Einkommensverteilung; dem größten Teil der Bevölkerung, den 
Arbeitern, fehle die Kaufkraft, so daß eine ständige Tendenz zur 
Unterkonsumtion vorliege. I u a l a r hat dann als das Grund 
phänomen nicht die Krise, sondern die Wellenbewegung des 
Wirtschaftslebens hingestellt; das 2lufsteigen der Welle, der wirt 
schaftliche Aufschwung ist nunmehr die zu erklärende Tatsache. 
Daß im Wirtschaftsleben eine ständige Tendenz zur Überproduk 
tion gegeben ist, lehrt uns die einfachste Überlegung; merkwürdig 
ist nur, daß die Produktion der einzelnen Produzenten sich nicht 
einigermaßen ausgleicht. Diese Erscheinung des gehäuften Auf 
tretens der Produktionsstörungen der einzelnen Unternehmungen 
hat Schumpeter so zu erklären versucht, daß die Fähigkeit 
zur Durchsetzung technischer oder organisatorischer ZIeuerungen, 
welche die Voraussetzungen des wirtschaftlichen Fortschrittes und 
damit auch der Produktionssteigerung sind, nicht in gleicher weise 
bei allen Wirtschaftssubjekten vorhanden, vielmehr nur einer 
Minorität zu eigen seien; wenn ein solcher vorausgehender 
Führer auftrete, folgten die anderen dann in hellen Haufen. 
Man stelle sich nun einmal recht lebendig vor, wie jetzt produ- 
Wygodzin4ki, Einführung in die Volkswirtschafisleh^e. 
7
        <pb n="104" />
        1)8 Schrankenlosigkeit der Produktion. 
ziert wird, und ziehe zum vergleich frühere Stufen der Produk 
tion heran. Im Zeitalter der Z u n f 1 w i r t s ch a f t, deren 
Schwächen natürlich niemand leugnen wird, war es eine Paupt- 
sorge der Zunft selbst wie der städtischen und Staatsbehörden, 
daß die Masse der erzeugten Maren nicht größer würde als der 
Zlbsatz. Das wurde auf verschiedenen Megen erreicht, etwa da 
durch, daß man dem einzelnen lNeister verbot, über eine bestimmte 
Anzahl hinaus Gesellen und Lehrlinge zu halten. Gder man 
beschränkte die Maschrnen, die er für seine Arbeit brauchte, der 
Zahl nach. Konnte ein Meister die ihm übergebene Arbeit nicht 
bewältigen, so mußte er sie einem armen Mitmeister abtreten. 
(Es kam sogar vor, daß die Gewerbe einfach „geschloffen" wurden, 
um eine Dberprodnklion zu verhindern; so wurde noch im Jahre 
J78S durch Königliches Reskript die Zahl der Berliner Tabak 
spinner auf 54 Meister beschränkt. Das sind Bestimmungen, di: 
uns heut kaum mehr verständlich erscheinen. Längst haben wir 
vollkommene Gewerbefreiheit, und jeder darf so viel pro 
duzieren, als er nur eben Luft hat und kann. Das geschieht denn 
auch, namentlich in guten Zeiten produziert jeder darauf los, 
erweitert seine. Fabrik ständig, wirft immer weitere Warenmassen 
auf den Markt, wie soll er auch embers ?' Soll er sich den Ge 
winn entgehen lassen? wenn er ihn nicht mitnimmt, tut es 
eben ein anderer, der Konkurrent. Keiner weiß, wieviel denn im 
aanzen hergestellt wird, und es gehört zu den denkbar schwierig 
sten Aufgaben, über die Weltproduktion und die Weltvorräte eine 
wirklich brauchbare Vorstellung sich zu bilden. Denn längst 
kommt es nicht mehr darauf an, wieviel der Rachbar in derselben 
Stadt herstellt, nicht einmal mehr, wieviel im eigenen Lande von 
einer beliebigen Ware erzeugt werden. Durch die modernen Ver 
kehrsmittel und ihre Riesenleistungen an Massenhaftigkeit, 
Schnelligkeit und Billigkeit ist trok der Schutzzölle für jeden Her 
steller einer Ware die ganze Welt Konkurrent geworden. Da muß 
sich z. B. der deutsche Kupferproduzent darauf gefaßt machen, daß 
ihm aus den vereinigten Staaten, aus (England, Zentral- und 
Südamerika, Japan, Australien und Rußland Konkurrenz gemacht 
wird. Die deutschen Zuckerfabriken stoßen auf dem Weltmarkt 
auf Zucker aus Österreich und Frankreich, aus Kuba und 
St. Thomas, aus Belgien und Rußland, wir könnten die Bei 
spiele bis ins Unendliche vermehren; es würde immer das gleiche 
Bild sich zeigen. Daß wir im Zeitalter der Weltwirtschaft leben.
        <pb n="105" />
        7* 
Störungen und Hemmungen der Wirtschaft. 99 
wußten wir freilich schon; und wenn auch noch andere Rupfer 
schmelzen und Baumwolle spinnen, so kann uns das gleich sein, 
sofern nur unser Rupfer, unsere Baumwolle gekauft wird. Da 
liegt aber der Haken. Nicht in der Stadt, wie in der Zunftzeit, 
nicht einmal im Vaterland, wo wir die Verhältnisse einigermaßen 
übersehen können, wohnen die Käufer eines sehr großen Teils 
unserer Ware, sondern im Ausländ, unter für uns ganz unüber 
sehbaren, ganz unberechenbaren Verhältnissen. 
Denken wir einmal an die amerikanische Krisis von 1907, eine 
&gt;der stärksten der letzten Zeit, wir führten ganz außerordentlich 
viel waren nach den vereinigten Staaten aus, mit Linschluß 
der über Holland, Belgien und England deklarierten wohl weit 
über i'A Milliarden jährlich an wert. Die Rückwirkung liegt 
auf der Hand, die der Krach in Amerika für uns schon allein aus 
diesem Grunde haben mußte. 
Aber das sind, so verheerend ihre wirkimg sein kann, nur 
einzelne Fälle. Die Grundtatsache bleibt immer, daß die Pro 
duktion eine schrankenlose ist, die ohne Rücksicht auf 
den tatsächlichen Bedarf, die tatsächliche Nachfrage erfolgt. Zwar 
gibt es eine ganze Reihe von Hilfsmitteln, Erntefchätzungen, 
Produktionsstatistiken; die ganzen Warenbörsen.-sind ein versuch, 
die Kenntnis über die tatsächliche Marktlage zusammenzufassen 
und in den Kursen und Preisen zum Ausdruck zu bringen. 
Schade nur, Laß niemand gezwungen ist, von diesen Hilfsmitteln 
Gebrauch zu machen, daß jeder doch der Meinung ist, er — natür 
lich kein anderer — dürfe schon noch den versuch machen, ein 
bißchen mehr für sich abzubekommen. 
Da nun die Nachfrage schlechterdings nicht zu übersehen ist, 
namentlich nicht in ihrer Entwicklung, hat man am anderen Ende 
angefangen und sich bemüht, die seit der Zunftzeit verloren 
gegangene Regelung und nötigenfalls Beschränkung der 
Produktion wiederherzustellen. Diese versuche konnten nur 
auf solchen Gebieten gemacht werden, wo die Piroduktionsstätten 
der Zahl nach nicht allzu viele waren. Alle Schuster in Deutsch 
land unter einen Hut zu bringen, das ist wohl nicht möglich. 
Aber alle Tafelglasfabrikanten, alle Stahlwerke, alle Kohlen 
gruben, Las ist sehr wohl denkbar, und zwar kann man sogar 
weitergehen und — wenigstens in besonders günstig gelegenen 
Fällen, wo die Zahl der proSuktionsstätten besonders klein ist — 
sogar eine Anzahl Länder, vielleicht sogar ganz Europa zu-
        <pb n="106" />
        i uO Kartell unt ü-ruft. 
sammenzufassen, wie das tatsächlich bei einigen Zwergen, Z-^2. 
der Glasindustrie, der Fall ist. Die Gebilde, in denen diese Zu 
sammenfassung erfolgt, sind die vielberufenen Kartelle. 
Dieses Wort bedeutet weitet nichts als Vereinbarung, Vereini 
gung. Unter diesem scheinbar so harmlosen Worte aber ver 
bergen sich allerstärkste wirtschaftsmachte der Gegenwart, die 
Venn auch in Freundschaft und Gegnerschaft die Welt und zwar 
bis zu jedem von uns beschäftigen. 
Lin Kartell rst eine Vereinbarung zwischen einer Anzahl von 
Fabriken oder Werken zum Zwecke der monopolistischen Markt 
beherrschung von der losen Form der Feststellung gemeinsamer 
Geschäftsbedingungen an bis dahin, daß die einzelnen Werke ihre 
Selbständigkeit'vollständig aufgeben und sich einer gemeinsamen 
Zentralleitung unterstellen; im letzten Falle spricht man vom 
Trust. 
Zwischen diesen beiden Lndformen zeigen die Kartelle viele 
Zwischenformen; so die des Syndikats, bei dem das Kartell 
mit einer zentralen Verkaufsstelle oder einer dem gleichkonunen- 
den Kontrolle verbunden ist. Aber der Endzweck ist doch immer 
der gleiche. In allen diesen Fällen handelt es sich immer wieder 
darum, die preise hochzuhalten. Um zu diesem Endzweck zu ge 
langen, wenden die Kartelle alle Mittel an, von denen wir hier 
nur zwei hervorheben wollen, die Einschränkung der Produktion 
und der Kampf gegen widerstrebende Abnehmer. 
wir wissen aus dem vorhergesagten, daß die schrankenlose 
Produktion einem ungewissen Absatz 'gegenüber der eigentlichste 
Grund der Krisen und Erschütterungen des Marktes ist. So ist 
es klar, daß eine Verständigung zwischen den Produzenten zum 
Ziele führen muß, wenn sie lückenlos ist. Ls bedeutet Las frei 
lich nicht weniger als den vollkommenen Bruch mit dem tzaupt- 
grundsatz unserer modernen Wirtschaft, der freien Konkurrenz. 
Diese Verständigung führt in allen Fällen, die uns hier haupt 
sächlich interessieren, dazu, die Produktionsmenge genau fest 
zustellen, die das einzelne Werk nicht überschreiten darf. Das 
geschieht indirekt oder direkt in verschiedenen Formen. Indirekt 
etwa so, daß die Mitglieder sich verpflichten, die Zahl ihrer Ar 
beiter nicht zu erhöhen, oder daß sie ihre Werke nur so und so viel 
Tage im Jahre in Betrieb setzen. Direkt, wie beim Kohlen--« 
Syndikat und Stahlwerksverband, daß die Fördermenge ganz 
genau in Tonnen für jedes einzelne Werk festgesetzt wird. Die
        <pb n="107" />
        Störungen und Hemmungen der Wirtschaft. tot 
Einhaltung dieser Vereinbarungen wird auf- schärfste bewacht; 
auf den Bruch sind hohe Konventionalstrafen gesetzt, und auch 
direkte Kontrollen erfolgen. ■ 
Es ist natürlich Bedingung, wenn man auf diese weise zum 
erwünschten Ziele kommen will, daß nicht außerhalb des Kartells 
andere werke stehen, die, ohne auf diese Vereinbarungen Rück 
sicht zu nehmen, dem Publikum billigere Preise machen. Gegen 
diese „outsider" hilft man sich vor allem mit dem bewährten 
Mittel der Preisunterbietung. 
Aber noch auf einem anderen Wege kann ein Kartell fickt die 
Alleinherrschaft sichern. Ls kann nämlich diejenigen seiner Ab 
nehmer schlechter behandeln, die nicht allein von ihm, 'sondern 
auch von Konkurrenten außerhalb des Kartells kaufen, ja cs kann 
sogar diese Kunden gänzlich boykottieren. 
Der Abnehmer, der Käufer ist es ja überhaupt, auf den es den 
Kartellen naturgemäß in letzter Linie ankommt. Daß hier nicht 
jedes Kartell mit der wünschenswerten Mäßigung verfährt, ist 
allgemein bekannt. Besonders heftig sind die Klagen vom na 
tional-wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus. Deut Kartellen kommt 
es darauf an, ihre Produktion stetig zit erhalten; sie pflegen des 
halb mit besonderer Sorgfalt die Beziehungen zu den Kunden im 
Ausland. Der Kunden im Inland sind sie gewölmlich ziemlich 
sicher, da meist ihr Produkt durch Zölle geschützt ist. Anders im 
Auslande, wo das Kartell vielleicht selbst Zoll bezahlen muß und 
wo es mit anderen Ländern konkurrieren muß. Kamentlich gegen 
die Kohlen- und Lisenkartelle sind in dieser Beziehung immer 
wieder heftige vorwürfe erhoben wordne. 
Die Stärke der Kartelle liegt darin, daß verhältnismäßig wenig 
Produzenten zu vereinigen sind; weitigstens sind nur dort die 
Kartelle groß geworden, wo diese Voraussetzung gegeben war. 
Demgegenüber sind die Abnehmer, die Konsumenten unzählige, 
wer braucht nicht alles Kohlen; eigentlich jeder Mensch und ga'tz 
gewiß jede Fabrik. Und mit dem Eisen steht es ähnlich. Da ist 
denn eine gemeinsame Gegenwirkung gegen das Kartell, nicht 
leicht zustande zu bringen. Immerhin kommen solche Ver 
einigungen von Verbrauchern, von Konsumenten (Gegen- 
Kartelle) schon vor. So haben sich z. B die Detailgeschäfte der 
Tertilindustrie zu verbänden zusammengeschlossn die schon statt 
liche Erfolge aufzuweisen haben. Es wäre' sehr wohl denkbar, 
daß hier ein ähnliches Verhältnis sich bilden könnte, wie zwischen
        <pb n="108" />
        102 ' Verteilung des Volkseinkommens. 
den Arbeitgeber- und Arbeiterverbänden, ein verhandeln von 
Macht zu Macht, das sicher gegenüber dem bisherigen Zustande 
des ungeregelten Kampfes viel Vorteile böte. 
lvie diese Störungen in der Verfassung unserer lvirtschast 
liegen/ so liegen andere große (Quellen der Störung in der so 
zialen Schichtung des Volkes. Kämpft der Produzent 
,gegen den Konsumenten, der Rohstoffabrikant gegen den ver 
feinerungsindustriellen, ja der Konkurrent mit dem Konkurrenten 
überhaupt so kämpfen die Unternehmer mit den Arbeitern um 
ihren Anteil an dem Gesamterträgnis der nationalen Wirtschaft. 
Der Arbeiter verlangt höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit, 
bessere Arbeitsbedingungen, die nicht weniger materielle werte 
darstellen, als die Löhne selbst. 
Diese Kämpfe werden wir freilich erst ganz verstehen, wenn 
wir uns das Problem der Verteilung -des volksein- 
konrmens nach dem Anteil der verschiedenen 
Produktionsfaktoren klargemacht^ haben. 
B. Die Verteilung des Volkseinkommens. 
Die gesamten Einnahmen, die ein Volk im Laufe eines Jahres 
erwirtschaftet, verteilen sich an die Glieder des Volkes ungleich 
mäßig. Die Maßstäbe dieser Verteilung werden von 
manchen Forschern wie von Schumpeter, ausschließlich in 
den ökonomischen Verhältnissen gesucht, während andere, wie 
Tugan-Baranowsky und Stolzmann, die sozialen 
Verhältnisse zur Erklärung heranziehen, wir treten der Meinung 
bei, daß sie sich auf Grundlage der jeweiligen Rechtsordnung nach 
der Geltung bestimmen, die sich die einzelnen produktionsfak- 
toren innerhalb der Wirtschaft zu verschaffen gewußt haben. Die 
vorwegnähme eines Teiles des Ertrages, wie sie mit der Skla 
verei-oder der Fronverfassung verbunden sind, kennt die Gegen 
wart nicht; nur der Staat beansprucht gelegentlich noch „Regal 
vorrechte", wie etwa das Deutsche Reich solche von der Diamant 
produktion SUdwestafrikas verlangte. Der wirtschaftliche vertei 
lungszwang ist freilich in seinem Erfolge nicht weniger wirksam 
als der rechtliche, aber er ist nicht so starr. Tatsächlich vollziehen 
sich fortwährend Verschiebungen in der Verteilung 
zwischen Arbeits- und B e s i tz e i n k o m m e n und 
Unternehmergewinn. &gt; Im einzelnen werden gar nicht
        <pb n="109" />
        Das Arbeitseinkommen. 
105 
selten diese drei Linkommensformen gemeinsam und ungetrennt 
auftreten. Beim Bauern und Handwerker, die Besitzer ihres Güt 
chens oder des Inventars der Werkstatt sind und die zugleich selbst 
mitarbeiten, wird man Arbeit--, Besitz- und Unternehmer 
einkommen kaum scheiden können, und ähnliche Verhältnisse zeigen 
sich bei schärferer Betrachtung in vielen anderen Fällen. Doch 
müssen wir an der begrifflichen Scheidung streng festhalten; der 
Arbeiter, der nichts besitzt als seine Aörperkcäfte auf der einen 
Seite, der Kapitalist, der nur von seinen Renten lebt, ohne einen 
Finger zu rühren, beziehen ihre Einkommen sichtlich aus ganz 
verschiedenen (Quellen. Der Besitzer von Grund und Boden ist 
dabei als Kapitalist anzusehen; wenn auch die Natur, wie wir 
gesehen haben, ihre Besonderheiten hat, so betreffen diese doch 
nur den Produktionsprozeß. Auch die Grundrente werden wir 
aus der Tatsache des Besitzes erklären. Der Unternehmer aller 
dings kommt nur als solcher, ohne Verbindung mit 2lrbeit und 
Kapital, nicht vor; doch werden wir auch den Unternehmer 
gewinn theoretisch als gesonderte Einkommenguelle zu betrachten 
haben, wir müssen nun untersuchen, wie sich das Volkseinkom 
men wirklich verteilt und nach welchen Bestimmungsgründen sich 
diese Verteilung regelt. 
s. Das rlrbeitseinkommen (Lohn). 
Die Lohnhöhe bestimmt sich zunächst durch An 
gebot und Nachfrage nach der „Ware Arbeits 
kraft"; die Arbeit nimmt darin keine andere Stellung 
ein als jeder andere käufliche Gegenstand. Je gesuchter eine be 
sondere Arbeitsfähigkeit ist, um so höher wird unter sonst gleiche,: 
Umstanden der Lohn sein, den chr Träger zu erlangen vermag. 
Demgemäß stehen die Löhne der „gelernten" Arbeiter, höher als 
die der ungelernten. Man pflegt jetzt noch eine Zwischenschicht 
auszuscheiden; die „angelernten". Unter ihnen versteht man solche, 
die ohne eine längere Lehrzeit»Lurchgemacht zu haben, doch tn 
einigen Wochen oder Monaten eine Anzahl Handgriffe gelernt 
haben, die zur Erreichung des jeweiligen Arbeitsziels nötig oder 
nützlich sind. Die Abstufung zwischen diesen drei Schichten ergibt 
sich aus der Natur der Sache, ebenso wie eine solche nach der be 
sonderen Leistungsfähigkeit. Ls erhalten also jugendliche und 
weibliche Arbeiter weniger als erwachsene männliche; man will
        <pb n="110" />
        Das Arbeitseinkommen. 
ro-r 
auch schon allgemein ein Sinken der Leistungsfähigkeit und des 
Lohnes bei den männlichen Arbeitern um das qo. Lebensjahr fest 
gestellt haben. Innerhalb der einzelnen Arbeiterkategorien, soweit 
sie sich nicht gegenseitig ersetzen können, spielt sich wieder Angebot 
und Nachfrage für sich ab; der „Markt" der hochgelernten Mon 
teure oder Bierbrauer ist ein ganz anderer als der der jugendlichen 
Hilfsarbeiter. Auf dem gesäurten Arbeitsmarkt wie auf den ein 
zelnen „Spezialmärkten" drängen die Arbeitsuchenden dorthin, 
wo die größte Nachfrage ist und die höchsten Löhne gezahlt werden; 
ein solches ständiges Fluktuieren findet von Gewerbe zu Gewerbe 
wie von ®rt zu &lt;Vrt statt. Der Zustrom geht weiter, bis die Nach 
frage durch das Angebot erreicht oder gar überboten wird; damit 
sinkt dann der Lohn, und das Angebot wendet sich wieder anderen 
Märkten zu. Schließlich wird es so knapp, daß der Lohn wieder 
erhöht werden muß, um die Lücken auszufüllen, und so wieder 
holt sich das Spiel immer von neuem. Das gilt nicht nur für die 
Landarbeit, sondern auch für die höheren und selbst die „studier 
ten" Berufe. Immer wieder w&gt;rd vor dem Zuzug zu einzelnen 
solchen Berufen, der Medizin, dem Postfach, der Theologie von 
Zeit zu Zeit gewarnt, weil sie überfüllt seien: einzelne gut organi 
sierte akademische Stände wie die Zlrzte versuchen sogar, eine 
Regelung und Einschränkung des örtlichen Angebots durch Ver 
hinderung des Zuzugs. Das hält natürlich 2lrbeitsuchende nicht 
ab, dennoch ihr Glück zu versuchen, namentlich dann, wenn noch 
weitere Umstände die fragliche Stellung besonders begehrenswert 
erscheinen lassen. So üben die akadennschen Berufe aus leicht 
begreiflichen Gründen diesen Reiz in einem solchen Maße aus, 
daß die Gefahr der Entstehung eines breiten akademischen Prole 
tariats unter den jetzigen Umständen sehr groß ist. Bei den Hand 
arbeitern hat das städtische Leben eine ähnliche verhängnisvolle 
Anziehungskraft, so daß das verödete Land zu gleicher Zeit die 
bittersten Klagen über Arbeitermangel vernehmen läßt, während 
in der Stadt nicht weniger hefjig über Arbeitslosigkeit geklagt 
wird. 
Insofern ist der Mensch eben keine Mare, als er nicht ein 
bloßes Gbjekt der Wirtschaft, sondern ein fühlendes, und zwar oft 
sehr lebhaft fühlendes Wesen ist. Er läßt sich nicht versenden wie 
Zucker oder Goldbarren, um den jeweils zahlungsfähigsten Markt 
aufzusuchen, sondern er wird durch psychologische vor- 
st e l l u n g e n aller Arten, Anhänglichkeit an die Familie, Be-
        <pb n="111" />
        Bestimmung der Lohnhöhe. 
105 
türfnis nach einer wechselvolleren Lebensgestaltung, Hoffnung 
auf bessere Zeiten auch dort festgehalten, wo nicht der allerhöchste 
Lohn zu erreichen ist. 
Allerdings hat diese freie .Selbstbestimmung ihre Grenze; der 
Mensch muß schließlich leben. Ejier ist auch die Grenze ge 
geben, bis z u welcher der Lohn dauernd sinken 
kann; ist ein Gewerbe oder ein Land nicht mehr imstande, einen 
Lohn zu zahlen, der zur Leben«fristung ausreicht, so werden sie 
von den Arbeitern notgedrungenerweise verlassen. Umgekehrt kann 
auch der Arbeitgeber nicht jeden beliebigen Lohn 
zahlen; er muß sicher sein, daß ihm in dem preise, den er für 
bas fertige Produkt erhält, die Rosten des Lohnes — neben den 
übrigen Selbstkosten — zum mindesten ersetzt werden. Dort, wo 
die Löhne sehr hoch stehen, wie in den australischen Staaten, sind 
denn auch gewisse Industrien nicht möglich. 
Innerhalb der Grenzen der Erhaltung des 
Arbeiters und der Ro st enrexrod Aktion für den 
Unternehmer können die Löhne in ziemlich 
weitem Umfange schwanken. Man hat das früher be 
stritten. Im Mittelalter, soweit die Bevölkerung überhaupt in 
eine Lohnpolitik hineingezogen wurde, wollte die kirchliche Lehre 
vom justum pretium, dem gerechten Lohne, be 
wußt einen Ausgleich der Interessen des kfandwerkers und feiner 
Gesellen herbeiführen; diese Auffassung fand noch einmal einen 
großartigen Ausdruck in dem englischen „L e h r l i n g s g e s e tp 
der Königin Elisabeth von 1562, das in Rodifizierung 
älterer Bestimmungen die Lohnfestsetzung den Friedensrichtern 
übertrug. Der aufkommende Frühkapitalismus zerbrach dies Ge 
setz wie die alte Anschauung überhaupt; unter dem Eindruck des 
starken ^erabsinkens der Arbeiterklasse in dieser Zeit setzte sich 
die pessimistisch gefärbte Überzeugung auf beiden Seiten fest, daß 
der Lohn des Arbeiters dem denkbar niedrigsten Stande immer 
zustreben müsse. Diese Anschauung wurde von den Vertretern 
der Arbeiterinteressen in dem „ehernen Lohngesetz", von den 
Unternehmerfreunden in der „Lohnfondstheorie" formuliert. 
Das eherne Lohngesetz ist zuerst von Ricardo ausge 
sprochen worden; in seiner heutigen Formulierung stammt es 
von dem Arbeiterführer Ferdinand Lassalle. In seinem 
berühmten „Gffenen Antwortschreiben an das Zentralkomitee 
zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterkostgresses
        <pb n="112" />
        106 
Das Arbeitseinkommen. 
zu Leipzig" vom Jahre 1863 gibt er ihm oie Fassung: „daß der 
durchschnittliche Arbeitslohn immer aus den notwendigen Lebens 
unterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig 
zur Fristung der Existenz und zur Fortpslanzung erforderlich ist". 
Dies sei der Punkt, so argumentiert er weiter, um welchen der 
wirkliche Tagelohn in Pendelschwingungen jederzeit herum gravi 
tiere, ohne sich jemals lange über ihn erheben noch unter ihn 
hinunter fallen zu können. Er könne sich nicht dauernd über diesen 
Durchschnitt erheben — denn-sonst entstünde durch die leichtere, 
bessere Lage der Arbeiter eine Vermehrung der Arbeiterehcn 
und der Arbeiterfortpflanzung, eine Vermehrung der Arbeiter 
bevölkerung und somit des Angebots - von Händen, welche den , 
Arbeitslohn wieder auf und unter seinen früheren Stand hinav- 
drücken würde. Der Arbeitslohn könne aber auch nicht dauernd 
tief unter diesen notwendigen Lebensunterhalt fallen, denn dann 
entständen Auswanderung, Ehelosigkeit, Enthaltung von der 
Aindererzeugung und endlich eine durch Elend, erzeugte Ver 
minderung der Arbeiterzahl, welche somit das Angebot von 
Arbeiterhänden verringere und den Zlrbeitslohn damit wieder 
auf den früheren Stand zurückbringe. Der wirkliche durchschnitt 
liche Arbeitslohn kreise daher beständig um jenen seinen Schwer 
punkt herum, in den er sortdauernd zurücksinken müsse. Den 
Ausweg sieht Lassalle in der 2lufhebung der Scheidung vom 
Arbeitslohn und Unternehmergewinn in der Weise, daß der 
Arbeiterstand durch Produktivassoziationen zu seinem eigenen 
Unternehmer gemacht werde. 
Die L o h n f o n d s t h e o r i e , von deren Vertretern nur der 
Engländer Senior genannt sei, behauptet, daß in jedem Lande 
und zu jeder Zeit überhaupt nur ein bestimmter Fonds vorhanden 
sei, aus dem Arbeiterlöhne gezahlt werden könnten. Danach ist 
der Lohn ein einfacher Quotient aus der Zahl der Arbeiter und 
der Summe des Lohnfonds und kann sich nur durch Verminde 
rung oder Vermehrung der Zahl der Arbeiter ändern. 
wir wollen, ohne auf dieses vielumstrittene Gesetz weiter ein 
zugehen, nur darauf Hinweisen, daß die Löhne in den letzten Iahr- 
zehnten' in allen Kulturländern stark gestiegen sind, und zwar bei 
gleichzeitigem ebenso starken Steigen der Zahl der Gesamtbevölke 
rung wie insbesondere der Arbeiter. Diese haben sich als Klaffe 
einen größeren Anteil an dem Gesamteinkommen der Nation zu 
erringen verstanden, indem sie ihre Lebenshaltung hoben
        <pb n="113" />
        Eherne^ Lohngesetz und Lohnfondstheorie. so? 
und ständig festhielten. Der Begriff des Existenzmini 
mums ist nämlich keineswegs eindeutig in dem Sinne, Laß es 
gleichbedeutend mit der Summe von Nahrung und Witterungs- 
fchutz fei, die zur Lebensfristung notwendig ist. vielmehr ist der 
Begriff psychologisch, ja in einem gewissen Grade auch physio 
logisch äußerst dehnbar; er enthalt vor allem die ausgesprochenste 
Tendenz, eine einmal erreichte höhe mit allen Mitteln festzu 
halten. Der Arbeiter von heute stellt an Nahrung, Kleidung, 
lvohnung, BilLungsmittel, Unterhaltung ganz andere Anforde 
rungen als sein Vorgänger vor einem halben oder gar einem 
ganzen Jahrhundert, und er dehnt diese Airspriiche ständig aus. 
„Die verfluchte Bedürfnislosigkeit", über die Lassalle noch klagte, 
hat sich der Arbeiter gründlich abgewöhnt; das Niveau seiner 
Lebenshaltung hat sich stellenweise nicht unbeträchtlich über das 
des städtischen Mittelstandes, geschweige denn des Kleinbauern 
gehoben. Dies kommt nicht nur in den höheren Löhnen selbst, 
sondern auch in den Arbeitsbedingungen und vor allem in der 
verkürzten Arbeitszeit zum Ausdruck, die ja, abgesehen von ihrer 
sonstigen Bedeutung, auch einen materiellen Vorteil darstellt. 
Diese Erhöhung der Löhne und die Verbesserung der sonstigen 
Arbeitsbedingungen ist aber kein reines Geschenk, das der Arbeiter 
sich vom Unternehmer ertrotzt hat, wenn auch der rein soziologische 
Faktor der Macht entscheidend mitwirkt; der Lohnerhöhung ent 
spricht vielmehr unter normalen Umständen, wenn auch nicht mit 
mathematischer Genauigkeit, eine Erhöhung der Leistungen. 
Der hochkapitalistische Unternehmer glaubt nicht mehr wie der 
frühkapitalistische, daß die stärkste 2lnspannung des Arbeiters ge 
eignet sei, das Maximum von Arbeit an (Quantität und «Qualität 
zu erzielen. Mir haben bei der Besprechung der Arbeit als Pro 
duktionsfaktor die moderne übungs- unb Ermüdunaspfychologie 
kennengelernt und gesehen, wie abhängig die Leistungen des 
Arbeiters von den Bedingungen sind, unter denen er arbeitet. 
Line Reihe von versuchen haben gezeigt, daß eine verständige 
Herabsetzung der Arbeitszeit den Wert der 2lrbeit 
nicht verminderte, sondern nack einer kurzen Übergangszeit sogar 
erhöhte. Natürlich muß diese kferabsetzung ihre Grenzen haben, 
wenn das „Optimum" der Leistung nicht unterschritten werden 
soll; ebenso wie eine solche Verkürzung der Arbeitszeit nicht in 
allen Gewerben gleichmäßig wirken wird. Der berühmte Ver 
such, den Abbe in Len Jenaer Zeitzwerken mit der Einführung
        <pb n="114" />
        108 
Das Arbeitsemkommen. 
des Achtstundentages gemacht hat, spricht in seinen Erfolgen 
durchaus für dieses Experiment. 
Die allgemeine Festsetzung einer gleichmäßigen Arbertszert tzt 
allerdings höchst schematisch, da die Beanspruchung der Kraft2 
des Arbeiters bei den einzelnen Beschäftigungen sehr verschieden 
ist — Bergarbeiter und Portier! Auch die rationelle Ausnutzung 
-er sachlichen Produktionsmittel wird durch solchen Schematis 
mus gefährdet. _ .. 
Ähnlich wie bezüglich der Arbeitszeit hat sich auch bezüglich 
-er eigentlichen Lohnhöhe eine höhere Leistungsfähigkeit des 
besser gestellten Arbeiters ergeben. Namentlich waren es Unter 
suchungen, die ein englischer großer Lisenbahnunternehmer, Lord 
B r a s s ey , bei Arbeiten in den verschiedensten Ländern und mit 
dem mannigfachsten Menschenmaterial anstellen konnte, die reich 
liches Material für den Beweis dieser Behauptung ergaben. Bis 
zu einem gewissen Grade ergibt dies and) der Augenschein, daß 
etwa ein englischer gut genährter 2lrbeiter, der das vierfache des 
Tagelohns des indischen Kulis erhält, auch das vierfache leisten 
wird. 
Aber auch diesen Satz darf man nicht zu sehr drucken, als 00 
nun automatisch in jedem Falle eine Lohnerhöhung zur Mehr 
leistung von Arbeit führen würde. Schon deshalb nicht, weil der 
Arbeiter gar nicht immer mehr leisten will, sei es auch nur aus 
dem kameradschaftlichen Gefühl heraus, nicht andere ganz arbeits 
los zu machen. Ls wird von den englischen Gewerkschaften viel 
fach behauptet, daß sie „ca'canny“=P olitik trieben, welches 
schottische Wort bedeutet, -aß sie ihre Mitglieder zu absichtlich 
langsamer Arbeit veranlaßten. Demgegenüber versuchen wieder 
die Unternehmer, nicht nur durch eine strenge Arbeitsaussicht, 
sondern auch durch eine durchgeführte Arbeitsorganisation das 
Gptimum von Werk für ihre Lohnzahlung zu erhalten. Als 
Mittel dazu dienen besondere Lohnformen. 
Die Form des Lohnes ist selbstverständlich von großer 
Bedeutung nicht nur für die Arbeitsorganisation, sondern auch für 
den Arbeiter selbst. Ls ist durchaus nicht gleichgültig für ihn. ob 
er den Lohn in Geldsorm oder in Gestalt von waren erhält, auch 
wenn diese notwendig für ihn sind. Die N a t u r a l z a h l u n g 
spielte bis in die Gegenwart hinein eine besondere Rolle in der 
Landwirtschaft, wie unschwer zu erklären ist. Der Arbeiter muß 
essen und triüken, er muß auch wohnen; wie nahe liegt es dann.
        <pb n="115" />
        Arbeitszeit -unt Arbeitsleistung. 109 
daß ihm der Arbeitgeber Wohnung, daß er ihm die Lebensmittel 
wenigstens teilweise gibt, soweit er sie in seiner Wirtschaft selbst 
produziert. Dies gilt nicht nur für die im Lsause selbst wohnenden 
Knechte und Mägde, die genau wie die städtischen Dienstboten 
den lsauptteil ihres Lohnes in diesem Anteil an der Hausgemein 
schaft erhalten, sondern auch für Tagelöhner der verschiedenen 
Arten, denen Häuschen zum Wohnen, Kartoffelland, Weide- 
berechtigung für eine Auh oder ein paar Ziegen, vielleicht sogar 
auch noch beim Ernten und Dreschen (bort, wo noch mit der Hand 
gedroschen wird) die so und sovielte Garbe, der so und sovielte 
Scheffel überlassen wird. Bedenklich kann die Lieferung von 
Naturalien dann werden, wenn sie von dem Unternehmer erst 
gekauft werden und er nun daran wieder verdient, namentlich 
dann, wenn ein Kaufzwang auf die Arbeiter ausgeübt wird. 
Letzteres, das sogenannte Trucksystem, ist denn auch durch 
wegs wegen der damit verknüpften Mißbräuche verboten. 
Line — man möchte sagen psychologische — Schwierigkeit des 
Naturallohnes liegt darin, daß der wert der Naturalien nicht 
ohne weiteres zu schätzen ist; der Arbeiter wertet vielleicht das, 
was er nicht als Bargeld erhält, zu gering. Seine Bewertung des 
Lohnes ist überhaupt oft genug eine äußerliche, indem sie sich 
rein an die Summe hält. Das Geld hat aber keinen Eigenwert 
als Konsumgut, sondern dient dazu, ihm seinen Bedarf zu be 
schaffen; entscheidend ist also nur die jeweilige Kaufkraft des 
Geldes. Diese ist aber nach Zeit, und (Drt bisweilen recht ver 
schieden. Ls kann sehr wohl der Fall sein, daß trotz der höheren 
Lohnsumme, die der Arbeiter t-er einen Gegend erhält, er tat 
sächlich sehr viel weniger Bedürfnisse damit befriedigen kann, 
weil Wohnung. Nahrungsmittel und was er sonst braucht, un 
verhältnismäßig mehr kosten. Namentlich bei der Frage der 
Lohnsteigerungen ist dies zu beachten. Ls ist oft recht schwierig, 
die Veränderungen des wirklichen Lohnes festzustellen, weil die 
Preisbewegung sehr verschiedener 2lrtikel in verschiedensten (Quali 
täten damit zu vergleichen ist; aber es scheint doch beispielsweise 
ziemlich erwiesen, daß in den letzten Jahren vor dem Kriege der 
Lohn der deutschen Industriearbeiter, im Durchschnitt genommen, 
stärker gestiegen ist als der Preis der wichtigsten Lebensbedürfnisse. 
Die psychologische Rückwirkung der Lohnform auf den Arbeiter 
hat schon früh zu dem versuche geführt, durchdieLohnförm 
auf die Arbeit selbst einzuwirken. Die natürlichste
        <pb n="116" />
        Das Arbeitseinkommen. 
no 
Form -es Lohnes ist die nach der Zeit, der Stunden-, 
Tages - oder auch Jahres lohn. Ein Zusammenhang 
zwischen Lohnform und Arbeit liegt in diesem Falle nur dann 
vor, wenn gerade die Sicherheit, den Lohn unter allen Umständ n 
gleichmäßig zu erhalten, die (Qualität ,j) er geleisteten Arbeit ver 
bürgt. Die allerschwierigstm und verantwortungsvollsten Ar 
beiten werden deshalb im Zeitlohn bezahlt; nicht nur in der In 
dustrie, sondern auch itt weiten Gebieten der geistigen Arbeit. 
Der Richter mußte früher wohl sein Einkommen in den Sportein 
suchen, die ihm aus den Rechtshändeln abfielen; wir halten heut 
die Unabhängigkeit des Richters dadurch gefährdet und wünschen 
für ihn eine gleichmäßige und ihm in allen Fällen garantierte 
Einnahme wie für alle Beamten. 2lber auch die allergerina- 
wertigste, die Tagelöhnerarbeit, wird nach der Zeit bezahlt; hier 
allerdings ohne alle tieferen Absichten, sondern nur deshalb, roeü - 
man eine bessere Form nicht gefunden hat. Der 2l k k o r d - 
oder Stücklohn, Len man nämlich sonst in der Mehrzahl 
der Fälle anwendet ist an die Voraussetzung gebunden, daß der 
Erfolg der Arbeit feststellbar, durch Messen oder Zählen genau 
zu ermitteln ist. Ls wird also dann der Arbeiter nach der Zahl 
der geleisteten Stücke bzw. dem (Quantum Zlrbeit bezahlt, das er 
fertiggebracht hat. Dies hat für Arbeiter wie Unternehmer den 
unschätzbaren Vorteil, daß der Fleißige und Tüchtige nicht ebenso 
fährt wie der Träge und Untüchtige. Dem Arbeiter ist die 
Möglichkeit gegeben, mehr zu verdienen als der Durchschnitt, 
seine besonderen Gaben auszunutzen. Damit ist freilich auch 
wieder die Gefahr einer Überspannung verbunden; „Akkord 
arbeit ist Mord arbeit" sagt ein altes Sprichwort. Namentlich 
dann liegt die Gefahr vor, wenn der 2lrbeitgeber, wie dies 
früher gar nicht selten geschah, den Lohn für die Arbeitseinheit 
ständig herabsetzt, sobald die Geschicktesten oder Strebsamsten unter 
dem Einfluß der Übung so viel produzieren, daß der von ihnen 
verdiente Lohn weit über das Mittelmaß hinaussteigt. Ein solches 
Vorgehen des Arbeitgebers muß böses Blut machen und hebt 
einen großen Teil der Vorzüge der 2lkkordarbeit wieder auf. 
Andererseits ist recht wohl denkbar, daß namentlich unter dem 
Einfluß fortschreitender Technik die auf ein Stück aufzuwendende 
Arbeitsmühe erheblich finkt, in diesem Falle ist auch die kferab- 
setzung des Stücklohnsatzes gerechtfertigt. Mir werden bald sehen, 
wie bei der Fortbildung des 2lrbeitsvertrages Mittel gesucht und
        <pb n="117" />
        Zeit und Stücklohn. 
Ul 
gefunden worden sind. i)ert Interessen beider Parteien gerecht zu 
werden, indem die Stücklohnsätze geyieinsam in den sogenannten 
Tarifverträgen festgesetzt werden. 
Die einfache GrunOfornr des Stücklohns ist auf 
das mannigfache variiert worden, um immer genauer 
den Lohn der Leistung anzupassen, und zwar meist so, daß der 
Lohn mit einer IN at er i a l-- oder Zeitersparnis- 
prämie kombiniert wurde. (Eine Lokomotive kann eine be 
stimmte Last über eine bestimmte Strecke mit einem genau zu be 
rechnenden Durchschnittsauiwand von Kohlen befördern. Je nach 
dem der Lokomotivheizer mehr oder weniger sorgfältig ^seine 
Maschine bedient, kann mit weniger oder mehr Kohlenaufwand 
das gleiche Ziel erreicht werden; der peizer erhält deshalb im 
ersteren Fglle eine Prämie, deren Pohe sich nach der Aohlen- 
erfparnis richtet. Dabei fahren sowohl der Heizer wie der Lisen- 
bahyunternehmer gut. (Ein mhfungsroltes und dabei unkompli 
ziertes System der Zeitersparnisprämie bat die große 
westinghoufe Electric and Manufacturing 
LompanyinPittsburg durchgeführt, die in ihrem Haupt 
werke gegen 9000 Arbeiter beschäftigt. Die Arbeiter erhalten 
Stnndenlohn, der sich nach den seweiligen besonderen Verhält 
nissen richtet, auch gegebenenfalls ohne besonderes Drängen 
des Arbeiters erhöht werden soll. Zugleich ist aber für jede 
zu leistende Arbeit eine Normalzeit festgesetzt; wird diese vom 
Arbeiter unterschritten, so erhält er 50% des ersparten Lohnes. 
Der Arbeiter ist also dabei eines seinen Leistungen entsprechenden 
Dnrchschnittslohnes gewiß, erntet aber auch die Fruchte eines 
überdurchschnittlichen Fleißes. Selbstverständlich ist die Festsetzung 
der Fristen, zumal bei dem Fortschreiten der Technik und der 
Vielseitigkeit der Fabrikation der Westinghouse Company, keine 
leichte Aufgabe; es besteht dafür ein besonderes Bureau. Im 
Jahre 1908 waren gegen 300 000 Fristen in Geltung; täglich 
kommen gegen 300 neue hinzu. 
Diese Feststellung von Normalfristen ist in amerikanischen Be 
trieben weit verbreitet; sie wird imürer mehr zur höhe einer Kunst 
erhoben. Den Gipfel dieser Kunst stellt augenblicklich wohl das 
Taylorsystem dar, das. seinen Namen von dem Ingenieur 
Fred. M. Taylor führt, der auch in der Technik als Erfinder 
des Schnellarbeitsstahls bekannt geworden" ist. Taylor ging von 
dem Gedanken einer möglichst rationellen Ausnutzung aller pro-
        <pb n="118" />
        Das Arbeitseinkommen. 
112 
duktionseleinente aus, die wieder eine möglichst intensive Int- 
ausnutzung durch die Arbeiter voraussetzt. Um dies zu erreichen, 
sührte er ein doppeltes durch: strenge Trennung der rein mecha 
nischen 2lusführungsarbeit von der für Vorbereitung der Arbeit 
notwendigen Denk- und überlegungsarbeit und exakte Feststellung 
der für jeden einzelnen Handgriff nötigen Zeit. Lin tüchtiger 
Arbeiter muß die Arbeit verrichten, während ein Ingenieur die 
einzelnen 2lrbeitsphasen mit der Stoppuhr mißt und aufzeichnet. 
Diese Aufzeichnungen werden in „Unterweisungskarten" für jeden 
einzelnen Arbeitsauftrag zusammengestellt und dem Arbeiter je 
weilig vor der Arbeit übergeben; er hat sie durchzulesen und 
sich danach zu nebten. Für die notwendigen Unterbrechungen 
werden Zeitzuschläge bewilligt, so daß die Gesamtarbeitszeit für 
den Normalarbeiter maßgebend sein muß. Um eine Vorstellung 
von der Genauigkeit der Taylorschen Arbeitsmessung zu geben, 
sei ein (von Wallichs angeführtes) Beispiel einer solchen Unter 
weisungskarte mitgeteilt. Sie bezieht sich auf Schlitzfräsen; dabei 
ist zu bemerken, daß die Arbeits- bzw. Einrichtzeit in Minuten 
und deren Bruchteilen gemessen wird. Die „Linzelunter- 
weisungen" der Karte lauten: 
Arbeik^zelt 
Minuten 
Holen der Unterweisungskarte 2,00 
Durchlesen der Karte 2,00 
Einstellen der Geschwindigkeit " o,20 
Anbringen und Einspannen der Spannvorrichtung . . . t,7S 
Anbringen des Fräserdorns 0,58 
Aufbringen des Schlitzfräsers 0,79 
Aufnehmen des Stückes 0,05 
Einhängen in die Spannvorrichtung 0,07 
Ingangsetzen der Maschine 0,0) 
Schlitzen eines Ventilkegels 0,55 
Herausnehmen und Fortlegen : . . 0,06 
von diesen n Posten entfallen die ersten 6 auf das Einrichten 
der Fräsbank, das also 7J2 Minuten in Anspruch nimmt und 
während des weiteren Arbeitsprozesses nicht von neuem er 
forderlich ist. Die letzten 5 posten mit 0,53 Minuten stellen die 
eigentliche Arbeitszeit dar, für die Zeitaufschläge von insgesamt 
0,22 Minuten gewährt werden, so daß die Fertigstellungszeit 
für i Stück 0,75 Minuten beträgt. Am Schluß werden wieder
        <pb n="119" />
        prämienlohnsysteme. 
2,10 Minuten für Inordnungbringen der Maschine angesetzt. 
Die Gesamtzeit für Fertigstellung von 500 Stück berechnet sich 
demnach auf 500 X 0,75 + (7,$2 + 2,10) = 554,22 Minuten oder 
6,4 Stunden. Taylor wollte für die Einhaltung der vorgeschrie 
benen Arbeitszeit dem Arbeiter einen hohen Lohn verbürgt 
haben, der den üblichen um 30 bis 50% überträfe, während 
umgekehrt bei Nichteinhaltung der Zeit entsprechende Abzüge er 
folgen sollten. Dieses Lohnverfahren hat sich jedoch nach Wallichs 
Bericht als zu streng erwiesen; das Taylorsche System der Arbeits 
zeitberechnung wird daher gewöhnlich mit dem sogenannten 
Ganttschen Lohnverfuhren verbunden. Dieses Ver 
fahren gewährt &gt;den Leuten in jedem Falle den üblichen Stunden- 
lohn, läßt ihnen jedoch bei Einhaltung der vorgeschriebenen I^it 
einen Lohnaufschlag van meist 35% zugute kommen; es entspricht 
also im wesentlichen dem System der Weftinghouse Company. Die 
Formen der Lntlöhnungssystsme sind namentlich in Amerika sehr 
zahlreich; aber auch bei uns in Deutschland haben verschiedene 
Unternehmungen, wie z. B. auck die technischen Werke der Marine- 
verwaltung, besondere ihren Verhältnissen entsprechende Löh 
nungsformen eingeführt. Wir sehen von der Anführung weiterer 
Einzelheiten ab; aus den Mitteilungen über die Systeme der 
Weftinghouse Company und Taylors haben wir erkannt, daß 
diese Zeitersparnngslohnsormen etwas Doppeltes beabsichtigen 
und bewirken, nämlich die höchstmögliche Leistung des Arbeiters 
im Interesse des Unternehmers und die Bezahlung des Arbeiters 
nach seiner Leistung. 
Der Gedanke liegt nun nahe, diese beiden Interessen--- 
das des Arbeiters und das der Unternehmung — noch enger 
,3 u verknüpfen, um damit noch stärkere Arbeitsantriebe beim 
Arbeiter auszulösen. Die einfachste 2lusführungsform dieser Idee 
ist die „gleitende Skala" (sliding scale), die namentlich im 
englischen Bergbau eine gewisse. Rolle spielte. Es wurde eine 
gleitende Lohnskala vereinbart, die, von einem Normallohn aus 
gehend, der einem Normalpreis der Kohlen am Förderungsortc 
entsprach, die Prozente bestimmte, um die der Lohn bei einer 
Veränderung der Preise steigen oder fallen sollte. Diese Anpassung 
der Löhne an die Preise bewährte sich bei steigender Konjunktur, 
rief aber bei fallender Konjunktur den Widerstand.der Arbeiter 
hervor, die sich inzwischen an eine höhere Lebenshaltung gewöhnt 
hatten; sie war dann mehrfach die Veranlassung zu Streiks. Auch 
Wygodzlnsk.i, Einführung in die Volkswirtschaftslehre. * 8
        <pb n="120" />
        Das Arbeitseinkommen. 
m 
in der amerikanischen Baumwollindustrie hat die gleitende Skala 
seit 1904 Eingang gesunden. Man ging davon aus, daß der 
Gewinn einer Baumwollfabrik im wesentlichen von der Markt 
lage abhänge, durch welche die Differenz zwischen dem Roh 
material und dem Fertigsabrikat bestimmt würde. Die sliding- 
scale-Derembarung setzte einen Grund lohn für die Leistungs 
einheit, das sogenannte „cut“, in Höhe von js Cents fest und 
ebenso eine Normalspannung von 72,5 Cents zwischen dem Markt 
preis von 8 Pfd. middling upland Baumwolle und dem Preis 
der daraus erzeugten Gewebemenge; für jeden Cent, den die 
Spannung stieg, sollte der Lohn um \%, von 85 Cents an um 
yi% steigen. Die Feststellung erfolgte wöchentlich, was sich als 
ein Fehler erwies, weil die Zeit, zwischen Rohstoffeinkauf und 
verkauf des Fertigfabrikats eine weit längere ist. Nach vorüber 
gehender Abschaffung der gleitenden Skala wurde sie in reform 
mierter Form, mit nur zweimaliger Feststellung der Spannung 
im Jahre, wieder eingeführt, und hat sich auch im Jahre des 
Preisrückgangs 1908 gehalten. 
Der Gewinn eines Unternehmens wird aber noch von einer 
großen Reihe anderer Momente bestimmt als von den preisen der 
Rohstoffe und der Fertigfabrikate, so wichtig diese auch sind. Ganz 
folgerichtig ist daber die gleitende Skala noch-nicht; dies wär: 
erst eine Beteiligung der Arbeiter am eigent 
lichen Gewinn. In der Landwirtschaft ist eine solche wirk 
liche Gewinnbeteiligung als sogenannter T e i l b a u , auch Teil 
pacht genannt, sehr alt. Dabei handelt es sich allerdings, wie 
schon die schwankende Bezeichnung ergibt, um ein Verhältnis 
zwischen Bodeneigentümer und Bodenbesteller, das nicht ohne 
weiteres als Arbeitsverhältnis zu bezeid;nen ist. Der heut nament 
lich in den romanischen Ländern, Frankreich, Italien, aber auch 
gelegentlich in Deutschland vorkommende Teilbau beruht darauf, 
daß der Bodenbesitzer Len Boden und das Inventar, der Teil- 
pää;ter seine und seiner Familie Arbeitskraft stellt. Der Teil 
pächter wirtschaftet selbständig, wobei der Verpächter immerhin 
Vorschriften über die lvirtschaftssührung machen kann; der Er 
trag wird in natura, und zwar gewöhnlich zur Hälfte zwischen 
Leiden geteilt. Die Teilpacht setzt also Kleinbetrieb voraus; sie 
ist dort angebracht, wo die Technik eine herkömmliche und die 
Arbeit des Bodenbestellers wie beim Anbau von Mein, ©Iben, 
Maulbeerbäumen von besonderem Einfluß auf das Ergebnis ist..
        <pb n="121" />
        Teilbau. 
m 
Durch bie Teilung dieses Ergebnisses in natura wird das Inter 
esse des Arbeiters an einem möglichst basten Produkt aufs leben 
digste gesteigert, .überstaupt ist iy der Landwirtschaft der gute 
Wille des 2lrbeiters von großer Wichtigkeit. Für die Viehzucht 
liegt es auf der kfand, da die pflege und Wartung der Tiere 
für ihre Entwicklung entscheidend ist; aber auch die Feldbestel 
lung, deren Ergebnisse wegen des stemmenden Einflusses von 
Witterung und sonstigen Naturbedingnngen in ihrem unmittel 
baren Zusammenhange mit der Tätigkeit des Arbeiters gar nicht 
zu kontrollieren sind, muß mit diesem guten Willen rechnen, den 
keine Aussicht ersetzen kann. Der große deutsche Nationalökonoin 
v. T h ü n e n vertrat deshalb die Ansicht, daß der Arbeitslohn 
durch eine Beteiligung des Arbeiters am Gutsertrage zu ersetzen 
sei, und führte eine entsprechende Entlohnung auf seinem Gute 
Tellow durch. Inzwischen ist die Gewinnbeteiligung auch in 
der Industrie immer wieder als die Lösung der Lohnfrage ge 
priesen worden; als participation aux benefices in Frankreich, 
als profit-sharing in England ist. sie wie in Deutschland das 
Steckenpferd menschenfreundlicher Gptimisten. 
Dabei sind die Unternehmungen, die sie mit Erfolg eingeführt 
haben, so gering an Zahl — es sind höchstens in allen Ländern 
zusammen ein paar hundert —, daß man sie sämtlich kennt. 
Die Arbeit spielt bei ihnen innerhalb des Produktionsprozesses 
quantitativ wie qualitativ eine solche Rolle, daß Kapital wie 
Unternehmertätigkeit verhältnismäßig zurücktreten. Das ist aber 
bei der erdrückenden Mehrzahl aller Betriebe und namentlich der 
großindusiriellen nicht der Fall; ausschlaggebend ist für den Er 
folg die Unternehmertätigkeit, die Disposition, die Ausnutzung der 
Konjunktur. In diesen Fällen ist eine Gewinnbeteiligung im 
älteren Sinne nicht nur nicht durchzuführen; sie würde auch die 
Arbeiter gar nicht zu höheren Anstrengungen veranlassen, könnte 
ihnen sogar selbst bei höheren Leistungen, wenn die Rentabilität 
des Unternehmens aus anderen Gründen zurückgeht, Minder 
einnahmen bringen. 
Der Gedanke, die Arbeiter am Unternehmen zu interessieren, 
wird damit freilich noch nicht ganz aufzugeben sein; schon der 
übliche starke Arbeiterwechsel legt cs nahe, den Arbeiter auf diese 
Weise etwas enger mit dem Unternehmen zu verknüpfen, in dem 
er arbeitet. Das ist namentlich in der Form möglich, daß dem 
Arbeiter nicht als Produzenten, sondern bei der Anlage seiner
        <pb n="122" />
        Das ZtrbeitsetnEommeiL 
U« 
Spargelder Gelegenheit gegeben wird, günstige Chancen des 
Unternehmens wahrzunehmen- Die Kapitalbeteiligung 
der Arbeiter ist namentlich bei englischen und amerikanischen Ge 
sellschaften recht beliebt. Sie wird dort allerdings Lurch das für 
diese Zwecke sehr viel günstiger als in Deutschland gestaltete 
Aktienrecht erleichtert; während in Deutschland eine Aktie wenig 
stens 1000 m. betragen muß und deshalb für den gewöhnlichen 
Arbeiter als Anlage für feine Ersparnisse nicht in Betracht 
kommt, haben die angelsächsischen Länder weit kleinere Nominal 
aktienbeträge. Die großartigste Anwendung hat diese „2l r b e i - 
1eraktionärschaft"beiLemamerikanis.chenS^ahl- 
trust gefunden, der zur Zeit seiner Gründung, &lt;902, gegen 
200 000 eingestellte hatte, die er an dem Gedeihen der Unter 
nehmung zu interessieren und bis zu einem gewissen Grade an 
sie zu fesseln wünschte. Abgesehen von besonderen Bestimmungen 
für die Beamten wurde allen Angestellten folgender Vorschlrg 
gemacht. Sämtliche Angestellte wurden in sechs Gehaltsklassen 
eingeteilt, von Lenen die erste die Gehälter von 20 000 Dollar 
und mehr, die letzte die Gehälter von weniger als 800 Dollar 
int Jahr umfaßte. Im Januar &lt;905 bot die Gesellschaft diesen 
Angestellten Aktien zu 82,50 Dollar das Stück an, etwas niedriger 
als der damalige Börsenkurs; davon durste die erste Klasse für 
5% des Gehaltes zeichnen, die zweite für 8% usw. bis zur letzten 
mit 20%. Die Aktien brauchten nicht sofort voll bezahlt zu werden; 
vielmehr waren monatliche Teilzahlungen bis zum Verlauf von 
drei Jahren gestattet, vom Beginn der ersten Ratenzahlung an 
bezog jedoch d e Aktie 7% Dividende, während für ausstehende 
Zahlungen davon nur 5% an die Gesellschaft zu vergüten waren. 
Nach 2lbzahlung der Aktie war sie freies Eigentum des, Arbeiters 
und konnte beliebig veräußert werden. Dem Stahltrust lag aber 
daran, die Arbeiter zu veranlassen, bei der Gesellschaft zu bleiben; 
es wurde ihnen deshalb für jede Aktie in ihrem Besitz, gleiche- 
gültig ob voll oder teilweise eingezahlt, zu Anfang jeden Jahres, 
das sie noch im Dienste der Gesellschaft ständen, eine Sonder 
vergütung von 5 Dollar gezahlt, und zwar 5 Jahre lang. Die von 
den Arbeiteraktionären für ausstehende Abzahlungen gezahlten 5% 
endlich beanspruchte die Gesellschaft nicht fürftich selbst, sondern 
bildete daraus einen Fonds, der nach 5 Jahren an die noch im 
Dienste der Gesellschaft befindlichen Arbeiteraktionäre zur Vertei 
lung kommt. Dieser von einem Sozius pierpont Morgans,
        <pb n="123" />
        Gewinnbeteiligung. 
I &gt;7 
George ID. Perkins, ausgebuchte plan bewährte sich sehr 
gut; über 50 000 Angestellte, und zwar meistens kleinere Arbeiter, 
fanden sich schon in den ersten Jahren, die ihn durchhielten. In 
der Tat sind auch die Vorteile sür den Arbeiteraktionär daraus 
besonders groß. 
Lin französisches Gesetz vom 26. April I9H? stellt 
jeder.Aktiengesellschaft frei, sich in eine solche mit Arbeiter 
beteiligung (ä participation ouvriere) umzuwandeln. In diesem 
Falle werden Arbeiter und Angestellte zu einer „arbeitergenossen- 
schäftlichen Handelsgesellschaft" zusammengeschlossen, welche die 
Dividenden der „Arbeitsaktien" zur Verteilung unter ihre Mit 
glieder erhält und die auch im Aufsichtsrat durch ein oder mehrere 
Mitglieder vertreten sein kann. hier ist auch ein Weg zu dem 
früher von mrs erwähnten Mitbestimmungsrecht der Arbeiter ge 
geben. 
Wir sehen ans den angeführten Beispielen, die beliebig ver 
mehrt werden könnten, daß das problem des Arbeitslohnes im 
vollen Flusse ist. von der primitivsten Form an, der Entlohnung 
des Tagelöhners nach der Zeit über die Entlohnung nach der 
Leistung aus Grund exakter Berechnung bis zum versuch der Auf 
hebung des Lohnes und seiner Ersetzung durch einen Anteil am 
Geschäftsgewinn finden wir alle denkbaren Formen. Im Interesse 
der allgemeinen Volkswirtschaft liegt dabei eine Ausgleichung 
zwischen den berechtigten Ansprüchen der Unternehmer und der 
Arbeiter. Diese Ausgleichung ist freilich noch weit von einer 
völligen Erfüllung entfernt; abgesehen von den technischen Schwie 
rigkeiten einer genauen Bewertung der Arbeiterleistungen stehen 
dem die beiderseitigen weitergehenden Forderungen und Macht- 
ansprüche entgegen. Stellt doch die sozialistische Lehre die These 
auf, daß das gesamte Arbeitsprodukt alleiniges Eigentum der 
Arbeiter sein muß. will also Leistungen und Ansprüche von Unter 
nehmung und Kapital überhaupt nicht anerkennen. 
So ist denn die Geschichte des Arbeitslohnes zugleich eine Ge 
schichte des Kampfes zwischen Arbeiter und Unter 
nehmer, jenes Kampfes, der die ganze Gegenwart ständig 
durchzieht und jetzt die Gesellschaft in heftigen Ausbrüchen bis 
auf die Grundfesten erschüttert. 
Der Gegensatz gegen den Unternehmer ist namentlich für den . 
Industriearbeiter mehr und mehr Zum hauptaegenstand seines 
Klasseninteresses geworden,, seit er nicht mehr, wie der alte tzand-
        <pb n="124" />
        Das Arbeitseinkommen. 
NS 
werksgeselle cs noch hosfen konnte, die Möglichkeit emporiusteigen 
sicht. Er prägt sich denn auch P o l i t i s ch auf das schroffste aus; 
die Chartisten beweg ung in England in den dreißiger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts, die Rommune-Auf- 
stände m Frankreich und 1871, d i e russische, die 
ungarische, die deutsche Revolution sind einzelne 
besonders markante Erscheinungen. Sie gingen allerdings in ihren 
fielen, tie auf eine Umänderung oder den Umsturz der gefamten 
Staats« und Gesellschaftsorganisation sich richteten, viel weiter als 
nur auf das Linkommensverteilungsproblem; doch bildet dies 
die eigentlichste (Quelle ihrer Kraft. Diese politischen Ereigniss.' 
können wir hier nicht verfolgen; doch müssen wir noch einen Blick 
auf die besonderen Mittel und weikzeuge werfen, die sich Unter- ' 
nehmer wie Arbeiter für den L o h n k ä m p f schufen. 
In dem Maße, wie sich das alte Bandwerk in die moderne 
Industrie umwandelt, verschiebt sich das Verhältnis der Zahl 
zwischen beiden Parteien; während der Handwerksmeister einige 
wenige Gesellen und Lehrlinge beschäftigte, steht ben. moderne 
Unternehmer Hunderten, ja tausenden von Arbeitern gegenüber. 
Der Handwerksmeister konnte in große Verlegenheit gesetzt werden, 
wenn ihm ein besonders tüchtiger Geselle — vielleicht sein einziger 
— davonging; der moderne Fabrikbesitzer wird dem Fortgang 
eines einzelnen Arbeiters- gegenüber kühl bis ans Herz bleiben, 
paßt dem Arbeiter im Bergwerk, in der Baumwollspinnerei sein 
Lohn oder die Arbeitsbedingungen nicht, so ist er völlig machtlos, 
dies zu ändern, falls der Unternehmer nicht etwa gutwillig seine 
wünsche erfüllt; er kann nur fortgehen und wird vielleicht so bald 
keine neue Stellung finden. Dies ändert sich in dem Augenblick, 
als die Arbeiter sich z u s a m m e n s ch l i e ß e n. In der 
Regel wird allerdings selbst der Zusammenschluß aller Arbeiter 
einer Fabrik sie noch nicht zu einer dem Besitzer ebenbürtigen 
Macht erheben; denn die Gesamtzahl aller 2lrbeiter eines Gewerbes 
ist so groß, daß sich auch für eine größere Zahl nicht unschwer 
Ersatz finden läßt, wenn aber sämtliche Arbeiter eines Gewerbes 
sich vereinigen und dadurch ein solcher Ersatz unmöglich wird, 
ist wirklich ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte hergestellt. 
^ Dle Arbeiter haben denn auch frühzeitig begonnen, einen solchen 
Zusammenschluß nach Gewerbe n anzustreben, wie die 
Entwicklung der modernen Großindustrie in England einsetzt, so 
auch die der Arbeiterverbiudungen, der. G e w e r k v e r e i n e ,' in
        <pb n="125" />
        Kampf zwischen Arbeiter und Unternehmer. U9 
England Trad e-Unions genannt. Die Gewerkvereine sind 
verbände der Selbsthilfe, welche die gemeinsamen Interessen der 
Arbeiter bezüglich Arbeitslöhnen und Arbeitsbedingungen wahren 
sollen; sie erreichen dies durch Verhandlungen mit den Arbeit, 
gebetn und durch eventuelle Unterstützung der arbeitslosen Mit 
glieder. Sie waren lange Gegenstand erbitterter Meinungsgegen- 
fätze, wurden sogar in Großbritannien wie auch in Frankreich 
zu Beginn des ,9. Iahrhunderts eine Zeitlang ganz verboten. 
Allmählich jedoch hat sich die Stellung der öffentlichen Meinung 
und damit auch der Gesetzgebung gegenüber den Gewerkvereinen 
völlig verändert. Mit ihrer Anerkennung wurde auch die Stel 
lung der Arbeiter eine andere. Selbsthilfe und Selbstverwaltung 
hoben den moralischen und geistigen Standard des 2lrbeitertums, 
schoben ihnen aber auch die Verantwortung für jede leichtherzige 
Störung der Wirtschaft zu. So haben die Gewerkvereine den 
Lohnkampf „organisiert", ihm eine größere Basis gegeben, aber 
doch in den Formen gemildert. Die Zerstörung von Eigentum, 
die Krawalle, die Aufstände, die Anfang des vorigen Iahrhunderts 
und noch später diese Lohnkämpfe begleiteten — man denke an 
Gerhart Hauptmanns „Weber" oder Zolas „Germinal", die beiden 
klassischen Schilderungen sozialer Aufstände — waren fast ganz 
verschwunden. Allerdings leben sie jetzt unter dem Zeichen des 
Bolschewismus und des „Syndikalismus" wieder 
auf, die die Theorie von der Notwendigkeit der Zerstörung der 
heutigen Gesellschaft erneuern, aber diese Bewegung steht in einem 
Gegensatz zu den Gewerkschaften. 
Auch in Deutschland haben die Arbeiter sich in Fach- 
verbände organisiert; entsprechend der Mannigfaltigkeit der poli 
tischen Richtungen in Deutschland sind auch diese Fachverbände 
trotz des im wesentlichen gemeinsamen Zieles getrennt. Den An 
stoß gab das englische Vorbild, dem zuerst Ende der sechziger Iahre 
die sozialdemokratischen Arbeiter L a's s a l l e s ch e r Richtung 
folgten. Fast zu gleicher Zeit mit diesen sich „Gewerkschaf 
ten" nennenden Organisationen traten die von den liberalen 
Führern M a x Lj i r s ch und D u n ck e r begründeten „Gewerk- 
v e r e i n e" auf den Plan. Sie hielten ursprünglich streng an dem 
Gedanken der Selbsthilfe fest, verwarfen also speziell jeden Staats 
eingriff selbst auf dem Gebiete des Arbeiterfchutzes, während die 
Gewerkfämften, denen sich auch Anhänger der Marxfchen 
Richtung anschlössen, sich sozialdemokratischen dlnfchauungen
        <pb n="126" />
        120 
Das Arbeitseinkommen. 
näherten. Grundsätzlich erklärten sie allerdings ihre Unabhängig- 
feit von der Partei, weshalb sie sich auch freie Gewerkschaften 
nannten, hatten aber unter der Periode der Bekämpfung Ser 
Sozialdemokratie durch das Sozialistengesetz so stark zu leiden das; 
sie fast ganz verschwanden. Auch ist der Partei selbst machte sich, 
und zwar bis auf die Gegenwart, in der die Gewerkschaften längst 
wieder eine austerordentliche Ausbreitung erlangt’ hatten, eine 
ftarfe Gegnerschaft gegen die Gewerkscbaftsbeweaung aeltend, oon 
der man eine Abschwächung des politischen Kampfes" und einen 
verzicht aus die Aukunstsideale des Sozialismus fürchtet. Diese 
doktrinäre Gegnerschaft hat der Ausbreitung des aewerkschaft- 
lichen Gedankens in der Arbeiterschaft freilich keinen "Einhalt tun 
können; im Gegenteil haben die Gewerkschaftsführer, soweit sie 
zugleich der partei angehören, die Leihen der „Revisionisten" 
verstärkt. x 
Eine dritte Gruppe bilden die „ch r i st l i ch e n" Gewerk-’ 
schäften, die in den neunziger Jahren entstanden. Sie lehnen 
sich an ältere christliche Vereinigungen an, sind zum Teil auch 
völlig selbständig, wesentlich ist," daß sie sich auf den Boden der 
geltenden Gesellschaftsordnung stellen und nur innerhalb dieser 
die Besserung der Arbeiterinteressen durchführen wollen. So kommt 
es gelegentlich zu, einem scharfen Gegensatz zu den freien Ge 
werkschaften; beispielsweise brach der Kohlenarbeiterstreik im 
Ruhrrevier im Frühjahr so,? infolge ihrer ablehnenden Saltung 
zusammem . 
Eine letzte Gruppe waren die sogenannten „gelben" Ge 
werkschaften, die ,899 in Frankreich entstanden sind und 
dann auch auf Deutschland übergriffen. Sie lehnen grundsätzlich 
den Klassenkampf ab und stellen sich auf nationalen Boden; dem 
gemäß erfreuten sie sich auch der Unterstützung der Unternehmer, 
die sogar solche Vereine direkt ins Leben riefen. Der Name „gelbe 
Vereine wird gewöhnlich damit erklärt, daß einer Versammlung 
in Frankreich von Gegnern die Fenster eingeworfen wurden, die 
sie mit zufällig vorhandenem gelben papier zuklebten; so entstand 
ein Spitzname, der dann wie oft in ähnlichen Fällen von den 
Betroffenen selbst aufgenommen wurde. 
Der Schwerpunkt ruht zurzeit bei den eigentlichen Kamps- 
organen; die gelben Vereine haben während der Revolution be 
trächtliche Einbuße erlitten. Im Mai ,9,9 betrug die Mitglieder 
zahl der
        <pb n="127" />
        Gerverkversine. 
12( 
freien Gewerkschaften rund 4 500 000 
Hirsch Dunckerschen Gewerkvereine rund \ so 000 
christlichen Gewerkschaften rund 850 ooo 
Die Aufgabe der Gewerkvereine ist die Hebung der Löhne 
und Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder. Sie suchen dies ge 
gebenenfalls durch friedliche Unterhandlungen mit dem Arbeit 
geber zu erreichen, wie denn unter Umständen das bloße Vor 
handensein eines Gewerkvereins genügen mag, freiwillige Zu 
geständnisse der Unternehmer herbeizuführen, verbunden damit 
ist ein ausgedehntes Unterstützungswesen, das auch noch neben 
der staatlichen Arbeiterversicheru&gt;ng eine bedeutende Rolle spielt. 
Line besondere Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Lebens 
standard der Arbeiterschaft haben ihre Arbeitslosenunterstützungen, 
die durch Reiseunterftützungen für arbeitsuchende Mitglieder er 
gänzt werden. Kranken-, Invaliden- und Sterbegelder bilden 
den zweiten Teil der geldlichen Leistungen der Gewerkvereine. 
Der wesentlichste Punkt aber sind die Unterstützungen bei Streiks 
und Aussperrungen; sie sind die Waffen, mit denen die Vereine 
ihre Kämpfe durchfechten. Der Streik, d. h. der gemeinsame 
Ausstand einer größeren Anzahl 2lrbeiter eines Betriebes oder 
gar eines ganzen Gewerbes, ist das Mittel zur Erreichung der 
jenigen Forderungen, die im Wege der Unterhandlung nicht durch 
gesetzt werden können. Um den Streik gegebenenfalls durch 
halten zu können, sammeln die Gewerkvereine ihre Streikfonds; 
sie organisieren den Streik, suchen Zuzug fernzuhalten, bestimmen 
den Zeitpunkt der Wiederaufnahme der Arbeit. Daß der Streik 
eine zweischneidige Waffe ist, liegt auf der Hand. Das galt schon 
von den relativ harmloseren Streiks der vorrevolutionären Zeit. 
In jedem Falle kostete er die Streikenden die aufgesparten Streik 
fonds, die zudem nur eine knappe Beihilfe für sie bedeuten konnten, 
während sie den Rest des Lohnausfalls ans eigenen Ersparungen 
oder durch Hunger einbringen mußten. Er schädigte aber ferner 
nicht nur den Unternehmer, der nicht produzieren konnte, sondern 
weite volkskceise, -bie. gänzlich außerhalb der umstrittenen Diffe 
renzen standen. Die Rohstosslieseranten und die Weiterverarbeiter 
(letzteres besonders bei Streiks der Bergwerksarbeiter, da sämt 
liche Gewerbe auf Kohlen angewiesen sind), die Handelsvermitt 
ler, die Inhaber derjenigen Geschäfte, in welchen die Streikenden 
zu kaufen pflegen, wurden schwer getroffen. Dabei stand es mit
        <pb n="128" />
        122 
Düs Arbeitseinkommen. 
dem Erfolg des Streiks sehr zweifelhaft; so gab z. 23. die amtliche 
deutsche Statistik, die wohl alle nennenswerten Fälle erfaßte, für 
1910 an, daß von 2H5 in diesem Jahre beendeten Streiks nur 
419 einen vollen und 9O8 einen teilweisen Erfolg hatten, während 
786 glatt verloren gingen. 
Die Situation wurde für die Arbeiter immer weniger aus 
sichtsreich,^ feit nun auch die Unternehmer sich zu koalieren be 
gannen. Solcher Arbcitgebervereine gab es bereits eine 
ganze Anzahl, als ein an sich anfangs nicht besonders beachteter 
Arbeitskampf sie zusammenführt^. In deni kleinen sächsischen 
Städtchen L r i m m i t s ch a u war irrt Winter 1902/04 ein Streik 
ausgebrochen, durch den die streikenden Weber sich den Jehn- 
stundentag erringen wollten. Als der Kampf sich wider Erwarten 
in die Länge zog, riefen die Streikenden die Hilfe der anderen 
deutschen Arbeiter an und in kurzer Zeit wäret: Hunderttausende 
von Mark zu ihrer Unterstützung zusamniengebracht. Dadurch kam 
der Stein auch auf der Gegenseite ins Rollen. Die einzelnen 
Arbeitgebervereine traten zu einem großen deutschen Arbeitgeber- 
verband zusammen, der die Lrimmitschauer Fabrikanten so nach 
drücklich unterstützte, daß die Arbeiter den Streik verloren geben 
mußten. Dem ersten dieser verbände, der „H a u p st e l l e deut 
scher Arbeitgeberverbände", schloß sich -bald noch ein 
„Verein deutscher Arbeitgeberverbände" an, der 
im wesentlichen dje gleichen Ziele vertrat und sich später mit der 
Hauptstelle zusammenschloß; auch diese Organisationen wurden 
immer stärker ausgebaut. Ibre Waffen waren Aussperrun 
gen, schwarze Listen, Streikversicherung. 
Die Machtverschiebungen zwischen den bis dahin herrschenden 
Unternehmerschichten und den Arbeitermassen im Gefolge von 
Krieg und Revolution haben nun zu einer bisher noch gar nicht 
übersehbaren Veränderung der verhältinsse geführt. Die Gewerk 
schaften haben trotz starken Wachsens der Mitgliederzahl an Be 
deutung und Einfluß außerordentlich eingebüßt; in England hat 
die Regierung Lloyd Georges sie unter Kriegsrecht gestellt m:d 
ihnen die Anwendung ihrer Machtmittel unmöglich gemacht. So 
entstanden dort schon während des Krieges neue Organisationen, 
lokale Zusammenfassungen der Arbeiter eines Betriebes, die 
shop councils, die dann durch weitere Zusammenfassungen 
in Bezirken neben den Berufsorganisationen der Gewerkschaften 
sich zu einer neuen, traditionslosen und äußerst radikalen ver-
        <pb n="129" />
        Streiks, Arbeiterräte, Tarifverträge. 123 
tretung der Arbeiterschaft auswuchsen. In Rußland erlangten 
die „A r b e i t e r r ä t e" die politische kierrschast. In Deutsch 
land kämpft zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen das Räte 
system um gesetzliche 2lnerkennung. Mit der Zurückdrängung des 
mäßigenden Einflusses der erfahrenen Gewerkschaftsführer und 
vor allem unter dem Eindruck des verlorenen Krieges auf der 
einen, der siegreichen Revolution auf der anderen Seite hat die 
Lohnbewegung einen Umfang und Formen angenommen, die eine 
Vergleichung mit allem Bisherigen nicht mehr erlauben. Fiir 
breite Massen der Arbeiterbevölkerung ist die soziale Revolution 
in einen Lohnkampf umgeschlagen, der mit der Schärfe des Krieges 
selbst ausgekämpft wird; für die Anhänger des Kommunisnius 
ist dieser Lohnkampf, der Streik in allen feinen Formen von der 
passiven Resistenz bis zum terroristischen Generalstreik ein Mittel 
zur völligen Vernichtung der ,.bürgcrlicheir" Gesellschaft gewor 
den, aus deren Trümmern nack' mystischem Glauben das Reich 
der Gerechtigkeit emporsteigen soll. Wieweit diese ganze Be 
wegung nicht von der Kriegs- und bfungerpsychose getragen wird, 
ob der Gewinn dem Einsatz der fast völligen Vernichtung der 
Volkswirtschaft entsprechen wird und entsprechen kann, das kann 
nur der Erfolg lehren. Glaubhaft scheint es leider nicht. 
Je schärfer gerüstet beide Parteien einander gegenüberstehen, 
um so stärker wird, wie im Leben der Völker, die N o t w e n d i g - 
Feit eines,friedlichen Ausgleichs empfunden. Die 
Anfänge dazu sehen wir bereits in Schiedsgerichten, in 
denen unter Zuziehung von Delegierten beider Parteien und unter 
dem Vorsitz von Unparteiischen eine große Reihe von Streitfällen 
beigelegt werden konnten. Bedeutungsvoller noch sind die 
Tarifverträge, d. h. Kollektivoerträge zwischen Vertretern 
der Arbeiter und Arbeitgeber, in denen Lohn- und bisweilen auch 
Arbeitsbedingungen von vornherein im gütlichen Einverständnis 
festgesetzt werden, um Streitigkeiten überhaupt auszuschließen; 
durch eine geeignete Grganisation wird für die ständige Fort 
bildung der Tarifverträge gesorgt, wie sie durch den Wechsel der 
Produktions- und allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse erforderlich 
wird. Solche Tarifverträge beziehen sich zumeist auf einzelne 
©ite, manche — wie der berühmte Bnchdruckertarif — auf das 
ganze Land. Durch die — schon vor der Revolution eingeleitete 
— auf Herbeiführung einer grundsätzlichen Arbeitsgemeinschaft 
gerichtete Vereinbarung der Arbeitgeber- und Arbeitnehmer--
        <pb n="130" />
        &lt;24 
Das Arbeitseinkommen. 
verbände vom &lt;5. November &lt;9&lt;8 sind Aollektivverträae und 
Zchlichtungsausschiisse nunmehr zur allgemeinen Voraussetzung 
der gegenseitigen Beziehungen erhoben; auch auf die Landwirt 
schaft ist ihre Wirksamkeit ausgedehnt worden. 
So dankenswert auch alle Versuche zu einem 2lusgleich zwischen 
beiden Parteien sind, so darf man sie in ihrer Wirksamkeit nicht 
überschätzen. (Ein Blick in eine beliebige Zeitung genügt als Be 
weis dafür, wie heftig die beiden Welten noch in Waffen gegen 
einander stehen, wie gering die Aussichten der „Industriepazifisten" 
sind. Immer wird die Verschiedenheit des Lebensstandards cmx- 
funden werden; immer wird die Arbeiterschaft, getragen von 
ihrem starken Alassenbewußtsein, den Versuch machen, einen 
größeren Anteil von den Schätzen des Lebens zu erbeuten. 
Da drängt sich denn von selbst die Frage auf, ob nicht der 
Staat, der über beiden Parteien steht, berufen sei, in dem 
Streit zu vermitteln. Tatsächlich wirkt der Staat schon längst im 
Sinne eines Linkommensausgleiches; die progressive Einkommen 
steuer, die Vermögenssteuer, die soziale Arbeiterversicherung be 
wirken eine nicht zu unterschätzende Übertragung von Vermögens 
anteilen aus dem Besitz der wohlhabenderen Schichten und der 
Unternehmer in die der arbeitenden Klassen. Aber dies ist ein 
Umweg, im gewissen Sinne auch nur eine Nebenabsicht, wir sahen 
aber in unseren Tagen den Staat auch ganz direkt und mit voller 
Absicht in das Lohnproblem eingreifen, und zwar im Interesse der 
Arbeiter. 
Man konnte auch bisher mit Esinblick auf die Arbeiterorgani 
sationen nicht immer sagen, daß der Arbeiter der schwächere Teil 
sei. Zuzugeben wird dies jedoch ohne weiteres für denjenigen 
Teil der Arbeiterschaft sein, der sich nicht zu organisieren vermag, 
wie die bjeimarbeiter. Die Lohnkämpfe dieser Arbeiter zu 
unterstützen, haben z u e r st a u st r a l i s ch e Staaten und nach 
ihnen (England versucbt. Die englische Trade Boards 
Act von &lt;909 sieht in zunächst vier Heimindustrien die Errich 
tung von Lohnämtern vor, die aus Arbeitgebern, Arbeit 
nehmern und von der Regierung ernannten Mitgliedern bestehen; 
diese Lohnämter setzen Minimallöhne für Zeitarbeit und ge 
gebenenfalls für Akkordarbeit mit zwingender Verbindlichkeit fest. 
Liegt hier der Grund, auf den hin die Regierung sich zu autori 
tärer Lohnfestsetzung berechtigt glaubt, in der ksilflosigkeit der 
Arbeiter, so kann auch umgekehrt die bevorzugte Lage der Unter-
        <pb n="131" />
        Minimallöhne. 
125 
nchmer einen solchen Grund abgeben, namentlich dann, wenn 
sie diese auf Grund eines staatlichen Privilegs erreicht haben. 
Solcher Art ist die „Ziem protectio n" australischer Staaten, 
welche die Gewährung von Schutzzoll oder Produktionsprämien 
an die Verwendung ryeißer Arbeiter (Schutz gegen farbige Arbeit!) 
zu „angemessenen Löhnen" knüpft. Auch Deutschland hat 
diesen Weg in dem Aaligesetz d o nt 25. Mai lstlO be 
schritten. Dieses Gesetz, zu dem später mehrfache Ergänzungen 
erfolgt sind, gewährt den Raliproduzenten gewisse Vorteile, die 
dem einzelnen Werk nack Maßgabe seiner „Beteiligungsziffer" 
zustehen. Sinkt nun auf einem Aaliwerk der Lohn für. eine 
Arbeiterklasse unter den Durchschnittslohn der Jahre &lt;907/09, so 
wird die Beteiligungsziffer im gleichen Maße für das folgende 
Jahr gekürzt, und zwar mindestens um to%, das gleiche tritt ein, 
wenn die regelmäßige Arbeitszeit über die des Jahres &lt;909 steigt. 
Das sind weitgehende Eingriffe in die Lohngestaltung, die aber 
doch sowohl bei der Heimarbeit wie in den australischen und 
deutschen Fällen'der New protection in der. besonderen Sachlage 
ihre Begründung finden. Aber selbst ohne solche besondere Be 
gründung, Stnsa.ch im Interesse des allgemeinen Staatswohls 
haben in allerjüngster Zeit autoritäre Lohnregelungen statt 
gefunden. In Australien geschah dies unter dem Einfluß der 
herrschenden Arbeitetklasse; der erste Fall, daß ein rein bürger 
licher Staat diesen vielleicht verhängnisvollen Schritt zu tun 
gewagt hat, ereignete sich in Großbritannien im Früh 
jahr &lt;9&lt;2 auf Anlaß des großen Bergarbeiterstreiks. Das nach 
einer Debatte von wenigen Tagen angenommene Mindest- 
lohngesetz für Bergarbeiter vom 29. März &lt;9&lt;2 
bestimmt, daß Mindestlöhne festzusetzen sind, die jeweilig für be 
stimmte Bezirke Geltung haben sollen; die Festsetzung erfolgt 
durch Bezirksausschüsse, in denen Bergarbeiter und Bergwcrks- 
unternehmer des Bezirks nach Ermessen des Sandelsantts „gerecht 
und angemessen" vertreten sind, unter Vorsitz eines Unabhängigen. 
Mit diesem Gesetze knüpft Großbritannien die Fäden der. Ent 
wicklung wieder an,, welche die neu aufkommende liberale Wirt 
schaftslehre im 18. Jahrhundert zerriß, wenn es damals der 
Friedensrichter war, welcher die Löhne festsetzte, während jetzt 
eine Selbstverwaltungsorganisation vom Staate mit dieser Auf 
gabe betraut ist, so entspricht dies den veränderten politischen An 
schauungen; wirtschaftlich ist .ber Unterschied nicht ins Gewicht
        <pb n="132" />
        Das Besitzeinkomnien. 
126 
fallend, da auch früher dis Parteien gehört wurden und auch jetzt 
die eigentliche Entscheidung in der Person des „Unabhängigen" 
liegt, lvelchb tiefgehende prinzipielle Bedeutung dieser Eingriff 
in das freie Spiel der Kräfte auf dem Arbeitsmarkt einer der 
wichtigsten Industrien hat, liegt auf der Lfand; der praktische Er 
folg aber scheint nicht sehr groß gewesen zu sein, wenigstens 
wird andauernd weiter über Lohnkämpfe der Bergarbeiter be 
richtet, welche die Festsetzungen der Bezirksausschüsse nicht an 
erkennen wollen. Nichtsdestoweniger ist der Versuch im Jahre 
J917 in England wiederholt worden, indem -— im Zusammen 
hange mit der Gesetzgebung zur pebung der landwirtschaftlichen 
Produktion^ die auch Mindestpreise für landwirtschaftliche Pro 
dukte auf 5 Jahre vorsieht — ein alter Lioblingsgedanke voll 
Lloyd George durchgefühlt und Mindcstlöhne für Landarbeiter 
festgesetzt wurden. Dem Ergebnis dieses Experiments wird man 
mit Interesse entgegensehen müssen. 
2. Besitzeinkommen. 
Der Besitz hat als Einkommensquelle nur dann 
Bedeutung, wenn er zu Produktionszwecken verwendet 
werden kann, kfätte Robinson auf seiner einsamen Insel alle 
Schätze des Krösus, sie wären doch tot für ihn und brächten ihur 
keinen Pfennig ein; nur dann, wenn er damit Werkzeuge an 
schaffen, Arbeiter besolden, kurz produzieren könnte, gäben sie 
Ertrag, wenn sich der Schreiner eine kfobelmaschine kaufen kann, 
wird er vielleicht das Zehnfache der kfobelleiftung bei dem gleichen- 
Aufwand persönlicher Arbeit fertigstellen können als vorher; fin 
det er genügend Abnehmer für dieses Mehrprodukt, so hat ihni 
nun das in der Hobelmaschine angelegte Kapital Einkommen ge 
bracht. vermehrt er'die Zahl der Maschinen, so steigt das Pro 
dukt und das Einkommen entsprechend weiter; aber er ist nicht 
imstande, alle diese Maschinen selbst zu bedienen, sondern er muß 
dafür 2lrbeiter finden. So ist jede ausgedehntere Verwendung' 
von Kapital im Gewerbe daran gebunden — abgesehen davon, 
daß sich zahlimgsfähige Abnehmer für das Mehrprodukt einstellen 
müssen —, daß in hinreichender Zahl besitzlose Leute vorhanden 
sind, die gegen Arbeitslohn in den Dienst des Kapitalisten treten. 
Die Verwendung von Kapital fetzt deshalb außer einer gewissen 
tzöhe der Technik eine soziale Schichtung voraus; hat jeder genug
        <pb n="133" />
        Besitz als Einkommensquelle. 
12? 
zum Leben und begehrt nichts mehr, wie etwa bei einem primi 
tiven Ackerbauvolke, da wird sich ein Besitzeinkommen dieser Art 
nicht entwickeln können. 
Innerhalb -er Ackerbauvölker selbst vollziehen sich solche s o - 
ziale Schichtungen freilich zeitig; schon irrt deutschen 
Mittelalter steht neben dem großen wie dem kleinen Landbesitzer 
der Landlose. Doch führen der verhältnismäßig niedrige Stand der 
materiellen Gesamtkultur wie die politischen Verhältnisse im 
wesentlichen nicht zur Bildung von Großbetrieben; vielmehr tut 
der Landbesitzer sein Land an selbständig wirt 
schaftende Bauern aus, die ihm Abgaben in Naturalien 
zahlen. Damit ist ein reines Besitzeinkommen geschaffen, das durch 
die politische und int späten Mittelalter bis zur Neuzeit auch recht 
liche ribhängigkeit der Bauern allerdings eine besondere Färbung 
erhält. In der Gegenwart, wo der Landbauer völlig frei ist, zeigt 
die Pachtung das klarste Beispiel einer völligen Trennung 
zwischen Kapital, d. h. Bodenbesitzer und Produzenten; der Ver 
pächter bezieht sein Einkommen ohne jede Arbeit, aus die bloße 
Tatsache des Besitzes hin. 
In unserer Zeit ist jeder Besitz, sei cs Grund und Boden, Ma- 
schitten oder Inventar oder Forderungsrechte, in Geldsummen, 
ausdrückbar; die Leihgebühr für alle diese^ Kapitalformen können 
wir verschieden benennen. Beim Grundbesitz sprechen wir votr 
Pacht, bei städtischem Grundbesitz von Miete, bei Geldkapital von 
Zins. In allen diesen Fällen aber handelt es sich um arbeits 
loses Einkommen aus der bloßen Tatsache des Besitzes von Kapi 
tal im weiteren Sinne (d. h. Vermögenswerten). Der Ausdruck 
Renten- oder Zinseinkommen umfaßt diese sämt 
lichen Ginkommensarten. 
Das Phänomen des arbeitslosen Kapitaleinkommens, des Zin 
ses, hat die Wissenschaft zu allen Zeiten lebhaft beschäftigt. Unter 
den zahllosen Zinsthorien führen wir nur wenige an. wir 
wissen, daß die phvsiokraten einen wirklichen Ertrag nur dem 
landwirtschaftlich benutzten Boden zuschrieben. 21 uf dieser Vor 
stellung baut sich die sogenannte Fruktifikationstheorie Turgots 
auf. Er setzte auseinander, daß, da jeder Grundstücke erwerben 
könnte, eine Kapitalausleihung für andere Zwecke ohne ent 
sprechende Verzinsung Verlust bedeuten würde und deshalb der 
Kapitalentleiher diesen Verlust durch die Zinszahlung ersetzen 
müsse. Derselbe Gedanke ist in der modernen Bodenreform-
        <pb n="134" />
        128 
Das Besitzeirikommeil. 
bewegung ausgesprochen worden, wobei dann die Bodenvcrstaat- 
lichung mit. der Begründung verlangt wurde, daß damit der 
Zins verschwinden würde. Diese Unterscheidung zwischen Boden 
zins und sonstigem Rapitalzins läßt sich nicht ausrechterhalten,. da 
eben die voraussetzutrg (die alleinige Produktivität des Lodens) 
irrig war. Senior leitete in seiner Zlbstinenztheorie den Zins 
aus dem verzicht des Kapitalisten aus den verzehr seines Ver 
mögens her, sür den er Entgelt verlangen könne. Diese Dar 
legung enthält insofern einen wertvollen Kern, als sie ein Motiv 
zur Kapitalbildung aufzeigt; sie erklärt aber immer noch nicht, 
wodurch denn der Entleiher in den Stand gesetzt ist, Zins zu 
zahlen. Die weiteste Verbreitung hat gegenwärtig wohl die sog. 
Agiotheorie des wiener Forschers v. B ö h m - B a w e r k. Er er 
klärt den Zins als wertdisferenz zwischen gegenwärtigen und 
künstigeri Gütern. .Gegenwärtige Güter würden in aller Regel 
höher geschätzt als künftige, so daß man sür ihre sofortige Nutzung 
ein Entgelt zu geben gewillt sei. Diese Erklärung ist zweifellos 
richtig für den Konsumtivkredit, wer sür die Zwecke seines un 
mittelbaren Verbrauchs' ein Darlehen aufnimmt,, schätzt in der Tat 
die gegenwärtigen Güter höher als die späteren; aber nicht aus 
einer wirtschaftlichen, sondern aus einer unwirtschaftlichen Er 
wägung heraus. Den Lsungernden treibt das physiologische Be 
dürfnis,'den Verschwender der Leichtsinn dazu, unwirtschaftlich zu 
handeln, d. h. eine Jukunstsverpslichtung einzugehen, deren Er 
füllung ihm durch das Darlehen keineswegs erleichtert wird. 
Das gegenwärtige Darlehen und die künftige Rückerstattung stehen 
überhaupt in keiner wirtschaftlichen, sondern nur in einer recht 
lichen Beziehung; der Entleiher gebraucht nicht Kapital, sondern 
verbraucht Genußgüter, deren Rückerstattung nur möglich ist, 
wenn ihm in Zukunst andere Einnahmequellen zur- Verfügung 
stehen.. In diesem Falle gibt der Kapitalbesitzer eigentlich kein 
Kapital oder vielmehr der Entleiher verwendet es nicht als 
„Kapital", als. produktionsgut, sondern als Konsumtionsgut. 
Darin liegt wohl auch der Grund, warum nach neuerer Forschung 
die kanonistische Lehre des Mittelalters zwar für Konsumdarlehen 
das Zinsnehmen verbot, es aber für Darlehen an Unternehmer 
gestattete. Die Erklärung des Zinses für Kapital, das zu produk 
tiven Zwecken entliehen wird, liegt Darin, daß Kapital ja nichts 
anderes bedeutet als die Verfügungsgewalt über Produktions 
mittel (Rohstoffe, Maschinen, Arbeiter) und damit die Möglich-
        <pb n="135" />
        Der Jins. 
(29 
feit gibt, Die eigene Arbeit produktiver zu gestalten. Nur da 
durch, daß man produktive und konsumtive Verwendung des Dar 
lehens auseinanderhält, kommt man zu einer Erklärung des 
Zinses, der in beiden Fällen also etwas ganz verschiedenes be 
deutet. 
Die höhe des Zinses oder der Rente wird in der 
Regel durch das Verhältnis dieser Summen zu dem in Geld aus 
gedrückten Besitzwert bezeichnet. Man pflegt dafür die Prozent 
rechnung zu benutzen. Dabei liegt allerdings insofern eine ge 
wisse Schwierigkeit vor, als der Besitzwert, auf den sich die Pro 
zentrechnung bezieht, keineswegs immer eindeutig ist, sondern 
seinerseits außerordentlich stark schwanken kann. Berliner Hypo 
thekenbankprozesse haben gezeigt, daß von sachverständigen Taxa 
toren, deren Gewissenhaftigkeit an sich nicht zu bezweifeln war, 
für ein und dasselbe Grundstück Taxen von 2 und 6 Millionen 
Mark aufgestellt wurden; ein Zinseinkommen aus dem Grund 
stück, das im ersten Falle sich etwa auf 9% beliefe, würde bei 
Zugrundelegung der zweiten Taxe nur 3% betragen. Das sind 
aber nicht etwa besondere Ausnahmefälle, sondern die Wert- 
bemessung von Grundstücken ist anerkanntermaßen so schwierig 
und schwankend, daß der volksmund das harte Wort „Taxen sind 
Faxen" geprägt hat. Nicht besser ist es mit industriellen Unter 
nehmungen wie Fabriken und Bergwerken. Der schwankende 
Eharakter der Bewertung ruht hier allerdings nicht bloß auf deni 
subjektiven Ermessen, sondern entspricht zum großen Teil dem 
tatsächlichen Aonjunkturenwechsel, der sich ja in der Industrie 
viel rascher und häufiger vollzieht als auf dem Grundstückmarkt. 
In den Börsenkursen, die sich nicht nur von Tag zu Tag, sondern 
selbst während des^Börsenverlauss ändern, ist der sichtbare Nied er 
schlag dieser Meinungsverschiebungen zu finden. Es ist deshalb 
irrig, von der hohen Dividende einer Aktiengesellschaft ohne wei 
teres auf den Grad der Rentabilität zu schließen; diese muß viel 
mehr statt auf den Nominalbetrag der Aktie auf ihren Börsen 
kurs bezogen werden, da die meisten Aktienbesitzer diese eben nicht 
zu joo %, sondern je nachdem über oder unter diesem Nurse er 
worben haben. Beträgt z. B. die Dividende der Harpener Berg 
werksgesellschaft 8 %, so rentiert sich dem Kapitalisten,, der die 
Aktien zu einem Kurse von (80 % gekauft hat, sein Kapital nicht 
zu 8, sondern zu 4,3 %. Das gleiche gilt von der Anlage in An 
leihen des Staates und anderer öffentlicher verbände, wie über- 
Wygodzinski, Einführung in die Volkswirtschaftslehre. 
9
        <pb n="136" />
        150. 
Das Besitzeinkommen. 
Haupt für alle Papiere, ine - einen Kurs haben, lüic beim Lohn 
zwischen' Nominal- und Reallohn geschieden werden kann,, so 
ist auch beim Zins Nominal - und Realverzinsung 
wohl zu unterscheiden. 
Der Zins unterliegt w i e der Lohn dem Gesetz 
von Angebot und Nachfrage, das ja überhaupt den 
Schlüssel zu den meisten volkswirtschaftlichen Erscheinungen gibt. 
Am klarsten kommt dies beim reinen Leilstapital zum Ausdruck, 
da im Unternehmerkapital, wre es die Aktie repräsentiert, auch 
Unternehmungsrisiko und Unternehmergewinn das Ergebnis be 
einflussen. Im Zins des Leihkaptals steckt aber auch 
noch eine Risikoprämie, die seine Gesamthöhe beträchtlich 
ändern kanm Der lvucherzins ist deshalb besonders hoch, weil 
der Wucherer der Gefahr ausgesetzt ist, sein Kapital zu verliereir 
und bestraft zu werden. Es ist deshalb ein Irrtum, wenn man 
durch eine bloße Bestrafung des Wucherers — die natürlich durch 
aus notwendig ist — eine Herabsetzung des Zinses bzw. ein Ver 
schwinden des Wucherers erreichen zu können hofft; im Gegen 
teil, man erhöht dadurch nur das Risiko für den Wucherer, der 
dies in einem weiteren Jinsaufschlag zum Ausdruck bringt. Der 
Wucher ist nur dadurch zu beseitigen, daß man seine Ursachen be 
seitigt. Liegen diese wie bei der Bervucherung des deutschen 
Bauerntums in den ersten zwei Dritteln des vorigen Jahr 
hunderts in einer mangelhaften Befriedigung einer starken und 
berechtigten Nachfrage, so hilft die Eröffnung neuer anständiger 
Kreditquellen. In der Tat haben die genossenschaftlichen Spar- 
nnd Darlehnskassen den Wucher vom Lande so gut wie ganz ver 
drängt. Ist aber die Nachfrage derart, daß eine wirtschaftlich ge 
rechtfertigte Befriedigung ausgeschlossen ist, also sind- etwa Spiel 
schulden zu bezahlen oder ist eine Wirtschaft wegen Unfähigkeit 
des Besitzers in dauerndem Niedergänge, so wird man niemals 
verhindern können, daß -dunkle Ehrenmänner als'Geldgeber auf 
der Bildfläche erscheinen. 
Diese Risikoprämie kann ihre Ursache aber außer in den be 
sonderen Verhältnissen des Darlehnsuchenden auch in der Gesamt 
lage des Landes, dem Zitztande der öffentlichen Sicherheit,^ der 
Entwicklung .oder Zurückgebliebenbeit seiner wirtschaftlichen 
Hilfsmittel haben. Wenn bei uns in Deutschland zo % als ein 
wucherisch hoher Zins für ein Darlehen im regelrechten Geschäfts-
        <pb n="137" />
        9* 
Zinshöhe. 
!ohn 
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setz 
den 
;ibt. 
ruck, 
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zkeit 
uals 
auf 
be- 
amt- 
der 
^cheu 
ein 
äfts- 
lSi 
verkehr angesehen werden müßte, so wird man in Marokko oder 
Afghanistan recht froh sein, Geld zu diesem Satze zu erhalten. 
Endlich spielt auch noch die besondere objektive Sicher 
heit eine wichtige Rolle, welche für die verschiedenen Darsehns- 
arten sich vielfach abstuft. Als Beispiel hierfür sei die ksypothek 
genannt. Rach unseren: Lsypothekenrecht bürgt ein Grundstück den' 
„ ^Mpothekengläubigern nach der Reihenfolge der Eintragüngen; 
der Inhaber einer ersten Hypothek ist also viel gewisser, im Falle 
der Zwangsversteigerung für seine ganze Forderung Befriedigung 
zu finden als der Inhaber der zweiten oder gar der dritten und 
vierten Hypothek. Daher sind durchwegs die Zinsen einer ersten 
Hypothek niedriger als die einer zweiten oder dritten, und zwar 
berechtigtermaßen. 
Diese Sicherheitsgrade wirken natürlich auf das Angebot von 
vornherein ein; da die meisten Menschen erfreulicherweise ein 
sicheres Einkommen einem etwas höheren unsicheren vorziehen, 
sind erste Hypotheken viel gesuchter als spätere, ganz abgesehen da 
von, daß ein nicht unbeträchtlicher iiei! des. verfügbaren Natio 
nalkapitals (das Kapital öffentlicher Anstalten wie Sparkassen 
sowie das aller Bevormundeten) vom Gesetz auf solche „mündel 
sicheren" Anlagen verwiesen wird. Für die Gesamtentwicklung 
des Zinses ist in erster Linie aber das Verhältnis der ge 
samten nationalen Nachfrage nach Kapital zum 
nationalen Angebot entscheidend. 
Dieses Verhältnis findet einen hinreichend kennzeichnenden 
Ausdruck in den M e ch s e l z i n s s ä tz e n der g r o-ß en Z e n - 
tralbanken. Der Mechänismus bes- modernen Geldmarktes 
'hat hierin seinen Angelpunkt. Diese Zentralbanken, die entweder 
staatlich oder meist nur vom Staat privilegiert und reglementiert 
sind, haben das Äecht der Banknotenausgabe. Das Banknoten- ■ 
. geschäft ist mit dem Darlehnsgeschäft der'Zentralbanken dadurch 
■ eng verknüpft, daß die Banken die Banknoten bei der Diskoii- 
tierung, d. h. dem Kauf von Geschäftswechseln, ausgeben. Da 
die Banken innerhalb bestimmter Grenzen Banknoten nach Be 
lieben ausgeben können, liegt es in ihrer Hand, das umlaufende 
Geldkapital zu vermehren und zu vermindern, je nachdeni sic mehr 
oder weniger Wechsel diskontieren. Je nachdem nun die Zentral 
banken den Diskontsatz, d. h. den Zins, festsetzen, den sie für den 
Ankauf von wechseln beanspruchen, wird auch wieder der all 
gemeine Geschäftszinssatz im Lande höher^ oder niedriaer sein
        <pb n="138" />
        132 
Das Befitjcintommen. 
müssen. Natürlich sind die Banken nicht in der Festsetzung des 
Wechselzinsfußes souverän; sie müssen sich vielmehr nach^ den 
Verhältnissen der Zeit und des Landes richten, die sie nur bis zu 
einem gewissen Grade beeinflussen können. Es ist ihnen möglich, 
in Zeiten der Ronjunkturüberfpannung durch eine starke kserauf- 
setzung des Zinsfußes ein Warnungssignal zu geben oder um 
gekehrt die ermattete Unternehmung durch einen billigen Zinssatz 
zu beleben; aber dieses Eingreifen, das zudem mit großer Vor 
sicht zu geschehen bat, folgt nur den Ereignissen. Namentlich 
wenn wir durch eine Neihe von Jahren hindurch den offiziellen 
Zinsfuß in verschiedenen Ländern vergleichen, ist ein Rückschluß 
auf die geldliche Lage und die durchschnittliche Verzinsung des 
Kapitals in ihnen wohl gestattet. Sehen wir uns daraufhin die 
Zinssätze der Zentralbanken von Deutschland, Frankreich, Groß 
britannien und Rußland vor dem Kriege genauer an. Ls be 
trugen die durchschnittlichen Diskontsätze der 
3m 3ahre 
Deutschen Reichs 
bank 
Bank von 
England 
Bank von 
Frankreich 
Russischen 
Staatsbank 
1909 
3,93 °/o 
3,10% 
3,00 % 
4,99 °/„ 
1910 
4,35 „ 
3,72 „ 
3,00 „ 
4,50 „ 
1911 
4,40 „ 
3,47 „ 
3,14 „ 
4,50 
1912 
4,95 „ 
3,77 „ 
3,38 „ 
5,00 „ 
1913 
5,88 „ 
4,77 „ 
4,00 „ 
6,00 „ 
In der ksöhe der Sätze folgten also gleichmäßig in allen Jahren 
nacheinander Rußland, Deutschland, England, Frankreich. Ruß 
land, ein kapitalarmes Land, bei bem eine allerdings erst ver 
einzelt auftretende Industrie, ein recht umfassender Lxport- 
getreidehandel und die allmählich zu rationell-intensiveren B&gt;.- 
triebsformen übergehende Landwirtschaft immer stärkere 2ln- 
sprüche stellten, also eine verhältnismäßig große Nachfrage gegen 
über einem geringen Kapitalangebot, llmgckehrt lag es in Fra&gt;rk- 
reich; das Land ist sehr reich, die Unternehmungslust mit wenigen 
Ausnahmen viel geringer als in den anderen Staaten West 
europas. Eine geringere Kapitalnacgsrage gegenüber großem 
Angebot hielt den Zins dauernd niedrig. Deutschland und Eng 
land gehörten beide mit ihrer irrt stärksten Eiltempo voran 
schreitenden Industrie zu den kapitalhungrigsten Ländern; die alte 
Stellung Londons als Zentralweltmarkt führte dem Inselreiche
        <pb n="139" />
        Wechselzinssätze, Grundrente. 
153 
mehr Anlagekapital zu als der jüngere Industriestaat Deutsch 
land anzuziehen vermochte. 
Neben diesen allgemeinen Sätzen der Zinsbildung werden bei 
einzelnen Kapitalanlagen .noch deren Besonderheiten 
wirksam. Dies gilt vor allem von der B o d e n- o d e r Grund 
rente, also dem Einkommen, das sich aus der bloßen Tatsache 
des Besitzes von Boden ergibt. Der Boden hat die Eigentümlich 
keit, daß er nicht vermehrbar ist; er gibt also seinem Besitzer ein 
gewisses Monopol, während man Fabriken bauen kann, so viel 
anan will, ist etwa der Umfang des Rübenbodens in Deutschland 
oder der an eine Geschäftsstraße stoßenden Grundstücke beschränkt. 
Ls ist also entweder die Qualität oder d i e Lage eines 
Grundstückes, die ihm seinen Mehrwert verschafft. 
wir machen uns dies noch klarer, wenn wir einmal denken, 
daß der Boden — es soll jetzt von Ackerland die Rede sein — zu 
nächst herrenlos ist, wie in einem Koloniallande, und nun ven 
Ansiedlern ohne Entgelt okkupiert wird. Die Neusiedler werden 
sich selbstverständlich den fruchtbarsten Boden aussuchen. Kommt 
damr eine zweite Schar oder wachsen die Kinder heran, so müssen 
auch die weniger fruchtbaren Böden bestellt werden. Diese bringen 
■ eine geringe Ernte als die besseren, obgleich sie denselben Auf 
wand an Arbeit und Betriebskapital verlangen. Man kann es 
auch so ausdrücken, daß die Besitzer der geringeren Böden, um die 
gleiche Ernte zu erzielen wie die der besseren, mehr Betriebs 
kapital (in Gestalt von Kunstdünger, Bewässerungs--oder Lirt- 
wässerungsanlagen, tieferen pflügen usw.) aufwenden müssen 
als jene; eine Tonne Weizen zu produzieren kostet also vielleicht 
den einen (50, den anderen nur (20 Ji. Da nun auf die Dauer 
aber die Getreidexreise mindestens die Selbstkosten der Produk 
tion decken müssen — eine entsprechende Nachfrage selbstverständ 
lich vorausgesetzt — werden sie wenigstens f 50 Jl (zuzüglich 
eines Zuschlages als Unternehmergewinn^ betragen müssen. Der 
Besitzer des besseren Bodens verdient demgemäß an jeder Tonne 
Weizen 30 Ji, nur auf die Tatsache seines Besitzes hin, ohne jede 
Arbeit seinerseits. Diese Differonzrente der Qualität 
hat namentlich Ricardo sehr scharf betont. Unser deutscher 
Forscher I. tz. von T h ü n e n zeigte dann, daß das gleiche für 
eine verschiedene Lage zutrifft. 
Nehmen wir wieder zwei Landwirte, die diesmal auf Boden 
von ganz gleicher Qualität wirtschaften sollen; die Selbstkostsn
        <pb n="140" />
        * 5 4 Der Unternehmergewinn/ 
mögen |icb wieder auf J2u Ji belaufen. Das Getreide inuh aber 
' au T Diarkt gebracht werden, van dem der eine Produzent 
doppelt so weit entfernt liegen möge als der andere. Betragen 
die Transportkosten für Len Näherliegenden 5 M, für den «it» 
öeren demgemäß 6 Ji, so bat der erste wieder 5 Ji „Rente". Nickt 
weniger deutlich komnrt diese Differenzrente der Lage in der 
5tadt zum Ausdruck, nur daß auf dem Afphaltpflaster kein Ge 
treide, sondern Mieten wachsen. Die. gleiche Wohnung, der gleiche 
Laden bringew ganz verschiedene Mieten, je nachdem, ob sie im 
Tiergarten irnd an der Leipziger Straße in Berlin liegen oder 
etwa in Berlin NO. Die populäre Meinung, daß die hohen 
Bodenpreife in den Großstädten von der Spekulation „geniacht" 
feien, ist durchaus irrtümlich; die Nachfrage schafft die Differenz 
rente, die in den Preisen kapitalisiert zum Ausdruck kommt, und 
die Spekulation nutzt diese Sachlage, mitunter freilich in etwas 
allzu energischer weife, einfach aus. 
In der Gegenwart tritt die Differenzrente bei solchen Ver 
käufen besonders drastisch in Lrfcheinunq; sie wirkt aber int 
kleinen fortwährend, ohne daß der Besitzer sofort den wunsck 
oder die Möglichkeit hat, sie durch verkauf für sich zu kapitali 
sieren. Jede Anlage einer Trambahn itach einer Vorstadt, einer 
Aleiitbahn aufs Land schafft neue Differenzrcnten. Wirksam 
werden aber diese Renten nur itt der Band des Unternehmers, 
der erst das treibende Moment, die „Unruhe" in dem Uhrwerk 
des produktionsmechanismtts darstellt. 
5. Unternehmergewinn. 
Der „Unternehmer" ist der Leiter und wie aus dem 
Nebenklang des Wortes Unternehmung sich ergibt — der Risiko- 
träger der Produktion. Die Volkswirtschaft eines Landes ist 
(unter sonst gleichen Umstäitden) immer das, was ihre Unter 
nehmer aus ihr machen. Jede Lähmung des Unternehmungs 
geistes bedeutet eine Lähmung der Wirtschaft, wo die Produk 
tionsleiter in ihrer Betätigung durch Gesetz und Sitte so eng ge 
bunden waren, wie in der Zeit des Verfalls der Zünfte, stockt das 
ganze wirtschaftliche Leben; nicht minder wie einseitige Privi 
legierung einzelner Unternehmer, wie sie im f7. und f8. Jahr 
hundert üblich war, eine. restlose Entfaltung aller schlummern- 
hm wirtfchaftsenergien hinderte, weshalb denn auch Adam
        <pb n="141" />
        Der Unternehmer. 
135 
Smith die Wirtschaftsfreiheit gegenüber Zunftzwang sowohl 
als auch prinileg proklamierte. Ls ist die große Tat des Wirt 
schaftsliberalismus, durch die Durchsetzung der grundsätzlichen 
Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung dem Unternehmergeiste 
bfe Bahn frei geinacht zu haben. Daß diese völlige Entfesselung 
des Erwerbsgeistes ihre tiefe Schattenseiten hatte, ist bekannt 
und bedarf in diesem Zusammenhange nur der Erwähnung; ist 
doch Vas Problem der richtigeir Abgrenzung voll Wirtschafts 
freiheit und Staatseingriff uns allen durch die Ereignisse der 
Kriegswirtschaft zum unmittelbaren Erlebnis und durch die Re- 
volution zum dringendsten Problem der nächsten Zeit, geworden. 
wer ist mm Unternehmer? Im Grunde jeder, der sich wirt 
schaftlich betätigt, Brentano hat sogar den Arbeiter einen 
solchen genannt. Das ist insoweit richtig, als auch der Arbeiter 
über die ihm zur Verfügung stehenden Produktionsmittel, näm 
lich seine Arbeitskraft, irgendwie disponieren muß; wo er feine 
Dienste anbietet, ist für ihn und die Seinigen nicht weniger ent 
scheidend als die Verkaufsabschlüsse des Fabrikanten für diesen. 
Nichtsdestoweniger behält der Unternehmer in feiner Eigenschaft 
als Produktionsleiter auf eigenes Risiko, seine deutliche Sonder 
art. So kann S ch m o l l e r dazu kommen, zu behaupten, die 
Unternehmer feien als Klaffe die wirtschaftlich Fähigsten ge-— 
blieben, seien gegenüber den Verkäufern der Produktionsmittel 
wie gegenüber den Konsumenten im ganzen doch die Überlegenen. 
Und das sei nicht sowohl Folge ihres Besitzes, so sehr er in Be 
tracht komme, als ihrer Stellung m b,r Initiative, ihrer geschäft 
lichen Fähigkeiten, ihres Zusammenhanges mit den leitenden 
Kredit- und Verkehrsinstituten, ihres Einflusses auf die Regie 
rungen und die Handels- und Wirtschaftspolitik/ Darin liege die 
Erklärung, daß sie — trotz aller Verluste und Gewinneinschrän 
kungen — im ganzen heute doch die Leute mit den großen Ein 
kommen, die vermögenerwerbenden seien. 
Männer wie Thyssen, Rathenau, Carnegie sind überreich ge 
worden, nicht weil sie Kapital bejaßen, sondern weil sie Unter 
nehmerfähigkeiten hatten, und im kleineren und bescheideneren 
Maßstabe gilt dies von jeden: Industrieleiter, wenn die Sozial 
demokratie, dem theoretischen Vorgänge von Mary folgend, stets 
das Kapital nur angreift, den Unternehmer selbst in seiner be 
sonderen Tätigkeit negiert, so liegt insofern ein richtiger Gedanke 
zugrunde, als die starke Kapitalansa!nmlung Ser Gegenwart in
        <pb n="142" />
        156 
Der Unlernehmergewinn. 
Verbindung mit der durchgebildeten Areditorganisation dem 
vlanne mit Unternehmereigenschaften dieses wichtige Werkzeug 
sehr viel leichter zugänglich macht als frühere Jahrhunderte; ver 
hängnisvoll aber ist die Verkennung der Rolle der Unternehmung 
für alle Fragen der Organisation der Volkswirtschaft. Sie 
würde zu der Folgerung führen, daß eine s&gt;roduktionsregelung 
durch staatliche Beamte, bei denen nur das Pflichtbewußtsein 
vorauszusetzen wäre, ohne weiteres sich durchführen ließe, womit 
denn eine Grundvoraussetzung der völligen Sozialisierung der 
Produktion gegeben wäre. Nach den bisherigen Erfahrungen ist 
die durch Beamte geleitete öffentliche Unternehmung bort am 
Platze, wo es sich um Gewissenhaftigkeit, Ordnung, Wahrung der 
Allgemeininteressen in erster Linie handelt; überall dort aber, wo 
es sich, nach Schumpeters Begriffsbestimmung der Unter 
nehmertätigkeit, um Durchsetzung neuer Aombinationen handelt, 
ist der am Erfolg mit seiner ganzen wirtschaftlichen Epistenz inter 
essierte Unternehmer wohl - nicht zu entbehren. Niemand wird 
bezweifeln, daß sich gerade an die moderne Großunternehmung 
mit ihrem Gefolge immer stärkerer Alassenscheidung auch schwere 
Nachteile für den Gesamtzustand der Völker knüpfen; niemand 
darf aber, wenn er gerecht ist, leugnen, welche großen Kultur» 
werte sie geschaffen hat. 
Wik bemißt sich nun nach dem vorgesagten das Einkommen 
des Unternehmers? Dem Unternehmer fällt als Risikoträger der 
Produktion der Gesamtertrag (Rohertrag) des Unternehmens 
zunächst zu. von diesem Rohertrag aber sind, um den Rein 
ertrag zu ermitteln, die Produktionskosten abzu- 
z i e h e n , d. h. die Rosten der aufgewendeten Arbeit und des auf 
gewendeten Kapitals im weiteren Sinne. Der Unternehmer hat 
also die Löhne zu zahlen und das Kapital zu erietzen und zu ver 
zinsen. pat der Unternehmer Eigenkapital in seinen Betrieb 
hineingesteckt, sei das nun Anlagekapital (Grund und Boden, Ge 
bäude) oder Betriebskapital (Löhne^ Rohstoffe usw.), so geht für 
die Berechnung des Reinertrages auch hier selbstverständlich Ver 
zinsung und Amortisation ab. Das Übrigbleibende ist U n t er 
ne h m e r e i n k o m m e n. In diesem spezifischen Einkommen 
des Unternehmers stecken wiederum zwei verschiedene Elemente. 
Der Unternehmer leistet, wie im übrigen auch der Erfolg seiner 
Tätigkeit sei, Arbeit und für diese Arbeit muß er sich Lohn 
rechnen. Der Unternehmerlohn ist also ein Teil des Rein-
        <pb n="143" />
        ein 
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Unteinehmereinkommen und Unternehmergewinn. &gt;57 
ertrages. Das, was nach Abzug der Produktionskosten und 
des Unternehmerlohns vom Rohertrag übrig bleibt, ist der 
Unternehmergewinn; er allein ist spezifisch für den 
Unternehmer, während Lohn, Zins, Grundrente auch anderen 
Personen zufallen können. Der Unternehmergewinn ist nach von 
Mieser, der allerdings dem Moment der Risikotragung wohl 
nicht den genügenden Einfluß einräumt, aus dem Seltenheits 
charakter der spezifischen Unternehmerfähigkeiten zu erklären. Bei 
der Leitung der meisten „Unternehmungen" kommen diese (Eigen« 
schäften gar nicht in Frage. Bei den mittleren und kleinen Ge 
werben, ebenso in der mittleren und kleinen Landwirtschaft 
handelt es sich vielmehr um die Ausübung überkommener Arbeits 
kunst. Demgemäß ist auch in diesen Fällen kein Unternehmer 
gewinn vorhanden, sondern nur Arbeits- und allenfalls Unter 
nehmerlohn. Die (Entwicklung geht regelmäßig so, daß starke 
Persönlichkeiten hochgespannte Führeraufgaben lösen; dadurch 
werden ihre Unternehmungen groß, pat sich das Unternehmen 
konsolidiert, ist es auf einen Beharrungszustand gekommen, so 
schwindet der Unternehmergewinn, wie es denn ein populär r 
Irrtum ist, anzunehmen, daß die großen Unternehmungen sich in 
allen Fällen besonders gut rentierten. Neuer Unternehmergewinn 
entsteht erst wieder durch neue Betätigung der spezifischen Unter» 
nehmereigenschaften, fei es in der Ausweitung alter, fei es in der 
Schaffung neuer Unternehmungen. Wenn wir die Seltenheit der 
Unternehmerfähigkeiten erkannt haben, sehen wir darin auch die 
Erklärung, warum starke Persönlichkeiten aus Kartellen heraus 
drängen; die Ausnutzung dieser ihrer speziellen Fähigkeiten ist 
ihnen durch den Kartellzwang, der den Schwachen stützt, unter 
bunden. So ist der Unternehmergewinn letzten Endes Ausdruck 
der Verschiedenheit der Begabung und Energie der Produktions 
leiter und bleibt damht der eigentliche 2lntrieb der wirtschaftlichen 
Entwicklung.. 
C. Die Güterverwendung. 
Die Verteilung des Volkseinkommens ist die entscheidende 
Voraussetzung für die Güterverwendung. Das Ein 
kommen eines Volkes kann, genau wie das jedes einzelnen 
Privatmannes, auf doppelte Iveife verwendet werden: zur 
Neubildung von Kapital auf dem lvege des 
Sparens oder zur Befriedigung der metnnig*
        <pb n="144" />
        \ öS 
Die Guterverwendung. 
faliigen menschlichen Bedürfnisse. Letztere gehen 
natürlich bis zu einem gewissen Punkte voran; essen und trinken, 
sich kleiden und wohnen muß der Mensch, ehe er sein Geld zur 
Sparkasse bringen kann. Darüber hinaus hat er die Wahl, ob er 
sich einen guten Tag machen oder etwas für feine alten Tage 
zurücklegen will. Und endlich kommt die Linkommenstufe, wo 
der Glückliche, wenn er nicht geradezu verschwenden will, sein 
Überschußeinkommen aufhäufen muß. 
Die R a p i t a l b i ldüi n g kann sich so vollziehen, daß die 
Überschüsse sofort wieder in die Wirtschaft hinein- 
ge st eckt werden; der Fabrikant erweitert seine Fabrik, der 
Kaufmann mietet den Laden nebenan dazu. In vielen Fällen 
ist jedoch der Überschuß zu klein, um sogleich eine solche Ver 
wendung finden zu können; auch ist vielleicht in der eigenen 
Unternehmung kein Bedarf, oder der Sparer will als vorsichtiger 
Mann nicht alles auf eine Karte setzen. Ganz zu schweigen von 
der großen Mehrzahl der Abhängigen, der Beamten, kaufmänni 
schen Angestellten und Arbeiter, die keinen eigepen Betrieb haben. 
Ein Teil dieses Sparkapitals findet jedoch auch gleich wieder eine 
produktive Verwendung nach der Wahl des Eigentümers in der 
Anlage in anderen Unternehmungen, wir wissen, 
daß unser modernes Recht mehr und mehr Unternehmungen aus 
der kjand privater in die von Gesellschaften überführt; die Aktien 
gesellschaft bietet ein bequemes Mittel zur Unterbringung von 
Spargeldern in anderen Betrieben. Aber auch der Staat, die 
Städte, die Provinzen und Kreise haben begriffen, daß es kein 
besseres Mittel gibt, Kredit zu erhalten, als wenn man den 
Wünschen des kleinen Sparers entgegenkonimt. Nicht mehr über 
nimmt wie in früheren Zeiten ein Fugger oder ein Rothschild eine 
ganze Staatsanleihe, sondern sie wird in verhältnismäßig 
kleine Abschnitte geteilt und durch die Börse und die Banken, in 
manchen Staaten, wie Frankreich, auch ohne deren Vermittlung, 
in die pände der Sparer gebracht. Der dritte größte Schuldner 
neben ’ öffentlich-rechtlicher Körperschaft und Industrie, der 
Grundbesitz, und zwar der städtische wie der ländliche, ist den 
gleichen Weg gegangen; neben die Pypothek meist größeren 
Umfangs tritt der P&gt; f a n d b r i e f, der gleich dem Staatspapier 
und der Aktie den Vorteil bietet, durch verkauf an der Börse 
jederzeit den geliehenen Betrag wieder für einen anderen Ver 
wendungszweck freibekommen zu können.
        <pb n="145" />
        Das Sparen. 
139 
Dieser Anlage in papieren sind bei uns dadurch Grenzen ge 
zogen, daß nach Gesetz und Sitte gewisse ziemlich hohe Minimal 
beträge— gewöhnlich MOO j{ — für sie festgesetzt sind; wir 
wissen, daß das englische Aktienrecht diese Grenze nicht kennt. 
Die kleineren Beträge strömen also in andere Reservoire, nämlich 
die Sparkassen, die B olksbanken und Raiffeisen 
kassen und die Banfe n. Diese sind aber nur eine Zwischen 
station, denn das Geld muß arbeiten, wenn es dem Einleger 
Zinsen und dem Empfänger doch auch noch einen Vorteil bringen 
soll. Sie haben über die Verwendung der Gelder an Stelle des 
Eigentümers zu verfügen, und zwar pflegen unsere Sparkassen 
die Anlage in Hypotheken und Staatspapieren, die Banken die 
Zuführung an Industrie und Handel zu bevorzugen; nur die Ge 
nossenschaften machen sie wieder dem gleichen Kreise der kleinen 
Leute zugänglich,, a,us dem sie stammen. 
Der Sparer ist eine person von großem Ansehen in all den 
Kreisen, die sein Geld brauchen können; in unserem, im Ver 
hältnis zu seinen Ansprüchen kapitalarmen Deutschland gaüz be 
sonders. Da wird denn alles aufgeboten, um den Sparer heran 
zuziehen; namentlich die industriellen Unternehmungen und die 
Banken lassen alle Künste der Verführung spielen. Ein Blick in 
den Anzeigenteil einer Zeitung gibt Beispiele genug dafür, ganz 
zu schweigen von den Prospekten, die den Wohlhabenderen ins 
Haus geschickt werden, und den Agenten, die den kleinen Bauern 
und Handwerker direkt aussuchen, um ihm die Vorzüge irgend 
einer Goldmine oder Kautschukplantage klar zu machen. Sogar 
das schöne wort „2Inimierbänfiers" hat man für die Träger einer 
Tätigkeit geprägt, die freilich in diesem Falle wenig an die Bedürf 
nisse der Volkswirtschaft und viel an sich selbst denken. Zlber auch 
wenn wir von solchen betrügerischen Manipulationen absehen, 
können wir doch durchwegs die Einwendung aller nur erlaubten 
Mittel zu diesem Zwecke beobachten; die Hypothekengesellschaften 
versprechen den Bankiers 'besondere Provisionen, wenn sie ihre 
Pfandbriefe an das publikum absetzen; der Staat will gar die 
Sparkasse auf dem Wege der Gesetzgebung zwingen, einen Teil 
ihrer Bestände in seinen Anleihen anzulegen. 
Die Aufklärung und Erziehung des Sparers ist eine Angelegen 
heit von der größten volkswirtschaftlichen Bedeutung; sie wird es 
um so mehr, je größer die ersparten Kapitalien alljährlich wer 
den und je weiter nach unten hin sich der Kreis der Sparer zieht.
        <pb n="146" />
        Die Güterverwendung. 
HO 
Die Spargelder machen aber für das Volk mit verschwindenden 
Ausnahmen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil seines jähr 
lichen Einkommens aus; der bei weitem größte Teil, hei vielen 
Familien alles, muß für die unmittelbaren Lebens 
bedürfnisse ausgegeben, konsumiert werden. 
Diese Bedürfnisse sind überwiegend zwingender Natur; sie be 
stimmen deshalb in letzter Linie die Produktion, die eben nur für 
die Konsumtion arbeiten kann. Die genaue Kenntnis der Kon 
sumtionsgewohnheiten -eines Volkes ist deshalb von 
größter Bedeutung auch für die Produktion, und man hat sie 
darum vielfach studiert. Aus der reichhaltigen Literatur hierüber 
mögen nur einige Zahlen aus einer Erhebung angeführt sein, 
welche die Abteilung für Arbeiterstatistik des Deutschen Statisti 
schen Amtes Ende HO? durchführte ; wir geben dabei die Durch 
schnittsverteilung der Ausgaben in einer Gruppe von Familien 
mit einem geringen und in einer solchen mit einem verhältnis 
mäßig hohen Einkommen, wobei wir bemerken, daß andere Er 
hebungen zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen sind. Ls 
entfielen von den Gesamtausgaben 
in % auf 
Nahrung 
Wohnung 
Kleidung 
Beheizung und Beleuchtung 
Sonstiges 
■ in der Einkommenstufe von 
— l 600 M 
4000—5000 Ji 
54,6 
32,8 
17,2 
19,5 
9,5 
14,7 
4,8 
5,1 
12,9 
50,1 
Ma sieht, daß für die unur ittelbaren Lebensnot 
wendigkeiten, welche in den ersten vier Gruppen zu 
sammengefaßt sind, in der niederen Einkonrmensstufe 86 %, in 
der verhältnismäßig hohen von g—5000 M immer noch 70 % des 
Einkommens ausgegeben werden. Die überragende Rolle, welche 
für neun Zehntel der Gesaurtbevölkerung die Ausgaben für die 
Nahrung spielen, läßt diese von erster Wichtigkeit erscheinen. 
Die Konsumtion, der Güterverbrauch, ist nun fein wirtschaft 
licher Akt. Trotzdem gehört auch sie in den Bereich der wirt 
schaftslehre und -Politik. Zu einem wirtschaftlichen 
Akte wird sie nänrlich durch die begleitende 
Kontrolltätigkeit, welche die Auswahl und Verwen 
dung der Konsumtionsgüter nach dem ökonomischen Prinzip mit
        <pb n="147" />
        Konsumtion und Haushalten. Hi 
Hilfe des Grenznutzens regelt. IDo unbeschränkte Huttel vor 
handen sind, erfolgt die Konsumtion allerdings ohne diese Kon 
trolle; da aber in der ganz überwiegenden Mebrzahl aller Fälle 
die Menschen nicht in dieser glücklichen Lage sind, mutz haus 
gehalten werden. Die Aufgaben dieses Haushaltens sind. 
2luswahl der für die Konsumtion zu beschaffenden Mittel nach 
Maßgabe ihres Grenznutzens für die zu befriedigenden Bedürf 
nisse, Wahrung und Sicherung der vorhandenen Güter gegen ver 
derben und Verlust, Bestimmung über die Verwendung der für 
die Verbrauchswirtschaft zur Verfügung stehenden Kräfte (nicht 
nur Dienstboten und Angestellte, sondern zumeist auch Hausfrau 
und Haustöchter). Auch technisch ist das „Haushalten" noch 
durchzubilden; alle die Bestrebungen, die man als Rationaufte- 
rung des Konsums bezeichnen kann, und deren Bedeutung wir m 
den Fahren des Krieges an unserem Leibe erprobt haben, gehören 
hierher. 
Fn diesem Zusammenhange gewinnt plötzlich dre Fr anen - 
frage eine besondere ökonomische Bedeutung; denn die Frau 
ist es welche über diese Summen fast ausschließlich disponrert. 
Nehmen wir hinzu, daß auch die Ausgaben für Bekleidung für 
Heizung und Beleuchtung und für „Sonstiges" wenrgstens teil 
weise durch die Hand der Frau gehen, so dürfen wir wohl sagen, 
Laß drei Fünftel der Gesamtausgaben Frauen 
sache sind. Ich hvbe ausgerechnet (in einer Schrfft: „Die Haus 
frau und die Volkswirtschaft", Tübingen *9*6, in der ich auch 
die anderen hier angedeuteten Fragen ausführlich behandele), oatz 
vor dem Kriege in Deutschland alljährlich rund *6 Ilhlharbcn 
Mark durch die Hand der Hausfrauen gingen. ^ wahrend nun der 
Mann für seinen Beruf der Regel nach sorgfältig geschult wir , 
hat man die ganze „Hauswirtschaft" bis vor kurzem als Domäne 
der Tradition, der Lrfahrung betrachtet und ihre Durchdringung 
mit den Ergebnissen der Wissenschaft überhaupt nicht m Betracht 
aezoaen. Das Bäuerlein, das van der Lrnahrungsphy,ivlagie de-, 
Rindviehs nichts weiß, wird heutzutage schon von seinen Stan 
desgenossen über die Achsel angesehen; sein Funge kennt es schon 
besser der in der Schule Futterratianen nach physiologischen und 
wirtschaftlichen Gesichtspunkten berechnen lernt, wie viele Haus 
frauen wußten bisher mit der Lrnährungsphysivlogie des Men- 
chen Bescheid, wie viele waren im stände, die „Futterrationen 
für ihren Tisch zu berechnen? Man hat berechnet, daß durch
        <pb n="148" />
        Die Güterverwendung. 
. $42 
uirzweckmäßige Auswahl und Zubereitung der Speisen jährlich 
kjunderte von Millionen verlorengehen; wahrlich Grund genug 
für die Hausfrau, nun ihren „Beruf" auch wirklich zu lernen. 
Sie muß deswegen nicht gleich auf die Universität gehen; die 
haushaltungsschule tut's auch, und später, wenn sich diese neue 
Bildung erst weiterverbreitet hat, wird die Tochter von der 
Mutter wenigstens so viel lernen können, wie der Lehrbub vom 
Meister. Lernen allein macht es nämlich nicht, sondern' Nach 
denken, da es sich eben um die Anwendung der abstrakten Regel 
im Drange der täglichen Arbeit.und unter immer neuen Um 
ständen handelt, 
Wirkt die Konsumtion als „Wissenschaft" sparend, so wirkt sie 
als „Politik" richtunggebend auf die Produktion und ihre Be 
dingungen. Die ungeheure Macht, die in die Hand der Konsu 
menten gelegt ist - denn Macht hat in der Wirtschaft, wer zahlt, 
und das ist endgültig der Konsument — ist deshalb noch nicht all 
gemein zum Bewußtsein gekonimen, weil sie noch keine For m 
angenommen 1 hat, noch nicht organisiert ist. Die K o n s u m - 
vereine sind ein 2lnsang; aber so wichtig sie sind, so können 
sie aus ihrer Natur heraus nur einen bestimmten Teil der Pro 
duktion beeinflussen. In loseren Formen hat die Konsumtion, 
wenigstens vorübergehend, schon stärkere Zeichen ihrer Macht ge 
zeigt. Gin wesentliches Mittel ist der B o y k o t t ; der Alkobol- 
boykott der deutschen Arbeiter während der Kämpfe um die 
2leichsfinanzrcform, die Boykottierung österreichischer Waren in 
der Türkei während der endgültigen Inbesitznahme von Bosnien 
und der Herzegowina, die immer wieder versuchte Boykottierrnig 
deutscher waren durch die Polen als Protest gegen die Gstmarken- 
politik der preußischen Regierung sind allbekannte Beispiele seiner 
.Anwendung. Auch in den Dienst sozialpolitischer Reformen Ist 
die Konfumentenvereinigung gestellt worden; von Amerika aus 
gehend sind „weiße Ligen" gegrünt et worden, dir ihre Mitglieder 
verpflichten, nur in solchen Geschäften zu kaufen, die gewisse For 
derungen bezüglich der Behandlung des Personals (Gewährung 
von Sitzgelegenheiten, Acht-Uhr-Ladenschluß usw.) erfüllen. Die 
Gewerkschaften der Arbeiter haben sich gelegentlich in gleicher 
Weise verpflichtet, waren (Kleidungsstücke usw.) nur dann zii 
kaufen, wenn die Fabriken nur Gewerkschaftsarbeiter beschäftigen 
oder Gewcrkschaftslöhne zahlen. 
Aber auch ohne solche ausdrücklici^e Formulierung bestimmt die
        <pb n="149" />
        Konsumtion tmb Produktion. 11* 
Einkommensverteilung Und Verwendung die Produktion, ver 
teilt sich das Einkommen gleichmäßig unter alle Levölkerungs- 
schichten, so werden andere Arten von lvaren begehrt werden, als 
wenn wenige Milliardäre Nilsionen von Proletariern gegenüber 
stehen. Bei gleichem Einkommen wieder, soweit es über die un 
mittelbare Lxistenzfristung hinaus Hlittel zur Verfügung stellt, 
werden Lebensgewohnheiten und Rulturhöhs sich in wirtschaft 
liche Nachfrage umsetzen. Der Konsument ist die letzte 
In stanz im lvirtschastsleben; er entscheidet, ob so 
lides schlichtes Tuch oder Baumwollstoff mit künstlichem Seiden 
glanz produziert werden soll, ob Schiller oder Ibsen gespielt oder 
neue Rinemas gebaut werden, ob bei 1 - deutsche Bauer Gchsen 
ziehen kann oder der amerikanische Fleischtrust in Argentinien 
Gefrierfleisch herstellen darf. Das verfügbare Einkommen gibt 
die Grenzen, seine Verteilung die Möglichkeiten, seine Verwen 
dung die Nichtung der Produktion, wer die Produktion beein 
flussen will, muß den Konsumenten erziehen; die 'Vernach 
lässigung der wünsche unb der Kräfte der Konsumtion führt zur 
Überproduktion und damit z&gt;rr Krise. Die Kunst des Unter 
nehmers, des Leiters der Produktion, gipfelt darin, sie dem Kon 
sum anzupassen; in der Konsumtion schließt sich der von der Pro 
duktion ausgehende Kreislauf der Wirtschaft.
        <pb n="150" />
        Literatur. 
Die Zahl der Lehrbücher auf dem Gebiete der Volkswirtschaftslehre 
ist in den letzten Jahren erfreulicherweise so gewachsen, daß sich für 
den Lernbegierigen nur noch Schwierigkeiten in der Auswahl aus dieser 
Fülle ergeben. Im Folgenden ist nur eine kleine Zahl genannt, wobei 
auf die Bedürfnisse des Anfängers wie darauf RUcksicbt genommen ist, 
Vertreter der verschiedenen Richtungen zu nennen; weitere Literatur 
angaben finden sich in den angegebenen Werken selbst *). 
Diese Richtungen selbst charakterisiert eingehend Karl Diehl in 
dem l. (bisher einzigen^ Bande seiner „Theoretischen Nationalökonomie" 
(Jena/ Gustav Fischer). 
Als Einleitung zu einem systematischen Studium kann mit Vorteil 
der „Grundriß der Politischen 'Ökonomie" von Philippovich in 
drei Teilen (Allgemeine Volkswirtschaftslehre und zwei Teile Volts* 
Wirtschaftspolitik) verwendet werden. Er nimmt im wesentlichen einen 
vermittelnden Standpunkt ein, wie auch k e x i s in seiner nur die 
Theorie umfassenden „Allgemeinen Volkswirtschaftslehre" (Berlin und 
Leipzig, Teubner). 
Als Vertreter der strengen Methoden der klassischen Schule ist vor 
allem DA e tz e l mit seiner leider unvollendeten „Theoretischen Sozial 
ökonomik" (Leipzig, L. F. Winter) zu nennen. Gleichfalls unvollendet 
ist Adolph Wagners „Theoretische Sozialökonomik" im gleichen 
Verlage (i. Abteilung: Einleitung, Grundlegung, Ausführung der Lehre 
von'Produktion, Umlauf und Verteilung; 2. Abteilung: Kommunika- 
tions- und Transportwesen, Geld und Geldwesen). ^ 
Das Hauptwerk der „historischen" Schule ist v. S ch m o l l e r s 
„Grundriß der allgemeinen volkswirtschastslehre" (Leipzig, Duncker und 
pumblot), der die geschichtliche Entwicklung der volkswirtschaftlichen 
Erscheinungen besonders betont. Im gleichen Sinne als ein pauvtwerk 
der theoretisch-systematischen modernen Schule ist F. v. w i e s e r s 
„Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft" zu bezeichnen, an die sich auch 
meine Darstellung in i'hren theoretischen Teilen mehrfach anlehnt, 
v. wiesers Werk ist in Band I des von Max Weber unter Mit 
arbeit einer größeren Reihe von Gelehrten herausgegebenen „Grund 
risses der Sozialökonomik" (Tübingen, Mohr) enthalten, der nach seiner 
Vollendung die umfangreichste Darstellung unserer Disziplin sein wird. 
vom Standpunkt der katholischen Glaubenslehre gehen die beiden 
Werke von Dev as („Grundsätze der Volkswirtschaftslehre", übersetzt 
und bearbeitet von Walter Kämpfe) und Pesch 8. I. („Lehrbuch 
*) Da diese Werke fast durchweg ständig in neuen Auslagen erscheinen, 
ist von der Angabe des Jahres der letzten Auflage meist Abstand ge- 
nommen.
        <pb n="151" />
        Literatur. 
r»s 
ver Nationalökonomie", Bö. l: Grundlegung; Bö. 2 und 3: All- 
gemeine Volkswirtschaftslehre) aus (beide im Verlag von Herder in 
Freiburg i. B v . 
Als Vertreter der volkswirtschaftlichen Literatur des Auslandes seien 
genannt: Für Frankreich Lharles Gide („Principes d economie 
politique“); für England Alfred Marshall („Principles of 
economics“; deutsch von Ephraim und Salz mit einem Vorwort von 
Brentano im Lottaschen Verlag); für Amerika, das auf theoretischem 
Gebiete hervorragendes leistet. I. B. darf („The distribution of 
wealth“). 
Die ä l teren Nationalöknomen (Turgot, Smith, Ricardo. 
List, Thünen usw.) sind jetzt in der Sammlung sozialwissenschaftlicher 
Meister" (Verlag von Gustav Fischer in Jena, bequem zugänglich. 
Sehr brauchbar sind die von Diehl und M o m b e r t heraus- 
gegebenen „Ausgewählten Lesestücke zum Studium der politischen Öko 
nomie" (Karlsruhe, G. Braun, to Bände). 3n den einzelnen Bändchen, 
die Geld, Arbeitslohn, lvirtschaftskrisen usw. behandeln, sind unter 
Vorausschickung instruktiver Einleitungen hauptstellen aus den Schriften 
älterer und jüngerer Gelehrter über' den jeweiligen Gegenstand zu 
sammengestellt. Linen ähnlichen Lharakter haben die von I a st r o w 
herausgegebenen „Textbücher zu Studien über Wirtschaft und Staat" 
(Berlin, Georg Reimer, bisher q Bände)„ die aber außer Proben theore 
tischen Denkens noch praktisches Material aller Art, wie Gesetze, 
Statistik usw. geben. 
.Der Belehrung dienen endlich mehrere lexikalische Werke, die durch 
die Zusammenarbeit einer größeren Zahl von Gelehrten entstanden sind, 
von bene« jeb'er nur Artikel aus seinen besonderen Arbeitsgebieten 
lieferte. Da diese Werke auch reichliche Literaturangaben enthalten, 
sind sie zur raschen Information über Einzelfragen besonders geeignet. 
Das von Elster herausgegebene „w örterbuch der Volkswirt 
schaft" hat zwei, das von Lonrad, Elster, Lexis und Löning heraus 
gegebene „Handwörterbuch der Staatswissenschaften" 
hat acht starke Bände. (Beide im Verlag von Gustav Fischer in Jena.) 
Das fünfbändige „Staatslexikon der Görresgesellschaft" 
(Verlag von Herder in Freiburg i. 8. , das jedoch auch die Politik 
einbezieht, vertritt wiederum den besonderen katholischen Standpunkt. 
Darstellungen der Wirtschaftsgeschichte geben: Sombart, „Die 
deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" (3. Auslage, Berlin, G. 
Bondi, 1913); wygodzinski, „Wandlungen der deutschen Volks- 
Wirtschaft im l9. Jahrhundert" (Köln, M. Dumont-Schaubergsche Buch 
handlung. 6.—10. Tausend, (912); Kötzschke, „Deutsche Wirt 
schaftsgeschichte bis zum 17. Jahrhundert"; und Sieveking, 
„Grundzüge der neueren Wirtschaftsgeschichte vom 17. Jahrhundert bis 
zur Gegenwart. (Die beiden letzteren kurzen Darstellungen sind als 
Teile des von Aloys Meister herausgegebenen „Grundrisses der Ge 
schichtswissenschaft", Leipzig und Berlin, Teubner, erschienen.) 
Eine größere Gesamtdarstellung der Wirtschaftsgeschichte unter Mit 
arbeit verschiedener Autoren und Leitung von B r o d n i tz ist -.an- 
gekündigt. 
Wygodzinskl, Einführung In die VolkSwirischastslehre 10
        <pb n="152" />
        Literatur. 
(46 
Zusammenfassende Behandlungen der volkswirtschaftlichen Llteratur 
sind nicht sehr zahlreich. Das klassische Werk von Wilhelm 
Ros ctser, „Geschichte der National-Gkonomik in Deutschland" (Mün 
chen »874, . ist unübertroffen, aber' sachlich und zeitlich begrenzt und 
nur für Fachleute bestimmt. 
Al- Festgabe zu Gustav Schmollers fiebenzigstem Geburtstag haben 
eine große Reihe feiner Freunde und Schüler die Literatur ihrer For 
schungsgebiete unter einheitlichen Gesichtspunkten in dem wertvollen 
Sammelwerk „Die Entwicklung der deutschen Volks 
wirtschaftslehre im neunzehnten Jahrhundert" 
(2 Bände, Leipzig, Dimeter und Humblot »'908) behandelt. 
Allgemeineren Lharakters sind: Spann, „Die yaupttheorien der 
Volkswirtschaftslehre auf dogmengeschichtlicher Grundlage" (Leipzig, 
Duelle und Meyer »9»»), zur ersten Einführung gut geeignet; Gide 
et Rist, „Histoire des doctrines economiques“ (Paris »908; deutsch 
unter dem Titel „Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen", 
Jena »9»3); und Schumpeter, „Epochen der Dogmen- und Metho- 
denaeschichte" (in Band I des „Grundrisses der So.zialökonomik"). .
        <pb n="153" />
        .1 
Register. 
Abbe 107. 
Abstinenziheorie 128. ' 
Achenwall 15. 
Aekn'mndentag 108. 
Akkoidl-chn HO ff. 
Aktienaesellschaft 33, 73, 85, 138. 
Alter 38 ff. 
Anlllyse 14. 
Angebot 25 ff. 
Angstpreis 28. 
A&gt; beit 44 ff. 
Arbeiteraktionäre 116 ff. 
Arbeit träte 123. 
Arbeitgebervereine 122. 
Arbeit-en-kommen 103 ff. 
Arbeit'-niafchine 56. 
Ar beitspfychologie 57 ff. 
Arbeitete lung 33, 46 ff., 51 ff., 95. 
Arbeitswerttheorie 29. 
Arbeitszerlegung 51. 
Arbeitszeit 107. 
Banken 74 ff., 85, 139. 
Bedarf 21. " 
Bedürfnis 21, 22. 
Begabung 49. 
Berufsteilung 46. 
Berufswahl 49 ff. 
Besitz inkommen 121 ff. 
Betriebsräte 123. 
Böhm-Bawerk 24, 128. 
Boden 36, 43 ff. 
Bolschewismus 119. • 
Boytott 142. 
Booth, Charles 41. 
Braffey 108. 
Brentano 22, 135. 
Brodnitz 81, 145. 
Buckle 35. 
Bücher, Karl 60. 
La canny.Politik 108. 
Larey 24. 
Carlyle 81. 
Lhartiftenbewegung 118. 
Clark 145 
Conrad 84, 145. 
Deduktion 10. 
Devas 144. 
Diehl 144, 145. 
Dietzel, ß. 11, 12, 144. 
Duncker 119. 
Durchstaatlichung 89. 
Linkommenverteilung 30, 102 ff. 
Cifenindustrie 37. 
Elster 145. 
Ermüdung 64. 
Engels 8j. 
Enquste 16. 
Ertrag, abnehmender, Gesetz des 27 
45. 
Erwerb-stande 49. 
Lxistensbedürfnis 22. 
Finanzkapital 77. 
Frauenarbeit 46 ff. 
Fruktiffkationstheorie 127. 
Gautt 113. 
Geburtenziffer 40. 
Gemeinbesitz 71. 
Genossenschaft 87. 
Gesellichast in. b. ß. 86. 
Gesellschaftswirtschaft 21. 
Gewerbefrciheit 98 ff. 
Gekperbrverein 108, 118 ff. 
Gewin beteiligung 114 ff. 
Gid,e 145, 146. 
Gilchrist 37. 
Gossen 22, 25. 
Grasham'sches Gesetz 7. 
G enznutzen 24 ff. 
Großbank 75. 
Großbetrieb 78 ff., 81. 
Großindustrie 15. 
Gründung 76. 
Giundrenie 33. 
Güter 22. 
Gütererzeugung 30, 31 ff - 
io
        <pb n="154" />
        Register. 
Güterverwendung 31, 137 ff. 
Hamstertum 28. 
Kandelsstaat, geschlossener 2t&gt;. 
Kandwerk 71. 
Bausfrau 140. ' &lt; 
Kausbaltcr 140 ff. 
Bau- wirtschaft 46 ff. 
Keimarbeiter 124. 
Kerkner 61. 
Kildrbrand 14. 
Kirsch, Max 119. 
Kypothek 188. 
Kypotffe.enbank 74. 
Zdealisierung 18. 
Individualisierung 91. 
Induktion 14. 
Industrie 37. 
Isolierung 11, 18. 
Iastrow 145. 
Iuglar 97. 
Kämmerer 68. 
Kapital 68 ff. 
Kapitalbildung 126 ff., 131. 138. 
Kapitalismus 30, 77. 
Kapitalist 76 ff. 
Kartelle 29, 100 ff., 137. 
Kaufmann 76 ff. 
King, Gregory 28. 
Klassenkamps 117 ff. 
Kleinbetrieb 80 ff. ' 
Kleinmotor 56. 
Kleinunternehmung 84. 
Knabengeburten 41. 
Kötzschke 145. 
Kompagnie 85. 
Konjunktur 34. 
Konsum 113 freie 26. 
Koniumption 140 ff. 
Konsumvereine 142. 
Kostenwertiheorie 23. 
Kraftmaschine 53. 
Krastkonzentration 66. 
Kredit 72 ff. 
Kreditgenossenschaft 75, 139. 
Krieg 12 ff., 84. 
Krise 97. 
Kulturbedürsnis 22. 
Landwirtschaft 32, 35, 43 ff. 
Lassalle 105 ff, 119. 
Lelnnshaltung 106. 
Lehrling-gesetz, der Elisabeth 105. 
Lexis 14 l, 145. 
List 145. 
Löning 145. 
Lohn 11)3 ff. 
Lohnämter 124. 
Lohnstmdsthcorie 106. 
Lohnform 1h8 ff. 
Lohngeseh, ehernes 105 ff. 
Lohnkampf 117 ff. 
maltbus 39, 97. 
Marshall 145. 
Marx 23, 60, 90. 
Maschine 119. 
Methode 53 ff. 
Mindrstlöhne 10 ff., 19. 
Mittelstand 84, 124 ff. 
Möser, Justus 61. 
Mornbert 145. 
Monopol 29, 90. 
Morris, W. 81. 
Nachfrage 25 ff. 
Natur 35 ff., 42 ff 
Naturallohn 108. 
New Protection 125. 
Nutzen 21. 
Nutzwerttheorie 24. 
(Obligationen 73. 
Gwen, R. 97. 
P cht 71, 127. 
panif preise 28. 
Persönlichkeit 73 
Pesch 144. 
Pfandbrief 138. 
v. Philippovich 7, 144. 
Physiokraten 22, 127. 
Planwirtschaft 90. 
Preis 25. 
Prinftp, wirtschaftliches 20. 
Privilegien 134. 
Produttion 30, 31 ff. 
Produkt,onsbefchränkung 99 ff. 
Produktionskosten 28. 
Produktivität 33.
        <pb n="155" />
        Register. 
, proletariat 15. 
Psychologie 9, 17. 
Psych op by sik der Arbeit 59. 
(Yuatitäisprodnklion 83. 
»affen 47 ff. 
Raubbau 36. 
Renner 89. 
Rente 127. 
R Produktionskosten 24. 
Rhychuius 60. 
Ricardo 10, 23, 105, 133, 145. 
Risiko 33, 95. 
Rist 146. 
Roscber 14, 130, 146. 
Rusk.n 81&lt; 
Schichtung, gesellschaflliche 35, 50, 
102. 
Schleuderkonkurrenz 28. 
Schmollcr 14, 135, 144. 
Schule, historische 14. 
Sch le, österreichische 17, 22. 
S.vuinpeier 17, 97, 102, 136, 146. 
Selbftmtereffe 1 11. 
Shop-conncsts 122. 
v. Sieme s, IDerner 40. 
Sieveking 145. 
Signor 106, 127. 
Sismondi 97. 
Skala, gleitende 113. 
Smith, Adam 10, 23, 135, 145. 
Sombart 145. 
Sozialisierung 30, 77, 88 ff. 
Soziali stenge'etz 120. 
Sozialökonomik 21. 
Soziologie 9, 19. 
Spann 146. 
Sparen 139. 
Spa, kaffen 74, 139. 
Staat 8 s. 
Staatsanleihe 138. 
Siädte 88. 
Standort 35. 
Statistik 15 ff. 
Störung 95 ff. 
Stolzinann 102. 
Streik 121. 
Süßmilch 41. 
Syndikalismus 119. 
Syndikat 100. 
Tarifverträge 123. 
Taxe 29. 
Taylorsystem 111 ff. 
Teilbau 114 ff. 
Thomas 37. 
THünen 11, 44, 115, 133, 145. 
Trade unions 119. 
Trust 109. 
Tugan -Baranowsky 102. 
Turgot 127, 145. 
Übung 51. 
Unternehmer 83, 134 ff. 
Ul ternehmereinkommen 136. 
ltnt rnehmergewinn 133, 137. 
Unte.'nehmerlohn 136. 
Unternehmung 32, 78 ff. 
Vergesellschaftung 89. 
Versicherung 96. 
verstaa lichung 88 ff. 
volk-wirtschaftslehre 5 ff., 9, 20. 
Wagner, Adolf 144. 
Weber, Mar 19, 59, 144. 
wechselzinsfätze 131 ff. 
wert 23 ff. 
v. wirser 17, 18, 19, 137, 144. 
Wirtschatt 20. 
wirtschattsgeographie 9. 
wirtschattsgeichichte 9, 14, 34. 
wirtschaftsmeiisch 11, 20, 23. 
Wirtschaftspolitik 7 ff. 
wygodzinski 141, 145. 
Zins 76 ff, 127 ff. 
Ztnsverbot 128. 
Zunf wirtschaft 98. 
rftzwang 134. 
-2 f Abteil" 
BibtiG.hek
        <pb n="156" />
        Verlag von Quelle §2. Meyer in Leipzig 
Staat und Gesellschaft in der Gegenwart. Von Prof. 
l)r. A. Vierkandt. 162 ©eisen Gebunden M. I SO •» 
„Cm Bündchin, das ;» den Zeitbüchern im besten Sinne zu zählen ist. 
Es stellt sich in den Dienst der neuen bürgerlichen Gesinnung^ indem es eine j 
soziologische Einleitung in die Politik bietet. Denn nur, wer das öffentliche 
Leben der'Gegenwart richtig versteht, ist ün'ande, an seiner künftigen Ge- ] 
staltung mitzuarbeiten." Pädagogische Blätt-r. 
Staatsbürgerkunde. Von Geh. Vni Prof. L Ä e r n h e &gt; m. 
2. Aufloge. 134 Seiten. Gebunden DL 2.50 -&gt; 
„Kein leichtes, aber ein lehrreich es Buch ist es? das uns der Verfasser 
hier bietet, um in streng Wissenschaft icher und sachlicher, aber auch allgemein 
verständlicher Darstellungsart den Versuch zu machen, das moderne Ver- 
fassungswescn zu innerem Verständnis zu bringen." Kölnische VoUszeitung. 
Politik. Von Professor vr. F r. S t i e r - S o m l o. 4. Auflage. 
143 Seiten. Gebunden DL 1.50 •* 
„Cine Fundgrube von unentbehrlichen, allgemein-poli 
tisch en Kenn tni ssen, die dadurch an Wert gewinnen, daß alle seine 
Darlegungen ebenso leichtverständ.lich gefaßt sind, wie sie wissenschaftlich tief 
begründet sind!" ' Preuhisches SJecroaltungsblatt. 
Einführung in die Rechtswissenschaft. Von Professor 
Dr G.Vodbruch. 3.Auflage. 212© iten. Gebunden D1.3.— 
„Nicht etwa einen oberflächlichen und dem Gedächtnis des Lesers bald wieder 
entschwindenden Auszug der wichtigsten GeseyesvorschrifteN erhalten wir hier, 
vielmehr werden uns die rechtsphilosophischen und r e ch t s poli 
tischen Grundgedanken des geltenden Rechtszustandes bloßgelegt." 
Deutsche Beamtenzeitung 
Die Grundlinien des deutschen Staatswesens. Von 
Geh.HofratDr.V Schmidt. 229Seiten. GebundenDL3.— 
D&gt; s Buch ist eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Borger 
schichte unseres Reiches, dessen staatliche Gewalten, Verhältnisse bei der Ge 
setzgebung und Verwaltung werden erörtert, soivie das Verbältnis sämtlicher 
staatlicher Verbände zu den Bürgern als Wähler und als Untertanen. Ein 
Überblick über die neuen politischen Parteien und die Umwälzung Deutschlands 
durch die Revolution eröffnet einen Ausblick auf die zukünftigen Aufgaben. 
Die deutsche Iteichsverfafsung. Von Geh. Vat Professor 
Or.ph.Zorn. 3. verb. Auflage. 128Seiten.GebundenM. i.50 
„Die vorliegende gemeinverständliche Schrift des hervorragenden Bonner 
, Rechtsgelehrten macht den Leser in leichtfaß licher, klarer und 
prägnanter Darstellung mit dem Wesen der deutschen Reichsver 
fassung bekannt." , Literanlches Zentratötatt.
        <pb n="157" />
        Verlag von Quelle L Meyer in Leipzig 
Unsere Gerichte und ihre Reform. Don Professor Dr. 
W. Kisch. 171 Seiten. Gebunden M. 1.50 •&gt; 
„E i n prächtiges Büchlein, dasWesen nndAufgabe unsererGerichte 
gemeinverständl ch darstellt und zu den R forms ragen in trefflicher, 
überzeugender und sachlicher Weise Stellung nimmt." Das Recht. 
Oie Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre. Don 
j Prof. Dr. O.Spann. 3.Auflage. 140Seiten Geb. M. 3.— 
„Das Werk ist * urchzogen von ein'in selbständigenwissenschaft: 
!ich-kr»tifchen Geiste und besonders anziehend gemacht dlirch „ 
die pbilosophische Durchdr ngunz des Stoffes. So ragt fci so Arbeit in 
jeder Beziehung aus der Überproduktion an zusammenfassenden Darstellungen 
der letzten Jahre bedeutungsvoll hervor und ist von bleiben 
dem Werte." ;Htd)ro für Sogialroiifenidjaft uni) Scwalpolitit. 
Oie Entwicklung der sozialen u. wirtschaftspolitischen 
Anschauungen in Deutschland row Beginn deö 19. Jahrhun 
derts bis zur Gegenwart. Don Professor Dr p. Mombert. 
ra. 120 Seiten. Gebunden M. 2.50 » 
Die Schrift stellt sich in erster Linie die Aufgabe, in durchaus objektiver I&amp;’ife 
die Entstehung und' den geistigen Hintergrund der soz alen ,und wirtscbafts- 
politischenAnschauungen zu schildern, die heute miteinander um die Herrschaft 
streiten. ■* 
Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Don Professor 
Dr W.Wygodzinski. 3.Auflage. 149Seiten. Geb. M.3.— 
„Man muß es freudig begrüßen, wenn ein so g r ü n d l i ch e r F a ch m a n n 
und gewandter Schriftsteller wie 2l ygodziuski es unternimmt, 
diesem Bedürfnis , ntgegenzukounnen. Sein treffliches Büchlein ist kein 
Lehrbuch, das auf so knapp u&gt; Naum zum dürren Schema würde, sondern eine 
anschauliche, lebendige Darstellung." Sächjisches Verwattungsbtatr. 
Volkswirtschaft und Staat. Don Prof. Dr. d. Kinder, 
mann. 125 Seiten. Gebunden M. 1.50 •&gt; 
„In seiner allg ineinverständlichen klaren Darstellung gibt das Buch einen 
Einblick in die M tcvbcit der Volkswirtschaft an staatlichen Ire!.n und indie 
Mitwirkung des Staates an der volkswirtschafilrchen Tätigkeit." 
Dcuuche Litercrturzertung. 
Oieproxis des Bank- und Börsenwesens. Don Dank- 
dircktor Zul. Steinberg. 2.Anfl. 150 Seiten. (Sen.371.2.50 
„Des B&gt; dürknis nach Aufklärun, über das Wesen und die Handhabung der 
Bank- und Börsenpraris findet in dem Steinbergich n Buch, das aus einer 
30jährigen Prar.s hervorgegangen ist, einen ausgezeichneten und 
zuverlässigen Berater." Schwäeischer Kurier.
        <pb n="158" />
        Verlag von Quelle L Meyer in Leipzig 
Oie Großstadt und ihre sozialen Probleme. Bon Pro 
fessor Dr A. W eb er. 2. Auflage. 443 Seiten. Gebunden M.^l.so 
„Die Schrift behandelt in anregender und fesselnder Weise die 
kulturelle und soziale Bedeutung der modernen Großstadt. AllentKalben tritt 
ein wohlabgewogenes und von herrschenden Tagesmeinungen unabhängiges 
llrte-l dervor." Zeitschrift für badische Verwaltungsrechispftege. 
Oie Kleinwohnung. Studien zur Wohnungsfrage. Von 
Baudirektor Professor Dr. Ing. F. Schumacher. 2. Auflage. 
iu Seiten mit 70 Ä bildunqen aufTafeln. Gefunden M. 1.50 
Die Frage nach der Reform der kleinen Wohnung ist eine der Kernfragen für 
die Aufwärtsentwicklung unseres Volkes. In welch r Weise die Entwicklung 
anzustreben ist, wird hier gezeigt und dargelegt, wie sich in dieser Frage wirt 
schaftlicher Zwang, organisatorische Forderungen und gestaltende Absichten in 
ncktürlichem Fluß miteinander mischen. j, 
Oer Mittelstand und seine wirtschaftliche Lage. Bon 
Syndikus Dr. I. Wernicke. 122 ©eisen. Gebunden M. -1.S0 
„In gedrängter Kürze brin 'tdas sehr lesenswerte Büchlein einen ' 
deskriptiven Überblick über die Lage des Mittelstandes und führt recht er 
schöpfend die normativen Bestrebungen der Bttttelstandspolitik aus. Ein j 
besonderer Vorzug des Autors ist die volle Freiheit seinor Erwägungen, die 
sich durch die zünftlerischen Bestrebungen durchaus nicht beeinfbißt zeigen." 
Deuriche inetiue. 
Oie Frauenbewegung in ihren modernen Problemen. 
Von Helene Lange. 2.Auflaae. 141 ©eiten. Geb.M. 1.50 
„Wer sich klar werden will über den organischen Zusammenhang der modernen 
Frauenbestrebungen, der greife zu diesem inhaltsreichen, treff 
lich geschriebenen Buche." - Soziale Kultur. 
Fürsorgewesen. Einführung in das Bersiändn's der Armut 
und der Armenpflege. Bon Professor Dr. Ehr. I. Klumker. 
119 ©eilen. Gebunden M. 1.50 » 
„Gerade auch für solche, die schon praktisch auf dem Gebiet der Armenpflege 
tätig sind, ab r sich nun auch tiefer mit dem ganze« Umkreis der einschlägigen 
Fragen, mit der Geschichte und Theorie der Armenpflege bekannt machen 
möchten, erschcintmirKlumkers klare undgründliche Darstellungsehr geeignet." j 
, „ Theolog. Xiitevaturulaft. 
Sozwle Säuglings- und Jugendfürsorge. Von Prof. 
Dr. A. üffenheimer. 172 Seiten. Gebunden M. 1.50 •* i 
„In klarer, für weite Kreise bestimmter Form erhalten wir hier einen 
Überblick über du seither getroffenen und empf. hl. nswerten Maßnahmen zum ; 
Schuhe des Säuglings und des jungen Kindes, ü.s mehrjährige praktische : 
Dozententätigke.t auf diesem Gebiete befähigt ihn besonders zur flitischenBe- 
Handlung des Stoffes. Das Büchlein ist allen auf soz alem Gebiete Tätig n 
warm zu enrpfehlen. Münchner tvieoizin. Wochen chr.ft.
        <pb n="159" />
        pber Wolkenschulze LLSLI 
| den u. zweifarbig gedruckt. Zn gediegenem Lande Mark 6.— | 
1 Gine neue köstliche Prosadichtung, ein echtes Kind seiner Muse, rein, | 
| heiter und doch wieder ernst voll tiefer Wahrheiten. Im Frühling saß | 
| der Dichter in einem märchenwunderlichen Dorfe Thüringens. Und in die | 
1 singende Frühlingsstiste träumt er sich den Heiland ins Dorf hinein, den | 
I Wolkenschulzen, den vom Lenz überblauten Beherrscher des Dorfes. »Meine - 
| Weiianschauung habe ich in meinen Dorfchristus gelegt, mein Verhältnis § 
| zu yiott. Kommt, ich will Guch zu meinem Heiland führen. Diesteicht macht | 
| er Guch froh in schwarzen Sogen.' | 
| Das neue Geschlecht Mw I 
1 178 Seiten. Gehestet Mark 5.—. Gebunden Mark 8.— | 
- Skjoldborg hat hier ein Werk voller Glauben und Zukunfishoffnung ge- = 
| schaffen: einen Lauernroman, den man ein soziales Äauernidyll nennen | 
I kann. Skjoldborg meidet vcn einer neuen Sauerngeneration, die von modernen § 
1 Ideen erfaßt, mit neuzeitlicher Dichtung und Kultur in Zusammenhang | 
1 stehend, stolz und sicher ihre Äauernart wahrt, ihr eigenes Leben ausbaut f 
I und den Lockungen der Großstadt widersteht. Das »Neue Geschlecht' kann § 
| für aste ein Such des Trostes und der Aufrichtung werden. 
I Roman von Arnim i 
| VDUfttfär}£ OttfllJUn GteinartlFA.Loofs). | 
1 330 Seiten. Geheftet ra. M. 5.-. Gebunden ca. M. 8.- 
! Nur in den Stunden der Vertiefung löst sich die grobe Wirklichkeit zu einem | 
1 Schleier auf, hinter welchem wir die Dinge in ihrem Wesen und ihrer Z 
| wahren Bedeutung erblicken. So hat der Verfasser die Dkenschen und das g 
| Geschehen dieses metaphysischen Romans gesehen: gleichsam durch die | 
1 stoffliche Wirklichkeit hindurch, um sie In höherer, wesentlicher Gestaltung § 
| vor uns hinzustesien. Im Mittelpunkt einer Handlung von atemloser Span- | 
| n»na steht Orta Runach, ein weiblicher Lucifer. Von ihr, dem gefallenen g 
| Gugel, geht der Haß gleich schwarzen Strahlen aus. Liebe und Haß er- g 
| scheinen in ihr zu den Polen einer fast übernatürlichen Persönlichkeit verkörpert. | 
I Dom Baume der Erkenntnis j 
1 vr.Kr.Schumacher. (5a. 280 S. Geh. ca. M.4.-. Geb. ca.M.6.- | 
I Diese geistvollen Phantasien und Satiren einer unserer größten Künstler, g 
I die neben seiner gewaltigen Berufsarbeit entstanden, sind ein Spiegel seines = 
I reichen Innenlebens und eine schöne Gabe für feingestimmte Bücher- j 
| freunde. Aus dem Inhalt: Dom weisen Meister/Oie Grfindung/Legende g 
I vom toten Teufel, Der Lügner / Dom Schicksal / Der Hund , Dom lieben Gott g 
I desWaldes/Ahasver/Die mißalückteHimmelfahrt/ZweiKünstler/Wolken. g 
J Die Wacht des Homunculus / Die Frage / Das Mittel / Oie Gulenspiegel- = 
I schule / Die Fühlung mit dem Volke / Das Interview / Die geistige Atmo- g 
1 sphäre / Oie Berufszentrale / Gine literarische Gntdeckung. 
fl itlllllHIIIMmMMIMiiMMIhlllWIlillllWIIIMIIIIÜiWMHHMIINlIHMOTOTHhlHIHilWnHliilHHmmmmmmmiiMiimmiuiiimNiB
        <pb n="160" />
        -MWWMMWI-» 
DieGotiesfreundin 
wwmpiiiiiiuiiiii)iini»iiiM!iiiii)iiiii[iiiiiiiiiiiiiMiii[ii[iiiiiiiiiiinii[iiiiiiiiiiitiii l i.iiii t iiiH&lt;iiiiiiiiiiiiiiiiiiin!iiiiir i iHnnii)iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!inmmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!'! | iiiii l -niiii;iK.ii l iiiiaillllü!i i 
Karl Gjcllcrup 
Oer goldene Zweig Ä SÄ 
Kais.TibenuS. 9.—13.Taus 339 &lt;5.Geh.M. 5. —. Geb. M. 7.— 
„Es sind Bilder von überwältigender Schtnkeit. Mit der Gestaltungskraft 
und der Kennerschaft des historischen Forschers und philosophischen Denkers 
läßt er äußeres und inneres Leben erstehen und malt in bezaubernden 
Farben die südliche Landschaft und den Prunk römischer Kunst und 
Verschwendung. Über seinem Buche liegt die Weihe eines Bekennt 
nisses zur sieghaften Kraft der christlichen Hcilslehre und des germa 
nischen Wesens." Hambuiglscher Correspondent. 
iftom. 6.-9.TausGeh. 
M.5.-. Geb. M.8.- 
„Eine Reihe farbenprächtiger, tiefgründiger Bilder, die 
sich auf dem düstern Hintergrund des 14. Jahrhunderts mit seinem Aber 
glauben und seinen Hepenprozessen abspielen. Wie die Herrin der Burg 
Langenstein den Führer der „Ketzer" schützt, und wie der zelotische Bischof 
Ottmar, der die Ketzer verfolgt, vom Saulus zum Paulus wird, und mit 
der Burgherrin, die er in fröhlicher Jugend heiß geliebt hatte, als siegbafter 
Besiegter in den Tod geht, das wird uns in hochdramatischer, 
von dichterischem Schwung beseelter Darstellung berichtet." 
Berliner Moraenzeitung. 
Seit ich zuerst sie sah 
„Dieses schöne Idyll mit seinem tragischen Ausgang ist eins der wunder 
vollsten Werke Gjellerups. Ein ganzer Liebesfrühling ist hie, in die 
Stimmungsbilder aus Dresden und aus der sächsischen Schweiz hinein 
gezaubert ; tiefe Wehmut, tragischer Schmerz verleihen dem Roman sein 
wunderbares, unvergeßliches Aroma. . . Der Verfasser fesselt, mag er nun 
die Natur, die Kunst oder die Menschen schildern. Immer vertieft 
er sich in seinen Stoff." Martins StiftftiBenöe. 
Ein elystsches Fabelbuch. 
390 Seiten. Geheftet 
M. r. -. Gebunden M. 10.- 
Nur ein Dichter von Gjellerups Gestaltungskraft, seinem sonnigen Humor, 
seiner tiefen, auf reichem philosophisch-historischen Wissen beruhenderWeltan- 
schauung konnte sich an einen selchen Stoff heranwagen. Im Elysium er 
wacht unten den in ewiger Heiterkeit aus der Asphodeluswiese wandelnden 
Tieren der Wunsch, ein Tier möge heilig gesprochen und von allen anderen 
verebrt werden. Dies entfacht sofort den Ehrgeiz, die Parteibildung,^den 
Wettkampf. Die einst im Leben berühmten Männern angehörenden Tiere 
übernehmen die Führerrolle und werden zu Trägern der Ideen ihrer Herren. 
Erhabene und groteske Szenen wechseln sich so ab, und in unterhaltendster 
Form rauschen die großen weltgeschichtlichen Vorgänge an uns vorriber. 
Eine einzigartige Dichwng. 
Das heiligste Tier 
IfflÄlB
        <pb n="161" />
        % 
^j!iiiii|iiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii)iiiiiiiiiii'iiMiiii[iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiii[imnimiiiiniiiiiniiiiiiit|[iniiMiiiiiiniiiiiiii 
Karl Gjellerup 
yfn Xa|* Vornan. 272 Seiten. Gehestet 
4111 ver M. 5.-. Gebunden M. s.- 
Mit feinem neuen Werke führt uns ©jesleruD in die herbe, meerdurchleuchieie 
Schönheit seiner dänischen Heimat. Wunderliche und spröde Menschen stellt 
er in einem Kieinstodiidyll nebeneinander, den griesgrämigen Amtsrichter 
Thomsen, feinen pedantischen Sohn, den Assessor, den schlichten Gutsbesitzer 
und die prachtvollen und tatkräftigen Mädchengestaiten. Gjellerup zeigt sich 
in dem neuen Werke als Meister realistischer Darstellung und feiner land» 
schafilicher Schilderung. 
Die Hügelmühle 
Gehestet etwa M. 8.—. Gebunden etwa M. 10.—. &gt;» 
»Zn streng dramatischem Aufbau steigt die Handlung empor. Jede Gestalt 
atmet Wirklichkeit: die hellseherische, sterbende Müllerin, der unentschlossene 
Müller, die sinnliche und doch kalt berechnende Mühlmagd Liese und ebenso 
aste Nebenfiguren. Eine drückende Schwüle liegt über der Erzählung der 
ersten vier Äücher. Immer mehr verstricken sich die Bewohner der Mühle 
in Schuld, bis die schreckliche Katastrophe erfolgt. Unb die Sühne im fünften 
Buche ist so grausig erhaben, daß kein Abflauen der Handlung spürbar w rd. 
Wariburg. 
Romandichtung. Zwei 
Lande. 3. Au fl. Etwa 
700 Seiten. Gehestet etwa M. 10.—. Gebunden etwa M. 14. — 
„Der Gedankt der Wiedergeburt wird darin in einer seltsamen, auf das 
feinste geschliffenen Form veranschaulicht. Dieselben Menschen, die im ent» 
fernten Altertum atmeten, und deren Taten und Leiden uns Gjellerup zeigt, 
- wir sehen sie zugleich als Personen in modernerer Zeit. . . . Karl ©jede« 
rups Bücher gehören mit ihren unvergänglichen Schönheiten der Weltliteratur 
an. Seien wir stolz darauf, daß sie in unserem geliebten Deutsch ersonnen 
und niedergeschrieben wurden, und sorgen wir nach Kräften dafür, sie zum 
Allgemeingut unseres Volkes werden zu lassen.*. Der Bücherwurm. 
Oie Hirtin und der Hinkende 
Ein arkadisches Zbyll. 2. Auflage. Gehefiet etwa M. 4.—. 
Gebunden etwa M. 6.—. 
„Mit seiner Schalkhaft,akeit und feinem sommerlichen Behagen versenkt sich der 
Dichter in dieser wunderzarten Liebt sgeschichte in das unter Mittelmeersonne 
warm erglühende Wesen altgriechischer Hirtenkultur. Dem Leser dieses ent 
zückenden Büchleins steigen im Sinnen arüngoldige und rosigbraune Land, 
schäften Elaube-Lorrains auf und die idyllische, bewegte Handlung, das Ser. 
deren und Wiederfinden der herbkeuschen schönen Schinels und ihres treuen, 
stolzen Werders Arkas fesselt immer von neuem.* Berner Bund. 
Die Weltwanderer 
Hlllll!!lillllll!l l lll!l!'l|!l!lll!llllllllllllll!!l!l!l!lll!lll!llll!!l!llll!!llllllllll | i:illllll!lllllllllllll!lll!lHlllllllllllllllllllllllllllllllllliHllllillllll! li
        <pb n="162" />
        mmrnmmmmmmmmmm 
Carl Busse 
Oie Schüler von polajewo LL 
tesTausend. 283 Seiten. GeheftetM.3.-. Gebunden M. s.so 
„An diesen Bildern können wir Ledrer lernen mit der Jugend füblen und 
. empfinden, können wir tieferes Verständnis für sie gewinnen . ., Die kleinen 
Echülerkomödien und rtragödien sind m eisterha ft enNvorsen; einige steigern 
sich trotz ihrere Kürze oder gerade deswegen zu einer dran,arisch,-n Kraft, daß 
man den Atem anhalten muß. . . Hörte ich B.'s Schüler von Bolaj.-wo 
scdon als Schulamkskandidat gelesen, ich hätte manchen Erziehungsfehler 
nicht begangen." Schein«. Dr. SlBolf Maltdias tZeUichr- s. höbet« Schul.» 
3m polnischen Wind pi,m5r,f,d,e 01 
Geheftet Mark 3.50. 
schichten.302 Seit. 
Gebunden Mark 5.— » 
,,ZU erzählen versteht Carl Busse. Man ha, bei ihm zum erstenmal wieder 1 
fcaS Gefühl, gleichsam in einem zufällig zusammimgekommenen Kreise von 
Zubörern zu sitzen, aus denen heraus, durch das Gespräch angeregt, sich einer 
ganz ungezwungen löst, um den Lauschenden ringsum eine Geschichte zum 
besten zu geben. Etwa« von der Geselllchaftssphäre wird lebendig, au« der 
die ersten echten Noveilen zurJeit Boceacciosgeboren wurden." 
Weftermcmns iDlondtsbehe. 
""d östliche Geschichten.3y7Seit. 
Geheftet Mark 3.50. Gebunden Mark5.- 
I ,,Es ist eine eigenartige und bedeutende Kunst, die in den Geschichten 
I Carl Busses ihren Ausdruck gesunden hat: wundervolle Beobachtung des 
| Lebens und seiner Werte, Ernstes und Lachendes, Trauriges und Wahre« 
i! m der irisierenden Mischung, die eben nur dasLeben kennt... EineWel, 
I von seinen Dingen, von intimen Klängen, von echten Menschen: und 
| Herzenstönen tut sich in dem Buche aus. Wer es liest, wird dankbar sein." 
H Hamburger Nachrichten 
SturmvögelL7Ä°L^ 264 6e,,m - ® el ’" n : 
»Die £iet&gt;e ist es, die alles durchdringende und alles Menschliche erfassende, j 
die dem Dichter sein Äuch diktiett hat. Man fühirs auch aus seiner &gt; 
Sprache gar bald heraus. Sie übt eine Wirkung wie in großen, reinen y 
Linien eines monumentalen Gebäudes. Überall edelste Jormgebung.z 
die frei ist von jeder ablenkenden und verwirrenden Derschnörkelung. 1 
Alles in allem: Wir haben unter den neuesten Büchern eines der empfehlens- 3 
wertesten vor uns." Rosiocker Seining. 1 
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lilllllllllliliiiiiiiiiiiiJiumiiiiiiiiiiiiiiimHiiiiiiiiMiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiimiiiiinMiiiimiiniiiiiiiii 15 
Carl Busse 
Winkelglück 
Ein fröhlich Luch in ernster Zeit. 
71. Tausend. 237 Seiten mit 
i ernster Zeit. S7. bis 
Seiten mit Buch 
schmuck von püul Hurtmann. Gebunden M. 4.— 
»Oie Fröhlichkeit, die dos Auch kündet, quillt aus dem Herzen, aber was 
mehr ist: sie strömt aus dem reichen Herzen eines echten Dichters. 
Und das veraoldet sie. macht sie feingliederlg. füflf sie mil still leuchtenden 
Farben und laßt doch tief, tief auf ihrem Grunde auch dos qrvße Herzweh 
der Zeit in wehmütig heimlicher Musik zitternd weiterklinqen. S^n k l u g e. und 
innerlich reicher Mensch, dem verliehen ist, mit Oichteraugen in die Welt 
schauen, zetql uns, wie auch die schweren Dinge Glanz und Schimmer er- 
halten, wenn sie ein helles Auge und ein aufrecht vertrauendes Herz ansehen ^ 
Leipziger Iteuesie Jlachrichien. 
Flä'umchen 
331 Seiten. Geheftet M. 5.-. Ge 
bunden IR. 5.— « 
D&gt;es Such Iff ein Denkstein, den sich der leider so früh gestorbene Dichter selbst 
gesetzt hat. Diese abgerundeten, innerlichen Erzählungen aus Erlebniffen 
der letzten Jahre atmen echt Äussesche Kunst. Die Wärme des Ge. 
füdls, die Fähigkeit des Mitreißens, das feine Naturgesühl 
paaren sich mit reifster Formgestaltung. Go aehören diese Erzählunaen zu 
dem Schönsten, was Suffe geschrieben hat. Nicht nur die köstliche Novelle 
.Flaumchen^. die dem Suche den Namen gab, sondern auch die anderen 
werden zu den perlen deutscher Prosa zählen. 
Aus verklungenen Stunden 
Em Skizzenbuch. 304 Seiten. Geh. M. 5.-. Geb. M. s.- 
Diese Sammlung meist unbekannter Novellen ist ein Spiegel von Suffes 
innerlich so reichem Leben. Sie führen uns zum Teil in Suffes Jugendzeit, 
da er als Stürmer und Dränger mit seinen »Gedichten« ganz Zunadeutsch. 
land mit Zegeisterung erfüllte Ein sonniger Hum or gebt von den einzelnen 
Erzählungen aus und tut uns doppelt wohl in der trüben Gegenwart Solche 
G,schichlen liest man gern am Abend und veraißl dabei die Sorgen des 
Alltags. Wir haben nur weniges in unserer Novellenliteratur, was wir 
diesen Skizzen an d,.- Seite stellen können. 
Gedichte 
Gedichte. 6 u. 2. Auflage. 17t Geilen. Geb. M. 4.- 
Neue Gedichte. 3. u. 4. säuft. 15&lt;« Seiten. Geb. M. 3.50 
Heilige Not. 2. Auslage. 149 Geilen. Geb. M 3.50 
»Carl Suffe steht in vorderster Neihe unter den jüngsideutschen Lyrikern. 
Schon der erste Sand seiner Gedichte ließ den ungewöhnlich begabten Dichter 
erkennen. Die Technik ist nahrzu vollendet, der Zaube ver Sprache wirkt 
schon beim stillen Lesen, die Melodie des Verses Hai etwas Sestrickenbes 
Durch viele seiner Lieder klingt gedämpst eine leise Schwermut hindiirch. 
Abe, auch andere Töne weiß der Dichter anzuschlagen und die ganze Skala 
unserer Empfindung in Schwingung zu versehen « ' Oie christliche Wen 
EiHIIWlTlTlti?.
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        'i. 
V 
wim^aMWMMg 
Oie Boberbahn S!Ä s ÄrS I 
Felscher. 305 Seiten. Geb. 2X1. 6. — •* | 
„Ins Hirschberffer Tal, in jenen vom Riesen- und Boberkahbachgebirge um- | 
schlossenen lieblichen Kessel, der vom vielgewundenen Bober durchflossen y 
wird, versetzt uns der schlesische Dichter. Es zeichnet uns des Verfassers | 
sicherer Stift ein Bild von tiefster Wirkung. Zeder, der Freude y 
an echter Heimatkunst hat, der seine Menschen nicht nur in der stickigen | 
Luftdes Salons zu suchen pflegt, wird an dem Buche, seinen echtenMenschen : 
und seinen prächtigen Naturschilderungen reine Freude er- | 
leben." Niederschlesische Zeitung. | 
Oer Platz an der Sonne i 
brandenburgs See- und Kolonialgeschichte. Von Georg Lehfels. j 
323 Seiten mit Buchschmuck. Geheftet 23t. 5.—. Geb. 23t. 7.— | 
„In einem Roman aus der Zeih des Großen Kurfürsten wird ein inte- J 
ressantes Stück Geschichte entrollt, mit so strenger Anlehnung an die wirk- | 
liche Geschichte, daß das Buch wohl mehralseine unterhaltende | 
Lektüre ist, und doch wiederum so, daß das Historische den fesselnden ? 
Gang der Handlung nickt hemmt. Der temperamenwolle Erzähler weiß f 
bis zum Schluß zu spannen und, da er auf dem Gebiete der preußischen § 
Marine und ihrer Geschichte Fachmann ist, auch zu belehren." Der Tag. J 
Oie große Woge 
Sin Hamburger. Boman 
v aus der Franzosenzeit. Von 
Georg Lehfels. 2dl Seiten. Geh. 23t. 5.—. Geb. 23t. 7.— 
In wundervoll dichterisch ge sch a Uten Bildern gleitet das geschichtliche 
Gesckehen einer ereignisschweren Zeit am Leser vorüber : der sinkende Glanz 
des Rokoko, der Aufstieg und Sturz Napoleons, Englands Rücksichtslosigkeit 
im Kampf um die eigenen Interessen und endlich Deutschlands Erstarkung. _ 
Man könnte treffend Lehfels' Roman das Hohe Lied aus den Hamburger I; 
Kaufmann bezeichnen. 
Oas Glück in der Sackgasse 
Hermann Kurz. 6.—10.Tausend. Geh.M.s.—.Geb.M.7. 
Boman 
von i 
„Der Zauber geruhsamer Stunden und die würdevolle Anmut und Be- j 
haglickkeit eines seligen, altväterischen Kleinstadtlebens heimeln uns h nter 
bunten Butzenscheiben und lavendelduftigen Gardinen an . . . Die Fabel y 
dieses, mit reifer Meisterschaft gestalteten Stück Lebens erzählt uns | 
den wirtschaftlichen Aufstieg einer Familie. Aber über allem Irdischen, y 
Stofflichen jubiliert die reine Heiterkeit eines Dichters, der seine j 
Augen an Spitzwegs Gemälden, seine Ohren an Mozarts Flötenchören satt 
trank und in der Sackgasse von Mauer zu Mauer ein Rosengewinde schlang, 
auf dem der schelmische Amor seiltänzerhaft hin und herga» kell, ^ bis er in 
die Kammern und Herzen glücklicher Buben und Mädchen schlüpft." De. Tag. jj
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        iiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiimiiiiiiiiiiiiiiMiiiilllllilllli'.limi'i'iigiiliL^ 
Novellen undLegenden IXSi" 
Rat Prof. vr.TH.Birt. 2.Aufl. 318 S. m.sTafeln. Geb.M. 6. - 
„Einer unserer besten Kenner des Altertums, professor Lirt, gibt in 
diesem ansprechenden Werk „Novellen und Legenden" aus der griechischen 
Literatur. Ein zarter Reiz jenes lyrisch gestimmten Geistes strömt aus den 
einzelnen Akotiven heraus ... Die Geschichten sind in ihrer schlichten und 
doch klassischen Schönheit poster eigentümlicher Werte, die es verständlich 
erscheinen lassen, daß gerade in jetziger Zeit die versonnene freie Art des 
Altertums wieder wachgerufen wird." Die polt. 
Don Haß und Liebe SÄÄ 
Geh.Ratprof.I)r.Th.Birt.236S.m.Äuchschmuck.Geb.M.8.- 
Flucht aus der Gegenwart: wer brauchte sie nicht heute? Nur die Phantasie 
kann uns helfen; durch sie sind wir „Zeitaenvssen aster Zeiten". Wie lange 
atmet schon Held Odysseus nicht mehr! Ihn und den alten Rechner Archi 
medes, Roms Cäsaren, ob gut, ob übel, vor aflem ein paar holde Griechinnen 
aus der gottseligen Heidenzeit beleben diese Novellen; dem grauen Hades 
sind sie entrissen wie durch Herkules die Alcestis, auf daß sie noch einmal 
hassen und lieben, lachen und grasten wie einst und ihrem heißen Sempera, 
ment gehorchen, dahinwandelnd in Roms Gassen oder auf den wonnigen 
Inseln des Miltelmeers. 
Don Rudolf Herzog. 
_ 230 Seiten mit sechs 
Schwarzweißzeichnungen v. Prof. Engels. Gebunden M.6.— 
Eine köstliche Gabe des gefeiertsten Dichters für die literarische Welt an 
läßlich seines 50. Wiegenfestes. Eine gewaltige Aufgabe, die sich der rastlos 
Schaffende gestestt hat und die nur ein ganz großer wie Herzog zu 
meistern vermag. Mit üppiger dichterischer Phantasie hat er das alte Sagen, 
werk durchrankt. In seiner feingemeißelten Sprache zieht ein stürmendes 
Helden- und Sagenlied an uns vorüber. Weiten Kreisen unseres Dostes 
ist die Schönheit der germanischen Göttersaaen noch nicht aufgegangen. Sie 
werden sie mit staunender Seele aus dem Werke trinken. 
Preußens Geschichte?/ n ÄB: 
390 S. mit zahlr. Silbern von Prof. A. Kampf. Geb. M. 6.60 
„Wie einen Roman, dessen Handlung wir mit Spannung folgen, lesen wir 
diese Schilderungen, die uns doch Altbekanntes in ganz neuem Lichte und 
Zusammenhang ,eigen. Herrliche Lalladen unterbrechen zuweilen den 
Lauf der Darstestung. Gedichte wie »Rbeinsbeiger Tage', /Sei Torgau', 
,Blücher siebt über den Rhein', ,König Wilhelms Heldenschan' und andere 
| mehr werden zu den perlen patriotischer Dichtungen zählen. Astes ist 
| dazu angetan, diese Geschichte Preußens zu einem Aoiksbuch werden 
E zu lassen." Deutsche Revue. 
Germaniens Götter 
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jineering Scan I 
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Imgen und Hemmungen der Wirtschaft. 0 3 
hmfation der Welt ist denkbar, in der nicht wie 
11 den die einzelne Persönlichkeit den Aus- 
gen und Hemmungen 'der Wirtschaft und ihre 
Überwindung. 
‘nn sucht den Gewinn; dieses Ziel liegt im Wesen 
it. Aber in dieser Zielsetzung liegt von vorn- 
e Möglichkeit der umgekehrten Wendung, statt des 
m auch Verlust eintreten. Dieser Verlust kann, 
hen haben: irrtümliche Kalkulation, plötzlicher 
r betreffenden Ware, Zahlungsunfähigkeit des 
.erben oder Zugrundegehen der Ware selbst. Und 
nur vom Kaufmann; es gilt von jedem, der im 
t Leben steht, vom Industriellen und vom Spedi- 
ldwerker wie vom Bankier. Das Risiko ist ein 
unausscheidbares Merkmal der Wirtschaft, 
nur der Erwerbende, der Güter einsetzt, um sie 
urückzuerhalten, kann verlieren. Dem ist vielmehr 
^t, der irgend etwas besitzt. Der kleine Rentier, der 
t seine paar Groschen in preußischen Konsols an= 
&gt;erlor durch den Kursverlust, obgleich hier wahr- 
ipekulation vorlag; dem Bauern kann seine Ernte 
: volksschullehrerin können ihre paar Möbelchen 
3a wer scheinbar gar nichts an irdischen Gütern 
mt, der Ärmste der Armen, kann doch noch ver- 
seine Arbeitskraft; er kann krank und arbeits- 
11. 
. sagen, das, die ganze Geschichte der volkswirt- 
iffen Sinne eine Geschichte des Kampfes gegen 
feiten wirtschaftlicher Verluste ist. Denn man 
:en, wenn man annehmen wollte, daß die Verlust 
as Risiko, ein Kennzeichen nur unserer wirt- 
= jet. 3m Gegenteil, wir können ohne Übertreibung 
wohl noch nie eine Zeit gab, die sich mit solchem 
ischastlich zu sichern, vor Verlusten zu be- 
dem Einzelnen weniger empfindlich zu machen ver- 
rnserige. 
wesentlichen drei Wege, die mehr und mehr zu 
^führen. Einmal handelt es sich darum, materielle
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