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        <title>Kartelle und Trusts und die Weiterbildung der volkswirtschaftlichen Organisation</title>
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            <forname>Robert</forname>
            <surname>Liefmann</surname>
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        </author>
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            <idno>1027362389</idno>
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        <pb n="5" />
        Bücherei der Rechts- und Stanfekunde

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Band 19 ==--Drof,

 De. R. Liefmann, Kartelle und Teufta und Öfe
Weiterbildung der volkswirtfdhaftlichen Organifation
        <pb n="6" />
        Kartelle und Trufts
und die Weiterbildung Der vOltSwirt/haftlichen
 Organffation

JA

Prof. Dr. Robert Liefmann
Srveiburg i. B.

Vierte, erweiterte und verbefferte Auflage
(15.—17. Taufend)

(UN

Stulfgart 1920
Derlag von Ernft Heinrich Mori (Inh. Franz Mittelbadh)
        <pb n="7" />
        Di

Alle Rechte, insbejondere das der Überjekung, vorbehalten.

Copyright 1920 by Ernit Heinrich Moriß
(Znb. Stanz Mittelbadh) in Stuttgart.

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Drud der Engelhard-Reuherfhen Hofbuchdruderei in Golha,

Buches
Jahreı
tilchen,
getrett
Schrift
gewidt
Organ
es nöf
einzug
3deal
Zwang
wirflid
zialifie)
und es
gefelljc
den w
Feiner
war es
fonder:
        <pb n="8" />
        Dorwort.

1.

Die im Jahre 1918 erfchienene dritte Auflage diefes
Buches von 4400 Eremplaren war in noch nicht zwei
Jahren vergriffen. Inzwijhen find die gewaltigen poli”
tijdhen, wirt[qhaftlihen und fozialen Umwälzungen ein:
getreten, in denen wir noch) mitten inne ftehen. Da diefe
Schrift der Befchreibung derjenigen Wirtfchaftsbildungen
gewidmet ift, die vor allem beftimmt [qheinen, die heutige
Mrganijation des Taufchverfehrs weiterzubilden, fo war
2s nötig, auch) auf die heute fo wichtigen Beftrebungen
einzugehen, die ein allerdings nur fehr unklar erfaßtes
3Jdeal einer neuen Wirtjhaftsordnung im Wege des
Zwanges, unter Benugung der politijden Macht ver
wirfliqdhen wollen. Natürlich Fonnte aber die ganze So:
zialifierungsfrage in diefem Buche nicht behandelt werden,
und es jet ausdrüdlid) betont, daß zu den rechtliden und
gefellihaftlihen Sorderungen des Sozialismus, die von
den wirtjhaftlihen wohl zu unterjdheiden find, hier in
feiner Weije Stellung genommen ijt. Unfjere Aufgabe
war es nur, die monopoliltijichen Dereinigungen einer bejonderen
 Wirtjchaftsgruppe, der Unternehmer, 3u "Ihil:
        <pb n="9" />
        VI

Dorwort.

dern [jowie die fonftigen Organifationen, die von ihnen
in neuerer Zeit gejhaffen worden find, und in denen Anjäße
 zu einer organijhen Weiterentwidlung unferer Wirtjchaftsordnung
 zu liegen feinen. Deren Kenntnis ift
die Dorausfeßung für die Beurteilung der heute fo vielfad)
geforderten radikalen Eingriffe in unfjer Wirtjchaftsleben,
die, mögen fie aud) eine Zeitlang und in einzelnen Ländern
durch die politijhe Macht erzwungen werden, doch auf
die Dauer und in der ganzen Welt fidh nur dann durchjeßgen
 werden, wenn fie mit den natürlidhen Entwidlungstendenzen
 des Wirtfhaftslebens übereinjtimmen. CEinftweilen
 find die privaten Unternehmungen nod) die Zellen
des heutigen Wirtfchaftsorganismus, und auch einlichtige
Sozialiften erfennen, daß diefe Zellen nicht ohne weiteres
zerftört werden Können, ohne die ganze BedarfsverJorgung
eines Dolfes aufs fhwerfte zu gefährden. Wenn Ddiefe
Schrift au) in ihrer neuen Auflage dazu beiträgt, ohne
Dorliebe und Haß gegenüber irgendeiner Wirtfhaftsform
eine tiefere Einjicht in den Bau des heutigen Wirt[haftsförpers
 anzubahnen, ift ihr Zwed erfüllt.

Sreiburg i. B. im September 1920.

Robert £iefmann,
        <pb n="10" />
        Inhaltsüberficht,

Seite
Kap. I: Wefen und Entjtehung der Kartelle, 1—45
1. Wirt[qhaftliqghe Dereine, Derbände und
Gejellfhaften. Die Kartelle gehören zu den
Derbänden, die Trufts find GefelljhHaften von Unternehmungen.
 Allgemeine Bedeutung beider. . ..
Wefen der Kartelle. Monopolzwed, Unter:
idheidung von Dereinen, Sufionen und Trufts, Abnehmerverbänden,
 Corners und Ringen, Koalitionen
;m Bandwerk ... 0.0.0 x
Entftehung der Kartelle. Eigentümlidhfeiten
 der modernen Unternehmung. Konkurrenz:
fampf. Eltejte Gefchichte der Kartelle in Deutichland.
Derhütung ungünftiger, Ausnugung günitiger Konjunfturen
 +. 2.

UmfangdesKartellwefens in Deutjdland.
Gewerbe, Landwirtjchaft, Handel, Derfhiedene Kartellierungsfäbhigfeit.
 Internationale Kartelle. . . .
Sormen der Kartelle. Preis-, Produktions-,
Gebietsiartelle. Auftrags-, Angebots:, Gewinnverteilungsfartelle.
 .
Allgemeiner Charakter der heutigen
wirtfqhaftlidhgen Kämpfe. Der Kampf mit
den Kunden, Die Kämpfe der wirtfdhaftlihen Or:
ganijationen . . . 0.000000 0 00a
Kap, 11: Die Wirkungen der Kartelle für die betreffende
Indujtrie felbft. 45—96
Wirkungen auf die kartellierten Unter:
raehmer: Böberer Gewinn, Derminderung des

37
        <pb n="11" />
        ViI

5.

it
Rifilos. Größere Machtitellung. Wertiteigerung dert ‘
Unternehmung. Befchränfung der Selbjtändigkeit.
Umbildung der wirtfchaftlihen Anfchauungen der
Unternehmer .....
Wirkungen auf die Ausdehnung der
fartellierten Jndufjtirien Überblid über
die Entwidlung des Kalibergbaues und des Kohlenbergbaues
 unter dem Einfluß der Syndikate. . . .
Wirkungen auf die Außenftehenden:
Niederfonkurrieren, Auffaufen der Konkurrenten,
Zwang der Abnehmer zu ausfjchließlihem Derfkehr,
Sperre, Treurabatt, ausfchließlidher Derbandsverkehr
Wirkungen auf die Arbeiter: Höhere Löhne
und gleidhmäßigere Befchäftigung. Entwidlung des
Großbetriebes und der Unternehmerorganifationen
verfchlechtert die Stellung der Arbeiter, Andererfeits
fördern die verfchiedenen beiderfeitigen Organifationen
den fozialen Srieden . . . .
Wirkungen auf den tedhnifdhen Sort-IhHrittim
 Gewerbe. Sörderung der Sufionsund
 Kombinationstendenz . ....

Inhaltsüberficht,

I0

Kap. IN: Die Wirkungen der Martelle auf die Abs
nehmer, 96—149
Wirkungen auf die legten Konfumenten:
Höhere Preife, befonders bei finkender Konjunktur,
Korrektive gegen Preiserhöhungen: neue Konkurrenten,
Ausdehnung der Produktion . ..... 0.044
Wirkungen auf die Weiterverarbeiter
imallgemeinen: Gleichftelung aller. Größere
Sleihmäßigkeit der Preife; Mittel, fie herbeizuführen.
Die reinen Weiterverarbeiter, die großen Lombinierten
Werfe und die Kartelle in der Eijeninduftrie . . .
Wirkungen der billigeren Auslandsverfäufeimbefonderen:
 Derfhleuderung nationaler
 Güter. Schmälerung der Konkurrenzfähigfeit
dur) die hohen Inlandspreife, Billiger Erport im
        <pb n="12" />
        Inhaltsüberficht.
Auslande oft nicht erwünfcht und ihm nicht von Nuken.
Ausfuhrvergütungen. . . ..
Wirkungen auf die Händler: Abhängig von
der Art der Ware. Der Kampf um die Konditionen,
Einwirkung der Preiskartelle auf den Handel. Bejhränkiung
 der Preisfejtfebungen des Handels. Auss
jhaltung des Großhandels, Kartelle der Händler
jelbit in Derbindung mit denen der Produzenten,
Einfluß der Kartelle auf den Detailhandel. Gegenwehr
dur Einfaufsvereinigungen. Derbandseigenproduk-Honm
 000000000404. Aa
Wirkungen der Kartelle in und nad dem
Weltkriege. Nuken der Organifation für die An:
paffjung an den veränderten Bedarf. Gleidhhmähigere
Preisgejtaltung und =verteilung, Nukgen der Kartelle
für die Übergangswirtfdhaft . . ......0 0 4 s
Kap. IV: Die amerifanijden Trujts. 149—200
1. Die Entwidlung monopolifjftifdher Ders
einigungen außerhalb Deutj{hHlIands.
England und Amerika im befonderen. Die Anwens
dungen der Trult-Inftitution. . . . . 58%
WefenundEntitehung der Trufts. Unter:
jheidung von Trufjts, Sufionen und Kontrollgefellihaften
 (Holding Companies).‘ Kontrollgefjellidhaften
(Trujts) mit und ohne monopoliftijdjen Charakter.
Gründe ihrer Entwidlung. Ungenügendes Aktienrecht.
zwei Beifjpiele von Kontrollgefjelliqdaften:
 Die Standard Oil Company und die
Rodefeller-Gruppe. Die Morgan-Gruppe und der
Stahltrujft . ... . ..
Sünitige Wirkungen der Trufts. Der:
billigung der Produktions- und Dertriebskoften, Dergleid)
 mit den Kartellen . ..
Ungünftige Wirkungen der Trufts, Gründungswefen,
 Schachteljyftem, verftärkte Macht weniger
Derionen . .. ..
        <pb n="13" />
        Inhaltsüberficht.
Seite
5. Die Betämpfung der Trujfs inAmerita
und in Deutjqhland. Amerikanijdhe Truftpolitif,
 insbefondere das Sherman-Gefjeß und die
Gejege von 1914. Aufgaben der amerikanijchen Truftpolitif.
 Der Kampf gegen einige amerifanijche Trufts
in Deutjcdland, insbefondere gegen den Tabatkirujt,
und der Plan eines Petroleummonopols . ....
Kap. V: Die Weiterbildung der volfswirtjqhaftl. Organifation
 unter dem Einfluß der Kartelle und
Trufts, 201—255
Die Weiterbildung der Kartelle. Ent
widlung 3u fefjt organifierten „Syndikaten“. Deren Bedeutung
 für eine größere Gleichmäßigkeit im Gewerbe 201
Kartelleund Kombinationsunternehmungen.
 Dorteile der lekteren, Sie fuchen teil:
weife die Kartelle zu fprengen. Unaünftige Lage der
„reinen“ Werte ..... . % 4 G
EntwidlungstendenzenanStelleder
Kartfelle: a) Intereffengemeinjdhaften; b) Beteiligungen.
 Derjchiedene Zwede, Kontrollgefell-Ihaften
 in Deutfchland. c) Sufionen, mit und ohne
monopolijtiidhen Charakter. . . .
Beilpiele der heutigen Organifjation
 ganzer Unternehmungs3zweige.
Eleftrifhe Induftrie und ihre Beteiligungs: und Sinan:
zierungsgefellfjdhaften. Petroleuminduftrie und ‚handel 226
Dergleidg ende Überficht der Konzentra«
tionsbewegung. Arten der Konzentration, Die
Kartelle demofkratijdher als die KontroNlgefellfdhaften
und Trujts, Einfluß der Banken. Dorzüge und Ges
jahren des „unperfönlihen Kapitalismus“, , ...
S$reie Konfiurren3, Privat- oder Staatsmonopol?
 Umfdlag der Konkurrenz ins Monopol.
Private Monopolbildungen bedeuten noch nicht
„Sozialifierungsreife”, Einzelne Staatsmonopole bedeuten
 feine Umgeltaltung der heutigen Wirtfchaftss

)
        <pb n="14" />
        3

Inhaltsüberficht,

XI
Seite

arönung. Nicht eine andere Organifation, fondern
sin anderes Derteilungsprinzip als das private Ges
winnitreben müßte gefunden werden . ..... . 248
Kap. VI: Die jtaatliqe Regelung des Kartellwejens, 255—306
1. Recqhtlidhe Regelung. YNichtigfeit wegen Der:
jtoges gegen die guten Sitten unmöglich. Kartell:
fommiffionen für die Preisfeftjegung. Ausländifjches
Kartellteht .... 1...

Kontrollmaßregeln. Anzeigepflicht, größere
Öffentlichteit. Reichsenquete, Reichsiartellamt, Übers
vachung nad) dem Kriege . ....0.0.0.0.0 4 us
Regelung der Erfkiufjionsverträge, Der:
pflidhtung 3u ausfchfießlihem Derfehr. MKontrahierungszwang
 . . ... .. . 0.
Zollpolitifjdhe Maßregeln. DBHerabfegung
und Aufhebung der Zölle, a) im allgemeinen; b) bei
billigerem Derfauf ins Ausland. Tatfjächlihe Maßvegeln.
 Zollerhöbungen: Antierportprämientflaufel.
Ausfuhrzölle. Zollfreier Deredlungsverfehr, Syfjtem
der Einfuhr[heine. Sreihandel .... 0.00.
Zzwangsfyndikate. Die Regelung der Kali:
indufjtrie. Eingriffe in das Kartellwefjen während des
Krieges, Tertilinduftrie, Zementinduftrie ufw. heran
siehung der Kartelle zur Befteuerung. . .....
Sozialijierung. Derftaatlidhung und bloße
taatlidje Regelung. Die Maßnahmen im Kohlenund
 Kalibergbau. Eifenindufjtries: und Elektrizitätswirtjdhaft.
 Möglichkeiten einer organi[dhen
Weiterentwidlung. . ....

263

268

271

786

206
        <pb n="15" />
        berı

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mac

fam
        <pb n="16" />
        I. Kapitel.

Wejen und Entitehung der Kartelle.

1. Wirtfjhaftlidhe Dereine, Derbände und GefeN-{OHaften.

In dem heutigen auf dem entwideltjten Taufhverkehr
beruhenden Wirt{qhaftsleben {tellt Fein Menfd die Güter
her, deren er felbjit bedarf, Jeder ijft darauf angewiefen,
lie fi von anderen gegen Geld zu bhefhaffen, und die
meijten Menfchen find aud) erwerbstätig, d.h. bieten
anderen Güter oder Leiftungen an, um mit dem Geldertrag
 ihre eigene Bedarfsbefriedigung ficherftellen zu
fönnen. So baben [id 3ahllofe fpezialifierte Erwerbstätigfeiten
 entwidelt, die man Berufe nennt. Yun
jehen wir, daß die Angehörigen diefer Berufe fie nicht
vollfommen ijoliert ausüben, fjondern daß fie rege Bes
ziehungen mit ihresgleihen judjen. Das ift von jeher Jo
gewefjen. Der einzelne Schuhmacher betrachtet zwar den
andern Schuhmacher wohl als feinen Gegner, weil er ihm
unter Umjftänden Kunden wegnimmt, ihm, wie man das
nennt, Konfurrenz macht. Aber troßdem beftehen zahlveihe
 Beziehungen 3zwijdhen und zu allen anderen Schubhmachern.
 Sie haben ja auch in größtem Umfang gemeinjame
 Jntereifen, den Gerbereien, den Lederfabriken, den
£iefmann, Kartele und ITruits. 4. Aufl.
        <pb n="17" />
        » I. Kapitel. Wefen und Entjtehung der Kartelle.

Cederhändletn, den Produzenten und Händlern aller
jonitigen von ihnen benötigten Produktionsmittel, den
S5chuhhändlern, den Konfjumenten, endlich audy der Regietung
 gegenüber, weldhe ihr Gewerbe regelt. Um alle
diefe Intereffen gemeinfjam geltend zu machen, bilden die
Schuhmacher unter fich Dereinigungen der verfhiedenften
Art, teils Iofal, teils territorial, teils vielleicht das ganze
Reid umfalfend, und heute, im Zeitalter der Druderjihwärze,
 haben fie in der Regel aud) ein Sachblatt, weldhes
die Zwede der Schuhmachervereinigungen vertritt, So
machen es heute alle Erwerbstätigen, und diefe Berufsvereinigungen
 fpielen im heutigen Wirt{qhaftsleben unter
derjhiedenen Namen und in verfchiedenen Sormen die
allergrößte Rolle.
WirtfqhaftlideDereinigungen oder Betufsvereinigungen
 ift der allgemeinite Name für
diefe Bildungen. Wenn man aber näher 3zujhaut, fo erfennt
 man, daß, abgefehen von den verfchiedenen Arten
von Wirtjhaftsfubjekten, welche fie fhließen, ihrer verjhiedenen
 Sorm und Organifation nach drei große Gruppen
von folgen 3u unterjheiden find, die man vielleicht
folgendermaßen harakterifieren kann 1):
1. Die wirt{qhaftliden Dereine oder Berufsvereine.
 Sie find die Iofejlten Dereinigungen — dies
die allgemeinjte, alle umfajjende Bezeihnung — von
Wirt[chaftsfubjeiten. Sie bezweden nur die gemeinfame
Dertretung der wirtjhaftliden Intereffen ihrer Mitglieder,
jet es andern Wirt{qhaftsfubjeiten, fei es der Regierung
gegenüber, greifen aber nicht in die wirtiqhaftlidhe
 Tätigkeit ihrer Mitglieder ein.
Da fie in der Regel nur die Angehörigen eines und des-‘),

 Zuerfjt entwidelt in meiner Schrift: „Die Unternehmers
verbände“, EEE Abhandlungen Der badijhen Hodidhulen,
 Band I, Heft 1. 1897.

lelbe.
man
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nur
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ichaft
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        <pb n="18" />
        aller
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des:

mer»
Boch:

1. Wirtfhaftlidhe Dereine, Derbände und Gejelijhaften. 3
felben Berufes oder „Saches” zujammen/|cAhliegen, fpricht
man au von Sad vereinen. Dabhin gehören 3. B.
die fogenannten Gewerkvereine der Arbeiter, joweit fie
nur nad) außen hin deren Interejjen vertreten und nicht
direkt ihre wirtfchaftlidhe Tätigieit regeln (f. Nr. 2), dahin
die zahllojen Berufsvereinigungen aller fonftigen WirtjIchaftsperjonen
 in Landwirtjchaft, Indufjtrie, Handel, Transportwefjen,
 den freien Berufen ujw., in denen fi Wirt-Jhaftsperfonen
 gleicher Art zweds gemeinjamer Dertretung
ihrer Interefjen zujammengefchloffen haben. So, wenn die
Detailhändler in ihren Organijationen gegen die Warenhäufer
 und Konfjumvereine bei der Regierung für eine
Gefjeggebung gegen fie fämpfen, wenn in diefer oder jener
Indujtrie Sachvereine für einen ftärferen Zolidhugs, für
Erleichterungen im Tarifverkehr, für Derminderung der
joziaIlpolitijdhen CLalten u. dgl. eintreten; wenn die Beamtenvereine
 für Neuregelung der Gehalts- oder Penfionsordnung,
 für Gleichftellung mit einer anderen Beamtenfategorie,
 für Neuregelung ihres Titelwejens agitieren
ufw. ufw. Aus folden Berufsvereinen aber ent:
widelt fi die zweite, fejtere Dereinigungsform,
2. die wirtfhaftlihen Derbände oder Berufsverbände,
 wenn die Mitglieder 3zu einer
befitimmten Geijtaltung ihrer wirt|dhaftlien
 Tätigkeit im Hinblid auf den gemeinjamen
 Z3wed veranlaßt werden. Aljo 3. B.
wenn die Mitglieder eines Gewerkvereins nicht nur für
£ohnerhöhungen agitieren, fondern verabreden, daß fie
unter einem bejtimmten Mindefjtlohn feine Arbeit nehmen,
die Arbeit niederlegen wollen; oder wenn die Detailhändler
lid verpflichten, nicht mehr bei Sabrifanten 3u Kaufen,
weldhe au an Warenhäufer liefern; oder wenn die Unternehmer
 in einer Jndujtrie vereinbaren, die Arbeiter, die
geftreift haben, nicht mehr einzufjtellen, oder an die Händler,
{x
        <pb n="19" />
        4

I. Kapitel. Wejen und Entjtehung der Kartelle.

die beim Deriauf nicht die feftgefeßten Preife einhalten,
nicht mehr zu liefern ufw. In allen foldjen Sällen fommt
es über die bloße Dertretung der gemeinfjamen Interelfen
in den Berufsvereinen hinaus, nicht innerhalb der:
jelben, 3u einer gegenfeitigen Derpflihtung der Mitglieder
 auf ein beftimmtes Tun oder Unterlaffen im Hinblid
auf ihren gemeinjamen Zwed, alfo zu einer Bejdhräniung
ihrer wirt/dhaftlidhen Sreiheit in einem beftimmten Punkte,
einer Regelung ihrer Wirt/qhaftstätigfeit durch gemeinjame
 Derabredungen.
3. Die wirt/qhaftlihen Gefellf{hHaften find dann
die dritte Dereinigungsform. Es find die Dereinigungen
 mehrerer Wirt[dhaftsfubjektez3zu
gemeinjamer wirt[qhaftlidher Tätigfeit.
Au) fie Iommen wieder in fehr verfhiedenen Sormen vor,
von der Dereinigung ganz weniger Perfonen in der offenen
Handelsgefelljdhaft bis zu den Alfktiengefellfchaften, in
denen fich eine unbegrenzte Zahl von Perjonen an einer
Unternehmung beteiligen fann. Au) die Genoffenjdhaften
in ihren verjdhiedenen Sormen gehören hierher; auch in
ihnen fchließen fih Wirtfchaftsfubjekte gleicher Art zu einer
gemeinjamen wirt{qhaftlidhen Tätigkeit zufjammen.!)
Es fjei nun gleich hier betont, daß die Kartelle,
mit denen wir uns zuerft befchäftigen wollen, zur zweiten
Gruppe wirt/chaftliher Dereinigungen, zu den Derbänden,
 gehören, es find Unternehmerver:-bände,
 während die Tru fts, denen wir uns [päter zuwenden
 wollen, zur dritten Gruppe gehören, es find
Unternehmergefellfhaften. Dod) ift damit
bas Wefen beider Oraganijationen noch nicht voll beitimmt.

1) Über die verfchiedenen Selen und Genofjenfchaftsformen
 unterrichtet mein im gleiden Derlag erfdhienenes Buch:
‚Die Unternehmungsformen“, Stuttgart 1912, das als Ergänzung
Siefes Werkes zu betrachten ilt.

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        <pb n="20" />
        1. Wirtihaftlidhe Dereine, Derbände und Gefellfhaften. 5

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 Mit-Hinblid

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 Buch:
‚dnzuna

Aber das erfennt man [Hhon, daß man nicht alle Derbände
von Wirtichaftsperfonen irgendwelcher Art Kartelle nennt,
jondern nur folge von Unternehmern, aljo 3. B.
nicht die Derbände der Arbeiter, die Gewerkvereine. Und
doch möchte ich hier gleich betonen, daß die Organijation
und die Art ihres Eingreifens in das Wirt{haftsleben bei
den Kartellen der Unternehmer und den Gewerkvereinen
der Arbeiter ganz die gleiche ijft. Gerade heutzutage ift
es wichtig, das zu erfennen, wo die Derbände der Arbeiter
denen der Unternehmer an wirt[haftlidher Macht und an
Einfluß auf das Wirtjhaftsleben im allgemeinen völlig
gleich geworden find. —
Aber worin befteht nun der Einfluß der Kartelle Jowie
aud) der Trujts auf das Wirtjhaftsleben? Nun, davon
hat fi jeder in Deutf{chland f[hon felbit überzeugen fönnen.
Denn feit einigen Jahrzehnten wird jedermann mehr oder
minder {tarf von ihnen beeinflukt, nicht nur in Deutiche
land, fondern man Iann fagen: in der ganzen Welt.
Welche Hausfrau hätte nody nicht, als fie fid beim
Einkauf darüber wunderte, daß der Zuder oder der Spiritus
 wieder teurer geworden, vom Kaufmann die Antwort
erhalten: „Ja, das Zuder- oder das Spiritusfartell
 hat feit vorigem Monat die Preife erhöht!“
Wer hätte noch nicht über die hohen Kohlenpreije geklagt
und dann vom Händler die Antwort befommen: „Das
Kohlenfyndikat will eben mit den Preijen durchaus
 nicht hinabgehen und es befhränkt auch uns Händlern
unfern Derdienft auf das äußerfte“! Wer hat nicht vor
dem Weltkriege in den Städten die eifernen Tonnenwagen
der Deutjh-Amerikanijhen Petroleumgefelljhaft herumfahren
 fehen und erfahren, daß das Petroleum fo teuer
jei, weil der große ameriianijde Petroleumtru ft
den Hauptteil der Weltproduktion an diejfem immer noch
unentbehrlihen Leuchtmittel „fontrolliere“. Und wem
        <pb n="21" />
        6 I. Kapitel. Wefen und Entjtehung der Kartelle.

ft nicht bei der Nennung des Wortes Petroleumtrujt mit
einem gewifjfen ehrfürchtigen Schauder der Gedanke an
amerifanijdhe Milliardäre gelommen — manch einer hat
auch wohl {hon den Namen Rodefeller gelefen —, die mittels
jener Wagen, den Derkörperungen des Trujts, fidh auch
in den entlegeniten Orten felbit die ärmiten Leute tributpflichtig
 machen!
So find es zumeijt feine angenehmen Empfindungen,
unter denen das große Publikum mit den Kartellen und
Zrujts die erfte Bekanntichaft macht, denn fie erfolgt immer
in dem Augenblid, wo man mehr bezahlen foll, als man
gern möchte.
Es ijt fein Wunder, daß mit wirtihaftlidhen Erfcheinungen,
 deren Wirkungen fo weit reihen, aud die Öffentlichfeit
 fidh in hohem Maße befchäftigt. Kein Tag vergeht,
ohne daß die größeren Tageszeitungen in ihrem Handelsteil
 Berichte über das eine oder andere Kartell bringen.
Ob diejfes Kartell zujtande kommen, jenes fihh auflöfen
wird, das find Sragen, die in der Tat die ganze Doliswirt{dhaft
 im höcditen Maße intereffieren. Daher wird
aud) an den Zentralftellen des Kapital- und Warenmartktes,
an den Börfen, den Dorgängen auf diejem Gebiete die
größte Beachtung gejchenit. Der Abfchluß oder die Auf-[öfung
 eines Kartells, Nachrichten über ihre Preisfeltjegungen
haben bedeutenden Einfluß auf die Preije aller börfenmäßigen
 Waren und auf die Kurfe aller Wertpapiere und
wirken dadurch auf die ganze Stimmung im Wirtfhaftsleben
 ein.
Die größte Bedeutung aber haben Kartelle, Trujts und
verwandte Erfheinungen natürlich für die betreffenden Gewerbe
 felbit. Die Derhältnijje der Produktion und des Abjages
 werden volllommen umgeltaltet, ganz neue wirt-Ichaftlihe
 Einrichtungen bilden [id aus, und es [heint, als
ob die heutige Doliswirtidhaft durch fie von Grund aus umgel


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        1. Wirtfchaftlidhhe Dereine, Derbände und Gejelljhaften. 7

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geitaltet werden follte. Daher ift es auch fein Wunder,
wenn heute die Erörterungen über die „Sozialifierung“
vor allen au) an diefe Bildungen aninüpfen.
Aber ihre Wirkungen befhränfen fidh nicht auf die einzelne
 Dolfswirtjhaft. Der Petro Teumtruft, den
wir fon erwähnten, überfpannt die ganze Welt mit feinem
Einfluß. In China jtredt er zur Erlangung wichtiger Konzeffionen
 der Regierung große Geldmittel vor, in Merifo
ijt er beim Kampfe um die ÖNändereien mit den englildhen
Kapitalijten zweifellos einer der Hauptanfjtifter der dortigen
Wirren gewefen, im Deutjdhen Reiche fuchte er mit Macht
den Plan eines gegen ihn gerichteten Petroleummonopols
zu verhindern. Überall, wo ÖI gefunden wird, [ucht er fich
Einfluß zu fihern; außerdem aber legen feine Hauptbeteifigten
 ihre gewaltigen Gewinne in den verjhiedenjten
anderen amerikanijhen Erwerbszweigen, namentlid im
Bergbau und in den Eijenbahnen, an.
Diefer, wenn auch nicht größte, jo doch wohl wichtigite
und binjichtlid feines Interejfjengebietes internationalite
Truft der Welt hat aber Nebenbuhler in andern Indujtrien,
die ihm in bezug auf Internationalität wenig nachjtehen.
Unfere großen Elektrizitäts-Konzerne“ 3. B.
umfalfen mit ihren Tochtergefelljhaften und Silialen die
verfchiedeniten Länder, die großen deutfchen Sch ifffahrtisgefellfhaften
 hatten vor dem Kriege von
allen derartigen Unternehmungen das größte, den ganzen
Eröball umfajfende Tätigkeitsgebiet, die große hemijche
Zn dufirie Deutfhlands verforgt mit ihren Erzeugnifjen
die ganze Welt. Aber auch wenn jich die einzelnen Unternehmungen
 hauptfächlih auf die Derforgung der eigenen
Doliswirt/haft bejchränken, jtehen fie do durd internationale
 Kartelle mit den Unternehmungen anderer
 Länder und ihren Organijationen im engijten Zujammenhang.
 Immer mehr nehmen diefe internationalen
        <pb n="23" />
        B XI. Kapitel. Wefen und Entjtehung der Kartelle,

Kartelle an Bedeutung zu, die Konkurrenz auf dem Weltmarit
 wird durch fie einge[Mränkt, durd) ausländijche Silialen,
 gegenfeitige Beteiligungen werden die Schranken
der nationalen Doliswirtjhaft verwifjcht. Die Kartelle und
Trufts, und was mit ihnen zufjammenhängt, find fo der
Höhepunit des „modernen Kapitalismus“, des alle tednifhen
 Errungen{haften im Interefje der eigenen Gewinn:
erzielung ausbeutenden Unternehmungsgeijtes, dem die
heutige Welt ihre Bedarfsverforgung anvertraut hat.
So jtand die moderne wirtjhaftlihe Entwidlung, als
die fünf Jahre Kamen, weldhe eine völlige Umwälzung des
wirt|qhaftliden Lebens in der ganzen Welt mit {ih bringen
jollten. Bejonders [wer traf und trifft diefe Umwälzung
Deutjhland, das [hon im Kriege fein Wirtjhaftsleben am
meijten umgeltaltet hatte und nun noch) die völlige Deränderung
 feiner gefamten wirt{haftlidhen Grundlage über
lich ergehen laffen muß, die ihm dur den $riedensvertrag
auferlegt ijft. Dazu famen dafin noch die politijihen und
jozialen Umwälzungen, weldje auch auf dem wirt|qhaftlichen
Gebiet den ftärkften Einfluß ausüben und jedenfalls die
Macht und den Einfluß der Arbeiterorganijationen gegenüber
 den anderen wirtjhaftlihen Dereinigungen aukßerordentlich
 gefteigert haben. Die wichtigiten von ihnen, die
jozialdemofratijdhen Gewerkvereine, jahen von jeher die
Befeitigung der privaten Unternehmungen und die Sozialijerung
 der Produktionsmittel als ihr Ziel an und betradhteten
 Kartelle und Trujts nur als Ießte Stufe der {apitaliltijhen
 Wirtfjdhaftsordnung vor Eintreten der fozialiftifchen,
Inwieweit diefe Gedanken und Ziele auf die Kartelle und
Trujts einwirken werden, das [oll hier aud) erörtert werden,
joweit es heute fcdjon möglich ift.
Jedenfalls ijft unter dem Einfluß diefer Derhältniffe der
Gang der wirtfhaftlidhen Entwidlung außerordentlich viel
jhneller geworden, und der Saß zedewnos AOTNO NAVTWV,

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        2. Wejen der Kartelle. 9

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der Krieg ift der Dater aller Dinge, hat fid} hier wieder
einmal als richtig erwiejfen. Infolgedejfen ijt der Zufjaß
zum Titel, den diefes Buch fhon feit der 2. Auflage (1910)
bringt: „und die Weiterbildung der volfswirt[haftlichen
Mrganifation“, jegt von noch viel größerer Bedeutung
geworden.
Neben den Kartellen und Truflts, den beiden
ältelten und zuerft beobachteten Erjheinungen, haben wir
ihon in der 2. Auflage noch 3zahlreihe andere Weiterbildungen
 betrachtet, wie die Intereffengemeinidaften,
 die Beteiligungen, die fogenannten
Konzernbildungen ujw. Beute nun erhebt jich
viel dringender als früher die Srage: Was wird aus all
diefen Organifationen? Sollen fie alle befeitigt und durch
die allgemeine Sozialifierung erfeßt werden? Dieje Srage
umfchließt fo umfangreihe Probleme, daß von ihnen allen
hier, nicht die Rede fein Kann. Aber immerhin muß uns
aud) die Srage der Weiterbildung der voliswirtfhaftlidhen
Oraanifationen in der Zukunft am Schluffe kurz befchäftigen.

2. Wefjen der Kartelle,
Wir wollen jegt zunächit verfuchen, uns über Begriff
 und Wefjfen der Kartelle und Trufts
Har zu werden.
Im Sprachgebrauch des gewöhnlihen Lebens werden
die Bezeihnungen Kartelle, Ringe, Trulfts,
Syndikate gleidhbedeutend und zwar alle mit möglichft
 unbeftimmter Bedeutung gebraucht. Einer befannten,
leider nody immer fehr verbreiteten, [Aledhten deutjchen
Gewohnheit entjpridht es dabei, daß insbejfondere das
englilhe Wort Truft und das aus dem Sranzöfijchen
übernommene Syndikat ih der größten Beliebtheit
        <pb n="25" />
        10 I. Kapitel, Wefen und Entjtehung der Kartelle.

erfreuen. Zwar ijt das Wort Kartell, das die nationalöfonomijhe
 Wilfenfchaft neben der Bezeichnung
Unternehmerverbände anwendet, auch nicht
rein deutfhen Urfprungs, aber immerhin in Deufchland
und für die zuerft bei uns beobachteten Erfcheinungen
geprägt worden. Nicht felten ijt es mir aber vorgefommen,
daß, wenn ih auf die Srage nad) meinem wilfen{chaftlien
 Spezialgebiet erwiderte: „die Kartelle“, der $rageiteller
 austief: „Ah, Sie meinen die Trults“, Dies, obwohl
die deutfchen Kartelle viel älter find als die amerifani[den
Trufts und es eigentlihe Trults in Deutichland fajt gar
nicht gibt.
Betrachten wir nun 3zuerft die Kartelle, als die
für uns in Deutfchland wichtigite Dereinigungsform.
Unter Kartellen verjtehen wir freie Dereinbatungen
 — oder, wie wir [Hon ausführten — Derbände
 zwifdhen felbitändig bleibenden
Unternehmern derfelben Artzum Zwede
monopolijftifder Behberrfdhung des
Marftes. Die Zwedbeftimmung, die monopoliftilcdhe
Behertichung oder doch Beeinflußung des Marites, ift
natürlich das Wefjentlichite in diejfer Definition; die Kartelle
 wollen in ihrem Abfjakgebiet die Konfurtenz möglichtt
ausfchalten. Auf diejem Monopoldharakter der
Kartelle beruhen Jowohl ihre günitigen wie ihre ungünitigen
Wirkungen. Das Mittel, um Ddiefe Monopolftelung 3u
erlangen, fennen wir fchon; es ijt die Derpflichtung der
Teilnehmer zu einem beftimmten Tun oder Unterlaffen bei
ihrer wirt{haftliden Tätigkeit, welde aus der bloßen
Dereinigung von Unternehmern einen Unternehmerverband
 macht. Kartelle find alio Unternehmerverbände
 mit monopoliftifhem Zwed.
Über das Wejen des Monopols find nun in weiten Kreifen
noch große Unklarheiten vorhanden, Man denit dabei
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        2. Wejen der Kartelle. 11

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or allem an das Staatsmonopol, bei weldhem fidh der
Staat das ausfchließlihe Recht zum Betriebe eines Erwerbszweiges
 vorbehält, und fieht demnad) eine Monopolitellung
 nur da als vorhanden an, wo das Auflommen
pon Konkurrenten rechtlid oder doch tatjächlich volllommen
ausgefchloffen ijt. Das ijt aber zu eng. Im wirtfchaftlidhen
Sinne ift eine Monopolitellung immer [don dann vorhanden,
wenn ein erheblider Teil der Nachfragenden feine Befriedigung
 nur durch einen Anbieter oder, wie bei den
Kartellen, eine vereinigte Gruppe von Anbietern
finden kann. Es ijt aljo nicht einmal nötig, daß nur ein
einziger Anbieter vorhanden ijt (abo Iutes Monopol).
 Es fönnen mehrere Anbieter vorhanden fein, wenn
nur aus irgendwelchen Gründen, 3. B. größeren Transportfoften
 der anderen Anbieter zum Abfaborte, ein Teil der
Nachfragenden auf die Befriedigung durch einen Anbieter
angewiejen iit (relatives Monopol). hier bejtebt
 alfo die Konfurrenz gewiffermaßen latent fort, fie
tritt ein, fobald die Preisgeftaltung fo ft, daß fie über
bie Dorzugsitellung des relativen Monopols hinausgeht.
Es fjei befonders betont, daß ganz dasjelbe auch) für die
Derbände der Arbeiter, die Gewerkvereine, gilt. Auch
fie find Monopolorganijationen; wenn ein Gewerkfverein
durch Drohung mit Arbeitseinjtellung u. dgl. ich beffere
Arbeitsbedingungen erfämpfen will, Jucht er möglichft alle
beteiligten Arbeiter zum Anfchluß zu bringen. Je mehr
bie Kartellvereinbarung alle in Betracht kommenden
Unternehmer, aud) 3. B. die des Auslandes, umfaßt,
um jo mehr nähert [iq ihre Stellung dem abfoluten Monopol.
 Doch ift es der große Unter[chied gegenüber dem rechtfi
 verliehenen Monopol, 3. B. bei Patenten, daß hier das
Auffommen neuer Konkurrenz durch Gründung neuer
Unternehmungen nie ausgejchloffen ift, fondern immer
im Bintergrund fteht. Und zwar ijt um fo mehr Ausficht,
        <pb n="27" />
        12 I. Kapitel. Wejen und Entjtehung der Kartelle.
daß diefe an fich Iatente Konfurrenz, die bloße Konfurren3:
möglichfeit zu einer Tatfadhe wird, je mehr das Kartell
 feine Monopolftellung dur hohe Preife ausbeutet
und durch hohe Gewinne einen befonderen Anreiz zur
Gründung neuer Unternehmungen bietet.
Die Möglichfeit, durch ein Kartell monopoliftiflde
Wirkungen ausüben 3u fönnen, ijt aber nur vorhanden,
wenn ji der größte Teil der tat[äcliqh vorhandenen und
Fonkurrierenden Unternehmer der Dereinbarung an[chließt.
Die Erfahrung hat gezeigt, daß in der Regel etwa drei
Diertel der in Betracht kommenden Unternehmer teilnehmen
 mülfen, fonft ift ein monopoliftijdes Dorgehen
unmöglich. Durch diefe Notwendigkeit, möglichjt alle in
Betracht fommenden Wirt[haftsjubjefte zu umfalfen, unter-Icheiden
 fig die Kartelle oder Unternehmer ver -
bände wiederum von den bloßen Dereinen, den
Sad- oder Berufsvereinen der Unternehmer, die
nur indirekt, durch Agitation, Petitionen und ähnliche
Mittel, die wirt[hHaftliche £age des betreffenden Erwerbs-3weigs
 beffer zu geftalten fuchen oder überhaupt der Sörderung
 gemeinjamer Jnterejfen dienen. Die Kartelle dagegen
 befhränfken die wirt/qaftlidhe Tätigkeit ihrer
Mitglieder in Hinficht auf den monopoliftijdhen Zwed des
Derbandes, nehmen ihnen aljo das Recht der freien Preisfeitfegung,
 der Produktion oder des Angebots nad eigenem
Belieben und Ähnliches.
Die Kartelle gehen aber nicht [o weit, daß fie die SeIbftitändigkeit
 des Einzelnen volljtändig aufheben. Sie
find daher zu unter{heiden von den $ufjionen, bei
welchen eine Unternehmung ganz in eine andere aufgeht,
der bisherige Befiber fein Eigentumsrecht vollfommen
verliert. Namentlich find fie in diefer Hinficht ver[chieden
von den monopoliltifden S$ufionen, bei welden
 ih alle Unternehmer eines Erwerbszweiges oder

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        2. Wefjen der Kartelle. 13

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doc der weitaus größte Teil zu einer einzigen
Unternehmung vereinigen, die öfonomijche Selbitändigkeit
der bisherigen Einzelunternehmungen aljo volljtändig auf
hört. Und die gleiche Wirkung hat auch die befondere Dereinigungsform,
 die man in Amerika als Tr u {ts bezeichnet,
und die wir [päter no näher befpredhen werden. Auch
beim Truft verlieren dieeinzelnen Unternehmungenihre
 Selbitändigkeit, gehen auf
in einer einzigen gemeinjamen Unternehmung, die eine
Gefellfch afts unternehmung, eine GefeIlfchaft
ijt. Sulionsunternehmungen und Trufts find daher keine
bloßen vertragsmäßigen Zulammenfalfungen von
Unternehmungen, fondern fie find eine finanzielle,
fapitalmägige Zujammenfalfung, beruhen
auf der Grundlage von Befiß. Die monopoliftijchen
Sufionen und die Trufts haben jedoh manche Berührungspunkte
 mit den Kartellen, und zwar deswegen, weil eben
au bei ihnen der Monopolzwed das wichtigite
ijt. Sie find daher in mandjer Hinficht als eine Weiterbildung
 der Kartelle aufzufaffen und zeigen deren Wirlungen
 vielfach) in noch’ verfltärftem Grade.
Aber auch abgefehen von den bloßen Dereinen und den
Trujts find nicht alle monopolijtijdhen Dereinigungen von
Unternehmern der gleichen Art als Kartelle zu bezeichnen.
Kartelle find vielmehr nur diejenigen Derbände, weiche die
Unternehmer als Anbieter, als Derfkäufer von
Waren eingehen, welche fidhh allo gegen ihre Abnehmer,
 dieKonfumenten diejer Waren richten.
Nicht zu den Kartellen gehören daher diejenigen Derbände,
in welchen die Unternehmer felbit in ihrer Stellung als Abnehmer,
 als Käufer [id vereinigen, in denen fie fich alfo
gegen die Produzenten der von ihnen benötigten Rohitoffe
oder gegen die Arbeiter wenden. In diejen Organifationen
bezweden fie nicht ein Derkaufs-, jondern im Geaen-
        <pb n="29" />
        14 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle.
teil ein Einfaufsmonopol. Die Bildung folder Ein-Faufsmonopole
 ift aber in den meiften $ällen viel [hwieriger
als die eines Derkaufsmonopols, weil die Zahl der Käufer
einer Ware viel größer zu fein pflegt als die der Derfkäufer
(die wichtigite Ausnahme ijt die Ware Arbeit). So iommt
meiflt fein wirflides Monopol zuftande, fondern nur ein gewifjer
 genoffen|dhaftlicher 3Zujammenf{Aluß, 3. B. haben
lid vielfach die Sabrikanten zu gemeinjamem Kohlenbezua
zujammengetan, fonnten aber doch dem Derfkaufsmonopol
des Kohlenjyndikats kein Einfaufsmonopol entgegenitellen,
jondern mußten fih mit den Dorteilen des Bezuges im
großen begnügen. Daher üben dieje Abnehmerverbände,
 wie man fie nennen kann, nicht die tiefgreifenden
 Wirkungen auf die Doliswirtfqhaft aus, die mit den
Derfaufsmonopolen verbunden fein Bönnen; ja, fie dienen
vielfad) folden gegenüber als ein Ge genmittel der
Abnehmer und haben in diefer Hinficht eine große wirt-{chaftlide
 Bedeutung. Es gehören dahin alle jene genoffen-Ichaftliden
 Dereinigungen der Derbraucher, Einkaufs-,
Bezugsgenoffenjchaften und dgl., die zwar fein volljtändiges
Monopol befigen, aber durch die Dereinigung einer großen
Zahl von Abnehmern manchmal einen fo bedeutenden Bedarf
 Konzentrieren, daß felbft ein Monopol mit ihnen zu
rechnen hat. Auf alle diefe Einkaufsvereinigungen wird
man die Bezeidhnung Kartelle um deswillen nicht ausdehnen
dürfen, weil fie eben öfonomi[d) ganz anders zu beurteilen
find als diefe.
Das gleiche gilt auch für die gegendieArbeiter
gerichteten Derbände der Unternehmer, die Arbeitgeberverbände
 oder Antiftreikfverbände.
Auch bier befinden [ich die Unternehmer nicht in der Stellung
von Warenverkfäufern, fondern als Käufer von Arbeitsleijtungen.
 Alle derartigen Organijationen find ganz
anders zu beurteilen, haben ganz andere volfswirtichaft»

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        3. Entjtehung der Kartelle. 15

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lige Wirkungen als diejenigen, die ein Derkaufsmonopol
 bezweden. Würde man beide Kartelle nennen,
jo müßte man in jedem einzelnen. Salle immer von Anbieter-
 oder Abnehmerkartellen fprechen. Denn es läßt
ji fait gar Tein Urteil abgeben, das für beide gemein-Jebaftlich
 gilt, jo verfchieden find fie in ihren Urfadhen und
Wirkungen, was fih f{hon aus dem Gefjagten ergibt. Daher
 tut man gut, die Bezeihnung Kartelle auf die
Anbieterverbände zu befchränfen. Das wird im nad)-[älfigen
 Sprachgebrauch des gewöhnlichen Lebens und
leider auch in der Wijjen|haft oft nicht erkannt, und faliche
oder [hiefe Urteile find dann die Solge. Allenfalls ann man
von Einfaufsfartellen |predjen, aber Kartelle
Ihlechthin find immer Derbände von Anbietern.
Es fei [HließlidH noch darauf hingewiejen, daß, wenn
wir als Nationalöfonomen die monopoliftijhen Zwede
und Wirkungen der Kartelle und Trujts und damit ihre
Stellung im gefamten Taufhverfkehr als das
Wefentlidhe erkennen, ihre innere Organijation für uns
an Bedeutung zurüctritt. Die dahingehenden Probleme,
die Sragen der Beziehungen zwifdhen den an einem Kartell
Beteiligten, find mehr Sache der Gefelljhaftslehre (Sozi0-logie),
 während fi die Rechtswiffenfhaft, natürlidh von
ihrem bejonderen Standpunkt aus, mit beiden Seiten,
jowohl den inneren Beziehungen der Kartellmitglieder als
mit den tau[qhwirtidhaftlihen Wirkungen, zu befaffen hat.

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3. Entitehung der Kartelle.

Monopolijtijdhe Dereinbarungen der Derkäufer hat es
nun 3u allen Zeiten, in jedem Stadium der Taufchwirthaft
 gegeben, In der Sorm der Kartelle aber find fie
eine moderne Erjheinung, entitanden aus den Derhält-
        <pb n="31" />
        16 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle,

nilfen der heutigen Dolfswirtfhaft, Altertum und Mittelalter
 fannten freie monopolijtijhe Bildungen nur in Sorm
der fogenannten Corners und Ringe, die aud
heute noch vorfommen. Ein Corner, aud) Schwänze genannt,
 ijft der Ankauf möglichft aller auf einem Marit
vorhandenen Waren zum Zwede ihrer Monopolifierung.
So kamen {don im Altertum vielfad) Derfuche vor, fich
3. B. dur den Ankauf fämtlidher Getreidezufuhren auf
einem Markte ein Monopol zu verfhaffen und die Derfaufspreife
 dann nach Belieben feitfjegen zu Können.
Auch im Mittelalter find derartige Beftrebungen häufig.
Es wird von folgen Corners durch Augsburger, Nürnberger,
 Kölner Handelsherrten mehrfach berichtet, und die
Sefeßgebung hat fih fhon früh gegen, fie gewandt.
Unter einem Ring — das Wort wird zwar im populären
 Sprachgebrauch vielfach mit Kartell gleichbedeutend
gebraucht — verftehen wir nun eine Dereinigung mehrerer
zum Zwede der gemeinjamen Durchführung eines Corner,
Ein Ring ift alfo feine Dereinbarung zwifjcdhen felbjtändig:
bleibenden Unternehmern, fondern er ijft eine Gefell-[Haftsunternehmung,
 und zwar zum gemeinjchaftlidhen
 Handelsbetriebe. Sie bezwedt, durch Au f-Faufen
 aller vorhandenen Waren eine Knappheit derfelben
 und damit eine Preisiteigerung herbeizuführen, um
dann zu höheren Preifen zu verkaufen und fo einen Geminn
 3u erzielen. Ein Ring ift alfo eine im höchften Grade
fpefulative Unternehmung und hat mit der Regelung der
Preije, der Produktion und des Angebots, die die Kartelle
bezweden, nicht das geringite zu tun. Die Dereinigung der
gefamten Dorräte in einer einzigen HKandelsunternehmung
und das Zurüchalten derfelben widerfpriht nun aber vollfommen
 der in der Güterverteilung liegenden Aufgabe
 des Handels. Da ferner der Ring fih die Herrichaft
über die gejfamte Warenmenge nur dadurdz verfhaffen

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        3. Entjtebung der Kartelle. 17

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 die höchften Preije gewährt, und er außerdem auf
iefe hohen Einkaufspreije feines großen Rififos wegen
noch fehr hohe Gewinnzufjcdhläge machen muß, jo bewirft
er ftets eine ftarfe Derteuerung der Ware für die Konfumenten.
 Aus allen diejen Gründen find Corners und
Ringe fehHr ungünftig zu beurteilen. Sie find audH in
neuejter Zeit verhältnismäßig fjeltener als früher; wenigitens
 haben fie feltener Erfolg. Denn bei der heutigen
Entwidhlung der Derfkehrsmittel, weldhe auch den entferntejten
 Produzenten und Händlern ermöglicht, als
Konfurrenten aufzutreten, müfjen bei dem Derfuch einer
Monopolifierung durch Auffaufen die Dorräte auf allen
Märkten der Welt berüdfichtigt werden, während man
früher durch die fhlechteren Transportverhältnijje oft auf
Heinem Gebiete vor auswärtiger Konfurrenz {don fidher war.
Daher ift es aber Har, daß fie gegenwärtig in einer Epoche
allgemeiner WMareninappheit und [härferen Ab{Ahluffes der
Aänzelnen Doliswirtjchaften wieder erleichtert find und
namentlid) Iofale Gelegenheitsgefelljhaften zum Auffaufen
und Seltenmacen einer Ware wohl hie und da vorfommen
 werden.
Kannten aljo Altertum und Mittelalter freie monopoliftijhe
 Derbände in Sorm der Kartelle nicht, fo gab es
doch im Mittelalter Organifationen, die ihnen in ihren
Wirkungen jehr nahe ftehen, die Zünfte. Dies waren
jedoch Keine freien, fondern ftaatlicdhh geregelte Derdände,
 die auch nicht zum Zwede der Erzielung einer
Monopoljtelung gejhaffen wurden, fondern die der Sördezung
 des Standes und gefelljchaftlihen Interefjen ihrer
Mitglieder dienten. Zur Durchführung diefer Aufgaben eryielten
 fie dann allerdings durdz die Obrigkeit das Recht
des ausfhließlidhen Gewerbebetriebes. In dem Ausfchluß
der Konkurrenz, in den monopoliftiidhen Wirkungen liegt
Eiefmann, Kartelle und Trults. 4. Aufl. \
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        18 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle,
aljo die einzige Ähnlichfeit der Zünfte mit den Kartellen.
Aber dieje Monopolitelung war dort ftaatliqh verliehen
 und größtenteils mit Zwang durchgeführt,
während fie bei uns das Ergebnis freien Zujammentretens
 der Intereffjenten ijt. Zudem ift die ganze
Grundlage, auf der die Zünfte erwuchfen, von der des
Kartellwefens gänzlid verfhieden. Die Wirtjhaftsform
des Gewerbes war im Mittelalter das Handwerk, der
Kleinbetrieb, der mit wenig Kapital in der Hauptjache in
der Sorm des Lohnwerks für den lokalen Abjag tätig war.
Die Zunftorganifation bezwedte vor allem, einem jeden
Mitgliede des Gewerbes eine dem Stande entjprechende
£ebenshaltung zu gewährleiften. Bei den Kartellen aber
handelt es fih um moderne Unternehmungen mit großem
Kapital, und das Kapitalrifikfo zu vermindern ilt,
wie wir noch [ehen werden, einer der Hauptgründe, der die
Unternehmer zur Martellbildung veranlaßte. Daher find
auch felbit die heutigen Handwerkerfoalitionen hinfichtlich
 ihres Entjtehungsgrundes von den Kartellen er:
heblih verfchieden. Zwar find fie, da der Zunftzwang auf:
gehoben ift, heute ebenfalls freie Dereinigungen, aber es
fehlt bei ihnen jenes durch große majchinelle Anlagen und
durch die Produktion auf Dorrat gefdhaffene Kapitalrifiko,
das in der Grogindujtrie die fortdauernde Befjhäftigung der
Werke erfordert, damit den Konkurrenziampf fo erbittert
macht und zu gegenfeitigem Preisdrud führt. Das kokale
Handwerk kann viel mehr mit den herfömmlidhen Preifen
rechnen, die, au) wenn die Konkurrenz fih vergrößert,
nicht Leicht angetajtet werden. Es leidet unter der heutigen
Überfüllung des Gewerbes, nicht aber unter jtarfen Preisjhwankiungen,
 denn auch die Krifen fpielen im Kleingewerbe
 eine viel geringere Rolle. Dazu fommt, daß auch
die Sormen der Dereinigungen im Handwerk vielfach andere
find als in der Induljtrie, namentlidh auch infolge der

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        3. Entjtehung der Kartelle. 19

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neueren Innungsgefjeggebung, die überhaupt den monopolijtijhen
 Zujammenfchluß im Handwerk fehr erleichtert
hat. Endlich find infolge des rein lokalen Charakters diefer
Heingewerblidjen Derbände und der Befchränkiung ihrer
Wirkungen auf einen viel Heineren Kreis die Dorausjegungen
 und Aufgaben ftaatlihen Eingreifens hier ganz
andere als in der Großinduftrie. Aus allen diefen Gründen
empfiehlt es fih, den Begriff der Kartelle auf die monopolijtijdhen
 Dereinigungen größerer Betriebe und in ihrem
Abfaß nicht rein lokaler Erwerbszweige zu befchränken.
Hier [pridht man von Unternehmern und Unternehmungen
und der deutjhe Ausdrucd: Unternehmerverbände, namentlich,
 wenn man ihn fo, wie wir: es taten, den Unternehmervereinen
 entgegenitellt, ift daher mindefjtens
fo bezeihnend wie das Srtemdwort Kartell.
Man wird daher auch. Dereinbarungen foldjer Wirt-Ihaftsfubjekte,
 die perfönlide Dienftkeifltung en anbieten,
 nicht zu den Kartellen tedhnen. Ganz befonders gilt
das für die Lohnvereinbarungen der im engeren Sinne fogenannten
 Arbeiter. Diejfe Dereinbarungen werden zugleich
mit den Organijationen, die fie überhaupt zum Zwede der
allgemeinen Dertretung ihrer Intereffen nach außen geihaffen
 haben, Gewerkvereine genannt. Es empfehlt
 fich, für alle nad) dem Gefjagten nicht zu den Kartellen
3u 3ählenden Derbände die weiteren Begriffe Koalitionen
 oder Konventionen zu verwenden. Die
Bezeichnung Kartell allgemein zu gebrauchen, ijt nicht
zwedmäßig, weil man fonjt immer ausdrüdlidH angeben
müßte, ob man von Kartellen der Unternehmer als Abnehmer,
 Kartellen der Handwerker, der Arbeiter ujw., Ipricht.
Wenn man auch im Mittelalter von einer eigentlichen
Kartellbewegung wegen der damaligen Handwerks- und
Zunftverfaffung nicht reden Kann, fo hat es doch hie und da
in nicht zunftmäßig organifierten Gewerben Dereinbarungen
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        20 I. Kapitel. Wefjen und Entftehung der Kartelle.

der Produzenten gegeben, auf die fidh der Begriff/Kartell
wohl anwenden äßt. So find im 14., 15., und 16. Zahrhundert
 namentlich im Bergbau und Erzhandel, für Kupfer,
Zinn, Quecdfilber, dann aud) feitens der Salzwerke und
Alaunwerfe Iartellmäbige Preisvereinbarungen an ver
jdiedenen Orten zujftande gekommen, und auch im 18. Jahrhundert
 find fie in den durch den Merkantilismus gezüchteten
 Jnduftrien keineswegs felten, fo für Kupfer, Salz,
Glas, Porzellan, Tuche, Bettfedern u. a.!).
Aber alle diefe Kartelle früherer Jahrhunderte und ebenfo
die vereinzelten Bildungen diefer Art in der erften Hälfte
des 19. Jahrhunderts (f. unten) {tehen mit der modernen
Kartelbewegung nicht in hiftorijdem Zujammenhang, denn
inzwijdhen war das Prinzip der freien Konkurrenz überall
zur Durchführung gelangt, und die heutige Kartellbewegung
ijt erft eine Reaktion gegen diefes Prinzip. Troß des
furzen Zeitraumes, in dem die freie Konkurrenz eigentlich
erft zur Durchführung gelangt ift, hat man fi allgemein,
insbefondere auch in der WilfenIchaft, fo daran gewöhnt,
in idr den alleinigen Regulator des Taufhverfehrs
3u erbliden, daß man die Ausfchaltung diefes Saktors
durch die Kartelle als etwas ganz Neues, nie Dagewejenes,
empfand. Und von diejem Standpunkt aus, als Gefamterfcheinung,
 als Mittel gegen ein Übermaß von Konkurrenz
ift ja auch die Kartellbewegung eine ganz moderne Er:
iqeinung. So fam es, daß, als Ende der 70er Jahre zum
erften Male einige Kartelie die Öffentlichkeit be[häftigten,
der Begriff und die Sache felbit noch durchaus unbekannt
maren.2). In dem Kfurzen Zeitraum eines Menfcdhenalters
Dergleihe dazu I. Strieder, Studien zur Gefdhichte
fapi aliftilder Organijationsformen. 1914. .
2) Die erjte Erwähnung‘ der Kartelle in der Öffentlichkeit war
eine Rede des Abg. Eugen Richter im Reichhstage am 5. Mai
1879 über die Tatfache, daß die En Schienenwalzwerfe,
Waggons: und Lokomotivfabrilen im Auslande ganz bedeutend
niedrigere Dreife forderten.

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3. Entitehung der Kartelle. 21
haben fid aljo diefe Dereinigungen aus den Heinijten Anjängen
 heraus 3u einer Erfheinung entwidelt, die zu den
hedeutendften der modernen Doliswirtjdhaft gehört. Eine
joldje rapide Ausdehnung ijt in der wirt/haftlidhen Entwidiung,
 die fonft nur mit viel längeren Zeiträumen 3u
rechnen pflegt, etwas Jo Unerhörtes, daß fhon aus ihr der
Schluß berechtigt erfheint: die Kartelle müffen fehr tief in
der heutigen Doliswirtjhaft liegende Urjachen haben, ihre
Entitehung mußte in einem gegebenen Momente mit
Notwendigkeit erfolgen. Suchen wir jet diefe Urfachen
fejtzufjtellen.
Die tieflte Urfache der Kartellbildung liegt in der Entwidlung
 des Großbetriebes überhaupt. Diefe aber ij
wieder die Solge der großen technijdhen Errungen|haften,
die, Ihon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnend,
 namentlich dem 19. Jahrhundert ihren Stempel
aufgedrüct haben. Die Erfindung zahlreidjer Majcinen
ermöglichte die Malfenproduktion, die: Derbefferung
 der Derfehrsmittel, insbefondere feit Auffommen
der Eijenbahnen und der Dampfichiffahrt, ermöglichte den
Mafjlfenabfaß. Der fo fidh entwidelnde Großbetrieb
verlangte aber eine ganz andere taufjchwirt[chaftlihe Organijation,
 als fie das Handwerk gehabt hatte. Der Handwerfer
 wurde und wird nur tätig, wenn ihm jemand eine
Arbeit überläßt; fehr häufig erhielt er, namentlich in früherer
Zeit, aud) den Rohftoff dazu vom Kunden geliefert (Lohnwerf,
 Kundenprodufktion). Der mit Mafjdhinen
arbeitende, auf Mafjjenproduktion eingerichtete Großbeirieb
fann aber nicht warten, bis einer fommt und etwas beitellt,
und dann jedem Kunden der Reihe nach feine Beitellung
ausführen, jondern er muß jehen, jeine Mafchinen dauernd
zu befchäftigen, um fie voll auszunüßen, und muß 3u diejem
3Zwed auf Dorrat arbeiten (Maritproduktion).
Aus alledem ergibt fidh das der modernen, auf Maljen-
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        22 1. Kapitel. Wejen und Entitehung der Kartelle.

produktion eingerichteten Kapitalijtijdhen Unternehmung
eigentümliqhe Rifjikfo; der Unternehmer riskiert fein in
den Betrieb gejtedtes Kapital in doppelter Weife: Erftens
läuft er Gefahr, feine Anlagen nicht dauernd und gewinn:
bringend befhäftigen zu fönnen; er risliert das in die diejelben
 gejtedte fogenannte ftehende Kapital. Zwei:
tens ijlt es nicht fidjer, daß er, nachdem er angefangen hat,
Waren hHerzuftelen, audy einen Abnehmer für diefelben
finden wird; er risfiert aud) das in fie gefjtedte jogenannte
umlaufende Kapital. Das Rififo des ftehenden
Kapitals ift aber in den meiften Sällen bedeutender.
Solange nun die Mafjenproduktion no) in der Entwidlung
 begriffen war, waren die Ausfichten des Unternehmers
 im allgemeinen nod) jehr günftig, denn er Konnte
zumeijt billiger produzieren als der veraltete Handwerksbetrieb.
 Diefer mußte allo in einem Gewerbe nad dem
andern immer mehr dem Großbetrieb weichen. Sobald
aber eine größere Anzahl von Unternehmern in demfelben
Gewerbe vorhanden war, wurde ihre Lage {hwieriger,
und um jo mehr, je JAneller neue tecdhnijdhHe Erfindungen
und Derbefferungen einander folgten. Iebt war jeder
neue Unternehmer durdy die Anwendung der neueften
Mafjdinen und Derbefferungen den alten überlegen, jeder
jJuchte durch billigere Produktion und billigeres Angebot fich
einen fejten Abfaß zu fhaffen. Die älteren Unternehmer
verwendeten ihre früher erzielten Gewinne dazu, ebenfalls
die neuejten Derbefferungen vorzunehmen, die in die Betriebe
 gejiedten Kapitalien wurden immer größer und die
Konfurrenz zwifdhen den Unternehmern des gleichen Gewerbes
 immer heftiger. Dieje Zunahme der Konfurrenz3
 ift eine allgemeine ErJdheinung der modernen
Doltswirtfchaft, und fie ijt es, die in erfter Linie die Entitehung
 der Kartelle veranlaßt hat. Diefe Zunahme der
Konfurren3 ift alfo die Folge der gewaltigen Sortichritte der

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        3. Entitehung der Kartelle. 23

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Technik, durch welde die Produktionsfojlten immer weiter
herabgedrücdt wurden und die Unternehmer, welche die
neueften Methoden verwendeten, einen Dorjprung vor den
anderen erhielten. Sie ijt ferner die Solge der fortgejeßten
 Erweiterung des Derfehrs und der Transportmittel,
wodurch das Abfaggebiet eines jeden Unternehmers ich
vergrößert und er mit einem immer größeren Kreis von
Unternehmern in Interejfengegenfaß gerät. Sie ijt endlich
die Solge des außerordentlidhh gewachfenen Kapitalreidhtums
in den vorgefchrittenen Doliswirtjhaften, der dadurdı erleichterten
 Gründung neuer Unternehmungen und der
jtarf geftiegenen Unternehmungsluft,
Der fo gefteigerte Konfurrenzfampf hatte nun für alle
Unternehmer die nachteiligjten Solgen. Auf der einen Seite
vergrößerte fihH immer mehr ihr Kapitalrijifo, auf der
andern verminderten [ih ihre Gewinne. Dies ging fo
lange, bis fhließlid den Unternehmern der Gewinn nicht
mebhr als genügendes Entgelt für ihr gefteigertes Kapitalrififo
 erfchien. Sobald dieje Anficht einmal in einem Gewerbe
 allgemein geworden und die Erkenntnis durchgedrungen
 ift, daß gemeinjame Dereinbarungen hier Abhilfe
fchaffen Könnten, ift die Grundlage für die Entjtehung der
Kartelle gegeben. Rein fubjeitiv, aus den Beftrebungen
der Unternehmer felbjt heraus, Ianın man die Kartelle daher
 als das Produkt der wahfenden Divergenz
 von Kapitalri[jifo und Gewinn bezeidnen.
 PrivatwirtfhHaftlich) aufgefaßt, ift dies
die Deranlafjung zur Kartellbildung, während die hinter
diefen Motiven ftehenden und fie hervorrufenden allgemeinen
 wirt{qhaftlihen Erfdheinungen, der wachjende Kon-Furrenzfampf
 und die dadırch bewirkte ungünftige Lage,
uns volkiswirtfqhaftlicdh die Entjtehung der Kartelle
 erflären.
Es war. natürlich, daß die erlitten Derfuche zur Kartell-
        <pb n="39" />
        24 I. Kapitel. Wefen und Entitehung der Kartelle.

bildung in einem Unternehmungszweige dann auftauchten,
wenn die Konkurrenz am fhärfiten geworden war und die
dadurd gefhaffene unglüinftige Lage den höchiten Grad erteicht
 hatte. Denn anfangs glaubte noch jeder Unter
nehmer, daß er durd) Preisherabfekungen ich Befchäftigung
 und Abjak fihern fönne, und Juchte nad) dem Grundlag:
 großer Umjfaß, Heiner Nußen in einer möglich{t großen
Produktion Erfag für die finkenden Preije, Da aber jeder
jo dachte, wurde die Überproduktion immer größer, die
Dreife Janfen immer tiefer, die [Hwäclten Unternehmungen
gingen zugrunde, bis [AHließlih den Übrigbleibenden der
Gedanke kam, durch Dereinbarungen dem ein Ziel 3u JeBen.
50 entwidelte fi) aus dem ärgiten Konfurrenziampf alsdald
 der Gegenfaß: das Monopol. . Aus eigener Kraft [dlug
die Konkurrenz in ihr Gegenteil um; „die Konfurrenz tötet
die Konkurrenz“, wie der Sozialift Proudhon das fhon in
den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ge[hildert
hat. Es ift hochintereffant, zu beobachten, wie fi diefer
Übergang vom ertremen Individualismus, von der abjoluten
 Jfoliertheit der Unternehmer zu immer fejter organifierten
 Derbänden feit den fiebziger Jahren allmählich
in einer Indufjtrie nad) der anderen vollzogen hat.
Wie aber famen die Unternehmer darauf, plöslich ihre
Jfoliertheit aufzugeben und in folden Dereinigungen fo feft
ii gegenfeitig 3u binden? Diel hat dazu beigetragen, daß
die Angehörigen desfelben Gewerbszweiges [don häufig in
jenen Sachvereinen vereinigt waren, die wir früher von den
Kartellen unterfchieden haben. In diefen Dereinen, die im
allgemeinen älter jind als die Kartelle, traten die Mitglieder
des Gewerbes zuerft zur Dertretung gemeinjamer Jntereifen
miteinander in Beziehung, beiprachen bei Gelegenheit gemeinjamer
 Agitation für Derfehrserleichhterungen, Zölle
und dergleichen auch die wirt[haftlidhe Lage und die Mittel,
ie befjer 3u geftalten. Damit war der erfte Schritt zur

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        3. Entitehung der Kartelle. 25

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Derftändigung getan, und fehr häufig find beim Zufammentreffen
 in foldjen Dereinen die erlten Kartelverfuche in
einer Jnduftrie zuftande gefommen. Zahlreidhe Kartelle
itehen noch heute auf diejfer Stufe gelegentlider Dereinbarungen
 bei periodijhen Zujammenkünften, &amp;amp;Ahnlich wie
die Sachvereine haben auch die Berufsgenoffen|dhaften der
Unfallverfiherung, indem fie die Unternehmer einander
näher brachten, den ZujammenfdhIuß gefördert. —
Die erjte Epoche einer Kartellbewegung in Deut{chland
fällt in die Zeit des großen Krachs, des tiefen wirt[/cqhaftliqen
 Niedergangs Mitte der fiebziger Jahre. Pier liegt
die Entitehung der großen Derbände der Kohlen-, Eifen-,
Papier-, Kali-Jnduftrie und vieler anderer. Doch gehen
einige deut{he Kartelle, Jo manche für Salz, das für Wismut,
für Weißblech, [don in die fedhziger Jahre zurüd. Ya, es
ijt neuerdings fejtgeftellt worden, daß fhon in den Jahren
1856—44 ein Xartell der vier preukifhen Alaunwerke, von
denen zwei Privatunternehmern, zwei dem Sisfus gehörten,
beitand. Dereinzelt aber hat es fartellartige Bildungen,
wie fhon gefagt, aud) in früheren Jahrhunderten gegeben,
jowohl in Deutjchland wie in anderen Ländern, und feitdem
 man darauf aufmerkjam geworden ift, wurden immer
mehr {older Dereinbarungen bekannt. Doch find alle diefe
älteren Kartelle nur die Solge bejonderer Konkurrenzverhältniffe
 in ihrem Gewerbe, nicht aber wie die heutige
Kartellbewegung das Ergebnis einer die ganze Dolifswirt-Ichaft
 durchziehenden Reaktion gegen das allgemeine Regu-[ationsprinzip
 der freien Konfurrenz. CErleichtert wurde
dann das Zuftandelommen der Katrtelle durch den Beginn
 der [qHußzöllnerijhen Ära feit 1879. Man bat die
Wirkung von Schubzöllen auf die Kartelle vielfach über-[häßt.
 Noch Heute hört man oft die Meinung, daß es ohne
Schußzölle Feine oder wenig Xartelle gebe. Richtig ift, daß
in den nächlten Jahren nach) Einführung des Zolltarifs
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        26 I. Kapitel. Wejen und Entfjtehung der Kartelle.

eine große Anzahl von Derbänden zuftande kam, fo allein
18 in der Eijeninduftrie, Aber es ift nicht richtig, daß diefe
Kartelle gejchloffen feien, um die Zölle voll auszunußen.
Sie find noch die Solge der großen Krifis, die erjt zu einem
mehrere Jahre dauernden Konfurrenziampf führte, bevor
in einzelnen Jnduftrien der Boden für Dereinbarungen
reif war. Nicht um die Zölle ausnußen zu Können, bejeitigten
 die Unternehmer ihre Konkurrenz und [AHloffen
Derbände, fondern um den heftigen Konkurrenziampf, die
Urfache ihrer ungünitigen Lage, unmöglich zu machen, eritrebten
 fie Schußzölle jowohl als Derbände; erltere
um fid die ausländijdhe Konkurrenz vom Halje zu [haffen,
leßtere, um audy im Inlande das ausfichtslofe Gegeneinanderfämpfen
 zu verhindern. Die Schußzölle find daher,
 wenigjtens anfangs, nicht Deranlaffung, fondern
Mittel für das Zujtandefommen der Kartelle gewefen.
Die Unternehmer erfannten bald, daß Zölle nur wenig zur
Derbeifferung der Lage einer Indujirie vermögen, jolange
im Inland der Konkurrenziampf fortdauert. Um ihn zu
bejeitigen, mußten jie den Weg der Selbithilfe befhreiten.
Nur indirekt ijit der Zolltarif von 1879 auch die Deran-[afjung
 3ur Entjtehung von Kartellen gewefen, indem er
für einige Jnöuftriezweige, 3. B. in der Seifen- und Dynamitinduftrie,
 eine Derteuerung der Robhftoffe hHerbeiführte
und damit die Produzenten zwang, mittels Dereinbarungen
ihre Derkaufspreije den geftiegenen Robhitoffpreijen anzupafjen.

Überhaupt zeigt es fidh) bei der weiteren Entwidiung
immer mehr, daß es den Unternehmern durch Dereinbarungen
 auch möglich gemacht it, ungünitigen wirt|dhaftlichen
 Derhältnifjen 3uvorzukfommen. Sobald das
Kartellwejen einmal größere Ausbreitung erlangt hatte,
das Dorbild mehrerer fhon länger XKartellierter Induftriezweige
 vorhanden war, ließen es die Unternehmer in

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        3. Entjtehung der Kartelle. 27

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ungünitigen Zeiten nicht immer erft zum Äußeriten fommen,
jondern juchten den Konfurrenziampf, ungünftige Lage
und Krijen nach Möglichkeit zu verhüten. Wenn die Rohitoffpreife
 ftiegen, fei es infolge eines Kartells der Produzenten,
 jei es infolge anderer Umftände, fingen die Weiterverarbeiter
 allmählich an, den verminderten Gewinn ihrerfeits
 dur Preisvereinbarungen wieder auszugleichen,
Sehr viele Kartelle find aus diefem Grunde entitanden, indem
 ein Derband der Rohftoffproduzenten foldje der Weiter:
verarbeiter veranlakte. So werden die Kartelle im weiteren
Derlauf der Entwidlung aus Repreffivmakregeln zur Befeitigung
 der vorhandenen ungüniftigen Lage immer mehr
zu Präventivmitteln und dienen der Derhütung einer
loldhen.
Aber man ging noch weiter. Man erfannte bald, daß
aud) bei günftiger Konjunitur Kartelle den Unternehmern
 von großem Nußen fein fönnen. Im Zufjtande der
freien Konfurrenz [deut fi der einzelne Unternehmer auch
in günftigen Zeiten oft, feine Derfaufspreife ent{predhend
der gejteigerten Nachfrage zu erhöhen, aus Surcht, die Konfurrenten
 möchten nicht folgen und er dadurch feinen Abjaß
 verlieren. Kartelle ermöglichen es den Unternehmern
dagegen, ihre Preife Jofort der geltiegenen Nachfrage
anzupaffen, und infolgedeffen ift nicht nur in ungüniftigen
Zeiten, [ondern aud) bei günitiger Konjunktur die Tendenz
zur Xartellbildung außerordentlich jtarf. Dies zeigte ih in
den Jahren des Auffchwungs 1888-—90, in der Hochkon:
junftur von 1895—1900 und ebenfo in den günitigen Konjunfturen
 der Jahre 1904—07 und 1910—13.
Schließlich ijft 3u fagen, daß auch Spetulationszeiten,
Zeiten jtarfer Preisjhwankungen wie gegenwärtig die
Kartellbildung anzuregen pflegen. Denn die Unternehmer
juchen dann den Konkurrenzfampf möglichjt zu verhindern
und ihre Derkaufspreife möglichit {Ahnell den geitiegenen
        <pb n="43" />
        28 I. Kapitel. Wefen und Entjtehung der Kartelle,

Rohftoffpreifen und Löhnen anzupalfen. Daher fpielt auch
gegenwärtig in den Jahren nach dem Weltiriege die Kartelbewegung
 wieder eine große Rolle,

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1. Umfang des Kartellwejens in Deutjdhland.
Das Hauptgebiet der Kartelle i{t die großindufjtrielle
Produktion einfhließlidh des Berabaus. Auch das Transvortwefen
 if zur Kartellbildung fehr geeignet, und wo
einige wenige große Gefelijchaften Ioniurrieren, wie in Ländern
 des privaten Eijenbahnsfyfterns und bei den Schiff“
fahrtsgefellfcdhaften, liegen Tariffartelle außerordentlich nahe
und gehören audy 3u den älteften monopolijtijdjen Dereinigungen.
 Bei uns in Deutjhland haben Eijenbahnfartelle
 naturgemäß eine geringe Rolle gefpielt, dagegen
gibt es eine Anzahl von Kartellen von Schiffahrisgefelljhaften.
 Die an der Özeanfahrt beteiligten Schiffahrtsunternehmungen
 Bbaben foldhe, die fogenannten Pools?),
mehrfad) mit ausländijdhen Gefeljdhaften abgefchloffen.
Dor allem befannt ijt der Norddeutfhe Dampferverband,
 der ältelte in der überfeeijhen Schiffjahrt,
 der die deutjchen, belgifjden und holändijhen Recdereien
 umfaßt; dann die Atlantic Conference,
die den Auswandererverfehr aus Nordeuropa nach Nordamerifa
 unter die Mitglieder verteilte und 1913 durch den
Austritt der Canadian Pacific Company fi auflöfte; &amp;amp;as
Stadhtenfkartell der fejltländijhen Gefelfjhaften für
den amerifanijdhen Deriehr; die Balticand White
Sea Conference, der an der Oltfeefchiffahrt iner-’)

 Pool bedeutet eigentlid) ein Gewinnverteilungskartell: das
Beden, in das die Gewinne hineingeworfen und aus dem fie
jerteilt werden. So befonders hei den nordamerikanifchen Eifen:
bahnen. Das Wort wird dann aber auch für jedes feiter gechloffene
 Kartell gebraucht.

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4. Umfang des Kartellwejens in Deutichland. 29
ejfierten Gefelljhaften und zahlreiche andere. An dem
amerifanijdhen Schiffahrtstrujt, der American Mercantile
 Marine Company waren aud) die beiden
größten deutjhen Gefellfjhaften intereffiert. Im ganzen
foll es nad) einer amerifanijdhen Enquete über die Schiff“
fahrtsfartelle nicht weniger als 80 derartige internationale
Dereinbarungen vor dem Weltiriege gegeben haben.
Die Zahl der induftriellen Kartelle in Deutfchland ill
jehr groß. Eine im Jahre 1905 vom Reichsamt des Innern
borgenommene Enquete ftelite 385 Derbände feit, die fich
auf die einzelnen Indufjtrien folgendermaßen verteilen:
Kohleninduftrie 19 Kartelle
Eifeninduftrie 62
Metallinduftrie, außer Eifen 11
Chemi[he Indultrie 16
Tertilindufirie 31
Leder- und Kautfhukwareninduftrie
Holzinduftrie
Dapierinduftrie
Slasinduftrie
Ziegelinduftrie
Induftrie der Steine und Erden
Tonwareninduftrie
Nahrungs- und Genußmittelinduftrie
Eleftroinduftrie
Sonftige „
Diefe Statiftit ift namentlid) für die Hemifde Induftrie
feineswegs vollitändig. In diejem Gewerbe find weit über
100 Produkte Gegenjtand von Dereinbarungen gewejen,
und mandhe unferer großen Hemifchen Sabrifen find an
Dugenden von Kartellen beteiligt. Doch find fehr viele
diejer Kartelle nur ganz Iofe Dereinigungen, die häufig
wieder zerfallen und nach einer Zeit des Konfurrenziampfes
abermals 3zujtande fommen, während freilich andere, wie
        <pb n="45" />
        30 I. Kapitel. Wefjen und Entjiehung der Kartelle.
3. B. das Wismutjyndikat, jhon eine fehr lange Dauer und
ein fejtes Gefüge haben. Auch in der Eijeninduftrie geht
die Anzahl der Kartellierten Artikel in die Hundert. Hier
(äßt fichh manchmal die Beobachtung machen, daß die Kartelle
 für Sertigfabrifate nur die Solge der ichon früher 3zuitande
 gefommenen Monopolifierung der Roh- und Hilfsitoffe
 und Halbfabrifate find. Das Kartellwejen der Eijeninduftrie
 befindet fich ganz befonders im $Iuß der Entwid-[ung
 und ftellt den Typus einer vorgejchrittenen Örganijation
 desfelben dar. Der große Sta hHlwerkisverband
 war hier der erfte Derfuch, eine ganze Anzahl verjdhiedener
 Produkte in einem großen, gemeinjamen Gen e =
taltartell zujammenzufajjen und einheitlich zu regeln.
Sür die Eifenindufjtrie von ganz befonderer Wichtigkeit
find dann die Kartelle im Kohlenbergbau, unter denen
namentlid das RhHeinifh-WeitfälifheKohlenjundikat,
 weldhes das Kofsfyndikat und den Brifettderkaufsverein
 in ih „aufgenommen hat, auch für die
weitejlten Kreife des Publikums von großer Bedeutung ift.
Am zablreichften find, wie aud) [hon die Statiftif ergibt,
die Kartelle der Ziegelinduftrie. Doch haben die
meijten diefer Kartelle einen mehr Iofalen Charakter. Dagegen
 ijft es in der verwandten Indujtrie der Steine
und Erden, für Kalt, Zement, Glas, Tonwaren und
dergleichen zu zahlreichen felt organifierten, territorialen
Derbänden gefommen, die untereinander wieder in mehr
der weniger enger Beziehung jtehen.
Don erheblicher Bedeutung find ferner Kartelle in der
Dapier- und Holzinduijtrie. Auc) die Produktion
und Derarbeitung der übrigen Metalle, außer Eijen, {ft
faft durchweg Kartelliert, fo namentlich die Zinfi-, Kupfer-,
 Mefjfing-, Nidelinduftrie.
Derhältnismäßig unbedeutend waren bis vor wenigen
Jahren die Kartelle in der Tertilindufirie, Es

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4. Umfang des Kartelwefens in Deutfchland. 31
liegt das hauptfächlidh daran, daß in diejem Gewerbe die
Der[hiedenheit der Produkte, oft auch die große Zahl der
Produzenten, die auch vielfach Klein- und Mittelbetriebe
darftellten, die Kartellbildung erfhwert. In den lebten
Jahren hat jich das nun ganz wefentlidh geändert und auf
feinem Gebiete hat die Kartelbewegung foldhhe Sortjchritte
gemacht wie in der Tertilindujtrie. Die ungünitige Lage
vieler Zweige des Gewerbes hat hier allmählich die vorhandenen
 Schwierigkeiten zu überwinden gelehrt und namentlich
 war es die Abhängigkeit vom Handel, insbefondere
von den Srojfiften, die die Produzenten durch Kartelle zu be-[eitigen
 Juchten, Der Natur des Gewerbes nach kam es dabei
nur in den wenigijten Sällen zu fejtgefchlofjenen Syndikaten,
meijt begnügte man fi mit Produktions- und Preis-Karfartellen.
 Bejondere Bedeutung haben hier aber die fogenannten
 Kon ditionenkartelle erlangt, Dereinbarungen,
 die nur in Derbindung mit Preisfejltjegungen
monopolijtijdhe Wirkungen haben, an fidh aber nur die allgemeinen
 Ge[häftsbedingungen im Gewerbe für ihre Mitglieder
 günftiger geftalten wollten. Eine folche Derbefferung
 der Zahlungsgebräuche, Befeitigung übermäßig langen
Ziels und dgl. war den Produzenten vielfad) wichtiger als
die vorübergehende Erlangung höherer Preife. Manchmal
find diefe Kartelle nun wohl zu plöglich oder zu [qharf mit
der Deränderung ihrer Konditionen vorgegangen, jedenfalls
 haben fi die Abnehmer für viele Produkte ebenfalls
zu Derbänden zufjammengefchloffen und die deutiche Tertilindujtrie
 bietet Heute, wie wenige andere, das Bild eines
organifierten Kampfes der verfdhiedenen Interefjengruppen.
In der Nahrungsmittelinduftrie ijt die
Zahl der Kartelle nicht fehr erheblid, wenn man von den
ion IJange beftehenden Salinenverbänden, die zu den
älteften deutfchen Kartellen gehören, und von den 3zahlreihen
 Iofalen Dereinigungen der Brauereien abfiebt.
        <pb n="47" />
        32 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle,

Bei den legteren handelt es fich, ähnlich wie in der Tertilinduftrie,
 vielfach um Konditionenvereinbarungen, wie Zah-[ungsfrijten,
 Einführung des SIajhenpfandes, überhaupt
Regelung des Slajchenbierhandels und ähnlihes. Eine
große Rolle fpielt hier auch der Kundenfhuß (f. unten),
d. h. die Derpflightung, ich gegenfeitig Kunden nicht abjpenitig
 3u machen und bei freiwiligem Übergang eines
Kunden an eine andere Brauerei dafür eine Entjhädigung
zu 3ahlen.
Derhältnismäßig am geringjten ift die Entwidlung der
Kartelle in der Candwirtfjhaft. Nur in der Zuderund
 Spiritusinduftrie ijt es 3u großen KarteNlbildungen gefommen.
 Sie wurden wejentlidh erleichtert durdz die
Steuergefeßgebung, welche allen Sabrifen eine bejftimmte
Produktionsmenge zuweift und damit für weitere Makregeln
 zur Befeitigung des Konfurrenziampfes die Grund-[age
 fhuf. Sonit aber liegen die Derbhältnijje für Kartelle
in der LandwirtjHhHaft nicht günftig. Die große Zahl der
Betriebe, die Derfchiedenheit ihres Umfanges, die verfchiedene
 Art ihrer Produktion und der Produktionsfojten, die
Zerftreutheit der Produktionsitätten erfhweren die Kartellbildung.
 Da ferner die landwirtjhaftlihen Betriebe in der
Regel nicht ein Produkt, fondern eine zufjammenhängende
Reihe von Produkten auf den Markt bringen, fo ift oft die
Konfurrenz nicht regelmäßig zwijhen denjelben Betrieben
auftretend. Auch ift die Menge der zu verkaufenden Produkte
häufig fehr jhwankend und durch Dereinbarungen oft
garnicht beeinflußbar. Trog alledem zeitigen ungünftige Derhältnijfe
 in der Landwirtfhaft manderlei Derfuche, durdı
Zujammen{hluß fich günftigere Abjagbedingungen zu ichaffen.
 Die außerordentlihe Entwidlung des Jandwirt[Hhaftlihen
 Genoffenfchaftswefens hat nicht felten zu Organijationen
 geführt, weldje einen gewifjen monopoliftijden
Tharakter tragen, indem [ih die Landwirte, welche für die

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        4. Umfang des Kartellwejens in Deuticdland. 33

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maßgebend find, zu Derkaufsgenoffenfhaften zufjammenichloffen.
 Wenn diefe auch zunächft nur dazu dienten, die
3Zwijhenhändler auszufdhalten, und deren Gewinn ihren
Mitgliedern zu verfhaffen fuchten, fo find doch hie und da —
id nenne nur die Berliner Mildhzentrale — auch Derkaufsorganijationen
 auf volllommen monopoliftiidher Grundlage
entitanden.
Überhaupt hat der monopoliftijdHe Zujammen[Hluß der
Produzenten den Handel vielfad) in feiner Bewegungsfreiheit
 gehemmt und den Händlern die Gewinne vermindert.
 Sie haben fidh dann oft ebenfalls durch Kartellierung
[Hadlos zu hakten gefucht, und es heweift die fortpflanzende
Wirkung der Kartellbildung, daß jehr oft, wenn die Produzenten
 [ich Iartellieren und die Preife erhöhen, nun auch
die Händler die Konkurrenz aufgeben, fich zujammenfhlieken
und mit ihren Preisfeltfebungen denen der Produzenten
folgen. Im allgemeinen ijt jedod) der Handel für die Bildung
 fefter, danuernder Kartelle fein fo geeignetes Gebiet
wie die Produktion. Denn da das im Handel angelegte
Kapital überwiegend umlaufend ift, jo kann einem Kartell
der Händler viel [Aneller Konkurrenz erwachfen als einem
joldhen der Produzenten, Wenn die Händler heute gemein»
lam die Preife ihrer Waren erhöhen, fo fönnen jhon morgen
andere Kaufleute diefen Handelszweig aufgenommen haben,
jene unterbieten und den ganzen Abfaß an fid reißen.
Muß fi das Kartell [Ahließlich auflöfen, fo geben die neuentjtandenen
 Konkurrenten den Handel in jenen Waren
ahne Schaden wieder auf. Nur wenn einige große Handelsfirmen
 in enger Beziehung zu den Produzenten itehen, wie
das im Kohlenhandel und in mandhen Zweigen des Eifen-Handels
 der Sall ijt, ijt das Monopol der Händler fehr gefeitigt
 und dient feinerfeits dazu, auch dasjenige der Produzenten
 3u verftärfen.
£Liefmann, Kartelle und Trults. 4. Aufl.
        <pb n="49" />
        34 I. Kapitel. Wejen und Entjtehung der Kartelle.

Wenn fo das Gebiet der Produktion zur Kartellbildung
am geignetiten ijft, fo find dod die einzelnen Unternehmungszweige
 in diefer Hinficht wieder erheblich ver:
jhieden. Allgemeines über die Sähigfeit einer Ware,
Grundlage eines Kartells zu bilden, läßt [ich jedoch wenig
jagen. Nur das fteht fejt, daß foldhe Waren, bei denen
die Mode, der wechjelnde Gejhmad des Publikums großen
Einfluß haben, bei deren Heritellung Fünitlerijhe Sähigfeiten
 in Betracht fommen, eigene Mujter und Modelle
eine große Rolle fpielen, aud) foldhe, für deren Heritelung
einzelne Sirmen befonderen Ruf genießen, fihh am wenigiten
 zur Xartellbildung eignen. 3mmerbin find [hon Kartelle
 für foldje Produkte, wie Beleuchtungsförper, Pianos,
Spieldofen, Albums, Anfichtstarten, zujtande gefommen,
jedoch meift nur für die geringeren Qualitäten, andere, wie
3. B. für Möbel, find gejcheitert. Doc find aud in den
Qualitätsindufirien Kartelle dann nicht ausgef{chlofjen, wenn
es gelingt, den einzelnen Mitgliedern die Heritellung bejonderer
 Spezialitäten vorzubehalten oder umgekehrt, wenn,
wie in der Porzellanindujtrie oder einigen Zweigen der
Tertilindujtrie, nur Dereinbarungen über den Abjag der
Ausfhußmware und dgl. getroffen werden.
3m allgemeinen fann man wohl jagen, daß Maffengüter
 mit möglichjt wenig Qualitätsverfchiedenheiten die
geeignetjten Objekte zur Kartellierung find, wenigijtens für die
feitgefchloffenen Kartellformen, die fogenannten Sundikate.
Don der an die Art der Ware anfnüpfenden Kartellfähigfeit
 und Kartellbedürftigkeit verfhiedener Induftrien ifl
die, die fi aus der Art des Betriebes, des Abfages und
ähnliden Gefichtspunkten ergibt, wohl zu unterfjheiden.
Bier Iann man jagen, daß diejenigen Induftrien am meiften
die Notwendigkeit der Kartellbildung empfanden, in denen
das fire, in die Anlagen gefjtedte und daher kaum herausziehbare
 Kapital im Derhältnis zum Werte der Produkte

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4. Umfang des Kartellwefjens in Deutj&amp;amp;land. 35
die größte Rolle fpielt. Das ijt vor allem der Sall in den
jogenannten Schwerinduftrien, die mit verhältnismäßig geringwertigem
 Material mit großem Aufwand an Majdhinen
audp ziemlich geringwertige Produkte, die dann natürlich
immer Majjengüter fein müffen, herftellen, fo insbefondere
in der Eijeninduftrie. Diefe ijft daher in falt allen Ländern
ein Hauptlig monopoliftijder Organifationen. Selb{tver-[tändlich
 find aud) Joldhe Erwerbszweige weniger zur Kartellbildung
 geeignet, in denen die. Zahl der Konkurrenten fehr
groß ijft. Dafür fommt aber nicht die abfolute Zahl im
ganzen Deutjhen Reiche, fondern die Möglichkeit Lokaler
oder territorialer Abgrenzungen auf Grund der Transport-Foften
 der Waren und ähnlicher Derhältnijfe in Betracht.
Tatjächlid find aber die Waren, welde in Deut[chland
Gegenftand eines Kartells gewefen find, ganz außerordentlid
 verfhieden. Sowohl in großen Mafjen voriommende
Robitoffe, wie Eijen, Kalt, Salz, als aud) feltene, wie Wismut,
 die feltenen Erden, die in der SGlühjtrumpffabrikation
verwendet werden, find Gegenijtand von Kartellen gewefen.
Nicht nur für die in den weiteften Kreijen gebrauchten
Produkte, wie Kohle, Zuder, Papier, Zündhölzer, fondern
auch für Spezialitäten, wie Bülten für Schaufenfterdeforationen,
 Zedernholzfourniere, zahllofe Hemijche Spezialprodukte,
 Sederabfjtäuber und 3Zylinderpuber, haben Kartelle
 beitanden. Sowohl für Heine unfcheinbare Erzeugnifje,
 Nadeln, Drahtftifte, Drudinöpfe u. dgl., wie für
ganze Eifenbahnwaggons und Lokomotiven, für Produkte,
die von Hunderten von Produzenten in Deutjdland hergejtellt
 werden, Zement, Zuder, Seifen, wie für zahlreiche,
nur DON ganz wenigen Sabrifen produzierte pharmazeutifche
Präparate, für Sahrradlaternen und „fetten, Abreißkalender,
Fünitliqde Palmen, Karuffells, £ampenbehänge, Taillenitäbe,
 Rolljdhuhe und ähnlides find Kartelle 3zujtande ge»
fommen.
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        36 I. Kapitel. Wefen und Entjtehung der Kartelle.

3m ganzen fann man die Zahl der Kartelle, die in
Deutjdhland [hon bejtanden haben, auf weit über 600 be:
ziffern. Allein die Zahl der gegenwärtig beitehenden Kartelle
 wird, wenn man alle Iofalen Dereinigungen mitcechnet,
 nicht viel dahinter zurüdbleiben. Auch die Zahl
der Waren, die f[hon Gegenjtand von Kartellen waren,
geht über 400 hinaus,
Im lebten Jahrzehnt vor dem Kriege war eine [tarfe
Zunahme der internationalen Kartelle, d. h. der
Derbände, an denen außer Deutfchland noch mindejtens
ein ausländijher Staat beteiligt ilt, bemerfenswert. Sie
waren freilich längit nicht alle befannt, do) mag es deren
über 100 gegeben haben. Schon feit Anfang der achtziger
Yahre find [oldhe, namentlidh in der hemijden Induftrie
zu verzeichnen, der aud) heute nod) weitaus die meilten
hierher gehörigen Derbände angehören. In meiner 1897
erjhienen Schrift „Die Unternehmerverbände“ gab ich
eine Cijte von 40 internationalen Kartellen, an denen
Deutjchland beteiligt war, davon über die Hälfte aus der
chemifchen Indujtrie. Don anderen Waren jeien genannt:
Schienen, Röhren, Träger, Halbzeug, Draht, Drahtitifte,
Drahigeflecht, Nadeln, Sederfjtahl, Schrauben, Emaillierwaren,
 Drudfnöpfe, Zinf, Blei, Nidel, Kupfer, und ver-{hiedene
 Kupferwaren, Aluminium, Munition, Porzellan,
Spiegelglas, Tafelglas, Slajchen, Uhrengläfer, Zement, Grapbit,
 Kaolin, verfchiedene Gummiartifel, Leim, ver]chiedene
Federwaren, Samt, Krawattenftoffe, Nähfeide, Schappe,
Antimon, Kunftjeide, Slachs, £inoleum, Leder, Cachenez
ujw., Bromfilberpojtiarten, Kinematographen und andere
mehr. Die meilten internationalen Kartelle hatte Deuticdh-(and
 mit Öfterreihh und Belgien.
In dieje Beziehungen, die für den internationalen Der-Fehr
 von größter Bedeutung waren, ja mandmal die Schußzölle
 geradezu erjekten, hat der Weltkrieg zerftörend ein-1:


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5, Sormen der Kartelle.

57

gegriffen. Aber längit nicht alle internationalen Kartelle,
[elbit mit den uns feindlihen Ländern, find während des
Krieges aufgelöft worden; allerdings ijt eine Reihe von
ihnen nad) unferer Niederlage und der Abtrennung widhtiger
 Gebiete vom Deutidhhen Reiche gefündigt worden.
Doch ijft es fiher, daß der verfhärfte Wettbewerb
na dem Kriege, wenn auch wohl die meilten Staaten
eine ftrengere Abfjchließung, fei es allgemein, jei es nur
gegen uns, durd) Schubzölle u. dgl. vornehmen werden,
Ichließlich doch wieder zu manchen Derftändigungen zwijchen
den Unternehmern in verfhiedenen Ländern jowohl über
die Konkurrenz im eigenen Lande als auch auf dritten
Märiten führen wird. Einftweilen {ucht man fidh gegen
die deutfche, dur unfere unterwertige Daluta erleichterte
Konfurrenz vor allem mit jtaatlicher Hilfe, Einfuhrverboten
ufw. 3u wehren.

5. Sormen der Kartelle.

Außerordentlidh groß ift auch die Mannigfaltigfeit der
Sormen, in denen die Unternehmer fic gegen ihre Abnehmer
 in monopoliftijdjer Weile 3zufjammenge[dloffen
haben. Es Iaffen fi 3 große Gruppen unter[heiden.
Das Nächftliegende für bisher konkurrierende Unternehmer
wäre, daß alle ih gegenfeitig ein beftimmtes Abfaßgebiet
garantieren oder [ich bejtimmte Abnehmer 3zuweijen, {0
daß jeder in feinem Kreife ein vollftändiges Monopol hat.
Dies gejdhieht durch die Gebietskartelle, jedoch 3umeilt
 nur in der Weife, daß mehrere territorial zujammengehörende
 Gruppen von Unternehmern ihr Abfaggebiet voneinander
 abgrenzen. Namentlich internationale Kartelle
haben häufig eine derartige Abgrenzung zum Zwed, beitehend
 in der Derpflichtung, nicht in das Gebiet des andern
Staates zu verkaufen. Ein gegenfeitiges Garantieren jedes
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        38 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle.
Abnehmers ift auch der fogenannte Kunden | Huß, durd
welchen insbefondere die Brauereien fich verpflichten, fich
nicht gegenfeitig ihre Kunden durch billigere Bierlieferungen
 oder Gewährung fonftiger Dorteile abjpenfitig 3u
machen und aud) bei freiwilligem Wechiel der Kunden eine
Entichädigung zu bezahlen.
Die Kartelle ermöglihen es den Unternehmern aber
auch, “ohne eine derartige Jjolierung monopoliftijd vorzugehen,
 und zwar 1. in der Weife, daß fie fih über die
DPreife, die fie verlangen wollen, veritändigen; 2. in
der Art, daß fie über die Produktion eines jeden Teilnehmers.
 Bejtimmungen treffen. Eriteres ijt naturgemäß
bhefonders erwünfcht, wenn es [ih darum handelt, die durch
den Konkurrenziampf gef&amp;amp;mälerten Gewinne zu erhöhen.
Daher find die Preiskartelle am häufigjten. Sehr
oft hat aber die Konkurrenz zu einer großen Überproduktion
geführt, Händler und Konjumenten find auf large voraus
mit Dorräten verfehen und Preisvereinbarungen find kaum
durchführbar. Da müfjen zuerft Beftimmungen über die
Produktion getroffen, Betriebs und Produktionsbejdhränfungen
 vereinbart werden: die fogenannten Produk;
tionstartelle. Sie fommen befonders in der Tertilinduftrie
 häufig vor, indem vereinbart wird, daß zu bejtimmten
 Stunden oder an beitimmten Tagen in der Woche
nicht gearbeitet werden foll oder daß während einer gewilfen
 Zeit eine beftimmte Zahl von Webitühlen, Spindeln
oder fonitigen Mafjcinen {tiliegen fol. Oder es wird
nur beitimmt, in weldem Prozentjag alle KarteNlmitglieder
ihre Produktion im Derhältnis zu der in einem früheren
Zeitraum einjdränfen müjfen. Alle derartigen Dereinbarungen
 erfordern natürlich eine forgfältige Kontrolle in
Bezug auf ihre Einhaltung. Die Kartelle pflegen dafür
Dertrauensmänner anzuftellen, weldhe: die Betriebe, unter
Umitänden auch die Sakturenbücher ulw. revidieren. Sütr

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Übertretungen pflegen fehr hohe Strafen fejtgefebt zu fein,
wofür oft Solawechfel hinterlegt werden mülfen.
Bei allen diejfen drei Kartellformen: Gebiets-, Preise
und ProduktionskarteNlen, ann man nun wieder eine niedere
 und eine höhere Stufe unterfheiden. Erftere befteht
in der gefhilderten Weife in einfadher BefhHränkung
des Unternehmers, fei es in Rüdficht auf den Abfag, die
Preisfejtjegungen oder die Produktionstätigfkeit. Bei der
höheren Stufe dagegen findet eine Derteilung des
Gejamtangebots, der Gefamtnachfrage oder des Gejamtgewinns
 an die Mitglieder ftatt; man fpricht daher hier von
Derteilungsfartellen. Im Gegenfaß zu den
Kartellen niederer Ordnung, weldhe in bloßen Derträgen
zwijdhen den Unternehmern beitehen, feine Konfreten Organe
 haben, ift bei den Derteilungsiartellen in der Regel
ein bejonderes Organ, gewöhnlidh Derkaufsitelle
 oder Syndikat genannt, erforderlich, welches
die Derteilung beforgt, Diefes Organ, das heute vielfad)
 in Gefelljhaftsform, Attiengefelljhaft, Gefellidhaft
mit befdränfter Haftung, errichtet wird, deffen Sunktion
aber aud Privatperfonen, Handlungshäufern, Banken
übertragen werden kann, erfordert natürlich einen größeren
Derwaltungsapparat und feßt daher ein feiteres Gefüge
des Derbandes voraus. Daher pflegen fih diefe feltorganifierten
 Kartelle erft aUlmählid) aus den Kartellen niederer
Yrönung zu entwideln.
Dem fogenannten Gebietsiartell der niederen Stufe
ent{pricht hier das Kartell mit Auftragsvertei-[ung,
 in dem zwar nicht territorial abgegrenzt wird, aber
alle Aufträge an eine Zentralftelle, das fogenannte Derfaufsfyndikat,
 gerichtet werden müffen, welches fie nach
einem vorher fejtgejtellten Derteilungsplan den einzelnen
Mitgliedern bis zur vollen. Höhe der ihnen 3zugebilligten
Abfjaßquote zuweijlt. Diefe Kartellform eignet Jidh bejonders

5. Sormen der Kartelle.
        <pb n="55" />
        10 I. Kapitel. Wefjen und Entjtehung der Kartelle.

für Maffenprodukte, bei weldhen wenig Qualitätsunter-[hiede
 vorhanden find und den Abnehmern nicht viel auf
die Lieferung durch beftimmte Produzenten anfommt. Zu
den in diejfer Sorm abgefchlofjenen Kartellen gehören die
meijten Derbände der Kohlen- und Eifeninduftrie. Das
Rheinifqh-Wefjtfälilde Kohlenfyndikat
A.-G. in Eljen, der Stahlwerksverband A.-6.
in Düjfeldorf find nichts weiter als die Derkaufsftelle des
Derbandes der Zehen, bzw. der Stahlwerisbejiger. Deren
Derpflidhtung untereinander, nur durd diefe Aktiengefelljihaften
 zu verkaufen, ijt das eigentlide Kartell. Aud in
anderen Induftrien find zahlreidhe Kartelle in diejer Weife
organifiert, welde jidh als die zwedmäßigjte für feitgeichloffene
 Derbände erwiejen hat.
Den Produktionskartellen der niederen Stufe ent/predjen
dieAngebotsverteilungen, bei weldjen für jedes
Mitglied beftimmt wird, welden Teil von dem gejamten
auf den Markt zu bringenden Produktionsquantum es den
Abnehmern anbieten darf. Hier wird alfo nicht nur die
Produktion befchränft, fondern von einem gefamten auf
den Marit zu bringenden Warenquantum ausgegangen,
deffen Heritelung unter den Kartellmitgliedern nad einem
beitimmten Schlüffel aufgeteilt wird. Dieje Kartellform
ijit nicht fehr häufig, weil [ie eine weitgehende Kontrolle
erfordert und fih die Derteilung der Aufträge in vielen
Sällen als zwedmäßiger erwiejen hat.
Den Preisiartellen endlich ent{predhen unter den Kartellen
 höherer Orönung diejenigen, weldhe eine Derteilung
 der Gewinne vornehmen. hier fließen
alle Einnahmen in eine gemeinjame Kaffe und werden an
die Mitglieder im Derhältnis ihrer Beteiligungsziffer verteilt,
 bzw. jedes Mitglied ijt von vornherein gehalten, die
Differenz zwijdhen einem angenommenen, ungefähr den
Hroduktionskoflten entiprehenden Grundpreife und einem

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vereinbarten Minimalverkaufspreife in die gemeinfame
Kalfe einzuzahlen. Bei mandjen diejer Kartelle, die in
neuerer Zeit häufiger als früher entjtanden find, wird dadurch
 auch ein Einfluß auf die Produktion der Mitglieder
ausgeübt, daß über ein beftimmtes Beteiligungsquantum
hinaus für das, was mehr produziert oder abgefebt
wird, höhere Einzahlungen zu machen find bzw. geringere
Rüdzahlungen aus der gemeinjamen Kaffe erfolgen. Auf
dieje .Weije wird die Seftfekung öffentlicher gemeinjamer
Derkaufspreife ganz überflüffig. Jeder hat fhon von felbit
ein Intereffe, nicht unter dem Minimalpreis zu verkaufen,
umgefehrt ijt es aber möglich, daß ein höherer Derfaufspreis,
 den ein Unternehmer vielleicht wegen der befonderen
 Qualität feiner Produkte zu erzielen vermag, ihm
auch voll zugute fommt.
Eine andere Sorm des Gewinnverteilungskartells beitebt
 darin, daß von den Produzenten eine bejondere
Handelsgefelljchaft (meijt AktiengefellidHaft oder Gejellichaft
 m. b. 5.) gebildet wird, die ihnen die Produktion
abfauft, fie 3u vereinbarten höheren Preijen verkauft
und den Gewinn an die Mitglieder zur Derteilung
bringt. Dieje Sorm des Gewinnverteilungskartells kann
als die höchfte denkbare Kartellform überhaupt bezeichnet
werden, weil fie die Selbjtändigkeit der Unternehmer am
meiften befchränft. Sie nimmt ihnen volljtändig die eine
Seite ihrer Tätigkeit, den Derkauf, Jäßt fie nur nod) in der
Produktion felbjtändig und in dem Eigentum an ihrem Betriebe.
 Wird auch das den Unternehmern genommen,
jo fommen wir zur monopoliftifden Sufion
und zum Truft, bei welchen alfo die Selbitändigkeit der
Unternehmer aufhört, an ihre Stelle eine einheitlidhe neue
Unternehmung tritt, Don ihnen, die fi in Deuticdhland
jelten, jondern bisher hauptjächlich in Amerifa entwidelt
haben, wird in einem ipäteren Kapitel die Rede fein.

5. Sormen der Kartelle.

41
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        42 I. Kapitel. Wejen und Entitehung der Kartelle.
6. ANgemeiner Charakter der heutigen wirt{Haftlichen
Kämpfe.
Man erfennt aus dem Gefagten, wie die Tendenz zu
monopoliftiidhen Dereinigungen der Unternehmer heute
die ganze Welt umfaßt. Überall geht man daran, den
Konfurrenzlampf durd gemeinjame Organifationen auszufchließen
 oder zu vermindern und den Mitgliedern eines
Erwerbszweiges dadurch befjere Erwerbsbedingungen 3U
verjchaffen. Wenn man die Bedeutung diefer Entwidlung,
die fi in ungefähr einem Menfchenalter vollzogen hat,
den ungeheuren Gegenjak gegen früher recht ermelfen will,
muß man daran denken, daß vor einigen Zahrzehnten eine
öfonomifche und politijdhe Jdeenrichtung noch die allge
meine Berrichaft hatte, der öfonomijdhe „In dividyua
Lismus"“, der den wirtjhaftlihen Interel fjenfampf
 aller gegen alle als den allein „naturgemäßen“
 Zujtand des Wirtfjchaftslebens erflärte, in der
freien Konkurrenz den allgemeinen Regulator
der ganzen Doliswirtjchaft erblidte, Wer damals prophezeit
 hätte, daß in einem Menichenalter fajt alle Erwerbs:
zweige fich in Derbänden organifiert, den Konfurrenzfampf
mehr oder weniger ausgef[haltet haben mürden, der wäre
als Phantaft betrachtet worden, Wahrjcheinlih hätte man
derartige Gedanken als „fozialijtifh” bezeichnet. Aber fein
Menfch jah damals dieje Entwidlung voraus, und auch die
Sozialiften jtellten fi die Zukunft ganz anders DOT.
Heute ift faktijch der freie Wettbewerb in großen Zweigen
des Wirt{haftsiebens jo gut wie ausgej[cdhaltet. Man kann
dieje Epoche der Kartelle und Trufts gegenüber
 dem früheren Zuijtande freier Konfurrenz3
 vielleicht kurz fo cqharafkterifieren: Srüher, in der
Epoche des Konkurrenziampfes, fämpften die Produzenten,
 fämpften alle tau[dwirtjdhaftlidhen Subjefte mitzinander
 um den Kunden, heute it an Stelle des Kamp-BB.



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        6. Allgemeiner Charakter der heutigen wirtjhaftliden Kämpfe. 43

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fes um den Kunden, der Kampf mit den Kunden
getreten. Im Zultand der früheren Konkurrenztämpfe
war der Abnehmer, der Konfument, der ihnen
zufah, der tertius gaudens, Er profitierte davon, daß
bie Produzenten um den Abjagß miteinander fämpften. Er
zrhielt dadurch die denkbar billigjten Preije, und von feinem
Standpunkt aus fjah man diefen Zuftand als den „natürlidjen”
 an. Heute weiß man, daß diefer Konkurrenzfampf
zwar die billigjte Derforgung des Konfjumenten ermöglicht,
daß er aber höchft unwirt[haftlich ift, oft eine große Derjiqwendung
 von Kapital darftellt. Ze mehr nun mit der
Entwidlung des Großbetriebes das Mapitalerfordernis
der Unternehmungen wuchs, um fo mehr fuchte man die
Gefahren und Schäden des „anarchijdhen“ Zuftandes der
Produktion zu vermeiden, um jo mehr war eine voliswirt/qhaftlihe
 Organifation, eine Befeitigung des
Konkurrenziampfes durd) Dereinigungen eine Notwendigfeit.
 Dazu fam, daß mit der Entwidlung des modernen
Großbetriebes und des Effektenwejens eine viel engere
Derfledh tung aller Wirt/dhaftsjubjefte mit dem Produktionsprozeß
 entjtanden ift (Epoche des Effektenkapita-[ismus),
 und daß heute fidherkidh ein geringerer Teil der Bevölferung
 als früher reine Konfumenten und nur
an niederen Preifen intereffiert find, zumal wenn die großen
Arbeiter[dharen ebenfalls im Wege der Organifation es
vermögen, eine der Steigerung der Warenpreife entjprehende
 Erhöhung ihrer Löhne durchzufjeßen. Möglichft niedere
 MWarenpreife find bekanntlich durchaus Iein Zeichen
voliswirtf{dhaftlichher Blüte. Jedenfalls find unter dem
Einfluß der modernen Produzenten-Organijationen die
meijlten Warenpreije im legten Menfchenalter ftarf geitiegen,
 und damit find naturgemäß auch die Preisfämpfe
 von größerer Heftigkeit geworden.
So haben heute alle Derfäufer von Waren und Leis
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        44 11. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indujtrie [elbit.
tungen jdharf mit ihren Abnehmern um den
Preis zu fämpfen, während fie früher miteinand eit
um den Abfaß kämpften und die Abnehmer den Dorteil
 davon hatten. Diejer Kampf wurde hefeitigt durch die
Kartelle, durch monopolijtijdge Dereinigungen, und
daher ift der heutige Kampf mit den Abnehmern fein 1} 0 -
lierter, [ondern ein organifierter. Die fih
früher Konkurrenz machten, haben fidh heute organilfiert,
aber aud®) manche Gruppen der Abnehmer [hloffen fich,
wie wir noch fehen werden, in eigenen Dereinigungen 3Ujammen.
 Diefe organijierten Kämpfe von
Anbietervereinigungen, vor allem Karttelle
 und Gewerfkvereine, auf der einen Seite,
Abnehmerorganifjationen auf der andern Seite
find die wirtfhaftlidhe Signatur der Gegenwart.
Der Konfurrenzausfjchluß unter den Angehörigen desjelben
 Berufs oder Erwerbszweiges hat daher nicht im
geringiten zum wirtihaftlidhen Srieden
geführt, fondern viel jhärfer als früher der Kampf
um den Kunden tobt jebßt in zahlreichen Gewerben der
Kampf mit den Kunden, vor allem mit den Weiterverarbeitern
 und Händlern. Dieje Kämpfe find dadurch, daß fie
nicht mehr 3zwijdhen ifolierten Unternehmern erfolgen,
fondern ganze Erwerbszweige einander organifjiert
gegenüberjtehen, mehr Macht- und Klaffenfämpfe geworden,
 die öfonomifche KXIlaffenbildung und Differenzierung
 wird durch fie verfhärft. Am meiljten gefährdet
find bei diefen wirtjhaftlihen Kämpfen diejenigen, die
fich felbfit am wenigjten organifieren fönnen, die lebten
Konfjumenten. Daher wird der Kampf der verjhiedenen
Produzentenorganifationen mit den legten Konfjumenten
und der Schuß der lekteren dur die Wirt[chaftspolitik
wohl das große Zentralproblem der Zukunft bilden, auf
das die Entwidlunag der Kartelle und Truljts hinausläuft.

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1. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer. 45

Dieje in den allgemeinfjten Zügen angedeutete Stellung
der monopoliftilden Dereinigungen im heutigen Wirtichaftsleben
 wollen wir nun in ihren wichtigeren Einzelheiten
 näher verfolgen, indem wir in den beiden nächften
Kapiteln die Wirkungen der Kartelle unter:
juchen.

II. Kapitel.

Wirkungen der Kartelle für die betreffende
Induftrie feIbit.

1. Wirfungen auf die Kartellierten Unternehmer.
Es ift natürlich, daß eine Einrichtung, die fidh mit fo
elementarer Macht durchfeßt und verbreitet wie die Kartelle,
ihren Urhebern befondere Dorteile bringen muß. In der
Tat ijft der Nuken der Kartelle für die Unternehmer außerordentlich
 groß. Wie wir vom privatwirt|Hhaftlidhen Standpunkte
 der Unternehmer aus die Entjtehung der Kartelle
zinerjeits auf das Siniender Gewinne infolge des
Konfurrenziampfes, andererfeits auf das Stei gen des
Kapitalrifikfos zurüdgeführt haben, jo laffen fid
zud) die Wirkungen der Derbände für die Unternehmer
nach diefen beiden Richtungen unter[deiden.
Der Derminderung der Gewinne, wie fie der immer
heftiger werdende Konfurrenzlampf mit fich brachte, wirken
die gemeinjamen Preisvereinbarungen entgegen,
 die in der Regel gegen früher eine Erhöhung bedeuten.
 Die Ermöglihung eines direkten Eingriffs in die
Dreisgeftaltung, die relative Unabhängigtfeit von den Der-
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        46 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Jnduftrie felbft.

hältniffen von Angebot und Nachfrage find die zunächft
in die Augen fpringenden Dorteile der Kartelle für die
Unternehmer. Es werden dadurch einheitliche
Abjagverhältniffe für das ganze Gewerbe gejchaffen.
 Nicht mehr braucht jeder Unternehmer ängltlich
 feine Konfurrenten zu beobachten, ob einer vielleicht
Preisermäßigungen vornimmt, denen er dann notgedrungen
folgen muß. Don bejonderer Bedeutung il die Möglichfeit,
 jederzeit die Preife erhöhen zu fönnen, für die Unter
nehmer in Zeiten jiteigender Konjunktur. Während die Konfurrenz
 fie dann oft an der Ausnugung der Lage hindert,
ermöglicht das Kartell es ihnen, die Preije der jteigenden
Nachfrage anzupajjen. Darin liegt der Grund, weshalb [0
viele Kartelle bei fteigender Konjunitur abgejcdloffen
werden.
Aber au wenn der Umjhwung eingetreten ifjt, eine
rücläufige Konjunftur beginnt, ijt ein felter Derband für
die Unternehmer von hohem Wert. Sreilich gehen in jolchen
Zeiten viele Kartelle zugrunde. Aber wenn der Zujammenhang
 feit genug ift, um die Krifis überwinden und die regelmäßig
 drohende Überproduktion durch Produktionsein[dhränfung
 verhindern zu Können, dann iit es möglich, auch bei
finfender Nachfrage und allgemein ungünftigen Derhältnijjen
 die Preije der Hochfonjunkitur noch lange aufrechtzuerhalten.
 Schon in der Krifis von 1901 ff. gelang dies
insbefondere dem Rheinilh-Wefitfälildhen
Koblenfyundikat, welches die Preije in der Depreifion
 nur wenig ermägigte und feitdem noch weiter ge
jteigert hat. Die folgende Tabelle gibt bis 1893, dem Jahre
der Gründung des Syndikats, die ZahresdurchfHnittspreife
für Settförderfohle an der Eijener Börfe, feitdem die Derrechnungspreife,
 fogenannte Richtpreife, die die Zechen vom
Syndikat erhalten (das Rechnungsjahr geht von April bis
Ende März).

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1. Wirkungen auf die KarteNlierten Unternehmer. 47

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Man erkennt die fajt ftetige Preisfteigerung unter dem
Einfluß des Syndikats, die zwar in der Hochfonjunktur von
1900 die Preife von 1890 (und auch die Anfang der 70 er
Jahre) nicht ganz erreicht, die aber dann in der Hochfonjunftur
 von 1906—1908 zu den höchften Kohlenpreifen
jührte, die bis dahin beftanden haben.
Diel weniger ijt diefes Hochhalten der Preije in. den
Dreprejfionsjahren 1901-—1905 den anderen feit gefhloffenen
Derbänden gelungen, und zwar großenteils deswegen, weil
hier die Dergrößerung der Produktion in der Hochkfonjunitur
idhneller und leichter möglich war als im Koblenbergbau.
Da gleichzeitig der Bedarf nad) foldhen Produkten, wie
Eijen, Zement ujw., fein fo jtabiler blieb wie der nach Koblen,
fo war es diefen Derbänden troß ftarier Produktionseinfjhränfung,
 teilweifje bis zur Hälfte der Beteiligungsz3iffer,
nicht möglich, die Preife auftechtzuerhalten. Einige Kartelle,
[o der Zementinduftrie, mußten fich infolgedefjen auflöfen.
Die verfchiedene Kartellfähigfeit der einzelnen Indultrien
tritt in diejen Derhältniljen deutlich hervor.
Im folgenden Jahrzehnt zeigte fih aber überall das
Beitreben, durch befiere Organifation eine größere Stetig-2)
 Die Preife ehe feit April 1918 die Kohleniteuer, feit
Januar 1919 die Kohlen: und Umjakiteuer.
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        48 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indufteie felbit.

feit herbeizuführen und namentlich auch in der Krifis einen
allzu ftarfen und plößlihen Preisrüdgang zu verhindern,
und es läßt fidh in diefer Hinficht ein erheblicher Sortf{hritt
gegenüber dem Krifenjahr 1901 bemerken. War es damals
nur das Kohlen{yndikat, das feine Preife fo lange wie möglid
 auftechthielt und dann nur wenig ermäßigte, Jo ift es
in den Depreffionen von 1908 und 1913/14 auch der Stahlwerksverband,
 der für den größten Teil feiner
Produkte die Preije hochgehalten hat. Auch für feine Preispolitif
 jeien als Beijpiel die Preife für KXnüpperl feit
jeinem Beftehen angeführt (die römi[chen Ziffern bedeuten
die Muartale, in denen die Preisänderung eintrat):

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Seitdem fann nicht mehr jede Preisänderung mitgeteilt
werden. Bei Ausbruch der Revolution betrug der Preis
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1. Januar 1919 300 %
1. Mai N 400
|. April „ 475
1. Dezember 1500 „ ujw.
Er wurde am 1. Sebruar 1920 auf 2260 A, am 1. April
auf 2477 % und am 1. Mai 1920 auf 3125 .% pro Tonne
erhöht, am 1. Juni 1920 auf 2725 % herabgejebt.
Man erfennt, daß der Stahlwerisverband in der legten
Depreflion vor dem Kriege früher als das Kobhlenfyndikat
mit den Dreifen herunterging und die Preiserhöhung hier

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1. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer. 49

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£inie mit tecnijdhen Derhältnijffen zujammenhängt.
Bemerkenswert ift auch die Entwidlung der Syndikate
in der Zementinduftrie, Während jidh 1900/01 die meiften
Zementfartelle auflöften, find fie 1908 beijtehen geblieben,
haben teilweije die Preife nur wenig ermäßigt, jedenfalls
einen plößgliden Rüdgang verhütet. Auch bei dem nod
jchärferen wirt[qhaftlidhen Rüdgang im Jahre 1913 blieben
die einzelnen territorialen Zementfartelle und ihre gegen-Jeitigen
 Gebietsabgrenzungen, troß mancher durch Überproduktion
 verurfachter Schwierigkeiten, befonders im
Rheini[dh-Weftfälijdhen Zement{yndikat, befitehen und fonnten
die Preife und damit die Gewinne gleidhmäßiger gefltalten.
Doch ift unter dem Einfluß der Kartelle die Produktion fo
ausgedehnt worden, daß es wohl auch hier vorübergehend
 einmal wieder zum Konfurrenzlampf tommen
wird, wenn nicht der Staat eingreift.
Au in Heineren Induftrien, 3. B. für Spiegelglas, und
in verfchiedenen Zweigen der Tertilinduftrie haben die
Kartelle Konjunfturrüdgänge überdauert und ihren Mitgliedern
 eine verhältnismäßig günitige Lage gef{haffen.
Wie diefes Hochhalten der Preife auf die Abnehmer wirkt,
wird im folgenden Kapitel 3u erörtern fein; für die
Unternehmer jelbit bedeutet jedenfalls ein wohlorganifiertes,
feit gefhloffenes Kartell eine gewiffe Derjidherung gegen
Konjuniturfjdhwankungen. Dieje Wirkung wird ficherlich
in der Solge noch mehr hervortreten, wenn die Bildung
feit organifierter Kartelle Sort{chritte macht. Sreilich find
die Dorbedingungen dafür nicht in allen Induftrien gleich
günfitig, und audy die Möglichkeit, eine übermäßige Ausdehnung
 der Produktion in der Hocfonjunitur 3u ver-%indern,
 ijt nicht überall gleid) groß.
$ür manche Induftrien war die wirt{qhaftliche Entwidlung
während des Weltkrieges wegen feiner Jangen Dauer und
Ziefmann, Kartelle und Truits, 4. Aufl.
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        50 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Jnduftrie jelbit.

des ungeheuren Materialverbrauchs, der allein von einem
einzigen, glänzend zahlenden Abnehmer, dem Staate, aus
ging, einer Hochfonjunitur gleidhzuachten. Daß die Unternehmer
 mitteljt ihrer Kartelle beftrebt waren, fie auszunußen,
 darüber beiteht fein Zweifel. Andererfeits wurden
nad) dem Zufjammenbrud) die Kartelle für fie jehr wertvoll,
 um die Steigerung der Kolten, insbejondere
die ftändigen CLohnforderungen der Arbeiter durch
Preiserhöhungen auszugleichen. Daß dies
in manden Jnduftrien gelungen ift, beweifen die hohen
Gewinne und Dividenden, die vielfach erzielt und verteilt
werden, die allerdings zu einem großen Teil aud auf
Dalutagewinne zurüczuführen find, bei ftark erportierenden
Anduftrien eine Solge des Steigens der ausländijdhen Depifen.
 Aber auch im Inlande ift vielfach die Abwälzung
der geftiegenen Löhne auf die Konjumenten gelungen, und
die Kartelle haben dabei fjtarf mitgewirkt. Daß die gegenwärtige,
 in erijter £inie doch durch die Sozialdemokratie
bejtimmte Regierung da, wo fie ein Mitbeftimmungsrecht
bei den Preisfeltfeßungen hat, wie bei den meijften wichtigen
 Waren, fidh den Wünjchen der Unternehmer in der
Regel fehr nachgiebig zeigte, entipridht nur der fozialen
Gerechtigkeit. Sie war wenigjtens nicht fo bemüht, wie
es die ganz Radikalen wollten, den Unternehmergewinn,
nach Marz ja ein bloßes Erzeugnis von Ausbeutung der
Arbeiter, durch die fortgefeßten Lohnfteigerungen üÜberhaupt
 zum Derjhwinden zu bringen und damit [hließlich
die Produktion ganz zufjammenbrechen zu laffen. Die ein-Jichtigen
 Elemente der Arbeiterfhaft erkannten wenigitens
noch rechtzeitig, daß fie doch noch nicht in der Lage waren,
die ganze Organifation der Produktion felbjt in die Hand
zu nehmen. Aber infolgedeffen fehen wir, daß die Arbeiter
 und Unternehmer, die erjteren in ihren Gewerkvereinen,
 die plößlidhh fo ungeheure wirtjchaftlihe und

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1. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer, 51

politijde Macht erlangt haben, die Ießteren in ihren Kartellen,
 beide an demfelben Strange ziehen, an der Ausbeutung
 der Konfumenten, zu denen in eriter £inie immer
noch aud) der Staat felbit gehört. Er ijt heute, "nun er
einmal auf der fchiefen Ebene der Benugung der Notenpreife
 angelangt ijt, bejonders willig, den Arbeitern immer
Höhere Löhne, zum Ausgleich aber den Unternehmern
aud) immer höhere Preife und Gewinne zuzugeftehen. ft
lebteres doch auch für ihn felbjt, namentlich in der Montanindultrie,
 wo der Sistus großer Unternehmer it, vorteilhaft:
 Auch ift es für den Sinanzminifter eines demoiratijhen
 Staates ja viel wichtiger und vor allem auch bequemer,
 die wirtihaftlidhen Sorderungen der politijhen
Parteien von rechts und von Minis zu erfüllen, ftatt auf
Sparjamfeit zu dringen und die Benugung der Notenpreife
zinzufchränfen.
Daß darunter viele Kreije des Dolfes, namentlich die
feinen Kapitaliften, die ihr Einiommen gar nicht oder
nicht fo fAnell erhöhen Können, leiden, daß eine völlige
Dermögensumfhichtung erfolgt, wird nicht berücdfichtigt,
ebenfjowenig, daß angefichts der geringen Produktion die
Arbeiter mit ihren hohen Löhnen doch nicht mehr kaufen
fönnen, auf diefje Weife aljo alle Preije aNmählih in die
höhe getrieben werden. Ebenjowenig wird berüdfichtigt,
wie auf dieje Weife der Kurs unferer Dalkuta im Auslande
ji wieder heben Joll (ein Glück nur, daß dort auch allmählid
 immer mehr ähnlidhe Derhältniffe Plag greifen). Auf
alle diefe Dinge kann hier nicht näher eingegangen werden.
Nur das fei nochmals betont: mit dem GegenfaBg von
Unternehmern und Arbeitern, mit dem „Kapitalismus”
haben die Monopolbildungen an fidh nichts zu tun. Die
Arbeiterfoalitionen fönnen gerade fo monopolijtifjdh wirken
wie die der Unternehmer. —
Einen groben Dorteil für die Unternehmer bilden die
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        52 IL. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr, Induftrie felbit.

mit den Preiskartellen gewöhnlich verbundenen Dereinbarungen
 über die Derfaufsbedingungen, Zah:
[ungsweife, Rabatt- und Kreditgewährung,
 Anrteqhnung der Derpadung
und dergleichen, die fogenannten Konditionen-Fartelle.
 Sie verhelfen einerfeits erft den Preisvereinbarungen
 3u voller Wirffamfeit, andererfeits befeitigen
le mandje Migjtände, die mit jenen Dingen in vielen Gewerben
 verbunden zu fein pflegen, und die oft eine Art un:
lauteren Wettbewerbs daritellen.
Auch ohne Derbindung mit Preisvereinbarungen haben
diefe Konditionenkartelle in den Tegten Jahren
eine fehr große Derbreitung erlangt, nicht nur in der Droduftion,
 wo fie vor allem in den verfhiedenen Zweigen der
weiterverarbeitenden Tertilinduftrie eine Rolle Ipielen,
 fondern auch in den verjchiedenften Zweigen des Han -
dels. Sie haben keine eigentlich monopoliftijdhe Wirkung,
bedeuten aber doch für die Mitglieder eine erhebliche Derminderung
 der Konkurrenz, indem fie die gejamten Konfurrenzmaßregeln
 befjeitigen, die fonit auf diejem Gebiete
in Anwendung zu Iommen pflegen, und die oft für den einzelnen
 Unternehmer drüdender find als Konfurrenz in den
Dreifen. Dor allem bedeuten fie für die kartellierten Unternehmer
 eine andere Derteilung des Rifikos 3u ihren Gunften,
wie Jie fih durch günftigere 3Zahlungsbedingungen, Befeitigung
 der Optionen, d. h. die Sejtlegung von Derfaufspreijen
 ohne Annahmepflicht des Kunden, und ähnliche Er-Iqheinungen
 ergibt. Die Konditionenkartelle itellen hinfichtlid
 der Derkaufsbedingungen alle Konkurrenten auf die
gleiche Bafis und verftärfen damit ihre Macht gegenüber den
Abnehmern. Dieje haben fich demgegenüber vielfach auch
zujammengefchloffen, namentlic auf dem Gebiete des
Detailhandels, um die den Abnehmern oft jehr dörüdenden
Derfaufsbedingungen günftiger zu geftalten. In manden

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1. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer. 53
Unternehmungszweigen ijt man [don zu Derjtändigungen
der beiden Parteien gefommen, in anderen wird no heftig
um die Konditionen gekämpft. Diejfe Kämpfe und [dAließlichen
 Derft“digungen gehören zu den bemerfkenswerteften
Dorgän, der heutigen Dolkswirt[haft, indem fie— was
rüher 7 bei den Kämpfen mit den Arbeitern der
Sall m - - jebßt aud) hier die Interejfenten auf beiden
Seite 5 der ganzen £inie organifiert und in
geme.yamem Dorgehen und endlihem Zujammen{dhluß
zeigen.
Solche Deritändigungen über die Derkaufsbedingungen
fönnen auch allgemein voliswirt{Haftlidh fehr nüglich fein;
denn bekanntlich verteuert 3. B. übermäßige Kreditgewährung,
 die auf allen Wirtjqhaftsitufen bis hinab zum Detail-Handel
 fehr häufig anzutreffen ijt, die Waren oft wejent-[ih
 für die legten Konjumenten. Au das Publikum hat
daher an der Befeitigung folder Auswüchfje der Konkurrenz
und an dem Dorhandenfein felter Preife für alle Käufer
ein Intereije. Andererfeits ermöglicht die größere Rüdjichtslofigfeit,
 wie fie nad) dem Kriege im Wirtjhaftsleben
üblich geworden ift, auch die Dereinbarung von Derfaufsbedingungen,
 weldhe für die Abnehmer eine augerordent
lie Härte bedeuten Iönnen.
Die gleihmäßigere Preisgeftaltung, die Derhütung
plößlihen Preisjturzes in der Krifis ijt natürlich auch für
die Derminderung des Kapitalrijifos der
Unternehmer von Bedeutung. Sie wird weiter gefördert
durch die Anpaffung der Produktion an den
Bedarf, weldhe das Produktions fkartel den Unter:
nehmern ermöglicht. Bei der Regulierung der Produktion
zeigen fi ganz befonders die Dorteile der engeren Derbindung
 der Gewerbetreibenden gegenüber der Ifolierung
im 3Zufjtande freier Konkurrenz. Beim Konkurrenziampf
beobachten wir die mit allen Regeln der Wirt[Haftlichkeit

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        54 11. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr, Jnduftrie felbft.
in Widerfpruch ftehende Tatjadhe, daß der einzelne Unternehmer
 bei ungünftigen Abfagverhältniffen eine Reduktion
jeines Angebots nicht vornehmen fann, fondern eher nod
zu einer Dermehrung desfelben geneigt ijt. Jeder Unternehmer
 weiß, daß ein Überangebot nur durch Einfchränfung
 der Produktion zu hefeitigen ift, aber er erkennt auch,
daß im Konfurrenziampf er allein eine foldje nicht durchzuführen
 vermag, ohne damit nur den übrigen zu nüßen
und fich felbjt zu [Hhaden. Darin [haffen die Kartelle Anderung.
 Gemeinjame Beicdhränfung der Produktion ijt daher,
namentliq) bei finfender Konjunitur, das Mittel, eine
ihnellere Befferung der Lage herbeizuführen, als die freie
Konfurrenz, die die [Hwäcften Unternehmungen fhließlich
befeitigt, ermöglichen würde.
Bei einer fehr ungünftigen wirtjqhaftliden Lage fönnen
lid) die Unternehmer gar nicht anders helfen als durch eine
Einjhränkiung der Produktion. Preisvereinbarungen allein
find dann nit möglich; denn die bei den Händlern fowie
bei den Produzenten felbjit vorhandenen großen Lager
würden die Durchführung derfelben hindern, und die Produzenten
 müjfen vor allem darauf bedacht fein, daß die Lager,
die bei den meiften Produkten fehr hohe Koften verurjachen,
jih nicht vergrößern. Daher kommt es, daß namentlich
in den befonders zur Kartellbildung geeigneten Indufjtrien,
in der Kohlen-, Eijenindujtrie, den übrigen Metallinduftrien,
der Induftrie der Steine und Erden ufjfw., die erften Kartelle,
die regelmäßig in ungünitigen Zeiten entjtanden find, Pr 0 -
duftionsiartelle gewefen find. —
Don größtem Nußen für die Unternehmer ijt ferner die
größere Mad titellung, welhe der Zujammen-Ihluß
 ihnen anderen Wirtjhaftsfubjeilten gegenüber ver-[leiht.
 Den Abnehmern im allgemeinen gegenüber {pricht {ich
dies ja [don darin aus, daß die Kartellierten Produzenten in
der Preisgeftaltung in gewijfem Grade fouverän find,

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1. Wirkungen auf die fartellierten Unternehmer. 55

mährend bei freier Konkurrenz häufig die Käufer den Preis
heitimmen,. jedenfalls in viel höherem Grade bei der Preisfeitjebund
 in Betracht fommen. Aber über die Preisbildung
hinaus gibt das Kartell” den. Unternehmern Gelegenheit,
die gefamte Abfagorganifation des Gewerbes zu regeln.
Dieje ijt ja heutzutage durd) das Zujammenwirfen der verihiedenartigiten
 Wirtichaftsjubjekte eine fomplizierte Sache
und ein Eingreifen des Kartells in diejfen Organismus von
weittragenden wirtihaftliden Solgen. Ansbefondere werden
 die Händler davon betroffen, und der Einfluß der
Monopolbildungen auf den Handel gehört zu den volfswirtichaftlid)
 bedeutjamften Erjdheinungen dieler ganzen
Entwidlung.
3m Zuftande der freien Konfurrtenz ijt es der Händ-(er,
 dem die Anpajlung der Produktion an den Bedarf
obliegt. Der ifolierte Unternehmer, der den augenblidlien
 Stand der Nachfrage nicht zu überbliden vermag,
richtet feine Produktion nad) den Beijtellungen des Händlers
ein. Diejer übernimmt das Hauptrififo; feine Tätigfeit
jtellt das {pefulative Moment dar und hat die aller Spefu-(ation
 eigene ausgleidende Wirkung. Der Händler kauft
zin, wenn die Preife billig jind; dann ergänzt et jein Lager
und fchafft damit dem Produzenten Befchäftigung. Erfüllt
zr aljo zweifellos dem Produzenten eine höchft wertvolle
Aufgabe, fo wird jeine Leitung doch von dem Produzenten
erfauft durch eine große Abhängigteit. Sie zeigt fi nament-(id
 bei Heinen, wenig fapitalfräftigen Produzenten, 3. B. in
der Landwirtjhaft; aber auch große Sirmen {ind oft für
den Abjaß ganz auf wenige, eine Art Monopolftelung
einnehmende Händler angewiejen. Ansbejondere aber
bewirkt der Handel, daß die günftigen Konjunkfturen dem
Produzenten nicht voll zugute fommen. (Es ijt dies die
Kehrfeite des Umfjtandes, daß der Handel dafür durch fein
Eingreifen die Deprejlion abidhwächt.) In der Hod-
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        56 II. Kapitel, Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft,

fonjunitur von 1897—1900 haben vielfach Händler den
größten Teil der Preisjteigerungen davongetragen, und nicht
nur das, fondern aud), 3. B. für Kohle, übermäßige Preis-Iteigerungen
 direkt verurjacht. Daher ift in foldhen Zeiten
das Beftreben der Produzenten am größten, den Handel
auszujchalten oder feine Macht einzudämmen, und die
Kartellbildung ermöglicht es ihnen, dies durchzuführen.
Wir werden {päter jehen, welche volfswirtfchaftlicen Wir-Iungen
 aus diefer Deränderung der Abfagorganifation lic
ergeben.
Aug) den Arbeitern gegenüber verleiht der Zu-Jammenfjdhluß
 den Unternehmern eine größere Madtpofition.
 Diefe Iommt aber zum Ausdrud nicht in den eigentliden
 Kartellen, welche gegen die Abnehmer ge
tichtet find, fondern in den [peziell den Arbeitern gegenüber
gefcdhloffenen Dereinigungen, den Arbeitgeber-Derbänden,
 Antiftreifverbänden und dergleichen. Sie
fönnen auch gefchloffen werden, ohne daß ein Kartell
3wi{djen den Unternehmern befteht, ja ohne daß ein foldhes
überhaupt möglich ift, wie 3wifcdhen Unternehmern aus ganz
verfhiedenen Indultrien (3. B. Arbeitgeberverband Hamburg-Altona).
 Immerhin macht natürlich, wenn einmal in
einem Gewerbe Streitigfeiten mit den Arbeitern ausbrechen,
der Umitand, daß fhon ein Kartell 3wijdjen den Unternehmern
 befteht, es diefen Teichter möglich, jenen vereint
entgegenzutreten, ver[chlechtert alfjo im allgemeinen die
Ausfichten der Arbeiter auf Erfolg. Befonders aber laffen
fid ad ‘hoc ergriffene Maßregeln, [0 der Befchluß, die in
einem Betriebe [treifenden Arbeiter hei feinem der Kartell»
mitglieder einzuftellen, bier Teichter durchführen als bei ifo-Kierten
 Unternehmern. Andererfeits ermöglicht aber ein
Kartell es den Unternehmern, den Wünfcdhen der Arbeiter
leichter nachzugeben und die Koftenerhöhungen auf die
Konfumenten abzuwälzen. Schließlich fei nod) darauf auf.

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ij. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer. 57

merfjam gemacht, daß fidh der Gegenjag zwijden Kartell
und Arbeitgeberverband immer mehr verwijdjen wird,
wenn die Entwidlung weitere Sortidhritte macht, die zuerft
bei den Zwangsfyndikaten 3u verzeidhnen war, daß bei der
itaatliqgen Regelung der Kartelle aud) gleichzeitig das Derhältnis
 zu den Arbeitern in der betreffenden Indujtrie gecegelt
 wird. Je mehr, feit der Revolution, einerfeits die
Arbeiter und ihre Organifationen Einfluß auf die Produktion
 und die ganze Unternehmertätigfeit gewinnen,
andererfeits die ganzen Sachorganifationen überhaupt durch
die Regierung geregelt und zu halböffentliden Anftalten
werden, um fo mehr verlieren die eigentlidhen Arbeitgeberverbände,
 die bisher vor allem Organifationen des fozialen
Kampfes waren, ihre Bedeutung. Um fo näher aber Hegt
bie von mir Jdjon immer betonte Gefahr, daß [ich die Produzenten,
 Unternehmer und Arbeiter vereint, gemeinjam
auf die legten Konfumenten {türzen, Davon wird fpäter
die Rede fein.
Endlich ijt darauf hinzuweifen, daß ein Dorteil der
Kartellbildung für die Unternehmer auch in der dadurch bewirkften
 höheren Bewertung ihres Unternehmens
 liegt, Befjonders zeigt jidh dies natürlich bei an
der Börfe eingeführten Aktiengefelljhaften. Die Börje pflegt
den Abfchluß eines Kartells ftets mit einer Kursiteigerung
der betreffenden Eijfekten zu begrüßen, Dolfswirtjqhaftlich ijt
es natürlich gleichgültig, ob eine Aftie bei gleichbleibenden
Erträgen zu 200 oder zu 300% bewertet wird, und der
Außen einer eventuell gleihmäßigeren Bewertung im Zuitande
 des Kartells wird ausgeglihen durch die Entjadhung
 der Spekulation, die an die Möglichkeit einer
Auflöfung oder Erneuerung eines Kartells anfnüpft.
Wie außerordentlich die Bewertung der Kohlenaktien feit
dem Beitehen des Syndikats geftiegen ift, zeigen folgende
Ziffern:
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        58 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft.
Ultimokiurfe von Aktien:

Name

Kurs
189311895/1900'1902/1904/190611908'1910119121191611919

Harpener Bergwerksgef, 1,9 168
Konfolidation 140 | 204
Nordftern w | 40 161

1681 169
del 352
217248

214: 213 | Kl 183! deal 197
436477 4721380 | 354| 335
285 386 »*)

260
305

Durch iAhnittsiurfe von Kuren:

Name der
GemerIichaft

Kurs Ende
1895 | 1895 | 1900 | 1902 | 1904 | 1909 | 1911 | 1913 | 1916 | 1919
7 900/30 000/36 000/46 000/74 000 78000 [64000/62000 56 000|85 006
7000/15400/19000 2100042 000/54 000 40.000/41000.46000 49000
3200! 6500111 000'12000/27 000132000 29000 30 AAN!z4 000 6a nnn

Graf Bismarı
Ewald
König Sudwial

Daß diefe fteigende Bewertung die Spekulation ftari
anregen mußte, liegt auf der Hand, und insbefondere der
Handel in Bergwerksanteilen (Kuren) hat unter dem Synödifat
 eine große Ausdehnung erlangt. Aber eine erheblich
höhere Bewertung als früher ift nicht nur durd) das Steigen,
fondern aud durch die größere Sicherheit der Erträgniffe
gerechtfertigt. Naturgemäß war 1907—1909 und 1913—15
im Zujammenhang mit der finkenden allgemeinen Konjunftur
 au) ein Rüdgang der Anteile von Koblenbergwerisgefelljdhaften
 zu verzeichnen. Er war aber viel unbedeutender,
 als er bei freier Konkurrenz fein würde und in früheren
ungünftigen Zeiten tatjächlich gewefen ijft. Daß die großen
Kursfteigerungen von Aktien feit 1919 nicht mit den Erträgen,
 fondern im wefjentlihen mit dem Sinfen des
deutjdhen Geldwertes im Zufammenhang {tehen, fei bier
nur erwähnt.

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*) 1907 3u 3irfa 400%, an den Phönir übergegangen.
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1. Wirkungen auf die kartellierten Unternehmer. 59

Die treibende Kraft, weldhe den Unternehmern die ge:
jhilderten Dorteile der Kartelle gebracht hat, weldhe [ie veranlaßt
 hat, fi 3u vereinigen, ihre Jjoliertheit und das
verluftbringende gegenfeitige Befämpfen aufzugeben, war
das private Gewinninterejje. Aber ohne ein Opfer ihrerfeits
ging es dabei natürlich nicht ab, und diejes Opfer ift die
Beihränfung der Selbitändigkeit. Wie
jehr dies als Opfer empfunden wird, beweijen die vielen
Schwierigfeiten, die der Abfchluß eines Kartells regelmäßig
macht, und die durch die Bedenken einzelner herbeigeführt
werden, welche glauben, bei voller Unabhängigkeit ihren
Dorteil beffer zu wahren. Im allgemeinen fann man jagen,
daß der Nuken der Kartelle für die Unternehmer defto größer
ift, je mehr ihre Selbjtändigtkeit durch diefelben befchräntt
wird. Denn die feit organifierten Kartelle, die weiter in die
Selbitändigkeit des einzelnen eingreifen, erreichen, allerdings
 in Derbindung mit den übrigen, jene Dorteile in
höherem Maße und bejonders für eine längere Dauer als
3. B. die bloßen Preisvereinbarungen oder Produktionseinlqhränfiungen.

€s hat aber immer Unternehmer gegeben, welche zwar
die Dorteile der Kartelle genießen, aber die erforderlichen
Opfer nicht bringen wollen. Manchmal gelingt es, außerhalb
 des Kartells zu bleiben und, die Dreije desfjelben gerade
unterbietend, id) einen großen Abfaß und Gewinn zu fichern.
Doch natürlich immer nur für furze Zeit. Wird die Außenfonkurrenz
 zu mächtig, fo muß ilich das Kartell auflöfen.
Nicht felten aber fommt es auch vor, daß Mitglieder
eines Kartells heimlid dur unlautere Maßregeln oder
wirfliqhen Deriragsbruch [id bejondere Dorteile, großen Ab-{aß
 3u verjhaffen jucdhen. Es gibt Unternehmer, die aus
diefen Gründen die Kartelle überhaupt für unmoralijd erflären,
 und in der Tat liegt oft ein fehr ftarker Anreiz vor,
ih an die vereinbarten Abmacdhungen nicht zu halten, und
        <pb n="75" />
        60 IL. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Jnduftrie felbft.
mandje weniger gefefjtigte Charaktere unterliegen der
Derfuchung, fie heimlidh zu umgehen, um damit höhere
Gewinne 3zu erzielen. Nicht felten werden Kartellvereinbarungen
 dadurch umgangen, daß man Gewichtszugaben
macht oder einen befonderen Bonus verfpricht, daß man
Derpadung nicht berechnet oder fie zu einem übermäßigen
Saße, der tat/ächlich eine Rüdvergütung vom Derfaufs-Preije
 enthält, zurüdnimmt, daß falle Safturen ausgejtellt
 werden, und was dergleichen Mittel mehr find.
Unlauterer Wettbewerb tommt aljo aud) in den Kartellen
häufig vor und wird durch fie nur zu neuen $ormen veranlaßt.
 Auch das Derfpredhen von Gegenaufträgen fpielt
in fartellierten Induftrien eine große Rolle.
Die Befchränkung der Selbftändigkeit, das Unterwerfen
des eigenen Willens unter den der Majorität bringt aber
auch) fonft gewiffe Gefahren mit fih. Es liegt immerbin
die Möglichkeit vor, daß dadurdH nun auch das Interelfe
des Unternehmers an feinem Betriebe, fein Streben nach
weiterem techniidhem $Sort{hritt gemindert wird, daß die
Kartelle nur als ein Inititut betrachtet werden, um dauernd
hohe Renten zu gewährleiften, daß aber der Antrieb 3U
öfonomijchem Sort{chritt, den die Konfurrenz darftellt, in
ihnen verfagt. £ebteres ift allerdings nach den bisherigen
Erfahrungen nicht Zutreffend. Eine Derbilligung feiner
Produktionskoften bleibt immer im Intereffe des Unter:
nehmers, und die Kapitalfraft war in Deut{dhland vor
dem Kriege fo groß, daß, wenn ein Kartell eine veraltete
Betriebsweife fonfervieren wollte, fogleid) neue Konfurrtenten
 auftauchen würden, wie denn überhaupt jede Erhöhung
 des Unternehmergewinns, fofern fie nicht auf
einem natürlichen Monopol beruht, heute fofort neue
Konfurrenz hervorruft.
Wohl aber ijt es denkbar, daß durch die Einjdhräniung
jeines Selb{tbeftimmungsrechtes in den Kartellen der private

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1. Wirkungen auf die Kartellierten Unternehmer. 61

Unternehmer fein Interejfe an feinem Werke verliert und
leichter als fjonit wohl geneigt ijt, es einer Aiftiengefelljdhaft
ju übergeben, zu deren Errichtung unfjere Banfen heute
immer bereit find. Die Tendenz zur Bildung joldher und
hamit zur Dergrößerung des Einfluffes der Banken auf die
Indujtrie wird wohl dur die Kartelle etwas gefördert.
Diejem Einfluß der Kartelle auf die Unternehmer fteht
aber ein anderer gegenüber, der ihnen felbit vielleicht nicht
jo jeht zum Bewußtijein Iommt, aber volfswirt{haftlidh von
allergrößter Bedeutung ift: id meine den Einfluß, weldhen
die Kartelle auf die gefamten AnfhHauungen
ber Unternehmer über ihr Derhältnis zu den Konkurrenten
und ihre ganze Stellung im Wirt[dHafts-{eben
 haben,
Was zunächft die Deränderung der perfönlidhen Anidhauungen,
 der ganzen Auffaffung der Unternehmerftelung
betrifft, fo wird diefe Wirkung herbeigeführt durdy die Be-[Hränkung
 der Selbjtändigkeit, die fich die Unternehmer felbit
in ihrem eigenen Interefje auferlegen. Schon die Iofelten
Kartelle bedeuten eine Derminderung der abfoluten Herr
ihaft des Unternehmers in bezug auf die Gejtaltung feines
Abjages. Die Preife werden gemeinfam fejtgefegt oder die
jonjtigen Derfaufsbedingungen gemeinjam geregelt. AUlmählid)
 geht man weiter, Das Gebiet wird einem jeden
zugewiefen, in weldem er allein anbieten darf; wenn es
nötig ijt, wird jedes Mitglied gezwungen, feine Produktion
in einem bejtimmten Derhältnis einzuldhränfen, wird ihm
vorgefdhrieben, an wieviel Tagen oder wieviel Stunden in
ber Woche er arbeiten laffen, wieviel Mafjchinen er im Gang
halten darf, und wenn es das gemeinjame Interefjje erfordert,
 muß er eventuell feinen Betrieb gegen Entjqhädigung
überhaupt ruhen Iaffen. In einer großen Zahl von Kartellen
muß es fich der Unternehmer gefallen laffen, daß gewählte
Sachveritändiae von Zeit zu Zeit in das Innerite feines
        <pb n="77" />
        62.11. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indufjtrie jelbft,
Betriebes eindringen, nachforjchen, ob auch die befchloffenen
Produktionseinfhränkungen durchgeführt werden, fi alle
Safturen vorlegen laffen, um zu fehen, ob die vereinbarten
Preife aud) eingehalten werden, durch Revifion der Bücher
lich überzeugen, daß ein jeder [ih auf den AbjaB an die ihm
zugewiefenen Kunden befhränkt hat ujw. Endlich gelangt
man 3u felt gejdhloffenen Derbänden. Bier wird den Mitgliedern
 der direkte Derfehr mit den Kunden überhaupt
genommen, die einlaufenden Beftellungen werden durch ein
Kartellbureau verteilt, und in den Gewinnverteilungsfartellen
 erhalten die Mitglieder überhaupt erft am Schluffe
des Jahres ihren prozentualen Anteil an dem gefamten
Erlöfe aus der Derbandskafje ausbezahlt.
Überall aber tritt an Stelle der Geheimhaltung des
ganzen Betriebes, des ängitlidhen Ab{Ahluffes namentlich vor
den Konkurrenten ein Syftem grö berer Öffent-[icq
 keit gerade diefen gegenüber. Das Gefühl der ZujJammengehörigfeit
 wird {tärfer als der Gedanke wirt|chaftfiher
 Gegner[haft. Wenn man beobachtet, was in manchen
Indujtrien alles verfucht wird, um den Zufammen[dluß
herbeizuführen, die zwedmäßigite Kartellform zu finden, die
noch Außenjtehenden zum Beitritt zu veranlafjen, die vorhandenen
 Gegenjäge auszugleichen; wenn man fieht, wieviel
Zeit und Mübe da aufgewendet werden, wieviel Derjammlungen
 abgehalten und Statuten entworfen werden,
und wenn man dann an die früheren Derhältniffe noch vor
wenigen Jahrzehnten zurüddenit, wo ein foldhes gemeinjames
 Derhandeln, bei welchem die innerften Angelegenheiten
 des Betriebes zur Spradhe kommen und offengelegt
werden müljen, unmöglich) gewefen wäre, dann befommt
man eine Ahnung davon, wie die ganze Struktur der Doltswirt{chaft
 fich [don geändert hat, wie die Kartelle heute [hon
die ganze Grundlage des unternehmungsweijen Betriebes
umgejtaltet haben.

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1. Wirkungen auf die kartellierten Unternehmer. 63

Natürlich macht fidhh die Befchräniung der Selb{tändigfeit
 des Unternehmers, feines früheren abfoluten SeIbit»
beftimmungstechtes au) nach anderen Richtungen als bei
der Produktion und Abfagtätigfeit bemerkbar, Die Anficht,
daß die Sabrit ebenfo Privateigentum, um das fiQ kein
Sremöder zu fümmern habe, fei wie die private Wohnung,
die eigene Hauswirt[haft, woraus dann den Arbeitern gegen“
über eine Stellung wie zwijfchen Herr und Diener in der
Hauswirtjhaft, das jogenannte patriarchalijdhe Suftem, abgeleitet
 wird, it zwar noch weit verbreitet, aber macht doch
immer mehr anderen Anjdhauungen Plag. Und wenn
ihon vor der Revolution die prinzipielle Anerkennung
der Arbeiterverbände Sortjchritte machte, Tarifgemein-{haften
 und noch weitergehende Dereinigungen mit den
Arbeitern, Allianzverbände [ich ausbreiteten, fo wurde
dies fiher zu einem großen Teil auch dadurch hHerbeigeführt,
 daß die Unternehmer felbjt die Organijation
gleider Berufsinterefjen in einer Weije durchgeführt
haben, wie man es früher nicht für möglich gehalten
hätte.
3 möchte diefe Entwidlungstendenz {jo fennzeichnen,
daß die Kartelle ein Hauptmittel waren, um den Hauswirtfhaftliqhen
 Zug, den die Unternehmungen
trog allen großfapitaliftijdhen Charakters und aller Aftiengefellfhaften
 bisher immer nod) hatten, namentlid) was
die Stellung des Leiters den Arbeitern gegenüber, aber aud}
das Derhältnis der einzelnen Unternehmungen zueinander in
ihrer 3folierung betrifft, allmählich 3u überwinden. Sie
jheinen mir daher neben anderen Erjdheinungen in ganz befonderem
 Maße dahin zu wirken, daß die Unternehmungen
die Eierfchalen der Hauswirt[haft, aus der unjere heutige
Produktionsordnung hervorgegangen ift, allmählich abitreifen
und, unter Beibehaltung des Privateigentums, an Stelle
des hauswirt{chaftlichen einen mehr öffentlidh-wirtjhaftlichen
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        &amp;gt; WW

64 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie Jelbft.
Charakter annehmen, dem die Zufunft gehören wird, weil eı
den Sortfchritt darftellt.
So haben die Kartelle ohne Zweifel der neueften, feit
dem Kriegsende einjeßenden Entwidlung [don in gewiffem
Sinne vorgearbeitet, welche dahin drängt, die verfchiedenen
 in Taufchverkehr getretenen wirt/qhaftlihen In:
itanzen wieder in nähere Berührung miteinander zu bringen,
insbejondere den Arbeitern, aber aud) den Abnehmern
einen größeren Einfluß auf die Organifation der Produktion
zu verfchaffen. Im wefentlihen muß das durch die Selbithilfe
 herbeigeführt werden, die dann der Staat eventuell
mit [einen Beftimmungen unterjtüßen fann. So ift von
den Arbeitern mit Hilfe ihrer fachliqen und politijdhen
Organijationen das Betriebsräte gefeß durdgefeßt
 worden, das in feiner gegenwärtigen Gejtalt vielleicht
noch 3u fehr ein Klaffentampferzeugnis ift, auch, wie heute
üblich, Reden- und Sigungen-Halten gegenüber dem Han
deln und Disponieren im Wirt[haftsleben über[häßt, aber
doch ohne Zweifel Anfäße zu einer nüßlichen, ja notwendigen
Entwidlung der Unternehmungsorganifation entbält.

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2. Wirkungen auf die Ausdehnung der Fartellierten
ZInduitrien.

Eine ungünftige Wirkung der Kartelle für die betreffende
Induftrie it noch zu erwähnen, die fidhh mit der Erftariung
der Kartelle immer mehr und häufiger herausgeftellt hat,
die Erjheinung, daß die Kartellbildung jtart zur Dergrößerung
 der Produktion der Unternehmungen,
 bejonders aber zur Errichtung immer neuer
Unternehmen anreizt. In Zeiten günjftiger Konjunitur
laffen die Kartelle in der Regel ihren Mitgliedern freie Hand,
Dergrößerungen vorzunehmen, und diefe dehnen daher oft

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        2. Wirkungen auf die Ausdehnung der kartellierten Indujtrien, 65

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ihre Betriebe übermäßig aus in der Hoffnung, daß das Kartell
 auch in ungünftigen Zeiten ihnen Befchäftigung [Hafen
werde. Ja, es fommt nicht felten vor, daß die Unternehmer
jchon in ungünitigen Zeiten neue Anlagen fchaffen, um [päter
bei Befferung der Lage rechtzeitig mit Anfprüden auf Erhöhung
 der Beteiligungsziffer an das Kartell herantreten
zu fönnen. Die Kartelle haben dann oft die größten
Schwierigkeiten, die ftart geftiegene Produktion unterzubringen.
 Große Einjhränkungen der tatfächlihen Produktion
 gegenüber den erhöhten Beteiligungsziffern, die
für Neuanlagen bewilligt werden mußten, find erforder-[ich,
 und viele Kartelle, 3. B. für Zement, Roheijen, Spiritus,
haben fih aufgelöft, weil ihre Mitglieder ihre Anlagen zu
jtarE ausgedehnt hatten. Produktionseinjhräniungen und
dergleichen find eben nur nachträglich vom Kartell anwendbare
 Maßregeln; eine Derhinderung übermäßiger Ausdehnung
 der Unternehmungen ijt ihnen im allgemeinen
nicht möglich. In diefer Hinlicht ift der Trujft den Kartellen
ganz befonders überlegen, da er die einzelnen Unternehmungen
 befißt und deshalb auf ihre Ausdehnung Einfluß
 nehmen kann.
Noch nachteiliger ift für die Indufjtrie natürlich das
Auffommen und die rafhe Ausdehnung von Betrieben
außenitehender Unternehmer. Je wirkungsvoller
 und nüglicher ein Kartell für feine Mitglieder ift, je
mehr unter feinem Einfluß ihre Gewinne fidh erhöhen, um
jo größer ift natürlich der Anreiz zur Gründung neuer Unternehmungen.
 Werden diefe aufgenommen, fo ergeben fich die
eben erwähnten Schwierigfeiten. Bleiben fie außerhalb, fo
haben fie in der Regel die Tendenz, fidhh ganz befonders
jtarf 3u vergrößern; weil fie in Zeiten günftiger Konjunitur
hoffen, indem fie die Kartellpreije gerade unterbieten,
einen großen, Teil des Abfages an fih zu reißen,
in Zeiten ungünftiger Konjunitur aber den Dorteil
£iefmann, Kartelle und Truits. 4. Aufl. 5
        <pb n="81" />
        66 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Jndujtrie [elbit.
haben, niqt den Einjhräniungen des Kartells unterworfen
 3u fein.
Die Errichtung neuer Unternehmungen neben einem
Kartell ift in vielen Induftriezweigen zutage getreten, DOr
allen in Joldjen, die Bodenprodukte gewinnen und verarbeiten,
 wie im Bergbau und in der Zementinduftrie. Wo
jemand glaubte, daß eine Zementfabrif mit geringeren Produktionstoften
 errichtet werden Könnte, da wurde eine folche
gegründet, ganz ohne Rüdficht auf die Abjakverhältniffe
der fchon beftehenden Werke. Daher mußten [ih die meiften
Zementfartelle nad) einiger Zeit wieder auflöfen oder immer
neue Werke hineinnehmen, und dabei Konnte die Leiftungsfähigfeit
 der einzelnen immer weniger ausgenußt werden.
Da das natürlich die Koften verteuert, ergibt [ih in [oldjen
Induftrien ein immer erneutes Derlangen nach Preiserhöhungen.
 Die Kartelle [uchen dieje dann mit geftiegenen
Koften 3u begründen, ohne zu erkennen, daß nur die Aus-{haltung
 der Konkurrenz und hohe Preife den Anftoß zum
Auffommen immer neuer Unternehmungen gegeben haben,
Hier liegt eine der ungünftigjiten Wirkungen der Monopolbildungen,
 die darauf beruht, daß bei ihnen doch immer noch
die Konkurrenz im Hintergrund fteht, neben einen Kartell
am Teichtelten auffommen fann und fo zu einer ftarfen
Überfapitalijation im Gewerbe Anlaß gibt.
In feiner Induftrie hat fi das mehr und voltswirt[chaftlich
 [hädlicher gezeigt als im Kalibergbau, und daran {ft
der Staat und fein Eingreifen in diefes Gewerbe zu einem
großen Teile mitfcdhuldig. Man glaubte früher, daß die Kalijalze
 in ihrem Dorfommen fehr bejchränft jeien; aNlmählid
aber hat man durch immer neue Bohrungen fajt in ganz
Nordwefjt- und Mitteldeutfchland abbauwürdige Kalilager
gefunden. Kali ift alfo heute, farın man wohl jagen, ein beliebig
 vermehrbares Produkt. Während nun bei anderen
Drodukten die Errichtung neuer Werke doch in der Regel nur

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2, Wirkungen auf die Ausdehnung der kartellierten Induftrien. 67

vorgenommen wird mit Rüdficht auf das Derhältnis von
Angebot und Nachfrage, f{hien man bei diefen Boden|häßen
zu glauben, daß fie ihren Wert in Jich jelbit Hätten, und daß er
unabhängig von der Nachfrage fei — ein Irrtum, den allerdings
 die herr{hende nationalöfonomijdhe Theorie fördert —,
und betrieb die Errichtung neuer Unternehmungen ohne
Rüdclicht auf die Abfagmöglichtkeit der gewonnenen Produkte.
Infolgedeffen entitand eine Ausdehnung diefer Indultrie
über den heutigen Bedarf hinaus, wie fie vielleicht nod)
niemals vorgekommen ift. Dazu trug aber viel der Umftand
bei, daß die älteren Werke feit langem in einem fehr feit
gejchloffenen Syndikat unter Teilnahme der beiden größten
Produzenten, des preukifjhen und des anhaltiichen Siskus,
vereinigt waren.
1879, als das erfte fejlte Kartell der Kalibergwerke 3uitande
 fam, gab es vier Unternehmungen, außer den zwei
itaatliden noch zwei private. Bis 1886 kamen nodh drei
weitere hinzu, in den folgenden zwölf Jahren nochmals drei,
jo daß noch 1898 die Zahl der Mitglieder nur zehn betrug.
Dann begann das „Kalifieber”, und bis Ende 1901 mußten
zehn, bis Ende 1905 einundzwanzig neue Mitglieder aufs
genommen werden. 1908 gab es 50 am Kalijyndikat beteiligte
 Werke und nicht weniger als 326 Kalibohrgefellichaften.
 Noch im Jahre 1906 aber, als die vorhandenen
Werke kaum mehr zu einem Diertel ihrer Leiftungsfähigfeit
befhäftigt waren, hatte der preußifjdhe Staat die Gewerkihaft
 Hercynia um den Phantafiepreis von 30 Millionen
Markt erworben, d. h. er bezahlte 30 000 Mark für einen
Kuz, auf den im ganzen nur etwa 2000 Mark einbezahlt
waren. Man erkannte nicht, daß derartige Erwerbungen und
das Sefjthalten an hohen Preijen im Kartell die fo [chon übermäßige
 Gründungstätigfeit ganz enorm anfaden mußten.
Das Syndikat hatte zwar in den 90 er Jahren verfucht,
durch die fogenannte Shußgbohrgemeinfjdhaft
5%
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        68 IL. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indujtrie felbit.

der Errichtung neuer Werke entgegenzuwirfen, indem es
überall, wo ein zweiter Unternehmer bohrte, eine Konfurren3:
bohrung entgegenjeßte. Es fand dann ein Wettbohren ftatt,
und wer zuerft fündig wurde, erhielt das Seld verliehen.
Aber als zu Beginn diefes Jahrhunderts mit dem Auffommen
neuer, billiger Bohrverfahren fajt überall in Mitteldeutfh-[and
 und ganz unabhängig davon auch im Eljaß große Kali
lager gefunden wurden, ließ fih das nicht mehr durch
führen. Die Zahl der Kaliwerke ftieg rapide; die Kapital
inveftition in der Indujtrie, die 1905 erft 370 Millionen
Mark betragen hatte, {tieg bis 1908 auf 536 Millionen Marl,
bis 1911 auf eine Milliarde und war 1918 auf ca. 1'/, Mil
liarden Mark zu veranjhlagen. Wegen der Zunahme der
Werke erwies fih die Derlängerung des Syndikats als
immer {hwieriger. Insbejondere die großen älteren Werte
Hatten Fein Interejje mehr daran, hätten vielmehr bei freier
Konfurrenz höhere Gewinne erzielen Fönnen, wenn fie nut
ihre Anlagen voll ausnugen fonnten. Als daher am 30. Juni
1909 um Mitternacht die endlos fih hinziehenden Der
Handlungen noch nicht ganz zum Abfchluß gelangt waren,
verliekgen die Dertreter der Ajcherslebengruppe den Saal
und unterzeichneten wenige Minuten jpäter mit den amert:
fanifchen Abnehmern die offenbar [Hhon lange vorbereiteten
Derträge, wonach fie große Mengen Kali auf mehrere Jahre
zur Hälfte des damaligen Preifes nad) Amerifa verkauften.
Zekt drohte allgemeine Konkurrenz, und wenn fie aud
im Jntereije der ganzen Doliswirt[haft wohl das richtigite
gewefen wäre, wollte die Regierung fie doch vermeiden,
weil mandhe der neueren, [Hwäcderen Werke dadurch Tut
niert oder zu billigen Preifen in die Hände der Amerifanet
gelangt wären. So. blieb nichts anders übrig als ein it a atliqges
 Zwangsf{yndikat, das durch das Kali
gefeß von 1910 gefchloffen wurde, und von dem im fegten
Kapitel noch zu reden fein wird.

2. Wi

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2. Wirkungen auf die Ausdehnung der fartellierten Jndufjtrien, 69

A Was Einfichtige vorausgefagt hatten, trat als Solge
diejes Gejekes ein: die fhon vorhandene Überkapitalijation
 in der Kaliindujtrie wurde durch das Gefeß in erjhredendem
 Maße gefördert. Trog aller Befchränkungen,
die für neue Kaliwerke vorgejehen waren, itieg die Zahl der
Synödikatsmitglieder bis zum Erlaß des Gejeges, Mai 1910,
auf 68, bis Ende 1912 auf 112 und Ende 1913 auf 167.
Mitte 1916 hatten nicht weniger als 207 Kaliwerfe Beteiligungsziffern
 am Abfag erhalten, Die Beteiligungsquote
 der einzelnen Werke jank bei gleichbleibenden DerhHältnijjen
 in den legten zehn Jahren auf weniger als ein
Diertel, wobei fie aber [hon 1904 weniger als ein Diertel
ihrer wirklichen CLeijtungsfähigfeit betrug. An dem Beijpiel
 zweier Werke, in deren technijhen Derhältnifjen fich
nichts geändert hat (feine Selderteilungen), fei angeführt,
wie die Beteiligungsquote am Abjaß (in Taufenditeln)
immer geringer wurde Sie ging zurüd. bei:
3 1913 1916
7,83 11,599 8,3280
14,56 6,448 4,6245

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Ybiederball 1‘

Etwa ein Dugend leiftungsfähiger Werke mit vielleicht
100 Millionen Mark Anlagekapital fönnte den ganzen
Bedarf deden; ftatt deffen find nahezu 2 Milliarden Marf
in diefer Induftrie inveltiert, alfo die ungeheuerlichtte Überfapitalijation,
 die vielleiht je in einem Gewerbe vorgefommen
 ijt. Leider ijt man fih auch heute noch nicht recht
Har darüber, was eine derartige KapitalverJhwendung
voliswirtihaftlidh bedeutet, daß die ungenügende HAusnüßung
 der Anlagen die Produktionskojten gewaltig verteuert
 und zu hohen Preijen und fortgefebten Sorderungen
nad) Preiserhöhungen führt, denen die Regierung nachgegeben
 hat. Nach der Abtretung der außerordentlich
wertvollen elfäffijhen Kalilager ijft das deutjdhe Welt-
        <pb n="85" />
        70 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbit.

monopol befanntlidh durchbrochen und die ungünftige Lage
der deutfhen Kaliindufjtrie noch verfhärft worden. Immer:
hin hätte fie angefichts der Daluta und der ftarfen aus:
[ändijdhen Nachfrage lohnende Abfakggelegenheit gehabt, wenn
nicht die Arbeiter[hwierigfeiten und der Kohlenmangel die
Ausdehnung der Produktion verhindert hätten. Wenn
troßdem die meiften Unternehmungen für 1919 fehr hohe
Erträge brachten, hängt das mit den oben gejdilderten Der:
hältnijjen, Preiserhöhungen, Dalutagewinnen beim Er:
port zujammen. Daß aber troß der populären Sorderung
der Derfjtaatlidhung des Bergbaus die Regierung feine
Neigung zeigt, die zahllojen Unternehmungen diejer ganz
verfahrenen Induftrie für den Staat zu übernehmen, ift
erflärlich, und fo hat man fid einftweilen mit einer „Sozia:
lifierung des Kalijyndiiats“ felbjt begnügt.
Aug im Steiniohlenberagabau, fowohl bei
den Nütgliedern des Kohlenfyndikats wie bei den übrigen
Zedjen, vor allem au) bei den Werken des preukijchen
Sisius im Ruhr- und Saargebiet ift die Ausdehnung der
Produktion fjehr bedeutend gewefjen, troßdem der größte
Teil der Grubenfelder ih in feften Händen befindet. Die
tatfächlihe Sörderung der im Syndikat vereinigten Zechen
hat fidhh von 1893—1904 verdoppelt und von da bis 1914
nodymals wieder um denfjelben Betrag vermehrt. Nichtsdejtoweniger
 genügte hier die Ausdehnung der Werke nicht,
in der Hocdfonjuniktur von 1899/1900 und 1906/07 den
vollen Bedarf zu deden. Beide Male {prad) man von einer
Kohlennot, die allerdings auch teilweije durdy Wagenmangel
 hervorgerufen war. 1906 mußte das Syndikat, um
jeinen C£ieferungsverpflichtungen nachzukommen, in be:
deutendem Umfange Kohlen in England ankaufen. Wäre im
Kohlenbergbau die Ausdehnung der Produktion und die
Errichtung neuer Werke leichter, fo wäre ficherlich in den

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2. Wirkungen auf die Ausdehnung der fartellierten Indufirien. 71
beiden Epochen günitiger Konjunktur eine viel jtärfere Ausdehnung
 erfolgt.
Es ijt aber Harakterijtijch, daß kaum 1/2, Jahre nad)
5iefer „Kohlennot“ die Zehen genötigt waren, große Mengen
Kohlen auf Lager 3u nehmen und billig ins Ausland zu
verkaufen, nur um die Arbeiter einigermaßen befchäftigen
zu fönnen. Man erfennt daraus, daß die Kartelle die
Nachfrage jedenfalls nicht glei mäßiger 3u geftalten
vermocht haben. Konjunkturfhwankungen find eben fo tief
in der ganzen Organijation des Wirt{haftslebens mit feiner
weitgetriebenen Spezialijation und der Ausdehnung des
Kreditwefens begründet, daß fie durdj einige Kartelle nicht
zu befeitigen jind. Und doch haben diefe in vieler Hinficht
ausgleichend, mäßigend und fihernd für die Induftrie gewirkt.
 In den heute fo außerordentlich heftigen Wirt{chaftsfämpfen
 bedeutet der Zujammenjhluß für die Unternehmer
einen großen Rüdhalt. Müßten fie heute nicht nur mit
sem Kunden um den Preis, fondern au, wie früher,
untereinander um den Kunden kämpfen, fo bedeutete
das eine foldhe Steigerung des Rififos und eventuell Jolche
Derlufte, wie fie der Kapitalifjti[dhe Großbetrieb auf die
Dauer nicht tragen Könnte. Die Kartelle ermöglidhen nun
eine größere Sicherung, geben den Unternehmern ein Mittel,
vereint den Schwierigkeiten entgegenzutreten, und machen
die wirtihaftlihen Derhältniffe des Gewerbes, wenn aud)
nicht gleidmäßiger, jo doc) beijer überfehbar und damit
weniger risiant.
Das gilt ganz befonders für die außerordentlich [Hwieeigen
 wirtjqaftliden Derhältniffe im Weltiriege und feither
 und hat in einzelnen Sällen zu ftaatlidjem Zwang
zweds Aufrechterhaltung des Kartells geführt. Aber [hon
vorher war gerade im rheinifjch-weitfäliihen Kohlenbergbau
der Beitand des Syndikats durch die über die Kartelle
hinausgehende Konzentrationsbewegung, die Bildung kom-
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        72 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft,
binierter Riejenunternehmungen, die am Syndikat kein
Interefje mehr hatten, gefährdet. Der Dertrag der Zedenbefißer
 follte im Jahre 1915 zu Ende gehen. Die Erneuerungsverhandlungen,
 die fih aus dem erwähnten Grunde
und wegen der Zunahme der außenftehenden Zechen fehr
jhwierig geftalteten, wurden [hon 1911 begonnen. Da ohne
den preukbifjchen Sisius als den größten Außenfjeiter eine
Erneuerung des Syndikats nicht möglich war und feine Auf-[öfung
 den Siskus felbit Jowie die ganze deutfjche Doliswirtjhaft
 fehr ungünftig beeinflußt hätte, gelang es im Januar
1912, den Anfchluß des preukbijdhen Sisius an das Syndikat
herbeizuführen. Sür den Teil feiner Produktion, der nicht an
die Betriebe Preußens und des Reiches geliefert wurde,
übernahm das Syndikat auf die Dauer eines Jahres den
ganzen Abfaß, während fid) der Siskus bis zum Höchftbetrage
 von 6%, an der Syndikatseinlage beteiligte. Aber
ion im Oftober 1912 Kfündigte der Handelsminijter den
Dertrag wieder, weil er die ftarfen Preiserhöhungen, die
das Syndikat für 1913 befhloß, nicht billigte,. Im Sebruar
1914 wurden die Erneuerungsverhandlungen wegen des
unüberbrüdbaren Gegenjages zwijdhen den reinen Koblenzechen
 und den Hüttenzedhen abgebrochen.
Dann fam der Weltirieg. Eine Auflöfung des Syndi-Iats,
 das jih im erften Kriegsjahre für die zwedmäbßige
Derteilung der Produktion und des Abjages fehr bewährt
hatte, mußte verhindert werden. Aus dem freien Willen
der Beteiligten war das wegen der inneren Gegenjäbe, und
weil mandhe Mitglieder [hon feit Jahren mit der Auflöfung
gerechnet hatten, nicht zu erwarten. Daher erließ die Rezierung
 das Zwangsf{ynödikatsgefeß vom 12. Iuli
1915, in dem mit zwangsweifer Syndizierung gedroht
wurde, wenn nicht die Syndikatserneuerung bis zum
15. September 1915 3zujtande käme. Unter diefem Drud
wurde in der bekannten legten Stunde das fogenannte Übergang


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3. Wirkungen auf die Außenjtehenden. 73

gangsjyndifat abgefchlofjen, dem der Siskus mit feinen
Ruhrzechen beitrat. Er behielt ich aber jederzeit den Austritt
 vor, was alsdann die Möglichkeit zur Einführung
eines Zwangsfyndikats gegeben hätte, und verlangte ferner
befonderen Einfluß auf die Preije. Diefe Dereinbarung
jollte am 31. März 1917 endigen. Aber fhon am 14. Of
tober 1916 gelang der definitive Abjchluß des Syndikatsvertrages
 unter Teilnahme aller Ruhriohlenzedhen ein:
{chließlidh derjenigen des Siskus bis zum 1. April 1922. An
diejem Syndikat nahmen 93 Bergwerksverwaltungen teil,
davon 18 Hüttenzechen bzw. foldhe mit Derbrauchsbeteiligung.
Auch hier war es nur durch ftaatlihen Zwang möglich,
alle neu auffommenden Unternehmungen beim Kartell 31
halten.
Die weitere Entwidlung des Syndikats bis zu feiner
„Sozialifierung“ werden wir in Kapitel VI behandeln.

3. Wirkungen auf die Außenjtehenden,
Neben den Wirkungen der Kartelle für die Mitglieder
ft auch ihr Einfluß auf ddieaußenftehendenUnternehmer
 von Bedeutung. Wir Jahen oben fhon, daß
die Außenftehenden neben einem Kartell voltswirt/haftlich
oft eine fehr wichtige Rolle fpielen. Das Auffommen
neuer Unternehmungen neben einem Kartell ijt das natürlie
 Hilfsmittel des Wirtihaftslebens gegen übermäßige
Ausnußung einer nicht ftaatlich verliehenen Monopolitelung.
Aber jehr häufig bleiben auch gleich am Anfang einer Kartelgründung
 einige Unternehmer außerhalb, weil fie glau:-ben,
 entweder hei freier Konkurrenz auch beijtehen zu fönnen,
 oder häufiger, weil fie hoffen, nebendemXKartell
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        74 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft.
ihre perfönlidhen Intereffen befjer wahren zu fönnen als
in ihm.
Nun muß ein Kartell, wie jede monopoliftijdhe Wir-Eungen
 erftrebende Dereinigung, natürlich fjuchen, möglichtt
alle in Betracht fommenden Wirt[haftsperjonen 3u umfaijen.
 Man fucht daher auf jede Weife den Anfchluß
aller an das Kartell herbeizuführen. Dabei geht es aber
meifjt nicht ohne einen gewifjen Drud ab, die no Zögernden
 zum Beitritt zu veranlafjen. Man hat allmählich eine
ganze Reihe von Zwangsmitteln erfunden, um dies 3zu
erreichen.
Das Nächitliegende ijt der Derfuch, die Außenjtehenden
durch fharfe Konkurrenz zum Anfchluß zu zwingen.
Das geht natürlihH nicht ohne Herabfebung der Preije. Da
es aber Zwed des Kartells ift, die Preijfe Ho ch 3zu halten,
it eine Jolde Maßregel immer nur vorübergehend möglich.
In Amerika wird fie 3. B. bei den Tariffämpfen der Eifenbahnen
 mit der größten Rüdfichtslofigkeit angewendet. Es
ijt dort vorgefommen, daß die Tarife im Konkurrenziampf
immer weiter herabgefeßt wurden, bis Iurze Zeit hindurch
bie Beförderung gewifjler Güter nicht nur nichts Koftete,
jondern man noch) etwas herausbefam. Das geht dann [0
lange, bis der Konkurrent mürbe geworden ilt, entweder
überhaupt den Betrieb einftellt oder dem Kartell oder Trult
lid anfchliegen muß. In Deutihland werden hie und da
von den Kartelmitgliedern gemeinfam Kampfmarfen ihrer
Produkte eingeführt, welche überall, wo der Konkurrent
anbietet, zu bejonders billigen Preijen verkauft werden.
So hat das Kartell der Reisftärfefabrifanten lange Zeit hindurch
 auf diejem Wege das Auffommen einer neuen Sabrit
zu hindern gejucht. Auch in der Schweizer Schofoladeninduftrie
 ift derartiges vorgekommen.
Ein anderes Mittel zur Erlangung der Monopolftellung
iit, die Konfurrentenaufzufaufen. Wenn es

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3. Wirkungen auf die Aufenjtehenden. 75

auch in erfter Reihe von den Trufts angewendet wird, fo
fommt es doch auch bei den Kartellen nicht felten vor.
Das Zuderfyndikat, das Walzdrahtjyndikat, das Kohlenfäurejyndikat,
 das Kartell für Reisftärke, verjdhiedene Zementfartelle,
 das Rheinijch- Weftfälijdhe Braunkfohlenkartell,
das Kupferfyndikat und zahlreiche andere find jo verfahren,
jaben teilweife dazu gemeinfjame Sonds gebildet und nicht
jelten aud) die aufgefauften Werke {tilgelegt. Das Kalijyndikat
 hatte zu diefem Zwede die [hon erwähnte Schußbohrgemeinfchaft,
 die viele Millionen dafür aufwendete,
zin Wettbohren mit den erwarteten Konkurrenten unternahm,
 um 3uerft das Seld verliehen zu erhalten. Nichtsbefitoweniger
 hat, wie wir fjahen, hier diefe Maßregel die
übermäßige Ausdehnung der Induftrie nicht verhindern
fönnen. Immer häufiger wenden neuerdings die felt
gefchloffenen Kartelle zu Jolden Zweden gemeinjam große
Summen auf und nähern fih damit immer mehr den
amerifani[hen Trufts, die als große, einheitlihe Kapitalsarganifationen
 hier natürlich in viel einfacdherer Weife vorgehen
 und neue Konkurrenz befämpfen fönnen.
Das Hauptmittel aber, das die Kartelle anwenden, um
die Außenitehenden zum Anfjchluß zu zwingen, ijt die fogenannte
 Derpfligtungzuausfdhliekßlidhem
Derfehr, der Erkilufjivvertrag mit den Abnehmern.
 Dieje mülfen fih verpflichten, nur von Mitjliedern
 des MKartells die defjen Objekt bildenden
Produkte zu Kaufen. Gleidhe Derträge werden auch oft mit
den Rohitofflieferanten der Kartellierten Produzenten
 gejchlojfen und diefe verpflichtet, an außerhalb des
Kartells Stehende nicht zu verkaufen. Das Mittel dazu ift
die Drohung mit der Sperre, entweder keine Waren 3U
faufen, wenn die Lieferanten fih nicht verpflichten, ausjließlidh
 an die Kartellierten Abnehmer zu liefern, oder
feine 3u verkaufen, wenn die Abnehmer fidh nicht ver-
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        76 11. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die beir. Indufirie felbft,
pflichten, ausf&amp;amp;ließlid vom Kartell zu beziehen.!) Oder
im TIeßteren Salle wird an diejenigen, die fidh nicht zum
ausfchließlihen Derfehr verpflichten, nur zu höheren Preijen
 verkauft, bzw. denjenigen, die eine foldhe Derpflidhtung
zingehen und innehalten, wird ein befjonderer Rabatt,
Treurabatt, gewährt. Die Entziehung desfjelben ift
dann zugleich eine Dertragsitrafe für Nichterfüllung diefer
Dereinbarung.
So verpflichtete das Kartell der Seifenfabriien die
Produzenten von Öl, Talg und Soda, den außenfjtehenden
Seifenfabrifen nichts zu liefern, und erzwang dadurd deren
Beitritt. Das gleidje haben fhon in den achtziger Jahren
die Dynamitfabrifen ihren Rohfitofflieferanten gegenüber getan.
 Der Derband der Stahlflajhenfabrifen zwang feine
Mitglieder, die Stahlrohre nur von den Mitgliedern 3zu
faufen, die felbit foldhe heritellen und nicht von Außenftehenben,
 und verpflichtete umgekehrt jene Röhrenwerke, das Halbjabrifat
 nicht an außenitehende Sabrifen von Stahlflafdhen
zu Hefern. Das Kartell der Zündholzfabrifen fperrte
1909 die Händler, die von einer außen|tehenden Sabrik bezogen,
 der Börfenverein der deutjdhen Buchhändler fperrte
die Sortimenter, „weldhe von der Benußgung der Einrichtungen
 und Anftalten des Börjenvereins ausgejchloffen
find”. So fperrte er 3. B. die Warenhäufer und den Afkademifhen
 Schhukgverband, welche fidh nicht an die be[dlofjenen
 Rabattjäße hielten. Der Bayrijd-fächfifhe Sabrifantenverband,
 der verfhiedene Tertilverbände umfaßt,
hat für feine Unterverbände allgemein Derfaufsbedingungen
aufgeftellt, nad) denen bei ausfchließlidhem Bezuge ein
Zreurabatt von 20% veriprochen wird.

1) Über alle diefe Mittel zum Schube des Kartells gegen
Außenftehende orientiert das Buch von S. Keftner:; Der Organijationszwang.
 Berlin 1912.

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3. Wirkungen auf die Außenitehenden. 77

Aber auch in umgefehrter Richtung Iommt der Boykott,
bie Bezugsiperrte im Gegenijaß zur £Lieferungsjperre
vor: die Schuhwarengroßhändler jperrten 1910 alle Schuhwarenfabhrifen,
 die an außenjtehende Händler Kieferten, der
Derband Leipziger Rauchwarenhändler fperrte den Derband
der Zurichtereien und Särbereien, bis diejer ih zum Er-Mufivvertrag
 mit den Händlern verftand.
In den meijlten Sällen fommt der Erkflufivvertrag, die
Derpflidhtung ausfhließlicher Lieferung oder aus[hließlidhhen
Bezugs zwijcdhen aufeinander angewiejfenen Derbänden
zujtande. Auf beiden‘ Seiten find die Angehörigen desfjelben
Gewerbes, die mit einem anderen in Beziehung ftehen, organifiert.
 Wenn lich Jo der Derband der Abnehmer verpflichtet,
 nur von dem Kartell der Rohitoff- und Halbjabrifatsproduzenten
 und nicht von außenjtehenden Werken
zu faufen, diejfer aber [ih verpflichtet, nur an jenen Derband
und nicht an außenftehende Unternehmer, welche deren
Kartellvereinbarungen durchireuzen fönnten, zu Jiefern, fo
fommt man zum Jogenanntena us [9 ließlidhen Derbandsverfkfehr,
 der die denkbar fejtefte gegenjeitige
Stüße der Kartelle ijt. So verpflichtete fich das Koksjyndifat,
 nur an Mitglieder des Roheifjenfundikats und nicht an
außenitehende Hütten zu Kiefern, und jidherte damit den Beitand
 des Tekteren; der Halbzeugverband verkaufte nicht an
außerhalb des Walzörahtjyundikats Stehende. Diejes aber
vereinbarte aus[hließlidhen Derbandsverfkehr nicht nur mit
dem Drahtijtiftfundikat, fondern audy mit den Kartellen der
Sederftahlwerke, der Drahtjeilfabhrifken und der Schirmgeftellfabrifen.
 Diefje Iegteren aber wieder mit den Schirm:
jtoffabrifen und den Schirmfabrifen. Ebenfo zwijdhen dem
Kartell der Glasflajqhenfabrifen und dem der Der|dlußfabrifen,
 zwijqhen den Kartellen für Rohpappe und für
Dachpappe, den Beleuchtungsglashütten und den Lampen:
Fabrifen. Au) in der Tertilindujtrie fommt derartiges
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        78 IT. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr, Jndujtrie felbit.
Häufig vor, namentlid) zwijhen den Webereikartellen und
denen der Särbereien, Ausrüftungsanftalten, aud) mit den
Sertigfabrifanten, fo zwi[djen den Seidenfabrifen und den
Mäntelfabrifen.
Dor allem aber mit den Händlern führt der Er-Hufivvertrag
 häufig zum gegenfeitigen aus[dließlichen Derbandsverfehrt.
 Die Kleiderjtoffabrikanten, die Seiden- und
Samtfabrifanten und die Großhändler jihern ih fo gegenjeitig
 ihre Kartelle, eben[o die Blujen- und Mäntelfabriken
und ihre Großhändler, die Salinen und die Salzgroß händler,
die Preumatiksfabrifen und die Automobilhändler. Dahin
gehört auch die Maßregel unjerer Kartelle, Erportvergütungen
nur an Derbände zu zahlen, fo daß die billigeren Rohitoffpreife
 für erportierte Produkte nur den Mitgliedern derfelben
zugute fommen. Manchmal organifieren die Produzentenfartelle
 auc) die Händler, insbefondere die Großhändler in
Kartellen, führen durch den ausfchließlichen Derfehr einen
numerus clausus im Großhandel herbei, indem nur eine
beitimmte Gruppe großer Händler zu direktem Derfehr mit
dem Kartell zugelafjen wird, alle übrigen zur fogenannten
zweiten Hand herabgedrüdt werden; alles nur, um dadurch
dem eigenen Kartell größere Sicherheit zu geben und das
Auffommen von Außenitehenden zu erfhweren. So hat
das Kohlenfyndikiat die Großhändler, der Stahlwerksverband
 den Trägergroßhandel organiliert.
Sür Nichteinhaltung der Erfufivilaufel werden oft hohe
Strafen vereinbart. Häufig aber wird die Lieferung an 0der
der Bezug von Aukenjtehenden nicht ganz verboten, [ordern
 es wird, wie [hon erwähnt, Treurabatt gewährt, oft
noch neben einem bejonderen Rabatt nach der Größe des
Bezugs. Dadurch wird den Außenjtehenden die Konfurrenz
 fo erjhwert, daß jie ihre Tätigkeit einjtellen cder
dem Derband fidhh anfchliegen müjfen.
Alle diefe Makregeln der Erkflufivverträge find in den

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3. Wirkungen auf die Außenfjtehenden. 79

legten Jahren zu großer Entwidlung gelangt. Don größter
Bedeutung find fie in der Tertilinduftrie, wo die Sabrifanten
 durch Derpflihtung der Abnehmer, insbejondere
der Großhändler, zu ausfhließlidhem Derfkehr die Schwierigfeiten
 der Kartellierung überwunden haben und troß des
Sehlens von Syndikaten, für die fich diefe Indujtrie mit
ihren vielen Qualitätsverfhiedenheiten zumeilt nicht eignet,
zu fejlt gefchlofjenen Kartellen gelangt find. Nach dem
Kriege, bei der zunehmenden Rüclichtslofigkeit der wirtichaftlihen
 Kämpfe, jind dieje Derpflihtungen noch allgemeiner
 und oft noch) fchärfer geworden. Der allgemeine
Warenhunger zwingt die Abnehmer, fih allen Bedingungen
der Anbieter zu fügen. Aber auch hier, bei diejen Monopoliherungsmitteln,
 gilt dasfelbe, was für Monopolbildungen
überhaupt zutrifft: fie haben an jidy mit dem „Kapitalismus“
 nichts zu tun. Genau diejelben Zwangsmittel wenden,
 wenn fie fönnen, die Arbeiter an, um die Macht ihrer
Prganijationen zu erhalten und ihren Einfluß zu ftärken.
Es leuchtet ein, daß diefje Erkflufivverträge nach zwei
Seiten hin tiefgreifende Wirkungen haben mülfen. CEinerjeits
 auf die Abnehmer oder auf die Rohitoff-[ieferanten,
 andererfeits auf die Außenftehenden,
 gegen die fi die Maßregel richtet. Sür die leßteren
fann die Bindung der Abnehmer oder Rohftofflieferanten
an das Kartell unter Umftänden eine [hwere Schädigung,
ja den Ruin bedeuten, indem ihnen die Kunden oder die
Rohftofflieferanten oder die Arbeiter entzogen werden.
Die Kartellherr{chaft Iann fo zu einem gewijjen Terrorismus
 ausarten. Wenn aber aus diejem Grunde die Gerichte
geneigt find, die außerhalb des Kartells jtehenden Produjenteit
 zu [hüßen, und daher hie und dain den gefdhilderten
Kartellmaßregeln einen Derftoß gegen die guten Sitten oder
das Delitt der Erprejjung haben erbliden wollen, fo ijt vom
Sfonomijchen Standpunkt darauf aufmerfjam zu machen,
        <pb n="95" />
        80 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indujtrie felbit.
daß dieje Maßregeln des Kartells nicht immer fo unberechtigt
 und die außerhalb desjelben Stehenden des Schußes
jo würdig find. Denn vielfach, ja in der Regel verjucht
ein Produzent außerhalb eines Kartells zu bleiben nur
deshalb, weil er in diefer Stellung größere Dorteile zu er:
zielen hofft. Und er täufcht fih darin in den meilten Sällen
nicht. Ein Außenjtehender kann, die Preife des Kartells
eben unterbietend, fidh einen großen Abjaß fihern; et
profitiert von der Produktionsregelung und fden Preisfeitfegungen
 des Kartells, ohne zu den Opfern, die die Mitglieder
 dafür bringen müfjen, beizutragen. Wenn alle fo
denken wollten, müßte natürlich auf die Regelung des Gewerbes
 durch ein Kartell verzichtet werden, und darum ilt
es in den meijten Sällen wohl berechtigt, wenn die Kartelle
foldjen Beitrebungen einzelner, außerhalb desfelben größere
Dorteile zu erzielen, entgegenzutreten Juchen,
Diel eher als für die außerhalb des Kartells Stehenden
[iegt ein Schußbedürfnis gegenüber diefjen Kartellmaßregeln
jeitens der durch fie Derpflichteten vor, aljo der
Konfumenten und Rohfitofflieferanten,
welche durch die Derpflightung zu ausfchließlihem Derfehr
an das Kartell gebunden werden. Dieje müffen vielleicht
alte Gefchäftsbeziehungen aufgeben, wenn die Außenjtehenden
 nicht imftande find, ihnen ihren ganzen Bedarf
zu deden, oder fie den Rohiftofflieferanten nicht genügend
Befchäftigung zu gewähren vermögen. So fann die Maßregel
 des Kartells zu einer ftarfen Beichränfung ihrer
Handlungsfreiheit führen. Aber andererfeits geht es zu weit,
ein Recht des Konjumenten, 3u Kaufen, von wem er will,
in dem Sinne aufitellen 3u wollen, daß jede Dereinbarung
und Derpflidhtung, Waren nur von beftimmten Produzenten
 zu beziehen, unzuläjfig und ungefeblich jet.
Denn {joldje Derpflidhtungen find im heutigen Wirtichaftsleben
 nicht zu entbehren. Es ilt vielmehr zu beachten.

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4. Wirkungen auf die Arbeiter. 81

daß allen diejen Derpflidhtungen zu aus[Hließlihem Derfehr
eine {tarfe organijierende Kraft innewohnt, deren
Benüßung die Gefeßgebung nicht durch ein Derbot dem
wirt{qhaftlidhen Leben verfjchliegen darf. Es find die gleichen
Derträge, durch die 3. B. auch die fogenannten Tarifgemeinfhaften
 gebildet werden, die [o außerordent-(iQ
 fegensreich für die Unternehmer und Arbeiter zahlreicher
Gewerbe geworden find. Bet diejen ift es notwendig, daß
die Arbeiter fih verpflichten, nur für foldhe Unternehmer
zu arbeiten, die den Tarif anerkannt haben, wogegen die
Unternehmer ebenfalls nur tariftreue Arbeiter befchäftigen.
Diejelben Derträge find es auch, die dann weiterhin zu den
interejjanten englilhen Allianzverbänden geführt
haben, wo an die Tarifgemeinfhaften fig noch gleitende
Cohnffalen anfchließen, durch weldhhe die Arbeiter an den
Steigerungen der Kartellpreije mit höheren Löhnen teilnehmen.
 Es find Derträge, die überall da in Anwendung
fommen, wo die aufeinander angewiejenen, im Taufchverkehr
 miteinander ftehenden Wirtfhaftsperfonen, die fonft
jid) befämpfen, Srieden zu fließen und fejte Normen für
ihren Derfehr zu fchaffen verfjuchen. Wir ftehen hier fehr
wichtigen Neubildungen der Doliswirt{/haft gegenüber, deren
Tragweite und Bedeutung für die Zukunft fidh noch gar
nicht abichägen läkt.

4. Wirkungen auf die Arbeiter.
Zu den Angehörigen der Kartellierten Induftrie gehören
Ichließlidh noch ihre Arbeiter. Daß die Unternehmer die
eigentlidje direkte Einwirkung auf die Arbeiterverhältniffe
nicht mittels der Kartelle, jfondern in den Arbeitgeber
verbänden ausüben, wurde [hon erwähnt, ebenfo daß Kar
telle oft die Bildung joldjer erleichtern (aber auch umgefehrt),
und daß die Arbeitgeberverbände häufig einen viel weiteren
£Siefmann, Kartele und Aruks. 4. Auff. =
        <pb n="97" />
        82 IT. Kapitel, Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbit.

Kreis von Unternehmern umfaljen, als zur Kartellbildung
möglich ift. Die Wirkfamfeit der Arbeitgeberverbände ift
heute ein großes voliswirtfchaftliches Problem für fih. Das
ergibt fi jhon daraus, daß Anfang 1914 im Deutidhen
Reiche 3670 Arbeitgeberverbände gezählt wurden. 2361 davon
 machten Mitteilung, daß fie mit 167 000 Mitgliedern
4,8 Millionen Arbeiter befjhäftigten. Auf die Derhältniffe
diejfer Derbände kann hier nicht eingegangen werden. Aber
auch die Kartelle beeinfluffen natürlich die Arbeiterverhältniffe,
 und oft aufgejtellte gegenteilige Behauptungen
fartellierter Unternehmer find unzutreffend. Der Umjitand,
daß manche Kartelljtatuten die direkte Befchäftigung des
Kartells mit Arbeiterfragen ausjchließen, ijt felbfiredend
fein Beweis, daß fie nicht do einen Einfluß auf fie
haben. Sreilich ift ein folder Einfluß der Kartelle oft {hwer
feftzujtellen. Immerhin ijt es 3. B. fein Zweifel, daß felt
organifierte Martelle der Unternehmer den Arbeitern die
Erzielunghöherer Löhne erleichtern. Wenn
die Unternehmer ein Kartell haben, find fie nämlich leichter
geneigt, den Arbeitern £ohnerhöhungen zuzugeftehen, als
bei freier Konkurrenz, weil fie leichter imftande find, den
Betrag durch höhere Preife auf die Abnehmer abzuwälzen.
Gegenüber Kartellierten Unternehmern werden alfo im allgemeinen
 die Arbeiter leichter £ohnerhöhungen durchfeßen,
und es liegt nur an ihnen bzw. erfordert die Bildung ftarkfer
Gewerfvereine, eine Erhöhung der Löhne mit der Steigerung
der Kartellpreife, alfo eine „gleiten de £ohnf|kala”
zu verlangen. Das fann feinem Zweifel unterliegen, daß
die vielfach ungünfjtige Beurteilung derfelben, fobald feft
organifierte Kartelle beftehen, die die Preife auch in der Depreifion
 hochhalten, eine wejentliche Modifikation erfahren
muß. In zahlreichen Gewerben, vor allem aud) im Bergbau,
 wäre, wenn einmal wieder Zeiten jtabiler Preife
fommen, eine aleitende Cohnjiala durchaus möglich. 3a,

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4. Wirkungen auf die Arbeiter. 83

heutzutage ann man geradezu von umgekehrten Lohnjfalen
 Ipredhen. Die Arbeiter, nicht die Konfumenten
find heute in manden Erwerbszweigen der beftimmende
Saftor für die Preisbildung, und die Preife werden den
von den Arbeitern verlangten Löhnen, nicht die Löhne den
Preifen angepaßt. Daß unter folchen Derhältniffen gleitende
 Lohnffalen, Gewinnbeteiligung u. dgl. feine große
Bedeutung für die Arbeiter haben, liegt auf der Hand.
Das wird aber nicht immer fo bleiben Können.
Daß die Löhne in Kartellierten Induftrien im lebten
Jahrzehnt vor dem Kriege erheblich geftiegen find, ijt zweifelfos
 und die Steigerung hat fih während des Welttrieges
Fortgefeßt. Dor dem Kriege wurde allgemein anerkannt,
daß, obwohl die Preife der Produkte in mandjen Kartellierten
 Jndujtrien noch ftärker geftiegen find als die Löhne
ihrer Arbeiter, doch aud) der Reallohn, das, was der Arbeiter
 an Lebensbedürfniffen kaufen kann, eine Erhöhung
zrfahren hat.
Es Jeien für die Entwidlung der Lohnverhältniffe im
Öberbergamtsbezir£ Dortmund, der ja im wefentlichen mit
dem Syndikatsgebiet zujammenfällt, während der Syndifatsdauer
 vor dem Weltkriege noch folgende Zahlen qegeben:

Sötrderungund C£öhneim Oberbergamtsbezirt
 Dortmund (in Mill. t hzw. A).
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1903 64,7 298,4
1913 | 110.7 ı 6725

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246,2 | 4,62
554,5 -|

2,86
3,81
5.01

Auch ijt die größere GleihHmäßigkeit der
Löhne und der Be{häftigung der Arbeiter unter
        <pb n="99" />
        84 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Indufirie feIbit.

dem Einfluß der Kartelle zu betonen. Auf legtere legen die
feit organifierten Kartelle, namentlich der Eifen- und Kohleninduftrie,
 nicht nur der Arbeiter wegen, jondern vor allem
auch) im Interejfe möglichiter Ausnugung der Sabhrikanlagen
ihrer Mitglieder fowie der Erhaltung eines guten Arbeiterjtammes
 großen Wert. Diejer Gefichtspunit it auch
in der Tertilindujtrie, die mit der Befchaffung geeigneter
Arbeitsfräfte viele Schwierigkeiten hat, von großer Wichtigfeit.
 Die Kartelle haben aber in ganz anderer Weije als
ijolierte Unternehmer die Möglichkeit, eine größere Gleichmäßigfeit
 der Befchäftigung herbeizuführen. Im allgemeinen
 bleibt natürlich aud) bei den Kartellen in normalen
Zeiten die Höhe der Löhne abhängig von den Konjunkturen,
und zwar fowohl von der Abfaggelegenheit in der betreffenden
 Induftrie als auch vor allem von der Lage des
Arbeitsmarites.
Nach wie vor den Kartellen bleibt eben die tatjächliche
Lohngeftaltung, wie jede Preisbildung, eine Ma Qt.
frage. Daß die moderne Entwidlung des Großbetriebes
und feiner Organijationen den Arbeitern mandımal ihre
Dofition verfchlechtert hat, Kann nicht beftritten werden und
fommt jchon in dem für fie unglüdlidhen Ausgang zahlreicher
Streits zum Ausdrud, Wenn die Unternehmer an die Stelle
ihrer früheren Jfoliertheit heute Sachvereine und Kartelle
gejebt haben, fo erleichtern diefe natürlich auch ihren Zujammenjdhluß
 den Arbeiterngegenüber. Ohne
daß eigentlide Kampfverbände gegen die Arbeiter entitehen,
 Arbeitgeberverbände, fönnen doch mandherlei Derabredungen
 der Unternehmer über die Arbeiterverhältnifje
getroffen werden. Schwarze C£ijten find leichter möglich,
ebenfo kann das gegenfeitige Abjagen der Arbeiter, die Konfurrenz
 um den Arbeiter einge[hränit werden.
Die Entwidlung zum „größeren Betriebe“, zu fujionierten
 und kombinierten Riejenunternehmungen, die, wie wit

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4. Wirkungen auf die Arbeiter. 85
noch fehen werden, durch die Kartelle gefördert wurde,
hat ebenfalls vielfady die Lage der Arbeiterfchaft
verfchlechtert und die Macht des Unternehmertums
verftärtt. So bat um die Jahrhundertwende die
Stilllegung mehrerer Heinerer Zedhen im Ruhrgebiet,
bie damit verbundene Entlajfjung von Arbeitern und die
dadurch wieder erfolgte Schädigung mehrerer Gemeinden
zu heftigen Angriffen gegen das Kohlenfjyndikat geführt.
Derfchiedene große Unternehmungen erwarben nämlich diefe
feinen Zechen nur um ihrer Beteiligungsziffer im Syndikat
willen, legten fie aber dann ftill und förderten deren Abfabquote
 auf ihren eigenen Schächten billiger. War dies auch
natürlich für die betroffenen Arbeiter und Gemeinden [ehr
nachteilig, jo ift doch zu berüclichtigen, daß diefe Heinen
Zehen bei freier Moniurrenz längit zugrunde gegangen
wären. Höchftens ann man jagen, daß dann die Stilllegung
 und die Entlajffung der Arbeiter ich weniger plößlich
vollzogen hätte und länger vorausjehbar gewejen wäre.
Was den zweiten Puntktbetrifit, fo ijt aud) Leicht vertändlid,
 daß die Entwidlung zu den modernen Riefenunternehmungen,
 wie wir fie namentliqd in der Montaninduftrie,
 aber auch in der eleftrijhen und der hemifchen
Jndultrie Jowie im Baniwefjen, in anderen Ländern auch bei
den Eifenbahnen finden, die Macht des Unternehmertums
den Arbeitern gegenüber verftärft. Wenn ein Betrieb
durch Streit {tillgelegt wird, fo fönnen die anderen einen gewijjen
 Ausgleich [haffen, die finanzielle Schädigung wird
für die Unternehmung leichter erträglich, fie ann den Kampf
‚änger aushalten. Dazu fommt, daß die Kartelle in die
Lieferungsverpflidhtungen eintreten fönnen, wenn nur bei
einem der Mitglieder ein Streik ausbricht. Oder fie Iönnen,
wie das Kohlenjyndiiat hei Bergarbeiterftreiis, gemeinjam
 den Bezug aus dem Auslande organifieren. Überhaupt
 fichert das Kartell während Arbeitsftreitigfeiten
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        86 IL. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft.
durch Ausfdhaltung der den Unternehmern dann ganz
bejonders nachteiligen Konkurrenz untereinander ihHnen ihre
Machtitelung auch den Arbeitern gegenüber, wie es auch
die Durchfegung der Streikfflaujel den Abnehmern bzw. Rob»
jtofflieferanten erleichtert.
Demgegenüber ijt aber nicht zu verfennen, daß die
Organijationen der Unternehmer doch auch den Arbeiter:
foalitionen wieder neuen Antrieb zu weiterer Entwidlung
gegeben haben, und daß andererfeits die Unternehmer durch
ihre eigenen Derbände gelernt haben, den Dereinigungen
der Arbeiter größeres Derftändnis entgegenzubringen. Sreilich
 ijt der alte, patriarhalijdhe Standpunkt, wonach der einzelne
 Unternehmer nur allein mit einen Arbeitern zu
tun haben will und irgendwelche Dertreter von Derbänden
der gejamten Arbeiterfchaft des Gewerbes nicht anerkennt,
erft durch das Kriegsende und die daran aninüpfende Umwälzung
 wirflidh überwunden worden.
Es fann hier natürlidh nicht unfere Aufgabe fein, die
ganze gegenwärtige Lage des Arbeitsverhältnijffes in den
größeren Betrieben zu befprechen, die, feit die Revolution
die Sozialdemokratie zur führenden Partei in Deutjchland
gemacht hat, fi volllommen geändert hat. Seine weitere
Geftaltung ijft audy noch gar nicht abzufehen. Nur die
Bemerfung gehört in den Rahmen diefer Unterfuchung,
daß die Derfchiebungen in der wirtfhaftlihen und politilchen
 Machtjtelung auf beiden Seiten die Erkenntnis
förderten, daß beide Teile nicht ohne einander ausiommen.
Don dem Gedanken, die privaten Unternehmer auf den
meilten Gebieten des Wirtjchaftslebens ganz auszufjchalten,
ijt es daher bald recht ftill geworden. Jene Erkenntnis
drängt deshalb zu gemeinjamen Organijationen,
 d. h. zu größerer Heranziehung der Arbeiter
aud) bei der wirtfqhaftlidhen, nicht nur der technijchen
 Seite der Unternehmertätigfeit. Wenn diefe Mitwir



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 Wirkungen auf die Arbeiter, 87

wirkung fid auch zum großen Teil innerhalb der
einzelnen Unternehmung, in den Betrieben
 vollziehen wird, auf Grund der Betriebsräte,
und hier für den Arbeiter immer die technijche Seite, die
Gejftaltung feiner äußeren Arbeitsbedingungen im Dordergrund
 ftehen wird, fo ijt doc auch die Heranziehung von
Arbeitervertretern zur Behandlung der wirtjHaftlihen
Sragen, die fih immer mehr außerhalb des einzelnen Betriebes
 in den Derbänden abfjpielen werden, nur erwünfcht,
Derartiges ift von mir für die Kartellkommifjffionen
 ja Ihon immer gefordert worden. Aber
es fönnte auc) fehr wohl in den Kartellen [elbft
ein Arbeiterbeirat oder eine Delegierung von Arbeitervertretern
 vorgefehen fein, die an allen Derhandlungen
mit beratender Stimme teilzunehmen hätten. Es ilt doc
zu hoffen, daß, wenn das deutfche Wirt[haftsleben einmal
wieder einen ruhigeren Charakter angenommen hat, auch
die heute verfhärften Gegenjäge von Arbeitern und
Arbeitgebern wieder einmal mildere Sormen annehmen
werden, und dazu [ollen gerade die neuen Organifjationen,
die eine größere Heranziehung der Arbeiter bezweden,
beitragen.
Dabei fpielen nad) wie vor die Tarifverträge
die größte RoMe, in denen die gegenfeitige Abhängigkeit
von Arbeitern und Unternehmern und ihrer heiderfeitigen
Organifationen zum ftärkfften Ausdrud kommt. Zunächit
verpflichten fidh die Unternehmer, nur tariftreue Arbeiter
anzufjtellen, die Arbeiter, für feine Unternehmer 3u arbeiten,
 die nicht die vereinbarten Bedingungen anerkannt
haben. Schon darin liegt ein Moment des „aus[hliegenden
 Derkehrs”, des Sernhaltens von Kon
Furrenz mit Hilfe der Gegenpartei. Beftehen
dann, wie das die Regel ift, auf beiden Seiten Organijationen,
 fo entwidelt lich auch bier der „austchließ-
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        88 IL. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Jnduftrie jelbft.
liqje Derbandsverkehr“, wie wir ihn 3zwijchen
verfchiedenen Unternehmerverbänden [hon fennen gelernt
 haben. Ein derartiges Dertragsverhältnis bewirtt,
daß jeder Derband die Ionkurrenzausfchließende Stellung des
anderen geradezu garantiert, der Gewerkverein nicht für
außerhalb des Unternehmerverbandes tehende Unternehmer
arbeitet, der leßtere nur Mitglieder des Gewerkvereins befhäftigt.
 Zuerit ift das 1887 im Oftjhweizer Stidereiverband,
 dann auch in der vogtländijhen Stidereiindultrie,
in der Solinger Scheren- und Mefferindultrie, in der bayerijdhen
 Spiegelglasinduftrie, der fränkifjhen Seingoldjhlägerei,
 den wefltdeutjhen Walzengravieranftalten, der
böhmijcdhen Glasinopfindujtrie zwijhen den Unternehmerverbänden
 und den Gewerkvereinen vereinbart worden.
Dor allem gehören aud) die Dereinbarungen im Buchdrudereigewerbe
 hierher. Die Unternehmer beiommen hier
geradezu ein Interefje an felt gefchloffenen Gewerkvereinen
der Arbeiter, weil ihnen durch die Derpflidhtung zu aus-Ihließlidhem
 Derfehr ihr Kartell gefidhert und außenitehenden
 Unternehmern die Befchäftigung von Gewerkvereinsmitgliedern
 unmöglich gemacht wird. Ze mehr alfo
die Arbeiter alle im Gewerkverein zujammengefchloffen
find, und je mehr diejer (bei hochgelernten Arbeitern)
vor dem Auffommen neuer Konfurrenten gefichert it,
um fo fejter ijt aud) die monopoliftiidhe Stellung des
Kartells.

hie und da ijt dann noch der lebte Schritt getan, die Arbeiter
 direkt an den Erträgen der Kartellierten Indujtrie zu
intereffieren. Dies ijt das Grundprinzip der englifjchen fogenannten
 Allianzverbände, der engiten Der:
bindungen 3zwijdhen Unternehmer und Arbeiterorganijationen,*indem
 bei ihnen zu der gegenfeitigen Derpflihtung
zu ausfchließlihem Derbandsverkehr noch eine gleitende
Cohn!fala, automatiidhe Regelung der Löhne nach der Höhe

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4. Wirkungen auf die Arbeiter. 89

der Kartellpreife hinzutritt.!) Sreilich haben fie fidh in England
 nicht halten Können, aber nichtsdefjtoweniger geht
die Entwidlung langjlam in der Richtung einer engeren
Derbindung zwijdhen Unternehmer- und Arbeiterorganifationen.
 Bei den Walzengravieranftalten haben wir es 1907
wieder erlebt, daß, wie bei den englijdhen Allianzen, ein
Gewerkverein der Arbeiter geradezu mithilft, ein Kartell
der Unternehmer 3zufjtande 3u bringen, weil die Arbeiter
darin für ich die einzigite WNöglichkeit zur Erlangung befferer
Arbeitsbedingungen erfannten. Daß mit alledem an Stelle
des Gegenjages von Arbeitern und Unternehmern der von
Produzenten und Konfumenten treten wird und der Schuß
der lekteren das große Zentralproblem des wirtfhaftlidhen
£ebens der Zukunft jein wird, haben wir feit 15 Jahren
in diefjer Schrift betont, und es wird durd) die neuefte Entwidlung
 noch beftärtt.
Die in fozialijtijden Kreijen früher weit verbreitete Anlicht,
 daß die Kartelle nur ein neuer Schritt zum Ziel des
Sozialismus, der Derftaatlihung der Produktionsmittel
feien, ijt zweifellos fo, wie fie gemeint war, nicht richtig.
Die Kartelle find, im Gegenfaß zum Trujt, der eine kapitalijtijde
 Organifjation, felbjt eine große Unternehmung
ift, Feine ihrem Wefjen nach Kapitalijtijhe Bildungen und
daher au nicht etwas, was vom fozialiftifdhen Staat zu
„exproptiieren“ wäre, Wohl aber ijt es denkbar, daß [ich
an fie nur 3u Unrecht Sozialifierung genannte Makßregeln
aninüpfen, um durch diefe Bildungen nach Art der Zwangsfartelle
 unter ftaatlidher Leitung dem Staate einen größeren
Einfluß auf die wirtfjhaftlidhen Derhältniffe wichtiger Jnduitrien
 zu verfchaffen. Davon foll im VI. Kapitel die Rede fein.

!) Dgl. meine Aufläße: Die Allianzen, gemeinjame mono:
polijtijde Dereinigungen der Unternehmer und Arbeiter in Eng»
land, Jahrbücher für Nationalökonomie und Statijtit 1900, Bd. 75,
und: Die neuefte PAS der Allianzverbände in England
und dem Kontinent, ebenda Bd. 77, 1901.
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        90 11. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie felbft.
5. Wirkungen auf den tednijdhen Sortjqhritt im
Gewerbe.

Noch eine Srage haben wir an diefjer Stelle zu erörtern:
Wie wirken die Kartelle auf den wirtihafilihen
 und teqhnifhen Sortjhritt
inihrem Gewerbe? Man hat hie und da die Meinung
 ausgefprochen, daß die Kartelle den Zwed hätten, den
einmal vorhandenen Unternehmern die Erijtenz zu fichern,
daß fie alfo die heutige Organijation des Produktionsprozeffes
 fonfervierten und die Entjtehung zwedmähigerer
Betriebsformen hinderten. Wir haben aber fhon gejehen,
 daß das Gewinnintereffe des einzelnen Unternehmers
 auch in den Kartellen immer nod) {tart genug
bleibt, um ihn zu technijchen Sortjchritten 3u veranlafjen,
und wenn man die neuejlten Entwidlungstendenzen im
deutjdhen Wirtjhaftsleben beobachtet, [o wird man 3ugeben
 müffen, daß von einem Stillftand unter dem Einfluß
der Kartelle nicht die Rede fein Kann. Man wird vielmehr
erfennen, daß die Kartelle nicht nur dem wirtjhaftlidhen
Sort{/hritt kein Hindernis bilden, fondern in einigen der
wichtigiten deutfchen Indujtrien fogar eine Haupturfache der
rapiden öfonomifjchen Weiterbildung gewefen find, die fid
in den legten Jahrzehnten vollzogen hat. Es {tellt id) immer
mehr heraus, daß die Kartelle, die ja auf den erfien Blid
als beftimmt erfcheinen, aud) die Heineren und [hwäcdheren
Unternehmungen am Leben 3u erhalten, in den am weitejten
in der Kartellierung fortgefchrittenen Jnduftrien vielmehr
dem fogenannten „größeren Betriebe“, den modernen Riefenunternehmungen
 einen außerotdentlidjen Antrieb verleihen.
In zweierlei Weije haben bisher die Kartelle diefe Entwidlung
 zum „größeren Betriebe“ gefördert, indem fie nämih
 1. 3u Sufionen und 2. zu Kombinationen
anreaten. 3m eriten Salle handelt es fiH um die DerdC



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5. Wirkungen auf den technifjdhen Sortfchritt im Gewerbe. 91
iHmelzung gleidhartiger Unternehmungen
 3u einer ganz großen, meijtens um die Aufjaugung
fHeinerer Werke durch große, im Iegteren um die Zujammenfajfjung
 verfhiedener Produfktionsitadien,
 die bisher Gegenjtand felbjtändiger
Unternehmungen 3u fein pflegten, in einer großen Unternehmung.
 — Betrachten wir zuerft die Sufionen. Im
Kohlenbergbau haben die größten Unternehmungen, Geljen-Kirchner,
 Harpener Bergwerfsgefelljdhaft, Hibernia, Nordjtern
 ujw., in den erften zehn Jahren diefes Jahrhunderts
eine ganze Reihe Heinerer Zechen fih angegliedert. Es ge:
[ah dies, um ihre Beteiligungsziffern im Kohlenfyndikat
zu erwerben, damit die eigene zu erhöhen und dann ihre
eigene Sörderungsmöglichfeit beffer ausnüßen und fo die
Produktionskfoften herabdrüden zu fönnen. Teilweije waren
es auch gut rentierende Zechen, die jo erworben wurden;
dann gefhah der Erwerb meilt zu dem Zwed, alle Kohlenarten
 fördern zu fönnen, oder aus technijdhen Gründen, Abtundung
 des Grubenbefiges und dergleichen. Häufig aber
waren es Heine Zecdhen, die hohe Produktionskolten hatten
und bei freier Konkurrenz längit zugrunde gegangen wären,
und deren einziges wertvolles Aktivum in ihrer Beteiligungsziffer
 am Kohlen{yndikat beftand.
Daß die nad) dem Erwerb diefer Zehen mehrfach erfolgende
 plößlihe Stillegung für die Arbeiter und für die
beteiligten Gemeinden höchft nachteilig war, wurde [Hon
erwähnt. Dolfswirtjhaftlid aber war fie ein Dorteil, da
jo die gleihen Kohlenmengen von den großen Gefellfhaften
billiger gefördert werden konnten. Zwar hätte die freie
Konfurrenz durch Unterdrüdung der Heinen Zedhen mindeitens
 ebenfofehr für die Ausdehnung des aroken und daher
 billigeren Betriebes gewirkt, aber die Derdrängung der
Kleinen und Schwachen wäre rüdfichtslofer und erft nach
langwierigen und für alle verlultbringenden Kämpfen er-
        <pb n="107" />
        92 11. Kapitel, Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie Jelbft.
folgt. Genau das gleihe war dann in der Slafheninduftrie
 3u beobachten, wo die großen Werke HNeinere
in fi aufnahmen, um ihre Beteiligungsziffer im Syndikat
zu vergrößern und die Owenfche Slaihenmaicine beffer uaszunußen.

Wenn es neuerdings häufiger vorlommt, daß Kartelle
neue Patente erwerben, um fid das Auffommen neuer
Konfurrenz fernzuhalten, fo ift das in der Regel nur erwünfcht,
 weil es eine unwirt|chaftlidhe Überkapitalifation
verhindert. Der technijhe Sortfchritt fann fig auch vom
wirt{chaftliden Standpunkte aus zu fAnell vollziehen, wenn
die alten Werke noch nicht genügend amortifiert find. Die
Jutefartelle haben die Tertiloje-Patente erworben bzw. mit
dem fie ausbeutenden Konzern Derabredungen getroffen,
weldje die Sabrifation nad) dem Tertiloje-Derfahren in
Deutjchland und anderen Ländern im Einvernehmen mit
den Iutekartellen regeln. Der Derband deutjher Preßhefefabrifanten
 faufte 1913 ein neues Derfahren zur Hefe-Herilifierung
 und gründete für defjen Ausnukung die „Dauerhefe-Genoffen|haft
 m. b. H.”. Auf diefe Weife erreichen
aud) Kartelle dasfelbe, was fonjt nur den Truflts wie den
Interefjengemeinfdhaften (3. B. in der hemijdhen Induftrie)
möglich ift, die Dorteile neuer Erfindungen allen Mitgliedern
zugute fommen 3u Iaffen und eine jtarfe Konkurrenz infolge
 ihrer Ausbeutung zu verhindern. Bisher find nod
feine Sälle bekannt geworden, daß Kartelle die Anwendung
wichtigerer technijcher Derbefjerungen verhindert hätten.
Aber es zeigt [ih an diefen Beifpielen, daß die Kartelle
beitrebt find, den Übergang milder zu geftalten. — ;
Don nod) größerer volfswirtjqhaftliher Bedeutung ift
die zweite moderne Organifationsform der Unternehmung,
die wir als Kombination bezeichnet haben.
3 Daß die Zujammenfaffung verfchiedener aufeinander
angewiejener Produktionsjtadien in einer Unternehmung,

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5, Wirkungen auf den technifhen Sortjchritt im Gewerbe. 93

die Kombinationstendenz, in den entwidelten
Doliswirtjhaften ftarfe Sortjdhritte macht, ijt leicht erflärlich.
 Srüher, als die verfchiedenen Stadien nodh Gegenjtand
 felbitändiger Unternehmungen waren, mußte jede
einen Gewinn an ihrem Zwifjhenprodukt erzielen, und die
Schlußprodukte wurden dadurch verteuert. Demgegenüber
jtellen die Kombinationsunternehmungen einen wirt{chaftlien
 Sortjchritt dar; denn dieje Zwildhengewinne werden
gefpart, fie fönnen daher billiger produzieren und find fonfurrenzfähiger.
 Eine weitere Derbilligung der Produktionsfojten
 ergibt fid) aber bei ihnen daraus, daß auch die Transportfolten
 vermindert werden fönnen, daß ferner der
Händler, der fidhh oft noch zwifchen die verfdhiedenen Produktionsjtadien,
 wenn fie von felbjtändigen Unternehmungen
betrieben werden, einjchiebt, mit feinem Gewinn hinwegfällt.
Wenn trogdem früher die Kombination nur geringe Sort:
jchritte machte, fo liegt das daran, daß eben die Rohitoffproduzenten
 durch ihre Konkurrenz die Preije auf dem
denkbar niedrigiten Stande hielten. Die Selbftherfjtellung
bot alfo feine wirt[qhaftliden Dorteile, außer vielleicht in
den Iurzen Zeiten der Hochkonjunktur. Sie war aber mit
erheblidem Rififo verbunden, infofern als der Derarbeiter
fürchten mußte, die Robitoffe billiger Kaufen zu fönnen,
als er fie jelber herzuftellen vermochte, wodurd) er feinen
Konfurrenten gegenüber in Nachteil geriet. Serner dadurch,
daß er, wenn die Lage des weiterverarbeitenden Gewerbezweiges
 unglnftig war, feinen Abfag für die von ihm
produzierten Rohftoffe hatte, daß aljo auch feine Rohftoffproduktion
 immer von den Konjunifturfhwaniungen in
der weiterverarbeitenden Induftrie beeinflußt blieb, er alfo
ein doppelt [o großes Kapitalrififo zu tragen hatte.
Infolgedeffjen gab es nur wenige Kombinationsunternehmungen
 felbjt auf ihrem heutigen Hauptgebiete, der
Eijeninduftrie, und bei ihnen war die Kombination früber
        <pb n="109" />
        94 II. Kapitel. Wirkungen der Kartelle für die betr. Induftrie Jelbft.

durchaus nicht immer vorteilhaft für das Gefamtunternehmen.
 Dies änderte fich fofort, mit einem Schlage, farın
man geradezu fagen, als an die Stelle freier Konkurrenz die
Robfitoff Far tele traten und fie, insbefondere das Kohlen-[yndikat,
 die Preife dauernd hochkielten. ZJegt Ionnten alle
Hütten- und Stahlwerke, die eigene Zedjen befaßen, ihren
Kohlenbedarf billiger Jelbjt gewinnen, ebenjo die Stahlwerke
ihren Roheijenbedarf billiger als von den betreffenden
Syndikaten. Es dauerte zunächjt noch einige Jahre, bis
man dahinterlam, wie vorteilhaft die Angliederung von
Zecdhen für die Eijenwerke fei. Aber als in der Hochkonjunktur
 die reinen Weiterverarbeiter fortdauernd unter dem
Mangel an Rohmaterialien zu leiden hatten, da begannen
1899 die Kombinationen in größerer Zahl, und fie erwiefen
lid au nach Eintreten der Krifis noch als fehr vorteilhaft,
 da das Kohlenfjyndikat verlängert wurde und die
Preifje hochhielt. Teils infolge der durch) die Kombinationstendenz
 hervorgerufenen Nachfrage nach Zehen, teils infolge
der Gewinne, weiche das Kohlenfyndikat den Zehen zu erzielen
 ermöglichte, find die Zehen und Kohlenfelder rapide
im Werte gejtiegen, wie das aus den oben mitgeteilten
Kurfen einzelner Kure [don hervorgeht. Auch nod) während
des Weltkriegs find ungeheure Summen für Kohlenzedhen
und Kohlenfelder ausgegeben worden. Mandje großen
Unternehmungen haben einen Teil ihrer riefigen Kriegsgewinne
 in diejer Weife angelegt.
Aber au auf die übrigen Zweige der Eifeninduftrie
dehnte fidh die Bewegung aus. Wie die Hütten Zeden Io
[uchten die weiterverarbeitenden Zweige der Eifeninduftrie,
Stahlwerfe, Walzwerke der verjdhhiedenen Art, Mafjchinenfabrifen,
 fid) wiederum eigene Hochöfen anzugliedern, um
von den Robheifenjyndikaten unabhängig zu werden; andere
Weiterverarbeiter, wie die Drahtwerke, juchten den hohen
Preijen des Halbzeugverbandes zu entgehen, indem fie dejfen

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5, Wirkungen auf den technifdhen Sortichritt im Gewerbe. 95

Produkte felbjft heritellten. Ja, die Kombinationstendenz
geht jo weit, daß jelbjt eine Sabrif für hoch qualifizierte und
ipezialifierte Produkte, wie die größte Cofomotivenfabrif
Deut{chlands, Henfihel &amp;amp; Sohn in Kaffel, fih eine eigene
Hütte und Kohlenzeche erwarb. Unfere großen hemifchen
Sabrifen bejiken eigene Xohlenzeden; Zuderfabrifen, Eleftrizitätswerfe,
 ja Jogar eine Weberei befißen foldhe (Braun:
fohle).
Aber nicht immer erfolgt die Kombination durch Angliederung
 fchon bejtehender Unternehmungen, in den meifjten
Sällen werden vielmehr neue Anlagen für den auf3zunehmenden
 Unternehmungszweig gefchaffen. In den großen
Eijen- und Stahlwerken werden heute alle denkbaren Produkte
 der Eijeninduftrie, Schienen, Träger, Röhren, Schiffbau»
material, Brüden, Majchinen aller Art, ja ganze Eijenbahnwaggons
 in ein und derfelben Unternehmung hergeftellt.
Wo die Robitoffe, 3. B. Eijen, von einer fremden Unternehmung,
 etwa im Auslande, gekauft werden müffen, find
lie vielfad) an ihr finanziell beteiligt.
In anderen Unternehmungszweigen hat die Kombinierung
 bisher Gegenitand felbjtändiger Betriebe bildender
Produktionsjtadien in einer Unternehmung einjtweilen noch
nicht die gleidhe Bedeutung erlangt wie in der Eijenindultrie.
Denn es trifft eben nur in wenigen Indujirien die Dorausjeßung
 zu, daß ein Weiterverarbeiter [o große Quantitäten
eines Robitoffes gebraucht, daß feine Derforgung die Errichtung
 eines eigenen Betriebes lohnt. Oder die Weiterverarbeiter
 gebrauchen nur ein Teilprodukt, fönnen aber
nicht die ganze dazugehörige Induftrie felbjt betreiben.
So fönnen 3. B. die großen hemifjdhen Sabriien unmöglich
jelbft fo viel Kofereien betreiben, als fie Benzol verbrauchen.
Andererfeits [heitert die eigene Weiterverarbeitung häufig
an dem Umitande, daß die Sertigprodukte nicht Kkartelliert
und daher für fie nicht fo gute Dreije zu erzielen find. Immer-
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        96 IIL Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.

hin find 3. B. aud) in der Hemijhen und in der eleftrifchen
Anduftrie große Kombinationsunternehmungen entitanden,
 die die verfhiedenjten Produktionsjtadien umfalfjen,
und aud in anderen Indujtriezweigen iit die Tendenz zu
foldhen zweifellos im Wachfen.
Überall jucht man fi durch Zujammenfhluß 3u {tärfen,
die Produktionskoften möglichit herabzufjegen und den Abfaß
 möglichit zwedmäßig zu organifieren. Diefe Tendenz
ijit dur) den Weltkrieg noch bedeutend gefteigert worden
und wird auch jet noch von großer Bedeutung bleiben,
Jedenfalls Kann man behaupten, daß die Kartelle bisher
den technifjhen Sortfchritt nicht aufgehalten haben; ja, in
der Eijenindujtirie ijt die Entwidlung zu großen fombinierten
Unternehmungen, die technifch einen Sort{hritt bedeuten,
vielleicht noch [Ahneller erfolgt, als das fonit der Sall gewejen
wäre. Daß dieje Entwidlung zu großen fombinierten Unternehmungen
 teilweije überhaupt fhon über die Kartelle
hinausführt, dahin geht, diefe entbehrlidy 3u maden,
merden wir im fünften Kapitel zu zeigen haben.

111. Kamnitel.

Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
1. Wirkungen auf die lebten Konfjumenten.
Auch die Wirkungen der Kartelle auf die Abne hHmer
fann man, ganz im allgemeinen wenigitens, nad) den beiden
Zweden unterjdheiden, die, wie wir fahen, die Unternehmer
mit den Derbänden verfolgen: Erhöhung der Ge:
winne und Derminderung des Kapital
rifikos. Ungünftig wirkt für die Abnehmer das Streben
jener nad) Erhöhung der Gewinne; denn diefes äußert [ich
in Dreiserhöhungen. Das Streben der Unternehmer nach

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1. Wirkungen auf die legten Konfumenten. 97

ziner Derminderung des Kapitalrififos, das fie veranlakt,
auf eine größere Gleihmäßigfeit der Produktion und des
Abjages, Iurz der ganzen wirt{qhaftlidhen Lage hinzuwirken,
ijt dagegen, ganz im allgemeinen geiprochen, auch für die
Abnehmer von Dorteil, obgleich, wie wir nod) jehen werden,
manche zu diejem Zwed getroffenen Maßregeln heute noch
ungünftig wirken.
Daß die Kartelle als ein Monopol der Anbieter die
Abnehmer fhädigen können, verjteht fi&amp;amp; von felbft, eben[o
daß die Unternehmer die größere Macht, die ihnen der Zujammenf{dhluß
 verleiht, mit aller Rüdfichtslojigfeit, weldhe in
der auf dem Selbjtintereffe beruhenden Doltswirtfchaft den
Taufhverfehr beherricht, geltend machen fönnen. Man
wird aud eventuell Maßregeln dagegen ergreifen mülfen,
aber niemals wird man an diefe Stage mit ethifjden und
moralijchen Erörterungen über die „Bere tigung“ der
Unternehmer zu hohen Gewinnen herantreten dürfen. Es
ijt unmöglich, die Grenze zu ziehen, wo der „wohlanfjtändige
Gewinn“ aufhört und die „unberechtigte Gewinnjucht“ anfängt.
 Auch ift zu betonen, daß es Fein Recht der Abnehmer
gibt, die Befriedigung ihres Bedarfs zu einem irgendwie
beftimmten Preife zu verlangen. Ein für alle Unternehmer
geltender „gerechter“ Preis ift fhon wegen der Derfhiedenheit
 der Produktionskojten nicht fejtzuftellen. Aber auch) nur
mit Beftimmtheit einen Preis als über das in den
wirtjqhaftlihen Derhältniffen begründete
 Maß hinausgehen d zu Kennzeihnen, ift
äußerft [Hwierig. Zum Dergleich Fönnten höchftens die Weltmarttpreife
 herangezogen werden, aber die größere Höhe der
Znlandspreije jenen gegenüber bedeutet nod) nicht übermäßige
 Höhe der Gewinne für die inländijhen Unternehmer.
Die Preijfe inländijher Konkurrenten, aljo außerhalb des
Kartells gebliebener Unternehmer und Produzenten anderer
Abfaggebiete Können hHöchftens bei finkender Konjunktur
£iefmann, Kartelle und Trufts, 4. Aufl
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        98 11. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer,
als die der wirtfhaftlihen Lage entjpredhendften angefehen
werden. Bei Iteigender Konjunktur pflegen die außenjtehenden
 Unternehmer gerne den Kartellpreijen zu folgen,
in der Kohleninduftrie 3. B. auch der Siskus, und bei jtarker
Nachfrage überfteigen ihre Preije oft diejenigen des Kartells,
Statijtifen über die Höhe der Preife Können daher nur
wenig für oder gegen ein Kartell beweijen. Insbefjondere
bei günftiger Konjunktur fann man nicht jagen, wie die
Preife ohne ein Karte fein würden. Preisftatiftifen Fönnen
daher zunächft nur zeigen, ob eine größere Gleidmäßigfkeit
 der Preife gegen früher infolge des Kartells
eingetreten ijlt oder nicht. Erft wenn man längere Zeiträume
 zugrunde legen kann, vermag man unter Umftänden
 auch eine dauernde Preiserhöhung infolge eines Kartells
 3u Ionftatieren. Aber natürlich kann eine foldhe Preiserhöhung,
 wenn fie auch durch das Kartell herbeigeführt ift,
in den allgemeinen wirt{qhaftlihen Derhältnijfen begründet
fein. Ein Urteil darüber ermöglicht oft ein Dergleidh mit
der Bewegung der Löhne. Beim Kohlenfyndikat und Stahlwerfsverband
 Ionnte man vor dem Kriege 3zweifellos
fowohl eine Erhöhung als auch eine größere Gleich»
mäßigfeit der Preije gegen früher fejtjtelen; erftere ging
im allgemeinen über die au) fehr beträchtlidhen CLohnjteigerungen
 nod) hinaus.
Jedenfalls Kann man als allgemeinen Sag behaupten,
daß die Hauptwirkungen auf die Preije, in denen [ich ein
Kartell von dem Zultande freier Konkurrenz unter|heidet,
in Zeiten jfinienderKonjunftur eintreten. Denn
dann verhindern die Kartelle ein dem Sinken der Nachfrage
entipredjendes Sinkfen der Preife. Sie ermöglichen
aljo eher ein Sejthalten an hohen Preijen bei ungünftiger
Konjunktur und erreichen das, indem fie die Pro duftionund
 das Angebot beffer der jeweiligen Nachfrage
 anpajfen, als das bei freier Konkurrenz den ijolierten

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1. Wirkungen auf die Iekten Konfumenten. 99

Unternehmern möglidh ijt. Man fann aljo — cum grano
salis — die Wirkungen der Kartelle gegenüber denjenigen
ber freien Konfurrenz dahin fennzeichnen, daß die Kartelle
zwar die Produktion der jeweiligen Nachfrage an»
pafjen, aber nicht die Preife, die freie Konkurrenz da
gegen zwar die Preife, aber nicht die Produktion.
Daraus ergeben fi die voliswirtfchaftlihen Wirkungen
des einen oder anderen Zujtandes. Jedenfalls wird regelmäßig
 am meifjten in der Depref[f[ion über die Kar-‘elle
 und ihre hohen Preije geflagt.
Sür die Möglichkeit ftarker Preiserhöhungen durch Kartele
 und insbefondere ihrer Aufrecterhaltung in Zeiten
ungünfitiger Konjunktur ift natürlich die ganze Art der betreffenden
 Induftrie von großer Bedeutung. Am günftigjten
jtehen. hier naturgemäß alle diejenigen Indufiriezweige,
denen am wenigiten leicht Konkurrenz erwachfen fann, die
aljo wegen Befjcdhränitheit des Doriommens ihrer Rohitoffe,
wegen fojtjpieliger Errichtung ihrer Anlagen, wegen teuren
Transports im Derhältnis zum Preije oder durdh Schußzölle
 vor dem Auffommen neuer Unternehmungen, vor
der Einfuhr von außerhalb und auch vor der Derwendung
von Surrogaten am meifjten gefjhüßt find. Don Induiltrien
von allgemeiner volfswirtjdqhaftlidher Bedeutung dürften in
diefer Hinficht die verfchiedenen Zweige der Montaninduftrie
 am günftigjten geftellt fein, und das erklärt
es, weshalb auf diefem Gebiete jowohl fo fejt organifierte
Kartelle beitehen, als auch, weshalb fie auch in ungünftigen
Zeiten die Preife hoch3zuhalten vermögen. Doch find andererfeits
 Induftrien für hochqualifizierte Spezialprodukte imjtande,
 au in ungünftigen Zeiten hohe Preife aufrechtzuerhalten,
 wenn ihre Mitglieder nur genügend Einigkeit
aufbringen, um eine genauere Abgrenzung der Qualitäten
und Spezialprodukte herbeizuführen und eine Preisfchleuderei
 bei den Maffenprodukten zu verhindern. Dies ift 3. B.
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        100 III. Kapitel, Die Wirkungen der Kartelle auf}die Abnehmer.
in der Porzellaninduftirie und in der Spiegelglasinduftrie
der Sall gewefen, wobei aud der Umftand mitfpricht, daß
wegen der Abhängigkeit vom Rohftoff nicht überall foldhe
Sabrifen errichtet werden Können. Das internationale
 Spiegelglasf{yndikfat in Brüffel, dem
fait alle europäifden Sabrifen angehörten, ijt wohl das am
fefteflten organifierte internationale Kartell in irgend einer
Indufltrie gewejen.
Eine vertragsmäßige Derteilung von Spezialprodukten
auf die Mitglieder eines Kartells ift ganz befonders in der
Induftrie für Seuerwehrgeräte durchgeführt, wo die eine
Sabrif nur Leitern, eine andere nur Spriben, eine dritte
nur fonitige Seuerlöfjdgeräte heritellt, Diele Derteilung
fommt in technijdher Beziehung der Arbeitsteilung in einem
Truft gleich. Erleichtert wurde hier das Kartell durch die
geringe Zahl der Sabrifanten jowohl wie der Abnehmer, als
welche hauptfächlid die öffentlichen Körperichaften in Betracht
 Tommen.
3m allgemeinen ijt diefe größte Gefahr der Kartelle,
daß fie als monopoliftijde Organifationen die Preife zu fehr
erhöhen und damit die Abnehmer [Hhädigen, bisher nicht
in bedeutendem Umfange wirklich eingetreten. Dielmehr hat
ji gezeigt, daß in der Regel [don eine geringe Erhöhung
der Gewinne über das bisher in der Indujirie übliche Maß
die BildungneuerKonikiurrenzunternehmungen
 anregte. Die Kartelle haben dann wohl verfucht, diefe
aufzunehmen und eine allgemeine Produktionseinfhräntung
 feitzufeben, um die Preife zu halten. Aber wenn dieje
wirtlidy dem Stande der Nachfrage nicht entiprechen, 1äßt fich
das auf die Dauer nicht durchführen, denn die am billigjten
produzierenden Werke, die auch zu niederen Preifen noch
gute Gewinne erzielen, wollen dann lieber ihren Betrieb
voll ausnugen und nicht die [Hwäcdhheren am Leben erhalten.
50 macht dann in den meiften Sällen das Kartell einer Zeit

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        1. Wirkungen auf die lebten Konfumenten. 101

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des Konkurrenzlampfes Plaß. Bejonders typifch Kießen {ich
dieje Derhältnijje vor dem Kriege in der Zementinduftrie
beobachten, aber aud) in zahlreichen anderen Zweigen der
Induftrie der Steine und Erden, der Tertil-, der Hemijchen,
der Metallindujtrie war dies der gewöhnlihe Gang der
Kartellbewegung, daß [id die Derbände in ungünitigen
Zeiten auflöften und dann nach einer Periode des Konfurrenzfampfes
 wieder zujtande kamen,
Die Gründung neuer Unternehmungen war vor dem
Kriege durd) den großen Kapitalreichtum in Deutichland und
die Ausdehnung des Kreditwefens fo erleichtert, daß auch ein
Kartell fie in den meiften Sällen nicht zu hindern vermochte.
Wohl wurde dies immer häufiger ver[ucht. Die Mittel,
Außenitehende zu bekämpfen, haben wir |hon bejprochen.
Am wirkfjamiten ift es noch, den neugegründeten Unternehmungen
 die Möglichkeit des Abfjabges abzujhneiden, indem
 man die Abnehmer verpflichtet, nur DON den Mit
gliedern des Kartells zu faufen. Aber die wenigiten Kartelle
 find ftar£ genug, das auf die Dauer durchzuführen.
Die Erfahrung hat jedenfalls bisher gezeigt, daß alle
Kartelle, die längere Zeit beftanden, eine jehr bedeutende
Dermehrung der Produktion und des Angebots ins Leben
gerufen haben; wenn nicht durch den Anreiz zZUr Gründung
neuer Unternehmungen, fo dadurch, daß fie die Mitglieder
zur Dergrößerung ihrer Betriebe veranlaßten. Beides ilt
3.B. auch beim Rheinijch-Weitfälifidhen Kohlenjyndikat der Sall
gewejen. Sowohl neue Bergwerksunternehmungen find
zujtande gefommen als aud) haben fajt alle bejtehenden
Werke ihre Produktion durch Anlage neuer Schächte erheblich
 gefteigert, und zwar naturgemäß die Außenjtehenden
fehr viel mehr als die Kartellmitglieder. Im erften Jahrzehnt
 des Beitehens des Kohlenfyndikats fank der Anteil
der Syndikatsmitglieder an der Gefamtförderung des niederrheinifch-wefäliidhen
 Bezirkes von 862, %, auf 821, %i der
        <pb n="117" />
        102 III. Kapitel, Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Anteil der Außenjtehenden ftieg aljo von 134, %. auf 823/4%,.
Nachdem 1903 fajt alle Außenjtehenden beigetreten waren,
itieg aber der Anteil der nichtiyndizierten Zechen bis 1913
doch wieder von 1,3% auf 11,1%. 1893 betrug die Beteiligungsziffer
 aller Zehen im Syndikat 33,5 Millionen
Tonnen Kohlen von 38,6 Millionen; Tonnen Gejamtfohlenförderung
 im Oberbergamtsbhezirt (Dortmund überhaupt.
1903 war fie auf 63,6 Millionen Tonnen geftiegen von
64,7 Millionen Tonnen Gejamtförderung, 1913 auf
88,7 Millionen Tonnen von 110,7 Millionen Tonnen
Gejamtförderung. 1920 war auf Grund des bisherigen
Syndikatsvertrages 126 [Millionen Tonnen Beteiligung
für Mohlen im Syndikat vorgefeben, davon allerdings
 21,5 Millionen Tonnen Selbitverbrauch der Hütienzechen.
 Immerhin ift bei folden Produkten, die infolge
bejhräniften Dorfommens eine natürliche Monopolitellung
genießen, wie Kohle, Kali, Petroleum und dgl., die Scfahr,
daß das Auffommen neuer Unternehmungen als Gegenmittel
 gegenüber übermäßigen PreisfeltfeBungen des Kartells
 verjagt, zweifellos am größten und hier doher vor
allem ein Eingriff des Staates berechtigt. Aber auch bei
diejen Produkten war vor dem Kriege unter dem Einfluß
der Kartelle eine fo {tarfe Produktionsfteigerung 3u fonjtatieren,
 daß die Gefahr, fie möchten durch Herbeiführung
einer Wareninappheit, aljo durch Künftlihes Zurüdchalten
des Angebots hinter der Nachfrage nad) Art der
Ringe die Preife ins Ungemelfene fteigern, nicht als nabeliegend
 erfchien.
Dur) die lange Dauer des Weltkrieges und die mit
ihm und den politijdhen Umwälzungen zujammenhängende
Arbeitsunluft hat fi das nun freilich wefentlid) geändert.
Die Produzenten laufen den Konjumenten nicht mehr nach,
im Gegenteil, die Abnehmer reißen fih oft um die auf
den Markt gebrachte Ware. Unter joldjen Derhältniffen

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 Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemeinen. 105

gaben natürlich monopoliftijde MOrganijationen der Anhieter
 eine viel fejtere Stellung, ilt die Lage aller Abnehmer
weit ungünftiger, die Gefahr, von ihnen übervorteilt 3U
werden, niel größer. Und gerade auf dem Gebiete, auf dem
bas Angebot für die Abnehmer pielleicht am wenigiten hinter
der Nachfrage zurücbleibt, auf dem Arbeitsmartte, haben
es die Anbieter, die Arbeiter, verftanden, durch ihre Monopolorganifationen
 und durch Erringung der politijdhen Macht
ihre wirtichaftlide Stellung ganz bhefonders zu ftärkfen.
Achtitundentag, gleich nad der Revolution aud) Einjchränkung
 der Atfordarbeit, fortgefebte Streitandrtohungen,
dauernde Lohnforderungen, vor allem der Rüdgang der
Kohlenproduktion, dazu die Beftimmungen des Sriedenspertrags
 halten die Wareninappheit in Permanenz und
srleichtern auf den verfchiedenjten Gebieten die monopoliftijde
 Ausnugung diefer Lage feitens der Arbeiter.
Unter diefen Derhältnifjen wird jtaatlidhes Eingreifen ohne
Zweifel viel dringender als früher, wo man mit einem
Überangebot wie mit einer felbftverftändlichen Erjheinung
rechnete. Befferung kann nur erfolgen durch Steigerung
 der Produktion, die uns allein au im
Auslande, wo zum Teil diejelben Derhältnijje herrichen,
mieder Konfkurrenzfähiger macht.

2. Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im all:
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In ungünftigerer Lage befinden fidy gegenüber den
Kartellen in vielen Sällen die Weiter erarbeiter,
die Kartellierte Robhitoffe verwenden müjfen, aber fi felbft
für ihre Produkte bisher nicht zu Kartellieren vermochten,
        <pb n="119" />
        104 III Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Welche Solgen dieje Derhältniffe auf die Umbildung der
heutigen Unternehmung, auf die Tendenz zu Kombinationen
 haben, werden wir [päter unterjuchen. Jedenfalls
er[hallen aus diefen Kreifen feit langem die jtärkfiten
Angriffe auf die fejt organifierten Rohftofffartelle, aber
in der Regel nur fo lange, als bis den Derbrauchern,
oft unter der Mithilfe jener, die Kartellierung felbit
gelinat.

Werden aljo von den Preiserhöhungen der Monopole
jicherlich die Weiterverarbeiter zunächft am fhwerlten ge:
troffen, fo haben fie doc einen fjehr großen Dorteil dadurch,
daß die Kartellierung der Rohftoffproduzenten fie binfichtlich
der Einkaufspreife alle auf die gleidhe Bafıs ftellt. Wenn
lid) die Weiterverarbeiter auch nicht felbit zu organifieren
vermögen, fo wird troßdem der Konkurrenzlampf 3wijchen
ihnen vermindert, wenn alle die Rohftoffe zu gleiden Dreifen
beiommen. Die Grenze, innerhalb welcher der Kontfurren3-fampf
 fich abfpielen Iann, die Kampfmittel, die der einzelne
anwenden kann, werden dadurch eingejhränkt, wenn wictige
 Robhitoffe und Halbfabrifate für alle gleidy viel Koften.
Dahin 3u wirken beftreben fi befonders die feft gefchloffenen
Derbände, indem fie die Transportkoften nach) den ver:
Ichiedenen Abjaßzentren genau berechnen und danach die
Preife ftellen. Es ift dies aber natürlich [ehr {Hhwer durchzuführen,
 ohne daß fid} die Abnehmer an dem einen oder
anderen Orte benachteiligt glauben, und häufige Beidhwerden
beziehen fih auf diefen Duntt.

Don geringerer Bedeutung für die Weiterverarbeiter
war bisher die andere Richtung der Monopolzwede, die
Herbeiführung einer größeren zeitlichen Gleichmäßigfkeit der
Preife, größere Stetigfeit in den Einkaufspreifen der Robhitoffe
 infolge Kartellbildung ihrer Produzenten. Bisher
haben erft wenige Rohftofffartelle eine größere Gleich:

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 Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemeinen. 105
mäßigfeit in den Abfjagverhältnifjen ihrer Induftrie mit
wirflihem Erfolge herbeigeführt. Dor allem ijt es das
Koblenjyndikat gewefen, das fhon in der Hodhfonjunktur
 von 1897 bis 1900 maßvoll mit Preiserhöhungen
vorging und dann, als die Krifis eintrat, ein jtarfes Sinfen
der Preije verhinderte, vielmehr zweifellos eine erheblich
größere Stabilität derfelben zu bewirfen imjtande war.
Daher erhöhte das Kohlenjyndikat auch während des Bergarbeiterftreifs
 im Jahre 1905 die Preife nicht, während
früher jeder Streif bedeutende Preiserhöhungen 3u bringen
pflegte. Es erfüllte feine Cieferungsverpflidhtungen durch
Bezug von Kohlen aus England.
Den meiften Kartellen ijft dies bisher nicht in demfjelben
Grade gelungen. Es lag das zum Teil an Organifjationsfehlern,
 ferner aber daran, daß die Kartelle eben noch) 3u
neue ErjhHeinungen find, als daß es überall gleich möglich
wäre, Jie in der volfswirtjdhaftlich zwedmäßigiten Art 3u
leiten. Gewöhnlich kämpft in den Kartellen eine mäßigende
und vorfichtige Partei mit einer anderen, die die günftige
Konjunktur möglichjt vollifommen ausnußen möchte. Auch
beim Koblenjyndikat ijt in den Jahren 1907/08 die Preisjteigerung,
 die über die von 1900/01 nodh hinausging,
wohl übermäßig jtarE gewejen, zumal die £öhne in diefen
Jahren bei weitem nicht im fjelben Derhältnis geftiegen
jind. In den meijten Sällen drängt eben heute bei günftiger
Konjunktur die Mehrzahl der Mitglieder in den Kartellen
nod) dahin, fie voll auszunußen, ftatt zu erwägen, daß bei
einem Rüdjdhlag der Preisfall dann um fo größer fein
muß. Das Derjtändnis dafür, daß es auch für die Induftrie
jefbft wie für die gefamte Doltswirtjchaft vorteilhafter ift,
eine größere Gleichmäßigfeit in den Preifen herbeizuführen,
als die Phantafiepreife eines furzen Haufjjetaumels voll
auszufojten, ijt eben no) nicht überall vorhanden. Es
muß aber dahin gewirkt werden, daß dieje Auffalfung fich
        <pb n="121" />
        106 IL Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
immer mehr ausbreitet, Je mehr eine maßvolle, weniger
auf Preisjteigerung als auf Gleidhmäßigfeit in den Abfjabverhältnifjen
 hinzielende Politik der Kartelle an Boden gewinnt,
 um [o mehr werden die heutigen Angriffe auf das
Kartellwefen fid) vermindern. Seine günitige weitere Entwidlung
 hängt aljo in erfter Linie davon ab, daß diefe
Gefichtspunite allmählih zu allgemeiner Anwendung
zelangen,
Seit 1909 ijt dann entjpredjend der allgemeinen Preisiteigerung
 in Deutjchland aud) eine foldhe für Kohlen 3u
verzeichnen, die, wie die im vorigen Kapitel mitgeteilte
Tabelle zeigt, nur 1914 einem Heinen Preisrüdgang Pla
macht. Die Preispolitit des Kohlenjyndikats muß während
diejer ganzen Zeit als durchaus maßvoll bezeichnet werden.
Die Preisentwidlung während des Krieges und feither
ijt natürlid) mit ganz anderem Maßfitabe zu melfen, d. b.
zin ent{qheidendes Urteil über ihre Berechtigung abzugeben,
 ilt unmöglich.

Auch die Preispolitik des Stahlwerksverbandes
 vor dem Kriege muß als maßvoll bezeichnet
werden, und es ift nicht zu verkennen, daß die Preife
im Teßten Jahrzehnt vor dem Kriege f{tabiler geweien
ind als früher.
Dagegen fann bei einem andern der größten deutfchen
Syndikate, beim Spiritusfyndikat, von einer
größeren Stabilität der Preije feine Rede fein, während
über die jeweilige Höhe der Preije, eben wegen ihres
Schwanfens, das nad) der jeweiligen Marktlage geprüft
werden müßte, hier ein Urteil nicht möglich ift. Es feien
die Preije der Zentrale für Primafprit in Berlin
angeführt. (Bis 1908 find Durchjhnittspreife angegeben,
jeitdem die wichtigjten, aber längijt nicht alle Preisveränderungen.)


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 Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemei

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1902/3 10,50
1903/4 46,50
1904/5 56,00
1905/6 12,50
1906/7 45,50
1907 55,00
1907 59,00
1907 65,00
1908 52,00
1909 49,00
1909 55,00
1909 46,00
1909 46,00
1910 47,00
1910 48,00
1910 49,70

März
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Januar
März
April
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November
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Januar
Sebruar
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3ahr
1911
1911
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1912
1912
1912
1913
1914
7915

61,50
69,50
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69,50
65,50
62,50
69,00
74,00
79,00
89,00
100,00
150,00

Yitober
November
Dezember
Yitober
Januar
April
Zuli
Oktober
April
Juli
Dezember

Am 15. April 1916 wurde die Reichsbranntweinftelle
gefjchaffen, weldhe das Spiritusjyndikat, die „Zentrale“ zu
ihrer Gejchäftsführerin machte. Es wurde beftimmt, . daß
aller Branntwein an fie abzuliefern ijt. Dorher aber hatte
bie Zentrale {chon 8, aller Brennereien als Mitglieder.
Bei Seftfeßung ihrer Preife war [eitdem Zufjtimmung eines
Beirats erforderlich, der vom Reichskanzler ernannt wird.
Seit Mai 1920 beträgt der „regelmäßige Derfaufspreis”
bes Reichsmonopolamtes für Branntwein 2200 A per
100 £iter Weingeift.
Don den Weiterverarbeitern und Händlern wird freilich
noch durchaus nicht immer anerkannt, daß die gleichmäßigere
Preisgejtaltung, die mandje Rohftofffartelle erjtreben, auch
jür fie bisher von Dorteil gewefjen fei, Schon in der Depreffion
 von 1901 wurde das Kohlenjyndikat heftig angegriffen,
 weil es die Preifje nicht genügend herabgefebt habe,
        <pb n="123" />
        108 IH. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
und das gleiche ift in der Depreffion von 1908—09 der
Sall gewefen. Ohne natürlid behaupten zu wollen, daß
gerade die Preishöhe, die das Syndikat während der Hod-Fonjunfturen
 und nach denfelben fejtgehalten hat, unbedingt
die voliswirtfchaftlich nüglichite gewefen fei, glaube ich doc,
daß das Prinzip, weihem das Kohlenfyndikat dabei
folgte, in einer organijierten Doliswirt{cdhaft das richtige
ijt. Die Derbraucher, die nicht jelbjt Eartelliert find, hätten
(abgefehen von denjenigen, die mit der Konkurrenz om:
binierter Werfe zu fämpfen haben) feinen Dorteil von einer
plögslidhen jtarfen Herabfegung der Kohlenpreife gehabt,
Die Solgen wären zunächjt nur große Spefulationsverlufte
gewefjen bei denen, die im Dertrauen auf einen Sortbeftand
der günftigen Konjunftur Kohlen und andere Rohitoffe in
größerem Umfange gekauft hatten. Es hätte dadurch ficherlid
 mehr Zufammenbrüche gegeben, als fo 3u verzeichnen
waren. In der Solge aber hätte die Konkurrenz der Weiterverarbeiter
 untereinander die Preije ihrer Produkte nur
um fo viel mehr herabgedrüct, als die Herabfeßung der
Robitoffpreife es zuließ. Dies wurde auch in der Kartell
enquete von verfchiedenen Seiten anerkannt. Der Leiter
einer der größten deutjhen Zementfabrifen meinte: „Es
unterliegt gar feinem Zweifel, daß ein weiteres Sinfen der
Kohlenpreife nur ein weiteres Herabgehen der Zementpreife
zur Solge gehabt haben würde.“ Ein anderer Groß:
indujftrieller beftätigte das für die weiternerarbeitende Eilenindultrie.

Es muß aber, wie gejagt, zugegeben werden, daß diele
günftigen Wirkungen der fejt organifierten Kartelle bisher
erjt in geringem Umfange zutage getreten find, weil es
teils an der zwedmäßigen Organijation, teils an dem. rich
tigen Derjtändnis für dieje wichtigen Aufgaben bei den
meiften Kartellen noch) fehlte. Wenn nichtsdefjtoweniger die
beiden legten Krifen vor dem Welttriege, die nach Perioden

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2. Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemeinen. 109

großen Aufjhwungs einjegten, verhältnismäßig fehr milde
verlaufen find, fo ift das doch [hon zu einem Teil aud) der
Wirkffamfkeit der Kartelle zuzujdhreiben, weidhhe wenigjtens
in einem die Grundlage der Doliswirtichaft bildenden
Unternehmungszweige eine größere Gleichmäßigkeit 3u
ichaffen vermochten.
Auch die Mittel, weldhe dabei von den Rohftofffartellen
angewandt wurden, find, namentliqh im Jahre 1901, von
ben Weiterverarbeitern und Händlern häufig fcharf angezriffen
 und als [Mädlid für die Doliswirtjdhaft bezeichnet
worden. Es ijt der Zwang zu AbjhHlüffen auf lange Zeit
im voraus, den in der damaligen Hochfonjunitur befonders
das Kofsfyndikat feinen Abnehmern gegenüber angewendet
Hat. Als die wirtfhaftlidhe Lage ji im Jahre 1899 immer
glänzender entwidelte, ein baldiger Umfchlag immer
weniger in Ausficht jtand, da bemerkten die Rohitofffartelle,
bie in den Preiserhöhungen maßvoll vorgegangen waren,
baß die Weiterverarbeiter, ob Fartelliert oder nicht, die
ihrigen viel mehr jteigerten. Es iff verftändlich, daß dies
wieder die Rohftoffproduzenten anreizte, nun auch ihrerjeits
 rajdher mit Preiserhöhungen vorzugehen. Sie taten
dies, als die günitige Konjunitur an ihrem Ende war,
und es fam fo für Kohle, Kofs und Robeifen zu den 10»
genannten Sujionsverträgen und langen AbjqHlüffen,
 durch die die Preije mehrerer Jahre verbunden
und für längere Zeit fejtgelegt wurden. Die Anregung
zum Abfhluß foldher Iangfriftigen Derträge ijt aber nicht
allein von den Rohitofffartellen ausgegangen. Wie in der
Kartellenquete fejtgeftellt wurde, hatten auch die Abnehmer
in der Hochfunjunktur, als noch niemand wußte, ob lie
nicht no) längere Zeit anhalten würde, die Nachfrage aber
und die Preife von Tag zu Tag {tiegen, das Beftreben, [id
für eine längere Srijft und zu den Preifen des Augenblids
zu deden, und traten in diefem Sinne an die Kartelle
        <pb n="125" />
        110 IIL Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
heran. Daß dann auch von diejer Seite der bekannte „fanfte
Drud“ nicht fehlte, die Ankündigung, dab, wenn man jebt
nicht abjchließe, man fpäter nicht fiher auf Derforgung
mit Rohitoffen rechnen fönne, ift alljeitig 3ugejtanden
worden.
Übrigens ift 3u bemerken, daß nicht alle Jnduftriezweige
 in gleiher Weije an gleihmäßigem Abfaß und
Preijen intereffiert find. Der Bergbau, wo Stodungen im
regelmäßigen Betriebe befonders nachteilig find, ijt es viel
mehr als die Derfeinerungsinduftrien, hei denen Betriebseinjhränfungen
 leichter vorgenommen oder die Erzeug:
nijffje ohne große Schwierigkeiten und Koften auf Lager genommen
 werden fönnen. Man wird es aber den Rohjtoffindujtrien
 kaum verübeln fönnen, wenn fie im Wege
der Kartelle die ihnen nötige größere Stabilität zur Durcdhführung
 3u bringen fuchen. Dabei ift die Unficherheit der
künftigen IMarftverhältnijfje aud durdy Kartelle natürlich
nicht aus der Welt zu [haffen, und beide Teile haben bei
Eingehen jener Derträge infolge diejer Unficherheit ein
Rijifo auf fi) genommen; der Ausfall ift [hließlidh infolge
Aufhörens der günftigen Konjunktur zuunguniten der
Weiterverarbeiter gewefjen, es hätte aber auch umgekehrt
lein fönnen.
Dies Umgefehrte ijt 3. B. der Sall gewejen bei den
langfrijtigen Lieferungsverträgen, die die Benzolvereinigung
 1908 mit den großen Sarbenfabrifen abgefchloffen
hatte, die das Benzol als Grundlage für die Anilinfabrifation
 in großem Umfange gebrauchen. Sie vereinbarte
damals mit jenen, wobei die Elberfelder und Höchfter
Gruppe [hon zujammenwirkten, auf die Dauer von 12 Jahren
 einen Benzolpreis von 18 Marf, der natürlich im
Kriege für die Kofereien äußerft ungünftig wurde.
Soldhe Preisumwälzungen fönnen natürlich vorkommen.
Deshalb fann ih aber die nicht feltene Derurteilunag lana:-N



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2. Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemeinen. 111
frijftiger Derträge nicht für gerechtfertigt erflären. (Cs
fommt eben ganz auf die Preije an, über weldhe fie abgeichloffen
 werden. Während der höchften Konjunktur [oldhe
Derträge einzugehen, ift unvorfichtig von den Abnehmern,
während der tieflten von den Anbietern. Wenn aber in
ruhigen Zeiten die Rohitofffartelle mit den Weiterverarbeitern
[angfriftige Derträge auf Grund der gegenwärtigen Preife abzufjchließen
 geneigt wären, würden die Iekteren, glaube ich,
jehr gerne darauf eingehen. An und für fich ijt eine gemeinjame
 Deritändigung über die Preije und Seftlegung derjelben
 für längere Zeit ficherlidhh etwas Erjtrebenswertes.
Es ijt das einzige Mittel, das die Kartelle haben, eine größere
Stetigfeit herbeizuführen; daß es in Zeiten allgemeiner
Preisummwälzungen von der Geldfjeite her, wie wir fie gegen:
mwärtig erleben, verjJagen muß, liegt auf der Hand. Da werden
alle monopoliftijdhen Dereinigungen, feien es [oldje der Unternehmer
 oder der Arbeiter, leicht zu Ausbeutungsmitteln,
die die Marktlage vollifommen auszunußen trachten.
Eine volljtändige Befeitigung der Konjunituren|hwan-Eungen
 wird aber durch die Kartelle allein niemals möglich
jein. Sie find bei unferer heutigen Wirtjhaftsordnung
nicht zu vermeiden, und zwar um fo weniger, je mehr das
Wirtfhaftsleben von Naturbedingungen abhängig und
außerdem noch durch technijhe Umwälzungen beeinflußt
it. Es gilt nur, eine voliswirt{qhaftlidhe Organifjation herbeizuführen,
 welche ihre Gefahren und das in ihnen liegende
jpefulative Moment möglichit einf{dhränit. Das ift aber,
wie es [qMeint, überhaupt das Ziel der ganzen heutigen
wirt{qhaftlihen Entwidlung, und wenn die Kartelle auch
nur einen Schritt auf dem Wege dahin bedeuten, feiner
Erreichung nur ein wenig näherfommen, fo haben fie ihre
Berechtigung genügend dargetan.
Seit dem Kriege ift ja infolge Materialmangels und
Rüdgangs der Arbeitsleijtungen eine eigentliche Konkurrenz
        <pb n="127" />
        112 II. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.

in den meiften Unternehmungszweigen überhaupt nicht
mehr vorhanden, [o daß auch) ohne alle Dereinbarungen in
manden Gewerben jeder Produzent heute eigentlid ein
Monopolift ijt. Was die Ausnußung diejer Monopoljtellung
 betrifft, ‚fo legen die Derhältnijje je nach dem
Grade der Warenknappheit und ferner je nach der Art
der Abnehmer, wobei insbefondere der Staats- und hHeeresbedarf
 in Betracht kommt, außerordentlidh ver[hieden.
Ze mehr fie fich verjhärfen, um fo dringender wird natürlid)
 ftaatlidhes Eingreifen.
3m ganzen aber fann man wohl jagen, daß bisher die Entwidlung
 des Kartellwefjens und die Bildung feflt gefchloffener
Robftofffartelle aud) für die Weiterverarbeiter von Dorteil
gewejen ift. Teils haben unter dem Drud der Rohftofffartelle
 au die Weiterverarbeiter ihre Ifoliertheit aufgegeben
 und fich, wenn auch unter größeren Schwierigkeiten
und nicht in Jo feiter Sorm wie jene, ebenfalls in Kartellen
organifiert und fo den empfangenen Drud an ihre Abnehmer
 weitergegeben. Teils aber haben fie fich, mandımal
aud) zugleich mit der Kartellbildung, in ihrer Eigen|dhaft
als Käufer zu Abnehmerverbänden organifiert und
mit den Robitofflieferanten heftige Kämpfe ausgefochten.
Nicht felten endigten diefe dann in einem „Allianzverband“,
 einer gegenfeitigen Derpflichtung zum aus[hließlien
 Derfehr, eventuell unter gemeinjamer Sejtlegung der
Dreije. So haben fih der Derband der Schirmitofffabrifanten
 mit dem der $abrifanten von Schirmgejftellen, die
Krawattenitoff-Sabriianten mit denjenigen der Krawatten,
der Derband deutfher Beleuchtungsglashütten mit der Dereinigung
 deutf{cher £ampenfabrifanten und -grojffijten verjtändigt.
 Aber auch wenn die Weiterverarbeiter fich felbit
noch nicht in fejt ge[hloffenen Kartellen organifieren fonnten,
haben die Robhitofffartelle doch einen Zujammenfchluß, die
Bildung von Sachvereinen und von Konditionenkartellen

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2. Wirkungen auf die Weiterverarbeiter im allgemeinen. 113

bei ihnen gefördert. Sie haben ihnen ferner die Kalkulation
der Produktionskoften erleichtert und ihre Wirtjhaftstätigfeit
 weniger risfant gemacht. Alles das läßt ih am beften
aus der Betrachtung der deutjhen Majcdhineninduftrie erfennen.
 Wären die Preife der Rodhftofffartelle jo Übermäßig
 hoch, wäre der billigere Erport fo nachteilig, jo müßte
in diefer Indujtrie, die nur von fejt organijierten Rohitoffund
 Halbfabrikatsiartellen kauft, aber fjelbit fidh wegen der
Derfchiedenheit ihrer Produkte zumeift nicht zu Kartellieren
vermochte, die Lage am allerungünftigjten fein. Das Gegenteil
 ijfit aber der Sall. Abgefehen von einigen wenigen
Zweigen, die unter geringer Nachfrage feitens ihrer Abnehmer
 leiden, war die Lage der Mafjchineninduftrie im
ganzen legten Jahrzehnt vor dem Weltiriege eine [ehr
günitige. 30 nenne nur die ganze elektrijhe Induftrie,
bie Sahrrad-, Nähmalchinen-, Automobilinduftrie, die Sabrifation
 von Bergweris-, Zuder-, Holzbearbeitungs-, Tertilmafchinen
 ujw.
Nur eine Gruppe von Weiterverarbeitern gibt es, die
lich wirflid in ungünftiger Lage befindet. Das find diejenigen,
 die in KonkurrenzmitgroßenfIfombinierten
 Betrieben fItehen, von denen fie gleichzeitig
 felbjt ihre Rohftoffe Kaufen müffen. Dies ift der Sall in
der Eifeninduftrie. Hier haben fih, wie wir im
legten Kapitel jahen, große Unternehmungen gebildet, die
die verfhieden|ten Produktionsjtadien umfafjen und immer
mehr in die Weiterverarbeitung eindringen. Darunter leiden
nun die fogenannten reinen, nichtiombinierten Werke, die
lid) auf eine beftimmte Stufe der Weiterverarbeitung beidhränfen.
 Sie leiden nicht nur dadura, daß ihnen in den
fombinierten Werken eine neue Konkurrenz für ihre Drodukte
 erwachfen ift, fondern vor allem dadurch, daß diefe
ihnen hinfictlidy der Produktionsfoften bedeutend überlegen
 find. Die großen Fombinierten Werke find von den
£Liefmann, Kartelle und Trults. 4, Aufl. 8
        <pb n="129" />
        114 III. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Rohitofffartellen unabhängig. Sie produzieren [ich ihre Rohtoffe
 ganz oder zum größten Teil felbit, jie haben daher für
fie nur ihre eigenen Produktionskojten in Betracht 3u
ziehen, behalten alfo die Gewinne, die Jonft die kartellierten
Robhitofiproduzenten erzielten, in der eigenen Tajdhe. Die
reinen Werke dagegen müflen alle Robhftoffe teuer von den
Rohitoff- oder Halbfabrikatsiartelen kaufen und Können
baher mit jenen nicht fonkurrieren.
Aber nicht nur durch die billigere Rohftoffbefhaffung
jind die großen Iombinierten Unternehmungen den reinen
Werten überlegen, fie beherrfhen auch vielfach überhaupt
den Rohftoffmarkt und verkaufen den reinen Werken feinen
Robitoff 0der Halbzeug, wenn fie es felbft weiterverarbeiten
 fönnen. Oder fie verkaufen es fo teuer, daß die
teinen Weiterverarbeiter mit den großen Fombinierten Werfen
in den Sertigfabrikaten nicht Konkurrieren fönnen. Infolgedeffen
 ijt auch die Syndizierung diefer fogenannten B-Produkte,
 Stabeifen, Bandeifen, gezogener Draht, im Stahlwerksverband
 immer wieder gejcheitert, befonders im Jahre 1912.
Ein großer Teil der reinen Walzwerke Ionnte unter
diefen Derhältnifjjen jedenfalls nicht beftehen bleiben, da fie
eben eine veraltete Betriebsform daritellten. Doc ver
mochten fid einige durd weitgehende Befhränfung auf die
Produktion weniger hochqualifizierter Produkte, die jogenannte
 Spezialijation, lebensfähig zu erhalten,
obgleich dadurch die Abhängigkeit von den Konjunkturen und
damit auch das Kapitalerfordernis und Kapitalrififo wächft.
Im allgemeinen dürften die Dorteile des „größeren Betriebes“,
 der kombinierten Unternehmung, von den nichtfombinierten
 auf feine Weije eingeholt werden Können.
Auch der Gedanke, durd) eine Dereinigung der reinen Weiteryerarbeiter
 auf genoffjenfchaftlihem Wege die Anlage
eigener, gemeinjam Rohfitoffe produzierender Betriebe
vorzunehmen und fih auf diefe Weife von den kom-Di:



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3. Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im befonderen. 115
binierten Werken und den Rohftoffverbänden unabhängig
zu machen, fonnte feine Auslicht auf Erfolg haben. Die
zerjtreute Lage der Weiterverarbeiter, ihre verfchiedenen
Bedürfniffe tellten ihm zu große Schwierigkeiten entgegen.
So war es erflärlich, daß ich der größte Teil der Derfeinerungsindufjtrien
 im Wege von Sufionen und Interejjengemeinfchaften
 den aroßen agemifchten Werfen analiederte.

3. Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im
beflonderen.

Eine Seite der Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer,
 die zu den wichtigiten und [Hwierigjten Problemen
des Kartellwejens gehört, haben wir jekt noch zu erörtern:
es ift die Stage der billigeren Auslandsverkäufe.
 Die Kartelle umfaljen ja in der Regel nur ein
beichränites Gebiet: mandımal ijt es das ganze Deutjche
Reich, oft aud) nur ein durch natürlihe Bedingungen, 3. B.
die Transportfoften, beftimmter engerer Bezirk. Über den
Umfreis desjelben reicht die Monopoljtelung des Kartells
nicht hinaus, und daraus ergibt fidh eine Derjhiedenheit
der Preije innerhalb des Derbandsgebiets und außerhalb
desjelben. Die Abnehmer außerhalb des Machtbereichs
des Kartells fönnen dann unter günftigeren Bedingungen
Waren Kaufen, und die Weiterverarbeiter in dem Kartellgebiet,
 die fie teurer bezahlen müffen, werden dadurch
in ihrer Konkurrenzfähigieit gefdmälert, Dieje CErfheinung
 it von befonderer Bedeutung bei den nationalen
 Preisfartellen, bei denen alfo das der freien
Konfurrenz überlaffene Gebiet das Ausland it. Insbefondere
 in diefer Sorm, als billigere Auslandsverkäufe
der Kartelle, hat die Tatfache, daß die Kartelle in ihrem Ges
biet die Preije höher halten als außerhalb desjelben, das
jogenannte dumping, von jeber den Gegenitand der

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        116 III. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
heftigjten Angriffe auf das Kartellwejen gebildet. Obglei)
 es ffeineswegs allein von Deutichland ausgeübt
wurde, ijt es von unjeren Gegnern benußt worden, überall
im Ausland den Haß gegen Deutjdhland 3U entfadhen, und
hat jo zum Weltiriege mit beigetragen.
Man hat in dem biligeren Derkauf ans Ausland
eine Derfchleuderung der nationalen Güter gefehen. Aber
mit Unrecht, denn die im Ausland zu erzielenden Preife
jind in der Regel durdz das Kartell nicht billiger geworden.
 Nach wie vor dem Kartell mußten die Unternehmer
 mindejtens zu den Preifen der übrigen Konfurrtenten
anbieten, wenn fie &amp;amp;Abfaß haben wollten. Solange
nun au im Jnlande Konkurrenzpreife galten, fiel es niemandem
 ein, von einer Derfcdhleuderung nationaler Güter an
das Ausland zu reden, auh wenn der Export keinen oder
nur fehr geringen Gewinn abwarf, vielmehr nur im Intereije
 der Derhütung von Überproduktion im Inlande oder
von Betriebseinftellungen vorgenommen wurde. Erft als
die Unternehmer, durch den immer heftiger werdenden Konfurrenzfampf
 gedrängt, zu Preiskartellen [Aritten, fam die
Anlicht auf, daß es volfswirtfhaftlih unerwünfcht [ei, wenn
zu Preijen exportiert würde, die Nur die auf die fpezielle
Heritellung der erportierten Produkte verwendeten Koften
decten. Doch wird heute daran weniger auszufjeßen gefunden,
 vielmehr meifjt zugegeben, daß es in der Regel befjer
ijt, wenn ins Ausland billig exportiert wird, als daß die
überfchüffige Produktion im Inlande Preisdruc und Krijen
hHerbeiführt oder aber die Werke ungenügend befchäftigt
find und zahlreidhe Arbeiter brotlos werden.
Aber der Kernpunkt der Srage Kegt gar nicht in der
Derfhleuderung nationaler Güter, jondern ganz wo anders,
nämlid) darin, daß durch das Hochhalten der Preife die im
Madctbereich des Kartells befindlichen Weiterverarbeiter
in ibrer Konfurrenzfähigfeit ‘gefhädigt werden gegenüber

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3. Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im befonderen. 117

denjenigen, die außerhalb desjelben ihre Rohitoffe fich billiger
beichaffen fönnen. Eine einfache Überlegung zeigt jedoch,
daß diefe Stage der Schädigung der inländijhen Weiterperarbeiter
 in ihrer Konkurrenzfähigfeit gegenüber dem Aus-Jande
 mit dem billigeren Erport nichts zu tun hat,
Denn fjelbit wenn die Kartellierte Induftrie gar nid t erportiert,
 fönnen die inländijhen Weiterverarbeiter in ihrer
Kontkurrenzfähigfeit gegenüber den ausländijdhen gefhädigt
werden, und zwar allein dadurch, daß das Kartellim
Znulande die Preife der Rohftoffe über
denimAuslandegeltenden hält. Ausgenommen
 den Sall, daß die deutjchen Rohftofffartelle dur ihren
billigen Erport die Weltmarktpreije ftar£ herabdrüden —
und das wird felten vorifommen —, wird die Konkurrenzfähigfeit
 unjerer Weiterverarbeiter nicht durd) die billigeren
Auslandsverkäufe der Kartelle gefhmülert, fondern auch
dann, wenn dieje gar nicht erportieren. Nicht die
billigeren Auslandsverkäufe [ind es alfo, welde den Weiterverarbeitern
 nachteilig find, jondern einzig und allein die
hohen Inklandspreife. Wenn die Roheifenjyndikate
oder der Stahlwerksverband gar nicht exportieren — und in
der Hochkonjunktur pflegte der Erport in der Tat nur geringe
Bedeutung zu haben —, fo Können die inländijhen Weiterverarbeiter,
 weiche die Produkte diefer Kartelle Kaufen
müffen, trogdem in ihrer Konfurrenzfähigfeit ge[hädigt
werden, und zwar allein dadurch, daß die inländijhen Preife
hoch über denen des Weltmarktes tehen. Die Gefahr einer
ihädlichen Wirkung der Kartelle Kiegt alfo auch hier wieder
einzig und allein in ihrer monopoliftijdhen Natur, d. h. in
der Möglichkeit der Seftfegung übermäßig hoher Preile in
ihrem Madctbereiche,
Aus dem Gefagten ergibt fidhh ein wichtiger Gegenfjaß
zwijdhen den Kartellen für foldje Waren, die weiterverarbeitet
 werden, und denen für Sertigaprodukte, Wenn wir
        <pb n="133" />
        118 II. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Kohle, Robeifen, Halbzeug und dergleichen billiger erpottieren,
 oder, richtiger ausgedrüdt, wenn die Preife für die
Produkte im Inland höher find als im Ausland, [o wird den
inländijhen Weiterverarbeitern die Konkurrenz er[chwert,
da fie Höhere Produktionskojten haben. Holländijhe Schiffsbauanftalten
 fonnten daher Schiffe aus deutfjchem Eijen
billiger heritellen als die deutjdhen, ebenfo ausländijche
Gajometerfahrifen und viele andere.
Dagegen kann gerade für dasjenige Produkt, bei welchem
dies Problem der billigeren Auslandspreife zuerft erörtert
wurde, bei Schienen, von einer Benachteiligung der in-[ändijchen
 Dolkswirtfchaft feine Rede fein. Wenn die deutihen
 Schienenwerke jchon feit Mitte der 70er Jahre, nachdem
der deutjche Eifenbahnbau nur noch einer geringeren Ausdehnung
 fähig und der Bedarf an Schienen im Inlande
zurüdgegangen war, billiger, teilweije bis zur Hälfte des
inländijdhen Preifes, nad Spanien, Portugal, Rumänien
ujw. verkauften, nur um ihre Anlagen einigermaßen aus»
zunußen und ihre Arbeiter befhäftigen zu fönnen, fo ijt dadurch
 die inländifche Doliswirtjdhaft nicht gefhädigt worden,
felbit wenn an diejern Erport nichts verdient wurde, Denn
da von einer Steigerung der Konkurrenzfähigfeit jener
Cänder Deutidland gegenüber nicht die Rede fein Kann, fo
hat man fid nur zu vergegenwärtigen, daß ohne diejen Erport
 große Kapitalanlagen hätten unbenußt bleiben und zugrunde
 gehen mülffen und zahlreiche Arbeiter ohne Be-{qäftigung
 geblieben wären. Wenn die Derkäufe nur die
Anfjhaffungsfojten der Rohftoffe und die Arbeitslöhne, die
für die Herftellung der exrportierten Schienen aufgewendei
werden mußten, eingebracht haben, ijt die deutfde Doliswirtichaft
 dadurch reicher geworden und diefer Erxrpori
günftig 3u beurteilen, wobei natürlich nicht gejagt werden
fol, daß es nicht beffer gewefen wäre, wenn wirt einen höheren
Preis hätten erzielen fönnen.

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3. Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im befonderen. 119

Aber felbjit wenn Rohfitoffe und Halbfabri-(ate
 billiger exportiert werden, find die Nachteile für die
inländijhe Doliswirtfhaft längit nicht fo bedeutend, wie es
auf den erften Blid Heinen Kfönnte. 1. Denn fehr häufig
it der billigere Derkauf nur ein [qheinbarer, wird durch
größere Transportfoften und Einfuhrzölle ausgeglichen, fo
daß der ausländijdhe Weiterverarbeiter die deutjdhen Rohitoffe
 faktildh doch nicht billiger befommt als der deutjche.
Da feine Konfurrenzfähigfeit aljo dadurch nicht erhöht wird,
ift diefer Erport vorteilhaft, wenn er eben zur Aufrechterhaltung
 des Betriebes dient, die Generalunfojten der
Unternehmung ermäßigt und den Arbeitern in ungünftigen
Zeiten Bejchäftigung und Derdienfjt gewährt.
2. Dies ift aber meiftens der Sall, und daher it diefer
Erport überhaupt Feine regelmäßige Erfdheinung.
 Der ausländijdhe Weiterverarbeiter Iann daher
zuch nicht mit Sicherheit und dauernd auf billige Rohftoffverforgung
 rechnen. Das vermindert natürlidhh die Bedeutung
 feiner Konkurrenz. Immerhin muß aber zugeftanden
werden, daß in häufigen Sällen doch auch ein dauernder
billiger Erport ftattfindet. Dies namentlich, wenn in Derbindung
 mit inländifhen Derbrauchsfteuern ftaatlihe Ex -
portprämien gezahlt werden, wie früher bei Zuder.
Daß diefer Erport die zuderverarbeitenden Induftrien des
Auslandes geftärkt, die inländijhen gefjhwäct hat, untere
liegt feinem Zweifel. Namentlich die Konferveninduftrie
Englands, das den billigen Zuder Deutjhlands, Srankreichs,
 Öfterreihs 3zollfrei einführte, verdankt diefen Der
hältniffen ihre Entwidlung.
3. Man jollte nun annehmen, daß diefer billige Erport
den Ländern, in die er erfolgt, und in denen er die weiters
verarbeitenden Induftrien fördert, ehr erwünfcht fein müßte.
Namentlich in Ländern, die Sreihandel haben, und wo die
billigen Waren beim Import nicht durch Zölle verteuert
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        120 III Kapitel, Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
werden, müßten die Weiterverarbeiter eigentlid) eine außerordentliche
 Sörderung erfahren. Das ijft nun aber keineswegs
 immer der Sall, und felbjt wo es 3zutrifit, wie in der
englildjen Konferveninduftrie durch die Einfuhr billigen
Zuders, hat man fie nicht als erwünfcht angejehen. Dielmehr
 hat gerade England den Anitoß zur Befeitigung der
Zuderprämien gegeben. Aber im allgemeinen fehen wir
in den Ländern, die fo billige Rohitoffe erhalten, durdaus
fein fo rafhes Aufblühen der Weiterverarbeitung, wie man
es vielleicht erwarten follte. Zum Beifpiel Lonnte von einer
itarfen Zunahme der weiterverarbeitenden Eijeninduftrie
Englands, das von Deutjchland und den Dereinigten Staaten
billige Rohftoffe und Halbfabriiate bekam, nicht die Rede
jein. Diefjer billigere Derfauf ift eben etwas zuwenig Regelmäßiges,
 als daß es möglich ilt, eine große weiterverarbeitende
 und für den Erport tätige Indufjtrie darauf aufzudauen.

Tatjache ift jedenfalls, daß fait alle Staaten fidh den
billigen Import ausländijdher Rohftoffe und Halbfabrikate,
itatt ihn zu fördern, abhalten wollen und zu diejem Zwede
Erhöhung der Schußzölle oder Einführung foldher erftreben.
Selbit in England gewannen derartige Beftrebungen befanntlidh
 [hon vor dem Kriege immer mehr an Boden. Sobald
 dann Schußzölle vorhanden find, jehen wir, dak die aus-(ändijhen
 Indultrien es gerade fo machen wie wir, billiger
erportieren. Es muß allo darin wohl ein volfswirt|haftficher
 Dorteil gefunden werden. Aber felbit wenn feine
Schußzölle und Kartelle beftehen, wird ins Ausland billiger
verkauft, und auch feitens Englands gefchieht das in großem
Maßitabe. Der Erport ift eben das Sicherheitsventil, durch
welches man in ungünitigen Zeiten die im Inlande nicht
abfeßbare Produktion abfließen läßt, dafür aber imftande
jt, den Betrieb und die Befchäftigung der Arbeiter aufrecht:
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 Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im befonderen. 121

4. Diejer Umitand, daß wir nicht allein den billigeren
Erport betreiben, jondern daß es faft alle Indujtrieftaaten
ebenfo machen, muß bei der Beurteilung diefer Maßregel
berüdcfichtigt werden. Er führt natürlich dazu, daß die fo
zujtande Iommenden Preife des Weltmarkts immer weniger
den wirflidhen Produktionskojten der verfhiedenen Länder
entiprechen, jondern eben nur der Ausdrud des jeweiligen
Erportbedürfnijfes der Hauptindufjtrieländer find. Wenn
wir daher an den bei irgendeiner ausländiihen Submiffion
zr3zielten Preijen nichts verdienen, fo ift nicht gejagt, daß die
mit uns fonfurrierenden Staaten bei ihnen auf ihre Koften
fommen. Der deutfjhe Drahtitiftverband, bei dem die
Differenz zwijchen Inlands- und Auslandspreifen zeitweife
am größten war, und der im zweiten Halbjahr 1900 beim
Erport einen Derluft von 859 000 Mark erlitt, im Inlande
aber einen Gewinn von 1177 000 Mark erzielte, hatte mit
der Konkurrenz des amerikanijdhen Drahtitifttrufjts zu fümpjen,
 der damals im Auslande zu 2,11 Dollar verkaufte,
während der Inlandspreis 41, Dollar war. Es it daher
nicht richtig, aus der Tatjache, daß wir beim Erport zu Weltmarfitspreijen
 nichts verdienen, einen Schluß auf überlegene
Konfurrenzfähigfeit des Auslandes zu ziehen. Die engiihen
 Weiterverarbeiter befommen alfo aud) die Rohitoffe
nicht dauernd jo billig, wie wir ie in ungünftigen Zeiten,
um den Werfen Befchäftigung 3u gewähren, erportieren.
Es find daher in der Regel nur einzelne Sälle, in denen eine
Schädigung voriommen Kann.
Daß die fo gefhaffenen Derhältnifje vom öfkfonomijdhen
Standpunkt, vom Standpunkt mögliqhft billiger Produktion
immer zwedmäßig feien, wird man aber nicht behaupten
fönnen. Sie fonnten dazu führen, daß wir in demfelben
Augenblig billiges Halbzeug nad) Amerika warfen, in dem
die Amerikaner aud) uns foldjes anboten. a, es ift vorgefommen,
 daß man von Amerika Eifenwaren nad) Europa
        <pb n="137" />
        122 HI. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
exportierte, fie dann wieder zurüdbrachte und troß des
Zolles und der doppelten Transportfojten fie billiger befam
als direkt vom Drahttirujt, der die Inlandspreife, freilich nur
auf ganz furze Zeit, in unglaublicher Weife gefteigert hatte.
Auch bei uns ijft es vorgefommen, daß man deutfjche Bleche
billiger aus Holland beziehen Konnte als direkt aus der Sabrif,
die dem betreffenden Konfumenten benachbart war. Es
fiegt darin eine große Derjdhwendung von Transportiofjten.
Abgejehen von joldhen Mipjtänden, die aber immerhin
vereinzelt bleiben, find die Nachteile des billigeren Erports
bei weitem nicht fo fMhwerwiegend, wie es oft behauptet
wird. Wenn aber Benachteiligungen der Weiterverarbeiter
eintreten, fo liegen fie jedenfalls nicht darin, daß 3u billig
exportiert wird, Jondern allein in zu hohen Inlandspreifen,
Sie die Abnehmer auch fqädigen, wenn die fartellierte
Anduitrie gar nicht exportiert. Und gegenwärtig fommt
ja auf Grund der Dalutaverhältniffe eher das Umgekehrte
in Betracht. Es wird nicht billiger, [ondern teurer erpottiert.
 Der Erport bietet einen [oldhen Anreiz, daß unter
Umjitänden die inländijhen Weiterverarbeiter und KMoniumenten
 darunter zu leiden haben.
Jedenfalls ift es ganz verkehrt, wie es doktrinäre Sreihändler
 tun, das Schugzelliyftem für die Nachteile der
billigeren Auslandsverkäufe verantwortlich zu machen. Bei
Sreihandel ift billigerer Erport ebenfo gut möglich, und, wie
gejagt, wird er auch von englijden Induftrien betrieben.
Einer der wenigen Sälle, wo man in England den billigeren
deutfchen Rohftoff- und Halbfabrifatserport gelegentlich als
günftig anfah — viel häufiger find Klagen über ihn —,
betraf Schiffsbaumaterial. Dies war aber in
Deut{chland zollfrei, und niemand war gehindert, es 3U
Weltmarktpreijen einzuführen.
Die Kartelle haben auch felbit ein Mittel angewendet,
den Weiterverarbeitern die Konkurrenz im Auslande, die

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3, Wirkungen der billigeren Auslandsverkäufe im befonderen. 123
durch hohe Kartellpreije der Rohfitoffe erfjhwert wird, zu
erleichtern. Sie haben nämlid) die fogenannten Erportbonifilationen,
 Ausfuhrvergütungen, eingeführt,
d. h. das Rohftofffartell vergütet den Weiterverarbeitern für
biejenigen Rohfitoffmengen, die fie nacdhweislidhh zur Herjtellung
 von erportierten Waren verwendet haben, einen
gewiffen Betrag zurüd. Solche Ausfuhrvergütungen wurden
zuerft Anfang der 80er Jahre von der damaligen Roheifenfonvention
 gewährt, {päter dann insbejondere auch vom
Kofs- und Kohlenfyndikat an die Roheifen- und Halbzeugproduzenten.
 Dieje Ausfuhrvergütungen verfhwinden aber
regelmäßig bei günftiger Konjunitur und wurden daher
aud) 1906 aufgehoben, aber [{hon Ende 1907 bei eingetretenem
 Konjuniturumfchlag von den meilten Derbänden
wieder eingeführt.
$rüher wurden foldhe Ausfuhrvergütungen an die einzelnen
 Weiterverarbeiter gezahlt. Das hatte aber oft nur
die Wirkung, daß diefe fih mit ihrer Hilfe auf dem Auslandsmarite
 um fo f[härfer gegenfeitig Konkurrenz machten.
Daher wurden Ausfuhrvergütungen fpäter nur nodj an Kar -
telle gewährt; die nichtkartellierten Sabrifanten werden
alfo dadurch nicht gefördert. Auch wird oft von den die Dergütung
 gewährenden Kartellen die Derpflidhtung zum aus-Ichließlihen
 Derfehr verlangt. Häufig werden Ausfuhrvergütungen
 von den Kartellen nur an direkt von ihnen
faufende Werke gewährt, um einen MikbraudH dur Zwi-Iqhenperfonen
 zu verhüten, Dieje Befchräniung hat aber
dann die Wirkung, die großen Abnehmer zu bevorzugen.
Sofern folde Ausfuhrvergütung den Herftelern von
Halbfabrikaten feitens der Iartellierten Rodhitoffinduftrie
 gezahlt wird, hat fie aber nur die Wirkung, daß
diefen der Erport erleichtert, den Weiterverarbeitern
 der Halbfabrikate aber die Konkurrenz im Auslande
 erfichwert wird. So Können, wenn das Kotfsjundikat
        <pb n="139" />
        124 II. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.

den Roheifenproduzenten eine Dergütung gewährt, diefje
billiger exportieren, die Halbzeugfabrifanten aber werden
gefjchädigt; wird aud ihnen eine Dergütung gewährt, [o
mird den Walzörahtheritellern der Export erfchwert und,
wenn diefen Erportvergütung gezahlt wird, den Drahtitiftjabrifanten.
 Daher muß eine joldhe Exportvergütung durch
jämtliqhe Produktionsfjtadien hindurchgehen. Das ijft aber
ichwer zu erreidhen, namentlid weil die Sertigfabrikate nicht
alle fartelliert find. Die ganze Makregel {ft jedenfalls fehr
umftändlidh und genügt doch nicht, um die inländijhen
Weiterverarbeiter den ausländijchen volljtändig gleichzuitellen.
 Welche zollpolitijhen Maßregeln hier im Interelje
der Weiterverarbeiter mögliherweije getroffen werden
fönnen, wollen wir im legten Kapitel unterfudhen. Bier
haben wir zunächft nod) die Wirkungen der Kartelle auf eine
befondere Gruppe von Abnehmern 3u befprechen, auf die
Bändler, die Kartellprodukte verkaufen.

4. Wirkungen auf die Händler.
Auch auf den Han del haben die Kartelle in jehr beheutender
 Weije eingewirkft und weitgehende wirt{qhaft»
ide Umwälzungen im Gefolge gehabt, die zu den intereffanteften
 Entwidlungsvorgängen der modernen Doliswirtichaft
 gehören. Im Zujtande der freien Koniurrenz hatte
der Handel, von der Uneinigkeit der Induftrie profitierend,
die einzelnen Produzenten gegeneinander ausgefpielt und
ii) vielfach zur maßgebenden Inftanz im ganzen Derlaufe
des taufchwirtfchaftlihen Prozefjes aufzu[dhwingen gewußt.
Seine {pefulative Tätigkeit wirkte aud injofern ausgleidhend
und damit für die Produzenten nüblich, als er ihnen am
(iebften in Zeiten der Deprejfion, des ärgiten Konfurren3-famnpfes,
 wenn fie am billigjten waren, die Waren abnabm.

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4. Wirkungen auf die Händler. 125

Aber es lag in feinem Intereffe, die Preije immer mehr
herabzudrüden und den Konkurrenztampf der Produzenten
immer heftiger zu entfadjen. Aud) entriß er in Zeiten fteigender
 Konjunktur den Produzenten, wiederum ihre Uneinigfeit
 benüßend, oft den größten Teil der Srüchte derfelben
und brachte wohl durch übermäßige Preisfteigerungen die
zünftige Konjunftur vorzeitig zu Salle.
Während nun bei freier Konkurrenz der Handel das
organifierende Element in dem taufchwirtjchaftlidhen Prozelfe
war, das Angebot und Nachfrage in Übereinftimmung und
zum Ausgleich zu bringen juchte, wollen mit dem Kartell
die Produzenten diefe Organijation felbit in die Hand
nehmen.!) Das ift aber in den verfdhiedenen Indultrien
nur in fehr verfchiedenem Grade möglich. Man kann im
allgemeinen [agen, daß, je mehr fid der Handel als voltswirt{qhaftlidh
 notwendig erwiefjen hat, er um jo weniger
durch die Produzentenorganifationen beeinflußt worden it,
Am unentbebrlichjten ift eine befondere, der Güterzirkulation
und -verforgung dienende Tätigkeit wohl beim Au Benhandel,
 und diejfer Zweig ift daher auch durch die
modernen Organifationsbeftrebungen der Produzenten am
wenigijten berührt worden. Aber au der inländi ihe
Handel wird fehr verjdhieden durch fie betroffen. Am geringjten
 der Handel mit Produkten, deren Herfteller am
wenigjten organifiert find. Das ijt der Handel in itarf der
Modeunterworfenen Waren und der in landwirtfchaftliden
 Drodukten. Selbit die große landwirt[Haftliche
 Genoffen|haftsbewegung hat den Handel
nod) verhältnismäßig wenig berührt; am meijten noch
jaben landwirt{haftliche Derkaufsgenoffen|qhaften für Mild
den Handel beeinflußt, aber auch) der größte derartige Der-4)

 Dergleihe für das ee vor allem die Schrift von
ß Bonifowfy: Der Einfluß der induftriellen Kartelle auf den
andel in Deutichlano, Zena 1907.
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        126 IL Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
fucQ, derBerliner Milch ring, hat fi nicht auftechterhalten
 Iafjen. Bei Getreide ijt von einer Beeinfluffung
des Handels fo gut wie nichts zu bemerfen, und aud) bei dem
zweitwichtigjten Jandwirtjchaftlihen Produkt, bei Died,
jehen wir die charafterijtifcdhe Erfdheinung, daß die noch durchaus
 ungenügend entwidelten Diehverwertungsgenoffetijchaften
 den Dieh handel fIaum beeinflußt haben,
während die gewer bliqgen Weiterverarbeiter, die
Schlächtereien, iroß arößtenteils handwerismäßigen Be:
triebes nicht nur für ihr Hauptprodukt, Sleifch, meift in Innungen
 organifiert find, Jondern auch für die Nebenprodukte,
vor allem BHäute, dur Bildung von Häuteverwertungsgenofjen[haften,
 Knochenverkaufsvereinigungen, gemeinjchaftliden
 Leimfabrifen und dergleidhen auf den Handel
in diejen Produkten |tarf eingewirft haben.
Es ift ferner leicht erflärlich, daß in ftark der Mode
unterworfenen Gegenftänden die Befchränkung des Handels
durch die Produzenten geringeren Umfang erlangt hat als
für Produkte der Majjenfabrikation, die nur in wenigen einheitlihen
 Qualitäten yorfommen. Daher fehen wir den
größten Einfluß der Produzentenkartelle auf den Handel
in der Regel in denjenigen Erwerbszweigen, die aud) für die
Kartellbildung am günftigiten find. So ift am meijten beeinflußt
 worden der Kohlen - und Eifen handel, ferner
der Petroleum-, Spiritus-und Kalihandel.
Immerhin haben gerade in der Tertilinduftrie
in neuerer Zeit die fehr ungünitige Stellung des Sabrifanten
 gegenüber dem Händler, die Mikjtände im Zahlungswejen
 und den Konditionen überhaupt, die er fih infolge
des Konkurrenzlampfes gefallen laffen mußte, durch Kartelle
 eine erheblihe Derbefferung erfahren, und die wirtjchaftlihe
 Macht der Händler ift in mandjen Zweigen ftar£
zurüdgedrängt worden.
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4. Wirkungen auf die Händler. 127

Buchhandel eine eigenartige Stellung ein. Unter dem
Einfluß des „Produzenten “kartells der Derleger haben fich
die Iofalen Kartelle der Händler, der Sortimenter, mit
jenem 3u einer fehr feiten gemeinjamen Organifation auf
der Grundlage des aus{mhließlichen Derbandsverkehrs 3zu«
jammenge{chloffen.
Im einzelnen hängt die Bedeutung der Produzentenfartelle
 für den Handel jehr erheblih auch von der KarteIllform
 ab. Die häufigite und allgemeinfte Einwirkung
erfolgt im Wege der fogenannten Konditione Nnfartelle.
 Die dadurch herbeigeführte Dereinheitliqhung
der Lieferungsbedingungen ilt aud) für den Handel in der
Regel vorteilhaft, Während aber früher der Handel oft die
größere Macht befaß und den Produzenten höchft ungünftige
Konditionen auferlegte, find es jeßt umgefehrt die Produzenten,
 die mittels ihrer Kartelle den Handel vielfach zu
Itarf mit Abnahmebedingungen belafjten, die Rififoverteilung
zu feinen Ungunften entjdheiden. Die Wareninappheit nach
dem Kriege hat das noch verjhärft. So wird der Handel
von den Kartellen gezwungen, pünttlid) abzunehmen, während
diefe fih oft an felte £ieferungsfriften nicht binden wollen.
Auch ift es für den Handel oft nachteilig, daß die organilierten
 Kartelle Feine Garantie für Lieferung der Erzeugnifje
 beftimmter Sabrifen oder für beftimmte Marken übernehmen.
 Seine Xehrfeite hat das übrigens für die betreffenden
Sabrifanten darin, daß diefe im Kartell oft nicht der grözeren
 Beliebtheit ihrer Produkte ent/predhende Preife erhalten
 fönnen. Mande Kartelle beeinträchtigen den Handel
 dadurch, daß fie von den Händlern Kautionen verlangen,
 andere aber haben, indem fie die Zahl und
Qualitätsforten ihrer Produkte vermindert haben, auch für
den Handel günftig gewirtt.
Hinfichtlid) der Zahlungsbedingungen haben die Kartelle
 zweifellos eine große Derbefferung der in zahlreichen
        <pb n="143" />
        128 II Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Gewerben auf diejem Gebiete vorhandenen Migjtände herbeigeführt.
 Namentlich in der Tertilindujtrie haben Tolche
Konditionenkartelle eine große Bedeutung, weil hier ganz
befonders ungünftige Zahlungsbedingungen für die Produzenten
 eingerijjen waren. Daran find die Großbetriebe
und Warenhäufer nicht unfchuldig, weiche immer größeres
Entgegenfommen der Lieferanten, Erhöhungen des Kalfe-{fontos,
 Umjagprämien und dal. forderten, das Retourenweien
 immer weiter ausdehnten ufw. Derartige Konzeffionen
 wurden dann immer mehr auch von den andern
Abnehmern verlangt. Aus jolchen Derhältnijjen find die
zahlreichen Konditionenkartelle der Tertilinduftrie entjtanden,
 an die jidy dann oft aud) Preisvereinbarungen
und Produktionsregelung ange[hloffen haben. Die Händler
 haben fid den fchärferen Bedingungen, die teilweije
erheblich größere Anforderungen an ihre Kapitalfrajt jtellen,
zumeift nicht freiwillig unterworfen, fie haben fig auch in
Derbänden organifiert, und heute tobt in vielen Indujtrien
noch ein heftiger, ganz moderner Kampf um die Gefhäftsbedingungen,
 bei dem auch die Derpflidhtung 3U ausfchließlidem
 Derfehr, die Gewährung von Dorzugsrabatten und
dergleichen eine große Rolle fpielen. Nicht felten nämlich
juchen die Droduzentenkartelle die Händlervereinigungen
dadurch zu fprengen, daß fieeinigen großen Händlern
Dorzugsbedingungen einräumen, wenn fie fi verpflichten,
aus den Händlervereinigungen auszutreten. Das ilt auch
hier und da gefhehen. Namentlich aber ijt häufig, daß
eine Heine Oberfchicht der Großhändler allein Zum direkten
Derfehr mit dem Produzentenkartelle zugelaffen wird,
während alle anderen 3zUrL „3 W € iten Hand“ herabgedrüdt
 werden. Das Gegenjtüc dazu ift, daß Händlerpereinigungen
 oft durch Unterftügung von außerhalb des
Kartells {tehenden Produzenten diefes ihren Wünjdhen
gefügig machen, ja es unter Umitänden jprengen fönnen.

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4. Wirkungen auf die Händler. 129
Wenn daher die Händler in ihren Kartellen fejt zujammenitehen,
 ijt ihr gemeinjamer Kampf gegen die Produzentenfartelle
 feineswegs immer ausfichtslos, und im Tapetenhandel,
Slas-, Porzellan-, Mild)-, Baumaterialienhandel und im
Handel mit ver[hiedenen Produkten der Eifen- und Tertilinduftrie
 haben Händlerverbände Produzentenkartellen
gegenüber Erfolge davongetragen. In zahlreidhen anderen
Sällen, fo 3. B. bei den ver[chiedenen Kartellen der Seidenund
 Samtinduftrie, der Tuchinduftrie u, a., Iam es zu Derjtändigungen
 mit den Derbänden der Großhändler, welche
teilweife 3u einer Sperrung der außenjtehenden Sabrifanten
 und Händler führten. So haben 3. B. die Guchgroßhändler,
 die in fünf Derbänden vereinigt find, eine
„Interejjengemeinfhaft deutjdher Tuchabnehmer“ gebildet
und mit der Deutjdhen Tuchkonvention der Sabrikanten
einen aus{dließliden Derbandsverkehr verabredet. In der
Seideninduftrie ijt es [fo mit Beihilfe der $abrifanten
zu einem richtigen numerus clausus der Seidengroßhändlerfonvention
 gefommen, welche die beitrittsfreudigen Aukenleiter
 nicht aufnimmt, um nur einer Heinen Zahl von Händlern
 den direkten Derfkehr mit den Produzenten zu fichern.
Dieje Srage, ob die Kartelle der Produzenten und die der
Großhändler felbit den Eintritt einer Sirma in die Konvention
 verhindern dürfen, weil fie fein Groffift fei, wodurch
diefe Händler zur zweiten Hand hHerabgedrüdt werden, ift
in vielen Indujtriezweigen Gegenftand heftigen Streites.
Während dabei auf der einen Seite ein gewi[fer Kartellterrorismus
 obwaltet, das Recht zu verkaufen oder nicht
zu verkaufen voll ausgenüßt wird, ilt auf der anderen
Seite zu berüdfichtigen, daß damit der vielbeflagten und
volfswirt|qhaftlidh fo {hädlidhen Überfeßung des Handels,
dem Übermaß an bloßer Dermittlungstätigfeit ein Riegel
vorgejchoben wird. Einen allgemeinen „Kontrahierungszwang”
 für Kartelle einzuführen, geht jedenfalls nicht an.
£iefmann, Kartelle und Trufts. 4. Aufl.
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        130 Ill. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.

Die Wirkfjamfkeit eines Produzentenkartells auf den
Handel ift natürlich auch jehr davon abhängig, wie {tar£ feine
monopoliftijhe Stellung ijt, mit anderen Worten, inwieweit
das Kartell mit der Konkurrenz außenjtehender Werke und
des Auslandes zu rechnen hat. Je geringer diefe Konkurrenz
ijt, um fo abhängiger ilt der Händler vom Kartell, um fo
mehr wird diefes fuchen, ihn in feiner Bewegungsfreiheit
zu befchränfen. Die feit organifierten Kartelle fudhen daher
heute immer mehr den Handel, d. h. den Großhandel, von
fich aus zu organijieren, wobei diefer in volljte Abhängigfeit
 vom Kartell gerät. Den Höhepunit derjelben bedeutet
regelmäßig die Derpflihtungzum ausfhließliqgen
 Derfkehr: die Händler dürfen allein die Produkte
 der Kartellmitglieder, nicht Joldhe von außenftehenden
Unternehmern verkaufen. Es genügt aber oft jchon, daß
der Händler für eineinzelnes Produkt vom Kartell abhängig
 ift, um ihn zu zwingen, die Derpflichtung 3U ausichließlichem
 Derfehr mit dem Kartell einzugehen und ihn
an dasfelbe zu binden.
Es ijt leicht einzujehen, daß die Wirkung eines Produzentenkartells
 auf den Handel auch fehr ver[hieden ift, je
nachdem es ein Iofes Preis - oder Produktionsfartell
 oder ein feit organifiertes DerteilungSs-Fartellilt.
 Die größere Unficherheit, der in der Regel
fürzere Beitand der ofen, nicht organifierten Kartelle, die
namentlich bei ungünjtiger Konjunktur meifjt wieder einer
Zeit des Konkurrenzlampfes Plag zu machen pflegen, hat
auch oft ungünitige Wirkungen auf den Handel, erfhwert
ihm unter Umftänden noch die Kalkulation. Dafür bejhränken
 aber dieje Kartelle die Händler nicht in ihren Beziehungen
 zu den Abnehmern, während bei den organijierten
Kartellen gerade hierin der weitelte Eingriff in die Bemwegungsfreiheit
 des Handels liegt. Mit Recht fommt
Bonikowsiy in diefer Srage zu dem Refultat: „Man Iann
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4. Wirkungen auf die Händler. 131

darüber im Zweifel fein, welcher Derkehr für den Handel
der günftigere ift, der Derfehr mit Kartellen oder der Der-Fehr
 des freien, uneingefjhräniften Wettbewerbs. Seßt man
den Zujtand der Kartellierung der Produzenten einmal als
gegeben voraus, fo dürfte für den [oliden Handel auf die
Dauer der Derfkehr mit [olhen Derbänden 3u bevorzugen
fein, welche in ihrer Organifation einigermaßen gefichert
find und nicht durch eine Konfurrenz von Bedeutung
in ihrer AbfagpolitiE beeinträchtigt werden.“ (£. a.
D. S. 57.)
Was die Wirkung der Preisfeltfeßungen
eines Kartells auf den Handel betrift, fo ift 3u betonen, daß
Preiserhöhungen der Kartelle in der Regel für die Händler
nicht fo unbedingt nachteilig find wie für die legten Konjumenten.
 Solange fie nicht über ein gewifjes Maß hinausgehen,
 wird der Händler damit rechnen fönnen, Preiserhöhungen
 auf die Konjumenten abzuwälzen. Je gelicherter
 die monopoliftijche Stellung eines Produzentenfartells
 ift, um fo ficherer ilt aud) der Handel, den Preiserhöhungen
 desfjelben folgen zu können. Ja, der Händler
hat oft geradezu ein Intereffe daran, dak die Derfaufspreife
nicht zu niedrig feien, weil [ein Gewinn meiflt in einem beitimmten
 prozentualen 3ujdhlag 3u ihnen befteht. Starte
Konfurrenz der Händler bewirtt allerdings oft, daß
lie Preiserhöhungen des Kartells nicht abzuwälzen vermögen,
 Andererfeits: wenn die Händler Kartelliert find, ilt
oft die Gefahr vorhanden, daß fie ihHrerfeits in Ausnußung
ihrer Monopoljtellung nicht Maß halten, die Preife 3u hoch
iteigern und eine Einfhränkung des Derbrauchs, Konfumtüdgang
 die Solge ift, wie das bei Zuder und Spiritus
fonftatiert werden Ionnte. Meilt find aber gerade im
Handel hohe Kartellpreife nicht von langer Dauer, es entiteht
 neue Konkurrenz, und ein plößlicher Dreisfturz ift
dann die Solge.
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        132 HL Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer,
Au der billigere Derkauf ins Ausland
durch Kartelle der Produzenten ift für die Händler nicht von
gleicher Bedeutung wie für die Weiterverarbeiter; immerhin
fann ihnen das Erxportgejchäft er[hwert oder unmöglich
gemacht werden. Der billige Derkauf eines Rohftoffs oder
Halbfabrikats ann, wie die Weiterverarbeiter, jo auch die
Händler in den weiterverarbeiteten Produkten in ihrem
Erport jhädigen. Der billigere Derkauf ins Ausland durch
ein Produzentenkartell Kann aud) die Händler zu unlauteren
Manipulationen veranlaffen.
Wir haben im vorigen Kapitel gejehen, daß eine größere
Stabilität der Preife herbeizuführen den Kartellen in den
verfhiedenen Indujtrien nur in fehr verjdhiedenem Grade
möglich ift. Je mehr es ihnen gelingt, um fo mehr ilt
naturgemäß das Kartell au für den Handel von Dorteil.
Denn um fo mehr erleichtert es dem Handel die Kalkulation,
vereinfacht ihm das Einkaufsgefchäft. Der Händler fann
Preisjchleuderei eines Konfurrenten leichter als Joldhe er
fennen, während er bei freier Konkurrenz immer vermuten
muß, daß jener befonders günftig, er felbjt ungünftig eingefauft
 habe. Er braucht daher nicht jeder joldhen Preisjhleuderei
 zu folgen. Werden dadurch die Handelspreife
itabiler, jo tegt das aud) den Derbrauch an.
Allerdings werden in der Regel nicht alle Händler vom
Kartell gleichgeftellt, jondern die meijten Kartelle geben
nad) der Größe des Bezugs abgeftufte Rabatte. Die darin
liegende Bevorzugung der größeren Abnehmer ijt aber für
die Produzenten notwendig und eine allgemein übliche Einrichtung.
 Schwerer fällt [hon ins Gewicht, daß, wie gejagt,
viele Kartelle direft nur an Händler Kiefern, die ein beitimmtes
 Mindeftquantum abnehmen.
Die verfhiedene Behandlung der händler nach der
Größe ihrer Bezüge hat aber auch die günftige Wirkung, zu
verhindern, dab diefe in ihrer wirt[haftliden Tätigkeit

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4. Wirkungen auf die Händler. 133
nachläflig werden. Diefe Gefahr ift leicht vorhanden, wenn
ein Kartell der Produzenten den ganzen Abfjaß einheitlich
regelt und den Händlern die Preife vor[chreibt. Die fleikigen
und die faulen, die großen und die Heinen werden dann
alle gleichgeftellt. Das liegt natürlich keineswegs im Interefje
 der Produzenten, und die erwähnten. Maßnahmen
wirken dem entgegen.
Wenn die Kartelle der Produzenten wirflihH danach
itreben, 3u einer größeren Gleihmäßigfeit der Preije zu
gelangen, werden fie in den meiften Sällen gezwungen fein,
den Handel in feinen Preisfeltfegungen zu be-Iqhränien.
 Denn die Konkurrenz der Händler untereinander
mit ihren Derkaufspreifen gefährdet die Stetigkeit der Preife
und des Abfaßes. Namentlid) eine {tarke jpekulative Tätigfeit
 der Händler hat dieje Wirkung, indem fie den Produzenten
 den Überblid über die wirklidhe Marktlage eriqhwert,
 Es Iann dabei eine Seftfegung von Minimalpreifen,
Maximalpreifen und endlich eine Beitimmung des Handelsverfaufspreifes
 überhaupt feitens der Produzentenkartelle
dorgenommen werden. Seltjegung von Mindeltpreifen für
die Händler wird oft von ihnen felbit gewünfcht, denn das
bedeutet eine Befdhränkung der Konkurrenz im Handel mit
Hilfe der Produzenten, Sie ijt aber nicht überall anwendbar,
3. B. nicht bei [ehr der Mode unterworfenen Waren. Seltlegung
 von Marimalpreijen foll dagegen übermäßiger Ausbeutung
 der Konjunktur durch die Händler, eventuell einem
Kartell derfelben Schranken feken. Die SeftfeBung der
Handelsverkaufspreife überhaupt kommt bei einigen feft
organijierten Kartellen vor, namentlid beim Kali- und
Spiritusjyndikat, Sie hat für die Kartelle den Dorteil, daß
ie damit die Preisfejtjeßungen bis zum Iebten Konumenten
 regulieren, bringt aber die Gefahr einer Abfjaßminderung,
 weil die Händler nicht mehr wie früher die beonderen
 Derhältniffe ihrer Kunden berüdcfichtigen und ibnen
        <pb n="149" />
        134 IM. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
mit ihren Preisnormierungen entgegenfommen fönnen. Dem
Händler wird feine Gefchäftstätigfeit natürlich fehr vereinfacht,
 da die Preisfrage bei den Derhandlungen mit den
Abnehmern ausjheidet. Aber er wird ausfließlid) ein
Dertreter des Kartells; der Charakter einer felbitändigen
Unternehmertätigfeit geht volllommen verloren.
Serner können die Syndikate übermäßigen Preiserhöhungen
 des Handels dadurch entgegenwirken, daß fie
zur direkten Derforgung der Konjumenten übergehen.
 Oder das Kartell Kefert wenigitens den größeren
Konfjumenten felbjt, während der Handel ausdrüdlih auf
die Derforgung der Heineren Abnehmer befhränit wird.
Das ift oft vorgefommen und hat in vielen Sällen den bisherigen
 Umjaß der Händler ftarf vermindert.
Das Hauptmittel aber ijt, die Zahl der zum direkten Dere
fehr mit dem Kartell zugelajjenen Händler zu befchränfen.
Dies Beftreben, nur mit den größten und fapitalfräftigijten
Händlern in direkte Derbindung zu treten, ijt vor allem beim
Kohlenfyndikiat, aber auch beim Stahlwerfsverband zur
Durchführung gelangt. Darin liegt zweifellos eine der
größten Befchräniungen der Gewerbefreiheit, die bisher durch
die Kartelle herbeigeführt worden find, aber andererfeits
ijt nicht zu verfennen, daß mit dem Dorhandenfein feit
organifierter Kartelle die eigentliche volfswirt|dhaftlidhe Sunktion
 des Großhandels, das fpekulative zeitliche Ausgleichen
der Preife, hinwegfällt oder doch jehr an Bedeutung verliert,
und daß deshalb eine Befchränkung desfelben und feines
Gewinnanteils wohl berechtigt ilt.
Mit allen diejen Makregeln wirken die Kartelle im
Sinne einer Ausihaltung des Großhandels
und fördern damit eine in diefer Richtung gehende, auch font
in der heutigen Doliswirtjdhaft vorhandene Entwidlungstendenz.
 Dieje geht von zwei Seiten aus. Einmal find die
Droduzenten beftrebt, den Großhandel auszufchalten

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und durch eigne Organifationen direkt mit den Detaillijten
in Derfehr 3u treten, wie das namentlid im Petroleumgefhäft
 und durd das Spiritusjyndikat gefhehen ijt. Andererjeits
 ijft aud) der Detailhan del vielfad) bemüht, den
Großhandel zu befeitigen und direkt mit dem Produzenten
in Derfehr zu treten. Dieje Tendenz wird vor allem gefördert
 durch die Entwidlung des Großbetriebs
im Detailhandel, das Auffonmen der Warenhäufer
 und großen Spezialgefhäfte. Sobald freilich die
Detailhändler in Kampf mit den Produzenten geraten,
werden fie die Unterftüßung des Großhandels meift nicht
entbehren fönnen, und nur da, wo der Großbetrieb im
Detailhandel durchgedrungen ijt und diefer [ih in Derbänden
 organijiert hat, ift er den Produzenten gewachfen
und unter Umitänden fogar überlegen, wie 3. B. der Derband
 der Waren- und Kaufhäufer erfolgreid) gegen Tertilverbände
 angekämpft hat.
Andererfeits fommt es aber auch vor, daß die Kartelle
der Produzenten dem Großhandel Shuß gewähren
gegen die Ausfchaltungsbejtrebungen der Detaillijten. Doch
find es dann gewöhnlih nur einige Großhändler, die
zu einer folden dur die Kartelle gefjhüßten Stellung ge-[angen,
 während ein großer Teil zur „zweiten Hand“ herabgedörüdt
 wird, die nicht direkt von den Kartellen Kauft.
Außer durch direktes Aufluchhen der Konfjumenten oder
Detaillijten [halten die Kartelle den Großhandel nod) aus
durch Sperre, die wegen Übertretung der ErkfufivHaufel
hier und da verhängt wird. In der Eifeninduftrie hat auch
die Kombinationstendenz in gewiffjem Grade in diefer Richtung
 gewirkt. Am weitejten dem Großhandel gegenüber ift
das Spiritus[yndikat gegangen, das ihn fajt ganz befeitigt hat.
Der Großhandel hat, von feinen Abnehmerverbänden
abgefehen, felbit von der Kartellbildung fajft immer nur Gebrauch
 gemacht für Produkte, für die Produzentenkartelle
        <pb n="151" />
        136 III. Kapitel, Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
beitehen. Seine Derbände bezweden dann, die Auflagen,
die die Produzenten den Großhändlern machen, an ihre Abnehmer
 weiterzugeben. Die größte Seftigfeit und die größten
volfswirtfhaftlihen Wirkungen weijen diejenigen Großhandelsiartelle
 auf, die in enger Derbindung mit dem
Produzentenkartell ftehen, von diefem organijiert find oder
gar Produzenten und Händler gemeinjam umfajjen. Derartige
 Organifjationen find namentlid im Kobhlen- und
Eijenhandel zujtande gekommen. Das Kohlenfyndikat hat
eine Anzahl von Großhändlern in Großhandelsgefellihaften
 organijiert, die allein den direkten
Derfehr mit dem Syndikat in der Hand haben. Die befanntejte
 ijlt die Rheinifhe Kohlenhandelsund
 Reedereigefjellfhaft m. b. 5., das fogenannte
 Kohlenfiontor, das im Jahre 1903 von
dem Kohlenfyndikat felbjt und vier großen Reederfirmen
gegründet wurde, um den Kohlenverkauf nach Süddeutjdfand
 zu monopolifieren. Es traten alsbald 44 der größten
Händler des jüddeutjdhen Abfaggebietes bei. Das Ganze ift
eine Abjaggenoffenfhaft, an der die Mitglieder mit beftimmten
Beteiligungsziffern in Tonnen und in Mark beteiligt find.
Diefe Derkaufsorganifationen der Großhändler, deren das
Kohlenfyndikat noch mehrere in anderen Gebieten ge[haffen
hat, liefern aber nicht direkt an alle Detailhändler, gejdweige
denn an das Publikum, fondern Dorausfjegung für direkten
Derfehr mit ihnen ijft aud) wieder eine gewijje, in den einzelnen
 Gebieten verfjchieden bemeffene Höhe der Bezüge.
Unter den Großhandelsgefellidhaften jteht alfo eine zweite
Gruppe von Heineren Großhändlern und größeren Detail-Händlern
 und darunter wieder die HNeinen, rein Lofalen
Detailhändler. Diefe beiden Gruppen haben fi ihrerfeits
wieder in den verfhiedeniten Sormen zujammenge[chloffen.
Mandje diefer Dereinigungen find ganz lofe, vertreten nur
die gemeinjamen Intereifen, andere haben den Kunden
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4. Wirkungen auf die Händler. 137

oder Kreditjhug zum Zwede, mandhe tIreffen Dereinbarungen
 über Konditionen, andere haben gemeinjamen
Einkauf, andere gemeinfjame Preisfeftfegungen durchgeführt.
 In einigen wenigen Orten haben fi die Detailhändler
 zu richtigen „Klieinhandelstrufts“ nad
dem Dorbild der Großhandelksgefelljhaften 3zujammengefchloffen,
 haben ihre Selbitändigkeit aufgegeben, halten
gemeinjames Lager und verteilen den Gewinn nach fejten
Anteilziffern. In einigen Gebieten haben fie fid) 3u ausjhließlihem
 Derfehr mit den Großhandelsgefellichaften
verpflichten müffen. Wo dagegen das Kohlenfyndikat mit
fremder Konkurrenz zu fämpfen hat, verkaufen fie auch
andere Kohlenforten,
Die Derbindung von Zehen mit Kohlenhandels- und
Schiffahrtsgefelljdhaften erwies fidy als fo wertvoll, daß
viele Zechen foldje zu erwerben fuchten. Sie wurden dadurch
 nicht nur von der Wagenftellung unabhängiger, wenn
jene Sirmen eigne Xanal- oder Rheinhäfen hatten, fondern
hatten aud) an den oft fehr großen Handelsgewinnen
Anteil. Einige jehr fapitalfräftige Händlerfirmen erwarben
aud) Zedjen oder find an ihnen maßgebend beteiligt;
andere haben Iangfrijtige Kobhlenlieferungsverträge mit
ihnen abgefchloffen. So machte die Stage der Kohlenhandelsgefellidhaften
 bei der Erneuerung des Kohlenjyndikats
 1916 große Schwierigkeiten, zumal aud) der Siskus
auf die von ihm mit Händlerfirmen gefhaffene Handelsarganijation
 nicht verzichten wollte. Schließlih aber ge-[ang
 es, die Jämtlihen Großhandelsfirmen, einfdhließlid
derjenigen des Siskus, in die Abjagorganijation des Syndifats
 hineinzunehmen, fo daß jegt im ganzen 15 Kohlenhandelsgefelljchaften
 direkt unter dem Syndikat ftehen.
3m Kriege hat fig der Einfluß einiger Großhändler auf
die Produktion noch gefteigert.
3n ähnlidjer Weife wie das Kohlenfyndikat, nur noch
        <pb n="153" />
        138 III. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.

einheitlider, hatte der Stahlwerksver band den
Trägerhandel organifiert. Zunächft bildeten die
Großhändler, die allein in direktem Derkehr mit dem Syndikat
 ftehen, vier territoriale Gruppen. Jedes Mitglied derjelben
 erhielt vom Stahlwerfsverband eine fejte Dergütung
von 2,50 Mark pro Tonne feines Bezuges. Unter diejen
Großhandelsgefellichaften fteht eine zweite Gruppe von
Händlern, die nicht direkt vom Stahlwerisverband kaufen
und eine geringere Dergütung erhalten. Unter diefen
wieder {tehen dann die lokalen Vereinigungen, in denen
jiq die Detailhändler zujammengefchloffen haben, die aber
im Gegenjag zum Kohlenhandel au wieder ganz einheitliH
 vom Stahlwerisverband organifiert find, und die
50 Pfennig Rabatt pro Tonne auf die Händlerpreife erhielten.
 Serner gibt es noch einige Händler, die keiner
Dereinigung angehören, und die zu den von der eriten
Grunvye vorgelchriebenen Händlerpreifen ohne Rabatt faufen.

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Der Kleinhanödel ijt im allgemeinen nod) weniger
als der Großhandel dur die Produzentenkartelle beeinflußt
worden. Hier find foldhe Kleinhändler zu unter[heiden, die
direkt von den Kartellierten Produzenten beziehen, und foldhe,
bei denen der Großhandel vermittelt. Den erfteren gelingt
die Abwälzung höherer Kartellpreije auf die Konjumenten
im allgemeinen leichter als dem Großhandel; dagegen werden
jie wegen ihres Kapitalmangels durch die Konditionenvereinbarungen
 der Produzenten mehr belaftet. Das ilt
aber infofern volfswirt{qhaftlidh günftig, als es auf die
Derminderung der Zahl der Kleinhändler, eine Befeitigung
der Überfüllung im Detailhandel hinzuwirkfen vermag. Deshalb
 ift auch die Seftfegung von Mindejtpreifen durd) die
Produzenten für den Kleinhandel nüßglich, weil fie übermäßige
 Konturrenz hintanhält. Eine Sejtlegung des Gewinn-J



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4. Wirkungen auf die Händler. 139
zufdlages nach oben aud) für den Detailhandel ift natürlich
jeht [hwierig durchzuführen. Sie ift bisher nur dem Spiritusiyndiiat
 gelungen, ohne daß die von ihm herbeigeführte
Regelung befriedigte.
Sür den vom Großhandel kaufenden Kleinhändler ift
die Regelung des Großhandels durch die Produzenten meilt
von Dorteil, weil aud) das Produzentenkartell ein Intereffe
daran hat, den Gewinn der Großhändler möglichit niedrig
zu halten und die Kleinhändler vor einer Übervorteilung
durch den Großhandel zu [hüßen. Ein Großhandelskartell,
das nicht in Derbindung mit einem Produzentenkartell {teht,
'ijt meift nicht ftart genug, um den Kleinhändlern viel zu
ihaden. Schafft es ftetige Preife, fo ijt das auch für die
Detailhändler von Dorteil. Sind aber Großhandelskartelle
mit Produzentenfartellen verbunden, dann haben zwar die
Produzenten ein Interejje daran, den Kleinhandel zu erhalten,
 und werden ihn auch gegen Einkaufsgenoffenfdhaften
der Konfjumenten unter Umftänden [(Hüßen. Aber im allgemeinen
 ijt der Xleinhändler ihnen doch in die Hand gegeben,
 befindet fich jedenfalls in der größten Abhängigkeit.
Der Kleinhandel hat feine Stellung fowohl im Wege
von Preisfkartellen, durch die er den von den Produzenten
 oder den Großhändlern ausgehenden wirt{haftliden
 Drud auf die legten Konfjumenten weitergibt, als
namentlid) im Wege von Einkaufsvereinigungen
zu jtärfen gefucht. Der Großhandel hat diefjelben oft befämpft.
 Am weitejften in der Organifation find die Kohlendetailhändler
 in Cafjel und Bremen gegangen, die fidh nach
dem Dorbild der Großhandelsgefellfjhaften zur Bildung von
„Kleinhandelstrufts“, zu einer Dereinigung ihrer gejamten
Betriebe entjcloffen, wodurch freilich die [elbjtändige Tätigfeit
 des einzelnen befeitigt ijt, aber aus dem gemeinfamen
Einkauf, der Erjparnis an Suhrmaterial, Lagerraum und
PDerfonal große Dorteile erwachfen.
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        140 III. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Einkaufsvereinigungen haben neuerdings im Detailhandel
 recht erhebliche Bedeutung erlangt. Es mögen joldhe
der Kohlenhändler, Schuhwarenhändler, Glas- und Porzellanwarenhändler,
 der Gefchäfte für eleftriidhe Injtallationen,
 der Apotheker, der Detailge[häfte der Terxtilbrandhe,
der Holzhändler, der Pojamenten- und Kurzwarenhändler,
der Drogiften genannt fein. Sie werden fidher nod) weitere
Ausdehnung gewinnen. Nicht nur als Makregel gegen
Produzenten oder Großhandelsiartelle fpielen fie eine Rolle,
jondern aud) ohne [oldjen Kampfzwed hat der Kleinhandel
fie als nüglich erfannt, jo insbejondere im Kolonialwarenund
 Delikatejjenhandel.
Noch weiter geht eine Makregel, die ih Derbandsgeigenproduktion
 genannt habe, und die, wie der Name
jagt, darin befteht, daß jich Weiterverarbeiter oder Händler
von den Kartellierten Lieferanten durch Errichtung oder
Ankauf eigener Produktionsunternehmungen für die von
innen benötigten Rohjtoffe oder Waren unabhängig machen.
Diefe ijt natürlidh von der Kombination, der Angliederung
anderer Produktionsjtadien an ein einzeine Unternehmung
wohl zu unterjheiden; es handelt fidh vielmehr um eine
gemeinjame Unternehmung der Abnehmer eines Kartells,
aljo um etwas Ähnlidjes wie die Produktionsunternehmungen
 der Konjumvereine oder deren gemeinjamer Organifationen
 (Großhandelsgefellfchaften). Nur geht die Maßtegel
 hier felbjt von einer monopolijtijden Organijation
aus. Troßdem die Schwierigkeiten für die Derbandseigenproduktion
 offenbar groß find, hat fie doch im legten Jahrjehnt
 eine überrajdende Ausbreitung gefunden, ein Beweis
 dafür, wie jehr der Kartellgedanke erjtarft ijt, wenn
lid an ihn folde gemeinjame Unternehmungen, die oft
zin erhebliches Kapital erfordern, anjchließen. Gemeinjame
Slafhenfabrifen der Weinhändler, gemeinjame Eis- und
Koblenfäurefabrifen von Galtwirtsvereiniaungen, eine
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5. Die Wirkungen der Kartelle in und nach dem Weltfriege. 141
gemeinjame Derbandftojfefabrit der Apotheker, die Errichtung
 einer eigenen Zuderfabrif durch die Konferven:
fabrifen, die Erwerbung eigener Kaliwerie durch die
Deutjhe Landwirt{haftsgefeNlfchaft, einer eigenen Kohlen:
jäurefabrif durch Wirtevereinigungen, einer eigenen Hefefabrit
 durch Bädervereinigungen, einer eigenen Seidenfärberei
 durch den Derband der Seidenwebereien; Erwerbung
 von Brauereien durch Gaftwirtevereinigungen in
Berlin, Hamburg, Dresden, Eijen, Elberfeld, Danzig und
durch Siafjdhenbierhändler in Srankfurt a. M. feien hier
erwähnt. Der Derband deutfjcher Kauf- und Warenhäufer
gründete als Mittel gegen die Sperre dur den Börfenverein
 der deutfjhen Buchhändler eigene Derlagsanftalten
und eine eigene Samtbandfabrit im Kampfe gegen das
Kartell der betreffenden Sabrikfanten. Es ilt fidher, daß
dieje Makregel noch häufiger angewendet werden wird,
wenn die feft gefchloffenen Kartelle zunehmen und wenn
fiQ die Angliederung eines derartigen Betriebes an eine
einzelne das Kartellierte Produkt verbrauchende Unternehmung
 nicht lohnt.

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5. Die Wirkungen der Kartelle in und nach dem
Welt£friege.
Im Anjchluß an unfere Darftellung der Wirkungen der
Kartelle fei nod) mit einigen Worten auf ihre Bewährung
im Weltfriege und ihre feitherige Entwidlung eingegangen.
Die verjchiedenen Organijationen der deut{hen Induitrie,
von denen die Kartelle nur die wichtigjten und bekannteften
jind, haben im Weltirieg eine eigenartige Probe zu beiteben
 gehabt. Die Gewöhnung der Unternehmer an
jolhe Organifationen, die Anpaflungs- und Einordnungsfähigfeit
 der deutichen Unternehmer erwiejen Sich dabei
        <pb n="157" />
        142 III. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
als großer Segen. Es ift durchaus verkehrt, wenn unjere
Seinde behaupten, daß wir dies nur dem militärijchen
Drill verdaniten; vielmehr handelt es [ih gar nicht um
die Einordnung in ftaatlih gefchaffene Organijationen,
jondern um das Zujammenfinden in freien, von den einzelnen
 felbit gefchaffenen Einrichtungen, die fih nunmehr
den neuen Bedürfniffen der Kriegswirtjhaft anpaffen
mußten. Aber allerdings ijt es wohl richtig, daß die jahrhundertelange
 Gewöhnung der deut{hen Gewerbetreibenden
an Zünfte, Innungen und Genoffen|haften diefe Einordnungs-
 und Anpaffungsfähigfeit des deutjhen Unternehmers
 gefteigert hat.
Es ift befannt, daß wir zu Beginn des Krieges in wirt:
ichaftlicher Hinjicht, wozu auch die Befchaffung von Kriegsmaterial
 aller Art gehört, feineswegs auf den Krieg vorbereitet
 waren. Hier wäre eine rajhe Abhilfe und rtafdıe
Befchaffung des ungeheuren Heeresbedarfs aller Art ohne
folcdhe Organijationen der Indujtrie unmöglich gewejfen.
Hier halfen die engen Beziehungen der Unternehmer
zueinander in Sachvereinen, Kartellen, Interefjengemeinjhaften
 viele Schwierigfeiten überwinden. Alle diefe
gemeinfjamen Organijationen unterftüßten und förderten
den guten Willen des einzelnen, fein Befjtes für die rafche
Bejchaffung des Heeresbedarfs zu tun. Ohne die Syndifate,
 denen die Leiftungsfähigfeit jedes einzelnen ihrer
Mitglieder genau bekannt war, wäre die rajche Übernahme
 und jhnelle Erledigung der ungeheuren hHeeresaufträge,
 die plößlidh zujammenjtrömten, der Induftrie
unmöglich gewejen. Das gilt von der Kohlenbejhaffung
für die Eifenbahnen, der Derforgung von Heer und Marine
mit Benzol, der Bereitjtellung der für die Kanonen» und
Granatenfabrikation erforderlidhen Stahlforten und nod
zahllofen anderen Gegenjtänden des außerordentlich geltiegenen
 Bedarfs, die der heutige Krieg erfordert, und an
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5. Die Wirkungen der Kartelle in und nad dem Weltkriege, 143
deren Bereitftellung, mindejtens in der genügenden Menge,
niemand vor dem Kriege gedacht hatte. Daß diejer neu
auftretende Bedarf, auch abgejehen von der Rohftoff-Inappheit,
 die bald eintrat, nur unter Gewährung höherer
Gewinne befchafft und fo jhnell bejhafft werden Konnte,
ijt Jelbftverftändlidh. Die Preisfjteigerungen jind aber vielfach)
 da, wo man fig nicht mit den Organijationen der
ganzen Jnduftrie in Derbindung fjeßte, fondern fih an
einzelne Unternehmer oder bejondere Dermittler glaubte
wenden zu mülfen, fjehr viel höher gewejen als bei den
Kartellen. Es ilt den Behörden nur vorzuwerfen, daß
lie vielleicht nicht immer verftanden haben, gleich die Organijationen
 3u direkter Lieferung heranzuziehen, [ondern
 vielfach, befonders im Anfang, die angebotenen
Derdienjte gewandter Dermittler nicht entbehren zu Iönnen
 glaubten, die zwar oft rafjhe Lieferung durchfjekten,
dafür aber auch außerordentlihe Gewinne erzielten.
Bei der großen Preisrevolution, die der Weltkrieg
herbeigeführt hat, gilt viel mehr noch als in normalen
Zeiten, daß es für die Abnehmer von fehr großem Werte
it, wenn fie durd) die Kartelle alle auf die gleiche Balis
gejtellt werden in bezug auf ihre Koftenanfchläge. Die
Abnehmer und Weiterverarbeiter haben es dann auch
viel leichter, fi) den geänderten Wirtfqhaftsverhältnijfen
anzupajfen. Es fönnen alle drei Gruppen der Rohftoffproduzenten,
 Weiterverarbeiter und Händler bheiffer 3zujammenwirfen,
 und fie Können dann auch mit der Regietung
 leichter zu einer Derjtändigung über die Preije ge
langen.
Es ijft jehr erflärlidh und nicht zu leugnen, daß mandıe
Kartelle fi) erft während des Krieges für die Ausnugung
des plößlid) entjtandenen Heeresbedarfs gebildet haben,
und daß hier und da, insbefondere von den fogenannten
Submijffionsfartellen, vielfad) die günitige Gelegenheit aus-
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        144 1IL Kapitel, Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer
genugt wurde, um hohe Gewinne für ihre Mitglieder zu
erzielen. Auch mögen fih nicht felten heimlidhe Der:
bindungen aus Gewerbe- und Handeltreibenden gebildet
haben, um aus der Wareninappheit und aus der Um:
wertung aller Werte, wie fie heute durch die allgemeinen
Preisver[dhiebungen herbeigeführt ift, auch für ihr Gewerbe
 möglichiten Nugen zu 3iehen. Aber mindeltens
für die großen und bekannten Kartelle, die ganze Indultriezweige
 umfafjen, gilt doch, daß fie im allgemeinen maßvoll
im ihren Preisfeltjekungen und Preisforderungen vorgegangen
 find. Die Seltjekung von Höchjtpreijen war
hier nicht fo oft nötig, und wenn [ie erfolgte, war fie leichter
durchzuführen. Auch haben manche Kartelle dahin ge:
wirft, daß gewiffe Materialien, mit denen möglichjt geipart
 werden mußte, nur in dem unbedingt notwendigen
Umfang zur Derwendung kamen. Sie haben auch die
Zujammenlegungen von Betrieben erleichtert, um eine
rationelle Produktion herbeizuführen. In mandjen In:
duftrien haben fie die einheitlidhe Organifation der Ausfuhr
 gefördert, die ebenfalls nötig war, weil bei der Ausfuhr
 die bhefonderen Abfichten der Regierung, beitimmte
politifdhe und wirt{haftlihe Gefichtspunkte, zu berüd:
fichtigen waren. Die Liquidation ausländijher Unternehmungen
 ift unter ihrer Mitwirkung erleichtert worden,
und wo internationale Kartelle beftanden haben, da haben
fi meift bei der Liquidation deuticher Unternehmungen
im feindliden Auslande geringere Derlujfte ergeben oder
fich folde ganz vermeiden lalfen.
Kam jo während des Krieges zunächft die günftige
Seite der Kartelle mehr zum Ausdrud, fo hat fich dies,
wie bei den Monopolorganijationen der Arbeiter, mit der
langen Dauer der Kämpfe und der Derfhärfung aller
wirt{qhaftliden Derhältniffe immer mehr geändert. Mit
dem wachflenden Mangel wuchs das Gewinnitreben aller

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5, Die Wirkungen der Kartelle in und nad) dem Weltkriege. 145
Bevölferungs{hicdhten, wuchs die Spelulation und das
Schiebertum und wurde durch die KIurzfichtige Sinanzund
 Steuerpolitit der Regierung nicht gehindert. Infolge
 des Warenmangels einerfeits, der Geldvermehrung
andererfeits geriet das überlieferte Preisfyftem immer mehr
ins Wanien. Die Seftfegung von Höchftpreijen wurde
immer fqhwieriger, d. h. immer willfürliher, und auch
bie ftaatlidje Regelung der Kartellpreije vermochte immer
weniger die Richtlinie für eine fadhgemäße Begrenzung
zu finden. Nach dem Zujammenbruc) hat fich das alles
fortgejeßt und enorm verfchärft, aber die Anfäße dazu
find doch Iqhon vorher in den vier Kriegsjahren gelegt
worden. Jebt öffneten die Befegung weiter deutfjdher Gebiete,
 die Aufhebung der Blodade, der Derkauf von Heeresgut
 dem Tegitimen wie dem ilNegitimen Handel ein weites
Tätigfeitsfeld; die rapid zunehmende Geldvermehrung, die
Unljicherheit aller wirt[qhaftliden Derhältniffe, der ungeahnte
 Sturz unfjerer Daluta gewährten der Spekulation
niedagewejene Möglichkeiten der Entfaltung. Im Zujammenhang
 mit der politijdhen Umwälzung ftieg vor
allem die Macht der Arbeiterkoalitionen ge
waltig und wurde von ihnen rüdfichtslos zur. Geltung
gebracht. Das ijt menfchlich begreiflig und unter der Einwirkung
 des Krieges befonders verftändlidh, namentlich
aud) angefichts der Großzügigkeit oder jagen wir ruhig
Der[hwendung, mit der anfangs den Erwerbslojen hohe
Unterftübungen gewährt wurden. Aber man follte jebt
aud) mit der Behauptung aufhören, daß Ausnugung der
monopolijtiidhen Stellung, Ausbeutung weiter Bevölterungs[dhichten
 nur eine Sache der „Kapitaliften“ fei. Alle
Monopolbildungen find dazu imitande, und um fo mehr,
je mehr fie dur den Befig der politijdhen Macht geftärkt
werden. Mag auch den Arbeitern die Bildung einer
monopolijtijdjen Organifation {Hwerer fallen, fo wenden
Siefmann, Kartelle und Aruflts. 4. Aufl. 19
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        146 111. Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
fie doc die Lieferungsfperrten mit ihren Streiis fehr viel
tigorofer an, als es die Unternehmer jemals vermocht
haben.
Zeßt wurden die Arbeiterforderungen immer mehr
das treibende Moment bei den Preiserhöhungen. Die
Arbeiter der Staatsbetriebe mit ihren Lohnerhöhungen
und die Erwerbslojenunterftügungen wurden ein Hauptgrund
 für die ungeheure Papiergeldvermehrung, die dann
einjeßte, alle Preife in die Höhe trieb und zu immer weiteren
 Sorderungen auf Lohnerhöhung Deranlajjung gab,
was dann die meijlten Preife weiter fteigerte. Die Behauptung,
 daß die Arbeiter nur beftrebt gewejen feien,
höhere Löhne entjprehend der Steigerung der Lebensmittelpreife
 durchzufjeken, geht 3u weit. Denn mit der
doktrinären Einführung des Achtjtundentages zu einer
Zeit, wo nur angeftrengtejte Arbeit die Lebensmitteltnappheit
 überwinden konnte, find doch fie an den hohen Preijen
jelbjt mitjhuldig. Andererfeits find fie als einflukreichfte
Partei in der Regierung aud) an der gewaltigen Notenvermehrung
 mitjquldig, die vor allem Lohnzahlungen
diente und fo ftark preisfteigernd gewirkt hat. Und [Aließlid
 ftehben Lohnerhöhungen und Preiserhöhungen natürli
 in Wechfelwirkung; die Koften der Robhftoffe beitehen
vor allem in Löhnen.
Selbftverftändlidhh wollen die befiglojen Schidhten audh
leben, während die Befigenden heute ihre Erfparnifje
aufzehren fönnen. Aber niemand wird leugnen, daß heute
die Lohnforderungen einiger Arbeitergruppen, verglichen
mit den CLeijftungen und den Löhnen anderer Arbeitergruppen,
 über das Notwendige und heute Durchführbare
hinausgehen. Insbefondere die Arbeiter der Staatsbetriebe,
an ihrer Spige die Eijenbahner, haben es fi zunuße gemacht,
 daß die heutige Regierung den Lohnforderungen
nicht entgegenzutreten vermag. Geht die Entwidlung fo

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5. Die Wirkungen der Kartelle in und nad) dem Weltkriege. 147
weiter, fo werden die Arbeiter nichtjtaatlidjer Unternehmungen
 notwendigerweife häufig in viel ungünftigerer
Cage fid) befinden, da hier die Unternehmer im lebten
Grunde doch auf Rentabilität jehen müffen und, wenn
fie nicht erreidht werden Iann, am Ende ihre Betriebe
Ioließen müffen. Das wird wohl dazu führen, daß immer
weitere Kreije den Dorzug genießen wollen, den Staat
zum Arbeitgeber zu erhalten. Der Ruf nach Sozialifierung
wird fich aljo verftärfen, nicht weil man in ihr eine beffere
Wirtjhaftsform erblidt — daß das unter den hHeutigen
Derbhältniffen, von einigen Ausnahmen abgefehen, nicht
zutrifft, wird aud) den verantwortungsbewußten Sührern
immer Harer —, fondern allein vcm privaten Interelfejtandpunkt
 aus, Aber die Arbeiter müßten doch fAließlich
 einjehen, daß, wenn das allgemein durchgeführt it,
fie fi ihre hohen Löhne fchließlich felbit zahlen müffen, d. h.
fie werden dem Staate an Steuern leiften müffen, was
fie von ihm als £ohn empfangen.
Aber es wäre ganz verkehrt, zu behaupten, daß nur
die Arbeiterfoalitionen oder einige von ihnen ihre Macht
unumjdhränit ausnußen und die Allgemeinheit ausbeuten.
Die Lage der privaten Unternehmungen diejen Derhältniffen
gegenüber ijt-ebenjo verfchieden wie die Machtpofition
der Arbeiter felbjit. 100 gut organifierte Kartelle bejtehen,
 wie in der Schwerinduftrie, mandjen Zweigen der
Indujtrie der Steine und Erden, der Papier- und Tertilinduftrie,
 da Können die Unternehmer nad bekanntem
Mujter unter Ausnugung der Wareninappheit und beim
Export unfjerer unterwertigen Daluta alle Lohnfordetungen
 der Arbeiter [djlaniweg bewilligen und fid bei
ihren Derfaufspreijen mehr als fqhadlos halten, Man
fann da heute geradezu von umgekehrten glei:
tenden Lohnfkalen [predjen. War früher, als die
Unternehmerfoalitionen mächtiger waren, vielfad) das
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        148 III Kapitel. Die Wirkungen der Kartelle auf die Abnehmer.
Beftreben vorhanden, zur Aufrechterhaltung des fozialen
Sriedens die Arbeitslöhne den Derkaufspreifen anzupalfen,
jo werden jebt die Dertkaufspreije vom Kartell einfach
den fortgefeßten Lohnforderungen entiprechend erhöht.
Arbeiter und Unternehmer finden fihh dabei zur Ausbeutung
 der legten Konfjumenten zujammen. Cs ijt der
Zujtand eingetreten, den ih [hon in den früheren Auflagen
diefes Buches als Solge der monopolijtilden Dereinigungen
vorausgejagt habe, daß ich Arbeiter und Unternehmer
gemeinjam gegen die legten Konfumenten wenden würden.
Auf Seite der Unternehmer bedarf es dabei, wie f{hon betont,
 oft gar nicht der Koalition; bei der jtarken Nachfrage
ijt der einzelne Unternehmer feinen Abnehmern gegenüber
 oft audz Monopolijt. So kommen die hohen Dividenden
 unferer Attiengefelljhaften 3zuftande, die aller:
dings durch mande Riefjengewinne privater Unter:
nehmungen, vor allem im Handel, noch weit in den Schatten
geftellt werden. Übrigens beiteht aud) in diefer Hinficht
fein prinzipieller Unterfchied zwilchen fapitaliftildjen und
nichtfapitalijtijdhen Erwerbstätigkeiten. Hochqualifizierte
Seiftungen erzielen bei entfpredjender Nachfrage eben:
jolde Monopolgewinne.
Aber in der Tat hat die Knappheit an den meilten
Waren den Produzenten und Händlern und ihren Organijationen
 in vielen Erwerbszweigen die Möglichkeit
gegeben, nody eine Nachfriegs- oder Zujammenbruchs-Fonjunitur
 auszunußen. Namentlich in der Erportinduftrie
war das der Sall, wo der Dalutajturz fo lange zu rieligen
Gewinnen führte, bis die Koften für Materialien und
Arbeitsiräfte fi dem angepakt hatten. Ein gering:
fügiges Steigen der Daluta warf dann diefe Indujtrie über
den Haufen und brachte hier und überall, wo die Preije
aufs rücfichtslofejte in die Höhe gefeßt worden waren
(Leder, Papier ujw.), Abfagitodungen, die im Augenblid,
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|. Entwidig. monopol. Dereinigungen außerhalb Deutfchlands. 149
wo wir dies f[Ahreiben (Mai 1920), wohl den Anfang einer
tiefgreifenden Krifis bilden, die au den Geld- und
Kapitalmarit bald in ihren Bereich ziehen wird. Die
monopoliftiiden Dereinigungen, einjchließlidy der vom
Staat geregelten (Kalijyndikat), haben hier Itart an der
Ausnugung der Konjunktur mitgewirkt, und diesmal nicht,
wie hie und da in normalen Zeiten, im Sinne einer
beiferen Ausgleihung der Schwankungen, f[ondern auf
Grund der befonderen Derhältniffe eher verfhärfend. Das
mit dem Steigen der Preife jtarf gewachfene Kapitalbedürfnis
 wird auch der Sujions- und Truftbewegung
immer neue Antriebe verleihen. Anfäke find jebt fchon
namentlich in Jnduftrien mit Kontingentierter Produktion,
Brennereien, Spiritus, Zuder, zu verzeichnen, Daß nach
alledem und auf Grund der politijdhen Derhältnifje der Ruf
nad) „Soszialifierung” heutzutage befonders laut erf{challt,
joll uns in den beiden legten Kapiteln no bejhäftigen.

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IV. Kapitel.

Die amerifanijden Trujts,
1. Die EntwidIung monopolijtijdher Dereinigungen
außerhalb Deutjhlands,
Das Beitreben der Unternehmer, den Konkurrenziampf
durch Dereinigungen zu befeitigen und dadurch ihre wirt-Ichaftlidhe
 Lage zu verbefjern, hat in allen Ländern Bedeutung
 erlangt, in denen die Großinduftrie eine höhere
Entwidlung erreicht hatte. Aber unter dem Einfluß bejonderer
 Rechtsverhältnijfje und andersartiger wirt[haftfidher
 Anjhauungen find die Dereinigungsformen dort teilweife
 andere gewefjen wie bei uns,
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        150 IV. Kapitel. Die amerifanijdhen Trufts.

Die größte HAhnlichtkeit mit den deutjdhen Derhältnijfen
weift die Kartellbewegung in Öfterreich auf, und das
meiflte, was wir bisher über die deutfhen Kartelle gejagt
haben, gilt aud) für Ölterreih-Ungarn. Nur fteht die Srage
des ftaatlichen Eingreifens dort auf einem anderen Rechtsboden,
 wovon wir im legten Kapitel noch fpredhen werden.
Die Kartellbildung ift aber im Derhältnis zu der geringeren
induftriellen Entwidlung des Landes dort ebenfo weit vorgefchritten
 wie bei uns, und fehr viele öfterreichifhe Kartelle
ftehen auch mit den entipredhenden deut/hen in Beziehung,
[ofern fie nicht überhaupt beide Länder umfalfen.
Nächft Öfterreidh-Ungarn dürfte Belgien die meilten
Kartelle in unjerem Sinne befißen. Sie find auch) meift
nach deutjdhen Dorbildern gefhaffen worden, und auch hier
jitanden vor dem Kriege viele mit den ent/prechenden
deutidhen Kartellen in Derbindung. !)
Derhältnismäkig weniger als in den genannten Ländern
find die Kartelle in Srtankreich entwidelt. Immerhin
gibt es auch hier, namentliqh in der Eijen- und Kohlen:
induftrie, in der die Anfänge dazu bis in die 40er Zahre
zurüdgehen, ferner in der hemifjdhen, der Glas- und Porzellan-,
 der Zuder-, Seifen-, Detroleum-, Knopf-, Papierinduftrie,
 auch) in einigen Zweigen der Tertilinduftrie, eine
Reihe mehr oder weniger feit gefchlofjener Derbände. Es
ijt far, daß die verhältnismäßige Stagnation der franzöjijhen
 Indufjtrie den monopoliltijiden Zujammenfchluß
erleichterte. Auch hier [tanden mandhe mit den deutfchen
Kartellen in Derbindung und hatten den deutfhen Wettbewerb,
 defjen Drug ein fo jtarfer Anlaß zum Weltfriege
war, durch Dereinbarungen geregelt.

1) Über das Kartellwefen Belgiens eriftiert in franzöfiichet
Sprache das eingehende Werk von de Leener: Les syndicats
industriels en Belgique, 2. Auflage.
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1. Entwidlg. monopol. Dereinigungen außerhalb Deutfdlands. 151
3n manden diefer Kartelle, namentlid in der Eijenindujtrie,
 wird jebt wohl Srankreich, in anderen, 3. B. in
der Glasinduftrie, wohl Belgien die Sührung übernehmen,
nachdem wichtige deutjhe Werke in ausländilhen Beliß
übergegangen find. Wie fo vielfach wird man da deutjche
Tatiraft und Talente für ausländiiche Kapitalilten einipannen,

Selbit in weniger induftriell entwidelten Ländern fehlt
es heute nicht an Kartellbildungen. Hier brauchte man eben
biefjes Mittel nicht erft zu erfinden, jondern man folgte einfadz
 dem von den großen Induftrieftaaten, vor allem von
Deutfchland, gegebenen Beifpiele. So gibt es Kartelle in
Ungarnu. a. für Kohle, Eifen, Spiritus, Mineralwaffer,
Kohlenfäure, Petroleum, Karbid, Soda, Bier, Leim, Sarben,
Borar, Weinfäure, Gerbftoffe, Magnefit, Düngemittel,
Zündhölzer, Kerzen, Kaffeerfaß, Jute, Wirkwaren, Leder.
In der Schweiz gibt es Kartelle in der Seiden-, Baumwoll-,
 Stiderei-, Särberei-, Kalf-, Samt-, Granit-, Ziegel-,
Mühlen-, Mildh-, Schofoladen-, Ejfig-, Papier-, Hol3zwolle-,
 hemifcdhen, Brauerei-, Elefktrizitäts-, Uhren-, Kabel-,
Kaut[hukf, Aluminium-, Zement, Silm-, Gerberei-,
Bierinduftrie; in Ztalien (namentlih in der Eifjen-,
Zuder-, Papier-, Marmor-, Baumwoll-, Schwefel-,
Dünger-, Seiden-, Spiritus-, Mühlen-, Glasinduftrie); in
Spanien (in der Zuder-, dqhemifjdhen, Schwefelkies-,
Eijen-, Kupfer-, Glas-, Spiritus-, Salz-, Papierinduftrie);
in den [kandinavifhen Ländern (namentlid
für Produkte der Holzinduftrie, für Eijenerz, Molybdän,
Kupfer, Zement, Kalfitein, Granit, Glas, Zelluloje, Papier,
Torf, Soda, Spiritus, Dünger, Sleifjdy, Mehl, Schokolade,
Margarine, Kohlenfäure, Teer, Blech, Baumwolle, Tertilwaren,
 fowie in der Schiffahrt); in Bulgarien (für
Spiritus, Rofenöl, Tabak); in Rußland (in der Kohlen-,
Eijen-, Kupfer, Zement-, Zuder-, Zündholz-, Tabat-,
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        152 IV, Kapitel. Die amerifanijdhen Trufts.

Salz-, Spiritus- , Spiegelglas= , Papier-, hemifden, Zell
Hoffe, Knöpfe-, Petroleum-, Leim-, Gumimi-, Ajbelt=, Tuch-,
BaumwolNinduftrie, in der Kattundruderei, Buchdruderei,
Heritelung Landwirtjchaftliher Mafjchinen); in Rum ä:
nien (für Petroleum, Kalf, Dapier, Drahtitifte); in
Portugal (für Baumwolle und Mehl); in Ägypten
(für Zuder); in Japan (für Seide, Baumwolle, Tee,
Kohle, Zuder, Zündhölzer, Bier, Papier, Zelluloid, Öl,
Schiffahrt); in der Türkei (für Zuder, Smyrnateppiche,
Kolonialwaren); in Kuba (für Zuder); in Argentinien
 und Brafilien (für Zündhölzer); in Chile
(für Salpeter); in Mexiko (für Zuder und Hanf) uf[w.
Am meiften verfchteden von den deutjhen Zuftänden
hat fi die Entwidlung monopoliftijder Dereinigungen
in England und in den Dereinigten Staaten
von Amerika vollzogen. Zwar hat es in England [hon in
den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts richtige Kartelle im
Kohlenbergbau gegeben, und auch in der erften Hälfte des
19. Jahrhunderts find derartige Organijationen in einzelnen
Gewerben, fo im Derfiherungswefjen, im Kupferbergbau,
im Buchhandel und bei den Eijenbahnen, gelegentlich zu verzeichnen.
 Aber fie find lange Zeit vereinzelt geblieben, und
die Entwidlung hat hier im allgemeinen eine andere Richtung
genommen. Die Gründe dafür find: 1. daß die englijdhe Gejeggebung
 und Rechtiprechung weit ftrenger als in anderen
Ländern Dereinigungen zur Einfhräniung der Gewerbe:
freiheit (in restraint of trade) befämpfte, 2. die individuafiftijhen
 Anfdhauungen des englijdjen Unternehmertums,
die im Zujammenhang mit der englijhen Doliswirtjdhaftslehre
 von jeher die freie Konkurrenz als den einzigen natürlien
 Zuljtand des Wirtfhaftslebens anfahen. Diefe Anjhauungen
 wirkten audy dann hemmend auf die Bildung
monopolijtijdher Organijationen, wenn fie nur von einem
Teile der Unternehmer vertreten wurden, ein anderer Teil

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1. Entwidlg. monopol. Dereinigungen außerhalb Deutjcdhlands, 153
aber monopolfreundlich war. 3. Das Sehlen der Schugzölle,
das auf diefelben wirtfhaftspolitijdhen Anjdhauungen zurüdgeht
 und, wenn auch nicht die Bildung von Kartellen überhaupt,
 fo doch die Ausnukgung einer befonderen, durch
Zölle gefhaffenen Dorzugsfjtenung im Inlande erfchwerte.
4. Seitdem die Konkurrenz anderer Staaten mächtig geftiegen
ijt, fommt auch der Umjftand in Betracht, daß die englien
 Indujtrien nicht nur des Sreihandels wegen,
jondern aud) wegen ihres Standortes in der Nähe des
Meeres und wegen des Sehlens eines großen, ein natürliches
Abfaßgebiet darftellenden Hinterlandes ausländijhe Konfurrenz
 mehr zu fürchten haben als 3. B. die entipredhenden
deutfchen Unternehmungszweige.
Immerhin gibt es und gab es eine ganze Anzahl von
Kartellen in England, fo in der Kohlen-, Eijen-, Tertil-,
Zement-, Porzellan-, Tapeten-, hemifhen Indujtrie. !)
Aber es find dies meift ganz Iofe Preis- und Produtktionsfartele
 von nur vorübergehendem Beftand gewefen. CErit
in neuerer Zeit hat ih das GewinnverteilungsfarteIl
 (pooling) in England ftärfer entwidelt, in der
Sorm, daß ein Dertrauensmann, meift ein Mitglied der
großen Bücherrevifionsfirma, chartered accountants, auf
Grund feiner Büchereinjicht bei allen Sabrikanten eine
Kontingentierung aufftellt, deren Ergebnis einem jeden
mitgeteilt wird. Ende jedes Monats muß jede Sirma
dem Gejhäftsführer Angaben über ihre Produktion und
den Abjaß machen; diefer vergleicht fie mit dem Kontingent
 und teilt jedem mit, ob und wieviel er feine Quote
unter- oder über[hritten habe. Im legteren Sale hat
er beftimmte Summen in den pool einzuzahlen, im erfteren
erhält er bejtimmte Anteile daraus, die aber erft am
Jahresende wirklich verrechnet werden.
4 Siehe jeßt den Report von 1918 und den eingehenden
Bericht darüber in der Kartellrundihau 1919 und 1920.
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        154 IV. Kapitel. Die amerifanijhen Trufts.

Doch war eine dauernde Monopolifierung in der Regel
nur da möglich, wo es gelang, alle oder den größten Teil
der beteiligten Unternehmer in einer einzigen
Unternehmung 3zujammenzufaffen, fie ihrer Selbjtändigkeit
 zu berauben und eine mon OP Oo Tijtifche
S$ufjion an ihre Stelle zu Jegen. Dies ijt in manden Induftrien
 gefhehen, teilweije in Joldjen, in denen [ich frühere
Kartellverjuche aus den ge[hilderten Gründen nicht bewährt
hatten, fo in der Salz-, der Soda-, Tabat-, Wolmlfärberei-,
Wollfämmerei-, Zeugdruderei-, Zement-, Tapetenindultrie.
Eine andere Sorm, den Unternehmern die Dorteile monopoliftiidher
 Beherrichung des Marktes zu verfchaffen, hat der
Birminghamer Sabrifant 3. €. Smith in den fogenannten
Allianzen gefunden. Es waren dies Dereinbarungen
zwifhen einem Unternehmerverband und dem Gewertperein
 der Arbeiter, die auf dem „ausfhließliqhen
Derbandsverkehr“ beruhten ([. oben Kap. II),
indem die Arbeiter fih verpflichteten, nur für Mitglieder
des Kartells zu arbeiten, während die Unternehmer die Derpflitung
 übernahmen, nur Mitglieder des Gewerkvereins
der Arbeiter zu befchäftigen, und ihnen gleichzeitig Lohnerhöhungen
 entjpredjend der Steigerung der Kartellpreife
zufidherten. Wenn alle Arbeiter im Gewerfverein waren,
{o waren die fartellierten Unternehmer dur einen [oldhen
Allianzvertrag vor dem Auffommen neuer Konkurrenz in
vorzüglidher Weife gefidhhert und ihre Monopolftelung alfo
fehr feft. Tatjächlid) gelang es aber doch neu auffommenden
Unternehmen häufig, fremde Arbeitskräfte heranzuziehen,
und diefe Allianzverbände, die zeitweife in der Bettfitellinduftrie,
 in der Slafchenfabrikation, in verjhiedenen
Zweigen der Tonwareninduftrie beftanden, haben ich nicht
halten fönnen.
Es ijt übrigens darauf aufmerfjam zu machen, daß,
wenn auch monopolijtiidhe Dereinigungen in England im

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        1. EntwidIg. monopol. Dereinigungen außerhalb Deutfchlands. 155

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Derhältnis zu feiner alten und vorge[hrittenen indujtriellen
Entwidlung eine geringere Rolle fpielen, doch die fonjtigen
Tendenzen zur Weiterbildung der Unternehmungsformen
(Sufionen, Kombinationen u. dgl.), von denen fpäter die
Rede fein wird, auch dort eine große Ausdehnung gefunden
haben. Namentlich feit dem Kriege hat fih die Tendenz
zum Zujammenfchluß auf den verfhiedenjten Gebieten
und in den verfhiedenften Sormen fjehr ausgebreitet, und
die engliihe Induftrie ift eifrig beftrebt, es den deutjhen
und amerifani[djen Dorbildern gleichzutun.
Wieder etwas anders als in England ift die Entwidlung
monopoliftijdher Dereinigungen in den Dereinigten
Staaten von Amerifa vor lid) gegangen. Auch
dort wurden feit den 70er Jahren in verfhiedenen Gewerben,
 namentlidy aber bei den Eijenbahnen Derjuche
gemacht, durd) Dereinbarungen die Konkurrenz zu befeitigen.
Bejonders Gewinnverteilungskartelle, die fogenannten
Pools, [pielten zeitweilig im Eijenbahnwefjen eine erhebliche
 Rolle. Aber diefe Kartelle hatten noch weniger Beftand
als in England, weil die Gefeggebung und Rechtjpredhung in
den Dereinigten Staaten teilweife noch [härfer als in England
den Standpunkt voller Gewerbefreiheit verteidigte und alle
Belchränkungen für ungefeblich erflärte. Da infolgedefjen alle
dahingehenden Dereinbarungen nicht Nagbar waren, wurden
fie von den in diefer Beziehung fehr frupellofen Amerikanern
umgangen, [obald einer feinen Dorteil darin fjah. Immerhin
gibt es aud) heute noch eine nicht geringe Anzahl von
Kartellen, die die großen Unternehmungen miteinander abgejchloffen
 haben, allerdings in ganz lojer Sorm, ohne rechtlie
 Erzwingbarkeit und daher auch meift ohne längeren
Beftand (fog. Gentlemen agreements). Eines der wicdhtigjten
 und dauerndften ijft das Schienenfkartell,
Man juchte aber nach einer anderen, rechtlich geficherteren
Sorm des Zujammenfchluffes und fand fie [Aließlich in der
        <pb n="171" />
        156 IV. Kapitel. Die amerifanijden Trujts.
Trultinfitution des englijden Rechtes, der Derwahrung
 dur Treuhänder. Der Truft hat den
Zwed, die Derwaltung und Derfügung, aber nicht das Eigentum
 über irgendeinen Dermögensgegenijtand einem Derwalter,
 trustee, Treuhänder, zu übertragen. Diefjes altgermanijdhe
 Rechtsinjtitut des Treuhänders wird in England
 und Amerika feit Iangem in großem Umfang für die
Derwaltung fremden Eigentums benußt, [o für Dormund-{chaften,
 Dereinsvermögen, Konfiursmalfen und dergleichen.
Neuerdings ijft das Inftitut der Trujtees namentlich auch für
die Dertretung der Obligationeninhaber von Eijenbahnen
und anderen Gefellfjdhaften viel angewendet worden, und
für diefen Zwed hat auch das moderne deutjhe Recht mit
den Treuhändern zur Dertretung der Rechte der Pfandbriefgläubiger
 bei den Hypothekenbanken diefes altdeutiche Rechts:
inftitut wieder neu eingeführt.
3n Amerika hat man fhon feit der Mitte des 19. Zahrhunderts
 angefangen, für foldje Treuhandzwede befondere
Aitiengefell] haften zu errichten, die fog. Tr u | -
Companies, die zuer[t mit dem Derficherungsge[häft
eng verbunden waren. Da fie Dermögensverwaltungen
führten und dabei große Kapitalien empfingen, entwidelten
fie fid aNlmählih zu Depofitenbanfen. Während
die anderen amerikanijdhen Banken (National und State
Bands) in ihrer Gef{chäftstätigfeit durch die Gefeggebung f{tarf
befchränit waren, fonnten fi diefe Trujftbanfen frei entwideln
 und dehnten ihre Tätigkeit fHließlich auf Geld- und
Kreditgef[häfte aller Art aus, ausgenommen die Notenausgabe,
 die den Nationalbanien vorbehalten ift. Die Treuhandfunktion
 ift aljo heute nur ein Teil der Tätigkeit diefer
Banfen.
Ein findiger Advokat, S. C. T. Dodd, fam nun im Jahre
1881 darauf, das Rechtsinftitut der Treuhand, des Trult,
das für andere Zwede fhon fo verbreitet war, dazu 3U

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        L. Entwidlg. monopol. Dereinigungen außerhalb Deutidhlands, 157

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verwenden, in der Petroleuminduftrie eine einheitlidhe
 Derwaltung durchzuführen. Hier hatte zwar fhon
früher ein einzelner Mann, 3. D. Rodefeller, die
Herrfchaft in diejem Gewerbe an fih gebracht bzw. der von
ihm geleiteten Gefelljchaft die Oberhand verjhafft. Aber erit
die Errichtung des Standard Oil Truft ermöglichte ihm
und feinen Derbündeten eine wirklih dauernde Monopoljtellung.
 Die Attien der fämtlidhhen eintretenden Unternehmungen
 wurden einem Komitee, dem Board of trustees,
an deffen Spike Rodefeller ftand, überliefert, das dafür
Truftzertififate ausgab. In diefer Weife wurden im Laufe
der 80er Jahre noch einige Trufjts, fo namentlid in der
Zuder- und Spiritusinduftrie, gegründet,
Das amerifanij{dhe Wirtjchaftsleben fühlte bald die Wir-(ungen
 diefer neuen monopoliftijdhen Dereinigungen. Man
merfte, daß die [heinbar felbjtändigen Unternehmungen von
einem einheitliqhen Wilnen geleitet wurden, und daß die
Konfurrenz zwijden ihnen befeitigt war. Das Dunkel, in
das die Trujts gehüllt waren, trug viel dazu bei, die öffentche
 Meinung ihnen gegenüber mißtrauijdh zu maden,
Bald aber ftellte es fid) heraus, daß auch die Mittel, die die
Trujtgründer anwendeten, um zum Ziele zu fommen, häufig
jeht gewalttätiger Natur waren, daß rücjichtslojes Niederfonfurrieren,
 Beftehungen, unlautere Macdenjhaften verichiedener
 Art bei ihnen eine Rolle fpielten. Mehrere
Unterfudungen, weile über die Wirkffamfkeit der Trults
angeftellt wurden, führten [Aließlidh in einer ganzen Anzahl
Staaten der Union zu Antitrufjftgefeßen. Die drafonijdhen
 Beftimmungen in den meiften derfelben, die zum
Jeil jede größere Derfhmelzung unmöglich machten, hatten
aber praftijcdh gar feinen Erfolg. Nur die Trujtform mußte
aufgegeben werden, man fand aber bald andere Wege, das
Ziel doc zu erreiden. Einige Trults, {jo der Zuder» und
Spiritustruft, bildeten fich im Wege der volitändigen
        <pb n="173" />
        158 IV. Kapitel. Die amerifanijdhen Trujts.
Der{dhmelzung, der Sufion, 3U einer einzigen
SGefjellfhaft um, d. h. die betreffenden Unternehmungen
 gehen alle in einer einzigen derart auf, daß fie
als befondere wirtjhaftlidhe Organijation aufhören 3zU
erijtieren. Die meiften aber nahmen in neuerer Zeit nach
verfchiedenen Derfuchen die Sorm der jogenannten 5 o1-dingCompany,
 einer KontrollgefjellIfhaft,
wie wir es nennen fönnen, an, d. h. die Gefelljhaft erwarb
alle oder dody die Mehrheit der Aftien fämtliher zum Trult
gehörender Einzelgejelljhaften. Die Leiter der Holding
Company beherrichten damit die fämtlihen Untergefelljchaften,
 die daher nicht, wie bei der Sufion, zu eriftieren
aufhören, Jondern nur in der KontroNlgefellidhaft durd deren
Befiß ihrer Effeiten finanziell zufjammengehalten
 werden. Ermöglicht wurde die Bildung
joldher Gefellfchaften dadurch, daß einige Staaten das
jcharfe Dorgehen anderer gegen die großen Korporationen
nicht mitmachten, vielmehr der hohen Gebühren wegen die
Gründung von foldhen möglichjt zu erleichtern fjuchten.
In der Rechtsform des Trults eriftierten jeßt die großen
Dereinigungen nicht mehr, aber in wirtfchaftlidher Hinficht
waren die Wirkungen genau die gleichen, und das Wort
Truft wurde daher, außer in dem offiziellen Namen der
großen Gefellfjchaften, überall beibehalten.
Während aber die urfprünglidhen Trujts alle zu MoNOpolijtijgen
 Zweden gefchlofjen wurden, ijt das bei den
Bildungen, die man jebt als Trujts bezeichnet, Fänglt nicht
mehr immer der Sall. Es fönnen fih audy mehrere Unternehmungen
 zu einer Gefjelljchaft zujammenjhließen, ohne
daß dabei monopolifjtifcdhe Zwede in Betracht Lommen,
nur um die gegenfeitige Konkurrenz zu befeitigen und durch
Derbilligung der Produktionsfoften defto beffer gegen Dritte
fämpfen zu fönnen. Ebenfo Kann fih eine Holding Company
 auch bilden, nur um einige Unternehmungen eines

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        2. Wejen und Entjtehung des Trults, 159

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Gewerbes in diejer Sorm zujammenzufjhließen, alfo ohne
monopoliftiiden Zwed, Beides ift auch entfpredhend der
Tendenz zur Bildung großer, einheitlid) geleiteter Unternehmungen
 und Intereffengruppen in größtem Umfang geidehen,
 und die meijten der heute fogenannten Trults
itellen daher feine monopoliftijdhen Organijationen dar,
fönnen aljo aud) mit den Kartellen, weldhe ftets foldhe find,
nicht veralihen werden.

2. Wefen und Entjtehung der Trults.
Wir haben alfo zwei ganz voneinander verfhiedene Entwidlungsreihen
 3u unterfheiden, die in den Trufjts 3zujammentreffen:
 1. Die Bildung vertragsmäßi ger
monopoliftijdher Dereinigungen, Kartelle. 2. Die finanzieIlle
 Zujammenfajjung mehrerer Unternehmungen 3u
einer einzigen, die wieder a) in Sorm der Sufjion, bei
welcher die früheren Unternehmungen als joldhe fi auflöfen,
 d) in Sorm der Kontrollgefellfchaft, bei
welcher die Mehrheit ihrer Effekten durch eine einzige neue
Sefelljchaft erworben wird, erfolgen kann.
Diefe Sufionsunternehmungen und KontroNlgefellfjdhaften
brauchen nicht monopoliftijder Natur zu fein; fie fönnen
nur einige wenige der miteinander fonkurrierenden Unternehmungen
 3ufjammenfajfen. Wenn aber eine joldhe Gejellfchaft
 den größten Teil der vorher Ionkurrierenden Unternehmungen
 in der einen oder anderen Sorm vereinigt hat,
[jo daß die Sufionsunternehmung oder Kontrollgefellfchaft
eine monopoliftijde Stellung hat, fo ift eine foldje Gefell-[haft
 auch gleichzeitig die denkbar fejitefte Stufe
dermonopolifti[dhen Dereinigungen überhaupt.
 Die Konkurrenz wird dann nicht befeitigt durch
bloße Dereinbarungen, Derträge, wie bei Kartellen, jondern
        <pb n="175" />
        160 IV. Kapitel. Die amerilanijdhen Trufts.

das bei jelbitändig bleibenden Unternehmern immer nod)
vorhandene individuelle Gewinnintereffje, das in den einem
anderen Unternehmer zufallenden Aufträgen {tets einen
entgangenen Gewinn für fih jelbit erblidt, verfjhwindet,
Im Gegenfjag zu den Kartellen, die auf rein ver tragSsmäßiger
 Grundlage beruhen, ijt aljo hier eine Monopoljtellung
 auf Grund einer Bejiggemeinfqaft ge
jchaffen, die, wie wir nod) zeigen werden, öfonomij[che Wirfungen
 viel intenfiverer Art herbeizuführen vermag als die
[ojere und fompliziertere Organifjation der Kartelle. Das
rechtfertigt es aber, diejen über die Kartelle hinausgehenden
Monopolorganifationen einen bejonderen Namen zu geben,
und man hat fi in Deutjdhland gewöhnt, derartige Monopolgefelljdhaften,
 die in den beiden gefchilderten Sormen aus
der Dereinigung mehrerer Unternehmungen ent{tanden find,
im Binblid auf Amerika, wo folde zuerft und in größter
Zahl fich gebildet haben, als „Trujts“ zu bezeichnen. Im
Gegenjaß zum Kartell, das immer eine bloß veriragsmäßige
Dereinigung 3zwifhen fjelIbjtändig bleib enden
Unternehmern darjtelit, ijt aljo der Trufjt je bt eine
Unternehmung, der Zujammen[dluß mehrerer Unternehmungen
 3u einer einzigen mit monopolijtilhem Charafter.
 Will man {id jedoch wiffenjdhaftlidh Har und KLorreft
ausdrüden, jo tut man beffer, das Wort „Truft“ zu vermeiden,
 und wird je nach der Art des Zujammenfcdlujfes
von monopoliftijher Sufion oder monopoliltiicher Kontrollgejellfihaft
 fprechen.
Woher kommt es aber, daß man auch Derfhmelzungen
ohne monopolijtijden Charakter Trujts nannte, wo dod)
ihre Wirkungen ganz andere [ein mußten als bei den uriprünglidjen
 monopoliftijden Trujts? Das ijt leicht erfärlih.
 Ein Kartell ohne Monopolitelung ift nichts, if
eine Dereinigung, die nur auf dem Papier fteht. Eine Dereinigaung
 mehrerer Unternebmungen durch eine Sufion oder

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        2. Wefen und Entijtehung der Trults, 161

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in einer Kontrollgejelljdhaft hat aber fjehr wichtige öfonomijdje
 Wirkungen nach außen hin auch dann noch, wenn
fie feine monopoliftifjdhe Stellung hat. Die wichtigften öfonomijdhen
 Wirkungen der amerikanifdhen Trufts liegen nun
überhaupt niqht auf dem Gebiete des
Monopols, fondern auf dem der Gründung,
Sinanzierung und Derwaltung der großen
Gefellfhaften, find aljo auch dann vorhanden, wenn
eine Joldhe Gefjelljhaft gar feine monopolijtifde
Stellung hat. Das ift, wie gejagt, bei den meiften
Jogenannten Trufis in Amerika der Sall. Es ift kein Zweifel,
daß die Entwidlung zu Monopolorganifationen bei uns
weiter vorgefchritten ift als in Amerika, daß in einer größeren
Zahl von Indujtriezweigen bei uns die Konkurrenz mehr
befeitigt oder [tärfer einge[hränit ift als in den Dereinigten
Staaten. Dagegen ijt troß aller Sufionen und Kombinationen,
 die, wie wir jehen werden, aud in Deutjchland in
neuerer Zeit vorgefommen find, die fogenannte Entwidlung
zum „größeren Betriebe“, die Derfhmelzung mehrerer Unternehmungen
 im Wege der Sujionen und Kontrollgefellidhaften
in Amerifa weiter vorgefchritten als bei uns oder in irgendeinem
 anderen Lande. Das ijft von mir fchon feit vielen
Jahren immer wieder betont wurden und wird jekt auch
von anderen Nationaldionomen immer mehr anerkannt.
Die befannten Truftjtatiftifen, wonach 3. B. in den
Jahren 1898-—1901 allein induftrielle Trufts mit einem
Kapital von 3—4 Milliarden Dollars gegründet fein follen,
die amerikanijhen Trufts im ganzen ein Kapital von 3irfa
9 Milliarden Dollars darftellen jollen und dergleichen, find
allerdings mit Dorficht aufzunehmen. An monopoliftilden
Trufts wurden 1900 nur 185 gezählt mit zirfa 1500 Millionen
 Dollars Kapitalwert der Anlagen, Waren, Außenitände
 und dergleichen, worauf aber über 3000 Millionen
Dollars Effeiten ausgegeben waren. Die Zahl der mono-£iefmann,
 Kartele und Trukts. 4. Aufl. 117
        <pb n="177" />
        162 IV. Kapitel. Die amerifanijdhen Trufts.

polifierten Induftrien ijft aljo zweifellos geringer als in
Deutfchland. Im Jahre 1907 follen zirka 250 monopoliftijde
Trufts mit 3irfa 7 Milliarden Dollars (die Amerikaner
jagen Billionen) ausgegebenem Effeltenfapital vorhanden
gewejen fein. Bezeidhhnet man dagegen, wie es der gewöhnlidhe
 Sprachgebrauch oft tut, jede Sujion von Unternehmungen
 und jede Dereinigung von zwei oder mehr Gejellichaften
 in einer Holding Company als Truft, fo ift die
Zahl derfelben natürlich viel größer. In diefer Sorm, alfo
ohne monopoliftijdhen Charakter, hat die Konzen-Irationstendenz
 — das ijt der allgemeinjte und
unbeftimmtejte Ausdrud — in der Tat in den Dereinigten
Staaten fehr großen Umfang angenommen. 1913 [oll es
12000 Holding Companies mit einem Kapital von 10 Milliarden
 Dollars gegeben haben.
Weshalb haben nun, jo wird man fragen, diefe Derihmelzungen
 von Unternehmungen in den Dereinigten
Staaten eine fo befonders große Ausdehnung gefunden?
Die Gründe dafür liegen tief im Charakter der amerifanifjhen
 Doliswirtjdhaft. Dieje hat fi viel tajher entwidelt
 als in den vorgefchrittenen europäijdhhen Staaten.
Während in Europa in Gewerbe und Handel die heutigen
großen Unternehmungen fajt alle aus Heinen Anfängen
entftanden find, find fie in Amerika viel häufiger gleich von
Anfang an in großem Maßftabe gefchaffen worden. Bei
uns in Deutfchland fowohl wie in England, Srankreich, Belgien,
 Öfterreich find heute nod die meiften Unternehmungen
in Privatbefiß, und felbfit wenn fie die Sorm von Attiengefelljhaften
 haben, find auch jehr große Unternehmungen
auch) heute oft in wenigen Händen, find Samilienbe[iß.
Das gilt fjelbft für diejenigen Unternehmungszweige, wo,
abgefehen etwa vom Banf- und Derfidherungswejfen, die
Attiengefellfichaft die größte Derbreitung erlangt hat, {jo von
ber Eifenindujtrie (3. B. Krupp, Gute-Hoffnungs-Hütte,

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        2. Wefen und Entjtehung der Trults. 163

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ferner Stumm, Röchling, Chyffen, De Wendel u. a.). In
Ameriia hat die Gefelljchaftsform eine viel größere Ausdehnung
 für alle Unternehmungszweige erlangt, nicht nur
für die Indujtrie und natürlich auch für das dort ganz
private Transportwejen, fondern auch für den Handel, ja
felbit für die Landwirtihaft und die damit verbundenen
Erwerbszweige. Nun fann man aber bei uns fhon die
Beobachtung machen, daß Aktiengefellihaften viel eher zur
Derjhmelzung mit anderen geneigt find als private Unternehmungen.
 Es fehlt bei ihnen eben das intenfive perfönlie
 Intereffe des privaten Unternehmers an feinem Betriebe.
 Ganz befonders ijt dann eine Angliederung von
SGejelljchaftsunternehmungen an andere leichter möglich,
wenn ihre Effeiten im freien Derfehr find, jederzeit gekauft
werden fönnen. Die häufigjte Sorm der Dereinigung
mehrerer Unternehmungen ijt daher auch die Erlangung
einer Kontrolle über diefelben durch Erwerb der Mehrheit
des Aftienkapitals, Dies wird in Amerika nod) dadurch erleichtert,
 daß dort die Teilung der Aktien in Dorzugs- und
Stammaltien ganz allgemein üblich ift und in der Regel
nur eine diefer Kategorien ftimmberechtigt ijt, fo daß man
mit dem Befig der Hälfte des ftimmberechtigten Kapitals
die ganze Unternehmung fontrolliert.
Sattifdh wird aud) jede amerikanijdhe Attiengefellichaft
durch eine Perfon oder eine vereinigte Gruppe von foldjen
fontrolliert. Dieje Iontrollierenden Perfonen bilden gewöhnlich
 auch zugleich den Derwaltungsrat und die Direktion.
Beides ijt bei den amerikanijden Aktiengefelljdhaften in der
Regel viel weniger [harf getrennt als bei uns die Suntktion
von Direktoren und Auflichtsrat. Der Umftand, daß falt
jedes amerifanijdhe Unternehmen durch eine in der Regel
nur Heine Gruppe Iontrollierender Aktionäre beherr{ht und
geleitet wird, hat fehr große Gefahren und Nachteile für
die Majfe der Heinen Aktionäre. Denn jene Großen nuken
11%
        <pb n="179" />
        164 IV. Kapitel. Die amerifanijhen Trufts.
jtets ihre bejjere und frühere Kenntnis der Derhältniffe des
Unternehmens aus, verkaufen 3. B. ihre Attien rechtzeitig,
wenn ungünftige Erträge erwartet werden, fpekulieren
in den Attien der Unternehmung und haben häufig aud)
deren Erträgniffe und die Kurfe der Attien im Interelje
ihrer Spekulationen fünftlich beeinflußt.
Die Alktiengejeggebung gehört in Amerika zur Kompetenz
 der Einzeljtaaten, und wegen der hohen Gebühren,
die bei der Gründung von Gefelljhaften für den Staat abfallen,
 und unter dem Einfluß mächtiger Sinanzleute und
Gejeljchaftsgrüunder haben manche Staaten die Bildung
von Attiengefelljdhaften fehr leicht gemacht. Es fehlen falt
alle Beftimmungen über Haftung der Gründer, Profpetktveröffentliqung
 und prüfung, welche in Deutfdhland zum
Schube der Aktionäre erlaljen find. Die fo in einem Staate
errichteten Aktiengejelljhaften fönnen dann aber nach den
bundesitaatlihen Gefegen in allen übrigen Staaten Gejchäfte
 betreiben. Diele Sreiheit des Aftienwejens machte
man jih nun nugbar, als es galt, die Konkurrenziämpfe
in verfchiedenen Unternehmungszweigen 3U befeitigen. Die
Hauptform zur Erreichung diefes Zweds ijt, wie gejagt, die
Holding Company, die Effektenhaltungsoder
 Kontrollgefellfhaft. Es ijlt dies alfo eine
Gefjelljchaft, deren gefamter Befiß in Aktien ihrer Untergefelifchaften
 beiteht, indem fie von jeder derfelben mindeftens
 die Hälfte der jtimmberechtigten fAAlktien befißt.
Schon feit den 70er Jahren [ind foldhe Holding Companies
vereinzelt vorgefommen, zuerft, wie es [qeint, 1870 die Pennfulvania
 Company, die einen großen Teil des Befiges-der
Pennjylvania Railroad Company pereinigte. 1880 erwarb
und vereinigte die American Bell Telephone Company die
Effelten einer größeren Zahl von Untergejelljchaften ujw.
Aber erit in den 90 er Jahren wurde diefes Mittel häufiger
angewendet, um mehrere Gefelljchaften unter einheitliche

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minbefißt.

panies
Dennes-der

warb
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iufiget
eitliche

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3. Zwei Beifptele von Kontrollgefelfdhaften. 165
Leitung zu bringen, fo vor allem aud) im CEifenbahnwefen.


Die Truftgefeke der verfchiedenen Staaten wandten [ich
jedoch bald auch gegen diefe Sorm des Zujammenfhluffes
und verboten 3. B. mehrfach überhaupt allen Gejelljdhaften,
Effelten anderer in Befig zu haben. Doch fuchten andere
Staaten im Gegenteil wieder die Bildung folder Kontrollgefellidhaften
 möglich{t zu erleichtern, um fie an fi zu ziehen.
Dor allem nahm die Entwidlung der KontroNlgefjelljhaften
einen ungeheuren Auffdwung, als im Jahre 1893 der
Staat New Jerfey. ein Gefeg erließ, wonach in ihm Gefelljhaften
 errichtet werden dürfen, die nur den Zwed haben,
die Effekten von anderen Gefelljhaften in Befig zu halten
oder Dividenden anderer Gefelljhaften einzujammeln.
Sie müjffen nur ein Bureau in New Jerjey haben, ein
Schild mit ihrem Namen anbringen und einen Bericht einteidhhen.
 Daraufhin wurden zahlloje Gefeljhaften in New
Jerfey Iinkforporiert, die dann in allen anderen Staaten
Sejhäfte machen durften. Es gibt in Jerfey-City Häufer,
in denen über 100 Gefellfhaften ihr Domizil haben und
gemeinfjam irgendeinen Türhüter dort als „Direktor“ anjtellen,
 Wie die obigen Zahlen beweifen, find im lebten
Jahrzehnt Taufjende von „Amalgamations“ und „Combinations“
 von den amerikanifchen Sinanzleuten zur Durchführung
 gebracht worden.

3. Zwei Beifpiele von KontroNlgefeNljdhaften.
Don den jo entjtandenen großen „Trufjts”, die auf den
verfjchieden|ten Gebieten des Wirtfchaftsiebens gefchaffen
wurden, haben insbefondere der Detroleumtruft
und der Stahltru ft aud in Europa die Aufmerkffamtkeit
auf fi gelenit. Erfterer, die Standard Oil Com-
        <pb n="181" />
        166 IV. Kapitel. Die amerifanifdhen Trujts.

pany of New Jerfey, ift eine Holding Company, die
über 60 amerikanijde Gefelljhaften und eine große Zahl
von Derkaufsgefelljhaften in anderen Staaten Iontrolliert.
Sie i{t eine monopolifti[dhe KontroNlgejelljhaft. Denn wenn
fie aud) jelbit in Amerifa Fein abjolutes Monopol hat, fo
fontrolliert fie dod 3iria 90% der amerikanijhen Produktion.
 Sie hat in bewundernswürdiger Weile die Derarbeitung
 und den Abfjag ihrer Produkte in allen Teilen
der Welt organifiert. Sie befißt eigene Bahnen, eigene
Röhrenleitungen, eigene Transportichiffe, hat in allen
Ländern ihre Petroleumtanis und ihre Petroleumwagen,
in vielen eigene Raffinerien. Sie hat überall den Derfauf
entipredjend den befonderen Derhältniffen jedes Landes bis
hinab zum Detailverkäufer organifiert. Sie produziert alle
Hilfsprodukte, alle Säfjer, Kannen, Pumpen, Dejftillierapparate
 felbjt und verarbeitet aud) alle Nebenprodukte.
Mit ihren wichtigiten europäildhen Konfurrenten, den
rulfildhen, rumänijhen, englijchen, niederländijhen Produktionsunternehmungen,
 die felbit zum Teil in großen
Kartellen organifiert find, hat fie von Zeit zu Zeit für die
Derforgung gewijfer Länder geheime Abmadhungen abgefchloffen,
 in anderen Konkurrierte fie mit ihnen durch
ihre Untergefellihaften, von denen die Anglo-American
Dil Company für Großbritannien, die Deut|cdh-Amerikfanifdhe
 Petroleumgefjelljhaft in Hamburg für Deut{hland
die wichtigiten find. Don einem wirflidhen Konfurren3-tampf
 fonnte immer nur vorübergehend die Rede fein.
Auc find die Truftinhaber offenbar an einem großen
Zeile der europäilhen Unternehmungen durch Atktienbeliß
beteiligt (f. unten).
Die Gewinne der Standard Oil Company, die ein
Kapital von 100 Millionen Dollar hat, [ind enorm, weit
höher, als die Dividenden, die öfters zwifchen 40 und 50 %
betragen haben, ausweifen. 1907 follen jie 3zirta 350 Millione


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 beitragen haben. Der Marktwert der Aktien betrug
1913 675 Millionen Dollar. In diejem Jahre wurde der
Zruft durd) Gerichtsurteil aufgelöft, nachdem er {don einige
Jahre vorher zu einer Gelditrafe von 29 Millionen Dollars
verurteilt worden war, die aber nie volljiredt wurde. Er
bildete fi formell in 33 Gefelljchaften um, die aber doch
einheitlich verwaltet wurden; die Umwandlung gab natürlich
zu mancherlei Schiebungen und neuen {pefulativen Sinan3-transaktionen
 Anlaß. John. D. Rodefeller, der Begründer
und Hauptaktionär des Truft, bejaß damals von den 100 MÜillionen
 Dollars Aktien 24,77 Millionen. 16 Perfonen hatten
zujammen die Altienmehrheit, aber fein Befiß war in der
Derwaltung ausjdhlaggebend. Die Gefelljihaft veröffentlichte
 feine Berichte (das ift in Amerika möglich!), aber es
ijt bekannt, daß fie ungeheure Referven angejammelt hat,
bie ein Mehrfades des Aftienkapitals betragen mülffen.
Dieje Mapitalien und ihre riefigen privaten Dermögen
haben die Leiter dazu benußgt, feit langem auf dem New
Yorker Geldmarkt eine ausjhlaggebende Rolle zu fpielen.
Sie haben ferner einen Teil der Gewinne aus dem Petrol(eumge{häft
 dazu verwandt, in anderen Indujtrien umfangreiche
 Beteiligungen zu erwerben, und zwar haben fie fich
namentlich beftrebt, unentbehrlihe Mineralien möglichit
zu monopolifieren. So hat Rodefeller den größten Teil der
wertvollen Eifenerzminen Amerikas (Cafe Superior Conjoliddated
 Iron Mines) an jidh gebracht und war daher eine
der Hauptperfonen bei der Gründung des Stahltrufjts, der
biefe Minen für feine Erzverfjorgung brauchte, So beherrichen
 die Standard-Oil-Leute einen großen Teil der amerifaniidhen
 Kupferproduktion, indem fe die Amalgamated
Copper Company, eine Holding Company, die die größten
Kupferminengefelljhaften befigt, fontrollieren. In neuejter
Zeit hat ihr Einfluß im Petroleumge[dhäft infolge Erftarfens
ihrer größten Konkurrenz, der Königlihh Niederländiihen
        <pb n="183" />
        168 IV. Kapitel. Die amerifanifhen Trufts.
Shell-Gruppe (f. Kapitel V), abgenommen. Die Standard
Oil Company mußte im Jahre 1919 zum erftenmal den
öffentlihen Geldmarkt in Anfpruh nehmen und brachte
dur Morgan, der dafür 1 Million Dollar Provifion erhielt,
100 Millionen Dollar 4prozentige Dorzugsakftien an der
New Yorker Börfe unter. Seitdem it fie au zur Bilanzveröffentlidhung
 verpflichtet. Im Wettiampf mit dem
erwähnten englifjdh-niederländijhen Trufjt fucht fie überall
ihren Befliß von Erdölquellen zu erweitern und hat für
diefen Zwed die International Petroleum Company gegründet.
 Audy find 1919 Preisvereinbarungen mit der
englijd}-niederländijdhen Gruppe auf verjhiedenen Märkten
zujltande gefommen.
Man nennt eine Jolde Zujammenballung fapitalijtifdher
Intereffen in den Händen einer verhältnismäßig Heinen
Gruppe von Perjonen oder Gefellfhaften mit einem heute
beliebten Modewort „Konzern“. Die Standard-Oil-Gruppe
ift aber heute keineswegs mehr der größte Konzern in den
Dereinigten Staaten. Als folcher gilt vielmehr die
Morgan-Gruppe, an deren Spige die Sirma
3. P. Morgan &amp;amp; Co. (jet der Sohn) fteht. Dieje Sirma,
die fi durch Dertretung der englijh-franzöfijdhen Inter
eifen in Amerika und Sinanzierung ihrer amerifanijdhen
Anleihen im Weltiriege ihre Stellung nody gewaltig ver
jtärft und ihre Kapitaliraft enorm gefteigert hat, fol fon
vor dem Kriege nad) den Unterfuchhungen des „United
States Congreifional Committee on Banking and Currency
allein Unternehmungen im Betrage von 22} Milliarden
Dollar, rund Y/, des ganzen Dolisvermögens der Dereinigten
Staaten, Iontrolliert haben. Mit der Sirma find aber
18 andere Gefellidhaften und Privatfirmen eng verbunden,
die zufammen in 134 Gefelljichaften 746 Direktorftellen be:
feßt hatten und etwa 40 Milliarden Dollars Kapital fon’
trollierten. Davon waren 15,6 Milliarden Dollars Induftrieunte


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        3. Zwei Beifpiele von Montrolfigefellfjchaften. 169

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unternebhmungen und fogenannte Public Service Corpora-Hons,
 17,3 Milliarden Dollars Eijenbahnbelig, 4 Milliarden
DoHars Bank und Sinanzgefelljhaften, 14 Milliarden Dollars
Bergwerfs- und Petroleumunternehmungen und 1,3 Mil-[iarden
 Dollars jonfjtiger Befig. Wenn man weiß, was
zine foldje Konzentration des Befiges in Amerika an wirtihaftlidhen
 und vor allem an politijchem Einfluß beheutet,
 muß man fi verwundert fragen, wie die Amertfaner
 von ihrem Lande als einer wahren Demofkratie
iprechen fönnen, mit der fie au andere Dölfer beglüden
wollen.
Während des Weltirieges vertrat das Haus Morgan
in erfjter Linie die englijden Intereffen, brachte die Anleihen
der Allierten unter und fuchte vor allem die amerifani[dhe
Schiffahrt in die Hand zu befommen. Darüber ijt es zu einem
heftigen Kampfe mit der Rodefeller-Gruppe gekommen,
die, wie es fcheint, früher erlannt hat als jene, daß nach
dem Kriege mit Schiffahrtsunternehmungen am meilten 3u
verdienen fei, und deshalb die Aktien des Schiffahrtstrults,
der International Mercantile Marine Company und anderer
Schiffahrisgefellficdhaften zu erwerben fuchte. Die Rodejeller-Gruppe
 hat fih daher auch an den Anleihen der
Alliierten nicht beteiligt, nicht aus Interelfe für Deutjdhland
oder auch nur für Aufrechterhaltung der Neutralität, Jondern
nur weil Rodefeller feinen Rivalen mit allen Mitteln zu
bekämpfen fuchte, Die Kontrolle über den Schiffahrtstruft
erlangte übrigens Rodefeller nicht, weil, wie es {cheint,
die engliflhe Regierung felbfit mit Bilfe amerifanijden
Kapitals möglichit viele der amerikanijdhen SchiffahrtsgefeNljchaften
 in ihre Hand zu bringen verfuchte.
Die „Konzerne“ find aljo feine einheitliden Unternehmungen,
 jondern nur dur perfönlidhe Beziehungen
der Leiter mehrerer Gefelljdhaften, durd) Effektenbefiß und
Kontrolle: zujammengefaßte Interefjengemeinichaften, Die

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        170 IV. Kapitel. Die amerifanifdhen Trufts.

größte einheitlihe Kontrollgefellihaft ijft der bekannte
„Stahltruft“, die United States Steel Corporation.
 Sie fteht unter der Kontrolle der Moraan-Gruppe
 und entjtand 1901 dadurch, daß der alte 3. P. Morgan
 verfhiedene große Stahlwerke der Reihe nach aufs
Faufte, von denen die meijten wieder die Kontrolle von
Heineren Unternehmungen der Eifenindujirie, des Kohlenoder
 Erzbergbaues, des Transportwejens und dergleichen
hatten oder fih mit foldhen fufioniert hatten. Die Hauptgefellihaft
 war die Carnegie SteelCompany of
New Jersey, die ihrerfeits wieder 26 Gejelljhaften fontrollierte.
 Die Anfänge diejes größten Einzelunternehmens
der amerikani[hen Eijenindufjtrie liegen in einer Heinen
BHolzfihmiede in Alleghany City, die 1858 von zwei Deutichen,
den Brüdern Andreas und Anton Klomann, mit
1600 Dollars Kapital gegründet wurde. Später trat
Andrew Carnegie ein, der fichh ganz ähnlich wie
3. Y. Morgan während des Bürgerkrieges durch Kriegslieferungen
 ein Dermögen erworben hatte, Aud) Carnegie
ift, wie die meiften amerifanijhen Trujtmagnaten, nie Ted
nifer, fondern immer nur Kaufmann, das heißt richtiger
ein großer Spehulant gewejen. Bei Übergang an den
Stahltruft befaßen die Carnegie-Werke 160 Millionen
Dollars Attien und ebenfoviel Obligationen, von denen
Carnegie je etwas über die Hälfte gehörten. Es wurden
dafür zirka 500 Millionen Dollars in Effekten des Stahltrujts
gegeben. Außerdem traten noch 12 andere Gefjelljchaften
mit 3irfa 150 Untergejelljhaften in den Truft ein, unter
diefen nicht weniger als 24 Eijenbahngefellihaften. Er
umfaßte 1919 144 Betriebe mit 124 Bochöfen. Das
Kapital des. Stahltrujts beträgt die ungeheure Summe von
1100 Millionen Dollars Aktien, wovon aber nur 3irfa
870 Millionen Dollars ausftehen, und zirfa 600 Millionen
Dollars Obligationen, alio etwa 6 Milliarden Mark. Mande

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        3. Zwei Beifpiele von Kontrollgefelljdhaften. 171

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Schäkungen gingen dahin, daß die GejeNlfchaft mit nahezu
giner Milliarde überkapitalifiert fei, doch ijft das nicht der
Sall, denn die Reingewinne waren 1902—05 133, 109, 73,
120 Millionen Dollars, aljo 7—12% des ganzen Aftienfapitals.
 In den Jahren 1909—15 betrug der Reingewinn
131, 141, 104, 108, 147, 81, 140 Millionen Dollars, Auf
allen Werfen des Trujts waren 1914 179 353 Angejtellte
befchäftigt, die zirfa 162,4 Millionen Dollars an Löhnen bezogen.
 Im Jahre 1919 war ihre Zahl auf 262 000 mit
374 Millionen Dollars Lohn gejtiegen. Der Lohn gewöhnlicher
 Arbeiter war 4,62 Dollars pro Tag bei zehnjtündiyer
Arbeitszeit, der Höchftlohn gelernter Arbeiter 32,56 Dollars
pro Tag. Eine eigentliHe monopoliftijhe Stellung hat
ber Stahltruft nicht, er lieferte in den erjten Jahren nur
ztwa 60% der Stahlproduktion des Landes, an Rohftahl
nur etwa 43%. Sein Anteil an der Produktion hat lich
immer mehr vermindert; jebt beftehen eigentlid) drei große
Stahltrujts nebeneinander, und eine an die Regierung im
Jahre 1911 gegen ihn eingereichte Klage wegen Derlegung
des Antitrujtgefekes ijt deshalb auch abgewiefen worden.
Doch beitehen für mehrere Produkte Abmacdhungen mit
jeinen Konfurrenten, die in periodijhen Zujammenkünften
erneuert werden (fog. Stahlionferenz, „Gary Dinners*‘).
Sür die Derbefferung der Arbeiterverhältniffe hat übrigens
ber Truft fehr wenig getan. Wohl hat er dur Überlafjung
von Alktien die Arbeiter an dem Unternehmen zu inter|fieren
zefucht, aber feine Sürforge für die Arbeiter ifjt, wie bei den
meiflten großen Unternehmungen in Amerika, gering.
50000 von den 173 000 Stahlarbeitern mußten vor dem
Kriege fieben Tage in der Woche täglich 12 Stunden arbeiten,
43% fechs Tage in der Woche täglich 12 Stunden.
Zum Deraleich fei angeführt, daß das größte Unternehmen
 der deutfhen Montaninduftrie, St. Krupp A. ®,,
1912 rund 70000 Angeftellte bejdhäftigte (1917 über
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        172 IV. Kapitel. Die amerifanifden Trufts,
110 000), die Geljenklirhener Bergwerksgefellidhaft rund
50 000, denen fie rund 80 Millionen Mark zahlte. Übrigens
 ift das größte einheitlidh geleitete Unternehmen der
Welt, jowohl was Anlagekapital, Arbeiterzahl und Reingewinn
 anbelangt, die Preußifh-Heffifdhe Staats:
eijenbahn-Derwaltung, die 1910 414 000 Angeitellte
 bejhäftigte, eine Reineinnahme von mehr als
700 Millionen Mark erzielte bei einem Anlagekapital von
über 11 Milliarden Mark. Daß diefe große Wirtfchaft,
die fih vor dem Kriege mit über 7% verzinite, inzwijdjen
zum größten Defizitbetrieb der Welt, mit einem fait fo
großen Defizit wie das ganze Anlagekapital, geworden ilt,
jei bier nur erwähnt.

4. Günftige Wirkungen der Trufts.
Der Raum etlaubt es nicht, aus der amerikanijhen
Truftbewegung hier weitere Beifptele anzuführen. Wir
wollen vielmehr jebt allgemein zujammenfafjfen, was [id
zu ihrer Beurteilung Jagen läßt. Die größten Erfolge
und den größten voliswirt[haftlihen Nugen hat die Entwidlung
 zum größeren Betriebe, die Zujammenfaljung
mehrerer Unternehmungen durch Sufionen und Kontrollgefellihaften
 hinjichtlih der DerbilligungderProdukftions-
 und Dertriebskoften gehabt. In
jehr verfchiedener Weife ift es möglich, dur die Derfhmelzung
 von Unternehmungen die Produktion zu verbilligen.
Zunächft Iann in den am billigjten arbeitenden, am beiten
eingerichteten Betrieben produziert werden; hier Können die
Anlagen voll ausgenußt werden, die ungünftiger arbeitenden
Fönnen {tillgelegt merden. Das gefhah 3. B. im Whistytruft
 in dem Grade, daß von 80 eintretenden Sabriken 68
fofort gejhloffen wurden und die übrigen 12 den ganzen
Bedarf produzierten. Die Trufts haben auch ganz befonders

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        4. Günftige Wirkungen der Trults, 173

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dafür geforgt, daß eine Dereinheitlidhung der Produktion,
Herftellung weniger Typen herbeigeführt und dadurch die
Möglichtfeit der Maffenprodukftion ftark gefteigert wurde,
Ein großer Teil der Konkurrenzfähigkeit der amerikani[chen
Induftrien beruht auf diejem Umitande. Mit der Derbilligung
 der Produktionskoften durdy befjere Ausnukgung
der Anlagen geht natürlih auch eine große Erfparnis an
Unterhaltungsfoften Hand in Hand.
Serner fommt der Trufjt mit einer geringeren Anzahlvon
 Arbeitsiräften aus. Es hat fidh daher
jehr häufig gezeigt, daß fie und überhaupt größere fufjionierte
 Unternehmungen zahlreiche Arbeiter entlaffen haben.
Das gleiche ift aud) bei unferen Sufionen im Baniwefen,
in der elektrijchen und Eifenindufjtrie zu Ionftatieren gewefjen.
Beim Trult, als einer monopolijtijdgen Unternehmung,
fallen aber au mancherlei Koften fort, die im Zultande
der Konkurrenz von jedem Unternehmer getragen werden
mülfen. So fann die Zahl der Reifenden und Agenten,
die ein Truft befhäftigt, meifjt [tarf vermindert werden im
Derhältnis zu derjenigen, die die ifolierten Unternehmungen
anftellen mußten. Infolgedeffen find für diefe Perfonen
die wirtjhaftlidhen Ausfichten in den Dereinigten Staaten
jehr viel ungünitiger geworden und die Gehälter durch die
große Konkurrenz ftart herabgedrücdt. Auch die Koften für
die Reflame fönnen beim Truft meift vermindert werden;
jedenfalls fällt das Beftreben der einzelnen Unternehmungen
(ort, fich in diefer Hinficht zu überbieten. Der monopoliftilche
Zruft hat als einzige Unternehmung eines ganzen Gewerbes
auch oft eine monopolijtijdje Stellung beim Einkauf,
menigitens dann, wenn er der alleinige Derbraucher eines
Rohitoffes ift. Aber aud) fonit kann er häufig wegen feines
großen Derbrauchs an Roh- und BHilfsitoffen diefe billiger
vejchaffen als die früheren Einzelunternehmungen.
Einen Dorteil des Trufts ann man auch darin erbliden,
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        174 IV. Kapitel. Die amerifanijden Trujts.
daß er, ohne Preiserhöhungen vorzunehmen, feinen Mitgliedern
 doch gegen früher höhere Gewinne ver
[haffen fann. Dies eben durch die Derbilligung der Produktionsfoften.
 So wird behauptet, daß die Standard Oil
Company die ungeheuren Gewinne, die fie erzielt hat, und
die ihren Haupteigentümer Rodefeller zu einem der reichtten
Männer Amerikas gemacht haben, nicht durd) Erhöhung
der Preife, fondern nur durch die enorme Derbilligung der
Produktionskolten, die die rationelle Organifjation des Gewerbes
 bewirkte, erreicht habe. In diejer Beziehung ift der
Truft ganz befonders dem Kartell überlegen, das eine Erhöhung
 der Gewinne für feine Mitglieder eben nur durd
Preiserhöhungen, nicht aber durch eine Ermäßigung der
Produktionskfojten herbeizuführen vermag.
Don ganz befonderer Bedeutung ift beim Trujt ferner
die ErfparnisanSrachtkoften, die er dadurdh er
zielt, daß von den verjhiedenen eingetretenen Sabrifen eine
jede für die Derforgung ihres natürlichen Abfjaggebietes beitimmt
 wird. Zwar vermag auch ein felt gejcloffjenes Kartell
eine gewilfe Derteilung der Abfaggebiete herbeizuführen.
Aber eine einheitlidhe Unternehmung ijt dabei deswegen
überlegen, weil hier nicht, wie beim Kartell, darauf gejehen
werden muß, daß jede Sabritf auch gleiche Preije und die
ihr zugebilligte Abjabßquote erzielt. In allen diejen Be:
ziehungen ift der Truft dem Kartell überlegen, weil leßteres
eben nicht felbjit eine Produktionsunternehmung daritellt,
fondern nur einen Dertrag zwijdhen joldhen und daher die
Produktionskojlten der einzelnen Werke nicht beeinflußt.
Auch fann der Truft vermöge feines großen Kapitals Leichter
als ein Kartell neu entitehende Konkurrenz befämpfen.
Die Kartelle find eben keine Kapitalorganifationen in dem
Sinne, daß fich in ihnen felbjt das Kapital wirkfjam erweilt.
Selbit wenn die Kartellmitglieder, wie es neuerdings
häufiger gefhieht, gemeinfame Sonds zur Befämpfung von

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        4. Günitige Wirkungen der Trults. 175

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Konfurrenten aufbringen, ijt diefe Bekämpfung bei ihnen
boch feine fo einheitlidhe und dauernde wie bei den Trufts.
Umfaßt nun eine Kontrollgefelljhaft den größten Teil
der Unternehmungen eines Gewerbes, Jo kann fie gleichzeitig
 monopoliftijdhe Wirkungen ausüben, und es ift Mar,
daß die felte finanzielle und Kapitalijtiidhe Zujammenfajfung
auch intenjivere Monopolwirkungen ermöglicht als die rein
vertragsmäßige Zujammenfafjung der Kartelle, Bei leßteren
 fönnen Sonderinterejfen viel leichter eine Auflöfung
herbeiführen, und wenn natürlich aud) bei der Holding
Company eine Auflöfung und Trennung der zujammenzefaßten
 Unternehmungen nicht unmöglich ift, fo find doch
alle Intereffengegenfäge hier viel mehr befeitigt und die
Gefahren einer Auflöjung daher viel geringer. Das Kartell
ijt aljo im ganzen feinen Wirkungen nach feine fo hohe Stufe
monopoliftijdher Organifation wie der Truft, obwohl natürlich
 ein Kartell, das 99% aller Angehörigen eines Gewerbes
umfaßt, eine vollfommenere Monopoljtelung befigt als ein
Truft, dem nur 80%, der Unternehmer des betreffenden
Gewerbes angehören. Aber dabei ift doch au wieder 3zu
berüdfichtigen, daß der Trufjt eine finanzielle Zujammenjajfiung
 von Unternehmungen zu einer fapitalijtijden Einheit
ift, und daß er feine Kapitalmacht in ganz anderer Weife
in die Wagf{dhale werfen kann als die nur in einem Kartell
vereinigten Unternehmer.
Mit dem Gefjagten find aber die Dorteile, dur) die der
Trujt dem Kartell überlegen ijt, erjhöpft. Den wichtigiten
Dorteil der Kartelle, die Anpaffung der Produftionan
 die Nah frage und die dadurch herbeigeführte
 Abjhwächung der Konjunikturfhwankiungen, kann
ein fejt gefhloffenes Kartell ebenjogut bewirken wie der Trujft,
wobei allerdings zu bemerken ift, daß bisher die meilten
deutjchen Kartelle noch nicht auf diefer Stufe fejt gejhloffener
Organijationen {tehen. Ob die Produtktionseinichräniungen,
        <pb n="191" />
        176 IV. Kapitel. Die amerifanijhen Trults.
die in ungünitigen Zeiten notwendig werden, in voliswirtihaftlid)
 vorteilhafterer Weife von einem Kartell oder einem
Trufjt vorgenommen werden, darüber ann man verfchiedener
Anficht fein. Die Trujts Ichließen in foldhen Sällen einen
Zeil ihrer Betriebe vollftändig, und in Amerika werden deren
Arbeiter mit unglaubliqher Rücjichtslofigfeit auf das Pflajter
geworfen. Dom produktionstechnijhen Standpunkt aus ilt
bies natürlich vorteilhafter als das Derfahren der deutjchen
Kartelle, die alle Mitglieder ihre Betriebe gleichmäßig einjhränfen
 laffen und daher in keinem die Anlagen voll
ausnugen, wodurch natürlich die Produktionskojten teurer
find. Sür die Arbeiter jedoch, die nicht oder nur in Neinerer
Zahl entlafjen zu werden brauchen, ift diefe Art der Einichräniung
 zwedmäßiger. Die andere, daß auf Koften des
Kartells einige Betriebe ganz ftillgelegt werden, fommt
in Deutfchland nur verhältnismäßbig jelten vor. Übrigens
find in Amerika die Arbeiter einigermaßen an die dortige
Praxis gewöhnt und fehen es als felbitverftändlich an, daß
le entlaffen werden, fobald fie, wenn auch nur für Iurze
Zeit, entbehrt werden fönnen. Sie nugen dafür auch günitige
 Konjunituren weit mehr als bei uns durdy Sorderung
von £ohnerhöhungen aus. Auf Grund der neuejten Entwidlung
 der Gewerkvereine in Deutjhland wird lich das
aber wohl ziemlich ausgleichen.
3n bezug auf die Machtverjtärkung, die der Zujammenidluß
 der Unternehmer den Arbeitern gegenüber verleiht,
find die Trufjts den Kartellen audy wohl etwas überlegen.
Doch können hier jtarke Arbeitgeberverbände diejelben Wirungen
 haben wie ein Truft, und faitijdh kommt natürlid
zuf die Stärke der Gewerkvereine und auf die ganzen fozialen
Derhältnijje im einzelnen viel an. Cs ijt aber denkbar,
ia wahrfdheinlich, daß die wachfjende Macht der Arbeiter
Eoalitionen aud) bei uns der Sufions- und Trujtbewegung
Doridhub leiflten wird.

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        4. Günftige Wirkungen der Trufts. 177

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Eine größere Gleidhmäbßigfeit im Wirtjhaftsleben haben
die Trufts bisher in feiner Weife zu fcqhaffen vermocht.
Mandymal haben fogar die Truftleiter die großen Schwantungen
 in den Preifen der Produkte und in den Kurfen
der Trultpapiere felbft herbeigeführt, um dur Haulfeoder
 Baifjefpekulationen dabei Gewinne zu erzielen. In
bezug auf das Beftreben, eine größere Gleichmäßigfeit,
jtabilere Derhältnijje in der ganzen Induftrie herbeizuführen,
 übertreffen daher die Kartelle die amerikani[hen
Trufts, wenn aud) bei uns erft wenige Kartelle in diefer
Beziehung wirflidhe Erfolge aufzuweifen haben. Die Trults
find jedenfalls viel ausfchließlidher als unfere Kartelle aus
dem privaten Gewinninterejfe einiger großer Kapitalijten
hervorgegangen, haben viel mehr rein privatwirt{dhaftlidhe
3Zwede verfolgt und Dorteile für die gejamte Doliswirtfchaft
nur infofern gehabt, als das Interefje diefer großen Kapitalijten
 mit dem volfswirt[chaftlichen zujammenfiel. Das
ijt bei der Derbilligung der Produktionskolten der Sall
und bei der dadurch bewirkten größeren Konkurrenzfähigkeit
gegenüber dem Auslande. CLektere ift aber bisher meilt über-[hät
 worden; insbefondere hat auch der große Stahltruft
die Gefahren für die deutjhe Eijenbahninduftrie nicht gebracht,
 die man von ihm fürchtete, Auch die amerikanifchen
Trufts haben natürlich, genau wie unfere Kartelle, im Aus-[ande
 billiger verkauft, aber bisher hat fih die Trujtorganijation
 in diejfer Hinfidht noch nicht als unferen Kartellen
überlegen gezeigt.
Einen gewifjfen Dorteil haben aber dieje großen Kapitalanhäufungen
 auch in finanzieller Hinjicht gehabt: fie haben
die Bedeutung des amerikanijhen Kapitalmarites außerordentlich
 gehoben. Die Zujammenziehung der ganzen ungeheuten
 Kapitaliraft des Landes und die durch die günitige
Handelsbilanz bewirkte Reidhtumsvermehrung hat den New
Yorfer Kapitalmarit nicht nur vom Ausland unabhängig
£iefmann, Kartelle und Trufts, 4. Aufl. »
        <pb n="193" />
        178 IV. Kapitel. Die amerifanifhen Trufts.
gemacht, fondern fogar bewirkt, daß Amerika fhon vor dem
Weltkriege häufig in Europa als Geldgeber auftrat. Darüber
hinaus hat die durd den Kapitalreihtum angeregte große
Unternehmungslujft, die namentlich in der Hauptepoche der
Truftgründungen, 1899 bis 1903, das and ergriffen hatte,
der ungezügelte Spekulationstrieb, der dort von Zeit 3u
Zeit immer wieder heroorbricht und in Corners und Ringen
feinen Ausdruck findet, dahin geführt, daß die New Yorker
Börfe für den Welthandel eine immer größere Bedeutung
erlangt hat und die dort vorhandenen Stimmungen Häufig
für die europäifdhhen Börjen tonangebend gewejen find.
Au für die Erpanfionsbejtrebungen der amerifanifjden
 Indufjtrie, die jeit dem Weltiriege fo Itark eins
gefegßt haben, ift die finanzielle Zujammenfaffung der großen
Unternehmungen fjehr förderlich gewejen. Doc haben
daneben auch gut organifierte und mit reichen Mitteln
ausgeftattete Sachvereine und eine tatiräftige Regierungsunteritügung
 3u den großen Erfolgen der Dereinigten
Staaten auf diejem Gebiete, vor allem in Südamerika und
Alten, beigetragen.

5. Ungünftige Wirkungen der Trufts.
Da, wie wir betont haben, die meiften der [ogenannten
Trufts in Amerifa feine Monopolorganijationen find, fo
fiegen auch ihre Hauptwirfungen nicht auf dem Monopol
gebiete. Es hat zwar Monopoltrujts gegeben, welche die
Preife zeitweilig ftarf in die Höhe fegten, fo für Draht,
Zuder ujw. Aber immer erfolgte fehr bald ein Rüdjchlag,
weil der Trujt doch feine fihere Monopoljtellung hatte und
alsbald neue Konkurrenz auflam. Auch find diefe Preis
fteigerungen mehr auf Spefulationen zurüdzuführen, wie
fie auch obne Truits an den amerikanifchen Börfen häufig

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        5. Ungünitige Wirkungen der Trufts. 179

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vorfommen (Kupfer, Weizen). Allerdings können folche
Spefulationen, wenn große Kontrollgefelfjchaften beitehen,
von deren Leitern leichter durchgeführt werden, und die
großen amerifanijhen Spefulanten fuchen fi dafür oft
die Herrfchaft über ein ganzes Gewerbe zu verfchaffen.
Im allgemeinen aber find die Wirkungen der Trufts auf
die Preisgeftaltung nicht jehr bedeutend. Dem Petroleumtruft
 fann man, wie gefagt, höchjtens vorwerfen, daß er
die Preife nicht entfprecdhend den Produktionsverbilligungen,
die er durchgeführt hat, ermäßigte. Dafür find fie unter
feinem Einfluß gleiqmmäßiger geworden. Auch der Einfluß
des Stahltrujts auf die Preisgeftaltung ijft bisher gering;
ebenjo ijft von einer großen Steigerung des Erportes und
Der[chleuderung: der Überproduktion im Ausland, die man
bei .Jeiner Gründung in Europa fehr fürchtete, bisher nicht
viel zu merfen gewefen. Die Entwidlungsmöglichfeit des
Inlandes war eben fo groß, daß das Erportbedürfnis von
geringer Bedeutung war, zumal der Export durdy die inländijhen
 hohen Preije und Löhne erfdhwert wurde.
Die Hauptwirkungen der amerikanifchen Truljts, namentlid
 nach der ungünftigen Seite hin, liegen daher auf dem
finanziellen oder fapitalifjtifdjen Gebiete, bejtehen
 erftens darin, daß mit der Gründung und finanziellen
Defwaltung diefer großen Unternehmungen [hwere Mißbräudje
 verbunden waren, zweitens darin, daß durch diefe
3Zujammenballungen und ihre finanzielle Gebarung die
Macht einiger weniger Großfapitaliften ganz außerordentlich
geiteigert wird.
Die Gründungsmifbräuche der Trufjts find viel erörtert
worden. Der Truft muß regelmäßig die vorher felbjtändigen
Unternehmungen fehr teuer bezahlen, um den Eigentümern
 einen Anreiz zu geben, in ihn einzutreten. Namentlid)
 gilt das für große und Kapitalfräftige Unternehmungen,
ohne deren Beitritt der Truft keine Monopolitellung er-9
        <pb n="195" />
        180 IV. Kapitel. Die amertfanifjhen Trufts.
langen würde, und die er auch nicht im Konfurrenzfampfe
zu befiegen hoffen kann. Infolgedeffen find fajt alle Trujts
gleid von Anfang an übermäßig mit Kapital belaltet.
Nur von wenigen Trufts gilt das nicht, insbejondere den
älteren, die, wie die Standard Oil Company, nicht auf
einmal durch Sufionen und Auffaufen zum Zwede der
Monopolifierung entitanden find, fjondern langjam unter
gefchidter Leitung ihr Machtbereih immer mehr erweitert
haben und die dabei ihnen entgegenitehenden Unternehmungen
 nicht etwa im Wege freundlicher Derfjtändigung
aufgenommen, fondern im Wege des Konkurrenzfampfes
befeitigt haben. Die Mittel, die dabei angewendet wurden,
um die Konkurrenten aus dem Wege zu [haffen, find oft
von fehr zweifelhafter moralijcher und rechtliqher Zuläfligfeit
 gewejen. Die amerifani[dhe Truftgefchichte ijt voll von
Erzählungen darüber, und viele bewundern die „„smartness“,
 mit der die Truftgründer ihr Ziel zu erreichen gewußt
haben. Insbefondere der Standard Oil Trust hat fein
Monopol zum größten Teil dadurch erlangt, daß er [ich
von den Eijenbahnen befondere Dorteile bei der Beförderung
verfprechen ließ, unter Derpflidhtung, ihnen feine gefamte
Produktion zu übergeben. Indem er dies mit verjchiedenen
£inien gleichzeitig vereinbarte, entfachte er einen heftigen
Konkurrenzfampf zwijdhen ihnen, um dann die Aktien billig
aufzufaufen und damit das Unternehmen zu beherrichen.
Manche anderen Trufts follen ebenfalls mit Bilfe der Eijenbahnen
 ihre Monopoljtelungen errungen haben. Ganz ohne
Beftedhungen dürfte es wohl bei wenigen Truftgründungen
abgegangen fein, aber es ilt auch vorgefommen, daß ein
Truft verfucht hat, id eines Konkurrenten dadurch zu ent-Tedigen,
 daß er deffen Betrieb in die £uft jprengen wollte,
Bei den meifjten Trufts aber, namentlid nachdem {ih
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teiliaten berausgeltellt hatte, ift es friedlicher, aber deshalb

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        5. Ungüniftige Wirkungen der Trujts. ; 181

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doch nicht immer moralijcher hergegangen. Man hat immer
mehr einen langen Konfurrenzlampf vermieden, jondern
die früheren Befiger durch hohe Bezahlung zur Abtretung
ihrer Unternehmungen geneigt gemacht. Da der Trult
durch Sacdheinlagen entiteht, die abgefhäßt werden mülfen,
ijt natürlich eine außerordentlich millfürlihe Bewertung
möglich. Die Eigentümer verlangen und erhalten alfo einen
jehr hohen Betrag für ihre Einlagen bzw. eine außerordentlid)
 hohe Entihädigung für den fogenannten good will,
für die Bereitwilligteit, in den Trufjt einzutreten.
Die Gründung von Gejelljchaftsunternehmungen liegt
in England und Amerika nicht, wie in Deutjdland, bei den
Banten (Emijjions-, Effektenbanken), fondern in den Händen
privater Kapitalijten, die nicht Bankiers genannt werden
(merchants, financiers). Dieje Leute haben von jeher das
Gründen von Aktiengefelljhaften [ehr {:rupellos betrieben,
weil das amerifanifjde Recht alle jene Beitimmungen nicht
fennt, mit denen die deutjche Attien- und Börfengefeggebung
die Errichtung fHhwindelhafter Unternehmungen und die
Ausbeutung und Übervorteilung der Aktionäre durd) die
Gründer zu verhindern fucht. In früheren Zeiten find
namentlich bei den Eijenbahngründungen den Aktionären
Millionen und Millionen aus der Tajche gezogen worden,
meift in der Weife, daß die Gründer der Gefellijhaft den
Bau oder Materialien oder Gelände zu teuer anrechneten,
oder jo, daß fie in den Aktien fpekulierten oder andere
Bahnen niederfonkurrierten, dann billig ankauften und
ichließlidh teuer an ihre Gejellihaft verkauften.
Die Entwidlung zum größeren Betriebe, die Entitehung
von Riejenunternehmungen mußte natürlich au die Tätigfeit
 der Geldbejchaffung für dieje, das Sinanzierungsgefchäft,
 auf eine größere Grundlage jtellen. Während in
Deutjhland die Entwidlung der Banfen dem. Rechnung
getragen hat, war es ihnen bei der eigentümlicdh dezentrali-
        <pb n="197" />
        182 IV. Kapitel. Die amerifanijd&amp;amp;en Trufts,
jierten Kreditorganifation des amerifanijdhen Baniwefjens
nicht möglich, fidy entipredhend auszudehnen und ihren
Wirkungstreis zu erweitern. Die ganze Geldbejhaffung für
die großen Unternehmungen und Derihmelzungen fiel daher
den privaten Sinanzleuten zu, die fic) ihrerfeits die Kapitalien
 von Banken, Trujt Companies und DerJicherungsgefellfchaften,
 indem fie die Kontrolle von foldhen erwarben,
für ihre Zwede dienftbar madten. Sie haben aber dabei
die allgemeinen volfswirtjhaftlichen Intereffen viel mehr
jurüdtreten Iaffen als unfere viel ftärfer unter der Kontrolle
der Öffentlichkeit wirkenden Gründungsbanken; und wie das
ganze amerifanijdhe Erwerbsleben einen risianteren, jpefu-[ativeren
 Charakter trägt, jo hat auch auf diejem Gebiete
der private Unternehmungs- und Spefulationsgeift fid)
dort viel ungehinderter entfalten fönnen als bei uns.
Nachdem im leßten Jahrzehnt nicht mehr fo viel neue
Unternehmungen zu gründen waren, haben diefe Sinanzleute
und Großfapitalijten in der Derfhme Iz3ung von
Unternehmungen ein lohnendes Mittel gefunden, neue große
Sründungsgewinne zu erzielen. Sie wußten dabei dem
Publifum die Dorteile der Der/dhmelzung, die Erfparniffe,
die Gewinnfteigerungen, die dadurch erzielt werden fönnten,
in den glänzendften Sarben auszumalen, und fie fonnten
jo niqht nur die Effeften der hereingenommenen Unternehmungen
 übermäßig hoc) bezahlen, jondern fogar für die
neu ausgegebenen Effeiten der überkapitalifierten Kontrollgefellfjhaften
 oft noch ein hohes Agio erhalten. Die unglaublichjten
 Schwindeleien find vorgekommen, um felbit
auf banferotte Unternehmungen durch Derfhmelzungen mit
anderen noch neues Kapital aufzunehmen und in die Talchen
der Sinanzleute zu leiten. !)

') Über die Sinne unge Tnlle bei den amerifanijdhen Kontrollgefelljcdhaften
 vgl. Liefmann, a und Sinanzierungs:
zefeNichaften, 2. Aufl, Jena 1913, Kap. V. 3. Aufl. in Dorbereituna.

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        5. Ungünftige Wirkungen der Trujts. 183

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Das Gründen von Trujts und überhaupt das Deridmelzen
 von Unternehmungen aller Art zu einer Gejellichaft
 ijt infolgedelfen in Amerika 3u einem bejonderen,
jehr einträglichen Gejchäft geworden. Der Mann, der die
bisherigen Unternehmer heredet, fih zum Trujt zujammenzufchließen,
 der den Plan der Gründung entwirft und die
Charter, die Konzeffion, befchafit, iit der promoter. Er 1äßt
jich natürlich ebenfalls fehr hoch für feine Tätigkeit bezahlen,
jo daß zu dem Kapitalaufwand für die bisherigen Befiger
noch ein fjehr hoher Betrag an Gründungskfoften hinzufommt.
 Außerdem herricht aber im amerifanifchen Aftienwejen
 die Praxis, den wirflidhen Wert des Unternehmens
nur in den Dorzugsaktien und Obligationen auszudrücen,
darüber hinaus aber noch einen mehr oder minder hohen
Betrag von Stammaltien, ‚common shares‘, auszugeben,
die in ihrer Derzinjung auf die aus der Sufion und Monopolifierung
 erhofften Zufunftsgewinne angewiejen find.
Diele Trufjts find nun derart überfapitalifiert, daß fchon
die Obligationen und Dorzugsaktien den wahren Wert der
Unternehmung weit überjteigen. Carnegie war deshalb
jo vorfichtig, für die großen Werte, die er in den Stıhlruft
 einbrachte, fih Obligationen, die zum Teil noch hypothefarifch
 fichergeftellt find, geben zu lajfen.
Die Attien folder Trufjts an das Publikum zu bringen,
ijt daher aud) eine bejondere Aufgabe. Ihr unterziehen fich
die financiers und underwriters, die großen und Heinen
Banigefchäfte, die für diefe Tätigfeit auch eine oft [ehrt hohe
Dergütung von den Trujtgründern verlangen. Es it feitgeftellt,
 daß die gejamten Gründungskoften eines Trufts
mandymal 20—40 %, des emittierten Kapitals betragen und
natürlich aus den Erträgniffen der Unternehmungen mit
verzinit werden müfjjen. Don einer Trufjtgründung mit
100 Millionen Dollars Kapital mögen daher unter Umitänden
 zunächjt etwa 30 Millionen für die Gründungs-
        <pb n="199" />
        184 IV. Kapitel. Die amerifani{den Trujts.

fojten abgehen; von den übrigen 70 Millionen, die die Dorbelißer
 erhalten, jtellen aber vielleicht nur 40 den wirflihen
Wert der eingebrachten Unternehmungen dar.
Troß der enormen Überfapitalifierung und des offenfundigen
 Schwindels, die bei vielen Truftgründungen vorhanden
 waren, jtürzte fidy das Publikum anfangs mit
blindem Eifer auf alle Trujtpapiere und nahın fie mit hohem
Aufgeld auf. Es ent{tand fo eine außerordentlide Spekulation
 in Truftwerten, die in den Jahren 1899—1903 ihren
Höhepunkt erreichte und immer neue Gründungen veranlaßte,
 Derfjhmelzungen von Unternehmungen gefdhabhen
bald nicht mehr aus öfonomifchen Zweden, Erjparung von
Produktionskoften, eventuell Erlangung einer Monopolitelung,
 fondern fie erfolgten zu S pefulationszweden,
 Sehr viele diefer Sufionen und Truftgründungen
find nur erfolgt, um der Börfe neue Effeiten zuzuführen und
an der Gründung und an den Spekulationen in den neuen
Papieren zu verdienen. Die Kreije der Heinen Kapitalilten,
denen alle die Aktien aufgehängt wurden, waren natürlich,
als fich diefe Derfhmelzungen in der KXrifis als überfapitaliliert
 erwiefjen, [chließlich die Leidtragenden, während die
Sründer [ich rechtzeitig 3zurüdzuziehen wukten.
Es fommt nämlich in Betracht, daß die finanziellen
Derhältniffe folder großen Sufionen und Trufts von den
Außenfjtehenden gar nicht überblidt werden fönnen, und daß
die Leiter derfelben hei der Bilanzaufftelung und der Be:
wertung der Anlagen ganz willfürlich verfahren können.
Die meiften der in einen foldjen Trujt eintretenden Gefelliqaften
 find ja [chon felb{t durch Dereinigung entjtanden und
haben Attien anderer Unternehmungen im Befig. Sie alle
werden nun in dem Truft zu einer Attiengefellidhaft vereinigt,
 b3w. derfelbe hält als Holding Company wieder die
Aftien der ver[chiedenen Unternehmungen in feinem Befiß.
50 entiteht ein Rattenfönig von gegenfleitigen Beteiligungen

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5. Ungünftige Wirkungen der Trufts. - 185
und insbefondere das Derhältnis von Mutter-, Todterund
 Entelgefellihaften. Durch Derfjchiebung von Dermögensanteilen
 3zwijchen ihnen, durch Derkäufe von
einer diejer Einzelgefjellfjhaften an eine andere, Übertragungen
 in den Bilanzen der Einzelgejelljdhaften fönnen
einerfeits die Erträge oft ganz willtürlich beeinflußt und
Scheingewinne erzielt werden, andererjeits aber können
hierdurch fowie durd) Austaufh von Attien, durch die Art
ihrer Buchungen und dergleichen die Bilanzen fo fjehr verdunkelt
 werden, daß fein Außenftehender die wirkliche
finanzielle Lage des Trujts daraus zu erjeben vermag. : Alle
diefe Mittel find aud) von fpefulativen Trujtleitern angewendet
 worden, weldhe ein Interefie daran hatten, daß
die Aktien der Unternehmungen ftarf im Kurfe {Hwantkten.
Dieje Gefahren des Schachteljultems find aber nicht
nur bei den amerikanijhen Trujts, fondern audh in großem
Umfange bei uns zur Erjheinung gelangt. Die [qhwindelhaften
 Dorgänge, die zu dem bekannten Treberfrach, den
Zujammenbrüchen mehrerer Hypothekfenbankfen und elektriiqher
 Gefelljchaften führten, waren nur möglich infolge
des Dorhandenfeins folder Tochter- und Entelgefelljhaften,
zwijdhen denen fingierte Schulden und Sorderungen aufgeftellt
 und einzelne Dermögensfjtüde und Bilanzpolten von
den Leitern der Hauptgefelljhaft beliebig hin und her gejhoben
 wurden. Hier hat fid) alfo nicht nur in Amerika,
fondern auch bei uns die Aftiengefeggebung als ungenügend
erwiefen.
Die finanziellen Mikjtände, die mit der Gründung der
großen Unternehmungen in Amerika verbunden find, find
für das amerifanifdhe Wirt{haftsleben ent{qhieden viel verderblicher
 gewefen als ihr Einfluß auf die Dreije. Die damit
verbundenen ungeheueren Einfommensverjchiedenheiten,
der dur die Trujts enorm gefteigerte Gegenjaß weniger
jehr Reicher und unzähliger mit ihrem geringen Ein-
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        186 - IV. Kapitel. Die amerifanijdhen Trufts.
fommen von jenen Abhängiger ijt wohl die Haupturfache,
weshalb das große Publikum, naddem es Erfahrungen gejammelt
 hat, ihnen fo feindlih gefinnt ijt. Auch hat es an
der Börjenjpekulation in Trujftwerten ungeheure Derlufte
erlitten, während die Leiter der Trufts, die von allen Umwandlungen,
 neuen Emiffionen und Gründungsmanipulationen
 im voraus wußten, auch wiederum an der Spekulation
in Truftpapieren große Summen gewonnen haben. —
In engitem Zujammenhang damit jteht die Tatjache,
daß eine verhältnismäßig geringe Zahl von großen Kapitalijten
 und Sinanzleuten fidh bei der Herbeiführung jolcher
Derjdmelzungen enorm bereichert haben, und daß fie infolge
diejer Derfhmelzungen heute einen großen Teil des Kapitals
 der Nation Kontrollieren. Dieje Kapitaliften Iontrollieren
 zunächft große Banken und Derfiherungsgefellidhaften,
und mit Hilfe der in diejfen zufjammenjtrömenden Kapitalmajjen
 beherrichen fie mit verhältnismäßig wenig eigenem
Kapital und daher aud geringem Rifilo ganze Unternehmungszweige
 und machen fie ihren Intereffjen dienftbar.
Es ift nicht zuviel gejagt, daß unfer Benugung aller diefer
Hilfsmittel des modernen Kredit- und Effekltenwefens
(Kredit- und Effeitenfubftitution), dur Banken, Truft Companies,
 Derficherungsgefelljdhaften, KontroNlgefellidhaften
und dergleidhen es foldjen Sinanzleuten möglich ift, das
3Zweihundertfadhe von dem an Kapitalien zu Kontrollieren,
was fie [elbjt befigen. So find 3. B. feit langem fait alle bedeutenden
 Eijenbahnen der Dereinigten Staaten mit einer
Bahnlänge von 3irfa 300 000 Meilen in den Händen einiger
weniger „Gruppen“, an deren Spike gewöhnlich ein einzelner
Großfapitalijt ftcht, wie I. X, Danderbilt, 6. 3. Gould,
€. 5. Harriman, P. Morgan, 3. Hill, W. H. Moore ujw.
Der 1909 verjtorbene €. 5. Harriman, wohl der größte
Eijenbahnmagnat, den die Dereinigten Staaten je gehabt
jaben, hatte 3. B. Einfluß auf Bahnen von einer größeren

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        5. Ungünftige Wirkungen der Trufts. 187

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Meilenlänge, als überhaupt im ganzen Deutiden Reich
Eijenbahnen vorhanden find. Eine Regierungsitatijtif
hat fejtgejtellt, daß 93 Kapitalijten, wenn fie zujJammenwirken,
 über 75% der gefamten Bahnlänge des Landes,
über 81% der Bruttogewinne, über 82% des Bahneigentums,
 d. i. Werte von mehr als 10 Milliarden Dollars, und
über 87% der Srachtmenge Kontrollieren. Diefelben Leute
jind es aber aud) immer wieder, die die übrigen Unternehmungszweige
 beherridhen.
Wenn eine foldje ungeheure Machtftellung einiger
weniger großer Kapitalijten aud) [djon vor den eigentlichen
Trujts vorgekommen it, fo kann es doch feinem Zweifel
unterliegen, daß durch die großen Derjhmelzungen und
insbejondere durd das Syjtem der KontroMNlgefellidhaften
die Beherridhung ganzer Unternehmungszweige erleichtert
und mit verhältnismäßig wenig eigenem Kapital durchjührbar
 ijt. Und es Kann weiter feinem Zweifel unterliegen,
daß mit der Entwidlung diefer Organijationen in der
amerifani[dhen Doliswirtjhaft der Gegenjaß zwiflchen wenigen
 ganz Reichen und der großen Malle aller übrigen 3ugenommen
 hat. Die Akfumulierung eines erheblidhen Teils
der Kapitaliraft des ganzen Landes in wenigen Händen ift,
insbefondere da man in Amerika für Geld alles haben fann,
eine der größten Gefahren der Truftbildung für den Staat
und die fozialen Derhältniffe,. Die demokratijhen Anjhauungen
 der Amerikaner find dem Trujtproblem gegenüber
 vor ein {qhwieriges Dilemma geftellt. Die tief eingewurzelten
 Jdeen von der Sreiheit der Derfönlichteit, wonad)
 es unzuläffig ift, den einzelnen in der Betätigung
ihres Erwerbstriebs Schranien anzulegen, die Ehrfurcht,
mit der der Amerikaner feine erfolgreiden Dollarkfönige
betrachtet, und die Weitherzigkeit, mit der er über die Anwendung
 zweifelhafter Mittel beim Erwerb hinweglieht,
haben bisher verhindert, daß zum Schuke der Allgemein-
        <pb n="203" />
        188 IV. Kapitel, Die amerifanijden Trufts.

heit und im Intereffe einer befferen Derteilung des Dolfszinfommens
 etwas wirflidy Durchgreifendes gefchehen it.
Allerdings, die Notwendigkeit einer {tark progreffiven
Einfommens- und Dermögensbefteuerung, namentlid) aud)
um die rtiefigen Kriegsgewinne wegzufjteuern, hat man in
Amerika (und England) früher als bei uns erkannt (einer
der Hauptgründe, weshalb wir den Krieg verloren haben);
aber die ganze Struktur des Wirt{chaftslebens und namentlid
 au die gefamte Wirtjdhaftspolitik ift dort noch typi[cd
großfapitaliftijdh, und die Sozialijten haben ganz recht,
wenn fie das Eintreten Amerifas in den Weltirieg aus:
ihließlid) mit diefen Tendenzen erklären. Es war ein
Sejhäft, und das Derhalten der amerikanifchen Regierung
Europa gegenüber wird auch weiterhin Gejhäft bleiben,
was natürlich nicht hindert, daß privatim den unter-[egenen
 Ländern mandherlei Hilfen zuteil werden. Im
übrigen hat Amerika den Krieg benugt, feinen Kapitafiftijdjen
 Einfluß überall in der Welt gewaltig zu ftärfen,
und es hat zu diejem Zwede auch die Bejchränkungen, welche
für den inneren Handel hinfichtlidh des Zufjammenjfjchlufjes
der Sabrifanten galten, ausdrüdlid aufgehoben. Das
Webb-Gefeg von 1917 fucht ausdrücklich die Bildung von
Trufts und anderen Koalitionen zur Erportförderung und
zur Eroberung des Weltmarktes zu fördern, weil man,
(ehr 3u Unrecht, mit einer {tarfen Konfurrenz Europas
auf den außereuropäijhen Märkten nach dem Kriege
rechnete.

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5. Die Bekämpfung der Trujts in Amerika und in
Deut{dhland,
Die Stage der „Bekämpfung der Trufts“ ift feit langem
in Amerika eins der meifjterörterten politijden Probleme,
das auch bei den Wahlen jedesmal eine aroße Rolle fIpielte.

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5. Die Befämpfung der Trufts in Amerika und in Deutjdhland. 189
Doch ijt die Art und Weife, wie man dieje Aufgabe bisher
erfüllt hat, für uns in Deut{dland von geringer Bedeutung,
Es fei deshalb nur das Wichtigjte angeführt. Man hat bis
in die neueite Zeit im wejentlidhen nur das Prinzip verfolgt,
den Zujtand freier Konkurrenz im Gewerbe möglichit aufrechtzuerhalten.
 Don den 3ahlreichen einzelftaatlichen
Antitrujtgefeßen abgefehen, die teilweije [ehr tigoros waren,
gelangte man zu einem bundesitaatlichen Dorgehen gegen
die monopoliftijdhen Dereinigungen 3zuerjt den Eifenbahnen
 gegenüber, Das Interstate Commerce-Gefeg
von 1887 beftimmt, daß die Srachtfäße „mäßig und gerecht”
jein müffen, verbietet Derträge über die Derteilung der
Srachteinnahmen auf Ioniurrierenden Eijenbahnen (pooling)
 und ftatuiert einen Srtachtzwang. Die gleichzeitig
eingejeßte Interstate Commerce Commission hatte anjangs
 nur die Aufgabe der Überwachung. Sehr erweitert
wurden die Befugnijfe der Kommiffion durch das Hepburn-Gefek
 von 1908, durch das ihr das jogenannte rate making
power verliehen wurde, d. h. fie Kann die Hödhft[äße für den
PDerjonen- und Gütertransport feitjegen. Auch dehnte
diejes Gefeß die Beftimmungen über die Eijenbahnen auf
die Petroleumleitungen und die Paketbeförderung aus.
1910 wurde dann jede Tarifänderung von der Genehmigung
der Interstate Commerce Commission abhängig gemacht.
Die Hauptgrundlage für die Befämpfung der Trufts {ft
aber das Sherman-Gefeß von 1890, das auf allen
Wirtjchaftsgebieten die freie Konkurrenz aufrtecdhtzuerhalten
jucht und durch eine Reihe von fpäteren Gefeßen ergänzt
wurde. Auch die neuen Trufjtgefeke von 1914 find in der
Hauptjache nur als eine Erweiterung des Sherman-Gefehes
gedacht. Das Sherman-Gejek ijt in den erften 20 Jahren
jeines Beftehens nur jehr wenig angewendet worden, und
erft in den lebten Jahren, als der wachjende Unwille des
Publikums über die Truljts die Notwendigkeit ihrer [Märferen
        <pb n="205" />
        190 IV. Kapitel. Die amerifanijdhen Trufts.
Befämpfung immer mehr in den Dordergrund fhob, hat
man auf feiner Grundlage die verfhiedenen großen Truftprozeffe
 eingeleitet, die zu mehrfacher Beftrafung von Truftleitern
 und zu der — allerdings rein formellen — Aufs
[ölung einiger Trufts führten,
Doch erft im Jahre 1914 gelang es, die erheblichen
Widerftände zu überwinden, die fidh einer Regelung der
Trufts entgegenftellten, und es wurden drei Gefjebe erlaffen,
 die eine [dqärfere Bekämpfung von Migkbräuchen der
zroßen Kapitalorganifationen wenigijtens in Ausficht ftellen.
Don diejfen wil das Railroad Securities-Sefjek
 jekt auch den Mikbräucdhen in der finanziellen
Gebarung der großen Transportunternehmungen — es
gilt au für die Telephon-, Telegraphen- und Patetgefellidaften
 — entgegentreten, die fihH nod) in den lekten
Jahren immer wieder, jelbit bei den angefeheniten Eifenbahnen,
 gezeigt haben. Die Ausgabe neuer Effeiten wird
von der Genehmigung der Interstate Commerce Commission
 abhängig gemacht.
Don allgemeiner Bedeutung ift das Federal Trade
Commission-Gejeß vom 26. September 1914. Cs
errichtet die Federal Trade Commission, der die Gefchäfte
des f[hon beftehenden Bureau of Corporations übertragen
wurden. Das Gefeß ftellt als Hauptgrundjaß auf, „that
unfair methods of competition in commerce are hereby
declared unlawful‘. Ceider fagt das Gefeß nicht, welche
Methoden als „unfair“ anzufehen find. Hier ift alfo der
Kommiffion der weitejte Spielraum gelaffen. Mit unferem
unlauteren Wettbewerb find fie feinesfalls ohne weiteres
zu identifizieren.
Wenn die Kommiffion es im Intereife des Publikums
gelegen erachtet, hat fie das Recht gegen jede Perjon oder
Gejellichaft ein Derfahren einzuleiten, von der fie annimmt,
daß fie ungehörige Methoden im Wettbewerb anwendet.

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6. Die Befämpfung der Trujts in Amerika und in Deutjchland. 191
Beftätigt fid auf Grund der Derhandlungen ihre Anlicht,
jo fann fie die Unterlaffung jener Handlungen fordern.
Wird dem Keine Solge geleiftet, fo wendet ich die Kommiflion
an die Obergerichte der Dereinigten Staaten zweds gerichtlicher
 Durchführung ihrer Derfügungen und legt dabei ihr
gejammeltes Material vor. Auf Berufung an den Gerichtshof
 kann diefer die Derfügungen der Kommiflion beftätigen,
verändern oder aufheben.
Die Kommiffion hat ferner das Recht, von derartigen
Unternehmungen teils jährliche, teils jpezielle Berichte
zu verlangen, Erhebungen anzuftellen über die Durchführung
 gefebliher Entjdheidungen wegen Derlegung der
Antitruftgefeße, über die Wiederaufrichtung wegen folder
Derlegungen verurteilter Unternehmungen, über Unternehmungen
 und ihre Gejhäftsmethoden in fremden Ländern,
 die den auswärtigen Handel der Dereinigten Staaten
hbeeinfluffen fönnen, ujw.
Die wichtigiten pofitiven Beftimmungen enthält das
Ilayton-Gefeß vom 15. Oktober 1913. Es ijt eine
Ergänzung insbefondere des Sherman-Gefjeges und will,
wie diefes, die freie Konkurrenz [hüßen, ihre „Einfdhräniung
dur Monopole“ verhindern. Der grundlegende Begriff
ift daher nicht: unfair methods of competition, ungehörige
Methoden des Wettbewerbs, fondern „substantially lessen
competition‘‘, wefentlidhe Derminderung des Wettbewerbs.
Wann diefe aber vorliegt, wird ebenfowenig definiert. Das
Gefjeß verbietet fog. „„discriminations in prize‘, Seftjegung
 verjdhiedener Derkaufspreije für verfchiedene Arten
von Käufern, wenn damit Monopolzwede verfolgt werden.
Solche Derichiedenheiten in den PreisfeltfeBungen find,
wie bekannt, ein Hauptmittel der Trufjts, um foniurrierende
Unternehmungen aus dem Wege zu räumen. Serner
werden Derpflihtungen zu ausfhließlihem Derfehr unterjagt,
 d. bh. einem Käufer zu verbieten, von anderen zu
        <pb n="207" />
        192 IV. Kapitel. Die amerifanijhen Trufts,
faufen, wenn dadurdz der freie Wettbewerb wejentlich
eingejhränit wird. Jeder, der durch einen Derjtoß gegen
die Antitruftgefeße verlegt wird, Kann dreifachen Erjaß des
Schadens „einjhließlidh vernünftiger Anwaltsiolten“ verlangen.

Den effeftenkapitalijtijden Manipulationen der Trufts
jucht das Gefeß durch folgende Beftimmungen entgegenzuwirken:
 Keine Gefelljhaftsunternehmung joll au) nur
einen Teil des Effeltenkapitals einer anderen Unternehmung
 erwerben, wenn dadurch eine wefentlidhe Derminderung
 der Konkurrenz herbeigeführt werden Könnte.
Effektenerwerb [oll nur als Kapitalanlage und nicht zweds
Erwerb von Stimmrechten zuläffig fein, die Gründung
von Tochtergefeilfhaften nur, foweit fie zur Ausübung des
rechtmäßigen Gefchäfts erforderlich ijft. Niemand foll gleichzeitig
 Direktor in zwei oder mehr Gefjelljhaften mit über
1 Million Dollars Kapital fein, wenn dieje Gejellidhaften
bisher fonkurrierten und die Ausfchaltung der Konkurrenz
dadurdy zu befürchten fteht. Niemand foll Direktor, Derwaltungsrat
 oder Angeftellter von mehr als einer Bant
oder Truft Company (Derbindung von Spefulationsbank
mit Treuhandgejchäften) mit über 5 Millionen Dollars
Kapital fein. Audz fein Privatbankier, der über mehr als
diefe Summe verfügt, Joll Direktor einer anderen Banf
werden fönnen.
Dieje und zahlreihe andere Beitimmungen find zweifellos
 fehr gut gemeint und bedeuten einen wefentlichen
Sort{chtitt, wenn fie wirkflidh allgemein durchgeführt werden.
Das ift aber bei dem Charakter der Gerichts- und Derwaltungsorganijation
 in den Dereinigten Staaten immer
fraglid). Wahrjheinlid werden die Großkapitalijten auch
jebt wieder Mittel und Wege finden, dieje Beitimmungen
zu umgehen. Es hat den Anfhein, als ob auch diefe Gejeke
nur wieder den guten Willen der Regierung zeigen follen,

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        5. Die Befämpfung des Trufts in Amerika und in Deutfchland. 193

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die Wünjde des Dolfes zu befriedigen, als daß fie wirklich
beftimmt find, die in ihnen vertretenen Grundjäge überall
vollifommen zur Durchführung zu bringen. Insbefondere
muten [ie der Federal Trade Commission Aufgaben zu, die
jo umfangreich find, daß fie, wenn fie ernit genommen
werden, faum alle erfüllt werden Können.
Auch jegt fehlt es in Amerifa no) immer an ftrengen
Dorfchriften über die Aufftelung und Deröffentlidhung
der Bilanzen, der Gejchäftsberichte und der Profpekte hei
Emijfionen. Serner an Beftimmungen über periodifche
Kontrolle der Gejhäftsführung durch ftaatlichh beauftragte
Reviforen, über ftrenge Haftung der Direktoren, Gründer
und Sinanziers von Unternehmungen. In einem fidh als
demotratijd} bezeidhnenden Lande follte eine derartige
Heranziehung der öffentlidhen Meinung befonders geeignet
jein, Migbräuchen der Trujfts entgegenzuwirfken. Sreilich
fehlt es aud) an einer unabhängigen Sinanzprefje, wie ja
die naive Gläubigfeit der Amerikaner gegenüber ihrer
Preije und die unglaubliche Unkenntnis europäijdher Derhältniffe
 viel zu der unerhörten Derhekung Deutichlands
in der öffentlidgen Meinung Amerikas beigetragen hat, die
idhon lange vor dem Kriege einjekte, und der wir nicht
entgegentreten fonnten. Und fo werden wohl weiterhin
lroß diejer Gejeke in dem „Lande der Sreiheit“ einige
wenige große Kapitalijten die Mafjjen der Bevölkerung
finanziell ausbeuten. —
Die eigentlide Aufgabe wäre, bei der „Bekämpfung
der Trujts“ dahin zu wirken, daß ih nicht einige wenige
mittels ihrer Herrfchaft über das mobile Kapital zum
Nachteil der Allgemeinheit übermäßig bereidhern Können.
Diejes Problem ift aber jehr Jhwer und nicht auf einmal
 zu löjen. Denn die heutigen Zujtände ftehen natürlich
 mit der ganzen fchnellen induftriellen Entwidlung
Amerifas und mit der Sreiheit, die man dem einzelnen
£iefmann, Kartelle und Truits. 4. Aufl. 13
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        194 IV. Kapitel. Die amerikanijdjen Trufts.
im Erwerbsleben lafjen mußte, um dieje fhnelle Entwidlung
 zu ermöglichen, in engitem Zujammenhang. Aber
jelbit zur Erreichung eines viel befjdheideneren Zieles,
nämlich) wenigjtens die ärgjten Migzbräuche bei der Gründung
 und Derwaltung der großen Unternehmungen und
die Ausbeutung der fNeinen Kapitaliften und Aktionäre
einigermaßen zu hindern, ift erlt ein Heiner Anfang gemacht.
 Zu einem erheblidhen Teile liegt das daran, daß
dieje großen Kapitalijten in den einzelnen Staaten die
politijhe Macht in Händen haben und die Gefekgebung
zu ihren Guniten beeinfluffen fönnen. Daß es aber Jo [dwer
zu einem durchgreifenden bundesftaatlichen Dorgehen fommt,
hat darin feinen Grund, daß die Einzeljftaaten eiferfüchtig
über ihre Selbjtändigfeit wachen und, ebenfalls wieder
unter dem Einfluß der Interejfenten, eine Erweiterung
der Rechte des Bundesfjtaates hinfichtlidh einer Regelung
der großen Unternehmungen verhindern. Die nächjte
Aufgabe hinfichtlidhh Regelung der Trufts ift daher in Amerika
Schaffung eines einheitlidgen bundesftaatlihen und verbeijjerten
 Rechts der Gefelljhaftsunternehmungen, etwa
nach dem Mujter des deutjhen Aktien- und Emifjfionsrechts.
Man fann nicht genug die Amerikaner darauf hinweifen,
wie viel demofratijdher unjere diesbezüglidhen Einrichtungen
jind gegenüber dem Attientechte Englands und der Dereinigten
 Staaten, das einigen wenigen Großfapitalijten die
ungehinderte Ausbeutung ganzer Unternehmungsfomplere
und zahllofer Heiner Kapitalbefiger und Arbeiter ermöglicht.
Die Migkbräuche bei der Gründung und Verwaltung der
großen Unternehmungen müffen viel mehr vermieden werden;
 fie müßten einer jhärferen Überwachung durch die
Öffentlichkeit und den Staat unterworfen werden, damit die
Interelfen der Allgemeinheit mehr als bisher in ihnen zur
Geltung fommen. Unternehmungen, die ein ganzes Gewerbe
 umfafjfen und aus einer großen Zahl verfjchiedener
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6. Die Bekämpfung des Trufts in Amerifa und in Deutfchland. 195
Betriebe beitehen, verlieren in der Tat immer mehr den
Charakter der Privatwirtjhaften und nehmen den öffentlidjer
 Wirtjhaften an. Infolgedejfen muß die Allgemeinheit
in ganz anderer Weife als bisher Einblid in fie erhalten
und ihre Intereffen in ihnen zur Geltung bringen Können.
Allerdings ift etwas Derartiges nur durchführbar, wenn
einmal die immer noch fehr verbreitete Korruption im
politijdhen und wirtjhaftlihen Leben der Dereinigten
Staaten mehr zurüdgedrängt fein wird, Die beften Elemente
im amerifanijden Dolfe arbeiten eiftig in diejer Richtung,
und es ift fein Zweifel, daß es ihnen einmal gelingen wird,
aud) mit dem großen Problem der Truftregelung und der
Ausbeutung der Heinen Kapitalijten durch die großen
Sinanzleute fertig zu werden. Aber freilich, die ungeheuren
Sewinne im Weltiriege, die Entfadhung einer zügellojen
Spefulation und das durch die politijhe Lage noch gefteigerte,
icon früher den tatjächlidhen Zujtänden nicht entjprecdhende
Selbitbewußtfein der Amerikaner find nicht geeignet, 3u
Sort{hritten auf diejem Gebiete zu führen. Gewiß Können
wir mandes auf wirtjhaftlidhem, fozialem und politijhem
Gebiete von den Amerikanern lernen, aber daß man, alles
zujammen, in bezug auf wahre Kultur dort weiter gefommen
 {ei als wir, das wird niemand behaupten fönnen. —
Mit einigen Worten fei noch) auf das Hinübergreifen
 amerifanifdher Truls nad Deutfh-Land
 eingegangen und auf die Gegenmittel, die man hier
verfucht und vorgefdhlagen hat, In Deutfcdhland haben am
meijten der Petroleumtruft, der Tabaitruft,
der Shuhmafhinentrufßft, der Kontrollfajffentruft,
 daneben aud der NähHmaldhinen-(Singer-)T
 ruft, der Erntemafhinentruft und
der Kameratruft ihre Wirkjamfkeit entfaltet und fich
Abjag für ihre Produkte zu fhaffen gewußt. Alle haben
eigene Unternehmungen, zum Teil mit zahlreichen Silialen,
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        196 IV. Kapitel. Die amerikanifjdjen Trufts.
in Deutjcdhland errichtet. Am erfolgreichften ift in gewilfer
Binficht der Kameratruflt (Eastman Kodak Co.) gewefen,
 der bei den vielen für alles Ausländijhe [hHwärmenden
 Deutjhen den Namen Kodak fajt gleichbedeutend mit
photographiidhem Apparat gemacht hat. Er hat durch hohe
Provifionen überall die Händler zum bevorzugten Dertrieb
jeiner Sabrifate zu bejtimmen gewußt, troßdem, was Präzifionsarbeit
 und Optik anbelangt, die deutichen Anparate
liherlich überlegen find.
Die amerifanijhe Kontrollfajfengefelliqhaft
 hat durgh rtüdjichtslofjejtes Niederkonkiurrieren
mittels in Deut{chland unerhörter Manöver (fyjtematif[ches
Derdächtigen aller Konfkurrenzfabrifate, Auffaufen und
Ausbieten derfelben zu Schleuderpreifen ujw.) unter Ausnugung
 der deuten Duldjamkeit und der Langjamtkeit
der Gerichte jede deutjche Konkurrenz niederzuwerfen verjtanden
 und fidh gerühmt, an ihrem Gefhäftsjige fhon
einen Sriedhof mit mehr als 65 niederfonkurrierten
Gefjellfjchaften angelegt zu haben. Much der Schuhmafjfhinentruft
 hat dur fein raffiniertes Dermietungs[yftem
 für feine Mafdhinen und ftrenge Derpflichtungen
 für die Abnehmer fidhh lange Zeit Konkurrenz
in Deutjcdhland fernzuhalten gewußt.
Befonders hat vor dem Kriege das Eindringen des
amerifanijdjen Tabaktrufts in Deutjdland von fich
ceden gemacht und zu Abwehrmakregeln der deutfchen
Produzenten geführt. Er wurde 1890 mit 25 Millionen
Dollars Kapital gegründet, die in ihn eingelegten fünf GejeNlidhaften
 follen aber nur 400 000 Dollars wert gewejen
jein. Die Gründer haben dann die Aktien Künitlih auf und
ab getrieben, neue Gefelljhaften gegründet und teuer an
den Truft verkauft (jo 1895 die Union Tobacco Company,
die mit 3850 000 Dollars Kapital gegründet, aber gleich
darauf für 23 850 000 Dollars an den Truft verkauft wurde).

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6. Die Belämpfung des Trujts in Amerika und in Deutjdyland. 197
1911 mußte fi der Truft auf Grund Gerichtsurteils formell
in mehrere Gejellfjchaften auflöfen, bei welher Gelegenheit
ihn der Generalanwalt der Dereinigten Staaten als „eine
im Schmuß erzeugte und in Sünde geborene Gejellicdhaft“
bezeichnete, Damals beitand fein Kapital aus 53 Millionen
Dollars 6% Bonds, 48 Millionen Dollars 4% Bonds,
79 Milfionen Dollars Dorzugsaktien und 40 Millionen Dollars
Stammaitien. Die lebteren hatten, wie das für amerikani{dhe
Unternehmungen bezeidhnend ijt, eflein ein Stimmrecht
und befanden fih natürlich zur Mehrheit in den Händen
der Gründer, die zu den berüchtigtiten amerikanifchen Sinan3z-Ipeiulanten
 gehören.
Der Trujt, der durchfAnittlih 81%, der amerikanijchen
Tabaffabrifation Fontrolliert, erlangte zuerft die Herrfchaft
auf dem englijdhen Markt, die er duxd die British American
Tobacco’Company ausübte, Durch diefe fuchte er auch nach
Deutjchland einzudringen, indem er eine Reihe von deutjchen
Sirmen auffaufte, mit anderen heimlihe Derträge ab-[Oloß.
 Andere Mittel waren: Unterbietungen, Derfchleuderung
 feiner Waren, um Konkurrenten auszujdhalten;
Sonderrabatte an Zwijdhenhändler, die fih verpflichteten,
nur Truftwaren 3u führen; Derlegung des Mufterfhußes,
Nachahmung der Warenzeichen unabhängiger Sirmen, unter
denen dann [Hlechte Waren verkauft wurden; Rabatt{heine
im KXleinvertrieb, die jeder Käufer erhielt, und die er,dann
in jedem anderen Truftladen zu 10% der Kauffumme in
Zahlung geben fonnte; der Truft ftellte ganze Derkaufseinrichtungen
 fojtenlos zur Derfügung und zahlte oft noch
eine Dergütung, wenn die Ladeninhaber jih verpflichteten,
nur Trujtwaren zu führen, ufw.
In Deut{cdhland fekte eine umfalfende Abwehrbewegung
ein, welhe vom „Derband zur Abwehr des amerikanijchen
Tabafktrujtes“ organifiert wurde, und die bewirkte, daß die
Truftfabrifate in fteigendem Umfange vom Publikum ge-
        <pb n="213" />
        198 IV, Kapitel. Die amerikanijdjen Trufts, |
mieden wurden. Aug wurden Pläne zur Derftaatlihung
der Zigarettenindultrie, in die der Trujt hauptjächlich eingedrungen
 war, erwogen. Doch brachte erjt der Krieg mit
Amerifa wirkflicdhe Makregeln, indem die amerikanijdhen Sabrifen
 von einem deutjdhen Bankfonfortium erworben wurden.
Staatliche Maßregeln zur Abwendung des Eindringens
amerifanijcdher Monopole in Deutjcdhland find dann vor allem
auf dem Gebiete der Petroleum verforgung erwogen
worden. Dabei haben allerdings finanzielle Abfichten in
erheblihem Umfange mitgewirkt, Die Schaffung einer
Yrganijation des amerikanijdhen Petroleumtrufts für den
Abjaß nach Deutjchland datiert [hon aus dem Jahre 1890,
als der Truft nach Erwerb der zwei größten Bremer Jmportirmen
 die DeutfH-amerikanifjdhe Petroleumgefellfh
 aft gründete, die dann no zwei große Hamburger
 Sirmen aufnahm und [päter ihren Si nad) Hamburg
 verlegte. Im Jahre 1893 fand noch einmal ein heftiger
Kampf mit einer großen Mannheimer Importfirma ftatt,
wodurch die öffentlihe Aufmerkffamfkeit auf die Petroleumverforgung
 gelenft wurde, ohne daß es zu einem ftaatlidhen
Eingreifen kam.
Durch gefchidte Maßregeln dehnte der Truft fein Machtbereich
 immer weiter aus, Cr verpflichtete die Zwijchenhändler,
 nur von ihm, d. dh. feinen deutfhen Importgefell-Ichaften
 zu faufen, Gefchah das nicht, fo gingen dieje dazu
über, jelbjit an den betreffenden Orten Lager zu errichten
und direkt an den Kleinhandel zu liefern. Auf diejem Wege
wurden fchließlih auch die Kleinhändler an den Trult gebunden.
 Wollten fie der Derpflichtung zu ausichließlihem
Bezug nicht nachfiommen, fo wurden die fogenannten
Kannengejellfchaften gegründet, welche direkt die Der[orgung
der Konfumenten in die Hand nahmen. So wurde das Jdeal
des Trujts: Beherrihung des Petroleums „von der Quelle
bis zur Lampe” erreicht,
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6, Die Bekäm pfung des Trufjts in Amerika und in Deutjdland. 199
Wie fidh der Truft zu den übrigen Produzenten und
ihren deutjhen Abfagorganijationen verhalten hat, werden
wir im folgenden Kapitel zeigen, nachdem wir deren Orzanijationen
 befproden haben. Der Gedanke, ftaatliche
Maßregeln gegen den Petroleumtrujt in Deutjchland 3zu
ergreifen, ijt fchon alt. Der Plan eines Handelsmonopols
für Petroleum war, von früheren Dorjhlägen abgejehen,
hefonders im Jahre 1908 viel erörtert worden gelegent-(iq
 der Reichsfinanzreform, aljo zu finanziellen Sweden.
Die Regierung erklärte jedoch, daß erheblidhere Einnahmen
damit nur erzielt werden könnten, wenn es möglich fei,
den deutidhen Bedarf unabhängig vom amerifanijdhen Trujt
zu deden. Den Nachweis diejer Möglichkeit hielt fie damals
nicht für erbracht.
Als nun in den Jahren 1911 und 1912 die Monopolitellung
 des Trufjts in Deutjchland fidh erheblich verftärite,
legte die Regierung im November 1912 nach langen Der-Handlungen
 mit allen Beteiligten einen Gejegentwurf
vor, der ein ftaatlihes Handelsmonopol für Leuchtöl empfahl.
 Sie behauptete jebt, und der größte Teil der Begründung
 der Dorlage war dem Nachweis gewidmet, daß es
möglich fei, die deutjhe Derjorgung allein durdy von der
Standard Oil Company unabhängige Produzenten in Ruß:
[and, Rumänien, Öfterreidh, aud in Amerika jelbit Jicherzujtellen.
 Das Monopol aber follte jekt gar nicht finanziellen
Zweden, fondern ausfqhließlidh der Siherung der deutjchen
Detroleumverforgung dienen, insbejondere audh im Kriegsfalle,
 wenn die ausländijhe Zufuhr abgejchnitten werden
fönnte. Die gejamten in Deutfchland beftehenden Ablaßorganijationen
 follten vom Reid übernommen und einheitlicdh
 geftaltet werden.
Das Gejek ift vor Kriegsbeginn dem Reichstage nicht
wieder vorgelegt worden. Man hat erkannt, daß im Kriegsfalle
 das Monopol die Petroleumverforgung Kfkeineswegs
        <pb n="215" />
        200 IV. Kapitel. Die amerikanijdjen Trujts.
licherjtelle, daß aber gerade dann die Leuchtölverforgung,
auf welche fi das Gefeß allein erftredte, von viel geringerer
Wichtigkeit fei als die Derforgung mit Benzin, für die
wir zwar durchaus vom Auslande abhängig find, 1) bei der
jedoch die Standard Oil Company Feineswegs eine monopolijtijdhe
 Stellung hat. Daß durch ein Petroleumhandelsmonopol
 eine erhebliqe Derbilligung der Preije für
Petroleumprodukte in Deutjchland eintreten Könnte, muß
als fehr unwahrfheinlich bezeichnet werden. Ausländijdhen
Monopolen für Produkte, auf die ein Land angewiefen it,
ijt natürlid) am [qhwierigiten beizufommen, wie das Ausland
 au unjerem Kalimonopol gegenüber empfunden hat.
Hier kann nur, wenn das Monopol felbit nicht zu brechen
ijt, die Sörderung der Derwendung von Surrogaten, dem
Petroleum gegenüber vor allem des eleftrifihen Lichtes,
helfen.
Durch den Weltkrieg ift aud) das Problem der Petroleumverforgung
 auf eine ganz neue Grundlage geftellt worden.
Davon wird im folgenden Kapitel no) zu reden fein, in
dem wir die Organijationen der europäifjhen Petroleumproduktion
 Iurz befpredhen wollen.

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?) Daher war die Benukung des aus Kohle hergeftellten
Benzols, eines Jnlandsproduktes, für Automobile von fo großer
volfswirtfdhaftlidher Bedeutung.

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        <pb n="216" />
        1. Die Weiterbildung der Kartelle. 201

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V. Kapitel.

Die Weiterbildung der volkswirtjdhaftlidhen
Organifation unter dem Einfluß der Kartelle
und Trults.

1. Die Weiterbildung der Kartelle.

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Im Binblid auf die im vorigen Kapitel gefchilderte
Entwidlung der amerikanijdhen Trufts, die ja, wie gezeigt,
in vieler Beziehung über die deutjhen Kartelle hinausführt,
hat man bei uns nicht jelten die Anficht vertreten, die Kartelle
jeien überhaupt fhon eine rücftändige Entwidlungsftufe
und wir müßten aus Gründen internationaler Konkurren3-fähigfeit
 möglichft fAhnell die amerikanijdhen Trufjts bei uns
einführen. Demgegenüber behaupten wieder andere, wir
Teien in Deuticdhland in der Epoche der Trults {hon mitten
darin. Die meiften nehmen es jedenfalls als unbedingt
lidher an, daß die Entwidlungzum Truft, die Beherr{chung
 der ganzen Dolfswirtjchaft durch wenige große
Unternehmungen und Kapitaliften uns unabwendbar bevoriteht,
 und erbliden darin die lekte Stufe der Lapita-L[ijtijcqh
 en Wirtjhaftsorönung vor Einbruch der fo3ia-(ijtifqhen,
 die Erfüllung der Öfonomiidhen Prophezeihungen
 des Sozialismus.
Es ijt Har, daß jene Derfhiedenheit der Anfichten über
das Dorhandenfein von Trufts in Deutjdhland in der Hauptjache
 auf die Unficherheit über diefen Begriff zurüdgeht,
auf die Derjdwommenheit des Ausdruds, wonad) man jede
große Unternehmung als Trujt bezeidhnen fann. Aber
daneben fpielt doc auch eine gewijje Unkenntnis der tatjlächlich
 in Deutjcdhland vorhandenen Entwidlungstendenzen
mit, und die Empfehlung der amerikanijdHen Trujts ent-
        <pb n="217" />
        202 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirtjdaftl. Organifjation.
{pringt, ebenjo wie die fo beliebte Derwendung diefjes Sremdwortes
 überhaupt, der bekannten deutjhen Angewohnheit,
jtets bewundernd ins Ausland zu bliden und darüber die
Betrachtung unjerer eigenen Derhältnijje 3u vernad)-läffigen.
 Wenn man 3u einem Urteil über die volfswirtichaftlige
 Organijation der beiden fortgefchrittenjten Induftrieländer
 gelangen will, muß man die Ge[amtheit
der Entwidlungserfheinungen betrachten,
welche in diefen Ländern die heutige Dolkswirt|dhaft weiterzubilden
 beftimmt [qheinen. Das foll mit der hier gebotenen
Kürze in diejem Kapitel verfuchht werden.
Was zunächijt die Kartelke betrifft, fo ift zu berücfichtigen,
 daß fie in vielen Indujtrien immer noch in
den Anfängen ihrer Entwidlung fi befinden. Die große
Mehrzahl aller Kartelle in Deutjhland jteht heute noch
auf der Stufe bloßer Preisvereinbarungen, die
aufrechterhalten werden, folange die Nachfrage anhält, die
aber zerfallen, wenn diefe hinter der Produktion zurüdbleibt.
 Meift vollzieht fidh das in folgender Weife, wofür
namentlid) die hemijche Induftrie Beifpiele liefert: Die
Produzenten eines Artikels Kartellieren fidh und erhöhen die
Preije, andere Sabrifen nehmen die lohnend gewordene
Produktion auf. Überprodutktion ijt die Solge. Die Iartellierten
 Unternehmer fönnen zu den vereinbarten Preifen
nicht mehr abfeben. Entweder folgt jekt fhon Auflöjung
des Derbandes, mandmal auch dadurch veranlaßt, daß
ein Kontrahent den Dertrag bricht und ebenfalls billiger
verkauft, oder die Kartellierten Unternehmer jegen plößlich
die Preije bedeutend herab, um jene zum Beitritt zu veranlafjen.
 Miklingt das und findet die notwendig gewordene
Produktionseinjhräniung feine Zuftimmung, fo erfolgt ebenfalls
 die Auflöjung der Konvention und allgemeiner Koniurrenzfampf.
 Einige Sabrifen jtellen die Produktion des
unrentabel gewordenen Artikels ein, die übrigen [OHlieken
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1. Die Weiterbildung der Kartelle, 203
sine neue Konvention, erhöhen die Preife, und der Dorgang
ipielt fi von neuem ab. Es jcheint, daß alle diejenigen
Induftrien [hwer über die Iofejten Stufen der Kartellierung
hinausiommen, bei denen technijhe Sortjqhritte häufige
Umwälzungen des Gewerbes herbeiführen. Hier fehlt dann
auch das Streben der Unternehmer, durch die Kartelle zu
einer größeren Stetigfeit der wirtiqhaftlidhen Derhältnifje
zu gelangen.
Auch diejenigen Kartelle, die in ungünftigen Zeiten
nur zum Zwede der Produktionseinjdhräniung
zuftande Iommen, find zu einer dauernden Regelung der
Jnduftrie nicht geeignet. Dielmehr ijt für eine zwedmähige
Organifation der Induftrie und für die Herbeiführung einer
gewijfen Gleihmäßigkfeit mindejtens eine Einwirkung auf
Produktion und Preife gleichzeitig erforderıich. Eine foldhe
wird aber am beiten in den fejt or ganifiertenKXKarttellen
 vorgenommen. Es fann heute als ausgemacht
gelten, daß jedenfalls in den großen, Maljjengüter heritellenden
 Indujtrien eine gedeihlide Regelung nur mittels
eines fejt gejchlofjenen Syndikats möglich ijt, das den Abjab
jelbit im eigenen Namen leitet, und an dejfen Derkäufen die
Mitglieder mit fejtgefebten Anteilziffern beteiligt find.
Nicht in allen Indujtrien find freilich joldhe der Art des Produktes
 nach anwendbar. Daher fcheint es, daß man in
joldhen Erwerbszweigen, wie beijpielsweife in der Tertilinduftrie,
 zu fejten, dauernden Derbänden nur gelangt unter
Anwendung der Erkflujivverträge, der Derpflidhtung der
Robftofflieferanten oder der Abnehmer, insbejondere der
Händler, zum ausfqhließlidhen Deriehr.
Die Tendenz zur Konfolidierung des Kartellwefjens, zur
Bildung feit organifierter, auf längere Zeit gejchloffjener Derbände
 ijt aber auch unverkennbar; immer mehr Jnduftrien
fommen aus dem Stadium Iojer Preis- und Produktionsfonventionen,
 die nur Iurzen Befjtand haben, hinaus und
        <pb n="219" />
        204 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirtjchaftl. Organifation.
verfuchen die Bildung fejt gefchloffener, dauernder Syndikate,
Natürlich gelingt es auch hier nicht immer gleich, die zwedmäßigite
 Organifationsform zu finden; die Roheifen|yndikate,
die Zementiartelle haben gezeigt, daß häufig Organifationsfehler
 ihnen verhängnisvoll werden und fhwere voliswirt{haftlihe
 Schädigungen im Gefolge haben Können. Es
it auch nicht anzunehmen, daß alle Induftrien bald die für
lie zwedmäßigfte Kartellform gefunden haben werden, aber
fie lernen voneinander, machen fich die fremden Erfahrungen
zunuße, und es gibt in Deutjdyland eine ganze Anzahl von
Männern, weldhe als Gründer von Kartellen mit den verihiedenen
 Organijationsmethoden und ihren Dorteilen
wohlvertrauf find.
Dieje Entwidlung zu fejt organijierten Kartellen unter
vorfichtiger Leitung ift voliswirtjchaftlidh von größter Bedeutung.
 Sie allein vermögen eine größere Gleidhmäßigfeit
im Wirt{haftsleben zu fhaffen. Daß die Preife nicht plößliq
 vom höchften Stande der Hochkfonjunktur zum tiefiten
der Krifis herabfinien, wie es bei freier Konkurrenz zu geihehen
 pflegt, ijt für die Abnehmer felbit und für die ganze
Dolfswirtfdhaft von größtem Nuken. Die Abnehmer werden
in ihren Kaliulationen fiherer geftellt und laufen ein geringeres
 Rifjifo, aud) werden fie alle auf die gleidhe Bafıs
gejtellt, während bei freier Konkurrenz der eine mit diejen,
der andere mit jenen Einkaufspreijen zu rechnen hat und
durch eine plößlihe Entwertung der eingekauften Rohftoffe
und Waren alle Produzenten und Händler gewaltige Derlujte
erleiden. Daß die fejt organifierten Kartelle nach Eintritt
der Krifis die Preistegelung nicht aus der Hand geben,
wie es bei den lojen Konventionen, die fichh dann auflöfen,
der Sall zu fein pflegt, ijt daher aud) volkswirt[chaftlich
von größter Wichtigkeit.
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2, Katrtelle und Kombinationsunternehmungen. 205

2, Kartelle und Kombinationsunternehmungen.,

Doch ift nicht anzunehmen, daß es den Kartellen ge:
lingen fönnte, ihren legten voliswirtjdhaftlihen Endzwed,
die möglichite Befeitigung der Konjunkturfjdhwaniungen,
allein zu erreihen. Dazu reihen Derträge 3zwijdhen
den verfchiedenen Unternehmern nicht aus, dazu ijt vielmehr
eine vollfommene Umbildung der ganzen heutigen Dolifswirtfchaft
 erforderlich. Namentlich aber wird auch die Organifation
 der Unternehmungen felbjt eine gänzlidhe Umbildung
 erfahren mülfen. Die Kartelle als joldhe taften ja
die Organijation der einzelnen Wirtjhaften nicht an, jind
vielmehr nur eine bloße Derjtändigung zwifjdhen ihnen.
Wir jahen, daß in diefer Hinficht der Tru ft, welcher ja die
ZujJammenfalfjung jämtlicher Werke zu einer einzigen Unternehmung
 ijt, dem Kartell weit überlegen ift. Es ijt daher für
die deutihe Dokfswirtjchaft, in der fidh bisher eigentliche
Trujts nicht in nennenswerter Zahl entwidelt haben, von
größter Bedeutung, daß fih der notwendige Umbildungsprozeß
 der Einzelunternehmung au neben den KXKartellen
 und teilweile unter ihrem Einfluß zu
entwideln fcqheint. Wir haben [jhon die Entwidilung der
großen gemifchten Werke in der Eifenindufjtrie, die die verihiedenften
 Produktionsftadien umfaffen, kennen gelernt
und die ungünitige Stellung der reinen ihnen gegenüber.
Diefe ungünitige Stellung wird, wie gejagt, durd die Rohftofffartelle,
 denen gemij[chte Werke und etwaige reine Rohftoffproduzenten
 angehören, verjhärft. Aber jener Gegenfaß
;wijdhen reinen und gemifchten Werfen geht über das
Kartellproblem hinaus, Es ift ein Gegenfaß zwijdhen alten
und neuen, vorgefjchritteneren Betriebsformen. Die produftionstechnijdhe
 Überlegenheit der agemijcdhten Werke,
die ihre gefamten Walzprodukte in einer Hike herftellen
önnen und für den Antrieb ihrer Mafjchinen die Hochofen-
        <pb n="221" />
        206 V. Kap. Die Weiterbildung der voltswirt{haftl. Organifation.
gaje benußen, ift unzweifelhaft.!) Diefje Dorteile der Kombination
 machten fih bis in die Iekten Stufen der
Derfeinerung hinein bemerkbar, wie 3. B. die Konftruftionswerfitätten,
 die feine eigenen Hocdhjöfen, Stahlwerfe und
Zechen haben, durch die Konkurrenz der großen Werke
immer mehr ins Bintertreffen gerieten. Der Gegenjaß
zwijchen reinen und gemijchten Werfen dehnte fich aljo
audy auf folde Sälle aus, wo, wie 3. B. bei Brüdenbauten,
 durch Mitwirkung der hHöchftqualifizierten Arbeit
des Architekten und Konftrukteurs Gegenjtände der Mafjenheritellung
 zur Stufe höchftwertiger Gebrauchsgüter emportgehoben
 werden.
Eng damit verbunden ift eine Derfjhiebung in den
beiten Standorten der Indufjtrie. Durch die Benukung der
Hochofengafe, und feit ausländijhe Eijenerze immer
größere Bedeutung gewinnen, find die reinen Walzwerfke,
3. B. im Siegerland, [don aus Gründen der Transportverhältnifje
 immer weniger Ionfurrenzfähig. Sie werden
aber nicht volljtändig verdrängt. Es hat jich vielmehr in der
Eijeninduftrie auf einer höheren Stufe, nämlich innerhalb
des Grokbetriebs, die gleiche Entwidlung vollzogen wie
früher zwildhhen Sabritbetrieb und Hausindufjtrie, wo aud)
der erftere die lektere nicht ganz verdrängte. Wie der Sabrifbetrieb
 die Hausindujtrie beibehielt, um fie in Zeiten {tarker
Nachfrage als Refjerve heranzuziehen, in ungünitigen aber
jtillzulegen, fo benußen heute die großen gemi[cdten Werke
die reinen. Diele itellen in der Eifenindultrie ein elalti-1)

 In der nn von 1908 hat fi aber 3zuerft heraus:
geltelt, daß die Derwendung der Hochofengale und der bei der
ofsbereitung entjtehenden Gaje nicht unter allen Umitänden
oorteilhaft ijf. Denn die betreffenden Unternehmungen fonnten
ihre Roheijen= bzw. Koisproduftion nicht einjchränfen, weil fie
Din ihte weitere Den bzw. das Bergwerk nicht eb
etreiben fönnen. Diefe Unternehmungen [ind aljo ganz befonders
 auf fontinuierlihen Betrieb angewielen.
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2. Kartelle und Kombinationsunternehmur
hHes Moment den Konjunkturen|dhwankungen aeg hit
über dar. Die ganze Organijation der gemifchten Werke erjordert
 fonjtanten Maffenbetrieb. Bei günjtiger Konji“—" ur
überlafjen fie die Weiterverarbeitung zum Teil den +“
Werfen, die damit audh bei ftarfer Nachfrage Gewinn erzielen,
 bei ungünitiger aber [uchen [ie die Halbfabrikate,
deren Produktion fie der Kontinuität ihres Betriebes
wegen nicht einftellen Fönnen, felbjt weiterzuverarbeiten,
oder fie erpottieren fie um jeden Preis. In beiden
leßteren Sällen, wenn erportiert oder weiterverarbeitet
wird, leiden die reinen Weiterverarbeiter.
Es ijt au zuzugeben, daß unter diejen Umftänden die
Kombination, die Angliederung weiterverarbeitender Stadien
zu weit gehen fann, daß die gemifchten Werke fih Produktionsftadien
 angliedern fönnen, für die fie tedhni[dp nicht
geeignet find. YNamentlidh wo Kartelle für dieje weiterverarbeiteten
 Produkte beftehen, ijt die Gefahr, daß die
Kombination 3u weit geht, groß und führt [Aließlich zur Auf-[öfung
 der betreffenden Derbände. Die Grenze für die gemi{chten
 Werke und für die Kombination it im allgemeinen
 da, wo die Maijenproduktion weniger einheitlicher
Qualitäten und Mufjter nicht mehr möglich ijft. Wo fie
aufhört, beginnt daher das Seld für die reinen Werke,
die fogenannte Spezialijation. Wo von einem bejtimmten,
 nicht das Normale darftellenden Profile nur
wenige Tonnen verlangt werden, kann das große Werk
jeine Malchinen nicht mehr nußgbringend verwenden. Da
muß ein Spezialwerf mit eigenen Maljdinen eintreten. Auch
wo in der Derfeinerung befonders gejhulte Arbeiter geraucht
 werden, 3. B. bei Seinblechen, hat die Kombination
feinen wirt{qhaftlihen Dorfprung. Da fönnen befondere
Werfe auch in abgelegeneren Gegenden beftehen, wo fie
einen anjäffigen, zuverläffigen Arbeiterjtamm leichter halten
önnen, als das den Robitoffwerfken in den Indultriezentren

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        208 V. Kap. Die Weiterbildung der voltswirt{haftl. Organifation.
mit ihrer fluftuierenden Arbeiterfjhaft möglich ijt. Daher
find auch neuerdings Angliederungen zu foldhen Zweden
geeigneter reiner Walzwerfe an große Hüttenwerke zuftande
gefommen.
Jedenfalls ijt die Spezialijation ein Mittel, durkh das
lich manche der reinen Werke, wofern fie ich nur in günftiger
örtlicher Lage befinden, halten fönnen und teilweife nod) eine
jehr Iohnende Tätigkeit finden, wie, [hHon vor dem Kriege,
die Entwidlung einiger Unternehmungen, die Qualitätsftahl
produzieren, bewies. (Stahlwerk Beder, Gebr. Böhler,
Stahlwertk £indenberg, Bismarchütte u. a.) Erforderlich ift
jreilich, daß für dieje Spezialitäten auch entfprechend höhere
Preije 3u erzielen find. Daß das in ungünitigen Zeiten oft
nicht der Sall ijt, daran ijft aber die Konkurrenz der reinen
Werke untereinander ebenfo [huld wie die der gemifchten
 Werke. Es ift aber natürlich [H)werer, für derartige
Spezialprodukfte Kartelle zujtande zu bringen, und wird
wohl nur möglich fein, wenn ein Auslefeprozeß die lebensunfähigen
 unter den reinen Werken aus dem Wege geräumt
 hat.
Das Dorhandenfjein der Kartelle ijt aber, wie Iqhon
gejagt, in diejfern ganzen Entwidlungsprozeß nur von [efundärer
 Bedeutung. Die Derbindung von Hocdhjöfen und Stahlwerfen
 hätte Jidh aus technijdhen Gründen auch ohne die
Kartelle vollzogen. Die Tendenz zur Angliederung von
Kohlenzechen ift freilich durd) das Kohlenfyndikat erheblich
verftärkft worden; auch die Aufnahme der weiteren Produktionsitadien
 in das Arbeitsfeld der großen gemifjchten
Werte ijt wohl durch die Rohitoff- und Halbfabrikatsiartelle
etwas gefördert worden, in der Weifje, daß die Kontingentierung
 und Abfagbefchräniung für diefe Produkte, namentlid)
 in ungünitigen Zeiten, die großen Werke, für die eine
regelmäßige Produktion Lebensbedingung ift, immer mehr
auf die Weiterverarbeitung hindrängte. Im allgemeinen

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2, Kartelle und Kombinationsunternehmungen. 209
aber liegt in der Eijenindujtrie die Entwidlung zur Kombination
 und zum größeren Betriebe in den technijhen und
wirtjqhaftlihen Derhältnijjen begründet und hätte fih unter
allen Umitänden, aud) ohne die Kartelle vollzogen. Bei
freier Konfurrenz allerdings wäre den reinen Werken ihre
allmählihe Derdrängung und ungünitige Lage als etwas
Unabänderlidhes erfchienen, fie hätten feine einzelne wirtjhaftlidhe
 Erfheinung dafür veranwortlidhh machen fönnen.
In den Rohitofiverbänden aber hatten fie ein Konkretes
Objekt, dem fie ihre ungünftige Lage gemeinfjam in die
Schuhe jdhieben Ionnten, und jo wurden die Kartelle für
eine Entwidlung verantwortlidh gemacht, die aud) bei freier
Konfurrenz eingetreten wäre. Tatjächlich ift es ja doc
der in ungünftigen Zeiten immer äußerit heftige Koniurrenz-[ampf,
 der [owohl zum Eindringen der großen Werke
in die Weiterverarbeitung als auch) zu Kartellen führt.
Kombinationsunternehmungen und Kartelle {tehen alfo
weniger im Derhältnis von Urfadhe und Wirkung zueinander,
[ondern beide find die Solgen der Konjunkturenfdwankungen,
beide find ein Mittel, diefe für die einzelne Unternehmung
möglichft wenig fühlbar zu madjen. —
Durch die Bildung großer Kombinationsunternehmungen
 wird aljo die günftige Wirkung der feft organifierten
Robhftofffartelle, daß ale Abnehmer auf die gleihe Bafıs
gejtellt werden und damit auch bei ihnen eine größere
SGleichmäßigkeit in den Produktionsioften und {tabilere Derhältniffe
 herbeigeführt werden, wieder iNufjorijh gemacht.
Troßdem ijt aber vom allgemeinen volfswirtjqhaftlichen
Standpunkte aus diefe Entwidlung, fobald nur einmal die
Übergangszeit mit ihren notwendigen Härten überwunden
ijt, als ein Dorteil 3u bezeihnen. Denn wenn nur diefe
großen Werfe miteinander für ihre verfhiedenen Produkte
fartelliert find, [o Können fie die gefamte Marfktlage beffer
überjehen, als das einem Kartell für ein Spezialprodukt mög:
Liefmann, Kartelle und Trujts. 4, Aufl.
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        210 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirt]haftl. Organifation.
lich ijt, fie fönnen die Produktion derjenigen Artikel {teigern,
die augenblidlidh den beiten Abfaß haben, mit der Produktion
anderer aber zurüdhalten, fie Fönnen dagegen den Erport
der lekgteren in ganz anderer Weije in die Hand nehmen,
als das den reinen, fpezialifierten Betrieben möglich ift.
Insbefondere aber wird dur) die Kombinationen die Gejahr
 vermieden, daß die Kartellbildung in dem Schuß der
Schwachen erjtarrt und den technijhen und wirtjhaftlihen
Sortjchritt unterbindet. Indem die Rohjtofifartelle die
Weiterverarbeiter zu Kombinationen veranlalfen, wird im
Gegenteil eine möglichft zwedmäßige Geftaltung des Produktionsprozefjes
 gefördert und dadurch auch unfjere Konfurrenzfähigfeit
 gegenüber dem Auslande gefteigert. Wähtend
 des Weltirieges ift das alles deutlich zutage getreten.
Auch) die Kartellbildung felbit wird durch
die Kombinationsunternehmungen auf eine höhere Stufe gehoben,
 indem fie dahin wirken, daß an Stelle der Spezial:
fartelle für nur ein bejtimmtes Produkt Gruppenfartelle
 oder Generalkartelle, wie man fie
nennen kann, für die gefamten Erzeugnifje der betreffenden
Induftrie, weidhe in den kombinierten Werken hergeitellt
werden, fich bilden. Es hat fich nämlich in der Eifeninduftrie
gezeigt, daß die großen Werke, wenn fie bei ungünitigem
Abfag in den Kartellierten Produkten zu Produktionseinjhräniungen
 gezwungen waren, fi, um Be[häftigung
zu haben, auf die Herftelung nict-Kartellierter Artikel oder
joldher, deren Kartellen fie nicht angehörten, warfen.
Infolgedeffen wurde das Kombinationsprinzip vielfach
übertrieben und eine wirflihe Anpaflung der Gefamtproduktion
 an die Marktlage doch nicht erreicht. Hier Konnte
nur Abhilfe gejhaffen werden, indem die Gejamtheit der
in Betracht fommenden Produkte in einem Kartell vereinigt
 und jedem Werke eine beftimmte Anteilziffer am
Abfaß 3zugewiejen wurde, Dies durchzuführen war der

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2, Kartelle und Kombinationsunternehmungen. 211

Zwed des großen Stahlwerisverbandes, der
umfaffendften Organijation, die auf dem Gebiete des Kartellwejens
 bisher in Deutfdhland gefchaffen wurde. Er hat
diejes Ziel aber nicht volliommen erreicht.
Aber au auf die Rohitoffkartelle wirkt die
Tendenz zur Bildung großer Kombinationsunternehmungen
zurüd, Sowohl vor dem Ablauf des Dertrages des Kohlen-{yndikats
 im Jahre 1903 als auch bei den jahrelangen Derhandlungen
 für feinen Ablauf im Jahre 1915 machte der
Zujammenfchluß namentlidh deswegen Schwierigkeiten, weil
es nicht gelang, eine Anzahl großer Hüttenzedjen in das
Syndikat einzubeziehen. Dies war aber notwendig, weil
diefe, befonders in Zeiten der Deprefjfion, große Mengen
Kohlen an den Markt brachten und dem Kohlenfyndikat die
Beherridhung und Regulierung desfjelben erfjhwerten. Es
war 1903 nur möglich, die Hüttenzechen zum Beitritt zu veranlafjen,
 indem man ihnen fehr große Beteiligungsziffern
einräumte, ihnen den Selbitverbrauh auf den der Unternehmung
 gehörigen Hütten freigab und fie nur verpflichtete,
die überfhießenden Kohlenmengen durch das Syndikat zu
verkaufen. Infolgedejfen war aber die Stellung der Hüttenzechen
 im Syndikat eine viel freiere als die der Übrigen,
reinen Kohlenzechhen. Während diefe infolge der außer
ordentliden Ausdehnung der Produktion mit einer ftarken
Einfhräniung arbeiten mußten, konnten die Hüttenzedhen
durch Dergrößerung ihrer Eijenproduktion für erheblich
größere KXMobhlenmengen jid nußbringende Derwendung
[haffen. Infolgedefjen hatten jeßt nicht mehr nur die Eifenwerfe
 ein Interejje, fig Kohlenzehhen anzugliedern, um
fi vom Syndikat unabhängig zu maden, fondern die großen
Kohlengefelljchaften Juchten, um ihre Kohlen beffer verwerten
zu Fönnen, fi Eifenwerfe anzugliedern. Nannte man die
an große Stahlwerfe angegliederten Zehen Hüttenzechen,
fo Ipridht man bier von Zedenhütten. So ift es zu
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        212 V. Kap. Die Weiterbildung der volkswirt[haftl. Organifation.

yerjtehen, daß fih die größte deutfjhe Kohlenbergbaugefjelljdhaft,
 die Geljenfirhener Bergwerisgejelljhaft, zwei
große Eijenwerfe, den Aachener Hüttenverein Rote Erde und
den Schalter Gruben- und Hüttenverein, angliederte, die
beide ebenfalls fon Kombinierte Werke waren. Mit diejen
Angliederungen von Hüttenwerken wollte die Geljenkirchener
Bergwerfsgefellfjhaft damals jchon für den Sall der Auf-[öfung
 des Kohlenjyndikats vorforgen. Denn bei der viel
gefidherteren Stellung der mit Eijenwerfen verbundenen
Zechen erjchien es äußerft fraglich, ob dieje nodz einmal
zu einer Kartellierung mit den reinen Kohlenzeden und zu
einer Bindung ihres freien Kohlenquantums zu haben fein
würden. Der Umitand, daß jede Kartellierung der Rohftoffindujtrien
 die Weiterverarbeiter veranlakt, rohjtoffproduzierende
 Betriebe fich anzugliedern, ann jo als ein Aft der
Selbfthilfe im Wirtjqhaftsieben angejehen werden, der den
Gefahren, die mit einer Monopolifierung nicht beliebig ver:
mehrbarer Rohijtoffe verbunden find, begegnen [oll.
Es ijt aber fein Zweifel, daß mit der Entwidlung foldjer
großer Kombinationsunternehmungen die Gefahr einer
übermäßigen Ausdehnung der Produktion verbunden ijt, die
ja allen foldjen wirt|haftlihen Organijationsveränderungen
innewohnt. Die Geljenkirdhhener Bergwerkfsgefelljchaft, bis
1904 eine reine Kobhlenzecdhe, hat 1908 mehr als 60 Millionen
 Mark neues Kapital aufgenommen, hauptjächlich zur
Entwidlung ihrer Stahlwerke. Sie hat dann weiter nod)
enorme Anlagen in £uremburg-Lothringen gefhaffen und
im ganzen nahe an 200 Millionen Mark für die Dergrößerung
 ihrer Werke ausgegeben, Das Kapital wurde 3zU
immer neuen Angliederungen 1905 um 11, 1909 um 26,
1911 um 24, 1916 um 8 Millionen Mark erhöht. Die Gelfenfirhener
 Bergwerksgefelljhaft hat im Kohlenjundikat, wofern
 man nicht die Quote der Hibernia und des preukijchen
Berafisfus (5,8 Millionen Tonnen und 6,8 Millionen Tonnen
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3. Entwidlungstendenzen an Stelle der Kartelle. 213

ab 1920) zujammentechnet, mit nahezu 10 Millionen Tonnen
Kohlen die größte Beteiligung. Ebenjo im Roheijenverband,
283 000 Tonnen, wo fie nur von von der Summe der beiden
„Kraft“ -Werke des Sürjten Hendel-Donnersmarf (320 000 t)
übertroffen wird.
Da gleichzeitig au die meiften anderen großen Stahlwerke
 große Erweiterungen vorgenommen haben, fo ergab
 fih vor dem Kriege die Gefahr einer Überproduktion
und damit eine erneute Schwierigkeit für den Beftand der
Kartelle, die Möglichkeit eines neuen Konkurrenzfampfes
zwijchen den großen Unternehmungen, wenigitens auf
einigen Gebieten der Montaninduftrie. Inzwijchen ift durch
den Sriedensfchluß, deffen unheilvollen Wirkungen hier
nicht gefdhildert werden können, gerade dieje Indujtrie in
ihren Grundlagen völlig umgejtaltet worden, was bei der
Gelfenkirhener Gejelljhaft zum Derkauf ihrer gejamten
Stahlwerfe führte.
Zedenfalls bewahrheitet id in diejer Entwidlung
wieder der alte Sag, daß ein volfswirtjchaftlidhes Prinzip,
auf die Spike getrieben, in jein Gegenteil um{dlägt. Die
Kartellierung in der Montaninduftrie trägt dadurd, daß fie
zu Kombinationen veranlakt, [don den Keim zu neuer Konfurrenz
 in fich, entwidelt aus fi felb{t ein Korreitiv, das die
Ausbildung einer extremen Monopoljtellung, wie fie der
Sozialismus erwartet, verhindern wird.

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3. Entwidlungstendenzen an Stelle der Kartelle,
Wir fjehen aljo, daß die Entwidlung in den Kartellen
felbft jhon vielfad) über fie hinausführt, und daraus ergibt
jich, daß man fie nicht einfach mit den amerifanijdhen Trujts
vergleidhen ann, fjondern daß man auch die anderen CErjheinungen
 berüdljichtigen muß, die neben den Kartr-
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        214 V. Kap. Die Weiterbildung der voltswirtihaftl. Organifation.
tellen in Deutjcdhland auftreten, und die, wie fie, beitimmt
find, die voliswirtfdhaftlihe Organifjation weiterzubilden,
Nur teilweife find diefe noch zu befpredjenden Erfheinungen
durch die Kartelle gefördert worden, teilweife jedoch find
lie unabhängig von ihnen entjtanden. Immer aber fpricht
lid) in ihnen, wie in den Kartellen, die die ganze Doliswirt{haft
 durchziehende Tendenz zu engerem ZujammenjhIuß,
 zur Befeitigung der Jioliertheit
 der einzelnen Unternehmungen aus. Wir
jehen deshalb ähnliche Entwidlungstendenzen auch in anderen
 Unternehmungszweigen hervortreten, in denen überhaupt
 feine Kartelle beftehen, wo diefes Mittel der Dereinigung
 wegen der Eigenart des Unternehmungszweiges
nicht oder nicht in genügendem Grade anwendbar war.
hier ijt dann vielfach der Zufjammen|cdluß der Unternehmungen
 in verjchiedenen Sormen geradezu ein Erfaß
für die Kartelle und Trults. Davon Toll jeßt noch die
Rede fein.
Die Mittel, als Erfjaß der Kartelle oder neben
joldjen einen engeren Zujammen|cdluß verfdhiedener Unternehmungen
 herbeizuführen, find mannigfadher Art. Don
ihnen find die jogenannten Interefjfengemeiniqhaften
 von weitaus größter Bedeutung geworden.
Dieje find eigentlidh nichts anderes als eine Dereinbarung
über Gewinnverteilung zwijcdhen einer — in der Regel nur
Heinen — Zahl von Unternehmungen. Derartige Dereinbarungen
 find Ihon in früheren Jahrzehnten gelegentlich
vorgefommen, in neuerer Zeit aber find fie häufiger geworden,
 fo 3. B. zwijdhen der Dresdner Bank und dem
Schaaffhaujenjhen Bankverein, zwijhen den zwei größten
Sabrifen von Seld- und Grubenbahnen, zwijdhen drei
Hebezeuge herftellenden Sabrifen. Auch Interelfengemein-(haften
 zwijdhen Gefelljhaften verfdhiedener, aber
zueinander in Beziehung ftehender Unternehmungszweige

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3. Entwiklungstendenzen an Stelle der Kartelle. 215
fommen vo: fo zwijchen der Stettiner Schamottefabrif und
ber Berlin-Anhalter Mafjchinenfabrik, die insbejondere bei
dem Bau von Gasanftalten zujammenwirfen und felbft
wieder eine der eben erwähnten Hebezeugfabrifen in Befiß
haben. Dieje Intereffengemeinfdhaften jheinen fih aber
vielfad) nicht bejonders bewährt 3u haben, weil die eine
Unternehmung zwar in ihrem Erträgnis von der anderen
abhängig ift, aber doch in der Regel keinen Einfluß auf fie
ausüben kann. Diejenige zwijdhen den beiden genannten
Banten hat fich aus verjhiedenen Gründen nad) drei Jahren
aufgelöft. Die beiden Sabrifen für Seld- und Grubenbahnen
 haben fiH neuerdings fujioniert, und bei den Kranbauanftalten
 hat man durd gegenfeitige Delegierung von
Direktoren eine größere Einheitlichfeit der Derwaltung herbeizuführen
 verfucht.
"Die weitaus befanntefte und bedeutendfte Interejfengemeinjqhaft
 ijt aber neuejtens noch erweitert worden;
es ijt die der großendhemifhenSabrikfen, ohne
Zweifel eine der wichtigjten Organifationen im deutfjchen
Wirtjchaftsleben überhaupt. Nachdem fhon feit langem
eine große Zahl von Kartellen zwijdhen den hHemijchen
Sabrifen für die verfchiedenjten Produkte heitanden hatte,
jcloffen 1905 drei der größten an der Anilinfarbenfabrikation
beteiligten Werke: die Badijdhe Anilin- und Sodafabrik in
£udwigshafen, die Sarbenfabrif vormals Bayer &amp;amp; Co. in
Elberfeld und die Aktiengejellihaft für Anilinfabrifation in
Berlin einen Dertrag dahingehend, daß die zu[ammengeworfenen
 Gewinne in der Weife verteilt werden follten,
daß die beiden erften Unternehmungen je 43%, die legtere
14% erhielten. Eine ähnlidje Dereinbarung trafen bald
darauf die beiden neben jenen größten deutfchen Unternehmungen
 der Sarbeninduftrie, die Sarbwerke vormals
Meifter, Lucius &amp;amp; Brüning in Höchft und die Sirma Leopold
 Caljella &amp;amp; Co. in Mainkur bei Srankfurt, die beide
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        216 V. Map, Die Weiterbildung der voltswirt[haftl. Organifjation.
ihrerfeits wieder gemeinjam eine dritte Sirma, Kalle &amp;amp; Co,
A.-Ge]. in Biebrich, erwarben. Innerhalb diefer beiden
Interejfengemeinfdhaften war durch folche Gewinnvertei-(ungen
 jeder Anlaß zur Konkurrenz ausgefchaltet. Sie bejtand
 aber, foweit nicht Kartelle vorhanden waren, zwijdhen
den beiden großen Gruppen und den fonitigen Heineren
Sabrifanten.
Um aber nach dem Weltiriege den unzweifelhaft [ehr
Iqwierigen Konfurrenziampf im Auslande mit den in-3zwifjchen
 erftariten ausländijhen Produzenten mit vereinten
 Kräften führen 3u fönnen, fcAhlojfen fi die beiden
großen Gruppen im Jahre 1916 zu einer einzigen, alle umfajienden
 Interejffengemeinfchaft zujammen. Ihr trat auch
noch die große, namentlidh Dorprodukte liefernde, aber aud)
an der Anilinproduktion beteiligte Chemijche Sabrif Griesheim
 A.-G. für diejen Teil ihrer Sabrikation und die
hemijche Sabrif Weiler-ter Meer A.-G. in Ürdingen bei.
Die neue Interejfengemeinfhaft, in der die drei größten
Unternehmungen mit je 3irfa 25%, Cajfella mit etwa
10%, die Berliner Gefelljhaft mit etwas über 8% des
zujammengeworfenen Gewinnes beteiligt find, ijt auf
50 Jahre abgefchlofjen. Sie foll insbejondere aud dem
Austaufch tednijdher Erfahrungen dienen, wie überhaupt
allem, was die Konkurrenzfähigfeit der Teilnehmer erhöht.
Im Gegenjag zu den Kartellen ann man hier von einer
gewifjfjen KIapitaliftijcdhen Zujammenfallung fpredhen, wenn
au die einzelnen Unternehmungen nach außen volltommen
 felbjtändig bleiben. Es waren insbefjondere für
die Sticftoffgewinnung ungeheure Kapitalien erforderlich
und die drei größten Sabrifen haben jebgt ein glei) hohes
Aitienkapital, je 180 Millionen Mark. In der technifhen
Tätigkeit, den Laboratorien, aud) in Erwerbung von Patenten
 foll jede Unternehmung völlig felbftändig bleiben.
So bofit man, daß die Monopolilierung nicht zu einer

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3. Entwidlungstendenzen an Stelle der Kartelle. 217

Hinderung des technijdhen Sortichritts führen werde. * Die
Gefahren einer derartigen Monopolorganijation für die
Angejtellten und Arbeiter jowie für die Abnehmer, die alle
ausfchließlichh auf die vereinigten Unternehmungen an:
gewiejen find, bleiben aber natürlich beftehen.
Zahlreiche andere Intereifengemeinfchaften find 3. B.
in der Eifeninduftrie abgejchlofjen worden, indem
die großen Stahlwerfke, namentliH nach Auflöjung des
Walzörahtverbandes, [ih in diejer Weije mit Werken der
Derfeinerung zujammen|dlofjen. Der Stahlwerisverband
hat daher foldhe Interefjengemeinfhaften mit Unternehmungen,
 die einem Nichtverbandsmitglied gehören,
und in denen Derbandserzeugniffe hergeftellt werden,
verboten, andere von der Genehmigung des Derbandes
abhängig gemadt.
Sonft fei noch genannt die große, feit langem bejtehende
Zntereffengemeinjdaft zwi[dhen den deutfhHen Dynamitund
 Pulverfabriken, von denen die erfteren bis zum
Kriege wiederum mit englijden und anderen Sabrifen im
Nobel Dynamite Trust vereinigt waren, der feinerfeits
wieder mit dem großen franzöfijhen Trujt, der Societe
centrale de la Dynamite, in engen Beziehungen jtand,
durch die fo ziemlich die ganze Weltproduktion an Dynamit
einheitlid) fontrolliert wurde. Diejer Truft erhielt 60%
aller Gewinne, die Pulvergruppe 40%. Als bei Ausbruch
des Weltkrieges die Engländer den Kampf aud) gegen
alles private Kapital begannen, mußte eine Auseinanderfeßung
 erfolgen, die denn aud von den Dertretern beider
£änder in Holland vorgenommen wurde, Dabei war es [ehr
günitig für uns, daß die Engländer den größten Teil der
Produktion fih in Deutfhland hatten vollziehen lajjen, da
fie ja dodj an den Gewinnen Anteil hatten. Infolgedefjen
hatten wir den größten Teil des Sachfapitals in der Hand.
Doch find die englijdhen Effektenbeliker ficherlih nicht zu
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        218 V.MKap. Die Weiterbildung der volfswirtfdhaftl, Organifation.
furz gefommen. Iebt fungiert die bedeutendfte deutfche
Dynamitgefelljdhaft, die Hamburger Dynamit-Aftien-Gefelljchaft
 vorm. Nobel, als eine Art Kontrollgefellidhaft für die
deuten Dynamitfabrifen, und mit ihr befteht die auf
Gewinnverteilung beruhende Intereffengemeinfhaft mit
der Pulvergruppe weiter. In diefer hatte die große Eftiengefellfhaft
 Dereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabrifen die
Sührung, die wiederum in Interejfengemeinfchaft mit einer
Reihe anderer Pulverfabrifen ftand. Auf Grund des
Sriedensvertrages hat fie [ih anderen Produktionszweigen
zugewendet.
Übrigens ift Intereffengemeinjdhaft nur der 3ZuJammenfajfende
 Name für mehrere, in ihrer Stärke und Wirkung
jehr verfdhiedene Sormen wirt/qhaftlidher Beziehungen. Die
[ofefte Sorm ijt die derDelegierung von Direttoren
 der einen Unternehmung in den Auffichtsrat der
anderen. Derartiges ijft heute im allergrößten Umfange
üblich, nicht nur bei Bankdirektoren, die natürlih am
häufigiten Auflichtsratsjtellen in foldhen Unternehmungen
haben, denen ihre Injtitute finanziell naheftehen, fondern
aud) 3wijdhen Induftrieunternehmungen gleider oder
verwandter Art, Der Zwed dabei ijt natürlich immer,
engere Beziehungen 3wijden beiden Unternehmungen 3u
Ichaffen, deren Charakter natürlich fehr viel von den perfönlidjen
 Derhältnijjen der Delegierten abhängig ift. Sehr oft
ljt diefe Delegierung nur eine Doritufe für die Entwidlung
angerer wirt[qhaftlidher Beziehungen.
Eine foldhe ftellt die reine, auf Gewinnverteilung
 gehende Interejffengemeinfichaft dar. Doch fehlt
hierbei, wie gejagt, vielfad) nodh die Möglichkeit eines genügenden
 Einfluffes auf die andere Unternehmung. Diefjer
wird verftärkt, wenn die verlhiedenen Unternehmungen
gleichzeitig noch durch Aktienbefig aneinander beteili gt
jind. Das ift bei fehr vielen Interefjengemeinichaften noch

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3. Entwidlungstendenzen an Stelle der Kartelle. 219
neben der Gewinnverteilung der Sall, fo 3. B. innerhalb
der großen Intereffengemeinfdhaft der hemifjden Indujtrie
noch in der älteren zwijden den Höchjter Sarbwerfen,
Caffella &amp;amp; Co. und Kalle &amp;amp; Co. beitehenden Interefjengemeinfdaft.

Dieje Beteiligung einer Unternehmung an anderen
durch Effekten bef[iß geht aber weit über eine wirflidhe
Intereffengemeinf haft hinaus und ift die verbreitetite Sorm,
überhaupt Beziehungen zwijden mehreren Unternehmungen
zu fchaffen.!) Man Iann geradezu behaupten, daß es wenige
größere Atktiengefelljdhaften in Deutichland gibt, die nicht
Effeiten von anderen in Befiß haben. Es gibt aber eine
ganze Anzahl von Produktionsunternehmungen, bei denen
die eigene Produktion an Bedeutung zurücbleibt hinter ihren
Beteiligungen an anderen Unternehmungen, wie — um
nur zwei Beijpiele anzuführen — die Attiengejelljchaft
Sudwig Löwe &amp;amp; Co. in ihrer Bilanz ihre gejamten eigenen
Anlagen einfhließlidh Material und Sabrifaten mit noch
nicht 17 Millionen Marf aufweijt gegenüber Beteiligungen
 von 15} Millionen Mart bei 10 Millionen Mark
Attienkapital und 10 Millionen Mark Obligationen,
Der Zwed einer foldjen Beteiligung Iann fehr verjchieden
 fein und fpricht fi) oft [hon in dem Umfang
derfelben aus. Beljigt ein Unternehmen nur verhältnismäßig
 wenig Anteile eines anderen, fo handelt es
äh oft nur darum, einen Einblid zu erhalten, Fan [der
Generalverjfammlung teilnehmen zu fönnen. Bei größerem
Kapitalbefiß an einer anderen Unternehmung iit der Zwed,

1) Über die Beteiligungen und ihre Anwendung {in der
modernen Doltswirtjhaft vgl. mein Buch: Beteiligungs»
und Sinanzlerungsgele Matten, eine Studie über den
modernen Kapitalismus und das Effektenwejen, 3. Aufl. in Dors
bereitung, das alle im folgenden bejprocgenen modernen Ent“
wiglungseriheinungen ausführlich, {yitematijd und delfriptiv
ebandelt.
        <pb n="235" />
        220 V.Kap. Die Weiterbildung der volfswirtfdqaftl. Organijation.

engere Beziehungen anzubahnen, eine gewijfe Rifikoausgleichung
 3u [haffen, eine Abfaßverteilung vorzunehmen,
neue Produktionsmethoden der anderen Unternehmung,
Patente und dergleichen mitzugenießen ujfw. Dor allem
aber werden Beteiligungen an Unternehmungen der gleichen
Art heute benust, um die Interefjengegenfäße zu mildern,
eine Gemeinjamfeit der Interefjen anzubahnen. Don der
teinen Interejfengemeinfdhaft und den Kartelfen
 unterjdqheidet fi die Beteiligung dadurch,
daß fie eine engere Beziehung auf der Grundlage einer
Befiggemeinjdhaft herbeiführt, während jene nur eine
vertragsmäßige Derbindung fchaffen. Die Beteiligung
 verhält fi aljo zur reinen Intereffengemeinfchaft
3twa wie der Truft zum Kartell.
Je größer nun der Befig an Attien einer fremden Unternehmung
 ift, um fo mehr [pricht fi in ihm das Beitreben
aus, einen Einfluß auf diejfe auszuüben. Diejer wird
voll erlangt, wenn eine Unternehmung über die Hälfte
des Aktienkapitals oder gar das ganze Kapital einer anderen
befigt. Dann haben wir aljo den Sall der Kontrolle,
den wir fchon bei den amerikanijhHen Trujts (Holding
Companies) kennen gelernt haben. Dieje Kontrolle einer
Unternehmung durch eine andere im Wege des Belibes von
mindejtens der Hälfte der Aftien der erfteren ift 3war in
Deutjcdhland nicht [jo verbreitet wie in Amerika, Iommt aber
au bei uns häufig genug vor. Ja, es ift nicht jelten, daß
eine Unternehmung das ganze Effeitenkapital einer anderen
in Befiß hat. Dor allem gefhieht das bei ausländijdhen
Silialen, die häufig als bejondere Gefellihaften gegründet
werden müjffen, aber aud) bei rohftoffliefernden Werken,
um fid) den Rohftoffbezug ficherzufjtellen, und bei weiterverarbeitenden,
 um auch an der Sertigfabrikation beteiligt
zu fein. So hat 3. B. die Zellitoffabrik Waldhof in Mannheim
 das ganze Kapital von 12 Millionen Rubel ihrer

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3. Entwiclungstendenzen an Stelle der Kartelle. 221

uffifchen Siliale im Bejiß. Dieje und andere Beteiligungen
tehen mit 30 Millionen Mark zu Buch; außerdem hat fie
noch eine Sorderung an dieje Tochtergefellihaft im Betrage
yon 4,6 Millionen Rubel und hat deren MObligationenanleihen
von 15 Millionen Mark garantiert, alles bei einem eigenen
Attienfapital von 32 Millionen Mark, Serner haben
namentlich Banfen das ganze Kapital von anderen Banken
in Befig (Io 3. B. die Disfontogejelljhaft das der Nord-Seutfchen
 Bank in Hamburg) oder die großen elektriidhen
Unternehmungen das Kapital von Elektrizitätswerken.
Aber es gibt audy in Deutjchland Unternehmungen,
welde überhaupt Feine eigene Wirt{dhHaftstätigFeit
 ausüben, jondern nur den Zwed haben, durch
Befibß von Effekten andere Unternehmungen 3U fontrollieren,
aljo reine Kontrollgefellidhaften wie die amerikanijhen
Holding Companies. Und zwar haben einige von ihnen
monopoliftifden Zwed, jollen für eingan3zes
Sewerbe durch das Mittel der Beteiligung eine ein:
heitlidge Organijation und Zujammenfaljung fhaffen. Die
ältejite diejer Unternehmungen war die [Hhon genannte
Nobel Dynamite Trust Company Limited,
allerdings eine englijche Gejelljhaft, die in London 1886 unter
Benugung der englifdhen Truftinjtitution errichtet wurde,
aber nur eine englilde Dynamitfabrif, jonit hauptfächlich
deutfche umfaßte. Sie bejaß die Effekten aller ihrer Untergefelljhaften,
 die äußerlich felbjtändige Unternehmungen
blieben, ihre eigenen Dividenden erklärten, aber fie an den
Trujt abführten. Die erjte in Deutjhland errichtete monopolijtiihe
 Kontrollgefelljdhaft ift die 1901 mit dem fonderbaten
 Namen Reis- und Handelsgefellfhaft
in Bremen gegründete Unternehmung, in der jämtliche
beutihen Reismühlen, jeds Gefjelljdhaften mit bejchränikter
Baftpfliht und drei Aktiengefelljchaften, zujammengefaßt
wurden. Einige diefer Unternehmungen waren erft 3zU
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        222 V.MKap. Die Weiterbildung der volfswirtjdhaftl. Organifation.
diejem Zwed aus privatem Befikß in die Gefellichaftsform
gebracht worden. Die Kontrollgefellichaft beforgt auch, wie
die Derkaufsitelle eines Gewinnverteilungskartells, 3zugleid)
den Abfag der Produkte ihrer Untergefelljdhaften.
Kontrollgefellfjchaften mit teilweife monopoliftiidjem
Charakter find auch die Holzverkohlungsindu-It
 x ie Attiengefellfjhaft in Konftanz, 1902 errichtet, und die
Affumulatorenfabritk Aftiengefellihaft, Berlin-Hagen.
 Beide Kontrollieren zwar zahlreiche andere $Sabrifen,
[ind aber feine reinen KontroHlgefjellidhaften, fondern haben
aud) erheblidhe eigene Sabrifation. Jedenfalls hat die
Kontrollgefellfidhaft in Deutjdhland eine weitaus geringere
Bedeutung als in Amerika,
Aber aud) die Beteiligung und ihre höchfte Stufe,
dieKontrollgefell] daft, ift nod nicht die [härfite
Sorm des Zujammenfjcluffes mehrerer Unternehmungen.
Das ift vielmehr die Sufion, bei welcher die bisher vorhandenen
 Unternehmungen ganz verfhwinden und in einer
einzigen aufgehen. In einigen Heineren Unternehmungszweigen
 gibt es aud) in Deut{cdhland, häufiger aber, wie I[hon
erwähnt, in England und Amerika, $ufionsunternehmungen,
die den größeren Teil der Produktion des betreffenden
Gewerbes umfalfen, fo daß fie jedenfalls eine überragende
 und fehr mächtige Stellung in demjelben haben.
Don einer eigentligen Monopoljtellun g fann man
aber bei feiner von ihnen reden. In den 80 er Jahren
fufionierten fi) fo die wichtigiten deutfjdhen Pinfelfabriken
zu einer Gefelljdhaft, eben[o die Ultramarinfabrifen. Aus
neuerer Zeit find von wichtigen Sujionen, die den größeren
Teil eines Gewerbes umfafjfen, diejenigen der Nidelfabriken,
der Gelatinefabrifen und der Elb{hiffahrisgefellihaften zu
nennen. Das größte derartige Projekt, das eine Monopoltellung
 bezwedte, fie freilid) nicht annähernd verwirklichen
fonnte, ift in der Tapeteninduftrie verfucht worden. In

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3. Entwiklungstendenzen an Stelle der Kartelle, 223
Siejer Induftrie Hatten früher Kartelle beftanden, die {ich
aber als unzureidend erwiejen. Befferen Erfolg fheint
die Sulion der bedeutendften Kamerafabrifen zu haben,
bie freilich von einer monopoliftijdhen Stellung noch weit
entfernt ijt. Dagegen gibt es in Öljterreid einige
Sufionen mit wirflicher Monopolitellung, fo die Attiengejellichaft
 vereinigter öfterreichifdher Sezfabrifen, die Aktiengefellfhaft
 Solo (öfterreichijdher Zündwarentruft), auch die
Attiengefellfjhaft für qhemifldhe Induitrie (öfterreichiicher
Feimtruft).
Ohne monopolijtijdhen Charakter find in Deut[cdland
Zufionen in fehr großer Zahl zujtande gefommen und haben
bie Entwidlung zum größeren Betriebe ganz bejonders gejördert.
 Sie hatten in der Regel den Zwed, die Macht
einzelner Unternehmungen im Konfurrenziampf gegen
Dritte zu verjtärfen, und fehr häufig ijft es dann, wenn die
Zahl der Konkurrierenden Unternehmungen durch Sufionen
permindert war, zu Kartellen zwijdhen den übrigbleibenden
zefommen. ‚Ein typijhes Beifpiel [tatt vieler aus der
älteren Zeit bietet die Pulverinduljtrie. Schon in den 70 er
Jahren fchloffen fih 19 Pulverfabrifen durch Sujion zu
ziner AlktiengefelliHaft zujammen. Diefe fujionierte [id
dann wieder 1890 mit ihrer größten Konfurrentin zur
Attiengejellihaft: Dereinigte Köln - Rottweiler Pulverfabrifen.
 Dieje große Gefelljchaft [Aloß alsdann Kartelle
und Interejjengemeinjdhaften nicht nur mit anderen Pulverfabrifen,
 fondern auch mit dem fchon erwähnten Truft der
Dynamitfabrifen. So entjtand eine ganz moderne enge
Derbindung aller Sprengitoff herfitellenden Unternehmungen,
die alsdann mit den ähnlich organifierten franzöfijden und
amerifanifchen Sprengitoffabrifen [ozulagen die ganze Welt
unter fid) verteilten.
In der Regel fommen natürlich Su fionen und Beteiligungen
 nebeneinander vor, Mehrere
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        224 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirt[haftl. Organifation,
Unternehmungen fufionieren fichh 3u einer einzigen, und
diefe jtellt im Wege der Beteiligung engere Beziehungen zu
anderen her. Das ijt am meijten entwidelt im Bantwefen
 und in der eleitrifdhen Induftrie. Die
größten Banfen, die jegt alle in Berlin ihren Sig haben,
und die größeren jogenannten Provinzialbanken haben fich
alle außerordentlich vergrößert, indem fie fidh Heinere fufjionierten.
 Die großen Berliner Banfken find dann jede wieder
mit einigen Provinzialbanien durch Attienbeteiligung eng
verbunden. So entftehen die fogenannten Bankaruppen
(Konzerne). Die Deutfjche Bant, heute das größte
Banfinjtitut Deutjdhlands, mit 275 Millionen Mark Attienfapital
 und über 180 Millionen Mark Rejerven!), hatte fid
j[rüher dur Sufjion zwar nur wenige Heinere Bantgefchäfte
 vereinigt, ijt aber dur Aktienbefiß,
der in den meiften Sällen eine Kontrolle bedeutet,
beteiligt an:
l.der Bergijh-MärkifjdhenBanftin Elberfeld
(80 Millionen Mark Kapital), die ihrerfeits wieder zirka
ein Dußend Bankge[häfte durch Sufion in fidh aufgenommen
hat; im Jahre 1914 wurde fie mit der Deutihen Bant
fujioniert, die dabei ihr Aktienkapital von damals 200 Millionen
 Mark auf 250 Millionen Mark erhöhte;
2. dem Schlefifdhen Baniverein in Breslau
(Kapital 50 Millionen Marf), 1917 ebenfalls mit der
Deutidhen Bant fufioniert;
3. der Hannoverfdhen Bank in Hannover
(Kapital 36 Millionen Mark), die wieder an verichiedenen
anderen Banken beteiliat ist:

1) ‚In bezug auf die Höhe des Attienkapitals wird die Deuticdhe
Bant jegt von der Disfontogejellihaft mit 310 Millionen Mart
übertroffen. Doch [teht, wenn man Attienkapital und Referven
jujammenrechnet, und vor allem auch, wenn man den Umjaß
beachtet, die Deutfche Bank weitaus an der Spike,

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3. Entwidlungstendenzen an Stelle der Kartelle. 225

4. der E{fjenerKreditanftaltin Eijen (Kapital
90 Millionen Mark), die verfhiedene Banken in fidh aufs
genommen hat;

5. der RheinijdHen Kreditbantk (Kapital
95 Millionen Marl) und 6. der Pfälzifjhen Banf
(Kapital 40 Millionen Marf), die beide wieder zahlreiche
Bankgejqhäfte in fi aufgenommen haben und untereinander
 in einer fehr engen Intereffen- und Derwaltungsgemeinfchaft
 jteben;
6.derDeutfdhenDereinsbanf in Srankurt a/M.
(Kapital 30 Millionen Mark);
7. der Württembergifhen Dereinsbanf
(Kapital 40 Millionen Mark);
8. der Privatbankin Gotha (Kapital 10 Millionen
 Mart);
9, der Medienburgijhen Hypothefkenund
 Wechjelbanfk (Kapital 9 Millionen Mark) und
einigen Heineren Banfen, Serner ijt fie an ver[hiedenen
ausländijhen Banken, wie der Deutfh-überfeeifhen
Banti, der Deutfh-Afiatijhen Bank, der
Deutfch-Ojtafrikanijdhen Bank u. a., beteiligt,
Ähnlich ift die „Konzentration“ bei allen größeren deutjchen
Banfen.!) Eine große Anzahl von Banken ift durch Sulion
mit anderen überhaupt verjhwunden; die übrigen find durch
Beteiligungen, Interejjengemeinfhaften, Delegation von
Auflichtsräten eng miteinander in wenigen Gruppen verbunden,
 an deren Spige zumeilt eine der großen Berliner
Banften itebt.

1) Dal. dazu Rießer: Zur Entwidlungsgejhichte der deutichen
Großbanken, 4. Aufl., Jena 1912. gsgeidhich
Sieimann., Kartelle und Truits. 4. Aufl.
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        226 V.Kap. Die Weiterbildung der voliswirtfdhaftl. Organifation.
4. Beifjpiele der heutigen Organifjation ganzer Unter:
nehmungs3zweige.
Als Beijpiele der heutigen Organijation ganzer Unternehmungszweige
 feien zwei angeführt, die weit über die
nationalen Grenzen hinausgehen und fo zugleich die internationale
 Derinüpfung des großen Kapitals zeigen: die
Elektrizitätsinduftrie und die Petroleuminduftrie,
Die Gruppenbildung hat ihren Höhepunkt in Deutichland
 in der elektrifqh en Indujtrie erreicht. Die
großen elekitrotechnijdhen Sabrifen, vor allem die zwei
größten, Allgemeine Eleirizitäts-Gefelljhaft
 und Siemens &amp;amp; Halste, beherrfichen das
zanze Starfjtromgefchäft. Sie haben fig dur Sulfion
und Beteiligung Unternehmungen der verfhiedenjten Art
angegliedert, die zu der elektrifjchen Induftrie in irgendeiner
Beziehung ftehen, Maljcdhinen-, Gummi-, Kabel-, Draht-,
Kupfer-, Aluminium-, SGlühlicht-, Automobil-, hemifjche
Sabrifen ujw. Die größte deutjdhe elekftrotechnifjhe Unternehmung,
 die A. €, ®., hat fih vor allem den großen
Konzern der Selten&amp;amp;®Guillaume-LahmeyerwerfFeangegliedert,
 der auch [jhon wieder aus verfchiedenen
großen Unternehmungen, insbefondere dem großen Kabelwerke
 der Selten &amp;amp; Guillaume-A.-G, und der Elektrizitätsl.-®6.
 vormals Cahmeyer, entjtanden war, Schon früher
hatte fich die A. E. G., außer mit zahlreichen Heineren,
mit einer anderen großen Elektrizitätsfirma, der Union-Elektrizitäts-Gefjfellidhaft,
 fulioniert und ihre
zahlreihen Untergefelljhaften übernommen. Durcd) dieje
iteht fie wieder in enger Beziehung zum C£öwe-Konzern,
 der feinen Namen nach der Hauptgefelljhaft, der
Waffen- und Majchinenfabrit vormals Ludwig Löwe &amp;amp; Co.,
A.-G., haf, Diejer wiederum fteht in enger Derbindung
mit einer ganzen Anzahl anderer Kriegsmaterial liefernder
Unternehmungen, 3. B. dem Ihon erwähnten Konzern der

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$. Beifpiele der heut. MOrganifat. ganz. Unternehmungszweige. 227
Yulver- und Dynamitfabrifen, den Deutjhen Waffen- und
Munitionsfabrifen jowie aud) 3u der Sirma Krupp. 1919/20
wurde dann dur Übernahme der Glühlampenfabrit
der Deutfdhen Gasglühliqht-Gefellfhaft
(Auer-Gejelljchaft), die dabei in eigentümliher Weife
fiquidierte bzw. in ihren Bejtandteilen an einen Großattionär
 verkauft wurde, fowie durch völlige Derjhmelzung
 mit dem Hauptwerk des Selten &amp;amp; Guillaume- Konzerns,
 der Selten &amp;amp; Guillaume-KariIswertk
A.-G., der Interefjenbereih der A, €. 6. nod) ausge:
dehnt. Bei diejer Transaktion wurde das Kapital der
a. €. 6. von 200 auf 300 Millionen Mark erhöht, und
gleichzeitig wurden 100 Millionen Mark neue Obligationen
ausgegeben, Jo daß, was Kapitaltraft anbelangt, die A. E. 6.
jebt an der Spige aller deutfhen Indujtrieunternehmungen
jteht. 25 Millionen Mark der neuen Altien wurden einer
amerifanijchen Gruppe, die aus der Banffirma Kuhn,
Soeb &amp;amp; Komp. und dem großen Metalltonzern der
Guggenheims bejteht, begeben, jedoch fo, daß eine Überfremdung
 dur das ausländijdhe Kapital einjtweilen
zusgefchloffen ijt. Die Aktien werden dur einen Ausjhuß,
 dem zwei Deutihe und ein Amerikaner angehören,
verwaltet.

Die zweite große Elektrizitätsgruppe ijt entjtanden aus
dem Zujammenfchluß der Sirmen Siemens &amp;amp;Halste
in Berlin und Schu dert in Nürnberg. Beide haben den
zrößten Teil ihrer Sabrikation an eine bejondere Gefelljchaft,
die Siemens-Schhudert-Werfe m. b. 5., überragen,
 jede beherricht felbit aber nod) eine große Zahl
von Untergefellichaften, die fid über alle Länder verteilen.
Die Hauptgefelljchaft, Siemens &amp;amp; Halste £.-G., hat 1920
ihr Kapital von 63 Millionen Mark verdoppelt. Aber
weitere Gefellihaften des Konzerns werden des großen
Kapitalbedarfs wegen mit ähnlichen Transaktionen folgen.
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        228 V.MKap. Die Weiterbildung der voflwirtichaftl. Organifation,
Die Siemens-Gejellfichaft ift zu einem großen Teil noch ein
Samilienunternehmen, und man hat neuerdings ihren
Einfluß dur Gewährung eines Z0fachen Stimmrechts an
die erjten 9500 Aktien der Gejellihaft, die fid) im Samilienbefig
 befinden, 3u erhalten verjucht, das aber nur bei
lebenswichtigen Sragen der Gejellfihaft in Anwendung
fommen f[oll. Alle diefe eleitrotechnijdhen Unternehmungen
 find dadurdy bemerfenswert, daß fie für die Ertidhtung
 von dCleftrizitätsanlagen be fondere Gefellfqhaften
 neben fidh haben, die keinen anderen
3wed haben, als die Effelten von lokalen Cleftrizitätswerfen
 aufzunehmen. Statt dieje Effekten jelbit an das
Publitum 3u bringen, was wegen ihres Iofalen Charakters
in der Regel nicht möglich ijt, werden fie in einer Jolden
Gefelljchaft zujammengefaßt, und diefe fubfitituiert
ihre eigenen Effeften, namentliqd Obligationen, die in großer
3ahl emittiert werden, denjenigen der lokalen Cleftrizitätswerfe,
 die fie in Befik hat (Effekten[ubititutionsgefellfdhaft,.,
 Beteiligungsgefjell{dhaft).
Entweder find dieje Elektrizitätswerke von den großen
eleftrotechnifden Sabrifen felbft finanziert, und dieje ziehen
nun das hineingeftedte Kapital durch Übertragung an eine
joldhe Beteiligungsgejellihaft wieder heraus (Übernahmegefelljhaft),
 oder die Iekteren bringen felbit von vornherein
das Kapital für die Sinanzierung folder Iokalen Unternehmungen
 auf ($inanzierungsgefelljdaft).!) Don derartigen
 Übernahme- und Sinanzierungsgefelljdhaften befigt
jede der großen Elektrizitätsgruppen mehrere in Deutjdland,
 in der Schweiz und Belgien, und die Elektrizitätswerfe,
 deren Effelten jene wiederum befigen, find. in der
ganzen Welt zerjtreut. So hat 3. B. die Deut | h-überjeeifche
 EleftrizitätsgefelljAhaft, die zum
1) Dal. dazu mein erwähntes Buch: Beteiligungs- und
Sinanzierungsgejellfdhaften.

4. Be

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4. Beifpiele der heut. MOrganijat. gan3. Unternehmungszweige. 229
Konzern der Al. E. 6. gehört und Unternehmungen hauptjächlich
 in Südamerika befibt, ein Kapital von 150 Millionen
Mark und über 100 Millionen Mark Mbligationen. Dieje
Gejelljhaften werden aud) im gewöhnlichen Sprachgebrauch
vielfach Trujts, finanzielle Treuhandgefell-{haften
 genannt, ein wirfliches Treuhandverhältnis
liegt aber bei ihnen nicht vor; man Fann ihre Organifatiort,
die darauf beruht, daß fie auf ihren Befiß von Effeiten
wieder felbjit Effekten ausgeben, als ” “ _tienfub-;titution
 bezeichnen.
Auch befondere Der kaufsg ejelljhaften haben
die großen Elektrizitätsfirmen in ver[hiedenen Ländern etrichtet,
 deren Effekten die Stammgejelljhaften ebenfalls bejiken.
 Außerdem haben fie fi untereinander nicht nur über
gewijje Preije und Derfaufsbedingungen im Wege von Karteilen
 verjtändigt, fondern gingen in neuerer Zeit bei Übernahme
 großer, namentlich ausländijcher Unternehmungen
gemeinjam vor und haben für folge Zwede auch jhon gemeinjame
 S$inanzierungsgefelljhaften gefchaffen. Aud mit
den größten ausländijdhen Unternehmungen der elektrijhen
Yndujtrie, fo befonders mit der amerifanijhen General
Electric Company, fowie mit franzöfijden und englildhen
Unternehmungen beftanden enge Beziehungen, die zum Teil
die Benugung von Patenten, zum Teil die Abgrenzung von
Yntereffengebieten zum Inhalt hatten.
Aus alledem ergibt fichh die außerordentliche intetnationale
 Ausbreitung und weitgreifende effeiteniapitakiftijdhe
 Derflechtung, die in diejer ganz modernen Indultrie
aud) ganz befonders entwidelt it. Das unglüdlihe Ende
des Weltkrieges, das die meijten deut[hen Unternehmungen
im Auslande einfach der feindlichen Habgier verfallen ließ
und die deutjdhen Eigentümer zur Entjhädigung an das
Deutjche Reid verwies, hat natürlich audy den internationalen
 Charakter der aroken Elektrizitätsionzerne {tarf
        <pb n="245" />
        230 V. Map. Die Weiterbildung der voliswirtjhaftl. Organifation,
eingefdjränft, Zum Teil mußten felbjit in den neutralen
Ländern die deutfhen Beteiligungen liquidiert werden,
und aud) der Befig der Deutfjh-überfeeijdhen Elektrizitätsgefelljdhaft
 in Buenos Aires it in die Hände einer fpanifchen
 Gefjellichaft überagaeganaen.

Es fönnten bier mandjerlei ganz internationale große
Sinanzorganifationen von Unternehmungen angeführt
werden. Den Höhepunkt aller diefer modernen Entwidlungserjdeinungen
 aber bezeichnet wohl die Detroleumproduktion
 und -verforgung.!) In diefem Gewerbe
 finden wir alle die modernen Organifationsformen
geradezu zujammengehäuft, Interefjengemeinfdhaften, Kartelle,
 Sulionen, Beteiligungs- und Sinanzierungsgefell-Ihaften
 der verfhiedenjten Art, Kontrollgefellihaften mit
und ohne monopoliftijidhe Stellung ujw., und das alles in
denkbar internationaljter Derinüpfung. In keinem anderen
Erwerbszweige hat das Kapital fo die nationalen Grenzen
überfchritten. Während die elektrijdhe Induftrie, wenn aud
verhältnismäßig [Anell, fo doc jtetig fidh entwidelt hat, ift
die Organiation der europäijden Petroleuminduftrie, insbefondere
 die Derforgung Weiteuropas mit rumänifchem
Petroleum binnen weniger Jahre gefchaffen worden, und
zwar merfwürdigerweife falt ausfdhließlich durch einige große
Banten,
Zu Anfang der 90er Jahre Ionkurrierten auf dem
eutopäijdhen Markte mit einem ungeheuren Abjaß nur die
Standard OilCompany, neben der unabhängige
amerifanifjde Produzenten niemals recht aufzufommen vermochten,
 und die ruffifdhen Produzenten, an deren
Spike die Sirmen Nobel und Rothjhild ftanden.

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 den Metallhandel, vgl. den te Abfchnitt in
meinen „Beteiligungs= und Sinanzierungsgefellichaften“.
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4. Beifpiele der heut. MOrganifjat. ganz. Unternehmungszweige- 231
Dieje beiden großen Gruppen gelangten Mitte der 90er
Jahre nach langen Kämpfen 31 einer Derftändigung, durch
die den Rujfen eine beftimmte Quote des europäijdhen Kon-Jums
 rejerviert wurde, und beide Gruppen bauten nebeneinander
 ihre Derkaufsorganijationen in den Hauptabjaßgebieten
 Weiteuropas weiter aus. Sie erhielten jedoch Ende
der 90er Jahre einen neuen Konkurrenten in der tu m äniiqhen
 Detroleumindufttie. Seit Anfang der 90er Hahre
hatte das wejteuropäifche Kapital begonnen, fi für die
zeichen Petroleumfunde in Rumänien zu intereffieren. Die
Entwicklung der dortigen Produktion war jedoch mit großen
Schwierigfeiten verbunden, und erft feit etwa 1898 gelang
25 vor allem der Deutjhen Ban £ zujammen mit dem
Wiener Baniverein unter Aufwendung großer
Mittel in Rumänien eine große Produktionsunternehmung
zu fchaffen, die SteauaRomana, und den Abjag ihrer
Produkte nach Weiteuropa 3U organifieren. Um die erforderlichen
 Kapitalien 3u bejhaffen, gründeten die beiden
Bantfen eine ganze Reihe von Sinanzierungsgefelljchaften
in Ungarn, England, Rumänien und Belgien, wodurch ihre
Aufwendungen für dieje Induftrie fich mehr verteilten. Sür
den Dertrieb des Petroleums {chuf die Deutihe Bank 3ujammen
 mit der Steaua für Deutichland die Petr oo leumprodukte-Aktiengejellfdhaft
 als * Derfaufsgefelljdhaft
 mit 9 Millionen Mark Kapital, für England die
General Petroleum Company in London,
für Öfterreidh die Öfterreichijche Naphtha-Import-Gejelljehaft
 m. b. B. in Wien, für Dänemark und Schweden die
Dänijh-Deutfhe Detroleumkompagnie-AttiengefelIf®
 aft in Kopenhagen, für Holland
die Deutfhe Yetroleumhandels-Maatjdappij
 in Amiterdam, für Belgien die Societe
belge-hollandaise des petroles in Brülfel,
für die Schweiz die SHhweizerifhe Petroleum“
        <pb n="247" />
        232 V.Map. Die Weiterbildung der voltswirtjchaft!. Organifation.
produkte-Lagergefellfhaft in Zürich, für
Italien die SocietA importatione oliin Genua,
für Bulgarien die Socie€te€ Naphta in Sofia, für Rumänien
 die Societe de forage Alliantza in
Bufarejt. Aud befaß die Steaua Romana das ganze
Kapital von 9 Millionen Srancs der Aurora-Petroleum-Sefelljichaft.
 Der General Petroleum Company als Derfaufsgefelljchaft
 fhlofjen fi au die niederländijh-indi[dhen
Produzenten und die in Konkurrenz mit der Standard
Oil Company ftehenden unabhängigen amerifaniiden
Produzenten (Pure Oil Company) an.
Die Deutjdje Bank war aber auch an anderen Petroleumunternehmungen
 in Deutjchland, Öfterreich u[w. beteiligt
und hielt es für nötig, alle diefe großen Beteiligungen etwas
weniger direkt zu geftalten, fie teilweije abzujchieben und
zu verteilen, und fo gründete fie eine Effeltenübernahme-Gejellfchaft,
 die Deutfhe Detroleum-Atktiengefellfhaft.

Nachdem fo die rumänijdhen Detroleuminterefjen der
Deutjqhen Bank eine große Abjakorganiation in Welteuropa
hatten, Ichlofjen fich die dazugehörigen Gefelljidhaften mit
den großen ruffjifqh en Produzenten zu einer gemeinjamen
 Derfaufsorganifation zujammen, und zwar zum
3wed gemeinjamen Kampfes mit der Standard Oil Company,
 Die ruffijche Derkaufsgefellidhaft in Deutfchland, die
Deut{ch-Ruffifche Naphtha-Importgefellichaft, vereinigte fidh
mit der Derkaufsgefellidhaft der deutjchen Bank, der Petro-[eumprodukte-Attiengefellichaft,
 zur De u t iMenPetrofeum-DerkaufsgefellihHaft
 m. b. 5.
Derfjelbe Dorgang vollzog fi in England. Auch dort
vereinigte [ih die Consolidated Petroleum
Company, die dortige Derfaufsgefellfhaft von Nobel &amp;amp;
Roth{hild, mit der fAhon erwähnten General Petroleum
Company, der Derfaufsgefellichaft der vereinigten

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4. Beijpiele der heut. Organifat, ganz. Unternehmungszweige. 233
deuten, niederländijh -indijHen und unabhängigen
amerifanijden Jntereffenten, zur British Petroleum
 Company, einet Derfaufs- und Kontrollgefelljhaft,
 weldhe die größte bis dahin 3zujtande gekommene
Konfurrentin der Standard Oil Company beziehungsweife
‘hrer englijdjen Untergefelljchaft, der Anglo-Amerizan
 OilCompany, darftellte.
Den Höhepunkt aber erreichte die Konzentration zweds
Konfurrenzaus[hluffes untereinander und zweds gemeinjamer
 Befämpfung der Standard Oil Company, indem fich
1906 die beiden Derkaufsgefelljhaften der beiden größten
europäijchen Konfumländer, England und Deutfcdhland, aljo
die Deutfjdhe Petroleumverkaufsgefellfidhaft
mit beiqhränfiter Haftung und die British
Petroleum Company 3u einer gemeinjamen Derfaufs-
 und monopoliftijden KontroNlgefellidhaft, der Eur o -
väifldghen Petroleum-Union, Gefellidhaft
mit befQränfter Haftung in Bremen, zufammenichloffen.
 Ihr traten auch die übrigen Derkaufsgefellihaften
in den anderen europäilchen Ländern bei.
Die Europäijdhe Petroleum-Union, 6. m. b. H., wurde
mit 20 Millionen Marf Kapital ausgeftattet und übernahm
das Kapital der verfchiedenen DerfaufsgefeNljdhaften. Ihr
eigenes Kapital ift in den Händen der hinter ihr jtehenden
Jnterefjenten, für die Deutfdhe Bank in den Händen ihrer
Übernahmegefellijchaft, der De u t ihgenPDPetroleum-Aftiengefjellidhaft.

Es fam zu einem heftigen Kampfe mit den Amerikanern,
der aber nicht lange dauerte, Zuerft verjtändigte [ich in Eng-[and
 die Anglo-American Oil Company mit der British Petroleum
 Company und dann im April 1907 die Deutiche
Petroleumverfaufsgefelljdhaft‘ mit den deutichen Derfaufs»
gefelljhaften der Standard Oil Company bzw. mit diefer
jelbjt. Die Deutiche Petroleumverkaufsgefellfchaft erhielt da-
        <pb n="249" />
        234 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirtjhaftl. Organifjation.
nach 20% des in Deutfjchland zu erzielenden Abfages, die
ganze Leitung, Abjagorganijation, Preisfejtjegung, Wahl
und Entlalfung der Beamten ftand aber der amerikanijdhen
Sefjellfjchaft zu. Die Deutjche Bank erklärte fpäter, vor allem
auch durch ihre Mitbeteiligten, Nobel und Rothfchild, die
im Kampfe mit der Standard Oil Company nicht noch
mehr verlieren wollten, zur Unterwerfung unter den Trult
zezwungen gewefen 3u fein,
Im Jahre 1912 hat aber die Deutjdhe Derkaufsgefelljchaft
den Dertrag angefochten, als durch Drohung erzwungen,
gegen die guten Sitten verftoßend und daher nichtig, und das
Reichsgericht hat ihr Ichließlih recht gegeben. Gleichzeitig
begannen auch die Derhandlungen für Einführung eines
Reichspetroleummonopols, von denen wir im Kapitel über
ie Crujts fchon gejprochen haben.
Übrigens haben aud) andere deutihe Banken in ähnlider
 Weijfe die rumänijche Petroleuminduftrie und ihren
Abfaß nad) Weijteuropa zu entwideln gefucht und ebenfalls
zu diejem Zwed eine ganze Maife ineinander ver[hachtelter
Beteiligung- und Sinanzierungs-, Kontroll- und Derkaufsgefellfjchaften
 errichtet. Dahin gehören vor allem die Unternehmungen
 der Gruppe Diskontogefjellfjchaft-Bleichröder, die
in der Deutfqhen Erdöl-Aktiengefellfhaft
vereinigt find. An diefe ging 1912 audh die große Abfaßoarganifation
 der öfterreichijhen Petroleumproduzenten für
Deutjcdhland, die Oerx-A.-G., mit ihren Tochtergefjelljdhaften
über, nachdem fie im Kampfe mit dem amerifani[dhen Truft
große Derlufte erlitten hatte, Aber noch im felben Jahre
1912, fon in Kenntnis des ftaatlihen Monopolplans,
Iid)loß die fo ziemlidh mächtig gewordene Deutjdhe Erdölgejelljhaft
 mit der Standard Oil Company einen Kartellvertrag,
 bei welchem jene unter dem Einfluß der ftaatlihen
Pläne eine günjtige Beteiligungsquote (20%) am deutjhen
Abjaß erlangte, im übrigen aber aud) den Amerikanern die
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4. Beijpiele der heut. Organifat. ganz. Unternchmungszweige. 235
Leitung der Gejhäfte überlafjen mußte. Auf diefe Weile
erlangte die Standard Oil Company ein fajt volljtändiges
Monopol für Leuchtöl auf dem deutjhen Marite,
Doch hat die Standard Oil Company in Europa nod)
einen Koniurrenten in einem englifdh-niederländijchen
Konzern von größter Kapitalfraft, der einen der internationaljten
 Unternehmungsiomplere darjtellt und neueftens
an Bedeutung für den europäijdhen Markt den amerifanifchen
 Trujt fogar überflügelt hat. Das ijt der Konzern,
welcher durch die Kgl.hHolländifdhePetroleumgefjellfcdhaft
 (Kapital 400 Millionen Gulden) und die
Shell Transport- und Handelsgefell-{haft
 (Kapital über 23 Millionen Pfund Sterling) gebildet
wird. Beide befiken zujammen oder allein Detroleum-Produktions-
 oder Handelsunternehmungen in der ganzen
Welt und Kontrollierten damit 1913 71,% der Weltproduktion
 an Petroleum, nämlich 11/,% der amerifanijdhen,
 13% der rullifhen, 25% der rumänifcdhen, 94%
der niederländi[h-indijdhen. 1919 wurde die Produktion des
Konzerns auf 8—9 Mill. Tonnen, etwa ein Siebentel der
Weltproduktion, angegeben. Sie fontrollieren gemeinjam
wiederum zwei große Übernahmegejelljdhaften, von denen
die größte, die Bataafsche Petroleum-Gefeilfd
 aft, allein 150 Millionen Gulden Kapital hat
und zirka 20 Petroleumgefelljhaften in Niederländijh-Indien
und durch eine weitere Untergefelljhaft, die Konfjokidierte
holländijdhe Petroleumgefellihaft (Kapital über 40 Milfionen
 Mart), audy ruffijhe und rumänifhe Petroleumgefelljhaften
 Eontrolliert. Eine ihrer Untergefjelljdhaften, die
Doordtsche Petroleum Maatschappij, befißt die Bay erijche
Detroleumgejellichaft, die ihHrerfeits wieder die Kurhaus-Gefjelljhaft
 Wiesjee bei Tegernfee in Belig hat. Die andere,
 die Anglo-Saxon Petroleum Company (Kapital
zirfa 160 Millionen Mark), Fontrolliert, zum Teil durch
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        236 V.MKap. Die Weiterbildung der volfswirtfdhaftl, Organifation,
ein Syjftem von Untergejelljhaften, etwa 40 Produttionsund
 Handels-(Lagerungs-)gefelljdhaften in Europa, Alien
und Amerika, darunter aud) act deutfdhe.
3m ganzen fontrollieren die Königlich Niederländijche
und die Shell-Gefelljhaft direkt:
7 Gefjelljhaften mit 192 Millionen Gulden Kapital
in holländijher Währung,
Gejelljhaften mit 27,8 Millionen Pfund Sterling
Kapital in englijdjer Währung,
SGejelljchaften mit 119,3 Millionen Dollars Kapital
in amerifani[dher Währung,
3 Gefelljichaften mit 40 Millionen Rubel Kapital
in tufjfiflcher Währung,
Gefelljchaft mit 67 Millionen Lei Kapital in rumänijdher
 Währung (Altra Romana).
Unter ihnen jtehen aber wieder zahllofe andere Gejelfichaften.

Befonders bemerkenswert war das Eindringen diefjes
Konzerns in die merifanijche Detroleumindufjtrie mit der
Mexican Eagle Petroleum Company. Die Dividenden
der beiden Gefelljdhaften find immer fehr hoch gewefjen.
Die KXöniglich Niederländijhe hat zuleßt 40, die Shell-Sefelljchaft
 35% Dividende verteilt.
Diefe Gruppe trat während des Krieges in Beziehung
zu einem anderen großen, rein englijdjen Konzern, dem
der Burma Oil Company. Diefje, die wiederum
in Beziehung zur British Burma Petroleum Company
iteht, die beide Ölquellen in Birma betreiben, gründete die
Anglo-Persian Oil Company mit urfprüngliqdh 2 Millionen
Pfund Sterling zur Ausbeutung perfifcher Ölquellen. 1914
übernahm die englifche Regierung einen Teil
des Aftienfapitals und befißt in der jekt mit 7 Millionen
Pfund Sterling arbeitenden Gefellichaft die Stimmenmebrheit.
 Während des Krieges erwarb dieje Gefellichaft von

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4, Beifpiele der heut. Organifat. ganz. Unternehmungszweige, 237
dem Derwalter des feindliden Dermögens die Aftien der
der Europäifjdhen Petroleum-Union bzw. der Deutjhen Petroleum
 = Attiengejelljhaft gehörenden Unternehmungen
British Petroleum Company und ihrer Untergefellihaften,
 der Homelight Oil Company und der Petroleum
 Steamship Company, weldje dem englijdjen Kampf
gegen das deutjhe Privateigentum zum Opfer fielen.
1920 erhöhte die Anglo - Persian Oil Company ihr Xapital
auf 20 Millionen Pfund Sterling.
Die englijdhe Regierung aber dehnte ihren Befiß und
Einfluß noch viel weiter aus. Rechtzeitig hatte fie Monopolverfuche
 der Standard Oil Company, die Kontrolle
über englijdhe . Ölgefelljchaften zu erlangen, durch ein
Derbot, gewifje Ölaktien an Ausländer zu verkaufen, 3U
durchireuzen verftanden. Nachdem fie fhon lange an’ der
Shell Transport and Trading Company beteiligt war, die
ihrerfeits wieder mit der Königlich Holländijhen Petroleum-(Royal
 Dutch)®efjelljchaft aufs engijte verinüpft
ift, Kaufte fie im Jahre 1918 jämtliche in englijdjem Privatbefiß
 befindliden Aftien der lekteren zwangsweije auf
und machte, zur Beftürzung der Holländer, auch auf dem
New Yorfer Markte große Einkäufe. Jedenfalls ijt es
jider, daß die englijhe Regierung 3zujammen mit der
Shell Company die Kontrolle der Großen holländijdhen
Truftgefellichaft erlangt hat und damit, von verhältnismäßig
 wenigen Unternehmungen abgejehen, alle widctigen
 Ölfelder der ganzen Welt Kontrolliert, die nicht in
der Kontrolle der Standard Oil Company Itehen. Die
englijde Regierung ift dabei vor allem darauf ausgegangen,
äüc in allen Teilen der Welt au Öljtationen für die Derorgung
 ihrer Marine zu fichern.
Die Organifationen der Petroleumindufjtrie und des
Petroleumhandels find ohne Zweifel das Höchfjte, was bisher
 in bezug auf die „Weltorganifation” eines Gewerbes,
        <pb n="253" />
        238 V.MKap. Die Weiterbildung der voltswirtfchaftl. Organifation.
auf die Weltverforgung mit einem Gebrauchsgegenitande
geleiftet ijt, wobei, wie man fieht, militärijde Intereffen
aud) heute noch an der Spige ftehen und mit den Iapitalijtijden
 Hand in Hand gehen. Auch ijt die Organifation
diefes Gewerbes die modernite, diejenige, die mit den moderniten
 Mitteln, nämlidh am meiften effektenkapitaliftifd
durchgeführt it. Eine Unmenge verfjdhiedener Unternehmungen,
 Produktionsgefelljchaften , Derkaufsgefell-Ichaften,
 Kontrollgejellidhaften, Beteiligungs und Sinanzierungsgefelljchaften
 find hier aufeinandergehäuft. Die
deutfche Organijation diefes Gewerbes ijt, joweit fie den
internationalen Marft betrifft, durch den Krieg natürlich
zerjtört worden, die Deutihe Petroleum-Attiengefellichaft
hat ihre Anteile an rumänijchen Gejellihaften verkauft;
aber die Deutjdje Erdölgefellihaft hat an Wichtigkeit für
den deutfchen Markt gewonnen. Der weitgehende Eingriff
 der Banfen in dieje Indujtrie, deren ganze mitteleuropäijdje
 Organijation geradezu von den Banken ge-Ichaffen
 worden Ift, ftellt fiherlidh das aktivjte Eingreifen
der Banken zweds Entwidlung einer Jndujtrie dar, das
bisher zu verzeichnen war. Aber man kann daraus nicht
allgemein ableiten, daß in Zufunft die Banken die ver.
jhiedenen Indufjtrien in diefer Weije beherrjhen werden,
wie es hier gejdhah, und daß fie, wie es hier der Sall war,
die eigentlich treibende Kraft bei allen den neuen Organijationsformen,
 Kontrollgejellidhaften, Kartellen und dergleiden
 bilden werden. Diejer Sall bildete eine Ausnahme;
 das weitgehende Eingreifen der Banken wurde
veranlakt durdy den Umjftand, daß es fihh um eine ausändijhe
 Indujtrie in einem noch jehr kapitalarmen Lande
handelte, aber um eine Indujtrie, die für unfere Doliswirtjhaft
 von großer Bedeutung werden Ionnte. Die
Banfen: müffen vielmehr in der Regel im Interejfe ihrer
Liquidität juchen, induftrielle Beteiligungen fo bald als
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5. Dergleichende Überfidht der Konzentrationsbewegung. 239
möglich abzuftoken, was aber nicht hindert, daß fie durch
Kreditgewährung und dergleidhhen dennoch jtark an den von
ihnen gegründeten Unternehmungen intereijiert bleiben.
Bei mandhen neu auffommenden Induftrien fehen wir
im Gegenteil heute, daß die Banken oft feine [o aktive Rolle
mehr dabei fpielen, wie das früher meifjt der Sall war.
So werden die verfhiedenen Neugründungen von Unternehmungen
 3zweds Gewinnung von Salpeter und Ammoniak
 aus der Luft ziemlich unabhängig von den Banken
von großinduftriellen Unternehmungen betrieben (Badildhe
Anilin- und Sodafabrik, Alkaliwerfe Wejteregeln u. a.), und
ähnlich ijt es für zahlreidhe neue Unternehmungen in der
hemifchen Großindujtrie, in der Elektrizitätsindujtrie, der
Mafchinenindufjtrie, der Herfiellung Künftlidher Spinnftoffe
uf. Im Weltiriege haben die "großen Gewinne, die
fie erzielten, viele Jndujtrien no unabhängiger von den
Bantfen aemadcht.

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5. Dergleichende Überfjidht der Konzentrationsbewegung.

Man faßt heute die ganze neuere Entwidlung, die wir
hier im Umrijfe gefhildert haben, vielfach in dem einen
Worte Konzentrationstendenz3zujammen. Man
muß aber dabei erfennen, daß dies eine ganz allgemeine
und unbejtimmte Bezeihnung ijt (etwa wie „Dereinigung“),
 die [ehr verfhiedene Dinge umfaßt. Sür die wijjeniqhaftlihe
 Erkenntnis der Erfjheinungen ijt es daher nötig,
wenn man diejen Ausdruck überhaupt verwenden will,
verfhiedene Arten der Konzentration zu untere
iheiden. So ijft3. B. die tedhnifch e Konzentration (Betriebsfonzentration),
 die Erfegung zahlreidjer Heiner Betriebe
 durdy wenige große, etwas ganz anderes als die
Faufmännifche (Abfaß-) Konzentration, und bei
        <pb n="255" />
        240 V. Map. Die Weiterbildung der volfswirt{chaftl, Organifation.
diefer gibt es wieder verfchiedene Abftufungen bis hinauf zur
monopolijtifdhen (Abjaß-) Konzentration, wie fie
durch Kartelle und monopoliftijdhe Sufionen oder Kontrollgefelljdhaften
 herbeigeführt wird. Wieder etwas anderes ift
die bloße Befißkonzentration, die durch Beteiligungen
 an anderen Unternehmungen entiteht, und wiederum
 eine befondere Erfheinung ijt die finanzielle
Konzentration, die darin liegt, daß große Kapitaliften,
Banfen oder private Kapitalbefiger ganze Gruppen von
Unternehmungen, ja [ogar ganze Indujtriezweige mit ikrem
Kapital organifiert haben und beherrihen.
Trogdem ich diefe Unterfhiede feit Jahren betone,
werden nod) neueftens, auch von wijjen|haftlidher Seite,
joldhe Schlagworte wie Konzentration, Kapitalismus u. dgl.
ohne Hare Beftimmung ihres Inhalts immer wieder verwendet.
 Daß damit die wijfenfhaftlidhe Erkenntnis nicht
gefördert wird, liegt auf der Hand.
Wir haben im vorltehenden den Standpunkt gejhildert,
auf dem fih die Weiterbildung der voliswirtfhaftlidhen
Organifation in Deutfchland furz vor dem Weltiriege
befand. Durdy Angliederung immer weiterer Produktionszweige
 machen [ih die großen Unternehmungen
immer mehr von den Robftoffproduzenten und von
den Weiterverarbeitern unabhängig. Dur) Derfchmelzung
 mit anderen gleichartigen Unternehmungen vergrößern
lie immer mehr ihren Wirkungstreis und Ihaffen dadurch
die Möglichkeit weiterer Kombinationen. Durch langfriftige
Ab{hlüffe fichern fie fi dauernden Abfjag, durch langfriftige
Stalenverträge verfjchaffen fie fichh die Robitoffe, die fie
nicht felbjt fabrizieren Können, zu Preifen, die mit denen
ihrer Produkte in einem felten Derhältnis ftehen. Durch
Kartelle befeitigen fie die Konkurrenz mit anderen großen
Werfen, unter Umftänden auch mit dem Auslande. Billigerer
 Erport und Anlegung von Silialen im Auslande läkt fie

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5. Dergleidhende Überficht der Konzentrationsbewegung. 241
die dortigen Zoljdhranien überwinden. Wenn es nötig ift,
errichten fie die ausländijdhen Silialen als befondere Gefjell-[qhaften,
 bleiben an diejen und an von ihnen gejhaffenen
ausländijdhen Anlagen durch Aftienbefig beteiligt und er-[treden
 fi fo über die verfhiedenften Länder, in denen fie
auch durch befondere Derkaufsgefelljihaften den Abjakß ihrer
Produkte eventuell felbit in die Hand nehmen. Die gewaltigen
 Kapitalien befdhaffen fie fid dur Errichtung bejonderer
 Übernahme- und Sinanzierungsgefelljdhaften, denen
fie die Unternehmungen, an denen fie beteiligt bleiben
wollen, übertragen. Sie ziehen damit das Publikum direkt
zur Kapitalbefdhaffung heran und maden fi unabhängiger
von den Banken. Durch Aktienbeteiligung und Interejjengemeinjchaften
 verjchiedener Art jtehen fie mit anderen
großen Unternehmungsgruppen in enger Derbindung, führen
gemeinjam große Aufgaben durch, fchaffen fih fo auch
finanziell eine größere Sicherheit und eine Derteilung des
Rififos und dehnen andererfeits ihren Machtbereich immer
weiter aus, Sie find ein Staat im Wirt/qhaftsftaate, eine
Welt für fich in der Weltwirt[Hhaft, aber doch durch Taufende
von Säden mit dem großen Organismus des Wirtichaftslebens
 verbunden.
Wir erfennen aus alledem, wie f[tar£ das Bedürfnis
ijt, das die Unternehmer in der einen oder anderen Sorm
zum Zujammenf[dAluß treibt, und das im lebten Grunde
immer darauf hinausläuft, an Stelle der früheren Jfoliertheit
und Ungeregeltheit eine Regulierung, eine zwedmäßigere
Orönung des Wirtfhaftslebens zu [haffen. Wir erkennen
aus den hier kurz Mizzierten Entwidlungserfheinungen die
außerordentlid) intenfive Derfledhtung, die in den
fortgejchrittenjten Indufjtrien die Unternehmungen miteinander
 verbindet, und mittels deren fih die einzelnen
Unternehmungen öfonomijch ficherer zu {tellen hoffen.

Liefmann, Kartelle und Zruits. 4. Aufl.

A
        <pb n="257" />
        242 V.Map. Die Weiterbildung der volfswirt[dhaftl, Organifation,
Dergleidhen wir nun diefe in Umrijjen gefchilderte Entwidlung
 in Deut{chland mit derjenigen in dem anderen in
bezug auf die voliswirtjhaftlihe Organifation fortgejchrittenjten
 Lande, den Dereinigten Staaten, die wir im vorigen
Kapitel dargeftellt haben, fo 1äkt ji zujammenfajfend etwa
folgendes fagen: In den Dereinigten Staaten hat Jich die
Entwidlung zu einfeitig unter dem Einflujje der groß:
fapitalijtijdhen und jpekulativen Sinanzleute vollzogen, weiche
bei ihren Gründungen und Derfhmelzungen von Unternehmungen
 3uviel ihre privaten Gewinninterejfen in den
Dordergrund ftellten und durch große Effektentransaktionen
unter Ausbeutung des Publikums und feiner Speiulationsfujt
 zu befriedigen Juchten. Daher hat dort das Prinzip
der Kontrollgefelffchaft die größte Ausbreitung erlangt,
welde, befonders unter dem Schuge der ungenügenden
Korporationsgefekggebung in den Dereinigten Staaten,
effeftenfapitalijtildggen Manipulationen den weitejten Spiel
raum läßt. In Deutfchland ift die ganze Entwidlung
weniger überftürzt, mehr dur) almählichen Übergang von
einer Organijationsform in die andere erfolgt, und die dabei
angewandten Mittel find mannigfaltiger. Die Kartelle vor
allem, heute no) immer die bedeutendfjte Erfjheinung auf
dem Gebiete der Weiterbildung. der volkswirt[haftlihen
Organifation, haben bei diefer ganzen Entwidlung mäßigend
gewirft. Sie halten zunächft aud) noch die Neineren Unternehmungen
 am Leben, repräfentieren dem Truft gegenüber
mehr ein demotratijdhes Prinzip und find an fidh noch keine
Bildungen großfapitalijtijdher Konzentration. Es hat fid
aber gezeigt, daß die Entwidlung zum größeren Betriebe in
mandjen Jnduftrien, der damit verbundenen produktionstechnifjhen
 Dorteile wegen, nicht aufzuhalten ijt, und die
Kartelle haben denn auch dieje Entwidlung keineswegs gehindert.
 Dabei ijt aber in Deutjchland mehr das Mittel der
Sufjion, der völligen Derfidhmelzung von Unternehmungen

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5. Dergleidgende Überficht der Konzentrationsbewegung. 243
angewendet worden als das mehr effektenkapitaliftijde
Mittel der KontrollgefeHjchaft wie in Amerika. Dieje Konzentration
 ijt bisher in den führenden Induftrien auch nicht
jo weit gegangen, ganze Erwerbszweige in einer einzigen
Unternehmung 3u vereinigen, wie das in Amerika teils
unter dem Einfluß der Gefeggebung, die eine bloß vertragsmäßige
 Regelung eines Gewerbes durd) Kartelle erfdhwert,
teils und vor allem unter dem Einfluß {pekiulativer Sinan3-Teute
 häufig der Sall war.
ud ohne die politijhe Umwälzung in Deutjdland
wäre die wirtfdhaftlidhe Entwidlung bei uns wohl kaum
den amerifanijhen Weg gegangen. Zwar gibt es, wie
gejagt, viele Leute in Deutjchland, welche glauben, daß
die amerifkanijhe Trujtorganijation der deutfjhen weit
überlegen fei, aber man wird, wenn man nicht nur die
deuten Kartelle mit den amerikanijhen Trufts
vergleicht, Jondern auch die anderen oben gefchilderten Ent:
widlungstendenzen berüdcfichtigt, einjehen, daß wir in
Deutjcdhland mit anderen Mitteln ebenfogut, wenn nicht
bejfer dasjelbe Ziel erreidhhen. Weshalb [oll nicht 3. B. das
Dorhandenfein weniger großer Unternehmungen, die miteinander
 in Kartell jtehen, volfswirtjhaftlid) ebenfo zwedmäßig
 fein, warum follen Jie gerade eine einzige Gejelljchaft
 bilden müljfen? Welchen Dorzug Könnte es haben,
wenn alle deutfdhen Eijenwerke zu einem einzigen Riejenwerfe
 vereinigt wären? Selbit wenn es deren mehrere gibt,
ijft die umfaffendjte Angliederung vorausgehender und nachfolgender
 Produktionsftadien bei jedem einzelnen möglich,
wie wir fie jet aud) fid) entwideln jehen. Dabei werden
aber 3zahlreidhe Dorzüge der bisherigen Organifation gewahrt,
 jo die größere Lokale Konzentration der einzelnen
Unternehmungen, die beffere Überfichtlichkeit, die geringere
Schwierigkeit, eine einheitlidhe Leitung durchzuführen und
einen oberiten Leiter zu finden.
        <pb n="259" />
        244 V. Map. Die Weiterbildung der voltswirtfdhaftl. Organifation.
Sreilich ijt die Anficht weit verbreitet, daß die amerikanijdhen
 Derhältniffe doch [AHlieklih das Ziel feien, dem die
Entwidlung der modernen Großinduijtrie in Deutfjdhland 3zujtrebt.
 Dieje Anficht ift dur die fozialijtijdhe Gedankenwelt
jo verbreitet worden, deren Zukunftserwartungen die
amerifanijdhe Entwidlung zweifellos mehr zu beftätigen
[Heint als bisher die deutfjhe. Diefje aud) von vielen bürgerlidjen
 Nationalöfonomen vertretene Anfchauung glaubt, daß
die ungeheure Entwidlung des „unperfönlidhen
Kapitalismus“, des „mobilen Xapitals” zu
einer enormen Madchtitellung einiger weniger Kapitalmagnaten
 und damit zu einer voliswirt{haftlidh ungünftigen
Einiommensverteilung führen müffe. Dieje Anfhauung tritt
aber heute in zwei Sormen auf. Die einen fürchten mehr
den unperfönliden Kapitalismus, reden davon, daß bei den
neuen Entwidlungserfjheinungen der Kartelle, Kombinationen,
 Sujionen, Beteiligungen, Interejjengemeinjdhaften
„das Grogßkapital”, „Bank und Börjeninterefjen“ eine
größere Rolle gejpielt haben als die Bedürfnifje des Lebens
und die Notwendigkeit des wirt|haftlihen Sortfcdhritts. Sie
meinen, weil in Amerika die Trufts gerade in finanzieller
Hinficht zu großen Migbräuchen geführt haben, daß dies
auch bei uns eintreten müßte. Die anderen fajfen die Sache
mehr individualiftijdh auf und meinen, daß, wie in den
Dereinigten Staaten Morgan, Rodefeller, Harriman, Gould
und andere, fo auch bei uns die Thylfen, Kirdorf, Rathenau,
Ballin, Stinnes nur darauf ausgingen, die Herridhaft und
den Befig ganzer Induftrien an fidhh zu reihen.
Im erfteren Salle denkt man bei uns vor allem an die
großen Banken, erwartet von dem in den Banken fonzentrierten
 unperfönlihen Großfapital, daß es immer mehr
die Herrichaft über die Induftrie an fih reißen und deren
Entwidlung und Weiterbildung dann nicht mehr durch
produlktionstechnijdhe Gefichtspunite, Jondern weitgehend

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5. Dergleihende Überficht der Konzentrationsbewegung. 245

durch Bank und Börfenintereffen beftimmt und geleitet
yerden würde. Dabei hat man aber verhältnismäßig wenige
jehr befannt gewordene Sälle zu fehr verallgemeinert. Es
ijt natürlich, daß mit der Ausdehnung des Aktienwejens die
Bedeutung der Banken für die Indujtrie im allgemeinen
wuchs, aber es ift in der Tat Fein Zweifel, daß fie gerade
deshalb in den Zeiten, als die meijten Aktiengejellichaften
gegründet wurden, alfo 3. B. in den 70er Jahren, größer
war als heute, wo doch die Gründungsbewegung ihren Höhepunkt
 {don überfchritten hat. Es befteht Fein Zweifel, daß
durch die Entwidlung der modernen Riefenbetriebe der Einfluß
 der Banken auf die Induftrie eher geringer geworden
ijt als früher. Es ift natürlid, daß die Banken an der Entwidlung
 der Indujtrie das allergrößte Interefje haben, daß
fie aud wohl mandımal um vorübergehender eigener Dorteile
 willen fuchen, diefe weitere Entwidlung allzujehr zu
befchleunigen. Aber im allgemeinen ift ihr Hauptinterelfe,
namentlid) der großen, Iapitalfräjtigen Banken, auf die
BHerbeiführung größerer Stetigfeit im Wirtjqhaftsleben gerichtet
 und auf die damit verbundene größere Sicherheit
aller Kreditverhältnijje. Deshalb haben fie oft aud) ein
großes Intereijfe an dem Zujtandefommen und dem Beftand
von Kartellen, welche eine foldhe größere Stetigfeit ermöglien.
 Nirgends aber haben die Banken das Beftreben,
ganze Jndujtriezweige von fid) aus zu beherrihen. Es wäre
dies aud) nur denkbar, wenn fih die Banken auf beftimmte
Jnduftrien [pezialifieren würden. Aber davon ift keine Rede;
jie maden {id vielmehr auf den meiften Sinanzierungsgebieten
 fcharfe Konkurrenz. Wenn aber irgendwo eine
Bant verJucdhen wollte, einen ganzen Jnduftriezweig Kapitaliftif
 3u beherrihen, würde unjere Großinduftrie wohl
jtarE genug fein, dem entgegenzutreten. Tatlächlih ift
gerade die Macht der Großindujtrie im Weltiriege und
jeitber erheblich geitiegen.
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        246 V.Map. Die Weiterbildung der voltswirt{haftl. Organifation.
Auch die andere Gefahr, daß die Entwidlung des modernen
 Kapitalismus auch bei uns einigen wenigen Kapitalmagnaten,
 wie in Amerika, die Herrfhaft über ganze Induftrien
 in die Hand geben könnte, war meines Erachtens
Idjon vor der politijhen Umwälzung gering. Sie ilt
in Amerika und England in viel größerem Umfange
vorhanden; denn dort ift das Gründen und Sinanzieren in
der Hauptjache eine Erwerbstätigkeit von Privatleuten und
vom eigentlidgen Banfgejchäft ganz getrennt. Daher it
es dort viel eher möglich, daß gelegentlid) organifatorifche
Sinanzierungstalente ungeheure Kapitalzujfammenballungen
in die Wege leiten. Bei uns dagegen Kiegt die Emiffionsund
 Sinanzierungstätigfeit zum weitaus größten Teil bei
den großen Kreditbanfken,
Die Derquidung unferer Kreditbanken mit dem Emil-Kionsgefchäft
 bietet aljo eine gewifje Gewähr, daß private
Sinanziers in Deutjdland nicht die Rolle fpielen wie in
den Dereinigten Staaten und in England. Audh fonft find
die Derhältnifje dem Aufkommen folder Leute bei uns nicht
günftig. Die öffentlihe Meinung, die die Anfammlung
großer Jndujtriekapitalien in den Händen eines Krupp,
Stinnes, Thyffen und anderer Indujtriemagnaten ruhig
erträgt, würde fih einem Börfen- und Spekulationsfönige
gegenüber, der feine Herr{chaft über ein ungeheures Effektenfapital
 günftigen Börfenfpekulationen verdankt, ganz anders
verhalten, während in Amerika, bei der urteilslojen großen
Majfe wenigftens, nur der „Wert“ eines Mannes in Millionenziffern
 feines Dermögens ausgedrüdt in Betracht
fommt, der erfolgreihe Spieler kaum weniger bewundert
wird als der erfolgreihe Indujtrieunternehmer.
Aug dürfte es bei unferer ja viel zahmeren Börfen-[pefulation
 gar nicht fo leicht möglich fein, durch Spefulation
 fo große Dermögen zujammenzubringen, wie fie zur
Beherrfhung ganzer Induftrien nötig find. Und wenn auch

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5, Dergleichende Überficht der Konzentrationsbewegung. 247
jo große Spefulanten auftreten würden, würden fie, Jobald
lie verfuchen follten, durch Bildung von Kontrollgefelljdhaften
das Publikum und dejjen Kapital heranzuziehen, fi aber
die Herrichaft zu bewahren, jih doch einem viel urteilsfähigeren
 und nicht [0 jpekulationsluftigen Publikum gegenüber
 fehen.
So feint mir die bisherige Entwidlung des „modernen
Kapitalismus“ in Deutichland die vielfach auftretenden
peflimijtiflchen Zufunftserwartungen nicht 3U rechtfertigen.
Gerade der Effekteniapitalismus, d. h. die Erjdheinung, daß
ein großer Teil des Dolfsvermögens durch Effekten verförpert
 und fo mobilifiert wird, ermöglicht eine bejlere
Einkommensverteilung. Ohne ihn wäre überhaupt der moderne
 Grokßbetrieb nicht möglich, jedenfalls aber wäre ohne
die Derkörperung des Kapitals der Großbetriebe in Effekten
die Derteilung ihrer Erträge volfswirt|chaftlid höchit ungüniftig.
 Es ift natürlich nicht gejagt, daß diefer moderne
Effekteniapitalismus nun ohne weiteres die günitigite Derteilung
 der Erträge hHerbeiführt — das hängt eben von der
Derteilung des Effektenbejiges ab —, aber et gibt allein die
Möglichkeit, überhaupt diefe Erträge auf eine große Zahl von
Derfonen zu verteilen.  Andererfeits find natürlid die Gefahren,
 die mit diejer Mobilifierung des Kapitals verbunden
jind, nicht zu leugnen, die Ausdehnung arbeitslofer, reiner
Rentereinfommen, die es früher nur bei Befig von Grund
und Boden gab, die ftarken Dermögensihwankiungen und
Dermögensverfhiebungen, die mit dem mobilen Kapitalismus
 verbunden find, die große Spekulation, die daran anfnüpft,
 die vergrößerte Möglichfeit betrügerijher Ausbeutung
 von Wirtjhaftsjubjekten durch Effektenkapitalismus
 uw. Dody [Heinen mir diefe Gefahren für die moderne
MWirtfchaftspolitik nicht unüberwindlich, Die unzweifelhafte
jtärfere „Demofratifierung” Deutjchlands im Weltkriege,
bie Stärkung des Einflufjies der finisitehenden Parteien
        <pb n="263" />
        248 V. Kap, Die Weiterbildung der volfswirt[chaftl, Organifation.
ein[qhließlidh einer hoffentlid von wirt[chaftliden Utopien
fi) fernhaltenden Sozialdemokratie wird ebenfalls der
Gefahr einer. Ausbeutung der deutjchen Doliswirt{haft
durch fhädlihe Kapitaliftilde Monopolbildungen entgegenzuwirfen
 vermögen. Aber es muß betont werden, daß
unjer Wirt[qhaftsieben {hon vor dem Kriege in vielen
Stüden (3. B. im Altienrecht, Derjidherungs-, Steuerwefen
u. dergl.) und fo audy mit den Kartellen viel demofratijdher
war als bei unfjeren Gegnern, wo gewilfe äußerlidhe demo-Iratijdje
 Derfafjungsformen eine tat[ächlich vorhandene
Autokratie des Geldes und der politiidjen Phrafe bei viel
größerer Kapitalijtilder Ausbeutung der Arbeiter nur [ehr
oberflächlich verdedten.

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Sreie Konfurrenz, Privat= oder Staatsmonopol?
Die vorftehenden Ausführungen ihrieb ih Ende 1917
und habe von ihnen nichts zurüdzunehmen. Jnzwilden
ijt das unglüdlidhe Ende des Weltirieges und im Innern
die politijdhe und foziale Umwälzung eingetreten. So
traurig, ja hoffnungslos unfere \außenpolitildhe Lage fein
mag, fo [ehr die Gegner beftrebt find, unjer Dolf, foweit
fie es nicht verhungern laffen wollen, zu ihren Lohnf{Haven
herabzudrüden, fo fehr die meijten aud) mit den inner:
politijdjen 3Zuftänden unzufrieden fein werden: man
wird nicht leugnen Können, daß unfjere wirtfhaft-Lid)
 e Entwidlung in mandher Binficht einen großen Schritt
nad) vorwärts gemacht hat und der Krieg Jich hier als
Dater des Sortjchrittes erwiejen hat, Wenn fid aud)
unjere materielle Lage fjehr verjchlechtert hat und möglicherweife
 jahrzehntelang den früheren Überfluß nicht
erreiden wird, die wirtiqhaftlige Organi:-fation
 hat gerade dadurch einen aukerordentlidhen An:
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6. Sreie Konkurrenz, Privat: oder Staatsmonopol? 249

trieb erhalten. Aber zu weldjem Ziele diefe Entwidlung
geht, wie die neue Organijation des Wirtjhaftslebens
jcließlid ausjehen wird, das vermag heute nod) niemand
zu jagen. Einfiweilen {tehen fi die beiden Gegenjäbe:
extremer Individualismus, beruhend auf dem privaten
Gewinnitreben, das fih in und nach dem Kriege befonders
betätigen Ionnte, und volllommener Sozialismus, der in
der allgemeinen „Dergefellihaftung“ der Produktions
mittel das Heil fieht, Jhroff gegenüber.
Es ift ein Sehler primitiven politildjen Denkens, immer
nur die Extreme im Auge zu haben. Namentlich im wirtjchaftlidhen
 und politijden Leben macht [ih das bemerIbar.
Dor einem halben Jahrhundert war eine wirtfhaftspolitijhe
 Richtung auf ihrem Höhepunkt, weile in mMöglichit
 freier Monfurrenz die befte Organifation des Wirt:
jchaftslebens erblidte. Sie hat ji aber nicht völlig durchjeßen
 Ilafjen. Nicht nur kam die ftaatliche Wirt{chaftspolitit
 bald von diejem Prinzip ab, und alle Staaten,
mit Ausnabme Englands, gingen zu Schußzöllen über;
wichtiger ijt, daß [hon vorher diefes Prinzip durchbrochen
wurde von den Wirtfjchaftsperfonen felbjit durch die Bil
dung gemeinjamer Organijationen 3zwijdhen den Konfurrenten.
 Die Gewerkvereine der Arbeiter, die Kartelle
der Unternehmer, Ein- und DerkaufsgenofjenfhHaften der
Produzenten, Händler und Konjumenten entwidelten fich
und erlangten immer größere Bedeutung.
Wenn damit aud) die Konkurrenz als Organijationsprinzip
 des Taujchverkehrs natürlich nicht befeitigt war,
war fie dod) in ihrer Wirkfamfkfeit befhränit. Es zeigte
ih, daß, wie ih in der dritten Auflage diejes Buches näher
ausgeführt habe, die beiden denkbaren Ertreme des Taufchperfehrs,
 Monopol und Konkurrenz, fidh niemals aus-{chließlihh
 verwirklidhen Iajfen, fondern, wie wir dies bei
den Kartellen gefehen haben, jedes, auf die Spike ge
        <pb n="265" />
        250 V. Kap. Die Weiterbildung der volfswirtfdhaftl, Organifation.
trieben, das andere auf den Plan ruft. Der Gipfel der
Konfurrenz ijt das Monopol, das Übrigbleiben des Stärkjten
 im Konfurrenzlampf; jeder Konfurrenzfampf ilt
Icließlih nichts anderes als das Streben nad) dem Monopol.
 Andererfeits wird jede Monopolitellung, Jobald fie ausgenußt
 wird, zu Monopolwirkungen führt, neue
Konfurrenz auf den Plan rufen. Man fanıt nicht allgemein
 jagen, daß die eine oder andere Organifationsform
zwedmäßiger fei; bisher ijt das Wirtfchaftsleben niemals
aus[chließlid dur das eine oder das andere Prinzip
organifiert worden, fondern ftets hat eine Kombination
beider Prinzipien beftanden. Beide müffen gewifiermaßen
 in Iabilem Gleichgewicht zueinander ftehen, jedes
bereit, wirfjam 3u werden, wenn die wirt|qhaftliche Entwidlung
 zu ftart nach der anderen Seite geht.
Dies herbeizuführen, ift audy die Aufgabe der Wirt:
jhafts politik gegenüber den monopoliftiidhen Dereinigungen,
 und dasfelbe wird auch im allgemeinen
dem Staatsmonopol, dem ausfchließlidhen Betrieb großer
Unternehmungszweige durdy den Staat, gegenüber zu
gelten haben, wenn aud) in manchen Sällen, befonders
zu finanziellen Zweden, der Staat fi ein ausfchließlidhes
 Recht für gewijfe Gewerbebetriebe vorbehalten mag.
In einer Zeit der überwiegenden Herrichaft freier Kon:
furrenz ijt nun bei gewiffjen Bevölferungstlafjen das an:
dere Ertrem, das allgemeine Staatsmonopol,
als Jdeal hHingeftellt worden. Die Arbeiter waren es, die
die freie Konkurrenz am frühefjten und am ungünftigiten
empfanden; fie waren am wenigjten in der Lage, fie durch
monopolijtildhe Dereinigungen einzujdhränfen; ihre Koalitionen
 waren auch bis in die neuefte Zeit hinein vielfach
durch Gefeggebung und Derwaltung befchräntkt. Daher ift
es fein Wunder, daß fie ihr Heil in dem andern Extrem,
dem allgemeinen Staatsmonopol, erblidten, deffen Durch-
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6. Sreie Konkurrenz, Privat- oder Staatsımonopol? 251
führung 3zugleih mit der Erlangung der politijdhen Macht
allein imjtande fein werde, die Wünfche der Arbeiterjchaft
zu erfüllen. So gelangten fie zum Sozialismus, der nad
der wirtfhaftlidhen Seite hin — auf die er fi aber nicht
befchränit — ein allgemeines Staatsmonopol, die Befjeitigung
 des Privateigentums an den Produktionsmitteln
verlangt.
Durch die Entwidlung der Kartelle und Trufts ijt diefe
Sorderung noch verftärkt worden, obgleidh an die erfteren
die führenden Sozialijften nie gedacht hatten. Heute‘ aber
wird vielfach verlangt, diefe privaten Monopolbildungen
durch das Staatsmonopol zu erfeßen, fei es allgemein,
fei es doch in den wichtigiten Erwerbszweigen die Betriebe
 in die öffentlidhe Derwaltung zu überführen. Jahrzehntelang
 ijt den Arbeitern eingehämmert worden, daß
dies das Jdeal einer. Wirtjhaftsorönung und die Befjeitigung
 des Privateigentums an den Produktionsmitteln
eine Notwendigkeit fei. Marx lehrt, daß diefe Wirt] haftsordnung
 fidhh von felbjit aus den bisherigen Derhältniffen
entwideln würde, im übrigen aber aud) durch die Arbeiterjchaft
 auf revolutionärem Wege jederzeit eingeführt werden
fönne. Sür eine große Zahl von Leuten, auch folche, die
nicht eigentlid) als Sozialijften zu bezeichnen find, gilt es
als ausgemacht, daß {ich die weitere wirtihaftliqe Entwidlung
 im Sinne der Theorie des Sozialismus vollziehen
werde, „Wirtfjchaft foll nidht mehr Sache des einzelnen
fein, fondern der Gefamtheit“, eine Sorderung, die Jogar
WW. Rathenau erhoben hat, was ihn freilid nicht hindert,
in anderen Schriften das gerade Gegenteil zu fordern.
Au mandjen Nationalöionomen erjdheint dies geradezu
als Dogma, wie 3. B. W. Sombart („Der moderne Kapitalismus“)
 auf die heutige Kapitaliftijhe Epoche ihon
die fozialiftifjdhe folgen läßt. Die Anhänger diefer An:
Ihauung aeben zwar mandje der Marzfihen Zufunfts-
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        252 V. Kap. Die Weiterbildung der voltswirtfchaftl. Organifation.
theorien preis, insbejondere die Jogenannte Derelendungstheorie,
 wonach) die Arbeiter in eine immer ungünftigere
Lage geraten und aus ihr jih [chlieglid im Wege der Revolution
 befreien würden. Sie halten aber fejt vor allem
an der fogenannten Akffumulations- und Konzentrationstheorie,
 wonach die Heinen Kapitalijten und Unternehmer
immer mehr durch) die großen verdrängt werden würden,
bis fo der größte Teil des Dolfsreihtums in den Händen
weniger Kapitalmagnaten zujammengefaßt fein würde,
Sie würden dann fchließlidh von der großen Maifje aller
anderen, dem „Proletariat“, erpropriiert werden, und
damit wäre der fozialiftijdhe Staat unter Abfchaffung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln eingeleitet.
Dabei bleibt es fidh gleich, ob diefe dem Staate oder
einem fonjtigen Derwaltungsförper, der „Gejellichaft“
oder einer „Gemeinfchaft“ u. dgl., wie es meifjt in recht
unflarer Weifje ausgedrüct wird, übertragen werden. Bei
der heutigen Organijationswut, die den Sozialismus
überhaupt gleid) „Organifation“ fegt und dabei immer
nur an der äußeren Sorm des Problems haften bleibt,
hat man mangels wirt[qhaftstheoretijher Einficht nicht
erfannt, daß nicht die äußere Sorm, fondern das
tegelnde Prinzip entjdheidend für die Wirt|haftsordnung
 ijft. CEntjcheidend ift alfo, ob der freie Taufchverfehr
 und die Preisbildung auf Grund des Ertragsitandes
 beibehalten werden foll, oder ob an ihre Stelle
eine allgemeine „Derteilung“ von oben herab treten foll,
die lekten Endes natürlidh immer von dem höchften Machtjaftor,
 dem Staate, ausgehen müßte. Im erfteren Salle
fönnen wohl einzelne Erwerbszweige fozialijiert, d. h. irgendweldjer
 Gemeinjchaft übertragen werden, der Staat
wird aber immer ihre Preisfeltfegungen regeln und dabei
an die Preisbildung des freien Derkehrs anknüpfen mülfen.
Die Wirt{qhaftsorönung bleibt dabei wie bisher auch durch
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6. Sreie Konfurrenz, Privat oder Staatsmonopol? 253

das private Ertragsjtreben bejtimmt, und wenn der Staat
jelbit Eigentümer der fozialifierten Betriebe wird, wird
25 auch für ihn fehr ftark mitbejtimmend fein.
Mder es wird das private Ertragsfireben überall,
aud) in der Landwirtjchaft, ausgejhaltet: dann wird,
einerlei, ob man die äußere Organijation Gejelljdhaftsoder
 Gemeinwirtjhaft, Staats-, Gilden- oder Gefjelljdhaftsfozialismus
 nennt, der Staat als mächtigiter politijdjer
Saktor neue Grundfäße für die Derteilung der Produkte
 beftimmen mülffen. In diefer, nicht in der Produktion
 und ihrer Organifationsform liegt das Problem
der Soszialifierung. Bier aber hat der menfjchlihe Erfindungsgeift
 bisher verjagt; die von unzähligen Sozialiiten
 gemachten Dorfchläge der Derteilung nad) geleijteten
Arbeitsitunden u. dgl. find geradezu KHndlih und plump
gegenüber dem feinen Mechanismus des heutigen Taujhverkehrs,
 und fie Ionnten nur aufgejtellt werden, weil
man diefen überhaupt nicht verftand.
Man tut daher beffer, wie es aud) der marziftijchen philojophijdhen
 Grundlage, dem Determinismus, ent{pricht, jtatt
willfürliche Derteilungsgrundfäße zu Konftruieren, die IN Ö g -
liqhkeiten einer organijhen Weiterbildung
der bisherigen Wirtjdhaftsordnung zu beobachten und jic
damit 3u begnügen, fie im Sinne fozialer Ausgleichung
zu beeinflujfen. Man follte aljo zunächft feitjtellen, ob
nicht im heutigen Wirtjcdhaftsleben Anfäge zur Weiterbildung
 vorhanden find, und ob fie nicht bei richtiger Leitung
 durch den Staat fidhherer und fjhmerzlofer zu einer
Überwindung der heutigen Mikftände führen Können.
Davon foll am Schlufje des legten Kapitels noch die Rede
jein. Bier fei nur betont, daß der beliebten Argumentation:
in den Kartellen und Trufts breiten fidh private Monopolorganijationen
 immer mehr aus, das Staatsmonopol if
aber unter allen Umfitänden beifer als das Privatmonopol,
        <pb n="269" />
        254 V. Map. Die Weiterbildung der voltswirtfjchaftl. Organijation.
nicht unbedingt zugeftimmt werden kann. Es fragt Yid
dod) noch, ob nicht die Nachteile privater Monopole auf
anderem, weniger eingreifendem Wege befeitigt werden
fönnen. Es ift daher aud) nicht richtig, Erwerbszweige,
in denen die Konzentration weit vorgefchritten ijt, wie
in der Sabrikation elektrijdher Majcdhinen oder in der demijhen
 Induftrie, ohne weiteres als „verftaatlichungs”-oder
 „fozialifierungsreif” zu erflären. Das ift wiederum
nur die einfeitige Betrachtung der äußeren Organifjation.
Sehr viel wichtiger ijft es aber, feftzuftellen, ob der
Sffentlidhe Betrieb für die betreffende taufhwirtjchaftlie
 Tätigfeit paßt, ob die Leitung, felbit wenn die
an der Spike Stehenden nicht nur nad) den allgemeinen
Beamtengehältern befoldet, fondern unter Umftänden
viel höher bezahlt und durch Tantiemen an dem Erträgnis
interejjiert werden, fih in den allgemeinen Taufchverkehr
einfügen und defjen Erforderniffen anpajien kann. Sür
die meijten Wirtjchaftstätigkeiten find die bisherigen Erfahrungen
 in diefer Hinficht nicht jehr ermutigend, und
für Erperimente auf diefem Gebiete, die meift außer
ordentlich Koftipielig zu fein pflegen, ijlt augenblidlich die
deutjche Dolfswirtjchaft befonders wenig geeignet.
Damit ift nun nicht gefagt, daß nicht in einigen Er:
werbszweigen die private Unternehmung ausgefchaltet
werden fönnte. Mehr als für die Unternehmung,
den Betrieb, dürfte das aber wohl für das Eigentum,
 den Befiß der Sall fein. Das Bauland in der
Nähe größerer Städte kann 3. B. ohne allen Zweifel am
beften in der Hand der öffentligen Körperjchaften der
Allgemeinheit nußbar gemacht werden. Allgemein foll
hier auf das Sozialijierungsproblem nicht eingegangen
werden. Es ift heute fajt mehr politilhe Macht- und
Prinzipienfrage, Klajffenideal, zum Teil auch fehr egoiftijdhes
„privatwirt|haftlidhes” Ziel mandjer Arbeitergruppen, die

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1. Die rechtlide Regelung. 255

als Staatsbeamte fi höhere Löhne ausbedingen Können
als in privaten Unternehmungen, die eben doch auf Rentabilität
 fehen müflen; die voliswirt|chaftlihe Zwedmäßigfeit,
 die Steigerung der Bedarfsverforgung fteht
ganz im Hintergrund. Ob aber nicht die heutigen wirtjchaftliden
 und fozialen Mikjtände aud) auf anderem,
weniger radifalem Wege befeitigt oder dody gemildert
werden können, davon foll im folgenden Kapitel im Anjchluß
 an die Srage der taatlichen Regelung
der Kartelle und Trufts überhaupt nod) kurz die
Rede fein.

6. Kapitel.

Die {taatliqhe Regelung des Kartellwejens.
1. Die rechtliqhe Regelung.
Mit den Ausführungen am Schlufje des vorigen Kapitels
jind wir {don an das Problem der {taatlihen Regelung der
monopoliftiidhen Dereinigungen herangetreten und haben
den allgemein wijjen|dhaftlidhen Standpunkt dafür gefunden.
Seit langem bejchäftigt [id die öffentlidhe Meinung viel mit
der Srage, wie die Kartelle und Trufts {taatlich geregelt
werden Können, und bei Erfheinungen, die jo tief und umwälzend
 in das Wirtfchaftsleben eingreifen, wir wir das
eben gejchildert haben, ijt es auch wohlberechtigt, daß der
Staat ein wachjames Auge auf fie gerichtet hält. Aber gecade
 weil fie eine [o große Bedeutung haben, ijt eine wirklihe
 Regelung fo Iqhwierig. Die Kartelle find ja nichts
willfürlidh von den Unternehmern Gefchaffenes, jondern fie
und ihre Weiterbildungen find notwendige Ergebnilfe
unferer ganzen wirtichaftlidhen Entwidlung; wir fönnen fie
        <pb n="271" />
        256 VI. Kapitel, Die jtaatlidje Regelung des Kartellwefens.
aud) gar nicht mehr entbehren, und ihre Unterdrüdung,
wenn überhaupt möglid), wäre ein Derzicht auf den wirt-Ichaftliden
 Sortjcdhritt, der, wie wir fahen, durch fie gefördert
 wird. Es Kann fich aljo nur darum handeln, ihre
nachteiligen Wirkungen möglichjt zu befeitigen. Aber aud
hier haben wir gefehen, daß fie ungünftig hauptfächlich auf
veraltete Betriebsformen und unökonomifjdhe Wirtfchaftsorganijationen
 wirfen, indem fie diefe aus der Welt zu
jhaffen beftrebt find. Hier Kann es fidh im Intereffe des
wirtjchaftliden Sort{chritts nicht darum handeln, derartige
Wirkungen 3u unterdrüden, fondern höchftens darum,
den Untergang veralteter Betriebsformen etwas milder zu
gejtalten. Wie in allen foldjen Sällen der Derdrängung einer
alten Wirtfhaftsform durch eine neue fieht fidh hier die
Wirt[qhaftspolitif vor die allerfhwierigiten Aufgaben geftellt.
Wir werden uns nun im folgenden im wejentlidhen
nur mit der ftaatlidhen Regelung der Monopolbildungen
 befhäftigen. Die Srage einer Regelung
aller „Trufjts“ im weiteren Sinn, aller großen Inbinierten
Unternehmungen gehört in die Probleme des Gefellichaftsrechts,
 betrifft vor allem die Organifjation, Bilanzierungsvorfchriften,
 Pubilizität ujw. der Aktiengefelljhaften. Id}
muß dafür hier auf das legte (8.) Kapitel meines Buches:
Beteiligungs-und Sinanzierungsgefell-Iqhaften
 verweijen. Aber auch für die Regelung des
Kartellwejens, namentlidy nad) der rechtlidhhen Seite hin,
mußte id) mich hier auf das Wefentlichfte befdhränkfen, und
die umfangreiche juriftijdhe Judikatur mußte aus Raum:
rüdjichten ganz außer Bejpredhung bleiben.
Die Juriften find nun vielfad) der Meinung, daß die
vorhandenen Rechtsnormen zur Bekämpfung von Nachteilen
der Kartelle genügen. Als ob die fo unendlich vielfeitigen
Wirkungen der Kartelle von der Rechtsordnung überhaupt
alle erfaßt werden Fönnten! Selbjit aber für joldhe auf

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        1. Die rechtlihe Regelung. 257

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dem reinen Redtsgebiete liegenden Wirkungen wie
Zwang zu Abfjhlüffen und zu ausfchließliqgem
 Derfehr, Boykotts, Lieferungsjperren
 und dergleidhen genügen die heutigen Rechtsnormen
 den wirt[haftlidhen Bedürfnijjen nicht, denn man
ift noch nicht dazu gelangt, eine Unterfheidung zu finden,
wann dieje Makregeln berechtigt fein follen und wann
nicht. Die Entjqheidungen darüber find oft ganz wilkfürlich,
 und ein richtiges Derjtändnis ihrer öfonomijchen Bedeutung
 verbreitet fid) überhaupt erft fehr almählidh.
Erft vecht natürlich find die heutigen Zivilrechtsbeftimmungen
 unanwendbar, wo es fih um rein öfonomijdje
Wirkungen der Kartelle handelt. Hier Iommt befonders die
Einwirkung auf die Preisgeftaltung in Betracht.
Die bei einem Monopol nächftliegenden ungünftigen Wirfungen
 find ja die übermäßiger Preije. Nun ift allerdings,
wie wir jahen, bisher noch immer, wenn die Preije zu [tark in
die Höhe gejekt wurden, neue Konkurrenz aufgetaucht, aber
nichtsdeftoweniger muß mit der Möglichkeit gerechnet werden,
daß einmal ftaatlihes Eingreifen in die Preisfeltjekungen
eines Kartells notwendig werden kann. Man hat nun gejagt,
 daß, wenn die Kartelle übermäßige Preife von den
Konfjumenten verlangen, ein Deritoß gegen die
guten Sitten vorliege und demgemäß foldhe Derkaufsverträge
 vom Richter für nichtig erflärt werden Könnten, oder
daß aus dem gleihen Grunde ein Strafverfahren wegen
Wuchers möglid) jei, Man überfieht dabei aber, daß es für
den Richter nicht möglich ift, die Preisfeltjebungen eines Kartells
 von diefen Gefichtspunkten aus zu beurteilen. Preife
fönnen natürlidH nur im Zujammenhang mit der ganzen
Konjunitur des Wirtfjchaftslebens beurteilt werden. Das
jeßt die engite Derbindung mit demfelben voraus, aber
jelbit den Sachverftändigen aus der betreffenden Indultrie
wird es oft nicht möglich fein, zu fagen, wann die Preife zu
Ciefmann, KMartelle und Iruitz. 4. Aufl, 17
        <pb n="273" />
        258 VI. Kapitel. Die ftaatlidhe Regelung des Kartellwefens.
hoch find, gefhweige denn, wann von wucherijher Ausbeutung
 die Rede fein kann. Die Schwierigkeit, einen
„gerechten Preis“ fejtzujtellen, wird von den Juriften noch
immer unter[qhäßt.
Es ijt dabei ferner zu berüdfjichtigen, daß es Jich hier
niht um einen einzigen Derfaufsvertrag handelt,
der dem Richter gerade vorliegt, fondern es find auf der
gleichen Grundlage, 3. B. den Preisfejtfegungen oder Abfjaßbedingungen
 des Kartells, eine Unzahl ähnlidjer Derträge
eingegangen worden. Das Urteil eines Richters übereinen
jolchen Dertrag enthält daher gleichzeitig eine Entjheidung
über alle auf Grund des betreffenden Kartellbejhluffes
von allen Kartellmitgliedern mit ihren
Abnehmern gefhloffenen Derträge. €s
handelt fich hier aljo um die wirtfhaftliden Grundlagen und
die innerijten Derhältniffe eines ganzen Indufjtriezweiges,
und es ijt dem Richter ganz unmöglich, diefe Grundlagen,
d. h. die Gründe für die Sejtfekung der Kartellpreije, mit
vollfommener Sachfenntnis zu prüfen.
Aus diefem Grunde ijt nicht daran zu denken, daß man
unter Anwendung von $ 138 bzw. 134 Bürgerlihhen Ge-[eßbuchs,
 wonach Rechtsgefhäfte, die gegen die guten Sitten
verjtoßen oder wucherijhe Ausbeutung bezweden, nichtig
find, gegen die Kartelle vorgehen Könnte. Wollte man alle
Kartelle für nichtig erflären, fo würde das zu unerträglichen
Zufjtänden im Wirtfhaftsleben führen, eine außerordentliche
Rechtsunficherheit im Gefolge haben. Unmöglich würden die
Kartelle dadurch nicht gemacht werden, wie die Erfahrungen
in anderen Ländern beweifen, in denen die Nichtigkeit aller
Kartellverträge Gejek ijt, aber die mangelnde Klagbarfkeit
aus den Derträgen würde zu einer Derminderung der kaufmännijden
 Moral führen, fie würde dem nüßen, der es am
wenigften genau damit nimmt und fich durch die eingegangenen
 Derpflihtungen moraliih nicht für gebunden erachtet,

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1. Die techtlide Regelung. 259
weil fie rechtlich nicht Hagbar find, fie würde dem morali[d
jtrenger Denfenden [qHaden, der fih an die eingegangenen
Derträge hält,
Ebenfjo unmöglid) aber, wie die Kartellverträge felbit
für nichtig 3u erflären, ijt es, gegen die auf Grund eines
Kartells abgefchloffenen Derkaufsverträge mit den AbneHmern
 in diejer Weife vorzugehen. Denn niemals fönnen
die ordentlihen Gerichte beurteilen, ob die Preife in einem
Induftriezweige den wirtfhaftlihen Derhältnijjen des
Augenblids entiprechen.
Wenn einmal ein direkter Eingriff in die Preisgejtaltung
eines Kartells notwendig jein follte und es fidh darum
handelt, beftimmte Preisfejtfekungen desjelben als zu hoch
zu unterjagen, fo mülfen dafür befondere, aus Sachverftändigen
 zufjammengejeßte Organe gejchaffen werden. Ih
habe deswegen fhon vor vielen Jahren!) die Einrichtung
 von Kartellfommiffionen vorgeldlagen,
die aus den beteiligten Intereffengruppen, aljo kartellierten
Unternehmern, etwaigen Außenjtehenden, Weiterverarbeitern,
 Konfumenten, Händlern, Arbeitern, unter Beteiligung
von fonftigen Sachverjtändigen und Regierungsbeamten für
jeden Sall, daß erheblidhhe Klagen über die Tätigkeit eines
Kartells Iaut werden, und andere Makßregeln verjagen, zu
bilden wären. Es ijt dies meines Erachtens der einzige Weg,
auf dem es im Notfall möglich wäre, einer übermäßigen
Ausnuksung der Monopoljtelung direkt durch Preisregulietung
 feitens des Staates entgegenzutreten. Danach fann id)
dem Dorfchlage, Preisiommifjfionen nur aus ftaatlihen Beamten
 zu bilden, nicht zujtimmen. Kein ftaatliher Beamter
und feine Kommiffion von foldjen Kann die Derantwortung
für die Sejtlegung der Preife in einem ganzen Induftriezweige
 übernehmen; wenn etwas Derartiges nötig erfdheint,
mülfen unbedingt die Beteiligten [elbjt herangezogen werden.
1) Zur Stage eines Kartellgejeges, Soziale Praxis X, Xr. 144. 15.
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        260 VI. Kapitel. Die jtaatlide Regelung des Kartellwejens.
In dem Zwangsfyndiiat der Kaliindujtrie und bei vielen
während des Krieges von der Regierung gejhaffenen Derfaufsorganijationen
 der Indujtrie ijt dies audy gejdhehen,
und im Reichsiohlenrat, Reichsialirat und vielen anderen
Organifationen findet der Gedanke immer weitere Derbreitung.
 Dabei muß berücjichtigt werden, daß gegenwärtig,
 in einer Zeit allergrößter Preisumwälzungen, die
Aufgabe derartiger Kommiflionen naturgemäß unendlid)
viel f[qhwieriger ijft als in normalen Zeiten. Man erfennt
heute immer mehr die Notwendigkeit, auf Grund er aftterer
 Koftenfalfiulationen zu einer belferen
Grundlage für die Preisfejtfegungen zu gelangen. Auf
Joldje hinzuwirken, wird die Hauptaufgabe einer angewandten
 Privatwirtjchaftslehre fein. Aber ferner ift ein
weiterer Ausbau der amtlihen und privaten Preis und
Produktionsitatiftik notwendige Dorausfegung für ftaatliche
Preisrtegelungen, um die wir in den nächjten Jahrzehnten
ohne Zweifel nicht herumfommen werden, wenn fie nicht
überhaupt im Zuge der wirt/haftlihen Entwidlung liegen.
Immerhin fjollte jtaatlidhe Preisfefjtfegung nicht als die
Regel, jondern nur als Maßregel für den Notfall in Betracht
 Iommen, und id} glaube, daß in den meiften Sällen
die wirtfdhaftlidhen Maßregeln, von denen wir
nocd) fpredhen werden, ja oft fhon die bloße Kritik eines
Kartells in der Öffentlichkeit, Interpellationen über dasjelbe
in den PDarlamenten und Ähnliches genügen werden, eine
übermäßige Ausnügung der Monopolfjtelung zu verhindern.
3m Gegenjaß zu Deutjcdhland haben die meijten anderen
Staaten befondere gefeßliche Beftimmungen betr. die monopoliftiihen
 Dereinigungen.!) Sie find jedoch regelmäßig

1) Dal. den 4. Teil der Deniffchrift der Reichsregierung über
das Kartellwefjen, 1909, und jest den Auffaß von Al dt
Die gegenwärtige Rechtslage der Kartelle und Trujts. Weltwirticbaffliches
 Archiv, 15. Band, Heft 1—3.
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1. Die rechtlidje Regelung. 261
jchon vor fehr langer Zeit und für ganz andere Derhältnijfe
gefchaffen worden und auf die modernen Kartelle oft nur
in fehr befchräniter Weife anwendbar. Srankreic hat
den Artikel 419 des Code penal,der mit Strafe bedroht, wenn
durch Derabredung mehrerer die Preije einer Ware zum
Nachteil des Publikums beeinflußt werden. Der Artikel ift
aber durch die Rechtiprechung [0 einjdhränkend interpretiert
worden, daß er falt niemals zu praktijher Anwendung gelangte.
 Jedoch hat er in Derbindung mit den Artikeln 6,
1131 und 1133 des Code civil mehrfach zur zivilproze[jualen
Nichtigkeit von Kartellen geführt. Artitel 412 des Code
penal wendet fi fpeziell gegen Submiffionsfartelle, 1901
wurde ein Gejeg erlaffen gegen von Auslän dern errichtete
 Dereinigungen, die zum Zwede haben: „soit &amp;amp;
fausser les conditions normales du marche des valeurs
ou des marchandises, soit A menacer la sur&amp;amp;t€ interieure
ou exterieure de l’6tat‘“ ujw. Zur praftijden Anwendung
iit diejes Gefebk nod) nicht gelangt.
In Belgien find Artikel 412 und 419 des franzöfijchen
Code penal aufgehoben. Kartelfle fallen dort unter die
allgemeinen 3Zivil- und Strafrechtsnormen, und die Rechtiprechung
 ift ihnen günftig.
Dasfelbe gilt im allgemeinen für tal jen. Bier und
in Rumänien ijft bemerkenswert, daß die Regierung
jelbit eine Indujtrie in einem Zwangsfiarttell vereinigt
 hat. In Italien gefhah das mit der fizilianijdhen
Schwefelinduftrie 1906, in Rumänien für die Petroleumraffinerien,
 deren Produktion fontingentiert wurde, und für
die aud) die inländijhen Preije gefeblich feijtgelegt wurden.
Audy Rußland, das font jtrafgejeglidhe Beftimmungen
gegen Kartelle bejigt und wiederholt angewendet hat, hat
'n der Zuderinduftrie 1895 ein Zwangskartell gefchaffen,
gerbietet aber im übrigen gerade Kartelle für Lebensmittel
und fonftiae Waren des notwendigen Bedarfs durch 88 9153
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        262 VI. Kapitel. Die jtaatlidhe Regelung des Kartellwefens,
und 1180 feines Strafgefegbuches. Das Kaligefeb von 1910
und die fonjtigen im Kriege gefhaffenen deutjdhen Zwangs-Iyndikate
 haben aljo in anderen Ländern fchon manderlei
Dorläufer gehabt,
&amp;amp;Adnlih den franzöfijdhen find die Beitimmungen des
ölterreighi|cdh en Koalitionsgejekes von 1870 Art. 4, die
jedoch hier und da [härfer angewendet worden find und Zur
Seftitelung der Nichtigkeit von Kartellvereinbarungen geführt
 haben. „Gültig“ find zwar nur die Konditionenkartelle
oder foldhe, die „den Warenpreis nicht bheeinfluffen oder
ihn herabdrüden wollen“. Dod hat die damit gegebene
„Unwirfjamfeit“ und „Ungültigfeit“ der meijten Kartelle
ebenjo wie in Sranfreid) die Kartellbildung feineswegs
verhindert.
Am |chärfiten befämpft das englifhe Recht die
monopoliltijdjen Dereinigungen, Es ijt das einzige, das aus:
drüdlidh das Prinzip der Gewerbefreiheit durch die Rechts.
ordnung verteidigt. Daher verbietet es contracts in restraint
of trade, Derträge, welche den einzelnen in der Ausübung
jeines Gewerbebetriebes bejchränfen. Zwar {jtatuiert auch
8 1 der Deutidhen Gewerbeordnung das Prinzip der Gewerbefreiheit,
 aber das befagt nicht, daß fie nicht durch
private Dereinbarungen eingejchränit werden kann. Im eng:
(ijdjen Recht aber werden die Beftimmungen des common
law zum Schuße der Gewerbefreiheit von den einzelnen
Richtern meift viel JMärfer interpretiert, und auch Prä
judizfälle (precedents) fpielen dort eine größere Rolle,
um die Entwidlung vertragsmäßiger Monopolbildungen
mebhr als in anderen Ländern zu verhindern. Das wirkte
mehr in der Richtung völliger Derfdhmelzungen (Amalgamations,
 Combines), aber‘ auch) vertragsmäßige Derein:
darungen find niemals völlig verhindert worden.
Aud) in Amerika gelangten die engliidhen Grundjäße
 zur Anwendung, jedoch bald mit der Befichränfung, daß
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        2. Kontrollmaßregeln. 263

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nur eine „unvernünftige“ (unreasonable) Einjhräniung der
Gewerbefreiheit verboten fei, was natürlich dem richterlidhen
Ermelfen dem weitelten Spielraum gab. Don der amerifanifchen
 Truftbekämpfung haben wir oben fchon gejprodhen.
Im ganzen ift zu fagen, daß ein Bedürfnis nach einem
allgemeinen Kartellgefeß, das heftimmte Gebote und Derbote
 für fie enthält, in Deutfchland nicht bejteht. Insbefondere
 hat es Keinerlei Wert, zur Bekämpfung von
Monopolmigbräuchen fie in eine beitimmte juriftijde Sorm
preifen zu wollen. Im Gegenteil wäre es angebracht,
die jurijtijdHen Dereinigungsformen unter Berücfichtigung
der zahlreichen Neubildungen des Wirtihaftslebens dogmatijd)
 weiterzubilden. Aber die Derhinderung von Mikßbräuchen
 der monopoliftiihen Dereinigungen ijt Sache der
Wirtjqhaftspolitik im einzelnen Salle und nicht
durch ein allgemeines Gejeß mögliq.

2. Kontrolimaßregeln.
Wie {don gejagt, fällt bei der Beurteilung der Wirkjamfeit
 monopolijtijder Dereinigungen der öffentliqgen
Meinung eine fehr große und wichtige Aufgabe 3U.
Dazu ift aber nötig, daß die Kartelle und Trufjts den {taatlihen
 Behörden und der Öffentlichkeit bekannt werden,
Auch aus anderen Gründen ijt größere Öffentlichteit derjelben
 nötig. Der Staat fann fo wichtige Organijationen
von fo weitgehendem Einfluß nicht ganz fich felbjt überlaffen.
 Je tiefer aber die Kartelle im Intereife ihrer Mitglieder
 in die wirtjhaftlihen Derhältnifje eingreifen, um [0
mehr haben fie felbjit das Beftreben, im Bintergrund 3u
bleiben, nicht öffentlich hervorzutreten. Das muß der Staat
im Intereffe der Allgemeinheit verhindern. Es ijt daher eine
Anzeigepflidgt für alle monopoliftijdhen Der-
        <pb n="279" />
        264 VT. Kapitel. Die {taatlidje Regelung des Kartellwefjens.
einigungen, aud) folde der Arbeiter, feltzufeßen, die fich,
wie gejagt, in der Art ihrer Monopolwirkungen, in ihrem
Einfluß auf das Wirtfjqhaftsleben in keiner Weife von denen
der Unternehmer unterfheiden, Diefe Anzeige ift aud) die
Dorausfegung für eine Derleihung der Rechtsfähigfeit an
die Kartelle, die aus Gründen der Rechtsficherheit und des
5chuges von Treu’ und Glauben im Derkehr gefordert werden
 muß. Der Staat Kann fie aber nur denjenigen Organijationen
 verleihen, die ihm bekannt werden. Als Grundlage
 für die verlangte Rechtswirkjamtkeit genügt die Anzeige
 der Kartellitatuten und deren Abänderungen. Um
lid) jedoch ein Urteil über die Wirkfamtkeit eines
Monopolverbandes zu bilden, wird der Staat eventuell verlangen
 müjffen, daß ihm auch die fonitigen Befchlüffe, Preisfeitfebungen,
 Produtktionsbejhränkungen, Erportbonififationen
 und dergleichen bekannt werden. Es jqeint mir deshalb
 das Richtige, beides zu trennen und die Anzeigepflicht,
welche die Grundlage der Rechtswirkjamfeit bildet, auf die
Kartelljtatuten 3u befchränkfen. Die Ausdehnung auf alle
Kartellbefchlüffe würde aud weit über den Umfang des
für eine Regifterführung Möglidhen hinausgehen. Die
Anzeigepflicht der Statuten und deren Abänderungen wäre
nur durd Orönungsitrafen zu erzwingen, nicht durd Wiederentziehung
 der Rechtsfähigkeit, weil dies eine große Rechtsunficherheit
 zur Solge haben müßte, Aug wäre möglichft
enger Anfdlußg an die Anzeigepflicht fonjtiger Dereini:
gungen, 3. B. der Dereine, Gefelljdhaften, Genofjenfchaften,
erwün[cht, [jo daß das Ganze nicht als eine Sondergefeb:
gebung für die Kartelle oder Gewerkvereine, jondern als
die Erfüllung einer Pflicht erfdhiene, die den meiften in
einem Staate Jidh bildenden Dereinigungen obliegt.
Wil dann der Staat weitere Ausfunft über ein einzelnes
 Kartell, jo wäre es am 3zwedmäßigiten, eine beitimmte
 Behörde, vielleicht ein dazu errichtetes Kartell-
        <pb n="280" />
        5.

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2, Kontrolmabregeln. 265
amt, Könnte beim Reichsianzler beantragen, im Derordnungswege
 jenes Kartell zu verpflichten, über die reguläre
Anzeigepflicht hinaus weitere Angaben zu machen.
Die Anzeigepflicht ijt natürlich niemals eine Maßregel,
melde imftande ijt, Schädigungen durch die Kartelle hintanzuhalten,
 fondern fie Joll dem Staat nur eine Beauffichtigung
biejer Dereinbarungen ermöglichen. Eine folde ift um
jo notwendiger, weil die Kartelle no vielfach das Bejtreben
 zeigen, ihre Wirkjamfeit möglichit geheimzuhalten.
Dieje Geheimtuerei hat ihnen aber in der Öffentlichkeit
außerordentlich gejhadet, und ih kann auf Grund langjähriger
 Beobachtung jagen, daß es bei den Kartellen in
Wirklichteit viel weniger zu verbergen gibt, als das große
Dublifum infolge jener fallen Geheimtuerei glaubt.
Wirklihe Sabikations- und Gejhäftsgeheimniffe gibt es
in der Regel bei den Kartellen nicht. Denn wenn der einzelne
 Unternehmer folche hat, teilt er fie do den Der-Zandsmitgliedern,
 die immer noch feine Koniurrenten [jind,
am allerwenigiten mit. 3 glaube, daß ein großer Teil
des noch heute den Kartellen entgegengebrachten Miktrauens
iqhwinden würde, wenn fi diefe nicht mit dem Schleier
bes Geheimnijfes umgäben. Deshalb muß die Öffentlich
feit au) im Interefje der Indujtrie felbjt verlangt werden.
Der allgemein laut gewordene Wunfch, der auch im
Reichstage mehrfach zum Ausdrud gebracht wurde, über
die Wirkfamfkeit der Kartelle beifer als bisher informiert zu
jein, veranlaßte die Reichsregierung, 1905 die „Fon tradiktorijhen
 Derhandlungen über deutide
 Kartelle” vorzunehmen. Dazu wurden Sachverftändige
 der betr. Indujtriezweige, Abnehmer, Händler
jowie einige Dertreter der Wiljen|haft geladen. Die Der-Handlungen
 betrafen: das Rheinifjh-Weitfäliihe Kohlenjyndikat,
 das Kofsjyndikat, die Oberfchlefijdhe Kohlenfonvention,
 die Roheijenfyundikate und den Halbzeugverband,
        <pb n="281" />
        266 VI. Kapitel. Die ftaatlide Regelung des Kartellwefjens.
das Walzdraht- und Drahtitiftjyndikat, das Kartell für
Zeitungsdrudpapier, die Streitigkeiten zwijdhen dem Börfenverein
 der deutihen Buchhändler und dem Akademifchen
Schußverein, das Weiß blechfyndikat, die Stahlwerksverbände,
das Tapetenkartell und das Spiritusjyndikat. Sie find in
5 Bänden (12 Heften) im Derlage von $. Siemenroth in
Berlin er[hienen.
Auch in Öfterreich fand im Jahre 1912 eine Kartell
enquete {tatt in Sorm der Sammlung von Material und
von fontradiktorijdhen Derhandlungen, die befonders über
das Eijenkartell und das Zuderkartell intereffante Auf
Iolüffe lieferte,
Im Anfchluß an die deutjdhe Kartellenquete legte die
Reichstegierung 1906—1908 dem Reichstage eine umfang:
teide Denifhrift über Kartelle vor, die in
vier Teilen erfchienen ijt. Der erfte Teil brachte eine um:
fajfende Statijftit deutfjdher Kartelle und eine Sammlung
von Kartelljtatuten. Der zweite enthielt eine Darjtellung
der Dorfchriften des inländijhen Ziwvil- und Strafrechts,
die die Kartelle betreffen, unter Berüdfichtigung der Recht
iprehung des Reichsgerichts. Der dritte gab eine aus:
führlide Darjtellung des deutjhen Kohlenbergbaus und
jeiner Derbände, mit befonderer Berücfichtigung des Einflujjes
 derfelben auf die Preisverhältnijje. Der legte Teil
endlich bot eine Überficht über die ausländi[dhe Kartell- und
TrujtgefeBgebung. Die Ergebnijie diefer Unterfuchungen
find jeßt natürlich veraltet, und es wäre an der Zeit, auf
Grund der völlig veränderten Derhältniffe nach dem Welt:
friege eine neue Unterfudhung anzuftellen, vorher aber
durch Anzeigepfliht u. dgl. fichh über den Umfang der
Kartell- und Trujtbewegung zu informieren.
Diefontrollieren den Makregeln den Kartellen
und Trujfts gegenüber müßten alfo zunächft eine Erweiterung
 und Derbefferung erfahren. Die Kartelle fpielen
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2. Kontrollmaßregeln. 267
heute eine fo große Rolle im wirt/qhaftlidhen Leben, bringen
jo weitgehende Umwälzungen hervor, berühren audh den
Staat als Abnehmer in [jo hohem Grade und beeinfluffen
endlich, wie wir gefehen haben, au dermaßen die Wirungen
 der ftaatlihen Handelspolitik, daß der Staat ihnen
fortdauernd Aufmerkfjamfeit jHenfen muß. Dazu genügen
gelegentlide Enqueten mit wechfelnden Dorfikenden und
Referenten, die oft nicht die Zeit hatten, ih ganz einzuarbeiten,
 nicht. Dazu würde vielmehr am beiten ein ftändiges
Reidhsfartellamt dienen. Am zwedmäßigiten wäre
wohl die Errichtung eines „Indujtrieamtes“ nach Art der
amerifanijhen Industrial Commission, weldes aud) andere
als Kartellfragen, die die Induftrie betreffen, zu behandeln
und überhaupt die indujtrielle Entwidlung zu überwachen
hätte, In Derbindung damit fönnte 3. B. den Kartellen die
Erftattung „regelmäßiger Jahresberichte, ähnlich wie den
Handelstammern, zur Pfliht gemacht werden. Eine foldhe
Berichterftattung Fönnte voliswirtjchaftlich fehr wertvoll fein.
Die heute jdh)on von einigen Kartellen herausgegebenen Berichte
 über die wirtjchaftlidhhe Lage ihres Indujtriezweiges
jind oft jehr tendenziös. Das Kartell- oder Indujtrieamt
fönnte dieje Berichte, die, wie gefagt, vor allem Preis-,
Produktions- und Kofltenangaben zu enthalten hätten, prüfen,
 zujammentellen und eventuell Ergänzungen verlangen.
Den organifierten Kartellen mit Derfaufsftelle fönnte man
vorfchreiben, nad) dem Dorbild der Großbanien Halbjahrsund
 häufigere Berichte über die bei ihnen eingehenden Aufträge
 und über den Derfand, getrennt nach Inland und
Ausland, dem Kartellamt mitzuteilen, das fie veröffentlichen
 Ffönnte. Es würde damit ein wichtiger Anhaltspunkt
für die Beurteilung der wirtfchaftlihen Lage gegeben fein
und die Zujammenfaffung eines ganzen Gewerbes, wie die
Kartelle fie vornehmen, auch für die ANlgemeinheit nußbar
 gemacht werden.
        <pb n="283" />
        268 VI. Kapitel. Die ftaatliqhe Regelung des Kartellwefens.
3n einer Zeit, in der, wenn aud) zum Teil aus wirt:
Ichaftlidhem Unverftändnis oder in Derfolgung politijcher
Schlagworte, ein großer Teil des Dolfes die Sozialifierung,
die allgemeine Organifierung der Produktion dur den
Staat verlangt, ijt es jedenfalls die erfte Aufgabe, zunächfi
einmal dafür zu Jorgen, daß zumindejt unparteiifche Stellen
einen Überblid über die Produktion und die Abjagverhältnifje
 erhalten. Die Produktionsftatijtit muß allo ganz
anders ausgeftaltet werden; das ijt eine Dorarbeit für jede
Itaatliqe Regelung. Zugleidy muß aber der finanzielle
 Aufbau großer Unternehmungen weit mehr als
bisher dem Staat bekannt werden, fjhon deswegen, weil
er in Zufunft die Kapitalbildung nicht, wie bisher,  aus-Ichließlidy
 dem privaten Ermeffen überlafjen kann. Ein
allgemeines, unparteiijdhes, auf wilfenjiqhaftliqger
 Grundlage jtehendes Kartelloder
 Induftrieamt wird daher zu einer Notwen-3iafeit,


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 Regelung der Erfufionsverträge,
Wenn wir eine allgemeine rechtliche Regelung der
Kartelle, die fie Normativbefjtimmungen unterwirft, als nicht
wünjdhenswert bezeichnen, fo gibt es doch eine Gruppe
befonderer Kartellmaßregeln, die befonders
in gewilfe Rechtsfragen eingreifen und vielleicht cher als
die allgemeinen Öfonomijchen Wirkungen der Kartelle
einer rein rechtligen Regelung zugänglich find. Es find
die Dereinbarungen, die ich unter dem Begriff Erxilujionsverträge
 3ujammenfalfe, KonfurrenzHaufel,
Boyfottverträge, Lieferungs- und Arbeitsjperren, Derpflichtungen
 3u ausjchließlihem Derfkehr ujw. Don den Katrtellen
 werden dieje Maßregeln angewendet, indem ihre Mitglieder
 fich untereinander verpflichten, an beitimmte Konge


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        3. Regelung der Erflufionsverträge, 269

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 nicht 3u verfaufen, bejtimmte Arbeiter nicht zu
befchäftigen und dergleidhen, oder indem fie gewiffe Gruppen
don Wirtfchaftsjubjekten verpflichten, nur an fie 3u verfaufen
 bzw. nur von ihnen zu beziehen. Die legte Sorm
yiefer Derträge richtet fi aljo gegen die Außenjtehenden
und dient, indem die Abnehmer oder Rohftofflieferanten
zu ausfchließligem Derfehr mit dem Kartell verpflichtet
werden, als Siherungsmittel desjelben. Aber dieje Derträge
haben eine weit über das Karteliwejen hinausgehende Bedeutung,
 werden nicht nur von den Unternehmern angewendet,
 jondern auch von den meilten Genoffen|haften,
den Koalitionen der Arbeiter und aller anderen Wirt{haftsjubjette.
 Das ganze Genoffenfhaftswejen und das ganze
Koalitionsrecht, insbefondere aud) die für den fozialen
Srieden fo fjegensteihen Tarifgemeinjchaften der Unternehmer
 und Arbeiter beruhen auf diejer Grundlage. Das
moderne Wirtjchaftsleben kann diejfe Mahkregeln nicht entdehren,
 denn fie ftellen eines der wichtigjten Mittel zur
Yrganifierung desfelben dar und werden überall da angewendet,
 wo zwei fidhh fonft feindlih gegenüberftehende
Hruppen von Wirtfhaftsfubjekten, wie Unternehmer und
Arbeiter, Produzenten und Konfumenten, eine einheitliche
und dauernde Regelung ihrer wirt[haftlichen Beziehungen
herbeiführen wollen. Deshalb geht es nicht an, derartige
Dereinbarungen einfach) für nichtig zu erflären, fondern die
Rechtswiffen| haft hat die Aufgabe, die Grenzen feitzujtellen,
wie weit fie erlaubt find, und wann der tiefe Eingriff in das
Selbitbeftimmungsrecht des einzelnen Derpflichteten, der
mit ihnen unbeltreitbar verbunden ij, als übermäßig und
daher unlittlidh anzufehen ijt. An Gelichtspuniten dafür
jehlt es aber noch) vollifommen, da diefen Erfheinungen
jeitens der Wiffenichaft bisher noch jehr wenia Beachtung
gejhenft wurde.
Um die Lieferungsjperrte zu erfjchweren oder unmög-
        <pb n="285" />
        270 VI. Kapitel. Die {taatlidhe Regelung des Kartellwefjens.
lid zu maden, welche die Kartelle anwenden, oder
mit der fie drohen, um die Abnehmer zum ausfchließlichen
 Deriehr mit dem Kartell zu verpflichten, hat man
einen fogenannten Kontrahierungszwang Dvotrgefchlagen,
 d. h.: die Anbieter, die in Kartellen vereinigt
find, follten verpflichtet fein, an jeden, der Waren verlangt,
jJolche zu den fejitgejegten Preifen abzugeben. Doch würde
das unter Umftänden einen fehr tiefen Eingriff in die Abjaborganijation
 eines Gewerbes bedeuten, der nur im Notfalle
 vorgenommen werden dürfte. Als eine allgemeine
Dorfchrift fann der Kontrahierungszwang nicht empfohlen
werden.
Sür die Derpflihtungen zu ausfjchließlidhem Derfehr
habe ich auf dem Berliner Juriftentage und fpäter wiederholt
 die Regelung vorgejdlagen, daß joldhe Derträge nur
gültig jein jollen in Derbindung mit und für die Dauer von
beftimmten Preisvereinbarungen, d. h. für die Dauer einer
Derpflidhtung der Gegenpartei, feine Preiserhöhungen vorzunehmen.
 Dadurch wird die Gefahr, die in der einfeitigen
Derpilidhtung 3. B. der Abnehmer eines Kartells zu aus-[chließlidhem
 Derfehr mit demfjelben liegt, gemifdert, und es
wird eine Gegenleiftung vorgefjchrieben, der fidh die üÜbermächtigen
 Monopoliften fonft leicht entziehen, indem fie ihre
Kontrahenten einfeitig verpflichten.
Eine folhe Gegenleiftung wird ja aud) in der Sorm des
Treurabatts vielfad) von den Kartellen gewährt,
aber nicht jelten wird fie durch Preiserhöhungen ilufori[ch
gemacht, und es gehört dazu auch, daß auch das Kartell
denjenigen, die fidhh zu ausfchlieklidhem Derfehr verpflichten,
die Treue hält und nicht mit denfelben Dergünitiqungen
auch an andere verkauft,
Die aus der Derpflihtung zum ausfjchließlihem Derkehr
erwachfenden Mikftände bei den Außenftehenden einerfeits,
den Derpflichteten andererleits find Ihon fehr häufig Gegenfc



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        4. Zollpolitijdhe Maßregeln. 271

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 richterliher Entjheidungen, bis hinauf zum Reichsgericht,
 gewefjen. Diejes hat folde Dereinbarungen in der
Regel für zuläffig erflärt, joweit nicht dadurch den Betroffenen
 ihr Gefchäftsbetrieb überhaupt unmöglich gemacht
und ihr Ruin herbeigeführt wird. Doc ift das eine Teilfrage,
 und es wird oft [hwer fejtzufjtellen Jein, ob der Untergang
 eines Ge[dhäftes auf Jolde Einwirkungen oder auf andere
 Gründe zurüdzuführen ijt. Auch bietet der $ 1 des
Gejeges über den unlauteren Wettbewerb von 1909 dem
Richter jehr weitgehende Möglichkeiten für den Schuß
Dritter gegenüber Zwangsmaßregeln der monopolijtildhen
Dereinigungen.
Im übrigen muß bezüglidhh der zahlreiden rechtlichen
Probleme des Kartellwefjens auf die juriftijdhe Literatur
verwiejen werden. Jedenfalls aber wird auf derartigen
Spezialgebieten der Kartellwirkungen eine rein gefebliche
und rechtlidhe Regelung noch am erften möglich fein. Eine
Einwirkung auf die Preisgeftaltung der Kartelle
aber — und auf diejem Gebiete liegen ja ihre Hauptgefahren
— wird nur dur wirtfchaftlidhe Maßregeln erfolgen
 fönnen.

4. Zollpolitiiqe Maßregeln.
Don diejen wirtfhaftlidhen Mitteln find vor
allem Maßregeln ‚auf dem Gebiete des Zollwefjens
von Bedeutung. Die Bedeutung diejer Makregeln ift
allerdings auf Grund der veränderten wirtjdhaftlihen und
politijdjen Lage nad) dem Kriege eine derart andere geworden,
 daß über ihre Fünftige Anwendbarkeit nod} gar
nichts gefagt werden kann. Unfere Ausführungen beziehen
ji daher im wefentliden auf die Derhältniffje der Dor-[riegszeit,
        <pb n="287" />
        272 VI. Kapitel. Die ftaatlidhe Regelung des Kartellwefens.
fim nächiten lag es, die Herabjegung oder Au fhbebung
 der Zölle als ein Mittel zu empfehlen, über:
mäßigen Preiserhöhungen der Kartelle entgegenzutreten.
Aber dieje Maßregel ijt natürlich nicht gegen alle Monopole
möglich). Diejenigen, die auf Seltenheit des Dorfiommens,
wie 3. B, Kali, oder auf im Derhältnis zum Werte jehr bedeutenden
 Transportfoften, wie Kohle oder Zement, beruhen,
 werden in der Regel von 3zollpolitijdhen Maßregeln,
die die Konkurrenz des Auslandes erleichtern, faum berührt,
 find auch meift nicht durch Zölle gejdhüßt. Immerhin
 ijt die Zahl der Produkte, bei welchen die Zölle für die
Kartellbildung von Einfluß find, fjehr groß, und eine Zollherabjegung
 würde bei ihnen erhebliche Wirkung haben.
Nur liegt hier wieder die Schwierigkeit vor, die fich jeder
durchgreifenden Regelung des Kartellwejens entgegenjtellt,
 nämliq) 3u ent[heiden, wann eine Schädigung der
Allgemeinheit vorhanden ijt. Diefe Entfheidung als Grund-[age
 3ollpolitijdher Maßregeln kann unmöglih Sache des
Richters oder des Sinanzminifters fein, fondern fie hätte
durch GefeßB zu erfolgen. Ebenjo wie es von den gejeßgebenden
 Gewalten abhängt, ob überhaupt ein Zoll und in
welcher Höhe er fejtgejeßt werden [oll, ebenfo muß es ihnen
überlafjen werden, eine ZoUherabjegung als Mittel gegen
die Monopole zu befchliegen. In den meijten Sällen dürfte
Ihon der Umftand, daß eine Zollherabjegung im Reichstag
erörtert wird, genügen, um das Kartell vorfichtiger in feiner
Preispolitif zu machen. Allerdings kann eine Erörterung
im Reichstage über die Schäden eines Kartells aud) ohne eine
Beitimmung im 3Zolltarifgejeß, die Zollermäßigungen vorjieht,
 erfolgen, aber fie wirft ficherlich ftärker, wenn die
Möglichkeit einer Zollherabfekung von vornherein gefeblid)
gegeben ift. Eventuell Fönnten foldhe Zolherabjegungen für
ein Kartellproduft nur im Derfebr mit beitimmten Ländern
eingeführt werden,

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        4. 3Zollpolitildhe Makßregeln. 273

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In der gleidhen Weife wie Zollherabjekungen Könnten
aud) Ermäßigungen der Eijenbahntarife für die
Einfuhr fartellierter Produkte wirken. In diefer Hinficht ift
aber in Deutjchland, wo wegen des ausgedehnten Staatsbahnfyjftems
 eine derartige Makregel am erften möglich ift,
noch nichts gejhehen. Im Gegenteil gewähren die Eijenbahntarife
 fehr häufig aud) bei monopolifierten Produkten,
3. B. rheinifdh-weftfälijdher Kohle, für die Ausfuhr günftigere
Bedingungen und benachteiligen fo unter Umftänden inländi[dhe
 Derbraucher nahe der Grenze gegenüber den ausländifjhen,
 wie 3. B, die Sabrifen in Bajel die Kohle oft
billiger erhielten als diejenigen in Südbaden. Sür dauernd
monopolifierte Produkte follten billigere Ausfuhrtarife aufgehoben
 werden. Die Anwendung folcher tief in das
Wirtfchaftsleben eingreifenden Makregeln, wie Deränderungen
 in den Zoll- oder Eijenbahntarifen, kann aber
niemals irgendeinem Minijterium allein überlaffen fein,
Jondern für eine derartige Kartellpolitik ijt ein das ganze
Wirtjchaftsleben überblidendes Kartellamt, zu dem
jeweils Sachverftändige hinzugezogen werden müßten, er-Forderlich.

Nicht Kann ih dagegen einem anderen Dorfchlage bei-[timmen,
 nämlich die Zölle für Tolcdhe Produkte herabzufjeßen,
 die von deutfchen Kartellen im Ausland billiger
als in Deutjchland felbft verkauft werden. Dahingehende
Anträge find in der Zolfommiffion und im Reichstage
mehrfach geftellt worden. Sie verfennen aber vollitändig
die Art und Weife, durch welche Kartelle [Hädlich wirken.
Es it Har, daß ein Kartell, weldes gar nicht an das Aus-[and
 verkauft, allein durch feine hohen Preisfejtfeßungen im
Inlande die weiterverarbeitenden Induftrien in ihrer Kon-Furrenzfähigfeit
 dem Auslande gegenüber ebenfo fhädigen
fann wie ein erportierendes Kartell. Es fommt nur darauf
an, ob die Differenz der Preife zwiflchen In- und Ausland
£iefmann, Kartele und Trufts. 4. Aufl.

7R
        <pb n="289" />
        274 VI. Kapitel, Die ftaatlide Regelung des Kartelwefens.

groß ijt, nicht aber, ob die Rohftoffindujtrie an das Aus-[and
 billiger verkauft. Es wäre daher ungerecht, nur [oldhen
Indultrien den Schußzoll ohne weiteres zu entziehen, die zufällig
 aud) exportieren, foldhen jedoch nicht, die zwar die
Abnehmer ebenfo fjhädigen, aber nicht exportieren. Zolloder
 Srachttarifherabjegungen müljfjen vielmehr für alle
Kartelle angewandt werden Können, wenn ihre Preisfejltfeßungen
 eine Schädigung bedeuten. Die Tatjache, daß
billiger ins Ausland verkauft wird, ijt nie ein Kriterium
für die Schädlichkeit eines Kartells; ein foldhes ift immer
nur die übermäkhige Höhe der Inlandspreife.
Aber auch) aus anderen Gründen ift diejer Gedanke unausführbar.
 Bei vielen Indufjtrien gejchieht der Erport
nicht regelmäßig, fondern wird nur vorübergehend in Zeiten
ungünftiger Abjaggelegenheit im Jnlande betrieben, Wie,
wenn nun ein Kartell in ungünftiger Zeit nicht erportiert?
Dann müffen doch die alten Zölle wieder eingeführt werden.
Werden darauf die Preife, was hei ftarfer Nachfrage natürlid
iit, im Inlande höher, jo müffen, fobald nur das Heinfte
Quantum ins Ausland billiger verkauft wird, die Zölle
wieder aufgehoben werden. Daß ein derartiges Dorgehen
praftijh ganz unmöglich ijt, liegt auf der Hand.
Das Mittel der Zollherabjegung MKartellen
gegenüber fcheint zuerjt in Rußland erwogen worden 3U
jein. Dem privaten Zuderfartell gegenüber, das von
1887—96 beftand, hatte das Sinanzminifterium das Recht,
dem Minifterfomitee die Herabfegung der Zuderzölle vorzujchlagen,
 wenn der Preis an den Börfen in Kiew und
St. Petersburg beitimmte Säße überfchritt. Tatjächlich benußte
 das Minijterium, als im Jahre 1892 infolge ungünitiger
Ernte die Zuderpreife ftark {tiegen, diefes Mittel nicht, [ondern
 wandte die eigenartige Makregel an, im Auslande
zirfa 35 Millionen Kilogramm Zuder zu faufen und an verichiedenen
 Orten fo zu verkaufen, daß der Preis nirgends

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        4. Zollpolitijdje Maßregeln, 275

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3,6 Rubel über[hreiten fonnte. Gleichzeitig erzielte der
Staat damit einen Gewinn von ungefähr 3 Millionen Rubel.
Es ijft das ein Mittel, das auch heute nod)y einem unter
Zolljhuß entjtandenen inländijhen Monopol gegenüber in
Anwendung gebracht werden Könnte,
Ein Recht des Sinanzminijteriums, die Zölle herabzufeben,
 war nad) dem Dorbilde Rußlands auch in dem
Sjfterreiqifdhen Kartellgefegentwurf von
1897 vorgefehen, der aber nicht zur Dorlage gelangte.
Draitijdh angewendet wurden zollpolitijhe Maßregeln
gegenüber Xartellen zuerft in Kanada. Schon das kanadijhe
 ZolUtarifgejeB von 1897 und ebenfo das von 1907
gewähren die Möglichkeit von Zollherabjekgungen,
wenn Produkte dur in Län di} ch eDereinigungen irgendwelcher
 Art ungebührlidhh vertenert werden. Daraufhin
wurde 1902 der Papierzoll von 25 auf 15 Prozent herabgejeßt.

Noch weiter it Neufeeland gegangen. Ein Gefeb
von 1907 bezwedt den Schuß der Konfumenten gegen
die Monopolg im Mehl-,. Weizen- und Kartoffelhandel und
ermöglicht auf Dor[djlag einer Unterfudhungsfommiffion Aufhebung
 der betreffenden Zölle auf mindejtens drei Monate.
Die Kommijfion [oll von Zeit zu Zeit Erhebungen darüber
anftellen, ob die Großhandelspreife für die betreffenden
Waren in Neufeeland unverhältnismäßig hoch find, und
Tann dann dem Gouverneur vorfcdhlagen, die Zollaufhebung
vorzunehmen. Der Kartoffelpreis gilt ohne weiteres als
unverhältnismäßig hoch, wenn er den im Gefjebe vorgefehenen
 Preis von 7 Pfd. St. überfchreitet.
Bier fommen alfo die von uns oben empfohlenen Preisfommijfionen
 in Anwendung. Das gleiche gejdhieht auch im
Interefje des Schußes neufjeeländifcher Produzenten Iandwirtjchaftlider
 Majchinen, auf Grund eines Gejekes, das
lich gegen den amerifanifdhen Erntemafhinentruft richtet.
18*
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        276 VI Kapitel. Die ftaatlide Regelung des Kartelwefens.
Wenn nämlidhh zwei neufjeeländifjhe Sabrifanten darüber
Hagen, daß der Preis folher Mafchinen vom Auslande
erheblid) unterboten werde, [oll eine befondere Kommiflion,
the agricultural implement inquiring Board, zur Unterfuchung
 berufen werden. Empfiehlt diefe ftaatlidhe Unter-[tügung
 der Neufeeländer Indujtrie, jo kann der Commissionar
 of trade and customs nicht etwa Zollerhöhungen,
jfondern Prämien bis zu 33% gewähren, um den inländijdhen
Produzenten die Konkurrenz mit den Importeuren [older
Mafcdinen zu ermöglidhen. Aderbaugeräte, die in Großoritannien
 und Irland hergeftellt werden, werden aber den
neufeeländijhen glei) behandelt.
Später ijit dann ein allgemeines Monopolgejeg in Neujeeland
 erlaffen worden, das eine Öffentlidge Klage gegen
Bandelsmonopole gewährt. Wenn eine foldje bei dem
Präfidenten des Oberjten Gerichtshofes eingereicht wird,
was außer von den Staatsbehörden von einem Gefhäftsmann,
 dejfen Interefjen durdz das Monopol angeblich ver
lebt werden, fowie von 30 angejehenen Perjonen gefhehen
fann, wird durch zwei Staatsanwälte eine DorunterJuchung
durchgeführt, bei der fie das Recht der Zeugenvernehmung,
des Zeugniszwanges und der Büchereinficht haben. Kommen
 beide Beamte zur Anficht, daß ein Monopol beitehe,
fo trifft ein gerichtlidhes Derfahren vor drei Richtern des
Mberiten Gerichtshofes die endgültige Ent{heidung. Der
Oberfte Gerichtshof kann daraufhin die Gefelljchaft auf
föfen und die Teilnahme unter Strafandrohung verbieten.
Der Gouverneur hat dann das Recht, die ZoNlherabfjekung
vorzunehmen und dergleichen. Wie oben ausgeführt, Kann
es aber nicht als zwedmäßig bezeihnet werden, die Entjheidung
 über derartige jhwierige Sragen allein den Gerichten
 zu überlafjen. —
Während auf der einen Seite als Mittel gegen die Kartelle
 Zollberabiekungen und Befreiungen empfohlen wer-Ys



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4. Zollpolitijhe Maßregeln, 277
ben, wird auf der anderen eine ErhHöhHungder Zölle
gefordert, um die inländijdhen Indujtrien gegen d ie:
jenigen des Auslandes zu fhüßen, die billiger erportieren.
 Man hat vorgefhlagen, in die Handelsverträge
eine Antierportprämienflaufel aufzunehmen,
welche dem Staate das Recht geben [oll, die Zölle auf eine
Ware zu erhöhen, jobald fie von einem ausländijhen
Staate billiger zu uns exportiert als im eigenen Lande verfauft
 wird. Aber eine foldhe Makregel ijft praktijd} noch
piel jhwieriger durchzuführen als die, welde die inlänbildjen
 Kartelle am billigen Export hindern folf.!) Die
Gründe hierfür find hier die gleihen wie dort. Zunächft
Fommt die Schwierigkeit der Seftitellung, wann billiger ins
Ausland verkauft wird, in Betracht. Serner denke man an
die Zolländerungen, die notwendig werden, wenn NUT DOLübergehend
 billiger exportiert wird, an die Unficdherheit der
Lage der Weiterverarbeiter, an die fortwährenden Streitigfeiten,
 die daraus entitehen müßten.
Die Zollerhöhung als Mittel gegenüber monooolijtiidhen
 Organifationen hat insbejondere X an ad a vorgejehen.
 Defjen Zolltarifgejeß von 1907 erweitert frühere
diesbezügliche Beftimmungen und ermöglicht Zollerhöhungen
auf Waren, die nad) Kanada billiger als im Herftellungs-[ande
 verkauft werden, wenn foldhe au) in Kanada hergeitellt
 werden. Die Dumping Duties haben dort in den
[eßten Jahren vor dem Kriege zirfa 1 Million Mark jährli
 eingebracht. Audy die Dereinigten Staaten
haben gelegentlid) die Konkurrenz, die das Ausland durch
billigen Erport den heimijchen Indujtrien macht, dadurd
einzuichrtänfen gefucht, daß fie die Wertzölle nach den

1) Daß man fid überhaupt gegen den billigeren Erport
jeitens des Auslandes durch eine ala der Zölle weiten
will, beweijft, daß niemand die „Derjhleuderung nationaler
Güter“ ins Ausland in ebendiefem Auslande für vorteilbaft bält.
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        278 VI. Kapitel. Die {taatliche Regelung des Kartellwefjens.,
höchlten Preijen im BHerjtellungslande berechneten, und
man war vor dem Kriege beftrebt, diefe Makregel weiter
auszudehnen.
. Der Kampf gegen das ,, Dumping“, den billigeren Derfauf
 ins Ausland, [pielte in den lekten Jahren eine bedeutende
Rolle und hat mit zum Weltiriege beigetragen, namentlid
aud) zur Anteilnahme Amerikas auf feiten unferer Gegner.
Zwar fann nicht nachgewiefen werden, daß diejes Mittel
von Deutjchland mehr als von anderen Ländern angewendet
wurde. Im Gegenteil waren die Schußzölle und dementipredhend
 auch die Möglichkeiten billigen Erports und
großer Ausfuhrvergütungen in manchen anderen Staaten
größer. Aber es wurde im Ausland mehr über das Dumping
jeitens Deutjchlands gejdrieen als bei uns. Wir nahmen
folge Maßregeln unfjerer Gegner im Bewuktfein unfjerer
wirt{chaftlidhen Kraft als felbitverftändlihes Mittel im
wirt{qhaftlidhen Kampfe hin. Bei jenen aber bildete die
Erregung der Öffentlichkeit über das deutfche Dumping
einen Teil des ganzen feit langem betriebenen Derleumdungsfeldzuges
 gegen Deutjdhland. Dabei ijt natürlich zu
berüdjichtigen, daß [ih Deutjchland feine Abfabgebiete erft
erfämpfen mußte. Dielleicht hatte es auch in feinen Unternehmerverbänden
 und dergleichen eine beffere Organifation,
jedenfalls aber nicht, wie unjere Gegner behaupten, arößere
Unterftügung durch den Staat.
Während des Krieges wurde im Jahre 1916 in den
Dereinigten Staaten die Revenue Bill ange
nommen, weldje in dem Abfjchnitt über den unlauteren
Wettbewerb das Dumping unter Strafe f{tellt. Aber
natürlich) nur das Dumping, das auf dem amerikanifchen
Marft gejchieht, nicht aber das Dumping, das die Amerifaner
 auf ausländijhen Märkten treiben. IJenes foll auch
nur befiraft werden, wenn die Abfiht beftand, dadurch
eine amerifanijhe Jnduftrie zu zerftören oder zu fhä-
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4, Zollpolitijide Maßregeln. 279
digen oder das Aufiommen einer Jndujtrie zu verhindern,
der um irgendeinen Handel mit ausländijhen Waren in
der Union zu monopolifieren.
Daß nach dem Kriege die jtar£ gejunfene Daluta der
meiften Xriegführenden Staaten, insbefondere aber des
unterlegenen Deutjchland febhr erportfördernd wirkt und
jo ein Unterbieten auf ausländijhen Märkten erleichtert,
jei hier nur erwähnt. Ohne Zweifel fönnen ausländi[dhe
Induftrien, 3. B. in der Schweiz, dadurch gefhädigt werden,
das ijft aber die Kehrfeite der ungeheuren Dorteile, welde
den Ländern mit hochitehender Daluta ihre gewaltige Kaufkraft
 und Reichhtumsiteigerung gewährt, Diefe Derhältnifje
 werden fidhh nicht ändern, [olange man Deut{chland
nicht die Möglichkeit gibt, fich wirt{chaftlidh wieder zu erheben.


Die eigentümlidhe Erjheinung, daß man nicht nur in
dem Lande, in das billiger exportiert wird, diefe Tatjache
als nicht erwünfcht anfieht, fondern aud) in dem Lande,
das billiger exportiert, jehr oft diefe billigen Auslandsverfäufe
 unterdrüden will, hat dahin geführt, daß neuerdings
 ein anderes zollpolitijdhes Mittel größere Popularität
erlangt hat, der Ausfuhrzoll. Man will damit verhindern,
 daß, um im Inland die Preife hochzuhalten, der
Überfhuß der Produktion, die dort nicht abgejebt wird, ins
Ausfand abgefhoben wird, will vielmehr erreichen, daß die
Überproduftion im Inland bleibt und dort einen Preisdrud
hervorruft. Der Plan eines Ausfuhrzolls für Kohle wurde
in den Zeiten der Kohleninappheit 1900 und 1906 und
bei den Zolltarifverhandlungen fowie bei der erjten Reichsfinanzreform
 von 1906 viel erörtert; der Gedanke eines
Kaliausfuhrzolls war ebenfalls bei den beiden legterwähnten
Gelegenheiten und dann namentlid im Juli 1909 auf der
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        280 VI. Kapitel, Die jtaatlidhe Regelung des Kartellwefens,
Tagesordnung, als die Erneuerung des Kalijyndifats zu
icheitern drohte. Die Regierung kündigte damals offiziell
im Reichstage ihr Einverjtändnis mit diefer von der Reichstagsmehrheit
 gutgeheißenen Maßregel an. Unter diefem
Drude fam fAließlich das Kalifyndikat in allerleßter Stunde
nod) einmal 3zujtande und die Gefahr des Ausfuhrzolles
war damit von der Induftrie einjtweilen abgewendet.
Es fanrı aud) nicht geleugnet werden, daß diefer Maß:
regel große volfswirt[dhaftliqhe Bedenken entgegenitehen, die
es erflärlid) machen, daß fie bisher praktijd} nod) nirgends
angewendet wurde. Als ftaatliqhe Einnahmequelle, als
reiner $inanz3zoll, wenn man überhaupt Ausfuhrzölle als
toldhe verwenden will, wäre allerdings ein Kali- oder Kohlen:
ausfuhrzoll allenfalls geeignet. Aber Kali war Ion vor
dem Kriege feine unbedingte Monopolware, die das Aus:
[and um jeden Preis von uns beziehen mußte, jondern es
Fonnte andere Düngemittel anwenden, wenn wir ihm den
Bezug von Kali verteuerten.

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Wir fahen im 3. Kapitel, daß dur die Preispolitik der
monopolijtijdhen Dereinigungen vor allem die Meiter-Derarbeiter
 gejhädigt werden, welche oft nicht in der
Lage jind, den auf fie dur hohe Rohitofipreife ausgeübten
Drud mittels Erhöhung ihrer Derkaufspreife an ihre Ab:
nehmer und an die lekten Konfumenten weiterzugeben.
Au ihnen hat man nun im Wege der Zollpolitik zu helfen
derfucht, und der in ihrem Interejle angewendeten Makßregel
Fommt heute von allen auf diejem Gebiete möglichen die
größte Bedeutung zu. Es ift der zollfreie Deredlungsverkehr.
 Cr befteht darin, daß der Zoll bei
der Einfuhr von Rohftoffen und Halbfabrikfaten geftundet
und endgültig erlaffen wird, wenn diefe Stoffe in veredelter,
alfo verarbeiteter Sorm wieder ausgeführt werden. Der
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4, Zollpolitijdhe Maßregeln. 281
Weiterverarbeiter wird dadurch injtand gejebt, den Teil der
Rohftoffe, den er für zu erportierende Waren braucht, zu
Weltmarkipreijen zu beziehen, und er wird dadurch im Aus-[ande
 fonkurrenzfähiger. Ihm die Konkurrenz im Auslande
zu erleichtern, dazu dienen ja auch, wie wir fahen, die
privaten Erportvergütungen, die die Kartelle ihren Abnehmern
 gewähren, ein Nachlaß auf die Preije der zum
Export weiterzuverarbeitenden Rohfjtoffe. Aber die privaten
Exportvergütungen bleiben natürlih von dem guten Willen
der Kartelle abhängig, fönnen von ihnen aus Gründen, die
wir oben anführten, in der Regel nur an Derbände
gewährt werden, verftärfen meijt die Abhängigkeit der
Weiterverarbeiter von den mächtigen Rohitoffverbänden,
haben mehr den Charakter eines Almofens, fallen bei günjtiger
 Konjunftur im Jnlande in der Regel fort und werden
jedenfalls von den Weiterverarbeitern fait immer als ungenügend
 angefehen. Demgegenüber ijt der zollfreie Deredlungsverkehr
 eine jtaatlidh gewährte Sörderung
der Weiterverarbeiter bei ihrer Erporttätigkeit, die auch zUnächft
 die Staatsfajfe dur Rüdgang der Zolleinnahmen
zu [püren hat.
Schon im Jahre 1911 wurden für 222 Millionen Mark
Waren für Rechnung von Inländern und für 42 Millionen
Mark für Redhnung von Ausländern im Wege des Deredlungsverkehrs
 zollfrei eingeführt, und bei der Künftigen
Neuregelung unfrer Zollverhältnijfje wird wohl von mandher
Seite eine Erweiterung diejer Maßregel angeftrebt werden.
Man hat auf den 3zollfreien Deredlungsverfehr fehr
große Hoffnungen gejebßt als Mittel zur Bekämpfung übermäßiger
 Preisfejtjebungen der Kartelle überhaupt und hat
gemeint, er „bedeute unter allen Umftänden vermehrte
Konfurrenz für die inländijhen Produzenten der Rohfjtoffe
und BHalbfabrikate“ und damit billigere Preije derfelben.
Das ijlt insbejondere in der Eijeninduftrie nicht zutreffend
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        282 VI. Kapitel. Die {taatlidje Regelung des Kartellwefjens.
wegen der kombinierten Unternehmungen. Diefe ver-Iaufen
 dann einfad) die betreffenden Rohftoffe und Halbfabrifate
 nicht mehr an die reinen Weiterverarbeiter, jondern
verarbeiten fie felbjt. Im allgemeinen wird der 3zollfreie
Deredlungsverkehr den Weiterverarbeitern nur für den
Erport nüßen und eine erheblidhe Derbefferung ihrer
£age um fo weniger herbeizuführen vermögen, je geringer
in der betreffenden Induftrie die Bedeutung des Erports
im Derhältnis zum inländijhen Markte ift. So wird nicht
ein Herabgehen der Rohjtoff- oder Halbfabrifationspreife
die Solge fein, fondern vermehrte Konkurrenz für die
weiterverarbeitenden Unternehmer, denen der 3zollfreie
Deredlungsverfehr helfen follte. Nictsdeftoweniger hat
dieje Maßregel Bedeutung; denn fhon die Möglichkeit,
daß fie angewendet werden kann, wird die Kartelle unter
Umjitänden vorfichtiger in ihren Preisfeltfebungen maden.
Erheblidy größere Bedeutung würde der zollfreie Deredlungsverkehr
 allerdings gewinnen, wenn man ihn nad)
den Dorjchlägen des Derbandes der Halbzeugverbraucher
ausgeftaltete zum Syltem der Einfuhriheine.
Ein dahingehender, von der Zntrumsfraktion geftellter Antrag
 wurde fogar im Sebruar 1909 vom Reichstage angenommen.
 Während fonft der Deredlungsverkehr nur eine
Rüderftattung des bei der Einfuhr eines Rohftoffes gezahlten
 Zolles vorfieht, wenn diefer Rohfitoff in verarbeiteter
Sorm wieder zur Ausfuhr gelangt, find die Einfuhrjheine
wie bares Geld, fie fönnen eventuell auch für Zollzahlungen
auf andere importierte Waren verwendet, jedenfalls aber
den Rohftofflieferanten in Zahlung gegeben oder verfauft
 werden. Sie gehen von der Ausfuhr aus und gewähren
3. B. die zolfreie Einfuhr einer gleidhen Menge Roheifen,
als in erportierten Eijenwaren enthalten ijt. Das ift aber eine
viel größere Menge, als tatjächlich ausländifjhes Roheijen
in Deutidhland eingeführt wird, und daher kann mit diefer

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4. Zollpolitijdhe Maßregeln. 283

Makßregel viel eher ein Drud auf den inländi{jdhen Roheijenpreis
 ausgeübt werden. Einfuhrjheine find [Ahließlidh nichts
anderes als die gefeblidh gewährte Zulicherung, daß die
Weiterverarbeiter für ihren Erport den Rohjtoff zu Aus-Jandspreijen
 befommen Können. Dahingehende Sordesungen
 feitens der Halbzeugverbraucher jqeinen mir aber
zu weit zu gehen und eine Durchbrechung unjeres Schußzoflfjultems
 zu bedeuten; dann wäre es einfader und
zwedmäßiger, überhaupt die Robheijenzölle herabzujeken.
Beute, wo uns durch den Sriedensfhluß ein großer Teil
unferer  wichtigiten Robitofflagerjtätten entzogen ijt und
die Rohftoffbejchaffung aus dem Auslande ungeheuer etjhwert
 ijt, wird die Deredlung ausländijher Rohftoffe
gegen Lohn die Hauptform der £ohnjflaverei fein, die
Deutfdhland nach dem Willen feiner Gegner als Solge des
Krieges auf fig nehmen muß. —
So viel ergibt fidhh aus unferen Ausführungen, daß durch
bie Entwidlung des Kartellwefjens die Bedeutung des Schußzollfyftems
 gegen früher eine ganz andere geworden il.
Srüher, in der Zeit freier Konfurren3, glaubte man durch
Zölle nur das Ausland abzuhalten; im Inlande, meinte
man, werde nichtsdejtoweniger die Konkurrenz der Unternehmer
 den Konfumenten die billigjten Preifje gewährleijten.
Das wurde durch die Kartelle anders; jekt nükten die ge-Ichüßten
 Jndujtrien den Zoll volllommen aus, die Inlandspreife
 wurden um den Betrag des Zolles gegenüber den ausfändijHen
 höher, und daraus refultieren die Benadchteiligungen
 der Weiterverarbeiter. Aber noch mehr. Diefe
hohen Inlandspreife ermöglichen den gefhüßbten Induitrien,
ins Ausland zu immer niedrigeren Preijen zu verkaufen.
Während im Inlande die Konkurrenz ausge[hloffen war,
wurde fie auf den Auslandsmärkten immer ftärfer. Und
jo fand das Schubzollfyftem, wie alle Jolden wirtfdhaftspolitijden
 Maßregeln, feine Grenze [hließlidh in fich felbit.
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        284 VI. Kapitel, Die {taatlide Regelung des Kartellwefens.
Die einzelnen Staaten treiben Jidh gegenfeitig die Schukzölle
in die Höhe, ermöglidhen aber damit nur den Kartellen, die
Inlandspreije immer mehr 3u fteigern und dadurch mit ihrem
Erport aud) die Schranken der erhöhten Zölle des Auslandes
 zu überfchreiten.
Manche Leute find infolgedefjen der Meinung, dielje
Derhältnijje fönnten nicht anders als dur den Übergan g
zum Sreihandel befeitigt werden, und es ijt kein
Zweifel, daß unter dem Einfluß der Kartellentwidlung die
Sreihandelsdoktrin, die fajt verjhwunden fohien, in dem
legten Jahrzehnt vor dem Kriege wieder eine gewilfe
Stärfung erfahren hat. Theoretijd würde der Sreihandel
auch wohl das Richtigjte fein, um dieje auf die Dauer unhaltbaren
 Zujtände 3u befeitigen, unter der Dorausjeßung,
daß alle Staaten gleichzeitig und gemeinjam ihn einführen
würden. Denn da wir eines der fortgefchrittenjten Jnduftrievölfer
 find, würden unfjere Indujtrien davon keinen Nachteil
haben. Aber eine Reihe praktijdher Hindernijfe ftanden
dem vor dem Kriege entgegen. Erftens waren nicht alle
Staaten gleich induftriell entwidelt wie wir. Saft alle fuchten
 dieje oder jene Induftrie, die noch zurüdgeblieben war,
großzuziehen, und dazu waren Schußzölle nötig. Kein
Staat will von vornherein auf gewiffe Induftrien zuguniten
anderer Länder verzichten und fih dadurch in Abhängigfeit
 von jenen begeben, fondern alle wollen fi möglichtt
wirt{haftlidh felbjtändig machen. Und fo wie vielen an:
deren Staaten mit ihrer Jndujtrie fo ging es uns mit der
£andwirtjhaft, Wir Konnten auf die Getreidezölle nicht
verzichten, weil wir fie zur Erhaltung unfjerer Landwirt
idjaft gegenüber der überlegenen ausländifchen Konkurrenz
 zur Sicherung unferes Bedarfs gebrauchten. Da wir
nun fremden Agrarprodukten den Eingang er[dhwerten'
war es nur natürlich, daß die Staaten, die uns foldhe lie
jerten, unferen Jnduftrieprodukten Zölle entaegenlebten,

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        4. ZoUpolitiihe Makßregeln. 285

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zumal für foldje, deren Rohftoffe fie felbjit im Lande gewannen,
 und die fie daher auch felbjt hätten verarbeiten
fönnen. Das führte aber wieder dazu, daß wir auch
Staaten, die mit uns in IJnduftrieprodukten konkurrierten,
jolhe nicht frei einführen Iajfjen fonnten, zumal ja aud)
unfere Jnduftrie infolge der Getreidezölle die Nahrungsmittel
 für ihre Arbeiter höher als in Ländern mit geringeren
Jandwirtihaftlihen Produktionskolten bezahlen mußte. Eine
allgemeine Einführung des Sreihandels macht fih aljo
wohl in der Theorie ganz fqhön, prafktijdy aber Konnte
feiner von denen, die fidh Sreihändler nannten, feine
Einführung empfehlen und einen Weg dazu angeben. Es
itand dem Sreihandel die große Derjhiedenheit der wirtichaftlihen
 Interejjen der einzelnen Länder und der
berechtigte Wunfd aller Staaten, ihre Dolfswirt[dhaft
möglichit in Unabhängigfeit zu erhalten, entgegen.
Dazu Iommt, daß, wie wir fjahen, in den Indujtrieitaaten
 der Schubßzoll das Mittel zur rafchejten Weiterbildung
 der Induftrie und zur Herbeiführung der zwedmäßigiten
 Organifationsformen war. Unter dem Einiluß
 der Schubzölle Ionnten die Kartelle dauernd ihre Preife
hoch über den Weltmarktpreifen halten. Dieje wurden,
da felbft mit Derluft exportiert werden Konnte, immer mehr
herabgedrüdt. Die Weiterverarbeiter, die fidh nicht felbit
fartellieren fonnten, famen in eine immer ungünjftigere
Stellung, und aud) wenn fie Kartelle bildeten, erJdhwerten
ihnen die hohen Rohfitoffpreije den Erport ins Ausland.
Dadurch) wurde aber die Bildung von Kombinationsunternehmungen
 immer vorteilhafter und fo der öfonomifjche
Sortfchritt gefördert; denn fie ftellten die billigjte Sorm
der Produktion dar, So förderte der Schußzoll die Weiterbildung
 der Unternehmungsformen, er war noch immer
wie zur Zeit Sriedrich Lijfts Erziehungsmittel.
Durch) die ungebeuren Wertzeritörungen im MWelt-
        <pb n="301" />
        286 VI Kapitel, Die {taatlidje Regelung des Kartelwefjens.

friege und den Rüdgang der Arbeitsleijtungen ift nun
allerdings fajt überall an die Stelle des Überfluffes und
des Erportbedürfnijfjes ein Mangel und eine fajt unbegrenzte
 Nachfrage getreten. Aber troßdem werden wir
dem Sreihandel kaum nähergerüdt fein. Schon fuchen
fich, wie gefagt, die Staaten mit hochjtehender Währung
gegen die Erporterleichterung zu [hüßen, die den Übrigen
ihre gejunfenen Währungen bieten. Solange jo außerordentliche
 wirtjdhaftlihe Gegenjäge 3zwijhen verfchiedenen
 Ländern beftehen, wie fie fih im Kriege ausgebildet
haben, ilt der Sreihandel ferner als je.

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5. Zwangsfjyndikate,
Der einzige jtaatlihe Eingriff in das Kartellwefjen, der
vor dem Weltkriege in Deutjcdhland vorgefommen ift, war
merfwürdigerweife eine Maßregel nicht gegen die Kartelle,
jJondern zur Erhaltung eines Kartells, Er betrifft das
Zwangs[{undikiat für die KXaliindufrie,
das durch Gefeß vom 25. Mai 1910 gefhaffen wurde. Die
Zufjtände, die zu diefem Gefeg geführt haben, und die fich
weiterhin entwidelten, haben wir f{hon im 2. Kapitel ge-Ihildert.
 Sie hätten ohne jtaatlidhes Eingreifen längit zur
Auflöfung des Syndikats und zur Konkurrenz zwifdhen den
Werken führen müffen, wodurch weitere Kapitalinveftitionen
in der Induftrie verhindert worden wären. Aber man
fürchtete, daß bei freier Konfurrenz insbefondere Amerika
billig Kaliwerfe erwerben und daraus feinen Bedarf deden
werde. Wenn die übrigen Jich dann aber für die Derjorgung
des Inlandes allein wieder zu einem Kartell vereinigten,
würde die deutjhe Landwirtjchaft jehr viel höhere Preije
zu bezahlen haben. Um das zu verhindern, hielt die Reichsregierung
 allein ein Zzwangsfyndikat für geeignet.
Neu errichtete Werke follten anfangs nur jehr geringe Be-‚DE



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        5. Zwangsfundikate. 287

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teiligungsziffern erhalten. Die Erwartung der Regierung,
 daß das von der Gründung neuer Werke abfhreden
würde, erfüllte fidh aber nicht. Dielmehr wurden, was
Einfichtige vorausgejehen hatten, nod) viele weitere Millionen
 in die Jnduftrie hineingeftedt und die Überkapitalijation
 enorm vergrößert, zumal auch manche der älteren
Werte auf abgetrennten Seldesteilen neue Schachtanlagen
errichteten. Daher mußten 1914 Derjchärfungen be[Ahloffen
werden, weldhe die Karenzzeit verlängerten, das Dorrecht
der Karenzfreiheit für die Werke, an denen Bundesfjtaaten
beteiligt find, aufhoben und die Abtrennung neuer Werke
von alten erjhwerten.
Durch) den Reichstag wurden noch Beftimmungen im
Intereffe der Arbeiter in das Gefeß hineingebracht, wonach
die Beteiligungsziffern eines Werkes im jelben Derhältnis
gekürzt werden follen, in dem fih der Lohn der Arbeiter
gegenüber dem Durchfhnitt von 1907—10 vermindert.
So war aljo ein Zwangsjyndikat in der Kaliinduftrie
gefchaffen und ein Handelsmonopol in dejfen Hände gelegt:
Kali durfte nur durd) die Dertriebsitelle verkauft werden.
Serner febte das Gejeg die Höchftpreife für Kali auf drei
Jahre fejt; die Jpäteren Preiserhöhungen erfolgten durch
den Bundesrat nach Anhörung der Kaliwerksbefiger und der
Derbraucdher. Eine jogenannte Überfontingentsfteuer traf
diejenigen Werke, die die ihnen zugebilligten Abfakquoten
überfchreiten.
Der Haupteinwand gegen diefes ftaatlihe Eingreifen in
die Kaliinduftrie, daß dadurch die enorme Überkapitalijation
 nicht vermindert, fondern im Gegenteil nod) vermehrt
 werde, ift durch die neuere Entwidlung [hlagend,
aber zum größten Schaden der deutjhen Dolfswirtjchaft
als berechtigt erwiejen worden. Je früher freie Konfurrenz
 eingetreten wäre, um fo vorteilhafter wäre das für
die ganze Doliswirtichaft gewejen. Denn es hätte ihr
        <pb n="303" />
        288 VI. Kapitel. Die jtaatlidhe Regelung des Kartellwejens.
Hunderte von Millionen erfpart, die jeßt unproduktiv in
diefer Indujtrie angelegt find. Im Interejfe der augenblidlihen
 Rentabilität Jeiner eigenen und der neueren
Iqwäcderen Werke hat der Staat aber immer wieder zum
Zujtandefommen des Syndikats gewirkt. Er hat auch die
hohen und immer höheren Preife fanktioniert, die nötig
waren, um den Werken, die alle nur zu einem Bruchteil
ihrer Leijtungsfähigfeit befchäftigt find, troß der dadurch
enorm gejteigerten Selbitioften eine gewifje Rentabilität
zu fidjern, und diefe Politik ijt nody immer nicht aufgegeben.
 Das Hochhalten der Preife, nur um alle die
Ihwäcdheren, für die Derjorgung des Bedarfs ganz überfHüffigen
 Werke, die aus fpekulativem Übereifer gegründet
find, am Leben zu erhalten, ent{pridht aber nicht dem
Interefje der ganzen Doliswirtidhaft,
Allgemein ergibt fidh aus der neueren Entwidlung der
Kaliinduftrie für die Kartellpolitit der Sag, daß der Staat
fid an monopolilierten Erwerbszweigen nicht mit eigenen
Unternehmungen beteiligen foll. Einmal, weil er dadurch
3u eng mit Privatinterefjen verfnüpft wird, die, wenn fie
in einem Kartell organijiert find, [don felbjt mächtig genug
find. Und zweitens, weil er dadurch dem privaten Kapital
einen zu großen Anreiz zu Inveltierungen in diefer Indultrie
bietet. Ein folder Reiz ift durch jedes Kartell [hon in
genügendem Umfange gegeben. Der Staat verftärft ihn
unnüßerweife durd) feine Beteiligung und erleichtert dadurch
 eine Überkapitalijation. An diefen Derhältniffen hat
ji aud) durch die „Sozialifierung“ des Kalijyndikats, von
der wir im folgenden Abfchnitt fpredhen werden, nichts
geändert. Die Preije find immer weiter erhöht worden —
Unternehmer und Arbeiter wirkten dabei zujJammen —,
infolge der Daluta find beim Erport ungeheure Gewinne
erzielt worden, und die Kurfe mancher Kaliaktien und
-fure find phantaftildh geltiegen. —

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5. Zwangs{yndikate, ; 289

Der Plan eines jtaatlihen Petroleummonopols als Mittel
gegen die Dertruftung diejer Induftrie ift, wie wir oben
iahen, nicht zur Ausführung gelangt. Aber im Weltfriege
 hat Jidh die deutjhe Regierung veranlakt gejehen, in
verjchiedener Weifje in das Kartellwefen regelnd einzugreifen.
Der erjte Sall, daß gleich zu Beginn des Krieges der Staat
in die Beziehungen der Kartelle zu ihren Abnehmern eingriff,
 betraf die Tertilinduftirie. Hier war es in
langjährigen Kämpfen in einer ganzen Reihe von Gewerben
 zu Dereinbarungen mit den Abnehmern über die
Konditionen gefommen. Als nun der Krieg ausbrach,
hofften viele der Abnehmer auf ein Moratorium und verlangten
 von den Sabrifantenkartellen weitgehende Löjfung
aus ihren Derpflichtungen. Die Tertilfartelle andererjeits
 haben es mehrfach) an Entgegeniommen und Berüdlichtigung
 der bejonderen Derhältnijfje des Kriegszuftandes
jehlen laffen und in einzelnen Sällen ihre Bedingungen
jogar noch verfhärft. Daher fah fid) der preukifche Handelsminijter
 veranlaßt, nod) im Augufjt 1914 die Beteiligten
zujammenzuberufen und von den Kartellen zu verlangen,
1. daß ihre Bedingungen während des Krieges nicht verichärft
 werden dürften, 2. Beftimmungen außer Kraft zu
jegen feien, welche die Mitglieder hindern, mit einzelnen
Abnehmern Wandlung ihrer Aufträge oder Zahlungsıufihub
 zu vereinbaren, 3. daß vertrauenswürdigen Abnehmern
 möglichjtes Entgegeniommen gezeigt werde. Im
Salle einer Ablehnung jei eine gefeblide Regelung zu erwarten.
 Nach langen Derhandlungen haben fih die beteiligten
 Gruppen {chließlid) verftändigt und die von der
Regierung aufgejtellten Grundjäße im wefjentlihen angenommen
 und neuen Dereinbarungen zugrunde gelegt.
Dadurch wurde ein weiteres Eingreifen der Regierung,
deffen Sorm auch fehr zweifelhaft gewejen wäre, unnötig.
Denn es wäre ganz unmöglich gewejen, die Jo außerordent-CLiefmann,
 Kartelle und Trulkts, 4. Aufl. in
        <pb n="305" />
        290 VI. Kapitel, Die ftaatliche Regelung des Kartellwefjens,

lid} verfchiedenartigen Dereinbarungen der Tertilfartelle
mit den Derbänden der verfhiedenen Abnehmerkreife alle
über einen C£eiften einheitlider Derordnungen zu fchlagen.
Daß in vielen Sällen, oft leider erft recht {pät, der Staat
jid der Unternehmerverbände erinnerte und fie zu CLieferungen
 für den Staatsbedarf herangezogen hat, wurde
j&amp;amp;hon erwähnt. Darüber hinaus aber hat er, nad) dem
Dorbild der Kaliindultrie, in verjdhiedenen Gewerben
Zwangsfyndikate gefchaffen, teils aus der Erkenntnis heraus,
daß eine Auflöfung der Kartelle und Eintritt ungezügelter
Konkurrenz nicht wünfcdhenswert fei, vor allem eine |parjame
 Derwendung von Material und Arbeitskräften unmöglich
 mache, teils aus dem Beitreben, da, wo feine Kartelle
 beftanden, die notwendige einheitlihe Organijation
der Induftrie unter Mitwirkung der Beteiligten felbjt herbeizuführen.
 Zunächft ermächtigte eine Bundesratsverordnung
am 12. Juli 1915 die Landesbehörden, die Befiker von
Kohlenbergawerfen allgemein oder für gewijfe Bezirke 3u
einem „Zwangsjyndikat“ zu vereinigen, wenn nicht mindejtens
 97%, der Gejamtförderung des Bezirks freiwillig
eine Sörderungs- und Dertriebsgemeinfchaft bildeten, bei
der die Landeszentralbehörden die öffentlidhen Intereffen
für gewahrt erachtete. Unter Drohung mit diefem Zwangsjyndikat
 gelang es der Regierung Mitte September 1915,
in leßter Stunde die Erneuerung des Rbheinifch-Weftfälilchen
Kobhlenjyndikats „freiwillig“ herbeizuführen unter Beitritt
der weitfälijhen Zechen des Sistus und [ämtlicher privater
Gruben des Bezirkes. Diefes „Übergangsfyndikat” war bis
31. März 1917 abgefjchlo[jen, aber fchon im Herbit 1916 gefang
 die definitive Derlängerung des Syndikats auf fünf
Jahre. Der Staat fürchtete mit Recht, daß beim Auseinanderfallen
 diejfer großen Organijation eine zwedmäßige und
gleihmäbige Derforgung der Derbraucher, eine einheitliche
Regelung nicht nur der Ausfuhr, fondern auch des inlän-Ta



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5. Zwangsjyndikate, 291

bilden Derbrauchs nicht möglich fein werde, Die bloße
Seltfegung von Höchjtpreifen, die ja auch auf anderen Gebieten
 verfagt hat, hätte hier unbedingt nicht genügt,
Bei einer Reihe von Kartellen erfolgte die Organifjation
des Abjakes in engjter Derbindung mit der‘ Regierung
bzw. mit einem für die betreffende Ware gefchaffenen
Kriegsamt. So übte 3. B. die Spirituszentrale ihre Tätigfeit
 in engitem Anfcdhluß an die Reichhsbranntweinftelle aus,
d. 5. fie war für diejfe und unter ihrer Leitung für die
Belhaffung und den Derkauf von Spiritus tätig.
3n einer großen Zahl von Kartellen, 3. B. der Brauereien,
der Brauniohlenwerke, verfchiedenen Zweigen der Tertilinduftrie,
 wurden die befhlofjenen Preiserhöhungen von der
Bewilligung dur) das Reichsamt des Innern bzw. das
preußifjche Handelsminijfterium abhängig gemacht. Das
Zwangsf{yndikat in der Hefeinduftrie wurde auf Derlangen
der Bädereien auch im Jahre 1920 noch beibehalten.
Ein richtiges Zwangsfjyndiiat nad) dem Dorbild des
Kalijyndikats in. einer bisher noch) nicht fyndizierten Induftrie
 Hatte die Regierung auf Grund der Kriegsverhält«
nijje und unter Sührung des Kriegsernährungsamtes
durch Errichtung einer bejonderen Gefellfchaft in der
Dörrgemüfe-Induftrie gejhaffen. Die den Derbänden
 angegliederten Dörrgemüfjefabriien wurden von
der Gejelljidhaft in Derbindung mit einem Reichsfommiffjar
 fontingentiert, der auch bei der Seftfekgung von
Höchftpreijen mitwirfkt. Au Jollte der Gefelljchaft das
Einfuhrmonopol für ausländijdhes Dörrgemüfe übertragen
werden. In anderen Sällen, fo vor allem in der Lederinduftrie
 und in der Seifenindufjtrie, gelang es nicht,
Zwangs{yndizierungen durchzuführen.
Beachtung verdient noch das Eingreifen des Staates in
die Zementindufjtrie während des Krieges. Durch
die Bundesratsverordnung vom 29. Juni 1916 wurden Be-10*
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        292 VI. Kapitel. Die ftaatlidhe Regelung des Kartellwefens,
IOräniungen für den Abjchluß von CLieferungsverträgen
über Zement beitimmt, vor allem aber wurde die Errichtung
neuer und die Erwerbung bejtehender Anlagen zur Herjtellung
 von Zement verboten. Zur Durchführung wurde
eine Reichszementitelle in Berlin errichtet. Die Maßregel
bezwedte, einer weiteren Zunahme der in diejer Induftrie
vorhandenen ftarien Überkapitalijation durch Gründung
immer neuer Zementwerfe einen Riegel vorzujchieben und
andererfeits doch den Zujammenhalt der verfchiedenen
deutjchen Zementfartelle, die an jenem Zuftand jtark mitjchuldig
 find, zu erleichtern. Der legtere Zwed wurde auch
erreicht. Aud) find daraufhin Derfuche zur Bildung eines
allgemeinen deutjhen Zementiartells gemacht worden, es
ift aber bisher nur 3u einem Tfofen „Zementbund“ ge-[ommen,
 der alle deutjdhen Zementwerfkfe umfaßt und unter
Leitung der Reichszementitelle {teht. Die Errichtung neuer
Werte ijft auf fünf Jahre verboten worden.
3m allgemeinen fann beobachtet werden, daß viele
Indufjtrien eine foldhhe Zwangskfartellierung nicht ungern
jeben, weil unter allen Umfitänden die damit verbundene
Rationierung und Kontingentierung der Produktion, der
RobitoffverJorgung oder des Abjages für die Zukunft den
Zufjammen|cdAluß erleichtert. Darin liegt das Gefährliche
diefer Entwidlung, dem der Staat nur dadurch entgegen“
wirfen fann, daß er den Abnehmern in diefen Organijationen
 gewifje Rechte einräumt und fie mit ihren Wünfchen
genügend zu Gehör kommen läßt. Das ijt feit der Revo-(ution
 überall gefhehen. Bierin und in der Heranziehung
von Arbeitervertretern, fjobald es fiH um Preisfeltjegungen
und Organijationsfragen der Indujtrie handelt, Tiegt
zweifellos ein wirtfcqhaftlidher Sortfchritt.
Die halb juriftifjche, halb öfonomifjcdhe Srage fei hier nur
furz erwähnt, ob ein foldjes Zwangsfyndikat überhaupt als
ein Kartell anzufjfehen ifit. Wenn an eine Zwanagsinnunag fich
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        5. Zwangsfyndikate, 293

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Preisvereinbarungen aninüpfen, die zwar nad) 8 100q
Gew.-O. verboten find, aber doch häufig voriommen, fo kann
man darin wohl ein Kartell erbliden. Denn Jie find freie
vertragsmäßige Dereinbarungen mit monopoliftiidem Zwed,
wenn au) die urfprünglihe Grundlage des Zujammen-Icluffes
 feine vertragsmäßhige war. Wo aber, wie in den
modernen Zwangsfyndikaten, die Preije von Staats wegen
feitgefeßt werden, da bezieht fig das Dertragsmäßige
gigentliq nur auf die Quotenverteilung unter den Mitgliedern,
 aljo auf eine rein interne Angelegenheit. Fe
mehr dur ftaatlihe Regelung fowohl feiner Organifation
 als aud) feiner wirt{qhaftliden Betätigung in einem
toldyen Zwangsfyndikat die freie Dereinbarung ausgefchaltet
 ijt, um jo mehr verliert es au) feinen privatrechtlidhen
 Charakter und wird zu einer öffentlid)=rechtliHen
 Injtitution.
Während des Weltirieges Iag in der Tat in mandjen
Indujtrien die Notwendigkeit vor, foldje weitgehenden Eingriffe
 vorzunehmen, fei es um unwirt{haftlidhe Konkurrenz
zu verhindern, fei es um auf diefe Weije die Unternehmer
unter ihrer eigenen Mitwirkung zur Erfüllung wichtiger
Aufgaben für den Staat heranzuziehen. Aber im allgemeinen
 läßt fi die Zwangsfyndizierung und überhaupt
die ftaatlidhe Organifierung ganzer Gewerbe nur {hwer
mit den Prinzipien der heutigen, Dolfswirtjdhaft vereinigen,
 wie Jie einjtweilen wohl noch ihre Geltung behalten
werden. Schon deswegen nicht, weil jedes verliehene
Monopol, wenn wir von den Patenten abjehen, die ja
aud) 3eitlid) begrenzt find, aud) eine ftaatlihe Regelung
der Preisfeiltfekungen erfordert; und das ijt ein
Gebiet, auf das fidh der Staat — wie man auch im Kriege
gelernt haben dürfte — nur in Notfällen einlafjen follte,
Die Erfahrung, 3. B. bei Kohle, Kali und Stidjtoff, hat gezeigt,
 daß der Staat die Preisbemeflung immer im Inter.
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        294 VI. Kapitel. Die jtaatliqhe Regelung des Kartellwefjens.
ee der Ih wäcdhjten Produzenten bemikt, um fie am
Leben zu erhalten — oft ijft er felbjt Befiker derartiger
Unternehmungen gewejen —, und das führt zu hohen
Gewinnen der günftiger arbeitenden Unternehmungen.
Bei freier Konfiurtenz würden jene viel eher ausgefchaltet
und die Preije hHerabgedrüdt, Die Befteuerung Ddiefjer
Differentialrente ift einjtweilen noch} ein Problem.
Entijtehen private Monopole, fo wird gewiß der Staat
ihren Eingriff in die Preisbildung nicht ohne Regelung
lalfen dürfen. Er muß die monopolifierten Erwerbszweige
dauernd im Auge behalten. Aber joldhe Monopoljtellungen
privater Unternehmungen je[lbit3u JHaffen, dazu
hat der Staat in normalen Zeiten feine Deranlajjung, da
er damit den Wettbewerb als regelndes Prinzip der auf
dem CErtragsjtreben beruhenden Wirtjhaftsordnung ausjhaltet.
 Der Staat hat dazu im allgemeinen um fo
weniger Deranlaffung, je unficherer bei uns durch den
Sriedensfchluß die wirt[Haftlihe Lage jehr vieler Jnduftriezweige
 geworden ift.
Davon fqheint es mir nur eine” Ausnahme zu geben,
nämliqh in dem Salle, daß der mehrfach erörterte Gedanke
verwirklicht werden follte, die Kartelle für die Zwede der
Beiteuerung heranzuziehen. Der ungeheuere Sinan3zbedarf
 nad) dem Kriege verlangt eben fo gebieterijd) die
Er]chließung neuer Einnahmequellen, daß demgegenüber
die bisherigen Anfichten über Belteuerungsmöglichfeiten
nicht immer beibehalten werden fönnen und der Staat vor
neuen Wegen und Mitteln nicht zurücfjdhreden darf. Daher
it der Gedanke, die durch die Martellbildung zweifellos
gejtiegene Leiftungsfähigfeit zahlreidher Gewerbe oder doc
wenigjtens die einheitlidhe Organijation, die fie fich in ihnen
gefjchaffen haben, für die Befteuerung nußbar zu maden,
nicht ohne weiteres von der Hand zu weijen. Erjteres
würde auf eine direkte Beiteuerung, lekteres auf eine Heranziel


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 Zwangsjyndikate. 295
siehung 3ur indirekten Bejteuerung hinauslaufen. In
beiden Sällen läge der Grund zur Benugung der Kartelle
vorwiegend in ihrer Sähigkeit, ihnen auferlegte Lajten entiprechend
 der Leijtungsfähigkeit 3 repartieren. Die früher
häufigen, either meijt verlajjenen Repartitionsjteuern
würden daher in neuer Sorm wieder aufleben, und es ijt kein
Zweifel, daß der enge Zujammenjdhluß einer Induftrie in
einem Kartell es in befonderer Weije ermöglicht, eine Repartierung
 von Steuern nach der wirfliden CLeijtungsfähigfeit
 der Mitglieder vorzunehmen. Die Steuer wäre
dann als eine Art Reichsgewerbefjteuer auf Kartellierte
Unternehmungszweige aufzufajjen. Natürlich fönnte nicht
jedes Iofe Kartell alsbald zur Befteuerung herangezogen
werden, die wieder in Wegfall zu kommen hätte, wenn
das Kartell fi auflöft. Sondern die Steuer ijt nur denkbar
unter Mitwirkung des Staates, alfo in Sorm von Zwangsfyndikaten
 in dafür ausgewählten Jnduftrien. Eine Einwirkung
 auf die Preisgejtaltung wird der Staat dabei
nicht umgehen fönnen.
Wegen der Möglichkeit der Abwälzung wird daher eine
jolche Steuer doch fchlieklidh immer auf eine Belajtung der
Konjumenten hinauslaufen, d. h. alfo eine indirekte Bejteuerung
 bedeuten. Und hier, für eine Weiterbildung der
Aufwandbefjteuerung, [dHeint mir aud der Gedanke einer
Heranziehung der Kartelle und eventuell die Bildung fteuerliqer
 Zwangskartelle jhon viel ausfichtsreicher, Es ijt gar
fein Zweifel, daß eine ganze Reihe von Lurusijteuern fehr
erwünfcht und auf dem Wege einer fJolchen Organifation
der Produzenten oder Händler möglidh und ertragreich
wären; ich nenne nur Klaviere, eventuell au andere
Mufikfinjtrumente, Zuderwaren, Delifateßwaren ver[chiedener
 Art, photographijhe Apparate und Utenfilien, Automobile,
 Antiquitäten, Juwelen und fonftige Schhmudfachen,
 Mineralwaljer, Sportbedarf der verfhiedenften
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        296 VI. Kapitel. Die {taatliche Regelung des Kartellwejens,
Art ujw. Teils wären dafür die Produzenten, teils die
Händler zu organifieren. Die Steuer wäre entweder als
Repartitionsjteuer oder mit Zujdhlägen zu den Preifen zu
erheben. In beiden Sällen wäre natürlich ein Einfluß des
Staates auf die Preisbildung nötig. Au) für die großen
Derbrauchsiteuern, befonders auch für eine noch) fehlende
allgemeine Weinfteuer, wäre jtatt eines jtaatliqhen Handelsmonopols
 eine Kombination foldjer mit Kartellen möglich,
alfo eine Art gemifcht-wirtfchaftlicher Handelsmonopole
unter möglichjt weitgehender Heranziehung au der Derbraucher.
 Soldje Organifationen würden gegenüber den
vielen heute auftauchenden Monopolproblemen den fehr
ins Gewicht fallenden Dorzug größerer Billigfeit in der
Durchführung haben. Doch kann auf diefe finanzielle Srage
im Rahmen diefes Buches nicht näher eingegangen werden.

6. Sozialifierung.
Die im Weltiriege in allen Ländern gefteigerte Mactiphäre
 des Staates, feine Icharfen Eingriffe in zahlreiche
Wirtjchaftszweige haben dem feit langem verbreiteten
Deritaatligungsgedanken neue Nahrung gegeben,
 f{hon bevor der politijde Umfchwung in Deuticd:
(and ihn in den Dordergrund aller wirtjchaftliden Probleme
itellte. Cine der erlten Sorderungen und Pläne der
Fonftituterenden Nationalverjammlung betraf die „Sozialifierungen“,
 als ob es in dem trog der Wilfonichen
14 Puntte den übermütigen Siegern auf Gnade und Ungnade
 ausgelieferten Deutjhland nichts Dringenderes gübe
als eine plögliqge Umwandlung der bisherigen Wirtjhaftsordnung.
 So ftarf wirkten die Ideale, die eine auf willen:
Ihaftlidhen Irrtümern beruhende Doktrin der jeßt zur
Herrichaft gelangenden Arbeiterflaffje vorgegaufelt hatte.

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6, Sozialifierung. 297

Glüdlidherweije waren die meijten der verantwortlidhen
Arbeiterführer einfichtiger als jelbjit eine Anzahl bürgerliqjer
 Nationalöfonomen, die auf einmal für den Sozialismus
 eintraten. Sie erfannten, daß die Hauptaufgabe der
Sozialifierung, eine Steigerung der Produktivität bei gleichzeitiger
 Derminderung der Arbeit herbeizuführen, zunächft
unter den gegenwärtigen Derhältnijjen Deutjdhlands fich
nicht verwirklichen Iaffen werde. So blieb nur übrig, daß
die Arbeiter in fozialifierten Betrieben leichter eine Derbeljerung
 ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen würden durchjeßen
 fönnen, was fie aber bald in Gegenjag bringen müßte
zu den Arbeitern der viel zahlreiheren Erwerbszweige, die
fiqh für eine Sozialijierung nicht eignen.
Mir [Heint in der Tat, daß, wenn den Arbeitern, gerade
aud) in Deutjchland, nicht Jahrzehnte hindurch die Derftaatliqung
 als das Ideal hingeftellt worden wäre, fie
heute, troß der dafür denkbar ungünftigen Derhältniffe,
nicht mit Joldjer Zähigfeit an ihr fejthalten würden. Denn
mit ihren Gewerfvereinen, und infolge ihrer großen Zahl
im Befiß der politijdhen Macht, find fie heute aud) ohne [o
umwälzende ÖOrganijationsveränderungen vollauf in der
Lage, fidh einen entjpredhenden Anteil am Doliseiniommen
zu fidhern und gleichzeitig den Kapitalanteil aufs ftärkfte
zu befhneiden. Durd) ihre Lohnforderungen in Derbindung
 mit den neuen Steuern werden fie bald das an fich
aud) ganz berechtigte Ziel erreicht haben, daß es arbeitslofe
 Einfiommen nicht mehr geben wird.
Der Gedanke aber, daß die Arbeiter mit ihren hohen Löhnen
mehr Ionjumieren fönnen, ohne mehr zu produzieren,
wird fih natürlich immer als faljd) erweijen. Daran wird
au) die Sozialifierung nichts ändern. Es würde nur die
Kämpfe um die politijhe Macht außerordentlid) verfhärfen,
 wenn immer weitere Zweige des Wirtjhaftslebens
 ausfchlieklidh in der Hand des Staates wären. Das
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        298 VI. Kapitel, Die [taatlidje Regelung des Kartellwefens.
Ergebnis würde nur eine allgemeine wirt/haftlidhe Proletarifierung
 Deutjcdhlands fein, der aber aud bald die geiftige
Proletarifierung folgen würde. —
Heute verfteht man aber unter Sozialifierung nicht
mehr nur die Überführung der Produktionsmittel in
öffentliqgen Befiß8 und Betrieb, fondern
man bat den Begriff ganz unzuläffig und in wenig Harer
Weife erweitert auf alle möglidhen weitgehenden Rege-[ungen
 der privaten Unternehmungen durch den Staat,
So hat man von der Sozialifierung des Kohlen- und Kali:
bergbaues fowie der Elektrizitätswirtjdhaft gefprodhen,
ohne daß bei den neuen Gejegen von einer Befeitigung
des Privateigentums die Rede fein könnte, Dieje Gefebe
find nur ein Weiter[hreiten auf dem, wie wir Jahen, {hon
vor dem Kriege befchrittenen Wege der Zwangs-Fyndikate.
 DieDertriebsgemeinfhaftder
Kaliinduftrie wurde dur) Gejeß vom 24. April
1919 und Ausführungsbeftimmungen vom Auguft desjelben
 Jahres umgeftaltet. Die oberite Ent{heidung über
die Preijfe hat nicht mehr das Parlament, fondern der
Reicghsialirat, in weldem die Unternehmer und
Arbeiter nur je 8 Sie, die Derbraucher und Dertreter der
Wifjfenjchaft 14 haben. Der Reichswirt[jchaftsminifter ilt
befugt, nad) Anhören des Reichskalitates und der Syndifatsleitung
 die Preije herabzufegen. Die praktijhe Arbeit
leiftet nach wie vor die „Dertriebsgemein[haft“,
in der aber auch die Arbeiter vertreten find, die ein Mit:
glied in die Direktion, drei in den Auflichtsrat entjenden.
Eine Kaliprüfungsfjtelle beftimmt die Beteiligungsziffern,
wogegen Berufung an eine Berufungsfjtelle möglich ift.
Eine Lohnprüfungsftelle unterfucht die Lohnverhältniffe
und fucht den Abjdhluß von Tarifverträgen zu fördern.
In ähnlicher Weife ift dur das Kohlenwirtjhaftsgefeß
bom 23. März 1919 und die Ausführungsbeitimmungen

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        6. Sozialifierung. 299

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dazu vom Augujt desfelben Jahres aud) das Rheini[dmeitfälifde
 Kohlenfundikat auf eine neue
Grundlage geftellt worden. Es ijt ebenfalls ein 3 wan gs -
jyndikat, und eines feiner Mitglieder, das Stahlwerk
 Beder A.-Gef., it für feine Zeche Der. Präfident
audy nur zwangsweije durd Derordnung des Reichswirtjchaftsminijters
 beigetreten. Die Preisfejtjebungen erfolgen
 jeßt durch den Reidsiohlenverband, in
dem Jämtlidhe deutfhen Kohlenkartelle vereinigt find, der
aud) die fonjtigen Lieferungsbedingungen 3zU genehmigen
hat. Der Reichhswirtjchaftsminifter Kann alle Beichlüfte der
Syndikatsorgane wegen Gefährdung des Gemeinwohls
mit aufihiebender Wirkung beanjtanden. Die Beftimmungen
 über die Beteiligungsziffern und aud) über die
Derrechhnung der Überfhüjfe nach Dedung der Gejchäftsfojten
 find im wefentliden die gleidhen geblieben. Bemerfenswert
 ift nod), daß dem Dorjtand der Aftiengefell-{haft
 Rheinifjdh-weitfälijdes Kohlen[yndikat ein Arbeiterpertreter,
 dem Auflichtsrat zwei Dertireter der Arbeiter
und einer der Angejtellten angehören müflen. Audz darin
fommt zum Ausdrud, daß das Syndikat nicht mehr eine
reine Interefjenvereinigung der Unternehmer darftellt.
Einen Einfluß auf die Produktion übt aber das
Syndikat nicht aus.
Noch weniger eingreifend ift das Derhalten des Staates
gegenüber den Derbänden der Eifenindufjtrie gewejen.
Als im Jahre 1919 an die Stelle von der Regierung feltgefeßter
 Höchftpreije vom Roheijenverband und Stahlwerfsverband
 feitgefebte Richtpreije traten, folgte bald
eine Preiserhöhung der anderen. Innerhalb 11 Monaten
wurden die Preije verfünffacht, ftiegen bei Knüppeln von
300 auf 1500 .%. Daher mußten wieder Höchftpreife ein:
geführt werden. Nachdem der Stahlwerfsverband noch
einmal Ende 1919 verlängert war, wurde er durd Der:
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        500 VE Kapitel, Die jtaatlide Regelung des Kartellwejens.

fügung des Reichswirt{qhaftsminifters auf den 1. Mai 1920
aufgelöft, und an feine Stelle trat der Eifenwirt-Iqhaftsbund,
 dem nach langen Derhandlungen mit
der Regierung eine größere Selbjtändigkeit zugefjtanden
wurde, als ur]prünglich geplant war. Es unterliegen ihm
alle Erzeugnifje der Derhüttung [owohl als auch die Stahlund
 Walzwerksprodutte, Bleche aller Art, Rohre, rollendes
Eijenbahnmaterial ujw. Hauptorgan des Selbjtverwaltungsförpers
 ijft die Dollverfammlun g, befjtehend aus
70 Mitgliedern, Unternehmern, Arbeitern, Händlern und
Derbrauchern. Sie bildet Betriebsausichülfe für Regelung
des Inlandsverkehrs fowie für Ein- und Ausfuhr. Die
Dollverfammlung wählt auf Dorfchlag der Produtktionsunternehmer
 einen Dertrauensmann Jowie einen oder
mehrere Stellvertreter für ihn, den erjten Stellvertreter
auf Dor[chlag der Arbeitnehmer. Der dringende Jnlandsbedarf
 [ol bevorzugt werden; zur Durchführung ihrer Derpfligtungen
 find von den Werten Lie ferungsgemeinfdhaften
 3u bilden, die die £ieferungs:-pflichten
 der einzelnen Werte beftimmen. Wenn nötig,
fönnen die zur Dedung dringenden Inlandsbedarfs erforderlidhen
 Mengen enteignet werden. Der Bund regelt
die Preije, die als Höchjtpreije zu gelten haben, und die
Derfaufsbedingungen. Der Reichswirtjdqhaftsminifjter ordnet
Kommiffäre ab, die allen Sigungen des Bundes beiwohnen
 fönnen. Wegen Gefährdung öffentlider Interefjen
 {teht ihm ein aufidiebendes Einjpruchsrecht zu. CErfolgt
 nad) 10 Tagen feine Derjtändigung, jo ent{dqheidet er
nach Anhörung des Reichswirt{dhaftsrates endgültig.
Das Gejeß über die Sozialifierung der Eleitrizitätswirt[qhaft,
 das nad) langen Derhandlungen
am 31. Dezember 1919 z3zuftande fam, will allerdings
weitergehen und insbefondere die Stromlieferung und =verteilung
 in den Befiß und Betrieb des Reiches bringen mit

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6. Sozialifierung, 301
mweitgehender Beteiligung der Länder vor allem bei der Stromerzeugung.
 Auf diefjem Gebiete hatten feit längerer Zeit
auch die jogenannten gemifht-wirtfjdqhaftliden
Unternehmungen größere Bedeutung erlangt,
gemeinjame Kapitalbejchaffung durd Private und öffentliche
Körperfchaften in Sorm von Aftiengefellidhaften, die, entweder
 durch öffentlidhe Beamte oder dur Private geleitet,
in jedem Salle den öffentlidhen Körper[dhaften einen größeren
Einfluß und eine Beteiligung an den Erträgen gewähren.
bier, wo wir das Sozialifierungsproblem nur furz berühren,
 fann auf dieje Bildungen nicht näher eingegangen
werden. —
Eine weitgehende Regelung wichtiger Erwerbszweige
dur den Staat, Schaffung einer Anzahl von Kontrollorgaten,
 ftärfere Heranziehung der Arbeiter und Derbraucher
dabei, auch Seftfegung von Höchfjtpreifen ijft noch Keine
Sozialifierung. Eine folhhe Kiegt erft vor bei Bejeitigung
des Privateigentums an den Produktionsmitteln — das
ijt die rechtlidhhe Seite — und der Aufhebung des privaten
Gewinninterejjes als Organifjationsprinzips des ganzen
Taufchverkehrs und vor allem der Preisbildung — das ift
die wirtjhaftlihe Seite des Problems. Lebtere ijt die
unendlich viel [Hwierigere und tiefergreifende, weil fie
durch erjteres, die Überführung der Produktionsmittel in
öffentlidhes Eigentum, bei einzelnen Produfktionszweigen
 nod) feineswegs herbeigeführt wird.
Der Staat kann und wird fie in den meijten Sällen au dd
nad) dem Gewinninterefje verwalten, jedenfalls feine
Preisfeftjegungen im Anfdluß an die Preisbildung des
freien Derfehrs vornehmen müffen. Deren Befeitigung,
oder vielmehr pofitivo: ein neues Derteilungsprinzip
 an ihre Stelle zu Jegen, das ijt das große, ungelöfte
 Droblem. Kann man es weiten Kreijen der Arbeiter,
 die an die wunderbaren Wirkungen der Aufhebung
        <pb n="317" />
        302 VT. Kapitel, Die jtaatliqhe Regelung des Kartellwefjens.
des Privateigentums wie an ein religiöjes Dogma glauben,
faum übelnehmen, daß fie von jenen angeblichen „Sozialijerungen“
 nicht viel wijffen wollen, {o verkennen fie doc,
daß die Wirtfhaftsverfafjung nicht wie eine Staats:
fafjung von heute auf morgen umgeftürzt und durch eine
andere erjekt werden kann. Sie verkennen, daß nod) niemand
 die Grundlage einer neuen Wirtfhaftsorganifation
aufgeftellt hat, weldhe den feinen Mechanismus des Tau[cdverfehrs
 auf Grund des privaten Ertragsftrebens erfebt
und doch ebenfo wie diefjes die größte Anjpannung aller
Kräfte herbeiführt,
Daher würde es richtiger fein, zunächft einmal auf dem
Boden der heutigen Wirtjhaftsordnung die Befeitigung
der Mipjtände, unter denen die Arbeiterfaffe Teidet, zu
verfuchen und feftzuftellen, ob nicht aufihrerGrundlage
 eine organijdhe Weiterbildung möglic)
 ijt, die vom Staate nur in die richtigen Bahnen zu
leiten wäre. Soldje Tendenzen zu einer Weiterbildung
der heutigen Wirtjhaftsordnung find zweifellos vorhanden.
 *) Je mehr 3. B. das Aktienwefen fich ausdehnt,
 je mehr andererfeits die großen Unternehmungen in
ihrer Gejqhäftsführung dur die Öffentlichkeit kontrolliert
werden, je mehr ji auch die Einiommensverhältniffe der
Arbeiter verbeffern und die übertriebenen Eintommensverfchiedenheiten
 durdy eine foziale Befteuerung aus:
geglihen werden, um fo mehr wird es möglich, ja not:
wendig, daß der Alktienbefiß in immer weitere Kreife
dringt, immer mehr Perfonen an den Erträgen der großen
Unternehmungen Anteil haben. Auf dieje Weife wird in
Zufunft vielleicht der heute unüberbrüdbare Gegen[aß
zwijden Produzenten und Konfumenten ver|hwinden,
indem alle felbit an den großen Unternehmungen beteiligt
1) Dal. da it iner „Grundfäge der Dolls:
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6. Sozialifierung. 303

jind. Und in derjelben Richtung, nur in ganz anderer
Weije wirkt das Genoffjen|dhaftswefjen. Es foll
nicht die Arbeiter felbjit zu Unternehmern machen — das
hat keinen Sinn und ift au gar nicht möglich. Die eigentlien
 Produktivgenoffenjhaften werden immer nur eine
befjchränite Rolle {pielen. Aber es foll bewirken, einmal,
daß ein felbjtändiger Kleinbetrieb erhalten bleibt, der in
wirtjchaftlidher und fozialer Hinfiht unentbehrlich ijt, vor
allem in der Landwirtfchaft, anderfeits, daß die Konfumenten
 den Produzenten nicht wehrlos in die Hand gegeben
 find.
Wenn der Staat diefe Bildungen fördert und andererjeits
 die großen Unternehmungen unter eine weitgehende
Kontrolle der Öffentlichkeit jtellt und dafür Jorgt, daß ihre
Erträge möglichft vielen zugute Iommen, wird er unter
Beibehaltung des privaten Ertragsftrebens erheblidh mehr
für befriedigende wirtjhaftliqhe und foziale Derhältnifje
tun fönnen als mit einer allgemeinen Sozialifierung, der
Abfjhaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln,
 wie es die fozialijtijdhe Doktrin fordert. Eine
Überwachung der Preisbildung, weitgehende Kontrolle
der monopoliftijchen Dereinigungen (nicht nur der Unternehmer),
 wie wir fie vorfchlagen, wird zweifellos nötig
jein, und um fo notwendiger, je größer in der ganzen
Welt der Mangel an den wichtigjten Gebrauchsgütern
bleibt. Die Aufgaben des Staates in bezug auf das Wirt-[qaftsleben
 werden — darin hat der Sozialismus recht —
gewiß noch wachjen. Aber das private Gewinnftreben
als Antrieb des heutigen Wirtjhaftslebens, das ja auch die
Arbeiter befjeelt, darf nicht ausgefdhaltet werden. Dod)
müjfen ihnen, d. h. den Befiglojen, die Aufftiegsmöglichfeiten
 erleichtert und durch Beteiligung das Interefje an
der Produktion gejteigert werden. Die notwendige und in
fozialer Hinficht heillame arößere Ausaleidhung der Der-
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        304 VI. Kapitel. Die jtaatlide Regelung des Kartellwefjens.
mögen und Einiommen wird am beften durch die Beteuerung
 herbeigeführt. Sie, namentlid eine hohe
Erbichaftsjteuer, fowie die Wegiteuerung großer Speku-Jations-
 und Spielgewinne würde, wenn fie wirflidh durchgeführt
 wird, d. h. alle Steuerfchuldigkeiten aud) wirklich
erfaßt, Hinterziehungen möglich{t volllfommen verhindert, in
verhältnismäßig Iurzer Zeit günitiger wirken als alles Herumdoktern
 mit Sozialifierungen, Arbeitsgemein{dhaften, Gilden,
und wie die neueften fozialen Schlagworte alle heißen.
Infofern ift unfere neue Steuergefekgebung, wenn fie
wirflid) zur Durchführung gelangt, meines Erachtens viel
jozialer als die verfhiedenen „Sozialifierungen“, trägt viel
mehr als diefe zur fozialen Ausgleichung bei, und das ilt
die Hauptjache, Auch die von der Minderheit der Sozialilierungsfommiffion
 empfohlene Beiteuerung der
Differentialrente, deren Schwierigkeiten nicht
unüberwindlich find, kann dabei mitwirken.
Jedenfalls, wenn das Wirtjhaftsleben fidh felbit über-[afjen
 bliebe, wenn es nicht durd die Kataftrophe des Weltfrieges
 der denkbar fHwerjten Belaftungsprobe ausgejebt
worden wäre und nun überall Beftrebungen auftauchten, die
alten [ozialiftijden Jdeale auch auf wirtfchaftlidHem Gebiete
io [Anell als möglich in die Praxis umzufjeben, würde fich
eine fozialijtilde Wirtfhaftsorönung wohl kaum entwideln.
 Jm Zuge der wirtfchaftlihHen Entwidlung vor
dem Kriege lag fie nicht. Und wenn fie jebt entitehen
jollte, fo gefchieht es nicht auf Grund öfonomijcder Notwendigkeiten,
 wie der von Marr vertretene öfonomijdhe
Determinismus annahm, fondern auf Grund ideeller Triebfräfte,
 die fidhh im Wege der politijhen Macht durchjegen.
Daß unjere Bedarfsverforgung nicht nur, fjondern auch
unfere Kultur dabei außerordentlich leiden wird, Können
wir heute fhon fagen. Möglicherweife fönnen über diefen
Jdealen einige Millionen Menichen verbungern! Dielleicht
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6. Sozialifierung. 305
aber ijt es notwendig, daß das deutjche Dolk diejen
Dornenweg zur fozialen Erlöfung der Menfichheit beicqhreiten
 muß.
Doch hoffe ih immer noch, daß wir den vielleicht langjameren,
 aber milderen Weg der organijhen Entwidlung
wählen werden, daß wir von innen heraus, durch allmähliche
 geiftige Umftelung, nicht auf dem Wege politijcher
 Macht, zu einer neuen Wirt{qhaftsordnung gelangen.
Wohl wird es noch langer geiftiger Arbeit, die vor allem
aud) befjere Einficht in das Wirtfhaftsleben verbreiten
muß, und vieler Kämpfe mit dem Doftrinarismus von Kints
und rechts bedürfen, bis diefer Weg als der heite erkannt
wird, bis man rechts erkennt, daß in der Tat das Privateigentum
 und insbejondere das Erbrecht eingejhränkt
werden muß und die bisherigen Klaffengegenfäße nicht
aufrechterhalten werden können, bis man aber auch linis
erfennt, daß man die Wirtfhaftsordnung nicht von heute
auf morgen umfrempeln fann, und daß ein neues Derteilungsprinzip
 überhaupt nod) nicht gefunden worden it.
In allen Schihten der Bevölferung muß fih mehr fo -
zialer ®Geift entwideln, ein Abbau der gefelljdhaftlidhen
und Klaffenunter[hiede, welcher den befferen, nicht nur
am Materiellen Hebenden Elementen der Arbeiterjchaft
mit Recht ebenjo wichtig ijt wie ihre wirtfjdhaftlihe Hebung.
Dielleicht wird fich dann bei langjamer organijdher Weiterbildung
 des Wirtjchaftslebens ganz allmählidy aud eine
Umbildung des menfchlidhen Charakters vollziehen, dergeftalt,
 daß das Selbitintereffe nicht mehr oder nicht mehr
jo aus[cließlid) den Antrieb zur Arbeit und damit das
Organijationsprinzip der Bedarfsverforgung bildet. Dielleicht
 — das wäre der naturgemäße Weg — wird fih der
neue Joziale Geijft dann felbjit den neuen fozialen Körper
bauen. Doch feßt das wohl einen gewiffen Überfhuß an
Produkten voraus, wie ihn grade eine fozialifierte Wirt
£iefmann, Kartelle und Trufts. 4. Aufl, 2
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        306 VT. Kapitel. Die [taatliche Regelung des Kartellwefjens.
jhaft — dieje Erfahrung follten wir jeßt jhon gemacht
haben — unter den heutigen Derhältnijjen, wo der Egoismus
 {cqhärfer als je hervortritt, in abjehbarer Zeit nicht
jhaffen wird. Daher empfiehlt es fidh audh gerade in der
heutigen Lage Deutjdhlands nicht, auf eine folhe Umwand-[ung
 der menfjchlidhen Natur zu bauen, wenn man auch
auf ihre Heranzüchtung Bedacht nehmen follte; und es
empfiehlt fid vor allem nicht, unfjere Wirtjcdhaftspolitit
heute fon danach einzurichten, als ob diefes Jdeal bereits
verwirklicht jei. Möglichit viel zu produzieren, ift heute
unfere Aufgabe, unjerm Dolfe möglichft bald über den
Mangel hinwegzuhelfen, an den wir feit Jahrzehnten nicht
mehr gewohnt waren, und der nicht nur die wirt|dhaftlichen
 Kämpfe fo erbittert macht, jJondern auch den Sinn
jür Gerechtigkeit, für Ordnung und fchlieklich auch die
phylifchen Grundlagen weiter Kreije unfjeres Dolfes untergräbt.
 Dafür gilt es alle Kräfte anzufpannen. Dieje Aufgabe
 zu föjen wird aber einjtweilen nicht einer von oben
her betriebenen „Gemeinwirtjhaft“ möglich fein, fondern
dafür wird das allerdings unter möglichjt gleidhen Bedingungen
 für alle und unter der Kontrolle der Öffentlichfeit
 fich vollziehende private Gewinninterejje nod) auf
[ange binaus die Grundlage bleiben mülfen.

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Literatur.

Überficht der wichtigjten in Buchform erfdhienenen deutjhen
Schriften über Kartelle und Trufts
(die Literatur über Sozialifierung wurde weggelaffen).
Allgemeines.
Kleinwäcter, Die Kartelle, Jnnsbrud 1883.
Schriften des Dereinsfür Sozialpolitik, Band 60
und 61. Leipzig 1894 und 1895.
£iefmann, Die Unternehmerverbände, ihr Wejen und
ihre Bedeutung. Sreiburg, Leipzig und Tübingen 1897.
p 9 , Die Kartelle der gewerblihen Unternehmer, Leipzig
Grunzel, Über Kartelle, Leipzig 1902.
Huber, Die Kartelle, Stuttgart und Leipzig 1903.
TjhierfchIy, Kartell und Truft, Göttingen 1903.
Baumgarten u, Meszleny, Kartelle und Trults,
Berlin 1906.
Calwer, Kartelle und Trufjts, Berlin (1906).
Silberberg, Deutiches Kartelljahrbuch, Berlin 1910—11.
Keitner, Der Organifjationszwang, eine Unter umung über
die Kämpfe zwijdhen den Kartellen und den Aukenfeitern,
Leipzig 1912.
Pohlmann, Der Staat und die Syndikate, Leipzig 1912.
Singer, Das Cand der Monopole: Amerika oder Deutichland?
 Berlin 1913.
Jeidels, Das Derhältnis der deutfhen Großbanken zur
Indufjtrie, 2. Aufl. Leipzig 1913,

1

20%
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        308
Mannftaedt, Urfadhen und Ziele des a
im Gewerbe mit bejonderer Berüdfichtiqgung der Kartelle
und Erufts. Jena 1916.
Troeltjch, Die deutfichen Induftriefartelle vor und feit
dem Kriege, Efjen 1916.
£iefmann, Die Kartelle in und nad dem Kriege,
Berlin 1918,
Brandt, Zwangsiyndikate und Staatsmonopole, Berlin 1918.
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Heft 49, 1918.
Seit 1903 gibt es eine eigene Zeitfchrift, die über die
A a auf dem Gebiete des Kartellwejens im In- und
Auslande berichtet und die die wichtigite Quelle für alle
hierher EM Organifationen_ ijft: Die Kartelland
 au, Herausgeber Dr. Ti hHierf]ch Ey - Berlin.
Jährlich 12 Hefte,
IL Einzelfragen.
Ziefmann, Schußzoll und Kartelle, Jena 1903.
Tihierfh Ey, Organifation der indufjtriellen Interefjen
in Deutichland, Göttingen 1905.
Bonifowsfiy, Der Einfluß der indujtriellen Kartelle auf
den Handel in Deutjchland, Jena 1907.
Morgenroth, Die Erportpolitit der Kartelle, Leipzig1907.
Niklifch, Kartellbetrieb, Leipzig 1909.
Utfjfcoh, Kartelle und Arbeiter, Berlin 1911.
Cohen, Derbände, Kartelle und Syndikate im Großhandel,
Berlin (R. Hobbing). (1918.)
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Tübingen 1919.

Literatur.

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Kontradiktoriijhe Derhandlungen Über
deutfhe Kartelle, Berlin 1903—6,
Denffhrift über das Kartellwefen Dem
Reichstage erjtattet, 4 Teile, Berlin 1906—8,
DerhandlungenundBefhlüffe des IJnduftrieamtes
 im £ £ Handelsminijterium Heft 31: Regelung
des Kartellwejens, 1912. 2 Teile.
Derhandlungen der im £ £ Handelsmini»
fterium veranftalteten Xartellenquete,
11 Teile, Wien 1912.
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£iteratur,

309

IV. Zuriftifqdhe Literatur über Xartelile.
Menzel, Die Kartelle und die Rechtsordnung, Leipzig 1902.
Rundjtein, Das Recht der Kartelle, Berlin 1904.
Hirfh, Zur Kartellfrage, Jena 1904.
D i ai Ibe, Die rechtlihe Bebandlung der Kartelle, Jena
Bauc, Die Rechtsform der Kartelle, Jena 1908.
Hüttner, Das Recht der Kartelle, Leipzig 1909.
Pid, Der Kartellvertrag nad) Öfterr. Recht, Wien 1909.
Derfelbe, Praktijde Stagen des öltert. Kartellrechts,
Wien 1913.
Silberberg, Handbuch des deutfhen Kartellrechts,
Berlin 1912.
SledHtheim, Deutihes Kartellrecht. I. Band: Die recht:
lige Organijation der Kartelle, Mannheim 1912,
Werneberg, Streif, Ausfperrung und CLieferungsverträge,
 Berlin,  Dolewieifhaftiche Zeitfragen Nr. 304.

S

Deutfdhe Literatur über das Ausland.
Ettinger, Die Martelle in Ölterreich, Wien 1905.
£iefmann, Artikel Trujts, Handwörterbuch der Staatswijjenidhaften.
 3. Aufl. ‘
Ef A , Die Stahlindultrie der Dereinigten Staaten, Berlin
Gutmann, Über den amerikanijdhen Stahltruft, Eijen 1906.
Dreyer, Die rullijdhe Zuderindufjtrie, Leipzig 1908.
£evy, Monopole, Kartelle und Trufts. Dargeftellt an der
Entwidiung in Großbritannien. Jena 1909.
Tafel, Die nordamerikanijdhen Trujts und ihre Wirkungen
auf den Sortjqhritt der Technik, Stuttgart 1913.
Dogelitein, Organijationsformen der Eifenindufjtrie und
der Tertilindujtrie in England und Amerika, Leipzig 1910.
Macrofty, Das Trujtwejen in der britijchen Induitrie,
deutfd) von S. Leo, Berlin 1910,
Mverzier, Der amerikanifjde Schiffahrtstrujt, mit befonderer
 EEE feiner Beziehungen zu den deutichen
Dampfichiffahrisgejelljchaften, Berlin 1912.
Seer, Die Aush en der deutfchen Eifenkartelle und
Den Wirlungen in der Schweiz. Zürcher Dolisw. Studien
eft 4, .
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        310 £iteratur.
VI Neuere Literatur über die Kartelle einzelner
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9. Bederath, Die Kartelle der deutjdhen Seidenwebereiinduftrie,
 Karlsruhe 1911.
Briefs, Das Spiritusfartell, Karlsruhe 1912.
Billringhaus, Die deutichen EC in ihrer
Entwidlung zu einem allgemeinen deutidhen Robeijenverband,
 Leipzig 1912.
SoldfhHmidt, Über die Konzentration im deutichen
Kohlenbergbau, Karlsruhe 1912.
Da { ow, Materialien für das vollswirtjhaftlide Studium,
Bd. I: Kartelle des Bergbaues, Leipzig 1911.
Mü 18 upt, Der Milchring, ein Beitrag zur Kartell» und
Milchpreisfrage, Karlsruhe 1912.
Wiedenfeld, Das Rheinifjch-Weitfäliidhe Kohlenfyndikat,
Leipzig 1912.
te HN e, Wandlungen in der Organijation der Eifenindujtrie
und des Eijenhandels, Berlin 1912.
Eiepmann, Die Monopolorganijation der deutichen
Tapetenindujtrie, Stuttgart 1913.
Noether, Dertruftung und Monopolfrage in der deutfdhen
Elektrizitätsinduftrie, 1913.
Ritter, Entwidlungen und Beftrebungen in der deutfhen
Portlandzementindujtrie, Berlin 1913.
Madelung, Die Entwidlung der deutfhen Portland:
zementindujtrie, Münden und Leipzig 1913.
Badmann, Organifationsbejtrebungen in der deutjdhen
Tuch- und Wollwaren-Jnduftrie, Karlsruhe 1915.
Saehre, Die Organifation der Ziegelverkaufsvereinigungen,
Berlin 1915.

Weitere £iteraturangaben fiehe im Tert.

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; Trufts in Amerika und in Deutfchland. 195
serlieren in der Tat immer mehr den
ıtwirtichaften und nehmen den öffent:
An. Infolgedeffen muß die Allgemeinheit
: eije als bisher Einblid in fie erhalten
ae in ihnen zur Geltung bringen Können.
"pas Derartiges nur durchführbar, wenn
T nod) fehr verbreitete Korruption im
xtjchaftlihen Leben der Dereinigten
zedrängt fein wird. Die heiten Elemente
Jolfe arbeiten eifrig in diejer Richtung,
fel, daß es ihnen einmal gelingen wird,
m Problem der Truftregelung und der
einen KXapitalijten dur die großen
ı werden. Aber freilich, die ungeheuren
tiege, die Entfadhung einer zügellofen
durch die politijdhe Lage noch gejteigerte,
lächliqen Zujtänden nicht entjprechende
x Amerikaner find nicht geeignet, zu
jem Gebiete zu führen. Gewiß fönnen
rtjchaftlidhem, fozialem und politijdhem
terifanern lernen, aber daß man, alles
g auf wahre Kultur dort weiter gedas
 wird niemand behaupten fönnen,. —
arten fei no auf das Hinüberanifdher
 Trujls nad Deutfhund
 auf die Gegenmittel, die man hier
plagen hat. In Deutjchland haben am
bleumtruft, der Tabakitruflt,
hinentrujt, der Kontrollneben
 aud) der Nähmaldhinener
 Erntemafhinentruft und
it ihre Wirkfjamfkeit entfaltet und fich
muite zu [qhaffen gewußt. Alle haben
gen, zum Teil mit zahlreichen Silialen,
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