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        <title>Befreite Arbeit</title>
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            <forname>Nikolaj A.</forname>
            <surname>Gredeskul</surname>
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        <pb n="1" />
        KLEINE BIBLIOTHEK DER
RUSSISCHEN KORRESPONDENZ
NR. 6

PROF. N. A. GREDESKUL:

BETRu. dd ARBEIT
ZUM PROBLEM DER ARBEITSDISZIPLIN

\
Kl

AUSLIEFERUNGSSTELLE FÜR DEUTSCHLAND.
A. SEEHOT © Co, BERLIN € 54
‘1920

Preis 0.50 M'

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        <pb n="3" />
        KLEINE BIBLIOTHEK DER
RUSSISCHEN KORRESPONDENZ
NR. 6

PROF. N. A..GREDESKUL:

BEFREITE ARBEIT

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AA * % A. - &lt;
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BERLIN 1920
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        Die Arbeitsfragen sind gegenwärtig die wichtigsten
der SE Etat Davon, wie wir sie — und) zwar
in der allernächsten Zukunit — lösen werden, hängt
das Schicksal uuseres ganzen Landes und unseres
Staates ab. Unter solchen Bedingungen ist die Prüfung
dieser Fragen an der »anzen Linie der Arbeits„front“,
sowohl bei den nächsten praktischen Aufgaben dieser
Front, als auch in ihren tiefen, grundlegenden Eigen-
schaften, die ihren unvermeidfichen Einfluß auf den
ganzen foigenden sozialistischen Aufbau des Lebens
ausüben werden, von außerordentlicher Wichtigkeit.
Die Schriftleitung „Spezielle Technische und Wirt-
scha 1liche Publikationen des Volkskommissariats für
Verkehrswege“ gibt zunächst die folgende Abhandlung
des Prof. N. A. Gredeskul*) „Die nächsten Arbeits-
aufgaben“ heraus. Es wird die erste Lieferung einer
ganzen Reihe von Publikationen sein, die unter der
gemeinsamen Überschrift, „Befreite Arbeit“ erscheinen
werden.

DD“ Arbeitsfrage wird für das gegen-
wärtige Rußland, für Sowjetrußland,
zum tragischsten Punkte seines ganzen ge-
schichtlichen Kampfes,

Der kommunistische oder bolsche-
wistische Marxismus ist in die Geschichte
nicht als Drama, sondern als Tragödie ein-
getreten, denn die Aufgabe der Befreiung
der Werktätigen, die Lösung der sozialen
Frage stellt er sich nicht anders als tragisch
vor. Die nichtkommunistischen Marxisten
sind Spezialkompromißler, sie halten es für
möglich, die soziale Frage, die von der Ge-

*\) Professor N. A. Oredeskul Ist ein bekannter Jurist,
ehemaliger Führer der Kadettenpartei und 2. Vorsitzender der
ersten Reichsduma.
        <pb n="6" />
        Schichte unabwendbar auf die Tagesordnung
gesetzt ist, ohne eine soziale Tragödie, durch
ein soziales Kompromiß zu lösen, Die
kommunistischen Marxisten jedoch haben
dieses stets für eine leere und schädliche,
undurchführbare Vorstellung gehalten; sie
waren immer der Meinung, daß die soziale
Aufgabe nicht ohne chirurgischen Eingriff
zu lösen sei, und sie haben diesen Eingriff
in der Form des Bürgerkrieges verwirk-
licht.

Man kann sagen, daß dieser Akt der
sozialen Tragödie, der Bürgerkrieg, in Ruß-
land beendet ist und zwar mit vollem Er-
folge für die Sowjetmacht. Damit ist auch
die Operation der chirurgischen Abtren-
nung des Kapitalismus in Rußland beendet.
Jedoch die Tragödie des Ueberganges vom
Kapitalismus zum Sozialismus ist durch-
aus nicht beendet, sie hat im KGegen-
teil ihren Höhepunkt erreicht,

Der Bürgerkrieg, die tatsächliche Ver-
nichtung der Herrschaft der Bourgeoisie
und des Kapitalismus — das ist ja nur der
erste verneinende Teil der Aufgabe,
die sich Sowjetrußland gestellt hat. Der
zweite, der bejahende und schwierigere
Teil der Aufgabe steht, wie dies ja auch von
N. Lenin in dessen Broschüre „Die große
Initiative“ hervorgehoben wird, erst bevor.
Diese Aufgabe liegt ausschließlich auf dem
Arbeitsgebiete, Die Arbeit ist befreit, und
zwar befreit, um ihre Produktivität
über die Stufe der kapitalistischen Produk.
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tivität hinauszuheben. Nur darin liegt ja
die Daseinsberechtigung der ganzen Ssozia-
len Umwälzung, nur dadurch kann diese
ihren Erfolg sicherstellen. „Schließlich“,
sagt Lenin in der genannten Broschüre, „ist
die tiefste Kraftquelle der Siege über die
Bourgeoisie und das einzige Unterpfand der
Dauerhaftigkeit und der Unverrückbarkeit
dieser Siege nur eine neue, höhere Art der
gesellschaftlichen Produktion“ (S. 19, russi-
sche Ausgabe.)

Ja, eine höhere Art der -gesellschalt-
lichen Produktion, die höhere Produktivität
der gesellschaftlichen Arbeit... . Was sehen
wir aber in Wirklichkeit?

Eine derartige Zerrüttung der Produk-
tion, ein derartiges Fallen der Produktivi-
tät der Arbeit, wie dieses noch niemals be-
obachtet worden ist. Diese Zerrüttung führt
Rußland der wirtschaftlichen Katastrophe
zu, sie könnte nicht den Triumph, sondern
den Untergang der Sowjetmacht bereiten, un-
geachtet aller äußeren Siege derselben. Hier,
auf dem Wirtschafts- und Arbeitsgebiete,
liegt der wirkliche tragische Knoten des gan-
zen Kampfes; nicht in der vorhergehenden
Zerstörung, nicht in dem vorhergehenden
Kampfe um die Daseinsberechtigung, son-
dern in dem bevorstehenden Schaffen, das
mit den Arbeitsaufgaben fertig werden
muß.
Nachdem die Republik ihre Feinde be-
siegt hat und ihr von außen kaum einiger-
maßen ernste Kräfte drohen, ist sie jetzt
        <pb n="8" />
        gleichsam allein mit sich und ihrer Grund-
aufgabe geblieben. Und hier steht sie
nun von Angesicht zu Angesicht der größten
Tragik ihrer Lage gegenüber, hier steht sie
vor dem entscheidenden Augenblicke. Sie
kann nicht nur nicht auf ihren Lorbeeren
ruhen, sondern von ihr werden noch An-
strengungen verlangt, die alles übertreffen
müssen, was sie bis jetzt an Anstrengungen
geleistet hat.

Wir alle kennen die zahlreichen Ur-
sachen tiefgehenden volkswirtschaftlichen
Verfalles unseres Landes sehr gut. Das ist
vor allem der vierjährige Weltkrieg, dem
unsere wirtschaftliche Entwickelung nicht
gewachsen war und der die Quellen unse-
res wirtschaftlichen Wohlstandes tief unter-
graben hat; das ist der zweijährige Bürger-
krieg, der alles, was der Weltkrieg noch
verschont hatte, einer unbarmherzigen Ver-
heerung unterworfen hat; das ist endlich die
Blockade, die uns den wirtschaftlichen Aus-
tausch genommen und uns in einen wirt-
schaftlich abgeschlossenen Raum gezwängt
hat.
Unsere Eisenbahnen, Fabriken, Werke,
Einrichtungen jeder Art — alles dieses ist
entweder zerstört oder im höchsten Grade
abgenutzt. Wir haben kein Heizmaterial,
keine Metalle. Endlich sind wir in unseren
Städten und Wirtschaftszentren nicht mit
Lebensmitteln versorgt und führen ein halb-
hungriges Dasein. Infolgedessen herr-
schen häufig bei uns Epidemien und die
        <pb n="9" />
        Sterblichkeitsziffer ist, besonders in den
Städten, übermäßig hoch.

Jedoch die Hauptursache unseres wirt-
schaftlichen Verfalles liegt dennoch nicht in
diesen zahlreichen äußeren Umständen. Sie
ist vielmehr eine innere Ursache, sie liegt
in dem Verfall der wirtschaftlichen Arbeit
selbst. Die Arbeit ist geschwächt, der wich-
tigste Hebel der ganzen Volkswirtschaft ist
in Unordnung geraten, und darin besteht die
wirkliche Tragik unserer Lage, weil alles
übrige in Ordnung gebracht werden könnte
— aber wiederum nur durch Arbeit in Ord-
nung gebracht werden, könnte. Wenn die
Volksarbeit auf der Höhe wäre, wenn sie
in voller Ordnung wäre, so brauchten wir
das übrige nicht zu fürchten. Aber die
Arbeit ist gefallen — das ist schlimmer als
die Unordnung der Werkbank, der Ma-
schine, der Lokomotive, der Fabrik, mit
einem Wort: es fehlt jetzt das, was die Ar-
beit in der Volkswirtschaft unbedingt
braucht.

Wiederum kennen wir die Ursachen
unserer Arbeit sehr gut, sie sind, könnte
man sagen, natürlich und verständlich. Die
Arbeit ist im Laufe von Jahrhunderten unter
dem Drucke des Zwanges verrichtet wor-
den, erst des unmittelbaren, persönlichen
(Sklaverei und Leibeigenschaft), darauf des
mittelbaren, wirtschaftlichen (Lohnarbeit).
Der arbeitende Mensch arbeitete nicht für
sich selbst, sondern für einen anderen, und
dazu zwang man ihn, indem man aus ihm
        <pb n="10" />
        durch Zwang das herauspreßte, was Seit
Marx Mehrwert genannt wird. Der Zwang
war die wesentlichste Triebfeder im ganzen
Arbeitsmechanismus, und es ist kein Wun-
der, daß, als diese Triebfeder aus der Volks-
wirtschaft entfernt wurde, die Arbeit ihre
Anspannung verlor, im höchsten Grade in
ihrer Produktivität fiel. Werebenerst
und zwar im Laufe einer langen
Zeit, eine große Last getragen
und wem mansieendlich von den
schmerzenden Schultern nimmt,
der kann nicht umhin, stehen zu
bleiben, infolge der Erleichte-
rung alle seine Glieder zu
reckenundzustrecken, umihnen
Ruhe zu geben, um sie in den
normalen Zustand zu bringen.
Das ist natürlich und unvermeidlich. Aber
zu diesem Gesetzlichen und Unvermeid-
lichen kommt sofort, wenigstens bei der
Masse, die auf einer niedrigen Kulturstufe
steht, etwas anderes, weniger Gesetzliches
hinzu: der Wunsch, sich der Arbeit ganz
zu entziehen oder sie zu verrichten, ohne be-
sondere Kraft 'und Aufmerksamkeit auf sie
zu verwenden. Ist doch die Arbeit schwer,
sie drückt den Menschen immer; wozu soll
man sich also überanstrengen, ist es nicht
besser, sie ohne besondere Anstrengung,
nur zum Scheine zu verrichten?

Natürlich ist das ein Wunsch, zu dem
man sich nicht offen bekennen kann, aber
deshalb hört er doch nicht auf, zu wirken,
        <pb n="11" />
        und namentlich. unter den Massen zu
wirken, denn die menschlichen
Massen — das ist ja eben der
menschliche Sumpf, mitseiner
Trägheit, Untätigkeit, Faulheit,
Verständnislosigkeitund nicht
selten’aauch Gewissenlosigkeit.

Der Uebergang von ‚der erzwungenen
zur freien Arbeit mußte von dem Fallen
ihrer Produktivität begleitet sein, und einige
haben dies vorausgesehen (z. B. von unse-
ren Oekonomisten A. A. Tshajew). Aber
hat jemand den Grad des Fallens voraus-
gesehen, den wir. in Wirklichkeit be-
obachten ?

Dieser Grad 'des Fallens der Produkti-
vität ist ‘derartig, daß er uns an den ‚Rand
des Verderbens bringt. Alle wiederholen
jetzt die Worte Lenins, der in einer seiner
letzten Reden gesagt hat, daß wirnoch
einen solchen Winter nicht
überleben würden. Auf jeden Fall
ist das bezüglich der Städte richtig. Die
Städte werden entweder vor einem solchen
Winter sich entvölkern oder während eines
solchen Winters aussterben. Standhalten
kann nur das Dorf. Das Dorf ohne Stadt
ist aber ein Rumpf ohne Kopf. Der gegen-
wärtige Staatsorganismus kann nicht aus
dem Dorf allein bestehen.

Diese Gefahr muß also im Laufe von
6 Monaten beseitigt werden, sonst kann sie
dem Bestehen des gegenwärtigen Staates
verhängnisvoll werden, von den zahllosen
        <pb n="12" />
        schweren Leiden der Bevölkerung ganz ab-
gesehen.
Es ist jedoch leicht zu sagen: im Laufe
von 6 Monaten muß die Produktivität der
Volksarbeit gesteigert werden. Man kann
im Laufe von 6 Monaten einen Feldzug ge-
winnen, man kann irgendeinen riesigen Bau
aufführen, — aber wie soll man in solch
einer kurzen Zeit die Volksarbeit umbauen,
umerziehen? Liegt nicht gerade hier die
Hauptschwierigkeit der sozialen Revolution,
im Vergleich zur politischen?

Und dennoch kann Sowjetrußland, wie
unmenschlich schwer diese Aufgabe auch
ist, sich derselben weder entziehen noch sie
ablehnen. Es muß sie lösen, da ihm sonst
das Mißlingen seiner ganzen geschichtlichen
Aufgabe droht. Und niemand kann sagen,
daß der Mißerfolg hier unvermeidlich sel.
Die Schwierigkeiten der. Aufgabe sind un-
glaublich groß, doch die zu ihrer Ausfüh-
rung nötigen Kräfte sind noch unerforscht.
Alles liegt augenblicklich in der Zukunft,
aber in einer ganz außergewöhnlichen Zu-
kunft. Solche geschichtlichen Augenblicke
wie der, den wir durchleben, wiederholen
sich nicht oft, und das sind Augenblicke
Ges Schaffens ; man kann nur nicht im
voraus sagen, wo die Grenze ihrer
Schaffenskraft liegt. Uebrigens wäre es
angesichts solcher Augenblicke nutzlos, sich
mit Weissagungen zu beschäftigen. Hier
ist nicht der unfruchtbare Gedanke, son-
dern der schöpferische Wille nötig. Der
        <pb n="13" />
        Gedanke muß nur den Weg des Ssicher-
gehenden Willens beleuchten und diesen auf
die Mittel zur Ausführung seiner Schöpfe-
rischen Pläne hinweisen.

Mit welchen Mitteln kann man nun
unsere gesunkene Arbeit wiederherstellen ?
Und von welcher Seite muß man an die-
selbe herangehen, um sie zum Eifer, zur
Anspannung und Produktivität zu Ver-
anlassen?
Die hierzu notwendigen Maßnahmen
sind zum erheblichen Teile schon vor-
gezeichnet, es bleibt nur übrig, sie vom Ge-
sichtspunkte der vor uns stehenden Auf-
gabe zu bewerten.
Die erste dieser Maßnahmen ist die M i-
jitarisierung der Arbeit. Von Trotzky
in Vorschlag gebracht, von den übrigen lei-
tenden Persönlichkeiten und Institutionen
Sowjetrußlands gebilligt, steht diese Maß-
nahme bezüglich der Arbeitsfrage gegen-
wärtig im Mittelpunkt der öffentlichen Auf-
merksamkeit und ruft nicht nur Verteidi-
gung, sondern auch leidenschaftliche An-
griffe hervor. Ihre Gegner weisen darauf
hin, daß sie in das Gebiet der Arbeit den
Grundsatz der Zwangspflicht einführe, der,
ihrer Meinung nach, der schlechetste sei,
der hier angewendet werden kann. Die
Arbeit sei soeben erst vom Joche des Kapi-
talismus. befreit, sagen sie. Und was macht
ihr mit ihr? Ihr beraubt sie sofort jeglicher
Freiheit. Wenn die Arbeitspflicht so aus-
        <pb n="14" />
        geübt werden muß, wie die Militärpflicht;
wenn die Arbeit von Arbeitsarmeen, Ar-
beitsregimentern, Arbeitsbataillonen aus-
geführt werden muß; wenn die Arbeits-
befehle so erteilt werden wie Kampfbefehle,
mit all .den harten Folgen ihrer Nichtbefol-
gung; wenn derjenige, der sich der Arbeit
entzieht, — sei dies auch, z.B., ein Fabrik-
arbeiter, der ins Dorf gefahren ist, — ‘als
„Fahnenflüchtiger“, der die Arbeitsfront
verlassen, betrachtet werden muß, — was
bleibt dann von der Freiheit der Arbeit
übrig? Unter diesen Bedingungen ist der
Mensch der Freiheit beraubt, seine Beschäf-
tigung zu wählen, sich frei zu bewegen, sich
zu erholen, mit einem Wort, ihm ist alles
genommen, was der menschlichen Persön-
lichkeit so teuer ist, dazu noch unter An-
drohung von schweren Strafen — im Grund-
satze bis zum Tode durch Erschießen — für
Ungehorsam gegenüber denen, die seine
„Vorgesetzten“ sind, die über sein ganzes
persönliches Schicksal verfügen werden.

Eine derartige Organisation der Arbeit,
sagen die Gegner der Militarisierung, sei
die Wiederherstellung der Sklaverei,
nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht zu-
gunsten einer Privatperson, sondern Zzu-
gunsten des Staates durchgeführt werde.
Das sei die Wiederherstellung der Zeiten
der Sklaverei, nur mit dem Unterschiede,
daß sie im Namen des „Befreiers“ der Ar-
beit, der Sowjetregierung, wiederhergestellt
werden.
        <pb n="15" />
        A 4 7 117
Ss ] (84 WRTar AFy 18

Jedoch darin liegt nicht das wesentliche
der hier angeführten Einwendung: nicht in
ihrer persönlichen Seite. Es liegt in
der Schlußfolgerung bezüglich der Arbeit
selbst und der Produktivität derselben. Man
sagt uns hier, die zwangsweise‘ geleistete
Arbeit sei ja die unproduktivste. Die
Geschichte habe das im Laufe von Jahrhun-
derten und auf dem ganzen Erdballe be-
wiesen. Wie könne man denn unser gegen-
wärtiges Uebel auf dem Gebiete der Arbeit
durch Zwang heilen? Hier werde zur Er-
reichung des Zieles ein vollständig un-
brauchbares Mittel gewählt!

Natürlich, fügen einige hinzu, gegen
völlige Untätigkeit kann auch der rauhe
Zwang ein Mittel sein, er wird in einer Zeit,
wo die Arbeit gar nichts gibt, wenigstens
etwas geben. Aber darauf hoffen, mit die-
sem Mittel die volle Wiederherstellung der
Produktivität der Arbeit zu erreichen, —
das ist die reinste Utopie, das ist eine Ver-
irrung, die schon im voraus zu einem ver-
hängnisvollen Mißerfolge verurteilt ist.

Und für viele ist die angeführte Beweis-
führung die durchaus entscheidende. Viele
nehmen an, daß die Sache, wenn sie von die-
ser Seite in Angriff genommen ist, von
vornherein verdorben und von ihr nichts
gutes mehr zu erwarten sei. Nach dem
Ausspruche eines römischen Rechtskundi-
gen ist nichts mehr zu verbessern, was von
Anfang an verdorben ist — quod ab initio
vitiosum est, tractu temporis convalescere

A
ZZ. 55
        <pb n="16" />
        non potest. So denken auch viele über die
Militarisierung unserer Arbeit.

Und wer diese Beweisführung für rich-
tig hält, wer an sie glaubt, der ist für die
gegenwärtige Aufgabe der Wiederherstel-
lung der Arbeit ein toter Mensch, denn er
hat schon den Mut sinken lassen. Er kann
nicht mit Begeisterung arbeiten und das ist
gerade jetzt die Hauptsache. Die Schaffens-
kraft entspringt nur dem Glauben an die
Sache, und wer an sie nicht glaubt, der
taugt für diese Sache nicht.

Demgemäß müssen wir uns erst den
Einwendungen zuwenden, die gegen die Mi-
litarisierung der Arbeit gerichtet sind.
Sagen wir es offen, daß wir ihnen keine
ernste Bedeutung beilegen.

Nehmen wir vor allem die persönliche
Seite in dieser Frage, Der Werktätige wird
dem Soldaten gleichgestellt. Der Soldat
aber ist durchaus kein Sklave. Im Gegen-
teil, der Sklave kann nicht Soldat sein.
Die Militärdisziplin ist rauh,: oft sogar
schonungslos, aber sie erniedrigt den Men-
schen durchaus nicht, im Gegenteil, sie er-
höht ihn. Sie bedeutet, daß dem Menschen
eine Pflicht auferlegt ist, die für die Gesell-
schaft.unendlich wichtig ist. Er ist zu die-
ser Pflicht im Namen höherer Interessen
der Gesellschaft berufen; die Pflicht ist ihm
als dem Mitgliede der Gesellschaft anver-
traut. Von dem Gesichtspunkte dieser
Pflicht sind der Befehlshaber und der die
Befehle Ausführende gleich, gleich nach
        <pb n="17" />
        ihrer Würde der dem Gemeinwohl Dienen-
den.

Mit einem Wort, vom persönlichen Stand-
punkt kann gegen die Arbeitsdisziplin eben-
sowenig eingewandt werden wie gegen
die Militärdisziplin. Diese wie jene
drückennurdiehöchste Anspan-
nung des Willensaus — aufjeden
Fall und unbedingt das-zu er-,
reichen, was die Gesellschaft
braucht. Andersistesauchnicht
möglich in Augenblicken, die
die Gesellschaft dem Unter-
gange nahebringen. Muß zur
Verhütung des Unterganges ge-
kämpft werden, so ist die Mili-
tärdisziplin notwendig. Muß
zur Verhütung des Unterganges
gearbeitet werden, so ist die bis
zur Anspannüung der Militär-
disziplin durchzuführende Ar-
beitsdisziplin notwendig. Das
ist durchaus klar, anders kann
das nicht sein und kein Wort ist
darüber zu verlieren.

Man sagt uns aber, daß die zwangsweise
geleistete Arbeit sowieso nicht produktiv
sei. Das sei-lie Arbeit des Sklaven, das sei
die Arbeit des Leibeigenen.

Durchaus nicht. Das ist nicht nur nicht
die Arbeit des Sklaven, sondern das ist
überhaupt nicht zwangsweise geleistete
Arbeit. Sagen, daß der Arbeiter bei der
Arbeitsdisziplin gezwungenermaßen arbeite,
        <pb n="18" />
        das ist dasselbe, wie behaupten, daß auch
der Soldat gezwungenermaßen kämpfe.
Natürlich, dieser wie jener befinden sich
unter der Einwirkung strenger Drohungen,
— besonders der Soldat, weil] es schwerer
ist, sein Leben als seine Kräfte zu opfern, —
aber das heißt durchaus nicht, daß dieser
wie jener zwangsweise, nicht freiwillig han-
‚deln. Hier wäre es vielleicht am Platze,
sich des tiefen Gedankens Rousseaus zu er-
innern, daß man zwischen voloute generale
und voloute€ de tous, dem Ges amtwillen
und dem Willen aller, einen Unterschied
machen müsse. Wenn man mich veranlaßt,
zu kämpfen, so kann ich mich meinem per-
sönlichen Willen widersetzen, — ich kann
mich, z. B., irgendwo im Rücken der Ar-
mee einrichten, — aber ich kann den Ge-
samtwillen nicht bestreiten, daß gekämpfi
werden muß und daß auch ich kämpfen
muß. Daher, wenn ich dennoch in die
Schlacht gerate und kämpfen werde, so
wird man — weder vom logischen noch
vom psychologischen Gesichtspunkte —
sagen können, daß ich nur gezwungener-
maßen kämpfe. Nein, mich wird dann der
Gesamtwille und meine innere Ueberein-
simmung mit ihm machtvoll;.unterstützen.
Und vielleicht werde ich mich‘ dann im
entscheidenden Augenblick, nicht als Feig-
ling, sondern als Held zeigen. Und wenn
das bezüglich der Soldaten so ist, so ist es
in bezug auf den Werktätigen erst recht so.
Die Arbeits- wie die ‚Militärdisziplin
        <pb n="19" />
        drücken eben den Gesamtwillen aus,
von dem der Wille des Einzelnen tatsächlich
abweichen kann, aber dessen volle Kraft
auch für sich selbst er nicht bestreiten kann.

Vielleicht werden aber diese Erwägun-
gen manchem zu allgemein erscheinen, und
so werden wir uns erlauben, den Gedanken
der Gegner der Militarisierung bedeutend
greifbarer abzuschätzen. ”

Warum ist die Arbeit des Sklaven die
unproduktivste von allen Arten der Arbeit?
Weil der Sklave nur einen einzigen Beweg-
grund zur Arbeit hat: den Zwang. Alles
übrige in ihm ist gegen die Arbeit. Er ist
ja ein Gegenstand der Ausbeutung durch
einen anderen Menschen, die Erzeugnisse
seiner Arbeit fallen nicht ihm zu, sie wer-
den ihm von einem andern, der sie sich an-
eignet, gewaltsam fortgenommen. Dieser
andere ist sein Feind, sein Bedrücker; er
kann ihn nur hassen, und in bezug auf ihn
kann er nichts — nicht eine einzige Bewe-
gung — freiwillig leisten.

Ist die Lage des Menschen, dem gegen-
wärtig die Arbeitspflichf auferlegt ist, der
der Arbeitsdiszplin unterworfen ist, eine
solche? Hat und kann er keine anderen
Beweggründe zur Arbeit haben als den
Zwang? Es wäre ja sinnlos, dieses be-
haupten zu wollen.

Vor allem ist es klar, daß hier bei einem
bewußten Menschen Beweggründe höherer
Natur, Beweggründe der Nächstenliebe,
        <pb n="20" />
        vielleicht sogar mit großer Kraft wirken:
Pflichtgefühl, Hingebung für die Idee, für
das Gemeinwohl. Diese Beweggründe sind
nicht nur ausgeschlossen, im Gegenteil, sie
erhalten hier ihren richtigen und vollen
Platz. Gerade auf einem solchen Boden
offenbaren sie sich nicht nur, sondern be-
festigen sich, wachsen an und können einen
Massencharakter annehmen, wenn die
Besten die Schlechtesten mit sich fortreißen.
Die Hoffnung auf dieses alles ist hier nicht
nur nicht unerfüllbar, sie ist hier durchaus
am Platze und sogar notwendig. Alles die-
ses übersehen, außer acht lassen — wäre
durchaus falsch. Ebenso wie sich der Hel-
denmut, die Selbstaufopferung auf Schritt
und Tritt in der Schlacht offenbaren und
hier einen Massencharakter annehmen, kann
man dasselbe auch bei der Arbeit erwarten.
Das wäre ein sonderbarer und
beschränkter PFeldherr, der
seine Plänenichtim geringsten
Maße auf die Selbstaufopferung
und den Heldenmut seiner Sol-
daten gründen würde. Aber ebenso
beschränkt wäre der Leiter der gegenwärti-
gen Sowjetmacht, der nicht auf den Helden-
mut und die Selbstaufopferung der Werk-
tätigen rechnen würde. Dieser Heldenmut
und diese Selbstaufopferung offenbaren sich
schon jetzt. Wir haben viele bestätigte und
veröffentlichte Fälle von Einzelheroismus,
von Gruppenheroismus endlich haben wir
eine ganze gesellschaftliche Bewegung in
        <pb n="21" />
        Form von „Subbotniki“ *),, „Woskress-
niki“**), „Wochen“, dieser oder jener Arbeit,
— eine Bewegung, die sich auf ganz Ruß-
land erstreckt und noch immer im Wachsen
begriffen ist. Man darf diese Bewegung
nicht zu niedrig einschätzen, man darf in
ihr nicht nur die Erfüllung einer formalen
Pflicht sehen. Wer auch nur einmal mit
eigenen Augen gesehen hat, wie auf den
„Subbotniki“ oder während der „Wochen“
gearbeitet wird, der kann nicht anders als
in ihnen viel aufrichtige Begeisterung,
ruhige Würde, bewußtes Verhalten bezüglich
der Bedürfnisse der Gesellschaft festzustel-
len. Das ist in Wirklichkeit das Geleise,
in dem sich die gesellschaftliche Arbeit im
Anfang bewegt und dessen Bedeutung im
Laufe der Zeit immer größer werden wird.
Also beseitigt die sklavische Arbeit rest-
los alle uneigennützigen, gesellschaftlichen
Beweggründe, die den Menschen leiten; die
Arbeit aber, die jetzt wie das Kriegswesen
militarisiert ist, räumt ihnen, im Gegenteil,
einen Platz ein und setzt sie in Tätigkeit.
Aber die sklavische Arbeit schließt beim
Menschen auch Antriebe anderer Art rest-
Jos aus: die persönlichen und selbstsüchti-
gen. Sie gewährt dem Werktätigen keiner-
Jjei Entschädigung; die Erzeugnisse seiner
Arbeit werden seinem Gebieter zur Ver-
fügung gestellt. Wie ist es um diese An-

)

Freiwillige
Freiwillige

unbezahlte Arbeit an
unbezahlte Arbeit an

Samstagen,
Sonntagen,
        <pb n="22" />
        triebe bei der militarisierten Arbeit be-
stellt ?

Man kann nicht anders sagen, als daß
hier zwei Systeme möglich wären. Eines,
das die Werktätigen veranlaßt, ihre Arbeit
zugunsten des Gemeinwohls zu opfern;
ein anderes, das ihm volle Vergütung für
seine Arbeit gewährt. Das erste würde
danach streben, ein ausschließlich uneigen-
nütziges zu sein; das zweite legt, ohne die
Uneigennützigkeit auszuschließen, soweit
diese freiwillig handelt, dem ganzen System
den persönlichen, selbstsüchtigen Antrieb
zugrunde, Das erste ist verlockender,
wenigstens vom begrifflichen ‘Gesichts-
punkt; dafür aber ist das zweite zuverlässi-
ger. Es wäre daher ein großer Fehler, in
der Sache der Militarisierung der Arbeit
die Vergütung für die Arbeit zu besei-
tigen und die Arbeit nur im Namen des Ge-
meinwohls zu verlangen.

Beruht doch sogar das Kriegswesen
nicht ganz auf Uneigennützigkeit und
Selbstaufopferung, in dasselbe wird auch
das Element der Vergütung eingeführt,
wenigstens war dieses immer bezüglich der
Offiziere der Fall, die die Kriegsoperatio-
nen leiteten. Indessen unterscheidet sich
aber die Arbeit von der Kampftätigkeit
durch einige derartige Eigenschaften, die
die Vergütung der Arbeit noch notwendiger
machen. ;

In der Tat, die militärische Tätigkeit
vollzieht sich — wenigstens in ihrer

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        höchsten Anspannung, in der Form der
Kam pftätigkeit — durch, wenn man sich
so ausdrücken darf, Ausbrüche mensch-
licher Tatkraft, die von kurzer Dauer oder
nicht häufig sind; im Gegenteil, die Arbeits-
tätigkeit verlangt beharrliche, beständige,
tägliche Anspannung. Die Kampftätigkeit
vollzieht sich unter besonderen, außer-
ordentlichen, sozusagen feierlichen Umstän-
den. Sie stellt den Menschen vor das An-
gesicht des Todes, und hier können dem
Menschen nur uneigennützige oder gesell-
schaftliche Beweggründe helfen und die
Kraft zum Handeln verleihen; persönliche,
selbstsüchtige Beweggründe können hier der
Handlung des Menschen nur hinderlich
sein. — Die Arbeitstätigkeit vollzieht sich,
im Gegenteil, unter gewöhnlichen, werk-
täglichen Umständen, die an und für sich
den Geist des Menschen durchaus nicht
erheben. Das ist das Tätigkeitsfeld, wo die
Wirkung der selbstsüchtigen Antriebe des
Menschen sozusagen unausrottbar ist, hier
war diese Wirkung und ist sie vorhanden,
hier ist sie normal und gesetzlich. Das ist
das Gebiet, wo wir Menschen uns gegensei-
tige Dienste erweisen und wo niemand für
den anderen umsonst arbeiten will. Frei-
lich wird diese Ordnung wahrscheinlich
nicht ewig bestehen, wie sie ja auch schon
gegenwärtig in der Familie nicht besteht.
Jedoch ihre Uebertragung über die Grenzen
der Familie hinaus wäre nur bei einer
solchen Erhöhung der Selbstlosigkeit in der
        <pb n="24" />
        Menschheit möglich, bei der alle in Wirk-
lichkeit zu Brüdern werden würden. Das
aber ist nur das Ideal der Zukunft, und die
menschlichen Massen sind von diesem Ideal
noch sehr weit entfernt. Indessen verrich-
ten gerade sie, die menschlichen Massen,
die Arbeit, nicht einzelne, nicht Aus-
erwählte, sondern alle, die arb®iten
können.

Alles dieses führt zur Schlußfolgerung,
daß es mehr als gewagt wäre, den Erfolg
der militarisierten Arbeit von nur altruisti-
schen Beweggründen in Abhängigkeit zu
bringen. Nein, diese Arbeit muß in volle,
offene und klare Verbindung mit der Wir-
kung der persönlichen Beweggründe des
Menschen gestellt werden. Man muß der
militarisierten wie auch jeder andern Arbeit
die volle Vergütung für ihre Ergebnisse und
ihren Ergebnissen entsprechend gewähren.
Das will sagen, daß hier für alle anspor-
nenden Formen der Arbeitslöhnung:
wie Stücklohn, Prämien u. dergl. der Platz
sei. Nur unter diesen Bedingungen wird die
militarisierte Arbeit über einen so macht-
vollen Hebel zur Erhöhung der Produk-
tivität der Arbeit verfügen, wie es das per-
sönliche Interesse ist. Bei dem gegen-
wärtigen Zustand der Menschheit kann die
Arbeit nicht vom persönlichen Interesse
getrennt werden. Ist es doch eine der
wichtigsten Aufgaben des sozialistischen
Aufbaues der Gesellschaft, gerade das per-
sönliche Interesse an der Arbeit am besten
        <pb n="25" />
        zu befriedigen. Dem Werktätigen die volle
Arbeitslöhnung, ohne Abzug zugunsten des
Kapitalisten, zukommen zu lassen.

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Wenn man von der Vergütung der
Arbeit spricht, so kann man nicht umhin,
auch jene ihrer Formen zu streifen, die die
Mitte zwischen Selbstsucht und Selbstlosig-
keit bildet. Das ist die öffentliche
Auszeichnung für hervorragende, be-
sonders eifrige, besonders geschickte, be-
sonders aufopfernde Arbeit. Diese Form
der Vergütung ist immer im Kriegswesen
angewandt worden und sie bildet hier eine
wichtige, durchaus wirksame Triebfeder.
Natürlich können diese Zeichen der öffent-
lichen Auszeichnung — die Orden — ent-
arten, können bis zum Zerrbilde ausarten,
an und für sich jedoch ist die Idee der öffent-
lichen Auszeichnung durchaus gesund.
Wenn der Mensch eine Heldentat, eine Tat,
die persönlichen Mut verlangt, dort voll-
bringt, wo dies für die Gesellschaft un-
geheuer wichtig ist, warum soll diese Hel-
dentat nicht von der Gesellschaft anerkannt
werden? Warum soll diese Anerkennung
nicht durch ein bleibende s Zeichen aus-
gedrückt werden? Warum soll dieses Zei-
chen nicht den gerechten Stolz des Men-
schen befriedigen, der sie verdient hat?
Und wenn militärische Heldentaten früher
von öffentlichen Auszeichnungen begleitet
waren, warum sollen sie es jetzt nicht sein,
wo die Arbeit von der Jahrhunderte wäh-
        <pb n="26" />
        renden Entehrung, in der sie sich befand,
befreit ist?

Fälle von Arbeitsheldentaten sind bei
uns bereits, und wahrscheinlich in nicht ge-
ringer Anzahl vorgekommen. Einige von
ihnen werden in den Zeitungen veröffent-
licht, wo sie auf der „roten Tafel“ stehen, in
bezug auf andere sind schon Befehle er-
lassen, die denen, die diese Heldentaten
vollbracht haben, goldene Uhren, Belohnun-
gen von drei- und vierfachem Monatsgehalt
zusprechen. Das zeigt, daß der Gedanke
an die öffentliche Auszeichnung hier natür-
lich und unabwendbar ist. Zeigen diese
Fälle aber nicht auch zugleich, daß hier eine
andere Form der Öffentlichen Auszeich-
nung nötig ist, eine Form, die dem Wesen
der Sache mehr entspricht. Die Veröffent-
lichung der Arbeitsheldentat auf der „roten
Tafel“ der Zeitung ist zu zufällig, kann
vielleicht sogar willkürlich sein, die Zu-
erkennung einer „Geldbelohnung“ aber für
eine wirkliche „Heldentat“ kann weder vom
Gesichtspunkte der. belohnenden Gesell-
schaft noch vom Gesichtspunkte der zu be-
lohnenden Persönlichkeit für geeignet an-
gesehen werden. Augenscheinlich tut hier
etwas anderes not, dieses andere ist ein
Zeichen der öffentlichen Auszeichnung für
eine wirklich große Heldentat auf dem Ar-
beitsgebiete. Und die Militarisierung der
Arbeit legt auch diesen Gedanken nahe:
wenn auf Umgehung der Arbeitspflicht, auf
Arbeitsfahnenflucht eine militärische Be-

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strafung — möglicherweise der Tod durch
Erschießen — folgt, — so muß für eine
große Tat auf dem Arbeitsgebiete eine mili-
tärische Belohnung, derselbe Orden des
„roten Sternes“, nur mit. der Aufschrift
„für Arbeit“ verliehen werden.

Die Arbeit ist die Grundlage der sozia-
listischen Gesellschaft, ihr gebührt‘ die
größte Ehre, ihr gebühren Ehrenzeichen.

Infolgedessen, wir wiederholen es, be-
seitigt die Militarisierung der ‚Arbeit, im
Gegensatz zu der Sklaverei, keinen der
wichtigsten Beweggründe der menschlichen
Handlung. Hier finden, im’ Gegenteil, die
uneigennützigen Beweggründe einen geeig-
neten Boden, und die eigennützigen Beweg-
gründe, die Forderungen des persönlichen
Interesses, können und müssen von einem
Siaate wahrgenommen werden, der die Mi-
litarisierung einführt.

Wenn jedoch, von dieser Seite betrachtet,
die Militarisierung die Arbeit nicht schä-
digt und ihr nichts entzieht, so giebt es den-
noch eine Bedingung, die unumgänglich
dem Zwange, der Uneigennützigkeit und
dem persönlichen Interesse hinzugefügt
werden muß, um .von der Arbeit das zu
erreichen, was von ihr gewünscht wird.
Diese Bedingung ist die Organisation
der Arbeit, und sie ist die wichtigste von
allen Bedingungen.

Die Organisation der Arbeit ist ein
weitgehender und verwickelter Begriff; er
umfaßt den ganzen Arbeitsprozeß, d. h. mit
        <pb n="28" />
        andern Worten, die ganze Produktion, die
ganze Wirtschaft. . Die Organisation muß
bei dem allgemeinsten Wirtschaftsplane be-
ginnen und sich bis auf seine letzten Einzel-
heiten erstrecken. Die Organisation der
Arbeit muß in dem ganzen Produktionspro-
zeß Zweckmäßigkeit einführen und
zwar nicht nur theoretisch, in Form von
vorher für die Produktion festgesetzten Vor-
aussetzungen, sondern auch praktisch, in
Form von Schaffung aller Bedingungen für
die tatsächliche Verwirklichung dieser Vor-
aussetzungen. Alles in der Produktion muß
nach Möglichkeit vorhergesehen sein, für
das Vorhergesehene aber müssen die Be-
dingungen geschaffen werden, die- seine
Verwirklichung möglich machen. Die Or-
ganisation muß sich erstrecken: auf das
für die Produktion bestimmte Material, auf
die Art und Weise seines Verbrauchs und
seiner Bearbeitung, auf die technischen Pro-
duktionsmittel, auf die Verteilung der Ar-
beitskraft, auf die Löhnung dieser Arbeits-
kraft, endlich auf die Beziehungen der Lei-
tung, der Macht, der Unterordnung und der
Verantwortlichkeit in der Produktion,
Letzteres ist besonders wichtig, da gerade
hier, wie überall in der menschlichen Tä-
tigkeit, die Grundlagen der Organisation
ruhen.

Bis jetzt wurde die Organisation der Ar-
beit und der Produktion in der Volkswirt-
schaft hauptsächlich vom Privatleuten —
Unternehmern — durchgeführt. Diese orga-

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        nisierten eigentlich ‚nicht die Volkswirt-
schaft, sondern ihre eigenen Privatwirt-
schaften. Das brachte Uneinigkeit und oft
sogar Wirrwarr in die Volkswirtschaft als
Ganzes, dennoch aber war der Grundsatz
der Organisation im Wirtschaftsorganismus
vorhanden und verfügte sogar über eine so
starke Triebfeder wie das persönliche In-
teresse. Jetzt ist dieses private Organisa-
tionselement aus dem Wirtschaftsleben ent-
fernt und muß durch ein anderes, das ge-
sellschaftliche, ersetzt werden. Das ist
nicht leicht, erstens, weil die Organisation
der Wirtschaft in bedeutend größerem Maß-
stabe durchgeführt werden muß; es müssen
nicht einzelne, mehr oder minder be-
schränkte Wirtschaften organisiert werden,
sondern eine ganze Volkswirtschaft eines
ungeheuren Landes mit einer ungeheuren
Bevölkerung; zweitens, weil die lebendigen
Organisationselemente der Wirtschaft in
dem neuen Regime noch nicht in Gang ge-
bracht sind, — weder die wirtschaftliche
Macht, noch die Beziehungen der Unterord-
nung, der Verantwortung und dergl., die
alten Grundsätze, überall aus der Wirtschaft
entfernt, noch nicht durch neue ersetzt
sind oder, richtiger, man beginnt erst, sie
durch neue zu ersetzen. Daher befindet
sich unsere ganze Wirtschaft in organi-
satorischer Beziehung im Zustande des
Verfalls. Es ist keine Macht vorhanden,
keine Unterordnung, keine Leitung, Keine
Verantwortlichkeit. °

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        In einem vor kurzem veröffentlichten
Dokument kann man aus diesem Anlasse
folgende Zeilen finden:

„Das bedeutende Sinken hängt natürlich
nicht nur von dem Sinken der persönlichen
Angespanntheit der Arbeit des Arbeiters
selbst ab, sondern hauptsächlich von der
Zerrüttung der Organisation
der Produktion und ihrer technischen
Mittel. Das ist besonders bemerkbar bei
den Arbeiten, die eine besonders wohl-
eingerichtete Organisation und wununter-
brochene Arbeit erfordern, eine Organi-
sation, die durch Gemeinschaftlichkeit der
Arbeit gekennzeichnet wird... Während
die Produktivität bei den Arbeiten von
mehr oder minder persönlichem Gepräge
nicht erheblich gefallen ist, ist sie bei den
gemeinschaftlichen Arbeiten bedeutend ge-
fallen. Zahlen wie Beobachtungen bestäti;
gen die eingeführte Erscheinung. Ihre Ur-
sachen sind, wie schon gesagt, auf das
Sinken der organisatorischen
Grundlagen der Arbeit zurück-
zuführen. — Weiter führt das Dokument
diese gesunkenen organisatorischen Grund-
Jagen an, von denen wir nur zwei, aber
äußerst kennzeichnende, nennen wollen:

Die erste: Die verwaltungstech-
nische Leitung hat, von der Revolution aus
ihren früheren Stellungen verdrängt, bis
jetzt noch nicht gesunde Formen ange-
nommen und zeigt das Bestreben, sich
selbst zu entfernen.
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Die zweite: Die Ausgleichung der
Arbeitslöhne gibt nicht genügend Antriebe
zur Hervorbringung von verantwortlichen
Leitern aus der Mitte der Arbeiter.*)

Diese beiden Ursachen sind für die
ganze Frage der Organisation der Arbeit
die wichtigsten. Wenn in der Produktion
die verwaltungstechnische Leitung fehlt,
aus welchen Gründen dies auch sei, und
wenn sich unter den Arbeitern, infolge
ungenügender Löhnung, niemand findet,
der die Verantwortung auf sich nehmen
will, so heißt das, daß die Produktion der
ursprünglichsten organisatorischen Grund-
lagen beraubt ist: niemand will sie leiten,
und niemand ist für sie verantwortlich.

Unter diesen Bedingungen ist es kein
Wunder, daß bei uns jetzt über „persön-
liche“ und „gemeinschaftliche“ Verwaltung
der wirtschaftlichen Unternehmen leiden-
schaftlich gestritten wird. Es ist. kein
Wunder, daß jetzt von oben beharrlich
solche Vorschriften erfolgen, wie:

1. der Grundsaz der persön-
lichen Verwaltung ist unentwegt
ins Leben umzusetzen;

2. bei voller Durchführung bestimmter
Unterordnung und ebensolcher Ver-
antwortlichkeit ist strengste Disziplin fest-
zusetzen;”

3. jeder Untergebene, der den Arbeits-
befehl seines Vorgesetzten nicht erfüllt hat,

*) 2. Beilage zu Nr. 25 des
missariats der Verkehrswege, S. 3.

Bulletins des Volk skom-
        <pb n="32" />
        unterliegt der Verantwortung. Jeder Vor-
gesetzte, der nicht seine volle Macht ge-
braucht, unterliegt der Verantwortung
für Nichtgebrauch der Macht.”) ;

Und gerade hier, gerade auf dem Ge-
biete der Organisation der Arbeit liegt
der Schlüssel zu unserer wirtschaftlichen
Wiedergeburt. Nicht in der Militarisierung
der Arbeit, sondern in ihrer Organisation.
Die Militarisierung ist nur ein Mittel zur
Organisation, ist nur die Reinigung des
Weges, der zur Unterordnung unter die Or-
ganisation führt, hauptsächlich unter eine
Organisation, die sich im besonderen auch
auf die Frage der Arbeitslöhnung, darunter
auch der Löhnung der Leiter, erstrecken
muß.
Gelingt es uns, diese Organisation, be-
sonders in ihren wichtigsten „lebendigen“
Grundlagen (Macht, Unterordnung, Leitung,
Verantwortung), schnell zustande zu
bringen, so kann alles gerettet werden;
wenn nicht, so wird nichts anderes helfen,
Bei Fehlen der nötigen Organisation, bei
Sinnlosigkeit und Ergebnislosigkeit der Ar-
beit, werden vor allem die ideellen, sozial
gestimmten Arbeiter den Mut verlieren,
denn sie wird die ganze neue Art der Arbeit
enttäuschen; darauf werden auch diejenigen,
die aus persönlichem Interesse arbeiten, die
Arbeit ablehnen, weil nichts vorhanden sein
wird. um sie für die Arbeit zu entschädigen.

"”) 1. Beilage zu Nr. 25 des
missariats der Verkehrswege, S.2.

Bulletins des Volkskom-

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Und die Militarisierung wird erst dann eine
ieere Form sein, ‘unfähig, dem Arbeits-
prozeß einen nützlichen Inhalt zu geben.

Mit einem Wort, die Organisation wird
uns retten, das Fehlen von Organisation
wird uns verderben,

Wer wird uns nun diese Organisation
geben? Wer wird sie ins Leben umsetzen ?
Wer wird sie, vom allgemeinen Wirtschafts-
plan für ganz Rußland an bis zur letzten
Arbeitsleistung in der Fabrik, auf der Eisen-
bahnstation, am Verteilungspunkt, in der
öffentlichen Speisehalle usw. durchführen?

Vorallem wirdsieuns von den
Führern des jetzigen Sowjet-
rußland, diesichaufdie Kommu-
nistische Partei und überhaupt
aufdas Proletariat stützen, ge-
geben und ins Leben umgesetzt
werden. Sie werden in diese
Sacheihren grundlegenden Wil-
len und ihren Glauben hinein-
bringen. Sie werden mehr als
irgend jemand von der Idee be-
geistert werden. Sie werden
Propaganda und Agitation ent-
falten, werden mit dem Hammer
ihres Glaubens aus den Massen
Funkender Begeisterung schla-
gen. Miteinem Wort, sie werden
inbezug auf die Organisation
der Arbeit dasselbetun, was sie
in bezug auf die Organisation
der Roten Armee getan haben.
        <pb n="34" />
        Aber wie für die Organisation der Roten
Armee, so ist dieses auch für die Organisa-
tion der Wirtschaft zu wenig. "Die Organi-
sation verlangt fachmännische, technische
Kenntnisse, Verwaltungstalent, Fähigkeit,
Ehrlichkeit und Gewissenhaltigkeit bei der
Anordnung und bei. der Ausführung. Und
das alles in einem Umfange, daß weder die
kommunistische Partei noch das Proletariat
dieses geben kann. Vor allem natürlich
fachmännische, technische Kenntnisse. Das
ist jetzt offen anerkannt bezüglich der Roten
Armee, die, nach der besten Berechnung,
3 Millionen Mann umfaßt hat, das muß aber
auch in noch größerem Maße bezüglich der
Organisation der Wirtschaft anerkannt
werden, wo es sich um mehrere zehn Millio-
nen handelt.

Uebrigens ist auch‘ dieses schon aner-
kannt. - Lenin hat in seinen letzten Reden
beharrlich darauf hingewiesen, daß bei der
Organisation der Wirtschaft, wie überhaupt
bei dem ganzen proletarischen Schaffen, die
ganze, hierzu taugliche Erbschaft ausgenutzt
werden muß, die uns der Kapitalismus hin-
terlassen hat. Den wichtigsten Bestandteil
dieser Erbschaft bildet der geistige Reich-
tum, der sich im Schoße des kapitalistischen
Zeitabschnittes angehäuft hat: Wissen,
Fähigkeit, Organisationstalent, Gewissen-
haftigkeit. Alles dieses ist in den Leuten
verkörpert, die von dieser Seite’aus das ka-
pitalistische Gebäude des Lebens unter-
stützt haben und die in ihrer Gesamtheit die

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Intelligenz des Landes oder, noch umfassen-
der seine gebildete Klasse heißen. Und wie
die früheren Offiziere zur Organisation der
Roten Armee herangezogen worden sind, so
muß die ganze frühere Intelligenz, die ganze
frühere gebildete Klasse, zur Organisation
des wirtschaftlichen Lebens herangezogen
werden. Nach dem maßgebenden Zeugnisse
des Leiters unseres ganzen Militärwesens,
L. Trotzki, war die Heranziehung der alten
Offiziere das einzig richtige Mittel zur Or-
ganisation der Armee, und hat uns, unge-
achtet einiger einzelner ‚Unebenheiten, den
vollen Sieg gesichert. Um wieviel mehr
haben wir Grund zu sagen, daß auch die
Heranziehung der Intelligenz das einzig
richtige Mittel zur Organisation der Volks-
wirtschaft sei und daß nur sie uns den Sieg
des an dem wirtschaftlichen Verfall zu-
grunde gehenden Landes sicherstellen
könne?
Ja, die Heranziehung der Intelligenz,
alles dessen, was in Rußland gebildet, be-
fähigt, erfahren, ehrlich, gewissenhaft ist, —
ist durchaus notwendig. Ohne dies ist die
Rettung unmöglich.

Wir glauben aber, daß hier nicht nur
dieses, sondern noch etwas anderes gesagt
werden muß. Die Intelligenz muß zur
Verwirklichung der Arbeitsaufgaben des
neuen Rußland aufgefordert werden und sie
wird jetzt aufgefordert, wird von
den maßgebendsten Leitern Sowjetrußlands
aufgefordert.
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        Die Intelligenz muß aber die-
sem Ruf folgen, muß sich kopf-
über in diese Sache stürzen, —
nicht aus Furcht, sondern aus
Gewissenspflicht. }

Die Lage unserer Intelligenz
im Laufe der gegenwärtigen so-
zialen Revolution war Keine
leichte. Die Bewegung nahm
einen solchen ozeanischen Um-
fang an, daß die Intelligenz vor
allem beiseite geworfen wurde,
— undnichtnur beiseite gewor-
fen wurde, sondern in eine Lage
geriet, die äußerst schwer war
und Leiden verursachte. Das,
was vorging, war nicht allen
klar. Viele warenaus diesem An-
lasse verschiedener Meinung.
Vielenschienes, daß das, was vor-
geht, mitihrenbesten Ueberzeu-
gungenim Gegensatz stehe. Da-
durch sind auch die Versuche, den Gescheh-
nissen entgegenzuwirken, zu erklären; diese
Versuche nahmen ein Schlechtes Ende.
Jedenfalls war der Gang der Ereignisse ent-
schlossen, grausam, blutig.

Jetzt ist das alles überlebt. Die Sowjet-
republik geht von der Zerstörung zum Schaf-
fen über. In ihrer Tätigkeit ist an die Stelle
des Finsteren, Grausamen, Blutigen, das
Lichte, Freudige, Wohltuende getreten. Sie
geht an die Verwirklichung jener Wahrheit
— der Befreiung der Arbeit, des Aufbaues
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der Wirtschaft und der Kultur ohne Ausbeu-
tung des Menschen durch die Menschen —
die eine Wahrheit des Weltalls, eine allge-
mein menschliche Wahrheit ist. Was kön-
nen wir IntellektueMen, beson-
ders wir russischen Intellektu-
ellen, denn dagegen sagen? Was
gehthier gegen unsere Ueber-
zeugungen? Wogegen können
wir uns hier auflehnen und Ein-
spruch erheben?

Wiederholen, daß das eine „Utopie“ sei?
Daß das noch „unzeitgemäß‘“ und daher
nicht zu verwirklichen sei? Es ist aber
doch schon so viel Unerwartetes und soviel
Ungewöhnliches geschehen, daß manches
von unserer früheren Auffassung über Uto-
pie und Unzeitmäßigkeit als etwas veraltet
angesehen werden muß. Die Ge-
schichte befindet sich in einer
sojähen VWendung;werkönnte da
den Winkel dieser Wendung be-
stimmen? Die Mannigfaltigkeit
derAusdruckformendermensch-
lichen Natur, darunter auch der
Natur der Massen, ist so groß;
wo kann man da ihre Grenze
sehen?

Endlich — ist das Los einfach gefallen,
der Rubikon ist überschritten. Es gibt keine
Rückkehr mehr nach „jenem Ufer“, wenig-
stens keine glückliche Rückkehr. Wenn
wir unsere Arbeit, unsere Wirtschaft nicht
nach neuen Grundsätzen organisieren, So
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        steht uns der Untergang, der körperliche,
wie der sittliche, bevor. Die Hälfte unserer
Bevölkerung wird aussterben, die Ueber-
lebenden werden sich der Reaktion in die
Arme werfen oder, noch schlinimer, wer-
den einfach der ausländischen Besitzergrei-
fung und der ausländischen Räuberei zum
Opfer fallen... Zeigen doch schon die Be-
dingungen, unter denen jetzt mit uns „die
Frieden“ geschlossen werden, was wir zu
erwarten haben, wenn „jene“ unsere Bevöl-
kerung und unser Land erst in ihre Hände
bekommen.

Nein, wir wiederholen, das Los ist ge-
fallen, es gibt keine Rückkehr. Wir haben
nur einen glücklichen Ausweg aus der Lage:
Den neuen Aufbau des Lebens. Wenn er
verwirklicht sein wird, wird er uns den
körperlichen und den sittlichen Sieg ver-
leihen. Wir werden unsere Leben retten, wir
werden die Würde unseres Landes retten.
Rußland wird nicht nur sittlich nicht er-
niedrigt sein, es wird Ssittlich hochstehen.
Es wird nicht anläßlich des Geschehenen
den Kopf zu beugen brauchen. Es wird
das große Land mit den großen Taten blei-
ben. Und seine jetzige äußerliche Ernie-
drigung, seine jetzigen Leiden werden sein
großes Schicksal nur hervorheben. Um
„wieder aufzuleben“ muß man
erststerben. Oder man muß, nach dem
Ausspruche Wladimir Solowjews, Akte der
Selbstverleugnung vollziehen, um
seine würdige „Selbstbestimmung“ zu fin-
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LOS Sn 18,2 56
4en. Man muß der Vergangenheit ent-
sagen, um die große Zukunft zu finden.

Zu dieser großen Zukunft führt für uns
nur ein Weg. Der neue Aufbau. Lehnen
wir ihn ab, oder gelingt er uns nicht, so
tut sich vor uns ein Abgrund — körper-
lich und sittlich — auf. Besonders wenn
wir den neuen Aufbau ablehnen,

Die russische Intelligenz muß dieses
alles jetzt begreifen und dementsprechend
handeln. Seinem Volke helfen, dessen
Wirtschaft und Kultur nach neuen Grund-
sätzen zu organisieren — das ist von
jedem Standpunkte aus eine lichte, reine,
heilige Sache, — eine Sache, von der die
Intelligenz träumte, für die sie seit dem
Ende des 18. Jahrhunderts ihr Leben ge-
jassen hat. Wenn der Arzt jedem
Kranken mit seiner. Kunst helfen muß,
kann dann der Gebildete, der seit jeher
von seiner „Pflicht“, dem Volke zu Hilfe
zu eilen, sprach, dessen Arbeit „erkrankt“,
zerrüttet ist, — kann er dann anders, als
sich ganz und gar, mit Leib und Seele,
der Sache der Wiederherstellung der
Volkswirtschaft zur Verfügung zu
stellen?

Alles, was erfahren, gewandt, ehrlich,
gewissenhaft, gebildet ist, muß sich sofort
der Organisation der Volksarbeit widmen.
Man muß dem Volke helfen, mit dem Un-
glück fertig zu werden, das Volk aber
wird dafür der Intelligenz hundertfältig zu
Aanken. wissen. Andernfalls erhält es‘ das
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        Recht, der Intelligenz ewig Vorwürfe zu
machen.
Zum Schluß noch eins — ein letztes:

Was wird man in der Aufgabe der
Organisation der Volksarbeit und -wirt-
schaft für Erfolg halten können?

Es versteht sich, daß als voller, endgül-
tiger Erfolg nur eine solche Erhöhung der
Produktivität der Arbeit zu betrachten ist,
die die kapitalistische Produktivität über-
steigt. Dieser volle Erfolg jedoch — das ist
nicht der Erfolg, den wir augenblicklich, im
Laufe der nächsten 6 Monate, brauchen.
Dieser letztere Erfolg kann im Mindest-
maße bestehen, dieses Mindestmaß aber ist,
Aufhalten des Verfalls. Bis jetzt ist
unser Verfall vorwärts geschritten, hat sich
vergrößert. Man muß ihn aufhalten.
Man muß ihm ein Ende bereiten. Wenn uns
dieses gelingt, so wird das heißen, daß wir
einen Stützpunkt für die Arbeit gefunden
haben, daß der Hebel tätig ist, daß wir die
Lage beherrschen.

Und dann werden wir die erste Stufe
als erreicht betrachten können. Dann wer-
den wir neue Kräfte spüren; dann werden
Mut und Glauben an die Erreichung des
terneren Erfolges uns erfassen.

Augenblicklich aber, in nächster Zeit
muß der Sturz in den Abgrund aufgehalten
werden. Und vor allem muß dieses auf
dem Gebiete des Transports geschehen.
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spannung, in der Form‘ der
s»keit — durch, wenn man sich
a en darf, Ausbrüche mensch-
ft, die von kurzer Dauer oder
ind; im Gegenteil, die Arbeits-
45 angt beharrliche, beständige,
jannung. Die Kampftätigkeit
h unter besonderen, außer-
sozusagen feierlichen Umstän-
It den Menschen vor das An-
Todes, und hier können dem
ır uneigennützige oder gesell-
eweggründe helfen und die
andeln verleihen; persönliche,
Beweggründe können hier der

;s Menschen nur hinderlich
Arbeitstätigkeit vollzieht sich,
unter gewöhnlichen, werk-
Ständen, die an und für sich
iss Menschen durchaus nicht
ist das Tätigkeitsfeld, wo die
selbstsüchtigen Antriebe des
usagen unausrottbar ist, hier
= rkung und ist sie vorhanden,
: rmal und gesetzlich. Das ist
A wir Menschen uns gegensei-
frweisen und wo niemand für
 msonst arbeiten will. Frei-
?se Ordnung wahrscheinlich
itehen, wie sie ja auch schon
in der Familie nicht besteht.
‘bertragung über die Grenzen
hinaus wäre nur bei einer
ıng der Selbstlosigkeit in der

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