66 Arbeitslohn und Kapital. Buch I. Die in diesen Sätzen liegende Voraussetzung, die Unterhaltung der Arbeit durch das Kapital sei etwas so Selbstverständliches, daß der Satz nur ausgesprochen zu werden brauche, um zugestanden zu werden, läuft durch das ganze Gebäude der herrschenden Nationalökonomie. Und so zuversichtlich glaubt man an die Erhaltung der Arbeit aus dem Kapital, daß der Satz, „die Bevölkerung richtet sich nach den Fonds, welche sie zu beschäftigen bestimmt sind, und vermehrt oder vermindert sich daher stets mit der Ab- oder Zunahme des Kapitals" *), als nicht minder grundlegend angesehen und seinerseits wieder zur Basis wichtiger Auseinandersetzungen gemacht wird. Löst man jedoch diese Sätze auf, so zeigen sie sich nicht als augen scheinlich, sondern als absurd; denn sie schließen die Auffassung ein, daß Arbeit nicht eher verrichtet werden könne, als bis die Erzeugnisse der Arbeit da seien — und so setzt man das Produkt höher als den Pro duzenten. Und prüft man sie näher, so wird sich herausstellen, daß sie ihre anscheinende Plausibilität aus einer Gedankenverwirrung ableiten. )ch habe schon den unter einer irrtümlichen Definition verborgenen Trugschluß aufgedeckt, der dem Satze zugrunde liegt, daß, weil Nahrung, Kleidung und Obdach dem produktiven Arbeiter unentbehrlich sind, deshalb der Gewerbfleiß durch das Kapital begrenzt sei. Daß ein Mann sein Frühstück haben muß, ehe er zur Arbeit geht, heißt doch nicht, daß er nicht zur Arbeit gehen kann, bis ihm ein Kapitalist sein Frühstück liefert; denn dasselbe kann und wird in allen Ländern, in denen nicht geradezu Hungersnot herrscht, nicht aus den zur Unterstützung der Produktion zurückgelegten Gütern, sondern aus den für den Lebens unterhalt zurückgelegten Gütern geliefert werden. Und wie vorher gezeigt wurde, sind Nahrung, Kleidung usw., kurz alle Güter, nur so lange Kapital, als sie im Besitz derer bleiben, welche sie nicht zu konsu mieren, sondern gegen andere werte oder gegen produktive Dienst leistungen umzutauschen beabsichtigen, und hören auf, Kapital zu sein, sobald sie in den Besitz derer übergehen, welche sie konsumieren wollen; denn bei diesem Übergänge treten sie aus dem zum Zweck weiterer Güterbeschaffung gehaltenen Gütervorrat in den zum Zwecke des Verbrauchs gehaltenen Gütervorrat, gleichviel, ob ihr Konsum zur Güterproduktion beitragen wird oder nicht. Ohne diese Unterschei dung ist es unmöglich, die Linie zwischen den Gütern, die Kapital sind, und denen, die es nicht sind, zu ziehen, auch wenn man, wie es Mill tut, diese Unterscheidung in „den Gedanken des Besitzers" legt. Denn die Menschen essen oder fasten nicht, gehen nicht angezogen oder nackt, je nachdem sie produktiv arbeiten oder nicht, sie essen, weil sie hungrig, sind und tragen Kleider, weil die Witterung oder der Anstand es ver *) Die zitierten Worte rühren von Ricardo (Kap. II) her, der Gedanke ist indessen allen Hauptwerken gemeinsam.