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        <title>Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften</title>
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            <forname>Joseph A.</forname>
            <surname>Schumpeter</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1027069762</idno>
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        jgyg

Heft  7
Schriften  des
Sozialwissenschaftlichen
Akademischen  Vereins
in  Czernowitz

Vergangenheit  und
a  Zukunft  der  □
Sozialwissenschaften

Von

Dr.  Joseph,  Schumpeter
Professor  der  Politischen  Ökonomie  an  der  Universität  Graz
        <pb n="2" />
        Schriften  des  Sozialwiffenfchaftlidien
Akademifdien  Vereins  in  Czernowi^.

Bisher  erfchienene  Hefte:
Heft  EL
Wie  fludiert  man  Sozialwiffenfchaft?
Von  Prof.  Dr.  Joseph.  Schumpeter.  Zweite  Auflage.  Preis  1  Mark.
Heft  IV.
Soziale  Moral  in  China  und  Japan.
Von  Ernfl  Viktor  Zenker,  Reichsratsabgeordneter.  Preis  1  Mark-Heft
  V.
Der  Krieg  im  Wandel  der  Jahrtaufende.
Von  Prof.  Dr.  Hans  R.  v.  Frifcfa.  Preis  1  Mark.
Heft  VI.
Wefen  und  Ausfichten  des  bürgerlichen  Radikalismus. ­

Von  Eduard  Bernflein,  Mitglied  des  Deutfchen  Reichstags.  Preis
1  Mark.
Heft  VIL
Vergangenheit  und  Zukunft  der  Sozialwiffenfchaften.
  .
Von  Prof.  Dr.  Jofeph  Schumpeter.  Preis  3  Mark.
Heft  VIÜ.  ff
Nationalgefühl  und  Staatsgefühl.  (j  jf.
Von  Prof.  Dr.  Alfred  Amonn.  Preis  ,1  Mark.  i
In  Vorbereitung  befinden  fidi  folgende
Heft  L
Die  Aufgaben  der  Sozialpolitik  im  öflerreichifdien
  Often,  insbefondere  in  der  Bukowina.
Mit  besonderer  Beleuchtung  der  Juden-  und  Bauernfrage.  Von  Prof.
Dr.  Eugen  Ehrlich.  Vierte  Auflage.
Heft  III.
Chriflentum  und  Sozialismus.
Von  Dr.  Ludo  M.  Hartmann,  Privatdozent  an  der  Univerfität  in
Wien.  Dritte  Auflage.
Verlag  von  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  München  und  Leipzig-
        <pb n="3" />
        I.

W äre  die  Sozialwissenschaft  ein  organisches  Ganzes, ­
  dessen  einzelne  Teile  sich  einem  einheitlichen ­
  Plan  einfügen  würden,  so  wäre  unsere  Aufgabe ­
  leichter  als  sie  ist,  die  Aufgabe,  zu  zeigen,  wie
das  sozialwissenschaftliche  Arbeiten  von  heute  mit
dem  von  gestern  zusammenhängt  und  wohin  wohl  der
Weg  in  der  nächsten  Zukunft  führen  mag.  Aber  die
Sozialwissenschaft  ist  so  wenig  ein  „architektonisches“ ­
  Ganzes,  wie  dieWissenschaft  überhaupt.  Sie  ist
vielmehr  ein  Konglomerat  von  einzelnen  Bausteinen,
die  oft  herzlich  wenig  aneinanderpassen  wollen,  aufgehäuft ­
  von  Leuten  verschiedenster  Anlagen  und  verschiedenster ­
  Absichten,  die  kaum  jemals  einander
verstehen,  niemals  planvoll  Zusammenwirken.  Da  erwächst ­
  eine  Disziplin  aus  einem  praktischen  Bedürfnis,
dort  aus  dem  Einfall  eines  führenden  Geistes;  hier
eine,  weil  eine  Methode  so  schwierig  war  oder  wurde,
daß  die  sie  beherrschen  wollten,  für  anderes  keine
Kraft  übrig  behielten,  anderswo  wieder  eine  aus  den
prosaischen  Notwendigkeiten  des  Lehrbetriebs.  Das
Äesultat  ist  ein  buntes  Getümmel  oft  ganz  absonderlicher ­
  Gestalten,  in  welchem  alles  durcheinanderläuft
und  aneinanderprallt,  in  welchem  dasselbe  Problem
oft  Gegenstand  verschiedener  Disziplinen  wird,  die
von  verschiedenen  Standpunkten  ausgehen,  für  die
Verschiedenes  wahr  ist  und  die  fast  nur  zusammen  -
l*
        <pb n="4" />
        V

4
y  treffen,  um  einander  zu  bekämpfen.  Deshalb  fallen
die  Versuche,  Kegel  und  Ordnung  in  dieses  Chaos
zu  bringen,  die  von  philosophischer  Seite  von  Zeit
zu  Zeit  unternommen  werden,  meist  so  schlimm  aus
und  deshalb  sind  alle  die  Einteiluhgen  der  Wissenschaften ­
  meist  nur  für  den  befriedigend,  der  allen  einzelnen ­
  Wissenschaften  ferne  genug  steht  —  eine
zweischneidige  Qualifikation!  Und  deshalb  gibt  es  im
Grunde  J^eine  Sozialwissenschaft,  sondern  nur  Sozialwissenschaften, ­
  deren  Kreise  sich  vielfach  schneiden.
Die  Sozialwissenschaften  also  haben  sich  viel
später  und  viel  langsamer  entwickelt  als  die  Naturwissenschaften. ­
  Erst  seit  nicht  mehr  als  zweihundert
Jahren  gilt  auch  ihnen  unser  Interesse.  Das  lag  zunächst ­
  daran,  daß  die  Welt  der  physischen  Erscheinungen ­
  schon  für  das  naivste  Bewußtsein  voll  Geheimnis ­
  ist,  während  wir  selbst  und  die  soziale  Welt
uns  zunächst  nichts  weniger  als  problematisch  vorkamen. ­
  Wir  nahmen  uns  und  die  soziale  Welt  so  hin,
als  ob  sie  nicht  anders  sein  könnten,  und  wenn  uns
da  überhaupt  etwas  interessant  erschien,  war  es  nicht
das  Wesen  der  Dinge,  sondern  das  Konkrete,  das  uns
berührte  oder  fesselte  —  Taten  großer  Männer  z.  B.,
oder  große  Siege,  oder  große  Katastrophen.  Homer
und  Herodot  —  Dichter  und  Geschichtsschreiber  —
gehen  also  dem  spezifisch  wissenschaftlichen  Interesse, ­
  dem  Interesse  an  genereller  Wahrheit,  an  Erkenntnis ­
  des  Geschehens  als  solcher,  auf  sozialem
Gebiet  noch  viel  mehr  voran  als  auf  dem  der  Naturerscheinungen. ­
  Noch  heute  fühlen  wir  den  Druck
dieser  —  an  sich  sehr  natürlichen  —  Richtung
        <pb n="5" />
        5

unseres  Interesses.  Aber  auch  nachdem  gerade  jene
Art  von  Fragelust,  der  die  Wissenschaft  dient 1 ,  einmal ­
  erwacht  war,  trat  man  —  und  tritt  man  noch
immer  —  in  anderem  Geist  an  die  sozialen  Fragezeichen ­
  heran  als  an  die  der  „leblosen  Natur“.  Die
sozialen  Probleme  haben  ja  sicher  viele  Besonderheiten. ­
  Worin  freilich  diese  Besonderheiten  bestehen
und  welches  ihre  Tragweite  ist,  darüber  hat  man  sich
bis  heute  nicht  geeinigt.  Doch  hat  sich  eine  Unsicherheit ­
  des  Zugreifens  daraus  ergeben,  die  den  Fortschritt ­
  sehr  hindern  mußte.  Ganz  abgesehen  davon ­
  endlich,  erschien  sich  der  Mensch  immer  so  sehr
als  ein  besonderes  Ding,  das  mehr  oder  weniger
außerhalb  der  übrigen  Schatten  steht,  die  an  ihm
vorüber  huschen,  das  Botschaft  von  fremden  Welten
hat,  das  seine  Schicksale  selbst  gestalten  kann  —  daß
das  Eindringen  forschenden  Geistes  hier  Schwierigkeiten ­
  begegnete,  Schwierigkeiten  in  der  eigenen
Brust  des  Forschers,  die  vielleicht  nie  ganz  überwunden ­
  werden  können  und  jedenfalls  nur  langsam
Stück  für  Stück  des  Weges  freigaben:  Dem  Forscher
in  diesem  Wald  begegnen  Dantes  Ungetüme  auf
'  Die  Wissenschaft  dient  natürlich  sowohl  direkt  wie  indirekt
noch  sehr  vielen  anderen  Zwecken.  Und  wenn  ich  das  Interesse  an
allgemeinem  Verständnis  des  Geschehens  —•  hier  im  Gegensatz  zum
Interesse  an  konkreten  Erscheinungen,  die  uns  an  sich  und  aus  anderen ­
  Gründen  wertvoll  sind  —  als  das  spezifisch  wissenschaftliche  bezeichne, ­
  so  soll  das  nicht  heißen,  daß  genetisch  das  wissenschaftliche
Interesse  nicht  andere  Wurzeln  hat,  sondern  nur,  daß  gerade  jene
Art  von  Interesse  für  die  Wissenschaft  „konstitutiv“  ist  und  ihr
„Wesen“  ausmacht.  In  der  sozialwissenschaftlichen  Erkenntnistheorie ­
  unserer  Tage  herrscht,  gerade  in  manchen  ihrer  besten  Produkt^ ­
  eine  andere  Ansicht.
        <pb n="6" />
        6

Schritt  und  Tritt  und  kein  Virgil  erscheint  zu  seiner
Rettung.
Im  Mittelalter  gab  es  keine  Sozialwissenschaften
in  unserem  Sinne.  Soziale  Bewegungen  und  soziale
Probleme,  die  man  diskutieren  konnte,  gab  es  zwar
genug.  Aber  im  großen  und  ganzen  änderten  sich  die
Grundlagen  der  sozialen  Organisation  dort  so  langsam, ­
  daß  sie  nicht  leicht  jemand  prinzipiell  in  Frage
zog  oder  sie  überhaupt  als  Probleme  empfand:  Dazu
standen  Kirche  und  Herrenhof  zu  fest,  dazu  erschienen ­
  sie  zu  sehr  als  selbstverständlich  oder  als
gottgeboten.  Und  gab  es  ernste  Differenzen,  so  focht
man  sie  eben  aus,  ohne  daß  sich,  sei  es  die  Kämpfenden, ­
  sei  es  die  Zuschauer,  allzuviel  Gedanken  darüber ­
  gemacht  hätten.  Mochte  auch  manchmal  ein
Frondeur  oder  ein  Haeretiker  gegen  Kaiser  oder  Papst
donnern  —  über  konkrete  gravamina  ging  er  doch
selten  hinaus,  und  wenn  er  es  einmal  tat,  so  wurde
er  eventuell  gehenkt  oder  verbrannt,  aber  weiter
kümmerte  man  sich  nicht  um  ihn  und  seine  Lehre.
Es  gab  ja  keine  neugierige  und  unruhige  intellektuelle
Klasse,  die  sein  Resonanzboden  hätte  werden  können,
die  nach  Grundsätzen  geforscht  und  jede  Bewegung
fortgepflanzt  hätte.  Im  wesentlichen  war  das  geistige
Leben  beherrscht  durch  Theologie  und  Jurisprudenz
—  der  Kleriker  und  der  Jurist,  das  waren  die  einzigen ­
  Typen  von,  wenn  man  so  sagen  darf,  Berufsgelehrten ­
  oder  überhaupt  von  „Gebildeten“,  und
beide  waren  einig  in  souveräner  Verachtung  des  pro-  y
fanum  vulgus.  Innerhalb  von  Theologie  und  Jurisprudenz ­
  entwickelte  sich  der  Wissensvorrat  der  Zeit,
        <pb n="7" />
        Vstreng
  unterworfen  dem  autoritativen-Text  undden  tr&amp;amp;v
ditionellen  Grundanschauungen.  Man  sollte  nun  meN
nen,  daß  sowohl  Theologie  wie  Jurisprudenz  gar  viel
mit  sozialen  Fragen  zu  tun  gehabt  hätten.  Sprach  doch
der  Theologe  wie  der  Jurist  von  jus  tum  pretium  und
der  Verwerflichkeit  des  Zinsnehmens  und  den  Rechten ­
  der  Staatsgewalt  usw.  Aber  keiner  von  beiden
sprach  darüber  in  sozialwissenschaftlichem  Geist:  Er
holte  sich  seine  Prinzipien  nicht  aus  der  Beobachtung
der  sozialen  Dinge  oder  aus  einer  Untersuchung  der
menschlichen  Psyche,  sondern  er  dogmatisierte  von
der  Kanzel  eines  unantastbaren,  geoffenbarten,  ganz
unabhängig  vom  Menschen  gütigen  Systems.  In  ähnlich ­
  er  Weise  ist  ja  auch  heute  noch  z.  B.  die  spekulative ­
  Ethik  keine  Sozialwissenschaft.  Zur  Sozialwissenschaft ­
  wird  die  Ethik  erst,  wenn  ihr  ganzer
Inhalt,  Ausgangspunkt  und  Konsequenzen,  als  Resultat ­
  des  Wirkens  sozialer  Faktoren  begriffen  wird;
sonst  hat  sie,  obgleich  sie  von  menschlichem  Handeln
spricht,  doch  mit  den  Sozialwissenschaften  nichts  zu
tun.  Und  deshalb  hatten  Theologie  und  Jurisprudenz
des  Mittelalters  mit  Sozialwissenschaft  wenig  zu  tun,
weü  sie  eben  gegebene  Grundsätze  anwenden  und
dadurch  Normen  für  den  speziellen  Fall  gewinnen
wollten 1 .
Erst  in  der  Renaissanceperiode  beginnt  die  Sache
anders  zu  werden,  und  die  soziale  Entwicklung,  die
1  Zwar  herrschte  ja  Aristoteles.  Aber  an  dem  Geist  der  Diskussion ­
  änderte  das  nichts.  Und  platonische  Einflüsse,  wie  sie  durch
S.  Augustinus  und  andere  Vermittler  fühlbar  wurden,  erschöpften
sich  darin,  dem  Dogma  zu  einem  philosophischen  Ausdruck  zu  helfen:
Soweit  in  solcher  Kürze  überhaupt  eine  Behauptung  gewagt  werden  kann.
        <pb n="8" />
        zwar  nie  stille  stehen,  aber  doch  bloß  unmerklich
fließen  kann,  kommt  in  raschere  Bewegung.  Die
Wirkung  auf  das  Geistesleben  hat  Jakob  Burckhardt
durch  das  geistreiche  Wort  von  der  „Entdeckung  des
Individuums“  in  eine  Formel  gebracht,  die  für
Zwecke,  wie  der  unsere  es  ist,  gute  Dienste  leistet.
In  der  Tat,  das  Individuum,  die  Persönlichkeit,  beginnt ­
  sich  aus  dem  mittelalterlichen  Bahmen  zu  lösen
und  endlich  wieder  nach  eigenem  Gefallen  zu  handeln
und  zu  denken.  Überschätzen  wir  den  Einfluß  der
neuerstandenen  Antike  nicht.  Wir  hören  immer  nur,
was  wir  hören  wollen  und  unsere  Vorfahren  gaben
damals  den  alten  Griechen  und  Körnern  Gehör,  weil
diese  ihnen  in  gefälligen  Formen  sagten,  was  sie  in  der
eigenen  Brust  fühlten.  Aber  wie  immer  dem  sein  mag,
die  wissenschaftliche  Fragelust  war  da,  und  schnell
wurde  alles  anders  im  Reiche  des  Gedankens.  Doch
nicht  auf  dem  Felde  der  Sozialwissenschaften:  Wohl
entstand,  wie  von  Götterhand  geschaffen,  schnell  eine
persönliche  Kunst  und  Literatur,  wohl  kämpfte  der
neue  Geist  um  neue  Lebensformen,  um  das  Recht  des
Diesseits,  um  Freiheit  und  Naturerkenntnis,  aber  die
soziale  Welt  —  trotz  Bauern-  und  Religionskriegen  —
beschäftigte  weitere  Kreise  nicht  oder  nur  in  der
primitiven  Form  des  Interesses  an  der  politischen  Geschichte, ­
  darüber  hinaus  aber  nur  wenige  Träumer
oder  Seher  vom  Typus  —  und  ein  prächtiger  Typus
war  es  —  Thomas  Morus’.  Es  war  eben  erst  nur  das
Individuum,  es  war  noch  nicht  die  Gesellschaft  „entdeckt“. ­
  Niemand  blickte  noch  unter  den  Schleier  der
religiösen  Begeisterung,  der  die  Religionskriege  um-
        <pb n="9" />
        9

hüllte,  niemand  sah,  was  an  gewaltigen  sozialen
Notwendigkeiten  darunter  verborgen  lag.  Und
hatte  man  auch  bald  Anlaß,  über  manche  Einzelfrage ­
  —  Münzverschlechterungen,  Zollpolitik,  Agrarverfassung, ­
  Ringbildungen  usw.  —  zu  streiten,  so
drang  man  doch  nirgends  über  die  konkrete  Frage
hinaus  in  die  Geheimnisse  des  sozialen  Geschehens.
Das  kam  erst  später.  Die  Naturwissenschaften
hatten  schon  längst  ihren  Stab  wohlgeübter  Pfleger,
sie  hatten  schon  längst  ihren  Siegeszug  begonnen,  als
noch  die  tiefste  Ruhe  über  dem  Urwald  lag,  den  die  /»■
Sozialwissenschaft  zum  Acker  machen  sollte.

II.
Die  Sozialwissenschaften  entstanden  eigentlich
erst  im  18.  Jahrhundert.  Da  krachte  und  knackte  es
im  ganzen  sozialen  Gebäude  unseres  Kulturkreises.
Eine  Bewegung  wie  der  Flügelschlag  eines  erwachenden ­
  Vogels  ging  durch  alle  Schichten  der  Gesellschaft.
Die  Zeit  der  großen  Religionskämpfe  war  vorbei  und
nach  und  nach  hörte  der  Glaube  auf,  die  intellektuelle
Herzenssache  der  Menschheit,  der  Nährer,  Führer
und  Schützer  aller  ihrer  Interessen  zu  sein.  Hingegen
kündigte  sich  der  gewaltige  soziale  Prozeß  an,  der
„industrielle  Revolution“  genannt  wird,  der  Prozeß,
in  welchem  die  moderne  fabriksmäßige  Produktionsform ­
  die  Schranken  von  Dorfgemeinde  und  Innung,
und  das  moderne  Arbeiterheer  unter  Führung  des
Unternehmers  die  Schranken  der  feudalen  Gesellschaftsordnung ­
  durchbrach.  Und  mit  und  infolge  der
industriellen  bereitete  sich  die  politische  Revolution
        <pb n="10" />
        10

vor.  Denn  die  Anschauungen  und  das  Verhalten  der
politisch  führenden  Kreise  und  die  sozialen  und  rechtlichen ­
  Institutionen  änderten  sich  nicht  so  schnell  wie
die  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  und  so  ergab  sich
bald  eine  Diskrepanz  zwischen  beiden,  wie  sie  niemals
vorher  existiert  hatte:  Altes  Recht,  alte  Politik,  alte
Ideale  und  Lebensgewohnheiten  sind  ja  stets  viel
zäher  als  die  Tatsachen  des  Lebens,  aus  denen  sie
geboren  wurden.  Das  ist  ganz  verständlich,  denn
nichts  fällt  dem  Menschen  so  schwer,  als  sich  umzudenken ­
  und  Dinge  anzuerkennen,  die  „nicht  schon
immer  so  waren“.  Das  ist  ferner  auch  ganz  gut,  denn
nur  das  Festhalten  der  gegebenen  Denkgewohnheiten
macht  promptes  und  konsequentes  Handeln  möglich.
Aber  aus  solcher  Diskrepanz  muß  soziale  Unzufriedenheit, ­
  soziales  Unbehagen  folgen  —  in  der  Tat
haben  Unzufriedenheit  und  Unbehagen  gar  nie  andere
Ursachen.  Und  wie  der  Leidende  erst  sich  seiner
Organe  und  ihrer  Funktionen  bewußt  wird,  an  die
er  bei  voller  Gesundheit  nie  dachte,  so  wurde  man
damals  der  Lebensfunktionen  der  Gesellschaft  gegewahr,
  an  die  früher  nur  Einzelne  überhaupt  gedacht
hatten.  Jetzt  wurden  diese  Funktionen,  wurde  die  Gesellschaft ­
  selbst  zum  Problem.  Man  fragte  und  untersuchte ­
  auch  dort,  wo  man  früher  nichts  zu  fragen
gehabt  hatte.  Der  gleichsam  fieberhaft  gesteigerte
Lebensprozeß  der  Gesellschaft  trieb  auf  allen  Gebieten ­
  der  Wissenschaft  Blüten,  vor  allem  aber  eröffnete
  sich  nun  der  weite  Problemkreis  der  Sozialwissenschaften. ­
  Viele  Dinge  wurden  nun  erklärungsbedürftig, ­
  die  früher  selbstverständlich  gewesen
        <pb n="11" />
        11

waren.  Hatte  man  früher  etwa  konkrete  Rechtsfragen
  erörtert,  so  fragte  man  jetzt  nach  dem  Wesen
des  Rechts.  Hatte  man  früher  um  konkrete  Maßregeln ­
  der  Staatsgewalt  gestritten,  so  handelte  es  sich
jetzt  um  das  Wesen  des  Staates.  Alles  in  der  sozialen ­
  Welt  schien  zu  wanken  und  zu  weichen.  Pa
drängte  sich  von  selbst  die  Frage  auf,  was  von  der
Zukunft  zu  fürchten  und  zu  hoffen,  was  in  Staat  und
Gesellschaft  bleibend  und  was  dem  Untergang  geweiht, ­
  was  Unsinn  und  Torheit  und  was  eiserne  Notwendigkeit ­
  und  ewige  Wahrheit  sei.  Und  nun  gab
es  auch  eine  intellektuelle  Klasse,  die  solche  Diskussionen ­
  um  ihrer  selbst  willen  liebte,  deren  Lebenselement ­
  Kritik  und  Forschung  war,  deren  Vorwitz
vor  nichts  haltmachte  und  die  nur  durch  ein  loses
Band  mit  den  Interessen  und  Schwierigkeiten  des
Mannes  der  Praxis  verbunden  war.
Mit  gleichsam  jugendlichem  Wagemut  griff  man
sofort  nach  dem  höchsten  Ziel.  Im  Handumdrehen
wollte  man  eine  einheitliche  Wissenschaft  vom
sozialen  Sein  und  Werden  hervorzaubern,  die  alle
Fragen  beantworten,  alle  Not  der  Zeit  heilen  sollte.
Neben  dem  Gebäude  der  Naturwissenschaft  sollte  ein
Neubau  für  die  Sozialwissenschaft  entstehen,  um  eine
damals  sehr  übliche  Terminologie  zu  gebrauchen,
neben  der  „Naturphilosophie“  eine  „Moralphilosophie“ ­
 1 ,  deren  Probleme,  wie  schon  Newton  und
1  Natürlich,  ist  diese  Bedeutung  beider  Worte  von  der  zu  unterscheiden, ­
  welche  sie  später,  besonders  in  Deutschland  gewannen.
In  unserer  Bedeutung  hat  weder  Natur-  noch  Moralphilosophie  etwas
mit  „Philosophie“  im  gegenwärtig  allein  üblichen  Sinn  zu  tun.  Vielmehr ­
  ist  hier  „Philosophie“  ganz  synonym  mit  „Wissenschaft“.
        <pb n="12" />
        12

Locke  sagten,  in  demselben  Geist  behandelt  werden
sollten  wie  die  Probleme  des  physikalischen  Geschehens. ­
  Das  war  die  heroische  Zeit  der  Sozialwissenschaften. ­
  Welchen  Geist  atmen  die  besten
Leistungen  dieser  Epoche!  Welcher  Glanz  liegt  über
diesem  Schaffen!  Welchen  Genuß  gewährt  es,  in
dieser  Literatur  zu  blättern  und  zu  träumen!
Nun  möchte  ich  das,  was  damals  erreicht  wurde,
mit  kurzen  Strichen  nachzeichnen.  Eine  verzweifelte
Aufgabe,  aber  immerhin  nicht  so  verzweifelt,  wie  der
Versuch,  das  sozialwissenschaftliche  Wollen  unserer
Zeit  zu  schildern.  Denn  wenn  auch  die  Literatur  des
18.  Jahrhunderts  keine  Einheit  war,  und  Wässer  aus
sehr  verschiedenen  Quellen  da  zusammenfließen,  so
war  sie  doch  viel  einheitlicher  als  die  der  Folgezeit.
Noch  war  ja  die  Arbeitsteilung  nicht  so  unerbittlich,
noch  konnte  man  Polyhistor  sein,  ohne  Dilettant  zu
werden.  Und  die  einzelnen  Autoren  arbeiteten  viel
mehr  aus  sich  selbst  heraus,  als  es  heute  irgendwer
kann,  so  daß  aus  ihren  Werken  klarere,  einfachere
Botschaften  quellen.  Die  Spuren  alter  Schranken
sind  noch  deutlich  sichtbar,  und  aus  Recht  und  Theologie ­
  entwickelte  sich  das  Meiste,  das  für  uns  in  Betracht ­
  kommt.  Bischöfe  und  Rechtslehrer  treten  noch
immer  in  der  bunten  Gruppe  hervor,  die  mehr  und
mehr  aus  allen  Arten  von  Literaten  zu  bestehen  begann, ­
  die  in  Londoner  Cafehäusern  oder  Pariser
Salons,  oder  an  deutschen  Universitäten  diskutierten
und  stritten,  von  Leuten,  die  sich  bald  an  die  feudale
Gesellschaft  anschlossen,  bald  würdevolle  Spießerleben ­
  führten,  bald  Freud  und  Leid  der  Tragikomödie
        <pb n="13" />
        13

eines  Bohemelebens  durchkosteten  als  fromme  Kaubritter ­
  der  Feder.
An  der  Hand  der  Theologie  hatte  das  sozialwissenschaftliche
  Denken  gehen  gelernt,  aus  ihrer
Hand  löste  es  sich  jetzt.  Nur  einzelne  Autoren  oder
Gruppen  rissen  sich  mit  heftigem  Ruck  los;  für  die
meisten  war  das  ein  langsamer,  ganz  allmählicher
Prozeß.  Theologische  Kontroversen  spielten  noch
während  des  ganzen  18.  Jahrhunderts  eine  sehr  große
Rolle  im  Geistesleben  der  Zeit,  aber  sie  beherrschten
es  nicht  mehr.  Sie  begannen  aus  dem  Zentrum  des
Interesses  wegzurücken  und  aus  dem  Leitmotiv
alles  Denkens  zu  einem  fachlichen  Problemkreis
zu  werden.  Wo  sie  standen,  da  steht  nun  die  Erforschung ­
  der  Natur  des  Menschen,  der  Natur  der
sozialen  Dinge.  Die  Analyse  der  Tatsachen  jedes
Problemgebietes,  wie  sie  die  Erfahrung  darbot,  absorbierte ­
  den  Forscher  mehr  und  mehr,  und  nur  gelegentlich ­
  warf  er  einen,  sei  es  sehnsüchtigen,  sei  es
scheuen,  sei  es  zornvollen  Blick  auf  die  große  Mutterwissenschaft, ­
  deren  Konturen  in  nebelhaften  Fernen
zu  verschwimmen  begannen.  Er  mochte  noch  etwa
seinen  Resultaten  oder  seinen  Ausgangspunkten
Worte  des  Glaubens  hinzufügen,  in  ähnlicher  Weise,
wie  das  in  der  Naturwissenschaft  noch  Newton  tat;
im  Laufe  seines  Gedankenganges,  in  der  eigentlichen
Forschungsarbeit,  ließ  er  sich  dadurch  nicht  beeinflussen. ­
  Da  argumentierte  er  aus  der  Sache  selbst
heraus,  da  suchte  er  in  den  sozialen  Dingen  selbst
ihre  Erklärung,  da  arbeitete  er,  kurz  gesagt,  wissenschaftlich. ­
        <pb n="14" />
        14

So  kommt,  mehr  durch  die  Tat  als  durch  bewußten ­
  Entschluß,  das  sozialwissenschaftliche  Denken
auf  seine  eigenen  Füße  zu  stehen.  Die  ungeheure  Bedeutung ­
  dieses  Prozesses  liegt  nicht  dort,  wo  ein
Feind  der  Religion  sie  suchen  könnte.  Sozialwissenschaft ­
  und  Religion  schieden  vielmehr  wie  zwei
Freunde,  die,  in  verschiedene  Lebenslagen  und  Lebensgewohnheiten ­
  geraten,  den  täglichen  Verkehr  als
eine  Last  und  als  aufreibend  empfinden  und  deshalb
schließlich  nicht  mehr  Zusammenkommen.  War  man
einmal  entschlossen,  den  großen  Versuch  zu  wagen,
das  soziale  Geschehen  kausal  zu  begreifen,  so  mochte
zwar  noch  genug  des  Unbegreiflichen  im  einzelnen
Fall  anzuerkennen  sein,  —  schon  deshalb,  weil  jedes
konkrete  Phänomen  selbst  dann  noch  nicht  „restlos
erklärt“  ist,  wenn  man  alle  die  Elemente,  aus  deren
Zusammenwirken  es  entstand,  theoretisch  völlig  beherrscht: ­
  Denn  sie  mischen  sich  in  ihm  in  meist  unerklärbarem ­
  und  unbeherrschbarem  Gewirre  —  aber
es  war  kein  Platz  mehr  für  Einwirkungen  vom  Unerfaßbaren ­
  her:  Wo  man  auf  solche  hätte  rekurrieren
müssen,  da  wäre  die  Erklärung,  vom  wissenschaftlichen ­
  Standpunkt  aus  gesehen,  nicht  fortgesetzt
sondern  unterbrochen  worden.  Die  Bedeutung  der
fortschreitenden  Unterbindung  der  Adern,  die  jedes
soziale  Problem  einst  mit  der  Theologie  verbanden,
liegt  nun  eben  in  dem  heißen  Wollen,  durch  Sturm
und  Brandung  an  der  aus  erfahrbaren  Gliedern  bestehenden ­
  Kausalkette  festzuhalten  und  keine  Erklärung ­
  als  Erklärung  gelten  und  die  Arbeit  nicht
zu  Ende  sein  zu  lassen,  solange  diese  Kette  nicht  fest
        <pb n="15" />
        15
zwischen  erfahrbaren  Gründen  und  Folgen  hängt.
Nur  so  entsteht  Wissenschaft,  nur  so  erobert  sich  der
menschliche  Geist  —  keuchend  und  strauchelnd,  verdammt ­
  oder  verachtet  vom  Metaphysiker,  verlacht
von  der  Menge  —  die  Welt  der  Erscheinungen  um
uns.  Das  hat  sich  damals  vollzogen,  es  vollzog  sich
im  Glanz  einer  Begeisterung,  mit  einer  Kraft  und
Originalität,  die  nur  zu  bald  verglühten.
Die  Sozialwissenschaften  gewannen  dabei  —  zugleich ­
  mit  selbständiger  Existenz  —  Konzentration,
Bewegungsfreiheit,  positive  Aufgaben  und  die  Mittel
zu  ihrer  Lösung.  Und  auch  die  Theologie  gewann;  sie
wurde  von  Dingpn  befreit,  die  für  sie  unbeherrschbar ­
  und  lästiger  und  gefährlicher  Ballast  geworden
waren,  die  sie  zu  Parteistellungen  in  tausend  Fragen
nötigten,  die,  ihrem  Wesen  fremd,  sie  zu  überflüssigen
Kämpfen  und  Verlusten  führten.
Aber  wie  alle  Geistestaten,  so  gelang  auch  dieser
entscheidende  Schritt  nur  nach  vielen  und  durch  viele
Verirrungen.  Ich  habe  seinen  Sinn,  sein  Wesen  zu
charakterisieren  versucht,  so  wie  es  sich  uns  in  seinen
Konsequenzen  für  die  sozialwissenschaftliche  Arbeit
dar  stellt.  Auf  der  Oberfläche  jedoch  erscheint  noch
manches  andere,  was  keinen  bleibenden  Wert  hatte
und  uns  so  manche  melancholische  Wahrheit  über
die  Art  und  Weise  sagt,  wie  unser  Geist  arbeitet  und
fortschreitet.  Statt  zu  begreifen,  daß  Glauben  und
Analysieren  auf  verschiedenen  Ufern  eines  Stromes
liegen,  über  den  keine  intellektualistische  Brücke
führt,  und  daß  vernunftmäßiges  Begreifen  seine
Schranken  hat,  hielt  man  nun  die  Bahn  für  frei  zu
        <pb n="16" />
        16

einem  Lauf,  der  über  alle  Sterne  hinausführen  könnte.
Die  große  Schranke  des  Forschers  war  bis  dahin  der
Mensch  und  sein  Denken  und  Handeln 1  gewesen:  Da
hatten  die  Geheimnisse  und  das  Unerfaßbare  oder  Geoffenbarte
  begonnen.  Und  wie  man  nun  begriff,  daß
diese  Schranke  zu  übersteigen  sei,  und  wie  man,
gleichsam  von  der  Höhe  der  erstürmten  Schanze,
Wege  erblickte,  die  tief  in  die  soziale  Welt  führen
konnten,  da  meinte  man,  daß  sich  auf  diesen  Wegen
„Alles“  erreichen  lassen  und  Alles  zur  beweisbaren
Wissenschaft  gebändigt  werden  könnte.  Dieses
„Alles“  aber  umfaßte  auch  die  Gegenstände  der  Theologie ­
  und  die  menschlichen  oder  in  irgendeinem  Sein
„absoluten“  Ideale  und  Zwecke.  Die  Kluft  zwischen
diesen  und  positiver  Wissenschaft  haben  uns  zahllose
bittere  Enttäuschungen  gelehrt;  damals  sah  man  sie
nicht,  bemerkten  Viele  überhaupt  keinen  Wesensunterschied ­
  zwischen  ihnen  und  keine  Grenzen  der
Brauchbarkeit  unseres  logischen  Werkzeugs.  So
machte  man  sich  daran,  eine  untheologische  Theologie
zu  eranalysieren  einerseits  und  Ideale  und  Zwecke
als  solche  geradeso  beweisen  'zu  wollen  wie  einen
Kausalzusammenhang  andererseits.  Da  begann  der
Ikarusflug,  der  so  schlecht  ausfiel,  so  klägliche  Resultate ­
  zeitigte.  Die  glänzenden  Gestalten  der  Mystik
und  des  Wollens  in  den  Kleidern  der  alten  Tante  Ver-1
  In  der  mittelalterlichen  Philosophie  unterschied  man  vielfach
die  Menschen  (und  reingeistige  Wesen)  als  unmittelbare  Geschöpfe
Gottes  prinzipiell  von  den  Produkten  der  Naturgesetzlichkeit,  die
nur  mittelbar  auf  einen  Schöpfungsakt  zurückgingen.  Vgl.  z.  B.
Dantes  Wendung  Paradies  III,  87:  ciö  ch’ella  (d.  h.  der  göttliche
Wille)  cria  e  che  natura  face.
        <pb n="17" />
        17

nunft!  Aller  Glanz  verloren,  alle  schwachen  Punkte
beibehalten  —  es  war  fürwahr  ein  ärmlicher  Abschluß ­
  eines  in  seinen  Grundlagen  so  prächtigen
Baues!  Alle  die  Literaten,  die  sich  über  die  Religion
und  die  Ideale  der  Menschheit  machten,  substituierten
ihnen  die  Jämmerlichkeiten  des  Philisters  —  die  Anschauungen ­
  des  täglichen  Lebens  ihrer  Klasse.  Und
das  allein  hat  dem  Werk  des  18.  Jahrhunderts  jenen
Ruf  kühlen  Rationalismus’  eingetragen,  einer  flachen
Überschätzung  hausbackener  Vernunft.  Zwar  hatte
schon  dem  gegenüber  die  Kritik  dessen,  was  die  Analyse ­
  leisten  kann,  eingesetzt.  Zwar  hat  das  18.  Jahrhundert ­
  selbst  schon  von  seinen  eigensten  Grundlagen
aus  schließlich  eine  Vernunftkritik  gewonnen,  die  zu
den  größten  Leistungen  der  Geistesgeschichte  gehört ­
  —  und  ihren  Gipfel  in  Hume  und  Kant  erklommen. ­
  Zwar  gab  es  mehr  Lebensglut  und  Idealfreudigkeit ­
  als  jemals  —  man  denke  nur  an  Sturm
und  Drang,  an  die  religiösen  Bewegungen  in  England
und  Deutschland,  mögen  diese  letzten  auch  unser
Gefühl  wenig  anziehen,  an  das  Erwachen  sozialer
Sympathien.  Aber  die  Nicolais  und  Gottscheds  aller
Länder  waren  eben  auch  da,  und  an  sie  hielt  sich
das  Urteil  der  Späteren,  das  sich  ja  stets  an  die
Niederungen  hält.  Endlich  hatten  sich  viele  der
leitenden  Geister  und  viele  der  tüchtigsten  Durchschnittsarbeiter ­
  gerade  auf  diesem  Feld,  in  dem  so
empfindliche  Wurzeln  ruhen,  so  kompromittiert,  daß
man  das  nicht  von  ihren  dauernd  wertvollen
Leistungen  schied  —  nichts  fällt  dem  Menschen  ja
so  schwer,  als  eine  Verurteilung  zu  qualifizieren  und
Schumpeter,  Yergangenh.  u.  Zukunft  d.  Sozialwissensch.  2
        <pb n="18" />
        18

dieselbe  Geistesverfassung,  die  zu  Verirrungen  geführt ­
  hat,  die  er  nicht  verzeihen  kann,  in  anderen
Gebieten  als  verdienstvoll  anzuerkennen:  Mit  der
„Aufklärung“  und  all  den  öden  Phrasen,  in  die  das
Ungeheuer  Publikum  die  Geistestaten  der  Zeit  verarbeitete, ­
  haben  wir  aber  hier  nichts  zu  tun,  so  wenig,
wie  der  Maler,  der  eine  Eiche  malt,  sich  um  die
Würste  zu  kümmern  braucht,  in  die  die  Schweine,  die
im  Eichenwald  weiden,  verarbeitet  werden.
Viele  also  schieden  nicht  einfach  von  der  Theologie, ­
  sondern  zogen  sie  ein  Stück'  mit  sich  fort.
Schließlich  kam  es  zum  Scheiden,  aber  vorher  noch
zur  „natürlichen  Theologie“.  Wir  finden  sie  als  Bestandteil ­
  der  großen  Lehrsysteme  der  Moralwissenschaft ­
  jener  Zeit  und  des  Curriculum  der  Universitäten ­
  neben  Rechts-,  Sitten-  und  Wirtschaftslehre.
Und  sie  war  nicht  etwa  eine  Religionswissenschaft
von  der  Art,  wie  wir  sie  heute  kennen,  keine  Lehre
von  den  sozialen  Funktionen  und  Erscheinungsformen
der  Religion  —  von  der  Religion  als  sozialer  Erscheinung ­
  —  sondern  eine  Diskussion  des  Wahrheitsgehaltes ­
  der  fundamentalen  Glaubenssätze,  ein  Versuch, ­
  diese  Glaubenssätze  logisch  zu  beweisen  oder
zu  widerlegen.  Das  konnte  für  die  Folgezeit  keine
Bedeutung  behalten  und  speziell  für  die  Sozialwissenschaft ­
  hat  es  nur  d  i  e  Bedeutung,  daß  solche  Diskussionen ­
  Vorläufer  waren  für  jene  wissenschaftliche
Untersuchung  der  psychologischen  und  soziologischen
Tatsachen  des  religiösen  Lebens.  Hätte  ich  Raum,
so  könnte  ich  die  Keime  solcher  Tendenzen  sogar  in
jener  „natürlichen  Theologie“  nachweisen.
        <pb n="19" />
        19
Auch  von  fachtheologischer  Seite  lenkte  man  vielfach, ­
  das  Wesen  des  Gebiets  verkennend,  in  diese
Bahnen  ein.  Als  Beispiel  sei  das  berühmteste  Buch
der  anglikanischen  Theologie  genannt,  Bischof
Butlers  „Analogy  of  religion“.  Da  war  der  Versuch
gemacht,  zu  zeigen,  daß  die  religiösen  Lehren  durchaus ­
  der  Denkweise  der  Naturwissenschaften  entsprechen ­
  und  der  Vernunft  nicht  mehr  und  nicht
weniger  Schwierigkeiten  machen  als  diese.  Die  endliche ­
  Wirkung  des  Buchs  war  der  beabsichtigten  gerade ­
  entgegengesetzt,  und  wenn  es  etwas  bewies,  so
war  das  die  furchtbare  Ausdehnung  der  großen  Kluft.
Nun  sind  zwar  die  einzelnen  Autoren  oder  vielmehr ­
  Schulen  auf  diesem  Feld  zu  sehr  verschiedenen
Resultaten  gelangt,  welche  trotz  aller  Verherrlichung
der  absoluten  Vernunftherrschaft  wesentlich  Kinder
der  betreffenden  religiösen  Milieus  sind,  in  denen
ihre  Autoren  aufgewachsen  waren.  Aber  trotzdem
evolvierte  eine  Auffassung,  welche  man  immerhin  mit
größerem  Recht  als  irgendeine  von  den  andren  als
Produkt  derjenigen  Zeittendenzen  bezeichnen  kann,
welche  auf  kongenialeren  Gebieten  soviel  für  die
Sozialwissenschaften  leisteten.  Das  war  der  Deismus.
Wir  wollen  auf  ihn  und  die  zahlreichen  Formen,  die
er  annahm  —  das  Wort  deckt  sehr  verschiedene  Inhalte ­
  —  nicht  eingehen.  Für  unseren  Zweck  ist  er
nur  in  zwei  Richtungen  wichtig:  Einmal  deshalb,
weil  er  uns  als  praktisches  Beispiel  für  die  Leistungsunfähigkeit ­
  logischer  Analyse  in  dieser  Beziehung
dienen  kann,  an  welchem  wir  sehen  können,  wie  eine
Vernunftreligion  aussieht,  wie  sehr  sie  nur  in  nega-
        <pb n="20" />
        \

20

*

tiver  Beziehung  vom  emotionellen  Glauben  abweicht ­
  und  in  dem,  was  sie  festhält,  doch  ganz  auf
ihm  basiert,  und  was  ihr  Schicksal  sein  muß:  Der
Deismus  hat  nämlich  als  Ideenrichtung,  welche  überhaupt ­
  mit  Aussicht  auf  Erfolg  vertreten  werden  kann,
das  18.  Jahrhundert  nicht  überlebt,  obgleich  er  gerade ­
  heute  ungefähr  den  tatsächlichen  Ansichten  der
Mittelschichten  der  europäischen  Gesellschaft,  vor
allem  also  des  industriellen  Bürgertums  entspricht.
Er  brach  zusammen  zwischen  zwei  Feuern.  Alle,
denen  der  Glaube  tiefes  Bedürfnis  war,  wandten  sich
grimmig  gegen  diese  Verwässerung  alles  dessen,
was  dem  religiösen  Leben  Gehalt  und  Farbe  gibt,  und
alle,  die  vom  Glauben  wirklich  los  und  sich  mit  der
erfahrungsmäßig  gegebenen  Welt  begnügen  wollten,
wandten  sich  nicht  weniger  entschieden  gegen  diesen
—  zwar  verwässerten  —  Glauben.  Beide  hatten
von  ihren  Standpunkten  recht,  und  so  muß  es  allen
solchen  Versuchen  gehen.  Zweitens  ist  der  Deismus ­
  für  uns  interessant,  weil  er  eine  Zwischenstufe  ist
zwischen  dem  Offenbarungsglauben  früherer  Forsche%enerationen
  und  einigen  der  Weltanschauungen,
dis  aus  der  Forschertätigkeit  im  19.  Jahrhundert  erwuchsen, ­
  nämlich  den  verschiedenen  Arten  von  „Materialismus“, ­
  wie  ich  in  Ermangelung  eines  besseren
Wortes  sagen  will.  Diese  waren  zwar  keine  Theologie ­
  mehr,  aber  sie  waren  die  Frucht  einiger  der
Tendenzen,  die  aus  der  „natürlichen  Theologie“  entstanden. ­
  Man  sieht,  den  Versuch,  der  im  18.  Jahrhundert ­
  so  schlecht  gelang,  gab  auch  die  Folgezeit
nicht  ohne  weiteres  auf;  die  Entwicklungsrichtung  —
        <pb n="21" />
        21

das  sei  gleich  hier  erledigt  —  in  dieser  Beziehung
zeigt  nur  ein  Abflauen  in  der  Energie  dieser  Vorstöße ­
  von  seiten  der  positiven  Wissenschaft  und  ein
Schrumpfen  des  relativen  Baums,  den  diese  Diskussionen ­
  in  Anspruch  nehmen  einer-,  und  eine  immer
strengere  Scheidung  derselben  von  der  konkreten
wissenschaftlichen  Arbeit  andrerseits.
Das  waren  also  gleichsam  die  Wehen,  unter  denen
damals  die  Loslösung  des  sozialwissenschaftlichen
Denkens  von  der  Theologie  vor  sich  ging,  und  in
manchem  Geist  mögen  sie  schmerzvoll  gewesen  sein.
Es  wäre  nun  nur  logisch  gewesen,  wenn  man  sich
gleichzeitig  von  aller  Metaphysik  gelöst  hätte;  denn
vom  Standpunkt  wissenschaftlicher  Arbeit  liegt  die
außertheologische  Metaphysik  genau  so  außerhalb
unseres  Bereichs  wie  die  Theologie  und  die  Loslösung ­
  von  der  ersteren  hat  von  diesem  Standpunkt
ganz  dieselbe  Bedeutung  wie  die  Loslösung  von  der
letzteren.  Und  entgegen  oft  wiederholten  Behauptungen ­
  ist  im  Wesen  diese  Loslösung  geglückt  und
der  Gewinn  des  schmerzenden  Schnittes  realisiert
worden.  Alle  die  Leistungen  jener  Zeit,  von  denen
ich  einige  gleich  berühren  werde,  sind  frei  von  allen
im  metaphysischen  Sinn  spekulativen  Obersätzen,
sind  aus  der  Erfahrung  gewonnen  und  nicht  nur  etwa
unbewußt  und  tatsächlich,  sondern  auf  Grund  der  erkenntnistheoretischen ­
  Basis  der  Zeit.  Wird  das  so
sehr  verkannt,  so  kommt  das  nur  daher,  weil  der  historische ­
  Kritiker  bei  uns  so  sehr  nach  allem  hascht,,
was  irgendwie  sich  metaphysisch  deuten  läßt,  und
sich  dafür  soviel  mehr  interessiert  als  für  die  analy ­
        <pb n="22" />
        tische  Gedankenarbeit.  Allein  trotzdem  ist  es  wahr,
daß  die  Loslösung  hier  noch  langsamer  vor  sich  ging.
An  die  Metaphysik  klammerte  sich  das  Sehnen,  das
noch  blieb,  als  man  mit  Resignation  der  Theologie
gegenüber  sich'schon  abgefunden  hatte.  Noch  lange,
nachdem  man  der  gebotenen  und  geoffenbarten  Metaphysik, ­
  der  Theologie,  entsagt  hatte,  glaubte  man,  die
freie  Konstruktion  metaphysischer  Welten  innerhalb
der  Wissenschaft  festhalten  zu  können,  ohne  zu  bedenken, ­
  daß  Geboten  unterworfene  und  freie  Spekulation, ­
  philosophische  und  religiöse  Metaphysik  sich
nur  durch  das  für  das  Wesen  der  Sache  gleichgiltige
Moment  der  äußeren  sozialen  Sanktion  unterscheiden.
Und  bis  heute  sind  metaphysische  Schatten  der
Wissenschaft  auf  ihrem  Weg  gefolgt.
Es  begann  die  Herrschaft  des  Glaubens  an  eine
universelle  Harmonie.  An  sich  liegt  darin  ja  noch
keine  metaphysische  Behauptung,  sondern  nur  die  Erfahrungstatsache, ­
  daß  die  Dinge  um  uns  kein  Haufen
zusammenhangloser  Einzelerscheinungen  sind,  vielmehr ­
  eben,  weil  wir  sie  beschreiben  und  voraussehen
können,  offenbar  nach  gewissen  allgemeinen  Regeln
entstehen  und  vergehen.  Aber  diese  Tatsache  oder
Annahme  wurde  oft,  wie  früher  auf  eine  persönliche
Gottheit,  so  nun  auf  eine  nicht  außerweltliche,  aber
als  reales  Agens  die  Welt  durchdringende  Wesenheit
hypostasiert  —  in  der  Form  eines  Pantheismus  oder
Panentheismus.  Nun  spreche  ich  hier  nicht  von  dieser
Weltanschauung  als  Weltanschauung.  Soweit  sie  nur
das  ist,  und  so  weit  sie  aus  dem  Reich  der  Metaphysik
nicht  heraustritt,  kommt  sie  für  unsern  Zweck
        <pb n="23" />
        23

nicht  in  Betracht.  Aber  ich  möchte  hervorheben,  daß
diese  Auffassung  auch  eine  der  Formen  war,  in  der
der  große  Gedanke  des  Naturgesetzes  zuerst  auftrat.
Wären  Entwicklungsreihen  nicht  stets  so  traurige
Halbwahrheiten,  so  würde  ich  sagen,  daß  die  Annahme ­
  oder  Erkenntnis  der  Gesetzmäßigkeit  alles  Geschehens, ­
  auf  der  alle  Wissenschaft  beruht,  sich  in
den  folgenden  Etappen  durchringt:  Zuerst  wird  sie
verstanden  als  Wirkung  außerweltlichen  Götterwillens, ­
  dann  als  Äußerung  eines  mit  der  Welt  identischen ­
  geistigen  Etwas,  dann  als  Ausdruck  irgendwelcher ­
  natürlicher,  aber  als  besonderer  Realitäten
existierender  „Kräfte“,  endlich  als  erfahrungsgemäß
gegebene  Beziehung  zwischen  den  sich  gegenseitig
bedingenden  Erscheinungen.  Inhaltlich  können  die  Erkenntnisse ­
  der  Wissenschaft  dieselben  sein,  welcher
Anschauung  man  auch  huldigen  mag.  Das  18.  Jahrhundert ­
  vollendete  in  einzelnen  Ausläufern  schon  die
vierte  Etappe.  Ausgegangen  ist  es  im  Wesen  noch
von  der  ersten.  Und  die  Masse  der  Denker  hält  überwiegend ­
  zwischen  der  zweiten  und  dritten.  Während
aber  für  die  Naturwissenschaft  das  nicht  mehr  als
eine  philosophische  Gesamtauffassung  bedeutete  und
auch  für  die  Sozialwissenschaften  nach  und  nach  dasselbe ­
  zu  gelten  begann,  so  ist  es  doch  wahr,  daß
in  einzelnen  wichtigen  Fällen  die  Philosophie  der
zweiten  Etappe  die  sozialwissenschaftliche  Arbeit
auch  inhaltlich  beeinflußte.  Selten  nur  unterwarf  sich
der  Mann  der  Einzelwissenschaft  dieser  Anschauung
im  Detail  seiner  Arbeit.  Oft  aber  sprach  der  Philosoph ­
  von  dieser  Anschauung  aus  über  konkrete  so ­
        <pb n="24" />
        zialwissenschaftliche  Probleme  —  und  zwar  mit  Erfolg: ­
  Er  wurde  gehört  und  er  beeinflußte.  Wie  immer
man  diese  Schöpfungen  beurteilen  mag,  ob  man  in
ihnen  die  stärkste  Wirklichkeit  oder  Begriffsdichtungen ­
  sieht,  sicher  ist,  besonders  in  Deutschland,
ihr  Kulturwert  überaus  groß  gewesen.  Das  höchste
Lebensgefühl  projizierte  sich  in  sie,  die  höchsten
Lebensideale,  vor  allem  das  große  deutsche  Humanitätsideal,
  rankten  sich  um  sie.  Man  mag  bei  der  Lektüre ­
  der  Schriften  Wilhelm  von  Humboldts  seine
Metaphysik  mit  Energie,  selbst  mit  Abneigung  zur
Seite  werfen,  großartig  bleibt  trotzdem  jener  Drang
nach  bewußtem  Leben,  nach  geistiger  Verarbeitung
und  Assimilierung  alles  dessen,  was  Leben  und  Welt
uns  bieten.
Aber  das  ändert  nichts  daran,  daß  der  Einfluß
der  Metaphysik  für  die  sozialwissenschaftliche  Arbeit
stete  Störung  und  steten  Kraftverlust  bedeutete  und
noch  bedeutet.  Immer  wieder  wird  der  eroberte
Boden  dadurch  gefährdet,  immer  wieder  das  Geleistete ­
  entstellt  und  Mißverständnissen  von  dieser
Seite  her  ausgesetzt.  Man  hätte  hoffen  können,  daß
nach  Kant  sich  die  Dinge  wandeln  würden;  denn
seine  große  Leistung  war  es,  der  Spekulation  ihre
Grenzen  zu  ziehen.  Aber  er  selbst  öffnete  in  der
„Kritik  der  Urteilskraft“  die  in  der  „Kritik  der  reinen
Vernunft“  zugeworfene  Pforte  wieder  und  die  gewaltige ­
  Welle  metaphysischer  Spekulation  folgte  erst
noch:  Fichte,  Schelling,  Hegel  usw.  Nehmen  wir
Hegel  zum  Beispiel.  Der  Physiker  kann,  wenn  das
in  seiner  Geschmacksrichtung  liegt,  sich  des  Hegel-
        <pb n="25" />
        25

sehen  Gebäudes  freuen.  Denn  niemand  wird  ihm  von
diesem  aus  ernstlich  seinen  Weg  weisen  und  ernstlich
daran  denken  wollen,  naturwissenschaftlichen  Einzelresultaten ­
  daraus  Einwendungen  zu  machen.  Hegel
selbst  machte  durchaus  nicht  vor  dem  physischen  Geschehen ­
  halt,  wie  sein  unsterblicher  Versuch  lehrt,  die
Zahl  der  Planeten  durch  Metaphysik  und  Zahlenmystik ­
  bestimmen  zu  wollen.  Mit  Unrecht  nimmt  das
der  Hegelianer  leicht.  Denn  das  war  keine  Entgleisung, ­
  sondern  bloß  die  Anwendung  der  gleichen  Methode, ­
  mit  der  Hegel  stets  arbeitete.  Aber  das  machte
den  Naturwissenschaften  nichts,  weil  es  ja  doch  niemand ­
  ernst  nahm.  Den  Sozialwissenschaften  aber
schadete  der  Hegelianismus  gar  sehr;  denn  auf
diesem  Neubruch  wurde  Hegel  ernst  genommen.  Und
so  drangen  denn  von  hier  aus  Auffassungsweisen
und  Behauptungen  in  das  sozialwissenschaftliche
Arbeiten  ein,  die  eine  stete  Abwehr  erforderten  und
eine  nie  versiegende  Quelle  von  Verirrungen  waren.
Noch  heute  muß  der  sozialwissenschaftliche  Arbeiter
sein  Werk  vollenden  wie  die  Arbeiter  an  der  biblischen ­
  Stadtmauer:  mit  einer  Hand  nur,  während  die
zweite  das  Schwert  hält.  Und  das  Unglück  wäre  noch
größer,  wenn  Hegel  nicht  mit  einem  Seitenblick  auf
die  Wirklichkeit  spekuliert  hätte,  so  daß  viele  seiner
Sätze  nur  metaphysierte  Alltagsbeobachtungen  seiner
Zeit  und  seiner  Umwelt  wären.  Aber  auch  so  liegt
hier  einer  der  Gründe,  warum  die  Sozialwissenschaft
so  langsam,  ach  so  langsam  dem  Licht  des  Tages  entgegenstrebt. ­

Das  alles  sehen  wir,  wenn  wir  nun  jenes  Terrain
        <pb n="26" />
        betreten,  das  der  Metaphysik  am  nächsten  liegt;  —
freilich  sehen  wir  auch,  daß  die  wissenschaftlichen
Bäume  trotzdem  kräftig  aus  dem  Unterholz  wuchsen.
Gewiß  betrachtete  man  in  der  Psychologie  noch  das
metaphysische  Problem  der  Seele,  aber  an  die  Stelle
der  primitiven  Auffassung  treten  immer  neue  Verfeinerungen ­
  derselben  —  die  Seele  wird  immer  mehr
als  die  Einheit  der  psychischen  Erscheinungen  des
Individuums,  als  Träger  seiner  Persönlichkeit,  seines
Char  akters  interpretiert.  Und  wird  die  Persönlichkeit
auch  auf  ein  besonderes  reales  Agens,  der  Charakter
des  Individuums  als  Symbol  einer  vom  Weltgeist  abgespalteten ­
  „Idee“  metaphysisch  hypostasiert,  als  ein
Funken  einer  übersinnlichen  Flamme,  so  lag  darin
kaum  mehr  als  eine  gleichsam  künstlerische  Verklärung ­
  der  Tatsache,  daß  die  Elemente,  die  eine  Persönlichkeit ­
  ausmachen,  lebendige  Zellen  eines  organischen ­
  Ganzen  sind.  Und  vor  allem  hinderte  diese
ästhetische  Interpretation  des  Charakters  nicht  die
wissenschaftliche  Arbeit,  die  in  unendlich  reichem,
in  allen  Farben  des  Regenbogens  blitzendem  Strom
hervorbrach.
Für  uns  ist  diese  psychologische  Arbeit  deshalb
von  größter  Bedeutung,  weil  sie  direkt  und  indirekt
zu  einer  der  Grundlagen  der  sozialwissenschaftlichen
wurde.  In  der  Tat,  wenn  man  das  Verständnis  der
sozialen  Dinge  in  den  sozialen  Dingen  selbst  suchen
wollte,  so  mußte  die  Erforschung  des  menschlichen
Handelns  und  der  menschlichen  Psyche,  der  Art  wie
unsere  Psyche  funktioniert,  zu  einer  der  Hauptauf ­
        <pb n="27" />
        27

gaben  werden  —  der  Mensch  mußte  in  das  Zentrum
des  wissenschaftlichen  Interesses  rücken,  aus  dem  das
geoffenbarte  Gebot  gewichen  war.  Von  jedem  Standpunkt ­
  muß  man  das  anerkennen  —  auch  wenn  man
noch  so  sehr  eine  „objektive“,  unpsychologische  Sozialwissenschaft ­
  wünscht  und  noch  so  sehr  einsieht,
daß  man  für  viele  Probleme  mit  der  Psychologie  nicht
auskommt.  Erst  wenn  man  erkannt  hat  —  wie  definitiv ­
  von  Kant  verkündet  wurde  —,  daß  jeder  nur  von
seiner  Subjektivität  aus  in  die  Welt  überhaupt  und
also  auch  in  die  soziale  Welt  blicken  kann,  und  ferner,
daß  sich  alle  eventuellen  objektiven  Notwendigkeiten
nur  in  der  Psyche  spiegeln  können,  kann  man  sagen,
daß  die  Sozialwissenschaften  flott  geworden  sind.  Und
eine  der  größten  Taten  jener  Zeit  war,  sie  flott  gemacht ­
  zu  haben.  Unerschöpflich  war  ihr  Interesse
für  den  Menschen  und  unerschöpflich  die  Flut  origineller- ­
  Anregungen.
Die  frühere  Zeit  enthielt  schon  Keime.  Schon  bei
Leibniz  klingen  die  mysteriösen  Mächte  des  Unterbewußten ­
  an.  Das  17.  Jahrhundert  kannte  sonst  freilich ­
  nicht  viel  mehr  als  eine  auf  sehr  alten  Wurzeln
beruhende  Lehre  von  den  Affekten  und  erst  in  seinen
letzten  Zügen  Lockes  Bewußtseinsanalyse.  Aber  das
18.  Jahrhundert  bringt  in  England  eine  Psychologie
der  „Triebe“  (Hartley,  Hume)  und  rastloses  Sammeln
und  Belauschen  der  Tatsachen  des  täglichen  Lebens,  in
England  und  in  Deutschland  die  Assoziationspsychologie, ­
  in  Frankreich  die  Untersuchung  des  Funktionieren ­
  der  Sinnesapparate,  die  in  dem  Sensualis ­
        <pb n="28" />
        28

mus  Condillacs  gipfelt 1 .  Um  nun  bei  Deutschland
zu  bleiben:  Da  haben  wir  zunächst  die  „rationale“
Psychologie,  die  zunächst  freilich  nur  metaphysische
Seelenlehre  war.  Dazu  kommt  aber  die  empirische
Psychologie,  der  Chr.  Wolff  die  Tore  des  Systems  öffnete ­
  und  die,  unterstützt  durch  die  Arbeit  zahlloser
Sammler  von  Einzeltatsachen,  sich  in  ganz  modernem
Geist  entwickelte  —  auch  ethnologisches  Material
verwertete,  so  daß  sich  schon  die  moderne  Sozialpsychologie ­
  einer-  und  die  moderne  Völkerpsychologie ­
  andererseits  bemerkbar  macht.  Wie  stark  dieses
Interesse  war,  zeigt  Moritz’  „Magazin  für  Erfahrungsseelenkunde“. ­
  Und  Wolffs  Eortsetzer,  Feder  und
andere,  unter  denen  Tetens  hervorragt,  bebauten  mit
schönstem  Erfolg  den  Neubruch.  Auch  die  Empfindungsanalyse, ­
  die  uns  jedoch  weniger  berührt,  die
später  Goethe,  Schopenhauer,  Johannes  Müller  u.  a.
entwickelten,  kündigte  sich  an.  Daneben  aber  entstand, ­
  zum  Teil  getragen  durch  das  populäre  Verlangen ­
  nach  „Menschenkenntnis“,  eine  Charakterologie, ­
  eine  Psychologie  der  individuellen  Differenzen
würden  wir  heute  sagen,  die  in  unseren  Tagen  neu
auf  blüht.  Das  Verdienst  Lavaters  und  mancher  anderer ­
  wurde  freilich  —  zum  Teil  wegen  mancher
Sonderbarkeiten,  die  den  Kern  der  Sache  verhüllten
—  nicht  ganz  nach  Gebühr  gewürdigt.  Auch  die

1  Ein  gutes  Beispiel  wieder  für  die  Verquickung  von  einzelwissenschaftlichera
  Resultat  und  philosophischer  Spekulation,  dafür,
wie  schwer  es  uns  fällt,  den  alten  Glauben  aufzugehen,  daß  die
Wissenschaft  auch  schon  Weltanschauung  sei  oder  doch  ohne  weiteres ­
  zu  einer  Weltanschauung  führe.
        <pb n="29" />
        29

Psychopathologie  kündigte  sich  an.  Bis  weit  in  das
19.  Jahrhundert  haben  alle  diese  Richtungen  sich  tatsächlich ­
  erhalten.  Eine  ununterbrochene  Linie  führt
z.  B.  von  Hartley  über  James  Mill  zu  Bain.  Man  sieht
auch,  wie  universell  alles  das  ist,  wie  viele  grundverschiedene ­
  Gesichtspunkte  sich  gleichzeitig  auswirken ­
  —  und  das  soll  das  kahle,  flache,  banale  Jahrhundert
  gewesen  sein?!
Ereilich  —  wohl  am  schlimmsten  fuhr  gerade
jener  Teil  der  Psychologie,  der  für  uns  am  wichtigsten ­
  ist,  die  Motivenlehre.  Zunächst  wurde  fraglos
die  Bedeutung  des  bewußten  Motivs  und  die  Promptheit ­
  und  Folgerichtigkeit  unseres  Reagierens  darauf
gründlich  überschätzt.  Sodann  aber  tat  man  damals
eben  die  ersten  Schritte  nach  einem  fernen  Gebirge
hin  —  was  Wunders,  daß  seine  Linien  viel  einfacher
schienen  als  uns,  die  wir  mitten  in  den  Geröllhalden
herumklettern?  Daher  kommt  es,  daß  man  die  individuellen ­
  Motive  als  ein  letztes  Datum  hinnahm  und
wenig  nach  ihrer  sozialen  Formung  und  Bedingtheit
fragte,  und  daß  man  sich  mit  einigen  wenigen  und
einfachen  begnügte,  wie  Egoismus,  Sympathie  usw.
Besonders  der  Egoismus  kam  ganz  bedenklich  zu
Ehren.  Und  um  das  Malheur  vollzumachen,  wurde  er
auch  noch  ganz  individuell  gefaßt  —  seine  Abstufungen ­
  in  den  Kreisen  von  Familie,  Klasse,  Nation,  Rasse
wurden,  wenn  nicht  übersehen,  so  doch  wenig  beachtet ­
  —  und  ganz  hedonistisch  orientiert,  d.  h.  an  den
treibenden  Faktor  eines  lediglich  lustsuchenden  und
schmerzfliehenden  Wollens  gekettet:  dieser  hedonische
  Egoismus  war  die  Basis  des  Systems,  für  das
        <pb n="30" />
        30

der  Name  Utilitarismus  üblich  wurde  und  das  seine
Vollendung  unter  der  Führung  Benthams  errang  und
noch  bis  zum  Tode  des  jüngeren  Mill  (1873)  als
die  in  Fachkreisen  „herrschende“,  wenn  auch  sonst
gründlich  unpopuläre  Ideenrichtung  auf  diesem  Gebiet ­
  in  England  bezeichnet  werden  kann,  soweit  es
jemals  einen  Sinn  haben  kann,  von  „herrschenden“
Ideenrichtungen  zu  sprechen.
Das  alles  reicht  weit  zurück.  Schon  Hobbes  (elements
  1640,  De  cive  1642)  geht  von  einem  solchen
hedonischen  Egoismus  aus,  der  von  ihm  während
seines  Pariser  Aufenthalts  von  Gassendi  entweder
übernommen  oder  in  ihm  bestärkt  wurde.  Die  Sache
lag  nahe  genug,  und  schon  vor  Hobbes  war  man  in
England  und  in  Italien  in  diesem  Fahrwasser.  In
dieser  Zeit  nun  reagierten  wohl  viele  gegen  den
hedonischen  Egoismus  —  wohl  mehr  gegen  seine
angebliche  oder  wirkliche  Ideallosigkeit,  als  gegen
seinen  Wert  als  Erklärungsprinzip  —,  aber  er  setzte
sich  dennoch  fast  auf  allen  Gebieten  durch.  Und  wir
werden  das  verstehen.  Lebensauffassung  war  das
freilich  keine,  aber  es  war  sicher  eine  erste  Annäherung ­
  zur  Erfassung  des  Motivlebens.  Weder  „Egoismus“ ­
  noch  „hedonischer  Egoismus“  sind  wirklichkeitsfremde ­
  Phrasen  oder  Namen  für  uninteressante
Dinge:  Immer  muß  die  Rolle,  die  sie  spielen,  erheblich ­
  sein,  und  wenn  man  von  ihnen  ausgeht,  kann  man
zwar  nie  die  volle  Wirklichkeit,  wohl  aber  ein  erkleckliches ­
  Stück  der  Wirklichkeit  begreifen.  Vor  allem
ist  dieses  Moment  real  und  beobachtet,  nicht  etwa
eine  metaphysische  Spekulation.  Mag  die  Beobach-
        <pb n="31" />
        31

tung  roh  sein  —  sicher  ist  sie  das  ja  —  so  kann  man
doch,  was  aus  ihr  abgeleitet  wird,  nicht  einfach  als
spekulativ  und  unwissenschaftlich  verwerfen.
In  der  Analyse  des  Denkprozesses  als  solchen
wurde  meines  Wissens  nicht  viel  geleistet.  Er  war
noch  ein  vorwiegend  metaphysisches  Problem.  Auch
die  Logik  im  engeren  Sinn  kam  nicht  wesentlich
weiter  und  noch  bis  in  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
herrscht  die  alte  Scholastik  der  Schlußlehre  —  noch
John  St.  Mill  studierte  Logik  an  Du  Trieu’s  manuductio
  ad  logicam,  die  ganz  mittelalterlichen  Geist
atmet.  Desto  mehr  aber  geschah  in  der  Erkenntnistheorie, ­
  namentlich  durch  Hume.  Seine  Erkenntnis,
daß  die  Kausalbeziehung  nichts  ist  als  eine  spekulativ ­
  überschätzte  Zeitfolge  von  Erscheinungen,  ist
nur  einen  Schritt  von  der  soziologischen  Erkenntnistheorie ­
  entfernt,  die  sich  heute  ankündigt.  Allein
dieser  Schritt  —  nämlich  das  Begreifen  der  Art  und
Weise,  wie  aus  zeitlicher  Aufeinanderfolge  psychisch
jenes  festere  Gebilde  wird,  das  wir  Kausalrelation
nennen,  aus  den  Notwendigkeiten,  unter  denen  die
soziale  Gruppe  lebt  —  wurde  meines  Wissens  nicht
gemacht.
Es  mag  befremden,  wenn  ich  jetzt  die  Leistungen
jener  Zeit  auf  dem  Gebiet  der  Ästhetik  übergehe.
Könnte  man  doch  das  18.  Jahrhundert  das  ästhetische ­
  nennen!  Im  Leben  wie  im  Denken  kehrte  man
damals  den  ästhetischen  Gesichtspunkt  hervor,  um
das  Leben  zum  Kunstwerk  und  das  Kunstwerk
lebendig  zu  machen  —  und  das  ästhetische  Moment
hat  dieses  Jahrhundert  unserem  Kultur  System  ver ­
        <pb n="32" />
        32

macht.  Trotzdem  ist  seiner  Ästhetik,  soviel  ich  sehe,
nicht  nur  das  soziologische  Element  fremd  —  das  lag
für  die  Ästhetik  noch  im  Schoß  der  Götter  —  sondern
sie  ist  auch  noch  so  spekulativ,  daß  sie  in  dieser  Übersicht ­
  nur  in  einer  Beziehung  Raum  finden  kann  —
in  ihrem  Einfluß  auf  das  Denken  in  Gebieten,  die  sich
heute  mehr  und  mehr  „soziologisieren“  K
Das  sehen  wir  gleich  an  der  Ethik  der  Zeit.  Die
große  Tat  war  die  Eroberung  des  ethischen  Feldes
für  die  Sozialwissenschaften,  das  Entstehen  einer
Ethik  als  Sozialwissenschaft.  Aber  viele  der  feinsten
Geister  gingen  nicht  den  direkten  Weg  zu  diesem  Ziel
—  es  wäre  ihnen  sogar  herzlich  unsympathisch  gewesen ­
  —,  sondern  sie  interpretierten  die  Sittlichkeit
als  eine  Forderung  des  ästhetischen  Gefühls,  sie
suchten  ihr  Wesen  im  bewußten,  harmonischen  Gestalten ­
  des  Lebens.  Nicht  besser  hätte  man  den  Geist
der  Zeit  erfassen  können,  und  das  erklärt  den  so  unglaublich ­
  großen  Erfolg  des  brillantesten  Vertreters
dieser  Stellung  —  Shaftesburys:  Weithin  und  tief
wirkte  er,  durch  alle  Länder  und  durch  alle  Gebiete.
Aber  eine  Theorie  der  ethischen  Tatsachen  war  das
nicht.  An  der  begannen  andere  zu  bauen.  Dabei  ist
es  ganz  Nebensache  für  uns,  von  wo  man  ausging.
Mochte  man  die  Sittlichkeit  egoistisch  fundieren,  wie
Mandeville  in  seinem  bizarren  Lehrgedicht,  oder  rein
1  Vgl.  jedoch  Justis  Winckelmann  I,  p.  200.  Ferner  sei  immerhin ­
  betont,  daß  die  starke  subjektivistische  Strömung  in  der  Ästhetik
jener  Zeit  (Harris,  Mendelssohn,  Sulzer  z.  B.)  ihrer  Natur  nach  in
diese  Richtung  weist,  wie  wir  das  ja  heute  wieder  sehen:  Subjektivierung,
  Psychologisierung,  Soziologisierung  der  Ästhetik 1  sind
Schritte,  die  hintereinander  auf  einem  Wege  liegen.
        <pb n="33" />
        33

rational  —  hier  gehen  die  Anfänge  auf  Spinoza  und
hinter  ihn  zurück  —  oder  emotional  —  hierher  gehört ­
  die  Schule  des  common  sense  und  hier  liegen
einige  der  Wurzeln  der  Stellung  Kants  in  diesem
Problemkreis  —  oder  auf  Sympathie  wie  Adam
Smith,  stets  haben  wir  Versuche  vor  uns,  die  Tatsachen ­
  der  Ethik  auf  erfahrbare  Erklärungsgründe
zurückzuführen.  Wie  die  Erklärungen  im  Einzelnen
gelangen,  ist  dann  bloß  von  sekundärer  Bedeutung.
Der  Weg  zur  Wissenschaft  vom  moralischen  Motiv 1 ,
Verhalten  und  Urteil  war  betreten.
Daß  die  meisten  Autoren  in  diesen  Richtungen ­
  noch  gelegentlich  nach  metaphysischen  Stützpunkten ­
  suchten,  berührt  das  Wesen  ihrer  Gedankengänge ­
  nicht.  Doch  ist  das  interessant:  Wie  doch  der
forschende  Geist  vor  den  Abgründen  schaudert,  an
denen  die  Forschung  vorbei  muß,  wie  er  nur  zagend
vordringt,  sich  gelegentlich  gleichsam  die  Augen  verbindet, ­
  um  nicht  zu  sehen,  wo  er  landen  muß,  wie
er  das  Ziel  oft  selbst  nicht  will,  nach  dem  ihn  unentrinnbare ­
  Notwendigkeiten  treiben,  wie  er  sich  über  die
Fortschritte,  die  seine  eigene  größte  Leistung  sind,
jeweils  trösten  muß!  Genüge  es,  festzuhalten:  Der
Strom  wissenschaftlicher  Entwicklung  brach  sich  mit
Macht  seinen  Weg,  obgleich  noch  mancher  Felsen  in
seinem  Bett  stehen  blieb,  an  dem  sich  für  lange  Zeit
die  Wogen  umsonst  abmühten.
Aber  es  wird  nachgerade  wichtig,  zu  betonen,  daß
die  wissenschaftliche  Betrachtung,  deren  Wachsen  ich
hier  schildere,  auch  auf  diesem  Gebiet  die  im  engsten
Sinn  philosophische  weder  verdrängen  kann  noch
Schumpeter,  Vergangenh.  u.  Zukunft  cU  Sozialwissensch.  3
        <pb n="34" />
        „soll“.  Die  Ethik  bleibt  als  ein  Teil  der  Metaphysik,
als  eine  philosophische  Deutung  der  ethischen  Tatsachen ­
  bestehen,  wenngleich  die  letztern  auch  Gegenstand ­
  wissenschaftlicher  Untersuchung  werden,  ganz
so,  wie  die  Eeligion  dadurch  nicht  berührt  wird,  daß
die  religiösen  Tatsachen  wissenschaftlich  analysiert
werden.  Das  verkannte,  man  damals  und  das  verkennt
man  zum  Teil  noch  heute.  Daher  stammt  ja  die  Feindseligkeit ­
  gegen  diese  Wissenschaften  und  die  stete
Lust  des  Philosophen,  ein  Ephorat  über  sie  auszuüben.
Und  damals  war  die  Differenzierung  zwischen  beiden
Problemreihen  erst  in  den  Anfängen,  und  dicht  nebenund
  durcheinander  finden  wir  die  Elemente  von  ethischen ­
  Philosophien  und  ethischen  Wissenschaften.
So  wenden  Freund  und  Feind  oft  Argumente  gegen
beide  an,  die  nur  für  die  einen  Sinn  haben,  und  so  entsteht ­
  die  Konfusion,  in  der  schließlich  den  Leistungen
jener  Zeit  gleichzeitig  basenlose  Spekulation  und  brutaler ­
  Empirismus  vorgeworfen  wird.
Das  aber  erklärt  es  nur  zum  Teil,  daß  die  von  damals ­
  auch  stets,  oder  fast  stets  —  denn  die  Strömung,
aus  der  Kants  Vernunftkritik  erwuchs,  hatte  schon
im  17.  Jahrhundert  eingesetzt  —  einen  Moralkodex
aus  ihrer  Moraltheorie  gewinnen  wollten  und  zwar
einen,  der  für  alle  Zeiten  und  Orte  gelten  und  an  dem
alle  empirisch  gegebenen  Moralkodices  zu  messen
sein  sollten.  Das  wollten  sie  nicht  bloß  in  ihrer  Eigenschaft ­
  als  Moral  Philosophen,  eine  Funktion,  die
sie  allerdings  fast  immer  ausübten,  sozusagen  im
Nebenamte,  sondern  auch  aus  einem  anderen  Grund,
den  ich  schon  angedeutet  habe.  Die  Zeit  fragte  vor
        <pb n="35" />
        35

allem:  „Was  sollen  wir?“  Sie  dürstete  nach  praktischer ­
  Weisheit,  nach  Hilfe  in  der  Fülle  des  realen
Lebens.  Die  Forscher  fühlten  mit  ihr,  denn  nur  langsam ­
  erwuchs  das  spezifisch  wissenschaftliche  Interesse. ­
  Und  die  Forscher  meinten  um  so  mehr  die
Dürstenden  tränken  und  die  Hungernden  speisen  zu
können,  als  sie  die  unüberbrückbare  Kluft  zwischen
Erkenntnis  und  Zielsetzung  nicht  sahen.  Die  Zielsetzung ­
  schien  ihnen  einfach  aus  der  Erkenntnis  zu
folgen,  auf  einem  Weg  zu  liegen,  der  sich  von  dem,
der  zum  Beweis  einer  Proposition  Euklids  führt,  gar
nicht  unterscheidet.  Sie  waren  sich  nicht  bewußt,
daß,  sowie  von  Wollen  und  Sollen  in  anderem  Sinn
die  Rede  ist  als  in  dem  Sinn,  daß  das  tatsächliche
Wollen  und  Sollen  konkreter  Menschen  und  Völker
und  Zeiten  kausal  begriffen  werden  kann,  der  Waggon
der  Wissenschaft  den  Schienenweg  der  Logik  verläßt
und  in  die  Luft  fliegt.  Warum  hätten  sie  also  dem
tiefsten  Sehnen  des  Menschen  Steine  statt  Brot  bieten,
auf  die  tiefsten  Fragen  mit  einem  Achselzucken  antworten ­
  sollen  —  wie  wir  es  heute  tun  müssen,  nachdem ­
  wir  die  Notwendigkeit  des  gewaltigen  Opfers
erkannt  haben?
So  gingen  sie  denn  unbefangen  von  der  Theorie
des  Seienden  zur  Forderung  des  Seinsollenden  über,
in  der  Ethik  wie  auf  allen  anderen  Gebieten.  Daher
machten  sie  den  aussichtslosen  Versuch,  ein  für  alle
Zeiten  und  Orte  „gütiges“  —  wenngleich  erst  durchzusetzendes ­
  —  Sittengesetz  zu  erkennen,  von  dem  sie
°ft  auch  noch  behaupteten,  daß  es  tatsächlich  Ziel
und  Sinn  der  tatsächlichen  Entwicklung  ausdrücke.
3  *
        <pb n="36" />
        36

Und  das  war  der  zweite  große  Irrtum  der  Zeit  in
bezug  auf  Überschätzung  der  Leistungsfähigkeit  des
Vernunftapparats:  Es  gibt  allgemein  gütige  Erkenntnisse ­
  über  das  Phänomen  der  Sittlichkeit,  es  gibt  aber
keine  allgemein  gütigen  sittlichen  Ideale 1 .  Wie  gesagt, ­
  jene  Zeit  selbst  schon  hat  diesen  Irrtum  überwunden ­
  und  Hume  und  Kant  haben  gezeigt,  wie  unvermeidlich ­
  jenes  Opfer  ist.  Doch  in  der  Praxis  wirkte
er  fort.  Weil  sich  nun  auch  die  Folgezeit  gerade  für
dieses  Sollen,  diese  praktischen  Programme  besonders
interessierte  und  den  Rest  —  der  den  Kern  enthielt  —
einfach  nicht  sah,  so  verwickelte  sich  mit  der  Niederlage ­
  dieses  Teils  des  Schaffens  jener  Zeit  eine  Niederlage ­
  des  Ganzen.  Wir  aber  müssen  beides  unterscheiden: ­
  Die  Theorie  des  Wesens,  der  Funktionen,
des  Entstehens  ethischen  Urteilens  und  Verhaltens,
die  die  Basis  unserer  eigenen  Arbeit  auf  diesem  Gebiet ­
  und  die  geschaffen  zu  haben  unsterblicher  Ruhm
ist  —  und  die  konkreten  „Forderungen“,  die  wir  zum
Material  der  Ideengeschichte  legen  müssen,  wo  schon
alle  anderen  Ethiken  der  Welt  ihrer  analytischen  Erklärung ­
  harren.
Von  einem  anderen  Standpunkt  könnte  man  die
geistige  Heldentat,  die  in  der  Eroberung  des  Feldes
der  ethischen  Tatsachen  lag,  auch  so  ausdrücken:
Die  Sittlichkeit  ist  ein  soziales  Phänomen,  das  nicht
erst  von  einem  konkreten  Sittenkodex  geschaffen
wird,  sondern  aus  den  Notwendigkeiten  sozialer
Existenz  selbst  herauswächst  und  aus  ihnen  zu  ver-1

  Vom  Standpunkt  der  Wissenschaft  und  dann,  wenn  man  das
Wort  „allgemein  gütig“  in  beiden  Fällen  in  gleichem  Sinn  verwendet.
        <pb n="37" />
        37

stehen  ist,  so  daß  es  in  diesem  Sinn  unabhängig  von
jedem  solchen  Kodex  —  der  nur  ein  Versuch  ist,  die
reale  Sittlichkeit  zu  formulieren  und  zu  beeinflussen
—  existiert  und  jedem  solchen  Kodex  gegenübergestellt ­
  werden  kann.  Das  Phänomen  hat  seine  eigene
Logik,  seine  eigenen  Bestimmtheiten,  die  wir  erforschen ­
  können  wie  eine  Naturerscheinung.  Da  diese
Bestimmtheiten  sich  aus  der  „Natur“  des  Menschen
und  des  sozialen  Zusammenlebens  ergeben,  kann  man
von  einer  „natürlichen“  Sittenlehre  im  Gegensatz  zu
einer  gebotenen  sprechen,  und  da  diese  Bestimmtheiten ­
  erfahrungsmäßig  erforscht  werden  können,
von  einer  natürlichen  Sittenlehre  im  Gegensatz  zur
theologischen  oder  überhaupt  metaphysischen.  In
diesen  beiden  Gegenüberstellungen  drückt  sich  der
tiefere  Sinn  aus,  in  dem  das  Wort  „natürlich“  damals
gebraucht  wurde  und  der  ungeheure  Fortschritt,  der
darin  lag.  Freilich  kam  dazu  die  eben  behandelte  Verirrung, ­
  die  gleichzeitig  von  einem  inhaltlich  bestimmten ­
  natürlichen  Idealzustand  sprechen  ließ,  der  den
Dingen  immer  und  überall  entspreche  und  praktisch
durchgeführt  werden  müsse,  und  die  Assoziation  mit
dieser  Verirrung  wurde  dem  großen  Gedanken  selbst
gefährlich.
In  ganz  demselben  Sinn  sprach  man  nun  damals
von  einem  „Naturrecht“  —  leider  auch  hier  die  Idee
eines  darauf  zu  basierenden  ewigen  Gesetzbuchs
damit  verbindend.  Das  Naturrecht  in  dem  Sinn,  in
dem  es  für  uns  allein  in  Betracht  kommt,  beruhte  auf
der  Erkenntnis,  daß  das  Kecht  aus  den  sozialen  Notwendigkeiten ­
  geboren  und  durch  sie  zu  verstehen
        <pb n="38" />
        3S

ist,  und  ist  daher  seinem  Wesen  nach  eine  Theorie
des  Rechtsphänomens,  und  zwar  eine  empirische,
wissenschaftliche  Theorie  im  Gegensatz  zu  einer  mit
Unerfaßbarem  arbeitenden  Spekulation.
Damit  berühren  wir  einen  Ideenstrom,  von  dessen
unendlichem  Reichtum  und  unendlicher  Bedeutung,
i^wie  ich  fürchte,  man  in  wenigen  Worten  keine  Vorstellung ­
  machen  kann.  Was  der  Nil  für  Ägypten  ist,
das  war  das  Naturrecht  im  18.  Jahrhundert  für  das
sozialwissenschaftliche  Geistesleben  und  selbst  über
die  Grenzen  der  Sozialwissenschaften  hinaus,  vor
allem  in  Deutschland.  Von  ihm  aus  und  durch  seine
Kanäle  hindurch  wirkte  vor  allem  das  neue  Leben
der  Geister.  Durch  seine  Vermittlung  drang  die
Fragelust  in  neue  Gebiete  und  aus  seinem  Schoß
wurden  neue  Wissenschaften  geboren.  Von  ihm  aus
erneuerte  sich  der  wissenschaftliche  Gedanke  und
selbst  die  Philosophie  und  von  ihm  drang  man  —  über
Spinoza,  Hobbes,  Bayle,  Descartes,  zur  Höhe  vor,  auf
der  Leibniz  steht  und  über  sie  hinaus  zu  Kant  und
Goethe.
Daß  gerade  die  Rechtslehre  das  leisten  konnte,
richtiger  gesagt,  daß  alle  jene  großen  Bewegungen
zunächst  in  der  Form  einer  Rechtstheorie  auftraten,
lag  natürlich  nur  daran,  daß  noch  im  17.  Jahrhundert
die  Jurisprudenz  fast  die  einzige  große  Laienwissenschaft ­
  war  und  der  Weg  zu  Forschungsarbeit  und
überhaupt  zu  allgemeiner  Bildung  vor  allem  durch  das
Rechtsstudium  führte.  Man  darf  sich  natürlich  nicht
die  eigentlichen  Berufsjuristen  als  Träger  der  Fahne
denken.  Vielmehr  legten  ihr  Bildungsgang  und  die
        <pb n="39" />
        39

Zeitverhältnisse  den  führenden  Geistern  gerade  das
Rechtsproblem  besonders  nahe  und  der  erstere  bringt
auch  eine  Eigentümlichkeit  der  Darstellung  mit  sich,
die  den  modernen  Leser  oft  fast  humoristisch  berührt
und  die  man  überwinden  muß,  wenn  man  zum  Wesen
der  Gedankengänge  Vordringen  will:  Die  Verwendung ­
  juristischer  Argumente  in  allgemein  sozialwissenschaftlichen ­
  Fragen.  Man  glaubte  oft  etwas  geleistet ­
  zu  haben,  wenn  man  die  Herrscherstellung  der
Fürsten  z.  B.  als  Mandat  konstruierte  (Hobbes)  und
mancher  kräftige  Gedanke  erscheint  im  Maskenkleid
einer  Pandektenstelle.
Der  Held  des  Heeres  war  Grotius.  Ich  kann  auf
die  Entwicklung  nicht  eingehen  und  nicht  zeigen,  wie
das  Naturrecht  vornehmlich  in  Italien  langsam
emporwuchs,  bis  Grotius  es  in  ein  System  brachte.
Sonst  wären  eine  bunte  Reihe  von  Namen,  wie  S.  Thomas ­
  Aquinas  und  Macchiavelli,  Gentile  und  Gassendi,
Dante  und  Baco  zu  nennen.  Bei  Gassendi  und  Hobbes
finden  wir  zahlreiche  Anklänge  von  den  Sophisten  her,
so  daß  sich  wohl  eine  imposante  Entwicklungsreihe
aufstellen  ließe.  Genüge  es,  zu  sagen,  daß  in  Grotius’
Hand  das  Problem  des  Rechtes  definitiv  Autonomie
gewann,  wenngleich  selbst  der  gute  Pufendorf,  der  die
widerspenstige  Gedankenmasse  des  ,de  jure  belli  et
pacis’  in  ein  schönes,  glattes  Lehrbuch  knetete  (Elementa
  jurisprudentiae  universalis  methodo  mathematica)
  noch  den  jussus  Dei  einführt  und  erst  bei
Francis  Hutcheson,  dem  Lehrer  Adam  Smiths,  das
Naturrecht  ganz  auf  eigenen  Füßen  steht  und  nichts
Metaphysisches  mehr  an  sich  hat.  Und  Grotius  er-
        <pb n="40" />
        40

kannte  auch  den  Charakter  des  Rechts  als  eines  nicht
nur  natürlichen,  sondern  auch  sozialen  Phänomens.
Er  vollzog-  die  Scheidung  von  der  Ethik,  die  den
Juristen  früherer  Zeit  fremd  gewesen  war  —  war
doch  für  sie  das  Recht  die  allgemeine  ars  boni  et  aequi,
die  einheitlich  als  Exegese  der  vorhandenen  Gebote
weltlicher  und  überweltlicher  Gesetzgeber  darzulegen
war.  Es  liegt  keine  sachliche  Differenz  darin,  wenn
Leibniz  —  hier  ganz  Schüler  von  Grotius  —  das  Recht
wieder  fast  in  der  Sittlichkeit  aufgehen  läßt:  Die  Erkenntnis, ­
  daß  das  Recht  und  die  Sittlichkeit  besondere ­
  Phänomene  seien,  war  e  i  n  Schritt  der  Analyse.
Die  Erkenntnis,  daß  beide  aus  derselben  sozialen
Wurzel  sprießen  und  analog  zu  begreifen  seien,  ein
weiterer  Schritt.  Auf  Leibniz  und  Pufendorf  folgte
dann  Wolff,  der  das  Naturrecht  dem  System  der
Moralwissenschaft  definitiv  einfügte,  wie  das  schon
vorher  anderwärts,  besonders  in  Schottland,  geschehen ­
  war.
Das  also  war  das  Naturrecht,  das  durch  das  ganze
19.  Jahrhundert  der  Prügelknabe  unter  den  Sozialwissenschaften ­
  war.  Generation  nach  Generation  von
Schülern  wuchsen  heran,  die  alle  sorgfältig  gelehrt
wurden,  darüber  zu  lächeln  und  niemand,  der  etwas
auf  sich  hielt,  konnte  davon  ohne  mitleidige  Geringschätzung ­
  sprechen  .  Es  wurde  —  und  oft  von  einem
und  demselben  Kritiker  —  als  halbmaterialistischer,
mechanischer  „Naturalismus“  verschrieen,  der  allem
Idealen  und  Emotionellen  verständnislos  gegenüberstand, ­
  bald  als  höchste  spekulative  Verirrung  eines
Rationalismus,  der  nie  in  die  Wirklichkeit  blickte  und
        <pb n="41" />
        41

sie  a  priori  modeln  wollte,  so  daß  alle  exakte  Forschung ­
  diese  Philosophien  beiseite  schieben  und  die
Arbeit  von  neuem  beginnen  müsse.  Und  abgesehen
von  diesem  Widerspruch  passierte  Manchem  auch
noch  das  Unglück,  daß  er  das  Naturrecht  als  aprioristische
  Spekulation  verwarf,  aber  dann  vor  Hegel  eine
Verbeugung  nach  der  anderen  machte:  nach  welchem
Prinzip,  ist  etwas  geheimnisvoll;  es  sei  denn  das  Prinzip, ­
  daß  man  die  Spreu  vom  Weizen  sondern  müsse,
um  die  Spreu  sorgfältig  aufzubewahren  und  den
Weizen  fortzuwerfen.  Jedenfalls  —  ein  enges,  banales,
unwissenschaftliches  Gemenge  von  Aufklärungsvorurteilen, ­
  von  dürren,  scholastischen  Dogmen,  die  man
in  unbegreiflicher  Beschränktheit  für  der  Weisheit
letzten  Schluß  hielt  —  das  ist  ungefähr  das  Bild,  das
man  uns  seit  hundert  Jahren  und  mehr  vom  Naturrecht
  entwirft.
Ist  das  so  ?
Wiederum:  Scheiden  wir  drei  ganz  verschiedene
Dinge:
Erstens  scheiden  wir  Rechtstheorie  und  Rechtsphilosophie. ­
  Mit  der  Bestimmtheit  der  Ausdrücke
steht  es  ja  leider  so  schlimm  und  vielfach  mußte  sich
die  Rechtstheorie  später  wieder  im  Sturm  der  Zeit
in  die  Rechtsphilosophie  flüchten,  deren  „Geschichte“
sich  notdürftig  im  Lehrbetrieb  erhielt.  Ich  meine:
Scheiden  wir  die  Wissenschaft  vom  Rechtsphänomen
(nicht  zu  verwechseln  mit  der  Anwendungstechnik,
welche  wir  unter  Jurisprudenz  verstehen),  von  der
Metaphysik,  der  philosophischen  Deutung  des  Rechts.
Beide  haben  miteinander  nichts,  gar  nichts  zu  tun
        <pb n="42" />
        42

und  die  letztere  gehört  nicht  zur  ersteren  —  nicht
weil  sie  zu  schlecht  oder  zu  gut  dazu  wäre,  sondern
weil  sie  etwas  völlig  Wesensverschiedenes  ist.  Und
beide  lassen  sich  bei  den  Lehrern  des  Naturrechts
scheiden,  nur  daß  sie  mitunter  nebeneinander  stehen.
Nur  mit  der  Rechts  theorie  haben  wir  es  zu  tun,
wenngleich  die  Kritik  sich  viel  mehr  für  die  Rechtsmetaphysik ­
  interessierte  und  wenngleich  gerade  die
Rechtsmetaphysik  von  Kant  und  Richte  aus  munter
weiterlebte,  während  die  Theorie  verdorrte.
Zweitens  scheiden  wir  Rechtstheorie  und  das  Predigen ­
  eines  idealen,  unwandelbaren  Rechtssystems.
Das  Letztere  halten  wir  nicht  nur  wegen  der  darin
liegenden  Vernachlässigung  der  historischen  Bedingtheit ­
  jedes  Ideals,  sondern  aus  denselben  —  logischen ­
  —  Gründen 1  wie  in  der  Ethik,  auch  prinzipiell ­
  für  verfehlt.
Drittens  also  bleibt  nur  die  Rechtstheorie  übrig.
Vor  allem  muß  betont  werden,  daß  die  Rechtstheorie
des  Naturrechts  —  im  Sinne,  nochmals  sei  es  wiederholt, ­
  eines  Systems  von  Erkenntnissen  über  das
Wesen  des  Rechtsphänomens  —  keine  Einheit  ist.
Einheitlich  ist  daran  nur  der  große  Grundgedanke
der  wissenschaftlichen  Untersuchung  dieses  bis  dahin ­
  der  Wissenschaft  fast  ganz  entrückten  Problemgebiets. ­
  Im  übrigen  finden  wir  einen  bunten  Reich'
tum  von  Anregungen  und  Gesichtspunkten  —  nach
1  Die  Folgezeit  stützte  ihre  Kritik  nur  auf  das  erste  und  nicht
auf  das  zweite  Moment.  Sie  warf  ferner  Rechtstheorie  und  Rechtsideal ­
  —  wie  ich  der  Kürze  halber  sagen  will  —  zusammen.  Und
das  sind  ihre  großen  Fehler  gewesen,  die  ihre  Kritik  der  besten
Frucht  beraubten.
        <pb n="43" />
        43

allen  Seiten  dringt  die  wissenschaftliche  Armee  —
heftig  unter  sich  streitend  —  über  das  Gelände.  Von
einer  dogmatischen  Enge  ist  auch  nicht  eine  Spur.
Man  suchte  den  Schlüssel  des  Verständnisses  im
menschlichen  Handeln  und  wollte  es  auf  Erklärungsprinzipien ­
  zurückführen,  die  Introspektion,  Beobachtung ­
  des  Alltags  und  die  Geschichte,  so  wie  man
sie  damals  kannte,  boten.  Da  haben  wir  vor  allem
das  Prinzip  des  Utilitarismus,  des  hedonischen  Egoismus. ­
  Im  17.  Jahrhundert  mit  glänzender,  übertreibender ­
  Energie  von  Hobbes  vertreten,  wurde  es  sogleich ­
  von  Grotius  bekämpft  und  niemals  hat  es  ausschließlich ­
  geherrscht.  Bei  Pufendorf  finden  wir  eine
Mittelstellung,  welche  diesem  Moment  seinen  Platz
anzuweisen  sucht,  ohne  doch  andere  Momente  zu  erschlagen, ­
  den  Versuch  also,  den  hedonischen  Egoismus ­
  als  Tatsache  anzuerkennen  und  zur  Erklärung
zu  verwerten,  aber  nur  in  einer  Keihe  mit  anderen
Momenten  —  in  der  Tat  ein  Versuch  in  sehr  gesunder
Richtung,  wenngleich  darin  von  der  Kritik  nur  ein
Widerspruch  gesehen  wurde.  Und  innerhalb  des
Systems  der  Moralwissenschaft  behauptete  sich  diese
Stellung  bis  bei  Bentham  wieder  der  Utilitarismus,
wenn  auch  zum  Teil  vertieft  und  sorgfältiger  definiert, ­
  zu  ausschließlicher  Geltung  kam.  Innerhalb
dieser  Grundlinien  sind  zahllose  Nuancen  zu  unterscheiden ­
  ;  wir  wollen  nur  auf  den  Gegensatz  zwischen
der  Theorie  hinweisen,  die  von  einem  vernunftbeherrschten, ­
  hedonischen  Egoismus  ausging  und  daraus ­
  direkt  die  gesellschaftlichen  Zusammenhänge  verstehen ­
  wollte,  und  der  Theorie  —  in  voller  Schärfe
        <pb n="44" />
        finden  wir  sie  nur  bei  Hobbes,  schon  sehr  abgeschwächt ­
  bei  Spinoza  —,  welche  den  Kampf  individueller ­
  Egoismen  prinzipiell  zum  primitiven  bellum
omnium  contra  omnes  der  Sophisten  werden  und  die
Gesellschaft  nicht  durch  den  hedonischen  Egoismus
direkt,  sondern  durch  die  politische  Gewalt  zusammengehalten ­
  sein  ließ.
Natürlich  können  wir  keine  dieser  Auffassungen
heute  mehr  als  bare  Münze  nehmen.  Sie  waren  erste
Annäherungen.  Man  frage  sich  aber  nur  selbst,  wie
man  die  Sache  anpacken  würde  und  man  wird  sofort
finden,  daß  diese  Ausgangspunkte  naheliegen  —  vor
allem  aber,  daß  ihnen  Tatsachen  zugrunde  liegen.
Das  Naturrecht  war  in  seinen  Grundlagen,  wie  jede
positive  Wissenschaft,  streng  „induktiv“  und  nur  weil
die  Induktion,  wie  in  den  Anfängen  jeder  Wissenschaft, ­
  unsicher  und  unvollständig  war,  erscheint  sie
nun  so  schlecht  fundiert  oder  überhaupt  im  Lichte
von  aprioristischen  Obersätzen.  Eine  Tatsache  sprach
auch  das  wichtigste  von  jenen  Prinzipien  aus,  auf
denen  die  Gegner  des  Utilitarismus  fußten:  Gentiles
und  Grotius’  Soziabilitätsprinzip.  Trieb  nach  gesellschaftlichem ­
  Zusammenleben  —  das  klingt  an  sich
wahrlich  nicht  besonders  großartig.  Ein  „Trieb“  darf
überhaupt  nie  letztes  Prinzip  einer  Erklärung  sein,
denn  er  muß  selbst  erst  erklärt  werden.  Abgesehen
davon  ist  dieser  Trieb  offenbar  bedenklich  vage.
Aber  wenn  das  eine  primitive  wissenschaftliche  Auffassung ­
  war,  so  war  sie  doch  streng  wissenschaftlich
und  aus  den  Tatsachen  abgelesen.  Und  es  steckt  viel
mehr  darin  als  man  glauben  möchte.  Spräche  man
        <pb n="45" />
        45

das  Prinzip  etwa  so  aus:  Das  soziale  Ganze  formt
das  einzelne  Individuum,  so  daß  dasselbe  ohne  alle
bewußte  Entschlußfassung  sich  einer  Stelle  in  diesem
Ganzen  eingepaßt  fühlt  und  seipe  Handlungs-  und
Denkgewohnheiten  von  dieser  Umwelt  eingeprägt  erhält, ­
  woraus  sich  eine  Tendenz  nach  einem  den  sozialen ­
  Notwendigkeiten  konformen  Verhalten  ergibt
—  so  würde  Grotes  Prinzip  gleich  anders  aussehen.
In  dieser  Formulierung  habe  ich  zugleich  seine  Be-  *
deutung  ausgesprochen:  Es  verkörperte  sich  in  ihm
die  Tatsache  der  sozialen  Wechselbeziehung,  die  Entdeckung ­
  des  Phänomens  „Gesellschaft“,  das  von  den
späteren  Naturrechtslehrern  dann  deutlicher  herausgearbeitet ­
  wurde 1 .  Man  brauchte  es  nur  unter  die
analytische  Lupe  zu  nehmen,  um  auf  alles  das  zu
stoßen,  was  die  soziale  Welt  im  Innersten  zusammenhält. ­

Eine  der  Methoden  der  Naturrechtstheoretiker  —
sie  hatten  schon  fast  alle  Methoden,  die  wir  heute
haben  —  war  auch  die  Vergleichung  verschiedener  sozialer ­
  Entwicklungsstufen  —  nebenbei  gesagt,  finden
wir  schon  bei  Leibniz  auch  die  Idee  der  vergleichenden ­
  Jurisprudenz  —  und  dabei  wurden  primitive  Zustände ­
  für  sie  ebenso  wichtig,  wie  sie  es  für  uns
heute  sind.  Und  weil  sie  darüber  weniger  wußten  als
wir,  so  wurde  das  seither  zu  einer  Quelle  billiger  Einwendungen. ­
  Doch  ist  nichts  falscher,  als  zu  glauben,
daß  ihre  Ideen  darüber  —  sie  wichen  voneinander
1  In  der  Festschrift  zum  siebzigsten  Geburtstag  G.  v.  Schmollers
hat  v.  Philippovich  gezeigt,  dafs  der  Begriff  der  Gesellschaft  eigentlich ­
  von  der  Literatur  des  Naturrechts  aus  in  die  Nationalökonomie
eingedrungen  ist.
        <pb n="46" />
        46

sehr  ab  —  gar  so  ungeheuerlich  gewesen  seien.  Daß
sie  primitive  Zustände  verherrlicht  hätten,  trifft  nur
ganz  wenige,  besonders  Rousseau.  Und  vollends  ist
es  nicht  wahr,  daß  ihre  falschen  Auffassungen  darüber ­
  sie  zu  wesentlichen  Fehlern  in  den  Resultaten
geführt  hätten.  War  doch  ihr  primitiver  Zustand
häufig  nichts  anderes  als  ein  zum  Zweck  der  Darstellung ­
  und  Lehre  konstruierter  einfacher  Zustand ­
  der  Gesellschaft,  dessen  Charakteristika  sie
selbst  nicht  in  die  wirkliche  Vergangenheit  projiziert
hätten.  Ein  Unglück  war  es  freilich,  daß  sie  diesen
primitiven  Zustand  ebenfalls  „natürlich“  nannten  und
aus  dieser  Homonymie  für  sich  und  andere  eine  Quelle
von  Konfusionen  schufen.  Ganz  so  steht  es  mit  dem
berühmten  „contrat  social“.  Auch  der  war  vielfach
nur  eine  Darstellungsform  der  ratio  der  gesellschaftlichen ­
  Beziehungen.  Und  soweit  eine  tatsächliche
Behauptung  darin  lag,  hat  sie  —  ebenso  wie  den
primitiven  Utilitarismus  —  schon  das  18.  Jahrhundert
selbst  überwunden  (Hume).  Es  war  ja  eine  Zeit  rasch
vorstürmenden  Fortschritts  und  die  Geister  häuteten
sich  oft:  Da  darf  man  nicht  aus  jedem  Hilfsgerüst,
das  die  Baumeister  selbst  bald  wieder  abbrachen,  eine
Einwendung  machen.  Hierher  gehört  auch  ihr  angeblicher ­
  Glaube  an  eine  immer  und  überall  konstante  und
bei  allen  Leuten  wesentlich  gleiche  Menschennatur.
Sie  nahmen  gewiß  an,  und  für  weitaus  die  meisten
Zwecke  der  Sozial  Wissenschaft  ist  das  völlig  erlaubt,
daß  die  allgemeinen  Grundzüge  des  Trieblebens  und
des  Denkprozesses  sich  in  historischen  Zeiten  nicht
wesentlich  verändert  hätten.  Aber  es  ist  ihnen  nie
        <pb n="47" />
        47

eingefallen,  die  individuellen  Differenzen  an  Intelligenz ­
  und  Energie  zu  verkennen l .
Was  war  das  nun,  was  jene  Forscher  betrieben  —
diese  Untersuchungen  über  das  Wesen  der  Gesellschaft ­
  und  der  sozialen  Zusammenhänge,  diese  Versuche, ­
  den  sozialen  Menschen  zu  analysieren,  dieses
Streben  nach  allgemeinen,  unmetaphysischen  Erkenntnissen? ­
  Das  war  nichts  anderes  als  Soziologie
—  in  ganz  demselben  Sinn  wie  wir  sie  heute  treiben,
und  von  uns  nur  getrennt  durch  Fortschritte  der
Technik  der  Wissenschaft.  Darin  denn  liegt  die
höchste  reinwissenschaftliche  Bedeutung  des  Naturrechts, ­
  daß  es  die  große,  neue  Wissenschaft  vom  sozialen ­
  Menschen  schuf.  Dort  lagen  die  Quellen  für
einen  der  drei  Flüsse  wenigstens,  aus  denen  dann  der
Strom  der  Soziologie  entstand  —  der  zweite  Quellfluß ­
  ist  die  schon  erwähnte  Psychologie  und  Ethik,
der  dritte  die  noch  zu  erwähnende  Geschichtstheorie
—  und  unendliche  Anregung  gewährt  die  Lektüre
jener  Autoren,  wenn  der  Leser  in  diesem  Geist  an
sie  herantritt,  denn  nie  vorher,  nie  nachher  war  jemals ­
  der  Gedanke  so  frei,  so  kühn.
Und  was  heißt  das,  bei  jedem  Rechtssatz  auf  das
Wesen  der  sozialen  Beziehung  blicken,  die  er  regelt,
oder  auf  das  Wesen  der  wirtschaftlichen  Vorgänge,
1  Wenn  sie  politische  und  rechtliche  Gleichheit  aller  Staatsbürger ­
  forderten,  so  kann  man  sagen,  dafs  eine  solche  Forderung
nicht  in  die  Wissenschaft  gehöre.  Aber  man  kann  nicht,  wie  Stahl
es  tat,  sagen,  dafs  diese  Gleichheit  in  Widerspruch  stehe  mit  der
natürlichen  Ungleichheit  der  Menschen  und  deren  Konsequenzen.
Denn  politische  und  rechtliche  Gleichheit  gibt  gerade  den  natürlichen ­
  Ungleichheiten  erst  freie  Bahn,  um  sich  auszuleben.
        <pb n="48" />
        48

aus  denen  er  entspringt  und  ihn  daraus  abzuleiten
suchen?  Das  heißt  soziologische  Jurisprudenz  treiben
—  heißt  mit  Bewußtsein  und  systematisch  gerade  das
tun,  was  heute  als  unerhörte  Neuerung  erscheint  und
sich  mit  Schmerzen  und  Kämpfen  in  unseren  Tagen
wieder  durchzusetzen  beginnt!
Ich  persönlich  werde  niemals  müde,  den  echt
wissenschaftlichen  Geist  —  dem  noch  keine  Masse
von  Detail  seine  Elastizität  geraubt  hatte  —  und  den
wissenschaftlichen  ardor  dieser  Autoren  zu  bewundern. ­
  Wenn  immer  ihnen  etwas  erklärungsbedürftig
erschien,  suchten  sie  eine  abgerundete  Theorie  des
betreffenden  Gegenstandes  zu  meißeln.  Wenn  ihnen
z.  B.  ein  Rechtssatz  wirtschaftlicher  Natur  zu  sein
schien,  so  begnügten  sie  sich  nicht  etwa  mit  einer  Tatsachensammlung ­
  über  das  konkrete  wirtschaftliche
Verhältnis,  oder  einigen  populären  Erklärungen
seiner  Funktionen,  sondern  sie  setzten  ihn  in  Beziehung ­
  zu  einer  in  sich  geschlossenen  Theorie  des
ökonomischen  Lebens,  die  sie  zu  diesem  Zweck  geschaffen ­
  hatten  und  von  dieser  aus,  der  ihr  Interesse
mehr  galt  als  dem  Rechtssatz,  suchten  sie  ihn  zu  verstehen: ­
  Die  wissenschaftliche  Aufgabe  an  der  Jurisprudenz ­
  schien  ihnen  im  sozialen  und  wirtschaftlichen
Verständnis,  die  pädagogische  Aufgabe  vor  allem  in
Mer  Vermittlung  des  Verständnisses  des  Wesens  der
sozialen  Dinge  zu  liegen  —  Ideale,  denen  wir  heute
wieder  zulenken.
So  wurde  denn  die  Nationalökonomie  aus  dem
Naturrecht  geboren.  Allerdings  erfuhr  sie  einen  gewaltigen ­
  Zufluß  von  Kraft  und  Material  und  einen
        <pb n="49" />
        49

gewaltigen  Impuls  aus  den  Diskussionen  praktischer
Fragen  der  Zeit,  die  seit  dem  16.  Jahrhundert  immer
reichlicher  fließen.  Aber  obgleich  darin  so  mancher
gute  Gedanke  auftauchte  —  im  ganzen  boten  diese
Diskussionen  doch  nur  die  Argumente  des  Laien,  die
sich  allerdings  zum  Teil  bis  heute  nicht  wesentlich
verändert  haben.  Zur  Wissenschaft  kann  ein  Gebiet  so
nie  werden  —  die  Erörterung  praktischer  Fragen  ist
bestenfalls  Anwendung  schon  gewonnener  Erkenntnis, ­
  meist  aber  Schlimmeres.  Zur  Wissenschaft  wurde
die  Nationalökonomie  erst  durch  das  Naturrecht.  In
seinem  Schoß  entstanden  bald  jene  Untersuchungen
der  fundamentalen  Probleme  des  Wirtschaftsprozesses, ­
  die  z.  B.  bei  Pufendorf  zu  einem  hübschen
kleinen  Lehrgebäude  wurden,  das  von  ihm  Hutcheson,
von  diesem  A.  Smith  übernahm.  Besonders  eine
Schule  des  Naturrechts  entstand,  die  vornehmlich  hier
Erfolge  erzielte,  Erfolge,  deren  Frische,  Originalität
und  Bedeutung  nicht  so  leicht  ihresgleichen  hat:  Die
Schule  Quesnays,  die  Physiokratie.  Und  von  allen
Seiten  strömten  die  Leistungen  selbständiger  Geister
in  Fülle  zu  in  der  langen  Beihe  von  Locke  bis  Hume.
Smith  hat  dann  das  meiste  zusammengefaßt,  und  der
Wealth  of  Nations  (1776)  bezeichnet  den  Markstein,
an  welchem  die  originelle  Entwicklung  der  Ökonomie ­
  innerhalb  des  Naturrechts  ihren  Höhepunkt  und
ihr  Ende  erreicht  —  wenngleich  der  vorhandene  Vorrat ­
  an  ökonomischem  Wissen  noch  längere  Zeit  vom
Naturrechtssystem  fortgeschleppt  wurde.  Ich  kann
die  Mannigfaltigkeit  des  Geleisteten  und  die  verschiedenen ­
  Errungenschaften  in  Italien,  England,
Schumpeter  Vergangenh.  u.  Zukunft  d.  Sozialwissensch.  4

&amp;gt;
        <pb n="50" />
        50

iSSi*  «  iimii  ii.ni

Frankreich  und  Deutschland  hier  nicht  darlegen.
Mit  allen  Methoden  wurde  gearbeitet,  und  das  Märchen ­
  von  Spekulation  und  Tatsachenverachtung  hat
hier  so  wenig  Sinn  wie  auf  dem  soziologischen  Feld.
Wohl  waren  alle  großen  Leistungen  analytisch,  theoretisch: ­
  Denn  es  war  eine  Zeit  der  Schöpferkraft
und  der  Forschungslust,  der  Tatsachensammlung  nie
Selbstzweck  sein  konnte,  eine  Zeit,  die  erkennen
wollte  und  begriff,  daß  wissenschaftliche  Erkenntnis
und  Theorie  dasselbe  sind  —  die  untertauchte  im
eigentlich  wissenschaftlichen  Interesse  an  der  generellen ­
  Wahrheit.  Aber  deshalb  wurde  die  Tatsachensammlung ­
  mit  nichten  vernachlässigt.  Leider  nur  —
alles  andere,  was  verfehlt  wurde,  wäre  leicht  zu  entschuldigen ­
  und  zu  verbessern  gewesen  —  drängte  sich
auch  hier  die  soziale  Teleologie  ein  und  der  Glaube
an  ein  allgemein  gütiges  wirtschaftspolitisches
System:  Man  schmiedete  Programme  und  man  predigte ­
  eine  Wirtschaftsverfassung,  die  für  alle  Orte
und  alle  Zeiten  gelten,  allein  der  menschlichen  Natur
entsprechen  sollte  —  und  gerade  das  drang  in  die
Menge,  daran  heftete  sich  die  Kritik.  Nun,  darüber
gilt  dasselbe  wie  über  den  gleichen  Punkt  der  Eechtslehre.
  Davon  wollen  wir  nicht  weiter  reden.
Es  wurde  schon  betont,  es  ist  nicht  wahr,  daß
damals  die  Geschichtsforschung  zurückgedrängt
worden  wäre  und  es  ist  ein  Mißverständnis,  wenn
man  jener  Zeit  allen  historischen  Sinn  abspricht.  Im
Gegenteil,  es  war  eine  Blütezeit  auch  der  Geschichtsforschung, ­
  und  ihre  Methoden  und  Resultate  stehen
nicht  mehr  hinter  denen  der  Gegenwart  zurück,  wie
        <pb n="51" />
        öl

die  Methoden  und  Eesultate  der  Theorie  von  damals
hinter  denen  unserer  Tage.  Das  18.  Jahrhundert  sah
die  Geburt  eigentlicher  kritischer  Geschichtsschreibung ­
  —  am  meisten  Staub  wirbelte  Gibbon  auf,  aber
er  ist  nur  einer  von  Vielen  in  allen  Ländern.  Die
Literatur  der  Zeit  ist  reich  an  Einzeluntersuchungen
und  an  schönen  Zusammenfassungen.  Für  uns  nun
ist  eine  große  Wendung  bedeutend,  die  sich  damals
vollzog.  Schließlich  —  solange  die  Geschichtsschreibung ­
  bloße  Geschichtsschreibung  bleibt,  ist  sie  ja
doch  niemals  mehr  als  eine  Kuriosensammlung  oder
ein  Epos,  das  sein  Interesse  nur  der  naiven  Freude
*  an  lebendigen  oder  uns  berührenden  Begebenheiten
verdankt.  In  das  Eeich  des  wissenschaftlichen  Gedankens ­
  tritt  das  historische  Material  erst  ein,  wenn
es  einerseits  zum  Objekt  der  Anwendung  der  sozialwissenschaftlichen ­
  Eesultate  wird,  so  daß  die  historischen ­
  Phänomene  analytisch  erklärt  werden 1 ,  —  wie
die  Naturgeschichte  erst  wissenschaftlichen  Charak-1
  Das  heißt  nicht,  daß  das  konkrete  Phänomen  in  seiner  konkreten ­
  Fülle  jemals  aus  Gesetzen  „abgeleitet“  werden  könnte,  sondern ­
  nur,  dafs  seine  unterscheidbaren  Elemente  uns  verständlich  gemacht ­
  werden  —  wie  ich  auch  nicht  wissenschaftlich  erschöpfend
zeigen  kann,  warum  und  wieso  ein  Stein  gerade  dort  liegt,  wo  er
tatsächlich  liegt,  wohl  aber  darüber  beruhigt  sein  mag,  daß  seine
Lage  sich  aus  den  mechanischen  Gesetzen  prinzipiell  verstehen  läßt.
Das  heißt  ferner  nicht,  daß  unser  Interesse  an  der  Geschichte  von
diesem  Gesichtspunkt  aus  etwa  erschöpft  werden  könnte,  sondern
nur,  daß  unserm  wi  ssenschaftlichen  Interesse  gerade  dieser  Gesichtspunkt ­
  eigen  ist.  Unser  Interesse  an  den  Dingen  ist  natürlich
nicht  bloß,  es  ist  nur  in  seltenen  Fällen  sogar,  ein  Erkenntnisinteresse. ­
  Und  Erkenntnis  bedeutet  noch  nicht  wissenschaftliche
Erkenntnis,  denn  es  gibt  Erkenntnis  auch  außerhalb  der  Methoden,
die  die  Wissenschaft  entwickelt  hat.

4
        <pb n="52" />
        52

ter  erhält,  wenn  Physiologie,  Biologie,  Chemie  usw.
ihre  an  sich  wissenschaftlich  ziemlich  gleichgültigen
Tatsachenmengen  verarbeiten,  —  und  wenn  der  historische ­
  Rohstoff  andererseits  zur  Basis  von  Abstraktionen ­
  wird,  wenn  sich  direkt  aus  ihm  und  an  ihm
Regelmäßigkeiten  ergeben,  die  sich  mehr  oder  weniger ­
  allgemein  formulieren  lassen.
Das  nun  geschah  damals:  Man  begann  die  Geschichte ­
  immer  mehr  mit  dem  Auge  des  Theoretikers
zu  betrachten  und  in  der  Geschichte  immer  mehr  nach
Notwendigkeiten  zu  suchen.  Schon  auf  fachhistorischer ­
  Seite  sehen  wir  eine  Wendung  nach  dieser
Richtung  —  daher  das  Präponderieren  der  Kulturgeschichte ­
  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts,  daher ­
  die  Neigung  zu  großen  Ausblicken  auf  die  „Geschichte ­
  der  Menschheit“  in  ihrer  Gänze,  ein  Ausdruck, ­
  der  fast  zu  einer  Modephrase  wurde.  Der
Sinn  für  die  Notwendigkeiten,  für  das  Wesen,  für  die
Gründe  der  Dinge  zeigte  sich  auch  hier.  Aber  hochinteressant ­
  ist  es,  zu  beobachten,  wie  weit  sich  dieses
Interesse  außerhalb  des  engsten  Fachkreises  vorwagte ­
  und  wie  gesund  sein  Instinkt  war.  Möchte
man  es  glauben  —  Iselin  begann  seine  „Geschichte
der  Menschheit“  (1791)  mit  einer  Psychologie  und
wendete  das  dann  in  der  Weise  auf  die  Geschichte
an,  daß  er  Entwicklungsstufen  unterschied,  die  er
psychologisch  charakterisierte,  was  also  jene  Methode
der  Geschichtstheorie  ist,  die  in  unseren  Tagen  durch
Karl  Lamprecht  zu  neuem  Leben  erweckt  wurde.
Natürlich,  psychologisch  wie  historisch  gibt  uns  Iselin
genug  zu  entschuldigen,  wie  denn,  sei  es  gleich  ge ­
        <pb n="53" />
        53

sagt,  die  meisten  Theoretiker  der  Geschichte  nicht
auf  der  Höhe  des  historischen  Wissens  ihrer  eigenen
Zeit  standen.  Aber  das  ist  ja  —  gerade  für  jene  Pioniere ­
  —  Nebensache  und  jeder  kann  das  korrigieren.
Das  Entscheidende  ist  das  klar  gesehene,  kühn  angestrebte, ­
  großartige  Ziel,  das  wie  ein  Wegweiser  in
die  Welt  ragt  und  nie  seine  Bedeutung  verlieren
kann.
Das  ist  also  ein  Beispiel  für  jene  erste  Art  der
„Verwissenschaftlichung“  der  Geschichte,  für  die
Analyse  des  historischen  Geschehens  oder  einer
Seite  oder  eines  Ausschnitts  desselben  mit  Hilfe  einer
anderen  Wissenschaft.  Die  völlige  Freiheit  von  aller
Metaphysik  springt  in  die  Augen.  Hierher  gehört
auch  Adelung,  der  es  (1782)  ausdrücklich  ablehnte,  das
historische  Geschehen  aus  metaphysischen  Quellen
abzuleiten  oder  es  als  unbeherrschbare  Masse  von
einzigartigen  Ereignissen  („Zufällen“)  aufzufassen
und  das  Prinzip  ausspricht,  daß  ein  jeder  historische
Zustand  aus  dem  vorhergehenden  begriffen  werden
muß.  Hierher  gehört  auch  Herder,  so  befremdend
das  klingen  mag.  Zunächst  ist  er  ein  Beispiel  für  eine
von  der  erwähnten  psychologisierenden  verschiedenen ­
  Richtung:  Klima  und  andere  „objektive“  Tatsachen ­
  treten  bei  ihm  in  den  Vordergrund;  Milieu
und  Tradition  sind  die  Determinanten  des  historischen
Geschehens.  Nun,  wenn  das  jemand  anderer  geschrieben ­
  hätte,  so  wäre  die  philosophische  Welt  fassungslos ­
  gewesen  vor  Entsetzen  über  diesen  Positivismus,
diesen  Materialismus  usw.  Denn  daß  er  daneben  auch
noch  eine  metaphysische  Betrachtung  der  Geschichte
        <pb n="54" />
        54

kennt,  ändert  gar  nichts  an  der  Situation  und  er
weiß  sie  streng  von  der  wissenschaftlichen  zu  scheiden ­
  —  in  der  Tat  gehört  er  zu  den  ersten,  die  begriffen
haben,  daß  beide  Betrachtungsweisen  miteinander
nichts  zu  tun  haben.  Aber  er  glaubt  doch  an  direkte
Eingriffe  aus  einer  höheren  Welt  ?  Gewiß,  nur  passen
diese  Eingriffe  so  wenig  zu  seinen  Grundgedanken,
daß  man  sie  wegstreichen  kann,  ohne  daß  sich  am
Kern  seiner  Geschichtsauffassung  das  geringste  ändert, ­
  die  im  übrigen  so  „positiv“  ist  wie  die  Buckles.
Ich  kann  nicht  weiter  bei  diesem  Thema  verweilen
und  die  Anfänge  der  ökonomischen  Geschichtsauffassung, ­
  an  die  sich  im  19.  Jahrhundert  die  Marx’
anschloß,  müssen  ebenso  unerörtert  bleiben  wie  so
vieles  andere.
Der  andere  Weg  der  Geschichte  zur  Wissenschaft ­
  wurde  schon  früh  betreten.  Ibn  Chaldün  —
der  Historiker  des  Khalifats  —  ist  da  einer  der  ersten
Namen,  aber  definitiv  hat  ihn  erst  Vico  eingeschlagen
—  mit  vollem  Bewußtsein  seiner  Bedeutung,  wie
schon  der  Titel  des  betreffenden  Werkes  beweist:
Principi  di  una  scienza  nuova  1721.  Hier  tritt  der
Gedanke  des  Parallelismus  der  Geschichte  der  einzelnen ­
  Völker,  dann  der  Gedanke  der  periodischen
Wiederkehr  derselben  oder  ähnlicher  Zustände  im
Völkerleben  u.  a.  hervor  —  eben  die  Tendenz,  im  Epos
der  Geschichte  nach  Regelmäßigkeiten  zu  suchen 1 .
1  Die  bloße  Herausarbeitung  konkreter  Ursachen  für  konkrete ­
  Folgen,  z.  B.  der  konkreten  historischen  Umstände  die  zum
„Erfolg 1,  des  peloponnesischen  Kriegs  führten,  ändert  noch  nichts
am  „Eposcharakter“  der  Geschichte.  Denn  auch  jedes  Epos,  das
        <pb n="55" />
        55

Mit  größerer  Vorsicht  und  deshalb  größerem  äußeren
Erfolg  haben  dann  Montesquieu,  Ferguson  u.  a.  denselben ­
  Weg  fortgesetzt.  Aber  nicht,  was  sie  auf  dem
Wege  erreichten,  sondern  daß  sie  ihn  fanden,  war
auch  hier  das  Große,  daß  Unvergängliche.  Hier  irgendwo ­
  wäre  auch  Burke  zu  nennen  und  viele  andere
aus  einer  prächtigen  Schar.  Welche  Ausblicke  sich
von  diesem  Weg  öffneten  auf  Höhen,  die  eine  trügerische ­
  Spiegelung  in  herrlicher  Nähe  erscheinen
ließ,  davon  nur  ein  Beispiel:  Im  Jahre  1785  schrieb
A.  Smith  an  einen  Freund,  er  trage  sich  mit  dem  Gedanken, ­
  eine  „philosophische“  —  was  hier  so  viel  ist
wie  analytische  —  Geschichte  der  Menschheit  und  der
Wissenschaften  und  Künste  zu  schreiben.  Eine  Universaltheorie ­
  vom  Menschen  und  der  Gesellschaft  und
allen  Lebensäußerungen,  von  denen  die  Geschichte  erzählt ­
  I  Welch  ein  Plan  —  freilich  nie  ausführbar  für
damals  wie  für  jetzt,  aber  diese  Erkenntnis  ist  ein
Trost  wie  der,  daß  die  Freuden  vergangener  Jugend
doch  nur  Torheit  waren.  Auch  Turgot  hat  ähnliches
geplant  und  solche  Pläne  schwirrten  damals  durch
die  Luft....  Nicht  als  Träume  von  Dilettanten  etwa
oder  als  Spekulationen,  sondern  als  konkrete  Vorsätze
starker,  besonnener  Geister.  Welche  Mahnung,  welches ­
  Vermächtnis  1
Von  dem  wissenschaftlichen  Kern  dieser  empirischen ­
  Theorien  ist  aber  nun  wieder  das  metaphysische
Moment  zu  scheiden,  das  sich  gegen  Ende  des  Jahretwas ­

  wert  ist,  arbeitet  —  wenn  auch  an  eventuell  erfundenem  Objekt ­
  —  stets  mit  zureichenden  konkreten  Ursachenkomplexen  für
alle  die  Begebenheiten,  die  es  schildert.
        <pb n="56" />
        56

hunderts  verselbständigte  —  Kant  mag  als  Markstein ­
  dienen  —  und  seither  zur  „Geschichtsphilosophie“ ­
  entwickelt  hat.  Und  hier  ist  die  Scheidung
deshalb  nicht  immer  leicht,  weil  auch  der  metaphysischeste ­
  Philosoph  gelegentlich  Behauptungen  aufstellt, ­
  die  nur  einen  empirischen,  und  mancher  Empiriker ­
  gelegentlich  Behauptungen,  die  nur  einen  metaphysischen ­
  Sinn  haben  oder  keinen.  Das  hat  denn
auch  die  Geschichtstheorie  noch  mehr  als  die  übrigen
Leistungen  jener  Zeit  in  den  Ruf  unwissenschaftlicher ­
  Spekulation  gebracht  und  dazu  beigetragen,  sie
zu  diskreditieren  L  Und  bis  heute  ist  das  so  geblieben,
ja  zuzeiten  noch  schlimmer  gewesen  als  im  18.  Jahrhundert. ­
  Unnötig  ferner,  zu  sagen,  daß  der  böse  Geist
des  Finalismus  die  sozialwissenschaftliche  Arbeit
auch  auf  diesem  Pfad  verfolgte.  Er  ist  verantwortlich
für  all  das  Gerede  von  der  unbeschränkten  Vervollkommnung ­
  des  Menschen  im  Laufe  der  Geschichte,

1  Das  erklärt  es  auch,  daß  dann  das  19.  Jahrhundert  jene  „Entwicklungsgesetze“ ­
  einfach  ablehnte  und  hinter  dem  bloßen  Wort
schon  etwas  Metaphysisches  vermutete.  Auch  hier  liegt  wiederum
Vermischung  zweier  verschiedener  und  scheidbarer  Momente  vor.
Man  kann  Entwicklungsgesetze,  die  mit  „Entfaltung  der  Idee“  usw.
arbeiten,  ruhig  ablehnen  und  trotzdem  —  und  in  rein  positivem
Sinn  —  das  historische  Geschehen  auf  Grund  wissenschaftlicher  Erkenntnis ­
  „verstehen“  wollen,  was  denn  u.  a.  auch  zu  Erkenntnissen
der  Regeln  führt,  wonach  sich  Veränderungen  vollziehen,  also  zu
Erkenntnissen,  die  man  sehr  wohl  Entwicklungsgesetze  nennen  kann.
Freilich  wiederum  —  und  diese  Komplikation  von  Ursachen  ist  sehr
lehrreich  —  geschah  das  letztere  vielfach  in  so  dilettantischer  Weise,
daß  daraus  dann  ein  neues  Argument  gegen  die  Idee  des  Entwicklungsgesetzes
  erwuchs,  das  zwar  nicht  das  Prinzip  der  Sache  berührte, ­
  aber  ganz  dieselbe  praktische  Wirkung  hatte,  wie  ein  prinzipielles ­
  Bedenken.
        <pb n="57" />
        von  einem  Idealzustand,  dem  die  —  als  Einheit  aufgefaßte ­
  —  Menschheit  zustrebe,  für  all  den  Mißbrauch ­
  des  Wortes  „Civilisation“.  Das  machte  dann
die  Geschichtstheorie  zum  Tummelplatz  aller  möglichen ­
  Dilettanten  und  Weltverbesserer  und  auch  das
ist  ihr  bis  heute  geblieben.  Einer  der  ärgsten  aber
auch  glänzendsten  Sünder  in  dieser  Eichtung  war  Condorcet.
  Doch  kann  sein  Fall  auch  als  Beleg  dafür
angeführt  werden,  daß  schon  das  18.  Jahrhundert
gegen  diese  Dinge  reagierte.  Zwar  hat  man  die  Hindernisse, ­
  die  solchen  Idealen  in  der  menschlichen
Psyche  entgegenstehen,  nicht  völlig  erkannt.  Aber
auf  äußere  Schranken  des  Fortschritts  verfiel  man
bald,  und  Malthus’  Essay  on  population  wies  energisch
—  zu  energisch  sogar  —  auf  sie  hin.
Vielleicht  habe  ich  den  Leistungen,  von  denen  ich
erzählen  wollte,  einen  schlimmen  Dienst  getan  dadurch, ­
  daß  ich  sie  in  eine  dürftige  Skizze  preßte,  die
von  der  Fülle  und  Mannigfaltigkeit,  der  Kraft  und
dem  Glanz  der  sozialwissenschaftlichen  Arbeit  jener
Zeit  ja  doch  keine  Vorstellung  geben  kann.  Aber  vielleicht ­
  genügt  das  Gesagte  zum  Beweis,  daß  in  der
Literatur  jener  Zeit  unter  wertlosem,  buntem  Gestein
viele  schöne  Brillanten  liegen,  nur  noch  nicht  geschliffen ­
  und  gefaßt.  Vor  allem  aber  wollte  ich  den
großartigen  Zug  des  wissenschaftlichen  Wollens  jener
Zeit  zeigen  und  Sinn  und  Eichtung  dieses  Wollens,
die  der  Folgezeit  verloren  gingen  und  von  unverständiger ­
  Kritik  entstellt  wurden.  Sinn  und  Eichtung
dieses  Wollens  lagen  nicht  in  einer  Neuauflage  der
Scholastik,  sondern  strebten  nach  ungekannten  Ufern.
        <pb n="58" />
        Diese  Ufer,  mochte  sie  auch  noch  dichter  Morgennebel
umhüllen,  waren  die  Ufer  empirischer  Wissenschaft,
nicht  etwa  die  einer  politischen  Tendenz.  Und
man  steuerte,  zwar  gewiß  nicht  immer  ganz  gerade,
in  richtigem  Gefühl  auf  sie  los.  Freilich,  um  das
sagen  zu  können,  darf  ich  jene  Arbeiten  nicht  im
Geiste  eines  feindlichen  Advokaten  und  auch  nicht
mit  einer  metaphysischen  Brille  lesen.  Aber  um  das
sagen  zu  können,  brauche  ich  mich  über  keine  der  ja
selbstverständlichen  Unvollkommenheiten  zu  täuschen, ­
  die  in  hundert  Jahren  auch  an  unserer  Arbeit
(vielleicht  schon  früher)  erkannt  werden  müssen  —
mögen  die,  die  nach  uns  kommen,  generöser  mit  uns
verfahren  als  wir  mit  denen,  die  uns  im  endlosen
Heereszug  der  Forschung  vorangegangen  sind!  Diese
Unvollkommenheiten  waren  zum  Teil  durch  den  Besitzstand ­
  an  Material,  zum  Teil  durch  die  Neuheit  der
Probleme  gegeben.  Prinzipielle  Verirrungen,
abgesehen  von  der  Teleologie  und  dem  Glauben  an
die  Möglichkeit  eines  wissenschaftlich  beweisbaren
Sollens,  vermag  ich  nicht  zu  sehen.  Abgesehen  von
dieser  Verirrung  haben  die  von  damals  die  Leistungsfähigkeit ­
  wissenschaftlicher  Analyse  wohl  überschätzt, ­
  noch  mehr  die  Bedeutung  mancher  ihrer
Prinzipien,  doch  war  ihr  Weg  nicht  einfach  falsch.
Gewiß  stürmten  sie  mitunter  gegen  Festungen,  die
überhaupt  oder  für  damals  uneinnehmbar  waren,  und
diese  Feldherren  des  Gedankens,  die  sich  alles  erst
selbst  schaffen  mußten,  büßten  ihre  Kühnheit  mit
schweren  Verlusten.  Aber  ihre  Niederlagen  waren
eben  napoleonische  Niederlagen  und  es  geziemt  uns
        <pb n="59" />
        59

heute,  mit  Achtung  auf  die  zurückblicken,  welche  die
größte  Geistestat  der  Menschheit,  die  Konzeption  des
Begriffes  „wissenschaftliches  Gesetz“  für  das  Gebiet
sozialen  Geschehens  wiederholten.  In  diesem  Wort
kommt  das  ganze  Ringen  jener  Zeit  zum  Ausdruck.
Was  liegt  daran,  daß  sie  ihm  nicht  immer  —  denn
mitunter  gelang  es  ihnen  —  schon  jenen  Sinn  beilegten, ­
  der  später  als  der  richtige  erschien,  wenn  sie
sogar  mitunter  Opfer  des  Wortes  „Gesetz“  wurden,
das  ja  den  Stempel  vor  wissenschaftlicher  Auffassung
trägt  und  noch  in  die  fernsten  Zeiten  tragen  wird?
Das  Wesen  der  Sache  haben  sie  uns  dennoch  erobert
und  die  Botschaft  ihres  Wollens  kann  niemals  untergehen. ­
  Sie  haben  das  größte  Hindernis  genommen
und  alles  Weitere  war  verhältnismäßig  leicht.
III.
Dieses  Weitere,  wie  war  es  nun?  Fast  könnte
es  scheinen,  als  ob  diese  Frage  sehr  überflüssig  wäre:
Die  Wege  waren  ja  geebnet,  das  Werk  begonnen  —
ist  es  nicht  selbstverständlich,  daß  es  fortgesetzt
wurde,  daß  sich  neue  Generationen  von  Forschern
fanden,  die  einfach  dort  fortfuhren,  wo  jene  aufgehört ­
  hatten  und  daß  ich  nun  von  einer  Reihe  ununterbrochener ­
  Erfolge,  von  stetig  aufwärtsstrebender
Entwicklung  zu  erzählen  habe?  Leider  ist  das  gar
nicht  selbstverständlich,  sogar  so  wenig,  daß  niemand,
der  über  die  Art,  wie  sich  aller  menschliche  „Fortschritt“ ­
  vollzieht,  jemals  nachgedacht  hat,  dergleichen ­
  erwarten  würde  —  auch  die  Geschichte  der
Wissenschaft  ist  voll  Enttäuschungen  für  jeden,  der
        <pb n="60" />
        60

in  frohem  Glauben  an  streng  logischen  „Fortschritt“
an  sie  herantritt,  voll  Enttäuschungen  für  den  Intellektualisten, ­
  der  im  Verstand  die  treibende  Kraft
zum  mindesten  des  Wissens  sieht  und  wenigstens
im  Reiche  der  Wissenschaft  den  Menschen  wirklich
für  sapiens  hält.
Aber  fragen  wir  uns  zunächst,  wie  man  sich  eine
solche  Fortsetzung  des  begonnenen  Werkes  zu  denken
hätte.  Wie  wäre  es  zu  machen  gewesen,  daß  man
über  die  Standquartiere  von  damals  hinauskam  ohne
sie  doch  zu  zerstören?  Die  Antwort  kann  nicht
zweifelhaft  sein:  Die  um  die  Wende  des  18.  und
19.  Jahrhunderts  das  Reich  der  Sozialwissenschaften
betraten,  hätten  respektvoll,  wie  es  sich  den
Großen  gegenüber  geziemt  hätte,  aber  energisch  im
Detail,  an  den  einzelnen  Punkten  der  vorhandenen
Theorien  Weiterarbeiten  müssen.  Sie  hätten  da  all
ihre  Originalität  ausleben  lassen  und  wirklich  fruchtbar ­
  machen  können.  Sie  hätten  die  Werke  der  Meister
hernehmen  und  erst  einmal  an  ihnen  lernen,  ihren
Inhalt  in  sich  aufnehmen  und,  wenn  sie  sie  erst  verstanden ­
  hätten,  an  der  einen  oder  anderen  Frage,  die
gerade  ihrem  Ideenkreis  besonders  nahe  lag,  in  die
Tiefe  steigen  sollen  —  erst  an  der  Hand  der  Meister,
dann  allein  weiter  und  immer  weiter.  Man  sage  nicht,
so  arbeite  kein  Genie.  Denn  erstens  ist  nur  selten
jemand  ein  Genie  und  zweitens  haben  alle  großen
Geister  so  gearbeitet  —  jeder  muß  so  arbeiten,  wenn
seine  Arbeit  etwas  wert  sein  soll:  Raffael  hat  von
Perugino  und  Newton  von  Galilei  und  Huyghens  gelernt, ­
  ohne  gleich  zu  kritisieren.  Das  ist  die  Voraus ­
        <pb n="61" />
        61

setzung  aller  tüchtigen  Arbeit  des  Genies  wie  des
Philisters,  und  die  beiden  unterscheiden  sich  nur  dadurch, ­
  daß  das  Genie  dann  allein  weiterkommt  und
Eigenes  aus  dem  Gelernten  formt.
Wenn  man  so  verfahren  wäre,  dann  wären  drei
Dinge  eingetreten.  Erstens:  Von  selbst,  und  ohne
daß  es  jemand  schreiend  und  gestikulierend  hätte
fordern  müssen,  hätten  sich  die  wissenschaftlichen
Arbeiter  in  die  Welt  der  sozialen  Tatsachen  versenkt
und  unmerklich  und  schmerz-  und  kampflos  hätten
sich  die  Beziehungen  zur  Metaphysik  gelöst  —  einfach ­
  durch  die  Logik  der  Situation,  durch  die  Unmöglichkeit, ­
  sie  festzuhalten.  Philosoph  und  Porscher
hätten  das  dann  beide  eingesehen,  und  beide  Gebiete
hätten  ihre  Grenzen  und  ihr  Niveau  gefunden  und
einander  verstanden.  Wie  die  Tatsachen  und  Theorien
von  selbst  dieses  Problem  gelöst  hätten,  so  hätten  sie
von  selbst  den  Forschern  die  Arten  ihrer  Behandlung
in  jedem  Fall  aufgenötigt,  und  jeder  hätte  sich  das
gewählt,  was  seiner  Anlage  entsprach,  ohne  ungeziemende ­
  Reibereien  mit  den  Arbeitern  auf  den  Nachbargebieten ­
  —  und  alle  Methoden  hätten  sich  ruhig
entwickelt.
Zweitens:  Wenn  man  die  überkommenen  Theorien ­
  ruhig  und  gewissenhaft  ausgearbeitet  hätte,  so
wäre  man  dabei  auf  unbefriedigende  Problemlösungen, ­
  mit  Schlagworten  überklebte  Probleme  und
Widersprüche  gestoßen.  An  allen  diesen  Punkten,
wie  der  Motivenlehre,  dem  Arbeiten  mit  „Trieben“,
dem  Problem  der  Rolle  und  Formung  des  Individuums, ­
  der  inneren  Logik  der  ökonomischen  Theorie
        <pb n="62" />
        62

und  der  Theorie  der  Gesellschaft  hätte  sich  originelle ­
  Kraft  bewähren  und  an  der  Aufgabe  versuchen ­
  können  alles  das  nach  und  nach  in  Ordnung
zu  bringen.  So  wäre  langsam  aber  unvermeidlich  das
ganze  Gebäude  ein  anderes  geworden,  so  wie  die
Eiche  etwas  anderes  ist  als  die  Eichel.  Still  und
machtvoll  wäre  der  Strom  zu  einem  Meer  geworden
und  alle  noch  so  neuen  Errungenschaften  hätten  sich
—  so  erst  wahrhaft  fruchtbar  werdend  —  als  neue
Jahresringe  an  den  vorhandenen  Stamm  gefügt.
Drittens:  Ganz  von  selbst  hätte  sich  dabei  auf
Schritt  und  Tritt  das  Bedürfnis  nach  Zufuhr  neuer
Tatsachenmassen  ergeben  und  man  hätte  sie  sammeln
oder  sich  an  jene  wenden  können,  die  ihre  Lebensaufgabe ­
  im  Sammeln  sehen.  Ohne  Lärm  und  ohne
Prinzipienstreitigkeiten,  die  Unberufene  in  den  Vordergrund ­
  heben,  ohne  persönliche  Eitelkeiten  und
Gehässigkeiten,  ohne  alles  das,  was  die  unliebenswürdigsten ­
  Seiten  der  menschlichen  Herzen  an  die
Oberfläche  steigen  läßt  —  so  möchte  man  sich  wohl
diese  Entwicklung  denken.
So  ist  es  nicht  gekommen.  Wohl  lebten  manche
Stücke  der  Geisteswelt  des  18.  Jahrhunderts  weit  in
das  19.  hinein.  Die  beiden  auffälligsten  Beispiele
sind  die  deutsche  Metaphysik  der  ersten  Jahrzehnte
des  19.  Jahrhunderts  und  die  „klassische  Schule“  der
Nationalökonomie.  Aber  schließlich  erlag  ja  jene
Metaphysik,  scheinbar  wenigstens,  und  sie  kann  uns
hier  nicht  berühren.  Und  die  klassische  Schule  der
Nationalökonomie  —  ist  nicht  auch  sie  bald  erlegen,  so
daß  wir  sie  eben  als  Überbleibsel  der  alten  Zeit  be ­
        <pb n="63" />
        trachten  können?  An  sich  ist  sie  und  besonders
ihre  markanteste  Figur,  David  Ricardo,  ein  gutes
Beispiel  für  jene  Art  von  Fortschritt,  welche  ich
soeben  skizzierte.  Er  nahm  das  Wissen  des  18.  Jahrhunderts ­
  aus  der  Hand  Adam  Smith’  und  stürzte
sich  in  das  Tatsachen-  und  Gedankenmeer  des  Wealth
of  Nations.  Er  faßte  seiner  Anlage  entsprechend  das
theoretische  Knochengerüst  der  Sache  an  und  fand
es  ungenügend.  Und  ohne  ein  Wort  der  Geringschätzung ­
  zu  sagen,  ohne  auch  nur  von  einem  Gegensatz ­
  zu  sprechen,  suchte  er  es  zu  einem  widerspruchslosen ­
  Ganzen  umzuformen.  Allein  —  ist  das  nicht
eine  Ausnahme  gewesen,  die  der  Sturm  der  neuen
Zeit  schließlich  vernichtete?  Ist  es  nicht  trotzdem
eine  große  Wahrheit,  daß  die  im  18.  Jahrhundert
eingeleitete  Entwicklung  mit  rauher  Hand  unterbrochen, ­
  die  sprossende  Knospe  geknickt  wurde  und
man  von  neuen  Gesichtspunkten  von  Neuem  begann
—  wenn  auch  im  Anschluß  an  Ansätze,  die  sich  schon
früher  zahlreich  gezeigt  hatten  ?  In  der  Tat,  eine  Reaktion ­
  gegen  die  ganze  Geistesrichtung  des  18.  Jahrhunderts
  trat  ein,  laut  und  deutlich  genug.  Warum?
Nun,  da  müssen  wir  uns  vor  allem  wieder  vor
dem,  für  alles  ideengeschichtliche  Verständnis  so  verderblichen ­
  Irrtum  hüten,  von  der  „Geistesrichtung“
einer  „Zeit“  in  einem  anderen  Sinn  als  dem  einer
Fiktion  zu  sprechen.  Nicht  nur  keimen  in  jeder  Zeit
zugleich  zahllose  Pflanzen,  die  sich  nicht  alle  miteinander ­
  vertragen,  nicht  nur  koexistieren  jeweils
zahllose  Strömungen,  die  einander  entgegenarbeiten,
sondern  auch  in  der  einzelnen  Strömung  sieht  die
        <pb n="64" />
        64

Sache  sehr  verschieden  aus  auf  den  Höhen  und  in
den  Niederungen.  Eine  weitere  Kreise  erfassende
Geistesrichtung  nun  besteht  immer  aus  Elementen
vieler  solcher  Strömungen  und  stets  nur  aus  Elementen ­
  der  Niederungen.  Gegen  die  „Geistesrichtung“ ­
  des  18.  Jahrhunderts  erhob  sich  zunächst  eine
populäre  Reaktion  und  in  diesem  Zusammenhang
ist  unter  jener  Geistesrichtung  nichts  anderes  gemeint ­
  als  Aufklärungsphilosophie  und  politischer
Liberalismus,  obgleich  weder  die  eine  noch  der  andere
jemals  „geherrscht“  haben.  Und  weil  diese  Reaktion
der  große  Resonanzboden  aller  anderen  Gegenbewegungen, ­
  weil  sie  das  machtvollste  Element  war,  das
den  anderen  Impuls  gab  und  ihnen  Erfolg  sicherte,
weil  diese  Stimmung  endlich  auch  feinere  Geister
ihrem  Einfluß  unterwarf,  so  sei  sie  zuerst  berührt.
Neue  Ideen  und  neue  Richtungen  entstehen  zunächst ­
  in  engsten  Kreisen.  Da  gewinnen  sie  ihre
Propheten  und  Kämpfer,  und  von  da  aus  entsteht  im
Falle  des  Erfolgs  die  große  Staubwolke,  die  den  Blick
weiterer  Kreise  anzieht  und  lange  darüber  täuscht,
wie  verschwindend  klein  eigentlich  die  Schar  der
Jünger  ist.  Weitere  Kreise  absorbieren  zunächst  nur
Schlagworte  und  bleiben  sonst  ruhig  in  den  alten  Bahnen. ­
  Soll  es  dann  weitergehen,  rühren  diese  Schlagworte ­
  an  empfindliche  Stellen  und  sieht  es  so  aus,
wie  wenn  sie  blutiger  Ernst  werden  sollten,  dann
zeigt  es  sich,  wie  wenig  das  Neue  noch  assimiliert  ist
und  es  entsteht  eine  Situation,  die  völlig  analog  einer
Wirtschaftskrise  ist.  Auch  das  Wesen  einer  Wirtschaftskrise ­
  liegt  darin,  daß  das,  was  der  vorher-
        <pb n="65" />
        65

gehende  Aufschwung  schuf,  nur  mit  Schmerzen  assimiliert ­
  werden  kann  und  vieles  Eingelebte  bedroht,
so  daß  es  zu  Paniken,  Zusammenbrüchen  usw.  kommt.
So  etwas  passierte  damals.  Die  Schlagworte,  die  aus
den  Sozialwissenschaften  in  das  „Publikum“  drangen
—  stets  Übertreibungen,  meist  auch  Entstellungen  —
wurden  schließlich  unangenehm  empfunden.  Man  begann ­
  sie  gar  als  Ursachen  der  großen  Revolution  zu
betrachten  —  und  man  wetterte  gegen  sie.  Gerade
der  „kalte  Rationalismus“  der  Aufklärung  führte  zum
Wiedererwachen  religiösen  Geistes,  gerade  das  viele
Gerede  von  Weltverbesserung  rief  politischen  Konservativismus ­
  zu  neuem  Leben  oder  besser  —  es
weckte  ihn  aus  seinem  Schlummer.  Es  kam  dann
auch  das  bloße  Moment  der  Ermüdung  an  nunmehr
zu  oft  Gehörtem  hinzu  —  das  ja  stets  eine  sehr
wirksame  Ursache  politischer  und  sonstiger  Stimmungswechsel ­
  der  Menge  ist:  Man  will  von  Zeit  zu
Zeit  einfach  „etwas  anderes“,  was  immer  es  sei.
Zu  all  dem  kam  aber,  daß  die  Sozialwissenschaften ­
  weiteren  Kreisen  immer  unsympathisch  gewesen
waren  und  es  umso  mehr  wurden,  je  weiter  und
tiefer  sie  drangen.  Die  Abneigung  gegen  sie  ist  ähnlich ­
  zu  verstehen,  wie  die  Abneigung,  die  ein  geselliger ­
  Kreis  gegen  eines  seiner  Mitglieder  faßt,
von  dem  die  übrigen  wissen,  daß  es  ein  böses  Mundwerk ­
  hat.  Man  fühlt  sich  durch  dasselbe  geniert  und
bedroht.  Und  eine  ganze  Masse  von  Leuten  fühlte
sich  in  den  Grundlagen  ihrer  sozialen  Existenz  und
ihren  Idealen  geniert  und  bedroht  durch  die  sozialwissenschaftliche ­
  Analyse,  die  fortwährend  Fragen
Schumpeter,  Vergangenh,  u.  Zukunft  d.  Sozialwissenach.  5
        <pb n="66" />
        stellte,  fortwährend  an  den  Fundamenten  von  Staat
und  Gesellschaft  herumzuknabbern  und  der  nichts
heilig  zu  sein  schien.  Obgleich  das  sachlich  der
Wissenschaft  gegenüber  ein  Irrtum  war 1 ,  so  war  das
kein  Irrtum  gegenüber  dem,  was  weitere  Kreise  von
der  Wissenschaft  erfuhren  und  was  ihnen  aus  der
Hand  der  Literaten  zukam.  Man  darf  auch  die  Bedeutung ­
  der  Tatsache  nicht  unterschätzen,  daß  wirklich ­
  nur  das  feststeht,  was  undiskutiert  ist,  also  nur
das,  was  unbewußt  ist  —  denn  mit  dem  Bewußtsein
beginnt  sofort  das  Fragen  und  Analysieren.
In  diesem  Sinn  ist  selbst  der  Apologet  nur  ein
Vorläufer  des  Revolutionärs.  Stellen  wir  uns  vor,
wir  stünden  in  einer  Bilderausstellung,  versunken  im
Anblick  eines  Bildes.  Und  es  träte  da  jemand  an  uns
heran  und  sagte  zu  uns:  „Warum  bewundert  ihr  das,
ihr  Dummköpfe?  Das  ist  ja  nur  Leinwand  und  Ölfarbe!“ ­
  Was  würde  unser  Eindruck  sein?  Nun  derselbe, ­
  den  manche  angeblichen  Resultate  der  Sozial  -
wissenschaften  auf  manchen  wackeren  Mann  gemacht ­
  haben,  der  kraftvoll  handelte,  kraftvoll  glaubte
und  wenig  grübelte.  Und  wir  können  dem  Mann  nicht
ganz  Unrecht  geben:  Das  Bild  ist  nicht  bloß  Leinwand ­
  und  Ölfarbe  und  selbst  wenn  es  nichts  anderes
wäre  —  im  künstlerischen  Genuß  oder  im  frohen
Tun  wollen  wir  nicht  daran  erinhert  sein.  Diese
Reaktion  gewann  nun  seit  der  Jahrhundertwende

1  Denn  die  wissenschaftlichen  Kreise  waren  nichts  weniger  als
staats-  und  gesellschaftsfeindlich,  von  sehr  wenigen  Ausnahmen  abgesehen. ­
        <pb n="67" />
        schnell  an  Kraft  und  wirkte  auf  allen  Gebieten,  in
denen  es  so  etwas  wie  eine  öffentliche  Meinung  gab.
Vieles  andere,  wie  die  Erschöpfung,  die  auf  die  napoleonischen
  Kriege  folgte  und  eine  deutliche  Gegenbewegung ­
  gegen  die  kapitalistische  Entwicklung  der
vorhergehenden  Jahrzehnte,  machte  sie  für  lange
Zeit  unüberwindlich.  Und  in  der  Hochflut  dieser
Strömung  erschien  dann  manch  alte  Anschauung,
die  das  18.  Jahrhundert  argumentativ  längst  überwunden ­
  hatte,  wie  eine  Neuheit,  wie  eine  große  Entdeckung ­
  und  lehrt  so  dem  Historiker  der  Ideen,  daß
nichts  so  lange  leben,  nichts  so  lange  ohne  Nahrung
schlummern  kann  als  unsere  Vorurteile.
Und  in  der  Wissenschaft  —  wie  stand  es  da?
Früher  oder  später  —  wie  schon  erwähnt,  nicht
gleichzeitig  —  sehen  wir  auf  allen  Gebieten  der
Sozialwissenschaft  des  18.  Jahrhunderts  ein  eigentümliches ­
  Erlahmen.  Wo  früher  frisches  Leben
herrschte  und  originelle  Gedanken  sich  tummelten,
da  geht  es  nun  nicht  mehr  vorwärts.  Das  herrliche
Erbe  der  Üniversal  -  Sozialwissenschaft  des  NaturreehtS
  ist  in  hölzerneXHände  geraten,  in  denen  es
siecht  und  verfault.  Gegner'  haben  nun  ein  leichtes
Spiel  nicht  nur  mit  den  unfähigen  Epigonen,  sondern
auch  mit  den  toten  Löwen  selbst.  Langsam  sinkt  das
Naturrecht  erst  überhaupt  zu  einer  juristischen
Spezialdisziplin  und  schließlich  zu  einer  fast  verachteten ­
  Spezialdisziplin  herab,  die  alle  Fühlung  mit
den  lebendsten  Elementen  ihrer  Zeit  verliert  und
endlich  sogar  aus  dem  Lehrgang  verwiesen  wird,  um
zu  einer  nur  mehr  historisch  interessanten  Fossilie

5*
        <pb n="68" />
        68

zu  werden.  Aber  eine  Wissenschaft  ist  doch  nicht  in
dem  Sinn  ein  Organismus,  daß  sie  erlahmen  kann:
Sie  lebt  doch  nur  in  sich  stets  erneuernden  Generationen! ­
  Wie  also  ist  so  etwas  möglich?  Auch  daran ­
  kann  es  nicht  gelegen  haben,  daß  das  Gebiet  der
Sozialwissenschaften,  auch  nur  der  Methoden,  des
18.  Jahrhunderts  erschöpft  war  —  denn  wir  sehen
ja  wie  alles  von  Problemen  und  Anregungen  wimmelte. ­
  Nun,  eine  Richtung,  „Schule“,  oder  Wissenschaft ­
  hat  eben  einen  Altersbazillus  ganz  besonderer
Art  zu  fürchten.  Altern,  siechen  oder  sterben  kann
sie  nur  auf  eine  Weise  —  nämlich  dadurch,  daß  die
neuen  Generationen  oder  deren  Talente  sich  von  ihr
abwenden.  Vorhanden  sind  sie  immer,  die  Talente
sowohl  wie  die  Aufgaben  für  sie.  Aber  die  neuen
Generationen  wenden  sich  diesen  Aufgaben  und
der  vorhandenen  Wissenschaft  oder  überhaupt  der
Wissenschaft  nicht  immer  zu.  Niemals  deshalb,  weil
sie  einzelne  Lehrsätze  dieser  Wissenschaft  nicht  annehmen ­
  könnten  oder  ein  begründetes  Urteil  über
ihre  Methoden  hätten  —  dergleichen  ergibt  sich  erst
nach  langer  Arbeit  und  nach  langer  Arbeit  ist  man
dann  schon  verwachsen  mit  dem  Bestehenden  und
versteht  man  es  viel  zu  gut,  um  es  jemals  völlig  ausrotten
  zu  wollen  —  sondern  einfach  deshalb,  weil
ihnen  die  ganze  Sache  nicht  gefällt.  Niemals  liegt
eine  Erkenntnis  einem  solchen  jähen  Ausbrechen  aus
der  bisherigen  Richtung  zugrunde  —  deshalb  gibt  es
solches  Ausbrechen  nicht  auf  dem  Gebiete  der  Naturwissenschaften, ­
  weil  deren  strenge  Methoden  nur
solche  mitsprechen  lassen,  die  das  Vorhandene  mehr
        <pb n="69" />
        69
oder  weniger  kennen  und  verstehen  —  sondern  stets
nur  ungestümes  Wollen.  Nicht  nur  das  politische,
alles  menschliche  und  auch  das  wissenschaftliche
Lehen,  ist  nicht  von  Vernunft  und  Erkenntnis  beherrscht. ­
  Gefühle,  Leidenschaften,  Schlagworte  entscheiden ­
  auch  das  Schicksal  von  Wissenschaften.
Deshalb  wandten  sich  also  die  neuen  Gelehrtengenerationen ­
  von  den  Leistungen  des  18.  Jahrhunderts ­
  ab,  weil  sie  in  ein  Milieu  gebettet  waren,
das  diese  Leistungen  nach  ihren  populären  und  politischen ­
  Ausläufern  beurteilte  und  verwarf.  Das  gab
die  Tendenz  ab  und  das  Wollen.  Und  zum  Inhalt
dieses  Wollens  wurde  eben,  was  die  Zeitumstände
boten.  So  haben  wir  da  wirklich  eine  zum  Teil  neue
wissenschaftliche  Welt  vor  uns,  die  nicht  durch  die
Schule  derjenigen  gegangen  war,  die  vorher  in  der
Wissenschaft  geschaltet  hatten.
Dabei  vereinigten  sich  die  verschiedensten  Elemente. ­
  Der  eine  zürnte  der  Epoche  des  Naturrechts,
weil  sie  zu  wenig  positiv  und  empirisch,  ein  anderer
stimmte  ihm  zu,  weil  sie  zu  positiv  und  antimetaphysisch ­
  gewesen  sei.  Der  eine,  weil  er  ihre  schwachen
Punkte  erkannte  —  und  mit  ihm  vereinigte  sich  der,
der  die  starken  nicht  sah.  Die  einen  —  und  zunächst
waren  das  die  meisten  —  bekämpften  den  pietätlosen
politischen  Fortschritts-,  jaRevolutionsgeist  darin,  und
ihre  Schar  vereinigte  sich  mit  der  Schar  jener,  die
in  jener  Literatur  einen  Hort  der  Reaktion  zu  sehen
begannen  und  ein  Hindernis  im  Wege  der  Reform.
Der  Haß  der  einen  wurzelte  in  religiöser  Überzeugung, ­
  die  man  gefährdet  glaubte  —  diesen  sekundier-
        <pb n="70" />
        70

ten  andere,  aus  gleich  heftigem  Haß  gegen  die  zu
religiöse  Stimmung,  die  in  jenen  Werken  wehte.  Der
eine  stürmte  gegen  den  Individualismus  des  Naturrechts ­
  an,  der  andere  half  ihm,  weil  die  Systeme  der
Moralwissenschaft  das  Individuum  erdrückt  hätten.
Es  begegneten  sich,  von  allen  möglichen  Seiten  zusammenströmend, ­
  Leute  aller  Tendenzen  und  aller
Typen.  Die  stärksten  Männer  der  Zeit  waren  darunter ­
  und  auch  deren  schwächste  —  die,  die  über
und  die,  die  unter  dem  Geleisteten  standen.  Das  gemeinsame ­
  Band  war  die  Opposition,  obgleich  sich
bald  so  etwas  wie  ein  gemeinsames  Aktionsprogramm
herausstellte.  Wer  dächte  nicht  an  analoge  Erscheinungen ­
  im  politischen  Leben?
Ich  suche  nach  Beispielen,  an  denen  ich  den  einen
oder  den  anderen  Punkt  deutlicher  machen  könnte.
Nehmen  wir  etwa  Carlyle  her,  den  Schotten  mit  dem
deutschen  Geist.  Gewaltig  ragt  er  aus  dem  Strom  der
Zeit.  Öffnet  man  seine  Geschichte  der  französischen
Revolution,  so  schlagen  die  Flammen  des  Genius
heraus.  Er  predigt  uns,  die  Geschichte  sei  ein  Gewebe ­
  aus  den  Biographien  großer  Männer,  in  deren
Tun,  deren  Motiven,  lägen  die  letzten  Gründe  des
Geschehens  —  sie  selbst  unanalysierbar,  göttliche
Funken.  Er  kündet  vom  autonomen  Agens  „Mensch“.
Er  gießt  die  Schale  seines  Zornes  über  Nützlichkeitsphilosophie ­
  und  Profitjagd  aus.  Er  schüttelt  die
Fäuste  gegen  die  Krämerseele  der  Wirtschaftslehre
und  deutet  dann  auf  eine  unzerzausbare  Welt,  die
Schauer  unendlicher  Geheimnisse  umhauchen.  Er
preist  die  große  Seele  Shakespeares,  die  alle  Arten
        <pb n="71" />
        71

von  Leuten  und  Dingen  in  sich  aufnehmen  und  sie
darstellen  konnte  in  runder  Vollkommenheit  und
schiebt  „das  novum  organum  und  all  den  Intellekt,
den  man  in  Bacon  findet“,  verächtlich  beiseite.  All
das  ist  wahr  und  groß  in  seinem  eignen  Kreis  —  aber
der  liegt  am  anderen  Ufer.  Soweit  die  Wissenschaft
da  hinüber  will,  hat  ja  Carlyle  ganz  recht.  Unsere
Analyse  produziert  weder  Falstaff  noch  Othello,  noch
Juliet  noch  Coriolan  —  und  auch  keine  Weltanschauung. ­
  Nur  ist  sie  dazu  auch  gar  nicht  da,  und  mit  all
dem  wäre  ihr  auch  nicht  geholfen.  Und  das  Reich,
das  auf  ihrem  Ufer  liegt,  das  hat  Carlyle  fast  nicht
gekannt,  und  er  hat  gar  nicht  verstanden,  daß  auch
dort  die  Sonne  leuchtet.  Deshalb  ist  er  wie  ein  Kind,
wenn  er  über  ihre  Dinge  spricht.  Doch  nur  um  so
größer  ist  sein  Selbstbewußtsein.  Zornvoll  ruft  er
uns  z.  B.  zu:  „Politische  Wissenschaft?  Politische
Wissenschaft  sollte  eine  wissenschaftliche  Offenbarung ­
  sein  des  ganzen  geheimnisvollen  Mechanismus, ­
  der  die  Menschen  in  der  Gesellschaft  zusammenhält ­
  .  .  .  Statt  dessen  sagt  sie  uns,  wie  Flanelljacken
gegen  Schinken  ausgetauscht  werden.“  Ich  führe  das
an,  weil  es  so  lehrreich  ist:  Ein  großer  Mann  sagte
da  etwas,  was  etwa  so  vernünftig  ist,  wie  wenn  ein
König,  der  einen  Palast  haben  wollte,  den  Untertanen, ­
  die  gehorsam  Steine  für  diesen  Palast  herbeischleppten, ­
  zurufen  würde:  „Ich  will  einen  Palast
haben,  und  die  Kerls  bringen  mir  Steine!“  Aber  er
sagte  es  ohne  die  geringste  Ahnung  von  seiner  Absurdität ­
  und  der  wissenschaftlichen  Unfruchtbarkeit
seines  Sehnens  zu  haben.  Er  sagt  es  mit  starkem
        <pb n="72" />
        Temperament  und  mit  Prophetengeste  —  und  siehe
da,  die  Welt  klatschte  Beifall!  Und  heute  noch  kann
man  so  die  billigsten  Lorbeeren  ernten.
Ähnliches  gilt  von  den  Romantikern.  Wer
möchte  diese  mächtige  Bewegung  in  unserer  Literatur ­
  missen,  wer  ihre  Bedeutung  für  unser  Geistesleben ­
  leugnen?  Nur  griff  sie  gelegentlich  in  die
Speichen  des  wissenschaftlichen  Rades  —  und  das
Resultat  war  die  unbefangene  Verkündigung  vorwissenschaftlicher ­
  Denkweisen.  Aber  das  änderte
nichts  am  äußeren  Erfolg.  Und  die  Romantiker
konnten  ihre  geliebte  Entdeckung  des  Volksgeistes
—  die  Auffassung  des  Volkscharakters  in  seiner  Einzigartigkeit, ­
  in  seiner  lebenden,  wirkenden,  einheitlichen, ­
  unanalysierbaren  Realität  —  nach  Gefallen
paradieren.  An  sich  ein  wertvoller  Gedanke,  wenn
auch  nur  die  Tür  zu  einem  Problem,  wurde  er  in
ihrer  Hand  eine  Phrase  oder  ein  metaphysischer
Schnörkel.  Wie  immer  der  forschende  Geist  auf
steilem,  schlüpfrigem  Pfad  einen  Schritt  zu  machen
versuchte,  da  hielten  sie  ihm  ihren  Volksgeist  wie
ein  Medusenhaupt  entgegen  —  und  damit  glaubte
man  alles  getan  zu  haben.  Wenn  Aristoteles  das
erlebt  hätte,  er  wäre  geheilt  worden  vom  Glauben,
daß  alle  Menschen  rov  eldevai  ögtyovzai  (pvaei.  Auch
das  wissenschaftliche  Denken  also  ging  durch  eine
Krise:  „Alles  wehrte  sich  gegen  das  Neue  und
strebte  zurück  nach  alten  Denkformen,  die,  scheintot ­
  durch  hundert  Jahre,  auf  einmal  wieder  Kraft  und
Leben  gewannen.  Und  auch  für  das  wissenschaftliche
Leben  —  wie  für  die  öffentliche  Meinung  jener  Zeit
        <pb n="73" />
        73

/

—  ist  es  ganz  charakteristisch,  daß  dieser  Standpunkt ­
  nicht  etwa  durch  argumentative  Überwindung
des  Standpunkts  des  18.  Jahrhunderts  gewonnen
wurde:  Niemand  kannte  oder  würdigte  den  letzteren
anders  als  in  der  Form  einiger  Schlagworte;  niemand ­
  dachte  sich,  seiner  selbst  vergessend,  in  jene
Werke  hinein;  niemand  wog  das  Für  und  Wider,  um
dann  erst  ein  Urteil  zu  gewinnen  —  mit  kühlem  Ernst
oder  doch  lediglich  mit  der  Leidenschaft  der  Erkenntnis. ­
  Nein,  nichts  von  alledem  —  mit  dem  ausgefertigten ­
  Urteil  in  der  Tasche  traten  diese  Richter  an  die
Untersuchung.
Nun  ein  anderes  Beispiel  für  jenen  Stumpf-und-Stiel-Radikalismus,
  der  sich  gegen  die  Analyse  des
18.  Jahrhunderts  wandte.  Ein  Beispiel  ebenfalls  für
Hunderte,  für  eine  ganze  große  Armee  des  Gedankens. ­
  Aber  ein  Beispiel  für  eine  ganz  anders  geartete
feindliche  Armee,  die  mit  der  eben  erwähnten  viel
weniger  zu  tun  hat  als  mit  dem  gemeinsamen  Feind
beider.  Auch  ein  großes  Beispiel  endlich  von  gewaltigem ­
  Wollen  und  Können,  eine  der  glänzendsten  Erscheinungen ­
  der  Wissenschaft.  Daß  ich  den  Namen
wähle,  den  ich  jetzt  nennen  will,  schließt  es  ebenso,
wie  daß  ich  Carlyle  wählte,  aus,  daß  man  mir  imputieren
  könnte,  ich  dächte  gering  von  diesen  Gegenströmungen ­
  oder  ich  ergriffe  Partei  für  alles,  was
das  18.  Jahrhundert  tat:  Auguste  Comtes  „cours  de
Philosophie  positive“  muß  als  einer  der  größten  Versuche ­
  zur  Synthese  alles  unseres  Wissen  stets  ein
Monument  des  Geisteslebens  des  19.  Jahrhunderts
bleiben,  zugleich  ein  Markstein  und  ein  Programm
        <pb n="74" />
        74

—  auch  für  den,  der  weder  die  Bausteine,  noch  das
Gebäude,  noch  dessen  philosophische  Deutung  mit
ungemischter  Freude  hinzunehmen  vermag,  auch  für
den,  der  meint,  daß  Comte  seinen  eigenen  Grundgedanken ­
  in  wesentlichen  Punkten  verdorben,  sich
über  seine  wahre  Bedeutung  in  wesentlichen  Punkten
getäuscht  hat,  auch  für  den,  dem  der  Tribut,  den  der
große  Mann  der  Sterblichkeit  gezollt  hat,  allzu  groß
erscheint.  Hier  kommt  für  uns  nur  der  Weg  in  Betracht, ­
  auf  dem  Comte  in  die  soziale  Problemgruppe
einzudringen  suchte  —  der  Weg  von  Seite  der  exakten ­
  Naturwissenschaft:  Von  Mathematik  zu  Mechanik ­
  und  Astronomie,  von  Mechanik  und  Astronomie
zu  Physik  im  engern  Sinn,  von  Physik  zu  Chemie,
von  Chemie  zu  Biologie,  von  Biologie  zu  Soziologie  —
Stufen  einer  Leiter,  von  denen  jede  die  Voraussetzungen ­
  der  folgenden  geben  sollte.  In  gleichem
Geist,  womöglich  mit  den  gleichen  Methoden,  wie  die
Naturwissenschaften,  als  eine  derselben,  sollte  eine
Wissenschaft  vom  sozialen  Geschehen  entstehen:
Also  so  ziemlich  im  schärfsten  Gegensatz  zu  der
Ideenwelt  der  Bomantik,  den  man  wohl  ausdenken
mag.  Aber  nicht  weniger  scharf  war  der  Gegensatz,  in
den  sich  Comte  zu  den  überkommenen  Sozialwissenschaften ­
  stellte.  Wie  kam  das  nur?  Nun,  die  Antwort
ist  leider  sehr  einfach:  Er  kannte  sie  kaum.  Auch  er
kannte  fast  nur  die  populären  Schlagworte  über  sie,
und  auch  er  drang  nie  tiefer  in  sie  ein.  So  konnte
er  sie  für  aprioristische  unwissenschaftliche  Spekulationen ­
  halten  —  wenig  besser  als  die  Scholastik.
So  meinte  denn  auch  er,  daß  da  so  gut  wie  nichts
        <pb n="75" />
        75

—  ja  schlimmer  wie  nichts  —  geleistet  sei,  und  daß
man  von  allem  Anfang  anfangen  müsse.  Daher  sah
er  sich  denn  nach  Material  um,  nach  historischem,
ethnologischem  usw.  und  begann  —  auf  schmälster
Basis  —  herzhaft  darauf  los  zu  generalisieren.  Welche
Tragikomödie:  Derselbe  Mann,  der  kraftvoller  als
jeder  andere,  die  Botschaft  des  naturwissenschaftlichen ­
  Gesetzes  predigte,  verwarf  gerade  jene  Methoden ­
  —  der  Abstraktion,  Isolierung  usw.  —  die  in
der  Naturwissenschaft  die  größten  Erfolge  errungen
hatten  und  die  er  selbst  gerade  wieder  vorgetragen
hatte  für  das  Gebiet  der  Sozialwissenschaft:  Derselbe ­
  Mann,  der  positives  Tatsachenstudium  forderte,
erging  sich  in  Betrachtungen  über  Ziele  der  Menschheit, ­
  über  eine  „Entwicklung  der  Menschheit“,  die
eine  Metaphysik  in  optima  forma  war!  Aber  er
wirkte,  und  viele  haben  sich  auf  ihn  berufen,  die  dem
wahren  Geist  seines  Werkes  feindlich  gegenüberstanden. ­

Als  drittes  Beispiel  will  ich  eine  ganze  Richtung
wählen:  die  Richtung,  die  man  „historische  Schule“
nennt.  Sie  steht  zwischen  den  beiden  eben  erwähnten
und  hat  Fühlung  mit  beiden.  Denn  einerseits  —  hat
sie  nicht  ebenfalls,  wie  die  Romantiker,  gegen  die
Kahlheit  und  Banalität  theoretischer  Analyse  gedonnert, ­
  den  Volksgeist  und  die  Einheit  der  Persönlichkeit ­
  auf  den  Schild  erhoben  und  philosophischem
Erschauen  seinen  Platz  vindiziert  ?  Andrerseits  aber
—  hat  sie  nicht  „exakte  Tatsachenforschung“  als  ihr
Prinzip  verkündet  gegenüber  „nebelhafter  Spekulation“ ­
  ?  Beides  verträgt  sich  nicht  gut  miteinander  und
        <pb n="76" />
        76

man  sollte  meinen,  daß  der  Einzelne  so  wenig  beiden
Ratgebern  folgen  kann,  wie  der  Wild-  und  Rheingraf
im  Gedichte.  Allein  —  wann  wäre  je  ein  wissenschaftliches ­
  Programm  eine  logische  Einheit?  Wann
wären  je  die  Glieder  einer  Gruppe  wirklich  eins  in
dem  Sinn,  den  sie  den  gemeinsamen  Worten  beilegen?
So  schwamm  denn  diese  Richtung  gleichzeitig  im
Strom  der  Reaktion  des  philosophischen  Wollens
gegen  die  Analyse  und  im  Strom  der  Reaktion  des
Positivismus  gegen  die  Philosophie.  Sehr  verschiedene ­
  Winde  also  füllten  ihre  Segel  und  gerade  das
erklärt  ihren  Erfolg.
Ihr  Hauptquartier  ist  immer  Deutschland 1  gewesen, ­
  aber  sie  hat  machtvoll  über  die  deutschen
Grenzen  hinausgewirkt.  Am  stärksten  ist  sie  äußerlich ­
  auf  den  Gebieten  der  Rechts-  und  Wirtschaftswissenschaft ­
  hervorgetreten  und  darauf  wollen  wir
uns  hier  beschränken,  obgleich  ihr  Zjel  die  „Historisierung“
  aller  Sozial  Wissenschaften  war  und  alle
Sozialwissenschaften  unter  ihren  Einfluß  kamen:
Nicht  als  eine  der  Hilfswissenschaften,  als  eins  der
Tatsachenreservoirs  sollte  die  Geschichte  mehr  gelten ­
  ;  sie  sollte  als  Selbstzweck  in  den  Vordergrund
treten,  die  Sozialwissenschaft  %criel-oxtfv  werden  und
alles,  was  es  außer  den  Resultaten  historischer
Detailforschung  etwa  noch  zu  sagen  gäbe,  das  sollte
der  Historiker  eines  jeden  Feldes  selbst  hinzufügen
im  Anschluß  an  diese  Resultate,  die  erst  wirklich
1  Uber  die  Gründe  Mieser  Tatsache  vergleiche  meine  Dogmenund
  Methodengeschichte  der  Sozialökonomik  in  ,,Grundrifs  der  Sozialökonomik“, ­
  herausgegeben  von  Weber  u.  a.  Tübingen  1914.
        <pb n="77" />
        77

*

exakte  Forschung  seien,  und  ohne  die  man  keinen
Schritt  tun  könne  —  es  sollten  die  Sozialwissenschaften ­
  zu  Darstellungen  der  historischen  Tatsachen  eines
jeden  Gebiets  werden  und  alles  übrige  etwa  den  Charakter ­
  jener  Bemerkungen  annehmen,  die  die  Historiker ­
  schon  immer  ihren  Erzählungen  hinzugefügt
hatten.  So  definiert  man  vielleicht  am  besten  den
ursprünglichen  Standpunkt  jener  Männer,  deren
Werke  im  Zentrum  der  Bewegung  stehen,  obgleich
es  natürlich  nicht  möglich  ist,  das  Wollen  und  Streben ­
  einer  so  großen  Kichtung,  in  der  sich  so  viel
Verschiedenes  mischte,  in  einen  Satz  zu  fassen.
Wichtig  ist  für  uns  vor  allem,  daß  auch  diese
Eichtung  sich  als  etwas  Neues  fühlte,  und  daß  sie
tabula  rasa  machen  wollte  mit  dem  Vorhandenen.
Dieses  Vorhandene  erschien  ihr  völlig  unwissenschaftlich, ­
  kaum  ernster  Betrachtung  wert  und  sie
zeigte  alle  Lust,  von  ihrem  Auftreten  erst  die  Existenz
der  Sozialwissenschaften  zu  datieren.  Wiederum
ging  niemand  auf  den  Sinn  der  Vorgänger  ein,
wiederum  verurteilte»  man  sie  lediglich  auf  Grund
gewisser  allgemeiner  Prinzipien  oder  allgemeiner
Schlagworte.  Das  zeigte  sich  söhr  bald  innerhalb  der
historischen  Schule  der  Jurisprudenz.  Savigny  und
Eichhorn  usw.  hatten  freilich  ihre  Vorgänger.  Niemals ­
  hatte  der  Sammler  juristischen  Materials  gefehlt ­
  und  niemals  hatte  er  viel  von  der  Bechtstheorie,
  von  der  Theorie  des  Bechtsphänomens,  gehalten ­
  —  natürlich,  denn  beide  Aufgaben  haben  methodisch ­
  sehr  wenig  gemein  und  beide  Aufgaben
appellieren  an  ganz  verschiedene  Typen  von  Men ­
        <pb n="78" />
        78

sehen.  Aber  erst  um  die  Zeit  des  Auftretens  Savignys
begann  die  Rechtswissenschaft,  als  solche  und  als
ganze,  Front  gegen  die  theoretische  Analyse  zu
machen  und  die  Rechtsgeschichte  —  abgesehen  natürlich ­
  von  der  juristischen  Technik  der  Praxis 1  —  für
die  Rechtswissenschaft  schlechtweg  zu  erklären.  Von
da  ab  trat  in  ihr  einerseits  die  ganze  romantische  Abneigung ­
  gegen  die  „Aufklärungsphilosophie“,  die  man
mit  den  wissenschaftlichen  Leistungen  der  gleichen
Periode  zusammenwarf,  andrerseits  die  ganze  übellaunige ­
  Verachtung  des  Tatsachensammlers  gegen  alles,
was  keine  Urkunde  ist,  hervor.  Arbeit  an  der  Urkunde,
das  war  die  eigentliche  wissenschaftliche  Arbeit  für
sie,  alles  weitere  war  bestenfalls  schöne  Einleitung,
meist  aber  lediglich  Feuilletonistik.  Das  Naturrecht
war  für  sie  eine  spekulative  Philosophie  und  außerdem ­
  noch  eine  sehr  unsympathische  —  nämlich  hedonisch-rationalistische
  —  species.  Der  allgemeine
Fonds  von  Gedanken  bestand  im  romantischen  Dogma ­
  vom  einzigartigen,  unausschöpfbaren,  halb  mystischen ­
  Volksgeist  und  einigen  geschichtsphilosophischen ­
  Derivaten  bezüglich  des  Problems  der  Analogie ­
  der  Rechtsentwicklung  verschiedener  Völker
usw.  Aber  in  diesen  Dingen  kam  es  nicht  zu  weiterem
Vordringen:  Man  begnügte  sich,  den  Volksgeist  usw.
gleichsam  anzuerkennen  und  ohne  viel  nach  dem
Wesen  des  Phänomens  zu  fragen,  wandte  man  sich
dem  Gegenstand  des  eigentlichen  Interesses  zu,  der
Arbeit  im  Archiv.
1  Diese  blieb  ziemlich  unberührt,  wie  das  ja  in  der  Natur  der
Sache  lag.
        <pb n="79" />
        79

Aber  der  Kern  der  Abneigung  gegen  das  Natur  -
recht,  das  man  so  einfach  erledigen  und  aus  der
Wissenschaft  für  immer  verweisen  zu  können  glaubte,
lag  in  dem  Ekel  vor  dem  gesetzgeberischen  Reformeifer ­
  vieler  Naturrechtslehrer  und  deren  Tendenz,
die  lebendigen  Rechtszustände  eines  Volks  in  einer
allgemeingültigen  Weise  modeln  zu  wollen.  Wie  die
Naturrechtslehrer  ihrerseits  nicht  die  Größe  der  Kluft
zwischen  einer  Theorie  des  Rechts  und  einem  Universalgesetzbuch ­
  für  alle  Orte  und  Zeiten  geahnt  hatten, ­
  sondern  ganz  sorglos  von  der  einen  zur  anderen
Aufgabe  übergegangen  waren,  so  ahnten  wieder  die
Rechtshistoriker,  die  mit  vollem  Recht  die  Idee  von
einem  sein  sollenden  allgemeingültigen  System  von
Rechtssätzen  bekämpften,  nicht,  daß  neben  und  unter
dieser  unglücklichen  Idee  im  Lehrgebäude  der  Naturrechtslehrer ­
  ein  Schatz  von  theoretischem  Wissen
über  das  Rechtsphänomen  lag,  und  so  schütteten  sie
das  Kind  mit  dem  Bade  fort.  Und  eine  neue  Rechtswissenschaft ­
  sollte  entstehen.
In  dem  zuletzt  erwähnten  Punkt  liegt  zugleich
die  wichtigste  Berührung  mit  der  historischen  Schule
der  Nationalökonomie.  Auch  hier  wandten  sich  die
Geister  vor  allem  gegen  das  liberale  Wirtschaftsprogramm ­
  —  gegen  die  Verkündung  von  Selbstverantwortung, ­
  Freiheit,  Nichteingreifen  des  Staats  als
allgemeingültiger  Ideale.  Und  auch  hier  mit  Recht  —
wenngleich  die  Historiker  mitunter  ebenfalls  Ideale
aufstellten,  und  außerdem  sich  deren  strenger  historischer ­
  Bedingtheit  nicht  immer  voll  bewußt  blieben.
Aber  auch  hier  vermochte  man  dieses  Beiwerk  nicht
        <pb n="80" />
        80

von  den  wissenschaftlichen  Errungenschaften  zu
scheiden,  mit  denen  zusammen  es  auftrat,  und  man
verwarf  diese  um  so  mehr,  als  noch  andere  unsympathische ­
  Assoziationen  —  mit  utilitarischer  Philosophie ­
  —  daran  hingen.  Auch  hier  verwarf  man  also
die  Wissenschaft  zugleich  mit  ihren  Grenzüberschreitungen ­
  und  meinte  nun  natürlich  von  vorn  beginnen
zu  sollen  und  zu  müssen.  Und  da  offenbar  der  Fehler
des  Alten  in  zu  „absoluter“  Spekulation  und  Verkennung ­
  der  historischen  Belativität  aller  sozialen
Dinge  bestanden  hatte,  so  kam  man  ganz  logisch  dort
an,  wohin  Neigung  und  Anlage  strebten  —  bei  der
historischen  Detailarbeit  als  der  Methode  der  Nationalökonomie. ­
  Daraus  —  aus  der  ausschließlichen  Beschäftigung ­
  mit  konkreten,  unanalysierten  Phänomenen ­
  —  ergab  sich  weiter  ganz  von  selbst  der  Glaube,
daß  infolge  des  Allzusammenhangs  aller  Dinge  die
isolierende  Methode  überhaupt  keinen  Sinn  habe  und
aus  der  Beobachtung,  daß  der  Mensch  ja  so  gut  wie
nie  bewußt  hedonisch  -  rationalistisch  handle,  der
Schluß,  daß  jede  Theorie,  die  von  solchen  Annahmen
ausgehe,  schlechthin  Entstellung  der  Wirklichkeit
sein  müsse.  Wozu  also  auf  sie  eingehen?  Man  legte
sie  ad  acta,  höchstens  als  eine  interessante  Episode
in  der  Geschichte  politischer  Ideen  zog  man  sie  hervor. ­
  Ernstlich  diskutiert  aber  brauchte  sie  gar  nicht
mehr  zu  werden!  Die  sogenannte  „ältere“  historische
Schule  (Koscher,  Knies,  Hildebrand)  hielt  noch  sowohl ­
  an  gewissen  geschichtsphilosophischen  Ideen,
wie  einem  gewissen  Maß  theoretischer  Analyse  fest.
Die  „jüngere“  historische  Schule  aber,  unter  der
        <pb n="81" />
        81

Führung  von  Schmollers,  widmete  sich  ganz  der
neuen,  großen  Aufgabe.
Von  den  verschiedensten  Seiten  und  aus  den  verschiedensten ­
  Motiven  strömten  die  verschiedensten
Leute  zusammen,  um  das  Werk  des  18.  Jahrhunderts
zu  vernichten  und  das  befreite  Gebiet  neu  zu  bebauen. ­
  Darin  waren  sie  alle  einig.  Sie  alle  glaubten
eine  Verirrung  überwunden  und  die  wahre  Bahn  der
Forschung  entdeckt  zu  haben.  Begeisterung  und
Siegesfreude  beherrschte  sie  alle  und  keiner  gab  den
Epigonen  der  früheren  Periode  Quartier.  Von  Pietät
für  diese  Periode  war  kaum  die  Rede  —  so  wenig,
wie  etwa  ein  Wiedergenesener  der  überwundenen
Krankheit  pietätvoll  gedenkt.  Die  Kontinuität  der
Entwicklung  glaubte  man  zerrissen,  aber  das  war
nur  ein  Grund  sich  zu  gratulieren.  Und  wer  zweifelte
und  andere  Wege  ging,  dem  wurde  deutlich  gesagt,
daß  er  nicht  in  die  Wissenschaft  gehöre.
IV.
Seit  geraumer  Zeit  nunmehr  sind  diese  Grundanschauungen ­
  verkündet  worden,  besonders  in
Deutschland,  und  reiche  positive  Arbeit  wurde
im  Anschluß  an  sie  getan.  Ist  es  also  wahr,  wurde
damals  erst  der  rechte  Weg  entdeckt  und  hat  sich
seither  die  historische  Detailforschung  als  Methode
der  Sozialwissenschaften  durchgesetzt  ?  Ein  Blick
auf  die  Gegenwart  wird  uns  diese  Frage  beantworten.
Nur  wenige  Gebiete  brauchen  und  können  hier  berührt ­
  werden.
Zum  Beispiel:  Wie  steht  es  in  der  Wissenschaft
Schumpeter,  Vergangenh.  u.  Zukunftd.  Sozialwissensch.  6
        <pb n="82" />
        82

vom  Recht?  Erfüllt  sich  da,  was  die  um  Savigny
und  Eichhorn  wollten?  Nun,  da  sehen  wir  vor  allem
natürlich  die  dogmatische  Diskussion  —  das  Produkt
des  praktischen  Bedürfnisses  der  Rechtsprechung  —
sie  hat  immer  bestanden  und  interessiert  uns  hier
nicht  weiter.  Daneben  sehen  wir  die  Einzelarbeit  an
der  Rechtsgeschichte  im  Sinn  der  historischen  Schule.
Aber  beherrscht  und  erschöpft  sie  das  wissenschaftliche ­
  Interesse,  ist  sie  heute  die  Methode  wissenschaftlicher ­
  Arbeit?  Im  Gegenteil  —  mühsam  verteidigt ­
  sie  sich  gegen  energische,  zum  Teil  ganz  unberechtigte ­
  Angriffe,  gegen  den  Vorwurf  der  Unfruchtbarkeit, ­
  Gedankenarmut  usw.  Und  das  Interesse ­
  des  Tages  gilt  einem  Wildbach  von  Produktionen,
die  mit  unglaublicher  Schnelligkeit  und  Fülle  hervorbrechen ­
  und  alle  Gesichtspunkte  und  Wegweiser
dieses  Gebietes  in  wenigen  Jahren  verschoben,  alles
Denken  und  Streben  reformiert  haben  —  alle  Aufmerksamkeit ­
  gilt  der  lnteressenjurisprudenz,  der  soziologischen ­
  Jurisprudenz,  dem  „lebenden  Recht“,
der  Rechtspsychologie  und  manchen  praktischen  Ausläufern ­
  dieser  Bewegungen,  wie  der  „freien  Rechtsfindung“. ­
  Und  so  bunt  und  wirr  alles  das  durcheinanderstürmt, ­
  der  Sinn,  die  Richtung  aller  dieser  Bewegungen, ­
  soweit  sie  rein  wissenschaftlich  sind,  ist
leicht  zu  formulieren:  Man  will  Vordringen  zum  Verständnis ­
  des  Rechtsphänomens  aus  dem  Wesen  der
Gesellschaft  heraus  einerseits  und  aus  der  Art  und
Weise  wie  unser  Denken  und  Fühlen  arbeitet  andrerseits: ­
  Man  will  die  Rechtswissenschaft,  wenn  ich  so
sagen  darf,  soziologisieren  und  psychologisieren;
        <pb n="83" />
        83

man  will  den  Rechtssatz,  den  Rechtszustand,  die
Rechtsanwendung  als  soziale  Phänomene  wissenschaftlich ­
  —  analytisch  —  theoretisch  verstehen.  Was
heißt  das  Andres,  als  daß  unsere  Zeit  losstürmt  auf
das  Ziel  einer  theoretischen  Wissenschaft  vom  Recht,
für  die  die  Rechtsgeschichte  nicht  mehr  sein  kann
als  eine  der  Hilfswissenschaften,  für  die  ein  Gesetzbuch ­
  oder  ein  historisch  gegebener  Rechtszustand
nur  Material  oder  Objekt  der  Analyse  ist  auf  Grund
einer  Theorie  des  Wesens  und  der  sozialen  Bildungsgesetze ­
  des  Rechtsphänomens,  die  allgemein  und  unabhängig ­
  von  jeder  solchen  konkreten  Erscheinungsform ­
  —  abstrahierend  von  deren  Besonderheiten  —
erfaßt  werden  kann?
Oder:  Haben  wir  etwa  eine  historische  Ethik  in
dem  Sinn  einer  Masse  von  historischen  Detailforschungen? ­
  Gewiß  haben  wir  auch  historische
Detailforschungen,  und  sie  bieten  uns  unentbehrliches
Material.  Aber  sie  sind  nur  Material  für  uns,  und
alle  Arbeit  der  Zeit  gilt  dem  Aufbau  einer  Theorie
des  Phänomens,  einer  Soziologie  und  Psychologie  der
Ethik  vor  allem.  Wir  haben  heute  —  abgesehen  von
der  metaphysisch  -  philosophischen  und  normativen
Ethik  —  zunächst  eine  Genesis  der  moralischen  Gefühle, ­
  eine  Art  theoretischer  Geschichte  derselben.
Sodann  eine  ethische  Sozialpsychologie,  die  sich
mit  der  Untersuchung  der  psychischen  Erscheinungen
befaßt,  die  sich  um  die  ethischen  Normen  ranken.
Weiters  eine  Theorie  der  sozialen  Funktion  und  des
Wesens  der  ethischen  Tatsachen.  Nach  dem  Material
geordnet,  kann  man  von  einer  historischen,  ethnologi-6*
        <pb n="84" />
        sehen,  psychologischen  Ethik  sprechen.  Aber  überall ­
  geht  da  Tatsachensammlung  und  Analyse  Hand
in  Hand  und  sowohl  in  dem  einen  wie  in  dem  anderen
sind  wir  stetig  über  den  Standpunkt  des  18.  Jahrhunderts ­
  hinausgekommen.
Oder:  Die  alte  „natürliche  Theologie“  ist  überwunden. ­
  Überwunden  ist  vor  allem  der  Gedanke
einer  Vernunftreligion.  Aber  ebenso  sind  auch  die
Elemente  zu  einer  Wissenschaft  der  Religion  überwunden, ­
  welche  jene  natürliche  Theologie  enthielt.
Darin  liegt  gewiß  ein  Verdienst  des  Historismus.
Aber  was  wir  heute  an  Religionswissenschaft  besitzen
ist  nicht  bloßes  Produkt  desselben.  Wohl  ist  die  Lehre
von  der  sozialen  Genesis  der  Religion  an  geschichtlichem, ­
  urgeschichtlichem,  ethnologischem  Material
entstanden,  aber  diese  Lehre  besteht  nicht  daraus,
sondern  aus  einer  Verarbeitung  desselben,  bei  der
noch  anderes  Material,  vor  allem  aber  analytische
Gedanken  hinzutreten.  Wir  haben  ferner  eine  Religionspsychologie ­
  —  Sozial-  wie  Individualpsychologie, ­
  die  gewiß  auf  einer  Basis  von  Beobachtungen
der  religiösen  Erfahrung  beruht,  ganz  so  wie  jede
Theorie  auf  Tatsachenbeobachtungen  beruht,  aber
nicht  mehr  als  eine  jede.  Wir  haben  eine  Theorie
der  sozialen  Funktionen  und  des  sozialen  Wesens  der
Religion  und  man  könnte  von  einer  Theorie  der
inneren  Logik  der  Religionssysteme  sprechen—  alles
zwar  sehr  empirische  aber  ebensosehr  analytische
.  ^Disziplinen.
Was  will  das  alles  heißen?  Ist  das  geschehen,
was  man  ursprünglich  wollte,  ist  die  historische
        <pb n="85" />
        Detailforschung  aus  einer  Hilfswissenschaft  der  sozialen ­
  Disziplinen  —  was  sie  immer  war  —  zur  Sozialwissenschaft ­
  selbst  geworden?  Offenbar  nicht.
Was  erreicht  wurde,  das  war  eine  gewaltige  Bereicherung ­
  unseres  historischen  Materials  Hand  in
Hand  mit  einer  ebenso  gewaltigen  Bereicherung  alles
anderen  —  statistischen,  ethnologischen  usw.  —  Materials. ­
  Aber  nicht  weniger  wie  das  Material  von
heute  ist  die  Analyse  von  heute  über  unseren  Besitzstand, ­
  wie  er  vor  hundert  Jahren  war,  hinausgewachsen. ­
  Und  wie  niemand  die  Sammlung  von
Material  vernünftigerweise  für  überflüssig  halten
oder  geringschätzen  kann,  so  kann  sich  niemand  mit
der  historischen  Detailforschung  begnügen,  in  ihr  die
einzige  oder  die  wichtigste  Aufgabe  der  Sozialwissenschaften ­
  sehen  oder  glauben,  daß  die  Quelle  genereller ­
  Einsicht,  die  Quelle  des  Verstehens  und  Begreifens, ­
  unmittelbar  aus  dem  unanalysierten  Material ­
  fließe  in  dem  Sinn,  daß  ohne  besondere  Methoden ­
  und  ohne  systematische  Konzentrierung  auf
analytische  Aufgaben  schon  bloße  Ordnung  und  Darstellung ­
  des  Materials  unsere  Probleme  löse,  unsere
Pragelust  befriedige.
N un  —  W as  heißt  das  Andres,  als  daß  alle  die
Kämpfer  und  Forscher,  alle  die  Schulen  und  Richtungen ­
  des  19.  Jahrhunderts,  gegen  ihren  Willen,
ohne  ihr  Wissen,  weitergearbeitet  haben  in  den  eingeschlagenen ­
  Bahnen,  daß  die  Kontinuität,  die  sie
zerreißen  wollten,  gewahrt  wurde  von  ehernen  Notwendigkeiten, ­
  daß  alle  Arbeit  des  19.  Jahrhunderts
in  derselben  Linie  liegt  wie  die  der  Jahrhunderte,  die
        <pb n="86" />
        ■

voraufgingen,  daß  wir  im  großen  Irrgarten  der  Dinge
schließlich  ungefähr  dorthin  gelangt  sind,  wohin  wir
gelangt  wären,  wenn  man  das  Erbe  der  Früheren
bewußt  und  planmäßig  ausgearbeitet  hätte.  Um  das
zu  zeigen,  habe  ich  früher  die  Frage  erörtert,  wohin
eine  solche  bewußte  und  planmäßige  Ausarbeitung
geführt  hätte.  Und  siehe  da  —  nun  können  wir  auf
diese  Frage  antworten:  Sie  hätte  uns  ungefähr  dorthin ­
  geführt,  wo  wir  tatsächlich  stehen,  nur  viel
schneller  und  besser.
Wie  war  das  möglich,  wie  kam  das?  Ein  Blick
auf  den  Gang  der  Dinge  wird  es  uns  lehren.  Nehmen
wir  als  erstes  Beispiel  die  Nationalökonomie.  Hier
ist  die  Sache  besonders  klar,  weil,  wie  schon  gesagt,
in  dieser  Disziplin  das  Erbe  des  18.  Jahrhunderts  aus
den  Händen  A.  Smith’  von  einer  energischen  Gruppe
von  Forschern  übernommen  und  nach  einer  Richtung
hin  kräftig  ausgearbeitet  wurde.  In  den  ersten  Jahrzehnten ­
  des  19.  Jahrhunderts  gab  es  da,  besonders
in  England,  aber  auch  anderwärts,  einen  prächtigen
Aufschwung  analytischer  Arbeit,  in  dessen  Zentrum
der  Name  Ricardos  steht.  Aber  dieser  Aufschwung
war  doch  nur  das  letzte  Aufflackern  eines  Feuers
bestimmt  von  der  Welle  des  Historismus  ausgelöscht
zu  werden?  Eben  nicht  —  die  das  glaubten,  haben
sich  sehr  getäuscht  und  sehen  heute  ihren  Irrtum  ein.
Das  Feuer  verlöschte  nicht,  es  brannte  weiter  und
schließlich  griff  es  —  seit  etwa  dreißig  Jahren  —
mächtig  um  sich.  Die  Gruppe  englischer  Theoretiker
pflanzte  sich  fort  und  arbeitete  weiter  —  auf  Ricardo
folgten  Senior  und  vor  allem  Mill  und  dieser  herrschte
        <pb n="87" />
        87

in  aller  Stille  und  in  der  Tiefe,  während  über  die
Oberfläche  die  Stürme  der  Methodendiskussion  brausten, ­
  bis  in  die  Zeit  der  siebziger  Jahre,  wo  durch
Jevons  ein  neues  Ferment  in  die  englische  Nationalökonomie ­
  kam,  das  durch  Marshall  in  das  Vorhandene
verarbeitet  wurde  zu  einem  Ganzen,  das  sich  schön
und  fruchtbar  fortentwickelt.  Und  so  ähnlich  war  es
in  Frankreich,  wo  die  Schule  J.  B.  Says  im  Wesen
herrschend  blieb  —  trotz  aller  Angriffe,  trotz  aller
Hinrichtungen  in  effigie  —  bis  Leon  Walras  neues
Leben  in  die  Theorie  brachte.  So  in  Italien,  wo  in
der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts  aus  fremden
Wurzeln  sich  die  Theorie  zu  einer  Blüte  entfaltete,
die  mit  der  Blüte  italienischer  Ökonomie  im  17.  und
18.  Jahrhundert  vergleichbar  ist  (Paretoschule).  So
in  Amerika,wo  nach  langer  Zeit  der  Herrschaft  einer
Art  von  Smithianismus  die  Herrschaft  der  Careyschen
  Theorie  folgte,  bis  in  den  Achtzigerjahren  die
so  glänzende  Laufbahn  der  Clarkschule  begann,  die
die  amerikanische  Wissenschaft  in  die  Front  des
Fortschritts  führte.  So  endlich  war  es  selbst  in
Deutschland:  Bis  in  die  siebziger  Jahre  hält  sich
die  ältere  Theorie  trotz  aller  Angriffe  auf  sie.  Große
Leistungen  (Thünen,  Hermann,  Rodbertus,  Marx),
die  nichts  mit  dem  Historismus  gemein  haben,  gelangen. ­
  Dann  freilich  kam  die  Zeit,  in  der  die  historische ­
  Schule  um  ausschließliche  Herrschaft  rang.  Aber
weit  entfernt  die  Reste  der  älteren  Theorie  zu  vernichten ­
  —  die  vielmehr  von  allen  historischen  Nationalökonomen, ­
  sowie  sie  lehren  und  weitere  Zusammenhänge ­
  schildern  wollten,  tatsächlich  aufge ­
        <pb n="88" />
        nommen  wurden  —  hat  diese  Zeit  die  Blüte  des  marxistischen ­
  Systems  gesehen,  das  auf  Ricardo  beruht,  und
vor  allem  die  Wiedergeburt  der  ökonomischen  Theorie
in  neuer,  vollkommenerer  Form  aus  dem  Schoß  der
sogenannten  „österreichischen  Schule“  (Menger,
Böhm-Bawerk,  Wieser),  so  daß  die  deutsche  Literatur, ­
  eben  zu  der  Zeit,  wo  ihre  mächtigste  Strömung
die  Theorie  zum  alten  Eisen  zu  werfen  suchte,  der
Welt  die  Grundlagen  zu  einem  neuen  theoretischen
Gebäude  gab  und  im  Zeichen  der  Theorie  einen
Siegeslauf  durch  alle  Länder  vollendete.  Ihrerseits
aber  ist  diese  Theorie  eine  Reform  und  ein  Ausbau,
keine  Vernichtung,  der  alten,  in  demselben  Sinn  wie
die  moderne  Physik  eine  Reform  und  ein  Ausbau,
aber,  so  sehr  sie  sie  überwunden  hat,  keine  Vernichtung ­
  der  Physik  des  17.  und  18.  Jahrhunderts  ist.
Das  Resultat  war  also,  daß  sich  Theorie  und
Wirtschaftsgeschichte  pari  passu  entwickelt  haben.
Gewiß  an  manchen  Orten  die  eine  auf  Kosten  der  anderen ­
  und  gewiß  fast  überall  in  heftigem  Streit:  Aber
das  ändert  nicht  das  Geringste  daran,  daß  es  nur
ganz  lokal,  und  auch  das  nur  ausnahmsweise,  der
einen  gelang  die  andere  zu  verdrängen,  und  daß  das
Endresultat  ungefähr  jenes  war,  das  sich  auch  ohne
allen  Kampf  hätte  erreichen  lassen.  Und  das  ist
nicht  etwa  eine  bloß  der  Nationalökonomie  eigene
Ausnahme  —  das  war  überall  so.  Auch  die  Rechtstheorie, ­
  auch  die  Ethik,  auch  die  Psychologie,  auch
die  Soziologie  im  engsten  Sinne  des  18.  Jahrhunderts
lebten  fort  und  an  sie  schloß  sich  stille  Arbeit  an,
die  nach  und  nach  das  Vorhandene  organisch  um-
        <pb n="89" />
        bildete.  Das  Naturrecht  ist  nie  ausgestorben,  obgleich
gerade  diese  Disziplin  nahe  daran  war  —  es  erhält
sich  im  Anschluß  an  die  alten  Gedanken  bis  über
die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  und  erhält  dann  neues
Lebensblut  aus  der  Soziologie  und  Sozialpsychologie.
Der  wissenschaftlichen  —  im  Gegensatz  zur  metaphysischen ­
  —  Ethik  ging  es  ganz  ebenso:  Um  beispielsweise ­
  eine  der  Entwicklungsrichtungen  anzudeuten, ­
  es  hat  sich  im  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
eine  utilitarische  Ethik  ausgebildet,  die  im  engsten
Anschluß  an  die  Arbeit  der  Vorzeit  stand.  Diese  utilitarische ­
  Ethik  erhielt  sich  in  dieser  Form  bis  in  die
achtziger  Jahre,  wo  sie  dann  sozialpsychisch  und
soziologisch  unterbaut  zu  werden  und  in  etwas  anderes, ­
  in  die  moderne  soziologische  Ethik  einzumünden ­
  begann,  welche  alle  die  Ausgangspunkte  der  verschiedenen ­
  Ethiken  früherer  Zeiten  in  einer  umfassenden ­
  Theorie  und  auf  breiterer  Tatsachengrundlage ­
  begreift.  Die  Psychologie  hat  sachlich  einen
ganz  ungebrochenen  Entwicklungsgang  gehabt,  und
alle  die  Pflanzen  blühen  nun  nebeneinander,  die  im
18.  Jahrhundert  gesät  wurden.  Und  die  Soziologie?
Die  Art  von  Soziologie,  die  sich  innerhalb  des  Lehrsystems ­
  des  Naturrechts  entwickelt  hatte,  sah  lange
so  aus,  wie  wenn  sie  mit  diesem  zugrunde  gehen
wollte.  Heute  aber  erfreut  sie  sich  des  muntersten
Lebens  und  die  ganze  Literatur,  die  den  wissenschaftlichen ­
  Tag  auf  diesem  Gebiet  beherrscht,  ist  nichts
anderes  als  die  Weiterbildung  des  alten  Ansatzes  zu
einer  Theorie  der  Gesellschaft,  nur  genährt  und  gefördert ­
  durch  neues  Material  und  neue  Methoden.
        <pb n="90" />
        90

Und  die  historischen  Entwicklungsgesetze  und  die
Theorien  der  Geschichte  —  in  neuem  Gewand  tauchen
sie  alle  wieder  auf.
Das  alles  lehrt  uns  eine  große  Wahrheit:  Einmal
begründete  Eichtungen  werden  nicht  so  leicht  überwunden. ­
  Ein  vollständiger  Sieg  über  sie,  eine  Neuschaffung ­
  der  Wissenschaft  von  Grund  auf  —  das
mag  wohl  oft  angestrebt  werden,  aber  das  gelingt
nicht.  Der  oberflächlichen  Betrachtung  stellt  sich  die
Sache  ja  anders  dar.  Ihr  kann  es  scheinen,  wie  wenn
Eichtungen  einander  ablösen  würden,  wie  wenn  das
Vergangene  jeweils  tot  und  überwunden  wäre.  Auch
dem  Parteimann,  der  in  seiner  Sichtung  lebt  und
webt  und  nur  sie  begreift,  kann  das  scheinen.  Dieser
Schein  wird  erzeugt  dadurch,  daß  eine  jede  Sichtung,
die  sich  als  „neu“  fühlt,  so  viel  Staub  auf  wirbelt,  und
daß  der  Blick  des  Beobachters  vor  allem  auf  diese
Staubwolken  der  Kontroversen,  programmatischen
Äußerungen  usw.  fällt.  Das  Marktgeschrei  hat  wirklich ­
  immer  andere  Schlagworte  und  Schlachtrufe.
Aber  das  alles  kann  die  wissenschaftliche  Arbeit  wohl
einerseits  stören  und  andrerseits  —  durch  das  dadurch
erweckte  Interesse  —  fördern,  aber  in  ihrer  Tiefe
wird  sie  dadurch  nicht  berührt.  Wie  bei  einer  Segelregatta ­
  die  Wellen  die  Boote  oft  zu  begraben  scheinen
und  dennoch  die  Segler  ihren  Weg  durchmessen,  so
verdeckt  der  Schaum  und  -Lärm  der  Wellen  der
Kontroversen  und  Schulenprogramme  wohl  den  Fortgang ­
  der  Forscherar  beit,  aber  er  vernichtet  sie  nicht.
Und  unter  der  Oberfläche,  da  gibt  es  keine  prinzipiellen ­
  Gegensätze,  da  gibt  es  nur  Zusammenarbeiten
        <pb n="91" />
        —  mögen  die  einzelnen  das  wissen  und  wollen  oder
nicht.
Aber  das,  was  die  Gegner  der  Arbeit  des  achtzehnten ­
  Jahrhunderts  geleistet  haben,  das  lag  doch
in  einer  ganz  anderen,  ganz  neuen  Entwicklungslinie? ­
  Wenn  sie  das  Alte  nicht  vernichtet  haben,  so
haben  sie  doch  daneben  etwas  ganz  anderes  gebaut
—  die  historische  Nationalökonomie,  die  historische
Rechtswissenschaft  usw.,  das  sind  doch  neue  Gebilde,
die  neue  Bahnen  gebrochen  haben?  Wenn  auch  viele
Forscher  in  den  alten  Bahnen  vorwärts  drangen,
haben  nicht  diese  Anderen,  die  die  Analyse  bekämpften ­
  und  nicht  fortsetzen  wollten,  neue  Ziele  erreicht
oder  doch  neuen  Zielen  zugestrebt?  Auch  das  ist
nur  ein  Irrtum,  hervorgerufen  durch  den  Absolutismus ­
  und  die  Übertreibungen  der  Parteiprogramme.
Betrachten  wir  den  Fall  der  Rechtswissenschaft.
Schärfer  als  die  Historiker  sich  gegen  das  Naturrecht
wandten,  kann  man  sich  nicht  leicht  gegen  etwas
wenden.  Aber  was  wurde  erreicht  ?  Die  historischen
Tatsachen  des  Rechts  wurden  unermüdlich  erforscht,
und  so  wurde  der  Rechtssoziologie  von  früher  neues
Material  und  der  Rechtssoziologie  von  später  außer
einer  breiten  Grundlage  eine  Fülle  neuer  Probleme
gegeben.  Selbst  das  Dogma  vom  Volksgeist,  das  so
antitheoretisch  gemeint  war,  was  ist  es  anderes  gewesen ­
  als  ein  Beitrag  zur  Rechtstheorie,  als  ein  Hinweis ­
  auf  ein  Problem,  das  schließlich  generell  und
theoretisch  gelöst  werden  muß?  Alle  jene  rechtsgeschichtlichen ­
  Tatsachen,  die  den  Forschern,  welche
in  ihrer  Sammlung  und  Darstellung  die  Aufgabe  ihres
        <pb n="92" />
        Lebens  und  von  ihrem  Standpunkt  einen  Selbstzweck
und  überhaupt  alles  suchen  was  die  Wissenschaft  da
leisten  kann  —  sie  sind  nur  ein  Block  des  Sockels
für  eine  vollere,  reichere  Eechtssoziologie,  die  sich  an
ihnen,  aber  auch  an  anderem  Material  heute  zu  entfalten ­
  beginnt.  Und  insofern  als  keineRechtssoziologie
ohne  diesen  Sockel  auskommen  kann,  war  jene  Periode ­
  der  Tatsachensammlung  nichts  anderes  als  eine
Ergänzung  vergangener  und  eine  Vorbereitung  neuer
Eechtssoziologie,  eine  Ergänzung  des  vergangenen  und
Vorbereitung  eines  neuen  Naturrechts  im  wissenschaftlichen ­
  Sinn  des  Worts:  Ein  sachlicher  „Gegensatz“
existierte  gar  nicht.  So  haben  also  in  einem  höheren
Sinn  die  mächtigsten  Feinde  des  Naturrechts  sein
Werk  nur  fortgesetzt,  nur  einen  Punkt  des  Arbeitsprogrammes ­
  des  Naturrechts  ausgearbeitet.  Und  die
Umwandlung  der  Eechtswissenschaft,  die  sich  vor
unseren  Augen  vollzieht  und  wiederum  —  das  ist  so
Schicksal  der  Wissenschaft  —  in  einem  prinzipiellen
Gegensatz  zum  Historismus  zu  stehen  scheint,  sie
führt  nur  aus,  was  diese  Zeit  der  Tatsachensammlung
vorbereitet,  ermöglicht  hat.  Dem  einzelnen  Forscher
erscheint  es  freilich  anders.  Der  liebt  entweder  die
Arbeit  an  der  Urkunde  oder  die  Arbeit  der  Analyse,
hält  nur  seine  Liebe  für  wahre  Wissenschaft  und
verachtet  öffentlich  oder  im  Stillen  die  des  anderen.
Für  ihn  ist  es  kein  Trost,  wenn  Arbeitsweisen,
die  nicht  die  seinigen  sind,  sein  Werk  fortführen.
Deshalb  kämpfen  die  Parteien  mit  großen  Worten.
Aber  die  Wissenschaft  geht  über  alle  diese  Wünsche
und  Glaubensbekenntnisse  hinweg  und  still  und
        <pb n="93" />
        machtvoll  ihren  Weg.  Und  wer  die  Analyse  haßt
und  sich  vor  ihr  in  die  Archive  flüchtet,  der  bahnt
ihr  nur  den  Weg,  wie  der  Kolonist,  der  vor  der  Zivilisation ­
  in  die  Wildnis  flieht,  weil  er  in  ihr  nicht  leben
kann,  nicht  leben  mag,  gegen  seinen  Willen,  ohne
sein  Wissen,  den  Weg  bahnt,  auf  dem  sie  ihm  unvermeidlich ­
  folgt.
Wir  stehen  also  vor  dem  folgenden  Sachverhalt,
der  in  mehr  als  einer  Hinsicht  merkwürdig  ist  und
nach  mehr  als  einer  Richtung  erwogen  zu  werden
verdient:  Von  der  einen  Seite  betrachtet,  gibt  es
keine  einheitliche  und  kontinuierliche  Entwicklung
der  Sozialwissenschaften  außerhalb  der  einzelnen
„Schule“.  Im  Gegenteil,  wer  auch  nur  flüchtig  nach
den  Programmen  und  Diskussionen  der  einander  bekämpfenden ­
  und  einander  ablösenden  Schulen  hinhorcht, ­
  muß  sofort  die  lautesten  Dissonanzen  hören
und  vor  allen  anderen  Dingen  den  Eindruck  haben,
daß  es  da  kein  einheitliches  Wollen,  kein  planmäßiges
Vorgehen,  keine  Logik  oder  Ordnung  geben  kann,
sondern  nur  völlige  Willkür.  Von  der  anderen  Seite
betrachtet,  ergibt  sich  der  gerade  entgegengesetzte
Eindruck:  Da  sehen  wir  nicht  nur,  daß  alle  Siegesfanfaren ­
  der  methodischen  Parteien  eitel  und  alle
Eorschungsrichtungen  einfach  unüberwindlich  sind,
mag  man  auch  mit  aller  Energie  und  mit  allen  Mitteln
sie  unterdrücken  wollen,  sondern  daß  überhaupt  alles,
auch  das  scheinbar  Unverträgliche,  schließlich  einem
großen  Ganzen  eingeordnet  wird,  das  von  außen
—  trotz  aller  Proteste,  Kämpfe  und  Mißtöne  im
Innern  —  so  aussieht,  wie  wenn  es  planvoll  entworfen
        <pb n="94" />
        94

wäre,  und  daß  Einzelne  und  Richtungen  schließlich
alle  gewissen  großen  Tendenzen  dienen  müssen,
gegen  ihren  Willen  und  ohne  ihr  Wissen,  Tendenzen,
die  so  unentrinnbar  sind,  wie  wenn  sie  von  einer
Allmacht  vorgeschrieben  würden.
Das  ist  einer  von  jenen  auf  allen  Gebieten
menschlicher  Geschichte  so  häufigen  Fällen,  in  denen
zweifellose  „Willkür“,  „Zufälligkeit“,  „Unberechenbarkeit“ ­
  usw.  im  realen  Einzelnen  sich  mit  einem
unwiderstehlichen  Eindruck  von  „Gesetzmäßigkeit“,
„Einheit“,  „Notwendigkeit“  usw.  im  vom  Beobachter
erfaßten  Ganzen  paart.  Diese  Fälle  haben  erst  die
Einen  veranlaßt,  die  „Einheit“  des  Ganzen  metaphysisch ­
  zu  deuten  und  dann  die  Anderen,  die  Tatsache ­
  der  „Einheit“  zugleich  mit  ihrer  —  und  wegen
ihrer  —  metaphysischen  Deutung  für  Humbug  und
alle  „Entwicklungsgesetze“  für  unwissenschaftlich  zu
erklären.  Wir  wollen  auf  Grund  unserer  Übersicht
die  Tatsache  der  „Regellosigkeit“  und  die  Tatsache
der  „Gesetzmäßigkeit“  —  man  verzeihe  die  Ausdrücke, ­
  die  leicht  mißdeutet  werden  können  —  rein
positiv  zu  erklären  und  so  ein  theoretisches  Verständnis ­
  der  Vergangenheit  der  Sozialwissenschaften
und  einen  Anhaltspunkt  für  die  Prognose  ihrer  Zukunft ­
  zu  gewinnen  suchen.
In  unserem  Fall  wird  die  „Regellosigkeit“  offenbar ­
  begründet  durch  das  jähe  Abreißen  angesponnener ­
  Fäden.  Woher  kommt  das,  angesichts  der  Tatsache, ­
  daß  jene  Fäden  noch  lange  nicht  zu  Ende
gesponnen  waren,  vielmehr  gerade  ihr  bester  Teil
        <pb n="95" />
        95

noch  erst  hätte  kommen  müssen?  Die  Antwort  ergibt ­
  sich  leicht  aus  unserer  Übersicht,  und  es  ist  auch
kaum  zu  gewagt,  den  betreffenden  Momenten  eine
ziemlich  allgemeine  Bedeutung  zuzuschreiben.
Der  erste  Grund  dafür,  daß  man  nicht  ruhig  fortsetzte, ­
  sondern  seine  positive  Arbeit  mit  einem  Zerstörungswerk ­
  einzuleiten  versuchte,  lag  darin,  daß
die  Sozialwissenschaften  zunächst  sehr  eng  und
scheinbar  unzertrennlich  mit  politischen  Programmen
und  metaphysischen  Anschauungen  alliiert  schienen.
Wir  sahen,  daß  aus  dieser  Quelle  die  mächtigste
Gegnerschaft  gegen  das  Werk  des  18.  Jahrhunderts
entstand  und  können  wohl  allgemein  sagen,  daß  wenn
immer  eine  Wissenschaft  wirklich  oder  scheinbar,
inhaltlich  oder  auch  nur  durch  Personalunion,  mit
politischer  oder  philosophischer  Parteistellung  assoziiert ­
  wird,  sie  Angriffen  außerwissenschaftlichen
Charakters  ausgesetzt  sein  und  in  das  Schicksal  der
betreffenden  Politik  oder  Philosophie  mehr  oder
weniger  hineingezogen  werden  muß.  Und  wir  sahen
auch,  daß  das  nicht  etwa  bloß  für  die  Stellung  des
Publikums  zur  Wissenschaft  gilt,  sondern  auch  die
gefühlsmäßige  —  und  unter  deren  Einfluß  die  wissenschaftliche ­
  —  Stellung  neuer  Eorschergenerationen
bestimmt,  die  dann  zum  Neubau  machen,  was  sachlich ­
  ebensogut  Ausbau  hätte  werden  können.  Ich
habe  schon  angedeutet,  daß  das  Fehlen  dieses  Moments ­
  in  den  Naturwissenschaften  die  größere  Stetigkeit ­
  ihres  Wachsens  zum  Teil  erklärt.
Zweitens:  Wie  im  politischen,  so  erklären  sich
auch  im  wissenschaftlichen  Leben  die  Veränderungen
        <pb n="96" />
        96

in  der  Richtung  des  Wollens  nicht  bloß  aus  dem
Wechsel  der  Stimmungen  oder  Ansichten  derselben
Gruppen,  sondern  auch  daraus,  daß  zu  verschiedenen
Zeiten  verschiedene  Gruppen  und  Typen  von  Leuten
maßgebend  sind.  Die  Tendenz  nach  Einführung  des
allgemeinen  Wahlrechts  z.  B.  erklärt  sich  offenbar
nicht  bloß  —  ja  nicht  einmal  vorwiegend  und  besonders ­
  nicht  kausal  —  durch  ein  Umdenken  der
früher  politisch  allein  maßgebenden  Klassen,  sondern
durch  das  Aufsteigen  anderer  Faktoren  zu  politischer
Macht.  Ähnliches  gibt  es  auch  in  der  Wissenschaft.
Für  uns  ist  das  Hervortreten  historisch  veranlagter
und  gebildeter  Forscher  das  wichtigste  Beispiel:  Sowie ­
  sich  solche  als  ipso  facto  zu  sozialwissenschaftlicher ­
  Arbeit  Berufene  zu  fühlen  begannen,  änderte
sich  die  Zusammensetzung  des  sozialwissenschaftlichen ­
  Kosmos.  Und  diese  neuen  Elemente  desselben
hatten  schlechthin  keine  Fühlung  mit  seiner  Vorgeschichte. ­
  Seine  alten  Elemente  hätten  den  Faden
nie  so  abgerissen.
Drittens  übersieht  der  einzelne  Forscher  und  die
einzelne  Richtung  immer  nur  ihr  eigenes  kleines
Stückchen  Weg,  immer  nur  ihre,  sub  specie  aeternitatis,
  so  winzige  Spezialaufgabe.  Leicht  kann  er
oder  sie  diese  Aufgabe  für  die  einzige,  so  gut  wie
stets  muß  er  sie  für  die  wichtigste  halten  —  sonst
würde  er  eben  eine  andere  vornehmen  —  und  glauben, ­
  daß  der  Weg  immer  durch  den  Tunnel  gehen
wird,  an  dem  gerade  er  gräbt.  Da  kommt  man  leicht
dahin,  alles  andere  für  verfehlt  und  die  Wahrheit  jetzt
erst,  jetzt  aber  auch  definitiv,  für  gefunden  zu  halten.
        <pb n="97" />
        Die  das  nicht  einsehen  wollen,  erscheinen  dann  leicht
als  hoffnungslos  rückständig,  wenn  nicht  gar  als  verbohrte ­
  Frevler.
Viertens:  Jede  Forschungsrichtung  bedarf  eines
auf  sie  gestimmten  Publikums  und  des  Zusammenarbeiten ­
  Vieler.  Der  Führer  muß  sich  einen  solchen
Resonanzboden  in  weiteren  Kreisen  schaffen.  Das
kann  er  nur  durch  kurze  absolute  Schlagworte,  die
in  dieser  Kürze  und  Schärfe  nie  ganz  richtig  sein
können.  Er  wird  am  wirksamsten  an  weitere  Kreise
appellieren,  wenn  er  ihnen  ein  faßliches,  scharfgeschnittenes ­
  Programm  zeigt  und  einen  Feind,
gegen  den  man  anstürmen  kann.  Das  gilt  auch  von
zu  gewinnenden  Schülern:  Wer  mit  all  den  Einschränkungen, ­
  die  eigentlich  notwendig  wären,  zu
den  ungeformten  Geistern  spricht,  wird  nie  ihre
Phantasie  entzünden  und  sie  zu  Kämpfern  für  seine
Ideen  machen.  Kur  kurze  Zeit  hat  er  sie  vor  sich.
Da  muß  er  ihnen  schnell  und  stark  das  Wichtigste
sagen  von  dem,  was  er  am  Herzen  hat.  Selbst  wenn
er  alle  Einschränkungen  ausspricht,  sie  werden  nur
die  Grundthesen  aufnehmen.  Und  dann  werden  sie
übertreiben:  Nur  übertreibend  handeln  Gruppen  von
Menschen.  Nur  so  entstehen  Schulen,  nur  durch
Schulenprogramme  einheitliche  Richtungen  und
Möglichkeiten  des  Zusammenarbeitens.  Aus  dieser
technischen  Notwendigkeit  von  Schulenbildungen  erklären ­
  sich  jene  abrupten  Vorwärtsbewegungen:  Man
stemmt  sich  gleichsam,  alle  Kraft  aufwendend,  an
nichts  anderes  denkend,  gegen  eine  Stelle  einer  Wand,
die  dem  Weiterkommen  im  Wege  steht;  wenn  sie
Schumpeter,  Vergangenh.  u.  Zukunftd.  Sozialwissenscli.  7
        <pb n="98" />
        98

nachgibt,  verliert  man  das  Gleichgewicht,  wird  man
fortgerissen  durch  die  Kraft  des  eigenen  Impulses
über  die  Grenzen  hinaus,  innerhalb  welcher  der  Impuls ­
  Sinn  hatte.  Ist  dann  noch  ein  Wissensgebiet
jung,  so  daß  es  auf  ihm  keine  feste  Arbeitsteilung  und
keine  gefestigten  Grundanschauungen  gibt,  sondern
alles  durcheinanderläuft,  so  muß  das  jedesmal  unverhältnismäßig ­
  starke  Erschütterungen  hervorrufen.
Liegt  endlich  die  Sache  so,  daß  die  verschiedenen
Richtungen  an  Geister  verschiedener  Anlage  appellieren, ­
  so  daß  der  Einzelne  sich  einer  anderen  als
der  seinen  Richtung  gar  nicht  zu  wenden  will,  so  ist
natürlich  die  Sache  besonders  bös.
Zu  diesen  Momenten  kommt  noch  ein  fünftes,
das  am  wenigsten  erfreuliche:  Eitelkeit  und  Ungenerosität ­
  vergrößern  die  Kluft  zwischen  den  einzelnen ­
  Marksteinen  des  wissenschaftlichen  Weges
mehr  als  nötig.  Ich  muß  dieses  Moment  erwähnen,
aber  ich  brauche  glücklicherweise  nicht  dabei  zu
verweilen.  Ich  darf  sogar  einen  mildernden  Umstand
anführen:  Keuchend  ringt  sich  jeder  zu  seinem
Standpunkt  durch.  Er  kommt  dazu  meist  im  Kampf
mit  anderen  Ansichten  —  und  oft  mit  den  schlimmsten ­
  Entstellungen  dieser  Ansichten  —  und  wird  sich
seines  Standpunkts  oft  schon  in  der  Form  eines
Gegensatzes  zu  anderen  bewußt.  Und  wenn  er  dann,
voll  Freude  über  das,  was  er  gefunden  zu  haben
glaubt  und  noch  warm  vom  Kampf  zur  Feder  greift,
so  darf  man  ihn  vielleicht  nicht  ohne  weiteres  verurteilen, ­
  wenn  er  seine  Ansicht  zur  „herrschenden“
zu  machen  und  die  anderen  zu  vernichten  sucht,
        <pb n="99" />
        99

keinesfalls  aber  ein  gerechter  Eichter  ist  —  gerade
dann  dürfen  wir  nicht  zu  hart  urteilen,  wenn  er,  die
er  bekämpft,  gar  nicht  verstanden  hat!
Zugleich  können  wir  uns  aber  auch  erklären,  woher ­
  trotzdem  der  Eindruck  einheitlicher  Züge  der
Entwicklung  kommt  oder  besser  auf  welchen  Tatsachen ­
  die  Einheitlichkeit  der  Entwicklung  beruht.
Vor  allem  fällt  auf,  daß  manche  der  angeführten
Ursachen  der  „Diskontinuität“  oder  der  „Willkür“  der
Entwicklung  weit  mehr  den  Schein  eines  Verbrennens
aller  Schiffe  hervorrufen  als  wirklich  alle  Schiffe  verbrennen. ­
  Lokal  und  temporär  mag  gelegentlich  der
Anschein  erweckt  werden,  als  ob  alles  von  neuem
beginnen  müßte  und  würde.  Eitelkeiten  und  Engherzigkeiten ­
  Einzelner  oder  ganzer  Eichtungen
mögen  einen  Abgrund  Vortäuschen,  wo  nur  ein
kleiner  Graben  ist.  Auf  politischen  und  philosophischen ­
  Gründen  beruhende  Unpopularität  mag  augenblicklich ­
  erdrückend  sein.  Das  mag  ganze  Generationen ­
  schwer  schädigen,  aber  all  das  kann  doch
nicht  leicht  weit  und  dauernd  unter  die  Oberfläche
des  wissenschaftlichen  Lebens  hinunterreichen.
Aber  ganz  abgesehen  davon  —  wie  immer  man
diese  unsere  Welt  und  diesen  unseren  Denkapparat
philosophisch  deuten  mag,  für  alle  praktischen
Zwecke  und  auch  den  der  Wissenschaft  kann  man
ruhig  sagen,  daß  diese  Welt  und  dieser  Denkapparat
gegebene  Tatsachen  sind,  an  denen  wir  nichts  ändern
können.  Und  weil  Gegenstand  und  Werkzeug  der
Wissenschaft  gegeben  sind,  so  sind  es  auch  die  Probleme, ­
  d.  h.  das  was  uns  fraglich  erscheint  und  die
7*
        <pb n="100" />
        100

Art  und  der  Sinn,  in  der  und  in  dem  es  uns  fraglich
wird.  Von  welcher  Seite  immer  und  in  welcher  konkreten ­
  Absicht  immer  —  wenn  es  nur  eine  Forschungsabsicht ­
  ist  —  wir  uns  mit  unserem  Denkapparat ­
  in  die  Erscheinungswelt  stürzen,  stets  müssen
sich  uns  —  und  sogar  bis  zu  einem  gewissen  Grade
auch  in  einer  gegebenen  Aufeinanderfolge  —  sowohl
dieselben  Probleme  wie  auch  schließlich  dieselben
Methoden  darbieten.  Wenn  eine  Gruppe  z.  B.  noch
so  sehr  die  theoretische  Konstruktion  vernichten
wollte  oder  generelle  Wahrheiten  auf  sozialwissenschaftlichem ­
  Gebiet  für  prinzipiell  ausgeschlossen
hielte,  die  Theorie  und  das  Generelle  würde  sich  ihr
in  den  Weg  drängen,  würde  bis  in  das  innerste  Sanktum
  des  Historikers,  die  sich  selbst  bestimmende  Individualität, ­
  stürmen  und  früher  oder  später  müßte  der
Historiker  sehen,  daß  er  selbst  keine  Zeile  schreiben
kann,  ohne  generelle  Wahrheit  vorauszusetzen,  ohne
Theorie,  wenn  auch  sehr  primitive,  zu  betreiben.  Und
wenn  er  das  nicht  sehen  wollte  —  was  würde  geschehen? ­
  Nicht  über  die  Theorie,  sondern  über  ihn
würde  man  zur  Tagesordnung  übergehen.  Denn  wenn
überhaupt  einmal  eine  genügende  Anzahl  von  Leuten,
die  forschen  wollen,  vorhanden  sind,  so  findet  ein
rastloses  Schürfen  nach  Erkenntnisadern  statt.  Man
mag  eine  konkrete  solche  Ader  lange  oder  überhaupt
nicht  finden,  aber  eine,  die  schon  gefunden  ist,  kann
eben  wegen  ihrer  sozusagen  „objektiven“  —  wenngleich ­
  nicht  bloß  von  den  „Dingen“,  sondern  auch
der  Struktur  unseres  Geistes  abhängigen  —  Existenz
niemals  unterdrückt  werden:  Wendet  man  sich  von
        <pb n="101" />
        101

ihr  ab,  so  gibt  man  nur  anderen  den  Weg  zu  ihr  frei
und  bleibt  selbst  zurück.  Es  geht  da  wie  im  Wirtschaftsleben ­
  bei  freier  Konkurrenz:  Die  einmal  von
irgendwem  erkannten  Gewinnmöglichkeiten  sind  eben
da.  Im  allgemeinen  greifen  immer  viele  nach  einer
jeden  —  wer  es  nicht  tut,  der  geht  eben  unter,  langsam ­
  vielleicht,  aber  sicher  —  und  wenn  es  gelegentlich ­
  vorkommt,  daß  die  Leute  eine  solche  Gewinnmöglichkeit ­
  z.  B.  eine  bestimmte  Produktionsmethode, ­
  ungenutzt  lassen,  dann  ist  der  Gewinn  desjenigen, ­
  der  sich  ihrer  bemächtigt,  um  so  größer,
welcher  Umstand  eben  in  einer  Gemeinschaft,  in  der
es  aufgeweckte  Unternehmer  in  gehöriger  Anzahl
gibt  im  allgemeinen  die  Ausnutzung  aller  jeweils  als
praktisch  erkannten  Gewinnmöglichkeiten  garantiert.
Die  Wissenschaft  aller  Länder  ist  heute  eine  solche
Gemeinschaft.  Und  aller  erreichbare  vorhandene
Boden  wird  unweigerlich  bebaut.  Hat  man  ein  neues
Stück  gerodet,  dann  kommt  man  wieder  in  eine  „objektiv“ ­
  gegebene  neue  Situation,  wo  abermals  gegebene ­
  Möglichkeiten  nur  der  Entdeckung  harren.
Blieben  sie,  wenn  von  irgendwem  erkannt,  unausgenutzt
  —  was  ja  gewiß  „möglich“  wäre  —  so  bedeuteten ­
  sie  lauter  lucra  cessantia  an  Erkenntnis  und
eben  deshalb  entgehen  sie  dem  Geist  nicht,  der  überhaupt ­
  forschen  will:  Erkenntnisgewinn  und  Befriedigung ­
  können  ja  vergebens  locken,  aber  sehr  starke
Motive  wirken  stets  dahin,  daß  sie  es  nicht  tun.  Um
also  ihre  Richtung  ausschließlich  und  dauernd  „herrschend“ ­
  zu  erhalten,  müßte  eine  wissenschaftliche
Gruppe  das  wissenschaftliche  Arbeiten  auf  ihrem  Ge ­
        <pb n="102" />
        biet  —  eigentlich  auf  allen  Gebieten,  sonst  strömen
Außenseiter  herzu  —  monopolisieren.  Vergangene
Zeiten  haben  das  versucht  und  mit  dem  Scheiterhaufen ­
  ihr  Monopol  schützen  wollen.  Es  war  umsonst
—  wie  könnte  es  ohne  Scheiterhaufen  gelingen?
Diese  Momente  denn  konstituieren  jene  in  letzter
Linie  unentrinnbare  Macht,  die  die  wissenschaftlichen
Arbeiter  in  Reih  und  Glied  zwingt  und  eine  wohl
nicht  geradlinige  aber  letzten  Endes  einheitliche  Entwicklung ­
  als  reales  Phänomen  erzeugt.  Sie  sind  es,  die
auf  diesem  Gebiet  das  durchsetzen,  was  man  „Logik
der  Dinge“  1  nennen  und  wovon  man  in  bestimmtem'
Sinn  behaupten  kann,  daß  es  von  individuellem  und
gruppen  weisem  Wollen  unabhängig  ist.  Sie  bewirken,
daß,  je  vollständiger  der  momentane  Erfolg  und  je
energischer  die  Ausschließlichkeit  einer  Richtung  ist,
um  so  vollständiger  ihre  Niederlage  sein  muß,  weil
um  so  größer  und  wertvoller  die  Gebiete  sind,  die
sie  vernachlässigt.  So  paradox  es  klingt:  Je  weniger
konsequent  jemals  ein  einheitliches  Arbeitsprogramm
dauernd  festgehalten  werden  kann,  um  so  konsequenter ­
  wird  sich  die  Entwicklung  der  retrospektiven
Überschau  über  große  Zeiträume  darstellen,  denn  aus
den  Reaktionen  gegen  die  notwendigen  Einseitigkeiten ­
  jedes  solchen  Programms  ergibt  sich  automatisch ­
  eine  viel  allseitigere  und  folgerichtigere  Ent-1

  Dieser  „Logik  der  Dinge“  auf  dem  Gebiet  der  Forschung  entspricht ­
  ein  analoges  Phänomen  auf  allen  unterscheidbaren  Gebieten
sozialen  Lebens,  von  denen  die  Geschichte  erzählt.  Freilich  ist  der
Ausdruck  sehr  ungenau  und  leicht  mifszuverstehen.  Selbstverständlich ­
  handelt  es  sich  da  nicht  um  eine  reale  „Kraft“,  sondern  um  die
Tatsache  sehr  zwingender  Situationen.
        <pb n="103" />
        I

Wicklung  als  der  Einzelne  jemals  sich  ausdenken
könnte.  Jene  Momente  erklären  auch,  wieso  es
kommt,  daß  —  so  sehr  der  Einzelne  oder  eine  kleine
Gruppe  fehlgreifen  mag  —  eine  größere  Richtung  des
Gedankens  kaum  jemals  einfach  „falsch“  sein  kann,
denn  eine  jede  wurde  ihren  Männern  von  einer  „objektiven“ ­

  Sachlage  aufgedrängt  und  weitaus  die
meisten  großen  Grundgedanken  lagen  in  ihrer  Einfachheit ­
  so  sehr  am  Wege,  daß  sie  unvermeidlich
waren  —  wenn  auch  vielleicht  nur  als  grobe  Annäherungen. ­
  Deshalb  ist  auch  eine  jede  größere  Gedankenströmung, ­
  besonders  jede  von  den  großen
Methoden,  in  gewissem  Sinn  unsterblich.  Und  eine  jede
wendet  sich  rächend  gegen  die,  die  sie  ignorieren.
Jede  endlich  wird,  nachdem  ihre  Übertreibungen
vorbei  sind  und  die  Reaktion  gegen  diese  Übertreibungen ­
  ebenfalls,  an  irgendeiner  Stelle  in  das  Vorhandene ­
  eingefügt.  Ein  klassisches  Beispiel  für  diese
Logik  der  Dinge  ist  das  Schicksal  der  historischen
Rechtslehre,  das  sich  vor  unseren  Augen  vollzieht:
Länger  und  ausschließlicher  als  irgendeine  einzelne
Forschungsrichtung  hat  diese  auf  ihrem  Gebiet  geherrscht. ­
  Vollständiger  als  irgendwo  glaubten  ihre
Vertreter  alles  Vor  auf  gegangene  vernichtet  zu  haben.
Plötzlicher  als  irgendeine  stürzt  sie  heute  hinab  —
bis  sie  jenen  Punkt  erreicht  haben  wird,  im  großen
Meer  der  Soziologie,  der  ihrem  „objektiven“  spezifischen ­
  Gewicht  entspricht.
Wird  alles  das  auch  in  der  Zukunft  so  bleiben?
Man  braucht  die  Ursachen,  welche  die  Diskontinuität ­
  der  wissenschaftlichen  Arbeit  erzeugen,  das
        <pb n="104" />
        104

Abrupte,  Regellose  ihrer  Entwicklung,  und  jene,
welche  trotzdem  ein  bestimmtes  Maß  von  Kontinuität
und  Planmäßigkeit  erzwingen,  nur  anzusehen,  um
sich  überzeugt  zu  finden,  daß  beide  Gruppen  von  Ursachen ­
  auch  in  der  Zukunft  weiterwirken  werden.
Was  zunächst  die  erste  von  ihnen  anlangt,  so  brauche
ich  ihre  fünf  Punkte  gar  nicht  zu  wiederholen,  um
das  noch  besonders  zu  beweisen.  Denn  zum  Teil  sind
sie  dem  Wesen  des  Mechanismus  wissenschaftlichen
Lebens  eigen  —  immer  und  überall  z.  B.  wird  jeder
Fortschritt  gruppenweise,  mit  Hilfe  organisierender
Schlagworte,  ruckweise,  übertreibend  zustande  gebracht ­
  —,  zum  Teil  gar  den  Tatsachen  unserer
Psyche  —  nie  wird  z.  B.  der  Einzelne  oder  die  Gruppe
mehr  übersehen  können  als  einige  wenige  Gesichtspunkte ­
  und  kleine  Stücke  des  Weges  —  zum  Teil
können  sie  ihrer  Natur  nach,  wenn  überhaupt,  nur
langsam  verschwinden  —  wie  z.  B.  die  Tendenzen
zur  Alliierung  jeder  Richtung  mit  politischen  und
und  philosophischen  Programmen.  Insbesondere  werden ­
  immer  Perioden  vorwiegend  konstruktiver  und
Perioden  vorwiegend  tatsachensammelnder  und  kritischer ­
  Tätigkeit  abwechseln:  Denn  weil  erstens  beide
Arten  wissenschaftlicher  Arbeit  „objektiv“  notwendig
und  fördernd,  weil  zweitens  stets  Leute  beider  Anlagen ­
  vorhanden  sind,  so  müssen  beide  Arten  stets
zusammen  existieren.  Weil  aber,  drittens,  auch  auf
dem  Gebiet  der  Wissenschaft  nicht  jeder  einfach  für
sich  existiert  und  denkt,  sondern  im  Einflußkreise
seiner  Zeitgenossen  lebt  und  webt,  so  wird  die
Stimmung  der  jeweils  stärksten  und  erfolgreichsten
        <pb n="105" />
        105

Persönlichkeiten  mehr  oder  weniger  allgemein  sein,
und  gemeinsam  erfolgen  daher  die  Schritte  nach  der
Analyse  wie  nach  der  Tatsachensammlung  —  ganz
wie  im  politischen  Leben:  Auch  da  gibt  es  Leute,
die  immer  an  einer  Partei  festhalten,  wie  es  geborene
Analytiker  und  „Historiker“  gibt;  aber  dazwischen
wogt  eine  Masse,  die  sich  jeweils  vorwiegend  der
einen  oder  vorwiegend  der  anderen  Partei  oder  Sichtung ­
  anschließt,  um  dann,  eben  weil  das  verlassene
Programm  inzwischen  Zeit  hat  neu  und  lockend  zu
werden  und  weil  man  wieder  „etwas  anderes“  haben
will,  nach  einiger  Zeit  wieder  zurückzuschnellen.
Wohl  hat  es  immer  Forscher  gegeben,  die  auf
einer  Höhe  standen,  von  der  aus  sie  alles  Land  ringsum ­
  und  nicht  bloß  ein  einzelnes  Tal  überblicken
konnten,  die  nicht  bloß  äußerlich  und  formell  —  was
so  wenig  bedeutet  —  die  prinzipielle  „Berechtigung“
aller  Richtungen  erkannten,  sondern  sich  ihnen  und
ihren  Ideen  auch  gefühlsmäßig  gleich  nahe  fühlten
und  alle  wirklich  begriffen.  Aber  sie  waren  selten  und
müssen  immer  selten  bleiben.  Auf  unserem  Felde
ist  John  St.  Mill  das  glänzendste  Beispiel.  Er  beherrschte ­
  die  scheinbar  unverträglichsten  Strömungen
und  ihm  blieb  es  erspart,  von  irgendeiner  weggeschwemmt ­
  zu  werden.  Seine  Werke  werden  bis
in  die  fernsten  Zeiten  Marksteine  wissenschaftlicher
Entwicklung,  Denkmäler  ruhigster  Abgeklärtheit  und
hohen  Sinnes  bleiben.  Wenige  Autoren  kann  man
so  freudig  den  Werdenden  zum  Studium  empfehlen.
Aber  gerade  Mill  ist  auch  ein  Beispiel  dafür,  daß
solche  Höhe  auch  ihre  Schwächen  hat:  Eben  weil  er
        <pb n="106" />
        106

soviel  überblickte,  drang  er  in  keiner  Eichtung  weit
vorwärts,  eben  weil  alle  die  Wege  ihm  offenbar  waren,
hat  er  keinen  neuen  gebrochen.  Wieder  hilft  uns  die
Analogie  mit  der  Politik  —  und  es  ist  keine  bloß
äußerliche  Analogie,  vielmehr  handelt  es  sich  überall ­
  um  die  gleichen  Notwendigkeiten  der  Dinge  und
die  gleichen  sozialpsychischen  Phänomene:  Der  Politiker, ­
  der  alle  Möglichkeiten  und  Notwendigkeiten
sieht  und  der  sich  bewußt  ist,  daß  kein  Parteiprogramm ­
  nur  Wahrheit  und  ewige  Wahrheit  enthalten ­
  kann,  wird  von  den  Dingen  nicht  so  leicht
desavouiert  werden,  als  einer  der  sich  lodernd  von
Begeisterung  und  mit  den  dazu  gehörigen  Scheuklappen ­
  in  agmen,  in  pulverem,  in  clamorem  stürzt.
Aber  der  politische  Führer  und  Sieger  ist  doch  der
letztere  —  und  der  erstere  meist  nicht  mehr  als  ein
schönes  Möbel  eines  kultivierten  Salons.  Der  „Scholarch“
  hat  seine  Funktionen  und  es  wäre  nicht  unbedenklich, ­
  ihm  gerade  jene  moralische  und  intellektuelle ­
  Anlage  zu  wünschen,  die  zum  Verzichten  auf
temporären  Schulerfolg  gehört.  Und  —  was  würde
aus  uns  allen,  wenn  wir  uns  stets  die  Tatsache  vor
Augen  hielten,  daß  wir  nur  Kindern  gleichen,  die
sich  am  Meeresstrand  ein  Schlößchen  aus  Sand  bauen,
mit  einem  Graben  rundherum  und  dann  versuchen,
das  Meer  in  diesen  Graben  zu  schöpfen.
Aber  obgleich  die  Gründe  jener  Diskontinuität
der  wissenschaftlichen  Entwicklung  sicher  fortbestehen
  werden,  obgleich  wir  nicht  einmal  wünschen
dürfen,  daß  sie  wegfielen,  so  ist  doch  klar,  daß  sie
labentibus  annis  an  Stoßkraft  verlieren  müssen.  Je
breiter  und  tiefer  der  Strom  des  Wissens  wird,  um
        <pb n="107" />
        107
so  mehr  muß  er  sich  von  Politik,  wie  von  Philosophie  ‘
entfernen  —  fortgezogen  vom  Gewicht  der  einzelwissenschaftlichen ­
  Arbeit  —  einfach  infolge  der  Unmöglichkeit, ­
  die  Beziehung  festzuhalten.  Das  mag  in
weiter  Ferne  liegen  —  ich  habe  darüber  noch  einige
Worte  zu  sagen  —  aber  das  ist  unvermeidlich.  Immer
klarer  muß  ganz  von  selbst  die  Unabhängigkeit  des
einzelwissenschaftlichen  Resultats  von  Politik  und
Philosophie,  in  den  meisten  Fällen  auch  seine  Irrelevanz ­
  für  das  politische  Wollen  und  das  philosophische
Deuten  hervortreten.  Immer  deutlicher  muß  die  Unmöglichkeit ­
  dauernder  Herrschaft  einer  Methode  und
die  Relativität  des  Wertes  und  der  Bedeutung  einer
jeden  werden.  Immer  deutlicher  auch  muß  jeder
Schule  die  praktische  Unmöglichkeit  werden,  den
großen  Strom  in  ihre  Kanäle  zu  leiten,  zu  welchem
der  Bach  sozialwissenschaftlicher  Erkenntnis  nach
und  nach  geworden  ist.  Deshalb  müssen  die  Erschütterungen, ­
  die  das  Entstehen  einer  jeden  „neuen
Richtung“  mit  sich  bringt,  immer  weniger  fühlbar
werden.  Je  präziser  die  Probleme  gestellt,  je  geschulter ­
  die  Fachmeinungen,  je  unterrichteter  weitere
Kreise  werden,  um  so  schwieriger  wird  der  Erfolg
eitler  und  ungeneröser  Reklame.
Wie  die  Gründe  der  Diskontinuität,  so  werden
auch  die  der  Kontinuität  fortwirken.  Aber  eben  die
Momente,  die  die  Prognose  rechtfertigen,  daß  die
Gründe  der  Diskontinuität  immer  schwächer  wirken
werden,  werden  die  Macht  der  „Logik  der  Dinge“
fördern.  Immer  unentrinnbarer  wird  sie  sich  dem
einzelnen  Forscher  und  der  einzelnen  Richtung  aufdrängen, ­
  immer  geringere  Seitensprünge  wird  sie  ge-Mi



oI
        <pb n="108" />
        108

statten,  immer  schneller  wird  die  Strafe  jeder  Einseitigkeit ­
  und  Engherzigkeit  folgen:  Immer  unabhängiger ­
  von  individueller  Willkür,  immer  automatischer ­
  wird  die  Entwicklung  der  Wissenschaft  vor
sich  gehen  —  wie  die  Entwicklung  auf  allen  anderen
Gebieten  sozialen  Seins  auch.  Immer  weniger  heftig
werden  Vorwärtsbewegungen  und  Rückschläge  werden, ­
  immer  größer  das  Gebiet  methodologischer  und
sachlicher  Communis  opinio,  immer  weniger  dicht  die
Staubwolken  ,weniger  laut  die  Schlagworte  und  Fanfaren. ­
  Immer  mehr  wird  die  Logik  der  Dinge  durch
die  scharfe  Kante  bitterer  Erfahrungen  sich  einschneiden ­
  in  das  Bewußtsein  der  Einzelnen  und
immer  „folgerichtiger“  wird  auch  das  individuelle
Verhalten  werden  —  immer  mehr  den  Charakter  der
Ausarbeitung  des  Vorhandenen  annehmen.
Die  Macht  also,  die  schon  bisher  eine  konsequente
Entwicklung  garantierte,  muß  immer  stärker  werden.
Unter  ihrem  Druck  wird  die  Wissenschaft  in  stetem
Wechsel  von  Zielsetzung  und  Zielerreichung  ins  Unendliche ­
  strömen,  d.  h.  dahin  strömen  ohne  jede  angebbare
  Grenze,  ohne  jedes  „letztes  Ziel“,  weil  ein
gelöstes  Problem  immer  nur  an  die  Tore  neuer  führt.
So  werden  rastlos  immer  weitere  Erkenntnisse  und
Tatsachen  herausgefischt  aus  dem  glitzernden  Meer
des  Seins.  Je  zahlreicher  sie  werden,  um  so  „spezieller“ ­
  werden  sie  und  um  so  mannigfaltiger  und  komplizierter ­
  die  in  concreto  nötigen  Methoden.
Liegt  mm  das,  was  wir  heute  tatsächlich  tun,
auch  wirklich  auf  diesem  Wege?
        <pb n="109" />
        109

V.
Es  erübrigt  also  noch  uns  zu  fragen,  wo  wir  heute
stehen  und  was  im  Einzelnen  von  dem  Stück  Weg
zu  erwarten  ist,  das  unmittelbar  vor  uns  liegt.  Da
können  wir  wohl  über  die  allgemeinen  Züge  hinausund
  etwas  mehr  ins  Einzelne  gehen.
Wer  heute  das  Gebiet  der  Sozialwissenschaften
überblickt,  kann  zunächst  durchaus  keinen  guten
Eindruck  haben.  Ich  glaube  kaum,  daß  wir  uns
rühmen  können  es  herrlich  weit  gebracht  zu  haben.
Und  das  behauptet  auch  niemand.  Der  Laie,  der  sich
fragend  an  uns  wendet,  denkt  sich  nach  erhaltener
Antwort  wohl  meist:  „Soviel  wußte  ich  vorher  auch.“
Man  überlege,  was  in  unseren  zusammenfassenden
Werken  zu  lesen  ist  und  man  wird  sogleich  wissen,
wie  ich  es  meine,  wenn  ich  sage,  daß  unsere  Resultate
dürftig,  unsere  Methoden  primitiv  sind,  und  daß  beide
oft  hinter  billigen  Anforderungen  Zurückbleiben.
Jene  Resultate,  die  in  der  einen  oder  anderen  Weise
weiteren  Kreisen  zugänglich  gemacht  werden,  z.  B.
Resultate,  die  soziale  Maßregeln  betreffen,  tragen  oft
das  Zeichen  der  Verwandtschaft  mit  Popularanschauungen
  auf  der  Stirn.  Noch  schlimmer  ist  es,  daß  die
angewandten  Methoden  oft  lediglich  Denkformen  des
Alltagslebens  sind  und  viele  Fachleute  sich  zeitlebens
mit  Arbeiten  begnügen,  die  jeder  gute  Journalist  auch
machen  könnte,  wie  wenn  der  forschende  Geist  sich
für  die  Zwecke  der  Wissenschaft  nicht  wirksamere
Werkzeuge  geschmiedet  hätte,  wie  wenn  es  nicht  die
Methode  wäre,  die  den  Forscher  macht.  Wir  sehen
        <pb n="110" />
        110

allenthalben  ferner  den  naivsten  Dilettantismus,
dessen  Produkte  auch  von  der  Pachmeinung  oft  gar
nicht  von  denen  ernster  Arbeit  unterschieden  werden—
wir  haben  Dilettantismus  als  anerkannte  Institution:
Ohne  alle  Schulung  wendet  man  sich  oft  sorglos  den
schwierigsten  Problemen  zu  und  ein  Gefühl  der  Mutlosigkeit ­
  beschleicht  wohl  manchen  ernsten  Arbeiter,
wenn  er  sieht,  wie  völlig  unmöglich  es  ist,  jemand  von
elementaren  Fehlern,  die  er  begangen  hat  und  die  von
keinem  „Standpunkt“  zu  rechtfertigen  sind,  zu  überzeugen. ­
  Der  ökonomische  Theoretiker  weiß  etwas
davon  zu  erzählen:  Die  sogenannte  Grenznutzentheorie ­
  hat  die  reine  Wirtschaftslehre  auf  eine  neue
Grundlage  gestellt  und  ihre  Erklärungsprinzipien  solange ­
  ausgebaut,  bis  ein  ziemlich  kompliziertes  Ganzes
entstand.  Ein  jedes  solches  Ganzes  muß  vor  allem
gelernt  sein  und  ist  nicht  ohne  weiteres  zugänglich.
Allein  es  hat  sich  bisher  in  Deutschland  als  unmöglich ­
  erwiesen,  außerhalb  eines  engen  Kreises  nicht
etwa  eine  freundliche  oder  auch  nur  eine  sachgemäße
Beurteilung  durchzusetzen.  Mißverständnisse,  wie
sie  beim  Studium  eines  schwierigeren  Gedankengangs ­
  sich  leicht  einstellen,  werden  mit  Würde  und
Überzeugung  als  ernste  Einwendungen  den  Vertretern
der  Grenznutzentheorie  entgegengehalten  —  und  statt
zu  lächeln,  klatscht  die  Fachmeinung  oft  Beifall  dazu.
Heute,  in  einer  Zeit  wiederum  größeren  theoretischen
Interesses,  erscheint  eine  solche  Arbeit  nach  der  anderen ­
  und  jedesmal  muß  man  beobachten,  daß  fast
niemand  merkt,  ob  der  Autor  die  Elemente  seines
Gegenstands  beherrscht  oder  nicht.  Auf  manchen
        <pb n="111" />
        111

Gebieten,  z.  B.  dem  der  Wirtschaftsgeschichte,  steht
es  besser,  auf  den  meisten  aber  schlechter.
Und  doch  ist  es  nicht  gar  so  schlimm.  Das  Übel,
das  auf  der  Oberfläche  so  hervortritt,  reicht  nicht  in
alle  Tiefen.  Betrachten  wir  vor  allem  den  gegenwärtigen ­
  Stand  der  philosophischen  und  politischen
Invasion  in  das  Gebiet  der  Wissenschaft,  da  das  ja
sicher  ein  wichtiger  Faktor  der  Situation  sein  muß.
Äußerlich  sieht’s  da  bös  genug  aus,  und  leicht  könnte
man  glauben,  daß  meine  Behauptung,  der  Forscher
werde  nach  und  nach  von  selbst  lernen,  auf  Spekulation ­
  und  auf  Vorschriftenmachen  zu  verzichten,
durch  den  gegenwärtigen  Stand  der  Dinge  nichts
weniger  als  bestätigt  würde.  Gerade  heute  macht  sich
der  Einfluß  der  Philosophie  wieder  mehr  geltend,
besonders  in  Deutschland.  Das  philosophische  Interesse, ­
  in  Deutschland  stets  einer  der  stärksten  Faktoren
des  Geisteslebens,  ist  seit  zwanzig  Jahren  mächtig
gewachsen,  nach  einer  Zeit  verhältnismäßigen
Rühens.  Sogar  Hegel  scheint  wieder  aus  der  Versenkung ­
  auftauchen  zu  wollen.  Es  liegt  nun  sowohl
in  der  Natur  der  Gegenstände  der  Sozialwissenschaften, ­
  wie  in  ihrer  geringeren  inneren  Festigkeit,
daß  diese  Bewegung,  welche  die  konkrete  Arbeit  der
Naturwissenschaften  ziemlich  unberührt  ließ,  auf  das
sozialwissenschaftliche  Gebiet  Übergriff.  Sie  macht
sich  besonders  in  der  Erkenntnistheorie  der  Wissenschaft ­
  bemerkbar,  beeinflußt  die  methodischen  Anschauungen, ­
  zeigt  gelegentlich  Lust  uns  über  das
Wesen  unserer  Disziplinen  oder  gar  die  Wege  aufzuklären, ­
  die  wir  einschlagen  sollen.  Sie  tritt  auch
        <pb n="112" />
        112

auf  dem  Gebiet  der  Geschichts-  und  Kulturtheorie
hervor.  Allein  —  mit  welcher  Vorsicht  geschieht
das,  wie  auf  dünnem  Eis,  im  Bewußtsein  jeden
Augenblick  einbrechen  zu  können,  ganz  ohne  das
Selbstbewußtsein,  die  „Absolutheit“  früherer  Tage!
In  der  Erkenntnistheorie  nimmt  der  Philosoph  immer
mehr  die  Position  des  Forschers  als  maßgebend  hin
—  ein  schlagendes  Beispiel  in  dieser  Beziehung  ist
der  Einfluß  des  großen  methodologischen  Werkes  Carl
Mengers  auf  die  Erkenntnistheorie,  auch  die  des  Philosophen. ­
  Und  bei  Behauptungen  über  materielle  Probleme ­
  erklärt  der  Philosoph  sehr  oft  ganz  charakteristischerweise, ­
  seine  Behauptungen  seien  „nicht
einzelwissenschaftlich“  gemeint.  Vielfach  beschränkt
er  sich  —  wenigstens  prinzipiell  —  auf  das  Programm
einer  „Koordination  der  wissenschaftlichen  Resultate“, ­
  was  also  gar  nicht  mehr  Philosophie  im  spekulativen ­
  Sinn  ist  —  und  alles  das  in  der  Zeit  einer  Flutwelle ­
  philosophischen  ardors!  Der  Forscher  wiederum ­
  mag  noch  so  sehr  geneigt  sein,  vor  der  Philosophie
zu  kapitulieren,  einen  sachlich  fühlbaren  Einfluß
merkt  man  nur  selten.  Logik  der  Dinge!  Macaulay
sagt  irgendwo,  die  Entwicklung  der  politischen
Machtverhältnisse  im  England  der  zweiten  Hälfte  des
17.  Jahrhunderts  schildernd:  „Die  Krone  mochte
noch  so  sehr  entschlossen  sein,  ihre  Macht  auf  Kosten
des  Parlaments  auszudehnen:  Dennoch,  was  immer  sie
tat,  irgend  etwas  drängte  sie  stetig  zurück.  Das  Parlament ­
  mochte  noch  so  sehr  zum  Nachgeben  geneigt,  ja
servil  sein:  Dennoch,  irgend  etwas  zwang  es  vorwärts.“
So  ähnlich  steht’s  in  unserem  Fall.  So  steht’s  überhaupt
        <pb n="113" />
        113

überall  —  weshalb  man  das  Wollen  der  Handelnden
nur  mit  großer  Vorsicht  als  Index,  mit  noch  größerer
als  Causa,  des  Geschehens  betrachten  darf.
Auch  von  der  Diskussion  dessen,  was  sein  soll,
sind  wir  noch  nicht  losgekommen.  Hier  ist  es  die
Nationalökonomie,  auf  deren  Gebiet  am  meisten  gesündigt, ­
  d.  h.  politisiert  wird.  Daß  darunter  gelegentlich ­
  die  wissenschaftliche  Unvoreingenommenheit  leiden ­
  und  das  Ansehen  der  Wissenschaft  durch  die
Allianz  mit  Parteianschauungen  beeinträchtigt  werden ­
  muß,  ist  zweifellos,  aber  das  ist  noch  das  geringere ­
  Unglück:  Viel  mehr  noch  fällt  ins  Gewicht,
daß  der  Forscher  von  seiner  Arbeit  abgezogen  und
verleitet  werden  kann,  Leistungen  durch  Gesinnungen
zu  ersetzen.  Doch  darf  man  wohl  darauf  hinweisen,
daß  sich  das  Gebiet  politisch  indifferenter  Forschung
trotzdem  immer  mehr  ausdehnt,  auch  tatsächlich  die
politischen  und  sozialen  Parteien  nach  und  nach  beginnen, ­
  für  immer  mehr  Fragen  einen  gemeinsamen
wissenschaftlichen  Boden  anzuerkennen  —  was  offenbar ­
  eine  Vorstufe  für  die  Loslösung  wissenschaftlichen ­
  Forschens  vom  politischen  Wollen  ist  und  sie
erleichtert.  Dann  aber  haben  wir  die  Tatsache  zu
verzeichnen,  daß  sich  seit  einiger  Zeit  in  Deutschland ­
  eine  starke  Bewegung  gegen  politische  Stellungnahme ­
  des  Forschers  als  Forscher  sehr  bemerkbar
macht.  Freilich  ist  diese  Bewegung  mit  einiger  Reserve ­
  zu  beurteilen.  Zunächst  empfängt  sie  einen
Teil  ihrer  Stoßkraft  aus  einer  Reaktion  nicht  gegen
Politisieren  überhaupt,  sondern  gegen  die  konkrete
Parteistellung  der  Mehrzahl  der  deutschen  National-Schumpeter,
  Vergangenh.  u.  Zukunft  d.  Sozialwissensch.  8
        <pb n="114" />
        114

Ökonomen,  gegen  die  Stellung  des  Vereins  für  Sozialpolitik. ­
  Sodann  ist  die  Frage,  die  zur  Diskussion  gestellt ­
  wurde,  nicht  die,  auf  die  es  heute  in  erster
Linie  ankommt.  Die  diskutierte  Frage  ist  nämlich,
ob  es  wissenschaftlich  möglich  sei,  die  sozialen
Vorgänge  nicht  bloß  zu  beschreiben  und  zu  erklären,
sondern  auch  zu  „werten“,  sie  als  gut  und  schlecht,
wünschenswert  und  nicht  wünschenswert  zu  bezeichnen. ­
  Allein,  daß  es  nicht  möglich  ist,  für
alle  Zeiten  und  alle  Orte  gültige  Ideale  zu  postulieren, ­
  darüber  dürften  wohl  die  meisten  einig  sein.
Um  so  mehr,  als  die  meisten  deutschen  Ökonomen
sich  zur  historischen  Schule  zählen  und  von  dieser
doch  die  Kelativität  aller  Ideale  gegenüber  dem
Naturrecht,  dem  Liberalismus  usw.  stets  betont  worden ­
  ist.  Und  ob  es  dem  Forscher  möglich  ist,  für
jede  gegebene  historische  Situation  ein  Ideal  zu  postulieren, ­
  ist  eine  weit  weniger  bedeutsame  Frage.  Denn
ein  solches  relatives  Ideal  ist  seiner  Natur  nach  so
von  Bedingungen  durchsetzt  und  derjenige,  der  es
vertritt,  hat  so  viele  tatsächliche  Behauptungen  zu
beweisen,  daß  es  nie  schwer  sein  kann  ihm  zu  zeigen,
daß  nur  diese  Behauptungen  das  speziell  Wissenschaftliche ­
  an  der  Sache  sind,  und  daß  er  das  Urteil
selbst,  welches  etwas  als  wünschenswert  bezeichnet,
nicht  mehr  in  seiner  Eigenschaft  als  Forscher,  sondern ­
  in  seiner  Eigenschaft  als  Politiker  hinzusetzt,
wenngleich  auch  dieses  Urteil  sich  von  einem  populären ­
  Werturteil  durch  seine  Tatsachenbasis  zu
seinem  Vorteil  unterscheiden  mag.  In  diesem  Sinn
könnte  man  von  einem  „wissenschaftlichen  Wert ­
        <pb n="115" />
        115

8  *

urteil“  sprechen,  von  einem  Werturteil,  das  zwar  als
solches  wissenschaftlich  nicht  beweisbar  ist,  sich  aber
alles,  was  die  Wissenschaft  leisten  kann,  zunutze  gemacht ­
  hat  und  deshalb,  besonders  wenn  es  von  einer
starken  Persönlichkeit  kommt,  nicht  schlechtweg
ohne  Interesse  ist 1 .  In  diesem  Sinn  könnte  also  das
Werturteil  in  der  Wissenschaft  immerhin  eine  Rolle
spielen,  die  über  bloße  Erklärung  der  von  den
handelnden  Individuen  und  Parteien  tatsächlich  gefällten ­
  Werturteile  und  selbst  über  die  Entscheidung
der  Frage,  ob  ein  gegebenes  Verhalten  einem  gegebenen ­
  —  aber  nicht  von  dem  Forscher  aufgestellten  —
Ideal  entspricht,  hinausgeht.  Allein  darauf  kommt  es
heute,  wenn  wir  nur  an  der  Erkenntnis  der  historischen ­
  Relativität  aller  Ideale  festhalten,  nicht  in
erster  Linie  an.  Worauf  es  heute  ankommt,  ist  vielmehr, ­
  daß  die  Gelehrtenwelt  aufhöre,  sich  gar  zu
sehr  mit  den  Fragen  des  Tages  zu  befassen.  Denn
die  ausschließliche  oder  vorwiegende  Beschäftigung
mit  praktischen  Tagesfragen  droht  das  Interesse  an
der  Arbeit  nach  lediglich  wissenschaftlichen  Gesichtspunkten ­
  zu  erdrücken  und  damit  den  Fortschritt  der
Wissenschaft  zu  gefährden.  Praktische  Fragen  geben,
so  wie  sie  behandelt  zu  werden  pflegen,  selten  Anlaß
zur  Verfeinerung  unserer  Methoden  oder  zur  Bereicherung ­
  unserer  allgemeinen  Resultate,  sondern
bestenfalls  —  aber  meist  nicht  einmal  das  —  Anlaß
zu  ihrer  Anwendung.  Vielmehr  sind  sie  für  die
Wissenschaft  das,  was  in  der  Produktion  die  primitive
1  Wenngleich  natürlich  politische  Acerbität  einem  Forscher  zu
Gesichte  steht  wie  einer  Frau  ein  Bart.
        <pb n="116" />
        116

Nahrungssuche  ist:  Man  geht  in  beiden  Fällen  direkt
auf  sein  Ziel  los,  ohne  erst  in  langer  Arbeit  die  Werkzeuge ­
  dazu  zu  schaffen.  Und  doch  ist  es  allein  diese
lange,  desinteressierte,  an  keine  praktische  Anwendung ­
  denkende  Arbeit,  die  der  Wissenschaft  weiterhilft. ­
  So  sind  denn  Scharen  von  wissenschaftlichen
Arbeitern  herangewachsen,  die  eigentlich  wissenschaftlicher ­
  Schulung  ganz  entbehren  und  allen
schwierigeren  Methoden,  längeren  Gedankengängen
so  gegenüberstehen,  wie  der  Analphabet  dem  Faust.
Solche  Arbeiter  sind  dann  jedem  Schlagworte  untertan, ­
  vor  keiner  Verirrung  geschützt,  und  ihr  Vorhandensein ­
  ermöglicht  es  jeder  gewandten  Feder,
eine  „neue  Richtung“  zu  begründen.  Es  liegt  in  der
Natur  der  Sache,  daß  das  nicht  leicht  und  nicht
schnell  besser  werden  kann.  Noch  lange  wird  der
Nationalökonom,  den  das  spezifisch  wissenschaftliche
Interesse  leitet,  nicht  auf  die  Stütze  einer  kompetenten ­
  Fachmeinung  rechnen  dürfen.  Aber  eine
Gefahr  möchte  ich  diesen  Zustand  nicht  nennen.
Denn  die  Wissenschaft  kann  vieles  aushalten  und
schließlich  wird  auch  das  besser  werden.
Wichtiger  als  alles  das  ist  jedoch  die  Tatsache,
daß  es  unter  der  Oberfläche,  in  der  Werkstatt  der
einzelnen  sozialwissenschaftlichen  Problemgruppen
um  vieles  besser  steht,  als  es  den  Anschein  hat.
Welches  Gebiet  immer  wir  ansehen  mögen,  stets
finden  wir  zwar  all  das  Streiten  und  alle  die  Feuilletonistik,
  die  alle  Dinge,  welche  die  Dornenkrone  der
Popularität  tragen,  behelligen  muß,  aber  auch  stets
einen  gesunden  Kern  ruhiger  Arbeit.  Das  schla ­
        <pb n="117" />
        117

gendste  Beispiel  dafür  ist  die  Soziologie.  Dieser  Disziplin ­
  wird  oft  geradezu  aller  wissenschaftliche  Charakter ­
  abgesprochen,  und  wirklich  —  es  gibt  da  eine
ganze  Masse  von  Publikationen,  die  niemand  ernst
nehmen  kann  und  die  wohl  geeignet  sind,  manchem
die  Lust  an  der  Soziologie  gründlich  zu  verderben.
Dennoch  —  überwuchert  zwar  von  all  diesem  Unkraut, ­
  gibt  es  Weizen  genug,  man  muß  ihn  nur  zu
finden  wissen.  Da  hat  sich  im  Anschluß  an  ethnologisches ­
  und  historisches  Material  eine  Theorie  der
Rechtsinstitutionen  (Eigentum,  Erbrecht,  Ehe  usw.)
entwickelt,  dann  an  diesem  und  anderem  Material
eine  soziologische  Theorie  der  großen  kulturellen
Wesenheiten,  Sittlichkeit,  Sitte,  Kunst  und  Religion,
eine  Theorie  des  Wesens  der  sozialen  Beziehungen,
deren  Summe  wir  „Gesellschaft“  nennen  und  vieles
andere.  Ich  kann  das  nicht  näher  ausführen  und
belegen.  Aber  in  allen  diesen  Problemgruppen  wurde
ein  Vorrat  gesicherten  Wissens  und  ein  Maß  der
Übereinstimmung  erreicht,  die  von  weiteren  Kreisen
sehr  unterschätzt  werden.
Oder:  Wer  sich  in  der  Diskussion  des  Phänomens ­
  der  Teuerung,  das  uns  seit  einigen  Jahren  so
sehr  beschäftigt,  von  der  Wissenschaft  Rat  holen
will,  der  stößt  auf  ein  solches  Gewirre  von  einander
widersprechenden  Gesichtspunkten  und  Behauptungen, ­
  daß  er  leicht  glauben  kann,  die  Nationalökonomie
wisse  schlechthin  nichts  Positives  und  Sicheres  darüber ­
  zu  sagen,  nichts  wenigstens,  was  sich  nicht
jeder  Laie  selbst  sagen  kann.  Aber  dem  ist  nicht  so:
Weiß  man  nur  das  Dutzend  kompetenter  Autoren  zu
        <pb n="118" />
        118

finden,  die  es  heute  auf  diesem  Gebiet  überhaupt  gibt,
so  wird  man  sie  bald  als  verläßliche  Führer  erkennen.
Die  Punkte,  die  unter  ihnen  kontrovers  sind,  sind
durchaus  nicht  so  zahlreich  und  so  wichtig,  daß  sich
nicht  eine  im  großen  und  ganzen  recht  instruktive
Antwort  gewinnen  ließe,  die  die  Grundfrage  völlig
ausreichend  erledigt,  wenngleich  so  manches  und
besonders  die  quantitative  Bedeutung  der  einzelnen
Momente  noch  nicht  so  klargestellt  ist,  wie  wir  wohl
wünschen  möchten.
Oder:  Wie  oft  hört  man  die  Klage,  daß  die
Nationalökonomen  im  Problem  von  „Freihandel  und
Schutzzoll“  nicht  aus  und  nicht  ein  wüßten  und  den
fragenden  Laien  ganz  im  Stiche  ließen.  Zum  Teil
liegt  das  daran,  daß  der  Laie  in  seinen  Anforderungen
oft  so  unvernünftig  ist.  Derselbe  Mann,  der  einsieht,
daß  ihn  sein  Bankier  nur  in  Geld-  und  nicht  auch
in  Herzensangelegenheiten  beraten  kann,  will  vom
Ökonomen  oft  eine  Antwort,  die  in  einem  Satz  alle
die  Seiten  des  Problems,  die  wirtschaftlichen,  politischen, ­
  kulturellen,  ethischen  usw.  erledigt.  Fast
ebenso  unvernünftig  ist  es  eine  für  alle  Umstände,
Orte  und  Zeiten  praktisch  anwendbare  Antwort  zu
verlangen:  Die  Wissenschaft  kann  generell  natürlich
nur  Prinzipien  des  Verständnisses  bieten.  Aber  wenn
man  damit  zufrieden  sein  will  und  sich  an  die  richtigen ­
  Leute  wendet  —  Marshall  und  seine  Schüler  vor
allem  —  so  wird  man  zwar  keine  einfache,  sondern
eine  sehr  komplizierte  und  für  zahlreiche  verschiedene ­
  Fälle  abgestufte,  aber  um  so  befriedigendere ­
  Antwort  erhalten  und  mit  Erstaunen  entdecken,
        <pb n="119" />
        119

daß  das  hier  liegende  wirtschaftliche  Problem  im
Wesentlichen  gelöst  und  der  Raum  zu  Meinungsverschiedenheiten ­
  ganz  klein  ist.
In  allen  diesen  Fällen  liegt  die  Schwierigkeit  für
den  Laien  nur  darin,  an  die  vorhandene  Erkenntnis
heranzukommen,  die  weit  hinter  den  Vorpostengefechten ­
  der  populären  Tageskontroversen  langsam
vordringt  und  oft  ganz  unzugänglich  ist.  Ich  stehe
nicht  an  zu  sagen,  daß  es  vom  Standpunkt  der  Interessen ­
  weiterer  Kreise  heute  viel  weniger  auf  neue
Eroberungen  als  auf  Durchsetzung  der  vorhandenen
ankommt.  Und  selbst  für  die  verschiedenen  fachlichen ­
  Kreise  gilt  in  bezug  auf  alle  Gebiete  außerhalb
des  eigenen  eines  Jeden  ganz  Ähnliches.  Es  ist  nun
einmal  so,  daß  auch  ein  Fachmann  auf  sehr  vielen
Gebieten  seiner  Wissenschaft  in  keiner  viel  anderen
Lage  ist  als  der  Laie.  Die  einzelnen  Problemgruppen
selbst  von  Gebieten,  die  man  als  eine  Wissenschaft
zu  betrachten  pflegt,  wie  z.  B.  der  Nationalökonomie,
sind  methodisch  und  inhaltlich  so  sehr  voneinander
verschieden,  daß  der  Einzelne  so  gut  wie  nie  ein
fachliches  Urteil  über  alle  hat.  Und  zwar  ist  das
gerade  auf  sozialwissenschaftlichem  Gebiet  ein  besonderes ­
  Übel,  weil  der  Lehrbetrieb,  yielfach  auch
persönliche  Neigung,  gleichwohl  zu  allseitiger  Betätigung ­
  drängt.  So  gibt  es  auch  in  jeder  fachlichen
Diskussion  stets  ein  starkes  Element  von  „Laienmeinungen“, ­
  und  so  muß  auch  in  Fachkreisen  sehr
vieles,  das  längst  vorhanden  ist,  erst  mühsam  durchgesetzt ­
  werden.  Die  Rückständigkeit  des  Lehrbetriebs
ist  überhaupt  eine  solche,  daß  weder  dem  werdenden
        <pb n="120" />
        I

wvwm

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twmasm

120
Forscher  seine  Methoden  noch  dem  werdenden  Praktiker ­
  gesicherte  Resultate  in  befriedigender  Weise
dargeboten  werden  können.  Hätten  die  Naturwissenschaften ­
  einen  solchen  Lehrbetrieb,  so  herrschte
Chaos  auch  bei  ihnen.  Sowie  das  einmal  überwunden
sein  wird,  werden  die  Sozialwissenschaften  nicht  nur
ganz  andere  Fortschritte  machen,  sondern  es  wird
sich  auch  das,  was  sie  bis  heute  geleistet  haben,  ganz
anders  ausnehmen.
Unter  der  Oberfläche  also  sieht  es  nicht  so
schlimm  aus.  Durchdringt  man  erst  den  Wirrwarr
und  den  Lärm,  der  zuerst  so  in  die  Sinne  fällt,  so
bietet  sich  ein  viel  erfreulicheres  Bild,  ein  Bild  ernster
und  nicht  erfolgloser  Arbeit.  Zahllose  kleine  Gruppen
sehen  wir  da  auf  allen  den  Gebieten  der  Sozialwissenschaften, ­
  die  alle  ihre  eigensten  Probleme  mit  dem
Werkzeug  spezieller,  gerade  nur  auf  diese  Probleme
passender,  Auffassungsweisen  attaquieren  und  gewiß
langsam  aber  unaufhaltsam  Boden  gewinnen.  Wohl
haben  sie  alle  kaum  Zusammenhang  untereinander
und  nicht  viel  Verständnis  füreinander  —  alle  diese
Historiker  und  Soziologen  und  Sozialpsychologen  und
Männer  „reiner“  Theorie,  die  alle  wieder  in  Untergruppen ­
  zerfallen,  von  denen  dasselbe  gilt,  wie  z.  B.
Wirtschafts-  und  Politikhistoriker,  und  selbst  wie
Historiker  einer  Zeit,  eines  Orts,  einer  Materialgruppe
und  Historiker  einer  anderen  Periode,  eines  anderen
Landes,  einer  anderen  Art  von  Material  —,  wohl  ist
es  schwer  für  den  Laien,  in  jedem  Fall,  bei  jedem
Problem  und  jeder  Seite  jedes  Problems,  die  richtigen ­
  Leute  zu  finden.  Sie  alle  verfolgen  Wege  und
        <pb n="121" />
        kommen  zu  Resultaten,  die  durch  die  Notwendigkeit
der  Dinge  vor  bestimmt,  jeweils  unmittelbar  vor  ihnen
liegen  und  haben  praktisch  nie  allzuviel  Wahl  sowohl
was  Methoden,  wie  was  Probleme  betrifft.  Sie  alle
leisten  Echtes,  und  immer  größer  wird  in  jeder
Gruppe  die  communis  opinio,  immer  kleiner  das  Feld
der  prinzipiellen  Differenzen.
So  wenig  es  auf  den  ersten  Blick  so  scheint,  so
liegt  die  Gegenwart  der  Sozialwissenschaften  daher
durchaus  auf  der  Linie  der  Entwicklung,  die  wir
früher  charakterisiert  haben.  Der  Druck  der  gleichen
Notwendigkeiten,  der  sie  dahin  gebracht  hat,  wird  sie
auf  dieser  Linie  weiterschieben.  Und  für  die  nächste
Zukunft  kann  man  wohl  noch  Genaueres  sagen.  Als
Beispiel  diene  uns  die  ökonomische  Theorie  im
engsten  Sinn,  weil  sie  am  besten  ausgearbeitet  ist
und  noch  aus  einem  anderen  Grunde:  Je  mehr  Wasser
unsere  Flüsse  hinabströmt,  desto  mehr  wird  sowohl
die  Tatsachensammlung  an  sich  und  ohne  Hinblick
auf  einen  bestimmten  theoretischen  Zweck  wie  auch
die  Gestaltung  dieser  Tatsachen  um  ihrer  selbstwillen,
wie  sie  die  Geschichtsschreibung  betreibt,  vom  Wege
der  Sozialwissenschaften  abrücken  und  desto  klarer
wird  der  analytische  Zweck  aller  Wissenschaft  —  das
spezifisch  wissenschaftliche  Interesse  an  der  generellen ­
  Wahrheit  —  auch  bei  uns  hervortreten.  Alle
Sozialwissenschaft  —  abgesehen  von  ihren  Anwendungen ­
  natürlich  —  wird  sich,  das  Wort  in  sehr
weitem  Sinn  genommen,  in  „Theorie“  verwandeln,
richtiger  gesagt,  in  eine  sehr  große  Anzahl  von
Theorien,  in  eine  Masse  von  Versuchen  der  gedank-
        <pb n="122" />
        122

liehen  Durchdringung  der  Elemente  der  sozialen
Welt.  Und  deshalb  hat  das  Beispiel  einer  solchen
Theorie  eine  über  ihr  Schicksal  hinausreichende  Bedeutung. ­

Bei  der  ökonomischen  Theorie  nun  ist  es  besonders ­
  klar,  nicht  nur  daß  sie  in  jener  angedeuteten
Entwicklungsrichtung  sich  tatsächlich  bewegt,  sondern ­
  auch  daß  die  allgemeine  Tendenz  dieser  Entwicklungsrichtung ­
  einerseits  und  die  besondere  Situation, ­
  in  der  die  Theorie  angelangt  ist,  andrerseits
uns  auf  ihrem  Feld  ganz  bestimmten  Problemen
gegenüberstellt,  die  „objektiv“  da  sind,  denen  wir
nicht  aus  weichen  können  und  deren  Vernachlässigung
die  Zukunft  gutmachen  würde  —  uns  dabei  gründlich ­
  die  Wahrheit  sagend.  Der  weitere  Weg  führt
logisch  über  sie  und,  was  immer  wir  tun  und  uns
denken  mögen,  er  wird  gegangen  werden  und  zu
neuen,  ebenso  präzisen  und  zwingenden,  konkreten
Situationen  führen.
John  B.  Clark  hat  einmal  gesagt,  auf  dem  Gebiet
ökonomischer  Theorie  im  engsten  der  vielen  Sinne
dieses  Worts  gäbe  es  heute  nur  wenig  Baum  zu
Differenzen  mehr,  und  ein  andermal,  die  heutigen
Lösungsversuche  auch  des  schwierigsten  der  Probleme, ­
  die  es  da  gibt,  des  Zinsproblems,  könnten  nicht
weit  von  der  Wahrheit  sein.  Wer  dem  Gebiet  fernsteht, ­
  dem  mag  das  ein  Paradoxon  sein,  für  jene,  die
jeden  seiner  Winkel  kennen,  ist  es  kaum  mehr  als
selbstverständlich.  In  der  Tat,  das  Gedankenelement,
das  vor  vierzig  Jahren  neu  hinzukam,  die  „Grenznutzentheorie“, ­
  unterwirft  sich  unaufhaltsam  alles
        <pb n="123" />
        /

123

Terrain  innerhalb  dieser  Disziplin,  gestaltet  sie  langsam ­
  nach  seinem  Gesichtspunkt  um,  und  das  ihm
Widerstrebende  schwindet  immer  mehr.  Der  Boden
der  großen  Grundprinzipien  ist  also  weitaus  den
meisten  Theoretikern  von  Fach  gemeinsam,  und
lebensfähige  Versuche  davon  abzuweichen,  haben  die
letzten  Jahrzehnte  nicht  gebracht.  Wenngleich  auch
mancher  tüchtige  und  kompetente  Mann  der  Versuchung ­
  nicht  widerstehen  konnte,  seine  Beiträge  zum
Detail  in  die  Form  von  prinzipiellen  Reformen  zu
kleiden,  ist  also  hier,  zum  erstenmal  auf  sozialwissenschaftlichem ­
  Gebiet,  annähernd  das  erreicht,  was  die
Voraussetzung  zu  allem  Vordringen  zu  wirklich  wertvollen ­
  Einzelresultaten  ist,  und  was  wir  auf  Grund
unserer  früheren  Erörterungen  als  eine  für  jede  Disziplin ­
  unvermeidliche  Entwicklungsstufe  erkennen
können,  die  —-  natürlich  nur  jeweils  provisorische  —
Einigung  in  den  Fundamenten  jedes  Problemkreises.
Allein  an  die  gelösten  —  natürlich  nur  für  gerade
unseren  Tag  im  Leben  des  forschenden  Geistes  gelösten ­
  —  Probleme  schließen  sich  unmittelbar  andere
an,  an  die  man  stößt,  sowie  man  die  Lösungen  der
ersteren  gemeistert  hat,  weil  sie  logische  Fortsetzungen ­
  derselben  sind,  an  die  man  heran  muß,  wenn
man  Arbeit  leisten  und  über  neuen  Grund  kommen
und  sich  nicht  damit  begnügen  will,  die  Räder  unserer
geistigen  Maschine  sich  an  Ort  und  Stelle  drehen  zu
lassen.  Die  weiteren  Probleme  stehen  im  Verhältnis
von  Ausarbeitungen,  Spezialisierungen,  Konkretisierungen ­
  zu  den  gelösten,  sie  verhalten  sich  zu  ihnen,
wie  das  Fördern  von  Erz  zum  Bau  der  Schachte.
        <pb n="124" />
        124

Teilen  wir  sie  der  Übersicht  halber  in  drei  Gruppen:
Erstens  ist  die  Formulierung,  welche  die  Ersten  im
Felde  der  modernen  Theorie,  ihren  Erkenntnissen
wie  ihren  Grundlagen,gegeben  haben,  natürlich  nicht
das  letzte  Wort  der  Sache:  Alle  ihre  Gedankengänge
und  Beweismethoden  werden  zu  neuen  Problemen  für
die  weitere  Arbeit,  die  sie  langsam  bessernd  und  verfeinernd ­
  schließlich  umbilden  muß.  Als  ein  Beispiel
für  diese  Kichtung  sei  auf  den  Unterschied  hingewiesen ­
  zwischen  der  neuesten  Theorie  des  ökonomischen ­
  Gleichgewichts  und  den  Grundformen  der
Grenznutzentheorie,  auf  welchen  jene  beruht  —  etwa
auf  die  Unterschiede  zwischen  Menger  und  Pareto.
Zweitens  sind  die  gewonnenen  Grundgedanken  zu
Werkzeugen  zu  machen  für  Spezialuntersuchungen.
Wir  haben  z.  B.  eine  Lohn-  und  wir  haben  einen
großen  Fonds  an  Übereinstimmung  innerhalb  der
Zinstheorie.  Aber  mit  der  Erkenntnis  des  Wesens
dieser  Erscheinungen  ist  nicht  alles  getan.  Vielmehr
eröffnet  sich  sofort  eine  Fülle  weiterer  Fragen  nach
den  Bewegungsgesetzen,  den  gegenseitigen  Beziehungen ­
  von  Lohn  und  Zins,  nach  den  Wirkungen
der  Eingriffe  außerwirtschaftlicher  Mächte  auf  sie
usw.  Da  werden  die  Grundgedanken  erst  fruchtbar.
Hier  gilt  es  fortzufahren  z.  B.  auf  den  Bahnen  Böhm-Bawerks
  oder  Edgeworth’  und  anderer.  Drittens  geht
die  Theorie  von  Tatsachen  aus,  die  sie  der  Alltagserfahrung ­
  entnahm  und  soweit  präzisierte,  als  es  für
ihre  fundamentalen  Resultate  notwendig  war,  z.  B.
von  der  Tatsache,  daß  die  Intensität  der  Nachfrage
nach  weiteren  Mengen  eines  Gutes  mit  der  Größe  des
        <pb n="125" />
        125

Vorrats  sinkt,  den  man  schon  davon  hat.  Aber  für
speziellere  Zwecke  reicht  das  nicht  aus  und  so  können
wir  uns  nicht  begnügen  gerade  bei  diesem  Maß  von
Wissen  über  die  Gestalt  der  „Nachfragekurve“  stehen
zu  bleiben.  Vielmehr  müssen  wir  durch  Einführung
weiterer  Daten,  namentlich  statistischer  Natur,
Näheres  zu  erfahren  suchen,  und  das  wird  dann  auch
zu  zwar  innerhalb  des  vorhandenen  fundamentalen
Rahmens  liegenden,  aber  in  ihrer  größeren  Spezialisierung ­
  neuen  Resultaten  führen.  Oft  auch  hat  die
Theorie  über  die  Formen  der  Dinge  überhaupt  keine
Annahmen  gemacht,  und  hier  kann  aus  statistischem
Material  die  Basis  für  neue  theoretische  Entwicklungen ­
  gewonnen  werden.  Endlich  sind  wir  heute
nur  ausnahmsweise  in  der  Lage  einander  entgegenarbeitende ­
  Momente  gegeneinander  quantitativ  abzuwägen, ­
  z.  B.  die  Größe  der  Vor-  und  Nachteile,  welche
die  einzelnen  Wirtschaftssubjekte  von  einer  wirtschaftspolitischen ­
  Maßregel,  etwa  einem  Zoll,  erfahren. ­
  Immer  gibt  es  da  Vor-  und  Nachteile,  und
heute  kann  die  Ökonomie  meist  nur  die  Natur  derselben ­
  angeben,  nicht  auch,  ob  ein  Saldo  von  Vorteil
oder  ein  Saldo  von  Nachteil  vorliegt.  Aber  diese
Frage  ist  da.  Sie  kann  oft  schon  durch  Ausarbeitung
der  Theorie  —  ohne  jede  neue  Anleihe  von  Tatsachen ­
  —  beantwortet  werden.  Oft  aber  erfordert
ihre  Beantwortung  ein  Einarbeiten  von  Tatsachen  in
die  Theorie.  Dieser  Weg  ist  steinig.  Auf  ihm  treffen
wir  die  größten  Schwierigkeiten  sowohl  der  Theorie
wie  der  modernen  statistischen  Methoden.  Aber  er
führt,  obgleich  das  nächste  Vordringen  auch  mit  dem
        <pb n="126" />
        126

größten  Kraftaufwand  nur  langsam  erfolgen  kann,
zum  großen,  leuchtenden  Ziel  strikter  Berechenbarkeit ­
  vieler  Dinge  im  Völkerschicksal.
Auf  diesem  Weg  sind  uns  Engländer,  Italiener  und
Amerikaner  weit,  weit  voraus,  und  wir  sind  in  Gefahr,
hoffnungslos  zurückzubleiben  und  eines  Tages  ratund
  verständnislos  vor  einem  gewaltigen  Gebäude
zu  stehen,  dessen  Existenz  kein  kritisches  Achselzucken ­
  wegschaffen  kann,  so  sehr  wir  einander  dadurch ­
  trösten  mögen.  Aber  dieser  Weg  ist  —  und
nur  darauf  kommt  es  an  —  tatsächlich  betreten.
Nur  kleine  Scharen  rücken  auf  ihm  vor,  aber  es  sind
Kerntruppen.  Und  er  liegt  —  so  unsere  früheren  Ausführungen ­
  exemplifizierend  und  verifizierend  —  ganz
in  der  angedeuteten  Entwicklungsrichtung.
Hier  nur  kann  geleistet  werden,  wofür  uns  wirklich ­
  die  Dankbarkeit  künftiger  Generationen  sicher
ist,  sooft  wir  —  was  unvermeidlich  ist  —  im  Gewirre
der  Schwierigkeiten  fehlgreifen  werden.  Nun  bitte
ich  aber  sehr,  mir  nicht  etwa  zu  imputieren,  daß  ich
behauptet  hätte,  das  Erwähnte  sei  „alles“  an  der
Nationalökonomie  im  weiteren  Sinn.  Ich  habe  nur
ein  Beispiel  herausgegriffen  und  weiß  so  gut  als  einer,
daß  schon  die  Volkswirtschaft,  noch  mehr  natürlich
das  Ganze  des  Völkerlebens  von  Dutzenden  von  anderen ­
  Standpunkten  in  anderem  Licht  betrachtet
werden  muß.  Nur  meine  ich,  daß  für  jeden  dieser
Standpunkte,  mutatis  mutandis,  Ähnliches  gelten  und
die  wissenschaftliche  Arbeit  schließlich  und  endlich
ähnliche  Formen  annehmen  muß  —  die  Formen
theoretischer  tatsachengenährter  Detailarbeit,  wenn ­
        <pb n="127" />
        127

gleich  wohl  ohne  die  scharfe  quantitative  Spitze,  die
ja  auch  bei  der  reinen  Ökonomie  nur  in  der  Ferne
aufblitzt.
Nur  so  kann  und  nur  so  wird  eine  jede  Wissenschaft ­
  fortschreiten,  vom  Punkte,  an  dem  die  heroische ­
  Zeit  einmal  überwunden  und  eine  neue  Epoche
begonnen  ist,  in  der  der  Dilettant  —  und  sei  es  auch
im  besten  Sinne  dieses  Worts  —  seine  Funktion  und
mit  ihr  seine  Existenzberechtigung  verloren  hat.  Ob
wir  uns  darüber  freuen  sollen,  daß  jener  Punkt  für
einige  Sozialwissenschaften  erreicht,  für  andere  in
Sicht  ist?  Darauf  kann  ich  zunächst  nur  antworten,
daß  es  auf  alle  Fälle  besser  ist,  einem  unentrinnbaren
Schicksal  freudig  entgegenzusehen  als  griesgrämig.
Ferner,  daß  eine  solche  Frage  bezüglich  neuer  Phasen
einer  Wissenschaft  vielleicht  ebensowenig  Sinn  hat
als  bezüglich  neuer  Phasen  des  politischen  oder  sozialen ­
  Lebens:  Von  einem  höheren  Standpunkt  aus  gesehen ­
  hat  jeder  Tag  seine  Arbeit  und  jeder  Tag  sein
Licht,  mag  auch  dem  einen  von  uns  jener,  dem  anderen ­
  dieser  Tag  besser  behagen.  Aber  ich  hüte  mich
jene  Frage  einfach  mit  Ja  zu  beantworten.  Denn
sicher  verliert  die  Wissenschaft  etwas  sehr  Schönes
je  weiter  sie  kommt  auf  ihrem  Wege:  Den  Charme
des  literarischen  Spiels,  das  in  unserem  Fall  noch
viel  gewinnt  durch  die  politischen  und  philosophischen
Extratouren.  Und  für  viele  muß  der  Übergang  zu
härterem  training  schmerzvoll  sein,  vielen  muß  dabei
etwas  entgleiten,  was  sie  sehr  wert  hielten.  Doch
ein  paar  Trostgründe  kann  ich  bieten.
Vor  allem  —  überschätzen  wir  nicht  jene  Flut
        <pb n="128" />
        128

von  Schlagworten,  welche  stets  einer  Prognose  wie
der  meinen  entgegenrollt:  Daß  das  Epigonentum,
Fachsimpelei,  Engherzigkeit  usw.  predigen  heiße.
Wohl  verteidigt  sich  damit  gelegentlich  auch  ein  ungebärdiges ­
  Genie.  Selbst  ein  solches  aber  täte  besser,
sich  Goethes  Wort  (Gespräche  mit  Eckermann  13.  Dezember ­
  1826)  zu  Herzen  zu  nehmen:  „Der  junge
Mann  hat  Talent;  aber  daß  er  alles  von  selbst  gelernt ­
  hat,  deswegen  soll  man  ihn  nicht  loben,  sondern
schelten.  Ein  Talent  wird  nicht  geboren,  um  sich
selbst  überlassen  zu  bleiben,  sondern  sich  zur  Kunst
und  guten  Meistern  zu  wenden,  die  dann  etwas  aus
ihm  machen.“  Und  ein  Untergrund  von  Handwerkersinn ­
  ist  gerade  zum  Erreichen  des  Höchsten,  gerade
um  höchste  Kraft  fruchtbar  zu  machen  nötig  —
Goethe  hat  sehr  viel  davon  gehabt,  das  war  eine  der
Wurzeln  seiner  Größe.  Aber  meist  verbirgt  sich  nicht
Kraft,  die  keinem  Zügel  sich  fügen  kann,  sondern
Schwäche  hinter  solchen  Schlagworten,  nicht  Fülle,
die  nicht  zu  bändigen  ist,  sondern  Armut.  Solche
Schlagworte  sind  überwiegend  nicht  Stoßseufzer  des
Genies,  sondern  die  letzte  Selbstverteidigung  siechenden ­
  Dilettantismus.  Epigone  ist,  wer  die  Gedanken
des  Meisters  wiederholt  oder  in  ein  System  bringt,
nicht  aber,  wer  die  Waffe  aus  der  erstarrenden  Hand
des  Meisters  nimmt,  um  neue  Wege  damit  zu  bahnen.
Für  den  sind  die  Taten  der  Meister  nur  Vorarbeit.
Und  der  Weg,  auf  dem  meines  Erachtens  die  Sozialwissenschaften ­
  schließlich  vorwärts  müssen,  erdrückt
nicht  das  Genie:  Es  sind  nicht  untergeordnete  Aufgaben, ­
  wie  etwa  Sammel-  oder  andere  Handlanger-
        <pb n="129" />
        arbeiten,  die  da  zu  leisten  sind.  Vielmehr  gibt  es  da
Aufgaben,  an  denen  auch  höchste  Kraft  und  höchste
Originalität  sich  in  höchstem  Glanz  bewähren  kann,
ja  vielleicht  sage  ich  richtiger,  daß  erst  hier  höchstes
wissenschaftliches  Talent  ungehemmt  von  Vorfragen,
wirklich  zeigen  kann,  was  es  vermag.  Gerade  dann
erst,  wenn  eine  Gruppe  gleichgeschulter  Arbeiter,  von
denen  sich  keiner  mehr  auf  prinzipielle  Bedenken  ausredet, ­
  der  harten  Felswand  gegenübersteht,  können
sich  die  verschiedenen  Härtegrade  der  Geister  zeigen
in  einer  Weise,  die  niemand  mehr  in  Zweifel  ziehen
kann.  Und  wenn  auch  weitere  Kreise  die  Schwierigkeit ­
  eines  Schrittes  oder  die  Größe  eines  Erfolgs
immer  weniger  zu  beurteilen  verstehen  werden  und
ihr  Beifall  sich  besonders  an  jene  Individuen  knüpfen
wird,  die  gerade  an  einem  auffälligen  Markstein;
stehen  oder  unter  deren  Axt  gerade  ein  größeres
Stück  des  alten  Gerüstes  der  Wissenschaft  mit  lautem
Gepolter  einstürzt,  um  ein  neues  Gerüst  dem  Auge
der  Öffentlichkeit  bloßzulegen  —  so  wird  dafür  immer
sicherer  dem  erfolgreichen  Arbeiter  der  schönste
Lohn  winken,  den  es  nach  der  eigenen  Befriedigung
im  Reiche  des  Gedankens  gibt,  die  Huldigung  kompetenter ­
  Kampfgenossen.
Überschätzen  wir  auch  nicht  die  Schrecken  der
Arbeitsteilung.  Auch  vor  ihr  fürchtet  man  sich  oft
mehr  als  billig.  Ist  es  gleich  wahr,  daß  auf  allen
Gebieten  des  modernen  Lebens  die  Arbeitsteilung  den
Menschen  geistig  verkrüppelt,  und  daß  ihr  Produkt
der  „Berufsmensch“  außerhalb  seines  Berufs  meist
ein  herzlich  uninteressantes  Subjekt  ist,  ist  es  gleich
Schumpeter,  Vergangen!!.  u.  Zukunft  &amp;lt;1.  Sozialwissensch.  9

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        <pb n="130" />
        SBH

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909

130
wahr,  daß  es  auch  auf  dem  Gebiet  der  Wissenschaft
schön  wäre,  wenn  wir  uns  frei  vom  Geschirr  der
fachlichen  Methoden  nach  Lust  und  Laune  umher
tummeln  könnten  nach  allem  haschend  was  uns  freut,
von  allem  plaudernd,  was  uns  einfällt,  so  ist  es  doch
ebenso  wahr,  daß  nur  arbeitsteilige  Facharbeit  uns
weiterführen  kann,  wenn  uns  das  nicht  genügt,  was
sich  so  ohne  weiteres  erhaschen  läßt.  Wer  gegen
wissenschaftliche  Arbeitsteilung  kämpft,  der  täuscht
sich  über  den  Wert  der  Alternative,  die  er  uns  bietet.
Mag  er  sich  in  noch  so  prächtige  philosophische
Mäntel  hüllen,  er  hat  uns  nur  ärmliche  Gaben  zu
schenken.  Wem  die  trockenste  analytische  Kausalkette ­
  leuchtet,  wer  den  feinsten  Reiz  spezifisch
wissenschaftlicher  Arbeit  erfaßt,  der  verliert  sehr
bald  den  Geschmack  an  jenem  Antichambrieren  vor
den  wahren  Problemen,  zu  dem  ein  jeder  verurteilt  ist,
der  der  intellektuellen  Situation  unserer  Zeit  nicht
ins  Auge  blicken  und  sich  mit  ihr  nicht  abfinden  will.
Mitunter  stellt  man  die  Sache  so  dar,  wie  wenn  jeder,
der  so  argumentiert  wie  ich  es  tue,  ein  Finsterling
wäre,  der  moralisch  im  „Fach“  ertrunken  ist.  Das
mag  gelegentlich  die  richtige  Antwort  sein.  Aber  sie
ist  es  nicht  immer.  Nicht  deshalb,  weil  ich  weite
Vistas  nicht  zu  schätzen  wüßte,  argumentiere  ich  so,
sondern  weil  jene  konkreten  Visten,  die  uns  heute
geboten  werden,  so  dürftig  sind.  Wer  sich  mit
Worten  nicht  berauschen  will,  muß  erkennen,  daß
nicht  etwa  bloßes  Detail,  sondern  das  Wesen  der
Dinge  uns  auf  dem  Weg  zu  solchen  Visten  verloren
geht.  Er  mag  all  jenes  Sehnen  fühlen,  das  auf  diesen
        <pb n="131" />
        Weg  drängt  und  doch  nicht  die  Augen  vor  der  Tatsache ­
  schließen  wollen,  daß  in  unserer  intellektuellen
Situation  dieser  Weg  für  die  Wissenschaft  immer  ungangbarer ­
  wird.  Was  in  dieser  Beziehung  dem  Forscher ­
  als  Forscher  noch  blühen  kann,  das  ist  die
Ahnung  der  großen  Züge  des  Geschehens,  die  sich
in  präziserer  Form  gerade  nur  am  Einzelnen  und
durch  das  Einzelne  offenbaren.  Diese  Ahnung  ist  alles.
Aber  sie  ist  viel  mehr,  als  jene  Sammlung  von  Gemeinplätzen, ­
  die  das  klägliche  Resultat  synthetischen
Wollens  sein  muß,  das  sozusagen  mit  Nachsicht  der
Taxen  Vordringen  will.  Ernster  tiefschürfender  Arbeit
am  Einzelnen  erschließt  sich  von  selbst,  was  heute
nicht  mehr  erstrebt  werden  kann.  Frühere  Zeiten,
denen  eine  Hypostasierung  der  Dinge  auf  metaphysische ­
  Worte  genügte,  um  alle  Fragelust  zu  befriedigen, ­
  waren  in  einem  Sinn  besser  daran.  Wem
das  heute  genügt,  ist  ebenfalls  besser  daran.  Wem
es  nicht  genügt,  der  muß  weiter  auf  dem  analytischen
Weg  —  auch  wenn  er  sich  über  dessen  Möglichkeiten
durchaus  keinen  Täuschungen  hingibt.
So  wenig  wie  vor  der  Arbeitsteilung  und  dem
Spezialproblem  fürchte  man  sich  vor  jenem  Gespenst, ­
  das  „subjektivistische  Kultur“  heißt.  Die
Kultur  unserer  Zeit  ist  —  und  zum  Teile,  wenn  auch
nicht  ausschließlich,  infolge  der  Arbeitsteilung  —  zerklüftet, ­
  labil,  ohne  Zentren,  arm  anAllgemeingültigem
(=  für  viele  Wertvollem,  nicht  etwa  =  allgemeingültiger ­
  wissenschaftlicher  Erkenntnis).  Das  ist
wahr.  Und  jene  Entwicklung  der  Wissenschaft,  die
ich  hier  skizziere,  muß  die  Klüfte  erweitern.  Allein
        <pb n="132" />
        132

hat  das  nicht  auch  seine  guten  Seiten?  Ist  es  nicht
Keichtum,  wenn  auch  unbeherrschbarer,  an  Standpunkten, ­
  Lebensinhalten,  Weltauffassungen?  Schenkt
das  nicht  jedem  gerade  die  Welt,  die  ihm  die  schönste
ist?  Ist  etwa  die  Alternative  —  ihre  Möglichkeit
vorausgesetzt  —  ein  Ideal,  vor  dem  sich  alle
beugen  müßten  ?  Übrigens,  wir  dürfen  die  Einheit  und
die  „Objektivität“  vergangener  Kulturen  nicht  überschätzen. ­
  Die  „Kulturkreise“  waren  früher  enger
—  das  für  „kulturelles  Leben“  in  Betracht  kommende
alte  Born  hätte  man  zur  Not  in  ein  einziges  Theater
pferchen  können  —  und  innerhalb  derselben  die
Lebensverhältnisse  homogener.  Aber  das  ist  auch
alles.  Darüber  hinaus  dürfte  es  nicht  so  zweifellos
sein,  daß  wir  von  „nichtsubjektivistischer“  Kultur
z.  B.  im  alten  Griechenland  sprechen  können.  Und
die  Höhepunkte  antiker  wie  neuerer  Kultur—waren
sie  nicht  stets  durch  das  Ausbrechen  des  Individuellen, ­
  Subjektiven  aus  früheren  festen,  einheitlichen
Kulturformen  charakterisiert,  so  unangenehm  diese
Wahrheit  unserer  Beamtenphilosophie  klingen  mag?
Gab  es,  kurz  gesagt,  jemals  wirklich  unsubjektivistische
  Kulturen  außerhalb  von  Hottentottenkrals  ?
Je  aufrichtiger  wir  unserer  intellektuellen  Situation
ins  Auge  sehen,  je  sorgfältiger  wir  —  als  Männer
der  Wissenschaft  —  das  einzelne  Theorem  als  intellektuelle ­
  Grundlage  achten,  um  so  fruchtbarer  wird
die  Epoche  für  uns  sein,  die  vor  uns  liegt.  Es  ist  eine
Epoche  konstruktiver  Lust,  keine  kritisch-sammelnd
gestimmte,  darüber  kann  kein  Zweifel  sein.  Ihr  Inhalt
ist  durch  jene  Strömung  gegeben,  die  ich  früher  als
        <pb n="133" />
        133

„Soziologisieren“  bezeichnet  habe,  jene  Tendenz  nach
dem  Begreifen  von  möglichst  Vielem  an  uns,  von
Recht,  Religion,  Moral,  Kunst,  Politik,  Wirtschaft,
ja  selbst  von  Logik  und  psychischen  Erscheinungen,
aus  der  Soziologie  heraus.  Die  Analyse  des  Kulturphänomens ­
  ist  der  Leuchtturm,  auf  den  ganze  Flotten
verschiedensten  Charakters  auf  den  verschiedensten
Kursen  zusteuern.  Und  eine  Epoche,  die  dem  18.  .Jahrhundert ­
  in  Vielem  gleicht,  kündigt  sich  an.
Zu  einem  solchen  Sturmlauf  hat  unsere  Zeit  wohl
manche  Qualifikationen:  Erstens  ist  da  die  Frucht
einer  vorwiegend  der  Detailforschung,  Kritik  und
Materialsammlung  gewidmeten  Periode  zu  nennen,
die  vor  uns  objektive  Möglichkeiten  der  Analyse
ausbreitet,  die  noch  junge  Vergangenheit  nicht  hatte
und  die  nur  zum  geringsten  Teil  ausgebeutet  sind.
Da  gibt  es  viel  zu  tun  und  fast  könnte  man  sagen,
daß  selbst  verfehlte  Gestaltung  dieses  Materials
besser  ist  als  keine,  denn  wenn  es  erst  einmal  zu
sprechen  begonnen,  wird  sich  jeder  Fehlgriff  von
selbst  korrigieren  —  bis  dahin  aber  lebt  es  ein
Schattendasein.  Zugleich  ist  dieses  Material  ein  wirksamer ­
  Damm  gegen  Ausschreitungen:  In  vielen
Dingen  wissen  wir  einfach,  wo  das  18.  Jahrhundert
nur  vermuten  konnte,  und  in  vielen  anderen  ist  der
Analyse  ein  ganz  bestimmter  Weg  gewiesen.  Zweitens ­
  unterscheiden  sich  unsere  theoretischen  Hilfsmittel ­
  nicht  weniger  von  denen  der  Vorzeit  wie  unsere ­
  Materialien.  Da  sind  viele  Wege  gebahnt,  auf
denen  es  frisch  vorwärtsgehen  kann.  Drittens  kommt
Hilfe  von  außen  in  Betracht:  Die  Biologie  hat  uns
        <pb n="134" />
        134

schon  manch  schönes  Geschenk  gemacht  —  das  uns
nur  der  Mißbrauch,  den  wir  selbst  damit  trieben,
verleiden  kann  —,  von  der  Anthropologie  haben
wir  auch  einiges  erhalten,  Physiologie  und  Psychophysik
  werden  uns  vielleicht  ebenfalls  manches
bieten.  Und  viertens  —  so  laut  als  jemals  wird
zwar  um  Methoden  gestritten,  aber  nur  an  der  Oberfläche. ­
  In  den  Tiefen  der  wissenschaftlichen  Arbeit
haben  eine  Eeihe  von  Gegensätzen  in  aller  Stille  ihre
Schärfe,  in  einzelnen  Pällen  ihre  ganze  Bedeutung
verloren.  Um  ein  Beispiel  anzuführen:  Die  vor
zwanzig  Jahren  noch  so  lebhafte  Theoriefeindlichkeit ­
  hat  abgeflaut  und  was  unüberbrückbarer  Gegensatz ­
  schien,  ist  reduziert  auf  den  ja  begreiflichen
Gegensatz  verschiedener  Arbeitsweisen,  die  verschieden ­
  veranlagten  Geistern  Zusagen  und  verschiedene ­
  Denkgewohnheiten  mit  sich  bringen.
Manch  hinderndes  Vorurteil  ist  weggefallen,  und  wer
heute  überhaupt  „kämpft“,  der  hat  meist  noch  nicht
verstanden:  Das  setzt  viel  Kraft  frei,  die  sich  früher
im  Streiten  verbrauchte.
So  sind  die  objektiven  Bedingungen  eines  konstruktiven ­
  Aufschwungs  zweifellos  gegeben.  Seit
langem  schon  fühlt  man  seinen  Hauch.  Er  wird  seine
flüchtigen  Triumphe  und  seine  dauernden  Erfolge
haben  und  dann  versagen,  wie  die  vor  ihm  kamen  und
die  nach  ihm  kommen  werden.  Und  während  der  Flut
wie  während  der  folgenden  Ebbe  wird  die  Arbeit  am
Detailproblem  auf  allen  Gebieten  ihren  Weg  gehen.
Bleiben  kann  —  soweit  überhaupt  etwas  bleibend  sein
kann  —  nur  was  mit  ihr  in  Fühlung  ist,  was  auf  ihr
        <pb n="135" />
        135
beruht.  Das  andere  fällt,  sowie  die  Stimmung  vorbei
ist  und  die  Hitze  des  Tages,  in  die  Hände  künftiger
Bichter,  die,  wenn  wir  der  Erfahrung  des  abgelaufenen ­
  Jahrhunderts  und  unserer  Zeit  vertrauen  dürfen,
wohl  oft  irren  —  aber  niemals  in  der  Biehtung  der
Milde.
In  solchen  konstruktiven  Epochen  wird  die
wissenschaftliche  Arbeit  von  besonderem  Glanz  umstrahlt. ­
  Das  sind  Zeiten  der  Ernte,  in  denen  langsam
aufgehäufte  Schätze  an  das  Licht  und  in  das  Bewußtsein ­
  treten.  Es  liegt  nur  an  uns  die  „Epoche  der
Kulturtheorie“  so  groß  zu  machen  wie  die  des  Naturrechts ­
  —  ihre  leibliche  Mutter  —  war.  Wie  schade
wäre  es,  wenn  wir  unsere  Kraft  und  unsere  Chance
vergeuden  wollten,  weil  wir  von  der  Vergangenheit
nicht  lernen  wollen.  Wie  schade,  wenn  wir  das,  was
das  Schicksal  uns  auf  den  Weg  streut,  verdürben,
weil  wir  die  wissenschaftlichen  Mittel,  die  wir  ja
haben,  verachten.  Wie  schade,  wenn  wir  nach  Phrasen ­
  haschen  wollten,  Bichtungen  vernichten  oder
begründen,  Philosophien  machen,  während  uns  die
Sonne  zu  anderem  Werke  scheinen  kann!
Eine  solche  Mahnung  drängt  sich  leider  auf.  Ein
Beispiel  von  vielen:  Wo  man  von  Kultur  spricht,  da
liegt  die  Idee  der  Entwicklung  nicht  fern.  Wirklich
haben  wir  schon  eine  ganze  Literatur  über  Entwicklung ­
  oder  Fortschritt  oder  unter  ähnlichen  Titeln.  Und
kaum  weiß  ich  unerfreulichere  Lektüre  —  selbst  auf
sozialwissenschaftlichem  Gebiet  dürften  kaum  irgendwo ­
  solche  Orgien  der  Phraseologie  gefeiert  worden
sein.  Den  großen  Lehrern  des  Naturrechts  ist  es
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        mM

schlecht  gegangen  vor  dem  Gericht  der  Nachfolger  —
wie  soll  es  uns  gehen,  wenn  wir  dergleichen  treiben  ?
Sonst  aber  —  deswegen  weil  wir  sicher  Fehlgriffe
machen  werden,  würde  ich  niemand  davon  abraten
sich  in  den  Strom  der  konstruktiven  Stimmung  zu
stürzen.  Fehlgriffe  können  sehr  ehrenwert  sein,
ehrenwerter  als  unfähige  Korrektheit,  nur  müssen
sie  danach  sein.  Unsere  Zeit  will  ihren  „run“  haben,
so  habe  sie  ihn  denn  und  freue  sich  daran!  Sind  wir
auch  ungeneröser  Kritik  sicher,  so  ist  es  dafür  auch
sicher,  daß  Echtes,  das  wir  feisten,  nicht  untergehen
kann.  Ob  die  nach  uns  kommen,  uns  loben  oder  desavouieren, ­
  mit  oder  ohne  Wollen  setzen  sie  unsere
Arbeit  fort.

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        137

Nachwort.
Diese  Skizze  entstand  aus  einem  Vortrag,  der  am
21.  November  1911  im  Kreise  des  Sozialwissenschaftlichen ­
  Akademischen  Vereins  in  Czernowitz  gleichsam
als  Abschiedsvorlesung  gehalten  wurde.  Ich  stand  dem
Verein  während  meiner  Czernowitzer  Tätigkeit  sehr
nahe  und  freute  mich  aufrichtig  des  Ernstes  und  der
Energie,  mit  dem  er  großen  Schwierigkeiten  zum  Trotz
seiner  Aufgabe  nachlebte,  ein  Sammelpunkt  sozialwissenschaftlichen ­
  Interesses  und  ein  Verbreiter  sozialwissenschaftlicher ­
  Bildung  zu  sein.  Deshalb  wollte
ich  den  Wunsch  des  Vereins  nach  Publikation  des
Vortrags  nicht  abschlagen.  Auf  Anregung  der  Ver*
lagshandlung  habe  ich  jedoch  versucht,  die  in  jenen
vierzig  Minuten  entwickelten  Gesichtspunkte  auszugestalten ­
  und  auf  eine  breitere  Basis  zu  stellen.
Graz,  Weihnachten  1914.

Schampeter.
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        Inhaltsverzeichnis.

I.  Einleitung:  Vorgeschichte  der  Sozialwissenschaft
II.  Die  Entfaltung  des  sozial  wissenschaftlichen
Denkens  im  18.  Jahrhundert
Sozialgeschichtliche  Voraussetzungen  S.  9.  —
Sozialwissenschaft  und  Metaphysik  S.  13.  —  Die
Psychologie  des  18.  Jahrhunderts  S.  26.  —  Das
sozialwissenschaftliche  Denken  und  die  Ethik  S.  32.
—  Das  Wesen  des  Naturrechts  und  seine  Soziologie
S.  37.  —  Die  Nationalökonomie  S.  48.  —  Die
soziologische  Verarbeitung  des  historischen  Materials ­
  S.  50.  •—  Zusammenfassung  S.  57.
III.  Die  Reaktion  gegen  die  Geistesarbeit  des  18.
Jahrhunderts  59—81
Über  die  Möglichkeit  einer  Fortentwicklung  des
sozialwissenschaftlichen  Forschens  auf  Grund  des
Erbes  des  18.  Jahrhunderts  S.  59.  —  Ursachen
des  Abspringens  von  dieser  Entwicklungsrichtung;
ideengeschichtliche  Glossen  S.  62.  —  Beispiele:
Carlyle,  Comte,  die  historische  Schule  S.  70.
IV.  Resultate  der  Schulenkämpfe.  Zur  Soziologie
der  Wissenschaft  81—108
Beispiele  für  die  Entwicklung  auf  den  einzelnen
Gebieten  S.  81.  —  Deutung  derselben  S.  84.  —
Ursachen  der  scheinbaren  Diskontinuität  der
wissenschaftlichen  Entwicklung  S.  93.  —  Das
Wesen  und  die  Ursachen  der  einheitlichen  Entwicklungslinie. ­
  Die  „Logik  der  Dinge“  S.  99.  —
Prognose  S.  103.
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        140
Seite
T.  Das  Heute  der  Sozial  Wissenschaften  und  ihre  unmittelbare ­
  Zukunft  109—136
Der  heutige  Stand  der  Sozialwissenschaften
S.  109.  —  Die  philosophische  und  die  politische
Invasion  in  das  Gebiet  der  Wissenschaft  S.  111.
—  Die  Frage  des  „Werturteils“  im  besonderen
S.  114.  —  Beispiele  für  den  Zustand  der  Sozialwissenschaften ­
  S.  116.  —  Das  nächste  Stück  des
Weges  S.  121.  —  Die  intellektuelle  Situation  und
der  allgemeine  Charakter  der  sozialwissenschaftlichen ­
  Arbeit  der  nächsten  Zukunft  S.  131.
Nachwort  137

Pierersche  Hofbuehdruckerei  Stephan  Geibel  &amp;amp;  Co.,  Altenburg,  S.-A.
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        the  scale  towards  document

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I  &amp;gt;1

107
nuß  er  sich  von  Politik,  wie  von  Philosophie  \
.  —  fortgezogen  vom  Gewicht  der  einzel--
  laftlichen  Arbeit  —  einfach  infolge  der  Uneit,
  die  Beziehung  festzuhalten.  Das  mag  in
3rne  liegen  —  ich  habe  darüber  noch  einige
sagen  —  aber  das  ist  unvermeidlich.  Immer
uß  ganz  von  selbst  die  Unabhängigkeit  des
senschaftlichen  Resultats  von  Politik  und
l  lie,  in  den  meisten  Fällen  auch  seine  Irreledas
  politische  Wollen  und  das  philosophische
-•ervortreten.  Immer  deutlicher  muß  die  Uneit
  dauernder  Herrschaft  einer  Methode  und
dvität  des  Wertes  und  der  Bedeutung  einer
erden.  Immer  deutlicher  auch  muß  jeder
he  praktische  Unmöglichkeit  werden,  den
Jtrom  in  ihre  Kanäle  zu  leiten,  zu  welchem
h  sozialwissenschaftlicher  Erkenntnis  nach
h  geworden  ist.  Deshalb  müssen  die  Eringen,
  die  das  Entstehen  einer  jeden  „neuen
■“  mit  sich  bringt,  immer  weniger  fühlbar
Je  präziser  die  Probleme  gestellt,  je  gedie
  Fachmeinungen,  je  unterrichteter  weitere
werden,  um  so  schwieriger  wird  der  Erfolg
-  d  ungeneröser  Reklame,
die  Gründe  der  Diskontinuität,  so  werden
der  Kontinuität  fortwirken.  Aber  eben  die
i,  die  die  Prognose  rechtfertigen,  daß  die
der  Diskontinuität  immer  schwächer  wirken
werden  die  Macht  der  „Logik  der  Dinge“
Immer  unentrinnbarer  wird  sie  sich  dem
i  Forscher  und  der  einzelnen  Richtung  auf-,
  immer  geringere  Seitensprünge  wird  sie  ge-&amp;amp;

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