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        <title>Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften</title>
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            <forname>Joseph A.</forname>
            <surname>Schumpeter</surname>
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        ﻿jgyg

Heft 7

Schriften des
Sozialwissenschaftlichen
Akademischen Vereins
in Czernowitz

Vergangenheit und
a Zukunft der □
Sozialwissenschaften

Von

Dr. Joseph, Schumpeter

Professor der Politischen Ökonomie an der Universität Graz
        <pb n="2" />
        ﻿Schriften des Sozialwiffenfchaftlidien
Akademifdien Vereins in Czernowi^.

Bisher erfchienene Hefte:

Heft EL

Wie fludiert man Sozialwiffenfchaft?

Von Prof. Dr. Joseph. Schumpeter. Zweite Auflage. Preis 1 Mark.

Heft IV.

Soziale Moral in China und Japan.

Von Ernfl Viktor Zenker, Reichsratsabgeordneter. Preis 1 Mark-

Heft V.

Der Krieg im Wandel der Jahrtaufende.

Von Prof. Dr. Hans R. v. Frifcfa. Preis 1 Mark.

Heft VI.

Wefen und Ausfichten des bürgerlichen Radika-
lismus.

Von Eduard Bernflein, Mitglied des Deutfchen Reichstags. Preis
1 Mark.

Heft VIL

Vergangenheit und Zukunft der Sozialwiffen-
fchaften.	.

Von Prof. Dr. Jofeph Schumpeter. Preis 3 Mark.

Heft VIÜ.	ff

Nationalgefühl und Staatsgefühl. (j	jf.

Von Prof. Dr. Alfred Amonn. Preis ,1 Mark. i

In Vorbereitung befinden fidi folgende

Heft L

Die Aufgaben der Sozialpolitik im öflerreichi-
fdien Often, insbefondere in der Bukowina.

Mit besonderer Beleuchtung der Juden- und Bauernfrage. Von Prof.
Dr. Eugen Ehrlich. Vierte Auflage.

Heft III.

Chriflentum und Sozialismus.

Von Dr. Ludo M. Hartmann, Privatdozent an der Univerfität in
Wien. Dritte Auflage.

Verlag von Duncker &amp; Humblot, München und Leipzig-
        <pb n="3" />
        ﻿I.

Wäre die Sozialwissenschaft ein organisches Gan-
zes, dessen einzelne Teile sich einem einheit-
lichen Plan einfügen würden, so wäre unsere Auf-
gabe leichter als sie ist, die Aufgabe, zu zeigen, wie
das sozialwissenschaftliche Arbeiten von heute mit
dem von gestern zusammenhängt und wohin wohl der
Weg in der nächsten Zukunft führen mag. Aber die
Sozialwissenschaft ist so wenig ein „architektoni-
sches“ Ganzes, wie dieWissenschaft überhaupt. Sie ist
vielmehr ein Konglomerat von einzelnen Bausteinen,
die oft herzlich wenig aneinanderpassen wollen, auf-
gehäuft von Leuten verschiedenster Anlagen und ver-
schiedenster Absichten, die kaum jemals einander
verstehen, niemals planvoll Zusammenwirken. Da er-
wächst eine Disziplin aus einem praktischen Bedürfnis,
dort aus dem Einfall eines führenden Geistes; hier
eine, weil eine Methode so schwierig war oder wurde,
daß die sie beherrschen wollten, für anderes keine
Kraft übrig behielten, anderswo wieder eine aus den
prosaischen Notwendigkeiten des Lehrbetriebs. Das
Äesultat ist ein buntes Getümmel oft ganz absonder-
licher Gestalten, in welchem alles durcheinanderläuft
und aneinanderprallt, in welchem dasselbe Problem
oft Gegenstand verschiedener Disziplinen wird, die
von verschiedenen Standpunkten ausgehen, für die
Verschiedenes wahr ist und die fast nur zusammen -

l*
        <pb n="4" />
        ﻿V

4

y treffen, um einander zu bekämpfen. Deshalb fallen
die Versuche, Kegel und Ordnung in dieses Chaos
zu bringen, die von philosophischer Seite von Zeit
zu Zeit unternommen werden, meist so schlimm aus
und deshalb sind alle die Einteiluhgen der Wissen-
schaften meist nur für den befriedigend, der allen ein-
zelnen Wissenschaften ferne genug steht — eine
zweischneidige Qualifikation! Und deshalb gibt es im
Grunde J^eine Sozialwissenschaft, sondern nur Sozial-
wissenschaften, deren Kreise sich vielfach schneiden.

Die Sozialwissenschaften also haben sich viel
später und viel langsamer entwickelt als die Natur-
wissenschaften. Erst seit nicht mehr als zweihundert
Jahren gilt auch ihnen unser Interesse. Das lag zu-
nächst daran, daß die Welt der physischen Erschei-
nungen schon für das naivste Bewußtsein voll Ge-
heimnis ist, während wir selbst und die soziale Welt
uns zunächst nichts weniger als problematisch vor-
kamen. Wir nahmen uns und die soziale Welt so hin,
als ob sie nicht anders sein könnten, und wenn uns
da überhaupt etwas interessant erschien, war es nicht
das Wesen der Dinge, sondern das Konkrete, das uns
berührte oder fesselte — Taten großer Männer z. B.,
oder große Siege, oder große Katastrophen. Homer
und Herodot — Dichter und Geschichtsschreiber —
gehen also dem spezifisch wissenschaftlichen Inter-
esse, dem Interesse an genereller Wahrheit, an Er-
kenntnis des Geschehens als solcher, auf sozialem
Gebiet noch viel mehr voran als auf dem der Natur-
erscheinungen. Noch heute fühlen wir den Druck
dieser — an sich sehr natürlichen — Richtung
        <pb n="5" />
        ﻿5

unseres Interesses. Aber auch nachdem gerade jene
Art von Fragelust, der die Wissenschaft dient1, ein-
mal erwacht war, trat man — und tritt man noch
immer — in anderem Geist an die sozialen Frage-
zeichen heran als an die der „leblosen Natur“. Die
sozialen Probleme haben ja sicher viele Besonder-
heiten. Worin freilich diese Besonderheiten bestehen
und welches ihre Tragweite ist, darüber hat man sich
bis heute nicht geeinigt. Doch hat sich eine Unsicher-
heit des Zugreifens daraus ergeben, die den Fort-
schritt sehr hindern mußte. Ganz abgesehen da-
von endlich, erschien sich der Mensch immer so sehr
als ein besonderes Ding, das mehr oder weniger
außerhalb der übrigen Schatten steht, die an ihm
vorüber huschen, das Botschaft von fremden Welten
hat, das seine Schicksale selbst gestalten kann — daß
das Eindringen forschenden Geistes hier Schwierig-
keiten begegnete, Schwierigkeiten in der eigenen
Brust des Forschers, die vielleicht nie ganz über-
wunden werden können und jedenfalls nur langsam
Stück für Stück des Weges freigaben: Dem Forscher
in diesem Wald begegnen Dantes Ungetüme auf

' Die Wissenschaft dient natürlich sowohl direkt wie indirekt
noch sehr vielen anderen Zwecken. Und wenn ich das Interesse an
allgemeinem Verständnis des Geschehens —• hier im Gegensatz zum
Interesse an konkreten Erscheinungen, die uns an sich und aus an-
deren Gründen wertvoll sind — als das spezifisch wissenschaftliche be-
zeichne, so soll das nicht heißen, daß genetisch das wissenschaftliche
Interesse nicht andere Wurzeln hat, sondern nur, daß gerade jene
Art von Interesse für die Wissenschaft „konstitutiv“ ist und ihr
„Wesen“ ausmacht. In der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis-
theorie unserer Tage herrscht, gerade in manchen ihrer besten Pro-
dukt^ eine andere Ansicht.
        <pb n="6" />
        ﻿6

Schritt und Tritt und kein Virgil erscheint zu seiner
Rettung.

Im Mittelalter gab es keine Sozialwissenschaften
in unserem Sinne. Soziale Bewegungen und soziale
Probleme, die man diskutieren konnte, gab es zwar
genug. Aber im großen und ganzen änderten sich die
Grundlagen der sozialen Organisation dort so lang-
sam, daß sie nicht leicht jemand prinzipiell in Frage
zog oder sie überhaupt als Probleme empfand: Dazu
standen Kirche und Herrenhof zu fest, dazu er-
schienen sie zu sehr als selbstverständlich oder als
gottgeboten. Und gab es ernste Differenzen, so focht
man sie eben aus, ohne daß sich, sei es die Kämpfen-
den, sei es die Zuschauer, allzuviel Gedanken darü-
ber gemacht hätten. Mochte auch manchmal ein
Frondeur oder ein Haeretiker gegen Kaiser oder Papst
donnern — über konkrete gravamina ging er doch
selten hinaus, und wenn er es einmal tat, so wurde
er eventuell gehenkt oder verbrannt, aber weiter
kümmerte man sich nicht um ihn und seine Lehre.

Es gab ja keine neugierige und unruhige intellektuelle
Klasse, die sein Resonanzboden hätte werden können,
die nach Grundsätzen geforscht und jede Bewegung
fortgepflanzt hätte. Im wesentlichen war das geistige
Leben beherrscht durch Theologie und Jurisprudenz
— der Kleriker und der Jurist, das waren die ein-
zigen Typen von, wenn man so sagen darf, Berufs-
gelehrten oder überhaupt von „Gebildeten“, und
beide waren einig in souveräner Verachtung des pro-	y

fanum vulgus. Innerhalb von Theologie und Juris-
prudenz entwickelte sich der Wissensvorrat der Zeit,
        <pb n="7" />
        ﻿V-

streng unterworfen dem autoritativen-Text undden tr&amp;v
ditionellen Grundanschauungen. Man sollte nun meN
nen, daß sowohl Theologie wie Jurisprudenz gar viel
mit sozialen Fragen zu tun gehabt hätten. Sprach doch
der Theologe wie der Jurist von jus tum pretium und
der Verwerflichkeit des Zinsnehmens und den Rech-
ten der Staatsgewalt usw. Aber keiner von beiden
sprach darüber in sozialwissenschaftlichem Geist: Er
holte sich seine Prinzipien nicht aus der Beobachtung
der sozialen Dinge oder aus einer Untersuchung der
menschlichen Psyche, sondern er dogmatisierte von
der Kanzel eines unantastbaren, geoffenbarten, ganz
unabhängig vom Menschen gütigen Systems. In ähn-
lich er Weise ist ja auch heute noch z. B. die speku-
lative Ethik keine Sozialwissenschaft. Zur Sozial-
wissenschaft wird die Ethik erst, wenn ihr ganzer
Inhalt, Ausgangspunkt und Konsequenzen, als Resul-
tat des Wirkens sozialer Faktoren begriffen wird;
sonst hat sie, obgleich sie von menschlichem Handeln
spricht, doch mit den Sozialwissenschaften nichts zu
tun. Und deshalb hatten Theologie und Jurisprudenz
des Mittelalters mit Sozialwissenschaft wenig zu tun,
weü sie eben gegebene Grundsätze anwenden und
dadurch Normen für den speziellen Fall gewinnen
wollten1.

Erst in der Renaissanceperiode beginnt die Sache
anders zu werden, und die soziale Entwicklung, die

1 Zwar herrschte ja Aristoteles. Aber an dem Geist der Dis-
kussion änderte das nichts. Und platonische Einflüsse, wie sie durch
S. Augustinus und andere Vermittler fühlbar wurden, erschöpften
sich darin, dem Dogma zu einem philosophischen Ausdruck zu helfen:
Soweit in solcher Kürze überhaupt eine Behauptung gewagt werden kann.
        <pb n="8" />
        ﻿zwar nie stille stehen, aber doch bloß unmerklich
fließen kann, kommt in raschere Bewegung. Die
Wirkung auf das Geistesleben hat Jakob Burckhardt
durch das geistreiche Wort von der „Entdeckung des
Individuums“ in eine Formel gebracht, die für
Zwecke, wie der unsere es ist, gute Dienste leistet.
In der Tat, das Individuum, die Persönlichkeit, be-
ginnt sich aus dem mittelalterlichen Bahmen zu lösen
und endlich wieder nach eigenem Gefallen zu handeln
und zu denken. Überschätzen wir den Einfluß der
neuerstandenen Antike nicht. Wir hören immer nur,
was wir hören wollen und unsere Vorfahren gaben
damals den alten Griechen und Körnern Gehör, weil
diese ihnen in gefälligen Formen sagten, was sie in der
eigenen Brust fühlten. Aber wie immer dem sein mag,
die wissenschaftliche Fragelust war da, und schnell
wurde alles anders im Reiche des Gedankens. Doch
nicht auf dem Felde der Sozialwissenschaften: Wohl
entstand, wie von Götterhand geschaffen, schnell eine
persönliche Kunst und Literatur, wohl kämpfte der
neue Geist um neue Lebensformen, um das Recht des
Diesseits, um Freiheit und Naturerkenntnis, aber die
soziale Welt — trotz Bauern- und Religionskriegen —
beschäftigte weitere Kreise nicht oder nur in der
primitiven Form des Interesses an der politischen Ge-
schichte, darüber hinaus aber nur wenige Träumer
oder Seher vom Typus — und ein prächtiger Typus
war es — Thomas Morus’. Es war eben erst nur das
Individuum, es war noch nicht die Gesellschaft „ent-
deckt“. Niemand blickte noch unter den Schleier der
religiösen Begeisterung, der die Religionskriege um-
        <pb n="9" />
        ﻿9

hüllte, niemand sah, was an gewaltigen sozialen
Notwendigkeiten darunter verborgen lag. Und
hatte man auch bald Anlaß, über manche Einzel-
frage — Münzverschlechterungen, Zollpolitik, Agrar-
verfassung, Ringbildungen usw. — zu streiten, so
drang man doch nirgends über die konkrete Frage
hinaus in die Geheimnisse des sozialen Geschehens.

Das kam erst später. Die Naturwissenschaften
hatten schon längst ihren Stab wohlgeübter Pfleger,
sie hatten schon längst ihren Siegeszug begonnen, als
noch die tiefste Ruhe über dem Urwald lag, den die /»■
Sozialwissenschaft zum Acker machen sollte.

II.

Die Sozialwissenschaften entstanden eigentlich
erst im 18. Jahrhundert. Da krachte und knackte es
im ganzen sozialen Gebäude unseres Kulturkreises.
Eine Bewegung wie der Flügelschlag eines erwachen-
den Vogels ging durch alle Schichten der Gesellschaft.
Die Zeit der großen Religionskämpfe war vorbei und
nach und nach hörte der Glaube auf, die intellektuelle
Herzenssache der Menschheit, der Nährer, Führer
und Schützer aller ihrer Interessen zu sein. Hingegen
kündigte sich der gewaltige soziale Prozeß an, der
„industrielle Revolution“ genannt wird, der Prozeß,
in welchem die moderne fabriksmäßige Produktions-
form die Schranken von Dorfgemeinde und Innung,
und das moderne Arbeiterheer unter Führung des
Unternehmers die Schranken der feudalen Gesell-
schaftsordnung durchbrach. Und mit und infolge der
industriellen bereitete sich die politische Revolution
        <pb n="10" />
        ﻿10

vor. Denn die Anschauungen und das Verhalten der
politisch führenden Kreise und die sozialen und recht-
lichen Institutionen änderten sich nicht so schnell wie
die wirtschaftlichen Verhältnisse, und so ergab sich
bald eine Diskrepanz zwischen beiden, wie sie niemals
vorher existiert hatte: Altes Recht, alte Politik, alte
Ideale und Lebensgewohnheiten sind ja stets viel
zäher als die Tatsachen des Lebens, aus denen sie
geboren wurden. Das ist ganz verständlich, denn
nichts fällt dem Menschen so schwer, als sich um-
zudenken und Dinge anzuerkennen, die „nicht schon
immer so waren“. Das ist ferner auch ganz gut, denn
nur das Festhalten der gegebenen Denkgewohnheiten
macht promptes und konsequentes Handeln möglich.
Aber aus solcher Diskrepanz muß soziale Unzu-
friedenheit, soziales Unbehagen folgen — in der Tat
haben Unzufriedenheit und Unbehagen gar nie andere
Ursachen. Und wie der Leidende erst sich seiner
Organe und ihrer Funktionen bewußt wird, an die
er bei voller Gesundheit nie dachte, so wurde man
damals der Lebensfunktionen der Gesellschaft ge-
gewahr, an die früher nur Einzelne überhaupt gedacht
hatten. Jetzt wurden diese Funktionen, wurde die Ge-
sellschaft selbst zum Problem. Man fragte und unter-
suchte auch dort, wo man früher nichts zu fragen
gehabt hatte. Der gleichsam fieberhaft gesteigerte
Lebensprozeß der Gesellschaft trieb auf allen Ge-
bieten der Wissenschaft Blüten, vor allem aber er-
öffnete sich nun der weite Problemkreis der Sozial-
wissenschaften. Viele Dinge wurden nun erklärungs-
bedürftig, die früher selbstverständlich gewesen
        <pb n="11" />
        ﻿11

waren. Hatte man früher etwa konkrete Rechts-
fragen erörtert, so fragte man jetzt nach dem Wesen
des Rechts. Hatte man früher um konkrete Maß-
regeln der Staatsgewalt gestritten, so handelte es sich
jetzt um das Wesen des Staates. Alles in der sozia-
len Welt schien zu wanken und zu weichen. Pa
drängte sich von selbst die Frage auf, was von der
Zukunft zu fürchten und zu hoffen, was in Staat und
Gesellschaft bleibend und was dem Untergang ge-
weiht, was Unsinn und Torheit und was eiserne Not-
wendigkeit und ewige Wahrheit sei. Und nun gab
es auch eine intellektuelle Klasse, die solche Dis-
kussionen um ihrer selbst willen liebte, deren Lebens-
element Kritik und Forschung war, deren Vorwitz
vor nichts haltmachte und die nur durch ein loses
Band mit den Interessen und Schwierigkeiten des
Mannes der Praxis verbunden war.

Mit gleichsam jugendlichem Wagemut griff man
sofort nach dem höchsten Ziel. Im Handumdrehen
wollte man eine einheitliche Wissenschaft vom
sozialen Sein und Werden hervorzaubern, die alle
Fragen beantworten, alle Not der Zeit heilen sollte.
Neben dem Gebäude der Naturwissenschaft sollte ein
Neubau für die Sozialwissenschaft entstehen, um eine
damals sehr übliche Terminologie zu gebrauchen,
neben der „Naturphilosophie“ eine „Moralphilo-
sophie“1, deren Probleme, wie schon Newton und

1 Natürlich, ist diese Bedeutung beider Worte von der zu unter-
scheiden, welche sie später, besonders in Deutschland gewannen.
In unserer Bedeutung hat weder Natur- noch Moralphilosophie etwas
mit „Philosophie“ im gegenwärtig allein üblichen Sinn zu tun. Viel-
mehr ist hier „Philosophie“ ganz synonym mit „Wissenschaft“.
        <pb n="12" />
        ﻿12

Locke sagten, in demselben Geist behandelt werden
sollten wie die Probleme des physikalischen Ge-
schehens. Das war die heroische Zeit der Sozial-
wissenschaften. Welchen Geist atmen die besten
Leistungen dieser Epoche! Welcher Glanz liegt über
diesem Schaffen! Welchen Genuß gewährt es, in
dieser Literatur zu blättern und zu träumen!

Nun möchte ich das, was damals erreicht wurde,
mit kurzen Strichen nachzeichnen. Eine verzweifelte
Aufgabe, aber immerhin nicht so verzweifelt, wie der
Versuch, das sozialwissenschaftliche Wollen unserer
Zeit zu schildern. Denn wenn auch die Literatur des
18. Jahrhunderts keine Einheit war, und Wässer aus
sehr verschiedenen Quellen da zusammenfließen, so
war sie doch viel einheitlicher als die der Folgezeit.
Noch war ja die Arbeitsteilung nicht so unerbittlich,
noch konnte man Polyhistor sein, ohne Dilettant zu
werden. Und die einzelnen Autoren arbeiteten viel
mehr aus sich selbst heraus, als es heute irgendwer
kann, so daß aus ihren Werken klarere, einfachere
Botschaften quellen. Die Spuren alter Schranken
sind noch deutlich sichtbar, und aus Recht und Theo-
logie entwickelte sich das Meiste, das für uns in Be-
tracht kommt. Bischöfe und Rechtslehrer treten noch
immer in der bunten Gruppe hervor, die mehr und
mehr aus allen Arten von Literaten zu bestehen be-
gann, die in Londoner Cafehäusern oder Pariser
Salons, oder an deutschen Universitäten diskutierten
und stritten, von Leuten, die sich bald an die feudale
Gesellschaft anschlossen, bald würdevolle Spießer-
leben führten, bald Freud und Leid der Tragikomödie
        <pb n="13" />
        ﻿13

eines Bohemelebens durchkosteten als fromme Kaub-
ritter der Feder.

An der Hand der Theologie hatte das sozial-
wissenschaftliche Denken gehen gelernt, aus ihrer
Hand löste es sich jetzt. Nur einzelne Autoren oder
Gruppen rissen sich mit heftigem Ruck los; für die
meisten war das ein langsamer, ganz allmählicher
Prozeß. Theologische Kontroversen spielten noch
während des ganzen 18. Jahrhunderts eine sehr große
Rolle im Geistesleben der Zeit, aber sie beherrschten
es nicht mehr. Sie begannen aus dem Zentrum des
Interesses wegzurücken und aus dem Leitmotiv
alles Denkens zu einem fachlichen Problemkreis
zu werden. Wo sie standen, da steht nun die Er-
forschung der Natur des Menschen, der Natur der
sozialen Dinge. Die Analyse der Tatsachen jedes
Problemgebietes, wie sie die Erfahrung darbot, ab-
sorbierte den Forscher mehr und mehr, und nur ge-
legentlich warf er einen, sei es sehnsüchtigen, sei es
scheuen, sei es zornvollen Blick auf die große Mutter-
wissenschaft, deren Konturen in nebelhaften Fernen
zu verschwimmen begannen. Er mochte noch etwa
seinen Resultaten oder seinen Ausgangspunkten
Worte des Glaubens hinzufügen, in ähnlicher Weise,
wie das in der Naturwissenschaft noch Newton tat;
im Laufe seines Gedankenganges, in der eigentlichen
Forschungsarbeit, ließ er sich dadurch nicht beein-
flussen. Da argumentierte er aus der Sache selbst
heraus, da suchte er in den sozialen Dingen selbst
ihre Erklärung, da arbeitete er, kurz gesagt, wissen-
schaftlich.
        <pb n="14" />
        ﻿14

So kommt, mehr durch die Tat als durch bewuß-
ten Entschluß, das sozialwissenschaftliche Denken
auf seine eigenen Füße zu stehen. Die ungeheure Be-
deutung dieses Prozesses liegt nicht dort, wo ein
Feind der Religion sie suchen könnte. Sozialwissen-
schaft und Religion schieden vielmehr wie zwei
Freunde, die, in verschiedene Lebenslagen und Lebens-
gewohnheiten geraten, den täglichen Verkehr als
eine Last und als aufreibend empfinden und deshalb
schließlich nicht mehr Zusammenkommen. War man
einmal entschlossen, den großen Versuch zu wagen,
das soziale Geschehen kausal zu begreifen, so mochte
zwar noch genug des Unbegreiflichen im einzelnen
Fall anzuerkennen sein, — schon deshalb, weil jedes
konkrete Phänomen selbst dann noch nicht „restlos
erklärt“ ist, wenn man alle die Elemente, aus deren
Zusammenwirken es entstand, theoretisch völlig be-
herrscht: Denn sie mischen sich in ihm in meist un-
erklärbarem und unbeherrschbarem Gewirre — aber
es war kein Platz mehr für Einwirkungen vom Un-
erfaßbaren her: Wo man auf solche hätte rekurrieren
müssen, da wäre die Erklärung, vom wissenschaft-
lichen Standpunkt aus gesehen, nicht fortgesetzt
sondern unterbrochen worden. Die Bedeutung der
fortschreitenden Unterbindung der Adern, die jedes
soziale Problem einst mit der Theologie verbanden,
liegt nun eben in dem heißen Wollen, durch Sturm
und Brandung an der aus erfahrbaren Gliedern be-
stehenden Kausalkette festzuhalten und keine Er-
klärung als Erklärung gelten und die Arbeit nicht
zu Ende sein zu lassen, solange diese Kette nicht fest
        <pb n="15" />
        ﻿15

zwischen erfahrbaren Gründen und Folgen hängt.
Nur so entsteht Wissenschaft, nur so erobert sich der
menschliche Geist — keuchend und strauchelnd, ver-
dammt oder verachtet vom Metaphysiker, verlacht
von der Menge — die Welt der Erscheinungen um
uns. Das hat sich damals vollzogen, es vollzog sich
im Glanz einer Begeisterung, mit einer Kraft und
Originalität, die nur zu bald verglühten.

Die Sozialwissenschaften gewannen dabei — zu-
gleich mit selbständiger Existenz — Konzentration,
Bewegungsfreiheit, positive Aufgaben und die Mittel
zu ihrer Lösung. Und auch die Theologie gewann; sie
wurde von Dingpn befreit, die für sie unbeherrsch-
bar und lästiger und gefährlicher Ballast geworden
waren, die sie zu Parteistellungen in tausend Fragen
nötigten, die, ihrem Wesen fremd, sie zu überflüssigen
Kämpfen und Verlusten führten.

Aber wie alle Geistestaten, so gelang auch dieser
entscheidende Schritt nur nach vielen und durch viele
Verirrungen. Ich habe seinen Sinn, sein Wesen zu
charakterisieren versucht, so wie es sich uns in seinen
Konsequenzen für die sozialwissenschaftliche Arbeit
dar stellt. Auf der Oberfläche jedoch erscheint noch
manches andere, was keinen bleibenden Wert hatte
und uns so manche melancholische Wahrheit über
die Art und Weise sagt, wie unser Geist arbeitet und
fortschreitet. Statt zu begreifen, daß Glauben und
Analysieren auf verschiedenen Ufern eines Stromes
liegen, über den keine intellektualistische Brücke
führt, und daß vernunftmäßiges Begreifen seine
Schranken hat, hielt man nun die Bahn für frei zu
        <pb n="16" />
        ﻿16

einem Lauf, der über alle Sterne hinausführen könnte.
Die große Schranke des Forschers war bis dahin der
Mensch und sein Denken und Handeln1 gewesen: Da
hatten die Geheimnisse und das Unerfaßbare oder Ge-
offenbarte begonnen. Und wie man nun begriff, daß
diese Schranke zu übersteigen sei, und wie man,
gleichsam von der Höhe der erstürmten Schanze,
Wege erblickte, die tief in die soziale Welt führen
konnten, da meinte man, daß sich auf diesen Wegen
„Alles“ erreichen lassen und Alles zur beweisbaren
Wissenschaft gebändigt werden könnte. Dieses
„Alles“ aber umfaßte auch die Gegenstände der Theo-
logie und die menschlichen oder in irgendeinem Sein
„absoluten“ Ideale und Zwecke. Die Kluft zwischen
diesen und positiver Wissenschaft haben uns zahllose
bittere Enttäuschungen gelehrt; damals sah man sie
nicht, bemerkten Viele überhaupt keinen Wesens-
unterschied zwischen ihnen und keine Grenzen der
Brauchbarkeit unseres logischen Werkzeugs. So
machte man sich daran, eine untheologische Theologie
zu eranalysieren einerseits und Ideale und Zwecke
als solche geradeso beweisen 'zu wollen wie einen
Kausalzusammenhang andererseits. Da begann der
Ikarusflug, der so schlecht ausfiel, so klägliche Re-
sultate zeitigte. Die glänzenden Gestalten der Mystik
und des Wollens in den Kleidern der alten Tante Ver-

1 In der mittelalterlichen Philosophie unterschied man vielfach
die Menschen (und reingeistige Wesen) als unmittelbare Geschöpfe
Gottes prinzipiell von den Produkten der Naturgesetzlichkeit, die
nur mittelbar auf einen Schöpfungsakt zurückgingen. Vgl. z. B.
Dantes Wendung Paradies III, 87: ciö ch’ella (d. h. der göttliche
Wille) cria e che natura face.
        <pb n="17" />
        ﻿17

nunft! Aller Glanz verloren, alle schwachen Punkte
beibehalten — es war fürwahr ein ärmlicher Ab-
schluß eines in seinen Grundlagen so prächtigen
Baues! Alle die Literaten, die sich über die Religion
und die Ideale der Menschheit machten, substituierten
ihnen die Jämmerlichkeiten des Philisters — die An-
schauungen des täglichen Lebens ihrer Klasse. Und
das allein hat dem Werk des 18. Jahrhunderts jenen
Ruf kühlen Rationalismus’ eingetragen, einer flachen
Überschätzung hausbackener Vernunft. Zwar hatte
schon dem gegenüber die Kritik dessen, was die Ana-
lyse leisten kann, eingesetzt. Zwar hat das 18. Jahr-
hundert selbst schon von seinen eigensten Grundlagen
aus schließlich eine Vernunftkritik gewonnen, die zu
den größten Leistungen der Geistesgeschichte ge-
hört — und ihren Gipfel in Hume und Kant er-
klommen. Zwar gab es mehr Lebensglut und Ideal-
freudigkeit als jemals — man denke nur an Sturm
und Drang, an die religiösen Bewegungen in England
und Deutschland, mögen diese letzten auch unser
Gefühl wenig anziehen, an das Erwachen sozialer
Sympathien. Aber die Nicolais und Gottscheds aller
Länder waren eben auch da, und an sie hielt sich
das Urteil der Späteren, das sich ja stets an die
Niederungen hält. Endlich hatten sich viele der
leitenden Geister und viele der tüchtigsten Durch-
schnittsarbeiter gerade auf diesem Feld, in dem so
empfindliche Wurzeln ruhen, so kompromittiert, daß
man das nicht von ihren dauernd wertvollen
Leistungen schied — nichts fällt dem Menschen ja
so schwer, als eine Verurteilung zu qualifizieren und

Schumpeter, Yergangenh. u. Zukunft d. Sozialwissensch. 2
        <pb n="18" />
        ﻿18

dieselbe Geistesverfassung, die zu Verirrungen ge-
führt hat, die er nicht verzeihen kann, in anderen
Gebieten als verdienstvoll anzuerkennen: Mit der
„Aufklärung“ und all den öden Phrasen, in die das
Ungeheuer Publikum die Geistestaten der Zeit ver-
arbeitete, haben wir aber hier nichts zu tun, so wenig,
wie der Maler, der eine Eiche malt, sich um die
Würste zu kümmern braucht, in die die Schweine, die
im Eichenwald weiden, verarbeitet werden.

Viele also schieden nicht einfach von der Theo-
logie, sondern zogen sie ein Stück' mit sich fort.
Schließlich kam es zum Scheiden, aber vorher noch
zur „natürlichen Theologie“. Wir finden sie als Be-
standteil der großen Lehrsysteme der Moralwissen-
schaft jener Zeit und des Curriculum der Universi-
täten neben Rechts-, Sitten- und Wirtschaftslehre.
Und sie war nicht etwa eine Religionswissenschaft
von der Art, wie wir sie heute kennen, keine Lehre
von den sozialen Funktionen und Erscheinungsformen
der Religion — von der Religion als sozialer Er-
scheinung — sondern eine Diskussion des Wahrheits-
gehaltes der fundamentalen Glaubenssätze, ein Ver-
such, diese Glaubenssätze logisch zu beweisen oder
zu widerlegen. Das konnte für die Folgezeit keine
Bedeutung behalten und speziell für die Sozialwissen-
schaft hat es nur d i e Bedeutung, daß solche Dis-
kussionen Vorläufer waren für jene wissenschaftliche
Untersuchung der psychologischen und soziologischen
Tatsachen des religiösen Lebens. Hätte ich Raum,
so könnte ich die Keime solcher Tendenzen sogar in
jener „natürlichen Theologie“ nachweisen.
        <pb n="19" />
        ﻿19

Auch von fachtheologischer Seite lenkte man viel-
fach, das Wesen des Gebiets verkennend, in diese
Bahnen ein. Als Beispiel sei das berühmteste Buch
der anglikanischen Theologie genannt, Bischof
Butlers „Analogy of religion“. Da war der Versuch
gemacht, zu zeigen, daß die religiösen Lehren durch-
aus der Denkweise der Naturwissenschaften ent-
sprechen und der Vernunft nicht mehr und nicht
weniger Schwierigkeiten machen als diese. Die end-
liche Wirkung des Buchs war der beabsichtigten ge-
rade entgegengesetzt, und wenn es etwas bewies, so
war das die furchtbare Ausdehnung der großen Kluft.

Nun sind zwar die einzelnen Autoren oder viel-
mehr Schulen auf diesem Feld zu sehr verschiedenen
Resultaten gelangt, welche trotz aller Verherrlichung
der absoluten Vernunftherrschaft wesentlich Kinder
der betreffenden religiösen Milieus sind, in denen
ihre Autoren aufgewachsen waren. Aber trotzdem
evolvierte eine Auffassung, welche man immerhin mit
größerem Recht als irgendeine von den andren als
Produkt derjenigen Zeittendenzen bezeichnen kann,
welche auf kongenialeren Gebieten soviel für die
Sozialwissenschaften leisteten. Das war der Deismus.
Wir wollen auf ihn und die zahlreichen Formen, die
er annahm — das Wort deckt sehr verschiedene In-
halte — nicht eingehen. Für unseren Zweck ist er
nur in zwei Richtungen wichtig: Einmal deshalb,
weil er uns als praktisches Beispiel für die Leistungs-
unfähigkeit logischer Analyse in dieser Beziehung
dienen kann, an welchem wir sehen können, wie eine
Vernunftreligion aussieht, wie sehr sie nur in nega-
        <pb n="20" />
        ﻿20

\

*



tiver Beziehung vom emotionellen Glauben ab-
weicht und in dem, was sie festhält, doch ganz auf
ihm basiert, und was ihr Schicksal sein muß: Der
Deismus hat nämlich als Ideenrichtung, welche über-
haupt mit Aussicht auf Erfolg vertreten werden kann,
das 18. Jahrhundert nicht überlebt, obgleich er ge-
rade heute ungefähr den tatsächlichen Ansichten der
Mittelschichten der europäischen Gesellschaft, vor
allem also des industriellen Bürgertums entspricht.
Er brach zusammen zwischen zwei Feuern. Alle,
denen der Glaube tiefes Bedürfnis war, wandten sich
grimmig gegen diese Verwässerung alles dessen,
was dem religiösen Leben Gehalt und Farbe gibt, und
alle, die vom Glauben wirklich los und sich mit der
erfahrungsmäßig gegebenen Welt begnügen wollten,
wandten sich nicht weniger entschieden gegen diesen
— zwar verwässerten — Glauben. Beide hatten
von ihren Standpunkten recht, und so muß es allen
solchen Versuchen gehen. Zweitens ist der Deis-
mus für uns interessant, weil er eine Zwischenstufe ist
zwischen dem Offenbarungsglauben früherer For-
sche%enerationen und einigen der Weltanschauungen,
dis aus der Forschertätigkeit im 19. Jahrhundert er-
wuchsen, nämlich den verschiedenen Arten von „Ma-
terialismus“, wie ich in Ermangelung eines besseren
Wortes sagen will. Diese waren zwar keine Theo-
logie mehr, aber sie waren die Frucht einiger der
Tendenzen, die aus der „natürlichen Theologie“ ent-
standen. Man sieht, den Versuch, der im 18. Jahr-
hundert so schlecht gelang, gab auch die Folgezeit
nicht ohne weiteres auf; die Entwicklungsrichtung —
        <pb n="21" />
        ﻿21

das sei gleich hier erledigt — in dieser Beziehung
zeigt nur ein Abflauen in der Energie dieser Vor-
stöße von seiten der positiven Wissenschaft und ein
Schrumpfen des relativen Baums, den diese Diskus-
sionen in Anspruch nehmen einer-, und eine immer
strengere Scheidung derselben von der konkreten
wissenschaftlichen Arbeit andrerseits.

Das waren also gleichsam die Wehen, unter denen
damals die Loslösung des sozialwissenschaftlichen
Denkens von der Theologie vor sich ging, und in
manchem Geist mögen sie schmerzvoll gewesen sein.
Es wäre nun nur logisch gewesen, wenn man sich
gleichzeitig von aller Metaphysik gelöst hätte; denn
vom Standpunkt wissenschaftlicher Arbeit liegt die
außertheologische Metaphysik genau so außerhalb
unseres Bereichs wie die Theologie und die Los-
lösung von der ersteren hat von diesem Standpunkt
ganz dieselbe Bedeutung wie die Loslösung von der
letzteren. Und entgegen oft wiederholten Behaup-
tungen ist im Wesen diese Loslösung geglückt und
der Gewinn des schmerzenden Schnittes realisiert
worden. Alle die Leistungen jener Zeit, von denen
ich einige gleich berühren werde, sind frei von allen
im metaphysischen Sinn spekulativen Obersätzen,
sind aus der Erfahrung gewonnen und nicht nur etwa
unbewußt und tatsächlich, sondern auf Grund der er-
kenntnistheoretischen Basis der Zeit. Wird das so
sehr verkannt, so kommt das nur daher, weil der histo-
rische Kritiker bei uns so sehr nach allem hascht,,
was irgendwie sich metaphysisch deuten läßt, und
sich dafür soviel mehr interessiert als für die analy-
        <pb n="22" />
        ﻿tische Gedankenarbeit. Allein trotzdem ist es wahr,
daß die Loslösung hier noch langsamer vor sich ging.
An die Metaphysik klammerte sich das Sehnen, das
noch blieb, als man mit Resignation der Theologie
gegenüber sich'schon abgefunden hatte. Noch lange,
nachdem man der gebotenen und geoffenbarten Meta-
physik, der Theologie, entsagt hatte, glaubte man, die
freie Konstruktion metaphysischer Welten innerhalb
der Wissenschaft festhalten zu können, ohne zu be-
denken, daß Geboten unterworfene und freie Speku-
lation, philosophische und religiöse Metaphysik sich
nur durch das für das Wesen der Sache gleichgiltige
Moment der äußeren sozialen Sanktion unterscheiden.
Und bis heute sind metaphysische Schatten der
Wissenschaft auf ihrem Weg gefolgt.

Es begann die Herrschaft des Glaubens an eine
universelle Harmonie. An sich liegt darin ja noch
keine metaphysische Behauptung, sondern nur die Er-
fahrungstatsache, daß die Dinge um uns kein Haufen
zusammenhangloser Einzelerscheinungen sind, viel-
mehr eben, weil wir sie beschreiben und voraussehen
können, offenbar nach gewissen allgemeinen Regeln
entstehen und vergehen. Aber diese Tatsache oder
Annahme wurde oft, wie früher auf eine persönliche
Gottheit, so nun auf eine nicht außerweltliche, aber
als reales Agens die Welt durchdringende Wesenheit
hypostasiert — in der Form eines Pantheismus oder
Panentheismus. Nun spreche ich hier nicht von dieser
Weltanschauung als Weltanschauung. Soweit sie nur
das ist, und so weit sie aus dem Reich der Metaphysik
nicht heraustritt, kommt sie für unsern Zweck
        <pb n="23" />
        ﻿23

nicht in Betracht. Aber ich möchte hervorheben, daß
diese Auffassung auch eine der Formen war, in der
der große Gedanke des Naturgesetzes zuerst auftrat.
Wären Entwicklungsreihen nicht stets so traurige
Halbwahrheiten, so würde ich sagen, daß die An-
nahme oder Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit alles Ge-
schehens, auf der alle Wissenschaft beruht, sich in
den folgenden Etappen durchringt: Zuerst wird sie
verstanden als Wirkung außerweltlichen Götter-
willens, dann als Äußerung eines mit der Welt identi-
schen geistigen Etwas, dann als Ausdruck irgend-
welcher natürlicher, aber als besonderer Realitäten
existierender „Kräfte“, endlich als erfahrungsgemäß
gegebene Beziehung zwischen den sich gegenseitig
bedingenden Erscheinungen. Inhaltlich können die Er-
kenntnisse der Wissenschaft dieselben sein, welcher
Anschauung man auch huldigen mag. Das 18. Jahr-
hundert vollendete in einzelnen Ausläufern schon die
vierte Etappe. Ausgegangen ist es im Wesen noch
von der ersten. Und die Masse der Denker hält über-
wiegend zwischen der zweiten und dritten. Während
aber für die Naturwissenschaft das nicht mehr als
eine philosophische Gesamtauffassung bedeutete und
auch für die Sozialwissenschaften nach und nach das-
selbe zu gelten begann, so ist es doch wahr, daß
in einzelnen wichtigen Fällen die Philosophie der
zweiten Etappe die sozialwissenschaftliche Arbeit
auch inhaltlich beeinflußte. Selten nur unterwarf sich
der Mann der Einzelwissenschaft dieser Anschauung
im Detail seiner Arbeit. Oft aber sprach der Philo-
soph von dieser Anschauung aus über konkrete so-
        <pb n="24" />
        ﻿zialwissenschaftliche Probleme — und zwar mit Er-
folg: Er wurde gehört und er beeinflußte. Wie immer
man diese Schöpfungen beurteilen mag, ob man in
ihnen die stärkste Wirklichkeit oder Begriffsdich-
tungen sieht, sicher ist, besonders in Deutschland,
ihr Kulturwert überaus groß gewesen. Das höchste
Lebensgefühl projizierte sich in sie, die höchsten
Lebensideale, vor allem das große deutsche Humani-
tätsideal, rankten sich um sie. Man mag bei der Lek-
türe der Schriften Wilhelm von Humboldts seine
Metaphysik mit Energie, selbst mit Abneigung zur
Seite werfen, großartig bleibt trotzdem jener Drang
nach bewußtem Leben, nach geistiger Verarbeitung
und Assimilierung alles dessen, was Leben und Welt
uns bieten.

Aber das ändert nichts daran, daß der Einfluß
der Metaphysik für die sozialwissenschaftliche Arbeit
stete Störung und steten Kraftverlust bedeutete und
noch bedeutet. Immer wieder wird der eroberte
Boden dadurch gefährdet, immer wieder das Ge-
leistete entstellt und Mißverständnissen von dieser
Seite her ausgesetzt. Man hätte hoffen können, daß
nach Kant sich die Dinge wandeln würden; denn
seine große Leistung war es, der Spekulation ihre
Grenzen zu ziehen. Aber er selbst öffnete in der
„Kritik der Urteilskraft“ die in der „Kritik der reinen
Vernunft“ zugeworfene Pforte wieder und die ge-
waltige Welle metaphysischer Spekulation folgte erst
noch: Fichte, Schelling, Hegel usw. Nehmen wir
Hegel zum Beispiel. Der Physiker kann, wenn das
in seiner Geschmacksrichtung liegt, sich des Hegel-
        <pb n="25" />
        ﻿25

sehen Gebäudes freuen. Denn niemand wird ihm von
diesem aus ernstlich seinen Weg weisen und ernstlich
daran denken wollen, naturwissenschaftlichen Einzel-
resultaten daraus Einwendungen zu machen. Hegel
selbst machte durchaus nicht vor dem physischen Ge-
schehen halt, wie sein unsterblicher Versuch lehrt, die
Zahl der Planeten durch Metaphysik und Zahlen-
mystik bestimmen zu wollen. Mit Unrecht nimmt das
der Hegelianer leicht. Denn das war keine Entglei-
sung, sondern bloß die Anwendung der gleichen Me-
thode, mit der Hegel stets arbeitete. Aber das machte
den Naturwissenschaften nichts, weil es ja doch nie-
mand ernst nahm. Den Sozialwissenschaften aber
schadete der Hegelianismus gar sehr; denn auf
diesem Neubruch wurde Hegel ernst genommen. Und
so drangen denn von hier aus Auffassungsweisen
und Behauptungen in das sozialwissenschaftliche
Arbeiten ein, die eine stete Abwehr erforderten und
eine nie versiegende Quelle von Verirrungen waren.
Noch heute muß der sozialwissenschaftliche Arbeiter
sein Werk vollenden wie die Arbeiter an der bibli-
schen Stadtmauer: mit einer Hand nur, während die
zweite das Schwert hält. Und das Unglück wäre noch
größer, wenn Hegel nicht mit einem Seitenblick auf
die Wirklichkeit spekuliert hätte, so daß viele seiner
Sätze nur metaphysierte Alltagsbeobachtungen seiner
Zeit und seiner Umwelt wären. Aber auch so liegt
hier einer der Gründe, warum die Sozialwissenschaft
so langsam, ach so langsam dem Licht des Tages ent-
gegenstrebt.

Das alles sehen wir, wenn wir nun jenes Terrain
        <pb n="26" />
        ﻿betreten, das der Metaphysik am nächsten liegt; —
freilich sehen wir auch, daß die wissenschaftlichen
Bäume trotzdem kräftig aus dem Unterholz wuchsen.
Gewiß betrachtete man in der Psychologie noch das
metaphysische Problem der Seele, aber an die Stelle
der primitiven Auffassung treten immer neue Ver-
feinerungen derselben — die Seele wird immer mehr
als die Einheit der psychischen Erscheinungen des
Individuums, als Träger seiner Persönlichkeit, seines
Char akters interpretiert. Und wird die Persönlichkeit
auch auf ein besonderes reales Agens, der Charakter
des Individuums als Symbol einer vom Weltgeist ab-
gespalteten „Idee“ metaphysisch hypostasiert, als ein
Funken einer übersinnlichen Flamme, so lag darin
kaum mehr als eine gleichsam künstlerische Ver-
klärung der Tatsache, daß die Elemente, die eine Per-
sönlichkeit ausmachen, lebendige Zellen eines organi-
schen Ganzen sind. Und vor allem hinderte diese
ästhetische Interpretation des Charakters nicht die
wissenschaftliche Arbeit, die in unendlich reichem,
in allen Farben des Regenbogens blitzendem Strom
hervorbrach.

Für uns ist diese psychologische Arbeit deshalb
von größter Bedeutung, weil sie direkt und indirekt
zu einer der Grundlagen der sozialwissenschaftlichen
wurde. In der Tat, wenn man das Verständnis der
sozialen Dinge in den sozialen Dingen selbst suchen
wollte, so mußte die Erforschung des menschlichen
Handelns und der menschlichen Psyche, der Art wie
unsere Psyche funktioniert, zu einer der Hauptauf-
        <pb n="27" />
        ﻿27

gaben werden — der Mensch mußte in das Zentrum
des wissenschaftlichen Interesses rücken, aus dem das
geoffenbarte Gebot gewichen war. Von jedem Stand-
punkt muß man das anerkennen — auch wenn man
noch so sehr eine „objektive“, unpsychologische So-
zialwissenschaft wünscht und noch so sehr einsieht,
daß man für viele Probleme mit der Psychologie nicht
auskommt. Erst wenn man erkannt hat — wie defini-
tiv von Kant verkündet wurde —, daß jeder nur von
seiner Subjektivität aus in die Welt überhaupt und
also auch in die soziale Welt blicken kann, und ferner,
daß sich alle eventuellen objektiven Notwendigkeiten
nur in der Psyche spiegeln können, kann man sagen,
daß die Sozialwissenschaften flott geworden sind. Und
eine der größten Taten jener Zeit war, sie flott ge-
macht zu haben. Unerschöpflich war ihr Interesse
für den Menschen und unerschöpflich die Flut origi-
neller- Anregungen.

Die frühere Zeit enthielt schon Keime. Schon bei
Leibniz klingen die mysteriösen Mächte des Unter-
bewußten an. Das 17. Jahrhundert kannte sonst frei-
lich nicht viel mehr als eine auf sehr alten Wurzeln
beruhende Lehre von den Affekten und erst in seinen
letzten Zügen Lockes Bewußtseinsanalyse. Aber das
18. Jahrhundert bringt in England eine Psychologie
der „Triebe“ (Hartley, Hume) und rastloses Sammeln
und Belauschen der Tatsachen des täglichen Lebens, in
England und in Deutschland die Assoziationspsycho-
logie, in Frankreich die Untersuchung des Funktio-
nieren der Sinnesapparate, die in dem Sensualis-
        <pb n="28" />
        ﻿28

mus Condillacs gipfelt1. Um nun bei Deutschland
zu bleiben: Da haben wir zunächst die „rationale“
Psychologie, die zunächst freilich nur metaphysische
Seelenlehre war. Dazu kommt aber die empirische
Psychologie, der Chr. Wolff die Tore des Systems öff-
nete und die, unterstützt durch die Arbeit zahlloser
Sammler von Einzeltatsachen, sich in ganz modernem
Geist entwickelte — auch ethnologisches Material
verwertete, so daß sich schon die moderne Sozial-
psychologie einer- und die moderne Völkerpsycho-
logie andererseits bemerkbar macht. Wie stark dieses
Interesse war, zeigt Moritz’ „Magazin für Erfah-
rungsseelenkunde“. Und Wolffs Eortsetzer, Feder und
andere, unter denen Tetens hervorragt, bebauten mit
schönstem Erfolg den Neubruch. Auch die Empfin-
dungsanalyse, die uns jedoch weniger berührt, die
später Goethe, Schopenhauer, Johannes Müller u. a.
entwickelten, kündigte sich an. Daneben aber ent-
stand, zum Teil getragen durch das populäre Ver-
langen nach „Menschenkenntnis“, eine Charaktero-
logie, eine Psychologie der individuellen Differenzen
würden wir heute sagen, die in unseren Tagen neu
auf blüht. Das Verdienst Lavaters und mancher an-
derer wurde freilich — zum Teil wegen mancher
Sonderbarkeiten, die den Kern der Sache verhüllten
— nicht ganz nach Gebühr gewürdigt. Auch die

1 Ein gutes Beispiel wieder für die Verquickung von einzel-
wissenschaftlichera Resultat und philosophischer Spekulation, dafür,
wie schwer es uns fällt, den alten Glauben aufzugehen, daß die
Wissenschaft auch schon Weltanschauung sei oder doch ohne wei-
teres zu einer Weltanschauung führe.
        <pb n="29" />
        ﻿29

Psychopathologie kündigte sich an. Bis weit in das
19. Jahrhundert haben alle diese Richtungen sich tat-
sächlich erhalten. Eine ununterbrochene Linie führt
z. B. von Hartley über James Mill zu Bain. Man sieht
auch, wie universell alles das ist, wie viele grund-
verschiedene Gesichtspunkte sich gleichzeitig aus-
wirken — und das soll das kahle, flache, banale Jahr-
hundert gewesen sein?!

Ereilich — wohl am schlimmsten fuhr gerade
jener Teil der Psychologie, der für uns am wichtig-
sten ist, die Motivenlehre. Zunächst wurde fraglos
die Bedeutung des bewußten Motivs und die Prompt-
heit und Folgerichtigkeit unseres Reagierens darauf
gründlich überschätzt. Sodann aber tat man damals
eben die ersten Schritte nach einem fernen Gebirge
hin — was Wunders, daß seine Linien viel einfacher
schienen als uns, die wir mitten in den Geröllhalden
herumklettern? Daher kommt es, daß man die indi-
viduellen Motive als ein letztes Datum hinnahm und
wenig nach ihrer sozialen Formung und Bedingtheit
fragte, und daß man sich mit einigen wenigen und
einfachen begnügte, wie Egoismus, Sympathie usw.
Besonders der Egoismus kam ganz bedenklich zu
Ehren. Und um das Malheur vollzumachen, wurde er
auch noch ganz individuell gefaßt — seine Abstufun-
gen in den Kreisen von Familie, Klasse, Nation, Rasse
wurden, wenn nicht übersehen, so doch wenig beach-
tet — und ganz hedonistisch orientiert, d. h. an den
treibenden Faktor eines lediglich lustsuchenden und
schmerzfliehenden Wollens gekettet: dieser hedoni-
sche Egoismus war die Basis des Systems, für das
        <pb n="30" />
        ﻿30

der Name Utilitarismus üblich wurde und das seine
Vollendung unter der Führung Benthams errang und
noch bis zum Tode des jüngeren Mill (1873) als
die in Fachkreisen „herrschende“, wenn auch sonst
gründlich unpopuläre Ideenrichtung auf diesem Ge-
biet in England bezeichnet werden kann, soweit es
jemals einen Sinn haben kann, von „herrschenden“
Ideenrichtungen zu sprechen.

Das alles reicht weit zurück. Schon Hobbes (ele-
ments 1640, De cive 1642) geht von einem solchen
hedonischen Egoismus aus, der von ihm während
seines Pariser Aufenthalts von Gassendi entweder
übernommen oder in ihm bestärkt wurde. Die Sache
lag nahe genug, und schon vor Hobbes war man in
England und in Italien in diesem Fahrwasser. In
dieser Zeit nun reagierten wohl viele gegen den
hedonischen Egoismus — wohl mehr gegen seine
angebliche oder wirkliche Ideallosigkeit, als gegen
seinen Wert als Erklärungsprinzip —, aber er setzte
sich dennoch fast auf allen Gebieten durch. Und wir
werden das verstehen. Lebensauffassung war das
freilich keine, aber es war sicher eine erste Annähe-
rung zur Erfassung des Motivlebens. Weder „Egois-
mus“ noch „hedonischer Egoismus“ sind wirklich-
keitsfremde Phrasen oder Namen für uninteressante
Dinge: Immer muß die Rolle, die sie spielen, erheb-
lich sein, und wenn man von ihnen ausgeht, kann man
zwar nie die volle Wirklichkeit, wohl aber ein erkleck-
liches Stück der Wirklichkeit begreifen. Vor allem
ist dieses Moment real und beobachtet, nicht etwa
eine metaphysische Spekulation. Mag die Beobach-
        <pb n="31" />
        ﻿31

tung roh sein — sicher ist sie das ja — so kann man
doch, was aus ihr abgeleitet wird, nicht einfach als
spekulativ und unwissenschaftlich verwerfen.

In der Analyse des Denkprozesses als solchen
wurde meines Wissens nicht viel geleistet. Er war
noch ein vorwiegend metaphysisches Problem. Auch
die Logik im engeren Sinn kam nicht wesentlich
weiter und noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
herrscht die alte Scholastik der Schlußlehre — noch
John St. Mill studierte Logik an Du Trieu’s manu-
ductio ad logicam, die ganz mittelalterlichen Geist
atmet. Desto mehr aber geschah in der Erkenntnis-
theorie, namentlich durch Hume. Seine Erkenntnis,
daß die Kausalbeziehung nichts ist als eine speku-
lativ überschätzte Zeitfolge von Erscheinungen, ist
nur einen Schritt von der soziologischen Erkenntnis-
theorie entfernt, die sich heute ankündigt. Allein
dieser Schritt — nämlich das Begreifen der Art und
Weise, wie aus zeitlicher Aufeinanderfolge psychisch
jenes festere Gebilde wird, das wir Kausalrelation
nennen, aus den Notwendigkeiten, unter denen die
soziale Gruppe lebt — wurde meines Wissens nicht
gemacht.

Es mag befremden, wenn ich jetzt die Leistungen
jener Zeit auf dem Gebiet der Ästhetik übergehe.
Könnte man doch das 18. Jahrhundert das ästheti-
sche nennen! Im Leben wie im Denken kehrte man
damals den ästhetischen Gesichtspunkt hervor, um
das Leben zum Kunstwerk und das Kunstwerk
lebendig zu machen — und das ästhetische Moment
hat dieses Jahrhundert unserem Kultur System ver-
        <pb n="32" />
        ﻿32

macht. Trotzdem ist seiner Ästhetik, soviel ich sehe,
nicht nur das soziologische Element fremd — das lag
für die Ästhetik noch im Schoß der Götter — sondern
sie ist auch noch so spekulativ, daß sie in dieser Über-
sicht nur in einer Beziehung Raum finden kann —
in ihrem Einfluß auf das Denken in Gebieten, die sich
heute mehr und mehr „soziologisieren“ K

Das sehen wir gleich an der Ethik der Zeit. Die
große Tat war die Eroberung des ethischen Feldes
für die Sozialwissenschaften, das Entstehen einer
Ethik als Sozialwissenschaft. Aber viele der feinsten
Geister gingen nicht den direkten Weg zu diesem Ziel
— es wäre ihnen sogar herzlich unsympathisch ge-
wesen —, sondern sie interpretierten die Sittlichkeit
als eine Forderung des ästhetischen Gefühls, sie
suchten ihr Wesen im bewußten, harmonischen Ge-
stalten des Lebens. Nicht besser hätte man den Geist
der Zeit erfassen können, und das erklärt den so un-
glaublich großen Erfolg des brillantesten Vertreters
dieser Stellung — Shaftesburys: Weithin und tief
wirkte er, durch alle Länder und durch alle Gebiete.
Aber eine Theorie der ethischen Tatsachen war das
nicht. An der begannen andere zu bauen. Dabei ist
es ganz Nebensache für uns, von wo man ausging.
Mochte man die Sittlichkeit egoistisch fundieren, wie
Mandeville in seinem bizarren Lehrgedicht, oder rein

1 Vgl. jedoch Justis Winckelmann I, p. 200. Ferner sei immer-
hin betont, daß die starke subjektivistische Strömung in der Ästhetik
jener Zeit (Harris, Mendelssohn, Sulzer z. B.) ihrer Natur nach in
diese Richtung weist, wie wir das ja heute wieder sehen: Subjek-
tivierung, Psychologisierung, Soziologisierung der Ästhetik1 sind
Schritte, die hintereinander auf einem Wege liegen.
        <pb n="33" />
        ﻿33

rational — hier gehen die Anfänge auf Spinoza und
hinter ihn zurück — oder emotional — hierher ge-
hört die Schule des common sense und hier liegen
einige der Wurzeln der Stellung Kants in diesem
Problemkreis — oder auf Sympathie wie Adam
Smith, stets haben wir Versuche vor uns, die Tat-
sachen der Ethik auf erfahrbare Erklärungsgründe
zurückzuführen. Wie die Erklärungen im Einzelnen
gelangen, ist dann bloß von sekundärer Bedeutung.
Der Weg zur Wissenschaft vom moralischen Motiv1,
Verhalten und Urteil war betreten.

Daß die meisten Autoren in diesen Rich-
tungen noch gelegentlich nach metaphysischen Stütz-
punkten suchten, berührt das Wesen ihrer Gedanken-
gänge nicht. Doch ist das interessant: Wie doch der
forschende Geist vor den Abgründen schaudert, an
denen die Forschung vorbei muß, wie er nur zagend
vordringt, sich gelegentlich gleichsam die Augen ver-
bindet, um nicht zu sehen, wo er landen muß, wie
er das Ziel oft selbst nicht will, nach dem ihn unent-
rinnbare Notwendigkeiten treiben, wie er sich über die
Fortschritte, die seine eigene größte Leistung sind,
jeweils trösten muß! Genüge es, festzuhalten: Der
Strom wissenschaftlicher Entwicklung brach sich mit
Macht seinen Weg, obgleich noch mancher Felsen in
seinem Bett stehen blieb, an dem sich für lange Zeit
die Wogen umsonst abmühten.

Aber es wird nachgerade wichtig, zu betonen, daß
die wissenschaftliche Betrachtung, deren Wachsen ich
hier schildere, auch auf diesem Gebiet die im engsten
Sinn philosophische weder verdrängen kann noch

Schumpeter, Vergangenh. u. Zukunft cU Sozialwissensch.	3
        <pb n="34" />
        ﻿„soll“. Die Ethik bleibt als ein Teil der Metaphysik,
als eine philosophische Deutung der ethischen Tat-
sachen bestehen, wenngleich die letztern auch Gegen-
stand wissenschaftlicher Untersuchung werden, ganz
so, wie die Eeligion dadurch nicht berührt wird, daß
die religiösen Tatsachen wissenschaftlich analysiert
werden. Das verkannte, man damals und das verkennt
man zum Teil noch heute. Daher stammt ja die Feind-
seligkeit gegen diese Wissenschaften und die stete
Lust des Philosophen, ein Ephorat über sie auszuüben.
Und damals war die Differenzierung zwischen beiden
Problemreihen erst in den Anfängen, und dicht neben-
und durcheinander finden wir die Elemente von ethi-
schen Philosophien und ethischen Wissenschaften.
So wenden Freund und Feind oft Argumente gegen
beide an, die nur für die einen Sinn haben, und so ent-
steht die Konfusion, in der schließlich den Leistungen
jener Zeit gleichzeitig basenlose Spekulation und bru-
taler Empirismus vorgeworfen wird.

Das aber erklärt es nur zum Teil, daß die von da-
mals auch stets, oder fast stets — denn die Strömung,
aus der Kants Vernunftkritik erwuchs, hatte schon
im 17. Jahrhundert eingesetzt — einen Moralkodex
aus ihrer Moraltheorie gewinnen wollten und zwar
einen, der für alle Zeiten und Orte gelten und an dem
alle empirisch gegebenen Moralkodices zu messen
sein sollten. Das wollten sie nicht bloß in ihrer Eigen-
schaft als Moral Philosophen, eine Funktion, die
sie allerdings fast immer ausübten, sozusagen im
Nebenamte, sondern auch aus einem anderen Grund,
den ich schon angedeutet habe. Die Zeit fragte vor
        <pb n="35" />
        ﻿35

allem: „Was sollen wir?“ Sie dürstete nach prak-
tischer Weisheit, nach Hilfe in der Fülle des realen
Lebens. Die Forscher fühlten mit ihr, denn nur lang-
sam erwuchs das spezifisch wissenschaftliche Inter-
esse. Und die Forscher meinten um so mehr die
Dürstenden tränken und die Hungernden speisen zu
können, als sie die unüberbrückbare Kluft zwischen
Erkenntnis und Zielsetzung nicht sahen. Die Ziel-
setzung schien ihnen einfach aus der Erkenntnis zu
folgen, auf einem Weg zu liegen, der sich von dem,
der zum Beweis einer Proposition Euklids führt, gar
nicht unterscheidet. Sie waren sich nicht bewußt,
daß, sowie von Wollen und Sollen in anderem Sinn
die Rede ist als in dem Sinn, daß das tatsächliche
Wollen und Sollen konkreter Menschen und Völker
und Zeiten kausal begriffen werden kann, der Waggon
der Wissenschaft den Schienenweg der Logik verläßt
und in die Luft fliegt. Warum hätten sie also dem
tiefsten Sehnen des Menschen Steine statt Brot bieten,
auf die tiefsten Fragen mit einem Achselzucken ant-
worten sollen — wie wir es heute tun müssen, nach-
dem wir die Notwendigkeit des gewaltigen Opfers
erkannt haben?

So gingen sie denn unbefangen von der Theorie
des Seienden zur Forderung des Seinsollenden über,
in der Ethik wie auf allen anderen Gebieten. Daher
machten sie den aussichtslosen Versuch, ein für alle
Zeiten und Orte „gütiges“ — wenngleich erst durch-
zusetzendes — Sittengesetz zu erkennen, von dem sie
°ft auch noch behaupteten, daß es tatsächlich Ziel
und Sinn der tatsächlichen Entwicklung ausdrücke.

3 *
        <pb n="36" />
        ﻿36

Und das war der zweite große Irrtum der Zeit in
bezug auf Überschätzung der Leistungsfähigkeit des
Vernunftapparats: Es gibt allgemein gütige Erkennt-
nisse über das Phänomen der Sittlichkeit, es gibt aber
keine allgemein gütigen sittlichen Ideale1. Wie ge-
sagt, jene Zeit selbst schon hat diesen Irrtum über-
wunden und Hume und Kant haben gezeigt, wie un-
vermeidlich jenes Opfer ist. Doch in der Praxis wirkte
er fort. Weil sich nun auch die Folgezeit gerade für
dieses Sollen, diese praktischen Programme besonders
interessierte und den Rest — der den Kern enthielt —
einfach nicht sah, so verwickelte sich mit der Nieder-
lage dieses Teils des Schaffens jener Zeit eine Nieder-
lage des Ganzen. Wir aber müssen beides unter-
scheiden: Die Theorie des Wesens, der Funktionen,
des Entstehens ethischen Urteilens und Verhaltens,
die die Basis unserer eigenen Arbeit auf diesem Ge-
biet und die geschaffen zu haben unsterblicher Ruhm
ist — und die konkreten „Forderungen“, die wir zum
Material der Ideengeschichte legen müssen, wo schon
alle anderen Ethiken der Welt ihrer analytischen Er-
klärung harren.

Von einem anderen Standpunkt könnte man die
geistige Heldentat, die in der Eroberung des Feldes
der ethischen Tatsachen lag, auch so ausdrücken:
Die Sittlichkeit ist ein soziales Phänomen, das nicht
erst von einem konkreten Sittenkodex geschaffen
wird, sondern aus den Notwendigkeiten sozialer
Existenz selbst herauswächst und aus ihnen zu ver-

1 Vom Standpunkt der Wissenschaft und dann, wenn man das
Wort „allgemein gütig“ in beiden Fällen in gleichem Sinn verwendet.
        <pb n="37" />
        ﻿37

stehen ist, so daß es in diesem Sinn unabhängig von
jedem solchen Kodex — der nur ein Versuch ist, die
reale Sittlichkeit zu formulieren und zu beeinflussen
— existiert und jedem solchen Kodex gegenüberge-
stellt werden kann. Das Phänomen hat seine eigene
Logik, seine eigenen Bestimmtheiten, die wir er-
forschen können wie eine Naturerscheinung. Da diese
Bestimmtheiten sich aus der „Natur“ des Menschen
und des sozialen Zusammenlebens ergeben, kann man
von einer „natürlichen“ Sittenlehre im Gegensatz zu
einer gebotenen sprechen, und da diese Bestimmt-
heiten erfahrungsmäßig erforscht werden können,
von einer natürlichen Sittenlehre im Gegensatz zur
theologischen oder überhaupt metaphysischen. In
diesen beiden Gegenüberstellungen drückt sich der
tiefere Sinn aus, in dem das Wort „natürlich“ damals
gebraucht wurde und der ungeheure Fortschritt, der
darin lag. Freilich kam dazu die eben behandelte Ver-
irrung, die gleichzeitig von einem inhaltlich bestimm-
ten natürlichen Idealzustand sprechen ließ, der den
Dingen immer und überall entspreche und praktisch
durchgeführt werden müsse, und die Assoziation mit
dieser Verirrung wurde dem großen Gedanken selbst
gefährlich.

In ganz demselben Sinn sprach man nun damals
von einem „Naturrecht“ — leider auch hier die Idee
eines darauf zu basierenden ewigen Gesetzbuchs
damit verbindend. Das Naturrecht in dem Sinn, in
dem es für uns allein in Betracht kommt, beruhte auf
der Erkenntnis, daß das Kecht aus den sozialen Not-
wendigkeiten geboren und durch sie zu verstehen
        <pb n="38" />
        ﻿3S

ist, und ist daher seinem Wesen nach eine Theorie
des Rechtsphänomens, und zwar eine empirische,
wissenschaftliche Theorie im Gegensatz zu einer mit
Unerfaßbarem arbeitenden Spekulation.

Damit berühren wir einen Ideenstrom, von dessen
unendlichem Reichtum und unendlicher Bedeutung,
i^wie ich fürchte, man in wenigen Worten keine Vor-
stellung machen kann. Was der Nil für Ägypten ist,
das war das Naturrecht im 18. Jahrhundert für das
sozialwissenschaftliche Geistesleben und selbst über
die Grenzen der Sozialwissenschaften hinaus, vor
allem in Deutschland. Von ihm aus und durch seine
Kanäle hindurch wirkte vor allem das neue Leben
der Geister. Durch seine Vermittlung drang die
Fragelust in neue Gebiete und aus seinem Schoß
wurden neue Wissenschaften geboren. Von ihm aus
erneuerte sich der wissenschaftliche Gedanke und
selbst die Philosophie und von ihm drang man — über
Spinoza, Hobbes, Bayle, Descartes, zur Höhe vor, auf
der Leibniz steht und über sie hinaus zu Kant und
Goethe.

Daß gerade die Rechtslehre das leisten konnte,
richtiger gesagt, daß alle jene großen Bewegungen
zunächst in der Form einer Rechtstheorie auftraten,
lag natürlich nur daran, daß noch im 17. Jahrhundert
die Jurisprudenz fast die einzige große Laienwissen-
schaft war und der Weg zu Forschungsarbeit und
überhaupt zu allgemeiner Bildung vor allem durch das
Rechtsstudium führte. Man darf sich natürlich nicht
die eigentlichen Berufsjuristen als Träger der Fahne
denken. Vielmehr legten ihr Bildungsgang und die
        <pb n="39" />
        ﻿39

Zeitverhältnisse den führenden Geistern gerade das
Rechtsproblem besonders nahe und der erstere bringt
auch eine Eigentümlichkeit der Darstellung mit sich,
die den modernen Leser oft fast humoristisch berührt
und die man überwinden muß, wenn man zum Wesen
der Gedankengänge Vordringen will: Die Verwen-
dung juristischer Argumente in allgemein sozial-
wissenschaftlichen Fragen. Man glaubte oft etwas ge-
leistet zu haben, wenn man die Herrscherstellung der
Fürsten z. B. als Mandat konstruierte (Hobbes) und
mancher kräftige Gedanke erscheint im Maskenkleid
einer Pandektenstelle.

Der Held des Heeres war Grotius. Ich kann auf
die Entwicklung nicht eingehen und nicht zeigen, wie
das Naturrecht vornehmlich in Italien langsam
emporwuchs, bis Grotius es in ein System brachte.
Sonst wären eine bunte Reihe von Namen, wie S. Tho-
mas Aquinas und Macchiavelli, Gentile und Gassendi,
Dante und Baco zu nennen. Bei Gassendi und Hobbes
finden wir zahlreiche Anklänge von den Sophisten her,
so daß sich wohl eine imposante Entwicklungsreihe
aufstellen ließe. Genüge es, zu sagen, daß in Grotius’
Hand das Problem des Rechtes definitiv Autonomie
gewann, wenngleich selbst der gute Pufendorf, der die
widerspenstige Gedankenmasse des ,de jure belli et
pacis’ in ein schönes, glattes Lehrbuch knetete (Ele-
menta jurisprudentiae universalis methodo mathe-
matica) noch den jussus Dei einführt und erst bei
Francis Hutcheson, dem Lehrer Adam Smiths, das
Naturrecht ganz auf eigenen Füßen steht und nichts
Metaphysisches mehr an sich hat. Und Grotius er-
        <pb n="40" />
        ﻿40

kannte auch den Charakter des Rechts als eines nicht
nur natürlichen, sondern auch sozialen Phänomens.
Er vollzog- die Scheidung von der Ethik, die den
Juristen früherer Zeit fremd gewesen war — war
doch für sie das Recht die allgemeine ars boni et aequi,
die einheitlich als Exegese der vorhandenen Gebote
weltlicher und überweltlicher Gesetzgeber darzulegen
war. Es liegt keine sachliche Differenz darin, wenn
Leibniz — hier ganz Schüler von Grotius — das Recht
wieder fast in der Sittlichkeit aufgehen läßt: Die Er-
kenntnis, daß das Recht und die Sittlichkeit beson-
dere Phänomene seien, war e i n Schritt der Analyse.
Die Erkenntnis, daß beide aus derselben sozialen
Wurzel sprießen und analog zu begreifen seien, ein
weiterer Schritt. Auf Leibniz und Pufendorf folgte
dann Wolff, der das Naturrecht dem System der
Moralwissenschaft definitiv einfügte, wie das schon
vorher anderwärts, besonders in Schottland, ge-
schehen war.

Das also war das Naturrecht, das durch das ganze
19. Jahrhundert der Prügelknabe unter den Sozial-
wissenschaften war. Generation nach Generation von
Schülern wuchsen heran, die alle sorgfältig gelehrt
wurden, darüber zu lächeln und niemand, der etwas
auf sich hielt, konnte davon ohne mitleidige Gering-
schätzung sprechen . Es wurde — und oft von einem
und demselben Kritiker — als halbmaterialistischer,
mechanischer „Naturalismus“ verschrieen, der allem
Idealen und Emotionellen verständnislos gegenüber-
stand, bald als höchste spekulative Verirrung eines
Rationalismus, der nie in die Wirklichkeit blickte und
        <pb n="41" />
        ﻿41

sie a priori modeln wollte, so daß alle exakte For-
schung diese Philosophien beiseite schieben und die
Arbeit von neuem beginnen müsse. Und abgesehen
von diesem Widerspruch passierte Manchem auch
noch das Unglück, daß er das Naturrecht als apriori-
stische Spekulation verwarf, aber dann vor Hegel eine
Verbeugung nach der anderen machte: nach welchem
Prinzip, ist etwas geheimnisvoll; es sei denn das Prin-
zip, daß man die Spreu vom Weizen sondern müsse,
um die Spreu sorgfältig aufzubewahren und den
Weizen fortzuwerfen. Jedenfalls — ein enges, banales,
unwissenschaftliches Gemenge von Aufklärungsvor-
urteilen, von dürren, scholastischen Dogmen, die man
in unbegreiflicher Beschränktheit für der Weisheit
letzten Schluß hielt — das ist ungefähr das Bild, das
man uns seit hundert Jahren und mehr vom Natur-
recht entwirft.

Ist das so ?

Wiederum: Scheiden wir drei ganz verschiedene
Dinge:

Erstens scheiden wir Rechtstheorie und Rechts-
philosophie. Mit der Bestimmtheit der Ausdrücke
steht es ja leider so schlimm und vielfach mußte sich
die Rechtstheorie später wieder im Sturm der Zeit
in die Rechtsphilosophie flüchten, deren „Geschichte“
sich notdürftig im Lehrbetrieb erhielt. Ich meine:
Scheiden wir die Wissenschaft vom Rechtsphänomen
(nicht zu verwechseln mit der Anwendungstechnik,
welche wir unter Jurisprudenz verstehen), von der
Metaphysik, der philosophischen Deutung des Rechts.
Beide haben miteinander nichts, gar nichts zu tun
        <pb n="42" />
        ﻿42

und die letztere gehört nicht zur ersteren — nicht
weil sie zu schlecht oder zu gut dazu wäre, sondern
weil sie etwas völlig Wesensverschiedenes ist. Und
beide lassen sich bei den Lehrern des Naturrechts
scheiden, nur daß sie mitunter nebeneinander stehen.
Nur mit der Rechts theorie haben wir es zu tun,
wenngleich die Kritik sich viel mehr für die Rechts-
metaphysik interessierte und wenngleich gerade die
Rechtsmetaphysik von Kant und Richte aus munter
weiterlebte, während die Theorie verdorrte.

Zweitens scheiden wir Rechtstheorie und das Pre-
digen eines idealen, unwandelbaren Rechtssystems.
Das Letztere halten wir nicht nur wegen der darin
liegenden Vernachlässigung der historischen Be-
dingtheit jedes Ideals, sondern aus denselben — lo-
gischen — Gründen1 wie in der Ethik, auch prinzi-
piell für verfehlt.

Drittens also bleibt nur die Rechtstheorie übrig.
Vor allem muß betont werden, daß die Rechtstheorie
des Naturrechts — im Sinne, nochmals sei es wieder-
holt, eines Systems von Erkenntnissen über das
Wesen des Rechtsphänomens — keine Einheit ist.
Einheitlich ist daran nur der große Grundgedanke
der wissenschaftlichen Untersuchung dieses bis da-
hin der Wissenschaft fast ganz entrückten Problemge-
biets. Im übrigen finden wir einen bunten Reich'
tum von Anregungen und Gesichtspunkten — nach

1 Die Folgezeit stützte ihre Kritik nur auf das erste und nicht
auf das zweite Moment. Sie warf ferner Rechtstheorie und Rechts-
ideal — wie ich der Kürze halber sagen will — zusammen. Und
das sind ihre großen Fehler gewesen, die ihre Kritik der besten
Frucht beraubten.
        <pb n="43" />
        ﻿43

allen Seiten dringt die wissenschaftliche Armee —
heftig unter sich streitend — über das Gelände. Von
einer dogmatischen Enge ist auch nicht eine Spur.

Man suchte den Schlüssel des Verständnisses im
menschlichen Handeln und wollte es auf Erklärungs-
prinzipien zurückführen, die Introspektion, Beob-
achtung des Alltags und die Geschichte, so wie man
sie damals kannte, boten. Da haben wir vor allem
das Prinzip des Utilitarismus, des hedonischen Egois-
mus. Im 17. Jahrhundert mit glänzender, übertrei-
bender Energie von Hobbes vertreten, wurde es so-
gleich von Grotius bekämpft und niemals hat es aus-
schließlich geherrscht. Bei Pufendorf finden wir eine
Mittelstellung, welche diesem Moment seinen Platz
anzuweisen sucht, ohne doch andere Momente zu er-
schlagen, den Versuch also, den hedonischen Egois-
mus als Tatsache anzuerkennen und zur Erklärung
zu verwerten, aber nur in einer Keihe mit anderen
Momenten — in der Tat ein Versuch in sehr gesunder
Richtung, wenngleich darin von der Kritik nur ein
Widerspruch gesehen wurde. Und innerhalb des
Systems der Moralwissenschaft behauptete sich diese
Stellung bis bei Bentham wieder der Utilitarismus,
wenn auch zum Teil vertieft und sorgfältiger defi-
niert, zu ausschließlicher Geltung kam. Innerhalb
dieser Grundlinien sind zahllose Nuancen zu unter-
scheiden ; wir wollen nur auf den Gegensatz zwischen
der Theorie hinweisen, die von einem vernunftbe-
herrschten, hedonischen Egoismus ausging und dar-
aus direkt die gesellschaftlichen Zusammenhänge ver-
stehen wollte, und der Theorie — in voller Schärfe
        <pb n="44" />
        ﻿finden wir sie nur bei Hobbes, schon sehr ab-
geschwächt bei Spinoza —, welche den Kampf indi-
vidueller Egoismen prinzipiell zum primitiven bellum
omnium contra omnes der Sophisten werden und die
Gesellschaft nicht durch den hedonischen Egoismus
direkt, sondern durch die politische Gewalt zu-
sammengehalten sein ließ.

Natürlich können wir keine dieser Auffassungen
heute mehr als bare Münze nehmen. Sie waren erste
Annäherungen. Man frage sich aber nur selbst, wie
man die Sache anpacken würde und man wird sofort
finden, daß diese Ausgangspunkte naheliegen — vor
allem aber, daß ihnen Tatsachen zugrunde liegen.
Das Naturrecht war in seinen Grundlagen, wie jede
positive Wissenschaft, streng „induktiv“ und nur weil
die Induktion, wie in den Anfängen jeder Wissen-
schaft, unsicher und unvollständig war, erscheint sie
nun so schlecht fundiert oder überhaupt im Lichte
von aprioristischen Obersätzen. Eine Tatsache sprach
auch das wichtigste von jenen Prinzipien aus, auf
denen die Gegner des Utilitarismus fußten: Gentiles
und Grotius’ Soziabilitätsprinzip. Trieb nach gesell-
schaftlichem Zusammenleben — das klingt an sich
wahrlich nicht besonders großartig. Ein „Trieb“ darf
überhaupt nie letztes Prinzip einer Erklärung sein,
denn er muß selbst erst erklärt werden. Abgesehen
davon ist dieser Trieb offenbar bedenklich vage.
Aber wenn das eine primitive wissenschaftliche Auf-
fassung war, so war sie doch streng wissenschaftlich
und aus den Tatsachen abgelesen. Und es steckt viel
mehr darin als man glauben möchte. Spräche man
        <pb n="45" />
        ﻿45

das Prinzip etwa so aus: Das soziale Ganze formt
das einzelne Individuum, so daß dasselbe ohne alle
bewußte Entschlußfassung sich einer Stelle in diesem
Ganzen eingepaßt fühlt und seipe Handlungs- und
Denkgewohnheiten von dieser Umwelt eingeprägt er-
hält, woraus sich eine Tendenz nach einem den so-
zialen Notwendigkeiten konformen Verhalten ergibt
— so würde Grotes Prinzip gleich anders aussehen.
In dieser Formulierung habe ich zugleich seine Be- *
deutung ausgesprochen: Es verkörperte sich in ihm
die Tatsache der sozialen Wechselbeziehung, die Ent-
deckung des Phänomens „Gesellschaft“, das von den
späteren Naturrechtslehrern dann deutlicher heraus-
gearbeitet wurde1. Man brauchte es nur unter die
analytische Lupe zu nehmen, um auf alles das zu
stoßen, was die soziale Welt im Innersten zusammen-
hält.

Eine der Methoden der Naturrechtstheoretiker —
sie hatten schon fast alle Methoden, die wir heute
haben — war auch die Vergleichung verschiedener so-
zialer Entwicklungsstufen — nebenbei gesagt, finden
wir schon bei Leibniz auch die Idee der vergleichen-
den Jurisprudenz — und dabei wurden primitive Zu-
stände für sie ebenso wichtig, wie sie es für uns
heute sind. Und weil sie darüber weniger wußten als
wir, so wurde das seither zu einer Quelle billiger Ein-
wendungen. Doch ist nichts falscher, als zu glauben,
daß ihre Ideen darüber — sie wichen voneinander

1 In der Festschrift zum siebzigsten Geburtstag G. v. Schmollers
hat v. Philippovich gezeigt, dafs der Begriff der Gesellschaft eigent-
lich von der Literatur des Naturrechts aus in die Nationalökonomie
eingedrungen ist.
        <pb n="46" />
        ﻿46

sehr ab — gar so ungeheuerlich gewesen seien. Daß
sie primitive Zustände verherrlicht hätten, trifft nur
ganz wenige, besonders Rousseau. Und vollends ist
es nicht wahr, daß ihre falschen Auffassungen dar-
über sie zu wesentlichen Fehlern in den Resultaten
geführt hätten. War doch ihr primitiver Zustand
häufig nichts anderes als ein zum Zweck der Dar-
stellung und Lehre konstruierter einfacher Zu-
stand der Gesellschaft, dessen Charakteristika sie
selbst nicht in die wirkliche Vergangenheit projiziert
hätten. Ein Unglück war es freilich, daß sie diesen
primitiven Zustand ebenfalls „natürlich“ nannten und
aus dieser Homonymie für sich und andere eine Quelle
von Konfusionen schufen. Ganz so steht es mit dem
berühmten „contrat social“. Auch der war vielfach
nur eine Darstellungsform der ratio der gesellschaft-
lichen Beziehungen. Und soweit eine tatsächliche
Behauptung darin lag, hat sie — ebenso wie den
primitiven Utilitarismus — schon das 18. Jahrhundert
selbst überwunden (Hume). Es war ja eine Zeit rasch
vorstürmenden Fortschritts und die Geister häuteten
sich oft: Da darf man nicht aus jedem Hilfsgerüst,
das die Baumeister selbst bald wieder abbrachen, eine
Einwendung machen. Hierher gehört auch ihr angeb-
licher Glaube an eine immer und überall konstante und
bei allen Leuten wesentlich gleiche Menschennatur.
Sie nahmen gewiß an, und für weitaus die meisten
Zwecke der Sozial Wissenschaft ist das völlig erlaubt,
daß die allgemeinen Grundzüge des Trieblebens und
des Denkprozesses sich in historischen Zeiten nicht
wesentlich verändert hätten. Aber es ist ihnen nie
        <pb n="47" />
        ﻿47

eingefallen, die individuellen Differenzen an Intelli-
genz und Energie zu verkennenl.

Was war das nun, was jene Forscher betrieben —
diese Untersuchungen über das Wesen der Gesell-
schaft und der sozialen Zusammenhänge, diese Ver-
suche, den sozialen Menschen zu analysieren, dieses
Streben nach allgemeinen, unmetaphysischen Er-
kenntnissen? Das war nichts anderes als Soziologie

—	in ganz demselben Sinn wie wir sie heute treiben,
und von uns nur getrennt durch Fortschritte der
Technik der Wissenschaft. Darin denn liegt die
höchste reinwissenschaftliche Bedeutung des Natur-
rechts, daß es die große, neue Wissenschaft vom so-
zialen Menschen schuf. Dort lagen die Quellen für
einen der drei Flüsse wenigstens, aus denen dann der
Strom der Soziologie entstand — der zweite Quell-
fluß ist die schon erwähnte Psychologie und Ethik,
der dritte die noch zu erwähnende Geschichtstheorie

—	und unendliche Anregung gewährt die Lektüre
jener Autoren, wenn der Leser in diesem Geist an
sie herantritt, denn nie vorher, nie nachher war je-
mals der Gedanke so frei, so kühn.

Und was heißt das, bei jedem Rechtssatz auf das
Wesen der sozialen Beziehung blicken, die er regelt,
oder auf das Wesen der wirtschaftlichen Vorgänge,

1 Wenn sie politische und rechtliche Gleichheit aller Staats-
bürger forderten, so kann man sagen, dafs eine solche Forderung
nicht in die Wissenschaft gehöre. Aber man kann nicht, wie Stahl
es tat, sagen, dafs diese Gleichheit in Widerspruch stehe mit der
natürlichen Ungleichheit der Menschen und deren Konsequenzen.
Denn politische und rechtliche Gleichheit gibt gerade den natür-
lichen Ungleichheiten erst freie Bahn, um sich auszuleben.
        <pb n="48" />
        ﻿48

aus denen er entspringt und ihn daraus abzuleiten
suchen? Das heißt soziologische Jurisprudenz treiben
— heißt mit Bewußtsein und systematisch gerade das
tun, was heute als unerhörte Neuerung erscheint und
sich mit Schmerzen und Kämpfen in unseren Tagen
wieder durchzusetzen beginnt!

Ich persönlich werde niemals müde, den echt
wissenschaftlichen Geist — dem noch keine Masse
von Detail seine Elastizität geraubt hatte — und den
wissenschaftlichen ardor dieser Autoren zu bewun-
dern. Wenn immer ihnen etwas erklärungsbedürftig
erschien, suchten sie eine abgerundete Theorie des
betreffenden Gegenstandes zu meißeln. Wenn ihnen
z. B. ein Rechtssatz wirtschaftlicher Natur zu sein
schien, so begnügten sie sich nicht etwa mit einer Tat-
sachensammlung über das konkrete wirtschaftliche
Verhältnis, oder einigen populären Erklärungen
seiner Funktionen, sondern sie setzten ihn in Be-
ziehung zu einer in sich geschlossenen Theorie des
ökonomischen Lebens, die sie zu diesem Zweck ge-
schaffen hatten und von dieser aus, der ihr Interesse
mehr galt als dem Rechtssatz, suchten sie ihn zu ver-
stehen: Die wissenschaftliche Aufgabe an der Juris-
prudenz schien ihnen im sozialen und wirtschaftlichen
Verständnis, die pädagogische Aufgabe vor allem in
Mer Vermittlung des Verständnisses des Wesens der
sozialen Dinge zu liegen — Ideale, denen wir heute
wieder zulenken.

So wurde denn die Nationalökonomie aus dem
Naturrecht geboren. Allerdings erfuhr sie einen ge-
waltigen Zufluß von Kraft und Material und einen
        <pb n="49" />
        ﻿49

gewaltigen Impuls aus den Diskussionen praktischer
Fragen der Zeit, die seit dem 16. Jahrhundert immer
reichlicher fließen. Aber obgleich darin so mancher
gute Gedanke auftauchte — im ganzen boten diese
Diskussionen doch nur die Argumente des Laien, die
sich allerdings zum Teil bis heute nicht wesentlich
verändert haben. Zur Wissenschaft kann ein Gebiet so
nie werden — die Erörterung praktischer Fragen ist
bestenfalls Anwendung schon gewonnener Erkennt-
nis, meist aber Schlimmeres. Zur Wissenschaft wurde
die Nationalökonomie erst durch das Naturrecht. In
seinem Schoß entstanden bald jene Untersuchungen
der fundamentalen Probleme des Wirtschaftspro-
zesses, die z. B. bei Pufendorf zu einem hübschen
kleinen Lehrgebäude wurden, das von ihm Hutcheson,
von diesem A. Smith übernahm. Besonders eine
Schule des Naturrechts entstand, die vornehmlich hier
Erfolge erzielte, Erfolge, deren Frische, Originalität
und Bedeutung nicht so leicht ihresgleichen hat: Die
Schule Quesnays, die Physiokratie. Und von allen
Seiten strömten die Leistungen selbständiger Geister
in Fülle zu in der langen Beihe von Locke bis Hume.
Smith hat dann das meiste zusammengefaßt, und der
Wealth of Nations (1776) bezeichnet den Markstein,
an welchem die originelle Entwicklung der Ökono-
mie innerhalb des Naturrechts ihren Höhepunkt und
ihr Ende erreicht — wenngleich der vorhandene Vor-
rat an ökonomischem Wissen noch längere Zeit vom
Naturrechtssystem fortgeschleppt wurde. Ich kann
die Mannigfaltigkeit des Geleisteten und die ver-
schiedenen Errungenschaften in Italien, England,

Schumpeter Vergangenh. u. Zukunft d. Sozialwissensch. 4

&gt;
        <pb n="50" />
        ﻿iSSi* « iimii ii.ni

50



Frankreich und Deutschland hier nicht darlegen.
Mit allen Methoden wurde gearbeitet, und das Mär-
chen von Spekulation und Tatsachenverachtung hat
hier so wenig Sinn wie auf dem soziologischen Feld.
Wohl waren alle großen Leistungen analytisch, theo-
retisch: Denn es war eine Zeit der Schöpferkraft
und der Forschungslust, der Tatsachensammlung nie
Selbstzweck sein konnte, eine Zeit, die erkennen
wollte und begriff, daß wissenschaftliche Erkenntnis
und Theorie dasselbe sind — die untertauchte im
eigentlich wissenschaftlichen Interesse an der gene-
rellen Wahrheit. Aber deshalb wurde die Tatsachen-
sammlung mit nichten vernachlässigt. Leider nur —
alles andere, was verfehlt wurde, wäre leicht zu ent-
schuldigen und zu verbessern gewesen — drängte sich
auch hier die soziale Teleologie ein und der Glaube
an ein allgemein gütiges wirtschaftspolitisches
System: Man schmiedete Programme und man pre-
digte eine Wirtschaftsverfassung, die für alle Orte
und alle Zeiten gelten, allein der menschlichen Natur
entsprechen sollte — und gerade das drang in die
Menge, daran heftete sich die Kritik. Nun, darüber
gilt dasselbe wie über den gleichen Punkt der Eechts-
lehre. Davon wollen wir nicht weiter reden.

Es wurde schon betont, es ist nicht wahr, daß
damals die Geschichtsforschung zurückgedrängt
worden wäre und es ist ein Mißverständnis, wenn
man jener Zeit allen historischen Sinn abspricht. Im
Gegenteil, es war eine Blütezeit auch der Geschichts-
forschung, und ihre Methoden und Resultate stehen
nicht mehr hinter denen der Gegenwart zurück, wie
        <pb n="51" />
        ﻿öl

die Methoden und Eesultate der Theorie von damals
hinter denen unserer Tage. Das 18. Jahrhundert sah
die Geburt eigentlicher kritischer Geschichtsschrei-
bung — am meisten Staub wirbelte Gibbon auf, aber
er ist nur einer von Vielen in allen Ländern. Die
Literatur der Zeit ist reich an Einzeluntersuchungen
und an schönen Zusammenfassungen. Für uns nun
ist eine große Wendung bedeutend, die sich damals
vollzog. Schließlich — solange die Geschichtsschrei-
bung bloße Geschichtsschreibung bleibt, ist sie ja
doch niemals mehr als eine Kuriosensammlung oder
ein Epos, das sein Interesse nur der naiven Freude
* an lebendigen oder uns berührenden Begebenheiten
verdankt. In das Eeich des wissenschaftlichen Ge-
dankens tritt das historische Material erst ein, wenn
es einerseits zum Objekt der Anwendung der sozial-
wissenschaftlichen Eesultate wird, so daß die histori-
schen Phänomene analytisch erklärt werden1, — wie
die Naturgeschichte erst wissenschaftlichen Charak-

1 Das heißt nicht, daß das konkrete Phänomen in seiner kon-
kreten Fülle jemals aus Gesetzen „abgeleitet“ werden könnte, son-
dern nur, dafs seine unterscheidbaren Elemente uns verständlich ge-
macht werden — wie ich auch nicht wissenschaftlich erschöpfend
zeigen kann, warum und wieso ein Stein gerade dort liegt, wo er
tatsächlich liegt, wohl aber darüber beruhigt sein mag, daß seine
Lage sich aus den mechanischen Gesetzen prinzipiell verstehen läßt.
Das heißt ferner nicht, daß unser Interesse an der Geschichte von
diesem Gesichtspunkt aus etwa erschöpft werden könnte, sondern
nur, daß unserm wi ssenschaftlichen Interesse gerade dieser Ge-
sichtspunkt eigen ist. Unser Interesse an den Dingen ist natürlich
nicht bloß, es ist nur in seltenen Fällen sogar, ein Erkenntnis-
interesse. Und Erkenntnis bedeutet noch nicht wissenschaftliche
Erkenntnis, denn es gibt Erkenntnis auch außerhalb der Methoden,
die die Wissenschaft entwickelt hat.

4
        <pb n="52" />
        ﻿52

ter erhält, wenn Physiologie, Biologie, Chemie usw.
ihre an sich wissenschaftlich ziemlich gleichgültigen
Tatsachenmengen verarbeiten, — und wenn der histo-
rische Rohstoff andererseits zur Basis von Abstrak-
tionen wird, wenn sich direkt aus ihm und an ihm
Regelmäßigkeiten ergeben, die sich mehr oder weni-
ger allgemein formulieren lassen.

Das nun geschah damals: Man begann die Ge-
schichte immer mehr mit dem Auge des Theoretikers
zu betrachten und in der Geschichte immer mehr nach
Notwendigkeiten zu suchen. Schon auf fachhistori-
scher Seite sehen wir eine Wendung nach dieser
Richtung — daher das Präponderieren der Kulturge-
schichte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, da-
her die Neigung zu großen Ausblicken auf die „Ge-
schichte der Menschheit“ in ihrer Gänze, ein Aus-
druck, der fast zu einer Modephrase wurde. Der
Sinn für die Notwendigkeiten, für das Wesen, für die
Gründe der Dinge zeigte sich auch hier. Aber hoch-
interessant ist es, zu beobachten, wie weit sich dieses
Interesse außerhalb des engsten Fachkreises vor-
wagte und wie gesund sein Instinkt war. Möchte
man es glauben — Iselin begann seine „Geschichte
der Menschheit“ (1791) mit einer Psychologie und
wendete das dann in der Weise auf die Geschichte
an, daß er Entwicklungsstufen unterschied, die er
psychologisch charakterisierte, was also jene Methode
der Geschichtstheorie ist, die in unseren Tagen durch
Karl Lamprecht zu neuem Leben erweckt wurde.
Natürlich, psychologisch wie historisch gibt uns Iselin
genug zu entschuldigen, wie denn, sei es gleich ge-
        <pb n="53" />
        ﻿53

sagt, die meisten Theoretiker der Geschichte nicht
auf der Höhe des historischen Wissens ihrer eigenen
Zeit standen. Aber das ist ja — gerade für jene Pio-
niere — Nebensache und jeder kann das korrigieren.
Das Entscheidende ist das klar gesehene, kühn an-
gestrebte, großartige Ziel, das wie ein Wegweiser in
die Welt ragt und nie seine Bedeutung verlieren
kann.

Das ist also ein Beispiel für jene erste Art der
„Verwissenschaftlichung“ der Geschichte, für die
Analyse des historischen Geschehens oder einer
Seite oder eines Ausschnitts desselben mit Hilfe einer
anderen Wissenschaft. Die völlige Freiheit von aller
Metaphysik springt in die Augen. Hierher gehört
auch Adelung, der es (1782) ausdrücklich ablehnte, das
historische Geschehen aus metaphysischen Quellen
abzuleiten oder es als unbeherrschbare Masse von
einzigartigen Ereignissen („Zufällen“) aufzufassen
und das Prinzip ausspricht, daß ein jeder historische
Zustand aus dem vorhergehenden begriffen werden
muß. Hierher gehört auch Herder, so befremdend
das klingen mag. Zunächst ist er ein Beispiel für eine
von der erwähnten psychologisierenden verschiede-
nen Richtung: Klima und andere „objektive“ Tat-
sachen treten bei ihm in den Vordergrund; Milieu
und Tradition sind die Determinanten des historischen
Geschehens. Nun, wenn das jemand anderer geschrie-
ben hätte, so wäre die philosophische Welt fassungs-
los gewesen vor Entsetzen über diesen Positivismus,
diesen Materialismus usw. Denn daß er daneben auch
noch eine metaphysische Betrachtung der Geschichte
        <pb n="54" />
        ﻿54

kennt, ändert gar nichts an der Situation und er
weiß sie streng von der wissenschaftlichen zu schei-
den — in der Tat gehört er zu den ersten, die begriffen
haben, daß beide Betrachtungsweisen miteinander
nichts zu tun haben. Aber er glaubt doch an direkte
Eingriffe aus einer höheren Welt ? Gewiß, nur passen
diese Eingriffe so wenig zu seinen Grundgedanken,
daß man sie wegstreichen kann, ohne daß sich am
Kern seiner Geschichtsauffassung das geringste än-
dert, die im übrigen so „positiv“ ist wie die Buckles.
Ich kann nicht weiter bei diesem Thema verweilen
und die Anfänge der ökonomischen Geschichtsauf-
fassung, an die sich im 19. Jahrhundert die Marx’
anschloß, müssen ebenso unerörtert bleiben wie so
vieles andere.

Der andere Weg der Geschichte zur Wissen-
schaft wurde schon früh betreten. Ibn Chaldün —
der Historiker des Khalifats — ist da einer der ersten
Namen, aber definitiv hat ihn erst Vico eingeschlagen
— mit vollem Bewußtsein seiner Bedeutung, wie
schon der Titel des betreffenden Werkes beweist:
Principi di una scienza nuova 1721. Hier tritt der
Gedanke des Parallelismus der Geschichte der einzel-
nen Völker, dann der Gedanke der periodischen
Wiederkehr derselben oder ähnlicher Zustände im
Völkerleben u. a. hervor — eben die Tendenz, im Epos
der Geschichte nach Regelmäßigkeiten zu suchen1.

1 Die bloße Herausarbeitung konkreter Ursachen für kon-
krete Folgen, z. B. der konkreten historischen Umstände die zum
„Erfolg1, des peloponnesischen Kriegs führten, ändert noch nichts
am „Eposcharakter“ der Geschichte. Denn auch jedes Epos, das
        <pb n="55" />
        ﻿55

Mit größerer Vorsicht und deshalb größerem äußeren
Erfolg haben dann Montesquieu, Ferguson u. a. den-
selben Weg fortgesetzt. Aber nicht, was sie auf dem
Wege erreichten, sondern daß sie ihn fanden, war
auch hier das Große, daß Unvergängliche. Hier ir-
gendwo wäre auch Burke zu nennen und viele andere
aus einer prächtigen Schar. Welche Ausblicke sich
von diesem Weg öffneten auf Höhen, die eine trüge-
rische Spiegelung in herrlicher Nähe erscheinen
ließ, davon nur ein Beispiel: Im Jahre 1785 schrieb
A. Smith an einen Freund, er trage sich mit dem Ge-
danken, eine „philosophische“ — was hier so viel ist
wie analytische — Geschichte der Menschheit und der
Wissenschaften und Künste zu schreiben. Eine Uni-
versaltheorie vom Menschen und der Gesellschaft und
allen Lebensäußerungen, von denen die Geschichte er-
zählt I Welch ein Plan — freilich nie ausführbar für
damals wie für jetzt, aber diese Erkenntnis ist ein
Trost wie der, daß die Freuden vergangener Jugend
doch nur Torheit waren. Auch Turgot hat ähnliches
geplant und solche Pläne schwirrten damals durch
die Luft.... Nicht als Träume von Dilettanten etwa
oder als Spekulationen, sondern als konkrete Vorsätze
starker, besonnener Geister. Welche Mahnung, wel-
ches Vermächtnis 1

Von dem wissenschaftlichen Kern dieser empiri-
schen Theorien ist aber nun wieder das metaphysische
Moment zu scheiden, das sich gegen Ende des Jahr-

etwas wert ist, arbeitet — wenn auch an eventuell erfundenem Ob-
jekt — stets mit zureichenden konkreten Ursachenkomplexen für
alle die Begebenheiten, die es schildert.
        <pb n="56" />
        ﻿56

hunderts verselbständigte — Kant mag als Mark-
stein dienen — und seither zur „Geschichtsphilo-
sophie“ entwickelt hat. Und hier ist die Scheidung
deshalb nicht immer leicht, weil auch der metaphysi-
scheste Philosoph gelegentlich Behauptungen auf-
stellt, die nur einen empirischen, und mancher Empi-
riker gelegentlich Behauptungen, die nur einen meta-
physischen Sinn haben oder keinen. Das hat denn
auch die Geschichtstheorie noch mehr als die übrigen
Leistungen jener Zeit in den Ruf unwissenschaft-
licher Spekulation gebracht und dazu beigetragen, sie
zu diskreditieren L Und bis heute ist das so geblieben,
ja zuzeiten noch schlimmer gewesen als im 18. Jahr-
hundert. Unnötig ferner, zu sagen, daß der böse Geist
des Finalismus die sozialwissenschaftliche Arbeit
auch auf diesem Pfad verfolgte. Er ist verantwortlich
für all das Gerede von der unbeschränkten Vervoll-
kommnung des Menschen im Laufe der Geschichte,

1 Das erklärt es auch, daß dann das 19. Jahrhundert jene „Ent-
wicklungsgesetze“ einfach ablehnte und hinter dem bloßen Wort
schon etwas Metaphysisches vermutete. Auch hier liegt wiederum
Vermischung zweier verschiedener und scheidbarer Momente vor.
Man kann Entwicklungsgesetze, die mit „Entfaltung der Idee“ usw.
arbeiten, ruhig ablehnen und trotzdem — und in rein positivem
Sinn — das historische Geschehen auf Grund wissenschaftlicher Er-
kenntnis „verstehen“ wollen, was denn u. a. auch zu Erkenntnissen
der Regeln führt, wonach sich Veränderungen vollziehen, also zu
Erkenntnissen, die man sehr wohl Entwicklungsgesetze nennen kann.
Freilich wiederum — und diese Komplikation von Ursachen ist sehr
lehrreich — geschah das letztere vielfach in so dilettantischer Weise,
daß daraus dann ein neues Argument gegen die Idee des Entwick-
lungsgesetzes erwuchs, das zwar nicht das Prinzip der Sache be-
rührte, aber ganz dieselbe praktische Wirkung hatte, wie ein prin-
zipielles Bedenken.
        <pb n="57" />
        ﻿von einem Idealzustand, dem die — als Einheit auf-
gefaßte — Menschheit zustrebe, für all den Miß-
brauch des Wortes „Civilisation“. Das machte dann
die Geschichtstheorie zum Tummelplatz aller mög-
lichen Dilettanten und Weltverbesserer und auch das
ist ihr bis heute geblieben. Einer der ärgsten aber
auch glänzendsten Sünder in dieser Eichtung war Con-
dorcet. Doch kann sein Fall auch als Beleg dafür
angeführt werden, daß schon das 18. Jahrhundert
gegen diese Dinge reagierte. Zwar hat man die Hin-
dernisse, die solchen Idealen in der menschlichen
Psyche entgegenstehen, nicht völlig erkannt. Aber
auf äußere Schranken des Fortschritts verfiel man
bald, und Malthus’ Essay on population wies energisch
— zu energisch sogar — auf sie hin.

Vielleicht habe ich den Leistungen, von denen ich
erzählen wollte, einen schlimmen Dienst getan da-
durch, daß ich sie in eine dürftige Skizze preßte, die
von der Fülle und Mannigfaltigkeit, der Kraft und
dem Glanz der sozialwissenschaftlichen Arbeit jener
Zeit ja doch keine Vorstellung geben kann. Aber viel-
leicht genügt das Gesagte zum Beweis, daß in der
Literatur jener Zeit unter wertlosem, buntem Gestein
viele schöne Brillanten liegen, nur noch nicht ge-
schliffen und gefaßt. Vor allem aber wollte ich den
großartigen Zug des wissenschaftlichen Wollens jener
Zeit zeigen und Sinn und Eichtung dieses Wollens,
die der Folgezeit verloren gingen und von unverstän-
diger Kritik entstellt wurden. Sinn und Eichtung
dieses Wollens lagen nicht in einer Neuauflage der
Scholastik, sondern strebten nach ungekannten Ufern.
        <pb n="58" />
        ﻿Diese Ufer, mochte sie auch noch dichter Morgennebel
umhüllen, waren die Ufer empirischer Wissenschaft,
nicht etwa die einer politischen Tendenz. Und
man steuerte, zwar gewiß nicht immer ganz gerade,
in richtigem Gefühl auf sie los. Freilich, um das
sagen zu können, darf ich jene Arbeiten nicht im
Geiste eines feindlichen Advokaten und auch nicht
mit einer metaphysischen Brille lesen. Aber um das
sagen zu können, brauche ich mich über keine der ja
selbstverständlichen Unvollkommenheiten zu täu-
schen, die in hundert Jahren auch an unserer Arbeit
(vielleicht schon früher) erkannt werden müssen —
mögen die, die nach uns kommen, generöser mit uns
verfahren als wir mit denen, die uns im endlosen
Heereszug der Forschung vorangegangen sind! Diese
Unvollkommenheiten waren zum Teil durch den Be-
sitzstand an Material, zum Teil durch die Neuheit der
Probleme gegeben. Prinzipielle Verirrungen,
abgesehen von der Teleologie und dem Glauben an
die Möglichkeit eines wissenschaftlich beweisbaren
Sollens, vermag ich nicht zu sehen. Abgesehen von
dieser Verirrung haben die von damals die Leistungs-
fähigkeit wissenschaftlicher Analyse wohl über-
schätzt, noch mehr die Bedeutung mancher ihrer
Prinzipien, doch war ihr Weg nicht einfach falsch.
Gewiß stürmten sie mitunter gegen Festungen, die
überhaupt oder für damals uneinnehmbar waren, und
diese Feldherren des Gedankens, die sich alles erst
selbst schaffen mußten, büßten ihre Kühnheit mit
schweren Verlusten. Aber ihre Niederlagen waren
eben napoleonische Niederlagen und es geziemt uns
        <pb n="59" />
        ﻿59

heute, mit Achtung auf die zurückblicken, welche die
größte Geistestat der Menschheit, die Konzeption des
Begriffes „wissenschaftliches Gesetz“ für das Gebiet
sozialen Geschehens wiederholten. In diesem Wort
kommt das ganze Ringen jener Zeit zum Ausdruck.
Was liegt daran, daß sie ihm nicht immer — denn
mitunter gelang es ihnen — schon jenen Sinn bei-
legten, der später als der richtige erschien, wenn sie
sogar mitunter Opfer des Wortes „Gesetz“ wurden,
das ja den Stempel vor wissenschaftlicher Auffassung
trägt und noch in die fernsten Zeiten tragen wird?
Das Wesen der Sache haben sie uns dennoch erobert
und die Botschaft ihres Wollens kann niemals unter-
gehen. Sie haben das größte Hindernis genommen
und alles Weitere war verhältnismäßig leicht.

III.

Dieses Weitere, wie war es nun? Fast könnte
es scheinen, als ob diese Frage sehr überflüssig wäre:
Die Wege waren ja geebnet, das Werk begonnen —
ist es nicht selbstverständlich, daß es fortgesetzt
wurde, daß sich neue Generationen von Forschern
fanden, die einfach dort fortfuhren, wo jene aufge-
hört hatten und daß ich nun von einer Reihe ununter-
brochener Erfolge, von stetig aufwärtsstrebender
Entwicklung zu erzählen habe? Leider ist das gar
nicht selbstverständlich, sogar so wenig, daß niemand,
der über die Art, wie sich aller menschliche „Fort-
schritt“ vollzieht, jemals nachgedacht hat, der-
gleichen erwarten würde — auch die Geschichte der
Wissenschaft ist voll Enttäuschungen für jeden, der
        <pb n="60" />
        ﻿60

in frohem Glauben an streng logischen „Fortschritt“
an sie herantritt, voll Enttäuschungen für den Intel-
lektualisten, der im Verstand die treibende Kraft
zum mindesten des Wissens sieht und wenigstens
im Reiche der Wissenschaft den Menschen wirklich
für sapiens hält.

Aber fragen wir uns zunächst, wie man sich eine
solche Fortsetzung des begonnenen Werkes zu denken
hätte. Wie wäre es zu machen gewesen, daß man
über die Standquartiere von damals hinauskam ohne
sie doch zu zerstören? Die Antwort kann nicht
zweifelhaft sein: Die um die Wende des 18. und
19. Jahrhunderts das Reich der Sozialwissenschaften
betraten, hätten respektvoll, wie es sich den
Großen gegenüber geziemt hätte, aber energisch im
Detail, an den einzelnen Punkten der vorhandenen
Theorien Weiterarbeiten müssen. Sie hätten da all
ihre Originalität ausleben lassen und wirklich frucht-
bar machen können. Sie hätten die Werke der Meister
hernehmen und erst einmal an ihnen lernen, ihren
Inhalt in sich aufnehmen und, wenn sie sie erst ver-
standen hätten, an der einen oder anderen Frage, die
gerade ihrem Ideenkreis besonders nahe lag, in die
Tiefe steigen sollen — erst an der Hand der Meister,
dann allein weiter und immer weiter. Man sage nicht,
so arbeite kein Genie. Denn erstens ist nur selten
jemand ein Genie und zweitens haben alle großen
Geister so gearbeitet — jeder muß so arbeiten, wenn
seine Arbeit etwas wert sein soll: Raffael hat von
Perugino und Newton von Galilei und Huyghens ge-
lernt, ohne gleich zu kritisieren. Das ist die Voraus-
        <pb n="61" />
        ﻿61

setzung aller tüchtigen Arbeit des Genies wie des
Philisters, und die beiden unterscheiden sich nur da-
durch, daß das Genie dann allein weiterkommt und
Eigenes aus dem Gelernten formt.

Wenn man so verfahren wäre, dann wären drei
Dinge eingetreten. Erstens: Von selbst, und ohne
daß es jemand schreiend und gestikulierend hätte
fordern müssen, hätten sich die wissenschaftlichen
Arbeiter in die Welt der sozialen Tatsachen versenkt
und unmerklich und schmerz- und kampflos hätten
sich die Beziehungen zur Metaphysik gelöst — ein-
fach durch die Logik der Situation, durch die Un-
möglichkeit, sie festzuhalten. Philosoph und Porscher
hätten das dann beide eingesehen, und beide Gebiete
hätten ihre Grenzen und ihr Niveau gefunden und
einander verstanden. Wie die Tatsachen und Theorien
von selbst dieses Problem gelöst hätten, so hätten sie
von selbst den Forschern die Arten ihrer Behandlung
in jedem Fall aufgenötigt, und jeder hätte sich das
gewählt, was seiner Anlage entsprach, ohne unge-
ziemende Reibereien mit den Arbeitern auf den Nach-
bargebieten — und alle Methoden hätten sich ruhig
entwickelt.

Zweitens: Wenn man die überkommenen Theo-
rien ruhig und gewissenhaft ausgearbeitet hätte, so
wäre man dabei auf unbefriedigende Problemlösun-
gen, mit Schlagworten überklebte Probleme und
Widersprüche gestoßen. An allen diesen Punkten,
wie der Motivenlehre, dem Arbeiten mit „Trieben“,
dem Problem der Rolle und Formung des Individu-
ums, der inneren Logik der ökonomischen Theorie
        <pb n="62" />
        ﻿62

und der Theorie der Gesellschaft hätte sich origi-
nelle Kraft bewähren und an der Aufgabe ver-
suchen können alles das nach und nach in Ordnung
zu bringen. So wäre langsam aber unvermeidlich das
ganze Gebäude ein anderes geworden, so wie die
Eiche etwas anderes ist als die Eichel. Still und
machtvoll wäre der Strom zu einem Meer geworden
und alle noch so neuen Errungenschaften hätten sich
— so erst wahrhaft fruchtbar werdend — als neue
Jahresringe an den vorhandenen Stamm gefügt.

Drittens: Ganz von selbst hätte sich dabei auf
Schritt und Tritt das Bedürfnis nach Zufuhr neuer
Tatsachenmassen ergeben und man hätte sie sammeln
oder sich an jene wenden können, die ihre Lebens-
aufgabe im Sammeln sehen. Ohne Lärm und ohne
Prinzipienstreitigkeiten, die Unberufene in den Vor-
dergrund heben, ohne persönliche Eitelkeiten und
Gehässigkeiten, ohne alles das, was die unliebens-
würdigsten Seiten der menschlichen Herzen an die
Oberfläche steigen läßt — so möchte man sich wohl
diese Entwicklung denken.

So ist es nicht gekommen. Wohl lebten manche
Stücke der Geisteswelt des 18. Jahrhunderts weit in
das 19. hinein. Die beiden auffälligsten Beispiele
sind die deutsche Metaphysik der ersten Jahrzehnte
des 19. Jahrhunderts und die „klassische Schule“ der
Nationalökonomie. Aber schließlich erlag ja jene
Metaphysik, scheinbar wenigstens, und sie kann uns
hier nicht berühren. Und die klassische Schule der
Nationalökonomie — ist nicht auch sie bald erlegen, so
daß wir sie eben als Überbleibsel der alten Zeit be-
        <pb n="63" />
        ﻿trachten können? An sich ist sie und besonders
ihre markanteste Figur, David Ricardo, ein gutes
Beispiel für jene Art von Fortschritt, welche ich
soeben skizzierte. Er nahm das Wissen des 18. Jahr-
hunderts aus der Hand Adam Smith’ und stürzte
sich in das Tatsachen- und Gedankenmeer des Wealth
of Nations. Er faßte seiner Anlage entsprechend das
theoretische Knochengerüst der Sache an und fand
es ungenügend. Und ohne ein Wort der Gering-
schätzung zu sagen, ohne auch nur von einem Gegen-
satz zu sprechen, suchte er es zu einem widerspruchs-
losen Ganzen umzuformen. Allein — ist das nicht
eine Ausnahme gewesen, die der Sturm der neuen
Zeit schließlich vernichtete? Ist es nicht trotzdem
eine große Wahrheit, daß die im 18. Jahrhundert
eingeleitete Entwicklung mit rauher Hand unter-
brochen, die sprossende Knospe geknickt wurde und
man von neuen Gesichtspunkten von Neuem begann
— wenn auch im Anschluß an Ansätze, die sich schon
früher zahlreich gezeigt hatten ? In der Tat, eine Re-
aktion gegen die ganze Geistesrichtung des 18. Jahr-
hunderts trat ein, laut und deutlich genug. Warum?

Nun, da müssen wir uns vor allem wieder vor
dem, für alles ideengeschichtliche Verständnis so ver-
derblichen Irrtum hüten, von der „Geistesrichtung“
einer „Zeit“ in einem anderen Sinn als dem einer
Fiktion zu sprechen. Nicht nur keimen in jeder Zeit
zugleich zahllose Pflanzen, die sich nicht alle mit-
einander vertragen, nicht nur koexistieren jeweils
zahllose Strömungen, die einander entgegenarbeiten,
sondern auch in der einzelnen Strömung sieht die
        <pb n="64" />
        ﻿64

Sache sehr verschieden aus auf den Höhen und in
den Niederungen. Eine weitere Kreise erfassende
Geistesrichtung nun besteht immer aus Elementen
vieler solcher Strömungen und stets nur aus Ele-
menten der Niederungen. Gegen die „Geistesrich-
tung“ des 18. Jahrhunderts erhob sich zunächst eine
populäre Reaktion und in diesem Zusammenhang
ist unter jener Geistesrichtung nichts anderes ge-
meint als Aufklärungsphilosophie und politischer
Liberalismus, obgleich weder die eine noch der andere
jemals „geherrscht“ haben. Und weil diese Reaktion
der große Resonanzboden aller anderen Gegenbewe-
gungen, weil sie das machtvollste Element war, das
den anderen Impuls gab und ihnen Erfolg sicherte,
weil diese Stimmung endlich auch feinere Geister
ihrem Einfluß unterwarf, so sei sie zuerst berührt.

Neue Ideen und neue Richtungen entstehen zu-
nächst in engsten Kreisen. Da gewinnen sie ihre
Propheten und Kämpfer, und von da aus entsteht im
Falle des Erfolgs die große Staubwolke, die den Blick
weiterer Kreise anzieht und lange darüber täuscht,
wie verschwindend klein eigentlich die Schar der
Jünger ist. Weitere Kreise absorbieren zunächst nur
Schlagworte und bleiben sonst ruhig in den alten Bah-
nen. Soll es dann weitergehen, rühren diese Schlag-
worte an empfindliche Stellen und sieht es so aus,
wie wenn sie blutiger Ernst werden sollten, dann
zeigt es sich, wie wenig das Neue noch assimiliert ist
und es entsteht eine Situation, die völlig analog einer
Wirtschaftskrise ist. Auch das Wesen einer Wirt-
schaftskrise liegt darin, daß das, was der vorher-
        <pb n="65" />
        ﻿65

gehende Aufschwung schuf, nur mit Schmerzen assi-
miliert werden kann und vieles Eingelebte bedroht,
so daß es zu Paniken, Zusammenbrüchen usw. kommt.
So etwas passierte damals. Die Schlagworte, die aus
den Sozialwissenschaften in das „Publikum“ drangen
— stets Übertreibungen, meist auch Entstellungen —
wurden schließlich unangenehm empfunden. Man be-
gann sie gar als Ursachen der großen Revolution zu
betrachten — und man wetterte gegen sie. Gerade
der „kalte Rationalismus“ der Aufklärung führte zum
Wiedererwachen religiösen Geistes, gerade das viele
Gerede von Weltverbesserung rief politischen Kon-
servativismus zu neuem Leben oder besser — es
weckte ihn aus seinem Schlummer. Es kam dann
auch das bloße Moment der Ermüdung an nunmehr
zu oft Gehörtem hinzu — das ja stets eine sehr
wirksame Ursache politischer und sonstiger Stim-
mungswechsel der Menge ist: Man will von Zeit zu
Zeit einfach „etwas anderes“, was immer es sei.

Zu all dem kam aber, daß die Sozialwissenschaf-
ten weiteren Kreisen immer unsympathisch gewesen
waren und es umso mehr wurden, je weiter und
tiefer sie drangen. Die Abneigung gegen sie ist ähn-
lich zu verstehen, wie die Abneigung, die ein ge-
selliger Kreis gegen eines seiner Mitglieder faßt,
von dem die übrigen wissen, daß es ein böses Mund-
werk hat. Man fühlt sich durch dasselbe geniert und
bedroht. Und eine ganze Masse von Leuten fühlte
sich in den Grundlagen ihrer sozialen Existenz und
ihren Idealen geniert und bedroht durch die sozial-
wissenschaftliche Analyse, die fortwährend Fragen

Schumpeter, Vergangenh, u. Zukunft d. Sozialwissenach. 5
        <pb n="66" />
        ﻿stellte, fortwährend an den Fundamenten von Staat
und Gesellschaft herumzuknabbern und der nichts
heilig zu sein schien. Obgleich das sachlich der
Wissenschaft gegenüber ein Irrtum war1, so war das
kein Irrtum gegenüber dem, was weitere Kreise von
der Wissenschaft erfuhren und was ihnen aus der
Hand der Literaten zukam. Man darf auch die Be-
deutung der Tatsache nicht unterschätzen, daß wirk-
lich nur das feststeht, was undiskutiert ist, also nur
das, was unbewußt ist — denn mit dem Bewußtsein
beginnt sofort das Fragen und Analysieren.

In diesem Sinn ist selbst der Apologet nur ein
Vorläufer des Revolutionärs. Stellen wir uns vor,
wir stünden in einer Bilderausstellung, versunken im
Anblick eines Bildes. Und es träte da jemand an uns
heran und sagte zu uns: „Warum bewundert ihr das,
ihr Dummköpfe? Das ist ja nur Leinwand und Öl-
farbe!“ Was würde unser Eindruck sein? Nun der-
selbe, den manche angeblichen Resultate der Sozial -
wissenschaften auf manchen wackeren Mann ge-
macht haben, der kraftvoll handelte, kraftvoll glaubte
und wenig grübelte. Und wir können dem Mann nicht
ganz Unrecht geben: Das Bild ist nicht bloß Lein-
wand und Ölfarbe und selbst wenn es nichts anderes
wäre — im künstlerischen Genuß oder im frohen
Tun wollen wir nicht daran erinhert sein. Diese
Reaktion gewann nun seit der Jahrhundertwende

1 Denn die wissenschaftlichen Kreise waren nichts weniger als
staats- und gesellschaftsfeindlich, von sehr wenigen Ausnahmen ab-
gesehen.
        <pb n="67" />
        ﻿schnell an Kraft und wirkte auf allen Gebieten, in
denen es so etwas wie eine öffentliche Meinung gab.
Vieles andere, wie die Erschöpfung, die auf die na-
poleonischen Kriege folgte und eine deutliche Gegen-
bewegung gegen die kapitalistische Entwicklung der
vorhergehenden Jahrzehnte, machte sie für lange
Zeit unüberwindlich. Und in der Hochflut dieser
Strömung erschien dann manch alte Anschauung,
die das 18. Jahrhundert argumentativ längst über-
wunden hatte, wie eine Neuheit, wie eine große Ent-
deckung und lehrt so dem Historiker der Ideen, daß
nichts so lange leben, nichts so lange ohne Nahrung
schlummern kann als unsere Vorurteile.

Und in der Wissenschaft — wie stand es da?
Früher oder später — wie schon erwähnt, nicht
gleichzeitig — sehen wir auf allen Gebieten der
Sozialwissenschaft des 18. Jahrhunderts ein eigen-
tümliches Erlahmen. Wo früher frisches Leben
herrschte und originelle Gedanken sich tummelten,
da geht es nun nicht mehr vorwärts. Das herrliche
Erbe der Üniversal - Sozialwissenschaft des Natur-
reehtS ist in hölzerneXHände geraten, in denen es
siecht und verfault. Gegner' haben nun ein leichtes
Spiel nicht nur mit den unfähigen Epigonen, sondern
auch mit den toten Löwen selbst. Langsam sinkt das
Naturrecht erst überhaupt zu einer juristischen
Spezialdisziplin und schließlich zu einer fast ver-
achteten Spezialdisziplin herab, die alle Fühlung mit
den lebendsten Elementen ihrer Zeit verliert und
endlich sogar aus dem Lehrgang verwiesen wird, um
zu einer nur mehr historisch interessanten Fossilie

5*
        <pb n="68" />
        ﻿68

zu werden. Aber eine Wissenschaft ist doch nicht in
dem Sinn ein Organismus, daß sie erlahmen kann:
Sie lebt doch nur in sich stets erneuernden Gene-
rationen! Wie also ist so etwas möglich? Auch dar-
an kann es nicht gelegen haben, daß das Gebiet der
Sozialwissenschaften, auch nur der Methoden, des
18. Jahrhunderts erschöpft war — denn wir sehen
ja wie alles von Problemen und Anregungen wim-
melte. Nun, eine Richtung, „Schule“, oder Wissen-
schaft hat eben einen Altersbazillus ganz besonderer
Art zu fürchten. Altern, siechen oder sterben kann
sie nur auf eine Weise — nämlich dadurch, daß die
neuen Generationen oder deren Talente sich von ihr
abwenden. Vorhanden sind sie immer, die Talente
sowohl wie die Aufgaben für sie. Aber die neuen
Generationen wenden sich diesen Aufgaben und
der vorhandenen Wissenschaft oder überhaupt der
Wissenschaft nicht immer zu. Niemals deshalb, weil
sie einzelne Lehrsätze dieser Wissenschaft nicht an-
nehmen könnten oder ein begründetes Urteil über
ihre Methoden hätten — dergleichen ergibt sich erst
nach langer Arbeit und nach langer Arbeit ist man
dann schon verwachsen mit dem Bestehenden und
versteht man es viel zu gut, um es jemals völlig aus-
rotten zu wollen — sondern einfach deshalb, weil
ihnen die ganze Sache nicht gefällt. Niemals liegt
eine Erkenntnis einem solchen jähen Ausbrechen aus
der bisherigen Richtung zugrunde — deshalb gibt es
solches Ausbrechen nicht auf dem Gebiete der Natur-
wissenschaften, weil deren strenge Methoden nur
solche mitsprechen lassen, die das Vorhandene mehr
        <pb n="69" />
        ﻿69

oder weniger kennen und verstehen — sondern stets
nur ungestümes Wollen. Nicht nur das politische,
alles menschliche und auch das wissenschaftliche
Lehen, ist nicht von Vernunft und Erkenntnis be-
herrscht. Gefühle, Leidenschaften, Schlagworte ent-
scheiden auch das Schicksal von Wissenschaften.
Deshalb wandten sich also die neuen Gelehrten-
generationen von den Leistungen des 18. Jahr-
hunderts ab, weil sie in ein Milieu gebettet waren,
das diese Leistungen nach ihren populären und poli-
tischen Ausläufern beurteilte und verwarf. Das gab
die Tendenz ab und das Wollen. Und zum Inhalt
dieses Wollens wurde eben, was die Zeitumstände
boten. So haben wir da wirklich eine zum Teil neue
wissenschaftliche Welt vor uns, die nicht durch die
Schule derjenigen gegangen war, die vorher in der
Wissenschaft geschaltet hatten.

Dabei vereinigten sich die verschiedensten Ele-
mente. Der eine zürnte der Epoche des Naturrechts,
weil sie zu wenig positiv und empirisch, ein anderer
stimmte ihm zu, weil sie zu positiv und antimetaphy-
sisch gewesen sei. Der eine, weil er ihre schwachen
Punkte erkannte — und mit ihm vereinigte sich der,
der die starken nicht sah. Die einen — und zunächst
waren das die meisten — bekämpften den pietätlosen
politischen Fortschritts-, jaRevolutionsgeist darin, und
ihre Schar vereinigte sich mit der Schar jener, die
in jener Literatur einen Hort der Reaktion zu sehen
begannen und ein Hindernis im Wege der Reform.
Der Haß der einen wurzelte in religiöser Überzeu-
gung, die man gefährdet glaubte — diesen sekundier-
        <pb n="70" />
        ﻿70

ten andere, aus gleich heftigem Haß gegen die zu
religiöse Stimmung, die in jenen Werken wehte. Der
eine stürmte gegen den Individualismus des Natur-
rechts an, der andere half ihm, weil die Systeme der
Moralwissenschaft das Individuum erdrückt hätten.
Es begegneten sich, von allen möglichen Seiten zu-
sammenströmend, Leute aller Tendenzen und aller
Typen. Die stärksten Männer der Zeit waren dar-
unter und auch deren schwächste — die, die über
und die, die unter dem Geleisteten standen. Das ge-
meinsame Band war die Opposition, obgleich sich
bald so etwas wie ein gemeinsames Aktionsprogramm
herausstellte. Wer dächte nicht an analoge Erschei-
nungen im politischen Leben?

Ich suche nach Beispielen, an denen ich den einen
oder den anderen Punkt deutlicher machen könnte.
Nehmen wir etwa Carlyle her, den Schotten mit dem
deutschen Geist. Gewaltig ragt er aus dem Strom der
Zeit. Öffnet man seine Geschichte der französischen
Revolution, so schlagen die Flammen des Genius
heraus. Er predigt uns, die Geschichte sei ein Ge-
webe aus den Biographien großer Männer, in deren
Tun, deren Motiven, lägen die letzten Gründe des
Geschehens — sie selbst unanalysierbar, göttliche
Funken. Er kündet vom autonomen Agens „Mensch“.
Er gießt die Schale seines Zornes über Nützlichkeits-
philosophie und Profitjagd aus. Er schüttelt die
Fäuste gegen die Krämerseele der Wirtschaftslehre
und deutet dann auf eine unzerzausbare Welt, die
Schauer unendlicher Geheimnisse umhauchen. Er
preist die große Seele Shakespeares, die alle Arten
        <pb n="71" />
        ﻿71

von Leuten und Dingen in sich aufnehmen und sie
darstellen konnte in runder Vollkommenheit und
schiebt „das novum organum und all den Intellekt,
den man in Bacon findet“, verächtlich beiseite. All
das ist wahr und groß in seinem eignen Kreis — aber
der liegt am anderen Ufer. Soweit die Wissenschaft
da hinüber will, hat ja Carlyle ganz recht. Unsere
Analyse produziert weder Falstaff noch Othello, noch
Juliet noch Coriolan — und auch keine Weltanschau-
ung. Nur ist sie dazu auch gar nicht da, und mit all
dem wäre ihr auch nicht geholfen. Und das Reich,
das auf ihrem Ufer liegt, das hat Carlyle fast nicht
gekannt, und er hat gar nicht verstanden, daß auch
dort die Sonne leuchtet. Deshalb ist er wie ein Kind,
wenn er über ihre Dinge spricht. Doch nur um so
größer ist sein Selbstbewußtsein. Zornvoll ruft er
uns z. B. zu: „Politische Wissenschaft? Politische
Wissenschaft sollte eine wissenschaftliche Offen-
barung sein des ganzen geheimnisvollen Mechanis-
mus, der die Menschen in der Gesellschaft zusammen-
hält . . . Statt dessen sagt sie uns, wie Flanelljacken
gegen Schinken ausgetauscht werden.“ Ich führe das
an, weil es so lehrreich ist: Ein großer Mann sagte
da etwas, was etwa so vernünftig ist, wie wenn ein
König, der einen Palast haben wollte, den Unter-
tanen, die gehorsam Steine für diesen Palast herbei-
schleppten, zurufen würde: „Ich will einen Palast
haben, und die Kerls bringen mir Steine!“ Aber er
sagte es ohne die geringste Ahnung von seiner Ab-
surdität und der wissenschaftlichen Unfruchtbarkeit
seines Sehnens zu haben. Er sagt es mit starkem
        <pb n="72" />
        ﻿Temperament und mit Prophetengeste — und siehe
da, die Welt klatschte Beifall! Und heute noch kann
man so die billigsten Lorbeeren ernten.

Ähnliches gilt von den Romantikern. Wer
möchte diese mächtige Bewegung in unserer Lite-
ratur missen, wer ihre Bedeutung für unser Geistes-
leben leugnen? Nur griff sie gelegentlich in die
Speichen des wissenschaftlichen Rades — und das
Resultat war die unbefangene Verkündigung vor-
wissenschaftlicher Denkweisen. Aber das änderte
nichts am äußeren Erfolg. Und die Romantiker
konnten ihre geliebte Entdeckung des Volksgeistes
— die Auffassung des Volkscharakters in seiner Ein-
zigartigkeit, in seiner lebenden, wirkenden, einheit-
lichen, unanalysierbaren Realität — nach Gefallen
paradieren. An sich ein wertvoller Gedanke, wenn
auch nur die Tür zu einem Problem, wurde er in
ihrer Hand eine Phrase oder ein metaphysischer
Schnörkel. Wie immer der forschende Geist auf
steilem, schlüpfrigem Pfad einen Schritt zu machen
versuchte, da hielten sie ihm ihren Volksgeist wie
ein Medusenhaupt entgegen — und damit glaubte
man alles getan zu haben. Wenn Aristoteles das
erlebt hätte, er wäre geheilt worden vom Glauben,
daß alle Menschen rov eldevai ögtyovzai (pvaei. Auch
das wissenschaftliche Denken also ging durch eine
Krise: „Alles wehrte sich gegen das Neue und
strebte zurück nach alten Denkformen, die, schein-
tot durch hundert Jahre, auf einmal wieder Kraft und
Leben gewannen. Und auch für das wissenschaftliche
Leben — wie für die öffentliche Meinung jener Zeit
        <pb n="73" />
        ﻿73

— ist es ganz charakteristisch, daß dieser Stand-
punkt nicht etwa durch argumentative Überwindung
des Standpunkts des 18. Jahrhunderts gewonnen
wurde: Niemand kannte oder würdigte den letzteren
anders als in der Form einiger Schlagworte; nie-
mand dachte sich, seiner selbst vergessend, in jene
Werke hinein; niemand wog das Für und Wider, um
dann erst ein Urteil zu gewinnen — mit kühlem Ernst
oder doch lediglich mit der Leidenschaft der Erkennt-
nis. Nein, nichts von alledem — mit dem ausgefertig-
ten Urteil in der Tasche traten diese Richter an die
Untersuchung.

Nun ein anderes Beispiel für jenen Stumpf-und-
Stiel-Radikalismus, der sich gegen die Analyse des
18. Jahrhunderts wandte. Ein Beispiel ebenfalls für
Hunderte, für eine ganze große Armee des Gedan-
kens. Aber ein Beispiel für eine ganz anders geartete
feindliche Armee, die mit der eben erwähnten viel
weniger zu tun hat als mit dem gemeinsamen Feind
beider. Auch ein großes Beispiel endlich von gewalti-
gem Wollen und Können, eine der glänzendsten Er-
scheinungen der Wissenschaft. Daß ich den Namen
wähle, den ich jetzt nennen will, schließt es ebenso,
wie daß ich Carlyle wählte, aus, daß man mir impu-
tieren könnte, ich dächte gering von diesen Gegen-
strömungen oder ich ergriffe Partei für alles, was
das 18. Jahrhundert tat: Auguste Comtes „cours de
Philosophie positive“ muß als einer der größten Ver-
suche zur Synthese alles unseres Wissen stets ein
Monument des Geisteslebens des 19. Jahrhunderts
bleiben, zugleich ein Markstein und ein Programm

/
        <pb n="74" />
        ﻿74

— auch für den, der weder die Bausteine, noch das
Gebäude, noch dessen philosophische Deutung mit
ungemischter Freude hinzunehmen vermag, auch für
den, der meint, daß Comte seinen eigenen Grund-
gedanken in wesentlichen Punkten verdorben, sich
über seine wahre Bedeutung in wesentlichen Punkten
getäuscht hat, auch für den, dem der Tribut, den der
große Mann der Sterblichkeit gezollt hat, allzu groß
erscheint. Hier kommt für uns nur der Weg in Be-
tracht, auf dem Comte in die soziale Problemgruppe
einzudringen suchte — der Weg von Seite der exak-
ten Naturwissenschaft: Von Mathematik zu Mecha-
nik und Astronomie, von Mechanik und Astronomie
zu Physik im engern Sinn, von Physik zu Chemie,
von Chemie zu Biologie, von Biologie zu Soziologie —
Stufen einer Leiter, von denen jede die Voraus-
setzungen der folgenden geben sollte. In gleichem
Geist, womöglich mit den gleichen Methoden, wie die
Naturwissenschaften, als eine derselben, sollte eine
Wissenschaft vom sozialen Geschehen entstehen:
Also so ziemlich im schärfsten Gegensatz zu der
Ideenwelt der Bomantik, den man wohl ausdenken
mag. Aber nicht weniger scharf war der Gegensatz, in
den sich Comte zu den überkommenen Sozialwissen-
schaften stellte. Wie kam das nur? Nun, die Antwort
ist leider sehr einfach: Er kannte sie kaum. Auch er
kannte fast nur die populären Schlagworte über sie,
und auch er drang nie tiefer in sie ein. So konnte
er sie für aprioristische unwissenschaftliche Spe-
kulationen halten — wenig besser als die Scholastik.
So meinte denn auch er, daß da so gut wie nichts
        <pb n="75" />
        ﻿75

—	ja schlimmer wie nichts — geleistet sei, und daß
man von allem Anfang anfangen müsse. Daher sah
er sich denn nach Material um, nach historischem,
ethnologischem usw. und begann — auf schmälster
Basis — herzhaft darauf los zu generalisieren. Welche
Tragikomödie: Derselbe Mann, der kraftvoller als
jeder andere, die Botschaft des naturwissenschaft-
lichen Gesetzes predigte, verwarf gerade jene Me-
thoden — der Abstraktion, Isolierung usw. — die in
der Naturwissenschaft die größten Erfolge errungen
hatten und die er selbst gerade wieder vorgetragen
hatte für das Gebiet der Sozialwissenschaft: Der-
selbe Mann, der positives Tatsachenstudium forderte,
erging sich in Betrachtungen über Ziele der Mensch-
heit, über eine „Entwicklung der Menschheit“, die
eine Metaphysik in optima forma war! Aber er
wirkte, und viele haben sich auf ihn berufen, die dem
wahren Geist seines Werkes feindlich gegenüber-
standen.

Als drittes Beispiel will ich eine ganze Richtung
wählen: die Richtung, die man „historische Schule“
nennt. Sie steht zwischen den beiden eben erwähnten
und hat Fühlung mit beiden. Denn einerseits — hat
sie nicht ebenfalls, wie die Romantiker, gegen die
Kahlheit und Banalität theoretischer Analyse ge-
donnert, den Volksgeist und die Einheit der Persön-
lichkeit auf den Schild erhoben und philosophischem
Erschauen seinen Platz vindiziert ? Andrerseits aber

—	hat sie nicht „exakte Tatsachenforschung“ als ihr
Prinzip verkündet gegenüber „nebelhafter Spekula-
tion“ ? Beides verträgt sich nicht gut miteinander und
        <pb n="76" />
        ﻿76

man sollte meinen, daß der Einzelne so wenig beiden
Ratgebern folgen kann, wie der Wild- und Rheingraf
im Gedichte. Allein — wann wäre je ein wissen-
schaftliches Programm eine logische Einheit? Wann
wären je die Glieder einer Gruppe wirklich eins in
dem Sinn, den sie den gemeinsamen Worten beilegen?
So schwamm denn diese Richtung gleichzeitig im
Strom der Reaktion des philosophischen Wollens
gegen die Analyse und im Strom der Reaktion des
Positivismus gegen die Philosophie. Sehr verschie-
dene Winde also füllten ihre Segel und gerade das
erklärt ihren Erfolg.

Ihr Hauptquartier ist immer Deutschland1 ge-
wesen, aber sie hat machtvoll über die deutschen
Grenzen hinausgewirkt. Am stärksten ist sie äußer-
lich auf den Gebieten der Rechts- und Wirtschafts-
wissenschaft hervorgetreten und darauf wollen wir
uns hier beschränken, obgleich ihr Zjel die „Histori-
sierung“ aller Sozial Wissenschaften war und alle
Sozialwissenschaften unter ihren Einfluß kamen:
Nicht als eine der Hilfswissenschaften, als eins der
Tatsachenreservoirs sollte die Geschichte mehr gel-
ten ; sie sollte als Selbstzweck in den Vordergrund
treten, die Sozialwissenschaft %criel-oxtfv werden und
alles, was es außer den Resultaten historischer
Detailforschung etwa noch zu sagen gäbe, das sollte
der Historiker eines jeden Feldes selbst hinzufügen
im Anschluß an diese Resultate, die erst wirklich

1 Uber die Gründe Mieser Tatsache vergleiche meine Dogmen-
und Methodengeschichte der Sozialökonomik in ,,Grundrifs der Sozial-
ökonomik“, herausgegeben von Weber u. a. Tübingen 1914.
        <pb n="77" />
        ﻿77

exakte Forschung seien, und ohne die man keinen
Schritt tun könne — es sollten die Sozialwissenschaf-
ten zu Darstellungen der historischen Tatsachen eines
jeden Gebiets werden und alles übrige etwa den Cha-
rakter jener Bemerkungen annehmen, die die Histori-
ker schon immer ihren Erzählungen hinzugefügt
hatten. So definiert man vielleicht am besten den
ursprünglichen Standpunkt jener Männer, deren
Werke im Zentrum der Bewegung stehen, obgleich
es natürlich nicht möglich ist, das Wollen und Stre-
ben einer so großen Kichtung, in der sich so viel
Verschiedenes mischte, in einen Satz zu fassen.

Wichtig ist für uns vor allem, daß auch diese
Eichtung sich als etwas Neues fühlte, und daß sie
tabula rasa machen wollte mit dem Vorhandenen.
Dieses Vorhandene erschien ihr völlig unwissen-
schaftlich, kaum ernster Betrachtung wert und sie
zeigte alle Lust, von ihrem Auftreten erst die Existenz
der Sozialwissenschaften zu datieren. Wiederum
ging niemand auf den Sinn der Vorgänger ein,
wiederum verurteilte» man sie lediglich auf Grund
gewisser allgemeiner Prinzipien oder allgemeiner
Schlagworte. Das zeigte sich söhr bald innerhalb der
historischen Schule der Jurisprudenz. Savigny und
Eichhorn usw. hatten freilich ihre Vorgänger. Nie-
mals hatte der Sammler juristischen Materials ge-
fehlt und niemals hatte er viel von der Bechts-
theorie, von der Theorie des Bechtsphänomens, ge-
halten — natürlich, denn beide Aufgaben haben me-
thodisch sehr wenig gemein und beide Aufgaben
appellieren an ganz verschiedene Typen von Men-

*
        <pb n="78" />
        ﻿78

sehen. Aber erst um die Zeit des Auftretens Savignys
begann die Rechtswissenschaft, als solche und als
ganze, Front gegen die theoretische Analyse zu
machen und die Rechtsgeschichte — abgesehen natür-
lich von der juristischen Technik der Praxis1 — für
die Rechtswissenschaft schlechtweg zu erklären. Von
da ab trat in ihr einerseits die ganze romantische Ab-
neigung gegen die „Aufklärungsphilosophie“, die man
mit den wissenschaftlichen Leistungen der gleichen
Periode zusammenwarf, andrerseits die ganze übellau-
nige Verachtung des Tatsachensammlers gegen alles,
was keine Urkunde ist, hervor. Arbeit an der Urkunde,
das war die eigentliche wissenschaftliche Arbeit für
sie, alles weitere war bestenfalls schöne Einleitung,
meist aber lediglich Feuilletonistik. Das Naturrecht
war für sie eine spekulative Philosophie und außer-
dem noch eine sehr unsympathische — nämlich he-
donisch-rationalistische — species. Der allgemeine
Fonds von Gedanken bestand im romantischen Dog-
ma vom einzigartigen, unausschöpfbaren, halb mysti-
schen Volksgeist und einigen geschichtsphilosophi-
schen Derivaten bezüglich des Problems der Ana-
logie der Rechtsentwicklung verschiedener Völker
usw. Aber in diesen Dingen kam es nicht zu weiterem
Vordringen: Man begnügte sich, den Volksgeist usw.
gleichsam anzuerkennen und ohne viel nach dem
Wesen des Phänomens zu fragen, wandte man sich
dem Gegenstand des eigentlichen Interesses zu, der
Arbeit im Archiv.

1 Diese blieb ziemlich unberührt, wie das ja in der Natur der
Sache lag.
        <pb n="79" />
        ﻿79

Aber der Kern der Abneigung gegen das Natur -
recht, das man so einfach erledigen und aus der
Wissenschaft für immer verweisen zu können glaubte,
lag in dem Ekel vor dem gesetzgeberischen Reform-
eifer vieler Naturrechtslehrer und deren Tendenz,
die lebendigen Rechtszustände eines Volks in einer
allgemeingültigen Weise modeln zu wollen. Wie die
Naturrechtslehrer ihrerseits nicht die Größe der Kluft
zwischen einer Theorie des Rechts und einem Uni-
versalgesetzbuch für alle Orte und Zeiten geahnt hat-
ten, sondern ganz sorglos von der einen zur anderen
Aufgabe übergegangen waren, so ahnten wieder die
Rechtshistoriker, die mit vollem Recht die Idee von
einem sein sollenden allgemeingültigen System von
Rechtssätzen bekämpften, nicht, daß neben und unter
dieser unglücklichen Idee im Lehrgebäude der Natur-
rechtslehrer ein Schatz von theoretischem Wissen
über das Rechtsphänomen lag, und so schütteten sie
das Kind mit dem Bade fort. Und eine neue Rechts-
wissenschaft sollte entstehen.

In dem zuletzt erwähnten Punkt liegt zugleich
die wichtigste Berührung mit der historischen Schule
der Nationalökonomie. Auch hier wandten sich die
Geister vor allem gegen das liberale Wirtschafts-
programm — gegen die Verkündung von Selbstver-
antwortung, Freiheit, Nichteingreifen des Staats als
allgemeingültiger Ideale. Und auch hier mit Recht —
wenngleich die Historiker mitunter ebenfalls Ideale
aufstellten, und außerdem sich deren strenger histori-
scher Bedingtheit nicht immer voll bewußt blieben.
Aber auch hier vermochte man dieses Beiwerk nicht
        <pb n="80" />
        ﻿80

von den wissenschaftlichen Errungenschaften zu
scheiden, mit denen zusammen es auftrat, und man
verwarf diese um so mehr, als noch andere unsym-
pathische Assoziationen — mit utilitarischer Philo-
sophie — daran hingen. Auch hier verwarf man also
die Wissenschaft zugleich mit ihren Grenzüberschrei-
tungen und meinte nun natürlich von vorn beginnen
zu sollen und zu müssen. Und da offenbar der Fehler
des Alten in zu „absoluter“ Spekulation und Ver-
kennung der historischen Belativität aller sozialen
Dinge bestanden hatte, so kam man ganz logisch dort
an, wohin Neigung und Anlage strebten — bei der
historischen Detailarbeit als der Methode der Natio-
nalökonomie. Daraus — aus der ausschließlichen Be-
schäftigung mit konkreten, unanalysierten Phäno-
menen — ergab sich weiter ganz von selbst der Glaube,
daß infolge des Allzusammenhangs aller Dinge die
isolierende Methode überhaupt keinen Sinn habe und
aus der Beobachtung, daß der Mensch ja so gut wie
nie bewußt hedonisch - rationalistisch handle, der
Schluß, daß jede Theorie, die von solchen Annahmen
ausgehe, schlechthin Entstellung der Wirklichkeit
sein müsse. Wozu also auf sie eingehen? Man legte
sie ad acta, höchstens als eine interessante Episode
in der Geschichte politischer Ideen zog man sie her-
vor. Ernstlich diskutiert aber brauchte sie gar nicht
mehr zu werden! Die sogenannte „ältere“ historische
Schule (Koscher, Knies, Hildebrand) hielt noch so-
wohl an gewissen geschichtsphilosophischen Ideen,
wie einem gewissen Maß theoretischer Analyse fest.
Die „jüngere“ historische Schule aber, unter der
        <pb n="81" />
        ﻿81

Führung von Schmollers, widmete sich ganz der
neuen, großen Aufgabe.

Von den verschiedensten Seiten und aus den ver-
schiedensten Motiven strömten die verschiedensten
Leute zusammen, um das Werk des 18. Jahrhunderts
zu vernichten und das befreite Gebiet neu zu be-
bauen. Darin waren sie alle einig. Sie alle glaubten
eine Verirrung überwunden und die wahre Bahn der
Forschung entdeckt zu haben. Begeisterung und
Siegesfreude beherrschte sie alle und keiner gab den
Epigonen der früheren Periode Quartier. Von Pietät
für diese Periode war kaum die Rede — so wenig,
wie etwa ein Wiedergenesener der überwundenen
Krankheit pietätvoll gedenkt. Die Kontinuität der
Entwicklung glaubte man zerrissen, aber das war
nur ein Grund sich zu gratulieren. Und wer zweifelte
und andere Wege ging, dem wurde deutlich gesagt,
daß er nicht in die Wissenschaft gehöre.

IV.

Seit geraumer Zeit nunmehr sind diese Grund-
anschauungen verkündet worden, besonders in
Deutschland, und reiche positive Arbeit wurde
im Anschluß an sie getan. Ist es also wahr, wurde
damals erst der rechte Weg entdeckt und hat sich
seither die historische Detailforschung als Methode
der Sozialwissenschaften durchgesetzt ? Ein Blick
auf die Gegenwart wird uns diese Frage beantworten.
Nur wenige Gebiete brauchen und können hier be-
rührt werden.

Zum Beispiel: Wie steht es in der Wissenschaft

Schumpeter, Vergangenh. u. Zukunftd. Sozialwissensch.	6
        <pb n="82" />
        ﻿82

vom Recht? Erfüllt sich da, was die um Savigny
und Eichhorn wollten? Nun, da sehen wir vor allem
natürlich die dogmatische Diskussion — das Produkt
des praktischen Bedürfnisses der Rechtsprechung —
sie hat immer bestanden und interessiert uns hier
nicht weiter. Daneben sehen wir die Einzelarbeit an
der Rechtsgeschichte im Sinn der historischen Schule.
Aber beherrscht und erschöpft sie das wissenschaft-
liche Interesse, ist sie heute die Methode wissen-
schaftlicher Arbeit? Im Gegenteil — mühsam ver-
teidigt sie sich gegen energische, zum Teil ganz un-
berechtigte Angriffe, gegen den Vorwurf der Un-
fruchtbarkeit, Gedankenarmut usw. Und das Inter-
esse des Tages gilt einem Wildbach von Produktionen,
die mit unglaublicher Schnelligkeit und Fülle hervor-
brechen und alle Gesichtspunkte und Wegweiser
dieses Gebietes in wenigen Jahren verschoben, alles
Denken und Streben reformiert haben — alle Auf-
merksamkeit gilt der lnteressenjurisprudenz, der so-
ziologischen Jurisprudenz, dem „lebenden Recht“,
der Rechtspsychologie und manchen praktischen Aus-
läufern dieser Bewegungen, wie der „freien Rechts-
findung“. Und so bunt und wirr alles das durchein-
anderstürmt, der Sinn, die Richtung aller dieser Be-
wegungen, soweit sie rein wissenschaftlich sind, ist
leicht zu formulieren: Man will Vordringen zum Ver-
ständnis des Rechtsphänomens aus dem Wesen der
Gesellschaft heraus einerseits und aus der Art und
Weise wie unser Denken und Fühlen arbeitet andrer-
seits: Man will die Rechtswissenschaft, wenn ich so
sagen darf, soziologisieren und psychologisieren;
        <pb n="83" />
        ﻿83

man will den Rechtssatz, den Rechtszustand, die
Rechtsanwendung als soziale Phänomene wissen-
schaftlich — analytisch — theoretisch verstehen. Was
heißt das Andres, als daß unsere Zeit losstürmt auf
das Ziel einer theoretischen Wissenschaft vom Recht,
für die die Rechtsgeschichte nicht mehr sein kann
als eine der Hilfswissenschaften, für die ein Gesetz-
buch oder ein historisch gegebener Rechtszustand
nur Material oder Objekt der Analyse ist auf Grund
einer Theorie des Wesens und der sozialen Bildungs-
gesetze des Rechtsphänomens, die allgemein und un-
abhängig von jeder solchen konkreten Erscheinungs-
form — abstrahierend von deren Besonderheiten —
erfaßt werden kann?

Oder: Haben wir etwa eine historische Ethik in
dem Sinn einer Masse von historischen Detail-
forschungen? Gewiß haben wir auch historische
Detailforschungen, und sie bieten uns unentbehrliches
Material. Aber sie sind nur Material für uns, und
alle Arbeit der Zeit gilt dem Aufbau einer Theorie
des Phänomens, einer Soziologie und Psychologie der
Ethik vor allem. Wir haben heute — abgesehen von
der metaphysisch - philosophischen und normativen
Ethik — zunächst eine Genesis der moralischen Ge-
fühle, eine Art theoretischer Geschichte derselben.
Sodann eine ethische Sozialpsychologie, die sich
mit der Untersuchung der psychischen Erscheinungen
befaßt, die sich um die ethischen Normen ranken.
Weiters eine Theorie der sozialen Funktion und des
Wesens der ethischen Tatsachen. Nach dem Material
geordnet, kann man von einer historischen, ethnologi-

6*
        <pb n="84" />
        ﻿sehen, psychologischen Ethik sprechen. Aber über-
all geht da Tatsachensammlung und Analyse Hand
in Hand und sowohl in dem einen wie in dem anderen
sind wir stetig über den Standpunkt des 18. Jahr-
hunderts hinausgekommen.

Oder: Die alte „natürliche Theologie“ ist über-
wunden. Überwunden ist vor allem der Gedanke
einer Vernunftreligion. Aber ebenso sind auch die
Elemente zu einer Wissenschaft der Religion über-
wunden, welche jene natürliche Theologie enthielt.
Darin liegt gewiß ein Verdienst des Historismus.
Aber was wir heute an Religionswissenschaft besitzen
ist nicht bloßes Produkt desselben. Wohl ist die Lehre
von der sozialen Genesis der Religion an geschicht-
lichem, urgeschichtlichem, ethnologischem Material
entstanden, aber diese Lehre besteht nicht daraus,
sondern aus einer Verarbeitung desselben, bei der
noch anderes Material, vor allem aber analytische
Gedanken hinzutreten. Wir haben ferner eine Reli-
gionspsychologie — Sozial- wie Individualpsycholo-
gie, die gewiß auf einer Basis von Beobachtungen
der religiösen Erfahrung beruht, ganz so wie jede
Theorie auf Tatsachenbeobachtungen beruht, aber
nicht mehr als eine jede. Wir haben eine Theorie
der sozialen Funktionen und des sozialen Wesens der
Religion und man könnte von einer Theorie der
inneren Logik der Religionssysteme sprechen— alles
zwar sehr empirische aber ebensosehr analytische
. ^Disziplinen.

Was will das alles heißen? Ist das geschehen,
was man ursprünglich wollte, ist die historische
        <pb n="85" />
        ﻿Detailforschung aus einer Hilfswissenschaft der so-
zialen Disziplinen — was sie immer war — zur So-
zialwissenschaft selbst geworden? Offenbar nicht.
Was erreicht wurde, das war eine gewaltige Be-
reicherung unseres historischen Materials Hand in
Hand mit einer ebenso gewaltigen Bereicherung alles
anderen — statistischen, ethnologischen usw. — Ma-
terials. Aber nicht weniger wie das Material von
heute ist die Analyse von heute über unseren Besitz-
stand, wie er vor hundert Jahren war, hinaus-
gewachsen. Und wie niemand die Sammlung von
Material vernünftigerweise für überflüssig halten
oder geringschätzen kann, so kann sich niemand mit
der historischen Detailforschung begnügen, in ihr die
einzige oder die wichtigste Aufgabe der Sozialwissen-
schaften sehen oder glauben, daß die Quelle gene-
reller Einsicht, die Quelle des Verstehens und Be-
greifens, unmittelbar aus dem unanalysierten Ma-
terial fließe in dem Sinn, daß ohne besondere Me-
thoden und ohne systematische Konzentrierung auf
analytische Aufgaben schon bloße Ordnung und Dar-
stellung des Materials unsere Probleme löse, unsere
Pragelust befriedige.

Nun — Was heißt das Andres, als daß alle die
Kämpfer und Forscher, alle die Schulen und Rich-
tungen des 19. Jahrhunderts, gegen ihren Willen,
ohne ihr Wissen, weitergearbeitet haben in den ein-
geschlagenen Bahnen, daß die Kontinuität, die sie
zerreißen wollten, gewahrt wurde von ehernen Not-
wendigkeiten, daß alle Arbeit des 19. Jahrhunderts
in derselben Linie liegt wie die der Jahrhunderte, die
        <pb n="86" />
        ﻿

■

voraufgingen, daß wir im großen Irrgarten der Dinge
schließlich ungefähr dorthin gelangt sind, wohin wir
gelangt wären, wenn man das Erbe der Früheren
bewußt und planmäßig ausgearbeitet hätte. Um das
zu zeigen, habe ich früher die Frage erörtert, wohin
eine solche bewußte und planmäßige Ausarbeitung
geführt hätte. Und siehe da — nun können wir auf
diese Frage antworten: Sie hätte uns ungefähr dort-
hin geführt, wo wir tatsächlich stehen, nur viel
schneller und besser.

Wie war das möglich, wie kam das? Ein Blick
auf den Gang der Dinge wird es uns lehren. Nehmen
wir als erstes Beispiel die Nationalökonomie. Hier
ist die Sache besonders klar, weil, wie schon gesagt,
in dieser Disziplin das Erbe des 18. Jahrhunderts aus
den Händen A. Smith’ von einer energischen Gruppe
von Forschern übernommen und nach einer Richtung
hin kräftig ausgearbeitet wurde. In den ersten Jahr-
zehnten des 19. Jahrhunderts gab es da, besonders
in England, aber auch anderwärts, einen prächtigen
Aufschwung analytischer Arbeit, in dessen Zentrum
der Name Ricardos steht. Aber dieser Aufschwung
war doch nur das letzte Aufflackern eines Feuers
bestimmt von der Welle des Historismus ausgelöscht
zu werden? Eben nicht — die das glaubten, haben
sich sehr getäuscht und sehen heute ihren Irrtum ein.
Das Feuer verlöschte nicht, es brannte weiter und
schließlich griff es — seit etwa dreißig Jahren —
mächtig um sich. Die Gruppe englischer Theoretiker
pflanzte sich fort und arbeitete weiter — auf Ricardo
folgten Senior und vor allem Mill und dieser herrschte
        <pb n="87" />
        ﻿87

in aller Stille und in der Tiefe, während über die
Oberfläche die Stürme der Methodendiskussion braus-
ten, bis in die Zeit der siebziger Jahre, wo durch
Jevons ein neues Ferment in die englische National-
ökonomie kam, das durch Marshall in das Vorhandene
verarbeitet wurde zu einem Ganzen, das sich schön
und fruchtbar fortentwickelt. Und so ähnlich war es
in Frankreich, wo die Schule J. B. Says im Wesen
herrschend blieb — trotz aller Angriffe, trotz aller
Hinrichtungen in effigie — bis Leon Walras neues
Leben in die Theorie brachte. So in Italien, wo in
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts aus fremden
Wurzeln sich die Theorie zu einer Blüte entfaltete,
die mit der Blüte italienischer Ökonomie im 17. und
18. Jahrhundert vergleichbar ist (Paretoschule). So
in Amerika,wo nach langer Zeit der Herrschaft einer
Art von Smithianismus die Herrschaft der Carey-
schen Theorie folgte, bis in den Achtzigerjahren die
so glänzende Laufbahn der Clarkschule begann, die
die amerikanische Wissenschaft in die Front des
Fortschritts führte. So endlich war es selbst in
Deutschland: Bis in die siebziger Jahre hält sich
die ältere Theorie trotz aller Angriffe auf sie. Große
Leistungen (Thünen, Hermann, Rodbertus, Marx),
die nichts mit dem Historismus gemein haben, ge-
langen. Dann freilich kam die Zeit, in der die histori-
sche Schule um ausschließliche Herrschaft rang. Aber
weit entfernt die Reste der älteren Theorie zu ver-
nichten — die vielmehr von allen historischen Natio-
nalökonomen, sowie sie lehren und weitere Zu-
sammenhänge schildern wollten, tatsächlich aufge-
        <pb n="88" />
        ﻿

nommen wurden — hat diese Zeit die Blüte des marxi-
stischen Systems gesehen, das auf Ricardo beruht, und
vor allem die Wiedergeburt der ökonomischen Theorie
in neuer, vollkommenerer Form aus dem Schoß der
sogenannten „österreichischen Schule“ (Menger,
Böhm-Bawerk, Wieser), so daß die deutsche Lite-
ratur, eben zu der Zeit, wo ihre mächtigste Strömung
die Theorie zum alten Eisen zu werfen suchte, der
Welt die Grundlagen zu einem neuen theoretischen
Gebäude gab und im Zeichen der Theorie einen
Siegeslauf durch alle Länder vollendete. Ihrerseits
aber ist diese Theorie eine Reform und ein Ausbau,
keine Vernichtung, der alten, in demselben Sinn wie
die moderne Physik eine Reform und ein Ausbau,
aber, so sehr sie sie überwunden hat, keine Vernich-
tung der Physik des 17. und 18. Jahrhunderts ist.

Das Resultat war also, daß sich Theorie und
Wirtschaftsgeschichte pari passu entwickelt haben.
Gewiß an manchen Orten die eine auf Kosten der an-
deren und gewiß fast überall in heftigem Streit: Aber
das ändert nicht das Geringste daran, daß es nur
ganz lokal, und auch das nur ausnahmsweise, der
einen gelang die andere zu verdrängen, und daß das
Endresultat ungefähr jenes war, das sich auch ohne
allen Kampf hätte erreichen lassen. Und das ist
nicht etwa eine bloß der Nationalökonomie eigene
Ausnahme — das war überall so. Auch die Rechts-
theorie, auch die Ethik, auch die Psychologie, auch
die Soziologie im engsten Sinne des 18. Jahrhunderts
lebten fort und an sie schloß sich stille Arbeit an,
die nach und nach das Vorhandene organisch um-
        <pb n="89" />
        ﻿bildete. Das Naturrecht ist nie ausgestorben, obgleich
gerade diese Disziplin nahe daran war — es erhält
sich im Anschluß an die alten Gedanken bis über
die Mitte des 19. Jahrhunderts und erhält dann neues
Lebensblut aus der Soziologie und Sozialpsychologie.
Der wissenschaftlichen — im Gegensatz zur meta-
physischen — Ethik ging es ganz ebenso: Um bei-
spielsweise eine der Entwicklungsrichtungen anzu-
deuten, es hat sich im Anfang des 19. Jahrhunderts
eine utilitarische Ethik ausgebildet, die im engsten
Anschluß an die Arbeit der Vorzeit stand. Diese uti-
litarische Ethik erhielt sich in dieser Form bis in die
achtziger Jahre, wo sie dann sozialpsychisch und
soziologisch unterbaut zu werden und in etwas an-
deres, in die moderne soziologische Ethik einzumün-
den begann, welche alle die Ausgangspunkte der ver-
schiedenen Ethiken früherer Zeiten in einer um-
fassenden Theorie und auf breiterer Tatsachengrund-
lage begreift. Die Psychologie hat sachlich einen
ganz ungebrochenen Entwicklungsgang gehabt, und
alle die Pflanzen blühen nun nebeneinander, die im
18. Jahrhundert gesät wurden. Und die Soziologie?
Die Art von Soziologie, die sich innerhalb des Lehr-
systems des Naturrechts entwickelt hatte, sah lange
so aus, wie wenn sie mit diesem zugrunde gehen
wollte. Heute aber erfreut sie sich des muntersten
Lebens und die ganze Literatur, die den wissenschaft-
lichen Tag auf diesem Gebiet beherrscht, ist nichts
anderes als die Weiterbildung des alten Ansatzes zu
einer Theorie der Gesellschaft, nur genährt und ge-
fördert durch neues Material und neue Methoden.
        <pb n="90" />
        ﻿90

Und die historischen Entwicklungsgesetze und die
Theorien der Geschichte — in neuem Gewand tauchen
sie alle wieder auf.

Das alles lehrt uns eine große Wahrheit: Einmal
begründete Eichtungen werden nicht so leicht über-
wunden. Ein vollständiger Sieg über sie, eine Neu-
schaffung der Wissenschaft von Grund auf — das
mag wohl oft angestrebt werden, aber das gelingt
nicht. Der oberflächlichen Betrachtung stellt sich die
Sache ja anders dar. Ihr kann es scheinen, wie wenn
Eichtungen einander ablösen würden, wie wenn das
Vergangene jeweils tot und überwunden wäre. Auch
dem Parteimann, der in seiner Sichtung lebt und
webt und nur sie begreift, kann das scheinen. Dieser
Schein wird erzeugt dadurch, daß eine jede Sichtung,
die sich als „neu“ fühlt, so viel Staub auf wirbelt, und
daß der Blick des Beobachters vor allem auf diese
Staubwolken der Kontroversen, programmatischen
Äußerungen usw. fällt. Das Marktgeschrei hat wirk-
lich immer andere Schlagworte und Schlachtrufe.
Aber das alles kann die wissenschaftliche Arbeit wohl
einerseits stören und andrerseits — durch das dadurch
erweckte Interesse — fördern, aber in ihrer Tiefe
wird sie dadurch nicht berührt. Wie bei einer Segel-
regatta die Wellen die Boote oft zu begraben scheinen
und dennoch die Segler ihren Weg durchmessen, so
verdeckt der Schaum und -Lärm der Wellen der
Kontroversen und Schulenprogramme wohl den Fort-
gang der Forscherar beit, aber er vernichtet sie nicht.
Und unter der Oberfläche, da gibt es keine prinzi-
piellen Gegensätze, da gibt es nur Zusammenarbeiten
        <pb n="91" />
        ﻿—	mögen die einzelnen das wissen und wollen oder
nicht.

Aber das, was die Gegner der Arbeit des acht-
zehnten Jahrhunderts geleistet haben, das lag doch
in einer ganz anderen, ganz neuen Entwicklungs-
linie? Wenn sie das Alte nicht vernichtet haben, so
haben sie doch daneben etwas ganz anderes gebaut

—	die historische Nationalökonomie, die historische
Rechtswissenschaft usw., das sind doch neue Gebilde,
die neue Bahnen gebrochen haben? Wenn auch viele
Forscher in den alten Bahnen vorwärts drangen,
haben nicht diese Anderen, die die Analyse bekämpf-
ten und nicht fortsetzen wollten, neue Ziele erreicht
oder doch neuen Zielen zugestrebt? Auch das ist
nur ein Irrtum, hervorgerufen durch den Absolutis-
mus und die Übertreibungen der Parteiprogramme.
Betrachten wir den Fall der Rechtswissenschaft.
Schärfer als die Historiker sich gegen das Naturrecht
wandten, kann man sich nicht leicht gegen etwas
wenden. Aber was wurde erreicht ? Die historischen
Tatsachen des Rechts wurden unermüdlich erforscht,
und so wurde der Rechtssoziologie von früher neues
Material und der Rechtssoziologie von später außer
einer breiten Grundlage eine Fülle neuer Probleme
gegeben. Selbst das Dogma vom Volksgeist, das so
antitheoretisch gemeint war, was ist es anderes ge-
wesen als ein Beitrag zur Rechtstheorie, als ein Hin-
weis auf ein Problem, das schließlich generell und
theoretisch gelöst werden muß? Alle jene rechts-
geschichtlichen Tatsachen, die den Forschern, welche
in ihrer Sammlung und Darstellung die Aufgabe ihres
        <pb n="92" />
        ﻿Lebens und von ihrem Standpunkt einen Selbstzweck
und überhaupt alles suchen was die Wissenschaft da
leisten kann — sie sind nur ein Block des Sockels
für eine vollere, reichere Eechtssoziologie, die sich an
ihnen, aber auch an anderem Material heute zu ent-
falten beginnt. Und insofern als keineRechtssoziologie
ohne diesen Sockel auskommen kann, war jene Peri-
ode der Tatsachensammlung nichts anderes als eine
Ergänzung vergangener und eine Vorbereitung neuer
Eechtssoziologie, eine Ergänzung des vergangenen und
Vorbereitung eines neuen Naturrechts im wissenschaft-
lichen Sinn des Worts: Ein sachlicher „Gegensatz“
existierte gar nicht. So haben also in einem höheren
Sinn die mächtigsten Feinde des Naturrechts sein
Werk nur fortgesetzt, nur einen Punkt des Arbeits-
programmes des Naturrechts ausgearbeitet. Und die
Umwandlung der Eechtswissenschaft, die sich vor
unseren Augen vollzieht und wiederum — das ist so
Schicksal der Wissenschaft — in einem prinzipiellen
Gegensatz zum Historismus zu stehen scheint, sie
führt nur aus, was diese Zeit der Tatsachensammlung
vorbereitet, ermöglicht hat. Dem einzelnen Forscher
erscheint es freilich anders. Der liebt entweder die
Arbeit an der Urkunde oder die Arbeit der Analyse,
hält nur seine Liebe für wahre Wissenschaft und
verachtet öffentlich oder im Stillen die des anderen.
Für ihn ist es kein Trost, wenn Arbeitsweisen,
die nicht die seinigen sind, sein Werk fortführen.
Deshalb kämpfen die Parteien mit großen Worten.
Aber die Wissenschaft geht über alle diese Wünsche
und Glaubensbekenntnisse hinweg und still und
        <pb n="93" />
        ﻿machtvoll ihren Weg. Und wer die Analyse haßt
und sich vor ihr in die Archive flüchtet, der bahnt
ihr nur den Weg, wie der Kolonist, der vor der Zivili-
sation in die Wildnis flieht, weil er in ihr nicht leben
kann, nicht leben mag, gegen seinen Willen, ohne
sein Wissen, den Weg bahnt, auf dem sie ihm un-
vermeidlich folgt.

Wir stehen also vor dem folgenden Sachverhalt,
der in mehr als einer Hinsicht merkwürdig ist und
nach mehr als einer Richtung erwogen zu werden
verdient: Von der einen Seite betrachtet, gibt es
keine einheitliche und kontinuierliche Entwicklung
der Sozialwissenschaften außerhalb der einzelnen
„Schule“. Im Gegenteil, wer auch nur flüchtig nach
den Programmen und Diskussionen der einander be-
kämpfenden und einander ablösenden Schulen hin-
horcht, muß sofort die lautesten Dissonanzen hören
und vor allen anderen Dingen den Eindruck haben,
daß es da kein einheitliches Wollen, kein planmäßiges
Vorgehen, keine Logik oder Ordnung geben kann,
sondern nur völlige Willkür. Von der anderen Seite
betrachtet, ergibt sich der gerade entgegengesetzte
Eindruck: Da sehen wir nicht nur, daß alle Sieges-
fanfaren der methodischen Parteien eitel und alle
Eorschungsrichtungen einfach unüberwindlich sind,
mag man auch mit aller Energie und mit allen Mitteln
sie unterdrücken wollen, sondern daß überhaupt alles,
auch das scheinbar Unverträgliche, schließlich einem
großen Ganzen eingeordnet wird, das von außen
— trotz aller Proteste, Kämpfe und Mißtöne im
Innern — so aussieht, wie wenn es planvoll entworfen
        <pb n="94" />
        ﻿94

wäre, und daß Einzelne und Richtungen schließlich
alle gewissen großen Tendenzen dienen müssen,
gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen, Tendenzen,
die so unentrinnbar sind, wie wenn sie von einer
Allmacht vorgeschrieben würden.

Das ist einer von jenen auf allen Gebieten
menschlicher Geschichte so häufigen Fällen, in denen
zweifellose „Willkür“, „Zufälligkeit“, „Unberechen-
barkeit“ usw. im realen Einzelnen sich mit einem
unwiderstehlichen Eindruck von „Gesetzmäßigkeit“,
„Einheit“, „Notwendigkeit“ usw. im vom Beobachter
erfaßten Ganzen paart. Diese Fälle haben erst die
Einen veranlaßt, die „Einheit“ des Ganzen meta-
physisch zu deuten und dann die Anderen, die Tat-
sache der „Einheit“ zugleich mit ihrer — und wegen
ihrer — metaphysischen Deutung für Humbug und
alle „Entwicklungsgesetze“ für unwissenschaftlich zu
erklären. Wir wollen auf Grund unserer Übersicht
die Tatsache der „Regellosigkeit“ und die Tatsache
der „Gesetzmäßigkeit“ — man verzeihe die Aus-
drücke, die leicht mißdeutet werden können — rein
positiv zu erklären und so ein theoretisches Ver-
ständnis der Vergangenheit der Sozialwissenschaften
und einen Anhaltspunkt für die Prognose ihrer Zu-
kunft zu gewinnen suchen.

In unserem Fall wird die „Regellosigkeit“ offen-
bar begründet durch das jähe Abreißen angesponne-
ner Fäden. Woher kommt das, angesichts der Tat-
sache, daß jene Fäden noch lange nicht zu Ende
gesponnen waren, vielmehr gerade ihr bester Teil
        <pb n="95" />
        ﻿95

noch erst hätte kommen müssen? Die Antwort er-
gibt sich leicht aus unserer Übersicht, und es ist auch
kaum zu gewagt, den betreffenden Momenten eine
ziemlich allgemeine Bedeutung zuzuschreiben.

Der erste Grund dafür, daß man nicht ruhig fort-
setzte, sondern seine positive Arbeit mit einem Zer-
störungswerk einzuleiten versuchte, lag darin, daß
die Sozialwissenschaften zunächst sehr eng und
scheinbar unzertrennlich mit politischen Programmen
und metaphysischen Anschauungen alliiert schienen.
Wir sahen, daß aus dieser Quelle die mächtigste
Gegnerschaft gegen das Werk des 18. Jahrhunderts
entstand und können wohl allgemein sagen, daß wenn
immer eine Wissenschaft wirklich oder scheinbar,
inhaltlich oder auch nur durch Personalunion, mit
politischer oder philosophischer Parteistellung asso-
ziiert wird, sie Angriffen außerwissenschaftlichen
Charakters ausgesetzt sein und in das Schicksal der
betreffenden Politik oder Philosophie mehr oder
weniger hineingezogen werden muß. Und wir sahen
auch, daß das nicht etwa bloß für die Stellung des
Publikums zur Wissenschaft gilt, sondern auch die
gefühlsmäßige — und unter deren Einfluß die wissen-
schaftliche — Stellung neuer Eorschergenerationen
bestimmt, die dann zum Neubau machen, was sach-
lich ebensogut Ausbau hätte werden können. Ich
habe schon angedeutet, daß das Fehlen dieses Mo-
ments in den Naturwissenschaften die größere Stetig-
keit ihres Wachsens zum Teil erklärt.

Zweitens: Wie im politischen, so erklären sich
auch im wissenschaftlichen Leben die Veränderungen
        <pb n="96" />
        ﻿96

in der Richtung des Wollens nicht bloß aus dem
Wechsel der Stimmungen oder Ansichten derselben
Gruppen, sondern auch daraus, daß zu verschiedenen
Zeiten verschiedene Gruppen und Typen von Leuten
maßgebend sind. Die Tendenz nach Einführung des
allgemeinen Wahlrechts z. B. erklärt sich offenbar
nicht bloß — ja nicht einmal vorwiegend und be-
sonders nicht kausal — durch ein Umdenken der
früher politisch allein maßgebenden Klassen, sondern
durch das Aufsteigen anderer Faktoren zu politischer
Macht. Ähnliches gibt es auch in der Wissenschaft.
Für uns ist das Hervortreten historisch veranlagter
und gebildeter Forscher das wichtigste Beispiel: So-
wie sich solche als ipso facto zu sozialwissenschaft-
licher Arbeit Berufene zu fühlen begannen, änderte
sich die Zusammensetzung des sozialwissenschaft-
lichen Kosmos. Und diese neuen Elemente desselben
hatten schlechthin keine Fühlung mit seiner Vor-
geschichte. Seine alten Elemente hätten den Faden
nie so abgerissen.

Drittens übersieht der einzelne Forscher und die
einzelne Richtung immer nur ihr eigenes kleines
Stückchen Weg, immer nur ihre, sub specie aeter-
nitatis, so winzige Spezialaufgabe. Leicht kann er
oder sie diese Aufgabe für die einzige, so gut wie
stets muß er sie für die wichtigste halten — sonst
würde er eben eine andere vornehmen — und glau-
ben, daß der Weg immer durch den Tunnel gehen
wird, an dem gerade er gräbt. Da kommt man leicht
dahin, alles andere für verfehlt und die Wahrheit jetzt
erst, jetzt aber auch definitiv, für gefunden zu halten.
        <pb n="97" />
        ﻿Die das nicht einsehen wollen, erscheinen dann leicht
als hoffnungslos rückständig, wenn nicht gar als ver-
bohrte Frevler.

Viertens: Jede Forschungsrichtung bedarf eines
auf sie gestimmten Publikums und des Zusammen-
arbeiten Vieler. Der Führer muß sich einen solchen
Resonanzboden in weiteren Kreisen schaffen. Das
kann er nur durch kurze absolute Schlagworte, die
in dieser Kürze und Schärfe nie ganz richtig sein
können. Er wird am wirksamsten an weitere Kreise
appellieren, wenn er ihnen ein faßliches, scharf-
geschnittenes Programm zeigt und einen Feind,
gegen den man anstürmen kann. Das gilt auch von
zu gewinnenden Schülern: Wer mit all den Ein-
schränkungen, die eigentlich notwendig wären, zu
den ungeformten Geistern spricht, wird nie ihre
Phantasie entzünden und sie zu Kämpfern für seine
Ideen machen. Kur kurze Zeit hat er sie vor sich.
Da muß er ihnen schnell und stark das Wichtigste
sagen von dem, was er am Herzen hat. Selbst wenn
er alle Einschränkungen ausspricht, sie werden nur
die Grundthesen aufnehmen. Und dann werden sie
übertreiben: Nur übertreibend handeln Gruppen von
Menschen. Nur so entstehen Schulen, nur durch
Schulenprogramme einheitliche Richtungen und
Möglichkeiten des Zusammenarbeitens. Aus dieser
technischen Notwendigkeit von Schulenbildungen er-
klären sich jene abrupten Vorwärtsbewegungen: Man
stemmt sich gleichsam, alle Kraft aufwendend, an
nichts anderes denkend, gegen eine Stelle einer Wand,
die dem Weiterkommen im Wege steht; wenn sie

Schumpeter, Vergangenh. u. Zukunftd. Sozialwissenscli. 7
        <pb n="98" />
        ﻿98

nachgibt, verliert man das Gleichgewicht, wird man
fortgerissen durch die Kraft des eigenen Impulses
über die Grenzen hinaus, innerhalb welcher der Im-
puls Sinn hatte. Ist dann noch ein Wissensgebiet
jung, so daß es auf ihm keine feste Arbeitsteilung und
keine gefestigten Grundanschauungen gibt, sondern
alles durcheinanderläuft, so muß das jedesmal un-
verhältnismäßig starke Erschütterungen hervorrufen.
Liegt endlich die Sache so, daß die verschiedenen
Richtungen an Geister verschiedener Anlage appel-
lieren, so daß der Einzelne sich einer anderen als
der seinen Richtung gar nicht zu wenden will, so ist
natürlich die Sache besonders bös.

Zu diesen Momenten kommt noch ein fünftes,
das am wenigsten erfreuliche: Eitelkeit und Un-
generosität vergrößern die Kluft zwischen den ein-
zelnen Marksteinen des wissenschaftlichen Weges
mehr als nötig. Ich muß dieses Moment erwähnen,
aber ich brauche glücklicherweise nicht dabei zu
verweilen. Ich darf sogar einen mildernden Umstand
anführen: Keuchend ringt sich jeder zu seinem
Standpunkt durch. Er kommt dazu meist im Kampf
mit anderen Ansichten — und oft mit den schlimm-
sten Entstellungen dieser Ansichten — und wird sich
seines Standpunkts oft schon in der Form eines
Gegensatzes zu anderen bewußt. Und wenn er dann,
voll Freude über das, was er gefunden zu haben
glaubt und noch warm vom Kampf zur Feder greift,
so darf man ihn vielleicht nicht ohne weiteres ver-
urteilen, wenn er seine Ansicht zur „herrschenden“
zu machen und die anderen zu vernichten sucht,
        <pb n="99" />
        ﻿99

keinesfalls aber ein gerechter Eichter ist — gerade
dann dürfen wir nicht zu hart urteilen, wenn er, die
er bekämpft, gar nicht verstanden hat!

Zugleich können wir uns aber auch erklären, wo-
her trotzdem der Eindruck einheitlicher Züge der
Entwicklung kommt oder besser auf welchen Tat-
sachen die Einheitlichkeit der Entwicklung beruht.
Vor allem fällt auf, daß manche der angeführten
Ursachen der „Diskontinuität“ oder der „Willkür“ der
Entwicklung weit mehr den Schein eines Verbrennens
aller Schiffe hervorrufen als wirklich alle Schiffe ver-
brennen. Lokal und temporär mag gelegentlich der
Anschein erweckt werden, als ob alles von neuem
beginnen müßte und würde. Eitelkeiten und Eng-
herzigkeiten Einzelner oder ganzer Eichtungen
mögen einen Abgrund Vortäuschen, wo nur ein
kleiner Graben ist. Auf politischen und philosophi-
schen Gründen beruhende Unpopularität mag augen-
blicklich erdrückend sein. Das mag ganze Gene-
rationen schwer schädigen, aber all das kann doch
nicht leicht weit und dauernd unter die Oberfläche
des wissenschaftlichen Lebens hinunterreichen.

Aber ganz abgesehen davon — wie immer man
diese unsere Welt und diesen unseren Denkapparat
philosophisch deuten mag, für alle praktischen
Zwecke und auch den der Wissenschaft kann man
ruhig sagen, daß diese Welt und dieser Denkapparat
gegebene Tatsachen sind, an denen wir nichts ändern
können. Und weil Gegenstand und Werkzeug der
Wissenschaft gegeben sind, so sind es auch die Pro-
bleme, d. h. das was uns fraglich erscheint und die

7*
        <pb n="100" />
        ﻿100

Art und der Sinn, in der und in dem es uns fraglich
wird. Von welcher Seite immer und in welcher kon-
kreten Absicht immer — wenn es nur eine For-
schungsabsicht ist — wir uns mit unserem Denk-
apparat in die Erscheinungswelt stürzen, stets müssen
sich uns — und sogar bis zu einem gewissen Grade
auch in einer gegebenen Aufeinanderfolge — sowohl
dieselben Probleme wie auch schließlich dieselben
Methoden darbieten. Wenn eine Gruppe z. B. noch
so sehr die theoretische Konstruktion vernichten
wollte oder generelle Wahrheiten auf sozialwissen-
schaftlichem Gebiet für prinzipiell ausgeschlossen
hielte, die Theorie und das Generelle würde sich ihr
in den Weg drängen, würde bis in das innerste Sank-
tum des Historikers, die sich selbst bestimmende Indi-
vidualität, stürmen und früher oder später müßte der
Historiker sehen, daß er selbst keine Zeile schreiben
kann, ohne generelle Wahrheit vorauszusetzen, ohne
Theorie, wenn auch sehr primitive, zu betreiben. Und
wenn er das nicht sehen wollte — was würde ge-
schehen? Nicht über die Theorie, sondern über ihn
würde man zur Tagesordnung übergehen. Denn wenn
überhaupt einmal eine genügende Anzahl von Leuten,
die forschen wollen, vorhanden sind, so findet ein
rastloses Schürfen nach Erkenntnisadern statt. Man
mag eine konkrete solche Ader lange oder überhaupt
nicht finden, aber eine, die schon gefunden ist, kann
eben wegen ihrer sozusagen „objektiven“ — wenn-
gleich nicht bloß von den „Dingen“, sondern auch
der Struktur unseres Geistes abhängigen — Existenz
niemals unterdrückt werden: Wendet man sich von
        <pb n="101" />
        ﻿101

ihr ab, so gibt man nur anderen den Weg zu ihr frei
und bleibt selbst zurück. Es geht da wie im Wirt-
schaftsleben bei freier Konkurrenz: Die einmal von
irgendwem erkannten Gewinnmöglichkeiten sind eben
da. Im allgemeinen greifen immer viele nach einer
jeden — wer es nicht tut, der geht eben unter, lang-
sam vielleicht, aber sicher — und wenn es gelegent-
lich vorkommt, daß die Leute eine solche Gewinn-
möglichkeit z. B. eine bestimmte Produktions-
methode, ungenutzt lassen, dann ist der Gewinn des-
jenigen, der sich ihrer bemächtigt, um so größer,
welcher Umstand eben in einer Gemeinschaft, in der
es aufgeweckte Unternehmer in gehöriger Anzahl
gibt im allgemeinen die Ausnutzung aller jeweils als
praktisch erkannten Gewinnmöglichkeiten garantiert.
Die Wissenschaft aller Länder ist heute eine solche
Gemeinschaft. Und aller erreichbare vorhandene
Boden wird unweigerlich bebaut. Hat man ein neues
Stück gerodet, dann kommt man wieder in eine „ob-
jektiv“ gegebene neue Situation, wo abermals ge-
gebene Möglichkeiten nur der Entdeckung harren.
Blieben sie, wenn von irgendwem erkannt, unaus-
genutzt — was ja gewiß „möglich“ wäre — so be-
deuteten sie lauter lucra cessantia an Erkenntnis und
eben deshalb entgehen sie dem Geist nicht, der über-
haupt forschen will: Erkenntnisgewinn und Befriedi-
gung können ja vergebens locken, aber sehr starke
Motive wirken stets dahin, daß sie es nicht tun. Um
also ihre Richtung ausschließlich und dauernd „herr-
schend“ zu erhalten, müßte eine wissenschaftliche
Gruppe das wissenschaftliche Arbeiten auf ihrem Ge-
        <pb n="102" />
        ﻿

biet — eigentlich auf allen Gebieten, sonst strömen
Außenseiter herzu — monopolisieren. Vergangene
Zeiten haben das versucht und mit dem Scheiter-
haufen ihr Monopol schützen wollen. Es war umsonst
— wie könnte es ohne Scheiterhaufen gelingen?

Diese Momente denn konstituieren jene in letzter
Linie unentrinnbare Macht, die die wissenschaftlichen
Arbeiter in Reih und Glied zwingt und eine wohl
nicht geradlinige aber letzten Endes einheitliche Ent-
wicklung als reales Phänomen erzeugt. Sie sind es, die
auf diesem Gebiet das durchsetzen, was man „Logik
der Dinge“ 1 nennen und wovon man in bestimmtem'
Sinn behaupten kann, daß es von individuellem und
gruppen weisem Wollen unabhängig ist. Sie bewirken,
daß, je vollständiger der momentane Erfolg und je
energischer die Ausschließlichkeit einer Richtung ist,
um so vollständiger ihre Niederlage sein muß, weil
um so größer und wertvoller die Gebiete sind, die
sie vernachlässigt. So paradox es klingt: Je weniger
konsequent jemals ein einheitliches Arbeitsprogramm
dauernd festgehalten werden kann, um so konse-
quenter wird sich die Entwicklung der retrospektiven
Überschau über große Zeiträume darstellen, denn aus
den Reaktionen gegen die notwendigen Einseitig-
keiten jedes solchen Programms ergibt sich auto-
matisch eine viel allseitigere und folgerichtigere Ent-

1 Dieser „Logik der Dinge“ auf dem Gebiet der Forschung ent-
spricht ein analoges Phänomen auf allen unterscheidbaren Gebieten
sozialen Lebens, von denen die Geschichte erzählt. Freilich ist der
Ausdruck sehr ungenau und leicht mifszuverstehen. Selbstverständ-
lich handelt es sich da nicht um eine reale „Kraft“, sondern um die
Tatsache sehr zwingender Situationen.
        <pb n="103" />
        ﻿Wicklung als der Einzelne jemals sich ausdenken
könnte. Jene Momente erklären auch, wieso es
kommt, daß — so sehr der Einzelne oder eine kleine
Gruppe fehlgreifen mag — eine größere Richtung des
Gedankens kaum jemals einfach „falsch“ sein kann,
denn eine jede wurde ihren Männern von einer „ob-

jektiven“ Sachlage aufgedrängt und weitaus die
meisten großen Grundgedanken lagen in ihrer Ein-
fachheit so sehr am Wege, daß sie unvermeidlich
waren — wenn auch vielleicht nur als grobe An-
näherungen. Deshalb ist auch eine jede größere Ge-
dankenströmung, besonders jede von den großen
Methoden, in gewissem Sinn unsterblich. Und eine jede
wendet sich rächend gegen die, die sie ignorieren.
Jede endlich wird, nachdem ihre Übertreibungen
vorbei sind und die Reaktion gegen diese Übertrei-
bungen ebenfalls, an irgendeiner Stelle in das Vor-
handene eingefügt. Ein klassisches Beispiel für diese
Logik der Dinge ist das Schicksal der historischen
Rechtslehre, das sich vor unseren Augen vollzieht:
Länger und ausschließlicher als irgendeine einzelne
Forschungsrichtung hat diese auf ihrem Gebiet ge-
herrscht. Vollständiger als irgendwo glaubten ihre
Vertreter alles Vor auf gegangene vernichtet zu haben.
Plötzlicher als irgendeine stürzt sie heute hinab —
bis sie jenen Punkt erreicht haben wird, im großen
Meer der Soziologie, der ihrem „objektiven“ spezifi-
schen Gewicht entspricht.

Wird alles das auch in der Zukunft so bleiben?

Man braucht die Ursachen, welche die Diskonti-
nuität der wissenschaftlichen Arbeit erzeugen, das



I
        <pb n="104" />
        ﻿104

Abrupte, Regellose ihrer Entwicklung, und jene,
welche trotzdem ein bestimmtes Maß von Kontinuität
und Planmäßigkeit erzwingen, nur anzusehen, um
sich überzeugt zu finden, daß beide Gruppen von Ur-
sachen auch in der Zukunft weiterwirken werden.
Was zunächst die erste von ihnen anlangt, so brauche
ich ihre fünf Punkte gar nicht zu wiederholen, um
das noch besonders zu beweisen. Denn zum Teil sind
sie dem Wesen des Mechanismus wissenschaftlichen
Lebens eigen — immer und überall z. B. wird jeder
Fortschritt gruppenweise, mit Hilfe organisierender
Schlagworte, ruckweise, übertreibend zustande ge-
bracht —, zum Teil gar den Tatsachen unserer
Psyche — nie wird z. B. der Einzelne oder die Gruppe
mehr übersehen können als einige wenige Gesichts-
punkte und kleine Stücke des Weges — zum Teil
können sie ihrer Natur nach, wenn überhaupt, nur
langsam verschwinden — wie z. B. die Tendenzen
zur Alliierung jeder Richtung mit politischen und
und philosophischen Programmen. Insbesondere wer-
den immer Perioden vorwiegend konstruktiver und
Perioden vorwiegend tatsachensammelnder und kriti-
scher Tätigkeit abwechseln: Denn weil erstens beide
Arten wissenschaftlicher Arbeit „objektiv“ notwendig
und fördernd, weil zweitens stets Leute beider An-
lagen vorhanden sind, so müssen beide Arten stets
zusammen existieren. Weil aber, drittens, auch auf
dem Gebiet der Wissenschaft nicht jeder einfach für
sich existiert und denkt, sondern im Einflußkreise
seiner Zeitgenossen lebt und webt, so wird die
Stimmung der jeweils stärksten und erfolgreichsten
        <pb n="105" />
        ﻿105

Persönlichkeiten mehr oder weniger allgemein sein,
und gemeinsam erfolgen daher die Schritte nach der
Analyse wie nach der Tatsachensammlung — ganz
wie im politischen Leben: Auch da gibt es Leute,
die immer an einer Partei festhalten, wie es geborene
Analytiker und „Historiker“ gibt; aber dazwischen
wogt eine Masse, die sich jeweils vorwiegend der
einen oder vorwiegend der anderen Partei oder Sich-
tung anschließt, um dann, eben weil das verlassene
Programm inzwischen Zeit hat neu und lockend zu
werden und weil man wieder „etwas anderes“ haben
will, nach einiger Zeit wieder zurückzuschnellen.

Wohl hat es immer Forscher gegeben, die auf
einer Höhe standen, von der aus sie alles Land rings-
um und nicht bloß ein einzelnes Tal überblicken
konnten, die nicht bloß äußerlich und formell — was
so wenig bedeutet — die prinzipielle „Berechtigung“
aller Richtungen erkannten, sondern sich ihnen und
ihren Ideen auch gefühlsmäßig gleich nahe fühlten
und alle wirklich begriffen. Aber sie waren selten und
müssen immer selten bleiben. Auf unserem Felde
ist John St. Mill das glänzendste Beispiel. Er be-
herrschte die scheinbar unverträglichsten Strömungen
und ihm blieb es erspart, von irgendeiner weg-
geschwemmt zu werden. Seine Werke werden bis
in die fernsten Zeiten Marksteine wissenschaftlicher
Entwicklung, Denkmäler ruhigster Abgeklärtheit und
hohen Sinnes bleiben. Wenige Autoren kann man
so freudig den Werdenden zum Studium empfehlen.
Aber gerade Mill ist auch ein Beispiel dafür, daß
solche Höhe auch ihre Schwächen hat: Eben weil er
        <pb n="106" />
        ﻿106

soviel überblickte, drang er in keiner Eichtung weit
vorwärts, eben weil alle die Wege ihm offenbar waren,
hat er keinen neuen gebrochen. Wieder hilft uns die
Analogie mit der Politik — und es ist keine bloß
äußerliche Analogie, vielmehr handelt es sich über-
all um die gleichen Notwendigkeiten der Dinge und
die gleichen sozialpsychischen Phänomene: Der Poli-
tiker, der alle Möglichkeiten und Notwendigkeiten
sieht und der sich bewußt ist, daß kein Partei-
programm nur Wahrheit und ewige Wahrheit ent-
halten kann, wird von den Dingen nicht so leicht
desavouiert werden, als einer der sich lodernd von
Begeisterung und mit den dazu gehörigen Scheu-
klappen in agmen, in pulverem, in clamorem stürzt.
Aber der politische Führer und Sieger ist doch der
letztere — und der erstere meist nicht mehr als ein
schönes Möbel eines kultivierten Salons. Der „Scho-
larch“ hat seine Funktionen und es wäre nicht un-
bedenklich, ihm gerade jene moralische und intellek-
tuelle Anlage zu wünschen, die zum Verzichten auf
temporären Schulerfolg gehört. Und — was würde
aus uns allen, wenn wir uns stets die Tatsache vor
Augen hielten, daß wir nur Kindern gleichen, die
sich am Meeresstrand ein Schlößchen aus Sand bauen,
mit einem Graben rundherum und dann versuchen,
das Meer in diesen Graben zu schöpfen.

Aber obgleich die Gründe jener Diskontinuität
der wissenschaftlichen Entwicklung sicher fortbe-
stehen werden, obgleich wir nicht einmal wünschen
dürfen, daß sie wegfielen, so ist doch klar, daß sie
labentibus annis an Stoßkraft verlieren müssen. Je
breiter und tiefer der Strom des Wissens wird, um
        <pb n="107" />
        ﻿107

so mehr muß er sich von Politik, wie von Philosophie ‘
entfernen — fortgezogen vom Gewicht der einzel-
wissenschaftlichen Arbeit — einfach infolge der Un-
möglichkeit, die Beziehung festzuhalten. Das mag in
weiter Ferne liegen — ich habe darüber noch einige
Worte zu sagen — aber das ist unvermeidlich. Immer
klarer muß ganz von selbst die Unabhängigkeit des
einzelwissenschaftlichen Resultats von Politik und
Philosophie, in den meisten Fällen auch seine Irrele-
vanz für das politische Wollen und das philosophische
Deuten hervortreten. Immer deutlicher muß die Un-
möglichkeit dauernder Herrschaft einer Methode und
die Relativität des Wertes und der Bedeutung einer
jeden werden. Immer deutlicher auch muß jeder
Schule die praktische Unmöglichkeit werden, den
großen Strom in ihre Kanäle zu leiten, zu welchem
der Bach sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nach
und nach geworden ist. Deshalb müssen die Er-
schütterungen, die das Entstehen einer jeden „neuen
Richtung“ mit sich bringt, immer weniger fühlbar
werden. Je präziser die Probleme gestellt, je ge-
schulter die Fachmeinungen, je unterrichteter weitere
Kreise werden, um so schwieriger wird der Erfolg
eitler und ungeneröser Reklame.

Wie die Gründe der Diskontinuität, so werden
auch die der Kontinuität fortwirken. Aber eben die
Momente, die die Prognose rechtfertigen, daß die
Gründe der Diskontinuität immer schwächer wirken
werden, werden die Macht der „Logik der Dinge“
fördern. Immer unentrinnbarer wird sie sich dem
einzelnen Forscher und der einzelnen Richtung auf-
drängen, immer geringere Seitensprünge wird sie ge-



Mi

oI
        <pb n="108" />
        ﻿108

statten, immer schneller wird die Strafe jeder Ein-
seitigkeit und Engherzigkeit folgen: Immer unab-
hängiger von individueller Willkür, immer automati-
scher wird die Entwicklung der Wissenschaft vor
sich gehen — wie die Entwicklung auf allen anderen
Gebieten sozialen Seins auch. Immer weniger heftig
werden Vorwärtsbewegungen und Rückschläge wer-
den, immer größer das Gebiet methodologischer und
sachlicher Communis opinio, immer weniger dicht die
Staubwolken ,weniger laut die Schlagworte und Fan-
faren. Immer mehr wird die Logik der Dinge durch
die scharfe Kante bitterer Erfahrungen sich ein-
schneiden in das Bewußtsein der Einzelnen und
immer „folgerichtiger“ wird auch das individuelle
Verhalten werden — immer mehr den Charakter der
Ausarbeitung des Vorhandenen annehmen.

Die Macht also, die schon bisher eine konsequente
Entwicklung garantierte, muß immer stärker werden.
Unter ihrem Druck wird die Wissenschaft in stetem
Wechsel von Zielsetzung und Zielerreichung ins Un-
endliche strömen, d. h. dahin strömen ohne jede an-
gebbare Grenze, ohne jedes „letztes Ziel“, weil ein
gelöstes Problem immer nur an die Tore neuer führt.
So werden rastlos immer weitere Erkenntnisse und
Tatsachen herausgefischt aus dem glitzernden Meer
des Seins. Je zahlreicher sie werden, um so „spezi-
eller“ werden sie und um so mannigfaltiger und kom-
plizierter die in concreto nötigen Methoden.

Liegt mm das, was wir heute tatsächlich tun,
auch wirklich auf diesem Wege?
        <pb n="109" />
        ﻿109

V.

Es erübrigt also noch uns zu fragen, wo wir heute
stehen und was im Einzelnen von dem Stück Weg
zu erwarten ist, das unmittelbar vor uns liegt. Da
können wir wohl über die allgemeinen Züge hinaus-
und etwas mehr ins Einzelne gehen.

Wer heute das Gebiet der Sozialwissenschaften
überblickt, kann zunächst durchaus keinen guten
Eindruck haben. Ich glaube kaum, daß wir uns
rühmen können es herrlich weit gebracht zu haben.
Und das behauptet auch niemand. Der Laie, der sich
fragend an uns wendet, denkt sich nach erhaltener
Antwort wohl meist: „Soviel wußte ich vorher auch.“
Man überlege, was in unseren zusammenfassenden
Werken zu lesen ist und man wird sogleich wissen,
wie ich es meine, wenn ich sage, daß unsere Resultate
dürftig, unsere Methoden primitiv sind, und daß beide
oft hinter billigen Anforderungen Zurückbleiben.
Jene Resultate, die in der einen oder anderen Weise
weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden, z. B.
Resultate, die soziale Maßregeln betreffen, tragen oft
das Zeichen der Verwandtschaft mit Popularanschau-
ungen auf der Stirn. Noch schlimmer ist es, daß die
angewandten Methoden oft lediglich Denkformen des
Alltagslebens sind und viele Fachleute sich zeitlebens
mit Arbeiten begnügen, die jeder gute Journalist auch
machen könnte, wie wenn der forschende Geist sich
für die Zwecke der Wissenschaft nicht wirksamere
Werkzeuge geschmiedet hätte, wie wenn es nicht die
Methode wäre, die den Forscher macht. Wir sehen
        <pb n="110" />
        ﻿110



allenthalben ferner den naivsten Dilettantismus,
dessen Produkte auch von der Pachmeinung oft gar
nicht von denen ernster Arbeit unterschieden werden—
wir haben Dilettantismus als anerkannte Institution:
Ohne alle Schulung wendet man sich oft sorglos den
schwierigsten Problemen zu und ein Gefühl der Mut-
losigkeit beschleicht wohl manchen ernsten Arbeiter,
wenn er sieht, wie völlig unmöglich es ist, jemand von
elementaren Fehlern, die er begangen hat und die von
keinem „Standpunkt“ zu rechtfertigen sind, zu über-
zeugen. Der ökonomische Theoretiker weiß etwas
davon zu erzählen: Die sogenannte Grenznutzen-
theorie hat die reine Wirtschaftslehre auf eine neue
Grundlage gestellt und ihre Erklärungsprinzipien so-
lange ausgebaut, bis ein ziemlich kompliziertes Ganzes
entstand. Ein jedes solches Ganzes muß vor allem
gelernt sein und ist nicht ohne weiteres zugänglich.
Allein es hat sich bisher in Deutschland als unmög-
lich erwiesen, außerhalb eines engen Kreises nicht
etwa eine freundliche oder auch nur eine sachgemäße
Beurteilung durchzusetzen. Mißverständnisse, wie
sie beim Studium eines schwierigeren Gedanken-
gangs sich leicht einstellen, werden mit Würde und
Überzeugung als ernste Einwendungen den Vertretern
der Grenznutzentheorie entgegengehalten — und statt
zu lächeln, klatscht die Fachmeinung oft Beifall dazu.
Heute, in einer Zeit wiederum größeren theoretischen
Interesses, erscheint eine solche Arbeit nach der an-
deren und jedesmal muß man beobachten, daß fast
niemand merkt, ob der Autor die Elemente seines
Gegenstands beherrscht oder nicht. Auf manchen
        <pb n="111" />
        ﻿111

Gebieten, z. B. dem der Wirtschaftsgeschichte, steht
es besser, auf den meisten aber schlechter.

Und doch ist es nicht gar so schlimm. Das Übel,
das auf der Oberfläche so hervortritt, reicht nicht in
alle Tiefen. Betrachten wir vor allem den gegen-
wärtigen Stand der philosophischen und politischen
Invasion in das Gebiet der Wissenschaft, da das ja
sicher ein wichtiger Faktor der Situation sein muß.
Äußerlich sieht’s da bös genug aus, und leicht könnte
man glauben, daß meine Behauptung, der Forscher
werde nach und nach von selbst lernen, auf Speku-
lation und auf Vorschriftenmachen zu verzichten,
durch den gegenwärtigen Stand der Dinge nichts
weniger als bestätigt würde. Gerade heute macht sich
der Einfluß der Philosophie wieder mehr geltend,
besonders in Deutschland. Das philosophische Inter-
esse, in Deutschland stets einer der stärksten Faktoren
des Geisteslebens, ist seit zwanzig Jahren mächtig
gewachsen, nach einer Zeit verhältnismäßigen
Rühens. Sogar Hegel scheint wieder aus der Ver-
senkung auftauchen zu wollen. Es liegt nun sowohl
in der Natur der Gegenstände der Sozialwissen-
schaften, wie in ihrer geringeren inneren Festigkeit,
daß diese Bewegung, welche die konkrete Arbeit der
Naturwissenschaften ziemlich unberührt ließ, auf das
sozialwissenschaftliche Gebiet Übergriff. Sie macht
sich besonders in der Erkenntnistheorie der Wissen-
schaft bemerkbar, beeinflußt die methodischen An-
schauungen, zeigt gelegentlich Lust uns über das
Wesen unserer Disziplinen oder gar die Wege aufzu-
klären, die wir einschlagen sollen. Sie tritt auch
        <pb n="112" />
        ﻿112

auf dem Gebiet der Geschichts- und Kulturtheorie
hervor. Allein — mit welcher Vorsicht geschieht
das, wie auf dünnem Eis, im Bewußtsein jeden
Augenblick einbrechen zu können, ganz ohne das
Selbstbewußtsein, die „Absolutheit“ früherer Tage!
In der Erkenntnistheorie nimmt der Philosoph immer
mehr die Position des Forschers als maßgebend hin
— ein schlagendes Beispiel in dieser Beziehung ist
der Einfluß des großen methodologischen Werkes Carl
Mengers auf die Erkenntnistheorie, auch die des Phi-
losophen. Und bei Behauptungen über materielle Pro-
bleme erklärt der Philosoph sehr oft ganz charakte-
ristischerweise, seine Behauptungen seien „nicht
einzelwissenschaftlich“ gemeint. Vielfach beschränkt
er sich — wenigstens prinzipiell — auf das Programm
einer „Koordination der wissenschaftlichen Resul-
tate“, was also gar nicht mehr Philosophie im spekula-
tiven Sinn ist — und alles das in der Zeit einer Flut-
welle philosophischen ardors! Der Forscher wieder-
um mag noch so sehr geneigt sein, vor der Philosophie
zu kapitulieren, einen sachlich fühlbaren Einfluß
merkt man nur selten. Logik der Dinge! Macaulay
sagt irgendwo, die Entwicklung der politischen
Machtverhältnisse im England der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts schildernd: „Die Krone mochte
noch so sehr entschlossen sein, ihre Macht auf Kosten
des Parlaments auszudehnen: Dennoch, was immer sie
tat, irgend etwas drängte sie stetig zurück. Das Parla-
ment mochte noch so sehr zum Nachgeben geneigt, ja
servil sein: Dennoch, irgend etwas zwang es vorwärts.“
So ähnlich steht’s in unserem Fall. So steht’s überhaupt
        <pb n="113" />
        ﻿113

überall — weshalb man das Wollen der Handelnden
nur mit großer Vorsicht als Index, mit noch größerer
als Causa, des Geschehens betrachten darf.

Auch von der Diskussion dessen, was sein soll,
sind wir noch nicht losgekommen. Hier ist es die
Nationalökonomie, auf deren Gebiet am meisten ge-
sündigt, d. h. politisiert wird. Daß darunter gelegent-
lich die wissenschaftliche Unvoreingenommenheit lei-
den und das Ansehen der Wissenschaft durch die
Allianz mit Parteianschauungen beeinträchtigt wer-
den muß, ist zweifellos, aber das ist noch das ge-
ringere Unglück: Viel mehr noch fällt ins Gewicht,
daß der Forscher von seiner Arbeit abgezogen und
verleitet werden kann, Leistungen durch Gesinnungen
zu ersetzen. Doch darf man wohl darauf hinweisen,
daß sich das Gebiet politisch indifferenter Forschung
trotzdem immer mehr ausdehnt, auch tatsächlich die
politischen und sozialen Parteien nach und nach be-
ginnen, für immer mehr Fragen einen gemeinsamen
wissenschaftlichen Boden anzuerkennen — was offen-
bar eine Vorstufe für die Loslösung wissenschaft-
lichen Forschens vom politischen Wollen ist und sie
erleichtert. Dann aber haben wir die Tatsache zu
verzeichnen, daß sich seit einiger Zeit in Deutsch-
land eine starke Bewegung gegen politische Stellung-
nahme des Forschers als Forscher sehr bemerkbar
macht. Freilich ist diese Bewegung mit einiger Re-
serve zu beurteilen. Zunächst empfängt sie einen
Teil ihrer Stoßkraft aus einer Reaktion nicht gegen
Politisieren überhaupt, sondern gegen die konkrete
Parteistellung der Mehrzahl der deutschen National-

Schumpeter, Vergangenh. u. Zukunft d. Sozialwissensch.	8
        <pb n="114" />
        ﻿114

Ökonomen, gegen die Stellung des Vereins für Sozial-
politik. Sodann ist die Frage, die zur Diskussion ge-
stellt wurde, nicht die, auf die es heute in erster
Linie ankommt. Die diskutierte Frage ist nämlich,
ob es wissenschaftlich möglich sei, die sozialen
Vorgänge nicht bloß zu beschreiben und zu erklären,
sondern auch zu „werten“, sie als gut und schlecht,
wünschenswert und nicht wünschenswert zu be-
zeichnen. Allein, daß es nicht möglich ist, für
alle Zeiten und alle Orte gültige Ideale zu postu-
lieren, darüber dürften wohl die meisten einig sein.
Um so mehr, als die meisten deutschen Ökonomen
sich zur historischen Schule zählen und von dieser
doch die Kelativität aller Ideale gegenüber dem
Naturrecht, dem Liberalismus usw. stets betont wor-
den ist. Und ob es dem Forscher möglich ist, für
jede gegebene historische Situation ein Ideal zu postu-
lieren, ist eine weit weniger bedeutsame Frage. Denn
ein solches relatives Ideal ist seiner Natur nach so
von Bedingungen durchsetzt und derjenige, der es
vertritt, hat so viele tatsächliche Behauptungen zu
beweisen, daß es nie schwer sein kann ihm zu zeigen,
daß nur diese Behauptungen das speziell Wissen-
schaftliche an der Sache sind, und daß er das Urteil
selbst, welches etwas als wünschenswert bezeichnet,
nicht mehr in seiner Eigenschaft als Forscher, son-
dern in seiner Eigenschaft als Politiker hinzusetzt,
wenngleich auch dieses Urteil sich von einem popu-
lären Werturteil durch seine Tatsachenbasis zu
seinem Vorteil unterscheiden mag. In diesem Sinn
könnte man von einem „wissenschaftlichen Wert-
        <pb n="115" />
        ﻿115

urteil“ sprechen, von einem Werturteil, das zwar als
solches wissenschaftlich nicht beweisbar ist, sich aber
alles, was die Wissenschaft leisten kann, zunutze ge-
macht hat und deshalb, besonders wenn es von einer
starken Persönlichkeit kommt, nicht schlechtweg
ohne Interesse ist1. In diesem Sinn könnte also das
Werturteil in der Wissenschaft immerhin eine Rolle
spielen, die über bloße Erklärung der von den
handelnden Individuen und Parteien tatsächlich ge-
fällten Werturteile und selbst über die Entscheidung
der Frage, ob ein gegebenes Verhalten einem gege-
benen — aber nicht von dem Forscher aufgestellten —
Ideal entspricht, hinausgeht. Allein darauf kommt es
heute, wenn wir nur an der Erkenntnis der histori-
schen Relativität aller Ideale festhalten, nicht in
erster Linie an. Worauf es heute ankommt, ist viel-
mehr, daß die Gelehrtenwelt aufhöre, sich gar zu
sehr mit den Fragen des Tages zu befassen. Denn
die ausschließliche oder vorwiegende Beschäftigung
mit praktischen Tagesfragen droht das Interesse an
der Arbeit nach lediglich wissenschaftlichen Gesichts-
punkten zu erdrücken und damit den Fortschritt der
Wissenschaft zu gefährden. Praktische Fragen geben,
so wie sie behandelt zu werden pflegen, selten Anlaß
zur Verfeinerung unserer Methoden oder zur Be-
reicherung unserer allgemeinen Resultate, sondern
bestenfalls — aber meist nicht einmal das — Anlaß
zu ihrer Anwendung. Vielmehr sind sie für die
Wissenschaft das, was in der Produktion die primitive

1 Wenngleich natürlich politische Acerbität einem Forscher zu
Gesichte steht wie einer Frau ein Bart.

8 *
        <pb n="116" />
        ﻿116

Nahrungssuche ist: Man geht in beiden Fällen direkt
auf sein Ziel los, ohne erst in langer Arbeit die Werk-
zeuge dazu zu schaffen. Und doch ist es allein diese
lange, desinteressierte, an keine praktische Anwen-
dung denkende Arbeit, die der Wissenschaft weiter-
hilft. So sind denn Scharen von wissenschaftlichen
Arbeitern herangewachsen, die eigentlich wissen-
schaftlicher Schulung ganz entbehren und allen
schwierigeren Methoden, längeren Gedankengängen
so gegenüberstehen, wie der Analphabet dem Faust.
Solche Arbeiter sind dann jedem Schlagworte unter-
tan, vor keiner Verirrung geschützt, und ihr Vor-
handensein ermöglicht es jeder gewandten Feder,
eine „neue Richtung“ zu begründen. Es liegt in der
Natur der Sache, daß das nicht leicht und nicht
schnell besser werden kann. Noch lange wird der
Nationalökonom, den das spezifisch wissenschaftliche
Interesse leitet, nicht auf die Stütze einer kompe-
tenten Fachmeinung rechnen dürfen. Aber eine
Gefahr möchte ich diesen Zustand nicht nennen.
Denn die Wissenschaft kann vieles aushalten und
schließlich wird auch das besser werden.

Wichtiger als alles das ist jedoch die Tatsache,
daß es unter der Oberfläche, in der Werkstatt der
einzelnen sozialwissenschaftlichen Problemgruppen
um vieles besser steht, als es den Anschein hat.
Welches Gebiet immer wir ansehen mögen, stets
finden wir zwar all das Streiten und alle die Feuille-
tonistik, die alle Dinge, welche die Dornenkrone der
Popularität tragen, behelligen muß, aber auch stets
einen gesunden Kern ruhiger Arbeit. Das schla-
        <pb n="117" />
        ﻿117

gendste Beispiel dafür ist die Soziologie. Dieser Dis-
ziplin wird oft geradezu aller wissenschaftliche Cha-
rakter abgesprochen, und wirklich — es gibt da eine
ganze Masse von Publikationen, die niemand ernst
nehmen kann und die wohl geeignet sind, manchem
die Lust an der Soziologie gründlich zu verderben.
Dennoch — überwuchert zwar von all diesem Un-
kraut, gibt es Weizen genug, man muß ihn nur zu
finden wissen. Da hat sich im Anschluß an ethno-
logisches und historisches Material eine Theorie der
Rechtsinstitutionen (Eigentum, Erbrecht, Ehe usw.)
entwickelt, dann an diesem und anderem Material
eine soziologische Theorie der großen kulturellen
Wesenheiten, Sittlichkeit, Sitte, Kunst und Religion,
eine Theorie des Wesens der sozialen Beziehungen,
deren Summe wir „Gesellschaft“ nennen und vieles
andere. Ich kann das nicht näher ausführen und
belegen. Aber in allen diesen Problemgruppen wurde
ein Vorrat gesicherten Wissens und ein Maß der
Übereinstimmung erreicht, die von weiteren Kreisen
sehr unterschätzt werden.

Oder: Wer sich in der Diskussion des Phäno-
mens der Teuerung, das uns seit einigen Jahren so
sehr beschäftigt, von der Wissenschaft Rat holen
will, der stößt auf ein solches Gewirre von einander
widersprechenden Gesichtspunkten und Behauptun-
gen, daß er leicht glauben kann, die Nationalökonomie
wisse schlechthin nichts Positives und Sicheres dar-
über zu sagen, nichts wenigstens, was sich nicht
jeder Laie selbst sagen kann. Aber dem ist nicht so:
Weiß man nur das Dutzend kompetenter Autoren zu
        <pb n="118" />
        ﻿118

finden, die es heute auf diesem Gebiet überhaupt gibt,
so wird man sie bald als verläßliche Führer erkennen.
Die Punkte, die unter ihnen kontrovers sind, sind
durchaus nicht so zahlreich und so wichtig, daß sich
nicht eine im großen und ganzen recht instruktive
Antwort gewinnen ließe, die die Grundfrage völlig
ausreichend erledigt, wenngleich so manches und
besonders die quantitative Bedeutung der einzelnen
Momente noch nicht so klargestellt ist, wie wir wohl
wünschen möchten.

Oder: Wie oft hört man die Klage, daß die
Nationalökonomen im Problem von „Freihandel und
Schutzzoll“ nicht aus und nicht ein wüßten und den
fragenden Laien ganz im Stiche ließen. Zum Teil
liegt das daran, daß der Laie in seinen Anforderungen
oft so unvernünftig ist. Derselbe Mann, der einsieht,
daß ihn sein Bankier nur in Geld- und nicht auch
in Herzensangelegenheiten beraten kann, will vom
Ökonomen oft eine Antwort, die in einem Satz alle
die Seiten des Problems, die wirtschaftlichen, politi-
schen, kulturellen, ethischen usw. erledigt. Fast
ebenso unvernünftig ist es eine für alle Umstände,
Orte und Zeiten praktisch anwendbare Antwort zu
verlangen: Die Wissenschaft kann generell natürlich
nur Prinzipien des Verständnisses bieten. Aber wenn
man damit zufrieden sein will und sich an die richti-
gen Leute wendet — Marshall und seine Schüler vor
allem — so wird man zwar keine einfache, sondern
eine sehr komplizierte und für zahlreiche ver-
schiedene Fälle abgestufte, aber um so befriedigen-
dere Antwort erhalten und mit Erstaunen entdecken,
        <pb n="119" />
        ﻿119

daß das hier liegende wirtschaftliche Problem im
Wesentlichen gelöst und der Raum zu Meinungs-
verschiedenheiten ganz klein ist.

In allen diesen Fällen liegt die Schwierigkeit für
den Laien nur darin, an die vorhandene Erkenntnis
heranzukommen, die weit hinter den Vorposten-
gefechten der populären Tageskontroversen langsam
vordringt und oft ganz unzugänglich ist. Ich stehe
nicht an zu sagen, daß es vom Standpunkt der Inter-
essen weiterer Kreise heute viel weniger auf neue
Eroberungen als auf Durchsetzung der vorhandenen
ankommt. Und selbst für die verschiedenen fach-
lichen Kreise gilt in bezug auf alle Gebiete außerhalb
des eigenen eines Jeden ganz Ähnliches. Es ist nun
einmal so, daß auch ein Fachmann auf sehr vielen
Gebieten seiner Wissenschaft in keiner viel anderen
Lage ist als der Laie. Die einzelnen Problemgruppen
selbst von Gebieten, die man als eine Wissenschaft
zu betrachten pflegt, wie z. B. der Nationalökonomie,
sind methodisch und inhaltlich so sehr voneinander
verschieden, daß der Einzelne so gut wie nie ein
fachliches Urteil über alle hat. Und zwar ist das
gerade auf sozialwissenschaftlichem Gebiet ein be-
sonderes Übel, weil der Lehrbetrieb, yielfach auch
persönliche Neigung, gleichwohl zu allseitiger Be-
tätigung drängt. So gibt es auch in jeder fachlichen
Diskussion stets ein starkes Element von „Laien-
meinungen“, und so muß auch in Fachkreisen sehr
vieles, das längst vorhanden ist, erst mühsam durch-
gesetzt werden. Die Rückständigkeit des Lehrbetriebs
ist überhaupt eine solche, daß weder dem werdenden
        <pb n="120" />
        ﻿I

wvwm

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twmasm











120

Forscher seine Methoden noch dem werdenden Prak-
tiker gesicherte Resultate in befriedigender Weise
dargeboten werden können. Hätten die Naturwissen-
schaften einen solchen Lehrbetrieb, so herrschte
Chaos auch bei ihnen. Sowie das einmal überwunden
sein wird, werden die Sozialwissenschaften nicht nur
ganz andere Fortschritte machen, sondern es wird
sich auch das, was sie bis heute geleistet haben, ganz
anders ausnehmen.

Unter der Oberfläche also sieht es nicht so
schlimm aus. Durchdringt man erst den Wirrwarr
und den Lärm, der zuerst so in die Sinne fällt, so
bietet sich ein viel erfreulicheres Bild, ein Bild ernster
und nicht erfolgloser Arbeit. Zahllose kleine Gruppen
sehen wir da auf allen den Gebieten der Sozialwissen-
schaften, die alle ihre eigensten Probleme mit dem
Werkzeug spezieller, gerade nur auf diese Probleme
passender, Auffassungsweisen attaquieren und gewiß
langsam aber unaufhaltsam Boden gewinnen. Wohl
haben sie alle kaum Zusammenhang untereinander
und nicht viel Verständnis füreinander — alle diese
Historiker und Soziologen und Sozialpsychologen und
Männer „reiner“ Theorie, die alle wieder in Unter-
gruppen zerfallen, von denen dasselbe gilt, wie z. B.
Wirtschafts- und Politikhistoriker, und selbst wie
Historiker einer Zeit, eines Orts, einer Materialgruppe
und Historiker einer anderen Periode, eines anderen
Landes, einer anderen Art von Material —, wohl ist
es schwer für den Laien, in jedem Fall, bei jedem
Problem und jeder Seite jedes Problems, die richti-
gen Leute zu finden. Sie alle verfolgen Wege und
        <pb n="121" />
        ﻿kommen zu Resultaten, die durch die Notwendigkeit
der Dinge vor bestimmt, jeweils unmittelbar vor ihnen
liegen und haben praktisch nie allzuviel Wahl sowohl
was Methoden, wie was Probleme betrifft. Sie alle
leisten Echtes, und immer größer wird in jeder
Gruppe die communis opinio, immer kleiner das Feld
der prinzipiellen Differenzen.

So wenig es auf den ersten Blick so scheint, so
liegt die Gegenwart der Sozialwissenschaften daher
durchaus auf der Linie der Entwicklung, die wir
früher charakterisiert haben. Der Druck der gleichen
Notwendigkeiten, der sie dahin gebracht hat, wird sie
auf dieser Linie weiterschieben. Und für die nächste
Zukunft kann man wohl noch Genaueres sagen. Als
Beispiel diene uns die ökonomische Theorie im
engsten Sinn, weil sie am besten ausgearbeitet ist
und noch aus einem anderen Grunde: Je mehr Wasser
unsere Flüsse hinabströmt, desto mehr wird sowohl
die Tatsachensammlung an sich und ohne Hinblick
auf einen bestimmten theoretischen Zweck wie auch
die Gestaltung dieser Tatsachen um ihrer selbstwillen,
wie sie die Geschichtsschreibung betreibt, vom Wege
der Sozialwissenschaften abrücken und desto klarer
wird der analytische Zweck aller Wissenschaft — das
spezifisch wissenschaftliche Interesse an der gene-
rellen Wahrheit — auch bei uns hervortreten. Alle
Sozialwissenschaft — abgesehen von ihren Anwen-
dungen natürlich — wird sich, das Wort in sehr
weitem Sinn genommen, in „Theorie“ verwandeln,
richtiger gesagt, in eine sehr große Anzahl von
Theorien, in eine Masse von Versuchen der gedank-
        <pb n="122" />
        ﻿122

liehen Durchdringung der Elemente der sozialen
Welt. Und deshalb hat das Beispiel einer solchen
Theorie eine über ihr Schicksal hinausreichende Be-
deutung.

Bei der ökonomischen Theorie nun ist es be-
sonders klar, nicht nur daß sie in jener angedeuteten
Entwicklungsrichtung sich tatsächlich bewegt, son-
dern auch daß die allgemeine Tendenz dieser Ent-
wicklungsrichtung einerseits und die besondere Si-
tuation, in der die Theorie angelangt ist, andrerseits
uns auf ihrem Feld ganz bestimmten Problemen
gegenüberstellt, die „objektiv“ da sind, denen wir
nicht aus weichen können und deren Vernachlässigung
die Zukunft gutmachen würde — uns dabei gründ-
lich die Wahrheit sagend. Der weitere Weg führt
logisch über sie und, was immer wir tun und uns
denken mögen, er wird gegangen werden und zu
neuen, ebenso präzisen und zwingenden, konkreten
Situationen führen.

John B. Clark hat einmal gesagt, auf dem Gebiet
ökonomischer Theorie im engsten der vielen Sinne
dieses Worts gäbe es heute nur wenig Baum zu
Differenzen mehr, und ein andermal, die heutigen
Lösungsversuche auch des schwierigsten der Pro-
bleme, die es da gibt, des Zinsproblems, könnten nicht
weit von der Wahrheit sein. Wer dem Gebiet fern-
steht, dem mag das ein Paradoxon sein, für jene, die
jeden seiner Winkel kennen, ist es kaum mehr als
selbstverständlich. In der Tat, das Gedankenelement,
das vor vierzig Jahren neu hinzukam, die „Grenz-
nutzentheorie“, unterwirft sich unaufhaltsam alles
        <pb n="123" />
        ﻿123

Terrain innerhalb dieser Disziplin, gestaltet sie lang-
sam nach seinem Gesichtspunkt um, und das ihm
Widerstrebende schwindet immer mehr. Der Boden
der großen Grundprinzipien ist also weitaus den
meisten Theoretikern von Fach gemeinsam, und
lebensfähige Versuche davon abzuweichen, haben die
letzten Jahrzehnte nicht gebracht. Wenngleich auch
mancher tüchtige und kompetente Mann der Ver-
suchung nicht widerstehen konnte, seine Beiträge zum
Detail in die Form von prinzipiellen Reformen zu
kleiden, ist also hier, zum erstenmal auf sozialwissen-
schaftlichem Gebiet, annähernd das erreicht, was die
Voraussetzung zu allem Vordringen zu wirklich wert-
vollen Einzelresultaten ist, und was wir auf Grund
unserer früheren Erörterungen als eine für jede Dis-
ziplin unvermeidliche Entwicklungsstufe erkennen
können, die —- natürlich nur jeweils provisorische —
Einigung in den Fundamenten jedes Problemkreises.

Allein an die gelösten — natürlich nur für gerade
unseren Tag im Leben des forschenden Geistes ge-
lösten — Probleme schließen sich unmittelbar andere
an, an die man stößt, sowie man die Lösungen der
ersteren gemeistert hat, weil sie logische Fortsetzun-
gen derselben sind, an die man heran muß, wenn
man Arbeit leisten und über neuen Grund kommen
und sich nicht damit begnügen will, die Räder unserer
geistigen Maschine sich an Ort und Stelle drehen zu
lassen. Die weiteren Probleme stehen im Verhältnis
von Ausarbeitungen, Spezialisierungen, Konkretisie-
rungen zu den gelösten, sie verhalten sich zu ihnen,
wie das Fördern von Erz zum Bau der Schachte.

/
        <pb n="124" />
        ﻿124

Teilen wir sie der Übersicht halber in drei Gruppen:
Erstens ist die Formulierung, welche die Ersten im
Felde der modernen Theorie, ihren Erkenntnissen
wie ihren Grundlagen,gegeben haben, natürlich nicht
das letzte Wort der Sache: Alle ihre Gedankengänge
und Beweismethoden werden zu neuen Problemen für
die weitere Arbeit, die sie langsam bessernd und ver-
feinernd schließlich umbilden muß. Als ein Beispiel
für diese Kichtung sei auf den Unterschied hinge-
wiesen zwischen der neuesten Theorie des ökonomi-
schen Gleichgewichts und den Grundformen der
Grenznutzentheorie, auf welchen jene beruht — etwa
auf die Unterschiede zwischen Menger und Pareto.
Zweitens sind die gewonnenen Grundgedanken zu
Werkzeugen zu machen für Spezialuntersuchungen.
Wir haben z. B. eine Lohn- und wir haben einen
großen Fonds an Übereinstimmung innerhalb der
Zinstheorie. Aber mit der Erkenntnis des Wesens
dieser Erscheinungen ist nicht alles getan. Vielmehr
eröffnet sich sofort eine Fülle weiterer Fragen nach
den Bewegungsgesetzen, den gegenseitigen Be-
ziehungen von Lohn und Zins, nach den Wirkungen
der Eingriffe außerwirtschaftlicher Mächte auf sie
usw. Da werden die Grundgedanken erst fruchtbar.
Hier gilt es fortzufahren z. B. auf den Bahnen Böhm-
Bawerks oder Edgeworth’ und anderer. Drittens geht
die Theorie von Tatsachen aus, die sie der Alltags-
erfahrung entnahm und soweit präzisierte, als es für
ihre fundamentalen Resultate notwendig war, z. B.
von der Tatsache, daß die Intensität der Nachfrage
nach weiteren Mengen eines Gutes mit der Größe des
        <pb n="125" />
        ﻿125

Vorrats sinkt, den man schon davon hat. Aber für
speziellere Zwecke reicht das nicht aus und so können
wir uns nicht begnügen gerade bei diesem Maß von
Wissen über die Gestalt der „Nachfragekurve“ stehen
zu bleiben. Vielmehr müssen wir durch Einführung
weiterer Daten, namentlich statistischer Natur,
Näheres zu erfahren suchen, und das wird dann auch
zu zwar innerhalb des vorhandenen fundamentalen
Rahmens liegenden, aber in ihrer größeren Speziali-
sierung neuen Resultaten führen. Oft auch hat die
Theorie über die Formen der Dinge überhaupt keine
Annahmen gemacht, und hier kann aus statistischem
Material die Basis für neue theoretische Entwick-
lungen gewonnen werden. Endlich sind wir heute
nur ausnahmsweise in der Lage einander entgegen-
arbeitende Momente gegeneinander quantitativ abzu-
wägen, z. B. die Größe der Vor- und Nachteile, welche
die einzelnen Wirtschaftssubjekte von einer wirt-
schaftspolitischen Maßregel, etwa einem Zoll, er-
fahren. Immer gibt es da Vor- und Nachteile, und
heute kann die Ökonomie meist nur die Natur der-
selben angeben, nicht auch, ob ein Saldo von Vorteil
oder ein Saldo von Nachteil vorliegt. Aber diese
Frage ist da. Sie kann oft schon durch Ausarbeitung
der Theorie — ohne jede neue Anleihe von Tat-
sachen — beantwortet werden. Oft aber erfordert
ihre Beantwortung ein Einarbeiten von Tatsachen in
die Theorie. Dieser Weg ist steinig. Auf ihm treffen
wir die größten Schwierigkeiten sowohl der Theorie
wie der modernen statistischen Methoden. Aber er
führt, obgleich das nächste Vordringen auch mit dem
        <pb n="126" />
        ﻿126

größten Kraftaufwand nur langsam erfolgen kann,
zum großen, leuchtenden Ziel strikter Berechenbar-
keit vieler Dinge im Völkerschicksal.

Auf diesem Weg sind uns Engländer, Italiener und
Amerikaner weit, weit voraus, und wir sind in Gefahr,
hoffnungslos zurückzubleiben und eines Tages rat-
und verständnislos vor einem gewaltigen Gebäude
zu stehen, dessen Existenz kein kritisches Achsel-
zucken wegschaffen kann, so sehr wir einander da-
durch trösten mögen. Aber dieser Weg ist — und
nur darauf kommt es an — tatsächlich betreten.
Nur kleine Scharen rücken auf ihm vor, aber es sind
Kerntruppen. Und er liegt — so unsere früheren Aus-
führungen exemplifizierend und verifizierend — ganz
in der angedeuteten Entwicklungsrichtung.

Hier nur kann geleistet werden, wofür uns wirk-
lich die Dankbarkeit künftiger Generationen sicher
ist, sooft wir — was unvermeidlich ist — im Gewirre
der Schwierigkeiten fehlgreifen werden. Nun bitte
ich aber sehr, mir nicht etwa zu imputieren, daß ich
behauptet hätte, das Erwähnte sei „alles“ an der
Nationalökonomie im weiteren Sinn. Ich habe nur
ein Beispiel herausgegriffen und weiß so gut als einer,
daß schon die Volkswirtschaft, noch mehr natürlich
das Ganze des Völkerlebens von Dutzenden von an-
deren Standpunkten in anderem Licht betrachtet
werden muß. Nur meine ich, daß für jeden dieser
Standpunkte, mutatis mutandis, Ähnliches gelten und
die wissenschaftliche Arbeit schließlich und endlich
ähnliche Formen annehmen muß — die Formen
theoretischer tatsachengenährter Detailarbeit, wenn-
        <pb n="127" />
        ﻿127

gleich wohl ohne die scharfe quantitative Spitze, die
ja auch bei der reinen Ökonomie nur in der Ferne
aufblitzt.

Nur so kann und nur so wird eine jede Wissen-
schaft fortschreiten, vom Punkte, an dem die heroi-
sche Zeit einmal überwunden und eine neue Epoche
begonnen ist, in der der Dilettant — und sei es auch
im besten Sinne dieses Worts — seine Funktion und
mit ihr seine Existenzberechtigung verloren hat. Ob
wir uns darüber freuen sollen, daß jener Punkt für
einige Sozialwissenschaften erreicht, für andere in
Sicht ist? Darauf kann ich zunächst nur antworten,
daß es auf alle Fälle besser ist, einem unentrinnbaren
Schicksal freudig entgegenzusehen als griesgrämig.
Ferner, daß eine solche Frage bezüglich neuer Phasen
einer Wissenschaft vielleicht ebensowenig Sinn hat
als bezüglich neuer Phasen des politischen oder sozia-
len Lebens: Von einem höheren Standpunkt aus ge-
sehen hat jeder Tag seine Arbeit und jeder Tag sein
Licht, mag auch dem einen von uns jener, dem an-
deren dieser Tag besser behagen. Aber ich hüte mich
jene Frage einfach mit Ja zu beantworten. Denn
sicher verliert die Wissenschaft etwas sehr Schönes
je weiter sie kommt auf ihrem Wege: Den Charme
des literarischen Spiels, das in unserem Fall noch
viel gewinnt durch die politischen und philosophischen
Extratouren. Und für viele muß der Übergang zu
härterem training schmerzvoll sein, vielen muß dabei
etwas entgleiten, was sie sehr wert hielten. Doch
ein paar Trostgründe kann ich bieten.

Vor allem — überschätzen wir nicht jene Flut
        <pb n="128" />
        ﻿128

von Schlagworten, welche stets einer Prognose wie
der meinen entgegenrollt: Daß das Epigonentum,
Fachsimpelei, Engherzigkeit usw. predigen heiße.
Wohl verteidigt sich damit gelegentlich auch ein un-
gebärdiges Genie. Selbst ein solches aber täte besser,
sich Goethes Wort (Gespräche mit Eckermann 13. De-
zember 1826) zu Herzen zu nehmen: „Der junge
Mann hat Talent; aber daß er alles von selbst ge-
lernt hat, deswegen soll man ihn nicht loben, sondern
schelten. Ein Talent wird nicht geboren, um sich
selbst überlassen zu bleiben, sondern sich zur Kunst
und guten Meistern zu wenden, die dann etwas aus
ihm machen.“ Und ein Untergrund von Handwerker-
sinn ist gerade zum Erreichen des Höchsten, gerade
um höchste Kraft fruchtbar zu machen nötig —
Goethe hat sehr viel davon gehabt, das war eine der
Wurzeln seiner Größe. Aber meist verbirgt sich nicht
Kraft, die keinem Zügel sich fügen kann, sondern
Schwäche hinter solchen Schlagworten, nicht Fülle,
die nicht zu bändigen ist, sondern Armut. Solche
Schlagworte sind überwiegend nicht Stoßseufzer des
Genies, sondern die letzte Selbstverteidigung siechen-
den Dilettantismus. Epigone ist, wer die Gedanken
des Meisters wiederholt oder in ein System bringt,
nicht aber, wer die Waffe aus der erstarrenden Hand
des Meisters nimmt, um neue Wege damit zu bahnen.
Für den sind die Taten der Meister nur Vorarbeit.
Und der Weg, auf dem meines Erachtens die Sozial-
wissenschaften schließlich vorwärts müssen, erdrückt
nicht das Genie: Es sind nicht untergeordnete Auf-
gaben, wie etwa Sammel- oder andere Handlanger-
        <pb n="129" />
        ﻿arbeiten, die da zu leisten sind. Vielmehr gibt es da
Aufgaben, an denen auch höchste Kraft und höchste
Originalität sich in höchstem Glanz bewähren kann,
ja vielleicht sage ich richtiger, daß erst hier höchstes
wissenschaftliches Talent ungehemmt von Vorfragen,
wirklich zeigen kann, was es vermag. Gerade dann
erst, wenn eine Gruppe gleichgeschulter Arbeiter, von
denen sich keiner mehr auf prinzipielle Bedenken aus-
redet, der harten Felswand gegenübersteht, können
sich die verschiedenen Härtegrade der Geister zeigen
in einer Weise, die niemand mehr in Zweifel ziehen
kann. Und wenn auch weitere Kreise die Schwierig-
keit eines Schrittes oder die Größe eines Erfolgs
immer weniger zu beurteilen verstehen werden und
ihr Beifall sich besonders an jene Individuen knüpfen
wird, die gerade an einem auffälligen Markstein;
stehen oder unter deren Axt gerade ein größeres
Stück des alten Gerüstes der Wissenschaft mit lautem
Gepolter einstürzt, um ein neues Gerüst dem Auge
der Öffentlichkeit bloßzulegen — so wird dafür immer
sicherer dem erfolgreichen Arbeiter der schönste
Lohn winken, den es nach der eigenen Befriedigung
im Reiche des Gedankens gibt, die Huldigung kom-
petenter Kampfgenossen.

Überschätzen wir auch nicht die Schrecken der
Arbeitsteilung. Auch vor ihr fürchtet man sich oft
mehr als billig. Ist es gleich wahr, daß auf allen
Gebieten des modernen Lebens die Arbeitsteilung den
Menschen geistig verkrüppelt, und daß ihr Produkt
der „Berufsmensch“ außerhalb seines Berufs meist
ein herzlich uninteressantes Subjekt ist, ist es gleich

Schumpeter, Vergangen!!. u. Zukunft &lt;1. Sozialwissensch.	9

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        <pb n="130" />
        ﻿SBH

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909

130

wahr, daß es auch auf dem Gebiet der Wissenschaft
schön wäre, wenn wir uns frei vom Geschirr der
fachlichen Methoden nach Lust und Laune umher
tummeln könnten nach allem haschend was uns freut,
von allem plaudernd, was uns einfällt, so ist es doch
ebenso wahr, daß nur arbeitsteilige Facharbeit uns
weiterführen kann, wenn uns das nicht genügt, was
sich so ohne weiteres erhaschen läßt. Wer gegen
wissenschaftliche Arbeitsteilung kämpft, der täuscht
sich über den Wert der Alternative, die er uns bietet.
Mag er sich in noch so prächtige philosophische
Mäntel hüllen, er hat uns nur ärmliche Gaben zu
schenken. Wem die trockenste analytische Kausal-
kette leuchtet, wer den feinsten Reiz spezifisch
wissenschaftlicher Arbeit erfaßt, der verliert sehr
bald den Geschmack an jenem Antichambrieren vor
den wahren Problemen, zu dem ein jeder verurteilt ist,
der der intellektuellen Situation unserer Zeit nicht
ins Auge blicken und sich mit ihr nicht abfinden will.
Mitunter stellt man die Sache so dar, wie wenn jeder,
der so argumentiert wie ich es tue, ein Finsterling
wäre, der moralisch im „Fach“ ertrunken ist. Das
mag gelegentlich die richtige Antwort sein. Aber sie
ist es nicht immer. Nicht deshalb, weil ich weite
Vistas nicht zu schätzen wüßte, argumentiere ich so,
sondern weil jene konkreten Visten, die uns heute
geboten werden, so dürftig sind. Wer sich mit
Worten nicht berauschen will, muß erkennen, daß
nicht etwa bloßes Detail, sondern das Wesen der
Dinge uns auf dem Weg zu solchen Visten verloren
geht. Er mag all jenes Sehnen fühlen, das auf diesen
        <pb n="131" />
        ﻿Weg drängt und doch nicht die Augen vor der Tat-
sache schließen wollen, daß in unserer intellektuellen
Situation dieser Weg für die Wissenschaft immer un-
gangbarer wird. Was in dieser Beziehung dem For-
scher als Forscher noch blühen kann, das ist die
Ahnung der großen Züge des Geschehens, die sich
in präziserer Form gerade nur am Einzelnen und
durch das Einzelne offenbaren. Diese Ahnung ist alles.
Aber sie ist viel mehr, als jene Sammlung von Ge-
meinplätzen, die das klägliche Resultat synthetischen
Wollens sein muß, das sozusagen mit Nachsicht der
Taxen Vordringen will. Ernster tiefschürfender Arbeit
am Einzelnen erschließt sich von selbst, was heute
nicht mehr erstrebt werden kann. Frühere Zeiten,
denen eine Hypostasierung der Dinge auf meta-
physische Worte genügte, um alle Fragelust zu be-
friedigen, waren in einem Sinn besser daran. Wem
das heute genügt, ist ebenfalls besser daran. Wem
es nicht genügt, der muß weiter auf dem analytischen
Weg — auch wenn er sich über dessen Möglichkeiten
durchaus keinen Täuschungen hingibt.

So wenig wie vor der Arbeitsteilung und dem
Spezialproblem fürchte man sich vor jenem Ge-
spenst, das „subjektivistische Kultur“ heißt. Die
Kultur unserer Zeit ist — und zum Teile, wenn auch
nicht ausschließlich, infolge der Arbeitsteilung — zer-
klüftet, labil, ohne Zentren, arm anAllgemeingültigem
(= für viele Wertvollem, nicht etwa = allgemein-
gültiger wissenschaftlicher Erkenntnis). Das ist
wahr. Und jene Entwicklung der Wissenschaft, die
ich hier skizziere, muß die Klüfte erweitern. Allein
        <pb n="132" />
        ﻿132

hat das nicht auch seine guten Seiten? Ist es nicht
Keichtum, wenn auch unbeherrschbarer, an Stand-
punkten, Lebensinhalten, Weltauffassungen? Schenkt
das nicht jedem gerade die Welt, die ihm die schönste
ist? Ist etwa die Alternative — ihre Möglichkeit
vorausgesetzt — ein Ideal, vor dem sich alle
beugen müßten ? Übrigens, wir dürfen die Einheit und
die „Objektivität“ vergangener Kulturen nicht über-
schätzen. Die „Kulturkreise“ waren früher enger
— das für „kulturelles Leben“ in Betracht kommende
alte Born hätte man zur Not in ein einziges Theater
pferchen können — und innerhalb derselben die
Lebensverhältnisse homogener. Aber das ist auch
alles. Darüber hinaus dürfte es nicht so zweifellos
sein, daß wir von „nichtsubjektivistischer“ Kultur
z. B. im alten Griechenland sprechen können. Und
die Höhepunkte antiker wie neuerer Kultur—waren
sie nicht stets durch das Ausbrechen des Individu-
ellen, Subjektiven aus früheren festen, einheitlichen
Kulturformen charakterisiert, so unangenehm diese
Wahrheit unserer Beamtenphilosophie klingen mag?
Gab es, kurz gesagt, jemals wirklich unsubjektivi-
stische Kulturen außerhalb von Hottentottenkrals ?

Je aufrichtiger wir unserer intellektuellen Situation
ins Auge sehen, je sorgfältiger wir — als Männer
der Wissenschaft — das einzelne Theorem als intel-
lektuelle Grundlage achten, um so fruchtbarer wird
die Epoche für uns sein, die vor uns liegt. Es ist eine
Epoche konstruktiver Lust, keine kritisch-sammelnd
gestimmte, darüber kann kein Zweifel sein. Ihr Inhalt
ist durch jene Strömung gegeben, die ich früher als
        <pb n="133" />
        ﻿133

„Soziologisieren“ bezeichnet habe, jene Tendenz nach
dem Begreifen von möglichst Vielem an uns, von
Recht, Religion, Moral, Kunst, Politik, Wirtschaft,
ja selbst von Logik und psychischen Erscheinungen,
aus der Soziologie heraus. Die Analyse des Kultur-
phänomens ist der Leuchtturm, auf den ganze Flotten
verschiedensten Charakters auf den verschiedensten
Kursen zusteuern. Und eine Epoche, die dem 18. .Jahr-
hundert in Vielem gleicht, kündigt sich an.

Zu einem solchen Sturmlauf hat unsere Zeit wohl
manche Qualifikationen: Erstens ist da die Frucht
einer vorwiegend der Detailforschung, Kritik und
Materialsammlung gewidmeten Periode zu nennen,
die vor uns objektive Möglichkeiten der Analyse
ausbreitet, die noch junge Vergangenheit nicht hatte
und die nur zum geringsten Teil ausgebeutet sind.
Da gibt es viel zu tun und fast könnte man sagen,
daß selbst verfehlte Gestaltung dieses Materials
besser ist als keine, denn wenn es erst einmal zu
sprechen begonnen, wird sich jeder Fehlgriff von
selbst korrigieren — bis dahin aber lebt es ein
Schattendasein. Zugleich ist dieses Material ein wirk-
samer Damm gegen Ausschreitungen: In vielen
Dingen wissen wir einfach, wo das 18. Jahrhundert
nur vermuten konnte, und in vielen anderen ist der
Analyse ein ganz bestimmter Weg gewiesen. Zwei-
tens unterscheiden sich unsere theoretischen Hilfs-
mittel nicht weniger von denen der Vorzeit wie un-
sere Materialien. Da sind viele Wege gebahnt, auf
denen es frisch vorwärtsgehen kann. Drittens kommt
Hilfe von außen in Betracht: Die Biologie hat uns
        <pb n="134" />
        ﻿134

schon manch schönes Geschenk gemacht — das uns
nur der Mißbrauch, den wir selbst damit trieben,
verleiden kann —, von der Anthropologie haben
wir auch einiges erhalten, Physiologie und Psycho-
physik werden uns vielleicht ebenfalls manches
bieten. Und viertens — so laut als jemals wird
zwar um Methoden gestritten, aber nur an der Ober-
fläche. In den Tiefen der wissenschaftlichen Arbeit
haben eine Eeihe von Gegensätzen in aller Stille ihre
Schärfe, in einzelnen Pällen ihre ganze Bedeutung
verloren. Um ein Beispiel anzuführen: Die vor
zwanzig Jahren noch so lebhafte Theoriefeindlich-
keit hat abgeflaut und was unüberbrückbarer Gegen-
satz schien, ist reduziert auf den ja begreiflichen
Gegensatz verschiedener Arbeitsweisen, die ver-
schieden veranlagten Geistern Zusagen und ver-
schiedene Denkgewohnheiten mit sich bringen.
Manch hinderndes Vorurteil ist weggefallen, und wer
heute überhaupt „kämpft“, der hat meist noch nicht
verstanden: Das setzt viel Kraft frei, die sich früher
im Streiten verbrauchte.

So sind die objektiven Bedingungen eines kon-
struktiven Aufschwungs zweifellos gegeben. Seit
langem schon fühlt man seinen Hauch. Er wird seine
flüchtigen Triumphe und seine dauernden Erfolge
haben und dann versagen, wie die vor ihm kamen und
die nach ihm kommen werden. Und während der Flut
wie während der folgenden Ebbe wird die Arbeit am
Detailproblem auf allen Gebieten ihren Weg gehen.
Bleiben kann — soweit überhaupt etwas bleibend sein
kann — nur was mit ihr in Fühlung ist, was auf ihr
        <pb n="135" />
        ﻿135

beruht. Das andere fällt, sowie die Stimmung vorbei
ist und die Hitze des Tages, in die Hände künftiger
Bichter, die, wenn wir der Erfahrung des abgelaufe-
nen Jahrhunderts und unserer Zeit vertrauen dürfen,
wohl oft irren — aber niemals in der Biehtung der
Milde.

In solchen konstruktiven Epochen wird die
wissenschaftliche Arbeit von besonderem Glanz um-
strahlt. Das sind Zeiten der Ernte, in denen langsam
aufgehäufte Schätze an das Licht und in das Bewußt-
sein treten. Es liegt nur an uns die „Epoche der
Kulturtheorie“ so groß zu machen wie die des Natur-
rechts — ihre leibliche Mutter — war. Wie schade
wäre es, wenn wir unsere Kraft und unsere Chance
vergeuden wollten, weil wir von der Vergangenheit
nicht lernen wollen. Wie schade, wenn wir das, was
das Schicksal uns auf den Weg streut, verdürben,
weil wir die wissenschaftlichen Mittel, die wir ja
haben, verachten. Wie schade, wenn wir nach Phra-
sen haschen wollten, Bichtungen vernichten oder
begründen, Philosophien machen, während uns die
Sonne zu anderem Werke scheinen kann!

Eine solche Mahnung drängt sich leider auf. Ein
Beispiel von vielen: Wo man von Kultur spricht, da
liegt die Idee der Entwicklung nicht fern. Wirklich
haben wir schon eine ganze Literatur über Entwick-
lung oder Fortschritt oder unter ähnlichen Titeln. Und
kaum weiß ich unerfreulichere Lektüre — selbst auf
sozialwissenschaftlichem Gebiet dürften kaum irgend-
wo solche Orgien der Phraseologie gefeiert worden
sein. Den großen Lehrern des Naturrechts ist es
        <pb n="136" />
        ﻿mM

schlecht gegangen vor dem Gericht der Nachfolger —
wie soll es uns gehen, wenn wir dergleichen treiben ?

Sonst aber — deswegen weil wir sicher Fehlgriffe
machen werden, würde ich niemand davon abraten
sich in den Strom der konstruktiven Stimmung zu
stürzen. Fehlgriffe können sehr ehrenwert sein,
ehrenwerter als unfähige Korrektheit, nur müssen
sie danach sein. Unsere Zeit will ihren „run“ haben,
so habe sie ihn denn und freue sich daran! Sind wir
auch ungeneröser Kritik sicher, so ist es dafür auch
sicher, daß Echtes, das wir feisten, nicht untergehen
kann. Ob die nach uns kommen, uns loben oder des-
avouieren, mit oder ohne Wollen setzen sie unsere
Arbeit fort.



I :

n ! ii
        <pb n="137" />
        ﻿137

Nachwort.

Diese Skizze entstand aus einem Vortrag, der am
21. November 1911 im Kreise des Sozialwissenschaft-
lichen Akademischen Vereins in Czernowitz gleichsam
als Abschiedsvorlesung gehalten wurde. Ich stand dem
Verein während meiner Czernowitzer Tätigkeit sehr
nahe und freute mich aufrichtig des Ernstes und der
Energie, mit dem er großen Schwierigkeiten zum Trotz
seiner Aufgabe nachlebte, ein Sammelpunkt sozial-
wissenschaftlichen Interesses und ein Verbreiter sozial-
wissenschaftlicher Bildung zu sein. Deshalb wollte
ich den Wunsch des Vereins nach Publikation des
Vortrags nicht abschlagen. Auf Anregung der Ver*
lagshandlung habe ich jedoch versucht, die in jenen
vierzig Minuten entwickelten Gesichtspunkte aus-
zugestalten und auf eine breitere Basis zu stellen.

Graz, Weihnachten 1914.

Schampeter.
        <pb n="138" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

I.	Einleitung: Vorgeschichte der Sozialwissenschaft

II.	Die Entfaltung des sozial wissenschaftlichen

Denkens im 18. Jahrhundert.....................

Sozialgeschichtliche Voraussetzungen S. 9. —
Sozialwissenschaft und Metaphysik S. 13. — Die
Psychologie des 18. Jahrhunderts S. 26. — Das
sozialwissenschaftliche Denken und die Ethik S. 32.

— Das Wesen des Naturrechts und seine Soziologie
S. 37. — Die Nationalökonomie S. 48. — Die
soziologische Verarbeitung des historischen Mate-
rials S. 50. •— Zusammenfassung S. 57.

III.	Die Reaktion gegen die Geistesarbeit des 18.

Jahrhunderts................................... 59—81

Über die Möglichkeit einer Fortentwicklung des
sozialwissenschaftlichen Forschens auf Grund des
Erbes des 18. Jahrhunderts S. 59. — Ursachen
des Abspringens von dieser Entwicklungsrichtung;
ideengeschichtliche Glossen S. 62. — Beispiele:

Carlyle, Comte, die historische Schule S. 70.

IV.	Resultate der Schulenkämpfe. Zur Soziologie

der Wissenschaft...............................81—108

Beispiele für die Entwicklung auf den einzelnen
Gebieten S. 81. — Deutung derselben S. 84. —

Ursachen der scheinbaren Diskontinuität der
wissenschaftlichen Entwicklung S. 93. — Das
Wesen und die Ursachen der einheitlichen Ent-
wicklungslinie. Die „Logik der Dinge“ S. 99. —

Prognose S. 103.
        <pb n="139" />
        ﻿140

Seite

T. Das Heute der Sozial Wissenschaften und ihre un-
mittelbare Zukunft....................................109—136

Der heutige Stand der Sozialwissenschaften
S. 109. — Die philosophische und die politische
Invasion in das Gebiet der Wissenschaft S. 111.

— Die Frage des „Werturteils“ im besonderen
S. 114. — Beispiele für den Zustand der Sozial-
wissenschaften S. 116. — Das nächste Stück des
Weges S. 121. — Die intellektuelle Situation und
der allgemeine Charakter der sozialwissenschaft-
lichen Arbeit der nächsten Zukunft S. 131.

Nachwort.............................................. 137

Pierersche Hofbuehdruckerei Stephan Geibel &amp; Co., Altenburg, S.-A.
        <pb n="140" />
        ﻿the scale towards document

o

I &gt;1

107

nuß er sich von Politik, wie von Philosophie \
. — fortgezogen vom Gewicht der einzel-

-	laftlichen Arbeit — einfach infolge der Un-
eit, die Beziehung festzuhalten. Das mag in
3rne liegen — ich habe darüber noch einige
sagen — aber das ist unvermeidlich. Immer
uß ganz von selbst die Unabhängigkeit des
senschaftlichen Resultats von Politik und

l lie, in den meisten Fällen auch seine Irrele-
das politische Wollen und das philosophische
-•ervortreten. Immer deutlicher muß die Un-
eit dauernder Herrschaft einer Methode und
dvität des Wertes und der Bedeutung einer
erden. Immer deutlicher auch muß jeder
he praktische Unmöglichkeit werden, den
Jtrom in ihre Kanäle zu leiten, zu welchem
h sozialwissenschaftlicher Erkenntnis nach
h geworden ist. Deshalb müssen die Er-
ingen, die das Entstehen einer jeden „neuen
■“ mit sich bringt, immer weniger fühlbar
Je präziser die Probleme gestellt, je ge-
die Fachmeinungen, je unterrichteter weitere
werden, um so schwieriger wird der Erfolg

-	d ungeneröser Reklame,
die Gründe der Diskontinuität, so werden
der Kontinuität fortwirken. Aber eben die

i, die die Prognose rechtfertigen, daß die
der Diskontinuität immer schwächer wirken
werden die Macht der „Logik der Dinge“
Immer unentrinnbarer wird sie sich dem
i Forscher und der einzelnen Richtung auf-
, immer geringere Seitensprünge wird sie ge-

&amp;V *

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      </div>
    </body>
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