36 Und das war der zweite große Irrtum der Zeit in bezug auf Überschätzung der Leistungsfähigkeit des Vernunftapparats: Es gibt allgemein gütige Erkennt nisse über das Phänomen der Sittlichkeit, es gibt aber keine allgemein gütigen sittlichen Ideale 1 . Wie ge sagt, jene Zeit selbst schon hat diesen Irrtum über wunden und Hume und Kant haben gezeigt, wie un vermeidlich jenes Opfer ist. Doch in der Praxis wirkte er fort. Weil sich nun auch die Folgezeit gerade für dieses Sollen, diese praktischen Programme besonders interessierte und den Rest — der den Kern enthielt — einfach nicht sah, so verwickelte sich mit der Nieder lage dieses Teils des Schaffens jener Zeit eine Nieder lage des Ganzen. Wir aber müssen beides unter scheiden: Die Theorie des Wesens, der Funktionen, des Entstehens ethischen Urteilens und Verhaltens, die die Basis unserer eigenen Arbeit auf diesem Ge biet und die geschaffen zu haben unsterblicher Ruhm ist — und die konkreten „Forderungen“, die wir zum Material der Ideengeschichte legen müssen, wo schon alle anderen Ethiken der Welt ihrer analytischen Er klärung harren. Von einem anderen Standpunkt könnte man die geistige Heldentat, die in der Eroberung des Feldes der ethischen Tatsachen lag, auch so ausdrücken: Die Sittlichkeit ist ein soziales Phänomen, das nicht erst von einem konkreten Sittenkodex geschaffen wird, sondern aus den Notwendigkeiten sozialer Existenz selbst herauswächst und aus ihnen zu ver- 1 Vom Standpunkt der Wissenschaft und dann, wenn man das Wort „allgemein gütig“ in beiden Fällen in gleichem Sinn verwendet.