46 sehr ab — gar so ungeheuerlich gewesen seien. Daß sie primitive Zustände verherrlicht hätten, trifft nur ganz wenige, besonders Rousseau. Und vollends ist es nicht wahr, daß ihre falschen Auffassungen dar über sie zu wesentlichen Fehlern in den Resultaten geführt hätten. War doch ihr primitiver Zustand häufig nichts anderes als ein zum Zweck der Dar stellung und Lehre konstruierter einfacher Zu stand der Gesellschaft, dessen Charakteristika sie selbst nicht in die wirkliche Vergangenheit projiziert hätten. Ein Unglück war es freilich, daß sie diesen primitiven Zustand ebenfalls „natürlich“ nannten und aus dieser Homonymie für sich und andere eine Quelle von Konfusionen schufen. Ganz so steht es mit dem berühmten „contrat social“. Auch der war vielfach nur eine Darstellungsform der ratio der gesellschaft lichen Beziehungen. Und soweit eine tatsächliche Behauptung darin lag, hat sie — ebenso wie den primitiven Utilitarismus — schon das 18. Jahrhundert selbst überwunden (Hume). Es war ja eine Zeit rasch vorstürmenden Fortschritts und die Geister häuteten sich oft: Da darf man nicht aus jedem Hilfsgerüst, das die Baumeister selbst bald wieder abbrachen, eine Einwendung machen. Hierher gehört auch ihr angeb licher Glaube an eine immer und überall konstante und bei allen Leuten wesentlich gleiche Menschennatur. Sie nahmen gewiß an, und für weitaus die meisten Zwecke der Sozial Wissenschaft ist das völlig erlaubt, daß die allgemeinen Grundzüge des Trieblebens und des Denkprozesses sich in historischen Zeiten nicht wesentlich verändert hätten. Aber es ist ihnen nie