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        <title>Einführung in die Volkswirtschaftslehre</title>
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            <forname>Willy</forname>
            <surname>Wygodzinski</surname>
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        </author>
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«uauisiiiiiiiiiuemMiiunieiiiMfiiiimiiiiiiimie

Linsühmng  in  die
^olkswirischasislehre
von
W.  Wygo-zinski

3.  Auslage

"SeieiimimmimsiiimmiiinmB  r"
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''•si's  .
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und  Bildung

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        Quelle  L  Meyer

Verlag  in  Leipzig

Wissenschaft  und  $Bung
(Linzeldarsiellungen  aus  allen  Gebieten  des  Wissens
© ie  Sammlung  will  den  Leser  schnell  und  mühelos,  ohne
Fachkenntnisse  vorauszusehen,  in  das  Versiandnis  aktueller
wissenschastlicher  Fragen  einführen,  ihn  in  ständiger  Fühlung
mit  den  Fortschritten  der  Wissenschaft  halten  und  ihm  so
ermöglichen,  seinen  Äildungskreis  zu  erweitern,  vorhandene
Kenntnisse  zu  vertiefen,  sowie  neue  Anregungen
für  die  berufliche  Tätigkeit  zu  gewinnen.

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zahle.  Abd.  Geb.se  nach  ümiang  M.  1.5U  o\4  J9t.  4.-Ireligion



Äisher  e

Einführung  in  die  allgemeine  CReli»
gionsgeschichie  Von  Professor  Dr.
R.  Siderblom  ■*
Aolksleben  im  Lande  der  Bibel  Von
Professor  Dr.  M.  L  i  br  2.  Ausl.  ■*
Sabbat  und  Dvrmlag  Von  Professor ­
  Dr. H.Mein  ho  ld  •*
Einführung  in  das  Alte  Testament
Von  Professor  Dr.  M.  L  b  hr  •»
Die  Poesie  des  SUten  Testamenls
Von  Professor  Dr.  C.  K  in  ig  •*
Geschichte  des  Judentums  Von  Professor
  Dr.  H.  Die  in  h  o  id  ■*
\  David  und  sein  Zeitalter  Von  Prorfj
  fesjor  Dr.  B.BaenIsch  -&amp;gt;

rschienen:
Oie  israelitischen  Propheten  Von
Professor  Dr.  W.  §  a  sp  a  r  i  ■»
DasShristentum  FünfVortrige  von
Geheimrat  Professor  Dr.  E.l^o  rn  ill,
Professor  Dr.  E.  von  Do  b  schütz,
Geheimrat  Professor  Dr.  W.  Herrmann, ­
  Professor  Dr.  W.  S  ta  e  rk,
Geheimrat  Prof.  Dr.  E.Troe  ltsch.
Christus  Von  Professor  Dr.  O.
Holtzmann  2.  Ausl.  •&amp;gt;
|  l'ouiua  Von  Prof.  Dr.  R.  Knops
Das  apostolische  Glaubensbekennt.
I  nie  Von  Professor  Dr.  K.  Thie  me
Die  evangelische  Mrche  und  ihre  BesonnenVcnPros.Dr.
  F.Nieberga  ll
Das  Christentum  im  Weltanfchauungskampse
  der  Gegenwart  Von
Prof.  Dr.  A.  Hunzinger  Z.Aufl.
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WISSENSCHAFT  UND  BILDUNG
Philosophie-/  Pädagogik
CEinldhing  in  die  Philosophie  Von
Professor  Dr.  P.  M  o  n  ,er  2.  Aufs.
Geschichte-erphilosophie  Von  Professor ­
  Dr.  A.  Me  s  sei  3  Bände
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philoiophi«  der  Äegenwari  Von
Professor  Dr.  A.  Messer  3.  Ausl.
Die  Weltanschauungen  der  Gegenwart ­
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Professor  Dr.  C.  W  e  n  j  i  g  2.  Aufi.
Hauptfragen  der  LebenSgesta&amp;lt;tung
Von  Vrvfessor  Dr.  A.  Hunzinger
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Rousseau  Von  Geheimrat  Professor
L.  Geiger  -»
Immanuel  Kant  Pon  Professor  Dr.
E.  tx.  Aster  2.  Aufi.  -»
lkinführung  in  die  Psychologie  Von
Professor  Dr.  H.  Dyro  ff  S.  Aufs.
Unsere  Sinnesorgane  und  ihre
Funkrionen  Von  Professor  Dr.  T.
Pl  a  n  g  o  l  d  2.  Aufl.  -»
Leid  und  Seele  Von  Professor  Dr.
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Sinführung  in  die  Pädagogik  auf
psnchoiogischer  Grundlage  Von  Professor ­
  Dr.  W.  P  e  le  rtz  »
prmgipieTe  Grundlagen  der  Pädagogik ­
  und  Didaktii  Bon  Professor
Dr.  W.  R  e  in  ■*
Adrih  der  geistigen  SntwtMung  »es
Kin»««  Von  prof.  Or.  K.  Lühier
Eharatterditdung  Don  Professor  Or.
Th.  KIsenda  ns  i.  Aufl.

Sprache  /  Literatur
Unser  Deutsch  Einführung  in  die
Muttersprache  von  Geh.  Rat  Professor ­
  Dr.  Fr.  Kl  u  g  e  4.  Aufl  •*
Lautbiidung  Don  Professor  Dr.
L.  E  ü  «te  r  li  n  2.  Aufl.  »
Deuts»«  Dichtung  in  ihren  geschichtlichen ­
  Grundzügen  Don  Professor
Dr.  Fr.  Lien  hard  2.  Aufl.  »

Das  Märchen  Von  Prof.  Dr.  Fr.
von  der  Lenen  2.  Aufl.  ■*
Der  Sagenkreis  der  Nibelungen  Don
Prcfesior  Dr.  G.Hv  l  z  2.Aufl.  ■»
Lessing  Don  Geh.-N.  Pros.  Dr.R.M.
Werners'  2.Aufl.  Herausgegeben
von  Prof.  Dr.  G.  W  i  t  ko  w  s  k  &amp;gt;  *
Das  klassische  Weimar  Von  Professor
Dr.  F  r.  L  &amp;gt;  e  n  h  a  r  d  3.  Aufl.  ■*
Goethe  und  seine  Zeit  Von  Profefior
Dr.  K.  A  l  t  *
Kinfuhrung  in  Goety^  Kaust  Von
Prof.  Dr.  Fr.  L  ien  ha  rd  4  Aufl.
Heinrich  von  KiristVon  Profe  flor  Dr.
H.  R  o  e  I  te  le  n  •*
Schweizer  Dichter  VonProsessorDr.
A. Frey  2.A»ki.  »
Kunst
Sinführung  n  die  Ästhetik  der  Gegenwart ­
  Von  Profesivr  Dr.E.  M  e  um
  a  n  n  3.  Aufl.  »
DaS  System  der  Äyheiit  Don  Prof.
Dr.  E.  Meumann  3.  Aufl.  •»
Mutit-tilch«  Bildung  und  «rziehung
zum  inu l ifali i *cn  Hören  Von  Professor ­
  Dr.  A.  S  ch  e  r  &amp;gt;  n  g  3.  Aufl.  *
Grundrib  der  Musikwissenschaft  Von
Profeisor  Dr.  phil.et  mus.  H.  Riems ­
  n  n  3.  Aufl.  ■*
Das  Klavier  und  Klavierspiel  Von
Professor  Dr.  E.E  ch  m  i  h  •»
Mozan  Von  Prof.  Dr.  H.  Freih.  v.  d.
Pfordten  2.  Auf!.  *
Beetdoven  Von  Professor  Dr.  H.
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Richard  Wagner  Von  ProfeflorDr.
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Sari  Mart»  von  Weber  Von  Prof.
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Christiich«  Kunst  Von  Superintendent ­
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Christliche  Kunst  im  Bilde  Von  ProfessorDr.G.
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vie  Kultur  des  alten  Ägypten  Son
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Griechisch«  Kultur  im  Bilde  Gin
»liberating  Son  prof.Or.H. Lamer
2.  Aufl.
Sam  Griechentum  zum  Christentum
Son  prof.  Or.  A.  Bauer
Sam  Judentum  zum  Christentum
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BömischeKultur  im  Bilde  GinBilder«
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Zur  Kulturgeschichte  Boms  Son
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Vas  alte  Item  Sein  Werden,  Blühen
und  S-rgehen  Son  Professor  Or.  G.
Di-Hl  2.  Aufl.
Cäsar  Von  Hauptmann  @.  Seith
Westdeutschland  zur  Römerzeit  Son
Prof.  Oi  H.  Draaendarff  2.  Aufl.
Die  germanischen  Tteiche  der  Sölkerroonberung
  Son  professor  Or.  L.
Schmidt  2.  Aufl.
Srundzüge  der  Deutschen  Altertumskünde
  SonProf.Dr.H.Ii  sch  er  2.Aufl.
Deutsche  Altertümer  im  3tahmen
deutsche^  Sitte  Son  professor  Or.
O  f  uffer

Iliederveutsche  Solkskund«  Son  professor ­
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Das  deutsche  HauS  in  Dorf  und  Stadt
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und  Geehandel  oon  den  Ansängen  bis
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B.  Gchmeidler
Deutsche  Kultur  des  Mittelalters  im
Bilde  Son  professor  Or  p.  Herr«
Kulturgeschichte  der  Deutschen  im
Mittelalter  Son  professor  Or.  G.
Steinhausen  2.  Aufl.
Kulturgeschichte  der  Oeutschen  in  der
Reuzeit  Son  prof.  Or.  G.  Steinhaufen ­
  2.  Aufl.
Diedeutsch«  Ttevolution  (1548)  Son
Geh.»3tat  prof.  Dr.  G.  Brandenburg ­
  2.  Aufl.
Die  Technik  im  Landkriege  Sen  Generalleutnant ­
  A.  Schwarte
Seehelden  und  Admirale  Son  Size-Admiral
  H.  Kirchhofs
Die  Kultur  der  Araber  Son  prof.
Dr.  S  Sell  2.  Aufl.
Mohammed  und  die  Seinen  Son
Professor  Dr.  H.  Dettendorf
Die  poiarvStter  San  Dr.  H.  Byhan
Bürgerkunde  und  Volks«
wtrischafislehre
Cinführung  in  Sie  3t«chtswiff«nschast
Son  Prof.  Dr.  G  3ta  bbruch  3.  Aufl.
Staat  und  Gesellschafl  Son  professor
Or.  A.  Sierfanbt
Grundlinien  de«  deutschen  Staat«.
Wesens  S.Geh.Hofr.Dr.  3t.G  ch  m  i  dt
Staatsbürgerkunde  Son  Geh.  3tat
professor  Or.  G.  Bernheim  2.  Aufl.
Politik  Son  professor  Dr  Fr  Stier-Gomlo
  4.  Aufl.
Unsere  Gerichte  und  ihre  Reform  Son
professor  Or  W  fill'd)
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        —;

iiiiininiBiiiiaiiM'  i,i. 1  lii'  ij'iiiiiüiiMiHiiiiimiiiiiiiiiiin;
WISSENSCHAFT  UND  BILDUNG

Die  deutsch«  ReichSversassung  Von
Geh.NatVrof.  Dr.VH.I  o  m3.  Ausl.
Die  Haupttheorien  der  Bottswirtschafisiehre
  Von  Professor  Or.  O.
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Volkswirtschaft  und  Staat  Bon  Professor ­
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Die  Prärie  des  Bank-  und  Börsen,
roefene  Don  Dankdirektor).  Steinberg ­
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Die  Großstadt  und  ihre  sozialen  Prob
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Di«  Frauenbewegung  in  ihren  mo«
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Professor  Dr.  W.  Stempelt  ■»

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Wirtschaft  und  Geschichte  Von  Prof
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Anthropologie  /  Hygiene
Lebensfragen  Der  Stoffwechsel  in  der
Olatut  Don  Pros.Dr.F.B.  Ähren«
Gesundheit  und  Lebensklugheit  Don
Geh.  Sanitätsrat  Dr.  R.  Paasch

MltMIWIIUM
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Arznei  un»  «»nußmittet,  ihre  Leg-  l
nungen  unt  Gefahren  Von  Pro-  ,
fe  ssor  Dr.  F.MÜ  tier  ^
ver  menschliche  Organismus  und
feme  Gefunderhoining  Von  Oberstabsarzt ­
  Dr. 'A.  M  e  n  je  r  ■»
Leib  und  (Seele  Von  Professor  Dr.
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Oa«  Nervensystem  und  die  Schädlichkeiten ­
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Unsere  (Sinnesorgane  u.  ihre  Funktionen ­
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Keller
Tiere  derDorzeltDonRekt.  E.  Ha  a  se
Kultur  und  Tierwelt  Don  Prof.  Dr.
K.  Guentber
Oie  Tiere  des  Waldes  Don  Forst,
m-ister  K.  ©ellheim
Unsere  Singvögel  Don  Professor  Dr.
A.  Doiat
Das  Sützwafferaquarium  Von  G.
Heller
Reptillen-und  Amphibienpfiege  Don
Dr.  p.  Krefft
Bienen  und  We  pen  Don  Ed  Scholz
Silüer  aus  dem  Ameisenleben  Don
H.  Dienmeyer
Die  Schmarotzer  der  Menschen  und
Tiere  Don  General-Oberarzt  a.  D.
Dr.  v.  Linstow
Die  mirroslopische  Kleinwelt  unserer
Gewässer  Don  E.  Zleukauf
Unsere  Wasserinsesten  Don  Dr.  G.
Ulmer

Aus  Seen  und  Bächen  Don  Or.  G.
Ulmer
Aus  der  Vorgeschickt«  der  Pflanzenwelt ­
  Don  Dr.  W.  Gothan
Wie  ernährt  sich  die  Pflanze?  Don
O.  Krleaer
Niedere  Pflanzen  Aon  Professor  Dr.
X  'Ii  m  m
Häusliche  Blumenpsiege  Don  p.
3  3-  Schulz
Garteniufl  und  stehen  Den  asters  her
bis  in  untere  Zeit  Don  Gartendirekior
3-Zahn
Der  deutsche  Obstbau  Don  F.  M  e  y  e  r
Sultane  und  Erdbeben  Don  Prof.
Dr.  Brauns
Ehemischee  Esperimentierbuch  Don
O  Hahn
O!«  Photographie  Don  W.  Z  i  m  m  e  r»
man  n
Beleuchtung  und  Heizung  Don  Z.F.
Herding
Kraftmaschinen  Don  Ingenieur  Eh.
©  chützr
Signal«  ir.  Krieg  und  Frieden  Don
Dr.  Fr.  Ulmer
Seeiotsen-  Leuchh  u.  Xettungswesen
Don  Dr.  3.  vammeyer
        <pb n="8" />
        Wilhelm  Scharrelmann

Täter  der  Jugend  w

3)1  5.

Geb.  331.  7.-»Täler

  der  Jugend^  -  das  sind  die  blumigen  Gründe  mit  den  jungen  Hainen
der  ersten  Ireundschafi  und  der  ersten  Liede,  durch  die  der  junge  Älensch  wie
durch  ein  Märchenland  geht.  »Täler  der  Jugend»  —  daS  sind  aber  auch  die
Dtkberunqen,  durch  die  jedes  junge  Leben  gehl,  ehe  es  die  Straft  findet,  die
Höhen  und  Gipfel  zu  erklimmen.  (LS  ist  der  Roman  eineS  jungen  Arbeiterfünftlere,
  der  den  Willen  und  den  Drang  zur  Höhe  hat  und  einen  einsamen ­
  Weg  gehl.  Mädchenbllder  von  einer  zarten,  milden  Schönheit,  wie
mit  dem  Silberstist  gezeichnet,  wandeln  durch  den  Roman.
Rund  um  Sankt  Annen  "E

Seiten.  Geheftet  Mark  5.-Geschichten.

  269
Gebunden  Mark  7.—

piddk  Hundertmark

8s  ist  eine  völlig  einheitliche,  in  sich  abgeschlossene  Welt,  die  »pickdalae»,
aus  der  Wilhelm  Gcharrelmann  diesen  neuen  Sand  humorvoller  Erzählungen ­
  geschrieben  hat.  Zn  eine  enge,  vom  Strom  des  Großstadtlebens
ableits  liegende  Gasse,  in  eine  idyllische  Welt  hat  Gcharrelmann  mit  dem
Auge  des  Dichters  geblickt  und  mit  sicheren  Strichen  merkwürdige  Gestalten
und  ergötzliche  Geschichten  daraus  festgehalten,  die  sich  dem  Leser  mit  einer
Eindringlichkeit  einprägen,  daß  man  sie  nicht  leicht  wieder  vergißt.
Geschichte  einer  Kind,
heit.  Z.  Auslage.  188
Seiten.  Geheftet  331.  2.  —  .  Gebunden  331.  4.cü.  *&amp;lt;
,,($in  herzhafter  und  gesunder  Geist  weht  durch  dlekes  Juch,  und  ein  auf.
rechter  Mann  steht  dahinter.  Er  ist  mit  den  Worten  eher  sparsam  als  verschwenderisch; ­
  er  moralisiert  und  reflektiert  nicht;  er  hat  mit  sicherem  Gefühl
an  der  rechten  Stelle  nicht  nur  angefangen  zu  erzählen,  sondern  -  was
seltener  und  schwieriger  ist  -  auch  aufgehört.  .  .  Man  kann  sich  an  Meter
Geschichte  einer  Kindheit  recht  erfrischen  -  sie  gehört  vor  allem  in  sämtliche
^stolksbidllotbeken.»  „Velhagen  und  Klafings  Monulöheste.»
Die  Fahrt  ins  Leben
Geheftet  Mark  4.—.  Gebunden  Mark  6.—
»Zedermann  wird  feine,  Freude  haben  an  diesen  kleinen  Geschichten,  die
gleicherweise  durch  ihren  eigenartigen  Inhalt,  wie  durch  bie  plastische
Darstellung  fesseln.  Ob  nun  der  Schalk  aus  den  Älättern  guckt  oder  vom
Ernst  und  Kampf  des  Lebens  erzählt  wird  oder  moderne  Anekdoten  auf
eine  Schnur  gereiht  erscheinen  —  ein  Grundsatz  geht  durch  all  die  bunten
Bilderchen;  das  ist  der  Kinderplauderton,  der  in  den  einfachsten  Dingen
eine  Seele  sicht,  toten  Gegenständen  Leben  einhaucht  und  vom  Geheimsten
Kunde  bringt.»  0je  6 „ fc ,
'mililtinimimmmmiiiiiüiiüiiüiiinniülüIlsiirtHiillillilTIllllliiililüuiiiilllliiiillHIHIilliilliiiiililllTiiTI'nilllllililltlllllllliiliNjlliil
        <pb n="9" />
        Wissenschaft  imö  Bildung
Einzeldarstellungen  aus  allen  Gclnelen  des  Wissens

113

Einführung
in  die
Volkswirtschaftslehre
Von
Prof.  Dr.  ID.  Mvgodzinski
,  Z
Dritte,  durchgearbeitete  Aufla  ge  )

Perlag  von  Quelle  &amp;amp;  Meyer  in  Leipzig

Abteilurg  \  f
Bibliothek  /  «

/f'if  6  A  *?&amp;gt;
        <pb n="10" />
        #

Druck  von  Dr.  Reinhold  &amp;amp;  Co..  Leipzig

Geschenk  der
Handwerkskammer  Hamburg  7.  2.  1968
        <pb n="11" />
        Vorwort  zur  dritten  Auflage.
Dieses  Buch  soll  weder  ein  Lehrbuch  sein  noch  ein  Auszug  aus
einem  solchen,  sondern  eben  nichts  anderes  als  eine  Einführung.
Wer  sich  entschließen  will,  das  weite  Gebiet  der  Volkswirtschaftslehre ­
  zu  betreten,  sei  es  zum  Stubium  oder  nur  zur  Erweiterung
und  Abrundung  seiner  Bildung,  wünscht  wohl  zunächst  über  Art
und  Grenzen  dieses  unbekannten  Landes  aufgeklärt  zu  werden.
Diesem  Zwecke  ist  hier  in  dieser  Weise  zu  entsprechen  versucht,
daß  eine  zentrale  Problemreihe  herausgegriffen  wurde,  um  an
ihr  zu  zeigen,  was  eigentlich  der  Gegenstand  dieser  Lehre  ist  und
wie  sie  ihn  behandelt.  Zugleich  war  der  Verfasser  bemüht,  den
Zusammenhang  der  Volkswirtschaft  mit  dem  Leben  und  der  Gesamtkulktur
  anschaulich  zu  machen.

Bonn  a.  Rh.,  August  zyzy.

IV.  Wygodzinski.
        <pb n="12" />
        /

Inhalt.
Seite
Aufgaben  und  Methoden  der  Mirtschaftslehre  5
Grundbegriffe  der  Wirtschaft  .  .  .  &amp;lt;  20
Der  Kreislauf  der  Wirtschaft  29
A.  Die  (SiUerergeugung
V  Die  Dorausfet^ungen  der  Giitererzeugung  34
2.  Die  mi  tel  der  Gürererzeugniig  42
a)  Die  Natur  42
b)  Die  Arbeit  nt
c)  Das  Kapital  68
5.  Die  Leitung  der  Gütererztuguiig  (Unternehmung)  78
t.  Störungen  und  Hemmungen  der  lvirtschaft  und  ihre  Überwindung ­
  93
B.  Die  Verteiln ng  des  Volkseinkommens  i02
•  v  Das  Arbeitseinkommen  (Lohn)  (03
2.  Das  Nesitzeinkommen  (26
3.  Der  Unteinchmergewinn  (34
C.  Die  Süterrerroenbung  (3?
Literatur  (t4
        <pb n="13" />
        Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
Is  Benedikt  XIII.,  zum  Papst  gewählt,  duf  dem  Balkon  der

"V 1  Peter-kirche  trat,  um  urbi  et  orbi  den  Segen  zu  erteilen,  sah
er  mit  Staunen  die  ungeheure  Oolksmenge  zu  seinen  Füßen,  die
den  Biesenplatz  zwischen  Berninis  Kolonnaden  füllte.  Er  wandte
sich  an  einen  der  neben  ihm  stehenden  Kardinäle  und  fragte:  „wovon ­
  leben  all  diese  Menschen?"
wovon  die  Menschen  leben,  das  ist  die  Grundfrage ­
  der  Volkswirtschaftslehre.  Die  Frage  wird
tausendmal,  wird  jedeir  Tag  gestellt  und  immer  wieder  mit
aitberer  Betonung:  vom  Staatsmann,  der  sein  Volk  zu  Macht
und  Reichtum  bringen  will;  von  der  bloßen  Neugier;  vom  verzweifelnden, ­
  der  für  sich  und  seine  Familie  kein  Brot  findet.  In
die  Reihe  der  Fragenden  ist  auch  die  Wissenschaft  getreten.  Sie
kann  freilich  nicht  jedem  einzelnen  Schicksal  nachgehen,  will  sie
sich  nicht  bald  ins  Uferlose  verlieren;  vielmehr  wird  sie  versuchen
müssen,  in  der  verwirrenden  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen
die  wiederkehrenden  Züge  zu  finden.  Denn  so  sehr  jedem
Menschen  sein  eigenes  Schicksal  einzigartig  und  abweichend  von
den  Erlebnissen  aller  anderen  erscheinen  mag,  im  Grunde  leben
wir  fast  alle  nach  Schablonen,  wir  werden  irgend  etwas,  Kaufmann, ­
  Beamter,  Fabrikarbeiter,  und  unser  weg  ist  gewiesen  und
begrenzt.  Die  Triebkräfte  der  menschlichen  Natur  und  die
äußeren  Umstände  des  Daseins  sind  in  allen  wesentlichen  Bedingungen ­
  gleich,  und  so  müssen  wir  alle  dem  gleichen  Schicksal
gehorchen.
Nur  darf  man  wieder  diese  Gleichheit  sich  nicht  mechanisch,
nicht  als  Identität  bis  in  die  kleinste  Einzelheit  vorstellen,  wir
haben,  um  nur  ein  ganz  alltägliches  Beispiel  zu  nehmen,  alle
hunger,  den  wir  stillen  wollen.  Aber  der  Hunger  ist  verschieden
groß,  und  so  bedarf  der  eine  schon  mehr  Mittel  zur  Befriedigung
dieses  primitiven  Bedürfnisses  als  der  andere.  Nehmen  wir
nun  auf  der  anderen  Seite  die  'ebenso  einfache  Tatsache,  daß
die  Arbeitsfähigkeit  der  Menschen,  d.  h.  also  die  Voraussetzung
zur  Beschaffung  dieser  Mittel,  verschieden  ist,  nach  Alter,  Gesundheitszustand, ­
  Begaburkg,  so  sehen  wir  schon  eine  ganze  Reihe
        <pb n="14" />
        6  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
von  Möglichkeiten  für  die  Lösung  des  simplen  problems  angedeutet, ­
  wie  wir  unseren  Lebensunterhalt  erwerben  sollen.
Der  Mensch  ist  aber  ein  Wesen,  das  nicht  nur  unter  Naturbedingungen
  lebt,  sondern  auch  unter  geschichtlichen.  Nicht  das
interessiert  uns  zunächst,  wie  der  Naturmensch  in  Australien  oder
Afrika  lebt,  der  seinen  übergroßen  junger  durch  Erjagen  von
mehr  Tieren  oder  Sammeln  von  mehr  Früchten  stillt;  nein  für
uns  selbst  gilt  die  Frage,  wovon  wir  leben  sollen,  wir  können
nicht  einfach  Tiere  jagen  oder  wurzeln  graben;  unsere  Arbeit  ist
eine  andere,  wir  verkaufen  vielleicht  wären  oder  schmieden
Nägel;  wo  finden  sich  aber  die  Käufer,  die  uns  nun  gleich  doppelt
so  viel  waren  abkaufen  oder  Nägel  verlangen,  wenn  unsere  Bedürfnisse ­
  steigen?  wir  sind  abhängig  von  anderen  geworden,  die
freilich  auch  uns  wieder  verpflichtet  sind.  Denn  wir  verkaufen
ja  nur,  um  zu  kaufen;  und  wir  kaufen  nicht  nur  Nahrungsmittel.
Unser  Hunger  ist  gewachsen;  wir  hungern  nach  Behagen,  nach
Schönheit,  nach  wissen;  aber  auch  nach  Veränderung,  nach  Sensation, ­
  nach  Erregung.  Für  jedes  unserer  tausend  Bedürfnisse
-tritt  ein  anderer  ein,  wie  unsere  eigene  Arbeit  Tausenden  zugute
kommt.
Mag  unser  verlangen  unter  all  den  neuen  Masken  im  Grunde
stets  das  gleiche  sein,  so  sind  die  Wege  zu  seiner  Stillung  doch
gänzlich  verändert,  sind  Umwege  geworden,  die  scheinbar  oft
genug  vom  ersehnten  Ziel  ganz  abweicheir.  hier  will  die  Wissenschaft ­
  Führerin  sein;  sie  zeigt  die  großen  Richtlinien,  unbeirrt
durch  die  zufälligen  Erscheinungen  des  Tages.  Aber  man  verstehe ­
  richtig:  die  Nationalökonomie  ist  keine  Kunst  des
Goldmachens,  keine  Anweisung  zum  Reichwerden;  sie  ist  eine
Wissenschaft.  Das  will  besagen,  daß  ihr  Ziel  nichts  anderes ­
  ist  als  Erkennen  und  Erklären.
3m  Grunde  gibt  es  nur  eine  einzige  Wissenschaft,  und  nur  die
Unmöglichkeit  für  den  menschlichen  Geist,  alles  zugleich  zu  umfassen, ­
  führt  zu  einer  Si^eidung.  Aus  dem  unabsehbaren  Gebiet
des  Wissensmöglichen  werdem  Teilgebiete  Herausgeschnittm  und
zum  Gegenstand  einer  besonderen  Wissenschaft  gemacht,  wir
sehen  diesen  Vorgang  beinahe  täglich;  in  der  Naturforschung  vor
allem  findet  eine  ständige  Grenzregulierung  zwischen  alten  und
neuen  „Wissenschaften"  statt.  Diese  Aussonderung  ist  nötig,
weil  der  Umfang  unseres  Wissens,  so  beschränkt  er  an  sich  sein
        <pb n="15" />
        Die  Volkswirtschaftslehre.

7

mag,  immerhin  weit  über  die  Fassiuigsmöglichkeit  eines  einzelnen
Geistes  hinausgewachsen  ist.  Sie  kann  aber  auch  rein  historische
Ursachen  im  Linzelfall  haben,  die  das  tüefen  der  Wissenschaft
an  sich  nicht  berühren;  wie  etwa  die  Bakteriologie  zu  einem
eigenen  Wissenszweig  erst  werden  konnte,  seit  durch  die  Vervollkommnung ­
  des  Mikroskops  eine  neue  Welt  des  bisher  Unsichtbaren ­
  sich  erschloß,  oder  wie  die  Ausbildung-  der  Wissenschaft  der
Meteorologie  eine  zwingende  Folgerung  des  Siegeszuges  der
Luftschiffahrt  ist.
So  ist  auch  die  Volkswirtschaftslehre  zu  ihrer  Blüte  erst  erwachsen, ­
  man  könnte  sagen  erst  entstanden  aus  einer  praktischen
Forderung,  nämlich  dem  Bedürfnis  des  modernen  Staates  heraus,
Geld  in  die  bfand  zu  bekommen.  Diese  jeweilige  zufällige  Entstehungsursache ­
  hat  aber  nichts,  gar  nichts  mit  dem  Wesen  der
Wissenschaft  zu  tun.  Noch  einmal:  die  Wissenschaft  will  nur  erkennen, ­
  und  insbesondere  die  Wissenschaft  von  der  Volkswirtschaft ­
  will  wittschaftlrche  Zusammenhänge  auffinden,  will  dir
„Gesetze"  der  Wirtschaft  entdecken.  Unter  Gesetz  verstehen  wir
dabei  nicht  eine  Vorschrift,  nach  welcher  das  Wirtschaftsleben  sich
zu  richten  habe,  sondern  die  mit  Sicherheit  beobachtete  oder
logisch  nachgewiesene  stets  wieder  eintretende  Aufeinanderfolge
zweier  Tatsachen.  Das  Greshamsche  Gesetz  besagt,  gutes  Geld
werde  durch  minderwertiges  verdrängt.  Das  will  nicht  etwa
heißen,  daß  dort,  wo  neben  bisherigem  guten  und  vollwertigen
Geld  ein  minderwertiges  mit  gleicher  Rechtskraft  eingeführt  wird,
nun  jedermann  die  Verpflichtung  habe,  'nur  dies  minderwertige
Geld  zu  benutzen;  sondern  es  stellt  die  Tatsache  fest,  daß  dies  geschieht ­
  und  das  gute  Geld  anderweitigen  Verwendungen  (Zahlungen ­
  im  Auslande,  Einschmelzen)  zugeführt  wird.  Freilich
kann  sich  auch  der  Nationalökonom  nicht  völlig  darauf  beschränken, ­
  wirtschaftliche  Vorgänge  in  ihrer  Existenz  und  ihren
Zusammenhängen  nachzuweisen;  er  wird  sich  vielmehr  auch  über
das,  was  geschehen  soll,  über  wirtschaftspo'litische
Fragen  äußern  müssen.  Dabei  ist  nun  wesentlich,  daß  die
Wirtschaft  nicht  Selbstzweck  ist;  die  allgemeinen  Lebenszwecke  der
Menschen,  wie  Philippovich  es  einmal  ausgedrückt  hat,  sind  zielgebend ­
  für  die  Wirtschaftspolitik.  Die  Antriebe  der  Wirtschaftspolitik ­
  liegen  also  außerhalb  der  Wirtschaft  selbst,  die  vielmehr
nur  ein  Mittel  zur  Erreichung  allgemeiner  Aullurideale  ist.  Diese
        <pb n="16" />
        8  Aufgaben  und  lNelhoden  der  Volkswirtschaftslehre.
Aulturideale  sind  selbstverständlich  verschieden.  Der  eine  hofft
vielleicht  auf  eine  allgemeine  volkskultuc,  die  dann  eine  möglichst
gleichmäßige  Einkommens-  und  Vermögensverteilung  zur  Voraussetzung ­
  haben  muß,  während  her  Anhänger  Nietzsches  wieder
umgekehrt  .  die  Abstände  zwischen  den  Vielzuvielen  und  den
wenigen  wertvollen  so  breit  als  möglich  wünscht,  wirtschaftliche
Selbständigkeit  des  Staates  als  Vorbedingung  der  politischen  Unabhängigkeit, ­
  Ausbildung  der  besonderen  Tätigkeit  und  Möglichkeiten ­
  jeden  Volkes  in  einer  disserenzierten  und  aufeinander  angewiesenen ­
  Gesamtheit  der  Aulturnationen,  dies  ist  ein  zweiter
derartiger  Gegensatz.
Das  Ziel  stellt  also  die  Weltanschauung,  der  ethische  oder  politische ­
  Glaube;  sie  nur  geben  wirtschaftlichen  Vorgängen  die
Wertbetonung.  Die  Mittel  zur  Erreichung  dieser
überwirtschaftlich  gesetzten  Ziele  untersucht
die  wissen  schaftli  che  Wirtschaftspolitik,  wenn
auch  das  Ziel  gegeben  ist,  sönnen  die  Wege'  zu  ihm  unbekannt  und
streitig  sein.  Damit  ist  freilich  noch  nicht  gesagt,  daß  der  Gelehrte ­
  unter  allen  Umständen  der  geeignetste  Mann  sei,  dem  wirtschaftlichen ­
  ksandeln  auch  zum  gegebenen  Ziel  die  richtigen
Wege  zu  weisen.  Die  Fülle  der  einwirkenden  wirtschaftlichen
und  nichtwirtschastlichen  Umstände  ist  im  modernen  Wirtschaftsleben ­
  so  groß,  daß  ihre  völlige  Klarlegung  und  Verfolgung  oft,
wir  können  vielleicht  sagen  meist,  bei  dem  bisherigen  Stande
unseres  Wissens  nicht,  möglich  ist;  der  geniale  Blick  des  handelnden ­
  Staatsmannes,  des  Praktikers,  übersieht  und  erwägt  diese
Fülle  der  Möglichkeiten  vielleicht  schärfer  und  rascher  als  der
abstrahierende  Gelehrte.  Doch  bleibt  es  die  gegebene  Aufgabe
der  wissenschaftlichen  Wirtschaftspolitik,  immer  tiefer  auch  die
„Lebensvorgänge"  der  wirtschaft,  ihre  Bedingungen,  lsemmungen
  und  Verläufe  zu  studieren;  dann-  wird  sie  —  ein  letztes
fernes,  wahrscheinlich  nie  erreichbares  Fdeal  -  die  Elemente  zur
Erlangung  eines  gewünschten  wirtschartserloigs  so  sicher  aufbauen ­
  können  wie  der  wissenschaftliche  Maschinenkonstrukteur
seine  Dynamomaschine  von  so  und  soviel  Pferdekräften  oder  seine
Baumwollspindel  mit  der  vorausberechneten  Umdrehungszahl  in
der  Minute.
Im  Verlauf  der  wissenschaftlichen  Arbeitsteilung  als  Sonderwissenschaft ­
  entstanden,  setzt  die  Volkswirtschaftslehre  nun  ihrer-
        <pb n="17" />
        Die  volkswirtschaflspolilik.
setts  die  Schwesterwissenschaften  wiederum  voraus,
knüpft  an  deren  Arbeiten  an.  Wir  baden  bereits  angedeutet,
daß  die  Grundtatsache,  die  zu  wirtschaftlicher  Betätigung  führt,
das  Bedürfnis  des  Menschen  ist;  die  wirtschaft  ist  die  Lehre  von
der  Organisation  der  Bedarfsdeckung.  Die  Untersuchung  der
menschlichen  Bedürfnisse  ist  aber  nicht  Aufgabe  der  Nationalökonomie, ­
  sondern  der  Psychologie  und  Physiologie,
deren  Ergebnisse  der  Forscher  auf  dem  Gebiete  der  Volkswirtschaft ­
  einfach  übernimmt.  '  Die  Feststellung  der  jeweiligen  Bedingungen, ­
  unter  denen  sich  das  Wirtschaftsleben  verwirklicht,
ist  der  Geschichtsforschung  im  weitesten  Sinne,  der
Wirtschaftsgeographie,  der  Soziologie  überlassen. ­
  (Es  gibt  kaum  eine  Wissenschaft,  die  nicht  irgendwie  dar
Nationalökonom  seinen  Zwecken  dienstbar  macht,  wie  er  seinerseits ­
  anderen  Forschern  zu  dienen  hoffen  kann.  (Es  sei  dafür  nur
wieder  umgekehrt  daran  erinnert,  wie  sehr  die  Geschichtswissenschaft ­
  ihr  Gesichtsfeld  erweiterte,  als  sie  auf  die  materiellen  Bedingungen ­
  der  Volksentwicklung  zu  achten  begann;  es  fei  an  die
Bereicherung  der  Jurisprudenz  durch  das  gleiche  Vorgehen  hingewiesen. ­
  Um  ein  Mißverständnis  zu  vermeiden,  das  nahe  liegen
könnte,  sei  ausdrücklich  betont,  daß  die  Abgrenzung  des  Gebietes
einer  Wissenschaft  keineswegs  mit  der  des  Arbeitsgebietes  eines
Forschers  zusammenfällt.  Im  Gegenteil,  das  übergreifen  in  Dcr='
wandte  Wissensgebiete  befruchtet  oft.genug  beide;  nur  muß  sich
der  Nationalökonom,  der  historische  Forschungen  für  seine  Zwecke
anstellt,  bewußt  bleiben,  daß  solange  er  dies  tut,  er  Historiker
ist  und  den  besonderen  Bedingungen  dieser  Wissenschaft  Rechnung ­
  zu  tragen  hat.
Fragen  wir  nun  nach  diesen  allgemeineren  (Erörterungen,
welches  die  besonderen  Aufgaben  der  Volkswirtschaftslehre ­
  sind,  so  wissen  wir,  daß  es  sich  um  Feststellung ­
  und  Erklärung  von  Tatsachen  handelt,
und  zwar  dou  T a tsachen  der  Wirtschaft.  Wie  der
einzelne  Mensch  wirtschaftet,  um  sich  die  Mittel  zur  Bedarfsbefriedizung
  zu  schaffen,  welch-&amp;gt;  (Einwirkung  das  Neben-,  Mit-,
Gegeneinanderarbeiten  der  einzelnen  Menschen  in  der  Gesellschaft
hat,  wie  der  Staat  als  die  Verkörperung  des  Gesamtwillcns
regelnd,  hemmend,  fördernd  in  das  freie  Spiel  der  Rräfte  eingreift. ­
  das  ist  der  Gegenstand  unserer  Betrachtung.  Zu  diesem
        <pb n="18" />
        jo  '  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
Ziele  aber  können  wir  auf  verschiedenen  Megeir  kommen,  und
keineswegs  ist  man  sich  in  der  lpiffenschaft  über  den  richtigen
weg  einig.  Der  Streit  um  die  Methode  hat  in  den
letzten  Jahrzehnten  eine  große  Rolle  in  der  Wissenschaft  gespielt.
Jetzt  hat  er  nachgelassen;  aber  nicht,  weil  man  zu  einer  sachlichen
Einigung  gekommen  sei,  sondern  aus  der  Einsicht  heraus,  daß  es
einen  einzig  richtigen  weg  zur  Lösung  aller  wirtschaftlichen
Probleme  überhaupt  nicht  gebe.
Die  klassische  Nationalökonomie  ging  —  ohne  sich
übrigens  grundsätzlich  von  der  angewendeten  Methode  Rechenschaft ­
  abzulegen  —  von  dem  Individualegoismus  aus,  d.  h.  von
der  Annahme,  daß  jeder  Mensch  sein  eigenes  Interesse  am  besten
erkenne  und  verfolge.  Daß  sie  aus  dieser  Voraussetzung  schließlich ­
  eine  Forderung  machte,  daß  sie  in  der  Wirtschaftspolitik  Freiheit ­
  des  Handelns  zur  Erreichung  der  von  ihr  gleichfalls  angenommenen ­
  prästabilierten  Karmonie  der  Interessen  aller
Menschen  verlangte,  sei  nur  nebenbei  erwähnt.  Uns  interessiert
nur,  daß  sie  von  diesen  beiden  Voraussetzungen  aus  eine  Theorie
der  Wirtschaft  aufzubauen  versuchte  und  dabei  schoir  in  ihren
ersten  Vertretern  (Adam  Smith,  Ricardo)  Ergebnisse  erzielte,  die
z.  T.  jetzt  noch  die  Basis  weiterer  Forschung  sind.  Aus  diesem
Wege  des  Aufsteigens  von  gewissen  primären  feststehenden  oder
als  feststehend  angenommenen  Voraussetzungen,  dem  Wege  der
Deduktion,  wir  er  herkömmlicherweise  genannt  wird,  kann
man  durch  rein  'logische  Folgerung  zu  einer  Erklärung  der
Kausalzusammenhänge  des  betrachteten  wifserlschaftsgebietes
kommen.  Das  Musterbeispiel  für  diese  Betrachtungsweise  ist  die
Mathematik  und  insbesondere  wieder  die  euklidische  Geometrie,
die  aus  wenigen  Axiomen  ihr  ganzes  stolzes  Lehrgebäude  aufgebaut ­
  hat.  Diese  Methode  verlangt  die  Möglichkeit  einer  Isolierung ­
  der  zu  beobachtenden  Gegenstände  und.  Vorgänge  von  der
Außenwelt;  es  dürfen  keine  anderen  als  die  einmal  angenommenen ­
  Voraussetzungen  wirkend  sein,  wenn  nicht  die
Bündigkeit  des  Beweises  hinfällig  werden  soll.  Die  Naturwissenschaften ­
  haben  dazu  das  Mittel  des  Experiments;  sie  haben  es  in
der  ^and,  die  Bedingungen,  unter  denen  sich  etwa  die  Vereinigung ­
  zweier  Elemente  vollzieht,  genau  festzustellen  und  jede
weitere  Einwirkung  auszuschließen.  In  dieser  glücklichen  Lage
sind  alle  jene  wissnschaften  nicht,  welche  sich  mit  Vorgängen
        <pb n="19" />
        Die  deduktive  Methode.  I  r
innerhalb  der  menschlichen  Gesellschaft  befassen,  weil  der  Mensch
Antrieben  und  Einwirkungen  von  hundert  Seiten  unweigerlich
ausgesetzt  ist.  Das  gälte  selbst  von  Robinson  auf  seiner  Insel,
der  nicht  nur  dem  Einfluß  der  inneren  und  äußeren  Naturbedingungen ­
  unterliegt,  sondern  auch  von  Vorstellungen  und
lvissensinhalten  der  Gesellschaft,  deren  Glied  er  srüher  war.  So
ist  diese  Isolierung  .nur  im  Geiste  möglich,  unkontrollierbrr
durch  das  wirkliche  Geschehen.  '  Daraus  ergibt  sich  schon  die
spezielle  Schwierigkeit  dieser  Methode.  Der  kleinste  Ausschlagwinkel, ­
  die  geringste  Abweichung  vom  Lot  zerstört  Harmonie  und
Standfestigkeit  des  ganzen,  auf  noch  so  wuchtige  Fundamente  gestellten ­
  Gebäudes.
Die  theoretische  Sozialökonomie,  die  sich  der  deduktiven  oder
isolierenden  Methode  bedient,  setzt  eine  Gesellschaft  voraus,  in
der  die  Individuen  reine  „2D  irtfchafts  menschen"  sind,
nur  vom  Lrwerbstrieb  bewegt  werden,  nur  in  der  Rolle  von
Käufern  oder  Verkäufern  von  Grundstücken,  Kapitalien,  2lrbeitskräften,
  lDaren  auftreten.  Und  ihre  Forschung  geht  nun  dahin,
wie  Dietzel  es  ausdrückt,  festzustellen,  „welche  Phänomene,
vermittelt  durch  die  lDillensregungen  dieser  lDirtschaftsmenschen,
sich  in  dieser  lDirtschaftsgesellschaft  abspielen  werden,  falls  dies
oder  jenes  wirtschaftlich  relevante  Ereignis  eintritt,  d.  h.  ein
Ereignis,  durch  welches  diese  lDirtschaftsmenschen  in  ihrem  wirtschaftlichen ­
  Zweckstreben  berührt  werden,  welches  ihnen  die  Gunst
eines  Vorteils  oder  die  Gefahr  eines  Verlustes  bedeutet".  Der
hypothetische  lDirtschastsmensch  muß  ökonomisch  handeln,  d.  h.
nach  dem  Prinzip  des  kleinsten  Mittels,  indem  er  bestrebt  ist,  das
Maximum  wirtschaftlicher  Bedürfnisse  mit  einem  Minimum  wirtschaftlicher ­
  Aufwendungen  zu  erreichen;  es  wird  weiter  angenommen, ­
  daß  der  lDirtschaftsmensch,  der  homo  oeconomicus,
das  Eintreten'  des  wirtschaftlich  wichtigen  Ereignisses  sieht  undwürdigt.
  Mit  anderen  lDorten,  das  „erleuchtete  Selbstinteresse",
wie  man  es  genannt  hat,  muß  ihn  leiten.
Die  Bedeutung  dieser  isolierenden  Methode  für  die  Findung
wirtschaftlicher  Gesetze  ist  groß.  So,  hat  einer  der  größten  deutschen ­
  Nationalökonomen,  Johann  Heinrich  von
Thünen,  in  seinem  berühmten  Buch  vom  „Isolierten  Staat",
folgenreiche  Untersuchungen  über  den  Einfluß  der  Entfernung
und  der  Transportkosten  airf  Vroduktion  und  Bvdenwert  unter
        <pb n="20" />
        12  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
der  Voraussetzung  eines  völlig  hyothetischen,  von  der  übrigen
lvelt  gänzlich  getrennten  Staats  aufgestellt,  in  dem  nur  eine
einzige  Stadt  im  Mittelpunkt  gelegen  ist  und  keinerlei  natürliche
Verkehrsstraßen  existieren  -  das  m  Wirklichkeit  unmögliche  Experiment ­
  ist  gedankenmäßig  völlig  durchgeführt.
Aber  es  leuchtet  ohne  weiteres  wiederum  ein,  daß  diese  Forschungsweise ­
  zwar  viel,  bei  weitem  aber  nicht  alles  zu  erklären
vermag.  Die  Voraussetzung  vom  erleuchteten  Selbstinteresse  des
„wirtschaftsmenschen"  und  dessen  restloser  Durchsetzung  trifft
eben  durchaus  nicht  immer,  eigentlich  sogar  niemals  zu.  wir
können  rrlhig  sagen,  glücklicherweise  nicht,  denn  solch  ein  reiner
wirtschastsmensch  ohne  Irrtum  und  Leidenschaft  wäre  unerträglich, ­
  und  wäre  gar  die  ganze  Welt  so  ausschließlich  ökonomisch
gerichtet,  so  fehlte  ihr  alles,  was  dem  Leben  Reiz  und  Farbe  gibt.
Tatsächlich  werden  denn  auch  jene  ökonomischen  Erwägungen
tausendfach  durchkreuzt,  überholt,  vom  Wege  abgelenkt  von  Begehren ­
  und  Leiden,  hohem  Flug  der  Gedanken  und  dumpfer
Unwissenheit.
Der  Mensch  der  Wirklichkeit',  der  „geschichtliche
Mensch"  ist  ein  ariderer  als  der  Wirtschaftsmensch,  und  es  ist
nach  Dietzels  schönem  wort  die  Aufgabe  des  Wirtschaftshistorikers,
zu  zeigen,  daß  dieser  geschichtliche  Mensch  keine  ausschließlich
vom  Lrwerbsbetrieb  bewegte  Marionette  ist.  „Das  gleiche  Individuum ­
  mag  heute  wie  ein  geriebener  Spekulant,  morgen  wie  ein
sorgloser  Verschwender  handeln.  Die  Lebensstellung,  der  Eharakter,
  die  Laune  des  Moments  differenzieren  Maß  und  Art  des  Erwerbstriebs. ­
  Die  eine  Zeit,  das  eine  Volk  mag  sklavisch  in  seinen
Banden  liegen,  eine  andere  Zeit,  ein  anderes  Volk  ihm  eine  weit
geringere  Herrschaftssphäre  einräumen.  Die  Sucht  nach  Reichtum
ist  nur  eine  in  der  großen  Zahl  der  psychischen  Kräfte,  welche  in
den  wirklichen  Menschen  sich  regen;  sie  kann  die  übrigen  ertöten,
doch  gleicherweise  von  ihnen  überwunden,  mindestens  gelähmt
werden."
Es  ist  nun  aber  das  Eigentümliche  auch  dieser  außerwirtschaftlichen ­
  Motive  und  Vorgänge,  daß  sie  „wirtschaftliche" ­
  Folgen  haben.  Kaum  ist  wohl  etwas  Unwirtschaftlicheres ­
  zu  denken  als  der  Krieg,  aber  kaum  auch  etwas, ­
  das  tiefer  in  die  Sphäre  der  Wirtschaft  eingreift.  Schon  in
seinen  Vorbereitungsstadien,  im  Frieden,  ist  der  Krieg  Veranlasser
unzähliger  wirtschaftlicher  Vorgänge.  Die  Riesensummen,  dir
        <pb n="21" />
        Die  historische  Methode.

&amp;lt;3

schon  im  Frieden  für  Heer  und  Marine  ausgegeben  werden,  gehen
natürlich  der  Volkswirtschaft  nicht  verloren;  in  Gestalt  von  Gehältern ­
  der  Gffizere  und  Beamten,  Besoldung  und  Verpflegung
der  Truppen,  Beschaffung  von  Kriegsmaterialien  aller  Art  treten
sie  wieder  in  den  volkswirtschaftlichen  Kreislauf  ein.  Selbstverständlich ­
  wird  durch  diese  Konzentration  einer  bestimmten  Bachfrage ­
  ein  weitgehender  Einfluß  auf  die  Gestaltung  der  Wirtschaft
ausgeübt;  es  ist  bekannt,  wie  einzelne  Zweige  der  Eisenindustrie
(durch  die  Herstellung  von  Kanonen,  Gewehren,  Panzerplatten),
des  Schiffsbaues,  der  Bekleidungsgewerbe  durch  die  Bestellung
der  Militärverwaltung  gefördert  und  in  bestimmte  Richtungen
gelenkt  werden.  Aber  auch  daß  eine  überaus'  große  Anzahl  von
Männern  im  kräftigsten  Lebensalter  der  wirtschaftlichen  produktiven ­
  Arbeit  entzogen,  zu  reinen  Konsumenten  gemacht  werden,
ist  eine  unmittelbar  in  die  Augen  springende  Tatsache.  Damit
sind  aber  die  wirtschaftlichen  Einwirkungen  des  Krieges  im  Frieden ­
  bei  weitem  noch  nicht.erschöpft.  Ls  fei  nur  an  die  Beschaffung ­
  des  Geldes  für  diese  Zwecke  erinnert;  an  die  Steuern,  Zölle,
Abgaben,  Staatsschulden,  die  diesem  Zwecke  dienen.
Übt  die  furchtbar  drohende  Gefahr  eines  Krieges  einen  wirtschaftlich ­
  wirkenden  Zwang  der  Gegenwehr  aus,  der  mit  den
Mitteln  der  staatlichen  Hoheit  ausgeübt  wird,  so  können  nicht
minder  rein  psychologische  Stimmungen  zu  wirtschaftlichen  Ergebnissen ­
  größter  Bedeutung  führen.  Es  sei  nur  an  die  Mode
erinnert,  deren  sanften  Zwang  jeder  Mann  und  jede  Frau  ■—
jede  Frau  erst  recht  —  am  Geldbeutel  spürt.  Die  Eitelkeit,  der
Spieltrieb  oder  welches  sonst  ihre  psychologischen  Antriebe  sein
mögen,  wirken  bis.  zu  den  primitivsten  Völkerschaften;  Glasperlen, ­
  bunter  Kattun  und  daneben  natürlich  Alkohol  sind  gewöhnlich ­
  die  ersten  Mittel,  die  Farbigen  in  den  Kreis  unserer
Wirtschaft  hineinzuziehen,  indem  wir  sie  mxmlaffen,  im  Austausch ­
  für  diese  Kostbarkeiten  die  für  uns  wertvollen  Erzeugnisse
ihrer  Heimat  oder  ihre  Arbeitskraft  herzugeben.
Line  Häufung  weiterer  Beispiele  wird  nicht  eciorderlich  sein;
wir  dürfen  als  feststehend  annehmen,  was  jedem  einzelnen  seine
tägliche  Erfahrung  bestätigen  wird,  daß  der  „geschichtliche  "  Mensch
in  seinem  wirtschaftlichen  handeln  durchaus  nicht  immer  von
wirtschaftlichen  Antrieben  geleitet  wird,  wir  wallen  aber  wissen,
wie  tatsächlich  die  Vorgänge  der  Wirtschaft  um  uns  herum  zustande ­
  kommen,  ebenso  wie  der  Lhemiker  sich  nicht  damit  be-
        <pb n="22" />
        j(4  Aufgaben  und  Methoden  der  volkswirtschastslehrc.
gnügt,  die  Wirkung  Meier  Stoffe  auseinander  im  Reagenzglas
zu  beobachten,  sondern  auch  die  von  ihm  unbeeinflußten  und  unbeeinflußbaren ­
  chemischen  Vorgänge  im  Boden,  in  der  Atinofphäre,
  im  menschlichen  und  tierischen  Körper  zu  erkennen  sich
bemüht.  Das  Leitmotiv  des  ökonomischen  Prinzips  hilft  uns  nicht
mehr  durch.  So  kam  denn  eine  neue  Schiele  auf.  die  den  umgekehrten ­
  weg  einschlug.  Sie  ging  von  den  tatsächlichen  Vorgängen
der  Wirtschaft  aus,  verfolgte  ihren  Verlauf,  suchte  durch  sorgfältige ­
  Analyse  der  Wirklichkeit  die  treibenden  Kräfte  aufzuspüren. ­
  um  schließlich  die  Gesetze  der  Wirtschaft  erfahrungsmäßig
festzustellen.
Ls  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  der  letztere  weg  gegenüber  der
strengen  mathematischen  Schlußfolgerung  der  Deduktion  der  viel
leichter  zu  verfehlende  ist.  wer  jemals  sich  mit  wirtschaftlichen
Tagesfragen  beschäftigt  hat,  wer  auch  nur  Zeitungen  lieft,  wird
oftmals  mit  Staunen  gesehen  haben,  wie  verschieden  die  scheinbar
einfachsten  wirtschaftlichen  Tatsachen  erklärt  werden;  und  für
kompliziertere  Erscheinungen  wie  etwa  die  Krise,  die  Bodenpreisbildung, ­
  die  Lage  des  tzandwerks  füllen  die  Erklärungen
nicht  mehr  Bücher,  sondern  Bibliotheken.  Man  wird  sich  nicht
verhehlen  können,  daß  diese  Schwierigkeiten  in  der  Methode  selbst
begründet  find;  der  enge  Zusammenhang  aller  Erscheinungen  des
Lebens  von  den  rein  physiologischen  bis  zu  den  höchsten  intellektuellen, ­
  ethischen  und  ästhetischen  spottet  jedes  Versuches  einer
restlosen  Auflösung  in  feine  letzten  Elemente.
Die  Methode  der  volkswirtschaftlichen  Analyse ­
  (so  nennen  wir  sie  besser  statt  mit  dem  vielfach  angewandten
Namen  der  Induktion),  des  Schluffes  von  der  Erscheinung  auf
das  Gesetz,  hat  denn  auch  gerade  wie  die  der  induktiven  Naturwissenschaften, ­
  ein  kjauptangenmerk  auf  die  Verfeinerung  ihrer
Werkzeuge,  der  Mittel  der  Beobachtung  gerichtet.  Es  handelt  sich
dabei  darum,  sowohl  den  Verlauf  als  auch  das  Wesen  der  Erscheinung ­
  eindeutig  festzustellen.  Sind  die  zu  beobachtenden  Erscheinungen ­
  bereits  vergangen,  so  tritt  die  Wirtschaftsgeschichte ­
  auf  den  Plan.  wirtschaftsbistoriker  waren  es  denn
auch.  Männer  wie  Ljildebrand,  Roscher,  Schmolle  r,
in  deren  fänden  die  Anwendung  der  neuen  Methode  ruhte,  die
demgemäß  auch  mit  einem  ihren  Umfang  nicht  ganz  deckenden
Namen,  die  historische  Methode  genannt  wurde.  Die
Wirtschaftsgeschichte  hat,  wie  jede  Geschichtswissenschaft,  die  Auf-
        <pb n="23" />
        Ivirtschastsgeschichle  unö  Statistik.  15
gäbe,  aus  früheren  Geschichtserzählungen,  Chroniken,  nrkunSlichein
Material  und  anderen  Lebensäußerunaen,  einen  2lusschnitt  aus
der  Gesamtwirklichkeit  wieder  lebendig  zn  machen  und  in  seinen
inneren  Verknüpfungen  nachzuweisen.  Der  Wirtschaftshistoriker
zeigt  etwa,  wie  gegen  Ausgang  des  Mitelalters  eine  auf  Gelderwerb ­
  gerichtete  Grundstimmung  langsam  erwächst,  und  versucht,
die  Ursprünge  dieses  von  uns  so  genannten  kapitalistischen  Geistes
auf  den  Calvinismus,  auf  das  Iudentun^  oder  auf  andere  Ursachen ­
  zurückzufahren.  Gder  er  untersucht  die  Entstehung  des
modernen  proletariats,  zeigt,  wie  es  aus  drei  (Quellen,  nämlich
dem  alten  handwerklichen  Gesellentum,  den  deklassierten  Landstreichern ­
  und  „Armen"  sowie  der  neuen  Überschußbevölkerung
zusammenfließt,  die  erst  mit  Ejilfe  der  modernen  produktionsund
  Verkehrstechnik  ernährt  werden  kann;  er  verfolgt  die  Bedingungen, ­
  unter  denen  ein  solches  proletariat  entstehen  konnte,
kommt  auf  die  Entstehung  der  Großindustrie  und  der  kapitalistischen ­
  Produktion  überhaupt  und  läßt  so  dies  problem  in  das  erste
der  Entstehung  des  kapitalistischen  Geistes  einmünden.  Wie  denn
überhaupt  das  letzte,  freilich  unerreichbare  Ziel  der  Geschichtswissenschaft. ­
  die  lückenlose  Erklärung  des  Zusammenhanges  alles
menschlichm  Geschehens  ist.
Führen^  die  zu  untersuchenden  Ereignisse  ihr  Leben  nicht  nur
in  Büchern  und  pergamenten,  so  werden  wir  sie  auch  auf  andere
Weise  zu  fassen  vermögen.  Eine  große.Reihe  wirtschaftlicker  oder
wirtschaftlich  wichtiger  Vorgänge  und  Erscheinungen  haben  die
Eigenschaft,  meßbar,  zählbar  und  wägbar  zu  sein.  Wir  können
Geburten  und  Sterbesälle  zählen,  wir  können  Steinkohlenproduktion ­
  und  Bierverbrauch,  Anbaufläche  von  Weizen  und  Ausfuhr
von  Baumwollstoffen  wägen  oder  messen.  Die  2  t  a  t  i  st  i  k  ,  denn
um  diese  handelt  es  sich,  ist  freilich  nicht  nur  auf  wirtschaftlich  bedeutungsvolle ­
  Vorgänge  anwendbar.  Das  Wort  Statistik  ist  zum
erstenmal  von  Achenwall  im  Jahre  *748  angewendet  worden:
er  verstand  darunter  die  Lehre  von  der  Staatsverfassung  und  den
„Staatsmerkwürdigkeiten".  In  der  Tat  hatten  die  Kerrscher  und
Staatsmänner  zuerstz  das  zwingende  Bedürfnis,  namentlich  alles
das  zu  ermitteln,  was  die  Bevölkerung  und  die  Produktion  sowie
die  Produktionsmittel  angeht.  Auf  die  Ermittelung  der  „Staats«
merkwürdigeiten"  wurde  zuerst  die  Methode  des  Messens,  Wägens
und  Zählens  angewendet,  und  so  konnte  es  geschehen,  daß  man
die  Ermittlungsweise  mit  denr  Gegenstand  der  Ermittlung  un-
        <pb n="24" />
        \6  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
merklich  gleichsetzte.  Wir  müssen  aber  streng  daran  festhalten,
Laß  die  Statistik,  welcher  Namen  jetzt  dieser  Ermattlungsweiss
anhängt,  eben  nur  eine  Methode  ist,  die  ebensowohl  auf  die  Ermittlung ­
  der  Ausbreitung  von  Haarkrankheiten  oder  der  Durchschnittshäufigkeit ­
  von  Gewittern  angewendet  werden,  kann  wie
auf  die  Feststellung  der  Ein-  und  Auswanderung  oder  der  Arbeiterlöhne; ­
  gerade  so  wie  die  Geschichte  als  Dlethode  für  die  Erforschung ­
  aller  Geschehnisse  in  der  Zeit  anwendbar  ist.
Man  hat  der  Statistik  viel  Übles -nachgesagt;  man  hat  sie  der
Lüge  wie  der  Langweiligkeit  beschuldigt.  Beide  Anschuldigungen
sind  durchaus  falsch.  Die  Statistik  lügt  nie;  sie  ist  nur  ein  ungemein
seines  und  empfindliches  Werkzeug,  das  in  der  Hand  Ungeschickter
und  Böswilliger  versagt,  wie  es  dis  Rräfte  des  Kundigen  erhöht.
Und  sie  ist  erst  recht  nicht  langweilig.  Man  muß  nur  zu  lesen
verstehen;  dann  beleben  sich  die  Zahlenseiten  der  statistischen
Jahrbücher,  und  die  Schicksale  der  Völker  steigen  vor  uns  auf.
Welch  eindrückliches  Zeugnis  von  der  großen  Unruhe  unserer
Zeit  legen  die  Zahlen  der  Ein-  und  Auswanderungen  ab;  welche
Sprache  von  Kampf,  Not,  Sieg  und  Niederlage  sprechen  die  Zahlen
der  Streikstatistik.
Line  andere  Form  der  Massenbeobachtung,  die  jetzt  rechter  Beliebtheit ­
  sich  erfreut,  ist  die  L  n  q  u  e  t  e.  Bei  ihr  handelt  es  sich
um  Tatsachen,  die  nicht  mittels  Zahlen  allein  zu  fasten  sind,  sondern ­
  ergänzender  Beobachtungen  und  Untersuchungen  bedürfen.
Solche  Enqueten  hat  z.  B.  der  Verein  für  Sozialpolitik  in  den
letzten  Jahrzehnten  wiederholt  veranstaltet  und  damit  ein  äußerst
wertvolles  Tatsachenmaterial  beschafft;  die  Lage  der  Handwerker,
das  landwirtschaftliche  Kreditwesen,  die  Wirtschaftsbetriebe  der
Städte,  Auslese  und  Anpassung  der  Arbeiter  in  der  Großindustrie
waren  einige  der  von  ihm  behandelten  Gegenstände.  Ls  wird  dabei ­
  ein  Fragebögenschema  ausgearbeitet,  auf  Grund  dessen  möglichst ­
  viele  Linzelbeobachter  Untersuchungen,  vornehmen.  Die
Fehlerquelle  liegt,  abgesehen  von  der  jeweiligen  Zugänglichkeit
des  Untersuchungsstöffs,  in-der  verschiedcnartigkeit  der'Beobachter ­
  nach  Vorbildung,  Sachkenntnis,  Vertiefung  und  Fähigkeit:
die  Ergebnisse  bedürfen  also  einer  ebenso  sachkundig  kritischen
Würdigung  wie  die  an  und  für  sich  zuverlässigeren  aber  spröderen
der  Statistik.
Die  Gesamtergebnisse  der  „historischen  Methode"  bilden  eine
außerordentlich  wertvolle  Bereicherung  unserer  Wissenschaft,  viel-
        <pb n="25" />
        Die  psychologische  Methode.  (7
leicht  nicht  zum  wenigsten  deshalb,  weil  sie  eine  Befreiung  von
der  einseitigen  politischen  Richtung  der  klassischen  Schule  bedeuteten. ­
  Immerhin  war  es  der  historischen  Methode  nicht  gelungen, ­
  das  Lrkenntnisbedürfnis  restlos  zu  befriedigen.  Dte
historische  Schule  hat  den  unabsehbaren  Tatsachenstoff  nicht  so  zu
bewältigen  vermocht  und  wird  dies  niemals  können,  daß  sie  aus
ihm  ein  lückenloses  System  der  Wirtschaft  aufzubauen  imstande
wäre;  zu  einer  solchen  Synthese  ihrer  Ergebnisse  hat  sie  kaum
den  versuch  gemacht.  Aber  nicht  nur  diese  Unfähigkeit  zur  Systembildung ­
  hat  eine  Gegenerschaft  auf  den  plan  gerufen,  sondern
noch  mehr  vielleicht  das  aus  einer  anderen  Geistesartung  entspringende ­
  Bedürfnis  rein  abstrakten  Denkens.  So  hat  die  theoretische ­
  Richtung  eine  Auferstehung  erfahren  und  beginnt  schon
fast,  die  „historische"  zurückzudrängen.  Die  österreichische
Schule,  wie  sie  nach  ihren  tzauxtoertrctern'  im  deutschen
Sprachgebiet  genannt  wird,  ist  keineswegs  in  sich  einheitlich,  außer
in  der  Forderung,  der  theoretischen  Betrachtung  Raum  zu  schaffeir.
Der  eine  Zweig,  der  allerdings  hauptsächlich  im  Auslande  blüht,  -
hat  nichts  Geringeres  vor,  als  den  Schlüffen  der  ökonomischen
Theorie  die  Sicherheit  der  exakten  mathematischen  Beweisführung ­
  zu  verleihen.  Einen  solchen  versuch  hat  beispielsweise ­
  S  ch  u  m  x  e  t  er  gemacht,  indem  er  die  Aufgabe  der
reinen  Ökonomie  in  der  Untersuchung  der  Funktionalbeziehungen
der  Güterquantitäten  unter  Voraussetzung  eines  Gleichgewichtszustandes ­
  sucht.  Diese  objektiv-quantitative  Problemstellung  steht
im  schärfsten  Gegensatze  zu  der  herrschenden  Richtung  innerhalb
der  Wiener  Schule,  die  ihre  Vertreter  als  die  „psychologische
Methode"  charakterisieren.  Damit  ist  nicht  etwa  gemeint,  daß
diese  Theorie  von  der  wissenschaftlichen  psvchologie  ausginge.  Sie
legt  vielmehr  Wert  darauf,  zu  betonen,  daß  sie  ihre  Beobachtungen
über  das  menschliche  Innere  selbständig  mache,  oder,  wie  ihr
jetziger  Führer  v.  W  i  e  s  e  r  es  ausdrückt,  den  Inhalt  der  gemeinen
wirtschaftlichen  Erfahrung  wisseuschaftlich  auszuschöpfen  und  zu
deuten  sich  zur  Aufgabe  gemacht  habe.  Das  Bewußtsein  der  wirtschaftenden ­
  Menschen  biete  einen  Schatz  von  Erfahrungen,  die
jedermann  besitze;  dies  seien  teils  äußere  Tatsachen  wie  das  Dasein ­
  der  Güter,  teils  innere  wie  die  menschliche  Bedürftigkeit.  Der
Umfang  der  Wirtschaftstheorie  reiche  genau  so  weit,  wie  diese
gemeine  Erfahrung.  Die  Aufgabe  des  Theoretikers  ende  immer
dort,  wo  die  gemeine  Erfahrung  endige  und  wo  die  Wissenschaft
WvgodzinSKI,  Slntütmmg  in  bie  BolKSwirUchaftslehri.

2
        <pb n="26" />
        18  Aufgaben  und  Methoden  der  Volkswirtschaftslehre.
ihre  Beobachtungm  im  Wege  der  historischen  oder  statistischen
Arbeit  auf  irgendeinem  anderen  sonst  für  zulässig  erachteten  woge
sammeln  müsse.  Erkenntnisse  solcher  Art  überlasse  der  wirtschaftstheoretiker
  also  anderen  Bearbeitern  der  wissenschaftlichen
Ökonomie,  die  durch  ihre  Methode  in  den  Stand  gesetzt  seien,
die  theoretisch  gewonnenen  Ergebnisse  weiterzuführen.  Doch
werde  der  Theoretiker  sich  der  Beziehung  auf  das  geschichtliche
Werden  nicht  ganz  zu  enthalten  haben.  Es  gebe  zahlreiche  geschichtliche ­
  Wirtschaftsprozesse,  die,  nachdem  sie  Jahrzehnte  und
Jahrhunderte  gefüllt  haben,  auch  heute  noch  im  Lause  und  deshalb ­
  der  Einsicht  durch  die  gemeine  Erfahrung  zugänglich  seien;
so  z.  B.  die  Entwicklung  der  Arbeitsteilung  oder  die  Steigerung
der  Grundrente,  oder  auch  selbst  die  Auslösung  der  Naturalwirtschaft ­
  durch  die  Geldwirtschaft.  Die  Methode  der  Wirtschaststheorie
  ist  also  nach  der  2lufsassung  von  Wieser  empirisch,  sie  beruht ­
  auf  Beobachtung  und  hat  kein  anderes  Ziel  als  die  Wirklichkeit ­
  zu  beschreiben,  allerdings  nur  in  ihren  typischen  Erscheinungen ­
  und  ihrem  typischen  Verlauf,  unter  Fortlassung  des
Nebensächlichen,  Zufälligen,  Besonderen.  Als  Lfilfsmittel  dazu,
dienen  die  gedankliche  Isolierung,  die  Zerlegung  der  zusammengesetzten ­
  Bilder  der  Erfahrung  in  ihre  einfachsten  Elemente,  und
die  Idealisierung,  die  den  empirischen  Fall  in  Gedanken  auf  den
höchsten  Grad  der  Vollkommenheit  erhöht.  Die  Isolierung  enthält
dabei  weniger,  die  Idealisierung  mehr  als  die  empirische  Wahrheit. ­
  Mit  diesen'  Annahmen  äußerster  Abstraktion  beginnt  der
Theoretiker,  ist  sich  aber  bewußt,  daß  sie  das  volle  Bild  der  Wirklichkeit ­
  nickt  geben.  Um  nun  sein  eigentliches  Ziel,  die  Erklärung ­
  der  Wirklichkeit,  zu  erreichen,  gestaltet  er  feine  Annahnwn
Schritt  für  Schritt  durch  ein  System  abnehmender  Abstraktion
konkreter  und  vielfältiger.  Ganz  an  die  Wirklichkeit  kommt  er
damit  nie  heran;  die  Theorie  verlange  vielmehr,  wie  schon  erwähnt, ­
  die  fortsetzende  Arbeit  anderer  wissenschaftlicher  Methoden
und  selbst  auch  der  praktischen  Politik,  die  realistisch  jene  Einzelheiten ­
  einzeichnen,  welche  sie  selber  in  ihrer  stilisierenden  Art  der
Darstellung  nicht  auszudrücken  vermöge.
Noch  in  einem  weiteren  Sinne  verlangt  v.  Wieser  eine  Ergänzung ­
  der  theoretischen  Wirtschaftsbetrachtung.  Der  volkswirtschaftliche ­
  Prozeß,  den  zu  erklären  seine  Absicht  ist,  hat  nach
ihm  nämlich  zwei  Voraussetzungen.  In  der  Volkswirtschaft  treffen
Einzelwirtschaften  zusammen.  Er  untersucht  deshalb  zunächst  die
        <pb n="27" />
        19

Üie  Soziologie.
Linzelwirtschaft,  d.  h.  die  Wirkungen,  die  von  den  reinen  lvirtschastszwecken
  aus  und  nur  von  diesen,  auf  die  Gestaltung  des
wirtschaftlichen  Prozesses  ausgeübt  werden,  unter  der  idalisierenden
  Annahme  eines  wirtschaftlichen  Mustersubjekts.  In
der  Volkswirtschaft  jedoch  zeigt  die  Beobachtung,  daß  unter  Umständen ­
  bei  dem  Zusammentreffen  der  Linzelwirtschosten  die
Interessen  sich  kreuzen  und  daß  im  Kampfe  der  Stärkere  siege,
wobei  sich  große  Mächte  entwickelten,  die  ganzen  volksklassen  ein
entscheidendes  Übergewicht  über  die  anderen  verliehen.  Das  Verhältnis ­
  der  Macht  zur  Wirtschaft,  die  Frage  der  Macht  überhaupt
ist  kein  wirtschaftliches  Problem  mehr,  sondern  ein  solches  der
Gefellschaftstheorie,  die  damit  eine  der  Voraussetzungen  der  Erkenntnis ­
  der  Volkswirtschaft  wird.
Diese  Anerkennung  der  Bedeutung  der  Soziologie  (mit
diesem  Namen  nennen  wir  die  Gesellschaftstheorie  gewöhnlich)
durch  v.  Wieser  ist  jedoch  noch  beträchtlich  zu  erweitern.'  Nicht
nur  das  Problem  der  Macht,  sondern  eine  ganze  Reihe  weitere
rein  gesellschaftliche  Vorgänge  'wirken  auf  die  Wirtschaft  entscheidend ­
  ein.  Tatsächlich  enthalten  die  meisten  wirtschaftlichen  Untersuchungen ­
  Einsprengsel  soziologischer  Art,  ohne  daß  dies  klar  zum
Bewußtsein  und  noch  weniger  zum  Ausdruck  kommt.  Line  systematische ­
  Durchleuchtung  der  wirtschaftlichen  Vorgänge  vom  Standpunkte ­
  der  Soziologie  gehört  zu  den  dringendsten  Aufgaben  der
Wissenschaft.
Diese  kurz  von  uns  skizzierten  Gedankengänge  eines  unserer
hervorragendsten  Theoretikers  laufen  darauf  hinaus,  nicht  dis
Alleinherrschaft  einer  Methode  zu  proklamieren,  sondern  den
Herrschaftsbereich  der  verschiedenen  Methoden  abzugrenzen.  Ls
ist  jetzt  wohl  die  überwiegende  Meinung  der  Forscher  auf  unserem
Gebiete,  der  M  a  x  w  e  b  er  folgendermaßen  Ausdruck  gab:  „A  u  f
dem  Gebiete  der  Methodik  wird  man  sich  im
Bereiche  unserer  Disziplin  mehr  an  den  Gedanken ­
  gewöhnen  müssen:  daß  letztlich  alle
Wege  wieder  zusammenführen."  Die  Anwendung
der  einen  oder  anderen  Methode  ist  teils  Sache  des  jeweiligen
Problems,  teils  der  besonderen  Veranlagung  des  Forschers.  Ls
sind  schließlich  Grundanlagen  der  menschlichen  Natur,'die  den
einen  vom  Gedanken  zur  Erscheinung,  den  anderen  von  der  Erscheinung ­
  zum  Gedanken  führen.  Das  Feld  der  Tätigkeit  ist  noch
so  unabsehbar,  daß  für  sie  alle  Raum  ist.  ■
        <pb n="28" />
        20

Grundbegriffe  der  Wirtschaft.

Grundbegriffe  der  Wirtschaft.
"MAir  hatten  die  Volkswirtschaftslehre  vorläufig  gekennzeichnet
die  Lehre  von  der  Bedarfsbefriedigung  der  Menschen.
Jetzt  müssen  wir  diese  vorläufige  Erklärung  erweitern  und  deutlicher ­
  machen.
In  dem  Worte  Volkswirtschaft  stecken  zwei'  Begriffe:  Wirtschaft ­
  und  Volk.  Unter  Wirtschaft  verstehen  wir  den  I  n  -
begriff  der  kfandlungen,  Vorgänge  und  Einrichtungen, ­
  die  auf  die  dauernde  planmäßige
Güterversorgung  der  Menschheit  gerichtet
sind.  Daß  ein  solches  Wirtschaften  notwendig  ist,  hat  zwei  Ursachen: ­
  die  Bedürftigkeit  der  menschlichen  Natur  und  die  Knappheit ­
  der  Versorgungsniittel.  Diogenes,  der  von  Alexander  nichts
anderes  zu  erbitten  weiß,  als  daß  er  ihm  aus  der  Sonne  gehe,
ist  ein  Extrem  der  Bedürfnislosigkeit,  für  den  das  Wirtschaften
zum  mindesten  nur  eine  sehr  geringe  Rolle  spielt;  die  Bewohner
des  Paradieses  kannten  keine  -Nahrungsmittelknapxheit  und
brauchten  aus  diesem  Grunde  nicht  zu  wirtschaften.  In  dem
Maße,  als  die  Summe  der  Bedürfnisse  der  an  Zahl  ständig  zunehmenden ­
  Menschheit  wie  der  einzelnen  Menschen  selbst  wächst,
während  die  Natur  sich  weigert,  ihre  Gaben  freiwillig  zu  vermehren, ­
  wächst  der  Zwang  zur  Wirtschaft.
Mit  Rücksicht  darauf,  daß  sowohl  die  Summe  der  zur  Verfügung ­
  stehenden  Bedarfsdeckungsmittcl  wie  der  zu  ihrer  'Gewinnung ­
  und  Verarbeitung  erforderlichen  Arbeitskräfte  begrenzt
ist,  muß  dieses  Wirtschaften  unter  der  Überlegung  erfolgen,  m  i  t
den  gegebenen  Kräften  und  Materialien  das
Maximum  von  Nutzen  zu  erzielen.  Man  spricht  hier
von  Wirtschaften  in  einem  anderen  Sinne  als  dem  erstgenannten,
und  zwar  in  einem  weiteren.  Das  sogenannte  wrrtschaftliche
  oder  ökonomische  Prinzip,  das  nichts  anderes
ist  als  das  allgemeine  Prinzip  des  geringsten  Kraftaufwandes,
gilt  überall,  wo  menschliche  Tätigkeit  vernünftig  sich  vollzieht.
In  der  Wirtschaft  im  erstgenannten  Sinne  aber  spielt  es  eine  so
entscheidende  Rolle,  daß  es  für  die  Psychologie  des  „homo
oeconomicus",  des  reinen  wirtschastsmenschen  geradezu  entscheidend
  ist.
Jeder  einzelne  sucht  den  Wirtschaftszweck  für  sich  zu  erreichen.
Eine  Einzelwirtschaft  ist  denkbar;  jedoch  eben  nur  als  singuläres
        <pb n="29" />
        Gegenstand  der  Wirtschaft.

21

Robinsonschicksal.  In  Wirklichkeit  -ist  die  Linzelwirtschast  mit
der  der  anderen  Volksgenossen  aufs  engste  verbunden:  durch  die
Arbeitsteilung,  die  den  Bauern  auf  den  Handwerker,  den  Kaufmann ­
  auf  den  Schiffer  und  wiederum  jeden  einzelnen  auf  unzählige ­
  andere  anweist,  durch  Kauf  und  verkauf,  durch  die  staatlichen ­
  Eingriffe  in  die  Produktion  und  all  die  anderen  Verbindungsfäden, ­
  die  uns  die  „gemeine  Erfahrung"  überall  zeigt,
hier  kommen  wir  auf  den  zweiten  Begriff  in  dem  Worte  Volkswirtschaft. ­
  Rur  ist  der  Ausdruck  „v  o  1  k"  für  das,  worauf  es  hier
ankommt,  nicht  ganz  zutreffend,  sogar  irreführend.  Gewiß  hat
jedes  in  einem  Staate  zusammengefaßte  Volk  eine  Gemeinfamkeit
der  wirtschaftlichen  Bedingungen  aufzuweisen,  und  in  der  Wirtschaftspolitik, ­
  die  ja  immer  vom  Staat  ausgehen  und  ihm  dienen
muß,  kommt  diese  Gemeinsamkeit  zum  scharfen  Ausdruck.  Im
übrigen  aber  sind  die  Beziehungen  der  Einzelwirtschaft  zu  den
anderen  Einzelwirtschaften  teils  engere,  teils  weitere.  Der  Nachbar ­
  auf  der  einen  Seite,  die  weite  Welt  auf  der  anderen  berühren ­
  sie  bisweilen  stärker  als  die  Gesamtheit  der  Volksgenossen.
Daß  überhaupt  die  Einzelwirtschaft  mit  anderen  in  Beziehung
tritt,  ist  die  entscheidende  Tatsache,  nicht  aber,  wie  der  Kreis  sich
abgrenzt.  Man  spricht  deshalb  besser  nicht  von
Volkswirtschaft  und  Volkswirtschaftslehre,
sondern  von  Sozialökonomie  und  Sozialökonom
  i  k.  Man  könnte  dafür  natürlich  auf  gut  Deutsch  Gesellschaftswirtschaft ­
  und  Gesellschaftswirtfchaftslehre
  sagen;  doch  sind  diese  Ausdrücke  nicht  üblich,
während  das  römiffch  griechische  Mischwort  schon  viel  im  Gebrauch ­
  ist.  Der  Ausdruck  Volkswirtschaft  ist  jedoch  so  ein--gebürgert,
  daß  wir  ihn  neben  jenem  ruhig  weiter  anwenden
können,  wenn  wir  uns  nur  darüber  klar  sind,  daß  Volkswirtschaft ­
  oder  Sozialökonomie  nichts  anderes  ist,  als  die  Summe
der  durch  den  vermehr  verbundenen  Einzelwirtschaften.
Die  Wirtschaft  hat  also  ihre  Wurzel  einerseits  in  den  Bedürfnissen ­
  der  menschlichen  Natur,  andererseirs  in  der  Knappheit  der
Befriedigungsmittel.  Der  Zweck  des  Mirtschaftens  ist
die  Befriedigung  der  menschlichen  Bedürfnisse;  die,  Menge  der
hierzu  erforderlichen  Mittel  nennen  wir  Bedarf.  Die  Eigenschaft ­
  eines  Gegenstandes,  ein  nienschliches  Bedürfnis  zu  befriedigen, ­
  heißt  Nutzen;  wir  vergleichen  die  Dinge  wirtschaftlich ­
  nach  ihrem  Nutzen.
        <pb n="30" />
        22

Grundbegriffe  der  Wirtschaft.
Das  23  e  ö  ü  r  f  n  t  s  ist  keine  rein  individuelle  Erscheinung,  viel,
mehr  im  großen  Maßstabe  historisch  und  gesellschaftlich  bebingt,
was  allerdings  seine  Stärke  keineswegs  vermindert.  Die  Frage
der  Entstehung  der  Bedürfnisse-  kommt  für  die  wirtschaftslehre
nicht  direkt  in  Betracht;  das  ist  Sache  der  j)ftchologie  und  der
Aulturgeschichte;  Wohl  aber  ist  von  der  größten  Bedeutung  für
sie  die  Intensität  des  Bedürfnisses.  Das  kommt  fotDofil
  in  Betracht  für  die  verschiedenen  Bedürfnisse  wie  für  sedes
einzelne  Bedürfnis  in  seinen  verschiedeneir  Stadien.  Man  hat
vielfache  Versuche  gemacht,  eine'  Rangordnung  der  Bedürfnisse
aufzustellen.  Die  ursprünglichste  Scheidung  ist  die  in  Existenzund
  Aulturbedürfnisse,  wobei  allerdings  die  Grenze
zwischen  beiden  ständig  fließt.  Im  allgemeinen  wachst  der  Kreis
derjenigen  Dinge,  deren  Besitz  als  ein  Eristenzbedürsnis  empfunden ­
  wird;  man  denke  nur  an  die  Zeitung  oder  an  das  Badezimmer. ­
  Doch  kann,  wie  die  Entbehrungen  unserer  Soldaten  im
Felde  und  selbst  die  erzwungene  Einschränkung  der  Lebenshaltung
für  die  nichtkämpfende  Bevölkerung  gezeigt  haben,  manches,  was
bisher  als  unentbehrlich  schien,  wieder  zum  Luxus  für  wenige
werden.  Eine  Bedürfnisskala  hat  Brentano  aufgestellt,  wobei  er
mit  der  Lebensunterhaltung-  beginnt  und  über  eine  Reihe  anderer
Bedürfnisse,  wie  Anerkennung,  Fürsorge  für  Wohlbefinden  nach
dem  Tode,  mit  -der  Bildung  schließt.  Wie  man  sieht,  ist  eine
solche  Skala  recht  subjektiv.
Jedes  einzelne  Bedürfnis  ist,  sofern  es  gesund  ist,  in  seiner
Aufnahmefähigkeit  begrenzt;  der  erste  Schluck  wein  ist  für  den
Verdurstenden  eine  Labsal  sondergleichen,  weitere  sind  angenehm,
noch  weitere  lassen  gleichgültig,  bis  zum  Schluß  das  Trinken  gänzlich ­
  unmöglich  erscheint.  Dieses  Gesetz  d  er  mitdemGrade
der  Sättigung  abnehmenden  B  e  d  ü  r  f  n  i  s  intensitätist ­
  klassisch  von  dem  Rheinländer  G  o  s  s  e  n  im  Jahre  1834
formuliert  worden;  es  bildet  den  Ausgangspunkt  der  Kernlehre
der  wiener  Schule.
Dabei  handelt  es  sich  um  folgendes:  Die  Mittel  zur  Bedürfnisbefriedigung ­
  sind  teils  in  der  Natur,  teils  im  Menschen  selbst  vorhanden. ­
  von  ersteren  kommen  nur  solche  als  Gegenstand  der
Wirtschaft  in  Betracht,  die  der  menschlichen  Verfügungsgewalt
unterworfen  sind;  man  nennt  sie  Güter.  Lin  Teil  dieser  Güter
sind  unbeschränkt  vorhanden,  wie  etwa  in  primitiven  Verhältnissen ­
  zumeist  basr  Wasser,  wie  in  Neuländern  der  Grund  und
        <pb n="31" />
        Bedürfnis  und  lvert.

27,

Boden;  ihnen  gegenüber  verhält  sich  der  wirtschaftende  Mensch
gleichgültig,  er  braucht  sich  um  sie  nicht  zu  bemühen.  Der  bei
weitem  größte  Teil  aller  Güter  aber  ist  nicht  frei,  sondern  nur  in
beschränkter  Menge  vorhanden,  ünd  zwar  gilt  das  sowohl  von
solchen  Gütern,  die  zum  unmittelbaren  Genuß  bestimmt  sind,  wie
von  denen,  die  der  Produktion  dienen  (Werkzeuge,  Rohstoffe).
Die  Beschränktheit  des  Gütervorrats,  der  durch
den  verbrauch  immer  wieder  vermindert  wird,
bedingt  nun  die  eigentliche  Arrfgabe  des  Wirtschaftsmenschen; ­
  er  muß  unter  den  zu  konsumierenden
Gütern  wie  unter  den  zu  produzierenden  eine  Auswahl  treffen,
und  zwar  handelt  es  sich  dabei  sowohl  um  die  verschiedenen
Güterarten  wie  um  die  (Quantitäten  der  einzelnen  Güterart.
Dieses  Auswahlprinzip,  dieser  Maßstab  heißt  wert.  Pier  ist
einer  der  umstrittensten  Punkte  der  Wirtschaftstheorie,  wir
können  nur  auf  die  Pauptpunkte  dabei  eingehen;  die  Literatur
über  das  Wertproblem  ist  zu  reich,  um  hier  auch  nur  andeutungsweise ­
  nach  ollen  Richtungen  hin  charakterisiert  werden  zu  können.
wenn  ich  sage,  ein  Gut  habe  den  und  den  wert;  so  meine  ich
im  täglichen  Spracbgebrauch  den  preis.  Es  ist  aber  klar,  daß  ich
einen  Preis  nur  zahle,  weil  das  Gut  Eigenschaften  hat  oder  ich
sie  ihm  beilege,  welche  die  Zahlung  eines  Preises  rechtfertigen;
für  einen  wertlosen  Gegenstand  zahlt  man  nichts.  Der  wert
ist  also  eine  voraiwsetzung  des  Preises;  auch  solche  Gegenstanoe
haben  wert,  die  nicht  verkauft  werden  und  infolgedessen  auch
keinen  preis  haben,  wie  etwa  die  Aunstgegenstände  in  einem
staatlichen  Museum  oder  die  Erzeugnisse  eines  verkehrsfernen
Bauernhofes,  die  von  der  Bauernfamilie  selbst  aufgebraucht
werden.  ,  , r  ,
wo  steckt  nun  der  wert?  Die  Klassiker  gaben  zur  Antwort: ­
  in  den  Kosten  (wenn  sie  daneben  auch  andere  Erklärungen
«oben)  Dabei  sind  wieder  zwei  Richtungen  zu  verzeichnen.  Dw
eine  von  A  d  a  m  S  m  i  t  h  und  R  i  c  a  r  d  o  ausgehend,  setzt  den
wert  aleich  der  2lrbeit;  Karl  Marx  bildet  dann  diese  reme
2lrbeitswerttheorie  in  dein  Sinne  weiter,  daß  er  den  wert  nrcht
qleich  der  wirklick  auf  ein  Gut  verwendeten  Arbeit  setzt,  bte  ,a
bei  Ungesckick  des  Arbeiters  viel  zu  groß  fein  kann,  sondern  gleich
der  nach  dem  jeweiligen  Stande  der  Produktionsbedingungen  und
der  Technik  notwendigen  2lrbeitszeit.  Ricardo  verließ  spater
die  reine  Arbeitswerttheorie  und  berücksichtigte  auch  andere,  pro-
        <pb n="32" />
        24  Grundbegriffe  der  Wirtschaft.

duktionskosten.  Der  Amerikaner  Garer  machte  dann  darauf  aufmerksam, ­
  daß  nicht  die  Produktionskosten,  sondern  die  Reproduktionskosten ­
  wertbestimmend  feien.  Wenn  ein  neuer  technischer
Prozeß  erfunden  wird,  der  die  Herstellung  eines  Gutes  verbilligt,
so  werden  -die  nach  dem  alten  Verfahren  hergestellten  Gitter  „entwertet", ­
  einen  Vorgang,  den  man  bei  unserer  rasch  vorschreitenden
Technik  täglich  beobachten  kann.  Die  Erklärung  des  Giiterwertcs
aus  den  aufgewendeten  Rosten  befriedigt  jedoch  in  vielen  Fällen
nicht.  .Manche  Güter  find  überhaupt  keine  Arbeitsprodukte;
andere,  wie  z.  B.  Kunstwerke,  haben  schon  für  die  einfachste  Einsicht ­
  nicht  einen  Wert,  der  den  aufgewendeten  Produktionskosten
entspräche.  Die  Aostenwerttheorien,  die  man  auch  wohl
als  die  Theorien  des  objektiven  Werts  bezeichnet,
wurden  daher  abgelöst  von  den  subjektiven  Theorien.
Die  Vertreter  dieser  entgegengesetzten  Richtung,  die  Nutzwert- ­
  oder  Gebrau  ch  swerttbeor  et  ik  er,  erklären,
daß  die  Dinge  nicht  Wert  haben,  weil  sie.Rosten  erfordern,  sondern
daß  umgekehrt  aus  sie  Rosten  nur  deshalb  aufgewendet  werden,
weil  sie  einen  die  Rosten  lohnenden  wert  besitzen.  Noch  dieser  Erklärung ­
  können  tvir  nun  auch  verstehen,  warum  der  Boden,
warum  Runstwerke  wert  haben;  der  wert  liegt  in  der
Empfindung  des  Subjekts.

Gegen  diese  Folgerung  ist  aber  ein  sehr  naheliegender  Einwand ­
  zu  machen:  Wasser  hat  doch  sicherlich  unter  allen  Umständen
wert,  ist  sogar  von  höchster  L'ebenswichtigkeit.  Trotzdem  werten
wir  das  Wasser  in  der  Regel  gar  nicht;  und  das  gleiche  gilt  von
einer  ganzen  Reche  unbezweifelbar  nützlicher  Dinge.  Darauf
antwortet  nun  die  hauptsächlich  von  den  Wienern  ousaebaute
Grenznutzen-THeorie,  daß  die  Nützlichkeit
eines  Gutes  zwar  entscheidend  sei,  aber  nur  in
Verbindung  mit  einem  zweiten  Faktor,  nämlrchder
  Menge,  die  davon  zur  Verfügung  steht.
Ls  ist  nämlich  weiter  zu  beobachten,  daß  chin  und  dasselbe  Gut
nicht  zu  allen  Zeiten  gleich  bewertet  wird,  kjaben  wir  Wasser,
Brot,  Bücher  im  Überfluß,  so  werten  wir  sie  gering;  haben  wir
wenig  zur  Verfügung,  so  steigt  der  wert.  Ls  wird  nun
stets  die  ganze  zur  Verfügung  stehende  B  u  a  n  -
        <pb n="33" />
        Grenznutzen  und  preis.

28

Grenznutzen.  Das  gleiche  gilt  bei  der  Wahl  zwischen  verschiedenen ­
  Gütern;  der  Grenznutzcn  der  verschiedenen  Güter  entscheidet ­
  die  Reihcnsolge,  in  der  sie  begehrt  werden.  Das  ist  die
Erklärung,  warum  ein  Gut  bei  Übersättigung  (Gosscnsches  Gesetz) ­
  keinen  wert  mehr  hat:  die  letzte  Teilquantität  bringt  keinen
Nutzen  mehr;  uuigekehrt,  warum  bei  Rnappheit  Teilquantitätrn
weit  höher  gewertet  werden  als  sonst:  die  portion  Brot,  die  vor
dem  verhungern  schützt,  bringt  höheren  Nutzen  als  diejenige,  die
nur  sättigt.  Der  Grenznutzen,  nach  dem  ein  Gut  gewertet
wird,  ist  also  nach  einem  AusdruckeBöhm-Bawerks
die  Resultante  von  Nützlichkeit  und  Seltenheit. ­

Der  Grenznutzen  ist  das  Leitmotiv  für  die  Produktion,  für
den  Tausch  und  für  die  Konsumtion;  bei  allen  diesen  wirtschaftlichen ­
  Vorgängen  wird  die  Reihenfolge  der  Güter  nach  der
Intensität  des  Bedürfnisses  festgestellt,  und  es  erfolgt  das  quantitative ­
  Abbrechen  beim  einzelnen  Gut  sobald  der  Grenznutzen
erreicht  ist.  Freilich  spielen,  wie  schon  ausgeführt,  in  der  tatsächlichen ­
  Wirtschaftsgestaltung  noch  eine  Reihe  autzerwirtschastlicher
Einflüsse  mit,  die  den  Einfluß  dieses  wirtschaftlichen  Grundgesetzes ­
  z.  T.  durchkreuzen.
Das  wirtschaftliche  Kernproblem  der  verkehrswirtschaft, ­
  d.  h.  derjenigen  wirtschaftsgestaltunz,
in  der  nicht  jede  Gruppe  ihren  Gesamtbedarf  durch  Eigenproduktion ­
  zu  Lecken  sucht,  sondern  die  wirtschaftsgesellschast  arbeitsteilig ­
  gegliedert  ist  und  ein  regelmäßiger  Austausch  der  Übcrschußprodukte
  stattfindet,  iß  b  e  r  preis.  Der  preis  ist  dabei
diejenige  Quantität  von  Gütern,  in  der  modernen  Wirtschaft
regelmäßig  diejenige  Geldmenge,  die  für  die  wirtschaftlich.»
Leistung  als  Entgelt  im  Tausche  gegeben  wird.  Der  preis
ergibt  s  i  ch  aus  dem  Verhältnis  von  Zlngebot
und  Nachfrage,  wobei  die  Nachfrage  die  entscheidende  Rolle
spielt,  insofern  nämlich,  als  -ohne  Nachfrage  kein  Angebot  bestehen ­
  kann,  während  umgekehrt  eine  dauernde  Nachfrage,  wenn
nicht  Unmöglichkeiten  vorliegen,  stets  ein  Angebot  hervorruft.
Die  Nachfrage  ist  nun  in  jedem  einzelnen  Falle  abhängig  von  dem
Grenznutzen,  den  das  begehrte  Gut  für  den  Käufer  hat,  und  von
der  Geldmenge,  über  die  er  verfügt;  umgekehrt  steht  hinter  dem
Angebot  wiederum  der  Grenznutzen,  den  die  angebotenen  Güter
für  den  Verkäufer  haben,  im  vergleich  zu  den  Gütern,  die  er  sich
        <pb n="34" />
        26  Grundbegriffe  der  Wirtschaft.
für  die  erlöste  Summe  beschaffen  kann.  Nehmen  wir  nun  den
Fall  der  freien  R  o  n  k  u  r  r  e  n  z  .an,  d.  h.  also,  daß  die
vorhandenen  Güter  nicht  etwa  Monoxolbesitz  einer  Gruppe  sind,
oder  daß  die  Käufer  sich  monopolistisch  zusammenschließen,  sowie
daß  auch  kein  äußerer  gewaltsamer  Eingriff  in  die  Preisbildung
erfolgt,  so  können  wir  die  Beziehungen  vonNachfrage
und  An  ge  bot,  wie  wir  sie  eben  charakterisiert  haben,  zunächst
in  einem  Schema  zum  Ausdruck  bringen.  Dabei  sind  drei
Möglichkeiten  gegeben,  daß  nämlich  entweder  nur  Nachfrage  oder
nur  Angebot  oder  endlich  beide  Teile  veränderlich  sind,  wir
erhalten  nunmehr  folgende  Möglichkeiten:
a)  veränderliche  Nachfrage  gegenüber  gleichbleibendem  Angebot: ­

bei  steigender  Nachfrage  steigt' der  Preis,
bei  sinkender  Nachfrage  sinkt  der  preis.
b)  Gleichbleibende  Nachfrage  gegenüber  veränderlichem  Angebot: ­

bei  steigendem  Angebot  sinkt  der  preis,
bei  sinkendem  Angebot  steigt  der  Preis.
c)  veränderliche  Nachfrage  gegenüber  veränderlichem  Angebot: ­

Nachfrage  steigt,  Preis  steigt,  Angebot  steigt,
Nachfrage  sinkt,  Preis  sinkt,  Angebot  sinkt,
Angebot  steigt,  preis  sinkt,  Nachfrage  steigt,
Angebot  sinkt,  preis  steigt,  Nackfrage  sinkt.
Nachfrage  und  Angebot  verhalten  stet}  also  durch  Vermittlung
des  Preises  wie  Wasser  in  zwei  kommunizierenden  Röhren;  sie'
haben  immer  die  Tendenz,  sich  auszugleichen.
Dies  mechanistische  Sche&amp;gt;na  ist  für  den  Anblick  recht  trocken;
und  doch  enthält  es  das  Grundphänomen  der  Volkswirtschaft
überhaupt.  Lebendiger  wird  es  sogleich,  wenn  man  die  Frage
stellt,  ob  nicht  diese  rein  ökonomischen  Tendenzen  A  b  -
weich  ungen  durch  die  außerwirtschaftlichen
Kräfte  erfahren,  von  deren  Bedeutung  für  das  Wirtschaftsleben ­
  wir  gesprochen  haben.  Das  ist  in  der  Tat  in  umfangreichem ­
  Maße  der  Fall,  und  zwar  sind  es  Einflüsse  technischer ­
  und  psychologischer  Art,  die  zu  starken  Abwandlungen ­
  führen.  Line  erste  Grupne  solcher  Einflüsse  setzt
der  Veränderlichkeit  von  Angebot  und  Nachfrage  Grenzen,  wir
habm  gesehen,  daß  steigender  Preis  das  Angebot  steigert.  Dies
        <pb n="35" />
        Preisbildung.

27

ist  jedoch  nur  dann  der  Fall,  wenn  nicht  bereits  das  P  r  o  d  u  k  -
tionsopttmum  erreicht.  Es  gibt  durchwegs  eine  Grenze
der  Leistung,  die  nicht  überschritten  werden  kann,  sei  es  überhaupt ­
  nicht  oder  nicht,  ohne  daß  die  Rosten  noch  stärker  steigen.
Am  bekanntesten  ist  das  Gesetz  des  abnehmenden  Ertrages ­
  in  der  Landwirtschaft.  Von  einer  vorläufig  noch  nicht
erreichten,  aber  dem  einfachen  Nachdenken  einleuchtenden  Grenze
an  wird  sich  der  Boden  weigern,  seine  Erträge  weiter  zu  steigern,
schon  weil  der  Standraum  für  die  pflanzen  fehlt.  Dies  Gesetz
des  fallenden  Ertrages  wird  von  der  neueren  Theorie  mit  gutem
Grunde  auch  für  die  Industrie  behauptet;  so  läßt  sich  etwa  die
Tourenzahl  des  webstuhles  nicht  über  eine  bestimmte  Ziffer  in
der  Minute  steigern,  weil  dann  die  Zahl  der  Arbeiter  zur  Bedienung ­
  vermehrt  und  damit  die  Rosten  unproportional  gesteigert
würden.  Diese  Grenze  ist  freilich  in  der  Industrie  erst  in  seltenen
Fällen  erreicht,  die  Abnahme  kann  auch  Lurch  technische  Neuerungen ­
  überkompensiert  werden,  und  vor  allem  läßt  sich  in  der
Regel  noch  die  Zahl  der  Fabriken  vermehren.  Denkbar  ist  auch
hier  eine  Grenze,  wo  die  Beschaffung  des  Rohstoffes  nur  mit
steigenden  Rosten  sich  ermöglichen  läßt  oder  Arbeitskraft  und
Kapital  in  anderen  Gewerben  ökonomischer  zu  verwenden  sind.
Dieses  Produktionsoptimum  technischer  Natur  findet  ein  Seitcnstück
  in  dem  Optimum  der  Bedürfnisbefriedigung. ­
  Der  steigende  Preis  der  Arbeit,  die  Lobnerhöhungen,
haben  in  zahlreichen  Fällen  sowohl  in  primitiven  Zuständen  wie
in  denen  hochentwickelter  Volk-wirtschaft  nicht  zu  einer  höheren
Leistung  des  einzelnen  Arbeiters  geführt,  sondern  zu  einer  verminderten, ­
  also  einer  Senkung  des  Angebots,  weil  der  Arbeiter
nunmehr  in  weniger  Stunden  als  vorher  genug  für  seine  Bedürfnisse ­
  verdiente.
Das  Sinken  des  Preises  wirkt  nach  unserem  Schema  angebotsenkend. ­
  Es  kann  jedoch  vorkommen,  daß  eine  Produktion  aus
technischen  Gründen  „durchhaltcn"  muß,  so  der  Hochofen,  dessen
Ausblasen  ein  schwerer  Verlust  wäre,  so  die  Landwirtschaft,  die
ihren  Betrieb  durch  schlechte  wia  gute  Jahre  gleichmäßig  durchführen ­
  muß.  Trotz  sinkender  Nachfrage  bleibt  also  das  Angebot ­
  —  wenigstens  eine  Zeitlang  —  unvermindert.  Ja  es  kann
sogar  das  Umgekehrte  eintreten;  gerade  weil  die  preise  niedriger
sind,  produziert  Der  Einzelne  mehr  als  bisher,  um  den  Gewinnentg'ang
  am  Stück  durch  dm  Verkauf  einer  größeren  Anzahl
        <pb n="36" />
        28

Grundbegriffe  der  Wirtschaft.
Stücke  zu  kompensieren,  hierin  liegt  auch  das  Wesen  der
„Schleuderkonkurrenz".
Der  sinkende  preis  wirkt  auf  die  Nachfrage  normal  steigernd,
falls  nicht  hier  der  Sättigungsgrad  des  Konsumenten  schon  erreicht ­
  ist.  Man  wird  Streichhölzer  oder  Lampen  und  selbst  Nahrungsmittel ­
  oder  Kleider  schließlich  nicht  mehr  kaufen,  wenn  sie
auch  noch  so  billig  sind.  Endlich  wirkt  steigender  preis  in  der
Kegel  nachfragesenkend,  wenn  nicht  qerade  das  Steigen  des
Preises  Veranlassung  gibt,  sich  „einzudecken".  Es  ist  die  wohlbekannte ­
  Erscheinung  der  Angst-  oder  panikpreise,  die  Psychologie ­
  des  „hamstertums",  die  schon  im  (7.  Jahrhundert  der  englische
  Forscher  Gregory  King  in  der  nach  ihm  benannten
Kegel  derart  zum  Ausdruck  brachte,  daß  er  bei  einem  Ernteausfall
  ein  überproportionales  Steigen  der  Getreidepreise  behauptete,
wenn  auch  die  von  ihm  vorausgesetzte  mathematische  Beziehung
zwischen  Lrnterückgang  und  Preissteigerung  nicht  nachweisbar
ist,  so  hat  die  Kichtigkeit  der  Grundbehauxtung  die  Zeit  des
Krieges  schlagend  erwiesen.
Ls  wäre  nur  noch  zu  fragen,  wo  die  Grenzen  d  e  r  p  r  e  i  sschwankungen
  liegen  können,  wobei  für  den  Käufer  dir
Grenzen  nach  oben,  für  den  Verkäufer  nach  unten  zu  bestimmen
wären.  Die  Grenzen  der  Preissteigerung  für  den  Käufer  sind,
soweit  rein  ökonon'ische  Motive  mitwirken,  im  Grenznutzen  gegeben, ­
  der  natürlich  stark  schwanken  kann.  Der  Grenznutzen  eines
Wagens  ist  sehr  verschieden,  wenn  der  wagen  zum'  Spazierenfähren ­
  oder  zur  Flucht  vor  einbrechenden  Feinden  benutzt  ivird
Die  Grenzkosten  des  Verkäufers  lassen  sich  so  eindeutig  nicht  be.
stimmen,  wenn  Güter  beliebig  vermehrbar  sind  wird  stw  der
preis  nach  den  Kosten  desjenigen  Verkäufers  richten,  der  die
waren  am  billigsteii  beschaffen  kann,  würde  der  preis  höher
getrieben,  so  fände  sich  stets  ein  neuer  Konkurrent,  der  die  bisherigen ­
  Anbietenden  unterbieten  und  damit  die  Kundschaft  an
sich  ziehen  würde.  Der  größte  Teil  des  Marktes  der  modernen
volk-wirtschasr  steht  unter  diesem  Gesetz  der  niedrigsten  Produktionskosten. ­
  zu  welchen  natürlich  auch  ein  anaemessener  Gewinn
der  Verkäufers  gehört.  Ls  gibt  jedoch  eine  Keihe  von  Gütern
die  nicht  beliebig  vermehrt  werde,,  können,  sei  es  aus  technischen'
fei  es  aus  ökonomischen  Gründen,  hier  entscheiden  nicht  die
niedrigsten,  sondern  die  höchsten  Produktionskosten.  So  ist  Getreiöe
  nach  dem  heutigen  Stande  der  Technik  und  des  Verkehrs
vorläufig  noch  beliebig  vermehrbar.  Nehmen  wir  aber  die  Zeit
        <pb n="37" />
        Grenzen  der  Preisschwankungen.

29

vor  dieser  technischen  Entfaltung,  also  das  (8.  Jahrhundert,  oder
denken  wir  uns  in  den  „geschlossenen  lsandelsstaat"  hinein,  wie
ihn  der  Rr&amp;gt;eg  unserer  Anschauung  nahe  genug  gebracht  hat,  so
ist  klar,  daß  der  preis  für  Getreide  hoch  genug  sein  muß,  um  die
Produktionskosten  auch  desjenigen  Landwirtes  zu  decken,  der
unter  den  ungünstigsten  Verhältnissen  (Bodenbeschaffenheit,  verkehrslaae
  usw.)  arbeitet,  weil  er  eben  sonst  die  Produktion  einstellen
  müßte.  (Es  wäre  wohl  denkbar,  daß  man,  um  den  Aonsumenten
  diese  Belastung  aus  einer  allgemeinen  Preissteigerung
zu  ersparen,  den  unter  den  ungünstigsten  Bedingungen  arbeitenden ­
  Produzenten  einen  Staatszuschuß  zu  dem  niedrigeren  sonstigen ­
  preise  gäbe;  damit  aber  wäre  das  Gebiet  der  freien
Preisbildung  grundsätzlich  verlassen.
Lin  solches  grundsätzliches  Absehen  von  der  freien  Preisbildung ­
  können  wir  nun  in  der  Wirtschaft  nicht  selten  beobachten.
Die  pauptfälle  sind  die  des  Monopols  und  der  Taxen,  d.  h.  der
obrigkeitlich  festgesetzten  preise.  Das  M  0  n  0  P  0  l  hat  wieder
zu  pauptformen  die  Übernahme  eines  Wirtschaftszweiges  auf
den  Staat  (Tabakmonopol,  Branntweinmonopol  usw.)  oder  den
Zusammenschluß  der  Produzenten  zu  Kartellen,  die  uns  später
noch  beschäftigen  werden.  Bei  den  Taren  bleibt  die  Produktion ­
  grundsätzlich  frei,  nur  der  Preis  wird  behördlich  festgelegt,
den  der  Verkäufer  fordern  oder  der  Käufer  zahlen  muß  oder
darf.  Diese  Linflüsse  auf  den  Markt  hinterlassen  natürlich  ihre
Spuren;  aber  es  ist  doch  zu  sagen,  daß  die  Preisgestaltung  auf
die  Dauer  durch  sie  nicht  geändert  werden  kann.  Friedenserfahrung ­
  aus  der  Politik  der  Kartelle,  Kriegserfahrung  aus  der
Politik  des  Staates  haben  uns  gelehrt,  daß  die  preise  künstlich
weder  über  den  Grenznutzen  des  Käufers  gesteigert  werden
sönnen  —  sonst  hört  er  eben  auf  zu  kaufen  oder  macht  Revolution ­
  —  und  ebensowenig  unter  die  Grenzkosten  des  Produzenten ­
  gesenkt,  denn  sonst  wird  eben  die  Produktion  still  gelegt.
Die  Gesetze  der  wirtschaft  äußern  sich  mit  elementarer  Kraft.

Der  Kreislauf  der  Wirtschaft,
ie  Volkswirtschaft  hat  sich  uns  als  die  Summe  der  zur

-^Deckung  des  menschlichen  Bedarfs  aufgewendeten  Mittel  und
Veranstaltungen  gezeigt.  Ls  sind  also  zwei  wesentlich  verschiedene ­
  Gesichtspunkte,  von  denen  aus  sie  betrachtet  werden
        <pb n="38" />
        so

Dev  Kreislauf  der  Wirtschaft.

kann.  Auf  de?  einen  Seite  handelt  es  sich  um  die  Gesamtheit
eben  jener  Veranstaltungen  zum  Zwecke  der  Gütererzeugung,  den
Produktionsmechanismus,  wie  wir  sagen  können;  auf  der
anderen  Seite  um  die  Menschen  selbst,  denen  zuliebe  jener
Mechanismus  in  Bewegung  gesetzt  wird.
Nun  ist  aber  da-  Eigentümliche,  daß  die  Menschen  in
einer  dopxe.lten  Beziehung  zur  wirtschaft  stehen;
sie  sind  einmal  die  letzte  Absicht  der  wirtschaft,  tie
ihrer  Bedarssbesriodigung  dienen  soll;  sie  sind  aber  zugleich  auch
die  unentbehrlichen  Werkzeuge,  die  belebende  Kraft
des  Produktionsmechanismus,  der  ohne  sie  tot  wäre;  ja  sie  sind
zu  einem  sehr  wesentlichen  Teile,  als  körperliche  und  geistige
Arbeiter,  mit  diesem  Mechanismus  identisch.  Die  Produktion
dient  nicht  nur  menschlichen  Zwecken,  sondern-umgekehrt  zwingt
die  Produktion  die  Menschen  in  ihre  Dienste,  macht  sie  aus  Endzwecken ­
  zu  Mitteln.
Diese  Wechselbeziehungen  zwischen  Produktion  und  Mensch
sind  unlösbar;  sie  können  nur  in  der  Form  sich  ändern.  Die
Mannigfaltigkeit  der  produktionssormen  und  ihre  Bedeutung  sowohl ­
  für  die  Güterer^euznng  im  allgemeinen  wie  für  die
an  der  Produktion  beteiligten  Menschen  int  besonderen  müssen
wir  näher  kennen  lernen.  Die  beiden  großen  wirtschasts  Weltanschauungen, ­
  welche  in  unserer  Zeit  im  härtesten  Kampfe
ringen,  die  kapitalistische  und  die  sozialistische,  bringen  diesen
Gegensatz,  den  Kampf  zwischen  Produkt  und  Mensch,  zum  schärfsten ­
  Ausdruck.
Fragen  wir,  wie  ein  solcher  scheinbar  unnatürlicher  Gegensatz
sich  überhaupt  bilden  konnte,  so  kommen  wir  aus  das  Problem
der  Einkommensverteilung  und  der  Klassenbildung.  Nur  die
Voraussetzung  einer  ungleichen  Einkommensverteilung  hat  in
den  bisherigen  Wirtschaftsformen  es  ermöglicht,  eine  Über-  unt
Unterordnung  in  der  wirtschaftlichen  Arbeit  festzuhalten,  wie  wir
sie  von  den  Damm-  und  pvramidenbauten  der  Pharaonen  bis
zur  modernen  Fabrik  beobachten  können,  politische  und  rechtliche ­
  Bindungen  können,  wie  in  der  Sklaven-  oder  Fronhosswirtschast,
  dieses  wirtschaftliche  Verhältnis  auch  äußerlich  zum  Ausdruck ­
  bringen,  cas.  sich  jedoch  auch  in  einer  formal  freien  und
gleichberechtigten  Gesellschaft  durch  den  Zwang  zur  Lebensfristung
  durchsetzt.  Das  Problem  der  Verteilung  devolkseinkommens
  nach  Maßgabe  des  Besitzes,  der
        <pb n="39" />
        Erzeugung,  Verteilung  und  Verwendung.  2l
geistigen  oder  der  körperlichen  Arbeit,  steht  deshalb  ebenbürtig
neben  dem  der  Gütererzeugung.
Die  Verteilung  des  Einkommens  ist  aber  wiederuni  richtunggebend ­
  für  das  dritte  Grundproblem  der  Volkswirtschaft,  nämlich
das  der  G  ü  t  e  r  v  e  r  w  e  n  d  u  n  g.  Es  wird  ja  nicht  wirtschaft-,
lich  produziert  nur  des  produzierens  halber,  wenn  auch  vielfach
die  Schaffensfreude  mitspielt,  sondern  die  Produktion  steht  von
vornherein  unter  dem  Zweckgedanken  der  Herstellung  menschlicher
Bedarfsgüter.  Der  Bedarf  bestimnit  Richtung  und  Umfang  der
Produktion;  allerdings  nicht  der  Bedarf  schlechthin,  sondern  nur
der  zahlungsfähige  Bedarf.  Vielleicht  möchten  wir  alle  lieber
Champagner  trinken  als  Bier,  den  c^aust  lieber  in  einem  Druck
der  Doves. preß  lesen  als  auf  schlechtem  Holzpapier  mit  abgenutzten ­
  Lettern;  wir  können  nur  leider  diese  schönen  Dinge  nicht
bezahlen  und  müssen  sie  den  oberen  Zehntausend  des  Geldbeutels
überlassen,  während  wir  uns  an  Bier  und  Reclambändchen  halten.
Die  Verteilung  des  volkseinkonrmens,  neben  seiner  absoluten
höhe,  bestimmt  den  Verwendungszweck  bis  zu  einem  gewissen
Grade  ohne  weiteres.  Entfällt  auf  den  größten  Teil  des  Volkes
nur  eben  soviel,  daß  er  davon  sein  Leben  fristen  kann,  so  werden
damit  Lebensmittel,  Kleidungsstücke,  Wohnungen  bezahlt  und
hergestellt  werden.  Lin  Einkommen  über  die  Lebensnotdurft  hinaus ­
  kann  entweder  zur  Kapitalbildung  verwendet,  also  gespart
werden,  oder  es  dient  zur  Beschaffung  von  Kulturgütern,  vielleicht
allerdings  auch  zu  sinn-  und  geschmacklosem  Luxus,  hier  zeigt
sich  die  Verankerung  der  Volkswirtschaft  in  der
G  e  s  a  m  t  k  u  ltu  r;  die  Bildungshöhe,  die  Weltanschauung  eines
Volkes  ist  in  letzter  Linie  bestimmend  und  richtungweisend  für
seine  Wirtschaft.
Gütererz'eugung,  Güterverteilung,  Gütervcrwendung,
  das  ist  der  geschlossene  Kreis  der
Wirtschaft,  in  dem  Anfang  und  Ende  zusammenstoßen.  In
diesem  Kreisläufe  spielt  sich  das  gesamte  Wirtschaftsleben  ab.

A.  Die  Gütererzeugung.
Der  Begriff  der  Gütererzeugung  oder  prod
  u  k  t  i  o  n  ist  kein  ganz  eindeutiger,  wir  verbinden  mit  diesem
Begriffe  eine  anerkennende  Wertung;  wer  produziert,  wer  schasst,
leistet  etwas;  und  so  kann  es  nicht  wundernehmen,  wenn  die  ein-
        <pb n="40" />
        32

Die  Glltererzeugung.

zelnen  Berufsstände  sich  gegenseitig  diesen  Ehrentitel  abzusprechen
und  für  sich  allein  zu  beanspruchen  geneigt  sind,  vor  allem  liegt
der  freilich  grobmaterialistische  Irrtuni  nahe,  den  Begriff  des
produzierens  an  die  Herstellung  eines  körperlichen  Dbjekts  zu
binden;  wer  Nägel  schmiedet  oder  Getreide  ausdrischt,  der  produziert; ­
  wer  aber  nur  Verse  macht  oder  mathematische  Lehrsätze  sucht,
der  faulenzt.  Diese  Unterschätzung  der  geistigen  Arbeit  oder  vielmehr ­
  die  vollkommene  Verkennung  des  Produktionscharakters  der
geistigen  Leistung  ist  eine  besondere  Gefahr  der  handarbeiterschast,
die  leider  heute  noch  zum  großen  Teile  für  die  Bedeutung  der
Unternehmungsleitung  blind  ist.  Aber  auch  innerhalb  der  wirtschaftlich ­
  selbständigen  Klaffen  sind  die  gegenseitigen  Unterwcrtungen
  dieser  Art  noch  häufig  genug;  namentlich  wird  die  produktive
Tätigkeit  des  Handels  oft  genug  verkannt.  Die  physiokraten,  eine
volkswirtschaftliche  Schule  des  J8.  Jahrhunderts  h  vertraten  sogar
die  Auffassung,  daß  überhaupt  nur  die  Landwirtschaft  neue  Werte
schasse;  freilich  zogen  sie  aus  dieser  schmeichelhaften  Voraussetzung ­
  eine  für  die  so  belobten  Landwirte  recht  unangenehme
Folgerung,  daß  nämlich  eine  einzige  Steuer  auf  die  landwirtschaftlichen ­
  Produkte  genüge,  um  damit  das  ganze  Volkseinkommen
an  der  «Duelle  abzufangen.
Der  Irrtum  ist  durchaus  auf  der  Hand  liegend;  man  glaubte,
daß  durch  die  Tätigkeit  des  Landwirtes  etwas  schlechthin  Neues,
vorher  noch  nicht  Dagewesenes  entstehe.  Die  wissenschaftliche
Lhemie  hat  uns  längst  gelehrt,  daß  auch  die  Tätigkeit  des  Landwirts ­
  keine  andere  ist  als  die  jedes  anderen  Arbeiters  an  der
Materie:  die  einer  Stofsumwandlung.  Aber  auf  den  Begriff  der
Stoffumwandlung  dürfen  wir  die  Produktion  nicht  beschränken;
ist  doch  diese  Umwandlung  nur  Mittel  zum  Zweck,  nämlich  der
Bedarfsbefriedigung.  Der  Landwirt  zieht  ein  Stück  Vieh;  doch
solange  das  Schwein  noch  auf  seinen  heimatlichen  Gefilden  wandelt, ­
  interessiert  es  uns  nicht,  sondern  erst  wenn  sein  Schinken  auf
unserem  Tisch  steht.  Dazu  aber  bedarf  es  der  Vermittlung  des
Viehhändlers,  neben  der  des  Schlächters.  Der  Kaffee  in  Brasilien,
das  Bild  im  Atelier  des  Künstlers,  der  Seidenstoff,  der  in  Krefeld
oder  Lyon  gewebt  wurde,  sie  alle  würden  ohne  die  Vermittlung
des  Handels  und  des  Transportes  für  uns  nicht  eristieren.  Der
Begriff  der  Produktion  schließt  eben  eine  Beziehung  auf  den  Kon-'

  Vas  griechische  werk  Physiokratie  bedeutet  „Herrschaft  der  Natur".
        <pb n="41" />
        Produktion  und  Produktivität.

33

sumenten  ein;  etwas  wirtschaftlich  wertvolles  liegt  nur  dann,
dann  aber  stets  vor,  wenn  es  tatsächlich  gewertet  wird.  &amp;lt;L  s  p  r  o  -
duziert  also  jeder,  der  wirtschaftliche  Brauchbarkeiten ­
  schafft,  Bedürfnissen  zur  Befriedigungverhilft.
  Im  Wesen  unserer  aus  Arbeitsteilung  und
Verkehr  aufgebauten  Wirtschaft  liegt  es,  daß  mit  der  bloßen  Stoffumwandlung
  dieser  Vorgang  der  Genußreife  zumeist  noch  nicht
zu  Ende  geführt  ist;  innerhalb  des  Verlaufs  dieses  Vorganges  ist
die  Tätigkeit  aller  Beteiligten,  sofern  sie  zur  Erreichung  dieses
Zieles  unentbehrlich  ist,  wirtschaftlich  durchaus  gleich  zu  werten.
Das  Wort  produktivirät  deckt  noch  einen  zweiten  Begriff.
Ls  genügt  nämlich  nicht,  wirtschaftliche  Brauchbarkeiten  zu
schaffen,  wenn  nicht  —  wenigstens  der  Begel  nach  —  in  dem  Produktionsprozesse ­
  die  Summe  der  Güter  vermehrt  wird,  weil  sonst
keine  dauernde  Lebensfristung  oder  doch  zum  mindesten  keine
kfebung  der  Lebenshaltung  möglich  wäre.  Der  wert  der  Produkte ­
  muß  also  der  Regel  nach  größer  sein  als  der  der  aufgewendeten ­
  Kosten.
wenn  wir  jetzt  das  Wesen  der.Produktion  näher  kennen  lernen
wollen,  werden  wir  zwischen  Dbjekt  und  Subjekt  der
Güterher  st  ellung  zu  scheiden  haben.  Die  Zielsetzung  wie
die  Leitung  des  produktionsvorganges  ist  die  eigentliche  Ausgabe
des  Produzenten,  des  wirtschastsmenschsn.  wir  nennen  den  Produktionsleiter ­
  Unternehmer;  in  dieser  Bezeichnung  kommt
nicht  nur  die  Tatsache  der  Zielsetzung  und  Leitung  selbst  zum  Ausdruck, ­
  sondern  auch  noch  weiter  die  Beziehung  des  Produzenten
zum  Wirtschaftserfolg,  Las  Risiko,  das  er  trägt.  Die  Produktionsleitung ­
  und  die  Risikotragung  fallen  nicht  immer  zusammen;  so
sind  in  der  Aktiengesellschaft  die  Risikoträger  und  natürlich  auch
Gewinnempfänger  die  Aktionäre,  die  Produktionsleiter  die  Vorstandsmitglieder. ­
  Zumeist  vereinigen  sich  jedoch  beide  Aufgaben
in  einer  Person,  wenn  man  sich  auch  der  Doppelbedeutung  des
Wortes  Unternehmer  immer  bewußt  bleiben  muß.
Bevor  jedoch  der  Unternehmer  in  seiner  Tätigkeit  analysiert
werden  kann,  muß  man  sich  über  die  Bedingungen  klar  werden,
unter  denen  er  arbeitet,  sowie  über  die  Mittel,  die  ihm  für  seine
Zwecke  zur  Verfügung  stehen,  als  welche  man  herkömmlicherweise
Natur,  Arbeit  und  Kapital  bezeichnet.
Der  leitende  Unternehmungswille  kann  sich  jedoch  nicht  immer
rein  durchsetzen.  Abgesehen  von  den  Hemmungen,  die  in  ihm
WygodzinSkl,  Einführung  In  Me  Volkswirtschaftslehre.  3
        <pb n="42" />
        Die  Voraussetzungen  der  Güiererzeugung.
selbst  liegen  mögen,  mangelnden  Fähigkeiten,  Ablenkung  durch
andere  Grund-  oder  Augenblicksstimmungen,  sind  es  äußere,  in
den  Mitteln  wie  der  Verfassung  der  Wirtschaft  liegende  Bedingungen, ­
  die  sich  seiner  restlosen  Durchsetzung  hindernd  in  den
weg  stellen  können.  Die  Gesetzlichkeit  auch  dieser  Hemmungen
muß  aufgewiesen  werden,  wenn  man  das  Wesen  der  Produktion
völlig  klarlegen  will,  wir  werden  also  nacheinander  die
Voraussetzungen,  die  Mittel,  die  Leitung  und
die  Hemmungen  der  Produktion  zu  betrachten  haben.
V  Die  Voraussetzungen  der  Gütererzeugung.
Die  Voraussetzungen  der  Produktion  sind  die  allgemeinen  Bedingungen, ­
  unter  denen  sich  jeder  Produktionsvorgang  vollzieht.
Die  Voraussetzungen  sind  gegeben;  sie  müssen  vom  Produktionsleiter ­
  hingenommen  und  einkalkuliert  werden,  wir  können  dabei
vier  Gruppen  solcher  Bedingungen  unterscheiden:  natürliche,  gesellschaftliche, ­
  kulturelle  und  endlich  wirtschaftliche  selbst.
Die  wirtschaftlichen  Bedingungen,  die  im  Augen- &amp;gt;
blick  wirksam  sind,  pflegt  man  als  R  o  n  j  u  n  k  t  u  r  zu  bezeichnen,
deren  Ausnutzung  eine  der  wichtigsten,  aber  auch  schwierigsten
Aufgaben  des  Unternehmers  ist.  Man  kann  den  Ronjunkturbegriff
noch  weiter  fassen,  ihn  als  den^  Inbegriff  aller  derjenigen  Bedingungen ­
  nehmen,  die  Produktion  und  Absatz  im  Augenblick  beeinflussen, ­
  also  etwa  auch  Krieg  und  Frieden  einbdziehen.  Diese
wirtschaftlichen  Voraussetzungen  sind  aber  weiter  verschieden  nach
der  jeweiligen  geschichtlichen  und  kulturellen  Gesamtlage.  Ls  ist
Aufgabe  der  Wirtschaftsgeschichte,  diese  historischen  Bedingungen ­
  klarzulegen,  zuneigen,  wie  anders  die  Wirtschaft
bei  einem  Negerstamm  auf  primitiver  Kulturstufe,  in  einer  alten
verkümmerten  Kultur  wie  in  China,  im  Zeitalter  des  Feudalismus ­
  oder  des  mittelalterlichen  Ttädtetums  oder  in  unserer  westeuropäischen ­
  Gegenwart  sich  gestaltet.  Selbstverständlich  können
wir  aber  auch  als  -,,reine"  Nationalökonomcn  von  diesen  historischen ­
  Bedingungen  nicht  absehen;  wir  setzen  eben  einfach  unsere
Zeit  und  unsere  Kultur  voraus.  Dies  kommt  vor  allem  darin
zum  Ausdruck,  daß  wir  als  Mittel  der  Produktion  neben  den
beiden  stets.wirksamen  Faktoren  Natur  und  Arbeit  als  drittes  das
Kapital  bezeichnen,  wir  leben  sober  lebten)  ja  im  Zeitalter  des
Kapitalismus,  das  heißt  jener  Wirtschaftsverfassung,  welche  die
        <pb n="43" />
        Art  Der  Voraussetzungen.

35

Verfügung  über  Kapital  in  sichtbarer  Form  als  Geld  und  Geldersatz ­
  (oder  als  jederzeit  in  materielle  Form  umsetzbaren  Rechtsanspruch)
  zur  Erzielung  größerer  lvirtschaftserfolge  voraussetzt.
Ljistorisch  bedingt  ist  auch  die  Gesamtbeit  der  anderen  kulturellen
Voraussetzungen,  unter  denen  vor  allem  der  Stand  der  geistigen
Entwicklung  und  der  Technik  unser  Gebiet  entscheidend  beeinflussen. ­
  Die  Dampfmaschine  oder  die  Zeitung  gehören  unbedingt
zum  Bilde  der  heutigen  Wirtschaft.
von  der  Bedeutung  der  gesellschaftlichenSchichtuna
haben  wir  bereits  gesprochen;  es  sind  vor  allem  die  Über-  und
Unlerordnungsverhältnisie,  die  als  jeweilige  Basis  für  den  Ausbau
der  Produktion  dienen.  Sklaverei,  mittelalterlicher  Ständestaat,
formale  Freiheit  im  kapitalistischen,  formale  Gleichheit  im  sozialistischen ­
  Staat  bedingen  tiefgehende  Verschiedenheiten  der.  Wirtschaftsverfassung. ­

Die  Knappheit  des  Raumes  gestattet  nicht,  auf  diese  Dinge  tiefer
einzugehen;  etwas  ausführlicher  fei  nur  die  vierte  Gruppe  von
Voraussetzungen  besprochen,  nämlich  die  natürlichen.  Dabei
seien  einige  Bemerkungen  schon  vorausgenommen,  welche  die
Natur  als  Produktionsmittel  betreffen,  weil  sie  sich  in  diesen  Zusammenhang ­
  besser  einreihen.
Jede  Produktion,  und  sei  sie  die  höchste  geistige,  vollzieht  sich
unter  gewissen  stofflichen  Bedingungen.  Die  Abhängigkeit ­
  des  Menschen  von  Boden  und  Klima,  ja  selbst  von  der  Nahrung, ­
  ist  oft  genug  ausgeführt  worden;  den  klassischen  Ausdruck  hat
dieser  Theorie  des  physischen  Milieus  Buckle  in  seiner  berühmten
„Geschichte  der  Zivilisation  in  England"  gegeben.  Auch  wenn
wir  von  allen  materialistischen  Übertreibungen  absehen,  wenn  wir
besonders  auch  von  dem  keineswegs  ausreichend  aufgeklärten  Zusammenhang ­
  zwischen  menschlicher  Veranlagung  und  natürlichem
Milieu  ganz  schweigen  wollen,  ist  doch  die  Bedeutung  der
Natur  zum  wenigsten  für  jene  Zweige  der  Produktion  auf  der
kjand  liegend,  welche  die  Stoffumwandlung  zur  Aufgabe  haben.
Der  Standort  der  Produktion  ist  für  die  ganze
Landwirtschaft  schlechthin  entscheidend,  wir  können  hier
in  Deutschland  keine  tropischen  pflanzen  anbauen,  keine  Palmen
und  keine  Agaven;  die  Durchschnittswärme  des  Jahres,  die  Verteilung ­
  von  Sommer  und  Winter,  die  Regenhäufigkeit  schließen
solche  Gewächse  bei  uns  aus.  Aber  wir  brauchen  gar  nicht  bis  an
        <pb n="44" />
        3e  Die  Voraussetzungen  der  Gütererzeugung.
den  Äquator  zu  gehen:  schon  im  Msten  Deutschlands  müssen  die
Bestellungsarbeiten  im  Frühjahr  beträchtlich  später  beginnen,  im
Herbst  früher  beendigt  sein  als  im  Westen.  Der  Weizen  gedeiht
nicht  über  bestimmte  Höhenlagen  hinaus,  der  wein  verlangt  ein
unbedingtes  Mindestnratz  von  Sonnenbestrahlung.
So  hat  es  sich  denn  auch  im  großen  gezeigt,  daß  jedes  Volk
von  feinem  Sitze  seine  ersten  wirtschaftlichen  Antriebe  empfängt.
Im  Gebirge  und  in  der  Steppe  sitzen  die  Hirtenvölker,  in  der
fruchtbaren  Ebene  die  Ackerbauer,  am  Meer  Fischer  und  Händler.
Freilich  ist  die  klimatischeund  Höhenlage  nicht  allein
entscheidend;  es  kommt  weiter  die  Beschaffenheit  des
Bodens  hinzu,  wir  haben  ausgesprochenen  Weizen-  oder  Aartoffel-,
  wiesen-  oder  Waldboden.  Zwar  vermögen  wir  durch
Meliorationen,  Ent-  und  Bewässerungen,  künstliche  Düngung
einen  gewissen  Einfluß  auf  diese  Bodenbeschaffenheit  zu  üben";
aber  doch  nur  innerhalb  verhältnismäßig  enger  Grenzen.  Die
Natur  bleibt  doch  die  Meisterin,  wenn  die  Mormonen  in  der
Salzwüste  von  Utah  durch  Bewässerung  ein  blühendes  Land  geschaffen ­
  haben,  so  konnten  sie  das  eben  nur,  weil  das  Wasser
Loch  da  war;  sie  haben  nichts  getan,  als  die  aegebenen  Naturbedingungen ­
  für  die  Zwecke  der  Wirtschaft  genutzt"
Diese  Verschiedenheit  der  Naturbedingungen  kann  unter  Umständen ­
  zu  schweren  Störungen  der  Wirtschaft  führen,  nämlich
dann,  wenn  neue  Länder  der  Nutzung  durch  den  Menschen  zugänglich ­
  gemacht  werden,  die  vorher  außerhalb  seines  Bereichs
lagen,  und  in  benen.  der  Verlauf  der  Jahrtausende  Schätze  zur
direkten  Inbesitznahme  durch  die  Menschen  aufgehäuft  hat.  Als
der  Westen  der  vereinigten  Staaten  durch  Eisenbahnen  aufqeschlossen
  wurde,  gestattete  der  „jungfräuliche"  Boden  der  Prärie
eine  Getreideproduktion  unter  so  günstigen  Bedingungen,  daß  die
alte  Landwirtschaft  Europas,  die  mit  ihren  Ergebnissen  ein  großes,
dem  Boden  nach  und  nach  zur  Erhöhung  seiner  Ertragfähigkeit
investiertes  Kapitel  zu  verzinsen  hatte,  beinahe  zugrunde  gerichtet
wurde.  Dieses  reine  Zehren  von  Bodenschätzen  ohne  Ersatz,  dieser
Raubbau,  wie  man  es  zu  nennen  pflegt,  erreicht  freilich  in
den  vereinigten  Staaten  jetzt  auch  allmählich  sein  Ende;  die  Aufwendungen ­
  für  Meliorationen  und  Kunstdüngungen  steigen,  und
im  gleichen  Maßstab  geht  der  natürliche  Vorsprung  Nordamerikas
vor  den  europäischen  Staaten  zurück.
        <pb n="45" />
        Naturbedingungen  der  Erzeugung.  37
Dafür  werden  jetzt  wieder  andere  Länder  mit  ähnlichen  unausgebeuteten
  Bodenschätzen  wie  lvestkanada,  Argentinien  und
die  Laplatastaaten,  vielleicht  demnächst  Sibirien  und  Mesopotamien ­
  in  den  Kreis  der  lveltwirtschaft  einbezogen.
Dieser  Zusammenhang  mit  der  Natur  gilt  jedoch  keineswegs
nür  von  der  Landwirtschaft.  Unsere  größten  Industrien,  die
Eisen-  und  die  Kohlenindustrie,  sind  bodenständig.  Und  wenn
es  die  anderen  größeren  Industrien  nicht  oder  nicht  mehr  in  diesem
Maße  sind,  so  verdanken  sie  es  wiederum  nur  Naturkräften,  die
man  für  ihre  Zwecke  dienstbar  gemacht  hat,  vor  allem  natürlich
der  Kohle.
Denn  die  ganze  Entwicklung  der  Großindustrie,  der  Maschinenverwendung ­
  ist  an  die  v  e  r  w  e  n  d  u  n  g  v  o  n  N  a  t  u  r  k  r  ä  f  t  e  n
für  motorische,  also  für  Kraftzwecke  gebunden.  Ehe  die
Steinkohle  für  diesen  Zweck  verwendet  wurde,  waren  es  neben  der
Holzkohle  vor  allem  die  Wasserkräfte,  die  zum  Treiben  der  kjammcrwerke
  dienten.  Die  Industrie  saß  damals  in  den  Tälern,  um  das
Gefälle  der  Bäche  auszunutzen.  Und  heut,  da  wir  gelernt  habeir,
die  Kraft  des  Wassers  in  Elektrizität  umzusetzen,  geht  die  Industrie
wieder  dem  Wasser  nach,  siedelt  sich  an  den  Wasserfällen  der  Alpen
und  Norwegens  an  oder  staut  das  kraftspendende'  Element  zu
künstlichen  Seen,  den  Talsperren,  wer  weiß,  ob  nicht  in  wenig
Jahrzehnten  die  Schweden  ihre  Erze  mit  Hilfe  von  Wasserfällen
elektrisch  schnrelzen  und  unsere  mit  der  Steinkohle  arbeitende
Eisenindustrie  ebenso  verschwindet,  wie  die  mit  Holzkohle
arbeitende  Eisenindustrie  der  Eifel  des  Z7.  und  18.  Jahrhunderts,
fast  ohne  eine  Spur  zu  hinterlassen,  vergangen  ist.
Die  Natur  bestimmt  aber  nicht  nur  Len  Standort  der  Produktion, ­
  sondern  durch  die  Beschaffenheit  des
Stoffes  schließlich  die  Art  und  die  Möglichkeit  der
Gütererzeugung.  AIs  Bessemer  in  der  Mittv  des  vorigen
Jahrhunderts  das  nach  ihm  benannte  Verfahren  der  Eisengewinnung ­
  erfand,  das  eine  ungeahnte  Beschleunigung  und  damit ­
  Steigerung  der  Eisenproduktion  ermöglichte,  führte  dies  zunächst ­
  nur  zu  einem  außerordentlichen  Aufschwung  der  Eisenindustrie ­
  Englands.  Denn  nur  dieses  Land  besaß  ein  phosphorfreies ­
  Eisenerz,  wie  es  allein  für  die  Bessemerbirne  taugt.  Erst
als.  die  beiden  Engländer  Thomas  und  Gilchriest  ein  basisches
Verfahren  fanden,  durch  das  es  gelang,  den  Phosphor  durch  Bin-
        <pb n="46" />
        58  Die  Voraussetzungen  der  Gütererzeugung.
dung  an  Aalk  während  des  Schmelzprozesses  aus  dem  Eisen  zu
entfernen,  gewann  nun  wieder  die  deutsche  Industrie  die  Möglichkeit ­
  zu  konkurrieren;  ja  der  vorher  so  unangenehm  empfundene
Phosphorbeisatz  des  deutschen  Eisenerzes  wurde  jetzt  in  der  Form
des  im  Thomasprozesse  gewonnenen  phosphorsauren  Kalkes  ein
als  Düngemittel  hochgeschätztes  und  wertvolles  Nebenprodukt.
Organische  Stoffe  stellen  auf  Grund  ihrer  besonderen  Eigenschaften ­
  nicht  selten  selbst  der  scheinbar  rein  mechanischen  Weiterverarbeitung ­
  Schwierigkeiten  entgegen.  Ägyptische  Zigaretten
werden  nicht  aus  ägyptischen,  sondern  aus  türkischen  und  griechischen ­
  Tabaken  hergestellt.  Man  hat  nun  den  versuch  gemacht,
ihre  Herstellung  nach  Europa  zu  verpflanzen,  hat  die  gleichen  1
Tabake,  die  ägyptischen  Arbeiter  und  selbst  das  bei  der  Fabrikation ­
  verwendete  Nilwasser  herübergeschafft,  ohne  es  möglich  zu
machen,  ein  Fabrikat  von  gleicher  Feinheit  zu  erlangen.  Das
Aroma,  welches  der  ägyptischen  Zigarette  ihre  Besonderheit  leiht,
gewinnt  sie  nur  in  der  Luft  Ägyptens.  In  gleicher  weise  ist
eine  viel  wichtigere  Industrie,  die  Textilindustrie,  von  der  Luftbeschaffenheit ­
  abhängig.  Die  feinsten  Garne,  wie  sie  Lancashire
erzeugt,  kann  der  Kontinent  trotz  aller  Bemühungen  nicht  Herstellen. ­
  Dies  hängt  vielleicht  mit  der  größeren  Geschicklichkeit  englischer ­
  Arbeiter  zum  Teil  zusammen;  die  wesentliche  Ursache  aber
ist  der  größere  Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  Lancashire-.  Auch
bei  uns  wird  erzählt,  daß  erfahrene  Spinnereileiter  die  (Qualität
des  Spinnproduktes  durch  Offnen  und  Schließen  der  Fabrikfenster
je  nach  der  Richtung  des  Windes  zu  beeinflussen  verstehen.
wir  können  und  müssen  endlich  den  Menschen  selbst,  unseren
wichtigsten  Produktionsfaktor,  als  reines  N  a  t  u  r  w  e  s  e  n  betrachten. ­
  Ganz  abgesehen  von  allen  sozialen  und  wirtschaftlichen
Einflüssen  sind  gewisse  natürliche  vorbedingungn  gegeben  welche
die  Verwendung  des  Menschen  zu  WirtschaftHzwecken  entscheidend
beeinflussen;  es  find  dies  Alterszusammensetzung,  Geschlecht  und
Zuwachs  der  Bevölkerung.
Die  GliederungnachdemAlterhat  volkswirtschaftlich
vor  allem  die  Bedeutung,  daß  sich  danach  die  Zahl  der  Arbeitsfähigen
  bestimmt.  Kinder  und  Greise  werden  im  allgemeinen
nicht  mehr  oder  noch  nicht  arbeiten.  Nehmen  wir  einmal  als
Durchschnittsgrenzen  des  arbeitsfähigen  Alters  nach  unten  H,
nach  oben  60  Jahre  an;  ungefähr  55  °/ 0  der  Gesamtbevölkerung
        <pb n="47" />
        39

Der  Mensch  als  Produktionsfaktor.
in  Deutschland  fallen  dann  auf  die  jugendlichen  Altersklassen,
rund  8  auf  die  höchsten.  Sowohl  unter  den  Rindern  wie  unter
den  Alten  sind  allerdings  eine  ganze  Anzahl,  die  als  Arbeiter
wohl  mitzählen.  Andererseits  müssen  wir  aber  auch  daran  Lenken,
-aß  wieder  viele  Menschen  durch  dauernde  oder  vorübergehende
Krankheit  an  der  Arbeit  gehindert  sind;  wir  werden  also  daniit
rechnen  können,  Laß  nur  ungefähr  drei  Fünftel  der  Gesanitbevölkerung
  als  Arbeitende  in  Betracht  kommen  können.  Tatsächlich  ■
ergibt  die  Berufs-  und  Gewerbezählung  einen  noch  etwas  niedrigeren ­
  Prozentsatz.
Die  Zahl  verschiebt  sich  nach  den  allgemeinen  wohlstandsverhältnifsen
  (von  dem  Einfluß  der  Rriegsereignisse  abgesehen);
die  Säuglingssterblichkeit  vermindert  sich,  das  Absterben  verlangsamt ­
  sich  bei  günstigeren  Lrnährungsverhältnissen.  Je  wohlhabender'ein ­
  Volk  ist,  in  um  so  größerem  Umfange  wird  es  Nichtarbeiter, ­
  reine  Konsumenten  in  seiner  Mitte  haben..
Die  Vermehrung  dieser  volkswirtschaftlich  gesprochen  „toten
Last"  kann  natürlich  nicht  ins  Unendliche  gehen;  bei  einem  steigenden ­
  Mißverhältnis  zwischen  verzehrenden  und  Arbeitenden
muß  einmal  die  Grenze  erreicht  werden,  wo  die  Arbeitenden
nicht  mehr  imstande  sind,  genug  auch  für  die  Nichtarbeitenden
zu  verdienen.  Dann  wird  unter  Len  Kindern  und  den  alten
Leuten  wegen  der  schlechteren  Ernährung  eine  raschere  Sterblichkeit ­
  eintreten,  bis  das  gestörte  Glerchgewicht  wieder  hergestellt
ist.  Man  hat  sogar  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  überhaupt
einmal  die.Zahl  der  Menschen  auf  der  ganzen  Erde  so  weit  wachsen ­
  werde,  daß  die  Nahrungsmittel  für  sie  zu  knapp  werden.  Ls
war  ein  englischer  Geistlicher,  Thomas  Robert  Malthus
der  im  Jahre  1798  in  seinem  berühmten  „Essay  on  the  principle
of  population"  dieser  Befürchtung  klassischen  Ausdruck  gab.  Nach
seiner  Meinung  haben  alle  animalischen  Wesen  dieTendenz,
sich  über  den  gegebenen  Nahrungsspiclraum  hinaus  zu  vermehren.
Er  hat  geglaubt,  die  Beziehungen  zwiscken  Bevölkerung  uno
Nahrungsspielraum  in  ein  mathematisches  Verhältnis  bringen  zu
können:  Die  Bevölkerung  verdoppelt  sich  nach  ihm  in  25  Iahren,
vermehrt  sich  also  in  geometrischer  Progression,  während  die
Nahrungsmittel  nur  in  arithmetischer  Progression  wachsen  sollen.
'  Die  Vermehrung  der  Bevölkerung  wäre  also:  I,  2,  4,  8,  *6,  32,  64,
die  der  Nahrungsmittel  dagegen  t,  2,  5,  4,  5,  6,  7.  In  zwei  Jahr-Hunderten
  würde  die  Bevölkerung  sich  zu  den  Nahrungsmitteln
        <pb n="48" />
        40

Die  Voraussetzungen  der  (Sütererzeugung,
verhalten  wie  256  :9,  in  drei  Iahrunderten  wie  4096  :  (5,  und
in  zwei  Jahrtausenden  würde  die  Differenz  beinahe  unberechenbar ­
  sein.  (Es  müßte  also  einfach  durch  Mangel  an  Nahrungsmitteln ­
  das  Wachstum  der  Bevölkerung  eine  natürliche  Beschränkung ­
  finden.  Diese  Lehre  von  Malthus  mit  den  weiteren  Folgerungen, ­
  die  er  aus  ihr  gezogen  hat  und  die  oft  genug  mißverstanden
worden  sind,  gehört  zu  den  umstrittensten  der  ganzen  Volkswirtschaftslehre. ­
  Im  ganzen  dürfte  an  ihrer  Richtigkeit  nicht  zu
zweifeln  sein.  Zwar  wird  niemand  an  den  Zahlen  der
geometrischen  und  arithmetischen  Progression  unbedingt  festhalten,
die  übrigens  Malthus  selbst  nur  als  Vermutung  aufgestellt  hat;
es  ist  weiter  klar,  daß  durch  die  technischen  Fortschritte  der  Landwirtschaft ­
  und  durch  die  Entwicklung  der  Verkehrsmittel  das
Malthussche  Gesetz  vorläufig  für  uns  praktisch  außer  Wirksamkeit
gesetzt  ist;  aber  da  der  Flächenraum  der  Erde  begrenzt  ist,  da  die
Ertragssteigerung  der  Pflanzen  nicht  ins  Ungemessene  gehen  kann,
ist  ein  Ende  der  organischen  Nahrungsmittelxroduktion,  wenn  auch
in  noch  so  ferner  Zeit,  und  damit  der  Ernährungsmöglichkeit
der  Menschen  gegeben.  Wir  wollen  nur  hoffen,  daß  bis  dahin  die
Chemie  die  Prophezeiung  Werner  von  Siemens'  wahr  macht,  daß
man  die  Lebensmittel  aus  ihren  anorganischen  Bestandteilen  durch
chemische  Synthese  herzustellen  lernen  werde.
Inzwischen  ist  freilich  eine  andere  Erscheinung  aufgetreten,
welche  die  praktischen  Folgen  des  Malthusschen  Gesetzes  bis  zu
einem  gewissen  Grade  aufhebt:  dies  ist  der  Rückgang  der
Geburtenziffer  bei  den  Kulturnationen.  Am
deutlichsten  zeigt  sich  dies  bekanntlich  in  Frankreich,  wo  die  Bevölkerung ­
  schon  stationär  geworden  ist;  der  natürliche  Geburtenüberschuß ­
  dieses  Landes  betrug  im  Iahre  19  z  5  nur  noch  j  pro
Mille,  gegen  *2,4  pro  Mille  in  Deutschland  und  jo,2  in  England.
Leider  aber  ist  nun  auch  Deutschland,  wie-vor  ihm  schon  Großbritannien, ­
  auf  den  absteigenden  Ast  des  Geburtenrückganges  geraten; ­
  namentlich  die  Großstädte  zeigen  trotz  ihrer  vorzüglichen
hygienischen  Einrichtungen  erschreckende  Ziffern  dieser  Art.  So
betrug  die  Zahl  der  Lebend  geborenen  in  pro  Mille  der  Bevölkerung ­
  in  Düsseldorf:
im  Iahre  4898  .  .  .  40,7
„  1901  •  •  •  38,3
„  „  1907  .  .  .  33,1
„  1912  .  .  .  26,3.  •
        <pb n="49" />
        Bevölkerungsverhättmsse.

3m  Deutschen  Reiche  ist  die  Zahl  der  Geborenen  (einschließlich ­
  Totgeborenen)  von  42,6  pro  Mille  im  Jahre  (876  aus  28,5
im  Jahre  »915  zurückgegangen,  (von  dem  weiteren  Rückgang
während  des  Arieges  sei  hier  abgesehen.)  Db  rein  physiologische
Gründe  für  diese  Erscheinung  wirksam  sind  oder  der  Wunsch,  die
einmal  erreichte  Lebenshaltung  aufrecht  zu  erhalten,  sieht  noch
nicht  fest;  wahrscheinlich  wirken  Ursachen  beider  Art  zusammen.
Soviel  auch  noch  zur  völligen  Erklärung  der  Tatsachen  der
Bewegung  der  Bevölkerungszahl  fehlen  mag,  wir  bleiben  doch
innerhalb'der  rein  kausalen  Erklärungsversuche  der  Beziehungen
zwischen  Ursache  und  Wirkung.  Darüber  hinaus  —  wenigstens
nach  dem  heutigen  Stande  unseres  Wissens  —  führt  uns  die
letzte  für  uns  wichtige  Tatsache,  die  des  Zahlenverhält-  ,
nisses  derGes  ch'le  ch  t  e  r.  Ls  war  ein  Feldprediger  Friedrichs ­
  des  Großen,  der  spätere  Vberkonsistorialrat  Johann
Peter  Süß  milch,  der  in  seinen  „Betrachtungen  über  digöttliche
  Ordnung  in  den  Veränderungen  des  menschlichen  Geschlechts
  aus  der  Geburt,  dem  Tode  und  der  Fortpflanzung  desselben ­
  erwiesen",  datiert  $74*  auf  dem  Marsche  vor  Schweidnitz,
eines  der  tiefsten  Geheimnisse  des  Lebens  der  Menschheit  nachwies. ­
  Er  zeigte  nämlich,  daß  regelmäßig  auf  je  2\  Knaben
20  Mädchen  geboren  würden,  daß  dann  die  Knaben  rascher  weg-  ^
stürben  und  im  heiratsfähigen  Alter  ein  Gleichgewicht  bestehe,
während  später,  da  die  männliche  Sterblichkeit  weiter  die  stärkere
bleibe,  die  Frauen  überwiegen.  In  der  Tat  werden  auch  heute
noch,  soweit  unsere  bisherigen  Beobachtungen  reichen,  wenn  nicht
besondere  Störungen  vorliegen,  in  der  Regel  iog  oder  l05  Knaben
auf  ;oo  Mädchen  geboren.  In  Deutschland  kamen  auf  je  joo
Mädchengeburten  Knabengeburten  in  den  Jahren

1905  106,5

1908

106,1  1911

106,1

1906  106,0

1909

105,9  1912

106,5

1907  106,5

1910

105,9  1913

106,1-Nach

  der  Volkszählung

vom  1.

Dezember  1900

waren

in  der  2lltersklasse

männlich

weiblich

unter  I  Jahr

.

.  .  825  665

808  440

21—25  Jahren

.

.  .  2  026  096

2  050  280

60—65  „

•  -

.  .  775  857

890  612.

Man  sieht  hier,  in  den  Extremen,  deutlich  den  angegebenen  Verlauf: ­
  ursprünglich  überwiegen  des  männlichen  Geschlechts^  Aus-
        <pb n="50" />
        Die  Natur.

42
gleich  im  heiratsfähigen  Alter,  schließlich  überwiegen  des  weiblichen ­
  Geschlechts.  Aus  dem  Gesetz  von  Ursache  und  Wirkung
läßt  sich  dieser  Zusammenhang,  wie  schon  gesagt,  nicht  erklären;
wir  kennen  die  Ursache  schlechterdings  nicht.  Wohl  aber  können
wir  einen  Zweck  sehen,  der  freilich  über  individuelle,  ja  über
menschlich  gesetzte  und  setzbare  Zwecke  überhaupt  hinausgeht,
nämlich  die  Erhaltung  des  Menschengeschlechts.  Wir  nennen
eine  solche  Lrklärungsweise,  die  vom  Zweck  statt  von  der  Ursache
ausgeht,  nach  dem  griechischen  Worte  (Zweck)  teleologisch,
von  einer  „Erklärung"  im  wissenschaftlichen  Sinne  darf  allerdings ­
  dabei  eigentlich  nicht  gesprochen  werden;  Liese  Zwecksetzung
ist  nichts  als  eine  Verrnutung.  Wir  stoßen  hier  wieder  einmal
deutlich  und  hart  an  die  Grenze  des  für  uns  Erkennbaren.

2.  Die  Mittel  der  Gütererzeugung,
a)  Die  Natur.
.  Für  die  Zwecke  der  Gütererzeugung  stehen  dem  Menschen  eine
Anzahl  von  Mitteln  unmittelbar  iit  der  Natur  zur  Verfügung,
wir  denken,  wenn  wir  von  Produktion  sprechen,  zwar  viel  mehr
an  Maschinen  und  Gebäude,  Rohstoffe  und  Kalbsabrikate,  die  denn
in  der  Tat  mit  einer  Ausnahme  —  dem  Boden  für  die  Zwecke  der
landwirtschaftlichen  Erzeugung  —  im  Mechanismus  der  heutigen
wirtschaft  überwiegen.  Diese  „produzierten  Produktionsmittel",
die  wir  Kapital  nennen,  haben  wir  später  zu  behandeln;  zunächst
müssen  wir  wenigstens  kurz  von  jenen  naturgegebenen
Produktionsmitteln  sprechen.  Das  wichtigste  ist,  wie  eben
erwähnt,  der  landwirtschaftlich  genutzte.  Boden.
Weiter  stehen  eine  Anzahl  von  Naturschätzen  ohne
weitere  Zurichtung,  nur  einfach  zu  gewinnen,,zur  Verfügung ­
  als  Rohstoffe,  wie  die  weiden  zum  Flechten  oder  die  Tonerde ­
  zur  Formung  von  Gefäßen.  Die  erste  Nutzung  der  Tiere,
wahrscheinlich  zum  Zwecke  des  Melkens,  ist  hierher  zu  rechnen.
Line  dritte  Gruppe  bilden  die  n  at  ii  r  l  i  ch  e  n  Kraftquellen: ­
  das  fließende  Wasser,  der  Wind,  das  Tier  als  Zug-  •
kraft.  Jetzt  wird  das  Tier  zunieift  nicht  wild  eingefangen,  sondern ­
  gezüchtet  und  rechnet  demgemäß  zu  den  „produzierten'  Produktionsmitteln"; ­
  auch  das  Wasser  wird  in  einer  Reihe  von  Fällen
(Talsperren,  Kanälen  usw.)  erst  sozusagen  präpariert.  Nur  der
        <pb n="51" />
        mum

Der  Boden.

Wind  bleibt  ein  direkter  Kraftspender.  Um  die  Ausnutzung  der
Sonnenkraft  und  der  Kraft  von  Flut  und  (Ebbe  wird  noch  gerungen.
Bei  weitem  das  wichtigste  natürliche  probuttionsmittel  aber
bleibt  der  Boden.  DerBoden  war  ursprünglich  ein  freies  Gut,
solange  die  Menfchenzahl  ,wch  klein  war  im  Verhältnis  zu  dem
vorhandenen  kulturfähigen  Lande.  Auch  jetzt  noch  ist  Boden  frer,
wenn  auch  kaum  in  dem  Sinne,  daß  er  „Niemandsland"  fer;  vielmehr ­
  ist  in  den  jungen  Ländern  (dem  amerikanischen  Kontmen  ^
Sibirien  usw.)  das  Land  meist  Kronland,  nicht  feiten  allerdingin ­
  den  Händen  von  Spekulanten  oder  Spekulantengruppen,  wo
der  Boden  Kronland  ist,  pflegt  er  in  diesen  Ländern  meist  unentgeltlich ­
  oder  sehr  billig  an  solche  abgegeben  zu  werden^  dw
ihn  zu  kultivieren  beabsichtigen.  Nach  dem  wirtschaftlichen  Gesetz
wird  nun,  solange  noch  freier  Boden  vorhanden  ist  solcher  Boden
ausgesucht  werden,  der  bei  gleichem  Arbeits-  und.  Kapitalaufwand ­
  die  böchsten  Lrttäae  bringt.  So  sehen  wir  die  merkwürdige
Erscheinung,  daß  mitten  im  Industriegebiet  der  Gststaaten  Amenfas
  deserted  farms",  aufgegebene  Bauerngüter,  sich  finden.  Ihre
bishekigen  Besitzer  haben  die  ursprüngliche  Bodenkraft  ausgenutzt
und  ziehen  es  vor.  statt  diesem  aüsgesaugten  Boden  Dünger  d.  h
Kapital,  zuzuführen,  in  den  fernen  Westen  zu  gehen  und^  sich  dort
jungfräuliches  Regierungsland  geben  zu  lassen.
Aber  selbst  bei  Wiederzuführung  der  entnommenen  Bodenbestandteile
  und  bei  immer  weiterem  Arbeitsaufwand  (Tiefpflügen, ­
  hacken)  kommt  einmal  der  Punkt  wo  der  Boden  au
natürlichen  Gründen  eine  weitere  Ertragssteigerung  Nicht  hergibt
  Zwischen  dem  ersten  Anbrechen  des  fungfraulichen  Bodens
und'dem  Punkte,  wo  der  Boden  überhaupt  eine  Steigerung  der
Roherträge  verweigert,  findet  ein  ständiges  Ruckgehen  des  Reinertrages ­
  statt.  Dieses  sogenannte  Gesetz  des  abnehmenden
Bodenertrages  führt  zu  der  Konsequenz,  daß  bei  einem  gegebenen ­
  Stande  der  Technik  und  der  Preise  eine  Reche  von  Boden
zweckmäßig  nicht  in  Angriff  genommen  ober  daß  umkehrt  sta
der  weiteren  Kapital-  und  Arbeit-verwendung  auf  alte  Ku  tur
böden  nunmehr  neue  herangezogen  werden.  Diese  Feststellung
ch  wieder  in  jedem  einzelnen  Falle  Aufgabe  des  homo  oeconomicus.
  So  ist  die  Frage  für  uns  während  des  Krieges  von  Wichtigkeit ­
  geworden  und  wird  es  weiter  fein,  ob  es  Zweckmäßiger  ist,
Moor-  und  GLlandböden  zu  kultivieren  oder  ob  der  gleiche  Aufwand ­
  sick  auf  alten  Kulturboden  besser  bezahlt  macht.
        <pb n="52" />
        44

Die  Arbeit.

Die  Bodenfläche  hat  endlich  Ausdehnung;  diese  Ausdehnung
erfordert  Aufwendung  von  Zeit  und  Transportkosten.  Die  bereits
erwähnt  Lehre  T  h  ii  n  e  n  s  basiert  darauf,  daß  die  Entfernung
vom  Wirtschaftshofe  einerseits,  von  der  Stadt  andererseits  die
Wirtschaftsart  beeinflussen  muß,  da  bei  einmal  gegebenem  preise
auf  einen  Teil  der  Produktionskosten,  als  welche  sich  Zeit-  und
Transportaufwand  darstellen,  nur  eine  bestimmte  (Quote  der  Gesamtkosten ­
  entfallen  darf,  wenn  die  Produktion  nicht  unrentabel
werden  soll.  Aus  der  Tatsache  der  Ausdehnung  der  Bodenfläche
folgt  denn  die  Bestimmung  der  produktionsrichtuna  durch  den
Standort.
Die  naturgegebenen  Produktionsmittel  baden  die  Besonderheit
aller  natürlicher  Dinge,  daß  sie  unberechenbar  sind,  wind
und  Welle  ebenso  wie  der  in  seinem  Ertrage  von  der  Witterung
abhängige  Boden.  So  kann  man  denn  verfolgen,  wie  d  i  e
Menschheit  sich  bemüht,  diese  naturgegebenen
Produktionsverfahren  durch  arbeitgegebene,
erzeugteundbeherrschbarezuersetzem  Die  Dampfmaschine ­
  tritt  an  die  Stelle  des  Wasserrades  der  Mühle  oder  des
Windes  im  Schiffssegel;  die  Chemie  ersetzt  den  natürlichen  Indigo
oder  Kautschuk  durch  den  synthetischen;  an  Stelle  des  Holzes  wird
Eisen  oder  Eisenbeton  zu  Bauten  verwendet,  von  einem  vollständigen ­
  Ersatz  ist  freilich  auf  absehbare  Zeit  keine  Rede.
Auch  hie  naturgegebenen  Produktionsmittel  bedürfen  selbst
für  die  primitivste  Wirtschaft  einer  Ergänzung;  die  bereiten  Schätze
müssen  gehoben  werden.  Der  Schatzgräber  ist  die  Arbeit.
b)  Die  Arbeit.
IDir  sind  alle  Arbeiter,  ob  wir  Eisen  walzen  oder  das  Feld
beackern  oder  am  stillen  Schreibtisch  sitzen.  Und  alle  leisten  wir
mit  unserer  Arbeit  ein  Dreifaches:  wir  erwerben  uns  und  den
mistigen  das  tägliche  Brotz  wir  schaffen  und  formen  neue  wirtschaftliche ­
  werte,  und  wir  tragen,  jeder  zu  seinem  bescheidenen
Teil,  dazu  bei,  dem  vaterlande  zu  nützen.  Ls  ist,  so  gesehen,
wirklich  kein  Unterschied  zwischen  dem  Tagelöhner,  der  Steine
zum  Bau  trägt  und  dem  Baumeister,  der  den  Plan  des  Hauses
entwarf,  wir  sind  alle  Arbeiter,  und  jede  redliche  Arbeit  ist  gleich
viel  wert.
Aber  es  wäre  töricht,  wenn  wir  leugnen  wollten,  daß  nicht
        <pb n="53" />
        Die  Arbeitsteilung.

45

nur  die  Art  der  Arbeit  innerhalb  unseres  Volkes  unendlich  verschieden ­
  ist,  sondern  auch  daß  die  Verschiedenheit  dieser
A  r  b  e  i  t  s  a  r  t  die  Menschen  selbst  aufs  tiefste  beeinflußt,  die  sie
ausüben.  Und  weiter,  es  kann  schon  nicht  jeder  ganz  beliebig
das  eine  oder  andere  werden,  wer  Baumeister  werden  will,
der  muß  zeichnen  und  rechnen  können.  Sein  Geist  muß  regsam
und  bildsam  sein;  er  muß  sich  vorstellen  können,  wie  das  Gebäude,
das  er  plant,  in  der  Straße  aussehen  wird,  ob  es  gut  zu  den  Nachbarhäusern ­
  steht.  Lr  muß  die  Bedürfnisse  der  Leute  kennen  und
verstehen,  die  darin  wohnen  sollen,  und  muß  das  fjaus  danach
einrichten.  Lr  muß  Geschmack  haben,  damit  die  Tapeten  und  die
Decken  auch  später  dem  eine  Wohltat  sind,  der  in  dem  Zimmer
leben  muß,  und  nicht  ein  Greuel,  weiter,  er  muß  ein  ernster
und  gewissenhafter  Mann  sein,  der  sich  dessen  bewußt  ist,  welche
Verantwortung  er  übernimmt,  damit  seine  plane  und  Berechnungen ­
  auch  richtig  sind  und  nicht  etwa  der  Bau  einstürzt  und
die  begräbt,  die  darin  sind.  —  Ganz  anders  der  Maurer.  Lr  muß
sein  Handwerk  kennen,  muß  wissen,  wie  Stein  auf  Stein  geschichtet
wird,  wie  das  Lot  gehandhabt  wird,  wie  der  Kalk  bindet.  Lr
muß'einen  Körper  haben,  der  die  Arbeit  im  Freien,  in  wind  und
Wetter  verträgt.
wir  wissen  wohl,  daß  nicht  gerade  jeder  den  Beruf  ergriffen
hat,  für  den  seine  Gaben  ihn  bestimmten;  vielleicht  wußte  er
zur  Zeit  der  Berufswahl  selbst  noch  nicht,  wohin  es  ihn  später
ziehen  werde,  vielleicht  —  und  das  ist  oft  genug  der  Fall  —  hatte
ex  nicht  die  Mittel,  um  sich  für  ein  Fach  auszubilden,  das  rhn
anzog,  etwa  zu  studieren;  bei  vielen  entscheidet  das  gute  Zureden
anderer,  ja  der  Zufall.
So  entsteht  eine  bunte  Mannigfaltigkeit  der  Arberten,  dre  zusammen ­
  die  Volkswirtschaft  ausmachen.  Nicht  weniger  als  10397
Berufsbenennungen  wies  schon  die  deutsche  Berufs-  und  Gewerbezählung ­
  non  1395  auf,  und  seitdem  hat  sich  ein  gut  Teil  neuer
Gewerbe  gebildet.  v  ,  ,
Da  ist  z.  B.  der  nützliche  Stand  der  Dienstmänner  und  Lohndiener. ­
  wir  würden  vielleicht  meinen,  ein  Dienstmann  sei  eben
ein  Dienstmann.  (D  nein,  da  gibt  es  nach  der  Berufszählung  Bestellboten, ­
  Botenläufer,  Dezemeinsammler,  Lsochzeitsbitter  und
tzöhlenführer,  Kofferträger,  Schiebeböcker  und  Schiebkärcher;  rm
ganzen  69  verschiedene  Arten,  deren  Unterschiede  allerdings  denr
Uneingeweihten  nicht  immer  ganz  klar  sind.
        <pb n="54" />
        46

Die  Arbeit.

wenn  wir  nun  auch  von  solchen  Feinheiten  absehen  können,
so  ist  es  doch  jedem  bekannt,  wie  weit  sich  in  unserer  Jert  die
Arbeitsteilung  durchgesetzt  hat;  nicht  nur  sür  dw  körperliche, ­
  sondern  auch  für  die  geistige  Produktion  gilt  dres,  un  3  1
lernen  Tesman,  der  „Fachmensch  für  hausindustrre  rm  Mittelalter"
  ist  ein  guter  Bekannter  von  uns  allen,  wenn  wrr  es  nrcht
gar  selbst  sind.  Die  Arbeitsteilung,  zum  mindesten  rn  rhrer  ersten
weit  zurück  wie  die  Geschichte  des  Menschen  überhaupt.  Ber  allen
primitiven  Völkern  behalten  sich  die  Männer  dre  Jagd  vor  und
überlassen  den  Frauen  die  Hausarbeit  und  bernahe  alle  Handwerke ­
  Töpfern,  weben,  Brauen,  mit  fast  ernzrger  Ausnahme  .es
Schmiedehandwerks.  Die  A  r  b  e  i  t  s  t  e  i  l  u,r  g  n  a  ch  d  e  n  G  e  -
,'cklechlern  hat  sich  bis  in  die  Gegenwart  hrnem  erhalten,
wenn  es  auch  Zeiten  wie  namentlich  die  des  Fruhkaprtalrsmus
gab,  die  jeden  Unterschied  verwischten.  Zolas  »Gemnnal  w:
immer  ein  erscbütterndes  Zeugnrs  aus  jener  §eit  blexben,  d.e
Fmuen  und  Mädchen  in  die  Stollen  der  Steinkohlenbergwerke
^Die  Beschränkung  der  Frau  aus  die  Hausarbeit  ist  frerlrch  nrcht
mehr  möglich.  Die  moderne  Entwicklung  hat  den  Frauen  ernm
großen  Teil  ihrer  alten  hauswirtschaftlichen  Tatrgkert  abgenoM'
men  Die  trauen  spinnen  und  weben  nicht  mehr,  sie  überlassen
bas  Backen  dem  Bäcker,  das  Schlachten  dem  Schlächter.  Das  Wasser
w?rd  nicht  mehr  vom  Brunnen  geholt  (eine  schwere,  aber  rerz-■
  volle  Arbeit),  sondern  kommt  aus  der  wasserlertung,  das  Gas^
ober  elektrische  Licht  macht  das  Lampenputzen  uberflujsig.  Das
Lirrmachen  besorgt  die  Ronservenfabrik,  das  waschen  dre  wajäjanftalt.
  Innerhalb  der  Wirtschaft  selbst  bringt  dre  Maschine  vo  ,
um  oirbeitskraft  zu  sparen,  wenn  auch  bis  jetzt  erst  rn  bescherden  m
Umfange"  ich^  nenne  als  Beispiele  aus  dem  vorigen  und  diesem
labrbunfcert  die  Nähmaschine  und  den  vakuumrernrger.  wen
21mm  n  ch-dk  &amp;gt;&amp;gt;°--°i-.,ch°,»Ich-  Tätigkeit  di-  m-.,..n  An.
?»,«»-  -n  die  .;»»  deren  Sc»mtu„9  uns  m  6m  abfdnütte
  über  die  Güterverwendung  beschäftigen  joll  jo  hat  dre
Entwicklung^  sie  doch  schon  außerordentlich  stark  än  andere  Berufe
Ungezwungen  Rund  9  Millionen  Frauen  waren  in  Deutschland
  2  der  S-rns-Mnng  °-n  .907  im  S««P«b-mf  ,,m,,bs.
r,.«  sip?,,,,  großen  Zahl  waren  nur  rund  1%  Millionen
ok  Dienstmädchen  oder  Aushilfen  im  hausdienst  beschäftigt,  wah.
        <pb n="55" />
        Die  Arbeitsteilung.

4?

rend  die  tzälste  auf  die  Landwirtschaft  entfiel.  Dies  will  nicht
etwa  dadurch  erklärt  werden,  daß  die  Landwirtschaft,  was  ja
allerdings  der  Fall  ist,  ein  alter  Frauenberuf  fei;  dann  nmßte  sie
auch  früher  in  dem  gleichen  Maße  von  Frauen  betrieben  worden
fein.  Tatsächlich  ist  feit  1882  die  Zahl  der  in  der  Landwirtschaft
hauptberuflich  tätigen  Männer  von  5%  und  ö'A  Millionen  zurückgegangen, ­
  die  der  gleicherweise  tätigen  Frauen  aber  von  2%  auf
434  Millionen  gestiegen?
wenn  so  der  stärkere  übertritt  der  Frau  aus  der  Haus-  in
die  Lrwerbswirtfchaft  anscheinend  unaufhaltsam  ist,  so  können
wir  doch  sehen,  daß  dabei  die  Arbeitsteilung  nach  dem  Geschlecht
im  ganzen  sich  deutlich  durchsetzt;  dafür  sorgt  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  auch  die  moderne  sozialpolitische  Gesetzgebung,
welche  Fräuenbefchäftigung  in  einer  Reihe  von  Fällen  verbietet,
wie  in  Bergwerken  unter  Tage,  oder  einschränkt.  Nach  der  Zählung
von  &amp;lt;907  ist  die  Zahl  der  beschäftigten  weiblichen  Arbeiter  ungefähr ­
  ebenso  groß  oder  größer  als  die  der  männlichen  in  der
Tertilindustrie,  dem  Bekleidungsgewerbe,  Reinigungsgewerbe,
Handelsgewerbe  und  Gast-  und  Schankwirtfchaft,  während  wieder
in  anderen  Gewerbegruppen,  namentlich  Bergbau,  Metallverarbeitung ­
  und  Industrie  der  Maschinen  und  Instrumente  die
Zahl  der  beschäftigten  Frauen  gegenüber  der  der  Männer  fast
verschwindet.  Diese  Scheidung,  die  im  wesentlichen  durch  die  verschiedenen ­
  Aörperkräfte  der  beiden  Geschlechter  bedingt  ist,  wird
sich  in  dem  Maße  noch  schärfer. ausprägen,  als  der  Frauenerwerb
immer  mehr  als  selbstverständlich  gilt  und  die  Frauen  für  ihre
neuen  Berufe,  wozu  wir  schon  die,  ersten  Ansätze  haben,  ebenso
•  geschult  werden,  wie  dies  bei  Männern  (in  Fortbildungs-  und
Fachschulen,  Lehrlingsausbildung  usw.)  der  Fall  ist.  wenn  im
Kriege  die  Frau  notgedrungen  viele  ausgesprochen  „männliche"
Berufe  übernahm,  so  wird  sich  das  im  Frieden  allmählich  wieder
korrigieren.
Dieser  Arbeitsteilung  im  großen  zwischen  Mann  und  Frau
steht  als  Seitenstück  die  Arbeitsteilung  nach  Völkern
ober  Kaffen  gegenüber.  Der  Begriff  des  Volkes  und  auch  der
der  Raffe  ist  durchaus  nicht  so  fest  bestimmt,  daß  man  die  besonderen ­
  Eiaentümlichkeiten  eines  Einzelvolkes  mit  der  Sicherheit
'  Sie  Stciaenm«  in  der  Landwirtschaft  ist  zum  Teil  allerdnigs  nur  eine
formale,  indem  die  „mithelfenden  weiblichen  Familienmitglieder  letzt  als
Erwerbstätige  im  Hauptberuf  gezählt  werden.
        <pb n="56" />
        48

Die  Arbeit.

aufweisen  könnte,  wie  die  Zoologen  die  Tiergatlungen  trennen;
vor  allem  finden  auch  zwischen  den  Völkern,  und  zwar  nicht
nur  in  unserer  Zeit  der  großen  Wanderungen,  stete  Kreuzungen
und  Vermischungen  statt.  Je  nach  dem  Grade  der  Mischung
wird  der  Charakter  der  ursprünglichen  Bevölkerung  mehr  oder
minder  stark  beeinflußt,  wie  die  Römer  am  Rhein  vor  fast  zweitausend ­
  Jahren,  die  französischen  Refugies  im  Berlin  Friedrichs
des  Großen  deutlich  genug  in  ihrer  Nachwirkung  heut  noch  zu
spüren  sind.  Ist  die  (Quantität  fremden  Blutes  eine  größere,
so  entsteht  auch  wohl  ein  ganz  neues  Volk,  wie  Sachsen  und  Normannen ­
  zu  Engländern  werden.  Im  einzelnen  Individuum,  das
ja  schließlich  uns  in  letzter  Linie  als  Träger  des  volkscharakters
entgegentritt,  können  der  Kreuzungen  so  viele  sein,  daß  Skeptiker
den  Gedanken  einheitlicher  Volkseigenschaften  für  unmöglich  erklären. ­
  Aber  man  braucht  nicht  nur  an  Extreme,  wie  etwa  meianesische
  Stämme  der  Südsee  und  blonde  Nordländer  zu  denken,
um  über  der  Mannigfaltigkeit  der  Individuen  die  Volkseinheit
zu  sehen;  schon  zwischen  Nord-  und  Süddeutschen,  ja  bisweilen
zwischen  Bewohnern  von  Nachbarstädten  treten  Unterschiede  in
Erscheinung,  die  jedem  bekannt  sind.  Wieweit  Liese  Unterschiede
auf  Rasseneigentümlichkeiten  und  wieweit  auf  anderen  Ursachen
beruhen,  ist  für  uns  gleichgültig;  genug,  daß  sie  vorhanden  sind.
Es  sei  nur  an  die  musikalische  Begabung  der  Zigeuner  und  der
Neger,  die  kaufmännischen  Fähigkeiten  der  Armenier,  Juden,
Griechen,  Indier,  das  technische  Geschick  der  Nordamerikaner,
Engländer,  Deutschen  erinnert.
Fast  noch  wichtiger  freilich  als  die  verschiedene  Begabung,
über  deren  wandlungsmöolichkeit  bei  veränderten  Umständen  wir
noch  viel  zu  wenig  unterrichtet  sind,  ist  der  verschiedene  Lebensstandard, ­
  der  die  Völker  oder  Volksgruppen  in  gewisse  Lrwerbsschichten
  ohne  weiteres  eingliedert.  Er  scheint  durchwegs  in  der
europäisch-amerikanischen  Wirtschaft  die  Neigung  zu  bestehen,
eine  Reihe  körperlich  anstrengender  Arbeiten  an  landfremde  Rassen
abzugeben.  Italienische  Erdarbeiter  in  Deutschland,  schwarze
Minenarbeiter  in  Südafrika,  chinesische  Kulis  in  der  Zuckerindustrie ­
  Hawaiis,  japanische  Landarbeiter  in  den  Gbstpflanzungen
Kaliforniens;  es  ist  durchwegs  dasselbe  Bild.  Damit  ist  freilich
nicht  gesagt,  daß  diese  Fremdlinge  nun  immer  im  Kreis  der  ihnen
überlassenen  groben  Arbeiten  bleiben  müssen;  die  Furcht  namentlich ­
  der  weißen  Arbeiter  der  angelsächsischen  transozeanischen
        <pb n="57" />
        Die  Arbeitsteilung.

49

Länder  vor  den  gelben  Konkurrenten  —  es  seien  nur  wieder  die
Chinesen-  und  Iaxanerhetzen  Kaliforniens  erwähnt  —  sind  ein
hinreichender  Beweis  für  diese  Möglichkeit,  und  unter  uns  sehen
wir,  wie  die  Polen.sdwohl  in  ihrer  östlichen  Heimat  wie  im  Berg--revier
  Rheinlands-Westfalens  wirtschaftlich  aufstiegen.  Darum
hielten  auch  Zeiten  und  Völker  Mit  weniger  empfindsamen  Nerven
diese  fremden  Rassen  durch  rechtliche  Zwangsmittel,  Sklaverei
oder  Frondienst,  in  ihrer  wirtschaftlich  niedrigen  Stellung  oder
trennten  die  Lrwerbsstände  durch  soziale  Schranken  wie  Kasten
und  Adel.  (Erregt  doch  selbst  heutzutage  ein  Adeliger  bei  uns,
sofern  er  sich'am  Erwerbsleben  in  dessen  unteren  Schichten  beteiliat,
  also  etwa  Kleinkaufmann  wird,  unsere  Verwunderung.
Diese  kastenmäßige  Scheidung  der  Lrwerbsstände ­
  galt  überhaupt  für  uns  noch  immer  als  ungefchriebcnes
Gesetz,  an  das  wir'  uns  allerdings  nicht  gern  erinnern  ließen,
vor  allem  wird  jede  Schicht  ein  hinuntersinken  ihrer  Angehörigen
auf  eine  von  ihr'als  lieferstehend  empfundene  Stufe  zu  verhindern
suchen;  der  Sohn  eines  Arztes  darf  nicht  Handwerker  werden,
selbst  wenn  er  nur  dazu  Lust  und  Neigung  hat;  die  Tochter  des
Landgerichtsrats  darf  zwar  eine  Lrzieherinnenstelle  annehmen,
nicht  aber  die  einer  Köchin,  obgleich  letztere  vielleicht  oder  wahrscheinlich
  besser  bezahlt  wird.  Umgekehrt  hat  der  aus  einer
unteren  Schicht  Emporsteigend e  gegen  stille  soziale  widerstände
zu  kämpfen;  selbst  wenn  die  Tochter  des  millionenreich  gewordenen
amerikanischen  Schuhwichsefabrikanten  einen  englischen  Herzog
heiratet,  so  bleibt  der  Papa  Schuhwichsefabrikant  doch  ein  Parvenu
und  bestenfalls  ein  Arrive.  —  Dieses,  rlufsteigen  von  unten  nach
oben  insbesondere  aus  Dem  Arbeiterstande,  war  aber  bei  uns  auch
noch'durch  die  Entwicklung  der  Wirtschaft  selbst  aehemmt,  die  den
Erfolg  immer  mehr  an  den  vorherigen  Besitz  von  Kapital  oder
doch  an  ganz  ungewöhnliche  Begabung  knüpfte.
Die  individuell  eBeg  a  bung  und  Veranlagung
ist  endlich  die  letzte  natürliche  Ursache  der  2lrbeitsteilung,  und
zwar  eine  Ursache,  die  unaufhörlich  am  Werke  i&amp;gt;t.  bie  spielt,  wie
bereits  gesagt,  schon  bei  der  Berufswahl  in  vielen  Fällen  eine
entscheidende  Rolle.  Sie  wird  sich  unter  Umständen  selbst  gegen
heftige  widerstände  durchsetzen,  seien  es  konventionelle  Vorstellungen ­
  der  Geburtskreise,  sei  es  Mangel  an  Mitteln  oder  irgendeines ­
  der  vielen  Hemmnisse,  die  sich  jeder  Lebensentfaltung  entgegenstellen. ­
  Insbesondere  sind  es  geistige,  namentlich  künstle-Wygodzlnski,
  Einführung  in  dir  VolkswirifchafiSl-hr«
        <pb n="58" />
        50

Die  Arbeit.

rische  und  wissenschaftliche  Veranlagungen,  die  den  Kampf  um
ihr  Dasein  Bis  zum  Sieg  oder  zum  völligen  Erliegen  führen.  In
der  Sphäre  der  rein  ökonomischen  Arbeit,  in  welche  die  überwältigende ­
  Masse  des  Volkes  gebannt  ist,  sind  freilich  andere  Entscheidungen ­
  für  Len  Platz  maßgebend,  an  den  der  einzelne  gestellt ­
  wird.
Wir  können,  wenn  wir  von  der  rein  geistigen  Arbeit  absehen,
jene  natürlichen  Ursachen,  Geschlecht,  Begabung,  Rasse  und  die
konventionelle  Festhaltung  ihrer  Wirkungen  durch  gesellschaftliche
Vorschriften  und  Vorurteile  als  entscheidend  für  die  Berufsverteilung ­
  im  großen  ansehen.  Ihnen  zur  Seite  tritt  mit  einem
Zwange,  der  noch  unerbittlicher  ist,  der  moderne  Produktionsmechanismus, ­
  dessen  Augenmerk  nicht  sowohl  der
Mensch  ist,  sondern  das  Produkt.  Der  wirtschaft  kommt  es  nicht
darauf  an,  daß  der  einzelne  einen  Beruf  hat,  der  ihn  befriedigt,
weil  er  seinen  Fähigkeiten  und  Neigungen  entspricht;  für  sie  ist
der  Mensch  ein  Werkzeug,  ein  Rad,  das  in  die  Maschine  eingesetzt
unabänderlich  seinen  vorgeschriebenen  Lauf  geht.  Es  hat  ein
junger  Mann  dazu  Lust,  Kaufmann  zu  werden;  soweit  hat  er  die
Wahl.  Aber  ob  er  dann  Expedient  in  einer  Strumpfhandlung
en  gros  oder  Buchhalter  in  einer  Fabrik  chemischer  Produkte  wird,
das  hängt  nicht  mehr  von  ihm  ab.  Und  nun  gar  erst  der  Arbeiter,
den  das  Schicksal  unauflöslich  an  den  Webstuhl,  die  Lisendrehbank,
  in  die  Erzgrube  zwingt!
Die  wirtschaft  lebt  ihr  eigenes-  Leben  und
zwingt  ihr  Joch  herrisch  den  Völkern  aus.  wie  kommt  die  hübsche
kleine  Japanerin,  die  wir  uns  nur  in  ihrem  Papierhäuschen  oder
auf  den  Reisfeldern  denken  konnten,  in  die  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  erst  riesig  erwachsenen  Spinnereien  Osakas?  wie  kommt
der  sorglose  Schwarze,  der  alle  Arbeit  in  Paus  und  Feld  den  Frauen
überließ,  in  die  Diamantgruben  Kimberleps  und  die  Goldminen
von  Rhodesia?  Unsere  moderne  Wirtschaft  hat  die'  Langarme
nach  ihnen  ausgestreckt  und  verwandelt  die  Mädchen  des  Blumenlandes ­
  wie  die  afrikanischen  Naturkinder  in  „hands",  wie  es
unsere  Lehrmeister,  die  Engländer,  so  bezeichnend  nennen.
In  diese  sck^einbar  gleiche  Masse  der  Arbeiter  bringt  nun  der
Produktionsmechanismus  eine  neue  Schichtung.  Das  Ziel  der
Produzenten  ist:  verdienen;  das  Ziel  der  Wirtschaft:  zu  diesem
Zweck  möglichst  viel  und  möglichst  billig  zu  produzieren.  Ls  ist
nun  eine  bekannte  Lrfahtung,  daß  die  Leistungsfähigket  in  dem
        <pb n="59" />
        Arbeitszerlegung.  5 '
IlXafte  steigt,  als  ein  und  dieselbe  Arbeit-dem  Arbeitenden  immer
vertrauter  wird.  Alles  will  gelernt  und  geübt  sein;  wer  eine
Arbeit  zum  erstennial  macht,  benötigt  sehr  viel  mehr  cheit,  ist  wert
ungeschickter  als  der  in  sie  hineingewachsene.  Dieser  L  t  nf  lu  tz
ö  e  r  Übung  auf  die  Arbeitsleistung,  der  sich  xhvsiologrsch  sehr
wohl  erklären  läßt,  hat  denn  auch  schon  sehr  früh  zu  dein  geführt,
was  wir  im  Gegensatz  zu  der  bisher  besprochenen  Berufsbildung
Arbeitsteilung  im  engeren  Sinne  oder  A  r  b  e  i  t  s  °
Zerlegung  nennen  können.  Innerhalb  des  weiteren  Beruf-,
also  etwa  des  Handwerkers,  oder  auch  wieder  innerhalb^deengsren
  Handwerks  der  Lifenverarbeitung,  sondern  sich  neue  Teilberufe ­
  aus:  der  Waffenschmied,  der  Nagelschmied,  der  Schlosser.
Die  Arbeitsteilung,  wie  wir  sie  eben  kennengelernt  haben,  latzt
iedoch  immer  noch  den  ganzen  Arbeitsprozeß,  wenn  auch  nur  für
ein  einziges  Produkt,  durch  die  Hand  ein-  und  desselben  Arbeitergehen
  Der  Schlosser  alten  Stils  bekommt  das  Lisen  und  liefert
das  Schloß  mit  Schlüssel  fertig  ab,  bringt  vielleicht  selbst  noch
an  der  Tür  an.  Dafür  konnte  &amp;amp;  denn  auch,  wenn  der  Besteller
wert  daraus  legte,  ein  Kunstwerk  werden;  noch  jetzt  kann  man
diese  Arbeiten  in  den  Kunstgewerbemuseen  und  in  den  Glasschränken
  der  Sammler  sehen,  heut  ist  die  Schloßfabrikation
längst  Gegenstand  der  a  r  b  e  i  t  s  z  e  r  l  e  g  e  n  d  e  n  Großherstellung ­
  geworden.  Lin  Mittelpunkt  dieser  Fabrikation  ist
die  rheinische  Stadt  Velbert,  deren  Bevölkerung  zu  neun  Zehntel
von  ihr  lebt,  verfolgen  wir  diese  moderne  Schloßherstcllung
einmal  etwas  näher,  wie  sie  uns  ein  neuerer  Autor  schildert,  um
uns  ein  anschauliches  Bild  der  Arbeitszerlegung  zu  machen.  Die
Lisentafeln  kommen  zunächst  unter  die  Schneidepressen,  die,  mit
Dampf  oder  Elektrizität  angetrieben,  die  schweren  Tafeln  oder
Bandeisen  von  6  mm  Dicke  wie  Papier  zerschneiden.  Die  abgeschnittenen ­
  Streifen  wandern  in  die  Schleiferei,  um  geschliffen
und  mit  Schmirgel  poliert  zu  werden,  zu  den  Lochpressen,  wo  die
Schloßbleche  die  Löcher  für  den  Schlüsselbart,  den  Riegel  und  die
Nieten-  und  Nagellöcher  erhalten,  und  zur  Friktionsmaschine,
welche  die  Ränder  umbiegt.  Damit  ist  das  Schloßblech  fertig,
und  nun  geht  es  an  Herstellung  von  Federn  und  Riegel.  Der
Riegel  wird  mit  den  nötigen  Ausschnitten  aus  Tafeleisen  ausgepreßt. ­
  erhält  zwei  Kopsstücke  zur  Verstärkung  aufgenietetz  die
unter  dem  Dampfhammer  gestemmt  werden,  wird  auf  der  Fräs-Maschine
  abgefräst  und  mit  dem  Schmirgelrad  glatt  geschlissen.
        <pb n="60" />
        Die  Arbeit

32
Der  Schlüssel  wird  roh  gegossen;  die  geringeren  Sorten  werden
bann  in  sog.  Rommeln,  d.  h.  achteckigen  eisernen  Rasten  gereinigt
und  poliert,  die  mit  einem  Gemisch  von  Asche,  Guß  und  Lederfetzen ­
  gefüllt,  sich  mit  Blitzessckprelle  um  eine  wagerecht  liegende
Achse  drehen.  Bessere  Sorten  werden  feiner  bearbeitet.  Eine
ganze  Reihe  von  2lrbeitern  steht  an  einer  Bank,  die  nebeneinander
eine  große  Zahl  sich  sehr  rasch  drehender  Schmirgelrader  ausweist.
Jedem  Arbeiter  ist  nun  ein  kleiner  Teil  des  Schlüssels  überwiesen.
Der  erste  bearbeitet  nur  den  Bart,  um  ihn  dann  an  den  Nachbar
weiter  zu  geben,  der  zweite  die  Rralle,  der  dritte  die  Pfeife  und
so  fort.  Dieses  Ineinanderarbeiten  geht  so  rasch,  daß  die  Leute
täglich  über  2000  Stück  schleifen  Wieder  andere  Arbeiter  besorgen ­
  nun  das  Zusammensetzen  der  Schlösser,  und  zwar  geschieht
dies  meist  nicht  in  der  Fabrik  selbst,  sondern  als  Hausarbeit.  Für
das  Dutzend  kann  nur  20—50  pfg.  gezahlt  werden;  es  muß  also
ungemein  rasch  gearbeitet  werden,  um  etwas  zu  verdienen;  in
der  Tat  werden  in  wenigen  Minuten  ein  Dutzend  zusammengesetzt. ­
  weitere  Arbeitergruppen  endlich  reinigen,  sortieren  und
verpacken  die  fertigen  Schlösser.  Die  komplizierte  Arbeitszerleguna
hat  die  Leistungsfähigkeit  der  Schloßarbeiter  so  hoch  gesteigert,
daß  auf  den  Mann  täglich  gegen  30  fertige  Schlösser  kommen,
während  der  Schlossermeister  alten  Stils'zu  jedem  einzelnen
Schlosse  mehrere  Tage  brauchte.
Diese  weitgehende  Arbeitszerlegung  mit  ihren  erstaunlichen
Produktionsergebnissen  ist  aber  keineswegs  an  'Me  Maschinenverwendung ­
  wie  in  der  velberter  Schloßindustrie  gebunden.  Sie
zeigt  sich  vielmehr  überall,  wo  an  Stelle  handwerksmäßiger  Einzelproduktion ­
  die  Herstellung  im  großen  getreten  ist.  Lharakteristische
und  allgemein  bekannte  Beispiele  sind  einige  Hausindustrien,  wie
die  Thüringer  Spielwarenindustrie,  welche  für  die  Herstellung
von  Puppen  oder  Holzschäfchen  ganze  Familien  vom  Großvater
bis  zum  kleinen  Rinde  herab  beschäftigt,  wobei  jedes  immer
wieder  dieselbe  kleine  Prozedur  zu  vollziehen  hat,  etwa  der  Puppe
die  Lippen  rot  zu  malen.  Die  weiblichen  Arbeitskräfte  der  Berliner ­
  Ronfektion  scheiden  sich  in  solche  in  der  Rock-  und  Iacketbränche,
  der  Hosenbranche,  wchenbranche,  in  der  Rnabenkonfektion,
  in  der  Damen-  und  Mädchenmäntelkonfektion;  -innerhalb
jeder  einzelnen  dieser  „Branchen"  werden  wieder  Stepperinnen
und  Einrichterinnen,  Rnopflochmacherinnen  und  Verknöpferinnen
unterschieden.  In  der  Darnenkonfektion  arbeitet  ein  Mädchen  nur
        <pb n="61" />
        Die  Maschine.

Ärmel,  ein  anderes  nur  Kragen  für  Taillen,  eine  dritte  setzt  nur
die  einzelnen  Stücke  zusammen.  Das;  man  die  Arbeit  ganz  gut
kann,  wenn  man  jahrelang  nur  „Rnapflochmacherin  in  Knabenwesten" ­
  ist,  scheint  begreiflich;  so  werden  selbst  schwache  Kräfte
aus  ihre  höchste  Leistungsfähigkeit  gesteigert.  Wie  elend  trotz
alledem  oft  genug  der  Verdienst  dieser  armen  Geschöpfe  ist,  haben
selbst  denen,  die  nicht  sehen  wollten,  die  heimarbeitsausstellungen
  der  letzteii  Jahre  gezeigt;  hier  haben  wir  wieder  einen
der  Fälle,  wo  der  Mensch  int  Produktionsmechanismus  zerrieben
worden  ist.
Entscheidend  für  unsere  Zeit  ist  freilich  die  Verwendung
der  Maschine.  Selbst  in  solchen  Industrien  wie  im  Bergbau,
wo  sie  im  eigentlichsten  Betriebe,  also  bei  der  Kohlengewinnung,
fast  noch  gar  keine  Bolle  spielt,  ist  sie  doch  für  die  Betriebsbedingungen, ­
  für  Förderung  von  Mensch  uild  Kohle,  Wasserhaltung,
Wetterführung,  Transport.  Beinigung  und  Verladung  der  Kohle
völlig  unentbehrlich;  ohne  ihre  gewaltigen  Leistungen  müßte  der
ganze  Betrieb  stillstehen.  Sie  Maschine  ist  das  eindrucksvollste
Symbol  unserer  Wirtschaft;  hat  sich  doch  im  Ansang  der  kapitalistischen ­
  wirtschost  b^r  paß  und  die  Verzweiflung  der  Arbeiter
gegen  die  Maschinen  gerichtet,  mit  deren  Zerstörung  sie.  die  Freiheit ­
  wieder  gewonnen  zu  haben  glaubten,  nicht  wissend,  daß  die
eisernen  Sklaven  nur  die-stummen  Diener  eines  Geistes  sind,  der
sich  stärker  erwies  als  die  Fäuste  der  Proletarier.  Aber  in
der  Maschine  hat  dieser  Geist  des  unbedingten  Gelderwerbs,  der
Geist  des  Rechnens,  eine  Form  gesunden,  die  wieder  ihr  eigenes
Leben  hat.
Wollen  wir  das  wesen  der  Maschine  richtig  verstehen,  so
müssen  wir  von  vornherein  zwischen  zwei  durchaus  verschiedenen
Typen  scheiden,  nämlich  der  Kraftmaschine  und  der  Arbeitsoder ­
  Werkzeugmaschine,  wo  vorher  Menschen  oder  Tiere,  Wasser
oder  Wind  als  Triebkräfte  verwendet  werden  mußten,  war  die
Steigerung  der  Leistung  über  einen  bestimmten  Punkt  hinaus
nicht  möglich,  vor  allem  schon  deshalb,  weil  alle  diese  Kräfte  in
'  ihrer  Wirkungsweise  unregelmäßig,  schwankend  sind.  Die  KraIt-Maschine
  läßt  eine  Steigerung  der  Krastkonzentration  ins
Riesenhafte  zu,  und  diese  Kraft  steht  in  immer  gleicher  Weise,
immer  gleichem  Umsang  zur  versügungi  Ist  doch  eben  der  gleichmäßige ­
  Bewegungsverlaus  das  erste  in  die  Augen  fallende  Merkmal ­
  des  „Maschinenhasten".  So  bewunderungswürdig'nun  aber
        <pb n="62" />
        56

Die  Arbeit.

durch  einen  Handgriff  am  Ausschalter  still  gestellt  werden,  und
zwar  ohne  jeden  ökonomischen  Verlust.  '  Dies  wird  von  größter
Bedeutung  für  alle  diejenigen  Aleinproduzenten,  die  sich  für  ihre
Leistungen  einer  wenn  auch  noch  so  einfachen  Arbeitsmaschine
bedienten,  die  sie  bisher  mit  Hand  oder  Fuß  antreiben  ntußten;
der  Webstuhl  des  Hauswebers,  die  Töpferscheibe  des  Töpfers,  die
Schleifscheibe  des  Diamantenschleifers  erhalten  nun  mechanischen
antrieb,  welche  Erleichterung  des  Arbeiters  dies  bedeutet  zeigt
vielleicht  am  deutlichsten  ein  Blick  auf  die  verbreitetste  Arbeitsmaschine, ­
  die  Nähmaschine;  alle  Frauen  wissen,  wie  anstrengend
der  Hand-  oder  Fußantrieb  der  Nähmaschine  auf  die  Dauer  ist
*  Der  Elektromotor  nimmt  nun  diese  Aufgabe  auf  sich,  und  es
wird  nicht  lange  dauern,  daß  der  Kleinmotor  auch  in  die  pribat»
Wohnungen  einzieht  und  nach  einfachem  Anschluß  durch  den
Steckkontakt  rascher,  gleichmäßiger,  unermüdlicher  als  je  Menschenkrast ­
  dies  vermöchte,  die  Nadel  auf  und  nieder  führt.
Die  Beherrschung  der  mechanischen  Kraft  entspricht  aber  noch
mehr,  sie  will  den  Maschinentyxus  des  alten  Schlages,  dessen  x
IDefeh  nach  einer  bekannten  Begriffsbestimmung  von  Reuleaux
in  der  zwangsläufigen  Bewegung  liegt,  durch  einen  neuen  ersetzen, ­
  welcher  der  Arbeit  die  Freiheit  der  Bewegung  zurückgibt.
Ehe  wir  jedoch  von  diesen  neuen  Kräften  —  es  handelt  sich  in
erster  Linie  um  Elektrizität  und  Preßluft  —  weiter  sprechen
müssen  wir  erst  noch  die  A  r  b  e  i  t  s  m  a  s  ch  i  n  e  in  ihren  wir^
Fungen  auf  Produktion  und  Produzenten  näher  kennen  lernen.
Die  Arbeitsmaschine  ist  es,  mit  der  die  überwältigende  Mehrzahl
der  Arbeiter  allein  in  Berührung  kommt;  sie  ist  es,  die  oft  genug
öen^  arbeitenden  Menschen  selbst  zur  Maschine  herabgewürdigt
entseelt,  zum  reinen  Nittel  der  Produktion  gemacht  hat  die  an
Stelle  der  menschlichen  die  „eiserne"  Vernunft  setzte.  Ihr  sind
freilich  auch  die  Großtaten  der  Technik,  die  Verfeinerung  der
äußeren  Lebensführung  zum  großen  Teile  zu  verdanken,  auf  die
unsere  Zeit  in  Ermangelung  besserer  Dinge  so  stolz  war.  .  In
ihren  Wirkungen  tritt  der  Kampf  zwischen  Produkt  und  Produzent ­
  am  schärfsten  und  klarsten  in  Erscheinung.
Der  Mensch  ist  ein  unendlich  beeindruckbares  Wesen:  „ein
Spiel  von  jedent  Druck  der  Luft".  Die  größten  Dinge  wie  die
kleinsten  wirken  auf  uns,  Schicksal  und  Verdauung,  Barometerstand ­
  und  Frühling,  das  Buch,  das  wir  lesen,  die  Worte,  die  wir
hören.  Alle  unterliegen  wir  steten  Schwankungen  des  körperlichen
        <pb n="63" />
        Z

/

Rrbeiterxsychologie.

37

Rraftgefühls  wie  der  Stimmungen,  und  gerade  in  diesem  Aus
und  Nieder,  diesem  steten  wchsel  der  StimmungsLagen  beruht
für  uns  der  Reiz  des  Lebens,  und  wir  suchen  die  Veränderung,
wo  sie  nicht  von  selbst  gegeben  ist.
Etwas  hoffen  und  bangen  und  sorgen
Mutz  der  Mensch  für  den  kommenden  Morgen,
Daß  er  die  Schwere  des  Daseins  ertrage,
Und  das  ermüdende  Gleichmaß  der  Tage.
Diese  Beeindruckbarkeit  von  außen  und  dieses  Bedürfnis
nach  solchen  Eindrücken  ist  nicht  etwa  eine  Besonderheit  unserer
„nervösen"  Zeit;  es  liegt  vielmehr  im  Tiefsten  der  Menschennatur ­
  begründet.  Nichts  ist  in  seinen  Stimmungen  von  Augenblick ­
  zu  Augenblick  schwankender  als  ein  Rind,  eben  weil  es  auf
jeden  Eindruck  sofort  reagiert,  wo  bei  dem  Erwachsenen  vielleicht
andere  gedankliche  Vorstellungen  ein  Gegengewicht  bilden.  Bei
den  Naturvölkern  steigert  sich  dieses  verlangen  nach  Unterbrechung ­
  des  gewohnten  Tagesablaufs  bis  zur  völligen  Ekstase,
die  sich  in  orgiastischen  Tänzen  auslöst.  Umgekehrt  wird  auch
der  beherrschteste  Mensch,  der  völlig  Meister  seiner  selbst  zu  sein
glaubt,  der  vollkonrmene  Stoiker  sich  diesem  allgemeinen  Lose
zuzeiten  nicht  entziehen  können.
Diese  Abhängigkeit  spüren  wir  nun  bei  der  Arbeit  auf  das
schärfste.  Jeder  wird  es  schon  empfunden  haben,  wie  die  Arbeitsfähigkeit ­
  von  Stimmung  und  Befinden  beeinflußt  wird,  wenn
draußen  die  Sonne  recht  lockend  scheint,  wollen  wir  nicht  gern
über  den  Büchern  sitzen,  oder  der  Nebel  macht  uns  spleenig  und
arbeitsunfähig;  wir  kommen  einmal  mit  einer  Arbeit  mit  aller
Mühe  nicht  voran,  und  ein  andermal  geht  es  so  ausgezeichnet,
daß  wir  gar  nicht  aufhören  möchten.  Es  ist  aber  keineswegs  die
geistige  Arbeit  allein,  die  solchen  Schwankungen  der  Eingabe
und  damit  auch  der  Leistung  unterliegt;  wir  wissen  vielmehr  ganz
genau,  wie  der  Mensch  auch  der  rein  körperlichen  Arbeit  gegenüber ­
  stets  ein  anderer  ist.  wir  haben  hierfür  die  Möglichkeit  einer
genauen  Feststellung,  und  zwar  in  zweifacher  Richtung,  indem  wir
einmal  Qualität  und  Quantität,  des  Produktes  und  andererseits
die  Rückwirkung  des  Produktionsprozesses  auf  den  Arbeiter  selbst
in  einigen  Fällen  messen  können.
Zuerst  hie  Rückwirkung  auf  den  Arbeiter.  Jede
Produktion  bietet  gewisse  Gefahren;  diese  können,  entweder  all-
        <pb n="64" />
        38

Die  Arbeit.

gemeiner  Art  sein,  wie  Ausgleiten  und  Sturz,  oder  sie  können
der  besonderen  Art  der  jeweiligen  Arbeit  entspringen,  wie  Erfaßtwerden ­
  von  Transmissionsriemen  oder  Verletzung  durch  eine
Schneidemaschine.  Bis  auf  wenige  Fälle  (Explosion  eines  Dampfkessels ­
  und  ähnliches)  könnten  die  Unfälle  bei  hinreichender  Aufmerksamkeit ­
  und  Vorsicht  des  Arbeiters  vermieden  werden;  die
Zahl  der  Unfälle  gibt  also  irrt  großen  Durchschnitt  einen  durchaus
brauchbaren  Maßstab  für  den  Grad  der  Aufmerksamkeit  des
Arbeiters.  Das  Reichsversicherungsamt,  bei  welchem  die  Nachrichten ­
  über  unsere  Arbeiterversicherung  zusammenlaufen,  hat  nun
zweimal,  in  den  Jahren  188?  und  (897,  in  seinen  Unfallstatistiken
Feststellungen  über  die  Unfallhäufigkeit  nach  Tagesstunden  und
Wochentagen  gemacht.  Da  hat  sich  denn  durchweg  gezeigt,  daß
die  Unfälle  am  zahlreichsten  in  den  Mittags-  und  in  den  Abendstunden ­
  sind,  in  denen  unter  dem  Einfluß  der  Ermüdung  die  Aufmerksamkeit ­
  nachläßt.  Nicht  ganz  so  einfach  liegt  die  Erklärung
der  zweiten  Regelmäßigkeit,  nämlich  der  erhöhten  Unfallhäufigkeil ­
  am  Samstagnachmittag  und  Montagvormittag.  Zwar  spricht
auch  beim  Samstagnachmittag  sicher  die  wochenermüdung  mit,
beim  Montagvormittag  aber  versagt  diese  Erklärung.  Man  könnte
wohl  die  Nachwirkungen  etwaiger  Sonntagsfeiern  heranziehen;
aber  diejenigen  Arbeiter,  welche  den  bacchischen  Freuden  allzu
ausgiebig-  zu  huldigen  lieben,  besorgen  das  wohl  zumeist  schon
am  Samstagabend,  nach  Auszahlung  des  Wochenlohnes;  für  die
meisten  dürfte  der  Sonntag  wirklicher  Erholungstag  sein,  wir
denken  aber  vielleicht  an  uns  selbst,  wie  schwer  uns  nach  den
Ferien  die  ersten  Tage  der  Arbeit  wieder  werden,  ehe  wir  im
richtigen  Trott  sind;  wir  wissen  auch  alle,  daß  die  letzte  Zeit  direkt
vor  den  Ferien  auch  nicht  allzu  ergiebig  für  die  Arbeit  ist.  kjöchstens
  arbeiten  wir  möglichst  viel  „Reste"  auf;  in  beiden  Fällen
aber  ist  die  Aufmerksamkeit  bereits  oder  noch  bei  den  Ferienfreuden. ­
  Die  Sonntagsvorfreude  und  die  blaue  Montagsstimmung
  müssen  sich  einen  guten  Teil  dieser  Unfälle  auf  ihr  Konto
schreiben  lassen.
Nun  ein  Fall  der  Messung  des  Produktes,  wir  besitzen ­
  unter  anderen  eine  neuere  recht  brauchbare  Untersuchung
über  die  Arbeitsschwankungcn  in  der  Flaschenfabrikation,  die
wegen  ihrer  Technik  und  Arbeitsverfassung  eine  solche  Messung
mit  hinreichender  wissenschaftlicher  Genauigkeit  gestattet;  da  die
Flaschen  im  Akkord  hergestellt  werden,  ist  zudem  ein  Interesse
        <pb n="65" />
        Arbeilerpsychologie.

39

der  Arbeiter  selbst  an  gleichmäßiger  Produktion  gegeben.  Dabei
reigt  sich  zuerst  eine  auffällige  Schwankung  der  Leistungen  tm
Jahresdurchschnitt,  und  zwar  läßt  sich  ein  genauer  Jusammcnbang
  mit  der  Lufttemperatur  feststellen.  Dies  kommt  in  doppelter
Weise  zur  Erscheinung.  In  den  heißen  Monaten  verhalten  sich
die  Leistungen  aller  oder  doch  beinahe  aller  Glasmacher  von
Woche  zu  Woche  umgekehrt  wie  Steigen  oder  Fallen  der  Lusttemperatur;
  in  der  kalten  Jahreszeit  sind  die  Leistungen  durchwegs
höher  als  in  der  w.armen.  Für  diese  Leistungssteigerung  nn
Winter  kommen  freilich  auch  noch  andere  Gründe  in  Betracht,
die  erhöhten  Anforderungen  der  Lebenshaltung  in  Heizung,  Rlerdung
  und  Nahrung,  das  weihnachtsfest,  das  besondere  Anstrengungen ­
  der  Arbeiter  auslöst,  um  für  diesen  Zweck  etwas  übrig  zu
haben.  Sehr  merkwürdig  ist  die  Feststellung,  daß  die  Nachtarbeit
—  in  den  Glashütten  muß  kontinuierlich  gearbeitet  werden  —
geringere  Schwankungen  in  Quantität  und  Qualität  zeigt  als  die
Tagarbeit;  nur  gegen  Schluß  der  Nachtarbeit  macht  sich  die  natürliche ­
  Ermüdung  in  einem  etwas  stärkeren  Fallen  der  Leistung
bemerkbar.  Diese  Beobachtung  wird  durch  die  früher  erwähnte
Unfallstatistik  des  Neichsversicherungsamtes  allgemein  bestätigt;
es  lernt  sich  daß  die  Unfallziffer  der  Tagschicht  die  der  Nachtschicht
bedeutend  übersteigt,  obgleich  die  schlechtere  Nachtbeleuchtung
eine  neue  Gefahrenquelle  darstellt.  Die  Erklärung  kann  nur  auf
psychologischem  Gebiete  liegen;  die  größere  Ruhe  in  der  Nacht,
der  Mangel  an  Alblenkung  läßt  die  Aufmerksamkeit  wacher  sein
als  am  Tage,  wir  wissen  also,  daß  die  Leistungen  des  einzelnen
Arbeiters  sehr  stark  schwanken,  so  bei  einem  unserer  Glasmacher
im  Wochendurchschnitt  während  des  Jahres  von  85,5—121%.  der
Normalleistung,  also  um  nicht  weniger  als  45%%.  Der  germsste
bei  1?  Arbeitern  beobachtete  Unterschied  im  wochenvurchschnitt
belief  sich  immer  noch  auf  14,6%,  also  den  siebenten  Teil  der  Gesamtleistung. ­
  Ähnliche  Schwankungen  haben  Untersuchungen  über
die  Leistungen  in  einer  Weberei  ergeben.  Solcher  Untersuchungen
besitzen  wir  jetzt  schon  eine  ganze  Reihe,  namentlich  seit  der  verein ­
  für  Sozialpolitik  der  Frage  seine  Aufmerksamkeit  zugewandt
hat.  Zwar  ist  die  Wissenschaft  der  von  Max  web  e  r  so  genannten ­
  „Psychophysik  der  Arbeit",  d.  h.  der  Wissenschaft  welche
die  Zusammenhänge  der  besonderen  Veranlagung  des  Arbeiters
und  der  Gesamtverumständung  mit  der  Arbeit  und  umgekehrt  der
Rückwirkung  der  Arbeit  auf  den  Arbeiter  feststellen  will,  noch  ganz
        <pb n="66" />
        60

Die  Arbeit.

im  Anfange;  aber  wir  können  schon  aus  der  Erfahrung  des  täglichen ­
  Lebens  die  Tendenz  zur  Ungleichheit  der  Arbeitsstimmung
und  Arbeitsleistung  bestätigen.  Die  Monotonie  einer  Arbeit  erschwert ­
  diese  so  sehr,  daß  die  Arbeiter  selbst  oft  genug  versuchen,
ihr  entgegenzuwirken.  Wir  hören,  daß  die  Mädchen  in  spanischen
Zigarrenfabriken  sich  auf  gemeinsame  Rosten  einen  Vorleser  anstellen, ­
  der  während  ihrer  Tätigkeit,  die  ja  geräuschlos  ist,  die
Zeitung  oder  irgendwelche  Geschichten  vorliest,  um  die  Eintönigkeit
der  allerdings  hervorragend  stumpfsinnigen  Arbeit  des  Zigarrenwickelns
  etwas  weniger  fühlbar  zu  machen.  Noch  interessanter
sind  die  Bemühungen,  der  Arbeit  selbst  einen  anderen  Charakter
zu  verleihen;  Rarl  Bücher  hat  in  einer  geistreichen  Untersuchung ­
  über  „Arbeit  sind  Rhythmus"  darauf  hingewiesen,  wie
bei  Naturvölkern,  aber  auch  bei  uns  die  verschiedenartigsten
Arbeiten,  namentlich  solche,  die  besondere  körperliche  Anstrengung
erfordern,  rhythmisch  gestaltet  und  dadurch  augenscheinlich  erleichtert ­
  werden.  Wir  wissen  alle,  wie  sehr  der  Rhythmus  eines
Marsches  auch  den  müden  Wanderer  belebt,  ganz  zu  schweigen
von  dem  Feuer,  das  dem  Rhythmus  der  Tanzmelodie  entströmt.
Fast  alle  bsandwerker  machen  von  dieser  geheimnisvollen  Kraft
des  Rhythmus  Gebrauch;  der  Schmied  läßt  den  Kammer  im
gleichen  Takt  auf  das  Metall  niederfallen,  der  Schreiner  die  Stöße
des  Hobels  oder  der  Säge  in  gleichen  Zeitabschnitten  aufeinander
folgen.  Jedes  Landkind  kennt  oder  kannte  wenigstens  bis  vor
einigen  Jahren  den  Dreitakt  der  Dreschflegel;  jedes  Stadtkind
war  vor  der  Asphaltzeit  mit  dem  Rhythmus  des  Pflasterftaurpfens
vertraut.  Wenn  zwei  -  Mädchen  zusammen  einen  Teppich  ausklopfen, ­
  werden  sie  Lies  stets  im  Rhythmus  tun;  nicht  aus  Liebe
zu  der  zweifelhaften  Musik  der  Klopfer,  sondern  weil  es  augenscheinlich ­
  die  Arbeit  erleichtert.
Die  Arbeit  ist  nichts,  was  der  Mensch  ursprünglich  freiwillig
übernimmt;  sie  wird  ihm  durch  die  Not  der  Lebensfristung  aufgezwungen. ­
  Seine  durchaus  auf  Veränderung  und  Wechsel
psychologisch  wie  physiologisch  gestellte  Natur  sucht  auch  in  der
Arbeit  diesem  Bedürfnis  Verwirklichung  zu  finden,  wenn  nicht
direkt  so  auf  anscheinend  spielerischen  Umwegen.  In  der  Zeit
der  älteren  handwerksmäßigen  Produktion  trägt  die  Arbeit  denn
auch  noch  durchaus  den  Charakter  einer  im  augenblicklichen  Ziel
wie  in  den  Mitteln  stets  wechselnden  Betätigung;  man  denke,
wie  oft  der  Schuhmachermeister  Handgriff  -und  Werkzeug  bei
        <pb n="67" />
        Arbeiterpsychologie.

61

der  einfachen  Herstellung  eines  Schuhes  vom  ersten  Klopfen  und
Zuschneiden  des  Leders  bis  zum  Aufnähen  der  Knöpfe  und  dem
schließlichen  Blankputzen  wechselt.  Zudem  kann  die  Arbeit  jederzeit
  ausgesetzt  werden,  um  dem  Kunden  Maß  zu  nehmen,  um
zum  Frühschoppen  zu  gehen,  um  den  Lehrling  an  den  Ghren  zu
nehmen.  Nun  kommt  die  moderne  Wirtschaft,  die  Arbeiter  und
Unternehmer  völlig  trennt,  den  Arbeiter  in  eine  pausenlose
Arbeitszeit  von  vielen  Stunden  einspannt.  Ls  wird  weiter  der
Produktionsvorteil  der  Arbeitszerlegung  entdeckt  und  dem  Einzelarbeiter ­
  nun  'nicht  mehr  die  ganze  Herstellung  eines  Produktes
mit  seinen  aufeinanderfolgenden  Stadien  der  Fertigstellung  übertragen, ­
  sondern  er  erhält  nur  noch  einen  einzigen  möglichst  einfachen ­
  Handgriff  während  vieler  Stunden  am  Tage  als  Inhalt
seiner  Betätigung.
Und  jetzt  das  letzte;  die  Arbeit  wird  dem  Arbeiter  ganz  genommen ­
  und  der  Maschine  übertragen,  die  sie  unendlich  gleichmäßiger, ­
  unermüdlicher  leistet  als  er,  weil  sie  eben  eine  Maschine
und  kein  fühlender  Mensch  ist.  Der  Mensch  hat  nur  noch  die
Maschine  zu  bedienen,  dafür  zu  sorgen,  daß  sie  in  ihrem  Lause
durch  nichts  gehemmt  wird.  Er  muß  sich  ihr  anpassen,  ihrer  unerbittlichen ­
  und  tödlichen  Wiederholung.  An  Stelle  des  Spinnrades, ­
  an  dem  Grctchen  ihre  Liebe  klagt,  an  dem  arbeitend  die
Hausfrau  nach  Justus  Mosers  behaglicher  Schilderung  noch  das
ganze  Haus  regieren  konntd,  ist  die  Spinnmaschine  getreten,  die
dem  Arbeiter  nichts  übrig  läßt  als  zerrissene  Fäden  wieder  anzuknüpfen. ­
  An  der  Schnellpresse  muß  die  2lnlegerin  immer
wieder,  immer  in  gleichem  Tempo  den  Bogen  anlegen,  stundenlang, ­
  tagelang  immer  denselben  kleinen  Handgriff  im  selben
Sekundenabstand.  Das  wandelbarste  Geschöpf,  der  Mensch,  mit
dem  unwandelbarsten,  der  Maschine,  zusammengekettet,  das  muß,
da  die  Maschine  gefühllos  -st,  den  fühlenden  Teil  des  ungleichen
Paares  aufs  tiefste  beeinflussen.  In  der  Tat  ist  die  -Frage,  wie
die  Maschinenproduktion  aus  den  2lrbeiter
wirkt,  die  psychologische  Grundfrage  des  Arbeiterproblems.
Leider  ist  die  Beantwortung  dieser  Frage  durchaus  nicht  so  einfach.
Herkner  sagt  einmal:  „Mensch  zu  sein  ist  heute  Millionen
von  Arbeitern  nur  außerhalb  der  Berufshätigkeit  möglich."  Diese
Formulierung,  überscharf  wie  sie  klingt,  trifft  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  sicher  aus  alle  diejenigen  zu,  die  reine  „Futterarbeiter"
  sind,  nichts  anderes  zu  tun  haben  als  eine  völlig  auto-
        <pb n="68" />
        62

Die  Arbeit.

malische  Maschine  ununterbrochen  zu  bedienen.  Es  ist  bemerkenswert,
  daß  innerhalb  der  Maschinentechnik  eine  entschiedene  und
wirtschaftlich  wohl  begründete  Tendenz  besteht,  die  Bewegung ­
  der  Maschine  selbst  immer  mehr  zu
monotonisieren.  Die  Maschine  ist  ursprünglich  die  Nachahmung ­
  menschlicher  Tätigkeit;  sie  hat  deshalb  zuerst  auch  den
Rhythmus  der  menschlichen  Bewegung,  das  Lsin  und  Ejer  des
arbeitenden  Armes  angenommen.  Die  Aolbendampfmaschine,  die
zu  jedem  lsub  immer  wieder  neu  ausholen  muß  —  wir  können
Las  täglich  bei  der  Eisenbahnlokomotive  sehen  —  verliert  beim
Rückgehen  des  Kolbens  gleicherweise  Zeit  und  Kraft  durch  Dampfverbrauch ­
  und  Reibung.  Da  setzt  denn  die  Technik  an  die  Stelle
der  Kolbenmaschine  die  Dampfturbine,  die,  genau  nach  Lein  Prinzip ­
  des  Mühlenrades  gebaut  (nur  mit  Dampf  statt  mit  Wasser  als
Triebkraft),  bei  ihrer  stets  rotierenden  Bewegung  ohne  Verlust  von
Zeit  und  Kraft  arbeitet.  Die  Ersetzung  des  E)jn  und  her  oder
Auf  und  Nieder  durch  eine  einseitige  Bewegung  können  wir  wie
bei  der  Kraft-  auch  bei  Ler  Arbeitsmaschine  beobachten;  die  alte
Gattersäge,  welche  genau  die  Handgriffe  des  sägenden  Menschen
wiederholte,  wird  durch  die  Bandsäge  ersetzt,  bei  der  die  Säge
als  endloses  Blatt  wie  ein  Triebriemen  über  zwei  Rollen  gespannt ­
  ist,  oder  Lurch  die  Kreissäge,  die  sich  als  rotierende  Scheibe
darstellt.  So  wird  selbst  der  Rhythmus  und  damit  die  letzte  Form
eines  psychologischen  Antriebs  bei  der  Maschine  beseitigt  und  an
Stelle  der  Dampf-  und  Taktgeräusche  tritt  ein  miß-  und  eintöniges
Surren,  das  einen  mit  Nerven  begabten  Menschen  zur  Verzweiflung ­
  bringen  kann.
Die  große  Gefahr  bei  der  Wartung  dieser  Vorgänge ­
  ist  nun,  daß  wir  unsere  Empfindungen  den  Arbeitern  einfach ­
  unterlegen.  Zwar  sind  wir  alle  Menschen,  aber  der  Mensch
ist  eben  zu  einem  guten  Grade  von  den  Lebensbedingungen  abhängig, ­
  in  die  ihn  Geburt  und  Beruf  hineinversetzen.  Ls  ist  nicht
unwahrscheinlich,  daß  der  Durchschnitt,  der  hier  allein  in  Betracht ­
  kommt,  sich  in  weitem  Umfange  auch  hier  eingewöhnen,
anpassen  kann,  wir  wissen,  daß  der  fürchterliche  Lärm  der
Weberei,  der  einen  folgen  Fabriksaal  für  uns  zur  akustischen
Hölle  macht,  der  wir  schleunigst  entfliehen,  von  den  daran  gewöhnten ­
  Männern  und  Frauen  kaum  noch  empfunden  wird.  Dies
ist  nur  eine  grobe  Äußerlichkeit,  aber  wer  bürgt  uns  dafür,  daß
wir  nicht  in  den  viel  seigeren  seelischen  Regungen  noch  weiter
        <pb n="69" />
        Ärbeiterpsychologie.

G’
aus  einanderleben  ?  Es  gibt  allerdings  Tatsachen  von  so  elementarer ­
  Deutlichkeit,  daß  sie  nicht  zu  übersehen  sind.  Durch  Aarl
Marxs  „Kapital"  sind  die  Berichte  der  englischen  Fabrikinspektoren
  aus  der  Frühzeit  des  Kapitalismus  allgemein  bekannt  geworden, ­
  die  solche  Fälle  zu  Hunderten  anführen,  in  denen  eine
ganze  Bevölkerung  zu  einem  Grade  des  Stumpfsinns  und  des
Elends  herabgedrückt  wurde,  der  zum  Himmel  schrie.
wir  sprachen  von  den  Anlegerinnen  in  den  Druckereien;  in
England  verwendete  man  für  diesen  Zweck  Jungen  im  Alter
von  u—l?  Jahren,  deren  Geschäft  ausschließlich  darin  bestand,
einen  Bogen  Papier  der  Maschine  zu  unterbreiten  oder  ihr  den
gedruckten  Bogen  zu  entziehen.  Nach  dem  Bericht  der  amtlichen
Üntersuchungskommission  über  Kinderarbeit  vom  Jahre  ,866
verrichteten  sie,  in  London  namentlich,  diese  Plackerei  ,4,
,6  Stunden  ununterbrochen.  Dafür  waren  sie  aber  auch  nach  der
Schilderung  des  Berichts  ganz  verwilderte  abnorme  Geschöpfe,
die,  wenn  sie  mit  ,7  Jahren  entlassen  wurden,  wegen  ihrer  Unwissenheit, ­
  Roheit,  körperlichen  und  geistigen  Verkommenheit  in
keiner  anderen  Beschäftigung  untergebracht  werden  konnten  und
Rekruten  des  Verbrechens  wurden.  Dieser  krasse  Fall,  der  jedoch
keineswegs  eine  Ausnahme  war,  zeigt  die  Grenzen,  bis  zu  denen
das  Übermaß  spezialisierter  Arbeit  führen  tarnt;  hier  ist  die  Beobachtung ­
  leicht,  weil  sie  sich  an  das  Ergebnis  halten  kann.  Em
Grenzfall  anderer  Art  ist  die  von  den  Nordamerikanern  der  Südstaaten
  mit  großem  moralischen  Kraftaufwand  beklagte  Tatsache,
daß  die  Neger  nicht  in  die  Baumwollfabriken  zu  bringen  sind,  und
zwar  ausgesprochenerweise  deshalb,  weil  sie  die  Einförmigkeit
dieser  Arbeit  nicht  vertragen  können.
wie  unsere  deutschen  Arbeiter  der  Gegenwart  auf  die  Verkoppelung ­
  mit  der  Maschine  reagieren,  wissen  wir  sehr  wenig.
Zwar  sind  in  den  letzten  Jahren  eine  ganze  Reihe  von  S  e  l  b  st  -
biographien  und  Briefen  von  2lrbeitern  veröffentlicht ­
  worden,  die  uns  das  Land  der  Arbeiterseele  unbekannter ­
  als  Innerafrika  —  erschließen  sollten.  Aber  diese
documents  humains,  so  groß  ihre  Bedeutung  in  manchen  Beziehungen ­
  ist,  dürfen  doch  nur  mit  großer  Vorsicht  benutzt  werden; ­
  wer  imstande  war,  sich  derartig  zu  äußern,  ist  kein  Durchschnittsarbeiter
  mehr,  sondern  stellt  eine  Ausnahme  dar.  Ganz
abgesehen  davon,  daß  alle  für  die  Äffentlichkeit  bestimmten
Autobiographien,  von  Julius  Caesar  bis  August  Bebel,  ganz  un-
        <pb n="70" />
        Die  Arbeit.

64

willkürlich  gefärbt  sind,  auch  bei  unbezweifelbarem  wollen  der
Verfasser  zur  Wahrheit.  Immerhin  sehen  wir  doch  in  ihnen  und
besonders  in  den  Äußerungen  über  bi'e  Arbeit  nicht  unwahrscheinlicherweise ­
  den  Niederschlag'  allgemeiner  Anschauungen  der
Arbeiterkreise.
wir  nehmen  eine  solche  Äußerung,  die  eines  Berliner  Schlossers. ­
  Lr  preist  das  Lfandwerk,  bei  dem  wirklich  frei  und  selbständig ­
  und  deshalb  mit  Lust  und  Liebe  gearbeitet  werde,  und  stellt
daneben  den  Arbeiter  in  der  Fabrik,  der  stets  das  gleiche  Ornament ­
  genau  nach  den  Angaben  des  leitenden  Technikers  auszuführen ­
  habe;  bei  diesem  löse  die  Arbeitsmethode  ein  Unlustempfinden ­
  aus,  das  sich  weder  beseitigen  noch  abschwächen  und
nur  sehnsüchtig  auf  das  Feierabendzeichen  warten  lasse.  Er
schilderte  seine  Beobachtungen  in  der  Anopfsabrik,  in  der  er  eine
Montagearbeit  zu  machen  hatte;  und  zwar  hat  er  die  Detailaufgabe ­
  des  Arbeiters  am  Stanzwerk  „  beobachtet,  der  nur  kleine
Metallplättchen  auszustanzen  hat.  „Der  Arbeiter  fängt  frisch
und  munter  an  zu  arbeiten  bis  zur  ersten  pause  mit  unglaublicher ­
  Geschwindigkeii.  In  einer  zweiten  Arbeitsperiode  geht  es
schon  nicht  mehr  ganz  so  flink,  aber  die  unerbittlich  laufende
Maschine  verlangt  immer  dieselbe  Geschwindigkeit.  Der  Arbeiter
hat  sich  aber  noch  bis  zur  zweiten  pause  ganz  gut  gehalten.  Aber
am  Nachmittage  ist  die  Ermattung  nicht  mehr  so  leicht  zu  überwinden, ­
  und  er  denkt  schon  daran,  wie  er  sich  nur  auf  Augenblicke ­
  aus  dieser  Tretmühle  befreien  kann.  Da  geht  er  öfter  als
notwendig  eine  Notdurft  verrichten,  es  wirft  auch  mal  den  Antriebsriemen ­
  herunter  ober  ^r  ölt  die  Maschine  so  oft,  daß  sie
nahezu  in  Gl  schwimmt;  dann  hat  er  doch  wieder  Gelegenheit,
das  überflüssige  Gl  abzuwischen.  Das  treibt  er  so  lange,  bis  es
Feierabend  ist,  um  dann  gebrochen  an  Leib  und  Seele  nach  tzause
zu  wanken  und  mit  unsäglicher  Gleichgültigkeit  alles  Schöne  und
Gute,  was  das  Leben  bietet,  zu  vermeiden.  Nerven  und  Muskeln
sind  derartig  überanstrengt,  daß  es  großer  Überwindung  bedarf,
um  nicht  schon  beim  Abendessen  einzuschlafen.  Oder  aber  er
geht  in  die  Kneipe,  peitscht  die  erschlaffenden  Lebensgeister  mit
Alkohol  auf,  bis  die  Reaktion  nach  einigen  Stunden  um  so
schlimmer  auftritt.  Dieser  Mensch  ist  so  ganz  Sklave  seiner
Maschine,  daß  ihm  jedes  soziale  Empfinden,  jeder  Kunstgenuß
abgeht.  Lr  erblickt  im  Geschlechtsverkehr  und  im  Alkoholgenuß,
beides  im  reichlichen  Maße  genossen,  die  größte  Freude."  wir
        <pb n="71" />
        Die  Mechanisierung  5er  Arbeit.

65

haben  freilich  auch  andere  Äußerungen,  wie  die  eines  Webers,
der  den  Webstuhl  als  fein  „Brotpferd"  ansieht,  in  die  Geheimniffe
dieses  Mechanismus  eingedrungen  ist  und  feine  Arbeit  an  ihn:
gern  tut.  vor  allem  allerdings  wohl  deshalb,  weil  sie  ihm  nach
feiner  eigenen  Mitteilung  durch  die  Gewöhnung  an  ihren  Verlauf
die  Möglichkeit  läßt,  an  andere  Dinge'  zu  denken,  an  astronomische, ­
  geologische,  religiöse.  Fragen,  kfier  zeigt  sich  die
charakteristische  Erscheinung,  daß  ein  begabter  Mensch  durch
eine  —  sicher  nicht  allzu  schwere  —  Maschinenarbeit  zwar  nicht
geistig  bedrückt,  aber  doch  ebenso  wenig  angeregt  wird;  sein  Verhältnis ­
  zu  feiner  Lebensarbeit  ist  eben  nur  das,  daß  sie  ihn  in
seinem  eigentlichen  Wesen  nicht  stört.  Ls  ist  der  typische  Vorgang ­
  der  Freisetzung  des  unbefriedigten  Intellekts,  dessen  Rolle,
im  Arbeitsprozeß  zuerst  durch  die  Aufmerksamkeit  und  später
Durdf  bie  Gewöhnung  ersetzt  wird.
Die  Mechanisierung  der  Arbeit  widerstrebt  dem  innersten
Wesen  des  Menschen;  wer  stets  das  gleiche  Pensum  in  der
gleichen  Zeit  zu  leisten  hat,  wird  eben  stets  das  gleiche,  nie  etwas
über  das  Gleichmaß  hinaus,  nie  etwas  persönliches  leisten
können,  „wer  glaubt  wohl,  wieviel  Faulenzerei,  Langeweile
und  Müßiggang  dazu  nötig  ist,  damit  von  Zeit  zu  Zeit  ein  Gedicht ­
  zustande  kommt,"  läßt  Thomas  Mann  den  Dichter  dem
Prinzen  Klaus  Heinrich  erklären.  Lin  feines  Ghr  wird  selbst
der  Sprache  eines  wissenschaftlichen  Werkes  anhören,  ob  es  im
Drang  der  Stunde  entstanden  ist;  ob  es,  um  mit  Nietzsche  zu
reden,  tie  Zeichen  des  Zeitalters  der  „Arbeit"  trägt,  will  sagen
der  tzaft,  der  unanständigen  und  schwitzenden  Eilfertigkeit,  das
mit  allem  gleich  „fertig  werden"  will,  ode.r  ob  es  von  einem  geschaffen ­
  wurde,  der  sich  Zeit  ließ,  still  wurde,  langsam  wurde,  der
die  Goldschmiedekunst  und  Rennerschaft  des  Wortes  übte,  die
lauter  feine  vorsichtige  Arbeit  abzutun  hat  und  nichts  erreicht,
wenn  sie  es  nicht  lento  erreicht  ...  Es  ist  eben  nicht  nur  die
Maschine,  sondern  der  G  e  i  st  der  Zeit,  der  diese  atemlose
scheinbar  Selbstzweck  gewordene  Arbeit  erzwingt.  Der  Rohlenhauer,
  der  Arbeiter  am  Hochofen  und  in  den  Schmelzhütten,  der
Bureauarbeiter,  sie  alle  sind  ohne  den  Gleichgang  der  Maschine
zu  ebenso  eintönigem  Tagewerk  verurteilt  wie  der  Weber  am
Bandstuhl  oder  der  Stanzer  im  Metallwerk.  Aber  es  scheint
fast,  als  ob  in  der  Maschine  selbst  Kräfte
Wvgodzlnski,  Einführung  In  die  B°lkswttlschaftsl-bre.  5
        <pb n="72" />
        Die  Arbeit.

66
schlummerten,  d  i  e  dem  Menschen  und  seinex
Arbeit  wieder  grössere  Freiheit  ge'ben  könnten.
Zunächst  einmal  nimmt  Die.  Maschine  dem  Menschen  manche
Arbeiten  allerschlimmster  Eintönigkeit  wieder  ab.  Mir  sprachen
mehrfach  von  dem  Anlegen  bei  der  Druckpresse.  Die  Rotations^
Maschine,  die  auf  endlosem  Papier  druckt,  nimmt  für  die  geringwertigen ­
  Druckarbeiten,  wie  Zeitungsdruck,  die  Arbeit  des  Anlegens ­
  in  den  maschinellen  Prozeß  auf;  durch  besondere  Anlezcapparate
  oder  durch  Ansaugen  wird  beim  Druck  auf  Linzelbogen
das  Zlnlegen  vollzogen,  wie  die  bedruckten  Bogen  auch  wieder
abgesaugt  werden.  Eine  körperlich  besonders  anstrengende  Arbeit
war  das  Glasblasen,  das  die  Lungen  außerordentlich  angreift.
Nun  wohl,  es  ist  jetzt  dem  Amerikaner  (Diven  gelungen,  eine
Maschine  zum  Blasen  der  Glasflaschen  zu  erfinden.  Diese
Maschine  ist  seit  \&amp;lt;)07  auch  in  Deutschland  eingeführt,  zuerst  in
dem  Gerresheimer  Glashüttenwerk,  nachdem  die  vereinigten
europäischen  Flaschensabriken  dem  Erfinder  sein  Patent  für
Europa  für  den  Betrag  von  \2  Millionen  Mark  abgekauft  haben.
viel  folgenreicher  noch  erscheint  eine  neue  Bewegung,  die  im
Grunde  das  Mesen  der  bisherigen  Maschine  im  tiefsten  ändert,
wir  wissen,  daß  die  Maschine  sich  durch  die  Zwangsläufigkeit
ihrer  Bewegung  bei  äußerster  Rraftkonzentration  charakterisiert;
die  in  ihr  steckende  Kraft  kann  immer  nur  ein  und  dieselbe
Leistung  vollführen,  wenn  man  die  Kraftkonzentration,  die  bisher ­
  allein  die  zwangsläufig  bewegte  Maschine  ermöglichte,  von
dieser  loslöst,  sie  ganz  in  die  Band  des  Arbeiters  zu  Lessen  freier
Verwendung  legt,  so  entsteht  ein  neues  Gebilde,  kaum  noch
Maschine  zu  nennen,  das  den  Arbeiter  aus  seiner  Gebundenheit
an  den  Mechanismus  zu  erlösen  verspricht.  Solche  Kraftkonzentration
  beweglicher  Art  zeigt  sich  in  der
tzitzeproduktion  (ein  etwas  schwerfälliger  Ausdruck,  der
aber  die  Sache  scharf  bezeichnet).  Mittels  des  Thermits,
d.  h.  einer  Mischung  von  Eisenoryd  und  Aluminiumpulver  sind
wir  imstande,  an  einem  beliebigen  Punkte  eine  solche  pitze  zu
erzeugen,  daß  wir  Schienen  auf  der  Strecke  zusammenschweißen
können  oder  gebrochene  Schiffssteven  reparieren,  und  zwar  in
wenigen  Augenblicken.  Durch  das  autogene  Sauer  st  offschneidverfahren, ­
  das  nur  einiger  leicht  tragbarer  Stahlzplinder
  mit  komprimiertem  Sauerstoff  als  Kraftbehälter  bedarf,
können  wir  die  ^itze  zum  handlichen  Werkzeug  umgestalten;  mit
        <pb n="73" />
        Bewegliche  Rraftkünzentration.

6?
der  Sauerstoffflamme,  die  wir  beliebig  führen,  schneiden  wir
Lisenplatten  durch  wie  mit  einem  Messer.
Wie  das  Feuer,  so  haben  wir  uns  auch  die  Luft  für  unsere
Zwecke  zum  gehorsamen  Diener  gemacht.  (Es  sei  wieder  an  den
Vakuumreiniger  im  Kaushalt  erinnert,  der  Besen  und  Staubtuch
ersetzt,  ksier  spart  die  abgesaugte  Luft  eine  besonders  unangenehme ­
  kfandarbeit.  In  umgekehrter  Behandlung  unter
starker  Pressung  verwendet  man  die  Luft  zum  (Ersatz  eines  der
ältesten  und  primitivsten  Werkzeuge,  des  pammers.  Die  Anwendung ­
  des  pammers  verlangte  in  den  meisten  Fachen  nur  rohe
Muskelkraft.  Dafür  tritt  jetzt  der  Drucklufthammer  ein.
(Er  sieht  äußerlich  etwa  aus  wie  tin  kurzer  Krückstock,  also  ein
zylindrischer  Körper  mit  einem  Griff.  In  dem  Zylinder  bewegt
sich^ein  Kolben,  der  auf  das  Werkzeug  einwirkt,  das  am  (Ende
hervorsteht.  Durch  Niederdrücken  eines  kleinen  Ejebels  am  Griff
gibt  man  der  Preßluft,  die  durch  einen  beweglichen  Schlauch  zugeleitet ­
  wird,  freien  Zutritt  zu  den  Steuerorganen,  wenn  die
Luft  nun  hinter  den  Kolben  tritt,  wird  er  vorgeschleudert  und  übt
einen  Schlag  auf  das  Werkzeug  aus.  In  entsprechender  Weise
erfolgt  auch  wieder  der  Rückstoß.  So  lassen  sich  mehrere  tausend
pammerschläge  in  der  Minute  ausführen,  mehr  als  der  stärkste
und  gewandteste  Schmied  auch  nur  annähernd  jemals  leisten
könnte.  Die  menschliche  Ejand  wird  von  der  groben  Arbeit  des
Zuschlagens  entlastet;  dafür  bleibt  ihr  die  feinere  der  Führung.
Das  geschmeidige  Werkzeug  des  Drucklufthammers  laßt  sich  überall
hinleiten;  er  nietet  Kessel,  er  klopft  Siebe  ab,  er  stampft  Sandformen; ­
  er  schiebt  sich  in  die  engen  Siebrohre  der  Dampfkessel
und  befreit  sie  von  dem  lästigen  Kesselstein.  Kurz,  er  leistet  jede
Arbeit,  die  die  pand  des  Menschen  leistete,  die  den  pammer
schwang,  und  er  leistet  sie  vollkommener.  Aber  er  bedarf  dw
Führung.
Noch  deutlicher  als  bei  den  Preßluftwerkzeugen  —  es  gibt
deren  noch  mehr  —  zeigt  sich  die  neugewonnene  Herrschaft  des
arbeitenden  Menschen  über  die  Maschine  bei  der  elektrischen
Fernsteuerung,  die  sich  vielleicht  einmal  als  die  reüoli;tionierendste
  technische  (Erfindung  unserer  Zeit  erweisen  wird.  &amp;lt;Es
handelt  sich  dabei  darum,  daß  die  elektrische  Kraft  mittels  dünner
Leitungsdrähte  (bald  wohl  auch  selbst  ohne  diese)  nach  bestimmten
Punkten  gelenkt  und  nach  Belieben  von  einer  weit  entfernten
Stelle  aus  ausgelöst,  in  Tätigkeit  gesetzt  werden  kann.  (Eine  der
        <pb n="74" />
        €8

Das  Kapital.

gefährlichsten,  anstrengendsten  und  zugleich  der  geringwertigsten
Arbeiten  ist  der  Transport  schwerer  Lasten,  wie  etwa  der  glühenden ­
  Stahlblöcke  im  Hüttenwerk.  Dieser  Transport  wurde  zuerst
dadurch  erleichtert,  daß  man  Krane  konstruierte,  die  auf  riesigen
an  der  Decke  des  Arbeitsraumes  befestigten  Laufschienen  gleiten;
dre  Arbeit  des  Menschen  ist  damit  im  wesentlichen  auf  die  Befestigung ­
  der  Last  am  Lasthaken  des  Krans  beschränkt,  was  freilich ­
  auch  nicht  viel  besser  ist.  Hier  greift  die  Fernsteuerung  in
Verbindung  mit  einer  anderen  Erfindung,  nämlich  bem  Greifkran
  ein.  Der  Greifkran  hat  an  Stelle  des  bloßen  Lafthakens
Greifer,  auch  Zangen  oder  Pratzen  genannt,  die  ohne  weiteres
die  Last  festzuhalten  imstande  sind.  Auch  der  Tragmagnet  hat  sich
als  Greiforgan  einfachster  Art  bewährt,  das  Eisen  jeder  Art  von
Roheisen  bis  zu  den  Werkstücken  fassen  kann.  Wie  komplizierte
Arbeiten  durch  Greifkrane  zu  verrichten  sind,  zeigt  z.  B.  der  im
Stahlwerk  verwendete  Tiefofenkran.  Wenn  er  in  Tätigkeit  tritt,
ergreift  rwch  der  Schilderung  Kämmerers  die  Zange  zunächst
die  Kokille,  d.  &amp;gt;h.  die  stählerne  Form,  in  die  vorher  der  flüssige
Stahl  gegossen  worden  war.  Dann  drückt  ein  Stempel  den  Staylblock
  heraus.  Nun  hebt  ein  seitlicher  Arm  mittels  eines  Tragmagneten ­
  den  Deckel  des  Tiefofens  ab;  die  Zange  ersaßt  den
Stahlblock  und  senkt  ihn  in  den  Tiefofen,  woraus  der  Seitenarm
den  Deckel  wieder  auflegt.  Alle  diese  so  verschiedenartigen  Bewegungen ­
  roerbeit  durch  Elektromotoren  ausgeführt,  die  ein  einziger ­
  Kranführer  steuert.
Hier  ist  an  die  Stelle  einer  Reihe  untergeordneter  und  zugleich
gefährdeter  Handlanger  ein  einziger  Mann  getreten,  der,  ganz
von  der  bloßen  Kraftanstrengung  entlastet,  nur  noch  Führungsarbeit ­
  verrichtet.  Endlich  einmal  ist  es  dem  Geist  gelungen,  restlos ­
  Herr  der  Materie  zu  werden,  die  seinen  leisen  winken  gehorchen ­
  muß.  Wer  in  der  Entwicklung  der  Technik  etwas  anderes
sieht  als  ein  bloßes  Hilfsmittel  der  Warenproduktion  und  des
Geldverdienens,  wird  von  einer  Zeit  zu  träumen  wagen,  die  uneingeschränkt, ­
  wie  hier  in  einem  einzelnen  Falle,  den  S  i  e  g  d  e  s
formenden  M  e  n  s  ch  e  n  w  i  l  l  e  n  s  über  den  Stoff
bringen  wird.
c)  Das  Kapital.
Wenn  wir  irgendwie  Arbeit  tun,  bedürfen  wir  dazu  nicht
nur  unserer  Hände  und  des  zu  formenden  Stoffes,  fondern^  es
        <pb n="75" />
        Begriff  des  Kapitals.

«5

sind  auch  gewisse  sachliche  Voraussetzungen  unbedingt  erforderlich. ­
  Ganz  abgesehen  davon,  daß  wir,  wenigstens  in  unseren
Breitegraden,  Kleidung  und  Wohnung  haben  müssen,  um  dauernd
physische  Anstrengungen  leisten  zu  können,  erfordert  gewöhnlich
selbst  die  einfachste  wirtschaftliche  Tätigkeit  einige  Werkzeuge.
Zum  verladen  von  Saften,  für  die  der  Greiskran  noch  nicht  eintritt, ­
  sind  Stricke,  Kaken,  Karren  nötig;  die  Bestellung  des  Feldes
ist  nicht  möglich,  wenn  Pflug  und  Egge  fehlen,  und  der  Neger
Afrikas,  der  die  Pflugkultur  noch  nicht  kennt,  benutzt  doch  die
Spitzhacke.  3e  höher  wir  in  der  Stufenleiter  der  Arbeit  aufsteigen, ­
  um  so  umfangreicher  und  komplizierter  wird  das  Arsenal
der  Werkzeuge,  die  wir  anwenden,  was  hat  nicht  alles  der
Schreiner  schon  in  seiner  Werkstatt,  und  nun  gar  die  moderne
Fabrik,  deren  Anlagen  Millionenwerte  darstellen,  wenn  wir
den  Ursprung,  die  Entstehung  aller  dieser  Produktions.
Hilfsmittel  verfolgen,  kommen  wir  freilich  immer  wieder
auf  die  Arbeit  zurück,  die  früher  einmal  diese  Stosse  so  formte,
wie  wir  sie  jetzt  verwenden.  Es  ist  vorgetane  Arbeit,
„geronnene"  Arbeit,  wie  es  Karl  Marx  einmal  mit  einem
treffenden  Ausdruck  nennt.  Diese  vorgetane  Arbeit  ist  nicht  nur
solche  körperlicher  Natur.  In  jeder  Maschine,  ja  in  jedem  einfachen ­
  Werkzeug  steckt  eine  Fülle  gedanklicher  Arbeit,  oft  die  vieler
Generationen,  wir,  die  wir  Erben  eines  alten  Kulturbesitzös
sind,  blicken  hochmütig  auf  frühere  Zeiten  herab,  denen  wir  doch
unser  Bestes  verdanken;  erst  wenn  wir  ein  Problem  unserer
Zeit  mit  feinen  Rätseln  ansehen,  ahnen  wir,  wie  schwer  errungen
das  ist,  was  wir  fast  gedankenlos,  besitzen.  Es  fei  nur  an  die
Summe  geistiger  Energie  erinnert,  die  auf  die  Ausgestaltung  der
drahtlosen  Telegraphie  oder  der  Flugtechnik  verwendet  wird,  wie
hier  in  beinahe  unmerklichem  Fortschritt  an  den  ersten  Gedanken
.  sich  Schritt  für  Schritt  weitere  Bemühungen  angliedern,  bis
wirklich  ein  greifbarer  Erfolg  erzielt  ist.  Selbst  der  einzelne
Mensch  ist,  rein  wirtschaftlich  gesehen,  ein  solcher  Akkumulator
vorgetaner  Arbeit;  fein  Volk,  feine  Familie,  haben  ihm  von  ihren
geistigen  und  materiellen  Gütern  Unschätzbares  zugewandt,  er
selbst  hat  sich  für  feinen  Beruf  in  mühevoller  Hingebung  geschult,
sich  Kenntnisse  und  Fertigkeiten  erworben,  die  seine  Leistungsfähigkeit ­
  um  das  vielfache  der  rohen  ungeschulten  Kraft  erhöhen.
In  dem  Maße,  als  die  Kultur  fortschreitet,
        <pb n="76" />
        70

Das  Kapital.

tionsprozeß  einen  immer  größeren  Raum  ein.
Bei  dem  Erdarbeiter,  der  primitive  Arbeit  wie  seit  llrväterzeit
tut,  ist  der  Mensch  noch  das  eigentliche  j)roduktionsinstrument,
Sacke  und  Spaten  nichts  als  unwesentliche  Hilfen;  in  der
Maschinenfabrik,  in  der  Druckerei  wäre  umgekehrt  der  Mensch
nichts  ohne  die  vorgetane  geistige  und  körperliche  Arbeit,  die  sich
in  den  Gebäuden,  den  Maschinen,  den  zu  formenden  Stoffen  verkörpert. ­
  wir  nennen  diese  akkumulierte  Arbeit  diese  produzierten ­
  Produktionsmittel  Kapital.
Aber  deb  Begriff  des  Kapitals  umfaßt  z  w  e  i  d  u  r  chaus
  verschiedene  Elemente,  wir  haben  das  Kapital
bis  jetzt  ausschließlich  vom  Produktions  st  andpunkt-e
aus  betrachtet,  haben  gesehen,  wie  es  in  der  Produktion  entstanden ­
  und  für  ihre  Zwecke  verwandt  wird,  wenn  wir  aber
heutzutage  von  einer  kapitalistischen  Wirtschaft  sprechen,  so  klingt
ein  Unterton  mit,  der  bestimmte  Gefühlswerte  auslöst,
wenn  er  nicht  gar  allein  gehört  wird.  Kapitalistisch  ist  für"uns
aud;  diejenige  Wirtschaftsform,  welche  Kleider  oder  Spielwaren
im  Hause  des  Arbeiters  selbst  herstellen  läßt,  obgleich  hier  von
einem  in  Betracht  kommenden  Produktionskapital  im  rein  wirtschaftlich ­
  technischen  Sinne  kaum  die  Rede  sein  kann.  Kapital
muß  also  noch  etwas  anderes  bedeuten  als  ein  bloßes  Produktionsmittel, ­
  und  Liese  andere  Bedeutung  ist  eine  rechtliche,  nämlich ­
  die  v  e  r  f  ü  g  u  n  g  s  b  e  r  e  ch  t  i  g  u  n  g  über  d  i  e  s  e'  P  r  oduktionsmittel.
  Der  Begriff  erweitert  sich  schließlich
noch  mehr  dadurch,  daß  durch  die  Einführung  des  Geldes  an  die
Stelle  des  Besitzes  von  Produktionsmitteln  Lie^  Möglichkeit
treten  kann,  sie  sich  zu  verschaffen,  und  zwar  sowohl  produzierte
wie  naturgegebene.  Endlich  muß  auch.die  Verfügung  über  produzierte ­
  Konsumgüter  (waren)  in  den  Kapitalbegriff  in  diesem
Sinne  einbezogen  werden,  wann  und  wie  diese  Verfügungsberechtigung.
  dieses  Privateigentum  entstanden  ist.  läßt  sich  mit
Gewißbeit  nicht  sagen.  Es  ist  sicher,  daß  ein  wirkliches  Privat-,
nicht  ein  Geschlechts-  oder  Familieneigentum  an  Einzelnen
Gegenständen  wie  Schmucksachen  oder  Waffen,  schon  sehr  zeitig
nachweisbar  ist;  vielleicht  auch  schon  ein  solches  an  wirklichen
Produktionsmitteln  wie  Sandwerkszeug  und  Netzen.  Ebenso
sicher  aber  geht  bis  weit  in  die  Neuzeit  hinein  ein  Allgemeinbesitz ­
  an  einem  der  wichtigsten  aller  Produktionsmittel,  nämlich
dem  Lano,  in  verschiedenen  Formen;  sehen  wir  doch  erst
        <pb n="77" />
        Der  Krebtt.

7!

in  unseren  Tagen  die  Auflösung  fces  bäuerlichen  Gemeinbesitzes
am  Land  in  Rutzlanb,  eine  Maßnahme,  welche  auf  die  wirtschaftliche ­
  Struktur  dieses  Agrarlandes  nicht  weniger  einschneidend
wirken  wird  als  die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  in  den  sechziger ­
  Jahren,  ,
Die  Frage  der  verfügungsberechtigung  über  dre  proeuktronsmittel
  hat  aber  ihre  Schärfe  erst  dadurch  erhalten,  daß  im  Produktionsprozesse ­
  das  Kapital  eine  immer  größere  Rolle  spielte
und  schließlich  ausschlaggebend  wurde.  Solange  der  Gewerbebetrieb ­
  sich  in  bett  Formen  des  Handwerks  abspielte,  solange  tn
fcer  Tat  das  fertige  Produkt  im  wesentlichen  ein  Werk  der  Hände
war,  machte  die  Beschaffung  der  Produktionsmittel  keine  besonderen ­
  Schwierigkeiten.  lVohl  gab  es  auch  unter  den  Handwerksaesellen
  arme  Teufel;  aber  im  ganzen  konnten  sie  wohl,
wenn  man  sie  nur  erst  Meister  werden  ließ,  die  Ausstattung  einer
Schuster-  oder  Schreinerwerkstatt  erschwingen.  Zudem  war  der
Meg  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  kurz;  oft  lieferte
der  Besteller  auch  noch  den  Rohstoff  (Tuch.  Holz),  so  daß,  wenn
der  Besteller  nun  auch  richtig  bei  der  Ablieferung  der  Ware  zahlte,
die  Umlaufzeit  des  Kapitals  verhältnismäßig  kurz  war.  Jetzt
ist  in  der  Industrie  gar  nicht  daran  zu  denken,  daß  sich  ein  kleiner
Mann  aus  eigenen  Mitteln  eine  Fabrik  bauen  könnte,  und  selbst
das  Handwerk  braucht  immer  mehr  stehendes  Kapital  für  llcaschinerie;
  in  der  Großstadt  aber  ist  der  Kapitalbesitz,  die  versüguna
  über  möglichst  viel  Kapital  geradezu  entscheidend  für  dre
Leistungsfähigkeit.  Da  nun  nicht  jeder  Produzent  oder  ^genauer
gesagt.'  jeder  der  produzieren  möchte,  Kapital  in  genügendem
Maße  besitzt,  während  umgekehrt  Kapitalbesitzer  ost  nicht  zu  produzieren ­
  geneigt  oder  fähig  sind,  findet  ein  2lusgleich  zwischen
beiden  Teilen  statt.
Ls  kann  das  Verhältnis  von  Kapital  und  Produktion  so  geregelt ­
  werden,  daß  der  wirkliche  Produzent  sich  die  Verfügung
über  die  Produktionsmittel  leihweise  übertragen  läßt,  das  Risiko
allein  übernimmt  und  den  Besitzer  der  Produktionsmittel  durch
eine  bestimmte  Leihgebübr  entschädigt.  Ein  solches  Verhältnis
kommt  in  weitem  Umfanae  in  der  Landwirtschaft  unter  dem
Namen  Pacht  vor;  der  Besitzer  des  Gutes  bewirtschaftet  es
nicht  selbst,  sondern  überläßt  es  einem  Pächter,  der  dafür  eine
vorher  ausgemachte  Pachtsumme  zahlt.  In  der  Industrie  ist  eine
solche  direkte  Verleihung  von  Produktionsmitteln  selten,  wenn
        <pb n="78" />
        72

Das  Kapital

sie  auch  gelegentlich  vorkommt;  die  gewerbliche  Produktion  ist
zu  stark  individualisiert  und  spezialisiert,  als  daß  man  es  wagen
dürfte,  den  kostspieligen  Apparat  einer  Fabrik  auf  gut  Glück  und
in  der  Hoffnung,  einen  Pächter  zu  finden,  herzustellen.
Der  Industrielle  wird  sich  also  nicht  eine  Fabrik  leihen,  sondern ­
  Kapital,  mit  dem  er  sich  dieses  und  andere  Produktionsmittel ­
  (Rohstoffe,  Arbeit)  verschaffen  kann;  bas  gleiche  gilt  vom
Handwerker,  vom  Landwirt  zum  Zwecke  des  Gutskaufes  oder  der
Beschaffung  von  Betriebsmitteln,  vom  Kaufmann.  Die  Übertragung ­
  der  Verfügungsgewalt  über  das  Kapital  erfolgt  unter
der  Bedingung  eines  Entgelts  für  die  vorübergehende  Verzichtleistung ­
  und  der  weiteren  Bedingung  späterer  Rllckübertragung.
wir  sprechen  dann  von  Kredit.
Der  Kredit  ist  ein  Mittel,  Kapital  aus  den  Bänden  derer,  die
es  ungenutzt  liegen  lassen,  in  die  Bände  solcher  zu  führen,  die
gewillt  und  geeignet  sind,  es  als  Unternehmer  auszunutzen,  damit ­
  Fabriken  zu  bauen,  Eisen  zu  schmelzen  und  Baumwolle  zu
weben.  Die  Gründe,  warum  der  Eigentümer  das  Kapital  nicht
selbst  produktiv  verwertet,  können  ganz  verschiedene  sein.  Ls  ist
möglich,  daß  die  Kapitalsumme,  die  dem  einzelnen  zur  Verfügung
steht,  zu  klein  ist,  um  produktiv  verwendet  zu  werden,  und  erst
mit  anderen  ähnlich  kleinen  Summen  zusammen  zu  einem  wirtschaftlich ­
  brauchbaren  Umfang  anwächst.  Oder  umgekehrt,  es
besitzt  jemand  so  viel  Kapital,  daß  er  es  in  seinem  eigenen  Betrieb ­
  nicht.mehr  nutzbar  verwenden  kann,  und  es  deshalb  an
andere  ausleiht;  oder  endlich  der  Besitzer  des  Kapitals  mag  einfach ­
  nicht  produzieren,  will  als  Rentner  leben.  Es  kommt  auch  vor,
baß  er  es  aus  bloßem  Mißtrauen  gar  nicht  aus  der  ffand  geben
und  in  Unternehmungen  stecken  will,  die  er  nicht  kennt.  Er  hebt
es  dann  in  dem  Schrank,  gar  wohl  im  Strumpf  auf  und  freut  sich
nur,  wenn  Taler  sich  an  Taler  reiht.  Dieses  tote  Kapital  —  tot,
weil  es  nicht  arbeitet  —  kann  ganz  außerordentlich  groß  werden.
Nach  einer  Schätzung,  die  vor  einigen  Jahren  veröffentlicht
wurde,  steckten  in  dem  armen  Indien  etwa  noch  6  Milliarden
Mark  in  solchen  unzugänglichen  verstecken,  während  es  für  alle
großen  Unternehmungen  in  Indien,  namentlich  für  Eisenbahnen,
an  Kapital  fehlte.  Das  Kapital  ist  also  da,  es  muß  nur  aus
seinem  Schlupfwinkel  hervorgeholt  werden.  Die  Kreditwirtschaft
unserer  Tage  war  nun  —  und  zwar  innerhalb  eines  halben  Jahrhunderts ­
  —  so  ausgebildet  worden,  daß  wir  wohl  sagen  konnten,
        <pb n="79" />
        Äreditvermittlung.

75

es  wurde  fast  alles  Kapital,  das  wir  überhaupt  haben,  ausgenutzt.
Ja  wir  begannen  schon  wieder,  weil  unser  Unternehmungsgeist
größer  ist  als  unser  Aapitalbesitz,  Schuldner  des  2luslandes  zu
werden.  Namentlich  wurde  immer  mehr  französisches  Geld  in
deutschen  Unternehmungen  angelegt.
wir  haben  schon  davon  gesprochen,  daß  die  Kapital  Verwendung ­
  in  der  wirtschaftlichen  Produktion
eine  stets  gewichtigere  Nolle  spielt.  Die  Unternehmungen  werden ­
  immer  größer,  beanspruchen  immer  riesigere  Summen,  die
der  Ligentümer  nicht  mehr  aufbringen  kann.  In  dem  gleichen
Maße  schwindet  der  Zusammenhang  zwischen  dem  Kapitalisten,
d.  h.  dem  Gläubiger,  und  dem  Produzenten,  d.  h.  dem  Schuldner.
Wer  in  früheren  Zeiten  dem  Nachbar  etwas  borgte,  der  kannte
den  Mann  genau,  wußte,  wie  er  lebte  und  arbeitete,  verfolgte
seinen  weg  mit  Teilnahme.  Dies  liebenswürdig-menschliche
Verhältnis  zwischen  Schuldner  und  Gläubiger  wurde  unmöglich,
als  der  Gläubiger  mehr  und  mehr  den  Schuldner  nicht  mehr
kannte,  weil  dieser  nicht  mehr  im  Nachbarschaftsbereich,  sondern
irgendwo  in  weiter  Lerne,  vielleicht  gar  jenseits  des  Meeres
lebte.  Denn  es  muß  noch  gesagt  werden,  daß  selbst  der  Aktionär^
wenn  er  auch  rechtlich  Teilinhaber  des  Unternehmens  ist,  dessen
Aktien  er  besitzt,  tatsächlich  in  den  meisten  Fällen  sich  als  Gläubiger ­
  fühlt,  wer  sich  eine  Aktie  einer  Spinnerei  in  Sachsen  oder
einer  amerikanischen  Eisenbahn  kauft,  will  in  der  Negel  nccht
etwa  damit  Teilunternehmer  werden,  einen  Einfluß  auf  die  Leitung ­
  der  Fabrik  oder  Eisenbahn  ausüben,  sondern  er  will  Zinsen
bekommen,  ganz  wie  jeder  andere  Gläuiger,  und  allenfalls  noch
einen  Kursgewinn  mitnehmen.  Doch  kann  dapaus  natürlich  wiederum ­
  ein  Verlust  werden,  und  so  haben  denn  die  industriellen
Unternehmungen,  um  auch  die  vorsichtigen  Leute  zu  veranlassen,
ihnen  Geld  anzuvertrauen,  außer  den  Aktien  oft  noch  Bbligationen
  ausgegeben.  Das  sind  Schuldverschreibungen,  die  vor  den
Aktien  bevorrechtet  sind,  denen  die  werte  der  Fabrik  an  Grundbesitz, ­
  Gebäuden  usw.  als  Pfand  dienen,  die  aber  dafür  eine  feste
Verzinsung  erhalten  und  sonst  weder  an  Gewinn  noch  Verlust
des  Unternehmens  teilnehmen.
Die  Industrie,  fei  sie  in  den  fänden  von  Linzeiunternehmern
oder  von  Gesellschaften,  ist  aber  keineswegs  der  einzige  Produzent, ­
  welcher  Kapital  beansprucht.  Da  ist  weiter  die  Landwirtschaft,'der ­
  Verkehr,  der  Städtebau,  der  Staat  und  die  anderen
        <pb n="80" />
        Das  Kapital.

öffentlich-rechtlichen  Körperschaften,  tie  mit  immer  neuen  Anforderungen ­
  an  den  Geldmarkt  herantreten,  diese  Anforderungen
beliefen  sich  schon  vor  dem  Kriege  jährlich  auf  Hunderte  von  Millionen. ­
  -Ls  ist  gänzlich  ausgeschlossen,  daß  diese  Riesenumsätze
ausschließlich  zwischen  dem  Kapitalisten  und  dem  Kapitalfucfyem
den  sich  vollziehen,  wenn  ein  großes  Werk  to  Millionen  Mark
in  Gbligationen  ausgibt,  so  kann  es  damit  nicht  hausieren  gehen,
bis  es  sie  in  ganz  Deutschland  und  darüber  hinaus  untergebracht
hat,  und  ebensowenig  vermag  dies  eisr  Staat.  So  schieben  sich
naturgemäß  zwischen  den,  der  Kapitals  sucht,  und  denjenigen,  der
es  zu  verleihen  hat,  Mittelspersonen,  tlren  Aufgabe  und  Gewerbe
es  ist,  Kreditbeziehungen  herzustellen.  ^Solcher  Bankiers  oder
Banken  gibt  es  nun  sehr  verschiedener  Art,  je  nach  den  besonderen ­
  Zwecken,  denen  sie  dienen.  Namentlich  haben  sich  mit
Rücksicht  auf  den  besonderen  Charakter  des  Grund  und  Bodens
verhältnismäßig  zeitig  Boden-  und  Baukreditbanken  gebildet,  die
wir  jetzt  meist  Lsypothekenbanken  nennen.  Sie  geben
Obligationen,  sog.  Pfandbriefe,  aus,  die  das  Publikum  als  besonders ­
  sichere  Kapitalsanlage  kauft,  weil  dafür  außer  dem  vermögen ­
  der  Banken  noch  sämtliche  Hypotheken  haften,  welche  die
Bank  wieder  ihrerseits  ausgeliehen  hat.
Aber  nicht  jeder  ist  gleich  in  der  Lage,  Obligationen,  Aktien,
Staatspapiere  im  werte  von  tooo  oder  mehr  Mark  zu  kaufen.
Manche  Leute  wollen  auch  ihr  erspartes  Geld  gar  nicht  Lauernd
festlegen,  weil  sie  bald  selbst  Verwertung  dafür  haben,  sind  aber
.wohl  geneigt,  es  zeitweise  gegen  Verzinsungen  herzugeben.  Aus
diesem  Bedürfnis  nicht  der  Kapitalsl'.chenden,  sondern  der  Geldbesitzer ­
  heraus  entstanden  die  Sparkassen.
Die  Sparkassen,  die  von  Städten  und  Landgemeinden  wie  von
Kreisen  angelegt  sind,  dienen  dazu,  kleinen  Sparern  vor  allem
.eine  sichere  Geldanlage  zu  bieten.  Die  bort  angesammelten  Riesensummen ­
  —  im  Jahre  1.915  waren  es  schon  über  20  Milliarden
Mark,  Ende  (918  33  —  wurden  ganz  überwiegend  dem  Bodenkredit ­
  und  namentlich  dem  Städtebau  zugefsihrt;  ohne  Mitwirkung ­
  der  Sparkassen  wäre  der  rasche  Bau  der  ungeheuren
Stabtquartiere  seit  der  Begründung  des  Deutschen  Reiches  nicht
möglich  gewesen.
Man  kann  dies  voll  anerkennen  und  trotzdem  bedauern,  daß
die  Sparkassen  die  bei  ihnen  angehäuften  Mittel  doch  überwiegend
der  kleinen  und  kleinsten  Leute  nicht  wieder  diesen  zur  produk-
        <pb n="81" />
        (Einstufe  des  Kapitals  auf  die  Wirtschaftsführung  ?5
tiven  Verwendung  zugeführt  haben.  3"  öer  ^ at  'st  f ür  t ’ en
steinen  Mann  und  den  Mittelstand  die  (Erlangung  von  Kredrt
f-hr  schwierig  geworden,  und  auch  die  Kreditgenoffenf
  d;  a  f  t  e  n  sind  nicht  ganz  imstande  gewesen,  diese  sehr  fühlbare
Lücke  auszufüllen.  Der  wefentlick^e  Grund  dafür  dürfte  darin
liegen,  dafe  die  im  engeren  Sinne  so  genannten  Bansen  und
namentlich  die  G  r  c  fe  b  a  n  k  e  n  mit  vilfe  eines  Benes  von
Filialen  und  durch  Verbindung  mit  Kleinbanken  bemüht  sind,
die  Spargelder  mehr  und  mehr  an  sick;  zu  ziehen.  Dieser  2luffaugungsprozefe
  der  Gelder  des  ganzen  Landes  und  ihre  §u«.
führung  in  die  Kaffen  dex  grofestädtifchen  Banken  hat  die  wirtschaftliche ­
  (Entwicklung  unseres  Landes  immer  stärker  in  kapitalistischem ­
  Sinne  beeinflusst.
(Es  ist  von  vornherein  klar,  dafe  die  Banken  weder  gewillt  uoch
überhaupt  imstande  fein  werden,  diese  Gelder  denselben  Kreisen
'zuzuführen,  aus  denen  sie  stammen;  sie  werden  vielmehr  zur
Förderung  ihres  allgemeinen  Geschäftsverkehrs  verwendet  werden. ­
  Genauer  gesprochen,  die  Spargroschen  der  kleinen  Leute
diene»  zur  Förderung  der  größten  Unternehmen.
Aber  selbst  dies  ist  noch  nicht  bedingungslos  richtig.  Die
Banken  fördern  die  Industrie  nicht  um  deren  schönen  Augen
willen,  sondern  um  bei  dieser  Industrieförderung  Geld  zu  verdienen. ­
  Damit  sollen  die  Verdienste  der  Banken  um  die  wirtfchaftsentwicklung
  Deutschlands  keineswegs  unterschätzt  werden;
sie  haben  oft  genug  dabeft-  wenn  auch  nicht  freiwillig,  /zugesetzt; ­
  aber  diese  Förderung  war  doch  nur  eine,  wenn  auch
beabsichtigte,  Nebenwirkung.  Der  (Einstufe  der  Banken  auf  die
Industrie  ist  in  Deutschland  so  groß  geworden,  dafe  an  bei  irgendeiner ­
  Aktion .eines  gröfeeren  industriellen  Unternehmens  zu  einer
(Erklärung  in  sehr  vielen  Fällen  kommt,  wenn  man  die  Frage
stellt:  ■  Oü  est  la  banque?  Zwar  gibt  es  eine  Anzahl  Grofeindustrieller,
  die  sich  von  dem  Bankeinflufe  freigehalten  haben;
doch  sind  dies  Ausnahmen.  Im  allgemeinen  ist  der  leitende
Geist  die  Bank.
In  jeder  Unternehmung  sind  von  vornberein  zwei  einander
nicht  selten  widerstreitende  Richtungen  zu  bemerken.  Die  eine
können  wir  die  technische  nennen;  sie  geht  auf  höchste  Vervollkommnung ­
  der  Produktion.  Unsere  Zeit  neigt  so  sehr  zur  Bewunderung ­
  technischer  Leistungen  an  sich,  dafe  sie  stets  bereit  fein
wird,  das  mit  den  neuesten  und  technisch  am  höchsten  stehenden
        <pb n="82" />
        76

Das  Kapital.

Einrichtungen  arbeitende  Unternehmen  ganz  anders  zu  werten
als  ein  technisch  zurückgebliebenes.  Und  doch  kann  unter  Umständen ­
  das  letztere  rentabler  sein,  mehr  einbringen,  weil  es
billiger  arbeitet,  weil  die  technisch  vollendeten  Maschinen  und
Einrichtungen  so  teuer  sind,  daß^  sie  sich  nicht  bezahlt  machen.
Diese  Differenz  zwischen  technischer  und  wirtfchaftlicher
  Leistung  macht  es  erklärlich,  daß  die  eigentliche ­
  Leitung  nicht  dem  Techniker,  sondern  dem  Kaufmann  zusteht; ­
  denn  die  Aufgabe  einer  Baumwollweberei  ist  wirtschaftlich
genommen  nicht  sowohl,  vortreffliche  Tücher  zu  weben,  als  möglich ­
  hohe  Gewinne  für  das  hineingesteckte  Kapital  herauszuwirtschaften. ­
  Der  Kapitalist  also  und  nicht  der  Techniker  oder  noch
weniger  der  Arbeiter  bestimmt  die  produktionsrichtung.
Auch  der  Kapitalist  gewinnt  Verzinsung  und  Risikoprämie
für  sein  Kapital  doch  eben  durch  die  sdroduktiön.  Hier  bringt
nun  das  in  den  Banken  arbeitende  Kapital  ein  ganz  fremdes
Element  hinein,  wenn  es  mit  industrieller  Produktion  in  Berührung ­
  tritt.  Die  Bank  ist  nicht  die  Besitzerin  der  Fabrik  oder
ist  es  nur  vorübergehend;  ihr  Gewinn  entsteht  also  in  der  Regel
auch  nicht  durch  die  Verwertung  von  Kapital  in  wirtschaftlicher
Produktion,  sondern  durch  den  Handel  mit  solchen  Produktivwerten. ­
  Die  Bank  „gründet"  ein  Unternehmen,  d.  h.  beschafft
ihm  das  nötige  Kapital  oder  wandelt  ein  bisher  von  einem  Einzelnen ­
  betriebenes  Unternehmen  in  eine  2lktiengesellschaft  um,  zu
dem  Zwecke,  die  Aktien  nachher  an  das  Publikum  mit  Gewinn
abzustoßen,  genau  so  wie  sie  die  Anleihen  eines  Staates  zu  einem
niedrigen  Kurse  übernimmt,  um  sie  zu  einem  höheren  abzugeben.
Das  Gleiche  vollzieht  sich,  wenn  eine  Bank  aus  ihren  Mitteln  —
genauer  gesprochen  den  Mitteln  ihrer  Deponenten  —  einer  Fabrik
einen  größeren  Vorschuß  zur  Ausdehnung  ihrer  produktionscinrichtungen
  gewährt  hat;  sie  wird  versuchen,  diese  schwebende
Schuld  in  Aktien  oder  Gbligationen  umzuwandeln,  die  gleichfalls ­
  auf  das  Publikum  übergehen  sollen.  Das  ist  das  gute  Recht
der  Bank,  ebenso  wie  es  das  gute  Recht  der  MasckiNcnfabrikanten
  ist,  Maschinen  zu  verkaufen.  Mir  können  beobachten,  daß
die  Maschinenfabrikanten,  um  nur  ihre  Maschinen  abzusetzen,
die  Begründung  von  neuen  Fabriken  fast  erzwingen,  ohne  Rücksicht ­
  auf  die  Zukunft  dieser  neuen  Arbeitsstätten.  Wie  hier  die
Maschinenfabrikanten  nur  ihren  Absatz  und  nicht  das  Gedeihen
der  neuen,  Fabriken  im  Auge  haben,  ähnlich  liegt  es  bei  den
        <pb n="83" />
        Finanzkapital  und  Produktion.

77

Banken.  Im  allgemeinen  zwar  wird  es  im  Interesse  der  Ban
liegen  daß  ein  von  ipr  gegründetes  oder  ihr  nahestehendes  Industrieunternehmen ­
  gedeiht,  schon  ihres  Ruses  halber;  aber  -
stifte  zwischen  den  beiden  Interessen  sind  möglich,  und  sie  sind
recht  häusig.  Am  schärssten  prägt  siä;  dies  in  Nordamerika  aus,
wo  b'c  Finanzmacht  allerdings  weniger  in  den  Handen  von
Banken  als  von  einzelnen  oder  zu  Interessengruppen  zusammengeschlossenen ­
  Millionären  und  Milliardären  liegt.  Der  Kampf,
den  Regierung  und  Volk  jenseits  des  großen  Wassers  gegen  dre
Trusts  führen  gegen  Standard  (DU  Company,  Zuckertrust,  Stahltrust, ­
  Lisenbahngesellschasten,  ist  nicht  etwa  ein  Kamps  gegen  das
Produktionskapital,  sondern  gegen  das  reine  Finanzkapital.
Oer  „Kapitalist"  kann  sogar  unter  Umständen  selbst  noch  stark
an  einem  Unternehmen  beteiligt  sein  und  doch  es  vorteilhaft
finden,  gegen  dessen  Interessen  zu  arbeiten-  Als  seinerzeit  die
unter  deni  Linsluß  Rockefellers  stehenden  Bahnen  des  Petroleumgebiets
  in  pennsylvanien  einen  Tariskamps  gegen  das  mit  Rockefeller ­
  konkurrierende  Lisenbahnsystem  Vanderbilts  aufnahmen,
verloren  sie  dabei  empfindlich;  die  leitenden  Großaktionäre  aber
gewannen  indem  sie  gegen  ihre  eigene  Gesellschaft  Baissespekulationen ­
  durchführten.  '  Oder  noch  ein  Fall.  Lin  Direktor  einer
Berliner  Großbank  war  zu  gleicher  Zeit  führendes  Mitglied
einer  Finanzgruppe,  welche  eine  bedeutende  Eisenbahn  kontrollierte ­
  und  leitender  Interessent  eines  nicht  minder  bedeutenden
Lisenwerks.  Dank  dieser  Iiiteressenverbindung  erhielt  das
Eisenwerk  eine  große  Schienenlieserung  für  die  Bahn,  die  sie
sonst  wahrscheinlich  nie  erhalten  hätte;  sie  verdiente  barem,
während  die  die  Bahn  an  diesem  zwangsmäßig  gemachten  Geschäfte ­
  verlor,  roeil  die  Schienenpreise  weit  höher  waren  als  sie
sonst  sie  bezahlt  hätte.
Der  Finanzier  und  der  „captain  of  industry"  kann  in  einer
Person  vereinigt  sein  und  ist  es  oft  genug;  aber  es  sind  doch
durchaus  verschiedene  Eigenschaften,  die  den  einen  und  den
anderen  ausmachen.  Der  Finanzkapitalismus,  der  gar  iiicht  produzieren ­
  sondern  nur  Geld  verdienen  will,  führt  zu  einer  ebenso
einseitigen  Herrschaft  des  produktionssaktors  Kapital  wie  der
Sozialismus  den  produktionssaktor  Arbeit  überwertet,  wirklich ­
  e  n  e  u  e  w  e  r  t  e  s  ch  a  s  s  t  n  u  r  d  i  e  G  e  s  a  m  tp  rod  uk  -
tion  in  der  alle  Teilglieder  gleich  wichtig  sind;  für  die  Gesamtwirtschast
  des  Volkes,  ihre  Blüte  wie  ihren  verfall,  ist  denn
        <pb n="84" />
        Die  Unternehmung.

Is
auf  die  Dauer  der  ITT  a  n  n  der  wichtigste,  welcher  diese
Produktion  richtet  und  leitet,  der  Unternehmer. ­
  ^
3.  Die  Leitung  der  Gütererzeugung  (Unternehmung).
Wenn  wir  den  äußeren  Aufbau  der  Volkswirtschaft  betrachten,
ist  vielleicht  di-  augenfälligste  Erscheinung  die  Riesenhaftigkeit
einzelner  Unternehmungen.  Die  Aktiengesellschaft  Phönix  in
Vörde  beschäftigte  aus.  ihren  verschiedenen  Werken  im  Durchschnitt ­
  des  Geschäftsjahres  tyt0/n  37  222  Arbeiter  und  r65t
Beamte.  Die  vereinigte  Königs-  und  Laurahütte  hatte  24  855
Angestellte.  In  den  Kruppschen  Werken  wurden  im  Mai  tylO
einschließlich  der  Beamten  648  Ärbeiter  gezählt.  Lin  sehr
beträchtlicher  Teil  der  Arbeiter  ist  natürlich  verheiratet;  nimmt
man  die  Familienmitglieder  hinzu,  so  ergibt  sich,  daß  in  einzelnen
Werken  eine  Menschenmasse  zusammengefaßt  ist,  die  an  Zahl
die  Bevölkerung  einer  ganzen  Reihe  deutscher  Bundesstaaten  übertrifft. ­
  Man  wird  kaum  zu  hoch  rechnen,  wenn  man  unter  Zuzählung ­
  der  Familienmitglieder  bei  Phönix  auf  eine  Arbeiterschaft ­
  von  90  000  Mann  kommt;  bei  Krupp  beläuft  sich  diese
Zahl  auf  fast  eine  viertelmillion  (241t  555).  wohnten  diese  alle
beisammen,  so  hätten  wir  eine  Stadt  etwa  in  der  Größe  von
Eharlottenburg  oder  Lhemnitz.  Nun  denke  man  sich,  was  in
einer  solchen  Stadt  alles  für  Menschen  in  den  verschiedensten
Berufen  ihr  Brot  suchen  und  finden,  wie  Handwerker  und  Rentiers, ­
  Arbeiter  und  Gffiztere,  Geistliche  und  Lehrer,  kleine  und
große  Kaufleute,  Schneider  und  Schuhmacher,  Buchhändler  und
Straßenkehrer,  alle  nach  ihrem  eigenen  Kopf  und  Willen.  Lin
solches  großes  Werk  faßt  diese  Menschenmassen  zusammen,  ordnet
sie  planmäßig  zu  einem  Zwecke,  unterwirft  sie  einem  willen,
zwingt  ihre  Schicksale  zusammen,  die  sonst  nach  tausend  Seiten
verliefen.
Solche  Kolosse  sind  immerhin  selten;  aber  in  kleineren  Maßen
finden  wir  die  zusammenfassende  Unternehmung  doch  fast  überall.
Als  Schiffahrtsgesellschaft  auf  dem  Meere,  als  Warenhaus  oder
Konsumverein  im  Handel,  überall  ist  es  das  gleiche  Bild.  Und
was  das  Wichtigste  ist.  es  hat  fast  den  Anschein,  als  ob  die  Bewegung ­
  sich  in  dieser  Richtung  noch  weiter  fortsetzte.
Fragen  wir  uns  nach  den  Gründen  oiejes  auffälligen  Vordringens ­
  der  Großunternehmung,  so  müssen  wir
        <pb n="85" />
        Der  Großbetrieb.

uns  zuerst  daran  erinnern,  was  wir  bereits  über  die  Rolle  der
Technik  in  der  Wirtschaft  der  Gegenwart  uns  klar  gemacht  ßaben.
Die  technische  Grundlage  der  Unternehmung  ist  der  Betrieb;  eme
Unternehmung  kann  einen  oder  eine  ganze  Reihe  von  Betrieben
(Betriebskombinationen  in  der  Eisenindustrie,  Filialgeschaste
usw.)  umfassen.  Vas  Vordringen  der  Maschinenarbeit  führt  von
selbst  zum.  Vordringen  des  Großbetriebs.  Line  Maschrne
ist  teuer,  so  daß  sie  sich  der  kleine  Meister  selten  bezahlen  kann,
und  sie  wird  immer  teurer,  je  komplizierter,  je  leistungsfähiger,  je
größer  sie  wird.  Die  Maschine  dringt  aber  rastlos  vorwärts.
Das  sehen  wir  schon  an  der  Aahl,  ganz  abgesehen  von  der  außer-  _
ordentlich  gesteigerten  Leistungsfähigkeit  der  einzelnen  Maschinen.
&amp;lt;846  waren  in  Preußen  erst'  \  100  Dampfmaschinen  im
gegen  78  ooo  in  unseren  Tagen,  und  jede  unserer  heutigen  Maschinen ­
  dürfte  ein  Riese  gegen  die  damaligen  sein.  Die  Gröge
der  Maschine  macht  sie  aber  nicht  nur  teuer;  sie  macht  auch  eben
nur  den  Großbetrieb  lohnend.  So  ein  schnaubendes  rasselndes
Ungetüm  verlangt  Arbeit;  die  Maschine  will  womöglich  Tag  und
Nacht  lausen  und  jedenfalls  nicht  bloß,  wenn  einmal  ein  Runde
kommt;  sonst  frißt  sie  Zinsen,  weiter:  je  größer  eine  Fabrik
ist  um  so  billiger  arbeitet  sic  überhaupt.  Der  Großfabrikant  bezieht ­
  die  Roh-  und  Lftlfsstofse  billiger;  die  Beleuchtung,  die  Beheizung, ­
  alle  Generalunkosten  sind  geringer.  Je  größer  der  Betrieb ­
  ist,  um  so  mehr  ist  es  möglich,  hoch  qualifizierte  Arbeiter
und  Abteilungsleiter  zu  gewinnen;  man  denke  nur  an  die  zahlreichen ­
  wissenschaftlich  geschulten  Rräste,  die  als  Ingenieure,
Ehemiker,  Techniker  in  den  großen  Werken  beschäftigt  werden.
Ähnliches  gilt  von  der  rein  kaufmännischen  Seite;  die  Anpassung ­
  an  die  Ronjunktur,  die  Ausnutzung  der  wechselnden
Gunst  des  Marktes,  die  Voraussicht  des  Rommenden,-  all  das
sind  Dinge,  die  jenseits  des  Horizontes  des  kleinen  Mannes
liegen.
So  ist  es  denn  kein  wunder,^  daß  der  Großbetrieb  tatsächlich
ganz  außeroidentlich  zunimmt,  vergleichen  wir  die  Zahlen,  die
uns  die  Betriebszählungen  der  'Jahre  v q 82  und  1907  zur  Verfügung ­
  stellen,  so  sehen  wir  eine  beinahe  atemraubende  Wucht
des  vorwärtsstürmens  dieser  Großbetriebe,  als  welche  eie  Statistik ­
  .alle  Betriebe  ansieht,  welche  mehr  als  50  Arbeiter  beschäftigen. ­
  In  diesen  Großbetrieben  arbeiteten  im  Jahre  1882
erst  \  613  247  Menschen,  dagegen  1907  nicht  weniger  als
        <pb n="86" />
        80

Die  Unternehmung.

5  350  025;  die  Zahl  hat  sich  also  mehr  als  verdreifacht.  Imch
deutlicher  sehen  wir  diese  Entwicklung  bei  einzelnen  Gewerben,
wie  im  Bergbau  und  in  der  Textilindustrie;  sind  doch  im  deutschen ­
  Bergbau  die  Kleinbetriebe  fast  ganz  verschwunden,  von
536  289  Arbeitern  in  Hauptbetrieben  des  Bergbau-,  Hütten-  und
Salinenwesens  arbeiteten  5N  in  Großbetrieben.
Aber  gerade  für  unsere  Zeit,  das  20.  Jahrhundert,  ist  es  doch
wesentlich,  daß-auch  Gegenwirkungen  sich  zeigen.  Die
Förderung,  die  der  Mittelstand  planmäßig  erfährt  wie  das  ganze
Handwerk,  bleibt  nicht  ganz  ohne  Wirkung.  Ja  wir  haben  eine
ganze  Reihe  wichtiger  Gewerbe,  wo  ein  Großbetrieb  wie  in  einzelnen ­
  Zweigen  der'Industrie  kaum  denkbar,  ja  zwecklos  erscheint,
weil  die  Voraussetzungen  für  seine  Betätigung  nicht  gegeben
sind.  ,  Denn  der  Großbetrieb  stellt  sich  nur  dort  ein,  wo  entweder ­
  die  Art  der  Technik  dazu  zwingt,  wie  bei  Bahnen,  Bergwerken, ­
  Eisenhütten,  oder  wo  er  billiger  ist,  wie  etwa  im  Warenhaus. ­
  Das  ganze  große  Baugewerbe,  macht  hier  eine  bmerkenswerte
  Ausnahme,  nur  ein  Drittel  der  Gesamtarbeiterschast  dieses
Gewerbes  ist  in  Großbetrieben  beschäftigt.  Maschinen  sind  beim
Hausbau,  abgesehen  von  ein  paar  Aufzügen  und  Kalkrührmaschinen, ­
  überhaupt  nicht  zu  verwenden.  Der  Maurer  muß
oben  seine  Steine  legen  und  mauern,  und  wenn  \0  Maurer
nebeneinander  mauern,  so  leisten  sie  eben  zehnmal  soviel  als  ein
einzelner,  während  in  der  Spinnerei  \0  Arbeiter  vielleickch
hundertmal  soviel  fertig  bringen  als  der  Einzelne.  Sille  Handwerker, ­
  die  nicht  in  der  Fabrik,  sondern  an  Grt  und  Stelle
arbeiten  müssen,  wie&amp;gt;  Anstreicher,  Installateure,  Wegearbeiter  erzielen ­
  beim  Großbetrieb  keinen  Vorteil;  zahlreiche  andere,  wie
Schreiner,  Schneider,  Buchbinder,  behalten  auch  neben  dem  Großbetrieb ­
  ein  nicht  unbeträchtliches  Arbeitsfeld.
Tatsächlich  hat  denn  auch  die  Zählung  von  190?  keineswegs
das  vielfach  erwartete  verschwinden  der  Kleinbetriebe  ergeben.
Das  Wachstum  der  Großbetriebe  haben  sie-freilich  nicht  erreichen
können,  und  auch  die  Mittelbetriebe  find  ihnen  voran;  doch  haben
immerhin  die  Kleinbetriebe,  d.  h.  solche  Betriebe,  die
5  Personen  beschäftigen,  sich  recht  wacker  gehalten.  Die  Zahl
der  ihnen  angehörigen  Personen  stieg  von  4.Hi  Millionen  im  Jahre
,882  auf  5K  Millionen  im  Jahre  ,907.  Der  Großbetrieb  hat
also  nur  den  Bevölkerungsüberschuß  aufgenommen,  nicht  aber  die
kleinen  Leute  aufgesaugt.
        <pb n="87" />
        Grenzen  des  Großbetriebs.  8 I
3a  es  gibt  sogar  Vertreter  der  Meinung,  daß  der  Äusdehnung
  des  Großbetriebs  überhaupt  Grenzen
gesetzt  sind,  die  er  nicht  überschreiten  kann.  Wir  sehen  rbas  vielleicht ­
  am  besten  durch  einen  vergleich  mit  England.  Die  moderne
Volkswirtschaft  hat  sich  zuerst,  lange  vor  uns,  in  England  entwickelt; ­
  und  bei  allen  Verschiedenheiten,  die  zwischen  Deutschland
und  dem  Inselreich  herrschen,  sind  beide  doch  nach  Art  und  Gesinnung ­
  der  Bevölkerung  recht  ähnlich,  wir  können  also  wohl
annehmen,  daß  die  Entwicklung  in  England  ein,  wenn  auch  ulcht
in  allen  Linzelzügen  getreues  Spiegelbild  unserer  eigenen  künftigen ­
  Entwicklung  ist.  Wie  in  England  hat  auch  bei  uns  bcv
Großbetrieb  einen  überraschenden  Siegeszug  gehalten,  alle  älteren
Betriebsformen  über  Len  Haufen  werfend.  Und  wenn  nun  jetzt
jenseits  des  Kanals  in  diesem  Siegeszug  eine  Stockung  eintrat,
so  ist  die  Annahme  nicht  unberechtigt,  daß  auch  bei  uns  Klein*
und  Mittelbetrieb  wieder  werden  Atem  schöpfen  können.
Abgesehen  von  Bergbau  und  Textilindustrie  waren  in  England
vor  denr  Kriege  sechsmal  soviel  Arbeiter  in  industriellen  Mittelund ­
  Klein-  als  in  Großbetrieben  beschäftigt.  Für  London  hat
ein  vorzüglicher  Kenner,  E  h_a  rles  Booth,  geradezu  erklärt,
daß  für  diese  Stadt  weit  mehr  diechngeheure  Zahl  «einer  Unternehmungen ­
  kennzeichnend  sei  als  die  angebliche  Zunahme  und
Konzentration  der  Großbetriebe.  Daß  das  Zünglein  in  der  wagschale ­
  jetzt  in  England  eine  kleine  Senkung  zugunsten  des  Kleinbetriebes ­
  zu  zeigen  scheint,  hat,  wie  Brodnitz  in  einer  inter«
.essanten  Untersuchung  nachgewiesen  hat,  sehr  verschiedene  Gründe.
Zunächst  einmal  hat  sich  in  England  eine  wachsende  Bewegung
gegen  die  Massenherstellung  des  Fabrikbtriebes  erhoben,  die  zuerst
von  einigen  wenigen  Männern  ausging,  aber  bald  sich  weite
Kreise  eroberte.  Ls  sind  Thomas  Earlyle,  John  Ruskin  und
William  Morris,  um  nur  die  bedeutendsten  Namen  zu  nennen,
die  an  der  Spitze  dieser  Bewegung  standen.  Nuskin  vor  allem,
der  in  seinem  vaterlande  fast  wie  ein  Pdrophet  geehrt  wird,  konnte
sich  nicht  genug  tun  mit  Klagen  gegen  die  Großindustrie.
Zweierlei  war  es,  was  er  ihr  vorwarf.  Einmal,  daß  sie  mit  ihrer
lNassenproduktion  den  Geschmack  verderbe.  Die  Fabrikarbeit  führe
mr  langweiligen  und  geistlosen  Gleichmäßigkeit,  zur  Schablone;
nur  die  Handarbeit  bewahre  Schönheit,  mache  es  jedem  möglich,
Gebrauchsgegenstände  zu  finden,  die  seinem  eigenen  Wesen,  seinem
Geschmack  entsprechen.  Weiter  aber  ist  ihm  die  Fabrik,  ja  die
Wvgodzinski,  Glnfübtunfl  in  die  Bolkswirlschastslehre.  li
        <pb n="88" />
        82

Die  Unternehmung.

Großstadt  überhaupt  mit  ihrer  Zusammenxferchung  von  Menschen
in  engen  Straßen,  in  dumpfen  Räumen,  im  tödlichen  Einerlei
verhaßt.  Man  muß  wissen,  wie  sehr  der  Engländer,  ganz  anders
als  der  Deutsche,  die  Natur,  das  Landleben  liebt,  wie  die  reizende
englische  ksügellandschaft,  das  satte  Grün  der  Miesen,  die  Flüsse
und  Berge  diesem  merkwürdig  widerspruchsvollen  Volke  ans
tzerz  gewachsen  sind,  um  sich  vorzustellen,  wie  Ruskins  Ruf  „tziin
aus  aufs  Land"  Widerhall  fand,  wie  weite  Kreise,  bis  tief  in  die
Industrie  hinein,  sich  diesem  Gedanken  hingeben.  Ist  doch  auch
die  Gartenstadt  in  England  erwachsen.  Die  erste  Folge  von
Ruskins  Nlahnruf  jedoch  war  das  Neuerwachen  des  englischen
Aunsthandwerks,  das  sich  seitdem  die  Welt  erobert  hat.  Namentlich ­
  William.Morris,  der  Dichter  und  Maler,  erwarb  sich  hier
die  größten  Verdienste.  Er  ließ  Teppiche  weben  und  Bücher
drucken,  er  schmückte  die  Kirchen  mit  Glasfenstern  und  schmiedete
Metallarbeiten,  wie  die  Welt  sie  lange  nicht  so  schön  gesehen
hatte.  Das  Entscheidende  für  uns  aber  war,  daß  es  wirklich  ein
Kunsthandwerk  blieb,  nicht  etwa  eine  neue  Industrie  wurde.  So
bewahrte  es  die  Schönheit,  die  jedes  Ding  behält,  das  ein  verständiger ­
  und  kunstreicher  Mann  mit  nachdenklicher  Liebe  gemacht ­
  hat.
Diese  allgemeine  Grundstimmung  gegen  die  Massenfabrikation,
gegen  den  Großbetrieb  hätte  freilich  schließlich  doch  nrcht  allzuviel ­
  erreicht,  wenn  nicht  rein  wirtschaftliche  Gründe  hinzugekommen ­
  wären-,  die  in  gleichem  Sinne  sprachen.  Engla&amp;gt;rd  war
früher,  wie  es  sich  selbst  nannte,  die  Werkstatt  der  Welt,  d.  h?
dank  seiner  früheren  wirtschaftlichen  und  technischen  Entwicklung
versorgte  es  wirklich  die  halbe  Welt  mit  Kattunen  und  Messerklingen ­
  und  sonstigen  nützlichen  Dingen.  Die  Alleinherrschaft
Englands  schien  nun  vorbei  zu  sein;  andere  Völker  wollten  auch
ihren  Anteil  an  der  Schüssel  des  Weltmarktes.  Das  waren  in
erster  Linie  die  neuen  großen  Industrieländer  wie  Deutschland
und  -die  vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Aber  damit  nicht
genug;  auch  solche  Länder  rühren  sich,  von  denen  man  zuversichtlich ­
  hoffte,  daß  sie  stets  gehorsam  zahlende  Abnehmer  Englands
bleiben  müßten.  Die  halbtropischen  Länder  entwickeln  eine  eigene
Industrie;  der  getreue  Bundesgenosse  im  fernen  Osten,  Japan,
arbeitet  fieberhaft  und  macht  England  in  Gstasien  schon  eine
recht  bedenkliche  Konkurrenz,  und  jetzt  fängt  sogar  Indien  unter
        <pb n="89" />
        (Bi'cnyn  des  Großbetriebs.

80

dem  Einfluß  nationalistischer  Ideen  an,  seine  Baumwolle  selbst
zu  spinnen,  die  sonst  nach  Manchester  oder  Dldham  ging.
ksier  gibt  es  nur  einen  Ausweg,  nämlich  die  technische  Überlegenheit, ­
  die  natürlich  noch  besteht,  dadurch  auszunutzen,  daß
man  zu  feinerer  Arbeit  übergeht,  welche  die  Ronkurrenzländer
noch  nicht  leisten  können.  So  werden  in  England,  um  ein  Beispiel ­
  aus  der  Textilindustrie  zu  nehmen,  mehr  und  mehr  feinere
Garne  erzeugt  und  die  Herstellung  der  gröberen  aufgegeben.  Damit ­
  hat  aber  natürlich  die  Ausdehnung  der  Fabriken  und  Riesenbetriebe ­
  ein  absehbares  Ende,  denn  der  Riesenbetrieb  lohnt  sich
nur  bei  massenhafter  Anfertigung  von  Ware  ohne  besonderen
Wualitätscharakter.  Ls  sind  denn  auch,  was  manche  erstaunen
mag,  in  England  sogar  die  Baumwollsabriken  in  den  Jahren
jsgn—J90J  nicht  größer,  sondern  Heiner  geworden.  Die  Neigung,
bessere  Ware  herzustellen  und  zu  verbrauchen,  zeigt  sich  in  England ­
  durchweg.  Selbst  die  Handwebereien  sind  für  Wolle  in
Irland  wieder  im  Aufblühen  begriffen,  und  irisches  „Homespun"
hat  Weltruf  errungen.  Der  aufmerksame  Beobachter  wird  nicht
verkennen,  daß  in  Deutschland  eine-ähnliche  Bewegung  wenigstens ­
  in  den  Anfängen  zu  bemerken  ist.
Schließlich  zeigt  sich,  daß  der  Kleinbetrieb  unter  bestimmten
Umständen  selbst  technisch  überlegen  werden  kann.  In  vielen
Betrieben-  ist  die  Arbeit  das  Werk  des  Einzelnen  und  der  Großbetrieb ­
  nur  durch  gewisse  ihm  bisher  allein  zur  Verfügung
stehende  Hilfsmittel  überlegen.
Falls  es  in  entsprechenden  Fällen  möglich  wäre,  den  Arbeitern
die  erforderliche  mechanische  Kraft  zu  liefern,  könnte  der  Kleinund
  selbst  der  Einzelbetrieb  recht  wohl  lebensfähig  fein.  Einen
Weg  dazu  sucht  England  in  der  vielfach  schon  üblichen  tenement
factory,  d.  h.  Mietsfabrik.  Die  tenement  factory  ist  ein  Fabrikgebäude, ­
  in  dem  einzelne  Räume  mit  der  nötigen  Kraft  und
wohl  auch  den  2lrbeitsmaschinen,  also  z.  B.  Webstühlen  mit
Dampf-  oder  elektrischem  Antrieb,  den  kleinen  selbständigen
Unternehmern  vermietet  werden.  Diese  Anordnung  läßt  sich  für
viele  Gewerbe  verwenden;  sie  ist  bis  jetzt  namentlich  in  der
Kammgarnspinnerei  und  der  Kleineisenindustrie  verbreitet.
Der  Konkurrenz  der  jungen  Völker,  der  großen  slavischen
Masse,  der  Asiaten  von  der  Türkei  bis  Japan,  der  Südamerikaner,
vielleicht  bald  der  Schwarzen  ist  ganz  Westeuropa  ausgesetzt,  und
so  wird  es  die  Entwicklung  zur  chualitätsproduk-
        <pb n="90" />
        Die  Unternehmung.

.84
tiou  wohl  bald  allgemein  einschlagen.  Nehmen  wir  dazu  noch
die  ksemmungstendenzen,  die  aus  der  Schwerkraft  des  Bestehenden
  sich  ergeben,  so  ist  die  sozialistische  Theorie  von  der  vollkommenen ­
  Verdrängung  des  Kleinbetriebs  als  kaum  haltbar  anzusehen. ­
  Bestehen  doch  die  kleinsten  Betriebe,  die  2llleinbetriebe  s
in  Deutschland  nach  den  Ausführungen  Lonrads  noch  in  einer
Ausdehnung,  die  über  das  Bedürfnis  hinausgeht,  und  selbst  in
den  Vereinigten  Staaten  sind  noch'tü^  aller  Betriebe  Allein-,
also  Zwergbetriebe.
Groß-  und  Kleinunternehmung  sind  durchaus
wesensverschieden.  Die  Kleinunternehmung,  sei  es  ein  Kramladen ­
  oder  eine  Schusterwerkstatt,  stellt  verhältnismäßig  geringe
2lnsorderungen  an  den  Betriebsinhaber,  seine  Geschäftsgewandtheit, ­
  seine  Rührigkeit.  Sie  bietet  ihm  dafür  in  der  Regel  freilich
auch  nicht  mehr  als  die  Mittel  der  bloßen  Lebensfristung.  In
dem  Maße,  als  die  Unternehmung  an  Umfang  wächst,  'wachsen
auch  die  sachlichen  und  menschlichen  Schwierigkeiten,  wie  allerdings ­
  auch  materieller  Gewinn  und  soziale  Ehrung  dem  erfolgreichen ­
  Großunternehmer  in  unserer  Zeit  mehr  als  je  winken.
So  wird  denn  in  absehbarer  Zeit  nach  wie  vor  neben  den  bescheiden ­
  lebenden  oder  vegetierenden  Klein-  und  Mittelbetrieben,
dem  „Mittelstand",  wie  er  sich  er  sich  selbst  nennt,  ein  starker
Strom  von  Intelligenz  und  Tatkraft,  von  kserrscherwillen  und
Schöpferlust  die  Entwicklung  der  Großunternehmungen  befruchten. ­
  Sehr  naheliegend  ist  der  Gedanke,  daß  der  Krieg  in  seinen
Folgen  aus  die  Entwicklung  eine  entscheidende  Einwirkung
haben  wird.  Teils  wegen  der  besonderen  Anforderungen,  die
während  der  Kriegszeit  an  die  Leistungsfähigkeit  namentlich  der
Kriegsindustrien  gestellt  wurden,  teils  wegen  des  Mangels  an
Rohmaterial  und  Arbeitern  ist  in  dieser  Zeit  auf  der  einen  Seite
ein  starkes  inneres  Wachstum  der  Großbetriebe  erfolgt,  während
andererseits  durch  die  seit  191?  eingeleiteten  Zusammenlegungen
in  verschiedenen  Industrien  wie  der  Schuhwarenfabrikation  und
der  Brauerei  die  kleineren  Betriebe  stillgelegt  wurden.  Zu
diesen  mehr  technischen  Gründen,  die  möglicherweise  auch
jetzt  noch  fortdauern  werden,  kommt  vor  allem  die  künftige
Schwierigkeit  der  Kapitalbeschaffung,  welche  die  Großunter-^
nehmung  vor  der  kleineren  begünstigt,  (von  den  in  gleicher
Richtung  wirkenden  „Sozialisierungstendenzen"  wird  an  anderer
Stelle  zu  sprechen  sein.)  ^2lber  es  können  sich  so  viele  Gegen-
        <pb n="91" />
        Unternehmungrformen.

85

Wirkungen  ergeben,  daß  es  nicht  airgängig  ist,  jetzt  schon  die
künftige  Entwicklung  unter  den  neuen  Verhältnissen  vorauszusagenwem
  gehören  wohl  eigentlich  diese  Eisengießereien  und
Bergwerke,  diese  Brauereien  und  Bankhäuser?  Nun,  eine  Reihe
von'Namen  sind  bekannt  genug:  die  "Krupp  und  Borsig,  die
Thyssen  rmd  Stinnes,  die  Wertheim,  die  Sedlmayr,  die  Bleichröder ­
  sind  in  aller  Munde.  Dazu  konrmen  jetzt  noch,  wie  in'
England  schon  lange,  hohe  2ldlige;  die  Henckel-Dormersmark  und
Hohenlohe  gehören  zu  unseren  größten  Industriellen.  Aber  es
ist  bezeichnend,  daß  von  diesen  weltberühmten  Namen  einige  nur
noch  scheinbar  ihr  Werk  decken,  das  längst  in  eine  Aktiengesellschaft ­
  übergegangen  ist.  Denn  das  ist  fast  der  gewöhnliche  Verlauf. ­
  3m  Anfang,  solange  die  Verhältnisse  noch  klein  sind,  solange ­
  es  noch  mehr  auf  Tatkraft  und  Unrsicht  ankommt  als  auf.
großes  Kapital,  so  lange  ist  der  einzelne  Mann  als  Geschäftsinhaber, ­
  als  Unternehmer  am  Platze.  Das  galt  ganz  allgemein
noch  von  der  ersten  Hälfte  des  \&amp;lt;).  Jahrhunderts,  dem  Beginn
unserer  wirtschaftlichen  Entwicklung.  Die  Bankhäuser  z.  23.  sind
bis  gegen  $850  alle  von  Einzelnen  gegründet  und  geleitet.  Wächst
dann  das  Unternehmen,  so  glückt  es  nicht  allen,  wie  es  einigen
der  eben  genannten  geglückt  ist,  ihr  Kapital  so  rasch  zu  vermehren,
daß  es  den  gesteigerten  Bedürfitissen  genügt.  Da  wird  denn
fremdes  Kapital  herangeholt,  indem,  man  das  werk,  das  Geschäft
in  eine  Aktiengesellschaft  umwandelt.
Das  wesen  der  A  k  t  i  e  n  g  e  s  e  l  l  s  ch'  a  f  t  liegt  in  der  Kapitalzusammenfassung ­
  und  damit  der  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit
des  zersplitterten  Kapitals  einzelner  kleinerer  oder  sogar
größerer  Besitzer.  Sie  ist  die  eindrucksvollste,  aber  durchaus  nicht  .
die  einzige  Form  einer  Verbindung  mehrerer  zu  einem  Geschäft.
Die  bloße  Kompagnie,  die  offene  und  stille  Kompagnie,  ist
schon  recht  alt.  Daß  aber  die  Weisheit  der  Alten  davon  im
ganzen  nicht  gar  zu  gut  dachte,  beweist  das  Sprichwort:  „Kumpagnie
  ist  Lumperie".  Der  entscheidende  Iknterschied  zwischen
dieser  Kompagnie  und  der  Aktiengesellschaft  ist  die  Tatsache,  daß
bei  der  älteren  Form  es  auf  ein  Zusammenarbeiten  von  Menschen
abgesehen  war,  die  sich  die  Arbeit  teilten  und  sich  mit  ihren  besonderen ­
  Erfahrungen  und  Kenntnissen  ergänzten,  während  die
Aktiengesellschaft  dagegen  nur  ein  Zusammenarbeiten  von  Kapital
bedeutet.  Die  Aktionäre  haben  sich  tatsächlich  der  Leitung  ganz
begeben,  was  bedeutet  es  auch  schließlich,  wenn  man  eine  oder
        <pb n="92" />
        86

Die  Unternehmung.

ein  paar  Aktien  von  jooo  Mark  von  einem  Unternehmen  hat,
das  mit  30  Millionen  arbeitet?  Für  die  Geldanlage  hat  das
Aktienwesen  einen  entscheidenden  Vorzug.  Wer  Inhaber  oder
Teilhaber  eines  Geschäftes  ist,  setzt  sein  ganzes  Glück  aus  eine
Karte;  mit  dem  Schicksal  des  Geschäfts  ist  das  seinige  verknüpft.
Anders  wenn  dasselbe  Kapital,  das  hier  in  eine  m  Unternehmen ­
  festliegt,  in  Aktien  verschiedener  Unternehmungen, angelegt ­
  wird:  das  Risiko  verteilt  sich;  geht  die  eine  Fabrik,  an  der
der  Aktionär  beteiligt  ist,  schlecht,  so  geht  die  andere  dafür  vielleicht ­
  um  so  besser.  Bietet  so  die  Aktiengesellschaft  dem  bloßen
Kapitalbesitzer  ohne  Unternehmungsgeist  und  Fähigkeit,  selbst  ein
Geschäft  zu  führen,  große  vorteile,  so  gewinnt  bei  dieser  Ordnung ­
  der  Dinge  auch  derjenige,  der  nichts  hat  als  seinen  Hellen
Kops  und  Geschäftsgewandtheit.  Auch  der  Besitzlose,  wenn  er
nur  die  nötigen  geschäftlichen  Fähigkeiten  besitzt,  hat  so  die  Möglichkeit, ­
  an  die  Spitze  eines  großen  Unternehmens  als  Direktor
zu  kommen,  und  gerade  das  reizt  jetzt  vielfach  die  fähigsten
Köpfe,  zur  Industrie  oder  zum  Bankwesen  zu  gehen.  Sind  doch
in  den  letzten  Jahren  so  viel  höhere  Staatsbeamte  zur  Industrie
übergetreten,  daß  man  geradezu  von  einer  Flucht  aus  dem  Staatsdienste ­
  sprechen  konnte.
So  erfreut  sich  denn  die  Aktiengesellschaft  einer  immer  steigenden ­
  Beliebtheit,  jsso  gab  es  in  Deutschland  38  gewerbliche
Aktiengesellschaften  mit  255  Millionen  Kapital.  In  bent  einen
Jahre  I9U  sind  in  Deutschland  *69  neue  Aktiengesellschaften
mit  einem  Kapital  von  256  Millionen  Mark  gegründet  worden;
im  Jahre  1399  waren  es  gar  36q.  mit  344  Millionen.
.  In  Deutschland  bestanden  Ende  1914  insgesamt  4798  Lrwerbsaktiengesellschaften,
  die  zusammen  an  nominellem  Aktienkapital,
also  abgesehen  von  Reserven  und  ihnen  sonst  zur  Verfügung  gestelltem ­
  Gelhe,  über  nicht  weniger  als  rund  *6  Milliarden  Mark
verfügten.  Zwei  Drittel  dieses  Gesamtkapitals  war  in  den
thänden  der  größeren  Aktiengesellschaften  mit  mehr  als  2  Millionen ­
  Mark  als  Kapital.
Neben  der  Aktiengesellschaft  hat  sich  in  Deutschland  in  unserer
Zeit  noch  eine  zweite  Unternehmungssorm  steigender  Beachtung
zu  erfreuen,  die  Gesellschaft  mit  beschränkter  lisaf-1
  u  n  g.  In  gewisser  Weise  vereinigt  sie  —  bei  mancherlei  Nachteilen ­
  —  die  Vorzüge  der  Aktiengesellschaft  mit  denen  der
Einzelunternehmung;  sie  beschränkt,  wie  die  Aktiengesellschaft,  das
        <pb n="93" />
        Unlernehmungsformen.

87

Aisiko  und  gestattet  auch  die  Beteiligung  solcher,  die  nur  Geld,  aber
keine  Arbeit  einschießen  wollen;  andererseits  aber  ermöglicht  sie
doch,«  nicht  nur  Geldgeber,  die  sich  nicht  kennen,  zu  vereinigen,
sondern  auch  wirkliche  Kompagnons  im  guten  Sinne  des  Wortes.
Die  Zahl  der  Gesellschaften  m.  b.  £}.  betrug  Ende  19  U  in
Deutschland  rund  25  000  mit  434  Milliarden  Stammkapital;  es
überwogen  dabei  die  Gruppen  oott  20  000  Mark  bis  l  Million.
Man  wird  sagen  können,  daß  die  Aktiengesellschaft  die  Unternehmungsform ­
  für  den  Großbetrieb,  tie  G.  m.  b.  kf.  die  für  den
Mittelbetrieb  ist.  Aber  auch  der  Kleinbetrieb  hat  sich  seine  eigene
gesellschaftliche  Unternehmungssorm  herausgebildet,  und  zwar  ist
dies  eine  Form,  deren  Erfolg  ein  ganz  außerordentlicher  und
höchst  erwünschter  war,  nämlich  die  Genossenschaft.
Die  Genossenschaft  ist'eine  Zusammenfassung  kleinster
wirtschaftlicher  Kräfte,  und  zwar  gewöhnlich  im  Nachbarschaftsverbande.
  Der  Genosse,  dessen  Aufnahme  im  Ermessen  der  Genossenschaft ­
  steht,  hat  einen  Geschäftsanteil  zu  übernehmen,  der
in  der  Regel  nur  etwa  20—lOO  Mark  beträgt;  daneben  aber  muß
er  für  die  Genossenschaft  haften,  und  zwar  entweder  mit  seinem
ganzen  vermögen  oder  mit  einer  durch  das  Statut  vorgesehenen
kleineren  Summe.  Durch  die  Haftpflicht  schaffen  sich  die  Genossenschaften ­
  eine  Kreditbasis  zur  Ergänzung  ihres  kleinen
Kapitals.  Sie  haben  eine  ganz  außerordentliche  Verbreitung  erlangt; ­
  in  Deutschland  zählen  wir  gegenwärtig  über  50  000  mit
rund  5  Millionen  Mitgliedern.  Da  es  sich  bei  den  Mitgliedern
der  Genossenschaften  um  wirtschaftlich  Selbständige  handelt,  die
wohl  fast  alle  eigenen  Haushalt  und  Familie  haben,  schätzen  wir
aewiß  nicht  zu  hoch,  wenn  wir  sagen,  daß  wenigstens  der  vierte
'Teil  des  ganzen  Volkes  an  Genossenschaften  interessiert  ist.
Die  erfolgreichsten  Formen  der  Genossenschaft  finden  wir  freilich ­
  auf  anderen  Gebieten  als  denen  der  Produktion;  es  sind
vor  allem  die  Spar-  und  Darlehnskafsen  und  die  Konsumvereine,
die  den  Ruhm  der  Genossenschaften  ausmachen.  Aber  auch  sic
sind  Unternehmungen,  welche  beweisen,  daß  die  Kollektivsorm
wenigstens  für  bestimmte  Zwecke  auch  in  der  Hand  des  „kleinen
Manns"  Außerordentliches  leistet,  wirkliche  Produktivunternehmungen ­
  in  Genossenschastssorm  sind  der  Landwirtschaft  gelungen, ­
  die  bei  der  Verarbeitung  ihrer  Produkte,  wie  der  Milch
in  den'  Molkereigenossenschaften,  mit  jedem  individuellen  Großunternehmen ­
  konkurrieren  kann.  Der  Handwerker  dagegen  hat
        <pb n="94" />
        88

THc  Unternehmung.

seine  knorrige  Ligenart  der  Disziplin  einer  j?roduktivgenossenschaft
  nicht  zu  beugen  vermocht,  die  freilich  anders  als  in  den
Teilprodutionsgenossenschastsn  der  Landwirtschaft  den  selbftändigen
  Betrieb  völlig  aufheben  würde.  Als  Großunternehmer
treten  mehr  und  mehr  die  Aonfumvereine  auf,  indem  sie  Maffengobrauchsartikel
  einfacher  Art  (Brot,  Seife,  Mineralwasser,
Wäsche  usw.)  selbst  Herstellen.  Früher  hat  man  einmal  gehofft,
daß  Produktivgenossenschaften  von  Industriearbeitern  allmählich
an  Stelle  der  privaten  Unternehmungen  treten  könnten,  in  denen
sie  jetzt  als  Angestellte  beschäftigt  sind;  namentlich  Lassalle  hat
diesen  Gedanken  ausgesponnen.  x
wir  kommen  mit  dem  letzten  Punkt  schon  zu  der  Frage,  die
ja  weite-Teile  unseres  Volkes  ernstlich  beschäftigt,  ob  nämlich
nicht  überhaupt  dem  Linzel-,  dem  Privatbetrieb  eine  Grenze  gesetzt, ­
  ein  Lüde  gesteckt-  sei,  ob  nicht  besser  die  Aufgabe  der  wirtschaftlichen ­
  Produktion  in  die  pände  der  Allgemeinheit,
des  Staates,  der  Gesellschaft  gelegt  werden  solle.  Ls
sind  ja  viele  Aufgaben,  die  früher  der  Linzelne  oder  ein  kleiner
Kreis  erfüllte,  in  die  Machtvollkommenheit  des  Staats  übergeglitten.
  Für  die  persönliche  Sicherheit  tritt  er.  ein,  die  früher,
in  einzelnen  Gegenden  Asiens,  in  Innerafrika  auch  heut  noch,
jedermann  mit  den  Waffen  in  der  pand  sich  selbst  erringen  und
schützen  mußte.  Der  Unterricht,  der  früher  Privatsache  war,  ist
vom  Staat  und  der  Gemeinde  übernommen,  Kunst  und  Wissenschaft ­
  werden  von  ihnen  gefördert.  Ls  ist  also  an  sich  bem
Staat  und  anderen  öffentlichen  verbänden  Tätigkeiten  privater
an  sich  zu  ziehen  nicht  unbenommen;  diese  Mberherrlichkeit  liegt
in  der  Natur  des  Staates  selbst.  Und  tatsächlich  kann  man
darauf  Hinweisen,  daß  der  Staat  schon  eine  Reihe
wirtschaftlicher  Tätigkeiten  au.sübt.  Denken  wir
vor  allem  an  das  Eisenbahnwesen,  das  bei  uns  in  der  pand  des
Staates  liegt,  während  es  z.  B.  in  Frankreich  noch  fast  ganz
Privatgesellschaften  überlassen  ist.  Der  Staat  hat  in  prmßen
eine  Reihe  von  Kohlengruben;  den  Befähigungsnachweis  für
den  Kohlenbergwerksbetrieb  hat  er  also  abgelegt.
In  noch  weiterem  Umfange  als  der  Staat  -  treten  jetzt  die
Städte  in  die  Reihe  der  sich  wirtschaftlich  Betätigenden  ein.
Die  Stadt,  und  genauer  gesprochen,  die  Großstadt,  ist  ja  erst  in
der  zweiten  pälfte  des  19.  Jahrhunderts  entstanden.  Ls  sind
also  eine  Reihe  neuer  Forderungen  und  Bedürfnisse,  die  mit  ihr
        <pb n="95" />
        Die  öffentliche  Unternehmung.  8-erwacht
  sind  und  Befriedigung  verlangen.  Diefe  Bedürfnifse  entstehen ­
  einmal  aus  der  bloßen  Tatsache  des  Zusammenlebens  fo
vieler  Menschen  auf  so  engem  Raume.  Auf  dem  Raume  eines
(Quadratkilometers  wohnen  im  glücklichen  Großherzogtum  Mecklenburg-Strelitz
  recht  behaglich  und  mit  gehörigem  Llldogenraum
55  Menschen,  in  Berlin  aber  müssen  sich  in  den  gleichen  Raum
52  ooo  Menschen  teilen.  Das  erfordert  schon  Anstalten.  Mo
auf  dem  Lande  ein  gemütlicher  unbefestigter  Fahrweg  durch  das
Feld  schleicht,  sind  in  der  Stadt  Bunderte  von  kostspieligen'
Straßen  zu  pflastern  und  asphaltieren,  zu  unterhalten,  öfter  auch
aufzureißen,  um  Gas-,  Wasser-  und  sonstige  Röhren  zu  legen.
Da  muß  die.  elektrische  Tram  durch  die  Straßen  sausen,  damit
diese  sehr  eiligen  Menschen  auch  rechtzeitig  in  ihr  Geschäft,  in  ihr
Bureau  kommen.  Die  Kanalisation  wird  notwendig^  und  verschlingt ­
  große  Summen.'Die  Stadt  muß  Markthallen  bauen,  damit
die  Städter  auch  etwas  zu  essen  bekommen.  Da  muß  sie  jdolizisten
haben,  die  allzu  angeregte  Nachtschwärmer  auf  den  Pfad  der
Tugend  zurückführen  und  säumigen  Bausherren  Protokolle  wegen
unterlassener  Straßenreinigung  schreiben;  sie  muß  Säuglingen
Milch  kochen,  sie  muß  Gas,  waster,  Elektrizität  ins  paus  liefern.
Aber  die  Stadt  muß  noch  mehr.  Der  Städter  braucht,  nicht  nur
das  Notwendigste,  das,  was  ein  städtisches  Zusammenleben  überhaupt ­
  erst  ermöglicht;  in  ihm  erwachen  auch  neue  Bedürfnisse,
die  einfachere  Zeiten  und  stillere  Gegenden  nicht  oder  doch  nicht
so  kannten.  Da  muß  die  Stadt  ein  Theater  bauen  und  ein  städtisches ­
  Grchester  besolden,  sie  muß  Parke  pflanzen  und  Schwimnibäder
  einrichten.  So  dehnt  sich  der  Tätigkeitskreis  immer  weiter  aus.
Neben  Reich  und  Staaten  wie  den  Städten  treten  noch  weitere
öffentliche  Korporationen  als  Unternehmer  auf:  die  Provinzialverbände, ­
  die  Landkreise,  selbst  die  Landgemeinden.  Die  öffentliche ­
  Körperschaft  als  Unternehmer  dringt  immer  weiter  vor.  pat
man  doch  schon  von  einer  „D  u  r  ch  st  a  a  t  l  i  ch  u  n  g"  unseres
ganzen  Wirtschaftslebens  gesprochen  (Karl  Renner).
Immerhin  aber  ist  zu  sagen,  daß  damit  keineswegs  eine  grundsätzliche ­
  Absage  an  die  freie  Unternehmung  verbunden  war.  Deshalb ­
  ist  es  begreiflich,  wenn  führende  Sozialisten,  wie  seinerzeit
Friedrich  Engels,  in  der  „Verstaatlichung"  keine  Erfüllung  der
Forderung  auf  „Vergesellschaftung"  der  Wirtschaft  sahen.  Diese
Forderung,  deren  Verfechter  jetzt  die  politische  Herrschaft  in
weiten  Teilen  Gstcmopas  und  insbesondere  auch  in  Deutschland
        <pb n="96" />
        90

Die  Unternehmung.

erlangt  haben,  geht  von  ganz  anderen  Voraussetzungen  aus  als
die  Verstaatlichung,  wenn  im  bürgerlichen  Staats  yetiriebe  in
die  Verwaltung  des  Staates  oder  der  Gemeinden  übergingen,
konnten  die  Gründe  dafür  verschiedene  sein;  die  beiden  einander
ergänzenden  tzauptgesichtspunkte  waren  wohl  der  Ronsumentenschutz
  einerseits  und  die  Finanznot  der  öffentlichen  Körper«
schäften  anderseits.  Der  Sozialismus  dagegen  nimmt  seinen
Ausgang  von  dem  Gesichtspunkt  der  Verteilung  des  Volkseinkommens; ­
  er  sieht  in  dem  Privateigentum  an  den  Produktionsmitteln ­
  das  Werkzeug  zur  Ausbeutung  der  Arbeiterschaft.
Voraussetzung  für  die  „vergesellschafüang"  ist  natürlich  die
Überlegenheit  des  Großbetriebs  über  den  Kleinbetrieb,  wie  sie
von  Karl  Marx  mit  stärkstem  Nachdruck  behauptet  wird;  die
eigentliche  Triebkraft  der  Newegung  liegt  aber  nicht  in  solchen
technischen  Erwägungen,  die  niemals  imstande  gewesen  wären,
die  Massen  hinzureißen  So  ist  es  zu  erklären,  daß  innerhalb  des
Sozialismus  keineswegs  Einigkeit  über  die  Form  einer  Neuorganisation ­
  der  Wirtschaft  herrscht,  da  diese  Neuorganisation
eben  nur  Mittel  zum  Zweck,  nämlich  der  Linkommensausgleichung,
  ist.  In  dem  gärenden  Ehaos  unserer  Tage  tauchen'
denn  auch,  mit  dem  Anspruch,  den  wahren  Sozialismus  zu  verkörpern, ­
  Vorschläge  der  verschiedensten  Art  und  Tragweite  aus.
von  der  „Vollsozialisierung"  nach  dem  vorbilde  Sowjet-Rußlands ­
  über  die  „Planwirtschaft"  und  das  Staatsmonopol  bis  zur
gemischt-wirtschaftlichen  Gesellschaft  und  zur  Produktivgenossenschaft ­
  verdrängt  ein  Vorschlag  den  anderen,  alle  mit  gleicher
Heftigkeit  empfohlen  wie  bestritten.
Zweifellos  stehen  wir  vor  einer  Weltenwende.  Der  „Kapitalismus" ­
  alten  Schlages  ist  dahin  —  was  nicht  etwa  heißen  soll,
daß  Ausbeutung  und  Profit  dahin  sind;  haben  sich  diese  doch  als
Schiebertum  und  ähnliche  widerliche  Erscheinungen  erstaunlich
lebenskräftig  gezeigt,  wenn  hier  von  einem  Ende  des  alten  Kapitalismus ­
  gesprochen  wird,  ist  dies  nur  so  gemeint,  daß  jede
2lrt  von  „Herrentum"  gegenüber  den  2lrbeitermassen  keinen
Roden  mehr  findet.  Die  große  Ausgabe  der  nächsten
Zukunft  scheint  darin  zu  liegen,  den  empordrängenden ­
  Schichten  der  Arbeiterschaft  Raum
für  Retatigung  nicht  nur  der  Hände,  sondern
auch  der  Seeleund  des  Willens  zu  schaffen,  und
dabei  doch  alle  diejenigen  unentbehrlichen
        <pb n="97" />
        Die  Persönlichkeit  in  )er  Unternehmung.  -  s»l
z
Kräfte  z  u  erhalten,  die  in  den,  schaffe  ir  den
F  iihrertum  der  „Unternehmer"  liegen.  Sicherlich
ist  die  Revolution  in  Deutschland  an  vielen  Stellen  in  eine  Lohnbewegung ­
  verflacht;  die  große  Not,  in  der  breite  Massen  in  den
letzten  Kriegsjahren  und  nach  Kriegsende  lebten,  ist  dafür  hinreichende ­
  Erklärung.  Aber  neben  diefenr  verteilungsproblcnr
(das  später  noch  zu  behandeln  ist),  bewegt  die  deutsche  Arbeiterschaft ­
  doch  auch  der  glühende  Wunsch,  nicht  nur  Rad  in  der  Maschine ­
  zu  fein,  sondern  selbst  an  dem  Schaffen  teil  zu  haben.  Der
Gedanke  der  „Betriebs-  und  Wirtschaftsräte",  dessen  politische
Seite  uns  hier  nicht  berührt,  die  Idee  des  „Mitbestimmungsrechtes", ­
  der  Vorschlag  der  Arbeiter-Aktionärschaft,  sind  der  Ausdruck ­
  dieses  Verlangens.  Selbstverständlich  können  sich  daran
Vorstellungen  anderer  Art  anschließen  und  tun  es  auch  reichlich;
ein  bloßes  Machtverlangen  ohne  Verständnis  für  die  Gegenseite
kann  sich  darunter  verbergen.  Es  ist  dies  eines  der  Zukunftsprobleme, ­
  auf  dessen  Lösung  noch  viel  Schweiß  der  Edlen  verwendet ­
  werden  muß;  gerecht  kann  ihm  freilich  nur  derjenige  werden, ­
  der  sich  nicht  von  vornherein  auf  irgendein  Programm  versteift. ­
  Der  Absolutismus  der  Forderungen,  ganz  gleichgültig,  ob
diese  auf  völlige  Ungebundenheit  des  Wirtschaftslebens  oder  auf
völlige  planmäßige  Bindung  sich  richten,  der  „Individualismus"
wie  der  „Sozialismus"  werden  beide  gleich  wenig  den  wirkenden
Kräften  des  Lebens  gerecht,  die  jeder  Schablone  spotten.  Jede
Form  ist  tot;  der  Geist  allein,  der  sie  trägt,  ist  entscheidend,
welche  Form  gewählt  wird,  um  die  Wirtschaft  aufzubauen,  ist
schließlich  eine  Konstruktionstlufgabe,  wobei  aber  'immer  im
Auge  behalten  werden  muß,  daß  der  Mensch  mit  feinem  Streben,
seinen  Hoffnungen,  ja  auch  seinen  Irrtümern  der  Motor  dieser
Maschine  ist.
In  keiner  anderen  Frage  wie  in  der  der  Unternehmung,  der
wirtschastsleitung,  ist  es  so  deutlich,  daß  die  r t&amp;gt;ett  einen  neuen
Geist  verlangt,  den  Geist  der  gegenseitigen  Anerkennung,  des
Verständnisses  für  die  Hoffnungen  und  Sorgen  des  anderen
Teils,  den  Geist  des  unbedingten  guten  Willens.  Ist  dieser  Geist
vorha'üden,  so  wird  er  den  Körper  finden,  in  d-m  er  sich  auswirken ­
  kann.
wiederholen  wir  noch  einmal,  was  wir  von  der  Art  festgestellt
haben,  wie  sich  jetzt  die  Volkswirtschaft  in  ihren  Formen  aufbaut. ­
  '  Der  kleine  Kaufmann,  der  kleine  Handwerker  ist  wohl  noch
        <pb n="98" />
        92

Die  Persönlichkeit  in  der  Unternehmung.

vorhanden,  ja  stellenweise  hat  er  das  ganze  Feld  behauptet  und
erobert  sich  auch  neuen  Boden.  Aber  am  eindrucksvollsten  ist
doch  die  große  Unternehmung.  Die  Fabrik  leistet  so  viel  wie
tausend  selbständige  Handwerker,  das  Warenhaus  droht  den
Rleinkaufmann  zu  verschlingen.  Die  Großunternehmungen  haben
die  Grenze  vielfach  überschritten,  die  dern  vermögen  und  der
Leistungsfähigkeit  des  einzelnen  gesteckt  ist.  Sie.  haben  sieh  deshalb ­
  in  verschiedenen  Gesellschaftsformen,  vor  allem  in  der
Aktiengesellschaft,  die  Möglichkeiten  geschaffen,  viel  Kapital  zusammenzubringen, ­
  oder  sie  sind  schließlich  in  die  Hände  des
Staates,  der  Gemeinden  übergeglitten.
Sollen  wir  daraus  schließen,  daß  die  Persönlichkeit  in  der
wirtschaft  nichts  mehr  bedeute,  daß  sie  von  der  unpersönlichen
Macht  des  Kapitals  verdrängt  worden  sei?  Fast  hat  es  den  2t»«
schein,  wenn  wir  die  steigende  Versachlichung  der  Unternehmungsformen ­
  ansehen.  Aber  da  liegt  es  eben;  wir  dürfen
nicht  die  Forur  mit  dem  wesen  gleich  setzen.  Line  wirtschaftliche
Unternehmung  ist  kein  Automat,  der  auf  mechanischen  2lntrieb
hin  läuft,  sondern  ein  feines  und  diffiziles  Instruurent.  Sie  bedarf ­
  der  Meisterhand,  des  sicheren  Lotsen,  wenn  sie  durch  das
stürmische  Meer  -es  Wirtschaftslebens  zum  Ziele  der  Aentabilität
  gelangen  soll.  Die  eigentlichen  Aufgaben  des  Unternehmers
—  Bestimmung  der  produktionsrichtung,  Linkauf  der  Aohftoffe
zur  richtigen  Zeit,  Organisation  der  Arbeit,  2Zeschaffung  des  Kapitals, ­
  kaufmännische  Verwertung  der  Produkte  —  können  garnicht ­
  von  einer  mehr  oder  minder  bureaukratisch  organisierten
Korporation  ausgeübt  werden;  sie  erfordern  individuelle  Begabungen ­
  und  Erfahrungen,  Menschenkenntnis,  Blick  für  die
Konjunktur,  rasche  Entschlußfähigkeit  zu  ihrer  sofortigen  Ausnutzung. ­
  Tatsächlich  liegt  die  Leitung  auch  der  größten  Unternehmungen ­
  stets  in  einzelnen  Händen;  fönst  müßten  ja  schließlich
alle  derartigen  Betriebe  gleichmäßig  gedeihen,  wenn  der  Herr
„Generaldirektor",  der  Vorsitzende  des  Aufsichtsrats,  der  „Großaktionär" ­
  in  den  privaten,  der  „Geheimrat"  in  den  öffentlichen
Betrieben  auch  nicht  immer  für  die  große  Menge  sichtbar  hervortreten, ­
  sie  bleiben  doch  die  Organisatoren  des  Sieges  oder  auch
der  Niederlage.  Die  wirtschaftsdiktatoren  vertragen  wir  freilich
nicht  mehr;  das  verlangen  unserer  Zeit  ist  das  Necht  und  die
Pflicht  der  geistigen  2knteilnahme  aller  Mlitarbeiter.  Aber  keine
        <pb n="99" />
        Störungen  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  0  5
Wirtschaftsorganisation  der  Weit  ist  denkbar,  in  der  nicht  wie
überall  im  Leben  die  einzelne  Persönlichkeit  den  Ausschlag ­
  gibt.
4,.  Störungen  und  Hemmungen  t&amp;gt;er  Wirtschaft  und  ihre
Überwindung.
Der  Kaufmann  sucht  den  Gewinn  ^dieses  Ziel  liegt  im  wesen
seiner  Tätigkeit.  Aber  in  dieser  Zielsetzung  liegt  von  vornherein ­
  auch  die  Möglichkeit  der  umgekehrten  Wendung,  statt  des
Gewinnes  kann  auch  Verlust  eintreten.  Dieser  Verlust  kann,
hundert  Ursachen  haben:  irrtümliche  Kalkulation,  plötzlicher
Preissturz  der  betreffenden  Ware,  Iahlungsunsähigkeit  des
Käufers,  verderben  oder  Zugrundegehen  der  Ware  selbst.  Und
dies  gilt  nicht  nur  vom  Kaufmann;  es  gilt  von  jedem,  der  im
wirtschaftlichen  Leben  steht,  vom  Industriellen  und  vom  Spediteur, ­
  vom  Handwerker  wie  vom  Bankier.  Das  Risiko  ist  et»
untrennbares,  unausscheidbares  Merkmal  der  Wirtschaft.
Aber  nicht  nur  der  Erwerbende,  der  Güter  einsetzt,  um  sie
mit  Gewinn  zurückzuerhalten,  kann  verlieren.  Dem  ist  vielmehr
jeder  ausgesetzt,  der  irgend  etwas  besitzt.  Der  kleine  Rentier,  der
vor  50  Iahren  seine  paar  Groschen  in  preußischen  Konsols  angelegt ­
  hatte,  verlor  durch  den  Kursverlust,  obgleich  hier  wahrhaftig ­
  keine  Spekulation  vorlag;  dem  Lauern  kann  feine  Ernte
verhageln;  der  volksschullehrerin  können  ihre  paar  Möbelcheir
verbrennen.  3a  wer  scheinbar  gar  nichts  an  irdischen  Güter::
sein  eigen  nennt,  der  Ärmste  der  Armen,  kann  doch  noch  ve'-lieren,
  nämlich  seine  Arbertskraft;  er  kann  krank  und  arbeitsunfähig ­
  werden.
wir  können  sagen,  daß  die  ganze  Geschichte  der  Volkswirtschaft ­
  im  gewissen  Sinne  eine  Geschichte  des  Kampfes  gegen
diese  Möglichkeiten  wirtschaftlicher  Verluste  ist.  _  Denn  man
würde  sehr  irren,  wenn  man  annehmen  wollte,  daß  die  verlustnröglichkeit,
  das  Risiko,  ein  Kennzeichen  nur  unserer  Wirtschaftsperiode ­
  sei.  Im  Gegenteil,  wir  können  ohne  Übertreibung
sagen  daß  cs  wohl  noch  nie  eine  Zeit  gab,  die  sich  mit  solchem
Erfolge  wirtschaftlich  zusichern,  vor  Verlusten  zu  behüten ­
  oder  sie  dem  Einzelnen  weniger  empfindlich  zu  machen  verstand ­
  wie  die  unserige.
Es  sind  im  wesentlichen  drei  Wege,  die  Mehr  und  mehr  zu
diesem  Ziele  führen.  Einmal  handelt  es  sich  darum,  materielle
        <pb n="100" />
        &amp;lt;j4  Steigerung  der  materiellen  Sicherung.
Mittel  zu  finden,  um  Verluste  an  werten  überhaupt  zu  ver^
hindern.  Lolche  Mittel  liegen  in  der  Gesamtentwicklung
unserer  Kultur  schon  an  sich.  Denken  wir  nur  baran,  in
welchem  Umfange  noch  im  16.  Jahrhundert  in  unserem  Deutschland ­
  die  Warensendungen  der  Kaufleute  der  gewaltsamen  fortnähme ­
  ausgesetzt  waren.
Reiten  und  Rauben  ist  keine  Schande,
Tuen  es  doch  die  besten  im  Lande!
Der  wackere  Götz  von  Berlichingen,  um  nur  ein  Beispiel  zu
nehmen,  hielt  es  durchaus  für  sein  Recht  und  für  seine  ritterliche
Tat,  die  „Krämer  und  pseffersäcke"  ein  bißchen  zu  erleichtern.
In  England  hat  sich  der  Straßenraub  bei  den  sog.  Highwaymen
als  ritterlicher  Sport  sogar  bis  ins  18.  Jahrhundert  erhalten.
Noch  viel  länger  blieb  der  Seeraub  im  großen  lebendig.  Bis
in  das  5.  Jahrzehnt  des  W.  Jahrhunderts  zahlte  selbst  das  stolze
England  den  Barbareskenstaaten  im  Mittelmeer  rrchig  Tribut,
bis  n  830  die  Franzosen  das  Raubnest  Algier  erorberten  und  damit ­
  die  Sicherheit  in  dem  uralten  Kulturbecken  des  Mittelmeers
endlich  herstellten.  Und  welchen  Gefahren  der  Karawanenhandel
in  Afrika,  in  einzelnen  Teilen  Asiens  wie  Arabiens  und  selbst
noch  in  Südamerika  auch  jetzt  noch  ausgesetzt  ist,  weiß  jeder..
Die  größere  materielle  Sicherheit,  welche  die  Kulturentwicklung  ,
mit  sich  brachte,  spricht  sich  noch  in  vielen.anderen  Zügen  aus,
an  die  nur  erinnert  zu  werden  braucht.  Denken  wir  wieder  an
den  Seetransport  und  die  Gefahren,  die  ihm  aus  der  Natur  selbst,
aus  der  Unbändigkeit  von  Wasser  und  Wind  entstehen.  Ls  leuchtet
sofort  ein,  welch  ungeheuren  Fortschritt  in  bezug  aus  erhöhte
Sicherheit,  auf  geringere  Verlustmöglichkeit  die  Einführung  der
Dampfmaschine  als  bewegendem  Motor  auf  dem  Schiffe .mit  sich
brachte.  Der  Riesendampfer  der  Neuzeit,  bei  dem  eine  Havarie
als  unerhörte  Katastrophe  gilt,  und  das  unbeholfene  Segelschiff
früherer  Jahrhunderte,  für  das  jede  Ozeanreise  ein  Wagnis  ersten
Ranges  war,  sind  die  Typen  dieser  Änderungen.  Nehmen  wir
weiter  aus  dem  flachen  Lande  die  erhöhte  Feuersicherheit,  wie  sie
im  festen  Steinbau  gegenüber  dem  alten  Holzbau,  in  der  Einrichtung ­
  einer  geschulten  Feuerwehr  besteht,  nehmen  wir  die  erhöhte
Sicherheit  gegen  Überschwemmungen,  die  uns  die  Regulierung
.  und  Eindeichung  der  Flüsse  gibt,  so  sehen  wir,  daß  in  der  Tat  bas
Risiko  eines  Verlustes  der  Substanz  der  Ware  sich  mit  dem  Fortschreiten ­
  der  materiellen  Kultur  unberechenbar  vermindert  hat.
        <pb n="101" />
        Störungen,  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  9  5
Der  zweite  weg,  den  die  Entwicklung  beschritten  hat,  ist  die
Teilung  des  Risikos  als  Folge  derallgemeinen
Arbeitsteilung.  Etwa  noch  um  j500  ist  eine  durchaus z
übliche  Form  des  Fernhandels  die,  daß  der  Kaufmann  ein
Schiff  kauft,  es  mit  waren  belädt  und  selbst  damit  hinausfährt.
Er  kann  das  Schiff  und  die  waren  verlieren  und  ist  dann  ein
armer  Mann  wie  Shakespeares  ".Kaufmann  von  Venedig;  er  kann
freilich  auch  mit  einer  Fahrt  Reichtümer  gewinnen.  1st  so  der
Kaufmann  alles,  Schiffseigentümer,  Verfrachter,  Transporteur,
Warenbesitzer  in  einer  Person,  so  sehen  wir  schon,  daß  in  der
Neuzeit  ein  vollkommener  Wandel  eingetreten  ist.  Das  Transportgewerbe ­
  hat  sich  verselbständigt;  es  ist  wieder  in  Landfracht-,
Eisenbahn-  und  Schiffsverkehr  auseinandergetreten;  ja  zwischeir
Eisenbahn  und  Schiff  schiebt  sich  vielleicht  der  Leichter  oder  bei
(Setreide,  wie  etwa  im  Rotterdamer  Hasen,  die  Elevatorkompagnie.
  Der  Reeder  und  der  Schiffssührer,  der  Kapitän,  .sind
verschiedene  -Personen  geworden.  Der  Warenbesitzer,  der  Exporteur, ­
  besorgt  nicht  mehr  den  Kleinverkauf  im  fremden  Lande;
ja  vielleicht  bedient  er  sich  noch  für  den  Großabsatz  eines  Kommissionärs. ­
  lvenn  die  Güter  lagern,  so  lagern  sie  nicht  mehr  im
Speicher  des  Kaufmanns  selbst,  sondern  im  Lagerhaus,  das
wieder  einer  besonderen  Gesellschaft  gehört;  spricht  doch  ein
Pittsburger  Großkaufmann  in  diesen  Tagen  in  einem  Geschäftsbericht ­
  öaoon,  daß  es  in  den  meisten  Fällen  ganz  unwahrscheinlich
sei,  daß  der  Kaufmann  die  Ware,  mit  der  er  handelt,  überhaupt
noch  zu  sehen  bekomme,  weil  alle  Funktionen  der  Materie  dre
La'gerhausgesellschaft  besorgt.  Diese  weitgehende  Arbeitsteilung
hat  natürlich  eine  ebenso  weitgehende  Teilung  des  Risikos  zur
Folge;  die  Verlustmöglichkeit,  die  vorher  einen  einzigen  traf,  verteilt ­
  sich  nun  auf  viele  Köpfe.  Nehmen  wir  dazu  noch  die  Lin-"richtungen
  der  modernen  Handelstechnik,  die  dem  Kaufmann
unter  Benutzung  von  Telegraph  und  Telephon  gestatten,  etwa
eine  Schiffsladung  Weizen  oder  Eisen,  die  von  Amerika  kommt,
schon  in  der  Stunde  des  Kaufs)  noch  ehe  sie  den  schützenden
Hafen  verlassen  hat,  wieder  zu  verkairfen,  denken  wir  an  den
Lieferungs-  und  Terminhandel  in  seinen  verschiedenen  Formen,
aber  immer  mit  der  Tendenz  einer  Sicherstellung  von  Gewinn
oder  Vermeidung  von  Verlusten  für  die  Mehrzahl  der  Kontrahierenden, ­
  so  wipd  die  früher  angedeutete  Entwicklung  der
modernen'  Gesellschaft  in  Richtung  einer  stets  steigenden  Siche-
        <pb n="102" />
        06

Bic  Krisen.

rung  des  geschäftlichen  Verkehrs  durch  Teilung  des  Risikos  und  .  ^
Übertragung  auf  breitere  Schultern  auf  dem  Wege  der  2lrbeitsteilung
  immer  deutlicher.  ff
Diese  Risikominderung  ist  eine  unbewußte  Folge  aus  den  Tat-  ",
fachen  der  Arbeitsteilung,  die  jedoch  sehr  bald  in  ihrer  günstigen  .1
Wirkung  beobachtet  wurde.  Ls  lag  nun  der  Gedanke  nahe,  die
Risikominderung  durch  Verteilung  auf  breitere  Schultern  auch  1
unabhängig  von  der  Arbeitsteilung  auszugestalten.  Jedes  Schiff,
das  über  den  Dzean  geht,  ist  der  Gefahr  ausgesetzt,  im  Sturme
zugrunde  zu^gehen;  aber  es  ist  nicht  wahrscheinlich,  daß  nun
wirklich  auch  jedes  Schiff  dieser  Gefahr  unterliegt,  von  joo  .  i
Schiffen,  die  das  Weltmeer  durchqueren,  wird  vielleicht  nur  eines  ..  jj
von  diesem  traurigen  Schicksale  betroffen.  Die  $00  SchiffseigSntümer
  können  sich  nun  zusammentun  und  vereinbaren,  daß,  falls
ein  Schiff  verloren  geht,-.die  Besitzer  der  anderen  90  Schiffe  den
hundertsten  Teil  entschädigen.  Jeder  zahlt  den  too.  Teil  des
Schiffswertes  von  vornherein  in  eine  gemeinsame  Kasse;  dieses  y
Hundertstel  opfert  er,  hat  aber  dafür  die  Sicherheit,  den  gesamten
wert  seines  Schiffer  ersetzt  zu  bekommen,  falls  dieses  verloren
geht.  Sterben  muß  jeder  Mensch;  aber  nur  verhältnismäßig
wenige  sterben  jung,  wenn  ein  Familienvater.  jung  stirbt,  so
kann  seine  Familie  in  große  Rot  geraten.  Tun  sich  nun  eine
Anzahl  Familienväter  zusammen  und  zahlen  sie  in  einer  Sterbekasse ­
  regelmäßige  Beiträge,  so  sichern  sie  sich  durch  dieses  kleine
(Dpfer  einen  Schutz  ihrer  Familie  vor  dringender  Rot  im  Falle
ihres  frühzeitigen  Todes.  Das  Prinzip  der  Versicherung,
der  dritte  Weg,  läßt  sich  auf.  Hunderte  von  Möglichkeiten  Anwenden, ­
  und  tatsächlich  sehen  wir  heutzutage  fast  schon  eine
wahre  Manie,  Versicherungen  gegen  alles  und  jedes  zu  gründen.
Man  denkt  bei  uns  zuerst  an  die  Arbeiterversicherung  und  den
Segen,  den  sie  für  das  ganze  Volk  gebracht  bat  Die  private  Versicherung, ­
  gegen  Feuersnot  und  Hagelschlag,  die  Lebens-  und  die
Transportversicherung  und  wie  die  Versicherungszweige  alle
heißen,  haben  aber,  volkswirtschaftlich  gesprochen,  sicher  keine  geringere ­
  Wichtigkeit,  welchen  Umfang  die  Versicherung  in
unserer  Zeit  gewonnen  bat,  was  sie  für  die  Ruhe  und  die  Stetigkeit ­
  unserer  wirtschaftlichen  Entwicklung  bedeutet,  ergibt  sich  aus
der  einfachen  Zabl,  daß  gegenwärtig  jährlich  in  Deutschland  über
eine  Milliarde  Mark  Entschädigung  von  den  Versicherungsgesellschaften ­
  der  verschiedenen  Formen  ausgezahlt  werden.  Aber,
        <pb n="103" />
        Störungen  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  97
darüber  müssen  wir  uns  auch  klar  werden,  diese  Milliarde  bedeutet ­
  keinen  Gewinn  für  unser  Volksvermögen,  nicht  einmal
eine  Ersparnis,  sondern  nur  eine  Verschiebung  innerhalb  der
Volkswirtschaft  selbst,  deren  segensreiche  Wirkungen  wir  freilich
vollkommen  kennen.  Eine  noch  viel  größere  Aufgabe,  die  ihrer
Lösung  erst  noch  im  20.  Jahrhundert  harrt,  ist  es,  volkswirtschaftliche ­
  verluste  überhaupt  zu  verhüten.
Diese  Verluste,  gegen  welche  die  Schäden  durch  Feuer,  Hagel,
Wasser  ganz  klein  werden,  sind  solche,  die  sich  aus  der  Natur
unserer  gegenwärtigen  Wirtschaft  heraus,  nicht,  wie  die  erstgenannten, ­
  aus  Zufall  ergeben.  Es  sind  vor  allem  dieKrisen-Verluste.

Die  Erscheinung  der  Krisen  hat  die  Wissenschaft  vielfach  beschäftigt ­
  und  die  Erklärungsversuche  sind  zahlreich.  Als  Krise
bezeichnet  man  zumeist  eine  längere  Zeit  andauernder  Störung
in  dem  Verhältnis  von  2lngebot  und  Nachfrage.  Schon
M  a  l  t  h  u  s  stellte  die  Theorie  auf,  daß  die  Produktion  die  Tendenz ­
  habe,  sich  stärker  zu  vermehren  als  der  Konsum,  so  daß  ein
ständiges  Mißverhältnis  zwischen  beiden  im  Wesen  unserer  Wirtschaft ­
  liege.  Die  Sozialisten,  namentlich  Robert  Mwen  und
S  i  s  m  0  n  d  i,  erklärten  das  Krisenproblem  als  'eine  Frage  der
Einkommensverteilung;  dem  größten  Teil  der  Bevölkerung,  den
Arbeitern,  fehle  die  Kaufkraft,  so  daß  eine  ständige  Tendenz  zur
Unterkonsumtion  vorliege.  I  u  a  l  a  r  hat  dann  als  das  Grundphänomen ­
  nicht  die  Krise,  sondern  die  Wellenbewegung  des
Wirtschaftslebens  hingestellt;  das  2lufsteigen  der  Welle,  der  wirtschaftliche ­
  Aufschwung  ist  nunmehr  die  zu  erklärende  Tatsache.
Daß  im  Wirtschaftsleben  eine  ständige  Tendenz  zur  Überproduktion ­
  gegeben  ist,  lehrt  uns  die  einfachste  Überlegung;  merkwürdig
ist  nur,  daß  die  Produktion  der  einzelnen  Produzenten  sich  nicht
einigermaßen  ausgleicht.  Diese  Erscheinung  des  gehäuften  Auftretens ­
  der  Produktionsstörungen  der  einzelnen  Unternehmungen
hat  Schumpeter  so  zu  erklären  versucht,  daß  die  Fähigkeit
zur  Durchsetzung  technischer  oder  organisatorischer  ZIeuerungen,
welche  die  Voraussetzungen  des  wirtschaftlichen  Fortschrittes  und
damit  auch  der  Produktionssteigerung  sind,  nicht  in  gleicher  weise
bei  allen  Wirtschaftssubjekten  vorhanden,  vielmehr  nur  einer
Minorität  zu  eigen  seien;  wenn  ein  solcher  vorausgehender
Führer  auftrete,  folgten  die  anderen  dann  in  hellen  Haufen.
Man  stelle  sich  nun  einmal  recht  lebendig  vor,  wie  jetzt  produ-Wygodzin4ki,

  Einführung  in  die  Volkswirtschafisleh^e.

7
        <pb n="104" />
        1)8  Schrankenlosigkeit  der  Produktion.
ziert  wird,  und  ziehe  zum  vergleich  frühere  Stufen  der  Produktion ­
  heran.  Im  Zeitalter  der  Z  u  n  f  1  w  i  r  t  s  ch  a  f  t,  deren
Schwächen  natürlich  niemand  leugnen  wird,  war  es  eine  Pauptsorge
  der  Zunft  selbst  wie  der  städtischen  und  Staatsbehörden,
daß  die  Masse  der  erzeugten  Maren  nicht  größer  würde  als  der
Zlbsatz.  Das  wurde  auf  verschiedenen  Megen  erreicht,  etwa  dadurch, ­
  daß  man  dem  einzelnen  lNeister  verbot,  über  eine  bestimmte
Anzahl  hinaus  Gesellen  und  Lehrlinge  zu  halten.  Gder  man
beschränkte  die  Maschrnen,  die  er  für  seine  Arbeit  brauchte,  der
Zahl  nach.  Konnte  ein  Meister  die  ihm  übergebene  Arbeit  nicht
bewältigen,  so  mußte  er  sie  einem  armen  Mitmeister  abtreten.
(Es  kam  sogar  vor,  daß  die  Gewerbe  einfach  „geschloffen"  wurden,
um  eine  Dberprodnklion  zu  verhindern;  so  wurde  noch  im  Jahre
J78S  durch  Königliches  Reskript  die  Zahl  der  Berliner  Tabakspinner ­
  auf  54  Meister  beschränkt.  Das  sind  Bestimmungen,  di:
uns  heut  kaum  mehr  verständlich  erscheinen.  Längst  haben  wir
vollkommene  Gewerbefreiheit,  und  jeder  darf  so  viel  produzieren, ­
  als  er  nur  eben  Luft  hat  und  kann.  Das  geschieht  denn
auch,  namentlich  in  guten  Zeiten  produziert  jeder  darauf  los,
erweitert  seine.  Fabrik  ständig,  wirft  immer  weitere  Warenmassen
auf  den  Markt,  wie  soll  er  auch  embers  ?'  Soll  er  sich  den  Gewinn ­
  entgehen  lassen?  wenn  er  ihn  nicht  mitnimmt,  tut  es
eben  ein  anderer,  der  Konkurrent.  Keiner  weiß,  wieviel  denn  im
aanzen  hergestellt  wird,  und  es  gehört  zu  den  denkbar  schwierigsten ­
  Aufgaben,  über  die  Weltproduktion  und  die  Weltvorräte  eine
wirklich  brauchbare  Vorstellung  sich  zu  bilden.  Denn  längst
kommt  es  nicht  mehr  darauf  an,  wieviel  der  Rachbar  in  derselben
Stadt  herstellt,  nicht  einmal  mehr,  wieviel  im  eigenen  Lande  von
einer  beliebigen  Ware  erzeugt  werden.  Durch  die  modernen  Verkehrsmittel ­
  und  ihre  Riesenleistungen  an  Massenhaftigkeit,
Schnelligkeit  und  Billigkeit  ist  trok  der  Schutzzölle  für  jeden  Hersteller ­
  einer  Ware  die  ganze  Welt  Konkurrent  geworden.  Da  muß
sich  z.  B.  der  deutsche  Kupferproduzent  darauf  gefaßt  machen,  daß
ihm  aus  den  vereinigten  Staaten,  aus  (England,  Zentral-  und
Südamerika,  Japan,  Australien  und  Rußland  Konkurrenz  gemacht
wird.  Die  deutschen  Zuckerfabriken  stoßen  auf  dem  Weltmarkt
auf  Zucker  aus  Österreich  und  Frankreich,  aus  Kuba  und
St.  Thomas,  aus  Belgien  und  Rußland,  wir  könnten  die  Beispiele ­
  bis  ins  Unendliche  vermehren;  es  würde  immer  das  gleiche
Bild  sich  zeigen.  Daß  wir  im  Zeitalter  der  Weltwirtschaft  leben.
        <pb n="105" />
        7*

Störungen  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  99
wußten  wir  freilich  schon;  und  wenn  auch  noch  andere  Rupfer
schmelzen  und  Baumwolle  spinnen,  so  kann  uns  das  gleich  sein,
sofern  nur  unser  Rupfer,  unsere  Baumwolle  gekauft  wird.  Da
liegt  aber  der  Haken.  Nicht  in  der  Stadt,  wie  in  der  Zunftzeit,
nicht  einmal  im  Vaterland,  wo  wir  die  Verhältnisse  einigermaßen
übersehen  können,  wohnen  die  Käufer  eines  sehr  großen  Teils
unserer  Ware,  sondern  im  Ausländ,  unter  für  uns  ganz  unübersehbaren, ­
  ganz  unberechenbaren  Verhältnissen.
Denken  wir  einmal  an  die  amerikanische  Krisis  von  1907,  eine
&amp;gt;der  stärksten  der  letzten  Zeit,  wir  führten  ganz  außerordentlich
viel  waren  nach  den  vereinigten  Staaten  aus,  mit  Linschluß
der  über  Holland,  Belgien  und  England  deklarierten  wohl  weit
über  i'A  Milliarden  jährlich  an  wert.  Die  Rückwirkung  liegt
auf  der  Hand,  die  der  Krach  in  Amerika  für  uns  schon  allein  aus
diesem  Grunde  haben  mußte.
Aber  das  sind,  so  verheerend  ihre  wirkimg  sein  kann,  nur
einzelne  Fälle.  Die  Grundtatsache  bleibt  immer,  daß  die  Produktion ­
  eine  schrankenlose  ist,  die  ohne  Rücksicht  auf
den  tatsächlichen  Bedarf,  die  tatsächliche  Nachfrage  erfolgt.  Zwar
gibt  es  eine  ganze  Reihe  von  Hilfsmitteln,  Erntefchätzungen,
Produktionsstatistiken;  die  ganzen  Warenbörsen.-sind  ein  versuch,
die  Kenntnis  über  die  tatsächliche  Marktlage  zusammenzufassen
und  in  den  Kursen  und  Preisen  zum  Ausdruck  zu  bringen.
Schade  nur,  Laß  niemand  gezwungen  ist,  von  diesen  Hilfsmitteln
Gebrauch  zu  machen,  daß  jeder  doch  der  Meinung  ist,  er  —  natürlich ­
  kein  anderer  —  dürfe  schon  noch  den  versuch  machen,  ein
bißchen  mehr  für  sich  abzubekommen.
Da  nun  die  Nachfrage  schlechterdings  nicht  zu  übersehen  ist,
namentlich  nicht  in  ihrer  Entwicklung,  hat  man  am  anderen  Ende
angefangen  und  sich  bemüht,  die  seit  der  Zunftzeit  verlorengegangene ­
  Regelung  und  nötigenfalls  Beschränkung  der
Produktion  wiederherzustellen.  Diese  versuche  konnten  nur
auf  solchen  Gebieten  gemacht  werden,  wo  die  Piroduktionsstätten
der  Zahl  nach  nicht  allzu  viele  waren.  Alle  Schuster  in  Deutschland ­
  unter  einen  Hut  zu  bringen,  das  ist  wohl  nicht  möglich.
Aber  alle  Tafelglasfabrikanten,  alle  Stahlwerke,  alle  Kohlengruben, ­
  Las  ist  sehr  wohl  denkbar,  und  zwar  kann  man  sogar
weitergehen  und  —  wenigstens  in  besonders  günstig  gelegenen
Fällen,  wo  die  Zahl  der  proSuktionsstätten  besonders  klein  ist  —
sogar  eine  Anzahl  Länder,  vielleicht  sogar  ganz  Europa  zu-
        <pb n="106" />
        i  uO  Kartell  unt  ü-ruft.
sammenzufassen,  wie  das  tatsächlich  bei  einigen  Zwergen,  Z-^2.
der  Glasindustrie,  der  Fall  ist.  Die  Gebilde,  in  denen  diese  Zusammenfassung ­
  erfolgt,  sind  die  vielberufenen  Kartelle.
Dieses  Wort  bedeutet  weitet  nichts  als  Vereinbarung,  Vereinigung. ­
  Unter  diesem  scheinbar  so  harmlosen  Worte  aber  verbergen ­
  sich  allerstärkste  wirtschaftsmachte  der  Gegenwart,  die
Venn  auch  in  Freundschaft  und  Gegnerschaft  die  Welt  und  zwar
bis  zu  jedem  von  uns  beschäftigen.
Lin  Kartell  rst  eine  Vereinbarung  zwischen  einer  Anzahl  von
Fabriken  oder  Werken  zum  Zwecke  der  monopolistischen  Marktbeherrschung ­
  von  der  losen  Form  der  Feststellung  gemeinsamer
Geschäftsbedingungen  an  bis  dahin,  daß  die  einzelnen  Werke  ihre
Selbständigkeit'vollständig  aufgeben  und  sich  einer  gemeinsamen
Zentralleitung  unterstellen;  im  letzten  Falle  spricht  man  vom
Trust.
Zwischen  diesen  beiden  Lndformen  zeigen  die  Kartelle  viele
Zwischenformen;  so  die  des  Syndikats,  bei  dem  das  Kartell
mit  einer  zentralen  Verkaufsstelle  oder  einer  dem  gleichkonunenden
  Kontrolle  verbunden  ist.  Aber  der  Endzweck  ist  doch  immer
der  gleiche.  In  allen  diesen  Fällen  handelt  es  sich  immer  wieder
darum,  die  preise  hochzuhalten.  Um  zu  diesem  Endzweck  zu  gelangen, ­
  wenden  die  Kartelle  alle  Mittel  an,  von  denen  wir  hier
nur  zwei  hervorheben  wollen,  die  Einschränkung  der  Produktion
und  der  Kampf  gegen  widerstrebende  Abnehmer.
wir  wissen  aus  dem  vorhergesagten,  daß  die  schrankenlose
Produktion  einem  ungewissen  Absatz  'gegenüber  der  eigentlichste
Grund  der  Krisen  und  Erschütterungen  des  Marktes  ist.  So  ist
es  klar,  daß  eine  Verständigung  zwischen  den  Produzenten  zum
Ziele  führen  muß,  wenn  sie  lückenlos  ist.  Ls  bedeutet  Las  freilich ­
  nicht  weniger  als  den  vollkommenen  Bruch  mit  dem  tzauptgrundsatz
  unserer  modernen  Wirtschaft,  der  freien  Konkurrenz.
Diese  Verständigung  führt  in  allen  Fällen,  die  uns  hier  hauptsächlich ­
  interessieren,  dazu,  die  Produktionsmenge  genau  festzustellen, ­
  die  das  einzelne  Werk  nicht  überschreiten  darf.  Das
geschieht  indirekt  oder  direkt  in  verschiedenen  Formen.  Indirekt
etwa  so,  daß  die  Mitglieder  sich  verpflichten,  die  Zahl  ihrer  Arbeiter ­
  nicht  zu  erhöhen,  oder  daß  sie  ihre  Werke  nur  so  und  so  viel
Tage  im  Jahre  in  Betrieb  setzen.  Direkt,  wie  beim  Kohlen--«
Syndikat  und  Stahlwerksverband,  daß  die  Fördermenge  ganz
genau  in  Tonnen  für  jedes  einzelne  Werk  festgesetzt  wird.  Die
        <pb n="107" />
        Störungen  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  tot
Einhaltung  dieser  Vereinbarungen  wird  auf-  schärfste  bewacht;
auf  den  Bruch  sind  hohe  Konventionalstrafen  gesetzt,  und  auch
direkte  Kontrollen  erfolgen.  ■
Es  ist  natürlich  Bedingung,  wenn  man  auf  diese  weise  zum
erwünschten  Ziele  kommen  will,  daß  nicht  außerhalb  des  Kartells
andere  werke  stehen,  die,  ohne  auf  diese  Vereinbarungen  Rücksicht ­
  zu  nehmen,  dem  Publikum  billigere  Preise  machen.  Gegen
diese  „outsider"  hilft  man  sich  vor  allem  mit  dem  bewährten
Mittel  der  Preisunterbietung.
Aber  noch  auf  einem  anderen  Wege  kann  ein  Kartell  fickt  die
Alleinherrschaft  sichern.  Ls  kann  nämlich  diejenigen  seiner  Abnehmer ­
  schlechter  behandeln,  die  nicht  allein  von  ihm,  'sondern
auch  von  Konkurrenten  außerhalb  des  Kartells  kaufen,  ja  cs  kann
sogar  diese  Kunden  gänzlich  boykottieren.
Der  Abnehmer,  der  Käufer  ist  es  ja  überhaupt,  auf  den  es  den
Kartellen  naturgemäß  in  letzter  Linie  ankommt.  Daß  hier  nicht
jedes  Kartell  mit  der  wünschenswerten  Mäßigung  verfährt,  ist
allgemein  bekannt.  Besonders  heftig  sind  die  Klagen  vom  national-wirtschaftlichen ­
  Gesichtspunkte  aus.  Deut  Kartellen  kommt
es  darauf  an,  ihre  Produktion  stetig  zit  erhalten;  sie  pflegen  deshalb ­
  mit  besonderer  Sorgfalt  die  Beziehungen  zu  den  Kunden  im
Ausland.  Der  Kunden  im  Inland  sind  sie  gewölmlich  ziemlich
sicher,  da  meist  ihr  Produkt  durch  Zölle  geschützt  ist.  Anders  im
Auslande,  wo  das  Kartell  vielleicht  selbst  Zoll  bezahlen  muß  und
wo  es  mit  anderen  Ländern  konkurrieren  muß.  Kamentlich  gegen
die  Kohlen-  und  Lisenkartelle  sind  in  dieser  Beziehung  immer
wieder  heftige  vorwürfe  erhoben  wordne.
Die  Stärke  der  Kartelle  liegt  darin,  daß  verhältnismäßig  wenig
Produzenten  zu  vereinigen  sind;  weitigstens  sind  nur  dort  die
Kartelle  groß  geworden,  wo  diese  Voraussetzung  gegeben  war.
Demgegenüber  sind  die  Abnehmer,  die  Konsumenten  unzählige,
wer  braucht  nicht  alles  Kohlen;  eigentlich  jeder  Mensch  und  ga'tz
gewiß  jede  Fabrik.  Und  mit  dem  Eisen  steht  es  ähnlich.  Da  ist
denn  eine  gemeinsame  Gegenwirkung  gegen  das  Kartell,  nicht
leicht  zustande  zu  bringen.  Immerhin  kommen  solche  Vereinigungen ­
  von  Verbrauchern,  von  Konsumenten  (Gegen-Kartelle)
  schon  vor.  So  haben  sich  z.  B  die  Detailgeschäfte  der
Tertilindustrie  zu  verbänden  zusammengeschlossn  die  schon  stattliche ­
  Erfolge  aufzuweisen  haben.  Es  wäre'  sehr  wohl  denkbar,
daß  hier  ein  ähnliches  Verhältnis  sich  bilden  könnte,  wie  zwischen
        <pb n="108" />
        102  '  Verteilung  des  Volkseinkommens.
den  Arbeitgeber-  und  Arbeiterverbänden,  ein  verhandeln  von
Macht  zu  Macht,  das  sicher  gegenüber  dem  bisherigen  Zustande
des  ungeregelten  Kampfes  viel  Vorteile  böte.
lvie  diese  Störungen  in  der  Verfassung  unserer  lvirtschast
liegen/  so  liegen  andere  große  (Quellen  der  Störung  in  der  sozialen ­
  Schichtung  des  Volkes.  Kämpft  der  Produzent
,gegen  den  Konsumenten,  der  Rohstoffabrikant  gegen  den  verfeinerungsindustriellen, ­
  ja  der  Konkurrent  mit  dem  Konkurrenten
überhaupt  so  kämpfen  die  Unternehmer  mit  den  Arbeitern  um
ihren  Anteil  an  dem  Gesamterträgnis  der  nationalen  Wirtschaft.
Der  Arbeiter  verlangt  höhere  Löhne,  kürzere  Arbeitszeit,
bessere  Arbeitsbedingungen,  die  nicht  weniger  materielle  werte
darstellen,  als  die  Löhne  selbst.
Diese  Kämpfe  werden  wir  freilich  erst  ganz  verstehen,  wenn
wir  uns  das  Problem  der  Verteilung  -des  volkseinkonrmens
  nach  dem  Anteil  der  verschiedenen
Produktionsfaktoren  klargemacht^ haben.

B.  Die  Verteilung  des  Volkseinkommens.
Die  gesamten  Einnahmen,  die  ein  Volk  im  Laufe  eines  Jahres
erwirtschaftet,  verteilen  sich  an  die  Glieder  des  Volkes  ungleichmäßig. ­
  Die  Maßstäbe  dieser  Verteilung  werden  von
manchen  Forschern  wie  von  Schumpeter,  ausschließlich  in
den  ökonomischen  Verhältnissen  gesucht,  während  andere,  wie
Tugan-Baranowsky  und  Stolzmann,  die  sozialen
Verhältnisse  zur  Erklärung  heranziehen,  wir  treten  der  Meinung
bei,  daß  sie  sich  auf  Grundlage  der  jeweiligen  Rechtsordnung  nach
der  Geltung  bestimmen,  die  sich  die  einzelnen  produktionsfaktoren
  innerhalb  der  Wirtschaft  zu  verschaffen  gewußt  haben.  Die
vorwegnähme  eines  Teiles  des  Ertrages,  wie  sie  mit  der  Sklaverei-oder ­
  der  Fronverfassung  verbunden  sind,  kennt  die  Gegenwart ­
  nicht;  nur  der  Staat  beansprucht  gelegentlich  noch  „Regalvorrechte", ­
  wie  etwa  das  Deutsche  Reich  solche  von  der  Diamantproduktion ­
  SUdwestafrikas  verlangte.  Der  wirtschaftliche  verteilungszwang ­
  ist  freilich  in  seinem  Erfolge  nicht  weniger  wirksam
als  der  rechtliche,  aber  er  ist  nicht  so  starr.  Tatsächlich  vollziehen
sich  fortwährend  Verschiebungen  in  der  Verteilung
zwischen  Arbeits-  und  B  e  s  i  tz  e  i  n  k  o  m  m  e  n  und
Unternehmergewinn.  &amp;gt;  Im  einzelnen  werden  gar  nicht
        <pb n="109" />
        Das  Arbeitseinkommen.

105

selten  diese  drei  Linkommensformen  gemeinsam  und  ungetrennt
auftreten.  Beim  Bauern  und  Handwerker,  die  Besitzer  ihres  Gütchens ­
  oder  des  Inventars  der  Werkstatt  sind  und  die  zugleich  selbst
mitarbeiten,  wird  man  Arbeit--,  Besitz-  und  Unternehmereinkommen ­
  kaum  scheiden  können,  und  ähnliche  Verhältnisse  zeigen
sich  bei  schärferer  Betrachtung  in  vielen  anderen  Fällen.  Doch
müssen  wir  an  der  begrifflichen  Scheidung  streng  festhalten;  der
Arbeiter,  der  nichts  besitzt  als  seine  Aörperkcäfte  auf  der  einen
Seite,  der  Kapitalist,  der  nur  von  seinen  Renten  lebt,  ohne  einen
Finger  zu  rühren,  beziehen  ihre  Einkommen  sichtlich  aus  ganz
verschiedenen  (Quellen.  Der  Besitzer  von  Grund  und  Boden  ist
dabei  als  Kapitalist  anzusehen;  wenn  auch  die  Natur,  wie  wir
gesehen  haben,  ihre  Besonderheiten  hat,  so  betreffen  diese  doch
nur  den  Produktionsprozeß.  Auch  die  Grundrente  werden  wir
aus  der  Tatsache  des  Besitzes  erklären.  Der  Unternehmer  allerdings ­
  kommt  nur  als  solcher,  ohne  Verbindung  mit  2lrbeit  und
Kapital,  nicht  vor;  doch  werden  wir  auch  den  Unternehmergewinn ­
  theoretisch  als  gesonderte  Einkommenguelle  zu  betrachten
haben,  wir  müssen  nun  untersuchen,  wie  sich  das  Volkseinkommen ­
  wirklich  verteilt  und  nach  welchen  Bestimmungsgründen  sich
diese  Verteilung  regelt.
s.  Das  rlrbeitseinkommen  (Lohn).
Die  Lohnhöhe  bestimmt  sich  zunächst  durch  Angebot ­
  und  Nachfrage  nach  der  „Ware  Arbeitskraft"; ­
  die  Arbeit  nimmt  darin  keine  andere  Stellung
ein  als  jeder  andere  käufliche  Gegenstand.  Je  gesuchter  eine  besondere ­
  Arbeitsfähigkeit  ist,  um  so  höher  wird  unter  sonst  gleiche,:
Umstanden  der  Lohn  sein,  den  chr  Träger  zu  erlangen  vermag.
Demgemäß  stehen  die  Löhne  der  „gelernten"  Arbeiter,  höher  als
die  der  ungelernten.  Man  pflegt  jetzt  noch  eine  Zwischenschicht
auszuscheiden;  die  „angelernten".  Unter  ihnen  versteht  man  solche,
die  ohne  eine  längere  Lehrzeit»Lurchgemacht  zu  haben,  doch  tn
einigen  Wochen  oder  Monaten  eine  Anzahl  Handgriffe  gelernt
haben,  die  zur  Erreichung  des  jeweiligen  Arbeitsziels  nötig  oder
nützlich  sind.  Die  Abstufung  zwischen  diesen  drei  Schichten  ergibt
sich  aus  der  Natur  der  Sache,  ebenso  wie  eine  solche  nach  der  besonderen ­
  Leistungsfähigkeit.  Ls  erhalten  also  jugendliche  und
weibliche  Arbeiter  weniger  als  erwachsene  männliche;  man  will
        <pb n="110" />
        Das  Arbeitseinkommen.

ro-r
auch  schon  allgemein  ein  Sinken  der  Leistungsfähigkeit  und  des
Lohnes  bei  den  männlichen  Arbeitern  um  das  qo.  Lebensjahr  festgestellt ­
  haben.  Innerhalb  der  einzelnen  Arbeiterkategorien,  soweit
sie  sich  nicht  gegenseitig  ersetzen  können,  spielt  sich  wieder  Angebot
und  Nachfrage  für  sich  ab;  der  „Markt"  der  hochgelernten  Monteure ­
  oder  Bierbrauer  ist  ein  ganz  anderer  als  der  der  jugendlichen
Hilfsarbeiter.  Auf  dem  gesäurten  Arbeitsmarkt  wie  auf  den  einzelnen ­
  „Spezialmärkten"  drängen  die  Arbeitsuchenden  dorthin,
wo  die  größte  Nachfrage  ist  und  die  höchsten  Löhne  gezahlt  werden;
ein  solches  ständiges  Fluktuieren  findet  von  Gewerbe  zu  Gewerbe
wie  von  ®rt  zu  &amp;lt;Vrt  statt.  Der  Zustrom  geht  weiter,  bis  die  Nachfrage ­
  durch  das  Angebot  erreicht  oder  gar  überboten  wird;  damit
sinkt  dann  der  Lohn,  und  das  Angebot  wendet  sich  wieder  anderen
Märkten  zu.  Schließlich  wird  es  so  knapp,  daß  der  Lohn  wieder
erhöht  werden  muß,  um  die  Lücken  auszufüllen,  und  so  wiederholt ­
  sich  das  Spiel  immer  von  neuem.  Das  gilt  nicht  nur  für  die
Landarbeit,  sondern  auch  für  die  höheren  und  selbst  die  „studierten" ­
  Berufe.  Immer  wieder  w&amp;gt;rd  vor  dem  Zuzug  zu  einzelnen
solchen  Berufen,  der  Medizin,  dem  Postfach,  der  Theologie  von
Zeit  zu  Zeit  gewarnt,  weil  sie  überfüllt  seien:  einzelne  gut  organisierte ­
  akademische  Stände  wie  die  Zlrzte  versuchen  sogar,  eine
Regelung  und  Einschränkung  des  örtlichen  Angebots  durch  Verhinderung ­
  des  Zuzugs.  Das  hält  natürlich  2lrbeitsuchende  nicht
ab,  dennoch  ihr  Glück  zu  versuchen,  namentlich  dann,  wenn  noch
weitere  Umstände  die  fragliche  Stellung  besonders  begehrenswert
erscheinen  lassen.  So  üben  die  akadennschen  Berufe  aus  leicht
begreiflichen  Gründen  diesen  Reiz  in  einem  solchen  Maße  aus,
daß  die  Gefahr  der  Entstehung  eines  breiten  akademischen  Proletariats ­
  unter  den  jetzigen  Umständen  sehr  groß  ist.  Bei  den  Handarbeitern ­
  hat  das  städtische  Leben  eine  ähnliche  verhängnisvolle
Anziehungskraft,  so  daß  das  verödete  Land  zu  gleicher  Zeit  die
bittersten  Klagen  über  Arbeitermangel  vernehmen  läßt,  während
in  der  Stadt  nicht  weniger  hefjig  über  Arbeitslosigkeit  geklagt
wird.
Insofern  ist  der  Mensch  eben  keine  Mare,  als  er  nicht  ein
bloßes  Gbjekt  der  Wirtschaft,  sondern  ein  fühlendes,  und  zwar  oft
sehr  lebhaft  fühlendes  Wesen  ist.  Er  läßt  sich  nicht  versenden  wie
Zucker  oder  Goldbarren,  um  den  jeweils  zahlungsfähigsten  Markt
aufzusuchen,  sondern  er  wird  durch  psychologische  vorst
  e  l  l  u  n  g  e  n  aller  Arten,  Anhänglichkeit  an  die  Familie,  Be-
        <pb n="111" />
        Bestimmung  der  Lohnhöhe.

105

türfnis  nach  einer  wechselvolleren  Lebensgestaltung,  Hoffnung
auf  bessere  Zeiten  auch  dort  festgehalten,  wo  nicht  der  allerhöchste
Lohn  zu  erreichen  ist.
Allerdings  hat  diese  freie  .Selbstbestimmung  ihre  Grenze;  der
Mensch  muß  schließlich  leben.  Ejier  ist  auch  die  Grenze  gegeben, ­
  bis  z  u  welcher  der  Lohn  dauernd  sinken
kann;  ist  ein  Gewerbe  oder  ein  Land  nicht  mehr  imstande,  einen
Lohn  zu  zahlen,  der  zur  Leben«fristung  ausreicht,  so  werden  sie
von  den  Arbeitern  notgedrungenerweise  verlassen.  Umgekehrt  kann
auch  der  Arbeitgeber  nicht  jeden  beliebigen  Lohn
zahlen;  er  muß  sicher  sein,  daß  ihm  in  dem  preise,  den  er  für
bas  fertige  Produkt  erhält,  die  Rosten  des  Lohnes  —  neben  den
übrigen  Selbstkosten  —  zum  mindesten  ersetzt  werden.  Dort,  wo
die  Löhne  sehr  hoch  stehen,  wie  in  den  australischen  Staaten,  sind
denn  auch  gewisse  Industrien  nicht  möglich.
Innerhalb  der  Grenzen  der  Erhaltung  des
Arbeiters  und  der  Ro  st  enrexrod  Aktion  für  den
Unternehmer  können  die  Löhne  in  ziemlich
weitem  Umfange  schwanken.  Man  hat  das  früher  bestritten. ­
  Im  Mittelalter,  soweit  die  Bevölkerung  überhaupt  in
eine  Lohnpolitik  hineingezogen  wurde,  wollte  die  kirchliche  Lehre
vom  justum  pretium,  dem  gerechten  Lohne,  bewußt ­
  einen  Ausgleich  der  Interessen  des  kfandwerkers  und  feiner
Gesellen  herbeiführen;  diese  Auffassung  fand  noch  einmal  einen
großartigen  Ausdruck  in  dem  englischen  „L  e  h  r  l  i  n  g  s  g  e  s  e  tp
der  Königin  Elisabeth  von  1562,  das  in  Rodifizierung
älterer  Bestimmungen  die  Lohnfestsetzung  den  Friedensrichtern
übertrug.  Der  aufkommende  Frühkapitalismus  zerbrach  dies  Gesetz ­
  wie  die  alte  Anschauung  überhaupt;  unter  dem  Eindruck  des
starken  ^erabsinkens  der  Arbeiterklasse  in  dieser  Zeit  setzte  sich
die  pessimistisch  gefärbte  Überzeugung  auf  beiden  Seiten  fest,  daß
der  Lohn  des  Arbeiters  dem  denkbar  niedrigsten  Stande  immer
zustreben  müsse.  Diese  Anschauung  wurde  von  den  Vertretern
der  Arbeiterinteressen  in  dem  „ehernen  Lohngesetz",  von  den
Unternehmerfreunden  in  der  „Lohnfondstheorie"  formuliert.
Das  eherne  Lohngesetz  ist  zuerst  von  Ricardo  ausgesprochen ­
  worden;  in  seiner  heutigen  Formulierung  stammt  es
von  dem  Arbeiterführer  Ferdinand  Lassalle.  In  seinem
berühmten  „Gffenen  Antwortschreiben  an  das  Zentralkomitee
zur  Berufung  eines  Allgemeinen  Deutschen  Arbeiterkostgresses
        <pb n="112" />
        106

Das  Arbeitseinkommen.

zu  Leipzig"  vom  Jahre  1863  gibt  er  ihm  oie  Fassung:  „daß  der
durchschnittliche  Arbeitslohn  immer  aus  den  notwendigen  Lebensunterhalt ­
  reduziert  bleibt,  der  in  einem  Volke  gewohnheitsmäßig
zur  Fristung  der  Existenz  und  zur  Fortpslanzung  erforderlich  ist".
Dies  sei  der  Punkt,  so  argumentiert  er  weiter,  um  welchen  der
wirkliche  Tagelohn  in  Pendelschwingungen  jederzeit  herum  gravitiere, ­
  ohne  sich  jemals  lange  über  ihn  erheben  noch  unter  ihn
hinunter  fallen  zu  können.  Er  könne  sich  nicht  dauernd  über  diesen
Durchschnitt  erheben  —  denn-sonst  entstünde  durch  die  leichtere,
bessere  Lage  der  Arbeiter  eine  Vermehrung  der  Arbeiterehcn
und  der  Arbeiterfortpflanzung,  eine  Vermehrung  der  Arbeiterbevölkerung ­
  und  somit  des  Angebots  -  von  Händen,  welche  den  ,
Arbeitslohn  wieder  auf  und  unter  seinen  früheren  Stand  hinavdrücken
  würde.  Der  Arbeitslohn  könne  aber  auch  nicht  dauernd
tief  unter  diesen  notwendigen  Lebensunterhalt  fallen,  denn  dann
entständen  Auswanderung,  Ehelosigkeit,  Enthaltung  von  der
Aindererzeugung  und  endlich  eine  durch  Elend,  erzeugte  Verminderung ­
  der  Arbeiterzahl,  welche  somit  das  Angebot  von
Arbeiterhänden  verringere  und  den  Zlrbeitslohn  damit  wieder
auf  den  früheren  Stand  zurückbringe.  Der  wirkliche  durchschnittliche ­
  Arbeitslohn  kreise  daher  beständig  um  jenen  seinen  Schwerpunkt ­
  herum,  in  den  er  sortdauernd  zurücksinken  müsse.  Den
Ausweg  sieht  Lassalle  in  der  2lufhebung  der  Scheidung  vom
Arbeitslohn  und  Unternehmergewinn  in  der  Weise,  daß  der
Arbeiterstand  durch  Produktivassoziationen  zu  seinem  eigenen
Unternehmer  gemacht  werde.
Die  L  o  h  n  f  o  n  d  s  t  h  e  o  r  i  e  ,  von  deren  Vertretern  nur  der
Engländer  Senior  genannt  sei,  behauptet,  daß  in  jedem  Lande
und  zu  jeder  Zeit  überhaupt  nur  ein  bestimmter  Fonds  vorhanden
sei,  aus  dem  Arbeiterlöhne  gezahlt  werden  könnten.  Danach  ist
der  Lohn  ein  einfacher  Quotient  aus  der  Zahl  der  Arbeiter  und
der  Summe  des  Lohnfonds  und  kann  sich  nur  durch  Verminderung ­
  oder  Vermehrung  der  Zahl  der  Arbeiter  ändern.
wir  wollen,  ohne  auf  dieses  vielumstrittene  Gesetz  weiter  einzugehen, ­
  nur  darauf  Hinweisen,  daß  die  Löhne  in  den  letzten  Iahrzehnten'
  in  allen  Kulturländern  stark  gestiegen  sind,  und  zwar  bei
gleichzeitigem  ebenso  starken  Steigen  der  Zahl  der  Gesamtbevölkerung ­
  wie  insbesondere  der  Arbeiter.  Diese  haben  sich  als  Klaffe
einen  größeren  Anteil  an  dem  Gesamteinkommen  der  Nation  zu
erringen  verstanden,  indem  sie  ihre  Lebenshaltung  hoben
        <pb n="113" />
        Eherne^  Lohngesetz  und  Lohnfondstheorie.  so?
und  ständig  festhielten.  Der  Begriff  des  Existenzminimums ­
  ist  nämlich  keineswegs  eindeutig  in  dem  Sinne,  Laß  es
gleichbedeutend  mit  der  Summe  von  Nahrung  und  Witterungsfchutz
  fei,  die  zur  Lebensfristung  notwendig  ist.  vielmehr  ist  der
Begriff  psychologisch,  ja  in  einem  gewissen  Grade  auch  physiologisch ­
  äußerst  dehnbar;  er  enthalt  vor  allem  die  ausgesprochenste
Tendenz,  eine  einmal  erreichte  höhe  mit  allen  Mitteln  festzuhalten. ­
  Der  Arbeiter  von  heute  stellt  an  Nahrung,  Kleidung,
lvohnung,  BilLungsmittel,  Unterhaltung  ganz  andere  Anforderungen ­
  als  sein  Vorgänger  vor  einem  halben  oder  gar  einem
ganzen  Jahrhundert,  und  er  dehnt  diese  Airspriiche  ständig  aus.
„Die  verfluchte  Bedürfnislosigkeit",  über  die  Lassalle  noch  klagte,
hat  sich  der  Arbeiter  gründlich  abgewöhnt;  das  Niveau  seiner
Lebenshaltung  hat  sich  stellenweise  nicht  unbeträchtlich  über  das
des  städtischen  Mittelstandes,  geschweige  denn  des  Kleinbauern
gehoben.  Dies  kommt  nicht  nur  in  den  höheren  Löhnen  selbst,
sondern  auch  in  den  Arbeitsbedingungen  und  vor  allem  in  der
verkürzten  Arbeitszeit  zum  Ausdruck,  die  ja,  abgesehen  von  ihrer
sonstigen  Bedeutung,  auch  einen  materiellen  Vorteil  darstellt.
Diese  Erhöhung  der  Löhne  und  die  Verbesserung  der  sonstigen
Arbeitsbedingungen  ist  aber  kein  reines  Geschenk,  das  der  Arbeiter
sich  vom  Unternehmer  ertrotzt  hat,  wenn  auch  der  rein  soziologische
Faktor  der  Macht  entscheidend  mitwirkt;  der  Lohnerhöhung  entspricht ­
  vielmehr  unter  normalen  Umständen,  wenn  auch  nicht  mit
mathematischer  Genauigkeit,  eine  Erhöhung  der  Leistungen.
Der  hochkapitalistische  Unternehmer  glaubt  nicht  mehr  wie  der
frühkapitalistische,  daß  die  stärkste  2lnspannung  des  Arbeiters  geeignet ­
  sei,  das  Maximum  von  Arbeit  an  (Quantität  und  «Qualität
zu  erzielen.  Mir  haben  bei  der  Besprechung  der  Arbeit  als  Produktionsfaktor ­
  die  moderne  übungs-  unb  Ermüdunaspfychologie
kennengelernt  und  gesehen,  wie  abhängig  die  Leistungen  des
Arbeiters  von  den  Bedingungen  sind,  unter  denen  er  arbeitet.
Line  Reihe  von  versuchen  haben  gezeigt,  daß  eine  verständige
Herabsetzung  der  Arbeitszeit  den  Wert  der  2lrbeit
nicht  verminderte,  sondern  nack  einer  kurzen  Übergangszeit  sogar
erhöhte.  Natürlich  muß  diese  kferabsetzung  ihre  Grenzen  haben,
wenn  das  „Optimum"  der  Leistung  nicht  unterschritten  werden
soll;  ebenso  wie  eine  solche  Verkürzung  der  Arbeitszeit  nicht  in
allen  Gewerben  gleichmäßig  wirken  wird.  Der  berühmte  Versuch, ­
  den  Abbe  in  Len  Jenaer  Zeitzwerken  mit  der  Einführung
        <pb n="114" />
        108

Das  Arbeitsemkommen.

des  Achtstundentages  gemacht  hat,  spricht  in  seinen  Erfolgen
durchaus  für  dieses  Experiment.
Die  allgemeine  Festsetzung  einer  gleichmäßigen  Arbertszert  tzt
allerdings  höchst  schematisch,  da  die  Beanspruchung  der  Kraft2
des  Arbeiters  bei  den  einzelnen  Beschäftigungen  sehr  verschieden
ist  —  Bergarbeiter  und  Portier!  Auch  die  rationelle  Ausnutzung
-er  sachlichen  Produktionsmittel  wird  durch  solchen  Schematismus ­
  gefährdet.  _  ..
Ähnlich  wie  bezüglich  der  Arbeitszeit  hat  sich  auch  bezüglich
-er  eigentlichen  Lohnhöhe  eine  höhere  Leistungsfähigkeit  des
besser  gestellten  Arbeiters  ergeben.  Namentlich  waren  es  Untersuchungen, ­
  die  ein  englischer  großer  Lisenbahnunternehmer,  Lord
B  r  a  s  s  ey  ,  bei  Arbeiten  in  den  verschiedensten  Ländern  und  mit
dem  mannigfachsten  Menschenmaterial  anstellen  konnte,  die  reichliches ­
  Material  für  den  Beweis  dieser  Behauptung  ergaben.  Bis
zu  einem  gewissen  Grade  ergibt  dies  and)  der  Augenschein,  daß
etwa  ein  englischer  gut  genährter  2lrbeiter,  der  das  vierfache  des
Tagelohns  des  indischen  Kulis  erhält,  auch  das  vierfache  leisten
wird.
Aber  auch  diesen  Satz  darf  man  nicht  zu  sehr  drucken,  als  00
nun  automatisch  in  jedem  Falle  eine  Lohnerhöhung  zur  Mehrleistung ­
  von  Arbeit  führen  würde.  Schon  deshalb  nicht,  weil  der
Arbeiter  gar  nicht  immer  mehr  leisten  will,  sei  es  auch  nur  aus
dem  kameradschaftlichen  Gefühl  heraus,  nicht  andere  ganz  arbeitslos ­
  zu  machen.  Ls  wird  von  den  englischen  Gewerkschaften  vielfach ­
  behauptet,  daß  sie  „ca'canny“=P  olitik  trieben,  welches
schottische  Wort  bedeutet,  -aß  sie  ihre  Mitglieder  zu  absichtlich
langsamer  Arbeit  veranlaßten.  Demgegenüber  versuchen  wieder
die  Unternehmer,  nicht  nur  durch  eine  strenge  Arbeitsaussicht,
sondern  auch  durch  eine  durchgeführte  Arbeitsorganisation  das
Gptimum  von  Werk  für  ihre  Lohnzahlung  zu  erhalten.  Als
Mittel  dazu  dienen  besondere  Lohnformen.
Die  Form  des  Lohnes  ist  selbstverständlich  von  großer
Bedeutung  nicht  nur  für  die  Arbeitsorganisation,  sondern  auch  für
den  Arbeiter  selbst.  Ls  ist  durchaus  nicht  gleichgültig  für  ihn.  ob
er  den  Lohn  in  Geldsorm  oder  in  Gestalt  von  waren  erhält,  auch
wenn  diese  notwendig  für  ihn  sind.  Die  N  a  t  u  r  a  l  z  a  h  l  u  n  g
spielte  bis  in  die  Gegenwart  hinein  eine  besondere  Rolle  in  der
Landwirtschaft,  wie  unschwer  zu  erklären  ist.  Der  Arbeiter  muß
essen  und  triüken,  er  muß  auch  wohnen;  wie  nahe  liegt  es  dann.
        <pb n="115" />
        Arbeitszeit  -unt  Arbeitsleistung.  109
daß  ihm  der  Arbeitgeber  Wohnung,  daß  er  ihm  die  Lebensmittel
wenigstens  teilweise  gibt,  soweit  er  sie  in  seiner  Wirtschaft  selbst
produziert.  Dies  gilt  nicht  nur  für  die  im  Lsause  selbst  wohnenden
Knechte  und  Mägde,  die  genau  wie  die  städtischen  Dienstboten
den  lsauptteil  ihres  Lohnes  in  diesem  Anteil  an  der  Hausgemeinschaft ­
  erhalten,  sondern  auch  für  Tagelöhner  der  verschiedenen
Arten,  denen  Häuschen  zum  Wohnen,  Kartoffelland,  Weideberechtigung
  für  eine  Auh  oder  ein  paar  Ziegen,  vielleicht  sogar
auch  noch  beim  Ernten  und  Dreschen  (bort,  wo  noch  mit  der  Hand
gedroschen  wird)  die  so  und  sovielte  Garbe,  der  so  und  sovielte
Scheffel  überlassen  wird.  Bedenklich  kann  die  Lieferung  von
Naturalien  dann  werden,  wenn  sie  von  dem  Unternehmer  erst
gekauft  werden  und  er  nun  daran  wieder  verdient,  namentlich
dann,  wenn  ein  Kaufzwang  auf  die  Arbeiter  ausgeübt  wird.
Letzteres,  das  sogenannte  Trucksystem,  ist  denn  auch  durchwegs ­
  wegen  der  damit  verknüpften  Mißbräuche  verboten.
Line  —  man  möchte  sagen  psychologische  —  Schwierigkeit  des
Naturallohnes  liegt  darin,  daß  der  wert  der  Naturalien  nicht
ohne  weiteres  zu  schätzen  ist;  der  Arbeiter  wertet  vielleicht  das,
was  er  nicht  als  Bargeld  erhält,  zu  gering.  Seine  Bewertung  des
Lohnes  ist  überhaupt  oft  genug  eine  äußerliche,  indem  sie  sich
rein  an  die  Summe  hält.  Das  Geld  hat  aber  keinen  Eigenwert
als  Konsumgut,  sondern  dient  dazu,  ihm  seinen  Bedarf  zu  beschaffen; ­
  entscheidend  ist  also  nur  die  jeweilige  Kaufkraft  des
Geldes.  Diese  ist  aber  nach  Zeit,  und  (Drt  bisweilen  recht  verschieden. ­
  Ls  kann  sehr  wohl  der  Fall  sein,  daß  trotz  der  höheren
Lohnsumme,  die  der  Arbeiter  t-er  einen  Gegend  erhält,  er  tatsächlich ­
  sehr  viel  weniger  Bedürfnisse  damit  befriedigen  kann,
weil  Wohnung.  Nahrungsmittel  und  was  er  sonst  braucht,  unverhältnismäßig ­
  mehr  kosten.  Namentlich  bei  der  Frage  der
Lohnsteigerungen  ist  dies  zu  beachten.  Ls  ist  oft  recht  schwierig,
die  Veränderungen  des  wirklichen  Lohnes  festzustellen,  weil  die
Preisbewegung  sehr  verschiedener  2lrtikel  in  verschiedensten  (Qualitäten ­
  damit  zu  vergleichen  ist;  aber  es  scheint  doch  beispielsweise
ziemlich  erwiesen,  daß  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege  der
Lohn  der  deutschen  Industriearbeiter,  im  Durchschnitt  genommen,
stärker  gestiegen  ist  als  der  Preis  der  wichtigsten  Lebensbedürfnisse.
Die  psychologische  Rückwirkung  der  Lohnform  auf  den  Arbeiter
hat  schon  früh  zu  dem  versuche  geführt,  durchdieLohnförm
auf  die  Arbeit  selbst  einzuwirken.  Die  natürlichste
        <pb n="116" />
        Das  Arbeitseinkommen.

no
Form  -es  Lohnes  ist  die  nach  der  Zeit,  der  Stunden-,
Tages  -  oder  auch  Jahres  lohn.  Ein  Zusammenhang
zwischen  Lohnform  und  Arbeit  liegt  in  diesem  Falle  nur  dann
vor,  wenn  gerade  die  Sicherheit,  den  Lohn  unter  allen  Umständ  n
gleichmäßig  zu  erhalten,  die  (Qualität  ,j) er  geleisteten  Arbeit  verbürgt. ­
  Die  allerschwierigstm  und  verantwortungsvollsten  Arbeiten ­
  werden  deshalb  im  Zeitlohn  bezahlt;  nicht  nur  in  der  Industrie, ­
  sondern  auch  itt  weiten  Gebieten  der  geistigen  Arbeit.
Der  Richter  mußte  früher  wohl  sein  Einkommen  in  den  Sportein
suchen,  die  ihm  aus  den  Rechtshändeln  abfielen;  wir  halten  heut
die  Unabhängigkeit  des  Richters  dadurch  gefährdet  und  wünschen
für  ihn  eine  gleichmäßige  und  ihm  in  allen  Fällen  garantierte
Einnahme  wie  für  alle  Beamten.  2lber  auch  die  allergerinawertigste,
  die  Tagelöhnerarbeit,  wird  nach  der  Zeit  bezahlt;  hier
allerdings  ohne  alle  tieferen  Absichten,  sondern  nur  deshalb,  roeü  -
man  eine  bessere  Form  nicht  gefunden  hat.  Der  2l  k  k  o  r  d  -
oder  Stücklohn,  Len  man  nämlich  sonst  in  der  Mehrzahl
der  Fälle  anwendet  ist  an  die  Voraussetzung  gebunden,  daß  der
Erfolg  der  Arbeit  feststellbar,  durch  Messen  oder  Zählen  genau
zu  ermitteln  ist.  Ls  wird  also  dann  der  Arbeiter  nach  der  Zahl
der  geleisteten  Stücke  bzw.  dem  (Quantum  Zlrbeit  bezahlt,  das  er
fertiggebracht  hat.  Dies  hat  für  Arbeiter  wie  Unternehmer  den
unschätzbaren  Vorteil,  daß  der  Fleißige  und  Tüchtige  nicht  ebenso
fährt  wie  der  Träge  und  Untüchtige.  Dem  Arbeiter  ist  die
Möglichkeit  gegeben,  mehr  zu  verdienen  als  der  Durchschnitt,
seine  besonderen  Gaben  auszunutzen.  Damit  ist  freilich  auch
wieder  die  Gefahr  einer  Überspannung  verbunden;  „Akkordarbeit ­
  ist  Mord  arbeit"  sagt  ein  altes  Sprichwort.  Namentlich
dann  liegt  die  Gefahr  vor,  wenn  der  2lrbeitgeber,  wie  dies
früher  gar  nicht  selten  geschah,  den  Lohn  für  die  Arbeitseinheit
ständig  herabsetzt,  sobald  die  Geschicktesten  oder  Strebsamsten  unter
dem  Einfluß  der  Übung  so  viel  produzieren,  daß  der  von  ihnen
verdiente  Lohn  weit  über  das  Mittelmaß  hinaussteigt.  Ein  solches
Vorgehen  des  Arbeitgebers  muß  böses  Blut  machen  und  hebt
einen  großen  Teil  der  Vorzüge  der  2lkkordarbeit  wieder  auf.
Andererseits  ist  recht  wohl  denkbar,  daß  namentlich  unter  dem
Einfluß  fortschreitender  Technik  die  auf  ein  Stück  aufzuwendende
Arbeitsmühe  erheblich  finkt,  in  diesem  Falle  ist  auch  die  kferabsetzung
  des  Stücklohnsatzes  gerechtfertigt.  Mir  werden  bald  sehen,
wie  bei  der  Fortbildung  des  2lrbeitsvertrages  Mittel  gesucht  und
        <pb n="117" />
        Zeit  und  Stücklohn.

Ul

gefunden  worden  sind.  i)ert  Interessen  beider  Parteien  gerecht  zu
werden,  indem  die  Stücklohnsätze  geyieinsam  in  den  sogenannten
Tarifverträgen  festgesetzt  werden.
Die  einfache  GrunOfornr  des  Stücklohns  ist  auf
das  mannigfache  variiert  worden,  um  immer  genauer
den  Lohn  der  Leistung  anzupassen,  und  zwar  meist  so,  daß  der
Lohn  mit  einer  IN  at  er  i  a  l--  oder  Zeitersparnisprämie
  kombiniert  wurde.  (Eine  Lokomotive  kann  eine  bestimmte ­
  Last  über  eine  bestimmte  Strecke  mit  einem  genau  zu  berechnenden ­
  Durchschnittsauiwand  von  Kohlen  befördern.  Je  nachdem ­
  der  Lokomotivheizer  mehr  oder  weniger  sorgfältig  ^seine
Maschine  bedient,  kann  mit  weniger  oder  mehr  Kohlenaufwand
das  gleiche  Ziel  erreicht  werden;  der  peizer  erhält  deshalb  im
ersteren  Fglle  eine  Prämie,  deren  Pohe  sich  nach  der  Aohlenerfparnis
  richtet.  Dabei  fahren  sowohl  der  Heizer  wie  der  Lisenbahyunternehmer
  gut.  (Ein  mhfungsroltes  und  dabei  unkompliziertes ­
  System  der  Zeitersparnisprämie  bat  die  große
westinghoufe  Electric  and  Manufacturing
LompanyinPittsburg  durchgeführt,  die  in  ihrem  Hauptwerke ­
  gegen  9000  Arbeiter  beschäftigt.  Die  Arbeiter  erhalten
Stnndenlohn,  der  sich  nach  den  seweiligen  besonderen  Verhältnissen ­
  richtet,  auch  gegebenenfalls  ohne  besonderes  Drängen
des  Arbeiters  erhöht  werden  soll.  Zugleich  ist  aber  für  jede
zu  leistende  Arbeit  eine  Normalzeit  festgesetzt;  wird  diese  vom
Arbeiter  unterschritten,  so  erhält  er  50%  des  ersparten  Lohnes.
Der  Arbeiter  ist  also  dabei  eines  seinen  Leistungen  entsprechenden
Dnrchschnittslohnes  gewiß,  erntet  aber  auch  die  Fruchte  eines
überdurchschnittlichen  Fleißes.  Selbstverständlich  ist  die  Festsetzung
der  Fristen,  zumal  bei  dem  Fortschreiten  der  Technik  und  der
Vielseitigkeit  der  Fabrikation  der  Westinghouse  Company,  keine
leichte  Aufgabe;  es  besteht  dafür  ein  besonderes  Bureau.  Im
Jahre  1908  waren  gegen  300  000  Fristen  in  Geltung;  täglich
kommen  gegen  300  neue  hinzu.
Diese  Feststellung  von  Normalfristen  ist  in  amerikanischen  Betrieben ­
  weit  verbreitet;  sie  wird  imürer  mehr  zur  höhe  einer  Kunst
erhoben.  Den  Gipfel  dieser  Kunst  stellt  augenblicklich  wohl  das
Taylorsystem  dar,  das.  seinen  Namen  von  dem  Ingenieur
Fred.  M.  Taylor  führt,  der  auch  in  der  Technik  als  Erfinder
des  Schnellarbeitsstahls  bekannt  geworden"  ist.  Taylor  ging  von
dem  Gedanken  einer  möglichst  rationellen  Ausnutzung  aller  pro-
        <pb n="118" />
        Das  Arbeitseinkommen.

112
duktionseleinente  aus,  die  wieder  eine  möglichst  intensive  Intausnutzung
  durch  die  Arbeiter  voraussetzt.  Um  dies  zu  erreichen,
sührte  er  ein  doppeltes  durch:  strenge  Trennung  der  rein  mechanischen ­
  2lusführungsarbeit  von  der  für  Vorbereitung  der  Arbeit
notwendigen  Denk-  und  überlegungsarbeit  und  exakte  Feststellung
der  für  jeden  einzelnen  Handgriff  nötigen  Zeit.  Lin  tüchtiger
Arbeiter  muß  die  Arbeit  verrichten,  während  ein  Ingenieur  die
einzelnen  2lrbeitsphasen  mit  der  Stoppuhr  mißt  und  aufzeichnet.
Diese  Aufzeichnungen  werden  in  „Unterweisungskarten"  für  jeden
einzelnen  Arbeitsauftrag  zusammengestellt  und  dem  Arbeiter  jeweilig ­
  vor  der  Arbeit  übergeben;  er  hat  sie  durchzulesen  und
sich  danach  zu  nebten.  Für  die  notwendigen  Unterbrechungen
werden  Zeitzuschläge  bewilligt,  so  daß  die  Gesamtarbeitszeit  für
den  Normalarbeiter  maßgebend  sein  muß.  Um  eine  Vorstellung
von  der  Genauigkeit  der  Taylorschen  Arbeitsmessung  zu  geben,
sei  ein  (von  Wallichs  angeführtes)  Beispiel  einer  solchen  Unterweisungskarte ­
  mitgeteilt.  Sie  bezieht  sich  auf  Schlitzfräsen;  dabei
ist  zu  bemerken,  daß  die  Arbeits-  bzw.  Einrichtzeit  in  Minuten

und  deren  Bruchteilen  gemessen  wird.  Die  „Linzelunterweisungen"
  der  Karte  lauten:
Arbeik^zelt
Minuten
Holen  der  Unterweisungskarte  2,00
Durchlesen  der  Karte  2,00
Einstellen  der  Geschwindigkeit  "  o,20
Anbringen  und  Einspannen  der  Spannvorrichtung  .  .  .  t,7S
Anbringen  des  Fräserdorns  0,58
Aufbringen  des  Schlitzfräsers  0,79
Aufnehmen  des  Stückes  0,05
Einhängen  in  die  Spannvorrichtung  0,07
Ingangsetzen  der  Maschine  0,0)
Schlitzen  eines  Ventilkegels  0,55
Herausnehmen  und  Fortlegen  :  .  .  0,06

von  diesen  n  Posten  entfallen  die  ersten  6  auf  das  Einrichten
der  Fräsbank,  das  also  7J2  Minuten  in  Anspruch  nimmt  und
während  des  weiteren  Arbeitsprozesses  nicht  von  neuem  erforderlich ­
  ist.  Die  letzten  5  posten  mit  0,53  Minuten  stellen  die
eigentliche  Arbeitszeit  dar,  für  die  Zeitaufschläge  von  insgesamt
0,22  Minuten  gewährt  werden,  so  daß  die  Fertigstellungszeit
für  i  Stück  0,75  Minuten  beträgt.  Am  Schluß  werden  wieder
        <pb n="119" />
        prämienlohnsysteme.

2,10  Minuten  für  Inordnungbringen  der  Maschine  angesetzt.
Die  Gesamtzeit  für  Fertigstellung  von  500  Stück  berechnet  sich
demnach  auf  500  X  0,75  +  (7,$2  +  2,10)  =  554,22  Minuten  oder
6,4  Stunden.  Taylor  wollte  für  die  Einhaltung  der  vorgeschriebenen ­
  Arbeitszeit  dem  Arbeiter  einen  hohen  Lohn  verbürgt
haben,  der  den  üblichen  um  30  bis  50%  überträfe,  während
umgekehrt  bei  Nichteinhaltung  der  Zeit  entsprechende  Abzüge  erfolgen ­
  sollten.  Dieses  Lohnverfahren  hat  sich  jedoch  nach  Wallichs
Bericht  als  zu  streng  erwiesen;  das  Taylorsche  System  der  Arbeitszeitberechnung ­
  wird  daher  gewöhnlich  mit  dem  sogenannten
Ganttschen  Lohnverfuhren  verbunden.  Dieses  Verfahren ­
  gewährt  &amp;gt;den  Leuten  in  jedem  Falle  den  üblichen  Stundenlohn,
  läßt  ihnen  jedoch  bei  Einhaltung  der  vorgeschriebenen  I^it
einen  Lohnaufschlag  van  meist  35%  zugute  kommen;  es  entspricht
also  im  wesentlichen  dem  System  der  Weftinghouse  Company.  Die
Formen  der  Lntlöhnungssystsme  sind  namentlich  in  Amerika  sehr
zahlreich;  aber  auch  bei  uns  in  Deutschland  haben  verschiedene
Unternehmungen,  wie  z.  B.  auck  die  technischen  Werke  der  Marineverwaltung,
  besondere  ihren  Verhältnissen  entsprechende  Löhnungsformen ­
  eingeführt.  Wir  sehen  von  der  Anführung  weiterer
Einzelheiten  ab;  aus  den  Mitteilungen  über  die  Systeme  der
Weftinghouse  Company  und  Taylors  haben  wir  erkannt,  daß
diese  Zeitersparnngslohnsormen  etwas  Doppeltes  beabsichtigen
und  bewirken,  nämlich  die  höchstmögliche  Leistung  des  Arbeiters
im  Interesse  des  Unternehmers  und  die  Bezahlung  des  Arbeiters
nach  seiner  Leistung.
Der  Gedanke  liegt  nun  nahe,  diese  beiden  Interessen---das
  des  Arbeiters  und  das  der  Unternehmung  —  noch  enger
,3  u  verknüpfen,  um  damit  noch  stärkere  Arbeitsantriebe  beim
Arbeiter  auszulösen.  Die  einfachste  2lusführungsform  dieser  Idee
ist  die  „gleitende  Skala"  (sliding  scale),  die  namentlich  im
englischen  Bergbau  eine  gewisse.  Rolle  spielte.  Es  wurde  eine
gleitende  Lohnskala  vereinbart,  die,  von  einem  Normallohn  ausgehend, ­
  der  einem  Normalpreis  der  Kohlen  am  Förderungsortc
entsprach,  die  Prozente  bestimmte,  um  die  der  Lohn  bei  einer
Veränderung  der  Preise  steigen  oder  fallen  sollte.  Diese  Anpassung
der  Löhne  an  die  Preise  bewährte  sich  bei  steigender  Konjunktur,
rief  aber  bei  fallender  Konjunktur  den  Widerstand.der  Arbeiter
hervor,  die  sich  inzwischen  an  eine  höhere  Lebenshaltung  gewöhnt
hatten;  sie  war  dann  mehrfach  die  Veranlassung  zu  Streiks.  Auch
Wygodzlnsk.i,  Einführung  in  die  Volkswirtschaftslehre.  *  8
        <pb n="120" />
        Das  Arbeitseinkommen.

m
in  der  amerikanischen  Baumwollindustrie  hat  die  gleitende  Skala
seit  1904  Eingang  gesunden.  Man  ging  davon  aus,  daß  der
Gewinn  einer  Baumwollfabrik  im  wesentlichen  von  der  Marktlage ­
  abhänge,  durch  welche  die  Differenz  zwischen  dem  Rohmaterial ­
  und  dem  Fertigsabrikat  bestimmt  würde.  Die  slidingscale-Derembarung
  setzte  einen  Grund  lohn  für  die  Leistungseinheit, ­
  das  sogenannte  „cut“,  in  Höhe  von  js  Cents  fest  und
ebenso  eine  Normalspannung  von  72,5  Cents  zwischen  dem  Marktpreis ­
  von  8  Pfd.  middling  upland  Baumwolle  und  dem  Preis
der  daraus  erzeugten  Gewebemenge;  für  jeden  Cent,  den  die
Spannung  stieg,  sollte  der  Lohn  um  \%,  von  85  Cents  an  um
yi%  steigen.  Die  Feststellung  erfolgte  wöchentlich,  was  sich  als
ein  Fehler  erwies,  weil  die  Zeit,  zwischen  Rohstoffeinkauf  und
verkauf  des  Fertigfabrikats  eine  weit  längere  ist.  Nach  vorübergehender ­
  Abschaffung  der  gleitenden  Skala  wurde  sie  in  reform
mierter  Form,  mit  nur  zweimaliger  Feststellung  der  Spannung
im  Jahre,  wieder  eingeführt,  und  hat  sich  auch  im  Jahre  des
Preisrückgangs  1908  gehalten.
Der  Gewinn  eines  Unternehmens  wird  aber  noch  von  einer
großen  Reihe  anderer  Momente  bestimmt  als  von  den  preisen  der
Rohstoffe  und  der  Fertigfabrikate,  so  wichtig  diese  auch  sind.  Ganz
folgerichtig  ist  daber  die  gleitende  Skala  noch-nicht;  dies  wär:
erst  eine  Beteiligung  der  Arbeiter  am  eigentlichen ­
  Gewinn.  In  der  Landwirtschaft  ist  eine  solche  wirkliche ­
  Gewinnbeteiligung  als  sogenannter  T  e  i  l  b  a  u  ,  auch  Teilpacht ­
  genannt,  sehr  alt.  Dabei  handelt  es  sich  allerdings,  wie
schon  die  schwankende  Bezeichnung  ergibt,  um  ein  Verhältnis
zwischen  Bodeneigentümer  und  Bodenbesteller,  das  nicht  ohne
weiteres  als  Arbeitsverhältnis  zu  bezeid;nen  ist.  Der  heut  namentlich ­
  in  den  romanischen  Ländern,  Frankreich,  Italien,  aber  auch
gelegentlich  in  Deutschland  vorkommende  Teilbau  beruht  darauf,
daß  der  Bodenbesitzer  Len  Boden  und  das  Inventar,  der  Teilpää;ter
  seine  und  seiner  Familie  Arbeitskraft  stellt.  Der  Teilpächter ­
  wirtschaftet  selbständig,  wobei  der  Verpächter  immerhin
Vorschriften  über  die  lvirtschaftssührung  machen  kann;  der  Ertrag ­
  wird  in  natura,  und  zwar  gewöhnlich  zur  Hälfte  zwischen
Leiden  geteilt.  Die  Teilpacht  setzt  also  Kleinbetrieb  voraus;  sie
ist  dort  angebracht,  wo  die  Technik  eine  herkömmliche  und  die
Arbeit  des  Bodenbestellers  wie  beim  Anbau  von  Mein,  ©Iben,
Maulbeerbäumen  von  besonderem  Einfluß  auf  das  Ergebnis  ist..
        <pb n="121" />
        Teilbau.

m
Durch  bie  Teilung  dieses  Ergebnisses  in  natura  wird  das  Interesse ­
  des  Arbeiters  an  einem  möglichst  basten  Produkt  aufs  lebendigste ­
  gesteigert,  .überstaupt  ist  iy  der  Landwirtschaft  der  gute
Wille  des  2lrbeiters  von  großer  Wichtigkeit.  Für  die  Viehzucht
liegt  es  auf  der  kfand,  da  die  pflege  und  Wartung  der  Tiere
für  ihre  Entwicklung  entscheidend  ist;  aber  auch  die  Feldbestellung, ­
  deren  Ergebnisse  wegen  des  stemmenden  Einflusses  von
Witterung  und  sonstigen  Naturbedingnngen  in  ihrem  unmittelbaren ­
  Zusammenhange  mit  der  Tätigkeit  des  Arbeiters  gar  nicht
zu  kontrollieren  sind,  muß  mit  diesem  guten  Willen  rechnen,  den
keine  Aussicht  ersetzen  kann.  Der  große  deutsche  Nationalökonoin
v.  T  h  ü  n  e  n  vertrat  deshalb  die  Ansicht,  daß  der  Arbeitslohn
durch  eine  Beteiligung  des  Arbeiters  am  Gutsertrage  zu  ersetzen
sei,  und  führte  eine  entsprechende  Entlohnung  auf  seinem  Gute
Tellow  durch.  Inzwischen  ist  die  Gewinnbeteiligung  auch  in
der  Industrie  immer  wieder  als  die  Lösung  der  Lohnfrage  gepriesen ­
  worden;  als  participation  aux  benefices  in  Frankreich,
als  profit-sharing  in  England  ist.  sie  wie  in  Deutschland  das
Steckenpferd  menschenfreundlicher  Gptimisten.
Dabei  sind  die  Unternehmungen,  die  sie  mit  Erfolg  eingeführt
haben,  so  gering  an  Zahl  —  es  sind  höchstens  in  allen  Ländern
zusammen  ein  paar  hundert  —,  daß  man  sie  sämtlich  kennt.
Die  Arbeit  spielt  bei  ihnen  innerhalb  des  Produktionsprozesses
quantitativ  wie  qualitativ  eine  solche  Rolle,  daß  Kapital  wie
Unternehmertätigkeit  verhältnismäßig  zurücktreten.  Das  ist  aber
bei  der  erdrückenden  Mehrzahl  aller  Betriebe  und  namentlich  der
großindusiriellen  nicht  der  Fall;  ausschlaggebend  ist  für  den  Erfolg ­
  die  Unternehmertätigkeit,  die  Disposition,  die  Ausnutzung  der
Konjunktur.  In  diesen  Fällen  ist  eine  Gewinnbeteiligung  im
älteren  Sinne  nicht  nur  nicht  durchzuführen;  sie  würde  auch  die
Arbeiter  gar  nicht  zu  höheren  Anstrengungen  veranlassen,  könnte
ihnen  sogar  selbst  bei  höheren  Leistungen,  wenn  die  Rentabilität
des  Unternehmens  aus  anderen  Gründen  zurückgeht,  Minder
einnahmen  bringen.
Der  Gedanke,  die  Arbeiter  am  Unternehmen  zu  interessieren,
wird  damit  freilich  noch  nicht  ganz  aufzugeben  sein;  schon  der
übliche  starke  Arbeiterwechsel  legt  cs  nahe,  den  Arbeiter  auf  diese
Weise  etwas  enger  mit  dem  Unternehmen  zu  verknüpfen,  in  dem
er  arbeitet.  Das  ist  namentlich  in  der  Form  möglich,  daß  dem
Arbeiter  nicht  als  Produzenten,  sondern  bei  der  Anlage  seiner
        <pb n="122" />
        Das  ZtrbeitsetnEommeiL

U«
Spargelder  Gelegenheit  gegeben  wird,  günstige  Chancen  des
Unternehmens  wahrzunehmen-  Die  Kapitalbeteiligung
der  Arbeiter  ist  namentlich  bei  englischen  und  amerikanischen  Gesellschaften ­
  recht  beliebt.  Sie  wird  dort  allerdings  Lurch  das  für
diese  Zwecke  sehr  viel  günstiger  als  in  Deutschland  gestaltete
Aktienrecht  erleichtert;  während  in  Deutschland  eine  Aktie  wenigstens ­
  1000  m.  betragen  muß  und  deshalb  für  den  gewöhnlichen
Arbeiter  als  Anlage  für  feine  Ersparnisse  nicht  in  Betracht
kommt,  haben  die  angelsächsischen  Länder  weit  kleinere  Nominalaktienbeträge. ­
  Die  großartigste  Anwendung  hat  diese  „2l  r  b  e  i  -
1eraktionärschaft"beiLemamerikanis.chenS^ahltrust
  gefunden,  der  zur  Zeit  seiner  Gründung,  &amp;lt;902,  gegen
200  000  eingestellte  hatte,  die  er  an  dem  Gedeihen  der  Unternehmung ­
  zu  interessieren  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  an
sie  zu  fesseln  wünschte.  Abgesehen  von  besonderen  Bestimmungen
für  die  Beamten  wurde  allen  Angestellten  folgender  Vorschlrg
gemacht.  Sämtliche  Angestellte  wurden  in  sechs  Gehaltsklassen
eingeteilt,  von  Lenen  die  erste  die  Gehälter  von  20  000  Dollar
und  mehr,  die  letzte  die  Gehälter  von  weniger  als  800  Dollar
int  Jahr  umfaßte.  Im  Januar  &amp;lt;905  bot  die  Gesellschaft  diesen
Angestellten  Aktien  zu  82,50  Dollar  das  Stück  an,  etwas  niedriger
als  der  damalige  Börsenkurs;  davon  durste  die  erste  Klasse  für
5%  des  Gehaltes  zeichnen,  die  zweite  für  8%  usw.  bis  zur  letzten
mit  20%.  Die  Aktien  brauchten  nicht  sofort  voll  bezahlt  zu  werden;
vielmehr  waren  monatliche  Teilzahlungen  bis  zum  Verlauf  von
drei  Jahren  gestattet,  vom  Beginn  der  ersten  Ratenzahlung  an
bezog  jedoch  d  e  Aktie  7%  Dividende,  während  für  ausstehende
Zahlungen  davon  nur  5%  an  die  Gesellschaft  zu  vergüten  waren.
Nach  2lbzahlung  der  Aktie  war  sie  freies  Eigentum  des,  Arbeiters
und  konnte  beliebig  veräußert  werden.  Dem  Stahltrust  lag  aber
daran,  die  Arbeiter  zu  veranlassen,  bei  der  Gesellschaft  zu  bleiben;
es  wurde  ihnen  deshalb  für  jede  Aktie  in  ihrem  Besitz,  gleichegültig
  ob  voll  oder  teilweise  eingezahlt,  zu  Anfang  jeden  Jahres,
das  sie  noch  im  Dienste  der  Gesellschaft  ständen,  eine  Sondervergütung ­
  von  5  Dollar  gezahlt,  und  zwar  5  Jahre  lang.  Die  von
den  Arbeiteraktionären  für  ausstehende  Abzahlungen  gezahlten  5%
endlich  beanspruchte  die  Gesellschaft  nicht  fürftich  selbst,  sondern
bildete  daraus  einen  Fonds,  der  nach  5  Jahren  an  die  noch  im
Dienste  der  Gesellschaft  befindlichen  Arbeiteraktionäre  zur  Verteilung ­
  kommt.  Dieser  von  einem  Sozius  pierpont  Morgans,
        <pb n="123" />
        Gewinnbeteiligung.

I  &amp;gt;7

George  ID.  Perkins,  ausgebuchte  plan  bewährte  sich  sehr
gut;  über  50  000  Angestellte,  und  zwar  meistens  kleinere  Arbeiter,
fanden  sich  schon  in  den  ersten  Jahren,  die  ihn  durchhielten.  In
der  Tat  sind  auch  die  Vorteile  sür  den  Arbeiteraktionär  daraus
besonders  groß.
Lin  französisches  Gesetz  vom  26.  April  I9H?  stellt
jeder.Aktiengesellschaft  frei,  sich  in  eine  solche  mit  Arbeiterbeteiligung ­
  (ä  participation  ouvriere)  umzuwandeln.  In  diesem
Falle  werden  Arbeiter  und  Angestellte  zu  einer  „arbeitergenossenschäftlichen
  Handelsgesellschaft"  zusammengeschlossen,  welche  die
Dividenden  der  „Arbeitsaktien"  zur  Verteilung  unter  ihre  Mitglieder ­
  erhält  und  die  auch  im  Aufsichtsrat  durch  ein  oder  mehrere
Mitglieder  vertreten  sein  kann.  hier  ist  auch  ein  Weg  zu  dem
früher  von  mrs  erwähnten  Mitbestimmungsrecht  der  Arbeiter  gegeben. ­

Wir  sehen  ans  den  angeführten  Beispielen,  die  beliebig  vermehrt ­
  werden  könnten,  daß  das  problem  des  Arbeitslohnes  im
vollen  Flusse  ist.  von  der  primitivsten  Form  an,  der  Entlohnung
des  Tagelöhners  nach  der  Zeit  über  die  Entlohnung  nach  der
Leistung  aus  Grund  exakter  Berechnung  bis  zum  versuch  der  Aufhebung ­
  des  Lohnes  und  seiner  Ersetzung  durch  einen  Anteil  am
Geschäftsgewinn  finden  wir  alle  denkbaren  Formen.  Im  Interesse
der  allgemeinen  Volkswirtschaft  liegt  dabei  eine  Ausgleichung
zwischen  den  berechtigten  Ansprüchen  der  Unternehmer  und  der
Arbeiter.  Diese  Ausgleichung  ist  freilich  noch  weit  von  einer
völligen  Erfüllung  entfernt;  abgesehen  von  den  technischen  Schwierigkeiten ­
  einer  genauen  Bewertung  der  Arbeiterleistungen  stehen
dem  die  beiderseitigen  weitergehenden  Forderungen  und  Machtansprüche
  entgegen.  Stellt  doch  die  sozialistische  Lehre  die  These
auf,  daß  das  gesamte  Arbeitsprodukt  alleiniges  Eigentum  der
Arbeiter  sein  muß.  will  also  Leistungen  und  Ansprüche  von  Unternehmung ­
  und  Kapital  überhaupt  nicht  anerkennen.
So  ist  denn  die  Geschichte  des  Arbeitslohnes  zugleich  eine  Geschichte ­
  des  Kampfes  zwischen  Arbeiter  und  Unternehmer, ­
  jenes  Kampfes,  der  die  ganze  Gegenwart  ständig
durchzieht  und  jetzt  die  Gesellschaft  in  heftigen  Ausbrüchen  bis
auf  die  Grundfesten  erschüttert.
Der  Gegensatz  gegen  den  Unternehmer  ist  namentlich  für  den  .
Industriearbeiter  mehr  und  mehr  Zum  hauptaegenstand  seines
Klasseninteresses  geworden,,  seit  er  nicht  mehr,  wie  der  alte  tzand-
        <pb n="124" />
        Das  Arbeitseinkommen.

NS
werksgeselle  cs  noch  hosfen  konnte,  die  Möglichkeit  emporiusteigen
sicht.  Er  prägt  sich  denn  auch  P  o  l  i  t  i  s  ch  auf  das  schroffste  aus;
die  Chartisten  beweg  ung  in  England  in  den  dreißiger
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts,  die  Rommune-Aufstände
  m  Frankreich  und  1871,  d  i  e  russische,  die
ungarische,  die  deutsche  Revolution  sind  einzelne
besonders  markante  Erscheinungen.  Sie  gingen  allerdings  in  ihren
fielen,  tie  auf  eine  Umänderung  oder  den  Umsturz  der  gefamten
Staats«  und  Gesellschaftsorganisation  sich  richteten,  viel  weiter  als
nur  auf  das  Linkommensverteilungsproblem;  doch  bildet  dies
die  eigentlichste  (Quelle  ihrer  Kraft.  Diese  politischen  Ereigniss.'
können  wir  hier  nicht  verfolgen;  doch  müssen  wir  noch  einen  Blick
auf  die  besonderen  Mittel  und  weikzeuge  werfen,  die  sich  Unter-  '
nehmer  wie  Arbeiter  für  den  L  o  h  n  k  ä  m  p  f  schufen.
In  dem  Maße,  wie  sich  das  alte  Bandwerk  in  die  moderne
Industrie  umwandelt,  verschiebt  sich  das  Verhältnis  der  Zahl
zwischen  beiden  Parteien;  während  der  Handwerksmeister  einige
wenige  Gesellen  und  Lehrlinge  beschäftigte,  steht  ben.  moderne
Unternehmer  Hunderten,  ja  tausenden  von  Arbeitern  gegenüber.
Der  Handwerksmeister  konnte  in  große  Verlegenheit  gesetzt  werden,
wenn  ihm  ein  besonders  tüchtiger  Geselle  —  vielleicht  sein  einziger
—  davonging;  der  moderne  Fabrikbesitzer  wird  dem  Fortgang
eines  einzelnen  Arbeiters-  gegenüber  kühl  bis  ans  Herz  bleiben,
paßt  dem  Arbeiter  im  Bergwerk,  in  der  Baumwollspinnerei  sein
Lohn  oder  die  Arbeitsbedingungen  nicht,  so  ist  er  völlig  machtlos,
dies  zu  ändern,  falls  der  Unternehmer  nicht  etwa  gutwillig  seine
wünsche  erfüllt;  er  kann  nur  fortgehen  und  wird  vielleicht  so  bald
keine  neue  Stellung  finden.  Dies  ändert  sich  in  dem  Augenblick,
als  die  Arbeiter  sich  z  u  s  a  m  m  e  n  s  ch  l  i  e  ß  e  n.  In  der
Regel  wird  allerdings  selbst  der  Zusammenschluß  aller  Arbeiter
einer  Fabrik  sie  noch  nicht  zu  einer  dem  Besitzer  ebenbürtigen
Macht  erheben;  denn  die  Gesamtzahl  aller  2lrbeiter  eines  Gewerbes
ist  so  groß,  daß  sich  auch  für  eine  größere  Zahl  nicht  unschwer
Ersatz  finden  läßt,  wenn  aber  sämtliche  Arbeiter  eines  Gewerbes
sich  vereinigen  und  dadurch  ein  solcher  Ersatz  unmöglich  wird,
ist  wirklich  ein  gewisses  Gleichgewicht  der  Kräfte  hergestellt.
^  Dle  Arbeiter  haben  denn  auch  frühzeitig  begonnen,  einen  solchen
Zusammenschluß  nach  Gewerbe  n  anzustreben,  wie  die
Entwicklung  der  modernen  Großindustrie  in  England  einsetzt,  so
auch  die  der  Arbeiterverbiudungen,  der.  G  e  w  e  r  k  v  e  r  e  i  n  e  ,'  in
        <pb n="125" />
        Kampf  zwischen  Arbeiter  und  Unternehmer.  U9
England  Trad  e-Unions  genannt.  Die  Gewerkvereine  sind
verbände  der  Selbsthilfe,  welche  die  gemeinsamen  Interessen  der
Arbeiter  bezüglich  Arbeitslöhnen  und  Arbeitsbedingungen  wahren
sollen;  sie  erreichen  dies  durch  Verhandlungen  mit  den  Arbeit,
gebetn  und  durch  eventuelle  Unterstützung  der  arbeitslosen  Mitglieder. ­
  Sie  waren  lange  Gegenstand  erbitterter  Meinungsgegenfätze,
  wurden  sogar  in  Großbritannien  wie  auch  in  Frankreich
zu  Beginn  des  ,9.  Iahrhunderts  eine  Zeitlang  ganz  verboten.
Allmählich  jedoch  hat  sich  die  Stellung  der  öffentlichen  Meinung
und  damit  auch  der  Gesetzgebung  gegenüber  den  Gewerkvereinen
völlig  verändert.  Mit  ihrer  Anerkennung  wurde  auch  die  Stellung ­
  der  Arbeiter  eine  andere.  Selbsthilfe  und  Selbstverwaltung
hoben  den  moralischen  und  geistigen  Standard  des  2lrbeitertums,
schoben  ihnen  aber  auch  die  Verantwortung  für  jede  leichtherzige
Störung  der  Wirtschaft  zu.  So  haben  die  Gewerkvereine  den
Lohnkampf  „organisiert",  ihm  eine  größere  Basis  gegeben,  aber
doch  in  den  Formen  gemildert.  Die  Zerstörung  von  Eigentum,
die  Krawalle,  die  Aufstände,  die  Anfang  des  vorigen  Iahrhunderts
und  noch  später  diese  Lohnkämpfe  begleiteten  —  man  denke  an
Gerhart  Hauptmanns  „Weber"  oder  Zolas  „Germinal",  die  beiden
klassischen  Schilderungen  sozialer  Aufstände  —  waren  fast  ganz
verschwunden.  Allerdings  leben  sie  jetzt  unter  dem  Zeichen  des
Bolschewismus  und  des  „Syndikalismus"  wieder
auf,  die  die  Theorie  von  der  Notwendigkeit  der  Zerstörung  der
heutigen  Gesellschaft  erneuern,  aber  diese  Bewegung  steht  in  einem
Gegensatz  zu  den  Gewerkschaften.
Auch  in  Deutschland  haben  die  Arbeiter  sich  in  Fachverbände
  organisiert;  entsprechend  der  Mannigfaltigkeit  der  politischen ­
  Richtungen  in  Deutschland  sind  auch  diese  Fachverbände
trotz  des  im  wesentlichen  gemeinsamen  Zieles  getrennt.  Den  Anstoß ­
  gab  das  englische  Vorbild,  dem  zuerst  Ende  der  sechziger  Iahre
die  sozialdemokratischen  Arbeiter  L  a's  s  a  l  l  e  s  ch  e  r  Richtung
folgten.  Fast  zu  gleicher  Zeit  mit  diesen  sich  „Gewerkschaften" ­
  nennenden  Organisationen  traten  die  von  den  liberalen
Führern  M  a  x  Lj  i  r  s  ch  und  D  u  n  ck  e  r  begründeten  „Gewerkv
  e  r  e  i  n  e"  auf  den  Plan.  Sie  hielten  ursprünglich  streng  an  dem
Gedanken  der  Selbsthilfe  fest,  verwarfen  also  speziell  jeden  Staatseingriff ­
  selbst  auf  dem  Gebiete  des  Arbeiterfchutzes,  während  die
Gewerkfämften,  denen  sich  auch  Anhänger  der  Marxfchen
Richtung  anschlössen,  sich  sozialdemokratischen  dlnfchauungen
        <pb n="126" />
        120

Das  Arbeitseinkommen.

näherten.  Grundsätzlich  erklärten  sie  allerdings  ihre  Unabhängigfeit
  von  der  Partei,  weshalb  sie  sich  auch  freie  Gewerkschaften
nannten,  hatten  aber  unter  der  Periode  der  Bekämpfung  Ser
Sozialdemokratie  durch  das  Sozialistengesetz  so  stark  zu  leiden  das;
sie  fast  ganz  verschwanden.  Auch  ist  der  Partei  selbst  machte  sich,
und  zwar  bis  auf  die  Gegenwart,  in  der  die  Gewerkschaften  längst
wieder  eine  austerordentliche  Ausbreitung  erlangt’  hatten,  eine
ftarfe  Gegnerschaft  gegen  die  Gewerkscbaftsbeweaung  aeltend,  oon
der  man  eine  Abschwächung  des  politischen  Kampfes"  und  einen
verzicht  aus  die  Aukunstsideale  des  Sozialismus  fürchtet.  Diese
doktrinäre  Gegnerschaft  hat  der  Ausbreitung  des  aewerkschaftlichen
  Gedankens  in  der  Arbeiterschaft  freilich  keinen  "Einhalt  tun
können;  im  Gegenteil  haben  die  Gewerkschaftsführer,  soweit  sie
zugleich  der  partei  angehören,  die  Leihen  der  „Revisionisten"
verstärkt.  x
Eine  dritte  Gruppe  bilden  die  „ch  r  i  st  l  i  ch  e  n"  Gewerk-’
schäften,  die  in  den  neunziger  Jahren  entstanden.  Sie  lehnen
sich  an  ältere  christliche  Vereinigungen  an,  sind  zum  Teil  auch
völlig  selbständig,  wesentlich  ist,"  daß  sie  sich  auf  den  Boden  der
geltenden  Gesellschaftsordnung  stellen  und  nur  innerhalb  dieser
die  Besserung  der  Arbeiterinteressen  durchführen  wollen.  So  kommt
es  gelegentlich  zu,  einem  scharfen  Gegensatz  zu  den  freien  Gewerkschaften; ­
  beispielsweise  brach  der  Kohlenarbeiterstreik  im
Ruhrrevier  im  Frühjahr  so,?  infolge  ihrer  ablehnenden  Saltung
zusammem  .
Eine  letzte  Gruppe  waren  die  sogenannten  „gelben"  Gewerkschaften, ­
  die  ,899  in  Frankreich  entstanden  sind  und
dann  auch  auf  Deutschland  übergriffen.  Sie  lehnen  grundsätzlich
den  Klassenkampf  ab  und  stellen  sich  auf  nationalen  Boden;  demgemäß ­
  erfreuten  sie  sich  auch  der  Unterstützung  der  Unternehmer,
die  sogar  solche  Vereine  direkt  ins  Leben  riefen.  Der  Name  „gelbe
Vereine  wird  gewöhnlich  damit  erklärt,  daß  einer  Versammlung
in  Frankreich  von  Gegnern  die  Fenster  eingeworfen  wurden,  die
sie  mit  zufällig  vorhandenem  gelben  papier  zuklebten;  so  entstand
ein  Spitzname,  der  dann  wie  oft  in  ähnlichen  Fällen  von  den
Betroffenen  selbst  aufgenommen  wurde.
Der  Schwerpunkt  ruht  zurzeit  bei  den  eigentlichen  Kampsorganen;
  die  gelben  Vereine  haben  während  der  Revolution  beträchtliche ­
  Einbuße  erlitten.  Im  Mai  ,9,9  betrug  die  Mitgliederzahl ­
  der
        <pb n="127" />
        Gerverkversine.

12(

freien  Gewerkschaften  rund  4  500  000
Hirsch  Dunckerschen  Gewerkvereine  rund  \  so  000
christlichen  Gewerkschaften  rund  850  ooo

Die  Aufgabe  der  Gewerkvereine  ist  die  Hebung  der  Löhne
und  Arbeitsbedingungen  ihrer  Mitglieder.  Sie  suchen  dies  gegebenenfalls ­
  durch  friedliche  Unterhandlungen  mit  dem  Arbeitgeber ­
  zu  erreichen,  wie  denn  unter  Umständen  das  bloße  Vorhandensein ­
  eines  Gewerkvereins  genügen  mag,  freiwillige  Zugeständnisse ­
  der  Unternehmer  herbeizuführen,  verbunden  damit
ist  ein  ausgedehntes  Unterstützungswesen,  das  auch  noch  neben
der  staatlichen  Arbeiterversicheru&amp;gt;ng  eine  bedeutende  Rolle  spielt.
Line  besondere  Bedeutung  für  die  Aufrechterhaltung  des  Lebensstandard ­
  der  Arbeiterschaft  haben  ihre  Arbeitslosenunterstützungen,
die  durch  Reiseunterftützungen  für  arbeitsuchende  Mitglieder  ergänzt ­
  werden.  Kranken-,  Invaliden-  und  Sterbegelder  bilden
den  zweiten  Teil  der  geldlichen  Leistungen  der  Gewerkvereine.
Der  wesentlichste  Punkt  aber  sind  die  Unterstützungen  bei  Streiks
und  Aussperrungen;  sie  sind  die  Waffen,  mit  denen  die  Vereine
ihre  Kämpfe  durchfechten.  Der  Streik,  d.  h.  der  gemeinsame
Ausstand  einer  größeren  Anzahl  2lrbeiter  eines  Betriebes  oder
gar  eines  ganzen  Gewerbes,  ist  das  Mittel  zur  Erreichung  derjenigen ­
  Forderungen,  die  im  Wege  der  Unterhandlung  nicht  durchgesetzt ­
  werden  können.  Um  den  Streik  gegebenenfalls  durchhalten ­
  zu  können,  sammeln  die  Gewerkvereine  ihre  Streikfonds;
sie  organisieren  den  Streik,  suchen  Zuzug  fernzuhalten,  bestimmen
den  Zeitpunkt  der  Wiederaufnahme  der  Arbeit.  Daß  der  Streik
eine  zweischneidige  Waffe  ist,  liegt  auf  der  Hand.  Das  galt  schon
von  den  relativ  harmloseren  Streiks  der  vorrevolutionären  Zeit.
In  jedem  Falle  kostete  er  die  Streikenden  die  aufgesparten  Streikfonds, ­
  die  zudem  nur  eine  knappe  Beihilfe  für  sie  bedeuten  konnten,
während  sie  den  Rest  des  Lohnausfalls  ans  eigenen  Ersparungen
oder  durch  Hunger  einbringen  mußten.  Er  schädigte  aber  ferner
nicht  nur  den  Unternehmer,  der  nicht  produzieren  konnte,  sondern
weite  volkskceise,  -bie.  gänzlich  außerhalb  der  umstrittenen  Differenzen ­
  standen.  Die  Rohstosslieseranten  und  die  Weiterverarbeiter
(letzteres  besonders  bei  Streiks  der  Bergwerksarbeiter,  da  sämtliche ­
  Gewerbe  auf  Kohlen  angewiesen  sind),  die  Handelsvermittler, ­
  die  Inhaber  derjenigen  Geschäfte,  in  welchen  die  Streikenden
zu  kaufen  pflegen,  wurden  schwer  getroffen.  Dabei  stand  es  mit
        <pb n="128" />
        122

Düs  Arbeitseinkommen.

dem  Erfolg  des  Streiks  sehr  zweifelhaft;  so  gab  z.  23.  die  amtliche
deutsche  Statistik,  die  wohl  alle  nennenswerten  Fälle  erfaßte,  für
1910  an,  daß  von  2H5  in  diesem  Jahre  beendeten  Streiks  nur
419  einen  vollen  und  9O8  einen  teilweisen  Erfolg  hatten,  während
786  glatt  verloren  gingen.
Die  Situation  wurde  für  die  Arbeiter  immer  weniger  aussichtsreich,^ ­
  feit  nun  auch  die  Unternehmer  sich  zu  koalieren  begannen. ­
  Solcher  Arbcitgebervereine  gab  es  bereits  eine
ganze  Anzahl,  als  ein  an  sich  anfangs  nicht  besonders  beachteter
Arbeitskampf  sie  zusammenführt^.  In  deni  kleinen  sächsischen
Städtchen  L  r  i  m  m  i  t  s  ch  a  u  war  irrt  Winter  1902/04  ein  Streik
ausgebrochen,  durch  den  die  streikenden  Weber  sich  den  Jehnstundentag
  erringen  wollten.  Als  der  Kampf  sich  wider  Erwarten
in  die  Länge  zog,  riefen  die  Streikenden  die  Hilfe  der  anderen
deutschen  Arbeiter  an  und  in  kurzer  Zeit  wäret:  Hunderttausende
von  Mark  zu  ihrer  Unterstützung  zusamniengebracht.  Dadurch  kam
der  Stein  auch  auf  der  Gegenseite  ins  Rollen.  Die  einzelnen
Arbeitgebervereine  traten  zu  einem  großen  deutschen  Arbeitgeberverband
  zusammen,  der  die  Lrimmitschauer  Fabrikanten  so  nachdrücklich ­
  unterstützte,  daß  die  Arbeiter  den  Streik  verloren  geben
mußten.  Dem  ersten  dieser  verbände,  der  „H  a  u  p  st  e  l  l  e  deutscher ­
  Arbeitgeberverbände",  schloß  sich  -bald  noch  ein
„Verein  deutscher  Arbeitgeberverbände"  an,  der
im  wesentlichen  dje  gleichen  Ziele  vertrat  und  sich  später  mit  der
Hauptstelle  zusammenschloß;  auch  diese  Organisationen  wurden
immer  stärker  ausgebaut.  Ibre  Waffen  waren  Aussperrungen, ­
  schwarze  Listen,  Streikversicherung.
Die  Machtverschiebungen  zwischen  den  bis  dahin  herrschenden
Unternehmerschichten  und  den  Arbeitermassen  im  Gefolge  von
Krieg  und  Revolution  haben  nun  zu  einer  bisher  noch  gar  nicht
übersehbaren  Veränderung  der  verhältinsse  geführt.  Die  Gewerkschaften ­
  haben  trotz  starken  Wachsens  der  Mitgliederzahl  an  Bedeutung ­
  und  Einfluß  außerordentlich  eingebüßt;  in  England  hat
die  Regierung  Lloyd  Georges  sie  unter  Kriegsrecht  gestellt  m:d
ihnen  die  Anwendung  ihrer  Machtmittel  unmöglich  gemacht.  So
entstanden  dort  schon  während  des  Krieges  neue  Organisationen,
lokale  Zusammenfassungen  der  Arbeiter  eines  Betriebes,  die
shop  councils,  die  dann  durch  weitere  Zusammenfassungen
in  Bezirken  neben  den  Berufsorganisationen  der  Gewerkschaften
sich  zu  einer  neuen,  traditionslosen  und  äußerst  radikalen  ver-
        <pb n="129" />
        Streiks,  Arbeiterräte,  Tarifverträge.  123
tretung  der  Arbeiterschaft  auswuchsen.  In  Rußland  erlangten
die  „A  r  b  e  i  t  e  r  r  ä  t  e"  die  politische  kierrschast.  In  Deutschland ­
  kämpft  zur  Zeit  der  Niederschrift  dieser  Zeilen  das  Rätesystem ­
  um  gesetzliche  2lnerkennung.  Mit  der  Zurückdrängung  des
mäßigenden  Einflusses  der  erfahrenen  Gewerkschaftsführer  und
vor  allem  unter  dem  Eindruck  des  verlorenen  Krieges  auf  der
einen,  der  siegreichen  Revolution  auf  der  anderen  Seite  hat  die
Lohnbewegung  einen  Umfang  und  Formen  angenommen,  die  eine
Vergleichung  mit  allem  Bisherigen  nicht  mehr  erlauben.  Fiir
breite  Massen  der  Arbeiterbevölkerung  ist  die  soziale  Revolution
in  einen  Lohnkampf  umgeschlagen,  der  mit  der  Schärfe  des  Krieges
selbst  ausgekämpft  wird;  für  die  Anhänger  des  Kommunisnius
ist  dieser  Lohnkampf,  der  Streik  in  allen  feinen  Formen  von  der
passiven  Resistenz  bis  zum  terroristischen  Generalstreik  ein  Mittel
zur  völligen  Vernichtung  der  ,.bürgcrlicheir"  Gesellschaft  geworden, ­
  aus  deren  Trümmern  nack'  mystischem  Glauben  das  Reich
der  Gerechtigkeit  emporsteigen  soll.  Wieweit  diese  ganze  Bewegung ­
  nicht  von  der  Kriegs-  und  bfungerpsychose  getragen  wird,
ob  der  Gewinn  dem  Einsatz  der  fast  völligen  Vernichtung  der
Volkswirtschaft  entsprechen  wird  und  entsprechen  kann,  das  kann
nur  der  Erfolg  lehren.  Glaubhaft  scheint  es  leider  nicht.
Je  schärfer  gerüstet  beide  Parteien  einander  gegenüberstehen,
um  so  stärker  wird,  wie  im  Leben  der  Völker,  die  N  o  t  w  e  n  d  i  g  -
Feit  eines,friedlichen  Ausgleichs  empfunden.  Die
Anfänge  dazu  sehen  wir  bereits  in  Schiedsgerichten,  in
denen  unter  Zuziehung  von  Delegierten  beider  Parteien  und  unter
dem  Vorsitz  von  Unparteiischen  eine  große  Reihe  von  Streitfällen
beigelegt  werden  konnten.  Bedeutungsvoller  noch  sind  die
Tarifverträge,  d.  h.  Kollektivoerträge  zwischen  Vertretern
der  Arbeiter  und  Arbeitgeber,  in  denen  Lohn-  und  bisweilen  auch
Arbeitsbedingungen  von  vornherein  im  gütlichen  Einverständnis
festgesetzt  werden,  um  Streitigkeiten  überhaupt  auszuschließen;
durch  eine  geeignete  Grganisation  wird  für  die  ständige  Fortbildung ­
  der  Tarifverträge  gesorgt,  wie  sie  durch  den  Wechsel  der
Produktions-  und  allgemeinen  Wirtschaftsverhältnisse  erforderlich
wird.  Solche  Tarifverträge  beziehen  sich  zumeist  auf  einzelne
©ite,  manche  —  wie  der  berühmte  Bnchdruckertarif  —  auf  das
ganze  Land.  Durch  die  —  schon  vor  der  Revolution  eingeleitete
—  auf  Herbeiführung  einer  grundsätzlichen  Arbeitsgemeinschaft
gerichtete  Vereinbarung  der  Arbeitgeber-  und  Arbeitnehmer--
        <pb n="130" />
        &amp;lt;24

Das  Arbeitseinkommen.

verbände  vom  &amp;lt;5.  November  &amp;lt;9&amp;lt;8  sind  Aollektivverträae  und
Zchlichtungsausschiisse  nunmehr  zur  allgemeinen  Voraussetzung
der  gegenseitigen  Beziehungen  erhoben;  auch  auf  die  Landwirtschaft ­
  ist  ihre  Wirksamkeit  ausgedehnt  worden.
So  dankenswert  auch  alle  Versuche  zu  einem  2lusgleich  zwischen
beiden  Parteien  sind,  so  darf  man  sie  in  ihrer  Wirksamkeit  nicht
überschätzen.  (Ein  Blick  in  eine  beliebige  Zeitung  genügt  als  Beweis ­
  dafür,  wie  heftig  die  beiden  Welten  noch  in  Waffen  gegeneinander ­
  stehen,  wie  gering  die  Aussichten  der  „Industriepazifisten"
sind.  Immer  wird  die  Verschiedenheit  des  Lebensstandards  cmxfunden
  werden;  immer  wird  die  Arbeiterschaft,  getragen  von
ihrem  starken  Alassenbewußtsein,  den  Versuch  machen,  einen
größeren  Anteil  von  den  Schätzen  des  Lebens  zu  erbeuten.
Da  drängt  sich  denn  von  selbst  die  Frage  auf,  ob  nicht  der
Staat,  der  über  beiden  Parteien  steht,  berufen  sei,  in  dem
Streit  zu  vermitteln.  Tatsächlich  wirkt  der  Staat  schon  längst  im
Sinne  eines  Linkommensausgleiches;  die  progressive  Einkommensteuer, ­
  die  Vermögenssteuer,  die  soziale  Arbeiterversicherung  bewirken ­
  eine  nicht  zu  unterschätzende  Übertragung  von  Vermögensanteilen ­
  aus  dem  Besitz  der  wohlhabenderen  Schichten  und  der
Unternehmer  in  die  der  arbeitenden  Klassen.  Aber  dies  ist  ein
Umweg,  im  gewissen  Sinne  auch  nur  eine  Nebenabsicht,  wir  sahen
aber  in  unseren  Tagen  den  Staat  auch  ganz  direkt  und  mit  voller
Absicht  in  das  Lohnproblem  eingreifen,  und  zwar  im  Interesse  der
Arbeiter.
Man  konnte  auch  bisher  mit  Esinblick  auf  die  Arbeiterorganisationen ­
  nicht  immer  sagen,  daß  der  Arbeiter  der  schwächere  Teil
sei.  Zuzugeben  wird  dies  jedoch  ohne  weiteres  für  denjenigen
Teil  der  Arbeiterschaft  sein,  der  sich  nicht  zu  organisieren  vermag,
wie  die  bjeimarbeiter.  Die  Lohnkämpfe  dieser  Arbeiter  zu
unterstützen,  haben  z  u  e  r  st  a  u  st  r  a  l  i  s  ch  e  Staaten  und  nach
ihnen  (England  versucbt.  Die  englische  Trade  Boards
Act  von  &amp;lt;909  sieht  in  zunächst  vier  Heimindustrien  die  Errichtung ­
  von  Lohnämtern  vor,  die  aus  Arbeitgebern,  Arbeitnehmern ­
  und  von  der  Regierung  ernannten  Mitgliedern  bestehen;
diese  Lohnämter  setzen  Minimallöhne  für  Zeitarbeit  und  gegebenenfalls ­
  für  Akkordarbeit  mit  zwingender  Verbindlichkeit  fest.
Liegt  hier  der  Grund,  auf  den  hin  die  Regierung  sich  zu  autoritärer ­
  Lohnfestsetzung  berechtigt  glaubt,  in  der  ksilflosigkeit  der
Arbeiter,  so  kann  auch  umgekehrt  die  bevorzugte  Lage  der  Unter-
        <pb n="131" />
        Minimallöhne.

125

nchmer  einen  solchen  Grund  abgeben,  namentlich  dann,  wenn
sie  diese  auf  Grund  eines  staatlichen  Privilegs  erreicht  haben.
Solcher  Art  ist  die  „Ziem  protectio  n"  australischer  Staaten,
welche  die  Gewährung  von  Schutzzoll  oder  Produktionsprämien
an  die  Verwendung  ryeißer  Arbeiter  (Schutz  gegen  farbige  Arbeit!)
zu  „angemessenen  Löhnen"  knüpft.  Auch  Deutschland  hat
diesen  Weg  in  dem  Aaligesetz  d  o  nt  25.  Mai  lstlO  beschritten. ­
  Dieses  Gesetz,  zu  dem  später  mehrfache  Ergänzungen
erfolgt  sind,  gewährt  den  Raliproduzenten  gewisse  Vorteile,  die
dem  einzelnen  Werk  nack  Maßgabe  seiner  „Beteiligungsziffer"
zustehen.  Sinkt  nun  auf  einem  Aaliwerk  der  Lohn  für.  eine
Arbeiterklasse  unter  den  Durchschnittslohn  der  Jahre  &amp;lt;907/09,  so
wird  die  Beteiligungsziffer  im  gleichen  Maße  für  das  folgende
Jahr  gekürzt,  und  zwar  mindestens  um  to%,  das  gleiche  tritt  ein,
wenn  die  regelmäßige  Arbeitszeit  über  die  des  Jahres  &amp;lt;909  steigt.
Das  sind  weitgehende  Eingriffe  in  die  Lohngestaltung,  die  aber
doch  sowohl  bei  der  Heimarbeit  wie  in  den  australischen  und
deutschen  Fällen'der  New  protection  in  der.  besonderen  Sachlage
ihre  Begründung  finden.  Aber  selbst  ohne  solche  besondere  Begründung, ­
  Stnsa.ch  im  Interesse  des  allgemeinen  Staatswohls
haben  in  allerjüngster  Zeit  autoritäre  Lohnregelungen  stattgefunden. ­
  In  Australien  geschah  dies  unter  dem  Einfluß  der
herrschenden  Arbeitetklasse;  der  erste  Fall,  daß  ein  rein  bürgerlicher ­
  Staat  diesen  vielleicht  verhängnisvollen  Schritt  zu  tun
gewagt  hat,  ereignete  sich  in  Großbritannien  im  Frühjahr ­
  &amp;lt;9&amp;lt;2  auf  Anlaß  des  großen  Bergarbeiterstreiks.  Das  nach
einer  Debatte  von  wenigen  Tagen  angenommene  Mindestlohngesetz
  für  Bergarbeiter  vom  29.  März  &amp;lt;9&amp;lt;2
bestimmt,  daß  Mindestlöhne  festzusetzen  sind,  die  jeweilig  für  bestimmte ­
  Bezirke  Geltung  haben  sollen;  die  Festsetzung  erfolgt
durch  Bezirksausschüsse,  in  denen  Bergarbeiter  und  Bergwcrksunternehmer
  des  Bezirks  nach  Ermessen  des  Sandelsantts  „gerecht
und  angemessen"  vertreten  sind,  unter  Vorsitz  eines  Unabhängigen.
Mit  diesem  Gesetze  knüpft  Großbritannien  die  Fäden  der.  Entwicklung ­
  wieder  an,,  welche  die  neu  aufkommende  liberale  Wirtschaftslehre ­
  im  18.  Jahrhundert  zerriß,  wenn  es  damals  der
Friedensrichter  war,  welcher  die  Löhne  festsetzte,  während  jetzt
eine  Selbstverwaltungsorganisation  vom  Staate  mit  dieser  Aufgabe ­
  betraut  ist,  so  entspricht  dies  den  veränderten  politischen  Anschauungen; ­
  wirtschaftlich  ist  .ber  Unterschied  nicht  ins  Gewicht
        <pb n="132" />
        Das  Besitzeinkomnien.

126
fallend,  da  auch  früher  dis  Parteien  gehört  wurden  und  auch  jetzt
die  eigentliche  Entscheidung  in  der  Person  des  „Unabhängigen"
liegt,  lvelchb  tiefgehende  prinzipielle  Bedeutung  dieser  Eingriff
in  das  freie  Spiel  der  Kräfte  auf  dem  Arbeitsmarkt  einer  der
wichtigsten  Industrien  hat,  liegt  auf  der  Lfand;  der  praktische  Erfolg ­
  aber  scheint  nicht  sehr  groß  gewesen  zu  sein,  wenigstens
wird  andauernd  weiter  über  Lohnkämpfe  der  Bergarbeiter  berichtet, ­
  welche  die  Festsetzungen  der  Bezirksausschüsse  nicht  anerkennen ­
  wollen.  Nichtsdestoweniger  ist  der  Versuch  im  Jahre
J917  in  England  wiederholt  worden,  indem  -—  im  Zusammenhange ­
  mit  der  Gesetzgebung  zur  pebung  der  landwirtschaftlichen
Produktion^  die  auch  Mindestpreise  für  landwirtschaftliche  Produkte ­
  auf  5  Jahre  vorsieht  —  ein  alter  Lioblingsgedanke  voll
Lloyd  George  durchgefühlt  und  Mindcstlöhne  für  Landarbeiter
festgesetzt  wurden.  Dem  Ergebnis  dieses  Experiments  wird  man
mit  Interesse  entgegensehen  müssen.

2.  Besitzeinkommen.
Der  Besitz  hat  als  Einkommensquelle  nur  dann
Bedeutung,  wenn  er  zu  Produktionszwecken  verwendet
werden  kann,  kfätte  Robinson  auf  seiner  einsamen  Insel  alle
Schätze  des  Krösus,  sie  wären  doch  tot  für  ihn  und  brächten  ihur
keinen  Pfennig  ein;  nur  dann,  wenn  er  damit  Werkzeuge  anschaffen, ­
  Arbeiter  besolden,  kurz  produzieren  könnte,  gäben  sie
Ertrag,  wenn  sich  der  Schreiner  eine  kfobelmaschine  kaufen  kann,
wird  er  vielleicht  das  Zehnfache  der  kfobelleiftung  bei  dem  gleichen-Aufwand
  persönlicher  Arbeit  fertigstellen  können  als  vorher;  findet ­
  er  genügend  Abnehmer  für  dieses  Mehrprodukt,  so  hat  ihni
nun  das  in  der  Hobelmaschine  angelegte  Kapital  Einkommen  gebracht. ­
  vermehrt  er'die  Zahl  der  Maschinen,  so  steigt  das  Produkt ­
  und  das  Einkommen  entsprechend  weiter;  aber  er  ist  nicht
imstande,  alle  diese  Maschinen  selbst  zu  bedienen,  sondern  er  muß
dafür  2lrbeiter  finden.  So  ist  jede  ausgedehntere  Verwendung'
von  Kapital  im  Gewerbe  daran  gebunden  —  abgesehen  davon,
daß  sich  zahlimgsfähige  Abnehmer  für  das  Mehrprodukt  einstellen
müssen  —,  daß  in  hinreichender  Zahl  besitzlose  Leute  vorhanden
sind,  die  gegen  Arbeitslohn  in  den  Dienst  des  Kapitalisten  treten.
Die  Verwendung  von  Kapital  fetzt  deshalb  außer  einer  gewissen
tzöhe  der  Technik  eine  soziale  Schichtung  voraus;  hat  jeder  genug
        <pb n="133" />
        Besitz  als  Einkommensquelle.

12?

zum  Leben  und  begehrt  nichts  mehr,  wie  etwa  bei  einem  primitiven ­
  Ackerbauvolke,  da  wird  sich  ein  Besitzeinkommen  dieser  Art
nicht  entwickeln  können.
Innerhalb  -er  Ackerbauvölker  selbst  vollziehen  sich  solche  s  o  -
ziale  Schichtungen  freilich  zeitig;  schon  irrt  deutschen
Mittelalter  steht  neben  dem  großen  wie  dem  kleinen  Landbesitzer
der  Landlose.  Doch  führen  der  verhältnismäßig  niedrige  Stand  der
materiellen  Gesamtkultur  wie  die  politischen  Verhältnisse  im
wesentlichen  nicht  zur  Bildung  von  Großbetrieben;  vielmehr  tut
der  Landbesitzer  sein  Land  an  selbständig  wirtschaftende ­
  Bauern  aus,  die  ihm  Abgaben  in  Naturalien
zahlen.  Damit  ist  ein  reines  Besitzeinkommen  geschaffen,  das  durch
die  politische  und  int  späten  Mittelalter  bis  zur  Neuzeit  auch  rechtliche ­
  ribhängigkeit  der  Bauern  allerdings  eine  besondere  Färbung
erhält.  In  der  Gegenwart,  wo  der  Landbauer  völlig  frei  ist,  zeigt
die  Pachtung  das  klarste  Beispiel  einer  völligen  Trennung
zwischen  Kapital,  d.  h.  Bodenbesitzer  und  Produzenten;  der  Verpächter ­
  bezieht  sein  Einkommen  ohne  jede  Arbeit,  aus  die  bloße
Tatsache  des  Besitzes  hin.
In  unserer  Zeit  ist  jeder  Besitz,  sei  cs  Grund  und  Boden,  Maschitten
  oder  Inventar  oder  Forderungsrechte,  in  Geldsummen,
ausdrückbar;  die  Leihgebühr  für  alle  diese^  Kapitalformen  können
wir  verschieden  benennen.  Beim  Grundbesitz  sprechen  wir  votr
Pacht,  bei  städtischem  Grundbesitz  von  Miete,  bei  Geldkapital  von
Zins.  In  allen  diesen  Fällen  aber  handelt  es  sich  um  arbeitsloses ­
  Einkommen  aus  der  bloßen  Tatsache  des  Besitzes  von  Kapital ­
  im  weiteren  Sinne  (d.  h.  Vermögenswerten).  Der  Ausdruck
Renten-  oder  Zinseinkommen  umfaßt  diese  sämtlichen ­
  Ginkommensarten.
Das  Phänomen  des  arbeitslosen  Kapitaleinkommens,  des  Zinses, ­
  hat  die  Wissenschaft  zu  allen  Zeiten  lebhaft  beschäftigt.  Unter
den  zahllosen  Zinsthorien  führen  wir  nur  wenige  an.  wir
wissen,  daß  die  phvsiokraten  einen  wirklichen  Ertrag  nur  dem
landwirtschaftlich  benutzten  Boden  zuschrieben.  21  uf  dieser  Vorstellung ­
  baut  sich  die  sogenannte  Fruktifikationstheorie  Turgots
auf.  Er  setzte  auseinander,  daß,  da  jeder  Grundstücke  erwerben
könnte,  eine  Kapitalausleihung  für  andere  Zwecke  ohne  entsprechende ­
  Verzinsung  Verlust  bedeuten  würde  und  deshalb  der
Kapitalentleiher  diesen  Verlust  durch  die  Zinszahlung  ersetzen
müsse.  Derselbe  Gedanke  ist  in  der  modernen  Bodenreform-
        <pb n="134" />
        128

Das  Besitzeirikommeil.

bewegung  ausgesprochen  worden,  wobei  dann  die  Bodenvcrstaatlichung
  mit.  der  Begründung  verlangt  wurde,  daß  damit  der
Zins  verschwinden  würde.  Diese  Unterscheidung  zwischen  Bodenzins ­
  und  sonstigem  Rapitalzins  läßt  sich  nicht  ausrechterhalten,.  da
eben  die  voraussetzutrg  (die  alleinige  Produktivität  des  Lodens)
irrig  war.  Senior  leitete  in  seiner  Zlbstinenztheorie  den  Zins
aus  dem  verzicht  des  Kapitalisten  aus  den  verzehr  seines  Vermögens ­
  her,  sür  den  er  Entgelt  verlangen  könne.  Diese  Darlegung ­
  enthält  insofern  einen  wertvollen  Kern,  als  sie  ein  Motiv
zur  Kapitalbildung  aufzeigt;  sie  erklärt  aber  immer  noch  nicht,
wodurch  denn  der  Entleiher  in  den  Stand  gesetzt  ist,  Zins  zu
zahlen.  Die  weiteste  Verbreitung  hat  gegenwärtig  wohl  die  sog.
Agiotheorie  des  wiener  Forschers  v.  B  ö  h  m  -  B  a  w  e  r  k.  Er  erklärt ­
  den  Zins  als  wertdisferenz  zwischen  gegenwärtigen  und
künstigeri  Gütern.  .Gegenwärtige  Güter  würden  in  aller  Regel
höher  geschätzt  als  künftige,  so  daß  man  sür  ihre  sofortige  Nutzung
ein  Entgelt  zu  geben  gewillt  sei.  Diese  Erklärung  ist  zweifellos
richtig  für  den  Konsumtivkredit,  wer  sür  die  Zwecke  seines  unmittelbaren ­
  Verbrauchs'  ein  Darlehen  aufnimmt,,  schätzt  in  der  Tat
die  gegenwärtigen  Güter  höher  als  die  späteren;  aber  nicht  aus
einer  wirtschaftlichen,  sondern  aus  einer  unwirtschaftlichen  Erwägung ­
  heraus.  Den  Lsungernden  treibt  das  physiologische  Bedürfnis,'den ­
  Verschwender  der  Leichtsinn  dazu,  unwirtschaftlich  zu
handeln,  d.  h.  eine  Jukunstsverpslichtung  einzugehen,  deren  Erfüllung ­
  ihm  durch  das  Darlehen  keineswegs  erleichtert  wird.
Das  gegenwärtige  Darlehen  und  die  künftige  Rückerstattung  stehen
überhaupt  in  keiner  wirtschaftlichen,  sondern  nur  in  einer  rechtlichen ­
  Beziehung;  der  Entleiher  gebraucht  nicht  Kapital,  sondern
verbraucht  Genußgüter,  deren  Rückerstattung  nur  möglich  ist,
wenn  ihm  in  Zukunst  andere  Einnahmequellen  zur-  Verfügung
stehen..  In  diesem  Falle  gibt  der  Kapitalbesitzer  eigentlich  kein
Kapital  oder  vielmehr  der  Entleiher  verwendet  es  nicht  als
„Kapital",  als.  produktionsgut,  sondern  als  Konsumtionsgut.
Darin  liegt  wohl  auch  der  Grund,  warum  nach  neuerer  Forschung
die  kanonistische  Lehre  des  Mittelalters  zwar  für  Konsumdarlehen
das  Zinsnehmen  verbot,  es  aber  für  Darlehen  an  Unternehmer
gestattete.  Die  Erklärung  des  Zinses  für  Kapital,  das  zu  produktiven ­
  Zwecken  entliehen  wird,  liegt  Darin,  daß  Kapital  ja  nichts
anderes  bedeutet  als  die  Verfügungsgewalt  über  Produktionsmittel ­
  (Rohstoffe,  Maschinen,  Arbeiter)  und  damit  die  Möglich-
        <pb n="135" />
        Der  Jins.

(29
feit  gibt,  Die  eigene  Arbeit  produktiver  zu  gestalten.  Nur  dadurch, ­
  daß  man  produktive  und  konsumtive  Verwendung  des  Darlehens ­
  auseinanderhält,  kommt  man  zu  einer  Erklärung  des
Zinses,  der  in  beiden  Fällen  also  etwas  ganz  verschiedenes  bedeutet. ­

Die  höhe  des  Zinses  oder  der  Rente  wird  in  der
Regel  durch  das  Verhältnis  dieser  Summen  zu  dem  in  Geld  ausgedrückten ­
  Besitzwert  bezeichnet.  Man  pflegt  dafür  die  Prozentrechnung ­
  zu  benutzen.  Dabei  liegt  allerdings  insofern  eine  gewisse ­
  Schwierigkeit  vor,  als  der  Besitzwert,  auf  den  sich  die  Prozentrechnung ­
  bezieht,  keineswegs  immer  eindeutig  ist,  sondern
seinerseits  außerordentlich  stark  schwanken  kann.  Berliner  Hypothekenbankprozesse ­
  haben  gezeigt,  daß  von  sachverständigen  Taxatoren, ­
  deren  Gewissenhaftigkeit  an  sich  nicht  zu  bezweifeln  war,
für  ein  und  dasselbe  Grundstück  Taxen  von  2  und  6  Millionen
Mark  aufgestellt  wurden;  ein  Zinseinkommen  aus  dem  Grundstück, ­
  das  im  ersten  Falle  sich  etwa  auf  9%  beliefe,  würde  bei
Zugrundelegung  der  zweiten  Taxe  nur  3%  betragen.  Das  sind
aber  nicht  etwa  besondere  Ausnahmefälle,  sondern  die  Wertbemessung
  von  Grundstücken  ist  anerkanntermaßen  so  schwierig
und  schwankend,  daß  der  volksmund  das  harte  Wort  „Taxen  sind
Faxen"  geprägt  hat.  Nicht  besser  ist  es  mit  industriellen  Unternehmungen ­
  wie  Fabriken  und  Bergwerken.  Der  schwankende
Eharakter  der  Bewertung  ruht  hier  allerdings  nicht  bloß  auf  deni
subjektiven  Ermessen,  sondern  entspricht  zum  großen  Teil  dem
tatsächlichen  Aonjunkturenwechsel,  der  sich  ja  in  der  Industrie
viel  rascher  und  häufiger  vollzieht  als  auf  dem  Grundstückmarkt.
In  den  Börsenkursen,  die  sich  nicht  nur  von  Tag  zu  Tag,  sondern
selbst  während  des^Börsenverlauss  ändern,  ist  der  sichtbare  Nied  erschlag ­
  dieser  Meinungsverschiebungen  zu  finden.  Es  ist  deshalb
irrig,  von  der  hohen  Dividende  einer  Aktiengesellschaft  ohne  weiteres ­
  auf  den  Grad  der  Rentabilität  zu  schließen;  diese  muß  vielmehr ­
  statt  auf  den  Nominalbetrag  der  Aktie  auf  ihren  Börsenkurs ­
  bezogen  werden,  da  die  meisten  Aktienbesitzer  diese  eben  nicht
zu  joo  %,  sondern  je  nachdem  über  oder  unter  diesem  Nurse  erworben ­
  haben.  Beträgt  z.  B.  die  Dividende  der  Harpener  Bergwerksgesellschaft ­
  8  %,  so  rentiert  sich  dem  Kapitalisten,,  der  die
Aktien  zu  einem  Kurse  von  (80  %  gekauft  hat,  sein  Kapital  nicht
zu  8,  sondern  zu  4,3  %.  Das  gleiche  gilt  von  der  Anlage  in  Anleihen ­
  des  Staates  und  anderer  öffentlicher  verbände,  wie  über-Wygodzinski,
  Einführung  in  die  Volkswirtschaftslehre.

9
        <pb n="136" />
        150.

Das  Besitzeinkommen.

Haupt  für  alle  Papiere,  ine  -  einen  Kurs  haben,  lüic  beim  Lohn
zwischen'  Nominal-  und  Reallohn  geschieden  werden  kann,,  so
ist  auch  beim  Zins  Nominal  -  und  Realverzinsung
wohl  zu  unterscheiden.
Der  Zins  unterliegt  w  i  e  der  Lohn  dem  Gesetz
von  Angebot  und  Nachfrage,  das  ja  überhaupt  den
Schlüssel  zu  den  meisten  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen  gibt.
Am  klarsten  kommt  dies  beim  reinen  Leilstapital  zum  Ausdruck,
da  im  Unternehmerkapital,  wre  es  die  Aktie  repräsentiert,  auch
Unternehmungsrisiko  und  Unternehmergewinn  das  Ergebnis  beeinflussen. ­
  Im  Zins  des  Leihkaptals  steckt  aber  auch
noch  eine  Risikoprämie,  die  seine  Gesamthöhe  beträchtlich
ändern  kanm  Der  lvucherzins  ist  deshalb  besonders  hoch,  weil
der  Wucherer  der  Gefahr  ausgesetzt  ist,  sein  Kapital  zu  verliereir
und  bestraft  zu  werden.  Es  ist  deshalb  ein  Irrtum,  wenn  man
durch  eine  bloße  Bestrafung  des  Wucherers  —  die  natürlich  durchaus ­
  notwendig  ist  —  eine  Herabsetzung  des  Zinses  bzw.  ein  Verschwinden ­
  des  Wucherers  erreichen  zu  können  hofft;  im  Gegenteil, ­
  man  erhöht  dadurch  nur  das  Risiko  für  den  Wucherer,  der
dies  in  einem  weiteren  Jinsaufschlag  zum  Ausdruck  bringt.  Der
Wucher  ist  nur  dadurch  zu  beseitigen,  daß  man  seine  Ursachen  beseitigt. ­
  Liegen  diese  wie  bei  der  Bervucherung  des  deutschen
Bauerntums  in  den  ersten  zwei  Dritteln  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  in  einer  mangelhaften  Befriedigung  einer  starken  und
berechtigten  Nachfrage,  so  hilft  die  Eröffnung  neuer  anständiger
Kreditquellen.  In  der  Tat  haben  die  genossenschaftlichen  Sparnnd
  Darlehnskassen  den  Wucher  vom  Lande  so  gut  wie  ganz  verdrängt. ­
  Ist  aber  die  Nachfrage  derart,  daß  eine  wirtschaftlich  gerechtfertigte ­
  Befriedigung  ausgeschlossen  ist,  also  sind-  etwa  Spielschulden ­
  zu  bezahlen  oder  ist  eine  Wirtschaft  wegen  Unfähigkeit
des  Besitzers  in  dauerndem  Niedergänge,  so  wird  man  niemals
verhindern  können,  daß -dunkle  Ehrenmänner  als'Geldgeber  auf
der  Bildfläche  erscheinen.
Diese  Risikoprämie  kann  ihre  Ursache  aber  außer  in  den  besonderen ­
  Verhältnissen  des  Darlehnsuchenden  auch  in  der  Gesamtlage ­
  des  Landes,  dem  Zitztande  der  öffentlichen  Sicherheit,^  der
Entwicklung  .oder  Zurückgebliebenbeit  seiner  wirtschaftlichen
Hilfsmittel  haben.  Wenn  bei  uns  in  Deutschland  zo  %  als  ein
wucherisch  hoher  Zins  für  ein  Darlehen  im  regelrechten  Geschäfts-
        <pb n="137" />
        9*

Zinshöhe.

!ohn
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setz
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Der
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uals
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beamt-


^cheu
ein
äftslSi


verkehr  angesehen  werden  müßte,  so  wird  man  in  Marokko  oder
Afghanistan  recht  froh  sein,  Geld  zu  diesem  Satze  zu  erhalten.
Endlich  spielt  auch  noch  die  besondere  objektive  Sicherheit ­
  eine  wichtige  Rolle,  welche  für  die  verschiedenen  Darsehnsarten
  sich  vielfach  abstuft.  Als  Beispiel  hierfür  sei  die  ksypothek
genannt.  Rach  unseren:  Lsypothekenrecht  bürgt  ein  Grundstück  den'
„  ^Mpothekengläubigern  nach  der  Reihenfolge  der  Eintragüngen;
der  Inhaber  einer  ersten  Hypothek  ist  also  viel  gewisser,  im  Falle
der  Zwangsversteigerung  für  seine  ganze  Forderung  Befriedigung
zu  finden  als  der  Inhaber  der  zweiten  oder  gar  der  dritten  und
vierten  Hypothek.  Daher  sind  durchwegs  die  Zinsen  einer  ersten
Hypothek  niedriger  als  die  einer  zweiten  oder  dritten,  und  zwar
berechtigtermaßen.
Diese  Sicherheitsgrade  wirken  natürlich  auf  das  Angebot  von
vornherein  ein;  da  die  meisten  Menschen  erfreulicherweise  ein
sicheres  Einkommen  einem  etwas  höheren  unsicheren  vorziehen,
sind  erste  Hypotheken  viel  gesuchter  als  spätere,  ganz  abgesehen  davon, ­
  daß  ein  nicht  unbeträchtlicher  iiei!  des.  verfügbaren  Nationalkapitals ­
  (das  Kapital  öffentlicher  Anstalten  wie  Sparkassen
sowie  das  aller  Bevormundeten)  vom  Gesetz  auf  solche  „mündelsicheren" ­
  Anlagen  verwiesen  wird.  Für  die  Gesamtentwicklung
des  Zinses  ist  in  erster  Linie  aber  das  Verhältnis  der  gesamten ­
  nationalen  Nachfrage  nach  Kapital  zum
nationalen  Angebot  entscheidend.
Dieses  Verhältnis  findet  einen  hinreichend  kennzeichnenden
Ausdruck  in  den  M  e  ch  s  e  l  z  i  n  s  s  ä  tz  e  n  der  g  r  o-ß  en  Z  e  n  -
tralbanken.  Der  Mechänismus  bes-  modernen  Geldmarktes
'hat  hierin  seinen  Angelpunkt.  Diese  Zentralbanken,  die  entweder
staatlich  oder  meist  nur  vom  Staat  privilegiert  und  reglementiert
sind,  haben  das  Äecht  der  Banknotenausgabe.  Das  Banknoten-  ■
.  geschäft  ist  mit  dem  Darlehnsgeschäft  der'Zentralbanken  dadurch
■  eng  verknüpft,  daß  die  Banken  die  Banknoten  bei  der  Diskoiitierung,
  d.  h.  dem  Kauf  von  Geschäftswechseln,  ausgeben.  Da
die  Banken  innerhalb  bestimmter  Grenzen  Banknoten  nach  Belieben ­
  ausgeben  können,  liegt  es  in  ihrer  Hand,  das  umlaufende
Geldkapital  zu  vermehren  und  zu  vermindern,  je  nachdeni  sic  mehr
oder  weniger  Wechsel  diskontieren.  Je  nachdem  nun  die  Zentralbanken ­
  den  Diskontsatz,  d.  h.  den  Zins,  festsetzen,  den  sie  für  den
Ankauf  von  wechseln  beanspruchen,  wird  auch  wieder  der  allgemeine ­
  Geschäftszinssatz  im  Lande  höher^  oder  niedriaer  sein
        <pb n="138" />
        132

Das  Befitjcintommen.

müssen.  Natürlich  sind  die  Banken  nicht  in  der  Festsetzung  des
Wechselzinsfußes  souverän;  sie  müssen  sich  vielmehr  nach^  den
Verhältnissen  der  Zeit  und  des  Landes  richten,  die  sie  nur  bis  zu
einem  gewissen  Grade  beeinflussen  können.  Es  ist  ihnen  möglich,
in  Zeiten  der  Ronjunkturüberfpannung  durch  eine  starke  kseraufsetzung
  des  Zinsfußes  ein  Warnungssignal  zu  geben  oder  umgekehrt ­
  die  ermattete  Unternehmung  durch  einen  billigen  Zinssatz
zu  beleben;  aber  dieses  Eingreifen,  das  zudem  mit  großer  Vorsicht ­
  zu  geschehen  bat,  folgt  nur  den  Ereignissen.  Namentlich
wenn  wir  durch  eine  Neihe  von  Jahren  hindurch  den  offiziellen
Zinsfuß  in  verschiedenen  Ländern  vergleichen,  ist  ein  Rückschluß
auf  die  geldliche  Lage  und  die  durchschnittliche  Verzinsung  des
Kapitals  in  ihnen  wohl  gestattet.  Sehen  wir  uns  daraufhin  die
Zinssätze  der  Zentralbanken  von  Deutschland,  Frankreich,  Großbritannien ­
  und  Rußland  vor  dem  Kriege  genauer  an.  Ls  betrugen ­
  die  durchschnittlichen  Diskontsätze  der

3m  3ahre

Deutschen  Reichsbank ­


Bank  von
England

Bank  von
Frankreich

Russischen
Staatsbank

1909

3,93  °/o

3,10%

3,00  %

4,99  °/„

1910

4,35  „

3,72  „

3,00  „

4,50  „

1911

4,40  „

3,47  „

3,14  „

4,50

1912

4,95  „

3,77  „

3,38  „

5,00  „

1913

5,88  „

4,77  „

4,00  „

6,00  „

In  der  ksöhe  der  Sätze  folgten  also  gleichmäßig  in  allen  Jahren
nacheinander  Rußland,  Deutschland,  England,  Frankreich.  Rußland, ­
  ein  kapitalarmes  Land,  bei  bem  eine  allerdings  erst  vereinzelt ­
  auftretende  Industrie,  ein  recht  umfassender  Lxportgetreidehandel
  und  die  allmählich  zu  rationell-intensiveren  B&amp;gt;.-triebsformen
  übergehende  Landwirtschaft  immer  stärkere  2lnsprüche
  stellten,  also  eine  verhältnismäßig  große  Nachfrage  gegenüber ­
  einem  geringen  Kapitalangebot,  llmgckehrt  lag  es  in  Fra&amp;gt;rkreich;
  das  Land  ist  sehr  reich,  die  Unternehmungslust  mit  wenigen
Ausnahmen  viel  geringer  als  in  den  anderen  Staaten  Westeuropas. ­
  Eine  geringere  Kapitalnacgsrage  gegenüber  großem
Angebot  hielt  den  Zins  dauernd  niedrig.  Deutschland  und  England ­
  gehörten  beide  mit  ihrer  irrt  stärksten  Eiltempo  voranschreitenden ­
  Industrie  zu  den  kapitalhungrigsten  Ländern;  die  alte
Stellung  Londons  als  Zentralweltmarkt  führte  dem  Inselreiche
        <pb n="139" />
        Wechselzinssätze,  Grundrente.

153
mehr  Anlagekapital  zu  als  der  jüngere  Industriestaat  Deutschland ­
  anzuziehen  vermochte.
Neben  diesen  allgemeinen  Sätzen  der  Zinsbildung  werden  bei
einzelnen  Kapitalanlagen  .noch  deren  Besonderheiten
wirksam.  Dies  gilt  vor  allem  von  der  B  o  d  e  n-  o  d  e  r  Grundrente, ­
  also  dem  Einkommen,  das  sich  aus  der  bloßen  Tatsache
des  Besitzes  von  Boden  ergibt.  Der  Boden  hat  die  Eigentümlichkeit, ­
  daß  er  nicht  vermehrbar  ist;  er  gibt  also  seinem  Besitzer  ein
gewisses  Monopol,  während  man  Fabriken  bauen  kann,  so  viel
anan  will,  ist  etwa  der  Umfang  des  Rübenbodens  in  Deutschland
oder  der  an  eine  Geschäftsstraße  stoßenden  Grundstücke  beschränkt.
Ls  ist  also  entweder  die  Qualität  oder  d  i  e  Lage  eines
Grundstückes,  die  ihm  seinen  Mehrwert  verschafft.
wir  machen  uns  dies  noch  klarer,  wenn  wir  einmal  denken,
daß  der  Boden  —  es  soll  jetzt  von  Ackerland  die  Rede  sein  —  zunächst ­
  herrenlos  ist,  wie  in  einem  Koloniallande,  und  nun  ven
Ansiedlern  ohne  Entgelt  okkupiert  wird.  Die  Neusiedler  werden
sich  selbstverständlich  den  fruchtbarsten  Boden  aussuchen.  Kommt
damr  eine  zweite  Schar  oder  wachsen  die  Kinder  heran,  so  müssen
auch  die  weniger  fruchtbaren  Böden  bestellt  werden.  Diese  bringen
■  eine  geringe  Ernte  als  die  besseren,  obgleich  sie  denselben  Aufwand ­
  an  Arbeit  und  Betriebskapital  verlangen.  Man  kann  es
auch  so  ausdrücken,  daß  die  Besitzer  der  geringeren  Böden,  um  die
gleiche  Ernte  zu  erzielen  wie  die  der  besseren,  mehr  Betriebskapital ­
  (in  Gestalt  von  Kunstdünger,  Bewässerungs--oder  Lirtwässerungsanlagen,
  tieferen  pflügen  usw.)  aufwenden  müssen
als  jene;  eine  Tonne  Weizen  zu  produzieren  kostet  also  vielleicht
den  einen  (50,  den  anderen  nur  (20  Ji.  Da  nun  auf  die  Dauer
aber  die  Getreidexreise  mindestens  die  Selbstkosten  der  Produktion ­
  decken  müssen  —  eine  entsprechende  Nachfrage  selbstverständlich ­
  vorausgesetzt  —  werden  sie  wenigstens  f  50  Jl  (zuzüglich
eines  Zuschlages  als  Unternehmergewinn^  betragen  müssen.  Der
Besitzer  des  besseren  Bodens  verdient  demgemäß  an  jeder  Tonne
Weizen  30  Ji,  nur  auf  die  Tatsache  seines  Besitzes  hin,  ohne  jede
Arbeit  seinerseits.  Diese  Differonzrente  der  Qualität
hat  namentlich  Ricardo  sehr  scharf  betont.  Unser  deutscher
Forscher  I.  tz.  von  T  h  ü  n  e  n  zeigte  dann,  daß  das  gleiche  für
eine  verschiedene  Lage  zutrifft.
Nehmen  wir  wieder  zwei  Landwirte,  die  diesmal  auf  Boden
von  ganz  gleicher  Qualität  wirtschaften  sollen;  die  Selbstkostsn
        <pb n="140" />
        *  5 4  Der  Unternehmergewinn/
mögen  |icb  wieder  auf  J2u  Ji  belaufen.  Das  Getreide  inuh  aber
'  au T  Diarkt  gebracht  werden,  van  dem  der  eine  Produzent
doppelt  so  weit  entfernt  liegen  möge  als  der  andere.  Betragen
die  Transportkosten  für  Len  Näherliegenden  5  M,  für  den  «it»
öeren  demgemäß  6  Ji,  so  bat  der  erste  wieder  5  Ji  „Rente".  Nickt
weniger  deutlich  komnrt  diese  Differenzrente  der  Lage  in  der
5tadt  zum  Ausdruck,  nur  daß  auf  dem  Afphaltpflaster  kein  Getreide, ­
  sondern  Mieten  wachsen.  Die.  gleiche  Wohnung,  der  gleiche
Laden  bringew  ganz  verschiedene  Mieten,  je  nachdem,  ob  sie  im
Tiergarten  irnd  an  der  Leipziger  Straße  in  Berlin  liegen  oder
etwa  in  Berlin  NO.  Die  populäre  Meinung,  daß  die  hohen
Bodenpreife  in  den  Großstädten  von  der  Spekulation  „geniacht"
feien,  ist  durchaus  irrtümlich;  die  Nachfrage  schafft  die  Differenzrente, ­
  die  in  den  Preisen  kapitalisiert  zum  Ausdruck  kommt,  und
die  Spekulation  nutzt  diese  Sachlage,  mitunter  freilich  in  etwas
allzu  energischer  weife,  einfach  aus.
In  der  Gegenwart  tritt  die  Differenzrente  bei  solchen  Verkäufen ­
  besonders  drastisch  in  Lrfcheinunq;  sie  wirkt  aber  int
kleinen  fortwährend,  ohne  daß  der  Besitzer  sofort  den  wunsck
oder  die  Möglichkeit  hat,  sie  durch  verkauf  für  sich  zu  kapitalisieren. ­
  Jede  Anlage  einer  Trambahn  itach  einer  Vorstadt,  einer
Aleiitbahn  aufs  Land  schafft  neue  Differenzrcnten.  Wirksam
werden  aber  diese  Renten  nur  itt  der  Band  des  Unternehmers,
der  erst  das  treibende  Moment,  die  „Unruhe"  in  dem  Uhrwerk
des  produktionsmechanismtts  darstellt.

5.  Unternehmergewinn.
Der  „Unternehmer"  ist  der  Leiter  und  wie  aus  dem
Nebenklang  des  Wortes  Unternehmung  sich  ergibt  —  der  Risikoträger
  der  Produktion.  Die  Volkswirtschaft  eines  Landes  ist
(unter  sonst  gleichen  Umstäitden)  immer  das,  was  ihre  Unternehmer ­
  aus  ihr  machen.  Jede  Lähmung  des  Unternehmungsgeistes ­
  bedeutet  eine  Lähmung  der  Wirtschaft,  wo  die  Produktionsleiter ­
  in  ihrer  Betätigung  durch  Gesetz  und  Sitte  so  eng  gebunden ­
  waren,  wie  in  der  Zeit  des  Verfalls  der  Zünfte,  stockt  das
ganze  wirtschaftliche  Leben;  nicht  minder  wie  einseitige  Privilegierung ­
  einzelner  Unternehmer,  wie  sie  im  f7.  und  f8.  Jahrhundert ­
  üblich  war,  eine.  restlose  Entfaltung  aller  schlummernhm
  wirtfchaftsenergien  hinderte,  weshalb  denn  auch  Adam
        <pb n="141" />
        Der  Unternehmer.

135

Smith  die  Wirtschaftsfreiheit  gegenüber  Zunftzwang  sowohl
als  auch  prinileg  proklamierte.  Ls  ist  die  große  Tat  des  Wirtschaftsliberalismus, ­
  durch  die  Durchsetzung  der  grundsätzlichen
Freiheit  der  wirtschaftlichen  Betätigung  dem  Unternehmergeiste
bfe  Bahn  frei  geinacht  zu  haben.  Daß  diese  völlige  Entfesselung
des  Erwerbsgeistes  ihre  tiefe  Schattenseiten  hatte,  ist  bekannt
und  bedarf  in  diesem  Zusammenhange  nur  der  Erwähnung;  ist
doch  Vas  Problem  der  richtigeir  Abgrenzung  voll  Wirtschaftsfreiheit ­
  und  Staatseingriff  uns  allen  durch  die  Ereignisse  der
Kriegswirtschaft  zum  unmittelbaren  Erlebnis  und  durch  die  Revolution
  zum  dringendsten  Problem  der  nächsten  Zeit,  geworden.
wer  ist  mm  Unternehmer?  Im  Grunde  jeder,  der  sich  wirtschaftlich ­
  betätigt,  Brentano  hat  sogar  den  Arbeiter  einen
solchen  genannt.  Das  ist  insoweit  richtig,  als  auch  der  Arbeiter
über  die  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Produktionsmittel,  nämlich ­
  seine  Arbeitskraft,  irgendwie  disponieren  muß;  wo  er  feine
Dienste  anbietet,  ist  für  ihn  und  die  Seinigen  nicht  weniger  entscheidend ­
  als  die  Verkaufsabschlüsse  des  Fabrikanten  für  diesen.
Nichtsdestoweniger  behält  der  Unternehmer  in  feiner  Eigenschaft
als  Produktionsleiter  auf  eigenes  Risiko,  seine  deutliche  Sonderart. ­
  So  kann  S  ch  m  o  l  l  e  r  dazu  kommen,  zu  behaupten,  die
Unternehmer  feien  als  Klaffe  die  wirtschaftlich  Fähigsten  ge-—
blieben,  seien  gegenüber  den  Verkäufern  der  Produktionsmittel
wie  gegenüber  den  Konsumenten  im  ganzen  doch  die  Überlegenen.
Und  das  sei  nicht  sowohl  Folge  ihres  Besitzes,  so  sehr  er  in  Betracht ­
  komme,  als  ihrer  Stellung  m  b,r  Initiative,  ihrer  geschäftlichen ­
  Fähigkeiten,  ihres  Zusammenhanges  mit  den  leitenden
Kredit-  und  Verkehrsinstituten,  ihres  Einflusses  auf  die  Regierungen ­
  und  die  Handels-  und  Wirtschaftspolitik/  Darin  liege  die
Erklärung,  daß  sie  —  trotz  aller  Verluste  und  Gewinneinschränkungen ­
  —  im  ganzen  heute  doch  die  Leute  mit  den  großen  Einkommen, ­
  die  vermögenerwerbenden  seien.
Männer  wie  Thyssen,  Rathenau,  Carnegie  sind  überreich  geworden, ­
  nicht  weil  sie  Kapital  bejaßen,  sondern  weil  sie  Unternehmerfähigkeiten ­
  hatten,  und  im  kleineren  und  bescheideneren
Maßstabe  gilt  dies  von  jeden:  Industrieleiter,  wenn  die  Sozialdemokratie, ­
  dem  theoretischen  Vorgänge  von  Mary  folgend,  stets
das  Kapital  nur  angreift,  den  Unternehmer  selbst  in  seiner  besonderen ­
  Tätigkeit  negiert,  so  liegt  insofern  ein  richtiger  Gedanke
zugrunde,  als  die  starke  Kapitalansa!nmlung  Ser  Gegenwart  in
        <pb n="142" />
        156

Der  Unlernehmergewinn.

Verbindung  mit  der  durchgebildeten  Areditorganisation  dem
vlanne  mit  Unternehmereigenschaften  dieses  wichtige  Werkzeug
sehr  viel  leichter  zugänglich  macht  als  frühere  Jahrhunderte;  verhängnisvoll ­
  aber  ist  die  Verkennung  der  Rolle  der  Unternehmung
für  alle  Fragen  der  Organisation  der  Volkswirtschaft.  Sie
würde  zu  der  Folgerung  führen,  daß  eine  s&amp;gt;roduktionsregelung
durch  staatliche  Beamte,  bei  denen  nur  das  Pflichtbewußtsein
vorauszusetzen  wäre,  ohne  weiteres  sich  durchführen  ließe,  womit
denn  eine  Grundvoraussetzung  der  völligen  Sozialisierung  der
Produktion  gegeben  wäre.  Nach  den  bisherigen  Erfahrungen  ist
die  durch  Beamte  geleitete  öffentliche  Unternehmung  bort  am
Platze,  wo  es  sich  um  Gewissenhaftigkeit,  Ordnung,  Wahrung  der
Allgemeininteressen  in  erster  Linie  handelt;  überall  dort  aber,  wo
es  sich,  nach  Schumpeters  Begriffsbestimmung  der  Unternehmertätigkeit, ­
  um  Durchsetzung  neuer  Aombinationen  handelt,
ist  der  am  Erfolg  mit  seiner  ganzen  wirtschaftlichen  Epistenz  interessierte ­
  Unternehmer  wohl  -  nicht  zu  entbehren.  Niemand  wird
bezweifeln,  daß  sich  gerade  an  die  moderne  Großunternehmung
mit  ihrem  Gefolge  immer  stärkerer  Alassenscheidung  auch  schwere
Nachteile  für  den  Gesamtzustand  der  Völker  knüpfen;  niemand
darf  aber,  wenn  er  gerecht  ist,  leugnen,  welche  großen  Kultur»
werte  sie  geschaffen  hat.
Wik  bemißt  sich  nun  nach  dem  vorgesagten  das  Einkommen
des  Unternehmers?  Dem  Unternehmer  fällt  als  Risikoträger  der
Produktion  der  Gesamtertrag  (Rohertrag)  des  Unternehmens
zunächst  zu.  von  diesem  Rohertrag  aber  sind,  um  den  Reinertrag ­
  zu  ermitteln,  die  Produktionskosten  abzuz
  i  e  h  e  n  ,  d.  h.  die  Rosten  der  aufgewendeten  Arbeit  und  des  aufgewendeten ­
  Kapitals  im  weiteren  Sinne.  Der  Unternehmer  hat
also  die  Löhne  zu  zahlen  und  das  Kapital  zu  erietzen  und  zu  verzinsen. ­
  pat  der  Unternehmer  Eigenkapital  in  seinen  Betrieb
hineingesteckt,  sei  das  nun  Anlagekapital  (Grund  und  Boden,  Gebäude) ­
  oder  Betriebskapital  (Löhne^  Rohstoffe  usw.),  so  geht  für
die  Berechnung  des  Reinertrages  auch  hier  selbstverständlich  Verzinsung ­
  und  Amortisation  ab.  Das  Übrigbleibende  ist  U  n  t  erne ­
  h  m  e  r  e  i  n  k  o  m  m  e  n.  In  diesem  spezifischen  Einkommen
des  Unternehmers  stecken  wiederum  zwei  verschiedene  Elemente.
Der  Unternehmer  leistet,  wie  im  übrigen  auch  der  Erfolg  seiner
Tätigkeit  sei,  Arbeit  und  für  diese  Arbeit  muß  er  sich  Lohn
rechnen.  Der  Unternehmerlohn  ist  also  ein  Teil  des  Rein-
        <pb n="143" />
        ein
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:n=Unteinehmereinkommen

  und  Unternehmergewinn.  &amp;gt;57
ertrages.  Das,  was  nach  Abzug  der  Produktionskosten  und
des  Unternehmerlohns  vom  Rohertrag  übrig  bleibt,  ist  der
Unternehmergewinn;  er  allein  ist  spezifisch  für  den
Unternehmer,  während  Lohn,  Zins,  Grundrente  auch  anderen
Personen  zufallen  können.  Der  Unternehmergewinn  ist  nach  von
Mieser,  der  allerdings  dem  Moment  der  Risikotragung  wohl
nicht  den  genügenden  Einfluß  einräumt,  aus  dem  Seltenheitscharakter ­
  der  spezifischen  Unternehmerfähigkeiten  zu  erklären.  Bei
der  Leitung  der  meisten  „Unternehmungen"  kommen  diese  (Eigen«
schäften  gar  nicht  in  Frage.  Bei  den  mittleren  und  kleinen  Gewerben, ­
  ebenso  in  der  mittleren  und  kleinen  Landwirtschaft
handelt  es  sich  vielmehr  um  die  Ausübung  überkommener  Arbeitskunst. ­
  Demgemäß  ist  auch  in  diesen  Fällen  kein  Unternehmergewinn ­
  vorhanden,  sondern  nur  Arbeits-  und  allenfalls  Unternehmerlohn. ­
  Die  (Entwicklung  geht  regelmäßig  so,  daß  starke
Persönlichkeiten  hochgespannte  Führeraufgaben  lösen;  dadurch
werden  ihre  Unternehmungen  groß,  pat  sich  das  Unternehmen
konsolidiert,  ist  es  auf  einen  Beharrungszustand  gekommen,  so
schwindet  der  Unternehmergewinn,  wie  es  denn  ein  populär  r
Irrtum  ist,  anzunehmen,  daß  die  großen  Unternehmungen  sich  in
allen  Fällen  besonders  gut  rentierten.  Neuer  Unternehmergewinn
entsteht  erst  wieder  durch  neue  Betätigung  der  spezifischen  Unter»
nehmereigenschaften,  fei  es  in  der  Ausweitung  alter,  fei  es  in  der
Schaffung  neuer  Unternehmungen.  Wenn  wir  die  Seltenheit  der
Unternehmerfähigkeiten  erkannt  haben,  sehen  wir  darin  auch  die
Erklärung,  warum  starke  Persönlichkeiten  aus  Kartellen  herausdrängen; ­
  die  Ausnutzung  dieser  ihrer  speziellen  Fähigkeiten  ist
ihnen  durch  den  Kartellzwang,  der  den  Schwachen  stützt,  unterbunden. ­
  So  ist  der  Unternehmergewinn  letzten  Endes  Ausdruck
der  Verschiedenheit  der  Begabung  und  Energie  der  Produktionsleiter ­
  und  bleibt  damht  der  eigentliche  2lntrieb  der  wirtschaftlichen
Entwicklung..

C.  Die  Güterverwendung.
Die  Verteilung  des  Volkseinkommens  ist  die  entscheidende
Voraussetzung  für  die  Güterverwendung.  Das  Einkommen ­
  eines  Volkes  kann,  genau  wie  das  jedes  einzelnen
Privatmannes,  auf  doppelte  Iveife  verwendet  werden:  zur
Neubildung  von  Kapital  auf  dem  lvege  des
Sparens  oder  zur  Befriedigung  der  metnnig*
        <pb n="144" />
        \  öS

Die  Guterverwendung.

faliigen  menschlichen  Bedürfnisse.  Letztere  gehen
natürlich  bis  zu  einem  gewissen  Punkte  voran;  essen  und  trinken,
sich  kleiden  und  wohnen  muß  der  Mensch,  ehe  er  sein  Geld  zur
Sparkasse  bringen  kann.  Darüber  hinaus  hat  er  die  Wahl,  ob  er
sich  einen  guten  Tag  machen  oder  etwas  für  feine  alten  Tage
zurücklegen  will.  Und  endlich  kommt  die  Linkommenstufe,  wo
der  Glückliche,  wenn  er  nicht  geradezu  verschwenden  will,  sein
Überschußeinkommen  aufhäufen  muß.
Die  R  a  p  i  t  a  l  b  i  ldüi  n  g  kann  sich  so  vollziehen,  daß  die
Überschüsse  sofort  wieder  in  die  Wirtschaft  hineinge
  st  eckt  werden;  der  Fabrikant  erweitert  seine  Fabrik,  der
Kaufmann  mietet  den  Laden  nebenan  dazu.  In  vielen  Fällen
ist  jedoch  der  Überschuß  zu  klein,  um  sogleich  eine  solche  Verwendung ­
  finden  zu  können;  auch  ist  vielleicht  in  der  eigenen
Unternehmung  kein  Bedarf,  oder  der  Sparer  will  als  vorsichtiger
Mann  nicht  alles  auf  eine  Karte  setzen.  Ganz  zu  schweigen  von
der  großen  Mehrzahl  der  Abhängigen,  der  Beamten,  kaufmännischen ­
  Angestellten  und  Arbeiter,  die  keinen  eigepen  Betrieb  haben.
Ein  Teil  dieses  Sparkapitals  findet  jedoch  auch  gleich  wieder  eine
produktive  Verwendung  nach  der  Wahl  des  Eigentümers  in  der
Anlage  in  anderen  Unternehmungen,  wir  wissen,
daß  unser  modernes  Recht  mehr  und  mehr  Unternehmungen  aus
der  kjand  privater  in  die  von  Gesellschaften  überführt;  die  Aktiengesellschaft ­
  bietet  ein  bequemes  Mittel  zur  Unterbringung  von
Spargeldern  in  anderen  Betrieben.  Aber  auch  der  Staat,  die
Städte,  die  Provinzen  und  Kreise  haben  begriffen,  daß  es  kein
besseres  Mittel  gibt,  Kredit  zu  erhalten,  als  wenn  man  den
Wünschen  des  kleinen  Sparers  entgegenkonimt.  Nicht  mehr  übernimmt ­
  wie  in  früheren  Zeiten  ein  Fugger  oder  ein  Rothschild  eine
ganze  Staatsanleihe,  sondern  sie  wird  in  verhältnismäßig
kleine  Abschnitte  geteilt  und  durch  die  Börse  und  die  Banken,  in
manchen  Staaten,  wie  Frankreich,  auch  ohne  deren  Vermittlung,
in  die  pände  der  Sparer  gebracht.  Der  dritte  größte  Schuldner
neben  ’  öffentlich-rechtlicher  Körperschaft  und  Industrie,  der
Grundbesitz,  und  zwar  der  städtische  wie  der  ländliche,  ist  den
gleichen  Weg  gegangen;  neben  die  Pypothek  meist  größeren
Umfangs  tritt  der  P&amp;gt;  f  a  n  d  b  r  i  e  f,  der  gleich  dem  Staatspapier
und  der  Aktie  den  Vorteil  bietet,  durch  verkauf  an  der  Börse
jederzeit  den  geliehenen  Betrag  wieder  für  einen  anderen  Verwendungszweck ­
  freibekommen  zu  können.
        <pb n="145" />
        Das  Sparen.

139

Dieser  Anlage  in  papieren  sind  bei  uns  dadurch  Grenzen  gezogen, ­
  daß  nach  Gesetz  und  Sitte  gewisse  ziemlich  hohe  Minimalbeträge— ­
  gewöhnlich  MOO  j{  —  für  sie  festgesetzt  sind;  wir
wissen,  daß  das  englische  Aktienrecht  diese  Grenze  nicht  kennt.
Die  kleineren  Beträge  strömen  also  in  andere  Reservoire,  nämlich
die  Sparkassen,  die  B  olksbanken  und  Raiffeisenkassen ­
  und  die  Banfe  n.  Diese  sind  aber  nur  eine  Zwischenstation, ­
  denn  das  Geld  muß  arbeiten,  wenn  es  dem  Einleger
Zinsen  und  dem  Empfänger  doch  auch  noch  einen  Vorteil  bringen
soll.  Sie  haben  über  die  Verwendung  der  Gelder  an  Stelle  des
Eigentümers  zu  verfügen,  und  zwar  pflegen  unsere  Sparkassen
die  Anlage  in  Hypotheken  und  Staatspapieren,  die  Banken  die
Zuführung  an  Industrie  und  Handel  zu  bevorzugen;  nur  die  Genossenschaften ­
  machen  sie  wieder  dem  gleichen  Kreise  der  kleinen
Leute  zugänglich,,  a,us  dem  sie  stammen.
Der  Sparer  ist  eine  person  von  großem  Ansehen  in  all  den
Kreisen,  die  sein  Geld  brauchen  können;  in  unserem,  im  Verhältnis ­
  zu  seinen  Ansprüchen  kapitalarmen  Deutschland  gaüz  besonders. ­
  Da  wird  denn  alles  aufgeboten,  um  den  Sparer  heranzuziehen; ­
  namentlich  die  industriellen  Unternehmungen  und  die
Banken  lassen  alle  Künste  der  Verführung  spielen.  Ein  Blick  in
den  Anzeigenteil  einer  Zeitung  gibt  Beispiele  genug  dafür,  ganz
zu  schweigen  von  den  Prospekten,  die  den  Wohlhabenderen  ins
Haus  geschickt  werden,  und  den  Agenten,  die  den  kleinen  Bauern
und  Handwerker  direkt  aussuchen,  um  ihm  die  Vorzüge  irgendeiner ­
  Goldmine  oder  Kautschukplantage  klar  zu  machen.  Sogar
das  schöne  wort  „2Inimierbänfiers"  hat  man  für  die  Träger  einer
Tätigkeit  geprägt,  die  freilich  in  diesem  Falle  wenig  an  die  Bedürfnisse ­
  der  Volkswirtschaft  und  viel  an  sich  selbst  denken.  Zlber  auch
wenn  wir  von  solchen  betrügerischen  Manipulationen  absehen,
können  wir  doch  durchwegs  die  Einwendung  aller  nur  erlaubten
Mittel  zu  diesem  Zwecke  beobachten;  die  Hypothekengesellschaften
versprechen  den  Bankiers  'besondere  Provisionen,  wenn  sie  ihre
Pfandbriefe  an  das  publikum  absetzen;  der  Staat  will  gar  die
Sparkasse  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung  zwingen,  einen  Teil
ihrer  Bestände  in  seinen  Anleihen  anzulegen.
Die  Aufklärung  und  Erziehung  des  Sparers  ist  eine  Angelegenheit ­
  von  der  größten  volkswirtschaftlichen  Bedeutung;  sie  wird  es
um  so  mehr,  je  größer  die  ersparten  Kapitalien  alljährlich  werden ­
  und  je  weiter  nach  unten  hin  sich  der  Kreis  der  Sparer  zieht.
        <pb n="146" />
        Die  Güterverwendung.

HO

Die  Spargelder  machen  aber  für  das  Volk  mit  verschwindenden
Ausnahmen  nur  einen  verhältnismäßig  kleinen  Teil  seines  jährlichen ­
  Einkommens  aus;  der  bei  weitem  größte  Teil,  hei  vielen
Familien  alles,  muß  für  die  unmittelbaren  Lebensbedürfnisse ­
  ausgegeben,  konsumiert  werden.
Diese  Bedürfnisse  sind  überwiegend  zwingender  Natur;  sie  bestimmen ­
  deshalb  in  letzter  Linie  die  Produktion,  die  eben  nur  für
die  Konsumtion  arbeiten  kann.  Die  genaue  Kenntnis  der  Konsumtionsgewohnheiten ­
  -eines  Volkes  ist  deshalb  von
größter  Bedeutung  auch  für  die  Produktion,  und  man  hat  sie
darum  vielfach  studiert.  Aus  der  reichhaltigen  Literatur  hierüber
mögen  nur  einige  Zahlen  aus  einer  Erhebung  angeführt  sein,
welche  die  Abteilung  für  Arbeiterstatistik  des  Deutschen  Statistischen ­
  Amtes  Ende  HO?  durchführte ;  wir  geben  dabei  die  Durchschnittsverteilung ­
  der  Ausgaben  in  einer  Gruppe  von  Familien
mit  einem  geringen  und  in  einer  solchen  mit  einem  verhältnismäßig ­
  hohen  Einkommen,  wobei  wir  bemerken,  daß  andere  Erhebungen ­
  zu  einem  ganz  ähnlichen  Ergebnis  gekommen  sind.  Ls
entfielen  von  den  Gesamtausgaben

in  %  auf
Nahrung
Wohnung
Kleidung
Beheizung  und  Beleuchtung
Sonstiges

■  in  der  Einkommenstufe  von

—  l  600  M

4000—5000  Ji

54,6

32,8

17,2

19,5

9,5

14,7

4,8

5,1

12,9

50,1

Ma  sieht,  daß  für  die  unur  ittelbaren  Lebensnotwendigkeiten, ­
  welche  in  den  ersten  vier  Gruppen  zusammengefaßt ­
  sind,  in  der  niederen  Einkonrmensstufe  86  %,  in
der  verhältnismäßig  hohen  von  g—5000  M  immer  noch  70  %  des
Einkommens  ausgegeben  werden.  Die  überragende  Rolle,  welche
für  neun  Zehntel  der  Gesaurtbevölkerung  die  Ausgaben  für  die
Nahrung  spielen,  läßt  diese  von  erster  Wichtigkeit  erscheinen.
Die  Konsumtion,  der  Güterverbrauch,  ist  nun  fein  wirtschaftlicher ­
  Akt.  Trotzdem  gehört  auch  sie  in  den  Bereich  der  wirtschaftslehre ­
  und  -Politik.  Zu  einem  wirtschaftlichen
Akte  wird  sie  nänrlich  durch  die  begleitende
Kontrolltätigkeit,  welche  die  Auswahl  und  Verwendung ­
  der  Konsumtionsgüter  nach  dem  ökonomischen  Prinzip  mit
        <pb n="147" />
        Konsumtion  und  Haushalten.  Hi

Hilfe  des  Grenznutzens  regelt.  IDo  unbeschränkte  Huttel  vorhanden ­
  sind,  erfolgt  die  Konsumtion  allerdings  ohne  diese  Kontrolle; ­
  da  aber  in  der  ganz  überwiegenden  Mebrzahl  aller  Fälle
die  Menschen  nicht  in  dieser  glücklichen  Lage  sind,  mutz  hausgehalten ­
  werden.  Die  Aufgaben  dieses  Haushaltens  sind.
2luswahl  der  für  die  Konsumtion  zu  beschaffenden  Mittel  nach
Maßgabe  ihres  Grenznutzens  für  die  zu  befriedigenden  Bedürfnisse, ­
  Wahrung  und  Sicherung  der  vorhandenen  Güter  gegen  verderben ­
  und  Verlust,  Bestimmung  über  die  Verwendung  der  für
die  Verbrauchswirtschaft  zur  Verfügung  stehenden  Kräfte  (nicht
nur  Dienstboten  und  Angestellte,  sondern  zumeist  auch  Hausfrau
und  Haustöchter).  Auch  technisch  ist  das  „Haushalten"  noch
durchzubilden;  alle  die  Bestrebungen,  die  man  als  Rationaufterung
  des  Konsums  bezeichnen  kann,  und  deren  Bedeutung  wir  m
den  Fahren  des  Krieges  an  unserem  Leibe  erprobt  haben,  gehören

hierher.
Fn  diesem  Zusammenhange  gewinnt  plötzlich  dre  Fr  anen -
frage  eine  besondere  ökonomische  Bedeutung;  denn  die  Frau
ist  es  welche  über  diese  Summen  fast  ausschließlich  disponrert.
Nehmen  wir  hinzu,  daß  auch  die  Ausgaben  für  Bekleidung  für
Heizung  und  Beleuchtung  und  für  „Sonstiges"  wenrgstens  teilweise ­
  durch  die  Hand  der  Frau  gehen,  so  dürfen  wir  wohl  sagen,
Laß  drei  Fünftel  der  Gesamtausgaben  Frauensache ­
  sind.  Ich  hvbe  ausgerechnet  (in  einer  Schrfft:  „Die  Hausfrau ­
  und  die  Volkswirtschaft",  Tübingen  *9*6,  in  der  ich  auch
die  anderen  hier  angedeuteten  Fragen  ausführlich  behandele),  oatz
vor  dem  Kriege  in  Deutschland  alljährlich  rund  *6  Ilhlharbcn
Mark  durch  die  Hand  der  Hausfrauen  gingen.  ^  wahrend  nun  der
Mann  für  seinen  Beruf  der  Regel  nach  sorgfältig  geschult  wir  ,
hat  man  die  ganze  „Hauswirtschaft"  bis  vor  kurzem  als  Domäne
der  Tradition,  der  Lrfahrung  betrachtet  und  ihre  Durchdringung
mit  den  Ergebnissen  der  Wissenschaft  überhaupt  nicht  m  Betracht
aezoaen.  Das  Bäuerlein,  das  van  der  Lrnahrungsphy,ivlagie  de-,
Rindviehs  nichts  weiß,  wird  heutzutage  schon  von  seinen  Standesgenossen ­
  über  die  Achsel  angesehen;  sein  Funge  kennt  es  schon
besser  der  in  der  Schule  Futterratianen  nach  physiologischen  und
wirtschaftlichen  Gesichtspunkten  berechnen  lernt,  wie  viele  Hausfrauen ­
  wußten  bisher  mit  der  Lrnährungsphysivlogie  des  Menchen
  Bescheid,  wie  viele  waren  im  stände,  die  „Futterrationen
für  ihren  Tisch  zu  berechnen?  Man  hat  berechnet,  daß  durch
        <pb n="148" />
        Die  Güterverwendung.

.  $42
uirzweckmäßige  Auswahl  und  Zubereitung  der  Speisen  jährlich
kjunderte  von  Millionen  verlorengehen;  wahrlich  Grund  genug
für  die  Hausfrau,  nun  ihren  „Beruf"  auch  wirklich  zu  lernen.
Sie  muß  deswegen  nicht  gleich  auf  die  Universität  gehen;  die
haushaltungsschule  tut's  auch,  und  später,  wenn  sich  diese  neue
Bildung  erst  weiterverbreitet  hat,  wird  die  Tochter  von  der
Mutter  wenigstens  so  viel  lernen  können,  wie  der  Lehrbub  vom
Meister.  Lernen  allein  macht  es  nämlich  nicht,  sondern'  Nachdenken, ­
  da  es  sich  eben  um  die  Anwendung  der  abstrakten  Regel
im  Drange  der  täglichen  Arbeit.und  unter  immer  neuen  Umständen ­
  handelt,
Wirkt  die  Konsumtion  als  „Wissenschaft"  sparend,  so  wirkt  sie
als  „Politik"  richtunggebend  auf  die  Produktion  und  ihre  Bedingungen. ­
  Die  ungeheure  Macht,  die  in  die  Hand  der  Konsumenten ­
  gelegt  ist  -  denn  Macht  hat  in  der  Wirtschaft,  wer  zahlt,
und  das  ist  endgültig  der  Konsument  —  ist  deshalb  noch  nicht  allgemein ­
  zum  Bewußtsein  gekonimen,  weil  sie  noch  keine  For  m
angenommen  1  hat,  noch  nicht  organisiert  ist.  Die  K  o  n  s  u  m  -
vereine  sind  ein  2lnsang;  aber  so  wichtig  sie  sind,  so  können
sie  aus  ihrer  Natur  heraus  nur  einen  bestimmten  Teil  der  Produktion ­
  beeinflussen.  In  loseren  Formen  hat  die  Konsumtion,
wenigstens  vorübergehend,  schon  stärkere  Zeichen  ihrer  Macht  gezeigt. ­
  Gin  wesentliches  Mittel  ist  der  B  o  y  k  o  t  t  ;  der  Alkobolboykott
  der  deutschen  Arbeiter  während  der  Kämpfe  um  die
2leichsfinanzrcform,  die  Boykottierung  österreichischer  Waren  in
der  Türkei  während  der  endgültigen  Inbesitznahme  von  Bosnien
und  der  Herzegowina,  die  immer  wieder  versuchte  Boykottierrnig
deutscher  waren  durch  die  Polen  als  Protest  gegen  die  Gstmarkenpolitik
  der  preußischen  Regierung  sind  allbekannte  Beispiele  seiner
.Anwendung.  Auch  in  den  Dienst  sozialpolitischer  Reformen  Ist
die  Konfumentenvereinigung  gestellt  worden;  von  Amerika  ausgehend ­
  sind  „weiße  Ligen"  gegrünt  et  worden,  dir  ihre  Mitglieder
verpflichten,  nur  in  solchen  Geschäften  zu  kaufen,  die  gewisse  Forderungen ­
  bezüglich  der  Behandlung  des  Personals  (Gewährung
von  Sitzgelegenheiten,  Acht-Uhr-Ladenschluß  usw.)  erfüllen.  Die
Gewerkschaften  der  Arbeiter  haben  sich  gelegentlich  in  gleicher
Weise  verpflichtet,  waren  (Kleidungsstücke  usw.)  nur  dann  zii
kaufen,  wenn  die  Fabriken  nur  Gewerkschaftsarbeiter  beschäftigen
oder  Gewcrkschaftslöhne  zahlen.
Aber  auch  ohne  solche  ausdrücklici^e  Formulierung  bestimmt  die
        <pb n="149" />
        Konsumtion  tmb  Produktion.  11*
Einkommensverteilung  Und  Verwendung  die  Produktion,  verteilt ­
  sich  das  Einkommen  gleichmäßig  unter  alle  Levölkerungsschichten,
  so  werden  andere  Arten  von  lvaren  begehrt  werden,  als
wenn  wenige  Milliardäre  Nilsionen  von  Proletariern  gegenüberstehen. ­
  Bei  gleichem  Einkommen  wieder,  soweit  es  über  die  unmittelbare ­
  Lxistenzfristung  hinaus  Hlittel  zur  Verfügung  stellt,
werden  Lebensgewohnheiten  und  Rulturhöhs  sich  in  wirtschaftliche ­
  Nachfrage  umsetzen.  Der  Konsument  ist  die  letzte
In  stanz  im  lvirtschastsleben;  er  entscheidet,  ob  solides ­
  schlichtes  Tuch  oder  Baumwollstoff  mit  künstlichem  Seidenglanz ­
  produziert  werden  soll,  ob  Schiller  oder  Ibsen  gespielt  oder
neue  Rinemas  gebaut  werden,  ob  bei 1 -  deutsche  Bauer  Gchsen
ziehen  kann  oder  der  amerikanische  Fleischtrust  in  Argentinien
Gefrierfleisch  herstellen  darf.  Das  verfügbare  Einkommen  gibt
die  Grenzen,  seine  Verteilung  die  Möglichkeiten,  seine  Verwendung ­
  die  Nichtung  der  Produktion,  wer  die  Produktion  beeinflussen ­
  will,  muß  den  Konsumenten  erziehen;  die  'Vernachlässigung ­
  der  wünsche  unb  der  Kräfte  der  Konsumtion  führt  zur
Überproduktion  und  damit  z&amp;gt;rr  Krise.  Die  Kunst  des  Unternehmers, ­
  des  Leiters  der  Produktion,  gipfelt  darin,  sie  dem  Konsum ­
  anzupassen;  in  der  Konsumtion  schließt  sich  der  von  der  Produktion ­
  ausgehende  Kreislauf  der  Wirtschaft.
        <pb n="150" />
        Literatur.
Die  Zahl  der  Lehrbücher  auf  dem  Gebiete  der  Volkswirtschaftslehre
ist  in  den  letzten  Jahren  erfreulicherweise  so  gewachsen,  daß  sich  für
den  Lernbegierigen  nur  noch  Schwierigkeiten  in  der  Auswahl  aus  dieser
Fülle  ergeben.  Im  Folgenden  ist  nur  eine  kleine  Zahl  genannt,  wobei
auf  die  Bedürfnisse  des  Anfängers  wie  darauf  RUcksicbt  genommen  ist,
Vertreter  der  verschiedenen  Richtungen  zu  nennen;  weitere  Literaturangaben ­
  finden  sich  in  den  angegebenen  Werken  selbst  *).
Diese  Richtungen  selbst  charakterisiert  eingehend  Karl  Diehl  in
dem  l.  (bisher  einzigen^  Bande  seiner  „Theoretischen  Nationalökonomie"
(Jena/  Gustav  Fischer).
Als  Einleitung  zu  einem  systematischen  Studium  kann  mit  Vorteil
der  „Grundriß  der  Politischen  'Ökonomie"  von  Philippovich  in
drei  Teilen  (Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  und  zwei  Teile  Volts*
Wirtschaftspolitik)  verwendet  werden.  Er  nimmt  im  wesentlichen  einen
vermittelnden  Standpunkt  ein,  wie  auch  k  e  x  i  s  in  seiner  nur  die
Theorie  umfassenden  „Allgemeinen  Volkswirtschaftslehre"  (Berlin  und
Leipzig,  Teubner).
Als  Vertreter  der  strengen  Methoden  der  klassischen  Schule  ist  vor
allem  DA  e  tz  e  l  mit  seiner  leider  unvollendeten  „Theoretischen  Sozialökonomik" ­
  (Leipzig,  L.  F.  Winter)  zu  nennen.  Gleichfalls  unvollendet
ist  Adolph  Wagners  „Theoretische  Sozialökonomik"  im  gleichen
Verlage  (i.  Abteilung:  Einleitung,  Grundlegung,  Ausführung  der  Lehre
von'Produktion,  Umlauf  und  Verteilung;  2.  Abteilung:  Kommunikations-
  und  Transportwesen,  Geld  und  Geldwesen).  ^
Das  Hauptwerk  der  „historischen"  Schule  ist  v.  S  ch  m  o  l  l  e  r  s
„Grundriß  der  allgemeinen  volkswirtschastslehre"  (Leipzig,  Duncker  und
pumblot),  der  die  geschichtliche  Entwicklung  der  volkswirtschaftlichen
Erscheinungen  besonders  betont.  Im  gleichen  Sinne  als  ein  pauvtwerk
der  theoretisch-systematischen  modernen  Schule  ist  F.  v.  w  i  e  s  e  r  s
„Theorie  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft"  zu  bezeichnen,  an  die  sich  auch
meine  Darstellung  in  i'hren  theoretischen  Teilen  mehrfach  anlehnt,
v.  wiesers  Werk  ist  in  Band  I  des  von  Max  Weber  unter  Mitarbeit ­
  einer  größeren  Reihe  von  Gelehrten  herausgegebenen  „Grundrisses ­
  der  Sozialökonomik"  (Tübingen,  Mohr)  enthalten,  der  nach  seiner
Vollendung  die  umfangreichste  Darstellung  unserer  Disziplin  sein  wird.
vom  Standpunkt  der  katholischen  Glaubenslehre  gehen  die  beiden
Werke  von  Dev  as  („Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre",  übersetzt
und  bearbeitet  von  Walter  Kämpfe)  und  Pesch  8.  I.  („Lehrbuch
*)  Da  diese  Werke  fast  durchweg  ständig  in  neuen  Auslagen  erscheinen,
ist  von  der  Angabe  des  Jahres  der  letzten  Auflage  meist  Abstand  genommen.
        <pb n="151" />
        Literatur.

r»s

ver  Nationalökonomie",  Bö.  l:  Grundlegung;  Bö.  2  und  3:  Allgemeine
  Volkswirtschaftslehre)  aus  (beide  im  Verlag  von  Herder  in
Freiburg  i.  B v .
Als  Vertreter  der  volkswirtschaftlichen  Literatur  des  Auslandes  seien
genannt:  Für  Frankreich  Lharles  Gide  („Principes  d  economie
politique“);  für  England  Alfred  Marshall  („Principles  of
economics“;  deutsch  von  Ephraim  und  Salz  mit  einem  Vorwort  von
Brentano  im  Lottaschen  Verlag);  für  Amerika,  das  auf  theoretischem
Gebiete  hervorragendes  leistet.  I.  B.  darf  („The  distribution  of
wealth“).
Die  ä  l  teren  Nationalöknomen  (Turgot,  Smith,  Ricardo.
List,  Thünen  usw.)  sind  jetzt  in  der  Sammlung  sozialwissenschaftlicher
Meister"  (Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena,  bequem  zugänglich.
Sehr  brauchbar  sind  die  von  Diehl  und  M  o  m  b  e  r  t  herausgegebenen
  „Ausgewählten  Lesestücke  zum  Studium  der  politischen  Ökonomie" ­
  (Karlsruhe,  G.  Braun,  to  Bände).  3n  den  einzelnen  Bändchen,
die  Geld,  Arbeitslohn,  lvirtschaftskrisen  usw.  behandeln,  sind  unter
Vorausschickung  instruktiver  Einleitungen  hauptstellen  aus  den  Schriften
älterer  und  jüngerer  Gelehrter  über'  den  jeweiligen  Gegenstand  zusammengestellt. ­
  Linen  ähnlichen  Lharakter  haben  die  von  I  a  st  r  o  w
herausgegebenen  „Textbücher  zu  Studien  über  Wirtschaft  und  Staat"
(Berlin,  Georg  Reimer,  bisher  q  Bände)„  die  aber  außer  Proben  theoretischen ­
  Denkens  noch  praktisches  Material  aller  Art,  wie  Gesetze,
Statistik  usw.  geben.
.Der  Belehrung  dienen  endlich  mehrere  lexikalische  Werke,  die  durch
die  Zusammenarbeit  einer  größeren  Zahl  von  Gelehrten  entstanden  sind,
von  bene«  jeb'er  nur  Artikel  aus  seinen  besonderen  Arbeitsgebieten
lieferte.  Da  diese  Werke  auch  reichliche  Literaturangaben  enthalten,
sind  sie  zur  raschen  Information  über  Einzelfragen  besonders  geeignet.
Das  von  Elster  herausgegebene  „w  örterbuch  der  Volkswirtschaft" ­
  hat  zwei,  das  von  Lonrad,  Elster,  Lexis  und  Löning  herausgegebene ­
  „Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften"
hat  acht  starke  Bände.  (Beide  im  Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.)
Das  fünfbändige  „Staatslexikon  der  Görresgesellschaft"
(Verlag  von  Herder  in  Freiburg  i.  8.  ,  das  jedoch  auch  die  Politik
einbezieht,  vertritt  wiederum  den  besonderen  katholischen  Standpunkt.
Darstellungen  der  Wirtschaftsgeschichte  geben:  Sombart,  „Die
deutsche  Volkswirtschaft  im  19.  Jahrhundert"  (3.  Auslage,  Berlin,  G.
Bondi,  1913);  wygodzinski,  „Wandlungen  der  deutschen  Volks-Wirtschaft
  im  l9.  Jahrhundert"  (Köln,  M.  Dumont-Schaubergsche  Buchhandlung. ­
  6.—10.  Tausend,  (912);  Kötzschke,  „Deutsche  Wirtschaftsgeschichte ­
  bis  zum  17.  Jahrhundert";  und  Sieveking,
„Grundzüge  der  neueren  Wirtschaftsgeschichte  vom  17.  Jahrhundert  bis
zur  Gegenwart.  (Die  beiden  letzteren  kurzen  Darstellungen  sind  als
Teile  des  von  Aloys  Meister  herausgegebenen  „Grundrisses  der  Geschichtswissenschaft", ­
  Leipzig  und  Berlin,  Teubner,  erschienen.)
Eine  größere  Gesamtdarstellung  der  Wirtschaftsgeschichte  unter  Mitarbeit ­
  verschiedener  Autoren  und  Leitung  von  B  r  o  d  n  i  tz  ist  -.angekündigt.

Wygodzinskl,  Einführung  In  die  VolkSwirischastslehre  10
        <pb n="152" />
        Literatur.

(46
Zusammenfassende  Behandlungen  der  volkswirtschaftlichen  Llteratur
sind  nicht  sehr  zahlreich.  Das  klassische  Werk  von  Wilhelm
Ros  ctser,  „Geschichte  der  National-Gkonomik  in  Deutschland"  (München ­
  »874,  .  ist  unübertroffen,  aber'  sachlich  und  zeitlich  begrenzt  und
nur  für  Fachleute  bestimmt.
Al-  Festgabe  zu  Gustav  Schmollers  fiebenzigstem  Geburtstag  haben
eine  große  Reihe  feiner  Freunde  und  Schüler  die  Literatur  ihrer  Forschungsgebiete ­
  unter  einheitlichen  Gesichtspunkten  in  dem  wertvollen
Sammelwerk  „Die  Entwicklung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre ­
  im  neunzehnten  Jahrhundert"
(2  Bände,  Leipzig,  Dimeter  und  Humblot  »'908)  behandelt.
Allgemeineren  Lharakters  sind:  Spann,  „Die  yaupttheorien  der
Volkswirtschaftslehre  auf  dogmengeschichtlicher  Grundlage"  (Leipzig,
Duelle  und  Meyer  »9»»),  zur  ersten  Einführung  gut  geeignet;  Gide
et  Rist,  „Histoire  des  doctrines  economiques“  (Paris  »908;  deutsch
unter  dem  Titel  „Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehrmeinungen",
Jena  »9»3);  und  Schumpeter,  „Epochen  der  Dogmen-  und  Methodenaeschichte"
  (in  Band  I  des  „Grundrisses  der  So.zialökonomik").  .
        <pb n="153" />
        .1

Register.

Abbe  107.
Abstinenziheorie  128.  '
Achenwall  15.
Aekn'mndentag  108.
Akkoidl-chn  HO  ff.
Aktienaesellschaft  33,  73,  85,  138.
Alter  38 ff.
Anlllyse  14.
Angebot  25  ff.
Angstpreis  28.
A&amp;gt;  beit  44  ff.
Arbeiteraktionäre  116  ff.
Arbeit  träte  123.
Arbeitgebervereine  122.
Arbeit-en-kommen  103  ff.
Arbeit'-niafchine  56.
Ar  beitspfychologie  57  ff.
Arbeitete  lung  33,  46  ff.,  51  ff.,  95.
Arbeitswerttheorie  29.
Arbeitszerlegung  51.
Arbeitszeit  107.
Banken  74  ff.,  85,  139.
Bedarf  21.  "
Bedürfnis  21,  22.
Begabung  49.
Berufsteilung  46.
Berufswahl  49  ff.
Besitz  inkommen  121  ff.
Betriebsräte  123.
Böhm-Bawerk  24,  128.
Boden  36,  43  ff.
Bolschewismus  119.  •
Boytott  142.
Booth,  Charles  41.
Braffey  108.
Brentano  22,  135.
Brodnitz  81,  145.
Buckle  35.
Bücher,  Karl  60.
La  canny.Politik  108.
Larey  24.
Carlyle  81.
Lhartiftenbewegung  118.

Clark  145
Conrad  84,  145.
Deduktion  10.
Devas  144.
Diehl  144,  145.
Dietzel,  ß.  11,  12,  144.
Duncker  119.
Durchstaatlichung  89.
Linkommenverteilung  30,  102  ff.
Cifenindustrie  37.
Elster  145.
Ermüdung  64.
Engels  8j.
Enquste  16.
Ertrag,  abnehmender,  Gesetz  des  27
45.
Erwerb-stande  49.
Lxistensbedürfnis  22.
Finanzkapital  77.
Frauenarbeit  46  ff.
Fruktiffkationstheorie  127.
Gautt  113.
Geburtenziffer  40.
Gemeinbesitz  71.
Genossenschaft  87.
Gesellichast  in.  b.  ß.  86.
Gesellschaftswirtschaft  21.
Gewerbefrciheit  98  ff.
Gekperbrverein  108,  118  ff.
Gewin  beteiligung  114  ff.
Gid,e  145,  146.
Gilchrist  37.
Gossen  22,  25.
Grasham'sches  Gesetz  7.
G  enznutzen  24  ff.
Großbank  75.
Großbetrieb  78 ff.,  81.
Großindustrie  15.
Gründung  76.
Giundrenie  33.
Güter  22.
Gütererzeugung  30,  31  ff -

io
        <pb n="154" />
        Register.

Güterverwendung  31,  137  ff.
Hamstertum  28.
Kandelsstaat,  geschlossener  2t&amp;gt;.
Kandwerk  71.
Bausfrau  140.  '  &amp;lt;
Kausbaltcr  140  ff.
Bau- wirtschaft  46  ff.
Keimarbeiter  124.
Kerkner  61.
Kildrbrand  14.
Kirsch,  Max  119.
Kypothek  188.
Kypotffe.enbank  74.
Zdealisierung  18.
Individualisierung  91.
Induktion  14.
Industrie  37.
Isolierung  11,  18.
Iastrow  145.
Iuglar  97.
Kämmerer  68.
Kapital  68  ff.
Kapitalbildung  126  ff.,  131.  138.
Kapitalismus  30,  77.
Kapitalist  76  ff.
Kartelle  29,  100  ff.,  137.
Kaufmann  76  ff.
King,  Gregory  28.
Klassenkamps  117  ff.
Kleinbetrieb  80  ff.  '
Kleinmotor  56.
Kleinunternehmung  84.
Knabengeburten  41.
Kötzschke  145.
Kompagnie  85.
Konjunktur  34.
Konsum  113  freie  26.
Koniumption  140  ff.
Konsumvereine  142.
Kostenwertiheorie  23.
Kraftmaschine  53.
Krastkonzentration  66.
Kredit  72  ff.
Kreditgenossenschaft  75,  139.
Krieg  12  ff.,  84.
Krise  97.
Kulturbedürsnis  22.

Landwirtschaft  32,  35,  43  ff.
Lassalle  105  ff,  119.
Lelnnshaltung  106.
Lehrling-gesetz,  der  Elisabeth  105.
Lexis  14  l,  145.
List  145.
Löning  145.
Lohn  11)3  ff.
Lohnämter  124.
Lohnstmdsthcorie  106.
Lohnform  1h8  ff.
Lohngeseh,  ehernes  105  ff.
Lohnkampf  117  ff.
maltbus  39,  97.
Marshall  145.
Marx  23,  60,  90.
Maschine  119.
Methode  53  ff.
Mindrstlöhne  10  ff.,  19.
Mittelstand  84,  124  ff.
Möser,  Justus  61.
Mornbert  145.
Monopol  29,  90.
Morris,  W.  81.
Nachfrage  25  ff.
Natur  35  ff.,  42  ff
Naturallohn  108.
New  Protection  125.
Nutzen  21.
Nutzwerttheorie  24.
(Obligationen  73.
Gwen,  R.  97.
P  cht  71,  127.
panif preise  28.
Persönlichkeit  73
Pesch  144.
Pfandbrief  138.
v.  Philippovich  7,  144.
Physiokraten  22,  127.
Planwirtschaft  90.
Preis  25.
Prinftp,  wirtschaftliches  20.
Privilegien  134.
Produttion  30,  31  ff.
Produkt,onsbefchränkung  99  ff.
Produktionskosten  28.
Produktivität  33.
        <pb n="155" />
        Register.

,  proletariat  15.
Psychologie  9,  17.
Psych  op  by  sik  der  Arbeit  59.
(Yuatitäisprodnklion  83.
»affen  47  ff.
Raubbau  36.
Renner  89.
Rente  127.
R  Produktionskosten  24.
Rhychuius  60.
Ricardo  10,  23,  105,  133,  145.
Risiko  33,  95.
Rist  146.
Roscber  14,  130,  146.
Rusk.n  81&amp;lt;
Schichtung,  gesellschaflliche  35,  50,
102.
Schleuderkonkurrenz  28.
Schmollcr  14,  135,  144.
Schule,  historische  14.
Sch  le,  österreichische  17,  22.
S.vuinpeier  17,  97,  102,  136,  146.
Selbftmtereffe 1 11.
Shop-conncsts  122.
v.  Sieme  s,  IDerner  40.
Sieveking  145.
Signor  106,  127.
Sismondi  97.
Skala,  gleitende  113.
Smith,  Adam  10,  23,  135,  145.
Sombart  145.
Sozialisierung  30,  77,  88  ff.
Soziali  stenge'etz  120.
Sozialökonomik  21.
Soziologie  9,  19.
Spann  146.
Sparen  139.
Spa,  kaffen  74,  139.
Staat  8  s.
Staatsanleihe  138.
Siädte  88.
Standort  35.
Statistik  15  ff.

Störung  95  ff.
Stolzinann  102.
Streik  121.
Süßmilch  41.
Syndikalismus  119.
Syndikat  100.
Tarifverträge  123.
Taxe  29.
Taylorsystem  111  ff.
Teilbau  114  ff.
Thomas  37.
THünen  11,  44,  115,  133,  145.
Trade  unions  119.
Trust  109.
Tugan  -Baranowsky  102.
Turgot  127,  145.
Übung  51.
Unternehmer  83,  134  ff.
Ul  ternehmereinkommen  136.
ltnt  rnehmergewinn  133,  137.
Unte.'nehmerlohn  136.
Unternehmung  32,  78  ff.
Vergesellschaftung  89.
Versicherung  96.
verstaa  lichung  88  ff.
volk-wirtschaftslehre  5  ff.,  9,  20.
Wagner,  Adolf  144.
Weber,  Mar  19,  59,  144.
wechselzinsfätze  131  ff.
wert  23  ff.
v.  wirser  17,  18,  19,  137,  144.
Wirtschatt  20.
wirtschattsgeographie  9.
wirtschattsgeichichte  9,  14,  34.
wirtschaftsmeiisch  11,  20,  23.
Wirtschaftspolitik  7  ff.
wygodzinski  141,  145.
Zins  76  ff,  127  ff.
Ztnsverbot  128.
Zunf  wirtschaft  98.
rftzwang  134.

-2  f  Abteil"

BibtiG.hek
        <pb n="156" />
        Verlag  von  Quelle  §2.  Meyer  in  Leipzig

Staat  und  Gesellschaft  in  der  Gegenwart.  Von  Prof.
l)r.  A.  Vierkandt.  162  ©eisen  Gebunden  M.  I  SO  •»
„Cm  Bündchin,  das  ;»  den  Zeitbüchern  im  besten  Sinne  zu  zählen  ist.
Es  stellt  sich  in  den  Dienst  der  neuen  bürgerlichen  Gesinnung^  indem  es  eine  j
soziologische  Einleitung  in  die  Politik  bietet.  Denn  nur,  wer  das  öffentliche
Leben  der'Gegenwart  richtig  versteht,  ist  ün'ande,  an  seiner  künftigen  Ge-  ]
staltung  mitzuarbeiten."  Pädagogische  Blätt-r.
Staatsbürgerkunde.  Von  Geh.  Vni  Prof.  L  Ä  e  r  n  h  e  &amp;gt;  m.
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„Kein  leichtes,  aber  ein  lehrreich  es  Buch  ist  es?  das  uns  der  Verfasser
hier  bietet,  um  in  streng  Wissenschaft  icher  und  sachlicher,  aber  auch  allgemein
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  en  Kenn  tni  ssen,  die  dadurch  an  Wert  gewinnen,  daß  alle  seine
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begründet  sind!"  '  Preuhisches  SJecroaltungsblatt.
Einführung  in  die  Rechtswissenschaft.  Von  Professor
Dr  G.Vodbruch.  3.Auflage.  212©  iten.  Gebunden  D1.3.—
„Nicht  etwa  einen  oberflächlichen  und  dem  Gedächtnis  des  Lesers  bald  wieder
entschwindenden  Auszug  der  wichtigsten  GeseyesvorschrifteN  erhalten  wir  hier,
vielmehr  werden  uns  die  rechtsphilosophischen  und  r  e  ch  t  s  politischen ­
  Grundgedanken  des  geltenden  Rechtszustandes  bloßgelegt."
Deutsche  Beamtenzeitung
Die  Grundlinien  des  deutschen  Staatswesens.  Von
Geh.HofratDr.V  Schmidt.  229Seiten.  GebundenDL3.—
D&amp;gt;  s  Buch  ist  eine  Brücke  zwischen  Vergangenheit  und  Zukunft.  Die  Borger
schichte  unseres  Reiches,  dessen  staatliche  Gewalten,  Verhältnisse  bei  der  Gesetzgebung ­
  und  Verwaltung  werden  erörtert,  soivie  das  Verbältnis  sämtlicher
staatlicher  Verbände  zu  den  Bürgern  als  Wähler  und  als  Untertanen.  Ein
Überblick  über  die  neuen  politischen  Parteien  und  die  Umwälzung  Deutschlands
durch  die  Revolution  eröffnet  einen  Ausblick  auf  die  zukünftigen  Aufgaben.
Die  deutsche  Iteichsverfafsung.  Von  Geh.  Vat  Professor
Or.ph.Zorn.  3. verb. Auflage.  128Seiten.GebundenM.  i.50
„Die  vorliegende  gemeinverständliche  Schrift  des  hervorragenden  Bonner
,  Rechtsgelehrten  macht  den  Leser  in  leichtfaß  licher,  klarer  und
prägnanter  Darstellung  mit  dem  Wesen  der  deutschen  Reichsverfassung ­
  bekannt."  ,  Literanlches  Zentratötatt.
        <pb n="157" />
        Verlag  von  Quelle  L  Meyer  in  Leipzig

Unsere  Gerichte  und  ihre  Reform.  Don  Professor  Dr.
W.  Kisch.  171  Seiten.  Gebunden  M.  1.50  •&amp;gt;
„E  i  n  prächtiges  Büchlein,  dasWesen  nndAufgabe  unsererGerichte
gemeinverständl  ch  darstellt  und  zu  den  R  forms  ragen  in  trefflicher,
überzeugender  und  sachlicher  Weise  Stellung  nimmt."  Das  Recht.
Oie  Haupttheorien  der  Volkswirtschaftslehre.  Don
j  Prof.  Dr. O.Spann.  3.Auflage.  140Seiten  Geb.  M.  3.—
„Das  Werk  ist  *  urchzogen  von  ein'in  selbständigenwissenschaft:
!ich-kr»tifchen  Geiste  und  besonders  anziehend  gemacht  dlirch  „
die  pbilosophische  Durchdr  ngunz  des  Stoffes.  So  ragt  fci  so  Arbeit  in
jeder  Beziehung  aus  der  Überproduktion  an  zusammenfassenden  Darstellungen
der  letzten  Jahre  bedeutungsvoll  hervor  und  ist  von  bleibendem ­
  Werte."  ;Htd)ro  für  Sogialroiifenidjaft  uni)  Scwalpolitit.
Oie  Entwicklung  der  sozialen  u.  wirtschaftspolitischen
Anschauungen  in  Deutschland  row  Beginn  deö  19.  Jahrhunderts ­
  bis  zur  Gegenwart.  Don  Professor  Dr  p.  Mombert.
ra.  120  Seiten.  Gebunden  M.  2.50  »
Die  Schrift  stellt  sich  in  erster  Linie  die  Aufgabe,  in  durchaus  objektiver  I&amp;amp;’ife
die  Entstehung  und'  den  geistigen  Hintergrund  der  soz  alen  ,und  wirtscbaftspolitischenAnschauungen
  zu  schildern,  die  heute  miteinander  um  die  Herrschaft
streiten.  ■*
Einführung  in  die  Volkswirtschaftslehre.  Don  Professor
Dr  W.Wygodzinski.  3.Auflage.  149Seiten.  Geb.  M.3.—
„Man  muß  es  freudig  begrüßen,  wenn  ein  so  g  r  ü  n  d  l  i  ch  e  r  F  a  ch  m  a  n  n
und  gewandter  Schriftsteller  wie  2l  ygodziuski  es  unternimmt,
diesem  Bedürfnis  ,  ntgegenzukounnen.  Sein  treffliches  Büchlein  ist  kein
Lehrbuch,  das  auf  so  knapp  u&amp;gt;  Naum  zum  dürren  Schema  würde,  sondern  eine
anschauliche,  lebendige  Darstellung."  Sächjisches  Verwattungsbtatr.
Volkswirtschaft  und  Staat.  Don  Prof.  Dr.  d.  Kinder,
mann.  125  Seiten.  Gebunden  M.  1.50  •&amp;gt;
„In  seiner  allg  ineinverständlichen  klaren  Darstellung  gibt  das  Buch  einen
Einblick  in  die  M  tcvbcit  der  Volkswirtschaft  an  staatlichen  Ire!.n  und  indie
Mitwirkung  des  Staates  an  der  volkswirtschafilrchen  Tätigkeit."
Dcuuche  Litercrturzertung.
Oieproxis  des  Bank-  und  Börsenwesens.  Don  Dankdircktor
  Zul.  Steinberg.  2.Anfl.  150  Seiten.  (Sen.371.2.50
„Des  B&amp;gt;  dürknis  nach  Aufklärun,  über  das  Wesen  und  die  Handhabung  der
Bank-  und  Börsenpraris  findet  in  dem  Steinbergich  n  Buch,  das  aus  einer
30jährigen  Prar.s  hervorgegangen  ist,  einen  ausgezeichneten  und
zuverlässigen  Berater."  Schwäeischer  Kurier.
        <pb n="158" />
        Verlag  von  Quelle  L  Meyer  in  Leipzig
Oie  Großstadt  und  ihre  sozialen  Probleme.  Bon  Professor ­
  Dr  A.  W  eb  er.  2.  Auflage.  443  Seiten.  Gebunden  M.^l.so
„Die  Schrift  behandelt  in  anregender  und  fesselnder  Weise  die
kulturelle  und  soziale  Bedeutung  der  modernen  Großstadt.  AllentKalben  tritt
ein  wohlabgewogenes  und  von  herrschenden  Tagesmeinungen  unabhängiges
llrte-l  dervor."  Zeitschrift  für  badische  Verwaltungsrechispftege.
Oie  Kleinwohnung.  Studien  zur  Wohnungsfrage.  Von
Baudirektor  Professor  Dr.  Ing.  F.  Schumacher.  2.  Auflage.
iu  Seiten  mit  70  Ä  bildunqen  aufTafeln.  Gefunden  M.  1.50
Die  Frage  nach  der  Reform  der  kleinen  Wohnung  ist  eine  der  Kernfragen  für
die  Aufwärtsentwicklung  unseres  Volkes.  In  welch  r  Weise  die  Entwicklung
anzustreben  ist,  wird  hier  gezeigt  und  dargelegt,  wie  sich  in  dieser  Frage  wirtschaftlicher ­
  Zwang,  organisatorische  Forderungen  und  gestaltende  Absichten  in
ncktürlichem  Fluß  miteinander  mischen.  j,
Oer  Mittelstand  und  seine  wirtschaftliche  Lage.  Bon
Syndikus  Dr.  I.  Wernicke.  122  ©eisen.  Gebunden  M.  -1.S0
„In  gedrängter  Kürze  brin  'tdas  sehr  lesenswerte  Büchlein  einen  '
deskriptiven  Überblick  über  die  Lage  des  Mittelstandes  und  führt  recht  erschöpfend ­
  die  normativen  Bestrebungen  der  Bttttelstandspolitik  aus.  Ein  j
besonderer  Vorzug  des  Autors  ist  die  volle  Freiheit  seinor  Erwägungen,  die
sich  durch  die  zünftlerischen  Bestrebungen  durchaus  nicht  beeinfbißt  zeigen."
Deuriche  inetiue.
Oie  Frauenbewegung  in  ihren  modernen  Problemen.
Von  Helene  Lange.  2.Auflaae.  141  ©eiten.  Geb.M.  1.50
„Wer  sich  klar  werden  will  über  den  organischen  Zusammenhang  der  modernen
Frauenbestrebungen,  der  greife  zu  diesem  inhaltsreichen,  trefflich ­
  geschriebenen  Buche."  -  Soziale  Kultur.
Fürsorgewesen.  Einführung  in  das  Bersiändn's  der  Armut
und  der  Armenpflege.  Bon  Professor  Dr.  Ehr.  I.  Klumker.
119  ©eilen.  Gebunden  M.  1.50  »
„Gerade  auch  für  solche,  die  schon  praktisch  auf  dem  Gebiet  der  Armenpflege
tätig  sind,  ab  r  sich  nun  auch  tiefer  mit  dem  ganze«  Umkreis  der  einschlägigen
Fragen,  mit  der  Geschichte  und  Theorie  der  Armenpflege  bekannt  machen
möchten,  erschcintmirKlumkers  klare  undgründliche  Darstellungsehr  geeignet."  j
,  „  Theolog.  Xiitevaturulaft.
Sozwle  Säuglings-  und  Jugendfürsorge.  Von  Prof.
Dr.  A.  üffenheimer.  172  Seiten.  Gebunden  M.  1.50  •*  i
„In  klarer,  für  weite  Kreise  bestimmter  Form  erhalten  wir  hier  einen
Überblick  über  du  seither  getroffenen  und  empf.  hl.  nswerten  Maßnahmen  zum  ;
Schuhe  des  Säuglings  und  des  jungen  Kindes,  ü.s  mehrjährige  praktische  :
Dozententätigke.t  auf  diesem  Gebiete  befähigt  ihn  besonders  zur  flitischenBe-Handlung
  des  Stoffes.  Das  Büchlein  ist  allen  auf  soz  alem  Gebiete  Tätig  n
warm  zu  enrpfehlen.  Münchner  tvieoizin.  Wochen  chr.ft.
        <pb n="159" />
        pber  Wolkenschulze  LLSLI
|  den  u.  zweifarbig  gedruckt.  Zn  gediegenem  Lande  Mark  6.—  |
1  Gine  neue  köstliche  Prosadichtung,  ein  echtes  Kind  seiner  Muse,  rein,  |
|  heiter  und  doch  wieder  ernst  voll  tiefer  Wahrheiten.  Im  Frühling  saß  |
|  der  Dichter  in  einem  märchenwunderlichen  Dorfe  Thüringens.  Und  in  die  |
1  singende  Frühlingsstiste  träumt  er  sich  den  Heiland  ins  Dorf  hinein,  den  |
I  Wolkenschulzen,  den  vom  Lenz  überblauten  Beherrscher  des  Dorfes.  »Meine  -
|  Weiianschauung  habe  ich  in  meinen  Dorfchristus  gelegt,  mein  Verhältnis  §
|  zu  yiott.  Kommt,  ich  will  Guch  zu  meinem  Heiland  führen.  Diesteicht  macht  |
|  er  Guch  froh  in  schwarzen  Sogen.'  |
|  Das  neue  Geschlecht  Mw  I
1  178  Seiten.  Gehestet  Mark  5.—.  Gebunden  Mark  8.—  |
-  Skjoldborg  hat  hier  ein  Werk  voller  Glauben  und  Zukunfishoffnung  ge-  =
|  schaffen:  einen  Lauernroman,  den  man  ein  soziales  Äauernidyll  nennen  |
I  kann.  Skjoldborg  meidet  vcn  einer  neuen  Sauerngeneration,  die  von  modernen  §
1  Ideen  erfaßt,  mit  neuzeitlicher  Dichtung  und  Kultur  in  Zusammenhang  |
1  stehend,  stolz  und  sicher  ihre  Äauernart  wahrt,  ihr  eigenes  Leben  ausbaut  f
I  und  den  Lockungen  der  Großstadt  widersteht.  Das  »Neue  Geschlecht'  kann  §
|  für  aste  ein  Such  des  Trostes  und  der  Aufrichtung  werden.
I  Roman  von  Arnim  i
|  VDUfttfär}£  OttfllJUn  GteinartlFA.Loofs).  |
1  330  Seiten.  Geheftet  ra.  M.  5.-.  Gebunden  ca.  M.  8.-!
  Nur  in  den  Stunden  der  Vertiefung  löst  sich  die  grobe  Wirklichkeit  zu  einem  |
1  Schleier  auf,  hinter  welchem  wir  die  Dinge  in  ihrem  Wesen  und  ihrer  Z
|  wahren  Bedeutung  erblicken.  So  hat  der  Verfasser  die  Dkenschen  und  das  g
|  Geschehen  dieses  metaphysischen  Romans  gesehen:  gleichsam  durch  die  |
1  stoffliche  Wirklichkeit  hindurch,  um  sie  In  höherer,  wesentlicher  Gestaltung  §
|  vor  uns  hinzustesien.  Im  Mittelpunkt  einer  Handlung  von  atemloser  Span-  |
|  n»na  steht  Orta  Runach,  ein  weiblicher  Lucifer.  Von  ihr,  dem  gefallenen  g
|  Gugel,  geht  der  Haß  gleich  schwarzen  Strahlen  aus.  Liebe  und  Haß  er-  g
|  scheinen  in  ihr  zu  den  Polen  einer  fast  übernatürlichen  Persönlichkeit  verkörpert.  |
I  Dom  Baume  der  Erkenntnis  j
1  vr.Kr.Schumacher.  (5a.  280  S.  Geh.  ca.  M.4.-.  Geb.  ca.M.6.-  |
I  Diese  geistvollen  Phantasien  und  Satiren  einer  unserer  größten  Künstler,  g
I  die  neben  seiner  gewaltigen  Berufsarbeit  entstanden,  sind  ein  Spiegel  seines  =
I  reichen  Innenlebens  und  eine  schöne  Gabe  für  feingestimmte  Bücher-  j
|  freunde.  Aus  dem  Inhalt:  Dom  weisen  Meister/Oie  Grfindung/Legende  g
I  vom  toten  Teufel,  Der  Lügner  /  Dom  Schicksal  /  Der  Hund  ,  Dom  lieben  Gott  g
I  desWaldes/Ahasver/Die  mißalückteHimmelfahrt/ZweiKünstler/Wolken.  g
J  Die  Wacht  des  Homunculus  /  Die  Frage  /  Das  Mittel  /  Oie  Gulenspiegel-  =
I  schule  /  Die  Fühlung  mit  dem  Volke  /  Das  Interview  /  Die  geistige  Atmo-  g
1  sphäre  /  Oie  Berufszentrale  /  Gine  literarische  Gntdeckung.
fl  itlllllHIIIMmMMIMiiMMIhlllWIlillllWIIIMIIIIÜiWMHHMIINlIHMOTOTHhlHIHilWnHliilHHmmmmmmmiiMiimmiuiiimNiB
        <pb n="160" />
        -MWWMMWI-»

DieGotiesfreundin

wwmpiiiiiiuiiiii)iini»iiiM!iiiii)iiiii[iiiiiiiiiiiiiMiii[ii[iiiiiiiiiiinii[iiiiiiiiiiitiii l i.iiii t iiiH&amp;lt;iiiiiiiiiiiiiiiiiiin!iiiiir i iHnnii)iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!inmmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!'! | iiiii l -niiii;iK.ii l iiiiaillllü!i i
Karl  Gjcllcrup
Oer  goldene  Zweig  Ä  SÄ
Kais.TibenuS.  9.—13.Taus  339  &amp;lt;5.Geh.M.  5.  —. Geb. M.  7.—
„Es  sind  Bilder  von  überwältigender  Schtnkeit.  Mit  der  Gestaltungskraft
und  der  Kennerschaft  des  historischen  Forschers  und  philosophischen  Denkers
läßt  er  äußeres  und  inneres  Leben  erstehen  und  malt  in  bezaubernden
Farben  die  südliche  Landschaft  und  den  Prunk  römischer  Kunst  und
Verschwendung.  Über  seinem  Buche  liegt  die  Weihe  eines  Bekenntnisses ­
  zur  sieghaften  Kraft  der  christlichen  Hcilslehre  und  des  germanischen ­
  Wesens."  Hambuiglscher  Correspondent.
iftom.  6.-9.TausGeh.
M.5.-.  Geb.  M.8.-„Eine
  Reihe  farbenprächtiger,  tiefgründiger  Bilder,  die
sich  auf  dem  düstern  Hintergrund  des  14.  Jahrhunderts  mit  seinem  Aberglauben ­
  und  seinen  Hepenprozessen  abspielen.  Wie  die  Herrin  der  Burg
Langenstein  den  Führer  der  „Ketzer"  schützt,  und  wie  der  zelotische  Bischof
Ottmar,  der  die  Ketzer  verfolgt,  vom  Saulus  zum  Paulus  wird,  und  mit
der  Burgherrin,  die  er  in  fröhlicher  Jugend  heiß  geliebt  hatte,  als  siegbafter
Besiegter  in  den  Tod  geht,  das  wird  uns  in  hochdramatischer,
von  dichterischem  Schwung  beseelter  Darstellung  berichtet."
Berliner  Moraenzeitung.
Seit  ich  zuerst  sie  sah
„Dieses  schöne  Idyll  mit  seinem  tragischen  Ausgang  ist  eins  der  wundervollsten ­
  Werke  Gjellerups.  Ein  ganzer  Liebesfrühling  ist  hie,  in  die
Stimmungsbilder  aus  Dresden  und  aus  der  sächsischen  Schweiz  hineingezaubert ­
  ;  tiefe  Wehmut,  tragischer  Schmerz  verleihen  dem  Roman  sein
wunderbares,  unvergeßliches  Aroma.  .  .  Der  Verfasser  fesselt,  mag  er  nun
die  Natur,  die  Kunst  oder  die  Menschen  schildern.  Immer  vertieft
er  sich  in  seinen  Stoff."  Martins  StiftftiBenöe.
Ein  elystsches  Fabelbuch.
390  Seiten.  Geheftet
M.  r.  -.  Gebunden  M.  10.-Nur
  ein  Dichter  von  Gjellerups  Gestaltungskraft,  seinem  sonnigen  Humor,
seiner  tiefen,  auf  reichem  philosophisch-historischen  Wissen  beruhenderWeltanschauung
  konnte  sich  an  einen  selchen  Stoff  heranwagen.  Im  Elysium  erwacht ­
  unten  den  in  ewiger  Heiterkeit  aus  der  Asphodeluswiese  wandelnden
Tieren  der  Wunsch,  ein  Tier  möge  heilig  gesprochen  und  von  allen  anderen
verebrt  werden.  Dies  entfacht  sofort  den  Ehrgeiz,  die  Parteibildung,^den
Wettkampf.  Die  einst  im  Leben  berühmten  Männern  angehörenden  Tiere
übernehmen  die  Führerrolle  und  werden  zu  Trägern  der  Ideen  ihrer  Herren.
Erhabene  und  groteske  Szenen  wechseln  sich  so  ab,  und  in  unterhaltendster
Form  rauschen  die  großen  weltgeschichtlichen  Vorgänge  an  uns  vorriber.
Eine  einzigartige  Dichwng.

Das  heiligste  Tier

IfflÄlB
        <pb n="161" />
        %

^j!iiiii|iiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii)iiiiiiiiiii'iiMiiii[iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiii[imnimiiiiniiiiiniiiiiiit|[iniiMiiiiiiniiiiiiii

Karl  Gjellerup
yfn  Xa|*  Vornan.  272  Seiten.  Gehestet
4111  ver  M.  5.-.  Gebunden  M.  s.-Mit
  feinem  neuen  Werke  führt  uns  ©jesleruD  in  die  herbe,  meerdurchleuchieie
Schönheit  seiner  dänischen  Heimat.  Wunderliche  und  spröde  Menschen  stellt
er  in  einem  Kieinstodiidyll  nebeneinander,  den  griesgrämigen  Amtsrichter
Thomsen,  feinen  pedantischen  Sohn,  den  Assessor,  den  schlichten  Gutsbesitzer
und  die  prachtvollen  und  tatkräftigen  Mädchengestaiten.  Gjellerup  zeigt  sich
in  dem  neuen  Werke  als  Meister  realistischer  Darstellung  und  feiner  land»
schafilicher  Schilderung.
Die  Hügelmühle
Gehestet  etwa  M.  8.—.  Gebunden  etwa  M.  10.—.  &amp;gt;»
»Zn  streng  dramatischem  Aufbau  steigt  die  Handlung  empor.  Jede  Gestalt
atmet  Wirklichkeit:  die  hellseherische,  sterbende  Müllerin,  der  unentschlossene
Müller,  die  sinnliche  und  doch  kalt  berechnende  Mühlmagd  Liese  und  ebenso
aste  Nebenfiguren.  Eine  drückende  Schwüle  liegt  über  der  Erzählung  der
ersten  vier  Äücher.  Immer  mehr  verstricken  sich  die  Bewohner  der  Mühle
in  Schuld,  bis  die  schreckliche  Katastrophe  erfolgt.  Unb  die  Sühne  im  fünften
Buche  ist  so  grausig  erhaben,  daß  kein  Abflauen  der  Handlung  spürbar  w  rd.
Wariburg.
Romandichtung.  Zwei
Lande.  3.  Au  fl.  Etwa
700  Seiten.  Gehestet  etwa  M.  10.—.  Gebunden  etwa  M.  14.  —
„Der  Gedankt  der  Wiedergeburt  wird  darin  in  einer  seltsamen,  auf  das
feinste  geschliffenen  Form  veranschaulicht.  Dieselben  Menschen,  die  im  ent»
fernten  Altertum  atmeten,  und  deren  Taten  und  Leiden  uns  Gjellerup  zeigt,
-  wir  sehen  sie  zugleich  als  Personen  in  modernerer  Zeit.  .  .  .  Karl  ©jede«
rups  Bücher  gehören  mit  ihren  unvergänglichen  Schönheiten  der  Weltliteratur
an.  Seien  wir  stolz  darauf,  daß  sie  in  unserem  geliebten  Deutsch  ersonnen
und  niedergeschrieben  wurden,  und  sorgen  wir  nach  Kräften  dafür,  sie  zum
Allgemeingut  unseres  Volkes  werden  zu  lassen.*.  Der  Bücherwurm.
Oie  Hirtin  und  der  Hinkende
Ein  arkadisches  Zbyll.  2.  Auflage.  Gehefiet  etwa  M.  4.—.
Gebunden  etwa  M.  6.—.
„Mit  seiner  Schalkhaft,akeit  und  feinem  sommerlichen  Behagen  versenkt  sich  der
Dichter  in  dieser  wunderzarten  Liebt sgeschichte  in  das  unter  Mittelmeersonne
warm  erglühende  Wesen  altgriechischer  Hirtenkultur.  Dem  Leser  dieses  entzückenden ­
  Büchleins  steigen  im  Sinnen  arüngoldige  und  rosigbraune  Land,
schäften  Elaube-Lorrains  auf  und  die  idyllische,  bewegte  Handlung,  das  Ser.
deren  und  Wiederfinden  der  herbkeuschen  schönen  Schinels  und  ihres  treuen,
stolzen  Werders  Arkas  fesselt  immer  von  neuem.*  Berner  Bund.

Die  Weltwanderer

Hlllll!!lillllll!l l lll!l!'l|!l!lll!llllllllllllll!!l!l!l!lll!lll!llll!!l!llll!!llllllllll | i:illllll!lllllllllllll!lll!lHlllllllllllllllllllllllllllllllllliHllllillllll!  li
        <pb n="162" />
        mmrnmmmmmmmmmm

Carl  Busse
Oie  Schüler  von  polajewo  LL
tesTausend.  283  Seiten.  GeheftetM.3.-.  Gebunden  M.  s.so
„An  diesen  Bildern  können  wir  Ledrer  lernen  mit  der  Jugend  füblen  und
.  empfinden,  können  wir  tieferes  Verständnis  für  sie  gewinnen  .  .,  Die  kleinen
Echülerkomödien  und  rtragödien  sind  m  eisterha  ft  enNvorsen;  einige  steigern
sich  trotz  ihrere  Kürze  oder  gerade  deswegen  zu  einer  dran,arisch,-n  Kraft,  daß
man  den  Atem  anhalten  muß.  .  .  Hörte  ich  B.'s  Schüler  von  Bolaj.-wo
scdon  als  Schulamkskandidat  gelesen,  ich  hätte  manchen  Erziehungsfehler
nicht  begangen."  Schein«.  Dr.  SlBolf  Maltdias  tZeUichr-  s.  höbet«  Schul.»
3m  polnischen  Wind  pi,m5r,f,d,e  01

Geheftet  Mark  3.50.

schichten.302  Seit.
Gebunden  Mark  5.—  »

,,ZU  erzählen  versteht  Carl  Busse.  Man  ha,  bei  ihm  zum  erstenmal  wieder  1
fcaS  Gefühl,  gleichsam  in  einem  zufällig  zusammimgekommenen  Kreise  von
Zubörern  zu  sitzen,  aus  denen  heraus,  durch  das  Gespräch  angeregt,  sich  einer
ganz  ungezwungen  löst,  um  den  Lauschenden  ringsum  eine  Geschichte  zum
besten  zu  geben.  Etwa«  von  der  Geselllchaftssphäre  wird  lebendig,  au«  der
die  ersten  echten  Noveilen  zurJeit Boceacciosgeboren  wurden."
Weftermcmns  iDlondtsbehe.
""d  östliche  Geschichten.3y7Seit.
Geheftet  Mark  3.50.  Gebunden  Mark5.-I
  ,,Es  ist  eine  eigenartige  und  bedeutende  Kunst,  die  in  den  Geschichten
I  Carl  Busses  ihren  Ausdruck  gesunden  hat:  wundervolle  Beobachtung  des
|  Lebens  und  seiner  Werte,  Ernstes  und  Lachendes,  Trauriges  und  Wahre«
i!  m  der  irisierenden  Mischung,  die  eben  nur  dasLeben  kennt...  EineWel,
I  von  seinen  Dingen,  von  intimen  Klängen,  von  echten  Menschen:  und
|  Herzenstönen  tut  sich  in  dem  Buche  aus.  Wer  es  liest,  wird  dankbar  sein."
H  Hamburger  Nachrichten
SturmvögelL7Ä°L^ 264  6e,,m -  ® el ’" n :
»Die  £iet&amp;gt;e  ist  es,  die  alles  durchdringende  und  alles  Menschliche  erfassende,  j
die  dem  Dichter  sein  Äuch  diktiett  hat.  Man  fühirs  auch  aus  seiner  &amp;gt;
Sprache  gar  bald  heraus.  Sie  übt  eine  Wirkung  wie  in  großen,  reinen  y
Linien  eines  monumentalen  Gebäudes.  Überall  edelste  Jormgebung.z
die  frei  ist  von  jeder  ablenkenden  und  verwirrenden  Derschnörkelung.  1
Alles  in  allem:  Wir  haben  unter  den  neuesten  Büchern  eines  der  empfehlens-  3
wertesten  vor  uns."  Rosiocker  Seining.  1

ÄisEl
        <pb n="163" />
        g| l ülim!!l lil ! l ll l l l Hlli:i|l l l[l'iill[||||lllllilllllll|l|[|||||[|ii[||iiiii|||ii|iiiiiiii  um  um

lilllllllllliliiiiiiiiiiiiJiumiiiiiiiiiiiiiiimHiiiiiiiiMiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiimiiiiinMiiiimiiniiiiiiiii  15

Carl  Busse

Winkelglück

Ein  fröhlich  Luch  in  ernster  Zeit.
71.  Tausend.  237  Seiten  mit

i  ernster  Zeit.  S7.  bis
Seiten  mit  Buchschmuck ­

  von  püul  Hurtmann.  Gebunden  M.  4.—
»Oie  Fröhlichkeit,  die  dos  Auch  kündet,  quillt  aus  dem  Herzen,  aber  was
mehr  ist:  sie  strömt  aus  dem  reichen  Herzen  eines  echten  Dichters.
Und  das  veraoldet  sie.  macht  sie  feingliederlg.  füflf  sie  mil  still  leuchtenden
Farben  und  laßt  doch  tief,  tief  auf  ihrem  Grunde  auch  dos  qrvße  Herzweh
der  Zeit  in  wehmütig  heimlicher  Musik  zitternd  weiterklinqen.  S^n  k  l  u  g  e.  und
innerlich  reicher  Mensch,  dem  verliehen  ist,  mit  Oichteraugen  in  die  Welt
schauen,  zetql  uns,  wie  auch  die  schweren  Dinge  Glanz  und  Schimmer  erhalten,
  wenn  sie  ein  helles  Auge  und  ein  aufrecht  vertrauendes  Herz  ansehen  ^

Leipziger  Iteuesie  Jlachrichien.

Flä'umchen

331  Seiten.  Geheftet  M.  5.-.  Ge
bunden  IR.  5.—  «

D&amp;gt;es  Such  Iff  ein  Denkstein,  den  sich  der  leider  so  früh  gestorbene  Dichter  selbst

gesetzt  hat.  Diese  abgerundeten,  innerlichen  Erzählungen  aus  Erlebniffen
der  letzten  Jahre  atmen  echt  Äussesche  Kunst.  Die  Wärme  des  Ge.
füdls,  die  Fähigkeit  des  Mitreißens,  das  feine  Naturgesühl
paaren  sich  mit  reifster  Formgestaltung.  Go  aehören  diese  Erzählunaen  zu
dem  Schönsten,  was  Suffe  geschrieben  hat.  Nicht  nur  die  köstliche  Novelle
.Flaumchen^.  die  dem  Suche  den  Namen  gab,  sondern  auch  die  anderen
werden  zu  den  perlen  deutscher  Prosa  zählen.

Aus  verklungenen  Stunden

Em  Skizzenbuch.  304  Seiten.  Geh.  M.  5.-.  Geb.  M.  s.-Diese
  Sammlung  meist  unbekannter  Novellen  ist  ein  Spiegel  von  Suffes
innerlich  so  reichem  Leben.  Sie  führen  uns  zum  Teil  in  Suffes  Jugendzeit,
da  er  als  Stürmer  und  Dränger  mit  seinen  »Gedichten«  ganz  Zunadeutsch.
land  mit  Zegeisterung  erfüllte  Ein  sonniger  Hum  or  gebt  von  den  einzelnen
Erzählungen  aus  und  tut  uns  doppelt  wohl  in  der  trüben  Gegenwart  Solche
G,schichlen  liest  man  gern  am  Abend  und  veraißl  dabei  die  Sorgen  des
Alltags.  Wir  haben  nur  weniges  in  unserer  Novellenliteratur,  was  wir
diesen  Skizzen  an  d,.-  Seite  stellen  können.

Gedichte

Gedichte.  6  u.  2.  Auflage.  17t  Geilen.  Geb.  M.  4.-Neue
  Gedichte.  3.  u.  4.  säuft.  15&amp;lt;«  Seiten.  Geb.  M.  3.50
Heilige  Not.  2.  Auslage.  149  Geilen.  Geb.  M  3.50

»Carl  Suffe  steht  in  vorderster  Neihe  unter  den  jüngsideutschen  Lyrikern.
Schon  der  erste  Sand  seiner  Gedichte  ließ  den  ungewöhnlich  begabten  Dichter
erkennen.  Die  Technik  ist  nahrzu  vollendet,  der  Zaube  ver  Sprache  wirkt
schon  beim  stillen  Lesen,  die  Melodie  des  Verses  Hai  etwas  Sestrickenbes
Durch  viele  seiner  Lieder  klingt  gedämpst  eine  leise  Schwermut  hindiirch.
Abe,  auch  andere  Töne  weiß  der  Dichter  anzuschlagen  und  die  ganze  Skala
unserer  Empfindung  in  Schwingung  zu  versehen  «  '  Oie  christliche  Wen

EiHIIWlTlTlti?.
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        'i.

V

wim^aMWMMg
Oie  Boberbahn  S!Ä s ÄrS  I
Felscher.  305  Seiten.  Geb.  2X1.  6.  —  •*  |
„Ins  Hirschberffer  Tal,  in  jenen  vom  Riesen-  und  Boberkahbachgebirge  um-  |
schlossenen  lieblichen  Kessel,  der  vom  vielgewundenen  Bober  durchflossen  y
wird,  versetzt  uns  der  schlesische  Dichter.  Es  zeichnet  uns  des  Verfassers  |
sicherer  Stift  ein  Bild  von  tiefster  Wirkung.  Zeder,  der  Freude  y
an  echter  Heimatkunst  hat,  der  seine  Menschen  nicht  nur  in  der  stickigen  |
Luftdes  Salons  zu  suchen  pflegt,  wird  an  dem  Buche,  seinen  echtenMenschen  :
und  seinen  prächtigen  Naturschilderungen  reine  Freude  er-  |
leben."  Niederschlesische  Zeitung.  |

Oer  Platz  an  der  Sonne  i
brandenburgs  See-  und  Kolonialgeschichte.  Von  Georg  Lehfels.  j
323  Seiten  mit  Buchschmuck.  Geheftet  23t.  5.—.  Geb.  23t.  7.—  |
„In  einem  Roman  aus  der  Zeih  des  Großen  Kurfürsten  wird  ein  inte-  J
ressantes  Stück  Geschichte  entrollt,  mit  so  strenger  Anlehnung  an  die  wirk-  |
liche  Geschichte,  daß  das  Buch  wohl  mehralseine  unterhaltende  |
Lektüre  ist,  und  doch  wiederum  so,  daß  das  Historische  den  fesselnden  ?
Gang  der  Handlung  nickt  hemmt.  Der  temperamenwolle  Erzähler  weiß  f
bis  zum  Schluß  zu  spannen  und,  da  er  auf  dem  Gebiete  der  preußischen  §
Marine  und  ihrer  Geschichte  Fachmann  ist,  auch  zu  belehren."  Der  Tag.  J

Oie  große  Woge

Sin  Hamburger.  Boman
v  aus  der  Franzosenzeit.  Von
Georg  Lehfels.  2dl  Seiten.  Geh.  23t.  5.—.  Geb.  23t.  7.—
In  wundervoll  dichterisch  ge  sch  a  Uten  Bildern  gleitet  das  geschichtliche
Gesckehen  einer  ereignisschweren  Zeit  am  Leser  vorüber  :  der  sinkende  Glanz
des  Rokoko,  der  Aufstieg  und  Sturz  Napoleons,  Englands  Rücksichtslosigkeit
im  Kampf  um  die  eigenen  Interessen  und  endlich  Deutschlands  Erstarkung.  _
Man  könnte  treffend  Lehfels'  Roman  das  Hohe  Lied  aus  den  Hamburger  I;

Kaufmann  bezeichnen.
Oas  Glück  in  der  Sackgasse
Hermann  Kurz.  6.—10.Tausend.  Geh.M.s.—.Geb.M.7.

Boman
von  i

„Der  Zauber  geruhsamer  Stunden  und  die  würdevolle  Anmut  und  Be-  j
haglickkeit  eines  seligen,  altväterischen  Kleinstadtlebens  heimeln  uns  h  nter
bunten  Butzenscheiben  und  lavendelduftigen  Gardinen  an  .  .  .  Die  Fabel  y
dieses,  mit  reifer  Meisterschaft  gestalteten  Stück  Lebens  erzählt  uns  |
den  wirtschaftlichen  Aufstieg  einer  Familie.  Aber  über  allem  Irdischen,  y
Stofflichen  jubiliert  die  reine  Heiterkeit  eines  Dichters,  der  seine  j
Augen  an  Spitzwegs  Gemälden,  seine  Ohren  an  Mozarts  Flötenchören  satt
trank  und  in  der  Sackgasse  von  Mauer  zu  Mauer  ein  Rosengewinde  schlang,
auf  dem  der  schelmische  Amor  seiltänzerhaft  hin  und  herga» kell, ^  bis  er  in
die  Kammern  und  Herzen  glücklicher  Buben  und  Mädchen  schlüpft."  De.  Tag.  jj
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        iiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiimiiiiiiiiiiiiiiMiiiilllllilllli'.limi'i'iigiiliL^

Novellen  undLegenden  IXSi"
Rat  Prof.  vr.TH.Birt.  2.Aufl.  318  S.  m.sTafeln.  Geb.M.  6.  -
„Einer  unserer  besten  Kenner  des  Altertums,  professor  Lirt,  gibt  in
diesem  ansprechenden  Werk  „Novellen  und  Legenden"  aus  der  griechischen
Literatur.  Ein  zarter  Reiz  jenes  lyrisch  gestimmten  Geistes  strömt  aus  den
einzelnen  Akotiven  heraus  ...  Die  Geschichten  sind  in  ihrer  schlichten  und
doch  klassischen  Schönheit  poster  eigentümlicher  Werte,  die  es  verständlich
erscheinen  lassen,  daß  gerade  in  jetziger  Zeit  die  versonnene  freie  Art  des
Altertums  wieder  wachgerufen  wird."  Die  polt.
Don  Haß  und  Liebe  SÄÄ
Geh.Ratprof.I)r.Th.Birt.236S.m.Äuchschmuck.Geb.M.8.-Flucht
  aus  der  Gegenwart:  wer  brauchte  sie  nicht  heute?  Nur  die  Phantasie
kann  uns  helfen;  durch  sie  sind  wir  „Zeitaenvssen  aster  Zeiten".  Wie  lange
atmet  schon  Held  Odysseus  nicht  mehr!  Ihn  und  den  alten  Rechner  Archimedes, ­
  Roms  Cäsaren,  ob  gut,  ob  übel,  vor  aflem  ein  paar  holde  Griechinnen
aus  der  gottseligen  Heidenzeit  beleben  diese  Novellen;  dem  grauen  Hades
sind  sie  entrissen  wie  durch  Herkules  die  Alcestis,  auf  daß  sie  noch  einmal
hassen  und  lieben,  lachen  und  grasten  wie  einst  und  ihrem  heißen  Sempera,
ment  gehorchen,  dahinwandelnd  in  Roms  Gassen  oder  auf  den  wonnigen
Inseln  des  Miltelmeers.
Don  Rudolf  Herzog.
_  230  Seiten  mit  sechs
Schwarzweißzeichnungen  v.  Prof.  Engels.  Gebunden  M.6.—
Eine  köstliche  Gabe  des  gefeiertsten  Dichters  für  die  literarische  Welt  anläßlich ­
  seines  50.  Wiegenfestes.  Eine  gewaltige  Aufgabe,  die  sich  der  rastlos
Schaffende  gestestt  hat  und  die  nur  ein  ganz  großer  wie  Herzog  zu
meistern  vermag.  Mit  üppiger  dichterischer  Phantasie  hat  er  das  alte  Sagen,
werk  durchrankt.  In  seiner  feingemeißelten  Sprache  zieht  ein  stürmendes
Helden-  und  Sagenlied  an  uns  vorüber.  Weiten  Kreisen  unseres  Dostes
ist  die  Schönheit  der  germanischen  Göttersaaen  noch  nicht  aufgegangen.  Sie
werden  sie  mit  staunender  Seele  aus  dem  Werke  trinken.
Preußens  Geschichte?/ n ÄB:
390  S.  mit  zahlr.  Silbern  von  Prof.  A.  Kampf.  Geb.  M.  6.60
„Wie  einen  Roman,  dessen  Handlung  wir  mit  Spannung  folgen,  lesen  wir
diese  Schilderungen,  die  uns  doch  Altbekanntes  in  ganz  neuem  Lichte  und
Zusammenhang  ,eigen.  Herrliche  Lalladen  unterbrechen  zuweilen  den
Lauf  der  Darstestung.  Gedichte  wie  »Rbeinsbeiger  Tage',  /Sei  Torgau',
,Blücher  siebt  über  den  Rhein',  ,König  Wilhelms  Heldenschan'  und  andere
|  mehr  werden  zu  den  perlen  patriotischer  Dichtungen  zählen.  Astes  ist
|  dazu  angetan,  diese  Geschichte  Preußens  zu  einem  Aoiksbuch  werden
E  zu  lassen."  Deutsche  Revue.

Germaniens  Götter

iS  ist  |
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        206!  &amp;gt;08184216
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jineering  Scan  I

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Imgen  und  Hemmungen  der  Wirtschaft.  0  3
hmfation  der  Welt  ist  denkbar,  in  der  nicht  wie
11  den  die  einzelne  Persönlichkeit  den  Ausgen

  und  Hemmungen  'der  Wirtschaft  und  ihre
Überwindung.
‘nn  sucht  den  Gewinn;  dieses  Ziel  liegt  im  Wesen
it.  Aber  in  dieser  Zielsetzung  liegt  von  vorne
  Möglichkeit  der  umgekehrten  Wendung,  statt  des
m  auch  Verlust  eintreten.  Dieser  Verlust  kann,
hen  haben:  irrtümliche  Kalkulation,  plötzlicher
r  betreffenden  Ware,  Zahlungsunfähigkeit  des
.erben  oder  Zugrundegehen  der  Ware  selbst.  Und
nur  vom  Kaufmann;  es  gilt  von  jedem,  der  im
t  Leben  steht,  vom  Industriellen  und  vom  Spedildwerker
  wie  vom  Bankier.  Das  Risiko  ist  ein
unausscheidbares  Merkmal  der  Wirtschaft,
nur  der  Erwerbende,  der  Güter  einsetzt,  um  sie
urückzuerhalten,  kann  verlieren.  Dem  ist  vielmehr
^t,  der  irgend  etwas  besitzt.  Der  kleine  Rentier,  der
t  seine  paar  Groschen  in  preußischen  Konsols  an=&amp;gt;erlor
  durch  den  Kursverlust,  obgleich  hier  wahripekulation
  vorlag;  dem  Bauern  kann  seine  Ernte
:  volksschullehrerin  können  ihre  paar  Möbelchen
3a  wer  scheinbar  gar  nichts  an  irdischen  Gütern
mt,  der  Ärmste  der  Armen,  kann  doch  noch  verseine
  Arbeitskraft;  er  kann  krank  und  arbeits-11.

.  sagen,  das,  die  ganze  Geschichte  der  volkswirtiffen
  Sinne  eine  Geschichte  des  Kampfes  gegen
feiten  wirtschaftlicher  Verluste  ist.  Denn  man
:en,  wenn  man  annehmen  wollte,  daß  die  Verlustas ­
  Risiko,  ein  Kennzeichen  nur  unserer  wirt-=
 jet.  3m  Gegenteil,  wir  können  ohne  Übertreibung
wohl  noch  nie  eine  Zeit  gab,  die  sich  mit  solchem
ischastlich  zu  sichern,  vor  Verlusten  zu  bedem
  Einzelnen  weniger  empfindlich  zu  machen  verrnserige.

wesentlichen  drei  Wege,  die  mehr  und  mehr  zu
^führen.  Einmal  handelt  es  sich  darum,  materielle
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
