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        <title>Die Geldvermehrung im Weltkriege und die Beseitigung ihrer Folgen</title>
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            <forname>Robert</forname>
            <surname>Liefmann</surname>
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        ﻿
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        ﻿Robert Liefmann

iiiiiiHtiiiaiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiKiiiOiitiiiiiimHiiiiiiiiiiiiitiiiiitiiiiiiiiitiiiiiiiiiii

Oie Geldvermehrung
im Weltkriege und die
Beseitigung ihrer Folgen

Deutsche Verlags-Anstalt

Stuttgart und Berit»

rri-'xiri
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        ﻿Oie Geldvermehrung im Weltkriege

und die Beseitigung ihrer Folgen
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        ﻿Oie Geldvermehrung
im Weltkriege

und die Beseitigung ihrer Folgen

Eine Untersuchung zu den Problemen
der Übergangswirtschaft

von

Robert Liefmann

L-

Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Berlin 1915

I A.a.xiiul
        <pb n="5" />
        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿Inhalt

&lt;e*itr

Borwort......................................................... 7

1.	Kapitel.	Die bisherige Behandlung des Problems............13

2.	Kapitel. Die Tatsachen der Geldvermehrung und des Valuta-

rückgangs ................................................31

3.	Kapitel.	Der Zusammenhang von Geld, Preis und	Einkommen	.	48

4.	Kapitel.	Die Theorie der Geldvermehrung...................64

5.	Kapitel. Die Inflation und ihre Wirkungen............... . . , 84

6.	Kapitel. Inflation und auswärtige Wechselkurse..............107

7.	Kapitel. Die Regelung des Devisen- und ausländischen Effekten-

verkehrs im Weltkriege............................123

8.	Kapitel. Die Geldprobleme in der inneren Wirtschaftspolitik im

und nach dem Kriege...............................140

9.	Kapitel.	Die Geldprobleme in der äußeren Wirtschaftspolitik	nach	161

dem Kriege .........................................

10.	Kapitel.	Die Zukunft der Goldwährung?....................180
        <pb n="7" />
        ﻿Vorwort

vorliegende Schrift ist eine Wetterführung meines Endd
'&lt;/ 1916 erschienenen Buches: „Geld und Gold, ökono-
mische Theorie des Geldes." Dort hatte ich die Grund-
lagen der Geldlehre entwickelt und daran die allgenreinsten Er-
gebnisse über die Möglichkeit einer geordneten Währung ohrre
metallische Unterlage angeschlossen. Hier soll nun die Geldtheorie
nach einer bestimmten, auch praktisch seht und nach dem Kriege
höchst wichtigen Seite ausgebaut werden, nämlich die Lehre von
der Geldvermehrung und von ihren Wirkrmgen auf die Preise,
anders ausgedrückt, die Lehre von der Inflation. Aus dieser
Antersuchung ergeben sich unmittelbar höchst bedeutsame Ge-
sichtspunkte für die Geldpolitik und die allgenreine Wirtschafts-
politik nach dem Kriege überhaupt. Denn wir werden zeigen, daß
eine Äerabminderung der nreisterr inr Kriege stark gestiegenen Preise
herbeizuführen eine der Hauptaufgaben, ja letzten Errdes ivohl
die Hauptaufgabe der sogenannten Übergangswirtschaft ist.

Aber ebenso wie irrir als Manrr der Wisserrschast in meinen»
Buche „Geld und Gold" nicht die Ergebnisse für die Praxis des
Geldwesens die Hauptsache waren — denn ich habe auf sie gar
keinerr Einfluß —, als vielmehr die wissenschaftliche lind theoretische
Begründung, zu der ich auf Grund meiner allgemeinen Wirt-
schaftstheorie gelangte, so ist es auch hier. Dieser oder jener mag
in dem einen oder anderen Punkte ähnliche Forderungen auf-
stellen, sie bleiben wissenschaftlich bedeutungslos »nid »nan verinag
niernand hinsichtlich ihrer Berechtigung zu überzeugen, solange
»nan sie nicht aus der allgerneinen Erfassung der wirt-
schaftlichen Zusammenhänge theoretisch zu begründen
verinag. De»»n die Erfahrung, auf die sich die bloßen Praktiker
allein stützen können, versagt hier, wo es sich um neue Aufgaben
handelt. Andererseits ist es aber mit bloßen Behauptungen
        <pb n="8" />
        ﻿und Forderungen, auf die sich ein großer Teil der heutigen
Geldliteratur beschränkt, ebenfalls nicht getan; man verlangt init
Recht eine wissenschaftliche Begründung mit der allgemeinen Wirt-
schaftstheorie. Sie geschieht hier auf Grund der fortgeschrittenen
Einsicht in die tauschwirtschaftlichen Zusammenhänge, wie sie
sich mir im Rahmen des wirtschaftstheoretischen Systems ergab,
das ich in meinen „Grundsätzen der Volkswirtschafts-
lehre" entwickelt habe. Bei der Bearbeitung der Lehre von den
Preisveränderungen zeigten sich mir viele der damit zusammen-
hängenden, heute so wichtigen Fragen der Geldvermehrung in
einem ganz neuen Lichte, so daß ich beschloß, die bedeutsamen
Folgerungen für unsere künftige Wirtschaftspolitik, die sich daraus
ergeben, eingehender zu behandeln. So ist auch z. B. der Haupt-
gedanke, daß es von der größten Wichtigkeit ist, uni wieder
in die Weltwirtschaft eintreten zu können, inöglichst bald wieder
zu niedrigeren Preisen zu gelangen und aus den hohen Preisen
der Absperrung von: Weltmarkt herauszukommen, meines Wissens
noch nienrals klar erkannt und begründet worden, ebensowenig die
Auffassung, daß die Hoheit Inlandspreise, mögen sie nun durch die
Absperrung oder durch Inflation hervorgerufen sein, auch einer
der Hauptgründe des niedrigen Standes unserer Va-
luta sind.

Diese Zusammenhänge klarzulegen ist Aufgabe der ökono-
mischen Theorie, und nur eine solche Anknüpfung an die all-
gemeinen Grundlagen einer Wissenschaft verstehe ich unter Theorie.
Die Praktiker und alle diejenigen, die zu den wirtschaftspolitischen
Fragen Stellung nehmen wollen, haben die Verpflichtung, sich in
erster Linie mit dieser wissenschaftlichen Begründung auseinander-
zusetzen. Das ist bei der großen Oberflächlichkeit, welche die Tages-
litcratur oft auszeichnet, und bei der geringen Beachtung, welche
sowohl im praktischen Wirtschaftsleben als auch in der öffentlichen
Verwaltung deir Ergebnissen der Wissenschaft oft zuteil wird,
bisher leider nicht in genügendem Amfang geschehen. Daran ttägt
aber die Wissenschaft zu einem großen Teile selbst die Schuld.
Denn viele von denen, die wissenschaftlich ernst genommen werden
tvollen, lassen in ihrer Stellungnahme zu den Geldproblemen jede
Vertiefung, jedes Eingehen auf die allgemeine Erklärung der tausch-
wirtschastlichen Zusammenhänge vermissen, ohne die jedoch, wie
auch hier wieder gezeigt werden wird, eine wirkliche Erkenntnis der
8
        <pb n="9" />
        ﻿schwierigen Fragen des Geldwesens und eine wirkliche Begrün-
dung wirtschastspolitischer Forderungen auf diesem Gebiete nicht
möglich ist.

Deshalb betone ich bei jeder Gelegenheit, daß meine Ge-
danken über unsere zukünftige Wirtschafts- und Geldpolitik nur
das Ergebnis meiner Untersuchung der allgemeinen Tauschvor-
gänge sind, daß ich nicht, wie sonst wohl fast alle Schriftsteller,
gleich mit der wirtschaftspolitischen Zweckfrage: was soll geschehen?
an die Geldprobleme herangetreten bin, sondern daß es mir zunächst
um bloße Erkenntiüs der wirtschaftlichen Zusammenhängeju tun
war und daß erst die theoretische und systematische Bearbeitung,
die mich schon aus verschiedenen Gebieten zu neuen und allgemein
anerkannten Ergebnissen fiihrte, mir Veranlassung gab, auch hin-
sichtlich des Geldwesens und der Geldpolitik gewisse Forderungen
und Ziele aufzustellen. Mir scheint, daß der Theoretiker, der
so auf die letzten wissenschaftlichen Grundlagen seines Erkenntnis-
objektes zurückgeht und von ihnen aus zu gewissen Vorschlägen
und Zielen für die Praxis kommt, eine ganz andere Berücksichti-
gung seiner Gedanken erwarten darf als der bloße Wirtschafts-
politiker, zu denen aber auch die große Mehrzahl aller akademi-
schen Nationalökonomen gehört, der heute über diese, morgen
über jene wirtschaftspolitischen Maßregeln schreibt, ohne sich auf
die Zurückführung der wirtschaftlichen Probleine auf die all-
gemeinen Grundlagen, die Erkenntnis der allgemeinen tauschwirt-
schastlichen Zusammenhänge einzulassen. Daher kann ich denen,
welche zu den Fragen der Geldpolitik Stellung nehmen wollen, und
besonders denen, welche in leitenden Stellungen an dieser Politik
mitarbeiten, nur dringend raten, die hier dargelegten Zusammen-
hänge von Geldvermehrung, Preis- und Einkommensbildung sorg-
fältig durchzudenken. Ein großer Teil unserer praktischen Forde-
rungen ergibt sich dann daraus vou selbst.

Bei der Frage, inwieweit diese Vorschläge und Ziele verwirk-
licht werden können, müsse,' sich aber alle darilber klar sein, daß
wir nach dem Kriege auf den verschiedensten wirtschaftlichen Ge-
bieten vor neue Aufgaben gestellt sind, die an Schwierigkeit
und Größe mit dem, was bisher Gegenstand der Wirtschafts-
politik war, überhaupt nicht verglichen werden können. Diese
neuen Aufgaben erfordern auch neue Wege und Mittel, an die
man ftüher gar nicht dachte. Sie erfordern Opfer der einzelnen

9
        <pb n="10" />
        ﻿für den Staat, die man früher für undenkbar gehalten hätte, sie
erfordern ein völliges Amlernen bei vielen wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkten. Es handelt sich also nicht mehr darum: wie kann
z. B. die Goldwährung, wie kann unsere Bankverfassung, die auf
ihr beruht, aufrechterhalten werden, sondern um die Frage:
Wie schaffen wir für Deutschland die zweckmäßigste
Wirtschaftsorganisation, die uns im wirtschaftlichen Kampfe
mit der halben Welt, den wir nach dem Kriege ohne Zweifel noch
zu führen haben werden, die nützlichste ist? Die Aufgaben, die
sich daraus ergeben, führen zu Fragen, die von den Praktikern
allein niemals beantwortet werden können, weil sie von den all-
gemeinsten wirtschaftlichen Zusammenhängen, den Grundlagen der
Preis- und Einkommensbildung und dem Einfluß des Geldwesens
darauf zu wenig verstehen. Sie können nur mit einem engen Zu-
sammenwirken von Praxis und Theorie sachgemäß entschieden
werden. Die letztere hat daher die allerwichtigsten Aufgaben, die
jedoch von den heutigen Vertretern der ökonomischen Wissenschaft
wegen der langjährigen Herrschaft der historischen Schule und des
Fehlens theoretischer Talente noch vielfach nicht genügend erkannt
und sehr vernachlässigt werden. Leute gilt es aber für die national-
ökonomische Wissenschaft, nicht in die Vergangenheit zu schauen
und dort diese oder jene historische Unklarheit aufzuhellen, sondern
in die Zukunft. And da die Frage: was soll geschehen? niemals
Wissenschaft ist, sondern immer nur die Erklärung von Kausal-
zusammenhängen, so sollte sie sich mehr, als das bisher der Fall
war, nnt der Anterfuchung der allgemeinsten Kausalzusammen-
hänge im Wirtschaftsleben, mit den allgemeinen Vorgängen der
Preis- und Einkommensbildung beschäftigen, auf welchem Gebiete
noch unendlich viel zu tun ist. Diese Aufgabe ist nicht nur die Vor-
allssetzung für alle weitere Fortschritte der Wissenschaft, sondern
bietet auch der praktischen Wirtschaftspolitik die notwendige Grund-
lage. Leute hat daher mehr als je der Satz seine volle Berechti-
gung, daß nichts praktischer ist als die Theorie. Denn gerade die
Aufgaben, die auf dem Gebiete des Geldwesens zu lösen sind,
verlangen volle Einsicht in den Kern aller tauschwirtschaftlichen Zu-
sammenhänge, die Preis- lind Einkommellsbildung, die nur die
ökonomische Theorie liefern kann. Alle die Schriften der zahl-
reichen Verfasser, lvelche aus Beqliemlichkeit, Anverständnis oder
mangelnder theoretischer Bildung darauf nicht eingehen, kann ich
10
        <pb n="11" />
        ﻿daher nicht als wissenschaftliche Beiträge zu den Geldproblemen
ansehen.

Andererseits wird aber auch gerade von den Praktikern
die Wichtigkeit jener Frage: wie schaffen wir uns für den wirt-
schaftlichen Kampf nach dem Kriege die zweckmäßigste Wirt-
schaftsorganisation? in ihrer großen Bedeutung vielfach noch nicht
erkannt. Die im Erwerbsleben Stehenden glauben meist, nach den«
Kriege mit ihrer Erwerbstätigkeit da und unter denselben Gesichts-
punkten fortfahren zu können, wo sie 1914 aufgehört haben. And
die Beamten, die als Juristen immer bestrebt sind, mit den bis-
herigen Gesehen und Maßregeln, an die sie gewöhnt sind, auszu-
kommen, glauben ebenfalls, alles möglichst beim alten lassen und
nach dem Kriege in der alten Schablone fortfahren zu können. Das
gilt auf keinem Gebiete mehr als dem des Geldwesens, wo ins-
besondere auch die Wissenschaft so lange aller Welt seine bisherige
Regelung als uniibertrefflich hinstellte, bis man das gedankenlos
als selbstverständlich hinnah,n, so daß in weiten Kreisen heute keine
Vorstellung davon vorhanden ist, daß auch auf diesem Gebiete
noch Fortschritte möglich sind. Hier Wandel zu schaffen, zu zeigen,
daß die Goldwährung, wenn auch gegenüber früheren Währungs-
zuständen ein Fortschritt, in ihrer bisherigen Gestaltung zweifellos
kein Ideal ist, daß wir vielmehr auch auf dem Gebiete des
Geldwesens durch den Krieg und nach dem Kriege vor ganz
neue Probleme gestellt sind, ist eine ebenso wichtige wie schwierige
Aufgabe. Denn das Trägheitsmoment ist in der Wissenschaft wie
in der Praxis des Erwerbslebens und in der Verwaltung gleich
groß. Ich bin auch hinsichtlich der Aussichten dafür, daß wir die
nötige Energie auf diesem Gebiete aufwenden werden, un, die vor-
handenen Lindernisse zu überwinden, keineswegs optimistisch. Denn
inan muß sehr damit rechnen, daß nach dem Kriege die ungeheure
Anspannung aller Kräfte während mehr als drei Jahren zu einer all-
gemeinen Erschlaffung führen wird, und außerdem gibt es in Wissen-
schaft, Praxis und Verwaltung immer Leute, und meist gerade die
älteren und einflußreichen, die neuen Gesichtspunkten nicht mehr
zugänglich sind und aus lauter Bedenken gegen alle Neuerungen
alles lieber beim alten lassen wollen und auf jeden Fortschritt ver-
zichten.

Nichtsdestoweniger muß jeder an seinem Teile alles tun, uin
die weitesten Kreise darüber aufzuklären, daß nicht nur die Sorge

1!
        <pb n="12" />
        ﻿

für die Verbesserung unserer stark gesunkenen Valuta eine sehr
schwierige Aufgabe ist, die wissenschaftliche Vertiefung erfordert,
sondern daß auch sonst auf dem Gebiete des Geldwesens unendlich
viel zu verbessern ist und wir nicht einfach wieder nach dem Kriege
zu allen früheren Einrichtungen zurückkehren dürfen. Für das Be-
schreiten solcher neuer Wege bedarf es aber einer Wegmacherarbeit,
die ein gewisses Verständnis für die erstrebten Ziele wenigstens bei
den obereit Schichten des Erwerbslebens herbeiführt, ohne das
neue Maßregeln mit viel größeren Schwierigkeiten uitd Widerständen
zu kämpfeir haben würden. Diese Aufklärungsarbeit kann zu-
nächst nur die Wissenschaft leisten, die aber weiterhin durch eine
verständnisvolle Presse unterstützt werden muß. Diese mag sich
dann auf die Erörterung der praktischen Maßregeln beschränken,
für die Wissenschaft ist die Schaffung der allgemeinen Grund-
lagen und ihre theoretische Begründung das wichtigste. Sie ist,
ivie in „Geld tmd Gold", auch hier meßt Ziel gewesen, in diesein
Sinne nröchte ich beide Schriften verstanden und benutzt wissen und
ntögen beide sich als nützlich erweisen.

Freiburg i. B., im November 1917.

Robert Liefmann
        <pb n="13" />
        ﻿Erstes Kapitel

Die bisherige Behandlung des Problems

^^ie Währungsfragen, jene jahrhundertealten Probleme,
von deren Erörterung die ganze ökonomische Wissenschaft
eigentlich ihren Anfang genommen hat, schienen in den letzten Jahren
des 19. und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts im wesentlichen
erledigt. Alle wichtigeren Länder hatten die Goldwährung,
die als das Ideal einer Währung galt; und in der Tat herrschten
auf ihrer Grundlage fast überall stabile Gcldverhältnisse. So gab
es keine praktischen Geldprobleine, und die Praktiker des Wirt-
schaftslebens sahen mit einer gewissen Geringschätzung auf die auch
nicht zahlreichen unpraktischen Theoretiker, die sich um „Metallis-
nms" oder „Chartalismus" stritten, darum, ob der Wert des Geldes
auf den, Edelmetall beruhe oder ob das Geld ein „Geschöpf der
Rechtsordnung" sei.

Der Weltkrieg hat nun auch hier alles wieder ins Wanken
gebracht. Ob man die Grundsätze der Goldwährung aufhob, wie
in den meisten kriegführenden Staateil, oder ob man sie, wenigstens
in einigen Punkten, beibehielt, wie in England und den neuttaleri
Ländern, wo man aber auch überall zu gewissen Einschränkungen
gezwungen wurde, die Stabilität des Geldwesens war dahin.
Die Preise stiegen überall, die Wechselkurse der kriegführenden
Länder sanken und die der neutral«» Länder untereinander bewegten
sich iir den sonderbarsten Schwankungen. Weitgebeilde Eingriffe
des Staates in das Geldweseii erfolgten gleich in den ersten Tagen
in allen kriegführenden Staaten und mit der längereil Dauer des
Krieges und der ungeheuerlicheil Steigerung seiner finanziellen
Anforderungen scheute man überall vor den Maßnahmen nicht
zurück, mit denen man von jeher in kritischen Zeiten den Eiilfluß
des Staates auf das Geldweseil benutzt hatte, lim ihm neue Ein-
        <pb n="14" />
        ﻿nahmequellen zu verschaffen. Vor allem sehte in allen kriegführenden
Ländern eine starke Geldvermehrung ein, die wohl in den ein-
zelnen Ländern in verschiedener Form erfolgte, aber doch überall
darauf hinauslief, daß die Notenbank dem Staate für die Krieg-
führung neue Geldinittel zur Verfiigung stellte.

Daß das Geldwesen seine frühere Stabilität verloren hatte,
zeigte sich vor allem in zwei Erscheinungen. Einmal in stark steigenden
Preisen (daß daneben auch viele Einkommen stark stiegen,
wurde nicht genügend beachtet); und zweitens in dem Sinken der
Wechselkurse im Auslande, die eben auch Preise sind, da es
überhaupt eigentlich keine anderen Geldausdrücke als die Preise
gibt. Beide Vorgänge regten eine Fülle von Erörterungen an.
Die Preissteigerungen wurden natürlich in erster Linie, vor allenr
in Deutschland, aus die Warenknappheit und den Arbeiter-
mangel, dann auf die Dringlichkeit des Äeeresbedarss zurück-
geführt, die sinkendeir Wechselkurse im Auslande aus ein Miß-
verhältnis zwischen Ein- und Ausfuhr und auf sonstige Verschul-
dung im Auslande. Doch machten sich schon frühzeitig Stimmen
bemerkbar, welche auf die Geldvcrmehrung in den kriegführenden
Staaten hinwiesen und von einer „Inflation", einer „Über-
sättigung" des Verkehrs mit Zahlungsmitteln sprachen. Nicht
nur das Steigen der Preise im Inlands, sondern auch das Sinken
der Valuten der kriegführenden Staaten im Auslande wurde mit
einer solchen Inflation in Beziehung gebracht. And je mehr mit
der Verlängerung des Krieges die Geldvermehrung stieg und je
mehr die Valuta im Auslande sank, um so zahlreicher wurden
diese Stimmen. So sind die Geldprobleme heute in Wiffenschaft
und Praxis wieder aufgerollt und im Mittelpunkt steht das In-
flationsproblem, die Frage nach der Geldvermehrung und
ihren Wirkungen.

In der Wissenschaft war übrigens dieses Problem nie ganz
zur Ruhe gekommen. Die Teuerung, die im letzten Jahrzehnt
vor dem Weltkriege eine so große Rolle spielte, wurde von vielen
Nationalökonomen auch in erster Linie, von manchen sogar aus-
schließlich auf Arsachen von der Geldseite her, nämlich auf
die starke Steigerung der Goldproduktion seit Mitte der neun-
ziger Jahre, zurückgeführt. Grundlegend war dabei die altüber-
lieferte sogenannte Quantitätstheorie. Sie stellte die ganze
Geldmenge der gesamten Gütermenge in der „Volkswirtschaft"
14
        <pb n="15" />
        ﻿gegenüber, die erstere kauft die letztere, und wenn daher die Geld-
menge vermehrt wird, muß man für das einzelne Gilt »lehr geben,
die Preise müssen steigen. Diese Quantitätstheorie hat noch kurz
vor dem Weltkriege der amerikanische Nationalökonom Irving
Fisher in seinem bekannten Buche: „Die Kaufkraft des
Geldes", 1911, deutsche Ausgabe 1916 erschienen, zu verfeinern
gesucht, indem er neben der Geldmenge auch die „Llmlaufsgc-
schwindigkeit" des Geldes feststellen und berücksichtigen wollte.2)
Er kommt aus Grund seiner sehr eingehenden, aber mit äußerst
anfechtbaren und willkürlichen statistischen Feststellungen arbeitenden
Antersuchungen zu dem Ergebnis (S. 128): „Die Quantitätstheorie
beruht auf Wahrheit... in dem Sinne, daß eine der normalen
Wirkungen einer Quantitätsvermehrung des Geldes eine genau
proportionale (!) Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus ist."
Diese Proportionalität ist zwar von manchen, und zweifellos mit
Recht, bestritten worden, aber der allgemeine Satz, daß bei einer
starken Geldvermehnmg die Preise zu steigen pflegen, kann nicht
bestritten werden; er ist durch zu viele Fälle des Wirtschaftslebens
praktisch erwiesen. Nur erklären weder die Anhänger der Quan-
titätstheorie, noch diejenigen, die sie ablehnen, wodurch denn bei
einer Geldvermehrung die Preise steigen, und auch im Weltkriege
hat inan angesichts der Geldvermehnlng diesen Zusammenhang
zwar mehr oder weniger scharf im Sinne der Quantitätstheorie
betont, aber ihn niemals aus dem Mechanismus des heutigen
Tauschverkehrs erklärt. Es liegt das an den Mängeln der heutigen
allgemeinen Wirtschaftstheorie, der es besonders an einer wirk-
sichen Preislehre, einer Erklärung der Preisbildung im Tausch-
verkehr noch völlig fehlt. Solange man den Preis noch als eine
„Gütermenge" auffaßt und glaubt, daß es Aufgabe der ökonomi-
schen Theorie sei, hinter dem „Geldschleier" die Veränderungen
festzustellen, die sich in den Güterquantitäten vollziehen, solange
man glaubte, daß der Preis eines Gutes allein durch Angebot von
und Nachfrage nach diesem Gute zu erklären sei und man von dem
Zusammenhang aller Preise durch das Geld und die Ein-
kommen gar keine Vorstellung batte, war eine wirkliche Erklä-
rung der Teuerung und aller Erscheinungen von Preisveränderungen
natürlich unmöglich.

i) Vgl. die eingehende Kritik seines Werkes in meinem Buche „Geld
und Gold", ökonomische Theorie des Geldes, SMttgart 1916.

15
        <pb n="16" />
        ﻿Einen gewissen Fortschritt bedeutete allein die Schrift von
O. Spann, „Theorie der Preisverschiebung als Grund-
lage zur Erklärung der Teuerungen", Wien 1913. Cr er-
kennt dabei auch den Zusammenhang, das gegenseitige Bedingt-
sein aller Preise, das er nur nicht zu erklären vermag, da er auf
die Theorie der Preisbildung gar nicht eingeht. Seine Theorie
beruht auf dem Sahe, daß wenn einige Preise durch Verminderung
der Produktionskosten, technische Fortschritte u. dgl. sich ver-
mindert haben, andere steigen müssen. Darauf fei die Teuerung
vor dem Kriege zurückzuführen. Er sucht das nachzuweisen an dem
Beispiel des Naturaltausches, also vom Gelde und den Geld-
ausdrücken abstrahierend. Aber gerade bei der Erklärung von Preiö-
vorgängen ist die Abstraktion vom Gelde, die er für die ökonomische
Theorie empfiehlt (S. 5), unmöglich. Dann kommt man eben
dazu, wie die bisherige Theorie, hinter dem Geldschleier nur die
technischen Vorgänge der Produktion zu sehen und sie für Wirt-
schaft zu halten, welche Verwechslung der ganzen bisherigen Wirt-
schaftstheorie zugrunde liegt. Die Vorgänge beim Naturaltausch
ermöglichen es nicht, die Beziehungen zwischen Preisen
und Einkommen zu erkennen, deren Verständnis notwendig ist
und natürlich nur bei Betrachtung des Geldpreises gewonnen werden
kann. Ulrich ist es ein Fehler Spanns, daß er aus den keineswegs
zutreffenden Ergebnissen seiner Betrachtung des Naturaltauschs
nun gleich eine Theorie der modernen Teuerung ableiten will.
Diese ist nämlich zweifellos, wie jedes tatsächliche Phänomen der
heutigen Volkswirtschaft, auf sehr verschiedene Arsachen zurück-
zuführen, und es ist verkehrt, sie theoretisch behandeln zu wollen,
solange die allgemeine Theorie des Preises noch so wenig ent-
wickelt ist.

Ein Hauptfehler Spanns ist, daß er nicht erkennt oder wenig-
stens nicht genügend berücksichtigt, daß bei seinem Naturaltausch-
verkehr die übrigen Waren nur in den verbilligten ausge-
drückt und ihnen gegenüber teurer geworden sind. Er spricht
immer davon (z. B. S. 30): „Die Kaufkraft der verbilligten Pro-
dukte ist gefallen (denn man muß nun mehr solcher Produkte ab-
geben, um damit das gleiche wie ftüher zu kaufen) und anderer-
seits ist die Kaufkraft der unverbilligten gestiegen (denn
man kann mm mehr gegen sie eintauschen)." Letzteres gilt
zweifellos nicht allgemein, also z. B. nicht bei.den unverbilligten
16
        <pb n="17" />
        ﻿Waren untereinander, sondern eben nur den verbilligten gegenüber.
Damit ist es auch falsch, wenn Spann ebenda sagt: „Wenn die ver-
billigten Produkte reichlicher zur Verfügung stehen, sind die nicht
verbilligten Waren (im Rahmen der gesamten Güterwelt) relativ
seltener geworden." Das gilt auch wiederum nur den verbilligten
gegenüber.

Wie man erkennt, legt Spann, indem er vom Preise spricht,
doch unbewußt bei seinem Naturaltausch Geldvorstellungen, ein-
heitliche Preisausdrücke zugrunde. Er stellt sich aber, entsprechend
der überlieferten materialistischen Wirtschaftsauffassung, das Pro-
blem viel zu quantitativ vor: die vorhandene Geldmenge kaust die
vorhandene Gütermenge. Ist für eine Güterart weniger Geld auf-
zuwenden, so kann und wird für andere um so mehr bezahlt werden,
deren Preise müssen steigen. Diese Verhältnisse überträgt Spann
dann auch auf den Naturaltausch. Aber diese Auffassung ist weder
für den Geldtausch noch für den Naturaltausch richtig. Für ersteren
nicht, weil sie die Einkommen nicht berücksichtigt, mit anderen
Worten, weil sie den alten Fehler macht, nur die realen Zahlungs-
mittel zu betrachten und nicht zu erkennen, daß nicht sie, sondern
daß die Einkommen die Güter kaufen. Für den Natural-
tausch ist sie nicht richtig, weil sie den Preisbegriff unzulässig auf
diese Vorgänge überträgt und infolgedessen übersieht, daß dabei
ein allgemeines Ausdrucksmittel der Tauschvorgänge überhaupt
fehlt.

Man kann aber schon an dem Zustande des Naturaltausches
gut zeigen, daß eine rein quantitative Betrachtungsweise, wie sie
auch Spann unbewußt wieder vertritt, insbesondere die materialistisch -
quantitative Auffassung des K o st e n begriffs, unmöglich ist.
Denken wir uns eine kleine „Volkswirtschaft" mit Naturaltausch.
Was kann hier Verbilligung oder Verteuerung der Kosten nur be-
deuten? Quantitativ aufgefaßt doch nur, daß einige Wirtschafter
wernger oder mehr Roh- und Lilfsstoffe gebrauchen (wenn man
lvill, nrag man auch die eigene Arbeitsmühe, ihre Steigerung oder
Verminderung so quantitativ auffassen imb nach Arbeitsstunden
veranschlagen). Vollziehen sich diese Veränderungen in der eigenen
Wirtschaft, so beeinflllssen sie natürlich den „Preis" des Produktes
so lange nicht, als der Wirtschafter die Menge seiner Produkte
nicht verändert. Nach wie vor kann er sich dafür nur eintauschen,
was ihm die anderen, die ihre Produktion auch nicht verändert

Lies man», Die Geldvermehrung im Weltlriege 2	17
        <pb n="18" />
        ﻿haben, dafür geben können. Wenn der Wirtschafter aber wegen
vermehrten Rohstoffgebrauchs sein Angebot von Produkten ver-
mindert, so wird wohl der „Preis" derselben steigen; denn alle
Konsumenten, die mehr dafür geben können, werden mehr geben,
um die weniger Kaufträftigen auszuschalten. Das bedeutet aber
doch nur, daß unser Anbieter teils von diesem, teils von jenem Gut
mehr bekommt, wobei es keineswegs ausgeschlossen ist, daß er für
sein Minderangebot eine größere Gütermenge erhält als vorher.
Amgekehrt, wenn unser Wirtschafter wegen billigerer Rohstoff-
beschaffung oder wegen Aufwendung geringerer Arbeitszeit auf
das einzelne Gut sein Angebot ausdehnt, ist keineswegs gesagt,
daß er überhaupt einen Vorteil davon hat, daß er eine größere
Gütermenge dafür bekommt.

Aber hat es überhaupt einen Sinn, diese Gütermengen
als Preise zu bezeichnen, zumal schon wegen der eigenen Be-
dürfnisse unseres Anbieters anzunehmen ist, daß jeder Abnehmer
in anderen Gütern bezahlt? Gewiß nicht. And noch viel
weniger kann man in diesem Falle sagen, daß wegen gesunkener
Preise des einen Gutes die Preise der anderen gestiegen seien.
Denn an den Austauschverhältnissen der übrigen Güter unter-
einander wird ja nachts geändert. Rur diesem Gute unseres An-
bieters gegenüber kann man allenfalls sagen, daß wegen gesunkenen
„Preises" des einen Gutes die „Preise" der anderen Güter ge-
stiegen seien. Aber sie sind in ganz verschiedener Weise gestiegen,
je nachdem der einzelne Erwerber in der Lage ist, für sein Tausch-
gut mehr von dem verbilligten Produkt zu erhalten. Aber in
Wahrheit hat es nicht den mindesten Sinn, hier überhaupt von
einem Preise zu sprechen. Denn das Phänomen eines einheitlichen
wirklichen Preises, den alle zahlen, gibt es hier überhaupt nicht,
und von einem allgemeinen Satze, daß wenn die Preise einzelner
Güter fallen, andere steigen müssen und umgekehrt, und von irgend-
welcher Bedeutung dieses Satzes kann beim Naturaltausch nicht
die Rede sein.

Wieder ganz anders gestaltet sich der Fall, wenn unser An-
bieter seine Rohstoffe von anderen kaufen muß und dafür z. B.
höhere Preise bezahlen muß. Sehen wir ganz ab von den Wir-
kungen, die ein solcher Fall auf die Einkommen der Anbieter
jener Rohstoffe hat, und von den Wirkungen, die diese Einkommens-
verschiebungen wieder auf das ganze bisherige Preis- und Ein-
18
        <pb n="19" />
        ﻿kommensystem haben — sie können sehr verschieden sein, wir werden
davon später sprechen—, so ist doch wiederum über die Wirkungen
dieses Vorgangs aus die Wirtschaft unseres Anbieters der Genuß-
güter nichts Einheitliches zu sagen. Er wird versuchen, entsprechend
seinen gestiegenen Kosten höhere Preise durchzusehen. Aber ob
ihm das gelingt, hängt sowohl von seiner Tauschstellung, Monopol
oder Konkurrenz, als auch von den Bedürsniffen der Konsunienten
nb. Dadurch wird bestimmt, ob diese ohne Einschränkung ihres
Konsums oder mit einer solchen mehr zu geben geneigt sind, ob
also unser Anbieter seine Produktion im bisherigen Amsange
wird absetzen können oder nicht und zu welchen Bedingungen. Eine
einheitliche „Theorie" darüber ist nicht möglich.

Spann hat die Tatsache des Zusammenhangs aller Preise
richtig erkannt, aber es ist verkehrt, sie au.s die Gütermengen und aus
den Zustand des Naturaltauschs rein quantitativ zu übertragen.
Sein Irrtum spricht sich deutlich aus, wenn er (S. 28) behauptet,
daß der Zusammenhang aller Preise „der Ausdruck der Verhält-
nismäßigkeit sämtlicher Waren nach Vorräten, Kosten und Be-
gehrtheit sei . Denn weder dürsen schon Vorräte als gegeben
angenommen werden, noch sind die aufzuwendenden Kosten und
ist vor allem „Begehrtheit" eine gegebene Größe. Letztere ist un-
begrenzt, wie sie aber als Nachfrage zum Ausdruck kommt,
das kann man nur an einer allgemeinen Kosteneinheit, dem Gelde,
erkennen, von dem also nicht abstrahiert werden kann. And Vor-
räte und Kosten sind auch nicht gegeben, sondern in welchem Am-
fange sie beschafft bzw. aufgewendet werden, das zu entscheiden
ist eben die wirtschaftliche Ausgabe. *)

Der Satz von der Preisverschiebung im Sinne Spanns, die
Behauptung, daß wenn viele Preise steigen, andere fallen müßten,
hat also für den Naturaltausch, an dem Spann ihn exemplisiziert,
überhaupt keine Bedeutung. Aber man kann deswegen nicht
sagen, daß er vollkommen falsch sei. Er ist richtig oder wäre richtig
unter einer Voraussetzung, die Spann nur stillschweigend macht.

*) Wie sehr Spann auch bei Betrachtung des Naturaltauschs un-
bewußt rein geldwirtschastliche Erscheinungen zugrunde legt, zeigt unter
anderem auch folgender Satz: „Auch beim Naturaltausch sind die Preise
nicht Ausdruck (?) der unmittelbar ausgetauschten Gütermengen für sich,
sondern sie sind von den Gesamtaustauschverhältniffen aller Waren... ab-
hängig." Wo ist denn der Ausdruck?

19
        <pb n="20" />
        ﻿weil er eigentlich vom Geldtausch abstrahieren will, bei der er
daher auch gar nicht Prüft, ob er sie auch wirklich machen durfte;
er seht nämlich stillschweigend voraus, daß die Erträge und
Einkommen alle stabil bleiben, was eben nur beim Geld-
tauschverkehr möglich ist. Nur wenn es Gelderträge und Einkommen ,
gibt, kann man überhaupt von Preisen und Preisveränderungen
sprechen. And der Sah, daß wenn einige Preise steigen, andere
fallen müssen, gilt nur unter der Voraussetzung gleich-
bleibender Einkommen.

Ist aber diese Voraussehung überhaupt möglich, hat es einen
Sinn, sie zu machen? Ich behaupte, nein. Tatsächlich muß jede
nennenswerte Preisveränderung Einkommensveränderungen zur
Folge haben und auch alle Arsachen von Preisveränderungen, z. B.
Änderungen in den Bedürfnissen, Änderungen in den Produktions-
kosten und, wie wir sehen werden, auch Änderungen von der Geld-
seite her, werden Einkommensveränderungen bewirken. Wenn
z. B. die Produktionskosten irgendeiner Ware sinken, so bewirkt
das schon Einkommensveränderungen bei den Anbietern der Roh-
stoffe, die vielleicht weniger gebraucht werden, oder es werden
Arbeitskräfte entbehrlich und sie verlieren ihr Einkommen. Aber
auch die Einkommen der Anbieter jener Ware werden sich in den
meisten Fällen ändern, und zwar oft noch eher, als sich deren Preise
ändern.

So wird alles, was überhaupt als Arsache von Preisverände-
rungen in Betracht kommen kann, auch die Einkommen verändern.
Die Veränderungen, die sich im tauschwirtschaftlichen Organismus
bei diesen beiden wichtigsten Geldausdrücken vollziehen, stehen in
engstem Zusammenhang. Wenn man diesen engen Zusammenhang
zwischen Preisen und Einkommen erkannt hätte, wozu nur ein
wenig Beobachtungsgabe gehört hätte, wäre der Gedanke sehr
naheliegend gewesen, daß es überhaupt weniger auf die reale Geld-
menge und ihre Vermehrung, die die bisherige Geldtheorie allein
betrachtete, bei der sogenannten Insiation ankomme, sondern auf
die Einkommen. And man wäre so schließlich auch zu dem Sahe
gekommen, den ich zur Erklärung der Geldprobleme an die Spitze
stelle, daß nicht die Menge realen Geldes, sondern daß die Ein-
kommen die Güter kaufen. Dann wäre man aber auch weiter
zu der Einsicht gekommen, daß es im Kriege einer der wichtigsten
Aufgaben ist, große Einkommensverschiebungen und ein-
20
        <pb n="21" />
        ﻿fertige Einkommens steig erringen möglichst zu unterbinden.
Unsere ganze Kriegssinanzierung, die Art der Bezahlung von
Kriegsleistungen, die Erhebung von Steuern, namentlich von
Kriegsgewinnsteuern, wäre eine ganz andere gewesen; viele Argu-
mente, die man gegen die letzteren angeführt hat und deren Be-
rücksichtigung sehr ungünstig gewirkt hat, wären unterblieben.

An einer wirklichen Einsicht in die Zusammenhänge von Geld,
Preisen und Einkoimnen hat es aber völlig gefehlt, fehlt es heute
noch in dem größten Teil der Wissenschaft, die sich seit Jahrzehnten
im wesentlichen auf die Untersuchung historischer Kausalzusammen-
hänge beschränkte, und fehlt es erst recht natürlich in der Praxis
des Erwerbslebens und der Staatsverwaltung. In keiner der zahl-
losen Erörterungen über die Kriegs- und Übergangswirtschaft
habe ich die hier hervorgehobenen Gesichtspunkte auch nur an-
gedeutet gefunden, geschweige denn, daß eine wirklich wissen-
schaftliche Begründung geliefert wurde.

Aber noch weiter. Im Weltkriege haben fast mehr als die
Preissteigerungen im Inlands, die man auf die natürlichen Ver-
hältniffe der Abschließung und des Mangels an Rohstoffen und
Arbeitskräften zurückführte, die Tatsachen des Valutarück-
ganges die Wissenschaft beschäftigt. Er ist in der Tat eines der
wichtigsten Probleme, die sich aus dem Kriege überall ergeben;
denn es ist klar, daß der internationale Tauschverkehr, auf den
wir und alle anderen Nationen angewiesen sind, außerordentlich
leiden muß unter den gewaltigen Verschiebungen, die sich in der
Bewertung der Währungen der einzelnen Länder und überhaupt
in ihren ausländischen Forderungen und Schulden vollzogen haben.
Aber gerade hier zeigt sich das Versagen der bisherigen Wirt-
schaststheorie und die herrschende Unklarheit über die wirtschaft-
lichen Zusammenhänge in erschreckender Weise. Die extremsten
Ansichten stehen sich hier gegenüber und werden in einer Weise
vertreten, die das Anvermögen der heutigen Wissenschaft, die
Tauschvorgänge richtig zu verstehen, deutlich erkennen lassen. Die
einen behaupten, daß der ausländische Wechselktws mit dem in-
ländischen Preisniveau gar nichts zu tun habe, daß er einzig
und allein durch die Zahlungsbilanz des betreffenden Landes
bestimmt werde. Die anderen dagegen wollen im ausländischen
Wechselkurs beit Ausdruck des Amsangs der inländischen Inflation
sinden und glauben, die Proportionalität beider statistisch fest-

21
        <pb n="22" />
        ﻿stellen zu können. Eine wirklich wissenschaftliche Begründung
aber, die natürlich in der Theorie und Erklärung der Preisbildung
fußt, schenken sich beide Parteien.

Die letztere Ansicht, obgleich sie, wenn auch übertrieben, doch
immerhin die richtigere ist, hat allerdings nur einen namhaften
Vertreter. Der schwedische Nationalökonom Gustaf Cassel
hat das Sinken der deutschen Valuta mit einer Inflation in Zu-
sammenhang gebracht und sieht sogar in der Geldvermehrung
die einzige Arsache unserer gesunkenen Valuta. In seiner 1916
erschienenen Schrift: „Deutschlands wirtschaftliche Wider-
standskraft", in der er sich übrigens durchaus deutschfreundlich
erweist, behauptet er diese nicht nur für Deutschland, sondern ganz
allgemein. Auf Grund der herrschenden Anklarheit über das
Wesen des Preises und die Grundlagen der Preisbildung wendet
er eine extreme Quantitätstheorie auf die ausländischen Wechsel-
kurse an und behauptet, daß der ausländische Wechselkurs der
Ausdruck des inländischen Preisniveaus, also der Kauftraft des
Geldes sei. Er berechnet auf Grund der Indexziffern in den ver-
schiedenen Ländern vor und in dein Kriege Inflationsziffern, stellt
dem Kurs der Mark im Auslande die Vermehrung der Amlaufs-
mittel im Kriege im Verhältnis zum Friedensumlauf gegenüber
und findet eine Proportionalität beider. Ich habe nun schon in
der eingehenden Kritik der Quantitätstheorie, die ich in „Geld
und Gold" geliefert habe (Kapitel III), betont, was sich bei einer
richtigen Preistheorie von. selbst ergibt, daß jedes Operieren mit
Indexziffern, mit einen: durchschnittlichen Preisniveau, willkürlich
ist und die ganz verschiedenartige Bewegung der einzelnen Preise
und die Arsachen von Preisveränderungen überhaupt verkennt,
denn es steigen fast nie alle Preise, unb wenn auch, so in äußerst
verschiedenem Amfange. Mit jeder Preisveränderung verändern
sich aber auch die Einkommen, und diese Einkommensverändc-
rungen sind dann wieder die Arsachen von weiteren Preisver-
änderungen, die aber nicht mit Durchschnittsziffern erfaßt werden
können. Auch läßt sich weder der Amfang der Friedens-, noch
der Kriegszirkulation genau feststellen, ganz abgesehen davon,
daß es, wie man mit einer richtigen Geldtheorie erkennt, über-
haupt nicht allein auf die realen Zahlungsmittel ankommt.
And ferner: wenn man schon willkürlich ein durchschnittliches in-
ländisches Preisniveau errechnet und seine Veränderung in Pro-
. 22
        <pb n="23" />
        ﻿zenten zu einem Anfangspreisniveau ausdrückt, warum in aller
Welt soll denn die Veränderung des ausländischen Wechselkurses
gerade dieser Veränderung des Preisniveaus entsprechen? Aus
dessen Verhältnisse sind, gerade jetzt im Kriege, so viele besondere
Faktoren von Einfluß, die mit dem durchschnittlichen inländischen
Preisniveau, immer vorausgesetzt, daß die Errechnung eines
lolchen überhaupt einen Sinn habe, nichts zu tun haben: die augen-
blicklichen Export- und Importverhältnisse nach und aus den be-
treffenden Ländern, die sonstigen Schulden und Forderungen ihnen
gegenüber, ferner politische Momente, Sym- und Antipathien,
Beurteilung der militärischen, politischen und wirtschaftlichen
Lage, künstliche Beeinflussung des Devisenmarktes usw. Richtig
ist nur, daß die Bewertung unseres Geldes im Auslande auch ein
Preis ist, der mit allen Preisen des Inlandes ausgedrückt in der
ausländischen Währung in Zusammenhang steht. Aber es ist kein
Grund einzusehen, weshalb dieser Preis einem so willkürlich er-
rechneten Preisdurchschnitt entsprechen soll.

Daher ist die übrigens auch nur sehr annähernde Verhält-
nismäßigkeit von Geldvermehrung und ausländischem Wechsel-
kurs etwas rein Zufälliges, und ein statistischer Beweis dafür
ist unmöglich. Vielmehr läßt sich statistisch ebensogut das Gegen-
teil beweisen, wie z. B. von Oktober bis November 1915 die
Reichsindexziffer von 41,90 auf 38,86 gefallen ist, während gleich-
zeitig der Reichsbankansweis eine Vermehrung der Noten und
der Zirkulation von Darlehenskassenscheinen angibt. Doch sind
alle Indexziffern so willkürlich und das Operieren mit allen diesen
Zahlen in so hohem Grade unsicher, daß es sich wirklich nicht ver-
lohnt, auf solche statistische „Beweise" näher einzugehen.

Wenn es daher verkehrt ist, in dem ausländischen Wechsel-
kurs einen Ausdruck des „inländischen Preisniveaus" zu sehen, so
ist es doch auf der anderen Seite noch verkehrter und nur durch das
Fehlen jeder richtigen Preistheorie erklärlich, wenn vielfach be-
hauptet wird, daß der Wechselkurs mit den inländischen Preis-
veränderungen gar nichts zu tun habe, sondern nur das Ergebnis
des Zahlungsverkehrs mit dem betreffenden Lande sei. Eine der-
artige Behauptung ist in den vielen Erörterungen über die Gründe
des schlechten Standes unserer Valuta sehr oft ausgesprochen wor-
den. Es sei nur eine Stelle aus der neuesten Schrift von F. Ben-
dixen, „Das Inflationsproblem", Finanzwiffenschastliche

23
        <pb n="24" />
        ﻿Zeitfragen, Lest 31, Stuttgart 1917, angeführt. Er sagt (S. 17
und 18): „Die Wechselkurse im Auslande werden unmittelbar
weder durch das heimische Preisniveau beeinflußt, noch durch
die Frage, ob man in Deutschland seine Schulden mit Gold oder
Papiergeld bezahlt..„So sei es denn wiederholt, daß der
ausländische Wechselkurs einzig und allein das Ergebnis der Zah-
lungsbilanz und der auf die voraussichtliche Entwicklung der Zah-
lungsbilanz zielenden Spekulation ist." Durch diese Wiederholung
wird die darin liegende falsche Behauptung nicht bewiesen; diese
Frage kann vielmehr überhaupt nicht durch bloße Behauptungen,
mit denen sich Bendixen immer begnügt, sondern nur durch Ein-
gehen auf die allgemeine Wirtschaststheorie und die
Preisbildung entschieden werden, wogegen sich Bendixen aus
Bequemlichkeit mit höchst sophistischen Argumenten sträubtZ)
Denn die Frage der Inflation, d. h. des Einflusses der Geld-
vermehrung auf die Preise, ist, was selbst der reine Geldpolitiker
Bendixen einsehen müßte, ein Problem der Pr eis lehre, der Lehre
von den Preisveränderungen, die ohne eine allgemeine Preis-
theorie, eine Erklärung der Preisbildung überhaupt, nicht möglich
ist. Trotzdem gehen fast alle Geldtheoretiker noch völlig an dieser
Frage vorbei, eben wegen des traurigen Zustandes unserer Wirt-
schaststheorie, des Fehlens einer wirklichen Preislehre.

Selbst einer der fortgeschrittensten Geldtheoretiker, Otto
Keyn, einer der ersten Nominalisten, der trotz aller Irrtümer in
den Grundlagen lange vor Knapp die Erkenntnis des Geldwesens
ohne Zweifel in vielen Punkten gefördert hat, hat diese Zusammen-
hänge noch neuestens in einer Besprechung meiner Geldtheorie,
„Probleme des Geldwesens",Weltwirtschaftliches Archiv, Juni 1917,
durchaus ungenügend behandelt. Ich kann nicht finden, daß er
mit „guiem Willen" an meine Theorie herangetreten ist. Schon

*) Er betont im Vorwort jener Schrift, daß es mir in „Geld und Gold",
wo ich die notwendige Begründung der Geldlehre durch meine allgemeine
Wirtschaftstheorie zu geben versuchte, nicht gelungen sei, „die Aufklärung
unserer Zeitgenossen über das Wesen des Geldes zu fördern", weil: „wer
ein Ding tiefer erklärt, als seine Natur verlangt und erlaubt, hat nicht er-
klärt, sondern verdunkelt!" Bei einer so unwissenschaftlichen Ablehnung
der unbedingt notwendigen Verknüpfung der Geldtheorie mit einer richtigen
Preis- und Einkommenslehre kann Bendixen sich nicht wundern, wenn
seine bloßen Behauptungen von wiffenschaftlich Denkenden nicht als Auf-
klärung über das Wesen des Geldes angesehen werden.

24
        <pb n="25" />
        ﻿der erste Sah, in dem er von meiner „neuen" Wirtschafts- und
Preistheorie spricht, beweist das. Denn die Neuheit meiner Wirt-
schafts- und Preistheorie liegt so klar aus der Land, daß man
sie bei „gutem Willen" nicht bestreiten kann. Das geht denn auch
aus der ganz ungenügenden Darstellung meiner Preistheorie
hervor, wie aus dem Sahe, mit dem er seine Bestreitung ihrer
Neuheit wieder aufhebt: „Es ist schon geraten, zu der älteren Lehre
von Angebot und Nachfrage zurückzukehren." x) Da ist es denn
kein Wunder, daß er nach wie vor die Anterwertigkeit des Papier-
geldes auf Mißtrauen zurückführt und zwecks ihrer Verhinde-
rung nicht weiter kommt als zu dem Sahe: „Für die Ausgabe
von Geldzeichen darf lediglich der Bedarf des geschäftlichen Ver-
kehrs maßgebend sein." Daß damit nichts anzufangen ist, daß
gerade, wenn man die Möglrchkeit einer Kreditinflation an-
erkennt, ein „Bedarf des geschäftlichen Verkehrs nach Geld"
nicht maßgebend sein kann, sollte zwar schon logisch klar sein, wird
aber unten noch eingehend gezeigt werden (Fünftes Kapitel).

Im übrigen kann hier, wie gesagt, auf die von manchen versuchte
Kritik der allgemeinen Grundlagen meiner Geldtheorie nicht näher
eingegangen werden. Sie bezieht sich übrigens nur auf Nebensächlich-
keiten und Einzelheiten, bedeutet oft nur Formulierungsänderungen,
mit denen manche einen eigenen Beitrag zur Geldlehre zu liefern
hoffen, und beruht oft auf ungenügender Erfassung meines theoreti-
schen Systems. Eine wissenschaftliche Vertretung des Metallis-
mus hat sich in letzter Zeit kaum mehr hervorgewagt, auch der
reine „Chartalismus" Knapps wird immer mehr als unzu-
reichend erkannt, es handelt sich nur noch um die Art der Begrün-
dung des Nominalismus im Sinne der abstrakten Rechnungs-
einheil.

Ans kommt es hier nur darauf an, zu zeigen, wie notwendig
es ist, wenn man irgendein Geldproblem behandeln will, sich über
die Grundlagen der Preis- und Einkommensbildung
klar zu werden. Daran fehlt es aber heute noch vollkommen. Man
braucht nur einmal in den nationalökonomischen Lehrbüchern nach-
zusehen, was dort über die Preis- und Einkommenslehre zu finden
ist. Sie alle bieten nicht die geringste Erklärung des tauschwirt-
schaftlichen Mechanismus. In der Preislehre erkennt man noch

Inzwischen ist ihm auch schon von verschiedenen Seiten widersprochen
worden.

25
        <pb n="26" />
        ﻿nicht einmal den Zusammenhang aller Preise, geschweige
denn vermag man ihn und die Preisbildung überhaupt zu er-
klären. Da wird noch jeder Preis eines Gutes isoliert von dem
aller anderen Güter betrachtet. And in der- Einkommenslehre
herrscht die sogenannte Zurechnungstheorie, die glaubt, jedem der
verschiedenen „Produktionsfaktoren" einen Anteil an dem „Wert"
der Produkte zurechnen zu können. Angesichts des kläglichen Zu-
standes der allgemeinen Wirtschaftstheorie ist es vielleicht nicht zu
verwundern, daß fast alle, die sich mit Geldproblemen beschäftigen, -
von Knapp angefangen, die Begründung ihrer Anschauungen
durch eine allgemeine Erklärung der tauschwirtschaftlichen Vor-
gänge unterlassen und eine bloße Geldtheorie, losgelöst von jener,
aufstellen zu können glauben. Das ist natürlich ein Irrtum, der
eben nur mit dem unbefriedigenden Zustande der allgemeinen
Wirtschaftstheorie zu entschuldigen ist, der sich aber schon schwer
gerächt hat. Schon Knapp ist es nur mittels eines Kunstgriffs
möglich gewesen, die notwendige Beziehung der Geldprobleme
zur Preis- und Einkommenslehre auszuschalten, indem er sich
damit begnügt, zu behaupten, daß die „nominale Werteinheit
historisch definiert" sei und daß das „Geld" ein „Geschöpf der
Rechtsordnung" sei. Auch er versteht also im Sinne der materialisti-
schen Wirtschaftstheorie unter Geld nur die realen, vom Staate
geschaffenen und von ihm autorisierten Zahlungsmittel, und über
die „nominale Werteinheit", von der er nur gelegentlich spricht,
ist er noch in dem allgemeinen fundamentalen Irrtum befangen,
daß sie, d. h. der Preis, irgendeinen „Wert" ausdrücke. Kurzum,
es fehlt in seiner Lehre die Erkenntnis der geldwirtschaftlichen Zu-
sammenhänge. Denn mit der Behauptung, daß die „nominale
Wert einbeit", die am ersten mit meiner abstrakten Auffassung des
Geldes verglichen werden kann, „historisch definiert" sei, ist sie
doch weder erklärt, noch ihre Bedeutung im Tauschverkehr irgend-
wie klargestellt.*) Schon von Anfang an hat diese Behauptung

') Ich verstehe daher nicht, wie mehrere Anhänger Knapps behaupten
können, daß meine Geldtheorie eine bloße Ergänzung zu derjenigen Knapps
sei. Das ist ungefähr so, wie wenn man das Mittelländische Meer als eine
Ergänzung des Marmarameeres bezeichnen wollte. Denn Knapp, der,
wie gesagt, an dem rein materiellen Geldbegriff festhält, hatte nur die Ab-
sicht, den selbständigen Charakter des Papiergeldes zu erweisen,
was mit der bisherigen ökonomischen Theorie nicht möglich war. Ich da-
gegen fasse das Geld in einem sehr viel allgemeineren Sinne und habe das
26
        <pb n="27" />
        ﻿Knapps den wissenschaftlicher Denkenden nicht genügt, obwohl
sie sie weder zu ergänzen noch als falsch zu erweisen vermochten.
Die große Masse derer aber, die überhaupt zu wissenschaftlicher
Vertiefung in die ökonomische Theorie nicht fähig sind, aber doch
gern über diese aktuellen Probleme schreiben wollen — und ihre
3ahl wächst natürlich seit dem Weltkriege gewaltig, nachdem die
Tagespresse sich des Gegenstandes bemächtigt hat , hält erst
^echt an der Möglichkeit, eine Geldtheorie aus dem Nichts zu
schassen und unabhängig von der Preis- und Einkommenslehre
Gelderscheinungen untersuchen zu können, fest. Was dabei an Irr-
tümern und falschen Vorstellungen zutage gefördert wird, spottet
jeder Beschreibung. Es ist nämlich merkwürdig: fast jeder, der
im Wirtschaftsleben steht, mindestens aber jeder Bankdirektor und
jeder Kandelsredakteur, glaubt vom Geldwesen etwas zu verstehen.
Das ist aber ein großer Irrtum, an dem allerdings die ökonomische
Wissenschaft ganz allein die Schuld trägt. Denn sie konnte ebenso-
wenig wie die im praktischen Leben Steheirden erklären, wie es
zrrr Bilduirg eines Preises komrnt, welche Rolle das Geld inr
wirtschaftlichen Mechanismus spielt rr. dgl. And selbst die akade-
mische Lehrtätigkeit, geschweige denn der rrationalökonomische
Doktortitel, gibt heute noch keineswegs die Gewähr einer wirklich
wissenschaftlichen Behandlung dieser Probleme; denn die Psiege
der Wirtschaftstheorie an den Aniversitäten ist derart mangelhaft,
daß die meisteir zu den wissenschaftlichen Streitfragen, die sich
daran knüpfen, überhaupt nicht mit Begründung Stellung nehmen
könneir. Anker diesen Amständen ist der Standpunkt jenes Reichs-
bankdirektors zweifellos vorzuzieheir, der erklärte, er brauche von
der Geldlehre nichts zu wissen, er habe nur seine Vorschriften für
seine Arbeit zu erfüllen. Dieser Mann wird daher auch wohl nicht
über die Geldpolitik schreiben.

sehr viel weitere Ziel, die Funktion desselben im ganzen tauschwirtschaft-
lichen Mechanismus und aus ihn, heraus zu erklären. Dafür leistet Knapp,
der, wie W. Genzmer, „Kritische Betrachtungen zur nomina-
listischen Geldtheorie", 1917, mitteilt, niemals über theoretische
Nationalökonomie gelesen hat, nichts; eine „staatliche Theorie" ist vielmehr
ein Lindernis für die Erkenntnis der aus den, Wirtschaftsleben selbst ent-
fiandenen und aus ihm zu erklärenden Natur des Geldes im abstrakten
Sinne. Das sollte unbeschadet der Anerkennung für Knapps Leistung doch
nicht so schwer einzusehen sein. Man kann mit gutem Grunde zweifeln,
ob eine „Theorie des Geldes" überhaupt anders als wirtschaftlich
möglich ist.

27
        <pb n="28" />
        ﻿Doch schließlich kann es niemand verwehrt sein, ohne ge-
nügendes wissenschaftliches Verständnis über diese schwieriger:
Dinge zu schreiben. Denn es wird ja jeden Tag aus allen Gebieten
so viel Ansinn gedruckt, daß es in unserem papiernen Zeitalter-
auf etwas mehr oder weniger gar nicht ankommt. Wenn nur nicht
jeder Praktiker, der das tut, sich als Spezialist auf diesem Gebiete
fühlte und mit seinen Behauptungen ohne jede wissenschaftliche
Begründung die Oberflächlichkeit auf diesem Gebiete immer weiter-
verbreitete. Aber diese Oberflächlichkeit der Geldliteratur ist schon
viel und mit Recht geklagt worden. Sie ist, seit diese Probleme
im Weltkriege so ungeheure praktische Bedeutung erlangt haben,
noch gewaltig gestiegen. Aber kann man sich darüber wundern,
wo selbst Knapp eine Verknüpfung seiner Behauptungen mit der
allgemeinen Wirtschaftstheorie und damit ihre ökonomische Be-
gründung ablehnt?

Wogegen ich mich aber auf das schärfste wenden muß, das
ist die Art, mit der diese Oberflächlichkeit von manchen zum Prinzip
gemacht und gar noch als ein Vorzug hingestellt wird. Diese
Leute lehnen meinen logisch selbstverständlichen Linweis, daß die
Gelderscheinungen ohne Verbindung mit der Preis- und Ein-
kommenslehre nicht zu erklären sind, überlegen lächelnd ab, ohne
sich auch nur die Mühe zu geben, auf diese Theorien einzugehen.
Jenes Sophisma Bendixens vom Verdunkeln hat denn auch bei
deir Allzuvielen, welche sich in den Geldfragen für sachverständig
halten, aber zur Vertiefung in die allgemeine Wirtschaststheorie
und damit zu einer wirklich wissenschaftlichen Begründung ihrer
Ansicht nicht fähig sind. Schule gemacht, und es scheint beliebt zu
werden, mit diesem Argument die notwendige Verknüpfung der
Geldlehre mit der allgemeinen Wirtschaftstheorie, besonders der
Preistheorie, einfach abzulehnen. Das ist auch ein Zeichen für den
Tiefstand der heutigen ökonomischen Theorie! Es hindert das
natürlich manche Leute nicht, einige Ergebnisse meiner Theorie
stillschweigend zu übernehmen. Die meisten dieser Erörterungeil
sind aber so oberflächlich und gehen so wenig in die Tiefe, arbeiten
so sehr mit bloßen Behauptungen und machen so wenig den Ver-
such einer wirklichen Begründung, daß es sich gar nicht lohnt,
auf alle diese Gelegenheitsschriften näher einzugehen?) Die fol-

*) Eine, wie es scheint, eingehende und sorgfältige wissenschaftliche
Untersuchung der Geldprobleme des Weltkriegs veröffentlicht während der
28
        <pb n="29" />
        ﻿Senden Untersuchungen sollen zunächst zeigen, was für jeden denken-
den Menschen allerdings selbstverständlich, von der heutigen öko-
nomischen Wissenschaft aber noch keineswegs anerkannt ist (daher
der große Einfluß Knapps), daß die Frage nach den Wirkungen
der Geldvermehrung ohne ein Eingehen auf die Preis- und Ein-
kommenslehre nicht zu lösen ist, ferner aber, daß man mit einer
richtigen Geld-, Preis- und Einkommenslehre, die natürlich alle
drei in engstem Zusammenhang stehen und ein geschlossenes öko-
nomisches System bilden, zu sehr viel klareren Ergebnissen kommt,
als sie bisher mit irgendeiner der vielen all hoc aufgestellten Geld-
theorien, Geldschöpfungstheorien u. dgl. zu erzielen waren.

Ich bin daher auch erst im Verlaufe der Arbeit an meinem
System der Wirtschaftstheorie auf der Grundlage der psychisch-
realistischen Wirtschaftsauffassung und erst ziemlich bei Voll-
endung derselben an die Geldlehre gekommen, wobei sich mir aus
dem Zusammenhang mit der Preis- und Einkomnrenslehre die
Auffassung des Geldes als abstrakte Rechnungseinheit ergab,
welche ihr zugrunde liegt und die ich scharf formuliert in dem
Satze ausspreche, daß nicht das „Geld" in dem üblichen Sinne der
staatlichen Geldzeichen, sondern daß die Einkommen die Güter
kaufen.

Die systematische Erklärung dieser theoretischen Zusammen-
hänge von Geld, Preis und Einkommen soll im zweiten Bande
meiner „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre" erfolgen, mit denr
ich beschäftigt bin und aus dessen Abfassung die Grundgedankerr
dieser Schrift entstarrden siird. Da hier die daran angeknüpfterr
praktischen Folgerungen im Vordergründe stehen, ist es
nrir nicht möglich, hier auf alle die kritischen Bemerkungen einzu-
gehen, welche im Anschluß an „Geld und Gold" gegen die allge-
meinen Grundlagen meiner Geldtheorie gerichtet wurden. Es ist
dies aber auch um so weniger nötig, als die meisten bei ihrer Kritik

Abfassung dieser Schrift fortlaufend Walter Federn in seiner Zeit-
schrift „Der österreichische Volkswirt" vom 9. Juni 1917 ab unter
dem Titel: „Krieg und Geldlehre". Er kommt dabei sehr eingehend auf
die in „Geld und Gold" dargelegten Anschauungen zu sprechen. Seine Be-
tonung abweichender Anschauungen scheint mir in mancher Hinsicht etwas
übertrieben; wie ich glaube, stimmen wir in den meisten Punkten durchaus
überein, was sich auch wohl aus dem Inhalt dieser Schrift ergeben wird.
In „Geld und Gold" hatte ich allerdings gerade die Inflationsprobleme nur
nebenbei behandelt.

29
        <pb n="30" />
        ﻿'MSSmfr

nur die gedrängte Zusammenfassung meiner Wirtschaftstheorie,
die ich dort gegeben habe, aber weder meine älteren dort an-
geführten Arbeiten über die Preisbildung, Monopol- und Kon-
kurrenztheorie, Ertrag und Einkommen, noch auch meine inzwischen
erschienenen „Grundsätze", I. Band, berücksichtigten. Eine solche
kurze Zusammenfassung der Beziehungen zwischen Geld, Preis
und Einkommen war aber auch in dieser Schrift als Grundlage
für die Untersuchung der Erscheinungen der Geldvermehrung not-
wendig (Drittes Kapitel), ich hoffe aber die systematische Dar-
stellung im II. Bande der „Grundsätze" so bald liefern zu können,
als es mir Arbeitsfähigkeit und äußere Amstände irgend gestalten.

Was die praktischen Folgerungen und Forderungen dieser
Schrift betrifft, so habe ich einiges von ihnen schon veröffentlicht
in den „Veröffentlichungen des Deutschen Wirtschafts-
verbandes für Süd- und Mittelamerika", Lest 1: „Drei
Vorträge zum Geld- und Währungsproblem", Berlin,
Dietrich Reimer, 1917, sowie in dem Aufsatze: „Deutsche Wäh-
rungsprobleme nach dem Weltkriege" in der „Deutschen
Wirtschaftszeitung" vom 1. Oktober 1917, beides den Inhalt
von Vorträgen wiedergebend, die ich im Frühjahr 1917 in Berlin
in dem genannten wirtschaftlichen Verbände sowie in der Deutschen
Gesellschaft 1914 gehalten habe. Ferner kommt noch der Aufsatz:
„Die Valutarückgänge imWeltkriege, ihre Arsachen und
die Mittel zu ihrer Abhilfe", im „Weltwirtschaftlichen Ar-
chiv", Dezember 1917, in Betracht.

30
        <pb n="31" />
        ﻿Zweites Kapitel

Die Tatsachen der Geldvermehrung und des
Valutarückganges

QV&gt;eim wir auch in den beiden folgenden Kapiteln zeigen werden,
'■vV daß unter Geldvermehrung nicht nur die Vermehrung der
realen, vom Staate geschaffenen oder von ihm autorisierten Zah-
lungsmittel zu verstehen ist, die man bisher ausschließlich als
„Geld" betrachtete, sondern daß eine Einwirkung aus die Preise auch
durch eine statistisch nicht vollkommen erfaßbare Ausdehnung des
Kredits ohne Schaffung von Zahlungsmitteln erfolgen kann, so
sind doch einige Angaben über die Vermehrung der realen
Zahlungsmittel, der Geldzeichen in den verschiedenen Ländern
im Weltkriege nicht ohne Interesse.

!. Papiergeld

In Deutschland kommen, da die Reichskassenscheine und
die Banknoten der privaten Notenbanken keine Rolle spielen, die
Banknoten der Reichsbanl und die Darlehenskassen-
scheine in Betracht.

Der Notenumlauf bei der Reichsbank betrug Ende
der Monate (in Millionen Mark):

1914

Juni 15. Juli 31. Juli August Sept. Okt. Nov. Dez.
2407	1995	2909	4000	4491	4171	4009 5046

1915

Januar	Februar	März	April	Mai	Juni

4484	4863	5624	5055	5338	5840

Juli	August	September	Oktober	November	Dezember

5412	5317	6158	5946	5999	6918

31
        <pb n="32" />
        ﻿1916

Januar Februar März April Mai Juni

6274	6554	6988		6479	6738	1	7241
Juli August	September	Oktober	November	Dezember
7025	6863	7370	7260	7370	8055
		1917		
Januar	Februar	März	April	Mai
7859	8107	8616	8315	8285
Juni	Juli	August	September	Oktober
8699	8853	9493	10205	10400

Der Metallbestand, der Ende Juni 1914 1631 Millionen
Mark betragen hatte, stieg bis Ende Dezember 1914 auf 2130 Mil-
lionen Mark, Ende Dezember 1915 aus 2477 Millionen Mark, Ende
Dezember 1916 auf 2537 Millionen Mark und beträgt Ende 1917
etwas über 2,5 Milliarden Mark, davon rund 20 Millionen Mark
in Silber. Doch kommt es auf die Golddeckung der Noten, auf die
nach alter metallistischer Schablone in allen Ausweisen und allen
Besprechungen immer zuerst hingewiesen wird, für die „Kauf-
kraft des Geldes", d. h. den Einfluß der Geldveränderungen aus
die Preise und für die Bewertung unserer Valuta im Auslande
gar nicht an. Die triumphierenden hinweise, daß die Golddeckung
unserer Banknoten immer noch besser sei als die in Frankreich
oder Italien, die sich in unserer Presse immer wieder finden, ent-
springen nur der überlieferten Gedankenlosigkeit aus diesem Gebiete
und dem allgemeinen Unverständnis über die Arten und Wirkungen
der Geldvermehrung. Natürlich war es an sich sehr erfreulich,
daß das deutsche Volk so einsichtig war unb Gold in großem Um-
fange zur Reichsbank brachte. Aber unsere Valuta wäre um
nichts höher, unsere Preise um nichts niedriger, wenn wir noch
eine oder zwei Milliarden Mark Gold mehr hätten und die Bank-
notendeckung dadurch eine bessere wäre. Im Gegenteil wäre die
Valuta vielmehr nicht so stark gesunken, wenn wir gleich anfangs
einen erheblichen Teil unseres Goldbestandes zur Erlangung großer
Kredite ins Ausland gebracht hätten. Statt dessen haben wir,
wie die Tabelle zeigt, gleich in den ersten Wochen des Krieges
unsere Banknotenausgabe mehr als verdoppelt, einfach, weil das
32
        <pb n="33" />
        ﻿auf Grund unseres Goldbestandes und der als ein Naturgesetz
angesehenen Vorschrift der Drittelsdeckung möglich war. Man
har sich nicht im geringsten klar gemacht, wie sehr diese plötzliche
Geldvermehrung, ganz unabhängig von der Deckungsquote, preiö-
fteigernd wirken mußte. Und ebensowenig ist das bei den späteren
Geldvermehrungen der Fall gewesen, die man mit dem Anwachsen
bes „Geldbedarfs" gerechtfertigt hat (darüber siehe unten).

Die deutschen Darlehenskassenscheine sollten ursprüng-
lich nur bis zum Betrage von 3 Milliarden Mark ausgegeben
werden (Bundesratsverordnung vom 11. November 1914). Doch
ist selbst der Betrag der umlaufenden Darlchenskassenscheine seit
Anfang 1917 über diesen Betrag hinausgewachsen, ohne daß man
von einer gesetzlichen Ermächtigung dazu gehört hätte. Er ist
leider in den letzten Monaten sehr erheblich vermehrt worden.
Die Summe der im freien Verkehr befindlichen Darlehenskassen-
scheine stellte sich (in Millionen Mark):

Sept. 1914: 142	Dez. 1915:	972	April	1917:	3898

Dez. 1914:446	Juni 1916:	1316	Aug.	1917:	5202

Juni 1915: 705	Dez. 1916:	2873	Sept.	1917:	5548

Ende April 1917	waren iin ganzen etwas über	4,5 Milliarden

Mark ausgegeben. Davon dienen aber 120 Millionen Mark als
Deckung der Reichskafsenscheine aus Grund des Gesetzes vom
22. März 1915. Die übrigen nicht im freien Verkehr befindlichell
dienen der Verrechnung zwischen der Darlehenskassenverwaltung
und der Reichsbank, bleiben in deren Besitz und können zur Bank-
notendeckung dienen.

Die Reichsbank besaß an Reichskassenscheinen und Darlehens-
kassenscheinen in Millionen Mark:

Ende Juli 1914 Ende 1914 Ende 1915 Ende 1916 Ende Sept. 1917
65	875	1288	422	986

An dieser „Deckung" der Banknoten und Reichskassenscheine
durch Darlehenskassenscheine erkennt man die ganze Ansinnigkeit
der Deckungsvorschristen. Sie haben uns in der Kritik des Aus-
landes, dessen Finanzpresse, sofern die Gegner in Betracht kamen,
natürlich an dem alten Golddeckungsaberglauben festhält, sehr ge-
schadet, und der Bewertung unseres Papiergeldes im Innern natür-

Liefmann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 3	33
        <pb n="34" />
        ﻿Kd) nicht genutzt, da, wenn man überhaupt nach dem Deckungs-
Verhältnis fragte, die „Deckung" durch Darlehenskassensck)eine die
Bewertung nicht irrt geringsten verbessern würde. Im iibrigeit
muß ich betonen, daß die möglichst wohlwollende Beurteilung der
Darlehenskassenscheine, die ich in „Geld ttnd Gold" gab (s. S. 209 ff.),
itatürlich um so weniger aufrechterhalteir werdeir kann, je mehr
ihre Menge vermehrt wird und je weniger die gewährten Darlehen,
wie es eigetrtlich der Fall sein sollte, aus erzielten Erträgen als-
bald zurückgezahlt werden.

Österreich-Angarn hat leider seine papieriteit Zahlungsmittel
außerordentlich stark vermehrt, von ca. 3 Milliarden Kronen vor
Beginn des Krieges auf mehr als 17 Milliarden Kronen in der
zweiten Kälste 1917. Nähere Angaben sind nicht bekannt ge-
worden, die Folgen steht man aber in den dortigen Preisen!

Bei unsereit Gegnerit entwickelte sich die Geldvermehrung
durch Ausgabe papierner Zahlungsmittel folgendermaßen:

England hat, als eirrzigstes der kriegführenden Länder,
seinen Banknotemtmlarts nur ganz unerheblich vermehrt. Der
Notenumlauf betrug in Millioneit Pfund Sterling:

1914

Juli	August September Oktober	Dezember

29,7	36,1	34,6	34,8	36,1

1915

Januar	April	Mai	Juni Juli	September	Oktober	Dezember

35,9	34,7	32,9	34,6 33,5	32,3	32,6	35,3

1916

Januar	März	Mai	Juli September	November	Dezember

35,2	33,3	34,3	36,3	36,1	37,2	39,7

1917

Januar	Mai September

39,6	39	41,18

34
        <pb n="35" />
        ﻿Da„-d-,, ab« hat -s di- Currency Notes, di- auf 10 S#tttaS
&gt;»&gt;d I -pfu„a Sterling lauten, -msgeg-b-n m -m-m Umfange, der
unserer Zirkulation von Darlehenskassenschernen nahekommt,
betrug in Millionen Pfund Sterling:

Ende September 1914: 28,4
Ende Dezember 1914: 38,5
Ende April 1915: 42,1
Ende Juni 1915: 46,6
Ende August 1915: 54,2
Ende Oktober 1915: 81,8
Ende Dezember 1915: 103,0

Ende April
Ende Mai
Ende August
Ende Oktober
Ende Dezember
Ende April
Ende September

1916: 116,2
1916: 122,0
1916: 129,6
1916: 135,3
1916: 150,1
1917: 152,1
1917: 180,7

Daneben zirkulierten September 1917 noch 15,1 Millionen Pfund
Sterling sonstige Regierungszertisikate.

Doch hat England mit alledem seinen Am laus papierner
Zahlungsmittel nur um etwa den vierten Teil so stark vermehrt
wie Deutschland.

Frankreich hatte vor Kriegsbeginn den Äöchstbetrag seiner
Banknotenausgabe auf 6,8 Milliarden Franken festgesetzt. Er
wurde am 5. August 1914 aus 12 Milliarden Franken, am 11. März
1915 aus 15 Milliarden Franken, am 15. März 1916 auf 18 Mil-
liarden Franken, am 16. Februar 1917 aus 21 Milliarden Franken,
am 16. September 1917 aus 24 Milliarden Franken erhöht.

Der tatsächliche Notemmrlaus betrug in Milliarden Franken:

Ansang Juli		1914 Ende Juli	Oktober	Dezember
6,051		6,683	9,299	9,986
Ianriar	April	1915  Juli September		Dezember
10,474	11 273	! 12,216	13,458	13,310
März	Juni	1916  September	Oktober	Dezember
14,952 15,806		16,714	16,589	16 679

35
        <pb n="36" />
        ﻿1917

Februar	Mai	September

17,7	19,479	20,956

Frankreich hat danach seinen Notenumlauf, absolut be-
trachtet, wohl um einige Milliarden stärker vermehrt als Deutsch-
land, relativ betrachtet aber ist seine Vermehrung geringer, da
es schon vor dem Weltkriege einen doppelt so großen Papier-
nmlaus hatte, während er jetzt, die Darlehenskassenftheine ein-
gerechnet, nur wenig geringer ist!

3h Rußland betrug der Notenumlauf in Millionen Rubel:

Juli 1914: 1634 Dez. 1916: 8462 Aug. 1917: 13646
Dez. 1914: 2864 April 1917:11154 Sept. 1917: 15850
Dez. 1915: 5305 Juni 1917:11889

Die ohne Golddeckung auszugebende Löchstmenge von Bank-
noten war vor dem Kriege aus 300 Millionen Rubel festgesetzt.
Tatsächlich betrug sie im Juli 1914 bei einem Goldbestand von
1600 Millionen Rubel nur 34 Millionen Rubel. Sie wurde dann
immer weiter bis zum Sturze des zarischen Regiments auf 6,5 Mil-
lionen Rubel erhöht. Seitdem find immer weitere Erhöhungen
vorgenommen worden. Mitte März 1917 auf 8,5, Ende Mai auf
10,5, Ende Juli auf 12,5, Ende September auf 14,5 und Ende
Oktober auf 16,5 Milliarden Rubel.

Rußland wird bis Ende 1917 seinen Papierumlauf etwa
verzehnfacht haben, gegen eine Versechsfachung bei uns.

Die Bank von Italien hatte im Juni 1914 einen Noten-
umlauf von 1,68 Milliarden Lire, der Ende 1914 auf 2,16, Ende
1915 auf 3,04, Ende 1916 auf 3,8, Ende April 1917 auf 4, Ende
3uni 1917 auf 4,47 Milliarden Lire gestiegen war. Dazu kommen
der Notenumlauf der Bank von Neapel mit 770 Millionen Lire
Ende 1915, 910 Millionen Lire Ende 1916 und 1040 Millionen
Lire Ende April 1917, 1104 Millionen Lire Ende Juni 1917,
und der der Bank von Sizilien mit 158, 183, 215 und 245 Mil-
lionen Lire an denselben Terminen. Daneben sind aber auch noch
Staatsnoten ausgegeben worden: Ende Juni 1914 99, 1915 366,
36
        <pb n="37" />
        ﻿1916 735, 1917 4113, Ende Juli 1917 4631 Millionen Lire. Dazu
kommen noch 400 Millionen Lire neuer Staatskafsenscheine, so daß
sich der Papiergeldumlauf Italiens Mitte 1917 gegen 1914 etwa
vervierfacht hatte. Er ist feit 1917 im schnellen Wachsen, das sich
wohl in den letzten Mo,raten noch beschleunigt fortgesetzt haben dürfte.

Die Bank von Japan steigerte ihren Notenumlauf von
Ende 1914 bis Ende 1916 von 430 auf 601 Millionen Yen.

Bei einigen neutralen Staaten hat sich die Entwicklung
ihres Papiergeldumlaufes folgendermaßen vollzogen:

Der Notenumlauf der Schweiz betrug (in Millionen Franken):

Ende Juli 1914 Ende 1914 Ende 1915 Ende 1916
409	456	465,6	536,5

Ende Mai 1947 Ende September 1917
515,5	580

Daneben hat die Schweiz noch, ähnlich wie in Deutschland,
Darlehenskassenscheine zu 25 Franken ausgegeben, für die
ursprünglich eilt Löchstbetrag von 50, damt voit 100 Millionelt
Frankelt vorgesehen war. Darlehenskasseit wurden in Bern, Luzern,
Basel, Zürich, St. Galleit, Genf lmd Lausanne errichtet. Der
Äöchstbetrag atlsgegebener Darlehenskaffenscheine war im März
1916 55 Millionen Franken. Seitdem ist der Betrag wieder auf

20,7	Millionen Franken im Mai 1917 gefallen.

Die niederländische Bank erhöhte ihren Notenumlauf
von 310 Millionen Gulden Ende Juli 1914 auf 473 Millionen
Gulden Ende 1914, 557 Millionen Gulden Ende 1915, 758 Mil-
lionen Gulden Ende 1916 und blieb dabei bis Ende Mai 1917.
Seitdem ist eine Steigerung auf 809 Millionen Gulden Ende Sep-
tember 1917 eingetreten.

Die Bank von Spaltien hat ihren Notenumlauf nur
wenig erhöht, von 1,9 Millionen Pesetas im Sommer 1914 aus
2,44 Millionen Pesetas im Sommer 1917. Ende Oktober 1917
betrug er 2,7 Millionen Pesetas.

37
        <pb n="38" />
        ﻿Die Schwedische Neichsbank hatte Ende Juli 1914 einen
Notenumlauf von 228 Millionen Kronen, Ende 1914 304, Ende 1915
328, Ende 1916 418 und Ende Mai 1917 433 Millionen Kronen.
Ende September 1917 war er auf 521 Millionen Kronen gestiegen.

Die Nationalbank in Kopenhagen erhöhte ihren Noten-
umlauf von 156 Millionen Kronen Ende Juli 1914 an denselben
Terminen auf 207, 220, 285, 299 Millionen Kronen. Ende Sep-
tember 1917 betrug er 303 Millionen Kronen.

Die Bank von Norwegen hat ihren Notenumlauf vor,
1914 bis Ende 1916 mehr als verdoppelt, von 123 auf 252 Mil-
lionen Kronen. Seitdem ist eine weitere Vermehrung auf 311 Mil-
lionen Kronen Ende September 1917 eingetreten.

II. Goldbewegung

Aber den Amfang der Golddeckung der Noten gebe ich
keine Ziffern. Sie ist, wie wir wissen, nicht von der Bedeutung,
die ihr aus Gedankenlosigkeit und Ankenntnis noch meist in den
Ausweisen, in den Berichten der Notenbanken und in den Be-
trachtungen der Äandelspresse beigelegt wird. Auch geben diese
Verhältniszahlen kein klares Bild, da es einmal, wie wir sehen
werden, überhaupt nicht nur auf die realen Zahlungsmittel an-
kommt, sondern eine „Geldvermehrung" auch ohne deren Ver-
mehrung nröglich ist, da zweitens vielfach noch andere Zahlungs-
nüttel geschaffen worden sind, Staatsscheine, Darlehensscheine,
Currency Notes usw., für welche, wenn die Golddeckung über-
haupt maßgebend wäre, der Goldbestand der Zentralnotenbank auch
mit dazu dienen müßte, und da drittens die bei mehreren Noten-
banken vorhandenen Posten: Gold im Auslande doch nur mit
großem Vorbehalt in eine Golddeckung der von der betreffenden
Bank ausgegebenen Noten miteingerechnet werden dürften.*)

*) Daß insbesondere bei Rußland die Zahlen des Goldbestandes im
Auslande absolute Willkür sind, geht daraus hervor, daß sie sich von Mai
bis September 1917 von 2119 Millionen Rubel auf 3309 Millionen Rubel
vermehrt haben, während der inländische Goldbestand nur von 1481 auf
1295 Millionen Rubel abnah,n.

38
        <pb n="39" />
        ﻿Dagegen sollen, weil das in mancher Linsicht von Inter-
esse ist, noch einige Angaben über die Goldvermehrung bei
den Notenbanken der verschiedenen Länder gemacht werden.
2ch gebe zunächst eine in Franken umgerechnete Statistik der
wichtigsten kriegführenden und neutralen europäischen Länder
»ach dem Monatsbericht des Schweizerischen Bankvereins
von Mitte Juni 1917 mit einigen neueren Ergänzungen.

Fünf Banken kriegführender Länder

&gt;  Monatsende		Metall-  vorrat  in Franken	I  Monatsende		Metall- vorrat in Franker
Reichsbank:	&gt;		Juni	1916	5107')
Juni	1914	20Z8	Dezember		5 371»)
Dezember		2 662	Mai	1917	5532')
Juni	1915	3043	September		5319')
Dezember	„	3097			
Juni	1916	3121	Bank von Italien:		
Dezember		3171	Juni	1914	1196
Mai	1917	3209	Dezember	"	1226
September		3169	Juni	1915	1262
			Dezember	"	1182
Bank von England:			Juni	1916	1070
Juni	1914	1002	Dezember		972
Dezember		1737	April	1917	917
Juni	1915	1302			
Dezeinber		1287	Russische Staatsbank:		
Juni	1916	1534	Juni	1914	4902
Dezember	„	1358	Dezember		4842
Mai	1917	1377	Juni	1915	4643
			Dezember		5116
Bank von Frankreich:			Juni	1916	8285*)
Juni	1914	4614	Dezember		9 957*)
Dezember	„	4514	Mai	1917	9 920*)
Juni	1915	4303	September		12 282*)
Dezember	„	5367			

»&gt; Einschließlich Gold im Auslande, Ende September 1917 2,»Z Milliarden Franken.
'1 Einschließlich Gold im Ausland«, Ende September 1917 8,9 Milliarden Franken.

39
        <pb n="40" />
        ﻿Sechs Banken neutraler Staaten

Monatsende		Metall-  vorrat  in Franken	Monatsende		Metall- Vorrat in Franken
Schweizer. Nationalbank:			Bank von Spanien:		
Juni	1914	194	Juni	1914	1266
Dezember		263	Dezember	„	1282
Juni	1915	294	Juni	1915	1440
Dezember		301	Dezember	„	1623
Juni	1916	311	Juni	1916	1809
, Dezember	„	397	Dezember	„	1995
Mai	1917	394	19. Mai	1917	2184
September	"	347	3. November	"	2 0432)
Bank von Schweden:			Niederländische Bank:		
Juni	1914	155	Juni	1914	354
.Dezember	„	153	Dezember	„	440
Juni	1915	162	Juni	1915	727
Dezember	„	176	Dezember	„	905
Juni	1916	236	Juni	1916	1211
Dezember	„	258	Dezember	„	1237
Mai	1917	288	Juni	1917	1 256
September	"	301	September		1422
NattonalbankKopenhagen:			Bank von Norwegen:		
Juni	1914	114	Juni	1914	111
Dezember	„	132	Dezember	„	97
Juni	1915	156	» Juni	1915	170
Dezember	„	159	Dezember	„	183
Juni	1916	216	Juni	1916	301
Dezember	„	225	Dezember		291
Mai	1917	253	September	1917	280s)
September		345»)			

9 Davon Gold im Auslande 86 Millionen Franken.
*) Davon Gold im Auslande 89.4 Millionen Franken.
*) Davon Gold tm Auslande 109 Millionen Franken.

Schließlich stellen wir nach derselben Duelle noch Metall-
bestand und Notenumlauf der genannten Banken Ende Juni 1914
und im Mai 1917 einander gegenüber.

40
        <pb n="41" />
        ﻿Metallbestand und Notenumlauf  Banken	Metallbestand (Gold, Silber usw.) Mai 1917 Juni 1914		Notenumlauf  Mai 1917 &gt; Juni 19P	
Kriegsstaaten:	in Millionen Franker			
Deutschland	i	3209	2038	10356	3008
England	!	1377	1002 i	975	745
Frankreick		5 531»)	4614	19479	5 852
Italien		917»)	1196	1	4006»)	1683
Rußland		9920»)	4902	31704	4342
Neutrale Staaten:				
Dänemark		253	114	415	222
Lolland		1256	354	1575	637
Norwegen		291»)	111	350»)	172
Schweden		288	155	602	332
Schweiz		394	194	515	285
Spanien		2184	1266	2 433	1892

’) Einschließlich Auslandgold.
*) Ende April 1917.

3) Ende 1918.

Diese Ziffern des Metallbestandes der Notenbanken geben
aber kein wirkliches Bild von der Goldbewegung. Dafür sei
nach einer Notiz in der „Frankfurter Zeitung" vom 18. Oktober
1917 folgende Statistik der „Morning Post” wiedergegeben, die
mit jenen Angaben keineswegs übereinstimmt. Es wird sich dabei
nicht um die Geldvorräte der Banken, wie die „Frankfurter
Zeitung" schreibt, sondern um ihre Goldzuflüsse handeln.

(in £)	Vor dem Krieg	Sommer  1917	Steigerung
Bank von Spanien ....	22000000	...  77 000000	55000000
Niederländische Bank . . .	13000000	56000000	43000000
Schweizer. Nationalbank . .	7 000000	13500000	6500000
Bank von Schweden . . .	6000000	11000000	5000000
Bank von Norwegen . . .	3000000	7000000	4000000
Nationalbank von Dänemark	4000000	1 11000000	7000000
	Gesamtgewinn £		120500000

4!
        <pb n="42" />
        ﻿Die Goldeinfuhr betrug

im ersten Äalbjahr	1915	54	Millionen	Pesetas

.............	1916	156	„

.............	1917	283	„

dies bei einer sonst verhältnismäßig sehr wenig schwankenden
.Handelsbilanz:

1915: Einftlhr 510, Ausfuhr 622 Mill. Pesetas
1916:	„	457,	„	683	„

1917:	„	416,	„	671	„

Es ergibt sich daraus die unerhörte Tatsache, daß ungefähr
zwei Fünftel der gesamten Einfuhr aus Gold bestand! Spanien
scheint noch immer auf dem Standpunkt zu stehen wie zu
den Zeiten des Merkantilismus, wo es trotz seines Besitzes
der ineisten Edelmetallbergwerke verarmte. Nichts kann die
Widersinnigkeit der freien Prägung besser veranschaulichen als
dieses Beispiel, sich so statt nützlicherer Waren Gold aufhalsen
zu lassen.

Die Vereinigten Staaten haben im Finanzjahre 1915/16
für 494 Millionen Dollars Gold eingeführt und für 90 Millionen
Dollars ausgeführt. Für 1916/17 stellt sich die Einfuhr auf den
ungeheuren Betrag von 977 Millionen Dollars, die Ausfuhr auf
292 Millionen Dollars, so daß ein Einfuhrüberschuß von 685 Mil-
lionen Dollars bleibt (die eigene Goldproduktion betrug 1914 95,
1915 101, 1916 92 Millionen Dollars). Von jenen 977 Millionen
Dollars kamen 900 Millionen Dollars für englische Rechnung aus
Kanada, 50 Millionen Dollars direkt aus London. Von der Aus-
fuhr von 292 Millionen Dollars gingen zirka 82 Millionen nach
Japan, 45 Millionen nach Spanien, 48 Millionen nach Süd-
amerika, 25 Millionen nach Westindien. Im ersten Jahre des
Weltkriegs, 1914/15, betrug der Überschuß der Goldeinfuhr nur
25,3 Millionen Dollars. Der Goldbestand der Vereinigten Staaten
hat sich daher in den ersten drei Kriegsjahren um 1114 Millionen
Dollars erhöht. Auch hier betrug im letzten Jahre die Goldeinführ
42
        <pb n="43" />
        ﻿nahezu den dritten Teil der ganzen Wareneinfuhr. Denn diese
(ohne Edelmetalle) war 1916/17 2,6 Milliarden Dollars (bei
6,3 Milliarden Dollars Ausfuhr).

Seit Juli 1917 scheint sich aber infolge der steigenden Lasten,
mit denen Amerika seinen Freunden zu Äilfe kommen muß, ein
starker Goldabfluß bemerkbar ju machen, der die Einfuhr weit
übertrifft. In den ersten fünf Wochen des Finanzjahres, Juli
und August 1917, sollen 73 Millionen Dollars Gold abgeflossen und
nur etwa der vierte Teil zugeflossen sein. Seit der Kriegserklärung
an Deutschland Anfang April soll die Goldausfuhr 1,5 Milliarden
Franken, die Goldeinfuhr aber nur 230 Millionen Franken be-
tragen haben.

Deshalb erließ Präsident Wilson, da das Schatzamt durch
diese Goldausfuhr ernstlich beunruhigt sei, eine Verfügung, wo-
nach die Ausfuhr von gemünztem und Barrengold von einer be-
sonderen Erlaubnis abhängig gemacht wird. Das schon vorher
nicht unerhebliche Disagio der amerikanischen Valuta in den
neutralen Ländern hat sich daraufhin bedeutend verstärkt. Immer-
hin besitzt Amerika noch die ungeheure Summe von 3 Milliarden
Dollars in Gold, wovon ihm etwas über 1 Milliarde Dollars
während des Krieges zugeflossen sind, während der Abfluß
seit dem Kriege mit Deutschland etwa 300 Millionen Dollars
beträgt.

Am die Arsachen der wachsenden Goldabflüsse festzustellen,
wurde in den Vereinigten Staaten eine Antersuchungskommission
eingesetzt. Amgekehrt soll in Japan erwogen werden, wie man
dem vielen Goldzufluß entgegenwirken könne (The Statist vom
18. und 25. August 1917). Die Nationalbank von Kopenhagen
hat die österreichisch-ungarische Bank im Sommer 1917 gebeten,
ihr statt Gold lieber Waren, vor allem Petroleum und Benzin,
zu senden!

43
        <pb n="44" />
        ﻿III. Ausländische Wechselkurse

Aber die Entwicklung des Markkurses in Lolland, der
Schweiz und in den Vereinigten Staaten gebe ich zunächst folgende
Abersichten:

Die deutsche Valuta in Amsterdam*)

Parität: M 100= fl 59,263
        <pb n="45" />
        ﻿Die deutsche Valuta in der Schweiz

Parität: „ä 100 = Frs. 123,4

Zeit	Kurs in Centimes	Zeit	Kurs in Centimes
1914	'	Mitte Juli	95
Ende Januar	123,17	Ende Juli	94,50
April	122,90	Mitte August	93,80
„ Juli	122,60	Ende August	92,50
Anfang August	121	Mitte September	93
Ende September	116	Ende September	92,40
„ Oktober	115	Mitte Oktober	91,50
„ November	111	Ende Oktober	91
„ Dezember	114,50	Mitte November	89
1915		Ende November	84,50
Ende Januar	115,20	Mitte Dezember	80
Februar	111,60	Ende Dezember	84,60
„ März	110,20		
„ April	108,80	1917	
„ Mai	108,20	Mitte Januar	83,80
„ Juni	109,40	Ende Januar	84,60
„ Juli	109	Mitte Februar	83,50
„ August	108,70	Ende Februar	82
„ September	109,50	Mitte März	79,50
„ Oktober	109	Ende März	79
„ November	105,80	Mitte April	79
,. Dezember	98,70	Ende April	79
1916		Milte Mai	78
7. Januar	92,50	Ende Mai	75
13. Januar	98,20	Mitte Juni	66
Ende Januar	95,30	Ende Juni	68,50
Mitte Februar	98	Mitte Juli	66
Ende Februar	94,60	Ende Juli	63,50
Mitte März	92,20	Anfang August	62
Ende März	92,80	7. August	69
Mitte April	93,50	Ende August	65
Ende April	96	Mitte September	65
Mitte Mai	97	Ende September	65,50
Ende Mai	97	22. Oktober	61
Mitte Juni	96,60	Ende Oktober	63,75
Ende Juni	96,60	Mitte November	63,75

45
        <pb n="46" />
        ﻿Die deutsche Valuta in New-Aork
Parität: 400 Jl — 95,2852 $

Zeit	Kurs	Abweichung ».d. Parität  in °/o	Zeit  J	Kurs	Abweichung v.d. Parität  in «/«
1914			1  1916		
Ende Juli	96,15	+ 1,01	Mitte Januar	76	— 20,2
Mitte August	—	—	„ Februar	75,40	— 20,8
„ Sept.	96,50	+ 1,20	„ März	72,50	— 23,9
„ Oktober	93,05	- 2,3	„ April	72,50	— 23,9
„ Nov.	87,50	- 8,1	„ Mai	77,50	— 18,6
.. Dez.	87,80	- 7,8	„ Juni	76	— 20,2

1915

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

Sept.

Oktober

Nov.

Dez.

87.75

86.50

83.75
82

82.75

82.50

81.50
81,50
82

82,75

81,50

81

—	7,9

—	9,2

—	12
—13,9

—	13,1

—	13,3

—	14,4
-14,4

—	13,9

—	13,1
—14,4

—	14,9

Juli

August

Sept.

Oktober

Nov.

Dez.

1917

Januar ;
Februar j
März
April

73,80

72

69,65

70,15

70

68,20

70,50

68,15

68,60

71

22,5

24.4
26,9

26.3

26.5

28.4

26

28.4
28

25.4

Von besonderem Interesse sind die Wechselkurse Schwedens,
welches Land zuerst durch Gesetz vorn 4. Februar 1916, das seit-
dem immer wieder verlängert wurde — zuletzt bis März 1918 —,
auf den Rat Professor Gustaf Cassels seine Reichsbank von der
Verpflichtung entband, Goldbarren zum Preise von 2480 Kronen
für das Kilogramm (bei Abzug von V«°/o Prägekosten) anzu-
nehmen. Die Wechselkurse Schwedens in der Schweiz z. B., die
zu Beginn des Krieges nicht unerheblich unter Parität waren,
bis aus 132 statt 138,9 Franken für 100 Kronen, sind dann wesent-
lich, aber mit starken Schwankungen gestiegen. Im Juni 1915
war der Kurs 142 Franken, im September 1915 138 Franken, im
Dezember 1915 144,5 Franken. Im Februar 1916 149 Franken,
März 1916 150,5 Franken, Mitte Mai 1916 sogar 160,75 Franken.
Dann trat wieder ein Sinken ein bis auf 147,5 Franken Mitte
Juli 1916 und dann blieb der Kurs mit geringen Schwankungen
46
        <pb n="47" />
        ﻿um 150 Franken herum bis zum Sommer 1917. Dann erfolgte ei»
sehr rasches weiteres Steigen der schwedischen Valuta, wie in
allen anderen Ländern, so daß der Kurs in der Schweiz Ende
Oktober 1917 183 Franken war, das ist ein Agio von rund 35°/«.
Der dänische Wechselkurs in der Schweiz notierte gleichzeitig
152 Franken.

Anfang November 1917 fiel der Dollarkurs in Stockholm
auf 2,31 Kronen statt einer Parität von 3,73 Kronen. Das ist
ein Disagio von fast 40 %!

Der Pfund-Sterling-Kurs in Stockholm war schon Mitte
Oktober 1917 auf 12,72 Kronen gesunken, statt 18,16 Kronen
Parität. Das ist ein Disagio von etwa 33 °/„. Am 14. November
fiel er auf 11,50 Kronen.

Der Markkurs war Ende Oktober 1917 in Kopenhagen
41 Vs0/o/ in Stockholm nur 341/* Kronen gegenüber einer Parität
von 88,89 Kronen. Das ist ein Rückgang von mehr als 60 °/„.

Ende Oktober waren in der Schweiz die Devisen der
wichtigsten übrigen Länder in folgendem Umfange (in «/«) unter
Parität:

Deutschland	. - . . 49,8%	England		13,4 %
Österreich .	.... 62,7 %	Vereinigte Staaten	11,2 %
Italien. . .	. - . . 41,7%	Rußland		77 %
Frankreich .	. . . . 20,8%	Lolland		4,2 %

Die Valuta Spaniens in der Schweiz, die Anfang 1914
noch 6% unter Pari stand, blieb bis Mitte 1916 zuerst etwas
unter, dann etwas über Parität. Damals stieg sie auf etwa 107 °/0
imb im März 1917 auf 110%. Sie erreichte ein Maximum von
17°/« Agio im Juni 1917, fiel aber auf Grund amerikanischer
Goldsendungen im Juli wieder auf 104% und war Ende Oktober
1917 106,75 %.

Der Dollar sank in Spanien bis Ende Oktober 1917 um
21 % seiner Parität.

47
        <pb n="48" />
        ﻿Drittes Kapitel

Der Zusammenhang von Geld. Preis und

Einkommen

^V&gt;evor wir nun dazu übergehen, die Probleme zu erörtert,,
die sich an diese Geldvermehrung im Weltkriege und ihre
Wirkungen auf die Preise und aus die Wechselkurse knüpfet,, müssen
wir den tauschwirtschaftlichen Mechanismus in seinen Grundzügen
kennen lernen, in den die Geldvermehrung umgestaltend eingreift.
An der richtigen Erkenntnis dieser Zusammenhänge fehlte es bis-
her, die allergrößten Irrtümer waren herrschend und alle unsere
folgenden Ergebnisse sind nur durch eine bessere Einsicht in
den Mechanismus des Tauschverkehrs erlangt, die sich aus der
Grundlage unserer psychischen Auffassung der Wirtschaft ergab.
Dieser Mechanismus des Tauschverkehrs gipfelt in der Preis-
und Einkommensbildung, bei ihrer Auffassung haben sich die
Fehler der bisherigen Wirtschaftstheorie vor allem gerächt, mit
ihr und der Rolle des Geldes dabei müssen wir uns also zunächst
beschäftigen. Aus meinen theoretischen Arbeiten, besonders meinen
„Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre", Stuttgart 1917, fasse ich
das für die folgenden Untersuchungen wichtigste möglichst kurz
folgendermaßen zusammen.*)

Nach meiner Auffassung ist wirtschaften nicht gleichbe-
deutend mit produzieren, mit „Sachgüterbeschaffung", wie
die bisherige Theorie immer annahm, es ist keine technische
Tätigkeit, nicht „Überwindung der Knappheit von Gegenständen

9 Doch muß ich jetzt, wo meine „Grundsätze der Volkswirtschafts-
lehre" erschienen sind, durchaus bitten, für die Kritik meiner allgemeinen
wirtschaftstheoretischen Grundlagen jenes Buch und nicht diese kurze Zu-
sammenfassung zugrunde zu legen.

48
        <pb n="49" />
        ﻿der äußeren Natur", sondern es ist etwas Psychisches, eine Art
von Erwägungen, nämlich ein Vergleichen von Lust- und
Unlustgefühlen, das dann natürlich auch zu Landlungen führt.
Von Wirtschaft aber sprechen wir nur dann, wenn der Mensch
vor die Frage gestellt wird, in welchem Umfange und
bis zu welchem Grade er die Aufwendung von Unlust-
gefühlen, von Opfern für die verschiedenen erstrebten
Lustgefühle oder Genüsse vornehmen und fortsetzen
will, um ein möglichst großes Maß, ein Maximum von
Genuß zu erreichen. Solche Unlustgefühle oder Opfer, bei
denen m«n erwägt, ob und in welchem Grade man sie auf die Er-
langung dieses oder jenes Genusses, die Befriedigung dieses oder
jenes Bedürfnisses am zweckmäßigsten verwendet, wie man also
die Aufwendung von Opfern verteilen soll, nennen wir Kosten.
Die Kosten verkörpern sich in Arbeitsmühe oder in Opfern an
Sachgütern oder Geld. Zweitens ist für das Wesen der Wirt-
schaft charakteristisch, daß man mit diesen Kostenaufwendungen ein
Maximum von Genuß erstrebt. Wie die Kosten werden auch
die erstrebten Genüsse miteinander hinsichtlich ihrer Stärke ver-
glichen. Natürlich gibt es für alle diese Erwägungen und Ver-
gleiche, die rein subjektiv bleiben, keinerlei äußeren Ausdruck.

Das wirtschaftliche Grundproblem ist also, wie auf an sich
unbegrenzte, aber an Stärke mit wachsender Befriedi-
gung abnehmende Bedürfnisse Aufwendungen, Kosten
verteilt werden, deren Umfang nicht von vornherein
gegeben ist, sondern die mit wachsenden Aufwen-
dungen stärker als Unlustgefühle empfunden werden,
und zwar mit dem Ziel einer möglichst großen Be-
darfsbefriedigung. Dies ist aber zugleich auch das Problem,
das dem ganzen Tauschverkehr zugrunde liegt.

Für die Erreichung dieses Zieles des wirtschaftenden Men-
schen kann man theoretisch folgenden Satz formulieren, der sowohl
für Arbeitsmühe als auch für Opfer von Sachgütern oder Geld
als Kosten gilt: Der Mensch wird dann wirtschaftlich handeln,
wenn er seine Kosten so verteilt, daß der Uberschuß von
Nutzen über die Kosten, den er mit der letzten, auf
jede Bedürfnisart noch zu verwendenden Kosteneinheit
erzielt, bei allen Bedürfnisarten gleich groß ist.
Diesen Uberschuß von Nutzen über die Kosten nennen wir

Lief mann, Die Geldvermehrung im Weltkriege t	49
        <pb n="50" />
        ﻿Ertrag, Konsumertrag. Es ist natürlich zunächst genau so ein
psychischer und daher nicht zahlenmäßig feststellbarer Begriff
wie Nutzen und Kosten. Der Ertrag ist also die Richtschnur für
das wirtschaftliche Landein. Der Wirtschafter strebt nicht absolut
nach größtem Nutzen, sondern nach größtem Nutzen, v erglich en mit
den Kosten, und diese sind in dem primären Falle der Arbeits-
mühe nicht von vornherein gegeben, sondern nehmen mit wachsenden
Aufwendungen an Stärke zu. Gleichzeitig nehmen die erzielten
Nutzen an Stärke ab, und der Wirtschafter muß also, wenn seine
Aufwendung von Kosten beschränkt ist, jede Kosteneinheit so
aufwenden, daß er mit ihr ein Maximum von noch er-
reichbarem Nutzen erzielt. Die Gesamtheit der Kostenauf-
wendungen aber muß er so verteilen, daß der Nutzenüberschuß
oder Ertrag, den er mit der letzten, auf jede Bedürfnisart
aufzuwendenden Kosteneinheit erzielt, bei allen gleich-
groß ist. Diesen mit der letzten Kosteneinheit bei jeder Be-
dürfnisart zu erzielenden Ertrag, der unter Amständen in der
Konsumwirtschaft, wenn er überhaupt zahlenmäßig feststellbar wäre,
auch gleich Null sein könnte, nennen wir Grenzertrag, und jenes
Prinzip der zweckmäßigsten Verteilung der Kosten auf die ver-
schiedenen Bedürfnisse nennen wir Gesetz des Ausgleichs
der Grenzerträge.

Das wichtigste bei der Erkenntnis dieses Prinzips, nach dem
alles wirtschaftliche Landein erfolgt, ist, daß es auch zugleich
Organisationsprinzip des ganzen Tauschverkehrs, der
„Volkswirtschaft" ist. Im Zustande des Tauschverkehrs zerfällt
die wirtschaftliche Tätigkeit in zwei Teile, die erwerbswirtschaft-
liche Tätigkeit oder Erwerbswirtschaft und die Konsum-
wirtschaft, welcher von mir ausgestalteten Unterscheidung —
bisher kannte man echt materialistisch nur den Gegensatz von
Produktion und Konsumtion, eben unter Ausschaltung des Geldes
— sehr viel größere Bedeutung für die Erklärung des tauschwirt-
schaftlichen Mechanismus zukommt, als man bisher erkannt hat.
Der Wirtschafter erstrebt zunächst in seiner Erwerbstätigkeit einen
möglichst hohen Gel de r tra g und verwendet ihn dann als Kosten
in seiner Konsumwirtschaft nach dem Gesetz des Ausgleichs der
Grenzerträge.

Beim Tauschverkehr unter Benutzung des Geldes kommt es zur
Bildung einheitlicher Geldausdrücke, der Preise. Sie zu erklären
50
        <pb n="51" />
        ﻿ist das Hauptproblem der ökonomischen Theorie. Wie wenig der
bisherigen Wissenschaft das gelungen ist, erkennt man daraus, daß
sie immer Angebot und Nachftage als gegebene Größen, als schon
vorhandene bestimmte Güter- oder Geldmengen anzunehmen pflegt.
Das ist natürlich ganz falsch, obgleich noch neuestens „Theo-
retiker" sich nicht gescheut haben, zu erklären, es sei geraten,
zu der bisherigen Lehre von Angebot und Nachfrage zurückzu-
kehren. Es ist aber gerade die Aufgabe der Preistheorie, zu er-
klären, in welchem Amfange es zum Angebot der verschiedenen
Güter und Leistungen kommt und in welchem Amsange die Nach-
frage, die an sich als unbegrenzt anzunehmen ist, nur mit sich ver-
mindernder Intensität bei wachsender Befriedigung, tatsächlich be-
friedigt wird.

Zuerst ist also der Zusammenhang der Preise mit den Bedürf-
nissen zu erklären, die sich im Tauschverkehr äußern und dann
Nachfrage genannt werden. Nur mit der psychischen Wirt-
schaftstheorie erkennt man, wie eine Konsumwirtschast ihr Ein-
kommen als Kosten auf ihre Bedürfnisse verteilt. Diese Seite
des Preisproblems besteht also darin, zu erklären, wie der an-
scheinend objektive Geldausdruck: ein Paar Stiesel kostet 20 Mark,
mit den subjektiven Bedarfsempfindungen zusammenhängt. Die
Konsumwirtschasten legen dabei frühere Preise zugrunde, und je
weniger Preisveränderungen zu erwarten sind, um so genauer
können sie ihr Geldeinkommen aus alle ihre Bedürfnisse nach dem
Gesichtspunkt höchsten Konsumertrages verteilen. Die theoretisch
scharfe Formulierung nach dem wirtschaftlichen Prinzip ist das
Gesetz des Ausgleichs der Grenzerträge. Nachfrage ist
also die Gesamtheit aller an ihre individuellen Einkommen an-
knüpfenden Kostenschätzungen der Konsumwirtschaften für ein
bestimmtes Gut, mit denen die in den Tauschverkehr Verflochtenen
in ihrem Wirtschaftsplan rechnen. Wäre jemand der irrigen Mei-
nung, daß er ein Paar Stiefel für 5 Mark kaufen könne, und
reservierte diesen Betrag dafür in seinem Wirtschaftsplan, so ge-
hörte das auch zur Nachftage, ebenso wenn jemand annahm, daß
er für ein Paar Stiesel 100 Mark geben müsse. Allein diese Auf-
fassung der Nachftage, die sich natürlich nur mit meinem individu-
alen, psychischen Kostenbegriff gewinnen ließ, gegenüber der bis-
herigen zeigt die völlige Neuheit meiner Wirtschaftstheorie. Jeden-
falls ist die Nachfrage keine quantitativ gegebene Größe, sondern

51
        <pb n="52" />
        ﻿der Umfang, in dem sie befriedigt wird, wird erst durch das An-
gebot bestimmt.

Das Problem des Angebots ist also die Frage nach der
Begrenzung der Nachfrage. Welcher Teil der an sich unbe-
grenzt zu denkenden, aber an Stärke immer mehr abnehmenden
Nachfrage wird durch den Tauschverkehr befriedigt? Auch hier-
für ist der Ertragsgedanke entscheidend. Das Angebot der ver-
schiedenen Güter richtet sich auch nach dem Gesetz des Ausgleichs
der Grenzerträge. Die Anbieter bringen jedes Gut nur in der
Menge zum Angebot, daß der Grenzertrag, d. h. der Ertrag,
den der teuerste, die höchsten Kosten aufwendende Anbieter in jedem
Erwerbszweig erzielt, für alle Erwerbszweige ungefähr gleichhoch
ist. Das ist dann natürlich ein Geld- oder Erwerbsertrag.

Also ein Ertragsminimum, unter dem aus die Dauer keine
Kapitalien und Arbeitskräfte einem Erwerbszweig zufließen, be-
stimmt die Größe des Angebots und damit den Amsang der Be-
friedigung der Nachfrage. Genau wie in der einzelnen Konsum-
wirtschaft der Grenzkonsumertrag, der aber dort eine psy-
chische Größe ist, bestimmt, wieweit jedes Bedürfnis befriedigt,
also Kosten aufgewandt werden, ebenso bestimmt hier ein Mini-
mum an Erwerbsertrag, das wir tauschwirtschastliche»
Grenz ertrag nennen, die Verteilung und die Grenze der Kosten-
auswendungen. Alle Anbieter, die geringere Kosten haben, er-
zielen über den Grenzertrag hinausgehende Erträge, Differential-
gewinne, die Grundlage des sogenannten Anlernehmergewinns.

Es gibt regelmäßig Nachfragende, die, wenn nötig, weit mehr
zu bezahlen geneigt wären, als der Preis angibt, und ebenso Air-
bieter, die auch bei geringerem Preise noch den tauschwirtschast-
lichen Grenzertrag und selbst darüber hinaus erzielen würden.
Trotzdem könnte keine vermehrte Bedarssbesriedigung erzielt
werden, wenn die Anbieter mit den geringsten Kosten die Nach-
fragenden mit den geringsten Schätzungen zu niedrigeren Preisen
versorgten. Denn die Befriedigung von Nachfragenden mit ge-
ringeren Schätzuirgen wäre nur unter Außerachtlassung anderer
stärkerer Bedürfnisse, die mit höherem Ertrage befriedigt werden
könnten, möglich. Es muß auch hier, wie in der eiuzelnen'Konsum-
wirtschast, die Gesamtheit aller Bedürfnisse und aller
Kostenauswendungen berücksichtigt werden. So kommt es bei
freier Konkurrenz zu einem für alle Nachfragenden gleichen Preise.
52
        <pb n="53" />
        ﻿Der Preis seht sich also aus zwei Komponenten zusammen,
Kosten des teuersten Anbieters: Grenzkosten, und Minimum an
Ertrag: Grenz ertrag. Von beiden ist der letztere die durch den
gesamten Tauschverkehr, letzten Endes durch die Einkommen und
die Bedarfsbefriedigung, die man sich damit beschaffen kann, ge-
gebene Größe, von der die Grenzkosten in jedem Gewerbe be-
stimmt werden. Der tausch wirtschaftliche Grenzertrag kann in
der Regel nicht im Preise eines einzelnen Produkts angegeben
werden. Aber man kann überhaupt die Kosten in der Regel nicht
auf das einzelne Produkt berechnen, besonders dann nicht, wenn
die Produkte einer Unternehmung sehr verschiedenartig sind. Denn
die sogenannten Generalkosten lassen sich dann nicht auf die ein-
zelnen Produkte verteilen. (Wenn derartige Kostenberechnungen
auf das einzelne Produkt gemacht werden, sind sie daher immer
sehr willkürlich.) Es ist gerade die Eigentümlichkeit der heutigen
Erwerbswirtschaflen, daß sie nicht nach dem einzelnen Preise und
den Kosten des einzelnen Produktes fragen. Sondern sie blicken
auf den Gesamtertrag ihrer Erwerbstätigkeit, haben nur ihr
daraus sich ergebendes Gesamteinkommen im Auge. Ein-
kommen sind eben nicht nur Preise oder setzen sich aus solchen zu-
sammen, sondern ein gewisses Mindesteinkommen ist gleich-
zeitig auch Bestimmungsgrund der Preise.

Es sei noch betont, daß dieses Ertragsminimum, der tausch-
wirtschaftliche Grenzertrag, welches die Aufwendung von Kosten
bestimmt, in den verschiedenen Erwerbszweigen in verschiedener
Form erscheint. Für Arbeitsleistungen bildet das Existenzminimum
im Sinne dessen, was nach denr gesamten Kuliurzustand eines
Volkes zur Lebensführung notwendig ist, die Grenze, unter der sie
nicht dauernd angeboten werden; daher ist der Lohn ungelernter
Arbeiter ein tauschwirtschaftlicher Grenzertrag. Auch Kostengüter,
Kapital werden nur aufgewendet, wenn man mit ihnen ein ge-
wisses Minimum an Ertrag erzielt. Der Zins von Geldleihkapital,
der sogenannte landesübliche Zinsfuß, ist daher die augenfälligste
Form des tauschwirtschaftlichen Grenzkapitalertrags, weil ein
Geldleihkapital das fungibelste und in der heutigen Kreditwirt-
schaft auch am meisten begehrte Ertragsmittel ist. Unter denr
landesüblichen Zirrsftrß wird das Einkommen auf die Dauer nicht
zür Kapitalbildung verwendet werden, sondern man wird den
Konsum vorziehen.

53
        <pb n="54" />
        ﻿Auch bei den nicht fest ausbedungenen Kapitalerträgen, den
sogenannten Anternehmergewinnen, gibt es eine untere Grenze,
unter der einer Erwerbstätigkeit dauernd nicht Kapital zufließen
wird. Die Kapitalien strömen dahin, wo noch die höchsten Erträge
zu erzielen sind. Die theoretisch scharfe Formulierung dafür ist das
Gesetz des Ausgleichs der Grenzerträge. Er ist für Unterneh-
mungen deswegen nicht leicht zu konstatieren, weil einerseits nicht
alle Kapitalien noch beweglich sind, andererseits auch verschiedenes
Risiko bei der Beurteilung des Ertragsminimums berücksichtigt
wird. Am deutlichsten ist er in dieser Form zu konstatieren bei den
Dividenden der Aktien im Verhältnis zu ihrem Kurse. Wenn
man sich vergegenwärtigt, daß tauschwirtschaftlicher Grenzertrag
nichts anderes bedeutet als Minimaleinkommen auf allen Er-
werbsgebieten, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, daß er die
Grundlage und der bestimmende Faktor aller Preise ist.

Es sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß meine Preis-
theorie zwei Zirkel löst, die in der bisherigen Theorie eine große
Rolle spielen. Man behauptet immer, daß der Preis durch An-
gebot und Nachfrage bestimmt werde, konnte aber anderer-
seits nicht übersehen, daß der Preis auch das Angebot be-
stimmt. Die Lösung dieses Zirkels ist nur nnt dem Ertrags-
begrisf möglich, den einige „Theoretiker" für ganz überflüssig
erklären. Nicht das Angebot bestimmt den Preis, sondern ein
Ertragsminimum, der tauschwirtschaftliche Grenzer-
trag, der ein Teil aller Preise ist, bestimmt die aufzuwendenden
Kosten und damit das Angebot und den Preis. Er ist die äußere,
objektive Größe, die gegeben sein muß, nicht eine bestimmte Güter-
menge, die die materialistische Theorie vorausseht und Angebot nennt.

Derselbe Zirkel gilt auch für das Verhältnis von Preis und
Kosten. Die bisherigen Theorien sind über den Satz, daß der
Preis durch die Kosten bestimmt werde, nicht hinausgekom-
men: andererseits ist aber klar, daß auch der Preis bestimmt, wie-
viel Kosten aufgewandt werden. Man könnte den Satz auf-
stellen: Die Kosten bestimmen die Antergrenze des Preises, der
Preis bestimmt die Obergrenze der Kosten. Liber das löst das
Problein nicht, das eben nicht, womit sich die bisherige Theorie
immer begnügte, Preisgrenzen aufzustellen, sondern die Preis-
bildung zu erklären hat. In Wirklichkeit bestimmt das Er-
tragsstreben die Kostenaufwendungen und den Preis, d. h. ein
        <pb n="55" />
        ﻿Enragsminimum, der tausch wirtschaftliche Grenzertrag, bestimnlt
in jedem Erwerbszweige die höchsten aufzuwendenden Kosten und
den Preis.

Mit dem Gesagten ist aber der Preis eines Gutes bisher nur
mit den Anbietern und ihrem Ertragsstreben in Beziehung ge-
bracht, die natürlich ihren Ertrag als Einkommen ihrer Konsum-
wirtschaft zugrunde legen. Er kann aber noch mit den Bedarss-
empfindungen der Käufer jener Güter in Beziehung gebracht
werden. Darüber ist zu sagen: Anter den zahllosen Konsumenten
von Massengütern befinden sich sehr viele, die viel mehr für das
Gut zahlen könnten als der Preis angibt. Es befinden sich aber
einige darunter, die die letzte von ihnen gekaufte Einheit gerade
noch im Rahmen ihres ganzen Wirtschastsplanes erstehen konnten.
Bei einem höheren Preise würden fie weniger oder gar nichts
kaufen können. Diese Konsumenten sind die Grenzkonsumenten
für jene Güterart. Sie können fich das Gut gerade noch mit einem
durch das Gesetz des Ausgleichs der Grenzerträge für ihre ganze
Wirtschaft bestimmten Minimum an Konsumertrag, ihren indi-
viduellen Grenzkonsumertrag, kaufen, und ein solcher Grenzkonsu-
ment bestimmt also mit seinen wirtschaftlichen Erwägungen, dem
Grenzkonsumertrag als Richtschnur für sein wirtschaftliches Landein
ganz ebenso den Preis wie aus der Angebotsseite der letzte An-
bieter, der Grenzanbieter, der ein Minimum von Erwerbsertrag,
den tauschwirtschastlichen Grenzertrag, erzielt. Wie danach der
Preis letzten Endes durch die Nutzenschätzungen des Grenz-
konsumenten und den tausch wirtschaftlichen Grenzertrag be-
stimmt wird, ist am besten bei der Erklärung des Monopol-
preises zu zeigen.

Der Monopolist setzt der: Amsang des Angebots fest und
kann auch den Preis einseitig festsetzen. Aber er wird dabei „be-
stimmt" durch sein Ertragssireben. Aus die Löhe des Ertrags
und damit des festzusetzenden Preises sind nun offenbar die Nutzen-
schätzungen der Konsumenten und die dadurch bestimmte Ver-
teilung ihres Geldeinkommens auf ihre Bedürfnisse von Bedeutung.
Wo ist die Grenze, bis zu der der Monopolist mit seinen Preis-
forderungen mit Rücksicht aus möglichst hohen Gesamtertrag gehen
kann? Das ist das Problem des Monopolpreises. Diese Grenze ist
der Grenzkonsumertrag des Grenzkonsumenten, d. h. des-
jenigen, der das Gut zu einem Preise, bei welchem der Monopolist

55
        <pb n="56" />
        ﻿den höchsten Gesamtertrag erzielt, gerade noch mit seinem indi-
viduellen Grenzkonsumertrag kaufen kann. Nennt man den Nutzen,
den der Grenzkonsument mit der letzten Einheit des Gutes erzielt,
den Grenznutzen, so kann man sagen, daß die obere Grenze des
Preises bestimmt wird durch Grenznutzen minus Grenz -
konsumertrag des Grenzkonsumenten. Welches der Grenz-
konsument ist, das bestimmt der Monopolist durch sein Angebot
bzw. durch sein Streben nach größtem Ertrag. So ist der Monopol-
preis zunächst nach oben ganz individualistisch durch Nutzen-
schätzungen und auf der Angebotsseite nicht wie beim Konkurrenz-
preis durch ein Minimum von Ertrag, sondern durch das Streben
nach einem Maximum an Ertrag bestimmt.

Die Löhe des Monopolpreises muß aber auch, wie die des
Konkurrenzpreises, durch Beziehungen zu anderen Preisen bestimmt
sein. Beim Konkurrenzpreis war diese Beziehung, der Zusammen-
hang aller Preise, durch den tauschwirtschaftlichen Grenzertrag als
Richtschnur für alle Anbieter gegeben. Es ist klar, daß beim
Monopolpreis diese Beziehung durch die Nachfrage gegeben
sein muß, dadurch, daß er, wie alle Preise, für die Nachfragenden
Kosten bedeutet. Nur von der Nachfrage her wird der Monopol-
preis begrenzt, dadurch, daß immer mehr Konsumenten aus Grund
ihres Wirtschaftsplanes die Kosten nicht mehr aufbringen können,
wenn eine Erhöhung der Preise gefordert wird, so daß der Mono-
polist schließlich seinen Gesamtertrag vermindern würde. Man
kann aber eine allgemeine Grenze dafür angeben, die dann vor-
liegt, wenn der Grenzkonsumertrag einzelner Konsu-
menten unter ihre individuelle Schätzung des tausch-
wirtschaftlichen Grenzertrags sinken würde. Das ist bei
denjenigen Konsumenten der Fall, welche nicht ihr ganzes Ein-
kommen zum Konsum verwenden, sondern Teile davon Kapital
werden lassen. Diese ziehen den Zins, der ein tauschwirtschaft-
licher Grenzertrag ist, der weiteren Ausdehnung ihres Konsums
vor. Der letzte Konsument wird immer der sein, dessen Grenz-
konsumertrag so niedrig, dessen Bedarfsbesriedigung also so voll-
ständig ist, daß er zwischen weiterem Konsum lind Kapitalbildung
schwankt. Damit haben wir die denkbare obere Grenze des Monopol-
preises festgestellt. Wir können sagen, sie ist Grenznutzen, d. h.
Nutzen des Grenzkonsumenten von der letzten Einheit, minus
tausch wirtschaftlich er Grenz er trag.

56
        <pb n="57" />
        ﻿Bei allen Gütern, die von mehreren gekauft werden, ist der
Konkurrenzpreis auch gleichzeitig Grenznutzen minus tausch-
wirtschaftlicher Grenzertrag, d. h. die letzten Konsumenten schätzen
das Gut so niedrig, daß sie sich die Frage: Konsum- oder Kapital-
bildung vorlegen, also ebenfalls nur den tauschwirtschaftlichen
Grenzertrag als Konsumertrag erzielen. Äier gibt es also keine
obere und untere Preisgrenze, sondern einen einheitlichen, für alle
geltenden Preis. Letzten Endes sind also immer Nutzenschätzungen
der Konsumenten Bestimmungsgrund der Preise, einmal für die
Güter selbst, die sie sich zu diesem Preise kaufen können, dann
für die Güter, die man sich mit dem Ertrage aus dem Verkauf
jener beschaffen kann, ohne den man das Angebot aus die Dauer
nicht fortsetzt. —

Mit einer richtigen Preistheorie ist eigentlich auch die Theorie
des Einkommens schon erledigt. Denn alle Einkommen sind
entweder selbst Preise oder aus Teilen von Preisen zusammen-
gesetzt. Die technisch-materialistische Wirtschastsaufsaffung aber er-
klärt die Einkommen nicht aus der Preisbildung, weil sie eben
diese auch nicht erklären konnte, sondern sie hatte dafür die sogenannte
Verteilungslehre. Diese ist aus der geschichtlichen Entwick-
lung der ökono»rischen Wissenschaft zu erklären, sie rvar ein Er-
gebnis der Frage rrach denr Volksreichtum, aus der die ganze
ökononrische Wissenschaft entstanden ist, rurd der darauf wieder
beruhenden „volkswirtschaftlichen Betrachtungsweise". Konnte
nran die ganze sogenannte „Volkswirtschaft" allenfalls noch als
eine gemeinsame Wirtschaft inr Sinne der bisherigen tech-
nischen Auffassung, also als eine Produktionsgemeinschaft an-
sehen, in der die durch Zusammenwirken aller hergestellten Pro-
dukte verteilt werden, so war diese technische Auffassung doch un-
möglich, sobald man den Verteilungsgedanken auf die in einer
einzelnen Unternehmung zusammenwirkenden „Produk-
tionsfaktoren" anwendete. Denn hier werden eben rächt Pro-
dukte, sondern Geldsummen „verteilt". Daher das Durchein-
ander des Erlragsbegriffs selbst in den neuesten Lehrbüchern, der
bald Produkte, bald Geldsummen bedeutet, welch letztere dann rrach
der sogenannten subjektiven Wertlehre noch Wertausdrücke sein sollerr.
In der Einkommenslehre wird es eben ganz unmöglich, was die
Grundlage aller bisherigen Wirtschaftstheorie ist, hinter dem „Geld-
schleier" nur die technischen Vorgänge der Produktion zu sehen.

57
        <pb n="58" />
        ﻿Daher ist auch für die ganze Volkswirtschaft der Verteilungs-
gedanke ebenso unmöglich wie innerhalb der einzelnen Unterneh-
mung. Denn er besagt ja an sich auch noch nichts über die Gründe
und Gesichtspunkte, nach denen sich die angebliche Verteilung
vollzieht. Für diese gilt in der ganzen bisherigen Theorie die
sogenannte Zurechnungslehre, die die Einkommen durch Zu-
rechnung auf die einzelnen Produktionsfaktoren erklären will.

In Wirklichkeit sind natürlich alle Gelderträge und Ein-
kommen, auch die mit Gütern entfernterer Ordnung erzielten,
nicht durch irgendwelche Zurechnung auf die „Produktionsfak-
toren" zu erklären, sondern als Preise, nämlich als bedungene
Erträge, die selbst Preise sind, entstanden aus der Vermietung
von Arbeitsleistungen, von Boden, Sachgütern oder Geldsummen
(Kapital), oder als Gewinne, die aus Preisen bei dem Verkauf
von Gütern entstanden sind. Durch meine Theorie der verschiedenen
Tauschkonstellationen, wie ich sie einstweilen in dem Aufsatz: Mono -
pol- und Konkurrenztheorie im „Archiv für Sozialwissen-
schaft", Band 41, gegeben habe, kann man dann die verschiedene
Höhe der Einkommen erklären. —

Welche Rolle spielt nun in dem so in aller Kürze geschilderten
Mechanismus der Preis- und Einkommensbildung das Geld?
Die bisherige Definition des Geldes als allgemeines Tausch-
und Zahlungsmittel ist zwar nicht gerade falsch, erklärt
aber gar nichts von dieser Rolle. Dagegen ist die andere Bezeich-
nung des Geldes als „Wertmaßstab" oder „Wertverglei-
chungsmittel" im höchsten Maße irreführend und beruht auf
den grundlegenden Irrtümern der bisherigen Wirtschaststheorie,
die immer von der Feststellung irgendeines Wertes der Güter
ausging. Das ist eine Verwechslung mit dem Preise. Die Preise
und überhaupt alle Geldausdrücke sind aber niemals der Ausdruck
eines subjektiven Wertes; denn dafür gibt es überhaupt keinen
Ausdruck. Niemand, der einen Rock für 50 Mark kauft, schätzt
ihn gleich 50 Mark; wenn zwei Leute für einen gleichartigen
Gegenstand denselben Preis bezahlen, ist nick)t gesagt, daß sie ihn
gleichschätzen, Wertschätzungen verschiedener Personen lassen sich
überhaupt nicht vergleichen; und wenn ich für verschiedene Gegen-
stände je gleichviel bezahle, z. B. 20 Mark, so ist damit doch nicht
im entferntesten gesagt, daß ich sie gleichschätze. Das sind sehr
einfache Wahrheiten, die man mit ein wenig Beobachtungsgabe
58
        <pb n="59" />
        ﻿schon längst hätte finden können. Aber wo sind sie ausgesprochen?
Man hat immer einen objektiven Ausdruck „des Güterwertes"
finden zu können geglaubt. Auch die bisherigen sogenannten sub-
jektiven Wertlehren sind daher, wie ich schon vor zehn Jahren in
meiner Schrift: „Ertrag und Einkommen auf der Grundlage
einer rein subjektiven Wertlehre", ausführte, nicht rein subjektiv.

Man erkennt die Funktion des Geldes vielmehr nur richtig,
wenn man es mit den psychischen Vorgängen innerhalb der Einzel-
wirtschaft in Verbindung bringt. Es ist dann in erster Linie Kosten-
einheit, d. h. bei allen Konsumwirtschasten und bei denjenigen
Erwerbswirtschaften, die nicht von ihrer Arbeitsmühe als Kosten
ausgehen, Grundlage der Veranschlagung aller Kosten und damit
an diesen Grundbegriff aller richtigen Wirtschaststheorie ange-
knüpft. Es ist weiter bei den Erwerbswirtschasten auch Substitut
ihrer Nutzenschätzungen: darin besteht gerade die innerwirtschaft-
liche Funktion des Geldes, daß es die Trennung der Erwerbswirt-
schast voll der Konsumwirtschaft ermöglicht, indem sich die erstere
auf eine Vergleichung von Nutzen und Kosten in Geld beschränkt.
So kann man sagen, Geld ist Nutzen- und Kostenvergleichs-
mittel, Generalnenner der Nutzen- und Kostenvergleichung, wo-
bei der schon früher gelegentlich gebrauchte Ausdruck General-
nenner natürlich erst durch Bezugnahme auf das Nutzen- und
Kostenvergleichen einen Sinn bekommt, welche Auffassung der
Wirtschaft der früheren Theorie fehlte. Niemals aber wird das
Geld individuelle Wertschätzungen, Nutzen- und Kostenvergleichungen
ausdrücken!

Erträge, Eiirkommen und Preise find daher in der Wirt-
schaftstheorie, welche die Vorgänge des Tauschverkehrs zu er-
klären hat, nie als Gütermengen aufzufassen, wie nach der bis-
herigen materialistischen Theorie, sondern nur als Gelderschei-
nungen. Der enge Zusammenhang aller dieser Begriffe ist kurz
gesagt der, daß durch die Erträge und Eiirkommen die Geldvor-
gänge sich an die Bedürfnisse und die Kalkulationerr der einzelnen
Wirtschafter darüber anknüpfen. Durch sie kommt unter Anknüpfung
an frühere Preise die Nachfrage in Geldausdrücken zustande. Ein
gewisses Minimum an Ertrag rurd Einkommen, das ich tausch-
wirtschaftlichen Greirzertrag nenne und das gerrügerr muß, an-
gesichts der bisherigen Preise die Güter in einem der bisherigen
Kulturstufe entsprechenden Amfange zu kaufen, ist daher die Grund-

59
        <pb n="60" />
        ﻿läge der Preisbildung, die bei der Bildung des Preises gegebene
Größe, die das Angebot, d. h. die Verteilung der Kapitalien und
Arbeitskräfte auf die verschiedenen Erwerbszweige und damit auch
den Amfang der Befriedigung der Nachfrage bestimmt. Lille
Preise der Genußgüter werden im Gelde als Kosten individual-
wirtschaftlich kalkuliert, und zwar die der Genußgüter als Ein-
kommensquoten der Konßnnwirtschaften, die der Güter entfernterer
Ordnung, aber nur im Einblick auf die erwarteten Preise jener,
als Kosten oder Bruttonuhen der Erwerbswirtschaften.

Auf Grund dieser Erkenntnis erhebt sich aber die Frage: Ist
es wirklich das „Geld" in dem Sinne, in dem man den Begriff in
der Wirtschaftstheorie bisher allein verwendete, die Menge der
realen Zahlungsmittel, welches jene Funktionen im Tausch-
verkehr hat? Nein, es sind in Wahrheit die Einkommen und
Einkommenteile. Nicht das Geld, so kann man sagen, in dem
üblichen Sinne kauft die Güter, sondern die Einkommen kaufen
sie. Die meisten Einkommen aber sind gar kein „Geld" im realen
Sinne, sondern sind bloße Forderungsrechte in der ab-
strakten Rechnungseinheit Mark. And bei genauerer Be-
trachtung erkennt man, daß dieser abstrakte Geldbegriff im wirt-
schaftlichen Leben eine viel größere Rolle spielt als der von der
Wissenschaft allein beachtete reale. In der unendlichen Mehrzahl
der Fälle, wenn man vom Geld spricht, denkt man nicht an Münzen
oder Banknoten, die realen, vom Staate ausgegebenen oder von
ihm autorisierten Zahlungsmittel, sondern man denkt an rein
rechnungsmäßig veranschlagte Summen, die von den Konsumwirt-
schaften als Quoten ihres Einkommens bewertet werden nach dein,
was sich jeder an individueller Bedarfsversorgung dafür beschaffen
kann, also als Kosten.

So kommen wir zu unserer Definition des Geldes in
dem am häufigsten gebrauchten abstrakten Sinne: Geld
ist die aus der Einbürgerung allgemeiner Tauschmittel
sich entwickelnde allgemeine abstrakte Rechnungsein-
heit, in der alle Konsumwirtschaften ihre Kosten und
die Erwerbswirtschaften auch ihre Erträge (Nutzen)
zu veranschlagen pflegen.

Die Entstehung dieser abstrakten Rechnungseinheit ist aller-
dings auf die Benutzung realer Tauschmittel zurückzuführen.
Tauich mittel entstehen aus dem Austausch besonders beliebter
60
        <pb n="61" />
        ﻿Gebrauchsgüter, und sie werden allgemeines Tauschmittel, wenn
sie vertretbar sind. Solche vertretbare, allgemein benutzte Tausch-
mittel kann man schon Geld nennen. Die Eigenschaft der Ver-
tretbarkeit besitzen die Metalle vermöge ihrer Teilbarkeit und
Gleichartigkeit in reinem Zustande schon, solange sie nur zu ge-
wogen werden, was ohne jede staatliche Regelung möglich ist und
sich jedenfalls auch so entwickelt hat. Schon in diesem Zustande
bilden sich in dem allgemeinen Tauschmittel Preise, d. h. hier
den Wirtschaftssubjekten mehr oder weniger genau bekannte Ge-
wichtsmengen des Tauschmittels, die sie für dieses oder jenes
Gut hingeben uüisien. Mit diesen Preisen wird nun von den Wirt-
schaftern bei ihren wirtschaftlichen Erwägungen gerechnet, und
so entwickelt sich schon in diesem Stadium des Geldwesens die all-
gemeine abstrakte Rechnungseinheit, die also älter ist als die Schaf-
fung der Münze seitens des Staates. Sie beruht auf dem Rechnen
mit Geldeinheiten, selbst wenn solche faktisch nicht gezahlt werden,
also auch in den unendlich viel häufigeren Fällen, in denen Amsätze
schließlich nicht zustande kommen. Daher ist Knapps „Staatliche
Theorie des Geldes" auch ganz unhistorisch, und sie beruht außer-
dem auf der üblichen Verwechslung bzw. mangelnden Anter-
scheidung von Geld im realen und im abstrakten Sinne. Denn nur
das Geld im realen Sinne ist ein „Geschöpf der Rechtsordnung",
die „nominale Werteinheit" aber, von der sich Knapp mit der
gelegentlichen Behauptung begnügt, daß sie „historisch definiert"
sei, weil er sie nicht erklären konnte, ist nicht vom Staate geschaffen.
Äbrigens ist auch diese „nominale Werteinheit" noch ein höchst
unklarer Ausdruck, weil auch Knapp natürlich nicht von der bis-
herigen Auffassung loskam, daß die Geldsummen, die Preise,
Werte ausdrücken. Erst durch die psychische Wirtschaftstheorie
wird das Wesen des Geldes klar, durch Erfassung seiner inner-
wirtschaftlichen Funktion als Nutzen- und Kostenvergleichsmittel.
Soviel auch über das Geld geschrieben worden ist, diese Funktion,
aus der heraus alles zu erklären ist, ist infolge der materialistischen
Auffassung der Wirtschaft niemals erkannt worden.

Ansere obige Definition enthält den Begriff des Geldes im
allgemeinsten Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs, der alle
Erscheinungsformen des Geldes umfaßt in dem Sinne, in dem
man auch z. B. von Kapital und Vermögen als „Geld" spricht.
Man erkennt nun, daß in jener Definition die Bezeichnung als

61
        <pb n="62" />
        ﻿allgemeines Tauschmittel zurücktritt. An ihr als der ursprüng-
lichen und grundlegenden Funktion des Geldes kann aber die
ökonomische Theorie auch in ihrer Begriffsbestimmung nicht
ganz vorbeigehen. Die systematische Theorie gebraucht den Aus-
druck auch für das oft ganz abstrakte, oft aber auch konkrete
Mittel, mit dessen Lilfe die Aussähe im Tauschverkehr, nicht nur
von Sachgütern sich vollziehen, auch wenn sie nur verrechnet werden.
Der Begriff der abstrakten Rechnungseinheit drückt dagegen an
sich noch keine Beziehung zu Amsähen aus, er liegt auch der rein
initerwirtschaftlichen Kapital- oder Vermögensveranschlagung zu-
grunde. So kommen wir zu einer engeren Definition des Geldes,
welche es natürlich auch nicht sachlich bestimmt, aber es irr seiner
Funktion als Tauschmittel von sonstigen Funktionen der Geld-
rechnung, Kosten, Kapital, Vermögen, Ertragswert, unterscheidet.
Geld ist die ebenfalls Geld genannte abstrakte Rechnungs-
einheit in ihrer Benutzung als allgemeines Tausch-
mittel, in welcher Form sie sich auch in realen Zahlungsmitteln
verkörpern kann.

Anter realen Zahlungsmitteln verstehen wir also die
vom Staate geschaffenen oder von ihm autorisierten Tausch-
mittel, welche die bisherige Theorie, auch diejenige Knapps, allein
als Geld bezeichnete, Münzen, Banknoten und das eigentliche
Papiergeld. Man hat nun hier, wie in manchen anderen Fällen,
meine Theorie durch Wortveränderungen zu verbessern gesucht,
indem man statt reale Zahlungsmittel den Ausdruck Geldzeichen
vorgeschlagen hat. Auch er ist natürlich anwendbar, wo ein Zweifel
über das, was gemeint ist, nicht möglich ist. Aber besser ist er nicht.
Vielmehr ist im Sinne der abstrakten Rechnungseinheit eine Aktie
auch ein Geldzeichen, auch sie verkörpert Geld im allgemeinsten
Sinne der abstrakten Rechnungseinheit. Der Ausdruck reale
Zahlungsmittel aber betont im Gegensatz dazu die Amsahfunk-
tion der allgemeinen Rechnungseinheit, die sich in sachlichen
Tauschmitteln verkörpern kann, aus deren Schaffung der Staat
den größten Einfluß hat. Diese Objekte sind es, die die bisherige
Geldtheorie, metallistische und chartalistische, immer allein als Geld
bezeichnete.

Am aber den ganzen tauschwirtschaftlichen Mechanismus und
das Funktionieren des Geldes darin zu erkennen, darf man es
niemals nur sachlich, durch Aufzählung irgendwelcher Objekte,
62
        <pb n="63" />
        ﻿welche Geld oder nicht Geld sein sollen, definieren, sondern immer
find es die Einkommen, welche die Güter kaufen, wobei es ganz
gleichgültig ist, ob sie sich jemals in realen Zahlungsmitteln ver-
körpern. Zwar erfolgen Güterumsätze nicht nur aus dem Ein-
kommen, sondern zwischen den Erwerbswirtschaften werden Güter
gegen Geld in noch viel größerem Amfange auch mit dem Kapital
und dem Vermögen, den beiden anderen Geldausdrücken, um-
gesetzt. Aber hier spielen die realen Zahlungsmittel eine noch viel
geringere Rolle, und • jene Amsätze erfolgen doch nur im Hinblick
auf Preise und Erträge, die aus der Bedarfsversorgung erzielt
werden können, also aus dem Einkommen bezahlt werden. And
das ist ja auch ganz selbstverständlich, denn letzten Endes werden
nur auf Bedarfsbefriedigung Kosten aufgewendet.

Daher können auch die Begriffe Wert und Kaufkraft des
Geldes, die soviel Anheil in der ökonomischen Theorie angerichtet
haben und noch heute anrichten, immer nur subjektiv, in bezug
auf einen einzelnen Wirtschafter angewendet werden. Einen
allgemeinen Geldwert gibt es nicht, die Geldausdrücke, die Preise
werden von jeder Konsumwirtschaft verschieden geschätzt, als Kosten,
und zwar nach ihrer „Menge", aber abstrakt aufgefaßt, d. h. nach
ihrem Einkommen. Das gilt auch gegenüber Preisveränderungen.

Wenn viele Preise gestiegen sind — denn fast niemals steigen
alle Preise, und fie steigen vor allem nie gleichmäßig —hat es
daher keinen Sinn, zu sagen, der Wert oder die Kaufkraft des
Geldes sei gesunken. Das ist nur ein oberfiächliches Durchschnitts-
urieil, abgeleitet aus einer Anzahl Preise, mit dem man aber
nichts erklären kann. Man kann den Preis wohl als einen ob-
jektiven Geldausdruck bezeichnen (wenn man ihn nur nicht quanti-
tativ -nra ter ia li stisch als eine Geldmenge auffaßt), aber er ist nie
ein objektiver Ausdruck der Kaufkraft des Geldes. Eine solche
gibt es nicht, weil nicht die Güter und die Geldsummen sich gegen- '
seitig umsetzen, sondern weil man bei der Erklärung der tausch-
wirtschaftlichen Vorgänge von den wirtschaftlichen Erwägungen
der einzelneit Menschen niemals abstrahieren kann.

63
        <pb n="64" />
        ﻿*

Viertes Kapitel

Die Theorie der Geldvermehrung

^^iese kurze Darstellung der Grundlagen unseres theoretischen
Systems gibt uns nun die Möglichkeit, alle die zahlreichen Pro-
bleme des Geldwesens viel tiefer zu erfassen, welche wir im Titel
dieser Schrift als Erscheinungen der Geldvermehrung zusammen-
gefaßt haben und die heute von so gewaltiger praktischer Be-
deutung sind. Im Vordergrund steht dabei die Frage der Infla-
tion, des Einflusses der Geldvermehrung auf die Preise,
an zweiter Stelle kommen dann die Fragen des Rückgangs
unserer Valuta im Auslande und weiterhin die Frage der
Möglichkeiten, aus den heutigen Zuständen wieder herauszukommen
und nicht unbedingt wieder zu den Zuständen vor dem Kriege,
sondern zu derjenigen Ordnung unseres Geldwesens zu gelangen,
die auf Grund der vorgeschrittenen Erkenntnis desselben für uns
als die zweckmäßigste erscheint.

Darüber, daß die Fragen der Inflation nicht ohne Bezugnahme
auf die Preistheorie zu untersuchen und daß Erörterungen, die sie
unterlassen oder gar bewußt ablehnen, wissenschaftlich wertlos sind,
ist kein Wort zu verlieren. And zwar seht die Erörterung des In-
stationsproblenrs die Kenntnis dessen voraus, wodurch überhaupt
Preisveränderungen herbeigeführt werden. Die Ein-
wirkung der Geldvermehrung auf die Preise ist also nur ein Teil
der allgemeinen Lehre von den Preisveränderungen. Daß
die bisherige Theorie sich mit diesem Problem, das doch eines der
wichtigsten zur Erklärung des tauschwirtschaftlichen Mechanismus
ist, noch so gut wie gar nicht beschäftigt hat, zeigt ein Blick in die
Lehrbücher. Das ist aber kein Wunder, wo noch neueftens die an-
gesehensten Theoretiker wie Böhm-Bawerk, Wieser, Philippo-
64
        <pb n="65" />
        ﻿vich, Die hl, einen Zusammenhang der Preise nur bei produktions-
verwandten Gütern kennen, d. h. bei solchen, die aus denselben Roh-
stoffen hergestellt sind! Das ist aber wieder nur die notwendige
Folge der ganzen bisherigen Wirtschaftstheorie, welche hinter dem
„Geldschleier" nur die technischen Vorgänge der Produktion sieht
und sie für Wirtschaft hält.

Die bisherige Wissenschaft beschränkte sich im wesentlichen auf
Erörterung des Einsiuffes der Vermehrung des Papiergeldes
auf die Preise, natürlich streng materialistisch aufgefaßt, eines der
ältesten, weil praktisch bedeutsamsten Problerne unserer Wissen-
schaft. Euer herrscht im wesentlichen die Quantitätstheorie,
die in mehr oder weniger scharfer Formulierung eine Steigerung
der Preise proportional mit der Vermehrung der Geldmenge,
d. h. der realer: Zahlungsmittel, behauptete, aber den Zusammen-
hang nicht wissenschaftlich erklären konnte. Auch die Teuerung vor
dem Weltkriege wurde in der Hauptsache der Vernrehrung der
Goldproduktion zugeschrieben. Wir haben davon schon kurz ge-
sprochen. Wir fassen das Problem viel allgemeiner, rmd ich bin
zu meirrerr Ergebnissen dadurch gelangt, daß ich ganz allgenrein die
Ursachen von Preisverärrderungen theoretisch untersuchte.

Es kam: nun rricht unsere Aufgabe sein, die ganze Lehre von
der: Preisveränderungen hier zu entwickeln; ich muß dafür auf den
irr Vorbereitung befindlichen zweiten Band meiner „Grundsätze"
verweisen. Doch sei über das allgemeine Problem folgendes ge-
tagt: Preisveränderungen können von sehr verschiedenen Ursachen
herbeigeführt werden. Daher ist ihre Untersuchung noch immer
weiter zu verfeinern, indeur man immer mehr nur gelegentlich oder
nur sekundär wirkende Ursachen heranzieht. Man kann ferner ganz
allgemein Ursachen, die von der Rachsrageseite, solche die von
der Angebotsseite und solche, die von der Geldseite aus ein-
wirken, unterscheiden. Doch gehen sie vielfach ineinander über,
solche von der Angebots- und Nachfrageseite z. B., indem das
Aufkommen neuer Güter gleichzeitig zu neuen Bedürfnissen führt,
als auch solche durch das Angebot, die Reklame angeregt werden.

Bei der Untersuchung der Preisveränderungen von der An-
gebots- und der Nachfrageseite her sind zunächst die verschiedenen
Tauschkonstellationen, Konkurrenz und Monopol und ihre
Zwischenstufen zu unterscheiden. Ob der Monopolist Kosten-
erhöhungen im Preise, den er einseitig festsetzen kann, wirklich zum

Liesman», Die Geldvermehrung im Weltkriege 5	HZ
        <pb n="66" />
        ﻿Ausdruck bringen wird, hängt von seinem Ertrage ab: der Absah
kann unter Amständen so nachlassen, daß es sich fiir ihn nicht lohnt,
eine entsprechende Preiserhöhung vorzunehmen. Bei freier Kon-
kurrenz werden Kostenerhöhungen in der Regel im Preise voll
zum Ausdruck kommen, weil der Preis hier Grenzkosten plus tausch-
wirtschaftlicher Grenzertrag ist, also ohne Kostenverbilligungen nicht
weiter sinken kann. Bei Kostenermäßigungen kommt viel darauf an,
ob sie bei allen oder nur bei einzelnen Anbietern eingetreten sind.

Was die Preisveränderungen von der Nachfrageseite her
betrifft, so ist ein besonderer Fall der des Anwachsens der Be-
völkerung. Es steigert die Nachfrage, aber unter Umständen
auch das Angebot, von Arbeitskräften usw. Im ganzen aber ist
die Bevölkerungsvermehrung zweifellos ein preissteigerndes Mo-
ment, besonders auch in den großen Städten, wo die Versorgung
einer wachsenden Bevölkerung regelmäßig nur mit wachsenden
Kosten möglich ist.

Das Aufkommen neuer Bedürfnisse führt auch meist
zu Preis- und Einkommensteigerungen. Bei Bedarfsverschie-
bungen, z. B. unter dem Einfluß der Mode, werden auch die
gestiegenen Einkommen meist die gesunkenen übertreffen, die Ein-
wirkungen auf die Preisbildung im allgemeinen sind aber hier
weniger bedeutend.

Bei den Preisveränderungen von der Angebotsseite aus
kommen zunächst Kostenerhöhungen in Betracht. Äier übt
vor allem das übrigens rein technische Gesetz des abnehmen-
den Bodenertrags preissteigernde Wirkungen aus, nicht nur in
der landwirtschaftlichen Produktion, sondern auch beim Boden als
Grundlage der Wohnung. Die hohen Boden- und Käuserpreise
in großen Städten sind aber natürlich die Folge, nicht die Arsache
hoher Mietpreise. Es sind relative Monopol-, Differential-
gewinne.

Bei den Kostenverbilligungen ist der Lauptfall der des
technischen Fortschritts im weitesten Sinne, auch z. B. alle
kommerziellen Verbesserungen u. dgl. mit in Betracht gezogen.
Gegen die Behauptung Spanns, daß durch die so für manche
Güter erzielten Kostenverbilligungen sich die Preise aller anderen
gesteigert hätten und daß daraus die Teuerung vor dem Weltkriege
zu erklären sei, sprechen folgende Gründe, die bewirken, daß von
einer allgemeinen Wirksamkeit dieser Erscheinung keine Rede
66
        <pb n="67" />
        ﻿sein kann: 1. Die durch Verbilligung gewisser Güter ersparten Ein-
kommensteile verteilen sich auf die ungeheure Zahl aller anderen
Güter, wodurch sie in den Preisen nicht merkbar hervortreten.
2. Eine Verbilligung wird fast regelmäßig den Absah steigern, so daß
nicht die gesantten Ersparnisse der Abnehmer der Nachfrage nach
anderen Gütern zugute kommen. 3. Das Auskommen immer neuer
Bedürfnisse kompensiert einen großen Teil der durch Verbilligung
mancher Güter ersparten Einkommen. 4. Kostenverbilligungen
kommen in der Regel nicht gleich dem ganzen Gewerbe zugute,
sondern bewirken vor allein Einkommensteigerungen einzelner
Produzenten und wirken dadurch preissteigernd. 5. Ein großer
Teil solcher Einkommensteigerungen, aber auch der Einkommen-
ersparungen wird auch zur Kapitalbildung verwendet.

Diese Bemerkungen über die Arsachen von Preisveränderungen
von der Angebots- und der Nachfrageseite her mögen hier genügen.
Mit den Einflüssen von der Geldseite her müssen wir uns ein-
gehender beschäftigen. Wegen ihrer ungeheuren praktischen Be-
deutung ist dies eine der wichtigsten Fragen der Geldlehre und der
ganzen Wirtschaftstheorie. Allerdings war sie wegen der stabilen
Geldverhältnisse der meisten Staaten vor dem Weltkriege, die sich
diese zur Freude der Goldproduktionsländer auch genug haben
kosten lassen, nicht sehr aktuell, weil man mangels theoretischer
Klarheit über das Geldwesen und einseitig historisch gerichteter
Interessen die Goldwährung als ein Ideal ansah. Inzwischen ist
diese Frage aber durch die Amwälzungen des Weltkrieges wieder
zu größter Bedeutung gelangt. Doch zeigt die Art, wie sie behandelt
wird, deutlich den unvollkommenen Charakter, das völlige Ver-
lagen der bisherigen Wirtschaftstheorie. Entsprechend der ganzen
materialistischen Wirtschaftsauffassung und der mit ihr zusammen-
hängenden ausschließlichen Betrachtung der realen Zahlungs-
mittel hat man immer nur die Erscheinung der Geld Vermeh-
rung im engeren Sinne, der Vermehrung der realen Zahlungs-
mittel betrachtet. Es ergibt sich aber aus unserer Auffassung des
Geldes als abstrakter Rechnungseinheit, daß sich das Problem
darauf nicht beschränkt. Wenn die Einkommen und nicht die
realen Geldmengen die Güter kaufen, müssen Einkommens-
Veränderungen auch unabhängig von diesen einen Ein-
fluß auf die Preisgestaltung ausüben. Wir werden
gleich davon sprechen.

67
        <pb n="68" />
        ﻿Aber selbst die Einwirkung einer Vermehrung der realen
Geldmenge auf die Preise ist noch sehr unvollkommen untersucht,
infolge des Mangels jeder wirklichen Preistheorie. So hat man
sich niemals die Frage vorgelegt, wodurch, auf welchem
Wege und in welcher Weise denn eine Vermehrung der Geld-
menge zu Preissteigerungen führt. Regelmäßig stellt man es sieb
so vor, als ob eine Vermehrung der Geldmenge mechanisch und
automatisch alsbald eine Erhöhung der Preise herbeiführte.
Man hat empirisch festgestellt, daß eine starke Papiergeldvermeh-
rung immer zu sehr ungünstigen wirtschaftlichen Zuständen, nament-
lich zu starken Preissteigerungen führte, hat demgegenüber rein
empirisch die Verknüpfung der Zahlungsmittel an ein nur beschränkt
vermehrbares Edelmetall als Schutzmittel gegen die schädliche Geld-
vermehrung erkannt und hat ebenso rein empirisch die bekannten
Deckungsvorschriften für die papiernen Zahlungsmittel ge-
troffen. Den tauschwirtschaftlichen Prozeß aber, durch den eine
Geldvermehrung zu Preissteigerungen führt, hat man sich mangels
einer richtigen Wirtschaftstheorie niemals klar gemacht. Die
Quantitätstheorie, von der wir ja schoir gesprochen haben, wurde
als ein Naturgesetz betrachtet. Wie bei zwei konmmnizierenden
Röhren das Wasser in der einen steigt, wenn es in der anderen
vermehrt wird, einen solchen natürlich-mechanischen Prozeß nahn,
man auch bei der Geldvermehrung und der dadurch herbeigeführten
Preissteigerung all. Man hielt es für ganz unnötig, noch näher
die tauschwirtschaftlicherr Vorgänge zu untersuchen, durch die das
herbeigeführt wird. Das ist die Folge der mechanisch quantitativen
Auffassung der wirtschaftlichen Vorgänge, die die Betrachtung der
Veränderungen in den Güterquantitäten als Aufgabe der Volks-
wirtschaftslehre ansieht. Mail muß nur die lleueste Verfeinerung
der Quantitätstheorie in dem Buche Irving Fishers betrachten,
der sich rühmt, in Europa und in Amerika gleichgroße Zustimmung
erfahren zu haben, um zu erkennen, was noch im zwanzigsten Jahr-
hundert an völlig in die Irre gehender ökonomischer Theorie mög-
lich war.

Die Quantitätstheorie ist in der allgemeinen Fassung, daß,
wenn die Geldmenge vermehrt wird, die Preise steigen, zwar nicht
gerade falsch, aber sie ist gar keine Theorie, sie erklärt nichts.
In Wahrheit gilt sie nur innerhalb der einzelnen Konsum-
wirtschaft und besagt dann nichts weiter, als daß, je mehr „Geld",
68
        <pb n="69" />
        ﻿d. h. Einkommen, man zur Verfügung hat, man um so mehr auf
die Befriedigung jedes einzelnen Bedürfnisses verwenden kann.
Eine Theorie ist diese Beobachtung aber ebensowenig wie jerie.
Von einer Proportionalität kann dabei schon um deswillen keine
Rede sein, weil die Bedürfnisse niemals und unter keinen Am-
ständen meßbar und äußerlich ausdrückbar sind. Für den ganzen
Tauschverkehr und die dabei verwendete Geldmenge, für die ja
die Quantitätstheorie gelten soll, ist zu sagen, daß überhaupt nicht
diese Geldmenge, auch wenn man sie nach Fisher mit dem großen A,
dein ganz unfaßbaren Begriss der Amlaussgeschwindigkeit des
Geldes, multipliziert, die Güter kauft, sondern die Einkommen,
die aber nicht reale Geldmengen, sondern in der abstrakten Rech-
nungseinheil Mark nur veranschlagte und individuell geschätzte
Größen sind.

Ebensowenig ist etwas damit gewonnen, wenn einer der fort-
geschrittensten Geldtheoretiker, Otto Äeyn, dem zur Begründung
seiner zum Teil sehr richtigen Einsichten in das Geldwesen — er
ist lange vor Knapp einer der ersten Nominalisten gewesen — nur
eine richtige allgenreine Wirtschaftstheorie und die Erkenntnis der
Zusammenhänge der Preisbildung fehlt, den Einfluß der Geld-
vermehrung auf die Preise nur mit einem abnehmenden Ver-
trauert der Bevölkerung zrr denr staatlichen Gelde erklärt. Der
Staat verkaufe gewissernraßen sein Geld, und je mehr er davon
herstelle, um so weniger werde es geschätzt, um so mehr müsse zu-
nächst er selbst bei seinen Einkäuferr davon geben, um so mehr aber
auch später alle anderen, die es erhalten. Auch hier sehen wir,
jogar bei einenr der ältesten Nominalisten, die übliche Aberschähung
der realen Zahlungsmittel und, wegen des Mangels einer
Preis- und Eirrkommenslehre, die völlige Verkennung der Tat-
sache, daß die log. Kaufkraft des Geldes nur individualwirt-
schaftlich zu betrachten ist und daß sie von den Einkommen abhängt.

Daß man sich über den Zusammenhang von Geldvermehrung
ruld Preisveränderungen noch immer im unklaren befindet, liegt
auch hier daran, daß man bei diesem Problem nicht auf die Einzel-
wirtschaft und ihre Erwägungen zurückgeht, sondern bei der her-
gebrachten „volkswirtschaftlichen Betrachtungsweise" verharrt, die
Güter- und Geldmenge in der ganzen Volkswirtschaft einander
gegenüberstellt. Ohne eine psychische Wirtschaftstheorie ist aber
auch hier eine Erkenntnis wirtschaftlicher Kausalzusammenhänge

69
        <pb n="70" />
        ﻿nicht möglich. Bisher pflegte man immer von der „Kaufkraft des
Geldes" als einer allgemeinen Erscheinung zu sprechen, welcher Aus-
druck, weil er immer absolut und nie rein subjektiv genommen wird,
gerade so gefährlich und irreführend ist wie der Wertbegriff. Ge-
wiß liegt es außerordentlich nahe, wenn man sieht, daß viele oder
gar alle Waren im Preise gestiegen sind — letzteres wird aber nur
in seltenen Fällen vorkommen —, zu sagen, die Kaufkraft des
Geldes sei gesunken. Dieser Sah aber besagt und erklärt nichts.
Cs ist durchaus falsch, daß die Preise ein objektiver Ausdruck der
Kaufkraft des Geldes seien. Denn selbst wenn bei einer starken
Geldvermehrung alle Preise steigen, so steigen sie doch nicht
gleichmäßig. Selbst heute aber in einem Zustande größter Geldver-
mehrung sind nicht alle Preise gestiegen, z. B. nicht diejenigen für
Wohnungs- und Ladenmieten, für Grundstücke und Käufer, für
zahlreiche Dienstleistungen, manche Effekten usw. Jener Sah, die
Kaufkraft des Geldes sei gestiegen oder gesunken, ist also nur ein
oberflächliches Durchschnittsurteil, hergeleitet aus einer Anzahl
willkürlich ausgesilchter Preise. Daher hat die Feststellung eines
durchschnittlichen sog. Preisniveaus keinen Wert und eine Aus-
stellung von Indexnummern, in der die Preiserhöhungen ein-
zelner Waren die Preisverminderungen anderer übertreffen, woraus
dann auf ein Sinken „der Kaufkraft des Geldes" geschloffen wird,
gibt, wie alle derartige objektive, von den wirtschaftenden Indi-
viduen abstrahierende Betrachtungsweise, kein richtiges Bild der
Vorgänge im Tauschverkehr, der Beziehungen zwischen Geld,
Preisen und Einkommen.

Diese erkennt man erst, wenn inan nicht Geldmenge und Preise
in der ganzen Volkswirtschaft einander gegenüberstellt, sondern
wenn man die Beziehungen zu den Einzelwirtschaften und ihren
Einkommen beachtet. Wenn man erkennt, daß nicht das Geld
im bisherigen Siime, die realen Zahlungsmittel, die Güter kaufen,
sondern die Einkommen, dann wird auch klar, daß Preis-
veränderungen nicht ohne Eiukommensveränderungen
möglich sind. Mit jeder Preissteigerung, aus welchen Ursachen auch
immer, steigen auch irgendwelche Einkommen; die häufigste Art von
Preissteigerungen und zugleich die häufigste Ursache weiterer
Preissteigerungen, die Steigerung von Arbeitslöhnen, ist zu-
gleich auch schon eine Einkommensteigerung. Denn die Löhne sin&gt;
Preise und Einkommen zugleich. Daraus ergibt sich klar, daß man
70
        <pb n="71" />
        ﻿nicht von „der" Kaufkraft des Geldes und ihrer Veränderungen
sprechen kann, wenigstens nicht, wenn man damit irgendwelche
tauschwirtschaftliche Erscheinungen erklären will. Denn nicht das
Geld, sondern die Einkommen kaufen die Güter, und wenn einige
Preise steigen, können zwar manche mit ihrem Einkommen weniger
kaufen, die „Kaufkraft" ihres Einkommens ist also gesunken,
aber den gleich gebliebenen Preisen gegenüber nicht „die" Kaufkraft
des Geldes. Andere aber erzielen infolge der Preissteigerung
höhere Einkommen und bewerten infolgedessen die Geldeinheit
geringer. Doch hat es keinen Sinn, zu sagen, daß für sie die Kauf-
kraft des Geldes gesunken sei. Mit alledem ist über die Vorgänge
im tauschwirtschaftlichen Organismus nichts erklärt.

Statt von Kaufkraft des Geldes, was immer eine objektive
Fähigkeit bedeutet, die es im Wirtschaftsleben nicht gibt, spricht
man besser von Schätzung der Einkommen oder der ihnen zu-
grunde liegenden Rechnungseinheit, wobei der subjektive Charakter
nicht mißverstanden werden kann. Man erkennt aber, daß es keine
Untersuchung der Preisveränderungen geben kann, ohne daß man
zugleich auch die Einkommensveränderungen beachtet, und ins-
besondere die Einwirkungen auf die Preise von der Geldseite aus
find nur zu erkennen unter Berücksichtigung der Einkommen. Denn
wenn man die engen Beziehungen zwischen Preisen und Einkomme,»
erkannt hat, was aber mit der bisherigen Preis- und Einkommens-
lehre ganz unmöglich war, dann wird klar, daß eine Einwirkung
auf die Preise von der Geldseite her überhaupt nur
durch die Einkommen möglich ist, nur dadurch, daß die Geld-
vermehrung neue oder gesteigerte Erträge, Einkommen
bedeutet. Dieser Sah ist eines der auch praktisch wichtigsten Er-
gebnisse der klareren Einsicht in die tauschwirtschaftlichen Zusammen-
hänge, wie sie durch meine Wirtschaftstheorie vermittelt wird. Die
Geldvermehrung wirkt nicht automatisch, so daß von selbst und
proportional die Preise steigen, wenn der Staat die Notenpresse
in Bewegung seht; das ist die unsäglich naive mechanische Auf-
fassung der bisherigen technisch quantitativen Wirtschaftstheorie,
wie sie I. Fisher mit seiner verbesserten Quantitätstheorie noch
neuestens ins Extrem getrieben hat. Sie wirkt auch nicht infolge
progressiv sinkenden Vertrauens zum Staatsgelde, das dieser dann
immer billiger anbietet und das dann einen immer &gt;nehr sinkenden
Kurs erhält; das ist die ebenso naive „Erklärung", die man mangels

71
        <pb n="72" />
        ﻿einer richtigen Preis-- und Einkommenslehre versucht hat. Sondern
die Geldvermehrung wirkt dadurch, daß sic die Einkommen ver-
mehrt, welche die Güter kaufen. Die ein vergrößertes Einkommen
erzielt haben, können mehr kaufen, und durch die vergrößerte Nach-
frage steigen die Preise der Güter, welche sie mehr kaufen wollen.
Es ist aber weder gesagt, daß die Preise aller Güter steigen, noch
daß sie gleichmäßig steigen. Allerdings können Einkommens-
steigerungen naturgemäß auf sehr viele Güter zugleich preissteigernd
einwirken.

Der Äauptfall der Geldvermehrung und ihrer Wirkungen
auf die Preise ist bekanntlich die starke Banknoten- oder Papier-
geldausgabe, von der wir jetzt im Weltkriege in allen kriegführen-
den Ländern genug Beispiele erlebt haben. Wir machen dabei
zwischen Banknoten, die „gedeckt" sind, und ungedecktein Papier-
geld gar keinen Unterschied, sprechen abwechselnd von diesem oder
jenem, was mir inanche Kritiker, die von den bisherigen An-
schauungen über Papiergelddeckung nicht loskommen konnten, als
einen großen Fehler glaubten anrechnen zu können. Wir werden
aber sehen, daß die Art, wie tm Kriege Banknoten „gedeckt" zu
werden pflegen, bett Einfluß ihrer Vermehrung auf die Preise
gegenüber dent des eigentlichen Papiergeldes nicht int geringsten
veräitdert. In beidett Fälleit beschafft sich der Staat, sei es direkt,
sei es unter Betttitzuitg der Notenbaitk, Geldsummen, tvelche er
wie jedes Einkommen zmtt Attkatif der verschiedensten Güter ver-
wenden kann. Dieses Geldeinkommen aber — und das ist das ent-
scheidende — ist nicht aus Leistungen im Tauschverkehr
erzielt, es ist nicht, wie andere Einkommen, aus Preisen und Er-
trägen eittstandett, die itn Tattschverkehr erzielt und daher im Rahmen
der gesamten Amsähe desselben kalkuliert worden sind, sondern es
ist ein zusätzliches, künstlich geschaffenes, nicht ans der
Preisbildung des Tauschverkehrs entstandenes Ein-
kommen. Der Staat, der Papiergeld ausgibt, schafft sich so eine
künstliche Kaufkraft — hier, auf wirtschaftende Subjekte be-
zogen, ist dieser Ausdruck, den man bisher nur auf Objekte bztv.
sogar aus den eigentlich abstrakten Geldbegriff anwendete, unbe-
denklich —, die nicht aus Erträgen und Einkommen tm Tausch-
verkehr entstanden ist, sonderir die zu ihnen zusätzlich hinzutritt und
die, wenn sie großen Amfang annimmt, das bisherige Preis- und
Einkommenssystem beeinflussen nmß. Je mehr dabei der Staat
72
        <pb n="73" />
        ﻿diese Kaufkraft auf einen ganz neuen Bedarf verwendet, nicht etwa
nur bisherigen Bedarf Privater ersetzt, sondern, wie in Kriegs-
zeiten beim Bedarf an Geschützen, Munition und dem ganzen uu-
zähligen Kriegsbedarf, mit ganz neuen Bedürfnissen erscheint, auf
deren Befriedigung sich Produktion und Lande! erst einrichten
müssen, um so größer ist die Gefahr, daß die Geldvermehrung zu
Preissteigerungen führt. Auch natürlich wiederum nicht automatisch
oder weil die Verkäufer weniger Vertrauen zum staatlichen Gelde
hätten — die deutschen Beobachtungen im Weltkriege tollten doch
schon hindern, solche sinnlosen Behauptungen aufzustellen —, sondern
allein aus denselben Gründen, aus denen überhaupt Preissteige-
rungen zustande kommen, weil die Nachfragenden wegen
größerer Einkommen überhaupt oder wegen dringen-
derer Bedürfnisse für gewisse Güter mehr geben können.
Wenn man das erkennt, so ist klar, daß inan nicht unterscheiden kann,
welcher Anteil an den Preissteigerungen zu Beginn des Krieges,
als von Warenknappheit noch keine Rede war, auf die Geldver-
mehrung, welcher auf die gestiegene Nachfrage, die Dringlichkeit
des Staatsbedarfs zurückzuführen ist. Denn die Geldvermehr,mg
wirkt nur durch gestiegene Nachfrage. Daß natürlich Schwierig-
keiten in der Ausstellung der Produktion, Mangel an Arbeitskräften
und bald auch an Rohstoffen ebenfalls preissteigernd wirkten, ist
selbstverständlich, und es ist sicher, daß, wenn auch die Militärver-
waltungen anfangs noch so wenig kaufmännisch rechneten, diese Am-
stände doch einen sehr viel größeren Anteil an den Preissteigerungen
gehabt haben als die Vermehrung der Geldmenge.

Also auch wenn der Staat seine Zahlungsmittel vermehrt,
erfolgt das kann nicht scharf genug betont werden — die Wir-
kung auf die Preise nicht eigentlich durch das Geld, sondern sie er-
folgt auch hier nur durch die Waren, d. h. von der Nachfrage-
seite her, indem die künstlich geschaffenen Einkommen stärkere
Nachfrage bedingen und die Preise vieler Güter in die Löhe
treiben. And das kann auch nicht anders sein, denn das Geld ist
nur ein ganz indifferenter Verinittler zwischen den Bedürfnissen
und den letzten Kosten, die nicht Geld, sondern Arbeitsmühe und
Apfer an anderen Gütern find. Alle Veränderungen im Tausch-
verkehr können nur durch Veränderungen der grundlegenden Fak-
toren Bedürfnisse (Nutzen) und Kosten erfolgen. Das kann nran
freilich nur erkennen und konsequent erklären mit der psychischen

73
        <pb n="74" />
        ﻿Wirtschaftsthcorie, welche Nutzen und Kosten als psychische Vor-
gänge zu ihren Grundbegriffen macht.

Wenn man aber so erkannt hat, daß die Geldvermehrung nur
durch die Einkommen wirkt, dadurch, daß sie künstlich geschaffene,
nicht aus Leistungen iin Tauschverkehr erzielte Erträge bedeutet,
dann können wir noch einen Schritt weitergehen zur wissenschaft-
lichen Erklärung einer Beobachtung, die auch erst durch die Geld-
verhältnisse im Weltkrieg angeregt wurde und die ohne die abstrakte
Geldauffaffung und ihre enge Verbindung mit der Preis- und Ein-
kommenslehre ganz unerklärlich geblieben wäre. Wir müssen er-
kennen, daß es bei den Preisveränderungen überhaupt nicht nur
auf die Vermehrung der realen Zahlungsmittel ankommt,
die man bisher allein beachtete, sondern daß auch ohne Vergröße-
rung der realen Geldmenge unter gewissen Bedingungen künstliche,
nicht aus dem regulären Tauschverkehr stammende Einkommens-
steigerungen inöglich sind, welche preissteigernd wirken müssen.
Diese Beobachtung hat man früher nicht gemacht- und auch ich habe
mich in meinem Buche „Geld und Gold" nicht so eingehend
mit ihr beschäftigt, wie sie es verdient. Mit der abstrakten Geld-
auffassung in Verbindung mit einer richtigen Preis- und Ein-
kommenslehre wird aber klar, daß und warum auch gewisse Kredit-
vorgänge preissteigernd wirken können, auch wenn sie nicht zu
einer Verunehrung der realen Zahlungsnrittel führen. Das ist
nämlich der Fall, wenn infolge gesteigerter Kreditanspan-
nrmg eine Vermehrung von Forderungen im Tauschverkehr ein-
tritt, welche nicht auf aus ihnr erzielten Erträgen beruht.

Kredit wird heute — d. h. nicht etwa erst im Weltftiege,
ondern mindestens schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts,
seit der Entwicklung des modernen Bankwesens — nicht nur aus
schon verfügbarem Geldkapital gewährt, also aus Ein-
kommen, welches der Bezieher nach seinem Gutdünken entweder
zum Konsum oder zur Kapitalbildung verwenden kann. Sondern
der heutige Mechanismus des Kreditwesens ermöglicht es, sowohl
aus erst später zu erwartenden Erträgen jetzt schon Kredit
zu geben, als besonders auch, Sachkapital wieder in die Geldform
zu verwandeln und solches Geldkapital, schon bevor die Am-
wandlung stattgefunden hat, im Wege des Kredits aus-
zuleihen. Mit anderen Worten, der Kredit ermöglicht es, Forde-
rungsrechte künstlich neu zu schaffen und sie ohne Zahlungs-
74
        <pb n="75" />
        ﻿mittet zu übertragen. Mindestens können so später aus dem regu-
lären Tauschverkehr zu erwartende Erträge bzw. Forderungen auf
sie schon für eine gewisse Zeit vorweggenommen, übertragen
und so verwertet werden, bevor sie auf Grund von Amsähen und
Leistungen in, Tauschverkehr wirklich verfügbar werden. Kredit
wird eben nicht nur mit schon vorhandenem Geldkapitat *) d. h.
schon bestehenden Forderungsrechten auf Erträge, gewährt, son-
dern er kann auch auf Grund späterer Kapitalbildung, erst
durch Leistungen im Tauschverkehr zu schaffender Erträge gewährt
werden. So kann im gewissen Sinne durch den Kredit Kapital
künstlich geschaffen werden.

Solche Fälle sind das Aberziehen von Guthaben und der
Akzeptkredit der Banken. Diese Kredite werden, sofern sie nicht
aus dem eigenen verfügbaren Kapital der Banken fließen, rein
rechnungsmäßig gewährt auf Grund erwarteter, später eintreffen-
der Depositengelder der Kunden oder sonstiger der Bank zufließen-
der Gelder oder Erträge aus deren Erwerbstätigkeit. Daß eine
solche vorübergehende Ausdehnung des Kredits für sich allein preis-
fteigernd wirken könne, ist kaum anzunehmen. Aber sie pflegt ge-
wöhnlich in Zeiten aufsteigender und stark spekulativer Konjunk-
turen vorgenommen zu werden, wenn viele Einkonunen steigen und
schon an sich eine starke Tendenz zu Preissteigerungen vorhanden ist.
Diese mag die Anspannung des Kredits dann noch verstärken.
Äier liegt dann jene Äberspannung des Kreditwesens vor, welche
eine künstlich vernrehrte Kaufkraft schafft, damit die Preissteige-
rungen verschärft und den Konjunkturumschlag zu beschleunigen
vermag.

Diese Fälle einer Kreditüberspannung sind wohl zuerst von
v. Beckerath und von v. Schulze-Gaevernih in ihren Schrif-
ten: „Kapitalmarkt und Geldmarkt" bzw. „Die deutsche
Kreditbank" im Grundriß der Sozialökonomie, Bd. VI, Jena
1916, erkannt worden. Sie unterscheiden, wie ich schon in „Geld
und Gold", S. 169 ff., ausgeführt habe, reale und formale Kauf
kraft, sind jedoch dabei noch zu sehr im Banne der quantitativ-
materialistischen Auffassung und kommen wegen des Fehlens des
Ertragsgedankens und einer darauf beruhenden geschlossenen Er-

Für den Kapitalbegriff und seine verschiedenen Arten muß ich hier
«uf Teil V b des I. Bandes meiner „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre",
Stuttgart 1916, verweisen.

76
        <pb n="76" />
        ﻿klärung der Preis- und Einkommensbildung nicht zu klaren Er-
gebnissen. Außer den von mir a. a. O. angeführten Stellen sei zu
unserem Problem noch folgender Sah v. Beckeraths zitiert (S. 78):
„Der Fall der Schaffung formaler Kaufkraft tritt erst dann ein,
wenn die Bank in der Kreditgewährung so weit gebt, daß sie tat-
sächlich über die ihr zur Kreditgewährung überstellten Vermögens-
teile hinaus und über ihr Eigenvermögen Kredit gewährt."
v. Schulze-Gaevernih führt folgende Fälle „formaler Kaufkraft"
an (S. 48 ff.): „Die Bank schafft bankmäßige Zahlungsmittel; sie
erkennt den Kunden etwa auf Scheck- oder Girokonto, ohne daß ihr
Einlagen in „Geldkapital" gemacht werden, etwa lediglich auf
Grund einer Kreditzusage im Kontokorrent. Oder die Bank
schreibt Wechsel gut, sivelche nicht in Bälde abgedeckt, vielmehr
prolongiert werden." Pier ist die Erscheinung als solche ganz
richtig erkannt, aber v. Schutzes dann folgender, von mir a. a. O.
schon kritisierter Erklärungsversuch, der die „formale Kaufkraft"
in echt materialistischer Weise dein „Bestand an realen Gütern",
„deren Menge eine gegebene ist", gegenüberstellt, verkennt voll
ommen, daß es bei dieser Kreditausdehnung nicht auf den Zu-
sammenhang mit der vorhandenen Gütermenge, sondern nur mit
den im Tauschverkehr erzielten Erträgen ankommt, über deren
Ausdehnung die Geldvcrmehrung auch im abstrakten Sinne nicht
hinausgehen darf. Auch bei Beckerath findet sich darüber nichts.

In Zeiten normalen Wirtschaftskebens ist man auch kauni in
der Lage, einen Einfluß solcher Kreditüberspannung auf die Preise
tatsächlich festzustellen, mag er in Zeiten der Lochkonjunktur auck
wirklich vorhanden sein. Dagegen hat er in Kriegszeiten im Ver-
laufe des neunzehnten Jahrhunderts oft genug eine Rolle gespielt,
und hier hätte man den Kausalzusammenhang schon längst fest-
stellen können, wenn man eben eine wirkliche Preis- und Ein-
kommenstheorie gehabt hätte und nicht hier und in der Geldlehre
durch den üblichen Materialismus irregeleitet worden wäre. Mit
der abstrakten Geldauffaffung erkennt man nun, daß der im Kriege
so häufige Fall der Begebung von Schahwechseln an die Notenbank,
wodurch in allen kriegführenden Ländern die wenigstens vorläufige
Bezahlung eines großen Teils der Kriegsausgaben erfolgte, auch
dann preissteigernd wirken kann, wenn diese Kredite nicht durch
Banknotenausgabe, sondern durch Einräumung von Forderungen
im Giro- oder Abrechnungsverkehr gewährt werden. Ich brauche
76
        <pb n="77" />
        ﻿nicht mehr zu sagen, daß es dabei nicht darauf ankommt, ob ein
„Bestand an realen Gütern" dahinter steht, sondern nur, ob diese
Kredite auf Grund von im Tauschverkehr erzielten Erträgen ge-
währt werden. Deren Vermehrung allein entsprechend darf
vermehrte Kreditgewährung vorgenommen werden, wenn nicht bei
größerem Amsang die neue, künstlich gejchassene Kaufkraft das bis-
herige Preis- und Einkommensystem ins Wanken bringen soll. Denn
nichts anderes als solche künstlich erzeugte, nicht aus dein Tausch-
verkehr entstandene und inr Rahmen aller seiner Preise und Ein-
kommen kalkulierte Erträge siird es dann, die dem Staate über-
wiesen werden. Mag der Staat an sich noch soviel Bertraueir ge-
nießen, iricht auf was, aufGrund welcher Sicherheit, welcher „Werte"
der Kredit gewährt rvird, nicht was als Deckung dient, sondern
womit er gewährt wird, ist für die Wirkungen auf die Preise
entscheidend. Daher ist auch solche Kreditgewährung verhältnis-
inäßig unbedenklich, wenn die Vorschüsse an den Staat alsbald
durch neue Steuern oder Anleihen, die aus den Erträgen oder aus
deni verfügbaren Kapital der Volkswirtschaft stammen, konsoli-
diert werden. Sie ist aber um so gefährlicher, je weniger die .Heran-
ziehung wirklicher Erträge und verfügbarer Geldkapitalien für diese
Zwecke möglich ist.

Schließlich sei noch auf eine Frage eingegangen, die wiederum
deutlich zeigt, daß die schönste isolierte Geldtheorie zur Erklärung
der tatsächlichen Probleme wertlos ist und daß nur ein geschloffenes
theoretisches System, das den ganzen tauschwirtschaftlichen
Mechanismus einheitlich erklärt, volle Klarheit zu bringen vermag.
Manche Leser werden vielleicht schon an dem Satz, daß nicht das
Geld, sondern daß die Einkommen die Güter kaufen, Anstoß ge-
nommen haben und darauf hinweisen, daß doch viele Güter, ja
genau genommen die große Mehrzahl aller Güter auch aus dem
Kapital oder deni Vermögen gekauft werden oder, wie wir
richtiger sagen wollen, daß auch Kapital und Vermögen, nicht nur
die Einkommen, Amsätze herbeiführen. Einige haben deswegen
auch schon meine abstrakte Geldauffassung, der sie im übrigen bei-
stimmten, zu verbessern gesucht, indenr sie statt Einkommen Kapital
oder Vermögen setzten. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß diese
Begriffe in der bisherigen materialistischen Theorie eine ganz
aitdere Bedeutung haben, mit der man in der abstrakten Geld-
auffassung nichts anfangen kann, indem sie dort Gütermengen

77
        <pb n="78" />
        ﻿bezeichnen, und daß sie erst von mir als Geldrechnungsbegriffe
klar bestimmt und meinem theoretischen System eingefügt worden sind.

In diesem Sinne, als Geldrechnungsbegriffe, ist es durchaus
richüg, daß auch Kapital und Vermögen die Güter kaufen und daß
die abstrakte Rechnungseinheit nicht nur Erträge ausdrückt. Aber
wir haben schon oben betont, daß die Amsähe in Gütern ent-
fernterer Ordnung nur im Äinblick auf die zu erzielenden
Preise für Genußgüter und damit zu erzielende Erträge von den
Konsumenten erfolgen. Die Kapitalumsähe sind also ein ständig
sich erneuerndes Rechnen mit Geldsummen und Waren, wie es
der Ausdruck umlaufendes Kapital bezeichnet und wie fdt&gt;ou
Marx mit seiner Formel 0 — W — Gi diesen Tauschverkehr, die
Tätigkeit der Erwerbswirtschaften richüg charakterisiert hat. *)
Ebenso vollziehen sich Amsätze zwischen stehendem Kapital
oder zwischen Vermögen und Geld, d. h. alle Sachgüter können
gelegentlich in die Geldform zurückverwandelt werden, in der mit
ihnen gewirtschaftet, d. h., wie wir wissen, gerechnet wird. Eine
Einwirkung auf das gesamte Preis- und Einkommensystem erfolgt
dabei aber nur, wenn diese Kapital- oder Vermögensgüter ver-
mehrt werden sollen. Dann wird es erforderlich, einen Teil der
Erträge und Einkommen, die sonst zmn Konsum verwendet werden
würden, dafür zurückzustellen. In welchem Anrfange das geschieht,
das zeigt die Theorie der Kapitalbildung im Zusammenhang mit
der Produküvitätstheorie (s. dafür einstweilen meine diesbezüg-
lichen Aufsätze in Schmollers „Jahrbuch" und in den „Jahrbüchern
für Nationalökonomie" 1912). Alle Amsähe in Kapitalgütern
erfolgen aber stets mit Rücksicht auf den Bedarf an Genußgütern
und daraus von den Erwerbswirtschasten zu erzielende Erträge,
und wenn es hier zu Preisveränderungen kommt, so geschehen sie
nur von der Nachfrage- oder Angebotsseite aus, wegen tatsächlicher
oder von den Erwerbswirtschaften erwarteter Steigerung der Nach-
frage, nicht aber von der Geldseite aus. Von ihr aus vollziehen
sich Preisveränderungen nur durch die Einkommen. Auch darin
spricht sich wieder die Tatsache aus, daß alle wirtschaftlichen Cr-

x) Das ist aber ein Fremdkörper in seinem sonst ganz materialistisch-
quantitativen System und ebenso in der ganzen ebenso materialistischen bis-
herigen Wirtschaststheorie. Vgl. dazu meine beiden Aufsähe „Kapital und
Kapitalismus" in der „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft",
1916/17, und jetzt Teil v, Kap. VI und Vii meiner „Grundsätze".^

78
        <pb n="79" />
        ﻿scheinungen nur aus den Einzelwirtschaften und ihren Erwägungen
zu erklären sind. Das Geld ist eben kein selbständiger Faktor im
tauschwirtschaftlichen Prozesse, sondern wirkt nur individualwiit-
schaftlich durch die Einkommen.

Deshalb bleibt es doch richtig, daß die Menge der realen Geld-
zeichen so groß sein muß, um auch den in Gutem entfernterer Ord-
nung sich vollziehenden Kleinverkehr zu genügen, z. B. dem An-
kauf seiner Werkzeuge durch den Bauern, der kein Bankkonto hat
und keinen bargeldlosen Zahlungsverkehr verwendet. Einen äußeren
Maßstab für den gesamten „Geldbedarf" gibt es aber nicht.
Eine gewisse Elastizität ist aber auch hier erwünscht, weil auch die
Amsätze des Kleinverkehrs erheblich schwanken können und schon
zu verschiedenen Zeiten des Jahres und, auf Grund wechselnder
Konjunkturen, längere Perioden in Betracht gezogen, sehr ver-
schieden sein können. Zur Schaffung solcher elastischer Zahlungs-
mittel für den Kleinverkehr ist die Ausgabe von Banknoten
nicht unzweckmäßig. Denn damit schafft sich der Verkehr im wesent-
lichen die Zahlungsmittel selbst, die er gebraucht. Eine Zentrali-
sation der Banknotenausgabe wäre dabei an sich nicht nötig, es
könnte jede größere Bank, vielleicht auf Grund einer besonderen Er-
laubnis, solche ausgeben, wenn nur eine einheitliche Kontrolle besteht,
daß wirklich nur auf gute Warenwechsel, also entsprechend dem
Amfange des regulären Verkehrs, Banknoten ausgegeben werden.
Ein übergeordnetes Institut dafür wäre daher doch erforderlich, dem
auch die Diskontpolitik übertragen sein müßte. Doch soll hier von
den Möglichkeiten einer Amgestaltung unseres ganzen Bankwesens
nicht gesprochen werden, ich wollte nur andeuten, daß auch au.f diesem
Gebiete alles in Fluß und die zweckmäßigste Wirtschaftsorgani-
sation noch keineswegs erreicht ist.

Es hätte nichts zu bedeuten, wenn in Zeiten mit geringerem
Geldbedarf die realen Zahlungsmittel in größerem Amfange zu
den Banken zurückströmen. Nur eine plötzliche starke Vermehrung
unb eventuell auch Verminderung des Geldes kann für die Preis-
gestaltung gefährlich sein, wobei aber, wie wir jetzt wissen, keines-
wegs nur an die realen Zahlungsmittel zu denken ist. In normalen
Zeiten liegt aber für derartige Eingriffe in das Zahlungswesen
gar keine Veranlassung vor.

Nur darf man nicht glauben, daß weil die realen Zahlungs-
mittel auch Vermögens- und Kapitalumsätze vermitteln, man

79
        <pb n="80" />
        ﻿solche einfach auf der Grundlage einer „Deckung" durch Kapital-
oder Vermögenswerte ausgeben dürfe. Dieser Irrtrnn ist von den
Zeiten John Laws her, der Banknoten auf die Deckung durch Grund
und Boden hin ausgab, bis in die neueste Zeit unendlich oft gemacht
worden, weil man eben auch heute noch von der wirklichen Natur
des Geldes und vom Einfluß seiner Vermehrung auf die. Preise
keine klare Vorstellung hatte. So hat auch im Weltkriege — das
ist bezeichnend für das Anverständnis auf diesen, Gebiete — die
Reichsregierung die Ausgabe der deutschen Darlehenskassenscheine
damit gerechtfertigt, daß ihnen doch „wirkliche Werte" zugrunde
lägen. Diese Begründung verrät einen derartigen Mangel an Ein-
sicht in den tauschwirtschaftlichen Mechanismus, daß ich es, offen
gestanden, durchaus begreife, wenn man allen sonstigen geldpoliti-
schen Maßnahnien der Regierung immer von vornherein mit großen,
Mißtrauen gegenübertreten würde. Es ist eben vom Standpunkt
der bisherigen materialistischen Auffassung und der darauf be-
ruhenden metallistischen Geldlehre unmöglich, zu erkennen, daß es
bei der Geldvermehrung nicht auf die „Deckung", sondern auf den
Einfluß auf die Einkommen und durch sie auf die Preise ankommt.
Diese „bankmäßige" Auffassung des Geldes, wie ich sie genannt
habe, die die Geldvermehrung vom Standpunkt des Bilanzstatus
einer Bank aus beurteilt und daher nur nach der bankmäßigen
Deckung, nicht aber nach dem volkswirtschaftlichen Einfluß auf das
Preis- und Einkommensystem sieht, ist höchst bedenklich. Leider
liegt sie unserem ganzen Geldwesen zugrunde und ist natürlich
nicht von heute auf morgen zu beseitigen.

Wir wissen jetzt, daß und warum nicht auf jedes Kapital- oder
Vermögensobjekt hin Zahlungsmittel ausgegeben werden dürfen
oder, allgemeiner ausgedrückt, eine Geldvermehrung vorgenommen
werden darf, sondern daß diese mit der Steigerung der Erträge
und höchstens mit der Vermehrung des Kapitals, die zu einer
Steigerung der Erträge führt, in Beziehung stehen muß. Wenn
auch die realen Zahlungsmittel gegenüber der abstrakten Rech-
nungseinheit, auf die sie lauten, nur eine verhältnismäßig geringe
Rolle spielen, so dürfen sie doch nicht beliebig vermehrt werden
auf Grund der „Deckung" durch irgendwelche Güter, die auch mit
der abstrakten Rechnungseinheit umgesetzt werden. Daher ist es auch
durchaus verkehrt, wenn noch kürzlich von einer der maßgebenden
Stellen im deutschen Geldwesen behauptet wurde, die Vermehrung
80
        <pb n="81" />
        ﻿des deutschen Papiergeldes im Weltkriege könne doch keinen nennens-
werten Einfluß auf die Preise ausgeübt haben angesichts der vielen
Lunderte von Milliarden (1916 1200 Milliarden), die allein durch
die Reichsbank jährlich umgesetzt würden. Auf diese Umsätze im
Kapitalienverkehr kommt es gar nicht an. Die Preise aller Kosten-
güter und aller Ertragswerte verkörpernden Effekten leiten sich doch
nur aus den Preiset» der Genußgüter ab. Diese werden aber aus
den Einkommen gekauft, und daher darf die Vermehrung der
realen Zahlungsmittel und des Geldes überhaupt nicht mit den
gesamten Umsätzen in der gesamten Volkswirtschaft, sondern nur
mit den auf 40 bis 45 Milliarden Mark zu schätzenden jährlichen
Erträgen und Einkommen im deutschen Wirtschaftsleben in
Beziehung gesetzt werden. Daß hierauf eine Summe von 2 Mil-
liarde»» Mark, um die gleich in den ersten Wochen des Krieges
unsere Geldmenge vermehrt wurde, »veil man auf Grund der
Deckungsbestiminungen gla»»bte, das ungestraft tun zu könne»», schon
»»icht ganz ohne Einfl»»ß bleiben konnte, ist anzunehme»», tveni» eben
dainit neue zusätzliche, »licht a»»s dem Tauschverkehr entstandeire Er-
träge und Einkornine»» geschaffei» wurden. Und das war der Fall,
sotveit die ausgegebenen Banknoten oder Darlehenskaffenscheine
nicht zur Bezahlung zurückfließender Gold»nü»»zen, sondern zum
Ankatlf von Pferde,», Automobilen u. dgl. dienten. Diese Wir-
kul»g auf die Preise mußte eintrete»», ganz einerlei, wie die Deckung
des Geldes durch Gold oder andere Deckungsmittel war.

Erst recht »»nterliegt es keine»n Zweifel, daß die Geldvermeh-
rung um etwa 10 bis 12 Milliarden Mark, wie wir sie 1917 hatte»»,
durch die Schaff»»ng künstlicher Kaufkraft ganz unabhängig von der
Gold- oder sonstigen „Deckung" die inländischen Preisverhältnisse
höchst ungünstig beeinflußt haben i»»uß. Wenn auch Mangel an
Arbeitskräften, Rohstoffen und Lebensmitteln und die dadurch
notwendig gewordenen Umstellungen der ganzen Volkswirtschaft
den größten Anteil an den starken Steigerungen der meiste»» Preise
in Deutschland haben, so kann doch ein Einfluß der gewaltigen
Geldvermehrung »»icht geleugnet werden, wenn er sich auch nicht
zahlenmäßig feststellen läßt. Aber man muß erkennen, sie »virkt
nicht automatisch, etwa durch Verminderung des Vertrauens zum
Gelde, sondern sie wirkt nur durch die Einkommen. U»»d vor allem
muß man erkennen, daß es nicht allein die Vermehrung der realen
2ahlu»»gsmittel ist, die preissteigernd wirkt, so daß »veder eine

Lief mann, Die Geldvermehrung im Weltkriege k	81
        <pb n="82" />
        ﻿metallistische noch eine staatliche Geldtheorie zur Erklärung dieser
Erscheinungen genügen kann, sondern daß auch Kreditanspannung,
wenn sie nicht auf im Tauschverkehr erzielten Erträgen beruht,
dieselbe Wirkung hat.

Letzten Endes müssen alle bedeutenderen Einkommensteige-
rungen und Einkommenverschiebungen in der Volkswirtschaft preis-
steigernd wirken. Der Staat hat daher alle Veranlassung, sie in
kritischen Zeiten möglichst zu verhindern. Davon hat man bei uns
bisher auf Grund ungenügender Einsicht der Wissenschaft in den
Mechanismus des Tauschverkehrs gar keine Vorstellung gehabt.
Die Militärverwaltung hat schon bei Abschluß von Verträgen vor-
dem Kriege vielfach übermäßig hohe Preise bewilligt, Kantinen-
wirte an den Bahnhöfen haben, unr nur ein Beispiel anzuführen,
auf Grund überniäßig hoher Preise, die ihnen bewilligt worden
waren, in wenigen Wochen Lunderttausende verdient; man hat
vielfach übermäßig hohe Gehälter gewährt und dann auch weiter-
hin nichts getan, um starke Einkommensteigerungen und -Verschie-
bungen zu verhindern. Die künstliche Kaufkraft, die sich der Staat
durch Kreditinanspruchnahme bei der Notenbank schuf, hat dann
bei den Lieferanten, die er in dieser Weise bezahlte, weitergewirkt
und hat zu den lächerlich hohen Preisen aller Luxusgüter, der un-
gesunden Spekulation in Effekten, Altertümern, Juwelen, Brief-
marken usw. geführt, die überall zu verzeichnen ist. Alles das ist
eingetreten unabhängig von der Steigerung der Preise durch
Mangel an Rohstoffen und Arbeitskräften, hat aber dann diesen
Hauptgrund der Preissteigerungen in seiner Wirksamkeit noch
verstärkt.

Wenn Luxusgüter und Effekten in solchen Zeiten wirtschaft-
licher Erschütterungen wie im Kriege im Preise steigen, so ist das
immer ein Zeichen ungünstiger Einkommensverschiebungen und der
Bereicherung einzelner Gruppen und Klassen aus diesen Verhält-
nissen, unter denen die große Mehrheit des Volkes stark leidet.
Das hätte man eigentlich schon längst einsehen und es als eine der
wichtigsten Aufgaben des Staates im Kriege erkennen können,
darin mit aller Energie einzugreifen. Die Behauptung mancher
Schriftsteller, daß die Kapitalbildung nicht gehindert werden dürfe,
wirkt demgegenüber geradezu wie Lohn auf jede Einsicht in die
wirtschaftlichen Zusammenhänge. Die Ausdehnung der Spekulation,
die Preissteigerungen z. B. für Effekten, aber auch für alle Arten
82
        <pb n="83" />
        ﻿von Luxusgütern sind daher bei allen kriegführenden Staaten ein
guter Maßstab dafür, in welchem Amfange die Regierung volks-
wirtschaftliches Verständnis, Einsicht in die tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge gezeigt hat. Wo man am nachlässigsten war
starken Einkommensteigerungeil gegenüber, wo man am wenigsten
entschieden sie durch Steuern einzuschränken suchte, wo man am
meisten nach altem Muster die Notenpresse in Bewegung sehte, da
ist auch, infolge künstlicher Einkommensteigerungen, die Spekulation
am zügellosesten ins Kraut geschossen, da sind für Effekten und für
alle Arten von Luxusgütern die tollsten Preise bezahlt worden.
Am ungünstigsten stehen in dieser Pinsicht Rußland und Österreich-
Angarn da. In ersterem Lande ist das durch die politische Anarchie
nur zu erklärlich, in letzterem Lande aber ist es nur die Folge höchst
bedauerlicher wirtschastspolitischer Nachlässigkeit. Angesunde Effek-
tenspekulation, wahnsinniger Luxuskonsum mit unerhörten Preis-
sprüngen für alle derartigen Güter haben sich hier am meisten ent-
wickelt. Entsprechend sind auch die Valuten dieser Länder am
meisten gesunken, und man kann sagen, daß eine gewisse Parallelität
besteht zwischen den Valutarückgängen und dem Amfang der in-
ländischen Spekulation. Nach diesen Ländern aber kommt Italien,
und dann, soweit ich sehen kann, sehr bald leider Deutschland, wäh-
rend England in dieser Pinsicht weitaus am günstigsten dasteht,
da es viel früher und entschiedener als die anderen Länder starke
Einkommensteigerungen durch Steuererhöhungen einzuschränken ver-
standen hat. Erst neuerdings scheint sich auch dort eine große
Effektenspekulation zu entwickeln mit großen Kurssteigerungen, ein
Beweis dafür, daß auch dort die künstlichen Einkommensteigerungen
nicht genügend hintangehalten wurden. Die Wichtigkeit dieser Auf-
gabe auch für die Zeit nach dem Kriege, um wieder zu normalen
Preisen und damit zu der Möglichkeit geordneten Tauschverkehrs
mit anderen Ländern zu gelangen, kann gar nicht hoch genug ein-
geschätzt werden. Ich spreche die Losfnung aus, daß sich die maß-
gebenden Persönlichkeiten diese Gesichtspunkte sehr sorgfältig über-
legen möchten.
        <pb n="84" />
        ﻿Fünftes Kapitel

Die Inflation und ihre Wirkungen

haben wir nun die wissenschaftliche Grundlage für die Be--
urteilung des Inflationsproblems gewonnen, das also
doch nicht ganz so einfach ist, wie es die reinen Geldpolitiker, wem:
sie dazu Stellung nehmen, glauben. Die naive Vorstellung, Infla-
tion bedeute Äbermaß an Zahlungsmitteln, Übersättigung
des Verkehrs mit Zahlungsmitteln, und man könne mit
dieser Auffassung irgend etwas erklären, wie sie dem größten Teil
der Erörterungen und auch den amtlichen Publikationen darüber
zugrunde liegt, ist mit der Erkenntnis dieser Zusammenhänge und
der abstrakten Natur des Geldes ohne weiteres erledigt. Auf die
realen Zahlungsmittel kommt immer weniger an, wir wissen aber
jetzt, wann und unter welchen Bedingungen man auch sie nicht
stark vermehren darf, wenn auch eine solche Vermehrung heutzutage
wegen der großen Zahl aller rechnungsmäßig erfolgenden Amsähe
viel geringere Bedeutung für die Preisbildung hat als früher.
Daher kann der Verkehr heute eine Milliardenzufuhr von Papier-
geld vertragen, ohne daß es gleich zu katastrophalen Wirkungen
kommt. Aber der ungünstige Einfluß auf die Preisgestaltung ist
trotzdem vorhanden und wird durch den Hinweis, daß der Ver-
kehr sie aufgenommen habe und aus diesen oder jenen Gründen
mehr reale Zahlungsmittel gebrauche, nicht im geringsten wider-
legt. Der Verkehr kann sie um so mehr aufnehmen, als eben
durch die mit ihnen künstlich geschaffene vermehrte Kaufkraft die
meisten Preise stark gestiegen sind und man daher im Kleinverkehr
mehr Zahlungsmittel gebraucht. Solange daher der Verkehr nicht
von Mißtrauen gegen die staatlichen Zahlungsmittel erfüllt ist,
sie einfach nicht nehmen will, kann die Schaffung von solchen ge-
wissermaßen unendlich weiter gehen. Je mehr geschaffen werden.

84
        <pb n="85" />
        ﻿um so mehr steigen die Preise und um so mehr „braucht" der Klein-
verkehr, ohne daß ich natürlich hier irgendeine Proportionalität
dabei behaupten will.

Daß der Verkehr die Zahlungsmittel aufnehmen könne, ist,
wie man jetzt leicht erkennen wird, eine der im Wirtschaftsleben
leider häufigen Schrauben „ohne Ende", d. h. eines Wechselverhält-
niffes von Ursachen und Wirkungen. Durch hohe Zölle werden
die Güterpreise in die Äöhe getrieben, und dann „braucht" die Land-
wirtschaft immer höhere Zölle. So auch hier. Zuerst wird durch
den Kriegsbedarf und durch Notenvermehrung eine allgemeine
Preissteigerung herbeigeführt, und dann „braucht" der Verkehr
immer mehr Noten. Eine solche Argumentation mit dem „Geld-
bedarf" sollte man auch in Kriegszeiten, wo vielleicht manches
beschönigt werden darf, in Zukunft nicht mehr zur Rechtfertigung
der Benutzung der Notenpresse verwenden. Denn sie entspricht
doch gar zu wenig mehr den neueren Erkenntnissen der Wissenschaft,
die man auf die Dauer nicht ignorieren kann.

Die ganze Vorstellung eines bestimmten „Geldbedarfs", einer
bestimmten Geldmenge, die der Verkehr brauche und für die zu
sorgen die wichtigste Aufgabe der staatlichen Geldpolitik, seiner
„Geldschöpfung" sei, ist höchst irreführend, ist nur ein Ausfluß der
hergebrachten materialistischen Auffassung des Geldes, deren Kon-
sequenz der Metallismus ist.

Einen äußeren Maßstab dafür, wieviel reale Zahlungsmittel
der Verkehr gebraucht, gibt es, wie schon gesagt, nicht. Das ist in
verschiedenen Ländern, je nach den Gewohnheiten des Kleinver-
kehrs, sehr verschieden, und wir haben im Weltkriege gesehen, daß
sich diese Gewohnheiten unter Amständen schnell ändern, daß auch
die alte Sitte der Geldthesaurierung in kritischen Zeiten schnell
wieder erwacht und selbst unterwertigem Metallgeld und Bank-
noten gegenüber Platz greifen kann (in Frankreich sollen mehrere
Milliarden Banknoten thesauriert worden sein).

Aber ganz verkehrt ist es, wenn noch so oft, sogar von den
fortgeschrittensten Geldtheoretikern, gesagt wird, daß die Ver-
mehrung des Geldes, insbesondere des Papiergeldes, „durch den
Geldbedarf" bestimmt werden müsse. Was soll man zu einer solchen
Theorie sagen, wenn Otto Äeyn, der gegenüber meiner Geld-
und Wirtschaftstheorie immer seine eigene ins Feld führt, noch
ueuestens in seiner Besprechung meines Buches: „Probleme des

85
        <pb n="86" />
        ﻿Geldwesens", eine Erwiderung auf Liefmanns „Geld und Gold",

. „Weltwirtschaftliches Archiv", Juni 1917, S. 186, in dieser Frage
zu dem Schlußergebnis kommt, der Staat habe die Aufgabe, „die
Ausgabe von Geldzeichen in gewissen Schranken zu halten, um
die Entstehung von Mißtrauen zu verhüten. Soweit
aber die hierdurch gezogenen Grenzen nicht überschritten werden,
darf für die Ausgabe von Geld lediglich der Bedarf des geschäft-
lichen Verkehrs maßgebend sein." Man erkennt jetzt, daß damit
nicht im geringsten eine Handhabe für die notwendige Geldschöpfung,
sondern im Gegenteil dem Staate ein Mittel gegeben ist, um die
Schaffung künstlicher Kaufkraft für seine Zwecke mit einer solchen
anscheinend plausiblen Begründung zu verschleiern. Denn wir
sahen, daß dieser „Geldbedarf" auch durch Kreditanspannung be-
friedigt werden kann, und es ist daher ein logischer Widersinn,
wenn Noininalisten wie Lehn den Geldbedarf des Verkehrs für die
Geldvermehrung entscheidend sein lassen wollen.

Etwas ganz anderes ist aber ein plötzliches Fehlen gewisser
Münzsorten im Kleinverkehr. Die großen Zinsätze werden nur ver-
rechnet, und sofern dabei doch Zahlungsmittel gebraucht werden,
schafft der Verkehr sie sich selbst. Diese Amsatz- oder Verrechnungs-
mittel sind daher eine außerordentlich elastische Größe, und gar im
Sinne der abstrakten Rechnungseinheit ist ein bestiinmter „Geld-
bedarf" in der Volkswirtschaft überhaupt nicht festzustellen. Im
Kleinverkehr aber kann ein Mangel an realen Zahlungsmitteln
vor allem in Kriegszeiten entstehen, wenn solche thesauriert werden,
ihr Zirkulationsgebiet sich erweitert, infolge von Änderungen in den
Zahlungsgewohnheiten mehr in bar bezahlt wird oder wenn in-
folge der Preissteigerungen mehr Zahlungsmittel für die Ver-
mittlung der Amsätze erforderlich sind. Es handelt sich dabei aber
schon nicht mehr um 100- oder gar 1000-Markscheine, sondern
vor allem um die Scheidemünze, die kleinsten Zahlungsmittel des
Verkehrs. Ihr Mangel kann Anbequemlichkeiten im Gefolge
haben, die sich sehr allgemein bemerkbar machen, aber in den
öffentlichen Erörterungen darüber und auch in der wissenschaft-
lichen Behandlung wird die Wichtigkeit der Frage gewaltig über-
trieben.

In Deutschland freilich gewann im Weltkrieg diese Frage eine
Bedeutung, wie es sonst nicht leicht wieder vorkommen wird. Denn
durch den gewaltigen Amfang der von uns besetzten Gebiete gingen
86
        <pb n="87" />
        ﻿große Mengen deutscher Zahlungsmittel ins Ausland, während
andererseits wegen des Mangels an den bisher dazu benutzten
Metallen die Herstellung neuer Scheidemünzen in der bisherigen
Art nicht' vorgenommen werden konnte. Man hätte unter diesen
Amständen in den besetzten Gebieten zur Ausgabe eigener Zahlungs-
mittel schreiten bzw. viel mehr als früher mit Requisitionsscheinen
zahlen und die Mitnahme und Verausgabung deutscher Zahlungs-
mittel viel strenger verbieten sollen. Aber die Verwendung der
Banknoten für diese Zwecke kam zum Teil dem Interesse des
Staates an der Benutzung der Notenpresse entgegen, während sie
andererseits den in den bisherigen Deckungsvorschriften wurzelnden
allgemeinen Anschauungen unerwünscht erscheinen mußte. So kan:
es zu dem Dilemma, daß während auf der einen Seite der Abfluß
von möglichst viel Banknoten aus Deutschland vorteilhaft erscheinen
mußte, weil das Ausland damit eine unverzinsliche Schuld Deutsch-
lands annahm, das Interesse der Notenbank als Schuldnerin
in entgegengesetzter Richtung ging. Aber wir wissen jetzt — und
das ist ein Erkenntnis von allergrößter Wichtigkeit —, daß es nicht
auf das Verhältnis der Zahlungsmittelmengen zu den Gütermengen
ankommt, sondern ausschließlich auf die Geldvermehrung im
abstrakten Sinne auf der einen Seite, die Steigerung der im
Tauschverkehr erzielten Erträge auf der anderen Seite. Mit
anderen Worten: das wirtschaftliche Problem ist auch hier, wie
überall, ein typisch Dynamisches, hat Bewegungserscheinungen
zu erfassen, und man erkennt, wie sehr die Theorien der Quantitäts-
nationalökonomen wie Clark, Schumpeter u. a. in die Irre gehen,
die die Volkswirtschaft in einem statischen Zustande betrachten
wollen.

Für die Probleme der Geldvermehrung ist die Frage des
größeren Bedarfs an Zahlungsmitteln im Kleinverkehr ohne Be-
deutung. Denn eine Inflation wird durch Vermehrung der Scheide-
münze nicht leicht herbeigeführt werden können. Aber auch die Aus-
gabe von privatem Notgeld, die zu Beginn des Krieges und
auch jetzt wieder in großem Amfange erfolgt ist, hat unter so un-
wöhnlichen Verhältnissen, wie wir sie in diesen: Kriege hatten,
keinerlei Bedenken. Sie helfen dem lokalen Kleingeldmangel ab,
der zu Beginn des Krieges durch staatliche Maßnahmen gar nicht
zu vermeiden gewesen wäre, und zirkulieren in einem beschränkten
Kreise. Die juristischen Erörterungen darüber, ob dieses Notgeld

87
        <pb n="88" />
        ﻿gegen das staatliche Münzmonopol verstoße (§ 8 des Reichsmünz-
gesetzes vom 30. April 1874) und, wenn es aus Papier besteht,
sich mit den gesetzlich festgelegten „Grundsätzen über die Emission
von Papiergeld" vereinigen lasse, und ob nicht die'Ausgabe
solcher „Geldersatzscheine" nach den Vorschriften des Bürgerlichen
Gesetzbuches über Inhaberpapiere (§ 793 ff.) unzulässig sei, sind
wirtschaftlich vollkommen überflüssig. Sie sind rein von der mate-
rialistisch-metallistischen Auffassung des Geldes aus gesehen, und
die Juristen täten gut daran, zunächst einmal diese unhaltbare Auf-
fassung des Geldes als „bewegliche Sachen" zu revidieren.*)

Der Staat soll zwar für eine gewisse Elastizität, eine ge-
wisse Vermehrungsmöglichkeit seiner Zahlungsmittel für den
Kleinverkehr sorgen, aber wenn sie in solchen außergewöhnlichen
Zeiten nicht ausreichen, ist es durchaus unbedenklich, ja das
allein Zweckmäßige, daß man sich im lokalen Verkehr mit der-
artigen Geldzeichen, am besten von den Kommunen ausgegeben,
hilft. Das heißt natürlich nicht, daß der Staat die Schöpfung
solcher Geldzeichen ganz dem freien Belieben der Kommunen über-
lassen solle. Es ist im Gegenteil notwendig, daß allgemeine Vor-
schriften darüber erlassen werden, wobei der Staat aber nicht die
Aufrechterhaltung des Münzgesetzes oder der bestehenden Be-
stimmungen für Jnhaberpapiere, sondern einzig und allein die Be-
dürfnisse des Verkehrs auf Grund richtiger Einsicht in das Geld-
wesen im Auge haben sollte. Der Staat könnte sich also sehr wohl
ein Genehmigungsrecht für Ausgabe solcher Geldzeichen vorbe-
halten, vorausgesetzt eben, daß es verständnisvoll angewendet
wird, er könnte die Ausgabe in zu kleinen Kommunen untersagen,
gewisse Vorschriften für Inhalt und Form dieser Geldzeichen er-
lassen usw. Die Entscheidung darüber sollte aber nicht der Reichs-
bank überlassen sein, die jetzt ganz unzweckmäßigerweise mit allen
unseren Geldproblemen befaßt wird, sondern es müßte ein eigenes
Reichswährungsamt geschaffen werden, dem, unabhängig von
der Reichsbank, die Aufsicht über unser ganzes Geldwesen zu über-
tragen wäre.

Irgendwelche größere Bedeutung kann dieser Frage des Geld-
bedarfs aber nicht beigemeffen werden. Da nicht das „Geld"

9 Diese Definition noch neuestens in der im übrigen sehr instruktiven
Arbeit von Martin Wolfs: „Das Geld" im Landbuch des gesamten
Landelsrechts, herausgegeben von Viktor Ehrenberg.

88
        <pb n="89" />
        ﻿in diesem materiellen Sinne, sondern die Einkommen die Güter
kaufen, knüpfen sich die geldpolitischen Aufgaben des Staates auch
an die Einkommen und bestehen in der Verhinderung starker
Einkommenssteigerungen und Einkommensverschiebun-
gen. Das konnte man allerdings mit der bisherigen materialisti-
schen Geldlehre und der ihr entsprechenden materialistischen Wirt-
schaftstheorie nicht erkennen, die über den Zusammenhang zwischeir
Geld, Preis und Einkommen nur ganz unklare Vorstellungen hatte.

Jedenfalls sollte man solche Argumentationen, wie man sie
heute unendlich oft nicht nur in der Tagespresse, sondern auch in
der wissenschaftlichen Literatur und vor allem auch in amtlichen
Denkschriften und Berichten liest, daß in Deutschland keine Inflation
vorhanden sei, weil der Verkehr die neuen Zahlungsmittel brauche
und alle von ihm aufgenommen seien, in Zukunft unterlassen.
Namentlich in amtlichen Auslassungen und Denkschriften, etwa in
solchen der Reichsbank, machen sie einen sehr schlechten Eindruck.
Denn sie geben der Vermutung Raum, daßchie amtlichen Stellen
nicht die mindeste Vorstellung davon haben, worauf es bei den
Problemen der Geldvermehrung ankommt. And wenn die leitenden
Persönlichkeiten sich dabei, wie gesagt, auch mit Recht auf die -
Mängel der bisherigen Wissenschaft berufen können, so haben doch
auch sie die Pflicht, sich über die Fortschritte der Wissenschaft zu
informieren. —-

Mit dem Gesagten ist nun auch Klarheit über den Begriff
der Inflation geschaffen, über den noch infolge mangelnder Ein-
sicht in die tauschwirtschastlichen Zusammenhänge sehr sonderbare An-
sichten bestehen. Es hat natürlich keinen Sinn, jede Geldvermehrung
lchon als Inflation zu bezeichnen oder sie als „Übersättigung"
des Verkehrs mit Zahlungsmitteln, als „übermäßige" Ausgabe
von Zahlungsmitteln zu „definieren", wie es noch neuestens ge-
schehen ist. Damit ist nichts erklärt. Sondern Inflation ist nichts
anderes als der Einfluß der Geldvermehrung aus die
Preise. Dabei ist natürlich der Begriff des Geldes und
der Geldvermehrung vorher festzustellen. Das ist nur mit einer
allgemeinen Wirtschaststheorie möglich, und aus ihr, also aus
der Preis- und Einkommenslehre ergibt sich dann auch, wann
und unter welchen Bedingungen ein solcher Einfluß der
Geldvermehrung aus die Preise sich vollzieht. Grundlegend
lst für das Inflaüonsproblem die Erkenntnis, daß es nicht

89
        <pb n="90" />
        ﻿allein auf die Vermehrung der realen Zahlungsmittel ankommt,
sondern daß auch die Ausdehnung der Kaufkraft im Wege des
Girokredits preissteigernd wirkt, wenn sie nicht mit der Ver-
mehrung der im Tauschverkehr erzielten Erträge im Zusammen-
hang steht. Daher kann man auch von einer Kredit- oder Giro-
inflation sprechen. Die Definition der Inflation: Einfluß der
Geldvermehrung auf die Preise und der Begriff der Geld-
vermehrung im Titel unserer Schrift könnten danach als zu eng
erscheinen. Man könnte auch vielleicht von „Geldverschlechte-
rung" sprechen, die auch die Kreditinflation mit umfaßt. Aber ob-
gleich bei dieser die Menge des realen Geldes nicht vermehrt zu
werden braucht, behalte ich absichtlich den Ausdruck Geldvermeh-
rung bei, indem ich auch hier, wie überall, den Geldbegriff im
abstrakten Sinne fasse. Die Benutzung der abstrakten
Rechnungseinheit wird auch bei der Giroinflation
vermehrt und deren Vermehrung, nicht nur die der realen Zah-
lungsmittel, ist, wie wir wissen, das Entscheidende. Aber freilich
ist das Fremdwort Inflation glücklicher, denn um eine künstliche
„Aufblähung" des ganzen tauschwirtschaftlichen Organismus
- handelt es sich in der Tat.

Wenn man in der Definiüon der Inflation auch gleich zum
Ausdruck bringen will, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen
sie vorliegt, so kann man also sagen: Inflation liegt dann vor,
wenn eine Geldvermehrung nicht mit der Steigerung
der im Tauschverkehr erzielten Erträge in Zusammen-
hang steht, oder anders ausgedrückt, wenn dadurch zusätz-
liche, nicht aus dem regulären Tauschverkehr und seinen
Erträgen stammende Kaufkraft geschaffen wird. Das
wird immer das entscheidende Kriterium sein, wobei natürlich nicht
gesagt ist, daß es stets einwandfrei festzustellen ist. Es ist der
theoreüsch maßgebende Gesichtspunkt, der die tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge erkennen läßt, was nur mit der allgemeinen Er-
tragstheorie möglich war.

Betrachten wir nun näher, wie die verschiedenen möglichen
Arten der Geldvermehrung die Gefahr einer Inflatton in
sich bergen. Die Wirkung der Geldvermehrung auf die Preise
ergibt sich also nicht schon aus der bloßen Betrachtung ihres ßlm-
90
        <pb n="91" />
        ﻿fanges, wenn dieser wirklich festzustellen ist, wie die Ouantitäts-
theorie meint, die immer an irgendeine Proportionalität dabei
glaubt, sondern es müssen die Amstände berücksichtigt werden, aus
denen sie erfolgt. Man kann allgemein sagen, daß die Geldver-
mehrung um so weniger bedenklich ist, je direkter sie mit einer Er-
weiterung des Tauschverkehrs und mit Erträgen aus ihm in Be-
ziehung steht, wobei aber zu beachten ist, daß gesteigerte Erträge
und gesteigerte Amsähe im Tauschverkehr dann auch wieder die
Folge einer Geldvermehrung sein können.

Am unbedenklichsten ist jedenfalls immer die Vermehrung
des Metallgeldes. Darauf beruht, solange die Einsicht in das
Geldwesen so gering und das Bestreben der Staaten, es zum Zwecke
vorübergehender Einnahmebeschaffung zu benutzen, so groß und die
sonstigen Kautelen dagegen noch ungenügend sind, der Äaupt-
vorzug des Metallgeldes, der einzige Grund, der es allenfalls be-
rechtigt erscheinen läßt, in bloßen Tauschmitteln Milliarden fest-
zulegen. Nicht als ob nicht auch eine Vermehrung des Metall-
geldes einen Einfluß auf die Preise haben könnte; wir haben in den
ersten Jahren des Weltkrieges in Amerika und in anderen neutralen
Ländern gesehen, wie der starke Goldzufluß offenbar bei der Er-
höhung aller Preise mitwirkte. Aber das Gold muß wie eine
andere Ware gekauft, d. h. mit den Erträgen, die in der Volks-
wirtschaft erzielt worden sind, bezahlt werden. Darin liegt eben der
Vorteil einer Währung, die auf einem wertgeschätzten Stoffe be-
ruht, daß die dem Staate mögliche Vermehrung der realen Zah-
lungsmittel hier etwas kostet, also nicht eine rein zusätzliche Kauf-
kraft bedeuten kann. Aber andererseits liegt die Gefahr der mit den
heutigen Goldwährungen verbundenen freien Goldprägung
darin, daß die Goldproduktionsländer, also vor allem England,
überall beliebig viel Gold absehen können zu in der Währung aus-
gedrückten festen Preisen, daß sie so die in einem Lande vorhandene
Geldmenge beliebig vermehren und damit auf die Preise ein-
wirken können. Denn auch wenn der Ankauf von Gold etwas kostet,
d. h. letzten Endes mit den Produkten unserer Arbeit bezahlt
werden muß, so kann doch auf diese Weise die Vermehrung der
Zahlungsmittel übermäßig gesteigert werden, zumal nach den üb-
lichen Vorschriften über Banknotendeckung darauf das Dreifache
an Banknoten ausgegeben werden darf. Auch das ist ein Gedanke,
der nur mit unserer Wirtschaftstheorie zu gewinnen war. Es ge-

91
        <pb n="92" />
        ﻿hört das Anverständnis der bisherigen, auf dem Boden des Me-
tallismus stehenden Geldtheorie und Geldpolitik dazu, um sich in
dieser Weise zu verpflichten, eine Ware in unbegrenzten Mengen,
die ganz im Belieben des Auslandes stehen, zu festen Preisen auf-
zunehmen, wie es bei der freien Prägung zugunsten Englands
geschieht, und dann womöglich noch zu glauben, daß ohne eine Ein-
wirkung auf die Preise darauf das Dreifache an Banknoten aus-
gegeben werden dürfe.

Immerhin war diese Organisation, wenn auch höchst kost-
spielig, für die Stabilität unserer Währung und unserer Preise in
früheren Zeiten ziemlich ungefährlich, da England in der ganzen
Welt den Goldhunger zu entfachen verstanden hatte. Doch hätte
die enorm gesteigerte Goldproduktion den vernünftigen Bedarf
für monetäre Zwecke weit überschritten, und die ganze Anvernunft
der fteien Prägung wäre ans Licht gekommen, wenn nicht Gold
in noch größerem Amfang auch für Schmuckzwecke gebraucht würde.
Nach dem Kriege muß man sich aber in der Tat, nicht etwa nur bei
uns, sondern bei allen Nationen, die Frage vorlegen, ob es nötig
ist, noch weiterhin Milliarden von Werten in bloßen Zahlungs-
mitteln festzulegen (s. darüber im letzten Kapitel). Denn die obige
Erwägung spricht ja nur für die Zweckmäßigkeit einer Deckung
der papiernen Zahlungsmittel, weil damit deren Ausgabe etwas
kostet, also aus Erträgen im Tauschverkehr bezahlt werden muß.
Sie spricht aber keineswegs dafür, daß dieses Deckungsmittel
gerade Gold sein muß, was vielmehr nur im Interesse der Laupt-
goldproduktionsländer ist. Wenn es auch in Zukunft nicht mög-
lich sein sollte, das Geldwesen so unabhängig vom Staate zu ge-
stalten, daß keine Gefahr mehr vorhanden ist, der Staat könne in
seinem vorübergehenden Interesse die Geldschöpfung ohne Kosten
übermäßig steigern, so wäre es das Nächstliegende, die Ausgabe
papierner Zahlungsmittel an die Kriegsvorratswirtschaft an-
zuknüpfen. Statt durch Gold sollte unser in festem Betrage um-
laufendes Staatspapiergeld — die Banknoten könnten durch
Warenwechsel gedeckt sein — durch wichtige Rohstoffe gedeckt
werden, von denen es für den Fall eines Krieges nützlich ist, große
Vorräte zu besitzen, z. B. Kupfer, Nickel, Baumwolle u. dgl.
Der Einwand, daß diese leicht stark im Werte fallen könnten, ist
unzutreffend. Im Falle eines großen Krieges steigen diese Roh-
stoffe stark im Werte, wie die Erfahrung zeigt, während das einzige
92
        <pb n="93" />
        ﻿Metall, das nicht im Preise gestiegen ist, gerade Gold ist. Es
wäre aber sogar stark im Preise gefallen, wenn es nicht durch
das Institut der freien Prägung und den noch vielfach herrschenden
Goldhunger auf seinem festen Preise gehalten würde. Denn in
Kriegszeiten bestimmt eben die praktische Verwendbarkeit einer
Ware ihren Preis (wegen seiner Seltenheit ist aber Gold praktisch
wenig verwendbar) und man verzichtet dann darauf, auf solche
eingebildete Notwendigkeiten wie Golddeckung Kosten zu ver-
wenden.

In der Kostenlosigkeit liegt natürlich die Gefahr aller papierner
Zahlungsmittel, die nicht geleugnet werden soll, die aber durch
geeignete Maßregeln behoben werden kann, wofern nur die richtige
Einsicht in das Geldwesen und seine Funktionen im Tauschverkehr
vorhanden ist. Jedenfalls ist aus diesem Grunde vom Standpunkt
der Einwirkung auf die Preise sehr viel weniger unbedenklich als
die Vermehrung des Metallgeldes ohne Zweifel das andere be-
wegliche Element in unserem Geldwesen, die Ausgabe von
Banknoten, selbst in normalen Zeiten. Immerhin ist die Aus-
gabe von Banknoten auf gute Warenwechsel an sich kein ungesundes
Prinzip, um eine gewisse Elastizität der Zahlungsmittel zu ver-
schiedenen Zeiten herbeizuführen. Denn man konnte annehmen,
daß die Vermehrung der Banknotenausgabe mit der Vermehrung
der Umsähe im Tauschverkehr und damit vielleicht auch mit dem
„Geldbedarf" in Zusammenhang stehe, wenngleich dieser als aus
dem Kleinverkehr stammend doch wesentlich andere Schichten um-
faßt als die, in denen der Wechselverkehr stattfindet und in denen
eben der bargeldlose Verkehr vorherrscht. Dann aber kommt es,
wie wir wissen, überhaupt nicht auf die Anpassung der Menge
realer Zahlungsmittel an die Umsähe an, wie noch Bendixen
glaubt, sondern an die Erträge und Einkommen, und es bleibt
daher noch zu untersuchen, inwieweit die Banknotenvermehrung
auf Grund der Einreichung von Warenwechseln wirklich auch mit
einer Zunahme der Erträge in der Volkswirtschaft korrespon-
diert. Da ist zu sagen, daß größere Wechseleinreichungen wohl
größere Aktivität in der Volkswirtschaft und damit auch größere
Erträge bedeuten können, daß man aber den eingereichten Wechseln
ihre wirtschaftliche Grundlage nicht immer ansehen kann. Denn
der größere Wechselumlauf kann auf stärkerer Inanspruchnahme
von Kredit beruhen, ohne daß damit wirklich die Leistungen im

93
        <pb n="94" />
        ﻿Tauschverkehr erhöht werden. In Spekulationszeiten kann ein und
dieselbe Ware durch sehr viel mehr Lände gehen als in normalen,
und das kann zu einer Vergrößerung des Wechselumlaufes führen,
ohne daß die Erträge in der Volkswirtschaft gestiegen sind. Die
darauf hin erfolgende Steigerung der Banknotenausgabe oder
auch nur die stärkere Ausdehnung des Kredits im Girowege kann
zu künstlich vermehrter Kaufkraft, zu Preissteigerungen und zu
einer Aufblähung der günstigen Konjunktur führen, welche das
Eintreten des Umschlags beschleunigen wird. So kann eine typische
Spekulations- und Kreditkrisis, wenn auch nicht erzeugt, so doch
durch diese Art von Geldschöpfung verstärkt werden.

Von einer „klassischen Geldschöpfung", wie Bendixen
die Ausgabe von Banknoten auf Warenwechsel nennt, kann also
keine Rede sein. Er hat eben noch keine Vorstellung davon, daß
die Geldvermehrung mit den Erträgen im Tauschverkehr in Zu-
sammenhang stehen muß. Es ist daher unverständlich, wie W. Fe-
dern im 9. Teil seines Aussatzes, „Österr. Volkswirt" vom 3. No-
vember 1917, schreiben kann: „Erst Bendixens Forderung nach
Warenwechseln als Basis der Geldschöpfung, die Liefmann ab-
lehnt — wohl aus keinen! anderen Grunde, als weil er überhaupt
keinen Theoretiker vor und neben sich anerkennt (!) — im Zusammen-
hang mit Liefmanns Einkommenslehre bringt Klarheit in die noch
dunklen Fragen des Geldwesens." Zunächst ist nicht einzusehen,
weshalb eine bloße Forderung, die auch schon im wesentlichen
erfüllt ist, Klarheit in die Geldlehre bringen soll, und auch Federn
hätte sich mit etwas gutem Willen wohl klar darüber werden
können, weshalb ich Bendixens Forderung nicht als eine „klassische
Geldschöpfung" ansehen kann. Ich habe sie aber in meinem Buche
„Geld und Gold" gar nicht abgelehnt, so daß ein hervorragender
Praktiker mich schon im Frühjahr 1917 darauf aufmerksam machte,
daß ich die Gefahren einer Banknotenausgabe auf Warenwechsel
dort unterschätzt hätte. Im übrigen habe ich gerade Bendixens
Leistungen vielleicht mehr anerkannt, als sie es, gerade vom wissen-
schaftlichen und theoretischen Standpunkt aus, wohl verdienen,
wie sich überhaupt über neue Gedanken, wenn sie einmal statt der
üblichen Gedankenlosigkeit, Eklektik oder bloßen Kritik irgendwo
hervortreten, niemand mehr freuen kann als ich.

Die Banknotenausgabe auf gute Warenwechsel, insbesondere
wenn deren Qualität als solche geprüft wird und mit einiger Sicher-
94
        <pb n="95" />
        ﻿heit festgestellt werden kann, ist immerhin eine relativ harmlose
und zweckmäßige Art der Anpassung der Zahlungsmittelvermehrung
an den Verkehr in normalen Zeiten. Jedenfalls ist sie zweckmäßiger
als die in den heutigen Bankgesetzen an erster Stelle stehende Bank-
notenausgabe auf Gold. Auf die Deckung, die die bisherige
Geldlehre immer allein im Auge hat, kommt es dabei gar nicht an;
käme es das, dann wäre ja die Erlaubnis, ein Mehrfaches der
Golddeckung ausgeben zu dürfen, ganz sinnlos. In kritischen Zeiten
wird die Goldeinlösung ja doch aufgehoben. Aber die Golddeckung
ist unzweckmäßig, weil bei ihr durch das Institut der freien Prä-
gung die Entscheidung über den inländischen Amlauf an Zahlungs-
mitteln überhaupt dem Inlands aus der Land genommen und in
die Lände des Auslandes, nämlich der Goldproduktions-
länder, gelegt ist. Diese können damit beliebig viel Gold ins In-
land bringen und, wie wir jetzt wissen, durch diese Geldvermehrung
im Inlande die Preise steigern. Die Lerrschaft über den größten
Teil der ungeheuer gestiegenen Goldproduktion ist also für England
ein Mittel, in anderen Ländern, die ihm durch billigen Export eine
unangenehme Konkurrenz machen könnten, durch starkes Gold-
angebot daselbst die Preise zu steigern. Denn auch wenn der An-
kauf von Gold etwas kostet, d. h. letzten Endes mit den Produkten
der inländischen Arbeit bezahlt werden muß, so kann doch aus diese
Weise die Vermehrung der Zahlungsmittel übermäßig gesteigert
werden.

Es gehört das ganze Anverständnis der aus den: Boden des
Metallismus stehenden bisherigen Geldpolitik dazu, in dieser Weise
ein Land zu verpflichten, eine Ware in unbegrenztem Amfange
vom Arisland ganz nach dessen Belieben zu überrrehmen, wie es
bei der freien Prägrmg zugunsten vor allem Englands geschieht,
diese Goldzufuhr womöglich noch mit allen Mitteln zu erstreben
und damr zu glauben, daß nran ohne Einwirkung auf die Preise
daraufhin womöglich noch ein Mehrfaches an Banknoten aus-
geben dürfe.

Ganz anders als die Banknotenausgabe auf gute Waren-
wechsel ist aber eine solche auf Grund von Finanzwechseln des
Staates zu beurteilen, wie sie in verschiedenen Formen in allen
kriegführenden Ländern die Lauptgrundlage für die Beschaffung
der laufenden Kosten der Kriegführung bildet. Dabei ist es für den
Einfluß auf die Preise ganz gleichgültig, wie groß der Kredit

95
        <pb n="96" />
        ﻿des Staates, das Vertrauen zu ihm, also die Qualität seiner
Wechsel ist. Nur auf die künstliche Kaufkraft, die dadurch ge-
schaffen wird, kommt es hinsichtlich des Einflusses auf die Preise
an, nicht auf die Qualität der Deckung der Banknoten. Die Kredit-
gewährung an den Staat kann nun aber auch auf Grund von Er-
trägen erfolgen, die in der Volkswirtschaft verfügbar sind, weil
ihre Verwendung für andere Zwecke, zum Konsum seitens der Be-
zieher oder zur Kapitalbildung in den Erwerbswirtschaften, unter-
lassen wird. Wenn das der Fall ist, so ist die Banknotenausgabe
unbedenklich, obgleich auch dann die Menge der realen Zahlungs-
mittel vermehrt wird. Aber sie verkörpern dann nur Erträge, die
sonst an anderen Stellen als Kaufkraft in den Tauschverkehr ein-
getreten wären, und werden nur insoweit unter Amständen zu Preis-
veränderungen führen, als sie starke Einkommensverschiebungen zur
Folge haben. Das wird dann der Fall sein, wenn in Zeiten kriegeri-
scher Verwicklungen der Staat mit einem neuen und ganz anders
gearteten Bedarf auftritt, als ihn bisher die Bezieher der Erträge
hatten, aus denen der Staat jetzt schöpft. Denn das bedeutet ge-
waltige Einkommensverschiebungen in zahlreichen Erwerbszweigen,
Steigerungen in denen, die jetzt für den Staat weit stärker als früher
beschäftigt sind, Verminderungen bei denen, die jetzt durch die Ein-
schränkung des privaten Konsums verlieren. Das muß und wird
um so mehr zu starken Preisveränderungen, Senkungen sowohl als
auch vor allem Steigerungen führen, je dringlicher der Staats-
bedarf ist und je mehr der Staat und seine Lieferanten, Ver-
mittler u. dgl. gezwungen sind, sehr viel höhere Preise als bisher
für die von ihm benötigten Güter zu bewilligen. Das alles wird
eintreten auch unter der Voraussetzung, daß zunächst weder ein
Mangel an Rohstoffen noch an Arbeitskräften bemerkbar zu sein
braucht.

Je mehr aber Aussicht besteht, daß die so vom Staate in An-
spruch genommenen Kredite in kürzester Frist aus Erträgen oder
verfügbarem Kapital ersetzt werden und die Aufblähung der Kauf-
kraft in der Volkswirtschaft, die durch jene Kreditinanspruchnahme
bei der Notenbank erfolgt, aus diesen Quellen wieder eingedämmt
wird, um so weniger gefährlich ist jene Form der Kriegskosten-
deckung. Daher ist es von so ungeheurer Bedeutung für die Preis-
verhältnisse, daß jene Kreditaufnahmen alsbald konsolidiert
werden. Das Mittel dazu sind Steuern und Anleihen. Beide
96
        <pb n="97" />
        ﻿Werder: aus dem Tauschverkehr heraus bezahlt, errtziehen ihm Geld-
summen (natürlich irn abstraften Sinne), die sonst im Tauschverkehr
eine andere Verwerrdurrg gefunden hätten, sei es daß auf manchen
Konsum, sei es daß auf Kapitalbildung bei den Erwerbswirtschaften
verzichtet wird. Insbesondere das letztere liefert die Lauptmittel
für die Kriegsfinanzierung. And zwar find es weniger die jährlich
neu gebildeten, also aus Erträgen, die auch zürn Konsum hätten
verwendet werderr sönnen, stammenden Kapitalien, als vielmehr die
gewaltigen Summen des umlaufenden und des für die Er-
setzung abgenützter Produktionsmittel erforderlichen, zurzeit in
der Geldform vorhandenen Kapitals, das dafür in Betracht kommt.
Jenes jährlich ersparte Kapital, das zu Nerranlagen dient, ist in
Deutschland nur auf etwa 8 bis 10 Milliardeir Mark zu schätzen.
Sehr viel größer sind aber die Summen, die als umlaufendes
Kapital immer wieder von neuem aus den Bruttoerträgen der
Erwerbswirtschaften in Roh- und Lilfsstoffe gesteckt werden, sowie
diejenigen, die aus derselben Quelle zu Amortisationen, zum Ersatz
abgenützten stehenden Kapitals durch neues irr Betracht kommen.
Für die Größe dieser Sunrnren gibt es gar keinen Anhaltspunkt'
es sind aber doch wohl mindestens 50 Milliarden Mark umlaufen-
des Kapital irr der deutschen Volkswirtschaft tätig, rrnd von etwa
200 Milliardeir stehendem Kapital kann rnarr wohl eine durch-
schnittliche Amortisationsquote von 10 °/0 jährlich annehmen.
Natürlich stehen diese Sunrnren nicht ganz für die Staatszwecke
zur Verfügung, weil die Versorgung der inländischerr Bevölkerung
und die Erwerbstätigkeit dafür, werrn auch eingeschränkt, selbst-
verständlich rveitergeht. Daß aber infolge dieser Einschränkung
des Verbrauchs und der Kapitalneubildung und -ersetzung viele
'-Milliarden denr Staate für seine Bedürfnisse überlassen werderr
können, wird dadurch bewiesen, daß neben Steuererhöhungen in den
beideir letzten Jahren jährlich etwa 24 Milliarden Mark an An-
leihen denr Staate freirvillig zur Verfügung gestellt wurden. And
daß bei noch größerer Opferwilligkeit der Bevölkerung — wenn
anders man die Beteiligung an derr Kriegsanleihen überhaupt als
eiir Opfer bezeichnen kanir — oder mit Steuern urrd Zwangsanleihen
noch größere Summen aus dieser Quelle zusainmerrkonrnrerr könnten,
zeigen die fortgesetzterr Preissteigerungen für Luxusgüter aller Art,
die eifrigen Airkäufe von Altertümern und Gemälden, das Älber-
bieten ii, ihnen bei Auktionen, wo die unsinnigsten Preise gezahlt

Äiefmann, Die Geldvermchrung im Weltkriege 7	97
        <pb n="98" />
        ﻿werden, der fortgesetzte Ankauf von Juwelen und Schmucksachen
— in der Schweiz wird erzählt, daß noch jetzt in großem Amfange
auf Schleichwegen solche nach Deutschland und Österreich-Ungarn
eingeführt werden — und vor allem die hochgetriebenen Kurse
vieler Effekten und die ausgedehnte Effekteuspekulation bei uns und
in anderen Ländern. —

3n erster Linie wird jeder Staat, der die wichtige Aufgabe
erkennt, im Kriege Preissteigerungen möglichst zu verhüten, seine
Kriegskosten durch Steuern zu decken versuchen. Zwar lassen auch
sie natürlich die Preisbildung nicht unbeeinflußt, weil sie, wie sie
aus einer Vermehrung der Bedürfnisse des Staates erhoben
werden, auch zu Bedarfsverschiebungen und damit zu Einkommens-
Verschiebungen führen. Aber man wird nicht behaupten können,
daß sie inflationistisch wirken, und wir wissen jetzt genau, was
darunter zu verstehen ist. Diese Bedeutung der Steuern für die
Kriegsfinanzierung hat man bisher nicht genügend erkannt, und
selbst in der Schrift eines Theoretikers wie Dietzel: „Kriegssteuer
oder Kriegsanleihe?" 1912, der diese Frage eingehend untersucht
hat und sich zugunsten von Anleihen ausspricht, findet sich über
die Wirkungen auf die Preise nichts. Aber wenn ich auch der Mei-
nung bin, daß Steuern bei uns und in allen Ländern in sehr viel
größerem Amfange zur Kriegsfinanzierung hätten herangezogen
werden müssen, so ist es doch kein Zweifel, daß selbst bei größter
Sparsamkeit auf der einen Seite, bei größter Anspannung der
Steuern auf der anderen Seite sie doch nicht ausgereicht hätten,
die gesamten laufenden Kosten der Kriegführung zu bestreiten.
Immerhin haben die Schwierigkeiten, die sich bei uns aus dem
bundesstaatlichen Charakter des Reiches ergeben, die notwendige
Anwendung dieses Mittels noch weiter beschränkt.

Aber auch Anleihen sind zur Bestreitung der Kriegskosten
der Inanspruchnahme des Kredits bei der Notenbank, sei es mit,
sei es ohne Banknotenausgabe, weit vorzuziehen. Denn durch sie
wird sonst vorhandene Kaufkraft für die Zwecke des Staates
herangezogen, es werden hier Erträge und umlaufendes Kapital
in der Geldform zur Verfügung gestellt, die damit an anderer
Stelle als kaufend ausfallen. Es wird also im Gegensatz zur Kredit-
aufblähung keine neue Kaufkraft geschaffen, sondern solche nur
übertragen, und daher sind es wiederum nur Bedarfsverschiebungen,
welche hier preissteigernd wirken können, nicht aber Veränderungen
98
        <pb n="99" />
        ﻿Don der Geldseite her. l) Man könnte zwar vielleicht gerade auf
Grund meiner Ertragstheorie sagen, daß doch die Erträge und
umlaufenden Kapitalien dem Staate nur zur Verfügung gestellt
werden, wenn er höhere Erträge verspricht, als sie bei anderer
Kapitalisierung der verfügbaren Gelder erzielt werden würden.
Aber erstens ist das unter den besonderen Verhältnissen des Krieges
in Deutschland zweifelhaft, die Erwerbswirtschaften legen ihr um-
laufendes Kapital in Kriegsanleihen an, weil sie infolge Rohstoff-
knappheit und Arbeitermangel augenblicklich keine günstigere An-
lagegelegenheit haben (auch die Schaffung von Rücklagen für die
Kriegsgewinnsteuer spielt natürlich mit und diese wirkt also auch
insofern günstig). Zweitens aber, selbst wenn es der Fall wäre,
daß auch günstigere Anlagegelegenheiten hier und da möglich
wären (z. B. bei den Konsumwirtschaften, welche den Vorteil der
Kapitalisierung von Einkommensteilen mit dem der weiteren Aus-
dehnung des Konsums vergleichen), so würde das doch keine Rolle
spielen, da es sich doch nur um die jährliche Zinsdifferenz handelte,
das Mehr an Erträgen, was bei der Anlage in Kriegsanleihe unter
Amständen herausspringt. Das wird auf die jeweiligen Preis-
verhältnisse keinen nennenswerten Einfluß haben.

Wenn man also die Möglichkeit einer Kreditinflation erkennt,
so wäre es doch auf der anderen Seite viel zu weit gegangen, wenn
man nun glauben wollte, daß jede Kreditinanspruchnahme preis-
steigernd wirken müsse. Gewiß kommt damit der Theorie nach
Kaufkraft in Lände, welche mit größeren Ertragserwartungen
(seien es Gelderträge, seien es individuelle Konsumerträge) auf den
Markt treten, aber von einer inflationistischen Wirkung der Kredit-

*) Das verkennt W. Federn in seinem schon genannten Aufsatz im
„Osterr. Volkswirt" vom 3. und 10. November, wenn er schreibt: „Für
die Preisentwicklung wäre es in hohem Maße gleichgültig gewesen, wenn
die Kriegskosten mit Banknoten oder mit Kriegsanleihen gedeckt worden
wären; es sind gewiß nur sehr kleine Teile der Bevölkerung, die ihren Ver-
brauch eingeschränkt haben, um Kriegsanleihe zu zeichnen." Gewiß, aber
darauf konnnt es nicht an. And weiter: „Wir haben auch gegenüber den An-
hängern der nominalistischen Lehre immer wieder betonen müssen, daß die
Wirkung der Kriegsanleihen aus die Preisbildung im wesentlichen dieselbe
sei wie der Ausgabe von unmittelbaren Zahlungsmitteln oder der Deckung
der Kriegskosten aus irgendeinem erdenklichen Kreditwege." Das scheint
mir unzutreffend, da es auf die Quelle des Kredits ankommt, zeigt aber,
welche Anklarheiten trotz aller Fortschritte noch immer über die wichtigsten
tauschwirtschaftlichen Zusammenhänge und Probleme bestehen. Es kann
hier nicht näher darauf eingegangen werden.

99
        <pb n="100" />
        ﻿gewährung als solcher kann nicht die Rede sein. Wir nmssen also
daran festhalten, daß nicht jede Kreditgewährung schon preis
steigernd wirkt, sondern nur die Kreditaufblähung, d. h. die
Kreditgewährung, welche nicht auf Grund von Erträgen und
anlagesuchenden Kapitalien erfolgt.

Natürlich wird auch die Aufnahme von Anleihen um so eher
eine Inflation herbeiführen können, wenn die Gelder dafür von den
privaten Geldgebern ihrerseits im Wege der Kreditanspannung
aufgebracht werden. Doch kommt auch hier wieder alles darauf an,
womit der Kredit gewährt wird und inwieweit die Kreditnehmer
damit nur ihnen zufließende Erträge für kurze Frist vorwegnehmen.
Immerhin ist die bekannte Aufforderung, zwecks Kriegsanleihe-
zeichnung Kredit aufzunehmen und vor allem natürlich die Be-
nutzung der Darlehenskassen dafür sehr bedenklich, und zwar um
so mehr, je weniger diese Kredite alsbald aus Erträgen oder ver-
fügbarem Kapital zurückgezahlt werden können.

Wie wenig einwandfrei unsere viel gepriesene Kriegsfinanzie-
rung nach alledem wirklich gewesen ist, brauche ich jetzt nicht näher
auseinanderzusetzen. Es gehen eben im Weltkriege und gingen
wohl auch oft in früheren Zeiten die Geldbedürfnisse des Staates
im Kriege erheblich über das hinaus, was in dieser Weise aus Er-
trägen und verfügbarem Kapital für die Kriegszwecke in einer
Volkswirtschaft zur Verfügung gestellt werden kann. Wenir
unsere Kriegskosten in der zweiten Äälfte des Jahres 1917 zirka
3,4 Milliarden Mark monatlich betrugen, jährlich also über 40 Mil-
liarden Mark, an Anleihen aber nur höchstens 25 Milliarden Mark
zusammenkamen, und wenn daneben nicht durch sonstige Einkünfte
und durch Einführung neuer Steuern Ersah geschaffen wurde, so
ist klar, daß die Kreditaufblähung, sei es mit, sei es ohne Benutzung
der Notenpresse, das einzige Mittel blieb, den Krieg fortzusetzen.
Dieses Mittel ist aber auch, wie Rußland zeigt, in sehr großem
Umfange anwendbar, und in einem geordneten Staatswesen wie
Deutschland natürlich noch viel mehr. Daher dürfen unpatriotische
Leute, die erklären, daß sie nicht durch Kriegsanleihezeichnung den
Krieg verlängern wollten, und unnationale Parteien, die prinzipiell
die Kriegskredite verweigern wollten, nicht glauben, damit zur Ab-
kürzung des Krieges beizutragen. Sie schädigen damit nur ihr
Vaterland und schließlich auch sich selbst, indem sie die Regierung
zwingen, zu unzweckmäßigen und schädlichen Mitteln der Geld-
100
        <pb n="101" />
        ﻿beschaffung zu greifen. Sie zwingen die Regierung nur zur Geld-
vermehrung. Liber deren schädliche Wirkung auf die Volkswirt-
schaft aber muß man sich klar sein, und diese Klarheit war bisher
infolge der Mängel der ökonomischen Wissenschaft leider auch bei
den leitenden Persönlichkeiten nicht in genügendein Amfange vor-
handen. Den Zusammenhang zwischen Geld, Preiseir und Ein-
kommen hat eben die bisherige Wirtschaftstheorie infolge falscher
allgemeiner Grundlagen nicht erkennen können, und daß noch so
einsichtige und kenntnisreiche Praktiker und Politiker es auch nicht
vermochten, liegt auf der Kand und zeigt die umfangreiche, von
solchen verfaßte, aber auf der Oberfläche bleibende Literatur.
Denn diese Zusammenhänge sind eben doch nicht so einfach, als
daß sie ohne tiefer gehende Analyse und Abstraktion gefunden werden
könnten, was nur bei wissenschaftlicher Vertiefung möglich ist. —

Wir wissen jetzt, daß alle größeren Einkommenssteigerungen,
einerlei, aus welchen Quellen sie kommen, preissteigernd wirken
müssen. Wenn die Regierung irr Kriegszeiten für mancherlei Kriegs-
material übermäßig hohe Preise bezahlen muß, so wirkt das aus
die verschiedensten Güter in der Volkswirtschaft preis steigernd
auch dann, wenn sie verfügbare Erträge dafür zugewiesen erhält.
Einfach deswegen, weil erhebliche Einkonnnensteigerungen die Folge
sind, welche immer preissteigernd wirken müssen. Am so mehr aber
wirkt alles preissteigernd, was künstliche, zusätzliche Kaufkraft, nicht
aus dem regulären Tauschverkehr stammende Erträge bedeutet,
also jede Geldvermehning im weitesten Sinne, im Sinne der ab-
strakten Rechnungseinheit.

Aus unseren Ausführungen ergibt sich, daß es für den Einfluß
auf die Preise ziemlich gleichgültig ist, in welcher Form die Geld-
vermehrung auftritt. Wenn sie nur nichts kostet, also eine künstliche
Kaufkraftsteigerung bedeutet, nicht mit aus dem Tauschverkehr
stammenden Erträgen bezahlt werden muß, muß sie preissteigernd
wirken. Rur aus dem regulären Tauschverkehr stammende Erträge,
von dem umlaufenden Kapital natürlich abgesehen, können in der
Volkswirtschaft kaufen, ohne daß ihre Vermehrung zu Preis-
steigerungen führt (die natürlich infolge von Veränderungen auf
der Angebots- oder Nachfrageseite und dadurch bewirkte Ein-
kommensverschiebungen doch eintreten können). Jede andere Kauf-
kraftsteigerung, einerlei ob sie durch Ausgabe von Geldzeichen ver-
körpert wird oder eine bloße Kreditaufblähung darstellt, wirkt

101
        <pb n="102" />
        ﻿preissteigernd. Ich darf behaupten, daß man von diesen Zusammen-
hängen mangels einer wirklichen Preis- und Einkommenstheorie
bisher keine rechte Vorstellung gehabt hat. Insbesondere ob
Banknoten auf Grund von Schahwechseln des Staates oder ob
eigentliches uneinlösliches Papiergeld ausgegeben wird,
macht fiir den Einfluß auf die Preise um so weniger einen Unter-
schieds je weniger die Finanzwechsel alsbald durch Anleihen konsoli-
diert werden, je weniger, wie jetzt im Kriege, die Anleihen dazu
ausreichen oder je mehr alsbald immer wieder neuer Kredit von der
Notenbank verlangt, die Schaffung künstlicher Kaufkraft also immer
wieder fortgesetzt wird. Nur aus den Umfang der Geldvermeh-
rung kommt es an, aber nicht im Sinne der materialistischen Wirt-
schaftslehre und ihrer Quantitätstheorie, sondern nur insofern, als
die künstliche Vermehrung der Kaufkraft entscheidend ist
und als dadurch das überlieferte Preis- und Einkommensystem ins
Wanken gebracht wird. Das kann, wie wir wissen, auch durch
Kreditanspaimung ohne Vermehrung der realen Zahlungsmittel,
die man bisher allein betrachtete, geschehen.

Nur vom Standpunkt der Notenbank aus ist es nicht
gleichgültig, ob die Geldvermehrung durch Banknotenausgabe oder
im Girowege erfolgt oder durch Ausgabe des eigentlichen uneinlös-
lichen Papiergeldes. Denn der letztere Fall der Geldvermehrung
läßt die Notenbank unberührt, und deswegen hat man in den meisten
kriegführenden Ländern, vor allem auch von Anfang an in Deutsch-
land und in England, das Bestreben gehabt, auch unabhängig von
ihr dem Staate künstliche Kaufkraft zu verschaffen, und da das
meist mit der Ausgabe von Zahlungsmitteln verbunden ist, solche
unabhängig von der Notenbank ausgegeben. So hat man bei uns
die Darlehenskassenscheine und in England die Lurreno^-
Notes geschaffen, ohne sich, wie es aus der Begründung ihrer
Ausgabe durch die Neichsbank deutlich genug hervorgeht, klar
darüber zu sein, daß diese Geldvermehrung, wenn sie auch auf
„wirklichen Werten" beruht, die Schaffung künstlicher zusätzlicher
Kaufkraft und damit eine unheilvolle Wirkung auf die Preis-
gestaltung bedeute.

Demgegenüber liegt in der Heranziehung der Notenbank zur
Kreditgewährung an den Staat, namentlich solange sie noch Aus-
weise veröffentlicht, allerdings noch eine gewisse Bindung des
Staates bei der Geldvermehrung an privatwirtschaft-
102
        <pb n="103" />
        ﻿liche Grundsätze. Die reine Papiergeldausgabe ist eine Schuld
nur sozusagen im moralischen, nicht im privat- oder öffentlich-recht-
lichen Sinne, eine Schuld des Staates an sich selbst, an das Volk
in seiner Gesamtheit. Es ist eine Art von Schuld, nicht weil diese
papiernen Zahlungsmittel keinen „Wert" haben oder nicht durch
einen solchen „gedeckt" sind — es ist überflüssig, daß bloße Tausch-
mittel stofflich wertvoll oder durch bestimmte stoffliche Werte ge-
deckt sind —, sondern weil sich der Staat mit ihrer Ausgabe un-
begrenzt eine künstliche Kaufkraft zu schaffen vermag,
während Kaufkraft nur aus Leistungen im Tauschverkehr, die in
die Gesamtheit der Preise und Einkommen mit hineinkalkuliert
sind, entstehen darf.

Die Banknotenausgabe auf Finanzwechsel und die sonstige
Inanspruchnahme der Notenbank durch den Staat schafft aber ein
privatrechtliches Verhältnis, das irr der Wirtschaftsführung dieser
nach Erwerbsgrundsätzen betriebenen Anstalt als eine Forderung
erscheint. Insofern hat die Verknüpfung einer Vermehrung des
Geldes mit einer zivilrechtlichen Verschuldung des Staates, wie
sie der Notenbank gegenüber erfolgt, einen gewissen Vorzug.
Der Staat mußte in normalen Verhältnissen bestrebt sein, seine
schwebende Schuld an die Notenbank möglichst bald zu kon-
solidieren.

Jedoch trifft, wie wir jetzt wissen, diese privatrechtliche Auf-
fassung der Geldvermehrung das eigentliche Problem, derselben,
das in der Einwirkung auf die Preis- und Einkommensgestaltung
liegt, nicht. Wie bei so vielen Erscheinungen des Wirtschaftslebens,
ist man auch hier bei der rechtlichen Betrachtung stehengeblieben
und hat die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht erkannt. Nur
die materialistische Auffassung des Geldes hat verhindert, zu er-
kennen, daß das eigentliche Geld die abstrakte Rechnungseinheit
ist, von der die Preise abhängen und die nicht privatrechtlich als
Schuld behandelt und gedeckt werden kann. Nur so kam man dazu,
zu übersehen, daß nicht die realen Zahlungsmittel, sondern daß die
in dieser abstrakten Rechnungseinheit nur kalkulierten Einkommen
die Güter kaufen, daß die künstliche Vermehrung der Erträge und
Einkommen das Älbel ist, das es zu vermeiden gilt, und daß es, wenn
die Geldzeichen vermehrt werden, nicht auf ihre Deckung, sondern
auf die Beziehung zur Steigerung der Erträge im Tauschverkehr
ankommt.

103
        <pb n="104" />
        ﻿Die ungünstigen Wirkungen der Inflation beruhen darauf,
daß die durch sic bewirkte künstlich geschaffene zusätzliche Kaufkraft
in so verschiedenem Grade preissteigernd wirkt. Sie
würde, von den internationalen Wirkungen, von denen wir noch
sprechen werden, abgesehen, weit weniger nachteilig wirken, wenn
alle Preise gleichmäßig steigen würden, wenn rasch wieder sich
eine neue Preisebene herausbilden würde, in der das Proportional-
Verhältnis aller Preise — denn darauf kommt es an — dasselbe
wäre wie früher. Das ist aber nicht möglich, weil eben die ganze
Preisbildung auf individuelle Bestrebungen zurückgeht, die sich
in sehr verschiedener Stärke geltend machen. Sie vollzieht sich
immer nur auf Grund von Vertragsabschlüffen, bei denen jedes
einzelne Wirtschaftssubjekt nach Maßgabe seiner wirtschaftlichen
Macht, d. h. der für sein Angebot vorhandenen Tauschkonstellation
sein Gewinnstreben durchzusetzen sucht. Die künstliche Kaufkraft-
steigerung, die sich der Staat verschafft, überträgt er also zunächst
auf die Inhaber derjenigen Güter, die er am notwendigsten gebraucht
lind für die er unter Amständen Monopolpreise bezahlen muß.
Bon ihnen aus gehen die Preiserhöhungen dann weiter auf alle
diejenigen Güter, für die einerseits die dringendsten Bedürfnisse
vorhanden sind und deren Inhaber andererseits in der Lage sind,
diese Steigerung der Nachfrage monopolistisch auszunutzen.

Den größten Vorteil von der Geldvermehrung haben daher,
ganz allgemein gesprochen, die Warenverkäufer im Gegensatz zu
allen denen, welche bedungene Erträge, seien es Leistungserträge,
seien es bedungene Kapitalerträge, Zinsen, beziehen. Lner wird also
unsere oben kurz gegebene Anterscheidung der Einkommensarten von
Bedeutung. Denn die Warenverkäufer können gegenüber ihren früher
aufgewendeten, auf Grund anderer Verhältnisse kalkulierten Kosten
jetzt je nach der in Geld ausgedrückten Nachfrage höhere Preise er-
zielen. Die dein heutigen Anternehmertum eigentümliche Produktion
auf Vorrat, die Antizipation des Bedarfs, trägt dann ihre Früchte
für die Kapitalbesitzer, die Anternehmer, durch Steigerung der Ge-
winnmöglichkeiten. Die bedungenen Kapitaleinkommen dagegen,
die Zinsen bleiben beim alten, aller Kapitalbesitz in dieser Form
also, alles Leihkapital, alle Gläubiger werden geschädigt. Ebenso
werden geschädigt alleArbeitseinkommen, und auch sie umso mehr,
je mehr sie auf längere Zeit vereinbart sind, also vor allem die der
Beamten. Bei den eigentlichen Lohnarbeitern dagegen, die Arbeits-
104
        <pb n="105" />
        ﻿Verträge nur auf sehr kurze Fristen abschließen, hängt es natürlich
von den jeweiligen Angebots- und Nachfrageverhältnissen ihrer
speziellen Leistungen bzw. der von ihren Arbeitgebern verkauften
Produkte ab, inwieweit sie höhere Preise für ihre Leistungen durch-
sehen können. Dabei sind die verschiedensten Abstufungen vom
reinen Monopolpreis bis zum völligen Konkurrenzpreis möglich.
Da die Inflation meist in Kriegszeiten eintritt, wo gerade von den
Lohnarbeitern besonders viele militärisch in Anspruch genominen
werden, sind hier auf Grund von Arbeitermangel sehr starke Lohn-
steigerungen möglich, wie wir sie im Kriege vor aller» in den Rü-
stungsindustrien, aber auch bei den Löhnen ungelernter Arbeits-
kräfte und von Ersaharbeitern gesehen haben. (Das gleiche gilt
für alle selbständigen Lohngewerbe, Reparaturarbeiten, selb-
ständige Dienstleistungen u. dgl.)

Bei den Arbeitsgewinnen endlich, wie ich sie nenne, den
nicht fest bedungenen Einkommen der Leistungsgewerbe, der liberalen
Berufe, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, sowie der
Agenten, Vermittler usw. kommt auch in Betracht, welche Nach-
frage nach ihren Leistungen unter Berücksichtigung ihrer persön-
lichen Tüchtigkeit und ihres Rufes besteht.

Am nreisten Vorteil haben von der Inflation diejenigen
Warenverkäufer, die in solchen Zeiten der Preisveränderungen die
Objekte steigender Nachfrage am frühesten und richtig erkennen und
sie sich durch Bestellungen und Aufträge rechtzeitig sichern, also
das bewegliche Kapital, der Landet im allgemeinen, besonders
aber natürlich der spekulative Handel, der sich heute auf diese,
morgen auf jene Ware wirft. Daneben natürlich die speziellen
Kriegsindustrien, zu denen heute die verschiedensten Produktions-
zweige, nicht zum wenigsten z. B. auch die Lederindustrie, gehören.
Am meisten Nachteil haben von der Inflation, wie gesagt, außer
den Beanrten die Bezieher bedungener Kapitaleinkommeir, Renten,
alfo Gläubiger, während z. B. Aktionäre als Anternehmer an den
Gewinnen, die sich aus dem Warenverkauf ihrer Unternehmungen
ergeben, Anteil haben. Lier zeigt sich die Anmöglichkeit der noch
beliebten Konstruktion, die Aktionäre als Gläubiger, das Aktien-
wesen statt als Beteiligung als ein Kreditverhältnis aufzufassen.

Bei den Verhältnissen in Deutschland im Weltkrieg ist zu be-
rücksichtigen, daß die verschiedenen Einkommenssteigerungen, die
bei uns zu verzeichnen waren, natürlich in erster Linie auf den

105
        <pb n="106" />
        ﻿Mangel an Rohstoffen, Waren und Arbeitskräften zurückgehen
und so mehr oder weniger monopolistischer Natur sind, die durch
verstärkte Nachfrage einerseits, vermindertes Angebot andererseits
geschaffene wirtschaftliche Lage ausbeuten. Die Einkommensteige-
rungen infolge von Inflation haben die in dem Gesagten liegenden
Lauptursachen der Preisveränderungen durch die damit ver-
bundene künstlich geschaffene Kaufkraft noch verstärkt. Welcher
Teil der Preissteigerungen auf die Geldvermehrung zurückgeht,
läßt sich natürlich niemals feststellen. Denn auch die Geldvermeh-
rung wirkt nicht automatisch und proportional, sondern nur durch
die Einkommen und danrit durch die individuellen Bedürfnisse, von
denen daher jede wissenschaftliche Betrachtung auch dieser Vor-
gänge auszugehen hat. Allein schon mit dieser Erklärung der wirt-
schaftlichen Zusammenhänge, der Zurückführung auch derartiger
Gelderscheinungen auf die Bedürfnisse hat sich ineine Wirtschafts-
theorie, glaube ich, ein Verdienst erworben und ihre Vorzüge gegen-
über der bisherigen Theorie dargetan. Wir wollen jetzt aber noch
weitere Ergebnisse betrachten, zu denen ich auf ihrer Grundlage
gelangt bin, indem wir mit ihrer Lilfe uns jetzt der Untersuchung
der Valutafragen im Weltkriege zuwenden.

106
        <pb n="107" />
        ﻿Sechstes Kapitel

Inflation und auswärtige Wechselkurse

den bisherigen Ausführungen haben wir nun auch die
wt Grundlage gewonnen für die Erkenntnis der Beziehungen
zwischen Geldvermehrung und ausländischen Wechselkursen,
im besonderen für die Feststellung der Ursachen des Sinkens unserer
Valuta im Auslande. Soviel darüber auch geschrieben worden ist,
die wichtigsten Gründe sind mangels richtiger Einsicht in den Me-
chanismus des Tauschverkehrs nicht klar erkannt worden und
werden in der großen Mehrzahl der darüber veröffentlichten
Schriften überhaupt nicht erwähnt, überall wird immer nur auf
die Export- und Jmportverhältnisse und die sonstige Zahlungs-
bilanz hingewiesen. Wir erkennen nun, daß sowohl diese Ansicht
als auch diejenige Cassels, daß der ausländische Wechselkurs um-
gekehrt proportional dem inländischen Preisniveau sei, bloße Be-
hauptungen sind. Erklären kann man die Beziehungen nur,
rvenn man einmal erkennt, was unter Geldvermehrung zu verstehen
ist, daß es nicht nur auf die bisher immer allein betrachteten realen
Zahlungsmittel ankommt, und zweitens, wenn man erkennt, wo-
durch und unter welchen Bedingungen eine so richtig verstandene
Geldvermehrung preissteigernd wirkt. Dann wird klar, daß man
bei der Betrachtung der Valutakurse von der inländischen
Preisbewegung ebensowenig absehen kann, wie man die wirt-
schaftlichen Beziehungen zu einem einzelnen Lande isolieren darf.
Vielmehr ist kein Zweifel, daß starke Preissteigerungen im
Zulande auf die Bewertung unseres Geldes im Aus-
lande einwirken müssen. Natürlich, wenn alle Forderungen
des Auslandes an uns ohne weiteres durch Forderungen unserer-
seits ausgeglichen werden können, wird ein erhebliches Sinken unserer

107
        <pb n="108" />
        ﻿Valuta nicht eintreten können, zumal man ja immer bestrebt ist,
ein solches zu verhindern und dafür die verschiedensten Mittel be-
sitzt. Aber von kLinstlicher Beeinflussung abgesehen, werden höhere
Preise im Inlands, sofern sie nicht die Folge von Schutzzöllen sind,
eben den Import und damit die Forderungen des Auslands an uns
vergrößern. Wenn dieses Ausgleichsmittel versagt, wenn wenig
importiert werden kann, aber andererseits aus irgendwelchen
Gründen im Jnlande die Preise steigen, muß unser Geld im Aus-
lande weniger bewertet werden, weil man damit weniger inr Zu-
lande kaufen kann als inr Auslande mit dem ausländischen Gelde.
Dies wird um so mehr der Fall sein, je weniger von uns exportiert
werden kann, je weniger also Forderungen des Auslands an uns
durch Forderungen, die wir im Auslande haben, ausgeglichen
werden können.

Dies sind nun aber gerade die Verhältnisse, wie sie für Deutsch-
land im Weltkriege vorliegen. Früher ist allerdings eine derartige
Lage wohl noch nie in einer ganzen Volkswirtschaft vorgekommen,
und deswegen hat man sich den Zusammenhang der Valutaver-
schlechterung mit den inländischen Preissteigerungen nicht klar ge-
macht. Wir sehen jetzt gewaltige Preissteigerungen inr Inlande,
teils wegen Mangel arr Rohstoffen und Arbeitskräften, teils wegeir
der Amstellung der Industrie auf einen ganz veränderten Kriegs-
bedarf; auf der anderen Seite aber sehen wir, auch wegen der Ab-
sperrung durch unsere Feinde, die Anmöglichkeit, die hohen Inlands-
preise durch Bezug aus dem Auslande auszugleichen. Die Folge
davon war, daß wenn im Auslande überhaupt Forderungerr auf
Deutschland vorhanden waren, man sie gering bewertete, weil man
in Deutschland wenig dafür kaufen konnte. Solche Forderungen
aber waren vorhanden, nicht nur weil immer noch sehr erhebliche
Warenmengen nach Deutschland kamen, sondern auch deswegen,
weil Deutschland den neutralen Nachbarstaaten, aus denen es vor
allem Waren bezog, insbesondere Lolland und der Schweiz, schon
von ftüher her zieinlich verschuldet war. Die starke Anspannung des
Kredits, mit der man in Deutschland zu arbeiten pflegte, war auch
diesen Ländern gegenüber üblich gewesen. Schweizer Banken hatten,
namentlich in Süddeutschland, in großem Amfange Lypotheken-
forderungen, Lolland wie auch die Schweiz und Dänemark hatten
einen starken Besitz an deutschen Effekten. Daher hätte, auch wenn
gar nichts importiert und exportiert worden wäre, wofern nur ge-
108
        <pb n="109" />
        ﻿legentlich Forderungen auf Deutschland zum Angebot gekommen
wären, eine Geringerwertung unserer Valuta im Ausland eintreten
müssen, weil rna» eben infolge der inländischen Preissteigerung und
der besonderen durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse in Deutsch-
land mit deutschem Gelde wenig kaufen konnte.

Dazu kan, noch, daß unser ganzer Import, der, wie gesagt,
immer noch sehr erheblich war, über die wenigen uns benachbarten
kleinen Länder ging, mit denen wir vor dem Kriege im Verhältnis
zu unseren: Gesamtimport sehr wenig umgesetzt hatten. So ist es
kein Wunder, daß ein schon verhältnismäßig kleines Angebot von
Forderungen auf Deutschland in der Schweiz und in Holland, wo
sich alles konzentrierte, den Kurs unserer Valuta stark drücken
konnte, zuinal nicht die geringste Organisation bestand, ein solches
monientanes Angebot aufzunehmen.

Man erkennt ohne weiteres, daß unsere Gegner, denen der
Weltmarkt nicht verschlossen war, davon einen großen Vorteil
hatten. Die inländische Preisgestaltung vollzog sich bei ihnen
weniger unabhängig von der des Auslandes, der Kriegsbedarf
brachte nicht gleich, une bei uns, das ganze inländische Preissysten,
ins Wanken. Die großen Summen für die Beschaffung von Kriegs-
material erhielten sie zu einen: großen Teile durch Anleihen, die s:e
in: Auslande aufnahmen, solange ihre Valuta noch nicht gesunken
war. Sie vermochten sie dadurch uird durch eine große Gold- und
Effektenaussuhr lange Zeit stabil zu erhalten und kauften so, trotz-
den: sie sehr hohe Preise zahlten, doch verhältnismäßig billig,
trieben jedenfalls mit ihrer Nachfrage nach Kriegsbedarf in: In-
lande die Preise nicht so in die Höhe, wie das in Deutschland in-
folge der Absperrung der Fall sein mußte. Vieliuehr steigerten sie
mit ihrer Nachfrage auch in anderen Ländern, vor allem in Amerika,
die Preise und verhinderten so ein allzu starkes Sinken ihrer Valuten
der amerikanischen gegenüber. Schließlich gelang es ihnen, Amerika
selbst in den Krieg und auf ihre Seite zu ziehen und ihm dadurch
einen großen Teil der finanziellen Überlegenheit zu nehmen, die es
sonst gehabt hätte. Die Vorschüsse Amerikas an seine Verbündeten
wuchsen riesenhaft, und es wird eines großen Teils seiner Kriegs-
gewinne schließlich wohl dadurch wieder verlustig gehen, daß es
einen Teil dieser Vorschüsse, an Rußland, Italien, vielleicht auch
m: Frankreich, in den Schornstein wird schreiben müssen. So wird
einer der Hauptgründe des Eintretens Anierikas in den Krieg, daß

109
        <pb n="110" />
        ﻿es seinem schon bei den Alliierten investierten Gelde nachlaufen
wollte, sicher nicht erreicht werden. Es wird gehen, wie es in solchen
Fällen meistens zu geschehen pflegt: aus einem verhältnismäßig
kleinen Verluste wird ein großer werden.*)

Es ist aber kein Zweifel, daß diese Beziehungen zu Amerika
für England und Frankreich auch vom rein finanziellen Standpunkt
aus recht vorteilhaft gewesen sind, und man erkennt, daß es keines-
wegs ein unbedingter Vorteil unserer politischen Lage war, daß
„das Geld im Lande blieb". Das hat vielmehr zu den starken Preis-
steigerungen im Inlande und dadurch zum Sinken unserer Valuta
im Auslande mit beigetragen. Leider war uns der Warenbezug
aus Amerika von Anfang an verschlossen, aber nichtsdestoweniger
hätten wir dort gegen Hinterlegung von Gold und Deponierung
von Effekten in einem neutralen europäischen Staate oder durch
Versendung unter Vermittlung eines solchen uns leicht erhebliche
Kredite beschaffen können. Jedenfalls aber hätten wir sie uns mit
diesen Mitteln in den uns benachbarten neutralen Staaten schaffen
können, was das Sinken unserer Valuta, das anfangs ja sehr lang-
sam einsetzte, aufgehalten hätte.

Inwieweit auch die Geld Vermehrung zum Sinken unserer
Valuta beigetragen hat, das läßt sich, wie wir jetzt erkennen, nie-
mals exakter feststellen. Denn diese Einwirkung erfolgt nicht direkt
— etwa daß in dem Maße, in dem das Geld vermehrt wird, das
Vertrauen zu ihm im In- und Auslande abnehme —, sondern sie
erfolgt in doppelter Weise nur indirekt: Die Geldvermehrung, aber
im abstrakten Sinne, bewirkt künstlich gesteigerte Kaufkraft, und
diese bewirkt für viele Güter steigende Preise, und erst an die ge-
stiegenen Preise, wenn sie nicht durch Einfuhr ausgeglichen werden
können, knüpft das Sinken der Valuta an. So ist es, neben anderen
Gründen, zu erklären, daß die französische Valuta trotz erheblich

*) Diesen Gedanken, daß die durch die Absperrung und die Einstellung
der Industrie verursachten hohen Inlandspreise der Hauptgrund für das
starke Sinken unserer Valuta trotz aller unserer militärischen Erfolge sind,
habe ich zuerst in meinen im Frühjahr 1917 in Berlin gehaltenen Vor-
trägen ausgesprochen, s. jetzt die Schrift: „Drei Vorträge zum Geld-
und Währungsproblem", Veröffentlichungen des Deutschen Wirtschasts-
verbandes für Süd- und Mittelamerika, Äeft 1, Berlin 1917. Inzwischen
hat N. Dalberg in seinem Aufsatz „Der Zusammenhang zwischen.
Valutarückgang und Teuerung", in der „Deutschen Wirtschafts-
zeitung" vom 1. September 1917 denselben Gedanken vertreten.

110
        <pb n="111" />
        ﻿stärkerer Geldvermehrung und trotz der in vieler anderer Hinsicht
höchst ungünstigen Lage der französischen Volkswirtschaft doch
nicht entfernt so stark gefallen ist wie die deutsche und daß, trotz
ähnlicher Verhältnisse, selbst das Sinken der italienischen Valuta
das der deutschen bis vor kurzem nicht erreichte. Sie haben eben
doch nicht die durch die Absperrung vom Weltmarkt erzwungenen
Preissteigerungen gehabt wie wir. Daß dabei natiirlich auch die
großen, vom Auslande gewährten Kredite eine Rolle gejpielt
haben, namentlich seit Ainerika in den Krieg eingetreten ist und sich
noch fester als vorher schon mit der Entente verband, ist selbst-
verständlich.

Es klingt zwar paradox, daß unsere Valuta so stark gesunken
sein soll, weil wir wenig im Auslande kaufen konnten, und so formu-
liert ist ja die Sachlage auch nicht richtig dargestellt. Denn wenn
wir gleichzeitig viel ans Ausland hätten verkaufen können, so hätte
unsere Valuta steigen müssen. Aber der Ausgleich, wie er sich
unter normalen Verhältnissen vollzieht, weil letzten Endes im
internationalen Verkehr doch immer nur Güter gegen Güter
(Leistungen und Effekten eingeschlossen) getauscht werden, war eben
durch die Absperrung vom Weltmarkt einerseits, die Unmöglichkeit,
im Inland selbst für den Export in unsere Nachbarländer genügend
zu produzieren, andererseits gehemmt worden. So standen sich
nur die Tatsache inländischer Preissteigerungen aus Rohstoff- und
Arbeitermangel auf der einen Seite, das Vorhandensein von
Forderungen des Auslandes auf der anderen Seite gegenüber, und
das Resulat war die Minderbewertung unserer Valuta, weil man
mit jenen Forderungen im Inlands wenig kaufen konnte.

Daß „das Geld im Lande blieb", war also keineswegs ein reiner
Vorteil für uns, und zwar um so weniger, als es fraglich ist, ob
wir es auf die Dauer im Lande werden halten können,
ob wir nicht, um nach dem Kriege uns Rohstoffe zu beschaffen,
^ine große Ausländsanleihe werden aufnehmen müssen, die uns
wegen unserer stark gesunkenen Valuta dann viel mehr „Geld",
*&gt;• h. Zinsen und Verzicht auf anderweitige Verwendung von Geld-
erträgen, kostet, als wenn wir sie zu Beginn des Krieges aufgenom-
men hätten. Davon wird unten noch die Rede sein.

Wenn also das starke Sinken unserer Valuta im Auslande
"&gt; erster Linie auf die durch Mangel an Rohstoffen und Arbeits-
kräften verursachten hoben Inlandspreise und auf starke Verschul-

111
        <pb n="112" />
        ﻿düng an das Ausland infolge von Import und sonstigen Zahlungs-
verpflichtungen zurückzuführen ist, so sind doch daneben auch noch
andere Gründe maßgebend. Dahin gehört z. 93. der mangelnde
Kredit Deutschlands im Auslande. Dieser Mangel beruhte teils
auf der gefährdeten Lage Deutschlands zu Beginn des Krieges,
teils auf der früheren Überspannung allen Kreditwesens, die bei
uns üblich war. Wir hätten diesen Mangel aber bald nach unseren
ersten militärischen Erfolgen leicht überwinden können, uns gegen
Gold- und vor allem gegen Effektenverpfändung Kredite verschaffen
können, die uns große Warenbezüge ermöglicht und das Sinken
unserer Valuta verhindert hätten. Wir hätten dafür das Beispiel
Englands und Frankreichs gehabt, die allein 1915 für zirka 2 Mil-
liarden Mark und 1916 nochmals für zirka 4 Milliarden Mark
Gold und außerdem in großem Llirifange Effekten exportierten und
damit, trotz um ein Vielfaches größerer Warenimporte, ihre
Valuta aufrecht erhielten.

Es ist dabei zu berücksichtigen, daß der ganze internationale
Zahlungsverkehr, der ja nur ein Abrechnungsverkehr ist, sich auf
dem Kreditwege abspielt. Der gesamte Großhandel, zumal wenn
er sich der Vermittlung der Banken bedient, beruht ja auf dem
Kredit, einfach deswegen, weil die Kreditorganifation — und darin
besteht ja die volkswirtschaftliche Funktion der Banken — die
rascheste Ausnützung und Verwertung der Gelderträge aus dem
Tauschverkehr ermöglicht. Das gilt vor allein für den inter-
nationalen Tauschverkehr, bei dem eine Erledigung durch reale
Zahlungsmittel wegen der Verschiedenheit der Währungen selbst
dann nicht in größereni ümfange möglich wäre, wenn diese über-
haupt heute zur Vermittlung der Zinsätze ausreichten. Deshalb
vollzieht sich hier der Tauschverkehr im Wege des ümsetzens gegen-
seitiger Forderungen und Verpflichtungen, wobei in einer Weise,
die ich als bekannt voraussetzen kann, mancherlei Vermittler mit-
wirken und zahlreiche neue Forderungen und Verpflichtungen ge-
schaffen werden. Wie bekannt, knüpft auch die Spekulation in
großem ümfange an diese Transaktionen an. Bei den so zustande
kommenden internationalen Geschäften hat es uns von Anfang
an an den; Entgegenkommen und der Bereitwilligkeit der aus-
ländischen Lieferanten, Geldgeber und Vermittler gefehlt. Das
lag zu einem großen Teile daran, daß, wie überhaupt unser Wirt-
schaftsleben auf einer Überspannung des Kredits beruhte, wir
112
        <pb n="113" />
        ﻿auch den Kredit im Auslande immer stark in Anspruch genommen
hatten. Man fürchtete dort bei Kriegsausbruch um so mehr, ihn
noch weiter zu erhöhen, als unsere Lage gegenüber der auf uns ein-
stürmenden Koalition vielfach als hoffnungslos angesehen wurde
und man auch unsere finanzielle Widerstandskraft und Leistungs-
fähigkeit unterschätzte. Ferner daran, daß die systematische Be-
arbeitung der öffentlichen Meinung durch unsere Gegner, welche
uns als die Angreifer hinstellte, auch in an sich neutralen Länder»»
»vie der deutsche»» Schlveiz viele Gläubige fand. Später wirkten
alle diese Amstände natürlich noch 'weiter, und dazu karn der Druck
Englands und Frankreichs z. B. auf die schweizer und holländi-
schen Banken »rnd Produzenten, die Ansicherheit aus dem einmal
begom»enen St»»rz unserer Valuta und das Auftreten immer neuer
Gegner hinzu. Endlich spekulative und küirstliche Machenschaften
an ausländischen Börsen, Ansammeli» und plötzliches Ausbieten
von Forderungen an uns durch unsere Gegner, denen wir keinen
Widerstand entgegensetzten und durch die es ihnen gelarrg, mit
einem oft sehr kleinen Angebot den Kurs der Mark zu drücke»».

Natiirlich hätte all das überw»»nden werden könne»», wenn
»vir »richt mehr ein- als ausgeführt und »richt so schon zahlreiche
Schulden, z. B. aus Hypotheken im Arislande, gehabt hätten.
Andererseits aber haben »vir rechtzeiüge energische Maßregeln,
um einem weiteren Sinken der Valuta vorzubeugen, versäumt, die
einheitliche Regelung des Devisenverkehrs, Benutzung des Effekten-
exports für diesen Zweck, Kontrolle der Einfuhr u. dgl. viel zu spät
und zum Teil auch jetzt noch nicht energisch genug in Angriff ge-
nommen.

Des weiterer» hat es auch z»»m Sinken unserer Valuta bei-
getragen, daß Vorausbezahlungen für erst nach Friedensschluß z»»
liefernde Waren in großen, Amfa»»ge gemacht und damit große
Forderungen an das Inland geschaffen wurden. In der Arrnahme,
daß der Krieg nur von kurzer Dauer sein könne, »velcher Irrtum für
so viele unserer Fehler auf verschiedenen Gebieten verantwortlich
ist, hat »nan dabei auch Zahlungsverpflichtungen auf sehr kurze
Fristen übernommen, und deutsche Ka»»fleute und Bankiers haben
aus dieser Auffassung heraus vielfach bei ihren Geschäftsfreunden
im neutralen Auslande kurzffistige Kredite in Anspruch genommen.
Als dann der Krieg immer weiter andauerte und die Valuta immer
mehr sank, entstanden, als die Verpflichtungen erfüllt werde,»

Ltesmann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 8	113
        <pb n="114" />
        ﻿mußten und die Kredite nicht verlängert wurden, für die deutschen
Geschäftsleute sehr große Schwierigkeiten, die bewirkten, daß man
sich in der Beschaffung ausländischer Valuten überbot, und die vom
Auslande natürlich ausgenutzt wurden.

Leider haben dann auch unsere Bundesgenossen lange Zeit
erheblich zum Sinken der Mark im Auslande beigetragen, woran
wir allerdings die Lauptschuld uns selbst zurechnen müssen, weil
wir so gut wie nichts dagegen taten, um diese Manipulationen zu
verhindern. Als wir dann endlich, erst im L erb st 1917, energische
Maßregeln dagegen ergriffen, hat das bei unseren Verbündeten
sehr viel Mißstimmung erregt. So rächte sich auch hier, wie in so
vielen Fällen, die mangelnde Stetigkeit unserer Politik, die nur
die Folge mangelnder Voraussicht ist. Die anderen Volker — das
sollte man sich auch Polen, Belgien usw. gegenüber gesagt sein
lassen — ertragen nichts weniger, als wenn man ihnen zuerst in
allem entgegenkommt und dann plötzlich, wenn nicht alles nach
unseren Wünschen geht, den Bogen scharf anspannt. Wir hätten,
um bei unserer Frage zu bleiben, auch unsere Bundesgenossen von
Anfang an schärfer dazu anhalten sollen, alles für die Aufrecht-
erhaltung ihrer und unserer Valuta zu tun. Freilich brauchte man
dazu Klarheit über die wirtschaftlichen Zusammenhänge, die leider
ihnen wie uns fehlte.

So war es für österreichische und ungarische Kaufleute, weil
dort noch weniger geschah als bei uns, um den Kronenkurs zu halten
und starke inländische Preissteigerungen zu verhindern, lange Zeit
hindurch vorteilhaft, im Auslande mit Mark zu kaufen. Die ver-
schaffte inan sich, indem in großen: Amfange österreichisch-ungarische
Effekten nach Deutschland gebracht wurden. Auch kam ja durch
die deutschen Soldaten, die wir ihnen zur Unterstützung sandten,
viel deutsches Geld zu unseren Verbündeten. Mit den so erhaltene!:
Mark wurden dann Rohstoffe und Waren im Ausland gekauft,
was natürlich das Angebot unserer Valuta verstärkte. Man hat
sogar, weil Berlin lange Zeit hindurch den Kronenkurs höher als
in Lolland, der Schweiz oder Skandinavien zu halten suchte, dort
Kronen niit Mark gekauft und sie dann nach Deutschland gebracht.
Dem hat man zu lange bei uns untätig zugesehen!

Wenn wenigstens nur notwendige Dinge von unseren Bundes-
genossen im Auslande mit deutschen Zahlungsmitteln gekauft
worden wären! Aber es ist leider nachgewiesen, daß auch die
114
        <pb n="115" />
        ﻿überflüssigsten Dinge von ihnen mit unserem Gelde im Aus-
lande gekauft worden sind. In Genf sind mit Lilfe der Reichs-
mark noch bis in die letzte Zeit österreichisch-ungarische Effekten
aus französischem Besitz für das Leimatland gekauft worden
(vgl. „Frankfurter Zeitung" vom 20. Oktober), und in großen,
Amfange sind lange Zeit für Wiener Rechnung ebenfalls dort
Juwelen mit Reichsmark bezahlt worden. Wenn auch bei uns
leider hier und da Leute in dieser Weise ihre Kriegsgewinne an-
gelegt und, da sie die Juwelen nicht ins Inland bringen durfteu,
sie im neutralen Auslande belassen haben, so ist dies doch noch
in sehr viel größerem Maße von österreichisch-ungarischer Seite
aus geschehen, und zwar mit deutschem Gelde. Da war es
kein Wunder, wenn im neutralen Auslande ein fortgesetztes
Markangebot vorhanden war. Denn in Österreich hat man
Kriegsgewinne noch viel weniger energisch zu verhindern ge-
wußt — die Folgen sieht man in den dortigen Preisen und
im Kurse der österreichisch-ungarischen Valuta — und vor allem
hat man die Effektenspekulation und den Ankauf von Juwelen
u. dgl. nicht gehindert.

Den ungünstigen Folgen dieser Geschäfte für die deutsche
Währung, auf die sich unsere Bundesgenossen doch immer letzten
Endes stützen müssen, haben wir viel zu lange untätig zugesehen
und sind erst ganz neuerdings zu Maßregeln geschritten, von denen
unten noch zu reden sein wird.

Alle diese Dinge haben zusammengewirkt, um unserer Valuta
einen immer ungünstigeren, zwar langsan, aber fortgesetzt sinkenden
Kurs im Auslande zu verschaffen. Es sei aber schließlich noch be-
tont, daß selbstverständlich bei allen Valutakursen heute in großem
An,fange Imponderabilien mitspielen, Stimmungen, Sym- und
Antipathien, auch künstliche Manipulationen im Interesse der einen
oder anderen der kriegführenden Parteien, und daß sich ihre Schwan-
kungen nicht restlos aus ökonomischen Arsachen erklären lassen.
Jede neue Wendung in diesem an Wechselfällen und Äber-
raschungen so reichen Kriege, jede neue Amwälzung in Rußland,
jedes Friedensangebot, jede neue Kriegserklärung, jeder größere
militärische Erfolg und vieles andere beeinflußten die Valuta-
kurse, und zwar oft für die einzelnen Länder in sehr verschiedener
Weise. Dabei liegen aber oft momentane Marktverhältnisse für
diese oder jene Valuta zugrunde, so daß sich ihre Bewegungen

115
        <pb n="116" />
        ﻿

ohne deren genaue Kenntnis überhaupt nicht erklären lassen. Das
geht auch über den Rahmen dieser allgemeinen Betrachtungen
hinaus.

Wie sehr geschickte Kreditinanspruchnahnre auf der einen Seite,
zu entgegenkommende Gewährung, Gleichgültigkeit und Nach-
lässigkeit auf diesem Gebiete auf der anderen Seite die Gestaltung
der Valuta beeinflussen können, dafür ist das Verhältnis des
türkischen Pfundes zur deutschen Reichsmark ein gutes Bei-
spiel. Seit langem notiert das türkische Pfund in Deutschland
über Parität (gegenwärtig 1 : 20,5 statt einer Parität von 1 : 18),
zeitweise betrug das Aufgeld mehr als ein Drittel, und umgekehrt
war das Disagio der Mark in Konstantinopel. Dies obgleich die
Türkei den größten Teil ihrer Kriegskosten mit deutschen Krediten
deckt. Diese Bewertung rührt natürlich nicht daher, daß die Türkei
ihre Papiergeldemissionen (fünf Ausgaben im Gesamtbeträge von
etwa 95 Millionen türkische Pfund) durch in Deutschland und
Österreich befindliches Gold und durch deutsche Schahanweisungeu
gedeckt hat, erst recht natürlich nicht, weil, wie man nach der bis-
herigen, mit dem Vertrauen arbeitenden „Kreditgeld"-Theorie
glauben müßte, das Vertrauen zum Staate in der Türkei größer
war, sondern es hat darin seinen Grund, daß die Türkei ihre ge-
samten Einkäufe in Deutschland, die ja fast ausschließlich Re-
gierungskäufe sind, auf dem Kreditwege macht, während das,
was wir in der Türkei kaufen, Waren des regulären Handels-
verkehrs sind, die in bar bezahlt werden. Auch sonst kommen
natürlich durch unsere Truppen deutsche Zahlungsmittel in erheb-
lichem Amfange in die Türkei, während bei uns aus den angeführten
Gründen ein Angebot türkischen Geldes in der Regel nicht vor-
handen ist. Ferner scheinen mir aber auch in diesern Falle die
inländischen Preisverhältnisse in Betracht zu kommen.
Abgesehen vielleicht von Konstantinopel und dort für gewisse
Lebensmittel, die hauptsächlich von den Fremden, und zwar eben
in Mark bezahlt werden, dürfte in dieseni viel mehr natural-
wirtschaftlichen Lande die Preissteigerung nicht so groß und jeden-
falls nicht so allgeinein gewesen sein wie bei uns. Mangels einer
Kriegsmaterialindustrie sind dort nicht in so großem Amfange
Kriegsgewinne, Einkommensteigerungen erzielt worden, auch die
Effektenspekulation spielt dort keine nennenswerte Rolle; die stür-
mische Nachfrage nach gewissen Waren ging hauptsächlich von
116
        <pb n="117" />
        ﻿ausländischen Einkäufern aus, die in ihrer Valuta beliebige Preise
zahlten und danrit zu ihrer Anterbewertung beitrugen.

Derselbe Grund in: allgemeinen höherer inländischer Preise
mag auch mitgespielt haben bei der bekannten Tatsache, daß nach
der Eroberung Polens der Rubel lange Zeit hindurch in Deutsch-
land erheblich höher notierte als im gesamten Auslande, ja daß
er zeitweise die deutsche Parität überschritt, während er im Aus-
lande schon 30 bis 40°/o niederer bewertet wurde. Das hatte zur
Folge, daß man in Polen den ursprünglich festgesetzten Llmrech-
nungskurs von 1,60 Mark auf 2 Mark für den Rubel erhöhen
inußte. Es kommt dabei in Betracht, daß von unseren Einkäufern
dort viel zu bereitwillig hohe Preise für viele Dinge bezahlt wurden,
die inan dann hoffte, zu Wucherpreisen in Deutschland absetzen zu
können, wie das z. B. für Biskuits, Schokolade und viele andere
Dinge der Fall war, die im Gegensatz zu Deutschland dort nicht
rationiert waren. Auch ßnd von unseren Soldaten, insbesondere
von den Offizieren mit ihrer: hohen Gehältern, viel zu bereitwillig
hohe Preise bezahlt worden, möglicherweise auch von der Militär-
verwaltung selbst, die in viel größeren: Auffange Requisitions-
scheine hätte ausstellen können. Durch alles das ist die Mark ent-
wertet worden. Es hat auch hier an der nötigen Energie oder Ein-
sicht, vielleicht auch an der dafür maßgebenden entscheidenden
Instanz gefehlt, um diesen Abelständen abzuhelfen.

Bon außerordentlichem Interesse für alle mit dem Geldwesen
zusammenhängenden Fragen ist die Beobachtung der Valuta-
verhältnisse Schwedens und der Vereinigten Staaten von
Amerika im Weltkriege. Für den ganz ungewöhnlichen Stand
der schwedischen Valuta in allen Ländern haben wir oben im zweiten
Kapitel schon Beispiele gebracht. Sie steht Mitte November 1917
20 % höher als die dänische und norwegische und ungefähr 33 °/o
über der Schweizer Parität. Muß man diese Verhältnisse zürn
Teil auch auf Spekulationen zurückführen, was sich auch schon
aus den starken Schwankungen, oft von einem Tage auf den anderen,
ergibt, so sind doch auch die besonderen Maßregeln der schwedi-
schen Geldpolitik dabei mitwirkend. Ich glaube nicht, daß der un-
gewöhnlich hohe Stand der schwedischen Valuta gerade der Aus-
druck einer besonders günstigen .Handelsbilanz Schwedens ist,

117
        <pb n="118" />
        ﻿daß Schweden um so viel mehr ausführt als Norwegen und Däne-
mark und um so viel weniger einführt. Doch stehen mir statistische
Angaben darüber nicht zur Verfügung und auch nicht über die
sonstigen Zahlungsverhältnisse dieser Länder dem Auslande gegen-
über. Mir scheint aber, daß die Geldpolitik, die die schwedische
Reichsbank auf Prof. Cassels Veranlassung seit Februar 1916
befolgt und wodurch sich der Goldbestand Schwedens sehr viel
weniger gesteigert hat als der seiner Nachbarstaaten und anderer
neutraler Länder, allein schon zur Erklärung genügt. Denn wir
zeigten an dem Beispiele Spaniens, ein wie großer Teil der Ein-
fuhr heute in Gold besteht in denjenigen Ländern, die sich nicht
gegen diesen echt englischen Segen sträuben. Ob es Schweden
durch sonstige Mittel, Niedrighalten der inländischen Preise, Ver-
hinderung großer Kriegsgewinne durch Besteuerung und andere
Maßregeln, die sich aus den hier vorgetragenen Anschauungen als
Grundlage einer praktischen Geldpolitik im Kriege ergeben, ge-
lungen ist, die Älberwertigkeit seiner Valuta herbeizuführen bzw.
ein geringeres Sinken des Geldwertes bei sich herbeizuführen, als
es sonst in den meisten Ländern zu verzeichnen ist, kann ich nicht
beurteilen. Man sieht aber, daß die neutralen Staaten aus dem
Ergebnis unserer Studien lernen können, was sie zu tun haben,
wenn sie ihre Interessen und den Mechanismus des Tauschverkehrs
richtig verstehen, und man sieht weiter, wie interessante deskriptive
Aufgaben der Wissenschaft in der Antersuchung dieser Verhältnisse
in den einzelnen Ländern gestellt sind. Es sollte mich sehr freuen,
in meinen Arbeiten dafür die theoretischen Grundlagen geliefert
zu haben.

Auch die Beobachtung der Valutaverhältnisse der Ver-
einigten Staaten von Amerika lehrt uns, wenn wir von
dem festen Grunde einer klaren Erkenntnis der tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge an sie herantreten, mancherlei Neues, von dem
die bisherige Wirtschaftstheorie gar keine Vorstellung hatte oder
das sie doch nicht zutreffend erklären konnte. So führt sie zu der ja
sehr naheliegenden, aber doch bisher nie ausgesprochenen Erkennt-
nis, daß große Einkommensteigerungen um so eher preissteigernd
wirken, wenn sie durch Export erzielt werden. Denn dann trägt
die wirtschaftliche Tätigkeit, auf Grund derer sie erzielt werden,
nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen im Inlande bei; diese machen
sich also immer noch, und entsprechend den Einkommensteigerungen
118
        <pb n="119" />
        ﻿im verstärkten Maße geltend. Darauf sind, auch ganz unabhängig
vom Goldzufluß und der Vermehrung der realen Zahlungsmittel,
die Preissteigerungen in den neutralen Ländern, vor allem aber
in Amerika in den beiden ersten Jahren des Weltkrieges zurückzu-
führen. Auch davon hat der Geldschöpfungsmann Bendixen, weil
er von Preistheorie nichts wissen will, gar keine Vorstellung. Er-
führt die Preissteigerungen in Amerika auf die Vermehrung der
realen Zahlungsmittel, Geld und Banknoten, zurück, wobei er be-
tont, daß die Vermehrung der letzteren nicht auf der Grundlage
von exportierten Waren, sondern nur im Zusammenhang mit einer-
inländischen Warenvernrehrung erfolgen darf. Wir wissen aber
jetzt, daß auch das ganz unzutreffend ist und im Banne der mate-
rialistischen Quantitätstheorie steht, daß es vielnrehr nur auf die
Erträge und ihre Vermehrung ankommt, denen eine Vermehrung
der realen Geldmenge entsprechen darf. Aber es ist klar, daß eine
starke Steigerung der Erträge und Entkommen um so mehr preis-
steigernd wirkt, wenit sie aus exporüerten Waren stammen. Denn
diese beruhen nicht auf Vedarfsbefriedigung im Jnlande, taffen
also den ganzen inländischen Bedarf frei tlnd verstärken ihn noch,
indem sie zu den aus der inländischen Bedarfsversorgung erzielten
Erträgen hinzutreten. Es kann durch solchen Export, wenn er
großen Amfang annimmt, und daraufhin erzielte Gelderträge der
enge Zusammenhang von Bedarfsbefriedigung, Preisen und Ein-
kommen im Inlande gestört werden, den zu erkennen Voraussetzung
jeder Erörterung der Geldprobleme ist.

Dabei zeigt sich wieder, wie sehr alle wirtschaftlichen Vor-
gänge letzten Endes von der individuellen Bedarfsbefriedigung
abhängen und wie man sie itur mit einer individualistischen
Theorie richtig verstehen kann. Wenn das Ausland seinen Im-
port auch wieder in Waren bezahlt hätte, was in normalen
Zeiten ja letzten Endes und auf die Dauer immer der Fall sein
wird, wäre im Exportlands keine Preissteigerung eingetreten.
Aber die kriegführenden Staaten mußten Amerika eben in Gold
oder in amerikanischen Forderungen bezahlen. Worin das ge-
schah, bleibt sich für die Preisbildung ziemlich gleich, weil eben
überhaupt nicht die realen Zahlungsmittel, sondern die Ein-
kommen die Güter kaufen. Nur insofern konnte die Goldzufuhr
eine größere Preissteigerung bedeuten, als man daraufhin ein
Mehrfaches an Banknoten (in Amerika ist 40 °/0ige Golddeckung

119
        <pb n="120" />
        ﻿vorgeschrieben) hätte ausgeben können, was aber, wie es scheint,
nicht geschehen ist.

Daß aber jetzt Gelderträge, die bis dahin ins Ausland ge-
wandert waren, in Amerika blieben, mußte dort ebensosehr
preissteigernd wirken. So gilt in der Tat eine Art Quantitäts-
theorie, nur daß es sich nicht um das Geld im materialistischen
Sinne der bisherigen Theorie, sondern um die Einkommen
handelt, deren Vermehrung preissteigernd wirkt, wenn sie derselben
Gütermenge gegenübersteht. *)

Jedenfalls erkennt man, daß es für Amerika am ungünstigsien
war, wenn es für seinen Export in Gold bezahlt wurde, sofern
dieses nicht etwa für Schmucksachen verwendet wurde und dort
einen wirklichen Bedarf befriedigte, was aber in Wahrheit natür-
lich keine erhebliche Rolle spielt. Glücklicherweise ist der „Gold-
wahn" und das Anverständnis über die Funktionen des Geldes
und die Organisaüonsprinzipien des Tauschverkehrs noch so groß
in Amerika, daß der Präsident und Diktator dort im Äerbst 19!7
den Goldexport, der in nicht unerheblichem Amfange nach Japan
und Südamerika eingesetzt hatte, verboten hat. Es ist aber kein
Zweifel: je mehr die Arnerikaner für ihre Kriegslieferungen in
Gold bezahlt werden und je mehr sie ihr Gold im Inlande behalten,
um so günstiger ist es für uns, aber auch für alle anderen Völker,
die Neutralen sowohl als die Bundesgenossen Amerikas. Denn
um so mehr werden dort die Preise gesteigert und eine gewisse
Ausgleichung mit den Kursen der durch den Krieg viel stärker be-
einflußten europäischen Staaten herbeigeführt.

Es ist klar, daß der Kurs der englischen, französischen, italienischen
Valuta davon nicht abhing, ob ihr Papiergeld etwas mehr oder
weniger durch Gold gedeckt war. Natürlich war das Sinken ihrer
Valuta für alle diese Länder ungünstig, aber es ist nicht die Folge
ihrer Goldversendung, die im Gegenteil zu dem verhältnismäßig ge-
ringen Sinken ihrer Valuten zweifellos beigetragen hat, sondern die
Folge der durch Geldvermehrung und Kreditanspannung geschaffenen
künstlichen Kaufkraftsteigerung und der gesamten inländischen Preis-
erhöhungen. Ebenso ist das starke Sinken der amerikanischen

9 Diese ist aber auch natürlich nicht materialistisch aufzufassen und
daher auch nie stattstisch festzustellen; alle Arten von Leistungen kommen
ebenso in Betracht, und von einer Proporttonalität kann keine Rede
sein.

120
        <pb n="121" />
        ﻿Valuta *) nicht durch die großen Goldabflüsse, die übrigens durch
die Zuflüsse aus den alliierten Ländern im wesentlichen noch aus-
geglichen werden, zurückzuführen, sondern auf die starken inländi-
schen Preissteigerungen. In England und Frankreich wird man
das aber wohl nicht eingesehen haben und trauert den nach Amerika
gesandten zirka 6 Milliarden Mark irr Gold nach, das man zun»
Teil noch als Guthaben im Auslande zur Deckung der Banknoten
verwendet, die man noch immer für das Entscheidende hält. An»
ersten hat inan vielleicht in England eine unklare Vorstellung von
dem wahren Sachverhalt, wo man vvi» jeher schon mit dein geringste,»
Goldbestand auskam ,»nd es vorzog, daß das Ausland die englische
Goldproduktion kaufte. Auch die neutralen Staaten Europas, mir
Ausnahine von Schweden, und die nrehr oder weniger nicht neutralen
Staaten der übriger» Welt haben noch kein Verständnis dafür, daß
die Bezahlung für von ihnen gelieferte Waren in Gold ihnen nur
die inländischen Preise steigert. Doch soll jetzt auch in Japan er-
örtert werden, wie man sich gegen den fortgesetzten Goldzufluß
wehren kann.

Weniger nachteilig war für die Vereinigten Staaten die Be-
zahlung ihrer Kriegsausfuhr durch Effekten, die von England
und Frankreich, vor der amerikanischen Kriegserklärung auch von
Deutschland, im großen Amfange zurückgesandt wurden. Zwar
trug auch diese Art der Bezahlung von Warenlieferungen zunächst
noch zu den Preissteigerungen in Amerika bei. Denn es blieben
damit jetzt Gelderträge im Jnlande, die die inländische Kaufkraft
in den Vereinigten Staaten verstärkten, während die Ausdehnung
der Produktion begrenzt war. Aber für die Zukunft war diese
Rückwanderung wenigstens ein Vorteil. Auch erleichterten sie den
Vereinigten Staaten, nachdem sie in den Krieg eingetreten waren,
die Gewährung großer Vorschüsse an ihre Verbündeten. Es ist
uicht ausgeschlossen, daß sie solche Vorschüsse deshalb so bereit-
willig, wie es scheint, gegeben haben, weil man sich sagte, daß sie
Zunächst weitere Preissteigerungen im Inlande etwas entgegen-
wirkten, dagegen für später, wenn man wirklich ihre Verzinsung
&gt;md Rückzahlung durchsetzen konnte, Vorteile versprechen.

Denn später, wenn einmal wieder ein friedlicher Verkehr
zwischen den Völkern eingetreten ist, wird dasjenige Volk, das viele

*) Schon im August 1917 betrug es 21 °/0 gegenüber der spanischen
parst«» und natürlich noch viel mehr gegenüber der schwedischen.

121
        <pb n="122" />
        ﻿

Forderungen im Auslande besitzt, andere für sich arbeiten lassen
können, ohne selbst viel arbeiten zu müssen. Während des Krieges hat
das aber aufgehört, da kommt nur in Betracht, was das einzelne
Volk selbst an Gütern herstellen kann. And je länger der Krieg
dauert, je mehr nicht nur die Kriegsindustrie, sondern auch der
Militärdienst dem amerikanischen Wirtschaftsleben und der Ver-
sorgung des eigenen Landes Arbeitskräfte entzieht, um so mehr
werden auch in Amerika alle mehr arbeiten oder sich einschränken
müssen.

Bevor wir die außerordentlich wichtigen Ergebnisse weiter
verfolgen, welche sich aus der Erkenntnis dieser Zusammenhänge
für die deutsche Wirtschaftspolitik im allgemeinen und seine Valuta-
politik im besonderen ergeben, wollen wir im folgenden Kapitel
zunächst sehen, was in Deutschland während des Weltkrieges zur
Aufrechterhaltung der Valuta bisher geschehen ist.



122
        <pb n="123" />
        ﻿Siebentes Kapitel

Die Regelung des Devisen- und ausländischen
Effektenverkehrs im Weltkriege

3ch darf behaupten, daß man von den oben geschilderten wirt-
schaftlichen Zusaininenhängen bisher weder in der Wissen-
schaft noch in der Praxis eine klare Vorstellung gehabt hat. Das
zeigt sich auch in der Stellungnahme der Regierung zu dem Sinken
unserer Valuta im Auslande. Man hat ihm lange Zeit viel zu
wenig Beachtung geschenkt, weil man sich über die wirtschaftlichen
Zusammenhänge, aus denen es sich ergab, nicht klar war und sich
von altüberlieferten falschen Vorstellungen und dem traditionellen
Schema in der Beurteilung von Währungsvorgängen nicht frei
machen konnte. Die Denkschriften der Reichsbank, deren Ver-
dienste in vieler Einsicht ich sonst keineswegs verkleinern möchte,
zu den Geldproblemen atmen durchaus den Geist der Schablone,
' suchen alle unsere wirtschaftlichen Zustände zu beschönigen, unsere
bisherigen Einrichtungen als ideal hinzustellen und zeigen keinerlei
Verständnis für die neuen Aufgaben, die uns in und nach dem Kriege
gestellt sind und deren Erfüllung schon längst hätte in Angriff ge-
nommen werden müssen.

Besonders haben die herrschenden metallistischen Lehren, die
Überschätzung unseres Goldbestandes, der Glaube, daß auf ihm der
»Wert" unseres Geldes beruhe, daß wenn nur einigermaßen eine
Drittelsdeckung aufrechterhalten werde, die Valuta nicht stark
sinken könne, viel dazu beigetragen, daß wir nicht rasch und energisch
genug dem Sinken unserer Valuta entgegengewirkt haben, trotzdem
wir dafür, wie gesagt, das Vorbild Englands gehabt hätten. Man
bat immer nur den hohen Goldbestand und sein rasches Steigen in
der ersten Zeit des Krieges bewundert, das Sinken der Valuta
viel zu leicht genommen und es immer nur auf größere Zahlungs-

123
        <pb n="124" />
        ﻿Verpflichtungen an das Ausland, nie aber auf die inländischen Preis-
steigerungen zurückgeführt. In drastischen Äußerungen einfluß-
reicher Geldpolitiker und -theoretiker sind diese Irrtümer und die
Überschätzung der Golddeckung zum Ausdruck gekommen. Schuld
daran, daß die maßgebenden Personen eine so geringe Einsicht in
den Mechanisinus des Tauschverkehrs und der Preisbildung gehabt
haben, ist aber allein die ökonomische Wissenschaft, die eben in der
Erklärung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge wegen der An-
vollkommenheit ihrer theoretischen Grundlagen völlig versagte.

Die Hauptaufgabe für die Aufrechterhaltung unserer Valuta
war natürlich eine einheitliche Regelung des Devisenverkehrs.
Sie ist viel zu spät und auch jetzt noch nicht energisch genug zur
Durchführung gebracht worden. Denn mit derarügen Maßregeln
einer durchgreifenden Kontrolle des Zahlungsverkehrs mit dem Aus-
lande kann man wohl bestenfalls ein weiteres Sinken der Valuta
verhüten, nicht aber, nachdem sie einmal sehr tief gesunken ist, sie
wieder heben. Aber nicht einmal ersteres hat man mit unseren
Devisenordnungen zu erreichen vermocht, weil sie eben teils un-
zureichend waren, teils nicht streng genug interpretiert und durch-
geführt wurden. Da ich mich besonders eingehend mit diesen Dingen
beschäftigt habe, sie aber noch gar nicht wissenschaftlich behandelt,
jedoch zur Kenntnis unseres Zahlungswesens im hohen Maße
interessant sind, sei hier darauf etwas näher eingegangen. *)

Bis Anfang 1916 geschah gar nichts, um den Kurs der deutschen
Valuta im Auslande zu stützen. Zwar ist zur Bezahlung der Ein-
fuhr auch Gold ins Ausland gegangen in einein Amfange, der viel-
leicht nahe an 1 Milliarde Mark heranreicht. Aber es ist das sicher-
lich nicht die zweckmäßigste Art der Verwendung des Goldes ge-
wesen. Hätten wir es rechtzeitig verpfändet und zur Grundlage
großer Kredite geinacht, so hätten wir viel mehr damit erreichen
können. Wenn in diesem Zeitraum, wie die Tabelle im zweiten
Kapitel zeigt, der deutsche Wechselkurs in der Schweiz verhältnis-
mäßig nur wenig gefallen ist, bis September 1915, also in den
ersten 12 Kriegsmonaten nur von 123 auf 109,5, und erst im De-
zember darrn auf 99, so lag das daran, daß trotz aller auf ein Sinkeii
hinwirkender Momente danrals noch ein großer Export aus den

9 Die folgeirden Ausführungen sind auch in »reinem Aufsah: „Die
Valutarückgänge im Weltkriege, ihre Ursache» nnd die Mittel zu ihrer
Abhilfe, im „Weltwirtschaftlichen Archiv", Dezember 1917, enthalten.

124
        <pb n="125" />
        ﻿gewaltigen, in der Friedenszeit aufgestapelten Vorräten der ver-
schiedensten Waren vorhanden war, und daß ferner eine sehr erheb-
liche Ausfuhr von ausländischen Effekten stattfand, die, von der
Regierung gefördert, damals, zumal sie verzettelt und nicht ein-
heitlich benutzt wurde, uns viel weniger nützte, als das später der
Fall hätte sein können. Wie im ersten Kriegsjahre überhaupt an
allen unseren Kräften und Mitteln Raubbau getrieben wurde, weil
man glaubte, daß das im Kriege nicht anders sein könne und man
nicht an eine so lange Kriegsdauer dachte, so auch auf diesen«
Gebiete.

Aber schließlich rvar das alles nicht allsreichend, die aus das
Fallen unserer Valuta gerichteten Tendenzen zu entkräften. Dazli
gehörten Baissespekulationen, die von gewissenlosen Spekulanten
in unserer Währung im Auslande gemacht und durch ilichts ge-
bindert wurden; der Einkauf von Luxusgütern im Auslande, selbst
wenn der Import gehindert war; sollen doch im Jahre 1916 für
37 Millionen Franken Edelsteine aus der Schweiz nach Deutsch-
land und Österreich gegangen sein, und auch aus Lolland wurde
von großen Ankäufen deutscherseits in Brillanten und Perlen
sowie von Effektenspekulationen berichtet. Ferner war die Ver-
bringung vo,l deutsche«« Vermöge,« ins Ausland in keiner Weise
gehindert, auch z. B. so, daß Exporteure ihr Guthaben im Aus-
lande einfach stehen ließen oder in jeder beliebigen Weise darüber
verfügen konnten.

Unter dem Einfluß des Sinkeiw unserer Valuta gingen viele
deutsche Exporteure dazu über, sich nur in der ausländischen
Währung bezahlen zu lassen; auch von beit Transportanstalten,
4- B. den badischen Staatsbahnen, wurde das berichtet. Wenn
dadurch der einzelne Exporteur auch das Valutarisiko für sich aus-
schaltete, so bedeutete dieses Verfahren doch keineswegs eine Stütze
der deutschen Valuta. Da vielmehr doch immer große Mark-
sorderungen des Auslands vorhanden waren, bewirkte es, daß
ihnen keine Nachfrage nach deutschen Zahlungsmitteln gegenüber-
stand und so oft ein verhältnisnläßig ganz unbedeutendes Angebot
den Kurs stark drücken konnte. Diesen Amstand machte sich dann
auch das feindliche Ausland zunutze, indem es ihm möglich war,
mit verhältnismäßig ganz geringen Mitteln einen erheblichen Kurs-
sturz der Mark herbeizuführen. Namentlich in Amerika ist in dieser
Weise gegen die deutsche Valuta operiert ivorden. Eine Wieder-

125
        <pb n="126" />
        ﻿erhöhung des Kurses war dann nicht leicht herbeizuführen, weil
jede einheitliche Organisation dafür fehlte.

Es war wohl von vornherein klar, daß diese ganzen Valuta-
verhältnisse durch die erste Devisenordnung, die am 20. Ja-
nuar 1916 erlassen wurde, nur sehr teilweise verbessert werden
konnten. Aber die beteiligten Instanzen waren eben viel zu bureau-
kratisch verwaltet, als daß sie sich schneller solchen ganz neuen An-
forderungen hätten anpassen können. Die Devisenordnung suchte
zwar prinzipiell den Devisenverkehr bei der Reichsbank zu zen-
tralisieren, aber mit ganz unzureichenden Mitteln. Zunächst er-
faßte sie nur den Handels gewerblichen Devisenverkehr, also
berufsmäßige Devisengeschäfte. Ein privater Effektenbesitzer
konnte sein ganzes Vermögen nach dem Allslande bringen und mit
dem Erlös anfangen, was er wollte. Der gesamte Postscheck- und
Postanweisungsverkehr war von der Regelung ausgeschlossen.
Ferner wurde nicht verhiildert, daß Marknoten zu Zahlungen ins
Ausland gelangten. Da ungefähr gleichzeitig die Llixuseinfuhr
stark beschränkt wurde, was auch viel früher hätte geschehen müssen,
hatte die Reichsbank wohl geglaubt, mit jener Verfügung den
größten Teil der Einfuhr unter Kontrolle zu bekommen. Sie
forderte die Banken auf, ihre Kunden zu veranlassen, Einfuhrware
inöglichst durch Devisen zu begleichen. Faktisch aber wurdeil große
Summen auf Girokonto den nahe an der Grenze liegenden Reichs-
bankanstalteir überwiesen, wo sie dann von Kassenboten der aus-
ländischen Banken in Gestalt von Marknoten abgeholt und über
die Grenze gebracht wurden. Auch vertraten sehr viele Reichs-
bankanstalten die Meinung, daß Marküberweisungen auf die bei
deutschen Banken geführten Konten von Ausländern unbedenklich
seien, obgleich doch Deutschland kein Moratorium erlassen hatte
und diese also in jeder Weise darüber verfügen konnten.

Daher verfehlte die Devisenordnung ihr Ziel vollkommen, und
da gleichzeitig im Jahre 1916 die Warenknappheit im Jnlande
immer größer wurde und große neue Einkommen entstanden waren,
welche die Preise in die Äöhe trieben (die Kriegsgewinnbesteuerung
war viel zu spät und nicht energisch genug in Angriff genommen
worden), so sehte eine Verschleuderung der Mark im Auslande
ein, um um jeden Preis noch Waren hereinzubekommen. Erleichtert
ivurde das durch die Tatsache, daß bei der Militärverwaltung
lange Zeit hindurch nicht genügend kaufmännisch gerechnet wurde,
126
        <pb n="127" />
        ﻿die Lieferanten und Vermittler jeden Preis erzielten und daher
auch bezahlen konnten.

Man erkannte schon längst, daß diese Devisenordnung nicht
genüge, weil sie von einer Zentralisierung des Zahlungsverkehrs
bei der Reichsbank noch weit entfernt war. Das suchte man zuerst
in Österreich durch eine Verordnung vom 19. Dezember 1916 zu
erreichen. Gleichzeitig verbot in Deutschland eine Verfügung ver-
schiedener Generalkommandos die Versendung von Zahlungs-
mitteln und Markwechseln ins Ausland. Dagegen ging ein Ver-
bot des Oberkommandos in den Marken, überhaupt neue Mark-
guthaben einem Ausländer im Inlande zu begründen, zu weit.

Die definitive Regeüing des Gegenstandes erfolgte durch die
Bundesratsverordnung vom 8. Februar 1917. Es wurden
28 Banken als sog. Devisenbanken bestellt. Jeder An- und Ver-
kauf von Geldsorten, Banknoten, Wechseln, Schecks usw. in aus-
ländischer Währung sowie alle Verfügungen über Forderungen,
Guthaben, Kredite usw., die auf ausländische Währung lauten,
diirfen nur durch Vermittlung dieser Devisenbanken abgeschlossen
werden.

Der schriftlichen Genehmigung des Reichsbankdirekto-
riums aber unterliegen:

1.	Der Versand von auf Reichsmark lautenden Zahlungs-
mitteln (Banknoten, Wechsel, Schecks usw.) in das Ausland.

2.	Die Einräumung eines auf Markwährung lautenden Kredits
zugunsten einer im Auslande ansässigen Person oder Firma.

3.	Verfügungen über Forderungen in Reichswährung gegen
eine im Auslande ansässige Person oder Firma. Der direkte
Einzug von Markguthaben in, Auslande bedarf der Ge
nehnngung nicht.

4.	Das Eingehen von Verbindlichkeiten in Reichswährung und
auch in ausländischer Währung gegenüber einer im Aus-
lande ansässigen Person zum Zwecke des Erwerbs von
Waren jeder Art, Wertpapieren, Kostbarkeiten, Kunst- und
Luxusgegenständen, Grundstücken und Schiffen. Die gleiche
Bestimmung trifft für Tauschgeschäfte obiger Art gegen
Wertpapiere, Zinsscheine usw. zu.

Zulässig sind die Verfügungen über ausländische Zahlungs-
mittel im Aus lande bis zum Betrage von 1000 Mark innerhalb

127
        <pb n="128" />
        ﻿eines Kalendermonats; ferner sind zulässig innerhalb eines Tages
im Gesamtbeträge von höchstens 1000 Mark, innerhalb eines
Kalendermonats aber nicht über 3000 Mark: die sonstigen oben-
erwähnten Geschäfte.

Auch diese Bestimmungen genügten aber in keiner Weise,
das weitere Sinken unserer Valuta aufzuhalten. Sie hatten über-
haupt keine bemerkbare Wirkung auf den Kurs, der in der Schweiz
von 84 Centimes Anfang Februar 1917 auf 75 Centimes Ende
Mai sank. Innerhalb von 14 Tagen fiel er dann weiter um nahezu
10 Punkte auf 66 Centimes Mitte Juni und erreichte nach vorüber-
gehender unbedeutender Erholung feinen Tiefpunkt Anfang August
mit 62 Centimes, das sind beinahe 50% der Parität. Nach einer
scharfen Aufwärtsbewegung bis 69 Centimes, die aber nur wenige
Tage anhielt, stellte sich der Kurs mit geringen Schwankungen auf
etwa 65 Centimes, um dann im Oktober mit 611/2 Centimes vor-
übergehend einen Stand zu erreicheil, der unter der löälfte der
Parität war.

Die Gründe dafür liegen einmal darin, daß die Devisenord-
nung als solche überhaupt nicht ausreicht, ein Sinken des Kurses
zu verhindern, geschweige denn ein Wiederansteigen herbeizuführen,
dann aber auch darin, daß sie nicht einheitlich und energisch genug
angewendet wurde. Für die Kontrolle über die Durchführung des
Gesetzes waren keine Bestimmungen getroffen. Die militärischen
Postüberwachungsstellen übernahmen die dazu erforderliche Brief-
kontrolle eigentlich ohne Auftrag und wichen in der Auslegung uild
Ausführuilg sehr voneinander ab. Eine Zentralisation unt&gt; Auf-
sicht über diese militärische Tätigkeit, die den verschiedenen General-
kommandos llnterstellt war, fehlte, denn diese hatten für diese Tätig-
keit naturgemäß lvenig Verständnis. Die bei der Reichsbank ge-
schaffene Devisenzentrale bzw. das Reichsbankdirektorium waren
aber in ihren Auslegungen der Devisenordnung und ihren Ent-
scheidlmgen keineswegs einheitlich. Durch Reisen ins Ausland,
dort getroffene persönliche Verabredungen, durch den Grenz-
verkehr, vor allem aber durch die Tätigkeit der militärischen Ein-
käufer im Ausland entzog sich ein erheblicher Teil des Zahlungs-
verkehrs der Kontrolle der militärischen Postüberwachungssielle»
und damit, selbst wenn diese die Handhabung der Devisenordnung
eirergisch betrieben, was, wie gesagt, keineswegs überall der Fall
war, der Aufsicht und Genehmigung der Devisenzentrale. Außer-
128
        <pb n="129" />
        ﻿dem kommt aber in Betracht, daß ein erheblicher Teil der finan-
ziellen Transaktionen mit dem Auslande der Kontrolle der Post-
überwachungsstellen dadurch entgeht, daß er sich innerhalb einer
Devisenbank vollzieht und dort verschwindet.

Der Importeur, der in der Schweiz in Franken zu zahlen hat,
kann, wenn er sich von der Reichsbank keine Devisen verschaffen
kann, bei einer Devisenbank sich ein Markguthaben anlegen und
daraus in irgendeiner Weise seine Zahlungen machen. Der Zu-
sammenhang mit eine»» Importgeschäft ist dann überhaupt nicht
inehr festzustellen. Cs ist auch vorgekommen, daß ein Iniporteur
seine Bank an ein Dutzend verschiedene deutsche Banken je 3000 Mark
überweisen ließ lind dann von jeder diesen freien Höchstbetrag zur
Zahluug in die Schweiz überwies. Es liegt auch kein Grund vor,
anzunehmen, daß die Devisenbanken immer alle Geschäfte, bei denen
sie verdienen können, unterlassen, wenn dadurch die Valuta ge-
schädigt werden kann. Denn durch das einzelne Geschäft wird sie
ja noch nicht geschädigt. Auch kann man, wie gesagt, über die Zu-
lässigkeit der einen oder anderen Maßregel sehr verschiedener Mei-
nung sein.

Mir scheint nun, daß doch schon durch schärfere Auslegung
und .Handhabung der Devisenordnung manches geschehen könnte,
um mindestens ein weiteres Sinken unserer Valuta aufzuhalten.
Dabei ist vor allem au die sog. „Amwandlungen" von Mark in
ausländische Währung oder umgekehrt zu denken, die nach der bis-
herigen Auslegung der Devisenordnung durch die Reichsbank zu-
»reist noch nicht von ihr betroffen werden. Allerdings ist die Wirkung
derartiger Amwandlungen aus unsere Valuta in den einzelnen
Fällen sehr verschieden zu beurteilen. Cs seien deshalb hier ver-
lchiedene Beispiele angeführt.

Wenn jemand in Deutschland über sein Frankenguthaben in
her Schweiz verfügt, ist, wie schon bemerkt, nicht absolut zu sagen,
'das für uns zweckmäßiger ist: sich Zahlungen nach Deutschland in
^Nark oder in Franken kommen zu lassen. Die Markzahlung ver-
mindert zwar das Markangebot in der Schweiz. Jedoch würde
hds unter den heuügen Verhältnissen nur dann wirksam werden,
wenn die Marknachfrage in der Schweiz wirklich zentralisiert
'"»d inlstande wäre, jederzeit das Angebot aufzunehmen. Solange

nicht der Fall ist, ist es doch vorteilhafter, daß Franken nach
Deutschland gebracht werden. Denn diese können hier leichter zu-

2iesmann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 9	120
        <pb n="130" />
        ﻿sammengefaßt und zur Äebung des Markkurses in der Schweiz
verwandt werden. Will man aber derarüge Amwandlungen ein-
schränken und die Zahlung in der ausländischen Währung vor-
schreiben, so ist das auch mit der jetzigen Devisenordnung durch eine
strengere Interpretation derselben möglich. Man kann den Ankauf
der Mark im Auslande gleichzeitig als einen Verkauf ausländischer
Valuta bezeichnen, der nach 8 1 DO. ohne eine Devisenbank un-
zulässig ist. Die Reichsbank hat sich aber nicht auf diesen Stand-
punkt gestellt, sondern die Meinung vertreten, daß nach § 1 Abs. 2
der Devisenordnung jegliche Verfügung gestattet ist und keine Be-
schränkung hinsichtlich der Währung, in welcher verfügt werden
darf, gegeben ist. Das entspricht aber insofern nicht den auf Lebung
oder Aufrechterhaltung unserer Valuta gerichteten Bestrebungen,
als damit Ainwandlungen in sehr großem Amfange ermöglicht
werden und jede durchgreifende Zentralisation ausländischer Valuta
in Deutschland gehindert wird. Zu einer solchen zu gelangen, muß
aber unsere erste Aufgabe sein. Es ist dabei zu bemerken, daß
schon nach der früheren Devisenordnung diese Amwandlungen
zweifellos verboten waren, und da die neue doch offenbar eine Ver-
schärfung der früheren unzureichenden Maßregeln bezweckt, erscheint
unsere obige verschärfte Auslegung statt einer Milderung unbedingt
geboten. Mit anderen Worten: eine möglichste Zentralisation
aller Zahlungen ist anzustreben, wenn die ganze Devisenordnung
überhaupt ihren Zweck erfüllen soll.

Ein anderer Fall ist der, daß eine deutsche Firma die von ihrer
Schweizer Filiale ihr eingesandten Markschecks aus Transport-
leistungen ihr in Franken gutschreibt. Die Reichsbank hat darin
keinen Verstoß gegen die Devisenordnung gesehen, weil die deutsche
Gesellschaft Zahlungsmittel und Forderungen in ausländischer
Währung weder kauft noch gegen Zahlungsmittel oder Forderungen
in anderer Währung umtauscht noch auch darlehensweise erwirbt.
Ebensowenig werde über Zahlungsmittel, Forderungen oder Kredite
in ausländischer Währung verfügt, es werde vielmehr lediglich eine
Verbindlichkeit in Frankenwährung eingegangen, die jedoch nicht
unter 8 3 Abs. 2 DO. falle. Im vorliegenden Falle entsteht aus
der Transaktion für Deutschland kein Schaden, wenn tatsächlich
die gesamten Erträge der Schweizer Firma der deutschen Gesell-
schaft zufließen. Andererseits ist aber die Maßregel nichts anderes
als eine der Schweizer Firma gewährte Garantie gegen Kurs-
130
        <pb n="131" />
        ﻿Verluste der Mark und daher vom deutschen Standpunkte aus höchst
bedenklich. Sie müßte daher unbedingt verhindert werden, und das
ist nach unserer Auffassung auch wieder schon auf Grund der Devisen-
ordnung möglich, indem die Amwandlung in Franken als ein An-
kauf von Geldsorten usw. in ausländischer Währung aufgefaßt wird.
Immerhin aber wäre eine entsprechende Ausgestaltung der Devisen-
ordnung, die darüber volle Klarheit schafft, erwünscht.

Ein dritter Fall ist der sehr häufig vorkommende, daß eine
deutsche Exportfirma zwar in Franken fakturiert, der Schweizer
Schuldner aber durch eine deutsche Bank in Mark zahlt. Dabei
spielen die großen Schweizer Guthaben bei deutschen Banken natür-
lich eine Rolle (deshalb sind auch die zahlreichen deutschen Städten
in der Schweiz gewährten Darlehen meist aus solchen Guthaben
bezahlt worden, s. unten). Auch diese Transaktion dürfte von dem
Gesichtspunkt aus zu beurteilen sein, daß wenn dabei überhaupt
die Nachfrage nach deutschen Zahlungsmitteln im Auslande ver-
stärkt wird, dies doch nicht so günstig wirkt wie eine vermehrte
Verfügung über ausländische Zahlungsmittel im Inlande. Auch
hier kann man sich aber aus den Standpunkt stellen, daß eine schon
nach der Devisenordnung unzulässige Verfügung über ein Guthaben
in ausländischer Währung vorliege.

Ein vierter Fall, auch sehr häufig vorkommend, ist der, daß
ein Deutscher Waren von einem Schweizer kauft, auf dessen Wunsch
in Franken. Da der Käufer aber weiß, daß er für den Ankauf
keine Schweizer Devise erhält, kommen beide überein, daß an eine
deutsche Bank in Mark gezahlt wird, über die dann der Schweizer
beliebig verfügt. Der Zusammenhang mit dein Importgeschäft
ist dabei gar nicht mehr festzustellen. Die Gutschrift des Markbe-
trages selbst ist nicht zu beanstanden.

Es ist klar, daß diese Verhältnisse nur gebessert werden können
und ein weiteres Sinken unserer Valuta verhindert werden kann,
wenn der gesamte Zahlungsverkehr von und nach dem Aus-
lande vollständig überwacht und einheitlich organisiert und zentrali-
siert wird. Am einfachsten ist es wohl, dahin zu wirken, daß für
jeden Export nach dem Auslande ausländische Valuta einer deutschen
Zentralstelle zur Verfügung gestellt werden muH, die sie dann ein-
heitlich wieder zu Ankäufen im Auslande verwendet. Da das Aus-
land jetzt doch nur von uns kauft, was es notwendig von uns be-
ziehen muß, wäre eine derartige Bestimmung wohl unschwierig

13!
        <pb n="132" />
        ﻿durchzusetzen. Jede Markzahlung für deutschen Export müßte
untersagt fein. Damit bekäme die Regierung, der ja jetzt schon die
Effekten der neutralen Staaten zur Verfügung gestellt sind, so viel
neutrale Währung in die Land, als überhaupt zu bekommen ist.

Land in Land mit dieser Zentralisation des deutschen Zah-
lungsverkehrs an das Ausland im Inlands selbst müßte auch eine
einheitliche Organisation im Auslande geschaffen werden, welche
das Angebot von deutschen Noten und Devisen aufnimmt. Denn
oft sind es nur sehr kleine Beträge, die angeboten werden, die aber,
weil keine Stelle da ist, die sich darum kümmert, deit Kurs oft un-
verhältnismäßig drücken. Es sind ganz dieselben Verhältnisse,
wie sie seinerzeit schon in Amerika beklagt wurden. Schweizer,
holländische und skandinavische Banken müßten dazu gegen eine
Provision herangezogen werden. Wie man hört, sind schon
mehrfach dahin gehende Vorschläge gemacht, aber regelmäßig von
der Reichsbank abgelehnt worden. Am zweckmäßigsten wäre es
natürlich, eine deutsche Bank in der Schweiz bzw. in den anderen
neutralen Staaten zu errichten. Denn diese werden noch lange nack
dem Kriege auf dem Geldmarkt sehr große Bedeutung behalten
und von uns beim internationalen Verkehr benutzt werden müssen.
Ein Artikel aus der Schweiz, den die „Frankfurter Zeitung" vorn
20. Juli ohne Zusatz abdruckte, und der im Linblick aus die neutralen
Leistungen der Schweizer Banken und ihre große Konkurrenz von
einer solchen, offenbar befürchteten Bankgründung abrät, ist durch-
aus zu bestreiten. Die Schweizer Banken stehen in ihrer großen
Mehrzahl offenbar stark unter dem Druck der Entente, lind wenn
man es ihnen auch nicht verargen kann, daß sie sich gegen das Sinken
unserer Valuta zu sichern suchen, so ist doch andererseits auch kein
Zweifel, daß sie sich alle daraus zu ziehenden Vorteile voll zunutze
machen.

Das beste Mittel, ein weiteres Sinken unserer Valuta zu ver-
hindern, ist, neben jener einheitlichen Überwachung und Organi-
sation des ganzen Zahlungsverkehrs den reinen Tauschhandel
in möglichst großein Auffange zu organisieren. Auch das setzt
natürlich eine völlige Konzentration der Ein- &gt;urd Ausfuhr voraus,
die aber noch für längere Zeit nach dein Kriege unbedingt nötig
sein wird. Bei der Erlangung vorl Gegenleistungerr für von linö
gelieferte Waren müßte aber viel energischer vorgegangen werden,
als das nach zahlreichen Mitteilungen bisher geschehen ist. Es
132
        <pb n="133" />
        ﻿müßten ganz andere Kompensationen für unsere Lieferungen, z. B.
Kohlen, die wir selbst im Inlande so gut gebrauchen könnten, ver-
langt werden. Wo aber in dieser Weise die Geldzahlung nicht aus-
geschaltet werden kann, da müßte, wie gesagt, unbedingt Zahlung
in ausländischer Valuta verlangt werden. Bisher ist das meines
Wissens nur bei Kohlen und Goldwaren bestimmt.

Als im Sommer 1917 die deutsche Valuta in der Schweiz
auf rund 50 % der Parität fiel, erkannte die deutsche Regierung
endlich, daß sie energischere Mittel in Angriff nehmen müsse, und
sie benutzte die Gelegenheit der damals ablaufenden Wirtschafts-
abkommen init der Schweiz und Lolland, um eine Lebung des
Markkurses zu versuchen. Es wurde für die Kohlenlieferung
ein erheblich höherer Preis verlangt als früher (aber immer noch
erheblich niederer, als er diesen Ländern von der Entente berechnet
wurde, und noch viel zu nieder angesichts des Amstandes, daß die
inländische Bevölkerung so ungenügend mit Kohlen versorgt wurde
und im Kleinverkäufe so sehr gestiegene Preise zu bezahlen hatte).
Gleichzeitig wurde dem Deutschen Reiche von der Schweiz ein
Darlehen von 180 Millionen Franken gegen Linterlegung von
Sicherheiten zugesagt. Aber ähnliche Abmachungen mit Lolland
ist nichts Näheres bekannt geworden. Damit soll für die Dauer des
Abkommens der Mehrbedarf Deutschlands an Zahlungen nach der
Schweiz — es wurden 68 Millionen Franken als nwnalliche For-
deningen der Schweiz, 25 Millionen Franken als inonatliche For-
derungen Deusschlands angegeben — ausgeglichen werden. Doch
wissen wir jetzt, daß der Kurs unserer Valuta keineswegs nur von
dem Zahlungsverkehr, sondern, da kein freier Warenausgleich statt-
finden kaiui, auch von den ganzen inländischen Preisverhältnissen
abhängig ist. Dafür werden die Anterhändler wohl kaum schon
Verständnis gehabt haben. Man darf aber aus diesen, Grunde
den Einfluß dieses Abkommens auf den Stand unserer Valuta
nicht zu hoch veranschlagen, wie es überhaupt unendlich viel leichter
ist, das Sinken einer Valuta zu verhindern, als sie wieder zu heben,
wenn sie einmal gesunken ist.

Als eine weitere Maßregel machte die Regierung dann von
der ihr schon in der letzten Devisenordnung verliehenen Befugnis
Gebrauch, eine allgemeine Anmeldung und Feststellung aller
in privatem Besitz befindlichen Devisen sowie ihre Enteignung
nach Wahl der Reichsbank durchzufiihren. Anzumelden sind alle

133
        <pb n="134" />
        ﻿H

l

I I

1





I

Geldsorten im Betrage von über 500 Mark, alle sonstigen Zah-
lungsmittel in ausländischer Währung im Betrage von über
1000 Mark und alle Forderungen in Reichs- oder irgendeiner aus-
ländischen Währung gegen Personen und Firmen in allen neutralen
Staaten sowie in Bulgarien und der Türkei im Betrage von über
5000 Mark.

Wie diese Vorschriften angewendet werden und wie die darauf-
hin erfolgenden Maßregeln der Reichsbank wirken werden, steht
noch dahin. Werden sie energisch angewendet, so ist, vorausgesetzt,
daß auch das ganze militärische Zahlungswesen von ihnen erfaßt
wird, auf dem Gebiete des Zahlungsverkehrs wohl alles ge-
schehen, was geschehen kann. Am wichtigsten aber bleibt immer
der Warenverkehr, und hier inuß dafür gesorgt werden, daß
auch noch längere Zeit über den Friedensschluß hinaus der gesamte
Export und Import einheitlich überwacht und jeder unnötige Import
vermieden wird, daß aber für unseren Export die höchstmöglichen
Preise erzielt werden. Das Ganze ist also eine der wichtigsten Auf-
gaben der Übergangswirtschaft, die natürlich heute schon vor-
bereitet werden muß.

Zu geringe Beachtung ist bisher auch dem Effektenverkehr
mit dem Auslande für die Frage der Äebung unserer Valuta ge-
schenkt worden. Als zu Beginn des Krieges die deutsche Valuta
sank und gleichzeitig die ersten Kriegsanleihen herauskamen, wurde
das Kapitalistenpublikum veranlaßt, ausländische Werte zu ver-
kaufen und dafür Kriegsanleihe zu zeichnen. So gingen große
Posten Effekten ins Ausland, die man später mit sehr viel höherem
Nutzen hätte verkaufen können. Das war um so bedauerlicher, als
dieser Export in keiner Weise zur Lebung unserer Valuta benutzt
wurde. So wurde er verzettelt, während er nützlich für uns vor
allem hätte sein können, wenn man ihn damals, neben einem Gold-
export, als Grundlage für Kreditaufnahmen im Auslande be-
nutzt hätte.

Lange geschah auch gar nichts, um die Anlage deutschen
Kapitals in ausländischen und im Auslande verbleibenden Effekten
wirksam zu verhindern, und gegen die so bedenkliche Effektenabwan-
derung deutschen Kapitals, hinter der immer die Möglichkeit be-
absichtigter Steuerhinterziehungen steht, ist noch heute nicht ge-
nügend eingeschritten. Insbesondere bei einer Reise ins neutrale
134
        <pb n="135" />
        ﻿Ausland kann man von dort aus durch Vermittlung der Banken
leicht große Geldsummen oder Effekten ins Ausland bringen. Die
Summe der während des Krieges ins Ausland gewanderten deutschen
Vermögen ist auf 2 bis 3 Milliarden Mark geschäht worden. Ich
bin der Ansicht, daß man die Vermögensauswanderung für längere
Zeit nach dem Kriege sehr wohl verbieten könnte, ganz ebenso wie
man die Auswanderung Wehrpflichtiger verbietet. Einfach mit
der Begründung, daß wer jetzt im Kriege den Schutz seiner Person
und seines Vermögens durch unser Leer und damit durch einen
großen Teil des Volkes genossen hat, nun auch verpflichtet ist,
durch eine Reihe von Jahren noch auch mit seiner flnanziellen
Leistungsfähigkeit an den Opfern sich zu beteiligen, die dafür ge-
bracht werden müssen, und denen er sich nicht durch Auswanderung
und Verbringung seines Vermögens ins Ausland entziehen darf.

Wir sind aber auch mit der Beschlagnahme der feindlichen
Vermögen zu langsam vorgegangen und haben insbesondere nach
der Kriegserklärung Amerikas noch Millionen amerikanisches
Vermögen, deren Besitzer wohl meist deutscher Abstammung
waren, unbehelligt ins Ausland wandern lassen.

Der Gedanke, daß man unseren ausländischen Effektenbesih
nur durch eine einheitliche Organisation zur Lebung bzw.
Aufrechterhaltung des Kurses unserer Valuta verwenden könne,
führte erst im Frühjahr 1917 zu tatsächlichen Maßregeln. Durch
die Verordnung vom 22. März 1917 wurde das Publikum auf-
gefordert, dem Reiche ausländische Wertpapiere gegen eine Leih-
gebühr von Vs des Zins- oder Dividendenerträgnisses, mindestens
aber von 1 % zur Verfügung zu stellen. Das Reich verspricht die
Rücklieferung solcher ihm leihweise überlassenen Papiere spätestens
drei Jahre nach Abschluß des Friedensvertrages mit England, be-
hält sich aber das Recht vor, sie jederzeit wieder zurückzugeben.
Der Eigentünier kann verlangen, daß das Reich die Papiere
käuflich übernimmt, sofern es nicht vorzieht, sie zurückzugeben. Als
Kaufpreis gilt der Kurs des für das Wertpapier maßgebenden
ausländischen Börsenplatzes am Tage der Übernahmeerklärung
h'urch das Reich. Damit soll spekulativen Übernahmeanttägen der
Besitzer, die sich sonst gerade die Momente des niedrigsten Kurs-
standes der deutschen Valuta aussuchen würden, entgegengewirkt
werden. Es sind so sehr bedeutende Summen von Wertpapieren
Aulammengekommen, deren Verwaltung der Bank des Berliner

135
        <pb n="136" />
        ﻿Kaffenvereins übertragen ist. Auch im neutralen Auslande sind
gewisse Banken bestimmt, an welche die dort befindlichen Effekten
im Besitz von Reichsdeutschen zu senden sind, damit sie zur Ver-
fügung des Reichsbankdirektoriums gehalten werden. Die Art
ihrer Verwendung ist natürlich nicht bekannt. Die ganze Maßregel
ist, ebenso wie die Goldablieferung, eine freiwillige, doch wäre
eine Beschlagnahme an sich durchaus möglich. In welcher Weise
diese Effekten nach Friedensschluß als Grundlage für die Aufnahme
einer Anleihe verwendet werden könnten, soll heute noch nicht er-
örtert werden.

Bisher haben diese Maßregeln auf die löebung des Kurses
der deutschen Valuta noch nicht wesentlich eingewirkt. Vielmehr
sind als Folge ihres bis zum Sommer 1917 fortgesetzten Sinkens
verschiedene ungünstige Erscheinungen auf deni Gebiete des Effekten-
marktes zu verzeichnen. Dahin gehört der Zwang, für im Auslande
aufgenommene Kredite die Effektendeckung immer wieder
zu erhöhen. Infolgedessen wanderten im ersten löalbjahr 1917
wieder Millionen deutscher Effekten, meist Pfandbriefe oder An-
leihen der Einzelstaatein ins Ausland, Kriegsanleihen werden in
der Regel dafür nicht angenommen. Inwieweit dieser Effekten-
export wirklich dem Zwecke der Kreditaufnahme oder der Rach-
deckung eingeräumter Kredite dient lind ob nicht oft eine dauernde
Vermögensabwanderung damit bezweckt ist, läßt sich natürlich
nicht feststellen. Auch hier wären einheitliche Bestimmungen und
schärfere Überwachung erforderlich. Auch die Effektengeschäfte der
Banken (Konto-Meta-Geschäfte) sind ganz ungehindert, obgleich
keinerlei Gewähr besteht, daß sie immer im deutschen Interesse
erfolgen.

Wie fthr die fortwährenden Nachdeckungen für gewährte
Kredite im Ausland schwächere Schuldner, die kein großes mobiles
Vermögen haben, belasten, wie viele Kredite gekündigt werden
und wie viele der hingegebenen Deckungen verfallen, kann man sich
denken. Ebenso, was es für die deutsche Volkswirffchaft bedeutet,
wenn jetzt z. B. in der Schweiz für 40 Franken Kredit 100 Mark
Deckung in erstklassigen Effekten verlangt werden. Wenn eine
Schuld erneuert werden muß, geschieht das natürlich nur zu sehr
ungiinstigen Bedingungen, Erhöhung des Zinsfußes, bis zu O1/*0/«),
erhebliche jährlich zu zahlende Abschlußprovisionen, hohe Ver-
mittlergebühren usw. Ulrich suchen Vermittler ausländischer Banken,
136
        <pb n="137" />
        ﻿die in Deutschland ihren Wohnsitz haben, den Schuldnern, wenn
sie sich in einer Notlage befinden oder ihre Kredite erneuern müssen,
bei der Regelung ihrer Verpflichtungen unsichere deutsche, im Besitz
ihrer Auftraggeber befindliche Hypotheken aufzuhalsen.

Die größte Bedeutung bei dem Abschluß neuer Kredite im
neutralen Auslande seitens deutscher Schuldner hat natürlich die
Valutaklausel. Fast alle Schuldner müssen sich zur Rückzahlung
in ausländischer Währung oder zum früheren Parikurse der Mark,
also z. B. bei Schweizer Franken zu einer Rückzahlung zum Kurse
von 123*/2 Centimes für 100 Mark verpflichten. Auf dieser Grund-
lage, und zwar mit einer Rückzahlungspflicht in 8 bis 10 Jahren
sind in der ersten Hälfte des Jahres 1917 von Dutzenden deutscher
Städte Anleihen in der Schweiz im Betrage von vielen Millionen
aufgenommen worden. Auch in Lolland und Skandinavien sind
solche Anleihen aufgenommen worden, und erst in den letzten Mo-
naten scheint man seitens der Regierung dem Abschluß von Anleihen
seitens deutscher Städte mit derartigen Rückzahlungsverpflichtungen
Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Dabei sind auch die Ver-
mittlerprovisionen sehr hoch, z. B. 1/.i % jährliche Abschlußprovision
und eine einmalige Vermittlungsgebühr von 1 Va °/o- Die Schweizer
Banken, die solche Darlehen gewähren, verschafften sich dabei die
Mark für etwa 65 Centimes und erhalten in 8 bis 10 Jahren dafiir
1231/2 Centimes zuriick. Kein Wunder, daß die Schweizer gern
solche Städteanleihen übernehmen und daß sich auch deutsche Kapi-
talisten auf dem Llmwege über Schweizer Banken daran zu be-
teiligen silchen. Dabei ist es bemerkenswert, daß alle diese Anleihen
zur Hebung der deutschen Valuta gar nichts beigetragen haben.
Denn sie wurden regelmäßig aus schon vorhandenen Schweizer
Guthaben in Deutschland gewährt. Neuestens sind übrigens auch
große Anleihen ohne die Valutaklausel, also unter Riickzahlung
in Mark abgeschlossen worden, wobei die Kredite natürlich auch in
Mark gewährt wurden.

Fiir private Schuldner sind aber die ihnen von ausländischen
Zanken gewährten Bedingungen oft noch viel ungünstiger. Wenn
sie zu Zahlungen in der Schweiz einen Frankenkredit gebrauchen,
müssen sie sich oft verpflichten, auch gleichzeitig einen Markkredit
^ übernehmen. Diesen beschafft sich der Gläubiger zu etwa 65
und läßt sich Rückzahlung zu 123V« versprechen. Dabei sind die
^sückzahlungstermine aber manchmal noch viel kürzer als bei den

137
        <pb n="138" />
        ﻿Stadtanleihen. Es sind Fälle vorgekommen, daß eine höchst an-
gesehene und zahlungsfähige Firma z. B. für einen Frankenkredit
von 100 000 Franken auch einen Markkredit von 100 000 Mark
übernehmen mußte, diesen rückzahlbar zu 1231/as Centimes, und
zwar ungefähr zwei Drittel davon schon in 3 Jahren, 1920, der
Rest in 5 Jahren. Das bedeutet für die Schweizer Bank, die sich
die Mark zu weniger als 65 Centimes verschaffte, eine jährliche
Verzinsung von 1772%! Richt selten verlangen die ausländischen
Gläubiger auch noch die Garantie einer Versicherungsgesellschaft,
deren Provision der Schuldner natürlich auch noch bezahlen muß.
In einem anderen Fall wurden 7% Zinsen, 1/4% vierteljährliche
Kommission, 1 % Akzeptprovision der Bank verlangt. Außerdem
sollte der Schuldner in Deutschland belegenen Grundbesitz über-
nehmen und den gewährten Kredit spätestens Ende 1920 zurückzahlen.

Derartige Geschäfte sollten, mich wenn man sie mit Rücksicht
auf die Kriegsanleihen bisher geduldet hat, doch viel mehr unter-
bunden werden. Auch ist die ganze Art, tvie solche Städteanleihen
z. B. in den Züricher Kaffeehäusern ausgeboten und abgeschlossen
wurde», der Qualität der deutschen Schuldner unwürdig.

Da unsere Bundesgenossen in so großem Umfange die Mark
zu Zahlungen an das Ausland verwendeten und damit auch Ange
kauften, deren Beschaffung ihnen nur infolge ihrer laxeren Hand-
habung der Ein-- und Ausfuhrbeschränkungen möglich, bei uns
aber verboten war, so verfilzte die Reichsbank im Oktober 1917,
oaß Markguthaben aus österreichisch - ungarischen Effektenver-
käufen in Deutschland, sofern sie nicht zur Bezahlung von Waren-
oder Effektenschulden dienen, bis 12 Monate nach Friedensschluß
gesperrt sind. Das hat in Österreich Unzufriedenheit erregt, aber
es wäre hier, &gt;vie auf so vielen Gebieten, zweckmäßig, wenn sich
die beiden Staaten über ein gemeinsaines Vorgehen in den Valuta-
frageil, in der Beschränkung der Luruseinfiihr und der Einschrän-
kung der Effektenspekulafioit verständigten. Jedenfalls kann keine
Rede davon sein, daß wir die Luxuseinfuhr aus Österreich-Ungarn
zulassen, selbst aber auf den Export derartiger Produkte dorthin
verzichten könnten. Die Beschränkungen und Maßregeln, die zur
Auftechterhaltung der Valuta nötig sind, müßten in beiden Ländern
gleich sein, und deshalb wäre es inir durchaus berechtigt, wemr der
zügellosen Geldvermehrung, wie sie in Österreich-Ungarn ein-
gerissen ist lind über die jede öffentliche Kontrolle fehlt, Schranken
138
        <pb n="139" />
        ﻿angelegt würden. Solange das nicht geschieht und den deutschen
maßgebenden Instanzen dabei eine Mitwirkung zugestanden wird,
kann von dem an sich höchst erwünschten, ja notwendigen Zu-
sammenwirken der beiden Staaten zur Äebung der Valuta keine
Rede sein. Schließlich scheint es uns, daß Österreich-Angarn,
dessen einziger Geldgeber Deutschland ist, an der Aufrechterhaltung
unserer Valuta doch noch ein größeres Interesse hat als wir an der
leinen, und daß es daher alles tun sollte, um gemeinsam mit uns
unsere Valuta stützen zu helfen. Das wird ihm dann auch für die
eigene Valuta von allergrößtem Vorteil sein. Freilich muß man
sich zunächst einmal darüber klar sein, worauf das starke Sinken
unserer Vaüiten zurückzuführen ist, und daran scheint es bei uns
wie bei unseren Bundesgenossen gefehlt zu haben. Sonst hätte
man in beiden Ländern in der Kriegsfinanzierung wohl manches
anders gemacht.

139
        <pb n="140" />
        ﻿Achtes Kapitel

Die Geldprobleme in der inneren Wirtschafts-
politik im und nach dem Kriege

Qsäsyii' haben in den vorhergehenden Kapiteln den Zusammen-
hang zwischen Einkolnrnensteigerungen, Preissteigerungen
und Geldvermehrung klargestellt, den zu erkennen die wichtigste
Voraussetzung einer richtigen Geldpolitik im und nach den: Kriege
ist. Nur durch Einkommensteigerungen wirkt die Geldvermehrung
preissteigernd, daher kommt es aber auch nicht nur auf die Geldver-
mehrung im realen Sinne an, sondern letzten Endes hat alles, was
die Einkommen vermehrt, preissteigernde Wirkung und so auch
häufig bloße Einkommensverschiebungen. Vor allem aber wirkt
preissteigernd die große Kreditanspannung, welche im Kriege
teils mit, teils ohne Banknoten- oder Papiergeldausgabe üblich ist.
Auch hier muß ich wieder darauf hinweisen, daß inan diese Zu-
sammenhänge bisher, )vie die Literatur zeigt, so gut wie gar nicht
erkannt hat, daß insbesondere auch die Praktiker gar keine Vor-
stellung davon haben, und muß es daher den maßgebenden Personen
dringend ans Äerz legen, diese Probleme sorgfältig durchzudenken
und nicht zu vergessen, daß das Verbleiben in den alten Gleisen
nicht genügt und wir nun einmal durch den Krieg iind seine ge-
waltigen Amwälzungen vor neue Aufgaben gestellt sind.

Lätte man sich diese Zusammenhänge früher klar gemacht,
so wäre in der Wirtschaftspolitik im Kriege mancherlei anders ge-
macht worden und mancherlei Maßregeln wären schon längst er-
griffen oder doch wenigstens ihre Vorbereitung in Angriff ge-
nommen worden, deren Notwendigkeit auf Grund unserer Er-
örterungen jetzt wissenschaftlich bewiesen werden kann. Von diesen
Maßregeln, einigen der wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik
im und nach dem Kriege, soll jetzt noch die Rede sein.

140
        <pb n="141" />
        ﻿Aus unseren Ausführungen über die Geldvermehrung erkennt
man vor allem, wie außerordentlich wichtig es ist, daß, wenn schon
der Staat sich künstliche Kaufkraft durch Kreditinanspruchnahme
bei den Notenbanken beschafft, er sie doch wenigstens alsbald wieder
konsolidiert durch Anleihen und Steuern, welche aus den Er-
trägen oder dem disponiblen umlaufenden Kapital in der Volks-
wirtschaft stammen. Dies hat man bei uns — zwar nicht wissen-
schaftlich erkannt, sonst hätte man insbesondere Steuern, vor allem
die Kriegsgewinnsteuern, viel friiher und viel energischer zur An-
wendung gebracht — aber bezüglich der Anleihen sozusagen em-
pirisch befolgt, um eine zu große Belastung der Reichsbank zu ver-
meiden. Von der ungünstigen Wirkung, die diese Schaffung künst-
licher, zusätzlicher Kaufkraft auf die Preise haben «rußte, hat man
natürlich keine Vorstellung gehabt; nran hat diese gairzen Vor-
gärrge nicht vom Standpunkt der Wirkungen auf den Tausch-
verkehr und die Preisgestaltrurg, sondern von den, des Status
der Notenbank aus betrachtet. Sonst hätte man nicht in den
ersten Wochen des Krieges gleich 2 Milliarden Mark künstliche
ireue Kaufkraft geschaffen, die größtenteils zum Ankauf von Pferden
und Automobilen zri hohen Preisen dienten und zu Preissteige-
rungen führten zu einer Zeit, als von Warenmangel noch keine
Rede sein konnte. Sonst hätte man auch nicht die lächerlich hohen
Preise für Kantinen an den Bahnhöfen und für tausend andere
Dinge des Leeresbedarfs bewilligt, über die schon im Frieden
Berträge abgeschlossen worden waren. Man glaubte eben, daß ein
Krieg höchstens ein paar Monate dauerrr könne und daß man die
Kosten im einzelnen dabei nicht so genau zu kontrollieren brauche.
Bon der Wirkung derartiger plötzlicher Einkonrnrensteigerungen
aus die allgemeine Preisbildung hat man keine Vorstellung gehabt.

In allerr früheren Kriegen waren die Notenbanken stark zur
Aufbringung der Kriegskosten herangezogen worden, und so ging
'uarr irr derselben Weise vor wie früher, auch mit der Errichtung
ber Darlehenskassen, ohne sich über die volkswirtschaftliche Wir-
kung aller dieser Maßregeln klar zri sein. Aber, wie nochrrrals
betont sei, man kann den leitenden Persönlichkeiten keinen Vor-
wurf machen, der vielmehr allein auf die Wissenschaft und den un-
vollkommenen Zustand ihrer Erkenntnis fällt, in der rroch kurz
^or Vegiml des Krieges die denkbar verkehrtesten Theorien über
Deld und Preise „sieb in Europa und Amerika gleichgroßer Zu-

141
        <pb n="142" />
        ﻿stimmung zu erfreuen hatten" und nirgends als falsch erwiesen und
durch bessere ersetzt werden konnten.

Daß man in Deutschland dann bald im Wege der Anleihen aus
die verfügbaren Erträge und umlaufenden Kapitalien der Volkswirt-
schaft zur Bestreitung der Kriegskosten zurückgriff, war ein großer
Glücksfall, ohne den die Preissteigerungen im Inlands und vor allen»
auch der Kursrückgang unserer Valuta im Auslande noch viel
schneller eingetreten wären. Wenn man aber im ganzen nicht so
völlig im Banne der alten Schabloire der Geld- und Finanzwirt-
schaft des Friedeirs und ihrer von England überkommene,! Ideen
gewesen wäre, so hätte man sich wohl auch die Frage vorgelegt,
ob man nicht die Reichsbank bei Aufbringung der Kriegskosten,
hätte entbehren können. Namentlich anfangs, als die Ergebnisse
der Anleihe»! noch für die Kosten ausreichten, trohdenr von spar-
samer Wirtschaft wohl nie die Rede gewesen sein kann, wäre zu
erwägen gewesen, ob nicht die Anleihen, die vom deutschen Publikum
im Gegensatz zu dem anderer Länder, aber in richtiger politischer
und wirtschaftlicher Einsicht so bereitwillig genommen wurden,
direkt bzw. nur unter Mitwirkung der privaten Banken hätten
untergebracht und die Reichsbank hätte ausgeschaltet werden
können. Soweit die betreffenden 'Summen schon vorweg aus-
gegeben worden wären, hätten die Finanztratten des Reichs wohl
auch bei den privaten Banken und Kapitalisten untergebracht
werden köimen. Damit wären noch schneller die verfügbaren Er-
träge und Kapitalien für die Kriegszwecke nutzbar gemacht worden
und eine Schaffung künstlicher Kaufkraft verinieden worden.

Später freilich, als die Kriegskosten fiir 1917 auf über 40 Mil-
liarden Mark anschwollen, während die beiden Anleihen nur etwa
23 Milliarden Mark einbrachten, war eine solche Konsolidierung
der Kreditwirtschaft des Reiches nicht mehr möglich. Da blieb
nur, wenn man die Kosten nicht einschränken konnte, wofür es an
einer entscheidenden Instanz fehlte, entweder der Weg der Steuern,
der, wenn er auch nicht ausreichende Summen herbeigeschafft hätte,
doch auch in größerem Amfange hätte benutzt werden müssen, oder
nur der der Schaffung künstlicher Kaufkraft. Daher die
Zunahme der Finanzwechsel bei der Reichsbank, das An-
wachsen der Banknoten und der Darlehenskassenscheine.

Wir müssen nun auf das dringendste davor warnen, daß ein
»veiteres Anschwellen dieser Mittel der Kriegsffnanzierung ge-
142
        <pb n="143" />
        ﻿duldet wird, eben mit Rücksicht auf die Preisbildung in unserer
Volkswirtschaft und die davon stark beeinflußte Möglichkeit einer
baldigen Wiederaufnahme des Tauschverkehrs mit dem Auslande.
Es sollten alle Lebel in Bewegung gesetzt werden, den Amlauf von
Banknoten und Darlehenskassenscheinen nicht weiter steigen zu
lassen, und zwar natürlich ganz ohne Rücksicht auf den Goldvorrat
und ein etwaiges Steigen der Deckungsquote, auf die man bisher
immer ausschließlich achtete, sondern einzig und allein mit Rück-
sicht auf die nachteiligen Folgen der Schaffung künstlicher Kaufkraft,
die von der Notendeckung ganz unabhängig sind. Das ist lange
noch nicht energisch genug geschehen, einmal weil man von den
wirtschaftlicher! Zusammenhängen keine klare Vorstellung hatte,
und dann, weil man aus dem bisher immer befolgten Schema nicht
herauskam, wiederum nrangels der richtigen leitenden Gesichts-
punkte.

Die Notenbank, der nach den bisher geltenderr Prinzipien
leider auch die Sorge für unsere Währung fast ganz allein obliegt,
sollte also für die Kriegssinanzierung nröglichst wenig in Anspruch
genommen werden. Die Schatzwechsel sind daher möglichst direkt
bei den privaten Banken und bei den großen Kriegslieferanten,
rnöglichst wenig durch Benützung der Reichsbank zu begeben und
dann möglichst bald durch Anleihen zu decken. Soweit diese aber
nicht ausreichen urrd Ersparnisse nicht möglich sind, was aber viel
schärfer als bisher kontrolliert werden sollte, ist viel energischer,
als das bisher geschehen ist, dafür zu sorgen, daß die fehlenden
Beträge durch Steuern aufgebracht werden. Denn es kommt
alles darauf an, die in der Volkswirtschaft vorhandenen Erträge
in möglichst großem Amfange heranzuziehen, und es ist gar kein
Zweifel, daß das trotz aller Opferwilligkeit weiter Bevölkerungs-
kreise auch in Deutschland durch die freiwilligen Anleihen noch lange
nicht in dem wirklich möglichen Amfange geschieht, wenn auch die
Erfolge unserer Anleihen höchst erfreulich und denen der anderen
kriegführenden Staaten, vor allem auch Frankreichs, weit überlegen
sind. Doch muß man bedenken, daß einerseits viele Einkornmen
gewaltig gestiegen sind und daß andererseits jetzt 10 Milliarden
Mark erheblich weniger bedeuten als 1914. Über die Gestaltung
der Einkommen im Kriege sei hier nur eine einzige Zahl angegeben,
die viel zu denken geben sollte und mit einem Schlage gewaltige
Fehler unserer Geld- und Finanzpoliük aufzeigt: Im Etatsjahr

143
        <pb n="144" />
        ﻿1914/15, von dem ein Drittel noch in die Friedenszeit fiel, betrug
die Zahl der Einkommensmillionäre in Preußen 91, im
Jahre 1916/17 134!

Darüber kann kein Zweifel sein, daß dem Reiche auf deni
Wege der Anleihen längst nicht alles, was ihn, für die Kriegs-
finanzierung zur Verfügung gestellt werden könnte, tatsächlich zu-
fließt, nicht einmal alle zur Kapitalbildung verfügbaren Einkvmmens-
teile. Da nun die so durch Anleihen beschafften Summen längst nicht
mehr zur Bestreitung der Kriegsausgaben ausreichen, hätten schon
lange Steuern in größeren! Amfange als Ergänzung eingeführt
werden müssen und die Beschaffung der Mittel durch Kreditanspan-
nung, mit oder ohne Benutzung der Notenpresse, in größeren,
Maße vermieden werden müssen.

In erster Linie kommt da die Kriegsgewinnbesteuerung
im weitesten Sinne in Betracht, d. h. die möglichst vollständige
Erfassung aller im Kriege gestiegenen Einkommen und
Vermögen. Sie sollte die Grundlage jeder Wirtschaftspolitik
inr Kriege sein, welche ihre Aufgaben richtig erkennt. Prinzipiell
könnte dabei sehr wohl der Sah ausgestellt werden, daß jeder in,
Kriege sich vollziehende Einkommens- oder Vermögenszuwachs
vollkommen dem Staate gehöre. Dies nicht so sehr aus sozialen
oder moralischen Gründen, welche inan bisher bei der Kriegs-
gewinnbesteuerung allein geltend gemacht hat, obgleich natürlich
auch sie ins Gewicht fallen, als vielmehr, ,veil es ganz einfach die
wichtigste wirtschaftliche Aufgabe in, Kriege ist, starke Preis-
steigerungen zu verhindern, was, wie wir jetzt wissen, nur
durch Verhinderung von Einkonimenssieigerungen nröglich ist.
Dies klar zu erkennen ist von der allergrößten Wichtigkeit. Die
große Literatur iiber die Kriegsgewinnbesteuerung zeigt aber, daß
man von dieser Aufgabe derartiger Steuern gar keine Ahnung ge-
habt hat.

Praktisch ist es natürlich nicht unbedingt erforderlich und wohl
auch kaum durchführbar, daß die Kriegssteuern das ganze ge-
stiegene Einkommen oder Vermögen für den Staat konfiszieren.
Aber eine sehr starke Progression, die bei hohen Einkonimen und
Vermögen und starken Steigerungen auch vor den höchsten Prozent-
sätzen bis nahe an 100 % nicht haltmacht, ist nicht nur gerecht,
sondern auch ohne Zweifel für die Volkswirtschaft und die Stabilität
der Preisbildung in ihr heilsam. Das hat man nicht erkannt und
144
        <pb n="145" />
        ﻿die Kriegsgewinnsteuer ist deshalb bei uns zu spät und nicht energisch
und umfassend genug in Anwendung gebracht worden. England
ist in dieser Linsicht energischer vorgegangen. Es ist ja gewiß
richtig, daß zu Beginn des Krieges die Aussicht auf hohe Gewinne
den Anreiz bieten mußte, die Amgestaltung der Industrie auf den
Kriegsbedarf vorzunehmen, über dessen Amfang die leitenden
Persönlichkeiten so gar keine Vorstellung gehabt haben. Latten
sie diese Bedürfnisse nur einigermaßen vorausgesehen, so hätte
man natürlich schon im Frieden in viel größerem Amfange Liefe-
rungsverträge für alle möglichen Gegenstände abgeschlossen. In
Zukunft müßte der Gedanke allgemein verbreitet werden, daß auch
die Lieferung von Kriegsmaterial zu normalen Preisen „Lilfs-
dienst" ist, d. h. es müßte eben die Dienstpflicht so allgemein aus-
gedehnt werden, daß jeder im Falle eines Krieges im Rahmen
seiner Berufs- oder Erwerbstätigkeit zu Leistungen oder Liefe-
rungen von Produkten verpflichtet ist zu normalen Preisen, die
vorher festzusetzen sind, aber natürlich unter Amständen erhöht
werden können. Es müßte dann eine Selbstverständlichkeit werden,
daß keiner im Kriege Anspruch hat, besonders entlohnt 51t werde»
und höhere Einkommen als bisher zu erzielen, daß vielmehr alle
Einkommen- oder Vermögenssteigerungen dem Staate gehören.
Nur damit würde es möglich sein, das bisherige Preis- und Ein-
kommensystem auch im Kriegs einigermaßen aufrechtzuerhalten,
was, wie wir gesehen haben, aus wirtschaftlichen und sozialen
Gründen von der allergrößten Bedeutung ist.

Da es aber im gegenwärtigen Kriege an dieser Erkenntnis
noch fehlte, so war es klar, daß die Regierung in Deutschland unter
den besonderen Verhältnissen, unter denen wir in diesem Kriege
standen und die niemand vorausgesehen batte, zunächst noch hohe
Gewinne bewilligen mußte, um möglichst schnell in den Besitz des
ungeheureir erforderlichen Kriegsmaterials zu gelangen. Nachdem
aber die Kriegslieferungsindustrie einigermaßen organisiert worden
war, hätte eine hohe Besteuerung aller im Kriege gesteigerten Ein-
kommen und Vermögen einsetzen müssen und gleichzeitig eine hohe
indirekte Besteuerung allen nicht unbedingt notwendigen Konsums.
Gaß die Kriegsgewini'.besteuerung längst nicht genügte, zeigt die
gewaltige Ausdehnung des Luxuskonsums und die starke Entwick-
lung der Spekulation. Die Einwände, die von manchen, so von
Geheimrat Strutz u. a., gegen die Kriegsgewinnbesteuerung und

Mesmann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 10	145
        <pb n="146" />
        ﻿XL ~&gt;T

*41

■i

eine Vermögensabgabe nach dem Kriege gemacht wurden, beruhen
darauf, daß die bisherige Wirtschaststheorie und erst recht natürlich
die Finanzwissenschaft noch gar kein Verständnis dafür hatten,
wie durch starke Einkommensteigerungen und --Verschiebungen die
Preise vieler Güter in die Löhe getrieben werden und wie ungünstig
diese Preissteigerungen trotz anscheinender Zunahme des Reich-
tums auf die Volkswirtschaft, besonders auch auf den Zahlungs-
verkehr dem Auslande gegenüber einwirken. Man hat jene finan-
zielle Maßregel mit dein höchst oberflächlichen Linweis be-
kämpfen zu können geglaubt, daß nach dem Kriege eine verstärkte
Kapitalbildung nötig sei. Man hat aber, obgleich ich die grund-
legenden Gesichtspunkte zur Entscheidung dieser Frage schon
1913 in meinem Aufsatz: „Theorie des Sparens und der
Kapitalbildung" in Schmollers Jahrbuch niedergelegt habe,
nicht erkannt, daß Konsum und Kapitalbildung in einein gewissen
Proporüonalverhältnis zueinander stehen müssen, in dem ich dann
überhaupt das Wesen aller Wirtschaft erkannt habe und das man
auch auf eine ganze „Volkswirtschaft" anwenden kann. Man hat
ferner nicht erkannt, daß es nicht gleichgültig ist, in welcher Weise
die großen Einkoniinen erzielt werden, die man zur Verstärkring
der Kapitalbildung als erivünscht ansieht.

Die Kapitalbildung nach dem Kriege zu fördern ist allerdings
eirre sehr wichtige Allfgabe, aber sie wird nicht in der Weise erfüllt,
daß Ulan einzelne Einkommen übermäßig steigen läßt, sondern
zweierlei Gesichtspunkte konmren dabei in Betracht: Einschränkung
gewisser Arten des Konsums lind Sorge für eine günstige Ein-
kommensverteilung.

1. Betrachten wir zunächst die notwendige Konsumein-
schränkung näher. Sie ist auch nicht unbedingt wünschenswert,
wie heute von manchen behauptet wird, die die Konsumeinschränkung
nach dem Kriege schlechthin einpfehlen. Sie verkennen, daß es
ohne Konsum kein Einkommen und damit auch keine Vermehrung
der Kapitalbildung gibt und daß es daher immer Aufgabe der
Wirtschaftspolitik fein muß, möglichst vielen Erwerbstätigen eine
Einkommenserzielung zu ermöglichen. Sondern die Einschränkung
des Koilsums ist für die Volkswirtschaft in diesem Falle nützlich nur:

a) bezüglich des Luxuskonsums, wobei über die Abgrenzung
dieses Begriffs natürlich Meinungsverschiedenheiten entstehen kön-
nen. Es handelt sich vor allem darum, daß mindestens alle größeren
146
        <pb n="147" />
        ﻿Einkommen höhere Quoten als bisher zur Kapitalbildung ver-
wenden können. Aber es ist kein Zweifel, daß auch der Luxus der
großen Massen für längere Zeit nach dem Kriege eine Einschrän-
kung verdiente, vor allem der starke Alkohol- und Tabakkonsum.
Daraus ergeben sich sehr wichtige Aufgaben für die Besteuerung,
die bei diesen Genußmitteln sehr wohl so weit gehen könnte, daß
sich der Konsum vermindert. Der Einwand, daß auch die Luxus-
industrien erhalten und nicht zugrunde gerichtet werden dürfen, der
von ihren Vertretern natürlich erhoben werden wird, kann an-
gesichts der Wichtigkeit der Aufgabe, zwecks Kapitalbildung den
Konsum mancher Güter einzuschränken, nicht durchschlagend fein.
Zum Teil wird es möglich sein, wie jetzt schon im Kriege, diese
Industriezweige anders zu beschäftigen, zum Teil wird man suchen
müssen, ihren Export zu fördern und ihnen dazu eventuell Unter-
stützungen zu gewähren.

Die Art der Besteuerung des eigentlichen Luxüskonsums soll
hier nicht näher erörtert werden. Teils käme eine allgemeine, bis
etwa 20 o/o gehende Quittungssteuer auf alle Gegenstände ent-
behrlichen Bedarfs, abgestuft nach der Entbehrlichkeit, in Betracht,
wie sie anscheinend von der Reichsregierung beabsichtigt wird, teils
könnte man auch daran denken, die zahllosen Vereinigungen der
Gewerbetreibenden, Fachvereine, Kartelle usw. heranzuziehen und
ihnen die Repartierung der auf das Gewerbe nach seinem Amsah
aufgelegten Summen zu überlassen, wobei die Preisfestsetzungen
natürlich überwacht werden müßten (s. darüber unten).

b) Einschränkung des Konsums aller Güter, die aus ein-
geführten Rohstoffen hergestellt werden. Dabei muß
die staatliche Regelung der gesamten Einfuhr mitwirken, über die
wir unten noch sprechen werden und die unter allen Amständen für-
längere Zeit nach dem Kriege noch notwendig ist. Auch hier ist eine
Schädigung der betreffenden Industrien natürlich iricht ganz zu
vermeiden. Sie muß vermindert werden durch staatliche Zusammen-
legung der Betriebe, welche zugleich möglichst billige Produktion
gewährleistet, und durch Entschädigungen an die stillgelegten Anter-
nehmungen, soweit nicht auch hier Ersatzproduktionen Platz greifen
können. Alles das sind schwierige, aber wichtige Aufgaben, zu deren
Erfüllung schon jetzt Vorbereitungen getroffen werden müßten.

2. Noch schwieriger ist aber die zweite Aufgabe, die Sorge
^ür eine zweckmäßige Einkommensverteilung im Interesse

147
        <pb n="148" />
        ﻿möglichst umfangreicher Kapitalbildung. Sie ist ja keineswegs nur
ein Problem der Kriegs- und Übergangswirtschaft, sondern eines
der wichtigsten und schwierigsten Probleme jeder Finanz- und
Wirtschaftspolitik überhaupt. Man könnte an sich der Meinung
sein, daß die Kapitalbildung am meisten gefördert werde, wenn die
großen Massen nur den notwendigen Lebensunterhalt verdienten
und alles übrige einigen wenigen zuflösse, die den weitaus größten
Teil davon dann zur Kapitalbildung verwendeten. Aber hier zeigt
sich wieder, daß Kapitalbildmrg nur für die Erhaltung und Aus-
dehnung des Konsums Zweck hat. Ziel der Wirtschaft ist eben,
die Vedarfsbefriedigung aller möglichst zu vervollkommnen. Das
ist nur mit nicht zu geringen und im wesentlichen steigenden Ein-
kommen der großen Massen möglich. Konsum und Kapitalbildmrg
,missen immer einander angepaßt sein. Aber das günstigste Ver-
hältnis beider, über das die Theorie einige allgemeine Sätze aus-
stellen kamr, vergleiche einstweilen, solange der zweite Band meiner
„Grundsätze" noch nicht erschienen ist, meine beiden Aussätze:
„Grundlagen einer ökonomischen Produktivitätstheorie", Jahr-
bücher für Nationalökonomie und Statistik, 1912, und „Theorie
des Sparens und der Kapitalbildung", Schmollers Jahrbuch, 191.3.

Durch den Krieg sind nun die Anforderungen an die Kapital-
bildung und die Voraussetzungen für ein günstiges Verhältnis vor,
Kapitalbildung und Konsum ganz andere geworden. Der Staat
ist in riesigem Amfange Konsument geworden, er hat sich aber die
Geldmittel für seinen Konsum zu einem großen Teile nicht im
Wege von Steuern, also von Zwangseinkommen, die aus dem der
Antertanen stammen, beschafft, sondern im Wege des Kredits,
der also Konsurntivkredit ist. Diese Summen sind bei den Gläubi-
gern Kapitalforderungen, aber es ist klar, daß sie nicht die Kapital-
form sind, die die Volkswirsschast zur regulären Bedarfsbefriedi-
gung gebraucht. Vielmehr ist, wie wir schon ausführten, ein großer
Teil des dafür sonst verwendeten sog. umlaufenden Kapitals dem
Staate zur Verfügung gestellt und jetzt in Kriegsanleihen ver-
körpert. Dieses möglichst bald wieder seiner regulären Verwendung
zuzuführen, ist also eine ungeheuer wichtige Aufgabe, welche mit
der Sorge für die Kapitalbildung durch Konsumeinschränkung
Land in Land geht.

Diese Aufgabe, einen möglichst großen Teil des jetzt in An-
leihen festgelegten Kapitals wieder den Erwerbswirsschaften zu-
148
        <pb n="149" />
        ﻿zuführen, ist nur lösbar mit einer starken einmaligen Ver-
mögensabgabe, die in Kriegsanleihen bezahlt werden und bei
den größten Vermögen vielleicht bis auf etwa 25 % gehen kann.
Sie vermindert natürlich zunächst die Schulden des Reiches und
danrit die Anforderungen für die Verzinsung, was von großer
Wichtigkeit ist. Aber sie wird es auch der Regierung ermöglichen,
den Erwerbswirtschaften in gewissem Amfange Kapital zur Fort-
führung ihrer Betriebe zur Verfügung zu stellen. Eine Vermögens-
steuer, die mit 1 °/o bei 5000 Mark Vermögen beginnt, bei 100 000
Mark Vermögen 71/, %, bei 1 Million Mark 15 %, bei 10 Mil-
lionen Mark 20 % beträgt und eventuell noch bis 30 % weiter
steigt, wird 25 bis 30 Milliarden Mark ergeben und um so viel die
Kriegsschuld vermindern. Allerdings wird sie auf inanche Betriebe,
z. B. in der Landwirtschaft, als Rente mit einer Amortisations-
quote auf das Gut eingetragen werden müssen. Es wäre auch
durchaus möglich, daß große Anternehmungen sie zum Teil in natura,
bezahlen, ein großer Rittergutsbesitzer z. B. eines von mehreren
Gütern an den Staat abtritt. Es wird sich dann für ihn schon Ge-
legenheit geben, diesen Besitz zu Geld zu machen. Außerdem aber
müßten alle im Kriege gestiegenen Einkommen und Vermögen,
auch die durch Erbansall (außer an Deszendenten und Ehegatten)
gestiegenen, noch einmal besonders getroffen werden.

Eine solche Vermögensabgabe ist zugleich das einzige Mittel,
ein starkes Sinken der Kriegsanleihen zu verhindern, welches sonst
infolge des Kapitalbedürfnisses der Erwerbswirtschaften eintreten
würde. Der Staat kann die Gelder, die er so erhält, zum mindesten
also die ersparten Zinsen sowie sonstige Einnahmen aus Steuer-
erhöhungen u. dgl., dann dazu verwenden, den Erwerbswirtschaften
Kapital zur Verfügung zu stellen. And zwar wird es sich vor allem
um eine Anterstützung der Kleinbetriebe handeln. Das Ganze
trägt also den Charakter der Mittelstandspolitik. Große Anter-
nehmungen, namentlich Aktiengesellschaften, können und konnten
sich auch in, Kriege leicht neues Kapital beschaffen unter Aus-
nutzung ihres Aktienagios. Auch ist es eine alte Erfahrung, daß
sie am leichtesten von den Banken Kredit erhalten. Die Klein- und
Mittelbetriebe waren schon vor dem Kriege in dieser Äinsicht in
viel ungünstigerer Lage. Hier wird es unter Amständen Aufgabe
des Staates sein, unterstützend einzugreifen. Es kann das in sehr-
verschiedener Weise geschehen, z. B. durch Berücksichtigung bei der

149
        <pb n="150" />
        ﻿Zuteilung importierter Rohstoffe unter Gewährung günstiger Zah-
lungsbedingungen, durch Zuweisung von staatlichen Aufträgen u. dgl.

Auch könnte man daran denken, für den Kreditbedarf von
Industrie, .Handel und Landwirtschaft, namentlich der Klein-- und
Mittelbetriebe, die Kriegsanleihen verpfänden wollen, die Banken
heranzuziehen, die sonst sich gerne auf Kreditgewährung an die
Großindustrie beschränken oder gar die Spekulation finanzieren.
Die Banken könnten verpflichtet werden, insbesondere kleineren
Kapitalbesitzern gegenüber, die nachweisen, daß sie Betriebskapital
gebrauchen, bis zu einem gewissen Betrage ihres gesäurten Depo-
siten-- und Eigenkapitals Kriegsanleihen solcher Besitzer in Pfand
zu nehmen. Entweder kömrte das in der Weise geschehen, daß von
dem Reichsamt, das solche Kreditbewilligungen oder Kapital-
anweisungerr erteilt, der einzelne Gewerbetreibende einer bestimmten
Bank bis zur Grenze der auf sie entfallenden, ihrem eigenen und
fremden Kapital entsprechenden .Höhe zugewiesen wird. Oder
es wäre denkbar, daß die Bankeir rnit dem Staat zusammen eine
besondere Reichsdarlehensbank gründen, der jede Bank ent-
sprechende Kapitalien zur Verfügung zu stellen hat.

Alle derartige Maßregeln sollen aber nicht zur weiteren
Ausdehnung des Kreditwesens in Deutschland dienen, son-
dern solle:, nur die in Kriegsanleihe investierten Kapitalien in irgend-
einer Form wieder für das Erwerbsleben frei machen. Daß es
möglich sei, darüber hinaus der Landwirtschaft, der Industrie und
den, Lande! große Kredite zur Verfügung zu stellen, vor dieser
Auffassung ist enffchieden zu warnen. Wir hatten schon vor dem
Kriege in Deuffchland den Kredit in den verschiedensten Richtungen
inimer zu stark angespannt und müssen allmählich auf eine Ver-
änderung des nicht erwünschten Zustandes hinwirken, daß es mög-
lich war, sozusagen ganz ohne eigenes Kapital ein Gut, ein Miets-
haus, vor allem auch einen Handelsbetrieb zu kaufen. Man sollte
sich darüber klar sein, daß kein volkswirffchaftliches Interesse darin
besteht, jede derartige, nur auf ein zu weit getriebenes Kreditsystem
aufgebaute Existenz zu erhalten. Insbesondere gilt das für den
Handel, bei dem auf dieser Grundlage in vielen Zweigen eine viel
zu starke Übersetzung und Äberfüllung eingetreten war. Eine Ber-
mindennrg der Zahl der im Handel und in den meisten Leistungs--
gewerben Tätigen zugunsten der Produktion ist im Interesse der
ganzen deutschen Bolkswirffchaft dringend erwünscht.

150
        <pb n="151" />
        ﻿Unter keinen Umständen darf das KreditbedürfinS und der
Wunsch der Erwerbstätigen, durch Übernahme oder Verpfändung
der von ihnen gezeichneten Kriegsanleihen wieder zu ihrem Kapital
zu kommen, durch Geldvermehrung in irgendeiner Form be-
friedigt werden. Vor der Anwendung derartiger, ja so außer-
ordentlich naheliegender Hilfsmittel kann im Interesse der künftigen
Preisbildung nicht dringend genug gewarnt werden. Denn aus
Unkenntnis über deren Folgen und die wirtschaftlichen Zusaminen-
hänge sind solche Pläne sehr beliebt und werden offenbar auch von
den maßgebenden Personen eingehend erwogen und sogar von
vielen empfohlen. Davon darf aber unter keinen Umständen die
Rede sein. Insbesondere ist auch jede weitere Ausgabe von
Darlehenskassenscheinen zu unterlassen. Das Bedenk-
liche dieser Zahlungsmittel liegt, wie sich aus nleiner Geldtheorie
ergibt und wie ich in „Geld und Gold" ausführlich dargelegt habe,
nicht sowohl darin, daß diese Darlehenskaffenscheine bei uns auch
zur Deckung der Banknoten benützt werden und daher auf solche
eventuell das Dreifache an Banknoten ausgegeben werden darf— das
ist ein übrigens ganz unnötiger Schönheitsfehler unserer Deckungs-
vorschriften, der unserem Geldwesen viel Angriffe eingetragen hat;
aber er ist, wie das ganze Prinzip der Notendeckung, von unter-
geordneter Bedeutung. — Das Bedenkliche der Ausgabe von Dar-
lehenskaffenscheinen liegt vielmehr allein darin, daß sie nicht mit
einer Vermehrung der aus Leistungen im Tauschverkehr er-
zielten Erträge in Zusammenhang stehen, daß sie daher eine neue
künstliche Kaufkraft schaffen. Der Fehler war eben, daß man auf der
Grundlage falscher Geldtheorien und wegen ungenügender Einsicht
in den Mechanismus des Tauschverkehrs glaubte, einfach auf der
Grundlage von „Werten", wie die Reichsbank sagte, Zahlungsmittel
ausgeben zu dürfen.

Diese Darlehenskassenscheine sollten also möglichst bald ver-
schwinden, zmnal sie ja prinzipiell nur auf kurzfristige Darlehen
ausgegeben werden sollten. Daher wäre es auch ganz verkehrt,
ja geradezu verhängnisvoll, wenn die Mitwirkung der Darlehens-
kassen nach Friedensschluß zur Kapitalbeschaffung für Industrie
und Handel, von der oft die Rede gewesen ist (auch in einem öffent-
lichen Vortrage des Reichsbankpräsidenten im September 1917
&gt;n Frankfurt a. M.), zu irgendeiner Vermehrung der Darlehens-
kaffenscheine führen würde. Es können die maßgebenden Stellen

151
        <pb n="152" />
        ﻿nicht eindringlich genug vor solchem fundamentalen Fehler gewarni
werden. Bei dem Anverständnis, das infolge des traurigen Zu-
standes der Wirtschaftstheorie über alle geldwirtschastlichen Pro-
bleme herrscht, ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen, daß solche
Fehler gemacht werden. Wenn die Erwerbswirtschaften ihr in
Kriegsanleihen investiertes Kapital wieder flüssig machen wollen,
darf das unter keinen Amständen durch Geldvermehrung geschehen,
sondern der einzige Weg ist, unter Mitwirkung des Reiches und vor
allem im Interesse kleinerer und weniger kapitalkräftiger Betriebe
die regulären Kapitalsammelstellen, also in erster Linie die Banken,
mit ihren großen Kapitalien für diese Zwecke heranzuziehen. Das
Zurverfügungstellen von Kapital muß für einige Zeit nach dem
Kriege genau so rationiert werden wie andere Dinge, und es
ist undenkbar, daß man es den Banken gestattet, unabhängig von
der staatlichen Aufsicht über die Verteilung von Produktions- und
Erwerbsmitteln so viel Kapitalien als möglich für ihre Erwerbs-
zwecke heranzuziehen. Mir scheint, daß man sich auch über diese
Notwendigkeit noch nicht im geringsten klar geworden ist, einfach
deswegen, weil sie eine ganz neue Aufgabe darstellt ottf einen: Ge-
biete, auf dem man früher an staatliches Eingreifen ebensowenig
gedacht hat wie bei der Rationierung der Lebensmittel. Wenn
jene Aufgabe sich auch nicht so leicht erkennbar als notwendig er-
weist, so ist sie doch nicht minder wichtig, und die Vorbereitungen
zu ihrer Durchführung sollten ungeachtet aller Schwierigkeiten
schleunigst in Angriff genommen und vor allem auch die Öffentlich-
keit über ihre Notwendigkeit aufgeklärt werden.

Als Ergänzung dazu ist aber eine rasch einsetzende, allgemeine,
einmalige starke Vermögensabgabe notwendig, welche alle größeren
Vermögen und die im Kriege gestiegenen noch besonders trifft.
Wenn diese Vermögenssteuer, die in Kriegsanleihe bezahlt werden
darf, natürlich auch in erster Linie zur Lerabminderung der staat-
lichen Schulden daraus dient, so wird sie doch den: Staate auch
große Mittel zuführen, die dann den Erwerbszweigen, denen die
Beschaffung neuen Kapitals am nötigsten und am schwierigsten ist,
zur Verfügung gestellt werden können. Vermögens- und Einkommen-
steigerungen im Kriege wirken stets auf die Preisgestaltung ungünstig
ein und sind mit allen Mitteln zu verhindern. Die Kapitalbildung
aber ist zu fördern nicht dadurch, daß man solche Kriegsgewinne
unbeschränkt läßt, sondern durch eine Beschränkung des Konsums.
152
        <pb n="153" />
        ﻿Ein weiteres Mittel, die Kapitalbildung zu fördern, das noch
erörtert werden soll, ist die Erhöhung des Bankdiskonts. Es
ist ein Zeichen ungünstiger Einkomnrensverschiebungen, unzweck-
mäßiger Art der Kapitalbildung und ungenügender Erfassung der
Kriegsgewinne, wenn im Kriege der kurzfristige Börsenleihzins,
wie er sich im Privatdiskont ausspricht und wie ihin der Bank-
diskont im wesentlichen folgt, nur 5 % oder weniger beträgt, wäb-
rend Anlagekapital, langfristiger Kredit selbst für sicherste Air-
lagen auch zu einenr wesentlich höheren Zinssatz überhaupt kaum zu
beschaffen ist. Bon einem niedrigen Diskontsatz, der den: tatsäch-
lichen Kapitalvorrat und dem Kapitalbedürfnis in der Volkswirt
schast nicht entspricht, profitieren nur beschränkte Kreise, vor allem
die Spekulation. Der langfristige Kredit, z. B. der Äypotheken-
zinsfuß, wird sich einem niedrigen Diskont doch nicht anpassen,
wie wir das schon seit langem beobachten können. Man muß,
wie schon gesagt, diese flüssigen Kapitalien m irgendeiner Weise
vor allem dem Kapitalbedürfnis kleiner Gewerbetreibenden, die
Kriegsanleihe realisieren wollen, zuführen, außerdem aber durch
Erhöhung des Bankdiskonts dafür sorgen, daß mehr Anlage-
kapital geschaffen und daß vor allem der Spekulation der Kredit
verteuert wird.

Allerdings wirkt ein niederer Zinsfuß inr allgemeinen preisver-
mindernd. Aber gegenwärtig entspricht ein solcher imn einmal nicht
den tatsächlichen Kapitalverhältnissen in der Volkswirtschaft, und
es ist wichtig, auch durch dieses Mittel die Einschränkung des
Konsums und die Kapitalbildung anzuregen. Äier, in der Diskont-
politik, liegt die wichtigste wirtschaftspolitische Aufgabe einer Noten-
bank, der man aber nicht gerecht wird, wenn sie im Interesse ihres
"Status" nur die Erhaltung eines möglichst großen Goldschatzes
Auge hat. Die Heranziehung des Goldes zur Reichsbank zu
Ordern, war früher einmal sehr schön und verdienstlich. Jetzt aber
und auch nach dem Kriege hat sie andere Aufgaben, als nach der
^eckungsquote ihrer Noten zu sehen. Eine eingehende Überwachung
der Kapitalbildung und Regelung der Kreditgewährung ist nötig,
^nfür aber genügt die Reichsbank allein nicht, denn sie ist kein
wirkliches Staatsamt, keine Behörde; die Sorge für Kapital- und
Kreditgewährung aber muß dem Staate als solchem obliegen, und
uher müssen alle seine wirtschaftlichen Behörden, das Reichs-
wwtichastsamt mit dem Reichsamt für Übergangswirtschaft, das

153
        <pb n="154" />
        ﻿Reichsamt des Innern und das Reichsschatzamt, am besten auch
ein neu zu errichtendes Reichswährungsamt, zusammenwirken.

Die ganze Sorge fiir die Kapitalbildung nach dem Kriege,
um das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu bringen, ist aber nur
ein Teil der größeren Aufgabe, der Hauptaufgabe der Über-
gangswirtschaft, wieder zu niedrigeren Preisen zu ge-
langen. Die übermäßig hohen Preise der meisten Güter, wie sie
durch die Absperrung vom Weltmärkte, den Rohstoff- und Arbeiter-
mangel und dann durch die Geldvermehrung bzw. durch die Ein-
kommensteigerungen herbeigeführt worden sind, müssen möglichst
bald wieder herabgehen. Das kann natürlich nur langsam ge-
schehen, und zu den früheren Preisen werden wir wohl in abseh-
barer Zeit nicht wieder, wegen der allgemeinen, auf Preiserhöhungen
hinzielenden Tendenzen vielleicht nie wieder gelangen. Aber es
muß alles getan werden, um ein Aufrechterhalten der
gegenwärtigen hohen Preise zu verhindern und ein
Sinken herbeizuführen. —

Dabei spielt die Verminderung der umlaufenden
Zahlungsmittel nur eine ganz bescheidene Rolle. Wir wissen
jetzt, daß es eine äußerst wichtige Aufgabe ist, im Kriege das bis-.
herige Preis- und Einkommensystem nröglich aufrechtzuerhalten, das
nicht nur durch Geldvermehrung, sondern auch durch starke Ein-
kommens- und Verinögensverschiebungen erschüttert werden kann.
Aber wenn eine solche Preissteigerung eingetreten ist, so wird sie
durch eine Verminderung des Amlaufs an Zahlungsmitteln noch
nicht aus der Welt geschafft, ebensowenig wie sie allein durch ihre
Vermehrung entstanden ist. Mit der Verminderung der Zahlungs-
mittel wäre vielmehr nur dann etwas gewonnen, wenn dadurch die
künstlich geschaffenen Einkommen wieder beseitigt würden, was
natürlich nicht ohne weiteres anzunehmen ist. Die Geldvermehrung
bzw. Verschlechterung hat ihre unheilvollen Wirkungen ausgeübt,
und diese verschwinden nicht ohne weiteres, wenn die Zahlungs-
mittel zu den Banken zurückströmen. Diese Roten bleiben eine
Schuld der Bank und können nur durch der Bank übertragene
sonstige Kaufkraft, also durch im Tauschverkehr erzielte Erträge
und Einkommen, die ihr zur Verfügung gestellt werden, aus der
Welt geschafft werden. Insofern das geschieht, wird eine Ver-
minderung des Notenumlaufs in der Tat preismindernd wirken.
Es ist das aber natürlich nur mittels Steuern und Airleihen nröglich,

154
        <pb n="155" />
        ﻿die für diese Zwecke verwandt werden. Ob es nach dem Frieden
möglich und nötig ist, sich dafür Gelder zu beschaffen, kann heute
noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Daß jedenfalls eine starke
Besteuerung aller Einkommensteigerungen und eine starke einmalige
Vermögensabgabe mit besonderer Belastung aller gestiegenen
Vermögen auch in dieser Linsicht nötig ist, haben wir schon betont.

Wenn auf diese Weise Zahlungsmittel zu den Banken, den
Darlehenskassen und an das Reich zurückströmen, können sie eventuell
zur Kreditgewährung unter den oben bezeichneten Voraussetzungen
verwendet werden. Ob eine besondere Aktion nötig sein wird, um
eine Überschwemmung der Banken mit Zahlungsmitteln aufzu-
nehmen, bin ich außerstande vorauszusagen. Es wird das wesent-
lich von der Art der Räumung der von uns besetzten Gebiete, von
der Schnelligkeit der Rückkehr unserer Truppen u. dgl. abhängen.
Irgendwelche rigorose Maßregeln zur Einschränkung des Amlaufs
von Zahlungsmitteln, etwa im Sinne der noch herrschenden, ganz
materialistisch aufgefaßten Quantitätstheorie, sind verkehrt. Aber
natürlich sind sie unter keinen Amständen weiter zu vermehren.
Die Darlehenskassenscheine, eine unter allen Amständen falsche
Geldschöpfung, weil man nicht einfach aus beliebige Werte Zah-
lungsmittel ausgeben darf, sollten aber allmählich verschwinden.
Sie und die frühere Goldzirkulativn wären zu ersetzen durch ei»
Staatspapiergeld in festem umlaufendem Betrage, während die
Banknoten das bewegliche Element in der Währung darzustellen
hätten. Davon soll im letzten Kapitel noch die Rede sein.

Von ungeheurer Wichtigkeit und vielleicht die
Hauptaufgabe der Abergangswirtschaft ist aber, daß
der Staat Versuchen, die bisherigen hohen Preise
aufrechtzuerhalten, mit aller Energie entgegentritt.
Gerade nach solchen Zeiten der Preisumwälzungen, wie wir sie
jetzt erlebt haben, ist das Bestreben der verschiedenen Erwerbszweige,
durch Monopolbildungen die ihnen günstigen hohen Preise bei-
zubehalten, groß, die freie Konkurrenz als Regulationsprinzip der
Preise also ganz besonders unentbehrlich. Der Staat kann hier
viel tun, weil er ja schon lange irr die Preisbildung eingreifen,
Höchstpreise festsetzen mußte und weil er ja noch für längere Zeit durch
Rohstoffverteilung, Einfuhrerlaubnis, Kapitalgewährung u. dgl.
die meisten Industrien in der Land hat. Diese Sorge für Preis-
herabsetzungen muß sich aber vor allem auch auf die landwirt-

155
        <pb n="156" />
        ﻿schaftlichen Produkte erstrecken. Eine Überwachung der ge-
samten Preisbildung ist daher die wichtigste Aufgabe der
Behörden, denen die Übergangswirtschaft übertragen ist. Ich sehe
aber noch nicht, daß man sich dieser Aufgabe überhaupt bewußt
geworden ist. Irr einer Denkschrift des österreichischen Kommissars
für die Übergangswirtschaft, die in der Zeitschrift „Mitteleuropa"
abgedruckt wurde, war von diesen Aufgaben nicht die Rede, und
auch in Deutschland ist dieser Frage bisher viel zu wenig Beachtung
geschenkt und ihre Entscheidung vorbereitet worden. Es ist aber
klar, daß das Aufgaben sind, die von langer Land vorbereitet
werden müssen, da sie nur in engster Fühlung mit den betreffen-
den Erwerbszweigen selbst zu lösen sind. Das Rcichsaint für Über-
gangswirtschaft hat bisher, soviel man hört, sehr wenig geleistet, in
erster Linie deshalb, weil es an den erforderlichen Gesichtspunkten,
an der klaren Einsicht in die wirtschaftlichen Bediirfnisse fehlt. Man
sorge beizeiten dafür, daß die wirtschaftliche Friedensvorbereitung
nicht noch schlechter werde, als die für den Krieg es war.

Bei der Aufgabe des Staates, im Inlande wieder auf mög-
lichste Herabsetzung der Preise hinzuwirken, ist die Herabsetzung
der Arbeitslöhne das schwierigste und auch in sozialer Einsicht
bedenklichste Problem. Vielleicht wird aber gerade hier ein Ein-
greifen des Staates am wenigsten nötig sein, weil sie sich durch die
Konkurrenz, zunächst bei bett ungelernten Arbeitern, von selbst voll-
ziehen wird. Bei den festgeschlossenen Gewerkvereinen der ge-
lernten Arbeiter, wenn sie einen mitneras clausus zur Durchführung
bringen und an den heutigen, für manche Berufe exorbitant hohen
Löhnen festhalten wollten, wird man aber eventuell vor staatlichen
Eingriffen ebensowenig zurückschrecken dürfen wie bei den Kar-
tellen der Unternehmer. Auch hier hat der Staat die wichtige
und schwierige Aufgabe, daß nicht im privaten Gewinninteressc
die Preise in einzelnen Erwerbszweigen übermäßig hoch gehalten
werden. Man nmß dabei berticksichtigen, wovon die bisherige
Wissenschaft mit ihrer sog. Preistheorie und daher auch natürlich
die Praxis gar keine Vorstellung hatte, daß alle Preise aller
Güter in Zusammenhang stehen. *) Daher muß man überall

l) Die bisherige Wirtschaftstheorie kannte, wie die neuesten Lehrbücher
noch beweisen, entsprechend ihrem materialistischen Charakter nur den Zu-
sammenhang der Preise zwischen „produktionsverwandten", d. h. aus den-
selben Rohstoffen hergestellten Gütern!

156
        <pb n="157" />
        ﻿übermäßig Hobe Preise verhindern, d. h. man muß verhindern,
daß in einem ganzen Gewerbe überdurchschnittliche Einkommen er-
zielt werden oder, in unserer Terminologie schärfer formuliert, daß
in einem Gewerbe der Preis anders als durch den tauschwirtschaft-
lichen Grenzertrag der teuersten Produzenten bestimmt wird.

' Den Pandel sollte man in seiner preisausgleichenden Tätig-
keit im inländischen Verkehr möglichst wenig einschränken, wohl
aber auch auf diesenr Gebiete Monopoltendenzen entgegentreten
und ebenso der schon vor dem Kriege vorhandenen, jetzt aber volks-
wirtschaftlich so viel nachteiligeren Übersetzung dieses Erwerbs-
zweiges, welche der Pauptgrund für seine ungünstige Lage und eine
Verschwendung an Arbeitskräften in der Volkswirtschaft ist. Für
manche Detailhandelszweige, vor allem Zigarrenhandlungen, die,
aber ohne weitere Vermehrung, Kriegsbeschädigten vorzubehalten
wären, Wirtschaften und zahlreiche Lebensmittelhandlungen wäre
ein Konzessionszwang einzuführen oder schärfer als bisher zu
handhaben.

Auch der Zugang zu den liberalen Berufen, zu akademischen
und künstlerischen Studien, in denen wir vor dem Kriege meist eine
Überfüllung hatten, wäre einzuschränken und überall dafür zu
wrgen, daß möglichst viele Kräfte zunächst der Produktion zu-
geführt werden. —

3m übrigen kann der Staat zur direkten Ermäßigung der
Preise nach dem Kriege nicht sehr viel tun. Seine wichtigste Auf-
gabe ist, Monopolbildungen, die die hohen Kriegsssreise stabili-
sieren möchten, zu verhindern. Eine scharfe Überwachung der
Kartelle ist nach dieser Richtung hin notwendig, und der Staat
darf dabei auch vor den Industriezweigen nicht haltmachen, irr denen
cv selbst wegen eigener Werke an hohen Preisen interessiert ist.
vielmehr gilt gerade für den Kohlen- und Kalibergbau jene For-
derung ganz besonders, aber auch für das Spiritussyndikat, die
Eisenkartelle und die anderen wichtigen Monopolbildungen in der
deutschen Volkswirtschaft, einschließlich der trustartigen, wie in
der elektrischen und der chemischen Industrie. Die Regelung des
Kartellwesens, nicht dadurch, daß man sie in irgendwelche juristische
Formen preßt, sondern die wirtschaftliche Überwachung ihrer Preis-
festsetzungen, gewinnt daher nach dem Kriege eine Bedeutung,
don der man auch bisher leider noch keine klare Vorstellung gehabt
SU haben scheint. Sonst hätte man auch auf diesem Gebiete die

157
        <pb n="158" />
        ﻿Vorarbeiterl für ein unumgänglich notwendiges staatliches Ein-
greifen schon längst in die Land genommen. Es gehört zu den '
wichtigsten Aufgaben der Äbergangswirtschaft. *) Maßgebend
muß immer sein, die starken Einkommensteigerungen, die
sich im Kriege gebildet haben und die das ganze bisherige Preis-
und Einkon'.mensystenr ins Wanken gebracht haben, wieder zurück-
zuschrauben und das künstliche Aufrechterhalten der Hoheit Preise
durch die Monopolbildungen zu hindern.

Aus dem angeführten Grunde ist auch, von Ausnahmen ab-
gesehen, die Schaffung neuer staatlicher Monopole zunächst
nicht zweckinäßig, wie sie die sonst sehr vernünftigen ffirairziellen
Forderungen der Sozialdemokratie auf ihrem Würzburger Partei-
tag arrs einem nuir einmal luwermeidlichenl Doktrinismus Heralls
empfehlen. Erstens bringt die Einführullg neuer staatlicher Monopole
durch hohe Abfindllngerl nur neue Vermögens- und Einkommens-
verschiebungen hervor, die preissteigernd wirken. Zweitens aber
sind auch die hohen Preise, die der Staat dann als Monopol-
inhaber zu finanziellen Zwecken festsetzen muß, volkswirtschaftlich nach-
teilig. Nicht durch hohe Preise, sondern durch Vermin-
derung imKriege gestiegener Einkommen und Vermöge»
muß sich der Staat die Gelder verschaffen, die er zur
Erfüllung seiner Aufgaben nach dem Kriege gebraucht.
Das ist auch ein Gesichtspunkt, der in der bisherigen großen Literatur
über diese Frage noch nie zuin Ausdruck gekommen ist, weil man
eben nur mit wiffeiffchaftlicher wirtschaftstheoreüscher Vertiefung
zu ihni gelangt, und ich halte diesen Satz für eines der praktisch
wichtigsten Ergebnisse meiller Wirtschaftstheorie. Es leuchtet ein,
daß es, wenn es des internationalen Verkehrs ivegen nötig ist,
daß wir ini Inlands möglichst bald wieder zu niedrigeren Preisen
kommen, nicht angeht, wichtige staatliche Monopole ileu einzuführen.
Der Staat kann sich lvahrscheinlich auch mit zwecknläßig aus-
gewählten Verbrauchssteuern dieselbe Einnahnle verschaffeil, muß
aber dabei private Monopolbildungen scharf überwachen.

Vor allem aber muß er alle Einkommens- und Ver-
mögens steigerungeil, die sich während des Krieges und bald
nachher vollzogen haben, energisch heranziehen. Da ich die

x) Vgl. dazu die in Vorbereitung befindliche III. Auflage meines Buches:
„Kartelle und Trusts und die Weiterbildung der volkswirtschafrlichen
Organisation", Stuttgart 1918.

158
        <pb n="159" />
        ﻿regulären direkten Steuern im allgemeinen den Einzelstaaten er-
halten wissen möchte, welche doch nach wie vor die wichtigsten
kulturellen Aufgaben zu erfüllen haben, so kommen nur einmalige
oder einigemal wiederholte Cinkommenszuwachs- und Vermögens-
steuern in Betracht und außerdem die allgenreine Erbschaftssteuer,
welche ja auch auf das einzelire Vermögen eine eirrmalige Steuer
ist. Bei diesen „Kriegsgewinnsteuern" inr weitesten Sinrre uird Ver-
mögensabgaben hätte aber eure viel schärfere Kontrolle der tatsäch-
lichen Verhältnisse einzusetzen, als wir sie bisher bei den direkten
Steuern in der Regel gehabt haben, um arrch alle die Gewinne,
die sich inr Erwerb von Luxusgütern u. dgl. versteckt haben, noch
energisch heranzuziehen. Auch weiterhin rvird wahrscheirrlich für
die direkte Besteuerung eine schärfere Feststellung vor allem des
Cffektenvermögens, das sich so leicht verheimlichen läßt, rricht zu
umgehen sein. Aber arrch das gewerbliche und landwirtschaftliche
Vermögen ist nrit seinen wirklichen Erträgen viel schärfer als bis her-
zu erfassen.

Immer nruß man sich vergegenwärtigen, daß wir in der ge-
samten Wirtschaftspolitik nach derrr Kriege vor ganz neue Auf-
gaben gestellt sind, die über die früheren unendlich hinausgehen,
und daß man nrit den bisherigen Gesichtspunkten und Grund-
sätzen für sie nicht auskommt. Der Staat wird die ungeheuren
Kosten, die der Krieg inr Gefolge hatte und noch haben wird, anr
leichtesten tragen können und die Schäden des Krieges am ersten
überwinden, der am klarsten erkennt, daß die wirtschaftlichen Auf-
gaben nach dem Kriege ganz andere geworden sind, die mit den
früheren kaunr mehr zu vergleichen sind, und der am besten und
lchnelisten sich diesen neuen Aufgaben anpassen wird. Das ist
nur unter Mitwirkung der Wissenschaft möglich, die am
ersten imstande sein wird, neue Gesichtspunkte dafür anzugeben,
und die nach allen Richtungen zu fördern daher von der höchsten
^Dichtigkeit ist.x)	______________________________

l) Dazu ist gar keine Errichtung kostspieliger „Institute" nötig, die
einsprechend der noch herrschenden historischen Schule ein großes Tatsachen-
material aufhäufen, weil die große Zahl der wissenschaftlich Arbeitenden
*öen nur zu solchen deskriptiven Leistungen, nicht aber zur Lervorbringung
neuer Gesichtspunkte und Gedanken fähig ist. Nicht Sorge für die Qua».
s"ät der Wissenschaft, sondern für die Qualität, nicht für den Stoff,
sondern für den Geist ist auch hier unsere Aufgabe. Wir brauchen Männer
mit neuen Ideen, nicht aber eine Vermehrung der Doktoren und Doktor-
urbeilen.

159
        <pb n="160" />
        ﻿Dies mag zur Erörterung der wirrschaftspolitischen Probleme,
die sich aus der Geldvermehrung und ihren Wirkungen für die in-
ländische Volkswirtschaft ergeben, genügen. Von den Aufgaben,
die wir in unserer äußeren Wirtschaftspolitik, bei unseren wirtschaft-
lichen Beziehungen zu anderen Staaten zu lösen haben, soll in den
beiden folgenden Kapiteln noch die Rede sein.

L.

160
        <pb n="161" />
        ﻿Neuntes Kapitel

Die Geldprobleme in der äußeren Wirtschafts-
politik nach dem Kriege

haben schon betont, daß es nicht nur fiir die wirtschaftlichen
Verhältnisse im Jnlande, für eine günstige Einkommens-
verteilung, von höchster Wichtigkeit ist, möglichst bald wieder aus
den zunr Teil übermäßigen und ganz ungleichmäßigen Preis-
steigerungen herauszukommen und zu niedrigeren Preisen zu ge-
langen, sondern daß das auch die Voraussetzung ist für die
Wiederanknüpfung gedeihlicher Wirtschaftsbeziehungen
zum Auslande. Ohne Preisrückgänge ist eine Lebung unserer
Valuta auf den früheren Stand unmöglich. Es ist daher eine der
wichtigsten Aufgaben unserer Wirtschaftspolitik nach dem Kriegs,
dafür zu sorgen, daß die starke Steigerung fast aller Preise mög-
lichst bald und allgemein wieder zurückgeht. Zwar würde sich die
Valuta von selbst wieder allmählich heben, wenn das Ausland,
von den hohen Inlandspreisen profitierend, beliebig nach Deutsch-
land exportieren könnte. Die dadurch gesteigerte inländische Kon-
kurrenz würde schließlich zu Preisherabsetzungen im Jnlande und
zu einer Preisausgleichung dem Auslande gegenüber führen. Aber
Erstens müßten wir den Import, solange die Mark im Auslande
so wenig gilt, außerordentlich teuer bezahlen, d. h. wir
wüßten sehr viel Produkte unserer Arbeit dafür geben,
sehr viel exportieren, oder das Ausland müßte in großem Amfange
fiir Warenlieferungen unsere Kriegsanleihen oder sonstige Essekten
annehmen, wobei ihm der niedrige Kurs unserer Valuta zustatteir
käme. Das aber würde zu einer starken Verschuldung an das Aus-
land führen, die unerwünscht ist, wenn auch finanzielle Interessen
fremder Völker in Deutschland eine gewisse Gewähr für ihr fried-
liches Verhalten darstellen könnten.

Lief mann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 11

161
        <pb n="162" />
        ﻿Zweitens ist anzunehmen, daß noch auf längere Zeit eine solche
Knappheit an den wichtigsten Rohstoffen in der ganzen Welt vor-
handen sein wird, daß jener starke Warenirnport einstweilen un-
wahrscheinlich ist. Schon aus diesem Grunde wäre es unrichtig,
die notwendige inländische Preissenkung nur von dem freien Verkehr
zu erwarten, zumal dieser heute im Zeitalter der Kartelle und Trusts
leicht in seiner Wirksamkeit gehemmt werden kann. Dazu kommt
aber drittens, daß auch aus anderen Griinden eine unbeschränkte
freie Einfuhr für einige Zeit nach dem Kriege unmöglich sein wird.
Der Staat wird je nach der Dringlichkeit und Notwendigkeit des in-
ländischen Bedarfs die Einfuhr wichtiger Rohstoffe einheitlich zu
organisieren und eine gleichmäßige und gerechte Verteilung vor-
zunehmen, die Einfuhr entbehrlicher Güter aber zu beschränken
haben. Aus diesem Gebiete erwachsen der Regierung die aller-
schwierigsten Aufgaben, da die Interessen der verschiedenen, auf
Rohstoffimport angewiesenen Industrien sich im Wege stehen und
es gilt, die Dringlichkeit der Bedürfnisse bei den verschiedenen
Produkten, den Nutzen des betreffenden Gewerbes für die Volks-
wirtschaft und das Maß der zu ermöglichenden Einfuhr gegen-
einander abzuwägen. Dabei wird es ohne Kämpfe zwischen den Be-
teiligten nicht abgehen. Sehr erwünscht wäre es, wenn schon in den
Friedensverträgen Abmachungen über die Lieferung wichtiger
Rohstoffe an uns auf Jahre hinaus erfolgen könnten. Dabei sollte
man eventuell auch Bezahlung in Gold versprechen, was uns nütz-
licher ist, als gar zu viel Produkte unserer Arbeit hingeben zu
müssen. Auch etwaige Kriegsentschädigungen würden am besten
in wichtigen Rohstoffen bezahlt.

Wenn wir also zunächst die freie ausländische Einstlhr be-
schränken und die Nützlichkeit der eingeführten Waren für unsere
Volkswirtschaft dabei scharf im Auge haben müssen, so wäre es
doch verkehrt, dieses Ziel durch hohe Schutzzölle erreichen zu
wollen. Damit halten wir nur das hohe inländische Preisniveau
ausrecht, auf dessen Grundlage wir nie zu einer Wiederherstellung
unserer Valuta gelangen. Sondern nur die Verstaatlichung
der Einfuhr, nicht aber Schutzzölle können da helfen. Der Staat
muß, natürlich im engsten Zusammenwirken mit den Vertretern
der verschiedenen Erwerbszweige, von sich aus die notwendige Ein-
fuhr vornehmen und zugleich bestrebt sein, daß er für ausgeführte
Waren möglichst viel vom Auslande erhält. Daher sind solche
162
        <pb n="163" />
        ﻿Verbrauchssteuern, welche wichtige, allgemein gebrauchte Roh-
stoffe belasten, wie auf Kohle und Kali, unzweckmäßig. Der Staat
muß vielmehr im Jnlande für möglichst niedrige Kohlen- und Kali-
preise sorgen, auch wenn er selbst durch seine Bergwerke an hohen
Preisen dafür interessiert ist. Alle nicht direkt unentbehrlichen
Güter, vor allem die alkoholischen Getränke und der Tabak, können
dagegen noch viel höher besteuert werden und müßten mindestens
so hoch besteuert werden, daß der Konsum nicht weiter wächst.

Bei dieser Beschränkung unserer Einfuhr ist aber immer zu
berücksichtigen, daß man überhaupt nicht auf die Dauer ausführen
kann, ohne einzuführen. Der ganze internationale Verkehr ist ja
nur ein Tauschhandel von Ware gegen Ware (Effekten und Lei-
stungen eingeschlossen), die in der allgemeinen Rechnungseinheit
eines jeden Landes und im Rahmen seiner gesamten Preis- und
Einkommensverhältnisse kalkuliert werden. Auch das Gold, das
wir vor dem Kriege im Betrage von durchschnittlich 100 Millionen
Mark jährlich einzuführen für nötig hielten, war dabei eine Ware
genau wie jede andere, die wir mit den Produkten unserer Arbeit
bezahlen mußten. Nur darf man hier den Begriff der Ware nicht
materialistisch nehmen, nicht auf die Warenbilanz in diesem
Sinne, sondern auf die Zahlungsbilanz kommt es an; Forde-
rungsrechte, welche Geldkapitalien sowie Erträge aus solchen und
aus Anlagekapital (Unternehmungen im Auslande) verkörpern,
werden ebenso im internationalen Tauschhandel gegen Sachgüter
umgesetzt. Aber eine Aufblähung der Kaufkraft durch Kredit,
wie wir sie im inneren Verkehr besonders in der Form der Diskon-
tierung von Finanzwechseln des Staates bei der Notenbank kennen
gelernt haben, ist dabei nur in sehr viel beschränkterem Amfange und
im allgemeinen auch nur in der Form sehr kurzfristigen Kredits
möglich. chner stehen Forderungen gegen Forderungen und müssen
alsbald ausgeglichen werden. Geschieht das nicht, so fällt die
Valuta des Staates, der mehr schuldet als er zu fordern hat. Denn
bas bedeutet, daß das Ausland hier keine lohnenden Waren mehr
Zu kaufen findet und deshalb seine Forderungen an uns billig ab-
gibt. Wir müssen dann also mehr Waren geben, billiger anbieten,
wenn wir den Ausgleich im internationalen Verkehr wieder herbei-
führen, unseren Bezug aus dem Auslande fortsetzen wollen.

Dies billigere Anbieten von Waren, also Aufwendung von mehr
^lrbeit für den Export, wird um so mehr nach dem Kriege bei uns

163
        <pb n="164" />
        ﻿Platz greifen, als wir verhältnismäßig wenig Guthaben im Aus-
lande haben. Schon vor dem Kriege hatten wir immer große Ver-
pflichtungen an das Ausland, jetzt sind sie noch gesteigert. Auch
haben wir einen erheblichen Teil unserer Effekten verkauft, aus
denen wir Forderungen an das Ausland hatten. Am so mehr aber
ist es für uns von der größten Wichtigkeit, daß wir die noch vor-
handenen Guthaben im Auslande und überhaupt unseren ganzen
ausländischen Besitz energisch zurückverlangen. England hat von
Anfang an möglichst allen privaten deutschen Besitz im Auslande
beschlagnahmt und in großem Maße auch zu zerstören gesucht,
soweit es sich um Kundschaft, Handelsbeziehungen u. dgl. handelte,
und seine Bundesgenossen diesseits und jenseits des Ozeans haben
sich an diesem völkerrechtswidrigen Raubzug großenteils nur zu
gern beteiligt. Lier unsere Ansprüche möglichst energisch geltend zu
machen, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, der sich hoffentlich
unsere Diplomatie endlich einmal gewachsen erweist.

In England liegen über 2,5 Milliarden Mark Deutschen ge-
hörige Wertpapiere, auf die seit Kriegsbeginn keine Zinsen mehr
bezahlt worden sind. Diese Zinsen und Dividenden aus Staats-
anleihen, Eisenbahnpapieren und Anternehmungen der verschieden-
sten Art repräsentieren allein schon eine Summe von vielleicht einer
halben Milliarde Mark, die uns zu Ankäufen im Auslande zur Ver-
fügung steht. Die Effekten selbst aber bilden eine weitere große
Reserve, die wir zur Anrerlage von Krediten oder durch Verkauf
zur Beschaffung wichtiger Rohstoffe verwenden können. Natürlich
muß England unter allen Amständen gezwungen werden, diesen
Besitz wieder herauszugeben. Aber vielleicht sagt ihm schon sein
eigenes Interesse, daß seine Tätigkeit als Vermittler internationaler
Zahlungen aufs schwerste gefährdet sein würde und es jedes Ver-
trauen in der Welt verlieren würde, wenn es versuchen wollte,
diesen Besitz nicht zu achten. Eventuell müßte die Androhung mit
einer Fortsetzung des Tauchbootkrieges es dazu zwingen und schließ-
lich haben wir in Frankreich, Belgien, Rußland, Rumänien usw.
genügend mobiles Kapital als Kompensationsobjekt in der Land.
Auch von den anderen Nationen ist die Wiedererstattung deutschen
Privateigentums nach dem Kriege auf das allerenergischste zu ver-
langen. Wir haben nichtsdestoweniger noch ungeheure Verluste, die
aus der Vernichtung zahlreicher deutscher Anternehmungen im Aus-
lande, aus dem Einblick der Feinde in unsere Handelsbeziehungen
164
        <pb n="165" />
        ﻿und aus der systematischen Vernichtung derselben durch England
in den verschiedensten Ländern entstanden sind. Hier Schadenersatz
von England und seinen Bundesgenossen zu fordern, gehört zu
unseren wichtigsten Kriegszielen.

In dieser Hinsicht gleich beim Friedensschluß energisch unsere
Ansprüche geltend zu machen, ist auch für den Kurs unserer Valuta
von größter Wichtigkeit. Er wird sich sehr viel schneller wieder heben,
wenn das Ausländ sich bewußt ist, daß wir unsere Forderungen
energisch einzuziehen beabsichtigen und daß die Schadenersatz-
ansprüche Deutschlands im Auslande kraftvoll vertreten werden.

Von möglichst schneller Hebung unserer Valuta hängt aber die
Entwicklung unseres Außenhandels nach dem Kriege zu einem großen
Teile ab. Deshalb müssen alle Beteiligten zusammenwirken, auch
im Inlande die Preisherabsetzungen durchzuführen, die, wie wir ge-
zeigt haben, die Voraussetzung für eine Hebung unserer Valuta sind.

Eine Entschädigung seitens des Reiches für die durch das
Sinken unserer Valuta geschädigten Zweige des deutschen Außen-
handels wird sich allgemein kaum durchführen lassen. Sie wird
jedenfalls stets davon abhängen, inwieweit es gelingt, den vielen
im Auslande ansässigen deutschen Kaufleuten, denen ihr ganzes
Geschäft zerstört ist, Entschädigungen seitens der ausländischen
Staaten zu verschaffen, die sich durch England zu einem Raubzug
gegen deutsches Eigentum haben überreden lassen. Der Gedanke,
daß diejenigen, die Valutagewinne erzielt haben, für die Verluste
anderer aufkommen müßten, ist praktisch kaum durchführbar. Ge-
wiß, Gewinne aus dem Kriege soll der Staat schon im Interesse
geordneter Preisbildung möglichst verhindern. Er soll sie, wenn
sie einmal erzielt sind, möglichst der Allgemeinheit zuführen, des-
wegen betonten wir immer die Notwendigkeit einer starken Kriegs-
gewinnbesteuerung im weitesten Sinne. Aber eine Schadenersatz-
pflicht des Staates für alle Kriegsverluste zu verlangen, geht bei
den ungeheuren Verlusten dieses Krieges über das Mögliche hinaus.
Schon der Anspruch auf Erhaltung jeder Erwerbstätigkeit in ihrer
bisherigen Form ist undurchführbar, nicht nur weil manche Er-
werbstätigkeiten für die Gesamtheit weniger wichtig sind als andere,
sondern weil doch auch Lunderttausende von Kriegsbeschädigten
ihren Beruf werden wechseln müssen. Überhaupt scheint mir, daß
in einer Zeit, in der der Staat unbeschränkt über das Leben von
Millionen seiner Untertanen verftigt, der Schutz des Privat-
im
        <pb n="166" />
        ﻿eigentums und die Verpflichtungen des Staates dafür etwas
mehr zurücktreten müßten. —

Von manchen Seiten ist vorgeschlagen worden, nach dem
Kriege eine große Anleihe im Auslande zur Lebung unserer
Valuta aufzunehmen. Man hat von mehreren Milliarden ge-
sprochen, die nötig seien, sie wieder auf den früheren Stand zu
bringen, und es fehlt auch nicht an Leuten, die in den Banden
metallistischer Irrtümer die Beschaffung von mehreren Milliarden
in Gold, sei es durch eine Kriegsentschädigung, sei es durch eine
Anleihe, zur Äebung unserer Valuta für nötig halten. Ich glaube
nun, daß, um von jenem Goldfanatismus ganz zu schweigen, allein
zu Valutazwecken eine Anleiheaufnahme im Auslande weder
zweckmäßig noch nötig ist; ganz abgesehen von der Schwierig-
keit, von den wenigen noch neutral gebliebenen Staaten, die inr
Kriege verdient haben, Anleihen in größerem Amfange zu er-
halten. Anser Kredit sollte nicht zu Valutazwecken, sondern zur
Beschaffung wichtiger Rohstoffe verwendet werden, d. h.
für den Einkauf solcher sollten wir suchen, uns günstige Zah-
lungsbedingungen gegen das Versprechen hoher Zinsen zu ver-
schaffen.

Es wäre sehr bedauerlich, wenn der Vorteil, den uns die eng-
lische Aushungerungspolitik dadurch brachte, daß „das Geld im
Lande blieb", daß wir nicht wie unsere Gegner zwecks Beschaffung
von Kriegsmaterial mit Milliarden ans Ausland verschuldet wurden,
alsbald nach dem Kriege durch große Ausländsanleihen wieder
verloren ginge. Insbesondere wäre es unerwünscht, wenn sie nur
zur Lebung unserer Valuta aufgenommen werden sollte. Da wären
wir ja viel schlechter daran als unsere Gegner, die große Anleihen
aufgenommen haben, als ihre Valuta noch hoch stand! Wir da-
gegen haben uns zu Beginn des Krieges gerühmt, daß wir das
Ausland nicht nötig hätten, und sollten uns am siegreichen Ende
an dasselbe verschulden, wo unsere Mark so stark gesunken und
Kredit nur zu viel ungünstigeren Bedingungen zu erhalten ist als
zu Beginn des Krieges! Es wäre ohne Zweifel viel besser gewesen,
wenn wir gegen Gold- oder Effektenverpfändung uns zu Beginn
des Krieges ausländische Guthaben verschafft hätten. Nach dem
Kriege aber sollten wir das vermeiden können, wenn wir für Preis-
ermäßigungen im Inlande und für möglichste Einschränkung des
Importes sorgen.

166
        <pb n="167" />
        ﻿Für die inländischen Preisverhältniffe ist im Gegenteil eine
Valutaanleihe nach dem Kriege höchst nachteilig. Wenn sie nach
den Wünschen der Metallisten dazu dient, Gold im Auslande zu
beschaffen und damit im Sinne ihrer Theorie unser Papiergeld
besser als bisher zu „decken", so bedeutet das in Wahrheit statt
nützlicher Ware nur Zuführung neuer künstlicher Kaufkraft, wäh-
rend die Gütermenge in der Volkswirtschaft dieselbe bleibt; es wird
also preissteigernd wirken. Es würde damit bestenfalls ein Teil
der papiernen Zahlungsmittel durch metallische ersetzt. Daß das
aber noch keine Besserung des Kurses unserer Valuta und kein
Äerabgehen der inländischen Preise herbeiführen würde, das sollte
doch allmählich selbst dem verstocktesten Metallisten klar geworden
sein. Eine Anleihe zwecks Goldbeschaffung ersetzt nur ein Zahlungs-
mittel durch ein anderes. Würde Gold zirkulieren, so erhielte es ein
Agio. Die allgemeine Rechnungseinheit würde deswegen noch nicht
höher bewertet, wenn das Papiergeld, das sie verkörpert, zu einem
größeren Teile durch Gold gedeckt ist. Denn die Geltung der
abstrakten Rechnungseinheit kann man nicht „decken". Sie aber,
d. h. die Einkommen, kaufen die Güter. Für Deckung des Papier-
geldes weiteres Gold heranzuziehen hätte also gar keinen Sinn,
und den zahlreichen Vorschlägen, die derartiges vertreten, muß auf
das schärfste entgegengetreten werden. Ihre Vertreter reden ohne
genügende Kenntnis des Geldwesens, allenfalls auf Grund irgend-
einer schablonenhaften Routine im Bankgeschäft und auf Grund
veralteter und falscher Theorien, aber ohne wirkliches Verständnis
der wirtschaftlichen Zusammenhänge.

Eine Einziehung von Papiergeld aber, etwa in der Weise,
daß für jedes beschaffte Goldstück der dreifache Betrag in Papier-
geld eingezogen würde, ist doch nur möglich, wenn in entsprechender»
Amfange im Tauschverkehr erzielte Erträge dafür verwendet
werden, wenn die Schulden der Notenbank, als welche die Bank-
noten sich darstellen, mit entsprechenden Summen von auf Grund
von Leistungen aus dem Tauschverkehr entstandenen Forderungen
zurückbezahlt werden. Lier zeigt sich die absolute Willkürlichkeit
der Drittelsdeckung und jeder Beschaffung von Gold zur Lebung
der Valuta. Nicht durch Gold, sondern nur durch Verwen-
dung von Erträgen im Tauschverkehr kann sie wieder gehoben
werden, indem die durch Geldvermehrung künstlich aufgeblasene
Kaufkraft wieder zurückgeschraubt wird. Diese Erträge und Ein-
        <pb n="168" />
        ﻿kommen werden aber für jede andere Ware zweckmäßiger ver-
wendet als für Gold zu Münzzwecken. Verwendung von Ein-
kommen zum Import wirkt zwar nicht gerade preisvermindernd.
Es gilt also auch hier nicht gerade das Amgekehrte von dem, was
wir oben nachgewiesen haben, daß der Export, indem er dem
Jnlande neue Gelderträge zuführt, preissteigernd wirkt. Preis-
herabsetzungen sind eben viel schwieriger durchzusetzen, die auf sie
gerichteten Tendenzen sind viel seltener. Nichtsdestoweniger wird
ein vom Staate zweckmäßig organisierter Import nötig sein, um
allmählich wieder den Anschluß an die Preise des Weltmarktes
zu finden.

Aber — darüber muß man sich natürlich klar sein — jede Ein-
fuhr, einerlei welcher Art, bedeutet angesichts unserer gesunkenen
Valuta nichts anderes, als daß wir sie mit sehr viel Produkten
unserer Arbeit, d. h. sehr teuer bezahlen müssen. Diese dürfen wir
aufwenden unter keinen Amständen für den Import von Gold,
sondern nur für die Einfuhr der allerwichtigsten Rohstoffe,
welche unser Erwerbsleben befruchten, in den unbedingt notwendigen
Mengen. Aber viele Produkte unserer Arbeit aufzuwenden, nur
um auf Grund falscher Geldtheorien Gold zu kaufen, wäre sträf-
liche Anvernunft.

Nur für die Beschaffung wichtiger Rohstoffe, um
unser Wirtschaftsleben in Gang zu halten, empfiehlt es sich auch,
eine Verschuldung an das Ausland auf uns zu nehmen. Also keine
Ausländsanleihe, sondern Beschaffung wichtiger Rohstoffe unter-
möglichst günstigen Zahlungsbedingungen, d. h. mit Bezahlung
an einem späteren Termin, bis zu dem unsere Valuta sich wieder
gehoben hat. Wir können dafür sehr wohl als Sicherheit Effekten
oder Gold verpfänden. Wir könnten auch bis zu 2 Milliarden
Mark von unserem Goldbestand ruhig zur Beschaffung wichtiger
Rohstoffe ausgeben, wenn — wir solche dafür bekommen können
(darüber s. unten). Wenn wir eine Kriegsentschädigung bekommen
könnten, darf sie natürlich auch nur in Rohstoffen, dies an, besten,
allenfalls in internationalen Effekten, aber keinesfalls in Gold
bestehen.

Die Lebung unserer Valuta aber ist durch die früher erwähnten
Maßregeln herbeizuführen, durch Sorge für Preisermäßigungen
im Jnlande und durch Verhinderung überflüssiger Einfuhr. Für
das aber, was wir an Rohstoffen aus dem Auslande beziehen müssen,
168
        <pb n="169" />
        ﻿sollten wir uns möglichst günstige Zahlungsbedingungen zu ver-
schaffen suchen. Wir sollten vor allem auch sehen, die im Kriege
mit uns befindlichen Länder zu Rohstofflieserungen, sei es als Kriegs-
entschädigung, sei es gegen Bezahlung, im Friedensvertrag zu ver-
anlassen. Da es nach dem Kriege jedenfalls einen starken Wett-
lauf in der ganzen Welt um wichtige Rohstoffe und Lebensrnittel
geben wird, sollten wir uns beeilen, jetzt schon mit den neutralen
Staaten Lieferungen gegen Bezahlung zu vereinbaren. Es könnten
dazu sehr wohl 2 Milliarden Mark Gold vom Bestände der Reichs-
bank verwendet werden, d. h. bis zu diesem Betrage Lieferungs-
abschlüffe gegen das Versprechen der Goldzahlung gemacht werden,
oder vielleicht besser Gold als Sicherheit für die Bezahlung depo-
niert werden, wobei wir dann das Recht haben, die Zahlung in
diesem Golde selbst zu leisten, was für uns ohne Zweifel am vor-
teilhaftesten sein wird. Natürlich können wir auch Lieferungen
von Waren unsererseits vereinbaren.

Solche Lieferungsverträge sollten schon längst abgeschlossen
sein. Es ist bekannt, daß England z. B. in Südamerika schon seit
langem große Abschlüsse für Warenlieferungen nach dem Kriege
gemacht hat. Ich weiß nicht, ob wir auf diesem Gebiete energisch
genug vorgegangen sind und ob wir im Auslande bei unseren Ge-
sandtschaften genügend wirtschaftlich vorgebildete Leute haben, um
solche Verträge abzuschließen. Früher hat man bei uns auf diese
Dinge viel zu wenig Wert gelegt.

Auch von den kriegführenden Staaten, auf die wir für die
Beschaffung gewisser Rohstoffe angewiesen sind, vor allem von
den Vereinigten Staaten, könnten wir auf dem Amwege über
neutrale Staaten sicherlich einen Teil der notwendigen Rohstoff-
zufuhr beschaffen. Es brauchten dort nur Importfirmen gewonnen
zu werden, welche für eigene Rechnung, aber in unserem Auftrage,
solche Lieferungsverträge abschließen. —

Der Gedanke der Verwendung eines großen Teils
unseres Goldbestandes für die Zwecke der Rohstoffeinfuhr
vach dem Kriege gewinnt jetzt immer mehr an Boden, auch bei
Leuten, die, weil sie über die wirtschaftlichen Grundlagen des
Geldwesens noch nicht zur Klarheit gekommen sind, an den alt-
hergebrachten Anschauungen des Metallismus noch festhalten.
Llber daß der Wert des Geldes nicht vom Goldwert und die Kauf-
lust des Papiergeldes nicht von dem Grade seiner Golddeckung

169
        <pb n="170" />
        ﻿abhängt, das mußte allmählich, durch die Beobachtung der Tat-
sachen erzwungen, auch dem unwissenschaftlichsten und unkritischsten
Kopfe klar werden. Auch von sehr maßgebenden Stellen ist dieser
Gedanke schon ausgesprochen worden. Inwieweit sie freilich später
wagen werden, ihn zu verwirklichen, solche Lieferungsverträge gegen
das Versprechen der Goldzahlung einzugehen und so auf einen großen
Teil unseres Goldbestandes zur Beschaffung wichtiger Rohstoffe
zu verzichten, steht dahin. Klarheit über die wirtschaftlichen Zu-
sammenhänge ist dabei natürlich Voraussetzung, und solange die
maßgebenden Persönlichkeiten noch so wenig wirtschaftstheoretisches
Verständnis besitzen, um sich von den metallistischen Irrtümern
loszusagen, ist natürlich wenig zu hoffen.

Nun wird allerdings immer wieder behauptet, daß diese
Persönlichkeiten keineswegs im Metallismus befangen seien, aber
wenn das richtig ist, so nehmen sie eben Rücksicht auf weite Kreise
des Geschäftslebens, die mangels wirklichen wirtschaftlichen Ver-
ständnisses natürlich an den Anschauungen festhalten, die man
ihnen lange Zeit hindurch eingeimpft hat. Deswegen ist Auf-
klärung weitester Kreise eine ungeheuer wichtige Aufgabe. Wie man
bei uns aber überhaupt nicht versteht, von seiten der Regierung
die öffentliche Meinung zu beeinsiussen, so ist auch auf diesem Ge-
biete noch gar nichts geschehen. Man muß dabei dem noch sehr
allgemein herrschenden „Goldwahn" Rechnung tragen, aber anderer-
seits anfangen, ihn in geschickter Weise zu zerstören und die Be-
völkerung auf die notwendigen Veränderungen in unserem Geld-
wesen und auf die Zweckmäßigkeit einer Verwendung unseres Gold-
schatzes hinweisen. —

Wir haben schon an dem Beispiel Amerikas gesehen, daß
die Goldwährung in keiner Weise die schädlichen Folgen der Geld-
vermehrung hindert. Wie sollte sie das auch, wenn mit dem Institut
der freien Prägung nicht nur die ganze jährliche Neuproduktion
von Gold, sondern auch unbegrenzte Teile des ganzen monetären
Goldvorrats der Welt beliebig einem einzelnen Lande zugeschoben
werden können. Diese Überlegung allein zeigt schon, wie völlig
verkehrt es war und nur unter der Herrschaft von England ver-
breiteter, gedankenlos aufgenommener Ideen möglich, wenn man
es bisher immer als einen großen Vorteil für ein Land ansah,
daß es recht viel Gold aus dem Auslande heranziehen konnte.
Leider greift diese Einsicht, daß man auch zuviel Gold haben könnte,
170
        <pb n="171" />
        ﻿daß ein großer GoldvorraL nicht nur ein Luxus ist, den sich reiche
Staaten, um den Goldproduktionsländern eine Freude zu machen,
vielleicht leisten können, sondern daß er unter Umständen eine große
Last sein, daß die freie Prägung eine Überschwemmung mit Gold
statt nützlichen Waren bedeuten kann, diese Einsicht greift nur sehr-
langsam Platz. Denn im wesentlichen ist sie doch erst im Welt-
kriege begründet worden, und die praktische Geldpolitik zögerte sehr
lange, ihr zu folgend) Den verschiedenen Schriften von Bendixen,
Dalberg, Schmidt-Essen u.a., die energisch die „Entthronung des
Goldes" fordern, fehlte doch für eine so weitgehende Forderung die
notwendige, streng wissenschaftliche Begründung, die nur die
Wirtschaftstheorie liefern kann. Sie zu liefern hatte ich mir in
meinem Buche „Geld und Gold" zur Aufgabe gestellt, welches
aus den in meinen „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre" nieder-
gelegten allgemeinen wirtschaftstheoretischen Gedanken erwachsen
ist. Mein Ziel war vor allem, Aufklärung über das Geldwesen
im allgemeinen und über die Goldwährung im besonderen zu ver-
breiten.

In der Tat ist in dieser Linsicht durch alle jene Schriften
manches erreicht, noch viel mehr aber zu tun. Die offizielle Wissen-
schaft, schwerfällig und konservativ, wie sie ist, ist neuen Ideen
wenig zugänglich, weil sie meist mit den Lehren ihrer Äauptvertreter
in Widerspruch stehen. Sie hat daher zu den neuen Problemen
noch wenig Stellung genommen und wird ihrer Aufgabe als Führerin
nicht gerecht. Manche ihrer Vertreter haben auch, natürlich mit
diesen oder jenen Abänderungsvorschlägen, sich auf den Boden
»teinee Anschauungen gestellt, hier und da auch eine dankenswerte
Weiterführung vorgenommen, oft allerdings auch bei ihrer Stellung-
nahme die wissenschaftlich notwendige Vertiefung vermissen lassen.
Die Tagespreise zeigte zum Teil viel Verständnis, aber gerade in
der Bank-, Börsen- und Handelspreise zeigte sich oft, keineswegs
immer, eine auf Mangel an theoretischer Schulung beruhende Ober-
sachlichkeit, die starr an den überlieferten, von den Engländern dem
Handelsverkehr eingeimpften Anschauungen von der Goldwährung
Währungsideal festhält.

') Von früheren Bekämpften ^^°h^Berttn 19ll/W bem
Kstliche Begründung seiner vielfach richtigen Emsichten lewer seyn.

171
        <pb n="172" />
        ﻿In den Kreisen des Erwerbslebens hat vielleicht mehr als
die wissenschaftliche Erörterung, der sie oft nicht zugänglich sind,
neuerdings die Entwicklung der Tatsachen zur Aufrüttlung
der Geister gewirkt. Das Sinken der amerikanischen Valuta trotz
gewaltiger Goldzusuhren, das ungewöhnliche Steigen der Valuta
Schwedens, das seiner Notenbank die Goldzufuhr sperrte, mußte
schließlich auch dem zu denken geben, der sich durch wissenschaft-
liche Erörterungen nicht von hergebrachten Anschauungen befteien
konnte. Der Stand der schwedischen Valuta ist jetzt weit über den-
jenigen aller anderen Länder, auch 20 % über der der dsirch Münz-
union mit ihm verbundenen Nachbarstaaten Norwegen und Däne-
mark und noch mehr über der amerikanischen Valuta. Dabei ist
Schweden keineswegs ein Land, welches durch Kriegslieserungen
besonders verdient hat. Wenn dies in den zahllosen Erörterungen
über diesen Fall immer wieder als Grund des hohen Standes
seiner Valuta angegeben wird, so ist das durchaus unzutreffend.
Im Gegenteil könnte man die Behauptung aufstellen, daß seine
Valuta so hoch steht, so viel höher als diejenige Dänemarks und
Norwegens, weil es weniger als diese Länder verdient hat.
Denn die Preise sind daher im Inland stabiler geblieben als in den
anderen Ländern, wo gewaltige Einkommensteigerungen zu großen
Preissteigerungen führten. Infolgedessen konnte in diesen Ländern,
die schon viel am Kriege verdient halten, die Valuta nicht mehr so
hoch steigen, als da, wo die Preise noch nicht durch Goldzufuhr und
Einkommensvermehrungen so sehr gesteigert waren, wo man daher
noch billiger kaufen konnte.

Inwieweit nun die schwedische Valuta in der Tat dadurch so
viel mehr gestiegen ist und inwieweit auch die Einstellung der fteien
Prägung diese Wirkung mit herbeigeführt hat, wollen wir dahin-
gestellt sein lassen. Das ist jedenfalls theoretisch unzweifelhaft, daß
ein vom Auslande ziemlich unabhängiges Land, das also im In-
lande keine Preissteigerungen aus Warenmangel zu fürchten hätte,
aber sich auch nicht mit überflüssigem Gold als Bezahlung für
seinen Export abspeisen lassen würde, einerseits eine ganz ungewöhn-
liche Steigerung seiner Valuta dem Auslande gegenüber erzielen
könnte, wenn dort starke Preissteigerungen eintreten, oder anderer-
seits im gewaltigen Amfange ausländischen Effektenbesitz u. dgl-
zu sehr billigen Preisen erwerben und damit für die Zukunft sich
große Forderungen an das Ausland verschaffen könnte. Letz-
172
        <pb n="173" />
        ﻿teres ist natürlich sehr viel nützlicher als ein hoher Stand der
Valuta. Es ist sicher, daß Schweden und alle neutralen Länder
die Kriegslage noch sehr viel mehr hätten ausnützen können, wenn
sie einerseits sich weniger Gold hätten aufhalsen lassen, was nur /
im Inlande die Preise steigerte, andererseits inländische Einkommen-
steigerungen und Kriegslieferungen durch Kriegsgewinnsteuern
schneller für den Staat absorbiert und damit inländische Preis-
steigerungen mehr gehindert hätten, und wenn sie drittens recht-
zeitig, als noch mehr Rohstoffe und Waren im Auslande zu kaufen
waren, solche statt Gold erworben und daneben in großem Amfange
ausländische Effekten gekauft und sich so zu großen Gläubiger-
ländern gemacht hätten. Ein solcher Erwerb von Effekten und
Anternehmungen im Auslande ist ja auch geschehen, namentlich die
Schweiz und Lolland scheinen sich in nicht unbeträchtlichem Maße
zu Gläubigerländern gemacht zu haben, aber sie hätten das in noch
viel größerem Amfange tun können. Schließlich kommt natürlich
auch sehr viel darauf an, wer der Schuldner ist. Forderungen
w Deutschland sind doch etwas ganz anderes als solche in Ruß-
land, ja auch als Forderungen in Frankreich oder Italien.

Vom Standpunkt der Vereinigten Staaten war es daher
nicht unberechtigt, daß sie jetzt auch den Neutralen die Zufuhr
möglichst zu beschränken suchten. Geschah es auch wohl in erster
Linie, um eine wirkliche oder vermeintliche Zufuhr nach Deutsch-
land zu verhindern, so wirkte es doch auch den Preissteigerungen
in Amerika selbst entgegen, die teils durch Warenmangel im eigenen
Lande, teils durch Einkommensteigerungen auf Grund des starken
Sports herbeigeführt wurden. Abrigens hat Amerika, gleich
nachdem es in den Krieg eingetreten war, übermäßige Preise und
große Kriegsgewinne sehr viel energischer gehindert, als das leider
öei uns der Fall war. Daher auch dort ein starkes Sinken der
Aktienkurse, während sie bei uns noch immer weiter steigen. Trotz
aller Plutokratie hat man dort das wirtschaftlich Notwendige viel-
richtiger erkannt, während wir in dieser Hinsicht unendlich viel ver-
säumt haben.

3m Zusammenhang damit sei noch auf eine andere Frage ein-
gegangen, über die noch viel Anklarheit herrscht: Wenn es uns
mcht gelingt, durch alle diese Maßregeln in kurzer Zeit die Wieder-

173
        <pb n="174" />
        ﻿Herstellung unserer Valuta auf die frühere Parität mit anderen
Währungen zu erzielen, wäre dann nicht eine sog. Devalvation,
eine Lerabsetzung des Nennwertes der Mark zweckmäßig?
Diese Frage ist schon in früheren Zeiten häufig aufgeworfen worden,
aber man ist sich auf Grund der Irrtümer über das Geldwesen
niemals recht klar geworden, was unter Devalvation, unter Herab-
setzung des Nennwerts der Währung eigentlich zu verstehen ist.
Wenn der Staat bestimmte, daß jeder Schuldner statt bisher
100 Mark nur 80 Mark zu zahlen hätte, so würde das natürlich zu
erheblichen Einkommensverschiebungen führen, allen Schuldnern, in
erster Linie dem weitaus größten, dem Staate selber, nützen, allen
Gläubigern schaden. Dem Auslande gegenüber, woraus es uns
hier ankommt, würde es uns aber nicht sehr viel nützen, weil nur
wenig von unseren Anleihen sich im Auslande befindet und im Gegen-
teil im Kriege erhebliche Schulden in der ausländischen Wäh-
rung aufgenommen worden sind. Aber unter Devalvation versteht
man nicht eine derartige Seisachtheia im Sinne Solons, an die
heute niemand mehr denkt. Sondern der Begriff ist zunächst von
einer metallischen Währung und von der herrschenden metallistischen
Auffassung des Geldes hergenommen. Er bedeutet, daß der Staat
erklärt, er wolle z. B. statt bisher 1391/2 Zehnmarkstücke jetzt etwa
150 solcher Münzen aus einem Pfund Feingold prägen und diese
kleineren Münzen auch Zehnmarkstücke nennen. Das verstand man
bisher immer unter Devalvation. Was aber würde die Wirkung
dieser Maßregel sein? Llnter den jetzigen Verhältnissen, wo die
Goldwährung aufgehoben ist, würde es gar keine Wirkung
haben. Es würde die heutigen Preise nicht im geringsten ändern.
Es würde auch das Agio nicht ändern, welches das jetzige Zehn-
markstück in unserem Gelde hätte, wenn es noch frei zirkulierte.
Auch den Kurs unseres Geldes im Auslande würde es nicht ändern,
der heute eben auf Grund dessen bewertet wird, was man mit unserem
-Gelde im Inlande kaufen kann. (Nur insofern als im heutigen Kurse
etwa schon die Erwartung zum Ausdruck kommt, daß unsere Valuta
später wieder den früheren Paristand erreichen werde, würde eine
Devalvation eine gewisse Wirkung auf den Devisenkurs haben.)
Einen „Nennwert" des Geldes gibt es nach der bisherigen Auf-
faffung nur bei einer metallischen Währung in diesem Währungs-
metall ausgedrückt; er ist, wie alle Geldausdrücke, nur ein Preis,
der Preis dieses Edelmetalls in der Währung, in der abstrakten
174
        <pb n="175" />
        ﻿Rechnungseinheit, der bei der Goldwährung fixiert, auf 1392 Mark
für ein Pfund Feingold festgesetzt ist.

Aber wir wissen, daß diese Beziehung zum Golde für das Geld
nichts Wesentliches ist, wir wissen, daß, obgleich noch heute an-
gesehene Nationalökonomen dergleichen behaupten, von einer
Funktion des Goldes als allgemeiner Wertmaßstab, wozu man
ein allgemein geschätztes Gut brauche, nicht die Rede sein kann.
Von einem „Nennwert" der inländischen Währung kann mau
also nur in ihrem Verhältnis zu einer früheren oder zu einer aus-
ländischen Währung sprechen, d. h. von einem Preise, ausgedrückt
in einer früheren oder einer ausländischen Rechnungseinheit. Der
Staat kann -— darin hat Knapp natürlich recht — eine neue Rech-
nungseinheit •— Werteinheit sagt Knapp — einführen, doch kann
er ihre „Kaufkraft" nicht bestimmen. Er muß aber, um mit Knapp
zu sprechen, „die neue Werteinheit durch die alte definieren". Doch
könnte er ebensogut die neue Rechnungseinheit an irgendeine aus-
ländische anknüpfen, und zwar ganz unabhängig vom Golde.
Er könnte z. B., statt zu sagen, die neue Rechnungseinheit solle
gleich 80 Pfennig nach der alten sein, bestimmen, die neue Rech-
nungseinheit solle gleich einem Franken Schweizer Währung sein
— das wäre etwa gleich 81 Pfennig — oder gleich 1 Krone öster-
reichische Währung — das wäre etwa gleich 86 Pfennig. Der
Staat setzt dann eben einfach die „Parität" mit einer ausländischen
Währung fest, die durch die Geldpolitik eingehalten werden soll.
Sb diese das vermag, ist eine Frage der auf die Preise von der
(^eldseite aus einwirkenden Amstände, von denen wir oben ge-
sprochen haben.

Jedenfalls, auch wenn der Staat die Goldwährung nicht
wiederherstellt, kann er die Rückkehr unserer Währung zur ftüheren
Parität mit den ausländischen herbeiführen. Entgegenstehende
Ansichten, wie sie z. B. Diehl vertreten hat,x) sind also durchaus
unzutreffend. Es würde sich dabei an den tatsächlichen Verhält-

') „Es wird für Deutschland eine wichtige Aufgabe sein, nach be-
endetem Kriege wieder zu den strengen Grundsätzen der Goldwährung, d. h.
öUr Wiederherstellung der Einlösungspflicht der Banknoten, zu kommen.

auf diese Weise kann die Parität der Valuta wieder-
hergestellt werden " Jahrbücher für Nationalökonomie, Dezember 1916,
737. Im Gegenteil erst wenn die Parität der Valuta wiederhergestellt
Ab ist eine Goldwährung, d. h. Wiederherstellung der Einlösungspflicht der
Banknoten, wieder möglich.

175
        <pb n="176" />
        ﻿mffen kaum etwas ändern. Auch die sog. Goldpunkte, Valuta-
schwankungen, bei denen die Versendung von Gold ins Ausland
oder vom Auslande möglich wird, würden jeder ausländischen
Währung gegenüber bestehen bleiben. Denn der Staat ist ja nicht
gehindert, die Ausgleichung von Forderungen und Schulden dem
Auslande gegenüber auch durch Gold vorzunehmen, wenn man
im Auslande durchaus solches haben will oder wenn er, im um-
gekehrten Falle, es für zweckmäßig erachtet, einmal vom Aus-
lande Gold zu beziehen. Aber tatsächlich wurde schon vor dem Kriege
ein gelegentliches überwiegen von Schulden oder Forderungen dem
Auslande gegenüber keineswegs durch Gold ausgeglichen, die
internationale Goldbewegung war kein Lin- und Lerschieben von
Gold von den jeweiligen Schuldner- zu den augenblicklichen Gläu-
bigerländern, sondern Gold wurde gekauft wie alle Waren.
Das ergibt sich ja schon daraus, daß eine jährliche Neuproduktion
von etwa 2 Milliarden Mark Wert unterzubringen ist. Abgesehen
von der Nachfrage der Industrie für Schmuckzwecke kauften es
diejenigen Länder, die sich den Luxus einer großen Goldzirkulation
leisten konnten oder im Interesse ihres wirtschaftlichen Ansehens,
wie man es dainals auffaßte, mit einem großen Goldbestand para-
dieren wollten.

Für den Ausgleich augenblicklicher Differenzen zwischen Schul-
den und Forderungen im internationalen Verkehr aber stehen noch
ganz andere Mittel zur Verfügung und sind, weil billiger, die
eigentlich regulären. Dahin gehören Abgabe von ausländischen
Wechseln, Versendung von Effekten und Erhöhung des
inländischen Diskontsatzes, wodurch Kapital ins Inland ge-
zogen wird.

Die Erörterung über die Vorteile und Aussichten der Gold-
währung nach dem Kriege in der letzten Zeit hat nun ergeben, daß
über die Art und Weise, wie letzten Endes Forderungen und Schulden
im internationalen Verkehr zur Ausgleichung gebracht werden und
welche Rolle das Gold dabei spielt, noch große Anklarheiten be-
stehen. Man stellt es sich immer so vor, daß wenn unsere ganze
„Volkswirtschaft" in einem gegebenen Moment, etwa am Jahres-
schlüsse, ein Debetsaldo aufweise, wir Gold exportieren müßten,
während andererseits eine Schlußdifferenz zu unseren Gunsten in
Gold ausgeglichen würde. Mehrere höchst angesehene Praktiker,
mit denen ich gelegentlich meiner Vorträge über diese Dinge ge°
176
        <pb n="177" />
        ﻿sprechen habe, haben den Börsenausdruck vom „Spitzenausgleich"
gebraucht, der in Gold erfolgen müsse, d. h. eben ein nach Abrech-
nung aller sonstiger Forderungen und Schulden aus dem Waren-
und Effektenverkehr verbleibendes Debetsaldo müsse von dem be-
treffenden Staate in Gold ausgeglichen werden. Selbst wenn
das richtig wäre, brauchte man aber dafür nicht mehrere Milliarden
Gold, sondern es würden einige hundert Millionen vollauf genügen.
Doch ist diese Anschauung gänzlich verkehrt. Wir brauchen Gold
nur der Einlösungspflicht und der Deckungsvorschriften
wegen, im internationalen Verkehr aber erfolgt die Ausgleichung,
die durch Waren, Effekten und Devisen nicht erfolgen konnte, im
Wege des Kredits, derart, daß unter Mitwirkung der Diskont-
politik Gelder zur Anlage ins Inland strömen, wenn die inländische
Valuta zu sinken drohte. Dieser Mechanismus kurzfristiger Kredit-
gewährung und der Arbitrage ist unendlich viel feiner als die Aus-
gleichung von Zahlungsdifferenzen in Gold, das sehr teuer zu ver-
senden ist. Tatsächlich ist daher unsere Goldein- und -ausfuhr
nicht im geringsten das Endergebnis unserer Landels-
bilanz, sondern das Gold war nur eine Ware wie jede andere,
nur daß das Bedürfnis nach ihm, auch soweit es zu monetären
Zwecken verwendet wurde, ein unbedingtes Luxusbediirfnis, und
zwar auf Grund falscher, aber allerdings sehr allgemein ge-
teilter Anschauungen war. Wir haben, wie ich schon bei
anderen Gelegenheiten immer wieder betonte, die 200 Millionen
Wart, die wir 1912, und die 381 Millionen Mark, die wir 1913 an
Gold mehr ein- als ausführten, nicht als das Endergebnis einer
günstigen Handelsbilanz anzusehen, die in anderer Wesie nicht
hätte ausgeglichen werden können, sondern wir haben dieses Gold
ganz einfach gekauft, d. h. mit den Produkten unserer nationalen
Arbeit oder unserem sonstigen Besitz bezahlt, wie wir jede andere
Ware kaufen und bezahlen mußten. Wir haben es gekauft, weil
wir es zur Freude der Goldproduktionsländer für nötig hielten, mit
einem großen Goldschatz prunken zu können. Von einem „Spitzen-
ausgleich" durch Gold bei unseren Forderungen und Verpflichtungen
"n Auslande kann aber gar keine Rede sein, und es zeigt sich,
welch große Unklarheiten in dieser Hinsicht noch bei Leuten vor-
banden sind, welche sich für die ersten Sachverständigen halten.

Jedenfalls würde für Ausgleichungszwecke ein Goldbestand
x'°» wenigen hundert Millionen Mark genügen, der ganze Aus-

Liefinann. Di- Geldvermehrung im Weltkriege 12	172
        <pb n="178" />
        ﻿gleich würde sich ohne großen Goldbestand ganz genau so vollziehen
wie bisher, und es wäre ohne einen solchen genau so möglich, unsere
Valuta wieder zu heben und stabil zu erhalten. Ja, wenn wir den
Goldbestand, den wir nun einmal haben, zum Ankauf wichtiger
Rohstoffe verwenden wollten, würde das natürlich auch zur Lebung
unserer Valuta beitragen, jedenfalls mehr als sein bloßes Vor-
handensein. Es wäre daher an sich auch durchaus denkbar, ohne
Wiedereinführung der Goldwährung eine Devalvation vorzu-
nehmen, also ganz ohne Festsetzung eines neuen Ausprägungs-
verhältnisses unserer Münzen in Gold,. unsere Währung etwa nur
auf den Stand und die Parität des Franken oder der österreichi-
schen Krone wieder zu heben und auf diesem Stande stabil zu er-
halten. Für letzteren Zweck hätte man eben nur die Wechselnotie-
rungen bei uns und im Auslande zu beachten und danach dieselben
Maßregeln zu ergreifen, wie man sie früher anwendete. Die Äebung
der Valuta selbst aber ist nur durch die angegebenen Maßregeln
möglich: Beschränkung der Einfuhr, möglichste Steigerung der
Ausfuhr und vor allem Preisherabsetzungen im innern und Äintan-
haltung künstlicher, nicht aus Erträgen im Tauschverkehr stammen-
der Einkommensteigerungen. Die bloße Erklärung des Staates,
daß er die Mark auf diesen oder jenen Stand wieder heben wolle,
würde natürlich auf die inländischen Preise noch keinen Einfluß
haben.

Aber uns interessiert hier die Frage, ob es richtig wäre,
in dieser Weise, also ganz abgesehen von der Währungsgrund-
lage, nicht die frühere Parität wiederherzustellen, sondern sich
mit einer geringeren Parität den ausländischen Rechnungsein-
heiten gegenüber zu begnügen. Die Entschließung darüber hängt
einzig und allein von der Beantwortung der Frage ab, ob sich im
inländischen Verkehr ein festes Preis- und Einkommensystem mit
allgemein und gleichmäßig höheren Preisen, d. h. also auf der
Grundlage einer geringeren Kaufkraft der Mark, schon durchgesetzt
hat. Die geringere Kaufkraft der Mark, ganz allgemein gesprochen,
ist nun Tatsache, aber andererseits unterliegt es keinem Zweifel,
daß von einer gleichmäßigen Verminderung dieser sog. „Kauf-
kraft" nicht die Rede sein kann, daß mit anderen Worten die Preise
sehr verschieden gestiegen und keineswegs alle Preise und Ein-
kommen gestiegen sind, geschweige denn proportional. So z.
sind nicht gestiegen sehr viele fest bedungene Preise und Einkommen,
178
        <pb n="179" />
        ﻿Beamtengehälter, manche Löhne, Zinsen, feste Renten, Wohnungs-
mieten, Pachten usw. Alle diejenigen, die solche Preise und Ein-
kommen empfangen, werden durch Nichterhöhung der Valuta
auf den früheren Stand geschädigt, einfach deswegen, weil deren
niederer Stand ein Ausdruck der inländischen höheren Preise ist,
von denen sie Nachteil haben. Vorteil davon haben andererseits
alle Schuldner, in erster Linie also ihr weitaus größter, der Staat.

Die Frage, was vorteilhafter ist für die ganze Volkswirtschaft:
Wiederherstellung der Valuta auf der alten Parität öder Deval-
vation in diesem Sinne, spitzt sich also darauf zu, ob der gegen-
wärtige Preisstand im inneren sich schon so allgemein
und so gleichmäßig dem in der ausländischen Währung
zum Ausdruck kommenden gesunkenen äußeren Geld-
wert angepaßt hat, daß es richtiger wäre, diesen nicht wieder
auf den früheren Stand zu heben. Ist das nicht anzunehmen, ist
festzustellen, daß viele und wichtige Preise und Einkommen sich
noch nicht dem neuen, niederen Geldwert angepaßt haben, so wird
eine Wiederherstellung der Valuta zweckmäßiger sein, d. h. die
dafür nötigen Opfer und Schwierigkeiten: Zurückschraubung der
gestiegenen inländischen Preise und Einkommen und Aufwendung
von viel Arbeit für den Export wird die Volkswirtschaft zweck-
mäßigerweise auf sich nehmen müssen. Es ist nun kein Zweifel,
daß eine gleichmäßige Erhöhung aller Preise und Einkommen,
ein allgemeine Anpassung an den gesunkenen Geldwert sich noch
keineswegs vollkommen vollzogen hat. Wenn irgend möglich, sollte
man daher versuchen, die alte Parität der Valuta anderen gegen-
über wiederherzustellen, eine Aufgabe, deren Durchführung also
von der Art der Währung ganz unabhängig ist. Nur ist dabei
zu berücksichtigen, daß unter den heutigen Verhältnissen in Deutsch-
land neben den anderen Mitteln auch eine Zurückschraubung der
Preise, wenn auch nicht unbedingt auf den früheren Stand, die
Voraussetzung und das Mittel dafür ist, unserer Valuta ihre alte
Parität den anderen gegenüber wiederzugeben.

179
        <pb n="180" />
        ﻿Zehntes Kapitel

Die Zukunft der Goldwährung?

haben bisher gesehen, daß eine Hebung unserer Valuta
auf den früheren Stand, wenn sie überhaupt möglich, jeden-
falls von der Rückkehr zur Goldwährung unabhängig ist, ja daß
eine Verwendung von etwa 2 Milliarden Mark unseres Gold-
bestandes, weit entfernt, ihr zu schaden, sie zweifellos erheblich er-
leichtern würde. Eine solche Verwendung unseres Goldbestandes
ist aber nur möglich, wenn wir, einstweilen wenigstens, auf die Gold-
einlösungspflicht der Banknoten im inneren Verkehr verzichten
und auch die doch schon außer acht gelassene Vorschrift der Drittels-
deckung in Gold ausdrücklich aufheben. Ersteres braucht uns gar
nicht zu beschäftigen; wir werden zu jenem Verzicht gezwungen.
Denn solange unsere Valuta so gesunken ist, können wir an die Ein-
lösung der Banknoten gar nicht denken, es müssen also die Bc-
ftimmungen über ihre Aufhebung in Kraft bleiben.

Letzteres aber, die formelle Aufhebung der jetzt schon durch-
brochenen Deckungsvorschriften, sollte gleich nach Friedensschluß
geschehen. Das wäre der richtige psychologische Moment, diesen
notwendigen Schritt zu tun. Sobald der Friedensschluß oder auch
nur ein allgemeiner Waffenstillstand in Aussicht steht, sollte die
Regierung einen großzügigen Feldzug zur Hebung unserer Valuta
einleiten. Den» wie die Erfahrung mehrfach gezeigt hat, spielen
psychologische Gesichtspunkte bei der Kursgestaltung heute eine
große Rolle, und wenn sie, wie oben ausgeführt, in der ersten Kriegs-
zeit für uns ungünstig waren, so werden sie, sobald auch nur ein
leidlicher Friede für uns in Aussicht steht, zu unseren Gunsten
wirken. Das muß durch eine geschickte Geldpolitik ausgenutzt und
verstärkt werden. Wir hüben schon mehrfach bei Friedensgerüchten
oder Waffenstillstandsvorschlägen ein mehrprozentiges Steigen
unserer Valuta erlebt. Es sollte int geeigneten Moment durch
180
        <pb n="181" />
        ﻿Devisenankäufe seitens der Regierung verstärkt und nachhaltig ge-
macht werden. Ist dann der Friede geschlossen oder in sicherer
Aussicht, so sollte die Vorschrift der Drittelsdeckung in Gold auf-
gehoben werden, etwa gleichzeitig mit anderen Gesehen, welche die
einmalige Vermögenssteuer einführen, vielleicht die Einziehung
einiger Milliarden Banknoten während der nächsten Jahre in Aus-
sicht nehmen u. dgl. Das würde dann auf die Kaufkraft unseres
Geldes im Inlande und auf den Stand unserer Valuta im Aus-
lande nicht den geringsten ungünstigen Einfluß ausüben.

Damit wäre die Bahn geschaffen für eine möglichst geschickte
Verwendung von etwa 2 Milliarden Mark unseres Goldbestandes,
sei es zum Ankauf wichtiger Rohstoffe, sei es zur Aufnah,ne von
Krediten im Auslande, mit solche zu kaufen. Weil weite Kreise
der Bevölkerung mangels besserer Belehrung immer noch an dem
Gedanken der Golddeckung festhalten, schlug ich seinerzeit vor, daß
auch Schmucksachen, Perlen u. dgl. leihweise der Reichsbank zur
Verfügung gestellt und in dem Amfange auch zur Golddeckung der
Banknoten eingerechnet werden sollten, in dem Barren- oder Miinz-
gold zu Ankäufen ins Ausland ging. Nachdem man das nicht durch-
geführt hat und bis Kriegsschluß auch kaum sehr große Goldabgaben
mehr vornehmen wird, wird dieser Vorschlag gegenstandslos. Ein
Versäumnis aber bleibt es jedenfalls, solange man überhaupt
noch wie bisher an dem Deckungsgedanken festhält. Dann hätte
&gt;nan auch alles dafür tun sollen, daß das Papiergeld in irgendeiner
Weise wirklich gedeckt ist, sowenig auch diese Deckung in Wahrheit
für seine Kaufkraft ausschlaggebend ist. Die Vorschriften über
Golddeckung aber beizubehalten, innner auf sie hinzuweisen, dann
aber die tatsächliche Durchführung dieser Vorschriften ganz offen-
sichtlich außer acht zu lassen, ohne die Bevölkerung darüber auf-
zuklären, war jedenfalls das verkehrteste. Es zeigt sich dabei wieder
unsere Anfähigkeit, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und zu
leiten. Man hat in dieser Weise das Vertrauen der Bevölkerung
zu einer wohlgeordneten Regelung des Geldwesens ganz unnötig
auf eine harte Probe gestellt. Diese Vogelstraußpolitik, die von
jeher in kritischen Zeiten der Verwendung der Notenpresse gegen-
llber üblich war, hat viel dazu beigetragen, wenn jetzt Bestrebungen
der Produzenten, den reinen Tauschhandel unter sich mit Ausschluß
des Geldes zu organisieren, sich so ausbreiten, wodurch alle Lohn-
empfänger große Nachteile haben.

181
        <pb n="182" />
        ﻿Ob nun wirklich unsere leitenden Persönlichkeiten die Ent-
schlußfähigkeit besitzen, den größten Teil unseres Goldbestandes
nach dem Kriege in dieser Weise zu verwenden, lasse ich dahingestellt.
Wenn sie nicht überhaupt den Gedanken a limine ablehnen, was
ich aber aus bestimmten Gründen nicht vermute, müssen sie sich
unbedingt mit den wissenschaftlichen Grundlagen des Problems
auseinandersetzen. Die Entscheidung über diese Frage wird aber
erleichtert durch den Amstand, daß an eine Wiedereinführung des
Äauptgrundsatzes der Goldwährung, der Einlösungspflicht der
Banknoten in Gold, einstweilen überhaupt nicht zu denken ist.
Die Äebung unserer Valuta ist daher jedenfalls ohne Goldwährung
durchzuführen und erst, wenn sie gelungen ist, ist eine Wieder-
einführung der Goldwährung überhaupt möglich. Dann aber ist
sie ohne Zweifel in normalen Zeiten nicht mehr nötig. Daraus
ergibt sich der ganze Widersinn des Prinzips, in bloßen Zahlungs-
mitteln Milliarden festzulegen.

In den zahlreichen Erörterungen, die im letzten Jahre für und
wider die „Entthronung des Goldes" gepflogen worden sind, haben
sich die Gegner sehr oft auf einen falschen Ausgangspunkt gestellt:
Gelehrte, indem sie auf Grund falscher Theorien, des Metallismus,
und aus Ankenntnis der tauschwirtschaftlichen Zusammenhänge, der
Preis- und EinkomMensbildung, prinzipiell für die Beibehaltung
der Goldwährung eintraten; Praktiker, indem sie sich von ein-
gelebten Ideen, daß ein geordnetes Geldwesen nur durch Ver-
knüpfung mit dem Golde möglich sei, nicht freimachen konnten;
Verwaltungsbeamte und Juristen, indem sie die Frage auswarfen,
ob es nötig sei, die Bankgesetzgebung zu verändern. Für jeden
dieser drei Gesichtspunkte könnten charakteristische Beispiele ange-
führt werden. Das alles ist aber nicht der Standpunkt, den mail
gegenüber den heutigen Aufgaben auf dem Gebiete des Geldwesens
einnehmen darf. Die Frage ist vielmehr ausschließlich eine solche
der Politik: ist es zweckmäßig, die Goldwährung beizu-
behalten oder sie zu verändern oder abzuschaffen?
Wird letzteres auf Grund aller wissenschaftlichen und praktischen Er-
wägungen als zweckmäßig anerkannt, so haben das Beharrungs-
vermögen oder das Trägheitsmoment der Wissenschaft, die eingelebten
Vorstellungen des Praktikers, die Gewöhnung des Juristen oder Ver-
waltungsbeamten an einen einmal bestehenden Zustand keine Be-
rechtigung mehr. Dann muß eben auch erkannt werden, daß auch
182
        <pb n="183" />
        ﻿auf diesem Gebiete alles fließt, daß, was man gestern noch als Ideal
und unübertrefflich ansah, heute veraltet und unzweckmäßig sein
kann. Die Frage, wie schnell es abgeschafft und durch Neues erseht
werden soll, kann dann immer noch verschieden beantwortet werden.
Sache der Wissenschaft ist es zunächst nur, den Fortschritt als solchen
zu erkennen und aufzuzeigen.

Dabei ist es aber verkehrt, die Frage unserer zukünftigen Auf-
gaben auf dem Gebiete des Währungswesens so zu stellen, wie es
meistens geschieht: soll die Goldwährung „beibehalten" oder soll
sie „abgeschafft", „das Gold entthront" werden, wie man poetisch
sagt. Aus verschiedenen Gründen ist das eine falsche, mit bloßen
Schlagworten arbeitende Fragestellung. Denn einmal ist „die
Goldwährung" schon abgeschafft, es käme also höchstens in Frage,
ob, richtiger in welchem Amfange man sie wieder ein-
führen solle. Ferner aber ist „Goldwährung" nur ein Schlagwort,
eine Zusammenfassung verschiedener und sehr verschiedenartig zu
beurteilender staatlicher und wirtschaftlicher Maßnahmen, unter
denen vor allem vier von Bedeutung sind: die freie Gold-
ausprägung, die Deckung der Banknoten in Gold, die
Einlösungspflicht derselben in Gold und die Goldzirku-
lation. Wesentlich von diesen vier Grundsätzen, die man unter
dem Begriffe Goldwährung zusammenfaßt, ist eigentlich nur die
Einlösungspflicht. Aber gerade sie ist durch die betreffenden
Gesetze keineswegs sichergestellt, da alle sich mit einer nur teil-
weisen Deckung der ausgegebenen Noten durch Gold begnügen.
Sie wird daher auch stets zuerst aufgehoben. Von jenen vier Grund-
sätzen besteht daher heute faktisch nur noch die Deckungsvorschrift,
b'e bei uns auf Drittelsdeckung geht, aber auch schon durch die
Vermehrung der Banknoten stillschweigend außer acht ge-
lassen wurde.

Wenn also von Abschaffung der Goldwährung keine Rede
wehr sein kann, weil sie nicht mehr besteht, so kann die Frage:
welcher von jenen vier Grundsätzen soll eventuell wieder ein-
geführt werden?, für jeden von ihnen sehr verschieden beantwortet
werden, ganz abgesehen von der Frage, welcher von ihnen wieder
"«geführt werden kann. Was zunächst die Gold Zirkulation im
inneren Verkehr betrifft, so werden wir uns in Zukunft diesen
-srxus nicht mehr leisten können. Schon vor dem Kriege hat ja
die Reichsbank mit Recht unter der Devise: das Gold gehört in

183
        <pb n="184" />
        ﻿die Reichsbank, auf die Lerausziehung des Goldes aus dem Ver-
kehr hingewirkt. Schon um die Bevölkerung an den Gedanken zu
gewöhnen, daß der Wert des Geldes nicht auf dem Golde beruhe
und daß nicht nur die Goldmünzen Geld und alles andere nur
„Geldsurrogate" sind, wie auch die Wissenschaft bis vor kurzein
noch glaubte, muß man auf Goldmünzen verzichten. Die Zehn-
und Zwanzigmarkstücke können durch Papier, sehr wohl aber auch
durch Scheidemünzen ersetzt werden.

Ebenso muß aber der zweite Grundsatz der Goldwährung,
die freie Goldausprägung, beseitigt werden. Man könnte
zwar sagen, daß nach dem Kriege einstweilen keine Gefahr drohe,
daß wir mit Gold überschwemmt werden. Aber trotzdem erscheinr
es erwünscht, daß wir ausdrücklich durch einen Akt der Gesetzgebung
erklären, daß wir in Zukunft die Entscheidung darüber, ob die
Notenbank oder das Reichswährungsamt Gold ankaufen soll,
dem jeweiligeil Ermessen der Regierung überlassen und daß nienland
mehr das Recht hat, gegeir Goldablieferung Banknoten zu ver-
langen. Wir zeigen damit auch beit neutralen Ländern, die sich
jetzt sehr zu ihrenr Schaden mit Gold haben überschwemmen lassen,
daß wir es hinfort incht mehr dem Auslande überlassen wollen,
durch Goldzufuhr aus die inländische Preisbildung einzuwirken, uird
daß wir jene Maßregel, als ausschließlich im Interesse der Gold-
produktionsländer liegend, in Zukunft unterbinden.

Auch alle Vorschriften über die Deckung des inländischen
Papiergeldes durch Gold haben in Zukunft wegzufallen. Wer
es noch nicht wrlßte, den, zeigte die Erfahrung, sogar unter den un-
günstigsten Verhältnissen, wie sie im Weltkriege vorlagen, daß ein
Papiergeld, lvenn es nur incht uferlos vermehrt wird, auch ohire
Deckung vollkommenes Vertrauen genießt und seinen Wert behält.
In geordneten wirtschaftlichen Zuständen ist das natürlich noch viel
mehr der Fall. Wenn man will, so kann inan trotzdem Vorräte
an gewisseil Rohstoffen, die die Regierung in Zukunft halten sollte,
als eine Deckung des Papiergeldes bezeichnen. Viel wichtiger ist aber,
daß strenge Vorschriften gegen Inflation, gegen jede Geldver-
mehrung im abstrakten Sinne unserer obigen Ausführungen erlassen
werden, also Begrenzung des Papiergeldumlaufs, Anpas-
sung des Vankilotenumlaufs an die Steigerung der Erträge im
Tauschverkehr, eventuell auch Deckung derselben durch Warenwechsel
aber auch Verhinderung einerKreditaufblähung durch Finanzwechsel-
184
        <pb n="185" />
        ﻿Bleibt also nur noch der vierte und letzten Endes allein wesent-
liche Grundsatz der Goldwährung, die Einlösungspflicht der
Banknoten in Gold. Sie ist ja in allen kriegführenden Ländern,
außer England, gleich zu Beginn des Krieges durch besondere
Gesetze tatsächlich aufgehoben worden, und das wird, abgesehen von
den großen Goldprodtlktioirsländern, bei einem großen Kriege stets
der Fall sein müssen, solange noch neutrale Staateir den Ansinn der
freien Prägung und den heute noch üblichen Goldhunger beibehalten.
Dennoch wäre es denkbar, sowohl eine Einlösungspflicht ausdrück-
lich wieder einzuführen, als auch ohne ausdrückliche Erklärung eine
tatsächliche Einlösung vorzunehmen. Aber nur mit gewisseil Be-
schränkungen und nur für den ausländischen Verkehr. Wenn
bei der „Spitzenausgleichung", von der wir oben gesprocheir habeil,
ein Land unbedingt Gold haben will, so mag die Reichsbank für
diese Zwecke Gold abgeben, aber nur in Barren und fremden Gold-
münzen und nur in gewissen, nicht zu nieder bemessenen Beträgen.
Aber keine Einlösbarkeit der Banknoten im Iillande gegen Gold-
inünzen, die überhaupt nicht mehr geprägt werden! Das ist schon
die Konsequenz der aufgehobenen Golddeckrmg. Es würde aber
gar keilte Schwierigkeiten machen, die Normen zu schaffen, welche
eine Spitzenausgleichung auch in Gold ermöglichen, falls das Aus-
land solches haben will. Dazu würde ein Goldvorrat von 200 bis
300 Millionen Mark vollkommen ausreichend sein, wahrscheinlich
würde ein um vieles geringerer Goldbestand genügen. Denn das
Auslaird &gt;vird sehr bald dahinterkommen, daß es, nanrentlich in
normalen Zeiten, sehr viel bequenrere Ausgleichsmittel gibt als
Gold. Dafür kommen vor alleril Devisen und internationale Effekten
in Betracht. Letztere gibt es in großer Zahl, von Devisen aber
wären natürlich nicht die solcher Länder zri halten, mit denen man
leicht in Krieg kommeil kann, sondern die neutraler Staaten, die
iiberhaupt nach dem Kriege wohl noch für längere Zeit größere
Bedeutung gewinnen werden. Wir werden davon gleich noch zu
sprechen haben.

Die Frage: Gold- oder Papierwährung ist also einseitig und
falsch gestellt. Es sind zwei bloße Schlagworte, in gewisser Äin-
sicht Extreme, zwischen denen es inancherlei Abergangsstufen gibt.
^un empfehle ich zunächst keineswegs den Übergang zur reinen
Papierwährung, aber wir können doch die gegen sie angeführten
Gründe einmal untersuchen und wollen daran die Betrachtung

185
        <pb n="186" />
        ﻿der Gründe anschließen, welche für die Beibehaltung bzw. die
Wiedereinführung der Goldwährung beigebracht werden. Wir
können sie in fünf Gruppen einteilen: 1. Die Gefahr von Miß-
bräuchen des Staates bei reiner Papierwährung. 2. Die Valuta
ist nicht stabil zu halten. 3. Die Kostspieligkeit der Goldwährung
ist nicht von erheblicher Bedeutung. 4. Die Abkehr von ihr können
wir nicht einseiüg vornehmen. 5. Wir dürfen uns nicht außerhalb
der auf der Goldwährung beruhenden internationalen „Zahlungs-
gemeinschaft" stellen.

1.	Von verschiedenen Seiten, wird betont, die Papier-
währung gäbe keine Sicherheit gegen Mißbräuche von
seiten des Staates. Dabei wird natürlich mit Behagen auf
zahllose Beispiele aus der Geldgeschichte hingewiesen, daß die
Regierungen in kritischen Zeiten regelmäßig die Notenpresse be-
näht haben, um sich neue Einnahmequellen zu verschaffen. Mit
der Papierwährung, so sagt man, werde die ganze Gestaltung der
Preise in die Lände derjenigen gelegt, die die politische Macht in
Länden haben, die Abhängigkeit des Geldwesens von politischen
Interessengruppen sei aber unerträglich.

Diese Auffassung hat eine gewisse Berechtigung einer be-
stimmten nominalistischen Theorie gegenüber, der sog. staatlichen
Theorie Knapps, welche das Geld nur als ein „Geschöpf der
Rechtsordnung" auffaßt und demgemäß bei ihrer praktischen An-
wendung, vor der sich allerdings Knapp selber immer wohlweislich
gehütet hat, den Einfluß des Staates auf das Geldwesen über-
treiben muß. So will z. B. einer seiner Anhänger, Alfred
Schmidt-Essen: „Nationale Währungspolitik. Los von
England!" (Dresden und Leipzig 1917) „den Staat an Stelle
des Edelmetalls in den Mittelpunkt der Betrachtung des Geld-
wesens rücken", weil „Knapp die politischen und administrativen
Grundlagen des heutigen Geldwesens nachgewiesen habe", und er
verlangt daraufhin eine „nationale Währungspolitik"! Aber die
Funktionen des Geldes im Mechanismus des Tauschverkehrs, die
es zu erkennen gilt, lassen sich mit der Berufung auf den Staat
niemals, sie lassen sich nicht politisch und administrativ, wie der
Listoriker Knapp es versuchte, sondern sie lassen sich nur ökonomisch
erklären, wozu sich bei Knapp nicht die geringsten Ansähe finden.
Ferner aber hat die Einwirkung des Staates auf das Geld so oft,
und in mancher Linsicht auch noch im Weltkriege, infolge un-
188
        <pb n="187" />
        ﻿genügender Einsicht versagt, daß man es, wie ich schon in „Geld
und Gold" ausführte, an sich den Metallisten nicht verdenken
konnte, wenn sie hofften, durch Bindung an ein nicht beliebig wer-
mehrbares Naturprodukt der Geldvermehrung Schranken anzu-
legen. Nur hat sich gezeigt, was die blinden Anhänger der Gold-
währung leider noch nicht erkennen wollen, daß das einseitig im
Interesse der Goldproduktionsländer war, während in allen anderen
Staaten die Schutzwehr der Goldwährung in kritischen Zeiten
regelmäßig aufgehoben wurde. Denn es ist kein Zweifel, daß auch
England nicht die Einlösung seiner Banknoten hätte aufrecht-
erhalten können, wenn es nicht etwa zwei Drittel der jährlichen
Goldproduktion in seinen Kolonien gewönne.

So einfach ist also die Aufgabe nicht, daß man nur den Staat
an die Stelle des Goldes zu sehen brauchte. Denn vom Staate
ist, aber infolge ungenügender Kenntnis der tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge, aller Mißbrauch des Geldwesens ausgegangen.
Auf der anderen Seite aber wäre es kurzsichtig, einfach wieder
zur Goldwährung sobald als irgend möglich zurückzukehren und sich
damit wieder der Herrschaft Englands auf dem Gebiete des Geld-
wesens zu unterwerfen. Nur ein gedankenloses und verknöchertes
Festhalten am Bestehenden kann das fordern. Die Wissenschaft
aber hat die ungeheuer wichtige Aufgabe, die falschen Theorien
nachzuweisen, von denen der Metallismus ausgegangen ist. Ist
einmal die richtige Einsicht in das Wesen und die Funktionen des
Feldes in den maßgebenden Kreisen verbreitet, so ist es auch nicht
schwierig, Gesetze zu machen, welche einem Mißbrauch der Noten-
presse durch den Staat viel schärfere Schranken setzen als selbst
die Goldwährung, deren diesem Zwecke dienende Borschriften, wie
gesagt, in kritischen Zeiten regelmäßig außer Kraft gesetzt werden.

Man verhindere also die Ausgabe von Banknoten auf Finanz-
wechsel des Staates, verhindere, wie wir es gezeigt haben, auch
iede über die Steigerung der Erträge hinausgehende Anspannung
öc« Kredits und sorge überhaupt für eine schärfere Trennung des
Geldwesens vom Staatskredit. In normalen Zeiten liegt nun
iiir den Staat oder irgendeine Interessengruppe keinerlei Ver-
blassung vor, auf einmal Milliarden neuen Papiergeldes in Ver-
ehr zu setzen. In kritischen Zeiten aber sind die Grundsätze der
Goldwährung, die das verhindern sollen, wie gesagt, regelmäßig
'wßer Kraft gesetzt worden und können auch, abgesehen von den

187
        <pb n="188" />
        ﻿großen Goldproduktionsländern, ihrem Wesen nach nicht bestehen
bleiben.

Doch ist bei richtiger Einsicht in das Geldwesen eine nach unseren
Gesichtspunkten schädliche Geldvermehrung, also eine Inflation,
sowohl in guten wie in schlechten Zeiten wohl zu verhindern. Es
kann eine Maximalgrenze des Papiergeldes festgesetzt sein, ftir
seine Vermehrung strenge Anpassung an die Erträge, es kann auch
Deckung durch gute Warenwechsel, eventuell auch durch wichtige
Rohstoffe vorgeschrieben werden. Die gesetzgebenden Körperschaften
werden bei besserer Einsicht in das Geldwesen nicht so leicht ge-
neigt sein, Erhöhungen der Papiergeldausgabe zu bewilligen, wie
das noch im Weltkriege in manchen Ländern der Fall war.

Jedenfalls, schlechte Erfahrungen mit dein Papiergelde in der
Vergangenheit beweisen nichts für die Zukunft. Denn wenn die
Einsicht in das Geldwesen gewachsen ist, so kann und darf man
so viel Vertrauen zu einem geordneten Staatswesen haben, daß es
das Papiergeld nicht uferlos vermehrt. Die Gesetzgebung kann
unbedingt Kautelen dagegen schaffen, daß diese Vorschriften in
kritischen Zeiten nicht alsbald außer Kraft gesetzt werden. Außer-
dem aber müßte, wie gesagt, überhaupt die Ordnung des Geld-
wesens voni Staatskredit schärfer getrennt sein.

2.	Von größerer Bedeutung ist das zweite Argument, das
gegen eine reine Papierwährung und für die Wiedereinführung
der Goldwährung geltend gemacht wird: nur durch sie sei
unsere Währung stabil zu erhalten. Es ist das ein Argu-
ment, das insbesondere von Praktikern geltend gemacht wird, die
ein großes Interesse an geringen Schwankungen der Valuta int
Auslande haben. Aber die Begründung fußt ganz in dem Ge-
dankenkreise des Metallismus, der unserer Kaufmannschaft eben
jahrzehntelang durch Wissenschaft und Praxis eingehämmert
worden ist.

Äören wir eine solche Stimme aus der neuesten Zeit, die
diesen Gedankengang besonders klar ausspricht; E. Fitger sagt
in der „Deutschen Wirtschaftszeitung" vom 1. Februar 1917:
„Papiergeld, das nicht durch die stete Einlösbarkeit in Gold a»
den (!) Goldwert (der bekannte Irrtum eines absoluten Gold-
wertes!) gekettet ist, schwankt wild auf und ab, selbst in Staaten,
auf deren Zukunft ein hohes Vertrauen ruht... Selbst in dem
soliden Deutschland hat die Unterbrechung der Einlösbarkeit der
188
        <pb n="189" />
        ﻿Banknoten ihren Wert gegen Goldmünzen und gegen neutrale
Währungen um 40 Prozent verringert. Wenn Deutschland die
Goldwährung abschaffte, würde der Wert des Papiergeldes den
wildesten Sprüngen ausgesetzt sein; fremde Markwechsel auf Deutsch-
land würden nur zu den denkbar schlechtesten Kursen loszuwerden
sein. Wer in Deutschland fremde Devisen kaufen wollte, inüßte
abenteuerliche Preise anlegen (das muß er heute trotz unseres
Goldschatzes von über 2,5 Milliarde!:!). Jedenfalls könnte er
keiner Warenkalkulation ein festes Verhältnis zwische:: der eigenen
und der fremden Währung zugrunde legen. Der Exporteur könnte
es ebensowenig; wenn inan ihm den Erlös aus seiner Sendung
in fremden Devisen remittierte (oder wenn er dafür Markwechsel
in: Auslande kaufte), so wäre es ein reines Lotteriespiel, was an
Reinertrag herauskänie. Bald würden sich Bankhäuser einfinden,
die ein Geschäft daraus inachten, die Devisen wie Spreu im Winde
auf- und abzuwerfen."

Das alles ist durchaus unzutreffend und ivird nicht in: ge-
ringste,: begründet. Schon vor den: Weltkriege hat es geimg Länder
gegeben, die ohne großen Goldschatz und ohne Einlösungspflicht
der Banknoten in Gold eine durchaus geordnete und stabile Wäh-
rung hatten. Jene Behauptunge,: beruhen auf der schoi: in: vorigen
Kapitel behandelten irrigen Auffassung iiber die Funktion des
Goldes bei,:: internationalen Zahlungsausgleich, ferner natürlich
auf dem alte,: metallistischen Irrtum der Eigenschaft des Goldes
als internationaler Wertmesser und als Preisausdrucksmittel.
Gegen Banknoten jederzeit Gold bekommen zu können, nützt, &gt;vie
gesagt, nur den Goldproduktionsländern. Der Preis des Goldes
ist nur deswegen stabil, :veil es zu festen Preisen eingekauft wird.
Diese Bestimmung inacht aber die anderen Warenpreise in nichts
stabiler. Im Gegenteil würde es bei völliger Einsicht des Staates
'N die wirtschaftlichen Verhältnisse ohne Goldwährung, d. h. ohne
Öeic Prägung, eher nröglich sein, ein wertstabiles Geld zu schassen,
^ h. Preisveränderungen von der Geldleite her auszuschalten.
Doch sind dahin gehende Vorschläge noch ganz ungenügend be-
gründet, sie beruhen auf Unkenntnis der Beziehungen zwischen
kreisen und Einkominen (daß die Einkommen die Güte: kaufen)
und überschätzen gewaltig die Bede::tui:g der Ausrechnung eines
durchschnittliche,: Preisniveaus, welches die Grundlage für die
Gtabilitätsmaßnahmen bildet. Sie sind einstweilei: als gä,:zlich

189
        <pb n="190" />
        ﻿utopisch und nicht auf wissenschaftlicher Begründung beruhend zu
bezeichnen.

Jedenfalls ist die Stabilität einer Valuta durch andere Mittel
geradesogut zu erreichen wie durch Gold. Denn daß jemand, der
eine Forderung auf Deutschland hat, ausgerechnet nur Gold ge-
brauchen könnte, das wird kaum je vorkommen. In fast aller;
Fällen werden irgendwelche Devisen oder Effekten für ihn leichten
verwertbar sein als das Lin-- und Lertransportieren von Gold.
Aber wie gesagt, empfehle ich zunächst gar keine reine Papier-
währung, obwohl wir sicherlich einmal dazu kommen werden.
Aber solange der Goldglaube noch so eingewurzelt ist und wir
einmal so viel Gold gekauft haben, können wir natürlich auch einer;
nicht zu großen Teil davon für solche Fälle zurückhalten, daß
jemand im auslärrdischen Verkehr durchaus in Gold bezahlt haben
will. Wir könnten also wohl später einmal, wenn die Parität
wieder hergestellt ist und ruhigere Zustände auf dem Weltmarkt
eingetreten sind, eine Goldeinlösung für unsere Banknoten, aber
natürlich nicht für die die Hauptmasse unseres Papiergeldes aus-
machenden Staatsnoten, mit gewissen Einschränkungen (nur in
Barren oder ausländischen Münzen, nur bis zu einem gewissen
Betrage täglich, nur an bestimmte ausländische Banken u. dgl.)
wieder einführen. Doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß
wenn wir, was wir müssen, unsere Valuta ohne die
Goldwährung wieder heben können, sie auch ohne eine
solche stabil erhalten können. Valutaspekulationen ent-
wickeln sich immer erst, wenn ein starkes Schwanken der Valuta
aus anderen Gründen schon eingetreten ist, sie können aber selbst
dann ohne Schwierigkeiten verhindert bzw. ihr die Schwankungen
verstärkender Einfluß kann ausgeschaltet werden.

3.	Ein drittes Argument zugunsten einer Wiedereinführung
der Goldwährung ist die Behauptung, daß bei der Größe unseres
Volksvermögens von sicher über 300 Milliarden Mark der Be-
trag von 3 bis 3,5 Milliarden Mark, den uns die Gold-
währung kostet, doch keine so große Rolle spielt, zumal
sich die Anschaffungskostcn für dieses Gold auf Jahrzehnte ver-
teilt hätten. Wir hätten diese Kosten als Sicherungsmittel M
unsere Währung in Kauf nehmen, müssen. Run habe ich schon in
„Geld und Gold" zugegeben, daß seinerzeit bei der Gründung des
Rerches die Goldwährung in irgendeiner Form, jedoch unter
190
        <pb n="191" />
        ﻿keinen Amständen die freie Goldausprägnng, wohl notwendig war,
um aus der Papierwirtschaft früherer Zeiten herauszukommen.
Ich sagte, daß ihre Kosten eine Art von Buße waren, die die ineisten
Volkswirtschaften für die frühere schrankenlose Benützung der
Notenpresse durch den Staat bezahlen mußten. Die Goldwährung
entsprach der damaligen Einsicht in das Geldwesen und war damals
ein erheblicher Fortschritt. Aber sie ist keineswegs ein Ideal und
darf daher nicht mehr, wie dies bisher auf Grund ungenügender
Kenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge immer geschehen ist,
der Bevölkerung als ein solches hingestellt werden, um so weniger,
als, wie die Erfahrung jetzt gezeigt hat, sic ihren Hauptzweck, der
Allmacht des Staates auf dem Gebiete des Geldwesens Natur-
grenzen zu setzen, nicht erfüllt hat, weil der Staat die dafür ent-
scheidenden Bestimmungen in kritischen Zeiten regelmäßig aufhob.
Kommt noch hinzu, daß sie auch nach dem Frieden gar nicht so-
gleich wieder eingeführt werden kann, so ergibt sich gerade jetzt
die Gelegenheit, zu prüfen, ob es notwendig ist, überhaupt wieder
zu ihr zurückzukehren, wobei, wie gesagt, zu beachten ist, daß es
sich um mehrere verschiedenartig zu beurteilende Bestimmungen
handelt.

Dabei kommt aber doch auch in Betracht, daß 2 Milliarden
Mark in Gold zum Ankauf wichtiger Rohstoffe nach dem Kriege
immerhin keine unbedeutende Rolle spielen, vorausgesetzt, daß wir sie
heute überhaupt noch in dieser Weise nützlich verwenden können.
Cs sollten aber schon längst Abschlüsse gemacht sein, sowohl gegen
Lieferung von Waren unsererseits, als auch mit dem Versprechen
der Goldzahlung. England soll sich in dieser Weise schon einen
großen Teil der Rohstoffe, die es nach dem Kriege gebraucht, für-
längere Zeit gesichert, vielleicht auch absichtlich uns entzogen haben.

Geben wir dann Gold in größerer Menge ab — es brauchen
hoch längst keine 2 Milliarden zu sein —, so wird das auf die ge-
iamte Welt einen sehr großen Eindruck machen, und erklären wi&gt;
gleichzeitig unter Angabe der Gründe, daß wir es in Zukunft der
Reichsbank untersagen, nach dem Belieben des Auslands Gold
lu unbegrenzter Menge anzunehmen und daß wir die Entscheidung
darüber in jedem einzelnen Fall dem Reichswährungsamt oder
Einer besonderen Kommission vorbehalten, so werden zahlreiche
neutrale Staaten, die jetzt mit Gold überschwemmt worden sind,
Es ebenso machen, ihre Münzen der freien Prägung sperren. Wir
        <pb n="192" />
        ﻿werden dann vielleicht unsere 2 Milliarden Mark Gold gar nicht
mehr ganz los werden — denn wenn es nicht mehr zu Währungs-
zwecken verwendet wird, wird erst recht eine Überschwemmung mit
Gold eintreten —&gt; aber das schadet nicht allzu viel, England und
Nordamerika werden dann ihre jährliche Goldproduktion von
nahezu dem gleichen Betrage ebenfalls nicht los werden. Der Preis
des Goldes wird sehr stark fallen, weil er ja nur dadurch trotz
beliebiger Produktion so hoch und so stabil gehalten wurde, das;
die Goldproduktionsländer in der Lage waren, überallhin beliebig
viel abzusetzen. Wie in so vielen Fällen bei den Beziehungen der
Völker kommt es auch hier nur auf energisches und zielbewußtes
Auftreten an.

4.	Damit ist auch ein anderer Einwand erledigt, daß wir zur
„Abschaffung der Goldwährung" ein Einverständnis
mit den anderen Staaten, einen „Antigoldbund" her-
beiführen müßten. Ich halte das stir ganz unnötig. Das Bei-
spiel Deutschlands, das in diesem Kriege so viele Beweise seiner
Stärke gegeben und so viele neue Aufgaben gelöst hat, wird genügen,
um viele Staaten in dieser ganz harmlosen Maßregel der Ein-
stellung der freien Prägung zur Nachfolge zu veranlassen. Damir
ist aber schon die erste Bresche in den internationalen „Goldwahn"
geschlagen und die widersinnige, nur englischem Interesse dienende
Bestimmung beseitigt, die es den Goldproduktionsländern ermög-
licht, beliebig viel Gold überall abzusetzen. Deshalb geben wir ja
das Beispiel, obwohl wir zunächst unserer gesunkenen Valuta
wegen keine Gefahr laufen, weiter nrit Gold iiberschweinmt zu
werden. Aber wir wollen den anderen Staaten zeigen, die es in;
Kriege immer noch nicht gelernt haben, daß das auch nicht in ihrem
Interesse liegt. And da sie doch auch schon Beispiele von neutralen
Staaten vor Augen haben, werden sie sich energischer als bisher
gegen das weitere Einströmen von Gold sträuben.

Wir brauchen also gar keine Verschwörung gegen das Gold,
sondern es werden für Gold ganz einfach nur die gleichen Ver-
hältnisse hergestellt, die stir alle anderen Waren gelten, daß mit
größerem Angebot und verminderter Nachfrage die Preise fallen.
Wo soll dann die jährliche Goldproduktion von 2 Milliarden Mark
bleiben, ohne zu einem Preisfall des Goldes zu führen? Der
Rückgang der Goldproduktion wird dann für England die gerechte
Strafe dafür sein, daß es ibres Goldes wegen seinerzeit den Raub-
192
        <pb n="193" />
        ﻿zug gegen die Burenstaaten unternommen hat. Er wird mit zum
Rückgang von Englands wirtschaftlicher Weltstellung beitragen.
Irgendwelche Vereinbarungen der nicht an der Goldproduktion
interessierten Staaten liegen übrigens für später keineswegs außer
dem Bereiche der Möglichkeit, aber man kann es den kleineren
Staaten überlassen, dazu den Anstoß zu geben. Deutschland ist
stark genug, die Beseitigung der freien Prägung zunächst einmal
für sich allein ausdrücklich auszusprechen, und sein Ansehen ist in
diesem Kriege mit Recht so gewachsen, daß sein entschiedenes Vor-
gehen in dieser Hinsicht von höchster Wirksamkeit sein wird. Denn
weitaus die meisten Staaten haben an der Goldwährung gar kein
Interesse, und wenn Deutschland sich an die Spitze dieser Staaten
stellt und ihnen das Beispiel gibt, werden sich die gleichen Interessen
von selbst zusammenfinden. Wenn wir zu Ausgleichszwecken statt
englischer Devisen solche der .Staaten, mit denen wir in regem
.Handelsverkehr stehen, vor allem unseren kleineren Nachbarstaaten,
in größerem Amfange halten, wird allein dadurch die deutsche
Devise auf dem Weltmarkt schon größere Bedeutung gewinnen.
Es kommt nur darauf an, hier einmal energisch Bahn zu brechen:
„Sobald du dir nur selbst vertraust, vertrauir dir auch die anderen
Seelen." Aber an Selbstbewnßtsein und Selbstvertrauen Fremden
gegenüber hat es bisher dem deutschen Michel in der Regel gefehlt.
Es sollte sich jedoch mehr in zäher Vertretung seiner Ansprüche und
Betonung seiner Leistungen als in lautem und schneidigem äußeren
Auftreten geltend machen, unsere Diplomaten sollten mehr vom
Kaufmann oder Rechtsanwalt, weniger von: Offizier oder Ver-
waltungsbeamten an sich haben.

5.	Ein letztes Argument für Beibehaltung der Goldwährung
sieht mit dem Gesagten in engem Zusammenhang. Man sagt, es
sei doch unser Bestreben, daß England von seiner Stellung als
Zahlungsvermittler der ganzen Welt verdrängt werde, und das
könne Deutschland nur, wenn es sich nicht außerhalb des
Kreises der aus der Goldwährung beruhenden „Zah-
lungsgemeinschaft" der wichtigsten Länder stelle. Das
klingt sehr politisch, beweist aber gar nichts. Denn es ist weder
gesagt, daß deswegen alle Grundsätze der heutigen Goldwährungen,
insbesondere freie Prägung und Einlösungspflicht der Banknoten
auftechterhalten werden müssen, noch auch, daß nicht eine Zahlungs-
gemeinschaft selbst ganz losgelöst von einer Metallgrundlage mög-

L'efinann, Die Geldvermehrung im Weltkrieg- lS	£93
        <pb n="194" />
        ﻿lich sei. Jedenfalls bleibt die Tatsache bestehen, daß der größte
Teil aller Länder an der Aufrechterhaltung der Goldwährung gar
kein Interesse hat, und wenn es gelänge, sich mit allen diesen zu
einer Zahlungsgemeinschaft ganz ohne Goldausgleich zusammen-
zuschließen, wozu, wie gesagt, eine faktische Verabredung gar nicht
nötig ist, würde eine solche fast die ganze Welt umfassen. Aber
daran denkt als Aufgabe der heutigen Politik natürlich kein ver-
nünftiger Mensch. Ich habe immer betont, daß, wenn man will,
man den Ausgleich der „Spitzen" im internationalen Verkehr in
Gold vornehmen kann, daß man aber dazu nur wenige hundert
Millionen Mark Gold gebraucht, welches wir uns immer werden
verschaffen können, daß aber auch dieser Ausgleich ebensogut oder
sogar besser in anderer Weise vorgenommen werden kann und schon
vor dem Kriege in der Regel vorgenommen wurde, daß jedenfalls
ein darüber hinausgehender Goldschatz, zumal wenn er in solchen
Zeiten wie den gegenwärtigen nicht verwendet wird, ein ab-
soluter Luxus ist. Ich habe nur behauptet, daß die Goldeinlösungs-
psiicht der Banknoten unnötig und daß die freie Prägung, welche
es den Goldproduktionsländern ermöglicht, beliebige Goldmengen
zu einem festen Preise überallhin abzusetzen, eine nur aus Anver-
ständnis beibehaltene Maßregel allein zum Nutzen Englands ist.
Das ist nirgends widerlegt worden. Eine Wiedereinführung der
Goldwährung mit allen ihren Bestimmungen nützt uns im Wirt-
schaftskampfe mit England gar nichts, stabilisiert nur den Zustand,
daß es eine beliebig große Goldmenge zu festen Preisen überall
absetzen kann und belastet unsere Volkswirtschaft weiterhin mit
überflüssigen Kosten.

Die Stellung Englands als Weltzahlungsvermittler zu er-
schüttern ist allerdings eine wichtige Aufgabe des nach dem Kriege
unter allen Amständen noch fortdauernden Wirtschaftskrieges. Sie
wird unsere Vergeltung sein für die Vernichtung unserer aus-
ländischen Handelsorganisation in fast allen Ländern, die eines
der wesentlichsten Kriegsabsichten Englands war und für die wir
auch bei dem günstigsten Friedensabschluß keine volle Entschädigung
bekommen werden. Aber mit der Goldwährung hat diese Aufgabe
gar nichts zu tun. Es ist mir daher auch niemals eingefallen, zu
behaupten, daß durch die Abwendung von der Goldwährung jene
Stellung Englands erschüttert werden könnte. Denn sie beruht
nicht auf der Goldwährung — das ist eine ganz falsche, echt me-
194
        <pb n="195" />
        ﻿tallistische, das reale Geld überschätzende Auffassung — sondern
auf ganz anderen Faktoren. Ich habe nur behauptet und halte
daran fest, daß wenn die Benutzung des Goldes zu monetären
Zwecken eingeschränkt und besonders das nur den Goldproduktions-
ländern nützliche Institut der freien Prägung abgeschafft wird,
der Preis des Goldes stark sinken würde und ein großer Teil der
Goldproduktion nicht mehr rentieren würde. Das aber würde
England, das in seinen Besitzungen ungefähr zwei Drittel der
heutigen Goldproduktion der Welt gewinnt, einen sehr schweren
Schlag versetzen.

Die Stellung Englands als Weltzahlungsvermittler aber be-
ruht auf Umständen, die sich schor: sowieso im Weltkriege sehr zu
seinen Angunsten verschoben haben. Englands Airteil am Fracht-
raum ur:d an der überseeischer: Transportvermittlung ist zugunsten
der Vereinigten Staaten, Japans, mancher Neutraler und wohl
auch Deutschlands gewaltig gesunken, seine Stellung als Welt-
bankier und als Gläubigerland nicht minder. Auf dieser Grundlage
ist es allerdings nicht nur bei uns, sondern auch in allen anderen
Ländern eine wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, daß der aus-
wärtige Lande! nicht alsbald wieder seine alte,: Gewohnheiten auf-
nimmt ur:d englische Banken als Verrnittler benützt. Der deutsche
Exporteur muß sich vielmehr gewöhnen, nicht mehr auf England
zu ziehen, der deutsche Importeur, sich nicht mehr mit einem Wechsel
auf England bezahlen zu lassen. Sie müssen auch ihre auswärtigen
Geschäftsfreunde dazu veranlassen. Das mag zunächst ein etwas
unbequernes Abgeher: vor: alten Gewohnheiten bedeuten, aber
unsere Landelswelt muß so patriotisch sein, sich auf diese neuen Ge-
sichtspunkte einzustellen, auch wenn der einzelne hier und da ai:fa,:gs
dabei einmal etwas weniger verdient. Konsequentes Befolgen der
nationalen Gesichtspunkte ist hier sehr wichtig. Das Kapital hat
hier einmal die Gelegenheit, die sozialistischer: Behauptungen sei,:es
internationaler: Charakters, die nicht immer so ganz ur:berechtigt
sind, durch die Tat zu entkräften.

Dazu ist freilich nötig, daß wir Eii:richtungen treffen, um,
wenigstens was unseren auswärtiger: Landet betrifft, die englische
Vermittlung möglichst auszuschalter:. Daß Amerika, wie es viel-
leicht hofft, dieses Vermittlungsgeschäft ganz an sich reißen werde,
ist sehr unwahrscheirüich, un: so mehr, je mehr es selbst die Lasten
des Krieges zu fühlen bekommt. Einen überwiegenden Mittel-

Liefmann, Die Geldvermehrung im Weltkriege 13*	195
        <pb n="196" />
        ﻿I • : ?

ff i ■















Punkt des Weltzahlungsverkehrs, wie es vor dem Kriege London
war, wird es daher vermutlich nicht mehr geben, wenn auch die
Stellung Neuyorks, die ja vor dem Kriege schon im Wachsen war,
an Bedeutung noch weiter gewinnen wird. Aber ohne Zweifel
werden auch die kleineren, wirklich bis ans Ende neutral gebliebenen
Staaten noch für längere Zeit nach dem Kriege eine größere Nolle
als Zahlungs-- und Warenvermittler spielen. Es ist natürlich
auch gar nicht erwünscht, daß Amerika nun einfach an die Stelle
Englands tritt. Beider Rivalität wird uns vielmehr unsere Auf-
gabe erleichtern, die darin besteht, nicht beide zu verdrängen, sondern
uns neben sie als gleichberechtigter Vermittler zu setzen, wie das
unserer Lage im Lerzen Europas und unserer wirtschaftlichen Stel-
lung als zweitgrößtes Ein-- und Ausfuhrland entspricht.

Wir müssen daher die Errichtung von Auslandsbanken
mehr pflegen, und namentlich in den neutralen Ländern engere Be-
ziehungen zwischen einigen dortigen und unseren großen Banken
herbeiführen und dann unsere Ex-- und Importeure daran gewöhnen,
sie bei ihren Geschäften zu benutzen und auch ihre ausländischen
Geschäftsfreunde dazu veranlassen. Die Devisen und Effekten
dieser Staaten werden daher nach dem Kriege im internationaler!
Verkehr voraussichtlich eine wachsende Rolle spielen. Das kann
uns nur ganz erwünscht sein, da alle kleineren Staaten keineswegs
an der Goldwährung interessiert sind. Da wir auch sonst wegen
rmserer geographischen Lage und aus anderen Gründen der natür-
liche Beschützer der kleineren Nationen sind, würden wir damit
von selbst an die Spitze einer großen Gruppe von Staaten treten,
die das Bestreben haben, sich auch in dieser Linsicht von den beiden
angelsächsischen Weltreichen unabhängig zu machen, die fast allein
Interesse an der Goldwährung haben und sie nach dem Kriege
noch mehr als früher zur Aufrechterhaltung und Stärkung ihrer
wirtschaftlichen Machtstellung benutzen werden. Auch wäre die
Errichtung einer großen deutschen Akzeptbank in Erwägung zu
ziehen, die das große Londoner Akzept-- und Rembourskreditgeschäst
für Deutschland und seinen Handelsverkehr übernehmen könnte.
Vielleicht könnte sich dieses Institut aus der obenerwähnten Reichs-
darlehensbank oder im Anschluß an sie mit staatlicher Lilfe, mit
staatlicher Heranziehung und Organisation des privaten Kapitals
für diesen Zweck entwickeln. Aus dem Gebiete des Kreditwesens
liegen überhaupt noch große Zukunftsaufgaben, die keineswegs
196
        <pb n="197" />
        ﻿nur in einer Krediterweiterung bestehen. Sie auch nur zu erwähnen,
würde hier aber zu weit führen.

Kehren wir vielmebr zu den eigentlichen Geldproblemen
zurück. Ansere Loslömng vom Golde kann im Anschluß an die
heutigen Währungsverhältnisse Schritt für Schritt erfolgen; wir
sollten den Amstand, daß wir im Kriege die wichtigsten Grundsätze
der Goldwährung aufgegeben haben, benutzen, damit den Anfang
zu machen. Das wird dann viele andere Staaten zur Nachfolge
veranlassen. Wir denken uns also zunächst eine Golddevisen-
währung. die wir von der sog. Goldkernwährung unter--
scheiden. Diese enthält einen direkten Einlösungsfonds für Bank-
noten. jene nicht. Der Goldbestand dient hier nur für den „Spitzen-
ausgleich". Sie ist prinzipiell Papierwährung, d. h. Staats-
noten in fest begrenztem Amfange sind, außer Scheidemünze, das
hauptsächliche Amlaufsmittel. Aber es zirkulieren auch Bank-
noten, welche das bewegliche Element darstellen, die in erster Linie
durch gute Warenwechsel bankmäßig gedeckt werden, aber wenn
n,an will, auch durch wichtige Rohstoffe, von denen Vorräte ge-
halten werden, gedeckt werden können. Diese Banknoten können
dem Auslande gegenüber in beschränkter Weise, wie oben an-
geführt, in Gold und eventuell in anderen Rohstoffen eingelöst
werden bzw. für solche Stoffe jederzeit von der Reichsbank zurück-
genommen werden. Ob man auch die Staatsnoten in irgendeiner
Weise durch Rohstoffe „decken" will, ist eine nebensächliche Frage.
Notwendig ist eine solche Deckung in einem geordneten Geldwesen
keineswegs, wie deutlich wird, wenn man nur überhaupt das Wesen
und die Funktionen des Geldes richtig erkannt hat.

Doch unsere erste Aufgabe ist, wie gesagt, nicht Abschaffung
oder Wiedereinführung der Goldwährung, sondern Äebung
unserer Valuta, als deren Folge sich die Möglichkeit einer
Wiederherstellung der Goldwährung überhaupt erst ergibt. Daher
entschließe man sich zunächst einmal, einen großen Teil unseres
Goldbestandes in der geschilderten Weise zum Ankauf wichtiger
Rohstoffe nach dem Kriege zu verwenden. Gleichzeitig können wir
erklären, daß wir in absehbarer Zeit zwar eine Goldeinlösung der
Banknoten im ausländischen Verkehr wiederherstellen wollen, daß
wir aber die Vorschriften über Golddeckung und das Institut der
freien Prägung ein für allemal abschaffen, da Deutschland es
ebensowenig wie England nötig hat, den Wert seines Geldes durch

197
        <pb n="198" />
        ﻿einen großen Geldvorrat zu stützen. Das wird sehr großen Ein-
druck in der Welt machen, ohne unserer Valuta im mindesten zu
schaden, besonders nicht, wenn nach unserem Vorschlage gleich-
zeitig eine große Abbürdung unserer Kriegsanleihen vorgenommen
wird. Alles übrige kommt dann von selbst, doch muß sich die Re-
gierung natürlich über ihre Aufgaben und Ziele auf diesem Ge-
biete im klaren sein.

Nötig ist aber ferner, daß auch unsere Erwerbskreise rechtzeitig
darüber aufgeklärt und unterrichtet werden, daß in einem geordneten
Staatswesen heutzutage eine Golddeckung des Papiergeldes nicht
nötig, daß freie Goldausprägung ein Anding ist und daß man zur
Regelung des Zahlungsverkehrs mit dem Auslande mit einein
sehr geringen Goldvorrat, wenn ein solcher überhaupt nötig, aus-
kommt. Jene Erkenntnis darf nicht nur eine wissenschaftlich kon-
statierte Tatsache bleiben, sondern sie muß auch in die Kreise
des Erwerbslebens eindringen. Denn wegen der engen
Verknüpfung des Geldwesens mit dem Kreditwesen hängt für die
Äebung unserer Valuta und eines geordneten Zahlungsverkehrs
mit dem Auslande sehr viel von dem Vertrauen weiter Kreise
darauf ab, daß die Regierung eine richtige Einsicht in die Zu-
sammenhänge des Geldwesens hat. So kurzsichtig und gedanken-
los ist aber, wie schon gesagt, heute kaum jemand mehr — und es
mußte ja auch jeder durch die Beobachtung im Kriege eines besseren
belehrt werden —&gt; zu glauben, daß ein großer Goldbestand, ja selbst
eine günstige Deckungsquote allein schon die Sicherheit eines gün--
stigen Valutastandes gäbe. Daß der Kurs unserer Valuta nicht
davon abhängt, ob wir 1 oder 2 Milliarden Mark Gold mehr
haben, daß der Glaube, die Kaufkraft des Geldes hänge von seiner
Deckung ab, ein Aberglaube ist, der dem Aberglauben früherer
Zeiten in nichts nachsteht, das müßte allmählich jeder einsehen.
Oder gibt es Leute, die glauben, daß nur deshalb unsere Valuta
„nur" 40°/o unter Parität steht, weil wir noch 2,5 Milliarden
Gold unbenützt bei der Reichsbank liegen haben, und daß sie etwa
noch mehr gesunken wäre, wenn wir eine Milliarde rechtzeitig zu
ihrer Aufrechterhaltung verwandt hätten?

Aber es darf sich in dieser Frage überhaupt nicht mehr, wie
bisher, um ein bloßes Glauben handeln, ebensowenig wie um bloße
Bezugnahme auf frühere, aber heute nicht mehr maßgebende Er-
fahrungen. Sondern nur die wissenschaftliche Erkenntnis und
198
        <pb n="199" />
        ﻿Begründung kann uns weiter helfen. Man konnnt dabei freilich
um ein Eindringen in die letzten Fragen der Geldtheorie und noch
weiter in die allgemeinsten Grundlagen der Wirtschaftstheorie
nicht herum. Aber das ist auch ganz selbstverständlich, und jeder,
der nicht fähig ist, sich in diese allgemeinsten Probleme, aus denen
allein die Auffassung des Geldes begründet werden kann, zu ver-
tiefen, sollte sich hüten, zu diesen Fragen im einen oder anderen
Sinne Stellung 51t nehmen. Jeder sollte sich bewußt sein, daß es
gilt, nicht mehr an der alten Schablone festzuhalten und in den
alten Gleisen fortzufahren, sondern daß auch auf dem Gebiete
des Geldwesens noch große Fortschritte möglich sind und die Um-
wälzungen des Krieges Veranlassung geben sollten, sie durch-
zuführen. Wie noch selten auf irgendeinem Gebiete hat hier die
Wissenschaft die Aufgabe, der Praxis diese neuen Wege zu weisen
nnd sie auf die neuen Ziele vorzubereiten. Dazu ist vor allem
Weiterbildung der Wirtschaftstheorie nötig, welche die Grundlage
aller Wirtschaftspolitik und das allein Wissenschaftliche an ihr ist.
Mögen Wissenschaft und Praxis vereint ohne starres Festhalten
am alten, aber auch nicht überstürzt, sondern i,n Bewußtsein,
daß die neue Zeit, die nach dem Kriege anbricht, auch neue An-
forderungen stellt, diese Aufgaben erfüllen. Dann kann der Krieg,
der so vieles vernichtet hat, auch auf dem Gebiete des Geldwesens
nnd der gesamten Wirtschaftspolitik, der Arheber großer mensch-
licher Fortschritte werdem

199
        <pb n="200" />
        ﻿
        <pb n="201" />
        ﻿Bei der Deutschen Verlags - Anstalt in Stuttgart ist von

Professor 0r. Robert Liefmann

ferner erschienen:

Geld und Gold

ökonomische Theorie des Geldes

Geheftet M 4.—, gebunden M 5.—

„Eine atemraubende Schrift. Liefmann sucht als Gelehrter von
Ruf tiefschürfend rücksichtslos die Wahrheit. Es ist eine grausame Ab-
rechnung, die Liefmann hält. Aber sie ist der Verknöcherung, die in diesen
Dingen bisher das große Wort führte, zu gönnen. Mir ist um die Zukunft der
Liefmannschen Anschauung, die auf dem gediegenen wissenschaftlichen Rüstzeug
beruht, nicht bange. Als volkswirtschaftlichem Schriftsteller, der die Gold- und
Geldliteratur der letzten 25 Jahre verfolgt, tritt mir zum erstenmal eine klare,
durchsichtige, wissenschaftlich einwandfrei begründete selbständige Geldtheorie
entgegen, die ebenso einfach und klar ist wie diejenige der Nominalisten
und Metallisten geschraubt und unklar war. Zn der Entwicklung der
Theorie Liefmanns schließt sich Quader an Quader einfach wahr und ge-
dankenklar, baut sich ruhevoll seine psychische Wirtschaftsaufsassung auf:
Das Gold als Deckung ist ein sehr teurer und überflüssiger Vertreter der
abstrakten Rechnungseinheit, die ebenso nur in Papier gegeben sein kann;
die Zahlungsmittel sind nur Tauschmittel; das was die Güter kauft, was
die Preise bildet, das ist das Einkommen." (Grafs Finanz-Chron», Berlin.)

„Der bekannte Freiburger Nationalökonom gibt uns in diesem Werk eine
ökonomische Theorie des Geldes, verfolgt aber im letzten Grunde auch
praktische Zwecke, und zwar praktisch im höchsten Sinne. Gerade jetzt hat
die Frage der Goldwährung für fast alle Länder das größte Interesse.
Bisher hielt man es für ein unerreichbares Ideal, die Abschaffung der
Goldwährung ins Auge zu fassen. Es wäre aber unseren wirtschaftlichen
und politischen Gegnern gegenüber eines der wichtigsten Kampfmittel, denn
wenn es gelingen könnte, auch noch in anderen Ländern die Goldwährung
zu beseitigen, so würde es uns nicht nur Milliarden sparen, sondern es
würde auch insbesondere England damit ein empfindlicher Schlag versetzt.
Der Verfasser zeigt auf der Grundlage seiner allgemeinen Wirtschafts-
theorie, daß eine Papierwährung, wenn nur das Papiergeld nicht beliebig ver-
mehrt wird, ganz ebensogut funktionieren könne." (Finanzherow, Frankfurt a. M.,

„Wir empfehlen die Lektüre des Buches nicht nur denen, die sich den An-
sichten des Verfassers zuneigen und daher neue Rechtfertigungsgründe für
ihren Standpunkt gern entgegennehmen, sondern auch allen denen, die in
der Aufrechterhaltung der Goldwährung die sichere Grundlage unserer
seitherigen wirtschaftlichen Machtstellung erblicken, theoretische Darlegungen
aber in eingehendster Weise prüfen, um danach feststellen zu können, ob
sie ihre Stellung zu den neuesten Währungsproblemen weiter rechtfertigen
und behaupten können."	(Berliner Börsenzeitung.)
        <pb n="202" />
        ﻿Außer dem nebenstehend verzeichneten Werke ist von
weiter bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienen:

Grundsätze der
Volkswirtschaftslehre

1. Band: Grundlagen der Wirtschaft
Geheftet M 16.—, gebunden M 18.50

„Ein Standard-Werk der Volkswirtschaftskehre. Die scharf-
sinnige, tiefgründige Art, mit der hier die wichtigsten theoretischen Grund-
probleme der Nationalökonomie behandelt werden, sichern dem Werk, das
sich als eine Zusammenfassung und systematisch wohlausgebaute Vertiefung
der bisherigen ausgezeichneten Teilveröffentlichungen des Verfassers dar
stellt, einen dauernden, überragenden Wert in der volkswirtschaftlichen Lite-
ratur. Die unübersehbaren Aufgaben, vor die infolge der volkswirtschaft-
lichen Erlebnisse im Kriege und praktisch notwendigen Neuorientierung der
gesamten Wirtschaftswissenschaften die Volkswirtschaftslehre gestellt ist, lassen
das Werk zu einem außerordentlichen wertvollen Lehrbuch werden, nicht nur
für Lehrer und Studierende der Lochschulen, sondern auch für die Industrie-
und Landelswelt, kurz für alle, denen eine wirtschaftliche Durchleuchtung der
Wirtschaftlichen Grundbegriffe nottut." (Miinchen-Augsburger Abendzeitung.)

„Wie man sich auch zu einzelnen Theorien dieses Buches stellen mag, selbst
wenn man die auf einer psychischen Auffassung der Wirtschaft orientierte
Grundeinstellung Robert Liefmanns ablehnt, — dieses Buch ist bedeutungs-
voll. Es trifft mitten in eine Krise der volkswirtschaftlichen Wissenschaft.
Ich bin fest davon überzeugt, daß sich die Wirtschaftswissenschaft sehr
gründlich mit diesem Buche auseinandersetzen wird, weil hier mit tiefer
Gründlichkeit und mit weit ausholenden Linien eine wirklich neue Wirt-
schaftstheorie vorgetragen wird . .. Sein Buch hinterläßt den Eindruck
einer ungemein lebhaften, schwungvollen stmd leidenschaftlichen Vitalität;
das ist besonders dann eine seltene wissenschaftliche Leistung, wenn diese
Schwungkraft nicht nur Ausgangspunkt der Deduktionen ist, sondern in
ihrer Wärme bis in die letzten Ausläufer und Zweige anhält."

(Norbert Einstein in der Deutschen Revue.)

„Die Leistung Liefmanns ist nicht allein das Ausstellen eines neuen Gesichts-
punktes, der wird noch von ihm selbst weiter ausgebaut werden, sondern
daß er die Wirtschaftstheorie vom toten Gleise geschoben, sie wieder in
Fluß gebracht hat. Das ist eine verjüngende Tat, selbst wenn sie im
einzelnen nicht allen Einwendungen standhielte. Ein neuer Gedanke ist
ausgesprochen — und damit wurde etwas Schöpferisches geleistet, mit den»
sich jeder auseinandersetzen muß. Man wird daher mit Spannung dem
zweiten Bande, der den Beschluß der Darlegungen bringen soll, entgegen-
sehen."	(Die Post, Berlin.)
        <pb n="203" />
        ﻿Politische Bücherei

geleitet von

Geh. Rat Pros. Dr. Erich Marcks, Geh. Rat
Prof. Dr. &lt;o. Schumacher, Prof. Dr. R. Smend

»miMumiiiiHiiiniimiiiiiiiHiiiiuiimiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimmiimiMiiiimiHimiimiiimiimiHiiiiimuiHHi

In dieser Sammlung sind als neue Bände erschienen:

Alois Gras Aehrenthal. Sechs Jahre äußere

Politik Österreich-Angarns. Von Berthold Molden.

Geheftet M 6.—, gebunden M 8.—

xDas Buch wird als ein Beitrag zur Vorgeschichte des Weltkrieges von
künftigen Geschichtschreibern als wertvolles Quellenwerk benützt werden
müssen. Aber auch die menschliche Persönlichkeit des von den Parteien in
Äaß und Gunst so verschieden beurteilten österreichischen Staatsmannes
hat durch Moldens Werk eine überaus interessante und sympathische Be-
leuchtung erfahren."	(Neues Wiener Journal.)

Der Friede und die deutsche Zukunst.

Von Alfred Hettner, o. Prof, der Geographie an der Universität
Leidelberg.	Geheftet M 3.50, gebunden M 5.—1

^Der hervorragende Geograph und Politiker nimmt zur rechten Zeit das
Wort. Wir 'wünschen, es machte sich weithin vernehmlich gegenüber
manchen Übertreibungen, die bei der Abwehr der überspannten Aneignungs-
gelüste unvermeidlicherweise entstehen. Lettner beurteilt mit großer Be-
sonnenheit die Ostfragen ebenso wie Frankreich und Belgien, die Balkan^
gebiete, den Kolonialbesitz, unsere Abrechnung mit den außereuropäischen
Völkern und die Fragen, die unsere Bundesgenossen hauptsächlich angehen.
Cs gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung, den Standpunkt Lettners
vielfach teilen zu können."	(Königsberger Lartungsche Zeitung.)

Der Staat Angarn. Ein Geschichtsstudie. Von

I. Szekfü, Privatdozent an der Universität Budapest.

Geheftet M 3.20, gebunden M 4.80

Der Verfasser, der mit dem Auge des geschulten Listorikers die ungarischen
Verhältnisse gleichsam von innen heraus durchschaut, geht auf die ersten
Anfänge der ungarischen Geschichte zurück und läßt auf der so geschaffenen
festen Grundlage den ungarischen Staat vor unseren Blicken entstehen. Daß
die geistigen Momente des ungarischen Lebens an ihrer Stelle ebenso kräf-
tig herausgehoben werden, wie die äußere Geschichte und die mnere
politische Gestaltung des Staates in zwar knappen, aber klaren und ein-
drucksvollen Linien skizziert wird, ist ein besonderer Vorzug des Buches.

Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart
        <pb n="204" />
        ﻿DeutscheVerlags-An ft altin Stuttgart

Hermann Stegemanns
Geschichte des Krieges

Band 1 und 2 liegen im Januar 1918 vor.

1.	Band: 91.—99. Tausend. 460 Seiten mit fünf farbigen Karten.

2.	Band: 71.—80. Tausend. 516 Seiten mit vier farbigen Karten.

Jeder Band geheftet M 12.50, gebunden M 15.—.

Das ganze Werk ist auf vier Bände geplant.

Exzellenz Generalfeldmarschall von Mackensen:

..Stegemanns Betrachtungen „Zur Kriegslage" haben mich schon oft in freien
Stunden des Feldzuges gefesselt. Sein Entschluß, eine Geschichte des Krieges
zu schreiben, erfüllt ein Erwarten, das mit mir alle Soldaten teilen werden,
die das Wesen jener Betrachtungen zu würdigen vermochten. Ich kann
versichern, daß — soweit ich die betrachteten Tatsachen als Mithandelnder
beurteilen kann — die Aufgabe gelöst ist, die »ermann Stegemann sich
mit seinem Geschichtswerk gestellt hat. Ein Schriftsteller von so gründlichen
kriegsgeschichtlichen und militärwissenschaftlichen Kenntnissen und einer so be-
rechtigten „Leidenschaft für das Wesen der Kriegskunst" ist berufen, Kriegs
geschichte zu schreiben, auch wenn er bisher nur als Dichter bekannt geworden ist."
Die Sprache des letzteren kommt derVolkstümlichkeit des Werkes zustatten und
verhüllt keineswegs das Bestreben, „die geschichtliche Wahrheit zu erkennen".

Oberstleutnant Buddecke, Abteilungs-Chef im Stellv. General-
stab der Armee, im Militär-Wochenblatt, Berlin:

„Unter allen bislang erschienenen Kriegsdarstellungen der In- und Auslands-
literatur nimmt unstreitig Lermann Stegemanns Geschichte des Krieges die
erste Stelle ein. In bezug auf Anschauung, Sachlichkeit, geistigen Gehalt und
Gestaltungskraft ist kein anderes ernsteres Werk dieser schwierigen Aufgabe so
gerecht geworden. Niemand, der dieses Buch gelesen hat, wird es ohne tiefe
Erschütterung und bleibenden Eindruck aus der Land legen... Zum Schlüsse
sei noch daraufhingewiesen, daß es ein neutraler Schriftsteller vontiefdeutschem
Empfinden ist, dem wir dieses bedeutsame Werk zu verdanken haben, das wie
kein anderes die ganze Größe und Tragik des Weltgeschehens wiedergibt
und eine Schöpfung von bleibendem Kulturwert zu werden verspricht."

München-Augsburger Abendzeitung, München:

„Schon das Studium der ersten Seilen dieses wahrhaft herrlichen Buches
wird jeden davon überzeugen, daß Stegemann, tatsächlich eine Ge-
schichte des Krieges geschaffen hat, die inhaltlich und formell des Ver-
fassers ebenso würdig ist wie des gewaltigen Stoffes . .. Durch seine
maßvolle Kritik wird Stegemanns Buch mehr als eine wissenschaftliche, es
wird zur sittlichen Leistung. Denn es beweist, daß unser Volk nicht nur große
Enten vollbringen, sondern auch wahre Schilderungen ertragen kann.

Stegemanns Werk ist

die erste wirkliche Geschichte des Krieges.
        <pb n="205" />
        ﻿
        <pb n="206" />
        ﻿the scale towards document

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CD

jug gegen die Burenstaaten unternonttnen hat. Er wird mit zum
Rückgang von Englands wirtschaftlicher Weltstellung beitragen.
Irgendwelche Vereinbarungen der nicht an der Goldproduktion
interessierten Staaten liegen übrigens für später keineswegs außer
^dern Bereiche der Möglichkeit, aber man kann es den kleineren
Staaten überlassen, dazu den Anstoß zu geben. Deutschland ist
stark genug, die Beseitigung der freien Prägung zunächst einmal
für sich allein ausdrücklich auszusprechen, und sein Ansehen ist in
diesem Kriege mit Recht so gewachsen, daß sein entschiedenes Vor-
gehen in dieser Pinsicht von höchster Wirksamkeit sein wird. Denn
-weitaus die meisten Staaten haben an der Goldwährung gar kein
Interesse, und wenn Deutschland sich an die Spitze dieser Staaten
stellt und ihnen das Beispiel gibt, werden sich die gleichen Interessen
von selbst zusammenfinden. Wenn wir zu Ausgleichszwecken statt
englischer Devisen solche der .Staaten, mit denen wir in regem
Pandelsverkehr stehen, vor allein unseren kleineren Nachbarstaaten,
in größerem Amfange halten, wird allein dadurch die deutsche
Devise auf dem Weltmarkt schon größere Bedeiitung gewinnen.
Es kommt nur darauf an, hier einmal energisch Bahn zu brecheir:
„Sobald du dir nur selbst vertraust, vertraun dir auch die andere»
Seelen." Aber air Selbstbewußtseiri uiid Selbstvertrauen Fremden
gegenüber hat es bisher dem deutschen Michel in der Regel gefehlt.
Es sollte sich jedoch mehr in zäher Vertretung seiner Ansprüche und
Betonung seiner Leistungen als in lautem und schneidigem äußeren
Auftreten geltend machen, unsere Diploinaten sollten inehr vont
Kaufmann oder Rechtsanwalt, weniger von, Offizier oder Ber-
waltungsbeamten an sich haben.

5. Ein letztes Argument für Beibehaltung der Goldwährung
steht mit dein Gesagten in engem Zusammenhang. Man sagt, es
sei doch unser Bestreben, daß England von seiner Stellung als
Zahlungsvermittler der ganzen Welt verdrängt werde, und das
könne Deutschland nur, wenn es sich nicht außerhalb des
Kreises der auf der Goldwährung beruhenden „Zah-
lungsgemeinschast" der wichtigsten Länder stelle. Das
klingt sehr politisch, beweist aber gar nichts. Demi cs ist weder
gesagt, daß deswegen alle Grundsätze der heutigen Goldwährungen,
insbesondere freie Prägung und Einlösungspflicht der Banknoten
auftechterhalten werden müssen, noch auch, daß nicht eine Zahlungs-
gemeinschaft selbst ganz losgelöst von einer Metallgrundlage

Lief mann. Die Gelbvermehrung im Weltkriege IS
      </div>
    </body>
  </text>
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