35 allem: „Was sollen wir?“ Sie dürstete nach prak tischer Weisheit, nach Hilfe in der Fülle des realen Lebens. Die Forscher fühlten mit ihr, denn nur lang sam erwuchs das spezifisch wissenschaftliche Inter esse. Und die Forscher meinten um so mehr die Dürstenden tränken und die Hungernden speisen zu können, als sie die unüberbrückbare Kluft zwischen Erkenntnis und Zielsetzung nicht sahen. Die Ziel setzung schien ihnen einfach aus der Erkenntnis zu folgen, auf einem Weg zu liegen, der sich von dem, der zum Beweis einer Proposition Euklids führt, gar nicht unterscheidet. Sie waren sich nicht bewußt, daß, sowie von Wollen und Sollen in anderem Sinn die Rede ist als in dem Sinn, daß das tatsächliche Wollen und Sollen konkreter Menschen und Völker und Zeiten kausal begriffen werden kann, der Waggon der Wissenschaft den Schienenweg der Logik verläßt und in die Luft fliegt. Warum hätten sie also dem tiefsten Sehnen des Menschen Steine statt Brot bieten, auf die tiefsten Fragen mit einem Achselzucken ant worten sollen — wie wir es heute tun müssen, nach dem wir die Notwendigkeit des gewaltigen Opfers erkannt haben? So gingen sie denn unbefangen von der Theorie des Seienden zur Forderung des Seinsollenden über, in der Ethik wie auf allen anderen Gebieten. Daher machten sie den aussichtslosen Versuch, ein für alle Zeiten und Orte „gütiges“ — wenngleich erst durch zusetzendes — Sittengesetz zu erkennen, von dem sie °ft auch noch behaupteten, daß es tatsächlich Ziel und Sinn der tatsächlichen Entwicklung ausdrücke. 3 *