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        <title>Die Geldvermehrung im Weltkriege und die Beseitigung ihrer Folgen</title>
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            <forname>Robert</forname>
            <surname>Liefmann</surname>
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        </author>
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            <idno>1025475909</idno>
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        Robert  Liefmann
iiiiiiHtiiiaiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiKiiiOiitiiiiiimHiiiiiiiiiiiiitiiiiitiiiiiiiiitiiiiiiiiiii
Oie  Geldvermehrung
im  Weltkriege  und  die
Beseitigung  ihrer  Folgen

Deutsche  Verlags-Anstalt
Stuttgart  und  Berit»
rri-'xiri
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        Oie  Geldvermehrung  im  Weltkriege
und  die  Beseitigung  ihrer  Folgen
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        I  A.a.xiiul

Oie  Geldvermehrung
im  Weltkriege
und  die  Beseitigung  ihrer  Folgen

Eine  Untersuchung  zu  den  Problemen
der  Übergangswirtschaft
von
Robert  Liefmann
L-Deutsche

  Verlags-Anstalt
Stuttgart  und  Berlin  1915
        <pb n="4" />
        Inhalt
&amp;lt;e*itr

Borwort  7
1.  Kapitel.  Die  bisherige  Behandlung  des  Problems  13
2.  Kapitel.  Die  Tatsachen  der  Geldvermehrung  und  des  Valutarückgangs ­
  31
3.  Kapitel.  Der  Zusammenhang  von  Geld,  Preis  und  Einkommen  .  48
4.  Kapitel.  Die  Theorie  der  Geldvermehrung  64
5.  Kapitel.  Die  Inflation  und  ihre  Wirkungen  .  .  ,  84
6.  Kapitel.  Inflation  und  auswärtige  Wechselkurse  107
7.  Kapitel.  Die  Regelung  des  Devisen-  und  ausländischen  Effektenverkehrs
  im  Weltkriege  123
8.  Kapitel.  Die  Geldprobleme  in  der  inneren  Wirtschaftspolitik  im
und  nach  dem  Kriege  140
9.  Kapitel.  Die  Geldprobleme  in  der  äußeren  Wirtschaftspolitik  nach  161
dem  Kriege
10.  Kapitel.  Die  Zukunft  der  Goldwährung?  180
        <pb n="5" />
        Vorwort

vorliegende  Schrift  ist  eine  Wetterführung  meines  Endd
'&amp;lt;/  1916  erschienenen  Buches:  „Geld  und  Gold,  ökonomische ­
  Theorie  des  Geldes."  Dort  hatte  ich  die  Grundlagen ­
  der  Geldlehre  entwickelt  und  daran  die  allgenreinsten  Ergebnisse ­
  über  die  Möglichkeit  einer  geordneten  Währung  ohrre
metallische  Unterlage  angeschlossen.  Hier  soll  nun  die  Geldtheorie
nach  einer  bestimmten,  auch  praktisch  seht  und  nach  dem  Kriege
höchst  wichtigen  Seite  ausgebaut  werden,  nämlich  die  Lehre  von
der  Geldvermehrung  und  von  ihren  Wirkrmgen  auf  die  Preise,
anders  ausgedrückt,  die  Lehre  von  der  Inflation.  Aus  dieser
Antersuchung  ergeben  sich  unmittelbar  höchst  bedeutsame  Gesichtspunkte ­
  für  die  Geldpolitik  und  die  allgenreine  Wirtschaftspolitik ­
  nach  dem  Kriege  überhaupt.  Denn  wir  werden  zeigen,  daß
eine  Äerabminderung  der  nreisterr  inr  Kriege  stark  gestiegenen  Preise
herbeizuführen  eine  der  Hauptaufgaben,  ja  letzten  Errdes  ivohl
die  Hauptaufgabe  der  sogenannten  Übergangswirtschaft  ist.
Aber  ebenso  wie  irrir  als  Manrr  der  Wisserrschast  in  meinen»
Buche  „Geld  und  Gold"  nicht  die  Ergebnisse  für  die  Praxis  des
Geldwesens  die  Hauptsache  waren  —  denn  ich  habe  auf  sie  gar
keinerr  Einfluß  —,  als  vielmehr  die  wissenschaftliche  lind  theoretische
Begründung,  zu  der  ich  auf  Grund  meiner  allgemeinen  Wirtschaftstheorie ­
  gelangte,  so  ist  es  auch  hier.  Dieser  oder  jener  mag
in  dem  einen  oder  anderen  Punkte  ähnliche  Forderungen  aufstellen, ­
  sie  bleiben  wissenschaftlich  bedeutungslos  »nid  »nan  verinag
niernand  hinsichtlich  ihrer  Berechtigung  zu  überzeugen,  solange
»nan  sie  nicht  aus  der  allgerneinen  Erfassung  der  wirtschaftlichen
  Zusammenhänge  theoretisch  zu  begründen
verinag.  De»»n  die  Erfahrung,  auf  die  sich  die  bloßen  Praktiker
allein  stützen  können,  versagt  hier,  wo  es  sich  um  neue  Aufgaben
handelt.  Andererseits  ist  es  aber  mit  bloßen  Behauptungen
        <pb n="6" />
        und  Forderungen,  auf  die  sich  ein  großer  Teil  der  heutigen
Geldliteratur  beschränkt,  ebenfalls  nicht  getan;  man  verlangt  init
Recht  eine  wissenschaftliche  Begründung  mit  der  allgemeinen  Wirtschaftstheorie. ­
  Sie  geschieht  hier  auf  Grund  der  fortgeschrittenen
Einsicht  in  die  tauschwirtschaftlichen  Zusammenhänge,  wie  sie
sich  mir  im  Rahmen  des  wirtschaftstheoretischen  Systems  ergab,
das  ich  in  meinen  „Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre" ­
  entwickelt  habe.  Bei  der  Bearbeitung  der  Lehre  von  den
Preisveränderungen  zeigten  sich  mir  viele  der  damit  zusammenhängenden, ­
  heute  so  wichtigen  Fragen  der  Geldvermehrung  in
einem  ganz  neuen  Lichte,  so  daß  ich  beschloß,  die  bedeutsamen
Folgerungen  für  unsere  künftige  Wirtschaftspolitik,  die  sich  daraus
ergeben,  eingehender  zu  behandeln.  So  ist  auch  z.  B.  der  Hauptgedanke, ­
  daß  es  von  der  größten  Wichtigkeit  ist,  uni  wieder
in  die  Weltwirtschaft  eintreten  zu  können,  inöglichst  bald  wieder
zu  niedrigeren  Preisen  zu  gelangen  und  aus  den  hohen  Preisen
der  Absperrung  von:  Weltmarkt  herauszukommen,  meines  Wissens
noch  nienrals  klar  erkannt  und  begründet  worden,  ebensowenig  die
Auffassung,  daß  die  Hoheit  Inlandspreise,  mögen  sie  nun  durch  die
Absperrung  oder  durch  Inflation  hervorgerufen  sein,  auch  einer
der  Hauptgründe  des  niedrigen  Standes  unserer  Valuta ­
  sind.
Diese  Zusammenhänge  klarzulegen  ist  Aufgabe  der  ökonomischen ­
  Theorie,  und  nur  eine  solche  Anknüpfung  an  die  allgemeinen
  Grundlagen  einer  Wissenschaft  verstehe  ich  unter  Theorie.
Die  Praktiker  und  alle  diejenigen,  die  zu  den  wirtschaftspolitischen
Fragen  Stellung  nehmen  wollen,  haben  die  Verpflichtung,  sich  in
erster  Linie  mit  dieser  wissenschaftlichen  Begründung  auseinanderzusetzen. ­
  Das  ist  bei  der  großen  Oberflächlichkeit,  welche  die  Tageslitcratur
  oft  auszeichnet,  und  bei  der  geringen  Beachtung,  welche
sowohl  im  praktischen  Wirtschaftsleben  als  auch  in  der  öffentlichen
Verwaltung  deir  Ergebnissen  der  Wissenschaft  oft  zuteil  wird,
bisher  leider  nicht  in  genügendem  Amfang  geschehen.  Daran  ttägt
aber  die  Wissenschaft  zu  einem  großen  Teile  selbst  die  Schuld.
Denn  viele  von  denen,  die  wissenschaftlich  ernst  genommen  werden
tvollen,  lassen  in  ihrer  Stellungnahme  zu  den  Geldproblemen  jede
Vertiefung,  jedes  Eingehen  auf  die  allgemeine  Erklärung  der  tauschwirtschastlichen
  Zusammenhänge  vermissen,  ohne  die  jedoch,  wie
auch  hier  wieder  gezeigt  werden  wird,  eine  wirkliche  Erkenntnis  der
8
        <pb n="7" />
        schwierigen  Fragen  des  Geldwesens  und  eine  wirkliche  Begründung ­
  wirtschastspolitischer  Forderungen  auf  diesem  Gebiete  nicht
möglich  ist.
Deshalb  betone  ich  bei  jeder  Gelegenheit,  daß  meine  Gedanken ­
  über  unsere  zukünftige  Wirtschafts-  und  Geldpolitik  nur
das  Ergebnis  meiner  Untersuchung  der  allgemeinen  Tauschvorgänge ­
  sind,  daß  ich  nicht,  wie  sonst  wohl  fast  alle  Schriftsteller,
gleich  mit  der  wirtschaftspolitischen  Zweckfrage:  was  soll  geschehen?
an  die  Geldprobleme  herangetreten  bin,  sondern  daß  es  mir  zunächst
um  bloße  Erkenntiüs  der  wirtschaftlichen  Zusammenhängeju  tun
war  und  daß  erst  die  theoretische  und  systematische  Bearbeitung,
die  mich  schon  aus  verschiedenen  Gebieten  zu  neuen  und  allgemein
anerkannten  Ergebnissen  fiihrte,  mir  Veranlassung  gab,  auch  hinsichtlich ­
  des  Geldwesens  und  der  Geldpolitik  gewisse  Forderungen
und  Ziele  aufzustellen.  Mir  scheint,  daß  der  Theoretiker,  der
so  auf  die  letzten  wissenschaftlichen  Grundlagen  seines  Erkenntnisobjektes ­
  zurückgeht  und  von  ihnen  aus  zu  gewissen  Vorschlägen
und  Zielen  für  die  Praxis  kommt,  eine  ganz  andere  Berücksichtigung ­
  seiner  Gedanken  erwarten  darf  als  der  bloße  Wirtschaftspolitiker, ­
  zu  denen  aber  auch  die  große  Mehrzahl  aller  akademischen ­
  Nationalökonomen  gehört,  der  heute  über  diese,  morgen
über  jene  wirtschaftspolitischen  Maßregeln  schreibt,  ohne  sich  auf
die  Zurückführung  der  wirtschaftlichen  Probleine  auf  die  allgemeinen ­
  Grundlagen,  die  Erkenntnis  der  allgemeinen  tauschwirtschastlichen
  Zusammenhänge  einzulassen.  Daher  kann  ich  denen,
welche  zu  den  Fragen  der  Geldpolitik  Stellung  nehmen  wollen,  und
besonders  denen,  welche  in  leitenden  Stellungen  an  dieser  Politik
mitarbeiten,  nur  dringend  raten,  die  hier  dargelegten  Zusammenhänge ­
  von  Geldvermehrung,  Preis-  und  Einkommensbildung  sorgfältig ­
  durchzudenken.  Ein  großer  Teil  unserer  praktischen  Forderungen ­
  ergibt  sich  dann  daraus  vou  selbst.
Bei  der  Frage,  inwieweit  diese  Vorschläge  und  Ziele  verwirklicht ­
  werden  können,  müsse,'  sich  aber  alle  darilber  klar  sein,  daß
wir  nach  dem  Kriege  auf  den  verschiedensten  wirtschaftlichen  Gebieten ­
  vor  neue  Aufgaben  gestellt  sind,  die  an  Schwierigkeit
und  Größe  mit  dem,  was  bisher  Gegenstand  der  Wirtschaftspolitik ­
  war,  überhaupt  nicht  verglichen  werden  können.  Diese
neuen  Aufgaben  erfordern  auch  neue  Wege  und  Mittel,  an  die
man  ftüher  gar  nicht  dachte.  Sie  erfordern  Opfer  der  einzelnen
9
        <pb n="8" />
        für  den  Staat,  die  man  früher  für  undenkbar  gehalten  hätte,  sie
erfordern  ein  völliges  Amlernen  bei  vielen  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten. ­
  Es  handelt  sich  also  nicht  mehr  darum:  wie  kann
z.  B.  die  Goldwährung,  wie  kann  unsere  Bankverfassung,  die  auf
ihr  beruht,  aufrechterhalten  werden,  sondern  um  die  Frage:
Wie  schaffen  wir  für  Deutschland  die  zweckmäßigste
Wirtschaftsorganisation,  die  uns  im  wirtschaftlichen  Kampfe
mit  der  halben  Welt,  den  wir  nach  dem  Kriege  ohne  Zweifel  noch
zu  führen  haben  werden,  die  nützlichste  ist?  Die  Aufgaben,  die
sich  daraus  ergeben,  führen  zu  Fragen,  die  von  den  Praktikern
allein  niemals  beantwortet  werden  können,  weil  sie  von  den  allgemeinsten ­
  wirtschaftlichen  Zusammenhängen,  den  Grundlagen  der
Preis-  und  Einkommensbildung  und  dem  Einfluß  des  Geldwesens
darauf  zu  wenig  verstehen.  Sie  können  nur  mit  einem  engen  Zusammenwirken ­
  von  Praxis  und  Theorie  sachgemäß  entschieden
werden.  Die  letztere  hat  daher  die  allerwichtigsten  Aufgaben,  die
jedoch  von  den  heutigen  Vertretern  der  ökonomischen  Wissenschaft
wegen  der  langjährigen  Herrschaft  der  historischen  Schule  und  des
Fehlens  theoretischer  Talente  noch  vielfach  nicht  genügend  erkannt
und  sehr  vernachlässigt  werden.  Leute  gilt  es  aber  für  die  nationalökonomische ­
  Wissenschaft,  nicht  in  die  Vergangenheit  zu  schauen
und  dort  diese  oder  jene  historische  Unklarheit  aufzuhellen,  sondern
in  die  Zukunft.  And  da  die  Frage:  was  soll  geschehen?  niemals
Wissenschaft  ist,  sondern  immer  nur  die  Erklärung  von  Kausalzusammenhängen, ­
  so  sollte  sie  sich  mehr,  als  das  bisher  der  Fall
war,  nnt  der  Anterfuchung  der  allgemeinsten  Kausalzusammenhänge ­
  im  Wirtschaftsleben,  mit  den  allgemeinen  Vorgängen  der
Preis-  und  Einkommensbildung  beschäftigen,  auf  welchem  Gebiete
noch  unendlich  viel  zu  tun  ist.  Diese  Aufgabe  ist  nicht  nur  die  Vorallssetzung ­
  für  alle  weitere  Fortschritte  der  Wissenschaft,  sondern
bietet  auch  der  praktischen  Wirtschaftspolitik  die  notwendige  Grundlage. ­
  Leute  hat  daher  mehr  als  je  der  Satz  seine  volle  Berechtigung, ­
  daß  nichts  praktischer  ist  als  die  Theorie.  Denn  gerade  die
Aufgaben,  die  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens  zu  lösen  sind,
verlangen  volle  Einsicht  in  den  Kern  aller  tauschwirtschaftlichen  Zusammenhänge, ­
  die  Preis-  lind  Einkommellsbildung,  die  nur  die
ökonomische  Theorie  liefern  kann.  Alle  die  Schriften  der  zahlreichen ­
  Verfasser,  lvelche  aus  Beqliemlichkeit,  Anverständnis  oder
mangelnder  theoretischer  Bildung  darauf  nicht  eingehen,  kann  ich
10
        <pb n="9" />
        daher  nicht  als  wissenschaftliche  Beiträge  zu  den  Geldproblemen
ansehen.
Andererseits  wird  aber  auch  gerade  von  den  Praktikern
die  Wichtigkeit  jener  Frage:  wie  schaffen  wir  uns  für  den  wirtschaftlichen ­
  Kampf  nach  dem  Kriege  die  zweckmäßigste  Wirtschaftsorganisation? ­
  in  ihrer  großen  Bedeutung  vielfach  noch  nicht
erkannt.  Die  im  Erwerbsleben  Stehenden  glauben  meist,  nach  den«
Kriege  mit  ihrer  Erwerbstätigkeit  da  und  unter  denselben  Gesichtspunkten ­
  fortfahren  zu  können,  wo  sie  1914  aufgehört  haben.  And
die  Beamten,  die  als  Juristen  immer  bestrebt  sind,  mit  den  bisherigen ­
  Gesehen  und  Maßregeln,  an  die  sie  gewöhnt  sind,  auszukommen, ­
  glauben  ebenfalls,  alles  möglichst  beim  alten  lassen  und
nach  dem  Kriege  in  der  alten  Schablone  fortfahren  zu  können.  Das
gilt  auf  keinem  Gebiete  mehr  als  dem  des  Geldwesens,  wo  insbesondere ­
  auch  die  Wissenschaft  so  lange  aller  Welt  seine  bisherige
Regelung  als  uniibertrefflich  hinstellte,  bis  man  das  gedankenlos
als  selbstverständlich  hinnah,n,  so  daß  in  weiten  Kreisen  heute  keine
Vorstellung  davon  vorhanden  ist,  daß  auch  auf  diesem  Gebiete
noch  Fortschritte  möglich  sind.  Hier  Wandel  zu  schaffen,  zu  zeigen,
daß  die  Goldwährung,  wenn  auch  gegenüber  früheren  Währungszuständen ­
  ein  Fortschritt,  in  ihrer  bisherigen  Gestaltung  zweifellos
kein  Ideal  ist,  daß  wir  vielmehr  auch  auf  dem  Gebiete  des
Geldwesens  durch  den  Krieg  und  nach  dem  Kriege  vor  ganz
neue  Probleme  gestellt  sind,  ist  eine  ebenso  wichtige  wie  schwierige
Aufgabe.  Denn  das  Trägheitsmoment  ist  in  der  Wissenschaft  wie
in  der  Praxis  des  Erwerbslebens  und  in  der  Verwaltung  gleich
groß.  Ich  bin  auch  hinsichtlich  der  Aussichten  dafür,  daß  wir  die
nötige  Energie  auf  diesem  Gebiete  aufwenden  werden,  un,  die  vorhandenen ­
  Lindernisse  zu  überwinden,  keineswegs  optimistisch.  Denn
inan  muß  sehr  damit  rechnen,  daß  nach  dem  Kriege  die  ungeheure
Anspannung  aller  Kräfte  während  mehr  als  drei  Jahren  zu  einer  allgemeinen ­
  Erschlaffung  führen  wird,  und  außerdem  gibt  es  in  Wissenschaft, ­
  Praxis  und  Verwaltung  immer  Leute,  und  meist  gerade  die
älteren  und  einflußreichen,  die  neuen  Gesichtspunkten  nicht  mehr
zugänglich  sind  und  aus  lauter  Bedenken  gegen  alle  Neuerungen
alles  lieber  beim  alten  lassen  wollen  und  auf  jeden  Fortschritt  verzichten. ­

Nichtsdestoweniger  muß  jeder  an  seinem  Teile  alles  tun,  uin
die  weitesten  Kreise  darüber  aufzuklären,  daß  nicht  nur  die  Sorge
1!
        <pb n="10" />
        für  die  Verbesserung  unserer  stark  gesunkenen  Valuta  eine  sehr
schwierige  Aufgabe  ist,  die  wissenschaftliche  Vertiefung  erfordert,
sondern  daß  auch  sonst  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens  unendlich
viel  zu  verbessern  ist  und  wir  nicht  einfach  wieder  nach  dem  Kriege
zu  allen  früheren  Einrichtungen  zurückkehren  dürfen.  Für  das  Beschreiten
  solcher  neuer  Wege  bedarf  es  aber  einer  Wegmacherarbeit,
die  ein  gewisses  Verständnis  für  die  erstrebten  Ziele  wenigstens  bei
den  obereit  Schichten  des  Erwerbslebens  herbeiführt,  ohne  das
neue  Maßregeln  mit  viel  größeren  Schwierigkeiten  uitd  Widerständen
zu  kämpfeir  haben  würden.  Diese  Aufklärungsarbeit  kann  zunächst ­
  nur  die  Wissenschaft  leisten,  die  aber  weiterhin  durch  eine
verständnisvolle  Presse  unterstützt  werden  muß.  Diese  mag  sich
dann  auf  die  Erörterung  der  praktischen  Maßregeln  beschränken,
für  die  Wissenschaft  ist  die  Schaffung  der  allgemeinen  Grundlagen ­
  und  ihre  theoretische  Begründung  das  wichtigste.  Sie  ist,
ivie  in  „Geld  tmd  Gold",  auch  hier  meßt  Ziel  gewesen,  in  diesein
Sinne  nröchte  ich  beide  Schriften  verstanden  und  benutzt  wissen  und
ntögen  beide  sich  als  nützlich  erweisen.
Freiburg  i.  B.,  im  November  1917.

Robert  Liefmann
        <pb n="11" />
        Erstes  Kapitel
Die  bisherige  Behandlung  des  Problems

^^ie  Währungsfragen,  jene  jahrhundertealten  Probleme,
von  deren  Erörterung  die  ganze  ökonomische  Wissenschaft
eigentlich  ihren  Anfang  genommen  hat,  schienen  in  den  letzten  Jahren
des  19.  und  im  ersten  Jahrzehnt  dieses  Jahrhunderts  im  wesentlichen
erledigt.  Alle  wichtigeren  Länder  hatten  die  Goldwährung,
die  als  das  Ideal  einer  Währung  galt;  und  in  der  Tat  herrschten
auf  ihrer  Grundlage  fast  überall  stabile  Gcldverhältnisse.  So  gab
es  keine  praktischen  Geldprobleine,  und  die  Praktiker  des  Wirtschaftslebens
  sahen  mit  einer  gewissen  Geringschätzung  auf  die  auch
nicht  zahlreichen  unpraktischen  Theoretiker,  die  sich  um  „Metallisnms"
  oder  „Chartalismus"  stritten,  darum,  ob  der  Wert  des  Geldes
auf  den,  Edelmetall  beruhe  oder  ob  das  Geld  ein  „Geschöpf  der
Rechtsordnung"  sei.
Der  Weltkrieg  hat  nun  auch  hier  alles  wieder  ins  Wanken
gebracht.  Ob  man  die  Grundsätze  der  Goldwährung  aufhob,  wie
in  den  meisten  kriegführenden  Staateil,  oder  ob  man  sie,  wenigstens
in  einigen  Punkten,  beibehielt,  wie  in  England  und  den  neuttaleri
Ländern,  wo  man  aber  auch  überall  zu  gewissen  Einschränkungen
gezwungen  wurde,  die  Stabilität  des  Geldwesens  war  dahin.
Die  Preise  stiegen  überall,  die  Wechselkurse  der  kriegführenden
Länder  sanken  und  die  der  neutral«»  Länder  untereinander  bewegten
sich  iir  den  sonderbarsten  Schwankungen.  Weitgebeilde  Eingriffe
des  Staates  in  das  Geldweseii  erfolgten  gleich  in  den  ersten  Tagen
in  allen  kriegführenden  Staaten  und  mit  der  längereil  Dauer  des
Krieges  und  der  ungeheuerlicheil  Steigerung  seiner  finanziellen
Anforderungen  scheute  man  überall  vor  den  Maßnahmen  nicht
zurück,  mit  denen  man  von  jeher  in  kritischen  Zeiten  den  Eiilfluß
des  Staates  auf  das  Geldweseil  benutzt  hatte,  lim  ihm  neue  Ein-
        <pb n="12" />
        nahmequellen  zu  verschaffen.  Vor  allem  sehte  in  allen  kriegführenden
Ländern  eine  starke  Geldvermehrung  ein,  die  wohl  in  den  einzelnen ­
  Ländern  in  verschiedener  Form  erfolgte,  aber  doch  überall
darauf  hinauslief,  daß  die  Notenbank  dem  Staate  für  die  Kriegführung ­
  neue  Geldinittel  zur  Verfiigung  stellte.
Daß  das  Geldwesen  seine  frühere  Stabilität  verloren  hatte,
zeigte  sich  vor  allem  in  zwei  Erscheinungen.  Einmal  in  stark  steigenden
Preisen  (daß  daneben  auch  viele  Einkommen  stark  stiegen,
wurde  nicht  genügend  beachtet);  und  zweitens  in  dem  Sinken  der
Wechselkurse  im  Auslande,  die  eben  auch  Preise  sind,  da  es
überhaupt  eigentlich  keine  anderen  Geldausdrücke  als  die  Preise
gibt.  Beide  Vorgänge  regten  eine  Fülle  von  Erörterungen  an.
Die  Preissteigerungen  wurden  natürlich  in  erster  Linie,  vor  allenr
in  Deutschland,  aus  die  Warenknappheit  und  den  Arbeitermangel, ­
  dann  auf  die  Dringlichkeit  des  Äeeresbedarss  zurückgeführt, ­
  die  sinkendeir  Wechselkurse  im  Auslande  aus  ein  Mißverhältnis ­
  zwischen  Ein-  und  Ausfuhr  und  auf  sonstige  Verschuldung ­
  im  Auslande.  Doch  machten  sich  schon  frühzeitig  Stimmen
bemerkbar,  welche  auf  die  Geldvcrmehrung  in  den  kriegführenden
Staaten  hinwiesen  und  von  einer  „Inflation",  einer  „Übersättigung" ­
  des  Verkehrs  mit  Zahlungsmitteln  sprachen.  Nicht
nur  das  Steigen  der  Preise  im  Inlands,  sondern  auch  das  Sinken
der  Valuten  der  kriegführenden  Staaten  im  Auslande  wurde  mit
einer  solchen  Inflation  in  Beziehung  gebracht.  And  je  mehr  mit
der  Verlängerung  des  Krieges  die  Geldvermehrung  stieg  und  je
mehr  die  Valuta  im  Auslande  sank,  um  so  zahlreicher  wurden
diese  Stimmen.  So  sind  die  Geldprobleme  heute  in  Wiffenschaft
und  Praxis  wieder  aufgerollt  und  im  Mittelpunkt  steht  das  Inflationsproblem, ­
  die  Frage  nach  der  Geldvermehrung  und
ihren  Wirkungen.
In  der  Wissenschaft  war  übrigens  dieses  Problem  nie  ganz
zur  Ruhe  gekommen.  Die  Teuerung,  die  im  letzten  Jahrzehnt
vor  dem  Weltkriege  eine  so  große  Rolle  spielte,  wurde  von  vielen
Nationalökonomen  auch  in  erster  Linie,  von  manchen  sogar  ausschließlich ­
  auf  Arsachen  von  der  Geldseite  her,  nämlich  auf
die  starke  Steigerung  der  Goldproduktion  seit  Mitte  der  neunziger ­
  Jahre,  zurückgeführt.  Grundlegend  war  dabei  die  altüberlieferte ­
  sogenannte  Quantitätstheorie.  Sie  stellte  die  ganze
Geldmenge  der  gesamten  Gütermenge  in  der  „Volkswirtschaft"
14
        <pb n="13" />
        gegenüber,  die  erstere  kauft  die  letztere,  und  wenn  daher  die  Geldmenge ­
  vermehrt  wird,  muß  man  für  das  einzelne  Gilt  »lehr  geben,
die  Preise  müssen  steigen.  Diese  Quantitätstheorie  hat  noch  kurz
vor  dem  Weltkriege  der  amerikanische  Nationalökonom  Irving
Fisher  in  seinem  bekannten  Buche:  „Die  Kaufkraft  des
Geldes",  1911,  deutsche  Ausgabe  1916  erschienen,  zu  verfeinern
gesucht,  indem  er  neben  der  Geldmenge  auch  die  „Llmlaufsgcschwindigkeit"
  des  Geldes  feststellen  und  berücksichtigen  wollte. 2 )
Er  kommt  aus  Grund  seiner  sehr  eingehenden,  aber  mit  äußerst
anfechtbaren  und  willkürlichen  statistischen  Feststellungen  arbeitenden
Antersuchungen  zu  dem  Ergebnis  (S.  128):  „Die  Quantitätstheorie
beruht  auf  Wahrheit...  in  dem  Sinne,  daß  eine  der  normalen
Wirkungen  einer  Quantitätsvermehrung  des  Geldes  eine  genau
proportionale  (!)  Erhöhung  des  allgemeinen  Preisniveaus  ist."
Diese  Proportionalität  ist  zwar  von  manchen,  und  zweifellos  mit
Recht,  bestritten  worden,  aber  der  allgemeine  Satz,  daß  bei  einer
starken  Geldvermehnmg  die  Preise  zu  steigen  pflegen,  kann  nicht
bestritten  werden;  er  ist  durch  zu  viele  Fälle  des  Wirtschaftslebens
praktisch  erwiesen.  Nur  erklären  weder  die  Anhänger  der  Quantitätstheorie, ­
  noch  diejenigen,  die  sie  ablehnen,  wodurch  denn  bei
einer  Geldvermehrung  die  Preise  steigen,  und  auch  im  Weltkriege
hat  inan  angesichts  der  Geldvermehnlng  diesen  Zusammenhang
zwar  mehr  oder  weniger  scharf  im  Sinne  der  Quantitätstheorie
betont,  aber  ihn  niemals  aus  dem  Mechanismus  des  heutigen
Tauschverkehrs  erklärt.  Es  liegt  das  an  den  Mängeln  der  heutigen
allgemeinen  Wirtschaftstheorie,  der  es  besonders  an  einer  wirksichen
  Preislehre,  einer  Erklärung  der  Preisbildung  im  Tauschverkehr ­
  noch  völlig  fehlt.  Solange  man  den  Preis  noch  als  eine
„Gütermenge"  auffaßt  und  glaubt,  daß  es  Aufgabe  der  ökonomischen ­
  Theorie  sei,  hinter  dem  „Geldschleier"  die  Veränderungen
festzustellen,  die  sich  in  den  Güterquantitäten  vollziehen,  solange
man  glaubte,  daß  der  Preis  eines  Gutes  allein  durch  Angebot  von
und  Nachfrage  nach  diesem  Gute  zu  erklären  sei  und  man  von  dem
Zusammenhang  aller  Preise  durch  das  Geld  und  die  Einkommen ­
  gar  keine  Vorstellung  batte,  war  eine  wirkliche  Erklärung ­
  der  Teuerung  und  aller  Erscheinungen  von  Preisveränderungen
natürlich  unmöglich.
i)  Vgl.  die  eingehende  Kritik  seines  Werkes  in  meinem  Buche  „Geld
und  Gold",  ökonomische  Theorie  des  Geldes,  SMttgart  1916.
15
        <pb n="14" />
        Einen  gewissen  Fortschritt  bedeutete  allein  die  Schrift  von
O.  Spann,  „Theorie  der  Preisverschiebung  als  Grundlage ­
  zur  Erklärung  der  Teuerungen",  Wien  1913.  Cr  erkennt ­
  dabei  auch  den  Zusammenhang,  das  gegenseitige  Bedingtsein
  aller  Preise,  das  er  nur  nicht  zu  erklären  vermag,  da  er  auf
die  Theorie  der  Preisbildung  gar  nicht  eingeht.  Seine  Theorie
beruht  auf  dem  Sahe,  daß  wenn  einige  Preise  durch  Verminderung
der  Produktionskosten,  technische  Fortschritte  u.  dgl.  sich  vermindert ­
  haben,  andere  steigen  müssen.  Darauf  fei  die  Teuerung
vor  dem  Kriege  zurückzuführen.  Er  sucht  das  nachzuweisen  an  dem
Beispiel  des  Naturaltausches,  also  vom  Gelde  und  den  Geldausdrücken ­
  abstrahierend.  Aber  gerade  bei  der  Erklärung  von  Preiövorgängen
  ist  die  Abstraktion  vom  Gelde,  die  er  für  die  ökonomische
Theorie  empfiehlt  (S.  5),  unmöglich.  Dann  kommt  man  eben
dazu,  wie  die  bisherige  Theorie,  hinter  dem  Geldschleier  nur  die
technischen  Vorgänge  der  Produktion  zu  sehen  und  sie  für  Wirtschaft ­
  zu  halten,  welche  Verwechslung  der  ganzen  bisherigen  Wirtschaftstheorie ­
  zugrunde  liegt.  Die  Vorgänge  beim  Naturaltausch
ermöglichen  es  nicht,  die  Beziehungen  zwischen  Preisen
und  Einkommen  zu  erkennen,  deren  Verständnis  notwendig  ist
und  natürlich  nur  bei  Betrachtung  des  Geldpreises  gewonnen  werden
kann.  Ulrich  ist  es  ein  Fehler  Spanns,  daß  er  aus  den  keineswegs
zutreffenden  Ergebnissen  seiner  Betrachtung  des  Naturaltauschs
nun  gleich  eine  Theorie  der  modernen  Teuerung  ableiten  will.
Diese  ist  nämlich  zweifellos,  wie  jedes  tatsächliche  Phänomen  der
heutigen  Volkswirtschaft,  auf  sehr  verschiedene  Arsachen  zurückzuführen,
  und  es  ist  verkehrt,  sie  theoretisch  behandeln  zu  wollen,
solange  die  allgemeine  Theorie  des  Preises  noch  so  wenig  entwickelt ­
  ist.
Ein  Hauptfehler  Spanns  ist,  daß  er  nicht  erkennt  oder  wenigstens ­
  nicht  genügend  berücksichtigt,  daß  bei  seinem  Naturaltauschverkehr
  die  übrigen  Waren  nur  in  den  verbilligten  ausgedrückt ­
  und  ihnen  gegenüber  teurer  geworden  sind.  Er  spricht
immer  davon  (z.  B.  S.  30):  „Die  Kaufkraft  der  verbilligten  Produkte ­
  ist  gefallen  (denn  man  muß  nun  mehr  solcher  Produkte  abgeben, ­
  um  damit  das  gleiche  wie  ftüher  zu  kaufen)  und  andererseits ­
  ist  die  Kaufkraft  der  unverbilligten  gestiegen  (denn
man  kann  mm  mehr  gegen  sie  eintauschen)."  Letzteres  gilt
zweifellos  nicht  allgemein,  also  z.  B.  nicht  bei.den  unverbilligten
16
        <pb n="15" />
        Waren  untereinander,  sondern  eben  nur  den  verbilligten  gegenüber.
Damit  ist  es  auch  falsch,  wenn  Spann  ebenda  sagt:  „Wenn  die  verbilligten ­
  Produkte  reichlicher  zur  Verfügung  stehen,  sind  die  nicht
verbilligten  Waren  (im  Rahmen  der  gesamten  Güterwelt)  relativ
seltener  geworden."  Das  gilt  auch  wiederum  nur  den  verbilligten
gegenüber.
Wie  man  erkennt,  legt  Spann,  indem  er  vom  Preise  spricht,
doch  unbewußt  bei  seinem  Naturaltausch  Geldvorstellungen,  einheitliche ­
  Preisausdrücke  zugrunde.  Er  stellt  sich  aber,  entsprechend
der  überlieferten  materialistischen  Wirtschaftsauffassung,  das  Problem ­
  viel  zu  quantitativ  vor:  die  vorhandene  Geldmenge  kaust  die
vorhandene  Gütermenge.  Ist  für  eine  Güterart  weniger  Geld  aufzuwenden, ­
  so  kann  und  wird  für  andere  um  so  mehr  bezahlt  werden,
deren  Preise  müssen  steigen.  Diese  Verhältnisse  überträgt  Spann
dann  auch  auf  den  Naturaltausch.  Aber  diese  Auffassung  ist  weder
für  den  Geldtausch  noch  für  den  Naturaltausch  richtig.  Für  ersteren
nicht,  weil  sie  die  Einkommen  nicht  berücksichtigt,  mit  anderen
Worten,  weil  sie  den  alten  Fehler  macht,  nur  die  realen  Zahlungsmittel ­
  zu  betrachten  und  nicht  zu  erkennen,  daß  nicht  sie,  sondern
daß  die  Einkommen  die  Güter  kaufen.  Für  den  Naturaltausch ­
  ist  sie  nicht  richtig,  weil  sie  den  Preisbegriff  unzulässig  auf
diese  Vorgänge  überträgt  und  infolgedessen  übersieht,  daß  dabei
ein  allgemeines  Ausdrucksmittel  der  Tauschvorgänge  überhaupt
fehlt.
Man  kann  aber  schon  an  dem  Zustande  des  Naturaltausches
gut  zeigen,  daß  eine  rein  quantitative  Betrachtungsweise,  wie  sie
auch  Spann  unbewußt  wieder  vertritt,  insbesondere  die  materialistisch  -
quantitative  Auffassung  des  K  o  st  e  n  begriffs,  unmöglich  ist.
Denken  wir  uns  eine  kleine  „Volkswirtschaft"  mit  Naturaltausch.
Was  kann  hier  Verbilligung  oder  Verteuerung  der  Kosten  nur  bedeuten? ­
  Quantitativ  aufgefaßt  doch  nur,  daß  einige  Wirtschafter
wernger  oder  mehr  Roh-  und  Lilfsstoffe  gebrauchen  (wenn  man
lvill,  nrag  man  auch  die  eigene  Arbeitsmühe,  ihre  Steigerung  oder
Verminderung  so  quantitativ  auffassen  imb  nach  Arbeitsstunden
veranschlagen).  Vollziehen  sich  diese  Veränderungen  in  der  eigenen
Wirtschaft,  so  beeinflllssen  sie  natürlich  den  „Preis"  des  Produktes
so  lange  nicht,  als  der  Wirtschafter  die  Menge  seiner  Produkte
nicht  verändert.  Nach  wie  vor  kann  er  sich  dafür  nur  eintauschen,
was  ihm  die  anderen,  die  ihre  Produktion  auch  nicht  verändert
Lies  man»,  Die  Geldvermehrung  im  Weltlriege  2  17
        <pb n="16" />
        haben,  dafür  geben  können.  Wenn  der  Wirtschafter  aber  wegen
vermehrten  Rohstoffgebrauchs  sein  Angebot  von  Produkten  vermindert, ­
  so  wird  wohl  der  „Preis"  derselben  steigen;  denn  alle
Konsumenten,  die  mehr  dafür  geben  können,  werden  mehr  geben,
um  die  weniger  Kaufträftigen  auszuschalten.  Das  bedeutet  aber
doch  nur,  daß  unser  Anbieter  teils  von  diesem,  teils  von  jenem  Gut
mehr  bekommt,  wobei  es  keineswegs  ausgeschlossen  ist,  daß  er  für
sein  Minderangebot  eine  größere  Gütermenge  erhält  als  vorher.
Amgekehrt,  wenn  unser  Wirtschafter  wegen  billigerer  Rohstoffbeschaffung ­
  oder  wegen  Aufwendung  geringerer  Arbeitszeit  auf
das  einzelne  Gut  sein  Angebot  ausdehnt,  ist  keineswegs  gesagt,
daß  er  überhaupt  einen  Vorteil  davon  hat,  daß  er  eine  größere
Gütermenge  dafür  bekommt.
Aber  hat  es  überhaupt  einen  Sinn,  diese  Gütermengen
als  Preise  zu  bezeichnen,  zumal  schon  wegen  der  eigenen  Bedürfnisse ­
  unseres  Anbieters  anzunehmen  ist,  daß  jeder  Abnehmer
in  anderen  Gütern  bezahlt?  Gewiß  nicht.  And  noch  viel
weniger  kann  man  in  diesem  Falle  sagen,  daß  wegen  gesunkener
Preise  des  einen  Gutes  die  Preise  der  anderen  gestiegen  seien.
Denn  an  den  Austauschverhältnissen  der  übrigen  Güter  untereinander ­
  wird  ja  nachts  geändert.  Rur  diesem  Gute  unseres  Anbieters ­
  gegenüber  kann  man  allenfalls  sagen,  daß  wegen  gesunkenen
„Preises"  des  einen  Gutes  die  „Preise"  der  anderen  Güter  gestiegen ­
  seien.  Aber  sie  sind  in  ganz  verschiedener  Weise  gestiegen,
je  nachdem  der  einzelne  Erwerber  in  der  Lage  ist,  für  sein  Tauschgut ­
  mehr  von  dem  verbilligten  Produkt  zu  erhalten.  Aber  in
Wahrheit  hat  es  nicht  den  mindesten  Sinn,  hier  überhaupt  von
einem  Preise  zu  sprechen.  Denn  das  Phänomen  eines  einheitlichen
wirklichen  Preises,  den  alle  zahlen,  gibt  es  hier  überhaupt  nicht,
und  von  einem  allgemeinen  Satze,  daß  wenn  die  Preise  einzelner
Güter  fallen,  andere  steigen  müssen  und  umgekehrt,  und  von  irgendwelcher ­
  Bedeutung  dieses  Satzes  kann  beim  Naturaltausch  nicht
die  Rede  sein.
Wieder  ganz  anders  gestaltet  sich  der  Fall,  wenn  unser  Anbieter ­
  seine  Rohstoffe  von  anderen  kaufen  muß  und  dafür  z.  B.
höhere  Preise  bezahlen  muß.  Sehen  wir  ganz  ab  von  den  Wirkungen, ­
  die  ein  solcher  Fall  auf  die  Einkommen  der  Anbieter
jener  Rohstoffe  hat,  und  von  den  Wirkungen,  die  diese  Einkommensverschiebungen ­
  wieder  auf  das  ganze  bisherige  Preis-  und  Ein-18
        <pb n="17" />
        19

kommensystem  haben  —  sie  können  sehr  verschieden  sein,  wir  werden
davon  später  sprechen—,  so  ist  doch  wiederum  über  die  Wirkungen
dieses  Vorgangs  aus  die  Wirtschaft  unseres  Anbieters  der  Genußgüter ­
  nichts  Einheitliches  zu  sagen.  Er  wird  versuchen,  entsprechend
seinen  gestiegenen  Kosten  höhere  Preise  durchzusehen.  Aber  ob
ihm  das  gelingt,  hängt  sowohl  von  seiner  Tauschstellung,  Monopol
oder  Konkurrenz,  als  auch  von  den  Bedürsniffen  der  Konsunienten
nb.  Dadurch  wird  bestimmt,  ob  diese  ohne  Einschränkung  ihres
Konsums  oder  mit  einer  solchen  mehr  zu  geben  geneigt  sind,  ob
also  unser  Anbieter  seine  Produktion  im  bisherigen  Amsange
wird  absetzen  können  oder  nicht  und  zu  welchen  Bedingungen.  Eine
einheitliche  „Theorie"  darüber  ist  nicht  möglich.
Spann  hat  die  Tatsache  des  Zusammenhangs  aller  Preise
richtig  erkannt,  aber  es  ist  verkehrt,  sie  au.s  die  Gütermengen  und  aus
den  Zustand  des  Naturaltauschs  rein  quantitativ  zu  übertragen.
Sein  Irrtum  spricht  sich  deutlich  aus,  wenn  er  (S.  28)  behauptet,
daß  der  Zusammenhang  aller  Preise  „der  Ausdruck  der  Verhältnismäßigkeit
  sämtlicher  Waren  nach  Vorräten,  Kosten  und  Begehrtheit ­
  sei  .  Denn  weder  dürsen  schon  Vorräte  als  gegeben
angenommen  werden,  noch  sind  die  aufzuwendenden  Kosten  und
ist  vor  allem  „Begehrtheit"  eine  gegebene  Größe.  Letztere  ist  unbegrenzt, ­
  wie  sie  aber  als  Nachfrage  zum  Ausdruck  kommt,
das  kann  man  nur  an  einer  allgemeinen  Kosteneinheit,  dem  Gelde,
erkennen,  von  dem  also  nicht  abstrahiert  werden  kann.  And  Vorräte ­
  und  Kosten  sind  auch  nicht  gegeben,  sondern  in  welchem  Amfange
  sie  beschafft  bzw.  aufgewendet  werden,  das  zu  entscheiden
ist  eben  die  wirtschaftliche  Ausgabe.  *)
Der  Satz  von  der  Preisverschiebung  im  Sinne  Spanns,  die
Behauptung,  daß  wenn  viele  Preise  steigen,  andere  fallen  müßten,
hat  also  für  den  Naturaltausch,  an  dem  Spann  ihn  exemplisiziert,
überhaupt  keine  Bedeutung.  Aber  man  kann  deswegen  nicht
sagen,  daß  er  vollkommen  falsch  sei.  Er  ist  richtig  oder  wäre  richtig
unter  einer  Voraussetzung,  die  Spann  nur  stillschweigend  macht.

*)  Wie  sehr  Spann  auch  bei  Betrachtung  des  Naturaltauschs  unbewußt ­
  rein  geldwirtschastliche  Erscheinungen  zugrunde  legt,  zeigt  unter
anderem  auch  folgender  Satz:  „Auch  beim  Naturaltausch  sind  die  Preise
nicht  Ausdruck  (?)  der  unmittelbar  ausgetauschten  Gütermengen  für  sich,
sondern  sie  sind  von  den  Gesamtaustauschverhältniffen  aller  Waren...  abhängig." ­
  Wo  ist  denn  der  Ausdruck?
        <pb n="18" />
        weil  er  eigentlich  vom  Geldtausch  abstrahieren  will,  bei  der  er
daher  auch  gar  nicht  Prüft,  ob  er  sie  auch  wirklich  machen  durfte;
er  seht  nämlich  stillschweigend  voraus,  daß  die  Erträge  und
Einkommen  alle  stabil  bleiben,  was  eben  nur  beim  Geldtauschverkehr ­
  möglich  ist.  Nur  wenn  es  Gelderträge  und  Einkommen  ,
gibt,  kann  man  überhaupt  von  Preisen  und  Preisveränderungen
sprechen.  And  der  Sah,  daß  wenn  einige  Preise  steigen,  andere
fallen  müssen,  gilt  nur  unter  der  Voraussetzung  gleichbleibender ­
  Einkommen.
Ist  aber  diese  Voraussehung  überhaupt  möglich,  hat  es  einen
Sinn,  sie  zu  machen?  Ich  behaupte,  nein.  Tatsächlich  muß  jede
nennenswerte  Preisveränderung  Einkommensveränderungen  zur
Folge  haben  und  auch  alle  Arsachen  von  Preisveränderungen,  z.  B.
Änderungen  in  den  Bedürfnissen,  Änderungen  in  den  Produktionskosten ­
  und,  wie  wir  sehen  werden,  auch  Änderungen  von  der  Geldseite
  her,  werden  Einkommensveränderungen  bewirken.  Wenn
z.  B.  die  Produktionskosten  irgendeiner  Ware  sinken,  so  bewirkt
das  schon  Einkommensveränderungen  bei  den  Anbietern  der  Rohstoffe, ­
  die  vielleicht  weniger  gebraucht  werden,  oder  es  werden
Arbeitskräfte  entbehrlich  und  sie  verlieren  ihr  Einkommen.  Aber
auch  die  Einkommen  der  Anbieter  jener  Ware  werden  sich  in  den
meisten  Fällen  ändern,  und  zwar  oft  noch  eher,  als  sich  deren  Preise
ändern.
So  wird  alles,  was  überhaupt  als  Arsache  von  Preisveränderungen ­
  in  Betracht  kommen  kann,  auch  die  Einkommen  verändern.
Die  Veränderungen,  die  sich  im  tauschwirtschaftlichen  Organismus
bei  diesen  beiden  wichtigsten  Geldausdrücken  vollziehen,  stehen  in
engstem  Zusammenhang.  Wenn  man  diesen  engen  Zusammenhang
zwischen  Preisen  und  Einkommen  erkannt  hätte,  wozu  nur  ein
wenig  Beobachtungsgabe  gehört  hätte,  wäre  der  Gedanke  sehr
naheliegend  gewesen,  daß  es  überhaupt  weniger  auf  die  reale  Geldmenge ­
  und  ihre  Vermehrung,  die  die  bisherige  Geldtheorie  allein
betrachtete,  bei  der  sogenannten  Insiation  ankomme,  sondern  auf
die  Einkommen.  And  man  wäre  so  schließlich  auch  zu  dem  Sahe
gekommen,  den  ich  zur  Erklärung  der  Geldprobleme  an  die  Spitze
stelle,  daß  nicht  die  Menge  realen  Geldes,  sondern  daß  die  Einkommen ­
  die  Güter  kaufen.  Dann  wäre  man  aber  auch  weiter
zu  der  Einsicht  gekommen,  daß  es  im  Kriege  einer  der  wichtigsten
Aufgaben  ist,  große  Einkommensverschiebungen  und  ein-20
        <pb n="19" />
        21

fertige  Einkommens  steig  erringen  möglichst  zu  unterbinden.
Unsere  ganze  Kriegssinanzierung,  die  Art  der  Bezahlung  von
Kriegsleistungen,  die  Erhebung  von  Steuern,  namentlich  von
Kriegsgewinnsteuern,  wäre  eine  ganz  andere  gewesen;  viele  Argumente, ­
  die  man  gegen  die  letzteren  angeführt  hat  und  deren  Berücksichtigung ­
  sehr  ungünstig  gewirkt  hat,  wären  unterblieben.
An  einer  wirklichen  Einsicht  in  die  Zusammenhänge  von  Geld,
Preisen  und  Einkoimnen  hat  es  aber  völlig  gefehlt,  fehlt  es  heute
noch  in  dem  größten  Teil  der  Wissenschaft,  die  sich  seit  Jahrzehnten
im  wesentlichen  auf  die  Untersuchung  historischer  Kausalzusammenhänge ­
  beschränkte,  und  fehlt  es  erst  recht  natürlich  in  der  Praxis
des  Erwerbslebens  und  der  Staatsverwaltung.  In  keiner  der  zahllosen ­
  Erörterungen  über  die  Kriegs-  und  Übergangswirtschaft
habe  ich  die  hier  hervorgehobenen  Gesichtspunkte  auch  nur  angedeutet ­
  gefunden,  geschweige  denn,  daß  eine  wirklich  wissenschaftliche ­
  Begründung  geliefert  wurde.
Aber  noch  weiter.  Im  Weltkriege  haben  fast  mehr  als  die
Preissteigerungen  im  Inlands,  die  man  auf  die  natürlichen  Verhältniffe
  der  Abschließung  und  des  Mangels  an  Rohstoffen  und
Arbeitskräften  zurückführte,  die  Tatsachen  des  Valutarückganges ­
  die  Wissenschaft  beschäftigt.  Er  ist  in  der  Tat  eines  der
wichtigsten  Probleme,  die  sich  aus  dem  Kriege  überall  ergeben;
denn  es  ist  klar,  daß  der  internationale  Tauschverkehr,  auf  den
wir  und  alle  anderen  Nationen  angewiesen  sind,  außerordentlich
leiden  muß  unter  den  gewaltigen  Verschiebungen,  die  sich  in  der
Bewertung  der  Währungen  der  einzelnen  Länder  und  überhaupt
in  ihren  ausländischen  Forderungen  und  Schulden  vollzogen  haben.
Aber  gerade  hier  zeigt  sich  das  Versagen  der  bisherigen  Wirtschaststheorie
  und  die  herrschende  Unklarheit  über  die  wirtschaftlichen ­
  Zusammenhänge  in  erschreckender  Weise.  Die  extremsten
Ansichten  stehen  sich  hier  gegenüber  und  werden  in  einer  Weise
vertreten,  die  das  Anvermögen  der  heutigen  Wissenschaft,  die
Tauschvorgänge  richtig  zu  verstehen,  deutlich  erkennen  lassen.  Die
einen  behaupten,  daß  der  ausländische  Wechselktws  mit  dem  inländischen ­
  Preisniveau  gar  nichts  zu  tun  habe,  daß  er  einzig
und  allein  durch  die  Zahlungsbilanz  des  betreffenden  Landes
bestimmt  werde.  Die  anderen  dagegen  wollen  im  ausländischen
Wechselkurs  beit  Ausdruck  des  Amsangs  der  inländischen  Inflation
sinden  und  glauben,  die  Proportionalität  beider  statistisch  fest-
        <pb n="20" />
        stellen  zu  können.  Eine  wirklich  wissenschaftliche  Begründung
aber,  die  natürlich  in  der  Theorie  und  Erklärung  der  Preisbildung
fußt,  schenken  sich  beide  Parteien.
Die  letztere  Ansicht,  obgleich  sie,  wenn  auch  übertrieben,  doch
immerhin  die  richtigere  ist,  hat  allerdings  nur  einen  namhaften
Vertreter.  Der  schwedische  Nationalökonom  Gustaf  Cassel
hat  das  Sinken  der  deutschen  Valuta  mit  einer  Inflation  in  Zusammenhang ­
  gebracht  und  sieht  sogar  in  der  Geldvermehrung
die  einzige  Arsache  unserer  gesunkenen  Valuta.  In  seiner  1916
erschienenen  Schrift:  „Deutschlands  wirtschaftliche  Widerstandskraft", ­
  in  der  er  sich  übrigens  durchaus  deutschfreundlich
erweist,  behauptet  er  diese  nicht  nur  für  Deutschland,  sondern  ganz
allgemein.  Auf  Grund  der  herrschenden  Anklarheit  über  das
Wesen  des  Preises  und  die  Grundlagen  der  Preisbildung  wendet
er  eine  extreme  Quantitätstheorie  auf  die  ausländischen  Wechselkurse ­
  an  und  behauptet,  daß  der  ausländische  Wechselkurs  der
Ausdruck  des  inländischen  Preisniveaus,  also  der  Kauftraft  des
Geldes  sei.  Er  berechnet  auf  Grund  der  Indexziffern  in  den  verschiedenen ­
  Ländern  vor  und  in  dein  Kriege  Inflationsziffern,  stellt
dem  Kurs  der  Mark  im  Auslande  die  Vermehrung  der  Amlaufsmittel ­
  im  Kriege  im  Verhältnis  zum  Friedensumlauf  gegenüber
und  findet  eine  Proportionalität  beider.  Ich  habe  nun  schon  in
der  eingehenden  Kritik  der  Quantitätstheorie,  die  ich  in  „Geld
und  Gold"  geliefert  habe  (Kapitel  III),  betont,  was  sich  bei  einer
richtigen  Preistheorie  von.  selbst  ergibt,  daß  jedes  Operieren  mit
Indexziffern,  mit  einen:  durchschnittlichen  Preisniveau,  willkürlich
ist  und  die  ganz  verschiedenartige  Bewegung  der  einzelnen  Preise
und  die  Arsachen  von  Preisveränderungen  überhaupt  verkennt,
denn  es  steigen  fast  nie  alle  Preise,  unb  wenn  auch,  so  in  äußerst
verschiedenem  Amfange.  Mit  jeder  Preisveränderung  verändern
sich  aber  auch  die  Einkommen,  und  diese  Einkommensverändcrungen
  sind  dann  wieder  die  Arsachen  von  weiteren  Preisveränderungen, ­
  die  aber  nicht  mit  Durchschnittsziffern  erfaßt  werden
können.  Auch  läßt  sich  weder  der  Amfang  der  Friedens-,  noch
der  Kriegszirkulation  genau  feststellen,  ganz  abgesehen  davon,
daß  es,  wie  man  mit  einer  richtigen  Geldtheorie  erkennt,  überhaupt ­
  nicht  allein  auf  die  realen  Zahlungsmittel  ankommt.
And  ferner:  wenn  man  schon  willkürlich  ein  durchschnittliches  inländisches ­
  Preisniveau  errechnet  und  seine  Veränderung  in  Pro-.
  22
        <pb n="21" />
        23

zenten  zu  einem  Anfangspreisniveau  ausdrückt,  warum  in  aller
Welt  soll  denn  die  Veränderung  des  ausländischen  Wechselkurses
gerade  dieser  Veränderung  des  Preisniveaus  entsprechen?  Aus
dessen  Verhältnisse  sind,  gerade  jetzt  im  Kriege,  so  viele  besondere
Faktoren  von  Einfluß,  die  mit  dem  durchschnittlichen  inländischen
Preisniveau,  immer  vorausgesetzt,  daß  die  Errechnung  eines
lolchen  überhaupt  einen  Sinn  habe,  nichts  zu  tun  haben:  die  augenblicklichen ­
  Export-  und  Importverhältnisse  nach  und  aus  den  betreffenden ­
  Ländern,  die  sonstigen  Schulden  und  Forderungen  ihnen
gegenüber,  ferner  politische  Momente,  Sym-  und  Antipathien,
Beurteilung  der  militärischen,  politischen  und  wirtschaftlichen
Lage,  künstliche  Beeinflussung  des  Devisenmarktes  usw.  Richtig
ist  nur,  daß  die  Bewertung  unseres  Geldes  im  Auslande  auch  ein
Preis  ist,  der  mit  allen  Preisen  des  Inlandes  ausgedrückt  in  der
ausländischen  Währung  in  Zusammenhang  steht.  Aber  es  ist  kein
Grund  einzusehen,  weshalb  dieser  Preis  einem  so  willkürlich  errechneten ­
  Preisdurchschnitt  entsprechen  soll.
Daher  ist  die  übrigens  auch  nur  sehr  annähernde  Verhältnismäßigkeit ­
  von  Geldvermehrung  und  ausländischem  Wechselkurs ­
  etwas  rein  Zufälliges,  und  ein  statistischer  Beweis  dafür
ist  unmöglich.  Vielmehr  läßt  sich  statistisch  ebensogut  das  Gegenteil ­
  beweisen,  wie  z.  B.  von  Oktober  bis  November  1915  die
Reichsindexziffer  von  41,90  auf  38,86  gefallen  ist,  während  gleichzeitig ­
  der  Reichsbankansweis  eine  Vermehrung  der  Noten  und
der  Zirkulation  von  Darlehenskassenscheinen  angibt.  Doch  sind
alle  Indexziffern  so  willkürlich  und  das  Operieren  mit  allen  diesen
Zahlen  in  so  hohem  Grade  unsicher,  daß  es  sich  wirklich  nicht  verlohnt, ­
  auf  solche  statistische  „Beweise"  näher  einzugehen.
Wenn  es  daher  verkehrt  ist,  in  dem  ausländischen  Wechselkurs ­
  einen  Ausdruck  des  „inländischen  Preisniveaus"  zu  sehen,  so
ist  es  doch  auf  der  anderen  Seite  noch  verkehrter  und  nur  durch  das
Fehlen  jeder  richtigen  Preistheorie  erklärlich,  wenn  vielfach  behauptet ­
  wird,  daß  der  Wechselkurs  mit  den  inländischen  Preisveränderungen ­
  gar  nichts  zu  tun  habe,  sondern  nur  das  Ergebnis
des  Zahlungsverkehrs  mit  dem  betreffenden  Lande  sei.  Eine  derartige ­
  Behauptung  ist  in  den  vielen  Erörterungen  über  die  Gründe
des  schlechten  Standes  unserer  Valuta  sehr  oft  ausgesprochen  worden. ­
  Es  sei  nur  eine  Stelle  aus  der  neuesten  Schrift  von  F.  Bendixen, ­
  „Das  Inflationsproblem",  Finanzwiffenschastliche
        <pb n="22" />
        Zeitfragen,  Lest  31,  Stuttgart  1917,  angeführt.  Er  sagt  (S.  17
und  18):  „Die  Wechselkurse  im  Auslande  werden  unmittelbar
weder  durch  das  heimische  Preisniveau  beeinflußt,  noch  durch
die  Frage,  ob  man  in  Deutschland  seine  Schulden  mit  Gold  oder
Papiergeld  bezahlt..„So  sei  es  denn  wiederholt,  daß  der
ausländische  Wechselkurs  einzig  und  allein  das  Ergebnis  der  Zahlungsbilanz ­
  und  der  auf  die  voraussichtliche  Entwicklung  der  Zahlungsbilanz ­
  zielenden  Spekulation  ist."  Durch  diese  Wiederholung
wird  die  darin  liegende  falsche  Behauptung  nicht  bewiesen;  diese
Frage  kann  vielmehr  überhaupt  nicht  durch  bloße  Behauptungen,
mit  denen  sich  Bendixen  immer  begnügt,  sondern  nur  durch  Eingehen ­
  auf  die  allgemeine  Wirtschaststheorie  und  die
Preisbildung  entschieden  werden,  wogegen  sich  Bendixen  aus
Bequemlichkeit  mit  höchst  sophistischen  Argumenten  sträubtZ)
Denn  die  Frage  der  Inflation,  d.  h.  des  Einflusses  der  Geldvermehrung ­
  auf  die  Preise,  ist,  was  selbst  der  reine  Geldpolitiker
Bendixen  einsehen  müßte,  ein  Problem  der  Pr  eis  lehre,  der  Lehre
von  den  Preisveränderungen,  die  ohne  eine  allgemeine  Preistheorie, ­
  eine  Erklärung  der  Preisbildung  überhaupt,  nicht  möglich
ist.  Trotzdem  gehen  fast  alle  Geldtheoretiker  noch  völlig  an  dieser
Frage  vorbei,  eben  wegen  des  traurigen  Zustandes  unserer  Wirtschaststheorie, ­
  des  Fehlens  einer  wirklichen  Preislehre.
Selbst  einer  der  fortgeschrittensten  Geldtheoretiker,  Otto
Keyn,  einer  der  ersten  Nominalisten,  der  trotz  aller  Irrtümer  in
den  Grundlagen  lange  vor  Knapp  die  Erkenntnis  des  Geldwesens
ohne  Zweifel  in  vielen  Punkten  gefördert  hat,  hat  diese  Zusammenhänge ­
  noch  neuestens  in  einer  Besprechung  meiner  Geldtheorie,
„Probleme  des  Geldwesens",Weltwirtschaftliches  Archiv,  Juni  1917,
durchaus  ungenügend  behandelt.  Ich  kann  nicht  finden,  daß  er
mit  „guiem  Willen"  an  meine  Theorie  herangetreten  ist.  Schon

*)  Er  betont  im  Vorwort  jener  Schrift,  daß  es  mir  in  „Geld  und  Gold",
wo  ich  die  notwendige  Begründung  der  Geldlehre  durch  meine  allgemeine
Wirtschaftstheorie  zu  geben  versuchte,  nicht  gelungen  sei,  „die  Aufklärung
unserer  Zeitgenossen  über  das  Wesen  des  Geldes  zu  fördern",  weil:  „wer
ein  Ding  tiefer  erklärt,  als  seine  Natur  verlangt  und  erlaubt,  hat  nicht  erklärt, ­
  sondern  verdunkelt!"  Bei  einer  so  unwissenschaftlichen  Ablehnung
der  unbedingt  notwendigen  Verknüpfung  der  Geldtheorie  mit  einer  richtigen
Preis-  und  Einkommenslehre  kann  Bendixen  sich  nicht  wundern,  wenn
seine  bloßen  Behauptungen  von  wiffenschaftlich  Denkenden  nicht  als  Aufklärung ­
  über  das  Wesen  des  Geldes  angesehen  werden.
24
        <pb n="23" />
        25

der  erste  Sah,  in  dem  er  von  meiner  „neuen"  Wirtschafts-  und
Preistheorie  spricht,  beweist  das.  Denn  die  Neuheit  meiner  Wirtschafts-
  und  Preistheorie  liegt  so  klar  aus  der  Land,  daß  man
sie  bei  „gutem  Willen"  nicht  bestreiten  kann.  Das  geht  denn  auch
aus  der  ganz  ungenügenden  Darstellung  meiner  Preistheorie
hervor,  wie  aus  dem  Sahe,  mit  dem  er  seine  Bestreitung  ihrer
Neuheit  wieder  aufhebt:  „Es  ist  schon  geraten,  zu  der  älteren  Lehre
von  Angebot  und  Nachfrage  zurückzukehren."  x )  Da  ist  es  denn
kein  Wunder,  daß  er  nach  wie  vor  die  Anterwertigkeit  des  Papiergeldes ­
  auf  Mißtrauen  zurückführt  und  zwecks  ihrer  Verhinderung ­
  nicht  weiter  kommt  als  zu  dem  Sahe:  „Für  die  Ausgabe
von  Geldzeichen  darf  lediglich  der  Bedarf  des  geschäftlichen  Verkehrs ­
  maßgebend  sein."  Daß  damit  nichts  anzufangen  ist,  daß
gerade,  wenn  man  die  Möglrchkeit  einer  Kreditinflation  anerkennt, ­
  ein  „Bedarf  des  geschäftlichen  Verkehrs  nach  Geld"
nicht  maßgebend  sein  kann,  sollte  zwar  schon  logisch  klar  sein,  wird
aber  unten  noch  eingehend  gezeigt  werden  (Fünftes  Kapitel).
Im  übrigen  kann  hier,  wie  gesagt,  auf  die  von  manchen  versuchte
Kritik  der  allgemeinen  Grundlagen  meiner  Geldtheorie  nicht  näher
eingegangen  werden.  Sie  bezieht  sich  übrigens  nur  auf  Nebensächlichkeiten ­
  und  Einzelheiten,  bedeutet  oft  nur  Formulierungsänderungen,
mit  denen  manche  einen  eigenen  Beitrag  zur  Geldlehre  zu  liefern
hoffen,  und  beruht  oft  auf  ungenügender  Erfassung  meines  theoretischen ­
  Systems.  Eine  wissenschaftliche  Vertretung  des  Metallismus ­
  hat  sich  in  letzter  Zeit  kaum  mehr  hervorgewagt,  auch  der
reine  „Chartalismus"  Knapps  wird  immer  mehr  als  unzureichend
  erkannt,  es  handelt  sich  nur  noch  um  die  Art  der  Begründung ­
  des  Nominalismus  im  Sinne  der  abstrakten  Rechnungseinheil. ­

Ans  kommt  es  hier  nur  darauf  an,  zu  zeigen,  wie  notwendig
es  ist,  wenn  man  irgendein  Geldproblem  behandeln  will,  sich  über
die  Grundlagen  der  Preis-  und  Einkommensbildung
klar  zu  werden.  Daran  fehlt  es  aber  heute  noch  vollkommen.  Man
braucht  nur  einmal  in  den  nationalökonomischen  Lehrbüchern  nachzusehen, ­
  was  dort  über  die  Preis-  und  Einkommenslehre  zu  finden
ist.  Sie  alle  bieten  nicht  die  geringste  Erklärung  des  tauschwirtschaftlichen
  Mechanismus.  In  der  Preislehre  erkennt  man  noch
Inzwischen  ist  ihm  auch  schon  von  verschiedenen  Seiten  widersprochen
worden.
        <pb n="24" />
        nicht  einmal  den  Zusammenhang  aller  Preise,  geschweige
denn  vermag  man  ihn  und  die  Preisbildung  überhaupt  zu  erklären. ­
  Da  wird  noch  jeder  Preis  eines  Gutes  isoliert  von  dem
aller  anderen  Güter  betrachtet.  And  in  der-  Einkommenslehre
herrscht  die  sogenannte  Zurechnungstheorie,  die  glaubt,  jedem  der
verschiedenen  „Produktionsfaktoren"  einen  Anteil  an  dem  „Wert"
der  Produkte  zurechnen  zu  können.  Angesichts  des  kläglichen  Zustandes ­
  der  allgemeinen  Wirtschaftstheorie  ist  es  vielleicht  nicht  zu
verwundern,  daß  fast  alle,  die  sich  mit  Geldproblemen  beschäftigen,  -
von  Knapp  angefangen,  die  Begründung  ihrer  Anschauungen
durch  eine  allgemeine  Erklärung  der  tauschwirtschaftlichen  Vorgänge ­
  unterlassen  und  eine  bloße  Geldtheorie,  losgelöst  von  jener,
aufstellen  zu  können  glauben.  Das  ist  natürlich  ein  Irrtum,  der
eben  nur  mit  dem  unbefriedigenden  Zustande  der  allgemeinen
Wirtschaftstheorie  zu  entschuldigen  ist,  der  sich  aber  schon  schwer
gerächt  hat.  Schon  Knapp  ist  es  nur  mittels  eines  Kunstgriffs
möglich  gewesen,  die  notwendige  Beziehung  der  Geldprobleme
zur  Preis-  und  Einkommenslehre  auszuschalten,  indem  er  sich
damit  begnügt,  zu  behaupten,  daß  die  „nominale  Werteinheit
historisch  definiert"  sei  und  daß  das  „Geld"  ein  „Geschöpf  der
Rechtsordnung"  sei.  Auch  er  versteht  also  im  Sinne  der  materialistischen ­
  Wirtschaftstheorie  unter  Geld  nur  die  realen,  vom  Staate
geschaffenen  und  von  ihm  autorisierten  Zahlungsmittel,  und  über
die  „nominale  Werteinheit",  von  der  er  nur  gelegentlich  spricht,
ist  er  noch  in  dem  allgemeinen  fundamentalen  Irrtum  befangen,
daß  sie,  d.  h.  der  Preis,  irgendeinen  „Wert"  ausdrücke.  Kurzum,
es  fehlt  in  seiner  Lehre  die  Erkenntnis  der  geldwirtschaftlichen  Zusammenhänge. ­
  Denn  mit  der  Behauptung,  daß  die  „nominale
Wert  einbeit",  die  am  ersten  mit  meiner  abstrakten  Auffassung  des
Geldes  verglichen  werden  kann,  „historisch  definiert"  sei,  ist  sie
doch  weder  erklärt,  noch  ihre  Bedeutung  im  Tauschverkehr  irgendwie ­
  klargestellt.*)  Schon  von  Anfang  an  hat  diese  Behauptung

')  Ich  verstehe  daher  nicht,  wie  mehrere  Anhänger  Knapps  behaupten
können,  daß  meine  Geldtheorie  eine  bloße  Ergänzung  zu  derjenigen  Knapps
sei.  Das  ist  ungefähr  so,  wie  wenn  man  das  Mittelländische  Meer  als  eine
Ergänzung  des  Marmarameeres  bezeichnen  wollte.  Denn  Knapp,  der,
wie  gesagt,  an  dem  rein  materiellen  Geldbegriff  festhält,  hatte  nur  die  Absicht, ­
  den  selbständigen  Charakter  des  Papiergeldes  zu  erweisen,
was  mit  der  bisherigen  ökonomischen  Theorie  nicht  möglich  war.  Ich  dagegen ­
  fasse  das  Geld  in  einem  sehr  viel  allgemeineren  Sinne  und  habe  das
26
        <pb n="25" />
        27

Knapps  den  wissenschaftlicher  Denkenden  nicht  genügt,  obwohl
sie  sie  weder  zu  ergänzen  noch  als  falsch  zu  erweisen  vermochten.
Die  große  Masse  derer  aber,  die  überhaupt  zu  wissenschaftlicher
Vertiefung  in  die  ökonomische  Theorie  nicht  fähig  sind,  aber  doch
gern  über  diese  aktuellen  Probleme  schreiben  wollen  —  und  ihre
3ahl  wächst  natürlich  seit  dem  Weltkriege  gewaltig,  nachdem  die
Tagespresse  sich  des  Gegenstandes  bemächtigt  hat  ,  hält  erst
^echt  an  der  Möglichkeit,  eine  Geldtheorie  aus  dem  Nichts  zu
schassen  und  unabhängig  von  der  Preis-  und  Einkommenslehre
Gelderscheinungen  untersuchen  zu  können,  fest.  Was  dabei  an  Irrtümern ­
  und  falschen  Vorstellungen  zutage  gefördert  wird,  spottet
jeder  Beschreibung.  Es  ist  nämlich  merkwürdig:  fast  jeder,  der
im  Wirtschaftsleben  steht,  mindestens  aber  jeder  Bankdirektor  und
jeder  Kandelsredakteur,  glaubt  vom  Geldwesen  etwas  zu  verstehen.
Das  ist  aber  ein  großer  Irrtum,  an  dem  allerdings  die  ökonomische
Wissenschaft  ganz  allein  die  Schuld  trägt.  Denn  sie  konnte  ebensowenig ­
  wie  die  im  praktischen  Leben  Steheirden  erklären,  wie  es
zrrr  Bilduirg  eines  Preises  komrnt,  welche  Rolle  das  Geld  inr
wirtschaftlichen  Mechanismus  spielt  rr.  dgl.  And  selbst  die  akademische ­
  Lehrtätigkeit,  geschweige  denn  der  rrationalökonomische
Doktortitel,  gibt  heute  noch  keineswegs  die  Gewähr  einer  wirklich
wissenschaftlichen  Behandlung  dieser  Probleme;  denn  die  Psiege
der  Wirtschaftstheorie  an  den  Aniversitäten  ist  derart  mangelhaft,
daß  die  meisteir  zu  den  wissenschaftlichen  Streitfragen,  die  sich
daran  knüpfen,  überhaupt  nicht  mit  Begründung  Stellung  nehmen
könneir.  Anker  diesen  Amständen  ist  der  Standpunkt  jenes  Reichsbankdirektors ­
  zweifellos  vorzuzieheir,  der  erklärte,  er  brauche  von
der  Geldlehre  nichts  zu  wissen,  er  habe  nur  seine  Vorschriften  für
seine  Arbeit  zu  erfüllen.  Dieser  Mann  wird  daher  auch  wohl  nicht
über  die  Geldpolitik  schreiben.
sehr  viel  weitere  Ziel,  die  Funktion  desselben  im  ganzen  tauschwirtschaftlichen ­
  Mechanismus  und  aus  ihn,  heraus  zu  erklären.  Dafür  leistet  Knapp,
der,  wie  W.  Genzmer,  „Kritische  Betrachtungen  zur  nominalistischen
  Geldtheorie",  1917,  mitteilt,  niemals  über  theoretische
Nationalökonomie  gelesen  hat,  nichts;  eine  „staatliche  Theorie"  ist  vielmehr
ein  Lindernis  für  die  Erkenntnis  der  aus  den,  Wirtschaftsleben  selbst  entfiandenen
  und  aus  ihm  zu  erklärenden  Natur  des  Geldes  im  abstrakten
Sinne.  Das  sollte  unbeschadet  der  Anerkennung  für  Knapps  Leistung  doch
nicht  so  schwer  einzusehen  sein.  Man  kann  mit  gutem  Grunde  zweifeln,
ob  eine  „Theorie  des  Geldes"  überhaupt  anders  als  wirtschaftlich
möglich  ist.
        <pb n="26" />
        Doch  schließlich  kann  es  niemand  verwehrt  sein,  ohne  genügendes
  wissenschaftliches  Verständnis  über  diese  schwieriger:
Dinge  zu  schreiben.  Denn  es  wird  ja  jeden  Tag  aus  allen  Gebieten
so  viel  Ansinn  gedruckt,  daß  es  in  unserem  papiernen  Zeitalterauf
  etwas  mehr  oder  weniger  gar  nicht  ankommt.  Wenn  nur  nicht
jeder  Praktiker,  der  das  tut,  sich  als  Spezialist  auf  diesem  Gebiete
fühlte  und  mit  seinen  Behauptungen  ohne  jede  wissenschaftliche
Begründung  die  Oberflächlichkeit  auf  diesem  Gebiete  immer  weiterverbreitete. ­
  Aber  diese  Oberflächlichkeit  der  Geldliteratur  ist  schon
viel  und  mit  Recht  geklagt  worden.  Sie  ist,  seit  diese  Probleme
im  Weltkriege  so  ungeheure  praktische  Bedeutung  erlangt  haben,
noch  gewaltig  gestiegen.  Aber  kann  man  sich  darüber  wundern,
wo  selbst  Knapp  eine  Verknüpfung  seiner  Behauptungen  mit  der
allgemeinen  Wirtschaftstheorie  und  damit  ihre  ökonomische  Begründung ­
  ablehnt?
Wogegen  ich  mich  aber  auf  das  schärfste  wenden  muß,  das
ist  die  Art,  mit  der  diese  Oberflächlichkeit  von  manchen  zum  Prinzip
gemacht  und  gar  noch  als  ein  Vorzug  hingestellt  wird.  Diese
Leute  lehnen  meinen  logisch  selbstverständlichen  Linweis,  daß  die
Gelderscheinungen  ohne  Verbindung  mit  der  Preis-  und  Einkommenslehre ­
  nicht  zu  erklären  sind,  überlegen  lächelnd  ab,  ohne
sich  auch  nur  die  Mühe  zu  geben,  auf  diese  Theorien  einzugehen.
Jenes  Sophisma  Bendixens  vom  Verdunkeln  hat  denn  auch  bei
deir  Allzuvielen,  welche  sich  in  den  Geldfragen  für  sachverständig
halten,  aber  zur  Vertiefung  in  die  allgemeine  Wirtschaststheorie
und  damit  zu  einer  wirklich  wissenschaftlichen  Begründung  ihrer
Ansicht  nicht  fähig  sind.  Schule  gemacht,  und  es  scheint  beliebt  zu
werden,  mit  diesem  Argument  die  notwendige  Verknüpfung  der
Geldlehre  mit  der  allgemeinen  Wirtschaftstheorie,  besonders  der
Preistheorie,  einfach  abzulehnen.  Das  ist  auch  ein  Zeichen  für  den
Tiefstand  der  heutigen  ökonomischen  Theorie!  Es  hindert  das
natürlich  manche  Leute  nicht,  einige  Ergebnisse  meiner  Theorie
stillschweigend  zu  übernehmen.  Die  meisten  dieser  Erörterungeil
sind  aber  so  oberflächlich  und  gehen  so  wenig  in  die  Tiefe,  arbeiten
so  sehr  mit  bloßen  Behauptungen  und  machen  so  wenig  den  Versuch ­
  einer  wirklichen  Begründung,  daß  es  sich  gar  nicht  lohnt,
auf  alle  diese  Gelegenheitsschriften  näher  einzugehen?)  Die  fol-*)
  Eine,  wie  es  scheint,  eingehende  und  sorgfältige  wissenschaftliche
Untersuchung  der  Geldprobleme  des  Weltkriegs  veröffentlicht  während  der
28
        <pb n="27" />
        29

Senden  Untersuchungen  sollen  zunächst  zeigen,  was  für  jeden  denkenden ­
  Menschen  allerdings  selbstverständlich,  von  der  heutigen  ökonomischen ­
  Wissenschaft  aber  noch  keineswegs  anerkannt  ist  (daher
der  große  Einfluß  Knapps),  daß  die  Frage  nach  den  Wirkungen
der  Geldvermehrung  ohne  ein  Eingehen  auf  die  Preis-  und  Einkommenslehre
  nicht  zu  lösen  ist,  ferner  aber,  daß  man  mit  einer
richtigen  Geld-,  Preis-  und  Einkommenslehre,  die  natürlich  alle
drei  in  engstem  Zusammenhang  stehen  und  ein  geschlossenes  ökonomisches ­
  System  bilden,  zu  sehr  viel  klareren  Ergebnissen  kommt,
als  sie  bisher  mit  irgendeiner  der  vielen  all  hoc  aufgestellten  Geldtheorien,
  Geldschöpfungstheorien  u.  dgl.  zu  erzielen  waren.
Ich  bin  daher  auch  erst  im  Verlaufe  der  Arbeit  an  meinem
System  der  Wirtschaftstheorie  auf  der  Grundlage  der  psychischrealistischen ­
  Wirtschaftsauffassung  und  erst  ziemlich  bei  Vollendung ­
  derselben  an  die  Geldlehre  gekommen,  wobei  sich  mir  aus
dem  Zusammenhang  mit  der  Preis-  und  Einkomnrenslehre  die
Auffassung  des  Geldes  als  abstrakte  Rechnungseinheit  ergab,
welche  ihr  zugrunde  liegt  und  die  ich  scharf  formuliert  in  dem
Satze  ausspreche,  daß  nicht  das  „Geld"  in  dem  üblichen  Sinne  der
staatlichen  Geldzeichen,  sondern  daß  die  Einkommen  die  Güter
kaufen.
Die  systematische  Erklärung  dieser  theoretischen  Zusammenhänge ­
  von  Geld,  Preis  und  Einkommen  soll  im  zweiten  Bande
meiner  „Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre"  erfolgen,  mit  denr
ich  beschäftigt  bin  und  aus  dessen  Abfassung  die  Grundgedankerr
dieser  Schrift  entstarrden  siird.  Da  hier  die  daran  angeknüpfterr
praktischen  Folgerungen  im  Vordergründe  stehen,  ist  es
nrir  nicht  möglich,  hier  auf  alle  die  kritischen  Bemerkungen  einzugehen,
  welche  im  Anschluß  an  „Geld  und  Gold"  gegen  die  allgemeinen
  Grundlagen  meiner  Geldtheorie  gerichtet  wurden.  Es  ist
dies  aber  auch  um  so  weniger  nötig,  als  die  meisten  bei  ihrer  Kritik

Abfassung  dieser  Schrift  fortlaufend  Walter  Federn  in  seiner  Zeitschrift ­
  „Der  österreichische  Volkswirt"  vom  9.  Juni  1917  ab  unter
dem  Titel:  „Krieg  und  Geldlehre".  Er  kommt  dabei  sehr  eingehend  auf
die  in  „Geld  und  Gold"  dargelegten  Anschauungen  zu  sprechen.  Seine  Betonung ­
  abweichender  Anschauungen  scheint  mir  in  mancher  Hinsicht  etwas
übertrieben;  wie  ich  glaube,  stimmen  wir  in  den  meisten  Punkten  durchaus
überein,  was  sich  auch  wohl  aus  dem  Inhalt  dieser  Schrift  ergeben  wird.
In  „Geld  und  Gold"  hatte  ich  allerdings  gerade  die  Inflationsprobleme  nur
nebenbei  behandelt.
        <pb n="28" />
        30

'MSSmfr

nur  die  gedrängte  Zusammenfassung  meiner  Wirtschaftstheorie,
die  ich  dort  gegeben  habe,  aber  weder  meine  älteren  dort  angeführten ­
  Arbeiten  über  die  Preisbildung,  Monopol-  und  Konkurrenztheorie, ­
  Ertrag  und  Einkommen,  noch  auch  meine  inzwischen
erschienenen  „Grundsätze",  I.  Band,  berücksichtigten.  Eine  solche
kurze  Zusammenfassung  der  Beziehungen  zwischen  Geld,  Preis
und  Einkommen  war  aber  auch  in  dieser  Schrift  als  Grundlage
für  die  Untersuchung  der  Erscheinungen  der  Geldvermehrung  notwendig ­
  (Drittes  Kapitel),  ich  hoffe  aber  die  systematische  Darstellung ­
  im  II.  Bande  der  „Grundsätze"  so  bald  liefern  zu  können,
als  es  mir  Arbeitsfähigkeit  und  äußere  Amstände  irgend  gestalten.
Was  die  praktischen  Folgerungen  und  Forderungen  dieser
Schrift  betrifft,  so  habe  ich  einiges  von  ihnen  schon  veröffentlicht
in  den  „Veröffentlichungen  des  Deutschen  Wirtschaftsverbandes ­
  für  Süd-  und  Mittelamerika",  Lest  1:  „Drei
Vorträge  zum  Geld-  und  Währungsproblem",  Berlin,
Dietrich  Reimer,  1917,  sowie  in  dem  Aufsatze:  „Deutsche  Währungsprobleme ­
  nach  dem  Weltkriege"  in  der  „Deutschen
Wirtschaftszeitung"  vom  1.  Oktober  1917,  beides  den  Inhalt
von  Vorträgen  wiedergebend,  die  ich  im  Frühjahr  1917  in  Berlin
in  dem  genannten  wirtschaftlichen  Verbände  sowie  in  der  Deutschen
Gesellschaft  1914  gehalten  habe.  Ferner  kommt  noch  der  Aufsatz:
„Die  Valutarückgänge  imWeltkriege,  ihre  Arsachen  und
die  Mittel  zu  ihrer  Abhilfe",  im  „Weltwirtschaftlichen  Archiv", ­
  Dezember  1917,  in  Betracht.
        <pb n="29" />
        31

Zweites  Kapitel
Die  Tatsachen  der  Geldvermehrung  und  des
Valutarückganges
QV&amp;gt;eim  wir  auch  in  den  beiden  folgenden  Kapiteln  zeigen  werden,
'■vV  daß  unter  Geldvermehrung  nicht  nur  die  Vermehrung  der
realen,  vom  Staate  geschaffenen  oder  von  ihm  autorisierten  Zahlungsmittel ­
  zu  verstehen  ist,  die  man  bisher  ausschließlich  als
„Geld"  betrachtete,  sondern  daß  eine  Einwirkung  aus  die  Preise  auch
durch  eine  statistisch  nicht  vollkommen  erfaßbare  Ausdehnung  des
Kredits  ohne  Schaffung  von  Zahlungsmitteln  erfolgen  kann,  so
sind  doch  einige  Angaben  über  die  Vermehrung  der  realen
Zahlungsmittel,  der  Geldzeichen  in  den  verschiedenen  Ländern
im  Weltkriege  nicht  ohne  Interesse.
!.  Papiergeld
In  Deutschland  kommen,  da  die  Reichskassenscheine  und
die  Banknoten  der  privaten  Notenbanken  keine  Rolle  spielen,  die
Banknoten  der  Reichsbanl  und  die  Darlehenskassenscheine ­
  in  Betracht.
Der  Notenumlauf  bei  der  Reichsbank  betrug  Ende
der  Monate  (in  Millionen  Mark):
1914
Juni  15.  Juli  31.  Juli  August  Sept.  Okt.  Nov.  Dez.
2407  1995  2909  4000  4491  4171  4009  5046
1915
Januar  Februar  März  April  Mai  Juni
4484  4863  5624  5055  5338  5840
Juli  August  September  Oktober  November  Dezember
5412  5317  6158  5946  5999  6918
        <pb n="30" />
        1916

Januar  Februar  März  April  Mai  Juni

6274

6554  6988

6479  6738

1  7241

Juli  August

September

Oktober

November

Dezember

7025  6863

7370

7260

7370

8055

1917

Januar

Februar

März

April

Mai

7859

8107

8616

8315

8285

Juni

Juli

August

September

Oktober

8699

8853

9493

10205

10400

Der  Metallbestand,  der  Ende  Juni  1914  1631  Millionen
Mark  betragen  hatte,  stieg  bis  Ende  Dezember  1914  auf  2130  Millionen ­
  Mark,  Ende  Dezember  1915  aus  2477  Millionen  Mark,  Ende
Dezember  1916  auf  2537  Millionen  Mark  und  beträgt  Ende  1917
etwas  über  2,5  Milliarden  Mark,  davon  rund  20  Millionen  Mark
in  Silber.  Doch  kommt  es  auf  die  Golddeckung  der  Noten,  auf  die
nach  alter  metallistischer  Schablone  in  allen  Ausweisen  und  allen
Besprechungen  immer  zuerst  hingewiesen  wird,  für  die  „Kaufkraft ­
  des  Geldes",  d.  h.  den  Einfluß  der  Geldveränderungen  aus
die  Preise  und  für  die  Bewertung  unserer  Valuta  im  Auslande
gar  nicht  an.  Die  triumphierenden  hinweise,  daß  die  Golddeckung
unserer  Banknoten  immer  noch  besser  sei  als  die  in  Frankreich
oder  Italien,  die  sich  in  unserer  Presse  immer  wieder  finden,  entspringen ­
  nur  der  überlieferten  Gedankenlosigkeit  aus  diesem  Gebiete
und  dem  allgemeinen  Unverständnis  über  die  Arten  und  Wirkungen
der  Geldvermehrung.  Natürlich  war  es  an  sich  sehr  erfreulich,
daß  das  deutsche  Volk  so  einsichtig  war  unb  Gold  in  großem  Umfange ­
  zur  Reichsbank  brachte.  Aber  unsere  Valuta  wäre  um
nichts  höher,  unsere  Preise  um  nichts  niedriger,  wenn  wir  noch
eine  oder  zwei  Milliarden  Mark  Gold  mehr  hätten  und  die  Banknotendeckung ­
  dadurch  eine  bessere  wäre.  Im  Gegenteil  wäre  die
Valuta  vielmehr  nicht  so  stark  gesunken,  wenn  wir  gleich  anfangs
einen  erheblichen  Teil  unseres  Goldbestandes  zur  Erlangung  großer
Kredite  ins  Ausland  gebracht  hätten.  Statt  dessen  haben  wir,
wie  die  Tabelle  zeigt,  gleich  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges
unsere  Banknotenausgabe  mehr  als  verdoppelt,  einfach,  weil  das
32
        <pb n="31" />
        auf  Grund  unseres  Goldbestandes  und  der  als  ein  Naturgesetz
angesehenen  Vorschrift  der  Drittelsdeckung  möglich  war.  Man
har  sich  nicht  im  geringsten  klar  gemacht,  wie  sehr  diese  plötzliche
Geldvermehrung,  ganz  unabhängig  von  der  Deckungsquote,  preiöfteigernd
  wirken  mußte.  Und  ebensowenig  ist  das  bei  den  späteren
Geldvermehrungen  der  Fall  gewesen,  die  man  mit  dem  Anwachsen
bes  „Geldbedarfs"  gerechtfertigt  hat  (darüber  siehe  unten).
Die  deutschen  Darlehenskassenscheine  sollten  ursprünglich ­
  nur  bis  zum  Betrage  von  3  Milliarden  Mark  ausgegeben
werden  (Bundesratsverordnung  vom  11.  November  1914).  Doch
ist  selbst  der  Betrag  der  umlaufenden  Darlchenskassenscheine  seit
Anfang  1917  über  diesen  Betrag  hinausgewachsen,  ohne  daß  man
von  einer  gesetzlichen  Ermächtigung  dazu  gehört  hätte.  Er  ist
leider  in  den  letzten  Monaten  sehr  erheblich  vermehrt  worden.
Die  Summe  der  im  freien  Verkehr  befindlichen  Darlehenskassenscheine ­
  stellte  sich  (in  Millionen  Mark):
Sept.  1914:  142  Dez.  1915:  972  April  1917:  3898
Dez.  1914:446  Juni  1916:  1316  Aug.  1917:  5202
Juni  1915:  705  Dez.  1916:  2873  Sept.  1917:  5548
Ende  April  1917  waren  iin  ganzen  etwas  über  4,5  Milliarden
Mark  ausgegeben.  Davon  dienen  aber  120  Millionen  Mark  als
Deckung  der  Reichskafsenscheine  aus  Grund  des  Gesetzes  vom
22.  März  1915.  Die  übrigen  nicht  im  freien  Verkehr  befindlichell
dienen  der  Verrechnung  zwischen  der  Darlehenskassenverwaltung
und  der  Reichsbank,  bleiben  in  deren  Besitz  und  können  zur  Banknotendeckung ­
  dienen.
Die  Reichsbank  besaß  an  Reichskassenscheinen  und  Darlehenskassenscheinen ­
  in  Millionen  Mark:
Ende  Juli  1914  Ende  1914  Ende  1915  Ende  1916  Ende  Sept.  1917
65  875  1288  422  986
An  dieser  „Deckung"  der  Banknoten  und  Reichskassenscheine
durch  Darlehenskassenscheine  erkennt  man  die  ganze  Ansinnigkeit
der  Deckungsvorschristen.  Sie  haben  uns  in  der  Kritik  des  Auslandes, ­
  dessen  Finanzpresse,  sofern  die  Gegner  in  Betracht  kamen,
natürlich  an  dem  alten  Golddeckungsaberglauben  festhält,  sehr  geschadet, ­
  und  der  Bewertung  unseres  Papiergeldes  im  Innern  natür-Liefmann,
  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  3  33
        <pb n="32" />
        Kd)  nicht  genutzt,  da,  wenn  man  überhaupt  nach  dem  Deckungs-Verhältnis
  fragte,  die  „Deckung"  durch  Darlehenskassensck)eine  die
Bewertung  nicht  irrt  geringsten  verbessern  würde.  Im  iibrigeit
muß  ich  betonen,  daß  die  möglichst  wohlwollende  Beurteilung  der
Darlehenskassenscheine,  die  ich  in  „Geld  ttnd  Gold"  gab  (s.  S.  209  ff.),
itatürlich  um  so  weniger  aufrechterhalteir  werdeir  kann,  je  mehr
ihre  Menge  vermehrt  wird  und  je  weniger  die  gewährten  Darlehen,
wie  es  eigetrtlich  der  Fall  sein  sollte,  aus  erzielten  Erträgen  alsbald ­
  zurückgezahlt  werden.
Österreich-Angarn  hat  leider  seine  papieriteit  Zahlungsmittel
außerordentlich  stark  vermehrt,  von  ca.  3  Milliarden  Kronen  vor
Beginn  des  Krieges  auf  mehr  als  17  Milliarden  Kronen  in  der
zweiten  Kälste  1917.  Nähere  Angaben  sind  nicht  bekannt  geworden, ­
  die  Folgen  steht  man  aber  in  den  dortigen  Preisen!

Bei  unsereit  Gegnerit  entwickelte  sich  die  Geldvermehrung
durch  Ausgabe  papierner  Zahlungsmittel  folgendermaßen:
England  hat,  als  eirrzigstes  der  kriegführenden  Länder,
seinen  Banknotemtmlarts  nur  ganz  unerheblich  vermehrt.  Der
Notenumlauf  betrug  in  Millioneit  Pfund  Sterling:
1914
Juli  August  September  Oktober  Dezember
29,7  36,1  34,6  34,8  36,1
1915
Januar  April  Mai  Juni  Juli  September  Oktober  Dezember
35,9  34,7  32,9  34,6  33,5  32,3  32,6  35,3
1916
Januar  März  Mai  Juli  September  November  Dezember
35,2  33,3  34,3  36,3  36,1  37,2  39,7
1917
Januar  Mai  September
39,6  39  41,18

34
        <pb n="33" />
        Da„-d-,,  ab«  hat  -s  di-  Currency  Notes,  di-  auf  10  S#tttaS
&amp;gt;»&amp;gt;d  I  -pfu„a  Sterling  lauten,  -msgeg-b-n  m  -m-m  Umfange,  der
unserer  Zirkulation  von  Darlehenskassenschernen  nahekommt,
betrug  in  Millionen  Pfund  Sterling:
Ende  September  1914:  28,4
Ende  Dezember  1914:  38,5
Ende  April  1915:  42,1
Ende  Juni  1915:  46,6
Ende  August  1915:  54,2
Ende  Oktober  1915:  81,8
Ende  Dezember  1915:  103,0

Ende  April
Ende  Mai
Ende  August
Ende  Oktober
Ende  Dezember
Ende  April
Ende  September

1916:  116,2
1916:  122,0
1916:  129,6
1916:  135,3
1916:  150,1
1917:  152,1
1917:  180,7

Daneben  zirkulierten  September  1917  noch  15,1  Millionen  Pfund
Sterling  sonstige  Regierungszertisikate.
Doch  hat  England  mit  alledem  seinen  Am  laus  papierner
Zahlungsmittel  nur  um  etwa  den  vierten  Teil  so  stark  vermehrt
wie  Deutschland.
Frankreich  hatte  vor  Kriegsbeginn  den  Äöchstbetrag  seiner
Banknotenausgabe  auf  6,8  Milliarden  Franken  festgesetzt.  Er
wurde  am  5.  August  1914  aus  12  Milliarden  Franken,  am  11.  März
1915  aus  15  Milliarden  Franken,  am  15.  März  1916  auf  18  Milliarden ­
  Franken,  am  16.  Februar  1917  aus  21  Milliarden  Franken,
am  16.  September  1917  aus  24  Milliarden  Franken  erhöht.
Der  tatsächliche  Notemmrlaus  betrug  in  Milliarden  Franken:

Ansang  Juli

1914
Ende  Juli

Oktober

Dezember

6,051

6,683

9,299

9,986

Ianriar

April

1915
Juli  September

Dezember

10,474

11  273

!  12,216

13,458

13,310

März

Juni

1916
September

Oktober

Dezember

14,952  15,806

16,714

16,589

16  679

35
        <pb n="34" />
        1917
Februar  Mai  September
17,7  19,479  20,956
Frankreich  hat  danach  seinen  Notenumlauf,  absolut  betrachtet, ­
  wohl  um  einige  Milliarden  stärker  vermehrt  als  Deutschland, ­
  relativ  betrachtet  aber  ist  seine  Vermehrung  geringer,  da
es  schon  vor  dem  Weltkriege  einen  doppelt  so  großen  Papiernmlaus
  hatte,  während  er  jetzt,  die  Darlehenskassenftheine  eingerechnet, ­
  nur  wenig  geringer  ist!
3h  Rußland  betrug  der  Notenumlauf  in  Millionen  Rubel:
Juli  1914:  1634  Dez.  1916:  8462  Aug.  1917:  13646
Dez.  1914:  2864  April  1917:11154  Sept.  1917:  15850
Dez.  1915:  5305  Juni  1917:11889
Die  ohne  Golddeckung  auszugebende  Löchstmenge  von  Banknoten ­
  war  vor  dem  Kriege  aus  300  Millionen  Rubel  festgesetzt.
Tatsächlich  betrug  sie  im  Juli  1914  bei  einem  Goldbestand  von
1600  Millionen  Rubel  nur  34  Millionen  Rubel.  Sie  wurde  dann
immer  weiter  bis  zum  Sturze  des  zarischen  Regiments  auf  6,5  Millionen ­
  Rubel  erhöht.  Seitdem  find  immer  weitere  Erhöhungen
vorgenommen  worden.  Mitte  März  1917  auf  8,5,  Ende  Mai  auf
10,5,  Ende  Juli  auf  12,5,  Ende  September  auf  14,5  und  Ende
Oktober  auf  16,5  Milliarden  Rubel.
Rußland  wird  bis  Ende  1917  seinen  Papierumlauf  etwa
verzehnfacht  haben,  gegen  eine  Versechsfachung  bei  uns.

Die  Bank  von  Italien  hatte  im  Juni  1914  einen  Notenumlauf ­
  von  1,68  Milliarden  Lire,  der  Ende  1914  auf  2,16,  Ende
1915  auf  3,04,  Ende  1916  auf  3,8,  Ende  April  1917  auf  4,  Ende
3uni  1917  auf  4,47  Milliarden  Lire  gestiegen  war.  Dazu  kommen
der  Notenumlauf  der  Bank  von  Neapel  mit  770  Millionen  Lire
Ende  1915,  910  Millionen  Lire  Ende  1916  und  1040  Millionen
Lire  Ende  April  1917,  1104  Millionen  Lire  Ende  Juni  1917,
und  der  der  Bank  von  Sizilien  mit  158,  183,  215  und  245  Millionen ­
  Lire  an  denselben  Terminen.  Daneben  sind  aber  auch  noch
Staatsnoten  ausgegeben  worden:  Ende  Juni  1914  99,  1915  366,
36
        <pb n="35" />
        1916  735,  1917  4113,  Ende  Juli  1917  4631  Millionen  Lire.  Dazu
kommen  noch  400  Millionen  Lire  neuer  Staatskafsenscheine,  so  daß
sich  der  Papiergeldumlauf  Italiens  Mitte  1917  gegen  1914  etwa
vervierfacht  hatte.  Er  ist  feit  1917  im  schnellen  Wachsen,  das  sich
wohl  in  den  letzten  Mo,raten  noch  beschleunigt  fortgesetzt  haben  dürfte.
Die  Bank  von  Japan  steigerte  ihren  Notenumlauf  von
Ende  1914  bis  Ende  1916  von  430  auf  601  Millionen  Yen.

Bei  einigen  neutralen  Staaten  hat  sich  die  Entwicklung
ihres  Papiergeldumlaufes  folgendermaßen  vollzogen:
Der  Notenumlauf  der  Schweiz  betrug  (in  Millionen  Franken):
Ende  Juli  1914  Ende  1914  Ende  1915  Ende  1916
409  456  465,6  536,5
Ende  Mai  1947  Ende  September  1917
515,5  580
Daneben  hat  die  Schweiz  noch,  ähnlich  wie  in  Deutschland,
Darlehenskassenscheine  zu  25  Franken  ausgegeben,  für  die
ursprünglich  eilt  Löchstbetrag  von  50,  damt  voit  100  Millionelt
Frankelt  vorgesehen  war.  Darlehenskasseit  wurden  in  Bern,  Luzern,
Basel,  Zürich,  St.  Galleit,  Genf  lmd  Lausanne  errichtet.  Der
Äöchstbetrag  atlsgegebener  Darlehenskaffenscheine  war  im  März
1916  55  Millionen  Franken.  Seitdem  ist  der  Betrag  wieder  auf
20,7  Millionen  Franken  im  Mai  1917  gefallen.
Die  niederländische  Bank  erhöhte  ihren  Notenumlauf
von  310  Millionen  Gulden  Ende  Juli  1914  auf  473  Millionen
Gulden  Ende  1914,  557  Millionen  Gulden  Ende  1915,  758  Millionen ­
  Gulden  Ende  1916  und  blieb  dabei  bis  Ende  Mai  1917.
Seitdem  ist  eine  Steigerung  auf  809  Millionen  Gulden  Ende  September ­
  1917  eingetreten.
Die  Bank  von  Spaltien  hat  ihren  Notenumlauf  nur
wenig  erhöht,  von  1,9  Millionen  Pesetas  im  Sommer  1914  aus
2,44  Millionen  Pesetas  im  Sommer  1917.  Ende  Oktober  1917
betrug  er  2,7  Millionen  Pesetas.

37
        <pb n="36" />
        38

Die  Schwedische  Neichsbank  hatte  Ende  Juli  1914  einen
Notenumlauf  von  228  Millionen  Kronen,  Ende  1914  304,  Ende  1915
328,  Ende  1916  418  und  Ende  Mai  1917  433  Millionen  Kronen.
Ende  September  1917  war  er  auf  521  Millionen  Kronen  gestiegen.
Die  Nationalbank  in  Kopenhagen  erhöhte  ihren  Notenumlauf ­
  von  156  Millionen  Kronen  Ende  Juli  1914  an  denselben
Terminen  auf  207,  220,  285,  299  Millionen  Kronen.  Ende  September ­
  1917  betrug  er  303  Millionen  Kronen.
Die  Bank  von  Norwegen  hat  ihren  Notenumlauf  vor,
1914  bis  Ende  1916  mehr  als  verdoppelt,  von  123  auf  252  Millionen ­
  Kronen.  Seitdem  ist  eine  weitere  Vermehrung  auf  311  Millionen ­
  Kronen  Ende  September  1917  eingetreten.

II.  Goldbewegung
Aber  den  Amfang  der  Golddeckung  der  Noten  gebe  ich
keine  Ziffern.  Sie  ist,  wie  wir  wissen,  nicht  von  der  Bedeutung,
die  ihr  aus  Gedankenlosigkeit  und  Ankenntnis  noch  meist  in  den
Ausweisen,  in  den  Berichten  der  Notenbanken  und  in  den  Betrachtungen ­
  der  Äandelspresse  beigelegt  wird.  Auch  geben  diese
Verhältniszahlen  kein  klares  Bild,  da  es  einmal,  wie  wir  sehen
werden,  überhaupt  nicht  nur  auf  die  realen  Zahlungsmittel  ankommt, ­
  sondern  eine  „Geldvermehrung"  auch  ohne  deren  Vermehrung ­
  nröglich  ist,  da  zweitens  vielfach  noch  andere  Zahlungsnüttel ­
  geschaffen  worden  sind,  Staatsscheine,  Darlehensscheine,
Currency  Notes  usw.,  für  welche,  wenn  die  Golddeckung  überhaupt ­
  maßgebend  wäre,  der  Goldbestand  der  Zentralnotenbank  auch
mit  dazu  dienen  müßte,  und  da  drittens  die  bei  mehreren  Notenbanken ­
  vorhandenen  Posten:  Gold  im  Auslande  doch  nur  mit
großem  Vorbehalt  in  eine  Golddeckung  der  von  der  betreffenden
Bank  ausgegebenen  Noten  miteingerechnet  werden  dürften.*)

*)  Daß  insbesondere  bei  Rußland  die  Zahlen  des  Goldbestandes  im
Auslande  absolute  Willkür  sind,  geht  daraus  hervor,  daß  sie  sich  von  Mai
bis  September  1917  von  2119  Millionen  Rubel  auf  3309  Millionen  Rubel
vermehrt  haben,  während  der  inländische  Goldbestand  nur  von  1481  auf
1295  Millionen  Rubel  abnah,n.
        <pb n="37" />
        39

Dagegen  sollen,  weil  das  in  mancher  Linsicht  von  Interesse
  ist,  noch  einige  Angaben  über  die  Goldvermehrung  bei
den  Notenbanken  der  verschiedenen  Länder  gemacht  werden.
2ch  gebe  zunächst  eine  in  Franken  umgerechnete  Statistik  der
wichtigsten  kriegführenden  und  neutralen  europäischen  Länder
»ach  dem  Monatsbericht  des  Schweizerischen  Bankvereins
von  Mitte  Juni  1917  mit  einigen  neueren  Ergänzungen.

Fünf  Banken  kriegführender  Länder

&amp;gt;
Monatsende

Metallvorrat ­

in  Franken

I
Monatsende

Metallvorrat

in  Franker

Reichsbank:

&amp;gt;

Juni

1916

5107')

Juni

1914

20Z8

Dezember

5  371»)

Dezember

2  662

Mai

1917

5532')

Juni

1915

3043

September

5319')

Dezember

„

3097

Juni

1916

3121

Bank  von  Italien:

Dezember

3171

Juni

1914

1196

Mai

1917

3209

Dezember

"

1226

September

3169

Juni

1915

1262

Dezember

"

1182

Bank  von  England:

Juni

1916

1070

Juni

1914

1002

Dezember

972

Dezember

1737

April

1917

917

Juni

1915

1302

Dezeinber

1287

Russische  Staatsbank:

Juni

1916

1534

Juni

1914

4902

Dezember

„

1358

Dezember

4842

Mai

1917

1377

Juni

1915

4643

Dezember

5116

Bank  von  Frankreich:

Juni

1916

8285*)

Juni

1914

4614

Dezember

9  957*)

Dezember

„

4514

Mai

1917

9  920*)

Juni

1915

4303

September

12  282*)

Dezember

„

5367

»&amp;gt;  Einschließlich  Gold  im  Auslande,  Ende  September  1917  2,»Z  Milliarden  Franken.
'1  Einschließlich  Gold  im  Ausland«,  Ende  September  1917  8,9  Milliarden  Franken.
        <pb n="38" />
        Sechs  Banken  neutraler  Staaten

Monatsende

Metallvorrat ­

in  Franken

Monatsende

Metall-Vorrat

in  Franken

Schweizer.  Nationalbank:

Bank  von  Spanien:

Juni

1914

194

Juni

1914

1266

Dezember

263

Dezember

„

1282

Juni

1915

294

Juni

1915

1440

Dezember

301

Dezember

„

1623

Juni

1916

311

Juni

1916

1809

,  Dezember

„

397

Dezember

„

1995

Mai

1917

394

19.  Mai

1917

2184

September

"

347

3.  November

"

2  043 2 )

Bank  von  Schweden:

Niederländische  Bank:

Juni

1914

155

Juni

1914

354

.Dezember

„

153

Dezember

„

440

Juni

1915

162

Juni

1915

727

Dezember

„

176

Dezember

„

905

Juni

1916

236

Juni

1916

1211

Dezember

„

258

Dezember

„

1237

Mai

1917

288

Juni

1917

1  256

September

"

301

September

1422

NattonalbankKopenhagen:

Bank  von  Norwegen:

Juni

1914

114

Juni

1914

111

Dezember

„

132

Dezember

„

97

Juni

1915

156

»  Juni

1915

170

Dezember

„

159

Dezember

„

183

Juni

1916

216

Juni

1916

301

Dezember

„

225

Dezember

291

Mai

1917

253

September

1917

280 s )

September

345»)

9  Davon  Gold  im  Auslande  86  Millionen  Franken.
*)  Davon  Gold  im  Auslande  89.4  Millionen  Franken.
*)  Davon  Gold  tm  Auslande  109  Millionen  Franken.

Schließlich  stellen  wir  nach  derselben  Duelle  noch  Metallbestand
  und  Notenumlauf  der  genannten  Banken  Ende  Juni  1914
und  im  Mai  1917  einander  gegenüber.
40
        <pb n="39" />
        Metallbestand  und
Notenumlauf
Banken

Metallbestand
(Gold,  Silber  usw.)
Mai  1917  Juni  1914

Notenumlauf
Mai  1917  &amp;gt;  Juni  19P

Kriegsstaaten:

in  Millionen  Franker

Deutschland  i

3209

2038

10356

3008

England  !

1377

1002  i

975

745

Frankreick

5  531»)

4614

19479

5  852

Italien

917»)

1196  1

4006»)

1683

Rußland

9920»)

4902

31704

4342

Neutrale  Staaten:

Dänemark

253

114

415

222

Lolland

1256

354

1575

637

Norwegen

291»)

111

350»)

172

Schweden

288

155

602

332

Schweiz

394

194

515

285

Spanien

2184

1266

2  433

1892

’)  Einschließlich  Auslandgold.
*)  Ende  April  1917.
3 )  Ende  1918.

Diese  Ziffern  des  Metallbestandes  der  Notenbanken  geben
aber  kein  wirkliches  Bild  von  der  Goldbewegung.  Dafür  sei
nach  einer  Notiz  in  der  „Frankfurter  Zeitung"  vom  18.  Oktober
1917  folgende  Statistik  der  „Morning  Post”  wiedergegeben,  die
mit  jenen  Angaben  keineswegs  übereinstimmt.  Es  wird  sich  dabei
nicht  um  die  Geldvorräte  der  Banken,  wie  die  „Frankfurter
Zeitung"  schreibt,  sondern  um  ihre  Goldzuflüsse  handeln.

(in  £)

Vor  dem
Krieg

Sommer
1917

Steigerung

Bank  von  Spanien  ....

22000000

...
77  000000

55000000

Niederländische  Bank  .  .  .

13000000

56000000

43000000

Schweizer.  Nationalbank  .  .

7  000000

13500000

6500000

Bank  von  Schweden  .  .  .

6000000

11000000

5000000

Bank  von  Norwegen  .  .  .

3000000

7000000

4000000

Nationalbank  von  Dänemark

4000000

1  11000000

7000000

Gesamtgewinn  £

120500000

4!
        <pb n="40" />
        Die  Goldeinfuhr  betrug
im  ersten  Äalbjahr  1915  54  Millionen  Pesetas
1916  156  „
1917  283  „
dies  bei  einer  sonst  verhältnismäßig  sehr  wenig  schwankenden
.Handelsbilanz:
1915:  Einftlhr  510,  Ausfuhr  622  Mill.  Pesetas
1916:  „  457,  „  683  „
1917:  „  416,  „  671  „
Es  ergibt  sich  daraus  die  unerhörte  Tatsache,  daß  ungefähr
zwei  Fünftel  der  gesamten  Einfuhr  aus  Gold  bestand!  Spanien
scheint  noch  immer  auf  dem  Standpunkt  zu  stehen  wie  zu
den  Zeiten  des  Merkantilismus,  wo  es  trotz  seines  Besitzes
der  ineisten  Edelmetallbergwerke  verarmte.  Nichts  kann  die
Widersinnigkeit  der  freien  Prägung  besser  veranschaulichen  als
dieses  Beispiel,  sich  so  statt  nützlicherer  Waren  Gold  aufhalsen
zu  lassen.
Die  Vereinigten  Staaten  haben  im  Finanzjahre  1915/16
für  494  Millionen  Dollars  Gold  eingeführt  und  für  90  Millionen
Dollars  ausgeführt.  Für  1916/17  stellt  sich  die  Einfuhr  auf  den
ungeheuren  Betrag  von  977  Millionen  Dollars,  die  Ausfuhr  auf
292  Millionen  Dollars,  so  daß  ein  Einfuhrüberschuß  von  685  Millionen ­
  Dollars  bleibt  (die  eigene  Goldproduktion  betrug  1914  95,
1915  101,  1916  92  Millionen  Dollars).  Von  jenen  977  Millionen
Dollars  kamen  900  Millionen  Dollars  für  englische  Rechnung  aus
Kanada,  50  Millionen  Dollars  direkt  aus  London.  Von  der  Ausfuhr ­
  von  292  Millionen  Dollars  gingen  zirka  82  Millionen  nach
Japan,  45  Millionen  nach  Spanien,  48  Millionen  nach  Südamerika, ­
  25  Millionen  nach  Westindien.  Im  ersten  Jahre  des
Weltkriegs,  1914/15,  betrug  der  Überschuß  der  Goldeinfuhr  nur
25,3  Millionen  Dollars.  Der  Goldbestand  der  Vereinigten  Staaten
hat  sich  daher  in  den  ersten  drei  Kriegsjahren  um  1114  Millionen
Dollars  erhöht.  Auch  hier  betrug  im  letzten  Jahre  die  Goldeinführ
42
        <pb n="41" />
        43

nahezu  den  dritten  Teil  der  ganzen  Wareneinfuhr.  Denn  diese
(ohne  Edelmetalle)  war  1916/17  2,6  Milliarden  Dollars  (bei
6,3  Milliarden  Dollars  Ausfuhr).
Seit  Juli  1917  scheint  sich  aber  infolge  der  steigenden  Lasten,
mit  denen  Amerika  seinen  Freunden  zu  Äilfe  kommen  muß,  ein
starker  Goldabfluß  bemerkbar  ju  machen,  der  die  Einfuhr  weit
übertrifft.  In  den  ersten  fünf  Wochen  des  Finanzjahres,  Juli
und  August  1917,  sollen  73  Millionen  Dollars  Gold  abgeflossen  und
nur  etwa  der  vierte  Teil  zugeflossen  sein.  Seit  der  Kriegserklärung
an  Deutschland  Anfang  April  soll  die  Goldausfuhr  1,5  Milliarden
Franken,  die  Goldeinfuhr  aber  nur  230  Millionen  Franken  betragen ­
  haben.
Deshalb  erließ  Präsident  Wilson,  da  das  Schatzamt  durch
diese  Goldausfuhr  ernstlich  beunruhigt  sei,  eine  Verfügung,  wonach ­
  die  Ausfuhr  von  gemünztem  und  Barrengold  von  einer  besonderen ­
  Erlaubnis  abhängig  gemacht  wird.  Das  schon  vorher
nicht  unerhebliche  Disagio  der  amerikanischen  Valuta  in  den
neutralen  Ländern  hat  sich  daraufhin  bedeutend  verstärkt.  Immerhin ­
  besitzt  Amerika  noch  die  ungeheure  Summe  von  3  Milliarden
Dollars  in  Gold,  wovon  ihm  etwas  über  1  Milliarde  Dollars
während  des  Krieges  zugeflossen  sind,  während  der  Abfluß
seit  dem  Kriege  mit  Deutschland  etwa  300  Millionen  Dollars
beträgt.
Am  die  Arsachen  der  wachsenden  Goldabflüsse  festzustellen,
wurde  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Antersuchungskommission
eingesetzt.  Amgekehrt  soll  in  Japan  erwogen  werden,  wie  man
dem  vielen  Goldzufluß  entgegenwirken  könne  (The  Statist  vom
18.  und  25.  August  1917).  Die  Nationalbank  von  Kopenhagen
hat  die  österreichisch-ungarische  Bank  im  Sommer  1917  gebeten,
ihr  statt  Gold  lieber  Waren,  vor  allem  Petroleum  und  Benzin,
zu  senden!
        <pb n="42" />
        III.  Ausländische  Wechselkurse
Aber  die  Entwicklung  des  Markkurses  in  Lolland,  der
Schweiz  und  in  den  Vereinigten  Staaten  gebe  ich  zunächst  folgende
Abersichten:
Die  deutsche  Valuta  in  Amsterdam*)
Parität:  M  100=  fl  59,263
        <pb n="43" />
        45

Die  deutsche  Valuta  in  der  Schweiz
Parität:  „ä  100  =  Frs.  123,4

Zeit

Kurs  in
Centimes

Zeit

Kurs  in
Centimes

1914

'

Mitte  Juli

95

Ende  Januar

123,17

Ende  Juli

94,50

April

122,90

Mitte  August

93,80

„  Juli

122,60

Ende  August

92,50

Anfang  August

121

Mitte  September

93

Ende  September

116

Ende  September

92,40

„  Oktober

115

Mitte  Oktober

91,50

„  November

111

Ende  Oktober

91

„  Dezember

114,50

Mitte  November

89

1915

Ende  November

84,50

Ende  Januar

115,20

Mitte  Dezember

80

Februar

111,60

Ende  Dezember

84,60

„  März

110,20

„  April

108,80

1917

„  Mai

108,20

Mitte  Januar

83,80

„  Juni

109,40

Ende  Januar

84,60

„  Juli

109

Mitte  Februar

83,50

„  August

108,70

Ende  Februar

82

„  September

109,50

Mitte  März

79,50

„  Oktober

109

Ende  März

79

„  November

105,80

Mitte  April

79

,.  Dezember

98,70

Ende  April

79

1916

Milte  Mai

78

7.  Januar

92,50

Ende  Mai

75

13.  Januar

98,20

Mitte  Juni

66

Ende  Januar

95,30

Ende  Juni

68,50

Mitte  Februar

98

Mitte  Juli

66

Ende  Februar

94,60

Ende  Juli

63,50

Mitte  März

92,20

Anfang  August

62

Ende  März

92,80

7.  August

69

Mitte  April

93,50

Ende  August

65

Ende  April

96

Mitte  September

65

Mitte  Mai

97

Ende  September

65,50

Ende  Mai

97

22.  Oktober

61

Mitte  Juni

96,60

Ende  Oktober

63,75

Ende  Juni

96,60

Mitte  November

63,75
        <pb n="44" />
        Die  deutsche  Valuta  in  New-Aork
Parität:  400  Jl  —  95,2852  $

Zeit

Kurs

Abweichung
».d.  Parität
in  °/o

Zeit
J

Kurs

Abweichung
v.d.  Parität
in  «/«

1914

1
1916

Ende  Juli

96,15

+  1,01

Mitte  Januar

76

—  20,2

Mitte  August

—

—

„  Februar

75,40

—  20,8

„  Sept.

96,50

+  1,20

„  März

72,50

—  23,9

„  Oktober

93,05

-  2,3

„  April

72,50

—  23,9

„  Nov.

87,50

-  8,1

„  Mai

77,50

—  18,6

..  Dez.

87,80

-  7,8

„  Juni

76

—  20,2

1915
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
Sept.
Oktober
Nov.
Dez.

87.75
86.50
83.75
82
82.75
82.50
81.50
81,50
82
82,75
81,50
81

—  7,9
—  9,2
—  12
—13,9
—  13,1
—  13,3
—  14,4
-14,4
—  13,9
—  13,1
—14,4
—  14,9

Juli
August
Sept.
Oktober
Nov.
Dez.
1917
Januar  ;
Februar  j
März
April

73,80
72
69,65
70,15
70
68,20

70,50
68,15
68,60
71

22,5
24.4
26,9
26.3
26.5
28.4

26
28.4
28
25.4

Von  besonderem  Interesse  sind  die  Wechselkurse  Schwedens,
welches  Land  zuerst  durch  Gesetz  vorn  4.  Februar  1916,  das  seitdem ­
  immer  wieder  verlängert  wurde  —  zuletzt  bis  März  1918  —,
auf  den  Rat  Professor  Gustaf  Cassels  seine  Reichsbank  von  der
Verpflichtung  entband,  Goldbarren  zum  Preise  von  2480  Kronen
für  das  Kilogramm  (bei  Abzug  von  V«°/o  Prägekosten)  anzunehmen. ­
  Die  Wechselkurse  Schwedens  in  der  Schweiz  z.  B.,  die
zu  Beginn  des  Krieges  nicht  unerheblich  unter  Parität  waren,
bis  aus  132  statt  138,9  Franken  für  100  Kronen,  sind  dann  wesentlich, ­
  aber  mit  starken  Schwankungen  gestiegen.  Im  Juni  1915
war  der  Kurs  142  Franken,  im  September  1915  138  Franken,  im
Dezember  1915  144,5  Franken.  Im  Februar  1916  149  Franken,
März  1916  150,5  Franken,  Mitte  Mai  1916  sogar  160,75  Franken.
Dann  trat  wieder  ein  Sinken  ein  bis  auf  147,5  Franken  Mitte
Juli  1916  und  dann  blieb  der  Kurs  mit  geringen  Schwankungen
46
        <pb n="45" />
        47

um  150  Franken  herum  bis  zum  Sommer  1917.  Dann  erfolgte  ei»
sehr  rasches  weiteres  Steigen  der  schwedischen  Valuta,  wie  in
allen  anderen  Ländern,  so  daß  der  Kurs  in  der  Schweiz  Ende
Oktober  1917  183  Franken  war,  das  ist  ein  Agio  von  rund  35°/«.
Der  dänische  Wechselkurs  in  der  Schweiz  notierte  gleichzeitig
152  Franken.
Anfang  November  1917  fiel  der  Dollarkurs  in  Stockholm
auf  2,31  Kronen  statt  einer  Parität  von  3,73  Kronen.  Das  ist
ein  Disagio  von  fast  40  %!
Der  Pfund-Sterling-Kurs  in  Stockholm  war  schon  Mitte
Oktober  1917  auf  12,72  Kronen  gesunken,  statt  18,16  Kronen
Parität.  Das  ist  ein  Disagio  von  etwa  33  °/„.  Am  14.  November
fiel  er  auf  11,50  Kronen.
Der  Markkurs  war  Ende  Oktober  1917  in  Kopenhagen
41  Vs 0 /o/  in  Stockholm  nur  34 1 /*  Kronen  gegenüber  einer  Parität
von  88,89  Kronen.  Das  ist  ein  Rückgang  von  mehr  als  60  °/„.
Ende  Oktober  waren  in  der  Schweiz  die  Devisen  der
wichtigsten  übrigen  Länder  in  folgendem  Umfange  (in  «/«)  unter
Parität:

Deutschland

.  -  .  .  49,8%

England

13,4  %

Österreich  .

....  62,7  %

Vereinigte  Staaten

11,2  %

Italien.  .  .

.  -  .  .  41,7%

Rußland

77  %

Frankreich  .

.  .  .  .  20,8%

Lolland

4,2  %

Die  Valuta  Spaniens  in  der  Schweiz,  die  Anfang  1914
noch  6%  unter  Pari  stand,  blieb  bis  Mitte  1916  zuerst  etwas
unter,  dann  etwas  über  Parität.  Damals  stieg  sie  auf  etwa  107  °/ 0
imb  im  März  1917  auf  110%.  Sie  erreichte  ein  Maximum  von
17°/«  Agio  im  Juni  1917,  fiel  aber  auf  Grund  amerikanischer
Goldsendungen  im  Juli  wieder  auf  104%  und  war  Ende  Oktober
1917  106,75  %.
Der  Dollar  sank  in  Spanien  bis  Ende  Oktober  1917  um
21  %  seiner  Parität.
        <pb n="46" />
        Drittes  Kapitel

Der  Zusammenhang  von  Geld.  Preis  und
Einkommen
^V&amp;gt;evor  wir  nun  dazu  übergehen,  die  Probleme  zu  erörtert,,
die  sich  an  diese  Geldvermehrung  im  Weltkriege  und  ihre
Wirkungen  auf  die  Preise  und  aus  die  Wechselkurse  knüpfet,,  müssen
wir  den  tauschwirtschaftlichen  Mechanismus  in  seinen  Grundzügen
kennen  lernen,  in  den  die  Geldvermehrung  umgestaltend  eingreift.
An  der  richtigen  Erkenntnis  dieser  Zusammenhänge  fehlte  es  bisher, ­
  die  allergrößten  Irrtümer  waren  herrschend  und  alle  unsere
folgenden  Ergebnisse  sind  nur  durch  eine  bessere  Einsicht  in
den  Mechanismus  des  Tauschverkehrs  erlangt,  die  sich  aus  der
Grundlage  unserer  psychischen  Auffassung  der  Wirtschaft  ergab.
Dieser  Mechanismus  des  Tauschverkehrs  gipfelt  in  der  Preisund
  Einkommensbildung,  bei  ihrer  Auffassung  haben  sich  die
Fehler  der  bisherigen  Wirtschaftstheorie  vor  allem  gerächt,  mit
ihr  und  der  Rolle  des  Geldes  dabei  müssen  wir  uns  also  zunächst
beschäftigen.  Aus  meinen  theoretischen  Arbeiten,  besonders  meinen
„Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre",  Stuttgart  1917,  fasse  ich
das  für  die  folgenden  Untersuchungen  wichtigste  möglichst  kurz
folgendermaßen  zusammen.*)
Nach  meiner  Auffassung  ist  wirtschaften  nicht  gleichbedeutend ­
  mit  produzieren,  mit  „Sachgüterbeschaffung",  wie
die  bisherige  Theorie  immer  annahm,  es  ist  keine  technische
Tätigkeit,  nicht  „Überwindung  der  Knappheit  von  Gegenständen

9  Doch  muß  ich  jetzt,  wo  meine  „Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre" ­
  erschienen  sind,  durchaus  bitten,  für  die  Kritik  meiner  allgemeinen
wirtschaftstheoretischen  Grundlagen  jenes  Buch  und  nicht  diese  kurze  Zusammenfassung ­
  zugrunde  zu  legen.
48
        <pb n="47" />
        der  äußeren  Natur",  sondern  es  ist  etwas  Psychisches,  eine  Art
von  Erwägungen,  nämlich  ein  Vergleichen  von  Lust-  und
Unlustgefühlen,  das  dann  natürlich  auch  zu  Landlungen  führt.
Von  Wirtschaft  aber  sprechen  wir  nur  dann,  wenn  der  Mensch
vor  die  Frage  gestellt  wird,  in  welchem  Umfange  und
bis  zu  welchem  Grade  er  die  Aufwendung  von  Unlustgefühlen, ­
  von  Opfern  für  die  verschiedenen  erstrebten
Lustgefühle  oder  Genüsse  vornehmen  und  fortsetzen
will,  um  ein  möglichst  großes  Maß,  ein  Maximum  von
Genuß  zu  erreichen.  Solche  Unlustgefühle  oder  Opfer,  bei
denen  m«n  erwägt,  ob  und  in  welchem  Grade  man  sie  auf  die  Erlangung ­
  dieses  oder  jenes  Genusses,  die  Befriedigung  dieses  oder
jenes  Bedürfnisses  am  zweckmäßigsten  verwendet,  wie  man  also
die  Aufwendung  von  Opfern  verteilen  soll,  nennen  wir  Kosten.
Die  Kosten  verkörpern  sich  in  Arbeitsmühe  oder  in  Opfern  an
Sachgütern  oder  Geld.  Zweitens  ist  für  das  Wesen  der  Wirtschaft ­
  charakteristisch,  daß  man  mit  diesen  Kostenaufwendungen  ein
Maximum  von  Genuß  erstrebt.  Wie  die  Kosten  werden  auch
die  erstrebten  Genüsse  miteinander  hinsichtlich  ihrer  Stärke  verglichen. ­
  Natürlich  gibt  es  für  alle  diese  Erwägungen  und  Vergleiche, ­
  die  rein  subjektiv  bleiben,  keinerlei  äußeren  Ausdruck.
Das  wirtschaftliche  Grundproblem  ist  also,  wie  auf  an  sich
unbegrenzte,  aber  an  Stärke  mit  wachsender  Befriedigung ­
  abnehmende  Bedürfnisse  Aufwendungen,  Kosten
verteilt  werden,  deren  Umfang  nicht  von  vornherein
gegeben  ist,  sondern  die  mit  wachsenden  Aufwendungen ­
  stärker  als  Unlustgefühle  empfunden  werden,
und  zwar  mit  dem  Ziel  einer  möglichst  großen  Bedarfsbefriedigung. ­
  Dies  ist  aber  zugleich  auch  das  Problem,
das  dem  ganzen  Tauschverkehr  zugrunde  liegt.
Für  die  Erreichung  dieses  Zieles  des  wirtschaftenden  Menschen ­
  kann  man  theoretisch  folgenden  Satz  formulieren,  der  sowohl
für  Arbeitsmühe  als  auch  für  Opfer  von  Sachgütern  oder  Geld
als  Kosten  gilt:  Der  Mensch  wird  dann  wirtschaftlich  handeln,
wenn  er  seine  Kosten  so  verteilt,  daß  der  Uberschuß  von
Nutzen  über  die  Kosten,  den  er  mit  der  letzten,  auf
jede  Bedürfnisart  noch  zu  verwendenden  Kosteneinheit
erzielt,  bei  allen  Bedürfnisarten  gleich  groß  ist.
Diesen  Uberschuß  von  Nutzen  über  die  Kosten  nennen  wir
Lief  mann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  t  49
        <pb n="48" />
        Ertrag,  Konsumertrag.  Es  ist  natürlich  zunächst  genau  so  ein
psychischer  und  daher  nicht  zahlenmäßig  feststellbarer  Begriff
wie  Nutzen  und  Kosten.  Der  Ertrag  ist  also  die  Richtschnur  für
das  wirtschaftliche  Landein.  Der  Wirtschafter  strebt  nicht  absolut
nach  größtem  Nutzen,  sondern  nach  größtem  Nutzen,  v  erglich  en  mit
den  Kosten,  und  diese  sind  in  dem  primären  Falle  der  Arbeitsmühe ­
  nicht  von  vornherein  gegeben,  sondern  nehmen  mit  wachsenden
Aufwendungen  an  Stärke  zu.  Gleichzeitig  nehmen  die  erzielten
Nutzen  an  Stärke  ab,  und  der  Wirtschafter  muß  also,  wenn  seine
Aufwendung  von  Kosten  beschränkt  ist,  jede  Kosteneinheit  so
aufwenden,  daß  er  mit  ihr  ein  Maximum  von  noch  erreichbarem ­
  Nutzen  erzielt.  Die  Gesamtheit  der  Kostenaufwendungen ­
  aber  muß  er  so  verteilen,  daß  der  Nutzenüberschuß
oder  Ertrag,  den  er  mit  der  letzten,  auf  jede  Bedürfnisart
aufzuwendenden  Kosteneinheit  erzielt,  bei  allen  gleichgroß ­
  ist.  Diesen  mit  der  letzten  Kosteneinheit  bei  jeder  Bedürfnisart ­
  zu  erzielenden  Ertrag,  der  unter  Amständen  in  der
Konsumwirtschaft,  wenn  er  überhaupt  zahlenmäßig  feststellbar  wäre,
auch  gleich  Null  sein  könnte,  nennen  wir  Grenzertrag,  und  jenes
Prinzip  der  zweckmäßigsten  Verteilung  der  Kosten  auf  die  verschiedenen ­
  Bedürfnisse  nennen  wir  Gesetz  des  Ausgleichs
der  Grenzerträge.
Das  wichtigste  bei  der  Erkenntnis  dieses  Prinzips,  nach  dem
alles  wirtschaftliche  Landein  erfolgt,  ist,  daß  es  auch  zugleich
Organisationsprinzip  des  ganzen  Tauschverkehrs,  der
„Volkswirtschaft"  ist.  Im  Zustande  des  Tauschverkehrs  zerfällt
die  wirtschaftliche  Tätigkeit  in  zwei  Teile,  die  erwerbswirtschaftliche ­
  Tätigkeit  oder  Erwerbswirtschaft  und  die  Konsumwirtschaft,
  welcher  von  mir  ausgestalteten  Unterscheidung  —
bisher  kannte  man  echt  materialistisch  nur  den  Gegensatz  von
Produktion  und  Konsumtion,  eben  unter  Ausschaltung  des  Geldes
—  sehr  viel  größere  Bedeutung  für  die  Erklärung  des  tauschwirtschaftlichen ­
  Mechanismus  zukommt,  als  man  bisher  erkannt  hat.
Der  Wirtschafter  erstrebt  zunächst  in  seiner  Erwerbstätigkeit  einen
möglichst  hohen  Gel  de  r  tra  g  und  verwendet  ihn  dann  als  Kosten
in  seiner  Konsumwirtschaft  nach  dem  Gesetz  des  Ausgleichs  der
Grenzerträge.
Beim  Tauschverkehr  unter  Benutzung  des  Geldes  kommt  es  zur
Bildung  einheitlicher  Geldausdrücke,  der  Preise.  Sie  zu  erklären
50
        <pb n="49" />
        51

ist  das  Hauptproblem  der  ökonomischen  Theorie.  Wie  wenig  der
bisherigen  Wissenschaft  das  gelungen  ist,  erkennt  man  daraus,  daß
sie  immer  Angebot  und  Nachftage  als  gegebene  Größen,  als  schon
vorhandene  bestimmte  Güter-  oder  Geldmengen  anzunehmen  pflegt.
Das  ist  natürlich  ganz  falsch,  obgleich  noch  neuestens  „Theoretiker" ­
  sich  nicht  gescheut  haben,  zu  erklären,  es  sei  geraten,
zu  der  bisherigen  Lehre  von  Angebot  und  Nachfrage  zurückzukehren. ­
  Es  ist  aber  gerade  die  Aufgabe  der  Preistheorie,  zu  erklären, ­
  in  welchem  Amfange  es  zum  Angebot  der  verschiedenen
Güter  und  Leistungen  kommt  und  in  welchem  Amsange  die  Nachfrage, ­
  die  an  sich  als  unbegrenzt  anzunehmen  ist,  nur  mit  sich  vermindernder ­
  Intensität  bei  wachsender  Befriedigung,  tatsächlich  befriedigt ­
  wird.
Zuerst  ist  also  der  Zusammenhang  der  Preise  mit  den  Bedürfnissen ­
  zu  erklären,  die  sich  im  Tauschverkehr  äußern  und  dann
Nachfrage  genannt  werden.  Nur  mit  der  psychischen  Wirtschaftstheorie ­
  erkennt  man,  wie  eine  Konsumwirtschast  ihr  Einkommen ­
  als  Kosten  auf  ihre  Bedürfnisse  verteilt.  Diese  Seite
des  Preisproblems  besteht  also  darin,  zu  erklären,  wie  der  anscheinend ­
  objektive  Geldausdruck:  ein  Paar  Stiesel  kostet  20  Mark,
mit  den  subjektiven  Bedarfsempfindungen  zusammenhängt.  Die
Konsumwirtschasten  legen  dabei  frühere  Preise  zugrunde,  und  je
weniger  Preisveränderungen  zu  erwarten  sind,  um  so  genauer
können  sie  ihr  Geldeinkommen  aus  alle  ihre  Bedürfnisse  nach  dem
Gesichtspunkt  höchsten  Konsumertrages  verteilen.  Die  theoretisch
scharfe  Formulierung  nach  dem  wirtschaftlichen  Prinzip  ist  das
Gesetz  des  Ausgleichs  der  Grenzerträge.  Nachfrage  ist
also  die  Gesamtheit  aller  an  ihre  individuellen  Einkommen  anknüpfenden ­
  Kostenschätzungen  der  Konsumwirtschaften  für  ein
bestimmtes  Gut,  mit  denen  die  in  den  Tauschverkehr  Verflochtenen
in  ihrem  Wirtschaftsplan  rechnen.  Wäre  jemand  der  irrigen  Meinung, ­
  daß  er  ein  Paar  Stiefel  für  5  Mark  kaufen  könne,  und
reservierte  diesen  Betrag  dafür  in  seinem  Wirtschaftsplan,  so  gehörte ­
  das  auch  zur  Nachftage,  ebenso  wenn  jemand  annahm,  daß
er  für  ein  Paar  Stiesel  100  Mark  geben  müsse.  Allein  diese  Auffassung ­
  der  Nachftage,  die  sich  natürlich  nur  mit  meinem  individualen, ­
  psychischen  Kostenbegriff  gewinnen  ließ,  gegenüber  der  bisherigen ­
  zeigt  die  völlige  Neuheit  meiner  Wirtschaftstheorie.  Jedenfalls ­
  ist  die  Nachfrage  keine  quantitativ  gegebene  Größe,  sondern
        <pb n="50" />
        der  Umfang,  in  dem  sie  befriedigt  wird,  wird  erst  durch  das  Angebot ­
  bestimmt.
Das  Problem  des  Angebots  ist  also  die  Frage  nach  der
Begrenzung  der  Nachfrage.  Welcher  Teil  der  an  sich  unbegrenzt ­
  zu  denkenden,  aber  an  Stärke  immer  mehr  abnehmenden
Nachfrage  wird  durch  den  Tauschverkehr  befriedigt?  Auch  hierfür ­
  ist  der  Ertragsgedanke  entscheidend.  Das  Angebot  der  verschiedenen ­
  Güter  richtet  sich  auch  nach  dem  Gesetz  des  Ausgleichs
der  Grenzerträge.  Die  Anbieter  bringen  jedes  Gut  nur  in  der
Menge  zum  Angebot,  daß  der  Grenzertrag,  d.  h.  der  Ertrag,
den  der  teuerste,  die  höchsten  Kosten  aufwendende  Anbieter  in  jedem
Erwerbszweig  erzielt,  für  alle  Erwerbszweige  ungefähr  gleichhoch
ist.  Das  ist  dann  natürlich  ein  Geld-  oder  Erwerbsertrag.
Also  ein  Ertragsminimum,  unter  dem  aus  die  Dauer  keine
Kapitalien  und  Arbeitskräfte  einem  Erwerbszweig  zufließen,  bestimmt ­
  die  Größe  des  Angebots  und  damit  den  Amsang  der  Befriedigung ­
  der  Nachfrage.  Genau  wie  in  der  einzelnen  Konsumwirtschaft
  der  Grenzkonsumertrag,  der  aber  dort  eine  psychische ­
  Größe  ist,  bestimmt,  wieweit  jedes  Bedürfnis  befriedigt,
also  Kosten  aufgewandt  werden,  ebenso  bestimmt  hier  ein  Minimum ­
  an  Erwerbsertrag,  das  wir  tauschwirtschastliche»
Grenz  ertrag  nennen,  die  Verteilung  und  die  Grenze  der  Kostenauswendungen. ­
  Alle  Anbieter,  die  geringere  Kosten  haben,  erzielen ­
  über  den  Grenzertrag  hinausgehende  Erträge,  Differentialgewinne,
  die  Grundlage  des  sogenannten  Anlernehmergewinns.
Es  gibt  regelmäßig  Nachfragende,  die,  wenn  nötig,  weit  mehr
zu  bezahlen  geneigt  wären,  als  der  Preis  angibt,  und  ebenso  Airbieter,
  die  auch  bei  geringerem  Preise  noch  den  tauschwirtschastlichen
  Grenzertrag  und  selbst  darüber  hinaus  erzielen  würden.
Trotzdem  könnte  keine  vermehrte  Bedarssbesriedigung  erzielt
werden,  wenn  die  Anbieter  mit  den  geringsten  Kosten  die  Nachfragenden ­
  mit  den  geringsten  Schätzungen  zu  niedrigeren  Preisen
versorgten.  Denn  die  Befriedigung  von  Nachfragenden  mit  geringeren ­
  Schätzuirgen  wäre  nur  unter  Außerachtlassung  anderer
stärkerer  Bedürfnisse,  die  mit  höherem  Ertrage  befriedigt  werden
könnten,  möglich.  Es  muß  auch  hier,  wie  in  der  eiuzelnen'Konsumwirtschast,
  die  Gesamtheit  aller  Bedürfnisse  und  aller
Kostenauswendungen  berücksichtigt  werden.  So  kommt  es  bei
freier  Konkurrenz  zu  einem  für  alle  Nachfragenden  gleichen  Preise.
52
        <pb n="51" />
        53

Der  Preis  seht  sich  also  aus  zwei  Komponenten  zusammen,
Kosten  des  teuersten  Anbieters:  Grenzkosten,  und  Minimum  an
Ertrag:  Grenz  ertrag.  Von  beiden  ist  der  letztere  die  durch  den
gesamten  Tauschverkehr,  letzten  Endes  durch  die  Einkommen  und
die  Bedarfsbefriedigung,  die  man  sich  damit  beschaffen  kann,  gegebene ­
  Größe,  von  der  die  Grenzkosten  in  jedem  Gewerbe  bestimmt ­
  werden.  Der  tausch  wirtschaftliche  Grenzertrag  kann  in
der  Regel  nicht  im  Preise  eines  einzelnen  Produkts  angegeben
werden.  Aber  man  kann  überhaupt  die  Kosten  in  der  Regel  nicht
auf  das  einzelne  Produkt  berechnen,  besonders  dann  nicht,  wenn
die  Produkte  einer  Unternehmung  sehr  verschiedenartig  sind.  Denn
die  sogenannten  Generalkosten  lassen  sich  dann  nicht  auf  die  einzelnen ­
  Produkte  verteilen.  (Wenn  derartige  Kostenberechnungen
auf  das  einzelne  Produkt  gemacht  werden,  sind  sie  daher  immer
sehr  willkürlich.)  Es  ist  gerade  die  Eigentümlichkeit  der  heutigen
Erwerbswirtschaflen,  daß  sie  nicht  nach  dem  einzelnen  Preise  und
den  Kosten  des  einzelnen  Produktes  fragen.  Sondern  sie  blicken
auf  den  Gesamtertrag  ihrer  Erwerbstätigkeit,  haben  nur  ihr
daraus  sich  ergebendes  Gesamteinkommen  im  Auge.  Einkommen ­
  sind  eben  nicht  nur  Preise  oder  setzen  sich  aus  solchen  zusammen, ­
  sondern  ein  gewisses  Mindesteinkommen  ist  gleichzeitig ­
  auch  Bestimmungsgrund  der  Preise.
Es  sei  noch  betont,  daß  dieses  Ertragsminimum,  der  tauschwirtschaftliche ­
  Grenzertrag,  welches  die  Aufwendung  von  Kosten
bestimmt,  in  den  verschiedenen  Erwerbszweigen  in  verschiedener
Form  erscheint.  Für  Arbeitsleistungen  bildet  das  Existenzminimum
im  Sinne  dessen,  was  nach  denr  gesamten  Kuliurzustand  eines
Volkes  zur  Lebensführung  notwendig  ist,  die  Grenze,  unter  der  sie
nicht  dauernd  angeboten  werden;  daher  ist  der  Lohn  ungelernter
Arbeiter  ein  tauschwirtschaftlicher  Grenzertrag.  Auch  Kostengüter,
Kapital  werden  nur  aufgewendet,  wenn  man  mit  ihnen  ein  gewisses ­
  Minimum  an  Ertrag  erzielt.  Der  Zins  von  Geldleihkapital,
der  sogenannte  landesübliche  Zinsfuß,  ist  daher  die  augenfälligste
Form  des  tauschwirtschaftlichen  Grenzkapitalertrags,  weil  ein
Geldleihkapital  das  fungibelste  und  in  der  heutigen  Kreditwirtschaft ­
  auch  am  meisten  begehrte  Ertragsmittel  ist.  Unter  denr
landesüblichen  Zirrsftrß  wird  das  Einkommen  auf  die  Dauer  nicht
zür  Kapitalbildung  verwendet  werden,  sondern  man  wird  den
Konsum  vorziehen.
        <pb n="52" />
        Auch  bei  den  nicht  fest  ausbedungenen  Kapitalerträgen,  den
sogenannten  Anternehmergewinnen,  gibt  es  eine  untere  Grenze,
unter  der  einer  Erwerbstätigkeit  dauernd  nicht  Kapital  zufließen
wird.  Die  Kapitalien  strömen  dahin,  wo  noch  die  höchsten  Erträge
zu  erzielen  sind.  Die  theoretisch  scharfe  Formulierung  dafür  ist  das
Gesetz  des  Ausgleichs  der  Grenzerträge.  Er  ist  für  Unternehmungen ­
  deswegen  nicht  leicht  zu  konstatieren,  weil  einerseits  nicht
alle  Kapitalien  noch  beweglich  sind,  andererseits  auch  verschiedenes
Risiko  bei  der  Beurteilung  des  Ertragsminimums  berücksichtigt
wird.  Am  deutlichsten  ist  er  in  dieser  Form  zu  konstatieren  bei  den
Dividenden  der  Aktien  im  Verhältnis  zu  ihrem  Kurse.  Wenn
man  sich  vergegenwärtigt,  daß  tauschwirtschaftlicher  Grenzertrag
nichts  anderes  bedeutet  als  Minimaleinkommen  auf  allen  Erwerbsgebieten, ­
  dann  ist  es  eine  Selbstverständlichkeit,  daß  er  die
Grundlage  und  der  bestimmende  Faktor  aller  Preise  ist.
Es  sei  noch  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  meine  Preistheorie ­
  zwei  Zirkel  löst,  die  in  der  bisherigen  Theorie  eine  große
Rolle  spielen.  Man  behauptet  immer,  daß  der  Preis  durch  Angebot ­
  und  Nachfrage  bestimmt  werde,  konnte  aber  andererseits ­
  nicht  übersehen,  daß  der  Preis  auch  das  Angebot  bestimmt. ­
  Die  Lösung  dieses  Zirkels  ist  nur  nnt  dem  Ertragsbegrisf
  möglich,  den  einige  „Theoretiker"  für  ganz  überflüssig
erklären.  Nicht  das  Angebot  bestimmt  den  Preis,  sondern  ein
Ertragsminimum,  der  tauschwirtschaftliche  Grenzertrag, ­
  der  ein  Teil  aller  Preise  ist,  bestimmt  die  aufzuwendenden
Kosten  und  damit  das  Angebot  und  den  Preis.  Er  ist  die  äußere,
objektive  Größe,  die  gegeben  sein  muß,  nicht  eine  bestimmte  Gütermenge, ­
  die  die  materialistische  Theorie  vorausseht  und  Angebot  nennt.
Derselbe  Zirkel  gilt  auch  für  das  Verhältnis  von  Preis  und
Kosten.  Die  bisherigen  Theorien  sind  über  den  Satz,  daß  der
Preis  durch  die  Kosten  bestimmt  werde,  nicht  hinausgekommen: ­
  andererseits  ist  aber  klar,  daß  auch  der  Preis  bestimmt,  wieviel ­
  Kosten  aufgewandt  werden.  Man  könnte  den  Satz  aufstellen: ­
  Die  Kosten  bestimmen  die  Antergrenze  des  Preises,  der
Preis  bestimmt  die  Obergrenze  der  Kosten.  Liber  das  löst  das
Problein  nicht,  das  eben  nicht,  womit  sich  die  bisherige  Theorie
immer  begnügte,  Preisgrenzen  aufzustellen,  sondern  die  Preisbildung ­
  zu  erklären  hat.  In  Wirklichkeit  bestimmt  das  Ertragsstreben ­
  die  Kostenaufwendungen  und  den  Preis,  d.  h.  ein
        <pb n="53" />
        55

Enragsminimum,  der  tausch  wirtschaftliche  Grenzertrag,  bestimnlt
in  jedem  Erwerbszweige  die  höchsten  aufzuwendenden  Kosten  und
den  Preis.
Mit  dem  Gesagten  ist  aber  der  Preis  eines  Gutes  bisher  nur
mit  den  Anbietern  und  ihrem  Ertragsstreben  in  Beziehung  gebracht, ­
  die  natürlich  ihren  Ertrag  als  Einkommen  ihrer  Konsumwirtschaft
  zugrunde  legen.  Er  kann  aber  noch  mit  den  Bedarssempfindungen
  der  Käufer  jener  Güter  in  Beziehung  gebracht
werden.  Darüber  ist  zu  sagen:  Anter  den  zahllosen  Konsumenten
von  Massengütern  befinden  sich  sehr  viele,  die  viel  mehr  für  das
Gut  zahlen  könnten  als  der  Preis  angibt.  Es  befinden  sich  aber
einige  darunter,  die  die  letzte  von  ihnen  gekaufte  Einheit  gerade
noch  im  Rahmen  ihres  ganzen  Wirtschastsplanes  erstehen  konnten.
Bei  einem  höheren  Preise  würden  fie  weniger  oder  gar  nichts
kaufen  können.  Diese  Konsumenten  sind  die  Grenzkonsumenten
für  jene  Güterart.  Sie  können  fich  das  Gut  gerade  noch  mit  einem
durch  das  Gesetz  des  Ausgleichs  der  Grenzerträge  für  ihre  ganze
Wirtschaft  bestimmten  Minimum  an  Konsumertrag,  ihren  individuellen ­
  Grenzkonsumertrag,  kaufen,  und  ein  solcher  Grenzkonsument ­
  bestimmt  also  mit  seinen  wirtschaftlichen  Erwägungen,  dem
Grenzkonsumertrag  als  Richtschnur  für  sein  wirtschaftliches  Landein
ganz  ebenso  den  Preis  wie  aus  der  Angebotsseite  der  letzte  Anbieter, ­
  der  Grenzanbieter,  der  ein  Minimum  von  Erwerbsertrag,
den  tauschwirtschastlichen  Grenzertrag,  erzielt.  Wie  danach  der
Preis  letzten  Endes  durch  die  Nutzenschätzungen  des  Grenzkonsumenten ­
  und  den  tausch  wirtschaftlichen  Grenzertrag  bestimmt ­
  wird,  ist  am  besten  bei  der  Erklärung  des  Monopolpreises ­
  zu  zeigen.
Der  Monopolist  setzt  der:  Amsang  des  Angebots  fest  und
kann  auch  den  Preis  einseitig  festsetzen.  Aber  er  wird  dabei  „bestimmt" ­
  durch  sein  Ertragssireben.  Aus  die  Löhe  des  Ertrags
und  damit  des  festzusetzenden  Preises  sind  nun  offenbar  die  Nutzenschätzungen ­
  der  Konsumenten  und  die  dadurch  bestimmte  Verteilung ­
  ihres  Geldeinkommens  auf  ihre  Bedürfnisse  von  Bedeutung.
Wo  ist  die  Grenze,  bis  zu  der  der  Monopolist  mit  seinen  Preisforderungen
  mit  Rücksicht  aus  möglichst  hohen  Gesamtertrag  gehen
kann?  Das  ist  das  Problem  des  Monopolpreises.  Diese  Grenze  ist
der  Grenzkonsumertrag  des  Grenzkonsumenten,  d.  h.  desjenigen, ­
  der  das  Gut  zu  einem  Preise,  bei  welchem  der  Monopolist
        <pb n="54" />
        den  höchsten  Gesamtertrag  erzielt,  gerade  noch  mit  seinem  individuellen ­
  Grenzkonsumertrag  kaufen  kann.  Nennt  man  den  Nutzen,
den  der  Grenzkonsument  mit  der  letzten  Einheit  des  Gutes  erzielt,
den  Grenznutzen,  so  kann  man  sagen,  daß  die  obere  Grenze  des
Preises  bestimmt  wird  durch  Grenznutzen  minus  Grenz  -
konsumertrag  des  Grenzkonsumenten.  Welches  der  Grenzkonsument ­
  ist,  das  bestimmt  der  Monopolist  durch  sein  Angebot
bzw.  durch  sein  Streben  nach  größtem  Ertrag.  So  ist  der  Monopolpreis ­
  zunächst  nach  oben  ganz  individualistisch  durch  Nutzenschätzungen ­
  und  auf  der  Angebotsseite  nicht  wie  beim  Konkurrenzpreis ­
  durch  ein  Minimum  von  Ertrag,  sondern  durch  das  Streben
nach  einem  Maximum  an  Ertrag  bestimmt.
Die  Löhe  des  Monopolpreises  muß  aber  auch,  wie  die  des
Konkurrenzpreises,  durch  Beziehungen  zu  anderen  Preisen  bestimmt
sein.  Beim  Konkurrenzpreis  war  diese  Beziehung,  der  Zusammenhang ­
  aller  Preise,  durch  den  tauschwirtschaftlichen  Grenzertrag  als
Richtschnur  für  alle  Anbieter  gegeben.  Es  ist  klar,  daß  beim
Monopolpreis  diese  Beziehung  durch  die  Nachfrage  gegeben
sein  muß,  dadurch,  daß  er,  wie  alle  Preise,  für  die  Nachfragenden
Kosten  bedeutet.  Nur  von  der  Nachfrage  her  wird  der  Monopolpreis ­
  begrenzt,  dadurch,  daß  immer  mehr  Konsumenten  aus  Grund
ihres  Wirtschaftsplanes  die  Kosten  nicht  mehr  aufbringen  können,
wenn  eine  Erhöhung  der  Preise  gefordert  wird,  so  daß  der  Monopolist
  schließlich  seinen  Gesamtertrag  vermindern  würde.  Man
kann  aber  eine  allgemeine  Grenze  dafür  angeben,  die  dann  vorliegt, ­
  wenn  der  Grenzkonsumertrag  einzelner  Konsumenten ­
  unter  ihre  individuelle  Schätzung  des  tauschwirtschaftlichen ­
  Grenzertrags  sinken  würde.  Das  ist  bei
denjenigen  Konsumenten  der  Fall,  welche  nicht  ihr  ganzes  Einkommen ­
  zum  Konsum  verwenden,  sondern  Teile  davon  Kapital
werden  lassen.  Diese  ziehen  den  Zins,  der  ein  tauschwirtschaftlicher ­
  Grenzertrag  ist,  der  weiteren  Ausdehnung  ihres  Konsums
vor.  Der  letzte  Konsument  wird  immer  der  sein,  dessen  Grenzkonsumertrag ­
  so  niedrig,  dessen  Bedarfsbesriedigung  also  so  vollständig ­
  ist,  daß  er  zwischen  weiterem  Konsum  lind  Kapitalbildung
schwankt.  Damit  haben  wir  die  denkbare  obere  Grenze  des  Monopolpreises ­
  festgestellt.  Wir  können  sagen,  sie  ist  Grenznutzen,  d.  h.
Nutzen  des  Grenzkonsumenten  von  der  letzten  Einheit,  minus
tausch  wirtschaftlich  er  Grenz  er  trag.
56
        <pb n="55" />
        57

Bei  allen  Gütern,  die  von  mehreren  gekauft  werden,  ist  der
Konkurrenzpreis  auch  gleichzeitig  Grenznutzen  minus  tauschwirtschaftlicher ­
  Grenzertrag,  d.  h.  die  letzten  Konsumenten  schätzen
das  Gut  so  niedrig,  daß  sie  sich  die  Frage:  Konsum-  oder  Kapitalbildung
  vorlegen,  also  ebenfalls  nur  den  tauschwirtschaftlichen
Grenzertrag  als  Konsumertrag  erzielen.  Äier  gibt  es  also  keine
obere  und  untere  Preisgrenze,  sondern  einen  einheitlichen,  für  alle
geltenden  Preis.  Letzten  Endes  sind  also  immer  Nutzenschätzungen
der  Konsumenten  Bestimmungsgrund  der  Preise,  einmal  für  die
Güter  selbst,  die  sie  sich  zu  diesem  Preise  kaufen  können,  dann
für  die  Güter,  die  man  sich  mit  dem  Ertrage  aus  dem  Verkauf
jener  beschaffen  kann,  ohne  den  man  das  Angebot  aus  die  Dauer
nicht  fortsetzt.  —
Mit  einer  richtigen  Preistheorie  ist  eigentlich  auch  die  Theorie
des  Einkommens  schon  erledigt.  Denn  alle  Einkommen  sind
entweder  selbst  Preise  oder  aus  Teilen  von  Preisen  zusammengesetzt. ­
  Die  technisch-materialistische  Wirtschastsaufsaffung  aber  erklärt ­
  die  Einkommen  nicht  aus  der  Preisbildung,  weil  sie  eben
diese  auch  nicht  erklären  konnte,  sondern  sie  hatte  dafür  die  sogenannte
Verteilungslehre.  Diese  ist  aus  der  geschichtlichen  Entwicklung ­
  der  ökono»rischen  Wissenschaft  zu  erklären,  sie  rvar  ein  Ergebnis ­
  der  Frage  rrach  denr  Volksreichtum,  aus  der  die  ganze
ökononrische  Wissenschaft  entstanden  ist,  rurd  der  darauf  wieder
beruhenden  „volkswirtschaftlichen  Betrachtungsweise".  Konnte
nran  die  ganze  sogenannte  „Volkswirtschaft"  allenfalls  noch  als
eine  gemeinsame  Wirtschaft  inr  Sinne  der  bisherigen  technischen ­
  Auffassung,  also  als  eine  Produktionsgemeinschaft  ansehen, ­
  in  der  die  durch  Zusammenwirken  aller  hergestellten  Produkte ­
  verteilt  werden,  so  war  diese  technische  Auffassung  doch  unmöglich,
  sobald  man  den  Verteilungsgedanken  auf  die  in  einer
einzelnen  Unternehmung  zusammenwirkenden  „Produktionsfaktoren" ­
  anwendete.  Denn  hier  werden  eben  rächt  Produkte, ­
  sondern  Geldsummen  „verteilt".  Daher  das  Durcheinander ­
  des  Erlragsbegriffs  selbst  in  den  neuesten  Lehrbüchern,  der
bald  Produkte,  bald  Geldsummen  bedeutet,  welch  letztere  dann  rrach
der  sogenannten  subjektiven  Wertlehre  noch  Wertausdrücke  sein  sollerr.
In  der  Einkommenslehre  wird  es  eben  ganz  unmöglich,  was  die
Grundlage  aller  bisherigen  Wirtschaftstheorie  ist,  hinter  dem  „Geldschleier" ­
  nur  die  technischen  Vorgänge  der  Produktion  zu  sehen.
        <pb n="56" />
        Daher  ist  auch  für  die  ganze  Volkswirtschaft  der  Verteilungsgedanke
  ebenso  unmöglich  wie  innerhalb  der  einzelnen  Unternehmung. ­
  Denn  er  besagt  ja  an  sich  auch  noch  nichts  über  die  Gründe
und  Gesichtspunkte,  nach  denen  sich  die  angebliche  Verteilung
vollzieht.  Für  diese  gilt  in  der  ganzen  bisherigen  Theorie  die
sogenannte  Zurechnungslehre,  die  die  Einkommen  durch  Zurechnung ­
  auf  die  einzelnen  Produktionsfaktoren  erklären  will.
In  Wirklichkeit  sind  natürlich  alle  Gelderträge  und  Einkommen, ­
  auch  die  mit  Gütern  entfernterer  Ordnung  erzielten,
nicht  durch  irgendwelche  Zurechnung  auf  die  „Produktionsfaktoren" ­
  zu  erklären,  sondern  als  Preise,  nämlich  als  bedungene
Erträge,  die  selbst  Preise  sind,  entstanden  aus  der  Vermietung
von  Arbeitsleistungen,  von  Boden,  Sachgütern  oder  Geldsummen
(Kapital),  oder  als  Gewinne,  die  aus  Preisen  bei  dem  Verkauf
von  Gütern  entstanden  sind.  Durch  meine  Theorie  der  verschiedenen
Tauschkonstellationen,  wie  ich  sie  einstweilen  in  dem  Aufsatz:  Mono  -
pol-  und  Konkurrenztheorie  im  „Archiv  für  Sozialwissenschaft", ­
  Band  41,  gegeben  habe,  kann  man  dann  die  verschiedene
Höhe  der  Einkommen  erklären.  —
Welche  Rolle  spielt  nun  in  dem  so  in  aller  Kürze  geschilderten
Mechanismus  der  Preis-  und  Einkommensbildung  das  Geld?
Die  bisherige  Definition  des  Geldes  als  allgemeines  Tauschund ­
  Zahlungsmittel  ist  zwar  nicht  gerade  falsch,  erklärt
aber  gar  nichts  von  dieser  Rolle.  Dagegen  ist  die  andere  Bezeichnung ­
  des  Geldes  als  „Wertmaßstab"  oder  „Wertvergleichungsmittel" ­
  im  höchsten  Maße  irreführend  und  beruht  auf
den  grundlegenden  Irrtümern  der  bisherigen  Wirtschaststheorie,
die  immer  von  der  Feststellung  irgendeines  Wertes  der  Güter
ausging.  Das  ist  eine  Verwechslung  mit  dem  Preise.  Die  Preise
und  überhaupt  alle  Geldausdrücke  sind  aber  niemals  der  Ausdruck
eines  subjektiven  Wertes;  denn  dafür  gibt  es  überhaupt  keinen
Ausdruck.  Niemand,  der  einen  Rock  für  50  Mark  kauft,  schätzt
ihn  gleich  50  Mark;  wenn  zwei  Leute  für  einen  gleichartigen
Gegenstand  denselben  Preis  bezahlen,  ist  nick)t  gesagt,  daß  sie  ihn
gleichschätzen,  Wertschätzungen  verschiedener  Personen  lassen  sich
überhaupt  nicht  vergleichen;  und  wenn  ich  für  verschiedene  Gegenstände ­
  je  gleichviel  bezahle,  z.  B.  20  Mark,  so  ist  damit  doch  nicht
im  entferntesten  gesagt,  daß  ich  sie  gleichschätze.  Das  sind  sehr
einfache  Wahrheiten,  die  man  mit  ein  wenig  Beobachtungsgabe
58
        <pb n="57" />
        59

schon  längst  hätte  finden  können.  Aber  wo  sind  sie  ausgesprochen?
Man  hat  immer  einen  objektiven  Ausdruck  „des  Güterwertes"
finden  zu  können  geglaubt.  Auch  die  bisherigen  sogenannten  subjektiven ­
  Wertlehren  sind  daher,  wie  ich  schon  vor  zehn  Jahren  in
meiner  Schrift:  „Ertrag  und  Einkommen  auf  der  Grundlage
einer  rein  subjektiven  Wertlehre",  ausführte,  nicht  rein  subjektiv.
Man  erkennt  die  Funktion  des  Geldes  vielmehr  nur  richtig,
wenn  man  es  mit  den  psychischen  Vorgängen  innerhalb  der  Einzelwirtschaft ­
  in  Verbindung  bringt.  Es  ist  dann  in  erster  Linie  Kosteneinheit, ­
  d.  h.  bei  allen  Konsumwirtschasten  und  bei  denjenigen
Erwerbswirtschaften,  die  nicht  von  ihrer  Arbeitsmühe  als  Kosten
ausgehen,  Grundlage  der  Veranschlagung  aller  Kosten  und  damit
an  diesen  Grundbegriff  aller  richtigen  Wirtschaststheorie  angeknüpft. ­
  Es  ist  weiter  bei  den  Erwerbswirtschasten  auch  Substitut
ihrer  Nutzenschätzungen:  darin  besteht  gerade  die  innerwirtschaftliche ­
  Funktion  des  Geldes,  daß  es  die  Trennung  der  Erwerbswirtschast
  voll  der  Konsumwirtschaft  ermöglicht,  indem  sich  die  erstere
auf  eine  Vergleichung  von  Nutzen  und  Kosten  in  Geld  beschränkt.
So  kann  man  sagen,  Geld  ist  Nutzen-  und  Kostenvergleichsmittel, ­
  Generalnenner  der  Nutzen-  und  Kostenvergleichung,  wobei ­
  der  schon  früher  gelegentlich  gebrauchte  Ausdruck  Generalnenner ­
  natürlich  erst  durch  Bezugnahme  auf  das  Nutzen-  und
Kostenvergleichen  einen  Sinn  bekommt,  welche  Auffassung  der
Wirtschaft  der  früheren  Theorie  fehlte.  Niemals  aber  wird  das
Geld  individuelle  Wertschätzungen,  Nutzen-  und  Kostenvergleichungen
ausdrücken!
Erträge,  Eiirkommen  und  Preise  find  daher  in  der  Wirtschaftstheorie, ­
  welche  die  Vorgänge  des  Tauschverkehrs  zu  erklären ­
  hat,  nie  als  Gütermengen  aufzufassen,  wie  nach  der  bisherigen ­
  materialistischen  Theorie,  sondern  nur  als  Gelderscheinungen. ­
  Der  enge  Zusammenhang  aller  dieser  Begriffe  ist  kurz
gesagt  der,  daß  durch  die  Erträge  und  Eiirkommen  die  Geldvorgänge ­
  sich  an  die  Bedürfnisse  und  die  Kalkulationerr  der  einzelnen
Wirtschafter  darüber  anknüpfen.  Durch  sie  kommt  unter  Anknüpfung
an  frühere  Preise  die  Nachfrage  in  Geldausdrücken  zustande.  Ein
gewisses  Minimum  an  Ertrag  rurd  Einkommen,  das  ich  tauschwirtschaftlichen ­
  Greirzertrag  nenne  und  das  gerrügerr  muß,  angesichts
  der  bisherigen  Preise  die  Güter  in  einem  der  bisherigen
Kulturstufe  entsprechenden  Amfange  zu  kaufen,  ist  daher  die  Grund-
        <pb n="58" />
        läge  der  Preisbildung,  die  bei  der  Bildung  des  Preises  gegebene
Größe,  die  das  Angebot,  d.  h.  die  Verteilung  der  Kapitalien  und
Arbeitskräfte  auf  die  verschiedenen  Erwerbszweige  und  damit  auch
den  Amfang  der  Befriedigung  der  Nachfrage  bestimmt.  Lille
Preise  der  Genußgüter  werden  im  Gelde  als  Kosten  individualwirtschaftlich ­
  kalkuliert,  und  zwar  die  der  Genußgüter  als  Einkommensquoten ­
  der  Konßnnwirtschaften,  die  der  Güter  entfernterer
Ordnung,  aber  nur  im  Einblick  auf  die  erwarteten  Preise  jener,
als  Kosten  oder  Bruttonuhen  der  Erwerbswirtschaften.
Auf  Grund  dieser  Erkenntnis  erhebt  sich  aber  die  Frage:  Ist
es  wirklich  das  „Geld"  in  dem  Sinne,  in  dem  man  den  Begriff  in
der  Wirtschaftstheorie  bisher  allein  verwendete,  die  Menge  der
realen  Zahlungsmittel,  welches  jene  Funktionen  im  Tauschverkehr ­
  hat?  Nein,  es  sind  in  Wahrheit  die  Einkommen  und
Einkommenteile.  Nicht  das  Geld,  so  kann  man  sagen,  in  dem
üblichen  Sinne  kauft  die  Güter,  sondern  die  Einkommen  kaufen
sie.  Die  meisten  Einkommen  aber  sind  gar  kein  „Geld"  im  realen
Sinne,  sondern  sind  bloße  Forderungsrechte  in  der  abstrakten ­
  Rechnungseinheit  Mark.  And  bei  genauerer  Betrachtung ­
  erkennt  man,  daß  dieser  abstrakte  Geldbegriff  im  wirtschaftlichen ­
  Leben  eine  viel  größere  Rolle  spielt  als  der  von  der
Wissenschaft  allein  beachtete  reale.  In  der  unendlichen  Mehrzahl
der  Fälle,  wenn  man  vom  Geld  spricht,  denkt  man  nicht  an  Münzen
oder  Banknoten,  die  realen,  vom  Staate  ausgegebenen  oder  von
ihm  autorisierten  Zahlungsmittel,  sondern  man  denkt  an  rein
rechnungsmäßig  veranschlagte  Summen,  die  von  den  Konsumwirtschaften ­
  als  Quoten  ihres  Einkommens  bewertet  werden  nach  dein,
was  sich  jeder  an  individueller  Bedarfsversorgung  dafür  beschaffen
kann,  also  als  Kosten.
So  kommen  wir  zu  unserer  Definition  des  Geldes  in
dem  am  häufigsten  gebrauchten  abstrakten  Sinne:  Geld
ist  die  aus  der  Einbürgerung  allgemeiner  Tauschmittel
sich  entwickelnde  allgemeine  abstrakte  Rechnungseinheit, ­
  in  der  alle  Konsumwirtschaften  ihre  Kosten  und
die  Erwerbswirtschaften  auch  ihre  Erträge  (Nutzen)
zu  veranschlagen  pflegen.
Die  Entstehung  dieser  abstrakten  Rechnungseinheit  ist  allerdings ­
  auf  die  Benutzung  realer  Tauschmittel  zurückzuführen.
Tauich  mittel  entstehen  aus  dem  Austausch  besonders  beliebter
60
        <pb n="59" />
        61

Gebrauchsgüter,  und  sie  werden  allgemeines  Tauschmittel,  wenn
sie  vertretbar  sind.  Solche  vertretbare,  allgemein  benutzte  Tauschmittel
  kann  man  schon  Geld  nennen.  Die  Eigenschaft  der  Vertretbarkeit ­
  besitzen  die  Metalle  vermöge  ihrer  Teilbarkeit  und
Gleichartigkeit  in  reinem  Zustande  schon,  solange  sie  nur  zu  gewogen ­
  werden,  was  ohne  jede  staatliche  Regelung  möglich  ist  und
sich  jedenfalls  auch  so  entwickelt  hat.  Schon  in  diesem  Zustande
bilden  sich  in  dem  allgemeinen  Tauschmittel  Preise,  d.  h.  hier
den  Wirtschaftssubjekten  mehr  oder  weniger  genau  bekannte  Gewichtsmengen ­
  des  Tauschmittels,  die  sie  für  dieses  oder  jenes
Gut  hingeben  uüisien.  Mit  diesen  Preisen  wird  nun  von  den  Wirtschaftern ­
  bei  ihren  wirtschaftlichen  Erwägungen  gerechnet,  und
so  entwickelt  sich  schon  in  diesem  Stadium  des  Geldwesens  die  allgemeine ­
  abstrakte  Rechnungseinheit,  die  also  älter  ist  als  die  Schaffung ­
  der  Münze  seitens  des  Staates.  Sie  beruht  auf  dem  Rechnen
mit  Geldeinheiten,  selbst  wenn  solche  faktisch  nicht  gezahlt  werden,
also  auch  in  den  unendlich  viel  häufigeren  Fällen,  in  denen  Amsätze
schließlich  nicht  zustande  kommen.  Daher  ist  Knapps  „Staatliche
Theorie  des  Geldes"  auch  ganz  unhistorisch,  und  sie  beruht  außerdem ­
  auf  der  üblichen  Verwechslung  bzw.  mangelnden  Anterscheidung
  von  Geld  im  realen  und  im  abstrakten  Sinne.  Denn  nur
das  Geld  im  realen  Sinne  ist  ein  „Geschöpf  der  Rechtsordnung",
die  „nominale  Werteinheit"  aber,  von  der  sich  Knapp  mit  der
gelegentlichen  Behauptung  begnügt,  daß  sie  „historisch  definiert"
sei,  weil  er  sie  nicht  erklären  konnte,  ist  nicht  vom  Staate  geschaffen.
Äbrigens  ist  auch  diese  „nominale  Werteinheit"  noch  ein  höchst
unklarer  Ausdruck,  weil  auch  Knapp  natürlich  nicht  von  der  bisherigen ­
  Auffassung  loskam,  daß  die  Geldsummen,  die  Preise,
Werte  ausdrücken.  Erst  durch  die  psychische  Wirtschaftstheorie
wird  das  Wesen  des  Geldes  klar,  durch  Erfassung  seiner  innerwirtschaftlichen ­
  Funktion  als  Nutzen-  und  Kostenvergleichsmittel.
Soviel  auch  über  das  Geld  geschrieben  worden  ist,  diese  Funktion,
aus  der  heraus  alles  zu  erklären  ist,  ist  infolge  der  materialistischen
Auffassung  der  Wirtschaft  niemals  erkannt  worden.
Ansere  obige  Definition  enthält  den  Begriff  des  Geldes  im
allgemeinsten  Sinne  des  gewöhnlichen  Sprachgebrauchs,  der  alle
Erscheinungsformen  des  Geldes  umfaßt  in  dem  Sinne,  in  dem
man  auch  z.  B.  von  Kapital  und  Vermögen  als  „Geld"  spricht.
Man  erkennt  nun,  daß  in  jener  Definition  die  Bezeichnung  als
        <pb n="60" />
        allgemeines  Tauschmittel  zurücktritt.  An  ihr  als  der  ursprünglichen
  und  grundlegenden  Funktion  des  Geldes  kann  aber  die
ökonomische  Theorie  auch  in  ihrer  Begriffsbestimmung  nicht
ganz  vorbeigehen.  Die  systematische  Theorie  gebraucht  den  Ausdruck ­
  auch  für  das  oft  ganz  abstrakte,  oft  aber  auch  konkrete
Mittel,  mit  dessen  Lilfe  die  Aussähe  im  Tauschverkehr,  nicht  nur
von  Sachgütern  sich  vollziehen,  auch  wenn  sie  nur  verrechnet  werden.
Der  Begriff  der  abstrakten  Rechnungseinheit  drückt  dagegen  an
sich  noch  keine  Beziehung  zu  Amsähen  aus,  er  liegt  auch  der  rein
initerwirtschaftlichen  Kapital-  oder  Vermögensveranschlagung  zugrunde. ­
  So  kommen  wir  zu  einer  engeren  Definition  des  Geldes,
welche  es  natürlich  auch  nicht  sachlich  bestimmt,  aber  es  irr  seiner
Funktion  als  Tauschmittel  von  sonstigen  Funktionen  der  Geldrechnung, ­
  Kosten,  Kapital,  Vermögen,  Ertragswert,  unterscheidet.
Geld  ist  die  ebenfalls  Geld  genannte  abstrakte  Rechnungseinheit
  in  ihrer  Benutzung  als  allgemeines  Tauschmittel, ­
  in  welcher  Form  sie  sich  auch  in  realen  Zahlungsmitteln
verkörpern  kann.
Anter  realen  Zahlungsmitteln  verstehen  wir  also  die
vom  Staate  geschaffenen  oder  von  ihm  autorisierten  Tauschmittel, ­
  welche  die  bisherige  Theorie,  auch  diejenige  Knapps,  allein
als  Geld  bezeichnete,  Münzen,  Banknoten  und  das  eigentliche
Papiergeld.  Man  hat  nun  hier,  wie  in  manchen  anderen  Fällen,
meine  Theorie  durch  Wortveränderungen  zu  verbessern  gesucht,
indem  man  statt  reale  Zahlungsmittel  den  Ausdruck  Geldzeichen
vorgeschlagen  hat.  Auch  er  ist  natürlich  anwendbar,  wo  ein  Zweifel
über  das,  was  gemeint  ist,  nicht  möglich  ist.  Aber  besser  ist  er  nicht.
Vielmehr  ist  im  Sinne  der  abstrakten  Rechnungseinheit  eine  Aktie
auch  ein  Geldzeichen,  auch  sie  verkörpert  Geld  im  allgemeinsten
Sinne  der  abstrakten  Rechnungseinheit.  Der  Ausdruck  reale
Zahlungsmittel  aber  betont  im  Gegensatz  dazu  die  Amsahfunktion
  der  allgemeinen  Rechnungseinheit,  die  sich  in  sachlichen
Tauschmitteln  verkörpern  kann,  aus  deren  Schaffung  der  Staat
den  größten  Einfluß  hat.  Diese  Objekte  sind  es,  die  die  bisherige
Geldtheorie,  metallistische  und  chartalistische,  immer  allein  als  Geld
bezeichnete.
Am  aber  den  ganzen  tauschwirtschaftlichen  Mechanismus  und
das  Funktionieren  des  Geldes  darin  zu  erkennen,  darf  man  es
niemals  nur  sachlich,  durch  Aufzählung  irgendwelcher  Objekte,
62
        <pb n="61" />
        63

welche  Geld  oder  nicht  Geld  sein  sollen,  definieren,  sondern  immer
find  es  die  Einkommen,  welche  die  Güter  kaufen,  wobei  es  ganz
gleichgültig  ist,  ob  sie  sich  jemals  in  realen  Zahlungsmitteln  verkörpern. ­
  Zwar  erfolgen  Güterumsätze  nicht  nur  aus  dem  Einkommen, ­
  sondern  zwischen  den  Erwerbswirtschaften  werden  Güter
gegen  Geld  in  noch  viel  größerem  Amfange  auch  mit  dem  Kapital
und  dem  Vermögen,  den  beiden  anderen  Geldausdrücken,  umgesetzt. ­
  Aber  hier  spielen  die  realen  Zahlungsmittel  eine  noch  viel
geringere  Rolle,  und  •  jene  Amsätze  erfolgen  doch  nur  im  Hinblick
auf  Preise  und  Erträge,  die  aus  der  Bedarfsversorgung  erzielt
werden  können,  also  aus  dem  Einkommen  bezahlt  werden.  And
das  ist  ja  auch  ganz  selbstverständlich,  denn  letzten  Endes  werden
nur  auf  Bedarfsbefriedigung  Kosten  aufgewendet.
Daher  können  auch  die  Begriffe  Wert  und  Kaufkraft  des
Geldes,  die  soviel  Anheil  in  der  ökonomischen  Theorie  angerichtet
haben  und  noch  heute  anrichten,  immer  nur  subjektiv,  in  bezug
auf  einen  einzelnen  Wirtschafter  angewendet  werden.  Einen
allgemeinen  Geldwert  gibt  es  nicht,  die  Geldausdrücke,  die  Preise
werden  von  jeder  Konsumwirtschaft  verschieden  geschätzt,  als  Kosten,
und  zwar  nach  ihrer  „Menge",  aber  abstrakt  aufgefaßt,  d.  h.  nach
ihrem  Einkommen.  Das  gilt  auch  gegenüber  Preisveränderungen.
Wenn  viele  Preise  gestiegen  sind  —  denn  fast  niemals  steigen
alle  Preise,  und  fie  steigen  vor  allem  nie  gleichmäßig  —hat  es
daher  keinen  Sinn,  zu  sagen,  der  Wert  oder  die  Kaufkraft  des
Geldes  sei  gesunken.  Das  ist  nur  ein  oberfiächliches  Durchschnittsurieil, ­
  abgeleitet  aus  einer  Anzahl  Preise,  mit  dem  man  aber
nichts  erklären  kann.  Man  kann  den  Preis  wohl  als  einen  objektiven ­
  Geldausdruck  bezeichnen  (wenn  man  ihn  nur  nicht  quantitativ ­
  -nra  ter  ia  li  stisch  als  eine  Geldmenge  auffaßt),  aber  er  ist  nie
ein  objektiver  Ausdruck  der  Kaufkraft  des  Geldes.  Eine  solche
gibt  es  nicht,  weil  nicht  die  Güter  und  die  Geldsummen  sich  gegen-  '
seitig  umsetzen,  sondern  weil  man  bei  der  Erklärung  der  tauschwirtschaftlichen
  Vorgänge  von  den  wirtschaftlichen  Erwägungen
der  einzelneit  Menschen  niemals  abstrahieren  kann.
        <pb n="62" />
        *

Viertes  Kapitel
Die  Theorie  der  Geldvermehrung
^^iese  kurze  Darstellung  der  Grundlagen  unseres  theoretischen
Systems  gibt  uns  nun  die  Möglichkeit,  alle  die  zahlreichen  Probleme ­
  des  Geldwesens  viel  tiefer  zu  erfassen,  welche  wir  im  Titel
dieser  Schrift  als  Erscheinungen  der  Geldvermehrung  zusammengefaßt ­
  haben  und  die  heute  von  so  gewaltiger  praktischer  Bedeutung ­
  sind.  Im  Vordergrund  steht  dabei  die  Frage  der  Inflation, ­
  des  Einflusses  der  Geldvermehrung  auf  die  Preise,
an  zweiter  Stelle  kommen  dann  die  Fragen  des  Rückgangs
unserer  Valuta  im  Auslande  und  weiterhin  die  Frage  der
Möglichkeiten,  aus  den  heutigen  Zuständen  wieder  herauszukommen
und  nicht  unbedingt  wieder  zu  den  Zuständen  vor  dem  Kriege,
sondern  zu  derjenigen  Ordnung  unseres  Geldwesens  zu  gelangen,
die  auf  Grund  der  vorgeschrittenen  Erkenntnis  desselben  für  uns
als  die  zweckmäßigste  erscheint.
Darüber,  daß  die  Fragen  der  Inflation  nicht  ohne  Bezugnahme
auf  die  Preistheorie  zu  untersuchen  und  daß  Erörterungen,  die  sie
unterlassen  oder  gar  bewußt  ablehnen,  wissenschaftlich  wertlos  sind,
ist  kein  Wort  zu  verlieren.  And  zwar  seht  die  Erörterung  des  Instationsproblenrs
  die  Kenntnis  dessen  voraus,  wodurch  überhaupt
Preisveränderungen  herbeigeführt  werden.  Die  Einwirkung ­
  der  Geldvermehrung  auf  die  Preise  ist  also  nur  ein  Teil
der  allgemeinen  Lehre  von  den  Preisveränderungen.  Daß
die  bisherige  Theorie  sich  mit  diesem  Problem,  das  doch  eines  der
wichtigsten  zur  Erklärung  des  tauschwirtschaftlichen  Mechanismus
ist,  noch  so  gut  wie  gar  nicht  beschäftigt  hat,  zeigt  ein  Blick  in  die
Lehrbücher.  Das  ist  aber  kein  Wunder,  wo  noch  neueftens  die  angesehensten ­
  Theoretiker  wie  Böhm-Bawerk,  Wieser,  Philippo-64
        <pb n="63" />
        vich,  Die  hl,  einen  Zusammenhang  der  Preise  nur  bei  produktionsverwandten
  Gütern  kennen,  d.  h.  bei  solchen,  die  aus  denselben  Rohstoffen ­
  hergestellt  sind!  Das  ist  aber  wieder  nur  die  notwendige
Folge  der  ganzen  bisherigen  Wirtschaftstheorie,  welche  hinter  dem
„Geldschleier"  nur  die  technischen  Vorgänge  der  Produktion  sieht
und  sie  für  Wirtschaft  hält.
Die  bisherige  Wissenschaft  beschränkte  sich  im  wesentlichen  auf
Erörterung  des  Einsiuffes  der  Vermehrung  des  Papiergeldes
auf  die  Preise,  natürlich  streng  materialistisch  aufgefaßt,  eines  der
ältesten,  weil  praktisch  bedeutsamsten  Problerne  unserer  Wissenschaft. ­
  Euer  herrscht  im  wesentlichen  die  Quantitätstheorie,
die  in  mehr  oder  weniger  scharfer  Formulierung  eine  Steigerung
der  Preise  proportional  mit  der  Vermehrung  der  Geldmenge,
d.  h.  der  realer:  Zahlungsmittel,  behauptete,  aber  den  Zusammenhang
  nicht  wissenschaftlich  erklären  konnte.  Auch  die  Teuerung  vor
dem  Weltkriege  wurde  in  der  Hauptsache  der  Vernrehrung  der
Goldproduktion  zugeschrieben.  Wir  haben  davon  schon  kurz  gesprochen. ­
  Wir  fassen  das  Problem  viel  allgemeiner,  rmd  ich  bin
zu  meirrerr  Ergebnissen  dadurch  gelangt,  daß  ich  ganz  allgenrein  die
Ursachen  von  Preisverärrderungen  theoretisch  untersuchte.
Es  kam:  nun  rricht  unsere  Aufgabe  sein,  die  ganze  Lehre  von
der:  Preisveränderungen  hier  zu  entwickeln;  ich  muß  dafür  auf  den
irr  Vorbereitung  befindlichen  zweiten  Band  meiner  „Grundsätze"
verweisen.  Doch  sei  über  das  allgemeine  Problem  folgendes  getagt: ­
  Preisveränderungen  können  von  sehr  verschiedenen  Ursachen
herbeigeführt  werden.  Daher  ist  ihre  Untersuchung  noch  immer
weiter  zu  verfeinern,  indeur  man  immer  mehr  nur  gelegentlich  oder
nur  sekundär  wirkende  Ursachen  heranzieht.  Man  kann  ferner  ganz
allgemein  Ursachen,  die  von  der  Rachsrageseite,  solche  die  von
der  Angebotsseite  und  solche,  die  von  der  Geldseite  aus  einwirken, ­
  unterscheiden.  Doch  gehen  sie  vielfach  ineinander  über,
solche  von  der  Angebots-  und  Nachfrageseite  z.  B.,  indem  das
Aufkommen  neuer  Güter  gleichzeitig  zu  neuen  Bedürfnissen  führt,
als  auch  solche  durch  das  Angebot,  die  Reklame  angeregt  werden.
Bei  der  Untersuchung  der  Preisveränderungen  von  der  Angebots- ­
  und  der  Nachfrageseite  her  sind  zunächst  die  verschiedenen
Tauschkonstellationen,  Konkurrenz  und  Monopol  und  ihre
Zwischenstufen  zu  unterscheiden.  Ob  der  Monopolist  Kostenerhöhungen ­
  im  Preise,  den  er  einseitig  festsetzen  kann,  wirklich  zum
Liesman»,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  5  HZ
        <pb n="64" />
        Ausdruck  bringen  wird,  hängt  von  seinem  Ertrage  ab:  der  Absah
kann  unter  Amständen  so  nachlassen,  daß  es  sich  fiir  ihn  nicht  lohnt,
eine  entsprechende  Preiserhöhung  vorzunehmen.  Bei  freier  Konkurrenz ­
  werden  Kostenerhöhungen  in  der  Regel  im  Preise  voll
zum  Ausdruck  kommen,  weil  der  Preis  hier  Grenzkosten  plus  tauschwirtschaftlicher ­
  Grenzertrag  ist,  also  ohne  Kostenverbilligungen  nicht
weiter  sinken  kann.  Bei  Kostenermäßigungen  kommt  viel  darauf  an,
ob  sie  bei  allen  oder  nur  bei  einzelnen  Anbietern  eingetreten  sind.
Was  die  Preisveränderungen  von  der  Nachfrageseite  her
betrifft,  so  ist  ein  besonderer  Fall  der  des  Anwachsens  der  Bevölkerung. ­
  Es  steigert  die  Nachfrage,  aber  unter  Umständen
auch  das  Angebot,  von  Arbeitskräften  usw.  Im  ganzen  aber  ist
die  Bevölkerungsvermehrung  zweifellos  ein  preissteigerndes  Moment, ­
  besonders  auch  in  den  großen  Städten,  wo  die  Versorgung
einer  wachsenden  Bevölkerung  regelmäßig  nur  mit  wachsenden
Kosten  möglich  ist.
Das  Aufkommen  neuer  Bedürfnisse  führt  auch  meist
zu  Preis-  und  Einkommensteigerungen.  Bei  Bedarfsverschiebungen, ­
  z.  B.  unter  dem  Einfluß  der  Mode,  werden  auch  die
gestiegenen  Einkommen  meist  die  gesunkenen  übertreffen,  die  Einwirkungen ­
  auf  die  Preisbildung  im  allgemeinen  sind  aber  hier
weniger  bedeutend.
Bei  den  Preisveränderungen  von  der  Angebotsseite  aus
kommen  zunächst  Kostenerhöhungen  in  Betracht.  Äier  übt
vor  allem  das  übrigens  rein  technische  Gesetz  des  abnehmenden ­
  Bodenertrags  preissteigernde  Wirkungen  aus,  nicht  nur  in
der  landwirtschaftlichen  Produktion,  sondern  auch  beim  Boden  als
Grundlage  der  Wohnung.  Die  hohen  Boden-  und  Käuserpreise
in  großen  Städten  sind  aber  natürlich  die  Folge,  nicht  die  Arsache
hoher  Mietpreise.  Es  sind  relative  Monopol-,  Differentialgewinne.

Bei  den  Kostenverbilligungen  ist  der  Lauptfall  der  des
technischen  Fortschritts  im  weitesten  Sinne,  auch  z.  B.  alle
kommerziellen  Verbesserungen  u.  dgl.  mit  in  Betracht  gezogen.
Gegen  die  Behauptung  Spanns,  daß  durch  die  so  für  manche
Güter  erzielten  Kostenverbilligungen  sich  die  Preise  aller  anderen
gesteigert  hätten  und  daß  daraus  die  Teuerung  vor  dem  Weltkriege
zu  erklären  sei,  sprechen  folgende  Gründe,  die  bewirken,  daß  von
einer  allgemeinen  Wirksamkeit  dieser  Erscheinung  keine  Rede
66
        <pb n="65" />
        67

sein  kann:  1.  Die  durch  Verbilligung  gewisser  Güter  ersparten  Einkommensteile
  verteilen  sich  auf  die  ungeheure  Zahl  aller  anderen
Güter,  wodurch  sie  in  den  Preisen  nicht  merkbar  hervortreten.
2.  Eine  Verbilligung  wird  fast  regelmäßig  den  Absah  steigern,  so  daß
nicht  die  gesantten  Ersparnisse  der  Abnehmer  der  Nachfrage  nach
anderen  Gütern  zugute  kommen.  3.  Das  Auskommen  immer  neuer
Bedürfnisse  kompensiert  einen  großen  Teil  der  durch  Verbilligung
mancher  Güter  ersparten  Einkommen.  4.  Kostenverbilligungen
kommen  in  der  Regel  nicht  gleich  dem  ganzen  Gewerbe  zugute,
sondern  bewirken  vor  allein  Einkommensteigerungen  einzelner
Produzenten  und  wirken  dadurch  preissteigernd.  5.  Ein  großer
Teil  solcher  Einkommensteigerungen,  aber  auch  der  Einkommenersparungen ­
  wird  auch  zur  Kapitalbildung  verwendet.
Diese  Bemerkungen  über  die  Arsachen  von  Preisveränderungen
von  der  Angebots-  und  der  Nachfrageseite  her  mögen  hier  genügen.
Mit  den  Einflüssen  von  der  Geldseite  her  müssen  wir  uns  eingehender ­
  beschäftigen.  Wegen  ihrer  ungeheuren  praktischen  Bedeutung ­
  ist  dies  eine  der  wichtigsten  Fragen  der  Geldlehre  und  der
ganzen  Wirtschaftstheorie.  Allerdings  war  sie  wegen  der  stabilen
Geldverhältnisse  der  meisten  Staaten  vor  dem  Weltkriege,  die  sich
diese  zur  Freude  der  Goldproduktionsländer  auch  genug  haben
kosten  lassen,  nicht  sehr  aktuell,  weil  man  mangels  theoretischer
Klarheit  über  das  Geldwesen  und  einseitig  historisch  gerichteter
Interessen  die  Goldwährung  als  ein  Ideal  ansah.  Inzwischen  ist
diese  Frage  aber  durch  die  Amwälzungen  des  Weltkrieges  wieder
zu  größter  Bedeutung  gelangt.  Doch  zeigt  die  Art,  wie  sie  behandelt
wird,  deutlich  den  unvollkommenen  Charakter,  das  völlige  Verlagen ­
  der  bisherigen  Wirtschaftstheorie.  Entsprechend  der  ganzen
materialistischen  Wirtschaftsauffassung  und  der  mit  ihr  zusammenhängenden ­
  ausschließlichen  Betrachtung  der  realen  Zahlungsmittel ­
  hat  man  immer  nur  die  Erscheinung  der  Geld  Vermehrung ­
  im  engeren  Sinne,  der  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel ­
  betrachtet.  Es  ergibt  sich  aber  aus  unserer  Auffassung  des
Geldes  als  abstrakter  Rechnungseinheit,  daß  sich  das  Problem
darauf  nicht  beschränkt.  Wenn  die  Einkommen  und  nicht  die
realen  Geldmengen  die  Güter  kaufen,  müssen  Einkommens-Veränderungen
  auch  unabhängig  von  diesen  einen  Einfluß ­
  auf  die  Preisgestaltung  ausüben.  Wir  werden
gleich  davon  sprechen.
        <pb n="66" />
        Aber  selbst  die  Einwirkung  einer  Vermehrung  der  realen
Geldmenge  auf  die  Preise  ist  noch  sehr  unvollkommen  untersucht,
infolge  des  Mangels  jeder  wirklichen  Preistheorie.  So  hat  man
sich  niemals  die  Frage  vorgelegt,  wodurch,  auf  welchem
Wege  und  in  welcher  Weise  denn  eine  Vermehrung  der  Geldmenge ­
  zu  Preissteigerungen  führt.  Regelmäßig  stellt  man  es  sieb
so  vor,  als  ob  eine  Vermehrung  der  Geldmenge  mechanisch  und
automatisch  alsbald  eine  Erhöhung  der  Preise  herbeiführte.
Man  hat  empirisch  festgestellt,  daß  eine  starke  Papiergeldvermehrung ­
  immer  zu  sehr  ungünstigen  wirtschaftlichen  Zuständen,  namentlich ­
  zu  starken  Preissteigerungen  führte,  hat  demgegenüber  rein
empirisch  die  Verknüpfung  der  Zahlungsmittel  an  ein  nur  beschränkt
vermehrbares  Edelmetall  als  Schutzmittel  gegen  die  schädliche  Geldvermehrung
  erkannt  und  hat  ebenso  rein  empirisch  die  bekannten
Deckungsvorschriften  für  die  papiernen  Zahlungsmittel  getroffen. ­
  Den  tauschwirtschaftlichen  Prozeß  aber,  durch  den  eine
Geldvermehrung  zu  Preissteigerungen  führt,  hat  man  sich  mangels
einer  richtigen  Wirtschaftstheorie  niemals  klar  gemacht.  Die
Quantitätstheorie,  von  der  wir  ja  schoir  gesprochen  haben,  wurde
als  ein  Naturgesetz  betrachtet.  Wie  bei  zwei  konmmnizierenden
Röhren  das  Wasser  in  der  einen  steigt,  wenn  es  in  der  anderen
vermehrt  wird,  einen  solchen  natürlich-mechanischen  Prozeß  nahn,
man  auch  bei  der  Geldvermehrung  und  der  dadurch  herbeigeführten
Preissteigerung  all.  Man  hielt  es  für  ganz  unnötig,  noch  näher
die  tauschwirtschaftlicherr  Vorgänge  zu  untersuchen,  durch  die  das
herbeigeführt  wird.  Das  ist  die  Folge  der  mechanisch  quantitativen
Auffassung  der  wirtschaftlichen  Vorgänge,  die  die  Betrachtung  der
Veränderungen  in  den  Güterquantitäten  als  Aufgabe  der  Volkswirtschaftslehre ­
  ansieht.  Mail  muß  nur  die  lleueste  Verfeinerung
der  Quantitätstheorie  in  dem  Buche  Irving  Fishers  betrachten,
der  sich  rühmt,  in  Europa  und  in  Amerika  gleichgroße  Zustimmung
erfahren  zu  haben,  um  zu  erkennen,  was  noch  im  zwanzigsten  Jahrhundert ­
  an  völlig  in  die  Irre  gehender  ökonomischer  Theorie  möglich ­
  war.
Die  Quantitätstheorie  ist  in  der  allgemeinen  Fassung,  daß,
wenn  die  Geldmenge  vermehrt  wird,  die  Preise  steigen,  zwar  nicht
gerade  falsch,  aber  sie  ist  gar  keine  Theorie,  sie  erklärt  nichts.
In  Wahrheit  gilt  sie  nur  innerhalb  der  einzelnen  Konsumwirtschaft ­
  und  besagt  dann  nichts  weiter,  als  daß,  je  mehr  „Geld",
68
        <pb n="67" />
        69

d.  h.  Einkommen,  man  zur  Verfügung  hat,  man  um  so  mehr  auf
die  Befriedigung  jedes  einzelnen  Bedürfnisses  verwenden  kann.
Eine  Theorie  ist  diese  Beobachtung  aber  ebensowenig  wie  jerie.
Von  einer  Proportionalität  kann  dabei  schon  um  deswillen  keine
Rede  sein,  weil  die  Bedürfnisse  niemals  und  unter  keinen  Amständen ­
  meßbar  und  äußerlich  ausdrückbar  sind.  Für  den  ganzen
Tauschverkehr  und  die  dabei  verwendete  Geldmenge,  für  die  ja
die  Quantitätstheorie  gelten  soll,  ist  zu  sagen,  daß  überhaupt  nicht
diese  Geldmenge,  auch  wenn  man  sie  nach  Fisher  mit  dem  großen  A,
dein  ganz  unfaßbaren  Begriss  der  Amlaussgeschwindigkeit  des
Geldes,  multipliziert,  die  Güter  kauft,  sondern  die  Einkommen,
die  aber  nicht  reale  Geldmengen,  sondern  in  der  abstrakten  Rechnungseinheil ­
  Mark  nur  veranschlagte  und  individuell  geschätzte
Größen  sind.
Ebensowenig  ist  etwas  damit  gewonnen,  wenn  einer  der  fortgeschrittensten ­
  Geldtheoretiker,  Otto  Äeyn,  dem  zur  Begründung
seiner  zum  Teil  sehr  richtigen  Einsichten  in  das  Geldwesen  —  er
ist  lange  vor  Knapp  einer  der  ersten  Nominalisten  gewesen  —  nur
eine  richtige  allgenreine  Wirtschaftstheorie  und  die  Erkenntnis  der
Zusammenhänge  der  Preisbildung  fehlt,  den  Einfluß  der  Geldvermehrung ­
  auf  die  Preise  nur  mit  einem  abnehmenden  Vertrauert ­
  der  Bevölkerung  zrr  denr  staatlichen  Gelde  erklärt.  Der
Staat  verkaufe  gewissernraßen  sein  Geld,  und  je  mehr  er  davon
herstelle,  um  so  weniger  werde  es  geschätzt,  um  so  mehr  müsse  zunächst ­
  er  selbst  bei  seinen  Einkäuferr  davon  geben,  um  so  mehr  aber
auch  später  alle  anderen,  die  es  erhalten.  Auch  hier  sehen  wir,
jogar  bei  einenr  der  ältesten  Nominalisten,  die  übliche  Aberschähung
der  realen  Zahlungsmittel  und,  wegen  des  Mangels  einer
Preis-  und  Eirrkommenslehre,  die  völlige  Verkennung  der  Tatsache, ­
  daß  die  log.  Kaufkraft  des  Geldes  nur  individualwirtschaftlich ­
  zu  betrachten  ist  und  daß  sie  von  den  Einkommen  abhängt.
Daß  man  sich  über  den  Zusammenhang  von  Geldvermehrung
ruld  Preisveränderungen  noch  immer  im  unklaren  befindet,  liegt
auch  hier  daran,  daß  man  bei  diesem  Problem  nicht  auf  die  Einzelwirtschaft ­
  und  ihre  Erwägungen  zurückgeht,  sondern  bei  der  hergebrachten ­
  „volkswirtschaftlichen  Betrachtungsweise"  verharrt,  die
Güter-  und  Geldmenge  in  der  ganzen  Volkswirtschaft  einander
gegenüberstellt.  Ohne  eine  psychische  Wirtschaftstheorie  ist  aber
auch  hier  eine  Erkenntnis  wirtschaftlicher  Kausalzusammenhänge
        <pb n="68" />
        nicht  möglich.  Bisher  pflegte  man  immer  von  der  „Kaufkraft  des
Geldes"  als  einer  allgemeinen  Erscheinung  zu  sprechen,  welcher  Ausdruck, ­
  weil  er  immer  absolut  und  nie  rein  subjektiv  genommen  wird,
gerade  so  gefährlich  und  irreführend  ist  wie  der  Wertbegriff.  Gewiß ­
  liegt  es  außerordentlich  nahe,  wenn  man  sieht,  daß  viele  oder
gar  alle  Waren  im  Preise  gestiegen  sind  —  letzteres  wird  aber  nur
in  seltenen  Fällen  vorkommen  —,  zu  sagen,  die  Kaufkraft  des
Geldes  sei  gesunken.  Dieser  Sah  aber  besagt  und  erklärt  nichts.
Cs  ist  durchaus  falsch,  daß  die  Preise  ein  objektiver  Ausdruck  der
Kaufkraft  des  Geldes  seien.  Denn  selbst  wenn  bei  einer  starken
Geldvermehrung  alle  Preise  steigen,  so  steigen  sie  doch  nicht
gleichmäßig.  Selbst  heute  aber  in  einem  Zustande  größter  Geldvermehrung
  sind  nicht  alle  Preise  gestiegen,  z.  B.  nicht  diejenigen  für
Wohnungs-  und  Ladenmieten,  für  Grundstücke  und  Käufer,  für
zahlreiche  Dienstleistungen,  manche  Effekten  usw.  Jener  Sah,  die
Kaufkraft  des  Geldes  sei  gestiegen  oder  gesunken,  ist  also  nur  ein
oberflächliches  Durchschnittsurteil,  hergeleitet  aus  einer  Anzahl
willkürlich  ausgesilchter  Preise.  Daher  hat  die  Feststellung  eines
durchschnittlichen  sog.  Preisniveaus  keinen  Wert  und  eine  Ausstellung ­
  von  Indexnummern,  in  der  die  Preiserhöhungen  einzelner ­
  Waren  die  Preisverminderungen  anderer  übertreffen,  woraus
dann  auf  ein  Sinken  „der  Kaufkraft  des  Geldes"  geschloffen  wird,
gibt,  wie  alle  derartige  objektive,  von  den  wirtschaftenden  Individuen ­
  abstrahierende  Betrachtungsweise,  kein  richtiges  Bild  der
Vorgänge  im  Tauschverkehr,  der  Beziehungen  zwischen  Geld,
Preisen  und  Einkommen.
Diese  erkennt  man  erst,  wenn  inan  nicht  Geldmenge  und  Preise
in  der  ganzen  Volkswirtschaft  einander  gegenüberstellt,  sondern
wenn  man  die  Beziehungen  zu  den  Einzelwirtschaften  und  ihren
Einkommen  beachtet.  Wenn  man  erkennt,  daß  nicht  das  Geld
im  bisherigen  Siime,  die  realen  Zahlungsmittel,  die  Güter  kaufen,
sondern  die  Einkommen,  dann  wird  auch  klar,  daß  Preisveränderungen ­
  nicht  ohne  Eiukommensveränderungen
möglich  sind.  Mit  jeder  Preissteigerung,  aus  welchen  Ursachen  auch
immer,  steigen  auch  irgendwelche  Einkommen;  die  häufigste  Art  von
Preissteigerungen  und  zugleich  die  häufigste  Ursache  weiterer
Preissteigerungen,  die  Steigerung  von  Arbeitslöhnen,  ist  zugleich ­
  auch  schon  eine  Einkommensteigerung.  Denn  die  Löhne  sin&amp;gt;
Preise  und  Einkommen  zugleich.  Daraus  ergibt  sich  klar,  daß  man
70
        <pb n="69" />
        71

nicht  von  „der"  Kaufkraft  des  Geldes  und  ihrer  Veränderungen
sprechen  kann,  wenigstens  nicht,  wenn  man  damit  irgendwelche
tauschwirtschaftliche  Erscheinungen  erklären  will.  Denn  nicht  das
Geld,  sondern  die  Einkommen  kaufen  die  Güter,  und  wenn  einige
Preise  steigen,  können  zwar  manche  mit  ihrem  Einkommen  weniger
kaufen,  die  „Kaufkraft"  ihres  Einkommens  ist  also  gesunken,
aber  den  gleich  gebliebenen  Preisen  gegenüber  nicht  „die"  Kaufkraft
des  Geldes.  Andere  aber  erzielen  infolge  der  Preissteigerung
höhere  Einkommen  und  bewerten  infolgedessen  die  Geldeinheit
geringer.  Doch  hat  es  keinen  Sinn,  zu  sagen,  daß  für  sie  die  Kaufkraft ­
  des  Geldes  gesunken  sei.  Mit  alledem  ist  über  die  Vorgänge
im  tauschwirtschaftlichen  Organismus  nichts  erklärt.
Statt  von  Kaufkraft  des  Geldes,  was  immer  eine  objektive
Fähigkeit  bedeutet,  die  es  im  Wirtschaftsleben  nicht  gibt,  spricht
man  besser  von  Schätzung  der  Einkommen  oder  der  ihnen  zugrunde ­
  liegenden  Rechnungseinheit,  wobei  der  subjektive  Charakter
nicht  mißverstanden  werden  kann.  Man  erkennt  aber,  daß  es  keine
Untersuchung  der  Preisveränderungen  geben  kann,  ohne  daß  man
zugleich  auch  die  Einkommensveränderungen  beachtet,  und  insbesondere ­
  die  Einwirkungen  auf  die  Preise  von  der  Geldseite  aus
find  nur  zu  erkennen  unter  Berücksichtigung  der  Einkommen.  Denn
wenn  man  die  engen  Beziehungen  zwischen  Preisen  und  Einkomme,»
erkannt  hat,  was  aber  mit  der  bisherigen  Preis-  und  Einkommenslehre ­
  ganz  unmöglich  war,  dann  wird  klar,  daß  eine  Einwirkung
auf  die  Preise  von  der  Geldseite  her  überhaupt  nur
durch  die  Einkommen  möglich  ist,  nur  dadurch,  daß  die  Geldvermehrung ­
  neue  oder  gesteigerte  Erträge,  Einkommen
bedeutet.  Dieser  Sah  ist  eines  der  auch  praktisch  wichtigsten  Ergebnisse ­
  der  klareren  Einsicht  in  die  tauschwirtschaftlichen  Zusammenhänge, ­
  wie  sie  durch  meine  Wirtschaftstheorie  vermittelt  wird.  Die
Geldvermehrung  wirkt  nicht  automatisch,  so  daß  von  selbst  und
proportional  die  Preise  steigen,  wenn  der  Staat  die  Notenpresse
in  Bewegung  seht;  das  ist  die  unsäglich  naive  mechanische  Auffassung ­
  der  bisherigen  technisch  quantitativen  Wirtschaftstheorie,
wie  sie  I.  Fisher  mit  seiner  verbesserten  Quantitätstheorie  noch
neuestens  ins  Extrem  getrieben  hat.  Sie  wirkt  auch  nicht  infolge
progressiv  sinkenden  Vertrauens  zum  Staatsgelde,  das  dieser  dann
immer  billiger  anbietet  und  das  dann  einen  immer  &amp;gt;nehr  sinkenden
Kurs  erhält;  das  ist  die  ebenso  naive  „Erklärung",  die  man  mangels
        <pb n="70" />
        einer  richtigen  Preis--  und  Einkommenslehre  versucht  hat.  Sondern
die  Geldvermehrung  wirkt  dadurch,  daß  sic  die  Einkommen  vermehrt, ­
  welche  die  Güter  kaufen.  Die  ein  vergrößertes  Einkommen
erzielt  haben,  können  mehr  kaufen,  und  durch  die  vergrößerte  Nachfrage ­
  steigen  die  Preise  der  Güter,  welche  sie  mehr  kaufen  wollen.
Es  ist  aber  weder  gesagt,  daß  die  Preise  aller  Güter  steigen,  noch
daß  sie  gleichmäßig  steigen.  Allerdings  können  Einkommenssteigerungen ­
  naturgemäß  auf  sehr  viele  Güter  zugleich  preissteigernd
einwirken.
Der  Äauptfall  der  Geldvermehrung  und  ihrer  Wirkungen
auf  die  Preise  ist  bekanntlich  die  starke  Banknoten-  oder  Papiergeldausgabe, ­
  von  der  wir  jetzt  im  Weltkriege  in  allen  kriegführenden ­
  Ländern  genug  Beispiele  erlebt  haben.  Wir  machen  dabei
zwischen  Banknoten,  die  „gedeckt"  sind,  und  ungedecktein  Papiergeld ­
  gar  keinen  Unterschied,  sprechen  abwechselnd  von  diesem  oder
jenem,  was  mir  inanche  Kritiker,  die  von  den  bisherigen  Anschauungen ­
  über  Papiergelddeckung  nicht  loskommen  konnten,  als
einen  großen  Fehler  glaubten  anrechnen  zu  können.  Wir  werden
aber  sehen,  daß  die  Art,  wie  tm  Kriege  Banknoten  „gedeckt"  zu
werden  pflegen,  bett  Einfluß  ihrer  Vermehrung  auf  die  Preise
gegenüber  dent  des  eigentlichen  Papiergeldes  nicht  int  geringsten
veräitdert.  In  beidett  Fälleit  beschafft  sich  der  Staat,  sei  es  direkt,
sei  es  unter  Betttitzuitg  der  Notenbaitk,  Geldsummen,  tvelche  er
wie  jedes  Einkommen  zmtt  Attkatif  der  verschiedensten  Güter  verwenden ­
  kann.  Dieses  Geldeinkommen  aber  —  und  das  ist  das  entscheidende ­
  —  ist  nicht  aus  Leistungen  im  Tauschverkehr
erzielt,  es  ist  nicht,  wie  andere  Einkommen,  aus  Preisen  und  Erträgen ­
  eittstandett,  die  itn  Tattschverkehr  erzielt  und  daher  im  Rahmen
der  gesamten  Amsähe  desselben  kalkuliert  worden  sind,  sondern  es
ist  ein  zusätzliches,  künstlich  geschaffenes,  nicht  ans  der
Preisbildung  des  Tauschverkehrs  entstandenes  Einkommen. ­
  Der  Staat,  der  Papiergeld  ausgibt,  schafft  sich  so  eine
künstliche  Kaufkraft  —  hier,  auf  wirtschaftende  Subjekte  bezogen, ­
  ist  dieser  Ausdruck,  den  man  bisher  nur  auf  Objekte  bztv.
sogar  aus  den  eigentlich  abstrakten  Geldbegriff  anwendete,  unbedenklich ­
  —,  die  nicht  aus  Erträgen  und  Einkommen  tm  Tauschverkehr ­
  entstanden  ist,  sonderir  die  zu  ihnen  zusätzlich  hinzutritt  und
die,  wenn  sie  großen  Amfang  annimmt,  das  bisherige  Preis-  und
Einkommenssystem  beeinflussen  nmß.  Je  mehr  dabei  der  Staat
72
        <pb n="71" />
        diese  Kaufkraft  auf  einen  ganz  neuen  Bedarf  verwendet,  nicht  etwa
nur  bisherigen  Bedarf  Privater  ersetzt,  sondern,  wie  in  Kriegszeiten ­
  beim  Bedarf  an  Geschützen,  Munition  und  dem  ganzen  uuzähligen
  Kriegsbedarf,  mit  ganz  neuen  Bedürfnissen  erscheint,  auf
deren  Befriedigung  sich  Produktion  und  Lande!  erst  einrichten
müssen,  um  so  größer  ist  die  Gefahr,  daß  die  Geldvermehrung  zu
Preissteigerungen  führt.  Auch  natürlich  wiederum  nicht  automatisch
oder  weil  die  Verkäufer  weniger  Vertrauen  zum  staatlichen  Gelde
hätten  —  die  deutschen  Beobachtungen  im  Weltkriege  tollten  doch
schon  hindern,  solche  sinnlosen  Behauptungen  aufzustellen  —,  sondern
allein  aus  denselben  Gründen,  aus  denen  überhaupt  Preissteigerungen ­
  zustande  kommen,  weil  die  Nachfragenden  wegen
größerer  Einkommen  überhaupt  oder  wegen  dringenderer ­
  Bedürfnisse  für  gewisse  Güter  mehr  geben  können.
Wenn  man  das  erkennt,  so  ist  klar,  daß  inan  nicht  unterscheiden  kann,
welcher  Anteil  an  den  Preissteigerungen  zu  Beginn  des  Krieges,
als  von  Warenknappheit  noch  keine  Rede  war,  auf  die  Geldvermehrung, ­
  welcher  auf  die  gestiegene  Nachfrage,  die  Dringlichkeit
des  Staatsbedarfs  zurückzuführen  ist.  Denn  die  Geldvermehr,mg
wirkt  nur  durch  gestiegene  Nachfrage.  Daß  natürlich  Schwierigkeiten ­
  in  der  Ausstellung  der  Produktion,  Mangel  an  Arbeitskräften
und  bald  auch  an  Rohstoffen  ebenfalls  preissteigernd  wirkten,  ist
selbstverständlich,  und  es  ist  sicher,  daß,  wenn  auch  die  Militärverwaltungen ­
  anfangs  noch  so  wenig  kaufmännisch  rechneten,  diese  Amstände
  doch  einen  sehr  viel  größeren  Anteil  an  den  Preissteigerungen
gehabt  haben  als  die  Vermehrung  der  Geldmenge.
Also  auch  wenn  der  Staat  seine  Zahlungsmittel  vermehrt,
erfolgt  das  kann  nicht  scharf  genug  betont  werden  —  die  Wirkung ­
  auf  die  Preise  nicht  eigentlich  durch  das  Geld,  sondern  sie  erfolgt ­
  auch  hier  nur  durch  die  Waren,  d.  h.  von  der  Nachfrageseite ­
  her,  indem  die  künstlich  geschaffenen  Einkommen  stärkere
Nachfrage  bedingen  und  die  Preise  vieler  Güter  in  die  Löhe
treiben.  And  das  kann  auch  nicht  anders  sein,  denn  das  Geld  ist
nur  ein  ganz  indifferenter  Verinittler  zwischen  den  Bedürfnissen
und  den  letzten  Kosten,  die  nicht  Geld,  sondern  Arbeitsmühe  und
Apfer  an  anderen  Gütern  find.  Alle  Veränderungen  im  Tauschverkehr ­
  können  nur  durch  Veränderungen  der  grundlegenden  Faktoren ­
  Bedürfnisse  (Nutzen)  und  Kosten  erfolgen.  Das  kann  nran
freilich  nur  erkennen  und  konsequent  erklären  mit  der  psychischen
73
        <pb n="72" />
        Wirtschaftsthcorie,  welche  Nutzen  und  Kosten  als  psychische  Vorgänge ­
  zu  ihren  Grundbegriffen  macht.
Wenn  man  aber  so  erkannt  hat,  daß  die  Geldvermehrung  nur
durch  die  Einkommen  wirkt,  dadurch,  daß  sie  künstlich  geschaffene,
nicht  aus  Leistungen  iin  Tauschverkehr  erzielte  Erträge  bedeutet,
dann  können  wir  noch  einen  Schritt  weitergehen  zur  wissenschaftlichen ­
  Erklärung  einer  Beobachtung,  die  auch  erst  durch  die  Geldverhältnisse ­
  im  Weltkrieg  angeregt  wurde  und  die  ohne  die  abstrakte
Geldauffaffung  und  ihre  enge  Verbindung  mit  der  Preis-  und  Einkommenslehre ­
  ganz  unerklärlich  geblieben  wäre.  Wir  müssen  erkennen, ­
  daß  es  bei  den  Preisveränderungen  überhaupt  nicht  nur
auf  die  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel  ankommt,
die  man  bisher  allein  beachtete,  sondern  daß  auch  ohne  Vergrößerung ­
  der  realen  Geldmenge  unter  gewissen  Bedingungen  künstliche,
nicht  aus  dem  regulären  Tauschverkehr  stammende  Einkommenssteigerungen ­
  inöglich  sind,  welche  preissteigernd  wirken  müssen.
Diese  Beobachtung  hat  man  früher  nicht  gemacht-  und  auch  ich  habe
mich  in  meinem  Buche  „Geld  und  Gold"  nicht  so  eingehend
mit  ihr  beschäftigt,  wie  sie  es  verdient.  Mit  der  abstrakten  Geldauffassung ­
  in  Verbindung  mit  einer  richtigen  Preis-  und  Einkommenslehre ­
  wird  aber  klar,  daß  und  warum  auch  gewisse  Kreditvorgänge ­
  preissteigernd  wirken  können,  auch  wenn  sie  nicht  zu
einer  Verunehrung  der  realen  Zahlungsnrittel  führen.  Das  ist
nämlich  der  Fall,  wenn  infolge  gesteigerter  Kreditanspannrmg
  eine  Vermehrung  von  Forderungen  im  Tauschverkehr  eintritt, ­
  welche  nicht  auf  aus  ihnr  erzielten  Erträgen  beruht.
Kredit  wird  heute  —  d.  h.  nicht  etwa  erst  im  Weltftiege,
ondern  mindestens  schon  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts,
seit  der  Entwicklung  des  modernen  Bankwesens  —  nicht  nur  aus
schon  verfügbarem  Geldkapital  gewährt,  also  aus  Einkommen, ­
  welches  der  Bezieher  nach  seinem  Gutdünken  entweder
zum  Konsum  oder  zur  Kapitalbildung  verwenden  kann.  Sondern
der  heutige  Mechanismus  des  Kreditwesens  ermöglicht  es,  sowohl
aus  erst  später  zu  erwartenden  Erträgen  jetzt  schon  Kredit
zu  geben,  als  besonders  auch,  Sachkapital  wieder  in  die  Geldform
zu  verwandeln  und  solches  Geldkapital,  schon  bevor  die  Amwandlung ­
  stattgefunden  hat,  im  Wege  des  Kredits  auszuleihen. ­
  Mit  anderen  Worten,  der  Kredit  ermöglicht  es,  Forderungsrechte ­
  künstlich  neu  zu  schaffen  und  sie  ohne  Zahlungs-74
        <pb n="73" />
        76

mittet  zu  übertragen.  Mindestens  können  so  später  aus  dem  regulären ­
  Tauschverkehr  zu  erwartende  Erträge  bzw.  Forderungen  auf
sie  schon  für  eine  gewisse  Zeit  vorweggenommen,  übertragen
und  so  verwertet  werden,  bevor  sie  auf  Grund  von  Amsähen  und
Leistungen  in,  Tauschverkehr  wirklich  verfügbar  werden.  Kredit
wird  eben  nicht  nur  mit  schon  vorhandenem  Geldkapitat  *)  d.  h.
schon  bestehenden  Forderungsrechten  auf  Erträge,  gewährt,  sondern ­
  er  kann  auch  auf  Grund  späterer  Kapitalbildung,  erst
durch  Leistungen  im  Tauschverkehr  zu  schaffender  Erträge  gewährt
werden.  So  kann  im  gewissen  Sinne  durch  den  Kredit  Kapital
künstlich  geschaffen  werden.
Solche  Fälle  sind  das  Aberziehen  von  Guthaben  und  der
Akzeptkredit  der  Banken.  Diese  Kredite  werden,  sofern  sie  nicht
aus  dem  eigenen  verfügbaren  Kapital  der  Banken  fließen,  rein
rechnungsmäßig  gewährt  auf  Grund  erwarteter,  später  eintreffender ­
  Depositengelder  der  Kunden  oder  sonstiger  der  Bank  zufließender ­
  Gelder  oder  Erträge  aus  deren  Erwerbstätigkeit.  Daß  eine
solche  vorübergehende  Ausdehnung  des  Kredits  für  sich  allein  preisfteigernd
  wirken  könne,  ist  kaum  anzunehmen.  Aber  sie  pflegt  gewöhnlich ­
  in  Zeiten  aufsteigender  und  stark  spekulativer  Konjunkturen ­
  vorgenommen  zu  werden,  wenn  viele  Einkonunen  steigen  und
schon  an  sich  eine  starke  Tendenz  zu  Preissteigerungen  vorhanden  ist.
Diese  mag  die  Anspannung  des  Kredits  dann  noch  verstärken.
Äier  liegt  dann  jene  Äberspannung  des  Kreditwesens  vor,  welche
eine  künstlich  vernrehrte  Kaufkraft  schafft,  damit  die  Preissteigerungen ­
  verschärft  und  den  Konjunkturumschlag  zu  beschleunigen
vermag.
Diese  Fälle  einer  Kreditüberspannung  sind  wohl  zuerst  von
v.  Beckerath  und  von  v.  Schulze-Gaevernih  in  ihren  Schriften: ­
  „Kapitalmarkt  und  Geldmarkt"  bzw.  „Die  deutsche
Kreditbank"  im  Grundriß  der  Sozialökonomie,  Bd.  VI,  Jena
1916,  erkannt  worden.  Sie  unterscheiden,  wie  ich  schon  in  „Geld
und  Gold",  S.  169  ff.,  ausgeführt  habe,  reale  und  formale  Kauf
kraft,  sind  jedoch  dabei  noch  zu  sehr  im  Banne  der  quantitativmaterialistischen
  Auffassung  und  kommen  wegen  des  Fehlens  des
Ertragsgedankens  und  einer  darauf  beruhenden  geschlossenen  Er-Für
  den  Kapitalbegriff  und  seine  verschiedenen  Arten  muß  ich  hier
«uf  Teil  V  b  des  I.  Bandes  meiner  „Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre",
Stuttgart  1916,  verweisen.
        <pb n="74" />
        klärung  der  Preis-  und  Einkommensbildung  nicht  zu  klaren  Ergebnissen. ­
  Außer  den  von  mir  a.  a.  O.  angeführten  Stellen  sei  zu
unserem  Problem  noch  folgender  Sah  v.  Beckeraths  zitiert  (S.  78):
„Der  Fall  der  Schaffung  formaler  Kaufkraft  tritt  erst  dann  ein,
wenn  die  Bank  in  der  Kreditgewährung  so  weit  gebt,  daß  sie  tatsächlich ­
  über  die  ihr  zur  Kreditgewährung  überstellten  Vermögensteile ­
  hinaus  und  über  ihr  Eigenvermögen  Kredit  gewährt."
v.  Schulze-Gaevernih  führt  folgende  Fälle  „formaler  Kaufkraft"
an  (S.  48  ff.):  „Die  Bank  schafft  bankmäßige  Zahlungsmittel;  sie
erkennt  den  Kunden  etwa  auf  Scheck-  oder  Girokonto,  ohne  daß  ihr
Einlagen  in  „Geldkapital"  gemacht  werden,  etwa  lediglich  auf
Grund  einer  Kreditzusage  im  Kontokorrent.  Oder  die  Bank
schreibt  Wechsel  gut,  sivelche  nicht  in  Bälde  abgedeckt,  vielmehr
prolongiert  werden."  Pier  ist  die  Erscheinung  als  solche  ganz
richtig  erkannt,  aber  v.  Schutzes  dann  folgender,  von  mir  a.  a.  O.
schon  kritisierter  Erklärungsversuch,  der  die  „formale  Kaufkraft"
in  echt  materialistischer  Weise  dein  „Bestand  an  realen  Gütern",
„deren  Menge  eine  gegebene  ist",  gegenüberstellt,  verkennt  voll
ommen,  daß  es  bei  dieser  Kreditausdehnung  nicht  auf  den  Zusammenhang ­
  mit  der  vorhandenen  Gütermenge,  sondern  nur  mit
den  im  Tauschverkehr  erzielten  Erträgen  ankommt,  über  deren
Ausdehnung  die  Geldvcrmehrung  auch  im  abstrakten  Sinne  nicht
hinausgehen  darf.  Auch  bei  Beckerath  findet  sich  darüber  nichts.
In  Zeiten  normalen  Wirtschaftskebens  ist  man  auch  kauni  in
der  Lage,  einen  Einfluß  solcher  Kreditüberspannung  auf  die  Preise
tatsächlich  festzustellen,  mag  er  in  Zeiten  der  Lochkonjunktur  auck
wirklich  vorhanden  sein.  Dagegen  hat  er  in  Kriegszeiten  im  Verlaufe ­
  des  neunzehnten  Jahrhunderts  oft  genug  eine  Rolle  gespielt,
und  hier  hätte  man  den  Kausalzusammenhang  schon  längst  feststellen ­
  können,  wenn  man  eben  eine  wirkliche  Preis-  und  Einkommenstheorie
  gehabt  hätte  und  nicht  hier  und  in  der  Geldlehre
durch  den  üblichen  Materialismus  irregeleitet  worden  wäre.  Mit
der  abstrakten  Geldauffaffung  erkennt  man  nun,  daß  der  im  Kriege
so  häufige  Fall  der  Begebung  von  Schahwechseln  an  die  Notenbank,
wodurch  in  allen  kriegführenden  Ländern  die  wenigstens  vorläufige
Bezahlung  eines  großen  Teils  der  Kriegsausgaben  erfolgte,  auch
dann  preissteigernd  wirken  kann,  wenn  diese  Kredite  nicht  durch
Banknotenausgabe,  sondern  durch  Einräumung  von  Forderungen
im  Giro-  oder  Abrechnungsverkehr  gewährt  werden.  Ich  brauche
76
        <pb n="75" />
        77

nicht  mehr  zu  sagen,  daß  es  dabei  nicht  darauf  ankommt,  ob  ein
„Bestand  an  realen  Gütern"  dahinter  steht,  sondern  nur,  ob  diese
Kredite  auf  Grund  von  im  Tauschverkehr  erzielten  Erträgen  gewährt ­
  werden.  Deren  Vermehrung  allein  entsprechend  darf
vermehrte  Kreditgewährung  vorgenommen  werden,  wenn  nicht  bei
größerem  Amsang  die  neue,  künstlich  gejchassene  Kaufkraft  das  bisherige ­
  Preis-  und  Einkommensystem  ins  Wanken  bringen  soll.  Denn
nichts  anderes  als  solche  künstlich  erzeugte,  nicht  aus  dein  Tauschverkehr ­
  entstandene  und  inr  Rahmen  aller  seiner  Preise  und  Einkommen ­
  kalkulierte  Erträge  siird  es  dann,  die  dem  Staate  überwiesen ­
  werden.  Mag  der  Staat  an  sich  noch  soviel  Bertraueir  genießen, ­
  iricht  auf  was,  aufGrund  welcher  Sicherheit,  welcher  „Werte"
der  Kredit  gewährt  rvird,  nicht  was  als  Deckung  dient,  sondern
womit  er  gewährt  wird,  ist  für  die  Wirkungen  auf  die  Preise
entscheidend.  Daher  ist  auch  solche  Kreditgewährung  verhältnisinäßig
  unbedenklich,  wenn  die  Vorschüsse  an  den  Staat  alsbald
durch  neue  Steuern  oder  Anleihen,  die  aus  den  Erträgen  oder  aus
deni  verfügbaren  Kapital  der  Volkswirtschaft  stammen,  konsolidiert ­
  werden.  Sie  ist  aber  um  so  gefährlicher,  je  weniger  die  .Heranziehung ­
  wirklicher  Erträge  und  verfügbarer  Geldkapitalien  für  diese
Zwecke  möglich  ist.
Schließlich  sei  noch  auf  eine  Frage  eingegangen,  die  wiederum
deutlich  zeigt,  daß  die  schönste  isolierte  Geldtheorie  zur  Erklärung
der  tatsächlichen  Probleme  wertlos  ist  und  daß  nur  ein  geschloffenes
theoretisches  System,  das  den  ganzen  tauschwirtschaftlichen
Mechanismus  einheitlich  erklärt,  volle  Klarheit  zu  bringen  vermag.
Manche  Leser  werden  vielleicht  schon  an  dem  Satz,  daß  nicht  das
Geld,  sondern  daß  die  Einkommen  die  Güter  kaufen,  Anstoß  genommen ­
  haben  und  darauf  hinweisen,  daß  doch  viele  Güter,  ja
genau  genommen  die  große  Mehrzahl  aller  Güter  auch  aus  dem
Kapital  oder  deni  Vermögen  gekauft  werden  oder,  wie  wir
richtiger  sagen  wollen,  daß  auch  Kapital  und  Vermögen,  nicht  nur
die  Einkommen,  Amsätze  herbeiführen.  Einige  haben  deswegen
auch  schon  meine  abstrakte  Geldauffassung,  der  sie  im  übrigen  beistimmten, ­
  zu  verbessern  gesucht,  indenr  sie  statt  Einkommen  Kapital
oder  Vermögen  setzten.  Dabei  ist  aber  zu  berücksichtigen,  daß  diese
Begriffe  in  der  bisherigen  materialistischen  Theorie  eine  ganz
aitdere  Bedeutung  haben,  mit  der  man  in  der  abstrakten  Geldauffassung ­
  nichts  anfangen  kann,  indem  sie  dort  Gütermengen
        <pb n="76" />
        bezeichnen,  und  daß  sie  erst  von  mir  als  Geldrechnungsbegriffe
klar  bestimmt  und  meinem  theoretischen  System  eingefügt  worden  sind.
In  diesem  Sinne,  als  Geldrechnungsbegriffe,  ist  es  durchaus
richüg,  daß  auch  Kapital  und  Vermögen  die  Güter  kaufen  und  daß
die  abstrakte  Rechnungseinheit  nicht  nur  Erträge  ausdrückt.  Aber
wir  haben  schon  oben  betont,  daß  die  Amsähe  in  Gütern  entfernterer ­
  Ordnung  nur  im  Äinblick  auf  die  zu  erzielenden
Preise  für  Genußgüter  und  damit  zu  erzielende  Erträge  von  den
Konsumenten  erfolgen.  Die  Kapitalumsähe  sind  also  ein  ständig
sich  erneuerndes  Rechnen  mit  Geldsummen  und  Waren,  wie  es
der  Ausdruck  umlaufendes  Kapital  bezeichnet  und  wie  fdt&amp;gt;ou
Marx  mit  seiner  Formel  0  —  W  —  Gi  diesen  Tauschverkehr,  die
Tätigkeit  der  Erwerbswirtschaften  richüg  charakterisiert  hat.  *)
Ebenso  vollziehen  sich  Amsätze  zwischen  stehendem  Kapital
oder  zwischen  Vermögen  und  Geld,  d.  h.  alle  Sachgüter  können
gelegentlich  in  die  Geldform  zurückverwandelt  werden,  in  der  mit
ihnen  gewirtschaftet,  d.  h.,  wie  wir  wissen,  gerechnet  wird.  Eine
Einwirkung  auf  das  gesamte  Preis-  und  Einkommensystem  erfolgt
dabei  aber  nur,  wenn  diese  Kapital-  oder  Vermögensgüter  vermehrt ­
  werden  sollen.  Dann  wird  es  erforderlich,  einen  Teil  der
Erträge  und  Einkommen,  die  sonst  zmn  Konsum  verwendet  werden
würden,  dafür  zurückzustellen.  In  welchem  Anrfange  das  geschieht,
das  zeigt  die  Theorie  der  Kapitalbildung  im  Zusammenhang  mit
der  Produküvitätstheorie  (s.  dafür  einstweilen  meine  diesbezüglichen ­
  Aufsätze  in  Schmollers  „Jahrbuch"  und  in  den  „Jahrbüchern
für  Nationalökonomie"  1912).  Alle  Amsähe  in  Kapitalgütern
erfolgen  aber  stets  mit  Rücksicht  auf  den  Bedarf  an  Genußgütern
und  daraus  von  den  Erwerbswirtschasten  zu  erzielende  Erträge,
und  wenn  es  hier  zu  Preisveränderungen  kommt,  so  geschehen  sie
nur  von  der  Nachfrage-  oder  Angebotsseite  aus,  wegen  tatsächlicher
oder  von  den  Erwerbswirtschaften  erwarteter  Steigerung  der  Nachfrage, ­
  nicht  aber  von  der  Geldseite  aus.  Von  ihr  aus  vollziehen
sich  Preisveränderungen  nur  durch  die  Einkommen.  Auch  darin
spricht  sich  wieder  die  Tatsache  aus,  daß  alle  wirtschaftlichen  Crx

 )  Das  ist  aber  ein  Fremdkörper  in  seinem  sonst  ganz  materialistischquantitativen ­
  System  und  ebenso  in  der  ganzen  ebenso  materialistischen  bisherigen ­
  Wirtschaststheorie.  Vgl.  dazu  meine  beiden  Aufsähe  „Kapital  und
Kapitalismus"  in  der  „Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft",
1916/17,  und  jetzt  Teil  v,  Kap.  VI  und  Vii  meiner  „Grundsätze".^
78
        <pb n="77" />
        79

scheinungen  nur  aus  den  Einzelwirtschaften  und  ihren  Erwägungen
zu  erklären  sind.  Das  Geld  ist  eben  kein  selbständiger  Faktor  im
tauschwirtschaftlichen  Prozesse,  sondern  wirkt  nur  individualwiitschaftlich
  durch  die  Einkommen.
Deshalb  bleibt  es  doch  richtig,  daß  die  Menge  der  realen  Geldzeichen ­
  so  groß  sein  muß,  um  auch  den  in  Gutem  entfernterer  Ordnung ­
  sich  vollziehenden  Kleinverkehr  zu  genügen,  z.  B.  dem  Ankauf ­
  seiner  Werkzeuge  durch  den  Bauern,  der  kein  Bankkonto  hat
und  keinen  bargeldlosen  Zahlungsverkehr  verwendet.  Einen  äußeren
Maßstab  für  den  gesamten  „Geldbedarf"  gibt  es  aber  nicht.
Eine  gewisse  Elastizität  ist  aber  auch  hier  erwünscht,  weil  auch  die
Amsätze  des  Kleinverkehrs  erheblich  schwanken  können  und  schon
zu  verschiedenen  Zeiten  des  Jahres  und,  auf  Grund  wechselnder
Konjunkturen,  längere  Perioden  in  Betracht  gezogen,  sehr  verschieden ­
  sein  können.  Zur  Schaffung  solcher  elastischer  Zahlungsmittel ­
  für  den  Kleinverkehr  ist  die  Ausgabe  von  Banknoten
nicht  unzweckmäßig.  Denn  damit  schafft  sich  der  Verkehr  im  wesentlichen ­
  die  Zahlungsmittel  selbst,  die  er  gebraucht.  Eine  Zentralisation ­
  der  Banknotenausgabe  wäre  dabei  an  sich  nicht  nötig,  es
könnte  jede  größere  Bank,  vielleicht  auf  Grund  einer  besonderen  Erlaubnis, ­
  solche  ausgeben,  wenn  nur  eine  einheitliche  Kontrolle  besteht,
daß  wirklich  nur  auf  gute  Warenwechsel,  also  entsprechend  dem
Amfange  des  regulären  Verkehrs,  Banknoten  ausgegeben  werden.
Ein  übergeordnetes  Institut  dafür  wäre  daher  doch  erforderlich,  dem
auch  die  Diskontpolitik  übertragen  sein  müßte.  Doch  soll  hier  von
den  Möglichkeiten  einer  Amgestaltung  unseres  ganzen  Bankwesens
nicht  gesprochen  werden,  ich  wollte  nur  andeuten,  daß  auch  au.f  diesem
Gebiete  alles  in  Fluß  und  die  zweckmäßigste  Wirtschaftsorganisation ­
  noch  keineswegs  erreicht  ist.
Es  hätte  nichts  zu  bedeuten,  wenn  in  Zeiten  mit  geringerem
Geldbedarf  die  realen  Zahlungsmittel  in  größerem  Amfange  zu
den  Banken  zurückströmen.  Nur  eine  plötzliche  starke  Vermehrung
unb  eventuell  auch  Verminderung  des  Geldes  kann  für  die  Preisgestaltung ­
  gefährlich  sein,  wobei  aber,  wie  wir  jetzt  wissen,  keineswegs ­
  nur  an  die  realen  Zahlungsmittel  zu  denken  ist.  In  normalen
Zeiten  liegt  aber  für  derartige  Eingriffe  in  das  Zahlungswesen
gar  keine  Veranlassung  vor.
Nur  darf  man  nicht  glauben,  daß  weil  die  realen  Zahlungsmittel ­
  auch  Vermögens-  und  Kapitalumsätze  vermitteln,  man
        <pb n="78" />
        solche  einfach  auf  der  Grundlage  einer  „Deckung"  durch  Kapitaloder ­
  Vermögenswerte  ausgeben  dürfe.  Dieser  Irrtrnn  ist  von  den
Zeiten  John  Laws  her,  der  Banknoten  auf  die  Deckung  durch  Grund
und  Boden  hin  ausgab,  bis  in  die  neueste  Zeit  unendlich  oft  gemacht
worden,  weil  man  eben  auch  heute  noch  von  der  wirklichen  Natur
des  Geldes  und  vom  Einfluß  seiner  Vermehrung  auf  die.  Preise
keine  klare  Vorstellung  hatte.  So  hat  auch  im  Weltkriege  —  das
ist  bezeichnend  für  das  Anverständnis  auf  diesen,  Gebiete  —  die
Reichsregierung  die  Ausgabe  der  deutschen  Darlehenskassenscheine
damit  gerechtfertigt,  daß  ihnen  doch  „wirkliche  Werte"  zugrunde
lägen.  Diese  Begründung  verrät  einen  derartigen  Mangel  an  Einsicht ­
  in  den  tauschwirtschaftlichen  Mechanismus,  daß  ich  es,  offen
gestanden,  durchaus  begreife,  wenn  man  allen  sonstigen  geldpolitischen ­
  Maßnahnien  der  Regierung  immer  von  vornherein  mit  großen,
Mißtrauen  gegenübertreten  würde.  Es  ist  eben  vom  Standpunkt
der  bisherigen  materialistischen  Auffassung  und  der  darauf  beruhenden ­
  metallistischen  Geldlehre  unmöglich,  zu  erkennen,  daß  es
bei  der  Geldvermehrung  nicht  auf  die  „Deckung",  sondern  auf  den
Einfluß  auf  die  Einkommen  und  durch  sie  auf  die  Preise  ankommt.
Diese  „bankmäßige"  Auffassung  des  Geldes,  wie  ich  sie  genannt
habe,  die  die  Geldvermehrung  vom  Standpunkt  des  Bilanzstatus
einer  Bank  aus  beurteilt  und  daher  nur  nach  der  bankmäßigen
Deckung,  nicht  aber  nach  dem  volkswirtschaftlichen  Einfluß  auf  das
Preis-  und  Einkommensystem  sieht,  ist  höchst  bedenklich.  Leider
liegt  sie  unserem  ganzen  Geldwesen  zugrunde  und  ist  natürlich
nicht  von  heute  auf  morgen  zu  beseitigen.
Wir  wissen  jetzt,  daß  und  warum  nicht  auf  jedes  Kapital-  oder
Vermögensobjekt  hin  Zahlungsmittel  ausgegeben  werden  dürfen
oder,  allgemeiner  ausgedrückt,  eine  Geldvermehrung  vorgenommen
werden  darf,  sondern  daß  diese  mit  der  Steigerung  der  Erträge
und  höchstens  mit  der  Vermehrung  des  Kapitals,  die  zu  einer
Steigerung  der  Erträge  führt,  in  Beziehung  stehen  muß.  Wenn
auch  die  realen  Zahlungsmittel  gegenüber  der  abstrakten  Rechnungseinheit, ­
  auf  die  sie  lauten,  nur  eine  verhältnismäßig  geringe
Rolle  spielen,  so  dürfen  sie  doch  nicht  beliebig  vermehrt  werden
auf  Grund  der  „Deckung"  durch  irgendwelche  Güter,  die  auch  mit
der  abstrakten  Rechnungseinheit  umgesetzt  werden.  Daher  ist  es  auch
durchaus  verkehrt,  wenn  noch  kürzlich  von  einer  der  maßgebenden
Stellen  im  deutschen  Geldwesen  behauptet  wurde,  die  Vermehrung
80
        <pb n="79" />
        des  deutschen  Papiergeldes  im  Weltkriege  könne  doch  keinen  nennenswerten
  Einfluß  auf  die  Preise  ausgeübt  haben  angesichts  der  vielen
Lunderte  von  Milliarden  (1916  1200  Milliarden),  die  allein  durch
die  Reichsbank  jährlich  umgesetzt  würden.  Auf  diese  Umsätze  im
Kapitalienverkehr  kommt  es  gar  nicht  an.  Die  Preise  aller  Kostengüter ­
  und  aller  Ertragswerte  verkörpernden  Effekten  leiten  sich  doch
nur  aus  den  Preiset»  der  Genußgüter  ab.  Diese  werden  aber  aus
den  Einkommen  gekauft,  und  daher  darf  die  Vermehrung  der
realen  Zahlungsmittel  und  des  Geldes  überhaupt  nicht  mit  den
gesamten  Umsätzen  in  der  gesamten  Volkswirtschaft,  sondern  nur
mit  den  auf  40  bis  45  Milliarden  Mark  zu  schätzenden  jährlichen
Erträgen  und  Einkommen  im  deutschen  Wirtschaftsleben  in
Beziehung  gesetzt  werden.  Daß  hierauf  eine  Summe  von  2  Milliarde»» ­
  Mark,  um  die  gleich  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges
unsere  Geldmenge  vermehrt  wurde,  »veil  man  auf  Grund  der
Deckungsbestiminungen  gla»»bte,  das  ungestraft  tun  zu  könne»»,  schon
»»icht  ganz  ohne  Einfl»»ß  bleiben  konnte,  ist  anzunehme»»,  tveni»  eben
dainit  neue  zusätzliche,  »licht  a»»s  dem  Tauschverkehr  entstandeire  Erträge ­
  und  Einkornine»»  geschaffei»  wurden.  Und  das  war  der  Fall,
sotveit  die  ausgegebenen  Banknoten  oder  Darlehenskaffenscheine
nicht  zur  Bezahlung  zurückfließender  Gold»nü»»zen,  sondern  zum
Ankatlf  von  Pferde,»,  Automobilen  u.  dgl.  dienten.  Diese  Wirkul»g
  auf  die  Preise  mußte  eintrete»»,  ganz  einerlei,  wie  die  Deckung
des  Geldes  durch  Gold  oder  andere  Deckungsmittel  war.
Erst  recht  »»nterliegt  es  keine»n  Zweifel,  daß  die  Geldvermehrung
  um  etwa  10  bis  12  Milliarden  Mark,  wie  wir  sie  1917  hatte»»,
durch  die  Schaff»»ng  künstlicher  Kaufkraft  ganz  unabhängig  von  der
Gold-  oder  sonstigen  „Deckung"  die  inländischen  Preisverhältnisse
höchst  ungünstig  beeinflußt  haben  i»»uß.  Wenn  auch  Mangel  an
Arbeitskräften,  Rohstoffen  und  Lebensmitteln  und  die  dadurch
notwendig  gewordenen  Umstellungen  der  ganzen  Volkswirtschaft
den  größten  Anteil  an  den  starken  Steigerungen  der  meiste»»  Preise
in  Deutschland  haben,  so  kann  doch  ein  Einfluß  der  gewaltigen
Geldvermehrung  »»icht  geleugnet  werden,  wenn  er  sich  auch  nicht
zahlenmäßig  feststellen  läßt.  Aber  man  muß  erkennen,  sie  »virkt
nicht  automatisch,  etwa  durch  Verminderung  des  Vertrauens  zum
Gelde,  sondern  sie  wirkt  nur  durch  die  Einkommen.  U»»d  vor  allem
muß  man  erkennen,  daß  es  nicht  allein  die  Vermehrung  der  realen
2ahlu»»gsmittel  ist,  die  preissteigernd  wirkt,  so  daß  »veder  eine
Lief  mann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  k  81
        <pb n="80" />
        metallistische  noch  eine  staatliche  Geldtheorie  zur  Erklärung  dieser
Erscheinungen  genügen  kann,  sondern  daß  auch  Kreditanspannung,
wenn  sie  nicht  auf  im  Tauschverkehr  erzielten  Erträgen  beruht,
dieselbe  Wirkung  hat.
Letzten  Endes  müssen  alle  bedeutenderen  Einkommensteigerungen ­
  und  Einkommenverschiebungen  in  der  Volkswirtschaft  preissteigernd ­
  wirken.  Der  Staat  hat  daher  alle  Veranlassung,  sie  in
kritischen  Zeiten  möglichst  zu  verhindern.  Davon  hat  man  bei  uns
bisher  auf  Grund  ungenügender  Einsicht  der  Wissenschaft  in  den
Mechanismus  des  Tauschverkehrs  gar  keine  Vorstellung  gehabt.
Die  Militärverwaltung  hat  schon  bei  Abschluß  von  Verträgen  vordem ­
  Kriege  vielfach  übermäßig  hohe  Preise  bewilligt,  Kantinenwirte ­
  an  den  Bahnhöfen  haben,  unr  nur  ein  Beispiel  anzuführen,
auf  Grund  überniäßig  hoher  Preise,  die  ihnen  bewilligt  worden
waren,  in  wenigen  Wochen  Lunderttausende  verdient;  man  hat
vielfach  übermäßig  hohe  Gehälter  gewährt  und  dann  auch  weiterhin ­
  nichts  getan,  um  starke  Einkommensteigerungen  und  -Verschiebungen ­
  zu  verhindern.  Die  künstliche  Kaufkraft,  die  sich  der  Staat
durch  Kreditinanspruchnahme  bei  der  Notenbank  schuf,  hat  dann
bei  den  Lieferanten,  die  er  in  dieser  Weise  bezahlte,  weitergewirkt
und  hat  zu  den  lächerlich  hohen  Preisen  aller  Luxusgüter,  der  ungesunden ­
  Spekulation  in  Effekten,  Altertümern,  Juwelen,  Briefmarken ­
  usw.  geführt,  die  überall  zu  verzeichnen  ist.  Alles  das  ist
eingetreten  unabhängig  von  der  Steigerung  der  Preise  durch
Mangel  an  Rohstoffen  und  Arbeitskräften,  hat  aber  dann  diesen
Hauptgrund  der  Preissteigerungen  in  seiner  Wirksamkeit  noch
verstärkt.
Wenn  Luxusgüter  und  Effekten  in  solchen  Zeiten  wirtschaftlicher ­
  Erschütterungen  wie  im  Kriege  im  Preise  steigen,  so  ist  das
immer  ein  Zeichen  ungünstiger  Einkommensverschiebungen  und  der
Bereicherung  einzelner  Gruppen  und  Klassen  aus  diesen  Verhältnissen, ­
  unter  denen  die  große  Mehrheit  des  Volkes  stark  leidet.
Das  hätte  man  eigentlich  schon  längst  einsehen  und  es  als  eine  der
wichtigsten  Aufgaben  des  Staates  im  Kriege  erkennen  können,
darin  mit  aller  Energie  einzugreifen.  Die  Behauptung  mancher
Schriftsteller,  daß  die  Kapitalbildung  nicht  gehindert  werden  dürfe,
wirkt  demgegenüber  geradezu  wie  Lohn  auf  jede  Einsicht  in  die
wirtschaftlichen  Zusammenhänge.  Die  Ausdehnung  der  Spekulation,
die  Preissteigerungen  z.  B.  für  Effekten,  aber  auch  für  alle  Arten
82
        <pb n="81" />
        von  Luxusgütern  sind  daher  bei  allen  kriegführenden  Staaten  ein
guter  Maßstab  dafür,  in  welchem  Amfange  die  Regierung  volkswirtschaftliches ­
  Verständnis,  Einsicht  in  die  tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge  gezeigt  hat.  Wo  man  am  nachlässigsten  war
starken  Einkommensteigerungeil  gegenüber,  wo  man  am  wenigsten
entschieden  sie  durch  Steuern  einzuschränken  suchte,  wo  man  am
meisten  nach  altem  Muster  die  Notenpresse  in  Bewegung  sehte,  da
ist  auch,  infolge  künstlicher  Einkommensteigerungen,  die  Spekulation
am  zügellosesten  ins  Kraut  geschossen,  da  sind  für  Effekten  und  für
alle  Arten  von  Luxusgütern  die  tollsten  Preise  bezahlt  worden.
Am  ungünstigsten  stehen  in  dieser  Pinsicht  Rußland  und  Österreich-Angarn
  da.  In  ersterem  Lande  ist  das  durch  die  politische  Anarchie
nur  zu  erklärlich,  in  letzterem  Lande  aber  ist  es  nur  die  Folge  höchst
bedauerlicher  wirtschastspolitischer  Nachlässigkeit.  Angesunde  Effektenspekulation,
  wahnsinniger  Luxuskonsum  mit  unerhörten  Preissprüngen ­
  für  alle  derartigen  Güter  haben  sich  hier  am  meisten  entwickelt. ­
  Entsprechend  sind  auch  die  Valuten  dieser  Länder  am
meisten  gesunken,  und  man  kann  sagen,  daß  eine  gewisse  Parallelität
besteht  zwischen  den  Valutarückgängen  und  dem  Amfang  der  inländischen ­
  Spekulation.  Nach  diesen  Ländern  aber  kommt  Italien,
und  dann,  soweit  ich  sehen  kann,  sehr  bald  leider  Deutschland,  während ­
  England  in  dieser  Pinsicht  weitaus  am  günstigsten  dasteht,
da  es  viel  früher  und  entschiedener  als  die  anderen  Länder  starke
Einkommensteigerungen  durch  Steuererhöhungen  einzuschränken  verstanden ­
  hat.  Erst  neuerdings  scheint  sich  auch  dort  eine  große
Effektenspekulation  zu  entwickeln  mit  großen  Kurssteigerungen,  ein
Beweis  dafür,  daß  auch  dort  die  künstlichen  Einkommensteigerungen
nicht  genügend  hintangehalten  wurden.  Die  Wichtigkeit  dieser  Aufgabe ­
  auch  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege,  um  wieder  zu  normalen
Preisen  und  damit  zu  der  Möglichkeit  geordneten  Tauschverkehrs
mit  anderen  Ländern  zu  gelangen,  kann  gar  nicht  hoch  genug  eingeschätzt ­
  werden.  Ich  spreche  die  Losfnung  aus,  daß  sich  die  maßgebenden ­
  Persönlichkeiten  diese  Gesichtspunkte  sehr  sorgfältig  überlegen ­
  möchten.
        <pb n="82" />
        Fünftes  Kapitel
Die  Inflation  und  ihre  Wirkungen

haben  wir  nun  die  wissenschaftliche  Grundlage  für  die  Be--urteilung
  des  Inflationsproblems  gewonnen,  das  also
doch  nicht  ganz  so  einfach  ist,  wie  es  die  reinen  Geldpolitiker,  wem:
sie  dazu  Stellung  nehmen,  glauben.  Die  naive  Vorstellung,  Inflation ­
  bedeute  Äbermaß  an  Zahlungsmitteln,  Übersättigung
des  Verkehrs  mit  Zahlungsmitteln,  und  man  könne  mit
dieser  Auffassung  irgend  etwas  erklären,  wie  sie  dem  größten  Teil
der  Erörterungen  und  auch  den  amtlichen  Publikationen  darüber
zugrunde  liegt,  ist  mit  der  Erkenntnis  dieser  Zusammenhänge  und
der  abstrakten  Natur  des  Geldes  ohne  weiteres  erledigt.  Auf  die
realen  Zahlungsmittel  kommt  immer  weniger  an,  wir  wissen  aber
jetzt,  wann  und  unter  welchen  Bedingungen  man  auch  sie  nicht
stark  vermehren  darf,  wenn  auch  eine  solche  Vermehrung  heutzutage
wegen  der  großen  Zahl  aller  rechnungsmäßig  erfolgenden  Amsähe
viel  geringere  Bedeutung  für  die  Preisbildung  hat  als  früher.
Daher  kann  der  Verkehr  heute  eine  Milliardenzufuhr  von  Papiergeld ­
  vertragen,  ohne  daß  es  gleich  zu  katastrophalen  Wirkungen
kommt.  Aber  der  ungünstige  Einfluß  auf  die  Preisgestaltung  ist
trotzdem  vorhanden  und  wird  durch  den  Hinweis,  daß  der  Verkehr ­
  sie  aufgenommen  habe  und  aus  diesen  oder  jenen  Gründen
mehr  reale  Zahlungsmittel  gebrauche,  nicht  im  geringsten  widerlegt. ­
  Der  Verkehr  kann  sie  um  so  mehr  aufnehmen,  als  eben
durch  die  mit  ihnen  künstlich  geschaffene  vermehrte  Kaufkraft  die
meisten  Preise  stark  gestiegen  sind  und  man  daher  im  Kleinverkehr
mehr  Zahlungsmittel  gebraucht.  Solange  daher  der  Verkehr  nicht
von  Mißtrauen  gegen  die  staatlichen  Zahlungsmittel  erfüllt  ist,
sie  einfach  nicht  nehmen  will,  kann  die  Schaffung  von  solchen  gewissermaßen ­
  unendlich  weiter  gehen.  Je  mehr  geschaffen  werden.

84
        <pb n="83" />
        85

um  so  mehr  steigen  die  Preise  und  um  so  mehr  „braucht"  der  Kleinverkehr,
  ohne  daß  ich  natürlich  hier  irgendeine  Proportionalität
dabei  behaupten  will.
Daß  der  Verkehr  die  Zahlungsmittel  aufnehmen  könne,  ist,
wie  man  jetzt  leicht  erkennen  wird,  eine  der  im  Wirtschaftsleben
leider  häufigen  Schrauben  „ohne  Ende",  d.  h.  eines  Wechselverhältniffes
  von  Ursachen  und  Wirkungen.  Durch  hohe  Zölle  werden
die  Güterpreise  in  die  Äöhe  getrieben,  und  dann  „braucht"  die  Landwirtschaft ­
  immer  höhere  Zölle.  So  auch  hier.  Zuerst  wird  durch
den  Kriegsbedarf  und  durch  Notenvermehrung  eine  allgemeine
Preissteigerung  herbeigeführt,  und  dann  „braucht"  der  Verkehr
immer  mehr  Noten.  Eine  solche  Argumentation  mit  dem  „Geldbedarf" ­
  sollte  man  auch  in  Kriegszeiten,  wo  vielleicht  manches
beschönigt  werden  darf,  in  Zukunft  nicht  mehr  zur  Rechtfertigung
der  Benutzung  der  Notenpresse  verwenden.  Denn  sie  entspricht
doch  gar  zu  wenig  mehr  den  neueren  Erkenntnissen  der  Wissenschaft,
die  man  auf  die  Dauer  nicht  ignorieren  kann.
Die  ganze  Vorstellung  eines  bestimmten  „Geldbedarfs",  einer
bestimmten  Geldmenge,  die  der  Verkehr  brauche  und  für  die  zu
sorgen  die  wichtigste  Aufgabe  der  staatlichen  Geldpolitik,  seiner
„Geldschöpfung"  sei,  ist  höchst  irreführend,  ist  nur  ein  Ausfluß  der
hergebrachten  materialistischen  Auffassung  des  Geldes,  deren  Konsequenz ­
  der  Metallismus  ist.
Einen  äußeren  Maßstab  dafür,  wieviel  reale  Zahlungsmittel
der  Verkehr  gebraucht,  gibt  es,  wie  schon  gesagt,  nicht.  Das  ist  in
verschiedenen  Ländern,  je  nach  den  Gewohnheiten  des  Kleinverkehrs, ­
  sehr  verschieden,  und  wir  haben  im  Weltkriege  gesehen,  daß
sich  diese  Gewohnheiten  unter  Amständen  schnell  ändern,  daß  auch
die  alte  Sitte  der  Geldthesaurierung  in  kritischen  Zeiten  schnell
wieder  erwacht  und  selbst  unterwertigem  Metallgeld  und  Banknoten ­
  gegenüber  Platz  greifen  kann  (in  Frankreich  sollen  mehrere
Milliarden  Banknoten  thesauriert  worden  sein).
Aber  ganz  verkehrt  ist  es,  wenn  noch  so  oft,  sogar  von  den
fortgeschrittensten  Geldtheoretikern,  gesagt  wird,  daß  die  Vermehrung ­
  des  Geldes,  insbesondere  des  Papiergeldes,  „durch  den
Geldbedarf"  bestimmt  werden  müsse.  Was  soll  man  zu  einer  solchen
Theorie  sagen,  wenn  Otto  Äeyn,  der  gegenüber  meiner  Geldund
  Wirtschaftstheorie  immer  seine  eigene  ins  Feld  führt,  noch
ueuestens  in  seiner  Besprechung  meines  Buches:  „Probleme  des
        <pb n="84" />
        Geldwesens",  eine  Erwiderung  auf  Liefmanns  „Geld  und  Gold",
.  „Weltwirtschaftliches  Archiv",  Juni  1917,  S.  186,  in  dieser  Frage
zu  dem  Schlußergebnis  kommt,  der  Staat  habe  die  Aufgabe,  „die
Ausgabe  von  Geldzeichen  in  gewissen  Schranken  zu  halten,  um
die  Entstehung  von  Mißtrauen  zu  verhüten.  Soweit
aber  die  hierdurch  gezogenen  Grenzen  nicht  überschritten  werden,
darf  für  die  Ausgabe  von  Geld  lediglich  der  Bedarf  des  geschäftlichen ­
  Verkehrs  maßgebend  sein."  Man  erkennt  jetzt,  daß  damit
nicht  im  geringsten  eine  Handhabe  für  die  notwendige  Geldschöpfung,
sondern  im  Gegenteil  dem  Staate  ein  Mittel  gegeben  ist,  um  die
Schaffung  künstlicher  Kaufkraft  für  seine  Zwecke  mit  einer  solchen
anscheinend  plausiblen  Begründung  zu  verschleiern.  Denn  wir
sahen,  daß  dieser  „Geldbedarf"  auch  durch  Kreditanspannung  befriedigt ­
  werden  kann,  und  es  ist  daher  ein  logischer  Widersinn,
wenn  Noininalisten  wie  Lehn  den  Geldbedarf  des  Verkehrs  für  die
Geldvermehrung  entscheidend  sein  lassen  wollen.
Etwas  ganz  anderes  ist  aber  ein  plötzliches  Fehlen  gewisser
Münzsorten  im  Kleinverkehr.  Die  großen  Zinsätze  werden  nur  verrechnet, ­
  und  sofern  dabei  doch  Zahlungsmittel  gebraucht  werden,
schafft  der  Verkehr  sie  sich  selbst.  Diese  Amsatz-  oder  Verrechnungsmittel ­
  sind  daher  eine  außerordentlich  elastische  Größe,  und  gar  im
Sinne  der  abstrakten  Rechnungseinheit  ist  ein  bestiinmter  „Geldbedarf" ­
  in  der  Volkswirtschaft  überhaupt  nicht  festzustellen.  Im
Kleinverkehr  aber  kann  ein  Mangel  an  realen  Zahlungsmitteln
vor  allem  in  Kriegszeiten  entstehen,  wenn  solche  thesauriert  werden,
ihr  Zirkulationsgebiet  sich  erweitert,  infolge  von  Änderungen  in  den
Zahlungsgewohnheiten  mehr  in  bar  bezahlt  wird  oder  wenn  infolge ­
  der  Preissteigerungen  mehr  Zahlungsmittel  für  die  Vermittlung ­
  der  Amsätze  erforderlich  sind.  Es  handelt  sich  dabei  aber
schon  nicht  mehr  um  100-  oder  gar  1000-Markscheine,  sondern
vor  allem  um  die  Scheidemünze,  die  kleinsten  Zahlungsmittel  des
Verkehrs.  Ihr  Mangel  kann  Anbequemlichkeiten  im  Gefolge
haben,  die  sich  sehr  allgemein  bemerkbar  machen,  aber  in  den
öffentlichen  Erörterungen  darüber  und  auch  in  der  wissenschaftlichen ­
  Behandlung  wird  die  Wichtigkeit  der  Frage  gewaltig  übertrieben. ­

In  Deutschland  freilich  gewann  im  Weltkrieg  diese  Frage  eine
Bedeutung,  wie  es  sonst  nicht  leicht  wieder  vorkommen  wird.  Denn
durch  den  gewaltigen  Amfang  der  von  uns  besetzten  Gebiete  gingen
86
        <pb n="85" />
        87

große  Mengen  deutscher  Zahlungsmittel  ins  Ausland,  während
andererseits  wegen  des  Mangels  an  den  bisher  dazu  benutzten
Metallen  die  Herstellung  neuer  Scheidemünzen  in  der  bisherigen
Art  nicht'  vorgenommen  werden  konnte.  Man  hätte  unter  diesen
Amständen  in  den  besetzten  Gebieten  zur  Ausgabe  eigener  Zahlungsmittel ­
  schreiten  bzw.  viel  mehr  als  früher  mit  Requisitionsscheinen
zahlen  und  die  Mitnahme  und  Verausgabung  deutscher  Zahlungsmittel
  viel  strenger  verbieten  sollen.  Aber  die  Verwendung  der
Banknoten  für  diese  Zwecke  kam  zum  Teil  dem  Interesse  des
Staates  an  der  Benutzung  der  Notenpresse  entgegen,  während  sie
andererseits  den  in  den  bisherigen  Deckungsvorschriften  wurzelnden
allgemeinen  Anschauungen  unerwünscht  erscheinen  mußte.  So  kan:
es  zu  dem  Dilemma,  daß  während  auf  der  einen  Seite  der  Abfluß
von  möglichst  viel  Banknoten  aus  Deutschland  vorteilhaft  erscheinen
mußte,  weil  das  Ausland  damit  eine  unverzinsliche  Schuld  Deutschlands ­
  annahm,  das  Interesse  der  Notenbank  als  Schuldnerin
in  entgegengesetzter  Richtung  ging.  Aber  wir  wissen  jetzt  —  und
das  ist  ein  Erkenntnis  von  allergrößter  Wichtigkeit  —,  daß  es  nicht
auf  das  Verhältnis  der  Zahlungsmittelmengen  zu  den  Gütermengen
ankommt,  sondern  ausschließlich  auf  die  Geldvermehrung  im
abstrakten  Sinne  auf  der  einen  Seite,  die  Steigerung  der  im
Tauschverkehr  erzielten  Erträge  auf  der  anderen  Seite.  Mit
anderen  Worten:  das  wirtschaftliche  Problem  ist  auch  hier,  wie
überall,  ein  typisch  Dynamisches,  hat  Bewegungserscheinungen
zu  erfassen,  und  man  erkennt,  wie  sehr  die  Theorien  der  Quantitätsnationalökonomen ­
  wie  Clark,  Schumpeter  u.  a.  in  die  Irre  gehen,
die  die  Volkswirtschaft  in  einem  statischen  Zustande  betrachten
wollen.
Für  die  Probleme  der  Geldvermehrung  ist  die  Frage  des
größeren  Bedarfs  an  Zahlungsmitteln  im  Kleinverkehr  ohne  Bedeutung. ­
  Denn  eine  Inflation  wird  durch  Vermehrung  der  Scheidemünze ­
  nicht  leicht  herbeigeführt  werden  können.  Aber  auch  die  Ausgabe ­
  von  privatem  Notgeld,  die  zu  Beginn  des  Krieges  und
auch  jetzt  wieder  in  großem  Amfange  erfolgt  ist,  hat  unter  so  unwöhnlichen
  Verhältnissen,  wie  wir  sie  in  diesen:  Kriege  hatten,
keinerlei  Bedenken.  Sie  helfen  dem  lokalen  Kleingeldmangel  ab,
der  zu  Beginn  des  Krieges  durch  staatliche  Maßnahmen  gar  nicht
zu  vermeiden  gewesen  wäre,  und  zirkulieren  in  einem  beschränkten
Kreise.  Die  juristischen  Erörterungen  darüber,  ob  dieses  Notgeld
        <pb n="86" />
        gegen  das  staatliche  Münzmonopol  verstoße  (§  8  des  Reichsmünzgesetzes ­
  vom  30.  April  1874)  und,  wenn  es  aus  Papier  besteht,
sich  mit  den  gesetzlich  festgelegten  „Grundsätzen  über  die  Emission
von  Papiergeld"  vereinigen  lasse,  und  ob  nicht  die'Ausgabe
solcher  „Geldersatzscheine"  nach  den  Vorschriften  des  Bürgerlichen
Gesetzbuches  über  Inhaberpapiere  (§  793  ff.)  unzulässig  sei,  sind
wirtschaftlich  vollkommen  überflüssig.  Sie  sind  rein  von  der  materialistisch-metallistischen
  Auffassung  des  Geldes  aus  gesehen,  und
die  Juristen  täten  gut  daran,  zunächst  einmal  diese  unhaltbare  Auffassung ­
  des  Geldes  als  „bewegliche  Sachen"  zu  revidieren.*)
Der  Staat  soll  zwar  für  eine  gewisse  Elastizität,  eine  gewisse ­
  Vermehrungsmöglichkeit  seiner  Zahlungsmittel  für  den
Kleinverkehr  sorgen,  aber  wenn  sie  in  solchen  außergewöhnlichen
Zeiten  nicht  ausreichen,  ist  es  durchaus  unbedenklich,  ja  das
allein  Zweckmäßige,  daß  man  sich  im  lokalen  Verkehr  mit  derartigen
  Geldzeichen,  am  besten  von  den  Kommunen  ausgegeben,
hilft.  Das  heißt  natürlich  nicht,  daß  der  Staat  die  Schöpfung
solcher  Geldzeichen  ganz  dem  freien  Belieben  der  Kommunen  überlassen ­
  solle.  Es  ist  im  Gegenteil  notwendig,  daß  allgemeine  Vorschriften ­
  darüber  erlassen  werden,  wobei  der  Staat  aber  nicht  die
Aufrechterhaltung  des  Münzgesetzes  oder  der  bestehenden  Bestimmungen ­
  für  Jnhaberpapiere,  sondern  einzig  und  allein  die  Bedürfnisse ­
  des  Verkehrs  auf  Grund  richtiger  Einsicht  in  das  Geldwesen ­
  im  Auge  haben  sollte.  Der  Staat  könnte  sich  also  sehr  wohl
ein  Genehmigungsrecht  für  Ausgabe  solcher  Geldzeichen  vorbehalten, ­
  vorausgesetzt  eben,  daß  es  verständnisvoll  angewendet
wird,  er  könnte  die  Ausgabe  in  zu  kleinen  Kommunen  untersagen,
gewisse  Vorschriften  für  Inhalt  und  Form  dieser  Geldzeichen  erlassen ­
  usw.  Die  Entscheidung  darüber  sollte  aber  nicht  der  Reichsbank ­
  überlassen  sein,  die  jetzt  ganz  unzweckmäßigerweise  mit  allen
unseren  Geldproblemen  befaßt  wird,  sondern  es  müßte  ein  eigenes
Reichswährungsamt  geschaffen  werden,  dem,  unabhängig  von
der  Reichsbank,  die  Aufsicht  über  unser  ganzes  Geldwesen  zu  übertragen ­
  wäre.
Irgendwelche  größere  Bedeutung  kann  dieser  Frage  des  Geldbedarfs ­
  aber  nicht  beigemeffen  werden.  Da  nicht  das  „Geld"
9  Diese  Definition  noch  neuestens  in  der  im  übrigen  sehr  instruktiven
Arbeit  von  Martin  Wolfs:  „Das  Geld"  im  Landbuch  des  gesamten
Landelsrechts,  herausgegeben  von  Viktor  Ehrenberg.
88
        <pb n="87" />
        89

in  diesem  materiellen  Sinne,  sondern  die  Einkommen  die  Güter
kaufen,  knüpfen  sich  die  geldpolitischen  Aufgaben  des  Staates  auch
an  die  Einkommen  und  bestehen  in  der  Verhinderung  starker
Einkommenssteigerungen  und  Einkommensverschiebungen.
  Das  konnte  man  allerdings  mit  der  bisherigen  materialistischen ­
  Geldlehre  und  der  ihr  entsprechenden  materialistischen  Wirtschaftstheorie ­
  nicht  erkennen,  die  über  den  Zusammenhang  zwischeir
Geld,  Preis  und  Einkommen  nur  ganz  unklare  Vorstellungen  hatte.
Jedenfalls  sollte  man  solche  Argumentationen,  wie  man  sie
heute  unendlich  oft  nicht  nur  in  der  Tagespresse,  sondern  auch  in
der  wissenschaftlichen  Literatur  und  vor  allem  auch  in  amtlichen
Denkschriften  und  Berichten  liest,  daß  in  Deutschland  keine  Inflation
vorhanden  sei,  weil  der  Verkehr  die  neuen  Zahlungsmittel  brauche
und  alle  von  ihm  aufgenommen  seien,  in  Zukunft  unterlassen.
Namentlich  in  amtlichen  Auslassungen  und  Denkschriften,  etwa  in
solchen  der  Reichsbank,  machen  sie  einen  sehr  schlechten  Eindruck.
Denn  sie  geben  der  Vermutung  Raum,  daßchie  amtlichen  Stellen
nicht  die  mindeste  Vorstellung  davon  haben,  worauf  es  bei  den
Problemen  der  Geldvermehrung  ankommt.  And  wenn  die  leitenden
Persönlichkeiten  sich  dabei,  wie  gesagt,  auch  mit  Recht  auf  die  -
Mängel  der  bisherigen  Wissenschaft  berufen  können,  so  haben  doch
auch  sie  die  Pflicht,  sich  über  die  Fortschritte  der  Wissenschaft  zu
informieren.  —-Mit
  dem  Gesagten  ist  nun  auch  Klarheit  über  den  Begriff
der  Inflation  geschaffen,  über  den  noch  infolge  mangelnder  Einsicht ­
  in  die  tauschwirtschastlichen  Zusammenhänge  sehr  sonderbare  Ansichten ­
  bestehen.  Es  hat  natürlich  keinen  Sinn,  jede  Geldvermehrung
lchon  als  Inflation  zu  bezeichnen  oder  sie  als  „Übersättigung"
des  Verkehrs  mit  Zahlungsmitteln,  als  „übermäßige"  Ausgabe
von  Zahlungsmitteln  zu  „definieren",  wie  es  noch  neuestens  geschehen ­
  ist.  Damit  ist  nichts  erklärt.  Sondern  Inflation  ist  nichts
anderes  als  der  Einfluß  der  Geldvermehrung  aus  die
Preise.  Dabei  ist  natürlich  der  Begriff  des  Geldes  und
der  Geldvermehrung  vorher  festzustellen.  Das  ist  nur  mit  einer
allgemeinen  Wirtschaststheorie  möglich,  und  aus  ihr,  also  aus
der  Preis-  und  Einkommenslehre  ergibt  sich  dann  auch,  wann
und  unter  welchen  Bedingungen  ein  solcher  Einfluß  der
Geldvermehrung  aus  die  Preise  sich  vollzieht.  Grundlegend
lst  für  das  Inflaüonsproblem  die  Erkenntnis,  daß  es  nicht
        <pb n="88" />
        allein  auf  die  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel  ankommt,
sondern  daß  auch  die  Ausdehnung  der  Kaufkraft  im  Wege  des
Girokredits  preissteigernd  wirkt,  wenn  sie  nicht  mit  der  Vermehrung ­
  der  im  Tauschverkehr  erzielten  Erträge  im  Zusammenhang
  steht.  Daher  kann  man  auch  von  einer  Kredit-  oder  Giroinflation ­
  sprechen.  Die  Definition  der  Inflation:  Einfluß  der
Geldvermehrung  auf  die  Preise  und  der  Begriff  der  Geldvermehrung ­
  im  Titel  unserer  Schrift  könnten  danach  als  zu  eng
erscheinen.  Man  könnte  auch  vielleicht  von  „Geldverschlechterung" ­
  sprechen,  die  auch  die  Kreditinflation  mit  umfaßt.  Aber  obgleich ­
  bei  dieser  die  Menge  des  realen  Geldes  nicht  vermehrt  zu
werden  braucht,  behalte  ich  absichtlich  den  Ausdruck  Geldvermehrung ­
  bei,  indem  ich  auch  hier,  wie  überall,  den  Geldbegriff  im
abstrakten  Sinne  fasse.  Die  Benutzung  der  abstrakten
Rechnungseinheit  wird  auch  bei  der  Giroinflation
vermehrt  und  deren  Vermehrung,  nicht  nur  die  der  realen  Zahlungsmittel, ­
  ist,  wie  wir  wissen,  das  Entscheidende.  Aber  freilich
ist  das  Fremdwort  Inflation  glücklicher,  denn  um  eine  künstliche
„Aufblähung"  des  ganzen  tauschwirtschaftlichen  Organismus
-  handelt  es  sich  in  der  Tat.
Wenn  man  in  der  Definiüon  der  Inflation  auch  gleich  zum
Ausdruck  bringen  will,  unter  welchen  wirtschaftlichen  Bedingungen
sie  vorliegt,  so  kann  man  also  sagen:  Inflation  liegt  dann  vor,
wenn  eine  Geldvermehrung  nicht  mit  der  Steigerung
der  im  Tauschverkehr  erzielten  Erträge  in  Zusammenhang ­
  steht,  oder  anders  ausgedrückt,  wenn  dadurch  zusätzliche, ­
  nicht  aus  dem  regulären  Tauschverkehr  und  seinen
Erträgen  stammende  Kaufkraft  geschaffen  wird.  Das
wird  immer  das  entscheidende  Kriterium  sein,  wobei  natürlich  nicht
gesagt  ist,  daß  es  stets  einwandfrei  festzustellen  ist.  Es  ist  der
theoreüsch  maßgebende  Gesichtspunkt,  der  die  tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge  erkennen  läßt,  was  nur  mit  der  allgemeinen  Ertragstheorie ­
  möglich  war.

Betrachten  wir  nun  näher,  wie  die  verschiedenen  möglichen
Arten  der  Geldvermehrung  die  Gefahr  einer  Inflatton  in
sich  bergen.  Die  Wirkung  der  Geldvermehrung  auf  die  Preise
ergibt  sich  also  nicht  schon  aus  der  bloßen  Betrachtung  ihres  ßlm-90
        <pb n="89" />
        91

fanges,  wenn  dieser  wirklich  festzustellen  ist,  wie  die  Ouantitätstheorie
  meint,  die  immer  an  irgendeine  Proportionalität  dabei
glaubt,  sondern  es  müssen  die  Amstände  berücksichtigt  werden,  aus
denen  sie  erfolgt.  Man  kann  allgemein  sagen,  daß  die  Geldvermehrung
  um  so  weniger  bedenklich  ist,  je  direkter  sie  mit  einer  Erweiterung ­
  des  Tauschverkehrs  und  mit  Erträgen  aus  ihm  in  Beziehung ­
  steht,  wobei  aber  zu  beachten  ist,  daß  gesteigerte  Erträge
und  gesteigerte  Amsähe  im  Tauschverkehr  dann  auch  wieder  die
Folge  einer  Geldvermehrung  sein  können.
Am  unbedenklichsten  ist  jedenfalls  immer  die  Vermehrung
des  Metallgeldes.  Darauf  beruht,  solange  die  Einsicht  in  das
Geldwesen  so  gering  und  das  Bestreben  der  Staaten,  es  zum  Zwecke
vorübergehender  Einnahmebeschaffung  zu  benutzen,  so  groß  und  die
sonstigen  Kautelen  dagegen  noch  ungenügend  sind,  der  Äauptvorzug
  des  Metallgeldes,  der  einzige  Grund,  der  es  allenfalls  berechtigt ­
  erscheinen  läßt,  in  bloßen  Tauschmitteln  Milliarden  festzulegen. ­
  Nicht  als  ob  nicht  auch  eine  Vermehrung  des  Metallgeldes ­
  einen  Einfluß  auf  die  Preise  haben  könnte;  wir  haben  in  den
ersten  Jahren  des  Weltkrieges  in  Amerika  und  in  anderen  neutralen
Ländern  gesehen,  wie  der  starke  Goldzufluß  offenbar  bei  der  Erhöhung ­
  aller  Preise  mitwirkte.  Aber  das  Gold  muß  wie  eine
andere  Ware  gekauft,  d.  h.  mit  den  Erträgen,  die  in  der  Volkswirtschaft ­
  erzielt  worden  sind,  bezahlt  werden.  Darin  liegt  eben  der
Vorteil  einer  Währung,  die  auf  einem  wertgeschätzten  Stoffe  beruht, ­
  daß  die  dem  Staate  mögliche  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel ­
  hier  etwas  kostet,  also  nicht  eine  rein  zusätzliche  Kaufkraft ­
  bedeuten  kann.  Aber  andererseits  liegt  die  Gefahr  der  mit  den
heutigen  Goldwährungen  verbundenen  freien  Goldprägung
darin,  daß  die  Goldproduktionsländer,  also  vor  allem  England,
überall  beliebig  viel  Gold  absehen  können  zu  in  der  Währung  ausgedrückten ­
  festen  Preisen,  daß  sie  so  die  in  einem  Lande  vorhandene
Geldmenge  beliebig  vermehren  und  damit  auf  die  Preise  einwirken ­
  können.  Denn  auch  wenn  der  Ankauf  von  Gold  etwas  kostet,
d.  h.  letzten  Endes  mit  den  Produkten  unserer  Arbeit  bezahlt
werden  muß,  so  kann  doch  auf  diese  Weise  die  Vermehrung  der
Zahlungsmittel  übermäßig  gesteigert  werden,  zumal  nach  den  üblichen ­
  Vorschriften  über  Banknotendeckung  darauf  das  Dreifache
an  Banknoten  ausgegeben  werden  darf.  Auch  das  ist  ein  Gedanke,
der  nur  mit  unserer  Wirtschaftstheorie  zu  gewinnen  war.  Es  ge ­
        <pb n="90" />
        hört  das  Anverständnis  der  bisherigen,  auf  dem  Boden  des  Metallismus ­
  stehenden  Geldtheorie  und  Geldpolitik  dazu,  um  sich  in
dieser  Weise  zu  verpflichten,  eine  Ware  in  unbegrenzten  Mengen,
die  ganz  im  Belieben  des  Auslandes  stehen,  zu  festen  Preisen  aufzunehmen, ­
  wie  es  bei  der  freien  Prägung  zugunsten  Englands
geschieht,  und  dann  womöglich  noch  zu  glauben,  daß  ohne  eine  Einwirkung ­
  auf  die  Preise  darauf  das  Dreifache  an  Banknoten  ausgegeben ­
  werden  dürfe.
Immerhin  war  diese  Organisation,  wenn  auch  höchst  kostspielig, ­
  für  die  Stabilität  unserer  Währung  und  unserer  Preise  in
früheren  Zeiten  ziemlich  ungefährlich,  da  England  in  der  ganzen
Welt  den  Goldhunger  zu  entfachen  verstanden  hatte.  Doch  hätte
die  enorm  gesteigerte  Goldproduktion  den  vernünftigen  Bedarf
für  monetäre  Zwecke  weit  überschritten,  und  die  ganze  Anvernunft
der  fteien  Prägung  wäre  ans  Licht  gekommen,  wenn  nicht  Gold
in  noch  größerem  Amfang  auch  für  Schmuckzwecke  gebraucht  würde.
Nach  dem  Kriege  muß  man  sich  aber  in  der  Tat,  nicht  etwa  nur  bei
uns,  sondern  bei  allen  Nationen,  die  Frage  vorlegen,  ob  es  nötig
ist,  noch  weiterhin  Milliarden  von  Werten  in  bloßen  Zahlungsmitteln ­
  festzulegen  (s.  darüber  im  letzten  Kapitel).  Denn  die  obige
Erwägung  spricht  ja  nur  für  die  Zweckmäßigkeit  einer  Deckung
der  papiernen  Zahlungsmittel,  weil  damit  deren  Ausgabe  etwas
kostet,  also  aus  Erträgen  im  Tauschverkehr  bezahlt  werden  muß.
Sie  spricht  aber  keineswegs  dafür,  daß  dieses  Deckungsmittel
gerade  Gold  sein  muß,  was  vielmehr  nur  im  Interesse  der  Lauptgoldproduktionsländer
  ist.  Wenn  es  auch  in  Zukunft  nicht  möglich ­
  sein  sollte,  das  Geldwesen  so  unabhängig  vom  Staate  zu  gestalten, ­
  daß  keine  Gefahr  mehr  vorhanden  ist,  der  Staat  könne  in
seinem  vorübergehenden  Interesse  die  Geldschöpfung  ohne  Kosten
übermäßig  steigern,  so  wäre  es  das  Nächstliegende,  die  Ausgabe
papierner  Zahlungsmittel  an  die  Kriegsvorratswirtschaft  anzuknüpfen. ­
  Statt  durch  Gold  sollte  unser  in  festem  Betrage  umlaufendes ­
  Staatspapiergeld  —  die  Banknoten  könnten  durch
Warenwechsel  gedeckt  sein  —  durch  wichtige  Rohstoffe  gedeckt
werden,  von  denen  es  für  den  Fall  eines  Krieges  nützlich  ist,  große
Vorräte  zu  besitzen,  z.  B.  Kupfer,  Nickel,  Baumwolle  u.  dgl.
Der  Einwand,  daß  diese  leicht  stark  im  Werte  fallen  könnten,  ist
unzutreffend.  Im  Falle  eines  großen  Krieges  steigen  diese  Rohstoffe ­
  stark  im  Werte,  wie  die  Erfahrung  zeigt,  während  das  einzige
92
        <pb n="91" />
        93

Metall,  das  nicht  im  Preise  gestiegen  ist,  gerade  Gold  ist.  Es
wäre  aber  sogar  stark  im  Preise  gefallen,  wenn  es  nicht  durch
das  Institut  der  freien  Prägung  und  den  noch  vielfach  herrschenden
Goldhunger  auf  seinem  festen  Preise  gehalten  würde.  Denn  in
Kriegszeiten  bestimmt  eben  die  praktische  Verwendbarkeit  einer
Ware  ihren  Preis  (wegen  seiner  Seltenheit  ist  aber  Gold  praktisch
wenig  verwendbar)  und  man  verzichtet  dann  darauf,  auf  solche
eingebildete  Notwendigkeiten  wie  Golddeckung  Kosten  zu  verwenden. ­

In  der  Kostenlosigkeit  liegt  natürlich  die  Gefahr  aller  papierner
Zahlungsmittel,  die  nicht  geleugnet  werden  soll,  die  aber  durch
geeignete  Maßregeln  behoben  werden  kann,  wofern  nur  die  richtige
Einsicht  in  das  Geldwesen  und  seine  Funktionen  im  Tauschverkehr
vorhanden  ist.  Jedenfalls  ist  aus  diesem  Grunde  vom  Standpunkt
der  Einwirkung  auf  die  Preise  sehr  viel  weniger  unbedenklich  als
die  Vermehrung  des  Metallgeldes  ohne  Zweifel  das  andere  bewegliche ­
  Element  in  unserem  Geldwesen,  die  Ausgabe  von
Banknoten,  selbst  in  normalen  Zeiten.  Immerhin  ist  die  Ausgabe ­
  von  Banknoten  auf  gute  Warenwechsel  an  sich  kein  ungesundes
Prinzip,  um  eine  gewisse  Elastizität  der  Zahlungsmittel  zu  verschiedenen ­
  Zeiten  herbeizuführen.  Denn  man  konnte  annehmen,
daß  die  Vermehrung  der  Banknotenausgabe  mit  der  Vermehrung
der  Umsähe  im  Tauschverkehr  und  damit  vielleicht  auch  mit  dem
„Geldbedarf"  in  Zusammenhang  stehe,  wenngleich  dieser  als  aus
dem  Kleinverkehr  stammend  doch  wesentlich  andere  Schichten  umfaßt ­
  als  die,  in  denen  der  Wechselverkehr  stattfindet  und  in  denen
eben  der  bargeldlose  Verkehr  vorherrscht.  Dann  aber  kommt  es,
wie  wir  wissen,  überhaupt  nicht  auf  die  Anpassung  der  Menge
realer  Zahlungsmittel  an  die  Umsähe  an,  wie  noch  Bendixen
glaubt,  sondern  an  die  Erträge  und  Einkommen,  und  es  bleibt
daher  noch  zu  untersuchen,  inwieweit  die  Banknotenvermehrung
auf  Grund  der  Einreichung  von  Warenwechseln  wirklich  auch  mit
einer  Zunahme  der  Erträge  in  der  Volkswirtschaft  korrespondiert. ­
  Da  ist  zu  sagen,  daß  größere  Wechseleinreichungen  wohl
größere  Aktivität  in  der  Volkswirtschaft  und  damit  auch  größere
Erträge  bedeuten  können,  daß  man  aber  den  eingereichten  Wechseln
ihre  wirtschaftliche  Grundlage  nicht  immer  ansehen  kann.  Denn
der  größere  Wechselumlauf  kann  auf  stärkerer  Inanspruchnahme
von  Kredit  beruhen,  ohne  daß  damit  wirklich  die  Leistungen  im
        <pb n="92" />
        Tauschverkehr  erhöht  werden.  In  Spekulationszeiten  kann  ein  und
dieselbe  Ware  durch  sehr  viel  mehr  Lände  gehen  als  in  normalen,
und  das  kann  zu  einer  Vergrößerung  des  Wechselumlaufes  führen,
ohne  daß  die  Erträge  in  der  Volkswirtschaft  gestiegen  sind.  Die
darauf  hin  erfolgende  Steigerung  der  Banknotenausgabe  oder
auch  nur  die  stärkere  Ausdehnung  des  Kredits  im  Girowege  kann
zu  künstlich  vermehrter  Kaufkraft,  zu  Preissteigerungen  und  zu
einer  Aufblähung  der  günstigen  Konjunktur  führen,  welche  das
Eintreten  des  Umschlags  beschleunigen  wird.  So  kann  eine  typische
Spekulations-  und  Kreditkrisis,  wenn  auch  nicht  erzeugt,  so  doch
durch  diese  Art  von  Geldschöpfung  verstärkt  werden.
Von  einer  „klassischen  Geldschöpfung",  wie  Bendixen
die  Ausgabe  von  Banknoten  auf  Warenwechsel  nennt,  kann  also
keine  Rede  sein.  Er  hat  eben  noch  keine  Vorstellung  davon,  daß
die  Geldvermehrung  mit  den  Erträgen  im  Tauschverkehr  in  Zusammenhang ­
  stehen  muß.  Es  ist  daher  unverständlich,  wie  W.  Federn ­
  im  9.  Teil  seines  Aussatzes,  „Österr.  Volkswirt"  vom  3.  November ­
  1917,  schreiben  kann:  „Erst  Bendixens  Forderung  nach
Warenwechseln  als  Basis  der  Geldschöpfung,  die  Liefmann  ablehnt ­
  —  wohl  aus  keinen!  anderen  Grunde,  als  weil  er  überhaupt
keinen  Theoretiker  vor  und  neben  sich  anerkennt  (!)  —  im  Zusammenhang ­
  mit  Liefmanns  Einkommenslehre  bringt  Klarheit  in  die  noch
dunklen  Fragen  des  Geldwesens."  Zunächst  ist  nicht  einzusehen,
weshalb  eine  bloße  Forderung,  die  auch  schon  im  wesentlichen
erfüllt  ist,  Klarheit  in  die  Geldlehre  bringen  soll,  und  auch  Federn
hätte  sich  mit  etwas  gutem  Willen  wohl  klar  darüber  werden
können,  weshalb  ich  Bendixens  Forderung  nicht  als  eine  „klassische
Geldschöpfung"  ansehen  kann.  Ich  habe  sie  aber  in  meinem  Buche
„Geld  und  Gold"  gar  nicht  abgelehnt,  so  daß  ein  hervorragender
Praktiker  mich  schon  im  Frühjahr  1917  darauf  aufmerksam  machte,
daß  ich  die  Gefahren  einer  Banknotenausgabe  auf  Warenwechsel
dort  unterschätzt  hätte.  Im  übrigen  habe  ich  gerade  Bendixens
Leistungen  vielleicht  mehr  anerkannt,  als  sie  es,  gerade  vom  wissenschaftlichen ­
  und  theoretischen  Standpunkt  aus,  wohl  verdienen,
wie  sich  überhaupt  über  neue  Gedanken,  wenn  sie  einmal  statt  der
üblichen  Gedankenlosigkeit,  Eklektik  oder  bloßen  Kritik  irgendwo
hervortreten,  niemand  mehr  freuen  kann  als  ich.
Die  Banknotenausgabe  auf  gute  Warenwechsel,  insbesondere
wenn  deren  Qualität  als  solche  geprüft  wird  und  mit  einiger  Sicher-94
        <pb n="93" />
        95

heit  festgestellt  werden  kann,  ist  immerhin  eine  relativ  harmlose
und  zweckmäßige  Art  der  Anpassung  der  Zahlungsmittelvermehrung
an  den  Verkehr  in  normalen  Zeiten.  Jedenfalls  ist  sie  zweckmäßiger
als  die  in  den  heutigen  Bankgesetzen  an  erster  Stelle  stehende  Banknotenausgabe ­
  auf  Gold.  Auf  die  Deckung,  die  die  bisherige
Geldlehre  immer  allein  im  Auge  hat,  kommt  es  dabei  gar  nicht  an;
käme  es  das,  dann  wäre  ja  die  Erlaubnis,  ein  Mehrfaches  der
Golddeckung  ausgeben  zu  dürfen,  ganz  sinnlos.  In  kritischen  Zeiten
wird  die  Goldeinlösung  ja  doch  aufgehoben.  Aber  die  Golddeckung
ist  unzweckmäßig,  weil  bei  ihr  durch  das  Institut  der  freien  Prägung ­
  die  Entscheidung  über  den  inländischen  Amlauf  an  Zahlungsmitteln ­
  überhaupt  dem  Inlands  aus  der  Land  genommen  und  in
die  Lände  des  Auslandes,  nämlich  der  Goldproduktionsländer, ­
  gelegt  ist.  Diese  können  damit  beliebig  viel  Gold  ins  Inland ­
  bringen  und,  wie  wir  jetzt  wissen,  durch  diese  Geldvermehrung
im  Inlande  die  Preise  steigern.  Die  Lerrschaft  über  den  größten
Teil  der  ungeheuer  gestiegenen  Goldproduktion  ist  also  für  England
ein  Mittel,  in  anderen  Ländern,  die  ihm  durch  billigen  Export  eine
unangenehme  Konkurrenz  machen  könnten,  durch  starkes  Goldangebot ­
  daselbst  die  Preise  zu  steigern.  Denn  auch  wenn  der  Ankauf ­
  von  Gold  etwas  kostet,  d.  h.  letzten  Endes  mit  den  Produkten
der  inländischen  Arbeit  bezahlt  werden  muß,  so  kann  doch  aus  diese
Weise  die  Vermehrung  der  Zahlungsmittel  übermäßig  gesteigert
werden.
Es  gehört  das  ganze  Anverständnis  der  aus  den:  Boden  des
Metallismus  stehenden  bisherigen  Geldpolitik  dazu,  in  dieser  Weise
ein  Land  zu  verpflichten,  eine  Ware  in  unbegrenztem  Amfange
vom  Arisland  ganz  nach  dessen  Belieben  zu  überrrehmen,  wie  es
bei  der  freien  Prägrmg  zugunsten  vor  allem  Englands  geschieht,
diese  Goldzufuhr  womöglich  noch  mit  allen  Mitteln  zu  erstreben
und  damr  zu  glauben,  daß  nran  ohne  Einwirkung  auf  die  Preise
daraufhin  womöglich  noch  ein  Mehrfaches  an  Banknoten  ausgeben ­
  dürfe.
Ganz  anders  als  die  Banknotenausgabe  auf  gute  Warenwechsel ­
  ist  aber  eine  solche  auf  Grund  von  Finanzwechseln  des
Staates  zu  beurteilen,  wie  sie  in  verschiedenen  Formen  in  allen
kriegführenden  Ländern  die  Lauptgrundlage  für  die  Beschaffung
der  laufenden  Kosten  der  Kriegführung  bildet.  Dabei  ist  es  für  den
Einfluß  auf  die  Preise  ganz  gleichgültig,  wie  groß  der  Kredit
        <pb n="94" />
        des  Staates,  das  Vertrauen  zu  ihm,  also  die  Qualität  seiner
Wechsel  ist.  Nur  auf  die  künstliche  Kaufkraft,  die  dadurch  geschaffen ­
  wird,  kommt  es  hinsichtlich  des  Einflusses  auf  die  Preise
an,  nicht  auf  die  Qualität  der  Deckung  der  Banknoten.  Die  Kreditgewährung ­
  an  den  Staat  kann  nun  aber  auch  auf  Grund  von  Erträgen ­
  erfolgen,  die  in  der  Volkswirtschaft  verfügbar  sind,  weil
ihre  Verwendung  für  andere  Zwecke,  zum  Konsum  seitens  der  Bezieher ­
  oder  zur  Kapitalbildung  in  den  Erwerbswirtschaften,  unterlassen ­
  wird.  Wenn  das  der  Fall  ist,  so  ist  die  Banknotenausgabe
unbedenklich,  obgleich  auch  dann  die  Menge  der  realen  Zahlungsmittel ­
  vermehrt  wird.  Aber  sie  verkörpern  dann  nur  Erträge,  die
sonst  an  anderen  Stellen  als  Kaufkraft  in  den  Tauschverkehr  eingetreten ­
  wären,  und  werden  nur  insoweit  unter  Amständen  zu  Preisveränderungen
  führen,  als  sie  starke  Einkommensverschiebungen  zur
Folge  haben.  Das  wird  dann  der  Fall  sein,  wenn  in  Zeiten  kriegerischer ­
  Verwicklungen  der  Staat  mit  einem  neuen  und  ganz  anders
gearteten  Bedarf  auftritt,  als  ihn  bisher  die  Bezieher  der  Erträge
hatten,  aus  denen  der  Staat  jetzt  schöpft.  Denn  das  bedeutet  gewaltige ­
  Einkommensverschiebungen  in  zahlreichen  Erwerbszweigen,
Steigerungen  in  denen,  die  jetzt  für  den  Staat  weit  stärker  als  früher
beschäftigt  sind,  Verminderungen  bei  denen,  die  jetzt  durch  die  Einschränkung ­
  des  privaten  Konsums  verlieren.  Das  muß  und  wird
um  so  mehr  zu  starken  Preisveränderungen,  Senkungen  sowohl  als
auch  vor  allem  Steigerungen  führen,  je  dringlicher  der  Staatsbedarf ­
  ist  und  je  mehr  der  Staat  und  seine  Lieferanten,  Vermittler ­
  u.  dgl.  gezwungen  sind,  sehr  viel  höhere  Preise  als  bisher
für  die  von  ihm  benötigten  Güter  zu  bewilligen.  Das  alles  wird
eintreten  auch  unter  der  Voraussetzung,  daß  zunächst  weder  ein
Mangel  an  Rohstoffen  noch  an  Arbeitskräften  bemerkbar  zu  sein
braucht.
Je  mehr  aber  Aussicht  besteht,  daß  die  so  vom  Staate  in  Anspruch ­
  genommenen  Kredite  in  kürzester  Frist  aus  Erträgen  oder
verfügbarem  Kapital  ersetzt  werden  und  die  Aufblähung  der  Kaufkraft
  in  der  Volkswirtschaft,  die  durch  jene  Kreditinanspruchnahme
bei  der  Notenbank  erfolgt,  aus  diesen  Quellen  wieder  eingedämmt
wird,  um  so  weniger  gefährlich  ist  jene  Form  der  Kriegskostendeckung. ­
  Daher  ist  es  von  so  ungeheurer  Bedeutung  für  die  Preisverhältnisse, ­
  daß  jene  Kreditaufnahmen  alsbald  konsolidiert
werden.  Das  Mittel  dazu  sind  Steuern  und  Anleihen.  Beide
96
        <pb n="95" />
        Werder:  aus  dem  Tauschverkehr  heraus  bezahlt,  errtziehen  ihm  Geldsummen
  (natürlich  irn  abstraften  Sinne),  die  sonst  im  Tauschverkehr
eine  andere  Verwerrdurrg  gefunden  hätten,  sei  es  daß  auf  manchen
Konsum,  sei  es  daß  auf  Kapitalbildung  bei  den  Erwerbswirtschaften
verzichtet  wird.  Insbesondere  das  letztere  liefert  die  Lauptmittel
für  die  Kriegsfinanzierung.  And  zwar  find  es  weniger  die  jährlich
neu  gebildeten,  also  aus  Erträgen,  die  auch  zürn  Konsum  hätten
verwendet  werderr  sönnen,  stammenden  Kapitalien,  als  vielmehr  die
gewaltigen  Summen  des  umlaufenden  und  des  für  die  Ersetzung ­
  abgenützter  Produktionsmittel  erforderlichen,  zurzeit  in
der  Geldform  vorhandenen  Kapitals,  das  dafür  in  Betracht  kommt.
Jenes  jährlich  ersparte  Kapital,  das  zu  Nerranlagen  dient,  ist  in
Deutschland  nur  auf  etwa  8  bis  10  Milliardeir  Mark  zu  schätzen.
Sehr  viel  größer  sind  aber  die  Summen,  die  als  umlaufendes
Kapital  immer  wieder  von  neuem  aus  den  Bruttoerträgen  der
Erwerbswirtschaften  in  Roh-  und  Lilfsstoffe  gesteckt  werden,  sowie
diejenigen,  die  aus  derselben  Quelle  zu  Amortisationen,  zum  Ersatz
abgenützten  stehenden  Kapitals  durch  neues  irr  Betracht  kommen.
Für  die  Größe  dieser  Sunrnren  gibt  es  gar  keinen  Anhaltspunkt'
es  sind  aber  doch  wohl  mindestens  50  Milliarden  Mark  umlaufendes ­
  Kapital  irr  der  deutschen  Volkswirtschaft  tätig,  rrnd  von  etwa
200  Milliardeir  stehendem  Kapital  kann  rnarr  wohl  eine  durchschnittliche ­
  Amortisationsquote  von  10  °/ 0  jährlich  annehmen.
Natürlich  stehen  diese  Sunrnren  nicht  ganz  für  die  Staatszwecke
zur  Verfügung,  weil  die  Versorgung  der  inländischerr  Bevölkerung
und  die  Erwerbstätigkeit  dafür,  werrn  auch  eingeschränkt,  selbstverständlich ­
  rveitergeht.  Daß  aber  infolge  dieser  Einschränkung
des  Verbrauchs  und  der  Kapitalneubildung  und  -ersetzung  viele
'-Milliarden  denr  Staate  für  seine  Bedürfnisse  überlassen  werderr
können,  wird  dadurch  bewiesen,  daß  neben  Steuererhöhungen  in  den
beideir  letzten  Jahren  jährlich  etwa  24  Milliarden  Mark  an  Anleihen ­
  denr  Staate  freirvillig  zur  Verfügung  gestellt  wurden.  And
daß  bei  noch  größerer  Opferwilligkeit  der  Bevölkerung  —  wenn
anders  man  die  Beteiligung  an  derr  Kriegsanleihen  überhaupt  als
eiir  Opfer  bezeichnen  kanir  —  oder  mit  Steuern  urrd  Zwangsanleihen
noch  größere  Summen  aus  dieser  Quelle  zusainmerrkonrnrerr  könnten,
zeigen  die  fortgesetzterr  Preissteigerungen  für  Luxusgüter  aller  Art,
die  eifrigen  Airkäufe  von  Altertümern  und  Gemälden,  das  Älberbieten
  ii,  ihnen  bei  Auktionen,  wo  die  unsinnigsten  Preise  gezahlt
Äiefmann,  Die  Geldvermchrung  im  Weltkriege  7  97
        <pb n="96" />
        werden,  der  fortgesetzte  Ankauf  von  Juwelen  und  Schmucksachen
—  in  der  Schweiz  wird  erzählt,  daß  noch  jetzt  in  großem  Amfange
auf  Schleichwegen  solche  nach  Deutschland  und  Österreich-Ungarn
eingeführt  werden  —  und  vor  allem  die  hochgetriebenen  Kurse
vieler  Effekten  und  die  ausgedehnte  Effekteuspekulation  bei  uns  und
in  anderen  Ländern.  —
3n  erster  Linie  wird  jeder  Staat,  der  die  wichtige  Aufgabe
erkennt,  im  Kriege  Preissteigerungen  möglichst  zu  verhüten,  seine
Kriegskosten  durch  Steuern  zu  decken  versuchen.  Zwar  lassen  auch
sie  natürlich  die  Preisbildung  nicht  unbeeinflußt,  weil  sie,  wie  sie
aus  einer  Vermehrung  der  Bedürfnisse  des  Staates  erhoben
werden,  auch  zu  Bedarfsverschiebungen  und  damit  zu  Einkommens-Verschiebungen
  führen.  Aber  man  wird  nicht  behaupten  können,
daß  sie  inflationistisch  wirken,  und  wir  wissen  jetzt  genau,  was
darunter  zu  verstehen  ist.  Diese  Bedeutung  der  Steuern  für  die
Kriegsfinanzierung  hat  man  bisher  nicht  genügend  erkannt,  und
selbst  in  der  Schrift  eines  Theoretikers  wie  Dietzel:  „Kriegssteuer
oder  Kriegsanleihe?"  1912,  der  diese  Frage  eingehend  untersucht
hat  und  sich  zugunsten  von  Anleihen  ausspricht,  findet  sich  über
die  Wirkungen  auf  die  Preise  nichts.  Aber  wenn  ich  auch  der  Meinung ­
  bin,  daß  Steuern  bei  uns  und  in  allen  Ländern  in  sehr  viel
größerem  Amfange  zur  Kriegsfinanzierung  hätten  herangezogen
werden  müssen,  so  ist  es  doch  kein  Zweifel,  daß  selbst  bei  größter
Sparsamkeit  auf  der  einen  Seite,  bei  größter  Anspannung  der
Steuern  auf  der  anderen  Seite  sie  doch  nicht  ausgereicht  hätten,
die  gesamten  laufenden  Kosten  der  Kriegführung  zu  bestreiten.
Immerhin  haben  die  Schwierigkeiten,  die  sich  bei  uns  aus  dem
bundesstaatlichen  Charakter  des  Reiches  ergeben,  die  notwendige
Anwendung  dieses  Mittels  noch  weiter  beschränkt.
Aber  auch  Anleihen  sind  zur  Bestreitung  der  Kriegskosten
der  Inanspruchnahme  des  Kredits  bei  der  Notenbank,  sei  es  mit,
sei  es  ohne  Banknotenausgabe,  weit  vorzuziehen.  Denn  durch  sie
wird  sonst  vorhandene  Kaufkraft  für  die  Zwecke  des  Staates
herangezogen,  es  werden  hier  Erträge  und  umlaufendes  Kapital
in  der  Geldform  zur  Verfügung  gestellt,  die  damit  an  anderer
Stelle  als  kaufend  ausfallen.  Es  wird  also  im  Gegensatz  zur  Kreditaufblähung
  keine  neue  Kaufkraft  geschaffen,  sondern  solche  nur
übertragen,  und  daher  sind  es  wiederum  nur  Bedarfsverschiebungen,
welche  hier  preissteigernd  wirken  können,  nicht  aber  Veränderungen
98
        <pb n="97" />
        99

Don  der  Geldseite  her.  l )  Man  könnte  zwar  vielleicht  gerade  auf
Grund  meiner  Ertragstheorie  sagen,  daß  doch  die  Erträge  und
umlaufenden  Kapitalien  dem  Staate  nur  zur  Verfügung  gestellt
werden,  wenn  er  höhere  Erträge  verspricht,  als  sie  bei  anderer
Kapitalisierung  der  verfügbaren  Gelder  erzielt  werden  würden.
Aber  erstens  ist  das  unter  den  besonderen  Verhältnissen  des  Krieges
in  Deutschland  zweifelhaft,  die  Erwerbswirtschaften  legen  ihr  umlaufendes ­
  Kapital  in  Kriegsanleihen  an,  weil  sie  infolge  Rohstoffknappheit ­
  und  Arbeitermangel  augenblicklich  keine  günstigere  Anlagegelegenheit ­
  haben  (auch  die  Schaffung  von  Rücklagen  für  die
Kriegsgewinnsteuer  spielt  natürlich  mit  und  diese  wirkt  also  auch
insofern  günstig).  Zweitens  aber,  selbst  wenn  es  der  Fall  wäre,
daß  auch  günstigere  Anlagegelegenheiten  hier  und  da  möglich
wären  (z.  B.  bei  den  Konsumwirtschaften,  welche  den  Vorteil  der
Kapitalisierung  von  Einkommensteilen  mit  dem  der  weiteren  Ausdehnung ­
  des  Konsums  vergleichen),  so  würde  das  doch  keine  Rolle
spielen,  da  es  sich  doch  nur  um  die  jährliche  Zinsdifferenz  handelte,
das  Mehr  an  Erträgen,  was  bei  der  Anlage  in  Kriegsanleihe  unter
Amständen  herausspringt.  Das  wird  auf  die  jeweiligen  Preisverhältnisse ­
  keinen  nennenswerten  Einfluß  haben.
Wenn  man  also  die  Möglichkeit  einer  Kreditinflation  erkennt,
so  wäre  es  doch  auf  der  anderen  Seite  viel  zu  weit  gegangen,  wenn
man  nun  glauben  wollte,  daß  jede  Kreditinanspruchnahme  preissteigernd ­
  wirken  müsse.  Gewiß  kommt  damit  der  Theorie  nach
Kaufkraft  in  Lände,  welche  mit  größeren  Ertragserwartungen
(seien  es  Gelderträge,  seien  es  individuelle  Konsumerträge)  auf  den
Markt  treten,  aber  von  einer  inflationistischen  Wirkung  der  Kredit-*)
  Das  verkennt  W.  Federn  in  seinem  schon  genannten  Aufsatz  im
„Osterr.  Volkswirt"  vom  3.  und  10.  November,  wenn  er  schreibt:  „Für
die  Preisentwicklung  wäre  es  in  hohem  Maße  gleichgültig  gewesen,  wenn
die  Kriegskosten  mit  Banknoten  oder  mit  Kriegsanleihen  gedeckt  worden
wären;  es  sind  gewiß  nur  sehr  kleine  Teile  der  Bevölkerung,  die  ihren  Verbrauch ­
  eingeschränkt  haben,  um  Kriegsanleihe  zu  zeichnen."  Gewiß,  aber
darauf  konnnt  es  nicht  an.  And  weiter:  „Wir  haben  auch  gegenüber  den  Anhängern ­
  der  nominalistischen  Lehre  immer  wieder  betonen  müssen,  daß  die
Wirkung  der  Kriegsanleihen  aus  die  Preisbildung  im  wesentlichen  dieselbe
sei  wie  der  Ausgabe  von  unmittelbaren  Zahlungsmitteln  oder  der  Deckung
der  Kriegskosten  aus  irgendeinem  erdenklichen  Kreditwege."  Das  scheint
mir  unzutreffend,  da  es  auf  die  Quelle  des  Kredits  ankommt,  zeigt  aber,
welche  Anklarheiten  trotz  aller  Fortschritte  noch  immer  über  die  wichtigsten
tauschwirtschaftlichen  Zusammenhänge  und  Probleme  bestehen.  Es  kann
hier  nicht  näher  darauf  eingegangen  werden.
        <pb n="98" />
        gewährung  als  solcher  kann  nicht  die  Rede  sein.  Wir  nmssen  also
daran  festhalten,  daß  nicht  jede  Kreditgewährung  schon  preis
steigernd  wirkt,  sondern  nur  die  Kreditaufblähung,  d.  h.  die
Kreditgewährung,  welche  nicht  auf  Grund  von  Erträgen  und
anlagesuchenden  Kapitalien  erfolgt.
Natürlich  wird  auch  die  Aufnahme  von  Anleihen  um  so  eher
eine  Inflation  herbeiführen  können,  wenn  die  Gelder  dafür  von  den
privaten  Geldgebern  ihrerseits  im  Wege  der  Kreditanspannung
aufgebracht  werden.  Doch  kommt  auch  hier  wieder  alles  darauf  an,
womit  der  Kredit  gewährt  wird  und  inwieweit  die  Kreditnehmer
damit  nur  ihnen  zufließende  Erträge  für  kurze  Frist  vorwegnehmen.
Immerhin  ist  die  bekannte  Aufforderung,  zwecks  Kriegsanleihezeichnung ­
  Kredit  aufzunehmen  und  vor  allem  natürlich  die  Benutzung ­
  der  Darlehenskassen  dafür  sehr  bedenklich,  und  zwar  um
so  mehr,  je  weniger  diese  Kredite  alsbald  aus  Erträgen  oder  verfügbarem ­
  Kapital  zurückgezahlt  werden  können.
Wie  wenig  einwandfrei  unsere  viel  gepriesene  Kriegsfinanzierung ­
  nach  alledem  wirklich  gewesen  ist,  brauche  ich  jetzt  nicht  näher
auseinanderzusetzen.  Es  gehen  eben  im  Weltkriege  und  gingen
wohl  auch  oft  in  früheren  Zeiten  die  Geldbedürfnisse  des  Staates
im  Kriege  erheblich  über  das  hinaus,  was  in  dieser  Weise  aus  Erträgen ­
  und  verfügbarem  Kapital  für  die  Kriegszwecke  in  einer
Volkswirtschaft  zur  Verfügung  gestellt  werden  kann.  Wenir
unsere  Kriegskosten  in  der  zweiten  Äälfte  des  Jahres  1917  zirka
3,4  Milliarden  Mark  monatlich  betrugen,  jährlich  also  über  40  Milliarden ­
  Mark,  an  Anleihen  aber  nur  höchstens  25  Milliarden  Mark
zusammenkamen,  und  wenn  daneben  nicht  durch  sonstige  Einkünfte
und  durch  Einführung  neuer  Steuern  Ersah  geschaffen  wurde,  so
ist  klar,  daß  die  Kreditaufblähung,  sei  es  mit,  sei  es  ohne  Benutzung
der  Notenpresse,  das  einzige  Mittel  blieb,  den  Krieg  fortzusetzen.
Dieses  Mittel  ist  aber  auch,  wie  Rußland  zeigt,  in  sehr  großem
Umfange  anwendbar,  und  in  einem  geordneten  Staatswesen  wie
Deutschland  natürlich  noch  viel  mehr.  Daher  dürfen  unpatriotische
Leute,  die  erklären,  daß  sie  nicht  durch  Kriegsanleihezeichnung  den
Krieg  verlängern  wollten,  und  unnationale  Parteien,  die  prinzipiell
die  Kriegskredite  verweigern  wollten,  nicht  glauben,  damit  zur  Abkürzung ­
  des  Krieges  beizutragen.  Sie  schädigen  damit  nur  ihr
Vaterland  und  schließlich  auch  sich  selbst,  indem  sie  die  Regierung
zwingen,  zu  unzweckmäßigen  und  schädlichen  Mitteln  der  Geld-100
        <pb n="99" />
        101

beschaffung  zu  greifen.  Sie  zwingen  die  Regierung  nur  zur  Geldvermehrung.
  Liber  deren  schädliche  Wirkung  auf  die  Volkswirtschaft ­
  aber  muß  man  sich  klar  sein,  und  diese  Klarheit  war  bisher
infolge  der  Mängel  der  ökonomischen  Wissenschaft  leider  auch  bei
den  leitenden  Persönlichkeiten  nicht  in  genügendein  Amfange  vorhanden. ­
  Den  Zusammenhang  zwischen  Geld,  Preiseir  und  Einkommen ­
  hat  eben  die  bisherige  Wirtschaftstheorie  infolge  falscher
allgemeiner  Grundlagen  nicht  erkennen  können,  und  daß  noch  so
einsichtige  und  kenntnisreiche  Praktiker  und  Politiker  es  auch  nicht
vermochten,  liegt  auf  der  Kand  und  zeigt  die  umfangreiche,  von
solchen  verfaßte,  aber  auf  der  Oberfläche  bleibende  Literatur.
Denn  diese  Zusammenhänge  sind  eben  doch  nicht  so  einfach,  als
daß  sie  ohne  tiefer  gehende  Analyse  und  Abstraktion  gefunden  werden
könnten,  was  nur  bei  wissenschaftlicher  Vertiefung  möglich  ist.  —
Wir  wissen  jetzt,  daß  alle  größeren  Einkommenssteigerungen,
einerlei,  aus  welchen  Quellen  sie  kommen,  preissteigernd  wirken
müssen.  Wenn  die  Regierung  irr  Kriegszeiten  für  mancherlei  Kriegsmaterial ­
  übermäßig  hohe  Preise  bezahlen  muß,  so  wirkt  das  aus
die  verschiedensten  Güter  in  der  Volkswirtschaft  preis  steigernd
auch  dann,  wenn  sie  verfügbare  Erträge  dafür  zugewiesen  erhält.
Einfach  deswegen,  weil  erhebliche  Einkonnnensteigerungen  die  Folge
sind,  welche  immer  preissteigernd  wirken  müssen.  Am  so  mehr  aber
wirkt  alles  preissteigernd,  was  künstliche,  zusätzliche  Kaufkraft,  nicht
aus  dem  regulären  Tauschverkehr  stammende  Erträge  bedeutet,
also  jede  Geldvermehning  im  weitesten  Sinne,  im  Sinne  der  abstrakten ­
  Rechnungseinheit.
Aus  unseren  Ausführungen  ergibt  sich,  daß  es  für  den  Einfluß
auf  die  Preise  ziemlich  gleichgültig  ist,  in  welcher  Form  die  Geldvermehrung ­
  auftritt.  Wenn  sie  nur  nichts  kostet,  also  eine  künstliche
Kaufkraftsteigerung  bedeutet,  nicht  mit  aus  dem  Tauschverkehr
stammenden  Erträgen  bezahlt  werden  muß,  muß  sie  preissteigernd
wirken.  Rur  aus  dem  regulären  Tauschverkehr  stammende  Erträge,
von  dem  umlaufenden  Kapital  natürlich  abgesehen,  können  in  der
Volkswirtschaft  kaufen,  ohne  daß  ihre  Vermehrung  zu  Preissteigerungen ­
  führt  (die  natürlich  infolge  von  Veränderungen  auf
der  Angebots-  oder  Nachfrageseite  und  dadurch  bewirkte  Einkommensverschiebungen ­
  doch  eintreten  können).  Jede  andere  Kaufkraftsteigerung, ­
  einerlei  ob  sie  durch  Ausgabe  von  Geldzeichen  verkörpert ­
  wird  oder  eine  bloße  Kreditaufblähung  darstellt,  wirkt
        <pb n="100" />
        preissteigernd.  Ich  darf  behaupten,  daß  man  von  diesen  Zusammenhängen ­
  mangels  einer  wirklichen  Preis-  und  Einkommenstheorie
bisher  keine  rechte  Vorstellung  gehabt  hat.  Insbesondere  ob
Banknoten  auf  Grund  von  Schahwechseln  des  Staates  oder  ob
eigentliches  uneinlösliches  Papiergeld  ausgegeben  wird,
macht  fiir  den  Einfluß  auf  die  Preise  um  so  weniger  einen  Unterschieds ­
  je  weniger  die  Finanzwechsel  alsbald  durch  Anleihen  konsolidiert ­
  werden,  je  weniger,  wie  jetzt  im  Kriege,  die  Anleihen  dazu
ausreichen  oder  je  mehr  alsbald  immer  wieder  neuer  Kredit  von  der
Notenbank  verlangt,  die  Schaffung  künstlicher  Kaufkraft  also  immer
wieder  fortgesetzt  wird.  Nur  aus  den  Umfang  der  Geldvermehrung ­
  kommt  es  an,  aber  nicht  im  Sinne  der  materialistischen  Wirtschaftslehre ­
  und  ihrer  Quantitätstheorie,  sondern  nur  insofern,  als
die  künstliche  Vermehrung  der  Kaufkraft  entscheidend  ist
und  als  dadurch  das  überlieferte  Preis-  und  Einkommensystem  ins
Wanken  gebracht  wird.  Das  kann,  wie  wir  wissen,  auch  durch
Kreditanspaimung  ohne  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel,
die  man  bisher  allein  betrachtete,  geschehen.
Nur  vom  Standpunkt  der  Notenbank  aus  ist  es  nicht
gleichgültig,  ob  die  Geldvermehrung  durch  Banknotenausgabe  oder
im  Girowege  erfolgt  oder  durch  Ausgabe  des  eigentlichen  uneinlöslichen ­
  Papiergeldes.  Denn  der  letztere  Fall  der  Geldvermehrung
läßt  die  Notenbank  unberührt,  und  deswegen  hat  man  in  den  meisten
kriegführenden  Ländern,  vor  allem  auch  von  Anfang  an  in  Deutschland ­
  und  in  England,  das  Bestreben  gehabt,  auch  unabhängig  von
ihr  dem  Staate  künstliche  Kaufkraft  zu  verschaffen,  und  da  das
meist  mit  der  Ausgabe  von  Zahlungsmitteln  verbunden  ist,  solche
unabhängig  von  der  Notenbank  ausgegeben.  So  hat  man  bei  uns
die  Darlehenskassenscheine  und  in  England  die  Lurreno^-Notes
  geschaffen,  ohne  sich,  wie  es  aus  der  Begründung  ihrer
Ausgabe  durch  die  Neichsbank  deutlich  genug  hervorgeht,  klar
darüber  zu  sein,  daß  diese  Geldvermehrung,  wenn  sie  auch  auf
„wirklichen  Werten"  beruht,  die  Schaffung  künstlicher  zusätzlicher
Kaufkraft  und  damit  eine  unheilvolle  Wirkung  auf  die  Preisgestaltung ­
  bedeute.
Demgegenüber  liegt  in  der  Heranziehung  der  Notenbank  zur
Kreditgewährung  an  den  Staat,  namentlich  solange  sie  noch  Ausweise ­
  veröffentlicht,  allerdings  noch  eine  gewisse  Bindung  des
Staates  bei  der  Geldvermehrung  an  privatwirtschaft-102
        <pb n="101" />
        liche  Grundsätze.  Die  reine  Papiergeldausgabe  ist  eine  Schuld
nur  sozusagen  im  moralischen,  nicht  im  privat-  oder  öffentlich-rechtlichen ­
  Sinne,  eine  Schuld  des  Staates  an  sich  selbst,  an  das  Volk
in  seiner  Gesamtheit.  Es  ist  eine  Art  von  Schuld,  nicht  weil  diese
papiernen  Zahlungsmittel  keinen  „Wert"  haben  oder  nicht  durch
einen  solchen  „gedeckt"  sind  —  es  ist  überflüssig,  daß  bloße  Tauschmittel ­
  stofflich  wertvoll  oder  durch  bestimmte  stoffliche  Werte  gedeckt ­
  sind  —,  sondern  weil  sich  der  Staat  mit  ihrer  Ausgabe  unbegrenzt ­
  eine  künstliche  Kaufkraft  zu  schaffen  vermag,
während  Kaufkraft  nur  aus  Leistungen  im  Tauschverkehr,  die  in
die  Gesamtheit  der  Preise  und  Einkommen  mit  hineinkalkuliert
sind,  entstehen  darf.
Die  Banknotenausgabe  auf  Finanzwechsel  und  die  sonstige
Inanspruchnahme  der  Notenbank  durch  den  Staat  schafft  aber  ein
privatrechtliches  Verhältnis,  das  irr  der  Wirtschaftsführung  dieser
nach  Erwerbsgrundsätzen  betriebenen  Anstalt  als  eine  Forderung
erscheint.  Insofern  hat  die  Verknüpfung  einer  Vermehrung  des
Geldes  mit  einer  zivilrechtlichen  Verschuldung  des  Staates,  wie
sie  der  Notenbank  gegenüber  erfolgt,  einen  gewissen  Vorzug.
Der  Staat  mußte  in  normalen  Verhältnissen  bestrebt  sein,  seine
schwebende  Schuld  an  die  Notenbank  möglichst  bald  zu  konsolidieren. ­

Jedoch  trifft,  wie  wir  jetzt  wissen,  diese  privatrechtliche  Auffassung ­
  der  Geldvermehrung  das  eigentliche  Problem,  derselben,
das  in  der  Einwirkung  auf  die  Preis-  und  Einkommensgestaltung
liegt,  nicht.  Wie  bei  so  vielen  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens,
ist  man  auch  hier  bei  der  rechtlichen  Betrachtung  stehengeblieben
und  hat  die  wirtschaftlichen  Zusammenhänge  nicht  erkannt.  Nur
die  materialistische  Auffassung  des  Geldes  hat  verhindert,  zu  erkennen, ­
  daß  das  eigentliche  Geld  die  abstrakte  Rechnungseinheit
ist,  von  der  die  Preise  abhängen  und  die  nicht  privatrechtlich  als
Schuld  behandelt  und  gedeckt  werden  kann.  Nur  so  kam  man  dazu,
zu  übersehen,  daß  nicht  die  realen  Zahlungsmittel,  sondern  daß  die
in  dieser  abstrakten  Rechnungseinheit  nur  kalkulierten  Einkommen
die  Güter  kaufen,  daß  die  künstliche  Vermehrung  der  Erträge  und
Einkommen  das  Älbel  ist,  das  es  zu  vermeiden  gilt,  und  daß  es,  wenn
die  Geldzeichen  vermehrt  werden,  nicht  auf  ihre  Deckung,  sondern
auf  die  Beziehung  zur  Steigerung  der  Erträge  im  Tauschverkehr
ankommt.

103
        <pb n="102" />
        Die  ungünstigen  Wirkungen  der  Inflation  beruhen  darauf,
daß  die  durch  sic  bewirkte  künstlich  geschaffene  zusätzliche  Kaufkraft
in  so  verschiedenem  Grade  preissteigernd  wirkt.  Sie
würde,  von  den  internationalen  Wirkungen,  von  denen  wir  noch
sprechen  werden,  abgesehen,  weit  weniger  nachteilig  wirken,  wenn
alle  Preise  gleichmäßig  steigen  würden,  wenn  rasch  wieder  sich
eine  neue  Preisebene  herausbilden  würde,  in  der  das  Proportional-Verhältnis
  aller  Preise  —  denn  darauf  kommt  es  an  —  dasselbe
wäre  wie  früher.  Das  ist  aber  nicht  möglich,  weil  eben  die  ganze
Preisbildung  auf  individuelle  Bestrebungen  zurückgeht,  die  sich
in  sehr  verschiedener  Stärke  geltend  machen.  Sie  vollzieht  sich
immer  nur  auf  Grund  von  Vertragsabschlüffen,  bei  denen  jedes
einzelne  Wirtschaftssubjekt  nach  Maßgabe  seiner  wirtschaftlichen
Macht,  d.  h.  der  für  sein  Angebot  vorhandenen  Tauschkonstellation
sein  Gewinnstreben  durchzusetzen  sucht.  Die  künstliche  Kaufkraftsteigerung,
  die  sich  der  Staat  verschafft,  überträgt  er  also  zunächst
auf  die  Inhaber  derjenigen  Güter,  die  er  am  notwendigsten  gebraucht
lind  für  die  er  unter  Amständen  Monopolpreise  bezahlen  muß.
Bon  ihnen  aus  gehen  die  Preiserhöhungen  dann  weiter  auf  alle
diejenigen  Güter,  für  die  einerseits  die  dringendsten  Bedürfnisse
vorhanden  sind  und  deren  Inhaber  andererseits  in  der  Lage  sind,
diese  Steigerung  der  Nachfrage  monopolistisch  auszunutzen.
Den  größten  Vorteil  von  der  Geldvermehrung  haben  daher,
ganz  allgemein  gesprochen,  die  Warenverkäufer  im  Gegensatz  zu
allen  denen,  welche  bedungene  Erträge,  seien  es  Leistungserträge,
seien  es  bedungene  Kapitalerträge,  Zinsen,  beziehen.  Lner  wird  also
unsere  oben  kurz  gegebene  Anterscheidung  der  Einkommensarten  von
Bedeutung.  Denn  die  Warenverkäufer  können  gegenüber  ihren  früher
aufgewendeten,  auf  Grund  anderer  Verhältnisse  kalkulierten  Kosten
jetzt  je  nach  der  in  Geld  ausgedrückten  Nachfrage  höhere  Preise  erzielen. ­
  Die  dein  heutigen  Anternehmertum  eigentümliche  Produktion
auf  Vorrat,  die  Antizipation  des  Bedarfs,  trägt  dann  ihre  Früchte
für  die  Kapitalbesitzer,  die  Anternehmer,  durch  Steigerung  der  Gewinnmöglichkeiten. ­
  Die  bedungenen  Kapitaleinkommen  dagegen,
die  Zinsen  bleiben  beim  alten,  aller  Kapitalbesitz  in  dieser  Form
also,  alles  Leihkapital,  alle  Gläubiger  werden  geschädigt.  Ebenso
werden  geschädigt  alleArbeitseinkommen,  und  auch  sie  umso  mehr,
je  mehr  sie  auf  längere  Zeit  vereinbart  sind,  also  vor  allem  die  der
Beamten.  Bei  den  eigentlichen  Lohnarbeitern  dagegen,  die  Arbeits-104
        <pb n="103" />
        105

Verträge  nur  auf  sehr  kurze  Fristen  abschließen,  hängt  es  natürlich
von  den  jeweiligen  Angebots-  und  Nachfrageverhältnissen  ihrer
speziellen  Leistungen  bzw.  der  von  ihren  Arbeitgebern  verkauften
Produkte  ab,  inwieweit  sie  höhere  Preise  für  ihre  Leistungen  durchsehen ­
  können.  Dabei  sind  die  verschiedensten  Abstufungen  vom
reinen  Monopolpreis  bis  zum  völligen  Konkurrenzpreis  möglich.
Da  die  Inflation  meist  in  Kriegszeiten  eintritt,  wo  gerade  von  den
Lohnarbeitern  besonders  viele  militärisch  in  Anspruch  genominen
werden,  sind  hier  auf  Grund  von  Arbeitermangel  sehr  starke  Lohnsteigerungen
  möglich,  wie  wir  sie  im  Kriege  vor  aller»  in  den  Rüstungsindustrien, ­
  aber  auch  bei  den  Löhnen  ungelernter  Arbeitskräfte ­
  und  von  Ersaharbeitern  gesehen  haben.  (Das  gleiche  gilt
für  alle  selbständigen  Lohngewerbe,  Reparaturarbeiten,  selbständige ­
  Dienstleistungen  u.  dgl.)
Bei  den  Arbeitsgewinnen  endlich,  wie  ich  sie  nenne,  den
nicht  fest  bedungenen  Einkommen  der  Leistungsgewerbe,  der  liberalen
Berufe,  Künstler,  Ärzte,  Rechtsanwälte,  Schriftsteller,  sowie  der
Agenten,  Vermittler  usw.  kommt  auch  in  Betracht,  welche  Nachfrage ­
  nach  ihren  Leistungen  unter  Berücksichtigung  ihrer  persönlichen ­
  Tüchtigkeit  und  ihres  Rufes  besteht.
Am  nreisten  Vorteil  haben  von  der  Inflation  diejenigen
Warenverkäufer,  die  in  solchen  Zeiten  der  Preisveränderungen  die
Objekte  steigender  Nachfrage  am  frühesten  und  richtig  erkennen  und
sie  sich  durch  Bestellungen  und  Aufträge  rechtzeitig  sichern,  also
das  bewegliche  Kapital,  der  Landet  im  allgemeinen,  besonders
aber  natürlich  der  spekulative  Handel,  der  sich  heute  auf  diese,
morgen  auf  jene  Ware  wirft.  Daneben  natürlich  die  speziellen
Kriegsindustrien,  zu  denen  heute  die  verschiedensten  Produktionszweige, ­
  nicht  zum  wenigsten  z.  B.  auch  die  Lederindustrie,  gehören.
Am  meisten  Nachteil  haben  von  der  Inflation,  wie  gesagt,  außer
den  Beanrten  die  Bezieher  bedungener  Kapitaleinkommeir,  Renten,
a lfo  Gläubiger,  während  z.  B.  Aktionäre  als  Anternehmer  an  den
Gewinnen,  die  sich  aus  dem  Warenverkauf  ihrer  Unternehmungen
ergeben,  Anteil  haben.  Lier  zeigt  sich  die  Anmöglichkeit  der  noch
beliebten  Konstruktion,  die  Aktionäre  als  Gläubiger,  das  Aktienwesen
  statt  als  Beteiligung  als  ein  Kreditverhältnis  aufzufassen.
Bei  den  Verhältnissen  in  Deutschland  im  Weltkrieg  ist  zu  berücksichtigen, ­
  daß  die  verschiedenen  Einkommenssteigerungen,  die
bei  uns  zu  verzeichnen  waren,  natürlich  in  erster  Linie  auf  den
        <pb n="104" />
        106

Mangel  an  Rohstoffen,  Waren  und  Arbeitskräften  zurückgehen
und  so  mehr  oder  weniger  monopolistischer  Natur  sind,  die  durch
verstärkte  Nachfrage  einerseits,  vermindertes  Angebot  andererseits
geschaffene  wirtschaftliche  Lage  ausbeuten.  Die  Einkommensteigerungen
  infolge  von  Inflation  haben  die  in  dem  Gesagten  liegenden
Lauptursachen  der  Preisveränderungen  durch  die  damit  verbundene ­
  künstlich  geschaffene  Kaufkraft  noch  verstärkt.  Welcher
Teil  der  Preissteigerungen  auf  die  Geldvermehrung  zurückgeht,
läßt  sich  natürlich  niemals  feststellen.  Denn  auch  die  Geldvermehrung ­
  wirkt  nicht  automatisch  und  proportional,  sondern  nur  durch
die  Einkommen  und  danrit  durch  die  individuellen  Bedürfnisse,  von
denen  daher  jede  wissenschaftliche  Betrachtung  auch  dieser  Vorgänge ­
  auszugehen  hat.  Allein  schon  mit  dieser  Erklärung  der  wirtschaftlichen ­
  Zusammenhänge,  der  Zurückführung  auch  derartiger
Gelderscheinungen  auf  die  Bedürfnisse  hat  sich  ineine  Wirtschaftstheorie, ­
  glaube  ich,  ein  Verdienst  erworben  und  ihre  Vorzüge  gegenüber ­
  der  bisherigen  Theorie  dargetan.  Wir  wollen  jetzt  aber  noch
weitere  Ergebnisse  betrachten,  zu  denen  ich  auf  ihrer  Grundlage
gelangt  bin,  indem  wir  mit  ihrer  Lilfe  uns  jetzt  der  Untersuchung
der  Valutafragen  im  Weltkriege  zuwenden.
        <pb n="105" />
        Sechstes  Kapitel
Inflation  und  auswärtige  Wechselkurse

den  bisherigen  Ausführungen  haben  wir  nun  auch  die
wt  Grundlage  gewonnen  für  die  Erkenntnis  der  Beziehungen
zwischen  Geldvermehrung  und  ausländischen  Wechselkursen,
im  besonderen  für  die  Feststellung  der  Ursachen  des  Sinkens  unserer
Valuta  im  Auslande.  Soviel  darüber  auch  geschrieben  worden  ist,
die  wichtigsten  Gründe  sind  mangels  richtiger  Einsicht  in  den  Mechanismus ­
  des  Tauschverkehrs  nicht  klar  erkannt  worden  und
werden  in  der  großen  Mehrzahl  der  darüber  veröffentlichten
Schriften  überhaupt  nicht  erwähnt,  überall  wird  immer  nur  auf
die  Export-  und  Jmportverhältnisse  und  die  sonstige  Zahlungsbilanz ­
  hingewiesen.  Wir  erkennen  nun,  daß  sowohl  diese  Ansicht
als  auch  diejenige  Cassels,  daß  der  ausländische  Wechselkurs  umgekehrt ­
  proportional  dem  inländischen  Preisniveau  sei,  bloße  Behauptungen ­
  sind.  Erklären  kann  man  die  Beziehungen  nur,
rvenn  man  einmal  erkennt,  was  unter  Geldvermehrung  zu  verstehen
ist,  daß  es  nicht  nur  auf  die  bisher  immer  allein  betrachteten  realen
Zahlungsmittel  ankommt,  und  zweitens,  wenn  man  erkennt,  wodurch ­
  und  unter  welchen  Bedingungen  eine  so  richtig  verstandene
Geldvermehrung  preissteigernd  wirkt.  Dann  wird  klar,  daß  man
bei  der  Betrachtung  der  Valutakurse  von  der  inländischen
Preisbewegung  ebensowenig  absehen  kann,  wie  man  die  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen  zu  einem  einzelnen  Lande  isolieren  darf.
Vielmehr  ist  kein  Zweifel,  daß  starke  Preissteigerungen  im
Zulande  auf  die  Bewertung  unseres  Geldes  im  Auslande
  einwirken  müssen.  Natürlich,  wenn  alle  Forderungen
des  Auslandes  an  uns  ohne  weiteres  durch  Forderungen  unsererseits ­
  ausgeglichen  werden  können,  wird  ein  erhebliches  Sinken  unserer

107
        <pb n="106" />
        Valuta  nicht  eintreten  können,  zumal  man  ja  immer  bestrebt  ist,
ein  solches  zu  verhindern  und  dafür  die  verschiedensten  Mittel  besitzt. ­
  Aber  von  kLinstlicher  Beeinflussung  abgesehen,  werden  höhere
Preise  im  Inlands,  sofern  sie  nicht  die  Folge  von  Schutzzöllen  sind,
eben  den  Import  und  damit  die  Forderungen  des  Auslands  an  uns
vergrößern.  Wenn  dieses  Ausgleichsmittel  versagt,  wenn  wenig
importiert  werden  kann,  aber  andererseits  aus  irgendwelchen
Gründen  im  Jnlande  die  Preise  steigen,  muß  unser  Geld  im  Auslande
  weniger  bewertet  werden,  weil  man  damit  weniger  inr  Zulande ­
  kaufen  kann  als  inr  Auslande  mit  dem  ausländischen  Gelde.
Dies  wird  um  so  mehr  der  Fall  sein,  je  weniger  von  uns  exportiert
werden  kann,  je  weniger  also  Forderungen  des  Auslands  an  uns
durch  Forderungen,  die  wir  im  Auslande  haben,  ausgeglichen
werden  können.
Dies  sind  nun  aber  gerade  die  Verhältnisse,  wie  sie  für  Deutschland ­
  im  Weltkriege  vorliegen.  Früher  ist  allerdings  eine  derartige
Lage  wohl  noch  nie  in  einer  ganzen  Volkswirtschaft  vorgekommen,
und  deswegen  hat  man  sich  den  Zusammenhang  der  Valutaverschlechterung ­
  mit  den  inländischen  Preissteigerungen  nicht  klar  gemacht. ­
  Wir  sehen  jetzt  gewaltige  Preissteigerungen  inr  Inlande,
teils  wegen  Mangel  arr  Rohstoffen  und  Arbeitskräften,  teils  wegeir
der  Amstellung  der  Industrie  auf  einen  ganz  veränderten  Kriegsbedarf; ­
  auf  der  anderen  Seite  aber  sehen  wir,  auch  wegen  der  Absperrung ­
  durch  unsere  Feinde,  die  Anmöglichkeit,  die  hohen  Inlandspreise ­
  durch  Bezug  aus  dem  Auslande  auszugleichen.  Die  Folge
davon  war,  daß  wenn  im  Auslande  überhaupt  Forderungerr  auf
Deutschland  vorhanden  waren,  man  sie  gering  bewertete,  weil  man
in  Deutschland  wenig  dafür  kaufen  konnte.  Solche  Forderungen
aber  waren  vorhanden,  nicht  nur  weil  immer  noch  sehr  erhebliche
Warenmengen  nach  Deutschland  kamen,  sondern  auch  deswegen,
weil  Deutschland  den  neutralen  Nachbarstaaten,  aus  denen  es  vor
allem  Waren  bezog,  insbesondere  Lolland  und  der  Schweiz,  schon
von  ftüher  her  zieinlich  verschuldet  war.  Die  starke  Anspannung  des
Kredits,  mit  der  man  in  Deutschland  zu  arbeiten  pflegte,  war  auch
diesen  Ländern  gegenüber  üblich  gewesen.  Schweizer  Banken  hatten,
namentlich  in  Süddeutschland,  in  großem  Amfange  Lypothekenforderungen,
  Lolland  wie  auch  die  Schweiz  und  Dänemark  hatten
einen  starken  Besitz  an  deutschen  Effekten.  Daher  hätte,  auch  wenn
gar  nichts  importiert  und  exportiert  worden  wäre,  wofern  nur  ge-108
        <pb n="107" />
        109

legentlich  Forderungen  auf  Deutschland  zum  Angebot  gekommen
wären,  eine  Geringerwertung  unserer  Valuta  im  Ausland  eintreten
müssen,  weil  rna»  eben  infolge  der  inländischen  Preissteigerung  und
der  besonderen  durch  den  Krieg  geschaffenen  Verhältnisse  in  Deutschland ­
  mit  deutschem  Gelde  wenig  kaufen  konnte.
Dazu  kan,  noch,  daß  unser  ganzer  Import,  der,  wie  gesagt,
immer  noch  sehr  erheblich  war,  über  die  wenigen  uns  benachbarten
kleinen  Länder  ging,  mit  denen  wir  vor  dem  Kriege  im  Verhältnis
zu  unseren:  Gesamtimport  sehr  wenig  umgesetzt  hatten.  So  ist  es
kein  Wunder,  daß  ein  schon  verhältnismäßig  kleines  Angebot  von
Forderungen  auf  Deutschland  in  der  Schweiz  und  in  Holland,  wo
sich  alles  konzentrierte,  den  Kurs  unserer  Valuta  stark  drücken
konnte,  zuinal  nicht  die  geringste  Organisation  bestand,  ein  solches
monientanes  Angebot  aufzunehmen.
Man  erkennt  ohne  weiteres,  daß  unsere  Gegner,  denen  der
Weltmarkt  nicht  verschlossen  war,  davon  einen  großen  Vorteil
hatten.  Die  inländische  Preisgestaltung  vollzog  sich  bei  ihnen
weniger  unabhängig  von  der  des  Auslandes,  der  Kriegsbedarf
brachte  nicht  gleich,  une  bei  uns,  das  ganze  inländische  Preissysten,
ins  Wanken.  Die  großen  Summen  für  die  Beschaffung  von  Kriegsmaterial ­
  erhielten  sie  zu  einen:  großen  Teile  durch  Anleihen,  die  s:e
in:  Auslande  aufnahmen,  solange  ihre  Valuta  noch  nicht  gesunken
war.  Sie  vermochten  sie  dadurch  uird  durch  eine  große  Gold-  und
Effektenaussuhr  lange  Zeit  stabil  zu  erhalten  und  kauften  so,  trotzden:
  sie  sehr  hohe  Preise  zahlten,  doch  verhältnismäßig  billig,
trieben  jedenfalls  mit  ihrer  Nachfrage  nach  Kriegsbedarf  in:  Inlande ­
  die  Preise  nicht  so  in  die  Höhe,  wie  das  in  Deutschland  infolge ­
  der  Absperrung  der  Fall  sein  mußte.  Vieliuehr  steigerten  sie
mit  ihrer  Nachfrage  auch  in  anderen  Ländern,  vor  allem  in  Amerika,
die  Preise  und  verhinderten  so  ein  allzu  starkes  Sinken  ihrer  Valuten
der  amerikanischen  gegenüber.  Schließlich  gelang  es  ihnen,  Amerika
selbst  in  den  Krieg  und  auf  ihre  Seite  zu  ziehen  und  ihm  dadurch
einen  großen  Teil  der  finanziellen  Überlegenheit  zu  nehmen,  die  es
sonst  gehabt  hätte.  Die  Vorschüsse  Amerikas  an  seine  Verbündeten
wuchsen  riesenhaft,  und  es  wird  eines  großen  Teils  seiner  Kriegsgewinne ­
  schließlich  wohl  dadurch  wieder  verlustig  gehen,  daß  es
einen  Teil  dieser  Vorschüsse,  an  Rußland,  Italien,  vielleicht  auch
m:  Frankreich,  in  den  Schornstein  wird  schreiben  müssen.  So  wird
einer  der  Hauptgründe  des  Eintretens  Anierikas  in  den  Krieg,  daß
        <pb n="108" />
        es  seinem  schon  bei  den  Alliierten  investierten  Gelde  nachlaufen
wollte,  sicher  nicht  erreicht  werden.  Es  wird  gehen,  wie  es  in  solchen
Fällen  meistens  zu  geschehen  pflegt:  aus  einem  verhältnismäßig
kleinen  Verluste  wird  ein  großer  werden.*)
Es  ist  aber  kein  Zweifel,  daß  diese  Beziehungen  zu  Amerika
für  England  und  Frankreich  auch  vom  rein  finanziellen  Standpunkt
aus  recht  vorteilhaft  gewesen  sind,  und  man  erkennt,  daß  es  keineswegs ­
  ein  unbedingter  Vorteil  unserer  politischen  Lage  war,  daß
„das  Geld  im  Lande  blieb".  Das  hat  vielmehr  zu  den  starken  Preissteigerungen ­
  im  Inlande  und  dadurch  zum  Sinken  unserer  Valuta
im  Auslande  mit  beigetragen.  Leider  war  uns  der  Warenbezug
aus  Amerika  von  Anfang  an  verschlossen,  aber  nichtsdestoweniger
hätten  wir  dort  gegen  Hinterlegung  von  Gold  und  Deponierung
von  Effekten  in  einem  neutralen  europäischen  Staate  oder  durch
Versendung  unter  Vermittlung  eines  solchen  uns  leicht  erhebliche
Kredite  beschaffen  können.  Jedenfalls  aber  hätten  wir  sie  uns  mit
diesen  Mitteln  in  den  uns  benachbarten  neutralen  Staaten  schaffen
können,  was  das  Sinken  unserer  Valuta,  das  anfangs  ja  sehr  langsam ­
  einsetzte,  aufgehalten  hätte.
Inwieweit  auch  die  Geld  Vermehrung  zum  Sinken  unserer
Valuta  beigetragen  hat,  das  läßt  sich,  wie  wir  jetzt  erkennen,  niemals ­
  exakter  feststellen.  Denn  diese  Einwirkung  erfolgt  nicht  direkt
—  etwa  daß  in  dem  Maße,  in  dem  das  Geld  vermehrt  wird,  das
Vertrauen  zu  ihm  im  In-  und  Auslande  abnehme  —,  sondern  sie
erfolgt  in  doppelter  Weise  nur  indirekt:  Die  Geldvermehrung,  aber
im  abstrakten  Sinne,  bewirkt  künstlich  gesteigerte  Kaufkraft,  und
diese  bewirkt  für  viele  Güter  steigende  Preise,  und  erst  an  die  gestiegenen ­
  Preise,  wenn  sie  nicht  durch  Einfuhr  ausgeglichen  werden
können,  knüpft  das  Sinken  der  Valuta  an.  So  ist  es,  neben  anderen
Gründen,  zu  erklären,  daß  die  französische  Valuta  trotz  erheblich

*)  Diesen  Gedanken,  daß  die  durch  die  Absperrung  und  die  Einstellung
der  Industrie  verursachten  hohen  Inlandspreise  der  Hauptgrund  für  das
starke  Sinken  unserer  Valuta  trotz  aller  unserer  militärischen  Erfolge  sind,
habe  ich  zuerst  in  meinen  im  Frühjahr  1917  in  Berlin  gehaltenen  Vorträgen ­
  ausgesprochen,  s.  jetzt  die  Schrift:  „Drei  Vorträge  zum  Geldund
  Währungsproblem",  Veröffentlichungen  des  Deutschen  Wirtschastsverbandes
  für  Süd-  und  Mittelamerika,  Äeft  1,  Berlin  1917.  Inzwischen
hat  N.  Dalberg  in  seinem  Aufsatz  „Der  Zusammenhang  zwischen.
Valutarückgang  und  Teuerung",  in  der  „Deutschen  Wirtschaftszeitung" ­
  vom  1.  September  1917  denselben  Gedanken  vertreten.
110
        <pb n="109" />
        stärkerer  Geldvermehrung  und  trotz  der  in  vieler  anderer  Hinsicht
höchst  ungünstigen  Lage  der  französischen  Volkswirtschaft  doch
nicht  entfernt  so  stark  gefallen  ist  wie  die  deutsche  und  daß,  trotz
ähnlicher  Verhältnisse,  selbst  das  Sinken  der  italienischen  Valuta
das  der  deutschen  bis  vor  kurzem  nicht  erreichte.  Sie  haben  eben
doch  nicht  die  durch  die  Absperrung  vom  Weltmarkt  erzwungenen
Preissteigerungen  gehabt  wie  wir.  Daß  dabei  natiirlich  auch  die
großen,  vom  Auslande  gewährten  Kredite  eine  Rolle  gejpielt
haben,  namentlich  seit  Ainerika  in  den  Krieg  eingetreten  ist  und  sich
noch  fester  als  vorher  schon  mit  der  Entente  verband,  ist  selbstverständlich. ­

Es  klingt  zwar  paradox,  daß  unsere  Valuta  so  stark  gesunken
sein  soll,  weil  wir  wenig  im  Auslande  kaufen  konnten,  und  so  formuliert ­
  ist  ja  die  Sachlage  auch  nicht  richtig  dargestellt.  Denn  wenn
wir  gleichzeitig  viel  ans  Ausland  hätten  verkaufen  können,  so  hätte
unsere  Valuta  steigen  müssen.  Aber  der  Ausgleich,  wie  er  sich
unter  normalen  Verhältnissen  vollzieht,  weil  letzten  Endes  im
internationalen  Verkehr  doch  immer  nur  Güter  gegen  Güter
(Leistungen  und  Effekten  eingeschlossen)  getauscht  werden,  war  eben
durch  die  Absperrung  vom  Weltmarkt  einerseits,  die  Unmöglichkeit,
im  Inland  selbst  für  den  Export  in  unsere  Nachbarländer  genügend
zu  produzieren,  andererseits  gehemmt  worden.  So  standen  sich
nur  die  Tatsache  inländischer  Preissteigerungen  aus  Rohstoff-  und
Arbeitermangel  auf  der  einen  Seite,  das  Vorhandensein  von
Forderungen  des  Auslandes  auf  der  anderen  Seite  gegenüber,  und
das  Resulat  war  die  Minderbewertung  unserer  Valuta,  weil  man
mit  jenen  Forderungen  im  Inlands  wenig  kaufen  konnte.
Daß  „das  Geld  im  Lande  blieb",  war  also  keineswegs  ein  reiner
Vorteil  für  uns,  und  zwar  um  so  weniger,  als  es  fraglich  ist,  ob
wir  es  auf  die  Dauer  im  Lande  werden  halten  können,
ob  wir  nicht,  um  nach  dem  Kriege  uns  Rohstoffe  zu  beschaffen,
^ine  große  Ausländsanleihe  werden  aufnehmen  müssen,  die  uns
wegen  unserer  stark  gesunkenen  Valuta  dann  viel  mehr  „Geld",
*&amp;gt;•  h.  Zinsen  und  Verzicht  auf  anderweitige  Verwendung  von  Gelderträgen, ­
  kostet,  als  wenn  wir  sie  zu  Beginn  des  Krieges  aufgenommen ­
  hätten.  Davon  wird  unten  noch  die  Rede  sein.
Wenn  also  das  starke  Sinken  unserer  Valuta  im  Auslande
"&amp;gt;  erster  Linie  auf  die  durch  Mangel  an  Rohstoffen  und  Arbeitskräften ­
  verursachten  hoben  Inlandspreise  und  auf  starke  Verschul-111
        <pb n="110" />
        düng  an  das  Ausland  infolge  von  Import  und  sonstigen  Zahlungsverpflichtungen ­
  zurückzuführen  ist,  so  sind  doch  daneben  auch  noch
andere  Gründe  maßgebend.  Dahin  gehört  z.  93.  der  mangelnde
Kredit  Deutschlands  im  Auslande.  Dieser  Mangel  beruhte  teils
auf  der  gefährdeten  Lage  Deutschlands  zu  Beginn  des  Krieges,
teils  auf  der  früheren  Überspannung  allen  Kreditwesens,  die  bei
uns  üblich  war.  Wir  hätten  diesen  Mangel  aber  bald  nach  unseren
ersten  militärischen  Erfolgen  leicht  überwinden  können,  uns  gegen
Gold-  und  vor  allem  gegen  Effektenverpfändung  Kredite  verschaffen
können,  die  uns  große  Warenbezüge  ermöglicht  und  das  Sinken
unserer  Valuta  verhindert  hätten.  Wir  hätten  dafür  das  Beispiel
Englands  und  Frankreichs  gehabt,  die  allein  1915  für  zirka  2  Milliarden ­
  Mark  und  1916  nochmals  für  zirka  4  Milliarden  Mark
Gold  und  außerdem  in  großem  Llirifange  Effekten  exportierten  und
damit,  trotz  um  ein  Vielfaches  größerer  Warenimporte,  ihre
Valuta  aufrecht  erhielten.
Es  ist  dabei  zu  berücksichtigen,  daß  der  ganze  internationale
Zahlungsverkehr,  der  ja  nur  ein  Abrechnungsverkehr  ist,  sich  auf
dem  Kreditwege  abspielt.  Der  gesamte  Großhandel,  zumal  wenn
er  sich  der  Vermittlung  der  Banken  bedient,  beruht  ja  auf  dem
Kredit,  einfach  deswegen,  weil  die  Kreditorganifation  —  und  darin
besteht  ja  die  volkswirtschaftliche  Funktion  der  Banken  —  die
rascheste  Ausnützung  und  Verwertung  der  Gelderträge  aus  dem
Tauschverkehr  ermöglicht.  Das  gilt  vor  allein  für  den  internationalen ­
  Tauschverkehr,  bei  dem  eine  Erledigung  durch  reale
Zahlungsmittel  wegen  der  Verschiedenheit  der  Währungen  selbst
dann  nicht  in  größereni  ümfange  möglich  wäre,  wenn  diese  überhaupt ­
  heute  zur  Vermittlung  der  Zinsätze  ausreichten.  Deshalb
vollzieht  sich  hier  der  Tauschverkehr  im  Wege  des  ümsetzens  gegenseitiger ­
  Forderungen  und  Verpflichtungen,  wobei  in  einer  Weise,
die  ich  als  bekannt  voraussetzen  kann,  mancherlei  Vermittler  mitwirken ­
  und  zahlreiche  neue  Forderungen  und  Verpflichtungen  geschaffen ­
  werden.  Wie  bekannt,  knüpft  auch  die  Spekulation  in
großem  ümfange  an  diese  Transaktionen  an.  Bei  den  so  zustande
kommenden  internationalen  Geschäften  hat  es  uns  von  Anfang
an  an  den;  Entgegenkommen  und  der  Bereitwilligkeit  der  ausländischen ­
  Lieferanten,  Geldgeber  und  Vermittler  gefehlt.  Das
lag  zu  einem  großen  Teile  daran,  daß,  wie  überhaupt  unser  Wirtschaftsleben ­
  auf  einer  Überspannung  des  Kredits  beruhte,  wir
112
        <pb n="111" />
        auch  den  Kredit  im  Auslande  immer  stark  in  Anspruch  genommen
hatten.  Man  fürchtete  dort  bei  Kriegsausbruch  um  so  mehr,  ihn
noch  weiter  zu  erhöhen,  als  unsere  Lage  gegenüber  der  auf  uns  einstürmenden ­
  Koalition  vielfach  als  hoffnungslos  angesehen  wurde
und  man  auch  unsere  finanzielle  Widerstandskraft  und  Leistungsfähigkeit ­
  unterschätzte.  Ferner  daran,  daß  die  systematische  Bearbeitung ­
  der  öffentlichen  Meinung  durch  unsere  Gegner,  welche
uns  als  die  Angreifer  hinstellte,  auch  in  an  sich  neutralen  Länder»»
»vie  der  deutsche»»  Schlveiz  viele  Gläubige  fand.  Später  wirkten
alle  diese  Amstände  natürlich  noch  'weiter,  und  dazu  karn  der  Druck
Englands  und  Frankreichs  z.  B.  auf  die  schweizer  und  holländischen ­
  Banken  »rnd  Produzenten,  die  Ansicherheit  aus  dem  einmal
begom»enen  St»»rz  unserer  Valuta  und  das  Auftreten  immer  neuer
Gegner  hinzu.  Endlich  spekulative  und  küirstliche  Machenschaften
an  ausländischen  Börsen,  Ansammeli»  und  plötzliches  Ausbieten
von  Forderungen  an  uns  durch  unsere  Gegner,  denen  wir  keinen
Widerstand  entgegensetzten  und  durch  die  es  ihnen  gelarrg,  mit
einem  oft  sehr  kleinen  Angebot  den  Kurs  der  Mark  zu  drücke»».
Natiirlich  hätte  all  das  überw»»nden  werden  könne»»,  wenn
»vir  »richt  mehr  ein-  als  ausgeführt  und  »richt  so  schon  zahlreiche
Schulden,  z.  B.  aus  Hypotheken  im  Arislande,  gehabt  hätten.
Andererseits  aber  haben  »vir  rechtzeiüge  energische  Maßregeln,
um  einem  weiteren  Sinken  der  Valuta  vorzubeugen,  versäumt,  die
einheitliche  Regelung  des  Devisenverkehrs,  Benutzung  des  Effektenexports
  für  diesen  Zweck,  Kontrolle  der  Einfuhr  u.  dgl.  viel  zu  spät
und  zum  Teil  auch  jetzt  noch  nicht  energisch  genug  in  Angriff  genommen. ­

Des  weiterer»  hat  es  auch  z»»m  Sinken  unserer  Valuta  beigetragen, ­
  daß  Vorausbezahlungen  für  erst  nach  Friedensschluß  z»»
liefernde  Waren  in  großen,  Amfa»»ge  gemacht  und  damit  große
Forderungen  an  das  Inland  geschaffen  wurden.  In  der  Arrnahme,
daß  der  Krieg  nur  von  kurzer  Dauer  sein  könne,  »velcher  Irrtum  für
so  viele  unserer  Fehler  auf  verschiedenen  Gebieten  verantwortlich
ist,  hat  »nan  dabei  auch  Zahlungsverpflichtungen  auf  sehr  kurze
Fristen  übernommen,  und  deutsche  Ka»»fleute  und  Bankiers  haben
aus  dieser  Auffassung  heraus  vielfach  bei  ihren  Geschäftsfreunden
im  neutralen  Auslande  kurzffistige  Kredite  in  Anspruch  genommen.
Als  dann  der  Krieg  immer  weiter  andauerte  und  die  Valuta  immer
mehr  sank,  entstanden,  als  die  Verpflichtungen  erfüllt  werde,»
Ltesmann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  8  113
        <pb n="112" />
        mußten  und  die  Kredite  nicht  verlängert  wurden,  für  die  deutschen
Geschäftsleute  sehr  große  Schwierigkeiten,  die  bewirkten,  daß  man
sich  in  der  Beschaffung  ausländischer  Valuten  überbot,  und  die  vom
Auslande  natürlich  ausgenutzt  wurden.
Leider  haben  dann  auch  unsere  Bundesgenossen  lange  Zeit
erheblich  zum  Sinken  der  Mark  im  Auslande  beigetragen,  woran
wir  allerdings  die  Lauptschuld  uns  selbst  zurechnen  müssen,  weil
wir  so  gut  wie  nichts  dagegen  taten,  um  diese  Manipulationen  zu
verhindern.  Als  wir  dann  endlich,  erst  im  L  erb  st  1917,  energische
Maßregeln  dagegen  ergriffen,  hat  das  bei  unseren  Verbündeten
sehr  viel  Mißstimmung  erregt.  So  rächte  sich  auch  hier,  wie  in  so
vielen  Fällen,  die  mangelnde  Stetigkeit  unserer  Politik,  die  nur
die  Folge  mangelnder  Voraussicht  ist.  Die  anderen  Volker  —  das
sollte  man  sich  auch  Polen,  Belgien  usw.  gegenüber  gesagt  sein
lassen  —  ertragen  nichts  weniger,  als  wenn  man  ihnen  zuerst  in
allem  entgegenkommt  und  dann  plötzlich,  wenn  nicht  alles  nach
unseren  Wünschen  geht,  den  Bogen  scharf  anspannt.  Wir  hätten,
um  bei  unserer  Frage  zu  bleiben,  auch  unsere  Bundesgenossen  von
Anfang  an  schärfer  dazu  anhalten  sollen,  alles  für  die  Aufrechterhaltung ­
  ihrer  und  unserer  Valuta  zu  tun.  Freilich  brauchte  man
dazu  Klarheit  über  die  wirtschaftlichen  Zusammenhänge,  die  leider
ihnen  wie  uns  fehlte.
So  war  es  für  österreichische  und  ungarische  Kaufleute,  weil
dort  noch  weniger  geschah  als  bei  uns,  um  den  Kronenkurs  zu  halten
und  starke  inländische  Preissteigerungen  zu  verhindern,  lange  Zeit
hindurch  vorteilhaft,  im  Auslande  mit  Mark  zu  kaufen.  Die  verschaffte ­
  inan  sich,  indem  in  großen:  Amfange  österreichisch-ungarische
Effekten  nach  Deutschland  gebracht  wurden.  Auch  kam  ja  durch
die  deutschen  Soldaten,  die  wir  ihnen  zur  Unterstützung  sandten,
viel  deutsches  Geld  zu  unseren  Verbündeten.  Mit  den  so  erhaltene!:
Mark  wurden  dann  Rohstoffe  und  Waren  im  Ausland  gekauft,
was  natürlich  das  Angebot  unserer  Valuta  verstärkte.  Man  hat
sogar,  weil  Berlin  lange  Zeit  hindurch  den  Kronenkurs  höher  als
in  Lolland,  der  Schweiz  oder  Skandinavien  zu  halten  suchte,  dort
Kronen  niit  Mark  gekauft  und  sie  dann  nach  Deutschland  gebracht.
Dem  hat  man  zu  lange  bei  uns  untätig  zugesehen!
Wenn  wenigstens  nur  notwendige  Dinge  von  unseren  Bundesgenossen
  im  Auslande  mit  deutschen  Zahlungsmitteln  gekauft
worden  wären!  Aber  es  ist  leider  nachgewiesen,  daß  auch  die
114
        <pb n="113" />
        überflüssigsten  Dinge  von  ihnen  mit  unserem  Gelde  im  Auslande
  gekauft  worden  sind.  In  Genf  sind  mit  Lilfe  der  Reichsmark ­
  noch  bis  in  die  letzte  Zeit  österreichisch-ungarische  Effekten
aus  französischem  Besitz  für  das  Leimatland  gekauft  worden
(vgl.  „Frankfurter  Zeitung"  vom  20.  Oktober),  und  in  großen,
Amfange  sind  lange  Zeit  für  Wiener  Rechnung  ebenfalls  dort
Juwelen  mit  Reichsmark  bezahlt  worden.  Wenn  auch  bei  uns
leider  hier  und  da  Leute  in  dieser  Weise  ihre  Kriegsgewinne  angelegt ­
  und,  da  sie  die  Juwelen  nicht  ins  Inland  bringen  durfteu,
sie  im  neutralen  Auslande  belassen  haben,  so  ist  dies  doch  noch
in  sehr  viel  größerem  Maße  von  österreichisch-ungarischer  Seite
aus  geschehen,  und  zwar  mit  deutschem  Gelde.  Da  war  es
kein  Wunder,  wenn  im  neutralen  Auslande  ein  fortgesetztes
Markangebot  vorhanden  war.  Denn  in  Österreich  hat  man
Kriegsgewinne  noch  viel  weniger  energisch  zu  verhindern  gewußt ­
  —  die  Folgen  sieht  man  in  den  dortigen  Preisen  und
im  Kurse  der  österreichisch-ungarischen  Valuta  —  und  vor  allem
hat  man  die  Effektenspekulation  und  den  Ankauf  von  Juwelen
u.  dgl.  nicht  gehindert.
Den  ungünstigen  Folgen  dieser  Geschäfte  für  die  deutsche
Währung,  auf  die  sich  unsere  Bundesgenossen  doch  immer  letzten
Endes  stützen  müssen,  haben  wir  viel  zu  lange  untätig  zugesehen
und  sind  erst  ganz  neuerdings  zu  Maßregeln  geschritten,  von  denen
unten  noch  zu  reden  sein  wird.
Alle  diese  Dinge  haben  zusammengewirkt,  um  unserer  Valuta
einen  immer  ungünstigeren,  zwar  langsan,  aber  fortgesetzt  sinkenden
Kurs  im  Auslande  zu  verschaffen.  Es  sei  aber  schließlich  noch  betont, ­
  daß  selbstverständlich  bei  allen  Valutakursen  heute  in  großem
An,fange  Imponderabilien  mitspielen,  Stimmungen,  Sym-  und
Antipathien,  auch  künstliche  Manipulationen  im  Interesse  der  einen
oder  anderen  der  kriegführenden  Parteien,  und  daß  sich  ihre  Schwankungen ­
  nicht  restlos  aus  ökonomischen  Arsachen  erklären  lassen.
Jede  neue  Wendung  in  diesem  an  Wechselfällen  und  Äberraschungen
  so  reichen  Kriege,  jede  neue  Amwälzung  in  Rußland,
jedes  Friedensangebot,  jede  neue  Kriegserklärung,  jeder  größere
militärische  Erfolg  und  vieles  andere  beeinflußten  die  Valutakurse, ­
  und  zwar  oft  für  die  einzelnen  Länder  in  sehr  verschiedener
Weise.  Dabei  liegen  aber  oft  momentane  Marktverhältnisse  für
diese  oder  jene  Valuta  zugrunde,  so  daß  sich  ihre  Bewegungen
115
        <pb n="114" />
        ohne  deren  genaue  Kenntnis  überhaupt  nicht  erklären  lassen.  Das
geht  auch  über  den  Rahmen  dieser  allgemeinen  Betrachtungen
hinaus.
Wie  sehr  geschickte  Kreditinanspruchnahnre  auf  der  einen  Seite,
zu  entgegenkommende  Gewährung,  Gleichgültigkeit  und  Nachlässigkeit ­
  auf  diesem  Gebiete  auf  der  anderen  Seite  die  Gestaltung
der  Valuta  beeinflussen  können,  dafür  ist  das  Verhältnis  des
türkischen  Pfundes  zur  deutschen  Reichsmark  ein  gutes  Beispiel. ­
  Seit  langem  notiert  das  türkische  Pfund  in  Deutschland
über  Parität  (gegenwärtig  1  :  20,5  statt  einer  Parität  von  1  :  18),
zeitweise  betrug  das  Aufgeld  mehr  als  ein  Drittel,  und  umgekehrt
war  das  Disagio  der  Mark  in  Konstantinopel.  Dies  obgleich  die
Türkei  den  größten  Teil  ihrer  Kriegskosten  mit  deutschen  Krediten
deckt.  Diese  Bewertung  rührt  natürlich  nicht  daher,  daß  die  Türkei
ihre  Papiergeldemissionen  (fünf  Ausgaben  im  Gesamtbeträge  von
etwa  95  Millionen  türkische  Pfund)  durch  in  Deutschland  und
Österreich  befindliches  Gold  und  durch  deutsche  Schahanweisungeu
gedeckt  hat,  erst  recht  natürlich  nicht,  weil,  wie  man  nach  der  bisherigen, ­
  mit  dem  Vertrauen  arbeitenden  „Kreditgeld"-Theorie
glauben  müßte,  das  Vertrauen  zum  Staate  in  der  Türkei  größer
war,  sondern  es  hat  darin  seinen  Grund,  daß  die  Türkei  ihre  gesamten
  Einkäufe  in  Deutschland,  die  ja  fast  ausschließlich  Regierungskäufe
  sind,  auf  dem  Kreditwege  macht,  während  das,
was  wir  in  der  Türkei  kaufen,  Waren  des  regulären  Handelsverkehrs ­
  sind,  die  in  bar  bezahlt  werden.  Auch  sonst  kommen
natürlich  durch  unsere  Truppen  deutsche  Zahlungsmittel  in  erheblichem ­
  Amfange  in  die  Türkei,  während  bei  uns  aus  den  angeführten
Gründen  ein  Angebot  türkischen  Geldes  in  der  Regel  nicht  vorhanden ­
  ist.  Ferner  scheinen  mir  aber  auch  in  diesern  Falle  die
inländischen  Preisverhältnisse  in  Betracht  zu  kommen.
Abgesehen  vielleicht  von  Konstantinopel  und  dort  für  gewisse
Lebensmittel,  die  hauptsächlich  von  den  Fremden,  und  zwar  eben
in  Mark  bezahlt  werden,  dürfte  in  dieseni  viel  mehr  naturalwirtschaftlichen
  Lande  die  Preissteigerung  nicht  so  groß  und  jedenfalls ­
  nicht  so  allgeinein  gewesen  sein  wie  bei  uns.  Mangels  einer
Kriegsmaterialindustrie  sind  dort  nicht  in  so  großem  Amfange
Kriegsgewinne,  Einkommensteigerungen  erzielt  worden,  auch  die
Effektenspekulation  spielt  dort  keine  nennenswerte  Rolle;  die  stürmische ­
  Nachfrage  nach  gewissen  Waren  ging  hauptsächlich  von
116
        <pb n="115" />
        ausländischen  Einkäufern  aus,  die  in  ihrer  Valuta  beliebige  Preise
zahlten  und  danrit  zu  ihrer  Anterbewertung  beitrugen.
Derselbe  Grund  in:  allgemeinen  höherer  inländischer  Preise
mag  auch  mitgespielt  haben  bei  der  bekannten  Tatsache,  daß  nach
der  Eroberung  Polens  der  Rubel  lange  Zeit  hindurch  in  Deutschland ­
  erheblich  höher  notierte  als  im  gesamten  Auslande,  ja  daß
er  zeitweise  die  deutsche  Parität  überschritt,  während  er  im  Auslande
  schon  30  bis  40°/o  niederer  bewertet  wurde.  Das  hatte  zur
Folge,  daß  man  in  Polen  den  ursprünglich  festgesetzten  Llmrechnungskurs
  von  1,60  Mark  auf  2  Mark  für  den  Rubel  erhöhen
inußte.  Es  kommt  dabei  in  Betracht,  daß  von  unseren  Einkäufern
dort  viel  zu  bereitwillig  hohe  Preise  für  viele  Dinge  bezahlt  wurden,
die  inan  dann  hoffte,  zu  Wucherpreisen  in  Deutschland  absetzen  zu
können,  wie  das  z.  B.  für  Biskuits,  Schokolade  und  viele  andere
Dinge  der  Fall  war,  die  im  Gegensatz  zu  Deutschland  dort  nicht
rationiert  waren.  Auch  ßnd  von  unseren  Soldaten,  insbesondere
von  den  Offizieren  mit  ihrer:  hohen  Gehältern,  viel  zu  bereitwillig
hohe  Preise  bezahlt  worden,  möglicherweise  auch  von  der  Militärverwaltung ­
  selbst,  die  in  viel  größeren:  Auffange  Requisitionsscheine
  hätte  ausstellen  können.  Durch  alles  das  ist  die  Mark  entwertet ­
  worden.  Es  hat  auch  hier  an  der  nötigen  Energie  oder  Einsicht, ­
  vielleicht  auch  an  der  dafür  maßgebenden  entscheidenden
Instanz  gefehlt,  um  diesen  Abelständen  abzuhelfen.

Bon  außerordentlichem  Interesse  für  alle  mit  dem  Geldwesen
zusammenhängenden  Fragen  ist  die  Beobachtung  der  Valutaverhältnisse ­
  Schwedens  und  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  im  Weltkriege.  Für  den  ganz  ungewöhnlichen  Stand
der  schwedischen  Valuta  in  allen  Ländern  haben  wir  oben  im  zweiten
Kapitel  schon  Beispiele  gebracht.  Sie  steht  Mitte  November  1917
20  %  höher  als  die  dänische  und  norwegische  und  ungefähr  33  °/o
über  der  Schweizer  Parität.  Muß  man  diese  Verhältnisse  zürn
Teil  auch  auf  Spekulationen  zurückführen,  was  sich  auch  schon
aus  den  starken  Schwankungen,  oft  von  einem  Tage  auf  den  anderen,
ergibt,  so  sind  doch  auch  die  besonderen  Maßregeln  der  schwedischen ­
  Geldpolitik  dabei  mitwirkend.  Ich  glaube  nicht,  daß  der  ungewöhnlich ­
  hohe  Stand  der  schwedischen  Valuta  gerade  der  Ausdruck ­
  einer  besonders  günstigen  .Handelsbilanz  Schwedens  ist,
117
        <pb n="116" />
        daß  Schweden  um  so  viel  mehr  ausführt  als  Norwegen  und  Dänemark ­
  und  um  so  viel  weniger  einführt.  Doch  stehen  mir  statistische
Angaben  darüber  nicht  zur  Verfügung  und  auch  nicht  über  die
sonstigen  Zahlungsverhältnisse  dieser  Länder  dem  Auslande  gegenüber. ­
  Mir  scheint  aber,  daß  die  Geldpolitik,  die  die  schwedische
Reichsbank  auf  Prof.  Cassels  Veranlassung  seit  Februar  1916
befolgt  und  wodurch  sich  der  Goldbestand  Schwedens  sehr  viel
weniger  gesteigert  hat  als  der  seiner  Nachbarstaaten  und  anderer
neutraler  Länder,  allein  schon  zur  Erklärung  genügt.  Denn  wir
zeigten  an  dem  Beispiele  Spaniens,  ein  wie  großer  Teil  der  Einfuhr ­
  heute  in  Gold  besteht  in  denjenigen  Ländern,  die  sich  nicht
gegen  diesen  echt  englischen  Segen  sträuben.  Ob  es  Schweden
durch  sonstige  Mittel,  Niedrighalten  der  inländischen  Preise,  Verhinderung ­
  großer  Kriegsgewinne  durch  Besteuerung  und  andere
Maßregeln,  die  sich  aus  den  hier  vorgetragenen  Anschauungen  als
Grundlage  einer  praktischen  Geldpolitik  im  Kriege  ergeben,  gelungen ­
  ist,  die  Älberwertigkeit  seiner  Valuta  herbeizuführen  bzw.
ein  geringeres  Sinken  des  Geldwertes  bei  sich  herbeizuführen,  als
es  sonst  in  den  meisten  Ländern  zu  verzeichnen  ist,  kann  ich  nicht
beurteilen.  Man  sieht  aber,  daß  die  neutralen  Staaten  aus  dem
Ergebnis  unserer  Studien  lernen  können,  was  sie  zu  tun  haben,
wenn  sie  ihre  Interessen  und  den  Mechanismus  des  Tauschverkehrs
richtig  verstehen,  und  man  sieht  weiter,  wie  interessante  deskriptive
Aufgaben  der  Wissenschaft  in  der  Antersuchung  dieser  Verhältnisse
in  den  einzelnen  Ländern  gestellt  sind.  Es  sollte  mich  sehr  freuen,
in  meinen  Arbeiten  dafür  die  theoretischen  Grundlagen  geliefert
zu  haben.
Auch  die  Beobachtung  der  Valutaverhältnisse  der  Vereinigten ­
  Staaten  von  Amerika  lehrt  uns,  wenn  wir  von
dem  festen  Grunde  einer  klaren  Erkenntnis  der  tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge  an  sie  herantreten,  mancherlei  Neues,  von  dem
die  bisherige  Wirtschaftstheorie  gar  keine  Vorstellung  hatte  oder
das  sie  doch  nicht  zutreffend  erklären  konnte.  So  führt  sie  zu  der  ja
sehr  naheliegenden,  aber  doch  bisher  nie  ausgesprochenen  Erkenntnis, ­
  daß  große  Einkommensteigerungen  um  so  eher  preissteigernd
wirken,  wenn  sie  durch  Export  erzielt  werden.  Denn  dann  trägt
die  wirtschaftliche  Tätigkeit,  auf  Grund  derer  sie  erzielt  werden,
nicht  zur  Befriedigung  von  Bedürfnissen  im  Inlande  bei;  diese  machen
sich  also  immer  noch,  und  entsprechend  den  Einkommensteigerungen
118
        <pb n="117" />
        im  verstärkten  Maße  geltend.  Darauf  sind,  auch  ganz  unabhängig
vom  Goldzufluß  und  der  Vermehrung  der  realen  Zahlungsmittel,
die  Preissteigerungen  in  den  neutralen  Ländern,  vor  allem  aber
in  Amerika  in  den  beiden  ersten  Jahren  des  Weltkrieges  zurückzuführen. ­
  Auch  davon  hat  der  Geldschöpfungsmann  Bendixen,  weil
er  von  Preistheorie  nichts  wissen  will,  gar  keine  Vorstellung.  Erführt ­
  die  Preissteigerungen  in  Amerika  auf  die  Vermehrung  der
realen  Zahlungsmittel,  Geld  und  Banknoten,  zurück,  wobei  er  betont, ­
  daß  die  Vermehrung  der  letzteren  nicht  auf  der  Grundlage
von  exportierten  Waren,  sondern  nur  im  Zusammenhang  mit  einerinländischen
  Warenvernrehrung  erfolgen  darf.  Wir  wissen  aber
jetzt,  daß  auch  das  ganz  unzutreffend  ist  und  im  Banne  der  materialistischen ­
  Quantitätstheorie  steht,  daß  es  vielnrehr  nur  auf  die
Erträge  und  ihre  Vermehrung  ankommt,  denen  eine  Vermehrung
der  realen  Geldmenge  entsprechen  darf.  Aber  es  ist  klar,  daß  eine
starke  Steigerung  der  Erträge  und  Entkommen  um  so  mehr  preissteigernd
  wirkt,  wenit  sie  aus  exporüerten  Waren  stammen.  Denn
diese  beruhen  nicht  auf  Vedarfsbefriedigung  im  Jnlande,  taffen
also  den  ganzen  inländischen  Bedarf  frei  tlnd  verstärken  ihn  noch,
indem  sie  zu  den  aus  der  inländischen  Bedarfsversorgung  erzielten
Erträgen  hinzutreten.  Es  kann  durch  solchen  Export,  wenn  er
großen  Amfang  annimmt,  und  daraufhin  erzielte  Gelderträge  der
enge  Zusammenhang  von  Bedarfsbefriedigung,  Preisen  und  Einkommen ­
  im  Inlande  gestört  werden,  den  zu  erkennen  Voraussetzung
jeder  Erörterung  der  Geldprobleme  ist.
Dabei  zeigt  sich  wieder,  wie  sehr  alle  wirtschaftlichen  Vorgänge ­
  letzten  Endes  von  der  individuellen  Bedarfsbefriedigung
abhängen  und  wie  man  sie  itur  mit  einer  individualistischen
Theorie  richtig  verstehen  kann.  Wenn  das  Ausland  seinen  Import ­
  auch  wieder  in  Waren  bezahlt  hätte,  was  in  normalen
Zeiten  ja  letzten  Endes  und  auf  die  Dauer  immer  der  Fall  sein
wird,  wäre  im  Exportlands  keine  Preissteigerung  eingetreten.
Aber  die  kriegführenden  Staaten  mußten  Amerika  eben  in  Gold
oder  in  amerikanischen  Forderungen  bezahlen.  Worin  das  geschah, ­
  bleibt  sich  für  die  Preisbildung  ziemlich  gleich,  weil  eben
überhaupt  nicht  die  realen  Zahlungsmittel,  sondern  die  Einkommen ­
  die  Güter  kaufen.  Nur  insofern  konnte  die  Goldzufuhr
eine  größere  Preissteigerung  bedeuten,  als  man  daraufhin  ein
Mehrfaches  an  Banknoten  (in  Amerika  ist  40  °/ 0 ige  Golddeckung
119
        <pb n="118" />
        120

vorgeschrieben)  hätte  ausgeben  können,  was  aber,  wie  es  scheint,
nicht  geschehen  ist.
Daß  aber  jetzt  Gelderträge,  die  bis  dahin  ins  Ausland  gewandert ­
  waren,  in  Amerika  blieben,  mußte  dort  ebensosehr
preissteigernd  wirken.  So  gilt  in  der  Tat  eine  Art  Quantitätstheorie,
  nur  daß  es  sich  nicht  um  das  Geld  im  materialistischen
Sinne  der  bisherigen  Theorie,  sondern  um  die  Einkommen
handelt,  deren  Vermehrung  preissteigernd  wirkt,  wenn  sie  derselben
Gütermenge  gegenübersteht.  *)
Jedenfalls  erkennt  man,  daß  es  für  Amerika  am  ungünstigsien
war,  wenn  es  für  seinen  Export  in  Gold  bezahlt  wurde,  sofern
dieses  nicht  etwa  für  Schmucksachen  verwendet  wurde  und  dort
einen  wirklichen  Bedarf  befriedigte,  was  aber  in  Wahrheit  natürlich ­
  keine  erhebliche  Rolle  spielt.  Glücklicherweise  ist  der  „Goldwahn"
  und  das  Anverständnis  über  die  Funktionen  des  Geldes
und  die  Organisaüonsprinzipien  des  Tauschverkehrs  noch  so  groß
in  Amerika,  daß  der  Präsident  und  Diktator  dort  im  Äerbst  19!7
den  Goldexport,  der  in  nicht  unerheblichem  Amfange  nach  Japan
und  Südamerika  eingesetzt  hatte,  verboten  hat.  Es  ist  aber  kein
Zweifel:  je  mehr  die  Arnerikaner  für  ihre  Kriegslieferungen  in
Gold  bezahlt  werden  und  je  mehr  sie  ihr  Gold  im  Inlande  behalten,
um  so  günstiger  ist  es  für  uns,  aber  auch  für  alle  anderen  Völker,
die  Neutralen  sowohl  als  die  Bundesgenossen  Amerikas.  Denn
um  so  mehr  werden  dort  die  Preise  gesteigert  und  eine  gewisse
Ausgleichung  mit  den  Kursen  der  durch  den  Krieg  viel  stärker  beeinflußten ­
  europäischen  Staaten  herbeigeführt.
Es  ist  klar,  daß  der  Kurs  der  englischen,  französischen,  italienischen
Valuta  davon  nicht  abhing,  ob  ihr  Papiergeld  etwas  mehr  oder
weniger  durch  Gold  gedeckt  war.  Natürlich  war  das  Sinken  ihrer
Valuta  für  alle  diese  Länder  ungünstig,  aber  es  ist  nicht  die  Folge
ihrer  Goldversendung,  die  im  Gegenteil  zu  dem  verhältnismäßig  geringen ­
  Sinken  ihrer  Valuten  zweifellos  beigetragen  hat,  sondern  die
Folge  der  durch  Geldvermehrung  und  Kreditanspannung  geschaffenen
künstlichen  Kaufkraftsteigerung  und  der  gesamten  inländischen  Preiserhöhungen. ­
  Ebenso  ist  das  starke  Sinken  der  amerikanischen

9  Diese  ist  aber  auch  natürlich  nicht  materialistisch  aufzufassen  und
daher  auch  nie  stattstisch  festzustellen;  alle  Arten  von  Leistungen  kommen
ebenso  in  Betracht,  und  von  einer  Proporttonalität  kann  keine  Rede
sein.
        <pb n="119" />
        Valuta  *)  nicht  durch  die  großen  Goldabflüsse,  die  übrigens  durch
die  Zuflüsse  aus  den  alliierten  Ländern  im  wesentlichen  noch  ausgeglichen ­
  werden,  zurückzuführen,  sondern  auf  die  starken  inländischen ­
  Preissteigerungen.  In  England  und  Frankreich  wird  man
das  aber  wohl  nicht  eingesehen  haben  und  trauert  den  nach  Amerika
gesandten  zirka  6  Milliarden  Mark  irr  Gold  nach,  das  man  zun»
Teil  noch  als  Guthaben  im  Auslande  zur  Deckung  der  Banknoten
verwendet,  die  man  noch  immer  für  das  Entscheidende  hält.  An»
ersten  hat  inan  vielleicht  in  England  eine  unklare  Vorstellung  von
dem  wahren  Sachverhalt,  wo  man  vvi»  jeher  schon  mit  dein  geringste,»
Goldbestand  auskam  ,»nd  es  vorzog,  daß  das  Ausland  die  englische
Goldproduktion  kaufte.  Auch  die  neutralen  Staaten  Europas,  mir
Ausnahine  von  Schweden,  und  die  nrehr  oder  weniger  nicht  neutralen
Staaten  der  übriger»  Welt  haben  noch  kein  Verständnis  dafür,  daß
die  Bezahlung  für  von  ihnen  gelieferte  Waren  in  Gold  ihnen  nur
die  inländischen  Preise  steigert.  Doch  soll  jetzt  auch  in  Japan  erörtert ­
  werden,  wie  man  sich  gegen  den  fortgesetzten  Goldzufluß
wehren  kann.
Weniger  nachteilig  war  für  die  Vereinigten  Staaten  die  Bezahlung ­
  ihrer  Kriegsausfuhr  durch  Effekten,  die  von  England
und  Frankreich,  vor  der  amerikanischen  Kriegserklärung  auch  von
Deutschland,  im  großen  Amfange  zurückgesandt  wurden.  Zwar
trug  auch  diese  Art  der  Bezahlung  von  Warenlieferungen  zunächst
noch  zu  den  Preissteigerungen  in  Amerika  bei.  Denn  es  blieben
damit  jetzt  Gelderträge  im  Jnlande,  die  die  inländische  Kaufkraft
in  den  Vereinigten  Staaten  verstärkten,  während  die  Ausdehnung
der  Produktion  begrenzt  war.  Aber  für  die  Zukunft  war  diese
Rückwanderung  wenigstens  ein  Vorteil.  Auch  erleichterten  sie  den
Vereinigten  Staaten,  nachdem  sie  in  den  Krieg  eingetreten  waren,
die  Gewährung  großer  Vorschüsse  an  ihre  Verbündeten.  Es  ist
uicht  ausgeschlossen,  daß  sie  solche  Vorschüsse  deshalb  so  bereitwillig, ­
  wie  es  scheint,  gegeben  haben,  weil  man  sich  sagte,  daß  sie
Zunächst  weitere  Preissteigerungen  im  Inlande  etwas  entgegenwirkten, ­
  dagegen  für  später,  wenn  man  wirklich  ihre  Verzinsung
&amp;gt;md  Rückzahlung  durchsetzen  konnte,  Vorteile  versprechen.
Denn  später,  wenn  einmal  wieder  ein  friedlicher  Verkehr
zwischen  den  Völkern  eingetreten  ist,  wird  dasjenige  Volk,  das  viele
*)  Schon  im  August  1917  betrug  es  21  °/ 0  gegenüber  der  spanischen
parst«»  und  natürlich  noch  viel  mehr  gegenüber  der  schwedischen.
121
        <pb n="120" />
        122

Forderungen  im  Auslande  besitzt,  andere  für  sich  arbeiten  lassen
können,  ohne  selbst  viel  arbeiten  zu  müssen.  Während  des  Krieges  hat
das  aber  aufgehört,  da  kommt  nur  in  Betracht,  was  das  einzelne
Volk  selbst  an  Gütern  herstellen  kann.  And  je  länger  der  Krieg
dauert,  je  mehr  nicht  nur  die  Kriegsindustrie,  sondern  auch  der
Militärdienst  dem  amerikanischen  Wirtschaftsleben  und  der  Versorgung ­
  des  eigenen  Landes  Arbeitskräfte  entzieht,  um  so  mehr
werden  auch  in  Amerika  alle  mehr  arbeiten  oder  sich  einschränken
müssen.
Bevor  wir  die  außerordentlich  wichtigen  Ergebnisse  weiter
verfolgen,  welche  sich  aus  der  Erkenntnis  dieser  Zusammenhänge
für  die  deutsche  Wirtschaftspolitik  im  allgemeinen  und  seine  Valutapolitik ­
  im  besonderen  ergeben,  wollen  wir  im  folgenden  Kapitel
zunächst  sehen,  was  in  Deutschland  während  des  Weltkrieges  zur
Aufrechterhaltung  der  Valuta  bisher  geschehen  ist.
        <pb n="121" />
        Siebentes  Kapitel
Die  Regelung  des  Devisen-  und  ausländischen
Effektenverkehrs  im  Weltkriege
3 ch  darf  behaupten,  daß  man  von  den  oben  geschilderten  wirtschaftlichen ­
  Zusaininenhängen  bisher  weder  in  der  Wissenschaft ­
  noch  in  der  Praxis  eine  klare  Vorstellung  gehabt  hat.  Das
zeigt  sich  auch  in  der  Stellungnahme  der  Regierung  zu  dem  Sinken
unserer  Valuta  im  Auslande.  Man  hat  ihm  lange  Zeit  viel  zu
wenig  Beachtung  geschenkt,  weil  man  sich  über  die  wirtschaftlichen
Zusammenhänge,  aus  denen  es  sich  ergab,  nicht  klar  war  und  sich
von  altüberlieferten  falschen  Vorstellungen  und  dem  traditionellen
Schema  in  der  Beurteilung  von  Währungsvorgängen  nicht  frei
machen  konnte.  Die  Denkschriften  der  Reichsbank,  deren  Verdienste ­
  in  vieler  Einsicht  ich  sonst  keineswegs  verkleinern  möchte,
zu  den  Geldproblemen  atmen  durchaus  den  Geist  der  Schablone,
'  suchen  alle  unsere  wirtschaftlichen  Zustände  zu  beschönigen,  unsere
bisherigen  Einrichtungen  als  ideal  hinzustellen  und  zeigen  keinerlei
Verständnis  für  die  neuen  Aufgaben,  die  uns  in  und  nach  dem  Kriege
gestellt  sind  und  deren  Erfüllung  schon  längst  hätte  in  Angriff  genommen
  werden  müssen.
Besonders  haben  die  herrschenden  metallistischen  Lehren,  die
Überschätzung  unseres  Goldbestandes,  der  Glaube,  daß  auf  ihm  der
»Wert"  unseres  Geldes  beruhe,  daß  wenn  nur  einigermaßen  eine
Drittelsdeckung  aufrechterhalten  werde,  die  Valuta  nicht  stark
sinken  könne,  viel  dazu  beigetragen,  daß  wir  nicht  rasch  und  energisch
genug  dem  Sinken  unserer  Valuta  entgegengewirkt  haben,  trotzdem
wir  dafür,  wie  gesagt,  das  Vorbild  Englands  gehabt  hätten.  Man
bat  immer  nur  den  hohen  Goldbestand  und  sein  rasches  Steigen  in
der  ersten  Zeit  des  Krieges  bewundert,  das  Sinken  der  Valuta
viel  zu  leicht  genommen  und  es  immer  nur  auf  größere  Zahlungs-123
        <pb n="122" />
        Verpflichtungen  an  das  Ausland,  nie  aber  auf  die  inländischen  Preissteigerungen ­
  zurückgeführt.  In  drastischen  Äußerungen  einflußreicher ­
  Geldpolitiker  und  -theoretiker  sind  diese  Irrtümer  und  die
Überschätzung  der  Golddeckung  zum  Ausdruck  gekommen.  Schuld
daran,  daß  die  maßgebenden  Personen  eine  so  geringe  Einsicht  in
den  Mechanisinus  des  Tauschverkehrs  und  der  Preisbildung  gehabt
haben,  ist  aber  allein  die  ökonomische  Wissenschaft,  die  eben  in  der
Erklärung  volkswirtschaftlicher  Zusammenhänge  wegen  der  Anvollkommenheit
  ihrer  theoretischen  Grundlagen  völlig  versagte.
Die  Hauptaufgabe  für  die  Aufrechterhaltung  unserer  Valuta
war  natürlich  eine  einheitliche  Regelung  des  Devisenverkehrs.
Sie  ist  viel  zu  spät  und  auch  jetzt  noch  nicht  energisch  genug  zur
Durchführung  gebracht  worden.  Denn  mit  derarügen  Maßregeln
einer  durchgreifenden  Kontrolle  des  Zahlungsverkehrs  mit  dem  Auslande ­
  kann  man  wohl  bestenfalls  ein  weiteres  Sinken  der  Valuta
verhüten,  nicht  aber,  nachdem  sie  einmal  sehr  tief  gesunken  ist,  sie
wieder  heben.  Aber  nicht  einmal  ersteres  hat  man  mit  unseren
Devisenordnungen  zu  erreichen  vermocht,  weil  sie  eben  teils  unzureichend ­
  waren,  teils  nicht  streng  genug  interpretiert  und  durchgeführt ­
  wurden.  Da  ich  mich  besonders  eingehend  mit  diesen  Dingen
beschäftigt  habe,  sie  aber  noch  gar  nicht  wissenschaftlich  behandelt,
jedoch  zur  Kenntnis  unseres  Zahlungswesens  im  hohen  Maße
interessant  sind,  sei  hier  darauf  etwas  näher  eingegangen.  *)
Bis  Anfang  1916  geschah  gar  nichts,  um  den  Kurs  der  deutschen
Valuta  im  Auslande  zu  stützen.  Zwar  ist  zur  Bezahlung  der  Einfuhr ­
  auch  Gold  ins  Ausland  gegangen  in  einein  Amfange,  der  vielleicht ­
  nahe  an  1  Milliarde  Mark  heranreicht.  Aber  es  ist  das  sicherlich ­
  nicht  die  zweckmäßigste  Art  der  Verwendung  des  Goldes  gewesen. ­
  Hätten  wir  es  rechtzeitig  verpfändet  und  zur  Grundlage
großer  Kredite  geinacht,  so  hätten  wir  viel  mehr  damit  erreichen
können.  Wenn  in  diesem  Zeitraum,  wie  die  Tabelle  im  zweiten
Kapitel  zeigt,  der  deutsche  Wechselkurs  in  der  Schweiz  verhältnismäßig ­
  nur  wenig  gefallen  ist,  bis  September  1915,  also  in  den
ersten  12  Kriegsmonaten  nur  von  123  auf  109,5,  und  erst  im  Dezember ­
  darrn  auf  99,  so  lag  das  daran,  daß  trotz  aller  auf  ein  Sinkeii
hinwirkender  Momente  danrals  noch  ein  großer  Export  aus  den
9  Die  folgeirden  Ausführungen  sind  auch  in  »reinem  Aufsah:  „Die
Valutarückgänge  im  Weltkriege,  ihre  Ursache»  nnd  die  Mittel  zu  ihrer
Abhilfe,  im  „Weltwirtschaftlichen  Archiv",  Dezember  1917,  enthalten.
124
        <pb n="123" />
        gewaltigen,  in  der  Friedenszeit  aufgestapelten  Vorräten  der  verschiedensten ­
  Waren  vorhanden  war,  und  daß  ferner  eine  sehr  erhebliche ­
  Ausfuhr  von  ausländischen  Effekten  stattfand,  die,  von  der
Regierung  gefördert,  damals,  zumal  sie  verzettelt  und  nicht  einheitlich ­
  benutzt  wurde,  uns  viel  weniger  nützte,  als  das  später  der
Fall  hätte  sein  können.  Wie  im  ersten  Kriegsjahre  überhaupt  an
allen  unseren  Kräften  und  Mitteln  Raubbau  getrieben  wurde,  weil
man  glaubte,  daß  das  im  Kriege  nicht  anders  sein  könne  und  man
nicht  an  eine  so  lange  Kriegsdauer  dachte,  so  auch  auf  diesen«
Gebiete.
Aber  schließlich  rvar  das  alles  nicht  allsreichend,  die  aus  das
Fallen  unserer  Valuta  gerichteten  Tendenzen  zu  entkräften.  Dazli
gehörten  Baissespekulationen,  die  von  gewissenlosen  Spekulanten
in  unserer  Währung  im  Auslande  gemacht  und  durch  ilichts  gebindert ­
  wurden;  der  Einkauf  von  Luxusgütern  im  Auslande,  selbst
wenn  der  Import  gehindert  war;  sollen  doch  im  Jahre  1916  für
37  Millionen  Franken  Edelsteine  aus  der  Schweiz  nach  Deutschland ­
  und  Österreich  gegangen  sein,  und  auch  aus  Lolland  wurde
von  großen  Ankäufen  deutscherseits  in  Brillanten  und  Perlen
sowie  von  Effektenspekulationen  berichtet.  Ferner  war  die  Verbringung ­
  vo,l  deutsche««  Vermöge,«  ins  Ausland  in  keiner  Weise
gehindert,  auch  z.  B.  so,  daß  Exporteure  ihr  Guthaben  im  Auslande ­
  einfach  stehen  ließen  oder  in  jeder  beliebigen  Weise  darüber
verfügen  konnten.
Unter  dem  Einfluß  des  Sinkeiw  unserer  Valuta  gingen  viele
deutsche  Exporteure  dazu  über,  sich  nur  in  der  ausländischen
Währung  bezahlen  zu  lassen;  auch  von  beit  Transportanstalten,
4-  B.  den  badischen  Staatsbahnen,  wurde  das  berichtet.  Wenn
dadurch  der  einzelne  Exporteur  auch  das  Valutarisiko  für  sich  ausschaltete, ­
  so  bedeutete  dieses  Verfahren  doch  keineswegs  eine  Stütze
der  deutschen  Valuta.  Da  vielmehr  doch  immer  große  Marksorderungen
  des  Auslands  vorhanden  waren,  bewirkte  es,  daß
ihnen  keine  Nachfrage  nach  deutschen  Zahlungsmitteln  gegenüberstand ­
  und  so  oft  ein  verhältnisnläßig  ganz  unbedeutendes  Angebot
den  Kurs  stark  drücken  konnte.  Diesen  Amstand  machte  sich  dann
auch  das  feindliche  Ausland  zunutze,  indem  es  ihm  möglich  war,
mit  verhältnismäßig  ganz  geringen  Mitteln  einen  erheblichen  Kurssturz ­
  der  Mark  herbeizuführen.  Namentlich  in  Amerika  ist  in  dieser
Weise  gegen  die  deutsche  Valuta  operiert  ivorden.  Eine  Wieder-125
        <pb n="124" />
        erhöhung  des  Kurses  war  dann  nicht  leicht  herbeizuführen,  weil
jede  einheitliche  Organisation  dafür  fehlte.
Es  war  wohl  von  vornherein  klar,  daß  diese  ganzen  Valutaverhältnisse ­
  durch  die  erste  Devisenordnung,  die  am  20.  Januar ­
  1916  erlassen  wurde,  nur  sehr  teilweise  verbessert  werden
konnten.  Aber  die  beteiligten  Instanzen  waren  eben  viel  zu  bureaukratisch
  verwaltet,  als  daß  sie  sich  schneller  solchen  ganz  neuen  Anforderungen ­
  hätten  anpassen  können.  Die  Devisenordnung  suchte
zwar  prinzipiell  den  Devisenverkehr  bei  der  Reichsbank  zu  zentralisieren, ­
  aber  mit  ganz  unzureichenden  Mitteln.  Zunächst  erfaßte ­
  sie  nur  den  Handels  gewerblichen  Devisenverkehr,  also
berufsmäßige  Devisengeschäfte.  Ein  privater  Effektenbesitzer
konnte  sein  ganzes  Vermögen  nach  dem  Allslande  bringen  und  mit
dem  Erlös  anfangen,  was  er  wollte.  Der  gesamte  Postscheck-  und
Postanweisungsverkehr  war  von  der  Regelung  ausgeschlossen.
Ferner  wurde  nicht  verhiildert,  daß  Marknoten  zu  Zahlungen  ins
Ausland  gelangten.  Da  ungefähr  gleichzeitig  die  Llixuseinfuhr
stark  beschränkt  wurde,  was  auch  viel  früher  hätte  geschehen  müssen,
hatte  die  Reichsbank  wohl  geglaubt,  mit  jener  Verfügung  den
größten  Teil  der  Einfuhr  unter  Kontrolle  zu  bekommen.  Sie
forderte  die  Banken  auf,  ihre  Kunden  zu  veranlassen,  Einfuhrware
inöglichst  durch  Devisen  zu  begleichen.  Faktisch  aber  wurdeil  große
Summen  auf  Girokonto  den  nahe  an  der  Grenze  liegenden  Reichsbankanstalteir
  überwiesen,  wo  sie  dann  von  Kassenboten  der  ausländischen ­
  Banken  in  Gestalt  von  Marknoten  abgeholt  und  über
die  Grenze  gebracht  wurden.  Auch  vertraten  sehr  viele  Reichsbankanstalten
  die  Meinung,  daß  Marküberweisungen  auf  die  bei
deutschen  Banken  geführten  Konten  von  Ausländern  unbedenklich
seien,  obgleich  doch  Deutschland  kein  Moratorium  erlassen  hatte
und  diese  also  in  jeder  Weise  darüber  verfügen  konnten.
Daher  verfehlte  die  Devisenordnung  ihr  Ziel  vollkommen,  und
da  gleichzeitig  im  Jahre  1916  die  Warenknappheit  im  Jnlande
immer  größer  wurde  und  große  neue  Einkommen  entstanden  waren,
welche  die  Preise  in  die  Äöhe  trieben  (die  Kriegsgewinnbesteuerung
war  viel  zu  spät  und  nicht  energisch  genug  in  Angriff  genommen
worden),  so  sehte  eine  Verschleuderung  der  Mark  im  Auslande
ein,  um  um  jeden  Preis  noch  Waren  hereinzubekommen.  Erleichtert
ivurde  das  durch  die  Tatsache,  daß  bei  der  Militärverwaltung
lange  Zeit  hindurch  nicht  genügend  kaufmännisch  gerechnet  wurde,
126
        <pb n="125" />
        die  Lieferanten  und  Vermittler  jeden  Preis  erzielten  und  daher
auch  bezahlen  konnten.
Man  erkannte  schon  längst,  daß  diese  Devisenordnung  nicht
genüge,  weil  sie  von  einer  Zentralisierung  des  Zahlungsverkehrs
bei  der  Reichsbank  noch  weit  entfernt  war.  Das  suchte  man  zuerst
in  Österreich  durch  eine  Verordnung  vom  19.  Dezember  1916  zu
erreichen.  Gleichzeitig  verbot  in  Deutschland  eine  Verfügung  verschiedener ­
  Generalkommandos  die  Versendung  von  Zahlungsmitteln ­
  und  Markwechseln  ins  Ausland.  Dagegen  ging  ein  Verbot ­
  des  Oberkommandos  in  den  Marken,  überhaupt  neue  Markguthaben ­
  einem  Ausländer  im  Inlande  zu  begründen,  zu  weit.
Die  definitive  Regeüing  des  Gegenstandes  erfolgte  durch  die
Bundesratsverordnung  vom  8.  Februar  1917.  Es  wurden
28  Banken  als  sog.  Devisenbanken  bestellt.  Jeder  An-  und  Verkauf ­
  von  Geldsorten,  Banknoten,  Wechseln,  Schecks  usw.  in  ausländischer ­
  Währung  sowie  alle  Verfügungen  über  Forderungen,
Guthaben,  Kredite  usw.,  die  auf  ausländische  Währung  lauten,
diirfen  nur  durch  Vermittlung  dieser  Devisenbanken  abgeschlossen
werden.
Der  schriftlichen  Genehmigung  des  Reichsbankdirektoriums ­
  aber  unterliegen:
1.  Der  Versand  von  auf  Reichsmark  lautenden  Zahlungsmitteln ­
  (Banknoten,  Wechsel,  Schecks  usw.)  in  das  Ausland.
2.  Die  Einräumung  eines  auf  Markwährung  lautenden  Kredits
zugunsten  einer  im  Auslande  ansässigen  Person  oder  Firma.
3.  Verfügungen  über  Forderungen  in  Reichswährung  gegen
eine  im  Auslande  ansässige  Person  oder  Firma.  Der  direkte
Einzug  von  Markguthaben  in,  Auslande  bedarf  der  Ge
nehnngung  nicht.
4.  Das  Eingehen  von  Verbindlichkeiten  in  Reichswährung  und
auch  in  ausländischer  Währung  gegenüber  einer  im  Auslande ­
  ansässigen  Person  zum  Zwecke  des  Erwerbs  von
Waren  jeder  Art,  Wertpapieren,  Kostbarkeiten,  Kunst-  und
Luxusgegenständen,  Grundstücken  und  Schiffen.  Die  gleiche
Bestimmung  trifft  für  Tauschgeschäfte  obiger  Art  gegen
Wertpapiere,  Zinsscheine  usw.  zu.
Zulässig  sind  die  Verfügungen  über  ausländische  Zahlungsmittel ­
  im  Aus  lande  bis  zum  Betrage  von  1000  Mark  innerhalb
127
        <pb n="126" />
        eines  Kalendermonats;  ferner  sind  zulässig  innerhalb  eines  Tages
im  Gesamtbeträge  von  höchstens  1000  Mark,  innerhalb  eines
Kalendermonats  aber  nicht  über  3000  Mark:  die  sonstigen  obenerwähnten ­
  Geschäfte.
Auch  diese  Bestimmungen  genügten  aber  in  keiner  Weise,
das  weitere  Sinken  unserer  Valuta  aufzuhalten.  Sie  hatten  überhaupt ­
  keine  bemerkbare  Wirkung  auf  den  Kurs,  der  in  der  Schweiz
von  84  Centimes  Anfang  Februar  1917  auf  75  Centimes  Ende
Mai  sank.  Innerhalb  von  14  Tagen  fiel  er  dann  weiter  um  nahezu
10  Punkte  auf  66  Centimes  Mitte  Juni  und  erreichte  nach  vorübergehender ­
  unbedeutender  Erholung  feinen  Tiefpunkt  Anfang  August
mit  62  Centimes,  das  sind  beinahe  50%  der  Parität.  Nach  einer
scharfen  Aufwärtsbewegung  bis  69  Centimes,  die  aber  nur  wenige
Tage  anhielt,  stellte  sich  der  Kurs  mit  geringen  Schwankungen  auf
etwa  65  Centimes,  um  dann  im  Oktober  mit  61 1 / 2  Centimes  vorübergehend ­
  einen  Stand  zu  erreicheil,  der  unter  der  löälfte  der
Parität  war.
Die  Gründe  dafür  liegen  einmal  darin,  daß  die  Devisenordnung ­
  als  solche  überhaupt  nicht  ausreicht,  ein  Sinken  des  Kurses
zu  verhindern,  geschweige  denn  ein  Wiederansteigen  herbeizuführen,
dann  aber  auch  darin,  daß  sie  nicht  einheitlich  und  energisch  genug
angewendet  wurde.  Für  die  Kontrolle  über  die  Durchführung  des
Gesetzes  waren  keine  Bestimmungen  getroffen.  Die  militärischen
Postüberwachungsstellen  übernahmen  die  dazu  erforderliche  Briefkontrolle ­
  eigentlich  ohne  Auftrag  und  wichen  in  der  Auslegung  uild
Ausführuilg  sehr  voneinander  ab.  Eine  Zentralisation  unt&amp;gt;  Aufsicht ­
  über  diese  militärische  Tätigkeit,  die  den  verschiedenen  Generalkommandos ­
  llnterstellt  war,  fehlte,  denn  diese  hatten  für  diese  Tätigkeit
  naturgemäß  lvenig  Verständnis.  Die  bei  der  Reichsbank  geschaffene ­
  Devisenzentrale  bzw.  das  Reichsbankdirektorium  waren
aber  in  ihren  Auslegungen  der  Devisenordnung  und  ihren  Entscheidlmgen
  keineswegs  einheitlich.  Durch  Reisen  ins  Ausland,
dort  getroffene  persönliche  Verabredungen,  durch  den  Grenzverkehr, ­
  vor  allem  aber  durch  die  Tätigkeit  der  militärischen  Einkäufer ­
  im  Ausland  entzog  sich  ein  erheblicher  Teil  des  Zahlungsverkehrs ­
  der  Kontrolle  der  militärischen  Postüberwachungssielle»
und  damit,  selbst  wenn  diese  die  Handhabung  der  Devisenordnung
eirergisch  betrieben,  was,  wie  gesagt,  keineswegs  überall  der  Fall
war,  der  Aufsicht  und  Genehmigung  der  Devisenzentrale.  Außer-128
        <pb n="127" />
        dem  kommt  aber  in  Betracht,  daß  ein  erheblicher  Teil  der  finanziellen ­
  Transaktionen  mit  dem  Auslande  der  Kontrolle  der  Postüberwachungsstellen ­
  dadurch  entgeht,  daß  er  sich  innerhalb  einer
Devisenbank  vollzieht  und  dort  verschwindet.
Der  Importeur,  der  in  der  Schweiz  in  Franken  zu  zahlen  hat,
kann,  wenn  er  sich  von  der  Reichsbank  keine  Devisen  verschaffen
kann,  bei  einer  Devisenbank  sich  ein  Markguthaben  anlegen  und
daraus  in  irgendeiner  Weise  seine  Zahlungen  machen.  Der  Zusammenhang
  mit  eine»»  Importgeschäft  ist  dann  überhaupt  nicht
inehr  festzustellen.  Cs  ist  auch  vorgekommen,  daß  ein  Iniporteur
seine  Bank  an  ein  Dutzend  verschiedene  deutsche  Banken  je  3000  Mark
überweisen  ließ  lind  dann  von  jeder  diesen  freien  Höchstbetrag  zur
Zahluug  in  die  Schweiz  überwies.  Es  liegt  auch  kein  Grund  vor,
anzunehmen,  daß  die  Devisenbanken  immer  alle  Geschäfte,  bei  denen
sie  verdienen  können,  unterlassen,  wenn  dadurch  die  Valuta  geschädigt ­
  werden  kann.  Denn  durch  das  einzelne  Geschäft  wird  sie
ja  noch  nicht  geschädigt.  Auch  kann  man,  wie  gesagt,  über  die  Zulässigkeit ­
  der  einen  oder  anderen  Maßregel  sehr  verschiedener  Meinung ­
  sein.
Mir  scheint  nun,  daß  doch  schon  durch  schärfere  Auslegung
und  .Handhabung  der  Devisenordnung  manches  geschehen  könnte,
um  mindestens  ein  weiteres  Sinken  unserer  Valuta  aufzuhalten.
Dabei  ist  vor  allem  au  die  sog.  „Amwandlungen"  von  Mark  in
ausländische  Währung  oder  umgekehrt  zu  denken,  die  nach  der  bisherigen ­
  Auslegung  der  Devisenordnung  durch  die  Reichsbank  zu-»reist
  noch  nicht  von  ihr  betroffen  werden.  Allerdings  ist  die  Wirkung
derartiger  Amwandlungen  aus  unsere  Valuta  in  den  einzelnen
Fällen  sehr  verschieden  zu  beurteilen.  Cs  seien  deshalb  hier  verlchiedene
  Beispiele  angeführt.
Wenn  jemand  in  Deutschland  über  sein  Frankenguthaben  in
her  Schweiz  verfügt,  ist,  wie  schon  bemerkt,  nicht  absolut  zu  sagen,
'das  für  uns  zweckmäßiger  ist:  sich  Zahlungen  nach  Deutschland  in
^Nark  oder  in  Franken  kommen  zu  lassen.  Die  Markzahlung  vermindert ­
  zwar  das  Markangebot  in  der  Schweiz.  Jedoch  würde
hds  unter  den  heuügen  Verhältnissen  nur  dann  wirksam  werden,
wenn  die  Marknachfrage  in  der  Schweiz  wirklich  zentralisiert
'"»d  inlstande  wäre,  jederzeit  das  Angebot  aufzunehmen.  Solange
nicht  der  Fall  ist,  ist  es  doch  vorteilhafter,  daß  Franken  nach
Deutschland  gebracht  werden.  Denn  diese  können  hier  leichter  zu-2iesmann,
  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  9  120
        <pb n="128" />
        sammengefaßt  und  zur  Äebung  des  Markkurses  in  der  Schweiz
verwandt  werden.  Will  man  aber  derarüge  Amwandlungen  einschränken ­
  und  die  Zahlung  in  der  ausländischen  Währung  vorschreiben, ­
  so  ist  das  auch  mit  der  jetzigen  Devisenordnung  durch  eine
strengere  Interpretation  derselben  möglich.  Man  kann  den  Ankauf
der  Mark  im  Auslande  gleichzeitig  als  einen  Verkauf  ausländischer
Valuta  bezeichnen,  der  nach  8  1  DO.  ohne  eine  Devisenbank  unzulässig ­
  ist.  Die  Reichsbank  hat  sich  aber  nicht  auf  diesen  Standpunkt ­
  gestellt,  sondern  die  Meinung  vertreten,  daß  nach  §  1  Abs.  2
der  Devisenordnung  jegliche  Verfügung  gestattet  ist  und  keine  Beschränkung ­
  hinsichtlich  der  Währung,  in  welcher  verfügt  werden
darf,  gegeben  ist.  Das  entspricht  aber  insofern  nicht  den  auf  Lebung
oder  Aufrechterhaltung  unserer  Valuta  gerichteten  Bestrebungen,
als  damit  Ainwandlungen  in  sehr  großem  Amfange  ermöglicht
werden  und  jede  durchgreifende  Zentralisation  ausländischer  Valuta
in  Deutschland  gehindert  wird.  Zu  einer  solchen  zu  gelangen,  muß
aber  unsere  erste  Aufgabe  sein.  Es  ist  dabei  zu  bemerken,  daß
schon  nach  der  früheren  Devisenordnung  diese  Amwandlungen
zweifellos  verboten  waren,  und  da  die  neue  doch  offenbar  eine  Verschärfung ­
  der  früheren  unzureichenden  Maßregeln  bezweckt,  erscheint
unsere  obige  verschärfte  Auslegung  statt  einer  Milderung  unbedingt
geboten.  Mit  anderen  Worten:  eine  möglichste  Zentralisation
aller  Zahlungen  ist  anzustreben,  wenn  die  ganze  Devisenordnung
überhaupt  ihren  Zweck  erfüllen  soll.
Ein  anderer  Fall  ist  der,  daß  eine  deutsche  Firma  die  von  ihrer
Schweizer  Filiale  ihr  eingesandten  Markschecks  aus  Transportleistungen
  ihr  in  Franken  gutschreibt.  Die  Reichsbank  hat  darin
keinen  Verstoß  gegen  die  Devisenordnung  gesehen,  weil  die  deutsche
Gesellschaft  Zahlungsmittel  und  Forderungen  in  ausländischer
Währung  weder  kauft  noch  gegen  Zahlungsmittel  oder  Forderungen
in  anderer  Währung  umtauscht  noch  auch  darlehensweise  erwirbt.
Ebensowenig  werde  über  Zahlungsmittel,  Forderungen  oder  Kredite
in  ausländischer  Währung  verfügt,  es  werde  vielmehr  lediglich  eine
Verbindlichkeit  in  Frankenwährung  eingegangen,  die  jedoch  nicht
unter  8  3  Abs.  2  DO.  falle.  Im  vorliegenden  Falle  entsteht  aus
der  Transaktion  für  Deutschland  kein  Schaden,  wenn  tatsächlich
die  gesamten  Erträge  der  Schweizer  Firma  der  deutschen  Gesellschaft ­
  zufließen.  Andererseits  ist  aber  die  Maßregel  nichts  anderes
als  eine  der  Schweizer  Firma  gewährte  Garantie  gegen  Kurs-130
        <pb n="129" />
        Verluste  der  Mark  und  daher  vom  deutschen  Standpunkte  aus  höchst
bedenklich.  Sie  müßte  daher  unbedingt  verhindert  werden,  und  das
ist  nach  unserer  Auffassung  auch  wieder  schon  auf  Grund  der  Devisenordnung
  möglich,  indem  die  Amwandlung  in  Franken  als  ein  Ankauf ­
  von  Geldsorten  usw.  in  ausländischer  Währung  aufgefaßt  wird.
Immerhin  aber  wäre  eine  entsprechende  Ausgestaltung  der  Devisenordnung, ­
  die  darüber  volle  Klarheit  schafft,  erwünscht.
Ein  dritter  Fall  ist  der  sehr  häufig  vorkommende,  daß  eine
deutsche  Exportfirma  zwar  in  Franken  fakturiert,  der  Schweizer
Schuldner  aber  durch  eine  deutsche  Bank  in  Mark  zahlt.  Dabei
spielen  die  großen  Schweizer  Guthaben  bei  deutschen  Banken  natürlich ­
  eine  Rolle  (deshalb  sind  auch  die  zahlreichen  deutschen  Städten
in  der  Schweiz  gewährten  Darlehen  meist  aus  solchen  Guthaben
bezahlt  worden,  s.  unten).  Auch  diese  Transaktion  dürfte  von  dem
Gesichtspunkt  aus  zu  beurteilen  sein,  daß  wenn  dabei  überhaupt
die  Nachfrage  nach  deutschen  Zahlungsmitteln  im  Auslande  verstärkt ­
  wird,  dies  doch  nicht  so  günstig  wirkt  wie  eine  vermehrte
Verfügung  über  ausländische  Zahlungsmittel  im  Inlande.  Auch
hier  kann  man  sich  aber  aus  den  Standpunkt  stellen,  daß  eine  schon
nach  der  Devisenordnung  unzulässige  Verfügung  über  ein  Guthaben
in  ausländischer  Währung  vorliege.
Ein  vierter  Fall,  auch  sehr  häufig  vorkommend,  ist  der,  daß
ein  Deutscher  Waren  von  einem  Schweizer  kauft,  auf  dessen  Wunsch
in  Franken.  Da  der  Käufer  aber  weiß,  daß  er  für  den  Ankauf
keine  Schweizer  Devise  erhält,  kommen  beide  überein,  daß  an  eine
deutsche  Bank  in  Mark  gezahlt  wird,  über  die  dann  der  Schweizer
beliebig  verfügt.  Der  Zusammenhang  mit  dein  Importgeschäft
ist  dabei  gar  nicht  mehr  festzustellen.  Die  Gutschrift  des  Markbetrages ­
  selbst  ist  nicht  zu  beanstanden.
Es  ist  klar,  daß  diese  Verhältnisse  nur  gebessert  werden  können
und  ein  weiteres  Sinken  unserer  Valuta  verhindert  werden  kann,
wenn  der  gesamte  Zahlungsverkehr  von  und  nach  dem  Auslande ­
  vollständig  überwacht  und  einheitlich  organisiert  und  zentralisiert ­
  wird.  Am  einfachsten  ist  es  wohl,  dahin  zu  wirken,  daß  für
jeden  Export  nach  dem  Auslande  ausländische  Valuta  einer  deutschen
Zentralstelle  zur  Verfügung  gestellt  werden  muH,  die  sie  dann  einheitlich ­
  wieder  zu  Ankäufen  im  Auslande  verwendet.  Da  das  Ausland ­
  jetzt  doch  nur  von  uns  kauft,  was  es  notwendig  von  uns  beziehen ­
  muß,  wäre  eine  derartige  Bestimmung  wohl  unschwierig
13!
        <pb n="130" />
        durchzusetzen.  Jede  Markzahlung  für  deutschen  Export  müßte
untersagt  fein.  Damit  bekäme  die  Regierung,  der  ja  jetzt  schon  die
Effekten  der  neutralen  Staaten  zur  Verfügung  gestellt  sind,  so  viel
neutrale  Währung  in  die  Land,  als  überhaupt  zu  bekommen  ist.
Land  in  Land  mit  dieser  Zentralisation  des  deutschen  Zahlungsverkehrs ­
  an  das  Ausland  im  Inlands  selbst  müßte  auch  eine
einheitliche  Organisation  im  Auslande  geschaffen  werden,  welche
das  Angebot  von  deutschen  Noten  und  Devisen  aufnimmt.  Denn
oft  sind  es  nur  sehr  kleine  Beträge,  die  angeboten  werden,  die  aber,
weil  keine  Stelle  da  ist,  die  sich  darum  kümmert,  deit  Kurs  oft  unverhältnismäßig ­
  drücken.  Es  sind  ganz  dieselben  Verhältnisse,
wie  sie  seinerzeit  schon  in  Amerika  beklagt  wurden.  Schweizer,
holländische  und  skandinavische  Banken  müßten  dazu  gegen  eine
Provision  herangezogen  werden.  Wie  man  hört,  sind  schon
mehrfach  dahin  gehende  Vorschläge  gemacht,  aber  regelmäßig  von
der  Reichsbank  abgelehnt  worden.  Am  zweckmäßigsten  wäre  es
natürlich,  eine  deutsche  Bank  in  der  Schweiz  bzw.  in  den  anderen
neutralen  Staaten  zu  errichten.  Denn  diese  werden  noch  lange  nack
dem  Kriege  auf  dem  Geldmarkt  sehr  große  Bedeutung  behalten
und  von  uns  beim  internationalen  Verkehr  benutzt  werden  müssen.
Ein  Artikel  aus  der  Schweiz,  den  die  „Frankfurter  Zeitung"  vorn
20.  Juli  ohne  Zusatz  abdruckte,  und  der  im  Linblick  aus  die  neutralen
Leistungen  der  Schweizer  Banken  und  ihre  große  Konkurrenz  von
einer  solchen,  offenbar  befürchteten  Bankgründung  abrät,  ist  durchaus ­
  zu  bestreiten.  Die  Schweizer  Banken  stehen  in  ihrer  großen
Mehrzahl  offenbar  stark  unter  dem  Druck  der  Entente,  lind  wenn
man  es  ihnen  auch  nicht  verargen  kann,  daß  sie  sich  gegen  das  Sinken
unserer  Valuta  zu  sichern  suchen,  so  ist  doch  andererseits  auch  kein
Zweifel,  daß  sie  sich  alle  daraus  zu  ziehenden  Vorteile  voll  zunutze
machen.
Das  beste  Mittel,  ein  weiteres  Sinken  unserer  Valuta  zu  verhindern, ­
  ist,  neben  jener  einheitlichen  Überwachung  und  Organisation
  des  ganzen  Zahlungsverkehrs  den  reinen  Tauschhandel
in  möglichst  großein  Auffange  zu  organisieren.  Auch  das  setzt
natürlich  eine  völlige  Konzentration  der  Ein-  &amp;gt;urd  Ausfuhr  voraus,
die  aber  noch  für  längere  Zeit  nach  dein  Kriege  unbedingt  nötig
sein  wird.  Bei  der  Erlangung  vorl  Gegenleistungerr  für  von  linö
gelieferte  Waren  müßte  aber  viel  energischer  vorgegangen  werden,
als  das  nach  zahlreichen  Mitteilungen  bisher  geschehen  ist.  Es
132
        <pb n="131" />
        müßten  ganz  andere  Kompensationen  für  unsere  Lieferungen,  z.  B.
Kohlen,  die  wir  selbst  im  Inlande  so  gut  gebrauchen  könnten,  verlangt ­
  werden.  Wo  aber  in  dieser  Weise  die  Geldzahlung  nicht  ausgeschaltet ­
  werden  kann,  da  müßte,  wie  gesagt,  unbedingt  Zahlung
in  ausländischer  Valuta  verlangt  werden.  Bisher  ist  das  meines
Wissens  nur  bei  Kohlen  und  Goldwaren  bestimmt.
Als  im  Sommer  1917  die  deutsche  Valuta  in  der  Schweiz
auf  rund  50  %  der  Parität  fiel,  erkannte  die  deutsche  Regierung
endlich,  daß  sie  energischere  Mittel  in  Angriff  nehmen  müsse,  und
sie  benutzte  die  Gelegenheit  der  damals  ablaufenden  Wirtschaftsabkommen
  init  der  Schweiz  und  Lolland,  um  eine  Lebung  des
Markkurses  zu  versuchen.  Es  wurde  für  die  Kohlenlieferung
ein  erheblich  höherer  Preis  verlangt  als  früher  (aber  immer  noch
erheblich  niederer,  als  er  diesen  Ländern  von  der  Entente  berechnet
wurde,  und  noch  viel  zu  nieder  angesichts  des  Amstandes,  daß  die
inländische  Bevölkerung  so  ungenügend  mit  Kohlen  versorgt  wurde
und  im  Kleinverkäufe  so  sehr  gestiegene  Preise  zu  bezahlen  hatte).
Gleichzeitig  wurde  dem  Deutschen  Reiche  von  der  Schweiz  ein
Darlehen  von  180  Millionen  Franken  gegen  Linterlegung  von
Sicherheiten  zugesagt.  Aber  ähnliche  Abmachungen  mit  Lolland
ist  nichts  Näheres  bekannt  geworden.  Damit  soll  für  die  Dauer  des
Abkommens  der  Mehrbedarf  Deutschlands  an  Zahlungen  nach  der
Schweiz  —  es  wurden  68  Millionen  Franken  als  nwnalliche  Fordeningen ­
  der  Schweiz,  25  Millionen  Franken  als  inonatliche  Forderungen ­
  Deusschlands  angegeben  —  ausgeglichen  werden.  Doch
wissen  wir  jetzt,  daß  der  Kurs  unserer  Valuta  keineswegs  nur  von
dem  Zahlungsverkehr,  sondern,  da  kein  freier  Warenausgleich  stattfinden ­
  kaiui,  auch  von  den  ganzen  inländischen  Preisverhältnissen
abhängig  ist.  Dafür  werden  die  Anterhändler  wohl  kaum  schon
Verständnis  gehabt  haben.  Man  darf  aber  aus  diesen,  Grunde
den  Einfluß  dieses  Abkommens  auf  den  Stand  unserer  Valuta
nicht  zu  hoch  veranschlagen,  wie  es  überhaupt  unendlich  viel  leichter
ist,  das  Sinken  einer  Valuta  zu  verhindern,  als  sie  wieder  zu  heben,
wenn  sie  einmal  gesunken  ist.
Als  eine  weitere  Maßregel  machte  die  Regierung  dann  von
der  ihr  schon  in  der  letzten  Devisenordnung  verliehenen  Befugnis
Gebrauch,  eine  allgemeine  Anmeldung  und  Feststellung  aller
in  privatem  Besitz  befindlichen  Devisen  sowie  ihre  Enteignung
nach  Wahl  der  Reichsbank  durchzufiihren.  Anzumelden  sind  alle
133
        <pb n="132" />
        H

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Geldsorten  im  Betrage  von  über  500  Mark,  alle  sonstigen  Zahlungsmittel ­
  in  ausländischer  Währung  im  Betrage  von  über
1000  Mark  und  alle  Forderungen  in  Reichs-  oder  irgendeiner  ausländischen ­
  Währung  gegen  Personen  und  Firmen  in  allen  neutralen
Staaten  sowie  in  Bulgarien  und  der  Türkei  im  Betrage  von  über
5000  Mark.
Wie  diese  Vorschriften  angewendet  werden  und  wie  die  daraufhin ­
  erfolgenden  Maßregeln  der  Reichsbank  wirken  werden,  steht
noch  dahin.  Werden  sie  energisch  angewendet,  so  ist,  vorausgesetzt,
daß  auch  das  ganze  militärische  Zahlungswesen  von  ihnen  erfaßt
wird,  auf  dem  Gebiete  des  Zahlungsverkehrs  wohl  alles  geschehen, ­
  was  geschehen  kann.  Am  wichtigsten  aber  bleibt  immer
der  Warenverkehr,  und  hier  inuß  dafür  gesorgt  werden,  daß
auch  noch  längere  Zeit  über  den  Friedensschluß  hinaus  der  gesamte
Export  und  Import  einheitlich  überwacht  und  jeder  unnötige  Import
vermieden  wird,  daß  aber  für  unseren  Export  die  höchstmöglichen
Preise  erzielt  werden.  Das  Ganze  ist  also  eine  der  wichtigsten  Aufgaben ­
  der  Übergangswirtschaft,  die  natürlich  heute  schon  vorbereitet ­
  werden  muß.
Zu  geringe  Beachtung  ist  bisher  auch  dem  Effektenverkehr
mit  dem  Auslande  für  die  Frage  der  Äebung  unserer  Valuta  geschenkt ­
  worden.  Als  zu  Beginn  des  Krieges  die  deutsche  Valuta
sank  und  gleichzeitig  die  ersten  Kriegsanleihen  herauskamen,  wurde
das  Kapitalistenpublikum  veranlaßt,  ausländische  Werte  zu  verkaufen ­
  und  dafür  Kriegsanleihe  zu  zeichnen.  So  gingen  große
Posten  Effekten  ins  Ausland,  die  man  später  mit  sehr  viel  höherem
Nutzen  hätte  verkaufen  können.  Das  war  um  so  bedauerlicher,  als
dieser  Export  in  keiner  Weise  zur  Lebung  unserer  Valuta  benutzt
wurde.  So  wurde  er  verzettelt,  während  er  nützlich  für  uns  vor
allem  hätte  sein  können,  wenn  man  ihn  damals,  neben  einem  Goldexport, ­
  als  Grundlage  für  Kreditaufnahmen  im  Auslande  benutzt ­
  hätte.
Lange  geschah  auch  gar  nichts,  um  die  Anlage  deutschen
Kapitals  in  ausländischen  und  im  Auslande  verbleibenden  Effekten
wirksam  zu  verhindern,  und  gegen  die  so  bedenkliche  Effektenabwanderung ­
  deutschen  Kapitals,  hinter  der  immer  die  Möglichkeit  beabsichtigter ­
  Steuerhinterziehungen  steht,  ist  noch  heute  nicht  genügend ­
  eingeschritten.  Insbesondere  bei  einer  Reise  ins  neutrale
134
        <pb n="133" />
        Ausland  kann  man  von  dort  aus  durch  Vermittlung  der  Banken
leicht  große  Geldsummen  oder  Effekten  ins  Ausland  bringen.  Die
Summe  der  während  des  Krieges  ins  Ausland  gewanderten  deutschen
Vermögen  ist  auf  2  bis  3  Milliarden  Mark  geschäht  worden.  Ich
bin  der  Ansicht,  daß  man  die  Vermögensauswanderung  für  längere
Zeit  nach  dem  Kriege  sehr  wohl  verbieten  könnte,  ganz  ebenso  wie
man  die  Auswanderung  Wehrpflichtiger  verbietet.  Einfach  mit
der  Begründung,  daß  wer  jetzt  im  Kriege  den  Schutz  seiner  Person
und  seines  Vermögens  durch  unser  Leer  und  damit  durch  einen
großen  Teil  des  Volkes  genossen  hat,  nun  auch  verpflichtet  ist,
durch  eine  Reihe  von  Jahren  noch  auch  mit  seiner  flnanziellen
Leistungsfähigkeit  an  den  Opfern  sich  zu  beteiligen,  die  dafür  gebracht ­
  werden  müssen,  und  denen  er  sich  nicht  durch  Auswanderung
und  Verbringung  seines  Vermögens  ins  Ausland  entziehen  darf.
Wir  sind  aber  auch  mit  der  Beschlagnahme  der  feindlichen
Vermögen  zu  langsam  vorgegangen  und  haben  insbesondere  nach
der  Kriegserklärung  Amerikas  noch  Millionen  amerikanisches
Vermögen,  deren  Besitzer  wohl  meist  deutscher  Abstammung
waren,  unbehelligt  ins  Ausland  wandern  lassen.
Der  Gedanke,  daß  man  unseren  ausländischen  Effektenbesih
nur  durch  eine  einheitliche  Organisation  zur  Lebung  bzw.
Aufrechterhaltung  des  Kurses  unserer  Valuta  verwenden  könne,
führte  erst  im  Frühjahr  1917  zu  tatsächlichen  Maßregeln.  Durch
die  Verordnung  vom  22.  März  1917  wurde  das  Publikum  aufgefordert, ­
  dem  Reiche  ausländische  Wertpapiere  gegen  eine  Leihgebühr ­
  von  Vs  des  Zins-  oder  Dividendenerträgnisses,  mindestens
aber  von  1  %  zur  Verfügung  zu  stellen.  Das  Reich  verspricht  die
Rücklieferung  solcher  ihm  leihweise  überlassenen  Papiere  spätestens
drei  Jahre  nach  Abschluß  des  Friedensvertrages  mit  England,  behält ­
  sich  aber  das  Recht  vor,  sie  jederzeit  wieder  zurückzugeben.
Der  Eigentünier  kann  verlangen,  daß  das  Reich  die  Papiere
käuflich  übernimmt,  sofern  es  nicht  vorzieht,  sie  zurückzugeben.  Als
Kaufpreis  gilt  der  Kurs  des  für  das  Wertpapier  maßgebenden
ausländischen  Börsenplatzes  am  Tage  der  Übernahmeerklärung
h'urch  das  Reich.  Damit  soll  spekulativen  Übernahmeanttägen  der
Besitzer,  die  sich  sonst  gerade  die  Momente  des  niedrigsten  Kursstandes ­
  der  deutschen  Valuta  aussuchen  würden,  entgegengewirkt
werden.  Es  sind  so  sehr  bedeutende  Summen  von  Wertpapieren
Aulammengekommen,  deren  Verwaltung  der  Bank  des  Berliner
135
        <pb n="134" />
        Kaffenvereins  übertragen  ist.  Auch  im  neutralen  Auslande  sind
gewisse  Banken  bestimmt,  an  welche  die  dort  befindlichen  Effekten
im  Besitz  von  Reichsdeutschen  zu  senden  sind,  damit  sie  zur  Verfügung ­
  des  Reichsbankdirektoriums  gehalten  werden.  Die  Art
ihrer  Verwendung  ist  natürlich  nicht  bekannt.  Die  ganze  Maßregel
ist,  ebenso  wie  die  Goldablieferung,  eine  freiwillige,  doch  wäre
eine  Beschlagnahme  an  sich  durchaus  möglich.  In  welcher  Weise
diese  Effekten  nach  Friedensschluß  als  Grundlage  für  die  Aufnahme
einer  Anleihe  verwendet  werden  könnten,  soll  heute  noch  nicht  erörtert ­
  werden.
Bisher  haben  diese  Maßregeln  auf  die  löebung  des  Kurses
der  deutschen  Valuta  noch  nicht  wesentlich  eingewirkt.  Vielmehr
sind  als  Folge  ihres  bis  zum  Sommer  1917  fortgesetzten  Sinkens
verschiedene  ungünstige  Erscheinungen  auf  deni  Gebiete  des  Effektenmarktes ­
  zu  verzeichnen.  Dahin  gehört  der  Zwang,  für  im  Auslande
aufgenommene  Kredite  die  Effektendeckung  immer  wieder
zu  erhöhen.  Infolgedessen  wanderten  im  ersten  löalbjahr  1917
wieder  Millionen  deutscher  Effekten,  meist  Pfandbriefe  oder  Anleihen ­
  der  Einzelstaatein  ins  Ausland,  Kriegsanleihen  werden  in
der  Regel  dafür  nicht  angenommen.  Inwieweit  dieser  Effektenexport
  wirklich  dem  Zwecke  der  Kreditaufnahme  oder  der  Rachdeckung
  eingeräumter  Kredite  dient  lind  ob  nicht  oft  eine  dauernde
Vermögensabwanderung  damit  bezweckt  ist,  läßt  sich  natürlich
nicht  feststellen.  Auch  hier  wären  einheitliche  Bestimmungen  und
schärfere  Überwachung  erforderlich.  Auch  die  Effektengeschäfte  der
Banken  (Konto-Meta-Geschäfte)  sind  ganz  ungehindert,  obgleich
keinerlei  Gewähr  besteht,  daß  sie  immer  im  deutschen  Interesse
erfolgen.
Wie  fthr  die  fortwährenden  Nachdeckungen  für  gewährte
Kredite  im  Ausland  schwächere  Schuldner,  die  kein  großes  mobiles
Vermögen  haben,  belasten,  wie  viele  Kredite  gekündigt  werden
und  wie  viele  der  hingegebenen  Deckungen  verfallen,  kann  man  sich
denken.  Ebenso,  was  es  für  die  deutsche  Volkswirffchaft  bedeutet,
wenn  jetzt  z.  B.  in  der  Schweiz  für  40  Franken  Kredit  100  Mark
Deckung  in  erstklassigen  Effekten  verlangt  werden.  Wenn  eine
Schuld  erneuert  werden  muß,  geschieht  das  natürlich  nur  zu  sehr
ungiinstigen  Bedingungen,  Erhöhung  des  Zinsfußes,  bis  zu  O 1 /* 0 /«),
erhebliche  jährlich  zu  zahlende  Abschlußprovisionen,  hohe  Vermittlergebühren
  usw.  Ulrich  suchen  Vermittler  ausländischer  Banken,
136
        <pb n="135" />
        die  in  Deutschland  ihren  Wohnsitz  haben,  den  Schuldnern,  wenn
sie  sich  in  einer  Notlage  befinden  oder  ihre  Kredite  erneuern  müssen,
bei  der  Regelung  ihrer  Verpflichtungen  unsichere  deutsche,  im  Besitz
ihrer  Auftraggeber  befindliche  Hypotheken  aufzuhalsen.
Die  größte  Bedeutung  bei  dem  Abschluß  neuer  Kredite  im
neutralen  Auslande  seitens  deutscher  Schuldner  hat  natürlich  die
Valutaklausel.  Fast  alle  Schuldner  müssen  sich  zur  Rückzahlung
in  ausländischer  Währung  oder  zum  früheren  Parikurse  der  Mark,
also  z.  B.  bei  Schweizer  Franken  zu  einer  Rückzahlung  zum  Kurse
von  123*/2  Centimes  für  100  Mark  verpflichten.  Auf  dieser  Grundlage, ­
  und  zwar  mit  einer  Rückzahlungspflicht  in  8  bis  10  Jahren
sind  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1917  von  Dutzenden  deutscher
Städte  Anleihen  in  der  Schweiz  im  Betrage  von  vielen  Millionen
aufgenommen  worden.  Auch  in  Lolland  und  Skandinavien  sind
solche  Anleihen  aufgenommen  worden,  und  erst  in  den  letzten  Monaten ­
  scheint  man  seitens  der  Regierung  dem  Abschluß  von  Anleihen
seitens  deutscher  Städte  mit  derartigen  Rückzahlungsverpflichtungen
Schwierigkeiten  in  den  Weg  zu  legen.  Dabei  sind  auch  die  Vermittlerprovisionen ­
  sehr  hoch,  z.  B.  1 /. i  %  jährliche  Abschlußprovision
und  eine  einmalige  Vermittlungsgebühr  von  1  Va  °/o-  Die  Schweizer
Banken,  die  solche  Darlehen  gewähren,  verschafften  sich  dabei  die
Mark  für  etwa  65  Centimes  und  erhalten  in  8  bis  10  Jahren  dafiir
1231/2  Centimes  zuriick.  Kein  Wunder,  daß  die  Schweizer  gern
solche  Städteanleihen  übernehmen  und  daß  sich  auch  deutsche  Kapitalisten ­
  auf  dem  Llmwege  über  Schweizer  Banken  daran  zu  beteiligen ­
  silchen.  Dabei  ist  es  bemerkenswert,  daß  alle  diese  Anleihen
zur  Hebung  der  deutschen  Valuta  gar  nichts  beigetragen  haben.
Denn  sie  wurden  regelmäßig  aus  schon  vorhandenen  Schweizer
Guthaben  in  Deutschland  gewährt.  Neuestens  sind  übrigens  auch
große  Anleihen  ohne  die  Valutaklausel,  also  unter  Riickzahlung
in  Mark  abgeschlossen  worden,  wobei  die  Kredite  natürlich  auch  in
Mark  gewährt  wurden.
Fiir  private  Schuldner  sind  aber  die  ihnen  von  ausländischen
Zanken  gewährten  Bedingungen  oft  noch  viel  ungünstiger.  Wenn
sie  zu  Zahlungen  in  der  Schweiz  einen  Frankenkredit  gebrauchen,
müssen  sie  sich  oft  verpflichten,  auch  gleichzeitig  einen  Markkredit
^  übernehmen.  Diesen  beschafft  sich  der  Gläubiger  zu  etwa  65
und  läßt  sich  Rückzahlung  zu  123V«  versprechen.  Dabei  sind  die
^sückzahlungstermine  aber  manchmal  noch  viel  kürzer  als  bei  den
137
        <pb n="136" />
        Stadtanleihen.  Es  sind  Fälle  vorgekommen,  daß  eine  höchst  angesehene ­
  und  zahlungsfähige  Firma  z.  B.  für  einen  Frankenkredit
von  100  000  Franken  auch  einen  Markkredit  von  100  000  Mark
übernehmen  mußte,  diesen  rückzahlbar  zu  123 1 / as  Centimes,  und
zwar  ungefähr  zwei  Drittel  davon  schon  in  3  Jahren,  1920,  der
Rest  in  5  Jahren.  Das  bedeutet  für  die  Schweizer  Bank,  die  sich
die  Mark  zu  weniger  als  65  Centimes  verschaffte,  eine  jährliche
Verzinsung  von  1772%!  Richt  selten  verlangen  die  ausländischen
Gläubiger  auch  noch  die  Garantie  einer  Versicherungsgesellschaft,
deren  Provision  der  Schuldner  natürlich  auch  noch  bezahlen  muß.
In  einem  anderen  Fall  wurden  7%  Zinsen,  1 / 4 %  vierteljährliche
Kommission,  1  %  Akzeptprovision  der  Bank  verlangt.  Außerdem
sollte  der  Schuldner  in  Deutschland  belegenen  Grundbesitz  übernehmen ­
  und  den  gewährten  Kredit  spätestens  Ende  1920  zurückzahlen.
Derartige  Geschäfte  sollten,  mich  wenn  man  sie  mit  Rücksicht
auf  die  Kriegsanleihen  bisher  geduldet  hat,  doch  viel  mehr  unterbunden
  werden.  Auch  ist  die  ganze  Art,  tvie  solche  Städteanleihen
z.  B.  in  den  Züricher  Kaffeehäusern  ausgeboten  und  abgeschlossen
wurde»,  der  Qualität  der  deutschen  Schuldner  unwürdig.
Da  unsere  Bundesgenossen  in  so  großem  Umfange  die  Mark
zu  Zahlungen  an  das  Ausland  verwendeten  und  damit  auch  Ange
kauften,  deren  Beschaffung  ihnen  nur  infolge  ihrer  laxeren  Handhabung ­
  der  Ein--  und  Ausfuhrbeschränkungen  möglich,  bei  uns
aber  verboten  war,  so  verfilzte  die  Reichsbank  im  Oktober  1917,
oaß  Markguthaben  aus  österreichisch  -  ungarischen  Effektenverkäufen
  in  Deutschland,  sofern  sie  nicht  zur  Bezahlung  von  Warenoder ­
  Effektenschulden  dienen,  bis  12  Monate  nach  Friedensschluß
gesperrt  sind.  Das  hat  in  Österreich  Unzufriedenheit  erregt,  aber
es  wäre  hier,  &amp;gt;vie  auf  so  vielen  Gebieten,  zweckmäßig,  wenn  sich
die  beiden  Staaten  über  ein  gemeinsaines  Vorgehen  in  den  Valutafrageil,
  in  der  Beschränkung  der  Luruseinfiihr  und  der  Einschränkung ­
  der  Effektenspekulafioit  verständigten.  Jedenfalls  kann  keine
Rede  davon  sein,  daß  wir  die  Luxuseinfuhr  aus  Österreich-Ungarn
zulassen,  selbst  aber  auf  den  Export  derartiger  Produkte  dorthin
verzichten  könnten.  Die  Beschränkungen  und  Maßregeln,  die  zur
Auftechterhaltung  der  Valuta  nötig  sind,  müßten  in  beiden  Ländern
gleich  sein,  und  deshalb  wäre  es  inir  durchaus  berechtigt,  wemr  der
zügellosen  Geldvermehrung,  wie  sie  in  Österreich-Ungarn  eingerissen ­
  ist  lind  über  die  jede  öffentliche  Kontrolle  fehlt,  Schranken
138
        <pb n="137" />
        139

angelegt  würden.  Solange  das  nicht  geschieht  und  den  deutschen
maßgebenden  Instanzen  dabei  eine  Mitwirkung  zugestanden  wird,
kann  von  dem  an  sich  höchst  erwünschten,  ja  notwendigen  Zusammenwirken ­
  der  beiden  Staaten  zur  Äebung  der  Valuta  keine
Rede  sein.  Schließlich  scheint  es  uns,  daß  Österreich-Angarn,
dessen  einziger  Geldgeber  Deutschland  ist,  an  der  Aufrechterhaltung
unserer  Valuta  doch  noch  ein  größeres  Interesse  hat  als  wir  an  der
leinen,  und  daß  es  daher  alles  tun  sollte,  um  gemeinsam  mit  uns
unsere  Valuta  stützen  zu  helfen.  Das  wird  ihm  dann  auch  für  die
eigene  Valuta  von  allergrößtem  Vorteil  sein.  Freilich  muß  man
sich  zunächst  einmal  darüber  klar  sein,  worauf  das  starke  Sinken
unserer  Vaüiten  zurückzuführen  ist,  und  daran  scheint  es  bei  uns
wie  bei  unseren  Bundesgenossen  gefehlt  zu  haben.  Sonst  hätte
man  in  beiden  Ländern  in  der  Kriegsfinanzierung  wohl  manches
anders  gemacht.
        <pb n="138" />
        Achtes  Kapitel

Die  Geldprobleme  in  der  inneren  Wirtschaftspolitik ­
  im  und  nach  dem  Kriege
Qsäsyii'  haben  in  den  vorhergehenden  Kapiteln  den  Zusammenhang
  zwischen  Einkolnrnensteigerungen,  Preissteigerungen
und  Geldvermehrung  klargestellt,  den  zu  erkennen  die  wichtigste
Voraussetzung  einer  richtigen  Geldpolitik  im  und  nach  den:  Kriege
ist.  Nur  durch  Einkommensteigerungen  wirkt  die  Geldvermehrung
preissteigernd,  daher  kommt  es  aber  auch  nicht  nur  auf  die  Geldvermehrung
  im  realen  Sinne  an,  sondern  letzten  Endes  hat  alles,  was
die  Einkommen  vermehrt,  preissteigernde  Wirkung  und  so  auch
häufig  bloße  Einkommensverschiebungen.  Vor  allem  aber  wirkt
preissteigernd  die  große  Kreditanspannung,  welche  im  Kriege
teils  mit,  teils  ohne  Banknoten-  oder  Papiergeldausgabe  üblich  ist.
Auch  hier  muß  ich  wieder  darauf  hinweisen,  daß  inan  diese  Zusammenhänge ­
  bisher,  )vie  die  Literatur  zeigt,  so  gut  wie  gar  nicht
erkannt  hat,  daß  insbesondere  auch  die  Praktiker  gar  keine  Vorstellung ­
  davon  haben,  und  muß  es  daher  den  maßgebenden  Personen
dringend  ans  Äerz  legen,  diese  Probleme  sorgfältig  durchzudenken
und  nicht  zu  vergessen,  daß  das  Verbleiben  in  den  alten  Gleisen
nicht  genügt  und  wir  nun  einmal  durch  den  Krieg  iind  seine  gewaltigen ­
  Amwälzungen  vor  neue  Aufgaben  gestellt  sind.
Lätte  man  sich  diese  Zusammenhänge  früher  klar  gemacht,
so  wäre  in  der  Wirtschaftspolitik  im  Kriege  mancherlei  anders  gemacht ­
  worden  und  mancherlei  Maßregeln  wären  schon  längst  ergriffen ­
  oder  doch  wenigstens  ihre  Vorbereitung  in  Angriff  genommen
  worden,  deren  Notwendigkeit  auf  Grund  unserer  Erörterungen ­
  jetzt  wissenschaftlich  bewiesen  werden  kann.  Von  diesen
Maßregeln,  einigen  der  wichtigsten  Aufgaben  der  Wirtschaftspolitik
im  und  nach  dem  Kriege,  soll  jetzt  noch  die  Rede  sein.
140
        <pb n="139" />
        Aus  unseren  Ausführungen  über  die  Geldvermehrung  erkennt
man  vor  allem,  wie  außerordentlich  wichtig  es  ist,  daß,  wenn  schon
der  Staat  sich  künstliche  Kaufkraft  durch  Kreditinanspruchnahme
bei  den  Notenbanken  beschafft,  er  sie  doch  wenigstens  alsbald  wieder
konsolidiert  durch  Anleihen  und  Steuern,  welche  aus  den  Erträgen ­
  oder  dem  disponiblen  umlaufenden  Kapital  in  der  Volkswirtschaft ­
  stammen.  Dies  hat  man  bei  uns  —  zwar  nicht  wissenschaftlich ­
  erkannt,  sonst  hätte  man  insbesondere  Steuern,  vor  allem
die  Kriegsgewinnsteuern,  viel  friiher  und  viel  energischer  zur  Anwendung ­
  gebracht  —  aber  bezüglich  der  Anleihen  sozusagen  empirisch ­
  befolgt,  um  eine  zu  große  Belastung  der  Reichsbank  zu  vermeiden. ­
  Von  der  ungünstigen  Wirkung,  die  diese  Schaffung  künstlicher, ­
  zusätzlicher  Kaufkraft  auf  die  Preise  haben  «rußte,  hat  man
natürlich  keine  Vorstellung  gehabt;  nran  hat  diese  gairzen  Vorgärrge
  nicht  vom  Standpunkt  der  Wirkungen  auf  den  Tauschverkehr
  und  die  Preisgestaltrurg,  sondern  von  den,  des  Status
der  Notenbank  aus  betrachtet.  Sonst  hätte  man  nicht  in  den
ersten  Wochen  des  Krieges  gleich  2  Milliarden  Mark  künstliche
ireue  Kaufkraft  geschaffen,  die  größtenteils  zum  Ankauf  von  Pferden
und  Automobilen  zri  hohen  Preisen  dienten  und  zu  Preissteigerungen ­
  führten  zu  einer  Zeit,  als  von  Warenmangel  noch  keine
Rede  sein  konnte.  Sonst  hätte  man  auch  nicht  die  lächerlich  hohen
Preise  für  Kantinen  an  den  Bahnhöfen  und  für  tausend  andere
Dinge  des  Leeresbedarfs  bewilligt,  über  die  schon  im  Frieden
Berträge  abgeschlossen  worden  waren.  Man  glaubte  eben,  daß  ein
Krieg  höchstens  ein  paar  Monate  dauerrr  könne  und  daß  man  die
Kosten  im  einzelnen  dabei  nicht  so  genau  zu  kontrollieren  brauche.
Bon  der  Wirkung  derartiger  plötzlicher  Einkonrnrensteigerungen
aus  die  allgemeine  Preisbildung  hat  man  keine  Vorstellung  gehabt.
In  allerr  früheren  Kriegen  waren  die  Notenbanken  stark  zur
Aufbringung  der  Kriegskosten  herangezogen  worden,  und  so  ging
'uarr  irr  derselben  Weise  vor  wie  früher,  auch  mit  der  Errichtung
ber  Darlehenskassen,  ohne  sich  über  die  volkswirtschaftliche  Wirkung ­
  aller  dieser  Maßregeln  klar  zri  sein.  Aber,  wie  nochrrrals
betont  sei,  man  kann  den  leitenden  Persönlichkeiten  keinen  Vorwurf ­
  machen,  der  vielmehr  allein  auf  die  Wissenschaft  und  den  unvollkommenen ­
  Zustand  ihrer  Erkenntnis  fällt,  in  der  rroch  kurz
^or  Vegiml  des  Krieges  die  denkbar  verkehrtesten  Theorien  über
Deld  und  Preise  „sieb  in  Europa  und  Amerika  gleichgroßer  Zu-141
        <pb n="140" />
        stimmung  zu  erfreuen  hatten"  und  nirgends  als  falsch  erwiesen  und
durch  bessere  ersetzt  werden  konnten.
Daß  man  in  Deutschland  dann  bald  im  Wege  der  Anleihen  aus
die  verfügbaren  Erträge  und  umlaufenden  Kapitalien  der  Volkswirtschaft ­
  zur  Bestreitung  der  Kriegskosten  zurückgriff,  war  ein  großer
Glücksfall,  ohne  den  die  Preissteigerungen  im  Inlands  und  vor  allen»
auch  der  Kursrückgang  unserer  Valuta  im  Auslande  noch  viel
schneller  eingetreten  wären.  Wenn  man  aber  im  ganzen  nicht  so
völlig  im  Banne  der  alten  Schabloire  der  Geld-  und  Finanzwirtschaft
  des  Friedeirs  und  ihrer  von  England  überkommene,!  Ideen
gewesen  wäre,  so  hätte  man  sich  wohl  auch  die  Frage  vorgelegt,
ob  man  nicht  die  Reichsbank  bei  Aufbringung  der  Kriegskosten,
hätte  entbehren  können.  Namentlich  anfangs,  als  die  Ergebnisse
der  Anleihe»!  noch  für  die  Kosten  ausreichten,  trohdenr  von  sparsamer ­
  Wirtschaft  wohl  nie  die  Rede  gewesen  sein  kann,  wäre  zu
erwägen  gewesen,  ob  nicht  die  Anleihen,  die  vom  deutschen  Publikum
im  Gegensatz  zu  dem  anderer  Länder,  aber  in  richtiger  politischer
und  wirtschaftlicher  Einsicht  so  bereitwillig  genommen  wurden,
direkt  bzw.  nur  unter  Mitwirkung  der  privaten  Banken  hätten
untergebracht  und  die  Reichsbank  hätte  ausgeschaltet  werden
können.  Soweit  die  betreffenden  'Summen  schon  vorweg  ausgegeben ­
  worden  wären,  hätten  die  Finanztratten  des  Reichs  wohl
auch  bei  den  privaten  Banken  und  Kapitalisten  untergebracht
werden  köimen.  Damit  wären  noch  schneller  die  verfügbaren  Erträge ­
  und  Kapitalien  für  die  Kriegszwecke  nutzbar  gemacht  worden
und  eine  Schaffung  künstlicher  Kaufkraft  verinieden  worden.
Später  freilich,  als  die  Kriegskosten  fiir  1917  auf  über  40  Milliarden ­
  Mark  anschwollen,  während  die  beiden  Anleihen  nur  etwa
23  Milliarden  Mark  einbrachten,  war  eine  solche  Konsolidierung
der  Kreditwirtschaft  des  Reiches  nicht  mehr  möglich.  Da  blieb
nur,  wenn  man  die  Kosten  nicht  einschränken  konnte,  wofür  es  an
einer  entscheidenden  Instanz  fehlte,  entweder  der  Weg  der  Steuern,
der,  wenn  er  auch  nicht  ausreichende  Summen  herbeigeschafft  hätte,
doch  auch  in  größerem  Amfange  hätte  benutzt  werden  müssen,  oder
nur  der  der  Schaffung  künstlicher  Kaufkraft.  Daher  die
Zunahme  der  Finanzwechsel  bei  der  Reichsbank,  das  Anwachsen ­
  der  Banknoten  und  der  Darlehenskassenscheine.
Wir  müssen  nun  auf  das  dringendste  davor  warnen,  daß  ein
»veiteres  Anschwellen  dieser  Mittel  der  Kriegsffnanzierung  ge-142
        <pb n="141" />
        duldet  wird,  eben  mit  Rücksicht  auf  die  Preisbildung  in  unserer
Volkswirtschaft  und  die  davon  stark  beeinflußte  Möglichkeit  einer
baldigen  Wiederaufnahme  des  Tauschverkehrs  mit  dem  Auslande.
Es  sollten  alle  Lebel  in  Bewegung  gesetzt  werden,  den  Amlauf  von
Banknoten  und  Darlehenskassenscheinen  nicht  weiter  steigen  zu
lassen,  und  zwar  natürlich  ganz  ohne  Rücksicht  auf  den  Goldvorrat
und  ein  etwaiges  Steigen  der  Deckungsquote,  auf  die  man  bisher
immer  ausschließlich  achtete,  sondern  einzig  und  allein  mit  Rücksicht ­
  auf  die  nachteiligen  Folgen  der  Schaffung  künstlicher  Kaufkraft,
die  von  der  Notendeckung  ganz  unabhängig  sind.  Das  ist  lange
noch  nicht  energisch  genug  geschehen,  einmal  weil  man  von  den
wirtschaftlicher!  Zusammenhängen  keine  klare  Vorstellung  hatte,
und  dann,  weil  man  aus  dem  bisher  immer  befolgten  Schema  nicht
herauskam,  wiederum  nrangels  der  richtigen  leitenden  Gesichtspunkte. ­

Die  Notenbank,  der  nach  den  bisher  geltenderr  Prinzipien
leider  auch  die  Sorge  für  unsere  Währung  fast  ganz  allein  obliegt,
sollte  also  für  die  Kriegssinanzierung  nröglichst  wenig  in  Anspruch
genommen  werden.  Die  Schatzwechsel  sind  daher  möglichst  direkt
bei  den  privaten  Banken  und  bei  den  großen  Kriegslieferanten,
rnöglichst  wenig  durch  Benützung  der  Reichsbank  zu  begeben  und
dann  möglichst  bald  durch  Anleihen  zu  decken.  Soweit  diese  aber
nicht  ausreichen  urrd  Ersparnisse  nicht  möglich  sind,  was  aber  viel
schärfer  als  bisher  kontrolliert  werden  sollte,  ist  viel  energischer,
als  das  bisher  geschehen  ist,  dafür  zu  sorgen,  daß  die  fehlenden
Beträge  durch  Steuern  aufgebracht  werden.  Denn  es  kommt
alles  darauf  an,  die  in  der  Volkswirtschaft  vorhandenen  Erträge
in  möglichst  großem  Amfange  heranzuziehen,  und  es  ist  gar  kein
Zweifel,  daß  das  trotz  aller  Opferwilligkeit  weiter  Bevölkerungskreise ­
  auch  in  Deutschland  durch  die  freiwilligen  Anleihen  noch  lange
nicht  in  dem  wirklich  möglichen  Amfange  geschieht,  wenn  auch  die
Erfolge  unserer  Anleihen  höchst  erfreulich  und  denen  der  anderen
kriegführenden  Staaten,  vor  allem  auch  Frankreichs,  weit  überlegen
sind.  Doch  muß  man  bedenken,  daß  einerseits  viele  Einkornmen
gewaltig  gestiegen  sind  und  daß  andererseits  jetzt  10  Milliarden
Mark  erheblich  weniger  bedeuten  als  1914.  Über  die  Gestaltung
der  Einkommen  im  Kriege  sei  hier  nur  eine  einzige  Zahl  angegeben,
die  viel  zu  denken  geben  sollte  und  mit  einem  Schlage  gewaltige
Fehler  unserer  Geld-  und  Finanzpoliük  aufzeigt:  Im  Etatsjahr
143
        <pb n="142" />
        1914/15,  von  dem  ein  Drittel  noch  in  die  Friedenszeit  fiel,  betrug
die  Zahl  der  Einkommensmillionäre  in  Preußen  91,  im
Jahre  1916/17  134!
Darüber  kann  kein  Zweifel  sein,  daß  dem  Reiche  auf  deni
Wege  der  Anleihen  längst  nicht  alles,  was  ihn,  für  die  Kriegsfinanzierung
  zur  Verfügung  gestellt  werden  könnte,  tatsächlich  zufließt,
  nicht  einmal  alle  zur  Kapitalbildung  verfügbaren  Einkvmmensteile.
  Da  nun  die  so  durch  Anleihen  beschafften  Summen  längst  nicht
mehr  zur  Bestreitung  der  Kriegsausgaben  ausreichen,  hätten  schon
lange  Steuern  in  größeren!  Amfange  als  Ergänzung  eingeführt
werden  müssen  und  die  Beschaffung  der  Mittel  durch  Kreditanspannung,
  mit  oder  ohne  Benutzung  der  Notenpresse,  in  größeren,
Maße  vermieden  werden  müssen.
In  erster  Linie  kommt  da  die  Kriegsgewinnbesteuerung
im  weitesten  Sinne  in  Betracht,  d.  h.  die  möglichst  vollständige
Erfassung  aller  im  Kriege  gestiegenen  Einkommen  und
Vermögen.  Sie  sollte  die  Grundlage  jeder  Wirtschaftspolitik
inr  Kriege  sein,  welche  ihre  Aufgaben  richtig  erkennt.  Prinzipiell
könnte  dabei  sehr  wohl  der  Sah  ausgestellt  werden,  daß  jeder  in,
Kriege  sich  vollziehende  Einkommens-  oder  Vermögenszuwachs
vollkommen  dem  Staate  gehöre.  Dies  nicht  so  sehr  aus  sozialen
oder  moralischen  Gründen,  welche  inan  bisher  bei  der  Kriegsgewinnbesteuerung ­
  allein  geltend  gemacht  hat,  obgleich  natürlich
auch  sie  ins  Gewicht  fallen,  als  vielmehr,  ,veil  es  ganz  einfach  die
wichtigste  wirtschaftliche  Aufgabe  in,  Kriege  ist,  starke  Preissteigerungen ­
  zu  verhindern,  was,  wie  wir  jetzt  wissen,  nur
durch  Verhinderung  von  Einkonimenssieigerungen  nröglich  ist.
Dies  klar  zu  erkennen  ist  von  der  allergrößten  Wichtigkeit.  Die
große  Literatur  iiber  die  Kriegsgewinnbesteuerung  zeigt  aber,  daß
man  von  dieser  Aufgabe  derartiger  Steuern  gar  keine  Ahnung  gehabt ­
  hat.
Praktisch  ist  es  natürlich  nicht  unbedingt  erforderlich  und  wohl
auch  kaum  durchführbar,  daß  die  Kriegssteuern  das  ganze  gestiegene ­
  Einkommen  oder  Vermögen  für  den  Staat  konfiszieren.
Aber  eine  sehr  starke  Progression,  die  bei  hohen  Einkonimen  und
Vermögen  und  starken  Steigerungen  auch  vor  den  höchsten  Prozentsätzen ­
  bis  nahe  an  100  %  nicht  haltmacht,  ist  nicht  nur  gerecht,
sondern  auch  ohne  Zweifel  für  die  Volkswirtschaft  und  die  Stabilität
der  Preisbildung  in  ihr  heilsam.  Das  hat  man  nicht  erkannt  und
144
        <pb n="143" />
        die  Kriegsgewinnsteuer  ist  deshalb  bei  uns  zu  spät  und  nicht  energisch
und  umfassend  genug  in  Anwendung  gebracht  worden.  England
ist  in  dieser  Linsicht  energischer  vorgegangen.  Es  ist  ja  gewiß
richtig,  daß  zu  Beginn  des  Krieges  die  Aussicht  auf  hohe  Gewinne
den  Anreiz  bieten  mußte,  die  Amgestaltung  der  Industrie  auf  den
Kriegsbedarf  vorzunehmen,  über  dessen  Amfang  die  leitenden
Persönlichkeiten  so  gar  keine  Vorstellung  gehabt  haben.  Latten
sie  diese  Bedürfnisse  nur  einigermaßen  vorausgesehen,  so  hätte
man  natürlich  schon  im  Frieden  in  viel  größerem  Amfange  Lieferungsverträge ­
  für  alle  möglichen  Gegenstände  abgeschlossen.  In
Zukunft  müßte  der  Gedanke  allgemein  verbreitet  werden,  daß  auch
die  Lieferung  von  Kriegsmaterial  zu  normalen  Preisen  „Lilfsdienst"
  ist,  d.  h.  es  müßte  eben  die  Dienstpflicht  so  allgemein  ausgedehnt ­
  werden,  daß  jeder  im  Falle  eines  Krieges  im  Rahmen
seiner  Berufs-  oder  Erwerbstätigkeit  zu  Leistungen  oder  Lieferungen ­
  von  Produkten  verpflichtet  ist  zu  normalen  Preisen,  die
vorher  festzusetzen  sind,  aber  natürlich  unter  Amständen  erhöht
werden  können.  Es  müßte  dann  eine  Selbstverständlichkeit  werden,
daß  keiner  im  Kriege  Anspruch  hat,  besonders  entlohnt  51t  werde»
und  höhere  Einkommen  als  bisher  zu  erzielen,  daß  vielmehr  alle
Einkommen-  oder  Vermögenssteigerungen  dem  Staate  gehören.
Nur  damit  würde  es  möglich  sein,  das  bisherige  Preis-  und  Einkommensystem ­
  auch  im  Kriegs  einigermaßen  aufrechtzuerhalten,
was,  wie  wir  gesehen  haben,  aus  wirtschaftlichen  und  sozialen
Gründen  von  der  allergrößten  Bedeutung  ist.
Da  es  aber  im  gegenwärtigen  Kriege  an  dieser  Erkenntnis
noch  fehlte,  so  war  es  klar,  daß  die  Regierung  in  Deutschland  unter
den  besonderen  Verhältnissen,  unter  denen  wir  in  diesem  Kriege
standen  und  die  niemand  vorausgesehen  batte,  zunächst  noch  hohe
Gewinne  bewilligen  mußte,  um  möglichst  schnell  in  den  Besitz  des
ungeheureir  erforderlichen  Kriegsmaterials  zu  gelangen.  Nachdem
aber  die  Kriegslieferungsindustrie  einigermaßen  organisiert  worden
war,  hätte  eine  hohe  Besteuerung  aller  im  Kriege  gesteigerten  Einkommen ­
  und  Vermögen  einsetzen  müssen  und  gleichzeitig  eine  hohe
indirekte  Besteuerung  allen  nicht  unbedingt  notwendigen  Konsums.
Gaß  die  Kriegsgewini'.besteuerung  längst  nicht  genügte,  zeigt  die
gewaltige  Ausdehnung  des  Luxuskonsums  und  die  starke  Entwicklung ­
  der  Spekulation.  Die  Einwände,  die  von  manchen,  so  von
Geheimrat  Strutz  u.  a.,  gegen  die  Kriegsgewinnbesteuerung  und
Mesmann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  10  145
        <pb n="144" />
        XL  ~&amp;gt; T

*41

■i

eine  Vermögensabgabe  nach  dem  Kriege  gemacht  wurden,  beruhen
darauf,  daß  die  bisherige  Wirtschaststheorie  und  erst  recht  natürlich
die  Finanzwissenschaft  noch  gar  kein  Verständnis  dafür  hatten,
wie  durch  starke  Einkommensteigerungen  und  --Verschiebungen  die
Preise  vieler  Güter  in  die  Löhe  getrieben  werden  und  wie  ungünstig
diese  Preissteigerungen  trotz  anscheinender  Zunahme  des  Reichtums ­
  auf  die  Volkswirtschaft,  besonders  auch  auf  den  Zahlungsverkehr ­
  dem  Auslande  gegenüber  einwirken.  Man  hat  jene  finanzielle ­
  Maßregel  mit  dein  höchst  oberflächlichen  Linweis  bekämpfen ­
  zu  können  geglaubt,  daß  nach  dem  Kriege  eine  verstärkte
Kapitalbildung  nötig  sei.  Man  hat  aber,  obgleich  ich  die  grundlegenden
  Gesichtspunkte  zur  Entscheidung  dieser  Frage  schon
1913  in  meinem  Aufsatz:  „Theorie  des  Sparens  und  der
Kapitalbildung"  in  Schmollers  Jahrbuch  niedergelegt  habe,
nicht  erkannt,  daß  Konsum  und  Kapitalbildung  in  einein  gewissen
Proporüonalverhältnis  zueinander  stehen  müssen,  in  dem  ich  dann
überhaupt  das  Wesen  aller  Wirtschaft  erkannt  habe  und  das  man
auch  auf  eine  ganze  „Volkswirtschaft"  anwenden  kann.  Man  hat
ferner  nicht  erkannt,  daß  es  nicht  gleichgültig  ist,  in  welcher  Weise
die  großen  Einkoniinen  erzielt  werden,  die  man  zur  Verstärkring
der  Kapitalbildung  als  erivünscht  ansieht.
Die  Kapitalbildung  nach  dem  Kriege  zu  fördern  ist  allerdings
eirre  sehr  wichtige  Allfgabe,  aber  sie  wird  nicht  in  der  Weise  erfüllt,
daß  Ulan  einzelne  Einkommen  übermäßig  steigen  läßt,  sondern
zweierlei  Gesichtspunkte  konmren  dabei  in  Betracht:  Einschränkung
gewisser  Arten  des  Konsums  lind  Sorge  für  eine  günstige  Einkommensverteilung. ­

1.  Betrachten  wir  zunächst  die  notwendige  Konsumeinschränkung ­
  näher.  Sie  ist  auch  nicht  unbedingt  wünschenswert,
wie  heute  von  manchen  behauptet  wird,  die  die  Konsumeinschränkung
nach  dem  Kriege  schlechthin  einpfehlen.  Sie  verkennen,  daß  es
ohne  Konsum  kein  Einkommen  und  damit  auch  keine  Vermehrung
der  Kapitalbildung  gibt  und  daß  es  daher  immer  Aufgabe  der
Wirtschaftspolitik  fein  muß,  möglichst  vielen  Erwerbstätigen  eine
Einkommenserzielung  zu  ermöglichen.  Sondern  die  Einschränkung
des  Koilsums  ist  für  die  Volkswirtschaft  in  diesem  Falle  nützlich  nur:
a)  bezüglich  des  Luxuskonsums,  wobei  über  die  Abgrenzung
dieses  Begriffs  natürlich  Meinungsverschiedenheiten  entstehen  können. ­
  Es  handelt  sich  vor  allem  darum,  daß  mindestens  alle  größeren
146
        <pb n="145" />
        Einkommen  höhere  Quoten  als  bisher  zur  Kapitalbildung  verwenden ­
  können.  Aber  es  ist  kein  Zweifel,  daß  auch  der  Luxus  der
großen  Massen  für  längere  Zeit  nach  dem  Kriege  eine  Einschränkung ­
  verdiente,  vor  allem  der  starke  Alkohol-  und  Tabakkonsum.
Daraus  ergeben  sich  sehr  wichtige  Aufgaben  für  die  Besteuerung,
die  bei  diesen  Genußmitteln  sehr  wohl  so  weit  gehen  könnte,  daß
sich  der  Konsum  vermindert.  Der  Einwand,  daß  auch  die  Luxusindustrien ­
  erhalten  und  nicht  zugrunde  gerichtet  werden  dürfen,  der
von  ihren  Vertretern  natürlich  erhoben  werden  wird,  kann  angesichts ­
  der  Wichtigkeit  der  Aufgabe,  zwecks  Kapitalbildung  den
Konsum  mancher  Güter  einzuschränken,  nicht  durchschlagend  fein.
Zum  Teil  wird  es  möglich  sein,  wie  jetzt  schon  im  Kriege,  diese
Industriezweige  anders  zu  beschäftigen,  zum  Teil  wird  man  suchen
müssen,  ihren  Export  zu  fördern  und  ihnen  dazu  eventuell  Unterstützungen ­
  zu  gewähren.
Die  Art  der  Besteuerung  des  eigentlichen  Luxüskonsums  soll
hier  nicht  näher  erörtert  werden.  Teils  käme  eine  allgemeine,  bis
etwa  20  o/o  gehende  Quittungssteuer  auf  alle  Gegenstände  entbehrlichen ­
  Bedarfs,  abgestuft  nach  der  Entbehrlichkeit,  in  Betracht,
wie  sie  anscheinend  von  der  Reichsregierung  beabsichtigt  wird,  teils
könnte  man  auch  daran  denken,  die  zahllosen  Vereinigungen  der
Gewerbetreibenden,  Fachvereine,  Kartelle  usw.  heranzuziehen  und
ihnen  die  Repartierung  der  auf  das  Gewerbe  nach  seinem  Amsah
aufgelegten  Summen  zu  überlassen,  wobei  die  Preisfestsetzungen
natürlich  überwacht  werden  müßten  (s.  darüber  unten).
b)  Einschränkung  des  Konsums  aller  Güter,  die  aus  eingeführten ­
  Rohstoffen  hergestellt  werden.  Dabei  muß
die  staatliche  Regelung  der  gesamten  Einfuhr  mitwirken,  über  die
wir  unten  noch  sprechen  werden  und  die  unter  allen  Amständen  fürlängere
  Zeit  nach  dem  Kriege  noch  notwendig  ist.  Auch  hier  ist  eine
Schädigung  der  betreffenden  Industrien  natürlich  iricht  ganz  zu
vermeiden.  Sie  muß  vermindert  werden  durch  staatliche  Zusammenlegung ­
  der  Betriebe,  welche  zugleich  möglichst  billige  Produktion
gewährleistet,  und  durch  Entschädigungen  an  die  stillgelegten  Anternehmungen,
  soweit  nicht  auch  hier  Ersatzproduktionen  Platz  greifen
können.  Alles  das  sind  schwierige,  aber  wichtige  Aufgaben,  zu  deren
Erfüllung  schon  jetzt  Vorbereitungen  getroffen  werden  müßten.
2.  Noch  schwieriger  ist  aber  die  zweite  Aufgabe,  die  Sorge
^ür  eine  zweckmäßige  Einkommensverteilung  im  Interesse
147
        <pb n="146" />
        möglichst  umfangreicher  Kapitalbildung.  Sie  ist  ja  keineswegs  nur
ein  Problem  der  Kriegs-  und  Übergangswirtschaft,  sondern  eines
der  wichtigsten  und  schwierigsten  Probleme  jeder  Finanz-  und
Wirtschaftspolitik  überhaupt.  Man  könnte  an  sich  der  Meinung
sein,  daß  die  Kapitalbildung  am  meisten  gefördert  werde,  wenn  die
großen  Massen  nur  den  notwendigen  Lebensunterhalt  verdienten
und  alles  übrige  einigen  wenigen  zuflösse,  die  den  weitaus  größten
Teil  davon  dann  zur  Kapitalbildung  verwendeten.  Aber  hier  zeigt
sich  wieder,  daß  Kapitalbildmrg  nur  für  die  Erhaltung  und  Ausdehnung ­
  des  Konsums  Zweck  hat.  Ziel  der  Wirtschaft  ist  eben,
die  Vedarfsbefriedigung  aller  möglichst  zu  vervollkommnen.  Das
ist  nur  mit  nicht  zu  geringen  und  im  wesentlichen  steigenden  Einkommen
  der  großen  Massen  möglich.  Konsum  und  Kapitalbildmrg
,missen  immer  einander  angepaßt  sein.  Aber  das  günstigste  Verhältnis ­
  beider,  über  das  die  Theorie  einige  allgemeine  Sätze  ausstellen ­
  kamr,  vergleiche  einstweilen,  solange  der  zweite  Band  meiner
„Grundsätze"  noch  nicht  erschienen  ist,  meine  beiden  Aussätze:
„Grundlagen  einer  ökonomischen  Produktivitätstheorie",  Jahrbücher ­
  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  1912,  und  „Theorie
des  Sparens  und  der  Kapitalbildung",  Schmollers  Jahrbuch,  191.3.
Durch  den  Krieg  sind  nun  die  Anforderungen  an  die  Kapitalbildung ­
  und  die  Voraussetzungen  für  ein  günstiges  Verhältnis  vor,
Kapitalbildung  und  Konsum  ganz  andere  geworden.  Der  Staat
ist  in  riesigem  Amfange  Konsument  geworden,  er  hat  sich  aber  die
Geldmittel  für  seinen  Konsum  zu  einem  großen  Teile  nicht  im
Wege  von  Steuern,  also  von  Zwangseinkommen,  die  aus  dem  der
Antertanen  stammen,  beschafft,  sondern  im  Wege  des  Kredits,
der  also  Konsurntivkredit  ist.  Diese  Summen  sind  bei  den  Gläubigern ­
  Kapitalforderungen,  aber  es  ist  klar,  daß  sie  nicht  die  Kapitalform ­
  sind,  die  die  Volkswirsschast  zur  regulären  Bedarfsbefriedigung
  gebraucht.  Vielmehr  ist,  wie  wir  schon  ausführten,  ein  großer
Teil  des  dafür  sonst  verwendeten  sog.  umlaufenden  Kapitals  dem
Staate  zur  Verfügung  gestellt  und  jetzt  in  Kriegsanleihen  verkörpert. ­
  Dieses  möglichst  bald  wieder  seiner  regulären  Verwendung
zuzuführen,  ist  also  eine  ungeheuer  wichtige  Aufgabe,  welche  mit
der  Sorge  für  die  Kapitalbildung  durch  Konsumeinschränkung
Land  in  Land  geht.
Diese  Aufgabe,  einen  möglichst  großen  Teil  des  jetzt  in  Anleihen ­
  festgelegten  Kapitals  wieder  den  Erwerbswirsschaften  zu-148
        <pb n="147" />
        zuführen,  ist  nur  lösbar  mit  einer  starken  einmaligen  Vermögensabgabe, ­
  die  in  Kriegsanleihen  bezahlt  werden  und  bei
den  größten  Vermögen  vielleicht  bis  auf  etwa  25  %  gehen  kann.
Sie  vermindert  natürlich  zunächst  die  Schulden  des  Reiches  und
danrit  die  Anforderungen  für  die  Verzinsung,  was  von  großer
Wichtigkeit  ist.  Aber  sie  wird  es  auch  der  Regierung  ermöglichen,
den  Erwerbswirtschaften  in  gewissem  Amfange  Kapital  zur  Fortführung ­
  ihrer  Betriebe  zur  Verfügung  zu  stellen.  Eine  Vermögenssteuer, ­
  die  mit  1  °/o  bei  5000  Mark  Vermögen  beginnt,  bei  100  000
Mark  Vermögen  7 1 /,  %,  bei  1  Million  Mark  15  %,  bei  10  Millionen ­
  Mark  20  %  beträgt  und  eventuell  noch  bis  30  %  weiter
steigt,  wird  25  bis  30  Milliarden  Mark  ergeben  und  um  so  viel  die
Kriegsschuld  vermindern.  Allerdings  wird  sie  auf  inanche  Betriebe,
z.  B.  in  der  Landwirtschaft,  als  Rente  mit  einer  Amortisationsquote ­
  auf  das  Gut  eingetragen  werden  müssen.  Es  wäre  auch
durchaus  möglich,  daß  große  Anternehmungen  sie  zum  Teil  in  natura,
bezahlen,  ein  großer  Rittergutsbesitzer  z.  B.  eines  von  mehreren
Gütern  an  den  Staat  abtritt.  Es  wird  sich  dann  für  ihn  schon  Gelegenheit ­
  geben,  diesen  Besitz  zu  Geld  zu  machen.  Außerdem  aber
müßten  alle  im  Kriege  gestiegenen  Einkommen  und  Vermögen,
auch  die  durch  Erbansall  (außer  an  Deszendenten  und  Ehegatten)
gestiegenen,  noch  einmal  besonders  getroffen  werden.
Eine  solche  Vermögensabgabe  ist  zugleich  das  einzige  Mittel,
ein  starkes  Sinken  der  Kriegsanleihen  zu  verhindern,  welches  sonst
infolge  des  Kapitalbedürfnisses  der  Erwerbswirtschaften  eintreten
würde.  Der  Staat  kann  die  Gelder,  die  er  so  erhält,  zum  mindesten
also  die  ersparten  Zinsen  sowie  sonstige  Einnahmen  aus  Steuererhöhungen ­
  u.  dgl.,  dann  dazu  verwenden,  den  Erwerbswirtschaften
Kapital  zur  Verfügung  zu  stellen.  And  zwar  wird  es  sich  vor  allem
um  eine  Anterstützung  der  Kleinbetriebe  handeln.  Das  Ganze
trägt  also  den  Charakter  der  Mittelstandspolitik.  Große  Anternehmungen, ­
  namentlich  Aktiengesellschaften,  können  und  konnten
sich  auch  in,  Kriege  leicht  neues  Kapital  beschaffen  unter  Ausnutzung ­
  ihres  Aktienagios.  Auch  ist  es  eine  alte  Erfahrung,  daß
sie  am  leichtesten  von  den  Banken  Kredit  erhalten.  Die  Klein-  und
Mittelbetriebe  waren  schon  vor  dem  Kriege  in  dieser  Äinsicht  in
viel  ungünstigerer  Lage.  Hier  wird  es  unter  Amständen  Aufgabe
des  Staates  sein,  unterstützend  einzugreifen.  Es  kann  das  in  sehrverschiedener
  Weise  geschehen,  z.  B.  durch  Berücksichtigung  bei  der
149
        <pb n="148" />
        Zuteilung  importierter  Rohstoffe  unter  Gewährung  günstiger  Zahlungsbedingungen, ­
  durch  Zuweisung  von  staatlichen  Aufträgen  u.  dgl.
Auch  könnte  man  daran  denken,  für  den  Kreditbedarf  von
Industrie,  .Handel  und  Landwirtschaft,  namentlich  der  Klein--  und
Mittelbetriebe,  die  Kriegsanleihen  verpfänden  wollen,  die  Banken
heranzuziehen,  die  sonst  sich  gerne  auf  Kreditgewährung  an  die
Großindustrie  beschränken  oder  gar  die  Spekulation  finanzieren.
Die  Banken  könnten  verpflichtet  werden,  insbesondere  kleineren
Kapitalbesitzern  gegenüber,  die  nachweisen,  daß  sie  Betriebskapital
gebrauchen,  bis  zu  einem  gewissen  Betrage  ihres  gesäurten  Depositen-- ­
  und  Eigenkapitals  Kriegsanleihen  solcher  Besitzer  in  Pfand
zu  nehmen.  Entweder  kömrte  das  in  der  Weise  geschehen,  daß  von
dem  Reichsamt,  das  solche  Kreditbewilligungen  oder  Kapitalanweisungerr
  erteilt,  der  einzelne  Gewerbetreibende  einer  bestimmten
Bank  bis  zur  Grenze  der  auf  sie  entfallenden,  ihrem  eigenen  und
fremden  Kapital  entsprechenden  .Höhe  zugewiesen  wird.  Oder
es  wäre  denkbar,  daß  die  Bankeir  rnit  dem  Staat  zusammen  eine
besondere  Reichsdarlehensbank  gründen,  der  jede  Bank  entsprechende ­
  Kapitalien  zur  Verfügung  zu  stellen  hat.
Alle  derartige  Maßregeln  sollen  aber  nicht  zur  weiteren
Ausdehnung  des  Kreditwesens  in  Deutschland  dienen,  sondern ­
  solle:,  nur  die  in  Kriegsanleihe  investierten  Kapitalien  in  irgendeiner ­
  Form  wieder  für  das  Erwerbsleben  frei  machen.  Daß  es
möglich  sei,  darüber  hinaus  der  Landwirtschaft,  der  Industrie  und
den,  Lande!  große  Kredite  zur  Verfügung  zu  stellen,  vor  dieser
Auffassung  ist  enffchieden  zu  warnen.  Wir  hatten  schon  vor  dem
Kriege  in  Deuffchland  den  Kredit  in  den  verschiedensten  Richtungen
inimer  zu  stark  angespannt  und  müssen  allmählich  auf  eine  Veränderung ­
  des  nicht  erwünschten  Zustandes  hinwirken,  daß  es  möglich
  war,  sozusagen  ganz  ohne  eigenes  Kapital  ein  Gut,  ein  Mietshaus, ­
  vor  allem  auch  einen  Handelsbetrieb  zu  kaufen.  Man  sollte
sich  darüber  klar  sein,  daß  kein  volkswirffchaftliches  Interesse  darin
besteht,  jede  derartige,  nur  auf  ein  zu  weit  getriebenes  Kreditsystem
aufgebaute  Existenz  zu  erhalten.  Insbesondere  gilt  das  für  den
Handel,  bei  dem  auf  dieser  Grundlage  in  vielen  Zweigen  eine  viel
zu  starke  Übersetzung  und  Äberfüllung  eingetreten  war.  Eine  Bermindennrg
  der  Zahl  der  im  Handel  und  in  den  meisten  Leistungs--gewerben
  Tätigen  zugunsten  der  Produktion  ist  im  Interesse  der
ganzen  deutschen  Bolkswirffchaft  dringend  erwünscht.
150
        <pb n="149" />
        Unter  keinen  Umständen  darf  das  KreditbedürfinS  und  der
Wunsch  der  Erwerbstätigen,  durch  Übernahme  oder  Verpfändung
der  von  ihnen  gezeichneten  Kriegsanleihen  wieder  zu  ihrem  Kapital
zu  kommen,  durch  Geldvermehrung  in  irgendeiner  Form  befriedigt ­
  werden.  Vor  der  Anwendung  derartiger,  ja  so  außerordentlich ­
  naheliegender  Hilfsmittel  kann  im  Interesse  der  künftigen
Preisbildung  nicht  dringend  genug  gewarnt  werden.  Denn  aus
Unkenntnis  über  deren  Folgen  und  die  wirtschaftlichen  Zusaminenhänge
  sind  solche  Pläne  sehr  beliebt  und  werden  offenbar  auch  von
den  maßgebenden  Personen  eingehend  erwogen  und  sogar  von
vielen  empfohlen.  Davon  darf  aber  unter  keinen  Umständen  die
Rede  sein.  Insbesondere  ist  auch  jede  weitere  Ausgabe  von
Darlehenskassenscheinen  zu  unterlassen.  Das  Bedenkliche ­
  dieser  Zahlungsmittel  liegt,  wie  sich  aus  nleiner  Geldtheorie
ergibt  und  wie  ich  in  „Geld  und  Gold"  ausführlich  dargelegt  habe,
nicht  sowohl  darin,  daß  diese  Darlehenskaffenscheine  bei  uns  auch
zur  Deckung  der  Banknoten  benützt  werden  und  daher  auf  solche
eventuell  das  Dreifache  an  Banknoten  ausgegeben  werden  darf—  das
ist  ein  übrigens  ganz  unnötiger  Schönheitsfehler  unserer  Deckungsvorschriften, ­
  der  unserem  Geldwesen  viel  Angriffe  eingetragen  hat;
aber  er  ist,  wie  das  ganze  Prinzip  der  Notendeckung,  von  untergeordneter ­
  Bedeutung.  —  Das  Bedenkliche  der  Ausgabe  von  Darlehenskaffenscheinen
  liegt  vielmehr  allein  darin,  daß  sie  nicht  mit
einer  Vermehrung  der  aus  Leistungen  im  Tauschverkehr  erzielten ­
  Erträge  in  Zusammenhang  stehen,  daß  sie  daher  eine  neue
künstliche  Kaufkraft  schaffen.  Der  Fehler  war  eben,  daß  man  auf  der
Grundlage  falscher  Geldtheorien  und  wegen  ungenügender  Einsicht
in  den  Mechanismus  des  Tauschverkehrs  glaubte,  einfach  auf  der
Grundlage  von  „Werten",  wie  die  Reichsbank  sagte,  Zahlungsmittel
ausgeben  zu  dürfen.
Diese  Darlehenskassenscheine  sollten  also  möglichst  bald  verschwinden, ­
  zmnal  sie  ja  prinzipiell  nur  auf  kurzfristige  Darlehen
ausgegeben  werden  sollten.  Daher  wäre  es  auch  ganz  verkehrt,
ja  geradezu  verhängnisvoll,  wenn  die  Mitwirkung  der  Darlehenskassen ­
  nach  Friedensschluß  zur  Kapitalbeschaffung  für  Industrie
und  Handel,  von  der  oft  die  Rede  gewesen  ist  (auch  in  einem  öffentlichen ­
  Vortrage  des  Reichsbankpräsidenten  im  September  1917
&amp;gt;n  Frankfurt  a.  M.),  zu  irgendeiner  Vermehrung  der  Darlehenskaffenscheine ­
  führen  würde.  Es  können  die  maßgebenden  Stellen
151
        <pb n="150" />
        nicht  eindringlich  genug  vor  solchem  fundamentalen  Fehler  gewarni
werden.  Bei  dem  Anverständnis,  das  infolge  des  traurigen  Zustandes
  der  Wirtschaftstheorie  über  alle  geldwirtschastlichen  Probleme ­
  herrscht,  ist  immer  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  daß  solche
Fehler  gemacht  werden.  Wenn  die  Erwerbswirtschaften  ihr  in
Kriegsanleihen  investiertes  Kapital  wieder  flüssig  machen  wollen,
darf  das  unter  keinen  Amständen  durch  Geldvermehrung  geschehen,
sondern  der  einzige  Weg  ist,  unter  Mitwirkung  des  Reiches  und  vor
allem  im  Interesse  kleinerer  und  weniger  kapitalkräftiger  Betriebe
die  regulären  Kapitalsammelstellen,  also  in  erster  Linie  die  Banken,
mit  ihren  großen  Kapitalien  für  diese  Zwecke  heranzuziehen.  Das
Zurverfügungstellen  von  Kapital  muß  für  einige  Zeit  nach  dem
Kriege  genau  so  rationiert  werden  wie  andere  Dinge,  und  es
ist  undenkbar,  daß  man  es  den  Banken  gestattet,  unabhängig  von
der  staatlichen  Aufsicht  über  die  Verteilung  von  Produktions-  und
Erwerbsmitteln  so  viel  Kapitalien  als  möglich  für  ihre  Erwerbszwecke ­
  heranzuziehen.  Mir  scheint,  daß  man  sich  auch  über  diese
Notwendigkeit  noch  nicht  im  geringsten  klar  geworden  ist,  einfach
deswegen,  weil  sie  eine  ganz  neue  Aufgabe  darstellt  ottf  einen:  Gebiete, ­
  auf  dem  man  früher  an  staatliches  Eingreifen  ebensowenig
gedacht  hat  wie  bei  der  Rationierung  der  Lebensmittel.  Wenn
jene  Aufgabe  sich  auch  nicht  so  leicht  erkennbar  als  notwendig  erweist, ­
  so  ist  sie  doch  nicht  minder  wichtig,  und  die  Vorbereitungen
zu  ihrer  Durchführung  sollten  ungeachtet  aller  Schwierigkeiten
schleunigst  in  Angriff  genommen  und  vor  allem  auch  die  Öffentlichkeit ­
  über  ihre  Notwendigkeit  aufgeklärt  werden.
Als  Ergänzung  dazu  ist  aber  eine  rasch  einsetzende,  allgemeine,
einmalige  starke  Vermögensabgabe  notwendig,  welche  alle  größeren
Vermögen  und  die  im  Kriege  gestiegenen  noch  besonders  trifft.
Wenn  diese  Vermögenssteuer,  die  in  Kriegsanleihe  bezahlt  werden
darf,  natürlich  auch  in  erster  Linie  zur  Lerabminderung  der  staatlichen ­
  Schulden  daraus  dient,  so  wird  sie  doch  den:  Staate  auch
große  Mittel  zuführen,  die  dann  den  Erwerbszweigen,  denen  die
Beschaffung  neuen  Kapitals  am  nötigsten  und  am  schwierigsten  ist,
zur  Verfügung  gestellt  werden  können.  Vermögens-  und  Einkommensteigerungen
  im  Kriege  wirken  stets  auf  die  Preisgestaltung  ungünstig
ein  und  sind  mit  allen  Mitteln  zu  verhindern.  Die  Kapitalbildung
aber  ist  zu  fördern  nicht  dadurch,  daß  man  solche  Kriegsgewinne
unbeschränkt  läßt,  sondern  durch  eine  Beschränkung  des  Konsums.
152
        <pb n="151" />
        Ein  weiteres  Mittel,  die  Kapitalbildung  zu  fördern,  das  noch
erörtert  werden  soll,  ist  die  Erhöhung  des  Bankdiskonts.  Es
ist  ein  Zeichen  ungünstiger  Einkomnrensverschiebungen,  unzweckmäßiger ­
  Art  der  Kapitalbildung  und  ungenügender  Erfassung  der
Kriegsgewinne,  wenn  im  Kriege  der  kurzfristige  Börsenleihzins,
wie  er  sich  im  Privatdiskont  ausspricht  und  wie  ihin  der  Bankdiskont ­
  im  wesentlichen  folgt,  nur  5  %  oder  weniger  beträgt,  wäbrend
  Anlagekapital,  langfristiger  Kredit  selbst  für  sicherste  Airlagen ­
  auch  zu  einenr  wesentlich  höheren  Zinssatz  überhaupt  kaum  zu
beschaffen  ist.  Bon  einem  niedrigen  Diskontsatz,  der  den:  tatsächlichen ­
  Kapitalvorrat  und  dem  Kapitalbedürfnis  in  der  Volkswirt
schast  nicht  entspricht,  profitieren  nur  beschränkte  Kreise,  vor  allem
die  Spekulation.  Der  langfristige  Kredit,  z.  B.  der  Äypothekenzinsfuß,
  wird  sich  einem  niedrigen  Diskont  doch  nicht  anpassen,
wie  wir  das  schon  seit  langem  beobachten  können.  Man  muß,
wie  schon  gesagt,  diese  flüssigen  Kapitalien  m  irgendeiner  Weise
vor  allem  dem  Kapitalbedürfnis  kleiner  Gewerbetreibenden,  die
Kriegsanleihe  realisieren  wollen,  zuführen,  außerdem  aber  durch
Erhöhung  des  Bankdiskonts  dafür  sorgen,  daß  mehr  Anlagekapital ­
  geschaffen  und  daß  vor  allem  der  Spekulation  der  Kredit
verteuert  wird.
Allerdings  wirkt  ein  niederer  Zinsfuß  inr  allgemeinen  preisvermindernd. ­
  Aber  gegenwärtig  entspricht  ein  solcher  imn  einmal  nicht
den  tatsächlichen  Kapitalverhältnissen  in  der  Volkswirtschaft,  und
es  ist  wichtig,  auch  durch  dieses  Mittel  die  Einschränkung  des
Konsums  und  die  Kapitalbildung  anzuregen.  Äier,  in  der  Diskontpolitik, ­
  liegt  die  wichtigste  wirtschaftspolitische  Aufgabe  einer  Notenbank, ­
  der  man  aber  nicht  gerecht  wird,  wenn  sie  im  Interesse  ihres
"Status"  nur  die  Erhaltung  eines  möglichst  großen  Goldschatzes
Auge  hat.  Die  Heranziehung  des  Goldes  zur  Reichsbank  zu
Ordern,  war  früher  einmal  sehr  schön  und  verdienstlich.  Jetzt  aber
und  auch  nach  dem  Kriege  hat  sie  andere  Aufgaben,  als  nach  der
^eckungsquote  ihrer  Noten  zu  sehen.  Eine  eingehende  Überwachung
der  Kapitalbildung  und  Regelung  der  Kreditgewährung  ist  nötig,
^nfür  aber  genügt  die  Reichsbank  allein  nicht,  denn  sie  ist  kein
wirkliches  Staatsamt,  keine  Behörde;  die  Sorge  für  Kapital-  und
Kreditgewährung  aber  muß  dem  Staate  als  solchem  obliegen,  und
uher  müssen  alle  seine  wirtschaftlichen  Behörden,  das  Reichswwtichastsamt
  mit  dem  Reichsamt  für  Übergangswirtschaft,  das
153
        <pb n="152" />
        Reichsamt  des  Innern  und  das  Reichsschatzamt,  am  besten  auch
ein  neu  zu  errichtendes  Reichswährungsamt,  zusammenwirken.
Die  ganze  Sorge  fiir  die  Kapitalbildung  nach  dem  Kriege,
um  das  Wirtschaftsleben  wieder  in  Gang  zu  bringen,  ist  aber  nur
ein  Teil  der  größeren  Aufgabe,  der  Hauptaufgabe  der  Übergangswirtschaft, ­
  wieder  zu  niedrigeren  Preisen  zu  gelangen. ­
  Die  übermäßig  hohen  Preise  der  meisten  Güter,  wie  sie
durch  die  Absperrung  vom  Weltmärkte,  den  Rohstoff-  und  Arbeitermangel ­
  und  dann  durch  die  Geldvermehrung  bzw.  durch  die  Einkommensteigerungen ­
  herbeigeführt  worden  sind,  müssen  möglichst
bald  wieder  herabgehen.  Das  kann  natürlich  nur  langsam  geschehen, ­
  und  zu  den  früheren  Preisen  werden  wir  wohl  in  absehbarer ­
  Zeit  nicht  wieder,  wegen  der  allgemeinen,  auf  Preiserhöhungen
hinzielenden  Tendenzen  vielleicht  nie  wieder  gelangen.  Aber  es
muß  alles  getan  werden,  um  ein  Aufrechterhalten  der
gegenwärtigen  hohen  Preise  zu  verhindern  und  ein
Sinken  herbeizuführen.  —
Dabei  spielt  die  Verminderung  der  umlaufenden
Zahlungsmittel  nur  eine  ganz  bescheidene  Rolle.  Wir  wissen
jetzt,  daß  es  eine  äußerst  wichtige  Aufgabe  ist,  im  Kriege  das  bis-.
herige  Preis-  und  Einkommensystem  nröglich  aufrechtzuerhalten,  das
nicht  nur  durch  Geldvermehrung,  sondern  auch  durch  starke  Einkommens-
  und  Verinögensverschiebungen  erschüttert  werden  kann.
Aber  wenn  eine  solche  Preissteigerung  eingetreten  ist,  so  wird  sie
durch  eine  Verminderung  des  Amlaufs  an  Zahlungsmitteln  noch
nicht  aus  der  Welt  geschafft,  ebensowenig  wie  sie  allein  durch  ihre
Vermehrung  entstanden  ist.  Mit  der  Verminderung  der  Zahlungsmittel ­
  wäre  vielmehr  nur  dann  etwas  gewonnen,  wenn  dadurch  die
künstlich  geschaffenen  Einkommen  wieder  beseitigt  würden,  was
natürlich  nicht  ohne  weiteres  anzunehmen  ist.  Die  Geldvermehrung
bzw.  Verschlechterung  hat  ihre  unheilvollen  Wirkungen  ausgeübt,
und  diese  verschwinden  nicht  ohne  weiteres,  wenn  die  Zahlungsmittel
  zu  den  Banken  zurückströmen.  Diese  Roten  bleiben  eine
Schuld  der  Bank  und  können  nur  durch  der  Bank  übertragene
sonstige  Kaufkraft,  also  durch  im  Tauschverkehr  erzielte  Erträge
und  Einkommen,  die  ihr  zur  Verfügung  gestellt  werden,  aus  der
Welt  geschafft  werden.  Insofern  das  geschieht,  wird  eine  Verminderung ­
  des  Notenumlaufs  in  der  Tat  preismindernd  wirken.
Es  ist  das  aber  natürlich  nur  mittels  Steuern  und  Airleihen  nröglich,
154
        <pb n="153" />
        die  für  diese  Zwecke  verwandt  werden.  Ob  es  nach  dem  Frieden
möglich  und  nötig  ist,  sich  dafür  Gelder  zu  beschaffen,  kann  heute
noch  nicht  mit  Sicherheit  gesagt  werden.  Daß  jedenfalls  eine  starke
Besteuerung  aller  Einkommensteigerungen  und  eine  starke  einmalige
Vermögensabgabe  mit  besonderer  Belastung  aller  gestiegenen
Vermögen  auch  in  dieser  Linsicht  nötig  ist,  haben  wir  schon  betont.
Wenn  auf  diese  Weise  Zahlungsmittel  zu  den  Banken,  den
Darlehenskassen  und  an  das  Reich  zurückströmen,  können  sie  eventuell
zur  Kreditgewährung  unter  den  oben  bezeichneten  Voraussetzungen
verwendet  werden.  Ob  eine  besondere  Aktion  nötig  sein  wird,  um
eine  Überschwemmung  der  Banken  mit  Zahlungsmitteln  aufzunehmen, ­
  bin  ich  außerstande  vorauszusagen.  Es  wird  das  wesentlich ­
  von  der  Art  der  Räumung  der  von  uns  besetzten  Gebiete,  von
der  Schnelligkeit  der  Rückkehr  unserer  Truppen  u.  dgl.  abhängen.
Irgendwelche  rigorose  Maßregeln  zur  Einschränkung  des  Amlaufs
von  Zahlungsmitteln,  etwa  im  Sinne  der  noch  herrschenden,  ganz
materialistisch  aufgefaßten  Quantitätstheorie,  sind  verkehrt.  Aber
natürlich  sind  sie  unter  keinen  Amständen  weiter  zu  vermehren.
Die  Darlehenskassenscheine,  eine  unter  allen  Amständen  falsche
Geldschöpfung,  weil  man  nicht  einfach  aus  beliebige  Werte  Zahlungsmittel ­
  ausgeben  darf,  sollten  aber  allmählich  verschwinden.
Sie  und  die  frühere  Goldzirkulativn  wären  zu  ersetzen  durch  ei»
Staatspapiergeld  in  festem  umlaufendem  Betrage,  während  die
Banknoten  das  bewegliche  Element  in  der  Währung  darzustellen
hätten.  Davon  soll  im  letzten  Kapitel  noch  die  Rede  sein.
Von  ungeheurer  Wichtigkeit  und  vielleicht  die
Hauptaufgabe  der  Abergangswirtschaft  ist  aber,  daß
der  Staat  Versuchen,  die  bisherigen  hohen  Preise
aufrechtzuerhalten,  mit  aller  Energie  entgegentritt.
Gerade  nach  solchen  Zeiten  der  Preisumwälzungen,  wie  wir  sie
jetzt  erlebt  haben,  ist  das  Bestreben  der  verschiedenen  Erwerbszweige,
durch  Monopolbildungen  die  ihnen  günstigen  hohen  Preise  beizubehalten, ­
  groß,  die  freie  Konkurrenz  als  Regulationsprinzip  der
Preise  also  ganz  besonders  unentbehrlich.  Der  Staat  kann  hier
viel  tun,  weil  er  ja  schon  lange  irr  die  Preisbildung  eingreifen,
Höchstpreise  festsetzen  mußte  und  weil  er  ja  noch  für  längere  Zeit  durch
Rohstoffverteilung,  Einfuhrerlaubnis,  Kapitalgewährung  u.  dgl.
die  meisten  Industrien  in  der  Land  hat.  Diese  Sorge  für  Preisherabsetzungen ­
  muß  sich  aber  vor  allem  auch  auf  die  landwirt-155
        <pb n="154" />
        schaftlichen  Produkte  erstrecken.  Eine  Überwachung  der  gesamten ­
  Preisbildung  ist  daher  die  wichtigste  Aufgabe  der
Behörden,  denen  die  Übergangswirtschaft  übertragen  ist.  Ich  sehe
aber  noch  nicht,  daß  man  sich  dieser  Aufgabe  überhaupt  bewußt
geworden  ist.  Irr  einer  Denkschrift  des  österreichischen  Kommissars
für  die  Übergangswirtschaft,  die  in  der  Zeitschrift  „Mitteleuropa"
abgedruckt  wurde,  war  von  diesen  Aufgaben  nicht  die  Rede,  und
auch  in  Deutschland  ist  dieser  Frage  bisher  viel  zu  wenig  Beachtung
geschenkt  und  ihre  Entscheidung  vorbereitet  worden.  Es  ist  aber
klar,  daß  das  Aufgaben  sind,  die  von  langer  Land  vorbereitet
werden  müssen,  da  sie  nur  in  engster  Fühlung  mit  den  betreffenden ­
  Erwerbszweigen  selbst  zu  lösen  sind.  Das  Rcichsaint  für  Übergangswirtschaft ­
  hat  bisher,  soviel  man  hört,  sehr  wenig  geleistet,  in
erster  Linie  deshalb,  weil  es  an  den  erforderlichen  Gesichtspunkten,
an  der  klaren  Einsicht  in  die  wirtschaftlichen  Bediirfnisse  fehlt.  Man
sorge  beizeiten  dafür,  daß  die  wirtschaftliche  Friedensvorbereitung
nicht  noch  schlechter  werde,  als  die  für  den  Krieg  es  war.
Bei  der  Aufgabe  des  Staates,  im  Inlande  wieder  auf  möglichste ­
  Herabsetzung  der  Preise  hinzuwirken,  ist  die  Herabsetzung
der  Arbeitslöhne  das  schwierigste  und  auch  in  sozialer  Einsicht
bedenklichste  Problem.  Vielleicht  wird  aber  gerade  hier  ein  Eingreifen ­
  des  Staates  am  wenigsten  nötig  sein,  weil  sie  sich  durch  die
Konkurrenz,  zunächst  bei  bett  ungelernten  Arbeitern,  von  selbst  vollziehen ­
  wird.  Bei  den  festgeschlossenen  Gewerkvereinen  der  gelernten ­
  Arbeiter,  wenn  sie  einen  mitneras  clausus  zur  Durchführung
bringen  und  an  den  heutigen,  für  manche  Berufe  exorbitant  hohen
Löhnen  festhalten  wollten,  wird  man  aber  eventuell  vor  staatlichen
Eingriffen  ebensowenig  zurückschrecken  dürfen  wie  bei  den  Kartellen ­
  der  Unternehmer.  Auch  hier  hat  der  Staat  die  wichtige
und  schwierige  Aufgabe,  daß  nicht  im  privaten  Gewinninteressc
die  Preise  in  einzelnen  Erwerbszweigen  übermäßig  hoch  gehalten
werden.  Man  nmß  dabei  berticksichtigen,  wovon  die  bisherige
Wissenschaft  mit  ihrer  sog.  Preistheorie  und  daher  auch  natürlich
die  Praxis  gar  keine  Vorstellung  hatte,  daß  alle  Preise  aller
Güter  in  Zusammenhang  stehen.  *)  Daher  muß  man  überall

l )  Die  bisherige  Wirtschaftstheorie  kannte,  wie  die  neuesten  Lehrbücher
noch  beweisen,  entsprechend  ihrem  materialistischen  Charakter  nur  den  Zusammenhang ­
  der  Preise  zwischen  „produktionsverwandten",  d.  h.  aus  denselben ­
  Rohstoffen  hergestellten  Gütern!
156
        <pb n="155" />
        übermäßig  Hobe  Preise  verhindern,  d.  h.  man  muß  verhindern,
daß  in  einem  ganzen  Gewerbe  überdurchschnittliche  Einkommen  erzielt ­
  werden  oder,  in  unserer  Terminologie  schärfer  formuliert,  daß
in  einem  Gewerbe  der  Preis  anders  als  durch  den  tauschwirtschaftlichen ­
  Grenzertrag  der  teuersten  Produzenten  bestimmt  wird.
'  Den  Pandel  sollte  man  in  seiner  preisausgleichenden  Tätigkeit
  im  inländischen  Verkehr  möglichst  wenig  einschränken,  wohl
aber  auch  auf  diesenr  Gebiete  Monopoltendenzen  entgegentreten
und  ebenso  der  schon  vor  dem  Kriege  vorhandenen,  jetzt  aber  volkswirtschaftlich ­
  so  viel  nachteiligeren  Übersetzung  dieses  Erwerbszweiges, ­
  welche  der  Pauptgrund  für  seine  ungünstige  Lage  und  eine
Verschwendung  an  Arbeitskräften  in  der  Volkswirtschaft  ist.  Für
manche  Detailhandelszweige,  vor  allem  Zigarrenhandlungen,  die,
aber  ohne  weitere  Vermehrung,  Kriegsbeschädigten  vorzubehalten
wären,  Wirtschaften  und  zahlreiche  Lebensmittelhandlungen  wäre
ein  Konzessionszwang  einzuführen  oder  schärfer  als  bisher  zu
handhaben.
Auch  der  Zugang  zu  den  liberalen  Berufen,  zu  akademischen
und  künstlerischen  Studien,  in  denen  wir  vor  dem  Kriege  meist  eine
Überfüllung  hatten,  wäre  einzuschränken  und  überall  dafür  zu
wrgen,  daß  möglichst  viele  Kräfte  zunächst  der  Produktion  zugeführt ­
  werden.  —
3m  übrigen  kann  der  Staat  zur  direkten  Ermäßigung  der
Preise  nach  dem  Kriege  nicht  sehr  viel  tun.  Seine  wichtigste  Aufgabe ­
  ist,  Monopolbildungen,  die  die  hohen  Kriegsssreise  stabilisieren ­
  möchten,  zu  verhindern.  Eine  scharfe  Überwachung  der
Kartelle  ist  nach  dieser  Richtung  hin  notwendig,  und  der  Staat
darf  dabei  auch  vor  den  Industriezweigen  nicht  haltmachen,  irr  denen
cv  selbst  wegen  eigener  Werke  an  hohen  Preisen  interessiert  ist.
vielmehr  gilt  gerade  für  den  Kohlen-  und  Kalibergbau  jene  Forderung ­
  ganz  besonders,  aber  auch  für  das  Spiritussyndikat,  die
Eisenkartelle  und  die  anderen  wichtigen  Monopolbildungen  in  der
deutschen  Volkswirtschaft,  einschließlich  der  trustartigen,  wie  in
der  elektrischen  und  der  chemischen  Industrie.  Die  Regelung  des
Kartellwesens,  nicht  dadurch,  daß  man  sie  in  irgendwelche  juristische
Formen  preßt,  sondern  die  wirtschaftliche  Überwachung  ihrer  Preisfestsetzungen, ­
  gewinnt  daher  nach  dem  Kriege  eine  Bedeutung,
don  der  man  auch  bisher  leider  noch  keine  klare  Vorstellung  gehabt
SU  haben  scheint.  Sonst  hätte  man  auch  auf  diesem  Gebiete  die
157
        <pb n="156" />
        Vorarbeiterl  für  ein  unumgänglich  notwendiges  staatliches  Eingreifen ­
  schon  längst  in  die  Land  genommen.  Es  gehört  zu  den  '
wichtigsten  Aufgaben  der  Äbergangswirtschaft.  *)  Maßgebend
muß  immer  sein,  die  starken  Einkommensteigerungen,  die
sich  im  Kriege  gebildet  haben  und  die  das  ganze  bisherige  Preisund
  Einkon'.mensystenr  ins  Wanken  gebracht  haben,  wieder  zurückzuschrauben ­
  und  das  künstliche  Aufrechterhalten  der  Hoheit  Preise
durch  die  Monopolbildungen  zu  hindern.
Aus  dem  angeführten  Grunde  ist  auch,  von  Ausnahmen  abgesehen, ­
  die  Schaffung  neuer  staatlicher  Monopole  zunächst
nicht  zweckinäßig,  wie  sie  die  sonst  sehr  vernünftigen  ffirairziellen
Forderungen  der  Sozialdemokratie  auf  ihrem  Würzburger  Parteitag ­
  arrs  einem  nuir  einmal  luwermeidlichenl  Doktrinismus  Heralls
empfehlen.  Erstens  bringt  die  Einführullg  neuer  staatlicher  Monopole
durch  hohe  Abfindllngerl  nur  neue  Vermögens-  und  Einkommensverschiebungen ­
  hervor,  die  preissteigernd  wirken.  Zweitens  aber
sind  auch  die  hohen  Preise,  die  der  Staat  dann  als  Monopolinhaber
  zu  finanziellen  Zwecken  festsetzen  muß,  volkswirtschaftlich  nachteilig.
  Nicht  durch  hohe  Preise,  sondern  durch  Verminderung ­
  imKriege  gestiegener  Einkommen  und  Vermöge»
muß  sich  der  Staat  die  Gelder  verschaffen,  die  er  zur
Erfüllung  seiner  Aufgaben  nach  dem  Kriege  gebraucht.
Das  ist  auch  ein  Gesichtspunkt,  der  in  der  bisherigen  großen  Literatur
über  diese  Frage  noch  nie  zuin  Ausdruck  gekommen  ist,  weil  man
eben  nur  mit  wiffeiffchaftlicher  wirtschaftstheoreüscher  Vertiefung
zu  ihni  gelangt,  und  ich  halte  diesen  Satz  für  eines  der  praktisch
wichtigsten  Ergebnisse  meiller  Wirtschaftstheorie.  Es  leuchtet  ein,
daß  es,  wenn  es  des  internationalen  Verkehrs  ivegen  nötig  ist,
daß  wir  ini  Inlands  möglichst  bald  wieder  zu  niedrigeren  Preisen
kommen,  nicht  angeht,  wichtige  staatliche  Monopole  ileu  einzuführen.
Der  Staat  kann  sich  lvahrscheinlich  auch  mit  zwecknläßig  ausgewählten ­
  Verbrauchssteuern  dieselbe  Einnahnle  verschaffeil,  muß
aber  dabei  private  Monopolbildungen  scharf  überwachen.
Vor  allem  aber  muß  er  alle  Einkommens-  und  Vermögens ­
  steigerungeil,  die  sich  während  des  Krieges  und  bald
nachher  vollzogen  haben,  energisch  heranziehen.  Da  ich  die
x )  Vgl.  dazu  die  in  Vorbereitung  befindliche  III.  Auflage  meines  Buches:
„Kartelle  und  Trusts  und  die  Weiterbildung  der  volkswirtschafrlichen
Organisation",  Stuttgart  1918.
158
        <pb n="157" />
        regulären  direkten  Steuern  im  allgemeinen  den  Einzelstaaten  erhalten ­
  wissen  möchte,  welche  doch  nach  wie  vor  die  wichtigsten
kulturellen  Aufgaben  zu  erfüllen  haben,  so  kommen  nur  einmalige
oder  einigemal  wiederholte  Cinkommenszuwachs-  und  Vermögenssteuern ­
  in  Betracht  und  außerdem  die  allgenreine  Erbschaftssteuer,
welche  ja  auch  auf  das  einzelire  Vermögen  eine  eirrmalige  Steuer
ist.  Bei  diesen  „Kriegsgewinnsteuern"  inr  weitesten  Sinrre  uird  Vermögensabgaben ­
  hätte  aber  eure  viel  schärfere  Kontrolle  der  tatsächlichen ­
  Verhältnisse  einzusetzen,  als  wir  sie  bisher  bei  den  direkten
Steuern  in  der  Regel  gehabt  haben,  um  arrch  alle  die  Gewinne,
die  sich  inr  Erwerb  von  Luxusgütern  u.  dgl.  versteckt  haben,  noch
energisch  heranzuziehen.  Auch  weiterhin  rvird  wahrscheirrlich  für
die  direkte  Besteuerung  eine  schärfere  Feststellung  vor  allem  des
Cffektenvermögens,  das  sich  so  leicht  verheimlichen  läßt,  rricht  zu
umgehen  sein.  Aber  arrch  das  gewerbliche  und  landwirtschaftliche
Vermögen  ist  nrit  seinen  wirklichen  Erträgen  viel  schärfer  als  bis  herzu ­
  erfassen.
Immer  nruß  man  sich  vergegenwärtigen,  daß  wir  in  der  gesamten ­
  Wirtschaftspolitik  nach  derrr  Kriege  vor  ganz  neue  Aufgaben ­
  gestellt  sind,  die  über  die  früheren  unendlich  hinausgehen,
und  daß  man  nrit  den  bisherigen  Gesichtspunkten  und  Grundsätzen
  für  sie  nicht  auskommt.  Der  Staat  wird  die  ungeheuren
Kosten,  die  der  Krieg  inr  Gefolge  hatte  und  noch  haben  wird,  anr
leichtesten  tragen  können  und  die  Schäden  des  Krieges  am  ersten
überwinden,  der  am  klarsten  erkennt,  daß  die  wirtschaftlichen  Aufgaben ­
  nach  dem  Kriege  ganz  andere  geworden  sind,  die  mit  den
früheren  kaunr  mehr  zu  vergleichen  sind,  und  der  am  besten  und
lchnelisten  sich  diesen  neuen  Aufgaben  anpassen  wird.  Das  ist
nur  unter  Mitwirkung  der  Wissenschaft  möglich,  die  am
ersten  imstande  sein  wird,  neue  Gesichtspunkte  dafür  anzugeben,
und  die  nach  allen  Richtungen  zu  fördern  daher  von  der  höchsten
^Dichtigkeit  ist. x )
l )  Dazu  ist  gar  keine  Errichtung  kostspieliger  „Institute"  nötig,  die
einsprechend  der  noch  herrschenden  historischen  Schule  ein  großes  Tatsachenmaterial ­
  aufhäufen,  weil  die  große  Zahl  der  wissenschaftlich  Arbeitenden
*öen  nur  zu  solchen  deskriptiven  Leistungen,  nicht  aber  zur  Lervorbringung
neuer  Gesichtspunkte  und  Gedanken  fähig  ist.  Nicht  Sorge  für  die  Qua».
s"ät  der  Wissenschaft,  sondern  für  die  Qualität,  nicht  für  den  Stoff,
sondern  für  den  Geist  ist  auch  hier  unsere  Aufgabe.  Wir  brauchen  Männer
mit  neuen  Ideen,  nicht  aber  eine  Vermehrung  der  Doktoren  und  Doktorurbeilen.


159
        <pb n="158" />
        160

Dies  mag  zur  Erörterung  der  wirrschaftspolitischen  Probleme,
die  sich  aus  der  Geldvermehrung  und  ihren  Wirkungen  für  die  inländische ­
  Volkswirtschaft  ergeben,  genügen.  Von  den  Aufgaben,
die  wir  in  unserer  äußeren  Wirtschaftspolitik,  bei  unseren  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen  zu  anderen  Staaten  zu  lösen  haben,  soll  in  den
beiden  folgenden  Kapiteln  noch  die  Rede  sein.

L.
        <pb n="159" />
        Neuntes  Kapitel
Die  Geldprobleme  in  der  äußeren  Wirtschaftspolitik ­
  nach  dem  Kriege
haben  schon  betont,  daß  es  nicht  nur  fiir  die  wirtschaftlichen
Verhältnisse  im  Jnlande,  für  eine  günstige  Einkommensverteilung, ­
  von  höchster  Wichtigkeit  ist,  möglichst  bald  wieder  aus
den  zunr  Teil  übermäßigen  und  ganz  ungleichmäßigen  Preissteigerungen ­
  herauszukommen  und  zu  niedrigeren  Preisen  zu  gelangen, ­
  sondern  daß  das  auch  die  Voraussetzung  ist  für  die
Wiederanknüpfung  gedeihlicher  Wirtschaftsbeziehungen
zum  Auslande.  Ohne  Preisrückgänge  ist  eine  Lebung  unserer
Valuta  auf  den  früheren  Stand  unmöglich.  Es  ist  daher  eine  der
wichtigsten  Aufgaben  unserer  Wirtschaftspolitik  nach  dem  Kriegs,
dafür  zu  sorgen,  daß  die  starke  Steigerung  fast  aller  Preise  möglichst ­
  bald  und  allgemein  wieder  zurückgeht.  Zwar  würde  sich  die
Valuta  von  selbst  wieder  allmählich  heben,  wenn  das  Ausland,
von  den  hohen  Inlandspreisen  profitierend,  beliebig  nach  Deutschland ­
  exportieren  könnte.  Die  dadurch  gesteigerte  inländische  Konkurrenz ­
  würde  schließlich  zu  Preisherabsetzungen  im  Jnlande  und
zu  einer  Preisausgleichung  dem  Auslande  gegenüber  führen.  Aber
Erstens  müßten  wir  den  Import,  solange  die  Mark  im  Auslande
so  wenig  gilt,  außerordentlich  teuer  bezahlen,  d.  h.  wir
wüßten  sehr  viel  Produkte  unserer  Arbeit  dafür  geben,
sehr  viel  exportieren,  oder  das  Ausland  müßte  in  großem  Amfange
fiir  Warenlieferungen  unsere  Kriegsanleihen  oder  sonstige  Essekten
annehmen,  wobei  ihm  der  niedrige  Kurs  unserer  Valuta  zustatteir
käme.  Das  aber  würde  zu  einer  starken  Verschuldung  an  das  Ausland ­
  führen,  die  unerwünscht  ist,  wenn  auch  finanzielle  Interessen
fremder  Völker  in  Deutschland  eine  gewisse  Gewähr  für  ihr  friedliches ­
  Verhalten  darstellen  könnten.
Lief  mann,  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  11

161
        <pb n="160" />
        Zweitens  ist  anzunehmen,  daß  noch  auf  längere  Zeit  eine  solche
Knappheit  an  den  wichtigsten  Rohstoffen  in  der  ganzen  Welt  vorhanden ­
  sein  wird,  daß  jener  starke  Warenirnport  einstweilen  unwahrscheinlich ­
  ist.  Schon  aus  diesem  Grunde  wäre  es  unrichtig,
die  notwendige  inländische  Preissenkung  nur  von  dem  freien  Verkehr
zu  erwarten,  zumal  dieser  heute  im  Zeitalter  der  Kartelle  und  Trusts
leicht  in  seiner  Wirksamkeit  gehemmt  werden  kann.  Dazu  kommt
aber  drittens,  daß  auch  aus  anderen  Griinden  eine  unbeschränkte
freie  Einfuhr  für  einige  Zeit  nach  dem  Kriege  unmöglich  sein  wird.
Der  Staat  wird  je  nach  der  Dringlichkeit  und  Notwendigkeit  des  inländischen ­
  Bedarfs  die  Einfuhr  wichtiger  Rohstoffe  einheitlich  zu
organisieren  und  eine  gleichmäßige  und  gerechte  Verteilung  vorzunehmen, ­
  die  Einfuhr  entbehrlicher  Güter  aber  zu  beschränken
haben.  Aus  diesem  Gebiete  erwachsen  der  Regierung  die  allerschwierigsten ­
  Aufgaben,  da  die  Interessen  der  verschiedenen,  auf
Rohstoffimport  angewiesenen  Industrien  sich  im  Wege  stehen  und
es  gilt,  die  Dringlichkeit  der  Bedürfnisse  bei  den  verschiedenen
Produkten,  den  Nutzen  des  betreffenden  Gewerbes  für  die  Volkswirtschaft ­
  und  das  Maß  der  zu  ermöglichenden  Einfuhr  gegeneinander ­
  abzuwägen.  Dabei  wird  es  ohne  Kämpfe  zwischen  den  Beteiligten ­
  nicht  abgehen.  Sehr  erwünscht  wäre  es,  wenn  schon  in  den
Friedensverträgen  Abmachungen  über  die  Lieferung  wichtiger
Rohstoffe  an  uns  auf  Jahre  hinaus  erfolgen  könnten.  Dabei  sollte
man  eventuell  auch  Bezahlung  in  Gold  versprechen,  was  uns  nützlicher ­
  ist,  als  gar  zu  viel  Produkte  unserer  Arbeit  hingeben  zu
müssen.  Auch  etwaige  Kriegsentschädigungen  würden  am  besten
in  wichtigen  Rohstoffen  bezahlt.
Wenn  wir  also  zunächst  die  freie  ausländische  Einstlhr  beschränken ­
  und  die  Nützlichkeit  der  eingeführten  Waren  für  unsere
Volkswirtschaft  dabei  scharf  im  Auge  haben  müssen,  so  wäre  es
doch  verkehrt,  dieses  Ziel  durch  hohe  Schutzzölle  erreichen  zu
wollen.  Damit  halten  wir  nur  das  hohe  inländische  Preisniveau
ausrecht,  auf  dessen  Grundlage  wir  nie  zu  einer  Wiederherstellung
unserer  Valuta  gelangen.  Sondern  nur  die  Verstaatlichung
der  Einfuhr,  nicht  aber  Schutzzölle  können  da  helfen.  Der  Staat
muß,  natürlich  im  engsten  Zusammenwirken  mit  den  Vertretern
der  verschiedenen  Erwerbszweige,  von  sich  aus  die  notwendige  Einfuhr ­
  vornehmen  und  zugleich  bestrebt  sein,  daß  er  für  ausgeführte
Waren  möglichst  viel  vom  Auslande  erhält.  Daher  sind  solche
162
        <pb n="161" />
        163

Verbrauchssteuern,  welche  wichtige,  allgemein  gebrauchte  Rohstoffe ­
  belasten,  wie  auf  Kohle  und  Kali,  unzweckmäßig.  Der  Staat
muß  vielmehr  im  Jnlande  für  möglichst  niedrige  Kohlen-  und  Kalipreise
  sorgen,  auch  wenn  er  selbst  durch  seine  Bergwerke  an  hohen
Preisen  dafür  interessiert  ist.  Alle  nicht  direkt  unentbehrlichen
Güter,  vor  allem  die  alkoholischen  Getränke  und  der  Tabak,  können
dagegen  noch  viel  höher  besteuert  werden  und  müßten  mindestens
so  hoch  besteuert  werden,  daß  der  Konsum  nicht  weiter  wächst.
Bei  dieser  Beschränkung  unserer  Einfuhr  ist  aber  immer  zu
berücksichtigen,  daß  man  überhaupt  nicht  auf  die  Dauer  ausführen
kann,  ohne  einzuführen.  Der  ganze  internationale  Verkehr  ist  ja
nur  ein  Tauschhandel  von  Ware  gegen  Ware  (Effekten  und  Leistungen ­
  eingeschlossen),  die  in  der  allgemeinen  Rechnungseinheit
eines  jeden  Landes  und  im  Rahmen  seiner  gesamten  Preis-  und
Einkommensverhältnisse  kalkuliert  werden.  Auch  das  Gold,  das
wir  vor  dem  Kriege  im  Betrage  von  durchschnittlich  100  Millionen
Mark  jährlich  einzuführen  für  nötig  hielten,  war  dabei  eine  Ware
genau  wie  jede  andere,  die  wir  mit  den  Produkten  unserer  Arbeit
bezahlen  mußten.  Nur  darf  man  hier  den  Begriff  der  Ware  nicht
materialistisch  nehmen,  nicht  auf  die  Warenbilanz  in  diesem
Sinne,  sondern  auf  die  Zahlungsbilanz  kommt  es  an;  Forderungsrechte,
  welche  Geldkapitalien  sowie  Erträge  aus  solchen  und
aus  Anlagekapital  (Unternehmungen  im  Auslande)  verkörpern,
werden  ebenso  im  internationalen  Tauschhandel  gegen  Sachgüter
umgesetzt.  Aber  eine  Aufblähung  der  Kaufkraft  durch  Kredit,
wie  wir  sie  im  inneren  Verkehr  besonders  in  der  Form  der  Diskontierung ­
  von  Finanzwechseln  des  Staates  bei  der  Notenbank  kennen
gelernt  haben,  ist  dabei  nur  in  sehr  viel  beschränkterem  Amfange  und
im  allgemeinen  auch  nur  in  der  Form  sehr  kurzfristigen  Kredits
möglich.  chner  stehen  Forderungen  gegen  Forderungen  und  müssen
alsbald  ausgeglichen  werden.  Geschieht  das  nicht,  so  fällt  die
Valuta  des  Staates,  der  mehr  schuldet  als  er  zu  fordern  hat.  Denn
bas  bedeutet,  daß  das  Ausland  hier  keine  lohnenden  Waren  mehr
Zu  kaufen  findet  und  deshalb  seine  Forderungen  an  uns  billig  abgibt. ­
  Wir  müssen  dann  also  mehr  Waren  geben,  billiger  anbieten,
wenn  wir  den  Ausgleich  im  internationalen  Verkehr  wieder  herbeiführen, ­
  unseren  Bezug  aus  dem  Auslande  fortsetzen  wollen.
Dies  billigere  Anbieten  von  Waren,  also  Aufwendung  von  mehr
^lrbeit  für  den  Export,  wird  um  so  mehr  nach  dem  Kriege  bei  uns
        <pb n="162" />
        Platz  greifen,  als  wir  verhältnismäßig  wenig  Guthaben  im  Auslande
  haben.  Schon  vor  dem  Kriege  hatten  wir  immer  große  Verpflichtungen ­
  an  das  Ausland,  jetzt  sind  sie  noch  gesteigert.  Auch
haben  wir  einen  erheblichen  Teil  unserer  Effekten  verkauft,  aus
denen  wir  Forderungen  an  das  Ausland  hatten.  Am  so  mehr  aber
ist  es  für  uns  von  der  größten  Wichtigkeit,  daß  wir  die  noch  vorhandenen ­
  Guthaben  im  Auslande  und  überhaupt  unseren  ganzen
ausländischen  Besitz  energisch  zurückverlangen.  England  hat  von
Anfang  an  möglichst  allen  privaten  deutschen  Besitz  im  Auslande
beschlagnahmt  und  in  großem  Maße  auch  zu  zerstören  gesucht,
soweit  es  sich  um  Kundschaft,  Handelsbeziehungen  u.  dgl.  handelte,
und  seine  Bundesgenossen  diesseits  und  jenseits  des  Ozeans  haben
sich  an  diesem  völkerrechtswidrigen  Raubzug  großenteils  nur  zu
gern  beteiligt.  Lier  unsere  Ansprüche  möglichst  energisch  geltend  zu
machen,  ist  eine  unserer  wichtigsten  Aufgaben,  der  sich  hoffentlich
unsere  Diplomatie  endlich  einmal  gewachsen  erweist.
In  England  liegen  über  2,5  Milliarden  Mark  Deutschen  gehörige ­
  Wertpapiere,  auf  die  seit  Kriegsbeginn  keine  Zinsen  mehr
bezahlt  worden  sind.  Diese  Zinsen  und  Dividenden  aus  Staatsanleihen, ­
  Eisenbahnpapieren  und  Anternehmungen  der  verschiedensten ­
  Art  repräsentieren  allein  schon  eine  Summe  von  vielleicht  einer
halben  Milliarde  Mark,  die  uns  zu  Ankäufen  im  Auslande  zur  Verfügung ­
  steht.  Die  Effekten  selbst  aber  bilden  eine  weitere  große
Reserve,  die  wir  zur  Anrerlage  von  Krediten  oder  durch  Verkauf
zur  Beschaffung  wichtiger  Rohstoffe  verwenden  können.  Natürlich
muß  England  unter  allen  Amständen  gezwungen  werden,  diesen
Besitz  wieder  herauszugeben.  Aber  vielleicht  sagt  ihm  schon  sein
eigenes  Interesse,  daß  seine  Tätigkeit  als  Vermittler  internationaler
Zahlungen  aufs  schwerste  gefährdet  sein  würde  und  es  jedes  Vertrauen ­
  in  der  Welt  verlieren  würde,  wenn  es  versuchen  wollte,
diesen  Besitz  nicht  zu  achten.  Eventuell  müßte  die  Androhung  mit
einer  Fortsetzung  des  Tauchbootkrieges  es  dazu  zwingen  und  schließlich ­
  haben  wir  in  Frankreich,  Belgien,  Rußland,  Rumänien  usw.
genügend  mobiles  Kapital  als  Kompensationsobjekt  in  der  Land.
Auch  von  den  anderen  Nationen  ist  die  Wiedererstattung  deutschen
Privateigentums  nach  dem  Kriege  auf  das  allerenergischste  zu  verlangen. ­
  Wir  haben  nichtsdestoweniger  noch  ungeheure  Verluste,  die
aus  der  Vernichtung  zahlreicher  deutscher  Anternehmungen  im  Auslande, ­
  aus  dem  Einblick  der  Feinde  in  unsere  Handelsbeziehungen
164
        <pb n="163" />
        und  aus  der  systematischen  Vernichtung  derselben  durch  England
in  den  verschiedensten  Ländern  entstanden  sind.  Hier  Schadenersatz
von  England  und  seinen  Bundesgenossen  zu  fordern,  gehört  zu
unseren  wichtigsten  Kriegszielen.
In  dieser  Hinsicht  gleich  beim  Friedensschluß  energisch  unsere
Ansprüche  geltend  zu  machen,  ist  auch  für  den  Kurs  unserer  Valuta
von  größter  Wichtigkeit.  Er  wird  sich  sehr  viel  schneller  wieder  heben,
wenn  das  Ausländ  sich  bewußt  ist,  daß  wir  unsere  Forderungen
energisch  einzuziehen  beabsichtigen  und  daß  die  Schadenersatzansprüche ­
  Deutschlands  im  Auslande  kraftvoll  vertreten  werden.
Von  möglichst  schneller  Hebung  unserer  Valuta  hängt  aber  die
Entwicklung  unseres  Außenhandels  nach  dem  Kriege  zu  einem  großen
Teile  ab.  Deshalb  müssen  alle  Beteiligten  zusammenwirken,  auch
im  Inlande  die  Preisherabsetzungen  durchzuführen,  die,  wie  wir  gezeigt ­
  haben,  die  Voraussetzung  für  eine  Hebung  unserer  Valuta  sind.
Eine  Entschädigung  seitens  des  Reiches  für  die  durch  das
Sinken  unserer  Valuta  geschädigten  Zweige  des  deutschen  Außenhandels ­
  wird  sich  allgemein  kaum  durchführen  lassen.  Sie  wird
jedenfalls  stets  davon  abhängen,  inwieweit  es  gelingt,  den  vielen
im  Auslande  ansässigen  deutschen  Kaufleuten,  denen  ihr  ganzes
Geschäft  zerstört  ist,  Entschädigungen  seitens  der  ausländischen
Staaten  zu  verschaffen,  die  sich  durch  England  zu  einem  Raubzug
gegen  deutsches  Eigentum  haben  überreden  lassen.  Der  Gedanke,
daß  diejenigen,  die  Valutagewinne  erzielt  haben,  für  die  Verluste
anderer  aufkommen  müßten,  ist  praktisch  kaum  durchführbar.  Gewiß, ­
  Gewinne  aus  dem  Kriege  soll  der  Staat  schon  im  Interesse
geordneter  Preisbildung  möglichst  verhindern.  Er  soll  sie,  wenn
sie  einmal  erzielt  sind,  möglichst  der  Allgemeinheit  zuführen,  deswegen ­
  betonten  wir  immer  die  Notwendigkeit  einer  starken  Kriegsgewinnbesteuerung ­
  im  weitesten  Sinne.  Aber  eine  Schadenersatzpflicht ­
  des  Staates  für  alle  Kriegsverluste  zu  verlangen,  geht  bei
den  ungeheuren  Verlusten  dieses  Krieges  über  das  Mögliche  hinaus.
Schon  der  Anspruch  auf  Erhaltung  jeder  Erwerbstätigkeit  in  ihrer
bisherigen  Form  ist  undurchführbar,  nicht  nur  weil  manche  Erwerbstätigkeiten ­
  für  die  Gesamtheit  weniger  wichtig  sind  als  andere,
sondern  weil  doch  auch  Lunderttausende  von  Kriegsbeschädigten
ihren  Beruf  werden  wechseln  müssen.  Überhaupt  scheint  mir,  daß
in  einer  Zeit,  in  der  der  Staat  unbeschränkt  über  das  Leben  von
Millionen  seiner  Untertanen  verftigt,  der  Schutz  des  Privatim ­
        <pb n="164" />
        eigentums  und  die  Verpflichtungen  des  Staates  dafür  etwas
mehr  zurücktreten  müßten.  —
Von  manchen  Seiten  ist  vorgeschlagen  worden,  nach  dem
Kriege  eine  große  Anleihe  im  Auslande  zur  Lebung  unserer
Valuta  aufzunehmen.  Man  hat  von  mehreren  Milliarden  gesprochen, ­
  die  nötig  seien,  sie  wieder  auf  den  früheren  Stand  zu
bringen,  und  es  fehlt  auch  nicht  an  Leuten,  die  in  den  Banden
metallistischer  Irrtümer  die  Beschaffung  von  mehreren  Milliarden
in  Gold,  sei  es  durch  eine  Kriegsentschädigung,  sei  es  durch  eine
Anleihe,  zur  Äebung  unserer  Valuta  für  nötig  halten.  Ich  glaube
nun,  daß,  um  von  jenem  Goldfanatismus  ganz  zu  schweigen,  allein
zu  Valutazwecken  eine  Anleiheaufnahme  im  Auslande  weder
zweckmäßig  noch  nötig  ist;  ganz  abgesehen  von  der  Schwierigkeit, ­
  von  den  wenigen  noch  neutral  gebliebenen  Staaten,  die  inr
Kriege  verdient  haben,  Anleihen  in  größerem  Amfange  zu  erhalten. ­
  Anser  Kredit  sollte  nicht  zu  Valutazwecken,  sondern  zur
Beschaffung  wichtiger  Rohstoffe  verwendet  werden,  d.  h.
für  den  Einkauf  solcher  sollten  wir  suchen,  uns  günstige  Zahlungsbedingungen ­
  gegen  das  Versprechen  hoher  Zinsen  zu  verschaffen. ­

Es  wäre  sehr  bedauerlich,  wenn  der  Vorteil,  den  uns  die  englische ­
  Aushungerungspolitik  dadurch  brachte,  daß  „das  Geld  im
Lande  blieb",  daß  wir  nicht  wie  unsere  Gegner  zwecks  Beschaffung
von  Kriegsmaterial  mit  Milliarden  ans  Ausland  verschuldet  wurden,
alsbald  nach  dem  Kriege  durch  große  Ausländsanleihen  wieder
verloren  ginge.  Insbesondere  wäre  es  unerwünscht,  wenn  sie  nur
zur  Lebung  unserer  Valuta  aufgenommen  werden  sollte.  Da  wären
wir  ja  viel  schlechter  daran  als  unsere  Gegner,  die  große  Anleihen
aufgenommen  haben,  als  ihre  Valuta  noch  hoch  stand!  Wir  dagegen ­
  haben  uns  zu  Beginn  des  Krieges  gerühmt,  daß  wir  das
Ausland  nicht  nötig  hätten,  und  sollten  uns  am  siegreichen  Ende
an  dasselbe  verschulden,  wo  unsere  Mark  so  stark  gesunken  und
Kredit  nur  zu  viel  ungünstigeren  Bedingungen  zu  erhalten  ist  als
zu  Beginn  des  Krieges!  Es  wäre  ohne  Zweifel  viel  besser  gewesen,
wenn  wir  gegen  Gold-  oder  Effektenverpfändung  uns  zu  Beginn
des  Krieges  ausländische  Guthaben  verschafft  hätten.  Nach  dem
Kriege  aber  sollten  wir  das  vermeiden  können,  wenn  wir  für  Preisermäßigungen ­
  im  Inlande  und  für  möglichste  Einschränkung  des
Importes  sorgen.
166
        <pb n="165" />
        Für  die  inländischen  Preisverhältniffe  ist  im  Gegenteil  eine
Valutaanleihe  nach  dem  Kriege  höchst  nachteilig.  Wenn  sie  nach
den  Wünschen  der  Metallisten  dazu  dient,  Gold  im  Auslande  zu
beschaffen  und  damit  im  Sinne  ihrer  Theorie  unser  Papiergeld
besser  als  bisher  zu  „decken",  so  bedeutet  das  in  Wahrheit  statt
nützlicher  Ware  nur  Zuführung  neuer  künstlicher  Kaufkraft,  während ­
  die  Gütermenge  in  der  Volkswirtschaft  dieselbe  bleibt;  es  wird
also  preissteigernd  wirken.  Es  würde  damit  bestenfalls  ein  Teil
der  papiernen  Zahlungsmittel  durch  metallische  ersetzt.  Daß  das
aber  noch  keine  Besserung  des  Kurses  unserer  Valuta  und  kein
Äerabgehen  der  inländischen  Preise  herbeiführen  würde,  das  sollte
doch  allmählich  selbst  dem  verstocktesten  Metallisten  klar  geworden
sein.  Eine  Anleihe  zwecks  Goldbeschaffung  ersetzt  nur  ein  Zahlungsmittel ­
  durch  ein  anderes.  Würde  Gold  zirkulieren,  so  erhielte  es  ein
Agio.  Die  allgemeine  Rechnungseinheit  würde  deswegen  noch  nicht
höher  bewertet,  wenn  das  Papiergeld,  das  sie  verkörpert,  zu  einem
größeren  Teile  durch  Gold  gedeckt  ist.  Denn  die  Geltung  der
abstrakten  Rechnungseinheit  kann  man  nicht  „decken".  Sie  aber,
d.  h.  die  Einkommen,  kaufen  die  Güter.  Für  Deckung  des  Papiergeldes ­
  weiteres  Gold  heranzuziehen  hätte  also  gar  keinen  Sinn,
und  den  zahlreichen  Vorschlägen,  die  derartiges  vertreten,  muß  auf
das  schärfste  entgegengetreten  werden.  Ihre  Vertreter  reden  ohne
genügende  Kenntnis  des  Geldwesens,  allenfalls  auf  Grund  irgendeiner ­
  schablonenhaften  Routine  im  Bankgeschäft  und  auf  Grund
veralteter  und  falscher  Theorien,  aber  ohne  wirkliches  Verständnis
der  wirtschaftlichen  Zusammenhänge.
Eine  Einziehung  von  Papiergeld  aber,  etwa  in  der  Weise,
daß  für  jedes  beschaffte  Goldstück  der  dreifache  Betrag  in  Papiergeld ­
  eingezogen  würde,  ist  doch  nur  möglich,  wenn  in  entsprechender»
Amfange  im  Tauschverkehr  erzielte  Erträge  dafür  verwendet
werden,  wenn  die  Schulden  der  Notenbank,  als  welche  die  Banknoten ­
  sich  darstellen,  mit  entsprechenden  Summen  von  auf  Grund
von  Leistungen  aus  dem  Tauschverkehr  entstandenen  Forderungen
zurückbezahlt  werden.  Lier  zeigt  sich  die  absolute  Willkürlichkeit
der  Drittelsdeckung  und  jeder  Beschaffung  von  Gold  zur  Lebung
der  Valuta.  Nicht  durch  Gold,  sondern  nur  durch  Verwendung ­
  von  Erträgen  im  Tauschverkehr  kann  sie  wieder  gehoben
werden,  indem  die  durch  Geldvermehrung  künstlich  aufgeblasene
Kaufkraft  wieder  zurückgeschraubt  wird.  Diese  Erträge  und  Ein-
        <pb n="166" />
        kommen  werden  aber  für  jede  andere  Ware  zweckmäßiger  verwendet ­
  als  für  Gold  zu  Münzzwecken.  Verwendung  von  Einkommen ­
  zum  Import  wirkt  zwar  nicht  gerade  preisvermindernd.
Es  gilt  also  auch  hier  nicht  gerade  das  Amgekehrte  von  dem,  was
wir  oben  nachgewiesen  haben,  daß  der  Export,  indem  er  dem
Jnlande  neue  Gelderträge  zuführt,  preissteigernd  wirkt.  Preisherabsetzungen ­
  sind  eben  viel  schwieriger  durchzusetzen,  die  auf  sie
gerichteten  Tendenzen  sind  viel  seltener.  Nichtsdestoweniger  wird
ein  vom  Staate  zweckmäßig  organisierter  Import  nötig  sein,  um
allmählich  wieder  den  Anschluß  an  die  Preise  des  Weltmarktes
zu  finden.
Aber  —  darüber  muß  man  sich  natürlich  klar  sein  —  jede  Einfuhr, ­
  einerlei  welcher  Art,  bedeutet  angesichts  unserer  gesunkenen
Valuta  nichts  anderes,  als  daß  wir  sie  mit  sehr  viel  Produkten
unserer  Arbeit,  d.  h.  sehr  teuer  bezahlen  müssen.  Diese  dürfen  wir
aufwenden  unter  keinen  Amständen  für  den  Import  von  Gold,
sondern  nur  für  die  Einfuhr  der  allerwichtigsten  Rohstoffe,
welche  unser  Erwerbsleben  befruchten,  in  den  unbedingt  notwendigen
Mengen.  Aber  viele  Produkte  unserer  Arbeit  aufzuwenden,  nur
um  auf  Grund  falscher  Geldtheorien  Gold  zu  kaufen,  wäre  sträfliche ­
  Anvernunft.
Nur  für  die  Beschaffung  wichtiger  Rohstoffe,  um
unser  Wirtschaftsleben  in  Gang  zu  halten,  empfiehlt  es  sich  auch,
eine  Verschuldung  an  das  Ausland  auf  uns  zu  nehmen.  Also  keine
Ausländsanleihe,  sondern  Beschaffung  wichtiger  Rohstoffe  untermöglichst
  günstigen  Zahlungsbedingungen,  d.  h.  mit  Bezahlung
an  einem  späteren  Termin,  bis  zu  dem  unsere  Valuta  sich  wieder
gehoben  hat.  Wir  können  dafür  sehr  wohl  als  Sicherheit  Effekten
oder  Gold  verpfänden.  Wir  könnten  auch  bis  zu  2  Milliarden
Mark  von  unserem  Goldbestand  ruhig  zur  Beschaffung  wichtiger
Rohstoffe  ausgeben,  wenn  —  wir  solche  dafür  bekommen  können
(darüber  s.  unten).  Wenn  wir  eine  Kriegsentschädigung  bekommen
könnten,  darf  sie  natürlich  auch  nur  in  Rohstoffen,  dies  an,  besten,
allenfalls  in  internationalen  Effekten,  aber  keinesfalls  in  Gold
bestehen.
Die  Lebung  unserer  Valuta  aber  ist  durch  die  früher  erwähnten
Maßregeln  herbeizuführen,  durch  Sorge  für  Preisermäßigungen
im  Jnlande  und  durch  Verhinderung  überflüssiger  Einfuhr.  Für
das  aber,  was  wir  an  Rohstoffen  aus  dem  Auslande  beziehen  müssen,
168
        <pb n="167" />
        sollten  wir  uns  möglichst  günstige  Zahlungsbedingungen  zu  verschaffen ­
  suchen.  Wir  sollten  vor  allem  auch  sehen,  die  im  Kriege
mit  uns  befindlichen  Länder  zu  Rohstofflieserungen,  sei  es  als  Kriegsentschädigung, ­
  sei  es  gegen  Bezahlung,  im  Friedensvertrag  zu  veranlassen. ­
  Da  es  nach  dem  Kriege  jedenfalls  einen  starken  Wettlauf ­
  in  der  ganzen  Welt  um  wichtige  Rohstoffe  und  Lebensrnittel
geben  wird,  sollten  wir  uns  beeilen,  jetzt  schon  mit  den  neutralen
Staaten  Lieferungen  gegen  Bezahlung  zu  vereinbaren.  Es  könnten
dazu  sehr  wohl  2  Milliarden  Mark  Gold  vom  Bestände  der  Reichsbank ­
  verwendet  werden,  d.  h.  bis  zu  diesem  Betrage  Lieferungsabschlüffe
  gegen  das  Versprechen  der  Goldzahlung  gemacht  werden,
oder  vielleicht  besser  Gold  als  Sicherheit  für  die  Bezahlung  deponiert ­
  werden,  wobei  wir  dann  das  Recht  haben,  die  Zahlung  in
diesem  Golde  selbst  zu  leisten,  was  für  uns  ohne  Zweifel  am  vorteilhaftesten ­
  sein  wird.  Natürlich  können  wir  auch  Lieferungen
von  Waren  unsererseits  vereinbaren.
Solche  Lieferungsverträge  sollten  schon  längst  abgeschlossen
sein.  Es  ist  bekannt,  daß  England  z.  B.  in  Südamerika  schon  seit
langem  große  Abschlüsse  für  Warenlieferungen  nach  dem  Kriege
gemacht  hat.  Ich  weiß  nicht,  ob  wir  auf  diesem  Gebiete  energisch
genug  vorgegangen  sind  und  ob  wir  im  Auslande  bei  unseren  Gesandtschaften ­
  genügend  wirtschaftlich  vorgebildete  Leute  haben,  um
solche  Verträge  abzuschließen.  Früher  hat  man  bei  uns  auf  diese
Dinge  viel  zu  wenig  Wert  gelegt.
Auch  von  den  kriegführenden  Staaten,  auf  die  wir  für  die
Beschaffung  gewisser  Rohstoffe  angewiesen  sind,  vor  allem  von
den  Vereinigten  Staaten,  könnten  wir  auf  dem  Amwege  über
neutrale  Staaten  sicherlich  einen  Teil  der  notwendigen  Rohstoffzufuhr
  beschaffen.  Es  brauchten  dort  nur  Importfirmen  gewonnen
zu  werden,  welche  für  eigene  Rechnung,  aber  in  unserem  Auftrage,
solche  Lieferungsverträge  abschließen.  —
Der  Gedanke  der  Verwendung  eines  großen  Teils
unseres  Goldbestandes  für  die  Zwecke  der  Rohstoffeinfuhr
vach  dem  Kriege  gewinnt  jetzt  immer  mehr  an  Boden,  auch  bei
Leuten,  die,  weil  sie  über  die  wirtschaftlichen  Grundlagen  des
Geldwesens  noch  nicht  zur  Klarheit  gekommen  sind,  an  den  althergebrachten ­
  Anschauungen  des  Metallismus  noch  festhalten.
Llber  daß  der  Wert  des  Geldes  nicht  vom  Goldwert  und  die  Kauflust ­
  des  Papiergeldes  nicht  von  dem  Grade  seiner  Golddeckung
169
        <pb n="168" />
        abhängt,  das  mußte  allmählich,  durch  die  Beobachtung  der  Tatsachen ­
  erzwungen,  auch  dem  unwissenschaftlichsten  und  unkritischsten
Kopfe  klar  werden.  Auch  von  sehr  maßgebenden  Stellen  ist  dieser
Gedanke  schon  ausgesprochen  worden.  Inwieweit  sie  freilich  später
wagen  werden,  ihn  zu  verwirklichen,  solche  Lieferungsverträge  gegen
das  Versprechen  der  Goldzahlung  einzugehen  und  so  auf  einen  großen
Teil  unseres  Goldbestandes  zur  Beschaffung  wichtiger  Rohstoffe
zu  verzichten,  steht  dahin.  Klarheit  über  die  wirtschaftlichen  Zusammenhänge ­
  ist  dabei  natürlich  Voraussetzung,  und  solange  die
maßgebenden  Persönlichkeiten  noch  so  wenig  wirtschaftstheoretisches
Verständnis  besitzen,  um  sich  von  den  metallistischen  Irrtümern
loszusagen,  ist  natürlich  wenig  zu  hoffen.
Nun  wird  allerdings  immer  wieder  behauptet,  daß  diese
Persönlichkeiten  keineswegs  im  Metallismus  befangen  seien,  aber
wenn  das  richtig  ist,  so  nehmen  sie  eben  Rücksicht  auf  weite  Kreise
des  Geschäftslebens,  die  mangels  wirklichen  wirtschaftlichen  Verständnisses ­
  natürlich  an  den  Anschauungen  festhalten,  die  man
ihnen  lange  Zeit  hindurch  eingeimpft  hat.  Deswegen  ist  Aufklärung ­
  weitester  Kreise  eine  ungeheuer  wichtige  Aufgabe.  Wie  man
bei  uns  aber  überhaupt  nicht  versteht,  von  seiten  der  Regierung
die  öffentliche  Meinung  zu  beeinsiussen,  so  ist  auch  auf  diesem  Gebiete ­
  noch  gar  nichts  geschehen.  Man  muß  dabei  dem  noch  sehr
allgemein  herrschenden  „Goldwahn"  Rechnung  tragen,  aber  andererseits ­
  anfangen,  ihn  in  geschickter  Weise  zu  zerstören  und  die  Bevölkerung ­
  auf  die  notwendigen  Veränderungen  in  unserem  Geldwesen ­
  und  auf  die  Zweckmäßigkeit  einer  Verwendung  unseres  Goldschatzes ­
  hinweisen.  —
Wir  haben  schon  an  dem  Beispiel  Amerikas  gesehen,  daß
die  Goldwährung  in  keiner  Weise  die  schädlichen  Folgen  der  Geldvermehrung ­
  hindert.  Wie  sollte  sie  das  auch,  wenn  mit  dem  Institut
der  freien  Prägung  nicht  nur  die  ganze  jährliche  Neuproduktion
von  Gold,  sondern  auch  unbegrenzte  Teile  des  ganzen  monetären
Goldvorrats  der  Welt  beliebig  einem  einzelnen  Lande  zugeschoben
werden  können.  Diese  Überlegung  allein  zeigt  schon,  wie  völlig
verkehrt  es  war  und  nur  unter  der  Herrschaft  von  England  verbreiteter, ­
  gedankenlos  aufgenommener  Ideen  möglich,  wenn  man
es  bisher  immer  als  einen  großen  Vorteil  für  ein  Land  ansah,
daß  es  recht  viel  Gold  aus  dem  Auslande  heranziehen  konnte.
Leider  greift  diese  Einsicht,  daß  man  auch  zuviel  Gold  haben  könnte,
170
        <pb n="169" />
        daß  ein  großer  GoldvorraL  nicht  nur  ein  Luxus  ist,  den  sich  reiche
Staaten,  um  den  Goldproduktionsländern  eine  Freude  zu  machen,
vielleicht  leisten  können,  sondern  daß  er  unter  Umständen  eine  große
Last  sein,  daß  die  freie  Prägung  eine  Überschwemmung  mit  Gold
statt  nützlichen  Waren  bedeuten  kann,  diese  Einsicht  greift  nur  sehrlangsam
  Platz.  Denn  im  wesentlichen  ist  sie  doch  erst  im  Weltkriege ­
  begründet  worden,  und  die  praktische  Geldpolitik  zögerte  sehr
lange,  ihr  zu  folgend)  Den  verschiedenen  Schriften  von  Bendixen,
Dalberg,  Schmidt-Essen  u.a.,  die  energisch  die  „Entthronung  des
Goldes"  fordern,  fehlte  doch  für  eine  so  weitgehende  Forderung  die
notwendige,  streng  wissenschaftliche  Begründung,  die  nur  die
Wirtschaftstheorie  liefern  kann.  Sie  zu  liefern  hatte  ich  mir  in
meinem  Buche  „Geld  und  Gold"  zur  Aufgabe  gestellt,  welches
aus  den  in  meinen  „Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre"  niedergelegten ­
  allgemeinen  wirtschaftstheoretischen  Gedanken  erwachsen
ist.  Mein  Ziel  war  vor  allem,  Aufklärung  über  das  Geldwesen
im  allgemeinen  und  über  die  Goldwährung  im  besonderen  zu  verbreiten. ­

In  der  Tat  ist  in  dieser  Linsicht  durch  alle  jene  Schriften
manches  erreicht,  noch  viel  mehr  aber  zu  tun.  Die  offizielle  Wissenschaft, ­
  schwerfällig  und  konservativ,  wie  sie  ist,  ist  neuen  Ideen
wenig  zugänglich,  weil  sie  meist  mit  den  Lehren  ihrer  Äauptvertreter
in  Widerspruch  stehen.  Sie  hat  daher  zu  den  neuen  Problemen
noch  wenig  Stellung  genommen  und  wird  ihrer  Aufgabe  als  Führerin
nicht  gerecht.  Manche  ihrer  Vertreter  haben  auch,  natürlich  mit
diesen  oder  jenen  Abänderungsvorschlägen,  sich  auf  den  Boden
»teinee  Anschauungen  gestellt,  hier  und  da  auch  eine  dankenswerte
Weiterführung  vorgenommen,  oft  allerdings  auch  bei  ihrer  Stellungnahme ­
  die  wissenschaftlich  notwendige  Vertiefung  vermissen  lassen.
Die  Tagespreise  zeigte  zum  Teil  viel  Verständnis,  aber  gerade  in
der  Bank-,  Börsen-  und  Handelspreise  zeigte  sich  oft,  keineswegs
immer,  eine  auf  Mangel  an  theoretischer  Schulung  beruhende  Obersachlichkeit,
  die  starr  an  den  überlieferten,  von  den  Engländern  dem
Handelsverkehr  eingeimpften  Anschauungen  von  der  Goldwährung
Währungsideal  festhält.

')  Von  früheren  Bekämpften  ^^°h^Berttn  19ll/W  bem
Kstliche  Begründung  seiner  vielfach  richtigen  Emsichten  lewer  seyn.

171
        <pb n="170" />
        In  den  Kreisen  des  Erwerbslebens  hat  vielleicht  mehr  als
die  wissenschaftliche  Erörterung,  der  sie  oft  nicht  zugänglich  sind,
neuerdings  die  Entwicklung  der  Tatsachen  zur  Aufrüttlung
der  Geister  gewirkt.  Das  Sinken  der  amerikanischen  Valuta  trotz
gewaltiger  Goldzusuhren,  das  ungewöhnliche  Steigen  der  Valuta
Schwedens,  das  seiner  Notenbank  die  Goldzufuhr  sperrte,  mußte
schließlich  auch  dem  zu  denken  geben,  der  sich  durch  wissenschaftliche ­
  Erörterungen  nicht  von  hergebrachten  Anschauungen  befteien
konnte.  Der  Stand  der  schwedischen  Valuta  ist  jetzt  weit  über  denjenigen ­
  aller  anderen  Länder,  auch  20  %  über  der  der  dsirch  Münzunion ­
  mit  ihm  verbundenen  Nachbarstaaten  Norwegen  und  Dänemark ­
  und  noch  mehr  über  der  amerikanischen  Valuta.  Dabei  ist
Schweden  keineswegs  ein  Land,  welches  durch  Kriegslieserungen
besonders  verdient  hat.  Wenn  dies  in  den  zahllosen  Erörterungen
über  diesen  Fall  immer  wieder  als  Grund  des  hohen  Standes
seiner  Valuta  angegeben  wird,  so  ist  das  durchaus  unzutreffend.
Im  Gegenteil  könnte  man  die  Behauptung  aufstellen,  daß  seine
Valuta  so  hoch  steht,  so  viel  höher  als  diejenige  Dänemarks  und
Norwegens,  weil  es  weniger  als  diese  Länder  verdient  hat.
Denn  die  Preise  sind  daher  im  Inland  stabiler  geblieben  als  in  den
anderen  Ländern,  wo  gewaltige  Einkommensteigerungen  zu  großen
Preissteigerungen  führten.  Infolgedessen  konnte  in  diesen  Ländern,
die  schon  viel  am  Kriege  verdient  halten,  die  Valuta  nicht  mehr  so
hoch  steigen,  als  da,  wo  die  Preise  noch  nicht  durch  Goldzufuhr  und
Einkommensvermehrungen  so  sehr  gesteigert  waren,  wo  man  daher
noch  billiger  kaufen  konnte.
Inwieweit  nun  die  schwedische  Valuta  in  der  Tat  dadurch  so
viel  mehr  gestiegen  ist  und  inwieweit  auch  die  Einstellung  der  fteien
Prägung  diese  Wirkung  mit  herbeigeführt  hat,  wollen  wir  dahingestellt ­
  sein  lassen.  Das  ist  jedenfalls  theoretisch  unzweifelhaft,  daß
ein  vom  Auslande  ziemlich  unabhängiges  Land,  das  also  im  Inlande ­
  keine  Preissteigerungen  aus  Warenmangel  zu  fürchten  hätte,
aber  sich  auch  nicht  mit  überflüssigem  Gold  als  Bezahlung  für
seinen  Export  abspeisen  lassen  würde,  einerseits  eine  ganz  ungewöhnliche ­
  Steigerung  seiner  Valuta  dem  Auslande  gegenüber  erzielen
könnte,  wenn  dort  starke  Preissteigerungen  eintreten,  oder  andererseits ­
  im  gewaltigen  Amfange  ausländischen  Effektenbesitz  u.  dglzu
  sehr  billigen  Preisen  erwerben  und  damit  für  die  Zukunft  sich
große  Forderungen  an  das  Ausland  verschaffen  könnte.  Letz-172
        <pb n="171" />
        teres  ist  natürlich  sehr  viel  nützlicher  als  ein  hoher  Stand  der
Valuta.  Es  ist  sicher,  daß  Schweden  und  alle  neutralen  Länder
die  Kriegslage  noch  sehr  viel  mehr  hätten  ausnützen  können,  wenn
sie  einerseits  sich  weniger  Gold  hätten  aufhalsen  lassen,  was  nur  /
im  Inlande  die  Preise  steigerte,  andererseits  inländische  Einkommensteigerungen ­
  und  Kriegslieferungen  durch  Kriegsgewinnsteuern
schneller  für  den  Staat  absorbiert  und  damit  inländische  Preissteigerungen ­
  mehr  gehindert  hätten,  und  wenn  sie  drittens  rechtzeitig, ­
  als  noch  mehr  Rohstoffe  und  Waren  im  Auslande  zu  kaufen
waren,  solche  statt  Gold  erworben  und  daneben  in  großem  Amfange
ausländische  Effekten  gekauft  und  sich  so  zu  großen  Gläubigerländern ­
  gemacht  hätten.  Ein  solcher  Erwerb  von  Effekten  und
Anternehmungen  im  Auslande  ist  ja  auch  geschehen,  namentlich  die
Schweiz  und  Lolland  scheinen  sich  in  nicht  unbeträchtlichem  Maße
zu  Gläubigerländern  gemacht  zu  haben,  aber  sie  hätten  das  in  noch
viel  größerem  Amfange  tun  können.  Schließlich  kommt  natürlich
auch  sehr  viel  darauf  an,  wer  der  Schuldner  ist.  Forderungen
w  Deutschland  sind  doch  etwas  ganz  anderes  als  solche  in  Rußland, ­
  ja  auch  als  Forderungen  in  Frankreich  oder  Italien.
Vom  Standpunkt  der  Vereinigten  Staaten  war  es  daher
nicht  unberechtigt,  daß  sie  jetzt  auch  den  Neutralen  die  Zufuhr
möglichst  zu  beschränken  suchten.  Geschah  es  auch  wohl  in  erster
Linie,  um  eine  wirkliche  oder  vermeintliche  Zufuhr  nach  Deutschland ­
  zu  verhindern,  so  wirkte  es  doch  auch  den  Preissteigerungen
in  Amerika  selbst  entgegen,  die  teils  durch  Warenmangel  im  eigenen
Lande,  teils  durch  Einkommensteigerungen  auf  Grund  des  starken
Sports  herbeigeführt  wurden.  Abrigens  hat  Amerika,  gleich
nachdem  es  in  den  Krieg  eingetreten  war,  übermäßige  Preise  und
große  Kriegsgewinne  sehr  viel  energischer  gehindert,  als  das  leider
öei  uns  der  Fall  war.  Daher  auch  dort  ein  starkes  Sinken  der
Aktienkurse,  während  sie  bei  uns  noch  immer  weiter  steigen.  Trotz
aller  Plutokratie  hat  man  dort  das  wirtschaftlich  Notwendige  vielrichtiger
  erkannt,  während  wir  in  dieser  Hinsicht  unendlich  viel  versäumt ­
  haben.

3m  Zusammenhang  damit  sei  noch  auf  eine  andere  Frage  eingegangen, ­
  über  die  noch  viel  Anklarheit  herrscht:  Wenn  es  uns
mcht  gelingt,  durch  alle  diese  Maßregeln  in  kurzer  Zeit  die  Wieder-173
        <pb n="172" />
        Herstellung  unserer  Valuta  auf  die  frühere  Parität  mit  anderen
Währungen  zu  erzielen,  wäre  dann  nicht  eine  sog.  Devalvation,
eine  Lerabsetzung  des  Nennwertes  der  Mark  zweckmäßig?
Diese  Frage  ist  schon  in  früheren  Zeiten  häufig  aufgeworfen  worden,
aber  man  ist  sich  auf  Grund  der  Irrtümer  über  das  Geldwesen
niemals  recht  klar  geworden,  was  unter  Devalvation,  unter  Herabsetzung ­
  des  Nennwerts  der  Währung  eigentlich  zu  verstehen  ist.
Wenn  der  Staat  bestimmte,  daß  jeder  Schuldner  statt  bisher
100  Mark  nur  80  Mark  zu  zahlen  hätte,  so  würde  das  natürlich  zu
erheblichen  Einkommensverschiebungen  führen,  allen  Schuldnern,  in
erster  Linie  dem  weitaus  größten,  dem  Staate  selber,  nützen,  allen
Gläubigern  schaden.  Dem  Auslande  gegenüber,  woraus  es  uns
hier  ankommt,  würde  es  uns  aber  nicht  sehr  viel  nützen,  weil  nur
wenig  von  unseren  Anleihen  sich  im  Auslande  befindet  und  im  Gegenteil ­
  im  Kriege  erhebliche  Schulden  in  der  ausländischen  Währung ­
  aufgenommen  worden  sind.  Aber  unter  Devalvation  versteht
man  nicht  eine  derartige  Seisachtheia  im  Sinne  Solons,  an  die
heute  niemand  mehr  denkt.  Sondern  der  Begriff  ist  zunächst  von
einer  metallischen  Währung  und  von  der  herrschenden  metallistischen
Auffassung  des  Geldes  hergenommen.  Er  bedeutet,  daß  der  Staat
erklärt,  er  wolle  z.  B.  statt  bisher  139 1 / 2  Zehnmarkstücke  jetzt  etwa
150  solcher  Münzen  aus  einem  Pfund  Feingold  prägen  und  diese
kleineren  Münzen  auch  Zehnmarkstücke  nennen.  Das  verstand  man
bisher  immer  unter  Devalvation.  Was  aber  würde  die  Wirkung
dieser  Maßregel  sein?  Llnter  den  jetzigen  Verhältnissen,  wo  die
Goldwährung  aufgehoben  ist,  würde  es  gar  keine  Wirkung
haben.  Es  würde  die  heutigen  Preise  nicht  im  geringsten  ändern.
Es  würde  auch  das  Agio  nicht  ändern,  welches  das  jetzige  Zehnmarkstück ­
  in  unserem  Gelde  hätte,  wenn  es  noch  frei  zirkulierte.
Auch  den  Kurs  unseres  Geldes  im  Auslande  würde  es  nicht  ändern,
der  heute  eben  auf  Grund  dessen  bewertet  wird,  was  man  mit  unserem
-Gelde  im  Inlande  kaufen  kann.  (Nur  insofern  als  im  heutigen  Kurse
etwa  schon  die  Erwartung  zum  Ausdruck  kommt,  daß  unsere  Valuta
später  wieder  den  früheren  Paristand  erreichen  werde,  würde  eine
Devalvation  eine  gewisse  Wirkung  auf  den  Devisenkurs  haben.)
Einen  „Nennwert"  des  Geldes  gibt  es  nach  der  bisherigen  Auffaffung
  nur  bei  einer  metallischen  Währung  in  diesem  Währungsmetall ­
  ausgedrückt;  er  ist,  wie  alle  Geldausdrücke,  nur  ein  Preis,
der  Preis  dieses  Edelmetalls  in  der  Währung,  in  der  abstrakten
174
        <pb n="173" />
        Rechnungseinheit,  der  bei  der  Goldwährung  fixiert,  auf  1392  Mark
für  ein  Pfund  Feingold  festgesetzt  ist.
Aber  wir  wissen,  daß  diese  Beziehung  zum  Golde  für  das  Geld
nichts  Wesentliches  ist,  wir  wissen,  daß,  obgleich  noch  heute  angesehene ­
  Nationalökonomen  dergleichen  behaupten,  von  einer
Funktion  des  Goldes  als  allgemeiner  Wertmaßstab,  wozu  man
ein  allgemein  geschätztes  Gut  brauche,  nicht  die  Rede  sein  kann.
Von  einem  „Nennwert"  der  inländischen  Währung  kann  mau
also  nur  in  ihrem  Verhältnis  zu  einer  früheren  oder  zu  einer  ausländischen ­
  Währung  sprechen,  d.  h.  von  einem  Preise,  ausgedrückt
in  einer  früheren  oder  einer  ausländischen  Rechnungseinheit.  Der
Staat  kann  -—  darin  hat  Knapp  natürlich  recht  —  eine  neue  Rechnungseinheit ­
  •—  Werteinheit  sagt  Knapp  —  einführen,  doch  kann
er  ihre  „Kaufkraft"  nicht  bestimmen.  Er  muß  aber,  um  mit  Knapp
zu  sprechen,  „die  neue  Werteinheit  durch  die  alte  definieren".  Doch
könnte  er  ebensogut  die  neue  Rechnungseinheit  an  irgendeine  ausländische ­
  anknüpfen,  und  zwar  ganz  unabhängig  vom  Golde.
Er  könnte  z.  B.,  statt  zu  sagen,  die  neue  Rechnungseinheit  solle
gleich  80  Pfennig  nach  der  alten  sein,  bestimmen,  die  neue  Rechnungseinheit ­
  solle  gleich  einem  Franken  Schweizer  Währung  sein
—  das  wäre  etwa  gleich  81  Pfennig  —  oder  gleich  1  Krone  österreichische ­
  Währung  —  das  wäre  etwa  gleich  86  Pfennig.  Der
Staat  setzt  dann  eben  einfach  die  „Parität"  mit  einer  ausländischen
Währung  fest,  die  durch  die  Geldpolitik  eingehalten  werden  soll.
Sb  diese  das  vermag,  ist  eine  Frage  der  auf  die  Preise  von  der
(^eldseite  aus  einwirkenden  Amstände,  von  denen  wir  oben  gesprochen ­
  haben.
Jedenfalls,  auch  wenn  der  Staat  die  Goldwährung  nicht
wiederherstellt,  kann  er  die  Rückkehr  unserer  Währung  zur  ftüheren
Parität  mit  den  ausländischen  herbeiführen.  Entgegenstehende
Ansichten,  wie  sie  z.  B.  Diehl  vertreten  hat, x )  sind  also  durchaus
unzutreffend.  Es  würde  sich  dabei  an  den  tatsächlichen  Verhält-')

  „Es  wird  für  Deutschland  eine  wichtige  Aufgabe  sein,  nach  beendetem ­
  Kriege  wieder  zu  den  strengen  Grundsätzen  der  Goldwährung,  d.  h.
öUr  Wiederherstellung  der  Einlösungspflicht  der  Banknoten,  zu  kommen.
auf  diese  Weise  kann  die  Parität  der  Valuta  wiederhergestellt ­
  werden  "  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  Dezember  1916,
737.  Im  Gegenteil  erst  wenn  die  Parität  der  Valuta  wiederhergestellt
Ab  ist  eine  Goldwährung,  d.  h.  Wiederherstellung  der  Einlösungspflicht  der
Banknoten,  wieder  möglich.

175
        <pb n="174" />
        mffen  kaum  etwas  ändern.  Auch  die  sog.  Goldpunkte,  Valutaschwankungen,
  bei  denen  die  Versendung  von  Gold  ins  Ausland
oder  vom  Auslande  möglich  wird,  würden  jeder  ausländischen
Währung  gegenüber  bestehen  bleiben.  Denn  der  Staat  ist  ja  nicht
gehindert,  die  Ausgleichung  von  Forderungen  und  Schulden  dem
Auslande  gegenüber  auch  durch  Gold  vorzunehmen,  wenn  man
im  Auslande  durchaus  solches  haben  will  oder  wenn  er,  im  umgekehrten ­
  Falle,  es  für  zweckmäßig  erachtet,  einmal  vom  Auslande
  Gold  zu  beziehen.  Aber  tatsächlich  wurde  schon  vor  dem  Kriege
ein  gelegentliches  überwiegen  von  Schulden  oder  Forderungen  dem
Auslande  gegenüber  keineswegs  durch  Gold  ausgeglichen,  die
internationale  Goldbewegung  war  kein  Lin-  und  Lerschieben  von
Gold  von  den  jeweiligen  Schuldner-  zu  den  augenblicklichen  Gläubigerländern, ­
  sondern  Gold  wurde  gekauft  wie  alle  Waren.
Das  ergibt  sich  ja  schon  daraus,  daß  eine  jährliche  Neuproduktion
von  etwa  2  Milliarden  Mark  Wert  unterzubringen  ist.  Abgesehen
von  der  Nachfrage  der  Industrie  für  Schmuckzwecke  kauften  es
diejenigen  Länder,  die  sich  den  Luxus  einer  großen  Goldzirkulation
leisten  konnten  oder  im  Interesse  ihres  wirtschaftlichen  Ansehens,
wie  man  es  dainals  auffaßte,  mit  einem  großen  Goldbestand  paradieren ­
  wollten.
Für  den  Ausgleich  augenblicklicher  Differenzen  zwischen  Schulden ­
  und  Forderungen  im  internationalen  Verkehr  aber  stehen  noch
ganz  andere  Mittel  zur  Verfügung  und  sind,  weil  billiger,  die
eigentlich  regulären.  Dahin  gehören  Abgabe  von  ausländischen
Wechseln,  Versendung  von  Effekten  und  Erhöhung  des
inländischen  Diskontsatzes,  wodurch  Kapital  ins  Inland  gezogen ­
  wird.
Die  Erörterung  über  die  Vorteile  und  Aussichten  der  Goldwährung ­
  nach  dem  Kriege  in  der  letzten  Zeit  hat  nun  ergeben,  daß
über  die  Art  und  Weise,  wie  letzten  Endes  Forderungen  und  Schulden
im  internationalen  Verkehr  zur  Ausgleichung  gebracht  werden  und
welche  Rolle  das  Gold  dabei  spielt,  noch  große  Anklarheiten  bestehen. ­
  Man  stellt  es  sich  immer  so  vor,  daß  wenn  unsere  ganze
„Volkswirtschaft"  in  einem  gegebenen  Moment,  etwa  am  Jahresschlüsse, ­
  ein  Debetsaldo  aufweise,  wir  Gold  exportieren  müßten,
während  andererseits  eine  Schlußdifferenz  zu  unseren  Gunsten  in
Gold  ausgeglichen  würde.  Mehrere  höchst  angesehene  Praktiker,
mit  denen  ich  gelegentlich  meiner  Vorträge  über  diese  Dinge  ge°
176
        <pb n="175" />
        sprechen  habe,  haben  den  Börsenausdruck  vom  „Spitzenausgleich"
gebraucht,  der  in  Gold  erfolgen  müsse,  d.  h.  eben  ein  nach  Abrechnung ­
  aller  sonstiger  Forderungen  und  Schulden  aus  dem  Warenund
  Effektenverkehr  verbleibendes  Debetsaldo  müsse  von  dem  betreffenden ­
  Staate  in  Gold  ausgeglichen  werden.  Selbst  wenn
das  richtig  wäre,  brauchte  man  aber  dafür  nicht  mehrere  Milliarden
Gold,  sondern  es  würden  einige  hundert  Millionen  vollauf  genügen.
Doch  ist  diese  Anschauung  gänzlich  verkehrt.  Wir  brauchen  Gold
nur  der  Einlösungspflicht  und  der  Deckungsvorschriften
wegen,  im  internationalen  Verkehr  aber  erfolgt  die  Ausgleichung,
die  durch  Waren,  Effekten  und  Devisen  nicht  erfolgen  konnte,  im
Wege  des  Kredits,  derart,  daß  unter  Mitwirkung  der  Diskontpolitik ­
  Gelder  zur  Anlage  ins  Inland  strömen,  wenn  die  inländische
Valuta  zu  sinken  drohte.  Dieser  Mechanismus  kurzfristiger  Kreditgewährung ­
  und  der  Arbitrage  ist  unendlich  viel  feiner  als  die  Ausgleichung ­
  von  Zahlungsdifferenzen  in  Gold,  das  sehr  teuer  zu  versenden ­
  ist.  Tatsächlich  ist  daher  unsere  Goldein-  und  -ausfuhr
nicht  im  geringsten  das  Endergebnis  unserer  Landelsbilanz,
  sondern  das  Gold  war  nur  eine  Ware  wie  jede  andere,
nur  daß  das  Bedürfnis  nach  ihm,  auch  soweit  es  zu  monetären
Zwecken  verwendet  wurde,  ein  unbedingtes  Luxusbediirfnis,  und
zwar  auf  Grund  falscher,  aber  allerdings  sehr  allgemein  geteilter ­
  Anschauungen  war.  Wir  haben,  wie  ich  schon  bei
anderen  Gelegenheiten  immer  wieder  betonte,  die  200  Millionen
Wart,  die  wir  1912,  und  die  381  Millionen  Mark,  die  wir  1913  an
Gold  mehr  ein-  als  ausführten,  nicht  als  das  Endergebnis  einer
günstigen  Handelsbilanz  anzusehen,  die  in  anderer  Wesie  nicht
hätte  ausgeglichen  werden  können,  sondern  wir  haben  dieses  Gold
ganz  einfach  gekauft,  d.  h.  mit  den  Produkten  unserer  nationalen
Arbeit  oder  unserem  sonstigen  Besitz  bezahlt,  wie  wir  jede  andere
Ware  kaufen  und  bezahlen  mußten.  Wir  haben  es  gekauft,  weil
wir  es  zur  Freude  der  Goldproduktionsländer  für  nötig  hielten,  mit
einem  großen  Goldschatz  prunken  zu  können.  Von  einem  „Spitzenausgleich" ­
  durch  Gold  bei  unseren  Forderungen  und  Verpflichtungen
"n  Auslande  kann  aber  gar  keine  Rede  sein,  und  es  zeigt  sich,
welch  große  Unklarheiten  in  dieser  Hinsicht  noch  bei  Leuten  vorbanden ­
  sind,  welche  sich  für  die  ersten  Sachverständigen  halten.
Jedenfalls  würde  für  Ausgleichungszwecke  ein  Goldbestand
x '°»  wenigen  hundert  Millionen  Mark  genügen,  der  ganze  Aus-Liefinann.
  Di-  Geldvermehrung  im  Weltkriege  12  172
        <pb n="176" />
        gleich  würde  sich  ohne  großen  Goldbestand  ganz  genau  so  vollziehen
wie  bisher,  und  es  wäre  ohne  einen  solchen  genau  so  möglich,  unsere
Valuta  wieder  zu  heben  und  stabil  zu  erhalten.  Ja,  wenn  wir  den
Goldbestand,  den  wir  nun  einmal  haben,  zum  Ankauf  wichtiger
Rohstoffe  verwenden  wollten,  würde  das  natürlich  auch  zur  Lebung
unserer  Valuta  beitragen,  jedenfalls  mehr  als  sein  bloßes  Vorhandensein. ­
  Es  wäre  daher  an  sich  auch  durchaus  denkbar,  ohne
Wiedereinführung  der  Goldwährung  eine  Devalvation  vorzunehmen, ­
  also  ganz  ohne  Festsetzung  eines  neuen  Ausprägungsverhältnisses ­
  unserer  Münzen  in  Gold,.  unsere  Währung  etwa  nur
auf  den  Stand  und  die  Parität  des  Franken  oder  der  österreichischen ­
  Krone  wieder  zu  heben  und  auf  diesem  Stande  stabil  zu  erhalten. ­
  Für  letzteren  Zweck  hätte  man  eben  nur  die  Wechselnotierungen
  bei  uns  und  im  Auslande  zu  beachten  und  danach  dieselben
Maßregeln  zu  ergreifen,  wie  man  sie  früher  anwendete.  Die  Äebung
der  Valuta  selbst  aber  ist  nur  durch  die  angegebenen  Maßregeln
möglich:  Beschränkung  der  Einfuhr,  möglichste  Steigerung  der
Ausfuhr  und  vor  allem  Preisherabsetzungen  im  innern  und  Äintanhaltung
  künstlicher,  nicht  aus  Erträgen  im  Tauschverkehr  stammender ­
  Einkommensteigerungen.  Die  bloße  Erklärung  des  Staates,
daß  er  die  Mark  auf  diesen  oder  jenen  Stand  wieder  heben  wolle,
würde  natürlich  auf  die  inländischen  Preise  noch  keinen  Einfluß
haben.
Aber  uns  interessiert  hier  die  Frage,  ob  es  richtig  wäre,
in  dieser  Weise,  also  ganz  abgesehen  von  der  Währungsgrundlage,
  nicht  die  frühere  Parität  wiederherzustellen,  sondern  sich
mit  einer  geringeren  Parität  den  ausländischen  Rechnungseinheiten ­
  gegenüber  zu  begnügen.  Die  Entschließung  darüber  hängt
einzig  und  allein  von  der  Beantwortung  der  Frage  ab,  ob  sich  im
inländischen  Verkehr  ein  festes  Preis-  und  Einkommensystem  mit
allgemein  und  gleichmäßig  höheren  Preisen,  d.  h.  also  auf  der
Grundlage  einer  geringeren  Kaufkraft  der  Mark,  schon  durchgesetzt
hat.  Die  geringere  Kaufkraft  der  Mark,  ganz  allgemein  gesprochen,
ist  nun  Tatsache,  aber  andererseits  unterliegt  es  keinem  Zweifel,
daß  von  einer  gleichmäßigen  Verminderung  dieser  sog.  „Kaufkraft" ­
  nicht  die  Rede  sein  kann,  daß  mit  anderen  Worten  die  Preise
sehr  verschieden  gestiegen  und  keineswegs  alle  Preise  und  Einkommen ­
  gestiegen  sind,  geschweige  denn  proportional.  So  z.
sind  nicht  gestiegen  sehr  viele  fest  bedungene  Preise  und  Einkommen,
178
        <pb n="177" />
        179

Beamtengehälter,  manche  Löhne,  Zinsen,  feste  Renten,  Wohnungsmieten, ­
  Pachten  usw.  Alle  diejenigen,  die  solche  Preise  und  Einkommen ­
  empfangen,  werden  durch  Nichterhöhung  der  Valuta
auf  den  früheren  Stand  geschädigt,  einfach  deswegen,  weil  deren
niederer  Stand  ein  Ausdruck  der  inländischen  höheren  Preise  ist,
von  denen  sie  Nachteil  haben.  Vorteil  davon  haben  andererseits
alle  Schuldner,  in  erster  Linie  also  ihr  weitaus  größter,  der  Staat.
Die  Frage,  was  vorteilhafter  ist  für  die  ganze  Volkswirtschaft:
Wiederherstellung  der  Valuta  auf  der  alten  Parität  öder  Devalvation ­
  in  diesem  Sinne,  spitzt  sich  also  darauf  zu,  ob  der  gegenwärtige ­
  Preisstand  im  inneren  sich  schon  so  allgemein
und  so  gleichmäßig  dem  in  der  ausländischen  Währung
zum  Ausdruck  kommenden  gesunkenen  äußeren  Geldwert ­
  angepaßt  hat,  daß  es  richtiger  wäre,  diesen  nicht  wieder
auf  den  früheren  Stand  zu  heben.  Ist  das  nicht  anzunehmen,  ist
festzustellen,  daß  viele  und  wichtige  Preise  und  Einkommen  sich
noch  nicht  dem  neuen,  niederen  Geldwert  angepaßt  haben,  so  wird
eine  Wiederherstellung  der  Valuta  zweckmäßiger  sein,  d.  h.  die
dafür  nötigen  Opfer  und  Schwierigkeiten:  Zurückschraubung  der
gestiegenen  inländischen  Preise  und  Einkommen  und  Aufwendung
von  viel  Arbeit  für  den  Export  wird  die  Volkswirtschaft  zweckmäßigerweise ­
  auf  sich  nehmen  müssen.  Es  ist  nun  kein  Zweifel,
daß  eine  gleichmäßige  Erhöhung  aller  Preise  und  Einkommen,
ein  allgemeine  Anpassung  an  den  gesunkenen  Geldwert  sich  noch
keineswegs  vollkommen  vollzogen  hat.  Wenn  irgend  möglich,  sollte
man  daher  versuchen,  die  alte  Parität  der  Valuta  anderen  gegenüber ­
  wiederherzustellen,  eine  Aufgabe,  deren  Durchführung  also
von  der  Art  der  Währung  ganz  unabhängig  ist.  Nur  ist  dabei
zu  berücksichtigen,  daß  unter  den  heutigen  Verhältnissen  in  Deutschland ­
  neben  den  anderen  Mitteln  auch  eine  Zurückschraubung  der
Preise,  wenn  auch  nicht  unbedingt  auf  den  früheren  Stand,  die
Voraussetzung  und  das  Mittel  dafür  ist,  unserer  Valuta  ihre  alte
Parität  den  anderen  gegenüber  wiederzugeben.
        <pb n="178" />
        Zehntes  Kapitel
Die  Zukunft  der  Goldwährung?

haben  bisher  gesehen,  daß  eine  Hebung  unserer  Valuta
auf  den  früheren  Stand,  wenn  sie  überhaupt  möglich,  jedenfalls ­
  von  der  Rückkehr  zur  Goldwährung  unabhängig  ist,  ja  daß
eine  Verwendung  von  etwa  2  Milliarden  Mark  unseres  Goldbestandes, ­
  weit  entfernt,  ihr  zu  schaden,  sie  zweifellos  erheblich  erleichtern ­
  würde.  Eine  solche  Verwendung  unseres  Goldbestandes
ist  aber  nur  möglich,  wenn  wir,  einstweilen  wenigstens,  auf  die  Goldeinlösungspflicht ­
  der  Banknoten  im  inneren  Verkehr  verzichten
und  auch  die  doch  schon  außer  acht  gelassene  Vorschrift  der  Drittelsdeckung
  in  Gold  ausdrücklich  aufheben.  Ersteres  braucht  uns  gar
nicht  zu  beschäftigen;  wir  werden  zu  jenem  Verzicht  gezwungen.
Denn  solange  unsere  Valuta  so  gesunken  ist,  können  wir  an  die  Einlösung ­
  der  Banknoten  gar  nicht  denken,  es  müssen  also  die  Bcftimmungen
  über  ihre  Aufhebung  in  Kraft  bleiben.
Letzteres  aber,  die  formelle  Aufhebung  der  jetzt  schon  durchbrochenen ­
  Deckungsvorschriften,  sollte  gleich  nach  Friedensschluß
geschehen.  Das  wäre  der  richtige  psychologische  Moment,  diesen
notwendigen  Schritt  zu  tun.  Sobald  der  Friedensschluß  oder  auch
nur  ein  allgemeiner  Waffenstillstand  in  Aussicht  steht,  sollte  die
Regierung  einen  großzügigen  Feldzug  zur  Hebung  unserer  Valuta
einleiten.  Den»  wie  die  Erfahrung  mehrfach  gezeigt  hat,  spielen
psychologische  Gesichtspunkte  bei  der  Kursgestaltung  heute  eine
große  Rolle,  und  wenn  sie,  wie  oben  ausgeführt,  in  der  ersten  Kriegszeit ­
  für  uns  ungünstig  waren,  so  werden  sie,  sobald  auch  nur  ein
leidlicher  Friede  für  uns  in  Aussicht  steht,  zu  unseren  Gunsten
wirken.  Das  muß  durch  eine  geschickte  Geldpolitik  ausgenutzt  und
verstärkt  werden.  Wir  hüben  schon  mehrfach  bei  Friedensgerüchten
oder  Waffenstillstandsvorschlägen  ein  mehrprozentiges  Steigen
unserer  Valuta  erlebt.  Es  sollte  int  geeigneten  Moment  durch
180
        <pb n="179" />
        Devisenankäufe  seitens  der  Regierung  verstärkt  und  nachhaltig  gemacht ­
  werden.  Ist  dann  der  Friede  geschlossen  oder  in  sicherer
Aussicht,  so  sollte  die  Vorschrift  der  Drittelsdeckung  in  Gold  aufgehoben ­
  werden,  etwa  gleichzeitig  mit  anderen  Gesehen,  welche  die
einmalige  Vermögenssteuer  einführen,  vielleicht  die  Einziehung
einiger  Milliarden  Banknoten  während  der  nächsten  Jahre  in  Aussicht ­
  nehmen  u.  dgl.  Das  würde  dann  auf  die  Kaufkraft  unseres
Geldes  im  Inlande  und  auf  den  Stand  unserer  Valuta  im  Auslande ­
  nicht  den  geringsten  ungünstigen  Einfluß  ausüben.
Damit  wäre  die  Bahn  geschaffen  für  eine  möglichst  geschickte
Verwendung  von  etwa  2  Milliarden  Mark  unseres  Goldbestandes,
sei  es  zum  Ankauf  wichtiger  Rohstoffe,  sei  es  zur  Aufnah,ne  von
Krediten  im  Auslande,  mit  solche  zu  kaufen.  Weil  weite  Kreise
der  Bevölkerung  mangels  besserer  Belehrung  immer  noch  an  dem
Gedanken  der  Golddeckung  festhalten,  schlug  ich  seinerzeit  vor,  daß
auch  Schmucksachen,  Perlen  u.  dgl.  leihweise  der  Reichsbank  zur
Verfügung  gestellt  und  in  dem  Amfange  auch  zur  Golddeckung  der
Banknoten  eingerechnet  werden  sollten,  in  dem  Barren-  oder  Miinzgold
  zu  Ankäufen  ins  Ausland  ging.  Nachdem  man  das  nicht  durchgeführt ­
  hat  und  bis  Kriegsschluß  auch  kaum  sehr  große  Goldabgaben
mehr  vornehmen  wird,  wird  dieser  Vorschlag  gegenstandslos.  Ein
Versäumnis  aber  bleibt  es  jedenfalls,  solange  man  überhaupt
noch  wie  bisher  an  dem  Deckungsgedanken  festhält.  Dann  hätte
&amp;gt;nan  auch  alles  dafür  tun  sollen,  daß  das  Papiergeld  in  irgendeiner
Weise  wirklich  gedeckt  ist,  sowenig  auch  diese  Deckung  in  Wahrheit
für  seine  Kaufkraft  ausschlaggebend  ist.  Die  Vorschriften  über
Golddeckung  aber  beizubehalten,  innner  auf  sie  hinzuweisen,  dann
aber  die  tatsächliche  Durchführung  dieser  Vorschriften  ganz  offensichtlich ­
  außer  acht  zu  lassen,  ohne  die  Bevölkerung  darüber  aufzuklären, ­
  war  jedenfalls  das  verkehrteste.  Es  zeigt  sich  dabei  wieder
unsere  Anfähigkeit,  die  öffentliche  Meinung  zu  beeinflussen  und  zu
leiten.  Man  hat  in  dieser  Weise  das  Vertrauen  der  Bevölkerung
zu  einer  wohlgeordneten  Regelung  des  Geldwesens  ganz  unnötig
auf  eine  harte  Probe  gestellt.  Diese  Vogelstraußpolitik,  die  von
jeher  in  kritischen  Zeiten  der  Verwendung  der  Notenpresse  gegenllber
  üblich  war,  hat  viel  dazu  beigetragen,  wenn  jetzt  Bestrebungen
der  Produzenten,  den  reinen  Tauschhandel  unter  sich  mit  Ausschluß
des  Geldes  zu  organisieren,  sich  so  ausbreiten,  wodurch  alle  Lohnempfänger ­
  große  Nachteile  haben.

181
        <pb n="180" />
        Ob  nun  wirklich  unsere  leitenden  Persönlichkeiten  die  Entschlußfähigkeit ­
  besitzen,  den  größten  Teil  unseres  Goldbestandes
nach  dem  Kriege  in  dieser  Weise  zu  verwenden,  lasse  ich  dahingestellt.
Wenn  sie  nicht  überhaupt  den  Gedanken  a  limine  ablehnen,  was
ich  aber  aus  bestimmten  Gründen  nicht  vermute,  müssen  sie  sich
unbedingt  mit  den  wissenschaftlichen  Grundlagen  des  Problems
auseinandersetzen.  Die  Entscheidung  über  diese  Frage  wird  aber
erleichtert  durch  den  Amstand,  daß  an  eine  Wiedereinführung  des
Äauptgrundsatzes  der  Goldwährung,  der  Einlösungspflicht  der
Banknoten  in  Gold,  einstweilen  überhaupt  nicht  zu  denken  ist.
Die  Äebung  unserer  Valuta  ist  daher  jedenfalls  ohne  Goldwährung
durchzuführen  und  erst,  wenn  sie  gelungen  ist,  ist  eine  Wiedereinführung ­
  der  Goldwährung  überhaupt  möglich.  Dann  aber  ist
sie  ohne  Zweifel  in  normalen  Zeiten  nicht  mehr  nötig.  Daraus
ergibt  sich  der  ganze  Widersinn  des  Prinzips,  in  bloßen  Zahlungsmitteln ­
  Milliarden  festzulegen.
In  den  zahlreichen  Erörterungen,  die  im  letzten  Jahre  für  und
wider  die  „Entthronung  des  Goldes"  gepflogen  worden  sind,  haben
sich  die  Gegner  sehr  oft  auf  einen  falschen  Ausgangspunkt  gestellt:
Gelehrte,  indem  sie  auf  Grund  falscher  Theorien,  des  Metallismus,
und  aus  Ankenntnis  der  tauschwirtschaftlichen  Zusammenhänge,  der
Preis-  und  EinkomMensbildung,  prinzipiell  für  die  Beibehaltung
der  Goldwährung  eintraten;  Praktiker,  indem  sie  sich  von  eingelebten
  Ideen,  daß  ein  geordnetes  Geldwesen  nur  durch  Verknüpfung ­
  mit  dem  Golde  möglich  sei,  nicht  freimachen  konnten;
Verwaltungsbeamte  und  Juristen,  indem  sie  die  Frage  auswarfen,
ob  es  nötig  sei,  die  Bankgesetzgebung  zu  verändern.  Für  jeden
dieser  drei  Gesichtspunkte  könnten  charakteristische  Beispiele  angeführt ­
  werden.  Das  alles  ist  aber  nicht  der  Standpunkt,  den  mail
gegenüber  den  heutigen  Aufgaben  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens
einnehmen  darf.  Die  Frage  ist  vielmehr  ausschließlich  eine  solche
der  Politik:  ist  es  zweckmäßig,  die  Goldwährung  beizubehalten ­
  oder  sie  zu  verändern  oder  abzuschaffen?
Wird  letzteres  auf  Grund  aller  wissenschaftlichen  und  praktischen  Erwägungen ­
  als  zweckmäßig  anerkannt,  so  haben  das  Beharrungsvermögen ­
  oder  das  Trägheitsmoment  der  Wissenschaft,  die  eingelebten
Vorstellungen  des  Praktikers,  die  Gewöhnung  des  Juristen  oder  Verwaltungsbeamten ­
  an  einen  einmal  bestehenden  Zustand  keine  Berechtigung ­
  mehr.  Dann  muß  eben  auch  erkannt  werden,  daß  auch
182
        <pb n="181" />
        auf  diesem  Gebiete  alles  fließt,  daß,  was  man  gestern  noch  als  Ideal
und  unübertrefflich  ansah,  heute  veraltet  und  unzweckmäßig  sein
kann.  Die  Frage,  wie  schnell  es  abgeschafft  und  durch  Neues  erseht
werden  soll,  kann  dann  immer  noch  verschieden  beantwortet  werden.
Sache  der  Wissenschaft  ist  es  zunächst  nur,  den  Fortschritt  als  solchen
zu  erkennen  und  aufzuzeigen.
Dabei  ist  es  aber  verkehrt,  die  Frage  unserer  zukünftigen  Aufgaben ­
  auf  dem  Gebiete  des  Währungswesens  so  zu  stellen,  wie  es
meistens  geschieht:  soll  die  Goldwährung  „beibehalten"  oder  soll
sie  „abgeschafft",  „das  Gold  entthront"  werden,  wie  man  poetisch
sagt.  Aus  verschiedenen  Gründen  ist  das  eine  falsche,  mit  bloßen
Schlagworten  arbeitende  Fragestellung.  Denn  einmal  ist  „die
Goldwährung"  schon  abgeschafft,  es  käme  also  höchstens  in  Frage,
ob,  richtiger  in  welchem  Amfange  man  sie  wieder  einführen ­
  solle.  Ferner  aber  ist  „Goldwährung"  nur  ein  Schlagwort,
eine  Zusammenfassung  verschiedener  und  sehr  verschiedenartig  zu
beurteilender  staatlicher  und  wirtschaftlicher  Maßnahmen,  unter
denen  vor  allem  vier  von  Bedeutung  sind:  die  freie  Goldausprägung, ­
  die  Deckung  der  Banknoten  in  Gold,  die
Einlösungspflicht  derselben  in  Gold  und  die  Goldzirkulation. ­
  Wesentlich  von  diesen  vier  Grundsätzen,  die  man  unter
dem  Begriffe  Goldwährung  zusammenfaßt,  ist  eigentlich  nur  die
Einlösungspflicht.  Aber  gerade  sie  ist  durch  die  betreffenden
Gesetze  keineswegs  sichergestellt,  da  alle  sich  mit  einer  nur  teilweisen
  Deckung  der  ausgegebenen  Noten  durch  Gold  begnügen.
Sie  wird  daher  auch  stets  zuerst  aufgehoben.  Von  jenen  vier  Grundsätzen ­
  besteht  daher  heute  faktisch  nur  noch  die  Deckungsvorschrift,
b'e  bei  uns  auf  Drittelsdeckung  geht,  aber  auch  schon  durch  die
Vermehrung  der  Banknoten  stillschweigend  außer  acht  gelassen ­
  wurde.
Wenn  also  von  Abschaffung  der  Goldwährung  keine  Rede
wehr  sein  kann,  weil  sie  nicht  mehr  besteht,  so  kann  die  Frage:
welcher  von  jenen  vier  Grundsätzen  soll  eventuell  wieder  eingeführt ­
  werden?,  für  jeden  von  ihnen  sehr  verschieden  beantwortet
werden,  ganz  abgesehen  von  der  Frage,  welcher  von  ihnen  wieder
"«geführt  werden  kann.  Was  zunächst  die  Gold  Zirkulation  im
inneren  Verkehr  betrifft,  so  werden  wir  uns  in  Zukunft  diesen
-srxus  nicht  mehr  leisten  können.  Schon  vor  dem  Kriege  hat  ja
die  Reichsbank  mit  Recht  unter  der  Devise:  das  Gold  gehört  in
183
        <pb n="182" />
        die  Reichsbank,  auf  die  Lerausziehung  des  Goldes  aus  dem  Verkehr ­
  hingewirkt.  Schon  um  die  Bevölkerung  an  den  Gedanken  zu
gewöhnen,  daß  der  Wert  des  Geldes  nicht  auf  dem  Golde  beruhe
und  daß  nicht  nur  die  Goldmünzen  Geld  und  alles  andere  nur
„Geldsurrogate"  sind,  wie  auch  die  Wissenschaft  bis  vor  kurzein
noch  glaubte,  muß  man  auf  Goldmünzen  verzichten.  Die  Zehnund ­
  Zwanzigmarkstücke  können  durch  Papier,  sehr  wohl  aber  auch
durch  Scheidemünzen  ersetzt  werden.
Ebenso  muß  aber  der  zweite  Grundsatz  der  Goldwährung,
die  freie  Goldausprägung,  beseitigt  werden.  Man  könnte
zwar  sagen,  daß  nach  dem  Kriege  einstweilen  keine  Gefahr  drohe,
daß  wir  mit  Gold  überschwemmt  werden.  Aber  trotzdem  erscheinr
es  erwünscht,  daß  wir  ausdrücklich  durch  einen  Akt  der  Gesetzgebung
erklären,  daß  wir  in  Zukunft  die  Entscheidung  darüber,  ob  die
Notenbank  oder  das  Reichswährungsamt  Gold  ankaufen  soll,
dem  jeweiligeil  Ermessen  der  Regierung  überlassen  und  daß  nienland
mehr  das  Recht  hat,  gegeir  Goldablieferung  Banknoten  zu  verlangen. ­
  Wir  zeigen  damit  auch  beit  neutralen  Ländern,  die  sich
jetzt  sehr  zu  ihrenr  Schaden  mit  Gold  haben  überschwemmen  lassen,
daß  wir  es  hinfort  incht  mehr  dem  Auslande  überlassen  wollen,
durch  Goldzufuhr  aus  die  inländische  Preisbildung  einzuwirken,  uird
daß  wir  jene  Maßregel,  als  ausschließlich  im  Interesse  der  Goldproduktionsländer
  liegend,  in  Zukunft  unterbinden.
Auch  alle  Vorschriften  über  die  Deckung  des  inländischen
Papiergeldes  durch  Gold  haben  in  Zukunft  wegzufallen.  Wer
es  noch  nicht  wrlßte,  den,  zeigte  die  Erfahrung,  sogar  unter  den  ungünstigsten ­
  Verhältnissen,  wie  sie  im  Weltkriege  vorlagen,  daß  ein
Papiergeld,  lvenn  es  nur  incht  uferlos  vermehrt  wird,  auch  ohire
Deckung  vollkommenes  Vertrauen  genießt  und  seinen  Wert  behält.
In  geordneten  wirtschaftlichen  Zuständen  ist  das  natürlich  noch  viel
mehr  der  Fall.  Wenn  man  will,  so  kann  inan  trotzdem  Vorräte
an  gewisseil  Rohstoffen,  die  die  Regierung  in  Zukunft  halten  sollte,
als  eine  Deckung  des  Papiergeldes  bezeichnen.  Viel  wichtiger  ist  aber,
daß  strenge  Vorschriften  gegen  Inflation,  gegen  jede  Geldvermehrung ­
  im  abstrakten  Sinne  unserer  obigen  Ausführungen  erlassen
werden,  also  Begrenzung  des  Papiergeldumlaufs,  Anpassung ­
  des  Vankilotenumlaufs  an  die  Steigerung  der  Erträge  im
Tauschverkehr,  eventuell  auch  Deckung  derselben  durch  Warenwechsel
aber  auch  Verhinderung  einerKreditaufblähung  durch  Finanzwechsel-184
        <pb n="183" />
        Bleibt  also  nur  noch  der  vierte  und  letzten  Endes  allein  wesentliche
  Grundsatz  der  Goldwährung,  die  Einlösungspflicht  der
Banknoten  in  Gold.  Sie  ist  ja  in  allen  kriegführenden  Ländern,
außer  England,  gleich  zu  Beginn  des  Krieges  durch  besondere
Gesetze  tatsächlich  aufgehoben  worden,  und  das  wird,  abgesehen  von
den  großen  Goldprodtlktioirsländern,  bei  einem  großen  Kriege  stets
der  Fall  sein  müssen,  solange  noch  neutrale  Staateir  den  Ansinn  der
freien  Prägung  und  den  heute  noch  üblichen  Goldhunger  beibehalten.
Dennoch  wäre  es  denkbar,  sowohl  eine  Einlösungspflicht  ausdrücklich ­
  wieder  einzuführen,  als  auch  ohne  ausdrückliche  Erklärung  eine
tatsächliche  Einlösung  vorzunehmen.  Aber  nur  mit  gewisseil  Beschränkungen ­
  und  nur  für  den  ausländischen  Verkehr.  Wenn
bei  der  „Spitzenausgleichung",  von  der  wir  oben  gesprocheir  habeil,
ein  Land  unbedingt  Gold  haben  will,  so  mag  die  Reichsbank  für
diese  Zwecke  Gold  abgeben,  aber  nur  in  Barren  und  fremden  Goldmünzen ­
  und  nur  in  gewissen,  nicht  zu  nieder  bemessenen  Beträgen.
Aber  keine  Einlösbarkeit  der  Banknoten  im  Iillande  gegen  Goldinünzen,
  die  überhaupt  nicht  mehr  geprägt  werden!  Das  ist  schon
die  Konsequenz  der  aufgehobenen  Golddeckrmg.  Es  würde  aber
gar  keilte  Schwierigkeiten  machen,  die  Normen  zu  schaffen,  welche
eine  Spitzenausgleichung  auch  in  Gold  ermöglichen,  falls  das  Ausland ­
  solches  haben  will.  Dazu  würde  ein  Goldvorrat  von  200  bis
300  Millionen  Mark  vollkommen  ausreichend  sein,  wahrscheinlich
würde  ein  um  vieles  geringerer  Goldbestand  genügen.  Denn  das
Auslaird  &amp;gt;vird  sehr  bald  dahinterkommen,  daß  es,  nanrentlich  in
normalen  Zeiten,  sehr  viel  bequenrere  Ausgleichsmittel  gibt  als
Gold.  Dafür  kommen  vor  alleril  Devisen  und  internationale  Effekten
in  Betracht.  Letztere  gibt  es  in  großer  Zahl,  von  Devisen  aber
wären  natürlich  nicht  die  solcher  Länder  zri  halten,  mit  denen  man
leicht  in  Krieg  kommeil  kann,  sondern  die  neutraler  Staaten,  die
iiberhaupt  nach  dem  Kriege  wohl  noch  für  längere  Zeit  größere
Bedeutung  gewinnen  werden.  Wir  werden  davon  gleich  noch  zu
sprechen  haben.
Die  Frage:  Gold-  oder  Papierwährung  ist  also  einseitig  und
falsch  gestellt.  Es  sind  zwei  bloße  Schlagworte,  in  gewisser  Äinsicht
  Extreme,  zwischen  denen  es  inancherlei  Abergangsstufen  gibt.
^un  empfehle  ich  zunächst  keineswegs  den  Übergang  zur  reinen
Papierwährung,  aber  wir  können  doch  die  gegen  sie  angeführten
Gründe  einmal  untersuchen  und  wollen  daran  die  Betrachtung
185
        <pb n="184" />
        der  Gründe  anschließen,  welche  für  die  Beibehaltung  bzw.  die
Wiedereinführung  der  Goldwährung  beigebracht  werden.  Wir
können  sie  in  fünf  Gruppen  einteilen:  1.  Die  Gefahr  von  Mißbräuchen ­
  des  Staates  bei  reiner  Papierwährung.  2.  Die  Valuta
ist  nicht  stabil  zu  halten.  3.  Die  Kostspieligkeit  der  Goldwährung
ist  nicht  von  erheblicher  Bedeutung.  4.  Die  Abkehr  von  ihr  können
wir  nicht  einseiüg  vornehmen.  5.  Wir  dürfen  uns  nicht  außerhalb
der  auf  der  Goldwährung  beruhenden  internationalen  „Zahlungsgemeinschaft" ­
  stellen.
1.  Von  verschiedenen  Seiten,  wird  betont,  die  Papierwährung ­
  gäbe  keine  Sicherheit  gegen  Mißbräuche  von
seiten  des  Staates.  Dabei  wird  natürlich  mit  Behagen  auf
zahllose  Beispiele  aus  der  Geldgeschichte  hingewiesen,  daß  die
Regierungen  in  kritischen  Zeiten  regelmäßig  die  Notenpresse  benäht ­
  haben,  um  sich  neue  Einnahmequellen  zu  verschaffen.  Mit
der  Papierwährung,  so  sagt  man,  werde  die  ganze  Gestaltung  der
Preise  in  die  Lände  derjenigen  gelegt,  die  die  politische  Macht  in
Länden  haben,  die  Abhängigkeit  des  Geldwesens  von  politischen
Interessengruppen  sei  aber  unerträglich.
Diese  Auffassung  hat  eine  gewisse  Berechtigung  einer  bestimmten
  nominalistischen  Theorie  gegenüber,  der  sog.  staatlichen
Theorie  Knapps,  welche  das  Geld  nur  als  ein  „Geschöpf  der
Rechtsordnung"  auffaßt  und  demgemäß  bei  ihrer  praktischen  Anwendung, ­
  vor  der  sich  allerdings  Knapp  selber  immer  wohlweislich
gehütet  hat,  den  Einfluß  des  Staates  auf  das  Geldwesen  übertreiben ­
  muß.  So  will  z.  B.  einer  seiner  Anhänger,  Alfred
Schmidt-Essen:  „Nationale  Währungspolitik.  Los  von
England!"  (Dresden  und  Leipzig  1917)  „den  Staat  an  Stelle
des  Edelmetalls  in  den  Mittelpunkt  der  Betrachtung  des  Geldwesens ­
  rücken",  weil  „Knapp  die  politischen  und  administrativen
Grundlagen  des  heutigen  Geldwesens  nachgewiesen  habe",  und  er
verlangt  daraufhin  eine  „nationale  Währungspolitik"!  Aber  die
Funktionen  des  Geldes  im  Mechanismus  des  Tauschverkehrs,  die
es  zu  erkennen  gilt,  lassen  sich  mit  der  Berufung  auf  den  Staat
niemals,  sie  lassen  sich  nicht  politisch  und  administrativ,  wie  der
Listoriker  Knapp  es  versuchte,  sondern  sie  lassen  sich  nur  ökonomisch
erklären,  wozu  sich  bei  Knapp  nicht  die  geringsten  Ansähe  finden.
Ferner  aber  hat  die  Einwirkung  des  Staates  auf  das  Geld  so  oft,
und  in  mancher  Linsicht  auch  noch  im  Weltkriege,  infolge  un-188
        <pb n="185" />
        genügender  Einsicht  versagt,  daß  man  es,  wie  ich  schon  in  „Geld
und  Gold"  ausführte,  an  sich  den  Metallisten  nicht  verdenken
konnte,  wenn  sie  hofften,  durch  Bindung  an  ein  nicht  beliebig  wermehrbares
  Naturprodukt  der  Geldvermehrung  Schranken  anzulegen. ­
  Nur  hat  sich  gezeigt,  was  die  blinden  Anhänger  der  Goldwährung ­
  leider  noch  nicht  erkennen  wollen,  daß  das  einseitig  im
Interesse  der  Goldproduktionsländer  war,  während  in  allen  anderen
Staaten  die  Schutzwehr  der  Goldwährung  in  kritischen  Zeiten
regelmäßig  aufgehoben  wurde.  Denn  es  ist  kein  Zweifel,  daß  auch
England  nicht  die  Einlösung  seiner  Banknoten  hätte  aufrechterhalten ­
  können,  wenn  es  nicht  etwa  zwei  Drittel  der  jährlichen
Goldproduktion  in  seinen  Kolonien  gewönne.
So  einfach  ist  also  die  Aufgabe  nicht,  daß  man  nur  den  Staat
an  die  Stelle  des  Goldes  zu  sehen  brauchte.  Denn  vom  Staate
ist,  aber  infolge  ungenügender  Kenntnis  der  tauschwirtschaftlichen
Zusammenhänge,  aller  Mißbrauch  des  Geldwesens  ausgegangen.
Auf  der  anderen  Seite  aber  wäre  es  kurzsichtig,  einfach  wieder
zur  Goldwährung  sobald  als  irgend  möglich  zurückzukehren  und  sich
damit  wieder  der  Herrschaft  Englands  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens ­
  zu  unterwerfen.  Nur  ein  gedankenloses  und  verknöchertes
Festhalten  am  Bestehenden  kann  das  fordern.  Die  Wissenschaft
aber  hat  die  ungeheuer  wichtige  Aufgabe,  die  falschen  Theorien
nachzuweisen,  von  denen  der  Metallismus  ausgegangen  ist.  Ist
einmal  die  richtige  Einsicht  in  das  Wesen  und  die  Funktionen  des
Feldes  in  den  maßgebenden  Kreisen  verbreitet,  so  ist  es  auch  nicht
schwierig,  Gesetze  zu  machen,  welche  einem  Mißbrauch  der  Notenpresse ­
  durch  den  Staat  viel  schärfere  Schranken  setzen  als  selbst
die  Goldwährung,  deren  diesem  Zwecke  dienende  Borschriften,  wie
gesagt,  in  kritischen  Zeiten  regelmäßig  außer  Kraft  gesetzt  werden.
Man  verhindere  also  die  Ausgabe  von  Banknoten  auf  Finanzwechsel ­
  des  Staates,  verhindere,  wie  wir  es  gezeigt  haben,  auch
iede  über  die  Steigerung  der  Erträge  hinausgehende  Anspannung
öc «  Kredits  und  sorge  überhaupt  für  eine  schärfere  Trennung  des
Geldwesens  vom  Staatskredit.  In  normalen  Zeiten  liegt  nun
iiir  den  Staat  oder  irgendeine  Interessengruppe  keinerlei  Verblassung ­
  vor,  auf  einmal  Milliarden  neuen  Papiergeldes  in  Verehr ­
  zu  setzen.  In  kritischen  Zeiten  aber  sind  die  Grundsätze  der
Goldwährung,  die  das  verhindern  sollen,  wie  gesagt,  regelmäßig
'wßer  Kraft  gesetzt  worden  und  können  auch,  abgesehen  von  den
187
        <pb n="186" />
        großen  Goldproduktionsländern,  ihrem  Wesen  nach  nicht  bestehen
bleiben.
Doch  ist  bei  richtiger  Einsicht  in  das  Geldwesen  eine  nach  unseren
Gesichtspunkten  schädliche  Geldvermehrung,  also  eine  Inflation,
sowohl  in  guten  wie  in  schlechten  Zeiten  wohl  zu  verhindern.  Es
kann  eine  Maximalgrenze  des  Papiergeldes  festgesetzt  sein,  ftir
seine  Vermehrung  strenge  Anpassung  an  die  Erträge,  es  kann  auch
Deckung  durch  gute  Warenwechsel,  eventuell  auch  durch  wichtige
Rohstoffe  vorgeschrieben  werden.  Die  gesetzgebenden  Körperschaften
werden  bei  besserer  Einsicht  in  das  Geldwesen  nicht  so  leicht  geneigt ­
  sein,  Erhöhungen  der  Papiergeldausgabe  zu  bewilligen,  wie
das  noch  im  Weltkriege  in  manchen  Ländern  der  Fall  war.
Jedenfalls,  schlechte  Erfahrungen  mit  dein  Papiergelde  in  der
Vergangenheit  beweisen  nichts  für  die  Zukunft.  Denn  wenn  die
Einsicht  in  das  Geldwesen  gewachsen  ist,  so  kann  und  darf  man
so  viel  Vertrauen  zu  einem  geordneten  Staatswesen  haben,  daß  es
das  Papiergeld  nicht  uferlos  vermehrt.  Die  Gesetzgebung  kann
unbedingt  Kautelen  dagegen  schaffen,  daß  diese  Vorschriften  in
kritischen  Zeiten  nicht  alsbald  außer  Kraft  gesetzt  werden.  Außerdem ­
  aber  müßte,  wie  gesagt,  überhaupt  die  Ordnung  des  Geldwesens ­
  voni  Staatskredit  schärfer  getrennt  sein.
2.  Von  größerer  Bedeutung  ist  das  zweite  Argument,  das
gegen  eine  reine  Papierwährung  und  für  die  Wiedereinführung
der  Goldwährung  geltend  gemacht  wird:  nur  durch  sie  sei
unsere  Währung  stabil  zu  erhalten.  Es  ist  das  ein  Argument, ­
  das  insbesondere  von  Praktikern  geltend  gemacht  wird,  die
ein  großes  Interesse  an  geringen  Schwankungen  der  Valuta  int
Auslande  haben.  Aber  die  Begründung  fußt  ganz  in  dem  Gedankenkreise ­
  des  Metallismus,  der  unserer  Kaufmannschaft  eben
jahrzehntelang  durch  Wissenschaft  und  Praxis  eingehämmert
worden  ist.
Äören  wir  eine  solche  Stimme  aus  der  neuesten  Zeit,  die
diesen  Gedankengang  besonders  klar  ausspricht;  E.  Fitger  sagt
in  der  „Deutschen  Wirtschaftszeitung"  vom  1.  Februar  1917:
„Papiergeld,  das  nicht  durch  die  stete  Einlösbarkeit  in  Gold  a»
den  (!)  Goldwert  (der  bekannte  Irrtum  eines  absoluten  Goldwertes!) ­
  gekettet  ist,  schwankt  wild  auf  und  ab,  selbst  in  Staaten,
auf  deren  Zukunft  ein  hohes  Vertrauen  ruht...  Selbst  in  dem
soliden  Deutschland  hat  die  Unterbrechung  der  Einlösbarkeit  der
188
        <pb n="187" />
        Banknoten  ihren  Wert  gegen  Goldmünzen  und  gegen  neutrale
Währungen  um  40  Prozent  verringert.  Wenn  Deutschland  die
Goldwährung  abschaffte,  würde  der  Wert  des  Papiergeldes  den
wildesten  Sprüngen  ausgesetzt  sein;  fremde  Markwechsel  auf  Deutschland ­
  würden  nur  zu  den  denkbar  schlechtesten  Kursen  loszuwerden
sein.  Wer  in  Deutschland  fremde  Devisen  kaufen  wollte,  inüßte
abenteuerliche  Preise  anlegen  (das  muß  er  heute  trotz  unseres
Goldschatzes  von  über  2,5  Milliarde!:!).  Jedenfalls  könnte  er
keiner  Warenkalkulation  ein  festes  Verhältnis  zwische::  der  eigenen
und  der  fremden  Währung  zugrunde  legen.  Der  Exporteur  könnte
es  ebensowenig;  wenn  inan  ihm  den  Erlös  aus  seiner  Sendung
in  fremden  Devisen  remittierte  (oder  wenn  er  dafür  Markwechsel
in:  Auslande  kaufte),  so  wäre  es  ein  reines  Lotteriespiel,  was  an
Reinertrag  herauskänie.  Bald  würden  sich  Bankhäuser  einfinden,
die  ein  Geschäft  daraus  inachten,  die  Devisen  wie  Spreu  im  Winde
auf-  und  abzuwerfen."
Das  alles  ist  durchaus  unzutreffend  und  ivird  nicht  in:  geringste,: ­
  begründet.  Schon  vor  den:  Weltkriege  hat  es  geimg  Länder
gegeben,  die  ohne  großen  Goldschatz  und  ohne  Einlösungspflicht
der  Banknoten  in  Gold  eine  durchaus  geordnete  und  stabile  Währung ­
  hatten.  Jene  Behauptunge,:  beruhen  auf  der  schoi:  in:  vorigen
Kapitel  behandelten  irrigen  Auffassung  iiber  die  Funktion  des
Goldes  bei,::  internationalen  Zahlungsausgleich,  ferner  natürlich
auf  dem  alte,:  metallistischen  Irrtum  der  Eigenschaft  des  Goldes
als  internationaler  Wertmesser  und  als  Preisausdrucksmittel.
Gegen  Banknoten  jederzeit  Gold  bekommen  zu  können,  nützt,  &amp;gt;vie
gesagt,  nur  den  Goldproduktionsländern.  Der  Preis  des  Goldes
ist  nur  deswegen  stabil,  :veil  es  zu  festen  Preisen  eingekauft  wird.
Diese  Bestimmung  inacht  aber  die  anderen  Warenpreise  in  nichts
stabiler.  Im  Gegenteil  würde  es  bei  völliger  Einsicht  des  Staates
'N  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  ohne  Goldwährung,  d.  h.  ohne
Öeic  Prägung,  eher  nröglich  sein,  ein  wertstabiles  Geld  zu  schassen,
^  h.  Preisveränderungen  von  der  Geldleite  her  auszuschalten.
Doch  sind  dahin  gehende  Vorschläge  noch  ganz  ungenügend  begründet, ­
  sie  beruhen  auf  Unkenntnis  der  Beziehungen  zwischen
kreisen  und  Einkominen  (daß  die  Einkommen  die  Güte:  kaufen)
und  überschätzen  gewaltig  die  Bede::tui:g  der  Ausrechnung  eines
durchschnittliche,:  Preisniveaus,  welches  die  Grundlage  für  die
Gtabilitätsmaßnahmen  bildet.  Sie  sind  einstweilei:  als  gä,:zlich
189
        <pb n="188" />
        utopisch  und  nicht  auf  wissenschaftlicher  Begründung  beruhend  zu
bezeichnen.
Jedenfalls  ist  die  Stabilität  einer  Valuta  durch  andere  Mittel
geradesogut  zu  erreichen  wie  durch  Gold.  Denn  daß  jemand,  der
eine  Forderung  auf  Deutschland  hat,  ausgerechnet  nur  Gold  gebrauchen ­
  könnte,  das  wird  kaum  je  vorkommen.  In  fast  aller;
Fällen  werden  irgendwelche  Devisen  oder  Effekten  für  ihn  leichten
verwertbar  sein  als  das  Lin--  und  Lertransportieren  von  Gold.
Aber  wie  gesagt,  empfehle  ich  zunächst  gar  keine  reine  Papierwährung, ­
  obwohl  wir  sicherlich  einmal  dazu  kommen  werden.
Aber  solange  der  Goldglaube  noch  so  eingewurzelt  ist  und  wir
einmal  so  viel  Gold  gekauft  haben,  können  wir  natürlich  auch  einer;
nicht  zu  großen  Teil  davon  für  solche  Fälle  zurückhalten,  daß
jemand  im  auslärrdischen  Verkehr  durchaus  in  Gold  bezahlt  haben
will.  Wir  könnten  also  wohl  später  einmal,  wenn  die  Parität
wieder  hergestellt  ist  und  ruhigere  Zustände  auf  dem  Weltmarkt
eingetreten  sind,  eine  Goldeinlösung  für  unsere  Banknoten,  aber
natürlich  nicht  für  die  die  Hauptmasse  unseres  Papiergeldes  ausmachenden ­
  Staatsnoten,  mit  gewissen  Einschränkungen  (nur  in
Barren  oder  ausländischen  Münzen,  nur  bis  zu  einem  gewissen
Betrage  täglich,  nur  an  bestimmte  ausländische  Banken  u.  dgl.)
wieder  einführen.  Doch  unterliegt  es  gar  keinem  Zweifel,  daß
wenn  wir,  was  wir  müssen,  unsere  Valuta  ohne  die
Goldwährung  wieder  heben  können,  sie  auch  ohne  eine
solche  stabil  erhalten  können.  Valutaspekulationen  entwickeln ­
  sich  immer  erst,  wenn  ein  starkes  Schwanken  der  Valuta
aus  anderen  Gründen  schon  eingetreten  ist,  sie  können  aber  selbst
dann  ohne  Schwierigkeiten  verhindert  bzw.  ihr  die  Schwankungen
verstärkender  Einfluß  kann  ausgeschaltet  werden.
3.  Ein  drittes  Argument  zugunsten  einer  Wiedereinführung
der  Goldwährung  ist  die  Behauptung,  daß  bei  der  Größe  unseres
Volksvermögens  von  sicher  über  300  Milliarden  Mark  der  Betrag ­
  von  3  bis  3,5  Milliarden  Mark,  den  uns  die  Goldwährung ­
  kostet,  doch  keine  so  große  Rolle  spielt,  zumal
sich  die  Anschaffungskostcn  für  dieses  Gold  auf  Jahrzehnte  verteilt ­
  hätten.  Wir  hätten  diese  Kosten  als  Sicherungsmittel  M
unsere  Währung  in  Kauf  nehmen,  müssen.  Run  habe  ich  schon  in
„Geld  und  Gold"  zugegeben,  daß  seinerzeit  bei  der  Gründung  des
Rerches  die  Goldwährung  in  irgendeiner  Form,  jedoch  unter
190
        <pb n="189" />
        keinen  Amständen  die  freie  Goldausprägnng,  wohl  notwendig  war,
um  aus  der  Papierwirtschaft  früherer  Zeiten  herauszukommen.
Ich  sagte,  daß  ihre  Kosten  eine  Art  von  Buße  waren,  die  die  ineisten
Volkswirtschaften  für  die  frühere  schrankenlose  Benützung  der
Notenpresse  durch  den  Staat  bezahlen  mußten.  Die  Goldwährung
entsprach  der  damaligen  Einsicht  in  das  Geldwesen  und  war  damals
ein  erheblicher  Fortschritt.  Aber  sie  ist  keineswegs  ein  Ideal  und
darf  daher  nicht  mehr,  wie  dies  bisher  auf  Grund  ungenügender
Kenntnis  der  wirtschaftlichen  Zusammenhänge  immer  geschehen  ist,
der  Bevölkerung  als  ein  solches  hingestellt  werden,  um  so  weniger,
als,  wie  die  Erfahrung  jetzt  gezeigt  hat,  sic  ihren  Hauptzweck,  der
Allmacht  des  Staates  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens  Naturgrenzen
  zu  setzen,  nicht  erfüllt  hat,  weil  der  Staat  die  dafür  entscheidenden ­
  Bestimmungen  in  kritischen  Zeiten  regelmäßig  aufhob.
Kommt  noch  hinzu,  daß  sie  auch  nach  dem  Frieden  gar  nicht  sogleich ­
  wieder  eingeführt  werden  kann,  so  ergibt  sich  gerade  jetzt
die  Gelegenheit,  zu  prüfen,  ob  es  notwendig  ist,  überhaupt  wieder
zu  ihr  zurückzukehren,  wobei,  wie  gesagt,  zu  beachten  ist,  daß  es
sich  um  mehrere  verschiedenartig  zu  beurteilende  Bestimmungen
handelt.
Dabei  kommt  aber  doch  auch  in  Betracht,  daß  2  Milliarden
Mark  in  Gold  zum  Ankauf  wichtiger  Rohstoffe  nach  dem  Kriege
immerhin  keine  unbedeutende  Rolle  spielen,  vorausgesetzt,  daß  wir  sie
heute  überhaupt  noch  in  dieser  Weise  nützlich  verwenden  können.
Cs  sollten  aber  schon  längst  Abschlüsse  gemacht  sein,  sowohl  gegen
Lieferung  von  Waren  unsererseits,  als  auch  mit  dem  Versprechen
der  Goldzahlung.  England  soll  sich  in  dieser  Weise  schon  einen
großen  Teil  der  Rohstoffe,  die  es  nach  dem  Kriege  gebraucht,  fürlängere
  Zeit  gesichert,  vielleicht  auch  absichtlich  uns  entzogen  haben.
Geben  wir  dann  Gold  in  größerer  Menge  ab  —  es  brauchen
hoch  längst  keine  2  Milliarden  zu  sein  —,  so  wird  das  auf  die  geiamte
  Welt  einen  sehr  großen  Eindruck  machen,  und  erklären  wi&amp;gt;
gleichzeitig  unter  Angabe  der  Gründe,  daß  wir  es  in  Zukunft  der
Reichsbank  untersagen,  nach  dem  Belieben  des  Auslands  Gold
lu  unbegrenzter  Menge  anzunehmen  und  daß  wir  die  Entscheidung
darüber  in  jedem  einzelnen  Fall  dem  Reichswährungsamt  oder
Einer  besonderen  Kommission  vorbehalten,  so  werden  zahlreiche
neutrale  Staaten,  die  jetzt  mit  Gold  überschwemmt  worden  sind,
Es  ebenso  machen,  ihre  Münzen  der  freien  Prägung  sperren.  Wir
        <pb n="190" />
        werden  dann  vielleicht  unsere  2  Milliarden  Mark  Gold  gar  nicht
mehr  ganz  los  werden  —  denn  wenn  es  nicht  mehr  zu  Währungszwecken ­
  verwendet  wird,  wird  erst  recht  eine  Überschwemmung  mit
Gold  eintreten  —&amp;gt;  aber  das  schadet  nicht  allzu  viel,  England  und
Nordamerika  werden  dann  ihre  jährliche  Goldproduktion  von
nahezu  dem  gleichen  Betrage  ebenfalls  nicht  los  werden.  Der  Preis
des  Goldes  wird  sehr  stark  fallen,  weil  er  ja  nur  dadurch  trotz
beliebiger  Produktion  so  hoch  und  so  stabil  gehalten  wurde,  das;
die  Goldproduktionsländer  in  der  Lage  waren,  überallhin  beliebig
viel  abzusetzen.  Wie  in  so  vielen  Fällen  bei  den  Beziehungen  der
Völker  kommt  es  auch  hier  nur  auf  energisches  und  zielbewußtes
Auftreten  an.
4.  Damit  ist  auch  ein  anderer  Einwand  erledigt,  daß  wir  zur
„Abschaffung  der  Goldwährung"  ein  Einverständnis
mit  den  anderen  Staaten,  einen  „Antigoldbund"  herbeiführen ­
  müßten.  Ich  halte  das  stir  ganz  unnötig.  Das  Beispiel ­
  Deutschlands,  das  in  diesem  Kriege  so  viele  Beweise  seiner
Stärke  gegeben  und  so  viele  neue  Aufgaben  gelöst  hat,  wird  genügen,
um  viele  Staaten  in  dieser  ganz  harmlosen  Maßregel  der  Einstellung ­
  der  freien  Prägung  zur  Nachfolge  zu  veranlassen.  Damir
ist  aber  schon  die  erste  Bresche  in  den  internationalen  „Goldwahn"
geschlagen  und  die  widersinnige,  nur  englischem  Interesse  dienende
Bestimmung  beseitigt,  die  es  den  Goldproduktionsländern  ermöglicht, ­
  beliebig  viel  Gold  überall  abzusetzen.  Deshalb  geben  wir  ja
das  Beispiel,  obwohl  wir  zunächst  unserer  gesunkenen  Valuta
wegen  keine  Gefahr  laufen,  weiter  nrit  Gold  iiberschweinmt  zu
werden.  Aber  wir  wollen  den  anderen  Staaten  zeigen,  die  es  in;
Kriege  immer  noch  nicht  gelernt  haben,  daß  das  auch  nicht  in  ihrem
Interesse  liegt.  And  da  sie  doch  auch  schon  Beispiele  von  neutralen
Staaten  vor  Augen  haben,  werden  sie  sich  energischer  als  bisher
gegen  das  weitere  Einströmen  von  Gold  sträuben.
Wir  brauchen  also  gar  keine  Verschwörung  gegen  das  Gold,
sondern  es  werden  für  Gold  ganz  einfach  nur  die  gleichen  Verhältnisse ­
  hergestellt,  die  stir  alle  anderen  Waren  gelten,  daß  mit
größerem  Angebot  und  verminderter  Nachfrage  die  Preise  fallen.
Wo  soll  dann  die  jährliche  Goldproduktion  von  2  Milliarden  Mark
bleiben,  ohne  zu  einem  Preisfall  des  Goldes  zu  führen?  Der
Rückgang  der  Goldproduktion  wird  dann  für  England  die  gerechte
Strafe  dafür  sein,  daß  es  ibres  Goldes  wegen  seinerzeit  den  Raub-192
        <pb n="191" />
        zug  gegen  die  Burenstaaten  unternommen  hat.  Er  wird  mit  zum
Rückgang  von  Englands  wirtschaftlicher  Weltstellung  beitragen.
Irgendwelche  Vereinbarungen  der  nicht  an  der  Goldproduktion
interessierten  Staaten  liegen  übrigens  für  später  keineswegs  außer
dem  Bereiche  der  Möglichkeit,  aber  man  kann  es  den  kleineren
Staaten  überlassen,  dazu  den  Anstoß  zu  geben.  Deutschland  ist
stark  genug,  die  Beseitigung  der  freien  Prägung  zunächst  einmal
für  sich  allein  ausdrücklich  auszusprechen,  und  sein  Ansehen  ist  in
diesem  Kriege  mit  Recht  so  gewachsen,  daß  sein  entschiedenes  Vorgehen ­
  in  dieser  Hinsicht  von  höchster  Wirksamkeit  sein  wird.  Denn
weitaus  die  meisten  Staaten  haben  an  der  Goldwährung  gar  kein
Interesse,  und  wenn  Deutschland  sich  an  die  Spitze  dieser  Staaten
stellt  und  ihnen  das  Beispiel  gibt,  werden  sich  die  gleichen  Interessen
von  selbst  zusammenfinden.  Wenn  wir  zu  Ausgleichszwecken  statt
englischer  Devisen  solche  der  .Staaten,  mit  denen  wir  in  regem
.Handelsverkehr  stehen,  vor  allem  unseren  kleineren  Nachbarstaaten,
in  größerem  Amfange  halten,  wird  allein  dadurch  die  deutsche
Devise  auf  dem  Weltmarkt  schon  größere  Bedeutung  gewinnen.
Es  kommt  nur  darauf  an,  hier  einmal  energisch  Bahn  zu  brechen:
„Sobald  du  dir  nur  selbst  vertraust,  vertrauir  dir  auch  die  anderen
Seelen."  Aber  an  Selbstbewnßtsein  und  Selbstvertrauen  Fremden
gegenüber  hat  es  bisher  dem  deutschen  Michel  in  der  Regel  gefehlt.
Es  sollte  sich  jedoch  mehr  in  zäher  Vertretung  seiner  Ansprüche  und
Betonung  seiner  Leistungen  als  in  lautem  und  schneidigem  äußeren
Auftreten  geltend  machen,  unsere  Diplomaten  sollten  mehr  vom
Kaufmann  oder  Rechtsanwalt,  weniger  von:  Offizier  oder  Verwaltungsbeamten ­
  an  sich  haben.
5.  Ein  letztes  Argument  für  Beibehaltung  der  Goldwährung
sieht  mit  dem  Gesagten  in  engem  Zusammenhang.  Man  sagt,  es
sei  doch  unser  Bestreben,  daß  England  von  seiner  Stellung  als
Zahlungsvermittler  der  ganzen  Welt  verdrängt  werde,  und  das
könne  Deutschland  nur,  wenn  es  sich  nicht  außerhalb  des
Kreises  der  aus  der  Goldwährung  beruhenden  „Zahlungsgemeinschaft" ­
  der  wichtigsten  Länder  stelle.  Das
klingt  sehr  politisch,  beweist  aber  gar  nichts.  Denn  es  ist  weder
gesagt,  daß  deswegen  alle  Grundsätze  der  heutigen  Goldwährungen,
insbesondere  freie  Prägung  und  Einlösungspflicht  der  Banknoten
auftechterhalten  werden  müssen,  noch  auch,  daß  nicht  eine  Zahlungsgemeinschaft ­
  selbst  ganz  losgelöst  von  einer  Metallgrundlage  mög-L'efinann,
  Die  Geldvermehrung  im  Weltkrieg-  lS  £93
        <pb n="192" />
        lich  sei.  Jedenfalls  bleibt  die  Tatsache  bestehen,  daß  der  größte
Teil  aller  Länder  an  der  Aufrechterhaltung  der  Goldwährung  gar
kein  Interesse  hat,  und  wenn  es  gelänge,  sich  mit  allen  diesen  zu
einer  Zahlungsgemeinschaft  ganz  ohne  Goldausgleich  zusammenzuschließen, ­
  wozu,  wie  gesagt,  eine  faktische  Verabredung  gar  nicht
nötig  ist,  würde  eine  solche  fast  die  ganze  Welt  umfassen.  Aber
daran  denkt  als  Aufgabe  der  heutigen  Politik  natürlich  kein  vernünftiger ­
  Mensch.  Ich  habe  immer  betont,  daß,  wenn  man  will,
man  den  Ausgleich  der  „Spitzen"  im  internationalen  Verkehr  in
Gold  vornehmen  kann,  daß  man  aber  dazu  nur  wenige  hundert
Millionen  Mark  Gold  gebraucht,  welches  wir  uns  immer  werden
verschaffen  können,  daß  aber  auch  dieser  Ausgleich  ebensogut  oder
sogar  besser  in  anderer  Weise  vorgenommen  werden  kann  und  schon
vor  dem  Kriege  in  der  Regel  vorgenommen  wurde,  daß  jedenfalls
ein  darüber  hinausgehender  Goldschatz,  zumal  wenn  er  in  solchen
Zeiten  wie  den  gegenwärtigen  nicht  verwendet  wird,  ein  absoluter ­
  Luxus  ist.  Ich  habe  nur  behauptet,  daß  die  Goldeinlösungspsiicht
  der  Banknoten  unnötig  und  daß  die  freie  Prägung,  welche
es  den  Goldproduktionsländern  ermöglicht,  beliebige  Goldmengen
zu  einem  festen  Preise  überallhin  abzusetzen,  eine  nur  aus  Anverständnis ­
  beibehaltene  Maßregel  allein  zum  Nutzen  Englands  ist.
Das  ist  nirgends  widerlegt  worden.  Eine  Wiedereinführung  der
Goldwährung  mit  allen  ihren  Bestimmungen  nützt  uns  im  Wirtschaftskampfe ­
  mit  England  gar  nichts,  stabilisiert  nur  den  Zustand,
daß  es  eine  beliebig  große  Goldmenge  zu  festen  Preisen  überall
absetzen  kann  und  belastet  unsere  Volkswirtschaft  weiterhin  mit
überflüssigen  Kosten.
Die  Stellung  Englands  als  Weltzahlungsvermittler  zu  erschüttern ­
  ist  allerdings  eine  wichtige  Aufgabe  des  nach  dem  Kriege
unter  allen  Amständen  noch  fortdauernden  Wirtschaftskrieges.  Sie
wird  unsere  Vergeltung  sein  für  die  Vernichtung  unserer  ausländischen ­
  Handelsorganisation  in  fast  allen  Ländern,  die  eines
der  wesentlichsten  Kriegsabsichten  Englands  war  und  für  die  wir
auch  bei  dem  günstigsten  Friedensabschluß  keine  volle  Entschädigung
bekommen  werden.  Aber  mit  der  Goldwährung  hat  diese  Aufgabe
gar  nichts  zu  tun.  Es  ist  mir  daher  auch  niemals  eingefallen,  zu
behaupten,  daß  durch  die  Abwendung  von  der  Goldwährung  jene
Stellung  Englands  erschüttert  werden  könnte.  Denn  sie  beruht
nicht  auf  der  Goldwährung  —  das  ist  eine  ganz  falsche,  echt  me-194
        <pb n="193" />
        tallistische,  das  reale  Geld  überschätzende  Auffassung  —  sondern
auf  ganz  anderen  Faktoren.  Ich  habe  nur  behauptet  und  halte
daran  fest,  daß  wenn  die  Benutzung  des  Goldes  zu  monetären
Zwecken  eingeschränkt  und  besonders  das  nur  den  Goldproduktionsländern ­
  nützliche  Institut  der  freien  Prägung  abgeschafft  wird,
der  Preis  des  Goldes  stark  sinken  würde  und  ein  großer  Teil  der
Goldproduktion  nicht  mehr  rentieren  würde.  Das  aber  würde
England,  das  in  seinen  Besitzungen  ungefähr  zwei  Drittel  der
heutigen  Goldproduktion  der  Welt  gewinnt,  einen  sehr  schweren
Schlag  versetzen.
Die  Stellung  Englands  als  Weltzahlungsvermittler  aber  beruht ­
  auf  Umständen,  die  sich  schor:  sowieso  im  Weltkriege  sehr  zu
seinen  Angunsten  verschoben  haben.  Englands  Airteil  am  Frachtraum ­
  ur:d  an  der  überseeischer:  Transportvermittlung  ist  zugunsten
der  Vereinigten  Staaten,  Japans,  mancher  Neutraler  und  wohl
auch  Deutschlands  gewaltig  gesunken,  seine  Stellung  als  Weltbankier
  und  als  Gläubigerland  nicht  minder.  Auf  dieser  Grundlage
ist  es  allerdings  nicht  nur  bei  uns,  sondern  auch  in  allen  anderen
Ländern  eine  wichtige  Aufgabe,  dafür  zu  sorgen,  daß  der  auswärtige ­
  Lande!  nicht  alsbald  wieder  seine  alte,:  Gewohnheiten  aufnimmt ­
  ur:d  englische  Banken  als  Verrnittler  benützt.  Der  deutsche
Exporteur  muß  sich  vielmehr  gewöhnen,  nicht  mehr  auf  England
zu  ziehen,  der  deutsche  Importeur,  sich  nicht  mehr  mit  einem  Wechsel
auf  England  bezahlen  zu  lassen.  Sie  müssen  auch  ihre  auswärtigen
Geschäftsfreunde  dazu  veranlassen.  Das  mag  zunächst  ein  etwas
unbequernes  Abgeher:  vor:  alten  Gewohnheiten  bedeuten,  aber
unsere  Landelswelt  muß  so  patriotisch  sein,  sich  auf  diese  neuen  Gesichtspunkte ­
  einzustellen,  auch  wenn  der  einzelne  hier  und  da  ai:fa,:gs
dabei  einmal  etwas  weniger  verdient.  Konsequentes  Befolgen  der
nationalen  Gesichtspunkte  ist  hier  sehr  wichtig.  Das  Kapital  hat
hier  einmal  die  Gelegenheit,  die  sozialistischer:  Behauptungen  sei,:es
internationaler:  Charakters,  die  nicht  immer  so  ganz  ur:berechtigt
sind,  durch  die  Tat  zu  entkräften.
Dazu  ist  freilich  nötig,  daß  wir  Eii:richtungen  treffen,  um,
wenigstens  was  unseren  auswärtiger:  Landet  betrifft,  die  englische
Vermittlung  möglichst  auszuschalter:.  Daß  Amerika,  wie  es  vielleicht ­
  hofft,  dieses  Vermittlungsgeschäft  ganz  an  sich  reißen  werde,
ist  sehr  unwahrscheirüich,  un:  so  mehr,  je  mehr  es  selbst  die  Lasten
des  Krieges  zu  fühlen  bekommt.  Einen  überwiegenden  Mittel-Liefmann,
  Die  Geldvermehrung  im  Weltkriege  13*  195
        <pb n="194" />
        I  •  :  ?

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Punkt  des  Weltzahlungsverkehrs,  wie  es  vor  dem  Kriege  London
war,  wird  es  daher  vermutlich  nicht  mehr  geben,  wenn  auch  die
Stellung  Neuyorks,  die  ja  vor  dem  Kriege  schon  im  Wachsen  war,
an  Bedeutung  noch  weiter  gewinnen  wird.  Aber  ohne  Zweifel
werden  auch  die  kleineren,  wirklich  bis  ans  Ende  neutral  gebliebenen
Staaten  noch  für  längere  Zeit  nach  dem  Kriege  eine  größere  Nolle
als  Zahlungs--  und  Warenvermittler  spielen.  Es  ist  natürlich
auch  gar  nicht  erwünscht,  daß  Amerika  nun  einfach  an  die  Stelle
Englands  tritt.  Beider  Rivalität  wird  uns  vielmehr  unsere  Aufgabe ­
  erleichtern,  die  darin  besteht,  nicht  beide  zu  verdrängen,  sondern
uns  neben  sie  als  gleichberechtigter  Vermittler  zu  setzen,  wie  das
unserer  Lage  im  Lerzen  Europas  und  unserer  wirtschaftlichen  Stellung ­
  als  zweitgrößtes  Ein--  und  Ausfuhrland  entspricht.
Wir  müssen  daher  die  Errichtung  von  Auslandsbanken
mehr  pflegen,  und  namentlich  in  den  neutralen  Ländern  engere  Beziehungen ­
  zwischen  einigen  dortigen  und  unseren  großen  Banken
herbeiführen  und  dann  unsere  Ex--  und  Importeure  daran  gewöhnen,
sie  bei  ihren  Geschäften  zu  benutzen  und  auch  ihre  ausländischen
Geschäftsfreunde  dazu  veranlassen.  Die  Devisen  und  Effekten
dieser  Staaten  werden  daher  nach  dem  Kriege  im  internationaler!
Verkehr  voraussichtlich  eine  wachsende  Rolle  spielen.  Das  kann
uns  nur  ganz  erwünscht  sein,  da  alle  kleineren  Staaten  keineswegs
an  der  Goldwährung  interessiert  sind.  Da  wir  auch  sonst  wegen
rmserer  geographischen  Lage  und  aus  anderen  Gründen  der  natürliche ­
  Beschützer  der  kleineren  Nationen  sind,  würden  wir  damit
von  selbst  an  die  Spitze  einer  großen  Gruppe  von  Staaten  treten,
die  das  Bestreben  haben,  sich  auch  in  dieser  Linsicht  von  den  beiden
angelsächsischen  Weltreichen  unabhängig  zu  machen,  die  fast  allein
Interesse  an  der  Goldwährung  haben  und  sie  nach  dem  Kriege
noch  mehr  als  früher  zur  Aufrechterhaltung  und  Stärkung  ihrer
wirtschaftlichen  Machtstellung  benutzen  werden.  Auch  wäre  die
Errichtung  einer  großen  deutschen  Akzeptbank  in  Erwägung  zu
ziehen,  die  das  große  Londoner  Akzept--  und  Rembourskreditgeschäst
für  Deutschland  und  seinen  Handelsverkehr  übernehmen  könnte.
Vielleicht  könnte  sich  dieses  Institut  aus  der  obenerwähnten  Reichsdarlehensbank
  oder  im  Anschluß  an  sie  mit  staatlicher  Lilfe,  mit
staatlicher  Heranziehung  und  Organisation  des  privaten  Kapitals
für  diesen  Zweck  entwickeln.  Aus  dem  Gebiete  des  Kreditwesens
liegen  überhaupt  noch  große  Zukunftsaufgaben,  die  keineswegs
196
        <pb n="195" />
        nur  in  einer  Krediterweiterung  bestehen.  Sie  auch  nur  zu  erwähnen,
würde  hier  aber  zu  weit  führen.
Kehren  wir  vielmebr  zu  den  eigentlichen  Geldproblemen
zurück.  Ansere  Loslömng  vom  Golde  kann  im  Anschluß  an  die
heutigen  Währungsverhältnisse  Schritt  für  Schritt  erfolgen;  wir
sollten  den  Amstand,  daß  wir  im  Kriege  die  wichtigsten  Grundsätze
der  Goldwährung  aufgegeben  haben,  benutzen,  damit  den  Anfang
zu  machen.  Das  wird  dann  viele  andere  Staaten  zur  Nachfolge
veranlassen.  Wir  denken  uns  also  zunächst  eine  Golddevisenwährung. ­
  die  wir  von  der  sog.  Goldkernwährung  unter--scheiden.
  Diese  enthält  einen  direkten  Einlösungsfonds  für  Banknoten. ­
  jene  nicht.  Der  Goldbestand  dient  hier  nur  für  den  „Spitzenausgleich". ­
  Sie  ist  prinzipiell  Papierwährung,  d.  h.  Staatsnoten ­
  in  fest  begrenztem  Amfange  sind,  außer  Scheidemünze,  das
hauptsächliche  Amlaufsmittel.  Aber  es  zirkulieren  auch  Banknoten, ­
  welche  das  bewegliche  Element  darstellen,  die  in  erster  Linie
durch  gute  Warenwechsel  bankmäßig  gedeckt  werden,  aber  wenn
n,an  will,  auch  durch  wichtige  Rohstoffe,  von  denen  Vorräte  gehalten ­
  werden,  gedeckt  werden  können.  Diese  Banknoten  können
dem  Auslande  gegenüber  in  beschränkter  Weise,  wie  oben  angeführt, ­
  in  Gold  und  eventuell  in  anderen  Rohstoffen  eingelöst
werden  bzw.  für  solche  Stoffe  jederzeit  von  der  Reichsbank  zurückgenommen ­
  werden.  Ob  man  auch  die  Staatsnoten  in  irgendeiner
Weise  durch  Rohstoffe  „decken"  will,  ist  eine  nebensächliche  Frage.
Notwendig  ist  eine  solche  Deckung  in  einem  geordneten  Geldwesen
keineswegs,  wie  deutlich  wird,  wenn  man  nur  überhaupt  das  Wesen
und  die  Funktionen  des  Geldes  richtig  erkannt  hat.
Doch  unsere  erste  Aufgabe  ist,  wie  gesagt,  nicht  Abschaffung
oder  Wiedereinführung  der  Goldwährung,  sondern  Äebung
unserer  Valuta,  als  deren  Folge  sich  die  Möglichkeit  einer
Wiederherstellung  der  Goldwährung  überhaupt  erst  ergibt.  Daher
entschließe  man  sich  zunächst  einmal,  einen  großen  Teil  unseres
Goldbestandes  in  der  geschilderten  Weise  zum  Ankauf  wichtiger
Rohstoffe  nach  dem  Kriege  zu  verwenden.  Gleichzeitig  können  wir
erklären,  daß  wir  in  absehbarer  Zeit  zwar  eine  Goldeinlösung  der
Banknoten  im  ausländischen  Verkehr  wiederherstellen  wollen,  daß
wir  aber  die  Vorschriften  über  Golddeckung  und  das  Institut  der
freien  Prägung  ein  für  allemal  abschaffen,  da  Deutschland  es
ebensowenig  wie  England  nötig  hat,  den  Wert  seines  Geldes  durch
197
        <pb n="196" />
        einen  großen  Geldvorrat  zu  stützen.  Das  wird  sehr  großen  Eindruck ­
  in  der  Welt  machen,  ohne  unserer  Valuta  im  mindesten  zu
schaden,  besonders  nicht,  wenn  nach  unserem  Vorschlage  gleichzeitig ­
  eine  große  Abbürdung  unserer  Kriegsanleihen  vorgenommen
wird.  Alles  übrige  kommt  dann  von  selbst,  doch  muß  sich  die  Regierung ­
  natürlich  über  ihre  Aufgaben  und  Ziele  auf  diesem  Gebiete ­
  im  klaren  sein.
Nötig  ist  aber  ferner,  daß  auch  unsere  Erwerbskreise  rechtzeitig
darüber  aufgeklärt  und  unterrichtet  werden,  daß  in  einem  geordneten
Staatswesen  heutzutage  eine  Golddeckung  des  Papiergeldes  nicht
nötig,  daß  freie  Goldausprägung  ein  Anding  ist  und  daß  man  zur
Regelung  des  Zahlungsverkehrs  mit  dem  Auslande  mit  einein
sehr  geringen  Goldvorrat,  wenn  ein  solcher  überhaupt  nötig,  auskommt. ­
  Jene  Erkenntnis  darf  nicht  nur  eine  wissenschaftlich  konstatierte ­
  Tatsache  bleiben,  sondern  sie  muß  auch  in  die  Kreise
des  Erwerbslebens  eindringen.  Denn  wegen  der  engen
Verknüpfung  des  Geldwesens  mit  dem  Kreditwesen  hängt  für  die
Äebung  unserer  Valuta  und  eines  geordneten  Zahlungsverkehrs
mit  dem  Auslande  sehr  viel  von  dem  Vertrauen  weiter  Kreise
darauf  ab,  daß  die  Regierung  eine  richtige  Einsicht  in  die  Zusammenhänge ­
  des  Geldwesens  hat.  So  kurzsichtig  und  gedankenlos ­
  ist  aber,  wie  schon  gesagt,  heute  kaum  jemand  mehr  —  und  es
mußte  ja  auch  jeder  durch  die  Beobachtung  im  Kriege  eines  besseren
belehrt  werden  —&amp;gt;  zu  glauben,  daß  ein  großer  Goldbestand,  ja  selbst
eine  günstige  Deckungsquote  allein  schon  die  Sicherheit  eines  gün--stigen
  Valutastandes  gäbe.  Daß  der  Kurs  unserer  Valuta  nicht
davon  abhängt,  ob  wir  1  oder  2  Milliarden  Mark  Gold  mehr
haben,  daß  der  Glaube,  die  Kaufkraft  des  Geldes  hänge  von  seiner
Deckung  ab,  ein  Aberglaube  ist,  der  dem  Aberglauben  früherer
Zeiten  in  nichts  nachsteht,  das  müßte  allmählich  jeder  einsehen.
Oder  gibt  es  Leute,  die  glauben,  daß  nur  deshalb  unsere  Valuta
„nur"  40°/o  unter  Parität  steht,  weil  wir  noch  2,5  Milliarden
Gold  unbenützt  bei  der  Reichsbank  liegen  haben,  und  daß  sie  etwa
noch  mehr  gesunken  wäre,  wenn  wir  eine  Milliarde  rechtzeitig  zu
ihrer  Aufrechterhaltung  verwandt  hätten?
Aber  es  darf  sich  in  dieser  Frage  überhaupt  nicht  mehr,  wie
bisher,  um  ein  bloßes  Glauben  handeln,  ebensowenig  wie  um  bloße
Bezugnahme  auf  frühere,  aber  heute  nicht  mehr  maßgebende  Erfahrungen. ­
  Sondern  nur  die  wissenschaftliche  Erkenntnis  und
198
        <pb n="197" />
        Begründung  kann  uns  weiter  helfen.  Man  konnnt  dabei  freilich
um  ein  Eindringen  in  die  letzten  Fragen  der  Geldtheorie  und  noch
weiter  in  die  allgemeinsten  Grundlagen  der  Wirtschaftstheorie
nicht  herum.  Aber  das  ist  auch  ganz  selbstverständlich,  und  jeder,
der  nicht  fähig  ist,  sich  in  diese  allgemeinsten  Probleme,  aus  denen
allein  die  Auffassung  des  Geldes  begründet  werden  kann,  zu  vertiefen, ­
  sollte  sich  hüten,  zu  diesen  Fragen  im  einen  oder  anderen
Sinne  Stellung  51t  nehmen.  Jeder  sollte  sich  bewußt  sein,  daß  es
gilt,  nicht  mehr  an  der  alten  Schablone  festzuhalten  und  in  den
alten  Gleisen  fortzufahren,  sondern  daß  auch  auf  dem  Gebiete
des  Geldwesens  noch  große  Fortschritte  möglich  sind  und  die  Umwälzungen ­
  des  Krieges  Veranlassung  geben  sollten,  sie  durchzuführen. ­
  Wie  noch  selten  auf  irgendeinem  Gebiete  hat  hier  die
Wissenschaft  die  Aufgabe,  der  Praxis  diese  neuen  Wege  zu  weisen
nnd  sie  auf  die  neuen  Ziele  vorzubereiten.  Dazu  ist  vor  allem
Weiterbildung  der  Wirtschaftstheorie  nötig,  welche  die  Grundlage
aller  Wirtschaftspolitik  und  das  allein  Wissenschaftliche  an  ihr  ist.
Mögen  Wissenschaft  und  Praxis  vereint  ohne  starres  Festhalten
am  alten,  aber  auch  nicht  überstürzt,  sondern  i,n  Bewußtsein,
daß  die  neue  Zeit,  die  nach  dem  Kriege  anbricht,  auch  neue  Anforderungen ­
  stellt,  diese  Aufgaben  erfüllen.  Dann  kann  der  Krieg,
der  so  vieles  vernichtet  hat,  auch  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens
nnd  der  gesamten  Wirtschaftspolitik,  der  Arheber  großer  menschlicher ­
  Fortschritte  werdem

199
        <pb n="198" />
        Bei  der  Deutschen  Verlags  -  Anstalt  in  Stuttgart  ist  von
Professor  0r.  Robert  Liefmann
ferner  erschienen:
Geld  und  Gold
ökonomische  Theorie  des  Geldes
Geheftet  M  4.—,  gebunden  M  5.—
„Eine  atemraubende  Schrift.  Liefmann  sucht  als  Gelehrter  von
Ruf  tiefschürfend  rücksichtslos  die  Wahrheit.  Es  ist  eine  grausame  Abrechnung, ­
  die  Liefmann  hält.  Aber  sie  ist  der  Verknöcherung,  die  in  diesen
Dingen  bisher  das  große  Wort  führte,  zu  gönnen.  Mir  ist  um  die  Zukunft  der
Liefmannschen  Anschauung,  die  auf  dem  gediegenen  wissenschaftlichen  Rüstzeug
beruht,  nicht  bange.  Als  volkswirtschaftlichem  Schriftsteller,  der  die  Gold-  und
Geldliteratur  der  letzten  25  Jahre  verfolgt,  tritt  mir  zum  erstenmal  eine  klare,
durchsichtige,  wissenschaftlich  einwandfrei  begründete  selbständige  Geldtheorie
entgegen,  die  ebenso  einfach  und  klar  ist  wie  diejenige  der  Nominalisten
und  Metallisten  geschraubt  und  unklar  war.  Zn  der  Entwicklung  der
Theorie  Liefmanns  schließt  sich  Quader  an  Quader  einfach  wahr  und  gedankenklar, ­
  baut  sich  ruhevoll  seine  psychische  Wirtschaftsaufsassung  auf:
Das  Gold  als  Deckung  ist  ein  sehr  teurer  und  überflüssiger  Vertreter  der
abstrakten  Rechnungseinheit,  die  ebenso  nur  in  Papier  gegeben  sein  kann;
die  Zahlungsmittel  sind  nur  Tauschmittel;  das  was  die  Güter  kauft,  was
die  Preise  bildet,  das  ist  das  Einkommen."  (Grafs  Finanz-Chron»,  Berlin.)
„Der  bekannte  Freiburger  Nationalökonom  gibt  uns  in  diesem  Werk  eine
ökonomische  Theorie  des  Geldes,  verfolgt  aber  im  letzten  Grunde  auch
praktische  Zwecke,  und  zwar  praktisch  im  höchsten  Sinne.  Gerade  jetzt  hat
die  Frage  der  Goldwährung  für  fast  alle  Länder  das  größte  Interesse.
Bisher  hielt  man  es  für  ein  unerreichbares  Ideal,  die  Abschaffung  der
Goldwährung  ins  Auge  zu  fassen.  Es  wäre  aber  unseren  wirtschaftlichen
und  politischen  Gegnern  gegenüber  eines  der  wichtigsten  Kampfmittel,  denn
wenn  es  gelingen  könnte,  auch  noch  in  anderen  Ländern  die  Goldwährung
zu  beseitigen,  so  würde  es  uns  nicht  nur  Milliarden  sparen,  sondern  es
würde  auch  insbesondere  England  damit  ein  empfindlicher  Schlag  versetzt.
Der  Verfasser  zeigt  auf  der  Grundlage  seiner  allgemeinen  Wirtschaftstheorie, ­
  daß  eine  Papierwährung,  wenn  nur  das  Papiergeld  nicht  beliebig  vermehrt ­
  wird,  ganz  ebensogut  funktionieren  könne."  (Finanzherow,  Frankfurt  a.  M.,
„Wir  empfehlen  die  Lektüre  des  Buches  nicht  nur  denen,  die  sich  den  Ansichten
  des  Verfassers  zuneigen  und  daher  neue  Rechtfertigungsgründe  für
ihren  Standpunkt  gern  entgegennehmen,  sondern  auch  allen  denen,  die  in
der  Aufrechterhaltung  der  Goldwährung  die  sichere  Grundlage  unserer
seitherigen  wirtschaftlichen  Machtstellung  erblicken,  theoretische  Darlegungen
aber  in  eingehendster  Weise  prüfen,  um  danach  feststellen  zu  können,  ob
sie  ihre  Stellung  zu  den  neuesten  Währungsproblemen  weiter  rechtfertigen
und  behaupten  können."  (Berliner  Börsenzeitung.)
        <pb n="199" />
        Außer  dem  nebenstehend  verzeichneten  Werke  ist  von
weiter  bei  der  Deutschen  Verlags-Anstalt  in  Stuttgart  erschienen:
Grundsätze  der
Volkswirtschaftslehre
1.  Band:  Grundlagen  der  Wirtschaft
Geheftet  M  16.—,  gebunden  M  18.50
„Ein  Standard-Werk  der  Volkswirtschaftskehre.  Die  scharfsinnige, ­
  tiefgründige  Art,  mit  der  hier  die  wichtigsten  theoretischen  Grundprobleme ­
  der  Nationalökonomie  behandelt  werden,  sichern  dem  Werk,  das
sich  als  eine  Zusammenfassung  und  systematisch  wohlausgebaute  Vertiefung
der  bisherigen  ausgezeichneten  Teilveröffentlichungen  des  Verfassers  dar
stellt,  einen  dauernden,  überragenden  Wert  in  der  volkswirtschaftlichen  Literatur. ­
  Die  unübersehbaren  Aufgaben,  vor  die  infolge  der  volkswirtschaftlichen ­
  Erlebnisse  im  Kriege  und  praktisch  notwendigen  Neuorientierung  der
gesamten  Wirtschaftswissenschaften  die  Volkswirtschaftslehre  gestellt  ist,  lassen
das  Werk  zu  einem  außerordentlichen  wertvollen  Lehrbuch  werden,  nicht  nur
für  Lehrer  und  Studierende  der  Lochschulen,  sondern  auch  für  die  Industrieund
  Landelswelt,  kurz  für  alle,  denen  eine  wirtschaftliche  Durchleuchtung  der
Wirtschaftlichen  Grundbegriffe  nottut."  (Miinchen-Augsburger  Abendzeitung.)
„Wie  man  sich  auch  zu  einzelnen  Theorien  dieses  Buches  stellen  mag,  selbst
wenn  man  die  auf  einer  psychischen  Auffassung  der  Wirtschaft  orientierte
Grundeinstellung  Robert  Liefmanns  ablehnt,  —  dieses  Buch  ist  bedeutungsvoll. ­
  Es  trifft  mitten  in  eine  Krise  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft.
Ich  bin  fest  davon  überzeugt,  daß  sich  die  Wirtschaftswissenschaft  sehr
gründlich  mit  diesem  Buche  auseinandersetzen  wird,  weil  hier  mit  tiefer
Gründlichkeit  und  mit  weit  ausholenden  Linien  eine  wirklich  neue  Wirtschaftstheorie ­
  vorgetragen  wird  .  ..  Sein  Buch  hinterläßt  den  Eindruck
einer  ungemein  lebhaften,  schwungvollen  stmd  leidenschaftlichen  Vitalität;
das  ist  besonders  dann  eine  seltene  wissenschaftliche  Leistung,  wenn  diese
Schwungkraft  nicht  nur  Ausgangspunkt  der  Deduktionen  ist,  sondern  in
ihrer  Wärme  bis  in  die  letzten  Ausläufer  und  Zweige  anhält."
(Norbert  Einstein  in  der  Deutschen  Revue.)
„Die  Leistung  Liefmanns  ist  nicht  allein  das  Ausstellen  eines  neuen  Gesichtspunktes, ­
  der  wird  noch  von  ihm  selbst  weiter  ausgebaut  werden,  sondern
daß  er  die  Wirtschaftstheorie  vom  toten  Gleise  geschoben,  sie  wieder  in
Fluß  gebracht  hat.  Das  ist  eine  verjüngende  Tat,  selbst  wenn  sie  im
einzelnen  nicht  allen  Einwendungen  standhielte.  Ein  neuer  Gedanke  ist
ausgesprochen  —  und  damit  wurde  etwas  Schöpferisches  geleistet,  mit  den»
sich  jeder  auseinandersetzen  muß.  Man  wird  daher  mit  Spannung  dem
zweiten  Bande,  der  den  Beschluß  der  Darlegungen  bringen  soll,  entgegensehen." ­
  (Die  Post,  Berlin.)
        <pb n="200" />
        Politische  Bücherei
geleitet  von
Geh.  Rat  Pros.  Dr.  Erich  Marcks,  Geh.  Rat
Prof.  Dr.  &amp;lt;o.  Schumacher,  Prof.  Dr.  R.  Smend
»miMumiiiiHiiiniimiiiiiiiHiiiiuiimiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimmiimiMiiiimiHimiimiiimiimiHiiiiimuiHHi
In  dieser  Sammlung  sind  als  neue  Bände  erschienen:
Alois  Gras  Aehrenthal.  Sechs  Jahre  äußere
Politik  Österreich-Angarns.  Von  Berthold  Molden.
Geheftet  M  6.—,  gebunden  M  8.—
xDas  Buch  wird  als  ein  Beitrag  zur  Vorgeschichte  des  Weltkrieges  von
künftigen  Geschichtschreibern  als  wertvolles  Quellenwerk  benützt  werden
müssen.  Aber  auch  die  menschliche  Persönlichkeit  des  von  den  Parteien  in
Äaß  und  Gunst  so  verschieden  beurteilten  österreichischen  Staatsmannes
hat  durch  Moldens  Werk  eine  überaus  interessante  und  sympathische  Beleuchtung ­
  erfahren."  (Neues  Wiener  Journal.)
Der  Friede  und  die  deutsche  Zukunst.
Von  Alfred  Hettner,  o.  Prof,  der  Geographie  an  der  Universität
Leidelberg.  Geheftet  M  3.50,  gebunden  M  5.— 1
^Der  hervorragende  Geograph  und  Politiker  nimmt  zur  rechten  Zeit  das
Wort.  Wir  'wünschen,  es  machte  sich  weithin  vernehmlich  gegenüber
manchen  Übertreibungen,  die  bei  der  Abwehr  der  überspannten  Aneignungsgelüste ­
  unvermeidlicherweise  entstehen.  Lettner  beurteilt  mit  großer  Besonnenheit ­
  die  Ostfragen  ebenso  wie  Frankreich  und  Belgien,  die  Balkan^
gebiete,  den  Kolonialbesitz,  unsere  Abrechnung  mit  den  außereuropäischen
Völkern  und  die  Fragen,  die  unsere  Bundesgenossen  hauptsächlich  angehen.
Cs  gereicht  uns  zur  aufrichtigen  Genugtuung,  den  Standpunkt  Lettners
vielfach  teilen  zu  können."  (Königsberger  Lartungsche  Zeitung.)
Der  Staat  Angarn.  Ein  Geschichtsstudie.  Von
I.  Szekfü,  Privatdozent  an  der  Universität  Budapest.
Geheftet  M  3.20,  gebunden  M  4.80
Der  Verfasser,  der  mit  dem  Auge  des  geschulten  Listorikers  die  ungarischen
Verhältnisse  gleichsam  von  innen  heraus  durchschaut,  geht  auf  die  ersten
Anfänge  der  ungarischen  Geschichte  zurück  und  läßt  auf  der  so  geschaffenen
festen  Grundlage  den  ungarischen  Staat  vor  unseren  Blicken  entstehen.  Daß
die  geistigen  Momente  des  ungarischen  Lebens  an  ihrer  Stelle  ebenso  kräftig ­
  herausgehoben  werden,  wie  die  äußere  Geschichte  und  die  mnere
politische  Gestaltung  des  Staates  in  zwar  knappen,  aber  klaren  und  eindrucksvollen ­
  Linien  skizziert  wird,  ist  ein  besonderer  Vorzug  des  Buches.
Deutsche  Verlags-Anstalt  in  Stuttgart
        <pb n="201" />
        DeutscheVerlags-An  ft  altin  Stuttgart
Hermann  Stegemanns
Geschichte  des  Krieges
Band  1  und  2  liegen  im  Januar  1918  vor.
1.  Band:  91.—99.  Tausend.  460  Seiten  mit  fünf  farbigen  Karten.
2.  Band:  71.—80.  Tausend.  516  Seiten  mit  vier  farbigen  Karten.
Jeder  Band  geheftet  M  12.50,  gebunden  M  15.—.
Das  ganze  Werk  ist  auf  vier  Bände  geplant.
Exzellenz  Generalfeldmarschall  von  Mackensen:
..Stegemanns  Betrachtungen  „Zur  Kriegslage"  haben  mich  schon  oft  in  freien
Stunden  des  Feldzuges  gefesselt.  Sein  Entschluß,  eine  Geschichte  des  Krieges
zu  schreiben,  erfüllt  ein  Erwarten,  das  mit  mir  alle  Soldaten  teilen  werden,
die  das  Wesen  jener  Betrachtungen  zu  würdigen  vermochten.  Ich  kann
versichern,  daß  —  soweit  ich  die  betrachteten  Tatsachen  als  Mithandelnder
beurteilen  kann  —  die  Aufgabe  gelöst  ist,  die  »ermann  Stegemann  sich
mit  seinem  Geschichtswerk  gestellt  hat.  Ein  Schriftsteller  von  so  gründlichen
kriegsgeschichtlichen  und  militärwissenschaftlichen  Kenntnissen  und  einer  so  berechtigten ­
  „Leidenschaft  für  das  Wesen  der  Kriegskunst"  ist  berufen,  Kriegs
geschichte  zu  schreiben,  auch  wenn  er  bisher  nur  als  Dichter  bekannt  geworden  ist."
Die  Sprache  des  letzteren  kommt  derVolkstümlichkeit  des  Werkes  zustatten  und
verhüllt  keineswegs  das  Bestreben,  „die  geschichtliche  Wahrheit  zu  erkennen".
Oberstleutnant  Buddecke,  Abteilungs-Chef  im  Stellv.  Generalstab
  der  Armee,  im  Militär-Wochenblatt,  Berlin:
„Unter  allen  bislang  erschienenen  Kriegsdarstellungen  der  In-  und  Auslandsliteratur ­
  nimmt  unstreitig  Lermann  Stegemanns  Geschichte  des  Krieges  die
erste  Stelle  ein.  In  bezug  auf  Anschauung,  Sachlichkeit,  geistigen  Gehalt  und
Gestaltungskraft  ist  kein  anderes  ernsteres  Werk  dieser  schwierigen  Aufgabe  so
gerecht  geworden.  Niemand,  der  dieses  Buch  gelesen  hat,  wird  es  ohne  tiefe
Erschütterung  und  bleibenden  Eindruck  aus  der  Land  legen...  Zum  Schlüsse
sei  noch  daraufhingewiesen,  daß  es  ein  neutraler  Schriftsteller  vontiefdeutschem
Empfinden  ist,  dem  wir  dieses  bedeutsame  Werk  zu  verdanken  haben,  das  wie
kein  anderes  die  ganze  Größe  und  Tragik  des  Weltgeschehens  wiedergibt
und  eine  Schöpfung  von  bleibendem  Kulturwert  zu  werden  verspricht."
München-Augsburger  Abendzeitung,  München:
„Schon  das  Studium  der  ersten  Seilen  dieses  wahrhaft  herrlichen  Buches
wird  jeden  davon  überzeugen,  daß  Stegemann,  tatsächlich  eine  Geschichte ­
  des  Krieges  geschaffen  hat,  die  inhaltlich  und  formell  des  Verfassers ­
  ebenso  würdig  ist  wie  des  gewaltigen  Stoffes  .  ..  Durch  seine
maßvolle  Kritik  wird  Stegemanns  Buch  mehr  als  eine  wissenschaftliche,  es
wird  zur  sittlichen  Leistung.  Denn  es  beweist,  daß  unser  Volk  nicht  nur  große
Enten  vollbringen,  sondern  auch  wahre  Schilderungen  ertragen  kann.
Stegemanns  Werk  ist
die  erste  wirkliche  Geschichte  des  Krieges.
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jug  gegen  die  Burenstaaten  unternonttnen  hat.  Er  wird  mit  zum
Rückgang  von  Englands  wirtschaftlicher  Weltstellung  beitragen.
Irgendwelche  Vereinbarungen  der  nicht  an  der  Goldproduktion
interessierten  Staaten  liegen  übrigens  für  später  keineswegs  außer
^dern  Bereiche  der  Möglichkeit,  aber  man  kann  es  den  kleineren
Staaten  überlassen,  dazu  den  Anstoß  zu  geben.  Deutschland  ist
stark  genug,  die  Beseitigung  der  freien  Prägung  zunächst  einmal
für  sich  allein  ausdrücklich  auszusprechen,  und  sein  Ansehen  ist  in
diesem  Kriege  mit  Recht  so  gewachsen,  daß  sein  entschiedenes  Vorgehen ­
  in  dieser  Pinsicht  von  höchster  Wirksamkeit  sein  wird.  Denn
-weitaus  die  meisten  Staaten  haben  an  der  Goldwährung  gar  kein
Interesse,  und  wenn  Deutschland  sich  an  die  Spitze  dieser  Staaten
stellt  und  ihnen  das  Beispiel  gibt,  werden  sich  die  gleichen  Interessen
von  selbst  zusammenfinden.  Wenn  wir  zu  Ausgleichszwecken  statt
englischer  Devisen  solche  der  .Staaten,  mit  denen  wir  in  regem
Pandelsverkehr  stehen,  vor  allein  unseren  kleineren  Nachbarstaaten,
in  größerem  Amfange  halten,  wird  allein  dadurch  die  deutsche
Devise  auf  dem  Weltmarkt  schon  größere  Bedeiitung  gewinnen.
Es  kommt  nur  darauf  an,  hier  einmal  energisch  Bahn  zu  brecheir:
„Sobald  du  dir  nur  selbst  vertraust,  vertraun  dir  auch  die  andere»
Seelen."  Aber  air  Selbstbewußtseiri  uiid  Selbstvertrauen  Fremden
gegenüber  hat  es  bisher  dem  deutschen  Michel  in  der  Regel  gefehlt.
Es  sollte  sich  jedoch  mehr  in  zäher  Vertretung  seiner  Ansprüche  und
Betonung  seiner  Leistungen  als  in  lautem  und  schneidigem  äußeren
Auftreten  geltend  machen,  unsere  Diploinaten  sollten  inehr  vont
Kaufmann  oder  Rechtsanwalt,  weniger  von,  Offizier  oder  Berwaltungsbeamten
  an  sich  haben.
5.  Ein  letztes  Argument  für  Beibehaltung  der  Goldwährung
steht  mit  dein  Gesagten  in  engem  Zusammenhang.  Man  sagt,  es
sei  doch  unser  Bestreben,  daß  England  von  seiner  Stellung  als
Zahlungsvermittler  der  ganzen  Welt  verdrängt  werde,  und  das
könne  Deutschland  nur,  wenn  es  sich  nicht  außerhalb  des
Kreises  der  auf  der  Goldwährung  beruhenden  „Zahlungsgemeinschast"
  der  wichtigsten  Länder  stelle.  Das
klingt  sehr  politisch,  beweist  aber  gar  nichts.  Demi  cs  ist  weder
gesagt,  daß  deswegen  alle  Grundsätze  der  heutigen  Goldwährungen,
insbesondere  freie  Prägung  und  Einlösungspflicht  der  Banknoten
auftechterhalten  werden  müssen,  noch  auch,  daß  nicht  eine  Zahlungsgemeinschaft ­
  selbst  ganz  losgelöst  von  einer  Metallgrundlage
Lief  mann.  Die  Gelbvermehrung  im  Weltkriege  IS
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