11 waren. Hatte man früher etwa konkrete Rechtsfragen erörtert, so fragte man jetzt nach dem Wesen des Rechts. Hatte man früher um konkrete Maßregeln ­ der Staatsgewalt gestritten, so handelte es sich jetzt um das Wesen des Staates. Alles in der sozialen ­ Welt schien zu wanken und zu weichen. Pa drängte sich von selbst die Frage auf, was von der Zukunft zu fürchten und zu hoffen, was in Staat und Gesellschaft bleibend und was dem Untergang geweiht, ­ was Unsinn und Torheit und was eiserne Notwendigkeit ­ und ewige Wahrheit sei. Und nun gab es auch eine intellektuelle Klasse, die solche Diskussionen ­ um ihrer selbst willen liebte, deren Lebenselement ­ Kritik und Forschung war, deren Vorwitz vor nichts haltmachte und die nur durch ein loses Band mit den Interessen und Schwierigkeiten des Mannes der Praxis verbunden war. Mit gleichsam jugendlichem Wagemut griff man sofort nach dem höchsten Ziel. Im Handumdrehen wollte man eine einheitliche Wissenschaft vom sozialen Sein und Werden hervorzaubern, die alle Fragen beantworten, alle Not der Zeit heilen sollte. Neben dem Gebäude der Naturwissenschaft sollte ein Neubau für die Sozialwissenschaft entstehen, um eine damals sehr übliche Terminologie zu gebrauchen, neben der „Naturphilosophie“ eine „Moralphilosophie“ ­ 1 , deren Probleme, wie schon Newton und 1 Natürlich, ist diese Bedeutung beider Worte von der zu unterscheiden, ­ welche sie später, besonders in Deutschland gewannen. In unserer Bedeutung hat weder Natur- noch Moralphilosophie etwas mit „Philosophie“ im gegenwärtig allein üblichen Sinn zu tun. Vielmehr ­ ist hier „Philosophie“ ganz synonym mit „Wissenschaft“.