Kap. I. Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stütze. 85 namens der Gerechtigkeit erhobenen Ansprüche auf gleichmäßigere Verteilung der Güter geltend gemacht; aber die Zeitverhältnisse waren derart, um denselben Gedanken, als ihn Malthus aussprach, besonders ansprechend für eine mächtige Klasse zu machen, in der durch den Aus bruch der französischen Revolution eine gewaltige Furcht vor allen Be anstandungen des bestehenden Zustandes der Dinge erweckt worden war. Zetzt wie damals wehrt die Malthussche Lehre dem verlangen nach Reform ab und schützt die Selbstsucht vor Zweifeln und Gewissensbissen durch den Schild einer unvermeidlichen Notwendigkeit. Sie liefert eine Philosophie, mit welcher der schwelgende Reiche das Bild des an seiner Türe vor ksunger hinsinkenden Lazarus von sich fern hält; bei welcher der Reichtum, wenn die Armut um ein Almosen bittet, mit gutem Ge wissen die Taschen zuknöpfen kann, und der reiche Christ Sonntags sich in seinem schön gepolsterten Kirchenstuhle beugt, um die guten Gaben des Allvaters zu erbitten ohne irgendein Gefühl der Verantwortlichkeit für das abschreckende Elend, das in der nächsten Straße herrscht. Denn Armut, Mangel und punger sind nach dieser Theorie weder der persön lichen Habgier, noch sozialen Mißverhältnissen zur Last zu legen; sie sind die unvermeidlichen Folgen von Weltgesetzen, mit welchen zu hadern, wenn es nicht gottlos wäre, doch ebenso unnütz sein würde, als mit dem Gesetz der Schwere zu hadern, von diesem Gesichtspunkt aus hat derjenige, welcher inmitten des Mangels Reichtum angehäuft hat, nur eine kleine Gase von dem Treibsand abgezäunt, der auch ihn sonst überwältigt haben würde. Er hat für sich selbst gewonnen, aber niemanden geschädigt. Und wenn selbst die Reichen die Gebote Christi buchstäblich erfüllen und mit den Armen teilen wollten, so wäre nichts dadurch ge wonnen. Die Bevölkerung würde vermehrt werden, nur um aufs neue gegen die Grenzen des Unterhalts oder Kapitals zu drängen, und die erzielte Gleichheit wäre nur die Gleichheit des gemeinschaftlichen Elends. Und so werden die Reformen, welche den Interessen einer mächtigen Klasse zu nahe treten würden, als hoffnungslos dargestellt. Da das Sitten gesetz verbietet, den Methoden vorzugreifen, durch welche das Natur gesetz einen Uberschuß der Bevölkerung beseitigt, und eine Tendenz zur Vermehrung zu hemmen, die stark genug ist, um die Gberfläche der Erde mit menschlichen wesen so vollzupacken wie Sardinen in einer Büchse, so kann faktisch nichts getan werden, weder durch vereinzelte noch durch vereinte Anstrengung, um die Armut auszurotten, außer auf die Wirksamkeit der Erziehung zu vertrauen und die Notwendigkeit der Vorsicht zu predigen. Eine Theorie, die mit den Denkgewohnheiten der ärmeren Klassen übereinstimmt und auf diese weise die pabgier der Reichen und die Selbstsucht der Mächtigen rechtfertigt, wird sich rasch verbreiten und tiefe wurzeln schlagen. Dies war auch mit der von Malthus aufgestellten Theorie der Fall. Und in den letzten Zähren hat die Malthussche Theorie neue Unter-