292  Joseph  Schumpeter,
machten,  wirklich  zur  bankers  bank  und  zum  Herzen  des  Geldverkehrs ­
  zu  werden.  Erst  dadurch  trat  für  sie  das  gewöhnliche
bankgeschäftliche  Interesse  in  den  Hintergrund  gegenüber  jener
kreditpolitischen  Funktion,  in  der  wir  heute  ihr  Wesen  erblicken.
So  entstand  allmählich  und  organisch,  nach  echt  englischer
Methode,  jene  für  lange  Zeit  mustergültige  Praxis,  die  erst  in
unsern  Tagen  ernstlich  in  Zweifel  gezogen  wird.  Ohne  formell
mit  der  Vergangenheit  zu  brechen,  und  ohne  jemals  ausdrücklich ­
  das  Prinzip  aufzugeben,  daß  die  einfachen  Regeln  ordnungsmäßiger ­
  und  vorsichtiger  privater  Geschäftsführung  ihr  diktieren, ­
  was  sie  zu  tun  habe,  hat  sich  die  Leitung  der  Bank  von
England  zu  einer  systematischen  Reservepolitik  und  zu  dem
Bewußtsein  durchgerungen,  daß  sie  die  Hüterin  der  nationalen
Währung  und  die  Schutzgöttin  des  Goldmarktes  sei 4 ).  Von
selbst  ging  sie  von  der  Politik  der  Anpassung  an  die  Marktlage
zur  Politik  der  Beeinflussung  derselben  über,  gestaltete  sie  ihre
Diskontrate  zu  einer  währungs-  und  kreditpolitischen  Waffe,
die  in  der  bekannten  Weise  durch  jene  Maßregeln  geschärft
wurde,  welche  wir  heute  dem  Wesen  nach  in  Amerika  unter  dem
Namen  der  Open  market  operations  wiederfinden.  Manche  Besonderheiten ­
  erklären  sich  durch  das  starre  und  künstliche  System,
das  ihr  der  Peels  act  aufnötigte,  aber  die  Grundlinien  dieses  Systems
waren  in  ganz  Europa  dieselben.  Wie  sehr  sich  die  Logik  der
Situation  überall  durchsetzt  und  wesentlich  gleiche  Lösungen
für  die  gleichen  Schwierigkeiten  erzwingt,  möge  man  an  einem
Beispiel  sehen:  Eine  Reihe  von  Bankgesetzgebungen  verwendet
als  eine  der  Schranken  gegen  übermäßige  Notenausgabe  das

4 )  Im  Grunde  dürfte  die  nationale  Währung  keinen  Hüter  brauchen,
müßte  sie  sich  bei  freier  Goldprägung  und  gesicherter  Einlöslichkeit  der  Noten
völlig  automatisch  regeln.  Und  das  Schlagwort  von  der  währungschützenden
Funktion  des  Zentralinstituts  müßte  eigentlich  in  das  Schattenreich  merkan-•tilistischer
  Irrtümer  verwiesen  werden.  Aber  erstens  gebietet  die  Rücksicht  auf
das  Gebäude  des  Kredits  gerade  dann  ein  solches  Hüten  der  Goldreserven,
wenn  man  diese  für  die  Basis  jenes  Gebäudes  hält.  Und  zweitens  hat  sich  die
wirtschaftspolitische  Weltlage  vom  letzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  ab
wieder  in  einer  Richtung  entwickelt,  die  der  jener  Zeiten,  in  denen  die  merkantilistischen
  Auffassungen  entstanden,  bedenklich  analog  war.  Die  politischen
Gefahrenmomente,  die  monopolistischen  und  Expansionstendenzen  drohten
jenes  internationale  System  ineinandergreifender  friedlicher  Konkurrenzmechanismen, ­
  innerhalb  dessen  es  planmäßiger  Hütung  von  Währung  oder  Reserven
prinzipiell  wirklich  nicht  bedürfte,  jeden  Augenblick  zu  zerstören.  Unter  dem
Druck  dieser  Sachlage  stand  eben,  wie  alles  andere,  so  auch  die  Bankpolitik
der  letzten  Jahrzehnte  der  Vorkriegszeit.