<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Theorie der produktiven Kräfte in Lists "nationalem System der politischen Ökonomie"</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Maria</forname>
            <surname>Fuerth</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1027468136</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Die
Theorie der produktiven Kräfte
in Lists „nationalem System der
politischen Okonomie‘‘.

Inaugural-Dissertation
zur
Erlangung der Würde eines Doktors rer. pol,
der
Hohen Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät
der
Georg-August-Universität zu Göttingen

vorgelegt von

Maria

\Fuerth.
. uenerrhecra 70. 5 . (AN
ag A a S Y
E SR.
SS} ga fees fr PER UERG
Ars Alan

WR wi
aan)
3108

Göttingen.
Gedruckt bei Hubert &amp; Co,G. m. b. H.
1920.

A539

8

Q
        <pb n="2" />
        Angenommen von der rechts- und staatswıssenschaftlichen Fakultät

Tag der mündlichen Prüfung: 26. Februar 1920.
        <pb n="3" />
        at

Meiner lieben Großmutter.

“AR
        <pb n="4" />
        1 Tei

11. Te

111.”
        <pb n="5" />
        Inhalt.

I. Teil. Darstellung der Theorie der produktiven Kräfte .
‘ 81. Der Begriff der Gesellschaft . . . . . +. +. +
8 2. Der Begriff der Produktivität und produktiven Kraft
8 3. Der Begriff der Rentabilität . . . . +++ + 0°
3 4. Die Gegenüberstellung von Tauschwert und produktiver Kraft
8 5. Zusammenfassung des ersten Teils . 0.000.000 47 404
IN. Teil. Besprechung der kritischen Arbeiten zu Lists Theorie
der produktiven Kräfte . . . . +. - 5 4 8 m u
&amp; 1. Besprechungen der Kritiken von Oisander, Brüggemann,
Baumstark und Roscher . . . 2.0. 0. + + ‚. 9
3 2. Besprechung der Kritiken von Rau, Hildebrand und Kautz 10
&amp; 3. Besprechung der Kritiken von Eheberg, Dühring und Sombart 15
IM. Teil, Besprechung der Listschen Theorie . . ‚2.0. 25
Lists Verhältnis zu der klassischen Schule . . . . . + 25
Lists Verhältnis zum Historismus . . . . . 27
Lists Verhältnis zu Carey und Dühring . . . - 28
Die Bedeutung der Theorie der produktiven Kräfte als dyna-
mische Produktionstheorie . .. 2.2.0... 0... + 28
Das Problem der Messuhg der produktiven Kraft... . . 28

Seite
„41

&amp;
        <pb n="6" />
        Mill,
Neura
Neum
Ohr, |}
Oisan
Oppe)

v. Per
Phil
Ram
Rau.
Literatur.
Rose
Baumstark, Zur Kritik über Friedr. Lists Nat. System d. polit. Ökonomie.
Erschienen in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik. 1842.

Bley, Fr., Ein Denkmal für List, in Deutsche Monatsschrift für das gesamte
Leben der Gegenwart. 1904.

Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins. Abtlg. II. Positive Theorie des
Kapitals. Innsbruck 1909/1914.

Bordello, Otto, Der Begriff „produktiv“ bei Adam Smith und bei List.
Borckenhagen, Nationale und handelspolitische Bestrebungen in Deutschland
von 1815 bis 1822 und die Anfänge Friedrich Lists. Berlin 1915.
Brüggemann, K.H., Dr. Lists nationales System der politischen Oekonomie.

: 1842. .
Carey, Sozialwissenschaft. Deutsch von Adler. Bd. II und Ill. 1870.
Cobden, Club-Essays. 2scd. Series 1871 London. .
Damaschke, Friedrich List, ein Märtyrer der nationalen Volkswirtschaft. Allg.
Ztg. 1909. München. 42. Heft.
Dietzel, List, nationales System und die nationale Wirtschaftspol. Arch. f.
Soz. Wiss. u. Sozialpolitik. 35, Bd. 1912.
Dühring, Eugen, Die wissensch#tliche Bedeutung Friedrich Lists. Dtsch.
Vierteljschr. 1867.
Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Sozialismus. 1879.
— — Kritische Grundlegung der Volkswirtschaftslehre. 1866. .
Eheberg, Karl Th., Kritische Einleitung zum nationalen System der politischer
Oekonomie. 1883.
Fehleisen, Friedrich Lists Leben und Wirken mit Berücksichtigung seines
Systems. Reutlingen 1879.
Feucht, Friedrich List- und Henry George. Deutsche Kultur 1907.
Goldschmidt, Fr. List, Deutschlands großer Volkswirt. 1878. Berlin.
Hirst, Margret, Life of List and selections of his writings. Philadelphia 1823,
Hildebrand, Bruno, Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft. 1848,
Kautz, Die geschichtliche Entwicklung der Nationalökonomik und ihre Lite-
ratur. 1860.
Knies, Rolitische Oekonomie vom Standpunkt der geschichtlichen Methode. 1843.
Köhler, Kurt, Problematisches zu Friedrich List. Leipzig 1908.
Lauerdale,. Inquiry into the nature and origine of public wealth. 1804.
Ladenthien, Zur Entwicklung der nationalökonomischen Ideen Friedrich Lists.
Wien 1912.
Lepelletier, Daniel Raymond. Un precurseul de List. Revue d’6conomie
politique. Jhg. 1900.
Friedr., Nationales System der politischen Oekonomie, herausgeg. von
Waentig. Jena, Fischer. 1904. ;
Wesen und Wert der nationalen Gewerbeproduktivkraft. Häuser: Ges.
Schriften Lists. 1850.
Die Theorie vom Fabrikstaate und ihre geschichtlichen und statistischen
Stützen. In Häuser: Ges. Schriften Lists. 1850.
Ueber die Beziehungen der Landwirtschaft zur Industrie und zum Hande)
In Häuser: Ges. Schriften Lists, 1850.
Marlo, Geschichte und Kritik der ökonomischen
Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre.,

Systeme. 1884. Tübingen.
Wien 1871.

KK

Röll.
Semn

Sher’
Scha
Schm

Smi
Spar

Schr

Som:
Thü:
Wag
Wei

Wir
        <pb n="7" />
        \T

»nomie.

esamte

"je des

chland.

‚nUumie.

Allg.

ech. £

Dtsch.

379.
LA
‚ischenm

Mill, John Stuart, Principles of political economy. London 1900.
Neurath, Volkswirtschaftliche und spezialphilosophische Essays. Wien 1880
Neumann, J., Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre. In Schönebergs Hdb. Bd. I.
Ohr, Friedrich List, die Bedeutung der Industrie. München 1910.
Oisander, Beleuchtung der Manufakturphilosophie des Dr. List. 1842.
Oppenheimer, Franz, Wert und Kapitalprofit. Jena 1916.
— _— Theorie der reinen und politischen Oekonomie. Berlin 1910.
v. Peezaux, Bedeutung von List für die Gegenwart. Wien 1906.
Philippovich, Grundriß. d. polit. Ökonomie. Tübingen 1911. Bd.I.
Rambaud, Histoire des doctrines Economiques. Paris 1902. 12. Ed.
Rau, Zur Kritik über Friedrich Lists nationales System in seinem Archiv
_’ Bd. 5, Heft 2 und 3. 1842,
Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland. 1874.
_— Kritik d. nat. Systems: d. polit. Ökonomie in Lindaus „Nord und Süd“
‚Bd. ll. 1877.
Röll, Frhr. v., Deutsche volkswirtschaftliche Monatshefte. 1861762.
Semmlinger. Ein Denkmal für Friedrich List. Beilage zur Allg. Zeitung
1905. 52. Helt.
Sherwood, Tendencies un american economic thought. Baltimore. 1897.
Schatter, Produktive Kräfte. Leipziger Lehrerzeitung 1915. 22, Jhg.
Schmoller, Gust., Friedrich List als praktischer Volkswirt. Volkswirtschaftl
Blätter. S. Heymann, Berlin 1908.
Friedrich List in: „Zur Literaturgeschichte der Staats- und Spezialwissen-
schaften“. 1888.
Smith, Adam, Inquiry into the Nature and causes of the wealth of nations
London. Ward, Lock &amp; Tyler, Repr. 1805. ;
Spann, Ottom., Friedrich List, die Haupttheorie der Volkswirtschaftslehre auf
dogmengeschichtlicher Grundlage. Leipzig 1911.
Schumpeter, Wesen und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie.
Leipzig 1908.
Sombart, Werner, Der moderne Kapitalismus. II Hibd. 2. Bd. 1917.
Thünen, Der isolierte Staat. Jena 1910.
Wagner, Adolf, Grundlegung der politischen Vekonomie. 1892:94. Bd. I.
Weise, Julius, Die Theorie des nationalen Systems der politischen Oekonomie
Stuttgart 1877.
Wirth. Grundzüge der Nationalökonomie. Bd. I. 1856
seines

823.
848.
Lite-

1843.

Lists.

.Nnomle

Von

es.

ıschen

andel.

„nn
        <pb n="8" />
        der
drüc
sie T
Ther
der
des

Sm!
Die

als
aufge
fehl‘

des
für
der
keit

fort
Ve
Gru

Kra
Kri
hilc
hes

der
Tät
due
bes
dar
ein
un‘
        <pb n="9" />
        l. Teil.
Der theoretische Teil des Listschen Systems ist eine Theorie
ler produktiven Kräfte. Zwar widmet List nur ein Kapitel aus-
Jrücklich dieser Theorie, aber seine ganzen Austührungen, soweit
sie rein theoretischer Natur sind, sind auf den Grundlagen dieser
Theorie. und ihrer Begriffe aufgebaut. Eine kritische Erklärung
der Theorie der produktiven Kräfte ist daher auch eine Erklärung
4es theoretischen. Teils des Listschen Systems.

Lists theoretische Betrachtungen beginnen wie die von Adam
Smith mit der Ursache und der Natur des Reichtums der Nationen.
Die Kraft, sagt List, Reichtümer zu schaffen, ist unendlich wichtiger
als der Reichtum selbst. Ein Volk mag noch so viel Reichtümer
aufgehäuft haben, es bleibt ein armes Volk, wenn ihm die Kraft
fehlt, neue Güter hervorzubringen.

Schon aus dieser These läßt sich ein Einblick in den Aufbau
des ganzen Listschen Systems gewinnen. Der Reichtum besteht
für List nicht in der Menge von produzierten Gütern, sondern in
der Fähigkeit zur Produktion. Für List sind Reichtumsmöglich-
Leiten Reichtum. Diese beiden Begriffe sind für ihn identisch.

Der Schwerpunkt der Oekonomie liegt bei List in der sich
fortentwickelnden, stets im Fluß bleibenden Gesellschaft. Das
Verhältnis der Gesellschaft zum Produktionsprozeß ist für ihn
Grundlage der. Theorie.

Zum Verständnis der Begriffe „Produktivität“ und „produktive
Kraft“, Begriffe, die die Grundlage der Theorie der produktiven
Kräfte und des ganzen theoretischen Teils des Listschen Systems
bilden, müssen wir uns zunächst mit dem Beeriff „Gesellschaft“
beschäftigen ’). ;

Die Gesellschaft ist für List eine Vereinigung von Individuen,
deren bestmögliche ‚Organisation darauf beruhen soll, daß die
Tätigkeit aller der Wirtschaftsgesellschaft angehörenden Indivi-
duen im Verhältnis des Gleichgewichts zu einander steht. Die
bestmögliche Organisation, das Verhältnis des Gleichgewichts, wird
dann erreicht, wenn eine höchste Teilung und eine höchste Ver-
einigung, Konföderation der Arbeit stattfindet. Die höchste Teilung
und Konföderation der Arbeit herrscht dann‘ in einer Gesellschaft.

1) List, Nationales System der politischen Ökonomie. Ausgabe Waentig,
S. 252.

S 1.
        <pb n="10" />
        wenn materielle und geistige Arbeit, wenn Manufaktur, Agrikultur
und Handel nach Maßgabe des Klimas und der Bodenbeschaffen-
heit gepflegt werden. Eine so organisierte Gesellschaft ist produktiv.
8 2.

Die volkswirtschaftliche Produktivität ist nach Lists Auf-
fassung gleich der Summe der produktiven Kräfte eines Lanfles.
Die produktive Kraft eines Landes ist gleich der produktiven
Kraft des Bodens und der durch die Organisation der Gesellschaft
bedingten Teilung und Konföderation der Arbeit. Die höchste
Teilung und Konföderation der Arbeit ist eine Teilung von geistiger
und materieller Arbeit einerseits, andererseits bei der materiellen
Produktion eine Teilung zwischen Agrikultur und Manufaktur").

Der Produktivitätsbegriff ist bei List ein sehr umfassender.
Sr beschränkt sich nicht auf den technischen Teil der Produktion,
auf die materielle Arbeitsproduktivität schlechthin, wie bei.Adam
Smith und allen anderen Theoretikern, die mit einer statisch-öko-
nomischen Grundlage arbeiten, Smith sagt; „The annual labour
ot every nation is the fund which originally supplies, it with all
the necessaries and conveniences of life“, (Die jährliche Arbeit
jeder Nation ist der Fond, der sie mit allen Notwendigkeiten
und Nützlichkeiten des Lebens ausstattet).

Smith setzt also den Produktionserfolg und die dazı auf-
zewendete Arbeit in Beziehung. Alle sachlichen Produktions-
laktoren setzt Smith als gegeben voraus. „whatever be the soil
2limate or extent of territory of any particular Nation“. Der
Produktivitätsbegriff Adam Smit’s ist der Grundstamm für die
heutige Begriffsbildung von Produktivität. Die späteren Klassiker,
Ricardo, John Stuart Mill, die Sozialisten Marx und seine Schule,
Adolf Wagner, die Grenznutzler, soweit sie sich mit diesem Begriff
beschäftigen, arbeiten alle mit Arbeitsproduktivität als dem volks-
wirtschaftlichen Begriff,

Im Gegensatz dazu steht nun List’s Begriff der Produktivität,
Sein Begriff ist kein technisch-mechanischer, sondern ein gesell-
schaftlicher. Der klassischen Schule kam es auf das Verteilungs-
and Zurechnungsproblem, das Einkommensproblem der Volks-
wirtschaft an. Das finden wir bei zwei heutigen Theoretikern be-
sonders klar ausgedrückt, bei Schumpeter?) und Oppenheimer *).

Für das Distributionsproblem muß der Theoretiker den Begriff
„Produktivität“ möglichst eng begrenzen. So nennt Philippovich *)
aur die technische Seite der Produktion mit diesem Namen, und
Produktivität ist bei ihm die sachliche Ergiebigkeit dieser Produktion.

List hingegen will nicht die Verteilungsprobleme beleuchten,
sondern die Produktionsprobleme. Fragt man aber nach der Ur-
sache der Produktivität, so kann man nicht, wie List mit Recht
List’s nationales System der politischen Oekonomie. S. 151, 152,
Wesen und Hauptinhalt „der theoretischen Nationalökonomie. S. 186.
ı Die Theorie der reinen Oekonomie S. 53. - 4) Grundriß der polit.
Jekonomie. Teil 1. S. 139.
        <pb n="11" />
        [ur
n-
IV.

11-
es.
en
aft
ste
zer
an
je
ar.
MN,
Am
&lt;Oo-
ur
ll

At
Al

aıt=
15
aıl
er
1e
2r,
‘©,
FE

IL.
le

sagt, als Ursache der Produktivität die Arbeit annehmen; denn
lie Geschichte lehrt, daß ganze Nationen trotz der Anstrengungen
und Sparsamkeit ihrer Bürger in Armut und Elend geraten sind.”)
Nicht die Arbeit als solche ist die Ursache der Produktivität eines
Landes, sondern die gesellschaftlich organisierte Arbeit.

Der Begriff „Produktivität“ wie wir ihn bei List finden, hat
nicht die Prägnanz und Schärfe der Formulierung wie bei den
Klassikern. Ein Begriff, der auf gesellschaftlicher Grundlage auf-
gebaut ist, der bestimmt werden soll durch den Aufbau der Gesell-
Schaft in einer bestimmten Richtung, kann nicht so eindeutig
prägnant festgelegt werden wie ein Begriff, bei dem alle gesell-
schaftlichen Varianten ausgeschieden sind. Man kann Lists Begriffs-
bildung nur gerecht werden, wenn man ihn nicht mit dem Maß-
stab der klassischen Nationalökonomie mißt, Man muß sich eben
vergegenwärtigen, daß sein Streben darauf gerichtet war, zu er-
gründen, inwieweit eine gesellschaftliche Organisation die Orga-
nisation der produktiven Kraft eines Landes bedingen und steigern
konnte.
5

Den Begriff „Rentabilität“, unter dem wir heute im allge-
meinen die Ergiebigkeit des Erwerbes verstehen, bringt List über-
haupt nicht. Der Begriff „Rentabilität“”) ist ein rein personal-
skonomischer Begriff. Wenn z. B. von „der Rentabilität eines
Eisenbahnbetriebes für einen Staat gesprochen wird, dann wird
lieser KEisenbahnbetrieb vom individualistisch-personalökono-
mischen Standpunkt aus betrachtet, nicht aber vom nationalöko-
nomischen. List befaßt sich nur mit der nationalökonomischen
Seite der Produktivität. In seiner ganzen Theorie ist für die
Personalökonomik nirgends Raum. Er betrachtet den gesellschaft-
lichen Organismus als lebendiges Ganzes, nicht als eine Zusammen®*
setzung aus einzelnen Individuen.

Unter den Kritiken, die die Theorie der produktiven Kräfte
behandeln und mit denen wir uns noch eingehend zu beschäftigen
haben werden, ist keine mit Ausnahme Dührings”) und später
Sombarts*), die bei der Kritik des theoretischen Teils des Listschen
Systems versucht hat, Lists im Gegensatz zu den Klassikern
andersartige ökonomische Auffassung herauszuarbeiten. Weil sie
Lists Anschauung mit dem Maßstab der klassischen politischen
Oekonomie nicht messen können, nennen sie seine Theorie einen
Ableger seines handelspolitischen Programms, sprechen sie ihm
jede theoretische Begabung ab.
; pr,

IL,

6.
t

Ss

4.
List *) nennt das System Adam Smiths, und seiner Nachfolger
List, Nationales System. 5S. 223, 224.
Jppenheimer, Die Theorie der reinen Oekonomie. S. 86 und S. 574.
Jühring, Grundlegung der Volkswirtschaftslehre. S. 26/28. S. 98.
3ombart, der moderne Kapitalismus. II. Hibbd. 2. Bd. S. 213, 914.
"ist. Nationales System S. 225.
        <pb n="12" />
        ein System von Tauschwerten, ‘das auf materialistisch-individu-
alistischer Grundlage beruht.

Der Begriff „Tauschwert“, die Terminologie für einen eng
begrenzten Vorgang der Marktwirtschaft, wird hier zur Charak-
terisierung eines Systems verwendet. Diesem Wort legt List
offenbar eine größere Bedeutung bei, als es nur die Bezeichnung
eines marktwirtschaftlichen Phänomens verlangt. List will mit
dem Wort „Tauschwert“ den trennenden Unterschied zwischen
seiner Auffassung und der von Adam Smith und seinen Nach-
folgern hervorheben. .

Tauschwert zur Bezeichung des marktwirtschaftlichen Vor-
zangs ist der in Geld ausgedrückte Wert, der Preis des zum
Markt gebrachten und für den Markt produzierten Gutes. Das
ist auch die Auffassung von Adam Smith, wenn er von „value
ın exchange“ im Gegensatz zu „value in use“ spricht. Auch die
heutigen Theoretiker definieren den Begriff des Tauschwertes
nicht anders. So sagt z. B. Philippovich!): „Die Fähigkeit, im
Tausche ein Entgelt zu erzielen, bezeichnen wir als den Tausch-
wert.“ Sobald wirtschaftliche Güter Verkehrsobjekte werden,
werden sie auch regelmäßig nicht nach ihrem Gebrauchswert.
sondern nach ihrem Tauschwert beurteilt“. Was meint nun List,
wenn er Adam Smith und das System der klassischen Schule eine
Theorie der Tauschwerte nennt und so ein einzelnes Phänomen
der Marktwirtschaft zum Charakteristikum einer ganzen Theorie
macht.

Der Begriff „Tauschwert“ ist für List das Merkmal einer
materialistischen, individualistischen, statischen Auffassung der Nati-
onalökonomie, einer Theorie, die, von einer im labilen Gleich-
zewicht ruhenden Wirtschaftsgesellschaft ausgehend, ‚untersucht
wie sich die Zirkulation und die Verteilung der zum Markt ge-
orachten und für den Markt produzierten Verkehrsgüter inner-
halb einer so organiserten Gesellschaft abwickeln wird.

Die Höhe des Wertes dieser Verkehrsgüter wird bestimmt
durch den statischen Preis, Marktpreis, oder, wie Smith und die
Klassiker sagen, Tauschwert. Der Reichtum eines Volkes wird
bestimmt durch die Höhe und Menge des Tauschwertes der für
den Markt produzierten und zum Markt gebrachten Güter. Der
augenblicklich vorhandene und zur Distribution gelangende Güter-
vorrat ist bestimmend für die Größe des Reichtums einer Nation.
Die zur Zeit vorhandene Produktionsfähigkeit einer Wirtschafts-
gesellschaft ist nicht maßgebend für den Reichtum dieser Wirtschafts-
gesellschaft, sondern nur die augenblicklich vorhandene und ver-
fügbare Gütermenge. Die Steigerungsfähigkeit der Produktivität
einer Wirtschaftsgesellschaft und die dadurch zu erzeugende spätere
größere Gütermenge bezw. Wertsteigerung auf dem Markte wird
aicht in Betracht gezogen. Die Entwicklungsfähigkeit der Wirt-
schaft,‘ der wirtschaftliche Fortschritt, die Beziehung zwischen

16
WE
Kr
DR
Ze
ze
Ze
+11
alt
mm:

Sp
Aal
Ww
O7
N

X Grundriß S. 38. Bd. IL.
        <pb n="13" />
        Iu-

ng
ık-
Ast
AS
mit
hen
ch-

OT-
‚um
Das
Iue
die
tes
im
ch-
en,
art,
ist,
ıne
en
‚PIE

ner
ıti-
ch-
‚ht,
ZE-
‚ar-

ım(!
dıe
ird
für
Jer
‚er-
ON.
{s-
ni
‘er-
ıtät
are

ırd
ırt-
‚2n

lese Wirschaftsgesellschaft und ihrer Produktivität, oder,
wenn wir die Listsche Terminologie verwenden, produktiven
Kraft, sind unwesentliche Faktoren in diesem System. Daher ist
os für die Auffassung von Adam Smith und der klassischen Schule
ganz konsequent, wenn er nur diejenige Arbeit als produktiv be-
zeichnet, die Güter für die Marktwirtschaft produziert *). Jede
geistige Arbeit im Gegensatz zur materiellen kann zwar die Produk-
tivität fördern, liefert aber im allgemeinen keine Werte, die für
die Verteilung innnerhalb einer gegebenen Wirtschaftsgesellschaft
maßgebend sind *).

Dieses System nennt List ‚eine Theorie der Tauschwerte, da
seiner Meinung nach der Schwerpunkt des Systems nur in dem
augenblicklich vorhandenen Vorrat der Marktgüter und dem Tausch-
wert derselben gesehen wird. Dieses System greift gleichsam
eine Zeitspanne aus der stetig sich fortentwickelnden Gesellschaft
heraus und macht sie zur Grundlage, indem alle Varianten aus-
geschieden werden. |

Hiergegen kämpft List. Hiergegen hat er den Satz geprägt *):
„Hätte Adam Smith die Idee „produktive Kraft“ verfolgt, ohne
sich von der Idee „Tauschwert“ beherrschen zu lassen, so hätte
er zur Einsicht gelangen müssen, daß eine Theorie der Werte
einer selbständigen Theorie der produktiven Kräfte zur Seite
stehen muß, um: die ökonomischen Erscheinungen zu erklären.“.

Die Theorie der produktiven Kräfte richtet sich nicht gegen
eine Lehre vom Werte der Verkehrsgüter, daher ist auch das
Schlagwort „Tauschwert“, das List zur Kennzeichnung der ihm
entgegengesetzten Ansicht braucht, irreführend, sondern sie richtet
sich‘) gegen diese Methode der Nationalökonomie schlecht-
hin, die einen Augenblickszustand der Gesellschaft her-
ausgreift und ihn zur Grundlage der entscheidenden
Theorien macht. Hier ist der Ausgangspunkt zum Verständnis
des Listschen Systems. Nur wenn man das berücksichtigt und
diesen Gesichtspunkt bei der Darstellung der Listschen Theorie im

Auge behält, versteht man, warum List mit solcher Schärfe gegen
die klassische Schule und ihre Nachfolger vorging, und warum er
bei diesem Versuch der Widerlegung der Schule scheitern mußte.
Denn hier stoßen zwei grundlegend verschiedene Betrachtungs-
arten aufeinander, zwei Geistesrichtungen der Nationalökonomie.
Sombart°) hat sie in seinem „Kapitalismus“ Sozialökonomik —
statische  Zirkulationstheorie und Volkswirtschaftslehre — dy-
namische Produktionstheorie genannt. Die Terminologie: dy-
namische Produktionstheorie, scheint uns eine glückliche Be-
zeichnung des Listschen Systems, da das Problem des Produk-
tionsprozesses, der Fortentwicklung der Produktion bei Lists theo-
retischen Gedankengängen überall im Vordergrunde steht. Nicht
nur bei der Theorie der produktiven Kräfte, sondern z. B. auch
' Adam Smith: Inquiry into the causes and vature of the wealth nations.
List, Nationales System. 5S. 225. 3) List, S. 225. *) List S. 229.
Sombart, „Moderner Kapitalismus“. II. Hlbbd. 2. Bd. S. 920.
        <pb n="14" />
        bei Lists Erörterungen über die Entstehung von Nationalkapital
finden wir den Produktionsgedanken ‚wieder. Die Kapitalbildung
soll nicht vor sich gehen auf Grund eines Spar- und Enthaltungs-
systems, sondern durch Steigerung der Produktivität,

Die Grundlage der Listschen Theorie von den produktiven
Kräften ist die Bedeutung einer Nation, einer Wirtschaftsgesell-
schaft als lebendig sich entwickelndes Ganzes. Die Nation, odeı
wie wir bei der Erklärung des Produktivitätsbegriffes sagten, die or-
ganisierte Gesellschaft ıst die Trägerin der Produktivität. Die
Gesellschaft als lebendige Totalität erfaßt, steht in ihrer Entwick-
lung nie still. Der Schwerpunkt der Oekonomie bei dieser Be-
trachtungsweise liegt daher nicht in Problemen, die sich mit dem
Tauschwert (statischem Preis), der Verteilung, der Zirkulation, deı
augenblicklich vorhandenen Gütermengen befassen, sondern in deı
Frage nach dem Prozeß der Gütererzeugung, nach der Ursache
des wirtschaftlichen Erfolges, nach dem ursächlichen Zusammen-
hang zwischen: bestmöglich organisierter Gesellschaft und höchst-
möglicher Produktivität oder, wenn wir, wie Lists Terminologie
es tut, nicht von dem Gesamtphänomen „Produktivität“, sondern
von den einzelnen Summanten sprechen, höchstmögliche produk-
tive Kraft.

Zur Erläuterung seiner Theorie bringt List einige Beispiele,
die das eben von uns Gesagte belegen und näher beleuchten
sollen. „Zwei Familienväter, Gutsbesitzer, haben jeder 5 Söhne
und ersparen jährlich 1000 Thaler, Der eine legt seine Ersparnisse
auf Zinsen. Die Söhne müssen hart arbeiten. Der andere ver-
wendet seine Ersparnisse zur Ausbildung seiner Söhne, zwei
bildet er zu rationellen Landwirten aus, die drei andern läßt er
je nach ihren Fähigkeiten Gewerbe lernen ).“ Zur Erklärung dieses
Beispiels sagt List”): „Der Landwirt A handelt nach der Theorie
der Werte, der Bnach der Theorie der produktiven Kräfte. Bei seinem
Tode magjeneran Tauschwerten weit reicher sein als dieser. Anders
aber verhält essich mit den produktiven Kräften. Der Grundbesitz des
einen wirdin zwei Teile geteilt, und jeder Teil wird mit Hilfe einer ver-
besserten Wirtschaft so viel Reinertrag gewähren wie zuvor das Ganze,
während die übrigen drei Söhne mit ihren Geschicklichkeiten
reiche Nahrungsquellen erworben haben. Der Grundbesitz des
andern wird in fünf Teile geteilt, und jeder Teil wird ebenso
schlecht bewirtschaftet werden wie früher das Ganze. In der
einen Familie wird eine Masse verschiedenartiger Geisteskräfte
geweckt und ausgebildet werden, die sich von Generation zu Ge-
neration vermehren; jede folgende Generation wird mehr Kraft
besitzen, materiellen Reichtum zu erwerben als die vorangegan-
genen, während in der anderen Familie die Dummheit und Armut
mit den Verminderungen der Anteile. am Grundbesitz steigen muß.“

Diese Ausführungen Lists bestätigen unsere vorangegangenen
Darlegungen. Die augenblicklich vorhandene Menge und der

\1

e’
(

fü

ıY List. 5. 226. 2) List. S. 226.
        <pb n="15" />
        Al
12

Wil
Al-
1er

-
he

Au

dm

m
ver
er
ne
-
st-
ze

„nn

Vu

CO,
nn
ie
se

- 1’
el
ar
es
11€
m
[CS
Les
ap
Ze,
zn
‚es
‚So
‚er
;te
e-
aft
N-
‚ut
16
an

ar

Wert der kostenden Güter kann nicht als Maßstab des Reichtums
ainer Wirtschaftsgesellschaft dienen, sondern die Fähigkeit, diese
(Güter zu produzieren und die Steigerungsfähigkeit der Produktion,

Wenn das ganze Denken eines Menschen erfüllt ist vor dem
Gedanken an den nie still stehenden Entwicklungsgang einer
Wirtschaftsgesellschaft, so kann er eine Auffassung nicht würdigen,
die davon ausgeht, daß man zur Bestimmung der einzelnen öko-
nomischen Phänomene eine in ihrem Gleichgewichtszustande *)
funktionierende Gesellschaftsordnung annimmt.

List ist eben durchaus nicht am Seienden sondern am Sein-
sollenden und Werdenden orientiert. Das, was er immer wieder
betont, daß wirtschaftliche Phänomene nicht mit dem Maßstab
der Werte, sondern der Produktivkräfte gemessen werden sollen,
bedeutet, daß wirtschaftliche Vorgänge zu betrachten sind nicht
im Rahmen einer zeitlich begrenzten *) Wirtschaftsordnung, sondern
vom Standtpunkt der organischen Fortentwicklung der Gesell-
schaft aus.

Wenn List fortwährend mit dem Gegensatz von Wert und

Produktivkraft arbeitet, so wollte er damit nicht Ursache und
Wirkung gegenüberstellen, sondern, wie bei dem Begriff Tausch-
wert erklärt worden ist, bedeutet diese Gegenüberstellung den
Gegensatz zwischen einer Anschauung, die ihre Begriffe auf der
organischen Fortentwicklung der Gesellschaft aufbaut, und einer
solchen, die „die Entwicklung der Gesellschaft zwar anerkennt,
aber ihre Begriffe unabhängig davon entwickelt. Wenn List im
Gegensatz: zum Tauschwert von Produktivkräften redet, dann be-
deutet dieser Begriff nicht nur die durch die Organisation der
Gesellschaft bedingte Teilung und Kooperation der Arbeit. In
diesen Fällen ist es das Charakteristikum für die Bezeichnung
zweier Methoden. Wenn List‘) sagt: „Eine Nation muß mate-
rielle Güter aufopfern, um sich zukünftige zu sichern“, so ist
wieder der Gegensatz vom Seienden zum Werdenden, vom Zu-
stand zum Vorgang ausgesprochen. Dieses Werdende, das wir
mit dem Begriff Chance‘) bezeichnen wollen, und das List mit
dem Begriff Produktivkraft verbindet, enthält u. E. diejenige Wert-
beziehung, die die Dynamik im Gegensatz zu der Bewertung des
Zustandes allein enthalten kann. (Wenn hier von dem Begriff
„Wert“ die Rede ist, so wird hierunter stets objektiver Wert,
Tauschwert, statischer Preis verstanden.)

List stellt mit den Begriffen Tauschwert und Produktivkraft
die beiden Auffassungen der Oekonomie, die wir versucht haben
zu charakterisieren, gegenüber. Dies ist das Primäre, aber er
stellt auch in gewissem Sinne das Seiende und das Werdende,
die Chance gegenüber einer Werttheorie, die gewonnen ist auf
statischer Grundlage, die also bei Abstrahierung von allen ge-
5) Adam Smith, Inquiry into the causes and nature of the wealth nationes.
S. 1 u. ?.

®) John Stuart Mill, Principles, Kap. 4. 3) S. 234,

4) Max Weber, Vorlesung über allgemeine Soziologie. S.S. 1919. München,
        <pb n="16" />
        sellschaftlichen Varianten, den augenblicklichen Zustand zum Aus-
gangspunkt und Hotizont der Begriffsbestimmung macht.

In der Dynamik muß der Wert die sozialen Varianten be-
rücksichtigen, vor allem aber muß er mit dem Begriff der Chance
rechnen. Man kann daher, wenn man „Wert“ in der Dynamik
bestimmen will, sich diesen nur zeitlich unbegrenzt, doch von
Augenblick zu Augenblick Schwankungen unterworfen vorstellen.
Allerdings ist diese Betrachtungsweise heute noch nicht zur klaren
Entwicklung gelangt und immer noch ein Problem. Düring ist
bei seiner Werttheorie an dem Versuche einer Synthese der beiden
Richtungen gescheitert, und so harrt, wie Sombart sagt?!), die Na-
tionalökonomik immer noch eines Ricardo, der sie erlöst...
$ 5.

‚ Fassen wir noch einmal kurz die Ergebnisse dieses ersten
Teiles unserer Untersuchung zusammen: Das Listsche System ist
eine dynamische Produktionstheorie. Es ist aufgebaut auf der
Grundlage des sich stetig fortentwickelnden Organismus, Im Ge-
gyensatz zu aller klassischen Theorie, bei der die Probleme der
Zirkulation, des Wertes (statischem Preis), der Verteilung in den
Vordergrund gestellt sind, interessieren List diese Probleme nicht.
Der ursächliche Zusammenhang zwischen einer organisierten Gesell-
schaft und der Produktivkraft dieser Gesellschaft ist das Problem der
Listschen Theorie. Ale anderen Erörterungen sind nur Ausstrah-
lungen dieses einen großen Gedankens. Es ist daher nicht richtig,
wie wir schon öfters bemerkten, die Probleme der Klassiker bei
List finden zu wollen oder ihn gar mit dem Maßstab der klassi-
schen Methode zu messen. Allerdings hat List selbst diesen
Fehler begangen, indem er bei der Kritik an Adam Smith und
seinen Nachfolgern, sie mit dem Maßstab seiner Ansicht gemessen
hat, und nicht berücksichtigte, daß Zirkulations- und Einkommens-
probleme nur auf statischer Grundlage zu behandeln sind.
IL. Teil.

Bei Betrachtung der Kritiken, die sich mit Lists Theorie der
produktiven Kräfte beschäftigen, lassen sich drei Gruppen unter-
scheiden. Die Kritiken, die wir zur ersten Gruppe rechnen wollen,
sind Kritiken des ganzen nationalen Systems der politischen Oeko-
nomie, also auch des theoretischen Teils. Sie sind aber im ganzen
so unsachlich gehalten, daß ihre Betrachtung sich mehr aus hi-
storischen Gründen (die meisten dieser Rezensionen sind nämlich
von Zeitgenossen Lists geschrieben) als aus theoretischen rechtfertigt.

Zu der zweiten Gruppe sollen diejenigen Kritiken gehören,
die sich mit einzelnen Problemen der Listschen Theorie beschäf-
tigen und diese zu beleuchten suchen. Eine Erfassung der Theorie
als Ganzes finden wir bei ihnen nicht.

1), Moderner Kapitalismus. II. Hbd., 2. Bd., S. 915.

die
Ts}
min
a1

WO!
Lis’
hen
br} M
List
dur

“W €)
he}

sic]
Be
eni
übe
die:
Lis
run
SISC
Lis
kla
We

(is

ZU:
| 16

a

el
1:
ze
W)1

vor
Ro
Ge
SEN
An

17
FE
        <pb n="17" />
        ‚CP
A
k

Die dritte Gruppe erstreckt sich auf diejenigen Rezensionen,
die sich in der Hauptsache den theoretischen Gedankengängen
Lists widmen. Diese Kritiken enthalten auf Grund mehr oder
minder eingehender Beschäftigung mit dem Listschen Ideengang
eine Gesamtwertung der Theorie Lists. ,
ın

1.
2m
st
N

al
st
ap

De

21

An

81.

Die Rezensionen, die wir als erste Gruppe zusammenfassen
wollen, sind sich darin einig, daß es sich nicht lohnt, sich mit der
Listschen Theorie eingehend zu ‚befassen, da sie voller Verkehrt-
heiten und Unwahrheiten steckt. So sagt Oisander‘) in seiner
„Manufakturphilosophie des Dr. List“: „Die Manufakturphilosophie
Lists ist ein bösartiges und durchaus unwissenschaftliches und un-
durchdachtes Buch.“

Diese Probe der Osianderschen Rezension genügt, um eine
weitere Darstellung seiner Kritik, die man kaum als wissenschaft-
lich bezeichnen kann, zu erübrigen,

Die kritischen Ausführungen Brüggemanns °) beschäftigen
sich mit der Schutzzollfrage. Dabei geht Brüggemann bei seinen
Betrachtungen von dem Grundsatz aus, daß List seine Grundsätze
entlehnt und nicht verstanden habe. Soweit Brüggemann sich
überhaupt mit der Listschen Theorie beschäftigt, betrachtet er
diese vom Standtpunkt der Handelspolitik aus. Wo Brüggemann
Lists Ausführungen als berechtigt anerkennt, sind seine Aeuße:-
rungen sowohl über die Theorie Lists als auch über die der klas-
sischen Schule u. E. so wenig verständnisvoll, daß man weder von
Lists Anschauung, noch von der gegnerischen Meinung ein
klares Bild erhält. Doch kann man immerhin der Betrachtungs-
weise Brüggemanns mehr Ernst abgewinnen, als der Oisanders.

‚ Auch die Kritik Baumstarks*) fördert die Erkenntnis der
Listschen Anschauungen nicht. Dies ergibt sich schon aus seiner
zusammenfassenden Kritik über List. „Ganz üngetrübt ist Herrn
Lists Lust und Freude über seine Unwiderlegbarkeit keineswegs;
denn er hat Verstand genug, um einzusehen, daß es keine Ehre
ist, ein Buch geschrieben zu haben, welches so voll von Verkehrt-
heiten, Unwahrheiten und persönlichen Beleidigungen ist, daß es
kein Mensch der Mühe und Zeit wert erachten kann, förmlich zu
widerlegen.“

Zu der ersten Gruppe von Rezensionen läßt sich auch die
von Roscher in den Göttinger gelehrten Anzeigen 1842 rechnen.
Roscher hat (diese) seine erste allzu scharfe Kritik später in seiner
Geschichte der Nationalökonomie gemildert. Zwar bringt er in
seiner Geschichte auch keine neuen Gesichtspunkte zur Beurteilung
der theoretischen Bedeutung Lists. Er beschäftigt sich vor-
wiegend mit der praktischen Bedeutung des Zollvereins und des
Eisenbahnsystems, aber er hat doch Lists große praktische Be»

Manufakturphilosophie des Dr. List. S. 97/100.
Brüggemann, Dtsch. Viertljschr. S. 11, 56, 57.
Neue Jen. Zeitung, 1842/43, S. 143.
        <pb n="18" />
        10

deutung für die Wirtschaftspolitik erkannt”. „Die große theo-
retische Bedeutung Lists kann nur verstanden werden auf Grund
seiner noch viel größeren praktischen Bedeutung. Für eine Menge
der wichtigsten praktischen Wirtschaftsfragen unserer Zeit ist
List geradezu Prophet.“

Die allzu scharfe Kritik Dührings in Bezug auf Roschers Ge-
schichte der Nationalökonomie scheint uns daher nicht berechtigt.
Dührings Kritik ist offenbar nicht nur gegen die nationalökono-
mische Methode Roschers, den Historismus, sondern auch gegen
seine Person gerichtet.
Ss 2.

Die zweite Gruppe von Kritiken wird uns vom wissenschaft-
lichen Standtpunkte aus sehr viel mehr zu bieten haben, wenn
sie sich auch nur mit einzelnen Problemen der Listschen Theorie
eingehend beschäftigt. Vier Argumente, .die die Kritiken der
zweiten Gruppe enthalten, erscheinen uns vor allem beachtenswert.

1) Der Einwand: List habe die Wechselwirkung des Produk-
tionsprozesses übersehen, und Ursache und Wirkung von einander
getrennt.

2) List habe die Ursachen des Reichtums mit dem Reichtum
selbst verwechselt.

3) List habe das Problem der Einkommensverteilung zu Gunsten
des Produktionsproblems vernachlässigt.

4) List habe sich einer unklaren Terminologie in seiner Theorie
der produktiven Kräfte bedient.

Das erste Argument finden wir in Kautz?, „Geschichte der
Nationalökonomik“ und in Hildebrands „Geschichte der National-
Ökonomie der Gegenwart und Zukunft“. ,

Die praktische Wirtschaftspolitik und der zum Teil geschicht-
liche Ausbau des Listschen Systems bilden für Kautz die Grund-
lagen zu seinem Werturteil über List. Den Schöpfer der Lehre
von den produktiven Kräften hat er jedoch nicht zu würdigen
gewußt.

„Gleich mechanisch und äußerlich, sagt Kautz, ‘ist Lists Theorie
der Produktivkräfte im Gegensatz zu den Tauschwerten, indem
er das von Natur Verbundene und Zusammengehörige willkürlich
trennt und die Wirkungen von den wirkenden Kräften scheidet
und übersieht, daß materielle Werte wieder ideale Werte, daß
geistige Kräfte wieder materielle Werte schaffen, daß der na-
tionale Produktionsprozeß im ganzen, wie im einzelnen, in einer
fortwährenden Wechselwirkung produktiver Werte steht, durch
welche jeder wahre Wert zur produktiven Kraft und jede pro-
duktive Kraft zum wahren Werte wird, daß beide Momente sich
gegenseitig voraussetzen, repräsentieren und reproduzieren.“

Hildebrand’) äußert sich über dieses Problem im selben Sinn.

Roscher 1842. Götting. gelehrte Anz.; Gesch, f. Nat. Oek., S. 9701f,
Geschichte der Nationalökonomik. 5S. 682/83.
Hildebrand, Gesch. d. Nationalökonomie in Gegenwart u. Zukunft. 8.77.

sa
WI:
das
beg
5ke
wn
ste
we
Anl

wo
30
urs
du!
AU
7

LE
die
hal
de:
Th
{m
WC
de
SC)
Pr
z1
al.
se
vr

N
Hy
        <pb n="19" />
        1

e0O-
nd
ze
ıst

7TEe-
gt,
10-
een

aft-
nn
ırıe
der
art.
ik-
{er

ım

‚en

rIEe

der
al-

ht-
ad-
ire
en

rıe
am
ıch
det
aß
18-
1er
ch
ro-
‚ch

In.

So sagt er: „Eine Trennung von Ursache und Wirkung ist in der
Wissenschaft unmöglich. Jede von beiden ist mit der anderen auf
das engste verbunden und kann nur aus ‚der anderen vollständig
begriffen werden. Ursache und Wirkung sind in der National-
5konomie nicht ganz verschiedene Größen, sondern jede Wirkung
wird in dem ökonomischen Prozeß wieder zur Ursache. Es be-
steht im Großen wie im Kleinen der Produktionsprozeß, durch
welchen jeder wahre Wert zur produktiven Kraft und jede pro-
duktive Kraft zum Werte wird,“

Auf diese Ausführungen Kautzs und Hildebrands ist zu ant-
worten : Wenn List eine Theorie der produktiven Kräfte aufstellte,
so tat er es nicht, um Ursache und Wirkung zu trennen, um den
arsächlichen Zusammenhang, der zwischen den durch die Pro-
auktion geschaffenen Wert und den Produktionsvorgang besteht,
aufzuheben, sondern er tat es gerade infolge dieses ursächlichen
Zusammenhanges.

Die klassische Theorie war von einer im labilen Gleichgewicht
ruhenden Wirtschaftsgesellschaft ausgegangen. Nur die Probleme,
die innerhalb eines Zustandes der Gesellschaften bestimmbar sind,
hatte sie lösen wollen. Die Probleme des Entwicklungsprozesses,
des Vorganges, innerhalb der Volkswirtschaft, hatte die klassische
Theorie nach und nach aus ihrem System gänzlich ausgeschaltet.
Im Gegensatz zu der Hume-Smithschen Methode der Klassiker
wollte List nun zeigen, daß dem Werdenden neben dem Seienden,
dem Vorgang neben dem Zustand, die gleiche Aufmerksamkeit ge-
schenkt werden müsse, daß nicht nur der Tauschwert, statische
Preis, eines zum Markt gebrachten, und für den Markt produ-
zierten Gutes, — der gewonnen wurde durch Abstrahierung von
allen störenden Einflüssen der sich entwickelnden Wirtschaftsge-
sellschaft, — maßgebend sei für die Bewertung der. zur Her-
vorbringung dieses Gutes aufgewandten produktiven Kräfte,
sondern daß vielmehr die produktiven Kräfte als Phänomen der
Entwicklung unabhängig von der Gruppierung eines Augen-
bliekszustandes bewertet werden müßten.

Das Argument, daß List übersehen habe, daß jede produktive
Kraft Werte schaffe, *) jeder Wert wieder produktive Kräfte, trifft
nach unserer Ansicht nicht den Sinn der Listschen Ausführung ).

Wenn beide Momente sich gegenseitig voraussetzen, ist noch
nicht festgestellt, inwieweit sie sich gegenseitig bedingen. Es
ist vielmehr berechtigt, wie List“), später Carey und Dühring ge-
zeigt haben, hervorzuheben, daß die Wirkungen einer produktiven
Kraft in keinem Verhältnis stehen zu den zu ihrer Hervorbrin-.,
zung geopferten Werten. Daß also die produktive Kraft und.der”
zu erzielende spätere Erfolg nnabhängig sind von den zu .ihrer-
Hervorbringung aufgewendeten vorhandenen Werten::. ws

Das zweite Argument bringt Rau in seinem Archiv 9 ‚Wenn

Kautz, Geschichte d. Nat. Oek. SS. 680.
List S. 227 und 8. 235. 3) 8: 239.
Rau, Archiv Bd. 5 S. 276.
        <pb n="20" />
        en

man behauptet, meint 'e®, Reichtum sei der Besitz von Pıoduktiv-
kräften, so ist offenbar zugleich die Ursache des Reichtnms mit
dem Reichtum selbst verwechselt. Reich ist ein Volk, wenn es
jährlich üher eine verhältnismäßig große Menge von Sachgütern
dem Wert nach zu gebieten hat. Freilich fügt er hinzu, ist nur
lerjenige Reichtum wohltätig und dauernd, der auf der eigenen
Arbeit des Volkes beruht. Daß aber schon der Besitz von produk-
tiven ‚Kräften reich mache, ist nur insofern zuzugeben, als unter
diesen bewegliche und unhbewegliche Vermögensteile mitgemeint
sind. Arbeitskräfte, wie vorzüglich sie immer sein mögen, selbst
die höchste geistige Bildung, sind noch kein Reichtum, sondern
zönnen nur zur Krlangung desselben dienen“.

Hier müssen wir gegenüber Rau sagen, daß List nie eine
These ausgesprochen hat, Reichtum sei ‚der Besitz von Produktiv-
kräften. Was er vielmehr an verschiedenen Stellen seines Systems
sagt und was auch mit seiner Theorie in vollem Einklang steht.
ist, daß Reichtumsmöglichkeit ”), Möglichkeiten der Sachgüterer-
zeugung unendlich wichtiger für eine Wirtschaftsgesellschaft sind
als der Reichtumsbesitz, also der augenblickliche Besitz von Sach-
zütern, Werten.

Diese These soll den Unterschied darlegen zwischen augen-
Slicklich vorhandenem Gütervorrat und Produktionschancen. List
zebraucht den Reichtum im Gegenteil als Wertmaßstab für den
zugenblicklich vorhandenen Gütervorrat. Er stellt Reichtümer
und produktive Kräfte geradezu in Gegensatz. So sagt er:?) „Die
Prosperität, der wirtschaftliche Erfolg einer Nation ist nicht umso
zrößer, je mehr sie Reichtümer, d. h. Tauschwerte angehäuft
hat, sondern je mehr sie ihre produktiven Kräfte entwickelt hat.“
Als weitere Belege unserer Auffassung könnten wir noch anführen *).
die Ursache des Reichtums sei etwas ganz anderes als der Reich-
tum selbst, Die Kraft, Reichtümer zu schaffen, sei aber unend-
lich wichtiger als der Reichtum selbst.“

Das dritte‘) Argument findet es eine unleugbare Schatten-
seite des Listschen Systems, daß er das wichtige Moment, das
lurch Ricardo, Hermann, Bernhardis, Thünen, so fruchtbar in den
Vordergrund gestellt wurde, nämlich das Problem der Einkommen-
verteilung zu Gunsten der extremen Hervorkehrung des Produk-
äonsproblems vernachlässigte. Diese Ausführungen zeigen, daß
der Verfasser dieser Kritik in den Geist des Listschen Systems,
wie wir es verstehen, nicht eingedrungen ist. Es fehlt die Er-
kenntnis, daß es gerade charakteristisch für die Listschen Gedanken-
zänge ist, daß List von dem Werdenden, dem Entwicklungsvor-
zang ausgeht, daß er ein System des Produktionsprozesses auf-
stellt, im Gegensatz zu dem Problem des Zustandes, den Zirku-
lations- Tausch und Verteilungsproblemen der Klassiker.

Das vierte *) Argument tadelt die unklare Terminologie Lists.

List S. 220. ?) List S. 233. 3) List S.
Kaütz, Geschichte der Nationalökonomik S, 682,
Rau, Archiyr 5 5. 276ff.

ic
un
un
FE
at

OF
PO
7
die
de:
nın
he

als
Wr
“6
Ag
19
12
        <pb n="21" />
        13

AV-
nıt
3&amp;
ATI
Hr
en
ık-
ter
nt
bst.
ap

ıne
1V-
ms
‚ht.
er-
nd
°H-

»n-
ist
en
1er
Jie
150
uft
(4

5,
‚he
d-“

+11-
1as
an
-
iK-
aß
1S,
Yo
N.

‚T-
(f-
=

List habe nämlich zu den produktiven Kräften sowohl geistige
ınd physische Kräfte der Individuen, als auch soziale Zustände
und Institutionen gerechnet. Dazu ist zu sagen, daß zwar eine
zewisse Unklarheit der Terminologie hei List nicht zu leugnen
ist, daß aber auch dieses Argument dem Listschen Gedanken-
yang nicht gerecht wird. Denn die Listsche Theorie will ja ge-
vade auf den Zusammenhang hinweisen, der zwischen sozialen,
bürgerlichen, politischen Zuständen und Institutionen (wir nannten
dieses zusammenfassend Organisation der Gesellschaft) und zwischen
der durch diese Organisation der Gesellschaft bedingten Teilung
und Konföderation der geistigen und physischen (materiellen) Arbeit
besteht.

Ehe wir zur Besprechung der Rezensionen übergehen, die wir
als dritte Gruppe zusammenfassen wollen, ist jedoch noch zu einer
Frage Stellung zu nelımen, mit der sich ein Teil der von uns
besprochenen Kritiken beschäftigt hat. Es ist dies die Frage nach
der Originalität der Listschen Gedankengänge, Eheberg*) be-
handelt dieses Thema als erster in umfassender Art und kommt
dabei zu dem Ergebnis der Originalität Lists. D. h. er verneint
nicht, daß sich ähnliche Gedankengänge hei Hamilton und Raymond,
später bei Carey (in Amerika); bei Müller und Schmitthenner (in
Deutschland) gefunden haben, daß aber der originelle Zusammen-
nang und die Verbindung dieser Gedankengänge, wie sie in dem
Listschen System vorliegt, bei keinem anderen Schriftsteller zu
Anden ist.

26 Jahre später versuchte Köhler”) im Gegensatz zu Eheberg
in seinem Buch: „Problematisches zu Friedrich List“ nachzuweisen,
daß sämtliche wertvollen Gedankengänge, die sich im nationalen
system der politischen Oekonomie befinden, schon in ihren An-
sätzen bei Daniel Raymond vorhanden sind. Die Lösung dieser
Frage müssen wir uns im Rahmen dieser Arbeit versagen. Ein-
mal; weil uns zur Nachprüfung des Köhlerschen Ergebnisses das
amerikanische Material fehlt, dann aber auch, weil es u. E. nicht
von Wert ist, wo List die einzelnen Anregungen zu seiner Theo-
rie empfangen hat. Ganz selbständig ist keiner. Bei jedem auch
noch so originellen Gelehrten oder Künstler wird man Ansätze
für die Art seiner Betrachtungsweise bei andern finden können.
Wären wir aber auf einen Müller oder Raymond angewiesen, wir
wiüßten heute wenige von einer Theorie der produktiven Kräfte.
8 3. N
_ Die Rezensionen der dritten Gruppe beschäftigen sich aus-
Zührlich mit der Theorie der produktiven Kräfte. Es sind dies
die Kritiken von Eheberg, Dühring und Sombart.
Die 1883 erschienene kritische Einleitung zu Lists nationalem
System von Karl Theodor Eheberg enthält eine Zusammenfassung

1) Kritische Einleitung zum nationalen System der politischen Oekonomie.
S 14448 2) Problematisches zu Friedrich List. 1909
        <pb n="22" />
        {

und Verarbeitung der gesamten von uns berücksichtigten kritischen
Literatur. Die Kritik Ehebergs beschäftigt sich mit dem gesamten
Wirken Lists, mit seiner theoretischen Bedeutung, mit Lists Ver-
hältnis zu seinen Zeitgenossen, zu A, Müller und der Abhängig-
keit von seinen Vorgängern.

Um die Darstellung der Kritik Ehebergs übersichtlicher zu
gestalten, erscheint es ratsam, vier verschiedene Problemgruppen
zu unterscheiden. .

Die erste behandelt Lists theoretische Stellung innerhalb

Nationalökonomie.

Die zweite bringt einzelne Argumente gegen die Theorie
der produktiven Kräfte.

Die dritte bringt eine Gesamtkritik der Theorie.

In der vierten nimmt Eheberg zu der Frage Stellung, mit
welchen Einschränkungen man die Listsche Theorie akzeptieren
könne.

Die erste Problemgruppe enthält zunächst eine Verteidigung
Lists. Eheberg glaubt; List gegen diejenigen Gegner schützen
zu müssen, die Lists Theorie eine Aufwärmung des alten Mer-
kantilsystems nennen. Eheberg”) will vielmehr die Listsche The-
orie mit der von Ricardo und später von den Sozialisten, besonders
mit der von Marx vertretenen Lehre, daß der Wert nur nach
dem in demselben enthaltenen Maß der Arbeit gemessen werden
könne, in Verbindung bringen.

Dieser Auffassung fehlt nach unserer Meinung die Berechti-
zung. Wir schließen uns hier der von Sombart in seinem „Modernen
Kapitalismus“ vertretenen Ansicht an. . Gerade Ricardo ist der
klassische Vertreter der Nationalökonomie, die beherrscht wird
von den Problemen des Tausches, der Verteilung, der Zirkulation.
„Das Kapitel’) produktive Kräfte ist in seinem Buche ganz aus-
gefallen. Er ist geradezu ein Antipode von List, ein viel größerer
wie Adam Smith“.

Von Marx sagt Sombart’): „Wir müssen uns gegenwärtig
halten, daß das Problem des Mehrwerts durchaus ein Verteilungs-
problem ist und daß der vierte Abschnitt des ersten Bandes des
Kapitals im Marxischen System nur die Aufgabe hat, zu zeigen,
wie bestimmte Erscheinungen den Verteilungsprozeß eigenartig
beeinflussen.“ . .

Im Gegensatz zu Eheberg sieht Sombart, nach unserer Mei-
nung zu Recht, einen Zusammenhang zwischen den Merkanti-
listen und List. Bei den Merkantilisten findet er Ansätze zur
dynamischen Denkweise. So sagt er‘): „Das Wirtschaftsleben ist
für sie (die Merkantilisten) nicht wie für die späteren ein Zustand,
sondern ein Vorgang.“ Und an einer anderen Stelle”): „Will
man die Lehre der Merkantilisten als Vorstufe zur wissenschaft-
lichen Nationalökonomie bezeichnen, so tut man das, wie ich sagte.

?) Kritische Einleitung S. 171. ?) Sombart. Moderner Kapitalismus
II. Hlbd, 2. Bd. S. 917/18. °) Moderner Kapitalismus. II. Hlbd, 2. Bd. S. 971.

4) a. a. 0. S. 918. 5a. a. 0.8. 199ff.
        <pb n="23" />
        1415

:hen
aten
vVer-
Q1g-

Zu
‚pen

halb

orie

mıt
ren

ung
zen
ler-
‘he-
lers
ach

fen

Atı-
ıen
der
ird
9n.
1S-
rer

tig
Ys-
des
an,
Ho

el-
ıti-
zur
ist
1d,
ll
H_
°e,

1us
il.

in einem gewissen Sinne ezweifellos mit Recht. Sie haben keine fertig
Wissenschaft geschaffen, weil ihre Begriffsbildung noch im Puppen-
stande sich befand und ihre Forschungsmethode unentwickelt ge-
blieben ist. Aber daß sie unmöglich als Vorstufe zur klassischen
Nationalökonomie gelten können, ist nicht minder klar. Sie sind
nicht die Vorläufer der Quesnay, Smith und Ricardo und ihrer
Nachfolger, zu denen die meisten Sozialisten Marx, die Anhänger
der älteren historischen Schule (Roscher) und alle Grenznutzler
gehören, sondern der List, Dühring und Carey, einer Richtung
also, die bisher noch kein ausgebildetes System besitzt, wie es
die Klassiker in so vollendeter Weise geschaffen haben.“

Eheberg‘‘) sieht nicht nur eine Beziehung Lists zu den Ge-
dankengängen Ricardos und der Sozialisten, sondern duch zu der
österreichischen Schule, z. B. zu Menger. Die Listsche Unter-
scheidung zwischen Tauschwert und produktiver Kraft sei den
Ausführungen Mengers über die Bedürfnisse nach Gebrauchsgütern
einerseits und die Bedürfnisse nach Produktionsmitteln anderer-
seits verwandt. .Wir haben?“ sagt Menger, „zumal bei fortge-
schrittener wirtschaftlicher Kultur, nicht nur Bedürfnis nach Ge-
brauchsgütern, d.i. nach Gütern, welche unmittelbar der Erhaltung
unseres Lebens und unserer Wohlfahrt dienen, sondern auch
einerseits Bedürfnisse nach Produktionsmittelny welche man im
Gegensatz zu den erstgenannt enden unmittelbaren als mittelbare
zu bezeichnen vermöchte.“

Wir können uns dieser Ansicht: Ehebergs nicht anschließen.
Mengers Unterscheidung von Produktionsmittel and Tausch-
gütern steht zu der Listschen Gegenüberstellung von Produk-
tivkraft und Tauschwert in keiner Beziehung. Der Gegensatz
zwischen Tauschwert und Produktivkraft ist die Gegenüberstellung
von Zustand und Vorgang, von dem Ergebnis der Produktion,
dessen Tauschwert (statischer Preis) objektiv bestimmbar ist, und
dem Prozeß der Produktion, der ohne Reduktion auf einen
Zustand, also auf ein Ergebnis nicht objektiv meßbar zu sein
scheint.

Die “Unterscheidung Mengers von Produktionsmitteln und
Tauschmitteln ist kein Gegensatz zwischen Seiendem und Wer-
dendem, zwischen Ergebnis und Prozeß. Produktionsmittel sind
für die Grenznutzler nicht von selbständigem Wert. Ihr Wert
leitet sich her aus der Wichtigkeit der Bedürfnisse, deren Be-
friedigung sie uns vermitteln”). Für die österreichische Schule
ist die Idee des Produktionsprozesses, der Entwicklung, nur soweit
von Wichtigkeit, als sie reduziert werden kann auf einen Zustand.
Sie ist völlig statisch orientiert. Die Oekonomie“) ist für sie
ein Zustand des Tausches auf Grund subjektiver Wertschätzungen,

Es scheint nicht angebracht, eine Fortsetzung der Listschen
Kritische Einleitung zum nationalen System. S. 174/75.
Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. 5. 35ff,
Böhm-Bahwerk: Kapital und Kapitalzins. 5. 289.
Sombart. Mod. Kap. II. Hlbd. 2.Bd. S. 917.
        <pb n="24" />
        16

Gedankengänge in der österreichischen Schule zu erblicken. Als
Nachfolger Lists können die Grenznutzler nicht in Betracht
kommen.

In der zweiten Problemgruppe beschäftigen uns nur zwei
Argumente. Die übrigen enthalten keine wesentlich neuen Ge-
sichtspunkte, z.B. Verwechslung von Reichtum und Reichtums-
möglichkeiten, Trennung von Ursache und Wirkung,

Das erste Argument handelt vom Wertproblem. „Es ist in
gewissem Sinne bedauerlich“, sagt Eheberg‘), „daß List die wich-
tige Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des Wertes für
die nationalökonomischen Untersuchungen nur gestreift hat.“ Denn,
meint Eheberg, die Nationalökonomie gilt allgemein auf .den Be-
griff des Wertes aufgebaut. Dieser Ansicht Ehebergs können
wir uns nicht anschließen. Für List war die Oekonomie nicht
auf dem Problem des Wertes aufgebaut. Eine Oekonomik (Markt-
wirtschaft, nicht Personalökonomik), die auf dem Wertproblem
aufgebaut ist, muß als Grundlage eine im labilen Gleichgewicht
ruhende, um den ökonomischen Ort des Tausches, nämlich des
Marktes, zentralisierte Wirtschaftsgesellschaft voraussetzen. List
aber hat zur Grundlage seines Systems eine in ihrem Entwick-
lungsgang nie stillstehende Wirtschaftsgesellschaft. Die Theorie
der produktiven Kräfte ist eine dynamische Produktionslehre.
Dühring hat ganz recht, wenn er sagt”), „Lists Arbeit ging ganz
und gar in dem Bestreben auf, an Stelle der Vermittlungen des
gewöhnlichen Wertbegriffs die Erwägung der produktiven Kräfte
zu setzen“.” List stellte allerdings die beiden Betrachtungsarten
gegenüber, Sein Verdienst ist es, der Statik die Dynamik hin-
zugefügt zu haben.

Das zweite Argument handelt von dem Einfluß staatlicher
und gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Produktion. Eheberg
hält es für eine bedeutungsvolle Tat, daß List den Einfluß staat-
licher und gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Produktion, der
bis jetzt völlig vernachlässigt war, so sehr betonte. Doch hebt
er hervor, daß stäatliche Zustände und gesellschaftliche Verhält-
nisse nichtals selbständigen Güterquelle bezeichnet werden können,
da sie für sich keine produktiven Wirkungen aufweisen, sondern
nur den Erfolg der Arbeit verstärken. Eheberg hat sich hier
offenbar durch Lists unklare und oft wechselnde Terminologie
irreleiten lassen. Nach List besteht die produktive Kraft einer
Nation in der durch die Gesellschaft bedingten Teilung und Kon-
förderation der geistigen und materiellen Arbeit“), Gesellschaftliche
Zustände an sich betrachtet sind für List genau so wenig produktiv wie
Arbeit, die nicht vermittelst gesellschaftlicher Institutionen organisiert
ist. Staatliche Zustände und Institutionen sind keine selbständigen
Güterquellen. Sie bedingen nur die Produktivität. Wenn List sagt °)
„eine Nation schöpft ihre produktive Kraft aus staatlichen Zuständen
Kritische Einleitung S. 171.
Jühring, Krit. Grundlegung.
List. Nat. Syst. S. 2592.

S. 29. 3) Krit. Einl. $. 173.
5) List. Nat. Syst. S. 3922.

und
lich!
Nac
tivil
und

sch:
tade
ten-
Not
nIr£
sch:
an

aue!
mie
abe
gen
ken

hal
Lis
im
mit
bes
Me
stei
Vo
pro
Erf
als
‚hie
des
ate
[A
ha
öft:
mü
str.
(Eı
vn

tiv
Ur
MC
pr
ve
        <pb n="25" />
        17

ALS
ıcht

‚wei
(7e-

f1185-

ın
ch-
für
nn,
Be-
nen
icht
rkt-
tem
ıcht
des
„st
ıck-
Hrie
Te.
anz
des
ifte
ten
N-

her
x”)
jat-
(der
ehbt
ült-
ıen,
Aarn
ıer
gie
ner
DN-
“he
wie
;ert
zen
rt °)
‚en

und Institutionen, so können wir nicht annehmen, daß List staat-
liche Institutionen als selbständige Güterquellen bezeichnen wollte.
Nach unserer Meinung wollte List damit sagen, daß die Produk-
tivität einer Nation nicht nur durch staatliche. Zustände gefördert
ınd behindert werden kann, sondern geradezu bedingt wird.
Die dritte Problemgruppe bringt eine Gesamtkritik der List-
schen Theorie. Von den Gedankengängen Dührings beeinflußt
tadelt Eheberg vor allem, daß List bei seiner außerordentlich in-
tensiven Betonung der produktiven Kräfte die wirtschaftliche
Notwendigkeit der Wertrechnung vergessen habe, und daß sie
nirgends nach ihrer Wichtigkeit erkannt sei‘): „Wie der wirt-
schaftliche Erfolg einer Privatwirtschaftgaur nach dem Ueberschuß
an Werten berechnet werden könne (Geldrentabilität) so müsse
auch der volkswirtschaftliche Erfolg ganzer Völker durch eine Sum-
mierung der vorhandenen Werte an Geld ausgedrückt werden,“ List
aber habe eine Vermittelung des Wertbegriffes einfach zurück-
gewiesen. Er habe nur eine Theorie der produktiven Kräfte,
keine der Werte gelten lassen. .
Zu diesen Ausführungen Ehebergs läßt sich bemerken: Wir
haben an früherer Stelle darauf hingewiesen, daß wir in der
Listschen Theorie eine dynamische Produktionstheorie erblicken,
im Gegensatz zu der statischen Theorie der Klassiker, die sich
mit den Problemen von Tausch, Wert und Einkommensverteilung
beschäftigen. Das Listsche Grundproblem*) trifft nach unserer
Meinung den Zusammenhang zwischen der Organisation einer sich
stets entwickelnden Wirtschaftsgesellschaft und ihrer Produktivität.
Von diesem Problem ausgehend führt List aus, daß das Maß des
produktiven Erfolges unabhängig sei ‚von den zuf Erzielung des
Erfolges geopferten Werten. Denn”) die Berechnung der Werte
als Maßstab des produktiven Erfolges sei erfolgt durch Abstra-
‚hierung von allen gesellschaftlichen Varianten durch Festsetzung
des Augenblicks zum Ausgangspunkt-und Horizont des Wertmaß-
stabes. Wenn Eheberg nun als Argument gegen List anführt, daß
List bei seiner Polemik gegen die Tauschwerttheorie übersehen
habe, daß der wirtschaftliche Erfolg einer Nation, oder wie List
öfters sagt, die Prosperität einer Nation, auch gemessen werden
müsse in Werten, so müssen wir darauf erwidern, daß Lists Be-
strebungen darauf gerichtet waren, zu zeigen, daß die Wirkung
(Erfolg) der produktiven Kraft nicht ausschließlich bedingt werde
von den zu ihrer Hervorbringung gemachten Aufwendungen ”)
Ehebergs Argument, List habe übersehen, daß auch produk-
tive Kräfte gemessen: werden müssen, ist kein Beweis für die
Unrichtigkeit der Listschen Anschauungen; denn Lists Polemik
richtet sich nicht gegen den Wertmaßstab des Ergebnisses der
produktiven Kraft, nämlich den produktiven Erfolg, sondern da-
gegen, daß die Höhe der Produktivität (die Summe der pro-
Eheberg, Kritische Einleitung. S. 175.
List, Nationales System 5. 227, 234.
Dühring, Gesch. d. Nat.-Oek. S. 365.

‘\ List. Nat. S. 234. 235, 227.
        <pb n="26" />
        18

duktiven Kräfte) einer Wirtschaftsgesellschaft veranschlagt wirdnach
den zu ihrer Hervorbringung aufgewendeten augenblicklich vor-
handenen Werten.

Das Argument Ehebergs, List habe durch einseitige Hervor-
kehrung seiner Theorie der produktiven Kräfte die Reziprozität,
die zwischen Ursache und Wirkung bestehe, zersjört, brauchen
wir an dieser Stelle nicht mehr ausführlich zu behandeln. Wir wollen
nur noch, einmal hervorheben, daß List nichts ferner lag als eine
Wechselwirkung zwischen Produktion und produziertem Gut zu
leugnen und daß es für ihn nur darauf ankam, zu betonen, daß
eine unbedingte Reziprozität zwischen aufgewendetem, produ-
ziertem Gut (Wert) und yolkswirtschaftlichem Erfolg (Größe und
Höhe der produktiven Kraft) nicht bestehe.

Die letzte Problemgruppe beschäftigt sich damit, in welchem
Sinne Eheberg gewillt ist, die Theorie Lists anzunehmen. Ehe-
berg bedient sich hier einer Dühringschen Formulierung. Die
Werttheorie der Klassiker‘) habe den Augenblick nicht bloß zum
Ausgangspunkt, was in der Ordnung sei, sondern auch zum Hori-
zönt der Wertbestimmung gemacht. Eheberg; meint, dieses sei
in der Tat eine berechtigte Kritik der Smithschen Schule, die
allzu großen Wert auf die Summe der Tauschwerte gelegt habe
und folglich übersehen, daß es Faktoren im Volksleben gibt, die
nicht in augenblicklichen Tauschwerten abgesehätzt werden können,
sehr wohl aber produktiv wirken. Indem Eheberg dies zugibt,
erkennt er die Grundrichtung der Listschen Theorie an. Aller-
dings sieht er, wie dies aus seinen früheren Ausführungen her-
vorgeht, in List nicht den Vorgänger von Dühring und Carey.
Er sieht die Listsche Theorie nicht im Gegensatz zu der statischen
Theorie der Klassiker als eine dynamische Produktionstheorie.
Aber er hat, was weit wichtiger ist, die theoretische Bedeutung
Lists erkannt. Als erster hat er eine umfassende Darstellung der:
praktischen wie auch der theoretischen Leistungen Lists gegeben.
Er ist einer der wenigen neuen Nationalökonomen, der List über-
haupt eine theoretische Bedeutung zuerkennt, und, wenn unsere
Auffassung auch nicht in'‘allen Punkten mit der Ehebergs über-
einstimmt, so müssen wir doch besonders hervorheben, daß Eheberg
mit feinem Verständnis den Gedankengängen Lists gefolgt und
daß er mit Ausnahme von Dühring (Ehebergs Kritik erschien 1883)
der erste war, der sich mit den theoretischen Gedankengängen
Lists in eingehender Weise beschäftigte.

Dührings Kritik beschäftigt sich ausdrücklich mit den theo-
retischen Leistungen Lists. Hier können wir wiederum zur besseren
Uebersicht drei Abschnitte unterscheiden:

’) eine Würdigung des Nationalökonomen List,

eine Kritik seiner Methode, .

3) die Beziehungen zwischen Lists Theorie der produktiven

Kräfte und Dührings Werttheorie.

AJıe
IE

rc

ih

we

r{

A

DC

‘-- Dühring, Krit. Grundlegung S. 98
        <pb n="27" />
        19

ach
zor-

vor-
‚tät,
hen
len
une
Zu
laß
du-
ınd

em
he-
ie
un
O-
zei
lie:
1.De
he
en,
ıbt,
er-
Br-
rey.
nen
ne.
ing
der;
‚en.
er-
‚ere
‚er-
erg
ind
33}
zen

cO-
ren

en

Die Stellung Dührings zu List ist eine wesentlich andere wie
lie aller von uns bis jetzt besprochenen Nationalökonomen. Dühring
sieht in List den großen modernen Theoretiker. Diese auf den
arsten Blick uns eigenartig anmutende Auffassung Dührings —
sie ist, wie wir ja feststellen konnten, von der seiner Zeitgenossen
sehr verschieden — hat ihre Ursache darin, daß wir in Friedrich
List einen Vorgänger zu vielen der Dühringschen Ideen suchen
müssen, wie z.B. auch die Dühringsche Werttheorie ohne die
Theorie der produktiven Kräfte nicht zu .denken ist.

Wir werden zunächst die kritischen Aeußerungen Dührings
iber Lists Theorie zu prüfen haben. Ferner werden wir begründen
müssen, warum wir ın Dühring einen Erben und Fortentwickler
grundlegender Listscher Ideen erblicken müssen.

Wir wollen zunächst auf einige Stellen hinweisen, die eine
Gesamtwürdigung des Nationalökonomen List enthalten ”). „Die
größte Leistung, welche im Bereich deutscher Kultur für
eigentliche Nationalökonomie aufzuweisen ist, hat einen zugleich
theoretischen und praktischen Charakter gehabt, Sie ist der Be-
gabung eines Mannes zu verdanken, der mit seiner glänzenden
theoretischen Ausstattung eine Glut des Patriotismus verband.
Das edlere Gepräge, welches den volkswirtschaftlichen Ideen auf
diese Weise zuteil wurde, sowie die unmittelbar praktischen Be-
ziehungen, die von einer nicht ausschließlich theoretischen Natur
ins Auge gefaßt wurden, dürfen uns nicht verleiten, dieser äußerst
seltenen Verbindung des kühnen und sicheren für die allgemeine
Theorie bahnbrechenden Denkens mit dem patriotischen Handeln
und mit einer großen Energie für die nationalen Angelegenheiten
einen falschen Sinn unterzulegen. .Die Verkleinerungssucht hat
sich allerdings bemüht, den deutschen Nationalökonomen für einen
vorherrschend agitatorischen Geist auszugeben, um auf diese Weise
den Mangel an Verständnis der für sie zu hoch liegenden Theorien
zu beschönigen. Wir haben nun im Gegenteil fast ausschießlich
die theoretischen entscheidenden Leistungen ins Auge zu fassen
and müssen sogar behaupten, daß dieselben von ungleich größerer
Tragweite sind als die sonstigen nationalen Bestrebungen.“

Aehnliche Worte finden wir in der Dühringschen ‚Grund-
legung?. „Der erste praktische Fortschritt seit Adam Smith
ist einem Deutschen zu verdanken, den sein Vaterland, wie es
sich bei uns von selbst versteht, nötigte, seine Gedanken zuerst
auf fremdem Boden und in fremder Sprache zu veröffentlichen.“
Und einige Zeilen später”): „Die Feinde und Verleumder Lists
haben es bisweilen versucht, seine Wirksamkeit als bloß agita-
torische hinzustellen und ihm die theoretische Bedeutsamkeit ab-
zusprechen. Die jetzt eingeleitete Würdigung seiner Schriften wird
immer mehr lehren, daß er gerade in der reinen Theorie das
Größte schuf, was überhaupt vor Careys vervollständigtem System
geleistet werden konnte.“

» Dühring, Geschichte der Nationalökonomie S. 343/44
X Grundlegung S. 29 Abs. 4 3) Grundlegung S. 26.
        <pb n="28" />
        20 —
Dühring *) nennt die Listsche Methode, wie auch die Careysche
Methode der Nationalökonomie eine synthetische zum Unterschied
zu der analytischen Methode von Hume-Smith. Wir haben diese
gegensätzlichen Methoden mit Statik und Dynamik bezeichnet.
Bezeichnungen, die der heutigen wissenschaftlichen Literatur ge-
bräuchlicher sind. Die Bedeutung dieser beiden Ausdrucksweisen
deckt sich im wesentlichen. Dühring‘) sagt von der Hume-Smithschen
Methode, daß sie von den kreuzenden Einflüssen der speziellen
Gesetzgebung absähe und, wenn auch stillschweigend, sich eine
auf der Grundlage des Ablohnungssystems im freien Verkehr be-
findliche universelle Wirtschaftsgesellschaft denke. Von der List-
Careyschen sagt er, daß sie°) versuche, unmittelbar aus dem Ver-
wickelten und Vollen der Erscheinungen die Naturgesetze der
Völkerökonomie abzuleiten. Was wir zur Erklärung der Begriffe
Dynamik und Statik sagten, stimmt im wesentlichen mit Dührings
Ausführungen über die analytische und synthetische Methode
überein. Dühring nimmt eine besondere Stellung zu diesen beiden
Forschungsmethoden der Nationalökonomie ein, An der List-
Careyschen Methode hebt er hervor *), .daß sie die unmittelbaren Zu-
sammenhänge der wirtschaftlichen Tatsachen verknüpfe und
lebendig kennzeichne5). „Aber die letzte Form der Wissenschaft
ist diese Auffassung nicht. Es fehlt ihr die mit dem Erheblichen
rechnende und denkende Logik, die nur mit wenig kritisch ge-
wählten Tatsachen rechnende Verfahrungsart.“ Die List-Careysche
Verfahrungsart nennt er im Gegensatz zu dieser Schule einen
induktiven Forschungszweig. „Denn *) von einer induktiven Wissen-
schaft als von etwas wesentlich Fertigem kann man in Rücksicht
auf kritische: Tatsachen eigentlich kaum reden.“ Die Hume-
Smithsche Methode sei immer noch die: maßgebende und müsse
nur noch radikaler gestaltet werden. Sein Schlußurteil bringt
Dühring in einem Vergleich, den er der Physik entnommen hat.
„In ”) einer ähnlichen Weise, wie Kepler die elliptischen Bahnen
äußerlich konstatierte, kann auch die Induktion der Anschauung
eine Anzahl von Typen der Zustände und Vorgänge kennzeichnen
und in diesem Sinne auch wirklich Gesetze auffinden. Dagegen
verbietet sich jedes strenge Raisonnement über die innere Logik
der Vorgänge und über die partiellen Triebkräfte der Gestaltungen,
sobald man nicht ähnlich wie in der rationellen Mechanik die
einfachen prinzipiellen Tatsachen als Axiome aussondert und mit
ihnen in ableitenden Schlüssen operiert.“

Dühring ist einer der ersten, der den entscheidenden Unter-
schied zwischen analytischer und induktiver Methode erkannt
hat. Die Trennung ist keine so prägnante wie wir sie bei den-

” Gesch. d. Nat.-Oek. S, 428 Abs. 2.

Dühring, Krit. Grundlegung S. 429.
Dühring, Gesch. d. Nat.-Oek. S. 426
Dühring, Geschichte d. Nat.-Oek. S 426
2» nn 8.429
» » » „ SS 427
Dühring, Gesch. S. 429.

jen
sch
Se}
vor
nac
bel
Se]
el

die
mi}
wol
the
„zZ:
WL
„di
tv
der
ein
ein

ehr
un
Zzeı
Ze
Sar
sp:
hr
ın

er
de
u
Ws
U,
501
de:

Mu
Rı
WI
1
        <pb n="29" />
        24

sche
ued
Lese
net,
Be-
sen
aen
len
ne
NE
ıst-
eTr-
der
1ffe
ngs
ode
len
ist-
Zu-
ınd
‚aft
‚en

Ze-
;he

ıen

an-

echt
ne€-
se
gt
‚at.
ven
ing
ıen
;en
yik
en,
Jie
aıt

Br-
ınt
1)

jenigen Nationalökonomen finden, die Statik und Dynamik unter-
scheiden, z. B. bei John Stuart Mill’), bei Oppenheimer*) und bei
Schumpeter °). Dühring hat keine Abgrenzung der beiden Methoden
vorgenommen. Die analytische‘) hält er für wertvoller, da sie
nach seiner Ansicht für die theoretische Nationalökonomie unent-
behrlich ist. Die induktive®) läßt er nur innerhalb engbemessener
Schranken gelten, doch erwähnt er nicht, welche denn ihre
Schranken seien.

Dührings Aufbau der politischen Oekonomie zeigt, daß er
die trennenden Unterschiede zwischen reiner Theorie und Dyna-
mik übersah. Am deutlichsten zeigt es seine Werttheorie, die- auch
wohl deshalb so erhebliche Mängel aufweist. Dührings Wert-
theorie, die eine Synthese zwischen den Begriffen „Prozeß“ und
„Zustand“, zwischen Statik und Dynamik herbeiführen will, halten
wir für unrichtig. „Es®°) sei darauf hingewiesen“, sagt Dühring,
„daß man den Wert volkswirtschaftlicher Institutionen und produk-
tiver Kräfte regelmäßig nach denselben Prinzipien wie den Wert
der. Erzeugnisse bestimmen kann, wenn man sich nicht nur auf
einen einzigen Zeitpunkt beschränkt, sondern die in der Zeit auf-
einander folgenden Hervorbringungen insgesamt in Anschlag bringt.“

Was hier Dühring sagt, daß man produktive Kraft als Prozeß
ebenso messen könne wie das Ergebnis, den Zustand, scheint
uns nicht möglich. Dühring will das Gesamtergebnis der ein-
zelnen Resultanten der produktiven Kraft innerhalb einer gewissen
Zeitspanne messen. Zu dieser Auffassung Dührings läßt. sich
sagen: wenn Dühring von einer gewissen Ausdehnung der Zeit
spricht, innerhalb der die produktive Kraft durch Veranschlagung
ihrer einzelnen Ergebnisse bemessen werden sollen, so hat er
uns nichts — und das ist bei diesem Problem das Wesentliche
— über die Grenzen der zeitlichen Ausdehnung gesagt. Begrenzt
er die zeitliche Ausdehnung dadurch, daß er während des Wirkens
der produktiven Kraft (Vorgang) eine im labilen Gleichgewicht
ruhende Gesellschaft voraussetzt, dann mißt Dühring in diesem
Fall nicht den Wert der produktiven Kraft des wirtschaftlichen
Vorgangs trotz der Veranschlagung der einzelnen Ergebnisse,
sondern den Wert eines einzelnen Ergebnisses, den Wert der auf
den Zustand reduzierten Kraft.

Rechnet er aber innerhalb der festgesetzten Zeitspanne nicht
mit einem Zustand der Gesellschaft, sondern mit einer in ihrem
Entwicklungsgang nie stillstehenden Wirtschaftsgesellschaft, so
wird er nicht ‚einmal zur Messung einzelner Ergebnisse der pro-
duktiven Kraft kommen. Denn die Komponenten, die bei der
Messung der einzelnen Ergebnisse in Frage kamen, werden sich
infolge des nie stillstehenden Entwicklungsganges der Wirtschafts-
gesellschaft von Fall zu Fall geändert haben. Das Resultat der

Principles 4. Buch 1. Kap. 2) Wert und Kapitalprofit S. 28.
Wesen und Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie S. 177.
Dühring, Gesch. d. Nat.-Oek. S. 427. 5) Dühring. Gesch. d. Nat.-Oek. S. 429.
Dühring, Krit. Grundl. S. 98.
        <pb n="30" />
        29
Rechnung wird bei jedem Ergebnis verschiedene Unbekannte auf-
weisen.

Dühring sieht in List den Vorläufer seiner Idee, denjenigen
Theoretiker, der zusammen mit Carey den Grundstein zu seiner
Werttheorie gelegt hat. Lists großes Verdienst besteht nach
Dührings Meinung darin, daß er’) „an Stelle der Vermittlung des
zewöhnlichen Wertbegriffes die Erwägung der produktiven Kräfte
setzte“. Dühring drückt es an einer anderen Stelle so aus’):
‚Allein erst bei List findet sich die fundamentale Idee, daß der
produktive Erfolg, wenn man ihn an sich selbst‘ nach Maßgabe
Jer Befriedigung menschlicher Bedürfnisse veranschlagt, von dem
Aufwande an Werten oder überhaupt von dem Werte unabhängig
sei, der bei der Erzielung jenes Erfolges für Ueberwindung der
Hindernisse in Rechnung kam.“

Dühring hat hier eine der Grundlagen der Listschen Theorie
in einem kurzen Satze prägnant formuliert, so einleuchtend, wie es
List selbst nie gelang, bei dem man neben einem Wust von neben-
sächlichen Bemerkungen die wertvollen Gedankengänge heraus-
arbeiten muß.

Was List in seinem nationalen System sagen will, nämlich,
daß es sehr wichtige Gebiete der Nationalökonomie gibt, der die
Hume-Smithsche Methode nicht gerecht werden kann, und daß
man sie daher auch nicht mit dem Maßstab dieser Methode messen
kann, das hat Dühring erkannt. Diese Gebiete sind die Entwick-
lungsfähigkeit einer Wirtschaftsgesellschaft, das Verhältnis des
produktiven Erfolges einer Wirtschaftsgesellschaft zu ihrer Or-
ganısation. Mit bewundernswertem Feingefühl und großer Schärfe
hat Dühring die Listschen Ideen erfaßt und dargestellt. Wo er
aber die Listsche Idee interpretieren wollte, eine Brücke schlagen
zwischen Lists Gedankengängen und seiner Werttheorie, da können
wir uns seiner Auffassung nicht anschließen. Dühring“) vertritt
den Standtpunkt, daß der Wert das Ergebnis der Schätzung und
Messung des wirtschaftlichen Erfolges sei. Den Begriff Erfolg
wollen wir definieren als das Ergebnis einer das ökonomische
Prinzip verwirklichenden Tätigkeit eines Wirtschaftssubjektes.
„Der*) wirtschaftliche Erfolg“, sagt Dühring, „wird dadurch zu
einer allgemeinen als gleichartig zu betrachtenden Größe, daß in
ihm von den Unterschieden abgesehen wird. Das Ergebnis dieser Ab-
straktion ist eben nichts Anderes als der allgemeine Wertbegriff,“
_ Diese Gedankengänge sucht Dühring auch in der Listschen
Theorie. So sagt er von der Theorie der produktiven Kräfte °):
„Die neue Theorie streift in dieser Beziehung an die Aufschlüsse
der modernen Werttheorie, die Nutzen und Kosten oder mit

and
närL
Aie

hat
vor
ner
30
dar
In

)o

ın
Nr
AA a
7

99
Dr
711
zul
„Jh

a9
Iq
A

DJühring, Xrit. Grundleg. S. 29,
Dühring, esch. d. Nat.-Oek. S. 365.
Dühring, Kritische Grundlegung.
Dühring, Kritische Grundlegung S. 145.
) Dühring, Die wissenschaftliche Bedeutung Fried, Lists in Dtsch, Viertischr.
Bd. 3/4. S. 171/172.
        <pb n="31" />
        ‚uf-

zen
ner
ıch
les
tte
):
1er
1be
am
Ag
ter

rIe
. es

AN-

US

ch,
le
aß
sen
ak-
les
)r-
fe
er
‚en
ıen
tt
.nd
lg
ne
aS,
Zu
N
+
C
en
):
se
1ıt

A

\)du 2

‚V}

anderen Worten die zwei Seiten des ökonomischen Erfolges,
nämlich den Güterzuwachs und die überwundenen Hindernisse,
Jie zu diesem Zuwachs führen, sorgfältig unterscheidet.“

Dieser Ansicht Dührings möchten wir nicht beistimmen. List
hat, wie wir schon sagten, in seinem nationalen System her-
vorgehoben, daß für die Gebiete der Nationalökonomie, mit
lenen er sich beschäftigte, die Hume-Smithsche Methode nicht
ausreicht. Er ist daher empirisch vorgegangen mit Zuhilfenahme
der Geschichte und Erfahrungstatsachen. Kurz, er bediente sich
Jer induktiven Forschung. .

List hat, weder ein System vorgefunden, noch eines geschaffen.
Daran kranken auch seine theoretischen Ausführungen, denen es
an Klarheit der Formulierung fehlt. Zwar kann man aus Lists
oft sehr verwickelten Gedankengängen manches herauslesen, doch
glauben wir nicht, daß List in seiner Theorie der produktiven
Kräfte den Grundstein zu einer neuen Werttheorie legen wollte.
Lists Polemik gegen Adam Smith läßt erkennen, daß er die Theorie
der Tauschwerte bekämpfte, weil man sie auf Gebiete des Wirt-
schaftslebens anwendete, wo sie zu keinem richtigen Ergebnis
führen konnte, Nach unserer Ansicht vernachlässigt List die
Werttheorie mit Absicht, weil er sich ausschließlich mit den Pro-
blemen beschäftigt, die wir heute ein das Gebiet der Dynamik ver-
‚egen, für die Probleme der Statik (d.1. Distribution, Wert und
Preis) kein Interesse hat. Um Wert- und Preisfunktionen bestimmen
zu können, muß man deduktiv vorgehen. Alle Varianten sind
zunächst aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten. Schumpeter
charakterisiert diesen Zustand folgendermaßen‘): „Keine Ueber-
raschung, kein Fortschritt zu Neuproduktionen darf stattfinden.
da das unser System von Grund auf ändern‘ würde. Alle Pro-
duktionen müssen genau so und genau mit dem Erfolge vor sich
gehen, den man voraussah. Und alle Produktions- und Konsum-
Honskombinationen müssen ein für alle mal fixiert. sein.“ . In
einem Kapitel seiner theoretischen Nationalökonomie „Statik und
Dynamik“ sagt Schumpeter über das Kompetenzgehiet der Statik *):
„Nicht zugänglich ist ihr alles, was mit dem Phänomen der Ent-
wicklung zusammenhängt. Ja — die Entwicklung und alles, was
zu ihr gehört, entzieht sich unserer Betrachtung, das rein öko-
nomische System ist essentiell entwicklungslos.“ ;

Wir sagten, daß Dühring, der Nachfolger Lists, auch ein Ver-
treter der Richtung der Nationalökonomie sei, ‘die noch in ihren
Anfängen steht. Wir begründen diese unsere Ansicht dadurch,
daß bei Dühring ebenso wie bei List der Kernpunkt seiner Oeko-
nomie ein Problem aus der Dynamik ist, das Problem der Ent-
wicklung des wirtschaftlichen Fortschritts, des produktiven Er-
folges der produktiven Kraft. Dieses Problem finden wir in Düh-
rings Theorie des Wertes in seiner Theorie des Kapitals. Es be-
herrscht nach unserer Ansicht den Aufbau seiner Grundlegung.

Schumpeter: Wesen und Hauptinhalt der theoretischeh Nationalöko-
nomie. S. 255. 2) ebd. 5. 286.
        <pb n="32" />
        24

Dühring verlangt, daß ein System ebenso der Beharrung wie der
Veränderung angepaßt ist und seine Wahrheit darin sucht, daß
es den Schematismus der Natur und Geschichte völlig adäquat deckt.

Dühring ist sich auch seiner Verwandtschaft mit List und

Carey voll bewußt. Nur in einem will er sich von seinen Vor-
gängern unterscheiden. List sowohl wie Carey lehnen mit Be-
stimmtheit für ihr Forschungsgebiet die Methode und das System
der klassischen Schule ab. Sie waren beide nur Synthetiker,
gingen beide nur mit Hilfe der Induktion vor. Sie wollten, wie
Dühring zwar nur in Bezug auf Carey sagt‘), „aus dem
Verwickelten und Vollen die Naturgesetze der Völkerökonomie
entnehmen“. Dühring ‚hingegen, der nicht nur Nationalökonom
wie List und Carey, sondern auch Physiker und Philosoph war,
glaubte, ohne ein exaktes Sytem, ohne Deduktion nicht auskommen
zu können. Ihm widerstrebten die oft unklaren und verwickelten
Begriffsbestimmungen eines List nnd Carey. Da nun aber die
Dynamik bis zum heutigen Tage systemlos ist, was lag da dem
Philosophen und Physiker Dühring näher als sich einer Methode,
eines Systems zu bedienen, das in vollendeter Weise von Adam
Smith bis zu Ricardo ausgebildet war. Nur übersah Dühring dabei,
was List und Carey erkannt hatten, und daran krankt nach un-
serer Auffassung sein System, daß man dem Problem der Ent-
wicklung nicht gerecht werden kann, wenn man mit einer sta-
tischen Grundlage arbeiten will.

Unter den Kritikern der Listtheorie nimmt nach unserer
Meinung Dühring die hervorragendste Stellung ein. Dühring hat
zwar seinen kritischen Aeußerungen über List kein ganzes Buch
gewidmet, wie Eheberg und auch Lists Zeitgenossen Oisander,
Rau etc. es taten; "seine Aeußerungen sind verstreut in seiner
Grundlegung, in seiner Geschichte, und in einem kurzen Aufsatz
über Lists theoretische Bedeutung in der deutschen Vierteljahrs-
schrift.

Dühring ist der erste, der die Bedeutung Lists erkennt, der
die Genialität seiner neuen Ideen und seiner Methode. im Ge-
gensatz zur klassischen Schule würdigt, der seine Verwandtschaft
in Methode und Auffassung mit Carey entdeckt. Wir können
getrost sagen, Dühring ist der eigentliche Entdecker der Theorie
der produktiven Kräfte. Nur in einem Punkt weichen wir von
Dührings Ansicht ab, da nämlich, wo er in Lists Theorie der
produktiven Kräfte eine Vorstufe zu seiner Werttheorie sucht.

Wir kommen jetzt zur letzten von uns zu betrachtenden
Kritik, derjenigen nämlich, die Werner Sombart in seinem „mo-
dernen Kapitalismus“ ausgesprochen hat. Eigentlich sind diese
Ausführungen Sombarts weder eine Kritik des theoretischen noch
des praktischen Teils des nationalen Systems. Es sind vielmehr
Gedanken über den Frühkapitalismus; über die Merkantilisten.
Daran anschließend sagt Sombart*): „Wir werden also, scheint

Dühring, Gesch. S. 426.
Sombart, Mod. Kap. II. Hlbhd. 2. Ba. Ss 920

«
| 2
10
‚a

LIE

I1n

do

„+77

+;
        <pb n="33" />
        95

der
Jaß-
:ckt,
and
/0F-
Be-
‚tem
ker,
WIE
iem
‚mie
‘10m
war,
men
ten
die
iem
de,
am
Jyel,
1n-
nNTI-
sta-

Ter
aat
uch
ler,
ner
Atz

IS-

ler
rEe-
aft
‚en
rie
on
Er
at.
an
10-
se
.ch
‘hr
N.
nt

35 mir, den verschiedenen Richtungen des nationalökonomischen
Denkens erst dann gerecht, wenn wir uns gewöhnen, zwei Na-
Honalökonomien zu unterscheiden. Eine statisch-mechanische
Tausch-lehre und eine dynamische Produktionslehre, deren eine das
Wirtschaftsleben als einen Zustand, die andere es als einen Prozeß
betrachtet.“ In List, Carey und Dühring sieht Sombart eine Fort-
setzung der Merkantilisten, sieht er Vertreter jener dynamischen
Produktionstheorie, die noch kein ausgebildetes System wie die
Klassiker besitzt. .

Zu den Ausführungen Sombarts haben wir nichts zu bemerken.
Sie befassen sich nicht mit Einzelheiten des Listschen Systems
und bilden im ganzen keinen sehr wesentlichen Fortschritt zu
den Ausführungen Dührings. Bis auf unerhebliche Einzelheiten
stimmen unsere Arisichten mit denen Sombarts über. Lists Stellung
in der Geschichte der Nationalökonomie überein. 7

IL Teil.
S 1.

Die wichtigsten kritischen Aeußerungen, sofern sie sich mıt der
Theorie der produktiven Kräfte befaßt haben, haben wir berück-
sichtigt. Es bleibt uns die Frage zu beantworten, welche Stellung
aimmt List nach unserer Auffassung innerhalb der Nationalöko-
nomie ein, in was liegt die Bedeutung der Listschen Theorie und
was sind ihre Schwächen.

Auf Einzelheiten der Theorie nochmals einzugehen, ist bei
der bereits vorgenommenen genauen Besprechung der von uns
ıbweichenden Ansichten — wie wir glauben—nicht mehr erforderlich.

Als List seine Laufbahn als Nationalökonom begann, fand er
aine Nationalökonomie vor, die ein völlig durchgearbeitetes System
besaß, ein System, das bis heute die Theorie beeinflußt hat, das
System der Klassiker.

Das klassische System beginnt mit Adam Smith, der, wie
Sombart in seinem „Kapitalismus“ sagt, gleichsam den Uebergang
zwischen Merkantilisten und der klassischen Schule bildet. Smiths
Werk heißt noch „inquiry into the causes and nature of the
wealth of nations“. Aber der Ursache des Reichtums widmet er
aur wenig ‚Aufmerksamkeit. Er beschäftigt sich zwar noch mit
Produktionsprohlemen, aber der Schwerpunkt seiner Oekonomie
liegt doch schon wie bei allen späteren Klassikern, im Verteilungs-
problem. Der Wert der zum Markt gebrachten und für den Markt
produzierten Güter, die Bestandteile, aus denen sich das Ein-
kommen eines Volkes zusammensetzt, das sind die Probleme, die
Adam Smith und: seine Nachfolger beschäftigen. Dabei sehen wir,
daß, wenn A. Smith zu einer Formulierung seiner Begriffe gelangt,
er im Gegensatz zu List immer eine im labilen Gleichgewicht
ruhende Gesellschaft voraussetzt, daß, wenn er z.B. von Pro-
duktion spricht, er alle Sachbedingungen als gegeben annimmt,
        <pb n="34" />
        26

z.B. „whatever be the soil. climate or extent of territorry in this
particular situation“. Noch viel deutlicher tritt diese Betrachtunes-
weise später bei Ricardo und John Stuart Mill hervor.

Europa war von der klassischen Schule beherrscht. Nur in
Amerika herrschte eine freiere Luft, und hier war es auch, wie
List selbst erzählt, „wo er sich von aller Ueberlieferung frei machte
und den Grundstein zu seinen neuen Ideen legte“, „Als hierauf.
so erzählt List”), . mein Geschick mich nach Nordamerika führte.
ließ ich alle Bücher zurück. Sie hätten mich nur irreleiten können.
Das beste Werk, das man in diesem neuen Lande über politische
Oekonomie lesen kann, ist das Leben. Erst hier ist mir die
stufenweise Entwicklung der Volksökonomie klar geworden.“

Die Theorie, die uns List als Frucht seines amerikanischen
Aufenthaltes geschenkt hat und die er die Theorie der produk-
tiven Kräfte nannte, ist eine Theorie der Entwicklung, des
produktiven Fortschritts.

; Das System der Klassiker, aus dem List gelernt hat, ist
entwicklungslos. Wollte List seine Ideen aufbauen, so mußte
er sich eine neue Methode schaffen, wollte er nicht von Anfang
in die Irre gehen. Mit dem ganzen Enthusiasmus des Mannes,
der auf Neuland gestoßen, bekämpfte er die Schule, um seinen
[deen zum Siege zu verhelfen. Dieser Kampf, der mit ungleichen
Waffen geführt wurde — hier kämpfte eine noch systemlose
Wissenschaft mit einer Wissenschaft, die ein bis ins Kleinste aus-
gehildetes System besaß —, ist nicht immer gerecht und richtig,
weil das System der klassischen Schule List nicht befriedigen
konnte, übersah er vollständig, daß diese Methode der National-
ökonomie eine ebenso große: Daseinsherechtigung hatte wie die
seine. Auf die einzelnen Phasen der Polemik einzugehen, halten
wir für überflüssig, da dies schon in der Literatur über List in
ausreichender Weise geschehen ist. Diese Polemik gegen Adam
Smith hat List bei weitem mehr geschadet, als sie ihm nützte
Sie hat die meisten Nationalökonomen gegen List eingenommen.
Ihre Schuld ist es wohl, daß Lists theoretische Bedeutung so
wenig geschätzt, sie im Gegenteil fast daraufhin gering geschätzt
worden ist.

Der Zweig der Nationalökonomie, der List am Herzen lag,
ist bis heute systemlos. Die Methode, mit der List arbeitete, war
in keiner Weise damals ausgebildet. Was Wunder, daß seine
Begriffe, die er in dem Kampf gegen die Klassiker führte, oft ver-
worren und unklar sind, daß sie, wie Sombart sagt „wie uner-
löste Seelen im Hades schweben“. Diese Polemik gegen die
Schule und die damit verbundene unklare Terminologie, das sind die
großen Schwächen der Listschen Theorie. Doch diese Fehler
sind nach unserer Ansicht nicht allzu schwer, im Vergleich zu
der großen positiven Leistung, die wir List verdanken. Lists
großes Verdienst ist nicht, wie manche Parteipolitiker glauben,

.
List, Natök. System,

S. 11

sEe1Ir
Maı
T a1
an
ai

a7 7?
A

ar,

Pe

zu
Ae:
=
        <pb n="35" />
        }

‚hıs
&amp;5S-

in
WIE
‚:hte
auf,
"te,
‚en.
„he
‚J1e

en
ıK-
16

IST
te
ng
LES,
ıen
„en
isSe

AS-
1g,
zen
al-
lie
an
nn
ım
te.
41.
30
ızt

5,
ar
ne
ar-
ap

1e
1e
er
zu
ts
N,

‚eine Ideen über die Erziehungszölle, über die Heranbildung von
Manufakturen ete. Das alles sind nur Folgeerscheinungen. Seine
Leistung war eine viel umfassendere. Er hat der Nationalökonomie
ain neues Gebiet eröffnet; er hat der Statik die Dynamik zur
Seite gestellt. ;

Er hat erkannt, daß die Nationalökonomie nicht nur beherrscht
wird von dem Problem der Distribution und den damit verbun-
jenen Problemen des Wertes und Preises. Allerdings übersah
er, und das können wir nicht genug betonen, die Bedeutung
dieses Zentralproblems der Marktwirtschaft,

Erst seit List sind die Probleme der Nationalökonomie, die
lie Phänomene des wirtschaftlichen Fortschritts der produktiven
Kraft behandeln, kurz die Probleme der ökonomischen Entwicklung
zu ihrer Daseinsberechtigung gelangt. Auch die Methode, mit
4er List arbeitete, ist anders als die bis dahin übliche. Die Hume-
Imithsche Methode der Deduktion, der Entwicklungslosigkeit
konnte List nichts bieten; da nahm er die Geschichte zu Hilfe,
ım das Seiende und Werdende zu erkennen.
82.

Die gegensätzliche Stellung zur klassischen. Schule teilt List
nit den Nationalökonomen des Historismus (Roscher bis Schmoller).
Auch die historische Schule vernachlässigt die zentralen Probleme
ler Marktwirtschaft, ihre eigentliche Methode ist der Empirismus
und die Induktion.

Der Historismus beschäftigt sich mit dem Problem des nie
till stehenden Entwicklungsganges einer Wirtschaftsgesellschaft.
Von diesem Gedanken ausgehend, kommt die historische Schule
zu dem Ergebnis’), daß es für die Oekonomie von größerem
Wert sei, sich mıt Phänomenen Zzu befassen, die auf Grund
ler Empirie einwandfrei festgestellt werden können, als allgemeine
Gesetze, wie die klassische Schule, aufzustellen.

Der historischen Richtung liegt nicht nur das Marktproblem,
die Statik, sondern auch jede Theorie fern. Die Gebiete, mit
denen sie sich beschäftigt, sind der Dynamik entnommen. Aber
im Gegensatz zu List hat sie sich mit Teilproblemen beschäftigt.
Nie hat sie versucht, die großen Grundlinien dieses nach so
vielen Seiten schillernden Gebildes zu erfassen.

Auch Lists Forschungsgebiet war das Gebiet der Dynamik.
Aber er beschäftigte sich nicht wie die historische Schule mit
Teilproblemen. Sein Streben war im Gegenteil darauf gerichtet,
die Probleme der Dynamik als einheitliches Ganzes zu betrachten,
sie unterzuordnen dem Problem der ökonomischen Entwicklung
des wirtschaftlichen Fortschrittes.

Der Historismus ist keine Weiterführung des Listschen Sy-
stems, wenn er sich auch mit Problemen aus der Dynamik be-
schäftigt hat.

) Schmoller. Grundlegung. S.108/112
        <pb n="36" />
        IRQ

3 3.

Eine bewußte Fortentwicklung Listscher Ideen finden wir
bei Carey) und Dühring 9. Diese beiden Nationalökonomen be-
trachten die Probleme der Dynamik als einheitliches Ganzes. Sie
wollten ein Gesetz der volkswirtschaftlichen Entwicklung auf-
stellen, das für jegliche Entwicklung — bei welcher die still-
schweigenden Voraussetzungen eines Gesetzes zutreffen — unbe-
dingt und uneingeschränkt maßgebend sei. Wie im Listschen
System die Theorie der produktiven Kräfte die Idee der
wirtschaftlichen Fortentwicklung zum Ausdruck bringen
soll, so bei Carey die Theorie von der Fortschrittsrichtung im
Gange der Bodenkultur, bei Dühring die Wert- und Kapitaltheorie.
$ 4.

Die Theorie der produktiven Kräfte, wie sie als Gegensatz
zu der klassischen Schule. entstanden ist, ist, wie immer wieder
hervorgehoben werden muß; eine Theorie des wirtschaftlichen
Fortschritts. Die Mängel dieser Theorie sind, wie in dem ganzen
nationalen System der politischen Oekonomie, mangelnde Schärfe
bei der Formulierung der Begriffe, und dadurch sich ergebende
Unklarheiten. Ihre Mängel liegen ferner in der Polemik gegen
lie Schule. Ihre Bedeutung, gänzlich abgesehen von den prak-
tischen Folgerungen der Industriepolitik und der Erziehungszölle,
legt einmal darin, daß List erkannt hat, daß eine Theorie des
wirtschaftlichen Prozesses der Produktion auch eine
Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung, der gesell-
schaftlichen Organisation enthalten muß. Ferner, daß
or die Idee des wirtschaftlichen Prozesses der produk-
tiven Kräfte für sich als allgemein gültiges Phänomen
behandelt, unabhängig von jeder Theorie der Statik.

ar
Aug
Ent
dies
wer
eine
lass
mik
zur
staı
wir
Chr
lau
Sta
Gr‘
Wr

yıı

20

$ 5.

List hat in seiner Theorie immer wieder betont, daß für die
Volkswirtschaft der Prozeß wichtiger sei, als das Ergebnis, der
Vorgang, wichtiger als der Zustand: zu dem Problem aber,
wie denn der Prozeß an sich bewertet werden soll, hat er keine
Stellung genommen, — Dieses Problem ist überhaupt u. E. noch
aicht in völlig befriedigender Weise gelöst worden. Das Er-
gebnis eines Prozesses, die Wirkung einer produktiven Kraft
'st in der Statik objektiv messbar. Nun entsteht die Frage, ob
der Wert des Ergebnisses proportional sein muß dem Wert
des Prozesses und ob der Augenblickszustand der Grup-
plierung der produktiven Kraft, unabhängig vom Prinzip
der Entwicklung, maßgebend ist für ihre Bewertung.
Dühring versuchte diesen Zwiespalt der Betrachtungsarten dadurch
zu überbrücken, daß er die Bewertung der produktiven Kraft
auf eine gewisse Zeitspanne ausdehnen wollte. Dadurch glaubte
) Sombart S. 9131f.

?) Dühring, Grundl. S. 234
        <pb n="37" />
        2q

WIFr
De-
Sie
1yuf-
Ul-
dE-

1en
ler,

en
m
"Me.

satz
der
‚en
zen
ırfe
ıde
‚en
‚K-
le,
(25
Le
I-
13
X
N

JE
ar
T',
+e
n

it
‚DD
‚7

ar die Schwierigkeit gelöst zu haben, die darin besteht, daß ein
Augenblickszustand maßgebend sein muß für die Bewertung eines
Entwicklungsprozesses, Wir lehnen die Dühringsche Lösung
lieses Problems ab. Entweder muß die Zeitspanne begrenzt
werden; dann haben wir die statische Lösung, die Wertbestimmung
ainer Kraft auf Grund der Bestimmung eines Zustandes, oder wir
iassen die Zeitspanne unbegrenzt, dann aber müßte uns die Dyna-
mik selbst, einen objektiven Wertmaßstab (statischen Preis)
zur Bewertung einer produktiven Kraft, unabhängig von dem Zu-
stand geben. Daß es einen solchen in der Dynamik gibt, können
wir nicht annehmen. Die Dynamik muß mit dem Begriff der
Chance rechnen. Die einzelnen Faktoren innerhalb des Kreis-
taufes des wirtschaftlichen Geschehens dürfen nicht wie in der
Statik als beharrende, sondern als sich dauernd verändernde
Größen gedacht werden. Eine Theorie des objektiven Verkehrs-
wertes (statischer Preis), die mit dem Begriff ber Chance rechnen
muß, die nicht alle Varianten innerhalb des Kreislaufes der Wirt-
schaft ausscheiden darf, ist unhaltbar. In der Dynamik wird der
Wert (statischer Preis) als yon Augenblick zu Augenblick diver-
zierend gedacht werden müssen. Eine Theorie des objektiven
Wertes (stat. Preis) kann daher unserer Auffassung nach in der
Dynamik nicht entstehen.

Die reine Statik, die eine im lahilen Gleichgewicht ruhende,
als unveränderlich gedachte Wirtschaftsgesellschaft annimmt, scheint
ıns zur Lösung dieses Problems nicht geeignet; wohl aber die
vergleichende Statik, die gleichsam eine Brücke schlägt zwischen
‚einer Statik und Dynamik.

Die vergleichende Statik geht von einer Wirtschaftsgesell-
schaft aus, die an Volkszahl und Kooperationsstaffel wächst, also
im Gegensatz zu der reinen Statik dem Gesetze der Entwicklung
unterliegt. Doch nimmt sie an, daß keinerlei störende Einflüsse
'nnerhalb des Kreislaufes: der Wirtschaft sich bemerkbar machen.
In einer so organisierten Wirtschaftsgesellschaft wird man bei der
Bewertung der Wirkungen einer produktiven Kraft auch auf den
Wert des produktiven Vorganges schließen dürfen. Das Ergebnis
siner solchen Schätzung ist nach unserer Auffassung dem Er-
zehnis der reinen Statik vorzuziehen, weil die vergleichende
Statik das Gesetz der Entwicklung nicht ausscheidet.

Die Schätzung einer produktiven Kraft auf Grund ihrer Er-
gebnisse wird auch in der vergleichenden Statik nur angenähert
sein dem wahren Verlauf des produktiven Vorganges in der Dyna-
mik. Doch wird man immerhin auf Grund einer solchen Schätzung
Schlüsse ziehen können auf die Tendenz des zu erwartenden
Verlaufes der produktiven Kraft. Die Messung der Ergebnisse
der produktiven Kraft kann in der vergleichenden Statik inner-
halb einzelner Perioden vorgenommen werden, innerhalb deren
die Wirtschaftsgesellschaft an Volkszahl und Kooperationsstaffel
wachsen soll. Das Gesetz des produktiven Fortschritts wird in
der vergleichenden Statik nicht ausgeschieden: das Ergebnis der
        <pb n="38" />
        MN

Messung hat nach unserer Ansicht deshalb einen so großen Vor-
zug vor der reinen Statik, weil es gewonnen wurde innerhalb des
Rahmens der gesellschaftlichen Entwicklung und nicht, wie in
der reinen Statik, unabhängig vom Prinzip der Entwicklung auf
Grund der Gruppierung eines Augenblickszustandes der produk-
tiven Kraft.

Die Theorie der produktiven Kräfte verliert dadurch nicht
an Bedeutung, daß sich List mit dem Problem der Messung der
produktiven Kräfte nicht beschäftigt hat; denn seine Theorie ist
noch immer auch für die Nationalökonomie deshalb so bedeutungs-
voll, weil sie darlegt, daß die Probleme der Dynamik unabhängig
behandelt werden müssen von dem Problem der Statik.

alc
uf

‘Oo
Les

dc

1
        <pb n="39" />
        Vor-
Jy des
12 in
z auf
duk-

nicht
x der
1e ist
ıngs-
ngig

Lebenslauf,
Ich Maria Fuerth bin am 4. Nov. 1897 zu Frankfurt a. M.
ls Tochter des damaligen Gerichtsassesors, jetzigen Kammerge-
Aichtsrats i. R. und Geheimen Justizrats Dr. jur. Alfred Fuerth und
seiner Ehefrau, Bertha geb. Budge, geboren und evangelischer Kon-
fession. Ich besuchte in Frankfurt a. M. zunächst eine Privatschule,
dann in Berlin des Fleck-Hizigrathsche Lyzeum und 1’ Jahre
lie städtische Studienanstalt „Berlin“ (realgymnasialer Richtung),
Jie ich Ostern 1917 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Ich
widmete mich dem Studium der Staatswissenschaften an den
Universitäten Berlin und München.
        <pb n="40" />
        <pb n="41" />
        ach
/0r-

Or-
tät,
ı1en
len
ıne

zu
laß
Ju-
ınd

em
he-
Die
um
JP1-
sei
lie
‚De
die
en,
pt,
er-
BY-
ey.
nen
vie.
ng
der;
‚en.
er-
:ere
jer-
erg
nd
833}
ren

A6=
an

‚en.

ac)
Pa
ie
}
3&gt;
6ö

Dir
die alleı
sieht ir
ersten
sie ist,
sehr ve
List en
müssen
Theorie

Wi
über Li
Anna
grun ld

;

Do

[er
nn
&gt;

N
la
Gesamt
zrößte
eigentl
theore
gabun
theore
Das €
diese
ziehun
ins Au
selten
Theor)
und n
aınen ı
sich all
vorher
den M
zu be
die th(
und nl
Tragw|
A.

u
CO

—
x

—
le&gt;

-
&gt;

legung
ist ein
sich bh;
auf fre
Und €
haben.
torisch
zuspre
immer
Größte
yeleist

©
Ya)

©
6

o
N
Do
.r
O
al

wu
al

&gt;

«a

hrings zu List ist eine wesentlich andere wie
etzt besprochenen Nationalökonomen. Dühring
roßen modernen Theoretiker. Diese auf den
genartig anmutende Auffassung Dührings —
sststellen konnten, von der seiner Zeitgenossen
hat ihre Ursache darin, daß wir in Friedrich
er zu vielen der Dühringschen Ideen suchen
‚auch die Dühringsche Werttheorie ohne die
tiven Kräfte nicht zu .denken ist.
mächst die kritischen Aeußerungen Dührings
ı prüfen haben. Ferner werden wir begründen
‚in Dühring einen Erben und Fortentwickler
cher Ideen erblicken müssen.
nächst auf einige Stellen hinweisen, die eine
jes Nationalökonomen List enthalten”). „Die
welche im Bereich deutscher Kultur für
ökonomie aufzuweisen ist, hat einen zugleich
‚raktischen Charakter gehabt. Sie‘ ist der Be-
‚es zu verdanken, der mit seiner glänzenden
:attung eine Glut des Patriotismus verband.
», welches den volkswirtschaftlichen Ideen auf
wurde, sowie die unmittelbar praktischen Be-
einer nicht ausschließlich theoretischen Natur
rden, dürfen uns nicht verleiten, dieser äußerst
x des kühnen und sicheren für die allgemeine
= ınden Denkens mit dem patriotischen Handeln
; pn Energie für die nationalen Angelegenheiten
42 unterzulegen. .Die Verkleinerungssucht hat
} iht, den deutschen Nationalökonomen für einen
torischen Geist auszugeben, um auf diese Weise
;tändnis der für sie zu hoch liegenden Theorien
Vir haben nun im Gegenteil fast ausschießlich
ntscheidenden Leistungen ins Auge zu fassen
ıehaupten, daß dieselben von ungleich größerer
die sonstigen nationalen Bestrebungen.“
rte finden wir in der Dühringschen ‚Grund-
rste praktische Fortschritt seit Adam Smith
n zu verdanken, den sein Vaterland, wie es
elbst versteht, nötigte, seine Gedanken zuerst
» und in fremder Sprache zu veröffentlichen.“
später‘): „Die Feinde und Verleumder Lists
versucht, seine Wirksamkeit als bloß agita-
n und ihm die theoretische Bedeutsamkeit ab-
__ zt eingeleitete Würdigung seiner Schriften wird
4 n, daß er gerade in der reinen Theorie das
‘ iberhaupt vor Careys vervollständigtem System
onnte.“
_3ichte der Nationalökonomie S. 343/44
29 Abs. 4. 3) Grundlegung S. 26.
o
Pd

und
&gt;
md
#
5

y
_

Do
©
&amp;
Oo
A
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
