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        <title>Fortschritt und Armut</title>
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            <forname>Henry</forname>
            <surname>George</surname>
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Henry George

Armut





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Sechste Auflage

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Dcna

Verlag von Gustav kischer
        <pb n="2" />
        ﻿EIGENTUM |
DES

INSTITUTS

FÜR

WELTWIRTSCHAFT

BIBLIOTHEK

H23Ö52
        <pb n="3" />
        ﻿Fortschritt und Armut

Eine Untersuchung über die Ursache der
industriellen Krisen und der Zunahme
der Armut bei zunehmendem Reichtum

Von

Henry George

Deutsch von &lt;L D. F. Gütschow

Sechste, unveränderte Auflage
Mit einem Vorwort von Adolf Damaschke

Mache Dir von dem Gegenstände, der sich Dir darbietet, eine Erklärung
oder ein Bild, so das. Du genau stehst, von welcher Art er in seinem
Wesen,in seiner Nacktheit, inseiner vollkommenen Ganzheit ist, und nenne
Dir seinen richtigen Namen und die Namen der Dinge, aus denen er
zusammengesetzt ist, und in die er sich auflöst. Denn nichts trägtso sehr dazu
bei, den Geist zu erheben, als wenn man imstande ist, jeden Gegen-
stand, der sich uns im Leben darbietet, methodisch und richtig zu prüfen,
und die Dinge stets so zu sehen, daß man gleichzeitig gewahr wird, welche
Art von Weltall dies ist, und welchen Nutzen jedes Ding darin stiftet und
welchen Wert jedes Ding mit Bezug auf das Ganze hat und welchen
mit Bezug auf den Menschen, der ein Bürger der höchsten Stadt ist, zu
der alle anderen Städte gleichsam nur wie einzelne Familien gehören;
was jedes Ding ist, woraus es besteht und wie lange es seiner Natur
nach dauern rann.	Marc. Aurel. Antonius.

Verlag von Gustav Fischer in )ena
1,920
        <pb n="4" />
        ﻿Vorwort von Adolf Damaschke.

Von den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Volks-
wirtschaft entstammen nur zwei dem Proletariat: Proudhon, der
französische und George, der amerikanische Schriftsetzer. Bezeichnend
ist es, daß beide Vertreter der Arbeiterklasse in der entscheidenden Wahl
jeder volkswirtschaftlichen Gesamtanschauung zwischen Gleichheit und
Freiheit sich für die Freiheit entscheiden. Der Romane wird Anarchist,
der Germane Bodenresormer. Die Darstellung des Weges, auf dem
Henry George persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu vereinen
gedenkt, bildet den Inhalt dieses Werkes.

Lin ausführliches Lebensbild Henry Georges bietet meine „Boden-
reform, Grundsätzliches und Geschichtliches zur Erkenntnis und Über-
windung der sozialen Not", j,oo—uo. Tausend (5. 223—269), Verlag
von G. Fischer, Jena, Hier sei nur kurz das Lebensbild zum Abschluß
gebracht, das der Übersetzer im Jahre 1.864 gegeben hat (S. \—17).

Im Jahre 1886 stellten die Bodenreformer George als Kandi-
daten zum Bürgermeisterposten von New Hork aus. Sie gewannen
68 HO Stimmen und überflügelten damit den beliebten Republikaner
Theodor Roosevelt um rund 7700 Stimmen; sie unterlagen zwar der
demokratischen Partei, die mit 90 500 Stimmen siegte — aber dieser
Wahlkampf hat der Bodenreform eine Achtung in der angelsächsischen
Welt erzwungen, die jeden billigen Spott über „unfruchtbare" Schwär-
merei von nun an ausschloß.

Die pariser Weltausstellung *889 vereinte einen „Internationalen
Bodenreformkongreß", der Henry George zum Ehrenpräsidenten wählte.

I890 unternahm er eine Vortragsreise durch Neuseeland, und in
keinem Lande der Welt ist die Bodenreformlehre so mächtig in Gesetz-
gebung und Verwaltung geworden, als in diesem Land der erfolgreichen
sozialen versuche. Im April 1916 hat die große Stadt Sydney alle
Steuern auf Arbeitseinkommen und Kapital einschließlich der Gebäude
und Verbesserungen aufgehoben und sie mit großem Erfolg im Sinne
Henry Georges durch eine Steuer auf den reinen Grundwert ersetzt.

„Jahrbuch der Bodenreform" 1920 5. 20—34.)

AIs 1891 Papst Leo XIII. sein berühmtes Rundschreiben „über die
Arbeiterfrage" erließ, hat Henry George darauf in einer Schrift geant-
wortet, die viele für die beste Darstellung seiner Lehre halten. Sie ist
        <pb n="5" />
        ﻿IV

Vorwort von Adolf Damaschke.

in einer meisterhaften deutschen Übersetzung von B. Lulenstein unter
dem Titel: „Zur Erlösung aus sozialer Not" erschienen.

I892 veröffentlichte p. George eine Streitschrift gegen Herbert
Spencer: „Der verlegene Philosoph". Schließlich arbeitete er an
einem Werk „Die Wissenschaft der Nationalökonomie", das aber un-
vollendet blieb.

Die Werbearbeit hatte, wie so oft, auch bei Henry George ein
Herzleiden hervorgerufen, das ihn zu großer Schonung zwang. Da wurden
189? die Vorstädte New Horks mit der Hauptstadt zu einem Groß-
New Hork vereint, und es entstand die Frage, wer soll der erste Bürger-
meister dieserRiesenstadtwerden. DieBodenreformer drängten H. George,
in den Kampf einzutreten. Der Hausarzt warnte dringend, Henry
George aber erklärte: „Ich folge diesem Ruf und wenn ich dafür sterben
sollte." Am 2. November sollte die Wahl stattfinden. Die Tage vorher
brachten ein Fülle von Vorträgen. Am 28. Oktober sprach H. George
in vier Versammlungen. In der Nacht darauf machte ein Herzschlag
seinem Leben ein Ende. Das Begräbnis am Sonntag den 31. Oktober
189? gestaltete sich zu einem einzigartigen Schauspiel. Zuerst sprach
ein Geistlicher der englischen Pochkirche, der George angehörte, dann
der erste Rabbiner der Stadt, Gottheil, über das alte hebräische Wort:
„Der wahrhaft weise wird größer sein im Tode als im Leben". Dann
predigte der katholische Pfarrer Mac Glynn über den Text: „Uns ward
ein Mann von Gott gesandt, des Name war Henry George." Auf dem
Greenwood-Friedhof, seiner letzten Ruhestätte, steht die Büste von der
Hand seines Sohnes vor einer Granittafel, die eingemeißelt das Wort
aus „Fortschritt und Armut" trägt: „Die Wahrheit, welche ich klar zu
machen versucht habe, wird nicht so leicht anerkannt werden; wäre dies
möglich, so würde sie schon lange vorher anerkannt worden sein. Aber
sie wird Freunde finden, welche für sie arbeiten, für sie leiden, und,
wenn es notwendig ist, für sie sterben werden. Das ist die Macht der
Wahrheit."

Die Wahlkämpfe Henry Georges und die Unterstützung, die er
dabei durch einzelne Priester, namentlich durch Mac Glynn, fand,
führten zu einem denkwürdigen Streit im katholischen Lager. Darauf
beauftragte der Erzbischof Satolli als Legat Leos XIII., vier Profes-
soren der katholischen Universität Washington mit einer genauen
Prüfung der Lehren von „Fortschritt und Armut". Sie erklärten
einstimmig, daß die Bodenreformlehren nichts enthielten, was der
Glaubens- oder Sittenlehre der Kirche widerstreite. Seitdem gibt es
wohl kein Land der Erde, in dem nicht die Bodenreformbewegung in
stetem wachsen begriffen wäre. In der slawischen Welt wurde Leo
Tolstoi ihr machtvoller Prophet. In der angelsächsischen Welt steht
die Bodenreform vielfach im Mittelpunkt aller sozialen Kämpfe. Lloyd
Georges Aufstieg ist nicht zu erklären, ohne seine Stellungnahme in
der Landfrage. (vgl. Lloyd George „Der Kampf um den englischen
        <pb n="6" />
        ﻿Vorwort von Adolf Damaschke.

V

Boden", Verlag Bodenreform Berlin.) Es ist hier nicht der Ort, über die
einzelnen Fortschritte zu berichten. (Vgl. meine Geschichte der National-
ökonomie, 6t-—70. Tausend, 2. Band, S. 238—3$7, Verlag G. Fischer,
Jena.)

Im deutschen Sprachgebiet ist der politisch und religiös durchaus
neutrale Bund Deutscher Bodenresormer (Berlin NW, Lessingstraße u)
der Träger des Bodenreformgedankens. Sein Programm fordert aber
nicht die Single Tax (alleinige Steuer), wie es dieses Buch und die
Bodenreform der angelsächsischen Länder tun. Es zeigt nur das Ziel,
ohne sich auf den weg festzusetzen. Es lautet:	}	j

„Der Bund Deutscher Bodenreformer tritt dafür ein, daß der Boden, diese Grund-
lage aller nationalen Existenz, unter ein Recht gestellt werde, das seinen Gebrauch als
Werk- und Wohnstätte fördert und jeden Mißbrauch mit ihm ausschließt und das die
Wertsteigerung, die er ohne Arbeit des einzelnen erhält, dem volksganzen nutzbar macht."

Die deutschen Bodenreformer sind sich klar darüber, daß Maß-
nahmen der Sozialreform nur in dem Maße wirksam und heilsam sein
können, als sie aus der geschichtlichen Entwicklung organisch erwachsen.
Naturgemäß kann und muß die Bodenreform in Neuland, wie es z. B.
Kalifornien, Australien darstellt, in anderem Maße und auf anderem
Wege erkämpft werden, als in einem Volke mit jahrtausendalter Kultur,
mit fest eingewurzelten Anschauungen der Rechtsverhältnisse in bezug
auf Bodenverteilung, Bodenbeleihung usw. Diese geschichtliche Bedingt-
heit jedes Fortschritts wird nicht immer erkannt. Ich entsinne mich
eines lehrreichen Beispiels. Joseph Fels, ein amerikanischer Großkauf-
mann, hatte „Fortschritt und Armut" gelesen. Er besaß genug Erkenntnis-
vermögen und sittliche Kraft, seine Persönlichkeit und sein vermögen
in den Dienst dieser Wahrheit zu stellen. Er suchte mich auf und bot mir
für unseren Bund Deutscher Bodenreformer denselben Jahresbeitrag,
den er der englischen und der amerikanischen Organisation zahle:
H0 000 pfd. (Friedenswert 2f0 000 M.), wenn ich in den von mir ge-
leiteten Zeitschriften „Bodenreform" und „Jahrbuch der Bodenreform"
die „reine" Lehre dieses Buches, d. h. die „Single Tax“ vertreten würde.
Mein pinweis darauf, daß ich in meiner „Bodenreform" und meiner
„Geschichte der Nationalökonomie" und in besonderen Schriften den
großen amerikanischen Meister in seiner Persönlichkeit und seinen Grund-
gedanken unserem Volke stets nahezubringen versucht habe, genügte
nicht. Und schroff wurde der Gedanke abgewiesen, daß es gerade im
Sinne penry Georges wäre, wenn wir die Wege, die in Deutschland
zum Ziele führen, allein aus deutschen Verhältnissen heraus bestimmten,
wir schieden zunächst unverstanden; doch hat der ehrliche, eifrige Mann
später die Berechtigung des deutschen Standpunktes wohl erkannt.

Line besondere Stellung in unserer Bodenreform nimmt die Land-
ordnung von Kiautschou ein. Sie ist aus Gedanken erwachsen,
die unser erster Kommissar des Kiautschougebietes, Geheimer Admiral.--
Rat vr. Schrameier selbständig gefunden hatte, als er die ungeheuren
        <pb n="7" />
        ﻿VI

Vorwort von Adolf Damaschke.

Schäden erwog, die der Bodenmißbrauch in den alten ostasiatischen
päfen hervorgebracht hatte. Die „Landordnung von Kiautschou"
schus die erste „Bodenreform in der Praxis". (Vgl. Schrameier: „Die
Land- und Steuerpolitik im Kiautschougebiet, „Jahrbuch der Boden-
reform" und t9f2.) Der Aufstieg Tsingtaus, der die Bewunderung
der Sozialpolitiker aller Nationen weckte, ist ja bekannt. Über die Erfolge
des Bundes Deutscher Bodenresormer im einzelnen vergleiche meine
schon erwähnte Programmschrist „Die Bodenreform".

Linen gewissen Abschluß hat der Kampf des Bundes gefunden
dadurch, daß in der Weimarer Verfassung des Deutschen Reiches unter
den „Grundrechten des deutschen Volkes" auch die Forderungen der
Bodenreformer niedergelegt sind. Ihr Artikel \55 lautet:

„Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer
Weife überwacht, die Mißbrauch verhütet und dem Ziel zustrebt, jedem Deutschen
eine gesunde Wohnung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine
ihren Bedürfnissen entsprechende Wohn- oder Wirtschastsheimstätte zu sichern.
Ariegsteilnehmer sind bei dem zu schaffenden kseimstättenrecht besonders zu be-
rücksichtigen.

Grundbesitz, dessen Erwerb zur Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses,
zur Förderung der Siedlung und Urbarmachung oder zur tjebung der Landwirt-
schaft nötig ist, kann enteignet werden. Die Fideikommisse sind aufzulösen.

Die Bearbeitung und Ausnutzung des Bodens ist eine Pflicht des Grund-
besitzers gegenüber der Gemeinschaft. Die Wertsteigerung des Bodens, die ohne
eine Arbeits- oder Aapitalsaufwendung auf das Grundstück entsteht, ist für die Ge-
samtheit nutzbar zu machen.

Alle Bodenschätze und alle wirtschaftlich nutzbaren Naturkräste stehen unter Auf-
sicht des Staates. Private Regale sind im Wege der Gesetzgebung auf den Staat zu
überführen."

Nun erwächst die neue große Aufgabe, dieses Grundrecht aus der
Verfassung heraus ins lebendige Leben zu führen und es umzusetzen
in Menschenglück und Volkszukunft. Ls ist noch ein Weg voller Mühsal
und Gefahren. Lr wird nur zum glücklichen Ziele führen, wenn sich
viele finden, die in dieser entscheidungsreichen Übergangszeit sich mit
reinem Perzen und heißer Begeisterung diesem Werke widmen. Und
wer könnte die Begeisterung reiner und höher entfachen als £j. George,
der „Prophet von San Franzisko"? wenn es uns gelingen wird, aus
diesem großen Zusammenbruch einen Neubau aufzurichten, jenseits
vom Mammonismus und Kommunismus, einen Neuaufbau, in dem
persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit vereint sein werden, dann
kann und wird „Fortschritt und Armut" stets einen Ehrenplatz ein-
nehmen unter den werken, die der Menschheit Wegweiser waren zu
diesem Ziele.

Berlin NW., 24. Juni ^920.
Lessingstr. u*

A. Damaschke»
        <pb n="8" />
        ﻿Vorwort des Verfassers zur deutschen Ausgabe,

Es freut mich, daß mein Buch, welches so vielen herrschenden An-
sichten entgegentritt, in die Sprache eines Volkes übertragen ist, das
sich durch den Ernst, womit es die Wahrheit sucht, und durch die Offen-
heit, mit der es fie aufnimmt, auszeichnet.

Ich habe leider nicht den Vorteil, mit der deutschen Sprache und
Literatur vertraut zu sein, und die Umgebung, unter deren Eindruck
ich die vorliegende Untersuchung ausgeführt habe, weicht in vielen
Beziehungen von den in Europa herrschenden Verhältnissen ab. Aber
da der Beweis der Wahrheit darin besteht, daß sie immer und überall
dieselbe ist, so mögen vielleicht derartige Verschiedenheiten des Stand-
punktes das Interesse und den Nutzen dieser Untersuchung eher er-
höhen als mindern.

Ich ergreife gerne diese Gelegenheit, um den Eifer und die Ge-
wissenhaftigkeit anzuerkennen, mit der Herr Gütschow sich der von ihm
übernommenen Aufgabe entledigt hat. In allen schwierigeren Fällen
hat er stets meinen Beistand, soweit ich denselben zu leisten vermochte,
gesucht, und, wenngleich ich seine Übersetzung nicht zu lesen imstande
bin, so bin ich doch von deren Treue überzeugt.

Im übrigen bedarf dieses Buch keiner weiteren Vorrede. Es ist
recht eigentlich ein Buch, das für sich selbst sprechen muß. Aber denen,
zu welchen es spricht, sende ich Grüße! Soweit wir auch durch Stellung
und Verhältnisse getrennt sein mögen, wir sind doch durch eine gemein-
same Sache, durch das Band einer gemeinsamen Hoffnung vereinigt.

San Francisco, den August Z880.

Henry George,
        <pb n="9" />
        ﻿Vorwort des Übersetzers.

Als mir im November vorigen Jahres ein Exemplar des vorliegenden
Buches, das damals noch nicht im Buchhandel erschienen war, in die
Hände fiel, und als ich im Dezember mit der Übersetzung begann,
war dasselbe kaum über die Grenzen dieses Staates hinaus bekannt.
Heute hat das Buch bereits vier Auflagen erlebt und in ganz Amerika
gerechte Sensation gemacht, und mehr und mehr bricht sich diesseits
des Gzeans die Überzeugung Bahn, daß wir es hier mit „the book
of modern times“ zu tun haben. Der Verfasser, der seit langer Zeit
als geschätzter Journalist in San Francisco lebt, ist ein self-made-man
und gehörte ursprünglich der Arbeiterklasse an. Dennoch ist die sonst
nicht gerade wohlwollende englische Kritik, welche das Buch bisher er-
fahren, einstimmig in dem Urteil, daß die Gelehrsamkeit und literarische
Arast des Verfassers geradezu erstaunlich und bewundernswert sind.
Den unbefangenen Leser werden aber die sachlichen Ausstellungen,
welche die englischen Kritiker an dem Werke zu machen haben, und
welche sich nicht sowohl gegen die wissenschaftlichen Erörterungen, als
gegen die praktischen Schlußfolgerungen und Tendenzen desselben richten,
nur umsomehr zur reiflichsten Erwägung und aufmerksamsten Lektüre
des Buches reizen. Denn daß die Ansichten des Verfassers über die
Natur des Grundeigentums den in anerkannt ungesunden und un-
gerechten Grundeigentumsverhältnissen groß gezogenen konservativen
Engländern keinen Beifall abgewinnen können, ist begreiflich genug;
aber niemand wird auch von Männern, die in solchen Umgebungen
ausgewachsen und von den traditionellen Anschauungen voreingenommen
sind, volle Unbefangenheit und Freiheit der Auffassung erwarten,
während man sich derselben von dem unter frischeren und ursprüng-
licheren Einrichtungen lebenden Amerikaner mit Recht versehen darf.

Das Buch hält weit mehr, als der Titel verspricht. In der Tat
ist dasselbe ein vollständig ausgearbeitetes System der Sozialwissen-
schaft, und obwohl es sich nicht in den hergebrachten Formen der Hand-
bücher bewegt, so werden doch alle wichtigen Kapitel der volkswirt-
schafts- und Soziallehre mit tiefem Eindringen in den Gegenstand be-
handelt, und dies in einer Sprache, die sich von dem herkömmlichen
trockenen Tone der volkswirtschaftlichen Literatur durch Lebhaftigkeit
und Anschaulichkeit auszeichnet, oft aber sich zu wahrer Beredsamkeit
        <pb n="10" />
        ﻿Vorwort des Übersetzers.

IX

erheb!. Und wie in der äußeren Form der Darstellung eine wohl-
tuende frische oder unter Urnständen eine hinreißende Wärme herrscht,
so ist die Entwicklung der Gedanken eine durchaus selbständige, ori-
ginelle, vor keiner Autorität zurückweichende.

Die entscheidenden Angriffe des Verfassers richten sich gegen die
herrschende Lehre vorn Lohn und gegen die Malthussche Bevölkerungs-
theorie — zwei Bestandteile der herkömmlichen Ökonomie, die überall
die Volkswirtschaftspflege und Politik bestimmen und jede weitgreifende
Reform verhindern, da sie den Arbeitslohn und die Zunahme der Be-
völkerung auf angebliche Naturgesetze zurückzuführen suchen, an denen
keine menschlichen Einrichtungen etwas ändern oder die dadurch min-
destens nur sehr unerheblich modifiziert werden können. So ungeheuer-
lich und fatalistisch diese Lehren sind, so beherrschen sie dennoch bis auf
den heutigen Tag nicht bloß die gangbaren Lehrbücher, sondern vor
allem die öffentliche Meinung der unterrichteten Klassen in nur zu hohem
Maße, und obwohl diese Lehren auch schon von anderer Seite mit mehr
oder weniger Glück bekämpft worden sind, so dürften doch diese hoch-
wichtigen und für den humanen Kampf um die Verelendung des Da-
seins entscheidenden Fragen kaum je eine so glänzende und überzeugende
Lösung erfahren haben wie in unserem Buche.

Die praktische Tendenz des Werkes zielt auf die Beseitigung der
Grundrente, und der schließliche Vorschlag des Verfassers läuft darauf
hinaus, daß der Staat, ohne in die tatsächlichen Besitzverhältnisse
einzugreifen, die Rente an sich nehmen und den Grundbesitzern nur den
Ertrag ihrer Arbeit und ihres Kapitals, diesen aber völlig ungeschmälert,
überlassen soll. Die weitgreifenden Folgerungen, die der Verfasser
an diesen Vorschlag knüpft, muß man in dem Buche selbst nachlesen,
und es scheint zweifellos, daß die überzeugende Kraft seiner Beweise
ihm überall zahlreiche und begeisterte Anhänger schaffen wird. Die
Frage, ob der Reformplan des Verfassers nicht nach verschiedenen
Seiten der Ergänzung bedürfe, lassen wir hier unerörtert. Nur das
eine muß hervorgehoben werden, daß der Verfasser weit entfernt ist,
von einer sozialistischen Organisation der Gesellschaft bjeil zu er-
warten, daß er vielmehr Individualist im strengsten Sinne des Wortes
ist und jede staatliche Einmischung in die freie Bewegung der einzelnen
verwirft.

Die Schlußkapitel sind einer Prüfung des Entwicklungsganges
der Zivilisation gewidmet und suchen die vollständige Übereinstim-
mung der Tendenzen des Buches mit den den menschlichen Fortschritt
beherrschenden Gesetzen nachzuweisen. Die Lehren Darwins und
Herbert Spencers werden hier einer höchst interessanten, teilweise
zustimmenden, teilweise polemischen Erörterung unterzogen.

Doch ist es unmöglich, von dem reichen, eine volle und tiefe Lebens-
anschauung widerspiegelnden Werke in knappem Raum auch nur eine
annähernde Vorstellung zu geben, und wir dürfen uns der Zuversicht
        <pb n="11" />
        ﻿X

Vorwort des Übersetzers.

getrosten, daß dasselbe auch in Deutschland keinem fremd bleiben
wird, der sich ernsthaft mit den Fragen der Gesellschaft befaßt. Eben-
sowenig ist das Buch leicht zu charakterisieren. Don philosophischer
Tiefe, ist es doch im Stil überaus populär; vollkommen radikal, ist
es doch konservativ und religiös; obwohl sein Standpunkt demokratisch
ist, deckt es doch schonungslos die Schwächen und die Korruption der
Demokratie auf, und eines seiner ergreifendsten Kapitel ist dasjenige,
in welchem nachgewiesen wird, daß das volkstümliche Regierungs-
f^stem der Vereinigten Staaten mit schnellen Schritten den Gang
aller früheren Demokratien zu Anarchie und Militärdespotismus nimmt.
Nichtsdestoweniger ist es kein Buch der Kompromisse, vielmehr beruht
es auf einer klar und scharf ausgeprägten Theorie, die, ob wahr oder
falsch, wenigstens das Verdienst einer wunderbaren Einheit und Kon-
sistenz hat; weder rechts noch links abweichend, geht sie gerade auf ihr
Ziel los, indem sie dem Atheismus, dem Materialismus und dem Dar-
winismus mit derselben Kühnheit entgegentritt wie den national-
ökonomischen Theorien der Malthus und Ricardo. Schließlich kann das
Werk ebensowenig als optimistisch wie als pessimistisch bezeichnet werden,
denn während sein ganzer Zweck der Beweisführung gilt, daß mit
einer einzigen Maßregel eine unvergleichlich höhere Zivilisation er-
reichbar sei, finden sich darin mehr als bloße Andeutungen, daß tat-
sächlich der heutige Fortschritt ganz den Verlauf früherer Glanzperioden
nehme und die moderne Zivilisation ihrem Höhepunkte schnell ent-
gegeneile.

Genug, es gehört dies Buch zu jenen seltenen Erzeugnissen des
Geistes, die nicht wohl charakterisiert werden können, und niemand
wird es lesen, ohne den Eindruck zu gewinnen, daß es eines jener Griginal-
werke ist, welche, in langen Zwischenräumen erscheinend, den Gedanken
neue Richtungen geben und die Arena für einen neuen Kampf der
Meinungen eröffnen.

San Francisco, im August t880.

L. 9. F. GLtfchow.
        <pb n="12" />
        ﻿

i. : E

Ow

•Q

Inhalt.

Seite

Vorwort von	Adolf Damaschke....................................................111

Vorwort des	Verfassers zur deutschen	Ausgabe...................................VI[

Vorwort des	Übersetzers.......................................................VI11

Henry Georges Leben und Schriften.....................-...................... I

Einleitung.

Das Problem ................................................................. I8

Buch I. Arbeitslohn und Kapital.

Kapitel I.	Die herrschende Lehre vom Lohn, ihre Unzulänglichkeit.............. 27

-	II.	Der Sinn der Ausdrücke...........................................  56

-	III.	Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen, sondern durch die

Arbeit geschaffen..............................................  50

-	IV,	Der	Unterhalt der Arbeiter wird nicht dem Kapital entnommen .	65

-	V.	Die	wahren Funktionen des Kapitals............................ •

Buch II. Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Kapitel I.	Die Ulalthussche Theorie, ihr	Ursprung und ihre Stühe ....	79

-	II.	Folgerungen	aus Tatsachen	...................................... 87

-	III.	Folgerungen	aus Analogien.......................................106

-	IV.	Widerlegung	der Ulalthusschen	Theorie...........................114

Buch III. Die Gesetze der Berteilung.

Kapitel I. Die Untersuchung ist auf die Gesetze der Verteilung einzuschränken;

notwendige Verbindung	dieser Gesetze............................123

-	II.	Die Grundrente und ihr Gesetz.....................................132

-	III.	Der Zins und dessen Ursache.......................................1Z7

-	iv.	Das fiktive Kapital und der oft für Zins gehaltene Gewinn ...	149

-	V.	Das Gesetz des Zinses.............................................iss

-	VI.	Der Lohn und das Lohngesetz.......................................159

-	VII.	Das Ineinandergreifen und Zusammenwirken der Verteilungs-

gesetze ........................................................I69

-	VIII. Das Gleichgewicht des Problems erklärt........................170

Buch IV. Die Wirkung des materiellen Fortschritts auf die
Güterverteilung.

Kapitel I.	Das	Bewegungsgesetz des Problems noch zu suchen...................174

-	II.	Die	Wirkung der Bevölkerungszunahme auf die Güterverteilung	\76

-	III.	Die	Wirkung der Fortschritte in den Gewerben auf die Güter-

vertcilung......................................................186

-	IV. Die Wirkung der durch den materiellen Fortschritt erregten Er-

wartung ........................................................194
        <pb n="13" />
        ﻿s»



XII = Inhalts= 

Seite:

Buch V. Das Problem gelöst.

Kapitel I. Die Grundursache der immer wiederkehrenden industriellen Krisen 1.98

-	II. Die Fortdauer der Armut inmitten fortschreitenden Reichtums .	2\2

Buch VI. Das Heilmittel.

Kapitel I. Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel , . .	223

-	II. Das wahre Heilmittel............................................  •	2$$

Buch VII. Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Kapitel I. Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes ...........................  24s

-	II. Die Sklaverei der Arbeiter das fchließliche Resultat des Privat-

grundbesitzes ....................................................256

-	III. Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.....................26$

-	IV. Das Privateigentum am Grund und Boden vom historischen

Standpunkte aus.................................................  272

-	V. vom Grundbesitz in den vereinigten Staaten.............................28$

Buch VIII. Die Anwendung des Heilmittels.

Kapitel I. Der Privatbesitz am Grund und Boden unvereinbar mit der besten

Ausnutzung des Bodens ............................................292

-	II. wie gleiche Rechte auf den Grund und Boden in Anspruch genommen

und gewahrt werden können ........................................29s

-	III. Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft..................300

-	IV. Zustimmungen und Einwendungen.........................................3^0

Buch IX. Die Wirkungen des Heilmittels.

Kapitel I. Aber die Wirkung auf die Güterproduktion.................................3*6

-	II. Mer die Wirkung auf die Verteilung und von da auf die Pro-

duktion ..........................................................321

-	III. über die Wirkung auf Individuen und Klassen .........................326

-	IV. Über die Veränderungen, die in der sozialen Organisation und im

sozialen Leben hervorgebracht werden würden.......................330

Buch X. Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Kapitel I. Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes; ihre Un-
zulänglichkeit ............................................................... • • 3$$

-	II. Die Unterschiede in der Zivilisation; worauf dieselben zurückzu-

führen sind.........................................................

-	III. Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes . .........................366

-	IV. Auf welche weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann ...	58 t

-	V. Die zentrale Wahrheit..................................................393

Schluß.

Das Problem des individuellen Lebens................................................$00

l
        <pb n="14" />
        ﻿Henry Georges Leben und Schriften.

Der Name des Verfassers von „Fortschritt und Armut" und der
„Sozialen Probleme" ist auch in Deutschland, wie in seinem Vater-
lande Nordamerika und dem sprachverwandten Großbritannien, rasch
populär geworden, von dem ersteren Werke erschienen binnen weniger
Jahre in Amerika 28, in England 1,0 Auflagen, und auch die deutsche
Übersetzung, die zuerst im Jahre \880, dann in zweiter wohlfeiler
Ausgabe t88§ erschien, ist in vielen Tausenden von Exemplaren ver-
breitet. Das allgemeine Urteil des In- und Auslandes über dieses
Buch lautet dahin, daß es in der gesamten Literatur der Sozialwissen-
schaften wenige Werke gebe, die mit gleicher Lebhaftigkeit und Eindring-
lichkeit geschrieben sind und mit hinreißender Arast der Sprache und
anziehender Schönheit der Form einen so gediegenen Inhalt, eine so
gründliche Beweisführung, eine solche Tiefe der Gedanken verbinden,
was sowohl „Fortschritt und Armut", als auch die „Sozialen Probleme"
vor allem von den meisten national-ökonomischen und sozialwissen-
schaftlichen Büchern unterscheidet, das ist das Element reicher Welt-
erfahrung und vielseitiger Lebensanschauung einerseits, sowie schöpfe-
rischer Einbildungskraft andererseits, das diese Schriften belebt und
erfrischt wie eine" kühle Brise den heißen Sommertag. Der Geist des
Lesers wird nicht ermüdet durch leere Formeln und Verallgemeine-
rungen, sondern überall werden die Ergebnisse der Gedankenarbeit in
lebhafte Verbindung mit den Tatsachen der Erfahrung und Beobach-
tung gebracht; überall sind dem Verfasser Beispiele aus dem Leben
der Menschen und Völker zur ksand, welche die durch Nachdenken ge-
wonnenen Resultate auf anschauliche und reizende weise erläutern;
und es fehlt ihm nicht an der Aunst der Darstellung, welche, auf ein
klares Ziel lossteuernd, den Plan des ganzen Werkes in hellster Be-
leuchtung zeigt, den ksauptpunkten sowie allen Nebenumständen den
ihnen zukommenden Platz anweist und so den künstlerischen Eindruck
voller Symmetrie hervorbringt.

George, Fortschritt und Armut.	(
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        ﻿2

Henry Georges Leben und Schriften.

Lin solcher Schriftsteller muß — dies kann man voraussetzen,
ohne seinen Lebensgang zu kennen — nicht bloß durch Schule und
Unterricht, sondern auch durch vielseitige eigene Anschauung, durch
reiche innere und äußere Erfahrung gebildet sein. Der gewöhnliche
Lebensweg eines Gelehrten reicht in der Regel nicht aus, um solche
Ligenschaften zu entwickeln, wie sie unserem Autor von allen Seiten
bereitwillig nachgerühmt werden, und es wird für den Leser seiner
Schriften einen eigenen Reiz haben, die Einflüsse kennen zu lernen,
denen der Autor die Vorzüge seiner Denk- und Darstellungsweise ver-
dankt. Ja nicht bloß dies. Es wird auch zum besseren Verständnis
und zur kräftigeren Wirksamkeit seiner Schriften dienen, wenn man
die Entstehung seiner Ideen bis in ihren Ursprung verfolgen, die Be-
rechtigung und den wert derselben gleichsam an den Tatsachen selbst,
von denen sie erzeugt wurden, prüfen kann.

Von diesen Erwägungen ausgehend, hat der Verleger der deutschen
Ausgabe von Georges Schriften geglaubt, den Lesern einen Dienst
zu erweisen, wenn er den Werken des Autors einen kurzen Abriß von
dessen Leben und wirken vorausschickt.

wir entnehmen das biographische Material ausschließlich, meist
wörtlich, einem Büchlein, das unmittelbar nach der Anwesenheit Georges
in England, und offenbar unter seiner Autorisation erschienen ist.*)
Auch in der Lharakteristik der wissenschaftlichen und schriftstellerischen
Leistungen Georges folgen wir großenteils jenem Führer. wir hielten
es dabei für angemessen, mehr die Rolle des Berichterstatters, als des
Kritikers zu übernehmen, da uns hier nicht der richtige Drt zu sein schien,
um in eine subjektive kritische Würdigung der Bücher des Autors ein-
zugehen

ftenry George ist am 2. September )839 in Philadelphia geboren.
Sein Großvater war ein englischer Schisfskapitän, der sich in Phila-
delphia niederließ und amerikanischer Bürger wurde. Der im Jahr
1.81.2 ausgebrochene Krieg mit England, in welchem die beiden Schiffe
des Kapitäns durch englische Kreuzer zerstört wurden, vernichtete den
Wohlstand der Familie. Der Vater chenrys, der ein Alter von achtzig
Jahren erreichte, war früherhin Verleger religiöser Bücher, später aber,
von \83\ bis zum Regierungsantritt Abraham Lincolns im Jahre 1861,
Beamter im Zollhause von Philadelphia. Er heiratete eine Dame von
trefflichen Eigenschaften, die, obwohl sie ebenfalls die achtzig über-
schritt, noch kurz vor ihrem Tode als „eine königliche Erscheinung, und

*) Henry George: a biographical, anecdotal and critical sketch. By Henry
Rose. London, W. Reeves, 1884.
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        ﻿Ejenry Georges Leben und Schriften.

3

trotz der Jahre, die an ihren Zügen nicht spurlos vorübergegangen
waren, noch immer schön" geschildert wurde. Zn ihren Adern floß
von seiten ihres Vaters schottisches, von seiten der Mutter franzö-
sisches Blut. Zhr Großvater war in Philadelphia als Kupferstecher
und Kartenzeichner berühmt.

Unser bsenry George besuchte bis zu seinem zwölften Zahre eine
Volksschule, und sodann ein Zahr lang eine höhere Lehranstalt (Aca-
demy), deren Dirigent den Knaben öfters seinen besten Schüler nannte.
Er verließ die Anstalt, weil, wie er seinem Vater erklärte, dort nichts
gelehrt werde, das er nicht bereits wisse oder zu wissen glaube. „Es
ist," jagte er, „doch nur Stückwerk mit der Schule. Zch brauche sie
nicht mehr. Mein Bedürfnis ist, mich in der Welt umzutun." Uber
des Knaben Eigenschaften in dieser Zeit äußert sich der Vater: „bsenry
war seit seiner Kindheit selbständigen Charakters und zu allen Zeiten
ein guter Zunge. Zch fühlte durchaus keine Besorgnis, ihn sich in der
Welt umtun zu lassen. Er war entschlossen und schlau, und da ich fand,
daß bezüglich der Schule sein Sinn nicht zu ändern war, so entschied
ich mich dahin, ihn seinen weg gehen zu lassen. So besuchte penry
die Schule nicht mehr. Aber trotzdem vernachlässigte er seine Bücher
nicht. Die Geschichte war sein Lieblingsstudium, und als er vierzehn
Zahr alt war, besaß er eine ganz achtbare, hauptsächlich aus geschicht-
lichen Büchern und Reisebeschreibungen bestehende Bibliothek."

Mit sechzehn Zähren trat er als Schriftsetzerlehrling in eine Druckerei
zu Philadelphia. Aber seine Leidenschaft für Lektüre, gepaart vielleicht
mit etwas ererbter Neigung und noch mehr mit dem Drange nach Kennt-
nissen und praktischer Erfahrung, trieb ihn mit rastloser Sehnsucht an,
zur See zu gehen. „Lines Tages," erzählt der ältere George, „sagte
mir Henry, er möchte gern zur See gehen —nach Zndien. Dies letztere
verlangen meines Zungen war mir überraschend, und eine Zeitlang
wollte weder seine Mutter noch ich etwas davon wissen. Der Zunge
aber blieb dabei, er habe so viel von jenem unglücklichen Lande gelesen,
daß er nicht ruhen werde, ehe er die Dinge, von denen er gelesen, nicht
aus eigener Anschauung kennen gelernt habe." „Man denke sich," fügte
der Vater hinzu, „ein Bürschchen, welches das Bedürfnis fühlt, einen
Stand der Dinge, wie er in Zndien vorhanden, in eigener Person zu
untersuchen! Zndessen kamen seine Mutter und ich schließlich überein,
ihn gehen zu lassen, und ich besorgte für ihn einen Platz als Schiffs-
junge auf dem Schiffe „Hindu", das damals regelmäßig nach Kalkutta
segelte. Henry war für diese Reise auf drei Zahre engagiert. Als er
jedoch zu uns zurückkehrte, bezeigte er keine Neigung, wieder fortzugehen.
Aber er war in der Lage gewesen, den Stand der Dinge in Zndien
in Augenschein zu nehmen, und seine Berichte waren keineswegs
schmeichelhaft für die fremde Nacht, die sich das Recht der Herrschaft
über jenes Land angemaßt hat."

Mit dem Entschlüsse, zum Setzergeschäft zurückzukehren, trat der
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        ﻿

Ejertty Georges Leben und Schriften.

junge George gegen Ende 1,856 oder anfangs 1857 in eine Druckerei.
Dieselbe ging jedoch infolge der Panik von 1857 ein, und der junge
Lehrling verlor dadurch die Arbeit, ehe er fein Geschäft vollständig
erlernt hatte. Mit dein erzwungenen Müßiggänge erwachte in ihm
wiederum die Lust, sich in der Welt umherzutummeln. Die See hatte
es ihm angetan. Eines Tages, als er an dem Rande des Flusses die
werft entlang ging, bemerkte er einen kleinen neben einem Pfeiler
liegenden Dampfer, der Kohlen- und Handelswaren einnahm. Nach-
dem er festgestellt, daß es ein Küstenfahrer war, wandte er sich an seinen
Begleiter und sagte: „Ich werde Dienst auf ihm nehmen." Und so
fuhr er als Matrose auf diesem Schiffe, das zwischen Boston und Phila-
delphia segelte, bis zum Frühjahr 1858, wo er auf dem Kriegsdampfer
„Shubrick", der nach San Francisco via Kax Horn bestimmt war,
Dienste nahm. Die „Shubrick" galt für eine solche Reise als etwas
klein, und beinahe wäre sie gescheitert. Sie langte in Rio de Janeiro
in schlimmer Verfassung an, erreichte indessen nach der Umschiffung
des Kap schließlich wohlbehalten San Francisco.

Lin Erlebnis auf dieser Reise, die Geschichte eines unter merk-
würdigen Nebenumständen erfolgten Begräbnisses zur See, schilderte
Henr^ George in einem Briefe an einen Freund, der die Arbeit drucken
ließ und sie so trefflich geschrieben fand, daß er den Verfasser ermunterte,
für die Presse zu schreiben — ein Rat, dem George späterhin Folge
leistete.

Als George das Goldland erreicht hatte, fand er sich ohne Be-
schäftigung. Infolge des bereits erwähnten Umstandes hatte er sich
in seinem Geschäfte nicht ordentlich ausbilden können, und so war für
ihn, der nur noch ein Knabe war, fern von der Heimat, unter Fremden,
ohne Beistand von Vater und Mutter und ohne andere Mittel als
die paar Dollars, die er von seinem Solde während der Reise der
„Shubrick" gespart hatte, die Aussicht in die Zukunft nichts weniger
als hell.

Gerade damals (im Spätjahr 1858) redete man in San Francisco
viel von Goldentdeckungen am Frazer-Flusse in dem oberen Teile der
britischen Besitzungen im fernen Nordweften. Die Goldgruben sollten
an der Oberfläche liegen und wurden als fabelhaft ergiebig angenommen.
Man sprach von Leuten, die Stücke im werte von zehn bis fünfzig
Dollars ausgewaschen und in einem Monate ein vermögen erworben
hätten (damals rechnete man vermögen nicht nach Millionen Dollars,
sondern nach Tausenden). Unser junger Held war natürlich der An-
sicht, was andere könnten, könne er auch, und so wandte er seine Schritte
nach dem Frazer-Flusse.

Alles ging gut bis zu seiner Ankunft in Viktoria, auf der van-
couvers-Insel, wo ein Meltau auf seine Hoffnungen fiel. Er fand
die englische Stadt angefüllt mit Goldgräbern, von denen einige aller-
dings Geld gemacht hatten, die meisten aber gründlich enttäuscht waren.
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        ﻿Henry Georges Leben und Schriften.

5

Dennoch beschloß George vorwärts zu gehen, und in einigen Tagen
befand er sich an der Mündung des Frazer-Flusses. Hätte er damals
die Beschwerden, die ihm noch bevorstanden, und das Ungemach am
Ende seiner Reise gekannt, so wäre er wahrscheinlich noch jetzt um-
gekehrt. Allein er verfolgte seinen j)lan weiter, besorgte mit einigen
Genossen Lebensmittel, einen Kahn und ein paar Indianer, und fuhr
stromaufwärts nach den Goldfeldern.

Amerikanische Blätter bemerken, daß der Frazer-Fluß eher einem
steil aufsteigenden Höhenzuge, als einem Flusse vergleichbar sei. Tat-
sächlich hat kein Reisender je das Gebirge erreicht, ohne den Frazer
tausendmal mehr hinaufzuklimmen, als zu rudern. Zuweilen konnte
ein Rahn an einem Tage zehn englische Meilen machen, aber in der
Regel sind vier Meilen das Merk eines geschlagenen Tages. Der Fluß
stellt eine großartige Reihe von Wasserfällen dar; er ist voller Wirbel
und Stromschnellen, während einer Fahrt von fünf englischen Meilen
müssen die Reisenden ihren Rahn zwanzigmal ans Land ziehen, ihn
auf ihre Schulter heben und mit ihm über Felsblöcke schwanken. Be-
ständige Wachsamkeit war nötig, daß der Rahn in den Wirbeln nicht
umgeworfen wurde, und niemals verging ein Tag, wo der Rahn nicht
zwei oder dreimal, oft ein halbdutzendmal umschlug. Dann begann
das Haschen und Untertauchen, um die Lebensmittel, die Decken und
Zeltgeräte zu retten, denn man muß bedenken, daß an der «Duelle
des Frazer Mehl anderthalb Dollar das jdfund, und Schinken ungefähr
zweimal soviel kostete.

George und seine Begleiter hatten ungefähr dieselben Erfahrungen
zu machen, wie fast alle die, welche nach jener Gegend gegangen waren,
um Gold zu suchen. Und was war schließlich ihr Lohn? Sie fanden,
wie Tausende vor ihnen, daß die Goldfelder auf ein sehr kleines Ge-
biet beschränkt waren, und daß dies Gebiet, anstatt fabelhaft ergiebig
zu sein, wie man es in San Francisco geschildert hatte, sich nicht über
den Durchschnitt der Goldgräbereien erhob. Gelegentlich fand ein
Gräber einen Goldklumpen; aber dies war alles. Das Schlimmste
jedoch war, daß die Minen wegen des strengen winters und der schweren
Schneefälle nur wenige Monate im Zahr bearbeitet werden konnten.

George und seine entmutigten Genossen wandten traurig ihrem
erhofften Eldorado den Rücken und suchten wieder das mildere Rlima
von Ralifornien auf. Doch George war nicht der Mann, um so leicht
abgeschreckt zu werden. Es war die Ara der Bergwerksentdeckungen,
und es dauerte nicht lange, so war er wiederum bereit, das wankel-
mütige Glück zu versuchen. Er stürzte sich ganz in das damals modische
Rennen nach Gold und Silber und erlebte das gewöhnliche „Berg-
mannsglück".

Schließlich erhielt er Beschäftigung in einer Druckerei zu San
Francisco und bekam dadurch Gelegenheit, sich vollends zum Setzer
auszubilden. Um das Jahr J86J. wurde er Setzer in der Druckerei
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Henry Georges Leben und Schriften.

einer Tageszeitung, Pier schrieb er anonyme Briefe an das Blatt,
bei dem er beschäftigt war, und hatte die Genugtuung, manchmal
Artikel, die er selbst geschrieben hatte, zu setzerr. Oft wurden seine Briefe
als Leitartikel veröffentlicht, ohne daß die Perausgeber den Namen
und die Beschäftigung des Verfassers kannten. Als Präsident Lincoln
ermordet worden war, schrieb George einen langen Artikel über Leben
und wirken des Märtyrer-Präsidenten. Dieser Artikel machte unter
den Zeitungsschreibern Kaliforniens Aufsehen, und Auszüge daraus
wurden in allen Teilen der Vereinigten Staaten veröffentlicht. Doch
niemand kannte den Namen des Verfassers.

Später nahm George eine Stelle als Setzer bei der „ San Fran-
cisco Times" an. Auch hier setzte er seine anonyme Schriftstellerei
fort. Der Perausgeber des Blattes suchte längere Zeit vergeblich den
Verfasser der Zuschriften zu erforschen. Dieselben waren stets in den
Briefkasten geworfen worden, der am Fuße der zur Redaktion führenden
Treppe angebracht war, und es gelang endlich, George an dem Brief-
kasten zu erwischen und in ihm die Person zu ermitteln, von der die
Artikel herrührten. Der Perausgeber engagierte ihn sogleich für die
Redaktion, und schon drei Monate danach wurde er der leitende Re-
dakteur des Blattes.

Zn dieser Stellung blieb George bis zum Zahre J.867, wo er die-
selbe aufgab, um in die Redaktion des „San Francisco perald" ein-
zutreten. Tr hatte sich inzwischen mit einer von irländischen Eltern
stammenden Dame verheiratet, und mit zunehmender Familie stellten
sich allmählich Sorgen ein, die indessen unseren Mann nur zu desto
größerer Tätigkeit anspornten und ihn namentlich nicht abhalten
konnten, mit allem Eifer an seiner Bildung zu arbeiten.

Der „perald" hatte mit schwierigen Konkurrenzverhältnissen zu
kämpfen. Man verweigerte ihm die Aufnahme in die Preßgenossen-
schaft, die auf gemeinsame Kosten ihre telegraphischen Depeschen bezog.
Es mußte daher ein eigener Dienst organisiert werden, und George
wurde nach Newyork geschickt, um die nötigen Einrichtungen zu treffen.
Bald war er imstande, seinem Blatte die Nachrichten aus dem Osten
und aus Europa prompt zu senden; aber die Kosten waren so groß,
daß der „perald" in Schwierigkeiten geriet und nach kaum einjährigem
Bestehen das Erscheinen einstellen mußte. George kehrte darauf nach
Kalifornien zurück und widmete sich eine Zeitlang der Grund- und
Bodenfrage, die damals den Staat bewegte. Auf diesen Studien beruht
zum Teil die Schrift „Fortschritt und Armut". Zn einem neuen
Lande, wo der Grund und Boden verhältnismäßig billig und der
Arbeitslohn hoch war, und wo er gleichsam mit eigenen Augen den
ganzen Prozeß der Entwicklung kleiner Ansiedelungen in Dörfern und
Städten wahrnehmen konnte, hatte George die günstigste Gelegenheit
zur Beobachtung der wirtschaftlichen Gesetze, deren genaue Wirksam-
keit in alten Ländern, wo derartige Entwicklungen nicht Monate,
        <pb n="20" />
        ﻿£}ettry Georges keben und Schriften.

7

sondern Jahre und oft Jahrhunderte Zeit brauchen, viel weniger leicht
zu zergliedern ist. Er gab damals eine Broschüre über die Landfrage
heraus, der nach einigen Zähren eine andere über denselben Gegen-
stand folgte.

t872 gründete George in Gemeinschaft mit vier anderen in San
Francisco ein neues Penny-Blatt unter dem Titel „Evening-Post".
Die glänzenden Leitartikel aus Georges Feder verschafften dem Blatte
bald einen Leserkreis von vielen Tausenden, namentlich unter den
Arbeitern. Einige bemerkenswerte Züge mögen dartun, wie George
feine Stellung und Aufgabe als Herausgeber eines gelesenen Blattes
auffaßte. Er nahm Partei für die Matrosen eines Schiffes, die von
dem Kapitän und den Offizieren grausam behandelt worden waren,
aber bei den Behörden, die von den mächtigen Reedereiinteressen be-
einflußt wurden, kein Recht fanden, und setzte mit bedeutenden Geld-
opfern durch, daß die Angeschuldigten zur Rechenschaft gezogen und
zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Zn einem anderen
Falle bekämpfte er ein Gesetz, betreffend den freien Ausschank von
Branntwein, und geriet dadurch in einen schweren Kampf mit den
bezüglichen Znteressen. Die viertausend Destillationen San Franciscos
boten ihre vierzigtausend Kunden zum Kriege gegen die „Post" auf.
Zn keinem öffentlichen Lokale, bei keinem Krämer durfte das Blatt
mehr gehalten werden. Doch die Freunde der Mäßigkeit und des freien
Wortes scharten sich um das Blatt, und der Ausfall wurde durch eine
noch größere Liste neuer Abonnenten gedeckt.

Inzwischen suchten gewisse Politiker dem Blatte auf andere Art
beizukommen, indem sie die Anteile zweier der Beteiligten ankauften.
Man hoffte so das Blatt nach Wunsch lenken zu können. Diese Ab-
sicht jedoch scheiterte an dem Widerstande Georges und seines letzten
Genossen, und es blieb nichts übrig, als die Anteile dieser beiden selbst
anzukaufen. George ging, um weiteren Schwierigkeiten auszuweichen,
auf den hierauf abzielenden Vorschlag ein; aber die Käufer hatten die
Rechnung ohne den Wirt gemacht, als sie glaubten, daß es die Zeitung
sei und nicht der Mann, woran die Leser hingen. Die letzteren ver-
mißten Georges Feder, und in weniger als drei Monaten hatten sich
die Abonnenten so verringert, daß man das Blatt losschlagen mußte.
George und sein Genosse kauften dasselbe um eine weit geringere Summe
zurück, als sie für ihre Anteile allein erhalten hatten.

Der erstere übernahm wieder die leitende Stellung und führte,
nachdem das Blatt bald von neuem einen Aufschwung genommen, eine
seiner Lieblingsideen, nämlich die Beteiligung aller bei dem Blatte
beschäftigten Leute, durch. Es wurde eine Aktiengesellschaft gegründet,
und zur Vergrößerung des Unternehmens ein Darlehen von 30000 Dol-
lars aufgenommen. Dies sollte in der Folge verhängnisvoll für das
Blatt werden. Zm Zahre 1.875 stellte die Bank von Kalifornien ihre
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        ﻿8

Henry Georges Leben und Schriften,

Zahlungen ein, eine finanzielle Krisis folgte, und das Darlehen wurde
gekündigt. Obwohl die Bilanz des Blattes durchaus günstig war, be-
stand man auf sofortiger Bezahlung, die nicht geleistet werden konnte.
Die Kündigung entpuppte sich bald als ein Loup, um die Zeitung in
andere Hände zu bringen. Für George aber hatte die Sache die Folge,
daß er das von ihm gegründete Unternehmen ohne, einen Dollar in
der Tasche verlassen mußte. Glücklicherweise erhielt er bald eine kleine
amtliche Stellung bei dem Gouverneur des Staates, die ihm hin-
reichende Ulußs gewährte, um sein Buch „Fortschritt und Armut" zu
schreiben.

Die Abfassung desselben hatte etwa ein Zahr (1,878—79) in An-
spruch genommen. Allein nun begannen die Schwierigkeiten, einen
Verleger zu finden. Ls ist eine schwer zu überwindende Überlieferung
bei diesen, daß Bücher über Nationalökonomie, mit Ausnahme einiger
Kompendien, die als Lehrbücher in Schulen Eingang finden, sich nie-
mals bezahlt machen. Endlich fand sich die Firma D. Appleton bereit,
das Buch ohne Honorar zu drucken. Die erste Auflage von 500 Exem-
plaren wurde sofort ausverkauft. Die zweite Ausgabe ging mit der-
selben Schnelligkeit ab, wie die erste, und nun folgte Ausgabe auf Aus-
gabe in überraschend kurzen Zwischenräumen. Für ein Werk dieser
Art war der Absatz in der Tat unerhört. Von allen vier weitenden
liefen teilnehmende Briefe und Glückwünsche ein. Eine der wichtigsten
Folgen der neuen Lehre jedoch war die Bildung der amerikanischen
„Frei-Boden-Gesellschaft". Aber auch an Beweisen der schärfsten
Gegnerschaft fehlte es nicht. Zn den Tempeln des Mammon und der
Vorrechte hörte man das Rollen des Donners und suchte durch Lügen
und Schmähungen das soziale Erdbeben abzuwenden, das hier drohte.

Die deutsche Übersetzung des Buches (dieselbe, die dem Leser hier
vorliegt) erschien alsbald nach der Veröffentlichung des Originals. Zhr
folgten Übersetzungen ins Spanische und in andere Sprachen.

Die Veröffentlichung des Buches in England erregte dort eine
nicht geringe Bewegung. Die Nationalökonomen gerieten darüber in
lebhaften Streit. Aber dank einer billigen Presse kam das Buch auch
in die Hände derjenigen, die in der gewöhnlichen Sprache die „Massen"
genannt werden. Zn weiten Kreisen wurde „Fortschritt und Armut"
mit Zubel begrüßt, und wie in Amerika, so bildete sich auch in Eng-
land unter demNamen „Landreformbund" (jetzt „Landwiedererstattungs-
liga") eine Gesellschaft, die sich die Propaganda der neuen Lehre zur
Aufgabe machte. Um so mehr beunruhigte der Einfluß des Buches
die Verteidiger des „geheiligten Rechtes des Eigentums", die von
jeher wenig aufgelegt gewesen sind, sich um Fragen zu kümmern, welche
die „geheiligten Rechte des Menschen" betreffen.

Zm Oktober 1881 kam George als Korrespondent der Irisb Worte!
nach England. Ls war die Zeit heftiger politischer Unruhen in Irlands
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        ﻿Ejenry Georges Leben und Schriften.

9

und da die Bewegung mit Fragen zusammenhing, die George zum
Studium seines Lebens gemacht hatte, so kam er gerade zu rechter
Zeit, um seine Ansichten an dem wirklichen Stande der Dinge zu prüfen.
Lr war seit Jahren überzeugt, daß die Irländer bestimmt wären, eine
bedeutende Rolle in der Welt zu spielen. Er hatte offen seine Meinung
kundgegeben, daß mit der Bildung der Landliga eine Umwälzung
begonnen habe. Dies ließ seine Ankunft vielen Irländern willkommen
erscheinen. Er war bereits mit Michael Davitt und anderen irischen
Führern bekannt, und suchte sie für seine Ansichten zu gewinnen. Lr
teilte Davitts Überzeugung, daß die soziale Frage von größerer
Wichtigkeit als die politische sei, wie denn überhaupt zwischen den beiden
eine starke Übereinstimmung der Ansichten bestand.

In den Sommermonaten des folgenden Jahres hielt George in
Dublin und anderen irländischen Orten öffentliche Vorträge über die
Landfrage und erwarb sich dadurch in Irland große Popularität, wurde
aber auch zugleich den englischen Behörden verdächtig, die ihn mehr-
mals siftierten und seineBriefe anhielten. Und nicht allein den englischen
Behörden, sondern auch den Parnelliten war er unbequem, da sich
unter denselben nicht wenige Grundbesitzer befanden, die im Privat-
eigentum am Grund und Boden keineswegs ein Unrecht sahen.

Auf Veranlassung des schon erwähnten englischen Landreform-
bundes besuchte George im Jahre f884 England von neuem, um durch
öffentliche Vorträge für seine Ansichten zu wirken. Derselben Zeit
verdankt auch das zweite Buch Georges: „Soziale Probleme", seine
Entstehung. Die Vorträge handelten natürlich in erster Linie von der
Landfrage. Lin anderes Thema betraf Moses und das mosaische Gesetz.
Das letztere gilt ihm als ein Protest gegen die Selbstsucht und Pak-
sucht der einzelnen, als ein Bollwerk gegen Unterdrückung, eine Schutz-
wehr der Menschenrechte, ein System der Vergeltung für unwissentlich
oder mutwillig zugefügtes Unrecht. Der Zweck, den George bei der
Wahl dieses Vortragsthemas im Auge hatte, ist klar genug. Er, der
sich mit Nachdruck auf den Grund der zehn Gebote stellt, der seine
Eigentumstheorie eben auf die zehn Gebote stützt, will den falschen
Eigentumstheorien ihre geborgte Stütze entziehen. Ihm gilt das
Eigentum allerdings als heilig, aber nur dasjenige Eigentum, das
allein mit Recht Eigentum der einzelnen werden konnte; nicht das-
jenige, das erst zu Unrecht dem Volke genommen werden mußte, um
eine neue und falsche Gattung des Eigentums darzustellen. Ob ihm
auch die Nebenabsicht vorschwebte, einer Glaubensgenossenschaft ins
Gewissen zu reden, die sich vorzugsweise als die Bekennerin der mo-
saischen Gesetzgebung betrachtet, mag dahingestellt bleiben.

Die Vorträge Georges fanden in London und vielen anderen
großen Städten Englands und Schottlands lebhaften Beifall und eine
zahlreiche Zuhörerschaft. Zuweilen jedoch, namentlich in kleineren
        <pb n="23" />
        ﻿







Orten, die unter dem Einflüsse der Grundbesitzer standen, begegneten
sie auch bitterer Feindschaft, deren Macht so groß war, daß sich kein
Inhaber eines öffentlichen Lokals bereit fand, dasselbe dem Redner zu
überlassen. Und als derselbe nach London zurückkam, trat der näm-
liche Lall ein. Die Besitzer der größten Säle verweigerten ihm die-
selben, so daß er nur in einem kleinen Saale des Ostendes sprechen
konnte.

Als den hervorstechendsten Eharakterzug in den Vorträgen bsenry
Georges bezeichnet Ls. Rose dessen unerschütterlichen Glauben an die
Macht der Ideen. „Sein einziger Zweck war, der Wahrheit Bahn zu
brechen, denn er vertraute felsenfest auf deren innere Macht und deren
Widerhall in dem Menschenherzen." Er war daher das gerade Gegen-
teil eines Demagogen. Er glaubte an seine Mission, aber er forderte
keine blinde Anhängerschaft. Er zog eine geringe Zahl urteilender
Schüler, die wirklich seine Bücher gelesen, seine Ansichten verdaut und
sich von seiner Begeisterung hingerissen gefühlt hatten, den lauten
Kundgebungen der Menge vor, welche die Sache nicht kennt, der sie
Beifall zollt. „Ernst ohne Heftigkeit, Schärfe ohne Bitterkeit, Klar-
heit ohne Gemeinplätze — dies waren die kennzeichnenden Eigen-
schaften des Reformers, der die Sache des Volkes vor dem Volke führte.
Sein Vortrag war anschaulich und leicht genug, um auch für den ein-
fachsten verstand faßlich zu sein, und hie und da brach aus demselben
eine natürliche Beredsamkeit hervor, die nur die Hartgesottensten
nicht mit sich fortriß. Aber alle rednerische Künstlichkeit war ihm fremd.
Die volle Glut und Färbung eines gebildeten Geistes und eine überall
auf edle Ideale gestimmte Natur gab seinen Vorträgen für diejenigen,
welche der landläufigen Behandlung politischer, religiöser und philan-
thropischer Fragen müde waren, einen Reiz der Neuheit und Frische."

Gehen wir zur Darstellung der volkswirtschaftlichen Lehren un-
seres Autors über, so ist als Fußpunkt derselben dessen Stellung zum
Grundeigentum zu betrachten. Das Grundeigentum gilt ihm als
eine Verneinung der Menschenrechte. Für ihn liegt die wahre Recht-
fertigung des Eigentums in dem Rechte des Menschen auf sich selbst,
auf das, was er durch seine Arbeit hervorbringt. Was jemand her-
vorbringt, sei sein, mag er es selbst behalten, verkaufen oder verschenken.
Aber das Privateigentum am Grund und Boden ist eine Verletzung
jenes so definierten Eigentumsrechtes. Das Grundeigentum be-
deutet die Leugnung des Eigentumsrechtes an den Dingen, welche das
Produkt der Arbeit sind. Ls ist nicht der Grund und Boden, wonach
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        ﻿Ejenrf Georges Leben und Schriften.

U

man verlangen trägt. Niemand braucht mehr Land, als er mit eigener
pand bebauen kann, oder mehr als sechs Fuß, um darin zu liegen,
wenn er gestorben ist. was man an dem Grundbesitze schätzt, ist einfach
die Macht, von der Arbeit Tribut zu fordern, was man braucht, ist
nicht das Land, sondern die Arbeit der Menschen. Der Grund und
Boden von London ist der wertvollste Grund und Boden der Welt;
aber man lasse die Einwohner Londons fortziehen und nur die Grund-
eigentümer dort bleiben, wieviel würde dann noch der Grund und
Boden wert sein? Der wert desselben hat stets nur in dessen Macht
bestanden, Arbeit zu beherrschen, und ehe er diese Macht erhielt, war
er ohne jedweden wert. Ohne Land kann kein menschliches Wesen
leben; ohne Land kann keine Arbeit getan werden, und deshalb war
derjenige, der Land besaß, aus welchem und von welchem andere
Menschen leben mußten, der Herr derselben und konnte von ihnen
ohne irgendeinen Ersatz einen Teil ihres Erwerbes fordern.

^George verlangt deshalb folgerecht die Wiedererstattung des Landes
an diejenigen, denen es in Wahrheit gehört, d. h. an alle Bürger, oder
an deren Organ, den Staat. Als die einfachste Art und weise einer
solchen Wiedererstattung betrachtet er die Einziehung der Rente durch
Besteuerung. Eine Steuer auf den Bodenwert, meint er, sei mit
den denkbar geringsten Rosten und mit weniger Gefahr der Umgehung
und Korruption als jede andere Steuer einzuziehen. Überdies habe
sie die Eigenschaft, anstatt auf der Produktion zu lasten oder aus Arbeit
und Kapital zu fallen und so die Hervorbringung von Gütern zu ver-
mindern, wie es andere Staaten tun, vielmehr die Hervorbringung
von Gütern zu steigern, indem sie das Besitzmonopol beseitigt und
verhindert, daß Leute, die nicht selbst das Land benutzen, andere von
der Benutzung abhalten.

viele, welche die Richtigkeit von Georges Ansichten über das
Grundeigentum anerkannten, haben an dessen Schriften und Vor-
trägen darum Anstoß genommen, weil er sich begnügt, einfach das Prinzip
auszusprechen, und die Verpflichtung leugnet, die bisherigen Eigen-
tümer zu entschädigen. Nicht, daß George einer Umwälzung aller
jeweilig bestehenden Besitzverhältnisse das Wort redete. Aber ihm ist
es, selbst aus taktischen Gründen, vor allem wichtig, nur die ersten
Grundsätze festgestellt zu sehen. Es ist ihm sehr erwünscht, daß die
Erörterung der Frage im Publikum sich hauptsächlich um die An-
gelegenheit der Entschädigung dreht. Er schließt daraus, daß die Flut
■ bereits im Steigen begriffen ist, und glaubt, daß die praktische Durch-
führung des Grundsatzes viel leichter sein werde, als man annimmt.
)m Grunde, meint er, gebühre eine Entschädigung nicht denen, die
durch das Unrecht Vorteil gehabt, sondern denen, die darunter ge-
litten haben. Daß die Regierungen das Unrecht gut geheißen, macht
keinen Unterschied. Regierungen müssen nach demselben Maßstabe der
Sittlichkeit und Gerechtigkeit beurteilt werden, wie die einzelnen.
        <pb n="25" />
        ﻿12

fjertry Georges Leben und Schriften.

An sich werden sie durch die gleichen Sittengesetze erhalten oder ver-
urteilt. Obgleich er indessen aus Gründen sowohl der Gerechtigkeit
als der Politik keinen Anspruch auf Entschädigung zugestehen zu
dürfen glaubt, so hält er doch dafür, daß die von ihm erstrebte Reform
unter gradweiser Erhöhung der Grundsteuer sich so allmählich voll-
ziehen und solche Verbesserungen der politischen und sozialen Ordnung
mit sich bringen würde, daß die Durchführung ohne übermäßige Härte
möglich wäre.

Grundsätze stehen ihm, wie man sieht, höher als Kompromisse,
und er ist keineswegs ein unbedingter Anhänger der Maxime, daß alle
politischen Handlungen auf Kompromissen beruhen müßten. Ein un-
abhängiges Handeln kann für unser künftiges Wohl und die Wohl-
fahrt unseres Landes unvergleichlich folgenreicher sein als die fort-
währende Bereitwilligkeit zu Kompromissen. Faktisch müssen wir denen,
die numerisch stärker, obwohl vielleicht weit weniger im Recht sein
als wir, zugestehen, daß wir ohne sie nicht vorwärts kommen können.
Allein wir geben ihnen so Veranlassung, auf diese unsere Gelehrigkeit zu
pochen, uns mit hinterlistigen Erklärungen der Sympathie für unsere
Grundsätze zu schmeicheln, und dann ungestraft nach ihrem Belieben
und gänzlich ohne Rücksicht auf unsere wünsche zu handeln. So ver-
kaufen wir faktisch oft unser Geburtsrecht für eine Einigkeit, die ent-
weder den politischen Stillstand oder den Rückschritt zu Wege bringt,
und erkennen nicht, daß, wenn wir nur das Gefühl unserer Kraft und
unserer Pflicht hätten, nicht wir es sein würden, die Recht haben, so
hastig ihre Bereitwilligkeit zu Kompromissen zu erklären, sondern die-
jenigen, welche bisher mit uns gespielt und nichts als ihre eigenen Ein-
sichten und selbstsüchtigen Interessen vertreten haben. Dies war der
Standpunkt, auf den sich George gegenüber dem Andrängen vieler
Freunde, in seinen öffentlichen Vorträgen „so mild als möglich auf-
zutreten", stellte. Er erklärte ihnen gerade heraus, daß er dies min-
destens für keine gute Politik halte. Rach seiner Meinung komme es
vor allem daraus an, einen klaren und richtigen Ausgangspunkt zu
gewinnen. Ls sei nicht nötig, bemerkte er, eine Majorität für die ge-
meinsamen Grundsätze zu gewinnen. „Lin paar ernste Männer, die
wissen, was sie wollen, sind mächtiger als eine viel größere Anzahl
von Leuten, die keine Überzeugung und kein Programm haben. Jeder
Schritt, den man in der Sache tut, macht den nächsten Schritt leichter.
Je mehr Widerspruch erregt wird, desto rascher wird man sein Ziel er-
reichen. Auf Verleumdung muß man natürlich gefaßt sein. Aber auch
diese wird nicht ewig dauern."

ft

BWUiSKI
        <pb n="26" />
        ﻿Henry Georges SEebert und Schriften.

\5

von den europäischen Sozialisten unterscheidet sich penry George
hauptsächlich dadurch, daß er keineswegs geneigt ist, dein Staate jene
Allwissenheit und Allmacht zuzuerkennen, die heutzutage verschiedene
Parteien sür denselben gern in Anspruch nehmen möchten. Die euro-
päischen Sozialisten betrachten Arbeit und Kapital als einander feind-
lich und bekämpfen daher die Kapitalisten und Rentiers ebenso oder
noch mehr als die Grundeigentümer. Sie verlangen die Beseitigunq
des Privatkapitals und die Organisation der Arbeit durch den Staat.
Anders George. Nach ihm sind die Interessen des Arbeiters und des
Kapitalisten die gleichen, und er stützt diese Ansicht auf die Leugnung
des Malthusschen Satzes, daß die Bevölkerung schneller wachse als
die Unterhaltsmittel. Nach ihm ist gerade das Gegenteil der Fall.
Die Unterhaltsmittel nehmen schneller zu als die Bevölkerung; ja die
Zunahme der Unterhaltsmittel ist verhältnismäßig desto größer, je
zahlreicher die Arbeiter werden. Er erstrebt daher keine andere Orga-
nisation der Gesellschaft, als die gegenwärtig bestehende, und erwartet
das Beste von der vollkommenen Freiheit der einzelnen. Eingriffe
des Staates erscheinen ihm nur hinsichtlich derjenigen Geschäfte ge-
rechtfertigt, die ihrer Natur nach Monopole sind.

Das erste und größte der Monopole, die er bekämpft, ist das Boden-
monopol; doch bekämpft er dies nicht bloß als Monopol, sondern auch
wegen der wesentlichen Verschiedenheit zwischen dem Boden als einer
Naturgabe, und einem Eigentum, das die Schöpfung des Fleißes ist.
was das letztere betrifft, so können hier Monopole nur durch Ver-
leihungen des Staates oder durch die Übermacht einzelner entstehen,
welche andere am Produzieren oder am Austausch verhindern, be-
ziehungsweise ihnen die Bedingungen vorschreiben, unter denen sie
produzieren oder tauschen dürfen. Pierher gehören vor allem die Eisen-
bahnen. Gegen beide Arten von Monopol verlangt George Maßregeln
des Staates.

Das wichtigste jedoch ist die Beseitigung des Bodenmonopols.
Die immer zunehmende Aufsaugung des durch Arbeit und Kapital
geschaffenen Reichtums durch die Grundrente veranlaßt nach ihm ein
immer tieferes Sinken des Arbeitslohnes und des Zinsfußes, je mehr
Arbeit und Kapital zunehmen; während in neuen Ländern, wo der
Boden noch frei und die Rente niedrig ist, Lohn und Zinsfuß hoch
sind. Die Rente wird somit durch Arbeit und Kapital geschaffen und
gehört nur ihnen, d. h. allen —der Gesellschaft oder dem Volke. George
schlägt deshalb vor, die Rente durch eine allmählich steigende Steuer
einzuziehen, bis ihr Gesamtbetrag vom Staate absorbiert ist und zum
Nutzen des ganzen Volkes verwendet wird.

George ist sonach weder Staatssozialist noch vollends Kommunist.
Nach ihm erfordert die Peilung der sozialen Krankheit, die Abwendung
der sozialen Gefahr nur die Beseitigung der Ursachen, welche die ge-
        <pb n="27" />
        ﻿•EjentY Georges Leben und Schriften.

\±

rechte Verteilung der Güter verhindern. „Dies Unternehmen," sagt
er in seinem letzten IMH erschienenen und gleichfalls ins Deutsche »her-
setzten Buche „Soziale Probleme", „ist lediglich ein Werk der pinweg-
räumung. Es ist für uns nicht nötig, verwickelte und kunstreiche Pläne
zu entwerfen, um die gerechte Verteilung der Güter herbeizuführen.
Denn die gerechte Verteilung der Güter ist offenbar die natürliche
Verteilung der Güter. Und darüber, was die natürliche Verteilung
der Güter bedeutet, kann es keinen Streit geben. Es ist die, welche
demjenigen die Güter gibt, der sie macht, und sie demjenigen sichert,
der sie spart."

will man George einen Sozialisten nennen, so wird man ihn
allenfalls einen christlichen Sozialisten nennen dürfen. Denn es ist
das praktische Lhristentum im besten Sinne des Wortes, das für ihn
den Leitstern seiner sozialen Auffassungen bildet. So sehr ihm ein eng-
herziger Individualismus oder eine hoffnungslose Staatsallgewalt zu-
wider sind, so klar sieht er doch ein, daß der soziale Fortschritt das Wohl-
ergehen eines jeden mehr und mehr zur Angelegenheit aller, und
umgekehrt das Wohlergehen aller mehr und mehr zur Angelegenheit
eines jeden macht, und die Gesamtheit mit Banden, denen niemand
entgehen kann, immer enger aneinander knüpft. Die vollkommene
Gesellschaft kann nach seiner Ansicht nur auf Grundlagen der persön-
lichen Freiheit entwickelt werden; aber der einzelne hat sich selbst zu
einem echten Gliede der Gesellschaft zu entwickeln, „wer," sagt er in
dem letzterwähnten Buche, „die Gesetze und das Eigentum achtet
und für seine Familie sorgt, aber keinen Anteil am allgemeinen wähle
nimmt und nicht an die Niedergetretenen denkt, außer daß er etwa
hie und da einmal ein Almosen reicht, der ist kein wahrer Lhrist. Und
er ist auch kein guter Bürger."

Sowohl der Individualismus als der Sozialismus erstrebt eine
Organisation der Gesellschaft. Aber der Individualist hofft das Er-
gebnis erreicht zu sehen nicht durch eine Organisierung der Ulasse, son-
dern durch die freie und sittliche Tätigkeit der einzelnen; während
der Sozialist annimmt, daß es stets im Staate eine große Anzahl ein-
zelner gebe, deren Wirksamkeit als Kapitalisten oder Inhaber der Macht
in einem beständigen Kriege mit den Interessen der Masse begriffen
sei, einer Masse, die sich gegen die willkürlichen Bestrebungen des
Kapitals und der Regierung nicht allein zu schützen vermöge. Beide
also, der Individualismus wie der Sozialismus, erstreben eine Or-
ganisation nach einer Idee, ohne hinlänglich zu erkennen, daß einer
solchen Organisation eine durch die Gesinnung hervorgebrachte Or-
ganisation vorhergehen, daß die erstere aus der letzteren erst entwickelt
werden muß. George legt auf die Gesinnung den Nachdruck. Er schließt
nicht die Grganisation nach einer Idee aus, aber er gibt ihr den zweiten
Platz. Zur Erläuterung mag die folgende Stelle aus den „Sozialen
        <pb n="28" />
        ﻿Henry Georges Leben und Schriften.

\5

Problemen" dienen. „Ls gibt Leute," heißt es dort in dem Kapitel
über die ersten Grundsätze, „welche beständig so reden und schreiben,
als wenn jeder, der die gegenwärtige Verteilung der Güter fehler-
haft findet, verlangte, daß der Reiche zugunsten des Armen beraubt
werden solle; daß für den Faulen auf Kosten des Fleißigen gesorgt
und eine falsche und unmögliche Gleichheit herbeigeführt werden solle,
welche, indem sie jeden auf dasselbe tote Niveau bringt, allen Sporns
sich auszuzeichnen, vernichten und den Fortschritt zum Stillstände bringen
würde. Aus der Reaktion gegen die offenbare Ungerechtigkeit der
jetzigen sozialen Verhältnisse sind solche wilde Pläne hervorgegangen,
und finden noch immer Verteidiger. Aber nach meiner weise zu
denken sind dieselben so unausführbar und unnatürlich, wie sie nur
immer denen scheinen können, welche den „Kommunismus" am lautesten
verdammen. Zch will mich nicht darüber aussprechen, ob im Fortschritt
der Menschheit ein Zustand der Gesellschaft möglich sein wird, welcher
die Formel Louis Blancs realisiert: „von jedem nach seinen Fähig-
keiten; jedem nach seinen Bedürfnissen"; denn es bestehen schon heutigen
Tages unter den religiösen Orden der katholischen Kirche Gesellschaften,
welche auf dem Kommunismus des ältesten Lhriftentums beruhen.
Allein es scheint mir, daß die einzige Kraft, durch welche eine solche Ver-
fassung der Gesellschaft erreicht und behauptet werden kann, diejenige ist,
von der die Urheber der in Rede stehenden pläne im allgemeinen
nichts wissen wollen, auch wenn sie ihr nicht unmittelbar feindlich sind,
nämlich ein tiefer, bestimmter, starker, religiöser Glaube, ein Glaube,
klar und glühend genug, um den Gedanken an das eigene Selbst gänz-
lich hinwegzuschmelzen — eine allgemeine sittliche Haltung, wie sie die
Methodisten unter dem Namen der „Heiligung" für individuell möglich
erklären, wobei der Traum der ersten Unschuld Wirklichkeit werden
und der Mensch sozusagen wieder mit Gott gehen soll."

Linen wahrhafteren christlichen Sozialismus oder einen stärkeren
Gegensatz zu jenem Evangelium der Selbstsucht, welches jeden auf
seine eigenen Angelegenheiten verweist und darauf einschränkt, kann es
nicht geben. Aber wir müssen auch anerkennen, daß ein solcher christ-
licher Sozialismus nur in wenigen auserlesenen Seelen lebt, und, wie
George richtig bemerkt, eine Spekulation ist, welche mehr in den höheren
Bereich des religiösen Glaubens gehört, als auf einem Gebiete liegt,
mit dem sich der Ökonomist oder der praktische Staatsmann befassen
kann. Nichtsdestoweniger bleibt es eine Wahrheit, daß die zunehmende
Entwickelung der Gesellschaft von den Eigenschaften der einzelnen
abhängt, während allerdings umgekehrt auch die Eigenschaften der
einzelnen durch die Verfassung der Gesellschaft bedingt sind.
        <pb n="29" />
        ﻿\6

Henry Georges Leben und Schriften.

Was Georges Bildungsgang anbetrifft, so wissen wir bereits,
daß er die gewöhnliche Erziehung des Gelehrten nicht genossen hat.
Gleichwohl erfreut er sich einer großen Belesenheit. Mit der national-
ökonornischen Literatur der Engländer ist er genau bekannt. Auf dieses
Studium wurde er durch seine Humanitären Sympathien geleitet.
Die liebste Lektüre jedoch ist ihm die Bibel, und diese nebst der Lektüre
Shakespeares und in seiner Jugendzeit des Robinson Krusoe, sowie der
feinen, sinnigen Poesie amerikanischer Freiheitsapostel von dem Schlage
Whittiers und Russell Lowells, hat das meiste beigetragen, um seinen
Stil in Rede und Schrift zu bilden und seine Denkweise zu beeinflussen.
Man kann ihn im wahren Sinne des Wortes einen Mann von eigener
Erziehung nennen. Was er ist, verdankt er hauptsächlich seiner eigenen
Neigung, in der großen Schule der Welt zu lernen — einer Schule,
in welcher er die ganze Zeit über, die er als Matrose zur See zubrachte,
am Satzkaften stand, in der Redaktion Artikel schrieb, oder als Spezial-
korrespondent reiste, stets ein genauer Beobachter der Menschen und
Dinge war.

Sein Privatcharakter ist das treue Gegenbild seines öffentlichen
Lebens. Das tiefe Gefühl, die Kraft, der Ernst und der geistige Glanz,
welche seine Schriften und öffentlichen Reden auszeichnen, sind auch
im Umgänge mit ihm bemerkbar. Zn der Unterhaltung ist er vortreff-
lich. Mit raschem Blicke weiß er den Standpunkt eines Gegners zu
würdigen und durch Frage und Antwort genau den Weg zü wählen,
der je nach der beschränkteren oder weiteren Auffassung der Person,
mit der er streitet, am vorteilhaftesten zum Ziele führt.

Nach den obigen Andeutungen über die sozialen Ansichten und die
Lebensauffassung unseres Autors wird es begreiflich erscheinen, daß
George auf die Durchschnittspolitiker mit ebensowenig vertrauen
blickt als auf die Durchschnittspriester. Die Politiker, die nur zu Nutz
und Frommen von Parteien und Klassen handeln, sind ihm ebenso
widerwärtig wie eine pharisäische Priefterschaft. Menschenfreundlicher
Geist und allgemeine Sympathie gilt ihm als die beste Gewähr für
den Besitz der grundlegenden Eigenschaften eines Staatsmannes. Es
war zumeist der Mangel an diesem Geist in gewissen irländischen Par-
lamentariern, was ihm nur geringes vertrauen in ihre Bestrebungen
zugunsten Irlands einflößte, von diesem Tadel nahm er Parnell selbst
nicht aus, der jedoch, wie er zugestand, durch seine überlegene Scharf-
sichtigkeit und Kühlheit ein wohltätig mäßigender und regulierender
Faktor in der maßlosen irländischen Bewegung sei. Unter den irlän-
dischen Politikern hegte er für Michael Davitt eine aufrichtige Achtung,
während er unter den englischen Staatsmännern Gladstone besonders
hochschätzte.

Nicht weniger hoch als den menschenfreundlichen Geist in Staats-
männern und Nationalökonomen stellt George das, was man die Ehr-
lichkeit des Verstandes nennen kann, von Zohn Stuart Mill sagte er
        <pb n="30" />
        ﻿£jcntY Georges Leben und Schriften.



beispielsweise, derselbe besitze mehr, als Kraft des Geistes, er besitze
die Ehrlichkeit des Verstandes. Es ist bezeichnend, daß er, der so be-
ständig das Geistige und Sittliche ins Gleichgewicht zu setzen, in Ein-
klang zu bringen und zu vereinigen sucht, gleichzeitig die sittlichen und
gemütlichen Eigenschaften des Menschen höher schätzt als die geistigen.
Ehrlichkeit des Verstandes — richtig denken und richtig fühlen — dies
ist das andere Hauptziel.

Der Abglanz, der sich von diesen Eigenschaften und Anschauungen
des Mannes in seinen Schriften zeigt, ist es nicht am wenigsten, was
denselben ihren Reiz verleiht. Sie werden auf jeden empfänglichen
Leser den Eindruck nicht allein der geistigen Kraft, sondern auch der
Ehrlichkeit des Verstandes und des höchsten sittlichen Ernstes machen.

-George, Fortschritt ünd Armut.

2
        <pb n="31" />
        ﻿Einleitung.

Das Problem.

Ihr baut, ihr baut, aber ihr tretet nicht ein,
wie die Stänrnre, die die wüste begrub in ihrer Sünden Peirij
vor denr verheißnen Land verschmachtet ihr und sinkt
LH' euer müdes Auge sein herrlich' Grün noch trinkt.

Mrs. Sigourne?.

Das gegenwärtige Jahrhundert ist durch eine erstaunliche Vermehrung
von Güter hervorbringender Kraft ausgezeichnet. Die Verwendung
von Dampf und Elektrizität, die Einführung verbesserter Methoden
und arbeitersparender Maschinen, die größere Teilung und der groß-
artigere Maßstab der Produktion, die wunderbare Erleichterung des
Austausches haben die Leistungsfähigkeit der Arbeit enorm verviel-
fältigt.

Zu Anfang dieser wunderbaren Zeit war die Erwartung nur
natürlich und wurde auch allgemein gehegt, daß arbeitersparende Er-
findungen dazu beitragen würden, die Mühsal des Arbeiters zu erleichtern
und die Lage desselben zu verbessern; daß die enorme Vermehrung
an Güter hervorbringender Kraft wirkliche Armut zu einem Dinge
der Vergangenheit machen würde, Hätte einer der Männer des letzten
Jahrhunderts — ein Franklin oder Priestley — in einem Zuknnfts-
traume sehen können, wie das Dampfboot an die Stelle des Segel*
schiffs, der Eisenbahnzug an die der Post- und Frachtwagen, der Dampf-
mäher an die der Sense, der Dampfdrescher an die des Dreschflegels
trat; hätte er das Stöhnen der Maschinen hören können, die, dem mensch-
lichen willen und der Befriedigung menschlicher wünsche dienstbar^
mehr vermögen als alle Menschen und alle Lasttiere der Erde zu-
sammengenommen; hätte er sehen können, wie die Bäume des Waldes
fast ohne Zutun der menschlichen Hand in fertige Türen, Fenster,
Laden, Kisten und Fässer umgewandelt werden; wie die großen Werk-
stätten kistenweise Stiefel und Schuhe mit weniger Arbeit anfertigen
als der altmodische Schuster zum Auflegen einer Sohle brauchte; wie
in den Dampfwebereien unter den Augen eines Mädchens Baumwolle
schneller in Tuch verwandelt wird als Hunderte kräftiger Weber es auf
Handstühlen zu Wege gebracht haben würden; wie Hammerwerke
Mammutröhren und mächtige Anker schmieden, und zierliche Maschinen
        <pb n="32" />
        ﻿Das Problem.

\9

winzige Uhren verfertigen; wie der Diamantbohrer das Herz der helfen
durchdringt und Kohlenöl den Walfisch schonen läßt; hätte er sich den
enormen Gewinn an Zeit und Arbeit vorstellen können, der durch
verbesserte Einrichtungen des Verkehrs und des Austausches entstehen
würde — wie in Australien geschlachtete Schafe frisch in England ge-
gessen werden, und der am Nachmittag gegebene Auftrag des Londoner
Bankiers in San Francisco am Morgen desselben Tages ausgeführt
wird; hätte er die hunderttausend Verbesserungen, aus deren Zahl
nur diese wenigen Beispiele herausgegriffen sind, ermessen können,
was würde er daraus in betreff der sozialen Lage der Menschheit ge-
schlossen haben?

Ls würde ihm kein bloßer Schluß, kein bloßes Phantasiegebilde,
sondern etwas wirklich Erschautes geschienen haben; und sein Herz
würde gehüpft und seine Nerven gebebt haben wie einem, der von
einer Anhöhe gerade vor der verschmachtenden Karawane den beleben-
den Schimmer rauschender Wälder und den Glanz lachender Gewässer
sieht. Seine Phantasie würde ihm vergegenwärtigt haben, wie diese
neuen Kräfte die Gesellfchaft gerade in ihren Fundamenten erhöhten,
selbst den Ärmsten über die Möglichkeit des Mangels hinweghoben,
den Niedrigsten von der Angst und Sorge um das tägliche Brot be-
freiten; er würde geglaubt haben, daß jene Sklaven der Leuchte des
Wissens den traditionellen Fluch der Menschheit auf sich nehmen, jene
Muskeln von Eisen und Sehnen von Stahl das Leben des ärmsten
Arbeiters zu einem Feiertage machen würden, in dem jede hohe Eigen-
schaft und jeder edle Trieb vollen Raum zu Wachstum und Gedeihen
finden könnten.

Und aus diesen glücklichen materiellen Verhältnissen würde er,
als notwendige Folgen, moralische Zustände haben entstehen sehen,
die das goldene Zeitalter, von dem die Menschheit immer geträumt
hat, verwirklichten: die Zugend nicht länger dem junger und Elend
ausgesetzt; das Alter nicht durch Geiz gequält; das Kind mit dem Tiger
spielend; den Mann mit der Schmutzharke*) den Ruhm der Gestirne
trinkend! Alles Schlechte verjagt, alles wilde zahm; Uneinigkeit in
Harmonie verwandelt! Denn wie könnte da Habsucht herrschen, wo
alle genug haben? wie könnten Laster, Verbrechen, Unwissenheit,
Roheit, die alle doch nur aus der Armut und der Furcht vor der
Armut entspringen, fortbestehen, wo die Armut selbst verschwunden
ist? wer würde kriechen, wo alle freie Menschen, wer unterdrücken,
wo alle gleich sind?

Mehr oder weniger verschwommen oder klar sind dies die Hoff-
nungen, dies die Träume gewesen, die durch die Fortschritte, welche
diesem wundervollen Jahrhundert seinen Vorrang geben, hervorgerufen

*) Line Anspielung auf Buryans Allegorie selbstsüchtiger Habsucht in seinem
berühmten „DeiZrirus pro^ress".	Anmerk, des Übersetzers.
        <pb n="33" />
        ﻿20

Einleitung.

wurden; sie sind so tief in den Geist des Volkes eingedrungen, daß sie
den Ideengang vollständig verändert, den Glauben verwandelt und die
fundainentalsten Anschauungen verrückt haben. Die umgehenden
Träume von höheren Daseinsformen haben nicht bloß Glanz und Leb-
haftigkeit gewonnen, sondern ihre Richtung verändert — anstatt hinter
sich die schwachen Farben eines verschwindenden Sonnenunterganges
zu sehen, hat die ganze Glorie des Tagesanbruchs den Fimmel vor ihnen
erhellt.

Ls ist wahr, daß Enttäuschung auf Enttäuschung gefolgt ist, und
daß Entdeckung auf Entdeckung, Erfindung auf Erfindung weder die
Mühsal derer, welche am meisten der Erholung bedürfen, vermindert,
noch den Armen Fülle gebracht hat. Aber so vielen Ursachen schien
dieser Mißerfolg beigemessen werden zu können, daß bis auf unsere
Zeit der neue Glaube kaum geschwächt worden ist. wir haben die zu
überwindenden Schwierigkeiten besser zu würdigen gelernt, hoffen
aber gleichwohl, daß das Streben der Zeiten dahin geht, sie zu über-
winden.

Jetzt jedoch geraten wir mit Tatsachen in Kollision, über die
kein Zweifel möglich ist. Von allen Seiten der zivilisierten Welt kommen
Klagen über industriellen Druck, über unfreiwillige Einstellung der
Arbeit, über Anhäufung müßigen Kapitals, über Geldmangel unter
den Geschäftsleuten, über Entbehrung, Sorgen und Leiden unter den
arbeitenden Klassen. Alle die dumpfe, tötende Pein, die herbe, zum
Wahnsinn treibende Sorge, welche für die große Menge in den Worten
„schwere Zeiten" inbegriffen sind, beängstigen jetzt die Welt. Dieser
Zustand der Dinge ist Staaten gemeinsam, die nach ihrer Lage, ihren
politischen Einrichtungen, ihrer Besteuerung, nach der Dichtigkeit der
Bevölkerung und nach sozialer Gliederung grundverschieden sind, und
kann daher schwerlich durch lokale Ursachen erklärt werden. Es herrscht
Not, wo große stehende peere unterhalten werden, aber auch da,
wo dies nicht der Fall ist; es herrscht Not, wo Schutzzölle den Pandel
törichterweise hemmen, aber auch da, wo der Pandel beinahe frei ist;
es herrscht Not, wo noch autokratische Regierungen bestehen, aber
auch da, wo die politische Macht gänzlich in den pänden des Volkes
ist; in Ländern, wo Papier Geld ist, und in Ländern, wo Gold und
Silber die alleinigen Umlaufsmittel sind. Augenscheinlich müssen wir
hinter all diesem auf die gemeinsame Ursache schließen.

Daß es eine gemeinsame Ursache gibt, und daß dieselbe entweder
gerade der sogenannte materielle Fortschritt oder doch etwas damit
sehr eng verknüpftes ist, wird mehr als eine bloße Schlußfolgerung,
wenn man beachtet, daß die Erscheinungen, welche wir unter dem
Namen industriellen Druckes zusammenfassen, nur höhere Potenzen
von Erscheinungen sind, welche stets den materiellen Fortschritt be-
gleiten, und welche sich um so klarer und stärker zeigen, je mehr der-
selbe zunimmt, wo die Bedingungen, auf welche der materielle Fort-
        <pb n="34" />
        ﻿Das probiern.

2\

schritt allenthalben loszielt, anr vollständigsten verwirklicht sind, d. h.
wo die Bevölkerung anr dichtesten, der Reichtum am größten und die
Werkzeuge der Produktion und des Austausches am höchsten entwickelt
sind, finden wir auch die tiefste Armut, den schärfsten Kamps ums
Dasein und die meiste aufgedrungene Arbeitslosigkeit.

Es sind die neueren Länder — d. h. die Länder, wo der materielle
Fortschritt noch in den windeln liegt — nach denen die Arbeiter aus-
wandern, um höhere Löhne zu gewinnen, und das Kapital hinströmt,
um höhere Zinsen zu erlangen. Zn den älteren Ländern dagegen —
d. h. in denjenigen, wo der materielle Fortschritt älteren Datums ist —
findet sich weit verbreitete Armut inmitten des größten Überflusses.
Geht man in eines der jungen Gemeinwesen, wo angelsächsische Kraft
eben den wettlauf des Fortschritts beginnt, wo die Werkzeuge der Pro-
duktion und des Austausches noch roh und wenig entwickelt sind, wo
die Ansammlung von Gütern noch nicht groß genug ist, um irgend-
einer Klasse zu gestatten, in Bequemlichkeit und Luxus zu leben, wo das
beste bjaus nur eine Bretterhütte oder ein verschlag von Tuch und
Papier, und der reichste Mann zu täglicher Arbeit gezwungen ist, so
wird man zwar nicht den Reichtum mit all seinen Begleitern, aber
auch keine Bettler finden. Es gibt keinen Luxus, aber auch kein Elend.
Niemand findet ein leichtes, noch ein sehr gutes Auskommen, aber
jeder kann doch fein Brot finden, und niemand, der fähig und willig
zu arbeiten ist, wird durch die Furcht vor Mangel bedrückt.

Aber sobald ein solches Gemeinwesen den Zustand erreicht, nach
dem alle zivilisierten Staaten hinstreben, und auf der Stufenleiter
materiellen Fortschritts steigt, sobald dichtere Ansiedlung, engere Ver-
bindung mit der Außenwelt, vermehrte Benutzung arbeitersparender
Maschinen größere Ersparnisse in Produktion und Austausch ermög-
lichen, und der Reichtum infolgedessen zunimmt — nicht bloß über-
haupt, sondern auch im Verhältnis zur Bevölkerung — alsbald bietet
auch die Armut ein dunkleres Bild. Der Verdienst einzelner ist un-
endlich größer und leichter, während andere ihre liebe Not haben,
nur das tägliche ^Brot zu verdienen. Mit der Lokomotive kommt auch
der Vagabund, und Armenhäuser und Gefängnisse sind eben so sichere
Kennzeichen „materiellen Fortschritts" als kostbare Wohnhäuser, reiche
Läden und prächtige Kirchen. Zn mit Gas beleuchteten und durch eine
uniformierte Polizei bewachten Straßen warten Bettler auf den vor-
übergehenden, und im Schatten von Hochschulen, Bibliotheken und
Museen versammeln sich jene abschreckenden Hunnen und wilderen
Vandalen, die Macaula^ prophezeite.

Diese Tatsache — die große Tatsache, daß Armut und alle ihre
Begleiter sich in einem Gemeinwesen gerade in dem Augenblick zeigen,
wo dasselbe jenen Zustand erreicht, welchen der materielle Fort-
schritt erstrebt —beweist, daß die sozialen Schwierigkeiten, welche überall
entstehen, wo eine gewisse Stufe des Fortschrittes erreicht ist, nicht in
        <pb n="35" />
        ﻿22

Einleitung.

lokalen Ursachen ihren Grund haben, sondern auf eine oder die andere
weise durch den Fortschritt selbst erzeugt werden.	*&gt;

Und so unliebsam das Geständnis sein mag, es wird zuletzt augen-
scheinlich, daß die enorme Vermehrung an produktiver Kraft, welche
das jetzige Jahrhundert kennzeichnet, und die in immer beschleunigterem
Verhältnisse zunimmt, keineswegs dazu beiträgt, die Armut auszu-
rotten oder die Last derer zu erleichtern, die zu arbeiten gezwungen
sind. Sie erweitert bloß den Abstand zwischen reich und arm und macht
den Kampf ums Dasein schärfer. Die lange Reihe von Erfindungen
hat die Menschheit mit Kräften ausgestattet, welche die kühnste Ein-
bildung vor einem Jahrhundert sich nicht hätte träumen lassen. Aber
in Fabriken, wo die arbeitersparenden Maschinen ihre wunderbarste
Entwickelung erreicht haben, sind Kinder bei der Arbeit; wo immer
die neuen Kräfte ganz ausgenutzt werden, müssen große Klassen der
Bevölkerung durch die Wohltätigkeit erhalten werden, oder sind immer
nahe daran, derselben zur Last zu fallen; inmitten der größten Anhäu-
fungen von Gütern sterben Menschen vor Hunger, und saugen schwäch-
liche Kinder an trockenen Brüsten; und allenthalben beweisen die Sucht
nach Gewinn, die Anbetung des Reichtums die Macht der Besorgnis
vor Mangel. Das Land der Verheißung flieht vor uns gleich einer
Kata mor^Lna. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis werden, sobald
wir sie berühren, zu Sodom-Äpfeln, die in Staub zerfallen.

Es ist wahr, daß der Reichtum außerordentlich vermehrt und der
durchschnittliche Grad von Komfort, Muße und Verfeinerung erhöht
worden ist; aber diese Gewinne sind keineswegs allgemein. Die unterste
Klasse hat keinen Teil daran.*) Ich meine nicht daß die §age derselben
nirgends oder in nichts etwas besser geworden sei, sondern daß nirgends
eine Besserung stattgefunden hat, welche auf die vermehrte Hroduktiv-
kraft zurückgeführt werden könnte. Ich meine, daß der Einfluß des
sogenannten materiellen Fortschritts in keiner weise dazu beiträgt,
die Lage der untersten Klasse in den wesentlichsten Erfordernissen eines
gesunden, glücklichen Lebens zu verbessern, ja noch mehr; ich glaube,
daß derselbe dahin zielt, die Lage derselben zu verschlimmern. Die
neuen Kräfte, so erhebend sie von Natur sind, wirken auf das soziale
Gebäude nicht von unten auf, wie lange gehofft und geglaubt wurde,
sondern treffen dasselbe mehr in der Mitte. Sie sind einem ungeheuren
Keile vergleichbar, der nicht von unten auf, sondern mitten durch die
Gesellschaft getrieben wird. Diejenigen, die sich über dem Trennungspunkte
befinden, werden erhöht, aber die, welche darunter sind, niedergedrückt.

*) Ls ist wahr, daß die Ärmsten heutzutage in mannigfacher weise genießen,
was den Reichen vor ;oo Jahren nicht zu Gebote stand, aber dies beweist keine Ver-
besserung der Lage, so lange die Fähigkeit, sich die notwendigsten Lebensbedürfnisse
zu verschaffen, nicht zugenommen hat. Der Bettler der großen Stadt mag sich mancher
Dinge erfreuen, die dem fernen Ansiedler nicht zu Gebote stehen, aber das beweist nicht,
daß die Lage des städtischen Bettlers besser sei als die des unabhängigen Ansiedlers.
        <pb n="36" />
        ﻿Das Problem.

23

Diese niederdrückende Wirkung wird nicht allgemein anerkannt,
denn sie tritt da, wo lange eine Klasse bestand, die kaum mehr als zu
leben hatte, nicht deutlich hervor, wo die unterste Klasse gerade nur
genug zum Leben hat, wie dies seit lange in vielen Teilen Europas
der Fall ist, kann dieselbe nicht tiefer sinken, denn der nächst tiefere
Schritt führt zur Vernichtung des Daseins, und eine Tendenz zu weiterem
Druck kann sich kaum zeigen. Aber an dem fortschreitenden Gange
neuer Ansiedelungen zu den Verhältnissen älterer Gemeinwesen kann
man klar sehen, daß der materielle Fortschritt nicht allein der Armut
nicht abhilft, sondern sie vielmehr erzeugt. In den Vereinigten Staaten
liegt es klar zutage, daß Schmutz und Elend, sowie die Laster und
verbrechen, welche denselben entspringen, allenthalben zunehmen,
sobald das Dorf zur Stadt wird, und der Entwickelungsgang die vorteile
verbesserter Methoden der Produktion und des Austausches bringt.
In den älteren und reicheren Teilen der Union sind Pauperismus
und Not unter den arbeitenden Klassen am schmerzlichsten sichtbar,
wenn in San Francisco weniger tiefe Armut herrscht als in New pork,
ist dies nicht darum der Fall, weil ersteres noch hinter letzterem in
allem, was beide Städte erstreben, zurücksteht? wer kann zweifeln,
daß, sobald San Francisco den Punkt erreicht, auf welchem New pork
jetzt steht, dann auch in seinen Straßen zerlumpte und barfüßige Kinder
zu finden sein werden?

Diese Gemeinschaftlichkeit von Armut und Fortschritt ist das
große Rätsel unserer Zeit. Es ist der springende Punkt, aus welchem
die industriellen, sozialen und politischen Schwierigkeiten entstehen,
welche die Welt in Verwirrung stürzen und mit welchen Staatskunst,
Philanthropie und Erziehung vergebens kämpfen. Ihm entspringen
die Wolken, welche die Zukunft der vorgeschrittensten und unabhängigsten
Nationen verdunkeln. Es ist das Rätsel, welches die Sphinx des Schick-
sals unserer Zivilisation aufgibt, und dessen Nichtbeantwortung Unter-
gang bedeutet. Solange die ganze Zunahme der Güter, welche der
moderne Fortschritt mit sich bringt, nur dazu dient, große vermögen
aufzubauen, den Luxus zu vermehren und den Kontrast zwischen dem
pause des Überflusses und der pütte des Mangels zu verschärfen, so-
lange ist der Fortschritt kein wirklicher und kann nicht dauernd sein.
Die Reaktion muß kommen. Der Turm neigt sich auf die Seite, und
jedes neue Stockwerk beschleunigt nur die endliche Katastrophe. Menschen,
die zur Armut verdammt sind, zu unterrichten, heißt nur, sie wider-
spenstig machen; auf einen Zustand offenkundigster sozialer Ungleich-
heit politische Einrichtungen gründen wollen, unter denen die Menschen
theoretisch gleich sind, heißt eine Pyramide auf ihre Spitze stellen.

Uber alles wichtig wie diese, die Aufmerksamkeit allseitig in An-
spruch nehmende Frage auch ist, so hat sie bis jetzt doch keine Lösung
erfahren, welche alle Tatsachen erklärte und ein klares und einfaches
Peilmittel zeigte. Dies sieht man schon an den weit auseinandergehen-
        <pb n="37" />
        ﻿2«

Einleitung.

den versuchen, den herrschenden Druck zu erklären. Sie zeigen nicht
allein eine Kluft zwischen den gewöhnlichen Begriffen und den wissen-
schaftlichen Theorien, sondern beweisen auch, daß die Übereinstimmung,
welche unter den Anhängern der gleichen Theorien hestehen sollte, in
praktischen Fragen vollständig in die Brüche geht, von nationalökono-
rnischen Autoritäten wird uns gesagt, der herrschende Druck sei eine
Folge der Überkonsumtion; andere gleich hohe Autoritäten sagen,
die Überproduktion trage die Schuld; während von anderen namhaften
Schriftstellern die Verwüstungen des Kriegs, die Ausdehnung der
Eisenbahnen, die Arbeiterstreiks, die Entwertung des Silbers, die
Papiergeldwirtschaft, die Vermehrung arbeitersparender Maschinen,
die Erschließung kürzerer bsandelswege usw. als die Ursachen be-
zeichnet werden.

Und während so die Professoren sich streiten, gewinnen die An-
sichten, daß ein notwendiger Konflikt Zwischen Kapital und Arbeit
bestehe, daß Maschinen ein Übel seien, daß die Konkurrenz beschränkt
und der Zins abgeschafft werden müsse, daß es die Pflicht der Regierung
sei, Kapital herzugeben und Arbeit zu schaffen, immer mehr Boden
unter der großen Menge des Volkes, die ihre unglückliche Lage scharf
genug empfindet und sich des ihr zugefügten Unrechts nur zu gut be-
wußt ist. Solche Ansichten, welche große Klassen von Menschen —
die Verleiher der höchsten politischen Gewalt — unter den Einfluß
von Scharlatanen und Demagogen bringen, sind voller Gefahren; aber
sie können nicht erfolgreich bekämpft werden, ehe nicht die National-
ökonomie jene große Frage in einer Meise beantwortet, welche mit
allen ihren Lehren übereinstimmt, und bei der großen Menge Ver-
ständnis findet.

Es muß der Nationalökonomie möglich sein, eine solche Antwort
zu geben. Denn die Nationalökonomie ist kein Gefüge von Dogmen,
sondern die Erklärung einer bestimmten Reihe von Tatsachen. Sie
ist die Wissenschaft, welche in der Folge bestimmter Erscheinungen die
gegenseitigen Beziehungen nachzuweisen und Ursache und Wirkung
klarzulegen sucht, gerade wie die Naturwissenschaften dies bei anderen
Kategorien von Erscheinungen zu tun suchen. Sie legt ihre Fundamente
auf festen Boden. Die Prämissen, aus welchen sie ihre Schlußfolgerungen
zieht, sind zweifellos Wahrheiten, Grundsätze, die wir alle anerkennen,
auf welche wir ruhig die Räsonnements und Handlungen des täglichen
Lebens gründen, und welche auf den metaphysischen Ausdruck des
physikalischen Gesetzes zurückgeführt werden können, daß die Bewegung
die Linie des geringsten Widerstandes sucht, nämlich: daß der Mensch
seine wünsche mit möglichst geringer Anstrengung zu befriedigen sucht,
von einer so sicheren Grundlage ausgehend, hat ihr Verfahren, das
bloß in Feststellung der Tatsachen und Analyse besteht, den gleichen
Grad von Sicherheit. )n diesem Sinne ist sie eine ebenso exakte Wissen-
schaft wie die Geometrie, welche, von ähnlichen Wahrheiten in betreff
        <pb n="38" />
        ﻿Das Problem.

25

des Raumes ausgehend, ihre Schlüsse durch gleiche Mittel erzielt, und
wenn ihre Schlüsse haltbar sind, müssen sie ebenso einleuchtend sein.
Und obgleich wir auf dem Gebiete der Nationalökonomie unsere Theorien
nicht durch künstlich hervorgebrachte Kombinationen oder Bedingungen
prüfen können, wie dies in einzelnen anderen Wissenschaften möglich
ist, so können wir doch nicht weniger beweiskräftige Personen dadurch
anstellen, daß wir Gesellschaften vergleichen, in welchen verschiedene
Bedingungen vorherrschen, oder daß wir in Gedanken Kräfte oder
Faktoren von bekannter Richtung trennen oder vereinigen, hinzufügen
oder ausscheiden.

Ich beabsichtige, auf den folgenden Blättern den Versuch zu machen^
das große Problem, das ich skizziert habe, durch die Methoden der Na-
tionalökonomie zu lösen. Ich beabsichtige, das Gesetz zu suchen, welches
die Armut an den Fortschritt kettet und den Mangel mit der Zunahme
des Reichtums vermehrt; und ich glaube, daß wir in der Erklärung,
dieses Paradoxons zugleich die Erklärung der immer wiederkehrenden
Zeiten industrieller und kommerzieller Lähmung finden werden, die,
wenn man sie unabhängig von ihren Beziehungen zu allgemeineren
Erscheinungen betrachtet, so unerklärlich scheinen. In der rechten Weise
angefangen und sorgfältig durchgeführt, muß eine derartige Unter-
suchung zu Schlußfolgerungen führen, die jede Probe bestehen und als
Wahrheit mit allen anderen Wahrheiten in Wechselbeziehung stehen
werden. Denn in der Aufeinanderfolge von Erscheinungen gibt es
keinen Zufall. Jede Wirkung hat eine Ursache, und jede Tatsache
involviert eine vorausgegangene Tatsache.

Daß die Nationalökonomie, wie sie jetzt gelehrt wird, den fort-
bestand der Armut inmitten vergrößerten Reichtums nicht in einer
Weise erklärt, die mit den tief eingewurzelten Anschauungen der Menschen
harmoniert; daß die unzweifelhaften Wahrheiten, welche sie lehrt, un-
zusammenhängend und ohne Beziehung zueinander sind; daß es ihr
nicht gelungen ist, im Geiste des Volkes den fortschritt zu machen,
den eine selbst unbequeme Wahrheit machen muß; daß sie im Gegen-
teil nach einem Jahrhundert der Pflege, während dessen sie manche
der scharfsinnigsten und mächtigsten Geister beschäftigte, von dem Staats-
manne mißachtet, von den Massen verspottet und in der Meinung
vieler gebildeter und denkender Männer auf den Rang einer Pseudo-
wissenschaft herabgesetzt wird, in der nichts fest ist oder sein kann, —
muß, scheint mir, nicht an der Unfähigkeit der Wissenschaft liegen, wo-
fern sie nur richtig verfolgt wird, sondern an irgendeinem falschen Schritt
in den Prämissen oder einem übersehenen faktor in ihren Schätzungen.
Und da solche Irrtümer gewöhnlich durch die Achtung, die Autoritäten
gezollt wird, verheimlicht werden, so werde ich in dieser Untersuchung
nichts als bewiesen ansehen, sondern selbst anerkannte Theorien an
den ersten Prinzipien prüfen und, wenn fie die Probe nicht bestehen, aufs
neue dieTatsachen untersuchen, um das sie regierendeGesetz zu entdecken.
        <pb n="39" />
        ﻿26

Einleitung.

Ich werde nichts als bewiesen ansehen, vor keinem Schlüsse zurück-
schrecken, sondern der Wahrheit folgen, wohin sie auch führen mag.
wir sind zur Erforschung des Gesetzes verpflichtet, denn gerade im
cherzen unserer Zivilisation sinken heutzutage Weiber in Ohnmacht und
winseln kleine Rinder. Doch als was auch jenes Gesetz sich herausstellen
mag, ist nicht unsere Sache, wir wollen nicht wanken, wenn auch die
Schlüsse, zu denen wir gelangen, unseren Vorurteilen entgegenlaufen;
und wenn sie Einrichtungen verurteilen, die wir lange als weise und
natürlich angesehen haben, wollen wir darum nicht umkehren.
        <pb n="40" />
        ﻿Buch I.

Arbeitslohn und Aapital.

„wer der Philosophie folgen will, muß ein geistig
Freier sein."	L&gt;tolemäus.

Kapitel I.

Die herrschende Lehre vom Lohn; ihre Unzulänglichkeit.

Um das Problem, das wir zu untersuchen beabsichtigen, auf seine
bündigste Form zu bringen, wollen wir Schritt für Schritt die Erklärung
prüfen, welche die jetzt herrschende Nationalökonomie davon gibt.

Die Ursache, welche inmitten fortschreitenden Reichtums Armut
erzeugt, ist augenscheinlich dieselbe, welche sich in der von allen Seiten
anerkannten Tendenz der Löhne, auf ein Minimum zu sinken, kundgibt,
wir wollen daher unsere Untersuchung in folgende bündige Form
fassen:

„warum strebt der Lohn, trotz vermehrter Pro-
duktivkraft, nach einem Minimum, das nur zum
bloßen Lebensunterhalt ausreicht?"

Die Antwort der herrschenden Nationalökonomie ist, daß der
Arbeitslohn durch das Verhältnis zwischen der Arbeiterzahl und der
der Beschäftigung von Arbeitern gewidmeten Summe von Kapital
bestimmt wird und beständig dem niedrigsten Betrage, mit dem die
Arbeiter leben und sich fortpflanzen können und wollen, zustrebt, weil
die Vermehrung der Arbeiterzahl die natürliche Tendenz habe, jeder
Kapitalvermehrung zu folgen und sie zu überholen. Demzufolge würde
die Vergrößerung des Devisors lediglich durch die denkbaren Ver-
änderungen des Quotienten im Zaum gehalten, und der Dividendus
könnte ins Unendliche steigen, ohne ein größeres Resultat zu ergeben.

In der gewöhnlichen Denkweise herrscht die Lehre unbestritten.
Sie trägt das Giro der größten Namen unter den Pflegern der National-
ökonomie, und obwohl sie manche Angriffe erfahren hat, so waren die-
        <pb n="41" />
        ﻿28

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

selben doch mehr formell als fachlich.*) Buckle hat sie als die Grundlage
feiner Generalifationen der Weltgeschichte angenommen. Sie wird
auf allen oder fast allen großen englischen und amerikanischen Universi-
täten gelehrt und ist in Büchern niedergelegt, welche die Massen über
praktische Gegenstände richtig denken lehren wollen; auch scheint sie
mit der neuen Philosophie in Übereinstimmung zu stehen, welche,
nachdem sie in wenigen Jahren die wissenschaftliche Welt erobert hat,
jetzt auch die Masse der Geister mehr und mehr durchdringt.

Sitzt sie auf diese Weise in den oberen Regionen der Gedanken-
welt fest, so wurzelt sie in roherer Form in den unteren noch fester,
was den Trugschlüssen der Schutzzöllner trotz ihrer augenscheinlichen
Inkonsequenzen und Absurditäten so festen chalt verleiht, ist der Glaube,
daß die für Löhne zur Verteilung gelangende Summe in jedem Staat
eine fest bestimmte sei, und von der Konkurrenz der „ausländischen
Arbeit" noch weiter verkleinert werden müsse. Derselbe Glaube liegt
auch den meisten der Theorien zugrunde, welche auf die Abschaffung
des Zinses und Beschränkung der Konkurrenz als die Mittel hinweisen,
um den Anteil des Arbeiters an der Produktion zu vergrößern; und
er schießt in jeder Richtung empor bei allen denen, die nicht genug
denken, um eigene Theorien zu haben, wie dies z. B. die Spalten der
Zeitungen und die Debatten der gesetzgebenden Körper beweisen.

So weit verbreitet und tief gewurzelt diese Theorie aber auch ist,
es scheint mir, daß sie mit unleugbaren Tatsachen nicht übereinstimmt.
Denn wenn der Arbeitslohn von dem Verhältnis zwischen den nach
Beschäftigung verlangenden Arbeitern und der Summe des zu solcher
Beschäftigung bestimmtenKapitals abhängt, so muß der relative Mangel
oder Überfluß des einen Faktors den relativen Mangel oder Über-
fluß des anderen Faktors bedingen. Das Kapital müßte also verhält-
nismäßig reichlich vorhanden sein, wo die Löhne hoch, und verhältnis-
mäßig selten, wo die Löhne niedrig sind. Da nun das zur Lohnzahlung
benutzte Kapital zum großen Teil aus dem beständig Anlage suchenden
Kapital bestehen muß, so wäre der herrschende Zinsfuß der Maßstab
des relativen Mangels oder Überflusses an Kapital. Wenn es daher

x) Dies scheint mir mit Thorntons Einwendungen der Lall zu sein; denn während
er das Vorhandensein eines vorherbestimmten Lohnfonds, der aus einem zum Ankauf
von Arbeit beiseite gelegten Teil der Kapitalien bestehe, leugnet, hält er doch dafür
(worauf es füglich allein ankommt), daß die Löhne aus dem Kapital bestritten würden,
und daß Kapitalvermehrüng oder -Verminderung gleichbedeutend sei mit Vermehrung
oder Verminderung des zur Bestreitung der Löhne verfügbaren Kapitals. Der leb-
hafteste Angriff auf die Lohnfondstheorie, den ich kenne, ist der von Professor Francis
A. Walker (Die Lohnfrage. New Pork *876), doch gibt auch er zu, daß die Löhne zum
größten Teil vom Kapital vorgeschossen würden — was so ziemlich alles ist, was der
eifrigste Anhänger der Lohnfondstheorie nur verlangen kann — während er gleich-
zeitig die Malthussche Theorie vollständig anerkennt. Somit weichen seine praktischen
Schlußfolgerungen in keiner weise von denjenigen ab, zu denen die Anhänger der herr-
schenden Theorie gelangen.
        <pb n="42" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Lehre vom Lohn.

29

richtig ist, daß der Arbeitslohn von dein Verhältnis zwischen den Arbeit-
suchenden und dem für deren Beschäftigung bestimmten Kapital abhängt,
so müßten hohe Löhne (das Merkmal relativ geringen Arbeitsangebotes)
von einem niedrigen Zinsfuß (dem Merkmal verhältnismäßigen Kapital-
überflusses), und umgekehrt niedrige Löhne von einem hohen Zinsfüße
begleitet sein.

Dies ist jedoch nicht der Fall, sondern das Gegenteil! Scheiden
wir aus dem Zins das Element der Versicherung aus und betrachten
nur den eigentlichen Zins, d. h. den Entgelt für die Benutzung von
Kapital, ist es dann nicht überall zu beobachten, daß der Zinsfuß hoch
ist, wo und wann die Löhne hoch, und niedrig, wo und wann die Löhne
niedrig find? Sowohl die Löhne als der Zinsfuß sind in den vereinigten
Staaten höher als in England, am Stillen Ozean höher als in den
atlantischen Staaten. Ist es nicht eine notorische Tatsache, daß dorthin,
wohin die Arbeiter gehen, um höhere Löhne zu gewinnen, auch das
Kapital geht, um höhere Zinsen zu erhalten? Ist es nicht richtig, daß,
wo immer die Löhne allgemein fielen oder stiegen, zugleich auch ein
ähnliches Steigen oder Fallen im Zinsfüße stattfand? Als z. B. in
Kalifornien die Löhne höher als irgendwo sonst waren, war auch der
Zinsfuß höher. Ebenso sanken auch Löhne und Zinsfuß in Kalifornien
gleichzeitig. Als der übliche Tagelohn 5 Dollar betrug, war der ge-
wöhnliche Bankzinsfuß 24% P* a- Jetzt, wo der übliche Tagelohn
2—21/2 Dollar beträgt, hält sich der Diskontosatz gewöhnlich auf ;o
bis \2°/0,

Diese überall zu beobachtende Tatsache, daß die Löhne in neuen
Ländern, .wo das Kapital verhältnismäßig selten ist, höher sind als in
alten Ländern, wo das Kapital verhältnismäßig reichlich ist, drängt
sich zu unabweisbar auf, um übersehen zu werden. Und obgleich nur
sehr obenhin berührt, ist sie doch von den Anhängern der herrschenden
Nationalökonomie bemerkt worden. Die Art und weise, wie sie Notiz
davon nehmen, beweist, was ich sage, daß sie mit der angenommenen
Theorie des Arbeitslohns durchaus unvereinbar ist. Denn Schriftsteller
wie Mill, Fawcett und Price geben, wenn sie jene Tatsache zu erklären
suchen, im Grunde die Lohntheorie aus, die zu beweisen sie sich in den-
selben Schriften abmühen. Obgleich sie erklären, daß der Arbeitslohn
durch das Verhältnis zwischen dem Kapital und den Arbeitern bestimmt
werde, begründen sie die höheren Zinsen neuer Länder durch die relativ
größere Güterproduktion. Ich werde weiterhin zeigen, daß die Vor-
aussetzung falsch ist, daß im Gegenteil in alten und dichtbevölkerten
Ländern die Güterproduktion verhältnismäßig größer ist als in neuen
schwach bevölkerten Ländern. Für jetzt aber möchte ich nur auf die
Inkonsequenz Hinweisen. Denn zu sagen, daß die höheren Löhne neuer
Länder in entsprechend größerer Produktion ihren Grund haben, heißt
offenbar das Verhältnis zur Produktion, nicht aber das Verhältnis
zum Kapital als ausschlaggebend für die Löhne betrachten.
        <pb n="43" />
        ﻿30

Arbeitslohn und Kapital.

Buch E

Diese Inkonsequenz ist zwar nicht von den von rnir erwähnten
Schriftstellern, wohl aber von einem andern, und zwar einem der am
schärfsten denkenden Anhänger der herrschenden Nationalökonomie be-
merkt worden. Professor Lairnes*) bemüht sich in sehr scharfsinniger
weise, die Tatsache mit der Theorie zu vereinbaren, indem er an-
nimmt, daß in neuen Ländern, wo die Erwerbstätigkeit gewöhnlich
aus die Erzeugung von Lebensmitteln und Rohmaterialien gerichtet
sei, ein viel größerer Teil des zur Produktion benutzten Kapitals für
die Lohnzahlung verwandt werde als in älteren Ländern, wo ein
größerer Teil für Maschinen und Materialien verausgabt werden müsse;
und daher sei, obgleich das Kapital in neuen Ländern seltener (und
der Zinsfuß höher), der zur Lohnzahlung bestimmte Betrag doch faktisch
größer und der Arbeitslohn darum höher. Von HOO ooo Dollar bei-
spielshalber, die in einem alten Lande für industrielle Gewerbe be-
stimmt sind, würden etwa 80 ooo Doll, für Gebäude, Maschinen und
den Ankauf von Rohstoffen nötig sein, so daß nur 20 000 Doll, für
Löhne übrig blieben, während in einem neuen Lande von SO ooo Doll.,
die dem Ackerbau gewidmet sind, nicht mehr als 5000 für Werkzeuge usw.
erforderlich seien, und 25 000 für die Bestreitung von Löhnen übrig
bleiben würden. Auf diese weise wird es erklärt, daß der Lohnfonds
verhältnismäßig groß fein könne, wo das Kapital verhältnismäßig
gering fei, und daß hohe Löhne mit hohen Zinfen bfand in Hand gehen.

Ich glaube im nachfolgenden beweisen zu können, daß diese Er-
klärung auf einer vollständigen Verkennung der Beziehungen zwischen
Arbeit und Kapital beruht und sich bezüglich des Fonds, aus dem die
Löhne entnommen werden, in fundamentalem Irrtum befindet. Für
jetzt jedoch ist es nur nötig, darauf hinzuweisen, daß der Zusammenhang
zwischen dem Schwanken des Lohns und der Zinsen in denselben Ländern
und denselben Industriezweigen nicht fo zu erklären ist. In der Ab-
wechselung der sogenannten „guten Zeiten" mit „schweren Zeiten" ist
eine lebhafte Nachfrage nach Arbeitskräften bei guten Löhnen stets
auch von einer lebhaften Nachfrage nach Kapital bei steifem Zinsfüße
begleitet, wenn dagegen die Arbeiter keine Beschäftigung finden können
und die Löhne fallen^ dann ist stets Überfluß an Kapital vorhanden,
das zu niedrigen Zinsen Anlage sucht.**) Der gegenwärtige Geschäfts-
druck ist an allen großen Plätzen nicht weniger durch Mangel an Be-
schäftigung unter den Arbeiterklassen als durch die Anhäufung müßigen
Kapitals und durch niedrigen Zinsfuß für unzweifelhafte Sicherheiten
gekennzeichnet. So finden wir unter Verhältnissen, die keine mit der
herrschenden Theorie vereinbarte Erklärung zulassen, hohen Zinsfuß

*) 3n seinem Merke: Some Leading Principles of Political Economy Newly Ex-
pounded. Kap. I. Teil 2.

**) Zeiten kommerzieller Krisen sind durch hohe Diskontsätze gekennzeichnet, aber
dies ist augenscheinlich nicht ein hoher Satz der eigentlichen Zinsen, sondern eine hohe
Versicherungsprämie gegen das Risiko.
        <pb n="44" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Lehre vom Lohn.

3*

mit hohen Löhnen und niedrigen Zinsfuß mit niedrigen Löhnen zu-
sammenfallen — das Kapital ist anscheinend selten, wenn wenig Arbeits-
kräfte vorhanden find und anscheinend reichlich vorhanden, wenn es
Arbeitskräfte in Überfluß gibt.

Alle diese bekannten miteinander zusammenfallenden Tatsachen
weisen auf eine Beziehung zwischen dem Arbeitslohn und dem Zinsfuß
hin, jedoch eine Beziehung des Zusammengehens und nicht des Gegen-
satzes. Augenscheinlich sind sie durchaus unvereinbar mit der Theorie,
daß der Arbeitslohn durch das Verhältnis zwischen der Arbeit und dem
Kapital oder irgendeinem Teile des Kapitals bestimmt werde.

wie konnte aber, wird man fragen, eine solche Theorie entstehen?
Wie kommt es, daß sie von so vielen Nationalökonomen, von Adam
Smiih bis zur Gegenwart, angenommen worden ist?

prüfen wir die Gründe, durch welche in den maßgebenden Schriften
diese Lohntheorie gestützt wird, so sehen wir sofort, daß sie nicht aus
beobachteten Tatsachen hergeleitet, sondern aus einer früheren Theorie
deduziert ist, nämlich der Theorie, daß der Arbeitslohn aus dem Kapital
entnommen werde, wenn einmal angenommen ist, daß das Kapital
die «Duelle der Löhne sei, dann freilich folgt notwendig, daß die Summe
der Löhne durch die Summe des zur Beschäftigung von Arbeitern be-
stimmten Kapitals begrenzt sein muß, und daraus, daß der Betrag,
den die einzelnen Arbeiter erhalten können, durch das Verhältnis
zwischen ihrer Zahl und dem zu ihrer Bezahlung vorhandenen Kapital
bestimmt werden muß.*) Dies Räsonnement ist richtig, aber der Schluß
stimmt, wie wir gesehen haben, nicht mit den Tatsachen überein. Die
Schuld muß daher an den Prämissen liegen. Sehen wir zu.

Die Theorie, daß die Löhne aus dem Kapital entnommen werden,
ist, wie ich wohl weiß, eine der fundamentalsten und anscheinend best-
begründeten der herrschenden Nationalökonomie, und von all den
großen Denkern, die ihre Kräfte dieser Wissenschaft gewidmet haben,
als erwiesen angenommen worden. Nichtsdestoweniger glaube ich,
daß diese Theorie als ein fundamentaler Irrtum bewiesen werden
kann, ein Irrtum, der eine lange Reihe anderer Irrtümer gezeugt
hat, welche hochwichtige praktische Schlüsse fälschen. Diesen Nachweis
will ich versuchen. Ls ist notwendig, daß er klar und entscheidend ist,

*) McLulloch z. B. (Note VI zu Adam Smiths Wea!th of nations) sagt: „Jener
Teil des Kapitals oder Reichtums eines Landes, ^ welchen die Arbeitgeber für Arbeit
zu zahlen beabsichtigen oder geneigt sind, kann zu einer Zeit viel größer sein als zu einer
anderen. Aber welches auch seine absolute Größe sein mag, so ist er augenscheinlich die
einzige CZuelle, aus welcher irgendein Teil der Arbeitslöhne entnommen werden kann.
Ts ist kein anderer Fonds vorhanden, aus dem der Arbeiter als solcher auch nur einen
Schilling ziehen kann. Und hieraus folgt, daß der durchschnittliche Arbeitslohn oder der
auf den einzelnen entfallende Anteil des für Lohnzahlung ausgesetzten Nationalkapitals
in seiner Isöhe von der Zahl derjenigen, unter welche derselbe verteilt werden soll, ab-
hängen muß." Ähnliche Zitate könnte man aus allen maßgebenden nationalökono-
mischen Schriftstellern anführen.
        <pb n="45" />
        ﻿32

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

denn eine Lehre, auf welche sich so wichtige Betrachtungen gründen,
welche von so gewichtigen Autoritäten gestützt, so plausibel und in so
hohem Grade fähig ist, in den verschiedensten formen wiederzukehren,
kann nicht mit einer Behauptung beseitigt werden.

Der Satz, den ich zu beweisen suchen werde, lautet:

„daß der Arbeitslohn nicht aus demKaxital, sondern
in Wirklichkeit aus dem Produkt der durch ihn be-
zahlten Arbeit entnommen wird."

wir sprechen von Arbeit, die zur Produktion verwendet wird, auf
welche es sich der Einfachheit wegen empfiehlt, unsere Untersuchung
zu beschränken. Alle Fragen, die beim Leser über den Lohn unpro-
duktiver Dienste entstehen könnten, lassen wir daher vorläufig beiseite.
Nun kann dies, um so mehr als die herrschende Theorie, wonach die Löhne
dem Kapital entnommen werden, gleichzeitig auch behauptet, daß das
Kapital durch die Produktion wiedererstattet wird, aus den ersten Blick
wie eine Unterscheidung ohne Unterschied aussehen, wie ein bloßer
Tausch von Namen, worüber zu streiten nur jene unfruchtbaren Dispute
vermehren hieße, welche so vieles von dem, was über Nationalökonomie
geschrieben ist, so dürr und wertlos machen, wie die Kontroversen der
verschiedenen gelehrten Gesellschaften über die §wahre Bedeutung der
Anschrift auf dem von lUr. Pickwick gefundenen Steine. Daß wir es
hier aber nicht bloß mit einer formellen Unterscheidung zu tun haben,
wird sich ergeben, wenn berücksichtigt wird, daß sich auf dem Unter-
schiede zwischen den beiden Sätzen alle die landläufigen Theorien über
die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit aufbauen; daß daraus
Lehren abgeleitet werden, welche, wenn man sie selbst als erwiesen
ansieht, die fähigsten Köpfe in der Erörterung der wichtigsten Fragen
binden, leiten und beherrschen. Denn auf die Voraussetzung, daß die
Löhne direkt aus dem Kapital und nicht aus dem Produkt der damit
beschafften Arbeit entnommen werden, gründet sich nicht bloß die Lehre,
daß der Arbeitslohn von dem Verhältnis zwischen Kapital und Arheit
abhängt, sondern auch die Lehre, daß der Gewerbfleiß durch das Kapital
begrenzt sei; daß sich Kapital angesammelt haben müsse, ehe Arbeit
beschäftigt werde, und Arbeit nicht beschäftigt werden könne, ehe nicht
Kapital angesammelt sei; daß jede Kapitalsvermehrung der Lrwerbs-
tätigkeit weiteren Spielraum gebe oder geben könne; daß die Um-
wandlung umlaufenden Kapitals in fixes den für die Beschäftigung
von Arbeitskräften verwendbaren Fonds vermindere; daß mehr Arbeiter
Lei niedrigen als bei hohen Löhnen beschäftigt werden könnten; daß
das auf den Ackerbau verwendete Kapital mehr Arbeiter unterhalten
werde, als wenn es in Fabriken angelegt fei; daß der Kapitalgewinn
hoch oder niedrig sei, je nachdem die Löhne niedrig oder hoch sind, oder
daß er von den Kosten der Erhaltung der Arbeiter abhänge; es gründen
sich endlich darauf Paradoxen wie die, daß eine Nachfrage nach waren
nicht eine Nachfrage nach Arbeitskräften fei, oder daß gewisse waren
        <pb n="46" />
        ﻿Kap. I.

33

Die herrschende Lehre vom Lohn,

durch eine Lohnermäßigung verteuert, oder durch eine Lohnerhöhung
billiger würden.

Kurz, alle die Lehren der jetzigen Nationalökonomie sind, in dem
weitesten und wichtigsten Teile ihres Gebietes, mehr oder weniger
direkt auf die Annahme gegründet, daß die Arbeit von dem vorhandenen
Kapital unterhalten und bezahlt werde, ehe das Produkt, welches deren
schließlichen Zweck bildet, gewonnen sei. wenn bewiesen werden kann,
daß dies ein Irrtum ist, und daß im Gegenteil die Erhaltung und
Bezahlung der Arbeit selbst nicht einmal zeitweilig das Kapital an-
tastet, sondern direkt aus dem Produkt der Arbeit entnommen wird,
dann ist der ganze Oberbau ohne Stütze und muß fallen. Und ebenso
müssen damit die gewöhnlichen Theorien fallen, die ihre Grundlage
gleichfalls in dem Glauben haben, daß die in Löhnen zur Verteilung
kommende Summe eine fest bestimmte sei, deren einzelne Anteile
durch die Vermehrung der Arbeiterzahl notwendig vermindert werden
müßten.

Der Unterschied zwischen der landläufigen Theorie und der von
mir vertretenen ist tatsächlich demjenigen ähnlich, der zwischen dem
Merkantilsystem und der von Adam Smith an dessen Stelle gesetzten
Theorie besteht. Zwischen der Theorie, daß der Handel der Austausch
von waren gegen Geld, und der Theorie, daß er der Austausch von
waren gegen Waren sei, mag kein faktischer Unterschied zu bestehen
scheinen, wenn man sich erinnert, daß die Anhänger des Merkantil-
systems nicht annehmen, daß das Geld einen anderen Nutzen habe als
den, daß es gegen waren umgetauscht werden kann. Dennoch ent-
springt aus der praktischen Anwendung dieser beiden Theorien der
ganze Unterschied zwischen strengem Schutz und Freihandel.

Habe ich genug gesagt, um dem Leser die äußerste Wichtigkeit der
Schlußfolgerungen zu zeigen, durch welche ich ihn bitten muß, mir zu
folgen, so wird es nicht nötig sein, im voraus Kürze oder Weitschweifig-
keit zu entschuldigen. Um eine Lehre von solcher Wichtigkeit, eine von
so gewichtigen Autoritäten gestützte Lehre vor Gericht zu ziehen, ist es
nötig, sowohl klar als erschöpfend zu sein

wäre es nicht deswegen, so würde ich versucht sein, die Annahme,
daß die Löhne aus dem Kapital entnommen werden, mit einem ein-
fachen Satze abzufertigen. Denn das ganze große Gebäude, welches
die herrschende Nationalökonomie aus dieser Lehre ausrichtet, ist in
Wahrbeit auf einen Grund gebaut, der bloß als vorhanden angenommen
ist, ohne daß der leiseste Versuch gemacht wird, den Schein vom Wesen
zu unterscheiden, weil die Löhne gewöhnlich in Geld und bei vielen
Produktiven Verrichtungen eher gezahlt werden, als das Erzeugnis
derselben vollendet ist oder benutzt werden kann, so wird geschlossen,
baß die Löhne aus früher vorhandenem Kapital entnommen werden,
und daß somit der Gewerbsleiß durch das Kapital begrenzt sei, d. h.
'baß Arbeiter nicht beschäftigt werden können, bis Kapital angehäuft

George, Fortschritt und Armut.	5
        <pb n="47" />
        ﻿34

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

worden ist, und nur in dem Maße beschäftigt werden können, in dem
letzteres geschehen ist.

Dennoch sagt man uns in denselben Schriften, in welchen die
Begrenzung des Gewerbefleißes durch das Kapital ohne Vorbehalt
behauptet und zur Basis der wichtigsten Beweisführungen und ge-
lehrtesten Theorien gemacht wird, daß das Kapital aufgespeicherte oder
angehäufte Arbeit sei — „jener Teil der Güter, der gespart wird,
um die künftige Produktion zu unterstützen". Setzen wir für das Wort
„Kapital" diese Erklärung desselben, so trägt der Satz seine eigene Wider-
legung in sich, denn daß Arbeit nicht beschäftigt werden könne, bis das
Ergebnis derselben gespart sei, ist zu absurd, um überhaupt diskutiert
zu werden.

Sollten wir indes versuchen, mit dieser reductio ad absurdum
die Beweisführung zu schließen, so würde uns wahrscheinlich die Er-
klärung entgegengestellt werden, nicht, daß die ersten Arheiter durch die
Vorsehung mit dem nötigen Kapital ausgerüstet wurden, um ihnen
die Arbeit zu ermöglichen, sondern daß der Satz sich lediglich aus einen
gesellschaftlichen Zustand beziehe, in welchem die Produktion eine
komplizierte Operation geworden sei.

Aber die fundamentale Wahrheit, welche bei jedem national-
ökonomischen Argument ins Auge gefaßt und immer festgehalten
werden muß, ist, daß die Gesellschaft in ihrer höchst entwickelten Form
nur eine künstlichere Mischung der Gesellschaft in ihren rohesten An-
fängen ist, und daß die in den einfacheren Beziehungen der Menschen
obwaltenden Grundsätze bloß verhüllt, nicht aber aufgehoben oder
umgekehrt sind durch die verwickelteren Beziehungen, die aus der
Teilung der Arbeit und der Benutzung komplizierter Werkzeuge und
Methoden entstehen. Die Dampf-Mahlmühle, die mit ihren ver-
wickelten Gängen die verschiedensten Bewegungen ausweist, ist doch
nur dasselbe, was der rohe, aus einem alten Flußbett ausgegrabene
Steinmörser zu seiner Zeit war — ein Werkzeug, um Korn zu mahlen.
Und jedermann, der darin beschäftigt ist, ob er nun Holzscheite in den
Ofen schiebt, die Maschine in Gang setzt, die Steine richtet, die Säcke
zeichnet oder die Bücher führt, widmet tatsächlich seine Arbeit dem-
selben Zwecke, wie es der vorhistorische wilde tat, als er seinen Mörser
brauchte —nämlich der Zubereitung des Korns zur menschlichen Nahrung.

Und wenn wir so all die verwickelten Verrichtungen moderner
Produktion auf ihre niedersten Formen zurückführen, so sehen wir, daß
jeder einzelne, der an diesem unendlich verzweigten und verwickelten
Netzwerk der Produktion und des Austausches teilnimmt, in Wirk-
lichkeit nichts anderes tut, als was der Urmensch tat, als er die Früchte
von den Bäumen herunterholte oder der Ebbe folgte, um Schattiere
und Muscheln zu suchen — nämlich von der Natur durch Anstrengung
seiner Kräfte die Befriedigung seiner wünsche zu erlangen sucht. Be-
halten wir dies fest im Auge, betrachten wir die Produktion als ein
        <pb n="48" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Lehre vom Lohn.

35

Ganzes, als das Zusammenwirken aller in ihren verschiedenen Gruppen
Beteiligten zur Befriedigung der verschiedenen wünsche jedes ein-
zelnen, so sehen wir klar, daß der Lohn, den jeder für sein Bemühen
erhält, als das Ergebnis dieser Anstrengung ebenso wahrhaftig und
ebenso unmittelbar von der Natur herrührt, wie dies bei dem ersten
Menschen der Fall war.

wir wollen dies weiter illustrieren: Zn dem einfachsten Zustande,
den wir uns denken können, sucht sich jeder seinen Röder und fängt
seinen Fisch. Die Vorteile der Teilung der Arbeit werden bald er-
sichtlich, und der eine gräbt nach Würmern, während der andere angelt.
Doch trägt offenbar derjenige, der nach Würmern gräbt, ebensoviel
zum Fangen der Fische bei, wie derjenige, welcher wirklich fischt, wenn
später die Vorteile von Rähnen entdeckt sind und einer zurückbleibt, um
Rähne zu machen und auszubessern, widmet der Rahnmacher seine
Arbeit in der Tat gerade so sehr dem Fischfänge wie die wirklichen
Fischer, und die Fische, welche er abends nach der Rückkehr derselben
ißt, sind nicht minder das Ergebnis seiner Arbeit wie der ihrigen. Zst
so die Teilung der Arbeit erst in vollem Gange, und fischt der eine,
jagt der andere, pflückt der dritte Beeren, sammelt der vierte Früchte,
macht der fünfte Werkzeuge, baut der sechste chütten, verfertigt der
siebente Rleider, anstatt daß jeder alle seine Bedürfnisse durch direkte
Inanspruchnahme der Natur zu befriedigen sucht, — dann wendet
jeder in dem Maße, wie er das unmittelbare Produkt seiner Arbeit gegen
das unmittelbare Produkt der Arbeit anderer austauscht, tatsächlich
seine Arbeit zur Erzeugung aller der von ihm gebrauchten Dinge auf
und befriedigt faktisch seine wünsche durch die Anstrengung seiner be-
sonderen Rräfte; das heißt, was er empfängt, produziert er tatsächlich
selbst, wenn er wurzeln gräbt und sie gegen wildpret austauscht,
beschafft er tatsächlich wildpret ebenso, als wenn er das Reh gejagt
und den Zager selbst seine wurzeln hätte graben lassen. Die gewöhn-
liche Redensart: „ich mache so und so viel", gleichbedeutend mit „ich
verdiene so und so viel" oder „ich verdiente Geld, womit ich das und
das kaufte", ist vom nationalökonomischen Gesichtspunkte nicht bloß
bildlich, sondern buchstäblich richtig, verdienen ist machen!

Verfolgen wir nun diese Grundsätze, die in einem einfacheren
Gesellschaftszuftande einleuchtend genug sind, durch die verwickelteren
Verhältnisse des Zustandes, den wir zivilisiert nennen, so werden wir
klar sehen, daß in jedem Falle, in welchem Arbeit gegen waren aus-
getauscht wird, die Produktion tatsächlich dem Genusse voraufgeht;
daß der Arbeitslohn der Verdienst — d. h. das Ergebnis der Arbeit—,
nicht aber der Vorschuß des Rapitals ist, und daß der Arbeiter, welcher
seinen Lohn in Geld erhält (das freilich gemünzt oder gedruckt war,
ehe er die Arbeit begann), tatsächlich für die durch seine Arbeit be-
werkstelligte Vermehrung des allgemeinen Gütervorrats eine An-
weisung auf denselben empfängt, mit der er sich die von ihm gewünschten
        <pb n="49" />
        ﻿56

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

besonderen Güter verschaffen kann; und daß weder das Geld, welches
nur die Anweisung ist, noch die Güter, die er dafür angeschafft bat,
einen Vorschuß des Kapitals für seinen Unterhalt, sondern vielmehr
die Güter oder wenigstens einen Teil der Güter darstellen, welche
seine Arbeit bereits dem allgemeinen Vorräte hinzugefügt hat.

Behalten wir diese Grundsätze im Auge, so sehen wir, daß der
Zeichner, welcher in seinem dunkeln Atelier am Ufer der Themse die
LAäne einer großen Schiffsmaschine entwirft, seine Arbeit gerade so
gut der Erzeugung von Brot und Fleisch widmet, als ob er in Kali-
fornien Korn einbrächte oder in den jdampas von La jdlata den Lasso
schwänge; daß er sich seine Kleider so gut verfertigt, als ob er in Australien
Schafe scherte oder in jdaisley Tuch webte; und den Rotwein, den
er Mittags trinkt, so gut produziert, als ob er die Trauben an den Ufern
der Garonne persönlich pflückte. Der Bergmann, der 2000 Fuß unter
der Erde im herzen des Komstocks Silbererze gräbt, heimst damit —
vermittels unzähliger Tausche —Korn in Tälern ein, die dem Mittel-
punkt der Erde 5000 Fuß näher liegen, jagt den Walfisch durch die Eis-
felder des fernsten Nordens, pflückt Tabak in virginien und Kaffee-
bohnen in Honduras, schneidet Zuckerrohr auf den hawaiischen Inseln,
sammelt Baumwolle in Georgia oder webt sie in Manchester oder
Lowell, macht niedliche Kinderspielzeuge im harz oder pflückt zwischen
dem Grün und Gold der Gärten von Los Angelos die Drangen, die
er nach getaner Arbeit seinem kranken Weibe heimbringt. Der Lohn,
den er Sonnabends am Ausgange des Schachts erhält, was ist er
anders, als der in aller Welt gültige Schein, daß er alle diese Dinge
getan hat — in der langen Reihe von Tauschen der erste Tausch, welcher
seine Arbeit in die Dinge umwandelt, für die er tatsächlich gearbeitet hat?

Alles dies ist klar, wenn es in dieser weise ins Auge gefaßt wird;
aber um den Irrtum in allen seinen Festen und Verstecken aufzufinden,
müssen wir die Sache nicht bloß deduktiv, sondern auch induktiv unter-
suchen. wir wollen daher jetzt sehen, ob, wenn wir von Tatsachen
ausgehen und ihre Beziehungen verfolgen, wir zu denselben Resultaten
gelangen, als wenn wir, von Prinzipien ausgehend, ihre Anwendbarkeit
auf komplizierte Tatsachen untersuchen.

Kapitel II.

Der Sinn der Ausdrücke.

Ehe wir weiter in unserer Untersuchung fortfahren, müssen wir
uns über die Bedeutung unserer Ausdrücke klar werden, denn Un-
bestimmtheit in ihrer Anwendung muß unvermeidlich Zweideutigkeit
und Unbestimmtheit hervorbringen. Nicht allein ist es für die ökonomi-
        <pb n="50" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.

37

scheu Untersuchungen notwendig, Worten wie „Güter", „Kapital",
„Rente", „Lohn" und dergleichen einen bestimmteren Sinn zu geben,
als sie in der gewöhnlichen Redeweise haben, sondern unglücklicherweise
besteht selbst in der Nationalökonomie keine Übereinstimmung über
den Sinn einiger dieser Wörter, indem verschiedene Schriftsteller mit
demselben Ausdruck verschiedene Begriffe verbinden, und dieselben
Schriftsteller oft einen Ausdruck in verschiedenen Bedeutungen anwenden.
Nichts kann das, was von so vielen hervorragenden Schriftstellern über
die Wichtigkeit klarer und bestimmter Definitionen gesagt worden ist,
mehr bekräftigen, als das nicht seltene Beispiel, daß dieselben Autoren
eben aus dem Grunde, vor dem sie warnten, in schwere Irrtümer
verfallen. Und nichts zeigt so sehr die Wichtigkeit der anzuwendenden
Ausdrücke als das Schauspiel, daß selbst scharfe Denker wichtige Schlüsse
auf den Gebrauch desselben Wortes in verschiedenen Bedeutungen
gründen. Ich werde mich bemühen, diese Gefahren zu vermeiden. Ls
wird durchweg mein Bestreben sein, bei wichtigen Ausdrücken klar zu
sagen, was ich damit meine und dieselben dann in diesem Sinne und
in keinem anderen zu gebrauchen. Den Leser aber bitte ich, die ge-
gebenen Definitionen zu merken und im Sinne zu behalten, weil ich
sonst nicht hoffen kann, mich ihm verständlich zu machen. Ich werde
nicht versuchen, den Wörtern willkürliche Bedeutungen zu geben oder
Ausdrücke zu schaffen, auch wenn es bequem wäre dies zu tun, sondern
ich werde mich dem bestehenden Gebrauch so weit als möglich anpassen,
und mich nur bemühen, die Bedeutung der Wörter so festzustellen, daß sie
klare Gedanken ausdrücken.

Was uns obliegt, ist, zu erforschen, ob wirklich die Löhne aus dem
Kapital entnommen werden. Zu allernächst wollen wir zu diesem
Zwecke feststellen, was wir unter Lohn, und was wir unter Kapital
verstehen. Dem ersteren Worte ist von den ökonomischen Schriftstellern
ein hinreichend bestimmter Sinn gegeben worden, aber die Zweideutig-
keiten, die sich in der Nationalökonomie mit dem Gebrauch des letzteren
verknüpft haben, erfordern eine eingehende Prüfung.

Im gewöhnlichen Leben versteht man unter „Lohn" die Ver-
gütung, die eine gemietete Person für ihre Dienste erhält, und wir
sprechen von einem Manne, der „für Lohn arbeitet", im Gegensatz
zu einem anderen, der „für sich selbst arbeitet". Der Gebrauch des Aus-
drucks ist noch weiter beschränkt durch die Gewohnheit, ihn nur als eine
Vergütung für körperliche Arbeit anzuwenden. Bei Beamten, Direk-
toren oder Kommis sprechen wir nicht von ihren Löhnen, sondern von
ihrem Honorar, ihrem Gehalt, ihrem Salär. Somit ist also der ge-
wöhnliche Sinn des Wortes „Lohn" die einer gemieteten Person für
körperliche Arbeit gezahlte Vergütung. In der Nationalökonomie da-
gegen hat das wort „Lohn" einen viel weiteren Sinn und schließt alle
Erstattungen für Arbeit in sich. Denn wie die Nationalökonomen lehren,
sind die drei Faktoren der Produktion Land, Arbeit und Kapital, und
        <pb n="51" />
        ﻿38

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

derjenige Teil des Gesamtertrags, welcher auf den zweiten dieser
Faktoren entfällt, wird von ihnen Lohn genannt.

Somit schließt der Ausdruck Arbeit alle menschliche Anstrengung
bei der Lservorbringung von Gütern ein, und der Lohn schließt als
der Teil des Produkts, der auf die Arbeit entfällt, alle Belohnung
für diese Anstrengung ein. Im nationalökonomischen Sinne des Mortes
macht daher die Art der Arbeit, oder ob ihre Belohnung vermittels
eines Arbeitgebers erfolgt oder nicht, keinen Unterschied, sondern „Lohn"
bedeutet die für geleistete Arbeit empfangene Vergütung, im Unter-
schied von der Vergütung, die man für den Gebrauch von Kapital er-
hält, oder die der Grundbesitzer für den Gebrauch seines Grund und
Bodens empfängt. Der Mann, welcher den Boden für sich bebaut,
empfängt feinen Lohn in seinen Erzeugnissen, so wie er auch Zinsen
und Renten erhält, wenn er sein eigenes Kapital benutzt, und das Land
ihm zu eigen gehört; des Jägers Lohn ist das Mild, das er tötet; des
Fischers Lohn die Fische, die er fängt. Das Gold, welches der für eigene
Rechnung arbeitende Goldgräber auswäscht, ist gerade so gut sein Lohn
wie das Geld, das dem gemieteten Kohlengräber von dem Käufer
seiner Arbeit gezahlt wird*), und die hohen Gewinne der Ladenbesitzer
sind, wie Adam Smith zeigt, zum größten Teil Lohn, indem sie die
Vergütung für ihre Arbeit, nicht für ihr Kapital sind. Kurz, alles was
als Resultat oder Belohnung der Arbeit gewonnen wird, ist „Lohn".

Dies ist alles, was für jetzt über den „Lohn" zu bemerken wäre,
doch ist es wichtig, es im Sinne zu behalten. Denn in den meisten
ökonomischen Werken wird dieser Sinn des Ausdrucks Lohn mit größerer
oder geringerer Klarheit nur anerkannt, um weiterhin ignoriert zu
werden.

Schwerer jedoch ist es, den Begriff des „Kapitals" der Zwei-
deutigkeiten, die ihm anhaften, zu entkleiden und den wissenschaft-
lichen Sinn des Wortes festzustellen. In der gewöhnlichen Redeweise
nennt man alle Arten von Dingen, die einen wert haben oder einen
Ertrag liefern, Kapital; die ökonomischen Schriftsteller dagegen weichen
so weit voneinander ab, daß man kaum sagen kann, das Wort habe
einen bestimmten Sinn. wir wollen hier die Definitionen einiger
der hervorragendsten Schriftsteller miteinander vergleichen.

Adam Smith sagt (Buch II. Kap. I.):

„Derjenige Teil eines Vermögens, von dem jemand ein Einkommen erwartet,

wird sein Kapital genannt"..und definiert, daß das Kapital eines Landes oder

einer Gesellschaft bestehe aus: ;) Maschinen und Werkzeugen, die die Arbeit er-
leichtern und abkürzen; 2) Gebäuden, und zwar nicht bloß Wohnungen, sondern auch
solchen, die als Werkzeuge oder geschäftliche Hilfsmittel angesehen werden können,
wie z.B. Läden, Scheunen, Speicher usw.; 3)Verbesserungen des Grund und Bodens,

*) Dies wurde auch in Kalifornien in der gewöhnlichen Redeweise anerkannt; dort
nannte der Goldwäscher seinen Verdienst „Lohn" und je nach dem Betrage des ge-
wonnenen Goldes sagte er, er mache hohen oder niedrigen Lohn.
        <pb n="52" />
        ﻿Kap. XI.

Der Sinn der Ausdrücke.

39

die denselben für den Anbau oder die Kultur geeignet machen; 4) den erworbenen
und nützlichen Zähigkeiten aller Einwohner; 5) Geld; s) Vorräten in den fänden
der Produzenten und vändler, von deren verkauf sie einen Gewinn erwarten;
7) dem noch in den fänden der Produzenten oder Händler befindlichen Rohmaterial
der Ganz- oder Halbfabrikate; 8) den fertigen Artikeln, die sich noch in den fänden
der Produzenten oder Händler befinden.

Die ersten vier bezeichnet er als fixes Kapital und die letzten vier
als unrlaufendes Kapital, eine Unterscheidung, von der wir für unseren
Zweck keine weitere Notiz zu nehmen brauchen.

Ricardos Definition ist:

„Kapital ist derjenige Teil der Güter eines Landes, welcher zur Produktion
benutzt wird, und besteht aus Nahrungsmitteln, Kleidungsstücken, Werkzeugen, Roh-
materialien, Maschinen usw., die nötig sind, um die Arbeit zu ermöglichen." Principles
of Political Economy. Kap. 4.

Diese Definition ist, wie man sieht, sehr verschieden von der Adam
Smiths, da sie viele der Dinge ausschließt, welche er einschließt —
wie erworbene Talente, bloße Kunst- oder Luxusartikel im Besitz von
Produzenten oder Händlern; und andererseits einige Sachen ein-
begreift, welche jener ausschließt — wie z. B. Nahrungsmittel,
Kleider usw. —, die sich im Besitz des Konsumenten befinden.

McLullochs Definition lautet:

„Das Kapital einer Nation umfaßt tatsächlich alle die Teile der Erzeugnisse
des innerhalb derselben bestehenden Gewerbfleißes, welche unmittelbar dazu benutzt
werden können, um entweder das menschliche Dasein zu erhalten oder die Produktion
zu erleichtern." Notes on Wealth of Kations. Buch II. Kap. I.

Diese Definition nähert sich derjenigen Ricardos, nur ist sie um-
fassender. während sie alles ausschließt, was nicht die Produktion
zu unterstützen vermag, schließt sie alles ein, was dessen fähig ist, ohne
Rücksicht auf den wirklichen Gebrauch oder die Notwendigkeit der
Benutzung, — das zum Vergnügen gehaltene Kutschpferd ist nach
McLullochs Ansicht, wie er ausdrücklich konstatiert, ebensogut Kapital
als der Ackergaul, weil es im Fall der Not auch vor den Pflug gespannt
werden kann.

)ohn Stuart Mill, der im allgemeinen Ricardo und McLulloch
folgt, macht weder den Gebrauch, noch die Fähigkeit zum Gebrauch,
sondern die Bestimmung zum Gebrauch zum Merkmal des Kapitals.
Er sagt:

„Alle Dinge, die bestimmt sind, produktive Arbeiter mit dem Schutz und Bei-
stand, den Werkzeugen und Materialien zu versehen, welche die Arbeit erfordert,
den Arbeiter zu ernähren und überhaupt während der Arbeit zu erhalten, sind Kapital."
Principles of Political Economy. Buch I. Kap. IV.

Diese Zitate kennzeichnen hinlänglich die Abweichungen der Meister.
Unter den minder bedeutenden Autoren ist die Uneinigkeit noch größer,
wie einige Beispiele genügend zeigen werden.

Professor watzland, dessen „Moments ot Political Monoms"
lange ein beliebtes Lehrbuch in amerikanischen Unterrichtsanstalten war,
        <pb n="53" />
        ﻿HO

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

soweit dort überhaupt Nationalökonomie gelehrt wurde, gibt darin,
Buch I. Kap. I., folgende klare Definition:

„Das Wort Kapital wird in doppeltem Sinne gebraucht. Mit Bezug auf das
Produkt bedeutet es jede Substanz, auf welche Gewerbfleiß verwendet wird. Mit
Bezug auf den Gewerbfleiß bedeutet es die Stoffe, denen derselbe wert verleihen
will oder bereits wert verliehen hat; die Werkzeuge, die zur Verleihung von wert
gebraucht werden, sowie die Mittel des Unterhalts, durch welche der Mensch erhalten
wird, während er damit beschäftigt ist, die Arbeit zu verrichten."

Lsenry L. Larey, der amerikanische Apostel des Schutzsystems,
definiert Kapital als „das Instrument, durch welches der Mensch die
Herrschaft über die Natur erlangt, einschließlich der physischen und
geistigen Kräfte des Menschen selber". Professor Perry, ein Frei-
händler von Massachusetts, hält dem sehr richtig entgegen, daß damit
die Grenzen zwischen dem Kapital und Arbeit hoffnungslos verwirrt
werden, verwirrt dann aber seinerseits wieder hoffnungslos die Grenzen
zwischen Kapital und Grund und Boden, indem er das Kapital definiert
als: „jedes wertvolle Ding außer dem Menschen selbst, aus dessen
Gebrauch ein Geldzuwachs oder Gewinn entsteht". Ein englischer
ökonomischer Schriftsteller von hohem Rang, wm. Thornton, beginnt
eine gelehrte Untersuchung der Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital
(„On Labor“) mit der Bemerkung, daß er den Grund und Boden im
Kapital einbegreifen wolle, was genau dasselbe ist, als wenn jemand,
der Algebra lehren will, mit der Erklärung anfängt, daß er die Zeichen
plus und minus als gleichbedeutend und gleichwertig ansehen wolle.
Ein ebenfalls bedeutender amerikanischer Schriftsteller, Professor Francis
A. Walker, gibt in feinem gelehrten Buch über die Lohnfrage die-
selbe Erklärung ab. Ein anderer englischer Schriftsteller, N. A. Nichol-
son („The Science of Exchanges", London, H873) setzt der Absurdität
die Krone auf, indem er in einem Satze (Seite 26) erklärt: „daß das
Kapital natürlich durch Sparen angesammelt werden muß" und im
nächsten Sahe konstatiert, „das Land, welches eine Ernte erzeugt, der
Pflug, welcher die Erde aufreißt, die Arbeit, welche das Produkt schafft,
und das Produkt selbst, wenn ein materieller Gewinn aus seinem Ge-
brauch zu ziehen ist, sind alle gleichermaßen Kapital", wie aber Grund
und Boden und Arbeit durch Sparen angesammelt werden sollen,
geruht er nirgends zu sagen. Ebenso erklärt ein namhafter ameri-
kanischer Schriftsteller, Professor Amasa Walker (Seite 66 „Science
of wealth“) zuerst, daß das Kapital aus den Nettoersparnissen der Arbeit
entspringe, und gleich darauf, daß der Grund und Boden Kapital sei.

Ich könnte seitenlang fortfahren, einander widersprechende und
sich selber widersprechende Definitionen zu zitieren. Aber es würde
den Leser nur ermüden. Ls ist überflüssig, die Zitate zu vermehren.
Die schon gegebenen genügen, um zu zeigen, welche große Verschieden-
heit in der Auffassung des Ausdruckes Kapital obwaltet. Jeder, der
weitere Beispiele der babylonischen Verwirrung braucht, welche über
        <pb n="54" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.



diesen Gegenstand unter den Lehrern der Nationalökonomie herrscht,
kann sie in jeder Bibliothek, wo ihre Werke nebeneinander stehen, finden.

Ls macht zwar wenig Unterschied, welchen Namen wir den Dingen
geben, wofern wir nur bei Anwendung des Namens immer dieselben
Dinge im Auge behalten. Aber der Ubelstand, der in nationalöko-
nomischen Untersuchungen aus solchen unbestimmten und wechselnden
Definitionen des Kapitals erwächst, ist der, daß der Ausdruck nur in
den Prämissen in dem durch die Definition ihm beigelegten, besonderen
Sinne gebraucht wird, während derselbe bei den praktischen Schlüssen,
zu denen man gelangt, stets in einem allgemeinen und bestimmten
Sinne gebraucht oder wenigstens verstanden wird. peißt es z. B.,
daß der Arbeitslohn dem Kapital entnommen wird, so versteht man
das Wort Kapital in demselben Sinne, als wenn wir von Mangel oder
Überfluß, von Ab- oder Zunahme, von Vernichtung oder Erzeugung
von Kapital sprechen — ein allgemein verstandener und bestimmter
Sinn, der das Kapital von den anderen Faktoren der Produktion, dem
Grund und Boden und der Arbeit, trennt und es auch von ähnlichen
Dingen, die nur dem Genusse dienen, scheidet. Zn der Tat verstehen
die meisten Leute gut genug, was Kapital ist, bis sie ansangen dasselbe
zu definieren, und ich denke, die in ihren Definitionen so weit voneinander
abweichenden ökonomischen Schriftsteller beweisen durch ihre Werke,
daß sie den Ausdruck in diesem allgemein verstandenen Sinne in allen
Fällen gebrauchen, außer bei ihren Definitionen und den darauf ge-
gründeten Argumenten.

Dieser gewöhnliche Sinn des Wortes ist der von Gütern, die zur
Produktion von mehr Gütern benutzt werden. Adam Smith drückt
diesen gewöhnlichen Gedanken richtig aus, wenn er sagt: „Derjenige
Teil eines Vermögens, von welchem jemand ein Einkommen er-
wartet, wird sein Kapital genannt." Und das Kapital eines Landes
ist augenscheinlich die Summe solcher individuellen Vermögen oder
derjenige Teil des Gesamtvermögens, von dem erwartet wird, daß
er mehr Güter verschaffe. Dies ist auch der etymologische Sinn des
Ausdrucks. Das Wort Kapital ist, wie die Philologen nachweisen,
aus einer Zeit auf uns gekommen, wo die Güter in Rindern geschätzt
wurden und jemandes Einkommen von der Kopfzahl, die er zu ihrer
Vermehrung halten konnte, abhing.

Die Schwierigkeiten, welche den Gebrauch des Wortes Kapital
als eines exakten Ausdrucks umgeben und welche in den gewöhnlichen
politischen und sozialen Erörterungen sogar noch schlagender als bei
den Definitionen der ökonomischen Schriftsteller hervortreten, entstehen
aus zwei Umständen: erstens, daß gewisse Klassen von Dingen, deren
Besitz für den einzelnen ganz gleichbedeutend mit dem Besitz von Kapital
ist, keine Teile des Kapitals der Gesellschaft sind, und zweitens, daß
die nämlichen Dinge Kapital sein können oder nicht, je nach dem Zwecke,
dem sie gewidmet sind.
        <pb n="55" />
        ﻿

Arbeitslohn und Kapital.	Buch I.

Bei etwas Sorgfalt hinsichtlich dieser Punkte dürfte es nicht schwer
sein, einen hinreichend klaren und bestimmten Begriff davon zu-ge-
winnen, was der Ausdruck Kapital, wie er gewöhnlich gebraucht wird,
eigentlich umfaßt, einen Begriff, wie er uns in den Stand fetzt, zu
sagen, welche Dinge Kapital sind und welche nicht, um das Wort ohne
Zweideutigkeit oder Fehltritt zu gebrauchen.

Grund und Boden, Arbeit und Kapital find die drei Faktoren der
Produktion. Wenn wir uns erinnern, daß Kapital sonach ein Ausdruck
ist, der im Gegensatze zum Grund und Boden und zur Arbeit gebraucht
wird, so sehen wir sofort, daß nichts, was unter eine der letzteren beiden
Bezeichnungen gehört, unter das Kapital klassifiziert werden kann. Der
Ausdruck Grund und Boden umfaßt notwendig nicht bloß die Ober-
fläche der Erde, im Unterschied von Luft und Wasser, sondern die ganze
materielle Schöpfung mit Ausnahme des Menschen selbst, denn nur
dadurch, daß er Zugang zum Grund und Boden hat, aus dem selbst
sein Körper hervorgegangen ist, kann der Mensch in Berührung mit
der Natur kommen und sie benutzen. Kurz, der Ausdruck Grund und
Boden umfaßt alle natürlichen Stoffe, Kräfte und Vorteile, und
deshalb kann nichts, was von der Natur frei geliefert wird, zum Kapital
gerechnet werden. Lin fruchtbares Feld, eine reiche Lrzmine, ein fallender
Strom mit starker Wasserkraft mögen dem Besitzer gleichwertige Vor-
teile verleihen wie der Besitz von Kapital, aber solche Dinge als Kapital
zu bezeichnen, hieße der Unterscheidung zwischen Grund und Boden
und Kapital ein Ende machen und, soweit sie sich aufeinander beziehen,
den beiden Ausdrücken ihren Sinn nehmen. Der Ausdruck Arbeit
schließt in gleicher weise alle menschliche Anstrengung ein, und somit
können menschliche Kräfte, ob natürliche oder erworbene, nie demKapital
zugerechnet werden. )m gewöhnlichen Leben sprechen wir zwar oft
von jemandes Kenntnissen, Geschicklichkeit und Fleiß als von seinem
Kapital, doch ist dies augenscheinlich nur ein bildlicher Ausdruck, den
man bei einer auf Genauigkeit Anspruch erhebenden Erörterung ver-
meiden muß. Überlegenheit in solchen Eigenschaften mag das Ein-
kommen des einzelnen gerade so vergrößern, wie das Kapital es tun
würde, und eine Zunahme der Kenntnisse, der Geschicklichkeit oder
des Fleißes in einem Gemeinwesen mag auf die Vermehrung seiner
Produktion dieselbe Wirkung wie eine Kapitalzunahme haben; aber
diese Wirkung rührt von der vermehrten Macht der Arbeit her, und
nicht vom Kapital, vergrößerte Schnelligkeit mag dem Anprall einer
Kanonenkugel denselben Effekt verleihen wie vergrößertes Gewicht,
aber nichtsdestoweniger find Gewicht und Schnelligkeit verschiedene
Dinge.

Somit müssen wir aus der Kategorie des Kapitals alles ausschließen,
was entweder unter Grund und Boden oder unter Arbeit eingeschlossen
werden kann. Dies getan, bleiben nur Dinge übrig, welche weder Land
noch Arbeit sind, welche aber aus der Vereinigung dieser beiden Original-
        <pb n="56" />
        ﻿Aap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.

&lt;*3

fafioren der Produktion entstanden. Nichts kann füglich Kapital sein,
was nicht aus diesen besteht, d. h. nichts kann Kapital sein, was nicht
ein Gut ist.

Aus den Zweideutigkeiten irrt Gebrauch dieses umfassenderen Aus-
drucks „Güter" lassen sich aber viele der Zweideutigkeiten herleiten,
welche den Ausdruck Kapital verwirren.

Zur gewöhnlichen Sprachgebrauch wendet man das Wort „Güter"
auf alles an, was einen Tauschwert hat. Zn der Nationalökonomie
dagegen muß es auf einen bestimmteren Sinn begrenzt werden, weil
man oft von vielen Dingen als von Gütern spricht, die bei der Be-
zeichnung der gemeinsamen oder allgemeinen Güter überhaupt nicht
als Güter betrachtet werden können. Solche Dinge haben wohl einen
Tauschwert und werden gewöhnlich Güter genannt, weil sie unter
den einzelnen oder unter Kategorien von einzelnen die Befähigung
darstellen, sich Güter zu verschaffen; aber sie sind keine wirklichen Güter,
da ihre Zu- oder Abnahme die Summe der Güter gar nicht berührt.
Dahin gehören Staatspapiere, Hypothekenbriefe, Wechsel, Banknoten
oder sonstige formen der Übertragung von Gütern. Dahin gehören
auch die Sklaven, deren wert nur die Macht der einen Klasse darstellt,
sich den Erwerb einer anderen Klasse anzueignen. Dahin gehören
auch Grundstücke oder andere natürliche Vorteile, deren wert nur
darin besteht, daß das ausschließliche Recht bestimmter Personen auf
ihre Benutzung anerkannt wird, und welche bloß die den Eigentümern
auf diese weise verliehene Macht darstellen, einen Anteil an den durch
die Benutzer derselben hervorgebrachten Gütern zu fordern. Eine Ver-
mehrung des Betrages von Schuldbriefen, Hypotheken, Banknoten
oder Bankwechseln kann die Güter des Gemeinwesens nicht vermehren,
da dasselbe sowohl die, welche zu zahlen versprechen, wie die, welche
zu empfangen berechtigt sind, einschließt. Die Sklaverei eines Teils
des Volkes kann die Güter desselben nicht vermehren, denn was die
Sklavenbesitzer gewinnen, verlieren die Sklaven. Die Wertsteigerung
des Grund und Bodens stellt keine Vermehrung der gemeinsamen
Güter dar, denn was die Grundbesitzer durch höhere preise gewinnen,
büßen die Käufer oder Pächter, welche dieselben zu zahlen haben, ein.
Und all diese relativen Güter, die nach der gewöhnlichen Ansicht und
nach dem Sprachgebrauch, in Gesetz und Recht von wirklichen Gütern
nicht verschieden sind, könnten mit nichts weiter als einigen Tropfen
Tinte und einem Stück Papier gänzlich aus der Welt geschafft werden.
Durch Erlaß der höchsten Staatsgewalt könnten alle Schulden getilgt,
alle Sklaven befreit und der Grund und Boden wieder zum Gemeingut
des ganzen Volkes gemacht werden, ohne daß damit der Gesamt-
reichtum um den wert einer Prise Tabak vermindert würde, denn
was die einen verlieren, würden die anderen gewinnen. Ls würden
dadurch eben so wenig Güter vernichtet werden als Güter dadurch
geschaffen wurden, daß Elisabeth Tudor ihre Günstlinge durch Monopole
        <pb n="57" />
        ﻿





Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

bereicherte, oder daß Boris Godunof die russischen Bauern zu verkäuf-
lichem Besitz machte.

Alle Dinge, die einen Tauschwert haben, sind deshalb noch nicht
Güter in dem einzigen Sinne, in welchem der Ausdruck in der National-
ökonomie gebraucht werden darf. Nur solche Dinge können Güter
sein, deren Erzeugung die Summe der Güter vermehrt, oder deren Ver-
nichtung dieselbe vermindert, wenn wir betrachten, welche Dinge
dies sind und von welcher Beschaffenheit sie sind, so werden wir keine
Schwierigkeit haben, das Wort „Güter" zu definieren.

wenn wir von einem an Reichtum zunehmenden Staate sprechen
— wenn wir z. B. sagen, daß England seit dem Regierungsantritt
der Königin Victoria an Reichtum zugenommen habe, oder das Kali-
fornien jetzt reicher sei als zur Zeit seiner mexikanischen Staatsangehörig-
keit —, so meinen wir damit nicht, daß es jetzt darin mehr Grund und
Boden gibt, oder daß die natürlichen Kräfte des Landes größer sind,
oder daß ^die Zahl der Einwohner sich vermehrt hat (denn wenn wir
diesen Gedanken auszudrücken wünschen, sprechen wir von einer Zu-
nahme der Bevölkerung), oder daß die Schulden und Verbindlichkeiten
einzelner gegen andere angewachsen sind, sondern wir meinen damit,
daß eine Vermehrung gewisser handgreiflicher Dinge stattgefunden hat,
die nicht bloß relativen, sondern wirklichen wert haben, wie z. B.
Gebäude, Vieh, Maschinen, Werkzeuge, Ackerbau- und Bergwerks-
produkte, Fabrikate, Schiffe, Waggons, Möbel und dergleichen. Die
Zunahme solcher Dinge bildet eine Zunahme von Gütern; ihre Ab-
nahme ist eine Abnahme von Gütern, und der Staat, der im Verhält-
nis zur Anzahl seiner Mitglieder die meisten solcher Dinge besitzt, ist
der reichste. Der gemeinsame Lharakter dieser Dinge ist, daß sie aus
natürlichen Substanzen oder Produkten, die durch menschliche Arbeit
dem menschlichen Nutzen oder Genusse dienstbar gemacht wurden, be-
stehen, und ihr wert hängt von der Summe von Arbeit ab, welche
durchschnittlich zur Erzeugung von Dingen gleicher Art erforderlich sein
würde.

Somit bestehen die Güter in dem Sinne, wie der Ausdruck in der
Nationalökonomie allein gebraucht werden kann, aus natürlichen Pro-
dukten, die durch menschliche Arbeit beschafft, fortbewegt, vereinigt,
getrennt oder auf andere Art verändert wurden, um sie für die Be-
friedigung menschlicher wünsche geeignet zu machen. Güter sind, mit
anderen Worten, Arbeit, die den Stoff derartig verwandelt hat, daß,
ähnlich wie die Sonnenwärme in der Kohle aufgespeichert ist, die Kraft
menschlicher Arbeit aufgespeichert ist, um menschlichen wünschen zu
dienen. Güter sind nicht der einzige Zweck der Arbeit, denn es

wird auch Arbeit aufgewendet, um menschlichen wünschen unmittelbar
zu dienen; aber die Güter sind der Zweck und das Ergebnis dessen,
was wir produktive Arbeit nennen — d. h. der Arbeit, die materiellen
Dingen wert verleiht. Nichts, was die Natur den Menschen ohne
        <pb n="58" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.

H5

Arbeit gibt, ist ein Gut inr ökonomischen Sinne, noch entstehen aus
der Aufwendung von Arbeit Güter, wenn nicht ein greifbares Produkt
hervorgebracht wird, das die Kraft der Bedürfnisbefriedigung hat und
behält. Da nun das Kapital der einem bestimmten Zwecke gewidmete
Gütervorrat ist, so kann nichts Kapital fein, was nicht in diese De-
finition der Güter paßt. wenn wir dies erkennen und im Auge be-
halten, werden wir falsche Auffassungen los, die alle Schlüffe, bei denen
sie eine Rolle spielen, fälschen, die Ansichten des Volkes umnebeln
und selbst scharfsinnige Denker in Labyrinthe von Widersprüchen ge-
führt haben.

Obwohl aber alles Kapital aus Gütern besteht, so sind doch nicht
alle Güter Kapital. Das Kapital ist nur ein Teil der Güter, jener
Teil nämlich, der der Unterstützung der Produktion gewidmet wird.
Bei der Unterscheidung zwischen den Gütern, die Kapital sind, und
den Gütern, die es nicht find, stellt sich leicht eine zweite Klasse von
irrtümlichen Auffassungen ein.

Die Irrtümer, die ich nachgewiesen habe und die in der Ver-
wechselung der Güter und des Kapitals mit wesentlich verschiedenen
Dingen, d. h. solchen, die nur ein relatives Dasein haben, hestehen,
sind jetzt nur noch vulgäre Irrtümer. Sie sind allerdings weitverbreitet
und haben eine tiefe Wurzel, da sie nicht bloß von den weniger ge-
bildeten Klassen, sondern anscheinend auch von der großen Mehrheit
derjenigen gehegt werden, die in so vorgeschrittenen Ländern wie
England und die vereinigten Staaten die öffentliche Meinung formen
und leiten, in Parlamenten und Kongressen die Gesetze machen und
sie in den Gerichtshöfen anwenden. Sie wuchern überdies in den Er-
örterungen vieler jener oberflächlichen Schriftsteller, die mit zahlreichen
Bänden sogenannter Nationalökonomie, welche bei den Unwissenden
für Lehrbücher und bei denen, die nicht selbst denken, für Autoritäten
passieren, die Literatur belastet und das Urteil getrübt haben! Nichts-
destoweniger sind es nur vulgäre Irrtümer, um so mehr als sie in den
besten nationalökonomischen Schriftstellern keinen Vorschub finden.
Durch eines jener versehen, welche sein großes Werk beeinträchtigen
und schlagend die Unvollkommenheit auch des größten Talentes be-
weisen, zählt Adam Smith gewisse persönliche Eigenschaften zum Kapital,
deren Einbeziehung mit seiner ursprünglichen Definition des Kapitals
als Vermögen, von dem ein Einkommen erwartet wird, unvereinbar
ist. Aber von seinen bedeutendsten Nachfolgern wurde dieser Irrtum
vermieden und ist in den vorhin gegebenen Definitionen von Ricardo,
McLulloch und Mill nicht enthalten, weder in ihren Definitionen,
noch in derjenigen Smiths ist der vulgäre Irrtum enthalten, der mit
wirklichem Kapital Dinge zusammenwirft, die nur relativ Kapital sind
wie Schuldurkunden, Hypothekenbriefe usw. Aber hinsichtlich der Dinge,
die wirklich Güter sind, weichen ihre Definitionen sowohl voneinander,
als besonders von Smith eben so weit ab, wie hinsichtlich dessen, was
        <pb n="59" />
        ﻿

Arbeitslohn und Rapital.

Buch I*

als Kapital zu betrachten ist und was nicht. Die Vorräte eines Juweliers
z. B. würden nach der Auffassung von Smith als Kapital betrachtet,
Nahrungsmittel und Kleidungsstücke eines Arbeiters dagegen aus-
geschlossen werden. Die Definitionen von Ricardo und McEulloch
schließen dagegen den Vorrat des Juweliers aus, ebenso diejenige
Mills, wenn die von mir zitierten Worte desselben so zu verstehen sind,
wie die meisten sie verstehen würden. Nach seiner Erläuterung jedoch
entscheidet weder die Natur noch die Bestimmung der Dinge selbst
darüber, ob sie Kapital sind oder nicht, sondern vielmehr die Absicht
des Eigentümers, ob er entweder die Dinge selbst oder den bei ihrem
Verkauf empfangenen Wert dazu benutzen will, um produktive Arbeit
mit Werkzeugen, Stoffen und Unterhalt zu versehen. Alle diese Defi-
nitionen schließen jedoch übereinstimmend die Vorräte und Kleider
des Arbeiters ein, welche Smith ausschließt.

Wir wollen jetzt diese drei Definitionen, welche die besten Lehren
der herrschenden Nationalökonomie darstellen, näher betrachten.

Gegen McLullochs Definition des Kapitals als „alle die Teile
der Erzeugnisse des Gewerbfleißes, welche unmittelbar dazu benutzt
werden können, um entweder das menschliche Dasein zu erhalten oder
die Produktion zu erleichtern", gibt es naheliegende Einwendungen.
Man braucht nur irgendeine Hauptstraße einer blühenden Stadt ent-
lang zu gehen und die Läden mit allen Arten wertvoller Dinge zu
sehen, die zwar weder zur Erhaltung des menschlichen Daseins, noch zur
Erleichterung der Produktion verwendet werden können, gleichwohl
aber unzweifelhaft ein Teil des Kapitals des Ladeninhabers und ein
Teil des Kapitals der Gesellschaft sind. Und nicht minder kann man
Erzeugnisse des Gewerbfleißes sehen, die wohl geeignet sind, das mensch-
liche Dasein zu erhalten und die Produktion zu erleichtern, gleichwohl
aber nur der Eitelkeit und dem Luxus dienen. Sicherlich bilden dieselben,
obgleich sie es könnten, keinen Teil des Kapitals.

Ricardos Definition vermeidet, unter dem Kapital Dinge zu be-
greifen, die zur Produktion verwendet werden könnten, aber nicht
werden, und umfaßt nur diejenigen, die so verwendet werden. Aber
auch sie unterliegt dem ersteren, gegen McEulloch erhobenen Einwände,
wenn nur diejenigen Güter Kapital sind, die zum Unterhalt von Pro-
duzenten oder zum Beistand der Produktion verwendet werden oder
werden können oder dazu bestimmt sind, dann sind die Vorräte der
Juweliere, Spielwarenhändler, Tabakshändler, der Konditoreien, der
Bilderhändler usw., genug alle Vorräte, die aus Luxusartikeln be-
stehen, kein Kapital.

wenn Mill dadurch, daß er die Entscheidung in die Absicht des
Kapitalisten legt, diesen Ubelstand vermeidet (was mir immerhin
zweifelhaft ist), so wird dadurch der Unterschied so vage, daß niemand,
der nicht allwissend ist, in einem gegebenen Lande oder zu einer ge-
gebenen Zeit sagen könnte, was Kapital fei und was nicht.
        <pb n="60" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.

«7

Der große Fehler, den diese Definitionen nriteinander gemein
haben, ist, daß sie Elemente einschließen, die augenscheinlich nicht als
Kapital betrachtet werden dürfen, wenn zwischen Arbeitern und Ka-
pitalisten noch irgendein Unterschied bestehen soll. Denn sie verweisen
in die Kategorie des Kapitals ebensowohl die Nahrungsmittel, Klei-
dungsstücke usw. des Tagelöhners, die er verbrauchen muß, gleichviel
ob er arbeitet oder nicht, als das im Besitz des Kapitalisten befindliche
vermögen, mit dem er dem Arbeiter seine Arbeit zu bezahlen beabsichtigt

^Augenscheinlich aber ist dies nicht der Sinn, in welchem der Aus-
druck Kapital von diesen Schriftstellern gebraucht wird, wenn sie davon
reden, daß die Arbeit und das Kapital sich in verschiedener Weise an
der Produktion beteiligen und verschiedene Anteile an der Ver-
teilung ihres Ertrags erhalten; wenn sie sagen, daß der Arbeitslohn
dem Kapital entnommen werde, oder von dem Verhältnis zwischen
den Arbeitskräften und dem Kapital abhängig sei, oder wie sonst der
Ausdruck in der Regel von ihnen gebraucht wird. In allen diesen Fällen
wird das wort Kapital in seinem gewöhnlichen Sinne gebraucht, als
jener Teil der Güter, die ihre Eigentümer nicht unmittelbar für sich,
sondern zur Erlangung von mehr Gütern zu verwenden beabsichtigen.
Kurz, sowohl bei den Nationalökonomen (außer in ihren Definitionen
und Prinzipien) als auch bei allen anderen Leuten heißt, um Adam
Smiths Worte zu gebrauchen, „derjenige Teil von jemandes ver-
mögen, von dem er ein Einkommen erwartet, sein Kapital". Dies ist
der einzige Sinn, in welchem das wort Kapital einen feststehenden
Begriff ausdrückt — der einzige Sinn, in welchem wir es mit der er-
forderlichen Klarheit von den Gütern unterscheiden und es mit der
Arbeit in Gegensatz stellen können. Denn wenn wir als Kapital alles
betrachten müßten, was den Arbeiter mit Nahrung, Kleidung, Obdach usw.
versieht, dann müßten wir, um einen Arbeiter zu finden, der nicht
zugleich Kapitalist wäre, einen völlig nackten Menschen aufspüren, der
nicht einmal einen zugespitzten Stock oder eine Erdhöhle sein nennt —
eine Lage, in der, abgesehen von außerordentlichen Fällen, noch niemals
Menschen gefunden wurden.

Die Uneinigkeit und Ungenauigkeit in diesen Definitionen scheint
mir aus dem Umstande zu entspringen, daß der Begriff des Kapitals
aus einem vorgefaßten Begriffe von der Art und Weise, wie dasselbe
die Produktion unterstützt, hergeleitet wurde. Anstatt erst festzustellen,,
was das Kapital ist, und dann zu beobachten, was das Kapital tut,
nahm man zuerst gewisse Funktionen des Kapitals an und gab dann
eine Definition des Wortes, welche alle Dinge umfaßt, die jene Funk-
tionen verrichten oder verrichten können. Wir wollen dieses Verfahren
umkehren und, die natürliche Ordnung befolgend, erst feststellen, was
das Ding ist, bevor wir zu ergründen suchen, was es tut. wir haben
weiter nichts zu tun, als sozusagen das Maß und die Grenzen eines
        <pb n="61" />
        ﻿-H8	Arbeitslohn und Uaxital.	Buch I.

Ausdrucks festzusetzen, der in der Hauptsache ganz verständlich ist —
einein gewöhnlichen Begriff eine bestimmte, d. h. in ihren Umrissen
scharfe und klare Form zu geben.

wenn man die verschiedenen Gegenstände der Güterwelt, die zu
einer gegebenen Zeit in einem Lande vorhanden sind, einem Dutzend
intelligenter Leute zeigen würde, die nie eine Zeile Nationalökonomie
gelesen haben, würden sie schwerlich bei irgendeinem Stücke verschie-
dener Meinung darüber sein, ob es zum Kapital gerechnet werden müsse
oder nicht. Das Geld, welches der Eigentümer im Geschäft oder zur
Spekulation braucht, würde zum Kapital gerechnet werden, Geld für
Haushaltungs- oder persönliche Ausgaben dagegen nicht. Der Teil
der Ernte eines Landwirts, der zum Verkauf oder zur Aussaat oder
zum Unterhalt feinerArbeiter bestimmt ist, würde zum Kapital gerechnet
werden, der zum Verbrauch seiner Familie bestimmte nicht, sdferde
und wagen eines Lohnkutschers wären zum Kapital zu rechnen; die
zum vergnügen ihres Besitzers gehaltene Equipage nicht. So würde
niemand daran denken, das falsche Haar auf dem Kopfe einer Frau,
die Zigarre im Munde eines Rauchers oder das Spielzeug eines Kindes
zum Kapital zu rechnen; aber derBestand eines Friseurs, eines Zigarren-
oder Spielwarenlagers würde ohne Zaudern dem Kapital beigezählt
werden. Einen Rock, den ein Schneider zum Verkauf gemacht hat,
würde man als Kapital ansehen, aber den zu seinem eigenen Gebrauch
gemachten nicht. Nahrungsmittel im Besitz eines Gastwirts oder
Restaurateurs würden dem Kapital zugezählt werden, nicht aber der
Inhalt der Speisekammer der Hausfrau oder des Frühstückskorbes
des Arbeiters. Roheisen in den Händen des Schmelzers, Gießers oder
Händlers würde als Kapital betrachtet werden, das als Ballast einer
Lustyacht dienende Eisen nicht. Die Blasebälge eines Schmieds, die
Webstühle einer Fabrik wären Kapital, nicht aber die Nähmaschine
einer Frau, die nur für sich arbeitet; ein Mietshaus oder ein zu ge-
schäftlichen oder produktiven Zwecken benutztes Gebäude ist Kapital,
die eigene Wohnstätte nicht. Kurz, ich glaube, wir würden finden,
daß jetzt, wie zur Zeit Adam Smiths, „der Teil von jemandes ver-
mögen, von dem er ein Einkommen erwartet, fein Kapital genannt
wird". Und wenn wir feinen unglücklichen Schnitzer hinsichtlich der
persönlichen Eigenschaften beiseite lassen und seine Aufzählung des
Geldes etwas modifizieren, ist es zweifelhaft, ob wir die verschiedenen
Gegenstände des Kapitals besser verzeichnen könnten, als es Adam
Smith in der zu Anfang dieses Kapitels angeführten Stelle tat.

iwenn wir jetzt, stach Trennung der Güter, die Kapital find, von
den Gütern, die nicht Kapital find, den Unterschied zwischen den beiden
Klassen betrachten, so werden wir denselben nicht, wie man ihn vergebens
zu ziehen versucht hat, in der Beschaffenheit, den Fähigkeiten oder der
schließlichen Bestimmung der Dinge selbst finden, sondern, wie mir
        <pb n="62" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.



scheint, darin, ob die Dinge irn Besitz des Konsumenten sind oder nicht*).
Güter, die fertig oder unfertig noch ausgetauscht werden müssen, um
konsumiert zu werden, sind Kapital; solche Güter dagegen, die sich in
den fänden der Konsumenten befinden, sind nicht Kapital, wenn wir
demnach Kapital als „im Austausch begriffene Güter" definieren, indem
wir mit dem Begriffe des Austausches nicht bloß das von Hand zu
Hand-Gehen, sondern auch solche Umwandlungen umfassen, wie sie
eintreten, wenn die reproduktiven und umformenden Kräfte der Natur
zur Vermehrung der Güter benutzt werden, so werden wir, denke ich,
alle Dinge darunter begreifen, welche der allgemeine Begriff von Kapital
füglich umfaßt und alle ausschließen, die er nicht umfaßt. Unter diese
Definition werden z. B., wie mir scheint, alle die Werkzeuge fallen,
die wirklich Kapital sind. Denn der Umstand, ob dessen Dienste oder
Verwendungen ausgetauscht werden oder nicht, macht ein Werkzeug
zu einem Gegenstände des Kapitals oder bloß der Güter. So ist die von
einem Handwerker zur Anfertigung verkäuflicher Dinge benutzte Dreh-
bank Kapital, während die von einem Privatmanne zum vergnügen
gebrauchte es nicht ist. So kann man sagen, daß Güter, die zur Her-
stellung einer Eisenbahn, einer öffentlichen Telegraphenlinie, einer
Postkutsche, eines Theaters, eines Hotels rc. benutzt werden, im Aus-
tausch begriffen sind. Der Austausch geschieht nicht auf einmal, aber
nach und nach mit einer unbestimmten Anzahl von Leuten. Doch ist
immer ein Austausch vorhanden, und die „Konsumenten" der Eisenbahn,
der Telegraphenlinie, der Postkutsche, des Theaters oder des Hotels
find nicht die Eigentümer, sondern die Leute, welche sie zeitweilig
benutzen.

Diese Definition ist auch mit dem Begriffe, daß das Kapital der
der Produktion gewidmete Teil der Güter ist, vereinbar. Ls ist eine
zu enge Auffassung von der Produktion, sie bloß auf die Anfertigung
von Dingen zu beschränken. Die Produktion schließt nicht nur die An-
fertigung von Dingen, sondern auch die Übermittelung derselben an
den Konsumenten ein. Der Kaufmann oder Ladeninhaber ist somit
nicht weniger Produzent als es der Fabrikant oder der Landwirt ist,
und dessen vermögen oder Kapital ist gerade so gut der Produktion
gewidmet als das ihrige. Indessen verlohnt es nicht der Mühe, jetzt
bei den Funktionen des Kapitals zu verweilen, die wir später besser
werden bestimmen können. Auch ist die von mir gegebene Definition
von Kapital von keiner Wichtigkeit. Ich schreibe kein Lehrbuch, sondern

*) Geld lärm in den ksänden des Konsumenten befindlich genannt werden, wenn
es derBedürfnisbefriedigung dient, denn obgleich es nicht selbst konsumiert wird, repräsen-
tiert es doch Güter, die konsumiert werden, und so würde durch diese Unterscheidung die
von mir im vorigen Absatz als die gewöhnliche Einteilung angegebene gedeckt und
wesentlich berichtigt sein. lVenn ich in diesem Zusammenhange von Geld spreche, meine
ich natürlich Münze, denn obgleich Papiergeld alle Funktionen der Münze erfüllen kann,
ist es doch kein Gut und kann somit nicht Kapital sein.

Deorge, Fortschritt und Armut.	z
        <pb n="63" />
        ﻿50

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

suche nur die Gesetze zu entdecken, auf denen ein großes soziales Problem,
beruht, und wenn der Leser dahin gelangt ist, sich eine klare Vorstellung
davon zu machen, welche Dinge wir meinen, wenn wir von Kapital
reden, so ist mein Zweck erreicht.

Ehe ich jedoch diese Abschweifung schließe, möchte ich die Ausmerk-
samkeit aus etwas lenken, was oft übersehen wird, nämlich, daß die
Ausdrücke „Güter", „Kapital", „Arbeitslohn" und dergleichen, wie sie
in der Nationalökonomie gebraucht werden, abstrakte Benennungen
sind, und daß nichts von ihnen generell behauptet oder bestritten werden
kann, was nicht auch von der ganzen Klasse von Dingen, welche sie
repräsentieren, behauptet oder bestritten werden könnte. Daß dies nicht
immer im Auge behalten wurde, hat zu vieler Gedankenverwirrung
geführt und läßt Zrrtümer, die sonst durchschaut worden wären, als
anerkannte Wahrheiten passieren. Da Gut ein abstrakter Ausdruck ist,
so involviert der Begriff der Güter, wie man sich erinnern muß, den
Begriff der Austauschsähigkeit. Der Besitz von Gütern eines gewissen
Betrags ist gleichwertig mit dem Besitz einer oder aller Gattungen
von Gütern, die im Austausch dasselbe wert sind. Und dasselbe ist folg-
lich auch mit dem Kapital der Fall.

Kapitel III.

Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen, sondern durch die

Arbeit geschaffen.

Die Wichtigkeit dieser Abschweifung wird, denke ich, mehr und
mehr zutage treten, je weiter wir in unserer Untersuchung vorschreiten;
aber ihre Zusammengehörigkeit mit dem Zweige, der uns nun be-
schäftigt, dürfte schon jetzt in die Augen fallen.

Es ist auf den ersten Blick ersichtlich, daß, wenn behauptet wird,
der Lohn würde dem Kapital entnommen, der nationalökonomische
Sinn des Wortes Lohn aus den Augen gesetzt und die Aufmerksamkeit
auf den gewöhnlichen und beengten Sinn des Wortes gerichtet wird.
Denn in all den Fällen, in welchen der Arbeiter fein eigener Arbeit-
geber ist und direkt das Produkt seiner Arbeit als Lohn empfängt, ist
es klar genug, daß der Lohn nicht aus dem Kapital entnommen wird,
sondern sich direkt als Arbeitsertrag ergibt, widme ich z. B. meine
Arbeit dem Einsammeln von Vogeleiern oder dem Pflücken wilder
Beeren, so sind die Eier und Beeren mein Lohn. Sicher wird niemand
behaupten, daß in einem solchen Falle der Lohn dem Kapital entnommen
würde. Zn diesem Falle ist kein Kapital vorhanden. Ein völlig nackter.
        <pb n="64" />
        ﻿Kap. II.

Der Sinn der Ausdrücke.

5\

Mensch, der auf eine Znsel ausgeworfen wurde, die kein menschlicher
Fuß zuvor betreten, kann Vogeleier sammeln oder Beeren pflücken.

Oder wenn ich ein Stück Leder nehme und verarbeite es zu einem
paar Schuhe, so sind die Schuhe mein Lohn — der Lohn meiner An-
strengung. Sicherlich ist er nicht dem Kapital entnommen — weder
aus dem meinigen, noch auch sonst jemandes Kapital — sondern er
ist durch die Arbeit entstanden, deren Lohn sie werden, und indem ich
dieses Paar Schuhe als den Lohn meiner Arbeit erhalte, wird das
Kapital selbst momentan nicht auch nur um ein 3oia vermindert. Denn
wenn wir uns den Begriff des Kapitals vergegenwärtigen, so bestand
dasselbe zu Ansang aus dem Stück Leder, dem Zwirn rc. Ze mehr
meine Arbeit vorschreitet, wird der Wert beständig vermehrt, bis ich,
wenn sie die fertigen Schuhe ergibt, mein Kapital habe, plus dem
Wertunterschied zwischen dem Material und den Schuhen. Wenn
ich diesen Mehrwert — meinen Lohn — erhalte, inwiefern wäre dabei
zu irgendeiner Zeit dem Kapital etwas entnommen?

Adam Smith, der dem nationalökonomischen Denken die Richtung
gab, welche schließlich zu den jetzigen gelehrten Theorien über das Ver-
hältnis zwischen dem Lohn und dem Kapital führte, erkannte an, daß
in solchen einfachen Fällen wie in den angeführten der Lohn das Er-
gebnis der Arbeit ist, und beginnt daher sein Kapitel über den Arbeits-
lohn (Kapitel VIII.) folgendermaßen:

„Das Produkt der Arbeit bildet den natürlichen Ersatz oder Lohn
der Arbeit. j)u jenem ursprünglichen Zustande, der sowohl der Aneignung des
Grund und Bodens als der Anhäufung von vermögen voraufgeht, gehört der ganze
Arbeitsertrag dem Arbeiter. Er hat weder einen Grundherrn noch einen Arbeit-
geber, um mit ihnen zu teilen."

Pätte der große Schotte dies zum Ausgangspunkt seiner Aus-
führungen genommen und fortgefahren, den Arbeitsertrag als den
natürlichen Arbeitslohn, den Grundbesitzer und Arbeitgeber dagegen
nur als die Linzieher eines Anteils anzusehen, so würden seine Fol-
gerungen ganz andere gewesen sein, und die Nationalökonomie würde
heute nicht solche Mengen von Widersprüchen und Absurditäten ent-
halten; aber anstatt der bei einfachen Produktionsverhältnissen augen-
scheinlichen Wahrheit als Leitfaden durch den Wirrwarr der verwickel-
teren Formen zu folgen, erkennt er sie nur einen Augenblick an, um sie
dann sofort zu verlassen, und indem er bemerkt, daß „in allen Teilen
Europas zwanzig Arbeiter, die unter einem Arbeitgeber dienen, erst
auf einen kommen, der unabhängig ist", beginnt er die Untersuchung
noch einmal von einem Gesichtspunkte, von dem aus der Arbeitgeber
als derjenige erscheint, der den Lohn seiner Arbeiter aus seinem Kapital
beschafft.

Es ist augenscheinlich, daß Adam Smith, indem er das Verhältnis
der auf eigene Rechnung beschäftigten Arbeiter auf nur h zu 20 an-
nahm, nur die Handwerker im Sinne hatte, und daß unter der Gesamt-
        <pb n="65" />
        ﻿52

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I,

heit der Arbeiter das Verhältnis derer, welche ihren Verdienst direkt,
ohne Vermittelung eines Arbeitgebers, gewinnen, selbst in Europa
vor joo Jahren viel größer gewesen sein muß. Denn außer den in jedem
Lande in beträchtlicher Anzahl vorhandenen selbständigen Arbeitern,
ist seit der Zeit des römischen Reiches der Ackerbau großer Distrikte
Europas nach dem Halbpachtsystem betrieben worden, wobei der
Kapitalist seinen Ertrag vom Arbeiter, nicht aber der Arbeiter vom
Kapitalisten erhält. Jedenfalls muß in den vereinigten Staaten, wo
ein allgemein gültiges Lohngesetz dieselbe Anwendung finden muß
wie in Europa, und wo trotz der Fortschritte der Fabriken ein sehr großer
Teil der Bevölkerung noch selbständige Bauern sind, der Teil der
Arbeiter, der seine Löhne von einem Arbeitgeber bekommt, verhält-
nismäßig klein sein.

Es ist jedoch nicht nötig, das Verhältnis, in welchem irgendwo
die selbständigen Arbeiter zu den gedungenen stehen, zu erörtern, noch
die Beispiele für die Tatsache zu vermehren, daß, wo der Arbeiter
seinen Lohn unmittelbar erhält, derselbe der Ertrag seiner Arbeit ist;
denn sobald man sich vergegenwärtigt, daß der Ausdruck Lohn allen
Arbeitsverdienst, sowohl den vom Arbeiter in dem Ergebnisse seiner
Arbeit direkt gewonnenen, als den von einem Arbeitgeber erhaltenen,
einschließt, ist es klar, daß die Annahme, die Löhne würden dem Kapital
entnommen — eine Annahme, auf der in den gewöhnlichen volks-
wirtschaftlichen Büchern so unbedenklich ein ungeheurer Oberbau auf-
gerichtet wurde —, wenigstens großenteils unrichtig ist, und das
Äußerste, was mit einem gewissen Anschein von Wahrheit behauptet
werden kann, ist, daß manche Löhne (d. h. die vom Arbeiter durch Ver-
mittelung eines Arbeitgebers empfangenen) dem Kapital entnommen
sind. Diese Beschränkung der größeren Prämisse entkräftet sofort alle
Folgerungen, die daraus abgeleitet werden, aber ohne hier dabei zu
verweilen, wollen wir prüfen, ob dieselbe selbst in diesem beschränkten
Sinne mit den Tatsachen übereinstimmt, wir wollen den Faden da
aufnehmen, wo Adam Smith ihn fallen ließ und Schritt für Schritt
vorgehend, zusehen, ob das Verhältnis der Tatsachen, welches bei
den einfachsten Produktionsformen klar zutage liegt, nicht auch in
der verwickeltsten Stich hält.

Am nächsten an Einfachheit kommt jenem „ursprünglichen Zu-
stande der Dinge" (von dem noch viele Beispiele zu finden wären, und
wobei der ganze Arbeitsertrag dem Arbeiter gehört) jene Einrichtung,
bei welcher der Arbeiter, obgleich für eine andere Person oder mit
dem Kapital einer anderen Person arbeitend, seinen Lohn in natura
empfängt, d. h. in den Dingen, welche seine Arbeit erzeugt. )n diesem
Falle ist es ebenso klar wie in dem des auf eigene Rechnung Arbeitenden,
daß die Löhne wirklich aus dem Arbeitserträge und keineswegs aus
dem Kapital entnommen werden, wenn ich einen Mann dinge, Eier
zu sammeln, Beeren zu pflücken oder Schuhe zu machen und ihn aus den
        <pb n="66" />
        ﻿Kap. III.

Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen.

53

Eiern, Beeren oder Schuhen, die seine Arbeit nrir verschafft, bezahle,
so kann kein Zweifel fein, daß die «Duelle des Lohns die Arbeit ist, für
welche derselbe bezahlt wird. Zu dieser Kategorie gehört die von Sir
Henry Maine in seiner Geschichte der frühesten Gesellschaftseinrich-
tungen mit so großer Klarheit behandelte viehpacht, die so deutlich ein
Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer konstituierte, daß der-
jenige, der das Vieh übernahm, der Knecht oder Vasall des Kapitalisten
wurde, der ihn so beschäftigte. Unter ähnlichen Bedingungen arbeitete
auch Jakob für Laban, und bis auf unsere Tage ist es selbst in zivilisierten
Ländern keine seltene Art, Arbeiter zu beschäftigen. Der Ackerbau auf
Anteil, wie er in bedeutender Ausdehnung in den südlichen Staaten
der Union und in Kalifornien vorkommt, das „Halbpachtsystem" in
Europa, so wie die vielen Fälle, in welchen Aufseher, Kommis re. durch
einen Prozentsatz des Geschäftsgewinnes bezahlt werden, was sind
sie anders, als die Beschäftigung von Arbeitern gegen einen Lohn,
der einen Teil des Arbeitsertrages ausmacht?

Die nächste Staffel in dem Fortgange von Einfachheit zur Kompli-
ziertheit ist der Fall, wo der Lohn, obgleich in natura veranschlagt, in
etwas anderem von gleichem wert gezahlt wird. So herrscht z. B.
auf den amerikanischen Walfischfängern der Gebrauch, nicht feste Löhne,
sondern eine ,,lay“ oder einen gewissen Anteil am Fange zu zahlen,
der von einem Sechzehntel oder Zwölftel für den Kapitän bis zu
einem Dreihundertstel für den Kajütenjungen variiert. Langt also ein
solcher Walfischfänger nach einer erfolgreichen Zagd in New-Bedford
oder San Franziska an, so enthält sein Schiffsraum die Löhne der
Mannschaft, sowie den Verdienst der Eigentümer und eine Entschädi-
gung für alle während der Reise gebrauchten Vorräte, für Abnutzung rc.
Kann etwas klarer sein, als daß diese Löhne — dieser Tran und dies
Fischbein, welche die Mannschaft gewonnen hat — nicht vom Kapital
bezogen, sondern tatsächlich ein Teil des Arbeitsertrages sind? Auch
wird diese Tatsache nicht im entferntesten verändert oder verdunkelt,
wenn zur Bequemlichkeit der wert der verschiedenen Anteile zum
Marktpreise abgeschätzt und in bar gezahlt wird, anstatt daß unter
der Mannschaft die Anteile von Tran und Fischbein verteilt werden.
Das Geld ist nur das Äquivalent des wirklichen Lohns, des Trans
und Fischbeins. Keineswegs findet bei dieser Zahlung irgendein
Kapitalvorschuß statt. Die Verpflichtung, Lohn zu zahlen, erwächst
nicht eher, als bis der wert, von dem er bezahlt werden soll, in den
Hafen gebracht ist. Zn demselben Augenblick, wo der Schiffseigner
von seinem Kapital Geld nimmt, um die Mannschaft zu bezahlen, fügt
er seinem Kapital Tran und Fischbein hinzu.

So weit kann also kein Streit sein. Gehen wir nun noch einen
schritt weiter, um zu der gewöhnlichen Art und weise, Arbeiter zu
beschäftigen und Lohn zu zahlen, zu gelangen.

Die Farallone-Znseln unweit der Bai von San Franziska sind
        <pb n="67" />
        ﻿

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

ein Brutplatz von Seevögeln, und eine Aktiengesellschaft, die diese
Inseln beansprucht, beschäftigt in der passenden Jahreszeit Leute, unr
die Eier sammeln zu lassen. Sie könnte diese Leute wie beim Walfisch-
fang auf Beteiligung annehmen und würde dies auch wahrscheinlich
tun, falls das Geschäft ein sehr unsicheres wäre; da die Vögel indes
in großer Menge vorhanden und zahm sind, und so viel Eier gesammelt
werden können, als Arbeit dazu aufgewendet wird, so findet sie es vorteil-
hafter, ihren Leuten feste Löhne zu zahlen. Dieselben gehen hinaus
und bleiben auf den Inseln, um die Eier zu sammeln und nach einem
Landungsplatz zu bringen, von wo sie in Zwischenräumen von einigen
Tagen durch ein kleines Schiff nach San Franzisko geschafft und da-
selbst verkauft werden. Sobald die Saison zu Ende ist, kehren die Leute
zurück und erhalten ihre festgesetzten Löhne in bar ausgezahlt. Läuft
diese Transaktion nicht auf dasselbe hinaus, als wenn die ausgemachten
Löhne anstatt in Geld in einem Äquivalent der gesammelten Eier
gezahlt würden? Stellt das Geld nicht die Eier dar, durch deren Verkauf
es erlangt worden ist, und sind diese Löhne nicht gerade so gut das Produkt
der Arbeit, für welche sie gezahlt wurden, als die Eier es im Besitz eines
Mannes sein würden, der sie ohne Vermittelung eines Arbeitgebers für
sich selbst gesammelt hätte?

Pier ein anderes Beispiel, welches umgekehrt die Gleichartigkeit
des Geldlohnes mit dem Lohn in natura zeigt. In 5an Buenaventura
lebt ein Mann, der ein ausgezeichnetes Einkommen dadurch erzielt,
daß er den gewöhnlichen Seehund, welcher die den Santa Barbara-
Kanal bildenden Inseln besucht, seines Gles und Felles wegen schießt.
Geht er auf diese Seehundexpeditionen, so nimmt er zwei oder drei
Lhinesen zur pilfe mit, die er zuerst ganz in Geld bezahlte. Es scheint
aber, daß die Lhinesen einige der Teile des Seehunds, die sie trocknen
und zu Arznei pulverisieren, hochschätzen und auch auf die langen Bart-
haare des männlichen Seehundes, die über eine gewisse Länge hinaus
einem, anderen Leuten unklaren Zwecke dienen, großen wert legen.
So fand denn dieser Mann bald heraus, daß die Lhinesen sehr bereit
waren, diese Teile der getöteten Seehunde anstatt Geldes zu nehmen,
so daß er ihnen jetzt ihre Löhne zum größten Teil in dieser Art zahlt.

Nun, ist nicht die in allen diesen Fällen zu beobachtende Gleich-
heit des Geldlohns und des Lohns in natura auch in allen Fällen vor-
handen, in welchen Lohn für produktive Arbeit gezahlt wird? Ist nicht
der durch die Arbeit geschaffene Fonds in Wahrheit der Fonds, aus
welchem die Löhne gezahlt werden?

Man sagt vielleicht: „Der Unterschied ist der: wo ein Mann für
sich selbst arbeitet oder wo, falls er für einen Arbeitgeber arbeitet, er
seinen Lohn in natura erhält, hängt derselbe von dem Ergebnisse seiner
Arbeit ab. Sollte dieselbe aus irgendeinem unglücklichen Zufall ertrag-
los ausfallen, so erhält er nichts. Arbeitet er dagegen für einen Arbeit-
geber, so bekommt er seinen Lohn jedenfalls — derselbe hängt von der
        <pb n="68" />
        ﻿Kap. III.

Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen.

55

Ausführung der Arbeit, nicht von deren Ertrag ab." Dies ist jedoch
augenscheinlich kein tatsächlicher Unterschied. Denn im Durchschnitt
ergibt die um festen Lohn vollbrachte Arbeit nicht nur den Betrag
des Lohns, sondern mehr; sonst könnten die Arbeitgeber keinen Gewinn
erzielen, wenn ein Lohn festgesetzt ist, übernimmt der Arbeitgeber
das ganze Risiko und wird für diese Assekuranz entschädigt, denn ein
fester Lohn wird immer etwas niedriger normiert, als ein vom Ertrag
abhängender. Dbwohl aber, wenn ein fester Lohn vereinbart ist, der
Arbeiter, welcher seinen Teil des Kontrakts erfüllt hat, gewöhnlich
einen gesetzlichen Anspruch an den Arbeitgeber hat, ist es doch häufig,
wenn nicht immer der Fall, daß die Unfälle, die den Arbeitgeber ver-
hindern aus der Arbeit Nutzen zu ziehen, ihn auch verhindern, den
Lohn zu zahlen. Und in einem bedeutenden Industriezweig ist der
Arbeitgeber im Falle eines Unglücks vom Gesetz eximiert, obgleich feste
und nicht kontingentierte Löhne vereinbart waren. Denn nach dem
Grundsatz des Admiralitätsgesetzes ist „die Fracht die Mutter des Lohns"
und wenn auch der Seemann seinen Teil vollbracht hat, so beraubt
ihn doch der Unfall, der das Schiff hindert Fracht zu verdienen, des
Anspruchs auf seine Löhnung.

In diesem gesetzlichen Grundsätze ist die Wahrheit verkörpert, für
die ich streite. Die Produktion ist stets die Mutter des Lohns. Ohne
Produktion gibt es und kann es keine Löhne geben. Aus dem Arbeits-
erträge, nicht aus den Kapitalvorschüssen kommt der Lohn.

wo wir auch die Tatsachen zergliedern mögen, wird sich dies als
richtig erweisen. Denn die Arbeit geht immer dem Lohne voran. Dies
ist ebenso allgemein richtig von dem Lohne, den der Arbeiter von einem
Arbeitgeber erhält, wie von dem Lohne, den der Arbeiter, welcher sein
eigner Arbeitgeber ist, direkt gewinnt. In der einen wie in der anderen
Kategorie von Fällen ist die Anstrengung Bedingung für die Belohnung.
Bald tageweis, öfter wöchentlich oder monatlich, zuweilen jährlich,
und in vielen Produktionszweigen stückweise bezahlt, schließt die Zahlung
des Lohnes seitens eines Arbeitgebers an einen Arbeiter immer die
vorausgehende Arbeitsleistung des letzteren zugunsten des ersteren ein;
denn die wenigen Fälle, in welchen für persönliche Dienste Voraus-
zahlungen geleistet werden, sind entweder auf Mildtätigkeit oder auf
Garantie und Kauf zurückzuführen. Der Ausdruck „Kostenvorschuß",
der den den Advokaten gegebenen Vorschüssen beigelegt wird, zeigt
den wahren Lharakter dieser Transaktion, ebenso der in der Seemanns-
sprache gewöhnliche Name „Blutgeld" für eine Zahlung, die dem Namen
nach ein den Matrosen gemachter Lohnvorschuß, in Wirklichkeit aber
Kaufgeld ist, denn sowohl das englische als das amerikanische Gesetz
betrachtet den Matrosen als eine bloße Handelsware.

Ich verweile bei dieser offenbaren Tatsache, daß die Arbeit stets
dem Lohne voraufgeht, weil es für das Verständnis der verwickelteren
Erscheinungen des Lohns von der größten Wichtigkeit ist, daß man dies
        <pb n="69" />
        ﻿56

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I,

int Sinne behält. Und so einleuchtend diese Tatsache nach meiner
Darlegung sein wird, so rührt doch die Scheinbarkeit des Satzes, daß
der Lohn dem Kapital entnommen würde — eines Satzes, den man
zur Grundlage so wichtiger und weitreichender Folgerungen gemacht
hat —, in erster Linie von einer Behauptung her, die jene Wahrheit
mißachtet und die Aufmerksamkeit von ihr ablenkt. Es ist dies die Be-
hauptung, daß die Arbeit ihre jdroduktionskraft nicht ausüben könne,
wofern sie nicht durch das Kapital mit Unterhalt versorgt werde*).
Der Leser erkennt, wenn er nicht sehr auf seiner ksut ist, sofort an, daß
der Arbeiter Nahrung, Kleidung re. haben muß, um Arbeit verrichten
zu können, und da ihm gesagt worden ist, daß die von den produktiven
Arbeitern gebrauchte Nahrung, Kleidung re. Kapital sei, so stimmt er
der Schlußfolgerung bei, daß für die Beschäftigung von Arbeitern ein
Aufwand von Kapital nötig fei. Daraus hinwiederum wird her-
geleitet, daß der Gewerbfleiß durch das Kapital beschränkt sei, daß
die Nachfrage nach Arbeitskräften von dem Angebot des Kapitals ab-
hänge und weiter, daß der Arbeitslohn durch das Verhältnis zwischen
der Zahl der Beschäftigung suchenden Arbeiter und dem ihrer Löhnung
gewidmeten Kapitalbetrage bestimmt werde.

Ich denke jedoch, daß die Auseinandersetzungen in dem vorausgehen-
den Kapitel jeden in den Stand setzen werden, zu sehen, wo der Trug-
schluß dieses Raisonnements liegt — ein Trugschluß, der einige der
scharfsinnigsten Köpfe in ein von ihnen selbst gesponnenes Gewebe
verwickelt hat. Derselbe rührt von dem Gebrauch des Ausdruckes Kapital
in zweifachem Sinne her. In dem Vordersatze, daß Kapital zur Ver-
richtung produktiver Arbeit nötig sei, wird das Kapital als der In-
begriff aller Nahrung, Kleidung, alles Obdachs rc. verstanden, in den
schließlichen lferleitungen daraus wird dagegen das Wort in seinem ge-
wöhnlichen und legitimen Sinne von Gütern gebraucht, die nicht der
sofortigen Bedürfnisbefriedigung, sondern der Beschaffung weiterer
Güter dienen — von Gütern im Besitz der Arbeitgeber im Gegensatze
zu den Arbeitern. Die Schlußfolgerung ist nicht zwingender, als wenn
man aus dem Zugeständnis, daß ein Arbeiter nicht ohne Frühstück und
einige Kleidungsstücke zur Arbeit gehen kann, den Schluß ziehen wollte,
daß nicht mehr Arbeiter zur Arbeit gehen können, als vorher von den
Arbeitgebern mit Frühstück und Kleidung versehen worden sind. Tat-

*) „Der Gewerbfleiß ist durch das Kapital beschränkt; ... Ls kann nicht mehr
Gewerbfleiß geben, als mit Materialien zur Verarbeitung und mit Nahrung zum Unter-
halt versehen wird. So selbstverständlich es ist, so wird doch oft vergessen, daß die Be-
wohner eines Landes unterhalten und deren Bedürfnisse befriedigt werden nicht durch
den Ertrag gegenwärtiger, sondern vergangener Arbeit. Sie konsumieren, was produziert
worden ist, nicht was erstproduziert werden soll. Von dem, was produziert wurde, ist nur
ein Teil zur Erhaltung produktiver Arbeit bestimmt, und es wird und kann nicht mehr
Arbeit geben, als der so bestimmte Teil (der das Kapital des Landes ist) ernähren und
mit den Materialien und Werkzeugen der Produktion versehen kann." Sohn Stuart
Mill, Princixles of Political Economy. Buch I. Kap. V. Abschn. I.
        <pb n="70" />
        ﻿Kap. III.

Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen.

57

sächlich aber beschaffen sich die Arbeiter ihr Frühstück und die Kleider,
nrit welchen sie auf Arbeit gehen, in der Regel selbst, und eine weitere
Tatsache ist, daß das Kapital sin dem 5inne, in welchem das Mort
im Gegensatz zur Arbeit gebraucht wird) in Ausnahmefällen wohl
gewillt, aber niemals gezwungen ist, den Arbeitern Vorschüsse zu leisten,
ehe die Arbeit begonnen hat. Unter der ungeheuren Zahl unbeschäf-
tigter Arbeiter in der ganzen zivilisierten Welt ist vielleicht nicht ein
einziger, der, wenn er arbeiten will, nicht auch ohne Lohnvorschuß
zu bekommen wäre. Lin großer Teil würde zweifelsohne gern zu
Bedingungen arbeiten, die eine Lohnzahlung nicht vor Schluß des
Monats erfordern würden; nur wenige würde es geben, die nicht in
gewohnter Weise bis Ende der Woche auf ihren Lohn warten wollten,
aber sicherlich würde keiner darunter sein, der nicht bis zum Lnde des
Tages oder wenigstens bis zur nächsten Essenszeit warten würde. Die
genaue Zeit der Lohnzahlung ist unwesentlich, die Hauptsache — der
Punkt, auf den ich das Hauptgewicht lege —ist, daß sie nach der Leistung
der Arbeit erfolgt.

Die Lohnzahlung involviert somit stets die voraufgehende Arbeits-
leistung. Was aber bedeutet die Arbeitsleistung in der Produktion?
Augenscheinlich die pervorbringung von Gütern, die, wenn sie um-
getauscht oder zur Produktion verwendet werden sollen, Kapital sind.
Deshalb setzt die Zahlung von Kapital im Lohn eine Produktion von
Kapital durch die Arbeit voraus, für welche der Lohn gezahlt wird.
Und da der Arbeitgeber gewöhnlich einen Gewinn erzielt, so ist bic
Lohnzahlung, sofern er in Betracht kommt, nur die Erstattung eines
Teils des Kapitals, das er durch die Arbeit gewonnen hat, an den Ar-
beiter. Sofern der Arbeiter in Betracht kommt, ist die Lohnzahlung
nur der Empfang eines Teils des Kapitals, welches feine Arbeit vorher
geschaffen hat. Da der als Lohn gezahlte Betrag somit für einen durch
die Arbeit erzeugten wert ausgetauscht wird, wie kann da gesagt werden,
daß der Lohn aus dem Kapital entnommen oder von demselben vor-
geschossen werde? Da im Austausch von Arbeit gegen Lohn der Arbeit-
geber das durch die Arbeit erzeugte Kapital stets eher bekommt, als er
Kapital im Lohn auszahlt, zu welchem Zeitpunkte ist da sein Kapital
auch nur vorübergehend vermindert?*)

*) Ich rede der größeren Klarheit wegen nur von der kapitalerzeugenden Arbeit.
Die Arbeit schafft stets Güter (die Kapital sein können oder nicht) oder leistet Dienste,
und die Fälle, in denen nichts erzielt wird, sind bloße Ausnahmen infolge unglücklicher
Zufälle, wo der Zweck der Arbeit nur die Befriedigung eines Bedürfnisses des Arbeit-
gebers ist, wie z. B. wenn ich einen Illann annehme, um mir die Stiefel putzen zu lassen,
zahle ich den Lohn dafür nicht aus einem Kapital, sondern aus Gütern, die ich nicht zu
produktiven Zwecken, sondern zur Konsumtion für mich selber bestimmt habe. Selbst
wenn die so gezahlten Löhne als aus dem Kapital entnommen betrachtet werden, gehen
sie durch jene Handlung aus derKategorie des Kapitals in die Kategorie der zum Konsum
des Besitzers bestimmten Güter über, gerade als wenn ein Zigarrenhändler aus seinem
Lager ein Dutzend Zigarren nimmt und sie zum eigenen Verbrauch in die Tasche steckt.
        <pb n="71" />
        ﻿58

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

Prüfen wir die Frage an den Tatsachen. Nehmen wir z. B.
einen Arbeitgeber, der Rohstoffe in fertige Fabrikate umwandelt —
Baumwolle in Schilling, Eisen in Lisenwaren, Leder in Stiefeln usf.
— und der, wie es gewöhnlich geschieht, seinen Leuten einmal wöchent-
lich zahlt. Macht man am Montag Morgen, vor Beginn der Arbeit,
ein genaues Inventar seines Kapitals, so wird es aus seinen Gebäuden,
Maschinen, Rohstoffen, seinem baren Gelde und seinen Vorräten
an fertigen Waren bestehen. Wir wollen der Einfachheit wegen an-
nehmen, daß er während der Woche weder ein- noch verkaufe, und,
nachdem die Arbeit aufgehört und er seine Leute am Sonnabend Abend
bezahlt hat, ein neues Inventar seines Kapitals mache. Der Vorrat
an barem Gelde wird verringert sein, denn es sind davon die Löhne
gezahlt worden; es werden weniger Rohstoffe, weniger Kohlen ic.
vorhanden fein, und von dem Werte der Gebäude und Maschinen
muß für die Abnutzung der Woche ein entsprechender Abzug gemacht
werden. Macht er jedoch, wie dies durchschnittlich der Fall sein muß,
ein nuhenbringendes Geschäft, so wird der Vorrat fertiger Mare so
viel größer geworden sein, daß alle diese Verminderungen ausgeglichen
werden und in der Gesamtsumme eine Kapitalvermehrung sich heraus-
stellt. Somit wurde offenbar der Betrag, den er seinen Leuten zahlte,
nicht aus seinem oder sonst jemandes Kapital entnommen. Derselbe
kam nicht aus einem Kapital, sondern aus dem durch die Arbeit selbst
geschaffenen Werte. Es konnte dabei von einem Kapitalvorschuß nicht
mehr die Rede sein, als wenn er seine Leute zum Muschelsuchen ge-
dungen und sie mit einem Teil der gefundenen Muscheln bezahlt hätte.
Ihr Lohn war so wahrhaftig das Ergebnis ihrer Arbeit, als es „lange
vor der Aneignung des Grund und Bodens und der Ansammlung von
vermögen" der Lohn des Urmenschen war, wenn er eine Auster dadurch
erlangte, daß er sie mit einem Stein von den Bänken abschlug.

Da der Arbeiter, der für einen Arbeitgeber arbeitet, seinen Lohn
nicht eher erhält, als bis er die Arbeit getan hat, so ist sein Fall ein
ähnlicher, wie der des Depositors in einer Bank, der kein Geld heraus-
ziehen kann, wenn er nicht welches hineingetan hat. Und so wenig der
Bankdepositor dadurch, daß er sein Deposit herauszieht, das Bank-
kapital vermindert, so wenig können die Arbeiter durch den Empfang
von Löhnen auch nur zeitweise das Kapital des Arbeitgebers oder das
Gesamtkapital des Gemeinwesens vermindern. Ihr Lohn kommt so
wenig aus dem Kapital, als die Schecks des Depositors auf das Bank-
kapital gezogen werden. Allerdings erhalten die Arbeiter beim Empfang
ihrer Löhne in der Regel nicht gleichartige Güter, wie sie sie geschaffen
haben, ebensowenig wie Bankdepositoren dieselben Münzen oder Bank-
noten zurückerhalten, die sie eingezahlt haben; aber sie erhalten den
gleichen Wert zurück, und wie wir mit Recht sagen können, daß der
Depositor sein eingezahltes Geld zurückerhält, so können wir auch mit
        <pb n="72" />
        ﻿Kap. III.

Der Lohn wird nicht dem Kapital entnommen.

59

Recht sagen, daß der Arbeiter mt Lohn die Güter erhält, die er rnit
seiner Arbeit geschaffen hat.

Daß diese allgemein gültige Wahrheit so oft verdunkelt wurde,
ist größtenteils die Schuld jener fruchtbaren Quelle nationalökono-
mischer Verdunkelungen: der Verwechselung von Gütern mit Geld,
und es ist merkwürdig, so viele von denen, welche, seit Adam Smith
das Li auf die Spitze stellte, die Trugschlüsse des Merkantils'fstems
weitläufig demonstriert haben, bei Behandlung des Verhältnisses von
Kapital und Arbeit in Irrtümer genau derselben Art fallen zu sehen.
Da Geld das allgemeine Tauschmittel, die große flüssige Masse ist,
vermittels welcher alle Verwandlungen von Gütern aus einer Form
in die andere stattfinden, so werden sich die dem Austausch entgegen-
stehenden Schwierigkeiten meist bei der Umwandlung in Geld zeigen;
und daher ist es bisweilen leichter, Geld gegen irgendeine andere Art
von Gütern, als Güter einer spezielleren Art gegen Geld umzutauschen;
aus dem einfachen Grunde, weil es mehr Besitzer von Gütern gibt,
die irgend etwas, als solche, die etwas Spezielles einzutauschen
wünschen. Deshalb mag ein Produzent, der sein Geld für Löhne ver-
ausgabte, es bisweilen schwierig finden, den erhöhten wert, den er
für sein Geld wirklich eingetauscht hat, schnell wieder in Geld umzusetzen,
und so sagt man von ihm, er habe sein Kapital ganz für Löhne aus-
gegeben oder vorgeschossen. Dennoch besitzt er, wenn der durch die
Arbeit geschaffene Neuwert nicht etwa geringer ist als der Betrag
der verausgabten Löhne (was nur in Ausnahmefällen stattfinden kann),
das Kapital, das er vorher in Geld hatte, jetzt in waren; es hat wohl
die Form gewechselt, sich aber nicht vermindert.

Ls gibt einen Produktionszweig, bei dem die aus der Gewohnheit,
Kapital in Geld zu schätzen, entspringende Gedankenverwirrung am
wenigsten eintreten kann, weil das Produkt desselben das gewöhnliche
Material und der Wertmesser des Geldes ist. Und es trifft sich, daß
dies Gewerbe uns fast nebeneinander Bilder der Produktion von den
einfachsten bis zu den verwickeltsten Formen bietet.

In den frühesten Zeiten Kaliforniens, wie später in Australien,
sammelte sich der sogenannte Goldwäscher, der in Flußbetten oder im
Steingeröll die glänzenden Goldteilchen suchte, welche die langsamen
Prozesse der Natur seit Zahrhunderten daselbst angehäuft hatten, seinen
„Lohn" (so auch von ihm genannt) in wirklichem Gelde; denn da Münze
selten war, so wurde abgewogener Goldstaub als gangbares Zahlungs-
mittel gebraucht, und am Ende des Tages hatte er seinen Lohn in Geld
in einem Lederbeutel in der Tasche. Es kann kein Streit darüber sein,
ob dieser Lohn vom Kapital kam oder nicht. Er war offenbar der Ertrag
seiner Arbeit. Auch dann konnte kein Zweifel obwalten, wenn der
Besitzer eines besonders reichen Striches Leute annahm, die für ihn ar-
beiteten, und sie in demselben Gelde bezahlte, welches ihre Arbeit aus
der bjöhle oder aus dem Flußgeröll geschafft hatte. Als gemünztes
        <pb n="73" />
        ﻿



60	Arbeitslohn und Kapital.	Buch I.

Geld häufiger wurde, drängle dessen bessere Verwendbarkeit, welche
die Mühe und den Verlust des lviegens ersparte, den Goldstaub auf
den Rang einer Ware zurück, und der Arbeitgeber bezahlte seine Leute
mit der Münze, welche er durch den verkauf des durch ihre Arbeit
herbeigeschafften Goldstaubes erhalten hatte, Hatte er Münze genug,
um den Lohn zu zahlen, so behielt er seinen Goldstaub, anstatt ihn an
den nächsten Händler zu verkaufen und demselben dafür einen Nutzen
zu zahlen, bis er genug zusammen hatte, um eine Tour nach San Fran-
zisko zu machen oder die Ware per Expreß dorthin zu senden, wo er
dafür in der Münze ohne Rosten geprägtes Geld haben konnte, während
er so Goldstaub ansammelte, verminderte er seinen Geldvorrat, gerade
wie der Fabrikant sein Warenlager anhäuft, während er seinen Geld-
vorrat verringert. Dennoch würde niemand so schwachköpfig sein an-
zunehmen, daß der Unternehmer damit, daß er Goldstaub einnahm
und Münze ausgab, sein Kapital verminderte.

Aber die Lager, die ohne vorherige Arbeit ausgenutzt werden
konnten, waren bald erschöpft, und das Goldgraben wurde eine um-
ständlichere Sache. Ehe eine Mine so weit erschlossen werden konnte,
daß sie einen Ertrag lieferte, mußten tiefe Schachte gegraben, große
Dämme gebaut, lange Tunnels durch den härtesten Fels gebohrt, Wasser
meilenweit über Bergrücken und tiefe Täler geführt und teure Ma-
schinen aufgestellt werden. Diese Arbeiten konnten nicht ohne Kapital
ausgeführt werden. Bisweilen erforderte ihre Vollendung Jahre,
während welcher kein Ertrag zu erhoffen war, obgleich den beschäftigten
Leuten ihre Löhne jede Woche oder jeden Monat gezahlt werden mußten.
Zn solchen Fällen, wenn auch in keinen anderen, kommen, wird man
sagen, die Löhne sicherlich in Wahrheit aus dem Kapital, werden wirklich
vom Kapital vorgeschossen und müssen durch ihre Auszahlung not-
wendig das Kapital verringern. Sicherlich wird wenigstens hier der
Gewerbfleiß durch das Kapital begrenzt, denn ohne Kapital könnten
solche Arbeiten nicht durchgeführt werden. Sehen wir zu.

Fälle dieser Art sind es stets, welche man als Beweis anführt,
daß die Löhne vom Kapital vorgeschossen werden. Denn wo Löhne
bezahlt werden, ehe der Zweck der Arbeit erreicht oder vollendet ist —
wie beim Ackerbau, wo jdflügen und Säen dem Einbringen der Ernte
viele Monate vorhergehen müssen, wie ferner bei dem Bau von Gebäuden,
Schiffen, Kanälen, Eisenbahnen rc. — da ist es klar, daß die Eigner des
in den Löhnen verausgabten Kapitals keinen unmittelbaren Ertrag
erwarten können, sondern dasselbe für eine Zeit, die oft auf Zahre
hinausläuft, wie man zu sagen pflegt, „auslegen" müssen. Und werden
da nicht die Grundprinzipien im Auge behalten, so ist es leicht, in den
Schluß hineinzugleiten, daß die Löhne vomKapital vorgeschossen werden.

Aber solche Fälle werden den Leser, dem ich im vorausgehenden
verständlich geworden bin, nicht verwirren. Eine leichte Zergliederung
wird zeigen, daß die Fälle, wo die Löhne bezahlt werden, ehe das
        <pb n="74" />
        ﻿UmBBHIWWSbhI ' wwiiSR





Kap. III.

Der Lohn wird nicht dein Kapital entnoinnien.

6s

Arbeitsprodukt vollendet oder selbst nur über die ersten Anfänge hinaus-
geführt ist, keine Ausnahme von der Regel bilden, dis so klar zutage
liegt, wo das Produkt vollendet ist, ehe die Löhne gezahlt werden.

Gehe ich zu einem Makler, um Silber gegen Gold umzuwechseln,
so lege ich mein Silber hin, welches er zählt und weglegt, worauf er
mir das Äquivalent in Gold, minus seiner Kommission gibt. Schießt
der Makler mir dabei Kapital vor? Augenscheinlich nicht, was er zuvor
in Gold hatte, hat er nun in Silber, plus seinem Gewinn. And da er
das Silber bekam, ehe er das Gold auszahlte, so findet seinerseits selbst
nicht ein zeitweiliger Kapitalvorschuß statt.

Dies Verfahren des Maklers ist aber genau dasselbe, wie das des
Kapitalisten, wenn er, in Fällen wie die uns jetzt beschäftigenden, Kapital
in Löhnen auszahlt. Da die Arbeitsleistung der Lohnzahlung vorauf-
geht, und da die produktive Arbeitsleistung die Schaffung von wert
in sich schließt, so empfängt der Arbeitgeber wert, ehe er wert aus-
zahlt — er tauscht bloß Kapital in einer Form gegen Kapital in einer
anderen Form ein. Denn die Wertschöpfung hängt nicht von der Voll-
endung des Produktes ab; sie findet bei jeder Stufe des Produktions-
prozesses als unmittelbares Ergebnis der Aufwendung von Arbeit statt,
und der Prozeß, in welchem Arbeit beschäftigt ist, mag daher noch so
lange dauern, stets fügt doch die Arbeit durch ihre Anstrengung dem
Kapital etwas hinzu, ehe sie von demselben durch ihre Löhne etwas
nimmt.

Pier ist ein Schmied, der in seiner Schmiede parken macht. Offen-
bar schafft er Kapital, indem er dem Kapital seines Arbeitgebers parken
hinzufügt, ehe er aus demselben Geld als Lohn empfängt. Pier arbeitet
ein Maschinenbauer oder Kesselschmied an den Kielplatten eines eisernen
Dampfers. Schafft er nicht ebenso offenbar werte und Kapital?
Der eiserne Dampfer wie die parke sind Güter, sind Werkzeuge der
Produktion, und obgleich der eine vielleicht in fahren nicht vollendet
werden mag, während die andere in wenigen Minuten angefertigt
wird, so ist doch in dem einen wie in dem anderen Falle jedes Tagewerk
ganz klar eine pervorbringung von Gütern, eine Vermehrung des
Kapitals. In dem Falle des Dampfers, wie in dem der parke schafft
der letzte Schlag nicht mehr Wert als der erste, — die Wertschaffung
ist eine ununterbrochene, sie ergibt sich unmittelbar aus der Aufwendung
von Arbeit.

wir sehen dies sehr klar, wo es durch die Arbeitsteilung gebräuchlich
geworden ist, daß die verschiedenen Teile des vollständigen Perstellungs-
prozesses von verschiedenen Kategorien von Produzenten ausgeführt
werden, d. h. wo wir gewöhnt sind, den Wertbetrag, welchen die
Arbeit auf einer vorbereitenden Produktionsstufe geschaffen hat, zu
veranschlagen. Und ein wenig Nachdenken wird uns beweisen, daß dies
bei der großen Mehrheit aller Erzeugnisse der Fall ist. Nehmen wir
ein Schiff, ein Gebäude, ein Taschenmesser, ein Buch, einen Damen-
        <pb n="75" />
        ﻿62

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

fingerhut oder einen Laib Brot. Sie alle sind fertige Erzeugnisse.
Aber sie wurden nicht auf eininal oder durch eine einzige Kategorie
von Produzenten geschaffen. Und da dies so ist, so unterscheiden wir
leicht verschiedene Punkte oder Stufen in der Erschaffung des Wertes,
welchen sie als fertige Artikel darstellen. Unterscheiden wir nicht die
verschiedenen Teile in dem letzten Produktionsprozesse, so unter-
scheiden wir doch den wert der Materialien. Der wert dieser letzteren
kann oft wiederum vielmals aufgelöst werden und eben so viele klar
erkennbare Stufen in der Erschaffung des schließlichen Wertes dar-
stellen. Bei jeder dieser Stufen schätzen wir gewohnheitsmäßig eine
Wertschaffung, eine Kapitalvermehrung. Das Brot, das der Bäcker
aus dem Gfen nimmt, hat einen gewissen wert. Aber dieser besteht
teilweise aus dem werte des Mehls, aus dem der Teig gemacht wurde,
und dieser ist wieder zusammengesetzt aus dem werte des Weizens,
dem durch das Mahlen verliehenen wert usw. Roheisen ist kein
fertiges Produkt, es muß noch durch verschiedene oder vielleicht
viele Stadien der Produktion gehen, ehe es zu den fertigen Artikeln
wird, die den schließlichen Zweck ausmachen, weshalb man das Eisen-
erz aus dem Schacht holte. Ist aber Roheisen nicht trotzdem Kapital?
Und so ist der Produktionsprozeß nicht wirklich vollendet, nachdem die
Baumwolle geerntet oder gereinigt und gepreßt ist, oder wenn sie in
Lowell oder Manchester anlangt, oder wenn sie gesponnen oder gewebt
ist, sondern erst dann, wenn sie schließlich in die pände der Konsumenten
gelangt. Dennoch findet klar genug bei jeder Stufe dieses Prozesses
eine Erzeugung von wert, eine Vermehrung von Kapital statt, warum
also sollte, wenn wir sie auch gewöhnlich nicht so unterscheiden und
abschätzen, nicht auch eine Werterzeugung, eine Kapitalvermehrung
stattfinden, wenn die Erde für die Aussaat gepflügt wird? Etwa nicht,
weil möglicherweise ein schlechtes Jahr eintreten und die Ernte schlecht
ausfallen kann? Offenbar nicht, denn eine gleiche Möglichkeit des Miß-
erfolges liegt bei jeder der vielen Stufen in der Perstellung des fertigen
Artikels vor. Im Durchschnitt muß eine Ernte sicher kommen, und so
und so vieles Pflügen und Säen wird im Durchschnitt so und so viele
Baumwolle hervorbringen, wie so und so vieles Spinnen von Baum-
wollengarn so und so vielen Stoff ergeben wird.

Kurz, da die Lohnzahlung immer von dem Arbeitsertrag abhängt,
so schließt die Lohnzahlung in der Produktion, wie lange auch der Prozeß
dauern möge, nie einen Kapitalvorschuß ein, noch vermindert sie das
Kapital auch nur zeitweise. Es mag ein Jahr oder selbst Jahre erfordern,
um ein Schiff zu bauen, aber die Schaffung des wertes, den schließlich
das Schiff haben wird, geht Tag für Tag, Stunde für Stunde vor sich,
von der Zeit an, wo der Kiel gelegt oder auch nur der Bauplatz dazu
vorbereitet wurde. Auch vermindert der Schiffbauer durch die Zahlung
von Löhnen vor Beendigung des Schiffes weder fein Kapital noch
das Kapital des Gemeinwesens, denn der wert des teilweise voll-
        <pb n="76" />
        ﻿Kap. III.

Der Lohn wird nicht denr Kapital entnommen.

63

end eien Schiffes steht an Stelle des in Löhnen ausgezahlten wertes.
Diese Lohnzahlungen enthalten keinen Kapitalvorschuß; denn die Arbeit
seiner Leute erzeugt und verschafft denr Schiffbauer während der Woche
oder während des Monats mehr Kapital, als ihnen am Ende der Woche
oder des Monats zurückgezahlt wird, wie dies die Tatsache beweist,
daß, wenn man dem Schiffbauer zu irgendeiner Zeit während des
Baues das teilweise fertige Schiff abkaufen wollte, er einen Vorteil
erwarten würde.

Ebenso findet kein Kapitalvorschuß statt, sobald ein Sutro- oder
St. Gotthard-Tunnel oder ein Suez-Kanal gebaut wird. Der Tunnel
oder Kanal wird während des Baues gerade so gut Kapital, wie das
zum Bauen verausgabte Geld, oder, wenn man lieber will, das bei
der Arbeit gebrauchte Pulver, die Bohrer rc. oder die von den Ar-
beitern gebrauchten Nahrungsmittel, Kleider rc. — was durch den
Umstand bewiesen wird, daß der wert des Kapitalvermögens der
Gesellschaft sich nicht vermindert, wenn ihre Geldbeftände sich nach und
nach zu Kapital in Gestalt eines Kanals oder Tunnels umwandeln.
Zm Gegenteil nimmt es wahrscheinlich im Durchschnitt mit dem Fort-
gange des Werkes zu, gerade wie das bei einer geschwinderen Pro-
duktionsart angelegte Kapital sich durchschnittlich vermehrt.

Und so ist es offenbar auch beim Ackerbau. Daß die Wertschaffung
nicht auf einmal erfolgt, wenn die Ernte eingebracht wird, sondern
schrittweise während des ganzen, mit der Ernte endigenden Prozesses,
und daß mittlerweile keine Lohnzahlung das Kapital des Landwirts
vermindert, zeigt sich handgreiflich genug, wenn während des Pro-
duktionsprozesses Land verkauft oder verpachtet wird, denn ein ge-
pflügtes Feld bringt mehr als ein ungepflügtes und ein Acker mit Aus-
saat mehr als ein nur gepflügter. Ls ist auch handgreiflich genug, wenn,
wie dies bisweilen geschieht, Ernten auf dem Palm verkauft werden,
oder wenn der Bauer nicht selbst erntet, sondern mit dem Besitzer von
Mähmaschinen kontrahiert. Ls ist handgreiflich in dem Falle von Obst-
gärten und Weinbergen, die, obgleich noch nicht tragend, doch ihrem Alter
angemessene preise bringen. Ls ist handgreiflich in dem Falle von
Pferden, Rindvieh und Schafen, deren wert mit ihrem Wachstum
steigt. Und wenn sie nicht immer handgreiflich ist zwischen den, wie
man sie nennen kann, üblichen Austauschstadien der Produktion, so findet
diese Wertvermehrung doch unstreitig bei jedem Arbeitsaufwande statt,
wo deshalb Arbeit geleistet wird, ehe Lohn gezahlt wird, ist der
Kapitalvorschuß faktisch seitens der Arbeit geleistet, und wird von dem
Arbeiter dem Arbeitgeber, nicht aber von dem Arbeitgeber dem Arbeiter
gemacht.

„Dennoch", kann man einwenden, „wird in solchen Fällen, wie
wir sie betrachtet, Kapital erfordert!" Gewiß, dies bestreite ich keines-
wegs. Aber es ist nicht erforderlich, um den Arbeitern Vorschüsse zu
        <pb n="77" />
        ﻿

Arbeitslohn und Kapital.	Buch I.

machen. Es ist zu einem ganz anderen Zwecke erforderlich. Welcher
Zweck, dies ist, können wir leicht sehen.

Werden die Löhne in natura bezahlt, d. h. in Gütern derselben
Art, wie sie die Arbeit erzeugt, z. B. wenn ich Leute dinge, um Holz
schlagen zu lassen, und ihnen einen Teil des Holzes als Lohn überlasse
(wie dies bisweilen von Waldbesitzern oder Pächtern geschieht), so
ist es klar, daß kein Kapital für die Lohnzahlung erforderlich ist. Auch
dann, wenn ich zu beiderseitigem Vorteil — etwa weil eine große
Menge Holz leichter und vorteilhafter zu verwerten ist als eine Anzahl
kleiner Quantitäten — einen Geldlohn anstatt eines Naturallohnes
bedinge, werde ich kein Kapital brauchen, vorausgesetzt, daß ich den
Umsatz des Holzes gegen Geld bewerkstelligen kann, ehe die Löhne
fällig werden. Nur wenn ich einen solchen Umsatz oder einen so vorteil-
haften Umsatz, wie ich ihn wünsche, nicht bewerkstelligen kann, bis ich
eine große Menge Holz anhäufe, werde ich Kapital brauchen. Aber
selbst dann brauche ich kein Kapital, falls ich einen teilweisen oder
versuchsweisen Tausch dadurch machen kann, daß ich Geld auf mein
Holz leihe. Kann ich jedoch oder will ich mein Holz weder verkaufen
noch darauf borgen, und wünsche doch einen großen Vorrat hinzu-
legen, dann allerdings werde ich Kapital brauchen. Aber augenschein-
lich brauche ich dies Kapital nicht für die Zahlung von Löhnen, sondern
für die Anhäufung eines Holzlagers. Ebenso ist es beim Bohren eines
Tunnels, würden die Arbeiter in Tunnel bezahlt (was, wenn man
wollte, unschwer durch Zahlung in Aktien der Gesellschaft zu machen
wäre), so wäre kein Kapital für die Lohnzahlung erforderlich. Erst
dann, wenn die Unternehmer wünschen, Kapital in der Gestalt eines
Tunnels anzuhäufen, brauchen sie Kapital. Um zu unserem ersten Bei-
spiel zurückzukehren: der Makler, dem ich mein Silber verkaufe, kann
sein Geschäft nicht ohne Kapital betreiben. Aber er braucht dies Kapital
nicht, weil er mir einen Kapitalvorschuß machte, wenn er mein Silber
empfängt und mir Gold dagegen aushändigt, er braucht es, weil die
Natur seines Geschäfts es nötig macht, einen gewissen disponiblen
Kapitalbestand zu halten, damit, wenn ein Kmrde kommt, er den von
demselben gewünschten Austausch machen kann.

Und so werden wir es in jedem Produktionszweige finden. Kapital
braucht nie für die Lohnzahlung bereit gestellt zu werden, wenn die
Erzeugnisse der Arbeit, wofür der Lohn gezahlt wird, umgesetzt werden,
so bald sie produziert sind; es wird erst dann gebraucht, wenn diese Er-
zeugnisse aufgespeichert, oder, was für den einzelnen auf das gleiche
hinausläuft, in den allgemeinen Kurs der Umsätze gestellt werden,
ohne daß sogleich darauf gezogen, d. h. auf Kredit verkauft wird. Aber
das auf diese Weise erforderliche Kapital ist nicht für die Lohnzahlung,
noch für Vorschüsse an die Arbeiter nötig, denn es ist stets in dem Pro-
dukte der Arbeit vorhanden. Lin Produzent braucht nie als Arbeit-
geber Kapital; wenn er Kapital braucht, so ist es, weil er nicht bloß
        <pb n="78" />
        ﻿Map. IV. Der Unterhalt der Arbeiter wird nicht dem Kapital entnommen. HZ

Arbeitgeber, sondern Kaufmann oder Spekulant in den Arbeitsprodukten
oder Aufkäufer derselben ist. Das ist bei den Arbeitgebern gewöhnlich
der Fall.

Rekapitulieren wir. Der auf eigene Rechnung arbeitende Mann
erhält seinen Lohn in den Dingen, die er produziert, sobald er sie pro-
duziert und setzt diesen wert in eine andere Form um, sobald er das
Produkt verkauft. Der Mann, welcher um einen bedungenen Geldlohn
für einen anderen arbeitet, arbeitet unter einem Tauschvertrage. Er
schafft auch seinen Lohn, je nachdem er seine Arbeit leistet, aber er
erhält ihn nur zu festgesetzten Zeiten, in festgesetzten Beträgen und in
einer anderen Form. Bei der Verrichtung der Arbeit rückt er dem
Tausch immer näher; wenn er seinen Lohn bekommt, ist der Tausch
vollendet, während der Zeit, daß er den Lohn verdient, schießt er
feinem Arbeitgeber Kapital vor, aber zu keiner Zeit schießt letzterer
ihm Kapital vor, es sei denn, daß vor Beginn der Arbeit Lohn gezahlt
würde. Ob der Arbeitgeber, der dies Produkt im Tausch für den Lohn
empfängt, es unverzüglich weiter tauscht oder für eine weile behält,
ändert an dem Lharakter der Transaktion nicht mehr als die schließliche
Verfügung über das Produkt, die der letzte Empfänger trifft, welcher
es vielleicht erst nach Hunderten von Umsätzen erhält und der vielleicht
in einem anderen Erdteil wohnt.

Kapitel IV.

Der Unterhalt der Arbeiter wird nicht dem Kapital entnommen.

Noch kann jedoch ein Stein des Anstoßes übrig bleiben oder in
den Gedanken des Lesers wiederkehren.

Da der Ackersmann die Furche nicht essen, noch eine halbvollendete
Dampfmaschine irgendwie dazu dienen kann, dem Maschinenbauer
die Kleider, die er trägt, zu verschaffen, habe ich da nicht, um mit Zohn
Stuart Mill zu reden, „vergessen, daß die Bewohner eines Landes
ihre Bedürfnisse nicht aus dem Erzeugnis gegenwärtiger, sondern ver-
gangener Arbeit befriedigen"? Oder, um die Worte eines populären
Elementarbuches —- desjenigen von Mrs. Fawcett —&gt; zu gebrauchen,
habe ich nicht vergessen, „daß viele Monate vergehen müssen zwischen
der Aussaat und der Zeit, wo das Produkt derselben in einen Laib Brot
umgewandelt ist", und daß es „daher augenscheinlich ist, daß die Arbeiter
nicht von dem leben können, was ihre Arbeit zu produzieren hilft, sondern
daß sie durch die Güter erhalten werden, die ihre Arbeit oder die Arbeit
anderer vorher geschaffen hat, welche Güter Kapital sind*)"?

*) Political Economy for beginners, by Millicent (Sarrett Fawcett. Kap. III, S. 25.
George, Fortschritt und Armut.	5
        <pb n="79" />
        ﻿66

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

Die in diesen Sätzen liegende Voraussetzung, die Unterhaltung
der Arbeit durch das Kapital sei etwas so Selbstverständliches, daß der
Satz nur ausgesprochen zu werden brauche, um zugestanden zu werden,
läuft durch das ganze Gebäude der herrschenden Nationalökonomie.
Und so zuversichtlich glaubt man an die Erhaltung der Arbeit aus dem
Kapital, daß der Satz, „die Bevölkerung richtet sich nach den Fonds,
welche sie zu beschäftigen bestimmt sind, und vermehrt oder vermindert
sich daher stets mit der Ab- oder Zunahme des Kapitals" *), als nicht
minder grundlegend angesehen und seinerseits wieder zur Basis wichtiger
Auseinandersetzungen gemacht wird.

Löst man jedoch diese Sätze auf, so zeigen sie sich nicht als augen-
scheinlich, sondern als absurd; denn sie schließen die Auffassung ein,
daß Arbeit nicht eher verrichtet werden könne, als bis die Erzeugnisse
der Arbeit da seien — und so setzt man das Produkt höher als den Pro-
duzenten.

Und prüft man sie näher, so wird sich herausstellen, daß sie ihre
anscheinende Plausibilität aus einer Gedankenverwirrung ableiten.

)ch habe schon den unter einer irrtümlichen Definition verborgenen
Trugschluß aufgedeckt, der dem Satze zugrunde liegt, daß, weil Nahrung,
Kleidung und Obdach dem produktiven Arbeiter unentbehrlich sind,
deshalb der Gewerbfleiß durch das Kapital begrenzt sei. Daß ein Mann
sein Frühstück haben muß, ehe er zur Arbeit geht, heißt doch nicht, daß
er nicht zur Arbeit gehen kann, bis ihm ein Kapitalist sein Frühstück
liefert; denn dasselbe kann und wird in allen Ländern, in denen nicht
geradezu Hungersnot herrscht, nicht aus den zur Unterstützung der
Produktion zurückgelegten Gütern, sondern aus den für den Lebens-
unterhalt zurückgelegten Gütern geliefert werden. Und wie vorher
gezeigt wurde, sind Nahrung, Kleidung usw., kurz alle Güter, nur so
lange Kapital, als sie im Besitz derer bleiben, welche sie nicht zu konsu-
mieren, sondern gegen andere werte oder gegen produktive Dienst-
leistungen umzutauschen beabsichtigen, und hören auf, Kapital zu sein,
sobald sie in den Besitz derer übergehen, welche sie konsumieren wollen;
denn bei diesem Übergänge treten sie aus dem zum Zweck weiterer
Güterbeschaffung gehaltenen Gütervorrat in den zum Zwecke des
Verbrauchs gehaltenen Gütervorrat, gleichviel, ob ihr Konsum zur
Güterproduktion beitragen wird oder nicht. Ohne diese Unterschei-
dung ist es unmöglich, die Linie zwischen den Gütern, die Kapital sind,
und denen, die es nicht sind, zu ziehen, auch wenn man, wie es Mill
tut, diese Unterscheidung in „den Gedanken des Besitzers" legt. Denn
die Menschen essen oder fasten nicht, gehen nicht angezogen oder nackt,
je nachdem sie produktiv arbeiten oder nicht, sie essen, weil sie hungrig,
sind und tragen Kleider, weil die Witterung oder der Anstand es ver-

*) Die zitierten Worte rühren von Ricardo (Kap. II) her, der Gedanke ist indessen
allen Hauptwerken gemeinsam.
        <pb n="80" />
        ﻿Kap. IV. Der Unterhalt der Arbeiter wird nicht dem Kapital entnommen.

67

langt. Nehmen wir z. B. die Speisen auf dem Frühstückstische eines
Arbeiters, der heute arbeiten wird oder nicht, je nachdem sich die Ge-
legenheit dazu bietet, wenn die Unterscheidung zwischen Kapital und
Nichtkapital in dem Unterhalt produktiver Arbeit liegt, sind dann diese
Speisen Kapital oder nicht? Der Arbeiter so wenig wie ein Denker der
Ricardo-Millschen Schule kann es sagen, auch dann nicht, wenn sie schon
in seinem Magen sind, und wenn er nicht gleich Arbeit bekommt, sondern
sich weiter danach umtun muß, sogar dann noch nicht, wenn sie schon
in das Blut und die Gewebe übergegangen sind. Dennoch wird der
Mann sein Frühstück unter allen Umständen zu sich nehmen.

Dbschon die Sache logisch klar ist, wird es sich doch nicht empfehlen,
hierbei stehen zu bleiben und das Argument sich um den Unterschied
zwischen Gütern und Kapital drehen zu lassen. Auch ist es nicht nötig!
Der Satz, daß die gegenwärtige Arbeit durch das Produkt vergangener
Arbeit erhalten werden müsse, wird sich, wie mir scheint, bei der Analyse
nur in dem Sinne als richtig erweisen, daß die Nachmittagsarbeit mit
Hilfe des Mittagsmahls verrichtet werden, oder daß der Pass, ehe man
ihn ißt, gefangen und gebraten werden muß. Offenbar aber ist dies nicht
der Sinn, in welchem der Satz benutzt wird, um das wichtige Raifonne-
ment, dem er als Angelpunkt dient, zu stützen. Dieser Sinn ist der,
daß, ehe eine Arbeit verrichtet werden kann, die nicht sofort verfügbare
Unterhaltsmittel liefert, ein die Arbeiter während der Verrichtung
erhaltender Vorrat von Lebensmitteln vorhanden sein müsse. Sehen
wir zu, ob dies richtig ist.

Der Nachen, den sich Robinson Lrusoe mit so unendlicher Mühe
machte, war eine Produktion, bei welcher seine Arbeit keinen sofortigen
Ertrag ergeben konnte. Aber war es nötig, daß er, bevor er begann,
einen genügenden Vorrat von Lebensmitteln anhäufte, die ihn ernähren
sollten, während er den Baum fällte, den Nachen aushöhlte und schließ-
lich ins Meer ließ? Keineswegs. Ls war nur nötig, daß er einen Teil
seiner Zeit der Anschaffung von Nahrung widmete, während er einen
anderen Teil dem Bau des Nachens widmete. Oder nehmen wir an,
hundert Mann landeten ohne irgendwelche Vorräte in einem neuen
Lande, wird es für sie nötig sein, einen bis zur Ernte ausreichenden
Vorrat von Lebensmitteln anzuhäufen, ehe sie mit der Bebauung des
Bodens beginnen können? Durchaus nicht! Es wird nur nötig sein,
daß Fische, wild, Beeren usw. so reichlich vorhanden sind, daß die Arbeit
eines Teils der hundert genügt, um täglich eine für den Unterhalt
aller genügende Menge zu beschaffen, und daß der Sinn der Interessen-
gemeinschaft und gegenseitigen hilfsbedürftigkeil stark genug entwickelt
ist, um diejenigen, welche jetzt die Lebensmittel gewinnen, mit denen
teilen (tauschen) zu lassen, deren Anstrengungen auf zukünftigen Lohn
gerichtet sind.

was richtig ist in diesen Fällen, ist in allen richtig. Ls ist zur Pro-
duktion von Dingen, die nicht als Lebensmittel benutzt oder nicht sofort
        <pb n="81" />
        ﻿68

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

gebraucht werden können, nicht nötig, daß eine vorherige Produktion
der zuin Unterhalt der Arbeiter während des Produktionsprozesses
erforderlichen Güter stattgefunden hat. Es ist nur nötig, daß innerhalb
des Austauschkreises eine gleichzeitige Produktion hinreichender Sub-
sistenzmittel für die Arbeiter vor sich geht und die Bereitwilligkeit vor-
handen ist, diese Subsistenzmittel für den Gegenstand, auf den die
Arbeit verwendet wird, zu vertauschen.

Und ist es nicht im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge tatsächlich
so, daß die Konsumtion durch eine gleichzeitige Produktion erhalten
wird?

Hier ist ein reicher Müßiggänger, der weder mit dem Kopf noch
mit der Hand arbeitet, sondern von dem Vermögen lebt, das ihm sein
Vater, sagen wir in amerikanischen Staatspapieren, hinterlassen hat.
Kommen seine Lebensmittel tatsächlich aus dem in der Vergangenheit
angehäuften Vermögen oder aus der um ihn vor sich gehenden pro-
duktiven Arbeit? Auf seinem Tische sind frisch gelegte Eier, gestern
geschlagene Butter, Milch, welche die Kuh am Morgen gab, Fische,
die noch vor vierundzwanzig Stunden im Meere schwammen, Fleisch,
das der Metzgerbursche gerade rechtzeitig zum Braten brachte, Gemüse
frisch aus dem Garten und Früchte vom Bäum —kurz, kaum irgend etwas,
das nicht eben erst die Hand des produktiven Arbeiters (denn in diese
Kategorie müssen die den Transport und die Verteilung besorgenden
Personen so gut wie die in den ersten Stadien der Produktion Be-
schäftigten eingerechnet werden) verlassen hätte und nichts, das vor
längerer Zeit produziert wäre, es müßten denn einige Flaschen alten
Weines sein, was dieser Mann von seinem Vater erbte, und wovon
er, wie wir sagen, lebt, sind keineswegs faktische Güter, sondern ist
nur die Macht, über Güter zu verfügen, die andere produzieren. Und
aus dieser gleichzeitigen Produktion werden seine Suhsistenzmittel
entnommen.

Die fünfzig (engl.) Vuadratmeilen Londons enthalten unzweifel-
haft mehr Güter als innerhalb des gleichen Raumes irgendwo sonst
existieren. Dennoch würden, wenn auf einmal die produktive Arbeit
in London aufhören sollte, die Menschen innerhalb weniger Stunden
anfangen, gleich kranken Schafen zu sterben, und in einigen Wochen
oder höchstens einigen Monaten würde kaum einer am Leben geblieben
sein. Denn eine völlige Unterbrechung der produktiven Arbeit würde ein
schrecklicheres Unglück sein, als es je eine belagerte Stadt erfuhr. Es wäre
keine bloße äußere Umfassungsmauer, wie sie Titus um Jerusalem
zog, die den fortwährenden Zugang der Einfuhren, von denen eine große
Stadt lebt, verhinderte, sondern es wäre, als wenn eine ähnliche Mauer
um jeden Haushalt gezogen würde. Man denke sich eine solche Unter-
brechung der Arbeit in irgendeinem Lande, und man wird inne werden,
wie wahr es ist, daß die Menschheit faktisch aus der Hand in den Mund
        <pb n="82" />
        ﻿Kap. IV.

Der Unterhalt der Arbeiter wird nicht dern Kapital entnommen.

lebt; daß es die tägliche Arbeit des Landes ist, welche die Bewohner
rnit ihrem täglichen Brote versieht.

Gerade wie der Unterhalt der Arbeiter, welche die Pyramiden
bauten, nicht aus einem vorher aufgespeicherten Vorräte, sondern aus
den beständig wiederkehrenden Ernten des Niltales gezogen wurde;
gerade wie eine moderne Regierung, wenn sie ein großes, zeitraubendes
Werk unternimmt, für dasselbe nicht schon produzierte Güter bestimmt,
sondern erst zu produzierende, die je nach dem vorschreiten des Werks
in Steuern von den Produzenten erhoben werden; so rühren auch die
Lebensmittel der Arbeiter, die nicht unmittelbar Lebensmittel produ-
zieren, aus der Produktion der Unterhaltsmittel her, mit welcher andere
gleichzeitig beschäftigt sind.

verfolgen wir den Kreis des Tausches, durch welchen die bei der
Herstellung einer großen Dampfmaschine getane Arbeit dem Arbeiter
Brot, Fleisch, Dbdach und Uleidung verschafft, so werden wir finden,
daß, wenn zwischen dem Maschinenbauer und den Produzenten von
Brot, Fleisch usw. auch tausend Zwischentausche stattfinden, die auf
ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführte Transaktion doch faktisch auf
einen Arbeitstausch zwischen ihm und ihnen hinausläuft. Die Ursache,
weshalb man Arbeit auf Herstellung der Maschine verwendet, ist augen-
scheinlich die, daß jemand, der das, was der Arbeiter zu haben wünscht,
zu geben vermag, eine Maschine braucht —&gt; d. h. es besteht Nachfrage
nach einer Maschine seitens derjenigen, welche Brot, Fleisch usw. pro-
duzieren, oder seitens der Produzenten solcher Dinge, welche die Pro-
duzenten von Brot, Fleisch usw. zu haben wünschen. Diese Nachfrage
ist es, welche die Arbeit des Maschinenbauers auf die Erzeugung der
Maschine richtet, und umgekehrt lenkt daher die Nachfrage des Ma-
schinenbauers nach Brot, Fleisch usw. in Wahrheit eine gleichwertige
Summe von Arbeit auf die Erzeugung dieser Dinge, und so produziert
seine tatsächlich der Herstellung der Maschine gewidmete Arbeit virtuell
die Dinge, für welche er seinen Lohn verausgabt, oder, um diesen Grund-
satz zu formulieren:

Die Nachfrage der Konsumenten entscheidet die
Richtung, in welcher Arbeit zur Produktion ver-
wendet werden wird.

Dieser Grundsatz ist so einfach und einleuchtend, daß er keiner
weiteren Erläuterung bedarf; dennoch verschwinden in seinem Lichte
alle Verwicklungen unseres Gegenstandes, und wir gelangen so zu
derselben Ansicht über die wahren Zwecke und Belohnungen der Ar-
beit in den komplizierten Verhältnissen der modernen Produktion, die
wir vorher gewannen, als wir die einfacheren Formen der Produktion
und des Austausches in den ersten Anfängen der Gesellschaft beobachteten.
Wir sehen, daß jetzt wie damals jeder Arbeiter sich bemüht, durch seine
Anstrengungen die Befriedigung seiner Wünsche zu erlangen; wir sehen,
daß, obgleich die außerordentliche Teilung der Arbeit jedem Produzenten
        <pb n="83" />
        ﻿70

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

nur die Erzeugung eines kleinen oder vielleicht auch kleinen Teiles der
besonderen Dinge, derenkhalben er arbeitet, zuweist, er doch dadurch,
daß er bei der Erzeugung dessen, was andere wünschen, hilft —&gt; anderer
Arbeit auf die Erzeugung der seinerseits gebrauchten Dinge lenkt —,
dieselben der Wirkung nach selbst produziert. Und so ist, wenn er Taschen-
messer macht und Weizen ißt, der Weizen tatsächlich ebensogut das
Produkt seiner Arbeit, als wenn er ihn selber gebaut hätte und die Weizen-
produzenten ihre Taschenmesser selber hätte machen lassen.

wir sehen somit, wie vollständig und durchaus richtig es ist, daß
in allem, was die Arbeiter für geleistete Arbeit erhalten und konsumieren,
kein Kapitalvorschuß an dieselben enthalten ist. wenn ich Taschenmesser
verfertigt und mit dem erhaltenen Lohn Weizen gekauft habe, so habe
ich einfach Taschenmesser gegen Weizen umgetauscht, dem vorhandenen
Gütervorrate Taschenmesser hinzugefügt und Weizen entnommen.
Und da die Nachfrage der Konsumenten die Richtung, in welcher die
Arbeit zur Produktion verwendet wird, entscheidet, so kann, solange nicht
die Grenze der Weizenerzeugung erreicht ist, nicht einmal gesagt werden,
daß ich den Weizenvorrat vermindert Hätte; denn indem ich dem zum
Austausch bestimmten Gütervorrate Taschenmesser hinzufüge und
weizen entnehme, habe ich Arbeitskräfte am anderen Ende einer Reihe
von Tauschen auf die Weizenproduktion hingelenkt, gerade wie der
Weizenbauer, indem er weizen hineintut und Taschenmesser begehrt,
Arbeitskräfte auf die Erzeugung derselben als den leichtesten weg, um
Weizen zu bekommen, hinlenkt.

Und so erzeugt der Pflüger — wenn auch die Ernte, für die er die
Erde aufreißt, noch nicht gesät ist und nach der Aussaat noch Monate
bis zur Reife braucht —&gt; gleichwohl durch seine Arbeit am Pfluge virtuell
die Nahrung, die er ißt, und den Lohn, den er erhält. Denn obgleich
das Pflügen nur ein Teil der zur Erzielung einer Ernte notwendigen
Verrichtungen ist, es ist ein Teil und ein ebenso notwendiger Teil, wie
das Ernten. Die Ausführung desselben ist ein Schritt zur Beschaffung
einer Ernte, welcher durch diö von ihm bewirkte Sicherung der künftigen
Ernte, aus dem beständig gehaltenen Vorräte den Unterhalt und Lohn
des Pflügers frei macht. Dies ist nicht bloß theoretisch, sondern praktisch
und buchstäblich so. Angenommen, es würde zur gehörigen Zeit nicht
gepflügt, würden sich nicht die Anzeichen des Mangels sofort kund-
geben, ohne bis zur Erntezeit zu warten? würde sich nicht die Wirkung
im Kontor, in der Maschinenwerkstatt und in der Fabrik sofort fühlbar
machen? würden nicht webstuhl und Spindel bald ebenso still stehen
wie der Pflug? Daß es so sein würde, sehen wir an der Wirkung, die
sofort nach einer schlechten Ernte eintritt. Und wenn dem so ist, pro-
duziert nicht der Mann, der pflügt, seinen Lebensunterhalt und seinen
Loh ngeradeso gut, als ob seine Arbeit an dem Tage oder in der Woche
faktisch die Dinge ergäbe, für welche seine Arbeit ausgetauscht wird?

wo Arbeiter Beschäftigung suchen, wird der Besitzer eines Gutes,
        <pb n="84" />
        ﻿da. eine «tnie verspricht, sür welche »-chs-^ °°ch°"d°" ist durch
Kapitalmangel keineswegs verhindert, sre zu &gt; S • ,n,.unfu'n ,
ein Abkommen auf Anteilswirtschast, «ne_ mldie
vereinigten Staaten sehr verbreitete Me ho ,	(gttraas ihrer

Arbeiter, falls sie ohne Subsistenzmittel smd a conto des Ertrags chrer

Arbeit vorn nächsten Händler ^t^ekomm	erhalten, und so

wird, wenn er Ueber Lohn zahlen wM,1	löstet wird, ver-

wird die dem Anbau SewldweteArbe:t ^ ^^raucht wird, als es
wertet oder ausgetauscht, wenn wrrrua/ t	Betteln anstatt

geschehen würde, falls die Arbeiter SeZwunge	Z gewöhnlichen

zu arbeiten (denn in allen zivilisterten Landern müssen rm gew i

verlaus der Dinge die Arbeiter so wie so e h	bervorqezogen

-S das Reservekapital sein, das durch d-Av-stch an,M^eA L
wird und welches durch die geleistete Arb J ^	^ , B.

3n den rein ackerbautreibenden Teilen von rnillionen n Schafen
im Zähre ,see eine völlige

blieb nichts als die Knochen übrig. In dem g tz	^1 UTn mre

waren viele Grundbesitzer ohne hinreichende .	.	Ar-

Familien bis zur nächsten Lrnte ^^^^A^tellie sch der Regen ein,
beiter zu unterhalten. Aber zur rechten Zeit stellte stq	^ ^

und dieselben Grundbesitzer dangen Arbe | ^ Grundbesitzer,
Säen. Denn überall gab es emen ober Jen moetenw	i*,

einen Teil der Lrnte zurückgehalten hatte^	^ e Adrigere

beeiserten sich dieselben zu verkaufen, ehe die ne
p-eis- brachte, and das o in »-1--°° g-!,-»-"-	-

»«&gt;-&gt; Tausch, I-i es vorschußweise in de', S-bmuch der .andiente u^

freigemacht, ja der Wirkung nach produzierr ouru/ i

«tnie getane Arbeit.	DmhuStion und Konsumtion ver-

.. , Aeihe der Tausche, we che p gebogenen Rohre verglichen
binden, kann einem mit Wasser gesull g ^^^^ossen, so kommt aus

werden, wird aus der einen 5	Es ist nicht genau dasselbe

der anderen eme gleiche Menge Hera ^	^tun diejenigen, welche das

Wasser aber es ist sein Aqmvallnt Uu^so M ^ 1	-

«hnen nur das Produkt ihrer Arbei.

Kapitel V.

Sie wahren Funktionen des Kapitals.

Man dürfte nun fragen: wenn das Kapital nicht zur Lohnzahlung
oder zur Unterhaltung der Arbeiter während der Produktion erforderlich
lst, welche Funktionen hat es denn?
        <pb n="85" />
        ﻿72

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

Die frühere Untersuchung hat die Antwort klar gemacht. Das
Kapital besteht, wie wir gesehen haben, aus Gütern, die zur Beschaffung
von mehr Gütern benutzt werden, zum Unterschied von Gütern, die zur
direkten Bedürfnisbefriedigung benutzt werden, oder, wie es meines
Erachtens definiert werden kann, aus Gütern, die im Austausch be-
griffen sind.

Das Kapital erhöht daher die Macht der Arbeit, Güter hervor-
zubringen: j. indem es die Arbeit in den Stand setzt, sich auf wirksamere
Weise zu betätigen, wie z. B. durch Ausgrabung der Muschel mit einem
Spaten anstatt mit der bsand, oder durch Fortbewegung eines Schiffes
durch die Dampfkraft anstatt des Ruders; 2. indem es die Arbeit in den
Stand setzt, sich die reproduktiven Kräfte der Natur zunutze zu machen,
wie z. B. das Getreide durch Säen und Tiere durch Züchtung zu erhalten;
z. indem es die Teilung der Arbeit gestattet, und so einerseits die Wirk-
samkeit des menschlichen Produktionsfaktors durch Nutzbarmachung
spezieller Fähigkeiten, Erwerbung von Geschicklichkeit und Verringerung
der Vergeudung erhöht, andererseits die Kräfte des Naturfaktors dadurch
aufs äußerste auszunützen gestattet, daß man die Verschiedenheiten von
Boden, Klima und Lage so vorteilhaft benutzt, daß man jede besondere
Art von Gütern da gewinnt, wo die Natur für ihre Erzeugung am
günstigsten ist.

Das Kapital liefert nicht die Rohstoffe, welche die Arbeit zu Gütern
macht, wie irrtümlich gelehrt wird; die Rohstoffe der Güter werden
von der Natur geliefert. Aber die teilweise verarbeiteten und im Aus-
tausch begriffenen Rohstoffe sind Kapital.

Das Kapital liefert nicht den Lohn und schießt ihn nicht vor, wie
irrtümlich gelehrt wird. Der Lohn ist der Teil des Arbeitsproduktes,
den der Arbeiter erhält.

Das Kapital unterhält nicht die Arbeiter während des Fortganges
ihrer Arbeit, wie irrtümlich gelehrt wird. Die Arbeiter werden durch
ihre Arbeit erhalten, und der Mann, der ganz oder teilweise etwas pro-
duziert, was für Unterhaltsmittel ausgetauscht werden kann, produziert
virtuell diese Unterhaltsmittel selbst.

Das Kapital beschränkt deshalb den Gewerbfleiß nicht, wie irr-
tümlich gelehrt wird, sondern die einzige Schranke des Gewerbfleißes
ist der Zugang zu den Stoffen der Natur. Aber das Kapital kann die
Form und die Ergiebigkeit des Gewerbfleißes beschränken, indem es
die Anwendung von Werkzeugen und die Teilung der Arbeit beschränkt.

Daß das Kapital die Form des Gewerbfleißes beschränken kann,
ist klar. Ohne die Fabrik könnte es keine Fabrikarbeiter geben, ohne
die Nähmaschine kein Maschinennähen, ohne Pflug keinen Pflüger, und
ohne große bsandelskapitalien könnte der Gewerbfleiß nicht die vielen
Spezialformen annehmen, die sich mit dem Handel beschäftigen. Ebenso
klar ist es, daß der Mangel an Werkzeugen die Ergiebigkeit des Gewerb-
fleißes aufs äußerste beschränken muß. Wenn der Landmann den
        <pb n="86" />
        ﻿Spaten brauchen muß, weil er nicht Kapital genug für einen Pflug
hat, die Sichel anstatt der Mähmaschine, den Dreschflegel anstatt des
Dampfdreschers; wenn der Maschinenbauer auf den Meißel angewiesen
ist, um Eisen zu schneiden, der Weber auf den Bandstuhl usw., so kann
die Ergiebigkeit des Gewerbfleißes nur eine verschwindend geringe sein
gegen diejenige, welche erreicht wird, sobald Kapital in Gestalt der
besten, jetzt in Gebrauch befindlichen Werkzeuge ihn unterstützt. Auch
könnte die Teilung der Arbeit nicht über die rohesten und fast unbemerk-
baren Anfänge hinausgehen, noch könnten die Tausche, welche sie er-
möglicht, sich über die nächsten Nachbarn hinaus erstrecken, wenn
nicht ein Teil der produzierten Dinge beständig vorrätig oder im Transit
gehalten würde. Selbst die Geschäfte des Jagens, Fischens, Früchte-
sammelns und der Anfertigung roher Waffen könnten nicht so spezialisiert
werden, daß der einzelne sich gänzlich einem derselben widmet, wenn nicht
ein Teil dessen, was jeder schafft, von der sofortigen Verzehrung zurück-
behalten wurde, so daß derjenige, der sich der Anschaffung des einen
widmet, die anderen Sachen bekommen kann, sobald er sie braucht,
und das Glück des einen Tages für den Ausfall des nächsten Vorsorgen
lassen kann. Km die außerordentliche Teilung der Arbeit, welche für
hohe Zivilisation so charakteristisch und. notwendig ist, durchzuführen,
nruß fortwährend ein großer Betrag von Gütern aller Art vorrätig
oder im Transit gehalten werden. Um den Bewohner eines zivilisierten
Tandes in den Stand zu setzen, seine Arbeit nach Belieben mit der Arbeit
seiner Umgebung und mit der Arbeit von Leuten in den entferntesten
Teilen der Erde auszutauschen, müssen Warenvorräte in Läden, Speichern
Schiffsräumen und Eisenbahnwagen vorhanden sein, genau so, wie
viele Millionen Eimer Wasser in den Reservoirs einer großen Stadt
angehäuft und meilenweit durch Röhren herbeigeleitet werden, um
die Bewohner derselben in den Stand zu setzen, jederzeit ein Glas Wasser

Zu trinken.

Aber daß das Kapital die Form oder die Ergiebigkeit des Ge-
werbfleißes beschränkt, ist etwas ganz anderes, als daß das Kapital
den Gewerbfleiß beschränke. Denn der Ausspruch der herrschenden
Nationalökonomie, daß „das Kapital den Gewerbfleiß beschränkt",
bedeutet nicht, daß das Kapital die Form oder die Ergiebigkeit der Arbeit
beschränkt, sondern daß es die Ausübung der Arbeit beschränkt. Dieser
5atz leitet seine Scheinbarkeit von der Annahme ab, daß das Kapital
die Arbeit mit Rohstoffen und Unterhalt versorge — eine Annahme,
die wir unbegründet gefunden haben, und deren Verkehrtheit in dem
Augenblicke einleuchtet, wo man sich erinnert, daß das Kapital durch die
Arbeit hervorgebracht wird, und daß daher die Arbeit vorangehen muß,
ehe es Kapital geben kann. Das Kapital kann die Form und die Ergiebig-
keit des Gewerbfleißes beschränken, aber daß ohne Kapital kein Gewerb-
fleiß bestehen könnte, besagt dies so wenig, wie man sagen kann, daß es
ohne den mechanischen Stuhl keine Weberei, ohne die Nähmaschine
        <pb n="87" />
        ﻿7«

Arbeit5lohn und Kapital.

Buch I.

kein Nähen, ohne Pflug keinen Ackerbau geben könne; oder daß auf einer
einsamen Insel, wie die Robinson Lrusoes, keine Arbeit möglich sei,
weil kein Austausch statthaben könne.

Auch ist es etwas anderes zu sagen, daß das Kapital die Form und
Ergiebigkeit des Gewerbfleißes beschränken kann, als zu sagen, daß
es dies tue. Denn die Fälle, in welchen mit Recht gesagt werden kann,
daß die Form und Ergiebigkeit des Gewerbfleißes in einem Lande
durch dessen Kapital beschränkt werden, dürsten, glaube ich, bei näherer
Prüfung mehr theoretisch als wirklich erscheinen. Es ist offenbar, daß
in einem Lande wie Mexiko oder Tunis die größere und allgemeinere
Verwendung von Kapital die Formen des Gewerbfleißes bedeutend
ändern und dessen Ergiebigkeit enorm steigern würde; und man sagt
von solchen Ländern oft, daß sie zur Entwicklung ihrer Hilfsquellen
Kapital brauchen. Aber ist da nicht noch etwas im Hintergründe —- ein
Mangel, welcher den Mangel an Kapital involviert? Ist es nicht die Hab-
gier und Mißwirtschaft der Regierung, die Unsicherheit des Eigentums,
die Unwissenheit und das Vorurteil des Volkes, was die Ansammlung
und die Verwendung von Kapital verhindert? Liegt nicht die wahre
Schranke in diesen Dingen und nicht in dem Mangel an Kapital, das
dort nicht verwendet werden würde, selbst wenn es vorhanden wäre?
Allerdings können wir uns ein Land vorstellen, in welchem der Kapital-
mangel das einzige Hindernis für eine größere Ergiebigkeit der Arbeit
ist, allein wir müssen uns dazu ein Zusammentreffen von Umständen
denken, das selten oder nie eintritt, außer durch Zufall oder vorübergehend.
Lin Land, in welchem das Kapital durch Krieg, Brand oder elementare
Ereignisse vernichtet wurde, und vielleicht eine junge Kolonie in einem
neuen Lande, scheinen mir die einzigen Beispiele zu bieten, wie schnell
aber das gewohnheitsmäßig verwendete Kapital in einem durch Krieg
verwüsteten Lande wieder erzeugt wird, ist seit langer Zeit beobachtet
worden, während in einem neuen Staate die schnelle Produktion des
Kapitals, welches er verwenden kann oder will, nicht minder anerkannt ist.

Ich vermag mir nur seltene oder vorübergehende Umstände vor-
zustellen, unter denen die Ergiebigkeit der Arbeit wirklich durch den
Mangel an Kapital beschränkt wird. Denn obwohl in einem Lande
einzelne vorhanden sein mögen, die wegen Mangels an Kapital ihre
Arbeit nicht so wirksam machen können, wie sie wohl möchten, so ist
doch, solange in dem Lande überhaupt hinreichendes Kapital vorhanden
ist, die wahre Schranke nicht der Mangel an Kapital, sondern der Mangel
an gehöriger Verteilung. Wenn eine schlechte Regierung den Arbeiter
seines Kapitals beraubt, wenn ungerechte Gesetze dem Produzenten
die Güter, mit denen er die Produktion unterstützen würde, nehmen
und sie denen aushändigen, die bloße Pensionäre des Gewerbfleißes
sind, so ist die wahre Schranke der Ergiebigkeit der Arbeit nicht der
Kapitalmangel, sondern die Mißregierung. Und ebenso bei Unwissen-
heit, herkommen oder anderen Verhältnissen, welche die Verwendung
        <pb n="88" />
        ﻿Kap. V.

Die wahren Funktionen des Kapitals.

75

von Kapital verhindern. Sie sind es, nicht der Kapitalmangel, welche
tatsächlich die Schranke bilden. Dem Bewohner des Feuerlandes eine
Kreissäge, dem Beduinen eine Lokomotive oder dem Indianerweibe
eine Nähmaschine zu geben, würde die Ergiebigkeit ihrer Arbeit nicht
vermehren. Auch erscheint es überhaupt unmöglich, durch irgendetwas
ihr Kapital zu vermehren; denn alle Güter, die über den bei ihnen her-
kömmlichen Kapitalaufwand hinausgehen, würde man konsumieren
oder verderben lassen. Nicht der Mangel an Saatkorn und Werkzeugen
hält die Apachen und die Sioux ab, den Boden zu bebauen, wenn man
sie mit Saatkorn und Werkzeugen versorgte, so würden sie diese nicht
produktiv verwenden, falls man sie nicht gleichzeitig am Umherstreifen
hinderte und die Bebauung des Bodens lehrte, wenn ihnen in ihrer
gegenwärtigen Lage das ganze Kapital einer Stadt wie London gegeben
würde, so hörte es einfach auf Kapital zu sein, denn sie würden nur den
unendlich kleinen Teil, der für die Jagd verwendbar wäre, produktiv
verwenden und auch diesen erst nachdem der ganze eßbare Teil der über
sie ausgeschütteten Vorräte verzehrt worden wäre. Trotzdem wissen
sie sich solches Kapital, wie sie es brauchen, zu verschaffen, und in einigen
Gestalten selbst mit den größten Schwierigkeiten. Diese wilden Stämme
jagen und kämpfen mit den besten Waffen, welche amerikanische und
englische Fabriken erzeugen und halten mit den neuesten Verbesserungen
Schritt. Erft nachdem sie zivilisiert sind, werden sie wert auf das andere
Kapital legen, das der zivilisierte Zustand erfordert, und erst dann wird
dasselbe ihnen von Nutzen sein.

Unter der Regierung Georgs IV. nahmen einige heimkehrende
Missionäre einen neuseeländischen Häuptling, namens Hongi mit nach
England. Seine edle Erscheinung und schöne Tätowierung zogen viel
Aufmerksamkeit auf sich, und als er zu seinem Volke zurückkehrte, wurde
er vom Monarchen und einigen der religiösen Gesellschaften mit einem
beträchtlichen Vorrat von Werkzeugen, Ackerbaugeräten und Saaten
beschenkt. Der dankbare Neuseeländer verwendete dies Kapital zwar zur
Produktion von Nahrungsmitteln, aber in einer weise, wie es sich
seine englischen Gönner wohl kaum träumen ließen. Auf der Rückreise
tauschte er in S'tzdne'tz alles gegen Waffen und Munition um, mit welchen
er, zu Hause angekommen, einen anderen Stamm mit Krieg überzog
und zwar mit solchem Erfolge, daß auf dem ersten Schlachtfelde drei-
hundert seiner Gefangenen gebraten und gefressen wurden, nachdem
Hongi das Hauptmahl damit eingeleitet hatte, daß er seinem tödlich
verwundeten Gegner, dem feindlichen Häuptlinge, die Augen aus-
stach, sie verschluckte und sein warmes Blut trank*). Jetzt aber, wo ihre
vormals beständigen Kriege aufgehört, und die Überbleibsel der Maoris
viele europäische Gewohnheiten angenommen haben, gibt es nicht

*) New-Zealand and its Inhabitants. Rev. Richard Taylor, London 1855,
Kap. XXI.
        <pb n="89" />
        ﻿76

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

wenige unter ihnen, welche erhebliche Beträge von Kapital besitzen und
verwenden.

Gleicherweise würde es ein Irrtum sein, die einfachen Methoden
der Produktion und des Tausches, zu welchen man in neuen Ländern
greift, bloß einem Mangel an Kapital zuzuschreiben. Diese wenig
Kapital erfordernden Methoden sind an sich roh und wenig wirksam,
aber in Anbetracht der Verhältnisse solcher Länder werden sie sich in
der Tat als die wirksamsten herausstellen. Line mit allen neuesten Ver-
besserungen ausgestattete Fabrik ist das wirksamste Instrument, das
bis jetzt ersonnen worden ist, um lVolle oder Baumwolle in Tuch umzu-
wandeln, aber nur da, wo große Mengen davon gemacht werden. Das
für ein kleines Dorf nötige Tuch kann mit weit wenigerArheit durch Spinn-
rad und Bandstuhl hergestellt werden. Eine Schnellpresse macht auf
jeden dabei beschäftigten Mann viele tausend Abdrücke, während aus
eine Stanhope- oder Franklin-Presse ein Mann mit seinem Burschen
nur etwa hundert zu drucken imstande ist; aber für die kleine Auflage
des Landstadt-Blättchens ist die altmodische Presse bei weitem die wirk-
samste. Um hin oder wieder zwei oder drei Passagiere zu fahren, jist
der Kahn ein dienlicheres Fahrzeug als das Damxfboot; einige Sack
Korn können mit weniger Aufwand von Arbeit durch ein Maultier
transportiert werden als durch einen Lisenbahnzug; ein großes Waren-
lager in einem Kreuzwegladen der Hinterwäldler zu errichten, wäre
nur weggeworfenes Geld. Und im allgemeinen wird man finden, daß
die unter den weitläufigen Bevölkerungen neuer Länder üblichen
rohen Vorrichtungen für Produktion und Austausch nicht so sehr von dem
Mangel an Kapital herrühren als von der Unfähigkeit, dasselbe vorteil-
haft zu verwenden.

Ebenso wie man in einen Eimer nie mehr Wasser gießen kann,
als einen Eimer voll, ebenso wird nie ein größerer Betrag von Gütern
als Kapital benutzt werden, als unter allen obwaltenden Umständen —&gt;
Intelligenz, Gewohnheit, Sicherheit, Dichtigkeit der Bevölkerung —
dem Volke dient. Und ich bin geneigt zu glauben, daß in der Regel
dieser Betrag vorhanden ist —&gt; daß der soziale Organismus den not-
wendigen Kapitalbetrag, sozusagen, absondert, gerade wie der mensch-
liche Organismus in gesundem Zustande die erforderliche Menge von
Fett absondert.

Ob nun aber der Kapitalbetrag je die Ergiebigkeit des Gewerb-
fleißes beschränkt und so ein Maximum festsetzt, welches der Arbeits-
lohn nicht überschreiten kann, es ist augenscheinlich, daß die Armut
der Massen in den zivilisierten Ländern nicht von der Knappheit des
Kapitals herrührt. Denn der Arbeitslohn erreicht nicht nur nirgends
die durch die Ergiebigkeit des Gewerbfleißes gezogene Grenze, sondern
der Lohn ist auch relativ am niedrigsten, wo am meisten Kapital
vorhanden ist. Die Werkzeuge und Maschinen der Produktion sind
in den vorgeschrittensten Ländern offenbar der von ihnen gemachten
        <pb n="90" />
        ﻿Kap. V

Die wahren Funktionen des Kapitals.

77

Verwendung vorangeeilt, und jede Aussicht auf lohnende Anlage
bringt mehr als das erforderliche Kapital zum Vorschein. Der Eimer
ist nicht bloß voll, sondern überfließend. So augenscheinlich ist dies,
daß nicht nur unter den Unwissenden, sondern unter Leuten von hohem
nationalökonomischem Ruf die industriellen Krisen dem Überfluß von
Maschinen und der Anhäufung von Kapital zugeschrieben werden;
und vom Kriege, der der Vernichter des Kapitals ist, erwartet man
lebhaften Handel und hohen Lohn —- eine Auffassung, die, merkwürdig
genug (so groß ist die Gedankenverwirrung über diese Sachen), von
vielen geteilt wird, welche behaupten, daß das Kapital die Arbeiter
beschäftige und den Lohn zahle.

Unser Zweck in dieser Untersuchung ist, das Problem zu lösen,
über welches so viele sich selbst widersprechende Meinungen im Umlauf
sind. Indem wir klar feststellten, was das Kapital wirklich ist und was
es wirklich tut, haben wir den ersten und grundlegenden Schritt dazu
getan. Aber es ist nur ein erster Schritt, wir wollen jetzt rekapitulieren
und dann fortfahren.

wie wir gesehen haben, ist die herrschende Theorie, daß der Arbeits-
lohn von dem Verhältnis zwischen der Arbeiterzahl und dem der Be-
schäftigung von Arbeitern gewidmeten Kapitalbetrage abhänge, unver-
träglich mit der allgemein zu beobachtenden Tatsache, daß der Arbeits-
lohn und der Zinsfuß nicht im umgekehrten Verhältnis, sondern mit-
einander steigen und fallen.

Diese Unverträglichkeit veranlaßte uns zur Untersuchung der Grund-
lagen der Theorie, und wir sahen dabei ferner, daß, entgegen der ge-
wöhnlichen Annahme, der Lohn überhaupt nicht dem Kapital entnommen
wird, sondern direkt aus dem Ertrage der Arbeit kommt, für die er
gezahlt wird, wir haben gesehen, daß das Kapital nicht den Lohn
vorstreckt oder die Arbeiter unterhält, sondern daß dessen Funktionen
darin bestehen, die Arbeit bei der Produktion mit Werkzeugen, Saat-
korn usw. und mit den zur Bewerkstelligung der Austausche erforder-
lichen Gütern zu unterstützen.

wir sind dabei zu so wichtigen praktischen Schlüssen gelangt, daß
die darauf verwendete Mühe völlig gerechtfertigt ist.

Denn wenn der Lohn nicht aus dem Kapital, sondern aus dem
Produkt der Arbeit entnommen wird, so sind die herrschenden Theorien
über die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit hinfällig, und alle
Heilmittel, ob sie nun von Professoren der Nationalökonomie oder von
Arbeitern vorgeschlagen werden, welche die Hebung der Armut entweder
durch die Vermehrung des Kapitals oder durch die Beschränkung der
Arbeiterzahl oder der Arbeitsleistungen erstreben, müssen verurteilt
werden.

Schafft der Arbeiter durch die Verrichtung der Arbeit wirklich den
Fonds, aus dem sein Lohn bestritten wird, dann kann der Lohn auch
nicht durch die Vermehrung der Arbeiter vermindert werden, sondern
        <pb n="91" />
        ﻿78

Arbeitslohn und Kapital.

Buch I.

da die Leistungsfähigkeit der Arbeit offenbar mit der Arbeiterzahl zu-
nimmt, fo muß im Gegenteil bei sonst gleichen Umständen der Lohn
desto höher sein, je mehr Arbeiter da sind.

Aber dieser notwendige Vorbehalt: „bei sonst gleichen Umständen"
leitet uns auf eine Frage, die in Betracht gezogen und erledigt werden
muß, ehe wir weiter fortfahren können. Diese Frage ist: Haben die
produktiven Kräfte der Natur die Tendenz, sich mit den wachsenden
Ansprüchen, die durch die zunehmende Bevölkerung an sie gestellt
werden, zu vermindern?
        <pb n="92" />
        ﻿Buch II.

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Trennt Gott denn und Natur ein feindlich Streben,
Da die Natur so böse Träume gibt?

Ls scheint, daß sorgsam sie die Gattung liebt
Und sorglos preisgibt manches Linzelleben.

Tenn-yson.

Kapitel I.

Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stütze.

Hinter der Theorie, die wir betrachtet haben, liegt eine andere,
die noch zu untersuchen bleibt. Die herrschende Lehre über die Quelle
und das Gesetz des Lohnes findet ihre stärkste Stütze in einer ebenso
allgemein angenommenen Lehre — der Lehre, welcher Malthus ihren
Namen verliehen hat —daß die Bevölkerung die natürliche Tendenz
habe, schneller als die Unterhaltsmittel zuzunehmen. Diese beiden
ineinander greifenden Lehren bilden die Antwort, welche die herrschende
Nationalökonomie auf das große Problem gibt, das wir zu lösen suchen.

In dem vorausgehenden wurde, wie ich glaube, bewiesen, daß
die herrschende Lehre, wonach der Lohn durch das Verhältnis zwischen
dem Kapital und den Arbeitern bestimmt wird, so vollständig un-
begründet ist, daß man sich nicht genug darüber wundern kann, wie sie
sich so allgemein und so lange halten konnte. Zwar das ist nicht zu ver-
wundern, daß diese Theorie in einem Zustande der Gesellschaft entstanden
ist, in welchem die große Masse der Arbeiter in ihrer Beschäftigung und
Löhnung auf eine besondere Klasse von Kapitalisten angewiesen scheint,
noch daß sie sich unter diesen Umständen bei der großen Menge, die sich
selten die Mühe nimmt, das Wesen vom Schein zu trennen, in Ansehen
erhalten hat. Aber überraschend ist es, daß eine bei näherer Prüfung
sich als so unbegründet herausstellende Theorie nacheinander von so
vielen scharfen Denkern, die während des jetzigen Jahrhunderts ihre
Kräfte der Aufklärung und Entwicklung der nationalökonomischen
Wissenschaft gewidmet haben, angenommen werden konnte.
        <pb n="93" />
        ﻿80

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

Die Erklärung dieser sonst unbegreiflichen Tatsache liegt in der
allgemeinen Annahme der Malthusschen Theorie. Die herrschende
Lohntheorie ist nie gründlich untersucht worden, weil sie, durch die
Malthussche Theorie gedeckt, der Nationalökonomie eine selbstverständ-
liche Wahrheit zu sein schien. Diese beiden Theorien vermischen sich,
stärken sich und verteidigen sich gegenseitig, während beide eine weitere
Unterstützung durch einen in den Erörterungen ^der Rententheorie
eine Rolle spielenden Grundsatz erfahren, den Grundsatz nämlich, daß
über einen gewissen Punkt hinaus der Aufwand von Kapital und Arbeit
in der Bodenkultur einen abnehmenden Ertrag ergebe. Sie geben ver-
eint eine Erklärung der in einer hoch organisierten und vorgeschrittenen
Gesellschaft sich darbietenden Erscheinungen, wie sie auf alle Tatsachen
zu passen scheint, und welche darum eine nähere Untersuchung ver-
hindert hat.

Welche dieser beiden Theorien die Priorität für sich beanspruchen
kann, ist schwer zu sagen. Die Bevölkerungstheorie wurde nicht in
solcher Weise formuliert, daß sie zu einem wissenschaftlichen Glaubens-
artikel geworden wäre, wie dies für die Lohntheorie geschehen war.
Aber sie entstehen und entwickeln sich ganz natürlich miteinander und
wurden auch beide in mehr oder weniger roher Form anerkannt, lange
bevor irgendein Versuch zur Errichtung eines nationalökonomischen
Systems gemacht war. Aus einzelnen Sätzen ist ersichtlich, daß die
Ulalthussche Theorie in ursprünglicher, unentwickelter Form auch
Adam Smith vorschwebte, wenn er sie auch nie weiter verfolgte, und
diesem Umstande scheint mir die falsche Richtung, welche seine Speku-
lationen über den Lohn einschlugen, hauptsächlich zugeschrieben werden
zu müssen. Wie dem aber auch sei, die beiden Theorien sind so eng
miteinander verbunden, sie ergänzen einander dermaßen, daß Buckle,
der in seiner „Untersuchung der schottischen Philosophie während des
achtzehnten Jahrhunderts" auch die Entwicklung der Nationalökonomie
besprach, hauptsächlich Ulalthus die Ehre zuerkannte, die herrschende
Lohntheorie dadurch „entscheidend bewiesen" zu haben, daß er die
herrschende Theorie vom Drucke der Bevölkerung auf ihre Unterhalts-
mittel erfand. Er sagt in seiner Geschichte der Zivilisation in England,
Band III, Kapitel 5:

„Kaum war das achtzehnte Jahrhundert verflossen, als es entscheidend be-
wiesen wurde, daß der Lohn der Arbeit lediglich von zwei Dingen abhängt, nämlich
von der Größe jenes nationalen Fonds, aus welchem alle Arbeit bezahlt wird, und
der Zahl der Arbeiter, unter welche der Fonds verteilt werden soll. Dieser große
Schritt in unserem wissen ist hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich Malthus
zu verdanken, dessen werk über die Bevölkerung nicht bloß einen Abschnitt in der
Geschichte des spekulativen Denkens bezeichnet, sondern bereits bedeutende praktische
Resultate hervorgebracht hat und wahrscheinlich fernerhin zu anderen, noch be-
deutenderen führen wird. Es wurde im Jahre I7Z8 veröffentlicht, so daß Adam Smith,
der \7yo starb, nicht mehr die außerordentliche Genugtuung haben konnte zu sehen',
wie seine eigenen Ansichten darin nicht sowohl richtig gestellt, als vielmehr weiter
entwickelt wurden. In der Tat ist es sicher, daß es ohne Smith keinen Malthus ge-
        <pb n="94" />
        ﻿Kap. I.

Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stühe.

geben haben würde, d. h. daß, wenn Smith nicht den Grund gelegt hätte Malthus
nicht das Gebäude hätte errichten können."

Die famose Lehre, welche von ihrem ersten Auftreten an das
Denken jo mächtig beeinflußt hat, und zwar nicht allein auf dem Ge-
biete der Nationalökonomie, sondern auch in den Regionen noch höherer
Spekulation, wurde durch Malthus in dem Satze formuliert, daß es
(wie das Wachstum der nordamerikanifchen Kolonien beweise) die
natürliche Tendenz der Bevölkerung sei, sich wenigstens alle 25 Jahre
zu verdoppeln, somit in geometrischem Verhältnis zuzunehmen, während
die vom Boden erzielbaren Unterhaltsmittel „unter den der menschlichen
Tätigkeit günstigsten Umständen nicht schneller als in arithmetischem
Verhältnis, d. h. alle 25 Jahre nur um ebensoviel, als jetzt produziert
wird, zunehmen können". Malthus fährt naiverweise danach fort:
„Die unausbleiblichen Wirkungen dieser beiden verschiedenen Zunahme-
verhältnisse sind in ihrer Gegenüberstellung sehr auffallend." Und in
Kapitel I stellt er sie einander folgendermaßen gegenüber:

„veranschlagen wir die Bevölkerung Englands auf U Millionen und nehmen
dessen gegenwärtige Produktion als ausreichend für den Unterhalt dieser Anzahl
an. Nach den ersten 25 Jahren würde die Bevölkerung 22 Millionen betragen, und
da die Unterhaltsmittel gleichfalls verdoppelt wären, so bliebe das Verhältnis das-
selbe. tzn den nächsten 25 Jahren würde die Bevölkerung auf 44. Millionen steigen,
die Unterhaltsmittel jedoch nur für 55 Millionen ausreichen, tzn der nächsten Periode
erreichte die Bevölkerung 88 Millionen, während die Unterhaltsmittel nur zur Er-
haltung der Hälfte dieser Zahl genügten. Und am Ende des ersten Jahrhunderts
würde die Bevölkerung \?6 Millionen betragen, die Unterhaltsmittel dagegen nur
für 55 Millionen ausreichen, so daß eine Bevölkerung von *2* Millionen Menschen
völlig unversorgt wäre.

„Nehmen wir die ganze Erde anstatt dieser Insel, so würde die Auswanderung
natürlich ausgeschlossen sein, und veranschlagen wir die jetzige Bevölkerung auf
tooo Millionen, so würde das Menschengeschlecht in folgender Proportion zunehmen:
\, 2, 4, 8, Z6, 32, 64, *28, 256, die Unterhaltsmittel dagegen in dieser: 2, 3, 4, 5,
6, 2, 8, 9. In Zwei Jahrhunderten würde die Bevölkerung zu den Unterhaltsmitteln
sich wie 256 zu 9 verhalten^ in drei Jahrhunderten wie 4096 zu *3 und in 2000 Jahren
wäre das Mißverhältnis unberechenbar."

Lin derartiges Ergebnis wird natürlich durch die physische Un-
möglichkeit verhindert, daß mehr Menschen existieren können als Unter-
halt zu finden vermögen, und daraus schließt Malthus, daß diese Tendenz
der Bevölkerung zu unbegrenzter Vermehrung entweder durch mora-
lische Beschränkung der Fortpflanzung oder durch die verschiedenen
Ursachen, welche die Sterblichkeit vermehren, und welche er in Laster
und Elend auflöst, im Zaum gehalten werden müsse. Die die Fort-
pflanzung hindernden Ursachen nennt er die vorbauende ftemmung;
die die Sterblichkeit vermehrenden Ursachen nennt er die positive Hem-
mung. Dies ist die famose Malthussche Lehre, wie sie in seinem „Ver-
such über die Bevölkerung" entwickelt ist.

Es lohnt sich nicht der Mühe, bei dem, in der Annahme geometrischer
und arithmetischer Zunahmeverhältnisse enthaltenen Trugschluß zu
verweilen, der ein Spiel mit Proportionen ist, das nicht einmal an jenes

George, Fortschritt und Armut.

6
        <pb n="95" />
        ﻿82

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

bekannte Rätsel vorn Lsasen und der Schildkröte hinanreicht, in weichern
der bsase die Schildkröte durch alle Ewigkeit verfolgt, ohne sie je ein-
zuholen. Denn jene Annahme ist für die Malthussche Lehre nicht nötig,
oder wird wenigstens ausdrücklich von manchen verworfen, welche diese
Lehre sonst vollständig gutheißen; so z. B. von John Stuart will, der
davon spricht als von einem „unglücklichen Versuch, Dingen eine Prä-
zision zu geben, deren sie nicht fähig sind und die, wie jeder Vernünftige
einsehen muß, für das Argument durchaus überflüssig ist" *). Der Kern
der kNalthusschen Lehre ist, daß die Bevölkerung schneller wachse, als
die Fähigkeit, Nahrungsmittel hervorzubringen, und ob nun diese
Differenz wie bei Malthus als ein geometrisches Verhältnis für die
Bevölkerung und als ein arithmetisches für die Unterhaltsmittel kon-
statiert wird, oder wie bei will ein konstantes Verhältnis sür die Be-
völkerung und ein abnehmendes für die Unterhaltsmittel, ist nur eine
Sache der Schätzung. Der Kardinalpunkt, in welchem beide überein-
stimmen, ist, um die Worte von Malthus zu gebrauchen, „daß in der
Bevölkerung eine natürliche Tendenz und ein beständiger Drang besteht,
sich über die Unterhaltsmittel hinaus zu vermehren".

Die Malthussche Lehre, wie sie jetzt aufgefaßt wird, läßt sich in
ihrer strengsten und einwandfreisten Form folgendermaßen ausdrücken:
„daß die Bevölkerung, die sich beständig zu vermehren strebt, wenn sie
uneingeschränkt bleibt, schließlich gegen die allerdings nicht festen, sondern
elastischen Grenzen der Unterhaltsmittel drängen muß, was die Beschaf-
fung der Unterhaltsmittel progressiv immer schwieriger macht". Und
daher muß überall, wo die Fortpflanzung Zeit gehabt hat, ihre Kraft
zu betätigen, und wo sie nicht durch die Vorsicht eingeschränkt worden
ist, jener Grad des Ulangels bestehen, der die Bevölkerung innerhalb
der Grenzen der Unterhaltsmittel hält.

Obgleich diese Theorie dem Glauben an eine durch die Güte und
Weisheit des Schöpfers eingerichtete harmonische Weltordnung tat-
sächlich nicht mehr widerstrebt, als die bequeme Nichttheorie, welche die
Verantwortlichkeit für die Armut und deren Gefolge den unerforsch-
lichen Ratschlüssen der Vorsehung aufbürdet, ohne auch nur den Ver-
such zu machen, ihre Spuren zu verfolgen, so kommt sie doch, indem sie
eingestandenermaßen das Laster und das Elend zu notwendigen Folgen
eines mit den reinsten und süßesten Gefühlen verknüpften natürlichen
Instinkts macht, in arge Kollision mit tief gewurzelten Anschauungen,
und sie wurde daher, von ihrem ersten Auftreten an, mit einer Bitter-
keit bekämpft, in der der Eifer oft mehr zutage trat als die Logik. Aber
sie hat die Feuerprobe siegreich bestanden und trotz der Widerlegungen

*) Principles of Political Economy. Buch II, Kap. IX, Abschn. VI. Trotz dieser
Äußerung Mills ist es jedoch klar, daß Malthus selbst großen wert auf seine geometrischen
und arithmetischen Verhältnisse legte, und es ist auch wahrscheinlich, daß, er gerade diesen
hauptsächlich seine Berühmtheit verdankt, da sie eine jener hochtönenden Formeln,
abgaben, die bei vielen Leuten mehr Gewicht haben als das klarste Raisonnement.
        <pb n="96" />
        ﻿Kap. I.

Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stütze.

83

der Godwins, der Anklagen der Lobbetts und aller der Pfeile, die von
Gründen, von Spott, ksohn und Gefühl auf sie abgeschossen werden
konnten, steht sie heute in der Gedankenwelt als eine anerkannte Wahr-
heit da, welche die Anerkennung selbst derjenigen erzwingt, die gerne
nicht daran glauben rnöchten.

Die Ursachen ihres Triumphes, die «Duellen ihrer Stärke sind klar
genug. Anscheinend durch eine unwiderlegliche, auf Zahlen gegründete
Wahrheit gestützt, nämlich: daß eine fortwährend zunehmende Bevölke-
rung schließlich über die Fähigkeit der Erde, Nahrung oder nur einen
Platz zum Stehen zu liefern, hinauswachsen müßte, wird die Malthussche
Theorie durch Analogien im Tier- und Pflanzenreich bestätigt, wo das
Leben allenthalben verheerend gegen die Schranken stößt, welche die
verschiedenen Pflanzen- und Tierarten im Zaum halten — Analogien,
welchen der moderne Zdeengang, indem er die Unterscheidungen zwischen
den verschiedenen Lebensformen verwischte, immer größeres Gewicht
verlieh; und sie wird anscheinend durch viele offenbare Tatsachen ge-
kräftigt, wie das Vorherrschen der Armut, des Lasters und des Elends
unter dichten Bevölkerungen; die allgemeine Wirkung des materiellen
Fortschritts auf Zunahme der Bevölkerung ohne Verminderung des
Pauperismus; die schnelle Vermehrung der Menschen in neu besiedelten
Ländern und die augenscheinliche Verhinderung der Zunahme in dichter
bevölkerten Ländern durch die Sterblichkeit unter der zum Mangel
verurteilten Ulasse.

Die Malthussche Theorie liefert einen allgemeinen Grundsatz,
der diese und ähnliche Tatsachen erklärt und sie in einer weise erklärt,
welche mit der Lehre, daß der Arbeitslohn aus dem Kapital genommen
wird, sowie mit allen den Grundsätzen übereinstimmt, welche davon
abgeleitet sind. Nach der herrschenden Lehre vom Lohn sinken die Löhne,
sobald eine Vermehrung der Arbeiterzahl eine weitere Teilung des
Kapitals erheischt; nach der Malthusschen Theorie erscheint die Armut,
sobald eine Zunahme der Bevölkerung die weitere Teilung der Unter-
haltsmittel erfordert. Ls bedarf nur der Gleichsetzung von Kapital und
Unterhaltsmitteln, sowie von Arbeiterzahl und Bevölkerung, einer Gleich-
setzung, die in den hergebrachten Lehrbüchern der Nationalökonomie,
wo die fraglichen Ausdrücke oft miteinander vertauscht werden, gang und
gäbe ist, um die beiden Sätze formell so übereinstimmend zu machen,
wie sie es dem Wesen nach sind*). Und daher kommt es, daß, wie Buckle
in dem vorhin angeführten Satze sagt, die von Malthus aufgestellte
Bevölkerungstheorie die von Smith entwickelte Lohntheorie in ent-
scheidender weise zu erhärten scheint.

Ricardo, der einige Jahre nach der Veröffentlichung des „Ver-

*) Die Wirkung der Malthusschen Lehre auf die Definitionen des Kapitals läßt
sich meines Erachtens daraus ersehen, daß man die Definition Smiths, der vor Malthus
schrieb, mit denen Ricardos, McLullochs und Mills vergleicht, die später schrieben.
        <pb n="97" />
        ﻿Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

84

fuchs über die Bevölkerung" den Irrtum, in welchen Smith in betreff
der Natur und der Ursache der Rente verfallen war, richtig stellte, lieh
der Ulalthusschen Theorie eine weitere Stütze, indem er die Aufmerk-
samkeit darauf lenkte, daß die Rente in dem Maße steigen müsse, je
mehr die Erfordernisse der zunehmenden Bevölkerung zum Anbau
immer weniger ergiebiger Ländereien zwängen, und damit das Steigen
der Rente erklärte. Auf diese weise wurde gewissermaßen eine Tripel-
allianz hergestellt, durch welche die Malthussche Tbeorie auf beiden
Seiten mächtige Stützen erhielt — die vorher bestehende Lohntheorie
und die später anerkannte Rententheorie stellten unter diesem Gesichts-
punkte nur besondere Beispiele der Wirksamkeit des allgemeinen Prinzips
dar, welches Malthus' Namen erhielt, und das Sinken des Lohnes und
das Steigen der Rente, die mit der Bevölkerungsznnahme kommen,
waren nur verschiedene formen, in denen sich der Druck der Bevölke-
rung gegen die Unterhaltsmittel äußerte.

So hat sich die Malthussche Theorie in dem innersten Bau der
Nationalökonomie eingenistet (denn die Wissenschaft hat seit den Tagen
Ricardos keine wesentliche Veränderung oder Verbesserung erfahren,
obgleich sie in einigen untergeordneten Punkten geklärt und erläutert
wurde), und sie widerstreitet zwar den obenerwähnten Gefühlen, aber
nicht anderen Auffassungen, welche wenigstens in älteren Ländern unter
den Arbeiterklassen allgemein herrschen; sie stimmt vielmehr gleich
der Lohntheorie, durch welche sie gestützt wird, und die sie ihrerseits
stützt, mit denselben überein. Für den Handwerker oder Fabrikarbeiter
ist die Ursache des niedrigen Lohns und der Unmöglichkeit, Beschäfti-
gung zu erhalten, offenbar die durch den Druck der zahlreichen Bewerber
verursachte Konkurrenz, und was scheint in den schmutzigen Wohnungen
der Armut klarer, als daß es zu viele Menschen gibt?

Die Pauptursache des Triumphes dieser Theorie ist jedoch, daß
sie, anstatt hergebrachtes Recht zu bedrohen oder mit mächtigen Inter-
essen in Gegensatz zu geraten, eminent beruhigend für diejenigen Ulassen
ist, welche die Macht des Reichtums handhaben und in hohem Maße
das Denken beherrschen. Zu einer Zeit, als alte Stützen fielen, kam
sie den besonderen Privilegien zu Pilse, durch welche einige wenige so
viele der Güter dieser Welt auf sich vereinigen, und proklamierte eine
natürliche Ursache für den Mangel und das Elend, die, wenn sie poli-
tischen Einrichtungen zuzuschreiben wären, jede Regierung, unter der
sie bestehen, verurteilen müßten. Der „versuch über die Bevölkerung"
war eingestandenermaßen eine Replik auf William Godwins „Unter-
suchung über die politische Gerechtigkeit", ein Werk, das den Grundsatz
der menschlichen Gleichheit vertrat; und sein Zweck war, die bestehende
Ungleichheit dadurch zu rechtfertigen, daß die Verantwortlichkeit dafür
von den menschlichen Institutionen auf die Gesetze des Schöpfers ge-
wälzt wurde. Darin war nichts Neues, denn schon beinahe vierzig Jahre
früher hatte wallace die Gefahr übermäßiger Vermehrung gegen die
        <pb n="98" />
        ﻿Kap. I.

Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stütze.

85

namens der Gerechtigkeit erhobenen Ansprüche auf gleichmäßigere
Verteilung der Güter geltend gemacht; aber die Zeitverhältnisse waren
derart, um denselben Gedanken, als ihn Malthus aussprach, besonders
ansprechend für eine mächtige Klasse zu machen, in der durch den Aus-
bruch der französischen Revolution eine gewaltige Furcht vor allen Be-
anstandungen des bestehenden Zustandes der Dinge erweckt worden war.

Zetzt wie damals wehrt die Malthussche Lehre dem verlangen nach
Reform ab und schützt die Selbstsucht vor Zweifeln und Gewissensbissen
durch den Schild einer unvermeidlichen Notwendigkeit. Sie liefert eine
Philosophie, mit welcher der schwelgende Reiche das Bild des an seiner
Türe vor ksunger hinsinkenden Lazarus von sich fern hält; bei welcher
der Reichtum, wenn die Armut um ein Almosen bittet, mit gutem Ge-
wissen die Taschen zuknöpfen kann, und der reiche Christ Sonntags
sich in seinem schön gepolsterten Kirchenstuhle beugt, um die guten Gaben
des Allvaters zu erbitten ohne irgendein Gefühl der Verantwortlichkeit
für das abschreckende Elend, das in der nächsten Straße herrscht. Denn
Armut, Mangel und punger sind nach dieser Theorie weder der persön-
lichen Habgier, noch sozialen Mißverhältnissen zur Last zu legen; sie sind
die unvermeidlichen Folgen von Weltgesetzen, mit welchen zu hadern,
wenn es nicht gottlos wäre, doch ebenso unnütz sein würde, als mit
dem Gesetz der Schwere zu hadern, von diesem Gesichtspunkt aus
hat derjenige, welcher inmitten des Mangels Reichtum angehäuft hat,
nur eine kleine Gase von dem Treibsand abgezäunt, der auch ihn sonst
überwältigt haben würde. Er hat für sich selbst gewonnen, aber niemanden
geschädigt. Und wenn selbst die Reichen die Gebote Christi buchstäblich
erfüllen und mit den Armen teilen wollten, so wäre nichts dadurch ge-
wonnen. Die Bevölkerung würde vermehrt werden, nur um aufs neue
gegen die Grenzen des Unterhalts oder Kapitals zu drängen, und die
erzielte Gleichheit wäre nur die Gleichheit des gemeinschaftlichen Elends.
Und so werden die Reformen, welche den Interessen einer mächtigen
Klasse zu nahe treten würden, als hoffnungslos dargestellt. Da das Sitten-
gesetz verbietet, den Methoden vorzugreifen, durch welche das Natur-
gesetz einen Uberschuß der Bevölkerung beseitigt, und eine Tendenz
zur Vermehrung zu hemmen, die stark genug ist, um die Gberfläche der
Erde mit menschlichen wesen so vollzupacken wie Sardinen in einer
Büchse, so kann faktisch nichts getan werden, weder durch vereinzelte
noch durch vereinte Anstrengung, um die Armut auszurotten, außer
auf die Wirksamkeit der Erziehung zu vertrauen und die Notwendigkeit
der Vorsicht zu predigen.

Eine Theorie, die mit den Denkgewohnheiten der ärmeren Klassen
übereinstimmt und auf diese weise die pabgier der Reichen und die
Selbstsucht der Mächtigen rechtfertigt, wird sich rasch verbreiten und tiefe
wurzeln schlagen. Dies war auch mit der von Malthus aufgestellten
Theorie der Fall.

Und in den letzten Zähren hat die Malthussche Theorie neue Unter-
        <pb n="99" />
        ﻿86

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

stützung durch den 'schnellen Wechsel der Ansichten über den Ursprung
des Menschen und die Entstehung der Arten erhalten. Daß Buckle recht
darin hatte, daß die Aufstellung der Malthusschen Theorie einen Ab-
schnitt in der Geschichte des spekulativen Denkens bezeichne, wäre, wie
ich glaube, leicht zu beweisen; doch würde es uns, so interessant es wäre,
über den Bereich dieser Untersuchung hinausführen, wenn wir ihren
Einfluß auf die höheren Gebiete der Philosophie (wovon Buckles eigenes
Werk ein Beispiel ist) verfolgen wollten. Aber wieviel davon auch wider-
gespiegelt und wie viel davon original sei, die Unterstützung, welche der
Ukalthusschen Theorie durch die neue Entwicklungslehre, die sich jetzt
so geschwind nach allen Richtungen hin ausbreitet, geleistet wird, inuß
bei jeder Würdigung der «Duellen, aus denen diese Theorie ihre jetzige
Stärke schöpft, in Betracht gezogen werden. Wie in der Nationalökonomie
die chilfstruppen der Lohn- und der Rententheorie sich verbanden, um
die Malthussche Theorie zum Range einer Zentralwahrheit zu erheben,
so hat die Ausdehnung ähnlicher Ansichten auf die Entwicklung des
Lebens in allen seinen Formen die Wirkung, ihr eine noch höhere und
uneinnehmbarere Stellung anzuweisen. Agassiz, der bis zu seinem Todes-
tage ein erbitterter Gegner der neuen Lehre war, bezeichnete den Dar-
winismus als „Malthus in neuer Auflage"*) und Darwin selbst sagt,
der Kampf ums Dasein „sei die Malthussche Lehre mit vervielfachter
Kraft auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewendet"**).

fEs scheint mir indes nicht ganz korrekt, daß die Theorie der Ent-
wicklung durch natürliche Wahl oder durch Überleben der Tüchtigsten
ein weiter entwickelter Malthusianismus sei, denn die Lehre desselben
schloß nicht ursprünglich und schließt nicht notwendig die Idee des Fort-
schrittes ein. Aber dieselbe wurde ihr bald hinzugefügt. McLulloch***)
schreibt dem „Prinzip der Volksvermehrung" die Hebung der Gesellschaft
und den Fortschritt der Künste zu und erklärt, daß die dadurch erzeugte
Armut als ein mächtiger Antrieb zur Entwicklung des Fleißes, zur Aus-
breitung der Wissenschaft und zur Ansammlung von Reichtum unter
den höheren und Mittelklassen wirke, ohne welchen Antrieb die Gesell-
schaft schnell in Apathie versinken und verfallen würde. Mas ist dies
anders als das Anerkenntnis, daß die entwickelnden Wirkungen des
„Kampfes ums Dasein" und des „Überlebens der Tüchtigsten", die,
wie uns jetzt die Autoritäten der Naturwissenschaften sagen, die von der
Natur angewendeten Mittel waren, um alle die unendlich verschieden-
artigen und sich den Umständen wunderbar anpassenden Formen hervor-
zubringen, welche das sprossende Leben der Erde annimmt, auch für
die menschliche Gesellschaft Gültigkeit haben? Was ist es als die An-
erkennung der Kraft, welche, anscheinend grausam und unbarmherzig,

*) Vortrag vor dem Landwirtschaftsrat von Massachusetts ;8?2. Bericht des
Ackerbau-Departements der vereinigten Staaten \8?5.

**) Ursprung der Arten. Rap. III.

***) Anmerkung IV zum Volkswohlstand.
        <pb n="100" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

87

doch im Verlauf zahlloser Jahrtausende das Schaltier aus einer nied-
rigeren Art, den Affen aus dem Schaltier, den Menschen aus dem Affen
und das neunzehnte Jahrhundert aus dem Steinzeitalter entwickelt hat?

So empfohlen und anscheinend bewiesen, so verbunden und gestützt
wird nun die Malthussche Theorie — jene Lehre, daß die Armut durch
den Druck der Bevölkerung gegen die Unterhaltsmittel entstehe, oder,
um sie in ihre andere Gestalt zu bringen, jene Lehre, daß die Tendenz
zur Vermehrung der Arbeiterzahl den Lohn immer auf das Minimum,
bei dem die Arbeiter sich fortpflanzen können, drücken müsse —&gt; all-
gemein als eine unzweifelhafte Wahrheit betrachtet, in deren Lichte
die sozialen Erscheinungen gerade so erklärt werden, wie vor alters die
Erscheinungen des gestirnten bsimmels durch den vorausgesetzten Still-
stand der Erde oder die geologischen Tatsachen auf die Voraussetzung
der buchstäblichen Richtigkeit der mosaischen Schöpfungsgeschichte erklärt
wurden. Käme es auf die Autorität allein an, so würde es fast soviel
Kühnheit erfordern, diese Lehre abzuleugnen, als jener farbige Prediger
besitzt, der neulich auf einen Kreuzzug gegen die Ansicht, daß die Erde
sich um die Sonne bewege, auszog, denn in einer oder der anderen
Form hat die Malthussche'Theorie eine nahezu allgemeine Anerkennung
in der intellektuellen Welt erworben, und in der besten wie in der ge-.
wohnlichsten Literatur des Tages kann man sie nach allen Richtungen
hin hervorwuchern sehen. Sie ist anerkannt von Nationalökonomen
wie von Staatsmännern, von Geschichtsschreibern wie von Natur-
forschern, von sozialwissenschaftlichen Kongressen wie von Gewerks-
vereinen, von Geistlichen wie von Materialisten, von Konservativen
strengster Observanz wie von den Radikalsten der Radikalen, j Sie wird
von vielen hochgehalten und zur Grundlage ihrer Auffassungen gemacht,
die nie von Malthus gehört und nicht die leiseste Ahnung haben, was
eigentlich seine Theorie ist.

Nichtsdestoweniger werden, wie die Grundlagen der herrschenden
Lohntheorie verschwanden, als sie einer unparteiischen Prüfung unter-
zogen wurden, auch, wie ich glaube, die Grundlagen dieser ihrer Zwillings-
schwestex verschwinden. Durch den Beweis, daß der Lohn nicht aus dem
Kapital gezogen wird, haben wir diesen Antäus von der Erde empor-
gehoben und bezwungen.

Kapitel II.

Folgerungen aus Tatsachen.

Die allgemeine Anerkennung der Malthusschen Theorie und die
hohen Autoritäten, die ihr zur Seite stehen, ließen es mir erforderlich
scheinen, ihre Grundlagen sowie die Ursachen zu prüfen, die sich ver-
        <pb n="101" />
        ﻿88

Bevölkerung und Unterhaltsinittel.

Buch II.

einigten, um ihr einen hervorragenden Einfluß bei der Erörterung
sozialer Fragen zu verschaffen.

Unterwerfen wir aber die Theorie selbst einer gerade auf ihr Ziel
losgehenden Analyse, so wird sie, glaube ich, sich ebenso vollkonrnren
unhaltbar erweisen wie die herrschende Lohntheorie.

Erstens wird die Theorie durch die zu ihrer Unterstützung ange-
führten Tatsachen nicht bewiesen, und die Analogien sprechen ebenso-
wenig für sie.

Zweitens find Tatsachen vorhanden, die sie beweiskräftig
widerlegen.

Ich gehe direkt auf den Kern der Sache los, indem ich sage, daß
weder die Erfahrung, noch die Analogie die Behauptung rechtfertigt,
die Bevölkerung habe die Tendenz, schneller als ihre Unterhaltsmittel
zuzunehmen. Die als Beweis angeführten Tatsachen zeigen nur, daß,
wo infolge der schwachen Bevölkerung neuer Länder, oder wo infolge
der ungleichen Verteilung des Reichtums, wie unter den ärmeren
Klassen alter Länder, das menschliche Leben in den physischen Trieben
des Daseins ausgeht, die Tendenz der Fortpflanzung eine Ausdehnung
erreicht, die, wenn sie ungezügelt fortschreiten sollte, zeitweilig die Unter-
haltsmittel übersteigen würde. Aber hieraus kann nicht mit Recht ge-
folgert werden, daß die Tendenz der Fortpflanzung sich in gleicher Stärke
zeigen würde, wo die Bevölkerung dicht genug und der Reichtum gleich
genug verteilt ist, um ein ganzes Land über die Notwendigkeit zu erheben,
seine Kräfte einem Kampfe um die bloße Existenz zu widmen. Auch
darf man nicht annehmen, daß die Tendenz zur Fortpflanzung eben
durch die Herbeiführung der Armut die Existenz eines solchen Landes
verhindern müsse, denn dies hieße offenbar eben den Ausgangspunkt
als erwiesen annehmen und einen Zirkelbeweis führen. Und selbst wenn
man zugeben müßte, daß die Tendenz zur Vermehrung schließlich Armut
im Gefolge habe, so kann daraus allein nicht geschlossen werden, daß
die bestehende Armut dieser Ursache zuzuschreiben sei, wofern nicht
bewiesen wird, daß keine anderen Ursachen vorhanden sind, die sie er-
klären können, was bei dem gegenwärtigen Stande der politischen
Verfassungen, Gesetze und Rechte offenbar unmöglich zu beweisen ist.

Dies ist im „versuche über die Bevölkerung" selbst weitläufig
dargelegt. Dieses berühmte Buch, das viel öfter im Munde geführt
als gelesen wird, lohnt immer noch die Lektüre, wäre es auch nur als
literarische Kuriosität. Der Kontrast zwischen dem Verdienst des Buches
selbst und der Wirkung, welche es hervorgebracht hat oder die ihm
wenigstens zugeschrieben wird (denn obgleich Sir James Stewart,
Townsend und andere mit Malthus den Ruhm teilen, „das Prinzip
der Bevölkerung" entdeckt zu haben, so war es doch die Veröffentlichung
des „Versuchs über die Bevölkerung", welche dasselbe besonders aufs
Tapet brachte), ist nach meiner Ansicht eine der merkwürdigsten Er-
scheinungen in der Literaturgeschichte, und es ist leicht zu verstehen.
        <pb n="102" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

8A

warum Godwin, dessen „Politische Gerechtigkeit" den „versuch über
die Bevölkerung" hervorrief, bis auf seine alten Tage verschmähte darauf
zu antworten. Das Buch beginnt mit der Annahme, daß die Bevölke-
rung die Tendenz habe, in geometrischem Verhältnis zuzunehmen,
während die Unterhaltsmittel bestenfalls nur im arithmetischen Ver-
hältnis vermehrt werden könnten —&gt; eine Annahme, die genau soviel
wert hat, als wenn man aus dem Umstande, daß einem jungen Lsunde
der Schwanz doppelt so lang wuchs, während er gleichzeitig so und so
viele Pfunde an Gewicht zunahm, eine geometrische Progression des
Schwanzes und eine arithmetische Progression des Gewichtes herleiten
wollte. Und die Folgerung aus der Annahme ist just von der Art, wie
sie eine Swiftsche Satire den Gelehrten einer früher hundelosen Insel
zugeschrieben haben könnte, die durch Verknüpfung dieser beiden Ver-
hältnisse zu der sehr „auffallenden Konsequenz" gelangen, daß bis zu
der Zeit, wo der pund ein Gewicht von fünfzig Pfund erreicht habe,
sein Schwanz über eine Uleile lang und äußerst schwer zu bewegen sein
werde, weshalb sie die vorbauende Hemmung einer Bandage als einzige
Alternative gegen die positive Hemmung fortwährender Amputationen
empfehlen. Ulit einer solchen Absurdität fängt das Buch an und enthält
dann ein langes Plädoyer für die Erhebung von Einfuhrzöllen und für
eine Ausfuhrprämie auf Getreide, eine Ansicht, die jetzt längst schon in
die Rumpelkammer antiquierter Irrtümer geworfen ist. Und in den
beweisführenden Teilen des Werkes stößt man überall auf Stellen,
welche die lächerlichste Unfähigkeit für logisches Denken bei dem ehr-
würdigen Herrn beweisen, wie z. B. daß, wenn der Lohn von *8 Pence
oder 2 Schilling auf 5 Schilling täglich stiege, das Fleisch notwendig
von 8 oder 9 Pence auf 2 oder 3 Schilling per Pfund steigen müsse,
so daß die Lage der arbeitenden Klasse dadurch nicht verbessert werden
würde, eine Behauptung, für die ich keinen besseren vergleich weiß,
als die Ansicht, die ich eines Tages von einem Setzer ernsthaft vortragen
hörte: daß, weil ein ihm bekannter Schriftsteller vierzig Iahre alt war,
als er zwanzig zählte, derselbe jetzt achtzig Iahre alt sein müsse, weil er
(der Setzer) nunmehr die Vierzig erreicht habe. Diese Gedankenver-
wirrung tritt nicht bloß hier oder da hervor, sie charakterisiert das ganze
Werk*). Der Hauptteil desselben ist mit Dingen angefüllt, die in wirk-

*) Malthus' anbete Werke wurden zwar erst geschrieben, nachdem er berühmt
geworden, machten aber keinen Eindruck und wurden selbst von denen mit Verachtung
behandelt, die in dem „versuch" eine große Entdeckung fanden. Die Encyclopaedia
Britannica z.B. akzeptiert zwar die Ulalthussche Theorie, sagt aber von seiner National-
ökonomie: „Sie ist sehr schlecht eingeteilt und in keiner Beziehung eine praktische noch
eine wissenschaftliche Darstellung des Gegenstandes. Sie ist größtenteils angefüllt mit
einer Prüfung gewisser Partien von Ricardos Lehren, sowie mit einer Untersuchung
der Natur und Ursachen des wertes. Nichts jedoch kann weniger befriedigend sein als
diese Erörterungen. Die Wahrheit ist, daß NIalthus nie eine klare oder bestimmte Vor-
stellung von den Theorien Ricardos oder von den Grundsätzen hatte, welche beim Tausch
verschiedener Artikel den wert bestimmen."
        <pb n="103" />
        ﻿Bevölkerung und Unterhaltsmittel.	Buch II.

lichkeit eine Widerlegung der Theorie liefern, die das Buch aufstellt,
denn Malthus' Übersicht der von ihm so genannten positiven Hemmungen
der Bevölkerung beweist einfach, daß die von ihm der Übervölkerung
Zugeschriebenen Ergebnisse anderen Ursachen entspringen. Unter all
den angeführten Fällen, und so ziemlich die ganze Erde ist dazu herbei-
gezogen, in welchen das Laster und Elend der Bevölkerungszunahme
dadurch Einhalt tun, daß sie die Heiraten beschränken und das mensch-
liche Leben verkürzen, ist kein einziger Fall, in welchem das Laster und
Elend in seiner Wirkung auf eine wirkliche Überhandnähme der Münder
über die Fähigkeit der Hände, sie zu speisen, verfolgt werden könnte;
vielmehr wird in jedem Falle gezeigt, daß das Laster und Elend aus
Unwissenheit und Habgier oder aus einer schlechten politischen Verfassung
ungerechten Gesetzen oder verheerenden Kriegen entspringen.

Und was Malthus nicht zu beweisen vermochte, hat auch seit ihm
niemand bewiesen, vergebens forscht man auf dem Erdball und in
der Geschichte nach dem Beispiele eines bedeutenden Landes*), in
welchem Armut und Mangel füglich dem Druck einer zunehmenden
Bevölkerung zugeschrieben werden könnten, welche Gefahren auch
die Möglichkeit einer unbegrenzten Vermehrung der Menschen haben
mag, bisher haben sie sich noch nie gezeigt. Die Bevölkerung sollte stets
die Grenzen ihres Unterhalts zu überschreiten streben? wie kommt es
dann, daß diese unsere Erdkugel, nach all den Tausenden und, wie man
jetzt glaubt, Millionen von Jahren, die der Mensch auf der Erde war,
noch immer so dünn bevölkert ist? wie kommt es dann, daß so viele
Stätten menschlichen Lebens jetzt verlassen sind, daß einst angebaute
Felder jetzt mit Dickicht bewachsen sind und die Tiere ihre Jungen lecken,
wo einst geschäftige Menschen wimmelten?

wenn wir den nach Millionen zählenden Zuwachs unserer Bevölke-
rung sehen, verlieren wir nur zu gern aus dem Auge, was dennoch
Tatsache ist, daß, soweit wir die Geschichte kennen, die Abnahme der
Bevölkerung gerade so gewöhnlich ist wie deren Zunahme. Ob die
Gesamtbevölkerung der Erde jetzt größer sei als zu irgendeiner früheren
Zeit, ist eine Spekulation, die nur auf Vermutungen beruhen kann.
Seit Montesquieu zu Anfang des vorigen Jahrhunderts behauptete
twas damals wahrscheinlich die vorherrschende Ansicht war), daß die
Bevölkerung der Erde seit der christlichen Zeitrechnung sehr abgenommen
habe, hat sich die Einsicht darüber geändert. Aber neuere Forschungen
und Entdeckungen haben den für übertrieben gehaltenen Berichten der
alten Geschichtsschreiber und Reisenden größere Glaubwürdigkeit ver-

*) Sch sage bedeutenden Landes, weil kleine Inseln vorhanden sein können, wie
Z. B. die Pitcairns-tznsel, welche, abgeschnitten von dein Verkehr mit der übriqen Welt
fund folglich auch von den Tauschen, die für die verbesserten Methoden der Produktion,
zu denen eine dichter gewordene Bevölkerung greift, notwendig sind), als passende Bei-
spiele angeführt werden könnten. Lin Augenblick des Nachdenkens wird indes zeigen,
daß solche Ausnahmefälle keine passenden Beispiele sind.
        <pb n="104" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

91

schafft und Symptome dichterer Bevölkerungen und vorgeschrittenerer
Zivilisationen enthüllt, als zuvor vermutet wurden, sowie auch eines
viel höheren Alters des Menschengeschlechts. während wir unsere
Bevölkerungsschätzungen auf die Entwicklung des Handels, den Fort-
schritt der Künste und die Größe der Städte gründen, unterschätzen
wir gern die Dichtigkeit der Bevölkerung, welche die den früheren Zivili-
sationen eigentümliche intensive Bodenkultur zu unterhalten imstande
ist, besonders wo man zu künstlicher Bewässerung griff, wie wir an den
dicht bebauten Gegenden Lhinas und Europas sehen können, vermag
eine sehr große Bevölkerung von einfachen Gewohnheiten bei sehr
wenig Verkehr und einem viel niedrigeren Stande jener Gewerbe zu
bestehen, in denen der moderne Fortschritt sich am meisten spiegelt,
und zwar ohne die, den modernen Völkern eigentümliche Tendenz,
sich in großen Städten zusammenzudrängen*).

Sei dem nun wie ihm wolle, der einzige Erdteil, von dem wir
überzeugt sein können, daß er jetzt eine größere Bevölkerung enthält
als je zuvor, ist Europa. Aber selbst für alle Teile Europas ist dies nicht
richtig. Sicherlich haben Griechenland, die Mittelmeerinseln und die
europäische Türkei, vielleicht auch Italien und möglicherweise Spanien
größere Bevölkerungen als jetzt enthalten, und dasselbe mag auch mit
dem nordwestlichen und gewissen Teilen von Mittel- und Osteuropa
der Fall sein.

Amerika hat auch an Bevölkerung zugenommen, seit wir es kennen;
aber diese Vermehrung ist nicht so groß, wie gemeinhin angenommen
wird, da manche Schätzungen Peru allein zur Zeit der Entdeckung eine
größere Bevölkerung zuschreiben, als jetzt in ganz Südamerika lebt.
Und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß schon vor der Entdeckung
Amerikas die Bevölkerung im Rückgänge begriffen war. wie viele
große Nationen ihren weg zurückgelegt haben, wie viele Reiche ent-
standen und gefallen find in „jener neuen Welt, welche die alte ist",
können wir nicht wissen. Aber Überbleibsel massiver Ruinen bezeugen
eine noch großartigere Zivilisation vor den Inkas; inmitten der tro-
pischen Wälder von Pukatan und Zentralamerika sind die Reste großer,
selbst zur Zeit der spanischen Eroberung schon vergessener Städte; Mexiko,
wie Lortez es fand, zeigte eine Oberschicht von Barbarei über einer höheren
sozialen Entwicklung, während über einen großen Teil der jetzigen ver-

*) Wie auf der Karte in £). tj. Bancrofts „Lingeborne Rassen" gesehen werden
kann, ist der Staat Vera Lruz nicht einer der durch ihr Alter merkwürdigen Teile Mexikos.
Dennoch sagt bsugo Fink von Lordova in seinem Schreiben an das Smithsonian-Fnstitut
(Bericht ;s?o), daß im ganzen Staate kaum ein fußbreit Raums ist, aus dem bei Aus-
grabungen nicht ein zerbrochenes Steinmesser oder ein zerbrochenes Stück Topf aus-
gegraben werden könnte, daß das ganze Land von parallelen Steinlinien durchkreuzt
. ist, die die Erde davor schützten, in der Regenzeit weggewaschen zu werden, was beweist,
daß selbst das ärmste Land benutzt wurde, und daß man sich unmöglich der Folgerung
verschließen kann, daß die alte Bevölkerung wenigstens so dicht war, wie jetzt die be-
völkertsten Striche Europas.
        <pb n="105" />
        ﻿92

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

einigten Staaten künstliche ftügel zerstreut sind, welche eine früher
relativ dichte Bevölkerung beweisen, und hier und da, wie in den Kupfer-
ininen ain Gberen See, sind Spuren höherer Künste vorhanden, als
sie den Indianern, init welchen die Weißen in Berührung kamen, be-
kannt waren.

In betreff Afrikas kann kein Zweifel obwalten. Das nördliche
Afrika kann nur einen kleinen Teil der Bevölkerung enthalten, welche es
in alten Zeiten hatte; das Niltal besaß einst eine unvergleichlich größere
Bevölkerung als jetzt, während südlich der Sahara nichts eine Zunahme
innerhalb der historischen Zeit beweist, und sicherlich durch den Sklaven-
handel eine weitverbreitete Entvölkerung verursacht wurde.

was Asien angeht, das auch jetzt noch mehr als die ftälfte der Mensch-
heit enthält, obgleich es nicht viel mehr als halb so dicht wie Europa
bevölkert ist, so sind Anzeichen vorhanden, daß sowohl Indien als China
dereinst größere Bevölkerungen als jetzt enthielten, während jener
große Brutplatz der Menschen, aus welchem Schwärme hervorgingen,
welche beide Länder überzogen und große Völkerwogen über Europa
dahinwälzten, einst weit mehr bevölkert gewesen sein muß. Die merk-
würdigste Veränderung jedoch hat in Kleinasien, Syrien, Babylonien
und Persien, kurz in jenen Gegenden stattgefunden, welche sich den
erobernden fteeren Alexanders unterwerfen mußten, wo einst große
Städte und zunehmende Bevölkerungen waren, sind jetzt elende Dörfer
und unfruchtbare wüsten.

Ls ist ziemlich sonderbar, daß unter all den aufgetauchten Theorien
nicht auch eine ausgeheckt worden ist, die eine bestimmte Quantität
menschlichen Lebens auf der Erde annimmt. Dieselbe würde wenigstens
besser mit den historischen Tatsachen stimmen als die einer beständigen
Tendenz der Bevölkerung, über ihre Unterhaltsmittel hinauszugehen.
Ls ist klar, daß die Bevölkerung hier eine Ebbe, dort eine Flut erfahren
hat; ihre Mittelpunkte haben sich verändert, neue Nationen sind ent-
standen, alte untergegangen; dürftig besiedelte Gegenden sind volkreich
geworden, und volkreiche Gegenden haben ihre Bevölkerung verloren;
aber soweit wir zurückgehen können, ohne uns ganz in Vermutungen
zu verlieren, gibt es keine Beweise beständiger Zunahme und sogar
nicht einmal einen klaren Beweis, daß die Menschheit im ganzen sich
von Zeit zu Zeit vermehrt habe. Die Pioniere der Völker sind, soweit
wir es beurteilen können, niemals in unbewohnte Länder vorgerückt —
ihr Gang war immer ein Kampf mit einem schon vorher im Besitz be-
findlichen Volke; hinter dunkeln Reichen, verschwommene Umrisse
noch schattenhafterer Reiche. Daß die Bevölkerung der Erde ihre kleinen
Anfänge gehabt haben muß, läßt sich mit Sicherheit annehmen, denn
wir wissen, daß ein geologisches Zeitalter bestand, wo das Menschen-
geschlecht nicht existiert haben kann, und wir vermögen uns nicht vorzu-
stellen, daß die Menschen alle mit einemmal hervorkamen, wie etwa
aus den von Kadmus gesäten Drachenzähnen; doch entdecken wir in
        <pb n="106" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

A3

Entfernungen, in welche Geschichte, Tradition und Altertümer ein in
schwachen Schimmern sich verlierendes Licht werfen, große Bevölke-
rungen. während dieser langen Perioden ist das Bevölkerungsprinzip
nicht stark genug gewesen, um die Erde zu füllen oder nur soweit zu füllen,
daß wir eine wesentliche Vermehrung ihrer Gesamtbevölkerung klar
erblicken könnten. )m Vergleich mit ihrer Fähigkeit, Menschenleben
zu unterhalten, ist die Erde als Ganzes noch immer äußerst gering be-
völkert.

Es gibt eine andere offenkundige Tatsache, die jedem ausfallen
muß, der beim Nachdenken über diesen Gegenstand seinen Blick über
die moderne Gesellschaft hinauslenkt. Der Malthusianismus ver-
kündet als allgemeines Gesetz, daß es die natürliche Tendenz der Be-
völkerung sei, über ihre Unterhaltsmittel hinaus zu wachsen. Besteht
ein solches Gesetz, so muß es überall, wo die Bevölkerung eine gewisse
Dichtigkeit erreicht hat, so offenbar sein wie irgendeines der großen
Naturgesetze, die überall anerkannt worden sind, wie kommt es dann,
daß wir weder in den klassischen Dogmen und Gesetzbüchern, noch in
denen der Juden, der Ägypter, der Hindus, derLhinesen oder irgendeines
anderen der Völker, welche in enger Gemeinschaft gelebt und Religionen
und Gesetzbücher gegründet haben, nur irgendwelche Vorschriften,
die den vorbauenden Hemmungen von Malthus entsprächen, finden;
sondern daß im Gegenteil die Weisheit der Jahrhunderte, die Religionen
der Völker stets )deen bürgerlicher und religiöser Pflicht eingeprägt
haben, die das genaue Gegenteil dessen sind, was die herrschende National-
ökonomie lehrt und was Annie Besant jetzt in England volkstümlich
zu machen sucht.

Auch muß daran erinnert werden, daß Gesellschaften bestanden
haben, in denen der Staat jedem seiner Mitglieder Beschäftigung und
Unterhalt garantierte. )ohn Stuart Mill sagt (Buch II, Rap. XII,
Abschn. II), daß dies ohne Regulierung der Heiraten und Geburten
seitens des Staats allgemeine Armut und Erniedrigung herbeiführen
müsse. „Diese Folgen", sagt er, „sind von geachteten Schrifstellern so
oft und so klar gezeigt worden, daß Unkenntnis derselben seitens ge-
bildeter Personen nicht länger verzeihlich ist." Dennoch scheint man in
Sparta, in Peru, in Paraguay, sowie in den Rommunen, welche fast
überall die ursprüngliche Landwirtschaftsorganisation gebildet zu haben
scheinen, in vollständigster Unwissenheit über diese schrecklichen Folgen
einer natürlichen Tendenz gewesen zu sein.

Außer d.en von mir angeführten allgemeinen Tatsachen gibt es
andere, jedem bekannte, welche vollständig unvereinbar mit einer so
überwältigenden Vermehrungstendenz erscheinen. wenn dieselbe
so stark ist, wie Malthus voraussetzt, wie kommt es dann, daß so oft
Familien aussterben — Familien, in denen der Mangel unbekannt ist?
wie kommt es, daß, wenn durch erbliche Titel und erbliche Besitzungen
nicht bloß der Vermehrung, sondern auch der Erhaltung der Geschlechts-
        <pb n="107" />
        ﻿Buch II.

%

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

register und Ahnentafeln jede Prämie gewährt wird, trotzdem in einer
Aristokratie wie der englischen so viele Adelsgeschlechter aussterben und
das chaus der Lords von Jahrhundert zu Jahrhundert nur durch neue
Ernennungen ergänzt werden kann?

Um das vereinzelte Beispiel einer Familie zu finden, die einen
großen Zeitraum überlebt hat, obgleich ihr Einkommen und ihre Ehre
gesichert waren, müssen wir nach dem unveränderlichen Ehina gehen.
Die Nachkommen von Konfuzius existieren dort noch und genießen be-
sondere Vorrechte und Achtung, indem sie tatsächlich die einzige erbliche
Aristokratie bilden. Der Annahme zufolge, daß die Bevölkerung sich
alle 25 Jahre zu verdoppeln strebe, müßten sie sich in 21[50 Jahren nach
Konfuzius Tode jetzt auf 859 55g \y5 106 709 670 198 71.0 528 Seelen
belaufen. Anstatt einer so undenkbaren Zahl bezifferten sich die Nach-
kommen von Konfuzius 2\50 Jahre nach seinem Tode, unter der Re-
gierung Kanghis, auf hh 000 männliche Personen, sagen wir insgesamt
22000 Seelen. Dies ist eine gewaltige Abweichung, und eine um so
schlagendere, wenn man sich erinnert, daß die Achtung, in welcher diese
Familie um ihres Ahnen, „des heiligsten Lehrers des Altertums", willen
steht, die Einwirkung der positiven Hemmung gewiß verhindert hat,
während die Lehrsätze des Konfuzius alles, nur nicht die vorbauende
Hemmung einprägen.

Nun mag gesagt werden, daß selbst diese Vermehrung noch groß
genug sei. 22 000 Personen, die in 21.50 Jahren von einem einzigen
Paare abstammen, bleiben zwar weit hinter dem Malthusschen Ver-
hältnis zurück, könnten aber immerhin genügen, eine Übervölkerung
als möglich hinzustellen.

Ls ist indes zu bedenken, daß die Vermehrung von Nachkommen
keine Vermehrung der Bevölkerung beweist. Sie könnte dies nur dann
tun, wenn die Zeugung immer in der Familie bliebe. Schmidt und seine
Frau haben einen Sohn und eine Tochter, die anderer Leute Tochter
und Sohn heiraten, und von denen jedes Paar dann zwei Kinder hat.
Schmidt und seine Frau hätten so vier Enkel, aber in der einen Generation
wären nicht mehr als in der anderen —Jedes Kind hätte vier Großeltern.
Angenommen dieser Prozeß ginge so fort, so könnte sich die Nachkommen-
schaft leicht in Hunderte, Tausende und Millionen ausbreiten. Aber in
jeder Generation der Nachkommenschaft würden nicht mehr Individuen
als in irgendeiner früheren Generation der Ahnen sein. Das Gewebe
der Generationen ist gleich einem Gitterwerk oder gleich den diagonalen
Linien in Geweben. Geht man oben von irgendeiner Stelle derselben
aus, so verfolgt das Auge Linien, die unten weit auseinanderlaufen;
geht man dann aber von einer Stelle unten aus, so laufen die Linien
nicht minder nach oben auseinander. Wie viele Kinder ein Mensch
haben kann, ist zweifelhaft. Aber daß er zwei Eltern hatte, ist gewiß,
und daß diese wieder zwei Eltern hatten, ist auch gewiß, verfolgt man
diese geometrische Proportion durch einige Generationen, so wird man
        <pb n="108" />
        ﻿Kap. II.	Folgerungen aus Tatsachen.

feiert, daß sie zu ebenso „auffallenden Folgen" führen wird, wie Malthus'
angebliches Bevölkerungsxrinzix.

Gehen wir jedoch von diesen Betrachtungen zu einer bestimmteren
Untersuchung über. )ch behaupte, daß die gewöhnlich als Beispiele
angeführten Fälle von Übervölkerung keine nähere Untersuchung ver-
tragen. Indien, China und Irland liefern die stärksten dieser Fälle.
In allen diesen Ländern sind große Menschenmassen durch Hunger um-
gekommen, und ganze Ulassen werden zu abschreckendem Elend verurteilt
oder zur Auswanderung gezwungen. Aber rührt dies wirklich von Über-
völkerung her?	_ ,	,

vergleichen wir die Gesamtbevölkerung mit dem Gesamt-Flachen-
inhalt, so sind Indien und China keineswegs die am dichtesten bevölkerten
Länder der Erde. Nach den Schätzungen von Behm und Wagner beträgt
die Bevölkerung Indiens nur sZ2, die Chinas nur Menschen auf die
(engl.) (vuadratmeile, während Sachsen eme Bevölkerung von 442,
Belgien 44V England 422, die Niederlande 29t, Italien 2-4 und Iapan
233 hat*) Ls gibt somit in beiden Ländern große unbenutzte oder mcht
völlig benutzte Flächen; aber selbst in ihren dichter bevo kerten Gegenden
könnten beide zweifelsohne eine viel größere Bevölkerung m einem
viel höheren Grade von Uomfort erhalten, denn m beiden Landern wird
die Arbeit in der rohesten und unwirksamsten	elfe^ zur pro u wn

verwendet, und in beiden Ländern sind große natürliche Hilfsquellen
völlig vernachlässigt. Dies rührt von keinen angeborenen Mangeln
dieser Völker der. denn der Hindu ist, wie die vergleichende Philologie
bewiesen hat, von unserem eigenen Blute, und China besaß emen hohen
Grad von Zivilisation und die Anfänge der wichtigsten modernen Er-
findungen, als unsere Ahnen noch Nomaden waren. Ls rührt von der
Form her, welche die soziale Organisation in beiden Landern angenommen
hat, und welche die Produktivkraft gefesselt und den Gewerbfleiß seines.
Lohnes beraubt hat.	..	...	&lt; .. .	„

Seit undenkbaren Zeiten sind in Indien die arbei enden Massen
durch Erpressungen und Druck aller Art m einen Zustand hilf- und
hoffnungsloser Entwürdigung versetzt worden. Seit alters hat sich der
Bebauer des Bodens glücklich geschätzt, wenn die Erpressungen der
Mächtigen ihm genug übrig ließen, um das Leben zu fristen und für
Aussaat zu sorgen; Kapital konnte nirgends sicher angehäuft oder m
irgend beträchtlicher Ausdehnung zur Unterstützung der Produktion
angewendet werden; aller Reichtum, der dem Volke abgerungen werden

Ick entnehme biete Zahlen dem SmitHfonian-Berichte von 1873,ibie Bruchteile

weglassen? Bchm und Wagner schätzen die Bevölkerung LHmas auf W 500 000, oh.

r ■ j. I	1 k a «s nickt 150 000 000 überschreite. Dre Bevölkerung vorder-'

gle,ch andere bebaup en daß sre rnchl 150 0 ^ ^	^ ^ ^lon

ans	07 -r aut die qzuadratrneile; die von ksinterindien aus 2I0I8 0S2

1377 000 000, ein Durchschnitt vonL26,64 auf d.e Vuadratrneüe.
        <pb n="109" />
        ﻿Bevölkerung und Unterhaktsmittel.

Buch II.

96

konnte, war im Besitz von Fürsten, die wenig besser als in dem Lande
einquartierte Räuberhauptleute waren, oder im Besitz ihrer Pächter
und Günstlinge, und wurde in nutzlosem oder schlimmerem als nutzlosem
Luxus verschwendet, während die in künstlichen und furchtbaren Aber-
glauben versunkene Religion über die Geister dieselbe Tyrannei ausübte,
wie die physische Gewalt über die Körper der Menschen. Unter solchen
Verhältnissen waren die einzigen Künste, die fortschreiten konnten, die-
jenigen, welche der Pracht und dem Luxus der Großen dienten. Die
Elefanten der Rajahs strahlten von Gold in köstlichster Verarbeitung
und die Sonnenschirme, welche ihre königliche Macht ausdrückten,
glitzerten von Edelsteinen; aber der Pflug des Bauern war nur ein
zugespitzter Stab. Die Frauen des fürstlichen parems hüllten sich in
Musseline, so fein, daß sie den Namen „gewobener wind" erhielten,
aber die Werkzeuge der Handwerker waren von ärmlichster und rohester
Art, und der Pandel konnte gewissermaßen nur auf Schleichwegen
betrieben werden.

Ist es nicht klar, daß diese Tyrannei und Unsicherheit den Mangel
und die Aushungerung Indiens verursacht haben, und daß nicht, wie
Buckle meint, der Druck der Bevölkerung auf die Unterhaltsmittel den
Mangel erzeugt, und der Mangel wieder die Tyrannei erzeugt hat*)?
William Tennant, ein Kaplan im Dienste der ostindischen Kompagnie,
sagte im Jahre	zwei Jahre vor der Veröffentlichung des „Ver-

suchs über die Bevölkerung":

„Bedenkt man die große Fruchtbarkeit Indiens, so ist das häufige Erscheinen
von Hungersnot erstaunlich. Dffenbar rührt dies von keiner Unfruchtbarkeit des Bodens
oder Klimas her; das Übel muß irgendeiner politischen Ursache zugeschrieben werden,
und es erfordert nur geringen Scharfblick, dasselbe in der Habgier und den Erpressungen
der verschiedenen Regierungen zu entdecken. Der große Sporn des Gewerbfleißes,
die Sicherheit, ist genommen. Deshalb baut niemand mehr Korn, als gerade nötig
für ihn selbst ist, und das erste ungünstige Jahr verursacht eine Hungersnot.

„Die Regierung der Großmoguls bot zu keiner Zeit dem Fürsten volle Sicher-
heit, noch weniger seinen Vasallen, und nur die allernotdürftigste den Bauern. Sie
war ein fortwährendes Gewebe von Gewalttat und Empörung, Verrat und Be-
strafung, unter welchem weder der Handel noch die Künste gedeihen, noch der Ackerbau
das Ansehen eines Systems annehmen konnten. Der Sturz dieser Dynastie veranlaßte
einen noch betrübenderen Zustand, denn Anarchie ist schlimmer als Ukißregierung.
Schlecht wie die mohammedanische Regierung war, die europäischen Nationen haben
nicht das Verdienst, sie gestürzt zu haben. Sie fiel unter dem Gewicht ihrer eigenen
Verdorbenheit, und es war ihr schon die vielartige Tyrannei kleiner Häuptlinge gefolgt,
deren Recht zu herrschen in ihrem Verrat gegen den Staat bestand, und deren Erpres-
sungen so grenzenlos wie ihre Habsucht waren.Die Abgaben an die Regierung wurden
und werden, wo Eingeborene herrschen, noch jetzt zweimal im Jahr von erbarmungs-

*) Geschichte der Zivilisation, Buch I, Kap. 2. In diesem Kapitel hat Buckle eine
große Menge von Beweisen für die uralte Unterdrückung und Erniedrigung des indischen
Volkes gesammelt, und er schreibt, geblendet durch die von ihm angenommene und zum
Grundstein seiner Theorie über die Entwicklung der Zivilisation gemachte Malthussche
Lehre, diesen Zustand der Leichtigkeit zu, mit welcher dort Nahrungsmittel erzeugt werden
.können.
        <pb n="110" />
        ﻿Folgerungen aus Tatsachen.

97

Kap. ii.

losen Banditen in der Uniform von Soldaten erhoben, welche die unglückseligen Bauern
aus den Dörfern in die Wälder jagen und ruchlos zerstören oder wegnehmen, was
von deren Eigentum ihren Launen zusagen oder ihre Habgier sättigen kann, Jeder
Versuch der Bauern, ihre Personen oder ihr Eigentum innerhalb der Erdwälle ihrer
Dörfer zu verteidigen, ruft nur noch rachsüchtigere Vergeltung über diese nützlichen
aber beklagenswerten Sterblichen hervor. Sie werden dann umzingelt und mit
Kanonen und Musketen angegriffen, bis der Widerstand gedämpft ist, wonach die
Aberlebenden verkauft, ihre Wohnungen verbrannt und dem Erdboden gleichgemacht
werden. Daher wird man häufig Bauern beschäftigt finden, die zertrümmerten
Reste dessen, was gestern noch ihre Wohnstätte war, zusammenzusuchen, sobald die
Furcht ihnen gestattet, zurückzukehren; öfter jedoch sieht man nach einer derartigen
heimsuchunq die noch rauchenden Ruinen, ohne daß das Erscheinen eines menschlichen
Wesens die beklemmende Stille der Verwüstung unterbräche. Diese Schilderung
paßt nicht allein auf die mohammedanischen Häuptlinge, sondern ist gleichermaßen
anwendbar auf die Rajahs in den von Hindus regierten Distrikten*)."

Dieser unbarmherzigen ksabgier, die Elend und Hungersnot hervor-
gebracht haben würde, wenn auch nur ein Mensch auf die Tuadrat-
Meile käme und das Land ein Garten Edens wäre, folgte in der ersten
Aeit der britischen Herrschaft in Indien eine ebenso unbarmherzige
Habgier, die nur durch eine weit unwiderstehlichere Macht gestützt wurde.
Alacaulay sagt darüber in seinem Essay über Lord Elive:

„Ungeheure vermögen wurden schnell in Kalkutta zusammengerafft, während
Millionen menschlicher wesen in den Abgrund des äußersten Elends gestürzt wurden.
5ie waren wohl gewöhnt gewesen, unter der Tyrannei zu leben, aber nie unter einer
Tyrannei gleich dieser! Sie fanden den kleinen Finger der Kompagnie dicker als die
Hüften von Surajah Dowlah .... Sie glich mehr einer Regierung böser Geister,
als der Regierung menschlicher Tyrannen. Bisweilen ertrugen sie es in geduldigem
Elend. Bisweilen flohen sie vor dem weißen Manne wie ihre Väter gewöhnt gewesen
waren, vor dem Maharatta zu fliehen, und der Tragsessel des englischen Reisenden
wurde oft durch stille Dörfer und Städte getragen, welche die Nachricht von seiner
Annäherung verödet hatte."

Auf die Schrecken, welche Macaulay nur berührt, warf die leb-
hafte Beredsamkeit Burkes ein stärkeres Licht — ganze Distrikte wurden
der zügellosen Habsucht von Teufeln in Menschengestalt überantwortet,
die ärmsten Bauern allen erdenkbaren Torturen unterworfen, um sie
Zu zwingen, ihre verborgenen Habseligkeiten auszuliefern, und einst
volkreiche Strecken in wüsten verwandelt.

Aber der gesetzlosen Frechheit der früheren englischen Herrschaft
sst seit lange Einhalt geboten worden. Die starke Hand Englands hat
jener ganzen großen Bevölkerung einen mehr als römischen Frieden
Segeben; die gerechten Grundsätze des englischen Gesetzes sind durch
ein sorgfältiges System der Gesetzbücher und Rechtsprechung verbreitet
Morden, das darauf berechnet ist, dem niedrigsten dieser verkommenen
Menschen die Rechte freigeborener Angelsachsen zu verschaffen; die
3anze Halbinsel ist mit einem Eisenbahnnetz ausgestattet, und große
-oewässerungsarbeiten sind ausgeführt worden. Aber mit zunehmender

*) Indian Recreation. By Rev. Wm. Tennant, London I8O4. Bd. I, Abschn. Lg.
George, jortschritt und Armut.

1
        <pb n="111" />
        ﻿98

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

Häufigkeit ist pungernot auf Hungersnot gefolgt, nur immer weitere
Flächen mit größerer Heftigkeit verheerend.

Ist dies nicht ein Beweis der Malthusschen Theorie? Zeigt dies
nicht, daß, soviel auch die Zugänglichkeit der Unterhaltsmittel vermehrt
wird, die Bevölkerung doch fortfährt, gegen dieselben anzudrängen?
Zeigt es nicht, daß Malthus Recht hatte, wenn er behauptete, die Schleusen
zu schließen, durch welche die überflüssige Bevölkerung fortgeschafft
werde, heiße nur soviel als die Natur zu zwingen, sich andere zu öffnen
und daß, wenn die (Quellen menschlicher Vermehrung nicht durch Regu-
lierungen der Vorsicht eingedämmt werden, nur zwischen Krieg und
Hungersnot die Wahl bleibt? Dies war die orthodoxe Erklärung. Aber
die Wahrheit ist, wie aus den bei den jüngsten Erörterungen der indischen
Angelegenheiten in den englischen Blättern enthüllten Tatsachen er-
sichtlich, daß diese Heimsuchungen von Hungersnot, welche Millionen
hinweggerafft haben und noch hinwegraffen, dem Druck der Bevölke-
rung gegen die natürlichen Grenzen der Unterhaltsmittel ebensowenig
zuzuschreiben sind, wie die Verheerung des Earnatic, als Ljyder Alis
Reiter wie ein verheerender Sturmwind über dasselbe hereinbrachen.

Die Millionen Indiens haben ihre Nacken unter das Joch mancher
Eroberer gebeugt, aber das schlimmste von allen ist das beständige,
erdrückende Gewicht der englischen Herrschaft, ein Gewicht, welches
buchstäblich Millionen aus dem Dasein hinausdrückt und, wie englische
Schriftsteller zeigen, zu einer überaus schrecklichen und weit verbreiteten
Katastrophe führen muß. Auch andere Eroberer haben im Lande gelebt,
und, so schlecht und tyrannisch ihre Herrschaft war, so haben sie doch
das Volk verstanden und sind von demselben verstanden worden; jetzt
aber gleicht Indien einem großen Grundbesitz, der einem abwesenden
und fremdländischen Herrn gehört. Es werden höchst kostspielige Militär-
und Zivileinrichtungen aufrecht erhalten, geleitet und mit Offizieren
versehen durch Engländer, die Indien nur als einen Platz zeitweiligen
Exils ansehen; und eine enorme, aus wenigstens 20 Millionen £ jährlich
zu veranschlagende Summe (die von einer Bevölkerung erhoben wird,
wo Arbeiter in guten Zeiten froh sind, für \1/2 bis 4 Pence täglich zu
arbeiten) fließt in Form von Rimessen, Pensionen, europäischen Re-
gierungsunkosten usw. nach England — ein Tribut, für den kein Gegen-
satz zurückkommt. Die ungeheuren, aus Eisenbahnen verschwendeten
Summen haben, wie die Betriebsergebnisse beweisen, sich als unproduktive
Anlagen herausgestellt; die größten Bewässerungswerke find meistenteils
ebenso kostspielig als verfehlt. In großen Teilen Indiens verliehen die
Engländer, von dem Wunsche geleitet, eine Klasse von Grundbesitzern
zu schassen, absoluten Besitz von Grund und Boden an erbliche Steuer-
einnehmer, die die Bauern unbarmherzig durch die Pachtschraube aus-
plündern. In anderen Teilen, wo die Pacht noch durch den Staat in
Form einer Grundsteuer erhoben wird, sind die Ansätze so hoch und die
Steuern werden so rücksichtslos eingetrieben, daß die, selbst in guten
        <pb n="112" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

99

fahren nur den armseligsten Unterhalt gewinnenden Bauern in die
Alanen von Wucherern getrieben werden, die womöglich noch hab-
gieriger sind als die Zemindars. Auf Salz, das überall ein notwendiger
Bedarfsartikel ist, aber von besonderer Notwendigkeit da, wo die Nahrung
fast ausschließlich vegetabilisch ist, liegt eine Steuer von 1200 Pro-
zent, so daß dessen industrielle Benutzung sich dadurch verbietet, und
große Nassen des Volkes nicht genug erschwingen können, um sowohl
sich als auch ihr Vieh gesund zu erhalten. Unter den englischen Beamten
steht eine porde von eingeborenen Angestellten, die bedrücken und
erpressen. Die Wirkung des englischen Rechts mit seinen strengen Regeln
und seinem für den Eingeborenen geheimnisvollen Verfahren, hat nur
dazu gedient, ein mächtiges Werkzeug der Plünderung in den pänden
der eingeborenen Wucherer zu werden, von denen die Bauern zu den
ausschweifendsten Bedingungen zu borgen genötigt sind, um ihre Steuern
Zahlen zu können, und denen gegenüber sie sich leicht bewegen lassen,
Verpflichtungen zu übernehmen, deren Sinn ihnen unverständlich ist.
Florence Nightingale stößt folgenden Stoßseufzer aus: „wir kümmern
uns nicht um das indische Volk; der traurigste Anblick, der im Grient,
ia vielleicht in der Welt, zu sehen ist, ist der Bauer unseres indischen
Aeiches." Und dann weist die genannte Schriftstellerin die Ursachen
der schrecklichen Pungersnotperioden in den Steuern nach, welche den
Bauern selbst die Mittel zur Bebauung entziehen, sowie in der tat-
sächlichen Sklaverei, der sie „infolge unserer eigenen Gesetze" unterworfen
sind, und die in dem fruchtbarsten Lande der Welt und vielen Grten,
wo eine eigentliche Hungersnot nicht existiert, doch einen quälenden
chronischen Zustand halben Verhungerns erzeugt*). „Die Hungers-
nöte, die Indien verheeren", sagt Es. M. Hyndman**), „sind haupt-
sächlich Geldnöte; Männer und Frauen können keine Nahrung finden,
weil sie nicht das Geld erübrigen können, sie zu kaufen. Dennoch sind
wir, sagt man, gezwungen, diese Leute noch mehr zu besteuern." Er
Zeigt, wie selbst aus Hungersnotdistrikten Nahrungsmittel behufs Zahlung
r&gt;on Steuern ausgeführt werden, und wie das ganze Indien einem
beständigen und erschöpfenden Abflusse unterworfen ist, der, in Ver-
bindung mit den enormen Rosten der Regierung, die Bevölkerung Jahr

Miü rrmbtinaale enäblt (in dem „Nineteenth Century" für August 1878) Bei-
spiele	L-L! ch.ft i» U «ie sie !---&gt;	-°°e"	ich-»	»

Millionen von Fällest durch den Vorschub geraten smd, welchen die Ger.ch shofe den
Bedrückungen und Betrüaereien der Wucherer und eingeborenen Unterbeamten leisten
..Unsere Gerichtshöfe werden als Institute betrachtet um^ deui Reichen zu befähigen ,e
Armen ru knockten und viele suchen vor der Genchtsbarkert derselben tn den unter em-
9.boS£ SSfe SÄ Stea*« E Zuflucht" sagt Är David wedderburn
in einem Aufsatz über die unter englischem Schutz stehenden Fürsten Indiens m der
voraufaehenden (Iuli-)Nummer derselben Zeitschrift, m welcher er auch emen eingeborenen
Staat, dessen Besteuerung verhältnismäßig leicht ist, als etn Beispiel des blühendsten
chnstandes unter der Bevölkerung Indiens anführt.	.

**) Man sehe die Artikel im „Nineteenth Century" für Oktober 1878 und Marz I87tz.
        <pb n="113" />
        ﻿wo

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

für Jahr ärmer machen muß. Die Ausfuhren Indiens bestehen fast
ausschließlich aus Ackerbau-Erzeugnissen, Für wenigstens ein Drittel
derselben erhält es, wie bfyndman zeigt, nie einen Gegenwert; dies
Drittel repräsentiert den Tribut, Rimessen, die von Engländern in In-
dien gemacht werden, oder Rosten des englischen Zweiges der indischen
Regierung*). Für das übrige aber besteht der Gegenwert größtenteils
aus Vorräten der Regierung oder Artikeln des Romforts und Luxus,
die von den englischen Herren Indiens verbraucht werden. Er zeigt,
daß die Rosten der Regierung unter der Herrschaft des Reichs enorm
angeschwollen sind; daß die unbarmherzige Besteuerung einer Bevölke-
rung, die so elend arm ist, daß die Massen sich nur halb sättigen können,
sie ihrer geringen Mittel für die Bebauung des Bodens beraubt; daß
die Zahl der Ochsen (das indische Zugtier) abnimmt und die armseligen
Ackerbaugeräte den Wucherern in die Hände fallen, von denen „wir,
ein Handelsvolk, die Bauern zu \2, 2% so Prozent**) zu borgen zwingen,
um großartige öffentliche Werke zu bauen und zu verzinsen, die niemals
5 Prozent gebracht haben". „Die Wahrheit ist," sagt Hpndman an einer
anderen Stelle, „daß die indische Gesellschaft als Ganzes unter unserer
Herrschaft entsetzlich verarmt ist, und daß der Prozeß jetzt in außerordent-
lich schnellem Maßstabe vor sich geht", eine Behauptung, die angesichts
der Tatsachen, welche nicht nur von den Schriftstellern, die ich angeführt
habe, sondern auch von indischen Beamten selbst dargestellt werden,
nicht bezweifelt werden kann. Selbst die Anstrengungen, welche zur
Linderung der Hungersnot von der Regierung gemacht werden, tragen
durch die zu diesem Zweck erforderliche höhere Besteuerung nur zur
Verstärkung und Ausdehnung ihrer tatsächlichen Ursache bei. Obgleich
die Zahl der während der letzten Hungersnot im südlichen Indien faktisch
Verhungerten aus 6 Millionen veranschlagt wird, und die Mehrzahl
der Überlebenden von allem entblößt war, wurden die Steuern doch
nicht nachgelassen und die Salzsteuer, die für die große Masse dieses
mit Armut geschlagenen Volkes schon dem Verbote gleichkommt, um
^0 Prozent erhöht, gerade wie nach der schrecklichen Hungersnot von
Bengalen f770 die Einnahmen tatsächlich in die Höhe geschraubt, und
auf die Überlebenden Abgaben ausgeschrieben und strenge eingetrieben
wurden.

Jetzt, wie in früheren Zeiten, kann nur die alleroberslächlichste
Ansicht den Mangel und Hungertod in Indien dem Drucke der Be-

*) Professor Fawcett lenkt in einem neulich veröffentlichten Artikel über die vor-
geschlagenen Anleihen Indiens die Aufmerksamkeit auf Rosten, wie £ ;200 für Repräsen-
tations- und Reisekosten eines Mitglieds des General-Gouverneurrats, £ 2450 für Re-
präsentations- und Reisekosten der Bischöfe von Lalcutta nach Bombay.

**) Klorence Nightingale sagt, sind wo Prozent gewöhnlich, und selbst dann
wird, wie sie anführt, der Bauer noch auf andere weise beraubt. Ls ist kaum nötig, zu
bemerken, daß diese Sätze, wie die des Pfandleihers, nicht Zinsen im nationalökonomischen
Sinne des Wortes sind.
        <pb n="114" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

\0\

völkerung auf die Fähigkeit des Landes zur Hervorbringung von Unter-
haltsmitteln zuschreiben. Könnten die Bauern ihr kleines Kapital be-
halten, könnten sie von der Auslaugung befreit werden, die selbst in
den von Hungersnot freien Jahren große Massen von ihnen zu einem
Leben zwingt, das nicht nur hinter dem für die Sepoys notwendig
erachteten, sondern auch hinter dem Leben zurückbleibt, welches englische
Humanität den Insassen der Gefängnisse zubilligt — so würde der wieder-
auflebende Gewerbfleiß produktivere Formen annehmen und un-
zweifelhaft genügen, um eine viel größere Bevölkerung zu erhalten.
Ls gibt in Indien noch große unbebaute Flächen, bedeutende unberührte
Mineralschätze, und es ist gewiß, daß die Bevölkerung weder jetzt, noch
überhaupt je zuvor in historischen Zeiten, die wirkliche Grenze der Boden-
kraft, oder selbst nur den Punkt, wo diese Kraft mit den an sie gestellten
zunehmenden Ansprüchen abzunehmen anfängt, erreicht hat. Die wahre
Ursache des Mangels war und ist noch jetzt die Habgier der Menschen,
nicht die Kargheit der Natur.

was von Indien gilt, gilt nicht minder von Lhina. So dicht es
in vielen Teilen bevölkert ist, so wird doch durch viele Tatsachen bewiesen,
daß die äußerste Armut der unteren Klassen ähnlichen Ursachen wie in
Indien, nicht aber einer zu großen Bevölkerung zugeschrieben werden
nruß. Ls herrscht Unsicherheit, die Produktion wird unendlich benach-
teiligt, und der Handel ist gefesselt, wo die Regierung eine Aufeinander-
solge von Erpressungen ist und die Sicherheit für das Kapital von einem
Mandarinen erkauft werden muß, wo die Schultern der Menschen das
einzige Transportmittel für den Binnenverkehr sind, wo die Dschunke
so gebaut sein muß, daß sie für die offene See unbrauchbar ist, wo das
Piratenwesen ein regelmäßiges Geschäft ist und Räuber oft in Regimentern
marschieren, da muß Armut herrschen und eine schlechte Ernte in Hungers-
not enden, gleichviel wie dünn die Bevölkerung ist*). Daß Lhina im-
stande wäre, eine viel größere Bevölkerung zu ernähren, wird nicht
nur durch die von allen Reisenden bezeugte große Ausdehnung un-
bebauten Landes bewiesen, sondern auch durch die unermeßlichen,
unbearbeiteten Lager von Mineralien, welche, wie man weiß, dort
vorhanden sind. So soll Lhina z. B. die größten und schönsten Kohlen-
lager besitzen, die je irgendwo entdeckt wurden, wie sehr der Abbau
dieser Kohlenlager die Fähigkeit des Landes erhöhen würde, eine größere
Bevölkerung zu erhalten, kann man sich leicht vorstellen. Kohlen sind
allerdings kein Nahrungsmittel, aber ihre Produktion hat gleichen wert
wie die Produktion von Nahrungsmitteln. Denn die Kohlen können
nicht allein, wie dies in allen Bergwerksdistrikten geschieht, gegen Nah-
rungsmittel umgetauscht werden, sondern die durch ihre Verbrennung
entwickelte Kraft kann zur Erzeugung von Nahrungsmitteln selbst ver-
wandt werden oder Arbeit zu diesem Behufe freimachen.

*) Der Sitz der letzten Hunaernot in Lhina war nicht in den arn dichtesten be-
wohnten Distrikten.
        <pb n="115" />
        ﻿H02

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II,

Weder in Indien noch in Ehina können deshalb Armut und Hunger-
tod auf Rechnung des Druckes der Bevölkerung gegen die Unterhalts-
mittel gestellt werden. Nicht die dichte Bevölkerung, sondern die Ur-
sachen, welche die soziale (Organisation an ihrer natürlichen Entwicklung
und die Arbeit an der Erzielung ihres vollen Ertrags hindern, erhalten
Millionen gerade am Rande des Hungertodes und treiben hin und wieder
auch Millionen darüber hinweg. Daß der Hindu-Arbeiter sich glücklich
schätzt, eine Handvoll Reis zu bekommen, daß der Lhinese Ratten und
Hunde ißt, hängt ebensowenig von dem Druck der Bevölkerung ab, als daß
die Digger-Indianer von Heuschrecken leben oder die Eingeborenen
Australiens die in verfaultem Holze gefundenen Würmer essen.

Man verstehe mich recht! Ich meine nicht bloß, daß Indien und
Ehina bei einer höher entwickelten Zivilisation eine größere Bevölkerung
erhalten könnten, denn damit würde jeder Malthusianer übereinstimmen.
Die Malthussche Lehre leugnet nicht, daß ein Fortschritt in den produk-
tiven Gewerben einer größeren Bevölkerung Unterhalt verschaffen
würde. Aber die Malthussche Theorie behauptet — und dies ist ihr
Kernpunkt — daß, wie groß auch die Hroduktionsfähigkeit sein möge,
die natürliche Tendenz der Bevölkerung dahin gehe, sie einzuholen,
und durch den Druck gegen dieselbe, um die Redewendung Malthus'
zu gebrauchen, jenen Grad von Laster und Elend hervorzubringen, der
erforderlich ist, um die weitere Vermehrung zu verhindern, so daß in
dem Maße, wie die j)roduktionskraft zunimmt, auch die Bevölkerung
entsprechend zunehmen wird und binnen kurzem dieselben Resultate
hervorbringt wie zuvor. Ich dagegen sage, daß nirgends ein Fall vor-
handen ist, der diese Theorie stützt, daß der Mangel nirgends füglich
dem Druck der Bevölkerung gegen die Fähigkeit, in einem dem jeweiligen
Stande menschlicher Wissenschaft entsprechenden Maße Unterhalts-
mittel zu beschaffen, zugeschrieben werden kann; daß überall das Laster
und Elend, das man der Übervölkerung zuschreibt, auf Krieg, Tyrannei
und Bedrückung zurückgeführt werden kann, welche das Wissen an
seiner nutzbaren Verwendung hindern und die zur Produktion nötige
Sicherheit versagen. Der Grund, warum die natürliche Bevölkerungs-
vermehrung keinen Mangel hervorbringt, wird weiterhin erörtert werden,
-kjier beschäftigt uns nur die Tatsache, daß sie es bisher noch nirgends
getan hat. Diese Tatsache ist in betreff Indiens und Chinas augenfällig.
Sie wird überall da ebenso klar zutage treten, wo wir die Wirkungen,
welche bei oberflächlicher Betrachtung oft als von Übervölkerung her-
rührend angesehen werden, bis zu ihren Ursachen verfolgen.

üon allen europäischen Ländern liefert Irland das stehende Bei-
spiel für Übervölkerung. Die äußerste Armut der Bauern und der dort
herrschende niedrige Lohnsatz, die irländische Hungersnot und die irlän-
dische Auswanderung werden fortwährend als ein sich unter den Augen
der zivilisierten Welt vollziehender Beweis der Malthusschen Theorie
angeführt. Ich meinerseits bezweifle, ob ein schlagenderes Beispiel
        <pb n="116" />
        ﻿dafür angeführt werden kann, daß eine vorgefaßte Meinung die Menschen
über den wahren Sachverhalt zu blenden vermag. Die Wahrheit ist,
und sie liegt auf flacher pand, daß Irland noch nie eine so große Bevölke-
rung gehabt hat, daß die natürlichen Kräfte des Landes, nach dem
jeweiligen Stande der produktiven Gewerbe, sie nicht ganz bequem
hätten erhalten können. Zur Zeit seiner größten Volkszahl (\8^0—q.845)
enthielt Irland etwas über acht Millionen Menschen. Aber ein sehr
großer Teil derselben vegetierte bloß, wohnte in elenden Hütten, kleidete
sich in bloße Lumpen und hatte keine andere Nahrung als Kartoffeln.
Als die Kartoffelkrankheit kam, starben sie zu Tausenden. Aber war es
die Unfähigkeit des Bodens, eine so große Bevölkerung zu ernähren, die
so viele zwang, in dieser elenden weise zu leben, und sie beim Mißraten
einer einzigen Ernte dem Hungertode aussetzte? Im Gegenteil, es war
dieselbe gewissenlose Habgier, welche den indischen Ryot der Früchte seiner
Arbeit beraubte und ihn inmitten des Überflusses der Natur verhungern
ließ. Allerdings durchzogen keine unbarmherzigen Banditen von Steuer-
erhebern plündernd und marternd das Land, aber der Arbeiter wurde
ebenso wirksam durch eine nicht minder unbarmherzige Horde von Guts-
besitzern ausgezogen, unter denen der Grund und Boden als absolutes
Eigentum verteilt worden war, ohne Rücksicht auf die Rechte derer,
welche auf demselben lebten.

Betrachten wir jetzt die Produktionsverhältnisse, unter denen diese
acht Millionen lebten, bis die Kartoffelkrankheit kam. Die Lage war eine
solche, daß die von Tennant betreffs Indiens gebrauchten Worte auch
auf sie mit Recht angewendet werden konnten: „der große Sporn des
Eewerbfleißes, die Sicherheit, war genommen". Der Landbau wurde
größtenteils durch Pächter ohne feste Kontrakte betrieben, die, selbst
wenn ihnen dies'bei den unmäßigen Pachten möglich gewesen wäre,
nicht wagten, Verbesserungen vorzunehmen, die nur das Signal für eine
Pachterhöhung gewesen wären. Die Arbeit wurde somit in der unwirk-
samsten und unzweckmäßigsten weise betrieben, und es wurden in ziel-
losem Müßiggang Arbeitskräfte vergeudet, die bei einiger Sicherheit
für ihre Früchte unausgesetzt beschäftigt worden sein würden. Aber selbst
unter diesen Verhältnissen ernährte Irland tatsächlich mehr als acht
lllillionen. Denn als seine Bevölkerung am größten war, exportierte
gleichwohl Irland noch Nahrungsmittel. Selbst noch während der
Hungersnot wurden Korn und Fleisch, Butter und Käse behufs Ausfuhr
Bandstraßen entlang geführt, die mit verhungernden besetzt waren, und
in deren Gräben die Toten aufgeschichtet lagen. Für diese Ausfuhr von
Lebensmitteln oder wenigstens für einen großen Teil derselben kam
kein Gegenwert zurück. Soweit es sich um die Bewohner Irlands
handelte, konnten die ausgeführten Lebensmittel ebensogut verbrannt
oder ins Meer geworfen oder überhaupt nicht produziert werden. Sie
gingen nicht zum Austausch fort, sondern als ein Tribut, um abwesenden
Gutsherren die Pacht zu zahlen; eine den Produzenten von Leuten,
        <pb n="117" />
        ﻿Bevölkerung und Untsrhaltsnnttel.





w

Buch II.

die in keiner Weise zur Produktion beigetragen hatten, abgerungene
Steuer.

Wären diese Lebensrnittel denen geblieben, die sie erzeugten;
hätten die Bebauer des Bodens das durch ihre Arbeit geschaffene Kapital
behalten und gebrauchen können; hätte die Sicherheit den Gewerbfleiß
angespornt und die Befolgung wirtschaftlicher Methoden gestattet,
so würde genug vorhanden gewesen sein, urn die größte Bevölkerung,
die Irland je gehabt, mit aller Bequemlichkeit zu ernähren, und die
Kartoffelkrankheit hätte kommen und gehen können, ohne ein einziges
lebendes Wesen um seine Mahlzeit zu bringen. Denn es war nicht die
Unklugheit der „irländischen Bauern", wie die englischen National-
ökonomen kühl behaupten, die sie veranlaßte, die Kartoffel zu ihrem
Pauptnahrungsmittel zu machen. Die irländischen Auswanderer leben,
wenn sie sich anderes verschaffen können, nicht von Kartoffeln, und in
den vereinigten Staaten zeigen die Irländer eine merkwürdige Vorsicht,
etwas für schlimme Tage zurückzulegen. Sie lebten von Kartoffeln,
weil die Pachtschraube ihnen alles andere wegnahm. In Wahrheit
konnte die Armut und das Elend Irlands füglich niemals der Über-
völkerung zugeschrieben werden.

McLulloch sagte J838 in der Note 4 zu Adam Smiths „Volks-
wohlstand":

„Die wunderbare Dichtigkeit der Bevölkerung in Irland ist die unmittelbare
Ursache der abschreckenden Armut und gedrückten Lage der großen Menge des Volkes.
Ls ist nicht zu viel gesagt, daß es augenblicklich noch einmal soviel Menschen in Irland
gibt, als dasselbe bei den vorhandenen Produktionsmitteln völlig beschäftigen oder
einigermaßen bequem ernähren kann."

Da im Jahre die Bevölkerung Irlands auf 8 s?5 \2^ an-
gegeben ward, können wir sie s838 auf ungefähr 8 Millionen veran-
schlagen. Irland würde also, um McLullochs Negation in eine Affir-
mation zu verwandeln, nach der Übervölkerungstheorie imstande ge-
wesen sein, etwas weniger als 4 Millionen vollständig zu beschäftigen
und einigermaßen bequem zu ernähren. Nun, als Swift zu Anfang
des vorigen Jahrhunderts seinen „Bescheidenen Vorschlag" schrieb,
betrug die Bevölkerung Irlands ungefähr 2 Millionen. Da in der
Zwischenzeit weder die Mittel der Produktion noch die produktiven
Gewerbe in Irland merklich vorgeschritten sind, so müßte —&gt; da die
abschreckende Armut und gedrückte Lage des irländischen Volkes im
Jahre \838 der Übervölkerung zugeschrieben wurden — \727, nach
McLullochs eigener Annahme, für die ganzen zwei Millionen mehr als
vollständige Beschäftigung und viel mehr als ein bequemes Dasein
in Irland vorhanden gewesen sein. Statt dessen war jedoch die ab-
schreckende Armut und die gedrückte Lage des irländischen Volkes auch
\727 schon derart, daß Swift mit scharfer, beißender Ironie den Vor-
schlag machte, der Übervölkerung dadurch abzuhelfen, daß man geröstete
        <pb n="118" />
        ﻿Kap. II.

Folgerungen aus Tatsachen.

s05

Säuglinge in Geschmack bringe und als leckere Speise für die Reichen
jährlich soo ovo irländische Rinder der Schlachtbank überliefere.

Für jemand, der die Literatur des irländischen Elends überblickt,
wie ich dies beim Schreiben dieses Kapitels tun mußte, ist es schwer,
in anständigen Ausdrücken van der Leichtfertigkeit zu reden, mit der
selbst in den Werken so hochsinniger Männer wie will und Buckle das
Elend und die Leiden Irlands der Übervölkerung zugeschrieben werden.
Ich weiß nichts, das besser geeignet wäre, das Blut sieden zu machen,
als die kalten Schilderungen der räuberischen, aufreibenden Tyrannei,
der das irländische Volk unterworfen war, und der allein der irländische
Pauperismus und die irländische Hungersnot zuzuschreiben sind, für die
man vergeblich die Unfähigkeit des Landes, seine Bevölkerung zu er-
halten, verantwortlich macht; und müßte man es nicht dem entnerven-
den Einflüsse zugute halten, der, wie die Weltgeschichte beweist, überall
die Folge tiefer Armut ist, so würde man schwer einem Gefühle der
Verachtung gegen eine Rasse widerstehen können, die, von solchen Un-
bilden gereizt, nur hin und wieder einem Gutsbesitzer den Garaus
gemacht hat.

Gb Übervölkerung je Verarmung und Hungersnot hervorbrachte,
mag eine offene Frage sein; aber der Pauperismus und die Hungersnot
Irlands können dieser Ursache so wenig zugeschrieben^werden, wie der
Sklavenhandel der Übervölkerung Afrikas, oder die Zerstörung Jeru-
salems der Unfähigkeit, die Subsistenzmittel mit der Zunahme seiner
Bevölkerung gleichen Schritt halten zu lassen, wäre Irland von Natur
ein Hain von Bananen und Brotfruchtbäumen, wären seine Rüsten
mit den Guanolagern der Lhincha-Inseln gesegnet gewesen, und hätte
die Sonne südlicherer Breitengrade seinen feuchten Boden zu üppigerer
Fruchtbarkeit erwärmt, so würden die dort herrschenden sozialen Zu-
stände nicht minder Armut und Hungertod mit sich gebracht haben, wie
könnten Verarmung und Hungersnot in einem Lande fehlen, wo die
Pachtschraube dem Bebauer des Bodens den ganzen Ertrag seiner Arbeit
entringt, außer was in guten Jahren gerade zur Erhaltung des Lebens
ausreicht; wo die von dem Belieben des Besitzers abhängende Pacht
Verbesserungen von selbst verbot und jeden Anreiz zu anderer als der
verderblichsten und armseligsten Bewirtschaftung unterdrückte; wo der
Pächter, selbst wenn er könnte, Kapital nicht anzusammeln wagen würde,
aus Furcht, der Gutsherr werde es ihm an Pacht abnehmen; wo er
tatsächlich nicht mehr als ein Sklave war, der auf ein Zeichen eines
Menschen gleich ihm zu jeder Zeit aus seiner elenden Erdhütte vertrieben
werden konnte, ein heimats- und obdachsloser, verhungernder Wanderer,
der selbst nicht einmal die wildwachsenden Früchte der Erde pflücken
oder einen Hasen fangen durfte, um seinen junger zu stillen? Gleichviel
wie dünn die Bevölkerung und welche natürliche Hilfsquellen vorhanden
waren, sind Verarmung und Hungertod nicht die natürlichen Folgen
m einem Lande, wo die Produzenten der Güter gezwungen sind, unter
        <pb n="119" />
        ﻿!(06

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

Bedingungen zu arbeiten, die ihnen die Hoffnung, die Selbstachtung,
die Willenskraft und den Sparsamkeitstrieb nehmen müssen, wo ab-
wesende Gutsherren wenigstens ein Viertel des Reinertrags des Grund
und Bodens beziehen, ohne etwas dagegen zurückzugeben, und wo dis
hungernden Arbeiter außer ihnen noch die im Lande ansässigen Guts-
herren nebst ihren Pferden und funden, Agenten und Inspektoren,
Makler und Gerichtsdiener, eine fremde, ihre religiösen Vorurteile
beleidigende Staatskirche und ein Lfeer von Polizisten und Soldaten
erhalten müssen, die jeden widerstand gegen das aller Gerechtigkeit
hohnsprechende System einzuschüchtern und niederzuhalten haben?
Ist es nicht eine Gottlosigkeit, die weit schlimmer ist als Atheismus,
die Naturgesetze für das so geschaffene Glend verantwortlich zu machen?

was für diese drei Fälle gilt, wird bei näherer Prüfung in allen
anderen Fällen zutreffend gefunden werden. Soweit unsere Kenntnis
der Tatsachen reicht, können wir ruhig in Abrede stellen, daß die Bevölke-
rungszunahme je auf die Unterhaltsmittel in solcher weife gedrückt
habe, um Elend und Laster hervorzubringen, daß die Vermehrung der
Menschenzahl je die Produktion von Lebensmitteln verringert habe.
Die Pungersnotperioden Indiens, Chinas und Irlands können der
Übervölkerung so wenig zugeschrieben werden, wie die pungersnot-
erscheinungen in dem dünn bevölkerten Brasilien. Das dem Mangel
entspringende Laster und Elend kann so wenig der Kargheit der Natur
zugeschrieben werden, wie die durch das Schwert von Dschingis Khan
erschlagenen 6 Millionen, die Tamerlansche Pyramide von Menschen-
schädeln oder die Ausrottung der alten Briten und der Ureinwohner
Westindiens.

Kapitel III.

Folgerungen aus Analogien.

wenden wir uns von der Prüfung der zugunsten der Malthus-
fchen Theorie beigebrachten Tatsachen nun zu den Analogien, die sie
stützen sollen, so finden wir denselben Mangel an Beweiskraft.

Die Stärke der reproduktiven Kräfte im Tier- und Pflanzenreich —
Tatsachen wie die, daß ein einziges Lachspaar, wenn es nur ein paar
Jahre vor seinen natürlichen Feinden geschützt wäre, den Ozean anfüllen
könnte; daß ein Kaninchenpaar unter gleichen Umständen sich bald
über einen ganzen Erdteil verbreiten würde; daß viele pflanzen ihre
Saat hundertfach ausstreuen und einige Insekten Tausende von Eiern
legen, und daß allenthalben in diesen Reichen jede Art beständig danach
strebt und, falls nicht durch die Zahl ihrer Feinde beschränkt, wirklich
dahin gelangt, gegen die Grenzen ihres Lebensunterhalts zu drücken —
        <pb n="120" />
        ﻿

Rax. III.	Folgerungen aus Analogien.	^07

wird von Malthus bis zu den Lehrbüchern der Gegenwart beständig
angeführt, unr zu beweisen, daß die Bevölkerung gleichfalls gegen ihre
Unterhaltsmittel zu drängen strebe und daß, wenn sie nicht durch andere
Mittel eingeschränkt würde, ihre natürliche Vermehrung notwendig
niedrigen Lohn und Mangel oder (wenn das nicht genügt und die Ver-
mehrung noch weiter fortfährt) unausbleibliche Hungersnot herbei-
führen müsse, so daß sie dadurch innerhalb der Grenzen des Lebens-
unterhalts gehalten werde.

Aber ist diese Analogie zutreffend? Aus dem Pflanzen- und Tier-
reiche entnimmt der Mensch seine Nahrung, und die größere Stärke
der Reproduktionskraft in jenen Reichen beweist daher einfach, daß die
Nahrungsmittel schneller zuzunehmen vermögen als die Bevölkerung.
Beweist nicht die Tatsache, daß alle die Dinge, die zu des Menschen
Erhaltung dienen, sich vielfach —&gt; einige von ihnen viel tausend-, andere
viel Millionen- und selbst billionenfach —&gt; zu vermehren imstande sind,
während er seine Anzahl nur verdoppelt, beweist diese Tatsache nicht,
daß die Bevölkerungszunahme nie die Unterhaltsmittel überschreiten
kann, wenn das Menschengeschlecht sich auch bis zum äußersten Umfange
seiner Reproduktionskraft vermehrt? Dies muß einleuchten, wenn man
sich erinnert, daß zwar im Pflanzen- und Tierreich jede Art, kraft ihrer
Reproduktionsfähigkeit, natürlich und notwendig gegen die Bedingungen
drängt, welche ihre weitere Vermehrung beschränken, diese Bedingungen
jedoch nirgends festgesetzt und endgültig sind. Reine Art erreicht die
äußerste Grenze des Bodens, des Wassers, der Luft und des Sonnen-
scheins, aber die wirkliche Grenze einer jeden liegt in dem Dasein anderer
Arten, ihrer Rivalen, ihrer feinde, oder ihrer Nahrung. So kann der
Mensch die Bedingungen, welche das Dasein der ihm zur Nahrung
dienenden Arten beschränken, weiter ausdehnen (und in einigen Fällen
wird sein bloßes Erscheinen dies bewirken), und so eilen die Reproduktions-
kräfte der seine Bedürfnisse befriedigenden Arten, anstatt gegen ihre
früheren Grenzen anzustürmen, in seinem Dienste mit einer Schnellig-
keit voran, mit der seine eigenen Vermehrungskräfte nie Schritt halten
können. Schießt er nur Habichte, so vermehrt sich das eßbare Geflügel;
fängt er nur Füchse, so vervielfältigen sich Hasen und Raninchen; die
Biene folgt dem Menschen in die Wildnis, und von den organischen
Stoffen, mit denen des Menschen Gegenwart die Flüsse füllt, nähren
frch die Fische.

Wenn aber auch jede Betrachtung von unendlichen Ursachen aus-
geschlossen wird, wenn man selbst nicht annehmen dürfte, daß die hohe
und beständige Reproduktionskraft in pflanzen und Tieren den Zweck
hat, sie den Bedürfnissen des Menschen dienstbar zu machen, und daß
deshalb der Druck der niederen Formen des Lebens gegen die Unter-
haltsmittel nicht beweist, es müsse mit dem Menschen, „dem Gipfel
und der Rrone aller Dinge", sich ebenso verhalten, so bleibt doch noch
em weiterer Unterschied zwischen dem Menschen und allen anderen
        <pb n="121" />
        ﻿*08

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

formen des Lebens übrig, der die Analogie ausschließt. Von allen
lebenden Wesen ist der Mensch das einzige, welches den im Vergleich
zu ihm mächtigeren Rexroduktionskräften, die ihn mit Nahrung ver-
sorgen, freien Spielraum verschaffen kann. Das Säugetier, das Insekt,
der Vogel, der Fisch nehmen nur, was sie finden. Ihre Zunahme geht
auf Kosten ihrer Nahrung, und wenn sie die bestehenden Lrnährungs-
grenzen erreicht haben, so muß erst wieder eine Zunahme eintreten,
ehe sie selbst sich vermehren können. Aber ungleich der jedes anderen
lebenden Wesens, schließt die Vermehrung des Menschen die Vermehrung
seiner Nahrungsmittel ein. wären statt Menschen Bären von Europa
nach dem nordamerikanischen Kontinent verschifft worden, so würden
jetzt nicht mehr Bären dort sein als zur Zeit des Kolumbus, möglicher-
weise aber weniger, denn die Nahrung der Bären würde durch deren
Einwanderung nicht vermehrt, noch die Bedingungen ihres Lebens er-
weitert worden sein, sondern wahrscheinlich das Gegenteil davon. Da-
gegen befinden sich allein innerhalb der Grenzen der vereinigten Staaten
jetzt 45 Millionen Menschen, wo damals nur einige punderttausende
waren, und überdies gibt es innerhalb dieses Gebietes per Kopf der
45 Millionen mehr Nahrungsmittel als damals per Kopf der wenigen
bfunderttausende. Ls ist nicht die Zunahme der Lebensmittel, welche
diese Vermehrung der Menschen verursacht hat, sondern die letztere hat
die erstere zuwege gebracht. Es gibt mehr Nahrungsmittel, einfach weil
es mehr Menschen gibt.

Hierin besteht der Unterschied zwischen dem Tier und dem Menschen.
Sowohl der Hühnersalke als der Mensch essen Küken, aber je mehr
Falken, desto weniger Küken, hingegen je mehr Menschen, desto mehr
Küken.

Sowohl der Seehund als der Mensch essen Lachs, aber wenn ein
Seehund einen Lachs fängt, so ist ein Lachs weniger da, und wenn die
Seehunde sich über einen gewissen Punkt vermehren, müssen die Lachse
abnehmen, während der Mensch durch künstliche Befruchtung die Zahl
der Lachse über das von ihm verbrauchte (Quantum hinaus vermehren
kann, so daß, gleichviel wie stark sich die Menschen vermehren, ihre Ver-
mehrung nie die der Lachse zu überholen braucht.

Kurz, während durch das ganze Pflanzen- und Tierreich die Grenze
der Unterhaltsmittel unabhängig von dem unterhaltenen Wesen ist,
ist beim Menschen die Grenze der Unterhaltsmittel innerhalb der letzten
Grenzen von Erde, Luft, Wasser und Sonnenschein allein von ihm selbst
abhängig. Und da dem so ist, so muß die Analogie, welche man zwischen
den niederen Formen des Lebens und dem Menschen zu ziehen sucht,
offenbar unhaltbar sein. während die Tiere und die Pflanzen gegen die
Grenzen ihres Unterhalts drängen, kann der Mensch nicht gegen die
Grenzen des seinigen drängen, ehe die Grenzen des Erdballs erreicht
sind. Man bemerke wohl, dies trifft nicht bloß fürs Ganze zu, sondern
für alle Teile. Wie wir das Niveau der kleinsten Meeresbucht nicht nied-
        <pb n="122" />
        ﻿Kap. in.

Holqerunqen aus Analogien.

riger machen können, ohne das Niveau nicht bloß des Ozeans, an dem
sie liegt, sondern aller Meere und Ozeane der Welt niedriger zu machen,
so ist die Grenze der Subsistenzmittel eines besonderen Platzes nicht
die physische Grenze jenes Platzes allein, sondern der ganzen Erde.
Fünfzig (engl.) Ouadratmeilen Landes werden beim gegenwärtigen
Stande der Landwirtschaft nur für einige tausend Menschen Unterhalt
schassen, aber aus den 50 Ouadratmeilen, welche die 5tadt London
umfaßt, werden an die 4 Millionen erhalten, und die Unterhaltsmittel
nehmen zu, wie die Bevölkerung zunimmt. Soweit es sich um die Grenze
der Unterhaltsmittel handelt, kann London auf eine Bevölkerung von
Wo Millionen, oder 500, oder w»0 Millionen anwachsen, denn es zieht
seinen Unterhalt aus der ganzen Welt, und die Grenze, welche die
Unterhaltsmittel seinem Bevölkerungszuwachs setzen, ist die dem Erdball
gesetzte Grenze, Nahrung für seine Bewohner zu liefern.

bsier wird jedoch ein anderer Gedanke, an dem die Malthussche
Theorie eine große Stütze hat, auftauchen —- der der abnehmenden
Ertragsfähigkeit des Landes. Als zwingender Beweis des Gesetzes
von der abnehmenden Ertragsfähigkeit des Landes wird in den her-
kömmlichen nationalökonomischen Büchern angeführt, daß, wenn das
Land nicht tatsächlich über einen gewissen Punkt hinaus den vermehrten
Aufwendungen von Arbeit und Kapital gegenüber immer weniger er-
gäbe, die zunehmende Bevölkerung keine Ausdehnung des Anbaues
veranlassen würde, sondern alle die benötigten Ausuhrvermehrungen
beschafft werden könnten und würden, ohne daß neues Land in Anbau
genommen werde. Gibt man dies zu, so scheint man auch die Lehre
Zugeben zu müssen, daß die Schwierigkeit, Subsistenzmittel zu gewinnen,
mit der Bevölkerungszunahme sich vermehren müsse.

Aber ich glaube, diese Notwendigkeit ist nur eine scheinbare. Zer-
gliedert man den Satz, so wird man finden, daß er einer Klasse angehört,
deren Richtigkeit von einer in ihm einbegriffenen oder angenommenen
Qualifikation abhängt — einer relativen Wahrheit, die, absolut genommen,
eine Unwahrheit wird. Denn daß der Mensch die Naturkräfte nicht er-
schöpfen oder vermindern kann, folgt aus der Unzerstörbarkeit des Stoffes
und der Beständigkeit der Kraft. Produktion und Konsumtion sind bloß
relative Ausdrücke. Absolut gesprochen, produziert weder der Mensch
noch konsumiert er. Das ganze Menschengeschlecht, und wenn es bis
in alle Ewigkeit arbeitete, könnte diese rollende Kugel nicht um ein Atom
schwerer oder leichter machen, und die Summe der Kräfte, deren ewiges
kreisen alle Bewegung erzeugt und alles Leben erhält, nicht um ein
)ota vermehren oder vermindern, wie das Wasser, das wir aus dem
^leere nehmen, wieder zum Meere zurückkehren muß, so ist die Nahrung
öie wir den Vorräten der Natur entnehmen, von dem Augenblick an,
öa wir sie nehmen, schon wieder auf dem Rückwege zu jenen Vorräten
wegrissen. Was wir einer beschränkten Fläche Landes entnehmen, kann
Zeitweilig die Ertragsfähigkeit dieses Landes vermindern, weil die
        <pb n="123" />
        ﻿Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

\\Ö

Rückerstattung anderem Lande zuteil werden oder zwischen diesem und
jenem Lande, oder vielleicht gar zwischen allem Lande geteilt werden
kann; aber diese Möglichkeit vermindert sich mit der zunehmenden Küche
und hört ganz auf, wenn der ganze Erdball in Frage steht. Daß die
Erde tOOO Milliarden ebenso leicht wie jooo Millionen Menschen unter-
halten könnte, ist eine notwendige Folgerung aus den unantastbaren
Wahrheiten, daß, mindestens soweit unsere Tätigkeit in Betracht kommt,
der Stoff ewig ist und die Kraft sich immerdar betätigen muß. Das Leben
braucht die Kräfte nicht auf, die das Leben erhalten, wir treten in das
materielle Weltall mit nichts ein und nehmen beim Scheiden nichts
mit fort. Physikalisch betrachtet, ist der Mensch nur eine vorübergehende
Form des Stoffes, eine wechselnde Art der Bewegung. Der Stoff
bleibt, und die Kraft dauert. Nichts wird vermindert, nichts geschwächt.
Und hieraus folgt, daß die Bevölkerungsgrenze der Erde nur die Grenze
des Raumes sein kann.

Diese Begrenzung des Raumes jedoch — diese Gefahr, daß das
Menschengeschlecht über die Möglichkeit, Spielraum zu finden, hinaus-
wachsen kann —- ist so entfernt, daß sie für uns nicht mehr praktische Be-
deutung hat, als die Rückkehr der Eisperiode oder das schließliche Er-
löschen der Sonne. So entfernt und schattenhaft sie aber auch ist, so ist
es doch diese Möglichkeit, welche der Malthusschen Theorie ihren an-
scheinend selbstverständlichen Lharakter verleiht. Verfolgen wir sie
indes weiter, so wird selbst dieser Schatten verschwinden. Auch sie ent-
springt einer falschen Analogie. Daß das pflanzen- und Tierleben
danach strebt, gegen die Grenzen des Raumes zu drängen, beweist noch
nicht dieselbe Tendenz im Menschenleben.

Zugegeben, daß der Mensch nur ein höher entwickeltes Tier ist;
daß der Affe mit seinem aufgeringelten Schwänze nur ein entfernter
Verwandter ist, der allmählich akrobatische Gewohnheiten entwickelt
hat; daß der buckelige Walfisch ein noch weit entfernterer verwandter
ist, der in früheren Zeiten sich in das Meer begab; zugegeben, daß er
in rücklaufender Linie mit den Pflanzen verwandt und heute noch
denselben Gesetzen unterworfen ist, wie die Pflanzen, die Fische, die
Vögel und alle anderen Tiere. Dennoch besteht der Unterschied zwischen
dem Menschen und allen anderen Geschöpfen, daß er das einzige Wesen
ist, dessen wünsche in dem Maße zunehmen, wie sie befriedigt werden;
das einzige Tier, das nie zufrieden ist. Die Bedürfnisse jedes anderen
lebenden Wesens sind einförmig und feststehend; der Gchs von heute
erstrebt nicht mehr, als der erste Dchs, der von Menschen ins Zoch ge-
spannt wurde. Die Seemöwe, welche im Englischen Kanal hinter dem
schnellen Dampfer schwebt, braucht keine bessere Nahrung oder Woh-
nung als die Möwen, welche umherkreisten, als die Kiele von Eäsars
Galeeren zuerst gegen einen britischen Strand stießen. Von allem,
was die Natur, sei es auch in noch so großem Maße, bietet, kann, mit
Ausnahme des Menschen, alles Lebende nur so viel nehmen und nur
        <pb n="124" />
        ﻿Folgerungen aus Analogien.

Aap. in.

m

so viel wünschen, als genügt, um Bedürfnisse zu befriedigen, die be-
stimmt und feststehend sind. Der einzige Gebrauch, den sie von größeren
Vorräten oder ausgedehnteren Vorteilen machen können, ist, sich zu
vermehren.

Nicht so mit dem Menschen! Raum sind seine tierischen Bedürf-
nisse befriedigt, so entstehen andere. Nahrung braucht er zuerst, gleich
dem Tiere; demnächst Obdach, wie das Tier und, damit versorgt, gewinnt
sein Fortpflanzungstrieb Gewalt, wie es auch bei dem Tiere geschieht.
Damit aber hört die Gemeinschaft zwischen Tier und Menschen auf!
Das Tier geht nie weiter; der Mensch dagegen hat nur seinen Fuß auf
die erste Stufe einer unendlichen Leiter gesetzt, einer Leiter, die das
Tier niemals betritt, die ihn vom Tier hinweg und über das Tier hinaus-
führt.

Ist erst das Begehren nach der Ouantität befriedigt, so sucht er
die Oualität. Selbst die wünsche, die er noch mit dem Tiere gemein
hat, werden ausgedehnt, verfeinert, erhöht. Nicht bloß der Hunger,
sondern auch der Geschmack sucht in der Nahrung Befriedigung; in der
Rleidung sucht er nicht bloß Behagen, sondern Schmuck; das rohe Ob-
dach wird ein Haus; der unwählerische geschlechtliche Reiz fängt an,
sich in verfeinerte Einflüsse zu verwandeln, und das harte und gemeine
Dasein des tierischen Lebens knospet und blüht in Formen zarter Schönheit.
Mt der Fähigkeit, seine Bedürfnisse zu befriedigen, wächst sein verlangen.
Auf dem niedrigen Niveau des Verlangens speist Lukullus mit Lukullus;
Zwölf Bären braten am Spieß, damit Antonius' Mundvoll Fleisch zu
jeder Zeit frisch für ihn bereit sei; alle Reiche der Natur werden aus-
gebeutet, um Rleopatras Reize zu erhöhen, und Marmor-Säulengänge,
hängende Gärten und Pyramiden, die mit Bergen wetteifern, ent-
stehen. In höhere Formen des Verlangens übergehend, erwacht im
Menschen, was in der Pflanze schlummerte und sich im Tiere hin und
wieder regte. Die Augen des Geistes öffnen sich, und er sehnt sich nach
Missen. Er trotzt der versengenden Hitze der wüste und den eisigen
Stürmen der Polarmeere, aber nicht der Nahrung wegen; er wacht
die ganze Nacht, aber um das Kreisen der ewigen Gestirne zu beobachten.
Tr häuft Arbeit auf Arbeit, um einen Hunger zu befriedigen, den kein
Tier fühlt, einen Durst zu löschen, den kein Tier kennt.

hinaus in die Natur, hinein in sich selbst; zurück durch die Nebel,
die die Vergangenheit verbergen, vorwärts in die Dunkelheit, welche
die Zukunft" einhüllt, dringt die rastlose Sehnsucht, welche erwacht,
sobald die tierischen Bedürfnisse befriedigt schlummern, hinter den
Dingen spürt er ihren Gesetzen nach; er will wissen, wie die Erde ge-
schmiedet und die Sterne aufgehängt wurden, er will den Ouellen des
Gebens bis zu ihrem Ursprünge nachspüren. Und wenn dann der Mensch
seine edlere Natur entwickelt, entsteht das noch höhere verlangen —
die Leidenschaft der Leidenschaften, die Hoffnung der Hoffnungen —-
das verlangen, daß er, eben er, dazu beitrage, das Leben besser und
        <pb n="125" />
        ﻿Buch II.

\\2	Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

schöner zu machen, Mangel und Sünde, Sorge und Schande zu beseitigen.
Er unterwirft und zähmt das Tier; er wendet den Festen den Rücken
und verzichtet aus die Stelle der Macht; er überläßt es anderen, Reich-
tümer anzuhäufen, angenehmeGesühle zubefriedigen, sich in dem warmen
Sonnenschein des kurzen Tages zu wärmen. Er arbeitet für die, welche
er nie sah, nie sehen kann; für einen Ruhm, oder vielleicht nur für eine
armselige Gerechtigkeit, die erst kommen kann, lange nachdem die Erd-
klumpen auf seinen Sarg heruntergerasselt sind. Er müht sich im Vorder-
treffen ab, wo es kalt und wo wenig Beifall von den Menschen zu ernten
ist, wo die Steine scharf und die Gestrüppe dicht sind. Mitten unter dem
Spotte der Gegenwart und dem bsohne, der gleich Messern schneidet,
baut er für die Zukunft; er haut sich den weg durch das Dickicht, den die
fortschreitende Menschheit hernach zu einer Landstraße erweitern kann.
Zn immer höhere, großartigere Sphären steigt und ruft das Verlangen,
und ein Stern, der im Gsten aufgeht, leitet ihn weiter. Seht, jetzt!
Die pulse des Menschen schlagen mit der Sehnsucht des Gottes —&gt; er
möchte helfen bei dem Umlauf der Sonnen!

Zst nicht die Kluft zu weit, als daß die Analogie sie überspannen
könnte? Mehr Nahrung, vollere Lebensbedingungen haben auf Pflanze
und Tier nur so weit Einfluß, daß sie sich vermehren; der Mensch wird
sich entwickeln. Bei dem einen kann die Expansivkraft nur die Anzahl
der Existenzen vermehren, bei dem anderen wird sie unvermeidlich darauf
gerichtet sein, das Dasein zu höheren Formen und weiteren Fähigkeiten
zu entwickeln. Der Mensch ist ein Tier, aber er ist ein Tier plus noch etwas.
Er ist der mythische Baum der Erde, dessen wurzeln im Boden derselben
ruhen, aber dessen höchste Zweige in den bsimmel ragen.

wie man sie auch wenden mag, die Beweisführung zugunsten
der Theorie einer beständigen Tendenz der Bevölkerung, gegen die
Grenzen ihres Unterhalts zu drängen, beruht auf einer unbegründeten
Annahme, einem unverteilten Mittel, wie die Logiker sagen würden.
Die Tatsachen rechtfertigen sie nicht, die Analogien unterstützen sie nicht.
Sie ist eine reine Schimäre, ähnlich denen, welche die Menschen lange
verhinderten, die Kugelform und die Bewegung der Erde einzusehen;
eine Theorie wie die, daß bei unseren Gegenfüßlern alles, was nicht
befestigt ist, von der Erde hinunterfallen müsse, oder wie die, daß ein
vom Mast eines segelnden Schiffes geworfener Ball hinter den Mast
fallen müsse, oder daß ein in ein volles Gefäß mit Wasser gesetzter leben-
der Fisch dasselbe nicht überfließen machen werde. Sie ist so unbegründet,
wo nicht so grotesk, wie die Annahme, von der, wie wir uns denken
können, etwa Adam ausgegangen sein würde (falls er überhaupt Talent
zum Rechnen hatte), um das Wachstum seines Ältesten nach dessen
erstmonatlichen Fortschritten zu berechnen. Von dem Umstande aus-
gehend, daß derselbe bei der Geburt zehn Pfund und in acht Monaten
zwanzig Pfund wog, konnte er, bei den arithmetischen Kenntnissen,
die einige weise ihm zuschreiben, ein ebenso überraschendes Ergebnis
        <pb n="126" />
        ﻿Hop. HI.	Folgerungen aus Analogien.

herausrechnen, wie das von Malthus, nämlich, daß der Zunge im Alter
von zehn Zähren so schwer wie ein Gchs, mit zwölf so schwer wie ein
Elefant und mit dreißig nicht weniger als J75 ?;&lt;5 339 5^8 Tonnen
schwer sein würde.

Tatsächlich haben wir nicht mehr Grund, uns über den Druck der
Bevölkerung auf den Unterhalt zu beunruhigen, als Adam, sich wegen
des schnellen Wachstums seines Bab^s zu quälen. Soweit eine Folgerung
durch Tatsachen wirklich gerechtfertigt und durch Analogie nahe gelegt
ist, so ist es die, daß das Bevölkerungsgesetz dieselben schönen Anpassungen
enthält, wie die Forschung sie uns schon bei anderen Naturgesetzen nach-
gewiesen hat, und daß die Annahme, der Fortpflanzungstrieb strebe
dahin, in der natürlichen Entwicklung der Gesellschaft Elend und Laster
hervorzubringen, ebensowenig berechtigt ist, als wenn wir annehmen
wollten, daß die Anziehungskraft den Mond auf die Erde und die Erde
auf die Sonne schleudern müsse, oder daß, weil bei niedrigerer Tempe-
ratur als 0 Grad das Wasser gefriert, nun bei jedem Frost Flüsse und Seen
bis auf den Grund zufrieren, und die gemäßigten Zonen der Erde selbst
in gelinden Wintern dadurch unbewohnbar gemacht werden müßten.
Daß außer den Malthusschen positiven und vorbauenden Hemmungen
uoch eine dritte besteht, die mit der Erhöhung des Wohlstands-Niveaus
und der geistigen Entwicklung ins Spiel kommt, darauf weisen viele
wohlbekannte Tatsachen hin. Das Verhältnis der Geburten ist in neuen
Ansiedlungen, wo der Rampf mit der Natur wenig Spielraum für
geistiges Leben übrig läßt, sowie unter den mit Armut geschlagenen
Rlassen alter Länder, die inmitten des Reichtums aller seiner Vorteile
bar und zu einem nicht viel besseren als tierischen Dasein verurteilt
sind, notorisch größer als unter denjenigen Rlassen, denen ein zunehmen-
der Wohlstand Unabhängigkeit, Muße, Behaglichkeit und ein volleres
und abwechselnderes Leben gebracht hat. Diese, in dem bekannten
englischen Sprichwort „dem reichen Manne Glück, dem Armen Rinder"
längst anerkannte Tatsache war auch Adam Smith nicht entgangen,
welcher anführt, daß es nicht ungewöhnlich sei, ein armes halbverhungertes
lVeib der Hochlande zu finden, das Mutter von 23 oder 24 Rindern sei;
und sie ist überhaupt allenthalben so deutlich zu beobachten, daß sie nur
erwähnt zu werden braucht.

Wenn das wirkliche Gesetz der Bevölkerung so lautet, wie es nach
nreiner Ansicht lauten muß, so ist die Vermehrungstendenz nicht immer
eine gleichförmige, sondern da stark, wo eine größere Bevölkerung er-
höhten Wohlstand verlechen würde, und wo die Fortdauer des Ge-
schlechts von der durch ungünstige Umstände herbeigeführten Sterblich-
keit bedroht ist, und schwächt sich ab, sobald die höhere Entwicklung des
Dlenschen möglich wird und die Fortdauer des Geschlechts gesichert
ksk- Mit anderen Worten: das Bevölkerungsgesetz stimmt mit dem
besetz der geistigen Entwicklung überein und ist demselben untergeordnet,
^ud die Gefahr, daß menschliche Wesen in eine Welt gesetzt werden

George, Fortschritt und Arinnt.	6
        <pb n="127" />
        ﻿'s sH	Bevölkerung und Unterhaltsmittel.	Buch II.

könnten, wo nicht für sie gesorgt werden kann, entsteht nicht aus den
Satzungen der Natur, sondern aus sozialen Mißverhältnissen, die in-
mitten des Reichtums Menschen zum Mangel verurteilen. Diese Wahr-
heit wird, glaube ich, überzeugend bewiesen werden, wenn wir nach
Ebnung des Terrains dem wahren Gesetze der sozialen Entwicklung
nachspüren. Es würde jedoch den natürlichen Gedankengang stören,
dieselbe jetzt vorwegzunehmen. Ist es mir gelungen, die Negative zu
rechtfertigen — zu zeigen, daß die Malthussche Theorie durch die Gründe,
auf die sie sich stützt, nicht zu beweisen ist —&gt;, so genügt das für jetzt. Jm
nächsten Kapitel beabsichtige ich zu dem positiven Beweis überzugehen
und zu zeigen, daß sie auch durch die Tatsachen widerlegt wird.

Kapitel IV.

Widerlegung der Malthusschen Theorie.

So tief gewurzelt und gänzlich mit den Ansichten der herrschenden
Nationalökonomie die Lehre verflochten ist, daß die Bevölkerungszu-
nahme den Arbeitslohn drücken und Armut hervorbringen müsse, so
vollständig stimmt sie auch mit vielen volkstümlichen Ansichten überein,
und sie vermag in so verschiedenen Gestalten wiederzukehren, daß ich
es für nötig erachtet habe, die Unzulänglichkeit der Gründe, auf die sie
sich stützt, ausführlicher zu beweisen, ehe ich sie an den Tatsachen prüfe;
denn die allgemeine Annahme dieser Theorie fügt den vielen Beispielen,
welche die Geschichte des Denkens dafür bietet, wie leicht die Menschen
Tatsachen mißachten, wenn sie durch eine vorgefaßte Theorie geblendet
sind, ein sehr schlagendes hinzu.

Gar leicht können wir diese Theorie den Tatsachen gegenüber aus
die höchste und entscheidende probe stellen. Offenbar ist die Frage,
ob die Bevölkerungszunahme notwendig den Arbeitslohn drücken und
Mangel hervorbringen müsse, gleichbedeutend mit der Frage, ob sie
die Summe von Gütern, die von einer gegebenen Summe von Arbeit
produziert werden kann, reduzieren müsse.

Das ist es, was die herrschende Lehre behauptet. Man nimmt
an, daß die Natur, je mehr von ihr gefordert wird, desto weniger frei-
gebig sei, so daß die doppelte Arbeit nicht das doppelte Produkt ergeben
könne; und daß somit die Bevölkerungszunahme den Lohn drücken
und tiefere Armut bringen oder, mit Malthus' Worten, in Laster und
Elend enden müsse. In John Stuart Mills Sprache lautet derselbe
Gedanke folgendermaßen:

jedem gegebenen Zustande der Zivilisation kann eine größere Anzahl von
Menschen, als Gesamtheit genommen, nicht so gut versorgt werden, wie eine kleinere.
        <pb n="128" />
        ﻿Kap. IV.

Miderleaunq der Maltbusschen Theorie.

Die Kargheit der Natur, nicht die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, .ist die Ursache der
für Ubervöllerung festgesetzten Strafe. Line ungerechte Verteilung der Güter ver-
schlimmert nicht das Übel, sondern macht dasselbe höchstens etwas früher fühlbar.
Vergeblich sagt man, daß alle Münder, welche die Zunahme der Menschen ins Dasein
ruft, gleichzeitig ksände mitbringen. Die neuen Münder erfordern so viel Nahrung
wie die alten, dagegen erzeugen die bsände nicht so viel, lvären alle Produktionsmittel
in gemeinschaftlichem Besitz des ganzen Volles und wären alle Produkte mit voll-
kommener Gleichheit unter dasselbe verteilt; wäre in einer so eingerichteten Gesell-
schaft der Fleiß gerade so energisch und das Produkt gerade so ausgiebig wie gegen-
wärtig, so würde genug vorhanden sein, um der ganzen vorhandenen Bevölkerung
außerordentlichen Wohlstand zu verschaffen; hätte sich diese Bevölkerung aber erst
verdoppelt, wie sie es bei den Gewohnheiten des Volles und bei solcher Ermutigung
nach kaum zwanzig Jahren unzweifelhaft getan haben würde, was wäre dann ihre
Tage? Wofern nicht die produktiven Gewerbe in derselben Zeit in einem fast beispiel-
losen Grade vervollkommnet wären, würde der geringere Boden, auf den man zurück-
greifen müßte, und die mühseligere und dürftig lohnende Kultur, die man dem besseren
Boden angedeihen lassen müßte, um für eine so viel zahlreichere Bevölkerung Nahrung
zu schaffen, mit unüberwindlicher Notwendigkeit jeden einzelnen im Staate ärmer
als zuvor machen. Wenn die Bevölkerung dann fortführe, in demselben Maßstab
zuzunehmen, würde bald die Zeit kommen, wo niemand mehr als das Notwendigste
hätte, und bald nachher eine Zeit, wo niemand mehr genug hätte, so daß einer weiteren
Vermehrung durch den Tod ein Riegel vorgeschoben würde*)"

Alles dieses leugne ich! Ich behaupte, daß gerade das Gegenteil
von diesen Sätzen richtig ist. Ich behaupte, daß in jedem gegebenen
Zustande der Zivilisation eine größere Anzahl von Menschen, als Gesamt-
heit, besser versorgt werden kann als eine kleinere. Ich behaupte, daß
die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, nicht die Kargheit der Natur die
Arsache des Mangels und Glends ist, welche die herrschende Theorie
der Übervölkerung zuschreibt. Ich behaupte, daß die von einer zunehmen-
den Bevölkerung ins Dasein gerufenen neuen Münder nicht mehr
Nahrung als die alten brauchen, während die Hände, welche sie mit
sich bringen, im natürlichen verlauf der Dinge mehr erzeugen. Ich
behaupte, daß, je größer die Bevölkerung wird, unter sonst gleichen Ver-
hältnissen der Wohlstand, den eine gerechte Verteilung der Güter jedem
einzelnen gewähren würde, desto höher sein muß. Ich behaupte, daß
in einem Zustande der Gleichheit die natürliche Bevölkerungszunahme
beständig darauf hinwirken würde, jeden einzelnen reicher und nicht
ärmer zu machen.

Ich gehe nunmehr an die letzte Instanz und stelle die Frage auf die
Probe der Tatsachen.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte ich zunächst den
^eser vor einer Gedankenverirrung warnen, die selbst bei Schriftstellern
von großemRufe bemerkbar ist. DieFrage, in die sich unsere Untersuchung
Zuspitzt, ist nicht: in welchem Stadium der Bevölkerung werden am
Meisten Unterhaltsmittel produziert, sondern: in welchem Stadium der
Bevölkerung tritt die größte Fähigkeit, Güter zu produzieren, hervor?
Denn die Fähigkeit, Güter irgendwelcherArt zu produzieren, ist dieFähig-

*) Grundsätze der Nationalökonomie. Buch I, Kap. \5, Abschn. 2.

8*
        <pb n="129" />
        ﻿Buch II.

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

feit, Unterhaltsmittel zu produzieren, und die Konsumtion von Gütern
irgendwelcher Art oder von produktiven Kräften ist gleichbedeutend mit
der Konsumtion von Unterhaltsmitteln. Ich habe z. B. etwas Geld
in der Tasche. Damit kann ich entweder Nahrung oder Zigarren oder
Schmucksachen oder Theaterbilletts kaufen, und genau in der Art, wie
ich mein Geld ausgebe, bestimme ich Arbeit, sich auf die Produktion
von Nahrungsmitteln, von Zigarren, von Schmucksachen oder von
Theatervorstellungen zu werfen. Tin Diamantschmuck hat einen Wert
gleich so und so vielen Scheffeln Mehl, d. h. es erfordert durchschnittlich
so viel Arbeit, die Diamanten zu produzieren, als es erfordern würde,
so viel Mehl hervorzubringen. Belade ich meine Frau mit Diamanten,
so strenge ich ebensoviel produzierende Kräfte an, als wenn ich so viel
Nahrung bloßen Litelkeitsformen geopfert hätte, palte ich mir einen
Diener, so nehme ich möglicherweise einen Pflüger vom Pfluge fort.
Die Züchtung und Erhaltung eines Rennpferdes erfordern eine Sorgfalt
und Arbeit, die für die Züchtung und Erhaltung vieler Arbeitspferde
ausreichen würden. Die mit einer allgemeinen Illumination oder mit
dem Abfeuern von Salutschüssen verbundene Güterzerstörung ist gleich-
bedeutend mit dem Verbrennen von so und so viel Lebensmitteln.
Ein Regiment Soldaten oder ein Kriegsschiff mit Mannschaft halten,
heißt Arbeit, die viele tausend Menschen zu erhalten imstande sein
würde, auf unproduktive Zwecke ablenken. Die Fähigkeit einer Bevölke-
rung, die Bedürfnisse des Lebens zu erzeugen, ist also nicht nach den
wirklich erzeugten Lebensbedürfnissen, sondern nach der Ausgabe von
Kraft aller Arbeit zu ermessen.

Abstrakte Erörterungen sind nicht erforderlich. Die Frage ist ein-
fach eine tatsächliche. Nimmt die relative Fähigkeit, Güter zu produzieren,
mit der Bevölkerungszunahme ab?

Die Tatsachen sind so greifbar, daß man nur die Aufmerksam-
keit auf sie zu lenken braucht. Wir haben in neueren Zeiten viele Länder
an Bevölkerung zunehmen sehen, paben sie nicht gleichzeitig noch
schneller an Wohlstand zugenommen? wir sehen viele Länder noch
immer an Bevölkerung zunehmen. Nimmt nicht auch ihr Wohlstand
noch schneller zu? Besteht irgendein Zweifel darüber, daß, während
Englands Bevölkerung stch im Verhältnis von 2 Prozent pro anno
vermehrte, sein Wohlstand sich in noch größerem Verhältnis vermehrt
hat? Ist es nicht richtig, daß, während die Bevölkerung der Vereinigten
Staaten sich alle 29 Jahre verdoppelt hat*), ihr Wohlstand sich in viel
kürzeren Zwischenräumen verdoppelte? Ist nicht unter ähnlichen Ver-
hältnissen —* d. h. in Ländern von gleichartiger Bevölkerung auf gleicher
Kivilisationsstufe —&gt; das am dichtesten bevölkerte Land auch das reichste?
Sind nicht die dicht bevölkertsten östlichen Staaten im vergleich zur
Bevölkerung reicher als die schwächer bevölkerten westlichen oder süd-

*) Das Verhältnis bis rsso war 35 Prozent für jedes Jahrzehnt.
        <pb n="130" />
        ﻿Kap. IV.

Widerlegung der Malthusschen Theorie.

\\7

lichen Staaten? Ist nicht England, wo die Bevölkerung noch dichter
als in den östlichen Staaten ist, auch inr Verhältnis reicher? wann
findet inan den Reichtum am verschwenderischsten unproduktiven
Zwecken, wie prächtigenGebäuden, schönenMöbeln,luxuriösenEquipagen,
5tatuen, Gemälden, Gärten und pachten gewidmet? Ist es nicht
dann, wenn die Bevölkerung am dichtesten, keineswegs aber wenn sie
am dünnsten ist? Wo findet man die meisten solcher Leute, die selbst
nicht produktiv arbeiten und die zu erhalten die allgemeine Produktion
genügt —&gt; Rentiers und vornehme Müßiggänger, Diebe, Polizisten,
Diener, Advokaten, Schriftsteller und dergleichen? Ist es nicht da,
wo die Bevölkerung dicht, keineswegs aber da, wo sie schwach ist? woher
kommt das überströmende Kapital zu gewinnbringender Anlage? Kommt
es nicht aus den dicht bevölkerten Ländern zu den schwach bevölkerten?
Alles dies zeigt unwiderleglich, daß der Reichtum am größten, wo die
Bevölkerung am dichtesten ist, daß die Güterproduktion, die auf eine
gegebene Summe von Arbeit kommt, mit steigender Bevölkerung zu-
nimmt. Alles dies ist sichtbar, wohin wir unsere Blicke auch wenden.
Auf gleichem Niveau der Zivilisation, ans gleicher Stufe der produktiven
Gewerbe, der politischen Verfassung usw. sind die bevölkertsten Länder
immer die reichsten.

Nehmen wir einen besonderen ^all und zwar einen Fall, der von
allen, die angeführt werden können, auf den ersten Blick die uns beschäf-
tigende Theorie am besten zu unterstützen scheint —&gt; den Lall eines
Tandes, wo der Lohn stark gesunken ist, während die Bevölkerung sich
bedeutend vermehrt hat, und wo es keine Sache zweifelhafter Schlüsse,
sondern offenkundige Tatsache ist, daß die Freigebigkeit der Natur sich
vermindert hat. Dies Land ist Kalifornien. Als nach der Entdeckung
öes Goldes die erste Einwanderungswoge sich über Kalifornien ergoß,
fand sie ein Land, in welchem die Natur in großmütigster Geberlaune
war. Die glitzernden Niederschläge von Jahrtausenden konnten an Fluß-
ufern und Sandbänken mit den primitivsten Werkzeugen in Beträgen,
die einen durchschnittlichen Tagelohn von einer Unze (\6 Dollars) er-
gaben, gesammelt werden. Die mit saftigen Gräsern bedeckten Ebenen
wimmelten von zahllosen Herden von Pferden und Rindern, so zahl-
reich, daß es jedem Reisenden frei stand, seinen Sattel auf ein frisches
Aoß zu werfen oder ein Rind zu töten, wenn er ein Stück Fleisch brauchte,
wofern er nur die Haut, das einzig wertvolle, dem Besitzer zurückließ.
Dem reichen Boden, der zum erstenmal unter Kultur kam, entsprossen
uach bloßem Pflügen und Säen Ernten, wie sie in älteren Ländern —
wenn überhaupt — nur durch reichlichstes Düngen und sorgsamste Be-
bauung zu erhalten sind. Inmitten dieser Freigebigkeit der Natur waren
^ie Löhne und Zinsen in dem früheren Kalifornien höher als sonst
irgendwo.

Diese jungfräuliche Freigebigkeit der Natur ist unaufhörlich ge-
wichen vor den größeren und immer größeren Anforderungen, welche
        <pb n="131" />
        ﻿1 ^8	Bevölkerung und Unterhaltsmittel.	Buch II.

eine zunehmende Bevölkerung an sie stellte. Immer ärmere Gräbereien
mußten bearbeitet werden, bis jetzt nichts Erwähnenswertes mehr zu
finden ist, während der regelrechte Bergbau auf Gold viel Kapital,
großes Geschick, vervollkommnete Maschinen erfordert und ein großes
Risiko involviert. „Pferde kosten Geld" und das mit den Salbeisträuchern
der Nevada-Ebenen ernährte Vieh wird jetzt mit der Eisenbahn über
das Gebirge gebracht und in den Schlachthäusern von San Franzisko
getötet, während die Landleute ihr Stroh zu sparen und sich nach Dünger
umzusehen anfangen, und Land unter Kultur ist, das ohne künstliche
Bewässerung kaum drei Jahre unter vieren eine Ernte gibt. Gleich-
zeitig sind die Löhne und die Zinsen beständig gewichen, viele Leute
sind jetzt froh, eine Woche lang für weniger zu arbeiten als sie einst pro
Tag verlangten, und Gold wird pro Jahr zu einem Zinsfuß ausgeliehen,
der einst nicht als übermäßig für den Monat erachtet worden wäre.
Ist der Zusammenhang zwischen der verringerten Ergiebigkeit der Natur
und den niedrigeren Löhnen ein Zusammenhang von Ursache und
Wirkung? Ist es richtig, daß die Löhne niedriger sind, weil die Arbeit
weniger Güter liefert?

Im Gegenteil! Nicht geringer ist die Güter produzierende Kraft
der Arbeit in Kalifornien H8?9 als l,8^9, sondern, wie ich überzeugt bin,
größer. Und niemand, scheint mir, der in Betracht zieht, wie enorm
während dieser Jahre die Leistungsfähigkeit der Arbeit Kaliforniens
durch Landstraßen, Werste, Bewässerungsanlagen, Eisenbahnen, Dampf-
böte, Telegraphen und Maschinen aller Art, durch engere Verbindung
mit der übrigen Welt und durch die aus größerer Bevölkerung sich er-
gebenden zahllosen Ersparungen zugenommen hat —&lt; niemand kann
bezweifeln, daß der Ertrag, welchen die Arbeit in Kalifornien von der
Natur erhält, jetzt im ganzen viel größer ist als in den Tagen der uner-
schöpften Goldbänke und des jungfräulichen Bodens. Die Kraftzunahme
des menschlichen Faktors hat die Kraftabnahme des Naturfaktors mehr
als aufgewogen. Daß dieser Schluß richtig ist, wird durch viele Tatsachen
bewiesen, die zeigen, daß die Güterkonsumtion im Vergleich zur Arbeiter-
zahl jetzt viel größer ist als damals. Statt daß die Bevölkerung fast aus-
schließlich aus Männern im besten Lebensalter bestand, besteht sie jetzt
zu einem großer: Teile aus Frauen und Kindern, und auch andere Nicht-
produzenten haben in viel größerem Maße als die Bevölkerung zuge-
nommen; der Luxus ist viel mehr gestiegen als die Löhne gefallen sind;
wo die besten bsäuser Leinen- und Papierverschläge waren, gibt es
jetzt Wohnstätten, deren Pracht mit europäischen Palästen wetteifert;
livrierte Equipagen befahren die Straßen San Franziskos und ver-
güngungsjachten seine Bai; die Klasse, welche von ihren Renten üppig
leben kann, ist stetig gewachsen; es finden sich reiche Leute, neben denen
die Reichsten früherer Jahre wenig besser als arme Teufel sein würden —
kurz, nach allen Richtungen hin finden sich die schlagendsten und end-
gültigsten Beweise dafür, daß die Produktion sowohl als auch die Kon-
        <pb n="132" />
        ﻿IV.	Widerlegung der Malthusschen Theorie.

sumtion von Gütern mit noch größerer Schnelligkeit als die Bevölkerung
Zugenommen hat, und daß, wenn eine Klaffe weniger erhält, dies nur
wegen der größeren Ungleichheit der Verteilung der Fall ist.

was in diesem besonderen Falle einleuchtend ist, wird es überall
sein, wo man unter die Oberfläche der Dinge sieht. Die reichsten Länder
sind nicht die, wo die Natur am verschwenderischsten ist, sondern die,
wo die Arbeit am wirksamsten ist; nicht Mexiko, sondern Massachusetts;
nicht Brasilien, sondern England. Die Länder, wo die Bevölkerung
am dichtesten ist und am härtesten gegen die Fähigkeiten der Natur
drängt, sind unter sonst gleichen Umständen diejenigen Länder, in denen
der größte Teil der Produktion dem Luxus und der Erhaltung von
Nichtproduzenten gewidmet werden kann, aus denen das Kapital über-
strömt und die erforderlichenfalls, wie^z. B. bei einem Kriege, den größten
Abfluß aushalten können. Daß die Güterproduktion im Verhältnis zur
angewendeten Arbeit in einem dichtbevölkerten Lande, wie^England,
größer ist als in neuen Ländern mit höheren Löhnen und Zinsen, ist
aus dem Umstande ersichtlich, daß, obgleich dort ein viel kleinerer Teil
der Bevölkerung mit produktiver Arbeit beschäftigt ist, doch ein viel
größerer Uberschuß für andere Zwecke als die physischer Bedürfnisse
verwendbar bleibt. Zn einem neuen Lande ist die ganze verwendbare
Kraft des Landes der Produktion gewidmet — es gibt keinen gesunden
Klann, der nicht produktive Arbeit irgendeiner Art leistete, keine gesunde
Frau, die nicht häusliche Arbeiten verrichtete. Es finden sich keine Arme
oder Bettler, keine müßigen Reichen, keine Klasse, deren Arbeit nur
darauf berechnet ist, der Bequemlichkeit oder Laune der Reichen zu
frönen, keine bloß literarische oder wissenschaftliche Klasse, keine nur
vom Raube lebende Verbrecherklasse und keine große Klasse, die erhalten
wird, um die Gesellschaft gegen jene zu schützen. Trotzdem also die ganze
Kraft des Landes der Produktion gewidmet ist, findet im Verhältnis
Zur ganzen Bevölkerung keine so große Güterkonsumtion statt oder kann
erschwungen werden, als dies in älteren Ländern der Fall ist; denn
obgleich die Lage der untersten Klasse besser ist und jedermann sein
gutes Auskommen finden kann, so erzielt doch auch niemand viel mehr;
Wenige oder niemanden gibt es, der in dem Luxus oder nur der Behag-
lichkeit der älteren Länder leben kann. Das will sagen, daß in denselben
die Güterkonsumtion im Verhältnis zur Bevölkerung größer ist, obgleich
die Menge der auf die Güterproduktion gerichteten Arbeit kleiner ist —
oder daß weniger Arbeiter mehr Güter erzeugen; denn Güter müssen
produziert werden, ehe sie konsumiert werden können.

Man kann jedoch einwenden, daß der überlegene Reichtum älterer
Länder nicht der überlegenen Produktionskraft, sondern den Güter-
onhäufungen zuzuschreiben ist, welche das neue Land noch nicht zu
wachen Zeit gehabt hat.

Es wird sich empfehlen, einen Augenblick bei diesem Begriffe an-
Sehäufter Güter stehen zu bleiben. Die Wahrheit ist, daß Güter nur
        <pb n="133" />
        ﻿120

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

in geringem Grade angehäuft werden können, und daß die Länder,
gleich der großen Mehrheit der Individuen, aus der ftand in den Mund
leben. Güter vertragen keine große Anhäufung; außer in wenigen
unbedeutenden Formen halten sie sich nicht. Die Stosse des Erdballs,
welche, wenn sie durch die Arbeit in die gewünschte Form gebracht
sind, die Güterwelt ausmachen, streben beständig nach ihrem Urzustände
zurück. Einige Güterformen überdauern nur wenige Stunden, andere
wenige Tage, andere wenige Monate, wieder andere wenige Jahre,
und sehr wenige gehen von einer Generation zur anderen über. Nehmen
wir Güter in einigen ihrer nützlichsten und dauerndsten Formen an —
Schisse, ftäuser, Eisenbahnen, Maschinen. Falls nicht beständig Arbeit
aufgewendet wird, um sie zu erhalten und zu erneuern, so werden sie
fast unverzüglich nutzlos werden. Man bringe die Arbeit in einem Lande
zum Stillstand, und die Güter werden beinahe so schnell vergehen, wie
der Strahl eines Springbrunnens, sobald der Wasserzufluß abgeschnitten
wird. Man lasse dann wieder die Arbeit sich betätigen, und die Güter
werden fast unverzüglich wieder erscheinen. Dies hat man längst beob-
achtet, wo Krieg oder andere Kalamitäten Güter zerstörten, die Bevölke-
rung aber unverletzt blieb. In London gibt es heutzutage nicht weniger
Güter trotz des großen Feuers von 1.666, noch in Ehikago trotz derselben
Kalamität im Jahre 1870. Auf jenen vom Feuer verheerten Grund-
stücken sind unter der ftand der Arbeit prächtigere Gebäude, gefüllt
mit größeren Warenlagern, entstanden, und der mit der Geschichte der
Stadt unbekannte Fremde würde sich, wenn er die großartigen Straßen
entlang geht, nicht träumen lassen, daß vor wenigen Jahren alles so
schwarz und wüst da lag. Dasselbe Prinzip —- daß die Güter beständig
wieder geschaffen werden — ist in jeder neuen Stadt in die Augen
fallend. Bei gleicher Bevölkerung und gleicher Leistungsfähigkeit der
Arbeit wird die Stadt von gestern so viel besitzen und genießen als die
von den Römern gegründete. Niemand, der Melbourne oder San
Franzisko gesehen, kann zweifeln, daß, wenn die Bevölkerung Englands
nach Neuseeland versetzt würde und alle angehäuften Güter zurück-
blieben, Neuseeland bald so reich wäre als England jetzt ist; oder um-
gekehrt, daß wenn die Bevölkerung Englands auf die kleine Zahl der
jetzigen Bevölkerung Neuseelands beschränkt wäre, sie trotz ihrer
angehäuften Güter bald ebenso arm sein würde wie diese. Angehäufte
Güter scheinen in bezug aus den sozialen Organismus fast genau dieselbe
Rolle zu spielen, wie angehäufte Nahrung in bezug auf den physischen
Organismus. Einige angehäufte Güter find nötig und können bis zu
einem gewissen Umfange in Notfällen in Anspruch genommen werden;
aber die von früheren Generationen produzierten Güter können so wenig
zur Konsumtion der Gegenwart dienen, als die Mahlzeiten, die jemand
im vergangenen Jahre aß, ihn heute mit Kraft versehen können.

Aber auch ohne diese Betrachtungen, die ich mehr wegen ihrer
allgemeinen als ihrer besonderen Tragweite anstellte, ist es augenfchein-
        <pb n="134" />
        ﻿Kap. IV.

Widerlegung der Maltbusschen Theorie.

\2\

lich, daß größere Güteranhäufungen die größere Konsumtion von
Gütern nur in den Fällen erklären können, wo die ersteren abnehmen,
und daß, wo deren Menge sich erhält, oder noch augenscheinlicher, wo
sie zunimmt, eine größere Güterkonsumtion eine vermehrte Produktion
derselben involvieren muß. Gb wir nun aber verschiedene Länder mit-
einander oder ein und dasselbe in seinen verschiedenen Perioden ver-
gleichen, es ist klar, daß der Zustand des Fortschritts, welcher durch Be-
völkerungszunahme angedeutet wird, sich auch durch eine vermehrte
Konsumtion und eine wachsende Güteranhäusung kundgibt, und zwar
nicht bloß im ganzen genommen, sondern auch per Kopf. Und deshalb
bedeutet eine Bevölkerungszunahme, soweit sie je irgendwo vorge-
schritten ist, nicht eine Abnahme, sondern eine Zunahme in der durch-
schnittlichen Güterproduktion.

Und der Grund dieser Erscheinung ist naheliegend. Denn selbst
wenn die Zunahme der Bevölkerung die Kraft des Naturfaktors der
Produktion dadurch schwächt, daß sie ärmeren Boden in Angriff zu
nehmen zwingt, so vergrößert sie doch die Kraft des menschlichen Faktors
so sehr, um dies mehr als auszugleichen. Zwanzig vereint arbeitende
§eute werden auch da, wo die Natur geizt, mehr als zwanzigmal so-
viel Güter produzieren, als ein einziger an einem Grte produzieren
kann, wo die Natur überaus freigebig ist. Ze dichter die Bevölkerung
ist, desto größer wird die Teilung der Arbeit, desto bedeutender die Er-
sparungen bei der Produktion und bei der Verteilung, und somit ist
das genaue Gegenteil der Malthusschen Lehre wahr, und innerhalb
der Grenzen, in denen, wie wir mit allem Grund annehmen dürfen,
die Bevölkerungszunahme noch fortschreiten wird, kann in jedem ge-
gebenen Zustande der Zivilisation eine größere Anzahl Menschen eine
verhältnismäßig größere Summe von Gütern produzieren und ihre
Bedürfnisse besser befriedigen, als es eine kleinere Anzahl vermag.

Man betrachte einfach nur die Tatsachen. Kann etwas klarer
sein, als daß die Ursache der Armut, welche in den Mittelpunkten der
Zivilisation eitert, nicht in der Schwäche der produktiven Kräfte liegt?
In den Ländern, wo die Armut am tiefsten ist, sind die produktiven
Kräfte offenbar stark genug, um, vollständig verwendet, auch dem
niedrigsten nicht bloß behagliche Existenz, sondern sogar Luxus zu ver-
schaffen. Die industrielle Lähmung, die Handelskrisis, deren Fluch heute
auf der zivilisierten Welt lastet, entspringt offenbar keinem Mangel
an produktiver Kraft, wo immer der Fehler liege, augenscheinlich liegt
er nicht in dem Mangel an Fähigkeit, Güter zu produzieren.

Gerade die Tatsache, daß der Mangel erscheint, wo die produktive
^raft am größten und die Güterproduktion am stärksten ist, bildet das
Rätsel, vor dem die zivilisierte Welt in ratloser Verwirrung steht, und das
aür zu lösen versuchen. Augenscheinlich kann es die Malthussche Theorie,

den Mangel der Abnahme der produktiven Kraft zuschreibt, nicht
erklären. Jene Theorie ist durchaus unvereinbar mit allen Tatsachen.
        <pb n="135" />
        ﻿\22

Bevölkerung und Unterhaltsmittel.

Buch II.

Sie ist in Wahrheit nichts anders als ein willkürlicher Versuch, den
Gesetzen Gottes einen Zustand der Dinge zuzuschreiben, welcher, wie
wir schon nach den bisherigen Untersuchungen schließen dürfen, tatsäch-
lich aus den schlechten Einrichtungen der Menschen entspringt — ein
Schluß, der inr Fortgang unserer Untersuchung bewiesen werden wird.
Denn noch haben wir den Grund zu suchen, der inmitten zunehmenden
Reichtums die Armut erzeugt.
        <pb n="136" />
        ﻿Buch III.

Die Gesetze der Verteilung.

„Die zuerst zur Verrichtung einer besonderen Bewegung erfundenen Maschinen
sind stets sehr kompliziert, und spätere Techniker entdecken gewöhnlich, daß dieselben
Wirkungen mit weniger Rädern, mit weniger Bewegungsprinzipien leichter erzielt
werden können, als ursprünglich angewendet worden waren. In gleicher weise sind
die ersten wissenschaftlichen Systeme stets am kompliziertesten, und man hält ein eigenes
Verbindungsglied oder Prinzip für nötig, um je zwei anscheinend getrennte Er-
scheinungen zu vereinigen; aber es kommt oft vor, daß später ein verbindendes Haupt-
prinzip entdeckt wird, welches hinreicht, alle die widersprechenden Erscheinungen,
die in einer ganzen Gattung von Dingen auftreten, miteinander zu verknüpfen."

Adam Smith.

Kapitel l.

Die Untersuchung ist auf die Gesetze der Verteilung einzuschränken;
notwendige Verbindung dieser Gesetze.

Die vorausgehende Prüfung hat, denke ich, vollgültig bewiesen,
daß die inr Namen der Nationalökonomie gewöhnlich gegebene Lr-
klärung des Problems, das wir zu lösen suchen, dasselbe keineswegs
erklärt.

Daß mit dem materiellen Fortschritt die Löhne nicht steigen, sondern
vielmehr zürn 5inken neigen, läßt sich nicht durch die Theone erklären,
daß die Zunahme der Arbeiter beständig darauf hinwirke, die Kapital-
summe, aus der die Löhne gezahlt werden, in kleinere Teile zu teilen.
Denn der Lohn rührt, wie wir gesehen haben, nicht aus dem Kapital
her, sondern ist der unmittelbare Ertrag der Arbeit. Jeder produktive
Arbeiter erzeugt seinen Lohn m dem Klaße wie er arbeitet, und mit
jedem neuen Arbeiter findet eine Vermehrung des wahren Lohnfonds,
eine Vermehrung des allgemeinen Güterwerts statt, die in der Regel
beträchtlich größer ist, als der Betrag, den er im Lohn bezieht.

Auch läßt sich das Rätsel nicht durch die Theorie erklären, daß
die Natur den wachsenden Ansprüchen gegenüber, die ein Zunehmen
der Bevölkerung an sie stellt, weniger gewähre; denn die größere Leistungs-
fähigkeit der Arbeit bewirkt eine beständige Zunahme der Produktion
        <pb n="137" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

m

per Kopf, und die Länder mit dichtester Bevölkerung sind, unter sonst
gleichen Verhältnissen, immer die reichsten Länder.

Bis hierher haben wir nur das Rätsel noch mehr verwirrt, wir
haben eine Theorie über den Pausen geworfen, die bestehende Tat-
sachen in hergebrachter weise erklärte, dadurch aber die Tatsachen an-
scheinend nur noch unerklärlicher gemacht. Ls ist, als ob zu einer Zeit,
wo die ptolemäische Theorie noch in Ansehen stand, bloß bewiesen
worden wäre, daß die Sonne und die Sterne sich nicht um die Erde
drehen. Der Wechsel von Tag und Nacht und die anscheinende Bewegung
der pimmelskörper wären dabei noch unerklärt geblieben, und die alte
Theorie würde daher unfehlbar wieder in ihre Rechte eingesetzt worden
sein, wofern es nicht gelang, eine bessere an ihre Stelle zu setzen. Unsere
Erörterungen haben uns zu dem Schlüsse gesührt, daß jeder produktive
Arbeiter seinen eigenen Lohn erzeugt, und daß eine Vermehrung der
Arbeiterzahl den Lohn jedes einzelnen erhöhen müßte; statt dessen gehen
die augenscheinlichen Tatsachen dahin, daß viele Arbeiter keine lohnende
Beschäftigung finden können, und daß eine Zunahme der Arbeiterzahl
eine Verminderung des Lohnsatzes mit sich bringt. Kurz, wir haben
bewiesen, daß die Löhne da am höchsten sein müßten, wo sie in Wirk-
lichkeit am niedrigsten sind.

Nichtsdestoweniger sind wir doch schon etwas vorgeschritten. Um
zu finden, was wir suchen, müssen wir zunächst entdecken, wo zu suchen
vergeblich ist. wir haben wenigstens das Feld der Forschung beschränkt.
Denn so viel ist jetzt wenigstens klar, daß die Ursache, welche jtrotz der
enormen Zunahme produktiver Kraft die große Ulasse der Produzenten
aus den geringsten Anteil am Produkt, mit dem sich leben läßt, reduziert,
nicht die Beschränktheit des Kapitals oder der dem Geheiß der Arbeit
folgenden Naturkräste ist. Da sie also nicht in den die Güterproduktion
begrenzenden Gesetzen zu finden ist, so muß sie in den, die Verteilung
regierenden Gesetzen gesucht werden. Dahin wollen wir uns jetzt wenden.

Ls wird nötig sein, das ganze Thema der Güterverteilung in
seinen Pauptzweigen durchzugehen. Um die Ursache zu entdecken,
welche bei zunehmender Bevölkerung und fortschreitender Entwick-
lung der produktiven Gewerbe die Armut der untersten Klasse ver-
tieft, müssen wir das Gesetz auffinden, welches darüber entscheidet,
welcher Teil des Produkts der Arbeit als Lohn zuteil wird. Um das
Lohngesetz zu finden, oder wenigstens um zu wissen, wann wir es ge-
funden haben, müssen wir ferner die Gesetze feststellen, die den dem
Kapital und den den Grundbesitzern anheimfallenden Anteil bestimmen;
denn da der Grund und Boden, die Arbeit und das Kapital sich in die
Güterproduktion teilen, so kann das Produkt nur unter diesen Dreien
verteilt werden.

Unter dem Produkt oder der Produktion eines Landes ist die
Summe der von dessen Bewohnern produzierten Güter zu verstehen —•
öer allgemeine Fonds, aus dem (so lange früher vorhandene Vorräte
        <pb n="138" />
        ﻿Kap. I.

(25

Verbindung der Verteilungsgesetze.

nicht vermindert werden) alle Konsumtion bestritten und alle Ein-
kommen gezogen werden müssen, wie ich schon erläuterte, ist unter
Produktion nicht bloß die Herstellung der Dinge zu verstehen, sondern
sie schließt auch die durch den Transport oder Tausch gewonnene Wert-
Zunahme ein. Sowohl in reinen pandelsstaaten, wie in rein ackerbau-
treibenden oder rein fabrizierenden Ländern werden Güter produziert,
und in dem einen Falle wie in dem anderen wird ein Teil des Produkts
dem Kapital zufallen, ein anderer der Arbeit und, wofern Land wert
hat, ein dritter den Grundbesitzern. Tatsächlich dient ein gewisser Teil
der produzierten Güter beständig zum Ersatz des Kapitals, welches fort-
während konsumiert und ersetzt wird. Doch braucht dieser Teil nicht be-
sonders in Betracht gezogen zu werden, da er dadurch eliminiert wird,
daß das Kapital als etwas Zusammenhängendes angesehen wird, wie
wir es im Reden und Denken gewöhnlich tun. Reden wir daher von dem
Produkt, so verstehen wir darunter den Teil der Güter, der über die
Summe hinaus produziert wird, welche erforderlich ist, um das in der
Produktion verbrauchte Kapital zu ersetzen; und sprechen wir von Zinsen
oder dem Ertrage des Kapitals, so verstehen wir darunter das, was
das Kapital erhält, nachdem es wieder ersetzt ist.

Es ist ferner eine Tatsache, daß in jedem Lande, das über den
primitivsten Zustand hinweg ist, ein Teil des Produkts als Steuern
erhoben und durch die Regierung verbraucht wird. Dies braucht jedoch
nicht in Betracht gezogen zu werden, wenn wir die Gesetze der Ver-
keilung aufsuchen wollen. Wir können die Besteuerung entweder als
nicht bestehend oder als eine Verringerung des Produkts um so und so
viel ansehen. Und ebenso das, was von dem Produkt durch gewisse
formen des Monopols genommen wird, die wir in einem folgenden
kkapitel (Kap. 4) erwähnen werden, und die ähnlich wie Steuern wirken.

Erst nachdem wir die Gesetze der Verteilung entdeckt haben, läßt
sich übersehen, ob und welchen Einfluß die Besteuerung darauf hat.

Wir müssen diese Gesetze der Verteilung oder wenigstens zwei
derselben selbst entdecken. Denn daß sie von der herrschenden National-
ökonomie (mindestens als Ganzes) nicht richtig aufgefaßt worden sind,
ist, abgesehen von unserer früheren Untersuchung eines derselben, aus
allen Abhandlungen der herrschenden Schule zu ersehen.

Schon aus der Terminologie ist dies ersichtlich.

In allen nationalökonomischen werken wird uns gesagt, daß die
dfei Faktoren der Produktion Grund und Boden, Arbeit und Kapital
seien, und daß das Gesamtprodukt ursprünglich in drei entsprechende
^eile verteilt werde. Ls sind daher drei Ausdrücke erforderlich, deren
jeder einen dieser Teile mit Ausschluß der anderen klar bezeichnet. Die
Grundrente drückt, wie sie definiert wirch den ersten dieser Teile, den-
Vnjgen, welcher auf die Grundbesitzer entfällt, klar genug aus. Der
^ahn kennzeichnet, wie er definiert wird, den zweiten Teil, der den Ertrag
öer Arbeit ausmacht, ebenfalls klar genug. Was aber den dritten Aus-
        <pb n="139" />
        ﻿\26

Buch III.

Die Gesetze der Verteilung.

druck betrifft, welcher den Ertrag des Kapitals bezeichnen soll, so herrscht
darüber in den Werken der tonangebenden Richtung eine ganz absonder-
liche Zweideutigkeit und Verwirrung.

Von den Worten des gewöhnlichen Sprachgebrauchs kommt das
Wort Zins dern ausschließlichen Ausdrucke des Begriffs einer Vergütung
für Kapitalnutzung am nächsten, denn dasselbe involviert wie es ge-
wöhnlich gebraucht wird, die Vergütung für Kapitalnutzung ausschließ-
lich aller Arbeit für Verwendung oder Verwaltung des Kapitals, sowie
ausschließlich jedes weiteren Risikos als desjenigen, das mit der Sicherheit
des beliehenen Gegenstandes verknüpft ist. Das Wort Gewinn ist,
wie es gewöhnlich gebraucht wird, beinahe gleichbedeutend mit Ein-
kommen und bedeutet eine über eine ausgegebene Summe hinaus
zurückemxfangene Summe, involviert auch häufig Einnahmen, die
eigentlich Grundrente find, während es fast immer Einnahmen ein-
schließt, die eigentlich Löhne, sowie Vergütungen für das den verschie-
denen Kaxitalverwendungen eigentümliche Risiko sind, wofern also
dem Sinne des Wortes nicht äußerste Gewalt angetan wird, darf es in
der Nationalökonomie nicht gebraucht werden, um den auf das Kapital
entfallenden Anteil, im Gegensatze zu den der Arbeit und den Grund-
besitzern zukommenden Anteilen, zu bezeichnen.

Übrigens ist alles dies in den Hauptwerken der Nationalökonomie
anerkannt. Adam Smith erläutert treffend, wie die Löhne und die
Vergütungen für Risiko einen bedeutenden Teil der Gewinne ausmachen,
indem er darauf hinweist, wie der große Verdienst der Apotheker und
kleinen Krämer in Wirklichkeit der Lohn ihrer Arbeit und nicht die Zinsen
ihres Kapitals sind; wie ferner die bisweilen in gewagten Geschäften
gemachten großen Gewinne, wie beim Schmuggel oder im Holzhandel,
tatsächlich nur Vergütungen für Lxtrarisiko sind, das auf die Länge
den Ertrag des dazu verwendeten Kapitals auf den gewöhnlichen Satz
oder darunter drückt. Ähnliche Erläuterungen werden in den meisten
der späteren Werke gegeben, wo der Gewinn ausführlich in seinem ge-
wöhnlichen 1501116 definiert ist, vielleicht mit Ausschluß der Grundrente.
)n allen diesen Werken wird dem Leser gesagt, daß der Gewinn aus
drei Elementen bestehe, aus dem Lohne für die Aufsicht, der Ausgleichung
für das Risiko und den Zinsen, d. h. der Vergütung für die Benutzung
des Kapitals.

Demnach kann der Gewinn, weder seinem gewöhnlichen, noch
dem ihm von der herrschenden Nationalökonomie ausdrücklich bei-
gelegten Sinne nach, einen jplatz in der Erörterung der Güterverteilung
unter die drei Faktoren der Produktion haben. Sowohl dem gewöhn-
lichen wie dem ihm ausdrücklich beigelegten Sinne nach bedeutet die
Rederei von einer Verteilung der Güter in Grundrente, Lohn und Gewinn
nichts anderes, als wenn man von der Teilung der Menschheit in Männer,
Weiber und Menschen spräche.

Dennoch - geschieht dies, zur äußersten Verwirrung des Lesers,
        <pb n="140" />
        ﻿Verbindung der Verteilungsgesetze.

\27

in allen Werken der herrschenden Richtung. Sie zerlegen erst aus-
drücklich den Gewinn in Lohn für die Aufsicht, in Ausgleichung für
das Risiko und in Zinsen —' den Nettoertrag für den Gebrauch des
Kapitals —&gt; und dann handeln sie von der Verteilung der Güter zwischen
Rente für den Grund und Boden, Lohn für die Arbeit und Gewinn
für das Kapital.

Zch zweifle nicht, daß Tausende von Menschen sich den Kopf über
diese Verwirrung der Ausdrücke zerbrochen und in Verzweiflung auf
die Erklärung verzichtet haben, in der Meinung, daß, da die Schuld
unmöglich an so großen Denkern liegen könne, sie in ihrer eigenen Be-
schränktheit liegen müsse, wenn es diesen Leuten zum Trost gereichen
kann, so mögen sie aus Buckles „Geschichte der Zivilisation" ersehen,
wie ein Mann, der gewiß eine sehr klare Vorstellung von dem hatte,
was er las, und der die hauptsächlichsten Nationalökonomen, von Smith
abwärts, sorgfältig gelesen hatte, durch diesen Mischmasch von Gewinn
und Zinsen unabsehbar verwirrt wurde. Denn Buckle spricht (Buch I,
Kap. 2 und Anmerkungen) beständig von der Verteilung des Reichstums
in Grundrente, Lohn, Zins und Gewinn.

Und dies ist nicht zu verwundern. Denn diese Nationalökonomen
Zerlegen erst den Gewinn in Lohn für die Aufsicht, Versicherung und
Zins und sprechen dann bei der Erklärung der Ursachen, die den ge-
wöhnlichen Gewinnsatz bestimmen, von Dingen, die offenbar nur den
Teil des Gewinnes betreffen, den sie Zins genannt haben, und wenn
sie dann von Zinsfuß reden, so geben sie entweder nur die bedeutungs-
lose Formel von Angebot und Nachfrage oder erwähnen Ursachen,
welche die Ausgleichung für das Risiko betreffen, und brauchen das Wort
augenscheinlich in seinem gewöhnlichen, nicht aber in dem national-
ökonomischen Sinne, den sie demselben beigelegt haben, und aus welchem
die Vergütung für Risiko ausgeschieden ist. will der Leser Zohn Stuart
Mills „Grundsätze der Nationalökonomie" zur Hand nehmen und das
Kapitel über den Gewinn (Buch II, Kap. 15) mit dem Kapitel über
den Zins (Buch III, Kap. 23) vergleichen, so wird er bei dem logischsten
Denker unter den englischen Nationalökonomen die so entstehende Ver-
wirrung in einer auffallenderen Art und weise exemplifiziert finden,
als ich sie charakterisieren möchte.

Gewiß sind diese Männer nicht ohne Grund einer solchen Ge-
dankenverwirrung verfallen, wenn sie einer nach dem anderen Adam
ömith folgten, wie spielende Knaben im Gänsemarsch, hüpfend wo er
hüpfte, springend wo er sprang, und fallend, wo er fiel, so konnte es
freilich nicht fehlen, daß einmal ein Zaun kam, gegen den man hüpfte,,
und ein Loch, wo man hineinfiel.

Die Schwierigkeit, aus der diese Verwirrung entsprungen ist,
Mgt in der vorher aufgestellten Lohntheorie. Aus Gründen, die ich
früher angeführt habe, schien es ihnen eine selbstverständliche Wahrheit,
daß die Löhne gewisser Arbeiterklassen von dem Verhältnis zwischen.
        <pb n="141" />
        ﻿128

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

dem Kapital und der Arbeiterzahl abhingen. Es gibt indes gewisse
Arten des Lohns für Arbeit, auf die diese Theorie augenscheinlich nicht
Paßt; und so pflegt man den Ausdruck Lohn auf den im engeren, ge-
wöhnlichen Sinne so genannten Lohn einzuschränken. Daher würde,
wenn der Ausdruck Zinsen (wie es nach ihren Definitionen geschehen
müßte) nur gebraucht worden wäre, um den dritten Anteil an der Güter-
verteilung zu bezeichnen, offenbar aller Lohn für persönliche Arbeit,
außer demjenigen der sogenannten Lohnarbeiter, leer ausgegangen
sein. Wenn man dagegen die Güterverteilung nicht unter Rente, Lohn
und Zins, sondern unter Rente, Lohn und Gewinn vor sich gehen läßt,
so vermeidet man diesen Abelstand, da man allen nicht unter das vorher
angenommene Lohngesetz fallenden Lohn unter den engen Begriff
des Gewinnes, als Lohn für Aufsicht oder Leitung, werfen kann.

Liest man sorgfältig, was die Nationalökonomen über die Güter-
verteilung sagen, so ersieht man, daß, trotz ihrer korrekten Definition
desselben, der Ausdruck Lohn in dem von ihnen in dieser Verbindung
gebrauchten Sinne ein „unverteilter Ausdruck" ist, wie die Logiker sagen
würden; es werden damit nicht alle Löhne, sondern nur einige gemeint,
nämlich die von einem Arbeitgeber für bsandarbeit bezahlten Löhne.
So wirft man die anderen Löhne mit dem Ertrage des Kapitals zu-
sammen und schließt sie in den Ausdruck Gewinn ein, wodurch jede
klare Unterscheidung zwischen dem eigentlichen Kapitalerträge und dem
Ertrage aus menschlicher Anstrengung unmöglich wird. Tatsache ist,
daß die herrschende Nationalökonomie keine irgendwie klare und haltbare
Erklärung der Güterverteilung gibt. Das Rentengesetz ist klar hingestellt,
aber es steht ohne Zusammenhang da. Das Übrige ist ein konfuser und
zusammenhangsloser Wirrwarr.

Diese Gedankenverwirrung und dieser Mangel an Folgerichtigkeit
wsrd schon durch die gewählte Einrichtung dieser Werke bewiesen. So-
viel ich weiß, sind in keinem nationalökonomischen Werke diese Gesetze
der Verteilung so zusammengestellt, daß der Leser sie mit einem Blicke
zu übersehen und ihre Beziehungen zueinander zu erkennen vermag,
sondern das über jedes einzelne Gesagte findet sich in einer Masse von
politischen und moralischen Reflexionen und Abhandlungen eingehüllt.
Der Grund braucht nicht weiter gesucht zu werden. Stellte man die
drei Gesetze der Verteilung, wie sie jetzt gelehrt werden, nebeneinander,
so würde sich auf den ersten Blick ergeben, daß ihnen die notwendige
Verbindung fehlt.

Die Gesetze der Güterverteilung sind offenbar Gesetze des Maßes,
und müssen in einem derartigen Verhältnisse zueinander stehen, daß,
sobald zwei davon gegeben sind, das dritte daraus gefolgert werden
kann. Denn wenn man sagt, daß einer der drei Teile eines Ganzen
größer oder kleiner geworden ist, so heißt das, daß der eine der anderen
beiden Teile, oder auch beide, entsprechend kleiner oder größer geworden
sind. Wenn Thomas, Richard und Heinrich Teilhaber eines Geschäfts
        <pb n="142" />
        ﻿Kap. I.

Verbindung der Verteilungsgesetze.



sind, so muß die Vereinbarung, welche die Beteiligung eines derselben
am Gewinn festsetzt, gleichzeitig entweder die einzelne oder die gemein-
schaftliche Beteiligung der beiden anderen festsetzen, wird Thomas'
Anteil auf 40 Prozent festgestellt, so bleiben so Prozent zur Verteilung
zwischen Richard und Heinrich übrig, wird Richards Anteil auf 40 Pro-
zent und Heinrichs Anteil auf 35 Prozent gesetzt, so wird dadurch Thomas
Anteil auf 25 Prozent bestimmt.

Unter den Gesetzen der Güterverteilung, wie sie in den Büchern
der herrschenden Richtung aufgestellt werden, ist jedoch von keinem der-
artigen Verhältnisse die Rede. Venn wir sie herausfischen und zu-
sammenstellen, so finden wir sie, wie folgt:

Der Lohn wird durch das Verhältnis zwischen dem der Zahlung
und Erhaltung von Arbeitskräften gewidmeten Kapitalbetrage und der
Anzahl beschäftungsuchender Arbeiter bestimmt.

Die Grundrente wird durch den Gewinn der Bebauung bestimmt;
alle Ländereien liefern als Grundrente den Teil ihres Produkts, der das
übersteigt, was ein gleicher Aufwand von Arbeit und Kapital aus dem
ärmsten in Benutzung befindlichen Boden verschaffen könnte.

Der Zinsfuß wird durch die Gleichung zwischen der Nachfrage
der Borgenden und dem Kapitalangebote der Darleihenden bestimmt.
Als Gesetz des Gewinnes wird angegeben, der Gewinn werde durch
die Löhne bestimmt, er falle, wenn die Löhne steigen, und steige, wenn
die Löhne fallen, oder um Mills Redewendung zu gebrauchen, der
Gewinn werde durch den Preis bestimmt, welchen die Arbeit dem
Kapitalisten kostet.

Die Nebeneinanderstellung dieser gebräuchlichsten Erklärungen der
Verteilungsgesetze zeigt sofort, daß sie der Wechselbeziehung ermangeln,
welche die wahren Verteilungsgesetze besitzen müssen. Sie greifen
weder ineinander, noch wirken sie zusammen. Somit sind wenigstens
Zwei dieser drei Gesetze falsch aufgefaßt oder falsch dargestellt. Dies
stimmt mit dem, was wir schon gesehen haben, daß nämlich die herr-
schende Auffassung des Lohngesetzes und folglich auch des Gesetzes vom
Zinsfuß die Prüfung nicht besteht, wir müssen somit die wahren Gesetze
der Verteilung des Arbeitsproduktes in Lohn, Grundrente und Zins
aufsuchen. Der Beweis, daß wir sie gefunden, wird in ihrem Ineinander-
greifen liegen, darin, daß sie einander begegnen, in Wechselwirkung
stehen und einander gegenseitig begrenzen.

Mit dem Gewinn hat diese Untersuchung offenbar nichts zu tun.
V)ir wollen ermitteln, welche Umstände die Verteilung des gemein-
schaftlichen Produktes unter den Grund und Boden, die Arbeit und das
Kapital bestimmen, und Gewinn ist kein Ausdruck, der ausschließlich
einen dieser drei Teile betrifft, von den drei Teilen, in welche der
Gewinn durch die Nationalökonomie zerlegt wird — nämlich: Vergütung
^ür Risiko, Lohn für Aufsicht und Ertrag für die Kapitalnutzung —,
sällt der letztere unter den Ausdruck Zins, der alle Erträge der Kapital-

George, Fortschritt und Armut.	9
        <pb n="143" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

J30

Nutzung einschließt und alles andere ausschließt; der Lohn für Aussicht
fällt unter den Ausdruck Lohn, der alle Erträge für inenschliche Arbeit
ein- und alles andere ausschließt; und die Vergütung für Risiko hat
nirgends Platz, da, wenn man alle Geschäfte eines Landes zusammen-
nimmt, das Risiko beseitigt ist. Ich werde daher, in Übereinstimmung
mit den Definitionen der Nationalökonomen, den Ausdruck Zins für
denjenigen Teil des Produktes, der auf das Kapital entfällt, an-
wenden.

Rekapitulieren wir:

Der Grund und Boden, die Arbeit und das Kapital sind die Faktoren
der Produktion. Der Ausdruck Grund und Boden schließt alle Kräfte
und Vorteile der Natur ein; der Ausdruck Arbeit alle menschliche An-
strengung; und der Ausdruck Kapital alle Güter, die gebraucht werden,
um mehr Güter zu produzieren. Unter diese drei Faktoren wird das
ganze Produkt verteilt. Der Teil, der auf die Grundbesitzer als Zahlung
für den Gebrauch der natürlichen Vorteile entfällt, heißt Grundrente;
der Teil, welcher die Belohnung menschlicher Arbeit ausmacht, heißt
Lohn, und der Teil, der den Ertrag für die Kaxitalnutzung bildet, heißt
Zins. Diese Ausdrücke schließen sich gegenseitig aus. Das Einkommen
jedes einzelnen kann aus einer, zweien oder allen dreien dieser «Duellen
entspringen; doch müssen wir sie, in dem Bestreben, die Gesetze der
Verteilung zu entdecken, auseinanderhalten.

Ich muß der jetzt vorzunehmenden Untersuchung vorausschicken,
daß der nach meiner Ansicht nun ausreichend bewiesene Fehlgang der
Nationalökonomie auf die Annahme eines irrtümlichen Standpunktes
zurückgeführt werden darf. Zn einem Gesellschaftszustande lebend
und ihre Beobachtungen anstellend, wo der Kapitalist gewöhnlich Land
pachtet und Arbeiter beschäftigt, somit der Unternehmer oder erste
Urheber der Produktion zu sein scheint, wurden die Pauptvertreter der
Wissenschaft verleitet, das Kapital als den ursprünglichen Faktor der
Produktion, den Grund und Boden als dessen Instrument und die Arbeit
als dessen Werkzeug oder Agenten zu betrachten. Dies ist auf jeder Seite,
in der Form und in dem Gange ihrer Erörterungen, in dem Lharakter
ihrer Beispiele und selbst in der Wahl ihrer Ausdrücke ersichtlich. Allent-
halben ist das Kapital der Ausgangspunkt, der Kapitalist die Hauptfigur.
Dies geht so weit, daß sowohl Smith als Ricardo den Ausdruck „natür-
lichen Lohn" anwenden, um das Minimum auszudrücken, mit welchem
Arbeiter leben können, während, wenn nicht die Ungerechtigkeit das
Natürliche ist, alles, was der Arbeiter überhaupt erzeugt, seinen natür-
lichen Lohn ausmachen sollte. Diese Gewohnheit, das Kapital als den
Beschäftige! der Arbeit zu betrachten, hat sowohl-zu der Theorie geführt,
daß die Löhne von dem relativen Kapitalüberflusse abhängen, als auch
zu der anderen, daß die Zinsen sich im umgekehrten Verhältnis wie die
Löhne bewegen, und von Wahrheiten abgelenkt, die ohne jene Gewohn-
heit nicht hätten verborgen bleiben können. Kurz, der Irrweg, der die-
        <pb n="144" />
        ﻿Kap. I.

Verbindung der Verteilungsgesetze.

Nationalökonomie bezüglich der Pauptgesetze der Verteilung in den
Sumpf, anstatt auf Bergeshöhen führte, wurde schon eingeschlagen,
als Adam Smith in feinem ersten Buche den in dem Satze: „Das Er-
zeugnis der Arbeit bildet den natürlichen Rekompens oder Lohn der
Arbeit" angedeuteten Standpunkt verließ, um denjenigen dafür ein-
zunehmen, von welchem das Kapital als die Arbeit beschäftigend und die
Töhne zahlend angesehen wurde.

Betrachten wir indes den Ursprung und die natürliche Folge der
Dinge, so ist die Ordnung umgekehrt und das Kapital, anstatt zuerst
Zu kommen, kommt zuletzt; anstatt Arbeitgeber zu sein, wird es in Wahr-
heit durch die Arbeit beschäftigt. Ls muß Grund und Boden vorhanden
sein, ehe Arbeit verrichtet werden kann, und es muß Arbeit verrichtet
werden, ehe Kapital hervorgebracht werden kann. Das Kapital ist ein
Ergebnis der Arbeit und wird durch die Arbeit benutzt, um ihr bei fernerer
Produktion zu helfen. Die Arbeit ist die tätige und anfängliche Kraft,
und die Arbeit ist daher der Beschäftiger des Kapitals. Die Arbeit kann
nur auf den Grund und Boden gerichtet, und dem Grund und Boden
Muß der Stoff, den sie in Güter verwandelt, entnommen werden.
Der Grund und Boden ist daher die Vorbedingung, das Feld und Material
der Arbeit. Die natürliche Ordnung ist Grund und Boden, Arbeit,
Kapital, und anstatt das Kapital zum Ausgangspunkt zu nehmen,
wüsten wir vom Grund und Boden ausgehen.

Noch etwas anderes ist zu beachten. Das Kapital ist kein notwendiger
Faktor der Produktion. Die auf den Grund und Boden gerichtete Arbeit
kann ohne die pilfe des Kapitals Güter produzieren und muß so, nach
der notwendigen Entstehung der Dinge, Güter produzieren, ehe Kapital
bestehen kann. Deshalb muß das Gesetz der Rente mit dem Lohngesetz
w Wechselbeziehung stehen und ohne Bezug auf das Kapitalgesetz ein
vollkommenes Ganze bilden, da sonst diese Gesetze auf die leicht vorstell-
baren und bis zu einem gewissen Grade wirklich vorkommenden Fälle,
w denen das Kapital an der Produktion keinen Teil nimmt, nicht passen
würden. Und da das Kapital, wie man oft gesagt hat, nur angesammelte
Arbeit ist, so ist es nur eine Form der Arbeit, eine Unterabteilung des
allgemeinen Ausdruckes Arbeit; und sein Gesetz muß dem Lohngesetz
untergeordnet sein und in Wechselbeziehung mit demselben stehen,
damit es auf Fälle passe, in welchen das ganze Produkt zwischen der
Arbeit und dem Kapital, ohne einen Abzug für Grundrente geteilt wird.
Am nochmals auf das vorhin gebrauchte Beispiel zurückzukommen:
Aie Verteilung des Produkts unter den Grund und Boden, die Arbeit
und das Kapital muß genau so sein, wie sie zwischen Thomas, Richard
und Heinrich sein würde, falls Thomas und Richard die ursprünglichen
Teilhaber wären und peinlich nur als ein Gehilfe und Teilhaber Richards

eingetreten wäre.

9*
        <pb n="145" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

132

Kapitel II.

Die Grundrente und ihr Gesetz.

Der Ausdruck Grundrente weicht in seinem nationalökonomischen
Sinne — d. h. wenn derselbe so gebraucht wird, wie ich ihn gebrauche,
um jenen Teil des Produkts zu bezeichnen, der den Besitzern von Grund
und Boden oder anderen Naturvorteilen, kraft ihres Eigentumsrechtes
zufällt —&gt; von dem gewöhnlich gebrauchten Worte Rente ab. In einigen
Beziehungen ist der nationalökonomische Sinn enger, in anderen weiter
als der alltägliche Sinn des Ausdruckes.

Enger ist er in folgendem: In gewöhnlicher Redeweise wenden
wir das Wort Grundrente sowohl auf Zahlungen für die Benutzung
von Gebäuden, Maschinen, Wohnungen usw., als auch auf Zahlungen
für den Gebrauch von Grund und Boden oder anderen Naturvorteilen
an, und wenn wir von der Rente eines pauses oder Grundbesitzes
sprechen, trennen wir den Preis für die Benutzung der Verbesserungen
nicht von dem Preise für die Benutzung des bloßen Landes. Im national-
ökonomischen Sinne hingegen sind Zahlungen für die Benutzung irgend-
welcher Produkte menschlicher Arbeit ausgeschlossen, und von den Ge-
samtzahlungen für die Benutzung von Päusern, Landgütern usw. ist
nur derjenige Teil Rente, welcher die Vergütung für die Benutzung des
Grund und Bodens ausmacht, während der für den Gebrauch der
Gebäude oder sonstiger Verbesserungen bezahlte Teil vielmehr Zins
ist, da er eine Vergütung für die Benutzung von Kapital darstellt.

Weiter ist er in folgendem: Im gewöhnlichen Sinne sprechen
wir nur von Rente, wenn Eigentümer und Nutznießer verschiedene
Personen sind. Im nationalökonomischen Sinne aber wird auch da
von Rente gesprochen, wo dieselbe Person zugleich Eigner und Nutz-
nießer ist. Im letzteren Falle wäre das, was er erhielte, falls er sein
Land an jemand anders verpachtete, Rente, während der Ertrag feiner
Arbeit und feines Kapitals derjenige Teil seines Einkommens ist, welchen
beide ihm eintragen würden, falls er sein Land pachten müßte, anstatt
es selbst zu besitzen. Die Rente kommt auch in dem Verkaufspreise zum
Ausdruck, wird Land gekauft, so ist der Kaufpreis des Eigentumsrechts
oder des Rechts auf immerwährende Benutzung eine umgewandelte
oder kapitalisierte Rente. Kaufe ich Land zu einem niedrigen Preise
und behalte es, bis ich es zu einem hohen Preise verkaufen kann, so
bin ich reich geworden, nicht durch den Lohn für meine Arbeit oder durch
die Zinsen für mein Kapital, sondern durch die Vermehrung der Rente.
Kürz, sie ist derjenige Anteil an den produzierten Gütern, welchen das
ausschließliche Recht auf den Gebrauch von Naturvorteilen dem Eigen-
tümer gewährt. Überall wo das Land einen Tauschwert hat, gibt es
auch Rente im nationalökonomischen Sinne des Worts. Aberall wo
Land, das einen Wert besitzt, benutzt wird, sei es vom Eigentümer oder
        <pb n="146" />
        ﻿Aap. II.

Die Grundrente und ihr Gesetz.

*33

Pächter, da gibt es faktische Rente; wo es nicht benutzt wird, aber doch
Wert hat, da ist die Rente latent vorhanden. Diese Fähigkeit, eine Rente
zu ergeben, macht den Wert des Landes aus. Wenn das Eigentumsrecht
daran keinen Vorteil gewährt, hat es keinen Wert*).

Somit entsteht der Pachtwert oder Wert des Grund und Bodens
nicht aus der Ertragsfähigkeit oder Nützlichkeit des Landes. Er stellt
keineswegs einen der Produktion verliehenen Beistand oder »Vorteil
dar, sondern lediglich die Befugnis, einen Teil des Produktionsertrages
an sich zu nehmen. Die Vorzüge des Landes mögen noch so groß sein,
so kann es doch keine Rente ergeben und keinen Wert haben, bis jemand
bereit ist, Arbeit oder Arbeitsergebnisse für das Vorrecht zu geben,
es zu benutzen; und was jemand dann geben will, hängt nicht von der
Güte des Landes ab, sondern von der Güte desselben im vergleich zu
solchem, das man umsonst haben kann. Zch kann sehr fruchtbares Land
besitzen, aber es wird keine Rente ergeben und keinen Wert haben,
solange anderes, ebenso gutes Land umsonst zu haben ist. Wenn aber
das andere Land angeeignet und das beste, umsonst zu habende Land
uur gering ist, sei es an Fruchtbarkeit, Lage oder anderen Eigenschaften,
so wird das meinige ansangen, einen Wert zu haben und eine Rente
Zu ergeben. Obwohl die Ertragsfähigkeit meines Landes abnehmen
fomt, wird dennoch, wenn die des umsonst zu habenden Landes in
Srößerem Maße abnimmt, die Rente, die ich erhalten kann, und folglich
uuch der Wert meines Landes beständig zunehmen. Kurz, die Rente
lst der preis des Monopols, das daraus entsteht, daß natürliche Elemente,
^ke die menschliche Arbeit weder schassen noch vermehren kann, in den
Lositz einzelner kommen.

Wenn jemand alles einem Staate zugängliche Land in seinem Besitz
k)ätte, könnte er selbstverständlich jeden Preis und alle Bedingungen
für dessen Benutzung stellen, die ihm belieben, und solange sein Eigen-
tumsrecht anerkannt würde, hätten die anderen Mitglieder des Staates
uur zwischen dem Tode oder der Auswanderung zu wählen, wenn sie
sich seinen Bedingungen nicht unterwerfen wollten. Dies ist in vielen
Ländern der Fall gewesen; unter der modernen Gesellschaftsversassung
sodoch ist hnz	Jtnnr hiirrlWb(&gt;nbs in versönlickem Beiiü. nbk&gt;r in

kestgestellt werden könnte.' Zeder einzelne Besitzer sucht zwar so viel
Zu erhalten als möalich, aber es gibt doch eine Grenze dafür, die den

Itlnrft------ .v ^	-	«... ^-------■s.t.-fio.—	—-v . • v

&gt;n n?Crm id? 00n bem JX)erte eines Grundbesitzes rede, brauche ich die Worte nur
- wert des bloßen Landes, wünsche ich vom werte des Landes und der verbesse-
Zu sprechen, so werde ich diese Worte anwenden.
        <pb n="147" />
        ﻿sZH	Die Gesetze der Verteilung.	Buch III.

unter allen Parteien, welche in den nationalökononrischen Forschungen
stets vorausgesetzt werden muß, den pachtpreis bestimmt, heißt das
Gesetz der Rente. Dies festgehalten, haben wir mehr als einen Ausgangs-
punkt, von dem die den Lohn und den Zins regulierenden Gesetze ver-
folgt werden können. Denn da die Güterverteilung eine Teilung ist,
so genügt es, den auf die Grundrente entfallenden Teil des Produkts
festzustellen, um gleichzeitig auch festzustellen, was für den Lohn übrig
bleibt, wo kein Kapital mitwirkt, oder was für Lohn und Zins zusammen
übrig bleibt, wo das Kapital bei der Produktion mitwirkt.

Glücklicherweise ist es nicht notwendig, das Rentengesetz zu erörtern.
Die Autorität fällt hier mit dem gefunden Menschenverstände zusammen *),
und der Ausspruch der herrschenden Nationalökonomie hat den selbst-
verständlichen Tharakter eines geometrischen Lehrsatzes. Dies Renten-
gesetz, welches John Stuart Mill die Eselsbrücke der Nationalökonomie
nennt, wird bisweilen als Ricardos Rentengesetz bezeichnet, weil Ricardo
zwar nicht der erste war, der es aussprach, «her doch der erste, der es in
hervorragender Weise zur Kenntnis brachte**).

Ls lautet:

Die Rente von Grund und Boden wird bestimmt
durch den Überschuß seines Ertrages über den bei
gleicher Aufwendung von Mitteln von dem mindest
einträglichen Boden, der in Benutzung ist, zu er-
zielenden Ertrag.

Dies Gesetz, welches natürlich auch auf Grund und Boden an-
wendbar ist, der anderen Zwecken als dem Ackerbau dient, sowie auf
alle Naturfaktoren, wie Bergwerke, Fischereien usw., ist von allen leiten-
den Nationalökonomen seit Ricardo erschöpfend erklärt und mit Bei-
spielen belegt worden; aber schon der bloße Wortlaut hat die volle Kraft
eines selbstverständlichen Satzes, denn es ist klar, daß die Wirkung der
Konkurrenz darauf hinausgeht, die niedrigste Belohnung, für welche
die Arbeit und das Kapital sich auf die Produktion einlassen, zu der
höchsten zu machen, die sie fordern können, und somit den Besitzer pro-
duktiveren Landes in den Stand zu setzen, sich in der Grundrente den

*) Ich will damit nicht sagen, daß das angenommene Rentengesetz nie bestritten
worden sei. Bei alle dem Unsinn, der unter den gegenwärtigen zerfahrenen Verhält-
nissen der Wissenschaft als Nationalökonomie gedruckt worden ist, wäre es schwer, irgend-
etwas zu finden, das nicht bestritten worden ist. Aber ich will damit sagen, daß es die Billi-
gung aller, wirklich als Autoritäten anzusehender Schriftsteller des Faches hat. wie
John Stuart Mill (Buch II, Aap. ;s) sagt: „Nur wenige haben ihm ihre Zustimmung
versagt, außer wenn sie es nicht vollständig verstanden haben. Die unzusammenhängende
und ungenaue Art, in der es oft von denjenigen aufgefaßt wird, die sich das Ansehen
geben, es zu widerlegen, ist sehr merkwürdig." Diese Bemerkung ist in der Folge durch
manche spätere Beispiele bestätigt worden.

**) McLulloch zufolge wurde das Rentengesetz zuerst im Jahre \ri7 in einer
Fluölchrist von Vr. James Anderson von Edinburgb dargestellt und danach zu Anfang
dieses Jahrhunderts gleichzeitig von Sir Edward West, Malthus und Ricardo.
        <pb n="148" />
        ﻿Die Grundrente und ihr Gesetz.

Aap. ii.

135

ganzen Uberschuß über denjenigen Ertrag anzueignen, der erforderlich
ist, unr die Arbeit und das Kapital zum gewöhnlichen Satze zu belohnen,
d. h. zu dem Satze, den sie auf dem mindest ergiebigen Boden, der sich
in Benutzung befindet, oder auf dem mindest ergiebigen Punkte, wo
natürlich gar keine Rente bezahlt wird, gewinnen können.

Es kann vielleicht zu vollerem Verständnis des Rentengesetzes
dienen, wenn man dasselbe in folgende Form bringt: Der Besitz eines
Natursaktors der Produktion verleiht die Macht, sich von den durch
die aus ihn gerichteten Bemühungen der Arbeit und des Kapitals hervor-
gebrachten Gütern so viel anzueignen, als den Ertrag übersteigt, welchen
der gleiche Arbeits- und Kapitalsauswand in den am wenigsten ein-
träglichen Beschäftigungen, denen sie sich zuzuwenden pflegen, zu er-
langen imstande ist.

Dies läuft indes ganz auf dasselbe hinaus, denn es gibt keine der
Arbeit und dem Kapital zugängliche Beschäftigung, die nicht die Benutzung
von Grund und Boden erforderte; und überdies wird die Kultur oder
anderweitige Benutzung des Grund und Bodens stets bis zu einem so
niedrigen Ertragspunkte getrieben werden, als er unter Berücksichtigung
vller Umstände in jeder anderen Branche akzeptiert wird. Nehmen wir
3- B. ein Land, in dem ein Teil der Arbeit und des Kapitals dem Ackerbau
und ein Teil der Fabrikation gewidmet ist. Das unfruchtbarste angebaute
Land ergibt einen Durchschnittsertrag, den wir mit 20 bezeichnen wollen,
und 20 wird daher, sowohl im Ackerbau als in der Industrie, der Durch-
schnittsertrag der Arbeit und des Kapitals sein. Nehmen wir nun an,
baß aus einer dauernden Ursache der Ertrag in der Industrie aus 15
herabgeht. Natürlich werden die in der Industrie beschäftigten Arbeits-
kräfte und Kapitalien sich dem Ackerbau zuwenden und der Prozeß
wird nicht aufhören, bis/sei es durch die Ausdehnung des Anbaues
auf geringeres Land oder auf geringere Teile desselben Landes, oder
sei es durch eine Erhöhung des relativen wertes der Fabrikerzeugnisse
infolge einer Produktionsverminderung, oder tatsächlich durch beide
Prozesse, der Ertrag der Arbeit und des Kapitals in beiden Zweigen
wieder auf dasselbe Niveau gebracht worden ist, so daß der Ackerbau
bis zu dem Schlußpunkte der Ertragsfähigkeit, bei welchem die Fabrikation
noch fortgeführt wird, sei dies nun 18, 1? oder i§, ebenfalls ausgedehnt
wird. Sagt man somit, daß die Rente der Uberschuß der Produktivität
über den Ertrag am Rande oder niedrigsten Punkte des Anbaues sei,
so ist dies dasselbe, als wenn man sagt, daß sie der Uberschuß des Ertrags
über das ist, was die gleiche Summe von Arbeit und Kapital in deren
windest einträglicher Beschäftigung erzielt.

Das Rentengesetz ist tatsächlich nur eine Folgerung aus dem Gesetz
vor Konkurrenz und läuft einfach auf die Behauptung hinaus, daß, da
vio Löhne und Zinsen nach einem genreinsamen Niveau streben, der
ganze Teil der allgemeinen Güterproduktion, der den Betrag übersteigt,
von die aufgewendeten Arbeitskräfte und Kapitalien bei der Verwendung
        <pb n="149" />
        ﻿*56

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

des dürftigen Naturfaktors sich hätten verschaffen können, auf die Grund-
besitzer in Gestalt von Rente entfällt. In letzter Instanz beruht es auf
dern Fundamentalprinzip, das für die Nationalökonomie dasselbe ist,
was das Gesetz der Anziehung für die Natur: daß die Menschen ihre
wünsche mit der geringsten Anstrengung zu befriedigen suchen.

Dies ist also das Rentengesetz. Diele Bücher der herrschenden
Richtung folgen zwar zu sklavisch dem Beispiele Ricardos, der das Gesetz,
nur in seinen Beziehungen zum Ackerbau betrachtet und an verschiedenen
Stellen von Fabriken als keine Rente ergebend spricht (während im
Gegenteil die Fabrikation und der Austausch die höchsten Grundrenten
ergeben, wie durch den größeren wert des Landes in Fabrik- und
Handelsstädten bewiesen wird), und werden so der vollen Bedeutung
des Gesetzes nicht gerecht, doch ist dasselbe seit Ricardo stets klar aufgefaßt
und völlig anerkannt worden. Nicht aber die Korrelate desselben. So
klar sie auch sind, hat doch die Lohntheorie (gedeckt und bekräftigt nicht
nur durch das bereits Erklärte, sondern auch durch Betrachtungen, deren
enorme Wichtigkeit wir sehen werden, wenn der logische Schluß, nach dem
wir hinstreben, erreicht sein wird) ihre Anerkennung bislang verhindert*).
Ist es aber nicht wirklich so einfach wie der einfachste geometrische Beweis,
daß das Korrelat des Rentengesetzes das Lohngesetz ist, wo die Verteilung
des Produkts nur in Rente und Lohn stattfinde, oder das Gesetz des
Lohns und Zinses zusammengenommen, wo die Verteilung in Rente,
Lohn und Zins stattfinde? Umgekehrt ist das Rentengesetz notwendig
auch das Gesetz des Lohns und Zinses zusammengenommen, denn es
enthält die Behauptung, daß, gleichviel wie groß das Produkt sei, das
aus der Aufwendung von Arbeit und Kapital entsteht, diese beiden
Faktoren in Lohn und Zins nur den Teil des Produkts erhalten, den sie
aus freiem, keiner Rentenzahlung unterworfenen Lande — d. h. auf
dem mindest ergiebigen Lande oder Punkte — produziert haben würden.
Denn wenn von dem Produkte alles, was denjenigen Betrag übersteigt,
welchen die Arbeit und das Kapital aus dem keine Rente unterworfenen
Boden ziehen können, auf die Grundbesitzer als Rente entfällt, dann ist
füglich alles, was von der Arbeit und dem Kapital als Lohn und Zins
beansprucht werden kann, derjenige Betrag, welchen sie von dem keine
Grundrente gewährenden Boden hatten erzielen können.

Dder, um es in eine algebraische Formel zu bringen: Da das Pro-
dukt = Grundrente + Lohn + Zins ist, so ist das Produkt — Grund-
rente = Lohn + Zins.

Somit hängen die Löhne und Zinsen nicht von dem Produkt der
Arbeit und des Kapitals ab, sondern von dem was übrig bleibt, nach-
dem die Grundrente vorabgenommen ist; oder von dem Produkt, welches
sie erzielen können ohne Grundrente zu zahlen, d. h. von dem ärmsten

*) Buckle erkennt (Geschichte der Zivilisation, Aap. 2) den notwendigen Zusammen-
hang zwischen der Rente, dem Zins und dem Lohn an, erklärt ihn aber nicht.
        <pb n="150" />
        ﻿Kap. II,

*37

Die Grundrente und ihr Gesetz.

in Benutzung befindlichen Boden. Und hieraus folgt, daß, wie groß
auch die Vermehrung produktiver Kraft fei, weder die Löhne noch die
Zinsen steigen können, wenn die Steigerung der Grundrente mit der-
selben gleichen Schritt hält.

von dem Augenblick an wo diese einfache Beziehung erkannt
worden ist, strömt eine Flut von Licht auf das vorher Unerklärliche,
und anscheinend unvereinbare Tatsachen reihen sich von selbst ein unter
ein offenbares Gesetz. Die in fortschreitenden Ländern vor sich gehenden
Grundrentenerhöhungen erscheinen sofort als der Schlüssel, der es erklärt,
warum die Löhne und die Zinsen mit der Zunahme produktiver Kras
sich nicht gleichfalls erhöhen. Denn die in jedem Lande produzierten
Güter werden in zwei Teile geteilt durch das, was man die Grundrenten-
linie nennen könnte, die festgesetzt wird durch die Grenze der Boden-
kultur oder den Ertrag, welchen die Arbeit und das Kapital von den
Naturvorteilen, die ihnen ohne Rentenzahlung zu Gebote stehen, erzielen
können. Von dem unterhalb der Linie befindlichen Teile des Produkts
urüssen die Löhne und Zinsen bezahlt werden. Alles, was oberhalb
'derselben ist, geht an die Grundbesitzer. So muß, wo der Wert des
Lodens niedrig ist, die Güterproduktion nur gering, dagegen, wie wir
in neuen Ländern sehen, der Lohn- und Zinssatz hoch sein. Und wo der
M&gt;ert des Landes hoch ist, kann die Güterproduktion sehr groß, aber,
wie wir in alten Ländern sehen, der Lohn- und Zinssatz niedrig sein.
Nnd wo die Produktionskrast zunimmt, wie sie es in allen fortschreiten-
den Ländern tut, werden die Löhne und Zinsen nicht durch diese Z&gt;u-
uahme, sondern durch die Art und Weise, wie die Grundrente davon
berührt wird, beeinflußt werden. Wenn der Wert des Bodens in dem-
selben Verhältnis steigt, so wird die ganze Produktionsvermehrung
von der Rente verschlungen werden, und Löhne und Zinsen werden
unverändert bleiben.‘ Steigt der wert des Landes in größerem Ver-
hältnis als die Produktionskraft, so wird die Grundrente sogar mehr
uls diese Zunahme verschlingen; und während das Produkt der Arbeit
und des Kapitals viel größer sein werden, werden die Löhne und Zinsen
fallen. Nur wenn der wert des Bodens nicht so schnell als die produk-
kionskraft zunimmt, können die Löhne und Zinsen mit der Zunahme der
produktionskrast zunehmen. Alles dies wird durch den wirklichen
Tatbestand belegt.

Kapitel III.

9er Zins und dessen Ursache.

Mit der Feststellung des Rentengesetzes haben wir als dessen not-
wendiges Korrelat das Lohngesetz gewonnen, soweit die Verteilung
Zwischen Rente und Lohn stattfindet, und das Gesetz des Lohns und
        <pb n="151" />
        ﻿138

Buch III.

Die Gesetze der Verteilung.

Zinses zusammengenommen, soweit die Verteilung unter diese drei
Faktoren stattfindet. Der Teil des Produkts, der als Rente genoinnren
wird, muß entscheiden, welcher Anteil für Lohn übrig bleibt, wo nur
Grund und Boden und Arbeit in Frage kommt, oder zwischen Lohn und
Zins verteilt werden muß, falls Kapital bei der Produktion beteiligt ist.

Wir wollen indessen jetzt versuchen, jedes dieser Gesetze für sich zu
finden. Gewinnen wir sie auf diese Weise, so müssen, wenn wir sie
übereinstimmend finden, unsere Schlüsse die höchste Gewißheit haben.

Und da die Entdeckung des Lohngesetzes der letzte Zweck unsrer
Untersuchung ist, wollen wir zuerst das Thema des Zinses aufnehmen.

Zch habe schon auf den Unterschied des Sinnes der Ausdrücke
Gewinn und Zins hingewiesen. Ls mag der Mühe wert sein, hier ferner
zu sagen, daß der Zins, als ein abstrakter Ausdruck bei der Verteilung
der Güter, sich von dem ihm gewöhnlich beigelegten Sinne darin unter-
scheidet, daß er alle Vergütungen für Kapitalnutzung einschließt, und
nicht bloß diejenigen, die vom Borger an den Darleiher gehen, und daß
er andererseits eine Vergütung für Risiko ausschließt, die einen so großen
Teil dessen, was gewöhnlich Zins genannt wird, ausmacht. Die Ver-
gütung für Risiko ist augenscheinlich nur eine Ausgleichung des Ertrages
unter verschiedenen Kapitalsanlagen. Wir haben zu erforschen, was den
gewöhnlichen Zinsfuß bestimmt. Fügt man dann die verschiedenen Sätze
der Vergütung für Risiko hinzu, so ergeben sich die herrschenden Sätze
des im Handel üblichen Zinses.

Es ist klar, daß die größten Unterschiede in dem gewöhnlich so
genannten Zins Unterschieden im Risiko zuzuschreiben sind; aber es ist
auch klar, daß zwischen verschiedenen Ländern und verschiedenen Zeiten
große Veränderungen im eigentlichen Zinsfuß stattfinden. Zn Kali-
fornien würden einst 2 Prozent monatlich nicht als übermäßiger Zinsfuß
für eine Sicherheit angesehen worden sein, gegen die man jetzt zu ? oder
8 Prozent jährlich würde leihen können, und obgleich ein Teil des Unter-
schiedes dem Gefühl vermehrter Sicherheit zuzuschreiben sein mag,
so ist der größere Teil doch offenbar einer anderen allgemeinen Ursache
zuzuschreiben. Zn den Vereinigten Staaten war der Zinsfuß im all-
gemeinen höher als in England und in den jüngeren Staaten der Union
höher als in den älteren; auch ist die Tendenz des Zinsfußes, in dem
Maße zu fallen wie die Gesellschaft vorschreitet, scharf ausgeprägt und
feit lange bemerkt worden, welches Gesetz verknüpft alle diese Ver-
änderungen und zeigt ihre Ursache?

Es verlohnt nicht der Mühe, länger als bisher schon gelegentlich
geschehen, bei dem Unvermögen der herrschenden Nationalökonomie
zu verweilen, das wahre Zinsgesetz zu bestimmen. Zhre Spekulationen
über diesen Gegenstand haben nicht die Bestimmtheit und den Zusammen-
hang, welche die Lohntheorie in den Stand gesetzt haben, sich trotz augen-
scheinlicher Tatsachen zu ha en, und erfordern nicht die gleiche ausführe
liche Prüfung. Daß sie den Tatsachen widersprechen, ist offenbar. Daß
        <pb n="152" />
        ﻿Kap. III.

Der Zins und dessen Ursache.

J39

der Zinsfuß nicht von der Produktivität der Arbeit und des Kapitals
abhängt, wird durch die allgernein gültige Tatsache bewiesen, daß, wo
die Arbeit und das Kapital arn produktivsten sind, der Zinsfuß am
niedrigsten ist. Daß derselbe andererseits nicht von den Löhnen (oder dem
Kostenpreis der Arbeit) abhängt, nicht fällt wie die Löhne steigen und
nicht steigt wie sie fallen, wird durch die allgemein gültige Tatsache be-
wiesen, daß der Zinsfuß hoch ist, wann und wo die Löhne hoch sind
und niedrig, wann und wo sie niedrig sind.

fangen wir mit dem Ansang an. Die Natur und die Funktionen
des Kapitals sind schon genugsam dargelegt worden, doch wollen wir
selbst aus die Gefahr, einer Abschweifung geziehen zu werden, die Ur-
sache des Zinsfußes festzustellen suchen, ehe wir sein Gesetz betrachten.
Denn nicht bloß, daß dies unsere Untersuchung fördern wird, indem
wir dadurch den vorliegenden Gegenstand klarer und fester erfassen,
es kann uns auch zu Schlüssen führen, deren praktische Wichtigkeit später
ersichtlich werden wird.	_

Was ist der Grund und die Rechtfertigung des Zinses? Warum
uruß der Borger dem Darleiher mehr zurückzahlen als er erhält? Diese
fragen verlohnen die Beantwortung, nicht bloß ihrer spekulativen,
sondern auch ihrer praktischen Wichtigkeit wegen. Das Gefühl, daß
die Zinsen ein Raub an der Lrwerbstätigkeit seien, ist weitverbreitet
und im Zunehmen begriffen und zeigt sich aus beiden Seiten des Atlan-
tischen Ozeans mehr und mehr in der populären Literatur und Agitation,
^ie Nationalökonomen gewöhnlichen Schlages behaupten, es bestehe
kein Konflikt zwischen Arbeit und Kapital und bekämpfen alle Pläne,
den Lohn, den das Kapital erhält, zu beschränken, als der Arbeit ebenso
schädlich als dem Kapital; dennoch wird in denselben Werken die Doktrin
aufgestellt, daß die Löhne und Zinsen zueinander im umgekehrten Ver-
hältnis stehen, und daß die Zinsen niedrig oder hoch sind, je nachdem
die Löhne hoch oder niedrig sind*). Ist diese Lehre richtig, so ist es
klar, daß der einzige Einwand, welcher vom Standpunkt des Arbeiters
aus logischerweise gegen die Pläne, den Zinsfuß herunterzusetzen,
gemacht werden kann, der ist, daß diese Pläne keinen Bestand haben
würden, was offenbar ein sehr schwacher Boden wäre, so lange die
Ansichten von der Allmacht der Gesetzgebung noch so weitverbreitet
sind; und wenn auch dieser Einwand dazu dienen mag, irgendeinen
speziellen Plan auszugeben, wird er doch nicht hindern, daß man nach
einem anderen sucht.

Weshalb besteht der Zins? Der Zins, so werden wir in allen
Büchern der herrschenden Richtung belehrt, ist der Lohn der Lnthalt-
wwkeit. Aber offenbar gibt dies keine ausreichende Erklärung. Die
Enthaltsamkeit ist keine aktive, sondern eine passive Eigenschaft; sie

*) Dies wird tatsächlich vom Gewinn behauptet, aber mit der klaren Bedeutung
0n Erträgnissen fce5 Kapitals.
        <pb n="153" />
        ﻿Buch III.

\^0	Die Gesetze der Verteilung.

ist kein Tun, sondern einfach ein Nichttun. Die Enthaltsamkeit produziert
an sich selbst nichts. Weshalb sollte dann irgendein Teil von dem was
produziert wird, sür sie beansprucht werden? Lsabe ich eine Summe
Geldes, die ich ein Jahr lang verschließe, so habe ich ebensoviel Ent-
haltsamkeit geübt, als hätte ich sie ausgeliehen. Dennoch erwarte ich
im letzteren Falle ihre Rückgabe mit einer Zusatzsumme für Zinsen,
während ich im ersteren nur dieselbe Summe und keine Zunahme habe.
Die Enthaltsamkeit ist jedoch die gleiche. Wenn man sagt, daß ich durch
das verleihen dem Borger einen Dienst leiste, so kann darauf erwidert
werden, daß auch er mir einen Dienst leistet, indem er sie sicher aufbewahrt,
ein Dienst, der unter Umständen sehr wertvoll sein kann, und für den
ich eventuell gern etwas zahle; ein Dienst, der für manche Formen des
Kapitals sogar noch wertvoller sein kann als für Geld. Denn viele Formen
des Kapitals halten nicht lange aus, sondern müssen beständig erneuert
werden, und bei vielen ist die Erhaltung eine Last, wenn man keinen
sofortigen Gebrauch dafür hat. Wenn also der Ansammler von Kapital
dem Verwender desselben durch ein Darlehen Hilst, trägt der Letztere
dann die Schuld nicht vollständig ab, wenn er es zurückgibt? Ist nicht die
sichere Aufbewahrung, die Erhaltung, die Neuschaffung des Kapitals
ein vollständiger Ersatz sür den Gebrauch? Die Anhäufung ist der Zweck
und das Ziel der Enthaltsamkeit. Die letztere kann nicht weiter gehen
und nicht mehr erreichen; ja sie kann an und für sich selbst nicht einmal
dies tun. Entsagen wir lediglich der Benutzung von Gütern, wie viele
Güter würden in einem Jahre verschwinden? Und wie wenig würde
am Schlüsse von zwei Jahren übrig sein? wenn daher sür die Enthalt-
samkeit mehr als die sichere Rückgabe des Kapitals verlangt wird, ge-
schieht dann der Arbeit nicht Unrecht? Derartige Ansichten sind die
Grundlage der weitverbreiteten Meinung, daß der Zins nur auf Kosten
der Arbeit entstehe und in Wirklichkeit ein Raub an derselben sei, der in
einem, auf Gerechtigkeit beruhenden Gesellschaftszustande abgeschafft
werden müßte.

Die Versuche, diese Ansichten zu widerlegen, scheinen mir nicht
immer glücklich zu sein. Sehen wir uns z. B. Bastiats oft erwähntes
Beispiel eines Lsabels an, das die gewöhnliche Auffassung wiedergibt.
Ein Zimmermann Jakob macht sich, mit Aufwand zehntägiger Arbeit,
einen Lsabel, der von den 300 Arbeitstagen eines Jahres 290 Tage
brauchbar bleibt. Wilhelm, ein anderer Zimmermann, erbietet sich,
den Lsabel auf ein Jahr zu entlehnen und am Schlüsse dieser Zeit, wenn
derselbe abgenutzt ist, einen neuen geradeso guten Lsabel zurückzugeben.
Jakob weigert sich den Lsabel zu diesen Bedingungen zu leihen, indem
er anführt, daß, wenn er nur einen Lsabel zurückerhält, er für den Verlust
des Vorteiles, welchen der Gebrauch des Lsabels während des Jahres
geben würde, nicht entschädigt würde. Wilhelm sieht dies ein und einigt
sich mit ihm dahin, nicht nur den Lsabel zurückzugeben, sondern außerdem
auch noch ein neues Brett. Diese Vereinbarung wird zur gegenseitigen
        <pb n="154" />
        ﻿Der Zins und dessen Ursache,

Aax. III.

W

Zufriedenheit ausgeführt. Der Hobel wird während des Jahres ab-
genutzt, aber ani Schluß desselben empfängt Jakob einen ebenso guten
und außerdem ein Brett. Er leiht den neuen Lsabel immer wieder aus,
bis derselbe schließlich in die Hände seines Sohnes übergeht, „der auch
noch fortfäbrt ihn auszuleihen", indem er jedesmal ein Brett dafür
erhält. Dieses die Zinsen darstellende Brett soll nun eine natürliche
und billige Vergütung für den Gebrauch des Lsabels sein, da Wilhelm
„die dem Werkzeug innewohnende Macht erlangt, die Produktivität
der Arbeit zu vermehren", und er nicht schlechter dabei fährt, als es der
Fall gewesen wäre, wenn er den Lsabel nicht geborgt hätte; während
Jakob nicht mehr erhält als er gehabt haben würde, wenn er seinen
Lsabel behalten und gebraucht hätte, anstatt ihn ausznleihen.

Ist dies wirklich so? Man beachte, daß nicht behauptet wird, Jakob
könne den Lsabel machen und Wilhelm nicht, denn das würde das Brett
als den Lohn für überlegene Geschicklichkeit erscheinen lassen. Jakob
hatte sich einfach enthalten, das Ergebnis seiner Arbeit zu verbrauchen,
bis er dasselbe in Form eines Lsabels angehäuft hatte, was eben der
wesentliche Begriff des Kapitals ist.

Lsätte nun Jakob den Lsabel nicht verliehen, so würde er ihn 290 Tage
haben brauchen können, wonach derselbe abgenutzt und er genötigt
war, die übrig bleibenden 1,0 Tage des Arbeitsjahres zur Anfertigung
eines neuen Lsabels anzuwenden. Lsätte Wilhelm den Lsabel nicht geborgt,
so würde er 1,0 Tage gebraucht haben, einen anzufertigen, den er an
den übrigen 290 Tagen benutzen konnte. Nehmen wir nun an, ein Brett
sei die frucht einer eintägigen Arbeit unter Zuhilfenahme eines Lsabels,
so würde am Ende des Jahres, falls kein Leihgeschäft stattgefunden
hätte, jeder bezüglich des Hobels so stehen, wie zu Anfang: Jakob mit
und Wilhelm ohne einen Lsabel, jeder aber würde als Ergebnis der
Jahresarbeit 290 Bretter gehabt haben, wäre das Leihgeschäft unter
der von Wilhelm zuerst vorgeschlagenen Bedingung erfolgt, nämlich
Segen die Rückgabe eines neuen Hobels, so würde die Lage beiderseitig
eine gleiche sein. Wilhelm würde 290 Tage gearbeitet'und die letzten
Lv Tage gebraucht haben, um den neuen, Jakob zurückzustellenden
Hobel anzufertigen. Jakob würde die ersten 10 Tage des Jahres gebraucht
haben, um einen anderen, 290 Tage aushaltenden Hobel zu machen,
Wonach er dann einen neuen von Wilhelm erhalten hätte. Somit würde
die einfache Rückgabe des Hobels zu Ende des Jahres beide in dieselbe
Lage versetzt haben, als wenn kein Leihgeschäft stattgefunden hätte.
Zakob würde nichts zugunsten Wilhelms verloren und Wilhelm nichts
uuf Kosten Jakobs gewonnen haben. Jeder würde den, sonst durch seine
irbeit erzielten Ertrag, nämlich 290 Bretter und Jakob außerdem seinen
uufänglichen Vorteil, nämlich einen neuen Hobel, gehabt haben.

Wird jedoch zu dem zurückgegebenen Hobel noch ein Brett hinzu-
fügt, so wird Jakob am Schluß des Jahres in einer besseren Lage sein,
^ s wenn kein Leihgeschäst stattgefunden hätte, und Wilhelm in einer
        <pb n="155" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.



schlechteren. Jakob wird Bretter und einen neuen pobel und Wilhelm
28Y Bretter und keinen pobel haben. Und fährt letzterer fort, von Jakob
zu denselben Bedingungen zu borgen, ist es da nicht augenscheinlich,
daß das Einkommen des einen nach und nach abnehmen, das des anderen
dagegen zunehmen wird, bis die Zeit kommt, wo Jakob als Resultat
des ersten Ausleihens eines Pöbels den ganzen Arbeitsertrag Wilhelms
erhalten, d. h. wo letzterer, der Wirkung nach, fein Sklave werden wird?
Ist also der Zins natürlich und billig? Dies Beispiel beweist es nicht,
was Bastiat (und viele andere) als die Grundlage des Zinses bezeichnet:
„die dem Werkzeuge innewohnende Kraft, die Produktivität der Arbeit
zu erhöhen", ist weder nach Grundsätzen der Gerechtigkeit noch tatsächlich
die Grundlage des Zinses. Der Trugschluß, welcher denen, die sich nicht
die Mühe geben, es zu zergliedern, Bastiats Beispiel als überzeugend
erscheinen läßt, liegt darin, daß sie mit dem Ausleihen des Hobels den
Gedanken einer Übertragung größerer Produktionskraft, die ein pobel
der Arbeit gibt, verbinden. Eine solche ist aber in Wirklichkeit nicht darin
eingeschlossen. Das wesentliche Ding, das Jakob an Wilhelm verlieh,
war nicht die vermehrte Macht, welche die Arbeit durch den Gebrauch
von pöbeln erwirbt. Um dies anzunehmen, müßten wir voraussetzen,
daß die Anfertigung und der Gebrauch derselben ein Geheimnis oder
ein Patentrecht war, womit das Beispiel in den Bereich des Monopols,
nicht des Kapitals, fiele. Das wesentliche Ding, das Jakob dem Wilhelm
lieh, war nicht das Vorrecht, seine Arbeit in einer wirksameren weise
anzuwenden, sondern der Gebrauch des konkreten Ergebnisses einer
zehntägigen Arbeit, wäre „die den Werkzeugen innewohnende Macht,
die Produktivität der Arbeit zu vermehren," die Ursache des Zinses,
dann würde der Zinsfuß mit dem Fortgänge der Erfindungen steigen.
Dies ist jedoch nicht so; auch wird man von mir nicht mehr Zinsen bean-
spruchen, ob ich nun eine Nähmaschine zu so Dollars oder für so Dollars
Nadeln, ob ich eine Dampfmaschine oder einen pausen Mauersteine
im gleichen werte borge. Das Kapital ist, gleich den Gütern, austausch-
fähig. Es ist nicht ein und dasselbe Ding; es ist alles und jedes, was inner-
halb der Austauschkreises denselben wert hat. Auch vermehrt die Ver-
besserung der Werkzeuge die reproduktive Kraft des Kapitals nicht
wohl aber die produktive Kraft der Arbeit.

Und ich möchte glauben, daß, wenn alle Güter aus solchen Dingen
wie pöbeln beständen, und alle Produktion eine ähnliche wäre, wie die
der Zimmerleute, d. h. wenn die Güter nur aus den unfertigen Stoffen
der Erde und die Produktion nur darin bestände, dieselben in verschiedenste
formen umzugestalten, der Zins nur ein Raub an der Erwerbstätigkeit
wäre und nicht lange bestehen könnte. Dies will nicht sagen, daß dann
keine Ansammlung stattfände; denn obschon die pofsnung auf Zunahme
ein Beweggrund ist, um Güter in Kapital umzuwandeln, so ist sie doch
nicht der Beweggrund, wenigstens nicht der hauptsächlichste Beweggrund
für die Anhäufung. Kinder werden ihre Pfennige für Weihnachten
        <pb n="156" />
        ﻿Kap. III.

Der Zins und dessen Ursache.

MS

aufsparen, Piraten ihre vergrabenen Schätze vermehren, orientalische
Fürsten immer größere pausen geprägten Geldes anhäufen und Leute
wie Stewart und vanderbilt, sind sie erst einmal von der Leidenschaft
besessen, immer mehr haben zu wollen, würden, solange sie könnten, fort-
fahren, ihre Millionen anzusammeln, selbst wenn die Anhäufung keinen
Zins brächte. Ls will auch nicht sagen, daß kein Borgen oder Verleihen
mehr stattfinden würde; denn dies wäre größtenteils durch den gegen-
seitigen Vorteil bedingt. Patte Wilhelm sofort, Zakob aber erst nach
lv Tagen ein Stück Arbeit anzufangen, so dürfte es für beide vorteil-
haft fein, den pobel zu leihen, wenn auch kein Brett dafür gegeben
würde.

Zndes, alle Güter sind nicht von der Natur der pobel, der Bretter
oder des Geldes, noch ist alle Produktion bloß eine Umarbeitung der
unfertigen Stoffe der Lrde in andere formen, wahr ist, daß, wenn ich
&lt;Selb wegstecke, es sich nicht vermehren kann. Nehmen wir jedoch statt
dessen an, daß ich wein weglege. Mit Ende des Zahres werde ich eine
lVertvermehrung haben, denn der wein wird an Oualität gewonnen
haben. Oder nehmen wir an, daß ich in einer dazu geeigneten Gegend
dienen halte; am Lnde des Zahres werde ich mehr Schwärme haben,
sowie den ponig, welchen sie gesammelt haben. Oder nehmen wir an,
daß ich Schafe, Rinder oder Schweine auf eine weide treibe; am Lnde
des Zahres werde ich, im Durchschnitt, ebenfalls mehr haben.

was in diesen Fällen die Vermehrung zuwege bringt, erfordert
Zwar in der Regel zur Nutzbarmachung Arbeit, ist aber doch etwas von
der Arbeit Verschiedenes und Trennbares, nämlich die tätige Kraft
der Natur, das Prinzip des Wachstums, der Reproduktion, das überall
alle Formen jenes geheimnisvollen Zustandes oder Dinges, das wir
E^ben nennen, charakterisiert. Und dies scheint mir die Ursache des
Zinses zu sein, d. h. der Kapitalvermehrung über das hinaus, was der
Arbeit zu verdanken ist. Zn den Bewegungen, welche den ewigen Fluß
der Natur ausmachen, sind, sozusagen, gewisse vitale^ Strömungen, die,
wenn wir sie benutzen, uns mit einer, von unseren Bemühungen unab-
hängigen Kraft helfen, den Stoff in die von uns gewünschten Formen,
also in Güter umzuwandeln.

Während viele Dinge anqeführt werden können, die gleich pöbeln,
Brettern, Maschinen oder Kleidern keine ihnen beiwohnende Vermeh-
rungskraft haben, so sind doch wiederum andere Dinge in den Worten
Süter und Kapital inbegriffen, die, gleich dem weine, bis zu einem
Sewissei^ Punkte von selbst an Oualität zunehmen; oder die gleich
dienen oder Vieh von selbst an Ouantität zunehmen; und gewisse
andere Dinge, wie z. B. Sämereien, deren Vermehrungsbedingungen
Zwar nicht ohne Arbeit zu erhalten sein mögen, die sich aber, wenn
awse Bedingungen erfüllt werden, vermehren, d. h. einen Ertrag liefern
^aer das hinaus, was der Arbeit zu verdanken ist.

Die Möglichkeit des Austausches der Güter involviert notwendige
        <pb n="157" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

W

daß alle Arten der Güter einen durchschnittlichen Vorteil haben, der aus
dein Besitz einer jeden Art erwächst; denn niemand würde Kapital
in einer Form behalten wollen, wenn es für eine vorteilhaftere Form
vertauscht werden könnte. Niemand würde z. B. Weizen zu Mehl
mahlen und es zur Bequemlichkeit derer, die von Zeit zu Zeit weizen
oder etwas Gleichwertiges gegen Mehl zu tauschen wünschen, vorrätig
halten, wenn er durch den Tausch sich nicht ein mehr verschaffen könnte
gleich dem, das er sich durch Pflanzung seines Weizens verschaffen
könnte. Niemand würde eine ^erde Schafe, solange er sie behalten
kann, für deren, im nächsten Jahre in Hammelfleisch zurückzugebendes
Nettogewicht umtauschen; denn wenn er die Schafe behält, so hat er
nächstes Jahr nicht bloß ihr Fleisch, sondern auch die Lämmer und die
wolle. Niemand würde eine Bewässerungsgraben anlegen, wenn die,
welche mit dessen Hilfe die erzeugenden Naturkräfte ausnutzen können,
ihm nicht einen Anteil an ihrem Mehr zugestehen, der seinem Kapital
einen so großen Ertrag sichert wie dem ihrigen. Und so muß in jedem
Austauschkreise die Kraft der Vermehrung, welche die Erzeugungs-
oder Lebenskraft der Natur einigen Arten des Kapitals verleiht, sich
mit allen übrigen ausgleichen; und wer Geld, Hobel, Bretter oder
Kleider ausleiht oder zum Austausch verwendet, vermag ebensowohl
einMehr zu erzielen, als wenn er so viel Kapital zu reproduktiven Zwecken
in einer der Vermehrung fähigen Form verliehen oder angelegt hätte.

Auch in der durch den Tausch herbeigeführten Nutzbarmachung
der Unterschiede in den Kräften der Natur und des Menschen ist eine
Zunahme enthalten, die einigermaßen der durch die vitalen Kräfte der
Natur hervorgebrachten gleicht. An einem Platze wird z. B. eine ge-
gebene Summe von Arbeit 200 an vegetabilischer und joo an tierischer
Nahrung ergeben. An einem anderen Platze sind diese Bedingungen
umgekehrt, und dieselbe Summe von Arbeit wird joo an vegetabilischer
und 200 an tierischer Nahrung ergeben. An dem einen Platze ist der
relative wert der Pflanzen- zur tierischen Nahrung wie 2 ju ; und an
dem anderen wie t zu 2; und nehmen wir an, daß von beiden gleiche
Beträge erforderlich sind, so wird dieselbe Summe von Arbeit an jedern
Platze J50 von beiden ergeben, widmen wir jedoch an dem einen Platze
die Arbeit der Hervorbringung von Pflanzennahrung und an denr
anderen der von tierischer Nahrung, und tauschen dann die erforderlichen
Mengen um, so werden die Leute auf beiden Plätzen durch die gegebene
Summe von Arbeit 200 hervorzubringen imstande fein, abzüglich der
Verluste und Kosten des Tausches; so daß auf jedem Platze das dein
verbrauch entzogene und zum Tausch bestimmte Produkt ein Mehr
bringt. So kehrt Whittingtons Katze, die nach einem entfernten Lande
gesandt ist, wo Katzen selten und Ratten in Rberfluß sind, in Warenballen
und Säcken Goldes heim.

Selbstverständlich ist zum Tausch ebensowohl Arbeit nötig wie
zur Verwertung der reproduktiven Naturkräfte, und das Produkt des
        <pb n="158" />
        ﻿Kap. III.

Der Zins und dessen Ursache.

W5

Tausches ist so gut wie das Produkt des Ackerbaues das Produkt der
Arbeit; dennoch wirkt in dein einen wie in dem anderen Falle eine
andere Kraft mit der Arbeit zusammen, die es unmöglich macht, das
Resultat lediglich durch die aufgewendete Summe von Arbeit zu messen,
die vielmehr den Kapitalbetrag und die Zeit, während welcher er in
Verwendung ist, zu integrierenden Teilen in der Summe der Kräfte
macht. Das Kapital hilft der Arbeit in allen verschiedenen Arten der
Produktion; es besteht jedoch ein Unterschied zwischen den Beziehungen
beider in den Produktionsarten, die nur in Form- oder Grtsveränderung
des Stoffes bestehen, wie das Bretterhobeln oder Kohlengraben, und
den Produktionsakten, die sich die reproduktiven Raturkräste oder aber
die Vermehrungsfähigkeit zunutze machen, welche aus Unterschieden
in der Verteilung der Natur- und der Menschenkräfte entspringt, wie
der Getreidebau oder der Austausch von Eis gegen Zucker. Bei der
Produktion ersterer Art ist die Arbeit allein die wirkende Ursache, hört
die Arbeit auf, so hört auch die Produktion aus. Legt der Zimmermann
mit Sonnenuntergang seinen pobel hin, so hört die Wertvermehrung
auf, die er mit demselben schafft, bis er seine Arbeit am nächsten Morgen
wieder beginnt. Läutet die Glocke der Fabrik zum Feierabend, wird
das Bergwerk geschlossen, so endet die Produktion, bis die Arbeit wieder
ausgenommen wird. Die Zwischenzeit könnte, soweit die Produktion
in Betracht kommt, ebensogut ausgelöscht werden. Das verstreichen
der Tage, der Wechsel der Jahreszeiten ist kein Element der Produktion,
die allein von der Summe der aufgewendeten Arbeit abhängt. Zn den
anderen Produktionsakten jedoch, die ich erwähnt habe und in denen
der Anteil der Arbeit den Verrichtungen der polzfäller verglichen werden
kann, die ihre Stämme in den Strom werfen und sie von demselben
bis zum wehr der Sägemühle viele Meilen Hinuntertreiben lassen, ist
die Zeit ein Element. Die Aussaat keimt und sproßt im Boden, ob der
Sandmann schläft oder neue Felder pflügt, und nimmer ruhende Strö-
mungen der Luft und des Ozeans führen whittingtons Katze zu dem von
Gatten gequälten Herrscher der Fabel.

Kehren wir nun zu Bastiats Beispiel zurück. Es ist klar, daß, wenn
ein Grund vorhanden ist, warum Wilhelm am Schluß des Zahres an
Zakob mehr als einen gleich guten Pobel zurückgeben muß, derselbe
nicht, wie Bastiat meint, in der durch den Pobel verliehenen größeren
bllacht liegt, denn dies ist, wie ich gezeigt habe, kein Element; sondern
derselbe entspringt aus dem Element der Zeit — dem Unterschiede
Eines Zahres zwischen dem Leihen und Zurückgeben des Pöbels. Be-
schränkt man die Betrachtung auf dies Beispiel, so zeigt nichts darin
he Wirkung dieses Elementes, denn ein pobel hat am Ende eines Zahres
EMen größeren wert als zu Anfang desselben. Denken wir uns aber
nn Stelle des Pöbels ein Kalb, so ist klar ersichtlich, daß, um Zakob eben-
iFSut zu stellen, als wenn er nicht dargeliehen hätte, Wilhelm ihm am
nde des Jahres kein Kalb, sondern eine Kuh zurückgeben muß. Oder

George, Fortschritt und Armut.	;0
        <pb n="159" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

M

nehmen wir an, daß die zehntägige Arbeit dem Getreidebau gewidmet
gewesen wäre, so ist es augenscheinlich, daß Jakob nicht seinen vollen
Ersatz erhalten würde, falls er nach Ablauf des Jahres nur die Aussaat
zurückerhielte, denn während desselben würde das Korn gekeimt haben,
gewachsen sein und sich vervielfältigt haben; und ebenso könnte dercksobel,
wenn er zum Tausch bestimmt worden wäre, während des Jahres
mehrere Male umgesetzt werden und bei jedem Tausch ein Mehr für
Jakob ergeben. Da nun Jakobs Arbeit in einer dieser Weisen verwendet —
oder, was auf dasselbe hinausläuft, ein Teil der zum Lfobelmachen
aufgewendeten Arbeit dahin abgeleitet werden könnte —, so wird er
für Wilhelm keinen Hobel zum Gebrauch für ein ganzes Jahr machen,
falls er nicht mehr als den Hobel zurückerhält. Und Wilhelm kann auch
mehr als bloß den Hobel zurückgeben, weil der gleiche Durchschnitt der
Vorteile der in verschiedener Art aufgewendeten Arbeit auch ihn befähigt,
aus seiner Arbeit durch das Element der Zeit einen Vorteil zu erzielen.
Dieser allgemeine Durchschnitt, oder, sozusagen, „Einsatz" von Vorteilen,
der notwendig stattfindet, wo die Bedürfnisse der Gesellschaft den gleich-
zeitigen Betrieb der verschiedenen Produktionsarten erheischen, verleiht
dem für sich allein nicht vermehrungsfähigen Güterbesitz einen Vorteil,
ähnlich dem, welcher den Gütern beiwohnt, die in einer Art und weise
benutzt werden, daß sie aus dem Element der Zeit Nutzen ziehen. Irr
letzter Instanz entspringt der Vorteil, der durch den Zeitverfluß gewonnen
wird, der schaffenden Kraft der Natur und den wechselnden Fähigkeiten
der Natur und des Menschen.

wären die Eigenschaften und Fähigkeiten des Stoffes überall
gleichförmig und wäre alle Produktionskraft nur ein Zubehör des
Menschen, so würde es keinen Zins geben. Der Vorteil besserer Werk-
zeuge könnte zeitweilig zu ähnlichen Bedingungen wie das Zinszahlen
übertragen werden, aber solche Geschäfte würden unregelmäßig und
selten — die Ausnahme, aber nicht die Regel sein, denn die Macht,
derartige Erträgnisse zu erzielen, würde nicht, wie jetzt, in dem Kapital-
besitz liegen, und der Vorteil der Zeit würde sich nur unter besonderen
Umständen geltend machen. Daß ich, im Besitz von jooo Dollars, sie
bestimmt auf Zinsen ausleihen kann, kommt nicht daher, daß andere,
die nicht j.ooo Dollars haben, froh find, mich für den Gebrauch zu ent-
schädigen, falls sie auf andere weise sie nicht erlangen können, sondern
daher, daß das durch meine MOO Dollars dargestellte Kapital die Macht
hat, jedem, der es in Händen hat, und sei er auch Millionär, ein Mehr
zu ergeben. Denn der Preis, welchen irgendetwas ergibt, hängt nicht
davon ab, was der Käufer lieber geben will, als daß er Verzicht darauf
leistet, sondern vielmehr davon, was der Verkäufer anderweitig dafür
bekommen kann. Lin Fabrikant, der sich zur Ruhe zu setzen wünscht,
hat z. B. für ^oo ooo Dollars Maschinen. Kann er, im Fall des Ver-
kaufes,^ diese ;oo ooo Dollars nicht zinsbringend anlegen, so wird es
ihm, abgesehen vom Risiko, gleich sein, ob er den ganzen preis sofort
        <pb n="160" />
        ﻿Rap. III.

Der Zins und dessen Ursache.

W

oder durch Ratenzahlungen erhält, und wenn der Käufer das erforder-
liche Kapital hat — was mir zum Behuf des Arguments annehmen
müssen —, so wird es auch ihm gleich fein, ob er sofort oder erst nach
und nach zahlt, Hat der Käufer das erforderliche Kapital nicht, so kann
es ihm konvenieren, daß die Zahlungen hinausgeschoben werden; aber
nur unter Ausnahmeverhältnissen würde der Verkäufer dafür ein Agio
verlangen, oder der Käufer es zahlen wollen; auch würde ein solches
Agio kein eigentlicher Zins fein. Denn die Zinsen sind nicht eigentlich
eine Zahlung für den Gebrauch des Kapitals, sondern ein aus der Kapital-
vermehrung erwachsender Ertrag. Ergäbe das Kapital keine Zunahme,
so würden die Fälle selten und bloße Ausnahmen sein, in welchen der
Besitzer ein Agio erlangte. Wilhelm würde es bald herausfinden, ob
es sich nicht für ihn verlohnt, ein Brett für das Recht zu geben, die Rück-
gabe von Jakobs Hobel hinauszuschieben.

Kurz, wenn wir die Produktion zergliedern, so finden wir, daß
sie in drei Arten zerfällt, nämlich in

Anpassung, d. h. Form- oder Grtsveränderung der Naturprodukte,
um sie zur Befriedigung der menschlichen Wünsche geeignet zu machen;

Züchtung, d. h. Verwertung der vitalen Naturkräfte, wie durch
das Aufziehen von pflanzen oder Tieren;

Austausch, d. h. derartige Verwertung, daß der allgemeinen
Summe der Güter die höheren Fähigkeiten derjenigen Naturkräfte
hinzugefügt werden, die mit dem Drt, oder derjenigen Menschenkräfte,
öie mit der Lage, der Beschäftigung und dem Eharakter wechseln.

Bei jeder dieser drei jdroduktionsarten kann das Kapital die Arbeit
unterstützen; oder, um genauer zu sprechen, bei der ersten Art kann
das Kapital die Arbeit unterstützen, doch ist dies nicht absolut nötig;
bei den anderen beiden muß das Kapital die Arbeit unterstützen oder
lst derselben notwendig.

Während wir durch die Anpassung oder Verwendung von Kapital
w geeigneten Formen die effektive Kraft der Arbeit, dem Stoffe den
Charakter des Gutes aufzuprägen, vergrößern können, wie z. B., wenn
wir Holz und Eisen der Form und dem Gebrauch eines Hobels an-
passen, oder Eisen, Kohle, Wasser und Gl der Form und dem Gebrauch
einer Dampfmaschine, oder Steine, Mörtel, Holz und Eisen einem
^aus, so ist doch das Lharakteriftische dieser Kapitalbenutzung, daß der
Vorteil in der Benutzung liegt, verwenden wir dagegen Kapital in
ber zweiten dieser Arten, z. B. wenn wir Korn aussäen, oder Tiere
Züchten, oder den wein zum Altern hinlegen, so entsteht der Vorteil
^icht aus der Benutzung, sondern aus der Zunahme. Und verwenden
wir Kapital in der dritten weise, indem wir Dinge tauschen, anstatt
sw zu gebrauchen, so liegt der Vorteil in dem vermehrten werte der ein-
Setauschten Dinge.

, Ursprünglich entfallen die aus der Benutzung entstehenden vor-
eüe der Arbeit und die aus der Zunahme entstehenden Vorteile dem
        <pb n="161" />
        ﻿Buch III.

j^8	Die Gesetze der Verteilung.

Kapital. Da aber die Teilung der Arbeit und die Vertauschbarkeit der
Güter einen Ausgleich der Gewinne bedingen und involvieren, insofern
diese verschiedenen Produktionsweisen miteinander in Wechselwirkung
stehen, so werden die aus der einen entstehenden Gewinne mit den aus
der anderen entstehenden sich ausgleichen; denn weder die Arbeit noch
das Kapital wird sich einer Produktionsweise widmen, wenn eine anders,
ihnen offenstehende einen größeren Ertrag gewährt. Das heißt, die in
der ersten Produktionsweise aufgewendete Arbeit wird nicht den ganzen
Ertrag bekommen, sondern den Ertrag minus den Teil, der nötig ist,
um dem Kapital eine solche Vergrößerung zu gewähren, wie es sie in
den anderen Produktionszweigen hätte erzielen können, und das in
der zweiten und dritten Produktionsart beschäftigte Kapital wird nicht
die ganze Vermehrung erhalten, sondern die Vermehrung minus das,
was ausreicht, um der Arbeit denselben Lohn zu geben, den sie bei
Beschäftigung in dem ersten Produktionszweige hätte erzielen können.

Somit entspringt der Zins aus der Vermehrungsfähigkeit, welche
die reproduktiven Kräfte der Natur und die in der Wirkung analoge
Fähigkeit zum Austausch dem Kapital verleihen. Er ist nichts Will-
kürliches, sondern etwas Natürliches; er ist nicht das Ergebnis einer
besonderen sozialen Einrichtung, sondern der allgemeinen Gesetze, denen
die Gesellschaft unterliegt. Er ist daher gerecht.

Diejenigen, die den Zins abschaffen wollen, verfallen in einen
Irrtum, ähnlich demjenigen, welcher, wie wir früher andeuteten, der
Lehre, daß der Lohn dem Kapital entnommen werde, ihre Plausibilität
verleiht. Wenn sie an Zins denken, so denken sie nur an den, welchen
der Benutzer des Kapitals dem Eigentümer desselben zahlt. Offenbar
ist dies aber nicht aller Zins, sondern nur eine Art Zins. Wer Kapital
- benutzt und das Mehr erhält, welches dasselbe ergeben kann, empfängt
Zins. Pflanze und pflege ich einen Baum, bis er trägt, so erhalte ich
in seinen Früchten den Zins des Kapitals, das ich so angehäuft, d. h.
der Arbeit, die ich verwendet habe. Ziehe ich eine Kuh auf, so ist die Milch,
welche sie mir morgens und abends gibt, nicht bloß der Lohn der dabei
aufgewendeten Arbeit, sondern sie repräsentiert auch den Zins des
Kapitals, welches meine zu ihrer Aufziehung verwendete Arbeit in der
Kuh angehäuft hat. Und ebenso, wenn ich mein Kapital zu direkter Unter-
stützung der Produktion benutze, wie z. B. durch Maschinen, oder zu
indirekter Unterstützung der Produktion, wie z. B. durch den Pandel,
so erhalte ich einen speziellen und unterscheidbaren Vorteil durch die
reproduktiven Eigenschaften des Kapitals, die ebenso tatsächlich, wenn
auch vielleicht nicht so klar sind, als wenn ich mein Kapital einem anderen
geliehen und derselbe mir Zins dafür gezahlt hätte.
        <pb n="162" />
        ﻿Kap. IV. Das fiktive Kapital und der oft für Zins gehaltene Gewinn.

Id

Kapitel IV.

Das fiktive Kapital und der oft für Zins gehaltene Gewinn.

Der Glaube, daß der Zins ein Raub an der Lrwerbtätigkeit sei,
rührt nach meiner Überzeugung zum großen Teil daher, daß man nicht
zu unterscheiden vermochte, was wirklich Kapital ist und was nicht,
und daß man ferner nicht gehörig zwischen Gewinn, der eigentlich Zins
ist, und Gewinn, der anderen «Duellen als der Kapitalnutzung entspringt,
unterschied. Zn der Redeweise und Literatur unserer Tage wird jeder
Kapitalist genannt, dem sein Besitz ohne Arbeit einen Ertrag gewährt,
während alles, was er so empfängt, als Gewinn oder Einnahme des
Kapitals bezeichnet wird, und überall hören wir von dem Konflikt zwischen
Arbeit und Kapital. Ob in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen beiden
bestehe, darüber bitte ich den Leser sein Urteil zurückzuhalten, aber es
wird gut sein, schon hier einige, das Urteil verwirrende, irrtümliche
Auffassungen hinwegzuräumen.

Es wurde schon die Aufmerksamkeit auf den Umstand gelenkt,
daß Landwerte, die einen so ungeheuren Teil dessen, was gewöhnlich
Aapital genannt wird, ausmachen, überhaupt gar nicht Kapital sind,
und daß die Grundrente, welche ebenso gewöhnlich in den Kapitals-
Erträgen eingeschlossen wird, und die einen immer größeren Teil der
Einnahmen eines fortschreitenden Landes ausmacht, kein Erwerb des
Aapitals ist und sorgsam von den Zinsen getrennt werden muß. Es ist
sticht nötig, für jetzt weiter bei diesem Punkte zu verweilen. Ebenso
ist die Aufmerksamkeit auf den Umstand gelenkt worden, daß Aktien,
5taatspapiere, Hypothekenbriefe usw., die einen weiteren großen Teil
bessert ausmachen, was gewöhnlich Kapital genannt wird, ebenfalls
Kicht dazu gehören; aber in einigen ihrer formen gleichen diese Schuld-
verschreibungen allerdings dem Kapital und verrichten tatsächlich in
einigen Fällen dessen Funktionen (oder scheinen es wenigstens zu tun),
während sie ihren Besitzern einen Ertrag liefern, der nicht allein Zins
genannt wird, sondern auch jede Ähnlichkeit damit hat, so daß es sich
verlohnt, ausführlicher darüber zu sprechen, ehe wir dazu schreiten, den
^egriff des Zinses von einigen anderen demselben anklebenden Zwei-
eutigkeiten zu säubern.

. Nichts kann, wie man sich stets erinnern muß, Kapital sein, was
vjcht ein Gut ist, d. h. aus wirklichen handgreiflichen Dingen besteht;
wcht die freiwilligen Gaben der Natur, die in sich selbst, nicht aber durch
Vertretung, die Kraft haben, direkt oder indirekt menschliche wünsche
befriedigen.

Daher ist ein Staatspapier nicht Kapital, noch auch nur Repräsen-
.vvt von Kapital. Das Kapital, das die Regierung einst dafür erhielt,
1unproduktiv verbraucht worden — verpufft aus den Mündungen
        <pb n="163" />
        ﻿150

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

der Kanonen, abgenutzt in Kriegsschiffen, ausgegeben urn Menschen
zürn Marschieren, Exerzieren, Töten und Zerstören zu halten. Das
Papier kann nicht Kapital repräsentieren, das zerstört worden ist. Es
repräsentiert überhaupt kein Kapital. Es ist nur eine feierliche Erklärung,
daß die Regierung zu einer oder der anderen Zeit durch Steuern so und
soviel Güter von der Bevölkerung erheben wird, unr sie dein Besitzer
des Papiers zurückzuerstatten, und daß sie mittlerweile in gleicher weise
von Zeit zu Zeit so viel erheben wird, um denselben für die Zunahme
schadlos zu halten, welche ihm das Kapital ergeben würde, wenn es
wirklich in seinem Besitz wäre. Die ungeheuren Summen, welche so
aus dem Produkt aller neueren Länder entnommen werden, um die
Zinsen für öffentliche Schulden zu zahlen, sind nicht Erwerb oder Zu-
nahme des Kapitals, sind nicht wirklich Zinsen im strikten Sinne des
Worts, sondern sind Steuern, erhoben von dem Produkt der Arbeit
und des Kapitals, und lassen so viel weniger für Lohn und wirklichen
Zins übrig.

wie aber, wenn die Schuldbriefe zur Vertiefung eines Flußbettes,
zur Erbauung von Leuchttürmen oder zur Errichtung einer öffentlichen
Markthalle ausgegeben find, oder wenn, um denselben Begriff beizu-
behalten und nur das Beispiel abzuändern, sie von einer Eisenbahn-
gesellschaft ausgegeben sind? Hier repräsentieren sie Kapital, ein vor-
handenes und produktiven Zwecken gewidmetes Kapital, und können
gleich den Aktien einer Dividende zahlenden Gesellschaft als Urkunden-
beweise eines Kapitalbesitzes angesehen werden. Dies können sie in-
dessen nur, insofern sie wirklich Kapital repräsentieren, und nicht etwa
über den Kapitalbedarf hinaus emittiert worden sind. Fast alle unsere
Eisenbahn- und sonstigen Aktiengesellschaften werden in dieser weise
überlastet, wo in Wirklichkeit nur ein Dollar an Kapital ausgegeben
ist, werden Aktien oder Prioritäten für zwei, drei, vier, fünf oder selbst
zehn emittiert, und auf diesen eingebildeten Betrag werden mit mehr
oder weniger Regelmäßigkeit Zinsen und Dividenden bezahlt. Die
Summen aber, die über den, für wirklich angelegtes Kapital schuldigen
Zinsenbetrag hinaus von solchen Gesellschaften verdient und ausgezahlt
werden, sowie die großen von Gründern und Machern aufgesogenen
und nie verrechneten Summen, werden zweifellos nicht dem Gesamt-
produkt des Landes wegen der vom Kapital geleisteten Dienste ent-
nommen —- sie sind kein Zins. Nach der Terminologie der ökonomischen
Schriftsteller, welche den Gewinn in Zins, Versicherung und Unter-
nehmerlohn zerlegen, würden diese Summen in die letzte dieser drei
Kategorien gehören.

während aber der Unternehmerlohn klar genug das von persön-
lichen Eigenschaften, wie Geschicklichkeit, Takt, Unternehmungsgeist,
Organisationstalent, Erfindungsgabe, Charakter usw. abgeleitete Ein-
kommen involviert, gibt es noch ein anderes Element, das zu dem
Gewinne, von dem wir sprechen, beiträgt und das nur willkürlich mit
        <pb n="164" />
        ﻿Kap. IV. Das fiktive Kapital und der oft für Zins gehaltene Gewinn.

\5{

diesen persönlichen Eigenschaften zusammengeworfen werden kann —
das Element des Monopols.

Als Zakob I. seinem Günstling das ausschließliche Vorrecht verlieh,
Gold- und Silberdraht zu machen und unter schweren Strafen jedem
anderen die Anfertigung desselben verbot, erwuchs das dadurch Bucking-
ham überwiesene Einkommen nicht aus den Zinsen des in der Fabrikation
angelegten Kapitals, noch aus der Geschicklichkeit derjenigen, welche das
Geschäft persönlich leiteten, sondern aus dem, was er vom Könige er-
halten hatte, nämlich dem ausschließlichen Vorrecht, in Wirklichkeit
der Macht, allen Konsumenten von solchem Draht für seine Zwecke
eine Steuer aufzuerlegen. Aus ähnlichen Quellen kommt ein großer
Teil der Gewinne, welche gewöhnlich mit dem Erwerb des Kapitals
verwechselt werden. Einnahmen aus Patenten, die für eine gewisse
Reihe von Zähren bewilligt werden, um den Erfindungsgeist zu er-
mutigen, sind klärlich auf diese «Duelle zurückzuführen; ebenso die Erträge
aus Monopolen, die unter dem Vorwände, die heimische Zndustrre zu
ermutigen, durch Schutzzölle geschaffen werden. Es gibt indes eine noch
viel heimtückischere und gewöhnlichere Form des Monopols, jn der
Ansammlung großer Kapitalsmassen unter gemeinsamer Verwaltung
hat sich eine neue und von der dem Kapital im allgemeinen charakte-
ristischen Vermehrungsfähigkeit, welcher die Zinsen ihre Entstehung
verdanken, ganz verschiedene Macht entwickelt, während die erstere
ihrer Natur nach sozusagen aufbauend ist, ist die Maäch welche sich bei
fortschreitender Assoziation darauf erhebt, zerstörend. Ls ist eine Macht
derselben Art, wie sie Zakob an Buckingham verlieh, und sie wird oft
urit ebenso schamloser Mißachtung nicht nur der industriellen, sondern
der persönlichen Rechte der einzelnen ausgeübt. Eine Eisenbahngesell-
schaft nähert' sich einer kleinen Stadt wie der Straßenräuber seinem
Opfer. Die Drohung: „Fügt Zhr Euch nicht unseren Bedingungen, so
lassen wir Eure Stadt zwei bis drei Meilen abseits" ist ebenso wirksam
wie: „Die Börse oder das Leben", wenn ein Pistol mit gespanntem
Pahn dahintersteht. Denn die Drohung der Lisenbahngesellschaft will
der Stadt nicht nur diejenigen vorteile entziehen, welche die Eisenbahn
gewähren kann, sondern sie kann die Stadt in eine weit schlimmere
Lage versetzen/als wenn gar keine Eisenbahn gebaut worden wäre.
Oder wenn, wo Wasserverbindung vorhanden ist, ein Konkurrenzboot
aufgestellt wird: die Preise werden heruntergesetzt, bis das alte Boot
konkurrenzunfähig ist, und dann wird das Publikum gezwungen, die
kosten der Operation zu zahlen, gerade wie die Rohillas gezwungen
wurden, die 40 Lacs herzugeben, mit welchen Sujah Dowlah von
lvarren pastings ein englisches Korps mietete, das ihm ihr Land verwüsten
und ihr Volk dezimieren half. Und genau so wie die Räuber sich ver-
binden, um gemeinsam zu plündern und den Raub zu teilen, so ver-
einigen sich die Eisenbahnlinien, unr die Frachten hinaufzuschrauben,
oder die Pazifik-Eisenbahn schließt mit der Pazifik-Dampferkompagnie
        <pb n="165" />
        ﻿\52

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

eine Koalition, wonach virtuell Zollstellen auf dein Lande und dem
Gzean errichtet werden. Und genau so wie Buckinghams Kreaturen,
die unter der Autorität des Gold draht-Patents Privathäuser durchsuchten
und aus bloßer Luft oder behufs Erpressung Papiere und Personen
sistierten, macht es die große Telegraphengesellschaft, welche, durch die
Macht des assoziierten Kapitals das Volk der Vereinigten Staaten um
den vollen Nutzen einer wohltätigen Erfindung bringend, Depeschen
fälscht und die Zeitungen, die ihr entgegentreten, vernichtet.

Man braucht diese Dinge nur zu erwähnen, nicht bei ihnen zu
verweilen. Jedermann kennt die Tyrannei und pabgier, womit das
assoziierte Großkapital häufig gehandhabt wird, um zu zerstören, zu
korrumpieren und zu rauben. Worauf ich aber des Lesers Aufmerksam-
keit zu lenken wünsche, das ist, daß so erworbene Gewinne nicht mit den
legitimen Erträgen des Kapitals, als eines Agens der Produktion,
verwechselt werden dürfen. Sie sind meistens Mängeln der Gesetzgebung
und einer blinden Anhänglichkeit an alte Barbareien, sowie der aber-
gläubischen Verehrung der engherzigen Formalitäten in der Recht-
sprechung zuzuschreiben; während der allgemeine Prozeß, der in fort-
schreitenden Ländern mit der Konzentrierung des Reichtums zugleich
die Konzentrierung der Macht bewirkt, gerade die Lösung des großen
Problems ist, die wir suchen, aber noch nicht gefunden haben.

Jede Analyse wird zeigen, daß viele der Gewinne, welche nach
der gewöhnlichen Ansicht mit Zinsen verwechselt werden, in Wirklichkeit
nicht der Macht des Kapitals, sondern der Macht des konzentrierten
Kapitals und zwar des nach schlechten sozialen Einrichtungen handeln-
den konzentrierten Kapitals zuzuschreiben sind. Und ebenso wird sie
zeigen, daß das, was eigentlich Unternehmerlohn ist, sehr häufig mit den
Gewinnen des Kapitals verwechselt wird.

Ebenso werden oft Gewinne, die eigentlich von dem Element des
Risikos herrühren, mit Zinsen verwechselt. Einige Leute erwerben
Reichtum, indem sie Lhancen laufen, die der Majorität der Menschen
notwendig Verlust bringen müssen. Dahin gehörten viele Formen der
Spekulation, und besonders das Börsenspiel. Rührigkeit, Verstand,
Kapitalbesitz, Geschicklichkeit in dem, was man in den niedrigeren Formen
des pazards als Schlepper- und Bauernfängerkünste kennt, geben dem
einzelnen vorteile; aber gerade wie am Spieltische, gewinnt der eine,
was der andere verliert.

Betrachten wir nun die großen Vermögen, welche so oft als Beispiele
der Anhäusungskraft des Kapitals angezogen werden, eines Herzogs
von westminster, eines Marquis of Bute, der Rothschilds, Astors, Ste-
warts, Vanderbilts, Goulds, Stanfords und Floods — so wird man
bei näherer Prüfung leicht sehen, daß dieselben mehr oder weniger nicht
durch Zinsen, sondern durch Elemente, wie wir sie soeben überblickt
haben, aufgebaut worden sind.

wie nötig es ist, die Unterscheidungen, auf die ich die Aufmerk-
        <pb n="166" />
        ﻿Kap. V.

Das Gesetz des Zinses.

*53

famfeit gelenkt habe, festzuhalten, ist aus den Tageserörterungen ersicht-
lich, wo der Schild bald weiß bald schwarz ist, je nachdem der Standpunkt
von der einen oder anderen Seite genommen wird. Einerseits werden
wir aufgefordert, in der Existenz tiefer Armut dicht neben ungeheuren
Reichtumsansammlungen die Angriffe des Kapitals auf die Arbeit
zu sehen; auf der anderen Seite dagegen weift man darauf hin, daß das
Kapital die Arbeit unterstütze, woraus wir schließen sollen, daß in der
breiten Kluft zwischen Reich und Arm nichts Ungerechtes oder Unnatür-
liches fei; daß Reichtum nur der Lohn des Fleißes, der Klugheit und
Sparsamkeit sei und die Armut nur die Strafe der Faulheit, Unwissen-
heit und Unvorsichtigkeit.

Kapitel V.

Das Gesetz des Zinses.

U)ir wollen nun zu dem Gesetz des Zinses übergehen und zwei
Dinge im Auge behalten, auf die schon zuvor die Aufmerksamkeit ge-
lenkt wurde, nämlich:

*. daß das Kapital nicht die Arbeit beschäftigt, sondern die Arbeit
das Kapital;

2. daß das Kapital keine bestimmte Menge ist, sondern sich stets
vermehren oder vermindern kann, erstens durch die größere oder geringere
Verwendung von Arbeit zur Produktion von Kapital, zweitens durch
die Umwandlung von Gütern in Kapital oder von Kapital in Güter;
denn da das Kapital nur eine auf gewisse Art verwendete Summe von
Gütern ist, so ist der Ausdruck „Güter" der weitere und umfassendere.

Ls ist offenbar, daß unter freien Verhältnissen das Maximum,
das für die Benutzung von Kapital gegeben werden kann, die Vermehrung

die es bringen kann, und daß das Minimum oder Null der Ersatz
des Kapitals sein wird; denn jenseits des einen Punktes würde das
Morgen von Kapital einen Verlust einschließen, und unter dem anderen

sich das Kapital nicht erhalten.

Man beachte andererseits, daß es nicht, wie von einigen Schrift-
1 ellern fälschlich behauptet wird, die der Arbeit durch die Richtung von
apital auf eine besondere Form oder Verwendung verliehene größere
.^'stungsfähigkeit ist, was dies Maximum feststellt, sondern die durch-
schnittliche Vermehrungsfähigkeit, welche dem Kapital im allgemeinen
wnewohnt. Die Fähigkeit, sich auf vorteilhafte Formen zu richten, ist
ur der Arbeit eigen, und das Kapital als solches kann sie weder für sich
^anspruchen noch an ihr Teil haben. Bogen und Pfeile werden einen
Dndlaner in den Stand setzen, etwa täglich einen Büffel zu töten, wäh-
^vd er mit Stöcken und Steinen schwerlich jede Woche einen fällen
        <pb n="167" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.



könnte; aber der Waffenschmied des Stammes kann nicht von dein
Jäger je den siebenten der getöteten Büffel als Entgelt für den Ge-
brauch des Bogens und der -Pfeile beanspruchen, so wenig wie das in
einer Wollenwarenfabrik angelegte Kapital dem Kapitalisten den Unter-
schied zwischen der Produktion der Fabrik und dem, was die gleiche
Summe von Arbeit mit Spinnrad und Bandstuhl erzielt haben würde,
eintragen wird. Wenn Wilhelm von Jakob einen Hobel borgt, erlangt
er damit nicht den Vorteil der durch den Hobel erzielten größeren Arbeits-
leistung gegenüber der Arbeitsleistung mittels einer Muschel oder eines
Feuersteins. Der Fortschritt der Kenntnisse hat den in der Verwendung
von Hobeln liegenden Vorteil zu einem Gemeingut der Arbeit ge-
macht. Mas Wilhelm von Jakob erhält, ist nur derjenige vorteil, den
eine Jahresfrist dem Besitz eines Kapitals, wie der Hobel es darstellt,
verleiht.

Wenn nun die vitalen Kräfte der Natur, welche dem Element
der Zeit einen Vorteil gewähren, die Ursache des Zinses sind, so scheint
daraus zu folgen, daß der höchste Zinssatz durch die Stärke dieser Kräfte
und durch die Ausdehnung, in welcher sie in der Produktion beschäftigt
sind, bestimmt werden müsse. Während jedoch die Zeugungskraft der
Natur ungemein verschieden ist, wie z. B. zwischen dem Lachs, der
Tausende von Eiern setzt, und dem Walfisch, welcher in Zwischenräumen
von Jahren nur ein Junges wirft, zwischen dem Kaninchen und dem
Elefanten, der Distel und der Riesenfichte, so ergibt sich aus der Art
und Weise, wie das natürliche Gleichgewicht erhalten wird, daß eine
Ausgleichung zwischen den zeugenden und zerstörenden Kräften der
Natur besteht, welche in Wirklichkeit das Vermehrungsprinzip auf einen
gleichförmigen Punkt bringt. Dies natürliche Gleichgewicht vermag
der Mensch innerhalb enger Grenzen zu stören, und er kann durch Ver-
änderung der natürlichen Bedingungen aus der wechselnden Stärke
der Zeugungskraft in der Natur nach Belieben Nutzen ziehen. Aber
wenn er dies tut, dann entspringt aus dem weiten Spielraum seiner
Wünsche ein anderes Prinzip, welches in der Vermehrung der Güter
eine ähnliche Ausgleichung, ein ähnliches Gleichgewicht zuwege bringt,
wie das, welches in der Natur unter den verschiedenen Formen des
Lebens besteht. Diese Ausgleichung zeigt sich in den Preisen. Werden
in einem dazu geeigneten Lande von mir Kaninchen, von einem anderen
Pferde aufgezogen, so können meine Kaninchen, bis die natürliche Grenze
erreicht ist, schneller zunehmen als seine Pferde. Mein Kapital jedoch
wird nicht schneller zunehmen, denn die Wirkung der verschiedenen
Zunahmeverhältnisse wird sein, den Wert der Kaninchen im Vergleich
zu den Pferden herabzudrücken und den Wert der Pferde im Vergleich
zu den Kaninchen zu erhöhen.

Obgleich die verschiedene Stärke der vitalen Kräfte der Natur
ausgeglichen wird, so kann doch auf den verschiedenen Stufen der
sozialen Entwicklung ein Unterschied in der verhältnismäßigen Aus-
        <pb n="168" />
        ﻿Kap. V.

Das Gesetz des Zinses.

155

dehnung bestehen, bis zu welcher diese vitalen Kräfte in der Gesamt-
produktion in Anspruch genommen werden. In dieser Beziehung ist
jedoch Zweierlei zu bemerken. Erstens: wenn auch in einem Lande
wie England der Anteil der Industrie an der Gesamtproduktion im
vergleich zum Ackerbau sehr überwiegend ist, so muß doch beachtet
werden, daß wir es hier nur mit einer politischen oder geographischer:
Abgrenzung, nicht mit der ganzen Industrie-Republik zu tun haben.
Denn Industrie-Republiken werden nicht durch politische Grenzen
oder durch Berge und Meere begrenzt. Sie werden nur begrenzt durch
den Spielraum ihrer Tausche, und das Verhältnis, in welchem in der
Nationalwirtschaft Englands dessen Ackerbau und Viehzucht zu seinen
Fabriken steht, wird durch Iowa und Illinois, Texas und Kalifornien,
Kanada und Indien, Tueensland und die Ostsee, kurz durch alle Länder,
auf welche sich der weltweite Handel Englands erstreckt, ausgeglichen.
Zweitens: obgleich in dem Fortschritt der Zivilisation die Tendenz
auf die relative Vermehrung der Industrie im Vergleich zum Ackerbau
und folglich auf eine verhältnismäßig geringere Inanspruchnahme der
Zeugungskräfte der Natur gerichtet ist, so ist dies doch von einer ent-
sprechenden Ausdehnung des Handels und deshalb von einer größeren
Inanspruchnahme der daraus entspringenden Vermehrungsfähigkeit
begleitet. So gleichen sich diese Tendenzen größtenteils, oder bis Dato
wahrscheinlich vollständig aus und erhalten das Gleichgewicht, welches
die durchschnittliche Kapitalzunahme oder den normalen Zinsfuß be-
stimmt.

Dieser normale Punkt des Zinses nun, welcher zwischen dem not-
wendigen Maximum und dem notwendigen Minimum des Kapital-
ertrages liegt, muß, wo er sich auch befindet, ein solcher sein, daß, alle
Dinge in Betracht gezogen (wie das Gefühl der Sicherheit, das verlangen
nach Anhäufung usw.), die Belohnung des Kapitals und die Belohnung
der Arbeit gleich sind, d. h. ein gleich anreizendes Resultat für die an-
zuwendenden Anstrengungen und Opfer bieten. Ls ist vielleicht un-
möglich, diesen Punkt zu formulieren, weil der Lohn gewöhnlich nach
der ganzen Quantität veranschlagt wird, der Zins dagegen ein Prozent-
satz ist; aber wenn wir eine gegebene Menge von Gütern als Produkt
einer gegebenen Summe von Arbeit unter zeitweiliger Mitwirkung
eines gewissen Kapitalbetrages ansehen, so würde das Verhältnis,
m welchem das Produkt zwischen der Arbeit und dem Kapital geteilt
wird, einen vergleich bieten. Es muß einen Punkt geben, um de:: der
Zinsfuß sich zu fixieren strebt, da, wenn ein solches Gleichgewicht nicht
hergestellt wäre, die Arbeit die Verwendung von Kapital nicht akzeptieren
oder das Kapital nicht zur Verfügung der Arbeit gestellt werden würde.
Denn Arbeit und Kapital sind nur verschiedene Formen desselben
Dinges — der menschlichen Anstrengung. Das Kapital wird durch die
Arbeit geschaffen; es ist tatsächlich nur auf Stoff verwendete, in Stoff
angehäufte Arbeit, die wieder frei wird, wenn sie nötig ist, wie die in
        <pb n="169" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

*56

Buch III.

den Kohlen gebundene Sonnenhitze im Hochofen wieder frei wird.
Die Verwendung von Kapital in der Produktion ist deshalb nur eine
Form der Arbeit. Wie das Kapital nur durch Verbrauch benutzt werden
kann, so ist dessen Benutzung ein Aufwand von Arbeit, und unr intakt
erhalten zu werden, muß das Kapital durch die Arbeit in gleichem Um-
fang hervorgebracht als bei Unterstützung der Arbeit verbraucht werden.
Daher bewirkt auch das Prinzip, welches bei freier Konkurrenz den
Lohn auf ein gemeinsames Niveau bringt und den Gewinn im wesent-
lichen gleichmäßig gestaltet —das Prinzip, daß die Menschen ihre wünsche
mit der wenigsten Anstrengung zu befriedigen suchen werden —- dieses
Prinzip bewirkt auch, daß das Gleichgewicht zwischen Lohn und Zins
hergestellt und erhalten wird.

Diese natürliche Beziehung zwischen Zins und Lohn — dies Gleich-
gewicht, bei welchem beide für gleiche Anstrengungen gleiche Erträge
darstellen werden — kann in einer Form dargelegt werden, die eine
Gegensätzlichkeit andeutet, doch ist diese Gegensätzlichkeit nur eine schein-
bare. Bei einer Teilhaberschaft zwischen Richard und Heinrich ist in
der Angabe, daß Richard einen gewissen Teil des Gewinns erhält, zu-
gleich mit ausgesprochen, daß der Anteil Heinrichs kleiner oder größer
ist, je größer oder kleiner der Richards ist; wo aber, wie in unserem Falle,
jeder nur das erhält, was er dem gemeinschaftlichen Fonds hinzufügt,
da verringert die Zunahme des Anteils des einen nicht das, was der
andere erhält.

Ist diese Beziehung festgestellt, so ist es klar, daß Zins und Lohn
zusammen steigen und fallen müssen, und daß ersterer nicht steigen kann,
ohne daß auch letzterer steigt, noch daß der Lohn sinken kann, ohne auch
den Zins herabzudrücken. Denn wenn der Lohn sinkt, muß auch der
Zins im Verhältnis sinken, sonst wird es vorteilhafter, Arbeit in Kapital
&gt; umzuwandeln als sie direkt aufzuwenden, während, wenn der Zins
sinkt, der Lohn ebenfalls entsprechend sinken muß, da sonst die Vermeh-
rung des Kapitals verhindert werden würde.

Wir sprechen natürlich nicht von besonderen Löhnen und besonderen
Zinsen, sondern von den allgemeinen Lohnsätzen und dem allgemeinen
Zinsfuß, und verstehen unter Zinsen immer den Ertrag, welchen das
Kapital abzüglich Versicherung und Unternehmerlohn erzielen kann.
Zn einem besonderen Falle oder in einer besonderen Verwendung kann
die Tendenz des Lohnes und Zinses nach einem Gleichgewicht gehindert
werden, aber zwischen dem allgemeinen Lohnsatz und dem allgemeinen
Hinssuß muß sie ohne Verzug wirken. Denn obschon in einem besonderen
Produktionszweige die Linie zwischen denen, welche die Arbeit, und
denen, welche das Kapital liefern, scharf gezogen sein mag, so gehen
doch selbst in den Ländern, wo der schärfste Unterschied zwischen Arbeitern
und Kapitalisten besteht, diese beiden Klassen durch kaum bemerkbare
Abstufungen ineinander über, und am äußersten Rande, wo die beiden
Klassen sich in denselben Personen vereinigen, kann die Wechselwirkung,

t
        <pb n="170" />
        ﻿Kap. V.

Das Gesetz des Zinses.

*57

die das Gleichgewicht herstellt oder vielmehr dessen Störung verhindert,
ohne Schwierigkeit vor sich gehen, welche Hindernisse auch bestehen
mögen, wo die Trennung eine vollständige ist. Und ferner muß man sich
erinnern, daß, wie früher bemerkt wurde, das Kapital nur ein Teil der
Güter ist und sich von den Gütern im allgemeinen nur durch den Zweck,
dem es gewidmet ist, unterscheidet; und daher hat die Gesamtheit der
Güter auf die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit dieselbe aus-
gleichende Wirkung, wie ein Schwungrad auf die Bewegung der Ma-
schine: sie nimmt Kapital auf, sobald zu viel vorhanden ist und läßt es
wieder los, sobald Mangel daran entsteht, ähnlich wie ein Juwelier
seiner Frau Diamanten zum Tragen geben kann, wenn er Überfluß
daran hat und sie wieder in seinem Laden ausstellt, wenn sein Vorrat
zusammengeschmolzen ist. So muß jede Tendenz des Zinsfußes, über
das Gleichgewicht mit dem Lohne zu steigen, sofort nicht nur eine Tendenz
erzeugen, Arbeit auf die Produktion von Kapital, sondern auch die Ver-
wendung von Gütern aus die Zwecke des Kapitals zu lenken, während
jede Tendenz des Lohnes, sich über das Gleichgewicht mit dem Zins
zu erheben, in gleicher Weise nicht nur eine Tendenz erzeugen muß,
Arbeit von der Kapitalproduktion abzulenken, sondern auch das Ver-
hältnis des Kapitals dadurch zu vermindern, daß manche der Güter,
aus denen das Kapital besteht, von produktiven Zwecken auf nicht-
produktive abgeleitet werden.

Rekapitulieren wir: Zwischen Lohn und Zins besteht, durch Ur-
sachen festgestellt, die, wenn sie auch nicht absolut dauernd sind, sich doch
nur langsam verändern, eine gewisse Beziehung oder ein gewisses Ver-
hältnis, unter welchem genug Arbeit in Kapital verwandelt werden
wird, um das Kapital zu liefern, das nach dem Grade der Kenntnisse,
dem Stande der Gewerbe, der Dichtigkeit der Bevölkerung, dem Tha-
rakter der Beschäftigungen, der Verschiedenheit, Ausdehnung und
Schnelligkeit der Tausche für die Produktion verlangt wird, und diese
Beziehung oder dies Verhältnis erhält beständig die Wechselwirkung
Zwischen Arbeit und Kapital; daher muß der Zins mit dem Lohn zu-
sammen steigen und fallen.

Hier ein Beispiel: der Preis des Mehls wird durch den Weizen-
preis und die Kosten des Mahlens bestimmt. Der Preis des Mahlens
variiert langsam und nur wenig, so daß der Unterschied, selbst bei langen
Zwischenräumen, kaum bemerkbar ist, während der Weizenpreis häufig
und bedeutend fluktuiert. Daher sagen wir richtig, daß der Preis des
^ehls durch den Preis des Weizens beherrscht wird.. Oder, um den
batz in dieselbe Form zu bringen, wie den vorhergehenden: zwischen
^nr Preise des Weizens und dem preise des Mehles besteht eine gewisse
^aziehung oder ein gewisses Verhältnis, das durch die Kosten des
Mahlens festgestellt wird, ein Verhältnis, das die Wechselwirkung
Zwischen der Nachfrage nach Mehl und dem Angebot von Weizen be-
        <pb n="171" />
        ﻿*58

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

ständig erhält; daher muß der Preis des Mehles steigen und fallen mit
dem Steigen und fallen des Weizenpreises.

Oder wie wir mit Beifeitelassung des verbindenden Gliedes, des
Weizenpreises, sagen, daß der Preis des Mehls von dem Ausfall der
Ernten, von Kriegen usw. abhänge, so können wir das Gesetz des Zinses
in eine Form bringen, die direkt an das Gesetz der Rente anschließt,
indem wir sagen, daß der allgemeine Zinsfuß bestimmt wird durch den
Ertrag des Kapitals auf dem ärmsten Boden, dem sich dasselbe überhaupt
zuwendet, d. h. auf dem besten, der ihm ohne Rentenzahlung zugänglich
ist. So bringen wir das Zinsgesetz in eine Form, die dasselbe als ein
Korrelat des Gesetzes der Rente ausweist.

Wir können diese Folgerung noch auf eine andere Art beweisen;
denn daß der Zins in dem Maße fallen muß wie die Rente steigt, können
wir klar sehen, wenn wir den Lohn beiseite lassen. Um dies zu tun,
müssen wir uns allerdings eine nach ganz verschiedenen Prinzipien
organisierte Welt vorstellen. Immerhin können wir uns jenen Zustand
vorstellen, den Larlyle ein Narrenparadies nennt, und wo die pervor-
bringung der Güter ohne Mitwirkung der Arbeit und nur durch die
zeugende Macht des Kapitals vor sich geht, wo die Schafe fertige Kleider
auf ihren Rücken tragen, die Kühe Butter und Käse hergeben und die
Ochsen, nachdem sie den erforderlichen Grad von Fett erlangt haben,
sich in Beefsteaks und Roastbeefs tranchieren, wo päuser aus der Erde
wachsen und ein hingeworfenes Taschenmesser Wurzel faßt und in
gehöriger Zeit eine Ernte von assortierten Eisenwaren bringt. Stellen
wir uns nun gewisse Kapitalisten vor, die mit ihren Kapitalien an einen
solchen Ort kommen. Offenbar würden sie als Ertrag ihres Kapitals
die ganze Summe der Güter, die es hervorbrachte, nur so lange erhalten,
als nichts von dessen Produkten für Grundrente gefordert wird; sobald
Rente entsteht, muß sie aus dem Ertrage des Kapitals kommen, und
je nachdem sie steigt, muß der Ertrag des Kapitalbesitzers notwendig
sinken. Stellen wir uns vor, der Ort, wo das Kapital die Fähigkeit
besitzt, Güter ohne Mitwirkung der Arbeit zu erzeugen, sei von geringer
Ausdehnung — sagen wir z. B. eine Insel — so werden wir sehen,
daß, sobald das Kapital sich bis zur Grenze der Aufnahmefähigkeit
der Insel vermehrt hat, sein Ertrag auf einen Punkt sinken muß, der nur
ganz wenig über dem Minimum des bloßen Ersatzes liegt; und die
Grundbesitzer würden fast das ganze Produkt als Rente erhalten, denn
den Kapitalisten bliebe keine andere Wahl, als ihr Kapital ins Meer
zu werfen. Oder stellen wir uns vor, die Insel stehe in Verbindung mit
der übrigen Welt, so würde der Ertrag des Kapitals sich auf den in
anderen Orten üblichen Satz stellen. Der Zinsfuß würde daselbst weder
höher noch niedriger sein als anderswo. Die Rente würde den größeren
Nutzen ganz verschlingen, und der Grund und Boden der Insel würde
einen großen wert haben.
        <pb n="172" />
        ﻿Kap. VI.

Der Lohn und das Lohngesetz.

Um jetzt den Schluß zu ziehen, so lautet das Gesetz des Zinses
folgendermaßen:

Das Verhältnis zwischen Lohn und Zins wird
bestimmt durch die durchschnittliche Zunahmefähig-
keit, welche dem Kapital in seiner Verwendung
zu reproduktiven Zwecken eigen ist. Sobald Rente
entsteht, wird der Zins sinken, je nachdem der
Lohn sinkt, d. h. er wird durch die Grenze des
Anbaus bestimmt werden.

Ich habe mich in dieser Ausführlichkeit bemüht, das Gesetz des
Zinses klar zu stellen und zu erläutern, mehr der bestehenden Ter-
minologie und Gedankenrichtung wegen, als weil es unsere Untersuchung
selbst erforderte, wenn sie nicht durch dichte Nebel von Trugschlüssen
umdüstert wäre. Zn Wahrheit teilten sich die Güter bei der Verteilung
ursprünglich nur in zwei, nicht in drei Teile. Das Kapital ist nur eine
Form der Arbeit, und seine Unterscheidung von der Arbeit ist in Wirk-
lichkeit nur eine Abteilung, genau wie die Einteilung der Arbeit in
qualifizierte und unqualifizierte Arbeit, wir haben in unserer Unter-
suchung denselben jdunkt erreicht, zu dem wir gelangt sein würden,
wenn wir das Kapital einfach als eine Form der Arbeit behandelt und
das Gesetz gesucht hätten, welches den Ertrag zwischen der Rente und
dem Lohn teilt, d. h.' zwischen den Besitzern der beiden Faktoren, der
uatürlichen Stoffe und Kräfte einerseits und der menschlichen Betätigung
andererseits, welche beide Faktoren durch ihre Vereinigung alle Güter
hervorbringen.1

Kapitel VI.

Der Lohn und das Lohngesetz.

Wir haben durch Folgerung das Gesetz des Lohnes bereits erlangt.
M aber die Schlußfolge zu prüfen und den Gegenstand von allen Zwei-
eutigkeiten zu befreien, wollen wir das Gesetz von einem unabhängigen
usgangspunkte aus suchen.

. Es gibt natürlich nicht so etwas wie einen gemeinsamen Lohnsatz
^ dem Sinne, wie zeitlich und örtlich ein gemeinsamer Zinsfuß bestebt.
Ni^i°hn, welcher alle durch Arbeit erzielten Erträge einschließt, variiert
,§ je nach den verschiedenen Gaben der einzelnen, sondern auch
verwickelter die Einrichtungen der Gesellschaft werden, ganz bedeutend
nach , den Beschäftigungen. Nichtsdestoweniger besteht ein gewisser
^oureiner Zusammenhang unter allen Löhnen, so daß wir einen
di/^n^d verständlichen Gedanken ausdrücken, wenn wir sagen, daß
--ohne zu einer Zeit oder an einem Ort höher oder niedriger sind
        <pb n="173" />
        ﻿*60

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

als an anderen. In ihren Graden steigen und fallen die Löhne einem
gemeinsamen Gesetze zufolge, welches ist dies Gesetz?

Das Fundamentalprinzip menschlicher Tätigkeit — das Gesetz
welches für die Nationalökonomie dasselbe ist, wie das Gesetz der Schwere
für die Physik — besteht darin, daß die Menschen ihre wünsche mit
der geringsten Anstrengung zu befriedigen suchen. Offenbar muß dies
Prinzip durch die Konkurrenz, die es veranlaßt, den Lohn, der unter
gleichen Verhältnissen durch gleiche Anstrengungen erzielt wird, aus-
gleichen. Arbeiten die Leute für sich, so wird diese Ausgleichung stark
durch den Ausgleich der Preise beeinflußt werden, und zwischen den-
jenigen, welche für sich arbeiten und denjenigen, welche für andere
arbeiten, wird das gleiche Streben nach Ausgleichung obwalten, welches
werden nun diesem Prinzip zufolge in einem Zustande der Freiheit
die Bedingungen sein, unter denen jemand andere dingen kann, damit
sie für ihn arbeiten? Offenbar werden sie dadurch bestimmt werden,
was die Leute verdienen können, wenn sie für sich arbeiten. Das Prinzip,
welches ihn verhindern wird, ihnen mehr zu geben, als was nötig ist,
um sie zu der Änderung zu veranlassen, wird andererseits sie verhindern,
weniger zu nehmen. Verlangten sie mehr, so würde die Konkurrenz
anderer sie keine Beschäftigung finden lassen. Böte er weniger, so würde
niemand die Bedingungen annehmen, da sie mehr verdienen, wenn sie
für sich arbeiten. Obgleich somit der Arbeitgeber so wenig als möglich
zu zahlen und der Arbeiter so viel als möglich zu erhalten wünscht, wird
doch der Lohn durch den wert oder Ertrag bestimmt werden, den die
Arbeit für die Arbeiter selbst hat. wird der Lohn zeitweilig über oder
unter diese Linie gebracht, so entsteht unverzüglich die Tendenz, sie dahin
zurückzuführen.

Indes hängt das Resultat oder der verdienst der Arbeit, wie man
aus den ersten und ursprünglichsten Beschäftigungen aller Arbeit, die
auch in der höchstentwickelten Gesellschaftsverfassung noch die Grundlage
der Produktion bilden, leicht ersehen kann, nicht bloß von der Wirksam-
keit und Oualität der Arbeit selbst ab. Die Güter sind das Produkt
zweier Faktoren, des Grund und Bodens und der Arbeit, und was eine
gegebene Summe von Arbeit leistet, wird je nach den Naturvorteilen,
auf die sie gerichtet ist, variieren. Ist dies so, so wird das Prinzip, daß
die Menschen ihre wünsche mit der geringsten Anstrengung zu befriedigen
suchen, den Lohn an das Produkt der Arbeit auf dem ihr zugänglichen
Punkte der höchsten natürlichen Produktivität knüpfen. Kraft desselben
Prinzipes wird der der Arbeit zugängliche höchste Punkt der natürlichen
Produktivität unter obwaltenden Verhältnissen der niedrigste Punkt
sein, bei welchem die Produktion fortdauert; denn die Menschen, an-
getrieben durch ein höchstes Gesetz des menschlichen Geistes, die Be-
friedigung ihrer wünsche mit der geringsten Anstrengung zu suchen,
werden keine Arbeit bei einem niedrigeren Punkte der Ergiebigkeit
aufwenden, solange ihnen ein höherer offen steht. Somit wird der
        <pb n="174" />
        ﻿Der Lohn und das Lohngesetz.

\6\

Kap. VI.

Lohn, den ein Arbeitgeber zahlen muß, durch den niedrigsten Punkt
der natürlichen Produktivität bemessen werden, bis zu dem die Pro-
duktion reicht, und der Lohn wird steigen und fallen, je nachdem dieser
Punkt steigt oder fällt.

Hier ein Beispiel: Zn einem einfachen Gesellschaftszustande arbeitet
jedermann, wie dies der ursprüngliche Gebrauch ist, für sich selbst,
einige z. B. jagen, andere fischen, wieder andere bebauen den Boden.
Wir wollen annehmen, daß der Anbau gerade begonnen habe und das
in Gebrauch befindliche Land alles von gleicher Güte fei, gleichen An-
strengungen den gleichen Ertrag gewähre. Der Lohn — denn obgleich
es weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer gibt, gibt es doch Lohn —
wird daher den vollen Ertrag der Arbeit darstellen und (mit billiger
Berücksichtigung des Unterschiedes in der Annehmlichkeit, im Risiko usw.
unter den drei Beschäftigungen) im Durchschnitt gleich sein, d. h. gleiche
Anstrengungen werden gleiche Resultate ergeben, wenn nun einer von
ihnen einige seiner Gefährten zu beschäftigen wünscht, so daß sie für ihn
und nicht für sich selbst arbeiten, so muß er den durch diesen vollen durch-
schnittlichen Arbeitsertrag normierten Lohn zahlen.

Lassen wir jetzt einen Zeitraum verstreichen. Der Anbau hat sich
ausgedehnt und umfaßt jetzt Ländereien verschiedener Güte, anstatt
von einer und derselben. Der Lohn wird jetzt nicht mehr wie vordem
der durchschnittliche Arbeitsertrag sein. Er wird der durchschnittliche
Arbeitsertrag an der äußersten Grenze des Anbaues oder der Punkt
des niedrigsten Ertrages fein. Denn da die Menschen ihre wünsche
viit der denkbar geringsten Anstrengung zu befriedigen suchen, so muß
der Punkt des niedrigsten Ertrages der Arbeit in der Bodenkultur ein
chit dem durchschnittlichen Ertrage des Zagens und Kischens überein-
stimmendes Ergebnis liefern*). Die Arbeit wird nicht länger gleichen
Anstrengungen gleiche Erträge gewähren, sondern diejenigen, welche
die ihrige auf besseres Land verwenden, werden für dieselbe Anstrengung
Anen größeren Ertrag erzielen als diejenigen, welche die schlechteren
Ländereien bebauen. Der Lohn jedoch wird noch immer gleich sein;
denn dieser Überschuß, den die Bebauer des besseren Landes bekommen,
stl in Wahrheit Grundrente und wird demselben einen Wert geben,
sobald es persönlichem Besitz unterworfen fein wird, wenn jetzt, unter
diesen veränderten Umständen, ein Mitglied dieses Gemeinwesens
andere zu dingen wünscht, damit sie für ihn arbeiten, so wird er nur
so viel zu zahlen haben, als die Arbeit beim niedrigsten Punkte des
Anbaus erzielt. Sinkt später die äußerste Grenze desselben auf Punkte
l°n immer niedrigerer Produktivität, so muß auch der Lohn sinken,
s eigt sie dagegen, so muß auch der Lohn steigen, denn, gerade wie ein
Üe: in der Luft schwebender Körper den kürzesten weg nach dem Mittel-

*) Diese Übereinstimmung wird durch die Ausgleichung der Preise bewirkt werden.

George, Fortschritt und Armut.	I,
        <pb n="175" />
        ﻿162

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

punkte der Erde einschlägt, so suchen die Menschen den leichtesten weg
Zur Befriedigung ihrer wünsche.

Pier also haben wir das Gesetz des Lohnes als eine Folgerung
aus einem ganz klaren und allgemeingültigen Prinzip. Daß der Lohn
von der Grenze des Anbaus abhängt, daß er höher oder niedriger sein
wird, je nachdem der Ertrag, den die Arbeit aus den höchsten ihr zu-
gänglichen Naturvorteilen erzielen kann, größer oder kleiner ist, entspringt'
demselben Prinzip, wie daß die Menschen ihre Bedürfnisse mit der
geringsten Anstrengung zu befriedigen suchen.

wenden wir uns jetzt von einfachen sozialen Zuständen zu den
verwickelten Erscheinungen hoch zivilisierter Gesellschaften, so werden
wir bei genauerer Prüfung finden, daß sie gleichfalls unter dies Gesetz
fallen.

Zn solchen Gesellschaften laufen die Löhne weit auseinander,
dennoch aber besteht ein mehr oder weniger bestimmtes und sichtbares
Verhältnis unter ihnen. Dieses Verhältnis ist nicht unveränderlich.
So kann einmal ein Philosoph von Ruf durch seine Vorträge vielfach
höheren Lohn als der beste Handwerker gewinnen, während er ein
andermal kaum den Lohn eines Bedienten erhält; oder in einer großen
Stadt können gewisse Beschäftigungen relativ hohen Lohn ergeben,
die in einer neuen Ansiedlung relativ niedrige gewähren. Dennoch
können diese Differenzen im Lohn unter allen Verhältnissen und trotz
willkürlicher Verschiedenheiten infolge von Sitte, Gesetz usw. auf be-
stimmte Umstände zurückgeführt werden. Zn einem feiner interessantesten
Kapitel zählt Adam Smith folgende Pauptumstände auf, „welche einen
kleinen Erwerb in einigen Beschäftigungen kompensieren und einem
großen in anderen die wage halten: erstens, die Annehmlichkeit oder
Unannehmlichkeit der Beschäftigungen selbst; zweitens, die Leichtigkeit
und Wohlfeilheit oder die Schwierigkeit und Kostspieligkeit des Erlernens
derselben; drittens, die Beständigkeit oder Unbeständigkeit der Be-
schäftigung darin; viertens, das geringe oder große Vertrauen, welches
dieselben erfordern; fünftens, die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrschein-
lichkeit des Erfolges in denselben"*). Es ist nicht nötig, im Detail bei
diesen Ursachen der Verschiedenheit des Lohnes in den verschiedenen
Beschäftigungen zu verweilen. Sie sind vortrefflich erklärt und erläutert
durch Adam Smith und die späteren Nationalökonomen, die die Details
sehr gut entwickelten, wenn ihnen auch die Auffassung des Pauptgesetzes
nicht glückte.

Die Summe aller der Umstände, aus welchen die Unterschiede
in den Löhnen verschiedener Beschäftigungen entstehen, läßt sich in
Angebot und Nachfrage zusammenfassen, und man kann vollkommen
richtig sagen, daß die Löhne in den verschiedenen Berufszweigen nach

*) Letzteres, was dem Element des Risikos beim Gewinn analog ist, erklärt die bohen
Löhne gesuchter Advokaten, Arzte, Schauspieler usw.
        <pb n="176" />
        ﻿Kap. VI.

Der Lohn und das Lohngesetz.

*63

den Unterschieden in dein Angebot und der Nachfrage von Arbeitskräften
variieren —wenn man unter Nachfrage den Bedarf der gesamten Gesell-
schaft an Diensten besonderer Art und unter Angebot die relative Summe
von Arbeitskräften versteht, welche unter den bestehenden Verhältnissen
zur Leistung dieser besonderen Dienste bewogen werden können. Obgleich
dies aber betreffs der relativen Unterschiede des Lohns richtig ist, so
werden die Worte sinnlos, wenn man, wie es häufig geschieht, sagt,
daß der allgemeine Satz des Lohnes durch Angebot und Nachfrage be-
stimmt werde. Denn Angebot und Nachfrage sind nur relative Ausdrücke.
Das Angebot von Arbeit kann nur ein Angebot von Arbeit gegen andere
Arbeit oder deren Produkt bedeuten, und die Nachfrage nach Arbeit
nur Nachfrage nach Arbeitskräften oder deren Produkt im Tausch gegen
Arbeit. Das Angebot ist somit Nachfrage und die Nachfrage Angebot,
und in der ganzen Gesellschaft muß das eine genau soweit reichen wie
das andere. Dies ist von der herrschenden Nationalökonomie in bezug
auf Verkäufe klar erkannt worden, und die Ausführungen Ricardos,
Ulills und anderer, welche beweisen, daß Veränderungen in Angebot
und Nachfrage kein allgemeines Steigen oder Sinken der Preise verur-
sachen können, obschon sie ein Steigen oder fallen im Preise eines
besonderen Dinges hervorbringen können, sind gerade so gut auf die
Arbeit anwendbar. Was die Ungereimtheit, im allgemeinen von Angebot
und Nachfrage betreffs der Arbeit zu sprechen, weniger deutlich macht,
das ist die Gewohnheit, die Nachfrage nach Arbeit als dem Kapital
entspringend und als etwas von der Arbeit Verschiedenes anzusehen;
aber die Analyse, der diese Vorstellung bis hierher unterworfen worden
ist, hat ihren Irrtum genügend bloßgelegt. In der Tat wird dieser Irr-
tum schon durch die Wendung klar, daß der Lohn nie auf die Dauer das
Produkt der Arbeit übersteigen kann, und daß somit kein anderer Fonds
besteht, aus dem derselbe längere Zeit gezogen werden könnte, als der,
den die Arbeit beständig erschafft.

Obwohl aber alle die Umstände, welche die Unterschiede in den
Löhnen unter verschiedenen Beschäftigungen hervorbringen, als durch
Angebot und Nachfrage wirkend betrachtet werden können, so können
!ie (oder vielmehr ihre Wirkungen, denn bisweilen wirkt dieselbe Ursache
"ach beiden Seiten hin) doch in zwei Klassen eingeteilt werden, je nach-
dem sie nur scheinbaren oder aber wirklichen Lohn steigern, d. h. den
purchschnittslohn für gleiche Anstrengung erhöhen. Die hohen Löhne
einiger Berufszweige sind den Lotteriegewinnen, mit denen Adam
5inith sie vergleicht, sehr ähnlich: der große Gewinn des einen setzt
uch aus den Verlusten vieler zusammen. Dies trifft nicht nur in den
^erufsarten zu, die Adam Smith als Beispiel anführt, sondern besonders
^uch für den Unternehmerlohn kaufmännischer Geschäfte, wie die Tatsache
eweift, daß über 90 Prozent aller kaufmännischen Firmen schließlich
bankerott machen. Die höheren Löhne der Geschäfte, die nur bei ge-
äster Witterung betrieben werden können oder die sonst abwechselnd

U*
        <pb n="177" />
        ﻿Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

m

und unsicher sind, gehören ebenfalls zu dieser Klasse; während Unter-
schiede, die aus der Härte, dem Schimpfe oder der Ungesundheit eines
Berufes entstehen, Gpfer involvieren, deren bessere Entschädigung nur
das Niveau des gleichen Ertrages für gleiche Bemühungen erhält.
Alle diese Unterschiede sind tatsächlich Ausgleichungen, die aus Um-
ständen entstehen, welche, um Adam Smiths Worte zu gebrauchen,
„den kleinen Erwerb einiger Beschäftigungen kompensieren und dem
großen Erwerb in anderen die wage halten". Außer diesen bloß schein-
baren Unterschieden gibt es aber auch unter den verschiedenen Be-
schäftigungen wirkliche Lohnunterschiede, welche durch die größere oder
geringere Seltenheit der erforderlichen Eigenschaften verursacht werden —
größere Fähigkeiten, höhere Geschicklichkeit, ob natürliche oder erworbene,
erzielen im Durchschnitt höheren Lohn. Diese Eigenschaften nun, ob
natürliche oder erworbene, sind wesentlich übereinstimmend mit den
Unterschieden in der Kraft und Gewandtheit der Landarbeit, und wie in
letzterer der einem leistungsfähigen Manne bewilligte höhere Lohn auf
dem für die Durchschnittsleistung bezahlten Lohnsatz beruht, so muß
der Lohn bei Beschäftigungen, die höhere Fähigkeiten und Geschicklich-
keiten erfordern, von dem für gewöhnliche Fähigkeiten und Geschick-
lichkeiten bezahlten Lohn abhängen.

Ls ist in der Tat sowohl erfahrungsmäßig, wie theoretisch klar,
daß, welche Umstände auch die Lohnunterschiede in verschiedenen Be-
schäftigungen zuwege bringen mögen, und obgleich dieselben im Ver-
hältnis zueinander häufig variieren und zeitlich und örtlich größere
oder geringere relative Unterschiede hervorbringen, dennoch der Lohn-
satz in einer Branche immer von dem in einer anderen abhängig ist,
und so fort bis die niedrigste und breiteste Schicht des Lohnes in den-
jenigen Beschäftigungen erreicht ist, wo die Nachfrage fast immer gleich
ist, und denen man sich am leichtesten zuwenden kann.

Denn obgleich mehr oder minder schwer zu übersteigende Schranken
bestehen, ist doch die Arbeitssumme, die einem besonderen Berufe zu-
gewendet werden kann, nirgends eine absolut bestimmte. Alle Hand-
werker könnten als Tagelöhner arbeiten und viele Arbeiter leicht Hand-
werker werden; alle Lageristen könnten als Verkäufer fungieren und
viele Detaillisten leicht sich auf Lägern einarbeiten; viele Landleute
würden erforderlichenfalls Jäger oder Bergwerksarbeiter, Fischer oder
Seeleute werden, und viele Jäger, Bergleute, Fischer und Seeleute
wissen genug vom Feldbau, um Hand mit anzulegen, wenn es nötig
sein sollte. In jedem Berufe sind Leute, die denselben mit einem anderen
verbinden oder die mit mehreren Berufszweigen wechseln, während
die jungen Leute, welche beständig die Reihen der Arbeit ausfüllen,
in die Richtung des stärksten Reizes und des geringsten Widerstandes
gezogen werden. Noch mehr, alle Lohnabstufungen laufen durch un-
bemerkbare Schattierungen ineinander über, ohne durch klar definierte
Abstände getrennt zu sein. Die Löhne selbst der schlechter bezahlten
        <pb n="178" />
        ﻿Aap. VI.

Der Lohn und das Lohngesetz.

*65

Handwerker sind gewöhnlich höher als die der einfachen Arbeiter, aber
es gibt immer einige Handwerker, die im Ganzen nicht so viel verdienen
als manche Arbeiter: die bestbezahlten Advokaten erhalten viel höhere
Löhne als die bestbezahlten Kommis, aber die bestbezahlten Kommis
verdienen mehr als manche Advokaten, und jedenfalls verdienen die
schlechtest bezahlten Kommis mehr als die schlechtest bezahlten Advokaten.
So stehen am Rande jedes Berufes diejenigen, für die die Aussichten
zwischen einem Berus und dem anderen sich dermaßen die Wage halten,
daß die geringste Änderung genügt, um ihre Arbeit nach der einen oder
anderen Richtung hinzulenken. Deshalb kann eine Ab- oder Zunahme
in der Nachfrage nach einer gewissen Art von Arbeit höchstens vor-
übergehend die Löhne in jenem Berufszweige über oder unter das in
anderen Berufszweigen herrschende relative Niveau treiben, das durch
die schon vorhin erläuterten Umstände, wie relative Annehmlichkeit,
Beständigkeit der Beschäftigung usw. bestimmt wird. Selbst da, wo dieser
Wechselwirkung künstliche Schranken entgegenstehen, wie beschränkende
Gesetze, Zunft- und Kastenwesen usw., können sie wohl die Erhaltung
dieses Gleichgewichts stören, aber nicht aus die Dauer verhindern. Sie
wirken nur als Dämme, die das Wasser des Stromes über seine natür-
liche Höhe treiben, aber das Überfließen nicht verhindern können.

Obgleich somit die Löhne von Zeit zu Zeit ihr Verhältnis zueinander
ändern mögen, je nachdem die Umstände wechseln, welche die relativen
Niveaus bestimmen, so ist es doch klar, daß der Lohn in allen verschiedenen
Schichten schließlich von dem Lohne der niedrigsten und breitesten Schicht
abhängen muß, daß somit der allgemeine Lohnsatz steigt und fällt, je
Nachdem jener steigt und fällt.

Die ursprünglichen und fundamentalen Beschäftigungen/auf denen
sozusagen alle anderen beruhen, sind zweifellos die, welche direkt von
der Natur Güter gewinnen; deshalb muß deren Lohngesetz das all-
gemeine Gesetz des Lohnes sein. Und da der Lohn in diesen Beschäfti-
gungen klärlich davon abhängt, was die Arbeit bei dem niedrigsten
Punkte der natürlichen Produktivität, auf dem sie gewöhnlich noch auf-
gewendet wird, hervorzubringen vermag, so hängt der Lohn im all-
gemeinen von der Grenze des Anbaus ab, oder um es genauer aus-
zudrücken, von dem höchsten Punkte der natürlichen Produktivität, zu
dem die Arbeit ohne Zahlung von Grundrente Zutritt hat.

So einleuchtend ist dies Gesetz, daß es oft begriffen wurde, ohne
unerkannt zu werden, von Ländern wie Kalifornien und Nevada wird
oft gesagt, daß billige Arbeit ihre Entwicklung außerordentlich unter-
stützen würde, da dieselbe die Bearbeitung der ärmeren aber ausgedehn-
teren Goldablagerungen gestatte. Diejenigen, die so reden, begreifen
das Verhältnis, zwischen niedrigem Lohn und einem niedrigen Pro-
duktionspunkte, aber sie verwechseln Ursache und Wirkung. Nicht der
juedrige Lohn ist es, der die Bearbeitung geringhältiger Erze veranlaßt,
londern es ist die Ausdehnung der Produktion auf den niedrigeren Punkt,
        <pb n="179" />
        ﻿\66

Die Gesetze der Verteilung.

Buch III.

welche den Lohn herabdrückt. Könnte der Lohn in willkürlicher weise
niedergedrückt werden, wie es bisweilen durch gesetzliche Maßnahmen
versucht worden ist, so würden die ärmeren Minen nicht bearbeitet
werden, solange reichere bearbeitet werden können, würde hingegen
die Grenze der Produktion willkürlich niedergehalten, wie es z. B.
der Fall sein könnte, wenn die höheren Naturoorteile in den fänden
solcher Besitzer wären, welche lieber auf weitere Wertsteigerung warteten,
als ihre Ausbeutung jetzt zu gestatten, dann würderüdie Löhne notwendig
fallen.

Der Beweis ist vollendet. Das Gesetz der Löhne, das wir so er-
langt haben, ist das, welches wir vorher als Korrelat des Rentengesetzes
erhielten, und es stimmt vollständig mit dem Gesetz des Zinses überein.
Ts lautet:

Die Löhne hängen von der Grenze der Pro-
duktion oder von dem Produkt ab, welches die
Arbeit bei dem höchsten, ihr ohne Zahlung von
Grundrente zugänglichen Punkte erzielen kann.

Dies Lohngesetz bringt in Einklang und erklärt allgemeine Tat-
sachen, die ohne dessen Verständnis zusammenhanglos und wider-
sprechend scheinen würden. Es ergibt sich aus demselben folgendes:

wo der Grund und Boden frei und die Arbeit durch das Kapital
ununterstützt ist, wird der ganze Ertrag der Arbeit als Lohn zufallen.

wo der Grund und Boden frei und die Arbeit durch das Kapital
unterstützt ist, da wird der Lohn aus dem ganzen Ertrag bestehen, ab-
züglich jenes Teils, der nötig ist, um zur Anhäufung von Arbeit zu
Kapital zu reizen.

wo der Grund und Boden dem Einzelbesitz unterworfen ist und die
Grundrente entsteht, da wird der Lohn bestimmt werden durch das,
was die Arbeit aus den höchsten, ihr ohne Zahlung von Rente offem
stehenden Naturvorteilen zu erzielen vermag.

wo die Naturvorteile alle monopolisiert sind, da kann der Lohn
durch die Konkurrenz unter den Arbeitern auf das Minimum gedrückt
werden, bei welchen dieselben sich noch fortpflanzen können und wollen.

Dies notwendige Lohnminimum (welches von Smith und Ricardo
der Punkt des „natürlichen Lohns" genannt wird, und das Mill als den
Regulator des Lohns ansieht, der höher oder niedriger steht, je nachdem
die Arbeiterklassen sich bei einem höheren oder niedrigeren Stande
des Wohlseins fortpflanzen können und wollen) ist jedoch in dem Lohn-
gesetz, wie wir es eben formuliert haben, mitenthalten, da offenbar
die Grenze der Produktion nicht unter den Punkt fallen kann, bei dem
noch ein hinreichender Lohn bleibt, um die Erhaltung der Arbeitskraft
zu sichern.

Gleich Ricardos Rentengesetz, dessen Korrelat es ist, trägt dies
Lohngesetz seinen Beweis in sich und wird durch das bloße Aussprechen
selbstverständlich. Denn es ist nur eine Anwendung der zentralen Wahr-
        <pb n="180" />
        ﻿Aap. VI.

Der Lohn und das Lobngefetz.

1(67

beit, die die Grundlage alles nationalökonomischen Urteilens ist, daß
die Menschen ihre wünsche mit der geringsten Anstrengung zu befriedigen
suchen. Der Durchschnittsmensch wird für einen Arbeitgeber, alles in
allem, nicht für weniger arbeiten, als er verdienen kann, wenn er für
sich selbst arbeitet; noch wird er für sich selbst für weniger arbeiten, als
er durch Arbeiten für einen Arbeitgeber erlangen kann, und somit muß
der Ertrag, welchen die Arbeit aus den ihr zugänglichen Naturvorteilen
ziehen kann, den Lohn bestimmen, den die Arbeit überall erhält. Das
heißt, die Linie der Grundrente ist der notwendige Maßstab der Linie des
Lohns. Zn der Tat ist die Anerkennung des Rentengesetzes von der vor-
herigen (obschon in vielen Fällen anscheinend unbewußten) Anerkennung
dieses Lohngesetzes abhängig. Daß Boden von einer besonderen «Dualität
als Rente den Überschuß seines Ertrages über den Ertrag des in Be-
nutzung befindlichen, wenigst produktiven Landes ergibt, wird nur durch
das Verständnis der Tatsache klar, daß der Besitzer der besseren Boden-
dualität die zur Bebauung seines Landes erforderlichen Arbeitskräfte
durch Zahlung dessen erlangen kann, was dieselben einbringen würden,
wenn sie den Boden der schlechteren (Dualität bearbeiteten.

Zn seinen einfacheren Erscheinungen wird dies Lohngesetz durch
Leute anerkannt, die sich nicht um Nationalökonomie kümmern, gerade
wie die Tatsache, daß ein schwerer Körper auf die Erde niederfallen
wuß, Leuten, die nie an das Gesetz der schwere dachten, längst bekannt
war. Man braucht nicht Philosoph zu sein, um zu sehen, daß, wenn in
einem Lande Naturvorteile geboten würden, die die Arbeiter in den
Stand setzen, für sich selbst höhere Löhne als die niedrigsten, jetzt bezahlten
Zu erhalten, der allgemeine Lohnsatz steigen müßte; und andererseits
wußten auch die Unwissendsten und Einfältigsten unter den Goldwäschern
des früheren Kaliforniens, daß, sobald das goldhaltige Geröll erschöpft
oder der Besitz monopolisiert würde, die Löhne fallen müßten. Es bedarf
keiner fein gesponnenen Theorie, um zu erklären, warum in neuen
Ländern, wo der Grundbesitz noch nicht monopolisiert ist, der Lohn im
Verhältnis zur Produktion so hoch ist. Die Ursache liegt ans flacher pand.
Ein Mann wird nicht für einen anderen um weniger arbeiten, als seine
Arbeit wirklich einträgt, wenn er ein paar Meilen weiter gehen und
selbst ein Grundstück erhalten kann. Erst wenn das Land monopolisiert
ist und diese Naturvorteile der Arbeit verschlossen sind, sehen sich die
Arbeiter genötigt, miteinander um Beschäftigung zu konkurrieren, und
es wird dem Grundbesitzer möglich, Leute zu mieten, die seine Arbeit
iun, während er sich von dem Unterschiede zwischen dem, was ihre Arbeit
erzeugt, und dem, was er ihnen dafür zahlt, erhält.

Adam Smith selbst sah wohl die Ursache des hohen Lohns, wo
^and noch im Überfluß vorhanden ist, aber er vermochte die Tragweite
und den Zusammenhang der Tatsache nicht zu würdigen, von den
Arsachen der Prosperität neuer Kolonien sprechend (Kap. 7, Buch IV
es Volkswohlstandes), sagt er:
        <pb n="181" />
        ﻿168

Buch III.

Die Gesetze der Verteilung.

„Jeder Kolonist erhält inehr Land, als er bebauen kann. Er hat keine Grundrente
und kaum irgendwelche Abgaben zu zahlen. ... Er ist daher darauf bedacht, von allen
Seiten Arbeiter heranzuziehen und ihnen die liberalsten Löhne zu zahlen. Aber diese
reichlichen Löhne, verbunden mit dem Überfluß und der Wohlfeilheit des Landes,
bewirken sehr bald, daß jene Arbeiter ihn verlassen, um selbst Besitzer zu werden und
mit gleicher Liberalität andere Arbeiter zu bezahlen, die aus demselben Grunde, aus
dem sie selbst ihren ersten Herrn verließen, auch sie bald wieder verlassen werden."

Das zitierte Kapitel enthält zahlreiche Ausdrücke, welche, gleich
dein Einleitungssatz in dein Kapitel vorn Arbeitslohn, beweisen, daß
Adam Smith die wahren Gesetze der Güterverteilung nur darum nicht
ausfindig machte, weil er sich von den ursprünglicheren Gesellschafts-
formen abwandte und die Grundprinzipien in den verwickelteren so-
zialen Erscheinungen suchte, wo er durch eine im voraus angenommene
Theorie der Funktionen des Kapitals, und wie mir scheint, durch eine
dunkle Vorstellung der Doktrin verblendet wurde, die zwei Zahre nach
seinem Tode Malthus formulierte. Und man kann die nationalökono-
mischen Werke, die seit Smith' Zeit sich bemüht haben, diese Wissenschaft
auszubauen und zu erläutern, unmöglich lesen, ohne zu sehen, wie sie
unaufhörlich über das Lohngesetz stolpern, ohne es ein einziges Mal
zu erkennen. Und doch, „wenn es ein pund wäre, würde er sie beißen"!
Es ist wirklich schwer, dem Eindruck zu widerstehen, daß einige von ihnen
dies Gesetz wohl sahen, aber aus Furcht vor den praktischen Schlüssen,
zu denen es führen mußte, vorzogen, es lieber zu ignorieren und zuzu-
decken, als es als Schlüssel zu Problemen zu gebrauchen, die sonst so
unlösbar erscheinen. Eine große Wahrheit in einem Zeitalter, das sie
verworfen und mit Küßen getreten hat, ist kein Wort des Friedens,
sondern ein Schwert!

Vielleicht ist es gut, den Leser vor Schluß dieses Kapitels daran
zu erinnern, daß ich das Wort Lohn nicht im Sinne einer (Quantität,
sondern in dem eines Verhältnisses brauche, wenn ich sage, daß der
Lohn fällt wie die Grundrente steigt, so meine ich nicht, daß die von den
Arbeitern als Lohn erhaltene Güterquantität notwendig geringer sei,
sondern daß das Verhältnis, in dem sie zu dem ganzen Ertrage steht,
geringer sei. Das Verhältnis kann abnehmen, während die Menge
dieselbe bleibt oder selbst zunimmt. Fällt die Grenze des Anbaus von
dem produktiven Punkt, den wir 25 nennen wollen, zu dem produktiven
Punkt, den wir mit 20 bezeichnen wollen, so wird die Grundrente von
allem Lande, das vorher Rente zahlte, um diesen Unterschied zunehmen,
und das als Lohn auf die Arbeiter entfallende Verhältnis des ganzen
Ertrages wird in gleichem Umfang abnehmen; haben jedoch mittler-
weile die Fortschritte der Wissenschaften oder die durch größere Be-
völkerung ermöglichten Ersparungen die Produktionskraft der Arbeit
so vermehrt, daß bei 20 die gleiche Anstrengung so viel Güter hervorbringt
wie vorher bei 25, so werden die Arbeiter als Lohn ein ebenso großes
Quantum wie vordem erhalten, und das relative Sinken des Lohns
wird nicht in einer Verminderung der Notwendigkeiten oder Annehin-
        <pb n="182" />
        ﻿Kap. VII.

Das Ineinandergreifen der Verteilungsgesetze.

169

lichkeiten des Arbeiters bemerkbar sein, sondern nur in dem vermehrten
wert des Landes und den größeren Einkünften und verschwenderischeren
Ausgaben der Rente einnehmenden Klasse.

Kapitel VII.

Das Ineinandergreifen und Zusammenwirken der Derteilungsgesetze»

Die Schlüsse, zu denen wir bezüglich der die Güterverteilung
beherrschenden Gesetze gelangt sind, geben einem großen und hoch-
wichtigen Teil der nationalökonomischen Wissenschaft, wie dieselbe
jetzt gelehrt wird, eine andere Gestalt, werfen einige ihrer scharfsinnigsten
Theorien über den Kaufen und verbreiten neues Licht über einige ihrer
wichtigsten Probleme. Dennoch ist dabei kein streitiger Boden okkupiert,
kein einziges Fundamentalprinzip ausgestellt worden, das nicht schon
anerkannt wäre.

Das Gesetz des Zinses und das Gesetz des Lohns, die wir an die
Stelle der jetzt gelehrten gesetzt haben, sind notwendige Folgerungen
des großen Gesetzes, das allein eine nationalökonomische Wissenschaft
möglich macht — des unwiderstehlichen Gesetzes, das vom menschlichen
Geist so untrennbar ist, wie die Schwere vom Stosse, und ohne welches
es unmöglich wäre, irgendeine menschliche Handlung, sei es die wichtigste
oder unbedeutendste, vorherzusehen oder zu berechnen. Dies Grund-
gesetz, daß die Ulenschen ihre wünsche mit der geringsten Anstrengung
Zu besriedigen suchen, wird, wenn in seiner Beziehung zu dem einen,
der Produktionsfaktoren betrachtet, das Gesetz der Grundrente, in
Beziehung zu dem andern: das Gesetz des Zinses, und in Beziehung
Zum dritten: das Gesetz des Lohns. Und wenn man das Rentengesetz
anerkennt, das seit Ricardos Zeit von allen bedeutenden National-
ökonomen anerkannt worden ist und das, gleich einem geometrischen
Grundsatz, nur verstanden zu werden braucht, um sich die Zustimmung
Zu erzwingen, so erkennt man damit auch die Gesetze des Zinses und
öes Lohns, wie ich sie festgestellt habe, als seine notwendige Folge von
selbst mit an. In der Tat können sie nur relativ Folgen heißen, da ihre
Anerkennung schon in der Anerkennung des Rentengesetzes mit ein-
geschlossen ist. Denn wovon hängt die Anerkennung des Rentengesetzes
ab? Unzweifelhaft von der Anerkennung der Tatsache, daß die Wirkung
öer Konkurrenz dahin geht, zu verhindern, daß der Ertrag der Arbeit
uud des Kapitals irgendwo größer sei als auf dem ärmsten in Benutzung
befindlichen Lande. Sehen wir dies ein, so sehen wir auch ein, daß der
Besitzer des Landes den ganzen Ertrag, der über den durch einen gleichen.
        <pb n="183" />
        ﻿170

Die Gesetze der Verteilung.

Buch m.

Arbeits- und Kapitalaufwand auf dem ärmsten in Benutzung befindlichen
Lande erzielten Ertrag hinausgeht, als Rente zu beanspruchen vermag.

Die Harmonie und das Ineinandergreifen der Verteilungsgesetze,
wie wir sie jetzt aufgefaßt haben, steht in auffälligem Kontrast zu dem
Mangel an Harmonie, der diese Gesetze, wie sie von der herrschenden
Rationalökonomie dargestellt werden, charakterisiert. Stellen wir sie
einander gegenüber:

Die gewöhnliche Darstellung.

Die Grundrente hängt von der
Grenze des Anbaues ab, steigt wie
die letztere, finkt und sinkt, wie
jene steigt.

Der Lohn hängt von dem Ver-
hältnis zwischen der Arbeiterzahl
und dem Betrage des ihrer Be-
schäftigung gewidmeten Kapitals
ab.

Der Zins hängt von der Aus-
gleichung zwischen Angebot und
Nachfrage des Kapitals ab; oder,
wie vom Gewinn behauptet wird,
vom Arbeitslohn (oder dem preis
der Arbeit), steigt wie der Lohn
finkt und sinkt, wie der Lohn steigt.

Die richtige Darstellung.

Die Grundrente hängt von der
Grenze des Anbaues ab, steigt wie
die letztere sinkt und sinkt, wie
jene steigt.

Der Lohn hängt von der Grenze
des Anbaues ab, sinkt wie letztere
sinkt und steigt, wie jene steigt.

Der Zins hängt (da sein Ver-
hältnis zum Lohn durch die dem
Kapital innewohnende Netto-Zu-
nahmefähigkeit bestimmt wird) von
der Grenze des Anbaues ab, sinkt
wie letztere sinkt und steigt, wie
jene steigt.

Zn der herrschenden Darstellung haben die Gesetze der Verteilung
keinen gemeinschaftlichen Mittelpunkt, keine gegenseitige Verbindung;
sie sind nicht die ineinandergreifenden Teile eines Ganzen, sondern
Maßstäbe verschiedener Eigenschaften. Zn der von uns gegebenen
Darstellung entspringen sie einem einzigen Punkte, stützen und ergänzen
sich einander und bilden die ineinandergreifenden Teile eines voll-
kommenen Ganzen.

Kapitel VIII.

Das Gleichgewicht des Problems ist auf diese Weise erklärt.

Mir haben jetzt eine klare, einfache und zusammenhängende Theorie
der Güterverteilnng erhalten, die mit den ersten Prinzipien und den
bestehenden Tatsachen übereinstimmt und nur begriffen zu werden
braucht, um als selbstverständlich zu erscheinen.
        <pb n="184" />
        ﻿Das Gleichgewicht des Problems erklärt.

m

Aap. VIII,

Ehe ich diese Theorie entwickelte, habe ich für nötig erachtet, das
Ungenügende der herrschenden Theorien zwingend zu beweisen, denn
im Denken wie im handeln folgt die große Menge der Menschen ihren
Führern, und eine Lohntheorie, die nicht nur von den höchsten Namen
gestützt wird, sondern auch in den herrschenden Meinungen und Vor-
urteilen festgewurzelt ist, wird jede andere Theorie verhindern, überhaupt
nur in Betracht gezogen zu werden, bis sie als unhaltbar erkannt worden
ist; gerade wie die Theorie, daß die Erde der Mittelpunkt des Weltalls
sei, jede Znbetrachtnahme der Theorie, daß sie sich um ihre eigene Achse
und um die Sonne drehe, verhinderte, bis es klar bewiesen wurde, daß
die sichtbaren Bewegungen der Pimmelskörper bei der Theorie des Still-
standes der Erde nicht zu erklären waren.

In Wahrheit besteht eine ausfällige Ähnlichkeit zwischen der national-
ökonomischen Wissenschaft in ihrer heutigen Gestalt und der Astronomie
vor Anerkennung der Lehre des Ropernikus. Die Kunstgriffe, durch
welche die herrschende Nationalökonomie die sozialen Erscheinungen
welche sich jetzt der Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt aufdrängen,
zu erklären sucht, lassen sich recht wohl mit dem erkünstelten Erstem
von Kreisen und Nebenkreisen vergleichen, das von den Gelehrten kon-
struiert wurde, um die Pimmelserscheinungen in einer, mit den Lehren
der Autorität und den rohen Eindrücken und Vorurteilen der Ungelehrten
übereinstimmendenweise zu erklären. Und gerade wie die Beobachtungen,
welche zeigten, daß diese Theorie der Kreise und Nebenkre'se nicht alle
Pimmelserscheinungen erklären könnte, den weg zum Überdenken
der an ihre stelle tretenden einfacheren Theorie ebnete, so wird eine
Anerkennung des Unvermögens der herrschenden Theorien zur Er-
klärung vieler sozialen Erscheinungen die Wege zum Überdenken einer
Theorie ebnen, die der Nationalökonomie die ganze Einfachheit und
Harmonie verleihen wird, welche die Kopernikussche Theorie der Astro-
nomie verlieh.

Bei diesem Punkt jedoch hört die parallele auf. Daß die Erde
wirklich mit unbegreiflicher Schnelligkeit durch den Raum rasen sollte,
widerstrebte den ersten Wahrnehmungen der Menschen in jedem Zustande
und in jeder Lage; die Wahrheit aber, die ich klar zu machen wünsche,
ist dem einfachsten Verstände begreiflich, wurde in der Kindheit jedes
Kolkes anerkannt und ist nur durch die Verwicklungen des zivilisierten
Zustandes, die Verdrehungen eigensüchtiger Interessen und die falsche
Dichtung, die die Spekulationen der Gelehrten eingeschlagen haben,
verdunkelt. Um sie anzuerkennen, brauchen wir nur zu den ersten
Prinzipien zurückzugehen und einfache Vorstellungen im Auge zu be-
halten. Nichts kann klarer sein als der Satz, daß das Unvermögen der
^ähne, mit der zunehmenden produktionskraft zu steigen, der Steige-
vung der Grundrente zuzuschreiben ist.

Drei Dinge vereinigen sich zur Produktion: die Arbeit, das Kapila
und der Grund und Boden.
        <pb n="185" />
        ﻿*72

Buch III.

Die Gesetze der Verteilung.

Drei Parteien teilen das Erzeugnis: der Arbeiter, der Kapitalist
und der Grundbesitzer.

Wenn bei einer Zunahme der Produktion der Arbeiter nicht mehr
erhält und der Kapitalist nicht mehr erhält, so ist die notwendige Schluß-
folge, daß der Grundbesitzer den ganzen Gewinn erntet.

Und die Tatsachen stimmen mit dieser Schlußfolge überein. Ob-
gleich weder der Lohn noch der Zins irgendwo mit Zunahme des mate-
riellen Fortschritts steigt, so ist doch die unvermeidliche Begleitung und
i das Anzeichen des materiellen Fortschritts die Erhöhung der Grundrente,
das Steigen der Landwerte.

Das Steigen der Grundrente erklärt, warum der Lohn und der
Zins nicht steigen. Die Ursache, welche dem Grundbesitzer gibt, ist die-
selbe, welche dem Arbeiter und Kapitalisten verweigert. Daß Lohn und
Zins in neuen Ländern höher sind als in alten, geschieht nicht, wie die
Ökonomen der herrschenden Richtung sagen, darum, weil dort die Natur
dem Arbeits- und Kapitalsaufwand einen größeren Ertrag darbietet,
sondern weil der Grund und Boden wohlfeiler ist und somit die Arbeit
und das Kapital, da ein kleinerer Teil des Ertrages von der Rente in
Anspruch genommen wird, für ihren Anteil einen größeren Teil der
Naturgaben behalten können. Nicht der Gesamtertrag, sondern der
Nettoertrag nach Abzug der Rente bestimmt, was als Lohn und Zins
verteilt werden kann. Daher wird der Lohnsatz und Zinsfuß überall
nicht sowobl durch die Ergiebigkeit der Arbeit als durch den Wert des
Bodens bestimmt. Wo immer der letztere verhältnismäßig niedrig
ist, find Lohn und Zins verhältnismäßig hoch; hingegen wo Grund-
und Boden verhältnismäßig hoch, sind Lohn und Zins verhältnismäßig
niedrig.

Wäre die Produktion nicht über jenes einfache Stadium hinaus,
in welchem alle Arbeit direkt auf den Boden verwendet wird und alle
Löhne in natura gezahlt werden, so wäre es nicht zu übersehen, daß,
wenn der Grundbesitzer einen größeren Anteil nimmt, der Arbeiter sich
mit einem kleineren zufrieden geben muß.

Aber die unendliche Verzweigung der Produktion im zivilisierten
Zustande, wo ein so großer Teil vom Handel beschafft und so viel Arbeit
auf Rohstoffe verwendet wird, nachdem sie vom Grund und Boden
losgelöst sind, ändert nichts an der Tatsache, obschon sie dieselbe den
Gedankenlosen verbergen mag, daß alle Produktion noch immer die
Vereinigung der beiden Faktoren Land und Arbeit ist, und daß die
Grundrente (der Anteil der Grundbesitzer) nicht steigen kann, außer
auf Kosten des Lohns (des Anteils der Arbeiter) und des Zinses (des
Anteils des Kapitals). Gerade wie der Ernteanteil, welchen in ein-
facheren Formen des Gewerbfleißes der Besitzer von Ackerland nach
Beendigung des perbstes als Rente empfängt, den dem Bebauer für
Lohn und Zins übrig bleibenden Betrag vermindert, so vermindern die
Grundrenten des Bodens, auf welchem eine Fabrik- oder Handelsstadt
        <pb n="186" />
        ﻿Kap. VIII.

Das Gleichgewicht des Problems erklärt.

\73

erbaut ist, den Betrag, der als Lohn und Zins zwischen den daselbst mit
der Produktion und dem Austausch von Gütern beschäftigten Arbeitern
und Kapitalisten verteilt werden kann.

Kurz, da der Wert des Grund und Bodens völlig von der durch
seinen Besitz gewährten Macht abhängt, die durch die Arbeit geschaffenen
Güter sich anzueignen, so erfolgt die Steigerung des Bodenwertes stets
auf Kosten des Wertes der Arbeit. Und hieraus folgt, daß, wenn die
Zunahme der Produktionskraft den Lohn nicht steigert, dies daher
rührt, weil sie den Wert des Grund und Bodens steigert. Die Rente
schluckt den ganzen Gewinn, und Pauperismus begleitet den Fortschritt.

Ls ist unnötig, Tatsachen anzuführen. Dieselben werden sich dem
Leser von selbst aufdrängen. Ls ist eine überall zu beobachtende all-
gemeingültige Tatsache, daß, so wie der Wert des Grund und Bodens
zunimmt, auch der Kontrast zwischen Reichtum und Armut erscheint.
Ls ist eine allgemeingültige Tatsache, daß, wo der Wert des Grund und
Bodens am höchsten ist, die Zivilisation neben dem größten Luxus die
jämmerlichste Armut zeigt. Um menschliche Wesen irr der elendesten,
hilf- und hoffnungslosesten Lage zu sehen, darf man nicht nach den un-
eingezäunten Prärien gehen, nicht nach den Blockhäusern auf den eben
urbar gemachten Plätzen der Hinterwäldler, wo der Mensch auf eigene
Faust den Kampf mit der Natur beginnt und Land noch keinen wert
hat, sondern nach den großen Städten, wo der Besitz eines kleinen
Fleckens Lrde ein vermögen ist.
        <pb n="187" />
        ﻿

Buch IV.

Die Wirkung des materiellen Fortschritts auf die
Güterverteilung.

„Bisher ist es fraglich, ob alle mechanischen Erfindungen die Mühsal irgend-
eines menschlichen Wesens erleichtert haben."	John Stuart Mill.

Hört Ihr, Brüder, nicht die Rinder weinen.

Eh' die Zeit der Sorgen ist erfüllt?

An die Mutter lehnen sich die Kleinen,

Die der Tränen Lauf nicht stillt.

Die jungen Lämmer bläken auf den Matten,

Die jungen Vögel zwitschern in dem Nest;

Die jungen Rehe spielen mit den Schatten,

Die Blümlein blüh'n, gekost vom West:

Doch der jungen Rinder Frohsinn, Brüder,

Ist allein verbannt!

Sie nur weinen in der Zeit der Lieder
In der Freiheit Land.

Mrs. Browning.

I

Kapitel I.

Das Bewegungsgesetz des Problems noch zu suchen.

Dadurch, daß wir die Grundrente als den Empfänger der ver-
mehrten Produkte, welche der materielle Fortschritt schafft, die Arbeit
aber nicht erhält, gekennzeichnet haben, und indem wir sehen, daß
der Antagonismus der Interessen nicht, wie man gewöhnlich glaubt,
zwischen der Arbeit und dem Kapital besteht, sondern vielmehr zwischen
der Arbeit und dem Kapital einerseits und dem Grundbesitz anderer-
seits, sind wir zu einem Schlüsse gelangt, der eine hochwichtige praktische
Bedeutung hat. Aber es ist noch nicht an der Zeit, bei derselben zu ver-
weilen, denn wir haben das uns gestellte Problem noch nicht ganz gelöst.
Die Behauptung, daß der Lohn niedrig bleibt, weil die Rente steigt,
besagt kaum viel mehr, als ob man behauptete, ein Dampfboot bewege
sich, weil dessen Räder sich drehen. Die weitere Frage ist, was verursacht
die Steigerung der Grundrente? welches ist der zwingende Grund der
        <pb n="188" />
        ﻿Kap. I.

Das Bewegungsgesetz des Problems noch zu suchen.

*75

Erscheinung, daß, je mehr die Produktionskraft zunimmt, ein desto
größerer Teil des Produkts auf die Grundrente entfällt?

Die einzige, von Ricardo für die Steigerung der Rente angeführte
Ursache ist die Bevölkerungszunahme, die dadurch, daß sie mehr Nah-
rungsmittel erfordert, die Ausdehnung des Anbaues auf geringeres
Land oder auf Punkte von geringerem Ertrag in denselben Ländereien
nötig mache; und in den Büchern anderer Schriftsteller ist der Übergang,
der Produktion von den besseren auf die geringeren Ländereien so aus-
schließlich die Ursache der steigenden Grundrenten angeführt worden,
daß Larey (und nach ihm Professor Perry nebst anderen) sich einbildete,
die Ricardosche Rententheorie dadurch umgestoßen zu haben, daß er den
Gang des Ackerbaues von besserem auf schlechteren Boden leugnete*).

Obgleich es nun unzweifelhaft richtig ist, daß der Druck einer ver-
mehrten Bevölkerung ein Zurückgreifen auf niedrigere Punkte der
Produktion erforderlich macht und dadurch die Grundrente steigern
wird und wirklich steigert, so glaube ich doch nicht, daß alle die aus diesem
Prinzip gewöhnlich abgeleiteten Folgerungen stichhaltig sind, noch daß
dasselbe die Steigerung der Grundrente pand in ftand mit dem mate-
riellen Fortschritt völlig erklärt. Es gibt offenbar andere Ursachen,
die dazu beitragen, die Rente zu erhöhen, die aber ganz oder teilweise
durch die irrtümlichen Ansichten über die Funktionen des Kapitals und
den Ursprung des Lohns verborgen bleiben. Um zu sehen, welche Ur-
sachen dies sind und wie sie wirken, wollen wir den Wirkungen des
Materiellen Fortschritts auf die Güterverteilung nachforschen.

Die Veränderungen, welche den materiellen Fortschritt ausmachen
oder zu demselben beitragen, sind dreifach: *. Zunahme der Bevölke-
rung, 2. Fortschritte in den Gewerben und im Pandel und 3. Fortschritte
der Wissenschaft, des Unterrichts, der politischen Verfassung, der Ver-
waltung, der Sitten und der Utoral, soweit wie sie die Fähigkeit zur
Güterproduktion vermehren. Der materielle Fortschritt im gewöhnlichen
Sinne besteht aus diesen drei Elementen oder Richtungen, in denen
allen die fortschreitenden Nationen seit geraumer Zeit vorgerückt sind,
wenn auch in verschiedenen Graden. Da die Fortschritte der Wissenschaft,

-Xn be'ua hierauf maq folqenbcs bemerkt werden: daß tatsächlich, wie es der
Gang ^Ackerbaues in den neuerest Staaten der Union und der Lharakter des unbebaut
bleibenden Landes in den älteren beweist, der Gang des Anbaues von dem besseren zu
dem schlechteren Boden vor sich geht; 2. daß, ob nun der Gang der Produkten von absolut
besserem zu absolut schlechterem Boden oder umgekehrt vor sich geht (und vieles deutet
daraus hin, daß besser und schlechter in dieser verbrndung nur relakve, von dem Stande
unseres Wissens abhängige Begriffe sind und daß künftige Fortschritte m teilen der Lrde,
die für höchst unfruchtbar gelten, kompensierende Eigenschaften entdecken können), der-
selbe der Natur der Sache nach stets die Tendenz haben muß von Boden der unter den
bestehenden Verhältnissen für besser angesehen wird, zu solchem uberzugehen, der unter
den bestehenden Verhältnissen für schlechter gilt; Z. daß Ricardos Rentengesetz nicht von
der Richtunq des Ganges der Bodenkultur abhängt, sondern von dem Satze, datz, wenn
Toden gewisser «Dualität etwas ergibt, eine bessere (Dualität von Boden mehr ergibt.
        <pb n="189" />
        ﻿176

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

die bessere politische Verfassung usw., als materielle Kräfte oder als
Ersparungen betrachtet, dieselbe Wirkung haben, wie Fortschritte in
-den Gewerben, so wird es nicht nötig sein, sie gesondert zu behandeln.
Welche Tragweite der geistige oder moralische Fortschritt, bloß als solcher,
für unser Problem hat, können wir später erwägen. Für jetzt beschäftigen
wir uns mit dem materiellen Fortschritt, zu dem diese Dinge nur insofern
beitragen, als sie die Kraft der Güterproduktion vermehren, und werden
ihre Wirkungen ersehen, wenn wir die Wirkung des industriellen Fort-
schritts beobachten.

Um die Wirkungen des materiellen Fortschritts auf die Güter-
verteilung festzustellen, wollen wir daher die Wirkungen der Bevölke-
rungszunahme getrennt von dem industriellen Fortschritt betrachten
und sodann die Wirkung der industriellen Fortschritte getrennt von der
Bevölkerungszunahme.

Kapitel II.

Die Wirkung der Bevölkerungszunahme auf die Guterverteilung.

Die Art und weise, wie die zunehmende Bevölkerung die Grund-
rente steigert, ist nach den gewöhnlichen Erklärungen und Erläute-
rungen die, daß die größere Nachfrage nach Unterhaltsmitteln die
Produktion nach dem geringeren Boden oder nach niedrigeren Produk-
tionspunkten drängt. Wenn also bei einer gegebenen Bevölkerung
die Grenze des Anbaues 30 ist, so wird alles Land von höherer Pro-
duktionskraft als 30 Rente zahlen, verdoppelt sich die Bevölkerung,
so ist eine weitere Menge von Nahrungsmitteln erforderlich, die nicht
ohne eine Ausdehnung des Anbaues zu erlangen ist, wodurch wieder
Ländereien eine Rente ergeben werden, die vorher keine ergaben.
Geht die Ausdehnung bis 20, so wird alles Land zwischen 20 und 30
Rente geben und wert haben und alles Land über 30 eine größere Rente
geben und erhöhten wert haben.

Hier erhält die Malthussche Lehre durch die herkömmlichen Er-
läuterungen der Rententheorie die Unterstützung, von der ich sprach,
als ich die Gründe aufzählte, welche sich vereinigt haben, um jener
Lehre eine fast unbestrittene Herrschaft über das herkömmliche Denken
einzuräumen. Nach der Malthusschen Theorie wird der Druck der Be-
völkerung gegen ihre Unterhaltsmittel mit deren Zunahme progressiv
stärker, und obgleich mit jedem neuen Munde auch zwei Hände auf die
Welt kommen, so wird es, um Zohn Stuart Mills Ausdruck zu gebrauchen,
für die neuen Hände immer schwerer, die neuen Münder zu versorgen.
Nach Ricardos Rententheorie entsteht die Grundrente aus dem Unter-
        <pb n="190" />
        ﻿Bevölkerungszunahme und Verteilung.

\77

Kap. II.

schiede in der Produktivität der in Benutzung stehenden Ländereien,
und die Steigerung der Rente, welche erfahrungsmäßig die Bevölke-
rungszunahme begleitet, wird, wie Ricardo und seine Nachfolger er-
klären, dadurch verursacht, daß man sich mehr Nahrungsmittel nur mit
höheren Rosten beschaffen kann, was die Bevölkerung auf immer nied-
rigere Punkte der Produktion drängt und die Rente entsprechend erhöht.
So werden, wie ich schon oben auseinandersetzte, die beiden Theorien
in Übereinstimmung gebracht und miteinander verschmolzen, so daß
das Rentengesetz nur eine spezielle Anwendung des allgemeineren,
von Malthus verkündeten Gesetzes, und das Steigen der Grundrente
bei zunehmender Bevölkerung ein Beweis von dessen unwiderstehlicher
Wirksamkeit wird. Ich erwähne dies beiläufig, weil es hier gerade zur
pand liegt, die verkehrte Auffassung zu sehen, welche die Rentenlehre
zur Unterstützung einer Theorie gepreßt hat, der sie in Wahrheit keinen
palt verleiht. Die Malthussche Theorie ist schon abgefertigt worden,
und zum Überfluß wird weiterhin ein Gegenbeweis, der den letzten
Rest von Zweifel verscheuchen muß, durch die Ausführung geliefert
werden, daß die dem Druck der Bevölkerung gegen ihre Unterhaltsmittel
zugeschriebenen Erscheinungen sich unter den bestehenden Umständen
auch äußern würden, wenn die Bevölkerung im Stillstand verharrte.

Die verkehrte Auffassung, von der ich jetzt spreche, und die behufs
eines richtigen Verständnisses der Wirkung der Bevölkerungszunahme
auf die Güterverteilung aufgeklärt werden muß, ist die in den her-
gebrachten Erörterungen des Rententhemas in seiner Verbindung
mit der Bevölkerungsfrage entweder ausdrücklich gemachte oder implizite
enthaltene Voraussetzung, daß das Zurückgreifen auf niedrigere Punkte
der Produktion einen kleineren Gesamtertrag im Verhältnis zur auf-
gewendeten Arbeit involviere. Daß dies jedoch nicht immer zutrifft,
ist klar zu erkennen bei landwirtschaftlichen Verbesserungen, welche, um
Mills Worte zu gebrauchen, „als eine teilweise Lockerung der die Be-
völkerungszunahme beschränkenden Bande" zu betrachten sind. Aber
auch da ist es nicht notwendig der Fall, wo kein Fortschritt in den Ge-
werben stattgefunden hat, und das Zurückgreifen auf niedrigere Punkte
der Produktion offenbar die Folge der vermehrten Bedürfnisse einer
erhöhten Bevölkerung ist. Denn die Bevölkerungszunahme schließt von
selbst und ohne einen Fortschritt in den Gewerben, eine Vermehrung der
produktiven Rraft der Arbeit ein. Die Arbeit von hundert Menschen
wird, unter sonst gleichen Umständen, die Leistung eines einzigen viel
wehr als hundertmal hervorbringen, und die Arbeit von tausend Menschen
vielmehr als zehnmal so viel zuwege bringen, wie die Arbeit von hundert;
und so wird mit jedem weiteren Paar pände, das die zunehmende
Bevölkerung bringt, die produktive Rraft der Arbeit mehr als nur
verhältnismäßig vermehrt. Daher kann bei zunehmender Bevölke-
rung ein Zurückgreifen auf die geringere natürliche Produktionskraft
vicht nur ohne Verminderung in der durchschnittlichen Güterproduktion

George, Fortschritt und Armut.	\2
        <pb n="191" />
        ﻿Materieller Fortschritt und Verteilung.

\78

Buch IV.

irrt Vergleich zur Arbeit, sondern sogar ohne eine Verminderung beim
niedrigsten Punkte stattfinden. Bei verdoppelter Bevölkerung kann
Land von nur 20 Produktivität der gleichen Summe von Arbeit eben-
soviel gewähren als vorher Land von 20 Produktivität ergab. Denn
man darf nicht vergessen (was jedoch oft vergessen wird), daß die Produk-
tivität des Bodens oder der Arbeit nicht in einem einzelnen Dinge,
sondern in allen gewünschten Dingen gemessen werden muß. Lin An-
siedler und seine Familie können auf einem Grundstücke, das soo Meilen
von der nächsten Wohnung entfernt ist, ebensoviel Getreide bauen, als
wenn ihr Land im Mittelpunkte eines volkreichen Distrikts läge. Aber
in einer bevölkerten Gegend könnten sie sich mit der gleichen Arbeit auf
viel ärmerem Lande, oder auf gleich gutem Lande, für das sie eine hohe
Pacht zahlen müssen, ein ebenso gutes Auskommen verschaffen, weil
inmitten einer großen Bevölkerung ihre Arbeit wirksamer geworden
sein würde, vielleicht nicht in -der Produktion von Getreide, wohl aber
in der Güterproduktion überhaupt, d. h. der Gewinnung aller der Waren
und Dienste, welche der wirkliche Zweck der Arbeit sind.

Aber selbst wo beim niedrigsten Punkte die Produktivität der
Arbeit sich vermindert — d. h. wo die zunehmende Nachfrage nach
Gütern die Produktion auf einen niedrigeren Punkt der natürlichen
Produktivität gedrängt hat, als die aus der Bevölkerungszunahme
folgende Zunahme der Arbeitsleistung wett machen kann —, folgt nicht,
daß die Gesamtproduktion, im Vergleich mit der Gesamtarbeit, ver-
mindert worden sei.

Nehmen wir Land von abnehmender «Dualität an. Das beste würde
natürlich zuerst besiedelt werden, und in dem Maße, wie die Bevölke-
rung sich vermehrt, würde sie das nächstbeste nehmen und so weiter.
Da jedoch diese Vermehrung größere Ersparungen gestattet und dadurch
die Wirksamkeit der Arbeit erhöht, so würde die Ursache, welche nach
und nach das Land aller «Dualität unter Kultur brachte, gleichzeitig die
Summe der Güter erhöhen, welche dieselbe Menge von Arbeit darauf
hervorzubringen vermag; ja noch mehr, sie würde die Produktions-
fähigkeit auf allen schon bebauten besseren Ländereien erhöhen, wären
die Verhältnisse von Quantität und (Dualität so, daß die Bevölkerungs-
zunahme schneller die Wirksamkeit der Arbeit vermehrt, als zum Zurück-
greifen auf weniger produktives Land nötigt, so würde der Minimal-
ertrag der Arbeit zunehmen, obgleich die Grenze des Anbaues sich ver-
engt und die Rente steigt. Das heißt, die Löhne würden absolut steigen,
obwohl relativ, im Verhältnis zur Rente, sinken. Die durchschnittliche
Güterproduktion würde zunehmen. Wäre das Verhältnis so, daß die
zunehmende Wirksamkeit der Arbeit sich gerade mit der abnehmenden
Produktivität des nach und nach in Benutzung genommenen Landes
ausgliche, so würde die Wirkung der Bevölkerungszunahme die sein,
die Rente, ohne die Löhne absolut herabzusetzen, durch Verengerung
der Anbaugrenze zu steigern und die Durchschnittsproduktion zu erhöhen.
        <pb n="192" />
        ﻿Kap. II.

Bevölkerungszunahme und Verteilung.



Nehmen wir jetzt an, die Bevölkerung nehme noch zu, aber zwischen
der ärmsten Qualität des benutzten Landes und der nächstfolgenden
sei der Unterschied so groß, daß die größere Kraft der Arbeit, die sich mit
der zunehmenden Bevölkerung, welche es unter Kultur bringt, einsindet,
denselben nicht zu kompensieren vermag, so wird der Ulinimalertrag
der Arbeit sinken, die Renten werden steigen und die Löhne fallen, nicht
nur im Verhältnis, sondern auch absolut. Aber wenn die Abnahme in
der Qualität des Landes nicht schroffer ist, als wir uns füglich vorstellen
dürfen und als es, wie ich glaube, je der Fall ist, so wird die Durchschnitts-
produktion noch immer vermehrt werden, denn die erhöhte Leistungs-
fähigkeit, die sich mit der zunehmenden Bevölkerung, welche aus das
geringere Land drängt, einstellt, teilt sich jeder Art von Arbeit mit,
und der Gewinn aus den höheren Vitalitäten des Landes wird für
die verminderte Produktion auf den zuletzt in Angriff genommenen
Qualitäten mehr als Ersatz bieten. Die gesamte Güterproduktion wird
im Vergleich zum gesamten Arbeitsauswande größer sein, obschon ihre
Verteilung ungleicher sein wird.

So bewirkt die Bevölkerungszunahme die Ausdehnung der Pro-
duktion auf niedrigere natürliche Niveaus und damit eine Steigerung
der Rente und eine relative Perabsetzung des Lohns, während sie den
Tohn der Quantität nach (absolut) vermindern kann oder auch nicht;
dagegen kann sie selten oder nie die gesamte Güterproduktion im Ver-
gleich zum gesamten Arbeitsaufwands vermindern, sondern steigert sie
Kit Gegenteil und zwar häufig bedeutend.

Während aber so die Bevölkerungszunahme die Rente durch Ver-
engerung der Anbaugrenze erhöht, ist es ein Irrtum, dies als den einzigen
^Nodus anzusehen, wodurch die Rente steigt, je nachdem die Bevölke-
rung zunimmt. Die zunehmende Bevölkerung steigert die Rente, ohne
die Anbaugrenze zu verengern, und steigert sie (trotz der Behauptungen
Ktm Schriftstellern wie McEulloch, welcher versichert, daß die Grund-
rente nicht entstehen würde, wenn es eine unbegrenzte Menge gleich
3uten Landes gäbe) ohne Rücksicht aus die natürlichen (Qualitäten des
Landes, denn die erhöhten Kräfte des Zusammenwirkens und des Aus-
tausches, welche sich mit der Bevölkerungszunahme einstellen, wiegen
erhöhte Bodenkraft auf, ja, wir können wohl ganz eigentlich sagen,
sie verleihen dem Boden eine größere Leistungsfähigkeit.

^Ich meine nicht bloß, daß die größere Leistungsfähigkeit, die sich

Zunahme derBevölkerung einstellt, der gleichenArbeit einen größeren,
höhere natürliche Kräfte des Bodens ausgleichenden Ertrag gibt, wie es
auch verbesserte Methoden oder Werkzeuge der Produktion tun, sondern
^^ch, daß sie der aus den Grund und Boden angewiesenen Arbeit
EUle größere Kraft verleiht, die nicht der Arbeit im allgemeinen, sondern
^ur der auf bestimmtes Land angewiesenen Arbeit innewohnt, und die
EM Lande ebenso anhaftet, wie jede andere Eigenschaft des Bodens,

12*
        <pb n="193" />
        ﻿^ 80

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

des Klimas, der geognostischen Beschaffenheit oder natürlichen Lage und
die, wie sie, mit dem Besitze des Landes übergehen.

Eine Verbesserung in der Kulturmethode, die bei gleichen Aus-
lagen jährlich zwei Ernten anstatt einer ergibt, oder eine das Arbeits-
ergebnis verdoppelnde Verbesserung in den Werkzeugen und Ma-
schinen werden offenbar bei einem bestimmten Grundstück dieselbe
Wirkung auf den Ertrag haben, wie eine Verdoppelung der Fruchtbar-
keit des Bodens. Der Unterschied aber liegt darin, daß die Verbesserung
der Methode oder der Werkzeuge bei jedem Boden ausgenutzt werden
kann, die erhöhte Fruchtbarkeit aber nur bei dem bestimmten, damit
gesegneten Lande. Die aus zunehmender Bevölkerung entstehende
größere Produktivität der Arbeit kann dagegen meist nur auf dem be-
stimmten Lande, dort aber in außerordentlich verschiedenem Grade
ausgenutzt werden.

Stellen wir uns hier eine unbegrenzte Steppe vor, die durch
die ununterbrochene Gleichmäßigkeit der Vegetation den Reisenden
ermüdet. Da kommt das Fuhrwerk des ersten Einwanderers. Er weiß
nicht, wo er sich niederlassen soll — ein Morgen scheint so gut wie jeder
andere. Lsolzbestand, Wasser, Fruchtbarkeit, Lage schließen jede Wahl
aus, und er wird durch den sinbarras äs ricbssss ganz verwirrt. Endlich
hält er, müde des Suchens nach einem Platze, der besser wäre als ein
anderer, an einem beliebigen Platze an und beginnt sich ein bfeim zu
gründen. Der Boden ist jungfräulich und reich, Wild im Überflüsse
vorhanden, die Bäche voll der schönsten Forellen. Die Natur ist in wahrem
Festgewande. Er hat alles, was ihn reich machen würde, wenn er in
einer volkreichen Gegend wäre; dennoch ist er sehr arm. Um nichts von
dem geistigen verlangen zu sagen, das ihn den ersten Besten mit offenen
Armen empfangen lassen würde, so befindet er sich unter allen den
materiellen Nachteilen der Einsamkeit. Er kann für keine Arbeit, die eine
größere Kraftvereinigung erfordert, eine andere temporäre Hilfe finden,
als die seiner Familie oder von Gehilfen, die er permanent halten muß.
Obgleich er Vieh hat, kann er nicht oft frisches Fleisch haben. Denn
um ein Beefsteak zu erhalten, muß er einen jungen Ochsen schlachten.
Er muß sein eigener Schmied, Wagner, Zimmermann und Schuster
sein, kurz, überall und nirgends, mit allem vertraut und bewandert
sein und vor nichts zurückschrecken. Er kann seinen Kindern keinen Schul-
unterricht verschaffen, denn dazu müßte er einen eigenen Lehrer halten
und bezahlen. Alles, was er nicht selbst hervorbringen kann, muß er in
Ouantitäten kaufen und auf Vorrat halten, wenn er es nicht entbehren
will, denn er kann nicht immer seine Arbeit verlassen und eine lange
Reise bis zur äußersten Grenze der Zivilisation machen, und muß er es,
so mag ihm das Holen eines Fläschchens Arznei oder der Ersatz eines
zerbrochenen Bohrers seine und seiner Pferde Arbeit für Tage kosten.
Obgleich die Natur verschwenderisch ist, ist der Mensch unter solchen
Verhältnissen arm. Es ist ein leichtes für ihn, genug zum Essen zu er-
        <pb n="194" />
        ﻿Kap. II.

Bevölkerungszunahme und Verteilung.

\8\

langen; darüber hinaus aber wird seine Arbeit nur genügen, um die
einfachsten Bedürfnisse auf die roheste Art zu befriedigen.

Bald kommt ein anderer Ansiedler. Obgleich jede Abteilung der
endlosen Steppe ebensogut ist wie alle anderen, so ist er keinen Augen-
blick im Zweifel, wo er sich niederlassen soll. Das Land ist zwar überall
gleich, dennoch ist ein Platz vorhanden, der zweifellos besser für ihn ist
als jeder andere, und das ist da, wo schon ein Ansiedler wohnt und er
einen Nachbarn haben kann. Er läßt sich neben dem Erstgekommenen
nieder, dessen Lage sofort bedeutend verbessert wird, und dem nun vieles
möglich ist, was zuvor unmöglich war; denn zwei Menschen können sich
einander helfen, Dinge zu tun, die ein Mann nie unternehmen könnte.

Ein weiterer Ansiedler kommt, und durch die gleiche Anziehung
geleitet, läßt er sich nieder, wo schon zwei wohnen. Und noch einer
und wieder einer, bis sich an die zwanzig Nachbarn um unseren Lrst-
gekommenen zusammengefunden haben. Die Arbeit hat jetzt eine
Leistungsfähigkeit, die sie in der Einsamkeit nie erreichen konnte. Wenn
ein Stück schwerer Arbeit zu tun ist, haben die Ansiedler einen Rundtag
und verrichten zusammen in einem Tage, was für einen allein Jahre
erfordern würde. Schlachtet einer eine Ferse, so nehmen die anderen
Teile davon, geben sie zurück, sobald sie schlachten, und haben so immer
frisches Fleisch. Sie nehmen zusammen einen Lehrer, und die Rinder
eines jeden werden für einen kleinen Teil der Summe unterrichtet, die
der gleiche Unterricht den ersten Ansiedler gekostet haben würde. Es wird
verhältnismäßig leicht, nach der nächsten Stadt zu senden, denn es geht
immer einer oder der andere hin. Aber solche Reisen sind viel weniger
nötig. Ein Schmied und ein Radmacher errichten Werkstätten, und unser
Ansiedler kann seine Werkzeuge für einen kleinen Teil dessen, was sie
ihn vorher kosteten, reparieren lassen. Ein Laden wird etabliert, und er
kann seinen Bedarf erhalten, wie er entsteht; ein Postbureau kommt
dald hinzu und verschafft ihm regelmäßige Verbindung mit der übrigen
iVelt. Dann kommt ein Schuster, ein Zimmermann, ein Sattler, ein
Arzt, bis endlich eine kleine Kirche gebaut wird. Ls wird möglich, Be-
dürfnisse zu befriedigen, die man in der Einsamkeit nicht befriedigen
konnte. Die gesellige und geistige Natur des Menschen, die ihn über das
^ier erheben, finden Genüge. Die Macht der Sympathie, der Sinn
der Geselligkeit, der Wetteifer des Vergleiches und des Gegensatzes
eröffnen ein weiteres, volleres und abwechselnderes Leben. Man freut
sich mit den Fröhlichen und trauert mit den Traurigen. Allerlei gesellige
Vergnügungen werden arrangiert. Obgleich der Tanzsaal nur ein Lehm-
haden und das Orchester nur ein Fidel ist, so sind doch magische Töne
Jn ihren Saiten, und Cupido tanzt mit den Tanzenden. Bei der Pochzeit
sind andere da, um zu bewundern und sich zu freuen; im Pause des Todes
fehlt es nicht an Wächtern, und am offenen Grabe steht die menschliche
^FMpathie, um die Trauernden zu stützen. Pin und wieder kommt ein
äsender Vorleser, um Einblicke in die Welt der Wissenschaft, der Künste
        <pb n="195" />
        ﻿\82

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

der Literatur zu eröffnen; in Wahlzeiten kommen Stumpredner, und
der Bürger erhebt sich zu einem Gefühl der Würde und Macht, wenn
in dem Kampfe von pinz und Kunz um seine Unterstützung und seine
Stimme das Wohl des Staats vor ihm verhandelt wird. Und nach und
nach kommt der Zirkus, der feit Monaten das Tagesgespräch war und
den Kindern, deren Horizont die Prärie gewesen, alle Reiche der Phan-
tasie öffnet: Prinzen und Prinzessinnen der Märchenwelt, gepanzerte
Kreuzritter und beturbante Mohren, Aschenbrödel, Feenwagen und
die Riesen der Ammenweisheit, Löwen, wie sie sich vor Daniel nieder-
legten oder im römischen Amphitheater die heiligen Gottes zerrissen,
Strauße, die an die sandigen Wüsten erinnern, Kameele, wie die, die
dabei standen, als die bösen Brüder Joseph vom Brunnen wegschleppten
und in die Sklaverei verkauften, Elefanten, wie sie die Alpen mitHannibal
überschritten oder das Schwert der Makkabäer fühlten, und herrliche
Musik, die in den Kammern des Geistes tönt und baut, wie sich die sonnige
Kuppel Kubla Khans erhob.

Geht man jetzt zu unserem Ansiedler und sagt zu ihm: „Du hast
soundso viele Fruchtbäume, die du pflanztest, soundso viel Zäune,
einen Brunnen, eine Scheune, ein Haus, kurz, du hast durch deine Arbeit
dieser Besitzung soundso viel Wert hinzugefügt. Dein Land selbst ist
nicht gerade sehr gut. Du hast stark davon geerntet, und nach und nach
wird es Dünger brauchen. Ich will dir den vollen Wert aller deiner
Verbesserungen geben, wenn du es mir abtreten und mit deiner Familie
wieder über die Grenze der fernsten Ansiedlung hinausgehen willst."
Er würde lachen. Sein Land ergibt nicht mehr Weizen oder Kartoffeln
als vorher, aber es liefert ihm weit mehr von allen Notwendigkeiten
und Annehmlichkeiten des Lebens. Seine Arbeit wird auf demselben
keine größeren und, wie wir annehmen wollen, keine wertvolleren Ernten
hervorbringen, aber sie wird weit mehr von all den anderen Dingen
beschaffen, für die die Menschen arbeiten. Die Anwesenheit anderer
Ansiedler — die Bevölkerungszunahme —hat die Produktivität der auf
diese Dinge verwendeten Arbeit erhöht, und diese erhöhte Produktivität
verleiht dem Lande eine Überlegenheit über Land gleicher Natur, wo
noch keine Ansiedler sind. Wenn kein anderer Grund und Boden übrig
bleibt, als solcher, der ebensoweit von bevölkerten Gegenden entfernt
ist, wie der unseres Ansiedlers, als er zuerst hinkam, so wird der Preis
oder die Rente dieses Landes durch die Gesamtheit dieser erhöhten Fähig-
keiten bemessen werden. Wenn aber, wie wir angenommen haben,
eine ununterbrochene Strecke gleich guten Landes vorhanden ist, über
das die Bevölkerung sich nun ausbreitet, so wird es für den neuen An-
siedler nicht nötig sein, in die Wildnis zu gehen, wie es der Erste tat.
Er wird sich gerade hinter den letzten Ansiedlern niederlassen und den
Vorteil ihrer Nachbarschaft erlangen. Der Preis oder die Rente des
Landes unseres Ansiedlers wird somit von dem Vorteil abhängen, welchen
es dadurch hat, daß es im Mittelpunkte, anstatt an der Peripberie der
        <pb n="196" />
        ﻿Bevölkerung liegt. Zn dem einen Falle wird der Spielraum der Pro-
duktion derselbe bleiben wir bisher, im anderen wird er steigen.

Die Bevölkerung fährt noch fort zuzunehmen, und mit ihrer An-
nahme vermehren sich auch die damit verknüpften Ersparungen, die tat-
sächlich die Ergiebigkeit des Landes erhöhen. Da unseres Ansiedlers
Land der Mittelpunkt der Bevölkerung ist, so stehen der Laden, die
Schmiede, des Radmachers Werkstatt auf demselben oder an dessen
Rande, und bald entsteht ein Dorf, das schnell zu einem Flecken und zum
Mittelpunkte der Tausche für die Bewohner der ganzen Gegend wird.
Mit nicht größerer landwirtschaftlicher Ergiebigkeit, als es anfangs hatte,
fängt dies Land nun an, eine Ertragsfähigkeit höherer Art zu entwickeln.
Der zum Anbau von Korn, Mais oder Kartoffeln verwendeten Arbeit
wird es nicht mehr ergeben als vorher; aber der Arbeit, die in den spe-
ziellen Produktionszweigen, welche die Nähe anderer Produzenten er-
fordern, namentlich aber der Arbeit, die in jenem Schlußstein der Pro-
duktion, der Verteilung, aufgewendet wird, wird es ungleich höhere
Erträge liefern. Der Weizenbauer kann weiter ziehen und Land finden,
auf welchem feine Arbeit ebensoviel weizen und fast ebensoviel Güter
hervorbringt; aber der Handwerker, der Fabrikant, der Warenhändler,
der Arzt, Advokat usw. finden, daß ihre Arbeit hier im Mittelpunkt des
Austausches ihnen viel mehr einträgt, als selbst nur eine kleine Strecke
davon entfernt, und diesen Uberschuß der Ertragsfähigkeit für derartige
Zwecke kann der Grundbesitzer fordern, gerade wie er den Uberschuß
der Weizenproduktionsfähigkeit seines Landes fordern kann. Und so
kann unser Ansiedler einige seiner Morgen als Bauplätze zu Preisen
verkaufen, wie sie der Weizenbau nicht eingebracht hätte, wenn ihre
Fruchtbarkeit auch verzehnfacht worden wäre. Mit dem Ertrage baut
vr sich ein schönes Haus und richtet dasselbe wohnlich ein. Das heißt,
um die Transaktion auf ihren prägnantesten Ausdruck zurückzuführen,
die Leute, welche das Land zu benutzen wünschen, bauen und möblieren
ihm das Haus unter der Bedingung, daß er ihnen gestattet, sich die höhere
Produktivität zunutze zu machen, welche die Bevölkerungszunahme dem
^ande gegeben hat.

Die Bevölkerung fährt noch immer fort, sich zu vermehren, dem
Lande immer größere Nützlichkeit zu verleihen und dessen Besitzer immer
reicher zu machen. Der Flecken ist zu einer Stadt angewachsen — einem
2t. Louis, Lhikago oder San Franziska —, und sie wächst noch immer,
^ie Produktion wird nun im großen Maßstabe mit den besten Maschinen
vnd Hilfsmitteln betrieben; die Teilung der Arbeit wird äußerst minutiös
und vervielfältigt; der Austausch ist von solcher Ausdehnung und Schnellig-
reit, daß er mit einem Minimum von Hindernis und Verlust bewerk-
stelligt wird, Hier ist das Herz, das Gehirn des großen sozialen Organis-
mus, welcher aus dem Keim der ersten Ansiedlung emporgewachsen
Mi hier hat sich einer der großen Ganglien der Menschenwelt entwickelt.
Vierher laufen alle Straßen, fließen alle Ströme aus all den weiten
        <pb n="197" />
        ﻿Buch IV«

Materieller Fortschritt und Verteilung.

umliegenden Gegenden. pat jemand etwas zu verkaufen, so ist hier der
Markt; will jemand kaufen, so ist hier der größte und ausgewählteste
Vorrat. Pier ist die geistige Tätigkeit in einem Brennpunkt vereinigt,
und hier entspringt jene Anregung, die durch das Auseinanderplatzen
der Geister erzeugt wird. Pier sind die großen Bibliotheken, die Lager-
plätze und Speicher des Wissens, die gelehrten Professoren, die berühmten
Spezialärzte, Pier sind die Museen, die Kunst- und Gemäldegallerien,
die Sammlungen wissenschaftlicher Apparate und aller seltenen, wert-
vollen Dinge, der besten ihrer Art. Pierher kommen die großen Schau-
spieler, Redner und Sänger aus der ganzen Welt. Kurz, hier ist ein
Mittelpunkt des menschlichen Lebens in allen seinen verschiedenen
Kundgebungen.

So enorm sind jetzt die Vorteile, welche dies Land für die Auf-
wendung von Arbeit bietet, daß man anstatt eines Mannes, der mit
seinem Pferdegespann die Acker pflügt, auf einzelnen Stellen Tausende
von Arbeitern auf den Morgen zählen kann, wie sie Reihe an Reihe
schaffen, auf Stockwerken, die sich fünf-, sechs-, sieben- und achtfach über-
einander türmen, während unter der Oberfläche der Erde Maschinen
stöhnen, welche die Kraft von Tausenden von Pferden entwickeln.

Alle diese Vorteile haften an dem Grund und Boden; auf diesem
Boden und keinem anderen können sie ausgenutzt werden; denn hier
ist der Mittelpunkt der Bevölkerung, der Brennpunkt der Austausche,
der Marktplatz und die Werkstätte der höchsten formen des Gewerb-
fleißes. Die produktiven Kräfte, welche die Dichtigkeit der Bevölkerung
diesem Boden verliehen hat, sind gleichwertig mit hundert- und tausend-
facher Vervielfältigung seiner ursprünglichen Fruchtbarkeit, und die
Grundrente, welche den Unterschied zwischen seiner vermehrten Produk-
tivität und der des in Benutzung befindlichen wenigst produktiven Landes
mißt, hat sich entsprechend erhöht. Unser Ansiedler, oder wer in seine
Rechte auf das Land getreten ist, ist jetzt ein Millionär. Gleich einem
anderen Rip van winkle mag er sich hingelegt und geschlafen haben;
dennoch ist er reich, nicht infolge von irgend etwas, das er getan hätte,
sondern durch die Zunahme der Bevölkerung. Es finden sich Plätze,
aus denen der Besitzer für jeden Fuß Straßenfront mehr zieht, als ein
Pandwerker verdienen kann; es gibt Plätze, die sich für mehr Geld ver-
kaufen ließen, als ausreichen würde, um sie mit Goldmünzen zu pflastern.
Zn den Pauptstraßen türmen sich Gebäude auf von Granit, Marmor,
Eisen und Spiegelglas, im kostbarsten Stile vollendet und mit jeder
erdenklichen Bequemlichkeit ausgestattet. Dennoch sind sie nicht so viel
wert als das Land, auf dem sie stehen, dasselbe Land, welches, als unser
erster Ansiedler hinauf kam, gar keinen wert hatte.

Daß dies die Art und Weise ist, auf welche die Bevölkerungszunahnre
mächtig auf die Erhöhung der Rente wirkt, kann jeder, der in einem
fortschreitenden Lande um sich blickt, selbst sehen. Der Prozeß geht
unter unseren Augen vor sich. Der zunehmende Unterschied in der
        <pb n="198" />
        ﻿Kap. II.

Bevölkermrgszunahine und Verteilung.

(85

Ertragsfähigkeit des in Benutzung befindlichen Landes, der eine zu-
nehmende Steigerung der Rente verursacht, rührt nicht sowohl von der
Nötigung her, bei wachsender Bevölkerung geringeres Land in Angriff
zu nehmen, als von der erhöhten Ertragsfähigkeit, welche die vermehrte
Bevölkerung dem schon benutzten Grund und Boden verleiht. Der wert-
vollste Grund und Boden der Erde, derjenige, der die höchste Rente
ergibt, ist nicht Grund und Boden von außerordentlicher natürlicher
Fruchtbarkeit, sondern solcher, dem durch die Bevölkerungszunahme
eine außerordentliche Nutzbarkeit verliehen wurde.

Die Erhöhung der Ertragsfähigkeit oder Nutzbarkeit, welche die
Bevölkerungszunahme in der eben erörterten Weise gewissen Grund-
stücken verleiht, heftet sich, sozusagen, an die bloße Eigenschaft der
Ausdehnung. Die wertvolle Eigenschaft des Landes, welches ein Mittel-
punkt der Bevölkerung geworden ist, liegt in seiner Flächenkapazität;
es macht keinen Unterschied, ob es fruchtbarer Alluvialboden wie in
Philadelphia, eine reiche Niederung wie in New-Drleans, ein ausgefüllter
Sumpf wie in St. Petersburg oder eine kahle Sandfläche wie der größte
Teil von San Franziska ist.

Und wo der Wert aus überlegenen natürlichen Eigenschaften zu
entstehen scheint, wie aus tiefem Wasser und gutem Ankergrund, reichen
Lägern von Kohlen und Eisen, oder dem Bestände mit schwerem Bauholz,
da zeigt die Beobachtung gleichfalls, daß diese überlegenen Eigenschaften
durch die Bevölkerung zuwege gebracht und erreichbar werden. Die
Kohlen- und Eisenfelder pennszüvaniens, die heute enorme Summen
darstellen, waren vor 50 Jahren wertlos. Welches ist die Ursache dieses
Unterschiedes? Einfach der Unterschied in der Bevölkerung. Die Kohlen-
und Eisenbecken von Wyoming und Montana, die heute wertlos sind,
werden in 50 Jahren Millionen über Millionen wert sein, einfach weil
bis dahin die Bevölkerung bedeutend zugenommen haben wird.

Dies hier ist ein wohl verproviantiertes Schiff, auf dem wir durch
den Raum dahin segeln. Scheint das Brot und Fleisch auf den Zwischen-
decken rar zu werden, so öffnen wir nur eine Luke, und neue Vorräte
kommen ans Tageslicht, von denen wir uns vorher nichts träumen
ließen. Und große Gewalt über die Dienste anderer ist denen gegeben,
die, nach Öffnung der Luken, sagen dürfen: „Alles dies ist mein".

Rekapitulieren wir: Die Wirkung der Bevölkerungszunahme auf
die Güterverteilung besteht darin, daß sie die Rente erhöht (und mithin
den Teil des Produkts, der auf das Kapital und auf die Arbeit entfällt,
vermindert) und zwar auf zweierlei Art: erstens durch Verengerung
der Anbaugrenze, zweitens durch das Zuwegebringen spezieller, sonst
latenter Fähigkeiten im Boden, sowie durch die Verleihung spezieller
Fähigkeiten an bestimmtes Land.

Ich möchte glauben, daß die letztere Art, der die Nationalökonomen
wenig Aufmerksamkeit gewidmet haben, in der Tat die bedeutendere
Mi, doch ist dies in unserer Untersuchung ohne Belang.
        <pb n="199" />
        ﻿\86

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

Kapitel III.

Die Wirkung der Fortschritte in den Gewerben auf die
Güterverteilung.

Die Fortschritte der Gewerbe beiseite lassend, haben wir die Wir-
kungen der Bevölkerungszunahme auf die Güterverteilung betrachtet.
Jetzt lassen wir die Bevölkerungszunahme beiseite und prüfen, welche
Wirkung die Fortschritte in den Gewerben auf die Verteilung ausüben.

Wir haben gesehen, daß die Zunahme der Bevölkerung die Rente
erhöht, mehr durch die Steigerung als Verringerung der Produktivität
der Arbeit, wenn jetzt gezeigt werden kann, daß, unabhängig von der
Bevölkerungszunahme, auch die Wirkung der Fortschritte in den Methoden
der Produktion und des Austausches dahin geht, die Rente zu erhöhen,
so wird die Malthusfche Theorie —und alle davon abgeleiteten oder damit
in Beziehung stehenden Lehren — endgültig und vollständig widerlegt
sein, denn wir werden die Tendenz des materiellen Fortschritts, den
Lohn und die Lage der untersten Klaffe herabzudrücken, erklärt haben,
ohne zu der Theorie des zunehmenden Druckes gegen die Unterhalts-
mittel greifen zu müssen.

'Daß dies der Fall ist, wird sich, wie ich glaube, beim oberfläch-
lichsten Nachdenken herausstellen.

Die Wirkung der Erfindungen und Verbesserungen in den produk-
tiven Gewerben besteht darin, Arbeit zu ersparen, d. h. das gleiche
Resultat mit weniger Arbeit oder ein größeres Resultat mit derselben
Arbeit zu sichern.

In einem Gesellschaftszustande, in welchem die vorhandene Arbeits-
kraft dazu diente, alle materiellen wünsche zu befriedigen, und wo keine
Möglichkeit wäre, neue wünsche durch die Gelegenheit, sie zu befriedigen,
hervorzurufen, würde die Wirkung arbeitersparender Verbesserungen
einfach die sein, die Summe der aufzuwendenden Arbeit zu vermindern.
Ein solcher Gesellschaftszustand jedoch kann, wenn er überhaupt zu
finden ist, was ich bezweifle, nur da vorhanden fein, wo der Mensch dem
Tiere noch sehr nahe kommt. In der sogenannten zivilisierten Gesell-
schaft, mit der wir es in dieser Untersuchung zu tun haben, ist das gerade
Gegenteil der Fall. Die Nachfrage ist keine bestimmte Quantität, die
nur mit der Bevölkerung zunähme. Sie entsteht in jedem einzelnen
mit seiner Fähigkeit, sich die verlangten Dinge zu verschaffen. Der Mensch
ist kein Gchse, der, wenn er sich satt gefressen hat, sich zum wiederkäuen
niederlegt; er ist der Sprosse des Blutigels, der beständig nach mehr
verlangt. „Wenn ich Geld bekomme", sagte Erasmus, „werde ich mir
einige griechische Bücher kaufen und nachher einige Kleider." Die Summe
der produzierten Güter deckt sich nirgends mit dem Verlangen nach
Gütern, und das Verlangen steigt mit jeder weiteren Gelegenheit, es
zu befriedigen.
        <pb n="200" />
        ﻿Kap. III.

Gewerblicher Fortschritt und Verteilung.

\87

3st dies so, so wird die Wirkung arbeitersparender Verbesserungen
die Vermehrung der Güterproduktion sein. Nun sind sür diese letztere
zwei Dinge erforderlich —Arbeit und Land. Deshalb wird die Wirkung
arbeitersparender Verbesserungen die sein, die Nachfrage nach Land
auszudehnen und, wo immer die Grenze der (Dualität des benutzten
Landes erreicht ist, Grund und Boden von geringerer natürlicher Er-
giebigkeit unter Kultur zu bringen oder auf demselben Boden die Kultur
bis zu einem Punkt geringerer natürlicher Ergiebigkeit auszudehnen.
Und während so die ursprüngliche Wirkung arbeitersparender Verbesse-
rungen die ist, die Kraft der Arbeit zu vermehren, ist die sekundäre Wir-
kung die, den Anbau auszudehnen und, wo dies die Grenze des Anbaues
verengert, die Rente zu steigern. Wo daher der Grund und Boden voll-
ständig angeeignet ist, wie in England, oder wo er entweder angeeignet
ist oder, sobald er gebraucht wird, angeeignet werden kann, wie in den
Vereinigten Staaten, da ist die schließliche Wirkung von arbeitersparenden
Maschinen oder Verbesserungen die, die Rente zu erhöhen, ohne den
Lohn oder Zins zu steigern.

Es ist wichtig, dies völlig einzusehen, denn es zeigt, daß die durch die
herrschenden Theorien der Bevölkerungsvermehrung zugeschriebenen
Wirkungen in Wirklichkeit dem Fortschritt der Erfindungen ihr Dasein
verdanken, und erklärt die sonst unlösbare Tatsache, daß arbeitersparende
Maschinen den Arbeitern nirgendwo Vorteil bringen.

Um jedoch diese Wahrheit vollständig zu begreifen, muß man die
von mir schon mehrmals hervorgehobene Tauschfähigkeit der Güter
im Sinne behalten. Zch erwähne dies nochmals, nur weil es so beharrlich
vergessen oder ignoriert wird von Schriftstellern, die von der landwirt-
schaftlichen Produktion sprechen, als ob sie von der Produktion im all-
gemeinen zu unterscheiden wäre, und von den Nahrungs- oder Unter-
haltsmitteln, als ob sie in dem Worte Güter nicht einbegriffen wären.

Der Leser möge im Auge behalten, daß, wie schon hinreichend er-
läutert wurde, der Besitz oder die Produktion irgendeiner Form der
&lt;3üter so gut ist wie der Besitz oder die Produktion irgendeiner anderen
Form, mit der sie sich austauschen läßt, um klar zu sehen, daß nicht bloß
Verbesserungen, die in der direkt auf Land verwendeten Arbeit eine
Ersparnis bewirken, sondern alle Verbesserungen, die auf irgendeine
Meise Arbeit ersparen, die Rente erhöhen.

Daß die Arbeit des einzelnen sich ausschließlich auf die Produktion
einer Form des Reichtums richtet, ist nur das Resultat der Teilung der
Arbeit. Der Zweck der Arbeit eines einzelnen ist nicht die Gewinnung
von Gütern in einer besonderen Form, sondern in allen den Formen,
^stf die seine wünsche gerichtet sind. Und somit ist eine Verbesserung,
die Ersparnisse in der zur bservorbringung eines der gewünschten Dinge
erforderlichen Arbeit bewirkt, so gut wie eine Vermehrung der Kraft,
vlle anderen Dinge hervorzubringen. Erfordert es eines Mannes halbe
Arbeit, ihm Nahrung, und die andere chälfte, um ihm Kleider und (Obdach
        <pb n="201" />
        ﻿188

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

zu verschaffen, so wird eine Verbesserung, die seine Fähigkeit, Nahrungs-
mittel hervorzubringen, vermehrt, auch seine Fähigkeit, sich Kleider
und Gbdach zu verschaffen, erhöhen. Wenn sein Wunsch nach mehr und
besserer Nahrung und sein Wunsch nach mehr und besseren Kleidern
und Obdach gleich wären, so würde eine Verbesserung auf dem einen
Arbeitsgebiete genau gleichbedeutend fein mit einer gleichen Verbesse-
rung auf dem anderen. Wenn die Verbesserung die Kraft feiner Arbeit
zur Ljervorbringung von Nahrungsmitteln verdoppelte, so würde er
ein Drittel weniger Arbeit auf die Produktion von Nahrungsmitteln
und ein Drittel mehr auf die Beschaffung von Kleidern und Obdach
verwenden, verdoppelte die Verbesserung seine Kraft, sich Kleider
und Obdach zu verschaffen, so würde er ein Drittel weniger Arbeit
auf die Versorgung mit diesen Dingen verwenden und ein Drittel mehr
auf die Produktion von Nahrungsmitteln. In jedem Falle würde das
Resultat das gleiche sein: er wäre imstande, mit derselben Arbeit ein
Drittel mehr an Ouantität oder Oualität all der von ihm gewünschten
Dinge zu erlangen.

Und so erhöht, wo die Produktion mit Teilung der Arbeit zwischen
den einzelnen betrieben wird, die Zunahme der Fähigkeit, eins der von
den gesamten Produzenten gesuchten Dinge hervorzubringen, die Fähig-
keit, andere zu erhalten, und wird die Produktion der anderen in einem
Umfange vermehren, der durch das Verhältnis der Arbeitsersparnis
zur Gesamtsumme der aufgewendeten Arbeit und durch die relative
Stärke der Bedürfnisse bestimmt wird. Zch kann mir keinerlei Güter
vorstellen, nach denen die Nachfrage durch Ersparnisse in der für die
Erzeugung anderer erforderlichen Arbeit erhöht werden würde. Leichen-
wagen und Särge sind als Beispiele von Dingen angeführt worden,
nach denen die Nachfrage aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zunehmen
werde, allein dies ist nur bezüglich der Ouantität richtig. Daß die größere
Kraft des Angebots eine Nachfrage nach kostspieligeren Leichenwagen
und Särgen herbeiführen würde, kann niemand bezweifeln, der darauf
geachtet hat, wie stark der Wunsch ist, den Toten durch kostbare Leichen-
begängnisse Achtung zu bezeugen.

Auch ist die Nachfrage nach Nahrungsmitteln nicht beschränkt,
wie in den nationalökonomischen Räsonnements häufig, aber irrtüm-
lich angenommen wird. Ulan spricht häufig von den Unterhaltsmitteln,
als ob sie eine feststehende Ouantität wären; dies sind sie aber nur in-
sofern, als sie ein bestimmtes Minimum haben. Weniger als eine gewisse
Menge wird keinen Menschen am Leben erhalten, und weniger als eine
etwas größere Menge wird keinen Menschen bei guter Gesundheit er-
halten. Aber über dieses Minimum hinaus können die Unterhaltsmittel,
welche ein Mensch verbrauchen kann, fast ins Unbestimmte vermehrt
werden. Adam Smith sagt und Ricardo unterschreibt es, daß das ver-
langen nach Nahrung in jedem Menschen durch die geringe Aufnahme-
fähigkeit des menschlichen Magens beschränkt werde; aber dies ist offenbar
        <pb n="202" />
        ﻿Kap. III.

Gewerblicher Fortschritt und Verteilung.

nur in dein Sinne wahr, daß, wenn eines Menschen Bauch voll ist,
der Hunger gestillt ist. Seine Nachfrage nach Nahrung hat keine solche
Grenze. Der Magen eines Louis XIV., eines Louis XV. oder eines
Louis XVI. konnte nicht mehr bewältigen und verdauen, als der Magen
eines französischen Bauern gleicher Größe; während aber wenige Ruten
Bodens das schwarze Brot und die Gemüse lieferten, welche den Unter-
halt des Bauern ausmachten, bedurfte es Hunderttausende von Morgen,
um die Bedürfnisse des Königs zu befriedigen, der, abgesehen von seinem
eigenen verschwenderischen Verbrauch der besten (Dualitäten von Nah-
rungsmitteln, ungeheure Mengen für seine Diener, Pferde und Hunde
brauchte/ Und aus den gewöhnlichen Vorkommnissen des täglichen
Lebens, aus den unbefriedigten, obgleich vielleicht verborgenen Wünschen
jedes einzelnen können wir ersehen, wie jede Zunahme der Kraft irgend-
eine Güterart zu erzeugen, in einer vermehrten Nachfrage nach Land
und den unmittelbaren Produkten des Landes enden muß. Der Mann,
der jetzt grobe Nahrung verbraucht und in einem kleinen Hause lebt,
wird in der Regel teurere Nahrung verbrauchen und nach einem größeren
Hause ziehen, wenn sein Einkommen größer wird. Wenn er reicher und
immer reicher wird, so wird er sich Pferde, Diener, Gärten und Rasen-
plätze zulegen, und seine Nachfrage nach Verwendung von Land steigt
beständig mit seinem Reichtum. Zn der Stadt, in der ich schreibe, lebt
ein Mann — nur ein Ttzpus von Leuten, wie sie überall anzutreffen
sind — der sich seine Bohnen selbst zu kochen und seinen Schinken selbst
zu rösten pflegte, jetzt aber, wo er reich geworden ist, ein Haus in der
Stadt besitzt, das ein ganzes Karree einnimmt und für ein Hotel erster
Klasse ausreichen würde, außerdem zwei oder drei Landhäuser mit aus-
gedehnten Anlagen, ein großes Gestüt von Rennpferden, eine Zuchtfarm,
privatbahn usw. usw. Es ist jetzt sicherlich wenigstens tausendmal,
wenn nicht mehrere tausendmal so viel Land nötig, um die Bedürfnisse
dieses Mannes zu befriedigen, als zu der Zeit, wo er arm war.

Und so verursacht jede beliebige Erfindung oder Verbesserung,
die der Arbeit die Kraft verleiht, mehr Güter zu erzeugen, eine ver-
wehrte Nachfrage nach Land und seinen direkten Produkten und wirkt
so darauf hin, den Spielraum des Anbaues einzuengen, genau so, wie
es die durch Bevölkerungszunahme verursachte Nachfrage tun würde.
Da dies der Fall ist, so hat jede arbeitersparende Erfindung, sei es nun
ein Dampfpflug, eine Telegraphenanlage, ein.verbessertes Verfahren,
Erze zu schmelzen, eine vervollkommnete Druckerpresse oder eine Näh-
maschine, die Wirkung, die Grundrente zu erhöhen.

Oder um diese Wahrheit bündig auszudrücken:

„Da die Güter in allen ihren Formen das
Produkt der auf den Grunh und Boden oder dessen
Erzeugnisse verwendeten Arbeit sind, so wird jede
Zunahme in der Kraft der Arbeit — da die Nach-
frage nach Gütern nie befriedigt ist — dazu be-
        <pb n="203" />
        ﻿190

Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

nutzt werden, uni inehr Güter zu schaffen und da-
durch die Nachfrage nach Grund und Boden zu ver-
inehren."

Um ein Beispiel dieser Wirkung von arbeitersparenden Maschinen
und Verbesserungen zu geben, wollen wir ein Land annehmen, wo,
wie in allen Ländern der zivilisierten Welt, der Grundbesitz nur im
Besitz eines Teils des Volkes ist. Nehmen wir ferner eine dauernde
Schranke gegen eine weitere Bevölkerungszunahme an, fei es infolge
des Erlasses und der strikten Durchführung eines perodianischen Gesetzes
oder einer derartigen Änderung in den Sitten und der Moral, wie sie
aus einer ausgedehnten Verbreitung von Annie Besants Flugschriften
sich ergeben könnte. Die Grenze des Anbaues oder der Produktion
sei durch 20 dargestellt. Ländereien oder andere Naturvorteile, die durch
Arbeits- und Kapitalsaufwand einen Ertrag von 20 liefern, werden
also gerade den gewöhnlichen Satz des Lohnes und Zinses ergeben,
ohne eine Grundrente einzuschließen; während alle Ländereien, die bei
einem gleichen Arbeits- und Kapitalaufwands mehr als 20 liefern,
den Überschuß als Rente ergeben werden. Da die Bevölkerung gleich
bleibt, so sollen Erfindungen und Verbesserungen eingeführt werden,
welche den zur Produktion derselben Gütersumme notwendigen Arbeits-
und Kapitalaufwand um ein Zehntel ermäßigen. Dann kann entweder
ein Zehntel der Arbeit und des Kapitals frei werden und die Produktion
dieselbe wie vorher bleiben; oder es kann dieselbe Summe von Arbeit
und Kapital beschäftigt und die Produktion entsprechend vermehrt
werden. Aber wie in allen zivilisierten Ländern ist die industrielle Organi-
sation so, daß die Arbeit und das Kapital, hauptsächlich erstere, sich zu allen
Bedingungen um Beschäftigung drängen müssen; die industrielle Or-
ganisation ist so, daß bloße Arbeiter nicht in der Lage sind, ihren ge-
rechten Anteil bei der neuen Verteilung zu fordern, und daß jede Ein-
schränkung in der Verwendung von Arbeit zur Produktion wenigstens
im Anfang die Form annehmen wird, nicht jedem Arbeiter dieselbe
Summe von Produkten für weniger Arbeit zu geben, sondern einige
der Arbeiter außer Arbeit zu setzen und ihnen gar nichts von derselben
zukommen zu lassen. Infolge der durch die neuen Verbesserungen ver-
anlaßten größeren Leistungsfähigkeit der Arbeit kann jetzt bei dem durch
t8 dargestellten Punkte der Produktivität der Natur ein ebenso großer
Ertrag erzielt werden als vorher bei 20. So würde das unbefriedigte
Verlangen nach Gütern, die Konkurrenz der Arbeit und des Kapitals
um Beschäftigung, die Ausdehnung der Produktionsgrenze, sagen wir
auf t8, gewährleisten, und so würde die Rente um den Unterschied zwischen
\8 und 20 wachsen, während die Löhne und Zinsen der Ouantität nach
nicht größer und, im Verhältnis zum ganzen Erzeugnis, geringer sein
würden. Es würde eine größere Güterproduktion stattfinden, aber die
Grundbesitzer würden den ganzen Vorteil haben (bis auf zeitweilige
Abzüge, die weiter unten besprochen werden sollen).
        <pb n="204" />
        ﻿Wenn die Erfindungen und Verbesserungen fortdauern, so wird
die Leistungsfähigkeit der Arbeit noch mehr vergrößert und die zur
bfervorbringung eines gegebenen Resultats notwendige Arbeits- und
Kapitalssumme weiter vermindert werden. Die gleichen Ursachen
werden die Verwertung dieses neuen Gewinnes an produktiver Kraft
zur Erzeugung von mehr Gütern herbeiführen; die Grenze des Anbaues
wird wieder ausgedehnt werden, und die Grundrente wird steigen,
sowohl relativ wie absolut, ohne Erhöhung des Lohns und Zinses.
Und in dem Maße, wie die Erfindungen und Verbesserungen fortschreiten
und beständig die Leistungsfähigkeit der Arbeit erhöhen, wird die Grenze
der Produktion tiefer und tiefer gedrückt werden und die Grundrente
beständig zunehmen, wenn auch die Bevölkerung stationär bleibt.

Ich will damit nicht sagen, daß die Verengerung des Spielraums
der Produktion immer genau mit der Vermehrung produktiver Kraft
übereinstimmen würde, so wenig als ich sagen will, daß der Prozeß
immer in demselben Schritt vor sich gehen würde. Db in einem be-
sonderen Lalle die Verengerung des Spielraums der Produktion hinter-
drein humpelt oder die Vermehrung der produktiven Kraft überholt,
wird, glaube ich, von etwas abhängen, was man das Areal der Produk-
tivität nennen könnte, das verwertet werden kann, ehe der Anbau nach
dem nächstniedrigen Punkte gedrängt wird, wenn z. B. die Grenze des
Anbaues bei 20 liegt, werden Verbesserungen, welche die Erzielung des-
selben Produkts mit ein Zehntel weniger Kapital und Arbeit ermöglichen,
die Grenze nicht auf *8 verschieben, falls das Gebiet, das eine Produktivität
von hat, ausreichend ist, um alle die vom Anbau der besseren Län-
dereien ausgeschlossenen Arbeitskräfte und Kapitalien zu beschäftigen.
In diesem Lalle würde die Grenze der Kultur bei t9 stehen, die Rente
würde um den Unterschied zwischen t9 und 20 erhöht werden und der
Lohn und Zins um den Unterschied zwischen t6 und t9- Wenn jedoch
bei derselben Zunahme produktiver Macht das Areal der Produktivität
Zwischen 20 und ^8 nicht ausreichend sein sollte, um alle ausgeschlossenen
Arbeitskräfte und Kapitalien zu beschäftigen, so muß die Grenze des
Anbaues unter t8 sinken, falls die gleiche Summe von Arbeit und
Aapital sich zur Beschäftigung drängt. In diesem Lalle würde die Rente
wehr gewinnen als die Zunahme des Produkts, und Lohn und Zins
würde geringer fein als vor den, die produktive Kraft erhöhenden Ver-
besserungen.

Auch ist es nicht ganz richtig, daß die durch jede Verbesserung frei
gemachte Arbeit insgesamt gezwungen sein wird, bei der Produktion
von mehr Gütern Beschäftigung zu suchen. Die größere Lähigkeit der
Bedürfnisbefriedigung, welche jede neue Verbesserung einem gewissen
Teile der Gesellschaft verleiht, wird zum verlangen sowohl nach Muße
oder Diensten, als nach Gütern benutzt werden. Manche früheren Ar-
beiter werden daher Müßiggänger werden, und manche aus den Reihen
ber produktiven in die der unproduktiven Arbeiter übertreten, deren
        <pb n="205" />
        ﻿Im-

materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

Verhältnis, wie die Erfahrung lehrt, mit dem Fortschritt der Gesellschaft
sich vergrößert.

Da ich jedoch bald zu einer, bisher noch unerörterten Ursache gelangen
werde, die beständig dabin wirkt, die Anbaugrenze zu verengern, die
Steigerung der Rente zu fördern und sie selbst über das, durch die wirk-
liche Anbaugrenze festgesetzte Maß hinauszutreiben, so verlohnt es nicht
der Mühe, diese Störungen in der sinkenden Bewegung der Anbaugrenze
und in der steigenden Bewegung der Rente in Betracht zu ziehen. Alles,
was ich klar zu machen wünsche, ist, daß auch ohne eine Bevölkerungs-
zunahme der Fortschritt der Erfindungen beständig dahin wirkt, ein
immer größeres Verhältnis des Produkts den Grundbesitzern und ein
kleineres der Arbeit und dem Kapital zuzuwenden.

Und da wir den Fortschritten der Erfindung keine Grenzen stecken
können, so können wir auch der Rentenerhöhung keine Grenzen stecken,
außer in der Gesamtproduktion. Denn wenn die arbeitersparenden
Erfindungen so weit gingen, bis Vollkommenheit erreicht und zur Pro-
duktion von Gütern Arbeit überhaupt nicht mehr erforderlich wäre, dann
könnte alles, was die Erde erzeugt, ohne Arbeit gewonnen werden, und
die Anbaugrenze würde auf Null sinken. Lohn und Zins würde es nicht
mehr geben, und die Rente würde alles nehmen. Denn da die Grundbesitzer
ohne Arbeit alle Güter, die von der Natur zu erlangen sind, erhalten
könnten, so würde weder für Arbeit noch Kapital Verwendung und auch
keine Möglichkeit für sie vorhanden sein, sich irgendeinen Anteil der
produzierten Güter zu erzwingen. Und gleichviel wie groß oder klein
die Bevölkerung wäre, falls überhaupt noch jemand außer den Grund-
besitzern existierte, würde er von der Laune oder der Gnade der Grund-
besitzer abhängen, er würde entweder zum Vergnügen der Grundbesitzer
oder als Unterstützungsbedürftiger durch ihre Gnade erhalten werden.

Dieser Punkt der absoluten Vollkommenheit arbeitersparender
Erfindungen mag sehr entfernt, wo nicht unmöglich zu erreichen scheinen,
aber es ist ein Punkt, zu dem der Gang der Erfindungen Tag für Tag
stärker hinstrebt. Und in dem Dünnerwerden der Bevölkerung in den
Ackerbaudistrikten Großbritanniens, wo kleine Güter in große umge-
wandelt werden, sowie in den großen, mit Maschinen bearbeiteten
Weizenfeldern Kaliforniens und Dakotahs, wo man meilenweit durch
wallende Kornfelder reiten kann, ohne eine menschliche Wohnung zu
sehen, finden sich schon Anzeichen des schließlichen Zustandes, dem die
ganze zivilisierte Welt entgegeneilt. Der Dampfpflug und der Maschinen-
mäher errichten in der modernen Welt Latifundien derselben Art, wie
es die Einführung der Sklaven, wozu die Kriegsgefangenen gemacht
wurden, im alten Italien tat. Und manchem armen Burschen, der so
aus seiner gewohnten Stätte gestoßen und vertrieben wird — wie die
römischen Bauern genötigt wurden, sich dem Proletariat der großen
Stadt anzureihen oder ihr Blut für Brot in den Reihen der Legionen
zu verkaufen —, will es bedünken, daß diese arbeitersparenden Erfin-
        <pb n="206" />
        ﻿Aax. III.

Gewerblicher Fortschritt und Verteilung.

193

düngen an sich selbst ein Fluch seien, und wir hören Leute von der Arbeit
sprechen, als ob die ermüdende Anstrengung der Muskeln an sich eine
wünschenswerte Sache sei.

Im vorausgehenden habe ich natürlich von Erfindungen und
Verbesserungen gesprochen, die allgemeinen Eingang gefunden haben.
Solange eine Erfindung oder Verbesserung von so wenigen angewendet
wird, daß sie einen speziellen Vorteil daraus ziehen, berührt dieselbe,
wie kaum gesagt zu werden braucht, die allgemeine Güterverteilung
nicht. Dies ist z. B. bei den durch Patentgesetze geschaffenen beschränkten
Monopolen oder bei den Ursachen, welche Eisenbahnen und Telegraphen-
linien usw. denselben Lharakter verleihen, der Fall. Obgleich sie in der
Regel mit Kapitalgewinn verwechselt werden, so sind die auf diese weise
entstehenden Spezialgewinne, wie schon in einem früheren Kapitel
auseinandergesetzt wurde, in Wirklichkeit doch Erträge eines Monopols
und berühren, bis zu dem Umfange, den sie vom Gewinn einer Verbesse-
rung für sich in Abzug bringen, ursprünglich die allgemeine Verteilung
nicht. Die Vorteile einer Eisenbahn oder einer ähnlichen, dem Transport
zugute kommenden Verbesserung sind z. B. verbreitet oder monopolisiert,
je nachdem ihre Tarife einen Satz festhalten, der auf das angelegte
Kapital die gewöhnlichen Zinsen ergibt, oder aber dermaßen hoch fixiert
sind, daß sie einen außerordentlichen Ertrag geben oder die Diebstähle
der Erbauer oder Direktoren zudecken. Und das Steigen der Rente oder
Landwerte korrespondiert, wie bekannt, mit der Ermäßigung der Tarife.

wie vorher erwähnt wurde, sind in den Verbesserungen, welche
die Rente erhöhen, nicht nur die, die produktive Kraft direkt vermehren-
den Verbesserungen einzuschließen, sondern auch solche Verbesserungen
in der politischen Verfassung, den Sitten und der Moral, die sie indirekt
vermehren. Als materielle Kräfte betrachtet, haben diese alle die Wir-
kung, die produktive Kraft zu erhöhen und, gleich den Verbesserungen
in den produktiven Gewerben, wird ihr Vorteil schließlich von den Be-
sitzern des Grund und Bodens monopolisiert. Lin bemerkenswertes
Beispiel hiervon ist in der Abschaffung des Schutzzolles in England zu
finden. Der Freihandel hat den Reichtum Großbritanniens enorm ver-
wehrt, ohne den Pauperismus zu vermindern. Er hat einfach die Rente
erhöht. Und wären die korrupten Verwaltungen unserer großen amerika-
nischen Städte in Muster von Reinheit und Sparsamkeit verwandelt,
so würde die Wirkung davon nur die sein, den wert des Grundbesitzes
Zu vermehren, aber weder den Lohn noch den Zins zu erhöhen.

George, Fortschritt und Armut.

13
        <pb n="207" />
        ﻿\Cjq,	Materieller Fortschritt und Verteilung.	Buch IV.

Kapitel IV.

Die Wirkung der durch den materiellen Fortschritt erregten

Erwartung.

wir haben jetzt gesehen, daß, während die Bevölkerungszunahme
die Rente zu steigern strebt, auch die Ursachen, welche in einem fort-
schreitenden Gesellschaftszustande die Vermehrung der Produktivkraft
der Arbeit bewirken, alle dahin streben, die Rente, nicht aber Lohn und
Zins zu erhöhen. Die größere Güterproduktion geht schließlich als höhere
Rente an die Grundbesitzer, und obgleich bei weiteren Fortschritten auch
einzelnen, die keinen Grund und Boden besitzen, Vorteile erwachsen
mögen, welche in ihren chänden bedeutende Teile des vermehrten Pro-
dukts vereinigen, so liegt doch in all jenem Fortschritte nichts, was ent-
weder für die Arbeit oder für das Kapital eine Vermehrung des Er-
trages bewirkte.	,

Es gibt jedoch einen, bisher noch nicht erwähnten Umstand, der in
Betracht gezogen werden muß, um den Einfluß des materiellen Fort-
schritts auf die Güterverteilung vollständig zu erklären.

Dieser Umstand ist die sichere Erwartung einer weiteren Steigerung
der Landwerte, die in allen fortschreitenden Ländern aus der beständigen
Erhöhung der Rente erwächst, und die zur Spekulation, d. h. zum Ankauf
von Land um einen höheren preis, als es für jetzt bringen würde, führt.

wir haben bisher angenommen, wie es bei den Erörterungen der
Rententheorie in der Regel geschieht, daß die tatsächliche Grenze des
Anbaues immer mit der Grenze zusammenfällt, die man die notwendige
Grenze des Anbaues nennen kann, d. h. daß der Anbau sich erst dann
zu weniger produktiven Punkten wendet, wenn es darum nötig wird,
weil die Naturvorteile auf ergiebigeren Punkten vollständig ausgenützt
sind.

Dies ist wahrscheinlich,der Fall in stillschweigenden oder sehr langsam
fortschreitenden Ländern, aber in schnell fortschreitenden Ländern, wo
die schnelle und beständige Steigerung der Rente zuversichtliche Berech-
nungen einer weiteren Steigerung gestattet, ist es nicht so. Zn solchen
Ländern erzeugt die sichere Erwartung höherer Preise in höherem oder
geringerem Grade Koalitionen unter den Grundbesitzern, entzieht
den Grund und Boden der Benutzung und beengt so den Spielraum
des Anbaues weiter, als es die Erfordernisse der Produktion nötig
machen.

Diese Ursache muß bis zu einem gewissen Grade in allen fort-
schreitenden Ländern wirken, obgleich sie in Ländern wie England,
wo das Pachts^&gt;stem im Ackerbau vorherrscht, sich mehr im Verkaufs-
preise des Landes als in der landwirtschaftlichen Grenze des Anbaues
oder der tatsächlichen Rente zeigen mag. Aber in Ländern, wie die
Vereinigten Staaten, wo der Bebauer des Landes gewöhnlich vorzieht,
        <pb n="208" />
        ﻿Kap. IV.

Die Erwartungen vom materiellen Fortschritt.

Ist5

es womöglich zu besitzen, und wo ungeheure Strecken Landes disponibel
sind, wirkt sie mit ungeheurer Kraft.

Das immense Gebiet, über welches die Bevölkerung der ver-
einigten Staaten zerstreut ist, beweist dies. Der Mann, welcher von
der Gstküfte sich nach der Grenze des Anbaues auf den Weg macht, wo
er Land ohne Zahlung einer Rente erhalten kann, muß, gleich dem
Manne, der über den Fluß schwamm, um sich einen Trunk zu holen,
weite Strecken über nur halb beackerte Besitzungen zurücklegen, große
Gebiete jungfräulichen Bodens durchkreuzen, ehe er den Punkt erreicht,
wo Land ohne Rente, d. h. durch Besitznahme oder Vorkaufsrecht zu
haben ist. Er (und mit ihm die Grenze des Anbaues) wird durch die
Spekulation, welche in Erwartung einer künftigen Wertsteigerung diese
unbenutzten Ländereien ankaust, so viel weiter Hinausgetrieben, als er
sonst hätte gehen müssen. Und läßt er sich nieder, so wird auch er wiederum
wenn er kann, mehr Land, als er gebraucht, nehmen in dem Glauben,
daß es bald wertvoll werde; und so werden die, welche nach ihm kommen,
wiederum weiter Hinausgetrieben, als die Erfordernisse der Produktion
es verlangen, und drängen die Grenze des Anbaues auf noch unergiebigere,
weil noch entferntere Punkte.

Dieselbe Erscheinung ist in jeder schnell wachsenden Stadt zu be-
obachten. würde das Land besserer «Dualität (in bezug aus Lage) immer
vollständig benutzt, ehe man zu geringerem Lande greift, so würden,
sobald eine Stadt sich ausgedehnt, keine Plätze unbebaut bleiben, noch
würden wir elende pütten mitten unter kostbaren Gebäuden finden.
Diese Plätze, oft überaus wertvoll, werden der Benutzung, oder wenigstens
der vollständigen Benutzung vorenthalten, weil ihre Besitzer nicht im-
stande sind, oder nicht den Wunsch haben, sie zu bebauen, und in Erwar-
tung einer Steigerung der Landwerte vorziehen, sie zu höheren Preisen
zu behalten, als jetzt von denen, welche sie zu bebauen geneigt wären,
Zu erhalten sind. Und infolge davon, daß diese Grundstücke der Be-
nutzung beziehungsweise der vollen Benutzung, deren sie fähig sind,
vorenthalten werden, wird die Grenze der Stadt um soviel weiter von
ihrem Mittelpunkte weggedrängt.

Erreichen wir aber die Grenzen der wachsenden Stadt — die faktische
Grenze der Bebauung, die der Grenze des Anbaues beim Ackerbau
entspricht —, so werden wir kein Land zum landwirtschaftlichen werte
käuflich finden, wie es der Fall sein würde, wenn die Grundrente einfach
durch die Erfordernisse der Gegenwart bestimmt würde; wir werden
vielmehr finden, daß auf eine weite Entfernung über die Stadt hinaus
das Land einen spekulativen wert hat, der sich auf den Glauben gründet,
daß es künftig zu städtischen Zwecken gebraucht werden wird, und daß,
um den Punkt zu erreichen, wo Grundstücke zu einem, nicht auf die
städtische Grundrente basierten Preise käuflich sind, wir sehr weit über
die gegenwärtige Grenze der städtischen Benutzung hinausgehen müssen.

Dder, um einen Fall anderer Art zu nehmen, wovon ähnliche

;3*
        <pb n="209" />
        ﻿Materieller Fortschritt und Verteilung.

Buch IV.

Beispiele sicher überall zu finden sind. In Marin Eounty, von San
Franzisko aus leicht zu erreichen, gibt es einen schönen Bestand von
Rottannen. Der Natur der Dinge nach sollten diese zuerst gebraucht
werden, ehe man für den Bedarf des Marktes von San Franzisko zu
viel weiter entfernten Bauholzbeständen griffe. Aber er bleibt unberührt,
und viele Meilen weiter hinaus gehauenes Bauholz wird täglich mit
der Bahn daran vorüber geführt, weil sein Besitzer vorzieht, auf den
höheren Preis zu warten, den er in der Zukunft bringen wird. Indem
so dieser Bestand dem Verbrauch entzogen wird, wird die Grenze der
Produktion von Rottannen um soviel weiter die Rüste hinauf und hin-
unter getrieben. Daß Erzlager, sobald sie im Privatbesitz sind, häufig
der Benutzung vorenthalten werden, während man ärmere Lager be-
arbeitet, ist bekannt, und in neuen Staaten ist es etwas Gewöhnliches,
Leute zu finden, die „landarm" („lanä poor") genannt werden, d. h.
die arm bleiben, oft fast bis zum wirklichen Mangel, weil sie darauf
bestehen, Land, das sie selbst nicht gebrauchen können, zu Preisen an
sich zu halten, zu welchen sonst niemand es mit Gewinn auszunützen
vermag.

Rehren wir jetzt zu der, im vorhergehenden Rapitel gegebenen
Erläuterung zurück: Bei der auf 20 stehenden Grenze des Anbaues
findet eine Vermehrung in der Produktionskraft statt, die das gleiche
Resultat mit einem Zehntel weniger Arbeit erreichbar macht. Aus
den vorher erwähnten Gründen muß jetzt die Ziffer der Produktions-
grenze herabgesetzt werden, und wenn sie auf J8 bleibt, so wird der
Ertrag der Arbeit und des Rapitals derselbe wie vorher sein, als die
Grenze bei 20 stand. Gb sie auf tS oder noch darunter gedrängt wird,
richtet sich nach dem Areal der Produktivität (wie ich es genannt habe),
welches zwischen 20 und ^8 liegt, wenn aber die sichere Erwartung
einer weiteren Erhöhung der Renten die Besitzer veranlaßt, die Rente
von 3 für Land von 20, von 2 für t9, von \ für *8 zu verlangen und ihre
Grundstücke der Benutzung vorzuenthalten, bis diese Bedingungen
erreicht sind, so kann das Areal der Produktivität so heruntergesetzt
werden, daß die Grenze des Anbaues auf oder selbst tiefer fallen muß;
und somit würden die Arbeiter als Resultat der Zunahme der Arbeits-
leistungen weniger als vorher erhalten, während der Zins entsprechend
herabgesetzt und die Rente in größerem Verhältnis als die Zunahme der
produktiven Rraft steigen würde.

Gb wir sie als eine Hinausschiebung des Spielraums der Pro-
duktion oder als ein hinüberführen der Rentenlinie über den Spielraum
der Produktion hinaus formulieren, immer ist der Einfluß der Land-
spekulation auf die Erhöhung der Rente eine Tatsache, die in keiner
Theorie der Güterverteilung in fortschreitenden Ländern ignoriert
werden kann. Sie ist die Rraft, die durch den materiellen Fortschritt
entfaltet wird, und die beständig darauf hinwirkt, die Rente in größerem
Verhältnis zu erhöhen, als der Fortschritt die Produktion vermehrt,
        <pb n="210" />
        ﻿Kap. IV.

Die Erwartungen vom materiellen Fortschritt.

M

und die daher ununterbrochen darauf hinwirkt, in dem Maße, wie der
materielle Fortschritt vorangeht und die Produktionskraft wächst, den
Arbeitslohn nicht bloß relativ, sondern absolut zu erniedrigen. Ls ist
diese Lxpansivkraft, die, mit großer Stärke in neuen Ländern wirkend,
denselben vor der Zeit die sozialen Krankheiten älterer Länder bringt,
auf jungfräulichen Ackern Vagabunden hervorbringt und auf halb
beackertem Boden die Armut groß zieht.

Kurz, die allgemeine und beständige Erhöhung der Landwerte
in einem fortschreitenden Lande erzeugt notwendig jene weitere Tendenz
zur Steigerung, die in dem Falle von waren bemerkbar ist, sobald eine
allgemeine und anhaltende Ursache daraus hinwirkt, ihren Preis zu
erhöhen. Wie während der schnellen Entwertung des Papiergeldes
in den letzten Tagen der Konföderation des Südens, der Umstand, daß
die an einem Tage gekaufte Ware am nächsten zu einem höheren Preise
verkauft werden konnte, die Warenpreise noch schneller in die Höhe
trieb, als die Entwertung des Papiergeldes, so wirkt die beständige,
von dem materiellen Fortschritt erzeugte Erhöhung der Landwerte darauf
hin, dieselbe nur noch mehr zu beschleunigen. Wir sehen diese sekundäre
Ursache mit voller Kraft in der Manie der Landspekulation wirken,
welche die Entstehung neuer Länder kennzeichnet; obgleich dies aber nur
abnorme und gelegentliche Erscheinungen sind, so ist es doch unleugbar,
daß die Ursache mit größerer oder geringerer Stärke in allen vorschreiten-
den Gesellschaften beständig wirksam ist.

Die Ursache, welche die Spekulation in Waren beschränkt, die Tendenz
des steigenden Preises, weitere Zufuhren herbeizuziehen, kann die
spekulative Erhöhung der Landwerte nicht beschränken, da der Grund
und Boden eine bestimmte Tuantität ist, welche menschliches Zutun
weder vergrößern noch verkleinern kann. Trotzdem gibt es eine Grenze
für den Preis des Landes in dem Minimum, das von der Arbeit und
dem Kapital als Vorbedingung für ihre produktive Tätigkeit gefordert
wird, wäre es möglich, den Lohn beständig zu ermäßigen, bis Null
erreicht ist, so würde es auch möglich sein, die Rente fortwährend zu
steigern, bis sie das ganze Produkt verschlänge. Da jedoch der Lohn
nicht aus die Dauer unter den Punkt herabgesetzt werden kann, bei
welchem die Arbeiter noch arbeiten und sich fortpflanzen wollen, noch
der Zins unter den Punkt, bei welchem das Kapitel der Produktion
gewidmet bleiben würde, so besteht eine Grenze, welche die spekulative
Erhöhung der Rente beschränkt. Deshalb kann die Spekulation in Ländern,
wo der Lohn und Zins schon dem Minimum nahe sind, nicht denselben
Spielraum zur Steigerung der Rente haben, wie in Ländern, wo sie
bedeutend darüber stehen. Daß jedoch in allen fortschreitenden Ländern
die spekulative Erhöhung der Rente die beständige Tendenz hat, die
Grenze zu überschreiten, wo die Produktion aufhören würde, zeigt sich,
glaube ich, in den immer wiederkehrenden Zeiten industrieller Lähmung —
ein Gegenstand, der im nächstenBuche ausführlich untersucht werden wird.
        <pb n="211" />
        ﻿Das probiern gelöst.

„wem der Boden gehört, dem gehören auch die Früchte desselben. Weiße
Sonnenschirme und Elefanten, wahnsinnig vor Stolz, das sind die Blumen einer
Landoerleihung." — Sir wm. Jones' Übersetzung einer indischen, zu Tanna
gefundenen Verleihungsurkunde.

„Die Witwe sammelt Nesseln für ihrer Rinder Mahlzeit; ein parfümierter
Seigneur, der vornehm im Oeil de boeuf lungert, t)at ein Zaubermittel, wodurch
er sie um die dritte Nessel bringt, und nennt eS Rente."	Larl^le.

Kapitel I.

Die Grundursachen der immer wiederkehrenden industriellen Krisen.

Unsere lange Untersuchung ist beendet. Wir können jetzt die Re-
sultate vorführen.

Beginnen wir mit den industriellen Krisen, zu deren Erklärung
so viele widersprechende und sich selbst widersprechende Theorien vor-
gebracht sind.

Line Erwägung der Art und Weise, in welcher die spekulative Er-
höhung der Landwerte den Erwerb der Arbeit und des Kapitals be-
schneidet und die Produktion hemmt, führt, glaube ich, unwiderstehlich
zu dem Schlüsse, daß hier die Pauptursache jener zeitweiligen industriellen
Krisen liegt, denen jedes zivilisierte Land und alle zivilisierten Länder
gemeinschaftlich, in zunehmendem Maße unterworfen zu sein scheinen.

Ich meine damit nicht, daß nicht andere nächste Ursachen vorhanden
wären. Die wachsende Kompliziertheit und gegenseitige Abhängigkeit
des Produktionsgetriebes, welches jeden Stoß oder jede Stockung durch
einen sich immer erweiternden Kreis fortpflanzt; das Pauptgebrechen
der Geldschsteme, daß die Umlaufsmittel sich zusammenziehen, wenn
sie am nötigsten sind, und die furchtbaren Abwechslungen im Umfange
des kommerziellen Kredits in seinen einfacheren Formen, der in viel
größerer Ausdehnung als das Geld das Mittel oder den Fluß des Aus-
tausches bildet; die Schutztarife, welche dem freien Spiel der produktiven
Kräfte künstliche Schranken setzen, und andere ähnliche Ursachen haben
        <pb n="212" />
        ﻿Kap. I.	Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

unzweifelhaft bedeutenden Anteil an der pervorrufung und Verlänge-
rung der sogenannten schweren Zeiten. Aber sowohl aus der Betrachtung
der Prinzipien als auch aus der Beobachtung der Erscheinungen erhellt,
daß die große ursprüngliche Ursache in der spekulativen Steigerung der
Landwerte zu suchen ist.

Im vorhergehenden Kapitel habe ich gezeigt, daß die spekulative
Steigerung der Landwerte dahin wirkt, den Spielraum des Anbaues
oder der Produktion über ihre normale Grenze zu drängen, und dadurch
die Arbeit und das Kapital zwingt, mit einem geringeren Ertrage vorlieb
zu nehmen, oder (und dies ist der einzige weg, wie sie der Tendenz
widerstehen können) die (Produktion aufzugeben. Es ist aber nicht bloß
natürlich, daß die Arbeit und das Kapital dem durch die spekulative
Erhöhung der Rente auf Lohn und Zins ausgeübten Drucke Widerstand
leisten, sondern die Selbstverteidigung zwingt sie dazu, um so mehr, als
es ein Ertragsminimum gibt, unter welchem die Arbeit nicht bestehen,
noch das Kapital erhalten werden kann. Daher können wir aus der Speku-
lation in Land alle die Erscheinungen ableiten, welche diese wiederkehren-
den Zeiten industrieller Krisen kennzeichnen.

Nehmen wir ein fortschreitendes Land an, in dem die Bevölkerung
zunimmt, eine Verbesserung der anderen folgt und der Boden fort-
während im werte steigt. ~ Diese stete Erhöhung veranlaßt natürlich
zur Spekulation, bei der eine künftige Steigerung erwartet wird, und
die Landwerte werden über den Punkt getrieben, bei welchem, unter
den bestehenden Produktionsverhältnissen, ihre gewohnten Erträge der
Arbeit und dem Kapital überlassen bleiben würden. Die Produktion
sängt daher an zu stocken. Nicht, daß notwendiger- oder nur wahrschein-
licherweise eine absolute Verminderung in der Produktion stattfände,
aber es tritt ein Zustand ein, der in einem fortschreitenden Lande gleich-
bedeutend mit einer absoluten Produktionsverminderung in einem
stationären Lande ist: die Produktion nimmt nicht entsprechend zu, weil
der neue Zuwachs an Arbeitskräften und Kapitalien zu den gewohnten
Lätzen keine Beschäftigung findet.

Diese Stockung der Produktion an einzelnen Punkten muß sich
notwendig an anderen Punkten des industriellen Netzwerkes in einem
Aufhören der Nachfrage zeigen, wodurch wieder die dortige Produktion
gehemmt wird, und so muß sich die Lähmung allen Verzweigungen der
Industrie und des Handels mitteilen, überall eine teilweise Ausrenkung
der Produktion und des Austausches bewirken und in der Erscheinung
enden, welche, je nach dem Standpunkte, von welchem die Erscheinung
betrachtet wird, Überproduktion oder Überkonsumtion anzudeuten
scheint.

Die Zeit des geschäftlichen Druckes, welche nun folgt, wird fort-
dauern, bis \. die spekulative Steigerung der Rente aufgehört hat,
2- die Zunahme der Arbeitsleistungen infolge der Bevölkerungszunahme
und der fortschreitenden Verbesserungen die normale Linie der Rente
        <pb n="213" />
        ﻿

200

Das probiern gelöst.

Buch V.

in den Stand gesetzt hat, die spekulative Linie der Rente zu überholen,
oder 3. die Arbeit und das Kapital sich darin gefunden haben, für einen
geringeren Ertrag sich auf die Produktion einzulassen, Höchstwahrschein-
lich würden alle drei Ursachen zusammenwirken, um ein neues Gleich-
gewicht zu schaffen, bei welchem alle Kräfte der Produktion sich wieder
beteiligen und eine Zeit der Tätigkeit die Folge sein würde; worauf
die Rente neuerdings steigen, eine spekulative Erhöhung wiederum
stattfinden, die Produktion aufs neue gehemmt werden und dieselbe
Reihenfolge nochmals vor sich gehen wird.

Zn dem hoch ausgebildeten und komplizierten Produktionssystem,
das die moderne Zivilisation charakterisiert, wo es überdies keinen ge-
schlossenen Handelsstaat gibt, sondern geographisch oder politisch getrennte
Staaten ihre industriellen Organisationen auf verschiedene weise und
in wechselndem Maßstabe vermischen und verzweigen, da ist es nicht
zu erwarten, daß man die Wirkung so klar und bestimmt auf die Ursache
sollte folgen sehen, als es in einfacheren Verhältnissen und in einem,
ein vollständiges und geschlossenes ökonomische Ganze bildenden Staate
der Fall sein dürfte; aber nichtsdestoweniger stimmen die gegenwärtig
durch diese wechselnden Zeiten von Lebhaftigkeit und Ermattung ge-
botenen Erscheinungen sichtlich mit denen überein, die wir aus der speku-
lativen Rentensteigerung hergeleitet haben.

Die Deduktion erweist somit die tatsächlichen Erscheinungen als
Ergebnisse des Prinzips. Verfahren wir in umgekehrter weise, so ist
es ebenso leicht, das Prinzip vermittels Aufspürung der Erscheinungen
durch Induktion zu gewinnen.

Diesen Zeiten der Lähmung gehen immer Zeiten der Tätigkeit
und Spekulation vorauf, und allseitig wird die Verbindung zwischen
beiden zugegeben und die Lähmung als Reaktion gegen die Spekulation
angesehen, wie das Kopfweh des Morgens die Reaktion gegen die wüst
verlebte Nacht ist. Betreffs der Art und weise jedoch, in welcher die
Lähmung aus der Spekulation hervorgeht, bestehen zwei Klassen oder
Richtungen der Einsichten, wie die auf beiden Seiten des atlantischen
Ozeans gemachten versuche, die jetzige industrielle Lähmung zu erklären,
zeigen werden.

Die eine Schule sagt, die Spekulation rufe die Lähmung durch
Überproduktion hervor, und zeigt auf die mit waren, die sich nicht
zu lohnenden Preisen verkaufen lassen, gefüllten Speicher, auf die
geschlossenen oder nur halbe Zeit arbeitenden Fabriken, auf die ruhenden
Bergwerke und stillgelegten Dampfer, auf das in den Bankgewölben
müßig liegende Geld und auf die zur Arbeitslosigkeit rmd Entbehrung
verdammten Arbeiter. Man zeigt auf diese Tatsachen zum Beweise,
daß die Produktion den Bedarf überstiegen habe, und deutet überdies
darauf hin, daß, wenn eine Regierung in Kriegszeiten als ein ungeheurer
Konsument auf den Markt kommt, gute Zeiten herrschen, wie z. B. in
        <pb n="214" />
        ﻿Rax. I.

Die Grundursache der immer wiederkehrenden Arisen.

20 s

den Vereinigten Staaten während des Bürgerkrieges und in England
während des Kampfes mit Napoleon.

Die andere Schule sagt, die Spekulation habe die Lähmung durch
Überkonsumtion hervorgerufen und deutet auf die vollen Speicher,
rostenden Schiffe, geschlossenen Fabriken und müßigen Arbeiter als
Beweise des Aufhörens wirksamer Nachfrage hin, was, wie sie sagt,
offenbar davon herrühre, daß die Leute, durch eingebildeten Wohl-
stand üppig geworden, über ihre Mittel gelebt haben und jetzt gezwungen
sind, sich einzuschränken, d. h. weniger Güter zu verbrauchen. Sie deutet
überdies auf den enormen Güterverbrauch durch Kriege, auf den Bau
unergiebiger Eisenbahnen, auf Anleihen bankerotter Regierungen usw.
als Ausschweifungen hin, die, wenn auch nicht sofort empfunden — gerade
wie der Verschwender nicht gleich die Schwächung seines Vermögens
empfindet — doch jetzt durch eine Zeit eingeschränkten Konsums gut
gemacht werden müssen.

Offenbar drückt jede dieser Theorien eine Seite oder Phase einer
allgemeinen Wahrheit aus, aber keine umfaßt augenscheinlich die ganze
Wahrheit. Zur Erklärung der Erscheinungen sind beide gleich unbrauchbar.

Denn wie kann da Überproduktion herrschen, wo die großen Massen
der Menschen mehr Güter brauchen, als sie erhalten können, und wo
sie bereit sind, das dafür zu geben, was die Basis und das Rohmaterial
der Güter ist —ihre Arbeit? ünd wie kann da Überproduktion herrschen,
wo die Produktionsmaschinen verkommen und die Produzenten zu un-
freiwilligem Müßiggang verurteilt sind?

wenn mit dem Wunsch, mehr zu konsumieren, gleichzeitig die
Fähigkeit und der Wunsch besteht, mehr zu produzieren, so kann die
industrielle und kommerzielle Lähmung weder der Überproduktion
noch der Überkonsumtion zugeschrieben werden. Der Übelstand liegt,
offenbar darin, daß Produktion und Konsumtion sich nicht begegnen
und gegenseitig befriedigen können.

wie entsteht dieses Unvermögen? Augenscheinlich und allseitiger
Annahme zufolge ist es die Folge der Spekulation. Aber der Spekulation
worin?

Sicherlich nicht der Spekulation in Dingen, die Erzeugnisse der
Arbeit sind — in landwirtschaftlichen oder Bergbauprodukten oder
fabrizierten waren, denn die Wirkung der Spekulation in solchen Dingen
ist, wie in den herkömmlichen Büchern klar genug bewiesen wird, um
das nähere Eingehen darauf überflüssig zu machen, einfach die, die
Nachfrage und das Angebot auszugleichen und der Wechselwirkung
Zwischen Produktion und Konsumtion durch eine Vorrichtung, ähnlich
der eines Schwungrades an einer Maschine, Stetigkeit zu verleihen.

Deshalb muß, wenn Spekulation die Ursache dieser industriellen
Zähmungen ist, dies eine Spekulation in Dingen sein, die keine Arbeits-
erzeugnisse, aber doch zur Betätigung der Arbeit in der Produktion
        <pb n="215" />
        ﻿202

Das probiern gelöst.

Buch V.

von Gütern notwendig sind — in Dingen bestimmter gZuantität; d. h.
es muß die Spekulation in Land sein.

Daß die Landspekulation die wahre Ursache der industriellen Läh-
mung ist, zeigt sich klar in den Vereinigten Staaten. Während jeder
Periode industrieller Lebhaftigkeit stiegen die Landwerte fortwährend,
bis schließlich eine Spekulation eintrat, welche sie in großen Sprüngen
in die pöhe trieb. Daraus folgte unveränderlich eine teilweise Stockung
der Produktion mit ihrem Korrelate, dem Stocken wirksamer Nachfrage
(flauem Geschäft), gewöhnlich begleitet von einem kommerziellen Urach;
und dann kam eine Periode verhältnismäßiger Stagnation, während
welcher das Gleichgewicht sich langsam wiederherstellte, worauf der-
selbe Rundgang aufs neue vor sich ging. Dies Verhältnis ist in der
ganzen zivilisierten Welt bemerkbar. Perioden industrieller Lebhaftigkeit
gipfeln stets in einer spekulativen Steigerung der Landwerte, worauf
Symptome gehemmter Produktion eintreten, die sich zuerst gewöhnlich
in einem Aufhören der Nachfrage nach neueren Ländereien äußern,
wo die Steigerung des Grundwertes am größten war.

Daß dies die Paupterklärung dieser Perioden der Lähmung sein
muß, wird aus einer Zergliederung der Tatsachen ersichtlich werden.

Aller Pandel ist, wie hier in Erinnerung gebracht werden mag,
Austausch von waren gegen waren, und somit ist das die Krisis be-
zeichnende Aufhören der Nachfrage nach einigen waren tatsächlich auch
ein Aufhören im Angebot anderer waren. Daß die pändler ihren Ab-
satz und die Fabrikanten ihre Aufträge abnehmen sehen, während die
Sachen, die sie zu verkaufen haben, oder sofort Herstellen können, Artikel
sind, für welche ein weitverbreitetes Bedürfnis besteht, zeigt einfach,
daß das Angebot anderer Dinge, welche im Verlauf des Pandels dafür
gegeben worden wären, abgenommen hat. In gewöhnlicher Redeweise
sagen wir: „die Käufer haben kein Geld", oder „Geld macht sich rar",
aber wenn wir so sprechen, ignorieren wir die Tatsache, daß das Geld
nur das Mittel des Austausches ist. was denen, die gern kaufen möchten,
wirklich fehlt, ist nicht Geld, sondern Ware, die sie zu Geld machen könnten
— was wirklich seltener wird, sind Produkte irgendwelcher Art. Die
Verminderung der wirksamen Nachfrage der Konsumenten ist daher nur
ein Resultat der Verminderung der Produktion.

Dies können die pändler in einer Fabrikstadt sehr deutlich sehen,
wenn die Fabriken geschlossen und die Arbeiter ohne Beschäftigung
find. Es ist das Aufhören der Produktion, was die Arbeiter der Mittel
beraubt, ihre gewünschten Einkäufe zu machen, und dadurch verursacht,
daß der pändler mit einem, angesichts der geringeren Nachfrage über-
großen^ Vorrat sitzen bleibt, so daß er sich gezwungen sieht, einige seiner
Kommis zu entlassen und seine sonstigen Bedürfnisse einzuschränken.
Und das Aufhören der Nachfrage (ich spreche natürlich von allgemeinen
Fällen und nicht von einer Änderung in dem relativen Begehr durch
solche Ursachen, wie z. B. Modewechsel), welches dem Fabrikanten ein
        <pb n="216" />
        ﻿Kap. I.

Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

203

übergroßes Lager auf dem palse ließ und ihn zwang, feine Leute zu
entlassen, mußte auf gleiche Weise entstehen. Irgendwo, vielleicht
am anderen Ende der Welt, hat eine Hemmung der Produktion eine
Störung in der Nachfrage der Konsumenten bewirkt. Daß die Nachfrage
sich vermindert, ohne daß der Mangel befriedigt wird, zeigt, daß die
Produktion irgendwo gehemmt ist.

Die Leute brauchen die Artikel, welche der Fabrikant macht, so
nötig wie je, gerade wie die Arbeiter die Dinge brauchen, welche der
Händler zu verkaufen hat. Aber sie haben nicht mehr soviel dafür zu
geben. Die Produktion ist irgendwo gehemmt worden, und diese Ein-
schränkung im Angebot einiger Dinge hat sich im Aufhören der Nachfrage
nach anderen gezeigt, da sich die Hemmung über den ganzen Rahmen
der Industrie und des Austausches ausbreitet. Nun ruht die industrielle
Pyramide unstreitig aus dem Grund und Boden. Die ersten und ur-
sprünglichen Beschäftigungen, welche eine Nachfrage nach allen anderen
erzeugen, sind augenscheinlich diejenigen, welche der Natur Güter ab-
gewinnen, und wir müssen, wenn wir dieser pemmung, die sich in ver-
minderter Kaufkraft äußert, von einem Austauschpunkte zum anderen,
und von einer Beschäftigung zur anderen nachspüren, sie schließlich in
irgendeinem Hindernis finden, das die Arbeit abhält, sich auf den
Grund und Boden zu richten. Und dieses Hindernis ist klärlich die
spekulative Erhöhung der Rente oder des Landwertes, welche dieselben
Wirkungen verursacht wie eine Aussperrung der Arbeit und des Kapitals
seitens der Landbesitzer (was sie auch tatsächlich ist). Diese Hemmung
der Produktion, an der Grundlage des vielverzweigten Gewerbfleißes
beginnend, pflanzt sich von Austauschpunkt zu Austauschpunkt fort,
und das Aufhören des Angebotes wird zur Einstellung der Nachfrage,
bis die ganze Maschine, sozusagen, aus Rand und Band geht und
allenthalben das Schauspiel vergeudeter Arbeitskraft und notleidender
Arbeiter gewährt.

Dieses sonderbare und unnatürliche Schauspiel großer Mengen
arbeitswilliger Leute, die keine Beschäftigung finden können, ist genügend,
um jedem, der folgerecht zu denken vermag, die wahre Ursache kund zu
tun. Denn, obgleich die Gewohnheit uns dagegen abgestumpft hat,
so ist es eine sonderbare und unnatürliche Sache, daß Menschen, die zu
arbeiten wünschen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, keine Gelegenheit
dazu finden können —, da jemand, der Arbeit für Nahrung, Kleidung
oder jede andere Form von Gütern auszutauschen sucht, sintemal die
Arbeit Güter erzeugt, einem Manne gleicht, der Münze für Gold oder
Weizen für Mehl zu geben sich erbietet. Wir sprechen von dem Angebot
der Arbeit und der Nachfrage nach Arbeit, aber offenbar sind dies nur
relative Ausdrücke. Das Angebot der Arbeit ist allenthalben dasselbe —
Zwei Hände kommen stets mit einem Munde auf die Welt, einundzwanzig
Anaben auf je zwanzig Mädchen, und die Nachfrage nach Arbeit muß
stets bestehen, solange Menschen Dinge brauchen, welche die Arbeit
        <pb n="217" />
        ﻿Das Problem gelöst.

Buch V.

20$

allein verschaffen kann, wir sprechen von „Arbeitsmangel", aber un-
streitig ist es nicht Arbeit, die fehlt, solange der Mangel fortdauert;
offenbar kann das Arbeitsangebot nicht zu groß sein, noch die Nachfrage
nach Arbeitskräften zu klein, wenn Menschen an Dingen Mangel leiden,
welche die Arbeit erzeugt. Der wahre Grund muß der sein, daß das An-
gebot auf irgendeine weise verhindert ist, der Nachfrage zu entsprechen;
daß irgendwo ein Hindernis besteht, welches die Arbeit verhindert, die
Dinge zu erzeugen, welche die Arbeiter brauchen.

Nehmen wir den Fall irgendeines Angehörigen dieser großen
Massen unbeschäftigter Leute, dem, obgleich er nie von Malthus hörte,
es heute scheint, daß zu viel Menschen in der Welt sind. In seinen eigenen
Bedürfnissen, in den notwendigsten Erfordernissen seines sorgenvollen
Weibes, in den Bitten seiner kaum halbversorgten, vielleicht gar hungrigen
und frierendenKinder ist, der Himmel weiß es! Begehr genug nach Arbeit.
Setzt man ihn auf eine einsame Insel, so vermögen seine beiden Hände
obgleich abgeschnitten von allen den ungeheuren Vorteilen, welche das
Zusammenwirken, die Vereinigung und die Maschinen eines zivilisierten
Landes der produktiven Kraft des Menschen verleihen, die Münder derer,
die auf sie angewiesen sind, zu füllen und ihre Rücken warm zu halten,
wo hingegen die produktive Kraft ihren Höhepunkt erreicht, da ist er
nicht imstande dazu, warum? Ist der Grund nicht der, daß er in dem
einen Falle zu den Stoffen und Kräften der Natur Zutritt hat und ihm
in dem anderen dieser Zutritt versagt ist?

Ist es nicht der Umstand, daß die Arbeit von der Natur ausgesperrt
ist, der allein den Stand der Dinge erklären kann, durch welchen Menschen
zum Müßiggang gezwungen werden, die sich gern ihre Bedürfnisse durch
ihre Arbeit verschaffen würden? Die unmittelbare Ursache erzwungenen
Nichtstuns mag bei einer Reihe von Menschen das Aufhören der Nachfrage
seitens anderer Menschen nach den Dingen sein, die sie gerade produzieren;
verfolgt man aber diese Ursache von Punkt zu Punkt, von Beschäftigung
zu Beschäftigung, so wird man finden, daß das erzwungene Nichtstun
in einer Branche durch die erzwungene Untätigkeit in einer anderen
verursacht ist, und daß die Lähmung, welche Stillstand in allen Geschäfts-
branchen erzeugt, nicht als einem zu großen Arbeitsangebot oder einer zu
kleinen Arbeitsnachfrage entspringend, betrachtet werden kann, sondern
aus dem Umstande entstehen muß, daß das Angebot nicht mit der Nach-
frage zusammentreffen kann, um die Dinge zu erzeugen, welche dem
Mangel abhelfen und der Zweck der Arbeit sind.

Was aber erforderlich ist, um die Arbeit zu befähigen, diese Dinge
hervorzubringen, ist Land, wenn wir sagen, die Arbeit schaffe Güter,
so ist dies bildlich gesprochen. Der Mensch erschafft nichts. Das ganze
Menschengeschlecht könnte ewig arbeiten und nicht das kleinste Staub-
teilchen, das in einem Sonnenstrahle schwebt, erschaffen, könnte diese
rollende Kugel nicht um ein Atom schwerer oder leichter machen. In der
Güterproduktion bringt die Arbeit nur mit Hilfe der Naturkräfte schon
        <pb n="218" />
        ﻿Kap. I.

Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

205

bestehende Stoffe in die gewünschten Formen und muß daher zu diesen
Stoffen und Kräften, d. h. zum Lande Zutritt haben. Das Land ist
die Ouelle aller Güter. Ls ist die Mine, aus der das Erz, welches die Arbeit
formt, hervorgeholt werden muß. Ls ist die Substanz, der die Arbeit
die Form gibt. Und können wir daher, wenn die Arbeit ihre Bedürfnisse
nicht zu befriedigen vermag, nicht mit Sicherheit schließen, daß dies an
nichts anderem liegt, als weil ihr der Zutritt zum Lande verschlossen ist?

wenn in allen Branchen Arbeitslosigkeit vorherrscht, wenn allent-
halben Arbeitskraft verkommt, während der Bedarf unbefriedigt bleibt,
muß da nicht das pindernis, welches die Arbeit abhält, die ihr mangeln-
den Güter hervorzubringen, an der Grundlage des ökonomischen Baues
liegen? Jene Grundlage ist das Land, Putzmacher, Verfertiger optischer
Instrumente, Vergolder und Bohner sind nicht die Pioniere neuer An-
siedelungen. Die Goldgräber gingen nicht nach Kalifornien oder Australien,
weil Schuster, Schneider, Maschinisten und Drucker da waren. Aber diese
Geschäfte folgten den Goldgräbern, gerade wie sie ihnen heute nach den
Schwarzen pügeln, und wie sie den Diamantgräbern nach Südafrika
folgen. Nicht der Ladenbesitzer zieht den Landmann in eine Gegend,
sondern der letztere den ersteren. Ls ist nicht das Wachstum der Stadt,
welches das platte Land entwickelt, sondern die Entwicklung des Landes
läßt die Stadt wachsen. Und wenn es daher in allen Geschäften arbeits-
willige Menschen gibt, die nicht die Gelegenheit zu arbeiten finden können,
so muß die Schwierigkeit aus derjenigen Beschäftigung erwachsen, die
wiederum eine Nachfrage nach allen anderen erzeugt —es muß der Fall
fein, weil die Arbeit von dem Grund und Boden abgeschnitten ist.

Zn Leeds oder Lowell, in Philadelphia oder Manchester, in London
oder New pork mag es ein Begreifen der ersten Prinzipien erfordern,
um dies herauszufinden; wo aber die industrielle Entwicklung nicht so
ausgebildet ist, noch die äußersten Glieder der Kette so weit getrennt
sind, braucht man sich nur offenkundige Verhältnisse anzusehen. Obgleich
noch nicht 30 Zahre alt, zählt die Stadt San Franzisko, sowohl an Be-
völkerung als an kommerzieller Bedeutung, zu den großen Städten der
Welt und ist neben New pork die am meisten einer Metropole ähnlich
sehende Stadt der Vereinigten Staaten. Obgleich noch nicht 30Zahre alt,
hat sie seit einigen Zähren eine zunehmende Zahl unbeschäftigter Menschen.
-E?ter ist dies klärlich darum der Fall, weil sie auf dem Lande keine Be-
schäftigung finden können, denn wenn die Erntezeit kommt, so ziehen sie
in Scharen hinaus, und wenn dieselbe vorüber ist, so kommen sie in
Scharen zurück. Produzierten diese jetzt unbeschäftigten Leute Güter
aus dem Boden, so würden sie nicht allein sich selbst, sondern alle Hand-
werker der Stadt beschäftigen, den Ladeninhabern Kundschaft, den
Kaufleuten Pandel, den Theatern Besuch, den Zeitungen Subskribenten
und Znserate verschaffen und eine wirksame Nachfrage Hervorrufen, die
in Neu-Lngland und Alt-England und über die ganze Welt an allen
E&gt;rten gefühlt werden würde, wo jene Artikel Herkommen, welche von
        <pb n="219" />
        ﻿206

Das probiern gelöst.

Buch V.

einer solchen Bevölkerung, sobald sie die Mittel dazu hat, konsumiert
werden.

Nun, warum kann diese unbeschäftigte Arbeit auf dem Lande keine
Verwendung finden? Nicht weil alles Land in Benutzung wäre. Ob-
gleich alle Anzeichen, die in älteren Ländern als Beweise von Über-
völkerung angesehen werden, sich schon in San Franzisko bemerkbar
machen, so ist es müßig, von Übervölkerung in einem Staate zu
sprechen, der, bei größeren Hilfsmitteln der Natur als Frankreich, noch
nicht eine Million Einwohner hat. Innerhalb weniger Meilen von San
Franziska ist unbenutztes Land genug, um jedem Manne Beschäftigung
zu geben, der ihrer bedarf. Ich will keineswegs sagen, daß jeder un-
beschäftigte Mann Landmann werden oder sich ein Haus bauen könnte,
wenn er das Land hätte, wohl aber, daß genug dies tun könnten und
würden, um den übrigen Beschäftigung zu geben, was ist es also, das die
Arbeit verhindert, sich aus diesem Lande zu beschäftigen? Einfach, daß
es monopolisiert und auf Spekulationspreisen gehalten wird, die nicht
nur aus den gegenwärtigen Wert begründet sind, sondern aus den er-
höhten Wert, der mit dem künftigen Wachstum der Bevölkerung erst
kommen soll.

was so in San Franzisko jeder sehen kann, der nur sehen will,
kann ohne Zweifel ebenso klar an anderen Orten beobachtet werden.

Die gegenwärtige kommerzielle und industrielle Lähmung, die
sich zuerst im Jahre *872 \n den vereinigten Staaten kundgab, und
sich mit größerer oder geringerer Gewalt über die ganze zivilisierte
Welt erstreckte, wird zum großen Teil der ungebührlichen Ausdehnung
des Eisenbahnjchstems zugeschrieben, womit allerdings viele Dinge
verknüpft find, die einen Zusammenhang mit der Geschäftslage zu be-
weisen scheinen. Ich weiß vollkommen, daß die Erbauung von Eisen-
bahnen, ehe sie wirklich gebraucht werden, Kapital und Arbeit von mehr
oder weniger produktiven Beschäftigungen ablenken und ein Land eher
arm als reich machen können; und als die Eisenbahnmanie auf dem Gipfel-
punkte stand, deutete ich auf diese Tatsache in einer an das Volk Kali-
forniens gerichteten politischen Broschüre (Die demokratische Hartei
und die Eisenbahnsrage *8?*) hin; aber dieser Kapitalvergeudung eine
solche weitverbreitete industrielle Stockung beizumessen, kommt mir vor,
wie eine ungewöhnlich niedrige Ebbe dem Entnehmen einiger Extra-Eimer
voll Wasser zuzuschreiben. Die Vergeudung von Kapital und Arbeit
während des Bürgerkrieges war sehr viel größer, als sie irgend durch
den Bau unnötiger Bahnen verursacht werden konnte, ohne ein derartiges
Resultat hervorzubringen. Und sicherlich scheint wenig Sinn darin zu
liegen, die Vergeudung von Kapital und Arbeit in Eisenbahnen als Ur-
sache der Lähmung zu betrachten, wenn das hervorragende Merkmal der-
selben der Überfluß an Kapital und Beschäftigung suchender Arbeit war.

Daß immerhin eine Verbindung zwischen dem überstürzten Bau
von Bahnen und der industriellen Lähmung besteht, kann jedermann,
        <pb n="220" />
        ﻿





Kap. I.

Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

207

der da weiß, was erhöhte Landwerte bedeuten, und der die von dem
Lisenbahnbau auf die Landspekulation ausgeübte Wirkung beobachtet
hat, leicht sehen, wo immer eine Bahn gebaut oder geplant wurde,
stiegen die Ländereien unter dem Einfluß der Spekulation im wert,
und Tausende von Millionen Dollars wurden den nominellen werten
hinzugefügt, welche das Kapital und die Arbeit entweder gleich oder in
Abzahlungen als Preis dafür entrichten mußten, daß sie arbeiten und
Güter produzieren dursten. Das unvermeidliche Resultat war, die
Produktion zu hemmen, und diese pemmung derselben pflanzte sich in
einem Aufhören der Nachfrage fort, das die Produktion bis zu den ent-
ferntesten Rändern des weiten Austauschkreises hemmte und mit erhöhter
Macht auf die Mittelpunkte der großen Industrierepublik, zu welcher der
Pandel die zivilisierte Welt macht, wirkte.

Die ursprünglichen Wirkungen dieser Ursache können vielleicht
nirgends klarer nachgewiesen werden, als in Kalifornien, das durch
seine verhältnismäßige Isoliertheit einen besonders scharf abgegrenzten
Staat bildet.

Fast bis zu seinem Schluß war das vergangene Jahrzehnt in Kali-
fornien durch die gleiche industrielle Lebhaftigkeit bezeichnet, die in den
nördlichen Staaten und tatsächlich in der ganzen zivilisierten Welt herrschte,
abgesehen von der Unterbrechung der Austausche und der durch den
Krieg und die Blockade der südlichen päsen verursachten Störung der
Erwerbstätigkeit. Diese Lebhaftigkeit konnte nicht der Überflutung mit
Papiergeld oder den verschwenderischen Ausgaben der Bundesregierung
zugeschrieben werden, denen man in den östlichen Staaten die verhältnis-
mäßige Lebhaftigkeit derselben Periode zugeschrieben hat; denn trotz
der Papiergeldgesetze hielt die Pazisikküste an dem Münzumlaufe fest,
und die Steuern der Bundesregierung nahmen viel mehr hinweg, als
von deren Ausgaben hergebracht wurde. Diese Lebhaftigkeit war also
nur normalen Ursachen zuzuschreiben, denn wenn auch die Goldwäscherei
abnahm, so wurden dagegen die Nevada-Silberminen aufgeschlossen,
Weizen und wolle singen an, in den Lxporttabellen die Stelle des Goldes
einzunehmen, und eine zunehmende Bevölkerung so wie die Verbesserung
in den Methoden der Produktion und des Austausches erhöhten beständig
die Wirksamkeit der Arbeit.

Mit diesem materiellen Fortschritt hielt eine beständige Erhöhung
der Landwerte, als Folge davon, gleichen Schritt. Diese beständige
Steigerung erzeugte eine spekulative Steigerung, die in Verbindung
nrit dem Lisenbahnschwindel die Landwerte überall emportrieb, wenn
die Bevölkerung Kaliforniens stetig gewachsen ist, als die langwierige,
kostspielige, dem Fieber ausgesetzte Panamaroute die hauptsächlichste
Verbindung mit den atlantischen Staaten abgab, so muß sie, dachte man,
ungeheuer zunehmen mit der Eröffnung einer Bahn, die den New-Porker
pafen und die San Franzisko-Bay auf sieben leichte Tagereisen einander
nähert, und wenn im Staate selbst die Lokomotive die Stelle der Post
        <pb n="221" />
        ﻿208

Das probiern gelöst.

Buch V.

und des Frachtwagens einnimmt. Die erwartete Steigerung der Land-
werte, die daraus erwachsen sollte, wurde irn voraus diskontiert. Plätze
im weichbilde von San Franzisko stiegen Hunderte und tausende Prozent,
und Ackerland wurde gekauft und auf hohen Preisen gehalten, wo irgend
man nur Einwanderung erwarten konnte.

Der antizipierte Strom der Einwanderung kam indes nicht. Arbeit
und Kapital konnten nicht so viel für Land anlegen, wenn sie noch einen
Ertrag ergeben sollten. Die Produktion wurde, wenn nicht absolut,
so doch relativ, gehemmt. Als die Uberlandeisenbahn sich ihrer Voll-
endung näherte, begannen sich Anzeichen des Druckes, anstatt erhöhter
Lebhaftigkeit, zu zeigen, und als sie vollendet war, folgte aus die Periode
der Lebhaftigkeit eine Periode der Lähmung, von der man sich noch nicht
ganz wieder erholt hat und während welcher der Lohn und Zins beständig
gefallen sind, was ich die faktische Linie der Rente oder die faktische Grenze
des Anbaues genannt habe, nähert sich daher (so wie auch durch den
beständigen Fortgang der Verbesserungen und die Bevölkerungszunahme,
die, wenn auch langsamer als sonst der Fall gewesen wäre, noch fort-
dauert) der spekulativen Linie der Rente; aber die Zähigkeit, womit
eine spekulative Steigerung in den Grundsttickspreisen in einem sich
entwickelnden Staate aufrecht erhalten wird, ist bekannt*).

was auf diese weise in Kalifornien vor sich ging, ereignete sich in
allen fortschreitenden Teilen der Union. Allenthalben, wo eine Bahn
gebaut oder projektiert wurde, monopolisierte man das Land im voraus
und diskontierte den Vorteil der erwarteten Verbesserung in erhöhten
Landwerten. Indem die spekulative Rentensteigerung so die normale
Erhöhung überbot, wurde die Produktion gehemmt, der Begehr nahm
ab, und die Arbeit und das Kapital wurden aus den direkt mit dem Grund
und Boden in Verbindung stehenden Beschäftigungen verdrängt, um
solche zu überfüllen, in welchen der Landwert ein weniger bemerkbares
Element ist. Auf diese weise steht die überstürzte Ausdehnung der Eisen-
bahnen mit der nachfolgenden Lähmung in Verbindung.

Und was in den Vereinigten Staaten vorging, spielte sich in mehr
oder weniger sichtbarem Grade in der ganzen fortschreitenden Welt ab.
Überall sind die Landwerte mit dem materiellen Fortschritt beständig
gestiegen, und überall erzeugte diese Steigerung eine spekulative Erhöhung.
Der Impuls des ursprünglichen Anstoßes strahlte nicht nur von den
neueren Teilen der Union nach den älteren und von den Vereinigten
Staaten nach Europa aus, sondern überall wirkte der ursprüngliche Anstoß

*) Es ist erstaunlich, wie in einem neuen Lande, das zu großen Erwartungen zu
berechtigen scheint, spekulative Landpreise aufrecht erhalten werden. Vielfach hört man
den Ausdruck: „es ist kein Markt für Grundbesitz vorhanden, man kann ihn zu keinem
preise anbringen", und dennoch muß man, wenn man kaufen will, die preise der Speku-
lationszeit anlegen, falls man nicht zufällig jemanden trifft, der absolut verkaufen muß.
Die Besitzer halten eben das Land an sich, solange sie können, in der Überzeugung, daß
schließlich doch wieder eine Steigerung kommen wird.
        <pb n="222" />
        ﻿Kap. I.

Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

209

auch direkt ein. Und daraus folgte eine über die ganze Welt verbreitete
Lähmung des Gewerbfleißes und Handels, erzeugt durch einen nicht
minder ausgebreiteten materiellen Fortschritt.

Ls könnte scheinen, als ob ich einen Punkt übersehen hätte, indem
ich diese industriellen Lähmungen der spekulativen Erhöhung der Grund-
rente und Landwerte als der Paupt- und ursprünglichen Ursache zu-
schreibe. Die Wirksamkeit einer solchen Ursache kann zwar eine geschwinde,
muß aber doch eine progressive sein und einem Druck, nicht einem Schlage
gleichen. Diese industriellen Lähmungen aber scheinen plötzlich gekommen
zu sein — sie haben im Anfang den Charakter eines Paroxysmus, aus
den dann eine verhältnismäßige Lethargie folgt, wie nach einer Er-
schöpfung. Alles scheint wie gewöhnlich vor sich zu gehen, Pandel und
Industrie sind kräftig und dehnen sich aus; plötzlich aber kommt ein Stoß,
wie ein Blitz aus heiterem Pimmel; eine Bank schließt ihre Kasse, ein
großer Fabrikant oder Kaufmann falliert, und als ob der Schlag den
ganzen industriellen Organismus träfe, so folgt Fallissement auf Fallisse-
ment, und nach allen Richtungen hin werden Arbeiter aus der Beschäfti-
gung entlassen, und das Kapital verkriecht sich in gewinnlose Sicher-
heiten.

Es sei mir gestattet, zu erklären, was ich als Grund dieser Er-
scheinung ansehe. Um dies zu tun, müssen wir die Art und weise in
Betracht ziehen, in der die Austausche gemacht werden, denn durch sie
sind all die verschiedenen Formen des Gewerbfleißes zu einer gegenseitig
verbundenen und unter sich zusammenhängenden Organisation verkettet.
Um Austausche zwischen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernten
Produzenten zu ermöglichen, müssen große Vorräte aus Lager und in
Transit gehalten werden, und wie ich schon erklärt habe, halte ich dies
für eine Pauptfunktion des Kapitals, neben der, für Werkzeuge und Aus-
saat zu sorgen. Diese Austausche werden, vielleicht mit Notwendigkeit,
größtenteils durch Kredit bewerkstelligt, d. h. der Vorschuß wird auf der
einen Seite gemacht, ehe der Ertrag auf der anderen eingegangen ist.

Ohne daß wir bei der Untersuchung der Gründe verweilen, ist es
offenkundig, daß diese Vorschüsse in der Regel von den höher organi-
sierten und später entwickelten Industrien den fundamentaleren gemacht
werden. Der Afrikaner der Westküste z. B., der Palmöl und Kokusnüsse
gegen bunte Kalikos und Birminghamer Götzenbilder austauscht, emp-
fängt seinen Ertrag unverzüglich; der englische Kaufmann dagegen muß
für seine waren lange Zeit Auslagen machen, ehe er sein Geld wieder-
sieht. Der Landmann kann seine Ernte verkaufen, sobald er sie eingebracht
hat, und zwar gegen bar; der große Fabrikant muß einen mächtigen
Vorrat halten, seine waren weit weg an Agenten senden und gewöhnlich
auf Zeit verkaufen. Da somit Vorschüsse und Kredite gewöhnlich von
den, sozusagen, sekundären Industrien den primären gegeben werden,
so folgt, daß jede pemmung der Produktion, die von den letzteren aus-
geht, sich nicht sofort auch bei den ersteren kundgeben wird. Das System

George, Fortschritt und Armut.	IL
        <pb n="223" />
        ﻿2\0

Das probiern gelöst.

Buch V.

der Vorschüsse und Kredite bildet gewissermaßen eine elastische Ver-
bindung, die bedeutend nachgibt, ehe sie zerreißt, wenn sie aber zerreißt,
es mit einem Krach tut.

Oder um meine Meinung in anderer weise zu erläutern: Die große
Pyramide von Gizeh ist aus Schichten von Mauerwerk zusammengesetzt,
von denen natürlich die unterste alle übrigen trägt. Könnten wir auf
irgendeine weise nach und nach diese unterste Lage kleiner machen,
so würde der obere Teil der Pyramide eine Zeitlang seine Form bewahren,
aber dann, wenn die Gravitation endlich die Kohäsion der Materialien
überwindet, nicht allmählich und regelmäßig abbröckeln, sondern plötzlich
und in großen Stücken zusammenbrechen. Die industrielle Organisation
läßt sich einer solchen Pyramide vergleichen. Das Verhältnis, in welchem
die verschiedenen Industrien in einem gegebenen Stadium der sozialen
Entwicklung zueinander stehen, ist schwer und vielleicht unmöglich zu
bestimmen; aber augenscheinlich ist, daß es ein solches Verhältnis gibt,
gerade wie in eines Druckers Lettern-Sortiment ein gewisses Verhältnis
unter den verschiedenen Buchstaben besteht. Jede Form der Industrie,
wie sie sich durch Teilung der Arbeit entwickelt, entspringt und erhebt
sich aus den anderen und alle ruhen schließlich auf dem Grund und Boden,
denn ohne diesen ist die Arbeit so ohnmächtig, wie ein Mensch im leeren
Raum es sein würde. Um das Beispiel mehr den Verhältnissen eines fort-
schreitenden Landes anzupassen, wollen wir uns eine Pyramide vor-
stellen, zusammengesetzt aus aufeinandergelegten Schichten, das Ganze
beständig wachsend und sich ausdehnend. Stellen wir uns dann die
unterste Lage als in ihrem Wachstum gehemmt vor. Die anderen werden
eine weile fortfahren, sich auszudehnen — tatsächlich wird die Tendenz
vorherrschen, sich schneller auszudehnen, denn die lebendigen Kräfte,
denen der Spielraum an der untersten Schicht verweigert wird, werden
suchen, sich nach oben Luft zu schaffen —, bis endlich das Gleichgewicht
unhaltbar gestört ist und ein plötzliches Zusammenbrechen auf allen Seiten
der Pyramide erfolgt.

Daß die Pauptursache und der allgemeine Gang der immer wieder-
kehrenden Krisen, die ein so bezeichnendes Merkmal des modemen
sozialen Lebens werden, so zu erklären sind, ist nach meiner Ansicht klar.
Und der Leser möge sich erinnern, daß es nur die Hauptursachen und der
gewöhnliche Verlauf dieser Erscheinungen sind, die wir zu verfolgen
suchen oder die man tatsächlich überhaupt mit einiger Genauigkeit ver-
folgen kann. Die Nationalökonomie kann sich nur mit allgemeinen
Tendenzen befassen und braucht auch nicht mehr zu tun. Die abgeleiteten
Kräfte sind so mannigfaltig, die Aktionen und Reaktionen so verschieden,
daß der genaue Lharakter der Erscheinungen nicht vorhergesagt werden
kann, wir wissen, daß, nachdem ein Baum durchgehauen ist, er fallen
wird, aber nach welcher Richtung, das wird durch die Neigung des
Stammes, die Ausbreitung der Aste, die Stärke der Schläge, die Richtung
und Gewalt des Windes entschieden werden, und selbst ein am Gipfel
        <pb n="224" />
        ﻿Kap. I.	Die Grundursache der immer wiederkehrenden Krisen.

sich niederlassender Vogel oder ein aufgeschrecktes von Ast zu Ast springen-
des Eichhörnchen mögen nicht ohne Einfluß darauf sein, wir wissen,
daß eine Beleidigung ein Gefühl der Vergeltung in der menschlichen
Brust entzündet, aber zu sagen, wieweit und in welcher weise es sich
äußern wird, würde eine Synthese erfordern, die den ganzen Mann
mit allen seinen Umgebungen in vergangener und gegenwärtiger Zeit
konstruieren müßte.

Die Art und weise, in welcher die Grundursache, auf welche ich
diese industriellen Krisen zurückgeführt habe, die Hauptmerkmale der-
selben erklärt, steht in schlagendem Gegensatz zu den widersprechenden
und sich selbst widersprechenden Versuchen, die gemacht worden sind,
um sie nach den herrschenden Theorien der Güterverteilung zu erklären.
Daß eine spekulative Steigerung von Grundrenten oder Landwerten
unabänderlich allen diesen Zeiten industrieller Krisen voraufgeht, ist
überall ersichtlich. Daß sie zueinander im Verhältnis von Ursache und
Wirkung stehen, muß jedem einleuchten, der die notwendige Verbindung
zwischen dem Grund und Boden und der Arbeit in Betracht zieht.

Und daß die gegenwärtige Stockung den gewohnten Verlauf hat,
und daß sich in der vorhin angedeuteten weise ein neues Gleichgewicht
herstellt, das eine andere Periode verhältnismäßiger Lebhaftigkeit er-
geben wird, kann jetzt schon in den Vereinigten Staaten gesehen werden.
Die normale und die spekulative Linie der Rente werden zusammen-
gebracht:	durch das Sinken der spekulativen Landwerte, das sich klar

in den billigeren Mieten und geringeren Grundstückspreisen in den
Hauptstädten zeigt, 2. durch die erhöhte Leistungsfähigkeit der Arbeit,
welche aus der Zunahme der Bevölkerung und der Ausnutzung neuer
Erfindungen und Entdeckungen hervorgeht, von denen wir einigen, die
an Wichtigkeit kaum der Benutzung der Dampfkraft nachstehen dürften,
bereits nahe zu stehen scheinen, 3. durch die Ermäßigung des gewohnten
Zins- und Lohnsatzes, die, was den Zins betrifft, durch den Abschluß
einer Regierungsanleihe zu 4 Prozent bewiesen wird, und hinsichtlich
des Lohns zu offenkundig ist, um noch spezieller Anführungen zu be-
dürfen. Nachdem so das Gleichgewicht wiederhergestellt ist, wird eine
Periode erneuter Lebhaftigkeit beginnen und schließlich wieder in einer
spekulativen Steigerung der Landwerte gipfeln*). Der Lohn und Zins
hingegen werden ihren verlorenen Boden nicht zurückgewinnen. Das
Nettoresultat aller dieser Störungen und wellenartigen Bewegungen
ist das allmähliche Drängen des Lohns und Zinses gegen ihr Minimum.
Diese zeitweiligen und rückkehrenden Stockungen zeigen, wie in dem
einleitenden Kapitel bemerkt wurde, nur Verstärkung der allgemeinen
Bewegung, welche den materiellen Fortschritt begleitet.

*) Dies wurde im Jahre *878 geschrieben. Jetzt (im Juli *87g) ist es klar, daß die
oben vorhergesagte neue Periode der Tätigkeit begonnen hat, und in New pork und in
Thikago haben die Grundbesihpreise schon angefangen sich zu erholen.
        <pb n="225" />
        ﻿2(2

Das probiern gelöst.

Buch V.

Kapitel II.

Die Fortdauer der Armut inmitten fortschreitenden Reichtums.

Das große Problem, von dem diese wiederkehrenden Perioden
industrieller Lähmung nur besondere Merkmale sind, ist jetzt, glaube
ich, vollständig gelöst, und die sozialen Erscheinungen, welche in der
ganzen zivilisierten Welt den Menschenfreund erschrecken und den
Staatsmann verwirren, welche die Zukunft der vorgeschrittensten
Rassen umwölken und an der Wirklichkeit und dem schließlichen Zwecke
dessen, was wir so gerne Fortschritt nennen, zweifeln lassen, sind jetzt
erklärt.

Der Grund, weshalb trotz der Zunahme pro-
duktiver Kraft der Lohn beständig einem Minimum
zustrebt, das nur gerade zum Leben hinreicht, liegt
darin, daß die Grundrente noch mehr als die Pro-
duktionskraft zu steigen strebt und so eine be-
ständige Tendenz zum Niederdrücken des Lohns
hervorbringt.

Zn jeder Richtung ist die direkte Tendenz der fortschreitenden Zivili-
sation die, die Kraft der menschlichen Arbeit zur Befriedigung mensch-
licher Bedürfnisse zu erhöhen, die Armut auszurotten und den Mangel,
sowie die Furcht vor dem Mangel zu verbannen. All die Dinge, aus
welchen der Fortschritt besteht, all die Verhältnisse, nach denen fort-
schreitende Länder streben, haben die Verbesserung der materiellen
(und daher auch der intellektuellen und moralischen) Lage aller, die sich
unter ihrem Einfluß befinden, zum direkten und natürlichen Resultat.
Das Wachstum der Bevölkerung, die Vermehrung und Ausdehnung der
Austausche, die Entdeckungen der Wissenschaft, der Gang der Erfindungen,
die Ausbreitung des Unterrichts, die Verbesserung der politischen Ver-
fassung und die Veredelung der Sitten haben, als materielle Kräfte
hetrachtet, sämtlich eine direkte Tendenz, die produktive Kraft der Arbeit
zu vermehren —nicht einiger Arbeit, sondern aller Arbeit; nicht in einigen
Abteilungen der Erwerbstätigkeit, sondern in allen; denn das Gesetz
der Güterproduktion in der Gesellschaft ist dasselbe Gesetz, das sich in
dem Worte ausgedrückt findet: „Einer für alle und alle für einen".

Aber die Arbeit kann die Vorteile, welche die fortschreitende Zivili-
sation so bringt, nicht einheimsen, weil sie ihr unterschlagen werden.
Da das Land für die Arbeit notwendig, aber in Privatbesitz übergegangen
ist, so erhöht jede Steigerung der produktiven Kraft der Arbeit nur die
Grundrente — den Preis, welchen die Arbeit für die Gelegenheit, ihre
Kräfte auszuüben, zahlen muß; und so gehen alle die durch den Fort-
schritt gewonnenen Vorteile an die Grundbesitzer, und der Lohn steigt
nicht. Der Lohn kann sich gar nicht bessern, denn je größer der Verdienst
        <pb n="226" />
        ﻿Die Fortdauer der Armut inmitten des Reichtums.

213

Rap. II.

der Arbeit, desto größer ist der Preis, welchen sie von derselben sür die
Gelegenheit, überhaupt Verdienst machen zu dürfen, hergeben muß.
Der bloße Arbeiter hat somit nicht mehr Interesse an dem allgemeinen
~~ Aufschwünge produktiver Kraft als der kubanische Sklave an der Preis-
erhöhung des Zuckers. Und gerade wie eine solche Erhöhung die Lage
des letzteren dadurch verschlimmern kann, daß sie seinen bserrn veranlaßt,
ihn noch härter anzutreiben, so kann die Lage des freien Arbeiters durch
die Zunahme in der Produktionskraft seiner Arbeit sowohl positiv wie
relativ einen Wechsel zum Schlimmeren erfahren. Denn durch die
fortwährende Steigerung der Grundrente erzeugt, entsteht eine speku-
lative Tendenz, welche die Wirkung künftiger Verbesserungen durch eine
noch weitere Steigerung der Rente diskontiert und so bewirkt, den Lohn,
wo es nicht schon durch die normale Steigerung geschehen ist, ans den
Sklavenpunkt niederzudrücken — den Punkt, bei welchem der Arbeiter
gerade noch leben kann.

Und so aller vorteile der Zunahme in der produktiven Kraft be-
raubt, ist die Arbeit gewissen Einwirkungen der fortschreitenden Zivili-
sation ausgesetzt, welche ohne die Vorteile, die sie von bsaus aus begleiten,
positive Übel sind und an sich selbst dahin wirken, den freien Arbeiter
auf die hilflose und erniedrigende Lage des Sklaven herabzudrücken.

Denn alle die Verbesserungen, welche die Produktionskrast mit dem
Fortschritt der Zivilisation erhöhen, bestehen in einer noch weiteren
Teilung der Arbeit, oder nötigen dazu, und die Leistungsfähigkeit des
Gesamtkörpers der Arbeiter wird auf Kosten der Unabhängigkeit des
einzelnen vermehrt. Der einzelne Arbeiter erwirbt Kenntnis und Ge-
schick nur in dem allerkleinsten Teile jener vielfältigen Prozesse, die er-
forderlich sind, um selbst nur die gewöhnlichsten Bedürfnisse zu befriedigen.
Das Gesamtprodukt der Arbeit eines wilden Stammes ist klein, aber
jeder Angehörige desselben vermag unabhängig zu leben. Er kann seine
eigene Wohnung bauen, seinen eigenen Kahn aushöhlen oder zusammen-
setzen, seine eigenen Kleider machen, seine eigenen Waffen, Fallen,
Werkzeuge und Schmucksachen verfertigen. Er hat die ganze Kenntnis
der Natur, welche sein Stamm besitzt; er weiß, welche Erzeugnisse des
Pflanzenreiches sich zur Nahrung eignen und wo sie zu finden sind;
er kennt die Gewohnheiten und Schlupfwinkel der Tiere, Vögel, Fische
und Insekten, er weiß mit Hilfe der Sonne und der Sterne, der Richtung
der Blüten oder Moose an den Bäumen seinen weg zu finden, genug,
er ist fähig, alle seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er kann von seinen
Gefährten abgeschnitten werden und dennoch leben; und so besitzt er
die Unabhängigkeit, die ihn in seinen Beziehungen zu dem Gemein-
wesen, dessen Mitglied er ist, zu einer frei kontrahierenden Partei macht.

Nun vergleiche man mit diesem wilden den Arbeiter aus den
untersten Reihen der zivilisierten Gesellschaft, der sein Leben damit
Zubringt, nur eine einzige Sache, oder häufiger noch nur den minimalsten
Teil einer Sache zu verfertigen unter den mannigfaltigen Dingen,
        <pb n="227" />
        ﻿Buch V.

2\^	Das Problem gelöst.

welche die Güter der Gesellschaft ausmachen und selbst für die primi-
tivsten Bedürfnisse nötig sind; der nicht nur nicht imstande ist, die für
seine Arbeit erforderlichen Werkzeuge zu machen, sondern oft mit Werk-
zeugen arbeitet, die ihm nicht gehören, und die er nie hoffen darf, sein
eigen zu nennen. Gezwungen zu härterer und andauernderer Arbeit
als selbst der wilde und nicht mehr als er, nämlich nur das zum Leben
Nötigste gewinnend, verliert er dagegen die Unabhängigkeit des wilden.
Nicht allein ist er unfähig, seine Kräfte zur direkten Befriedigung
seiner Bedürfnisse anzuwenden, sondern er ist ohne die Mitwirkung vieler
anderer auch unfähig, sie indirekt dazu zu verwenden. Er ist ein bloßes
Glied in einer ungeheuren Kette von Produzenten und Konsumenten,
ohne sich davon trennen und ohne sich anders bewegen zu können, als
wie sie sich bewegen. Je schlechter seine Lage in der Gesellschaft, desto
abhängiger ist er von der Gesellschaft; desto unfähiger wird er, etwas
für sich zu tun. Selbst die Möglichkeit, seine Arbeit zur Befriedigung
seiner Bedürfnisse zu verwenden, entschlüpft seiner Herrschaft und kann
ihm genommen oder zurückgegeben werden durch die Handlungen anderer
oder durch allgemeine Ursachen, über die er nicht mehr Einfluß hat als
über die Bewegungen des Sonnensystems. Der Fluch, der über Adam
verhängt wurde, wird als ein Segen angesehen, und die Menschen denken,
sprechen, schelten und machen Gesetze, als ob monotone Landarbeit
an sich selbst ein Glück und nicht ein Übel, ein Zweck und nicht ein Mittel
wäre. Unter solchen Umständen verliert der Mensch die wesentliche
Eigenschaft der Menschheit, die göttergleiche Macht, die Verhältnisse
zu ändern und zu beherrschen. Er wird ein Sklave, eine Maschine, eine
Ware, eine Sache — ein Ding, das in manchen Beziehungen unter dem
Tiere steht.

Ich bin kein sentimentaler Verehrer des Zustandes der wilden.
Ich entlehne meine Ansichten über die rohen Kinder der Natur nicht
aus Rousseau, Lhateaubriand oder Eooper. Ich kenne ihre materielle
und geistige Armut und ihren niedrigen und engen Horizont wohl.
Ich glaube, daß die Zivilisation nicht nur die natürliche Bestimmung
des Menschen ist, sondern auch alle seine Kräfte befreien, erhöhen und
verfeinern wird, und bin der Ansicht, daß ein Mann, der sich der Vor-
teile der Zivilisation erfreut, nur in einer Stimmung, die ihn verführt,
die wiederkäuenden Rinder zu beneiden, den Verlust des Naturzustandes
bedauern kann. Nichtsdestoweniger aber bin ich der Meinung, daß
niemand, der seine Augen nicht vor den Tatsachen schließt, dem Schlüsse
widerstehen kann, daß es im Kerzen unserer Zivilisation große Klassen
gibt, mit denen der wildeste Naturmensch nicht würde tauschen mögen.
Es ist meine wohlerwogene Ansicht, daß, wenn jemandem an der Schwelle
des Lebens die Wahl gelassen würde, als Feuerländer, Australneger,
Eskimo oder als ein Mitglied der untersten Klassen in einem so hoch^
zivilisierten Lande wie Großbritannien ins Dasein zu treten, er eine
unendlich bessere Wahl treffen würde, wenn er das Los des wilden
        <pb n="228" />
        ﻿Aap. II.

Die Fortdauer der Armut inmitten des Reichtums.

2(5

wählte. Denn jene Klassen, die inmitten des Reichtums zum Mangel
verdammt sind, leiden alle die Entbehrungen des wilden, ohne sein
Gefühl persönlicher Freiheit zu haben; sie sind zu größerer Beschränkt-
heit und Niedrigkeit verurteilt als er, ohne seine rohen Tugenden ent-
wickeln zu können; wenn ihr Horizont weiter ist, so dient dies nur dazu,
ihnen Glück zu enthüllen, das sie nicht genießen können.

Manchem mag dies übertrieben scheinen, aber nur darum, weil
er nie selbst die wahre Lage jener Klassen, auf die der eiserne Absatz
der modernen Zivilisation mit voller Macht drückt, kennen gelernt hat.
wie de Tocqueville in einem seiner Briefe an Madame Swetchine
bemerkt: „man gewöhnt sich so schnell an den Gedanken des Elends,
das man nicht fühlt, daß ein Übel, welches für den Betroffenen größer
wird, je länger es dauert, für den bloßen Beobachter dagegen eben durch
die Tatsache seiner Dauer geringer erscheint", und vielleicht der beste
Beweis, der Richtigkeit dieser Bemerkung ist, daß in Städten, wo es eine
Armenklasse und eine Verbrecherklasse gibt, wo junge Mädchen zusammen-
brechen, während sie für Brot nähen, und zerlumpte und barfüßige
Kinder auf den Straßen wohnen, regelmäßig Geld gesammelt wird,
um Missionäre zu den Heiden zu senden! Missionäre zu den Heiden!
es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Baal streckt nicht mehr
seine gierigen, scheußlichen Arme aus; aber in christlichen Ländern er-
schlagen Mütter ihre Kinder für eine Begräbnisgebühr. Und ich fordere
getrost dazu heraus, aus authentischen Berichten des Lebens der wilden
solche Beispiele der Entwürdigung nachzuweisen, wie sie in offiziellen
Dokumenten hochzivilisierter Länder — in Berichten von Sanitäts-
kommissionen und Untersuchungen über die Lage der arbeitenden Klassen
zu finden sind.

Die einfache Theorie, die ich aufgestellt habe (wenn eine bloße
Zusammenstellung offenbarer Verhältnisse überhaupt Theorie genannt
werden kann), erklärt diese Paarung von Armut mit Reichtum, von
niedrigem Lohn mit hoher Produktionskraft, von Erniedrigung inmitten
der Aufklärung, von virtueller Sklaverei bei politischer Freiheit. Sie
bringt Tatsachen, die sonst rätselhaft scheinen, als Resultate eines all-
gemeinen und unerbittlichen Gesetzes in Übereinstimmung und stellt
Folge und Verbindung zwischen Erscheinungen her, die ohne sie unzu-
sammenhängend und widersprechend erscheinen. Sie erklärt, warum
Zins und Lohn in neuen Ländern höher als in alten sind, obgleich sowohl
die durchschnittliche, wie die Gesamtproduktion von Gütern dort geringer
ist. Sie erklärt, warum Verbesserungen, die die produktive Kraft der
Arbeit und des Kapitals vermehren, die Vergütung weder des einen
noch des anderen erhöhen. Sie erklärt den sogenannten Konflikt zwischen
Arbeit und Kapital und beweist die tatsächliche Harmonie der Interessen
Zwischen ihnen. Sie schneidet den Trugschlüssen des Schutzsystems den
letzten Zoll des Bodens ab und zeigt, warum der Freihandel den arbeiten-
den Klassen keinen dauernden Vorteil bringen kann. Sie erklärt, warum
        <pb n="229" />
        ﻿2*6

Das Problem gelöst.

Buch V.

der Mangel mit dem Überflüsse zunimmt und der Reichtum zu immer
gewaltigeren Ansammlungen gelangt. Sie erklärt die von Zeit zu Zeit
wiederkehrenden Krisen der Industrie, ohne den Unsinn der „Überpro-
duktion" oder den Unsinn der „Überkonsumtion" zu Pilse zu nehmen.
Sie erklärt den erzwungenen, die produktive Kraft vorgeschrittener Länder
vergeudenden Müßiggang großer Massen von Leuten, die gerne produ-
zierten, und zwar ohne die widersinnige Annahme, daß es zu wenig
Arbeit gebe oder zu viele zum Arbeiten vorhanden seien. Sie erklärt
die schlimmen Wirkungen, welche die Einführung von Maschinen häufig
aus die arbeitenden Klassen ausübt, ohne die natürlichen Vorteile zu
leugnen, welche die Verwendung der Maschinen verleiht. Sie erklärt
das Laster und Elend, welche sich oft unter dichter Bevölkerung zeigen,
ohne den Gesetzen des Allweisen und Allgütigen Mängel zuzuschreiben,
die nur den kurzsichtigen und selbstsüchtigen Anordnungen der Menschen
ihr Dasein verdanken.

Diese Erklärung ist in Übereinstimmung mit allen Tatsachen.

Man überblicke die heutige Welt. In den am weitesten verschiedenen
Ländern — unter den verschiedensten Verhältnissen, was politische
Verfassung, Industrie, Zollgesetzgebung und Geldumlauf betrifft —
wird man Elend unter den arbeitenden Klassen finden; aber überall,
wo man Armut und Elend inmitten des Reichtums findet, wird man
auch finden, daß das Land monopolisiert ist; daß es, statt als gemein-
sames Eigentum des ganzen Volkes behandelt zu werden, als Privat-
besitz einzelner behandelt wird; daß für dessen Benutzung durch die Arbeit
große Einkommen aus den Erträgen der Arbeit erpreßt werden. Man
überblicke die heutige Welt, vergleiche verschiedene Länder miteinander,
und man wird sehen, daß es nicht der Überfluß des Kapitals oder die
Ergiebigkeit der Arbeit ist, was den Lohn hoch oder niedrig macht, sondern
die Ausdehnung, bis zu welcher die Monopolinhaber des Grund und
Bodens in der Rente die Erträge der Arbeit tributpflichtig machen können.
Ist es nicht eine den Unwissendsten geläufige notorische Tatsache, daß
neue Länder, wo der Gesamtreichtum klein, der Grund und Boden
aber billig ist, stets für die arbeitenden Klaffen besser sind als reiche
Länder, wo der Grund und Boden teuer ist? Findet man da, wo der
Grund und Boden verhältnismäßig billig ist, nicht auch den Lohn ver-
hältnismäßig hoch? Und da, wo der Grund und Boden teuer ist, nicht
auch den Lohn niedrig? Je mehr der Grund und Boden an Wert zu-
nimmt, desto tiefer wird die Armut und der Pauperismus erscheinen.
In den neuen Ansiedlungen, wo das Land billig ist, findet man keine
Bettler, und die Ungleichheiten in der Lage sind sehr gering. In den
großen Städten, wo das Land so wertvoll ist, daß es nach dem Fuß
gemessen wird, findet man die Extreme der Armut und des Luxus.
Und dieses Mißverhältnis in der Lage der beiden äußersten Enden der
sozialen Stufenleiter kann stets durch den Preis des Landes bemessen
werden. Land in New pork ist wertvoller als in San Franziska, und in
        <pb n="230" />
        ﻿Kap. II.

2{Z

Die Fortdauer der Armut inmitten des Reichtums.

New X]otf sann der San Franziskaner Schmutz und Elend sehen, die ihn
mit Schrecken erfüllen. Zn London ist der Grund und Boden wert-
voller als in New pork, und in London ist Schmutz und Elend schlimmer
als in New pork.

Man vergleiche dasselbe Land zu verschiedenen Zeiten, und es wird
dasselbe Verhältnis ersichtlich. Als Ergebnis langer Forschung spricht
pallam seine Überzeugung aus, daß der Lohn der Handarbeit während
des Mittelalters in England höher war als jetzt. Wie dem sei, so viel
ist klar, daß er, wenn überhaupt, nicht viel niedriger sein konnte. Die
enorme Zunahme in der Leistungsfähigkeit der Arbeit, die selbst in der
Landwirtschaft auf ?oo oder 800 Prozent veranschlagt wird und in vielen
Zndustriebranchen fast unberechenbar ist, hat nur die Rente erhöht.
Die Rente von Ackerland in England ist jetzt, Professor Rogers zufolge,
in Geld gemessen ^20 mal so groß, als sie vor 500 Jahren war, und in
Weizen gemessen t4 mal so groß, während in der Rente von Baugrund-
stücken oder Bergwerksbesitz die Steigerung noch unvergleichlich größer
ist. Nach der Schätzung Professor Fawcetts beläuft sich der kapitali-
sierte Rentenwert der Ländereien Englands auf 4 500 000 000 £ oder
90 000 Millionen Mark, d. h. wenige Tausende Engländer besitzen einen
gesetzlichen Anspruch auf die Arbeit aller übrigen, dessen kapitalisierter
Wert mehr als zweimal so groß ist, als zum Durchschnittspreise dev
Neger des Südens im Zahre f860 der Wert der sämtlichen Einwohner
Englands sein würde, wenn sie Sklaven wären.

Zn Belgien und Flandern, in Frankreich und Deutschland hat sich
die Grundrente und der Verkaufspreis von Ackerland innerhalb dev
letzten 50 Zahre verdoppelt*). Kurz, die größere Produktionskraft hat
allenthalben den Wert des Landes erhöht, nirgends aber hat sie den
Wert der Arbeit gesteigert, denn obschon der Lohn an manchen Orten
tatsächlich etwas gestiegen sein mag, so ist dies doch klärlich anderen
Ursachen zuzuschreiben. An mehr Orten ist er gesunken — nämlich da,
wo er überhaupt sinken konnte —, denn es gibt ein Minimum, unter
welchem die Arbeiter ihre Anzahl nicht erhalten können. Und überall
ist der Lohn im Verhältnis zum Produkt gesunken.

Wie der schwarze Tod im vierzehnten Jahrhundert die große Lohn-
steigerung in England zuwege brachte, ist klar ersichtlich in den Be-
strebungen der Grundbesitzer, die Löhne durch Verordnung zu regulieren.
Daß jener fürcherliche Rückgang in der Bevölkerung die Leistungsfähigkeit
der Arbeit tatsächlich herabsetzte, anstatt sie zu vermehren, kann keinem
Zweifel unterliegen; aber die Verminderung der Konkurrenz um Land
drückte die Grundrente noch mehr, und die Löhne stiegen so riesig, daß
die Gewalt und die Strafgesetze zuhilfe gerufen wurden, um sie nieder-
zuhalten. Die entgegengesetzte Wirkung folgte der Landmonopolisierung,
welche unter der Regierung Heinrichs VIII. in England vor sich ging.

9 Systeme der Landverpachtung, vom Lobden-Klub veröffentlicht.
        <pb n="231" />
        ﻿2*8

Buch V.

Das Problem gelöst.

nämlich durch die Aneignung von Gemeindegründen und die Teilung
von Kirchenländereien unter die Kuppler und Parasiten, die dadurch
in den Stand gesetzt wurden, adlige Familien zu gründen. Das Resultat
war dasselbe, wie das, auf welches eine spekulative Erhöhung der Land-
werte hinwirkt. Nach Malthus' Angaben (der in seinen „Grundsätzen
der Nationalökonomie" die Tatsache anführt, ohne sie mit den Grund-
besitzverhältnissen in Verbindung zu bringen) konnte man unter der
Regierung Heinrichs VII. mit einem halben Scheffel Weizen nur wenig
mehr als einen Tag gewöhnlicher Arbeit erstehen, während im letzteren
Teile der Regierung Elisabeths dafür drei Tage solcher Arbeit zu haben
waren. Zch kann mir kaum denken, daß die Lohnherabsetzung so groß
gewesen sei, wie dieser Vergleich anzudeuten scheint; daß dieselbe jedoch
stattfand und große Not unter den arbeitenden Klassen herrschte, ist
aus den Klagen über „kräftige Herumtreiber" und den zu ihrer Unter-
drückung erlassenen Verordnungen abzunehmen. Die schnelle Monopoli-
sierung des Landes, das Hinübertreiben der spekulativen Rentenlinie
über die normale, erzeugte Vagabunden und Unterstützungsbedürftige,
genau wie die gleichen Wirkungen aus gleichen Ursachen neuerlich in
den Vereinigten Staaten bemerkbar waren.

„Land, welches vordem zu 20 oder 40 £ per Jahr fortging", sagt
Hugh Latimer, „bringt jetzt 50 bis *00 £. Mein Vater war ein Pächter
und hatte kein eigenes Land, sondern nur eine Pachtung, für die er
höchstens 3 oder 4 £ per Jahr zahlte, und darauf baute er genug, um
ein halbes Dutzend Menschen zu ernähren. Er hatte weide für *00 Schafe,
und meine Mutter molk 30 Kühe; er konnte dem Könige mit sich selber
auch noch einen Harnisch und ein Pferd stellen, und tat es, wenn er sich
auf dem Platze meldete, um des Königs Lohn in Empfang zu nehmen.
Ich kann mich erinnern, daß ich seinen Harnisch schnallte, als er nach
Blackheathfeld ging. Er ließ mich zur Schule gehen und verheiratete
meine Schwestern mit 5 £ jede, so daß er sie in dem Glauben und der
Furcht Gottes auferzog. Er übte Gastfreundschaft an seinen Nachbarn
und gab den Armen Almosen. Und alles dies tat er auf derselben Pachtung,
wo der, welcher sie jetzt hat, *6 £ oder mehr per Zahr zahlt und nicht
imstande ist, irgend etwas für seinen Fürsten, für sich selbst, für seine
Kinder zu tun, noch den Armen einen Becher voll zu trinken zu geben."

„So kommt es", sagt Sir Thomas Morus bezüglich der Vertreibung
der kleinen Pächter, welche diese Rentenerhöhung zur Folge hatte,
„daß diese armen Leute, Männer, Weiber, Gatten, Waisen, Witwen,
Eltern mit kleinen Kindern, Familien, größer an Zahl als an Vermögen,
allesamt von ihren heimischen Feldern fortgetrieben werden, ohne zu
wissen, wohin sie gehen sollten."

!°„ *s^röen aus dem Stoff der Latimers und Morus, aus
jenem urkräftigen Geiste, der inmitten der Flammen des Gxforder
Marterpfahls rief: „Sei ein Mann, Master Ridley", aus jener Mischung
von Kraft und Anmut, welche das Glück weder verderben, noch die Axt
        <pb n="232" />
        ﻿Die Fortdauer der Armut inmitten des Reichtums.

2\3

Kap. II.

des Scharfrichters einschüchtern konnte, Diebe und Vagabunden gemacht
und die ganze Masse von verbrechen und Pauperismus erzeugt, die
noch immer wie Meltau auf den innersten Blättern von Englands Rose
liegt und wie ein nagender Wurm an ihrer Wurzel zehrt.

Doch man könnte ebensogut historische Beispiele für die Anziehungs-
kraft der Schwere beibringen. Das Prinzip ist ebenso allgemein gültig
wie augenscheinlich. Daß die Rente den Lohn herabsetzen muß, ist ebenso
klar, wie daß destoweniger übrig bleibt, je größer der Subtrahent ist.
Daß die Rente den Lohn wirklich herabsetzt, kann jeder, wo er auch
stehe, sehen, wenn er um sich blickt.

Es besteht kein Geheimnis über die Ursache, welche in Kalifornien
im Jahre und in Australien ^852 die Löhne so plötzlich und so
bedeutend steigerte. Es war die Entdeckung der Goldgruben in herren-
losem Lande, auf dem die Arbeit jedem frei stand, welche der Lohn
der Röche in den Restaurants in San Franzisko auf 500 Dollar per
Monat steigerte und Schiffe im Hafen ohne Steuerleute und Mannschaft
verfaulen ließ, bis die Besitzer Frachten bewilligten, die in jedem anderen
Teile der Erde fabelhaft erschienen wären, wären diese Goldgruben
auf privatbesitz belegen gewesen oder sofort monopolisiert worden,
so daß Rente hätte entstehen können, so würden nicht die Löhne, sondern
die Landwerte in die Höhe gegangen sein. Die Eomstock-Ader war reicher
als die Alluvien, wurde aber sofort monopolisiert, und es ist nur der
starken Organisation der Vereinigung der Bergleute und der Furcht vor
dem Schaden, den sie anrichten könnten, zuzuschreiben, daß sie vier Dollar
per Tag dafür bekommen, daß sie sich 2000 Fuß unter der Erde, wo ihnen
die Luft zum Atmen hinuntergepumpt werden muß, halb backen lassen.
Der Reichtum der Eomstock-Ader hat die Rente gesteigert. Der Verkaufs-
preis dieser Minen beläuft sich auf Hunderte von Millionen und hat
privatvermögen geschaffen, deren monatliche Einnahmen nur nach
Hunderttausenden, wo nicht nach Millionen geschätzt werden können.
Ebensowenig ist die Ursache ein Geheimnis, welche bewirkt hat, daß die
Löhne in Kalifornien von dem Maximum der früheren Tage nahezu
auf das Niveau der im Osten gültigen Sätze ermäßigt find, und daß
diese Bewegung noch andauert. Die Ergiebigkeit der Arbeit hat nicht
abgenommen, im Gegenteil, sie hat, wie ich vorher zeigte, zugenommen
aber sie hat jetzt von dem, was sie erzeugt, Rente zu zahlen. Als die
Goldalluvien erschöpft waren, mußte die Arbeit zu tieferen Minen
und zum Ackerland greifen; da man aber diese in Monopolbesitz kommen
ließ, so laufen jetzt Leute in den Straßen von San Franziska umher,
die fast zu jedem preise zu arbeiten bereit sind —&gt; denn Naturvorteile
stehen jetzt der Arbeit nicht mehr offen.

Die Wahrheit liegt auf der Hand. Man stelle an jeden, der folge-
richtig zu denken vermag, die Frage:

„Nehmen wir an, es erhebe sich aus dem englischen Kanal oder
aus der Nordsee herrenloses Land, auf welchem gewöhnliche Arbeit
        <pb n="233" />
        ﻿220

Das probiern gelöst.

Buch V.

in unbegrenzter Menge io Schilling täglich verdienen könnte, und das
nicht im Privatbesitz und jedem zugänglich wäre, gleich den Gemeinde-
gründen, welche einst einen so großen Teil des englischen Bodens aus-
machten. Was würde die Wirkung auf die Löhne in England sein?"

Jeder würde sofort antworten, daß der Tagelohn in ganz England
bald auf Schilling steigen muß.

Und auf die weitere Frage: „Was würde die Wirkung auf die
Rente fein?" würde er nach einem Augenblick der Überlegung antworten,
daß sie notwendig sinken müsse; und nach fernerem Überdenken der
Sache würde er hinzufügen, daß alles dies ohne Ableitung eines sehr
großen Teils englischer Arbeiter nach den neu gebotenen Naturvorteilen
und ohne durchgreifende Änderung der Formen und Richtungen der
englischen Industrie vor sich gehen und nur jener Teil der Produktion
aufgegeben werden würde, der jetzt der Arbeit und dem Grundbesitzer
zusammen weniger ergibt, als die Arbeit unter den neuen Verhältnissen
erwerben könnte. Die große Lohnerhöhung würde auf Rosten der Rente
erfolgen.

Man nehme denselben Mann oder einen anderen —- einen hart-
köpfigen Geschäftsmann, der keine Theorien hat, aber Geld zu machen
versteht —- und sage zu ihm: „Hier ist ein kleines Dorf, in zehn Jahren
wird es eine große Stadt sein, in zehn Jahren wird die Eisenbahn an
die Stelle der Postkutsche, das elektrische Licht an die der Nerze getreten
sein, alle Maschinen und Verbesserungen, welche die Leistungsfähigkeit
der Arbeit so enorm vervielfältigen, werden im Überfluß vorhanden
sein. Werden nach zehn Jahren die Zinsen höher sein?"

Er wird antworten: „Nein".

„werden die Löhne für gewöhnliche Arbeiten höher sein? wird
es für einen Mann, der nichts als seine Arbeit hat, leichter sein, ein
unabhängiges Auskommen zu finden?"

Er wird darauf erwidern: „Nein; die Löhne für gewöhnliche Arbeit
werden nicht höher fein, im Gegenteil, alle Ehancen sind dafür, daß
sie niedriger fein werden; es wird dem bloßen Arbeiter nicht leichter
werden, ein unabhängiges Auskommen zu finden; die Ehancen sind dafür,
daß es ihm ein gut Teil schwerer fallen wird."

„Was wird denn höher fein?"

„Die Rente, der Wert des Bodens. Gehen Sie, kaufen Sie ein
Grundstück und behalten Sie es im Besitz."

wer^ unter solchen Umständen seinem Rate folgt, braucht sonst
nichts weiter zu tun. Man kann sich hinsetzen und seine Pfeife rauchen,
oder umherliegen wie die Lazzaroni Neapels oder die Leperos von
Mexiko; man kann in einem Luftballon aufsteigen oder sich in der Erde
verkriechen; und ohne eine Spur von Arbeit zu verrichten, ohne ein
Iota zu dem Wohlstände des Gemeinwesens beizutragen, wird man in
M Jahren reich sein! In der neuen Stadt kann man ein prächtiges paus
        <pb n="234" />
        ﻿Kap. II.

22 \

Die Fortdauer der Armut inmitten des Reichtums.

haben; aber unter ihren öffentlichen Gebäuden wird ein Armen-
haus fein.

In unserer ganzen langen Untersuchung find wir zu der einfachen
Wahrheit vorgerückt, daß, da zur Verrichtung von Arbeit bei der Güter-
produktion Land erforderlich ist, die Verfügung über dasselbe so viel
bedeutet, wie die Verfügung über alle Früchte der Arbeit, außer so viel
wie zur bloßen Existenz des Arbeiters notwendig ist. wir sind vorgerückt
wie durch Feindes Land, in welchem jeder Schritt gesichert, jede Stellung
befestigt, und jeder Nebenpfad erforscht werden muß; denn diese in
ihrer Anwendung auf soziale und politische Probleme so einfache Wahr-
heit ist der großen Menge der Menschen verborgen, teilweise eben wegen
ihrer Einfachheit, mehr aber noch wegen der weitverbreiteten Trugschlüsse
und irrtümlichen Gewohnheiten des Denkens, welche die Menschen ver-
leiten, in jeder Richtung, nur nicht in der richtigen, nach einer Erklärung
der die zivilisierte Welt bedrückenden und bedrohenden Übel auszuschauen.
Und hinter diesen feinen Trugschlüssen und mißleitenden Theorien steht
eine tätige, energische Macht, eine Macht, die in jedem Lande, seien dessen
politische Formen welche sie wollen, die Gesetze macht und das Denken
modelt, die Macht eines ungeheuren und überwältigenden pekuniären
Interesses.

Aber so einfach und so klar ist diese Wahrheit, daß sie einmal ganz
sehen, so viel heißt, wie sie stets anerkennen. Ls gibt Gemälde, welche,
obgleich man sie immer und immer wieder betrachtet, doch nur ein ver-
wirrtes Labyrinth von Strichen oder Arabesken darstellen — eine Land-
schaft, Bäume oder etwas dem Ähnliches — bis man darauf aufmerksam
wird, daß diese Dinge ein Gesicht oder eine Figur bilden, Hat man diesen
Zusammenhang einmal erkannt, so ist derselbe einem nachher immer
klar. Ebenso ist es in unserem Falle. Im Lichte dieser Wahrheit gruppieren
sich alle sozialen Tatsachen zu einer natürlichen Verbindung, und die
verschiedensten Erscheinungen sieht man einem großen Prinzip ent-
springen. Nicht in den Beziehungen von Kapital und Arbeit, nicht in
dem Andrängen der Bevölkerung gegen ihre Unterhaltsmittel kann eine
Erklärung der ungleichen Entwicklung unserer Zivilisation gefunden
werden. Die große Ursache der Ungleichheit in der Güterverteilung ist
die Ungleichheit im Grundbesitz. Der Grundbesitz ist die große funda-
mentale Tatsache, welche schließlich die soziale, die politische und folglich
auch die intellektuelle und moralische Lage des Volkes bestimmt. Und
es kann nicht anders sein. Denn das Land ist der Wohnsitz des Menschen,
das Magazin, aus welchem er alle seine Bedürfnisse beziehen muß,
das Material, auf welches seine Arbeit zur Befriedigung aller seiner
Wünsche verwendet werden muß; denn selbst die Erzeugnisse des Meeres
können nicht entnommen, das Licht der Sonne nicht genossen oder
irgendeine der Naturkräfte benutzt werden, ohne daß man den Grund
und Boden und dessen Produkte dabei gebraucht. Auf dem Lande sind
wir geboren, von demselben leben wir, zu ihm kehren wir dereinst zurück
        <pb n="235" />
        ﻿222

Das Problem gelöst.

Buch V.

Rinder des Bodens so wahr wie der Grashalnr oder die Feldblume.
Man nehme dem Menschen alles, was zur Erde gehört, und er ist nur
ein körperloser Geist. Der materielle Fortschritt kann uns nicht aus
unserer Abhängigkeit vom Grund und Boden hefreien, er kann nur unsere
Fähigkeit vergrößern, Güter aus demselben hervorzubringen; und
daher könnte, wenn das Land monopolisiert ist, der Fortschritt bis zur
Unendlichkeit vorangehen, ohne den Lohn zu steigern oder die Lage
derer, die nur ihre Arbeit haben, zu verbessern. Er kann nur den Wert
des Grund und Bodens und die Macht, welche dessen Besitz verleiht,
erhöhen. Allenthalben, zu allen Zeiten, unter allen Völkern, ist der
Besitz des Grund und Bodens die Basis der Aristokratie, die Grundlage
der großen Vermögen, die Vuelle der Macht. Wie die Brahminen vor
grauen Zeiten sagten:

wem der Boden gehört, dem gehören auch die
Früchte desselben. Weiße Sonnenschirme und
Elefanten, wahnsinnig vor Stolz, das sind die
Blumen einer Verleihung von Land.
        <pb n="236" />
        ﻿Das Heilmittel.

„Eine neue und gerechte Verteilung der Güter und Rechte dieser Welt sollts
das hauptsächlichste Ziel derjenigen sein, welche die Angelegenheiten der Menschen-
leiten."	de Tocqueville.

„Wenn es sich darum handelt, die Lage eines Volkes auf die Dauer zu heben,
so erzeugen kleine Mittel nicht einmal kleine Wirkungen, sondern überhaupt keine."'

John Stuart Mill.

Kapitel I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

Indem wir die Ursache der inmitten zunehmenden Reichtums
steigenden Armut bis zur ihrer «Duelle verfolgten, haben wir auch das
Heilmittel entdeckt; ehe wir aber zu diesem Zweige unseres Gegen-
standes übergehen, wird es sich empfehlen, die Tendenzen oder Heil-
mittel, auf die man sich gewöhnlich verläßt, und die man zumeist be-
fürwortet, Revue passieren zu lassen. Das Heilmittel, auf das unsere
Schlußfolgerungen hinweisen, ist zugleich radikal und einfach, so radikal,,
daß es einerseits nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden wird, so-
lange irgendein Glaube an die Wirksamkeit weniger kaustischer Maß-
regeln übrig bleibt, und so einfach, daß andererseits seine tatsächliche
Wirksamkeit und Kürze leicht übersehen werden dürfte, bis die Wirkung
künstlicherer Maßregeln berechnet ist.

Die Tendenzen und Maßregeln, welche die gewöhnliche Literatur
und Publizistik als diejenigen bezeichnen, von denen mehr oder weniger
Abhilfe zu erwarten, d. h. die geeignet feien, Armut und Elend unter
den Massen zu vermindern, können in sechs Klassen geteilt werden.
Ich meine nicht, daß es so viele verschiedene Parteien oder nationalökono-
mische Schulen gebe, sondern nur, daß behufs unserer Untersuchung
die herrschenden Meinungen und vorgeschlagenen Maßregeln zur besseren
Übersicht so gruppiert werden können. Heilmittel, die wir, der größeren
Bequemlichkeit und Klarheit wegen, einzeln prüfen werden, werden,
oft in Gedanken verbunden.
        <pb n="237" />
        ﻿224

Buch VI.

Das Heilmittel.

Ls gibt viele Leute, die noch den behaglichen Glauben bewahren
daß der materielle Fortschritt schließlich die Armut ausrotten werde,
und viele erblicken in der vorbauenden Einschränkung der Bevölkerungs-
vermehrung das wirksamste Mittel, allein der Irrtum dieser Ansichten
wurde bereits hinlänglich bewiesen. Wir wollen jetzt untersuchen, was
zu erhoffen ist:

I.. von größerer Sparsamkeit in der Staatsverwaltung;

2.	von besserem Unterricht der arbeitenden Klassen, sowie von
besserer Gewöhnung an Fleiß und Sparsamkeit;

3.	von Koalitionen der Arbeiter zur Erhöhung der Löhne;
von der Assoziation der Arbeit und des Kapitals;

5.	von der Leitung und Einmischung der Regierung;

6.	von einer allgemeineren Verteilung des Grund und Bodens.

Unter diese sechs Rubriken können wir, glaube ich, im wesentlichen

alle Hoffnungen und Vorschläge für die Milderung des sozialen Elends
zusammenfassen, abgesehen von der ebenso einfachen als durchgreifenden
Maßregel, welche ich vorschlagen werde.

Von größerer Sparsamkeit in der Staatsverwaltung.

Bis vor wenigen Jahren war es ein Glaubensartikel bei den Ameri-
kanern und eine von den Liberalen Europas geteilte Ansicht, daß die
Armut der niedergetretenen Massen der Alten Welt auf die aristokratischen
und monarchischen Einrichtungen derselben zurückzuführen seien. Dieser
Glaube ist schnell verschwunden, nachdem unter den republikanischen
Einrichtungen der Vereinigten Staaten soziales Elend gleicher Art,
wenn auch nicht von derselben Stärke, wie das in Europa herrschende,
aufgetreten ist. Aber noch immer werden die sozialen Leiden großen-
teils der ungeheuren Lasten, welche die bestehenden Regierungen auf-
erlegen — den großen Schulden, den Heeren und Flotten samt allen
dazu gehörenden Einrichtungen, der Verschwendung, welche ebensowohl
republikanischen wie monarchischen Herrschern und namentlich auch
städtischen Verwaltungen eigen ist, zugeschrieben. Dem muß in den
Vereinigten Staaten noch die mit dem Schutztarif zusammenhängende
Räuberei hinzugefügt werden, welche für jede 25 Gents, die der Staat
erhält, einen Dollar, vielleicht aber auch vier oder fünf, aus den Taschen
der Konsumenten nimmt. Der Zusammenhang zwischen den dem
Volke auf diese Weise genommenen Summen und den Entbehrungen
der unteren Klassen scheint allerdings klar zu sein, und bei oberflächlicher
Betrachtung ist es natürlich, vorauszusetzen, daß eine Ermäßigung der
so nutzlos auferlegten ungeheuren Lasten es den Ärmsten leichter machen
würde, ihr Brot zu finden. Eine Betrachtung der Sache im Lichte der
bis hierher aufgestellten nationalökonomischen Grundsätze wird jedoch
zeigen, daß dies nicht die Wirkung sein würde. Eine Ermäßigung des
.von dem Gesamtprodukt eines Landes durch Besteuerung erhobenen
        <pb n="238" />
        ﻿225

Kap. I. Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

Betrages würde einfach gleichbedeutend sein mit einer Vermehrung
des Nettoprodukts. Sie würde effektiv die Produktivkraft der Arbeit
erhöhen, gerade wie es die gesteigerte Dichtigkeit der Bevölkerung und
die Hebung der gewerblichen Künste auch tut. Und wie in dem einen
Lalle der Vorteil in erhöhter Grundrente den Grundbesitzern zufällt
und zufallen muß, so auch in dem anderen.

Aus dem Ertrage der Arbeit und des Kapitals von England werden
jetzt die Last einer ungeheuren Schuld, eine Landeskirche, ein kostspieliger
Hof, eine große Zahl von Sinekuristen, ein großes Heer und eine noch
größere Flotte erhalten. Nehmen wir an, die Schuld werde nicht länger
anerkannt, die Kirche auf ihre eigenen Füße gestellt, der Hof auf seine
eigene Arbeit angewiesen, die Sinekuristen beseitigt, die Armee aufgelöst,
die Offiziere und Mannschaften der Flotte entlassen und die Schiffe
verkauft. Es würde dadurch eine enorme Ermäßigung in der Besteuerung
möglich werden. Das Nettoxrodukt, das zur Verteilung unter die an
der Produktion teilnehmenden Parteien übrig bliebe, würde bedeutend
größer fein. Aber dies wäre nur eine Vermehrung derselben Art, wie
der Fortschritt in den Gewerben sie seit lange beständig bewirkt und keine
so große Vermehrung, wie sie der Dampf und die Maschinen innerhalb
der letzten zwanzig oder dreißig Jahre bewerkstelligt haben. Und wie diese
Vermehrungen das Proletariat nicht beseitigt, sondern nur die Grund-
rente erhöht haben, so würde es auch diese nicht tun. Die englischen
Grundbesitzer würden den ganzen Vorteil einheimsen. Ich will nicht
bestreiten, daß, wenn alle diese Dinge plötzlich und ohne die mit einer
Revolution verknüpften Zerstörungen und Kosten getan werden könnten,
eine zeitweilige Verbesserung in der Lage der untersten Klasse stattfinden
könnte; aber eine solche plötzliche und friedliche Reform ist offenbar
unmöglich, Märe sie aber möglich, so würde jede zeitweilige Besserung,
wie wir dies an den Vorgängen in den vereinigten Staaten sehen,
schließlich durch die erhöhten Landwerte verschlungen werden.

Und so könnte, wenn wir in den Vereinigten Staaten die öffentlichen
Ausgaben auf den niedrigst möglichen Punkt ermäßigten und sie durch
Einkommensteuer deckten, der vorteil sicherlich nicht größer sein als der,
welchen die Eisenbahnen uns gebracht haben. In den Händen des Volkes
als Ganzen würden mehr Güter bleiben, gerade wie die Eisenbahnen
dem Volke als Ganzen auch mehr Güter verschafft haben, aber in ihrer
Verteilung würden dieselben unerbittlichen Gesetze obwalten. Die Lage
derjenigen, welche von ihrer Arbeit leben, würde schließlich nicht ver-
bessert werden.

Lin dunkles Bewußtsein hiervon durchdringt die Massen oder be-
ginnt sie zu durchdringen und bildet eine der ernsten politischen Schwierig-
keiten, welche die amerikanische Republik umgeben. Die, welche nichts
als ihre Arbeit haben, und hauptsächlich die Proletarier der Städte —
eine wachsende Klasse — machen sich wenig aus der Verschwendung
der Regierung und sind in vielen Fällen geneigt, etwas Gutes darin

George, Fortschritt und Armut.	,5
        <pb n="239" />
        ﻿226

Das Heilmittel.

Buch VI.

ZU sehen, da sie „Beschäftigung bringt" oder „Geld in Umlauf setzt".
Tweed, der New-Pork beraubte, wie ein Guerilla-bjauptmann eine be-
setzte Stadt zu brandschatzen pflegt (und der nur ein Tchxus der neuen
Sorte von Banditen war, die die Verwaltung aller unserer Städte
an sich reißen), war unzweifelhaft bei einer Majorität der Mähler populär,
obgleich seine Diebereien notorisch waren und sein Raub in dicken Dia-
manten und verschwenderischen persönlichen Ausgaben offen zur Schau
getragen wurde. In Anklagezustand versetzt, wurde er triumphierend
in den Senat gewählt, und selbst noch als wiedereingefangener Flücht-
ling wurde er häufig auf seinem Mege vom Gericht zum Gefängnis
mit pochs begrüßt. Er hatte die öffentlichen Rassen um viele Millionen
bestohlen, aber die Proletarier fühlten, daß er nicht sie beraubt hatte.
Und das Urteil der Nationalökonomie stimmt ihnen darin bei.

Man verstehe micht recht. Ich sage nicht, daß die Sparsamkeit in
den Staats- und Gemeindeausgaben nicht wünschenswert sei, sondern
nur, daß die Ermäßigung dieser Ausgaben keinen direkten Einfluß auf
die Ausrottung der Armut und die Erhöhung des Lohns haben kann,
solange der Grund und Boden monopolisiert bleibt.

«Obgleich dies so ist, sollte dennoch, auch im Interesse der untersten
Klasse, keine Anstrengung gespart werden, um nutzlose Ausgaben zu
vermeiden. Je verwickelter und kostspieliger die Regierung wird, desto
mehr wird sie eine vom Volke verschiedene und unabhängige Macht,
und desto schwieriger wird es, Fragen des wahren Volkswohls zu volks-
tümlicher Entscheidung zu bringen. Man betrachte unsere Wahlen in
den vereinigten Staaten — um was drehen sie sich? Probleme der
allergrößten Wichtigkeit drängen sich uns auf, aber so viel gilt das Geld
in der Politik, so groß sind die dabei beteiligten persönlichen Interessen,
daß die wichtigsten verwaltungsfragen nur wenig Beachtung finden.
Der amerikanische Durchschnittswähler hat Vorurteile, Parteigefühle,
allgemeine Ansichten einer gewissen Art, aber er widmet den fundamen-
talen Fragen der Verwaltung nicht viel mehr Nachdenken als ein Pferd
der Straßenbahnen dem Gewinn seiner Linie. Märe dem nicht so, so
könnten nicht so viele altersgraue Mißbräuche das Leben fristen und so
viele neue hinzugekommen sein. Alles, was darauf zielt, die Regierung
einfach und wohlfeil zu machen, zielt gleichzeitig darauf hin, sie unter
die Kontrolle des Volkes und Fragen wirklicher Wichtigkeit in den Vorder-
grund zu bringen. Aber keine Ermäßigung der Staatsausgaben kann
an sich selbst die Übel heilen oder lindern, welche aus einer beständigen
Tendenz zu ungleicher Verteilung der Güter entstehen.

2. von der Verbreitung des Unterrichts und besserer Ge-
wöhnung an Fleiß und Sparsamkeit.

Es besteht und bestand von jeher unter den höheren Klassen ein
weitverbreiteter Glaube, daß Armut und Leiden der Massen ihrem Mangel
        <pb n="240" />
        ﻿Kap. I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

227

an Fleiß, Mäßigkeit und Intelligenz zuzuschreiben seien. Dieser Glaube
welcher das Gefühl der Verantwortlichkeit beruhigt und zugleich durch
die Vorspiegelung einer Überlegenheit schmeichelt, ist wahrscheinlich
in Ländern wie die vereinigten Staaten, wo alle Menschen politisch
gleich sind, und wo infolge der Neuheit der Gesellschaft die Scheidung
in Klassen mehr die einzelnen als ganze Familien betraf, noch verbreiteter
als in älteren Ländern, wo die Trennungslinien länger und schärfer
gezogen sind. Ls ist nur natürlich, wenn diejenigen, welche ihre besseren
Verhältnisse auf die größere Betriebsamkeit und Genügsamkeit, die
ihnen einen Vorteil gab, und auf die höhere Intelligenz zurückführen
können, die sie in den Stand setzte, jeden Vorteil zu benutzen*), sich ein-
bilden, daß diejenigen, welche arm bleiben, dies nur dem Mangel dieser
Eigenschaften beizumessen habeü.

wer jedoch die Gesetze der Güterverteilung, wie sie in den vorher-
gehenden Kapiteln entwickelt wurden, erfaßt hat, wird den Irrtum dieser
Ansicht einsehen. Derselbe ist ähnlich demjenigen, welcher in der Be-
hauptung liegen würde, daß jeder bei einem lvettlauf Beteiligte gewinnen
müsse. Daß einer gewinnen muß, ist richtig; daß jeder gewinnen
könne, ist unmöglich.

Denn sobald der Grund und Boden wert erlangt, so hängt der
Arbeitslohn, wie wir gesehen haben, nicht von dem wirklichen Ertrage
oder Produkte der Arbeit ab, sondern von dem, was der Arbeit bleibt,
nachdem die Grundrente vorweg genommen ist; sobald der Grund und
Boden vollständig monopolisiert ist, wie es außer in den neuesten Ländern
überall der Fall, muß die Rente den Lohn auf den Punkt drücken, bei
welchem die ärmste Klasse gerade noch zu leben und sich fortzupflanzen
imstande ist, und so wird der Lohn durch das Normalmaß des Auskommens
(stanclarck ot comtort), d. h. durch die Summe der notwendigen und
gewohnheitsmäßigen Bedürfnisse, welche die arbeitenden Klassen als
das wenigste beanspruchen, um sich nsch fortzupflanzen, auf ein Minimum
festgestellt. Daher können Fleiß, Geschick, Genügsamkeit und Intelligenz
dem einzelnen nur so weit von Nutzen sein, als sie sich über das all-
gemeine Niveau erheben — gerade wie in einem lvettlauf die Schnellig-
keit dem Laufenden nur insoweit nutzt, als sie diejenige seiner Mitbewerber
übertrifft. Arbeitet ein Mann mehr oder mit höherem Geschick und
verstand als gewöhnlich, so wird er vorankommen; erhebt sich aber der
Durchschnitt des Fleißes, der Geschicklichkeit und Intelligenz auf denselben
Punkt, so wird das erhöhte Leistungsvermögen der Arbeit nur den
früheren Lohnsatz erzielen, und wer vorankommen will, muß dann noch
härter arbeiten.

Lin einzelner mag von seinem Lohn Geld ersparen, wenn er so

*) Um nichts von der größeren Gewissenlosigkeit zu sagen, die oft die entscheidende
Eigenschaft ist, welche einen Millionär aus jemandem macht, der sonst ein armer Teufel
geblieben wäre.

\5*
        <pb n="241" />
        ﻿228

Das Heilmittel.

Buch VI.

lebt wie Dr. Franklin, als er in seiner Lehrzeit und als junger Gehilfe
sich auf Pflanzenkost zu beschränken beschloß; und viele arme Familien
könnten sorgloser leben, wenn man sie lehrte, jene billigen Gerichte zu
bereiten, auf welche Franklin den Appetit seines Arbeitgebers Reimer
zu beschränken suchte, wogegen er sich anheischig machte, die Gegner
der neuen Religion zu bekämpfen, deren Prophet Reimer zu werden
wünschte*); wenn jedoch die arbeitenden Rlassen im allgemeinen so
zu leben sich entschlössen, würden die Löhne schließlich im gleichen Ver-
hältnis fallen, und wer durch Sparsamkeit vorankommen oder die Armut
durch Ginschärfung derselben lindern wollte, würde einen noch billigeren
Modus ersinnen müssen, um Leib und Seele zusammenzuhalten, wenn
unter den obwaltenden Umständen die amerikanischen Arbeiter sich zu
der chinesischen Lebensweise verstünden, so würden sie schließlich auch zu
den chinesischen Lohnsätzen gelangen; oder wenn die englischen Arbeiter
sich mit der Reisdiät und dürftigen Rleidung der Bengalen zufrieden
gäben, so würde die Arbeit in England bald so schlecht wie in Indien
bezahlt werden. Die Einführung der Rartoffel in Irland ward als ge-
eignet angesehen, um die Lage der ärmeren Rlassen zu verbessern, in-
dem sie den Unterschied zwischen den ihnen gezahlten Löhnen und den
Rosten ihres Lebensunterhalts vergrößerte. In Wirklichkeit waren die
Folgen eine Erhöhung der Pachten und eine Herabsetzung der Löhne
und, nach Auftreten der Rartoffelkrankheit, die Verheerungen der Hungers-
not unter einer Bevölkerung, welche ihren Standard of comfort schon
so weit reduziert hatte, daß der nächste Schritt der Hungertod war.

Und daher wird ein einzelner, wenn er mehr als die durchschnitt-
liche Anzahl von Stunden arbeitet, seinen Lohn allerdings erhöhen;
aber der Lohn aller kann auf diese weise nicht erhöht werden. Ls ist
notorisch, daß die Löhne in Branchen mit langer Arbeitszeit nicht höher
sind als in anderen mit kürzerer Arbeitszeit; gewöhnlich sogar das Gegen-
teil davon, denn je länger der Arbeitstag, desto hilfloser wird der Arbeiter,
desto weniger Zeit hat er sich umzuschauen und andere Eigenschaften
zu entwickeln als diejenigen, die durch seine Arbeit hervorgerufen werden;
desto geringer wird seine Fähigkeit, seine Beschäftigung zu wechseln oder
aus den Umständen Nutzen zu ziehen. Und so kann der einzelne Arbeiter,
der sich von Weib und Rindern helfen läßt, seine Einnahme ebenfalls
vermehren; in Branchen jedoch, wo es hergebracht ist, daß Weib und
Rinder mitarbeiten, sind notorisch die von der ganzen Familie verdienten
Löhne im Durchschnitt nicht höher als diejenigen des Familienhauptes
in Branchen, in denen dieselben allein zu arbeiten pflegen. Die Arbeit
der Schweizer Familie in der Uhrenfabrikation konkurriert an Billigkeit
mit den amerikanischen Maschinen. Die böhmischen Zigarrenmacher

*) Franklin erzählt in seiner unnachahmlichen Meise, wie Reimer schließlich seinen
Entschluß aufgab und ein geröstetes Ferkel bestellte, zu welchem er zwei ihm befreundete
Damen einlud; als jedoch das Ferkel vor Eintreffen der Gesellschaft ankam, konnte Reimer
der Versuchung nicht widerstehen und aß es ganz allein auf.
        <pb n="242" />
        ﻿Kap. I.

Die Unzulänglichkeit Her gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

229

New Porks, die familienweise, Männer, Weiber und Rinder, in ihren
Wohnungen arbeiten, haben die Preise des Zigarrenmachens unter den
Verdienst der Lhinesen in San Franziska gedrückt.

Diese allgemeinen Tatsachen sind bekannt. Sie werden in den
herkömmlichen nationalökonomischen Werken vollständig anerkannt,
aber mit der Malthusschen Theorie von der Tendenz der Bevölkerung,
sich bis zu den Grenzen der Unterhaltungsmittel zu vermehren, erklärt.
Die wahre Erklärung liegt, wie ich hinreichend bewiesen habe, in der
Tendenz der Grundrente, die Löhne zu drücken.

was die folgen des Unterrichts betrifft, so dürste es sich verlohnen,
darüber speziell einige Worte zu sagen, denn es herrscht eine Neigung,
demselben eine Art magischen Einflusses zuzuschreiben. Der Unterricht
ist nun aber nur so weit Unterricht, soweit er jemanden befähigt, seine
natürlichen Rräste wirksamer zu benutzen, und dies vermag das, was wir
Unterricht nennen, in den meisten Fällen nicht zu erreichen. Ich erinnere
mich eines kleinen Mädchens, die ganz nett mit ihrer Schulgeographie
und -Astronomie vorangekommen, aber höchlich erstaut war, zu hören,
daß der Boden in ihrer Mutter lsos wirklich die Oberfläche der Erde sei,
und wenn man mit jungen Studenten spricht, so wird man finden,
daß die Renntnisse vieler derselben große Ähnlichkeit mit denen des kleinen
Mädchens haben. Sie denken selten besser und häufig nicht so gut wie
Leute, die nie eine höhere Schule besucht haben.

Ein perr, der lange Jahre in Australien zugebracht hat und mit
allen Gewohnheiten der Eingeborenen vertraut war (der Rev. Dr. Blees-
dale), sagte einmal zu mir, nachdem er einige Beispiele ihrer wunder-
baren Geschicklichkeit im Gebrauch ihrer Waffen, im Vorhersagen von
Witterungswechsel und im Fangen der scheuesten Vögel angeführt:
„Ich glaube, es ist ein großer Irrtum, diese schwarzen Burschen als un-
wissend zu betrachten. Ihre Renntnisse sind von den unseligen ver-
schieden, aber sie sind darin gewöhnlich besser unterrichtet. Sobald
sie aus den Beinen stehen können, lehrt man sie, mit kleinen Bumerangs
und anderen Waffen zu spielen, zu beobachten und zu urteilen, und sobald
sie alt genug sind, um selbst für sich zu sorgen, sind sie auch vollständig
imstande dazu, sind im Verhältnis zu dem Wesen ihrer Renntnisse tat-
sächlich, was man unterrichtete Männer nennt, und das ist mehr, als ich
von vielen unserer jungen Leute sagen kann, die, wie wir es nennen,
die besten Gelegenheiten gehabt haben, trotzdem aber in ihr Mannesalter
treten, ohne für sich oder andere irgend etwas tun zu können."

Sei dem wie ihm wolle, es ist klar, daß die Intelligenz, welche
das Ziel des Unterrichts ist oder sein sollte, wenn sie nicht die Massen
antreibt und befähigt, die Ursache der ungleichen Güterverteilung zu
entdecken und zu entfernen, auf die Löhne nur dadurch wirken kann,
daß sie die Leistungsfähigkeit der Arbeit erhöht. Sie hat dieselbe Wirkung
wie größeres Geschick oder größerer Fleiß. Und sie kann den Lohn des
einzelnen nur insofern erhöhen, als sie ihn über andere erhebt. Als
        <pb n="243" />
        ﻿230	Das Heilmittel	Buch VI.

Lesen und Schreiben noch seltene Eigenschaften waren war ein
Schreiber hochangesehen und verdiente viel, jetzt aber ist die Fähigkeit
zu lesen und zu schreiben so allgemein geworden, daß sie keinen vorteil
mehr gewährt. Die Chinesen scheinen fast ausnahmslos lesen und
schreiben zu können, die Löhne aber stehen in China auf dem niedrigsten
Punkte. Die Ausbreitung der Kenntnisse kann, außer daß sie die Menschen
mit einem Zustande der Dinge unzufrieden macht, welcher die Produzenten
zu einem Leben voll Mühsal verdammt, während die Nichtproduzenten
sich im Luxus wälzen, im allgemeinen keine Steigerung der Löhne be-
wirken oder irgendwie die Lage der untersten Klasse — der „Grund-
schwelle" der Gesellschaft, wie ein südlicher Senator sie einst nannte —
verbessern; sie muß auf dem Boden bleiben, wie hoch sich auch der Oberbau
erhebe. Keine Steigerung der Leistungskraft der Arbeit vermag im
allgemeinen die Löhne zu steigern, solange die Grundrente den ganzen
Gewinn verschlingt. Dies ist nicht bloß eine Deduktion aus Prinzipien.
Ls ist die durch die Erfahrung bewiesene Tatsache. Die Zunahme des
Wissens und der Fortschritt der Erfindungen haben die Leistungsfähigkeit
der Arbeit unendlich vervielfältigt, ohne den Lohn zu erhöhen. Zn England
gibt es über eine Million Arme. Zn den Vereinigten Staaten find die
Armenhäuser im Zunehmen und die Löhne im Abnehmen.

Ls ist wahr, daß größere Betriebsamkeit und Geschicklichkeit, größere
Vorsicht und höhere Zntelligenz in der Regel mit einer besseren mate-
riellen Lage der arbeitenden Klassen verbunden sind; allein die Tat-
sachen beweisen, daß dies die Wirkung und nicht die Ursache ist. wo die
materielle Lage der arbeitenden Klassen besser geworden ist, war eine
Hebung ihrer persönlichen Eigenschaften die Folge, und wo ihre materielle
Lage gedrückt war, ist die Verschlechterung jener Eigenschaften das Er-
gebnis gewesen; aber nirgends kann eine Besserung der materiellen
Lage als Ergebnis der Zunahme an Fleiß, Geschicklichkeit, Vorsicht oder
Zntelligenz in einer für das liebe Leben zu schwerer Arbeit verdammten
Klasse nachgewiesen werden, obschon diese Eigenschaften, wenn sie (oder
vielmehr ihr Begleiter, das höhere Maß des Komforts) einmal erlangt
sind, einen starken und in vielen Fällen hinreichenden widerstand gegen
die Verschlimmerung der materiellen Lage bieten.

Die Tatsache ist, daß die Eigenschaften, welche den Menschen über
das Tier erheben, über denjenigen liegen, welche er mit dem Tiere teilt,
und daß seine intellektuelle und sittliche Natur nur in dem Maße reifen
kann, wie er von den Bedürfnissen seiner tierischen Natur befreit wird.
Swingt man einen Menschen zur niedrigsten Arbeit für den äußersten
Bedars des tierischen Lebens, so wird er den Antrieb zur Betriebsamkeit —-
öen Erzeuger der Geschicklichkeit — verlieren und nur tun, was er zu
tun gezwungen ist. Gestaltet man seine Lage so, daß sie nicht viel schlechter
sein kann, während wenig Hoffnung vorhanden bleibt, daß irgend etwas,
was er tun könnte, sie zu verbessern imstande wäre, so wird er aufhören,
über den Tag hinauszublicken. Verweigert man ihm Muße — und
        <pb n="244" />
        ﻿Kap. I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

23 {

Muße heißt nicht Mangel an Beschäftigung, sondern die Entfernung
jenes Notstandes, der ihn zu einer seiner Natur widerstrebenden Be-
schäftigung zwingt —, so ist man nicht imstande, ihn intelligent zu machen,
wenn man auch das Kind eine Volksschule durchmachen läßt und den Mann
mit einer Zeitung versorgt.

Ls ist wahr, daß eine Verbesserung der materiellen Lage eines
Volkes oder einer Masse sich nicht sogleich in geistiger und sittlicher
Hebung zeigen kann. Höherer Lohn kann zuerst Trägheit und wüstes
Leben hervorbringen. Schließlich aber wird er mehr Fleiß, Geschicklich-
keit, Intelligenz und Mäßigkeit herbeiführen. vergleiche zwischen
verschiedenen Ländern, zwischen verschiedenen Massen desselben Landes,
zwischen denselben Leuten zu verschiedenen Zeiten und zwischen den-
selben Leuten, wenn ihre Lage durch Auswanderung verändert ist,
zeigen als unveränderliches Resultat, daß die erwähnten persönlichen
Eigenschaften erscheinen, sobald die materielle Lage sich bessert, und
verschwinden, sobald dieselbe schlechter wird. Die Armut ist die „jdfütze
der Verzweiflung", die Bunyan in seinem Traume sah, und in welche
gute Bücher bis in alle Ewigkeit ohne Erfolg hineingeworfen werden
können. Um Leute fleißig, vorsichtig, geschickt und intelligent zu machen,
müssen sie vom Mangel erlöst werden. wer im Sklaven die Tugenden
des Freien entwickeln will, muß ihn erst frei machen.

3. von den Koalitionen der Arbeiter.

Aus den früher aufgestellten Gesetzen der Verteilung geht hervor,
daß Koalitionen der Arbeiter die Löhne steigern können, und zwar
nicht auf Kosten anderer Arbeiter, wie mitunter behauptet wird, noch
auf Kosten des Kapitals, wie man zuweilen glaubt, sondern schließlich
auf Kosten der Grundrente. Daß durch Koalition der Arbeiter keine
allgemeine Lohnerhöhung bewirkt werden könne, daß jede dadurch er-
zielte Erhöhung besonderer Löhne andere Löhne oder den Kapitalgewinn
oder beide ermäßigen müßten, sind Ansichten, die der irrtümlichen Auf-
fassung entspringen, daß die Löhne dem Kapital entnommen würden.
Der Irrtum dieser Ansichten wird nicht durch die von uns entwickelten
Gesetze der Verteilung, sondern auch durch die Erfahrung bewiesen, so-
weit dieselbe reicht. Die durch Arbeiterkoalitionen bewirkte Erhöhung des
Lohns in besonderen Geschäftszweigen, wovon viele Beispiele vorhanden
sind, hat nirgends die Wirkung gezeigt, den Lohn in anderen Geschäfts-
zweigen zu erniedrigen oder den Gewinnsatz herabzusetzen. Außer daß
sie sein fixes Kapital oder die laufenden Engagements beeinträchtigen
kann, vermag eine Verminderung des Lohns einem Arbeitgeber nur
insofern zu nützen und eine Erhöhung des Lohns ihm nur insofern zu
schaden, als dieselbe ihm seinen Konkurrenten gegenüber einen Vorteil
oder Nachteil bereitet. Der Arbeitgeber, welcher zuerst eine Herabsetzung
des Lohns seiner Leute erreicht oder zuerst zu einer Erhöhung genötigt
        <pb n="245" />
        ﻿232

Das Heilmittel.

Buch VI.

ist, erfährt seinen Konkurrenter: gegenüber einen Vorteil oder Nachteil,
bis die Bewegung sich auch auf sie erstreckt. Insofern jedoch die Ände-
rung des Lohns durch die Änderung der relativen Produktionskosten
seine Kontrakte oder Vorräte berührt, so kann es für ihn ein wirklicher
Gewinn oder Verlust sein, obgleich dieser Gewinn oder Verlust lediglich
relativ ist und verschwindet, wenn das ganze Gemeinwesen in Betracht
kommt. Und wenn die Lohnveränderung einen Wechsel in der relativen
Nachfrage herbeiführt, so kann sie den Gewinn des in Maschinen, Ge-
bäuden oder sonstwie festgelegten Kapitals größer oder geringer machen.
Allein darin stellt sich bald ein neues Gleichgewicht her, denn namentlich
in einem fortschreitenden Lande ist das fixe Kapital nur etwas weniger
mobil als das umlaufende. Ist zu wenig in einer gewissen Form vor-
handen, so bringt die Tendenz des Kapitals, jene Form anzunehmen,
sie bald auf die erforderliche pöhe; ist dagegen zu viel vorhanden, so
stellt das Aufhören der Zunahme bald das Niveau wieder her.

Während aber eine Änderung in dem Lohnsätze einer besonderen
Beschäftigung eine Änderung in der relativen Nachfrage nach Arbeits-
kräften herbeiführen kann, vermag sie keine Änderung in der Gesamt-
nachfrage hervorzubringen. Nehmen wir z. B. an, eine Arbeiterkoalition
in einem besonderen Geschäftszweige erhöhe in einem Lande den Lohn,
während eine Koalition von Arbeitgebern in demselben Fabrikations-
zweige eines anderen Landes den Lohn herabsetze. Ist die Veränderung
groß genug, so wird jetzt die Nachfrage oder ein Teil der Nachfrage in
dem ersteren Lande durch den Import des betreffenden Fabrikates aus
dent anderen gedeckt werden. Offenbar aber muß diese Zunahme von
Einfuhren einer besonderen Art entweder eine entsprechende Abnahme
von Einfuhren anderer Art oder eine entsprechende Zunahme der Aus-
fuhren notwendig machen. Denn nur für das Produkt seiner Arbeit
und seines Kapitals kann ein Land das Produkt der Arbeit und des
Kapitals eines anderen verlangen oder im Austausch erhalten. Die
Ansicht, daß die Ermäßigung der Löhne die Geschäfte eines Landes ver-
mehren oder die Erhöhung derselben diese Geschäfte vermindern könne,
ist ebenso grundlos wie die Ansicht, daß die Wohlfahrt eines Landes
durch Einfuhrzölle gehoben oder durch die Beseitigung von Handels-
beschränkungen vermindert werden könne. Würden alle Löhne in einem
besonderen Lande verdoppelt, so würde dasselbe dennoch dieselben
Dinge und ebensoviel davon importieren und exportieren, denn der
Austausch wird nicht durch die absoluten, sondern durch die relativen
Produktionskosten bestimmt. Würden hingegen die Löhne in einigen
Produktionszweigen verdoppelt und in anderen nicht erhöht, oder nicht
um so viel erhöht, dann würde zwar eine Änderung in dem Verhältnis
der verschiedenen Einfuhren eintreten, aber keine Änderung in dem Ver-
hältnis zwischen Ausfuhr und Einfuhr.

Während die meisten der gegen die Koalitionen von Arbeitern
behufs Lohnerhöhung gemachten Einwürfe somit grundlos find, während
        <pb n="246" />
        ﻿Kap. I.

233

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

der Erfolg solcher Koalitionen nicht der sein kann, andere Löhne herab-
zudrücken, den Gewinn des Kapitals zu vermindern oder das National-
vermögen zu schädigen, sind die Schwierigkeiten, die sich wirksamen
Arbeiterkoalitionen entgegenstellen, doch so groß, daß das durch sie
bewirkte Gute außerordentlich gering ist, während andererseits unver-
meidliche Nachteile damit verknüpft sind.

Die Löhne in einer oder in mehreren Beschäftigungen zu erhöhen —
was alles ist, was irgendeine der bisherigen Arbeiterkoalitionen bisher
zu tun versucht hat —, ist offenbar eine Ausgabe, deren Schwierigkeit
progressiv zunimmt. Denn je höher die Löhne in einer Branche über
dem allgemeinen Niveau stehen, desto stärker sind die Tendenzen, sie
zurückzubringen. Wenn also eine Setzerkoalition den Lohn des Lettern-
satzes durch einen erfolgreichen oder angedrohten Streik zehn Prozent
über den im Vergleich zu anderen Löhnen normalen Satz erhöht, so
werden die relative Nachfrage und das relative Angebot sofort dadurch
berührt. Aus der einen Seite wird ein Bestreben erzeugt, den Lettern-
satz soweit als möglich einzuschränken, und auf der anderen bewirkt die
Lohnerhöhung aus so mannigfaltige Weise eine Vermehrung der Zahl
der Setzer, daß die stärkste Koalition dies nicht ganz zu verhindern im-
stande ist. Beläuft sich die Erhöhung aus zwanzig Prozent, so ist dies
Bestreben um so stärker, bei fünfzig Prozent noch stärker und so fort.
Demnach ist der praktische Nutzen solcher Gewerkvereinigungen —
selbst in Ländern wie England, wo die Grenzen zwischen den verschiedenen
Gewerken viel schärfer und schwerer zu überschreiten sind als in Ländern
wie die vereinigten Staaten — in bezug auf die Erhöhung der Löhne,
selbst wenn sie einander unterstützen, ein verhältnismäßig geringer,
und überdies ist dieser geringe Nutzen aus ihre eigene Sphäre beschränkt
und berührt nicht die untersten Schichten der unorganisierten Arbeiter,
deren Lage am meisten Erleichterung erheischt und schließlich diejenige
aller über ihnen liegenden Schichten bestimmt. Der einzige Weg, aus
welchem durch diese Methode die Löhne bis zu einem gewissen Grade
und mit Aussicht aus Dauer erhöht werden könnten, wäre eine allgemeine
Arbeitervereinigung, wie sie die Internationalen erstrebten, und welche
die Arbeiter aller Art umfassen müßte. Eine solche Vereinigung jedoch
muß als praktisch undurchführbar angesehen werden, denn die Schwierig-
keiten der Koalition, die schon in den höchst bezahlten und wenigst aus-
gedehnten Gewerben groß genug sind, werden größer und größer, je
mehr man ans der industriellen Stufenleiter hinabsteigt.

Auch darf in einem Kampfe von längerer Dauer, wodurch Arbeiter-
koalitionen zum Behuf von Lohnerhöhung allein Erfolg haben können,
nicht vergessen werden, welches die gegeneinander aufgehetzten Parteien
sind. Ls sind nicht die Arbeit und das Kapital. Ls sind die Arbeiter auf
der einen und die Grundbesitzer aus der anderen Seite. Bestände der
Streit zwischen der Arbeit und dem Kapital, so würde er aus viel gleicheren
Bedingungen beruhen. Denn die Fähigkeit des Kapitals, müßig zu
        <pb n="247" />
        ﻿Das Heilmittel.

Buch VI.

234

liegen, ist nur um ein weniges größer als die der Arbeit. Das Kapital
hört nicht nur auf zu verdienen, sobald es nicht benutzt wird, sondern es
geht verloren, weil es fast in allen seinen formen nur durch beständige
Erneuerung erhalten werden kann. Der Grund und Boden hingegen
verhungert nicht gleich den Arbeitern oder geht nicht verloren wie das
Kapital; feine Besitzer können warten. Sie mögen in Angelegenheit
versetzt werden, es ist wahr, doch was für sie Angelegenheit, ist für das
Kapital Zerstörung und für die Arbeiter der Hungertod.

Die ländlichen Arbeiter gewisser Teile Englands bemühen sich
jetzt, eine Koalition behufs Aufbesserung ihrer elend niedrigen Löhne
zustande zu bringen, wäre es das Kapital, welches die enorme Differenz
zwischen dem wirklichen Ertrag ihrer Arbeit und dem Brocken, den sie
davon bekommen, einsteckt, so würden sie nur eine wirksame Koalition
.zu machen brauchen, um sich den Erfolg zu sichern; denn die Pächter,
die ihre direkten Arbeitgeber sind, können es ohne Arbeit kaum länger
aushalten als die Arbeiter ohne Lohn. Die Pächter jedoch können ohne
Ermäßigung der Pacht nicht viel nachgeben, und somit besteht der wahre
Kampf zwischen den Grundbesitzern und den Arbeitern. Nehmen wir an,
die Koalition sei so stark, daß sie alle ländlichen Arbeiter umfaßt und alle,
die etwa an deren Stellen treten wollten, fernzuhalten imstande ist.
Die Arbeiter weigern sich, außer zu einer bedeutenden Lohnerhöhung,
weiter zu arbeiten; die Pächter können dieselbe nur bewilligen, wenn
ihnen zuvor eine beträchtliche Ermäßigung der Pacht zugestanden würde,
und es steht ihnen kein anderer weg, ihrer Forderung Nachdruck zu geben,
.zu Gebote, als der von den Arbeitern eingeschlagene, nämlich: sich zu
weigern: mit der Produktion fortzufahren. Kommt der Landbau so
zu einem Stillstand, so würden die Grundbesitzer nur ihre Grundrente
verlieren, das Land jedoch durch Brachliegen besser werden. Der Arbeiter
dagegen würde verhungern. And wären die englischen Arbeiter aller
Art zu einem einzigen großen Bunde behufs Lohnerhöhung verbunden,
fo würde der wahre Streit der gleiche sein und unter denselben Be-
dingungen verlaufen. Denn die Löhne könnten nur durch eine Verminde-
rung der Rente erhöht werden, und bei einem allgemeinen Stillstände
könnten die Grundeigentümer leben, während die Arbeiter aller Art
verhungern oder auswandern müßten. Die Grundbesitzer Englands
find kraft ihres Besitzes die Herren Englands. So wahr ist es, daß „wem
der Boden gehört, dem gehören auch die Früchte desselben". Die weißen
Sonnenschirme und die vor Stolz wahnsinnigen Elefanten kamen mit
der Verleihung des englischen Bodens, und das Volk im allgemeinen
kann nie seine Alacht wiedergewinnen, bis jene Verleihung zurück-
genommen ist. Was aber von England wahr ist, ist überall wahr.

Ls mag eingewendet werden, daß solch ein Stillstand nie vor-
kommen könne. Dies ist richtig, aber nur darum, weil keine so starke
Koalition der Arbeit, um ihn herbeizuführen, möglich ist. Aber das
feststehende Wesen des Grund und Bodens setzt die Grundbesitzer in
        <pb n="248" />
        ﻿Aap. I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

235

den Stand, sich viel leichter und wirksamer zu koalieren als Arbeiter
oder Kapitalisten, wie leicht und wirksam ihre Vereinigung ist, dafür
gibt es viele historische Beispiele. Und die absolute Notwendigkeit, den
Grund und Boden zu benutzen, sowie die Gewißheit in allen fortschreiten-
den Ländern, daß derselbe an wert zunehmen müsse, bringt ohne weitere
formelle Vereinigung unter den Grundbesitzern alle die Wirkungen
hervor, welche nur durch die allerstärkste Vereinigung unter den Arbeitern
oder Kapitalisten zuwege gebracht werden könnten. Entzieht man
einem Arbeiter die Gelegenheit zur Beschäftigung, fo wird er bald be-
müht sein, Arbeit um jeden preis zu erlangen; wenn aber die zurück-
weichende woge der Spekulation die nominellen Grundwerte offenbar
über ihren wirklichen werten läßt, so weiß jeder, der in einem fort-
schreitenden Lande gelebt hat, mit welcher Hartnäckigkeit die Grund-
besitzer chre Grundstücke an sich halten.

Außer diesen praktischen Schwierigkeiten des Vorhabens, Lohn-
erhöhungen durch Ausdauer zu erzwingen, hat dasselbe aber auch noch
andere Nachteile, gegen die die Arbeiter sich nicht verschließen sollten.
Ich spreche ohne Vorurteil, denn ich bin noch Ehrenmitglied der Ver-
bindung, welche ich, solange ich als Setzer arbeitete, stets in loyalster
weise unterstützte. Aber die Art und weise, wie ein Gewerkverein allein
wirken kann, ist notwendig zerstörend, seine Organisation ist notwendig
tyrannisch. Lin Streik, der das einzige Wittel ist, wodurch ein Gewerk-
verein seine Forderungen durchzusetzen vermag, ist ein zerstörender
Streit, ein Streit just wie der, zu welchem ein exzentrischer Mann, einst
der „Goldkönig" genannt, in den frühesten Zeiten San Franziskos
einmal einen Mann herausforderte, der ihn des Geizes geziehen: daß
sie nämlich an den pafenquai gehen und abwechselnd so lange Zwanzig-
dollarstücke in die Bay werfen sollten, bis einer sich für besiegt erklärte.
Der Kampf der Ausdauer in einem Streik ist tatsächlich das, womit
man ihn oft verglichen hat — ein Krieg; und, gleich allen Kriegen,
vermindert derselbe die Güter. Und die Organisation desselben muß,
gleich der Organisation für den Krieg, tyrannisch sein, wie selbst der
Mann, der für die Freiheit kämpft, seine persönliche Freiheit aufgeben
und zum bloßen Teil einer großen Maschine werden muß, wenn er in
ein Peer eintritt, so muß es auch mit Arbeitern sein, die einen Streik
organisieren. Diese Koalitionen vernichten daher notwendig dieselben
Dinge, welche die Arbeiter durch sie zu erreichen suchen — Güter und
Freiheit.

Unter den pindu besteht ein alter Gebrauch, um Zahlung einer
gerechten Forderung zu erzwingen, wovon Sir penry Maine verwandte
Spuren auch in den Gesetzen der irischen Brehons aufgefunden hat.
Er wird „Dharna-Sitzen" genannt, indem der Gläubiger die Zahlung
der Schuld dadurch zu erzwingen sucht, daß er sich vor die Tür des
Schuldners setzt und Speise und Trank verweigert, bis er Zahlung er-
halten hat.
        <pb n="249" />
        ﻿236

Das Heilmittel.

Buch VI.

Die Methode der Arbeiterkoalitionen ist dieser ähnlich. Bei ihren
Streiks sitzen die Gewerkvereine „Dharna". Aber, ungleich den Hindu,
kommt ihnen kein Aberglauben zuhilfe.

4.	von der Assoziation.

Ls ist seit einiger Zeit Mode geworden, die Assoziation als Universal-
mittel zur Beseitigung der Beschwerden der arbeitenden Massen zu
predigen. Aber zum Unglück für die Wirksamkeit der Assoziation als
Heilmittel für die sozialen Übel entstehen diese Übel, wie wir gesehen
haben, nicht aus einem Konflikt zwischen der Arbeit und dem Kapital;
und wenn auch die Assoziation allgemein durchgeführt würde, so könnte
sie die Löhne dennoch nicht steigern oder die Armut lindern. Dies ist
leicht zu sehen.

Die Assoziation ist zweifacher Art und bezweckt entweder eine Ver-
einigung zum Behufe des Konsums oder zum Behufe der Produktion.
Die Konsumvereine mögen nun die Zwischenhändler soviel nur irgend
möglich ausschließen, so ermäßigen sie doch nur die Kosten des Aus-
tausches. Sie sind einfach ein Mittel, um Arbeit zu sparen und Risiko
auszuschließen, und ihre Folgen aus die Verteilung können nur denen
jener Verbesserungen und Erfindungen gleichkommen, welche in neueren
Zeiten den Austausch so erstaunlich wohlfeiler gemacht und erleichtert
haben — nämlich, die Rente zu erhöhen. Und die Produktivgenossen-
schaft ist bloß eine Rückkehr zu jener Lohnform, die beim Walfischfang
noch immer herrscht und dort ein Anteil („lay“) genannt wird. Sie ist
der Ersatz fester Löhne durch verhältnismäßige Löhne, ein Ersatz, wovon
gelegentliche Beispiele in fast allen Beschäftigungen vorkommen; oder,
wenn die Leitung den Arbeitern überlassen bleibt und der Kapitalist
nur seinen Anteil am Nettoertrag erhält, so ist sie einfach das System,
welches seit den Zeiten des Römischen Reiches im europäischen Ackerbau
meistens vorgewaltet hat — das Kolonnen- oder Halbpachtsystem.
Alles, was zugunsten der Produktivassoziation angeführt werden kann,
ist, daß sie den Arbeiter fleißiger und rühriger macht, mit anderen Worten
daß sie die Arbeitsleistungen erhöht. Somit liegt ihre Wirkung in der-
selben Richtung, wie die der Dampfmaschine, der Baumwoll-Egrenier-
maschine, des Dampsmähers, kurz, wie all der Dinge, worin der materielle
Fortschritt besteht, und sie kann nur dasselbe Ergebnis haben, nämlich:
die Erhöhung der Grundrente.

Es ist ein schlagender Beweis dafür, wie in der Behandlung sozialer
Probleme die ersten Prinzipien ignoriert werden, daß in der gangbaren
ökonomischen und halbökonomischen Literatur der Assoziation als einem
Mittel zur Erhöhung des Lohns und zur Erleichterung der Armut so
viel Wert beigelegt wird. Daß sie eine solche allgemeine Tendenz gar
nicht haben kann, ist augenscheinlich.

Lassen wir alle die Schwierigkeiten beiseite, welche unter den gegen-
        <pb n="250" />
        ﻿Kap. I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

237

wältigen Verhältnissen die Assoziation sowohl für den Konsum als für
die Produktion umgeben, und nehmen wir an, sie habe die gegenwärtigen
Methoden völlig verdrängt — die Konsumvereine stellten die Verbin-
dung zwischen den Produzenten und Konsumenten mit den geringsten
Kosten her und die Produktivassoziationen in Handwerk, Fabrik, Land-
wirtschaft und Bergbau hätten den Arbeitgeber, der feste Löhne zahlte,
abgeschafft und die Arbeitsleistung gewaltig erhöht, —was dann? Nichts,
als daß es eben möglich sein würde, dieselbe Summe von Gütern mit
weniger Arbeit zu produzieren, und daß folglich die Besitzer des Grund
und Bodens, der Euelle aller Güter, über eine größere Summe von
Gütern für die Benutzung ihrer Ländereien verfügen könnten. Das ist
keine Sache der bloßen Theorie, es ist durch Erfahrung und Tatsachen
bewiesen. Verbesserte Methoden und Maschinen haben dieselbe Wirkung,
auf welche die Assoziation abzielt — die Kosten für Übermittlung der
waren an den Konsumenten zu ermäßigen und die Arbeitsleistung
zu erhöhen, und in diesen Beziehungen haben die älteren Länder Vorteile
über neue Ansiedlungen, wie aber die Erfahrung sattsam bewiesen
hat, haben Verbesserungen in den Methoden und Werkzeugen der Pro-
duktion und des Austausches nicht die Tendenz, die Lage der untersten
Klasse zu verbessern, und der Lohn ist niedriger und die Armut tiefer,
wo der Austausch mit den geringsten Kosten vor sich geht und die Pro-
duktion den Vorteil der besten Werkzeuge hat. Der Vorteil kommt nur
der Grundrente zugute.

wenn man aber eine Assoziation zwischen den produzeiAen und
den Grundbesitzern annähme? Dies würde einfach auf die Zahlung
der Rente in natura hinauslaufen, auf dasselbe System, unter welchem
in den südlichen Staaten viel Land gepachtet wird, und bei dem der
Grundbesitzer einen Anteil an der Ernte erhält. Bis auf den dabei zu-
grunde zu legenden Berechnungsmodus weicht es in keiner weise von
dem in England herrschenden System einer festen Geldpacht ab. wenn
man will, nenne man es immerhin Assoziation, aber die Bedingungen
der Assoziation würden nichtsdestoweniger durch die Gesetze beherrscht
werden, die die Grundrente bestimmen, und wo der Grund und Boden
monopolisiert ist, da würde eine Zunahme der Produktivkraft einfach
den Grundbesitzern die Macht verleihen, einen größeren Anteil zu be-
anspruchen.

Daß die Assoziation von so vielen als die Lösung der „Arbeiter-
frage" angesehen wird, rührt daher, daß sie, wo man einen versuch damit
gemacht hat, in vielen Fällen die Lage der unmittelbar Beteiligten
merklich verbessert hat. Dies ist jedoch einfach dem Umstande zuzuschreiben,
daß diese Fälle vereinzelt sind. Gerade wie Fleiß, Sparsamkeit oder
Geschicklichkeit die Lage derjenigen Arbeiter, welche diese Eigenschaften
in höherem Grade besitzen, verbessern können, aber diese Wirkung nicht
mehr haben, sobald derartige Vorzüge allgemeiner werden, so kann ein
besonderer Gewinn beim Bezüge von Bedarfsartikeln oder die höhere
        <pb n="251" />
        ﻿238

Buch VI.

Das Heilmittel.

Leistungsfähigkeit in einer Arbeitsbranche Vorteile bringen, die aber
verloren gehen, sobald diese Fortschritte so allgernein werden, daß sie
die Gesamtverhältnisse der Verteilung beeinflussen. And in Wahrheit
vermag die Assoziation, außer vielleicht in erziehlicher Beziehung, keine
allgemeinen Resultate hervorzubringen, welche nicht auch die Konkurrenz
hervorbringen wird. Die billigen Läden, die Barzahlung bedingen,
haben auf die Preise eine ähnliche Wirkung, wie die Konsumvereine,
und so führt auch die Konkurrenz in der Produktion zu einer ähnlichen
Ausgleichung der Kräfte und Teilung der Erträge, wie die Produktions-
assoziation. Daß zunehmende Produktivkraft den Lohn der Arbeit
nicht erhöht, daran ist nicht die Konkurrenz, sondern die einseitige Kon-
kurrenz schuld. Der Grund und Boden, ohne welchen keine Produktion
stattfinden kann, ist monopolisiert und die Konkurrenz der Produzenten
um seine Benutzung drängt den Lohn auf ein Minimum und verleiht
den Grundbesitzern den Vorteil zunehmender Produktivkraft in höheren
Renten und gesteigerten Grundwerten. Man zerstöre dies Monopol,
und die Konkurrenz kann nur noch das Ziel verfolgen, welches die Asso-
ziation erstrebt — jedem zu geben, was er verdient. Man zerstöre dies
Monopol, und der Gewerbfleiß muß eine Assoziation gleicher werden.

5.	Von der Leitung und Einmischung der Regierung.

Die Grenzen, in welchen ich dieses Buch zu halten wünsche, werden
keine detaillierte Prüfung der Methoden gestatten, die man vorge-
schlagen hat, um die Armut durch staatliche Regulierung des Gewerb-
fleißes und der Vermögensanhäufung zu lindern oder auszurotten,
und die in ihrer weitgehendsten Form sozialistisch genannt werden.
Auch dies ist unnötig, denn ihnen allen kleben dieselben Mängel an.
Diese Mängel liegen in dem Ersatz des Spiels der individuellen Tätigkeit
durch Staatsleitung und in dem Versuch, durch Zwang zu erreichen
was durch Freiheit besser zu erreichen ist. Aber das Richtige an den
sozialistischen Zdeen werde ich später einiges zu sagen haben, aber es ist
klar, daß alles, was nach Verordnung und Zwang schmeckt, an sich schlecht
ist und nicht in Betracht gezogen werden sollte, solange sich irgendein
anderer Modus darbietet, dasselbe Ziel zu erreichen. Greifen wir z. B.
eine der einfachsten und mildesten von den bezüglichen Maßregeln
heraus —die progressive Einkommensteuer. Das Ziel, welches sie erstrebt,
die Verminderung oder Behinderung ungeheurer Reichstumsansamm-
lungen, ist gut; aber das Mittel involviert die Anstellung vieler, mit
inquisitorischen Befugnissen ausgerüsteter Beamten; Versuchungen zu
Bestechung, Meineid und allen anderen Mitteln, die Steuer zu umgehen,,
wodurch Demoralisation erzeugt und eine Prämie auf Gesinnungslosig-
keit, sowie eine Steuer auf Gewissenhaftigkeit gelegt wird; endlich eine,,
genau in dem Verhältnisse, wie die Steuer ihren Zweck erfüllt, ein-
tretende Verminderung des Reizes zur Vermögensanhäufung, der einL
        <pb n="252" />
        ﻿Kap. I.

Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

2oOf

der stärksten Kräfte des industriellen Fortschritts ist. Wären die künst-
lichen Pläne, alles und jedes zu regulieren und für jeden einen Platz zu
finden, ausführbar, so würden wir einen Zustand der Gesellschaft haben,.,
ähnlich dein des alten Peru, oder denrjenigen, den, zu ihrer ewigen
Ehre, die Jesuiten in Paraguay einrichteten und solange aufrecht er-
hielten.

Ich will nicht sagen, daß ein solcher Zustand nicht besser sei, als
der, dem wir jetzt entgegen zu treiben scheinen; denn im alten Peru gab
es, obgleich die Produktion infolge des Mangels an Eisen und bsaus-
tieren mit den größten Nachteilen zu kämpfen hatte, doch kein solches
Ding wie Not, und das Volk ging mit Gesängen an die Arbeit. Dies ist
jedoch unnütz, zu erörtern. Die moderne Gesellschaft kann einen derartigen
Sozialismus nicht mit Erfolg erstreben. Die einzige Kraft, die dies jemals
vermocht hat, ein starker religiöser Glaube, ist uns abhanden gekommen
und verschwindet täglich mehr. Den Sozialismus des Stammeslebens
haben wir hinter uns und können nicht wieder dahin zurück, ohne einen
Rückschritt zu tun, der Anarchie und vielleicht Barbarei involvieren
würde. Unsere Staaten würden offenbar an dem Versuche zugrunde
gehen. Anstatt einer verständigen Abwägung von pflichten und Rechten
würden wir eine römische Verteilung sizilianischen Kornes haben, und
der Demagoge würde bald Kaiser sein.

Das Ideal des Sozialismus ist groß und edel, und er ist, wie ich
überzeugt bin, ausführbar, aber ein derartiger Gesellschaftszustand
kann nicht gemacht werden, sondern er muß entstehen. Die Gesellschaft,
ist ein Organismus, keine Maschine. Sie kann nur durch das individuelle
Leben ihrer Teile leben. Und in der freien und natürlichen Entwicklung
aller Teile wird sich die Harmonie des Ganzen Herstellen. Alles, was für
die soziale Wiedergeburt nötig ist, ist in dem Motto enthalten: „Land
und Freiheit!"

6.	Von einer allgemeineren Verteilung des Grund und

Bodens.

Die Ahnung, daß die Grundeigentumsverhältnisse irgendwie mit
dem sozialen Elend zusammenhängen, wie sie sich in den fortgeschrit-
tensten Ländern kundgibt, gewinnt immer mehr an Boden; allein
bisher gibt sich diese Ahnung meist nur in Vorschlägen kund, die auf
eine allgemeinere Verteilung des Grundbesitzes zielen — so in England
in den Forderungen des Freihandels in Land, des Pachtrechts oder der
gleichen Verteilung des Grundbesitzes unter den Erben; in den ver-
einigten Staaten in der Forderung, daß der Umfang des Linzelbesitzes
beschränkt werde. In England hat man auch vorgeschlagen, der Staat,
solle die Grundbesitzer auskaufen, und in den vereinigten Staaten, der
Staat solle Geld bewilligen, um die Errichtung von Kolonien auf öffent-
lichen Ländereien zu ermöglichen. Den ersteren Vorschlag wollen wir
        <pb n="253" />
        ﻿2^0

Das Heilmittel.

Buch VI.

für jetzt übergehen; der letztere fällt in seinen entscheidenden Zügen
in die Kategorie der in den vorigen Abschnitten behandelten Maßregeln.
Es bedarf keines Beweises, zu welchen Mißbräuchen und zu welcher
Demoralisation Bewilligungen von Staatsgeldern oder Staatskredit
führen würden.

Inwiefern das, was die englischen Schriftsteller „Freihandel in
Land" nennen — die Beseitigung der Kosten und Beschränkungen der
Übertragung —, die Teilung des ländlichen Grundbesitzes erleichtern
könnte, vermag ich nicht einzusehen, obgleich es diese Wirkung bis zu
einem gewissen Grade auf städtischen Grundbesitz haben dürfte. Die
Beseitigung der Kaufs- und Verkaufsbeschränkungen würde dem Grund-
besitz lediglich gestatten, die Form, auf die er abzielt, nur noch schneller
anzunehmen. Daß in Großbritannien die Tendenz auf Konzentration
gerichtet ist, geht daraus hervor, daß trotz der durch die Kosten der Über-
tragung bereiteten Schwierigkeiten der Grundbesitz sich dort beständig
konzentriert; und daß diese Tendenz eine ganz allgemeine ist, geht daraus
hervor, daß man den gleichen Prozeß auch in den vereinigten Staaten
beobachten kann.

Ich sage dies von den vereinigten Staaten unbedenklich, obschon
hier und da statistische Tabellen zitiert werden, um das Gegenteil zu
beweisen, wie hier der Grundbesitz sich faktisch konzentrieren kann, trotz-
dem die Zensustabellen vielmehr eine Abnahme in der durchschnittlichen
Größe der einzelnen Besitze ergeben, ist leicht einzusehen, wenn mehr
Land in Benutzung kommt, und wenn es mit zunehmender Bevölkerung
intensiver bewirtschaftet wird, so verringert sich die Größe der Güter.
Eine kleine weide ist schon ein großes Gut, eine kleines Gut ein großer
Obstgarten, Weinberg, Baumschule oder Gemüsegarten, und ein Flecken
Land, der selbst für diese Zwecke klein sein würde, ist ein sehr bedeutendes
Grundstück in einer Stadt. So bewirkt das Wachstum der Bevölkerung,
welches den Boden höherer und intensiverer Verwendung zuführt,
ganz natürlich eine Verminderung der Größe des einzelnen Besitzes
durch einen in neuen Ländern sehr bemerkbaren Prozeß; damit kann
aber gleichwohl eine Tendenz zur Konzentration des Grundbesitzes Hand
in Hand gehen, welche zwar in den Tabellen, die die Durchschnittsgröße
der Grundstücke angeben, nicht erscheint, aber gleichwohl klar ist. Ein
Durchschnittsbesitz von einem Morgen in einer großen Stadt kann eine
viel größere Konzentration des Grundbesitzes in sich schließen als ein
Durchschnittsbesitz von 640 Morgen in einer neu angesiedelten Gemeinde.
Ich erwähne dies, um den Trugschluß der Folgerungen nachzuweisen,
die man aus den Tabellen zieht, weil mit denselben in den Vereinigten
Staaten oft paradiert wird, um zu beweisen, daß das Landmonopol ein
Übel sei, welches sich selbst heilen werde. Im Gegenteil ist es klar, daß
die Grundbesitzer im Verhältnis zur ganzen Bevölkerung immer weniger
zahlreich werden.

Daß in den Vereinigten Staaten wie in Großbritannien eine starke
        <pb n="254" />
        ﻿Kap. I. Die Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.

Tendenz zur Konzentration von ländlichen! Grundbesitz besteht, ist
klar ersichtlich, wie in England und Irland kleine Pachtungen zu größeren
verschmolzen werden, so ist auch in Neu-England nach den Berichten
des statistischen Bureaus von Massachusetts die Größe der Güter im
Zunehmen. Diese Tendenz ist in den neueren Staaten und Territorien
sogar noch klarer bemerkbar. Noch vor einigen Jahren würde ein Gut
von 320 Morgen, unter dem in den nördlichen Teilen der Union herrschen-
den Wirtschaftssystem überall ein großes gewesen sein, wahrscheinlich
so viel, wie ein Mann mit Vorteil zu bebauen imstande ist. Jetzt gibt
es in Kalifornien Landgüter (keine Viehweiden) von fünf, zehn, zwanzig,
vierzig, fünfzig und sechszig Tausend Morgen, während die Normalgröße
in Dakotah HOO ooo Morgen beträgt. Der Grund ist klar. Er liegt in
der Anwendung von Maschinen auf den Ackerbau und in der allgemeinen
Tendenz, im großen zu produzieren. Dieselbe Tendenz, welche die
Fabrik mit ihrem cheere von Arbeitern an die Stelle vieler unabhängiger
chandweber setzt, fängt an, sich beim Ackerbau fühlbar zu machen.

Das Vorhandensein dieser Tendenz beweist zweierlei: erstens,
daß alle Maßregeln, die nur die größere Teilung des Grund und Bodens
gestatten oder erleichtern, wirkungslos fein müssen; und zweitens, daß
alle Maßregeln, welche dieselbe erzwingen wollten, eine chemmung der
Produktion zur Folge haben würden, wenn Land auf großen Gütern
billiger bebaut werden kann als auf kleinen, so wird die Beschränkung
auf Kleinbesitz die Gesamt-Güterproduktion verringern, und insofern
solche Beschränkungen angeordnet werden und in Wirksamkeit treten,
werden sie eine Verminderung der allgemeinen Produktivität der Arbeit
und des Kapitals bewirken.

Das Bemühen, durch solche Beschränkungen eine gerechtere Güter-
verteilung herzustellen, ist daher mit dem Nachteil verknüpft, daß sie
den zu verteilenden Betrag vermindern. Das Auskunftsmittel gleicht
dem des Affen, der, den Käse zwischen den Katzen teilend, die Sache
dadurch ausglich, daß er das dickste Stück abbiß.

Aber es ist nicht bloß dieser Einwand, der gegen jeden Vorschlag,
dem Grundbesitz Beschränkungen zu unterwerfen, mit einer Kraft in
die Wagschale fällt, die mit der Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßregel
nur noch zunimmt. Lin weiterer und ausschlaggebender Einwand ist
der, daß die Beschränkung das Ziel,welches zu erstreben allein der Mühe
lohnt, nämlich eine gerechte Verteilung des Ertrags, nicht erreicht. Die
Grundrente wird dadurch nicht geringer, und der Lohn kann also dadurch
nicht steigen. Die wohlhabenden Klassen können dadurch einen größeren
Umfang erhalten, aber die Lage der untersten Klasse wird dadurch nicht
verbessert werden können.

Wäre die unter dem Namen Ulsterpachtrecht bekannte Einrichtung
über ganz Großbritannien verbreitet, so würde sie nur darauf hinausgehen,
aus dem Besitz des Gutsherrn einen Besitz für den Pächter herauszu-
schneiden. Die Lage des Arbeiters wäre darum noch nicht eine Idee

George, Fortschritt und Armut.
        <pb n="255" />
        ﻿Das Heilmittel.

Buch VI.

2\2

besser. Wäre es den Gutsherren auch untersagt, von ihren Pächtern
eine Pachterhöhung zu fordern und solange die festgesetzte Pacht bezahlt
wird, sie auszusetzen, so würde doch die große Menge der Produzenten
nichts dadurch gewinnen. Die nationalökonornische Rente würde trotz-
dem zunehmen und den auf die Arbeit und das Kapital entfallenden
Anteil am Ertrage dennoch beständig vermindern. Der einzige Unter-
schied würde sein, daß die Pächter der anfänglichen Gutsherren ihrerseits
Gutsherren würden und ihrerseits durch die Vermehrung gewönnen.

wenn durch eine Beschränkung des den einzelnen gestatteten Grund-
besitzes, durch die Regulierung der testamentarischen Verfügungen und
der Erbfolge oder durch progressive Besteuerung die wenigen Tausende
von Grundbesitzern Großbritanniens um zwei oder drei Millionen ver-
mehrt würden, so würden diese zwei oder drei Millionen allerdings dabei
gewinnen. Aber die übrige Bevölkerung würde dabei nicht besser fahren.
Eie würde keinen größeren Anteil an den Vorteilen des Grundbesitzes
haben als vordem. Und wenn, was offenbar unmöglich ist, der Grund
und Boden unter die ganze Bevölkerung gleichmäßig verteilt und Ge-
setze erlassen würden, welche der Tendenz zur Konzentration dadurch
Schranken setzten, daß niemand mehr als die festgesetzte Menge besitzen
dürfte, was würde aus der Zunahme der Bevölkerung werden?

Was durch größere Teilung des Grund und Bodens zu erreichen ist,
kann man in denjenigen Gegenden Frankreichs und Belgiens sehen,
wo eine sehr weitgehende Teilung herrscht. Daß eine derartige Teilung
des Grund und Bodens im ganzen viel besser ist und dem Staate eine
weit festere Grundlage verleiht als diejenige, die in England herrscht,
darüber kann kein Zweifel bestehen. Aber daß sie die Löhne nicht erhöhü
und die Lage der Klasse nicht verbessert, welche nur ihre Arbeit hat,
ist ebenso klar. Diese französischen und belgischen Bauern üben eine so
strenge Sparsamkeit, wie sie kein englischsxrechendes Volk kennt. Und
wenn dort nicht so schlagende Anzeichen von Armut und Elend dev
untersten Klasse sichtbar sind, wie auf der anderen Seite des Kanals,
so muß dies, wie ich glaube, nicht bloß diesem, sondern auch einem anderen
Umstande zugeschrieben werden, welcher die Fortdauer der außerordent-
lichen Teilung des Grundbesitzes erklärt —daß nämlich dort der materielle
Fortschritt nicht so schnell vor sich gegangen ist.

Weder die Bevölkerung hat sich dort mit gleicher Schnelligkeit
vermehrt (sie war im Gegenteil fast stationär), noch waren die Verbesse-
rungen in den Produktionsmethoden so groß. Nichtsdestoweniger kon-
statiert kferr de Laveleye, der für den Kleinbesitz schwärmt und dessen
Zeugnis daher mehr Gewicht haben wird, als das englischer Beobachter,
bei denen man ein Vorurteil zugunsten des in ihrem Lande herrschenden
Systems voraussetzen könnte, Herr de Lavelezw konstatiert in seinem
vom Eobden-Klub gedruckten Artikel über die Landschsteme Belgiens
und Hollands, daß die Lage des Arbeiters unter diesem System äußerster
Teilung des Landes schlimmer ist als in England; die Pächter dagegen —
        <pb n="256" />
        ﻿Kap. I. Dis Unzulänglichkeit der gewöhnlich empfohlenen Heilmittel.	ZHZ

denn Pachtungen existieren in großem Maße auch da, wo die Zerstückelung
am größten ist — werden mit einer in England und selbst in Irland
unbekannten Unbarmherzigkeit geschraubt, und das Wahlrecht, „weit
entfernt, sie aus der sozialen Stufenleiter zu erheben, ist für sie nur eine
Ouelle der Kränkung und Erniedrigung, denn sie sind gezwungen, nach
den Vorschriften des Gutsherrn zu stimmen, anstatt den Vorschriften
ihrer eigenen Neigung und Überzeugung zu folgen".

während aber die Teilung des Grund und Bodens so nichts tun
kann, um die Übel des Landmonopols zu heilen, während sie keine Wir-
kung auf die Erhöhung der Löhne und aus die Verbesserung der Lage
der untersten Klassen ausüben kann, geht ihre Wirkung dahin, die An-
nahme oder auch nur Befürwortung durchgreifenderer Maßregeln zu
verhindern und das bestehende ungerechte System dadurch zu stärken,
daß eine größere Anzahl von Leuten an dessen Aufrechterhaltung in-
teressiert wird. Am Schluß des von mir zitierten Artikels empfiehlt
perr de Laveleye die größere Teilung des Grundbesitzes als sicherstes
Mittel, um die großen Grundbesitzer Englands vor etwas Radikalerem
zu schützen. Obgleich in den Gegenden, wo der Boden so außerordentlich
geteilt ist, die Lage des Arbeiters — wie er sagt — die schlechteste in Europa
ist und der Pächter von seinem Gutsherrn viel tiefer niedergedrückt wird
als der irländische Pächter, so „zeigen sich dennoch", fährt er fort, „keine
der Gesellschaftsordnung feindseligen Gefühle", weil

„der Pächter, obgleich durch das beständige Steigen der Pacht erdrückt, unter seines-
gleichen lebt, unter Bauern gleich ihm, die Pächter haben, welche sie genau ebenso
behandeln wie der große Landbesitzer den seinigen. Sein Vater, sein Bruder, viel-
leicht er selbst besitzt'etwa einen Morgen Land, den er so hoch verpachtet, wie er kann.
In den Wirtshäusern prahlen die Bauern mit den hohen Pachten, die sie für ihre
Ländereien erhalten, wie sie damit prahlen, ihre Schweine oder Kartoffeln hoch
verkauft zu haben. Die Pacht so hoch wie nur irgendmöglich zu treiben, scheint ihnen
daher etwas ganz Natürliches, und sie haben an den Grundbesitzern als Klasse, oder
an dem Grundeigentum nicht im Traum etwas auszusetzen. Ihr Geist verweilt nicht
bei dem Gedanken einer Kaste herrschender Gutsherren, „blutdürstiger Tyrannen",
die sich von dem Schweiße verarmter Pächter mästen und selbst nichts tun; denn die,
welche am härtesten drücken, sind nicht die großen Grundbesitzer, sondern ihre eigenen
Genossen. So bildet die Verteilung einer Anzahl kleiner Güter unter den Bauern
eine Art von wall und Schutz für die Eigentümer großer Landgüter, und der bäuerliche
Besitz kann ohne Übertreibung der Blitzableiter genannt werden, welcher von der
Gesellschaft Gefahren abwendet, die sonst zu gewaltsamen Katastrophen führen könnten.

Die Konzentration des Grund und Bodens in großen Gütern unter einer kleinen
Anzahl von Familien ist eine Art von Herausforderung an die Gesetzgebung zu nivel-
lieren. Die in vielen Beziehungen so beneidenswerte Lage Englands scheint mir in
dieser Hinsicht voller Gefahren für die Zukunft zu sein."

Mir dagegen scheint sie gerade aus dem Grunde, den Perr de Laveleye
geltend gemacht, voller Poffnung zu sein.

Geben wir nur getrost alle versuche auf, die Übel des Landmonopols
dadurch loszuwerden, daß wir den Grundbesitz mit Schranken umgeben.
Eine gleichmäßigere Verteilung des Grund und Bodens ist unmöglich
und alles, was darunter ist, würde nur eine Linderung, aber keine Peilung

H6*
        <pb n="257" />
        ﻿Das Heilmittel.

Buch VI.

244

fein und zwar eine Linderung, die die Anwendung einer Heilkur ver-
hindern würde. Ebensowenig sind ffeiltmiiel beachtenswert, die nicht
mit der natürlichen Richtung der sozialen Entwicklung zusammenfallen
und, sozusagen, mit der Strömung der Zeiten schwimmen. Daß die Kon-
zentration mit der natürlichen Entwicklung übereinstimmt, darüber
kann kein Zweifel sein — die Konzentration der Menschen in großen
Städten, der Gewerbe in großen Fabriken, des Transports durch Eisen-
bahnen und Dampferlinien und der ländlichen Arbeiter auf großen
Feldern. Selbst die unbedeutendsten Geschäftszweige werden auf die-
selbe Weise konzentriert — Gesellschaften beschäftigen Dienstleute und
befördern Reisetaschen. Alle Strömungen der Zeit laufen auf Konzen-
tration hinaus. Um ihr erfolgreich zu widerstehen, müßten wir den
Dampf ersticken und die Elektrizität aus dem menschlichen Dienst ent-
lassen.

Kapitel II.

Das wahre Heilmittel.

wir haben die ungleiche Güterverteilung, die der Fluch und die
Bedrohung der modernen Zivilisation ist, auf die Einrichtung des Privat-
eigentums an Grund und Boden zurückgeführt, wir haben gesehen,
daß, solange diese Einrichtung besteht, keine Vermehrung der Produktions-
kraft den Massen dauernd zugute kommen kann, sondern im Gegenteil
einen weiteren Druck auf ihre Lage bewirken muß. wir haben, außer der
Abschaffung des Privatgrundbesitzes, alle Heilmittel geprüft, die man
gewöhnlich behufs Erleichterung der Armut und besserer Verteilung der
Güter empfiehlt und haben sie sämtlich unwirksam oder unausführbar
befunden.

Es gibt nur einen weg, ein Abel zu entfernen und der ist, dessen
Ursache zu beseitigen. Die Armut wird tiefer, je mehr der Reichtum
zunimmt, und die Löhne werden niedergehalten, während die Produk-
tionskraft wächst, weil das Land, welches die Quelle aller Güter und das
Feld aller Arbeit ist, monopolisiert wird. Um die Armut auszurotten,
um die Löhne zu dem zu machen, was sie von Rechts wegen sein sollten,
zum vollen Ertrag der Arbeit, müssen wir daher an die Stelle des indivi-
duellen Grundbesitzes den gemeinsamen Besitz setzen. Nichts anderes
wird bis zur Ursache des Übels reichen, in nichts anderem sonst ist die
geringste Hoffnung.

Dies also ist das Heilmittel für die ungerechte und ungleiche Güter-
verteilung der modernen Zivilisation und für all die Übel, die daraus
entspringen:

Wir. müssen den Grund und Boden zum Ge-
meingut machen.
        <pb n="258" />
        ﻿Kap. II.

Das wahre Heilmittel.

245

wir haben diesen Schluß durch eine Untersuchung erreicht, in
der jeder Schritt bewiesen und sichergestellt wurde. In der Rette der
Beweisführung fehlt kein Glied und ist kein Glied hinfällig. Deduktion
und Induktion haben uns zu derselben Wahrheit geführt, daß der un-
gleiche Besitz von Grund und Boden die ungleiche Verteilung der Güter
notwendig macht. Und da nach der Natur der Dinge ungleicher Grund-
besitz von der Anerkennung des individuellen Grundbesitzes unzertrenn-
lich ist, so folgt notwendig, daß das einzige Heilmittel für die ungerechte
Güterverteilung darin liegt, das Land zum Gemeingut zu machen.

Allein dies ist eine Wahrheit, die in dem gegenwärtigen Zustand
der Gesellschaft den bittersten Antagonismus erregen wird und ihren
weg Zoll für Zoll erkämpfen muß. Ls wird daher nötig sein, den Ein-
würfen derjenigen zu begegnen, welche, wenn sie auch die Wahrheit
selbst zugeben müssen, dennoch erklären werden, daß sie praktisch unaus-
führbar fei.

Tun wir dies, so werden wir unsere bisherige Beweisführung
einer neuen, und zwar einer Feuerprobe unterwerfen. Lbenfo wie
man die Addition durch die Subtraktion, und die Multiplikation durch
die Division prüft, fo können wir durch die Erprobung der Zulänglich-
keit des Heilmittels auch die Richtigkeit unserer Schlüsse betreffs der
Ursache des Übels erproben.

Die Gesetze des Weltalls sind harmonisch. Und wenn das Heil-
mittel, auf das wir geleitet wurden, das wahre ist, so muß es sich mit
der Gerechtigkeit vertragen; es muß der Ausführung fähig fein; es muß
mit den Tendenzen der sozialen Entwicklung übereinstimmen und mit
anderen Reformen im Einklang stehen.

Alles dies gedenke ich zu beweisen. Ich beabsichtige allen praktischen
Einwendungen, die erhoben werden könnten, zu begegnen und zu zeigen,
daß diese einfache Maßregel nicht bloß leicht einzuführen, sondern daß
sie ein ausreichendes Heilmittel für alle Übel ist, welche in dem Maße,
wie der moderne Fortschritt vorangeht, aus der immer größeren Un-
gleichheit der Güterverteilung entstehen — daß sie die Gleichheit an die
5telle der Ungleichheit, den Überfluß an die des Mangels, die Gerechtig-
keit an die der Ungerechtigkeit, die soziale Rraft an die der Schwäche
setzen und den weg zu noch größeren und noch edleren Fortschritten
der Zivilisation öffnen wird.

Auf diese Art gedenke ich zu zeigen, daß die Gesetze des Weltalls
nicht die natürlichen Regungen des menschlichen Herzens verleugnen;
daß der Fortschritt der Gesellschaft auf Gleichheit gerichtet sein kann,
und wenn er dauern soll, darauf gerichtet sein muß, und daß die ökono-
mischen Harmonien die von dem Kaiserlichen Stoiker begriffene Wahrheit
beweisen:

wir sind zum Zusammenwirken geschaffen, wie
die Füße, die Hände, die Augenlider, die Reihen
der oberen und der unteren Zähne.
        <pb n="259" />
        ﻿Buch VII.

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

„Die Gerechtigkeit ist ein Verhältnis der zwischen zwei Dingen faktisch be-
stehenden Übereinstimmung. Dieses Verhältnis ist stets dasselbe, welches Wesen
es auch betrachte, ob es Gott sei, oder ein Engel, oder endlich ein Mensch.

Montesquieu.

Kapitel I.

Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes.

Wenn in Vorschlag gebracht wird, den Privatgrundbesitz abzu-
schaffen, so ist die erste Frage, die entsteht, die der Gerechtigkeit. Ob-
gleich durch Gewohnheit, Aberglauben und Selbstsucht oft in die ver-
zerrtesten formen verdreht, so liegt doch das Gerechtigkeitsgefühl tief
inr menschlichen Geiste, und bei jedem Streite, der die Leidenschaften
aufregt, wird der Konflikt mehr um die Frage: „Vst es recht?" als um
die Frage: „Vst es weise?" toben.

Diese Tendenz der volkstümlichen Erörterungen, eine ethische
Form anzunehmen, ist nicht ohne Grund. Sie entspringt einem Gesetze
des menschlichen Geistes; sie beruht auf einer unbestimmten und instink-
tiven Anerkennung wohl der tiefsten Wahrheit, die wir zu fassen ver-
mögen. Weise ist nur, was gerecht, von Dauer nur, was recht ist. Nach
dem engen Maßstabe individueller Handlungen und individuellen Lebens
mag diese Wahrheit oft verdunkelt sein, aber auf dem weiteren Felde
des nationalen Lebens tritt sie allenthalben hervor.

Vch beuge mich diesem Schiedsspruch und nehme diese probe an.
wenn unsere Untersuchung der Ursache, welche niedrige Löhne und
Pauperismus zu den Begleitern des materiellen Fortschritts macht,
uns zu einem richtigen Schlüsse geführt hat, so wird derselbe die Über-
tragung aus dem Gebiete der Nationalökonomie in das der Ethik ver-
tragen und als Ursprung der sozialen Übel ein Unrecht aufdecken. Tut
er das nicht, so ist er widerlegt. Tut er es, so ist er durch die letzte Ent-
scheidung bewiesen. Vst das Privateigentum am Grund und Boden
        <pb n="260" />
        ﻿Aap. I.	Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes.	2^7

gerecht, so ist das von mir vorgeschlagene Heilmittel falsch; ist es dagegen
ungerecht, dann ist dies Peilmittel das richtige.

Was bildet die rechtmäßige Basis des Eigentums? was ist es,
das einen Menschen mit Recht von einem Dinge sagen läßt, „es ist mein"?
Woraus entspringt das Gefühl, welches sein ausschließliches Recht vor
der ganzen Welt anerkennt? Ist es nicht in erster Linie das Recht der
Menschen auf sich selbst, auf seine Gaben, auf den Genuß der Früchte
seiner Anstrengungen? Ist es nicht dies individuelle Recht, welches den
natürlichen Tatsachen der individuellen Organisation entspringt und durch
sie beglaubigt wird — durch die Tatsache, daß jedes Paar pände einem
besonderen pirn gehorchen und mit einem besonderen Magen in Ver-
bindung stehen; die Tatsache, daß jeder Mensch ein bestimmtes, zusammen-
hängendes, unabhängiges Ganzes bildet —ist es nicht dieses individuelle
Recht, was allein den individuellen Besitz rechtfertigt? Wie ein Mensch
sich angehört, so gehört ihm seine in konkrete Form gebrachte Arbeit.

Und aus diesem Grunde ist das, was ein Mensch macht oder erzeugt,
sein eigen, und ihm allein steht gegen die ganze Welt das Recht zu, es
zu genießen oder zu zerstören, es zu gebrauchen, zu tauschen oder fort-
zugeben. Niemand anders kann es rechtmäßigerweise beanspruchen,
und sein ausschließliches Recht darauf schließt kein Unrecht gegen sonst
jemand ein. Somit besteht für alles durch menschliche Anstrengung
Erzeugte ein klares und unbestreitbares Anrecht auf ausschließlichen
Besitz und Genuß, welches vollkommen mit der Gerechtigkeit vereinbar
ist, da es von dem ursprünglichen Erzeuger herrührt, den das Gesetz der
Natur damit bekleidet hat. Die Feder, mit der ich schreibe, ist gerechter-
weise die meine. Rein anderer Mensch kann rechtmäßigen Anspruch
darauf machen, denn auf mich ist das Anrecht des Erzeugers, der sie
machte, übergegangen. Sie ist mein geworden, weil sie auf mich von dem
Händler gekommen ist, dem sie von dem Importeur übertragen wurde,
der von dem Fabrikanten das ausschließliche Recht darauf erhielt, nach-
dem letzerem, durch den gleichen Raufprozeß, die Rechte derer, welche
das Material aus der Erde hervorgeholt und zu einer Feder geformt
hatten, abgetreten waren. So entspringt mein ausschließliches Besitz-
recht auf die Feder dem natürlichen Rechte des Individuums auf den
Gebrauch seiner Fähigkeiten.

Dies ist nicht allein die ursprüngliche Ouelle, aus der alle Begriffe
eines ausschließlichen Besitzes entstehen — wie aus der natürlichen
Tendenz des Geistes, sich zu ihr zu wenden, sobald der Gedanke des
ausschließlichen Besitzes in Frage gestellt wird, sowie aus der Art und
Weise erhellt, in welcher sich die sozialen Beziehungen entwickeln —,
sondern es ist notwendig auch die einzige Ouelle. Ls kann keinen recht-
mäßigen Besitztitel auf irgend etwas geben, der nicht von dem Besttztitel
des Produzenten abgeleitet ist und nicht auf dem natürlichen Rechte des
Menschen auf sich selbst beruht. Ls kann keinen anderweitigen rechtmäßigen
Besitztitel geben, weil es kein anderes natürliches Recht gibt, von dem
        <pb n="261" />
        ﻿Buch VII.

2^8	Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

ein anderer Titel abgeleitet werden könnte, und 2. weil die Anerkennung
eines anderen Besitztitels mit diesem unvereinbar ist und denselben auf-
beben würde.

Denn welches andere Recht besteht, von dem das Recht auf den
ausschließlichen Besitz irgendeines Dinges abgeleitet werden könnte,
als das Recht des Menschen auf sich selbst? Mit welch anderer Macht
ist der Mensch von der Natur bekleidet als der Macht, seine eigenen Fähig-
keiten zu gebrauchen? Me kann er in anderer Meise auf materielle
Dinge oder auf Menschen wirken oder Einfluß ausüben? Man lähme
die Bewegungsnerven, und der Mensch hat nicht mehr äußerlichen
Einfluß oder mehr Macht als ein Block oder Stein, von was sonst könnte
denn das Recht, Dinge zu besitzen und zu beherrschen, abgeleitet werden?
Wenn es nicht aus dem Menschen selbst entspringt, wo könnte es sonst
wohl entspringen? Die Natur erkennt keinen Besitz oder keine Herrschaft
in dem Menschen an, außer als Ergebnis der Arbeit. Auf keine andere
Weise können ihre Schätze gehoben, ihre Kräfte geleitet oder ihre Eigen-
schaften benutzt und beherrscht werden. Sie macht unter den Menschen
keinen Unterschied, sondern ist gegen alle vollständig unparteiisch. Sie
kennt keine Unterscheidung zwischen Herrn und Sklaven, König und
Untertan, Heiligen und Sündern. Alle Menschen stehen zu ihr auf
gleichem Fuß und haben gleiche Rechte. Sie erkennt keinen Anspruch
als den der Arbeit an und erkennt diesen ohne Ansehen der Person an.
wenn der Seeräuber seine Segel ausspannt, so wird der wind sie so
gut füllen wie die eines friedlichen Kauffahrteifahrers oder einer Mif-
fionärbarke; ob ein König oder ein gewöhnlicher Erdenmenfch über Bord
fällt, beide können ihren Kopf nur durch Schwimmen über Wasser
halten; die Vögel werden sich dem Grundbesitzer nicht schneller zum
Schuß darbieten wie dem Wilddiebe; die Fische beißen an oder nicht,
ohne den geringsten Unterschied zu machen, ob der Angelhaken ihnen von
einem artigen kleinen Buben, der in die Schule geht, oder von einem
herumlungernden Schlingel präsentiert wird; das Korn wird nur wachsen,
wenn der Boden bereitet und die Saat gesäet ist; nur auf Geheiß der
Arbeit kann das Erz aus der Mine gehoben werden; die Sonne scheint
und der Regen fällt über Gerechte und Ungerechte. Die Gesetze der
Natur sind die Anordnungen des Schöpfers. Es steht in ihnen keine An-
erkennung irgendeines Rechtes geschrieben, als desjenigen der Arbeit,
aber groß und deutlich steht in ihnen das gleiche Recht aller auf den Ge-
brauch und Genuß der Natur geschrieben, das Recht, Arbeit auf sie zu
verwenden und ihren Lohn zu empfangen und zu besitzen. Darum weil
die Natur nur der Arbeit Geschenke macht, ist die Betätigung der Arbeit
in der Produktion der einzige Titel auf ausschließlichen Besitz.

2. Dies der Arbeit entspringende Besitzrecht schließt die Möglichkeit
jedes anderen Besitzrechts aus. Wenn ein Mensch das Recht auf das
Erzeugnis seiner Arbeit hat, so kann niemand ein Recht auf etwas haben,
was nicht das Produkt seiner Arbeit oder der auf ihn übergegangenen
        <pb n="262" />
        ﻿Kap. I.	Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes.

Arbeit eines anderen ist. Wenn die Produktion dein Produzenten
das Recht auf ausschließlichen Besitz und Genuß gibt, so kann es recht-
mäßig keinen exklusiven Besitz oder Genuß von etwas geben, das nicht
das Produkt der Arbeit ist, und die Anerkennung privaten Grundeigen-
tums ist ein Anrecht. Denn das Recht auf das Erzeugnis der Arbeit
kann nicht ohne das Recht aus den freien Gebrauch der von der Natur
gebotenen Vorteile genossen werden, und ein Besitzrecht auf diese an-
erkennen, heißt soviel als das Besitzrecht aus das Arbeitszeugnis leugnen.
Wenn Nichtproduzenten einen Teil der von den Produzenten geschaffenen
Güter als Rente beanspruchen können, so ist das Recht letzterer auf die
Früchte ihrer Arbeit um so viel verkürzt.

Diesem Satze kann man nicht entrinnen. Wer behauptet, daß ein
Mensch rechtmäßig ausschließlichen Besitz aus seine, in materiellen Dingen
verkörperte Arbeit beanspruchen kann, der bestreitet auch, daß irgend
jemand rechtmäßig einen ausschließlichen Besitz am Grund und Boden
beanspruchen kann. Die Rechtmäßigkeit des Grundbesitzes bejahen,
heißt einen Einspruch bejahen, der aus die Organisation des Menschen
und die Gesetze des materiellen Weltalls begründet ist.

Was das Anerkenntnis der Ungerechtigkeit des privaten Grund-
besitzes am meisten verhindert, ist die Gewohnheit, alle Dinge, die zum
Gegenstand des Besitzes gemacht werden, in eine einzige Eigentums-
kategorie zu verweisen, oder, wenn ein Unterschied gemacht wird, die
Tinte, gemäß der unlogischen Unterscheidung der Juristen, zwischen per-
sönlichem Eigentum und Grundbesitz, oder beweglichen und unbeweglichen
Dingen zu ziehen. Die wahre und natürliche Unterscheidung ist die
Zwischen Dingen, die das Erzeugnis der Arbeit, und Dingen, die freie
Gaben der Natur sind; oder, um die Ausdrücke der Nationalökonomie
anzuwenden, zwischen Gütern und Grund und Boden.

Diese beiden Kategorien sind in wesen und Verhältnissen weit
verschieden, und sie als Eigentum zusammenzuwerfen, heißt alles Denken
über Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, Recht oder Unrecht des Eigentums
verwirren.

Lin paus und das Grundstück, auf welchem es steht, sind gleicher-
maßen Eigentum, da sie der Gegenstand eines Besitzes sind, und werden
von den Juristen gleichmäßig unter den Grundbesitz eingereiht. Den-
noch weichen sie an Natur und Verhältnissen weit voneinander ab.
Das eine ist durch menschliche Arbeit hervorgebracht und gehört zu der,
in der Nationalökonomie Güter benannten Kategorie. Das andere ist
ein Teil der Natur und gehört zu der, in der Nationalökonomie Grund
und Boden benannten Kategorie.

Die wesentliche Eigenschaft der einen Kategorie von Dingen ist,
i^aß sie Arbeit verkörpern und durch menschliche Anstrengung geschaffen
worden sind, daß ihr Dasein oder Nichtdasein, ihre Vermehrung oder
Verminderung vom Menschen abhängt. Die wesentliche Eigenschaft
ver anderen Kategorie ist, daß sie keine Arbeit verkörpern und unabhängig
        <pb n="263" />
        ﻿250

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

von menschlicher Anstrengung, unabhängig vom Menschen bestehen;
sie sind das Feld oder die Umgebung, worin der Mensch sich befindet;
das Vorratshaus, aus dem seine Bedürfnisse befriedigt werden müssen;
das Rohmaterial, auf welches, und die Kräfte, mit welchen seine Arbeit
allein wirken kann.

Sobald dieser Unterschied erkannt ist, sieht man auch, daß die Billi-
gung, welche die natürliche Gerechtigkeit der einen Art von Besitz er-
teilt, der anderen versagt wird; daß die Rechtmäßigkeit, welche dem
individuellen Eigentum an dem Produkt der Arbeit beiwohnt, die Un-
rechtmäßigkeit des individuellen Grundbesitzes involviert; daß, während
die Anerkennung des einen alle Menschen auf gleichen Fuß stellt und
jedem den gebührenden Lohn seiner Arbeit sichert, die Anerkennung
des anderen die Verleugnung der gleichen Menschenrechte ist und denen,
die nicht arbeiten, gestattet, den natürlichen Lohn derer, die arbeiten,
an sich zu nehmen.

was man daher auch für die Einrichtung des privaten Grund-
eigentums sagen möge, es ist klar, daß sie nicht vom Standpunkte der
Gerechtigkeit aus verteidigt werden kann.

Das gleiche Recht aller Menschen auf den Gebrauch des Landes
ist so klar wie ihr gleiches Recht die Luft zu atmen, es ist ein durch bloße
Tatsache ihres Daseins verbürgtes Recht. Denn wir können nicht annehmen,
daß einige Menschen ein Recht haben auf der Welt zu sein und andere
nicht!

Sind wir alle hier durch gleiche Erlaubnis des Schöpfers, so sind
wir auch alle hier mit einem gleichen Rechtstitel auf den Genuß seiner
Gaben, mit einem gleichen Rechte auf den Gebrauch von allem, was
die Natur so unparteiisch darbietet*). Dies ist ein Recht, das natürlich
und unveräußerlich ist; es ist ein Recht, daß jedem Menschen mit seinem

*) Wenn ich sage, daß der private Grundbesitz in letzter Instanz nur durch die Theorie
gerechtfertigt werden könnte, daß einige Menschen ein besseres Anrecht auf das Dasein
haben als andere, konstatiere ich nur, was die Fürsprecher des bestehenden Systems selbst
eingesehen haben. Mas Malthus seine Popularität unter den herrschenden Klassen ver-
schaffte, was sein unlogisches Buch wie eine neue Offenbarung aufgenommen werden
ließ, Souveräne veranlaßte, ihm Orden zu senden und die geizigsten Reichen Englands,
ihm ein Einkommen anzubieten, das war der Umstand, daß er einen scheinbaren Grund
für die Annahme lieferte, daß einige ein besseres Recht auf das Dasein hätten als andere,
eine Annahme, die für die Rechtfertigung des privaten Grundbesitzes nötig ist und die
Malthus unverblümt in der Erklärung kundgibt, daß die Tendenz der Volksvermehrung
beständig darauf hinausgehe, menschliche Mesen in die Welt zu setzen, für die zu sorgen
sich die Natur weigere und die somit „nicht das geringste Recht auf irgendeinen Anteil
an dem vorhandenen Vorrat von Lebensbedürfnissen haben", denen sie als Bönhasen
die Türe zeigt, und die nicht zaudert, „ihren Mandaten mit Gewalt Gehorsam zu er-
zwingen", indem sie zu dem Ende „punger und Pestilenz, Krieg und Verbrechen, Sterb-
lichkeit und Vernachlässigung des Kindeslebens, Prostitution und Syphilis anwendet".
Und heute ist diese Malthussche Lehre die letzte Verteidigung, auf welche die, welche den
privaten Grundbesitz rechtfertigen, verfallen. Auf keine andere Meise kann derselbe logisch
verteidigt werden.
        <pb n="264" />
        ﻿Kap. I.	Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes. -

Eintritt in die Welt verliehen wird und das während seiner Anwesenheit
aus derselben nur durch die gleichen Rechte anderer beschränkt werden
kann. Es gibt in der Natur nichts wie ein absolutes Freilehn an Grund
und Boden. Reine Macht aus Erden kann rechtmäßigerweise ausschließ-
lichen Grundbesitz verleihen, wenn sich auch alle vorhandenen Menschen
darüber einigten, ihre gleichen Rechte wegzugeben, so könnten sie doch
nicht das Recht ihrer Nachkommen weggeben. Weshalb sind wir nur
Nutznießer sür einen Tag? paben wir die Erde geschaffen, daß wir den
Rechten derer vorgreifen dürsten, die nach uns daraus wohnen werden?
Der Allmächtige, der die Erde sür den Menschen und den Menschen
für die Erde schuf, hat alle Generationen der Menschenkinder durch ein
auf der Verfassung aller Dinge geschriebenes Dekret zur Erbfolge be-
stimmt, ein Dekret, dem keine menschliche Handlung einen Riegel vor-
schieben, das keine Vorschrift beschränken kann. Ls mag der Pergamente
noch so viele geben, der Besitz noch so lange gedauert haben, die natürliche
Gerechtigkeit kann einem Menschen kein Recht auf den Besitz und Genuß
von Land zuerkennen, das nicht gleichmäßig auch das Recht aller seiner
Mitmenschen wäre. Obgleich dem Herzog von westminster seine Besitz-
titel von Generation zu Generation bewilligt wurden, so hat doch das
ärmste Rind, das heute in London geboren wird, ebensoviel Recht auf
dessen Grundbesitz wie sein ältester Sohn*). Obgleich das souveräne
Volk des Staates New Hork den Grundbesitz der Astors zugibt, so erhält
doch der Säugling, der in dem schmutzigsten Raum der elendesten Miets-
kaserne wimmernd in die Welt tritt, von demselben Augenhlick an ein
gleiches Recht daraus, wie der Millionär. Und er wird enteignet, wenn
ihm dieses Recht bestritten wird.

Unsere früheren Schlüsse, die an sich unwiderleglich sind, werden
so durch die höchste und letzte Probe erhärtet. Aus der Sphäre der
Nationalökonomie in die der Ethik hinübergeführt, zeigen sie ein Unrecht
als die Ouelle der Übel, die mit dem materiellen Fortschritt zunehmen.

Die Massen, welche inmitten des Überflusses Mangel leiden, welche,
mit politischer Freiheit ausgestattet, zu dem Lohne der Sklaverei ver-
dammt sind, denen arbeitersparende Erfindungen keine Erleichterung
der Mühsal bringen, sondern die dadurch vielmehr eines Vorrechts

*) Dieses natürliche und unveräußerliche Recht auf den gleichen Gebrauch und
Genuß des Grund und Bodens ist so klar, daß es von den Menschen stets anerkannt wird,
wo Macht und Gewohnheit ihre Auffassungen nicht abgestumpft hat. Um nur ein Beispiel
anzuführen: die weißen Ansiedler in Neu-Seeland fanden es unmöglich, von den Maoris
einen nach Ansicht der letzteren genügenden Grundbesitztitel zwerlangen, weil selbst in dem
Kalle, daß ein ganzer Stamm in den verkauf willigte, sie trotzdem bei der Geburt jedes
neuen Kindes unter ihnen eine weitere Zahlung beanspruchten auf den Grund hin, daß
sie wohl ihre eigenen Rechte abtreten, aber nicht die der Ungeborenen verkaufen könnten.
Die Regierung war genötigt einzugreifen und die Sache dadurch zu ordnen, daß sie Land
für eine dem Stamme zuzahlende Fahresrente kaufte, an der jedes neugeborene Kind
einen Anteil erlangt.
        <pb n="265" />
        ﻿252

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.	Buch VII.

beraubt zu werden scheinen, sie fühlen instinktmäßig, daß „etwas faul
ist". Und sie haben recht.

Die weit verbreiteten sozialen Übel, welche inmitten einer vor-
schreitenden Zivilisation die Menschen überall drücken, entspringen
einem großen, ursprünglichen Unrechte — der Aneignung des Landes,
auf dem und von dem alle leben müssen, als ausschließlichen Besitz
einiger Menschen. Aus dieser fundamentalen Ungerechtigkeit fließen
alle die Ungerechtigkeiten, welche die moderne Entwicklung verdrehen
und gefährden, welche den Produzenten der Güter zur Armut ver-
urteilen und den Nichtxroduzenten in Luxus schwelgen lassen, welche
die Mietskasernen neben dem Palast aufbauen, das Bordell in den
Schatten der Kirche pflanzen und uns zwingen, ebenso viele Gefängnisse
zu errichten, wie wir neue Schulen eröffnen.

Es ist nichts Seltsames oder Unerklärliches in den Erscheinungen,
welche jetzt die Welt in Bestürzung versetzen. Nicht weil der materielle
Fortschritt nicht an sich gut wäre; nicht weil die Natur Kinder ins Dasein
rief, für die zu sorgen sie verabsäumte; nicht weil der Schöpfer auf den
Naturgesetzen einen Schandfleck der Ungerechtigkeit ließ, vor dem selbst
der menschliche Geist sich empört, nicht darum trägt der materielle
Fortschritt so bittere Früchte. Daß inmitten unserer höchsten Zivilisation
Menschen vor Mangel umsinken und sterben, liegt nicht an der Kargheit
der Natur, sondern an der Ungerechtigkeit des Menschen. Laster und
Elend, Dürftigkeit und Pauperismus sind nicht die unabänderlichen
Ergebnisse der Bevölkerungszunahme und industriellen Entwicklung;
sie folgen nur der Bevölkerungszunahme und industriellen Entwicklung,
weil der Grund und Boden als Privatbesitz behandelt wird — sie sind
die direkten und notwendigen Resultate der Übertretung des höchsten
Gesetzes der Gerechtigkeit, die darin liegt, daß einigen Menschen der
ausschließliche Besitz dessen verliehen wurde, was die Natur für die
ganze Menschheit bestimmt hat.

Die Anerkennung des Besitzrechtes einzelner am Grund und Boden
ist die Leugnung der natürlichen Rechte anderer Menschen — sie ist ein
Unrecht, das sich in der ungleichen Verteilung der Güter zeigen m u ß. Denn
da die Arbeit nicht ohne Benutzung von Grund und Boden produzieren
kann, so ist die Verweigerung gleichen Rechtes auf dessen Gebrauch not-
wendig die Verweigerung des Rechtes der Arbeit auf ihr Produkt.
Wenn ein Mensch über den Grund und Boden verfügen kann, auf dem
andere arbeiten müssen, so kann er sich das Erzeugnis ihrer Arbeit als
Preis seiner Erlaubnis zum Arbeiten aneignen. Das fundamentale
Gesetz der Natur, daß ihre Gaben dem Menschen infolge seiner An-
strengung gehören sollen, wird so verletzt. Der eine empfängt, ohne
zu produzieren, der andere produziert, ohne zu empfangen. Der eine
wird ungerechterweise bereichert, die anderen werden beraubt. Auf
dieses fundamentale Unrecht haben wir die ungerechte Güterverteilung
zurückgeführt, die die moderne Gesellschaft in die sehr Reichen und in
        <pb n="266" />
        ﻿253

Kap. I.	Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes.

die ganz Armen teilt. Es ist die unaufhörliche Steigerung der Grund-
rente, der Preis, den die Arbeit für die Benutzung des Landes zu zahlen
gezwungen ist, was die vielen um die Güter bringt, die fie ehrlich ver-
dienen, um dieselben in den fänden der wenigen, die nichts für deren
Gewinnung tun, aufzuhäufen.

warum fällten die, welche unter dieser Ungerechtigkeit leiden,
zögern, ihre Aufhebung zu verlangen? wer sind die Grundeigen-
tümer, daß ihnen so gestattet sein sollte, zu ernten, wo sie nicht gesäet
haben?

Man erwäge einen Augenblick die völlige Absurdität der Besitz-
titel, kraft welcher wir das Recht auf ausschließlichen Besitz der Erde
ernsthaft von bsinz auf Kunz übergehen lassen und ihm die absolute
Herrschaft über alle anderen verleihen. In Kalifornien gehen die Grund-
besitzrechte zurück auf die Regierung Mexikos, auf die sie von dem
spanischen Könige übergingen, der sie vom Papste übernahm, als dieser
mit einem Federstriche noch erst zu entdeckende Länder unter die Spanier
und Portugiesen verteilte — oder sie beruhen, wenn man will, auf
dem Rechte der Eroberung. In den östlichen Staaten gehen sie zurück
auf Verträge mit den Indianern und Verleihungen der englischen
Könige; in Louisiana auf die Regierung von Frankreich; in Florida
auf die Regierung von Spanien, während sie in England auf die nor-
mannischen Eroberer zurückgehen. Allenthalben nicht auf ein Recht,
welches verpflichtet, sondern aus eine Gewalt, welche zwingt. Und
wenn ein Rechtstitel nur auf Gewalt beruht, so kann man nicht darüber
klagen, falls die Gewalt ihn für nichtig erklärt. Sobald das Volk die
Macht dazu hat und die Aufhebung dieser Titel beschließt, kann im
Namen der Gerechtigkeit kein Einwand dagegen erhoben werden. Es
hat Menschen gegeben, welche die Macht hatten, sich Teile der Erd-
oberfläche anzueignen oder anderen den ausschließlichen Besitz daran
zu verleihen, aber wann und wo existierte der Mensch, der das Recht
dazu hatte?

Das Recht auf den ausschließlichen Besitz eines menschlichen Pro-
dukts ist klar. Einerlei, durch wie viele Hände dasselbe gegangen, am
Anfang der Reihe war menschliche Arbeit da — jemand, der es durch
feine Anstrengungen beschafft oder hervorgebracht und der ganzen übrigen
Menschheit gegenüber einen klaren Besitztitel darauf hatte, welcher
sehr wohl durch Kauf oder Schenkung an einen anderen übergehen
konnte. Aber am Ende welcher Reihenfolge von Übertragungen oder
Schenkungen kann ein gleicher Titel aus irgendeinen Teil des materiellen
Weltalls bewiesen oder angenommen werden? Auf Meliorationen
kann ein solcher Titel nachgewiesen werden, aber es ist nur ein Titel
auf Meliorationen und nicht auf das Land selbst. Wenn ich einen Wald
abholze, einen Sumpf austrockne oder einen Morast ausfülle, so ist
alles, was ich gerechterweise beanspruchen kann, der durch diese An-
strengungen verliehene wert. Dieselben geben mir kein Recht auf das
        <pb n="267" />
        ﻿Buch VII.

25^	Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Land selbst, keinen anderen Anspruch, als den aus meinen, mit sedem
anderen Mitglieds der Gesellschaft gleichen Anteil an dem werte, der
dem Grund und Boden durch die Entwicklung der Gesellschaft hinzu-
gefügt wird.

Doch man wird sagen: Es gibt Meliorationen, die mit der Zeit
nicht mehr von dem Grund und Boden unterschieden werden können.
Sehr wohl, dann wird das Recht auf die Meliorationen mit dem Recht
auf den Grund und Boden vermischt; das individuelle Recht geht in
dem gemeinen Rechte verloren. Das Größere verschlingt das Kleinere,
nicht aber das Kleinere das Größere. Die Natur geht nicht vom Menschen
aus, sondern der Mensch von der Natur, und in ihren Busen müssen er
und alle seine Werke zurückkehren.

Oder man sagt vielleicht: Da jeder Mensch ein Recht auf den
Gebrauch und Genuß der Natur hat, so muß demjenigen, welcher
Land gebraucht, das ausschließliche Recht darauf zugestanden werden,
damit er den vollen Nutzen aus seiner Arbeit erlangen kann. Es ist
jedoch nicht schwierig, zu bestimmen, wo das individuelle Recht aufhört
und das allgemeine ansängt. Eine seine und genaue Probe wird durch
den wert geboten, und wie dicht auch die Bevölkerung werde, mit
seiner Pilse ist es nicht schwer, das genaue Recht eines jeden und die
gleichen Rechte aller zu bestimmen und zu sichern. Der preis des Grund
und Bodens ist, wie wir gesehen haben, der Preis des Monopols. Nicht
die absoluten, sondern die relativen Fähigkeiten des Grund und Bodens
bestimmen dessen Preis. Grund und Boden, der nicht besser als anderer
ist, den man zur Benutzung frei hat, kann keinen preis haben, welche
inneren Eigenschaften er auch besitzen mag. Und der Preis des Grund
und Bodens bemißt stets den Unterschied zwischen demselben und dem
besten, der zur Benutzung zu haben ist. So drückt der Preis des Grund
und Bodens in genauer und handgreiflicher Form das Recht der Gesell-
schaft auf das von einem einzelnen in Besitz genommene Land aus;
und die Grundrente drückt den genauen Betrag aus, welchen der einzelne
der Gesellschaft zahlen müßte, um die gleichen Rechte aller anderen
Mitglieder derselben zu befriedigen, wenn wir somit den ungestörten
Gebrauch des Landes demjenigen zugestehen, der die Priorität des
Besitzes geltend machen kann und die Rente zugunsten der Gesellschaft
konfiszieren, so versöhnen wir die wegen der vorzunehmenden Ver-
besserungen notwendige Stetigkeit des Besitzes mit einer vollen und
ganzen Anerkennung der gleichen Rechte aller auf den Gebrauch des
Landes.

was die Folgerung eines vollständigen und ausschließlichen indivi-
duellen Rechtes auf Land aus der Priorität des Besitzes anbetrifft,
so ist dies, wenn möglich, der unsinnigste Grund, mit welchem Grund-
eigentum verteidigt werden kann. Die Priorität des Besitzes sollte ein
ausschließliches und immerwährendes Anrecht auf die Oberfläche der
Erde gewähren, auf der, nach der Ordnung der Natur, zahllose Genera-
        <pb n="268" />
        ﻿Die Ungerechtigkeit des Privatgrundbesitzes.

255

Kap. I.

tionen aufeinander folgen! Hatten die Menschen der letzten Generation
oder die Menschen vor hundert oder vor tausend Jahren ein besseres
Recht auf den Gebrauch dieser Welt als wir heutigen? Oder hatten es
die Höhlenbewohner oder die Lrdgräber, die Zeitgenossen des Mastodons
und des dreizehigen Pferdes, oder die noch weiter zurückliegenden
Generationen, die in dunkelen Zeitaltern, welche wir nur als geologische
Perioden denken können, einander auf der Erde folgten, welche jetzt
wir für unseren kurzen Tag bewohnen?

Hat der Erstkommende bei einem Festmahle das Recht, alle Stühle
umzuwenden und zu beanspruchen, daß keiner der anderen Gäste eher
am Mahle teilnehme, als bis sie sich mit ihm verständigt haben? Er-
wirbt der Mann, der zuerst sein Billett am Theater abgibt und hinein-
geht, durch seine Priorität das Recht, nun die Türen zu schließen und die
Vorstellung für sich allein vor sich gehen zu lassen? Erlangt der erste
Passagier, der einen Eisenbahnwagen betritt, das Recht, sein Gepäck
über alle Sitze auszubreiten und die nach ihm kommenden Passagiere
dadurch zum Stehen zu zwingen?

Die Fälle sind vollkommen gleich. Wir kommen und gehen als
Gäste bei einem stets gedeckten Mahle; als Zuschauer und Teilhaber
an einer Unterhaltung, bei der für alle, die kommen, Platz ist; als Passa-
giere von Station zu Station, auf einer Kugel, die durch den Raum
rast — unsere Rechte, zu nehmen und zu besitzen, können nicht ausschließ-
lich sein; sie müssen allenthalben durch die gleichen Rechte anderer be-
grenzt werden. Gerade wie der Reisende aus der Eisenbahn sich und sein
Gepäck über so viele Sitze ausbreiten kann, wie er will, bis andere Reisende
kommen, so kann ein Ansiedler so viel Land, wie er will, nehmen und
brauchen, bis es von anderen benötigt wird —ein Umstand, der dadurch
angedeutet wird, daß das Land einen Preis erhält. Dann muß sein
Recht durch das gleiche Recht anderer gekürzt werden, und keine Priorität
der Aneignung kann ein Recht geben, welches diesen gleichen Rechten
anderer einen Riegel vorschiebt. Wäre dies nicht der Fall, so könnte
jemand durch frühere Aneignung das ausschließliche Recht nicht bloß
auf ssoMorgen oder aus 640 Morgen, sondern auf ein ganzes Weichbild,
einen ganzen Staat, einen ganzen Kontinent erwerben und beliebig
abtreten.

Die Anerkennung des individuellen Rechtes auf Grund und Boden
kommt, in ihrer äußersten Konsequenz, zu der offenbaren Absurdität,,
daß irgend jemand, der die individuellen Rechte aus den Grund und Boden
eines Landes in sich zu vereinigen vermöchte, alle übrigen Einwohner
daraus vertreiben könne; und wenn er die individuellen Rechte auf
die ganze Erdoberfläche in sich zu vereinigen vermöchte, so würde er
allein von all den Bewohnern der Erde das Recht zu leben haben.

Was aber bei dieser Annahme eintreten würde, das vollzieht sich
m kleinerem Maßstabe tatsächlich. Die Grundherren Großbritanniens,
denen Landverleihungen „die weißen Sonnenschirme und die vor Stolz.
        <pb n="269" />
        ﻿Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

256

wahnsinnigen Elefanten" verliehen haben, vertrieben wiederholt die
eingeborene Bevölkerung, deren Voreltern seit undenklichen Zeiten
auf der Scholle gelebt hatten, aus großen Distrikten, trieben sie zur
Auswanderung, in die Reihen des Proletariats oder in den Hungertod
Und auf unbebauten Landstrecken in dem neuen Staat Kalifornien
kann man die geschwärzten Feuerstätten früherer Wohnungen sehen,
aus denen Ansiedler durch die Macht von Gesetzen vertrieben wurden,
welche das natürliche Recht ignorieren; und große Strecken Landes,
die bevölkert sein könnten, liegen öde, weil die Anerkennung des aus-
schließlichen Besitzes einem menschlichen Geschöpfe die Macht verliehen
hat, feinen Mitmenschen die Benutzung des Landes zu versagen. Die
Handvoll Eigentümer, denen die Oberfläche der britischen Inseln ge-
hört, würden nur tun, was das englische Gesetz ihnen volle Macht gibt
zu tun, und was viele von ihnen schon in kleinerem Maßstabe getan
haben, wenn sie die Millionen des britischen Volkes aus ihren heimat-
lichen Inseln ausschlössen. Und eine solche Ausschließung, durch welche
wenige hunderttausende nach Belieben 30 Millionen Menschen aus
ihrem vaterlande verbannen könnten, würde zwar mehr in die Augen
fallen, aber dem natürlichen Rechte nicht einen Deut widersprechen-
der sein, als das jetzt gebotene Schauspiel, daß die große Masse des
britischen Volkes gezwungen ist, einigen wenigen aus seiner Mitte
solche enormen Summen für die Erlaubnis zu zahlen, auf dem Lande
zu leben und das Land zu benutzen, welches es so stolz sein eigen nennt,
welches ihm durch so liebe und so glorreiche Erinnerungen ans herz
gewachsen ist und für das es erforderlichenfalls fein Blut verspritzen
und sein Leben opfern muß.

Ich erwähne nur die britischen Inseln, weil der Grundbesitz dort
konzentrierter ist und dieselben daher ein schlagenderes Beispiel dessen
bieten, was der Privatbesitz an Grund und Boden notwendig involviert,
„wem der Boden gehört, dem gehören auch die Früchte desselben",
das ist eine Wahrheit, die desto mehr in die Augen springt, je dichter
die Bevölkerung wird und je mehr die Erfindungen und Verbesserungen
die Produktionskraft erhöhen; aber es ist auch überall sonst eine Wahr-
heit — ebenso sehr in unseren neuen Staaten als auf den britischen
Inseln oder an den Ufern des Ganges.

Kapitel II.

Die Sklaverei der Arbeiter das schließliche Resultat des Privat"

grundbesihss.

Wenn die Sklaverei ungerecht ist, dann ist auch der privatbesitz
an Grund und Boden ungerecht.
        <pb n="270" />
        ﻿Kap. II.

Sklaverei das Resultat des Privatgrundbesitzes.

257

Denn die Umstände mögen sein wie sie wollen, der Besitz des
Grund und Bodens wird stets je nach der (wirklichen oder künstlichen)
Notwendigkeit, das Land in Gebrauch zu nehmen, den Besitz von
Menschen verleihen. Dies ist nur eine andere Fassung des Gesetzes
der Rente.

Und wenn jene Notwendigkeit eine absolute ist, wenn nur zwischen
denk Hungertod und dem Gebrauch des Grund und Bodens die Wahl
übrig bleibt, dann wird der in dem Besitz des Grund und Bodens in-
begrissene Besitz der Menschen ein absoluter.

Man setze hundert Menschen auf eine Insel, von der es kein Ent-
rinnen gibt, und es wird wenig Unterschied machen, ob man einen
dieser Menschen zum absoluten Besitzer der anderen neunundneunzig
oder zum absoluten Herrn des Grund und Bodens der Insel macht,
weder für ihn, noch für sie.

In dem einen, wie in dem anderen Falle wird der eine der ab-
solute Herr der neunundneunzig sein und seine Macht sich selbst auf
Leben und Tod erstrecken, denn die bloße Verweigerung der Erlaubnis,
auf der Insel zu leben, würde sie ins Meer hineintreiben.

In größerem Maßstabe und bei verwickelteren Verhältnissen muß
gleichwohl dieselbe Ursache auf gleiche weise und nach demselben Ziele
hinwirken, und das schließliche Resultat, die Versklavung der Arbeiter,
wird desto sichtbarer, je mehr der Druck zunimmt, der sie zwingt, auf
und von dem Lande zu leben, welches als das ausschließliche Eigentum
anderer behandelt wird. Nehmen wir ein Land, in welchem der Grund
und Boden nicht in den Händen eines einzigen, sondern unter eine
Anzahl von Besitzern verteilt ist, und in welchem, wie es bei der modernen
Produktion üblich, Kapitalist und Arbeiter verschiedene Personen,
und Gewerbe und Handel in all ihren vielen Zweigen vom Ackerbau
getrennt sind. Obgleich weniger direkt und weniger auffällig, werden
die Verhältnisse zwischen den Grundbesitzern und den Arbeitern mit der
Bevölkerungszunahme und den Fortschritten der Gewerbe auf der
einen Seite dieselbe absolute Herrschaft und auf der anderen Seite
dieselbe niedrige Hilflosigkeit bewirken, wie in dem von uns an-
genommenen Falle der Insel. Die Grundrente wird steigen, während
die Löhne fallen, von dem Gesamtprodukt wird der Grundbesitzer
einen beständig zunehmenden, der Arbeiter einen beständig abnehmenden
Anteil erhalten. In dem Maße, wie ein Wegzug nach billigerem Grund
und Boden schwierig oder unmöglich wird, werden die Arbeiter, gleich-
viel was sie produzieren, auf das bloße Leben beschränkt werden, und
die freie Konkurrenz unter ihnen wird sie bei monopolisiertem Grund«
besitz in eine Lage hineinzwängen, welche virtuell Sklaverei ist, wenn
man sie auch mit den Titeln und Insignien der Freiheit hänselt.

Es ist nichts Erstaunliches in der Tatsache, daß trotz der enormen
Vermehrung der Produktionskraft, welche dies Jahrhundert gesehen
hat und die noch fortschreitet, die Arbeitslöhne in den unteren und

George, Fortschritt und Armut.	,7
        <pb n="271" />
        ﻿258

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII«

breiteren Schichten des Gewerbfleißes überall den Löhnen der Skla-
verei zustreben •—- gerade hoch genug, urn den Arbeiter in einem Zu-
stande zu erhalten, der ihn zur Arbeit befähigt. Denn der Besitz des
Landes, auf und von welchem ein Mensch leben muß, ist so gut wie der
Besitz des Menschen selbst, und wenn wir das Recht einiger Individuen
auf den ausschließlichen Besitz und Genuß der Erde anerkennen, ver-
urteilen wir andere Individuen zu einer so vollständigen Sklaverei,
als hätten wir sie tatsächlich zu Sklavenware gemacht.

In einer einfacheren Gesellschaftsform, wo die Produktion haupt-
sächlich in der direkten Anwendung von Arbeit aus den Grund und Boden
besteht, tritt die Sklaverei, welche aus dem an einige verliehenen aus-
schließlichen Besitzrecht auf den Boden, von dem alle leben sollen,
naturgemäß hervorgeht, als bfelotismus, Leibeigenschaft, Hörigkeit
klar zutage.

Der Sklavenbesitz hatte seinen Ursprung in der Fortführung von
Kriegsgefangenen, und obgleich derselbe bis zu einem gewissen Grade
in allen Teilen der Erde bestanden hat, so war sein Areal doch nur
klein und seine Wirkungen nur verschwindend im vergleich mit den
Formen der Sklaverei, die aus der Aneignung des Grund und Bodens
entstanden sind. Kein Volk als Ganzes war jemals Menschen seiner
eigenen Rasse als Sklavenbesitz unterworfen, noch ist je ein Volk in
großem Maßstabe durch Eroberung zu einer Sklaverei dieser Art er-
niedrigt worden. Die allgemeine Unterwerfung der vielen unter die
wenigen, die wir überall antreffen, wo die Gesellschaft eine gewisse
Entwicklung erreicht hat, ist aus der Aneignung des Bodens als in-
dividuellen Eigentums entstanden. Der Besitz des Bodens ist es, der
allenthalben den Besitz der darauf lebenden Menschen verleiht. Es ist
eine Sklaverei dieser Art, von welcher die der Zeit trotzenden Pyramiden
und kolossalen Monumente Agyptiens noch Zeugnis ablegen, und von
deren Einsetzung wir vielleicht eine unbestimmte Überlieferung haben
in der biblischen Geschichte von der Hungersnot, während welcher Pharao
die Ländereien des Volkes aufkaufte. Ls war Sklaverei dieser Art,
welcher im Zwielicht der Geschichte die Eroberer Griechenlands die
Ureinwohner der Halbinsel unterwarfen, indem sie sie dadurch zu Heloten
machten, da sie für ihren Boden Rente zu zahlen hatten. Es war die
Zunahme der Latifundien oder großen Güterkomplexe, was die Be-
völkerung des alten Italiens aus einem Geschlecht kräftiger Landleute,
deren rauhe Tugenden die Welt erobert hatten, in ein Geschlecht kriechen-
der Leibeigner verwandelte; es war die Aneignung des Landes als
absolutes Eigentum seitens ihrer Häuptlinge, welche nach und nach
die Abkommen der freien und gleichen gallischen, teutonischen und
hunnischen Krieger zu Kolonen und Hörigen machte und die unab-
hängigen Freien der slawischen Dorfgemeinden in russische Leibeigene
und polnische Knechte verwandelte, welche den Feudalismus EhinaS
und Japans sowohl als Europas einsetzte und die Häuptlinge Poltz-
        <pb n="272" />
        ﻿Kap. II.

Sklaverei das Resultat des Privatgrundbesitzes.

259

nesiens zu unumschränkten Herren ihrer Nebenmenschen machte, wie
es kam, daß die ariauischen Hirten und Krieger, welche, wie die ver-
gleichende Philosophie uns erzählt, aus der gemeinschaftlichen Geburts-
stätte der indogermanischen Rasse in den Tieflanden Indiens abstammten,
sich in die flehenden und kriechenden Hindus verwandeln konnten,
davon gibt uns der von mir angeführte Sanskritvers eine Andeutung.
Die weißen Sonnenschirme und die vor Stolz wahnsinnigen Elefanten
sind die Blumen der Landverleihungen. Und könnten wir den Schlüssel
zu den Inschriften der längst begrabenen Zivilisationen finden, die in
den riesenhaften Ruinen Hukatans und Guatemalas eingesargt sind,
nicht minder sprechend für den Stolz der herrschenden Klasse als für die
rastlose Ukühsal, zu der die Massen verdammt waren, so würden wir,
aller menschlichen Voraussicht nach, von einer Sklaverei hören, die der
großen Menge des Volkes durch die Aneignung des Landes als Besitz-
tum einiger wenigen auferlegt wurde, von einem weiteren Beispiel
der allgemeingültigen Wahrheit, daß diejenigen, welche das Land
besitzen, die Herren der darauf wohnenden Menschen sind.

Das notwendige Verhältnis zwischen der Arbeit und dem Grund
und Boden, die absolute Macht, welche der Besitz des Grund und Bodens
über die Menschen gibt, die nicht leben können ohne denselben zu benutzen,
erklärt, was sonst unerklärlich ist — die Zunahme und Fortdauer von
Einrichtungen, Sitten und Ansichten, die dem natürlichen Sinne von
Freiheit und Gleichheit so gänzlich widerstreiten.

Sobald die Vorstellung persönlichen Eigentums, welche Dingen
menschlicher Produktion so gerechter- und natürlicherweise beiwohnt,
auf Grundbesitz ausgedehnt wird, so ist alles übrige bloße Sache der
Entwicklung. Die Stärksten und verschmitztesten erwerben leicht
einen größeren Anteil an dieser Art Eigentum, welches nicht durch
Produktion, sondern durch Aneignung zu haben ist, und indem sie
Herren des Landes werden, werden sie notwendig auch Herren ihrer
Mitmenschen. Der Grundbesitz ist die Grundlage der Aristokratie.
Es war nicht Adel, der Land verlieh, sondern der Besitz von Land,
der den Adel verlieh. Alle die enormen Vorrechte des Adels im mittel-
alterlichen Europa waren der Ausfluß seiner Stellung als Eigentümer
des Grund und Bodens. Das einfache Prinzip des Grundbesitzes er-
zeugte auf der einen Seite den Herrn, auf der anderen den Vasallen,
deren einer alle, der andere keine Rechte hatte, war das Recht des
Herren auf den Grund und Boden einmal anerkannt und behauptet,
so konnten die, welche auf demselben lebten, es nur zu seinen Bedingungen
Mn. Die Sitten und Verhältnisse jener Zeiten schlossen in solche Be-
dingungen sowohl Dienste uad Lasten, als auch Grundrenten in natura
oder in Geld ein, aber das wesentlich Zwingende lag in dem Besitz
des Landes. Diese Macht besteht überall, wo das Grundeigentum
besteht und kann überall zur Geltung gebracht werden, wo die Kon-
kurrenz um den Gebrauch des Grund und Bodens groß genug ist, um

17*
        <pb n="273" />
        ﻿260	Die Gerechtigkeit des Heilmittels.	Buch VII.

den Grundherrn zu befähigen, feine eigenen Bedingungen zu stellen.
Der englische Grundbesitzer von heute hat in dem, sein ausschließliches
Recht auf das Land anerkennenden Gesetze im wesentlichen alle die
Macht, welche sein Vorgänger, der feudale Baron, hatte. Er könnte
die Grundrente in Diensten oder Lasten auflegen. Er könnte seine
Pächter zwingen, sich auf besondere Weise zu kleiden, eine besondere
Religion anzunehmen, ihre Rinder nach einer besonderen Schule zu
senden, ihre Streitigkeiten seiner Entscheidung zu unterbreiten, auf
die Rnie fallen, wenn er zu ihnen spricht, ihm allenthalben in seine
Livree gekleidet zu folgen oder ihm weibliche Ehre zum Opfer zu bringen,
falls sie alles dies lieber täten als von Haus und Hof getrieben zu werden.
Rurz, er könnte alle Bedingungen stellen, zu welchen noch Leute auf
seinen Ländereien leben möchten, und das Gesetz könnte ihn daran nicht
hindern, solange es seinen Besitz nicht beschränkte, denn die Überein-
kunft würde die Form eines freien Vertrages oder einer freiwilligen
Handlung annehmen. Und die englischen Gutsherren üben diese Macht
tatsächlich aus, soweit es ihnen die Sitten der Zeit erwünscht machen.
Da sie die Verpflichtung, für die Landesverteidigung zu sorgen, ab-
geschüttelt haben, so bedürfen sie nicht länger der wehrhaften Dienste
ihrer Pächter, und seit der Besitz von Reichtum und Macht in anderer
weise als durch lange Züge von Gefolge zur Schau getragen wird,
legen sie keinen Wert mehr auf persönliche Dienste. Aber sie ver-
fügen gewöhnlich über die Stimmen ihrer Pächter und diktieren ihnen
ihren Willen auf mancherlei weise. Jener „hochwürdige Vater in Gott",
Bischof Lord plunkett trieb eine Anzahl seiner armen irländischen
Pächter aus, weil sie ihre Rinder nicht zu den protestantischen Sonntags-
schulen senden wollten, und jenem Grafen von Leitrim, dem die Nemesis
schließlich die Rugel eines Mörders sandte, werden sogar dunklere Ver-
brechen zur Last gelegt, während auf den kalten Antrieb der Habgier
Hütten über Hütten niedergerissen und Familien über Familien auf
die Straßen getrieben wurden. Das Prinzip, welches dies gestattet,
ist dasselbe Prinzip, welches in rauheren Zeiten und in einem ein-
facheren sozialen Zustande die großen Massen des gewöhnlichen Volkes
unterjochte und einen so weiten Abgrund zwischen dem Adligen und
den Bauern schuf, wo der Bauer zum Leibeigenen gemacht wurde,
geschah dies einfach durch das verbot, das Gut zu verlassen, auf dem
er geboren wurde, und man erzeugte so künstlich den Zustand, den
wir auf der Insel vorausgesetzt haben. In spärlich bebauten Ländern
ist dies notwendig, um absolute Sklaverei hervorzubringen, aber wo
der Grund und Boden vollständig okkupiert ist, kann man dieselben
Verhältnisse durch die Ronkurrenz Hervorrufen. Zwischen der Lage
des von seiner Pacht erdrückten irländischen Bauern und der des russischen
Leibeigenen war der Vorteil in vielen Dingen auf seiten des letzteren.
Der Leibeigene verhungerte nicht.

Dieselbe Ursache nun, welche zu allen Zeiten die arbeitenden
        <pb n="274" />
        ﻿Kap. II.	Sklaverei das Resultat des Privatgrundbesitzes.	26 {

Massen erniedrigt und unterjocht hat, ist es, wie ich bündig bewiesen
zu haben glaube, die auch noch heutigentags in der zivilisierten Welt
wirkt. Die persönliche Freiheit, d. h. die Freiheit der Bewegung, ist
allenthalben zugestanden, während von politischen und gesetzlichen
Ungleichheiten in den Vereinigten Staaten keine, und in den in der
Zivilisation am weitesten zurückgebliebenen Ländern nur noch wenige
Spuren vorhanden sind. Aber die Lsauptursache der Ungleichheit bleibt
übrig und gibt sich in der ungleichen Güterverteilung kund. Das Wesen
der Sklaverei ist, daß sie dem Arbeiter alles nimmt, was er hervorbringt
außer soviel als er zu einem tierischen Dasein bedarf, und zu diesem
Minimum streben unter den bestehenden Verhältnissen auch die Löhne
der freien Arbeit unverkennbar hin. wie sehr auch die Produktionskraft
zunehme, die Grundrente strebt beständig daraus hin, den Gewinn und
mehr als den Gewinn zu verschlingen.

So ist die Lage der Massen in allen zivilisierten Ländern die virtuelle
Sklaverei unter den Formen der Freiheit, oder dies muß wenigstens
die Lage werden. Und es ist leicht möglich, daß von allen Arten der
Sklaverei dies die grausamste und unbarmherzigste ist. Denn der Ar-
beiter wird des Erzeugnisses seiner Arbeit beraubt und gezwungen,
für seine bloße Erhaltung sich abzumühen; seine Arbeitsvögte aber
nehmen anstatt der menschlichen Form die Form gebieterischer Not-
wendigkeiten an. Diejenigen, denen er seine Arbeit leistet und von
denen er seinen Lohn empfängt, werden oft ihrerseits getrieben; die
Berührung zwischen den Arbeitern und den letzten Nutznießern ihrer
Arbeit wird zerrissen und die Individualität geht verloren. Die direkte
Verantwortlichkeit des Herrn gegen den Sklaven, eine Verantwortlich-
keit, welche auf die große Mehrheit der Menschen einen besänftigenden
Einfluß ausübt, entsteht nicht; nicht ein Mensch den andern, sondern
«die unvermeidlichen Gesetze von Angebot und Nachfrage", für die nie-
mand im besonderen verantwortlich ist, scheinen die Massen zu rastloser
und unvergoltener Mühsal zu treiben. Die Grundsätze Eatos, des
Zensors — Grundsätze, welche selbst in einem Zeitalter der Grausam-
keit und des allgemeinen Sklavenbesitzes mit Abscheu betrachtet wurden,
— daß der Sklave, nachdem von ihm so viel Arbeit wie möglich gewonnen
ist, vertrieben werden müsse, um zu sterben, werden die gewöhnliche
Begel; und selbst das eigennützige Interesse, das den Herrn antreibt,
sich um das Wohlbefinden des Sklaven zu kümmern, geht verloren.
Die Arbeit ist eine Ware und der Arbeiter eine Maschine geworden.
Es gibt nicht mehr Herren und Sklaven, keine Besitzer und Hörige,
sondern nur noch Käufer und Verkäufer. Das Feilschen des Marktes
tritt an die Stelle jedes anderen Gefühls.

Wenn die Sklavenhalter des Südens auf die Lage der freien
Arbeiter in den vorgeschrittensten zivilisierten Ländern blickten, war
es kein Wunder, wenn sie sich leicht von der göttlichen Einrichtung der
Sklaverei überredeten. Daß die Feldarbeiter des Südens als Klasse
        <pb n="275" />
        ﻿262

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.	Buch VII.

besser gekleidet, besser genährt und besser init Wohnungen versorgt
waren, daß sie weniger Sorgen und mehr Vergnügungen und Genüsse
des Lebens hatten als die ländlichen Arbeiter Englands, darüber kann
kein Zweifel bestehen, und selbst in den Städten des Nordens konnten
auf Besuch verweilende Sklavenhalter Dinge sehen und hören, die
unter dem, was sie ihre Arbeitsorganisation zu nennen pflegten, un-
möglich waren. In den Südstaaten würde in den Zeiten der Sklaverei
der Lserr, welcher seine Neger gezwungen hätte, so zu arbeiten und zu
leben, wie große Klassen freier, weißer Männer und Frauen in freien
Ländern es müssen, als infam angesehen worden sein, und wenn ihn
die öffentliche Meinung nicht zurückgehalten hätte, so würde es sein
eigenes selbstsüchtiges Interesse an der Erhaltung der Gesundheit und
Kraft seines lebenden Besitzes getan haben. Aber in London, New pork
und Boston, unter Leuten, die Gut und Blut daran gesetzt haben, und
wieder daran setzen würden, um den Sklaven frei zu machen, wo niemand
öffentlich einem Tiere zu nahe treten dürste, ohne sich der Gefangen-
nehmung und Bestrafung auszusetzen, kann man barfüßige und zer-
lumpte Kinder selbst im Winter auf den Straßen umherirren sehen,
und in schmutzigen Dachkammern und ekelhaften Kellern arbeiten sich
Frauen schwindsüchtig für Löhne, die nicht ausreichen, um ihnen wärme
und Nahrung zu verschaffen. Ist es ein wunder, daß den Sklaven-
haltern des Südens das verlangen nach der Abschaffung der Sklaverei
wie das Gewinfel der peuchelei vorkam?

Und jetzt, wo die Sklaverei abgeschafft ist, finden die Pflanzer
des Südens, daß sie keinen Verlust erlitten haben. Ihr Besitz des Landes,
auf welchem die Freigelassenen leben müssen, gibt ihnen praktisch eben-
soviel Verfügung über Arbeit als vordem, während sie von einer bis-
weilen sehr kostspieligen Verantwortlichkeit befreit find. Die Neger
haben allerdings die Wahl auszuwandern, und es scheint jetzt eine
große Bewegung dieser Art beginnen zu wollen; aber wenn die Be-
völkerung sich vermehrt und der Grund und Boden teurer wird, werden
die Pflanzer einen verhältnismäßig größeren Anteil von dem Verdienste
ihrer Arbeiter erhalten als unter dem System des Sklavenbesitzes,
und die Arbeiter einen geringeren Anteil; denn unter dem System der
Sklaverei bekamen die Neger wenigstens genug, um sie bei guter Ge-
sundheit zu erhalten, während es in Ländern, wie England, große
Klassen von Arbeitern gibt, die das nicht haben.*)

Die Einflüsse, welche sich stets geltend machen, wo ein persön-
liches Verhältnis zwischen Herrn und Sklaven besteht, um die Skla-

*) Liner der Anti- Sklaverei-Agitatoren (Oberst ). A. Lollins) hielt vor einer großen
Versammlung in einer schottischen Fabrikstadt eine Rede und schloß, wie er es in den
vereinigten Staaten gewöhnt war, damit, die Rationen anzugeben, welche die Gesetze
einiger Südstaaten als Minimum des Unterhalts für einen Sklaven feststellten. Lr
entdeckte sofort, daß er darnit auf viele seiner Zuhörer eine ganz andere Wirkung hervor-
brachte als er sie beabsichtigte.
        <pb n="276" />
        ﻿Aap. II.

Sklaverei das Resultat des Privatgrundbesitzes.

263

verei zu mildern und den Herrn zu hindern, seine Macht über den
Sklaven in ihrer weitesten Ausdehnung auszuüben, zeigten sich auch
in den roheren Formen der Leibeigenschaft, welche die früheren Perioden
der europäischen Entwicklung kennzeichneten, und wurden, unter-
stützt durch die Religion, vielleicht auch wie beim Sklavenbesitz durch
die aufgeklärteren, aber doch immer selbstsüchtigen Interessen des Grund-
herrn, zu festen Gebräuchen und steckten den Erpressungen, die der
Herr gegen die Bauern oder Leibeigenen übte, eine feste Grenze, so
daß die Konkurrenz von mittellosen Menschen um Zutritt zu den Unter-
haltsmitteln nirgends ausarten und ihre volle Machst der Beraubung
und Entwürdigung ausüben durfte. Die Heloten Griechenlands, die
Halbpächter Italiens, die Leibeigenen Rußlands und Polens, die Bauern
des feudalen Europa lieferten ihren Grundherren einen festen Anteil
ihrer Produkte oder ihrer Arbeit und wurden im allgemeinen nicht
über jenen Punkt ausgequetscht. Aber die Einflüsse, die sich geltend
machten, um die Macht des Grundbesitzes zur Erpressung zu mildern,
und die man auf englischen Gütern noch immer beobachten kann, wo
der Gutsherr und seine Familie es für ihre Pflicht halten, den Kranken
und Altersschwachen Arzneien und stärkende Lebensmittel zu senden
und für das Wohlbefinden ihrer Gutsinsassen zu sorgen, gerade wie der
Pflanzer des Südens es gewohnt war, für seine Neger zu sorgen —
diese Einflüsse gehen verloren in der verfeinerten und weniger sichtbaren
Form, welche die Leibeigenschaft in den verwickelteren Prozessen der
urodernen Produktion annimmt, die denjenigen, dessen Arbeit an-
geeignet wird, von dem, der sie aneignet, soweit und durch so viele,
kaum zu verfolgende Abstufungen trennt und die Beziehungen zwischen
den Angehörigen der beiden Klassen nicht direkt und persönlich, sondern
indirekt und allgemein gestaltet. In der modernen Gesellschaft hat die
Konkurrenz freies Spiel, um aus dem Arbeiter das Äußerste zu er-
pressen, was er geben kann, und mit welcher fürcherlichen Gewalt sie
verfährt, kann man aus der Lage der niedrigsten Klasse in den Mittel-
punkten des Reichtums und der Industrie ersehen. Daß die Lage dieser
niedrigsten Klasse nicht schon allgemeiner so ist, muß der großen Ausdeh-
nung fruchtbaren Landes zugeschrieben werden, das bisher in Amerika
vffenstand und das nicht bloß ein Ventil für die zunehmende Bevölke-
rung der älteren Teile der Union war, sondern auch den Druck in Europa
bedeutend erleichterte —in einem Lande, Irland, war die Auswanderung
so groß, um faktisch die volkszahl zu reduzieren. Dieser Ausweg kann
aber nicht ewig dauern. Derselbe schließt sich bereits ziemlich schnell,
und wenn er geschlossen ist, muß der Druck immer schärfer werden.

Nicht ohne Grund erklärt die weise Krähe der Ramayana, die
Krähe Bushanda, „die in jedem Teile des Weltalls gelebt hat und alle
Ereignisse seit Anfang der Zeiten kennt", daß die Verachtung weltlicher
Vorteile zwar zur höchsten Glückseligkeit notwendig ist die denkbar
schärfste Pein aber durch große Armut auferlegt wird. Die Armut,
        <pb n="277" />
        ﻿264

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII«

zu der in der fortgeschrittenen Zivilisation große Massen von Menschen
verdammt sind, ist nicht jene Freiheit von Zerstreuung und Versuchung,
welche die Weisen gesucht und die Philosophen gerühmt haben, sie ist
eine entwürdigende und vertierende Sklaverei, welche die höhere Natur
einklammert, die feineren Gefühle abstumpft und durch ihre Pein die
Menschen zu Handlungen treibt, gegen welche die Tiere sich sträuben
würden. Zn diese hilf- und hoffnungslose Armut, welche die Mannheit
erdrückt und die Weiblichkeit erstickt, ja, die selbst der Kindheit ihre Un-
schuld und Freuden raubt, in diese Armut werden die arbeitenden
Klassen durch eine Macht getrieben, welche gleich einer widerstands-
und mitleidslosen Maschine aus sie einwirkt. Der Bostoner ksalsband-
fabrikant, der seinen Arbeiterinnen zwei Cents die Stunde zahlt, mag
ihre Lage bedauern, aber er, wie sie, wird durch das Konkurrenzgesetz
beherrscht und kann nicht mehr zahlen, wenn er sein Geschäft fortführen
will, denn der Pandel wird nicht durch Gefühle beherrscht. Und so ist
es, durch alle Mittelstufen bis zu denen hinaus, die den Verdienst der
Arbeit ohne Gegenleistung in der Grundrente erhalten, das unerbittliche
Gesetz des Angebots und der Nachfrage — eine Macht, mit der der
einzelne ebensowenig streiten und zürnen kann, wie mit den winden
und der Flut —, welches die niederen Klassen in die Sklaverei der Armut
hinabzudrücken scheint.

Zn Wirklichkeit aber ist die Ursache die, welche immer zur Skla-
verei geführt hat und immer dahin führen muß, die Monopolisierung
dessen, was die Natur für alle bestimmt hat, zugunsten einzelner.

Unsere gepriesene Freiheit involviert die Sklaverei notwendig,
solange wir den Privatbesitz an Grund und Boden anerkennen. Bis
dieser abgeschafft ist, sind Unabhängigkeitserklärungen und Eman-
zipationsakte vergebens. Solange ein Mensch den ausschließlichen
Besitz des Grund und Bodens beanspruchen kann, von welchem andere
Menschen leben müssen, wird Sklaverei bestehen und in dem Maße,
wie der materielle Fortschritt zunimmt, wachsen und sich vertiefen d

Dies ist es — und in früheren Kapiteln dieses Buches haben wir
den Prozeß Schritt für Schritt verfolgt —, was in der zivilisierten
Welt jetzt vor sich geht. Der Privatgrundbesitz ist der untere Mühlstein,
der materielle Fortschritt der obere. Zwischen beiden werden die arbeiten-
den Klassen mit zunehmendem Drucke mahlen.

Kapitel III.

Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.

Die Wahrheit ist, und vor dieser Wahrheit gibt es kein Entrinnen,
daß kein gerechter Anspruch auf ausschließlichen Grundbesitz besteht
        <pb n="278" />
        ﻿Kap. III.

Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.

265

noch bestehen kann, und daß das Privateigentum am Grund und Boden
ein ganz ähnliches Unrecht ist wie der Sklavenbesitz.

Die meisten Menschen in zivilisierten Ländern sehen dies nicht
ein, einfach weil die meisten Menschen nicht denken. Für sie ist alles,
was da ist, auch Recht, bis sein Unrecht oft genug nachgewiesen worden
ist; aber im allgemeinen sind sie bereit, den zu kreuzigen, der dies zuerst
unternimmt.

Allein niemand kann die Nationalökonomie selbst nach den heutigen
Lehrbüchern studieren oder überhaupt über die Produktion und Ver-
teilung der Güter nachdenken, ohne einzusehen, daß der Grundbesitz
wesentlich von dem Besitz von Dingen menschlicher Produktion abweicht,
und daß ersterer in der abstrakten Gerechtigkeit keinerlei Anhalt hat.

Dies wird entweder ausdrücklich oder stillschweigend in allen her-
kömmlichen nationalökonomischen Werken zugegeben, jedoch in der
Regel nur durch unbestimmte Zugeständnisse oder durch Darüberhin-
gehen. Die Aufmerksamkeit wird meistens von der Wahrheit abgelenkt,
wie etwa ein Moralprediger vor einer Gemeinde von Sklavenhaltern
die Aufmerksamkeit von einer allzu genauen Betrachtung der natür-
lichen Menschenrechte ablenken würde, und der privatbesitz am Grund
und Boden wird ohne Kommentar als eine bestehende Tatsache hin-
genommen oder als notwendig für die gehörige Benutzung des Landen
und für das Bestehen des zivilisierten Staates vorausgesetzt.

Die Untersuchung, die wir angestellt haben, hat erschöpfend be-
wiesen, daß der Privatbesitz am Grund und Boden nicht aus Gründen
der Nützlichkeit gerechtfertigt werden kann, sondern im Gegenteil die
ksauptursache ist, auf welche die Armut, das Elend und die Erniedrigung^
die soziale Krankheit und die politische Schwäche, welche sich so drohend
angesichts der vorschreitenden Zivilisation zeigen, zurückgeführt werden
müssen. Die Ratsamkeit verbindet sich daher mit der Gerechtigkeit, um
die Abschaffung zu verlangen.

Wenn so die Ratsamkeit sich mit der Gerechtigkeit zu der Forde-
rung vereinigt, daß eine Einrichtung beseitigt werde, die keine breitere
Basis, keine stärkere Begründung hat als eine bloße städtische Verfügung,,
welcher Grund kann da vorliegen, diese Forderung nicht auch geltend
zu machen?

Die Erwägung, welche selbst diejenigen daran zu hindern scheint,
die klar einsehen, daß der Grund und Boden von Rechts wegen Ge-
meingut sein muß, ist der Gedanke, daß wir, nachdem man den Boden
so lange als privatbesitz hat behandeln lassen, durch die Abschaffung
denen Unrecht zufügen würden, die ihre Berechnungen auf die Erhal-
tung dieses Rechtszustandes machten; daß man, nachdem gestattet
worden, Grund und Boden als rechtmäßiges Eigentum zu besitzen,
durch die wiederansichnahme der gemeinschaftlichen Rechte denen ein
Unrecht zufügen würde, welche dasselbe mit etwas gekauft haben,
was unzweifelhaft ihr rechtmäßiges Eigentum war. Man behauptet
        <pb n="279" />
        ﻿266

Die Gerechtigkeit des Heilmittels,

Buch VII

daher, daß, wenn wir das Privateigentum ain Grund und Boden ab-
schaffen, die Gerechtigkeit erfordere, den jetzigen Besitzern vollen Ersatz
zu leisten, ähnlich wie die britische Regierung, als sie den Kauf und
verkauf der militärischen Lhargen abschaffte, sich für verpflichtet hielt,
die Inhaber der Lhargen, welche dieselben in dem Glauben gekauft
hatten, sie wieder verkaufen zu können, zu entschädigen, oder wie bei
Abschaffung der Sklaverei im britischen Westindien den Sklavenhaltern
too Millionen Dollar gezahlt wurden.

Selbst Herbert Spencer, der in seinen „Socia! Statics“ so klar
die Ungültigkeit jedes Rechtstitels, auf Grund dessen der ausschließliche
Grundbesitz beansprucht wird, nachgewiesen hat, leistet dieser Auffassung
(wie mir scheint fälschlich) durch die Erklärung Vorschub, daß die gerechte
Veranschlagung und Regulierung der Ansprüche der jetzigen Grund-
besitzer, „welche entweder durch eigene Handlungen oder durch Hand-
lungen ihrer Vorfahren für ihre Güter ehrlich erworbene Gegenwerte
gegeben haben", eines der verwickeltften Probleme sei, welches die
Gesellschaft eines Tages zn lösen haben werde.

Diese Auffassung hat in Großbritannien dem vorschlage, die
Regierung solle den Grundbesitz des Landes zum Marktpreise kaufen,
Anklang verschafft, und es war diese Auffassung, welche John Stuart
Mill, obgleich er die wesentliche Ungerechtigkeit des Privatgrund-
besitzes klar einsah, veranlaßte, nicht eine vollständige Zurücknahme
des Landes, sondern nur eine Zurücknahme der künftig erwachsen-
den Vorteile zu befürworten. Sein Plan war, es solle ein billiger und
selbst freigebiger Anschlag des Marktwertes von allem Lande im König-
reich gemacht werden, und alle künftigen, nicht den Verbesserungen
der Eigentümer zuzuschreibenden Werterhöhungen sollen dem Staate
zufallen.

Abgesehen von den praktischen Schwierigkeiten, welche mit so
umständlichen Projekten durch die weitläufigen verwaltungsmaßregeln,
die sie erfordern, und die Korruption, die sie erzeugen, verknüpft sein
würden, liegt ihr Hauptfehler in der Unmöglichkeit, durch irgendeinen
Kompromiß den radikalen Unterschied zwischen Unrecht und Recht
zu überbrücken. In demselben Maße, wie man die Interessen der Grund-
eigentümer schont, müßten die allgemeinen Interessen und Rechte
mißachtet werden, und wenn die ersteren keines ihrer Vorrechte verlieren
sollen, so kann das Volk im ganzen nichts dabei gewinnen. Die persön-
lichen Grundbesitzrechte aufzukaufen, würde nur so viel heißen, als den
Grundeigentümern in anderer Form einen Anspruch gleicher Art und
gleichen Betrages verleihen, als ihr Grundbesitz ihnen jetzt gibt; es
würde darauf hinauslaufen, für sie denselben Anteil an dem Erwerbe
der Arbeit und des Kapitals durch Steuern zu erheben, den sie sich jetzt
durch die Grundrente anzueignen vermögen. Ihr ungerechter Vorteil
würde erhalten und der ungerechte Nachteil der Nichtgrundbesitzer
fortgesetzt werden. Allerdings würde sich für das Volk im ganzen ein
        <pb n="280" />
        ﻿Kap. III.

Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.

267

Gewinn herausstellen sobald die Steigerung der Rente den Betrags
den die Grundbesitzer unter dem jetzigen System erhalten würden,
über den Betrag der Zinsen auf den Kaufpreis des Landes zu den
jetzigen preisen getrieben hätte, aber dies wäre nur ein künftiger Gewinn,
und mittlerweile würde nicht nur keine Erleichterung stattfinden, sondern
die der Arbeit und dem Kapital zugunsten der gegenwärtigen Grund-
besitzer auferlegte Last bedeutend größer werden. Denn eines der
Elemente im gegenwärtigen Marktwerte des Grund und Bodens ist die
Erwartung einer künftigen wertzunahme, und Ländereien zu den
Marktpreisen aufzukaufen und Zinsen vom Kaufpreise zu zahlen, würde
somit darauf hinauslaufen, den Produzenten nicht bloß die Zahlung
der wirklichen Rente, sondern auch die Dollzahlung für spekulative
Rente aufzubürden. Oder um dies auf andere Meise auszudrücken:
das Land würde zu Preisen gekauft werden, die auf einen niedrigeren
als den gewöhnlichen Zinsfuß berechnet wären (denn die voraussicht-
liche Erhöhung der Landwerte macht immer deren Marktpreis größer
als irgendetwas, das den gleichen Ertrag liefert), und die Zinsen des
Kaufgeldes würden zum gewöhnlichen Satze bezahlt werden. Somit
würde den Grundbesitzern nicht nur alles zu zahlen fein, was das Land
ihnen jetzt bringt, sondern eine beträchtlich höhere Summe. Es würde
auf dasselbe hinauskommen, als wenn der Staat in ein Erbpachtver-
hältnis zu den jetzigen Grundbesitzern träte, und zwar unter einer viel
höheren Pacht, als sie jetzt erhalten. Augenblicklich würde der Staat
nur der Agent und Pachteintreiber der Grundbesitzer werden und ihnen
nicht nur so viel wie sie vorher erhielten, sondern beträchtlich mehr zu
zahlen haben.

Mills Projekt, die künftige „noch nicht gewonnene Erhöhung
der Landwerte" durch Feststellung des jetzigen Marktwertes aller
Ländereien und durch Übertragung künftiger )erterhöhungen auf
den Staat zum Gemeingut des Volkes zu machen, würde die Un-
Serechtigkeit der jetzigen Güterverteilung nicht vermehren, ihr aber
auch nicht abhelfen. Line weitere spekulative Zunahme der Rente würde
aufhören und künftig das Volk insgesamt den Unterschied zwischen
der Erhöhung der Rente und dem Betrage gewinnen, auf welchen
dieselbe abgeschätzt ward, als der gegenwärtige Landwert festgesetzt
wurde, in welchem natürlich der künftige wert nicht weniger ein Element
ist als der jetzige. Aber damit würde für alle Zukunft eine Klasse im
Besitz der unermeßlichen Vorteile bleiben, die sie jetzt über die anderen
hat. Alles was von diesem Projekte gesagt werden kann, ist, daß es
immer besser wäre als nichts.

Solche unwirksame und unausführbare Vorschläge mag man
besprechen, wo ein durchgreifender Vorschlag für jetzt keine Beachtung
finden würde, und immerhin ist ihre Diskussion ein hoffnungsvolles
Zeichen, da sie das Eindringen der Spitze des Keiles der Wahrheit be-
weist. Die Gerechtigkeit ist in der Menschen Mund von knechtischer
        <pb n="281" />
        ﻿268

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

Demut, wenn sie zuerst einen Protest gegen ein von der Zeit geheiligtes
Unrecht wagt, und die englisch Redenden tragen noch das Halsband
der Sachsenknechtschaft und sind gelehrt worden, auf die „gesetzlichen
Rechte" der Grundbesitzer mit all der abergläubischen Verehrung zu
schauen, mit der die alten Ägypter das Krokodil betrachteten. Aber wenn
die Zeiten reif für sie sind, so wachsen die Ideen, ob sie auch in ihrem
ersten Auftreten gering scheinen. Eines Tages bedeckten sich die Mitglieder
des dritten Standes die Köpfe, als der König seinen put aufsetzte, ein
an sich unbedeutendes Ereignis, aber ein Vorzeichen der bald nachher
eintretenden großen politischen Veränderungen. Die Anti-Sklaverei-
Bewegung in den Vereinigten Staaten fing damit an, daß man davon
sprach, die Eigentümer zu entschädigen; als aber vier Millionen Sklaven
emanzipiert wurden, erhielten die Besitzer keine Entschädigung und ver-
langten auch keine. Und wenn erst die Bewohner von Ländern wie
England oder die Vereinigten Staaten über die Ungerechtigkeit und
Nachteile des individuellen Grundbesitzes hinreichend aufgeklärt sein
werden, um dessen Nationalisierung zu versuchen, werden sie auch hin-
reichend aufgeweckt sein, denselben in direkterer und leichterer Weise
als durch Kauf zu nationalisieren. Sie werden sich über die Entschädigung
der Grundbesitzer nicht beunruhigen.

Auch verlangt es das Recht nicht, Bedacht auf die Grundbesitzer
zu nehmen. Daß ein Mann wie John Stuart Mill der Entschädigung
der Grundbesitzer so viel Wichtigkeit beigelegt hat, um bloß die staatliche
Aneignung der künftigen Steigerung der Renten zu befürworten,
ist nur erklärlich durch seinen Glauben an die herrschenden Lehren,
daß der Lohn dem Kapital entnommen werde und daß die Bevölkerung
beständig danach strebe, gegen ihren Unterhalt zu drängen. Diese Lehren
verblendeten ihn über die vollen Wirkungen der Privataneignung des
Grund und Bodens. Er sah, daß „der Anspruch des Grundbesitzers der
allgemeinen Politik des Staates durchaus untergeordnet" ist und daß,
„wenn das Privateigentum am Grund und Boden nicht dienlich ist,
es ungerecht ist"*), aber, verwickelt in den Netzen der Malthusschen
Lehre, schrieb er —wie er ausdrücklich in einem früher von mir angeführten
Satze sagt — den Mangel und das Elend, welche er um sich sah, der Karg-
heit der Natur, nicht aber der Ungerechtigkeit des Menschen zu, und deshalb
erschien ihm die Nationalisierung des Grund und Bodens als eine ver-
hältnismäßig kleine Sache, die nichts zur Beseitigung des Elends und
zur Ausrottung des Pauperismus tun könne — Ziele, die nur zu er-
reichen seien, wenn die Menschen einen Naturtrieb zurückdrängen
lernten. Groß und rein, von warmem Perzen und edlem Sinne wie er
war, sah er doch nie die wahre parmonie der ökonomischen Gesetze,
noch wurde er inne, wie aus diesem einen großen fundamentalen Un-
rechte Armut, Elend, Laster und Schande entspringen. Andernfalls

*) Grundsätze der Nationalökonomie. Buch I, Rax. 2, Abschn. s.
        <pb n="282" />
        ﻿Aap. III.

Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.

269

hätte er nie den Satz schreiben können: „Der Boden Irlands, der Boden
jedes Landes gehört dem Volke desselben. Die Personen, die Grund-
besitzer genannt werden, haben so wenig vom Standpunkt der Moral
wie der Gerechtigkeit ein Anrecht auf irgend etwas weiter als auf die
Grundrente oder aus deren Marktwert."

Was soll man dazu sagen! wenn der Boden eines Landes dem
Volke desselben gehört, welches Anrecht haben dann einzelne nach
Moral und Gerechtigkeit an der Grundrente? wenn der Boden dem
Volke gehört, warum im Namen der Moral und Gerechtigkeit muß dann
dasselbe dessen Marktwert für sein Eigentum bezahlen?

perbert Spencer sagt*): „hätten wir es mit den Parteien zu
tun, die ursprünglich das Menschengeschlecht seiner Erbschaft beraubten,
so könnten wir kurzen Prozeß mit ihnen machen." Aber der Prozeß
wird aus die Dauer doch unvermeidlich sein. Denn es handelt sich hier
nicht um eine einmalige Enteignung, die mit der Handlung endigt,
sondern um eine fortgesetzte, jeden Tag und jede Stunde nachwirkende
Enteignung. Nicht aus dem Produkte der Vergangenheit wird Rente
gezogen, sondern aus dem Produkte der Gegenwart. Sie ist eine Steuer,
die beständig und unaufhörlich von der Arbeit erhoben wird. Jeder
Schlag des pammers, jeder pieb der Axt, jeder Stoß des weberfchiff-
leins, jede Bewegung der Dampfmaschine zahlen ihr Tribut. Sie
nimmt von dem Verdienst der Männer, die tief unter der Erde ihr
Teben wagen, und von denen, die über schäumenden Wogen auf rollen-
den Rahen hängen; sie fordert den gerechten Lohn des Kapitalisten
und die Früchte der geduldigen Mühsal des Erfinders; sie nimmt kleine
Rinder vom Spiel und aus der Schule weg und zwingt sie zur Arbeit,
bevor ihre Knochen hart und ihre Muskeln fest sind; sie raubt dem
Frierenden die wärme, dem hungrigen die Nahrung, dem Kranken
die Arznei, dem Sorgenvollen die Ruhe. Sie erniedrigt und vertiert
und verbittert. Sie packt Familien von acht und zehn Personen in einen
einzigen schmutzigen Raum; sie hütet Trupps von Knaben und Mädchen
wie Schweine**); sie füllt die Schnapsläden und Kneipen mit denen,
die zu pause keine Behaglichkeit haben; sie macht Bursche, die nützliche
Männer werden könnten, zu Kandidaten der Gefängnisse und Zucht-
häuser; sie füllt die Bordelle mit Mädchen, die die reinen Mutterfreuden
hätten empfinden können; sie sendet die Habsucht und alle schlimmen
Leidenschaften plündernd durch die Gesellschaft, wie ein harter Winter
die Wölfe zu den wohnplätzen der Menschen treibt; sie verdunkelt den
Glauben in der menschlichen Seele, und über die Vorstellunq eines
gerechten pnd erbarmungsvollen Schöpfers zieht sich der Schleier eines
harten, blinden und grausamen Schicksals!

*) Social Statics, S. 1,42.

**) In den sogenannten „Gangs" einiger Ackerbaudistrikte Englands.

Anmerk, des Übers.
        <pb n="283" />
        ﻿270

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

Sie ist nicht bloß ein Vergehen an der Vergangenheit, sondern auch
an der Gegenwart, ein Vergehen, das den Rindern, die jetzt auf die
lVelt kommen, ihr Geburtsrecht entzieht! Warum sollten wir einem
solchen Systeme nicht den jdrozeß machen? Weil ich gestern und vor-
gestern und vorvorgestern benachteiligt wurde, ist das ein Grund, mich
heute und morgen benachteiligen zu lassen? ein Grund, daß ich schließen
müßte, man habe ein gesetzliches Recht erworben, mich zu benachteiligen?

Wenn das Land dem Volke gehört, warum dann fortgesetzt den
Grundbesitzern erlauben, die Rente zu erheben, oder warum sie irgendwie
für den Verlust derselben entschädigen? Man bedenke, was die Rente
ist. Sie entsteht nicht von selbst aus dem Grund und Boden; sie wird
für nichts geschuldet, was die Grundbesitzer getan hätten. Sie stellt einen
Wert dar, den die ganze Gesellschaft geschaffen hat. Gebe man, wenn
es beliebt, den Grundbesitzern doch alles, was der Besitz des Grund
und Bodens ohne das Vorhandensein der übrigen Gesellschaft eintragen
würde, aber die Rente, die Schöpfung der ganzen Gesellschaft, gehört
notwendigerweise ihr.

Man prüfe den Fall der Grundbesitzer an den Grundsätzen des
gemeinen Rechts, durch welches die Rechte vom Menschen zum Men-
schen bestimmt werden. Das gemeine Recht, sagt man, ist die höchste
Vernunft, und sicherlich können die Grundbesitzer sich nicht über seine
Entscheidung beklagen, denn es ist durch und für Grundbesitzer aufgerichtet
worden, was gewährt nun dieses Recht dem unschuldigen Besitzer,
falls das Land, für welches er sein gutes Geld gezahlt hat, jemandem
anders als rechtmäßiges Eigentum zugesprochen wird? Ganz und gar
nichts! Daß er in gutem Glauben kaufte, gibt ihm weder Recht noch
Entschädigungsanspruch. Das Recht gibt sich nicht mit der „verwickelten
Entschädigungsfrage" für den unschuldigen Käufer ab. Das Recht
sagt nicht, wie John Stuart Mill sagt: „Das Land gehört dem A, deshalb
hat B, der sich für den Eigentümer hielt, kein Recht auf etwas, außer
auf die Rente oder auf Entschädigung für deren Marktwert". Denn das
würde allerdings der berühmten Entscheidung in dem Falle eines flüch-
tigen Sklaven ähneln, wo der Gerichtshof dem Norden das Gesetz und
dem Süden den Neger zugesprochen haben soll. Das Recht sagt einfach:
„Das Land gehört dem A, das Gericht fetze ihn in Besitz!" Es [gibt
dem unschuldigen Käufer eines ungerechten Rechtstitels keinen An-
spruch, es gewährt ihm keineEntschädigung. Und nicht bloß dies, es nimmt
ihm auch alle Verbesserungen, die er in gutem Glauben auf dem Lande
vorgenommen hat. Man mag einen hohen j)reis für einen Besitz gezahlt
und keine Mühe gespart haben, um sich zu überzeugen, daß der Rechtstitel
gut ist; man mag es jahrelang in ungestörtem Besitz gehabt haben ohne
Ahnung oder Gedanken eines gegnerischen Anspruches, mag es durch
Mühe und Arbeit fruchtbar gemacht oder ein kostbares, den Wert des
Landes übersteigendes Gebäude darauf errichtet haben, mag ein be-
scheidenes Heim gebaut haben, in welchem man, umgeben von den
        <pb n="284" />
        ﻿Lap. III.

Der Anspruch der Grundbesitzer auf Entschädigung.

27\

Bäumen, die man selbst gepflanzt, und den Weingärten, die man selbst
angelegt bat, seine alten Tage zu beschließen hoffte. Wenn aber die
Firma Schuft, Gauner und Lsumbug einen technischen ksaken in den
Pergamenten aufstöbern oder einen längst vergessenen Erben, der
keine Ahnung von seinem Rechte hatte, ausfindig machen kann, so kann
einem nicht bloß das Land, sondern alle Verbesserungen dazu fort-
genommen werden. Und selbst damit ist es noch nicht genug. Dem ge-
meinen Recht zufolge kann man, nachdem man das Land übergeben
und auf die Verbesserungen verzichtet hat, auch noch für die Einkünfte
verantwortlich gemacht werden, die man während des Besitzes daraus
gezogen hat.

Wenden wir jetzt auf den Rechtsfall des Volkes gegen die Grund-
besitzer dieselben Rechtsgrundsätze an, welche von den Grundbesitzern
zum Gesetz erhoben sind und jeden Tag in englischen und amerikanischen
Gerichtshöfen bei Streitfällen zwischen INann und Mann zur Geltung
kommen, so werden wir nicht nur nicht daran denken, den Grundbesitzern
eine Entschädigung für den Boden zuzusprechen, sondern wir müßten
auch alle die Verbesserungen nehmen, so wie alles, was sie überhaupt
sonst noch haben.

Aber ich schlage nicht vor und nehme auch nicht an, daß irgend
sonst jemand vorschlagen wird, so weit zu gehen. Es ist genügend, wenn
das Volk den Besitz des Landes zurücknimmt. Die Grundbesitzer mögen
ihre Verbesserungen und ihr persönliches Eigentum in ruhigem Besitz
behalten.

Und in dieser Maßregel der Gerechtigkeit würde keine Unter-
drückung, kein Nachteil für irgendeine Klasse enthalten sein. Die ksaupt-
ursache der gegenwärtigen ungleichen Güterverteilung würde samt
den Leiden, der Entwürdigung und Vergeudung, welche sie zur Folge
hat, entfernt werden. Selbst die Grundbesitzer würden an dem all-
gemeinen Gewinne teilnehmen. Der Gewinn selbst der großen Grund-
besitzer würde ein tatsächlicher, der Gewinn der kleinen Grundbesitzer
aber enorm sein. Denn, wenn die Menschen die Gerechtigkeit bei sich
aufnehmen, nehmen sie die Dienerin der Liebe auf. Friede und Über-
fluß folgen in ihrem Geleite, und bringen ihre guten Gaben nicht einigen,
sondern allen.

Wie wahr dies ist, werden wir später sehen.

Wenn ich in diesem Kapitel von der Gerechtigkeit und der Rat-
samkeit gesprochen habe, als wären sie verschiedene Dinge, so ist dies
nur geschehen, um den Einwänden derjenigen, welche so sprechen,
entgegenzutreten. In der Gerechtigkeit liegt die höchste und wahrste
Ratsamkeit, j
        <pb n="285" />
        ﻿272

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

Kapitel IV.

Das Privateigentum am Grund und Doden vom historischen
Standpunkts aus.

was mehr als alles andere dem Anerkenntnis der wesentlichen
Ungerechtigkeit des Privateigentums am Grund und Boden und einer
aufrichtigen Znbetrachtnahme jedes Vorschlages zur Abhilfe im Wege
steht, das ist die Gewohnheit des menschlichen Geistes, alles, was lange
bestanden hat, für natürlich und notwendig anzusehen.

wir sind dermaßen an die Behandlung des Grund und Bodens
als persönliches Eigentum gewöhnt, dasselbe ist in unseren Gesetzen,
Sitten und Gebräuchen so vollkommen anerkannt, daß die meisten
Menschen nie daran denken, es in Frage zu stellen, sondern es als not-
wendig für die Benutzung des Grund und Bodens betrachten. Sie
sind unfähig, oder es kommt ihnen wenigstens nie in den Sinn, sich die
Gesellschaft als bestehend oder als möglich vorzustellen, ohne daß der
Grund und Boden im privatbesitz ist. Der erste Schritt zur Bebauung
oder Verbesserung des Grund und Bodens scheint ihnen schon einen
besonderen Eigentümer dafür zu schaffen, und jemandes Grundbesitz
wird von ihnen als so völlig und so gerechtermaßen ihm zugehörig
angesehen, daß er dasselbe verkaufen, verpachten, verschenken oder ver-
machen kann, wie er es mit seinem ksause, seinem Vieh, seinen waren
oder seinen Mobilien tun kann. Die „Heiligkeit des Eigentums" ist
so beständig und so wirksam gepredigt worden, besonders von jenen
.„Konservatoren alter Barbarei", wie Voltaire die Rechtsgelehrten
nannte, daß die meisten Menschen das Privateigentum am Grund und
Boden als die wahre Grundlage der Zivilisation ansehen und, wenn
die Wiedereinsetzung des Landes zu Gemeingut angeregt wird, die Sache
auf den ersten Blick entweder als ein grillenhaftes Hirngespinst, das me
ausgeführt worden ist oder werden kann, oder als einen Vorschlag, die
Gesellschaft in ihren Grundlagen umzustürzen und einen Rückfall in
die Barbarei zuwege zu bringen, betrachten.

wenn es auch wahr wäre, daß der Grund und Boden stets als
Privateigentum behandelt worden sei, so würde das ebensowenig die
Gerechtigkeit oder Notwendigkeit beweisen, es auch fernerhin dabei
zu lassen, als das allgemeine Bestehen der Sklaverei, die einst so fest
begründet schien, die Gerechtigkeit oder Notwendigkeit beweisen würde,
menschliches Fleisch und Blut zu Eigentum zu machen.

vor nicht langer Zeit schien die Monarchie eine allgemeine Ein-
richtung, und nicht nur die Könige, sondern auch die meisten ihrer Nnter-
tanen glaubten faktisch, daß kein Land ohne einen König fertig werden
könne. Trotzdem wird Frankreich, um von Amerika gar nicht zu sprechen,
jetzt ohne König fertig, und die Königin von England und Kaiserin von
        <pb n="286" />
        ﻿

Aap. IV. Der Privatgrundbesitz vom historischen Standpunkte aus.

273

Indien Hai ungefähr so viel mit der Regierung ihrer Reiche zu tun,
als die hölzerne Figur vor einem Schiffe mit der Bestimmung seines
Kurses.

Etwa vor hundert Jahren erklärte Bischof Butler, der Verfasser
der berühmten Analogie, daß „eine Staatsverfassung ohne eine Kirche
etwas Chimärisches" fei, wofür es kein Beispiel gebe. Daß es dafür
kein Beispiel gab, darin hatte er Recht. Damals gab es keinen Staat,
noch könnte man leicht einen früher bestehenden ohne eine Art Kirche
anführen; in den Vereinigten Staaten jedoch haben wir seitdem durch
die Praxis eines Jahrhunderts bewiesen, daß es für eine Staatsregierung
möglich ist, ohne Staatskirche zu bestehen.

Wäre es wahr, daß der Grund und Boden immer und überall als
persönliches Eigentum behandelt worden wäre, so würde dies doch
keineswegs behaupten, daß es immer so bleiben müsse. Aber es ist nicht
einmal wahr. Im Gegenteil, ursprünglich ist überall das gemeinsame
Recht auf den Grund und Boden anerkannt worden, und der persönliche
Besitz ist nirgends entstanden, außer als das Ergebnis der Usurpation.
Die ursprünglichen und beharrlichen Auffassungen der Menschheit
gehen dahin, daß alle ein gleiches Recht auf den Grund und Boden
haben, und die Meinung, daß der Privatbesitz am Grund und Boden
für die Gesellschaft nötig sei, ist nur ein Auswuchs der Unwissenheit,
die nicht über ihre nächsten Umgebungen Hinausblicken kann, ein Begriff
verhältnismäßig moderner Entstehung, ebenso künstlich wie grundlos.

Die Beobachtungen der Reisenden, die Forschungen der kritischen
Historiker, welche in der neuesten Zeit so viel getan haben, um die ver-
gessenen Geschichten der Völker zu rekonstruieren, die Untersuchungen
von Männern wie Sir bsenry Maine, Emil de Laveleye, Professor
Nasse und anderer über das Entstehen der gesellschaftlichen Einrichtungen
beweisen, daß überall, wo die menschliche Gesellschaft sich gebildet hat,
das gemeinsame Recht der Menschen auf die Benutzung der Erde aner-
kannt und nirgends ein unbeschränkter Privatbesitz allgemein adoptiert
worden ist. weder vom historischen, noch vom ethischen Standpunkte
aus ist der persönliche Grundbesitz zu verteidigen. Derselbe entspringt
nirgends aus einem vertrage, kann nirgends auf Rechts- oder Dppor-
tunitätsgründe gestützt werden, sondern hat allenthalben seine Geburts-
stätte in Krieg und Eroberung, so wie in dem eigennützigen Gebrauche
gehabt, welchen die Listigen aus dem Aberglauben und dem Gesetz
Zu ziehen wußten.

Überall, wo wir die früheste Geschichte der Gesellschaft verfolgen
können, sei es in Asien, in Europa, in Afrika, in Amerika oder in Poly-
nesien, ist der Grund und Boden —- wie dies bei den unvermeidlichen
Beziehungen, welche das menschliche Leben zu demselben hat, nicht
anders sein kann — als Gemeingut angesehen worden, auf welches
das Recht aller, welche anerkannte Rechte hatten, gleich war. Das heißt
daß alle Mitglieder der Gemeinde (alle Bürger, wie wir sagen) gleiche

George, Fortschritt und Armut.
        <pb n="287" />
        ﻿Buch VII,

274

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Rechte cm dem Gebrauch und Genuß des Landes der Gemeinde hatten.
Diese Anerkennung des gemeinsamen Rechtes aus das Land schloß
nicht die volle Anerkennung des besonderen und ausschließlichen Rechtes
auf die Dinge aus, die das Ergebnis der Arbeit sind, noch wurde sie auf-
gegeben, als die Entwicklung des Ackerbaues die Nötigung auferlegt
hatte, ausschließlichen Grundbesitz anzuerkennen, um den ausschließ-
lichen Genuß der Früchte der aus den Anbau verwendeten Arheit zu
sichern. Die Teilung des Landes zwischen den industriellen Einheiten,
ob Familien, Familienkomplexen oder einzelnen, ging nur so weit,
als es für den Zweck nötig war, während Weiden und Wälder als ge-
meinschaftlich beibehalten wurden, und für das Ackerland die Gleich-
heit dadurch hergestellt wurde, daß entweder, wie bei den teutonischen
Rassen, von Zeit zu Zeit, eine Neuverteilung stattfand oder, wie nach
den Gesetzen Moses, die Veräußerung untersagt war.

Diese ursprüngliche Anordnung besteht, mehr oder weniger intakt,
noch heute in den Dorfgemeinden Zndiens, Rußlands und der bis vor
kurzem noch der türkischen Herrschaft unterworfenen slavischen Länder,
in den Gebirgskantonen der Schweiz, unter den Rabylen im Norden
und den Raffern im Süden Afrikas, unter der einheimischen Bevölke-
rung Javas und den Eingeborenen Neuseelands; d. h. überall, wo
äußere Einflüsse die Form der ursprünglichen sozialen Organisation
unberührt gelassen haben. Daß sie allenthalben bestand, ist in den letzten
Zähren hinreichend bewiesen worden durch die Forschungen vieler
unabhängiger Gelehrten und Beobachter, die meines Wissens am
besten zusammengefaßt sind in Lavelex&gt;es vom Lobdenklub veröffent-
lichter Arbeit über die „Systeme des Grundbesitzes in verschiedenen
Ländern", sowie in Laveleyes Buch: „Das ursprüngliche Eigentum",
auf das ich den Leser, der diese Dinge im Detail verfolgen will, verweise.

„Zn allen ursprünglichen Gesellschaften", so faßt Laveleye das
Ergebnis einer Untersuchung, die keinen Teil der Welt unerforscht ließ,
zusammen, „in allen ursprünglichen Gesellschaften war der Boden das
gemeinschaftliche Eigentum der Stämme und periodischen Verteilungen
unter den Familien unterworfen, damit alle von ihrer Arbeit leben
könnten, wie es die Natur bestimmt hat. Während so der Wohlstand
eines jeden von seiner Tatkraft und seinem verstände abhing, war
jedenfalls niemand der Unterhaltsmittel bar und gegen eine von Gene-
ration zu Generation sich vergrößernde Ungleichheit war gesorgt."

Wenn Laveleye mit diesem Schlüsse Recht hat — und es kann
keinem Zweifel unterliegen, daß er Recht hat —, wie, wird man fragen,
konnte dann der Übergang des Grund und Bodens in den jdrivatbesitz
so allgemein werden?

Die Ursachen, welche dahin gewirkt haben, diese ursprüngliche
Zdee des gleichen Rechts auf die Benutzung des Landes durch die Zdee
ausschließlicher und ungleicher Rechte zu verdrängen, können, glaube
ich, überall mit Sicherheit, wenn auch nicht mit Genauigkeit verfolgt
        <pb n="288" />
        ﻿Kap. IV.

Der Privatgrundbesitz vom historischen Standpunkt aus.

275

werden. Es sind überall dieselben, welche zur Verweigerung gleicher
persönlicher Rechte und zur Einsetzung privilegierter Klassen geführt
haben.

Diese Ursachen können zusammengefaßt werden in der Konzentration
der Macht in den Händen der Häuptlinge und der Soldatenklasse infolge
eines Kriegszustandes, der sie in den Stand setzte, die Gemeindeländereien
zu monopolisieren; als die Folge von Eroberung, welche die Besiegten
in einen Zustand bäuerlicher Sklaverei versetzte und ihre Grundstücke
unter die Eroberer und in unverhältnismäßigen Anteilen unter die
Anführer verteilte; in der Auszeichnung und Macht einer Priesterklasse
und der Auszeichnung und Macht einer Klasse professioneller Rechts-
gelehrten, deren Interessen durch die Substitution eines ausschließlichen
anstatt des gemeinschaftlichen Eigentums an Grund und Boden gefördert
wurden*) — und die einmal erzeugte Ungleichheit strebt, nach dem
Gesetze der Anziehung, stets nach größerer Ungleichheit hin.

Es war der Kampf zwischen dieser Idee gleicher Rechte an den
Boden und der Tendenz, denselben in persönlichem Besitz zu mono-
polisieren, welche die inneren Konflikte Roms und Griechenlands ver-
ursachte; es war der gegen diese Tendenz geführte 5toß —in Griechen-
land durch Einrichtungen wie die Lykurgs und Solons, und in Rom
durch das Licinianische Gesetz und die danach eintretenden Landver-
teilungen —, der beiden ihre Zeit der Kraft und des Ruhmes gab,
und es war der schließliche Triumph dieser Tendenz, der beide zerstörte.
Große Güter richteten Griechenland zugrunde, wie nachher „große Güter
Italien verdarben"**) und als der Boden schließlich, trotz der Warnungen
großer Gesetzgeber und Staatsmänner, in den Besitz einiger weniger
überging, da nahm die Bevölkerung ab, da sank die Kunst, da wurde
der Geist entmannt, und die Rasse, in der die Menschheit ihre glänzendste
Entwicklung erreicht hatte, zu einem Schimpfworts und Vorwürfe
unter den Menschen.

Der Gedanke des absoluten, persönlichen Eigentums am Grund
und Boden, welchen die moderne Zivilisation von Rom entlehnte,
erreichte dort seine volle Entwicklung in historischen Zeiten. Als die
künftige Herrin der Welt zuerst auftauchte, hatte jeder Bürger seinen
kleinen unveräußerlichen Wohnsitz, und das allgemeine Gebiet, „das
Kornland, welches unter öffentlichem Recht stand", wurde gemeinschaft-
lich benutzt, zweifellos unter Einrichtungen und Gebräuchen, die eine
ähnliche Gleichheit verbürgten wie in der teutonischen Mark und der
schweizer Allmend. Aus diesem öffentlichen Gebiete, da- beständig
durch Eroberung ausgedehnt wurde, gelang es den Patrizierfamilien,

*) Der Einfluß der Rechtsgelehrten hat sich in Europa sowohl auf dem Kontinent
als auch in Großbritannien sehr fühlbar darin gemacht, daß alle Spuren des alten Besitz-
rechts zerstört und der Gedanke des römischen Gesetzes, der ausschließliche Besitz, an ihre
Stelle gesetzt wurde.

**) Latifundia perdidere Italiam, Plinius.

18*
        <pb n="289" />
        ﻿276

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

sich ihre großen Güter herauszuschneiden. Durch die Nacht, rnit der
das Große das Kleine anzieht, zerquetschten diese großen Güter schließ-
lich — trotz zeitweiliger Gnadenfristen, die durch gesetzliche Beschrän-
kungen und wiederholte Teilungen geboten wurden — alle die schwachen
Besitzer; ihre kleinen Erbstellen wurden zu den Latifundien der enorm
Reichen geschlagen, und sie selbst wurden entweder geradezu Sklaven
oder pachtzahlende Bauern, oder nach den neu eroberten ausländischen
Provinzen getrieben, wo den Veteranen der Legionen Land zur Ver-
fügung stand, wenn sie nicht vorzogen, zur Hauptstadt zu ziehen und die
Reihen der Proletarier anzuschwellen, die nichts als ihre Stimme zu
verkaufen hatten

Der Läsarismus, bald in ungezügelten Despotismus von orien-
talischem Typus verfallend, war die unvermeidliche politische Folge,
und das Kaiserreich wurde, selbst als es die Welt umfaßte, in Wahrheit
zur Nußschale, die vor dem Zusammenbruch nur durch das gesundere
Leben an den Grenzen bewahrt wurde, wo das Land unter militärischen
Ansiedlern verteilt war oder das ursprüngliche herkommen sich länger
erhalten hatte. Aber die Latifundien, welche die Kraft Italiens auf-
gezehrt hatten, fraßen beständig weiter um sich und zerschnitten die
Oberfläche Siziliens, Afrikas, Spaniens und Galliens in große, von
Sklaven oder Pächtern bebaute Güter. Die aus persönlicher Unab-
hängigkeit geborenen herben Tugenden starben aus, Raubwirtschaft
erschöpfte den Boden und wilde Tiere nahmen die Stelle der Menschen
ein, bis endlich die in der Gleichheit gekräftigten Barbaren einbrachen,
Rom zugrunde ging, und von einer einst so stolzen Zivilisation nichts als
Ruinen übrig blieb.

So ereignete sich jene wunderbare Begebenheit, welche zur Zeit der
römischen Größe ebenso unmöglich erschienen wäre, als es uns heute
erscheint, daß die Lomanches oder Flatheads die vereinigten Staaten
erobern, oder die Lappländer Europa verwüsten sollten. Die Grund-
ursache ist in den Grundbesitzverhältnissen zu suchen. Auf der einen
Seite brachte die Verweigerung gemeinschaftlichen Rechts auf den
Grund und Boden den verfall hervor, auf der anderen gab die Gleichheit
Kraft.

„Die Freiheit", sagt de Laveleye („Das ursprüngliche Eigen-
tum", Seite N6) „die Freiheit, und als Konsequenz davon der Besitz
eines Anteils am gemeinschaftlichen Eigentum, auf welchen das Haupt
jeder Familie im Stamme das gleiche Recht hatte, waren in dem deutschen
Dorfe wesentliche Rechte. Dies System absoluter Gleichheit prägte
dem einzelnen einen bestimmten Eharakter auf, welcher es erklärt,
daß kleine Banden von Barbaren sich zu Herren des römischen Reiches
machten, trotz dessen geschulter Verwaltung, dessen vollkommener
Zentralisation und dessen Zivilgesetzes, welches sich den Namen der
geschriebenen Vernunft erhalten hat."

Andererseits war das Herz dieses großen Reiches angefressen.
        <pb n="290" />
        ﻿Kap. IV.

Der Privatgrundbesitz vom historischen Standpunkte aus.

277

„Rom", sagt Professor Seely, „ging an der Mißernte der Menschen
zugrunde".

Guizot hat in seinen Vorlesungen über die „Geschichte der Zivili-
sation in Europa" und ausführlicher in seinen Vorträgen über die
„Geschichte der Zivilisation in Frankreichs" lebhaft das Lhaos beschrieben,
welches in Europa dem Fall des römischen Kaiserreiches folgte, ein
Lhaos, welches, wie er sich ausdrückt, „alle Dinge in seinem Busen trug"
und aus welchem das Gebäude der modernen Gesellschaft sich nur langsam
herausgestaltete. Es ist ein Gemälde, das nicht in einige Zeilen zu-
sammenzudrängen ist, und es genüge hier zu sagen, daß das Ergebnis
dieser Infusion von rohem, aber kräftigem Leben in die römische Gesell-
schaft eine Desorganisation des deutschen sowohl als des römischen
Gesellschaftsgebäudes war —&gt; eine Vermischung und ein Zusatz des
Gedankens gemeinschaftlicher Rechte am Grund und Boden zu dem
Gedanken des ausschließlichen Eigentums, wie er sich wesentlich in jenen
Provinzen des Ostreiches vorfand, die später von den Türken über-
wältigt wurden. Das Feudalsystem, das so schnell Aufnahme fand
und sich so weit verbreitete, war das Resultat einer derartigen Ver-
mischung; aber unter und neben dem Feudalsystem schlug eine ursprüng-
lichere, auf die gemeinschaftlichen Rechte der Bebauer gegründete Organi-
sation Wurzel oder lebte wieder auf und hat ihre Spuren über ganz
Europa zurückgelassen. Diese ursprüngliche Organisation, welche gleiche
Anteile des bebauten Bodens und den gemeinschaftlichen Gebrauch
des unbebauten Bodens gewährt und welche im alten Italien sowie im
sächsischen England bestand, hat sich unter Absolutismus und Leibeigen-
schaft in Rußland, unter mohammedanischer Tyrannei in Serbien erhalten
und ist in Indien durch Eroberung auf Eroberung und jahrhunderte-
lange Tyrannei wohl verwischt, aber nicht gänzlich zerstört worden.

Das Feudalsystem, welches Europa nicht eigentümlich sondern
die natürliche Folge der Eroberung eines angesiedelten Landes durch
eine Rasse ist, unter der Gleichheit und Individualität noch immer
mächtig sind, erkannte wenigstens in der Theorie ohne Rückhalt an,
daß der Boden der gesamten Gesellschaft nicht dem einzelnen gehöre.
Das rohe Produkt eines Zeitalters, in dem Macht vor Recht ging, so
sehr dies nur immer geschehen kann (denn die Idee des Rechts ist nicht
aus dem menschlichen Geiste zu reißen und muß sich in irgendeiner
Gestalt sogar in dem Bunde von Räubern und Piraten zeigen), gestattete
das Feudalsystem doch niemandem das unbeschränkte und ausschließ-
liche Recht auf den Grund und Boden. Lin Lehen war wesentlich ein
Deposit und mit dem Genusse waren auch Verpflichtungen verbunden.
Der Herrscher, theoretisch der Vertreter der Gesamtmacht und der Ge-
samtrechte des ganzen Volkes, war nach feudaler Ansicht der einzige
absolute Grundbesitzer. Und obwohl der Grund und Boden dem persön-
lichen Besitz überliefert war, so waren mit dem Besitz doch Pflichten
verbunden, durch deren Erfüllung, wie angenommen wurde, der Nutz-
        <pb n="291" />
        ﻿278

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

nießer von seinen Einkünften dein Staate ein Äquivalent für die Vorteile
zurückgab, welche er durch die Übertragung des gemeinschaftlichen Rechtes
empfing.

Zn dem Feudalsystem trugen die Aronländer öffentliche Aus-
gaben, welche jetzt aus der Zivilliste bestritten werden; die Airchen-
ländereien trugen die Aasten des öffentlichen Gottesdienstes und des
Unterrichts, der Aranken- und Armenpflege und erhielten eine Alasfe
von Menschen, deren Leben man als dem öffentlichen lvohle gewidmet
ansah und es vielfach ohne Zweifel auch war; auf den militärischen
Lehen dagegen lastete die Landesverteidigung. I" der Verpflichtung,
unter welcher sich der militärische Lehensträger befand, im Fall der
Not eine gewisse Macht ins Feld zu stellen, sowie in dem Beistände,
den er zu leisten hatte, wenn des Herrschers ältester Sohn zum Ritter
geschlagen, seine Tochter verheiratet oder der Herrscher selbst zum
Ariegsgefangenen gemacht wurde, lag eine rohe und unwirksame, aber
unzweifelhaft doch eine Anerkennung der dem natürlichen Verständnis
aller Menschen einleuchtenden Tatsache, daß der Grund und Boden
nicht privates, sondern gemeinschaftliches Eigentum ist.

Auch durfte der Besitzer von Grund und Boden seine Verfügung
nur lebenslänglich ausüben. Gbschon das Prinzip der Erblichkeit bald
das der Wahl verdrängte, wie dies stets der Fall sein muß, wo die Macht
sich konzentriert, so forderte doch das Lehnsrecht, daß stets ein Vertreter
des Lehns vorhanden fei, der sowohl die mit einem großen Grundbesitz
verbundenen Pflichten zu erfüllen, wie die Vorteile zu empfangen
fähig war, und wer dies sein solle, war nicht der individuellen Laune
überlassen, sondern rigorös im voraus bestimmt. Daraus entstand dann
Vormundschaft und andere feudale Einrichtungen. Das System des
Lrftgeburtsrechts und dessen Auswuchs, das Fideikommiß, waren in
ihren Anfängen nicht die Ungereimtheiten, die später daraus wurden.

Die Grundlage des Feudalsystems war der absolute Besitz des
Grund und Bodens, ein Gedanke, den sich die Barbaren inmitten
einer besiegten Bevölkerung, welcher derselbe geläufig war, schnell
aneigneten; der Feudalismus jedoch zog darüber ein höheres Recht,
und der Prozeß der Feudalisierung bestand darin, persönliche Herr-
schaft der höheren Herrschaft unterzuordnen, welche das größere Land
oder Volk vertrat. Seine Einheiten waren die Grundbesitzer, welche
kraft ihres Besitzes unumschränkte Herren auf ihrem Gebiete waren
und dort das Schützeramt bekleideten, welches Taine in dem Ein-
leitungskapitel seines „alten Regime" so anschaulich, wenn auch viel-
leicht mit etwas zu starken Farben beschrieben hat. Das Werk des
Feudalsystems war, diese Einheiten in Völker zusammenzufassen und
die Macht und Rechte der individuellen Herren des Landes der Macht
und, den. Rechten der Gesamtgesellschaft, wie sie durch den Gberlehns-
herrn oder Aönig dargestellt wurde, unterzuordnen.

So war das Feudalsystem in seiner Entstehung und Entwicklung
        <pb n="292" />
        ﻿Kap. IV.

2?9

Der Privatgrundbesitz vom historischen Standpunkte aus.

ein Triumph der Idee des gemeinschaftlichen Rechtes auf den Grund
und Boden, indem es einen absoluten Besitz in einen konditionellen
verwandelte und für das Vorrecht, Rente zu erhalten, besondere Ver-
pflichtungen auferlegte. Und gleichzeitig wurde die Macht des Grund-
besitzes auch noch gewissermaßen von unten her beschnitten, da die
beliebig kündbare Pachtung der Bauern sich sehr allgemein zur Erbpacht
verdichtete und die Rente, die der Grundherr vom Bauern fordern
konnte, fixiert und festbestimmt wurde.

Und inmitten des Feudalsystems verblieben oder entstanden Ge-
meinden von Bauern, die mehr oder weniger feudalen Lasten unter-
worfen waren, aber den Boden als gemeinschaftliches Eigentum bebauten;
und obgleich die Herren, wo und wann sie dazu die Macht hatten, so
ziemlich alles beanspruchten, was ihnen der Mühe wert schien, so war
doch die Idee des gemeinschaftlichen Rechts stark genug, um sich gewohn-
heitsmäßig auf einem beträchtlichen Teile des Landes zu erhalten.
Der Gemeindebesitz muß in feudalen Zeiten einen sehr großen Teil
des Gebietes der meisten europäischen Länder umfaßt haben. Denn
in Frankreich belaufen sich die Gemeindeländereien (obgleich die ge-
legentlich durch Königliches Edikt aufgehaltenen oder aufgehobenen
Aneignungen derselben durch den Adel vor der Revolution jahrhunderte-
lang vor sich gingen und während der Revolution und des Kaiserreiches
große Verteilungen und Verkäufe veranstaltet wurden) nach Angabe
de Lavele^es noch immer auf 4 000 000 Hektare. Die Ausdehnung
der Gemeindeländereien Englands während der Feudalzeit kann aus
der Tatsache abgenommen werden, daß, obgleich die Einhegungen des
Adels unter der Regierung Heinrich VII. begannen, unter den zwischen
I?I0 und I8$3 erlassenen Parlamentsakten noch immer nicht weniger
als 7 660 413 Acker Gemeindeländereien eingehegt wurden, wovon
600 000 Acker erst seit (84s; und man schätzt, daß noch jetzt 2 Millionen
Acker Gemeindeland übrig sind, obwohl natürlich die schlechtesten Teile
des Bodens.

Außer diesen Gemeindeländereien bestand bis zur Revolution
in Frankreich, und besteht in einzelnen Teilen Spaniens bis auf den
heutigen Tag, ein Gewohnheitsrecht mit voller gesetzlicher Kraft, wo-
nach Ackerland, nachdem die Ernte eingebracht, zum Behuf der weide
öffentlich wird, bis die Zeit kommt, um den Boden wieder zu benutzen;
und an manchem Orte bestand ein Herkommen, wonach jeder das Recht
hatte, auf Grundstücken, die der Besitzer vernachlässigte, zu säen und
zu ernten. Und wenn jemand Dünger für die erste Ernte verwendete,
so erlangte er das Recht, nochmals zu säen und eine zweite Ernte ein-
zuheimsen, ohne daß der Eigentümer etwas dagegen haben oder es
verhindern konnte.

Nicht bloß die Dithmarsische Mark, die Schweizer Allmend, die
serbischen und russischen Dorfgemeinden; nicht bloß die langen Grate
auf englischem Boden, der jetzt ausschließlicher Besitz einzelner ist, er-
        <pb n="293" />
        ﻿280

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

möglichen es noch dem Altertumsforscher, die großen Felder nachzu-
weisen, die in früherer Zeit der Dreifelderwirtschaft gewidmet waren,
und an denen jedem Dorfbewohner alljährlich sein gleicher Anteil zu-
geteilt wurde; nicht nur die dokumentarischen Beweise, welche fleißige
Gelehrte neuerdings aus alten Urkunden hervorgezogen haben; sondern
die Institutionen selbst, unter denen sich die moderne Zivilisation ent-
wickelt hat, beweisen die Allgemeinheit und lange Dauer des gemein-
schaftlichen Rechtes auf die Benutzung des Grund und Bodens.

Auch in den Vereinigten Staaten finden sich noch Reste von Ge-
setzen, die ihren Sinn verloren haben, aber gleich den noch bestehenden
Resten der alten Gemeindegründe Englands darauf hinweisen. Die
Lehre vom Gbereigentum (die auch im mohammedanischen Gesetz besteht),
welche den Souverän theoretisch zum einzigen absoluten Grundbesitzer
macht, entspringt aus nichts anderem als aus der Anerkennung des
Souveräns als Vertreter der Gesamtrechte des Volkes; das Erstgeburts-
recht und das Fideikommiß, welche noch in England bestehen und vor
\oo Zähren auch in einigen amerikanischen Staaten bestanden, sind nur
verdrehte Formen von dem, was einst ein natürliches Erzeugnis der Auf-
fassung des Grund und Bodens als Gemeingut war. Selbst der Unter-
schied, der in der Rechtssprache zwischen Grund- und persönlichem Eigen-
tum gemacht wird, ist nur der Überrest einer ursprünglichen Unterschei-
dung zwischen dem, was früher als Gemeingut angesehen, und dem,
was seiner Natur nach immer als besonderes Eigentum des einzelnen
betrachtet wurde. Und die größere Sorgfalt und Umständlichkeit, welche
noch jetzt für die Übertragung von Grundstücken erfordert wird, ist nur
ein jetzt sinn- und nutzloser Überrest der allgemeineren und feierlicheren
Zustimmung, die einst für die Übertragung von Rechten erforderlich war,
die man nicht als Zubehör eines Mitgliedes, sondern aller Mitglieder
einer Familie oder eines Stammes betrachtete.

Der allgemeine Gang der Entwicklung der modernen Zivili-
sation seit der Feudalzeit war aus den Umsturz dieser natürlichen und
ursprünglichen Ansichten vom Aollektivbesitz an Grund und Boden
gerichtet. So paradox es scheinen mag, das Auftauchen der Freiheit
aus den Fesseln des Lehnswesen war von einer Tendenz begleitet,
auf den Grund und Boden diejenige Besitzform anzuwenden, welche
die Versklavung der arbeitenden Massen involviert, und die jetzt in der
ganzen zivilisierten Welt als ein eisernes Zoch sich fühlbar zu machen
beginnt, welches durch keine Ausdehnung bloßer politischer Rechte
oder persönlicher Freiheit gemildert werden kann, und welches die
Nationalökonomen fälschlich als den Druck natürlicher Gesetze und die
Arbeiter als die Tyrannei des Aapitals betrachten.

Soviel ist klar, daß heute in Großbritannien das Recht des Volkes
als eines Ganzen auf den Grund und Boden seines Vaterlandes viel
weniger anerkannt wird als in der Feudalzeit. Ein viel geringerer Teil
des Volkes besitzt den Boden, und dessen Besitz ist viel absoluter. Die einst
        <pb n="294" />
        ﻿Kap. VI. Der Privatgrundbesitz vom historischen Standpunkte aus.	28 J

so ausgedehnten und so bedeutend zur Unabhängigkeit und zur Er-
haltung der unteren Ulassen beitragenden Gerneindeländereien sind,
bis auf ein kleines Überbleibsel von nur wertlosem Boden, alle in Privat-
besitz übergegangen und eingehegt; die großen Kirchengüter, die wesent-
lich öffentlichen Zwecken gewidmetes Gemeingut waren, sind denselben
entfremdet worden, um einzelne zu bereichern; die Verpflichtungen
der militärischen Lehen sind abgeschüttelt und die Unterhaltskosten der
militärischen Einrichtungen, so wie die Zinsen einer durch Uriege an-
gehäuften ungeheuren Schuld dem ganzen Volke durch Steuern auf die
Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens aufgebürdet worden.
Die Urongüter sind meistens in Privatbesitz übergegangen, und der
britische Arbeiter muß für die Erhaltung der Uöniglichen Familie und
aller der kleinen Prinzen, die hineinheiraten, im Preise seines Uruges
Bier und seiner Pfeife Tabak zahlen. Der englische Freisasse, das herz-
hafte Geschlecht, welches Lrecy, Poitiers und Agincourt gewann, ist
so erloschen wie das Mastodon. Der schottische Llansmann, dessen
Rechte an den Boden seiner heimatlichen Berge damals ebenso unbe-
stritten waren wie die seiner Häuptlinge, ist vertrieben worden, um für
die Schafherden oder Hirschrudel der Nachkommen jener Häuptlinge
Platz zu machen; das Stammesrecht des Irländers ist in eine beliebig
kündbare Pachtung verwandelt worden. Dreißigtausend Menschen
haben die gesetzliche Macht, die ganze Bevölkerung aus fünf Sechsteln
der britischen Inseln zu vertreiben, und die ungeheure Mehrheit des
britischen Volkes hat keinerlei Recht an das Vaterland, außer auf den
Straßen zu gehen oder auf den Eisenbahnen zu reisen. Auf sie können
Passend die Worte eines Tribunen des römischen Volkes angewendet
werden: „Männer Roms", sagte Tiberius Gracchus, „Ihr werdet
die Herren der Welt genannt und doch habt Ihr kein Recht
auf einen Fuß breit ihres Bodens! Die wilden Tiere
haben ihre Höhlen, aber die Krieger Italiens nur Wasser
und Luft!"

Das Resultat ist in England vielleicht auffälliger als anderswo,
aber die Tendenz ist allenthalben bemerkbar und in England nur weiter
vorgeschritten infolge von Umständen, welche sie mit größerer Schnellig-
keit entwickelt haben.

Der Grund, weshalb mit der Ausdehnung der persönlichen Freiheit
eine Ausdehnung des Privatbesitzes am Grund und Boden stattgefunden
hat, ist meiner Ansicht nach der, daß, als mit dem Fortschritt der Zivili-
sation die gröberen Formen der mit dem Grundbesitz verbundenen
Obergewalt fallen gelassen, oder abgeschafft oder weniger auffällig
wurden, die Aufmerksamkeit von den hinterlistigeren, aber tatsächlich
Wirksameren Formen abgelenkt ward, so daß die Grundbesitzer leicht
imstande waren, das Grundeigentum auf dieselbe Basis zustellen wie
anderes Eigentum.

Die Entwicklung der Nationalmacht, sei es in der Form des König-
        <pb n="295" />
        ﻿282

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

tums oder der parlamentarischen Regierung, entkleidete die großen
Herren der persönlichen Macht und Bedeutung, ihrer Jurisdiktion und
Gewalt über die Personen und unterdrückte so die auffälligen Mißbräuche,
ähnlich wie die Entwicklung des römischen Imperialismus die auf-
fälligsten Grausamkeiten der Sklaverei unterdrückt hatte. Die Zerlegung
der großen Lehnsgüter, welche solange als sich nicht die Notwendigkeit
fühlbar machte, in großem Maßstabe zu produzieren, darauf hinwirkte,
dieZahl derGrundbesitzer zu vermehren, und die Abschaffung derZwangs-
maßregeln, durch welche dieselben, als noch die Bevölkerung dünner war,
die Arbeiter auf ihren Gütern zurückzuhalten suchten, trugen auch dazu
bei, die Aufmerksamkeit von der, mit dem Privatbesitz am Grund und
Boden verknüpften Ungerechtigkeit abzulenken, während der beständige
Fortschritt der Ideen des römischen Rechts, des großen Schachtes und
Vorratshauses der modernen Jurisprudenz, darauf abzielte, den natür-
lichen Unterschied zwischen Grundeigentum und Eigentum an anderen
Dingen zu verwischen. So ging mit der Ausdehnung der persönlichen
Freiheit eine Ausdehnung des persönlichen Grundbesitzes bfand in bfand.

Die politische Macht der Barone wurde überdies nicht durch die
Empörung der Klassen gebrochen, welche die Ungerechtigkeit des Grund-
besitzes deutlich fühlen konnten. Solche Empörungen fanden immer
und immer statt, aber ebenso oft wurden sie mit schrecklichen Grausam-
keiten unterdrückt, was die Macht der Barone brach, war die Zunahme
der Handwerker- und bjandelsklassen, und zwischen dem Lohn derselben
und der Grundrente besteht nicht dasselbe klare Verhältnis. Diese Klassen
hatten sich ebenfalls unter einem System geschlossener Gilden und In-
nungen entwickelt, welches, wie ich früher bei Besprechung der Gewerk-
vereine und Monopole erläuterte, sie in den Stand setzte, sich gegen die
Wirkung des allgemeinen Lohngesetzes gleichsam zu verschanzen, und
welches viel besser aufrecht zu erhalten war als heutzutage, wo die
Wirkung verbesserter Transportmethoden und die Verbreitung der
nötigsten Kenntnisse und neuesten Nachrichten die Bevölkerung beständig
mobiler macht. Diese Klassen sahen nicht und sehen jetzt noch nicht, daß
die Grundbesitzverhältnisse schließlich die Bedingungen des industriellen,
sozialen und politischen Lebens bestimmen müssen. Und so ging die
Tendenz dahin, den Begriff des Grundeigentums mit dem Eigentum
an Dingen menschlicher Produktion zu verschmelzen, und man machte
selbst Rückschritte und begrüßte sie als Fortschritte. Die französische
konstituierende Versammlung glaubte im Jahre l.789 ein Überbleibsel
der Tyrannei hinwegzufegen, als sie den Zehnten abschaffte und den
Unterhalt der Geistlichkeit durch allgemeine Steuern deckte. Der Abbe
Siöyes stand allein, als er erklärte, daß man einfach eine Steuer, die eine
der Bedingungen war, auf Grund deren die Besitzer ihre Güter besaßen,
den Gutsbesitzern erlasse, um dieselbe der Arbeit des Volkes aufzuerlegen.
Aber vergebens. Da der Abbä Siöyes ein Priester war, so sah man in
ihm einen Verteidiger der Interessen seines Standes, während er in
        <pb n="296" />
        ﻿Wahrheit als Verteidiger der Menschenrechte auftrat. In jenen Zehnten
hätten die Franzosen ein großes öffentliches Einkommen beibehalten
können, welches den Löhnen der Arbeit oder dem Erwerbe des Kapitals
nicht einen Lentime genommen haben würde.

Und ebenso ist die nach der Thronbesteigung Karls II. ratifizierte
Abschaffung der militärischen Lehen in England durch das Lange Par-
lament zwar nichts weiter als eine Aneignung öffentlicher Einkünfte
seitens der Lehnsherren gewesen, die dadurch die Verpflichtungen,
um derentwillen sie das Gemeingut der Nation befaßen, los wurden,
und dieselben durch die Besteuerung aller Konsumenten dem Volke
aufbürdeten, gleichwohl aber lange als ein Triumph des Freiheits-
sinnes angesehen worden und wird in den Rechtsbüchern noch so be-
trachtet. Aber gerade hier liegt die Tuelle der ungeheuren Staats-
schuld und schweren Besteuerung Englands, wäre die Form dieser
Lehnsverpflichtungen einfach in eine den veränderten Zeiten an-
gemessenere Form umgewandelt worden, so hätten die englischen
Kriege nie die Kontrahierung einer Schuld von einem einzigen Pfunde
erfordert und die Arbeit und das Kapital Englands behufs Erhaltung
eines Beeres nicht um einen geller besteuert zu werden brauchen.
Alle diese Kosten würden durch die Rente gedeckt worden sein, welche
die Grundbesitzer seit jener Zeit sich angeeignet haben — aus der Steuer,
welche die Grundeigentümer von dem Erwerbe der Arbeit und des
Kapitals erheben. Die Grundbesitzer Englands erhielten ihr Land
zu Bedingungen, welche selbst bei der dünnen Bevölkerung der nor-
mannischen Zeiten ihnen die Verpflichtung auferlegten, beim ersten
Ruf so 000 vollkommen ausgerüstete Reiter ins Feld zu stellen*), und
zu der weiteren Bedingung verschiedener Abgaben und Leistungen,
die sich auf einen beträchtlichen Teil der Grundrente beliefen. Niedrig
veranschlagt würden diese verschiedenen Dienste und Abgaben die
Hälfte des Pachtwertes der Güter ausmachen, wären die Grund-
besitzer zur Einhaltung dieser Verbindlichkeiten angehalten worden
und hätte man sie kein Land unter anderen als solchen Bedingungen
einhegen lassen, so würde das, der Nation heute aus dem englischen
Boden erwachsende Einkommen um viele Millionen größer sein als die
sämtlichen öffentlichen Einnahmen des vereinigten Königreiches. Eng-
land könnte sich heute einer absoluten Gewerbe- und Handelsfreiheit
erfreuen. Ls brauchte keine Zölle, keine Akzise, keine Gewerbesteuer,
keine Einkommensteuer, und man würde dennoch alle jetzigen Ausgaben
bestreiten können und noch einen großen Überfluß behalten, um allen

*) Andrew Bisset bestreitet in seinem werke: „The Strength of Nations“, London
tssg, in welchem er die Aufmerksamkeit des englischen Volkes auf diese Maßregel lenkt,
durch welche die Grundbesitzer sich die Zahlung ihrer Rente an die Natton vom Halse
schafften, die Angabe Blackstoner, daß eines Ritters Dienst nur 40 Tage dauerte und sagt,
er habe so lange gewährt, wie er erforderlich war.
        <pb n="297" />
        ﻿Buch VII.

28^	Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Zwecken zu dienen, die zur Wohlfahrt des ganzen Volkes beitragen
könnten.

wenden wir unsere Blicke in die Vergangenheit, so können wir
überall, wo genug Licht über die Zustände verbreitet ist, sehen, daß
alle Völker in ihren ersten Anschauungen den gerneinschastlichen Besitz
am Grund und Boden anerkannt haben, und daß der sdrivat-
grundbesitz eine Usurpation, eine Schöpfung der Gewalt und des
Truges ist.

wie Madame de Stael sagte: „Die Freiheit ist alt". Kehren wir
zu den frühesten Überlieferungen zurück, so werden wir immer finden,
daß die Gerechtigkeit den ältesten Rechtstitel hat.

Kapitel V.

Vom Grundbesitz in den Vereinigten Staaten.

Zn den früheren Stadien der Zivilisation wurde, wie wir sahen,
der Grund und Boden stets als Gemeingut betrachtet. Und wenden
wir uns von der dämmernden Vergangenheit zu unserer eigenen Zeit,
so können wir bemerken, daß die natürlichen Anschauungen noch dieselben
sind, und daß die Menschen, in Verhältnisse gestellt, unter welchen der
Einfluß von Erziehung und Gewohnheit geschwächt ist, instinktmäßig
die Gleichheit des Rechtes an die Gaben der Natur anerkennen.

Die Entdeckung von Gold in Kalifornien brachte in einem neuen
Lande Menschen zusammen, die gewohnt gewesen waren, den Grund
und Boden als rechtmäßigen Gegenstand persönlichen Eigentums zu
betrachten, und von denen wahrscheinlich nicht einer unter tausend je
im Traume daran gedacht hatte, einen Unterschied zwischen Grundeigen-
tum und anderem Eigentum zu machen. Aber zum ersten Male in der
Geschichte der angelsächsischen Rasse kamen diese Männer in Berührung
mit einem Lande, aus welchem Gold durch die einfache Verrichtung
des Auswaschens zu erhalten war.

wäre das Land, mit dem sie es zu tun hatten, Ackerland oder
weide oder Wald von besonderer Güte gewesen; wären es Grund-
stücke gewesen, welche durch ihre Lage einen besonderen wert für
kommerzielle Zwecke erhielten oder wegen der von ihnen gebotenen
Wasserkräfte wert hatten, oder hätten sie reiche Minen von Kohlen,
Eisen oder Blei enthalten, so würden die Grundbesitzverhältnisse, an
die sie gewöhnt waren, zur Anwendung gekommen sein, und der Boden
wäre streckenweis in Privatbesitz übergegangen, wie selbst die öffent-
lichen Grundstücke in San Franzisko (tatsächlich die wertvollsten des
        <pb n="298" />
        ﻿Kap. V.

vom Grundbesitz in den Vereinigten Staaten.

285

Staates), welche nach spanischem Gesetz zurückgestellt waren, um für
spätere Bewohner dieser Stadt wohnplätze zu bieten, ohne nennens-
werten Protest appropriiert worden waren. Aber die Neuheit des
Falles durchbrach die gewohnten Vorstellungen und führte die Menschen
auf die ersten Prinzipien zurück, und es wurde einstimmig entschieden,
daß dieses goldhaltende Land gemeinschaftliches Eigentum bleiben
solle, von dem niemand mehr nehmen dürfe, als er vernünftigerweise
benutzen könne, oder länger besitzen dürfe, als er es benutze. Diese
Auffassung der natürlichen Gerechtigkeit erhielt die Zustimmung des
Generalgouvernements und der Gerichtshöfe, und solange die Gold-
ausbeute beträchtlich blieb, wurde kein Versuch gemacht, diese Rückkehr
zu den ursprünglichen Zdeen umzustoßen. Der Rechtstitel auf das Land
verblieb der Regierung, und niemand konnte mehr als einen Anspruch
auf faktischen Besitz erlangen. Die Goldgräber setzten in jedem Distrikt
den Umfang des Platzes, den der einzelne nehmen konnte, und den Um-
fang der Arbeit fest, die geleistet werden mußte, um die Benutzung
zu konstituieren, wurde diese Arbeit nicht geleistet, so konnte jeder den
Boden besetzen. So war niemandem gestattet, die Hilfsquellen der Natur
zu belegen oder abzuschließen. Die Arbeit wurde als der Schöpfer der
Güter anerkannt, ihre freies Feld gegeben und ihre Belohnung sicher-
gestellt. Das Mittel würde unter den in den meisten Ländern herrschen-
den Bedingungen nicht volle Gleichheit der Rechte verschafft haben,
aber unter den dort und damals bestehenden Verhältnissen, bei einer
dünnen Bevölkerung, einem unerforschten Lande und einer Beschäfti-
gung, die ihrer Natur nach eine Lotterie war, gewährte sie volle Ge-
rechtigkeit. Der eine konnte eine enorm reiche Ablagerung treffen,
andere dagegen Monate und Zähre vergebens suchen, aber alle hatten
die gleiche Chance. Niemand durfte mit den Gaben des Schöpfers
„Hund im Trog spielen"*). Der Grundgedanke der Bergwerksordnung
war, Aufkauf und Monopol zu verhindern. Auf denselben Grundsatz
sind die Bergwerksgesetze Mexikos begründet, und dasselbe Prinzip
wurde in Ausstralien, in Britisch-Lolumbien und in den südafrikanischen
Diamantenfeldern angenommen, denn es stimmt mit den natürlichen
Nechtsanschauungen überein.

Mit dem verfall des Goldgrabens in Kalifornien gewann schließ-
lich die gewohnte Vorstellung vom Privateigentum die Oberhand
in dem Erlaß eines Gesetzes, welches die Privilegierung mineralhaltiger
Grundstücke zuließ. Die einzige Folge davon ist, daß Naturvorteile
verschlossen und dem Eigentümer von Mineralgrund die Macht gegeben
wurde, jedem anderen die Benutzung dessen zu verbieten, was er selbst
nicht benutzen will. Und es gibt viele Fälle, in welchen Mineralgrund
für spekulative Zwecke zurückgehalten wird, gerade wie man zu den-

*) Das englische Sprichwort: to play the dog in the manger (soviel wie neidisch
sein) ist vm Deutschen nicht wiederzugeben.	Anm. des Ubers.
        <pb n="299" />
        ﻿286

Buch VII.

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

selben Zwecken wertvolles Bau- und Ackerland der Benutzung vorenthält,
während aber die Ausdehnung des Prinzips des Privateigentums
auf den unterirdischen Grund die Benutzung desselben verhinderte, ge-
währte sie keine Garantie für Verbesserungen. Die größten Verwen-
dungen von Kapital aus «Öffnung und Entwicklung von Minen —
Verwendungen, die sich in einzelnen Fällen auf Millionen Dollar
beliefen — hatten aus Grund der bloßen Bearbeitungsgerechtsame
stattgefunden.

wären die Verhältnisse, welche die ersten englischen Ansiedler
in Nordamerika umgaben, derartige gewesen, um ihre Aufmerksamkeit
de novo auf die Frage des Grundbesitzes zu lenken, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß sie auf die ersten Prinzipien zurückgegangen
wären, gerade wie sie in Angelegenheiten der Staatsverfassung darauf
zurückgingen; und der individuelle Grundbesitz würde verworfen worden
sein, gerade wie Adel und Monarchie verworfen wurden. Aber während
einerseits in dem Lande, von dem sie kamen, dies System sich noch nicht
völlig entwickelt und dessen Wirkungen sich noch nicht vollständig fühlbar
gemacht hatten, verhinderte andererseits der Umstand, daß in dem
neuen Lande ein unermeßlicher Kontinent zur Ansiedlung einlud, jede
Frage über die Gerechtigkeit und Zuträglichkeit des Privatbesitzes am
Grund und Boden. Denn in einem neuen Lande scheint der Gleichheit
volles Genüge geleistet zu werden, wenn nur niemandem gestattet wird,
Land unter Ausschluß der übrigen an sich zu nehmen. Anfänglich scheint
es ganz unschädlich, dies Land als absolutes Eigentum zu behandeln.
Ist doch genug Land für alle da, die welches haben wollen, und die
Sklaverei, die in einem späteren Lntwicklungsstadium notwendig
aus dem individuellen Grundbesitz entspringt, wird nicht gefühlt.

In Virginien und nach dem Süden zu, wo die Ansiedlung einen
aristokratischen Lharakter hatte, wurde die natürliche Ergänzung der
großen Güter, in welche das Land verteilt war, in Gestalt der Neger-
sklaverei eingeführt. Aber die ersten Ansiedler Neu-Lnglands verteilten
das Land wie zwölf Jahrhunderte vorher ihre Ahnen das Land Bri-
tanniens behandelt hatten, indem sie jedem Familienhaupt seinen
Wohnplatz und sein Ackerland gaben, während außerhalb der freie
Gemeindegrnnd lag. was die großen Eigentümer betraf, welche die
englischen Könige durch Patentbriefe zu schaffen suchten, so sahen die
Ansiedler klar genug die Ungerechtigkeit des angestrebten Monopols,
und keiner dieser Eigentümer erhielt viel aus ihren Bewilligungen;
aber der Überfluß an Land verhinderte, daß die Aufmerksamkeit auf das
Monopol gelenkt wurde, welches der individuelle Grundbesitz selbst bei
kleinen Flächen mit sich bringen muß, sobald der Grund und Boden
selten wird. Und so ist es geschehen, daß die große Republik der neuen
Welt am Beginn ihrer Laufbahn eine Institution angenommen hat,
welche den Republiken des Altertums zum Verderben gereichte; daß ein
Volk, welches die unveräußerlichen Rechte aller Menschen aus Leben,
        <pb n="300" />
        ﻿Kap. V.

287

Vom Grundbesitz in den Vereinigten Staaten.

Freiheit und Streben nach Glück proklamiert, unbedenklich ein Prinzip
annahm, welches, das gleiche und unveräußerliche Recht auf den Boden
leugnend, damit schließlich auch das gleiche Recht auf Leben und Freiheit
leugnet; daß ein Volk, welches um den Preis eines blutigen Krieges
den Sklavenbesitz abgeschafft hat, der Sklaverei in einer ausgedehnteren
und gefährlicheren Form Wurzel zu fassen erlaubte.

Der Kontinent schien so groß, das Gebiet, über welches sich die
Bevölkerung noch ergießen konnte, so ungeheuer, daß wir, an den
Gedanken des individuellen Grundbesitzes gewöhnt, dessen Ungerechtig-
keit nicht erkannten. Denn nicht allein verhinderte dieser Hintergrund
von unbesiedeltem Lande, die volle Wirkung der privaten Aneignung
selbst in den älteren Teilen zu fühlen; sondern es schien auch nicht un-
billig, jemanden mehr Land nehmen zu lassen, als er benutzen konnte,
um die später Kommenden zur Zahlung für die Benutzung zwingen
zu können, so lange andere genau dasselbe tun konnten, wenn sie etwas
weiter gingen. Ja noch mehr, das Vermögen, das aus der Aneignung
des Grund und Bodens entstand und so faktisch aus den auf den Arbeits-
lohn gelegten Steuern gezogen wurde, erschien als eine dem Arbeiter
dargebotene Prämie und wurde auch als solche verkündet. In allen
neueren Staaten, und in starkem Maße selbst in den älteren ist die an-
gesessene Grundaristokratie der Vereinigten Staaten noch in ihrer ersten
Generation. Die Leute, die aus der Werterhöhung des Landes Nutzen
zogen, sind großenteils Männer, die ohne einen geller angefangen
haben. Ihre großen vermögen, die sich vielfach hoch in die Millionen
belaufen, erscheinen ihnen und auch vielen anderen als die besten Be-
weise der Gerechtigkeit der bestehenden sozialen Verhältnisse, unter
denen, wie ihnen scheint, Klugheit, Vorsicht, Fleiß und Sparsamkeit
ihre Belohnung fanden, während in Wahrheit diese Vermögen nur
die Gewinne des Monopols und notwendig auf Kosten der Arbeit
erworben sind. Aber die Tatsache, daß die so Bereicherten als Arbeiter
anfingen, verbirgt dies, und dasselbe Gefühl, welches dem Inhaber
eines Lotterieloses die Größe der Gewinne entzückend vorspiegelt,
hat selbst die Armen verhindert, sich gegen ein System zu rühren, welches
so viele Arme reich machte.

Kurz, das amerikanische Volk hat die Ungerechtigkeit des Privat-
grundbesitzes nicht eingesehen, weil es bislang noch nicht dessen volle
Dirkungen gefühlt hat. Das öffentliche Gebiet, der große Umfang
des Landes, das noch dem privatbesitz zu überantworten war, das
ungeheure Gemeingut, auf das sich der Blick der Energischen lenkte,
war der Lsauxtumstand, der seit den Zeiten, wo die ersten Nieder-
lassungen die atlantische Küste zu umsäumen begannen, unseren volks-
charakter gebildet und unsere nationalen Gedanken gefärbt hat. Nicht
Weil wir eine betitelte Aristokratie geflohen sind und das Lrftgeburts-
recht abgeschafft haben; nicht weil wir alle unsere Beamte vom Schul-
direktor bis zum Präsidenten wählen; nicht weil unsere Gesetze im
        <pb n="301" />
        ﻿288

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII.

Namen des Volkes, anstatt im Namen eines Fürsten lauten; nicht weil
der Staat keine Religion kennt und unsere Richter keine herrücken
tragen, sind wir von den Adeln befreit geblieben, welche die Redner
des 4. Juli als charakteristische Merkmale der abgenutzten Despotismen
der alten Welt zu bezeichnen pflegten. Die allgemeine Intelligenz,
der weitverbreitete Komfort und Assimilation, der freie, unabhängige
Geist, die Energie und das Selbstvertrauen, die unser Volk auszeichnen,
find nicht Ursachen, sondern Wirkungen —sie sind aus dem freien Grund
und Boden erwachsen. Das öffentliche Gebiet ist die umgestaltende
Kraft gewesen, die den schlaffen, Ehrgeiz nicht kennenden europäischen
Bauern in den selbstvertrauenden Landmann des Westens verwandelt
hat; selbst den Bewohnern bevölkerter Städte gab es Freiheitsbewußtsein,
und war ein Urquell der Hoffnung selbst für Leute, die niemals daran
dachten, ihre Zuflucht zu ihm zu nehmen. Wenn das Kind des Volkes
in Europa zur Mannheit heranreift, findet es alle die besten Plätze
beim Bankett des Lebens mit „belegt" bezeichnet und muß mit seinen
Gefährten um die abfallenden Krumen kämpfen, mit einer Lhance
von nichts gegen tausend, daß es sich einen Platz erzwingen oder er-
schleichen werde. In Amerika hatte es in jedem Fall doch immer noch das
Bewußtsein, daß das öffentliche Gebiet hinter ihm liege, und die Kenntnis
dieses Umstandes hat in Aktion und Reaktion den ganzen Volkscharakter
durchdrungen und demselben Großmut und Unabhängigkeitsgefühl,
Elastizität und Ehrgeiz verliehen. Alles, was den Amerikaner mit Stolz
erfüllt, alles, was die amerikanischen Verhältnisse und Einrichtungen
besser macht als die älterer Länder, kann man auf die Tatsache zurück-
führen, daß der Grund und Boden in den vereinigten Staaten billig
war, weil dem Einwanderer neuer Boden offenstand.

Aber fchon ist man bis zum Stillen Gzean vorgerückt. Weiter
westlich kann man nicht gehen, und die zunehmende Bevölkerung kann
sich nur nach Nord und Süd ausbreiten und ausfüllen, was übergangen
worden ist. Gegen Norden füllt sie schon das Tal des Roten Flusses,
dringt in das Gebiet des Saskatschewan ein und übt im Washington-
Gebiet das Vorkaufsrecht: im Süden bedeckt sie das westliche Texas
und nimmt die anbaufähigen Täler von Neu-Mexiko und Arizona auf.

Die Republik ist in eine neue Ara eingetreten, eine Ara, in der
das Grundmonopol sich mit beschleunigter Wirkung fühlbar machen
wird. Die große Tatsache, die so mächtig gewesen ist, fängt an aufzuhören.
Das öffentliche Gebiet ist beinahe fort, einige wenige Jahre werden
dessen bereits schwindendem Einfluß ein Ende machen. Ich will nicht
sagen, daß es kein öffentliches Gebiet mehr geben wird. Noch lange werden
Millionen Morgen öffentlicher Ländereien in den Büchern des Land-
departements aufgeführt werden. Aber man muß sich erinnern, daß der
beste Teil des Kontinents für Ackerbauzwecke schon überlaufen und nur
das^ ärmste Land noch übrig ist. Man muß sich erinnern, daß das, was
übrig ist, die großen Bergketten, die unfruchtbaren Wüsten, die nur
        <pb n="302" />
        ﻿Dom Grundbesitz in den Vereinigten Staaten.

Kap. V.

zuin Abweiden tauglichen Hochebenen einbegreift. Und man muß sich
erinnern, daß viele dieser Ländereien, die in den Berichten als offen für
die Ansiedlung bezeichnet werden, noch nicht vermessener Grund und
Boden find, der durch Besitzanspruch oder Vormerkung angeeignet
wurde, was nicht eher zum Vorschein kommt, als bis das Land ver-
messen worden ist. Kalifornien figuriert in den Büchern des Land-
departements mit dem größten öffentlichen Gebiete, nämlich mit fast
{oo Millionen Morgen, etwa einem Zwölftel des gesamten öffent-
lichen Gebietes. Allein davon wird durch Eisenbahnkonzessionen so
viel vorabgenommen oder in der oben besprochenen Weise soviel be-
sessen, soviel besteht aus nicht pflügbaren Bergen oder Berieselung
erfordernden Ebenen, soviel wird durch die Pachtungen der Wasser-
läufe monopolisiert, daß es tatsächlich schwer ist, dem Einwanderer
noch irgendeinen Teil des Staates zu zeigen, wo er Land nehmen
könnte, auf dem er sich niederlassen und eine Familie erhalten kann,
und so werden die Leute schließlich des Suchens müde und kaufen
Land oder pachten es auf Anteil. Natürlich besteht kein wirklicher
Mangel an Land in Kalifornien — denn, ein Reich für sich, wird es einst
eine Bevölkerung wie die Frankreichs erhalten — aber die Aneignung
ist dem Ansiedler vorangegangen und hält sich immer vor ihm.

vor einigen zwölf oder fünfzehn Jahren sagte der verstorbene
Ben Wade von Ohio in einer Rede im Vereinigten Staaten-Senat,
daß am Schlüsse dieses Jahrhunderts jeder Morgen gewöhnlichen
Ackerlandes in der Union so Dollar Gold wert sein würde. Es ist be-
reits klar, daß, wenn er sich irrte, es nur darin war, daß er die Zeit zu
weit hinaussteckte, wenn die Bevölkerung der Vereinigten Staaten
in den vom jetzigen Jahrhundert übrig bleibenden 20 Jahren fortfährt,
in dem Maßstabe zuzunehmen, welchen sie, mit Ausnahme des den
Bürgerkrieg ausfüllenden Jahrzehnts, seit Gründung der Republik
eingehalten hat, so wird die Zunahme der jetzigen Bevölkerung etwa
fünfundvierzig Millionen betragen, eine Zunahme, die einige sieben
Millionen mehr beträgt, als die Gesamtbevölkerung der Vereinigten
Staaten nach Ausweis des Zensus von t8?0 und beinahe anderthalbmal
soviel als die gegenwärtige Bevölkerung Großbritanniens. Es ist keine
Frage, daß die Vereinigten Staaten die Fähigkeit haben, eine derartige
Bevölkerung und viele hundert Millionen mehr zu erhalten und sie
auch unter geeigneten sozialen Vorkehrungen in zunehmendem Wohl-
stände zu erhalten; aber was wird angesichts einer solchen Bevölkerungs-
vermehrung aus dem nicht angeeigneten öffentlichen Gebiete? Faktisch
wird bald nichts mehr da sein. Ls wird sehr lange währen, bis alles in
Gebrauch genommen ist, aber so wie wir voranschreiten, wird es sehr
kurze Zeit dauern, bis alles, was die Menschen brauchen können, einen
Eigentümer haben wird.

Aber die schlimmen Folgen davon, daß man das Land eines ganzen
Volkes zum ausschließlichen Eigentum einiger wenigen macht, warten

George, Fortschritt und Armut.

19
        <pb n="303" />
        ﻿290

Die Gerechtigkeit des Heilmittels.

Buch VII

mit ihrem Erscheinen nicht auf die schließliche Aneignung des öffent-
lichen Gebietes. Es ist nicht nötig, sie vorauszuahnen, wir können sie
in der Gegenwart sehen. Sie sind mit unserem Wachstum gewachsen
und nehmen noch immer zu.

wir pflügen neue Felder, öffnen neue Minen, gründen neue
Städte; wir treiben den Indianer zurück und rotten den Büffel aus;
wir umgürten das Land mit Eisenstraßen und säumen die Luft mit
Telegraxhendrähten; wir häufen Kenntnisse auf Kenntnisse und machen
Erfindung auf Erfindung nutzbar; wir bauen Schulen und dotieren
Lehranstalten; aber trotz alledem wird es den Massen unseres Volkes
nicht leichter, ihr Brot zu finden. Im Gegenteil, es wird schwerer.
Die wohlhabende Klasse wird wohlhabender, aber die ärmere wird immer
abhängiger. Die Kluft zwischen dem Arbeiter und dem Arbeitgeber
wird weiter; die sozialen Gegensätze werden schärfer; mit den livrierten
Equipagen kommen auch die barfüßigen Kinder, wir werden daran
gewöhnt, von den arbeitenden und den begüterten Klassen zu sprechen^
Bettler werden so häufig, daß, wo es einst kaum für ein kleines verbrechen
als Straßenraub galt, semandem Speise und Trank zu verweigern,,
um die er bat, jetzt das Tor verriegelt und die Bulldogge losgelassen
wird, während Gesetze gegen die Landstreicher erlassen werden, die an
die Zeiten Heinrichs VIII. erinnern.

Die Amerikaner nennen sich das vorgeschrittenste Volk der Erde.
Aber was ist der Zweck unseres Fortschrittes, wenn dies die Früchte
sind, die an dessen Wege wachsen?

So sind die Resultate des Privatbesitzer am Grund und Boden
beschaffen, so die Wirkungen eines Prinzipes, das mit immer zunehmen-
der Gewalt wirken muß. Nicht weil die Arbeiter schneller zugenommen
haben als das Kapital; nicht weil die Bevölkerung gegen ihren Unter-
halt drängt; nicht weil die Maschinen „die Arbeit rar" gemacht Habens
nicht weil ein tatsächlicher Gegensatz zwischen der Arbeit und dem Kapital
besteht; sondern einfach, weil der Grund und Boden teurer wird, werden
die Bedingungen, unter denen die Arbeit Zugang zu den Naturvorteilen
findet, die allein sie zur Produktion befähigen, härter und härter. Das
öffentliche Gebiet tritt weiter zurück und wird immer enger. Das Grund-
eigentum konzentriert sich immer mehr. Derjenige Teil des Volkes,
der kein gesetzliches Recht auf den Grund und Boden hat, auf dem er
lebt, wird beständig größer.

Die New Yorker „World" sagt: „Lin nicht am Orte residierender
Besitzer, wie der in Irland, wird das charakteristische Merkmal großer
landwirtschaftlicher Distrikte in Neuengland, der Nominalwert der zu
verpachtenden Besitzungen steigt mit jedem Jahr, die beanspruchten
pachten werden in die Höhe geschraubt und der Charakter der Pächter
beständig heruntergedrückt." Und die „Nation" sagt mit Bezug auf
denselben Gegenstand: „vermehrter Nominalwert des Landes, höhere
Pachten, weniger von ihren Besitzern bewohnte Landgüter, verminderte
        <pb n="304" />
        ﻿Kap. V.

Dom Grundbesitz in den Dereinigten Staaten.

2?A

Produktion, niedrigere Löhne, eine unwissendere Bevölkerung, eine
steigende Zahl nrit harter Feldarbeit beschäftigter Frauen (das sicherste
Zeichen einer sinkenden Zivilisation) und eine beständige Verschlechterung
in der Betriebsmethode — dies sind die Verhältnisse, wie sie von einer
vollkommen unwiderlegbaren Masse von Beweisen dargelegt werden."

Die gleiche Tendenz ist in den neuen Staaten bemerkbar, wo der
riesige Maßstab der Kultur an die Latifundien erinnert, welche das alte
Italien zugrunde richteten. In Kalifornien wird ein fehr großer Teil
des Ackerlandes von Jahr zu Jahr zu Sätzen verpachtet, die von einem
Viertel bis selbst zur Hälfte der Ernte variieren.

Die schwereren Zeiten, die niedrigeren Löhne, die zunehmende
Armut, welche sich in den Vereinigten Staaten bemerkbar machen,
sind nur Resultate der Naturgesetze, die wir erforscht haben —- Gesetze
ebenso allgemein und ebenso unwiderstehlich wie das der Anziehungs-
kraft. Wir gründeten die Republik nicht, als wir im Angesicht der Fürsten-
tümer und Mächte die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte
erließen; wir werden niemals die Republik gründen, bis wir jene Er-
klärung praktisch dadurch ausführen, daß wir dem ärmsten unter uns
geborenen Kinde ein gleiches Anrecht auf seinen heimatlichen Boden
verschaffen! wir schafften nicht die Sklaverei ab, als wir das vierzehnte
Amendement ratifizierten; um sie abzuschaffen, müssen wir das Privat-
eigentum am Grund und Boden abschaffen, wenn wir nicht zu den
ersten Prinzipien zurückkehren, nicht die natürlichen Begriffe von Billig-
keit anerkennen, nicht das gleiche Recht aller auf den Grund und Boden
proklamieren, werden unsere freien Institutionen vergebens sein, unsere
Gemeindeschulen vergebens sein; unsere Entdeckungen und Erfindungen
werden nur die Macht vermehren, welche die Massen niederdrückt.

\9*
        <pb n="305" />
        ﻿Buch VUI.

Die Anwendung des Heilmittels.

warum, ihr starken Männer, zaudert ihr?

Luch pflanzte Gott den Willen und den Mut,
wagt ihr's nur, ihn zu zeigen. Nie war es Wille
Noch ohne Mittel oder weg zur Cat,

Noch wendet Glück sich je von dem, der wagt.
Soll'n wir im Antlitz dieses schweren Unrechts
Im Augenblicke der Entscheidung feig
Und zitternd stehn, indes ein kühner Streich
Die seufzenden Millionen kann befrein? —

Und zwar ein Streich, so edel, so gerecht,

So gänzlich nur der Menschen Glück gemäß,

Daß ob der Tat die Engel jauchzen werden.

Altes Schauspiel.

Kapitel I.

Der Privatbesitz am Grund und Boden unvereinbar mit der besten
Ausnutzung des Bodens.

Aus der Tendenz, das Zufällige mit dem wesentlichen zu kon-
fundieren, ist eine Täuschung hervorgegangen, welche die Gesetzgeber
mit allem Fleiße geschürt und bei der sich die Nationalökonomen im
allgemeinen beruhigt haben, statt daß sie versucht hätten, dieselbe bloß-
zustellen —. die Täuschung, daß das Privatgrundeigentum für die
gehörige Benutzung des Bodens nötig sei, und daß es die Zivilisation
zerstören und in die Barbarei zurückfallen heiße, denselben wieder zu
Gemeingut zu machen.

Diese Täuschung kann mit der Vorstellung verglichen werden,
welche nach Angabe von Lharles Lamb so lange unter den Chinesen
vorherrschte, nachdem man zufällig beim Niederbrennen von kso-tis
bfütte entdeckt hatte, wie gut Schweinebraten schmecke, — daß man,
um ein Schwein zn braten, ein bsaus in Brand stecken müsse. Ob-
wohl es nun zwar in Lambs reizender Abhandlung des Auftretens
eines Weifen bedurfte, um das Volk zu belehren, daß man Schweine
        <pb n="306" />
        ﻿Kap. I.

Privatgrimdbesitz unvereinbar mit bester Bodenbenutzung.

293

braten könnte ohne Däuser niederzubrennen, so bedarf es doch keines
weisen, urn einzusehen, daß das Erfordernis für die Verbesserung des
Bodens nicht der absolute Besitz des Grund und Bodens ist, sondern die
Sicherstellung für die Verbesserungen. Dies wird jedem klar sein, der
um sich schaut, während aber die Notwendigkeit, jemanden zum ab-
soluten und ausschließlichen Besitzer eines Grundstücks zu machen,
um ihn zu dessen Verbesserung zu veranlassen, nicht größer ist als die,
ein paus niederzubrennen, um ein Schwein zu braten; während die
Auslieferung des Grund und Bodens an den Privatbesitz ein ebenso
rohes, verderbliches und unsicheres Wittel zur perbeiführung von Ver-
besserungen ist, als das Niederbrennen eines pauses ein rohes, verderb-
liches und unsicheres Mittel zum Braten eines Schweines — so haben
wir doch für das Beharren bei dem ersteren nicht die Entschuldigung,
welche Lambs Ehinesen für das Beharren beim anderen hatten. Bis der
Weise auftrat, der den rohen Bratrost erfand (welcher nach Lamb dem
Spieß und Gfen voranging), wußte niemand, wie man ein Schwein
brate, außer wenn man ein paus abbrannte. Aber bei uns ist nichts
alltäglicher, als daß Grundstücke von Leuten verbessert werden, denen sie
nicht gehören. Der größere Teil des Bodens von Großbritannien wird
von Pächtern bewirtschaftet, der größere Teil der päuser Londons ist
auf fremdem Grund und Boden errichtet, und selbst in den Vereinigten
Staaten herrscht dasselbe System allenthalben in größerer oder ge-
ringerer Ausdehnung. Somit ist es eine alltägliche Sache, daß die Be-
nutzung vom Besitz getrennt ist.

würde etwa all dies Land nicht gerade so gut angebaut und ver-
bessert werden, wenn die Rente an den Staat oder an die Gemeinde
ginge, als jetzt, wo sie an private geht? wenn kein Privatbesitz am
Grund und Boden anerkannt, sondern aller Boden auf die weise in
Besitz gehalten würde, daß der Inhaber oder Benutzende an den Staat
Rente zahlte, würde da das Land nicht geradesogut und sicher verwendet
und verbessert werden als jetzt? Ls kann darauf nur eine Antwort
geben: Natürlich würde es das! Somit würde die Zurücknahme des
Landes als Gemeingut in keiner weise dem gehörigen Gebrauch und der
Verbesserung desselben widerstreiten.

Was für die Verwendung des Landes nötig ist, ist nicht der privat-
desitz, sondern die Sicherheit der Verbesserungen. Es ist nicht erforder-
^ch, jemandem zu sagen: „dies Land ist dein", um ihn zu veranlassen,
dasselbe zu bebauen oder zu verbessern. Es ist nur nötig, ihm zu sagen:
»was deine Arbeit oder dein Kapital auf diesem Lande erzeugen, soll
dein sein." Man gebe jemandem die Sicherheit zu ernten, und er wird
säen; man versichere ihn des Besitzes des pauses, das er zu bauen wünscht,
und er wird es bauen. Dies sind die natürlichen Belohnungen der Arbeit.
Die Menschen säen der Ernte wegen; die Menschen bauen, um päuser

Zu haben. Das Eigentum am Grund und Boden hat nichts damit
Zu tun.
        <pb n="307" />
        ﻿294

Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII.

Um dieser Sicherheit willen traten zu Anfang der Feudalzeit
so viele kleinere Grundbesitzer das Eigentum ihres Grund und Bodens
an einen militärischen Häuptling ab, indem sie von demselben dessen
Benutzung in Lehen oder Verwahrung zurückerhielten und, barhaupt
vor ihrem Herrn niederknieend, durch Handschlag schworen, ihm mit
Leib und Leben und weltlicher Ehre zu dienen. Ähnliche Beispiele
vom preisgeben des Grundbesitzes um der Sicherheit der Nutznießung
willen kann man in der Türkei sehen, wo der vakouf oder die Rirchen-
ländereien von Steuern und Erpressung befreit sind, und wo die Grund-
besitzer sehr häufig ihre Grundstücke zu einem nominellen Preise an eine
Moschee verkaufen unter der Bedingung, als Pächter zu einer festen
Rente darauf bleiben zu können.

Es ist nicht das Zaubermittel des Eigentums, wie Artur Houng
sagte, das den flämischen Sand in fruchtbare Felder umgestaltete.
Es ist das Zaubermittel der Sicherheit der Arbeit. Diese kann auf
andere weise verbürgt werden als dadurch, daß man Land zu Privat-
besitz macht, gerade wie die zum Braten eines Schweines nötige Hitze
auf andere weise als durch das Niederbrennen von Häusern hervorgebracht
werden kann. Die bloße Verpflichtung eines irländischen Grundherrn,
zwanzig Zahre lang in der Rente keinen Anteil an dem Ertrage bean-
spruchen zu wollen, veranlaßte dessen Bauern, einen unfruchtbaren
Berg in Gärten zu verwandeln; auf die bloße Sicherheit einer festen
Rente für eine Reihe von Zähren werden in Städten wie London und
New Hork die kostspieligsten Gebäude auf gepachtetem Grund und
Boden aufgeführt, wenn wir den Verbesserern solche Sicherheit geben,
können wir den Privatbesitz am Grund und Boden ruhig abschaffen.

Die vollständige Anerkennung gemeinschaftlicher Rechte auf den
Grund und Boden braucht die vollständige Anerkennung individueller
Rechte auf Verbesserungen oder Produkte keineswegs zu beeinträchtigen.
Zwei Menschen können ein Schiff besitzen, ohne es durchzusägen. Der
Besitz einer Eisenbahn kann in hunderttausend Anteile verteilt sein,
und doch können die Züge mit derselben Ordnung und Präzision ab-
gelassen werden, als ob nur ein Eigentümer vorhanden wäre. Zn
London find Aktiengesellschaften gebildet worden, um Grundeigentum
zu besitzen und zu verwalten. Es könnte alles so weitergehen wie jetzt
und dennoch das gemeinschaftliche Recht auf den Grund und Boden
durch Verwendung der Rente zum allgemeinen Nutzen vollkommen
anerkannt werden. Zm Mittelpunkt von San Franziska ist ein Platz,
an den die gemeinschaftlichen Rechte der Bewohner dieser Stadt noch
immer gesetzlich anerkannt sind. Dieser Platz ist nicht etwa in unendlich
kleine Stücke geteilt, noch eine unbenutzte Sandfläche geblieben. Der-
selbe ist mit schönen Gebäuden bedeckt, die, als Eigentum von Privat-
leuten, in vollkommener Sicherheit darauf stehen. Der einzige Unter-
schied zwischen diesem Platze und denen daneben ist der, daß die Rente
des einen in den Gemeindeschulfonds geht und die der anderen in die
        <pb n="308" />
        ﻿Privatgrundbesitz unvereinbar mit bester Bodenbenutzung.

295

Aap. I.

Taschen von Privaten. Was verhinderte, daß der Grund und Boden
eines ganzen Landes auf diese weise Besitz des Volkes wäre?

Ls würde schwer sein, irgendeinen Teil bn Gebiete der vereinigten
Staaten zu finden, wo die Verhältnisse, welche, wie inan gewöhnlich
annimmt, zur Überweisung des Grund und Bodens an den privatbesitz
nötigten, in höherem Grade bestehen als auf den kleinen Inseln St. Peter
und St. Paul im Aleutischen Archipel, die durch den Ankauf von Alaska
von Rußland erworben wurden. Diese Inseln sind die Brutplätze des
Pelzseehundes, eines so schüchternen und vorsichtigen Tieres, daß der
geringste Schreck es veranlaßt, seinen gewohnten Aufenthaltsort zu ver-
lassen, um nie zurückzukehren. Um die vollständige Vernichtung dieser
Fischerei zu verhindern, ohne welche die Inseln von keinerlei Nutzen
für den Menschen sind, ist es nicht nur notwendig, die Weibchen und die
Jungen zu schonen, sondern auch jedes Geräusch, wie das Abfeuern
einer Pistole oder das Bellen eines Fundes zu vermeiden. Die Männer,
welche die Tiere töten, dürfen nicht hurtig verfahren, sondern müssen
ruhig unter den auf den felsigen Ufern umherliegenden Seehunden
umhergehen, bis die auf dem Lande so plumpen, aber im Wasser so
gewandten Tiere keine weitere Furcht zeigen, als daß sie träge aus dem
Wege watscheln. Dann werden diejenigen, welche ohne Beeinträchtigung
der künftigen Vermehrung getötet werden können, sorgfältig abgetrennt
und sanft landeinwärts getrieben, wo sie außerhalb des Gesichts- und
Gehörkreises der perden mit Keulen erschlagen werden, wenn man
eine derartige Jagd jedem freistellen wollte, der Lust hätte hinzugehen
und draufloszujagen, so würde es im Interesse einer jeden Partei
liegen, unbekümmert um die Zukunft soviel als möglich zu erlegen,
und ein solches verfahren würde nur die Folge haben, die Jagd in einigen
Jahren vollständig zu ruinieren, wie ähnliche Jagden oder Fischereien
in anderen Meeren auf diese Art ruiniert worden sind. Aber es ist darum
keineswegs nötig, diese Inseln zu Privateigentum zu machen. Obgleich
um viel weniger dringender Gründe willen das große öffentliche Gebiet
des amerikanischen Volkes, so schnell sich nur Abnehmer dafür fanden,
Zu Privatbesitz geworden ist, hat man doch diese Inseln für 3(7 500
Dollar jährlich verpachtet*), wahrscheinlich nicht sehr viel weniger als
wofür sie zurZeit desAnkaufes von Alaska hätten verkauft werden können.
5ie haben dem Nationalschatz schon 2 500 000 Dollar eingetragen und
sind noch immer in ungeschmälertem werte (denn unter der sorgfältigen
Verwaltung der Alaska-Pelz-Kompagnie vermehren sich die Seehunde
eher, als daß sie sich vermindern) das Gemeingut des Volkes der Ver-
einigten Staaten.

Weit entfernt, daß die Anerkennung des Privatgrundbesitzes für

*) Die feste Pacht des Vertrags mit der Nompagnie ist 55 000 Dollar jährlich mit
I " Zahlung von 2,625 Dollar für jedes Fell, was für \oo 000 Felle, auf die der Fang
IHrankt ist, 262 500 Dollar beträgt, also eine Gesaintpacht von 3^7 500 Dollar.
        <pb n="309" />
        ﻿Die Anwendung des Heilmittels.

2Z6

Buch VIII.

die gehörige Benutzung des Bodens erforderlich wäre, ist das Gegen-
teil der Lall. Das Land als Privatbesitz zu behandeln, steht der gehörigen
Ausnutzung im Wege. Würde das Land als öffentliches Eigentum
behandelt, so würde es benutzt und verbessert werden sobald es nötig
ist, aber wenn es als Privatbesitz behandelt wird, so darf der persönliche
Eigentümer andere verhindern, das zu gebrauchen und zu verbessern,
was er nicht selbst gebrauchen oder verbessern will. Bricht über den
Besitz ein Streit aus, so liegt das wertvollste Land jahrelang brach;
in vielen Teilen Englands wird die Verbesserung eingestellt, weil die
Güter Lideikommiß sind und für Verbesserungen keine Sicherheit ge-
boten werden kann, und große Strecken Landes, die, wenn sie öffent-
liches Eigentum wären, mit Gebäuden und Saaten bedeckt sein würden,
liegen müßig, um die Laune des Eigentümers zu befriedigen. jZu den
dicht bewohnten Teilen der Vereinigten Staaten ist genug Land vor-
handen, um die drei- oder vierfache Bevölkerung zu erhalten, aber es
liegt jetzt unbenutzt, weil dessen Eigentümer auf höhere Preise hallen,
und die Einwanderer werden über dieses unbenutzte Land Hinweg-
getrieben, um Wohnsitze zu suchen, wo ihre Arbeit weit weniger ergiebig
sein wird. In jeder Stadt kann man aus demselben Grunde wertvolle
Plätze unbenutzt sehen, wenn die beste Verwendung des Grund und
Bodens die Probe ist, dann ist der Privatbesitz am Grund und Boden
verurteilt, wie er durch jede andere Erwägung verurteilt ist. Es ist eine
ebenso verderbliche und unsichere Weise, die gehörige Benutzung des
Bodens zu sichern, wie das Niederbrennen von päusern es ist, um
Schweine zu braten.

Kapitel II.

Wie gleiche Rechte auf den Grund und Boden in Anspruch genommen
und gewahrt werden können«

wir haben den Mangel und die Leiden, die überall unter den
arbeitenden Klassen herrschen, die häufigen Krisen, den Mangel an
Beschäftigung, die Stagnation des Kapitals, die mit dem materiellen
Fortschritt immer stärker auftretende Tendenz der Löhne nach dem
Pungerpunkte auf den Umstand zurückgeführt, daß der Grund und
Boden, auf dem und von dem alle leben müssen, zum ausschließlichen
Besitz einiger gemacht ist.

wir haben gesehen, daß es kein denkbares Peilmittel für diese
Übel gibt als die Beseitigung ihrer Ursache; wir haben gesehen, daß
der Privatbesitz am Grund und Boden in der Gerechtigkeit keinen palt
hat, sondern als eine Verweigerung des natürlichen Rechtes verurteilt
        <pb n="310" />
        ﻿Kap. II.	Wahrung gleicher Rechte auf den Grund und Boden.

werden muß — als eine Umkehrung des Naturgesetzes, die in dem Maße,
wie die soziale Entwicklung vorschreitet, die Massen der Menschen zur
härtesten und entwürdigendsten Sklaverei degradieren muß.

wir haben jeden Einwand erwogen und gefunden, daß keinerlei
Gründe der Billigkeit oder der Ratsamkeit uns abschrecken könnten^
den Grund und Boden zum Gemeingut zu machen und die Rente zu
konfiszieren.

Es bleibt indessen noch die Frage der Methode zu erledigen. Me
soll dies geschehen?

wir müssen dem Gesetz der Gerechtigkeit Genüge tun, wir müssen
alle ökonomischen Erfordernisse erfüllen, wenn wir mit einem Schlage
alle privatrechte beseitigen, alles Land zu öffentlichem Eigentum er-
klären und es den Meistbietenden in den geeigneten Losen und unter
solchen Bedingungen verpachten, daß das Privatrecht an den Ver-
besserungen aufs heiligste gewahrt werde.

So würden wir in einem komplizierteren Gesellschaftszustande
dieselbe Gleichheit der Rechte verbürgen, welche in einem einfacheren
Zustande durch gleichmäßige Verteilungen des Bodens verbürgt wurde;
und dadurch, daß wir die Benutzung des Bodens demjenigen überlassen^
der am meisten daraus zu machen vermag, würden wir auch die größte
Produktion erzielen.

Ein derartiges Projekt ist keine ausschweifende, unausführbare
Grille, und ein nicht geringerer Denker als perbert Spencer hat das-
selbe (nur mit der Einschränkung, daß er zu einer Entschädigung der
jetzigen Grundbesitzer rät —- unzweifelhaft eine unüberlegte Konzession,,
die er bei nochmaliger Überlegung verwerfen würde) befürwortet.

Zn seinen ,,8ocial Ltaties ‘ Kap. 9, Abschn. 8 sagt er darüber:

„Diese Lehre ist mit dem höchsten Stande der Zivilisation vereinbar, kann aus-
geführt werden, ohne Gütergemeinschaft zu involvieren, und braucht in den be-
stehenden Einrichtungen keine sehr bedenkliche Umwälzung zu verursachen. Die er-
forderliche Veränderung würde einfach ein Wechsel der Grundherren sein. Der per-
sönliche Besitz würde in den Gesamtbesitz des Staates aufgehen. Anstatt im Besitz
einzelner zu sein, würde das Land von dem großen vereinigten Körper, der Gesell-
schaft, in Besitz genommen werden. Anstatt seine Acker von einem vereinzelten Eigen-
tümer zu pachten, würde der Landmann sie vom Staate pachten. Anstatt seine Pacht
dem Agenten Sir Johns oder des Lord So und So zu zahlen, würde er sie einem
Agenten oder stellvertretenden Agenten des Staates zahlen. Die Rentmeister würden
öffentliche, anstatt Privatbeamte sein, und die Pacht das alleinige Verhältnis zum
Lande. Lin so eingerichteter Zustand der Dinge würde in vollkommener Überein-
stimmung mit dem Uloralgesetze sein. Unter ihm würden alle Menschen gleichmäßige
Grundherren sein, allen Menschen stände es frei, Pächter zu werden ..... Unzweifel-
haft könnte daher' die Erde nach einem solchen System eingehegt, okkupiert und
bebaut werden, in völliger Unterordnung unter das Gesetz der gleichen Freiheit."

Ein derartiges Projekt, obgleich vollkommen tunlich, scheint mir
jedoch nicht das beste zu sein. Ich schlage vielmehr vor, dieselbe Sache
auf einfachere, leichtere und ruhigere weise zu vollbringen als durch
        <pb n="311" />
        ﻿Die Anwendung des Heilmittels.

Buch vm.

298

formelle Beschlagnahme alles Landes und durch formelle Verpachtung
an die Meistbietenden.

Dies Verfahren würde gegen die jetzigen Sitten und Denkgewohn-
heiten nutzlos verstoßen — was zu vermeiden ist.

Dies Verfahren würde nutzlos die Verwaltungsmaschine ausdehnen
— was zu vermeiden ist.

Ls ist ein Grundsatz der Staatskunst, welchen die erfolgreichen
Gründer der Tyrannei verstanden und befolgt haben, daß große Ver-
änderungen am besten unter alten formen zuwege gebracht werden
können. Wir, die wir die Menschen befreien wollen, müssen die gleiche
Wahrheit beachten. Ls ist die natürliche Methode. Wenn die Natur
einen höheren Typus schaffen will, so nimmt sie einen niedrigeren und
entwickelt denselben. Dies ist auch das Gesetz der sozialen Entwicklung.
Verfahren wir nach demselben. Mit dem Strome können wir schnell
und weit schwimmen, gegen ihn ist hart zu arbeiten und langsam vor-
wärts zu kommen.

Ich schlage weder vor, den privatbesitz an Grund und Boden zu
kaufen noch ihn zu konfiszieren. Das erstere würde ungerecht, das
letztere nutzlos fein. Mögen die Individuen, welche jetzt Land besitzen,
immerhin, wenn sie wollen, im Besitz dessen bleiben, was sie ihr Land
zu nennen belieben. Mögen sie fortfahren, es ihr Land zu nennen.
Mögen sie es kaufen und verkaufen, vermachen und vererben, wir
können ihnen ruhig die Schale lassen, wenn wir den Kern nehmen.
Ls ist nicht nötig, das Land zu konfiszieren; es ist nur nötig
die Rente zu appropriieren.

Und um die Rente zum öffentlichen Nutzen zu nehmen, ist es auch
nicht nötig, daß der Staat sich mit dem verpachten der Grundstücke
abgibt, und die damit verknüpften Gefahren der Vergünstigung, Durch-
stecherei und Korruption läuft. Ls ist nicht nötig, daß irgendeine neue
Verwaltungsmaschine geschaffen wird. Die Maschine besteht schon.
Anstatt sie auszudehnen, ist alles, was wir zu tun haben, sie zu verein-
fachen und einzuschränken. Dadurch, daß wir den Grundbesitzern einen
Prozentsatz der Rente lassen, der wahrscheinlich viel geringer sein würde,
als die Kosten und Verluste, falls wir versuchten, die Ländereien durch
Vermittlung des Staates zu verpachten, und dadurch, daß wir die vor-
handene Maschinerie benutzen, können wir ohne Mißton oder Anstoß
das gemeinschaftliche Recht auf den Grund und Boden an uns nehmen,
indem wir die Rente für öffentliche Zwecke einziehen.

Linen Teil der Rente nehmen wir bereits in der Besteuerung.
Wir brauchen nur einige Änderungen in unseren Besteuerungsformen
zu machen und sie ganz zu nehmen.

was ich daher als einfaches aber höchstes Heilmittel vorschlage,
das die Löhne steigern, den Erwerb des Kapitals vermehren, den Paupe-
rismus ausrotten, die Armut beseitigen, lohnende Beschäftigung für
jeden, der sie wünscht, beschaffen, den menschlichen Kräften freien Spiel-
        <pb n="312" />
        ﻿Wahrung gleicher Rechte auf den Grund und Boden.

299

Rap. II.

raum gewähren, das verbrechen vermindern, die Sittlichkeit, den
Geschmack, die Intelligenz erhöhen, die Regierung reinigen und die
Zivilisation auf noch edlere Höhen führen wird, ist — die Rente durch
Besteuerung zu appropriieren.

Auf diese weise kann der Staat der allgemeine Grundherr werden,
ohne sich so zu nennen und ohne eine einzige neue Funktion zu über-
nehmen. Der Form nach würde der Grundbesitz genau so wie jetzt
bleiben. Kein Eigentümer braucht depossediert und niemand braucht
im Umfang des statthaften Besitzes beschränkt zu werden. Denn da die
Rente vom Staate in Steuern genommen wird, so würde.das Land,
gleichviel auf wessen Namen es steht oder in welchen Parzellen es ge-
halten wird, faktisch Gemeingut sein und jedes Mitglied des Gemein-
wesens würde an den Vorteilen seines Besitzes teilnehmen.

Da nun die Besteuerung der Rente oder der Landwerte um so viel,
wie wir andere Steuern abschaffen, notwendig erhöht werden muß,
so können wir die Sache in praktische Form bringen durch den Vorschlag:

Alle Besteuerung außer der auf Grundwerte
abzuschaffen.

wie wir gesehen haben, ist der wert des Landes im Beginn der
Gesellschaft nichts, je mehr sich aber derselbe durch Zunahme der Be-
völkerung und durch den Fortschritt der Gewerbe entwickelt, wird er
größer und größer. 3n jedem zivilisierten Lande, selbst dem neuesten,
reicht der wert des Bodens im ganzen hin, um die sämtlichen Ausgaben
der Regierung zu bestreiten. )n den höher entwickelten Ländern ist
er weit mehr als ausreichend. Daher wird es nicht genügen, lediglich
alle Steuern auf den wert des Bodens zu legen, wo die Rente die
gegenwärtigen Regierungseinkünfte übersteigt, wird es erforderlich
sein, die verlangte Steuersumme entsprechend zu erhöhen und damit
fortzufahren, je mehr sich die Gesellschaft entwickelt und die Rente steigt.
Dies ist jedoch eine so natürliche und leichte Sache, daß sie in dem vor-
schlage, alle Steuern auf den wert des Bodens zu legen, als einbegriffen
oder wenigstens als darunter angesehen werden darf. Ls ist der erste
schritt, durch welchen der praktische Kampf eingeleitet werden muß.
Ist der Hase erst gegangen und getötet, so wird das Braten ganz von
selber folgen. Ist das gemeinschaftliche Recht auf den Grund und Boden
erst so weit gewürdigt, daß alle Steuern abgeschafft sind, außer der auf
die Rente, dann ist keine Gefahr, daß den individuellen Grundbesitzern
viel mehr übrig bleiben wird, als was nötig ist, um sie zu veranlassen,
die öffentlichen Einkünfte einzuziehen.

Die Erfahrung hat mich gelehrt (denn seit einigen Jahren bin
ich bemüht gewesen, diesen Vorschlag in Aufnahme zu bringen), daß,
wo der Gedanke, alle Steuern auf den Grundbesitz zu konzentrieren,
hinreichenden Eingang findet um zum Nachdenken anzuregen, es sich
stets Bahn bricht, daß aber wenige unter den, gerade am meisten dabei
gewinnenden Klassen sogleich oder selbst geraume Zeit später die volle
        <pb n="313" />
        ﻿300

Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII.

Bedeutung und Macht desselben einsehen. Den Arbeitern wird es schwer,
über den Gedanken hinwegzukommen, daß zwischen der Arbeit und
dem Kapital kein wirklicher Antagonismus bestehe. Kleinen Landleuten
und Hausbesitzern wird es schwer, über den Gedanken hinwegzukommen,
daß, wenn man alle Steuern an den wert des Bodens legte, sie nicht
unbillig belastet würden. Ls ist beiden Klassen schwer, über den Gedanken
hinwegzukommen, daß die Befreiung des Kapitals von der Besteuerung
nicht so viel heißt, als den Reichen reicher und den Armen ärmer zu
machen. Diese Vorstellungen entspringen aus Gedankenverwirrung.
Aber hinter der Unwissenheit und dem Vorurteil steht auch ein mächtiges
Interesse, das bislang die Literatur, den Unterricht und die öffentliche
Meinung beherrscht hat. Lin großes Unrecht stirbt immer schwer, und
das große Unrecht, welches in jedem zivilisierten Lande die Massen
der Menschen zu Armut und Elend verdammt, wird nicht ohne einen
bitteren Kamps sterben.

Ich glaube nicht, daß die in Rede stehenden Vorstellungen von dem
Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, gehegt werden können; aber da
jede öffentliche Diskussion sich mehr mit dem Konkreten als mit dem
Abstrakten befassen muß, so bitte ich, mir noch etwas weiter zu folgen,
damit wir das von mir vorgeschlagene Heilmittel durch die Regeln der
Besteuerung prüfen können. Dabei dürsten manche Nebenpunkte er-
sichtlich werden, die sonst der Aufmerksamkeit entgehen könnten.

Kapitel III.

Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.

Die beste Steuer, durch welche öffentliche Einkünfte erhoben werden
können, ist offenbar die, welche sich am nächsten den folgenden Be-
dingungen anschließt:

Daß sie so leicht wie möglich auf der Produktion laste, um am
wenigsten die Vergrößerung des allgemeinen Fonds, aus welchem die
Steuer bezahlt und das Gemeinwesen erhalten werden soll, aufzuhalten.

2.	Daß sie leicht und wohlseil zu erheben sei und so direkt wie nur
möglich auf den schließlichen Zahler falle, um dem Volke über den
Betrag hinaus, welchen die Regierung erhält, so wenig als tunlich zu
nehmen.

3.	Daß sie fest bestimmt sei, um von seiten der Beamten die
wenigste Gelegenheit zu Tyrannei oder Korruption und von seiten
der Steuerzahler die wenigste Versuchung zu Gesetzübertretungen und
Umgehungen zu bieten.
        <pb n="314" />
        ﻿■ II...II.I .-1-—--^1 " -Tr-1,r■	'.."i1

Kap. JII. Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.	5Q\

H. Daß sie gleich belaste, um keinem Bürger einen Vorteil oder
Nachteil im vergleich zu anderen zuzufügen.

Überlegen wir, welche Form der Besteuerung mit diesen Be-
dingungen am besten übereinstimmt, welche immer es sein möge,
offenbar wird diese die beste Art und weise sein, in welcher die öffent-
lichen Einkünfte erhoben werden können.

1.	Die Wirkung der Steuern aus die Produktion.

Alle Steuern müssen offenbar aus den Erzeugnissen des Bodens
und der Arbeit kommen, weil es keine andere Güterquelle gibt, als
die Vereinigung menschlicher Anstrengung mit den Stoffen und Kräften
der Natur. Aber die Art und weise, in welcher diese Steuersummen
auferlegt werden können, berührt die Güterproduktion auf sehr ver-
schiedene weise. Die Besteuerung, welche die Belohnung des Produ-
zenten vermindert, vermindert notwendig auch den Sporn zur Pro-
duktion; die Besteuerung, welche auf die Produktionsart oder den Ge-
brauch eines der drei Faktoren der Produktion gelegt ist, entmutigt not-
wendig die Produktion. Die Besteuerung, welche die Verdienste der
Arbeiter oder die Erträge des Kapitalisten vermindert, macht daher die
einen weniger betriebsam und intelligent, den anderen weniger zum
Sparen und zum Anlegen seines Kapitals geneigt. Eine Steuer, welche
auf die Verrichtungen der Produktion fällt, stellt der Schaffung von
Gütern ein künstliches Hindernis entgegen. Eine Steuer auf die Arbeit,
die faktisch getan wird, auf die Güter, die als Kapital verwendet werden,
auf das Land, das bebaut wird, wird unzweifelhaft die Produktion
viel gewaltiger entmutigen, als eine Besteuerung in gleicher Höhe,
die von den Arbeitern erhoben wird, ob sie arbeiten oder ihrem Ver-
gnügen nachgehen, von den Gütern, ob sie produktiv oder unproduktiv
verwendet werden, oder vom Lande, ob dasselbe bebaut wird oder
brach liegt.

Der Modus der Besteuerung ist tatsächlich ganz so wichtig als der
Betrag, wie eine kleine, schlecht verteilte Last einem Pferde schaden
kann, das mit Leichtigkeit eine besser verteilte von viel größerem Gewicht
tragen würde, so kann ein Volk arm gemacht und seine Fähigkeit, Güter
ZU produzieren, durch eine Besteuerung vernichtet werden, welche, auf
andere weise erhoben, mit Bequemlichkeit getragen werden würde.
Eine durch Mehemed Ali auferlegte Steuer auf Dattelbäume veranlaßte
die ägyptischen Fellahs, ihre Bäume umzuhauen, aber eine doppelt
so hohe Steuer auf den Boden bewirkte kein solches Resultat. Die vom
Herzog Alba in den Niederlanden auferlegte Steuer von i^o Prozent
von allen Verkäufen würde bei längerer Dauer allen Verkehr so gut wie
abgeschnitten und dabei nur wenig Ertrag geliefert haben.

Aber wir brauchen nicht nach Beispielen in die Ferne zu schweifen.
Die Gütererzeugung in den vereinigten Staaten wird bedeutend ver-
        <pb n="315" />
        ﻿Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII.

302

mindert durch eine Besteuerung, welche ihre Produktionsprozesse be-
lastet. Der Schiffbau, in welchem wir Ausgezeichnetes leisteten, ist
was den Außenhandel betrifft, so gut wie vernichtet, und viele Produk-
tions- und Pandelsbranchen find durch Steuern, welche den Gewerb-
fleiß von produktiveren auf weniger produktive formen ablenken,
schwer verkümmert.

Diese Hemmung der Produktion ist mehr oder minder für die
meisten der Steuern charakteristisch, durch welche die Einkünfte der
modernen Regierungen erhoben werden. Alle Steuern auf Fabrik-
erzeugnisse, auf den Pandel, auf das Kapital, auf Verbesserungen,
gehören dahin. Ihre Tendenz ist derselben Art, wie diejenige der Steuer
Mehemed Alis auf Dattelbäume, obgleich ihre Wirkung nicht so klar
ersichtlich fein mag.

Alle solche Steuern haben eine Tendenz, die Güterproduktion
zu verringern, und sollten deshalb nie gewählt werden, wenn es möglich
ist, Geld durch Steuern zu erheben, die nicht die Produktion hemmen.
Dies wird möglich, je mehr sich die Gesellschaft entwickelt und der Reich-
tum sich anhäuft. Steuern, die den Luxus treffen, führen einfach dem
öffentlichen Schatze Summen zu, die sonst in eitlem Gepränge um der
bloßen Schaustellung willen verschwendet worden wären; und Steuern
von Testamenten und pinterlassenschaften der Reichen dürften die Sucht
nach Reichtumsanhäufung, die, wenn sie erst einmal einen Menschen
gepackt hat, eine blinde Leidenschaft wird, wenig einschränken. Aber die
pauxtgattung von Steuern, von denen ohne Nachteil für die Produktion
Einnahmen erhoben werden können, find die Steuern auf Monopole,
denn der Monopolgewinn ist an sich eine von der Produktion erhobene
Steuer, und denselben zu besteuern, heißt nur, nach den öffentlichen.
Kassen zu lenken, was die Produktion sowieso bezahlen muß.

Ls bestehen unter uns verschiedene Arten von Monopolen. So z. B.
gibt es die durch die Patent- und Verlagsrechte geschaffenen zeitweiligen
Monopole. Diese zu besteuern, würde überaus ungerecht und unweise
sein, insofern sie nur Anerkennungen des Rechtes der Arbeit an ihre
nicht handgreiflichen Produktionen sind und den der Erfindung und
Autorschaft gewährleisteten Lohn bilden. Dann gibt es die im Kapitel I V
des Buch III erwähnten lästigen Monopole, die aus der Vereinigung
des Kapitals zu Geschäften entstehen, welche einen Monopolcharakter
haben. Da es jedoch außerordentlich schwer, wo nicht völlig unmöglich
sein würde, durch allgemeines Gesetz Steuern derartig zu erheben, daß
sie ausschließlich auf die Erträge solcher Monopole fallen und nicht
Steuern auf Produktion oder Austausch werden, so ist es viel besser,
derartige Monopole ganz abzuschaffen. Zum großen Teil entspringen
sie legislativem Tun oder Lassen, wie z. B. der schließliche Grund, daß
die Kaufleute von San Franzisko gezwungen find, mehr für direkt von
New pork nach San Franzisko über den Isthmus von Panama gesandte
Güter zu zahlen, als es kostet, sie von New pork über Liverpool oder
        <pb n="316" />
        ﻿Kap. III. Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.	303'-

Southampton nach San Franziska zu verschiffen, in den „schützenden"
Gesetzen gesucht werden muß, welche es so teuer machen, amerikanische
Dampfschiffe zu bauen, und welche fremden Dampfern verbieten,
Güter zwischen amerikanischen päfen zu transportieren. Der Grund,,
daß die Bewohner Nevadas gezwungen sind, für Güter vom Osten
so viel Fracht zu zahlen, als wären dieselben erst nach San Franziska
und dann zurück nach Nevada gebracht, liegt darin, daß die Autorität,
welche von feiten eines Lohnkutschers Erpressungen verhindert, gegen
eine Eisenbahngesellschaft nicht ausgeübt wird. Und im allgemeinen
läßt sich sagen, daß Geschäfte, die ihrer Natur nach Monopole sind,
zu den Funktionen des Staates gehören und von demselben übernommen
werden sollten. Dieselben Gründe, aus denen der Staat Briefe befördert,
sprechen auch dafür, daß er Telegramme befördern und daß die Eisen-
bahnen dem Publikum gehören sollten, just wie die gewöhnlichen Straßen
demselben gehören.

Alle anderen Monopole jedoch sind geringfügig im vergleich zum
Bodenmonopol. Und der einfach ein Monopol ausdrückende Wert des
Grund und Bodens ist in jeder pinsicht zur Besteuerung geeignet. Das
heißt, während der wert einer Eisenbahn oder Telegraphenlinie, der
preis des Gases oder eines durch Patent geschützten Peilmittels neben
dem Preise des Monopols doch auch die Anstrengung der Arbeit und des
Kapitals mit ausdrückt, ist der wert des Bodens oder die nationalökono-
mische Grundrente, wie wir gesehen haben, in keiner weise aus diesen
Faktoren zusammengesetzt und drückt nichts aus, als den Vorteil der
Aneignung, vom Bodenwerte erhobene Steuern können die Produktion
nicht im geringsten hemmen, wenn sie nicht die Grundrente oder den
lvert des jährlich dem Lande Entnommenen übersteigen, denn, un-
gleich den Steuern auf waren oder auf den Pandel oder auf Kapital
oder auf irgendeines der Werkzeuge oder Prozesse der Produktion,
belasten sie dieselbe nicht. Der Bodenwert drückt nicht den Lohn der
Produktion aus, wie dies der wert der Ernten, des Viehes, der Gebäude
oder irgendeines Gegenstandes des sogenannten persönlichen Eigentums
oder Verbesserungen tun. Der Grundwert drückt den Tauschwert des
Alonopols aus. Derselbe ist in keinem Falle eine Schöpfung desjenigen,
dem das Land gehört; er ist geschaffen durch die Entwicklung des Ge-
meinwesens. Daher kann das Gemeinwesen ihn vollständig nehmen,,
ohne den Antrieb zu Verbesserungen oder die Gütererzeugung im ge-
ringsten zu mindern. Die Steuern auf den Bodenwert können so lange
gesteigert werden, bis die ganze Grundrente vom Staate genommen ist,
ohne den Lohn der Arbeit oder den Ertrag des Kapitals um ein )ota
Zu ermäßigen, ohne den Preis einer einzigen Ware zu erhöhen oder die
Produktion irgendwie zu erschweren.

, )a noch mehr. Steuern auf den Bodenwert hemmen nicht nur.
mcht die Produktion, wie dies die meisten anderen Steuern tun, sondern
Ue zielen darauf hin, dieselbe zu vermehren, indem sie die spekulative-
        <pb n="317" />
        ﻿Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII

301

Grundrente beseitigen. Me letztere die Produktion hemmt, kann man
nicht nur an dem der Benutzung vorenthaltenen wertvollen Boden,
sondern auch an den Handelskrisen sehen, welche, in der spekulativen
Steigerung der Grundwerte wurzelnd, sich über die ganze zivilisierte
Welt fortpflanzen, allenthalben die Lrwerbstätigkeit lähmen und mehr
.Zerstörung, wahrscheinlich auch mehr Leiden verursachen, als ein all-
gemeiner Krieg. Die Besteuerung, welche die Grundrente für öffentliche
Zwecke einzöge, würde alles dies verhindern; wäre der Boden annähernd
bis zu seinem Rentenwerte besteuert, so könnte niemand sich darauf
einlassen, Land an sich zu halten, das er nicht benutzt, und folglich würde
nicht benutztes Land denen offenstehen, die es benutzen wollen. Die
Besiedlung würde dichter und folglich die Arbeit und das Kapital
befähigt fein, durch gleiche Anstrengung viel mehr zu erzeugen. Dem
„pund im Trog"*), der besonders in Amerika mit der Produktionskraft
so verschwenderisch umgeht, würde das Handwerk gelegt werden.

Noch wichtiger ist, daß die Einziehung der Grundrente zu öffent-
lichem Nutzen gewidmeter Besteuerung durch ihre Wirkung auf die Ver-
keilung, die Güterproduktion anspornen würde. Die Erörterung dieses
Punktes kann jedoch vorbehalten bleiben. Indessen ist es hinreichend
klar, daß mit Bezug auf die Produktion die Steuer auf den Bodenwert
die beste Steuer ist, die erhoben werden kann. Besteuert man Fabrikate,
so ist die Wirkung, die Fabrikation zu hemmen; besteuert man Verbesse-
rungen, so ist die Wirkung, Verbesserungen zu vermindern; besteuert
man den Handel, so ist die Wirkung, den Austausch zu verhindern; be-
steuert man das Kapital, so ist die Wirkung, dasselbe zu vertreiben.
Aber der ganze Bodenwert kann durch die Steuern genommen werden,
und die einzige Wirkung wird sein, die Erwerbstätigkeit anzuspornen,
dem Kapital neue Gelegenheiten zu eröffnen und die Güterproduktion
zu vermehren.

II.	Die Leichtigkeit und Wohlfeilheit der Einziehung.

vielleicht mit Ausnahme gewisser Gewerbe- und Stempelabgaben,
die so eingerichtet werden können, daß sie sich fast von selbst einziehen,
die aber keinen nennenswerten Betrag abwerfen, läßt sich eine Steuer
auf den Bodenwert von allen Steuern am leichtesten und wohlfeilsten
einziehen. Denn der Boden läßt sich nicht verbergen oder wegschaffen,
sein wert ist leicht festzustellen, und wenn die Veranlagung einmal
gemacht ist, so bedarf es nur eines Einnehmers zur Einziehung.

Und da in allen Steuersystemen ein Teil der öffentlichen Einkünfte
durch Steuern auf den Boden erhoben wird, die bezügliche Ulaschinerie
also schon besteht und gerade so gut gebraucht werden kann, um alles
statt nur eines Teils einzuziehen, so könnten die Erhebungskoften, welche

*) vgl. Note auf S. 285.
        <pb n="318" />
        ﻿Kap. III. Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.	ZOZ

jetzt die anderen Steuern erfordern, infolge der Ersetzung derselben durch
die Steuer auf die Grundwerte gänzlich erspart werden. Welch eine
enorme Ersparnis dadurch bewirkt werden könnte, läßt sich aus der Menge
von Beamten schließen, welche jetzt zur Einziehung dieser Steuern ver-
wendet werden.

Diese Ersparnis würde den Unterschied zwischen den jetzigen Er-
hebungskosten und den Erträgnissen der Steuern bedeutend verringern,
aber die Ersetzung aller anderen Steuern durch eine Steuer auf die
Grundwerte würde diesen Unterschied sogar auf eine noch wichtigere
Weise verringern.

Eine Steuer auf die Grundwerte erhöht die preise nicht und wird
somit direkt von denjenigen bezahlt, auf die sie fällt, wohingegen alle
Steuern auf Dinge unbestimmter (Quantität die preise steigern, im
Verlaufe der Tausche von dem Verkäufer auf den Käufer abgewälzt
werden, und sich dabei unterwegs verteuern. Legen wir, wie man oft
versucht hat, eine Steuer auf Anlehen, so wird der Darleiher die Steuer
dem Borger belasten, und der letztere muß sie bezahlen oder auf das
Anlehen verzichten. Braucht der Borger es in seinem Geschäft, so muß
er seinerseits die Steuer von seinen Runden zurückerhalten, oder sein
Geschäft wird unvorteilhaft. Legen wir eine Steuer auf Gebäude,
so müssen schließlich die Benutzer desselben die Steuer bezahlen, denn
die Bautätigkeit wird aufhören, bis die Häusermieten hoch genug werden,
um den gewöhnlichen Profit und auch die Steuer zu zahlen. Legen wir
eine Steuer auf importierte Waren, so wird der Fabrikant oder Im-
porteur dem Händler, der Händler dem Detaillisten und der Detaillist
dem Konsumenten sie in einem höheren Preise anrechnen. Der Kon-
sument, auf den die Steuer schließlich fällt, muß aber nicht etwa nur den
Betrag derselben zahlen, sondern auch noch einen Gewinn auf diesen
Betrag an jeden, der letzteren ausgelegt hat, denn jeder Händler fordert
ebensowohl einen Gewinn auf das für die Steuer ausgelegte, als auf
das für die waren selbst bezahlte Kapital. Manilazigarren kosten, wenn
Uran sie von dem Importeur in San Franziska kauft, 70 Dollar das
Tausend, der Kostenpreis der Zigarren im Hafen beträgt ^ Dollar und
der Eingangszoll 56 Dollar. Der Händler aber, der diese Zigarren zum
Wiederverkauf ersteht, niuß einen Gewinn nicht auf dem wirklichen
Postenpreise derselben, sondern auf 70, dem Einstande plus Zoll, be-
rechnen. Auf diese weise werden alle, die Preise erhöhenden Steuern
von Hand zu Hand weitergeschoben und wachsen unterwegs, bis sie
schließlich auf den Konsumenten sitzen bleiben, die dadurch viel mehr
Zahlen, als die Regierung erhält. Die Art und weise nun, wie die Steuern
die Preise erhöhen, besteht in der Erhöhung der Produktionskosten und
m der Hemmung des Angebots. Aber der Boden ist kein Ding der
'chenschlichtzn Produktion, und die Steuern auf die Rente können die
Zufuhr nicht hemmen. Obwohl daher eine Steuer auf die Rente die
Grundbesitzer zwingt, mehr zu bezahlen, verleiht dies ihnen doch keine

George, Fortschritt und Armut.	20
        <pb n="319" />
        ﻿306

Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII.

Macht, mehr für den Gebrauch ihrer Grundstücke zu erlangen, weil es
auf keine Weife das Angebot von Grund und Boden vermindern kann.
Im Gegenteil, da die Steuer auf Grundwerte diejenigen, welche auf
Spekulation Land gekauft haben, zum Verkauf oder zur Verpachtung
für einen räfonablen Preis zwingt, erhöht sie die Konkurrenz unter den
Eignern und ermäßigt dadurch den Preis des Bodens.

So ist eine Steuer auf Landwerte in allen Beziehungen die wohl-
feilste Steuer, durch welche große Einnahmen zu erzielen sind, und
gewährt der Regierung den größten Reinertrag.

III.	Die Bestimmtheit.

Die Bestimmtheit ist ein wichtiges Element in der Besteuerung,
denn gerade weil die Erhebung einer Steuer von der Tätigkeit und
Treue der Einnehmer und dem Gemeingeist und der Rechtschaffenheit
der Steuerzahler abhängt, bieten sich auf der einen Seite Gelegen-
heiten zur Tyrannei und Korruption und auf der anderen zu Umgehungen
und Defraudationen.

Die Art und Weise, auf welche die meisten unserer Einkünfte er-
hoben werden, ist, wenn aus keinem anderen, schon aus diesem Grunde
zu verurteilen. Die groben Bestechungen und Betrügereien, welche
in den Vereinigten Staaten bei den Whisky- und Tabaksteuern vorkommen,
sind bekannt; die beständigen Minderwertangaben bei den Zollstellen,
die lächerliche Unrichtigkeit der Einkommensteuer-Abschätzungen und
die absolute Unmöglichkeit, eine irgendwie richtige Abschätzung des
persönlichen Eigentums zu erlangen, sind notorische Sachen. Der
materielle Verlust, welchen solche Steuern zufügen — der Kosten-
punkt, der infolge dieser Unbestimmtheit zu dem vom Volke gezahlten,
aber von der Regierung nicht erhaltenen Betrage hinzutritt — ist sehr
groß. Als in den Zeiten des englischen Schutzzollsystems Englands
Küsten mit einem cheer von Leuten besetzt waren, die den Schmuggel
zu verhindern suchten, und mrt einem zweiten Lseere von Leuten, die
jenen zu entgehen trachteten, mußte offenbar die Erhaltung beider
Heere aus dem Produkt der Arbeit und des Kapitals kommen, und die
Kosten und Gewinne der Schmuggler sowohl wie die Gehalte und
Bestechungen der Zollbeamten bildeten eine Steuer auf die Erwerbstätig-
keit der Nation, die zu dem Betrage, welchen die Regierung in den Zöllen
erhielt, noch hinzutrat. Und ebenso sind alle den Zollbeamten zuge-
wendeten Douceurs und Bestechungen, alle auf die Wahl fügsamer
Beamter: oder auf Durchdringung von Akten oder Entscheidungen zu-
gunsten der Steuerdefraudanten aufgewendeten Gelder, alle die
kostspieligen Methoden, um Waren ohne Bezahlung des Zolles einzu-
bringen und so zu fabrizieren, daß nicht soviel Zoll gezahlt zu werden
braucht, alle Halbparte und Kosten von Spionen und Geheimpolizisten,
alle Kosten des gerichtlichen Verfahrens nicht bloß für die Regierung,
        <pb n="320" />
        ﻿Kap. III.

507

Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.

sondern auch für die verfolgten — ebensoviel Ausgaben, welche diese
Steuern dein allgerneinen Gütervorrat entnehmen, ohne in die Staats-
einnahmen zu fließen.

Dennoch ist dies noch der geringste Teil der Kosten. Steuern,
die das Element der Bestimmtheit entbehren, find vom verderblichsten
Einfluß auf die Moral. Die amerikanischen Steuergesetze als Ganzes
könnten füglich betitelt werden: „Erlasse, um die Korruption der Staats-
beamten zu fördern, die Ehrlichkeit zu unterdrücken und den Betrug zu
ermutigen, eine Prämie auf Meineid und Verleitung zum Meineide
zu setzen und den Begriff des Gesetzes von dem Begriffe der Gerechtigkeit
gewaltsam zu trennen." Dies ist ihr wahrer Charakter, und sie reüssieren
darin bewnnderswürdig. Ein Zollhauseid ist zum Sprichwort geworden;
die Taxatoren schwören regelmäßig, alle Waren zu ihrem vollen, richtigen
Barwert abzuschätzen und tun gewohnheitsmäßig das Gegenteil; Leute,
die auf ihre persönliche und kommerzielle Ehre stolz sind, bestechen Beamte
und machen falsche Angaben, und alle Tage erlebt man das demorali-
sierende Schauspiel, daß derselbe Gerichtshof heute einen Mörder und
morgen einen Verkäufer ungestempelter Schwefelhölzer verurteilt.

So unbestimmt und so demoralisierend sind diese Besteuerungs-
arten, daß die aus David A. Wells, Edwin Dodge und George W. Luyler
zusammengesetzte New Yorker Kommission, welche die Befteuerungs-
frage in jenem Staate zu untersuchen hatte, den Vorschlag machte,
an Stelle der meisten anderen Steuern, mit Ausnahme derjenigen
auf Grundbesitz, eine willkürliche nach dem Mietswerte seiner Wohnung
abgeschätzte Steuer von jedem einzelnen zu erheben.

Aber es ist nicht nötig, zu willkürlichen Veranlagungen zu greifen.
Die Steuer auf Grundwerte, welche die am wenigsten willkürliche
der Steuern ist, besitzt im höchsten Grade das Element der Bestimmtheit.
5ie kann mit einer Gewißheit veranlagt und erhoben werden, die etwas
von der Unbeweglichkeit und Unverhehlbarkeit des Bodens selbst hat.
Grundsteuern können bis auf den letzten geller erhoben werden, und wenn
die Taxation des Grund und Bodens jetzt oft ungleichmäßig ist, so ist
die des persönlichen Eigentums doch noch weit ungleichmäßiger, und diese
Ungleichheiten in der Taxation des Grund und Bodens entstehen zum
großen Teil aus der Besteuerung der mit dem Boden verbundenen Ver-
besserungen und aus der Demoralisation, welche aus den von mir an-
geführten Ursachen den ganzen Befteuerungsplan trifft. Wären alle
Steuern auf die Grundwerte gelegt, ohne die Verbesserungen mit-
zutreffen, so würde der ganze Besteuerungsplan so einfach und klar und
die öffentliche Aufmerksamkeit so rege sein, daß die Abschätzung für die
Besteuerung mit derselben Gewißheit gemacht werden könnte und würde,
wie ein Häusermakler den Preis zu bestimmen vermag, den ein Ver-
käufer für ein Grundstück erhalten kann.

20'
        <pb n="321" />
        ﻿308

Buch VIII.

Die Anwendung des Heilmittels.

IV.	Die Gleichheit.

Adam Smiths Regel lautet: „Die Untertanen jedes Staates sollten
zur Erhaltung der Regierung möglichst im Verhältnis zu ihren respektiven
Fähigkeiten beitragen, d. h. im Verhältnis zu dem Einkommen, welches
sie unter dem Schutz des Staates genießen." Jede Steuer, sagt er an
einer anderen Stelle, die nur auf die Rente, oder nur auf die Löhne
oder nur auf die Zinsen fällt, ist notwendig ungleich. In Übereinstim-
mung damit ist der gewöhnliche Gedanke, den unsere Systeme der Alles-
Befteuerung vergebens durchzuführen suchen, daß jeder im Verhältnis
zu seinen Mitteln oder zu seinem Einkommen Steuern zahlen sollte.

Abgesehen aber von all den unüberwindlichen praktischen Schwierig-
keiten, die sich der Besteuerung jedermanns nach seinen Mitteln ent-
gegenstellen, so ist es augenscheinlich, daß Gerechtigkeit auf diese Weise
nicht zu erzielen ist.

Pier sind z. B. zwei Männer von gleichen Mitteln oder gleichen
Einkommen, wovon der eine eine große Familie, der andere niemanden
als sich selbst zu erhalten hat. Aus diese beiden Männer fallen indirekte
Stenern sehr ungleich, da der eine die Steuern auf die von seiner Familie
verbrauchte Nahrung, Kleidung usw. nicht vermeiden kann, während
der andere nur von seinem eigenen Verbrauche zu steuern braucht.
Nehmen wir hingegen an, daß durch direkte Steuern jedermann gleich-
besteuert würde, so fehlt auch da die Ungerechtigkeit nicht. Das Einkommen
des einen ist mit der Erhaltung von sechs, acht oder zehn Personen be-
lastet, das des anderen mit der Erhaltung einer einzigen. Wenn man
aber die Malthussche Lehre nicht so weit treibt, daß man das Ausziehen
eines neuen Bürgers als eine Schädigung des Staates betrachtet, so
liegt hier eine grobe Ungerechtigkeit vor.

Man könnte jedoch einwenden, dies sei ein nicht zu überwinden-
der Übelstand; die Natur selbst sei es, welche menschliche wesen hilflos
in die Welt bringe und ihre Erhaltung auf die Eltern abwälze, aber als
Ersatz dafür große und süße Belohnungen biete. Sehr wohl, wenden
wir uns also an die Natur und lesen wir die Gebote der Gerechtigkeit
in ihrem Gesetz.

Die Natur gibt der Arbeit und nur ihr allein. Selbst in einem
Paradiese würde der Mensch, ohne menschliche Anstrengung, verhungern,
Pier sind nun zwei Männer gleichen Einkommens — das des einen
rührt von der Anstrengung seiner Arbeit her, das des anderen von der
Rente eines Grundbesitzes. Ist es gerecht, daß sie zu den Ausgaben
des Staates beide gleich beitragen sollen? Sicherlich nicht. Das Ein-
kommen des einen stellt Güter dar, die er erschafft und dem allgemeinen
Fonds des Staates hinzufügt; das Einkommen des anderen stellt nur
Güter dar, die er dem allgemeinen Vorrat entnimmt, und wofür er nichts
zurückgibt. Das Recht des einen auf den Genuß seines Einkommens
beruht auf dem Zeugnis der Natur, die der Arbeit Güter gewährt;
        <pb n="322" />
        ﻿



‘Kap. III. Der Vorschlag an den Regeln der Besteuerung geprüft.

309

das Recht des anderen auf den Genuß seines Einkommens ist ein bloß
eingebildetes Recht, die Schaffung von Staats- oder Gemeindeeinrich-
tungen, die der Natur fremd und von ihr nicht anerkannt find. Der
Vater, dem man sagt, daß er durch seine Arbeit seine Rinder zu er-
nähren habe, muß dies zugeben, denn es ist die Vorschrift der Natur;
aber er kann mit Fug und Recht verlangen, daß von dem durch seine
Arbeit gewonnenen Einkommen nicht ein Pfennig genommen wird,
solange noch ein Pfennig aus Einkünften übrig bleibt, die aus einem
Monopol der von der Natur unparteiisch allen dargebotenen natürlichen
Vorteile herrühren, und an das seine Rinder ein gleiches Recht anzu-
sprechen haben.

Adam Smith redet von Einkommen als „unter dem Schutze des
Staates genossen", und dies ist auch der Grund, auf den gewöhnlich
die Forderung der gleichen Besteuerung aller Arten von Eigentum ge-
gründet wird, weil es nämlich vom Staate gleichmäßig beschützt werde.
Die Grundlage dieser Vorstellung ist augenscheinlich, daß der Genuß
des Eigentums durch den Staat möglich gemacht wird — daß vom
Staat ein wert geschaffen und erhalten wird, der, wie man mit Recht
beanspruchen kann, die öffentlichen Ausgaben aufbringen muß. Von
welchen werten ist dies nun richtig? Einzig vom wert des Grund und
Bodens. Dies ist ein wert, der nicht eher entsteht, als bis ein Gemein-
wesen gebildet ist und der, ungleich anderen werten, mit der Entwick-
lung des Gemeinwesens zunimmt. Er besteht erst, wenn das Gemein-
wesen besteht. Das größte Gemeinwesen zerstreue sich wieder, und
der jetzt so wertvolle Boden wird gar keinen wert mehr haben. Mit
jeder Bevölkerungszunahmc steigt der wert des Landes, mit jeder
Abnahme fällt derselbe. Dies ist nur bei Dingen der Fall, die, wie der
Grundbesitz, ihrer Natur nach Monopole sind.

Die Steuer auf Landwerte ist daher die gerechteste und unpar-
leiischste aller Steuern. Sie fällt nur auf die, welche von der Gesellschaft
einen besonderen und wertvollen Vorteil erhalten, und auf sie hu Ver-
hältnis zu dem empfangenen Vorteil. Durch sie nimmt der Staat zum
Nutzen des Staates denjenigen wert, der von ihm selbst geschaffen
Worden ist. Sie ist die Verwendung von Gemeingut zu Gemeinzwecken,
wenn sämtliche Rente durch die Besteuerung für den Bedarf des Staates
Senommen ist, — dann wird die durch die Natur verordnete Gleichheit
h^'-öestellt sein. Rein Bürger wird über einen anderen Bürger einen
Vorteil haben als soweit Fleiß, Geschicklichkeit und Intelligenz ihn
gewähren, und jeder wird erlangen, was ihm billigerweise zukommt.
Dann, aber erst dann, wird die Arbeit ihren vollen Lohn und das Rapital
leinen natürlichen Ertrag erhalten.



i

-\
        <pb n="323" />
        ﻿3*0

Die Anwendung des Heilmittels,

Buch VIII.

Kapitel IV.

Zustimmungen und Einwendungen.

Die Gründe, aus denen wir den Schluß gezogen haben, daß die
Steuer auf die Landwerte, d. h. auf die Rente, die beste Methode für
die Erhebung öffentlicher Einnahmen fei, find, seitdem Wesen und
Gesetz der Rente bestimmt worden sind, von allen Nationalökonomen
von Ruf ausdrücklich oder stillschweigend zugestanden worden.

Ricardo sagt (Kap. lO): „Eine Steuer auf die Rente würde gänz-
lich auf die Grundbesitzer fallen und könnte auf keine andere Klasse
von Konsumenten abgewälzt werden", denn sie „würde den Unterschied
zwischen dem Produkt des unter Kultur befindlichen wenigst produktiven
Landes und dem von Land jeder anderen «Dualität erhaltenen Produkt
unverändert lassen . . . Eine Steuer auf die Rente würde nicht den
Anbau frischen Bodens entmutigen, denn solches Land zahlt keine Rente
und würde unbesteuert sein."

McEulloch (Note 24 zu Smiths Volkswohlstand) erklärt, daß „vom
praktischen Gesichtspunkte Steuern auf die Rente zu den ungerechtesten
und unpolitischsten gehören, die man sich denken kann", aber er stellt
diese Behauptung nur auf Grund feiner Annahme auf, daß es praktisch
unmöglich sei, bei der Besteuerung zwischen der für die Benutzung des
Bodens gezahlten Summe und dem an Kapital darauf verwendeten
Betrage zu unterscheiden. Angenommen jedoch, daß diese Trennung
durchgeführt werden könne, gibt er zu, daß die den Grundbesitzern für
die Benutzung der natürlichen Kräfte des Bodens bezahlte Summe
durch eine Steuer völlig hinweggenommen werden könnte, ohne daß
sie es in ihrer Nacht hätten, irgendeinen Teil der Last auf jemand anders
zu wälzen, und ohne daß dadurch der Preis der Produkte berührt würde.

John Stuart Mill gibt dies alles nicht bloß zu, sondern erklärt
ausdrücklich die Dienlichkeit und Gerechtigkeit einer eigenen Steuer
auf die Rente, indem er fragt, welches Recht die Grundbesitzer auf den
Zuwachs von Reichtümern hätten, der ihnen aus dem allgemeinen
Fortschritt der Gesellschaft ohne Arbeit, Risiko oder Ersparnis ihrerseits
zufällt, und obgleich er es ausdrücklich mißbilligt, ihren Anspruch auf
den gegenwärtigen wert des Bodens zu beanstanden, so schlägt er doch
vor, die ganze künftige Wertzunahme, als der Gesellschaft durch natürliches
Recht gehörig, zu nehmen.

Nrs. Fawcett sagt in dein kleinen Auszug der Schriften ihres
Gatten, betitelt „Nationalökonomie für Anfänger": „Die Grunde
steuer, ob in ihrem Betrage klein oder groß, hat Teil an dem Wesen
einer vom Grundbesitzer dem Staate gezahlten Rente. In einem
Stoßen Teile Indiens gehört der Boden der Regierung, und die Grund-
steuer ist daher eine dem Staate direkt gezahlte Grundrente. Die ökono-
        <pb n="324" />
        ﻿Zustimmungen und Einwendungen.

Rap. IV.

3U

mische Vollkommenheit dieses Grundbesitzverhältnisses ist leicht ein-
zusehen."

Daß in der Tat die Rente sowohl aus Gründen der Zweckmäßigkeit
wie der Gerechtigkeit der eigentliche Gegenstand der Besteuerung sein
sollte, ist in der anerkannten Rentenlehre inbegriffen und kann im
Keime in den Werken aller Nationalökonomen, die Ricardos Gesetz
akzeptiert haben, gefunden werden. Daß man diese Grundsätze nicht
bis zu ihren notwendigen Konsequenzen verfolgt hat, wie ich das getan
habe, rührt augenfcheinlich von der Abneigung, die enormen Interessen
des Grundbesitzes zu erzürnen oder zu gefährden, sowie von den falschen
Theorien über den Lohn und die Ursache der Armut her, welche die
nationalökonomischen Vorstellungen beherrscht haben.

Ls hat jedoch eine Schule von Nationalökonomen gegeben, die
es deutlich einsahen, was den natürlichen von Gewohnheit unbeein-
flußten Auffassungen der Menschen klar genug ist —- daß die Einkünfte
des Gemeingutes, des Grund und Bodens, zum gemeinen Nutzen
appropriiert werden sollten. Die französischen Ökonomen des letzten
Jahrhunderts, an ihrer Spitze Guesna^ und Turgot, schlugen genau
dasselbe vor, was ich vorgeschlagen habe, daß alle Besteuerung abge-
schafft werden solle mit Ausnahme einer Steuer auf den wert des
Bodens. Da ich mit den Lehren Guesnaz&gt;s und seiner Schüler nur aus
zweiter kfand, durch Vermittlung der englischen Schriftsteller, bekannt
bin, so bin ich außerstande zu sagen, wieweit seine besonderen An-
sichten in bezug darauf, daß der Ackerbau der einzig produktive Beruf
sei usw., irrtümliche Auffassungen oder bb ße Eigenheiten der Termino-
logie sind. So viel aber erhellt für mich aus dem vorschlage, in welchem
seine Theorie gipfelte, daß er die seitdem außer Augen gesetzte funda-
mentale Beziehung zwischen dem Grund und Boden und der Arbeit
einsah, und daß er bei der praktischen Wahrheit anlangte, wenn auch
möglicherweise vermittels einer mangelhaften Begründung. Die
Ursachen, welche in den Händen des Grundbesitzers ein „Nettoprodukt"
Zurücklassen, wurden von den Hhysiokraten nicht besser erklärt, als das
Saugen einer j)umpe durch die Annahme eines borror vacui seitens
der Natur erklärt wird, aber die Tatsache in ihren praktischen Beziehungen
.Zur Sozialökonomie wurde anerkannt, und die Vorteile, welche aus
der vollkommenen Freiheit entstehen würden, die der Industrie und
dem Handel durch die Ersetzung einer Steuer auf die Grundrente an-
statt aller der, die Anwendung der Arbeit verwirrenden und hemmenden
Tasten erwachsen müßten, wurden von ihnen zweifelsohne so deutlich
wie von mir eingesehen. Lines der bei der französischen Revolution
am meisten zu bedauernden Dinge ist, daß sie die Ideen der Ökonomisten
umstürzte, als dieselben unter den denkenden Klassen gerade Stärke
'gewannen und anscheinend im Begriff waren, die Steueraeseüqebuna
Zu beeinflussen.

Dhne etwas von «Duesnay oder seinen Lehren zu wissen, habe
        <pb n="325" />
        ﻿3\2

Die Anwendung des Heilmittels.

Buch VIII.

ich denselben praktischen Schluß durch einen Weg erreicht, der nicht
bestritten werden kann, und babe denselben auf Gründe basiert, die
durch die akzeptierte Nationalökonomie nicht in Frage gestellt werden
können.

Der einzige Einwand gegen die Steuer auf Grundrente oder
Landwerte, welchem man in den herkömmlichen nationalökonomischen
Werken begegnet, ist eigentlich gar kein Einwand; im Gegenteil werden
dadurch die Vorteile dieser Steuer eingeräumt — er besagt, daß wir bei
der Schwierigkeit des Auseinanderhaltens in der Besteuerung der
Rente irgendetwas anderes mitbesteuern könnten. McLulloch z. B.
erklärt Steuern auf die Rente für unpolitisch und ungerecht, weil der
für die natürlichen und untrennbaren Kräfte des Bodens erhaltene
Ertrag nicht genau unterschieden werden könne von dem für Verbesse-
rungen und Meliorationen erhaltenen, welche dadurch entmutigt werden
dürften. Macaulay sagt irgendwo, wenn das Eingeständnis der An-
ziehungskraft der Erde einem beträchtlichen pekuniären Interesse ent-
gegen wäre, so würde es nicht an Argumenten gegen dieselbe fehlen —
eine Wahrheit, von der dieser Einwand ein Beispiel ist. Denn an-
genommen selbst, daß es unmöglich wäre, durchweg den Wert des Landes
von dem der Verbesserungen zu trennen, ist diese Notwendigkeit, auch
fernerhin einige Verbesserungen zu besteuern, ein Grund, sie sämt-
lich weiter zu besteuern? wenn es die Produktion schon entmutigt,
werte zu besteuern, welche Arbeit und Kapital eng mit dem werte
des Bodens verbunden haben, wie viel größer muß dann die Ent-
mutigung sein, wenn man nicht bloß diese, sondern auch alle genau
unterscheidbaren, von der Arbeit und dem Kapital geschaffenen werte
besteuert?

Aber tatsächlich ist der wert des Landes stets leicht von dem der
Verbesserungen zu unterscheiden. In Ländern, wie die vereinigten
Staaten gibt es viel wertvolles Land, das nie verbessert worden ist,
und in vielen der Staaten werden der wert des Bodens und der der
Verbesserungen von den Taxatoren separat abgeschätzt, obgleich nachher
unter der Bezeichnung Grundbesitz wiedervereinigt. Auch wo der
Grund und Boden seit undenklichen Zeiten okkupiert war, besteht keine
Schwierigkeit, den wert des bloßen Bodens zu ermitteln; denn häufig
gehört der Boden einer Person und die Baulichkeiten einer anderen,
und wenn sich dann eine Feuersbrunst ereignet und die Verbesserungen
vernichtet werden, so verbleibt in dem Grund und Boden ein klarer und
bestimmter wert. Im ältesten Lande der Welt kann die Trennung
keinerlei Schwierigkeit haben, wenn man sich darauf beschränkt, den wert
der deutlich unterscheidbaren, innerhalb eines mäßigen Zeitraums
gemachten Verbesserungen von dem wert des Grund und Bodens zu
trennen, der übrig bliebe, falls die Verbesserungen zerstört werden
sollten. Dies ist offenbar alles, was die Gerechtigkeit oder die Politik
erfordert. Absolute Genauigk? ist in jedem System unmöglich, und
        <pb n="326" />
        ﻿«ap. IV.

Zustimmungen und Einwendungen.



zu versuchen, alles, was das Menschengeschlecht getan, von dem, was
ursprünglich die Natur gegeben, zu trennen, würde eben so absurd wie
unausführbar sein. Ein von den Römern entwässerter Sumpf oder
terrassierter ksügel bildet heutzutage gerade so sehr einen Teil der natür-
lichen Vorteile der britischen Inseln, als ob die Arbeit durch ein Erdbeben
oder durch Gletscher getan wäre. Der Umstand, daß nach einem gewissen
Zeitverlauf der Wert solcher bleibenden Verbesserungen als mit dem
des Bodens verschmolzen angesehen und dementsprechend besteuert
werden würde, könnte keine abschreckende Wirkung auf solche Verbesse-
rungen ausüben, denn derartige Arbeiten werden auch von Pächtern
häufig unternommen. Tatsache ist, daß jede Generation für sich baut
und verbessert, und nicht für die ferne Zukunft. Und eine weitere Tat-
sache ist, daß jede Generation nicht nur die natürlichen Kräfte der Erde,,
sondern auch alles das erbt, was von der Arbeit vergangener Genera-
tionen übrig ist.

Indessen kann ein Einwand anderer Art erhoben werden. Man
könnte sagen, es sei, wo die politischen Befugnisse verteilt sind, sehr
wünschenswert, daß die Besteuerung nicht auf eine Klasse, wie die Grund-
besitzer falle, sondern auf alle, damit alle, die politische Befugnisse
ausüben, auch ein gehöriges Interesse an sparsamer Staatsverwaltung,
empfinden. Besteuerung und Vertretung, wird man sagen, können
nicht voneinander geschieden werden.

Aber so wünschenswert es auch sein mag, mit politischen Rechten
das Bewußtsein öffentlicher Pflichten zu verbinden, das jetzige System
erzielt dies sicherlich nicht. Indirekte Steuern werden in großem Um-
fang von denen erhoben, die bewußterweise wenig oder nichts zahlen.
In den Vereinigten Staaten nimmt die Klasse mit großer Schnelligkeit
Zu, die nicht nur kein Interesse an der Besteuerung hat, sondern sich auch
nicht um eine gute Regierung kümmert. In unseren großen Städten
werden die Wahlen großenteils nicht durch Erwägungen des öffentlichen
Interesses, sondern durch solche Einflüsse bestimmt, wie sie die Wahlen
in Rom leiteten, als die Klassen aufgehört hatten, sich um irgend etwas
Zu kümmern außer um Brot und den Zirkus.

Die Ersetzung der jetzt erhobenen vielfachen Steuern durch eine
einzige auf den Wert des Grund und Bodens würde kaum die Zahl
der bewußten Steuerzahler vermindern, denn die Teilung des jetzt auf
Spekulation in Besitz gehaltenen Landes würde die Zahl der Grund-
besitzer bedeutend vergrößern. Aber sie würde die Verteilung der Güter
dermaßen ausgleichen, um selbst den Ärmsten über jenen Zustand
niedrigster Armut zu erheben, in welchem öffentliche Rücksichten kein
Gewicht mehr haben; während sie gleichzeitig jene übermäßigen ver-
mögen beschneiden würde, die ihre Besitzer über das Interesse an der
Legierung erheben. Die politisch gefährlichen Klassen sind die sehr
Reichen und die ganz Armen. Nicht das Bewußtsein, Steuern zu zahlen,
verleiht jemandem Interesse an seinem Lande und an dessen Regierung,
        <pb n="327" />
        ﻿Buch VIII.

.ZsH	Die Anwendung des Heilmittels.

sondern das Bewußtsein, daß er ein integrierender Teil des Staates
ist, daß dessen Gedeihen auch das seine und dessen Unehre auch seine
Schande ist. Fühlt der Bürger dies, ist er umgeben von all den Ein-
flüssen, die einem behaglichen lfeim entspringen und sich um dasselbe
sammeln, so wird er sich mit Leib und Leben dem Staate zur Verfügung
stellen. Das Steuerzahlen ist nicht der Grund, daß die Menschen patriotisch
stimmen oder fürs Vaterland kämpfen. Alles was zur behaglichen
und unabhängigen materiellen Lage der Massen führt, wird den öffent-
lichen Geist am besten nähren und die in letzter Instanz regierenden
Kräfte intelligenter und tugendhafter machen.

Doch man fragt vielleicht: wenn die Grundsteuer eine so vorteil-
hafte Befteuerungsmethode ist, wie kommt es, daß alle Regierungen
mit Vorliebe zu so vielen anderweitigen Steuern greifen?

Die Antwort liegt auf der Lsand: die Grundsteuer ist die einzige
von Bedeutung, die sich nicht verteilt. Sie fällt auf die Grund-
besitzer, und es gibt keinen weg, die Last auf jemand anders zu wälzen.
Somit ist eine große und mächtige Klasse direkt dabei interessiert, die
Grundsteuer niederzuhalten und anstatt derselben zur Erhebung der
erforderlichen Einnahmen Steuern auf andere Dinge zu legen, gerade
wie die Grundbesitzer Englands vor zweihundert Jahren es erreichten,
eine auf alle Konsumenten fallende Akzise an Stelle der auf sie allein
fallenden Lasten ihrer feudalen Besitzungen zu setzen.

So tritt ein entscheidendes und mächtiges Interesse der Besteue-
rung der Landwerte feindlich gegenüber; gegen die anderen Steuern
aber, zu denen die modernen Regierungen so gerne greifen, besteht
kein derartiger Widerstand. Der Scharfsinn der Staatsmänner hat sich
darauf verlegt, Steuerprojekte zu ersinnen, die die Löhne der Arbeit
und den Erwerb des Kapitals aufsaugen, wie nach der Sage der Vampir
das Lebensblut seines Gpfers. Beinahe alle diese Steuern werden schließ-
lich von jenem undefinierbaren wesen, dem Konsumenten, getragen,
und er zahlt sie auf eine weise, die seine Aufmerksamkeit nicht auf die
Tatsache lenkt, daß er eine Steuer zahlt; er entrichtet sie in so kleinen
Beträgen und so hinten herum, daß er es nicht bemerkt und sich schwerlich
die Mühe machen wird, wirksam dagegen Verwahrung einzulegen.
Diejenigen, die das Geld dem Steuereinnehmer direkt zahlen, sind nicht
nur uicht dabei interessiert, sich einer Steuer zu widersetzen, die sie so
leicht von ihren eigenen Schultern abwälzen, sondern haben sehr häufig
an deren Auferlegung und Beibehaltung ein positives Interesse, wie
es auch noch anderweitige Interessen gibt, die aus der durch solche
Steuern bewerkstelligten Preissteigerung Nutzen ziehen oder zu ziehen
erwarten.

Fast alle die mannigfachen Steuern, mit welchen das Volk der
Vereinigten Staaten jetzt belastet ist, sind mehr mit Einblick auf Privat-
vorteile als auf die Steuererhebung auferlegt worden, und das Haupt-
hindernis für die Vereinfachung der Besteuerung sind diese Privat-
        <pb n="328" />
        ﻿Kap. IV.

Zustimmungen und Einwendungen.

3*5

Interessen, deren Vertreter, sobald eine Steuerermäßigung im Werke
ist, in den Vorzimmern der Parlamente umberschleichen, um darauf
hinzuwirken, daß jene Steuern, aus denen sie Nutzen ziehen, ja nicht
betroffen werden. Den Schutzzolltarif, der den Vereinigten Staaten
aufgepackt ist, hat man diesen Einflüssen zu danken, nicht aber der An-
nahme absurder Schutztheorien um ihres eigenen wertes willen. Die
großen Einnahmen, welche der Bürgerkrieg nötig machte, waren die
goldene Gelegenheit dieser speziellen Interessen, und Steuern wurden
auf alles Mögliche gehäuft, nicht sowohl um daraus Einnahmen zu
erzielen, als um besondere Klassen in den Stand zu setzen, an den Vor-
teilen des Steuereinnehmens und Steuereinsteckens teilzunehmen.
Und seit dem Kriege waren diese interessierten Parteien das bjaupt-
hindernis der Steuerermäßigung, und aus diesem Grunde ließen sich
auch die Steuern, welche das Volk am wenigsten kosteten, leichter ab-
schaffen als die, welche es am meisten kosteten. So werden selbst volks-
tümliche Regierungen, die sich zu dem Grundsätze bekennen, der größten
Zahl die größte Wohlfahrt zu bereiten, in einer der wichtigsten Funk-
tionen dazu mißbraucht, einer kleinen Anzahl auf Kosten der vielen
einen zweifelhaften Vorteil zu verschaffen.

Lizenzsteuern sind bei den davon Betroffenen in der Regel beliebt,
da sie andere aus der Branche fern halten; Fabrikationssteuern sind
häufig großen Fabrikanten aus ähnlichen Gründen angenehm, wie man
an dem Widerstande der Brenner gegen die Ermäßigung der Whisky-
steuer sehen konnte; Einfuhrzölle verleihen nicht nur gewissen Produ-
zenten besondere Vorteile, sondern gereichen auch zum Nutzen von
Importeuren und Händlern, die große Lager besitzen; und so bestehen
bei allen solchen Steuern Sonderinteressen, die einer schnellen Organi-
sation und gemeinsamen Handels fähig sind und die Auferlegung der-
selben begünstigen, während im Falle einer Steuer auf den wert des
Bodens ein starkes und empfindliches Interesse besteht, sich derselben
beständig und heftig zu widersetzen.

Doch wenn die Wahrheit, die ich klar zu machen suche, einst von
den Massen begriffen werden wird, dann ist leicht zu sehen, wie eine
Vereinigung politischer Kräfte, stark genug, um sie ins Werk zu setzen,
möglich werden wird.
        <pb n="329" />
        ﻿4

Buch IX.

Die Wirkungen des Heilmittels.

„Ich kann auf keinem Saiteninstrumente spielen, aber ich kann Luch sagen
wie aus einem kleinen Dorfe eine große und ruhmvolle Stadt gemacht wird."

Themistokles.

„Ls sollen Tannen für Hecken wachsen, und Myrten für Dornen; —

Sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen
und derselben Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, daß ein anderer bewohne,
und nicht pflanzen, daß ein anderer esse."	Jesaia.

Kapitel I.

Über die Wirkung auf die Güterproduktion.

Der ältere Mirabeau, wird erzählt, betrachtete den Vorschlag
Tuesna^s, eine einzige Steuer auf die Rente (I'impöt unigue) an die
Stelle aller anderen Steuern zu setzen, als eine Entdeckung von nicht
geringerem Nutzen als die Erfindung der Schreibekunst oder die Ersetzung
des Tausches durch den Gebrauch des Geldes.

Jeder, der über die Sache nachdenkt, wird diesen Ausspruch mehr
für einen Beweis von Geistesschärfe als von Übertreibung ansehen.
Die Vorteile, welche dadurch erzielt würden, wenn man die zahlreichen
Steuern, in denen die öffentlichen Einnahmen jetzt erhoben werden,
durch eine einzige, vom werte des Landes erhobene Steuer ersetzte,
erscheinen immer bedeutender, je mehr man sie erwägt. Es ist das Ge-
heimnis, welches aus dem kleinen Dorf die große Stadt machen würde.
Nach Beseitigung aller der Auflagen, die jetzt die Erwerbstätigkeit
beengen und den Austausch einschnüren, würde die Güterproduktion
mit einer ungeahnten Schnelligkeit fortschreiten. Dies würde seinerseits
zu einer Wertsteigerung des Bodens, zu einem neuen Überschüsse führen,
den die Gesellschaft zu allgemeinen Zwecken an sich nehmen könnte.
Und befreit von den llbelständen, welche die Erhebung der Einnahmen
zu einer (Quelle der Korruption und die Gesetzgebung zum Werkzeug
spezieller Interessen machen, könnte die Gesellschaft Funktionen über-
        <pb n="330" />
        ﻿Kap. I.

Über die Wirkung auf die Güterproduktion.

3\7

nehmen, die zu übernehmen die steigende Verwicklung des Lebens
für die Gesellschaft wünschenswert macht, vor denen aber bei dem An-
blick der unter dem gegenwärtigen System herrschenden politischen
Demoralisation denkende Männer zurückschrecken.

Betrachten wir die Wirkung auf die Güterproduktion.

Die Besteuerung zu beseitigen, welche mit ihren Aktionen und Re-
aktionen jetzt jedes Rad des Austausches hemmt und auf jede Form des
Gewerbfleißes drückt, würde ähnlich wirken, wie die Entfernung eines
ungeheuren Gewichtes von einer mächtigen Springfeder. Mit frischer
Tatkraft erfüllt, würde die Produktion zu neuem Leben erstehen, und die
Geschäfte würden einen Antrieb erfahren, der bis in die fernsten Adern
fühlbar wäre. Die jetzige Besteuerungsmethode wirkt auf den Pandel
wie künstliche Wüsten und Gebirge; es kostet mehr, Waren durch ein Zoll-
haus zu bringen, als sie um die Erde zu transportieren. Sie wirkt auf
die Tatkraft, Betriebsamkeit, Geschicklichkeit und Wirtschaftlichkeit wie
eine Geldbuße auf diese Eigenschaften. Wenn ich härter gearbeitet
und mir selber ein gutes paus gebaut habe, während du dich begnügtest,
in einer pütte zu wohnen, so kommt alljährlich der Steuereinnehmer,
um mich eine Strafe für meine Tatkraft und meinen Fleiß zahlen zu
lassen, indem er mich höher als dich besteuert. Wenn ich gespart habe,
während du verschwendetest, so werde ich mit einer Geldbuße belegt,
während du frei ausgehst. Baut jemand ein Schiff, so lassen wir ihn
für seine Kühnheit zahlen, als ob er dem Staate ein Unrecht zugefügt
hätte; wird eine Eisenbahn eröffnet, gleich kommt der Steuereinnehmer,
als wäre es ein öffentlicher Unfug; wird eine Fabrik errichtet, so erheben
wir von ihr eine jährliche Summe, die schon weit reichen würde, um einen
hübschen Profit auszumachen, wir sagen, wir brauchen Kapital, aber
wenn jemand welches anhäuft oder zu uns bringt, so belasten wir ihn
dafür, als ob wir ihm ein Privilegium gäben. Den Mann, der dürre
Felder mit reifendem Korn bedeckt, strafen wir mit einer Steuer; wer
Maschinen aufstellt oder einen Sumpf austrocknet, wird mit einer Buße
belegt, wie schwer diese Steuern die Produktion belasten, werden nur
diejenigen inne, welche unser Besteuerungssystem in allen seinen Ver-
zweigungen verfolgt haben, denn, wie ich früher sagte, der schwerste
Teil der Besteuerung ist der, welcher in erhöhten Preisen zur Geltung
kommt. Offenbar sind diese Steuern nach ihrer Natur der Steuer des
ägyptischen Paschas auf Dattelbäume verwandt, wenn sie nicht das
Fällen der Bäume bewirken, so halten sie wenigstens vom pflanzen ab.

Diese Steuern abzuschaffen, würde heißen, das ganze enorme
Gewicht der Besteuerung von den produktiven Gewerben zu entfernen.
Die Nadel der Näherin und die große Fabrik, das Karrenpferd und die
Lokomotive, das Fischerboot und das Dampfschiff, des Landmanns
Pflug und des Kaufmanns Lager würden gleichermaßen unbefteuert
fein. Alle würden frei arbeiten oder sparen, kaufen oder verkaufen können,
ungestraft durch Steuern, unbehelligt durch den Steuererheber. Anstatt
        <pb n="331" />
        ﻿3*8

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

wie jetzt, den Produzenten zu sagen: „je mehr du den allgemeinen Gütern
hinzufügst, desto höher sollst du besteuert werden", würde der Staat
ihm sagen: „sei so fleißig, so strebsam, so unternehmend, wie du magst,
du sollst deinen vollen Lohn behalten; du sollst keine Bußen dafür zu ent-
richten haben, daß du zwei Grashalme wachsen läßt, wo nur einer wuchs;
du sollst nicht besteuert werden, weil du das Gesamtgut vermehrtest".

wird der Staat etwa nicht dadurch gewinnen, daß er sich weigert,
die Gans zu töten, welche die goldenen Gier legt; daß er davon absteht,
dem Gchsen, der da drischet, das Maul zu verbinden; daß er dem gleiße,
der Betriebsamkeit, der Geschicklichkeit ihren natürlichen Lohn voll und
ungeschädigt läßt? Denn auch für den Staat gibt es einen natürlichen
Lohn. Das Gesetz der Gesellschaft ist: einer für alle, sowie alle für einen.
Niemand kann das Gute, wie das Schlechte, das er tut, für sich allein
behalten. Jede produktive Unternehmung gewährt, außer dem ihrem
Unternehmer zufallenden Ertrage, auch anderer: mittelbare Vorteile.
Pflanzt jemand einen Gbstbaum, so ist sein Gewinn, daß er mit der
Zeit seinen Herbst einheimst. Aber außer seinem eigenen Gewinn ist
auch noch ein Gewinn für das ganze Gemeinwesen vorhanden. Andere
als der Eigner ziehen aus dem vermehrten Gbstvorrat Vorteil; die
Vögel, denen der Baum Schutz gewährt, fliegen von nah und fern herbei;
der Regen, welchen er herbeiziehen hilft, fällt nicht bloß auf sein Feld,
und selbst dem aus der Entfernung darauf ruhenden Auge gewährt
er ein Gefühl der Schönheit. Und fo ist es mit allem anderen. Der Bau
eines Hauses, einer Fabrik, eines Schiffes oder einer Eisenbahn nützt
anderen außer denen, welche die direkten Gewinne davon haben. Die
Natur lacht über einen Geizhals. Er ist gleich dem Eichhörnchen, das
seine Nüsse vergräbt, und hernach unterläßt, sie wieder auszugraben.
Seht da, sie sprossen und werden zu Bäumen. In feinen Leinen, mit
köstlichen Spezereien getränkt, wird die Mumie aufbewahrt. Tausende
und aber Tausende von Jahren danach kocht der Beduine seine Nahrung
an einem Feuer aus ihren Umhüllungen, sie erzeugt den Dampf, mit
dessen Hilfe der Reisende auf seinem Wege dahinfliegt, oder sie kommt
nach fernen Landen, um die Neugierde anderer Rassen zu befriedigen.
Die Biene füllt den hohlen Baum mit Honig, und schließlich kommt der
Bär oder der Mensch, um ihn zu genießen.

Mit Recht kann der Staat dem einzelnen Produzenten alles lassen,
was ihn zur Anstrengung anspornt; mit Recht kann er dem Arbeiter
den vollen Lohn seiner Arbeit und dem Kapitalisten den vollen Ertrag
seines Kapitals lassen. Denn je mehr die Arbeit und das Kapital pro-
duzieren, desto größer wird der gemeinschaftliche Vorrat, an welchem
alle teilhaben. Und in dem werte oder der Rente des Bodens ist dieser
allgemeine Gewinn in bestimmter und konkreter Form ausgedrückt.
Ljier ist ein Fonds, den der Staat nehmen kann, während er der Arbeit
und dem Kapital ihren vollen Lohn läßt. Mit vermehrter Produktions-
tätigkeit würde dieser Lohn entsprechend zunehmen.
        <pb n="332" />
        ﻿319

Kap. I.	Über die Wirkung auf die Güterproduktion.

Aber die Last der Besteuerung von der Produktion und dem Aus-
tausch auf den Wert oder die Rente des Landes übertragen, würde
nicht allein der Güterproduktion neuen Antrieb verleihen, sondern ihr
auch neue Gelegenheiten eröffnen. Denn unter diesem System würde
niemand Land anders als zur Benutzung behalten, und jetzt der Benutzung
entzogenes Land würde allenthalben zum Anbau offen stehen.

Der Verkaufspreis des Bodens würde fallen, die Grundstück-
spekulation würde ihren Todesstreich empfangen, die Landmonopo-
lisierung würde sich nicht länger lohnen. Millionen und aber Millionen
Morgen, von denen jetzt die Ansiedler durch hohe preise ausgeschlossen
sind, würden von ihren gegenwärtigen Besitzern aufgegeben oder den
Ansiedlern zu bloß nominellen Preisen verkauft werden. Und dies nichü
etwa bloß an den Grenzen, sondern auch in Gegenden, die jetzt schon
als gut angebaut betrachtet werden, hundert Meilen um San Franziska
würde so genug Land frei werden, um selbst bei den jetzigen Betriebs-
methoden eine ländliche Bevölkerung zu fassen, so groß wie die, welche
jetzt von Oregon bis zu der 800 Meilen entfernten mexikanischen Grenze
Zerstreut lebt. In demselben Grade würde dies für die meisten westlichen
Staaten zutreffen, und annähernd auch für die älteren östlichen Staaten,
denn selbst in New pork und pennsylvanien ist die Bevölkerung im
vergleich mit der Kapazität des Landes noch dünn. Und selbst im dicht-
bevölkerten England würde eine solche Politik dem Anbau viele pundert-
lausende Morgen eröffnen, die jetzt zu Privatparks, Wildgehegen und
Tiergärtchen dienen.

Denn dieses einfache Projekt, alle Steuern auf den Grund und-
Boden zu legen, würde in seiner Wirkung darauf hinauskommen, den
Boden im Aufstrich demjenigen zu sichern, der dem Staate die höchste
Rente dafür zahlt. Die Nachfrage nach Land bestimmt dessen wert,,
und wenn daher die Steuern so festgesetzt werden, um jenen wert fa
Ziemlich zu absorbieren, so muß derjenige, welcher Land zu besitzen
wünscht, ohne es zu benutzen, annähernd so viel dafür zahlen, als es für
jeden wert sein würde, der es benutzen wollte.

Und man muß sich erinnern, daß dies nicht bloß für Ackerland,,
sondern für alles Land gelten würde. Mineralgrund würde der Be-
nutzung auf dieselbe weise wie Ackerland übergeben werden, und im
Kerzen einer Stadt könnte niemand mehr sich einfallen lassen, Grund-
stücke der besten Verwendung vorzuenthalten oder in den Vorstädten
Ulehr dafür zu verlangen, als der daraus zur Zeit zu erzielende Nutzen
rechtfertigen würde. Überall, wo das Land einen Preis erreicht hat,,
würde die Besteuerung, nicht wie jetzt gleich einer Strafe auf Verbesse-
rungen einwirken, sondern zu Verbesserungen zwingen, wer einen
Dbstgarten pflanzt, ein Feld besät, ein paus baut, oder eine gleichviel,,
wie kostspielige Fabrik errichtet, würde an Steuern nicht mehr zu zahlen
9aben, als ob er so viel Land müßig liegen ließe. Der Monopolist von
Ackerland würde gerade so besteuert werden, als ob fein Grund und Boden.
        <pb n="333" />
        ﻿320

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

mit Däusern und Scheunen, init Ernten und Werden bedeckt wäre.
Der Eigentümer einer städtischen Baustelle würde sür das Vorrecht,
andere Leute davon fern zu halten, bis er dieselbe selbst gebrauchen
will, ebensoviel zahlen wie sein Nachbar, der ein schönes paus auf
seinem Platze stehen hat. Es würde ebensoviel kosten, eine Reihe von
baufälligen pütten aus wertvollem Boden stehen zu haben, als ob der-
selbe mit einem großen potel oder einem großartigen, mit kostbaren
Waren gefüllten Magazine bedeckt wäre.

So würde die Prämie, die jetzt überall, wo die Arbeit am pro-
duktivsten ist, entrichtet werden muß, noch ehe die Arbeit ausgeübt
werden kann, verschwinden. Der Landmann würde nicht die Pälfte
seiner Mittel auszuzahlen oder seine Arbeit auf Jahre hinaus zu ver-
pfänden haben, um Land zur Bebauung zu erlangen; der Erbauer
eines städtischen pauses würde nicht für eine kleine Baustelle ebensoviel
auszulegen brauchen, wie für das paus, welches er darauf baut; die
Gesellschaft, die eine Fabrik zu gründen beabsichtigt, würde nicht einen
großen Teil ihres Kapitals für den Bauplatz auszugeben haben. Und
was man dem Staate jährlich zahlt, ersetzte alle die Steuern, die jetzt
von Verbesserungen, Maschinen und Vorräten erhoben werden.

Man bedenke die Wirkung einer solchen Änderung aus den Arbeits-
markt. Die Konkurrenz würde nicht mehr eine einseitige sein wie jetzt.
Statt daß die Arbeiter miteinander um Beschäftigung konkurrieren
und dabei die Löhne auf den Punkt des bloßen Unterhalts hinunterdrücken,
.würden überall die Arbeitgeber um Arbeiter konkurrieren und die Löhne
bis annähernd auf den Ertrag der Arbeit steigen. Denn der größte
aller Konkurrenten um die Beschäftigung der Arbeiter würde den
Arbeitsmarkt betreten haben, ein Konkurrent, dessen Nachfrage nicht
befriedigt werden kann bis der Mangel befriedigt ist — die Nachfrage
nach Arbeitskräften selbst. Die Arbeitgeber würden nicht bloß gegen-
einander zu bieten haben, da alle den Sporn größerer Geschäfte und er-
höhter Gewinne fühlen, sondern auch gegen die Fähigkeit der Arbeiter,
ihre eigenen Arbeitgeber zu werden, da ihnen durch die Steuer, welche
die Monopolisierung verhindert, die von der Natur gebotenen Gelegen-
heiten in vollem Umfang erschlossen würden.

Bei dieser Freilegung der Naturgelegenheiten für die Arbeit,
bei der Steuerfreiheit des Kapitals und der Lohnverbesserungen, bei
der Befreiung des Pandels von seinen Fesseln würde das Schauspiel
unmöglich werden, daß arbeitslustige Menschen ihre Arbeit nicht in die
Dinge verwandeln können, deren sie bedürfen; die wiederkehrenden
Krisen, welche den Gewerbfleiß lähmen, würden aufhören; jedes Rad
der Produktion würde in Bewegung gesetzt werden; die Nachfrage
würde mit dem Angebot und das Angebot mit der Nachfrage gleichen
Schritt halten; der Pandel würde in jeder Richtung zunehmen und
.der Wohlstand aller steinen.
        <pb n="334" />
        ﻿Kap. II.

über die Wirkung auf die Verteilung und Produktion.

32 \

Kapitel II.

Über die Wirkung auf die Verteilung und von da auf die

Produktion.

So groß sie daher auch erscheinen mögen, können die Vorteile
einer Übertragung aller öffentlichen Lasten auf eine Grundsteuer doch
nicht völlig gewürdigt werden, bis wir die Wirkung auf die Güter-
verteilung betrachten.

Den Grund der ungleichen Güterverteilung, die in allen zivili-
sierten Ländern hervortritt und immer größer wird, je mehr der materielle
Fortschritt vorschreitet, haben wir in dem Umstande gefunden, daß der
jetzt in privaten fänden befindliche Grundbesitz mit steigender Zivili-
sation eine immer größere Macht verleiht, sich die von der Arbeit und
dem Kapital erzeugten Güter anzueignen.

Die Arbeit und das Kapital von aller Besteuerung, direkter wie
indirekter, zu befreien und die Last auf die Rente zu werfen, würde
daher in dem Maße, wie es geschähe, jener Tendenz zur Ungleichheit
entgegenwirken und, wenn man die ganze Rente als Steuer einforderte,
die Ursache der Ungleichheit gänzlich beseitigen. Anstatt wie jetzt Un-
gleichheit zu verursachen, würde die Rente dann die Gleichheit befördern.
Arbeit und Kapital würden dann den ganzen Ertrag erhalten, minus
den vom Staate in der Besteuerung der Landwerte genommenen An-
teil, welcher, zu öffentlichen Zwecken verwendet, sich unter da- Publikum
gleichmäßig verteilen würde.

Das heißt, die in jedem Staate produzierten Güter würden in
Zwei Teile zerfallen; der eine Teil würde je nach dem von jedem an
dem Produktionswerke genommenen 2tnieil an Löhnen und Zinsen
unter die einzelnen Produzenten verteilt werden; der andere Teil
würde vollständig an den Staat kommen, um zum öffentlichen vorteil
an alle seine Mitglieder verteilt zu werden, hieran würden alle gleichen
Teil haben, der Schwache und der Starke, junge Kinder und hinfällige
Greise, die Krüppel, die Lahmen und die Blinden so gut wie die Gesunden.
Und dies mit Recht; denn während der eine Anteil das Ergebnis indivi-
dueller Anstrengung bei der Produktion darstellt, stellt der andere die
vermehrte Kraft dar, womit das Gemeinwesen als Ganzes den einzelnen

unterstützt.

Da nun der materielle Fortschritt darauf hinwirkt, die Rente zu
steigern, so würde, falls dieselbe durch den Staat zu gemeinschaftlichen
Zwecken eingezogen würde, gerade die Ursache, welche jetzt darauf
hinwirkt, eine dem steigenden materiellen Fortschritt entsprechende
Ungleichheit zu erzeugen, nun immer größere Gleichheit herstellen.
Unr diese Wirkung völlig zu begreifen, wollen wir zu den früher ent-
wickelten Prinzipien zurückkehren.

Deorge, Fortschritt und Armut.	2\
        <pb n="335" />
        ﻿322

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

wir haben gesehen, daß die Löhne und Zinsen überall durch die
Renienlinie oder Grenze des Anbaues bestimmt werden müssen, d. h.
durch die Belohnung, welche die Arbeit und das Kapital auf Land
erzielen können, für welches keine Grundrente bezahlt wird; daß die
gesamte Gütersumme, welche die in der Produktion beschäftigte Summe
von Arbeit nnd Kapital erhält, die Summe (oder vielmehr, wenn wir
die Steuern berücksichtigen, der Nettobetrag) der erzeugten Güter
minus des als Rente Eingezogenen sein wird.

Wir haben gesehen, daß bei einem materiellen Fortschritte nach
dem jetzigen Maßstabe eine zweifache Tendenz zur Steigerung der
Rente besteht. Sie bewirkt sowohl die Zunahme des auf die Rente
entfallenden Teiles der erzeugten Güter, als auch die Abnahme des
auf Lohn und Zins entfallenden Teiles. Aber die erstere oder natür-
liche, aus den Gesetzen der sozialen Entwicklung hervorgehende Tendenz
ist auf die quantitative Steigerung der Rente gerichtet, ohne Lohn
und Zins quantitativ zu vermindern, ja sie kann sogar dieselben quantitativ
erhöhen. Die andere, aus der unnatürlichen Aneignung des Grund
und Bodens durch den privatbesitz hervorgehende Tendenz ist auf die
quantitative Vermehrung der Rente durch die quantitative Verminderung
der Löhne und Zinsen gerichtet.

Nun ist es klar, daß die mit der Abschaffung des Privatgrund-
besitzes gleichbedeutende Einziehung der Rente als Steuer für öffent-
liche Zwecke darauf hinausgehen würde, die Tendenz auf eine absolute
Verminderung der Löhne und Zinsen dadurch zu beseitigen, daß sie die
spekulative Monopolisierung des Grund und Bodens und die spekulative
Steigerung der Rente beseitigt. Sie würde darauf hinwirken, die Löhne
und Zinsen ganz bedeutend zu steigern, die jetzt monopolisierten Vor-
teile der Natur zu erschließen und den preis des Bodens herabzusetzen.
Arbeit und Kapital würden so nicht nur gewinnen, was ihnen jetzt an
Steuern abgenommen wird, sondern sie würden auch durch die positive
Herabsetzung der Rente infolge des Sinkens der spekulativen Landwerte
gewinnen. Lin neues Gleichgewicht würde sich Herstellen, bei dem der
gewöhnliche Satz der Löhne und Zinsen viel höher als jetzt sein würde.

Wäre dies neue Gleichgewicht hergestellt, so würden weitere und
sehr beschleunigte Fortschritte in der Produktionskraft die Rente noch
ferner steigern, nicht auf Kosten der Löhne und Zinsen, sondern durch
neue Gewinne bei der Produktion, welche, da die Rente durch den
Staat zu öffentlichem Nutz und Frommen eingezogen wäre, jedem
Mitglieds desselben zum Vorteil gereichen müßten. Ze nachdem also
das materielle Gedeihen fortschritte, würde sich die Lage der Massen
beständig verbessern. Nicht bloß eine Klasse würde reicher werden,
sondern alle; nicht bloß einer Klasse würde mehr von den Notwendig-
keiten, Annehmlichkeiten und den Verschönerungen des Lebens zuteil
werden, sondern alle würden mehr davon haben. Denn die zunehmende
Produktionskraft, welche sich mit der vergrößerten Bevölkerung, mit
        <pb n="336" />
        ﻿Kap. II.

Wer die Wirkung auf die Verteilung und Produktion.

323

jeder neuen Entdeckung in den produktiven Gewerben, mit jeder arbeit-
ersparenden Erfindung, mit jeder Ausdehnung und Erleichterung der
Tausche einstellt, könnte von niemandem monopolisiert werden. Der-
jenige Teil des Nutzens, der nicht direkt zur Vermehrung des Lohnes
der Arbeit Und des Kapitals diente, ginge an den Staat, d. h. an die
gesamte Gesellschaft. Mit allen den enormen materiellen und geistigen
Vorteilen einer dichten Bevölkerung würden die Freiheit und Gleichheit
verbunden sein, die jetzt nur in neuen und schwach bevölkerten Gegen-
den zu finden sind.

Dann bedenke man, wie sehr die Ausgleichung in der Güter-
verteilung auf die Produktion zurückwirken, wie sie überall die Ver-
geudung verhüten, überall die Leistungskraft vermehren würde.

Wäre es möglich, den unmittelbaren pekuniären Verlust, den die
Gesellschaft durch die sozialen, große Klassen zur Armut und zum Laster
verdammenden Mißverhältnisse erleidet, in Zahlen auszudrücken, so
würde die Angabe erschreckend sein. England erhält durch offizielle
Mildtätigkeit über eine Million Armer; die Stadt New pork allein
verausgabt über 7 Millionen Dollar jährlich zu dem gleichen Zwecke.
Allein die Spendungen aus öffentlichen Mitteln, durch mildtätige Gesell-
schaften und durch Privatwohltätigkeit würden zusammengenommen
immer nur der erste und kleinste Posten der Rechnung sein. Die auf diese
Meise verlorengehenden Arbeitslöhne; die Kosten der auf diese Weise
erzeugten Gewohnheiten des Leichtsinns, der Unbekümmertheit und des
Müßiggangs; der durch die furchtbare Statistik der Sterblichkeit, be-
sonders der Kindersterblichkeit unter den ärmeren Klassen, angedeutete
pekuniäre Verlust (um von nichts anderem zu reden); die Verschwendung
in den, mit der Vertiefung der Armut zunehmenden Schnapsläden
und Kneipen; der von dem Auswurf der Gesellschaft, der durch Mangel
und Elend erzeugt wird, den Dieben, Prostituierten, Bettlern und Land-
streichern angerichtete Schaden; die Kosten, um die Gesellschaft gegen
denselben zu schützen, sind sämtlich Posten der Totalsumme, welche die
jetzige ungerechte und ungleiche Güterverteilung von dem Gesamt-
beträge fortnimmt, den die Gesellschaft bei den jetzigen Produktions-
mitteln genießen könnte. Aber selbst hiermit ist die Rechnung noch nicht
erschöpft. Die durch die Ungleichheit der Güterverteilung erzeugten
Schäden, die Unwissenheit und das Laster, der Leichtsinn und die Un-
slttlichkeit, treten auch in der Unfähigkeit und Korruption der Regierung
hervor; und die Vergeudung der öffentlichen Einkünfte, sowie die noch
Moßere Vergeudung, die in dem dummen und verderbten Mißbrauch
öffentlicher Befugnisse und Funktionen vorliegt, sind ihre unvermeid-
lichen Folgen.

Die Erhöhung der Löhne jedoch, sowie die Erschließung neuer
Aussichten auf Beschäftigung, welche aus der Verwendung der Grund-
Mvte zu öffentlichen Zwecken hervorgehen würden, brächten nicht bloß
'ese Vergeudungen zum Stillstand und erlösten die Gesellschaft von

21*
        <pb n="337" />
        ﻿S2H

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

diesen ungeheuren Verlusten; es würde auch der Arbeit neue Macht
hinzugefügt. Es ist eine unleugbare Wahrheit, daß die Arbeit anr pro-
duktivsten ist, wo ihre Löhne anr größten find. Schlecht bezahlte Arbeit
leistet nichts, soweit die Welt reicht.

was über die Leistungsfähigkeit der Arbeit in den Ackerbaugegen-
den Englands, wo verschiedene Lohnsätze herrschen, bemerkt worden ist;
was Brassey bei der Arbeitsleistung seiner besser bezahlten englischen
Lisenbahnarbeiter im vergleich zu den schlechter bezahlten des Kon-
tinents fand; was in den vereinigten Staaten zwischen Sklaven-
und freier Arbeit ersichtlich war; was in Indien oder Lhina die erstaun-
liche Anzahl von Handwerkern oder Dienern beweist, die man dort
braucht, um irgendetwas zu erhalten, ist überall zutreffend. Die Leistung
der Arbeit nimmt stets mit dem üblichen Arbeitslohn zu, denn hoher
Lohn bedeutet vermehrte Selbstachtung, Intelligenz, Hoffnung und
Tatkraft. Der Mensch ist keine Maschine, die so viel und nicht mehr
tut; er ist kein Tier, dessen Kräfte so weit reichen und nicht weiter. Der
Geist, nicht die Muskel ist der große Beförderer der Produktion. Die
im Menschen zu entwickelnde physische Kraft ist sehr schwach, aber für
den menschlichen verstand fließen die widerstandslosen Ströme der
Natur, und der Stoff formt sich nach dem menschlichen willen. Die
Behaglichkeit, Muße und Unabhängigkeit der Massen vermehren, heißt
ihren verstand vermehren; es heißt der Hand das Gehirn zuhilfe bringen;
es heißt zu dem gewöhnlichen Tagewerk die Fähigkeit benutzen, welche
die Infusionstierchen mißt und die Bahnen der Gestirne verfolgt.

wer vermag zu sagen, zu welcher unendlichen Macht die Pro-
duktionsfähigkeit der Arbeit durch soziale Einrichtungen, die den Pro-
duzenten der Güter ihren gerechten Anteil an deren Vorteilen und
Genüssen verleihen wird, gehoben werden könnte. Schon bei dem
heutigen Prozesse würde der Gewinn unberechenbar sein, aber gerade
wenn der Lohn hoch ist, schreiten die Erfindungen und die Ausnützung
verbesserter Verfahren und Maschinen mit größerer Schnelligkeit und
Leichtigkeit vor. Daß die Weizenernten von Südrußland noch mit der
Sense geschnitten und mit dem Dreschflegel gedroschen werden, rührt
einfach davon her, daß die Löhne dort so niedrig sind. Der amerikanische
Erfindungsgeist, der amerikanische Hang zu arbeitersparenden Prozessen
und Maschinen sind das Resultat des verhältnismäßig hohen Lohns,
der in den Vereinigten Staaten herrschte, wären unsere Produzenten
zu dem niedrigen Lohn der ägyptischen Fellahs oder chinesischen Kulis
verurteilt gewesen, so würden wir Wasser mit der Hand pumpen und die
Schultern der Menschen als Transportmittel benutzen. Noch höhere
Belohnung der Arbeit und des Kapitals würde den Erfindungsgeist
noch weiter anspornen und die Aufnahme verbesserter Prozesse be-
schleunigen, und diese würden wahrhaft als das erscheinen, was sie
an sich sind — ein ungemischter Segen. Die nachteiligen Wirkungen
arbeitersparender Maschinen auf die arbeitenden Klassen, die man jetzt
        <pb n="338" />
        ﻿Kap. II.

Ober die Wirkung auf die Verteilung und Produktion.

325

so oft gewahr wird, und die trotz aller Gründe so viele Leute dieselben
als ein Übel, anstatt als einen Segen betrachten lassen, würden dann
verschwinden. Jede neue, iin Dienste des Menschen verwendete Kraft
würde die Lage aller verbessern. Und aus der, dieser allgemeinen Ver-
besserung der Lage entspringenden höheren Intelligenz und geistigen
Tätigkeit würden neue Entwicklungen von Kräften hervorgehen, von
denen wir uns jetzt nichts träumen lassen.

Allein ich will nicht leugnen und wünsche die Tatsache nicht aus dem
Gesichte zu verlieren, daß, während die ausgeglichene Güterverteilung,
die sich aus dem von mir vorgeschlagenen einfachen Plane ergeben,
und welche Vergeudung verhindern und die Leistungen der Arbeit
erhöhen müßte, andererseits die Jagd nach Reichtum mäßigen würde.
Ts scheint mir, daß in einem Gesellschastszustande, wo niemand Armut
Zu fürchten hat, niemand großen Reichtum wünschen oder wenigstens
niemand so danach jagen würde wie jetzt. Denn sicherlich ist das Schau-
spiel, daß die Menschen in den wenigen Jahren, die sie zu leben haben,
sich zum Sklaven machen, um reich zu sterben, an sich so unnatürlich und
ungereimt, daß in einem Gesellschaftszustande, wo die beseitigte Furcht
vor dem Mangel die neidische Bewunderung, mit der die große Menge
jetzt den Besitz großer Reichtümer ansieht, zerstreut hat, derjenige, der
uiehr zu erwerben trachtete, als er zu brauchen denkt, mit ähnlichen
^iugen angesehen werden würde, wie wir heutzutage einen Mann an-
jehen, der aus seinen Kopf ein halbes Dutzend püte auftürmt oder in
^er heißen Sonne mit einem Überzieher umhergeht. Ist jeder sicher,
Senug erhalten zu können, so wird niemand einen Packesel aus sich
wachen.

Wenn aber dieser Antrieb zur Produktion in Wegfall käme, können
wir nicht ohne ihn fertig werden? welche Dienste er auch in den früheren
Stadien der Entwicklung geleistet haben mag, heute brauchen wir sie
^icht fürder. Die unserer Zivilisation drohenden Gefahren rühren nicht
^on der Dürftigkeit der Tuellen der Produktion her. Woran sie leidet
^ud woran sie, falls kein Peilmittel angewendet wird, zugrunde gehen
^uß, ist die ungleiche Verteilung!

Auch würde die Beseitigung dieses Antriebes, bloß vom Stand-
punkte der Produktion aus betrachtet, kein ungemischter Verlust sein,
^enn daß die Gesamtproduktion durch die pabsucht, mit der man dem
^lchium nachjagt, beeinträchtigt wird, ist eine der unabweisbarsten
Tatsachen der modernen Gesellschaft. Wäre dies unsinnige Verlangen,
jeden preis reich zu werden, geringer, so würden geistige Tätigkeiten,
te, Ktzt dem Zusammenscharren von Reichtümern gewidmet sind, in
^eit höhere Sphären der Nutzbarkeit übertragen werden.
        <pb n="339" />
        ﻿326

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

Kapitel III.

Über die Wirkung auf Individuen und auf Klaffen.

Wenn inan vorschlägt, alle Steuern auf den Wert des Landes
zu legen und dadurch die Rente zu konfiszieren, so werden vielleicht
zuerst alle Grundbesitzer in Aufruhr versetzt, und es wird nicht an Be-
mühungen fehlen, den kleinen städtischen und ländlichen Eigentümern
die Befürchtung einzuflößen, daß dieser Vorschlag darauf hinauslaufe,
sie ihres sauer erworbenen Besitzes zu berauben. Aber ein Augenblick
der Überlegung wird zeigen, daß dieser Vorschlag sich allen empfehlen
muß, deren Interessen als Grundbesitzer ihre Interessen als Arbeiter
oder Kapitalisten, oder beides, nicht sehr bedeutend überragen. Und
weiteres Nachdenken wird zeigen, daß die großen Grundeigentümer
zwar relativ verlieren mögen, aber daß selbst in ihrem Falle sich ein
absoluter Gewinn herausstellen wird; denn die Produktionszunahme
wird so groß sein, daß die Arbeit und das Kapital sehr viel mehr ge-
winnen werden, als dem privaten Grundbesitz verloren geht, während
an diesen Gewinnen und an den weit größeren, welche mit gesunderen
sozialen Verhältnissen verknüpft sind, das ganze Gemeinwesen mit
Einschluß der großen Grundeigentümer teilnehmen wird.

In einem früheren Kapitel habe ich die Frage erörtert, was man
den gegenwärtigen Grundbesitzern schuldig sei, und habe gezeigt, daß
sie keinen Anspruch aus Entschädigung haben. Aber es gibt noch einen
anderen Grund, weshalb wir jeden Gedanken an Entschädigung auf-
geben dürfen. Sie werden tatsächlich nicht geschädigt werden.

Es ist selbstverständlich, daß die von mir vorgeschlagene Änderung
allen denen, die vom Lohn leben, sei es für Hand- oder Kopfarbeit —
Tagelöhnern, Arbeitern, Handwerkern, Kommis und Männern jeden
Berufs —&gt; großen Vorteil bringen wird. Ebenso zweifellos ist es, daß
sie allen denen Vorteil bringen wird, die teilweise vom Lohn und teil-
weise von dem Ertrage ihres Kapitals leben —&gt; wie Ladenbesitzern,
Kaufleuten, Fabrikanten, kurz, arbeitgebenden Produzenten und Händ-
lern aller Art — vom Hausierer und Karrentreiber bis zum Eisenbahn-
und Dampfschiffsbesitzer —&gt;, und nicht minder zweifellos ist es, daß sie
die Einnahmen derer steigern wird, die ihr Einkommen aus Kapital-
gewinn, d. h. aus Kapitalanlagen mit Ausnahme derjenigen in Grund
und Boden ziehen, mit Ausnahme vielleicht der Besitzer von Staats-
papieren oder anderen, feste Zinsen tragenden Sicherheiten, die wahr-
scheinlich infolge des steigenden allgemeinen Zinsfußes im Verkaufs-
werte zurückgehen werden, wenn auch das Einkommen aus denselben
das gleiche bleibt.

Setzen wir jetzt den Fall des Hausbesitzers, des Handwerkers,
Ladeninhabers oder Mannes von anderem Beruf, der sich ein Haus
        <pb n="340" />
        ﻿Über die Wirkung auf Individuen und auf Klassen.

Aap. III.

und Grundstück verschafft hat, auf dein er wohnt und den er mit Be-
friedigung als einen Grt ansieht, von dem im Falle seines Todes seine
Familie nicht vertrieben werden kann. Er wird nicht benachteiligt werden,
im Gegenteil, er wird nur gewinnen. Der Verkaufswert seines Grund-
stückes wird sinken oder theoretisch ganz verschwinden; aber dessen Nütz-
lichkeit für ihn wird nicht verschwinden, und es wird seinen Zweck so gut
erfüllen wie je. Auch der wert aller anderen Grundstücke wird im
gleichen Verhältnis abnehmen oder verschwinden, allein jeder behält
dieselbe Sicherheit, stets das Grundstück zu behalten, das er zuvor hatte.
Das heißt, er verliert nur in dem Sinne, wie jemand, der sich ein Paar
Stiefel gekauft hat, durch das spätere Sinken des Preises der Stiefel
verliert. Seine Stiefel werden ihm gerade so nützlich sein, und das nächste
Paar kann er billiger erhalten. Ebenso wird dem Pausbesitzer sein Grund-
stück geradeso nützlich sein, und wenn er sich ein größeres Grundstück
anschaffen oder für seine Heranwachsenden Rinder eigene Wohnhäuser
besorgen will, so wird er sogar hinsichtlich der Grundstücke gewinnen.
Und in anderen Beziehungen wird er schon gegenwärtig sehr bedeutend
gewinnen. Denn er wird zwar für seinen Grund und Boden mehr
Steuern zu zahlen haben, geht aber frei aus für sein paus und alle
Verbesserungen, für sein Mobiliar und persönliches Vermögen, für alles,
was er und seine Familie essen, trinken und tragen, während zugleich
sein Verdienst durch die Steigerung der Löhne, die beständige Beschäfti-
gung und die erhöhte Lebhaftigkeit in Pandel und Wandel sich vermehrt.
Sein einziger Verlust wird eintreten, wenn er sein Grundstück zu verkaufen
wünscht, ohne ein anderes zu nehmen, doch wird dies im Vergleich zu
dem großen Gewinne nur ein kleiner Verlust sein.

Und ebenso mit dem Landmanne. Zch spreche jetzt nicht von den
Landleuten, die nie den Griff eines Pflugs berühren, die Tausende
von Morgen bebauen und ein Einkommen besitzen wie die reichen Pflanzer
des Südens vor dem Kriege, sondern von den arbeitenden Landleuten,
die eine so große Klasse in den vereinigten Staaten ausmachen, Leute,
die kleine Güter besitzen, welche sie mit pilfe ihrer Söhne und vielleicht
eines Arbeiters bebauen, und die in Europa Bauern genannt werden
würden. Paradox, wie es diesen Leuten erscheinen mag, ehe sie die volle
Tragweite des Vorschlages begreifen, so haben sie doch von allen Klassen
über der des bloßen Arbeiters am meisten dabei zu gewinnen, wenn alle
Steuern auf den wert des Landes gelegt werden. Daß sie jetzt nicht ein
so gutes Auskommen haben, wie es ihnen ihre harte Arbeit verschaffen
sollte, fühlen sie im allgemeinen wohl, wenn sie auch die Ursache nicht
Zu ermitteln wissen. Tatsache ist, daß die Besteuerung in ihrer jetzigen
Erhebung mit besonderer Parte auf sie fällt. Sie werden auf alle ihre
Verbesserungen besteuert — auf päuser, Scheunen, Zäune, Ernten und
Viehbestand. Das in ihrem Besitz befindliche persönliche Eigentum kann
nicht so leicht verborgen oder unter seinem wert geschätzt werden als die
kostspieligeren Gbjekte, die sich in den Städten konzentrieren. Sie müssen

—
        <pb n="341" />
        ﻿328

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

nicht bloß für persönliches Eigentum und für Verbesserungen Steuern
zahlen, denen die Besitzer von unbenutztem Lande entgehen, sondern
ihr Grund und Boden ist auch gewöhnlich höher besteuert als Land in
spekulativem Besitz, einfach weil es angebaut ist. Ferner fallen alle
Verbrauchssteuern und besonders diejenigen, die, wie unsere Schutz-
zölle, behufs Erhöhung der Warenpreise ausgelegt sind, ohne Linderung
auf den Landmann. Denn in einem Lande, wie die Vereinigten Staaten,
das Ackerbauprodukte ausführt, kann der Landmann nicht beschützt
werden, wer auch gewinnt, er muß verlieren. Vor einigen Jahren ver-
öffentlichte die Freihandelsliga von New X}oxi eine Tabelle, welche die
auf verschiedene notwendige Artikel gelegten Zölle veranschaulichte
und etwa besagte, daß der Landmann am Morgen aufsteht und seine
mit 40 Prozent besteuerten bsosen, sowie seine mit 30 Prozent besteuerten
Stiefel anzieht, ein Licht mit einem mit 200 Prozent besteuerten Zünd-
hölzchen anzündet und so weiter, bis er, getötet durch die Besteuerung,
mit einem mit 45 Prozent besteuerten Seile ins Grab hinabgelassen
wird. Dies ist nur ein drastisches Beispiel der Art und weise, wie solche
Steuern schließlich wirken. Der Landmann würde durch die Einführung
einer einzigen Steuer auf den wert des Grund und Bodens an Stelle
all dieser Steuern bedeutend gewinnen, denn die Besteuerung der
Landwerte würde mit der größten Wucht nicht aus die landwirtschaft-
lichen Distrikte fallen, wo der wert des Bodens verhältnismäßig gering
ist, sondern auf die Städte, wo er hoch ist, wohingegen die Steuern auf
persönliches Eigentum und auf Verbesserungen gerade so schwer auf das
flache Land wie auf die Stadt fallen. Und in schwach bevölkerten Gegen-
den würden kaum irgendwelche Steuern vom Landmann zu zahlen sein.
Denn da die Steuern vom wert des bloßen Landes erhoben würden,
so fielen sie auf unangebautes Land ebenso schwer wie auf bebautes.
Das verbesserte und bebaute Gut mit seinen Gebäuden, Zäunen, Obst-
gärten, Ernten und seinem Vichstand könnte Morgen für Morgen nicht
höher besteuert werden als das unbenutzte Land gleicher Oualität. Die
Folge wäre, daß der Spekulationswert niedergehalten wird und be-
baute und verbesserte Güter keine Steuern zu zahlen haben würden,
bis das Land umher angebaut wäre. In der Tat würde, so paradox
es ihnen zuerst scheinen mag, die Wirkung einer einzigen Grundsteuer
die sein, die härter arbeitenden Landleute von aller Besteuerung zu
befreien.

Indes der große Gewinn des arbeitenden Landmannes wird erst
ersichtlich, wenn die Wirkung aus die Verteilung der Bevölkerung er-
wogen wird. Die Beseitigung der Spekulationspreise des Grund und
Bodens würde daraus hinwirken, die Bevölkerung, wo sie zu dicht ist,
zu zerstreuen und wo sie zu dünn ist, zu konzentrieren; an Stelle von
Mietskasernen gartenumgebene bsäuser zu setzen und landwirtschaftliche
Distrikte vollständig anzubauen, ehe Leute, die Grund und Boden be-
arbeiten wollen, in die Ferne getrieben werden. Die Bewohner der
        <pb n="342" />
        ﻿Kap. III.

32Y

Über die Wirkung auf Individuen und auf Klassen.

Städte würden so mehr von der reinen Luft und dem Sonnenschein
des flachen Landes, die Bewohner des letzteren mehr von den Ersparungen
und dem sozialen Leben der Stadt erhalten, wenn, wie es unzweifelhaft
der Fall ist, die Anwendung von Maschinen die Tendenz hat, zum Groß-
betrieb der Landwirtschaft zu führen, so wird die ländliche Bevölkerung
die ursprüngliche Form annehmen und sich in Dörfern zusammendrängen.
Das Leben des Landmannes ist jetzt durchschnittlich ohne Not traurig.
Er ist nicht nur gezwungen, früh und spät zu arbeiten, sondern auch durch
die Dünnheit der Bevölkerung von den Bequemlichkeiten, Vergnügungen,
Unterrichtsgelegenheiten und den sozialen und intellektuellen Vorteilen,
die sich aus der näheren Berührung von Mensch zu Mensch entwickeln,
abgeschnitten. Er würde in allen diesen Beziehungen weit besser daran
und seine Arbeit weit produktiver sein, wenn er und seine Nachbarn
nicht mehr Land besäßen, als sie zu benutzen brauchen.*) Seine heran-
wachsenden Rinder würden weder diesen Drang fühlen, die Anregungen
einer Stadt zu suchen, noch würden sie so weit hinweggetrieben werden,
um eigene Landgüter zu suchen. Ihre Mittel zum Leben würden in
ihren eigenen fänden und zwar in der Heimat liegen.

Kurz, der arbeitende Landmann ist sowohl Arbeiter und Kapitalist
als auch Grundbesitzer, und er gewinnt seinen Unterhalt durch seine
Arbeit und sein Kapital. Sein Verlust würde nur ein nomineller, sein
Gewinn aber ein faktischer und bedeutender sein.

In verschiedenen Graden trifft dies für alle Grundbesitzer zu.
Viele derselben sind auf die eine oder die andere Art Arbeiter. Und es
würde schwer sein, einen Grundbesitzer zu finden, der, wenn er auch
kein Arbeiter ist, nicht Kapitalist wäre, während die allgemeine Regel,
ist: je größer der Grundeigentümer, desto größer auch der Kapitalist.
Dies ist so sehr der Fall, daß nach gewöhnlicher Auffassung beide Eigen-
schaften verschmolzen sind, während so die Einführung einer einzigen
Grundsteuer alle großen vermögen bedeutend reduzieren würde, machte
sie doch in keinem Falle den reichen Mann zum armen. Der Herzog
von westminster, dem ein beträchtlicher Teil von London gehört, ist
wahrscheinlich der reichste Grundbesitzer der Welt. Alle seine Grund-
renten durch Besteuerung einzuziehen, würde sein ungeheures Ein-
kommen gewaltig reduzieren, ihm jedoch noch alle seine Gebäude und
die Einnahmen daraus, sowie unzweifelhaft auch noch viel persönliches

*) Außer der ungeheuren Zunahme in der Produktionskraft der Arbeit, die aus der
besseren Bevölkerungsverteilung sich ergeben würde, fände auch noch eine gleiche Lrspa-
jung in der produktiven Kraft des Bodens statt. Die durch die erschöpfende Kultur großer,
schwachbevölkerter Flächen genährte Konzentration läuft buchstäblich auf eine Ableitung
"er Fruchtbarkeitselemente ins Meer hinaus, wie enorm diese Vergeudung ist, läßt sich
"us den Berechnungen ersehen, die in betreff der Dungstoffe unserer großen Städte an-
SesteM worden sind,'und ihre praktische Wirkung ist aus der abnehmenden Ertragsfähigkeit
?s, Ackerbaues in umfangreichen Distrikten ersichtlich. Fn einem großen Teile der ver-
ewigten Staaten erschöpfen wir unseren Grund und Boden beständig.
        <pb n="343" />
        ﻿330

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

Eigentum anderer Art lassen. Er würde somit noch alles haben, was zu
genießen möglich ist, und einen viel besseren Zustand der Gesellschaft
dazu, in dem er es genießen kann.

Ebenso würden die Astors in New pork sehr reich bleiben. Und
so, glaube ich, wird es sich durchweg herausstellen. Diese Maßregel
würde niemanden ärmer machen als solche, die erheblich ärmer gemacht
werden könnten, ohne tatsächlich geschädigt zu werden. Sie würde die
großen Vermögen beschneiden, aber niemanden arm machen.

Die Güter würden nicht nur enorm zunehmen, sondern auch
gleichmäßig verteilt werden. Ich meine damit nicht, daß jeder einzelne
die gleichen Summen von Gütern erhalten würde. Das würde keine
gleiche Verteilung sein, solange verschiedene Individuen verschiedene
Gaben und verschiedene wünsche haben. Aber ich meine, daß die Güter
dem Grade gemäß verteilt werden würden, in welchem Fleiß, Geschick-
lichkeit, Kenntnisse oder Klugheit jedes einzelnen zum Gesamtvermögen
beitragen. Die bfauptursache, welche den Reichtum in den fänden
derjenigen konzentriert, die nicht produzieren und ihn aus den Händen
derjenigen nimmt, die es tun, würde verschwunden sein. Die Ungleich-
heiten, die bestehen blieben, wären diejenigen der Natur, nicht die künst-
lichen Ungleichheiten, welche durch die Verleugnung des Naturgesetzes
geschaffen werden. Der Nichtproduzent würde sich nicht länger im Luxus
wälzen, während der Produzent nur die äußersten Notwendigkeiten
des tierischen Daseins erhält.

Ist das Landmonopol beseitigt, so brauchen die großen Vermögen
keine Furcht mehr einzuflößen. Denn dann müssen die Schätze jedes
einzelnen in Gütern bestehen, die mit Recht so genannt werden —Güter,
die das Produkt der Arbeit sind und beständig zur Zerstreuung neigen,
denn die Staatsschulden, denke ich mir, würden die Beseitigung des
Systems, dem sie entspringen, nicht lange überleben. Alle Furcht vor
großen Vermögen könnte dann beiseite gesetzt werden, denn wenn
jeder erhält, was er ehrlich erwirbt, so kann niemand mehr erhalten,
als er ehrlich erwirbt, wie viele Menschen gibt es, die eine Million Dollar
ehrlich erwerben?

Kapitel IV.

Aber die Veränderungen, die in der sozialen Organisation und im
sozialen Leben hervorgebracht werden würden.

wir haben es hier nur mit allgemeinen Grundsätzen zu tun. Es
gibt einige Detailpunkte, wie z. B. die, welche aus der Teilung der
Einkünfte zwischen den Lokal- und Zentralregierungen erwachsen,
die bei der Anwendung dieser Grundsätze hervortreten würden, doch
        <pb n="344" />
        ﻿Kap. IV.	Einfluß auf die soziale Organisation.	AIs

ist es nicht nötig, dieselben hier näher zu erörtern. Sind nur erst die
Grundsätze geregelt, so werden die Details sich leicht ordnen lassen.

Auch würde es ohne weitläufige Auseinandersetzungen nicht möglich
sein, alle die Änderungen aufzuzählen, die durch einen die Grundlagen
der Gesellschaft zurecht rückenden Umschwung zuwege gebracht oder
möglich gemacht werden würden; auf einige Lsauptzüge jedoch möchte
ich die Aufmerksamkeit hinlenken.

Hervorstechend unter denselben ist die große Einfachheit, welche
in der Staatsverwaltung ermöglicht würde. Die Steuern einzuziehen,
Umgehungen zu verhüten und zu bestrafen, aus so vielen verschiedenen
(Quellen gezogene Einkünfte zu buchen und zu kontrollieren, macht
jetzt wahrscheinlich, abgesehen von der Aufrechterhaltung der Ordnung,
der Erhaltung des Heeres und der Justizverwaltung, drei viertel, vielleicht
sieben Achtel der Regierungsgeschäfte aus. Line ungeheure und ver-
wickelte Verwaltungsmaschine würde so überflüssig werden.

In der Justizverwaltung würde eine gleiche Ersparnis von Arbeit
stattfinden, viele der Zivilprozesse entstehen aus Streitfällen über
Grundbesitz. Diese würden aufhören, wenn der Staat virtuell als alleiniger
Grundeigentümer anerkannt und alle Besitzer bloß Pächter wären. Die
mit dem Aufhören des Mangels verknüpfte Hebung der Moralität würde
auf eine ähnliche Verminderung von anderen bürgerlichen Rechtsstreitig-
keitsn vor Gericht hinwirken, die noch weiter gefördert werden könnte
durch die Annahme des verständigen Vorschlages Benthams, alle Ge-
setze behufs Eintreibung von Schulden und Erzwingung von Privat-
verträgen abzuschaffen. Die Steigerung der Löhne, die Erschließung
von Gelegenheiten für alle, ein leichtes und bequemes Auskommen
zu finden, würde sofort die Diebe, Schwindler und andere, der un-
gleichen Verteilung entspringenden Klassen von Verbrechern vermindern
und bald ganz beseitigen. So würde die Strafrechtspflege mit ihrem
ganzen Zubehör von Polizisten, Geheimpolizisten, Gefängnissen und
Strafanstalten gleich der bürgerlichen Rechtspflege aufhören, die Lebens-
kraft und Aufmerksamkeit der Gesellschaft dermaßen in Anspruch zu
nehmen, wir würden nicht bloß von vielen Richtern, Gerichtsdienern,
Schreibern und Gefängniswärtern befreit werden, sondern auch von
dem großen Heer von Advokaten, die jetzt auf Kosten der Produzenten
erhalten werden, und Talente, die bisher in juristischen Spitzfindigkeiten
vergeudet wurden, könnten auf höhere Zwecke gelenkt werden.

Die legislativen, richterlichen und vollziehenden Funktionen der
Regierung würden auf diese weise ungemein vereinfacht werden.
Ebenso kann ich mir nicht denken, daß die öffentlichen Schulden und
stehenden Armeen, welche historisch. aus dem Wechsel des Feudal- in
Allodialbesitz hervorgegangen sind, noch lange nach der Wiedereinsetzung
des alten Gedankens, daß der Boden eines Landes durch Gemeinrecht
dem Volke desselben gehört, übrig bleiben wurden. Die ersteren könnten
leicht durch eine weder den Arbeitslohn vermindernde noch die Produktion
        <pb n="345" />
        ﻿332	Die Wirkungen des Heilmittels.	Buch IX.

hemmende Steuer abbezahlt werden, und die letzteren muß die zu-
nehmende Intelligenz und Unabhängigkeit unter den Massen, vielleicht
auch unterstützt von den die Kriegskunst umwälzenden Fortschritten
der Erfindungen, bald verschwinden machen.

Die Gesellschaft würde sich dergestalt dem Ideal der Jeffersonschen
Demokratie, dem verheißenen Lande Herbert Spencers, der Abschaffung
der Regierung nähern. Aber nur der Regierung als einer dirigierenden
und unterdrückenden Macht. Gleichzeitig und in gleichem Maße würde
es für sie möglich werden, den Traum des Sozialismus zu verwirklichen.
Alle diese Vereinfachungen und Aufhebungen der gegenwärtigen Re-
gierungsfunktionen würden die Übernahme gewisser anderweitiger
Funktionen ermöglichen, die jetzt zur Anerkennung drängen. Die
Regierung könnte die Beförderung von Telegrammen geradesogut über-
nehmen wie die von Briefen, Eisenbahnen so gut bauen und verwalten
wie gewöhnliche Landstraßen. Bei solcher Vereinfachung und Einschrän-
kung der jetzigen Funktionen könnten Funktionen dieser Art ohne Gefahr
oder Uberbürdung übernommen werden und würden unter der Aufsicht
der gegenwärtig abgelenkten öffentlichen Achtsamkeit stehen. Es würde
sich ein großer und zunehmender Einnahmeüberschuß aus der Besteuerung
der Landwerte ergeben; denn der viel geschwinder vorschreitende materielle
Fortschritt würde beständig darauf hinwirken, die Rente zu steigern.
Dies aus dem Gemeingut erwachsende Einkommen könnte zum all-
gemeinen Besten verwendet werden, wie es mit den Einkünften Spartas
geschah. wir brauchten keine öffentlichen Mahlzeiten einzurichten
denn sie würden unnötig sein, aber wir könnten öffentliche Bäder
Museen, Bibliotheken, Gärten, Leseräume, Musik- und Tanzhallen
Theater, Universitäten, technische Schulen, Schießstände, Spielgründe
Turnanstalten usw. errichten. Hitze, Licht und motorische Kraft ließen
sich so gut wie Wasser auf öffentliche Kosten durch unsere Straßen
führen, unsere Wege könnten mit Fruchtbäumen bepflanzt, Entdecker
und Erfinder belohnt, wissenschaftliche Forschungen unterstützt und die
öffentlichen Einkünfte auf tausenderlei weise den Bemühungen für
das Allgemeinwohl dienstbar gemacht werden, wir würden das Ideal
des Sozialisten erreichen, aber ohne den Druck der Regierung. Die
Regierung würde ihren Charakter ändern und die Verwaltung einer
großen produktivgenossenschaft werden. Sie würde nur die Agentur
werden, durch welche das allgemeine Eigentum zum gemeinschaftlichen
Besten verwaltet würde.

Scheint dies unausführbar? Man bedenke einen Augenblick die
ungeheuren Veränderungen, die im sozialen Leben durch einen Um-
schwung hervorgebracht werden würden, der der Arbeit ihren vollen
Lohn^ sichert, die Armut und Furcht vor der Armut verbannt und dem
niedrigsten die Freiheit gibt, sich in natürlichem Ebenmaße zu entwickeln.

wenn wir an die Möglichkeiten sozialer Organisation denken,
sind wir geneigt, anzunehmen, die Habsucht sei der stärkste der mensch-
        <pb n="346" />
        ﻿

Kap. IV.	Einfluß auf die soziale Organisation.	ZZZ

lichen Beweggründe, und politische Systeme könnten nur auf den
Gedanken begründet werden, daß nur durch die Furcht vor Strafe
die Ehrlichkeit unter den Menschen aufrecht zu erhalten — daß selbst-
süchtige Interessen immer stärker seien als allgemeine. Nichts kann
weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Woher kommt diese Gier nach Gewinn, in deren Befriedigung
die Menschen alles, was rein und edel ist, unter die Füße treten, der sie
die höhere Entwicklung des Lebens opfern, die die Höflichkeit in hohlen
Schein, den Patriotismus zu einem bloßen Worte und die Religion
in Heuchelei verwandelt, die einen so großen Teil des zivilisierten Daseins
zu einer ismaelitischen Kriegführung macht, deren Waffen die Hinterlist
und der Betrug sind?

Entspringt sie nicht aus dem Vorhandensein des Mangels? Larlyle
sagt irgendwo, die Armut sei die moderne Hölle, vor der der Engländer
am meisten Furcht habe. Und er hat Recht. Die Armut ist die erbar-
mungslose £?ölle, die mit weit aufgesperrtem Rachen unter der zivili-
sierten Gesellschaft gähnt. Und sie ist Hölle genug. Die Vedas enthalten
kein wahreres Wort als das, wo die weise Krähe Bushanda dem Adler-
träger vishnus sagt, die schärfste Pein sei die Armut. Denn die Armut
ist nicht bloß Entbehrung, sie bedeutet Schande, Entwürdigung, das
versengen der empfindlichsten Teile unserer moralischen und geistigen
Natur gleichsam wie mit glühendem Eisen, die Verneinung der stärksten
Antriebe und der süßesten Gefühle, die Bloßlegung der stärksten Lebens-
nerven. Du liebst dein Weib, du liebst deine Kinder; würde es aber nicht
leichter sein, sie sterben als zu der bitteren Not verdammt zu sehen,
worin große Klassen aller hoch zivilisierten Staaten leben? Der stärkste
der tierischen Triebe ist der, mit welchem wir am Leben hängen, aber
es ist in zivilisierten Gesellschaften ein alltägliches Vorkommnis, daß
Männer sich aus Furcht vor der Armut eine Kugel durch den Kopf
schießen oder Gift nehmen, und auf einen, der dies tut, gibt es wahr-
scheinlich hundert, die denselben Wunsch haben, aber durch instinktiven
Schauder, religiöse Rücksichten oder Familienbande zurückgehalten
werden.

Ls ist nur natürlich, daß die Menschen alle nur möglichen An-
strengungen machen, um dieser Hölle der Armut zu entrinnen. Mit
dem Selbsterhaltungs- und Selbstbefriedigungstriebe verbinden sich
edlere Gefühle, und Liebe sowohl wie Furcht drängt den Kampf auf.
Mancher begeht etwas Schlechtes, Unehrliches, habsüchtiges und Un-
gerechtes in dem Bemühen, Mutter, Weib oder Kinder über den Mangel
oder über die Furcht vor dem Mangel zu erheben.

Und aus diesem Stande der Dinge entsteht eine öffentliche Mei-
nung, die eine der stärksten Triebfedern —bei vielen vielleicht die stärkste —
der menschlichen Handlungen als treibende Kraft in dem Kampf um
Ergreifen und Behalten anwirbt. Der Wunsch nach Anerkennung, das
Eefühl, welches uns antreibt, die Achtung, Bewunderung, Sympathie
        <pb n="347" />
        ﻿Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

33^

unserer Mitmenschen zu gewinnen, ist instinktiv und allgemein. Oft zu
den abnormsten Kundgebungen verdreht, ist derselbe doch überall zu
begreifen. Ebenso mächtig bei dem unzivilisiertesten Milden wie bei
den höchst gebildeten Mitgliedern der vorgeschrittensten Gesellschaft,
zeigt derselbe sich mit dem ersten Schimmer des Verstandes und hält
bis zum letzten Atemzuge an. Er triumphiert über den Hang zur Be-
quemlichkeit, über das Gefühl des Schmerzes, über die Furcht vor dem
Tode. Er ist die Triebfeder der geringfügigsten wie der wichtigsten
Handlungen.

Das Rind, das eben zu laufen und zu sprechen anfängt, wird neue
Anstrengungen machen, sobald es seine kleinen Streiche bemerkt und
belacht sieht; der sterbende Herr der Welt ordnet den Faltenwurf seiner
Toga, damit er scheide, wie es sich für einen König geziemt. Lhinesische
Mütter entstellen ihrer Töchter Füße vermittelst grausamer Klötze, und
Europäerinnen opfern ihre eigene und die Bequemlichkeit ihrer Fa-
milien ähnlichen Geboten der Mode. Um durch seine schöne Tätowierung
Bewunderung zu erregen, hält der Polynesier still, während man ihm
das Fleisch mit den Zähnen des Haies zerreißt. An den Marterpfahl
gebunden, erträgt der nordamerikanische Indianer die teuflischsten
Foltern ohne einen Laut, und um als ein Großer unter den Tapferen
geachtet und bewundert zu werden, reizt er seine Henker durch Schmä-
hungen zu neuen Grausamkeiten. Das ists, was auf den verlorenen Posten
treibt, was die Lampe des bleichen Gelehrten schmückt, was die Menschen
antreibt zu streben, sich abzumühen, sich zu überarbeiten und zu sterben.
Das ists, was die Pyramiden errichtete und den Dom von Ephesus
in Brand steckte.

Die Menschen bewundern, was sie wünschen. Mie süß erscheint
dem vom Sturm Gepeitschten der sichere Hafen, die Nahrung dem
hungrigen, der Trank dem Durstigen, die Wärme dem Frierenden, die
Ruhe dem Müden, die Macht dem Schwachen, das Missen demjenigen,
in welchem der Wissensdurst der Seele erweckt ist. Und so läßt der
Stachel der Armut und die Furcht vor ihr den Menschen den Besitz
von Reichtümern über alles bewundern, und reich werden, heißt geachtet,
bewundert und einflußreich werden. Gewinnt Geld — ehrlich, wenn
möglich, aber jedenfalls gewinnt Geld! Dies ist die Lehre, welche die
Gesellschaft täglich und stündlich in den Ohren ihrer Mitglieder erschallen
läßt. Die Menschen bewundern instinktmäßig Tugend und Wahrheit,
aber der Stachel der Armut und die Furcht vor derselben lassen sie mehr
noch den Reichen bewundern und mit den Glücklichen sympathisieren.
Es ist recht schön, ehrlich und gerecht zu sein, und die Menschen werden
es loben; aber derjenige, welcher durch Betrug und Ungerechtigkeit
eine Million erwirbt, wird mehr Achtung, Bewunderung, Einfluß,
mehr Augendienst und Lippendienst, wenn auch nicht Liebesdienst
erlangen, als derjenige, der sie nicht mag. Der eine mag seinen Lohn
in der Zukunft haben; er mag wissen, daß sein Name in das Buch des
        <pb n="348" />
        ﻿Kap. IV

Einfluß auf die soziale «Organisation.

335

Lebens eingeschrieben wird, und daß ihm das weiße Kleid und der
Palmzweig des Überwinders der Versuchung winken; aber der andere
hat seinen Lohn in der Gegenwart. Sein Name wird in die Liste „unserer
bedeutendsten Bürger" eingeschrieben; die Männer machen ihm den pof
und die Frauen schmeicheln ihm; er hat den besten Stuhl in der Kirche
und die persönliche Beachtung des beredten Geistlichen, der im Namen
Christi das Evangelium vom armen Manne predigt und das ernste
Gleichnis vom Kameel und Nadelöhr zu einer nichtssagenden Blume
orientalischer Redeweise abschwächt. Er kann ein Beschützer der Künste,
ein Mäzen der Schriftsteller werden, kann aus der Unterhaltung der
Intelligenten Nutzen ziehen und durch Reibung mit den verfeinerten
poliert werden. Seine Almosen können den Armen sättigen, dem
Kämpfenden helfen und Sonnenschein in öde Plätze bringen, und edle
öffentliche Stiftungen feiern, nachdem er heimgegangen, seinen Namen
und Ruf. Der Satan versucht die Kinder der Menschen nicht in Gestalt
eines abschreckenden Ungeheuers mit Pörnern und Schwanz, sondern
als ein Engel des Lichts. Seine Versprechungen sind nicht allein die
Königreiche der Welt, sondern geistige und moralische Fürstentümer
und Eigenschaften. Er wendet sich nicht bloß an das tierische verlangen,
sondern auch an die Begierden, die sich im Menschen regen, weil er mehr
wie ein Tier ist.

Nehmen wir den Fall jener elenden „Männer mit Schmutzharken",
die in allen Ländern so deutlich zu sehen sind wie Bunyan ihr Bild
in der Vision sah — die, lange nachdem sie Reichtum genug zusammen-
gescharrt haben, um jeden Wunsch befriedigen zu können, fortfahren
Zu arbeiten, zu planen, zu streben, um Reichtümer auf Reichtümer zu
häufen. Ls war der Wunsch, „etwas zu sein", ja, in vielen Fällen der
Wunsch, edle und großmütige Taten zu vollbringen, der sie in eine
Laufbahn des Geldgewinnens führte. Und was sie, lange nachdem jedes
mögliche Bedürfnis befriedigt ist, ferner dazu zwingt, was sie noch immer
urit unersättlicher Habsucht drängt, ist nicht bloß die Macht tyrannischer
Gewohnheit, sondern e's sind die feineren Genüsse, welche der Besitz
von Reichtümern gibt, das Gefühl von Macht und Einfluß, das Gefühl,
angesehen und geebrt zu sein, das Bewußtsein, daß ihr Reichtum sie
sticht bloß über den Mangel erhebt, sondern sie zu Leuten von Bedeutung
m der Gemeinde macht, in der sie leben. Das ist's, was den reichen
Klann so abgeneigt macht, sich von seinem Gelde zu trennen, so begierig,
Mehr zu erlangen.

Gegen Versuchungen, die sich so an die stärksten Antriebe unserer
^latur wenden, können die Billigungen des Gesetzes und die Vorschriften
der Religion nur wenig ausrichten; und das wunder ist nicht, daß die
Wenfchen so selbstsüchtig sind, sondern daß sie es nicht noch weit mehr
flstd. Daß unter den jetzigen Verhältnissen die Menschen nicht noch hab-
gieriger, treuloser und eigennütziger sind, als sie es sind, beweist die Güte
^ud Fruchtbarkeit der menschlichen Natur, den unaufhörlichen Fluß
        <pb n="349" />
        ﻿336

Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

der immerwährenden (Quellen, aus denen ihre moralischen Eigenschaften
genährt werden. Wir alle haben Mütter, die meisten von uns haben
Rinder, und so können der Glaube, die Reinheit und die Selbstlosigkeit
nie ganz aus der Welt verbannt werden, wie schlecht auch die sozialen
Einrichtungen seien.

Aber was zum Übel mächtig ist, kann zum Guten mächtig gemacht
werden. Die von mir vorgeschlagene Änderung würde die Bedingungen
zerstören, welche an sich wohltätige Antriebe entstellen und Kräfte, die
jetzt die Gesellschaft aufzulösen drohen, in Kräfte verwandeln, die zur
Einigung und Reinigung derselben führen würden.

Man gebe nur der Arbeit freies Feld und ihren vollen Verdienst;
man nehme zu Nutzen des ganzen Staats jenen Fonds, welchen die
gesellschaftliche Entwicklung erschafft, und der Mangel, sowie die Furcht
vor Mangel würden verschwinden. Die (Quellen der Produktion würden
frei werden und die ungeheure Reichtumsvermehrung auch den Ärmsten
ein behagliches Dasein verschaffen. Die Menschen würden sich so wenig
abquälen, Beschäftigung zu finden, wie sie sich abquälen, Luft zum
Atmen zu finden; sie brauchten um ihre materiellen Bedürfnisse ebenso-
wenig zu sorgen wie die Lilien auf dem Felde. Der Fortschritt der
Wissenschaft, der Gang der Erfindungen, die Verbreitung der Kenntnisse
würden allen ihre Vorteile bringen.

Mit dieser Beseitigung des Mangels und der Furcht vor dem
Mangel würde die Anbetung des Reichtums dahinschwinden, und die
Menschen würden die Achtung und Anerkennung ihrer Mitbürger auf
andere weise suchen als durch die Erwerbung und Entfaltung von Reich-
tum. Auf diese weise würde der Leitung der öffentlichen Angelegen-
heiten und der Verwaltung des gemeinschaftlichen Vermögens die
Geschicklichkeit, die Aufmerksamkeit, die Treue und Redlichkeit zugebracht
werden, welche jetzt nur für Privatinteressen vorhanden sind, und Eisen-
bahnen oder Gaswerke könnten für öffentliche Rechnung nicht nur spar-
famer und wirksamer als heute durch eine Aktiengesellschaft, sondern
so sparsam und wirksam betrieben werden, wie es nur beim individuellen
Besitze möglich ist. Der Preis der olympischen Spiele, welcher die größten
Anstrengungen von ganz Griechenland hervorrief, bestand nur in einem
Kranz wilder Glivenblätter; um ein Stückchen Band haben Menschen
unzählige Male Dienste geleistet, die kein Geld hätte erkaufen können.

Kurzsichtig ist die Philosophie, die auf die Selbstsucht als das Haupt-
motiv menschlicher Handlungen zählt. Sie ist blind für Tatsachen
von denen die Welt voll ist. Sie sieht nicht die Gegenwart und liest
die Vergangenheit nicht richtig, willst du die Menschen zum Handeln
bewegen, was wirst du anrufen? Nicht ihre Taschen, sondern ihre
Vaterlandsliebe; nicht die Selbstsucht, sondern die Sympathie. Eigen-
nutz ist gewissermaßen eine mechanische Kraft, mächtig allerdings und
großer Resultate fähig. Aber es gibt in der menschlichen Natur etwas,
das man einer chemischen Kraft vergleichen kann, das schmilzt und
        <pb n="350" />
        ﻿Aap. IV.

337

Einfluß auf die soziale Organisation.

verbindet und überwältigt, dem nichts unmöglich scheint. „Alles, was
ein Mensch hat, gibt er für sein Leben"—das ist Ligennutz. Aber höheren
Antrieben gehorchend, opfern die Menschen selbst das Leben.

Nicht die Selbstsucht ist es, die die Jahrbücher jedes Volkes mit
Melden und Heiligen bereichert. Nicht die Selbstsucht ist es, die auf jeder
Seite der Weltgeschichte im plötzlichen Glanz edler Taten hervorbricht
oder den sanften Schimmer eines gütigen Lharakters verbreitet. Nicht
Selbstsucht war es, die Gautama seiner königlichen Heimat den Rücken
wenden oder der Jungfrau von Orleans das Schwert vom Altar nehmen
hieß, die die Dreihundert im paß von Thermopylä hielt oder in Winkel-
rieds Brust die Speergarbe eingrub, die vinzent von Paul an die
Galeerenbank kettete oder während der indischen Hungersnot kleine
hungernde Rinder dazu brachte, mit noch schwächeren verhungernden
in ihren Armen zu den Hilfsstationen zu taumeln.

Nennt es Religion, Vaterlandsliebe, Mitgefühl, Begeisterung
für Menschlichkeit oder Liebe zu Gott — gebt ihm welchen Namen
ihr wollt; aber es gibt eine Kraft, die die Selbstsucht bezwingt und
vertreibt, eine Kraft, welche die Elektrizität des moralischen Weltalls
ist, eine Kraft, neben der alle anderen schwach sind, überall, wo Menschen
lebten, hat sie ihre Macht gezeigt, und heute ist die Welt so voll von ihr
wie je. Bedauernswert der Mensch, der sie nie gesehen und gefühlt
hat. Man sehe nur um sich! Unter gewöhnlichen Männern und Frauen
inmitten der Sorge und des Kampfes um das tägliche Leben, im Gewirr
der lärmenden Straßen und in den schmutzigen Stätten der Armut findet
man hin und wieder die Dunkelheit erhellt durch das flackernde Spiel
ihrer leckenden Flammen, wer dies nicht gesehen, ist mit geschlossenen
Augen umhergegangen, wer um sich schaut, kann sehen, wie plutarch
sagt, daß „die Seele ein Prinzip der Güte in sich hat und zur Liebe ge-
boren ist so gut wie zum Beobachten, zum Denken und zum Erinnern".

Und diese Kraft der Kräfte, die jetzt unbenutzt verkommt oder
verderbte Formen annimmt, können wir zur Stärkung, zum Auf-
bauen, zur Veredelung der Gesellschaft benutzen, wenn wir nur wollen
gerade wie wir jetzt Naturkräfte benutzen, die vormals nur als Mächte
der Zerstörung erschienen. Alles, was wir zu tun haben, ist nur, Freiheit
und Spielraum zu gewähren. Das Unrecht, welches die Ungleichheit
erzeugt; das Unrecht, welches inmitten des Überflusses die Menschen
Mit Armut martert oder sie mit der Furcht vor der Armut quält,
das sie körperlich am Wachstum hindert, geistig herabwürdigt und
Moralisch verkrüppelt, dies Unrecht allein ist es, was die harmonische
soziale Entwicklung hindert. Denn: „Alles was von den Göttern
herrührt, ist voller Vorsorge, wir sind für das Zusammenwirken ge-
schaffen — gleich den Füßen, den Händen, den Augenbrauen, den Reihen
der oberen und unteren Zähne."

Es gibt Leute, in deren Kopf es nie eingeht, sich einen besseren
Eesellschaftszustand vorzustellen als denjenigen, der jetzt besteht —

®cotge, Fortschritt und Armut.	22
        <pb n="351" />
        ﻿338	Die Wirkungen des Heilmittels.	Buch IX.

die sich einbilden, daß der Gedanke, es könnte einen Gesellschaftszustand
geben, in welchem die Habsucht verbannt, die Gefängnisse leer, die
persönlichen Interessen den allgemeinen untergeordnet wären und
niemand versuchte, seinen Nachbar zu berauben und zu bedrücken, nur
ein Gebilde unpraktischer Träumer sei, für die diese praktischen Alltags-
menschen, die sich etwas daraus zugute tun, die Tatsachen anzuerkennen
wie sie sind, eine herzliche Verachtung empfinden. Aber solche Leute —
obgleich einige von ihnen Bücher schreiben, andere Professuren an
Universitäten innehaben und dritte von der Kanzel herunterreden —
denken nicht. Wenn sie gewohnt wären, in solchen Speisehäusern zu
essen, wie man sie in den niedrigeren Quartieren von Paris und London
findet, wo die Messer und Gabel an den Tischen angekettet sind, sie würden
darin nur die natürliche, unausrottbare Neigung des Menschen sehen,
Messer und Gabel, womit er gegessen, zu stehlen.

Man nehme eine Gesellschaft von wohlerzogenen Männern und
grauen, die zusammen speisen. Da gibt es keinen Streit um das Essen
keinen Versuch von seiten irgend jemandes, mehr zu bekommen als
sein Nachbar, kein Bemühen sich vollzustopfen oder etwas mitzunehmen.
Im Gegenteil, jeder bestrebt sich, seinem Nachbar erst behilflich zu sein,
bevor er selbst nimmt, anderen das Beste anzubieten, anstatt es für sich
zu behalten, und sollte jemand Neigung zeigen, die Befriedigung seines
eigenen Appetits derjenigen der anderen vorzuziehen, oder gar Sachen
mitgehen zu heißen, so würde ihn die schnelle und schwere Strafe gesell-
schaftlicher Mißachtung und deren Ostrazismus belehren, wie sehr ein
solches Betragen von der gewöhnlichen Ansicht gemißbilligt wird.

Alles dies ist so gewöhnlich, daß es keiner Erhärtung bedarf und
als der natürliche Zustand der Dinge angesehen werden kann. Dennoch
ist es ebenso natürlich, daß die Menschen nach Essen und Trinken als
nach Reichtum gierig sind. Sie sind nach Nahrung gierig, wenn sie nicht
die Überzeugung haben, daß eine billige und ausreichende Verteilung statt-
findet, die jedem genug zukommen läßt. Sind jedoch diese Bedingungen
erfüllt, so hören sie auf nach Nahrung gierig zu sein. Und so sind unter
den jetzigen Einrichtungen der Gesellschaft die Menschen gierig nach
Reichtum, weil die Verteilungsbedingungen dermaßen ungerecht sind,
daß, anstatt daß jeder sicher wäre, genug zu bekommen, viele sicher sind,
zum Mangel verdammt zu werden. Ls ist das „den Letzten beißen die
Hunde" der gegenwärtigen sozialen Einrichtungen, was den Wettlauf
und die Gier nach Reichtum verursacht, wobei alle Rücksichten der Ge-
rechtigkeit, der Barmherzigkeit, der Religion und des Gefühls unter die
Füße getreten werden, wobei die Menschen ihre eigenen Seelen ver-
gessen und bis an den Rand des Grabes für etwas kämpfen, das sie nicht
mitnehmen können. Aber eine gerechte Verteilung, die alle von der
Furcht vor Mangel befreite, würde die Gier nach Reichtum beseitigen
gerade wie in guter Gesellschaft niemand Gier nach den Speisen zeigt.

Auf den gedrängt vollen Dampfschiffen der frühesten kalifornischen
        <pb n="352" />
        ﻿Kap. IV.

339

Einfluß auf die soziale Organisation.

Linien war oft ein scharf hervortretender Unterschied zwischen den
Manieren der Zwischendecks- und Kajütenpassagiere, durch welchen
dieser Zug der inenschlichen Natur illustriert wird. Überfluß an Speisen
war für die einen wie für die anderen vorhanden, nur war iin Zwischen-
deck die Bedienung schlecht, und man riß sich daher um die Mahlzeiten.
)n der Kajüte dagegen, wo jeder seinen Platz hatte und niemand be-
sorgte, nicht genug zu bekommen, riß man sich nicht um die Speisen,
und es kam nichts um wie im Zwischendeck. Der Unterschied lag nicht
im Charakter der Leute, sondern einfach an dem angeführten Umstande.
Wären die Kajütenpassagiere ins Zwischendeck versetzt worden, so würden
sie an dem gierigen Gedränge teilgenommen haben, und wären die
Zwischendeckspassagiere in die Kajüte versetzt worden, so würden sie
sofort höflich und ordentlich geworden sein. Der gleiche Unterschied
würde sich in der Gesellschaft im allgemeinen zeigen, wenn die gegen-
wärtige ungerechte Güterverteilung durch eine gerechte ersetzt wäre.

Man betrachte dies Vorhandensein einer kultivierten und verfeinerten
Gesellschaft, in welcher alle roheren Leidenschaften nicht durch Gewalt,
nicht durch Gesetz, sondern durch die öffentliche Meinung und den
gegenseitigen Wunsch zu gefallen im Zaum gehalten werden. Wenn dies
für einen Teil der Gesellschaft möglich ist, so ist es auch für die ganze
Gesellschaft möglich. Ls gibt Gesellschaftszustände, in welchen jeder
bewaffnet sein muß, jeder sich in Bereitschaft zu halten hat, Person und
Eigentum mit starker Hand zu verteidigen, wenn wir dies überwunden
haben, können wir auch noch anderes erreichen.

Man kann jedoch einwenden, daß mit der Verbannung des Mangels
und der Furcht vor demselben der Antrieb zur Anstrengung zerstört
werden würde; die Menschen würden einfach Müßiggänger werden,
und solch ein glücklicher Zustand allgemeiner Wohlfahrt und Zufrieden-
heit würde der Tod des Fortschritts sein. Dies ist das Argument der
alten Sklavenbesitzer, daß die Menschen nur mit der Peitsche zur Arbeit
getrieben werden können. Nichts ist unwahrer.

Der Mangel könnte verbannt werden, aber die wünsche würden
bleiben. Der Mensch ist das nie zufriedene Tier. Lr hat erst angefangen
Zu forschen und das Weltall liegt vor ihm. Zeder Schritt, den er macht,
eröffnet neue Ausblicke und entzündet neue Begierden. Er ist das auf-
bauende Tier; er baut, er verbessert, er erfindet und setzt zusammen,
und je Größeres er tut, um so Größeres möchte er tun. Lr ist mehr als
^in Tier, wie beschaffen auch die Intelligenz sein mag, die die Natur
durchatmet, zu ihrem Ebenbilds ist der Mensch geschaffen. Das von seinen
pochenden Maschinen durch das Meer getriebene Dampfschiff ist in seiner
^rt, wenn auch nicht in demselben Grade, so gut eine Schöpfung wie
der Walfisch, der darunter schwimmt. Das Teleskop und das Mikroskop,
sind sie als Zusatzaugen, die der Mensch für sich hergestellt hat;
w weichen Gewebe und schönen Farben, in welche unsere Frauen sich
eiden, entsprechen sie nicht dem Gefieder, welches die Natur dem

22*
        <pb n="353" />
        ﻿Die Wirkungen des Heilmittels.

Buch IX.

3&lt;*0

Vogel gibt? Der Mensch muß etwas tun oder sich einbilden etwas zu
tun, denn in ihm pocht der schöpferische Trieb; wer nur im Sonnen-
schein herumzuliegen liebt, ist kein natürlicher, sondern ein abnormer
Mensch.

Sobald ein Kind über seine Muskeln Herrschaft gewinnt, beginnt
es Sandkuchen zu machen oder eine Puppe anzuziehen; sein Spiel
ist nur das nachgeahmte Werk seiner Eltern; selbst seine Zerstörungs-
sucht entspringt aus dem Wunsche etwas zu tun, aus der Genugtuung
etwas vollbringen zu können. Es gibt nichts dergleichen wie Jagd nach
Vergnügen um des bloßen Vergnügens willen. Selbst unsere Spiele
amüsieren nur soweit, als sie Lernen oder Tun von etwas sind oder zu
sein sich den Anschein geben, von dem Augenblick an, wo sie aushören,
sich entweder an unsere forschenden oder an unsere bildenden Eigen-
schaften zu wenden, hören sie auf zu amüsieren. Das Interesse des
Romanlesers schwindet, wenn man ihm erzählt, wie die Geschichte endet;
nur der Zufall und die beim Spiele entwickelte Geschicklichkeit macht es
dem Kartenspieler erträglich, durch Mischen kleiner Stücke Pappe „die
Zeit zu töten". Die luxuriösen Frivolitäten von Versailles waren
menschlichen Wesen nur möglich, weil der König glaubte ein Königreich
zu regieren, und die Höflinge frischen Ehren und neuen Pensionen nach-
jagten. Leute, die ein Leben des vornehmen Müßigganges und des
Vergnügens führen, müssen irgend etwas anderes dabei in Sicht haben,
oder sie würden vor Langeweile sterben; sie ertragen es nur, weil sie
meinen, dadurch eine Stellung zu gewinnen, sich Freunde zu machen
oder die Ehancen ihrer Kinder zu verbessern. Schließt man einen Menschen
ein und verweigert ihm alle Beschäftigung, so muß er entweder sterben
oder wahnsinnig werden.

Nicht die Arbeit an sich ist dem Menschen zuwider; nicht die natür-
liche Notwendigkeit zur Anstrengung ist ein Fluch. Aber die Arbeit,
die nichts erzeugt, die Anstrengung, von der er das Ergebnis nicht sehen
kann, ist es. Tag für Tag sich abzumühen und doch nur das Allernot-
wendigste des Lebens zu erlangen, ist fürwahr hart; es ist gleich der
höllischen Strafe, einen Menschen zu zwingen zu pumpen, damit er
nicht ertrinke oder eine Tretmühle zu treiben, um nicht zerquetscht zu
werden. Aber von dieser Notwendigkeit erlöst, würden die Menschen
härter und besser arbeiten, denn dann könnten sie arbeiten, wie ihre
Neigungen es ihnen eingeben; dann würden sie wirklich etwas für sich
oder für andere tun. war Humboldts Leben eiu müßiges? Fand Franklin
keine Beschäftigung, als er sich aus dem Druckereigeschäft mit einem
zum Leben hinreichenden vermögen zurückzog? Gehört bferbert Spencer
zu den Trägern? Malte Michael Angelo für Nahrung und Kleidung?

Tatsächlich wird die Arbeit, welche die Lage der Menschheit ver-
bessert, die Arbeit, welche die Kenntnisse ausdehnt, die Kräfte vermehrt,
die Literatur bereichert, die Gedanken erhebt, nicht getan, um den
Lebensunterhalt zu gewinnen. Ls ist keine Arbeit von Sklaven, die
        <pb n="354" />
        ﻿Kap. IV.

Einfluß auf die soziale Vrganisation.



entweder durch die peitsche des Herrn oder durch tierische Notwendig-
keiten an ihr Tagewerk getrieben werden. Es ist die Arbeit von Menschen,
die sie uin ihrer selbst willen vollbringen, nicht aber, um mehr zum
Essen oder Trinken zu haben, bessere Kleider zu tragen oder mehr Luxus
zu entfalten. In einem Gesellschaftszustande, wo der Mangel be-
seitigt wäre, würde die Arbeit dieser Art ungemein vermehrt werden.

Ich bin geneigt anzunehmen, daß das Resultat der von mir vor-
geschlagenen Konfiskation der Rente dahin gehen würde, die Arbeit
überall, wo große Kapitalien gebraucht werden, zu produktivassozia-
tionen zu organisieren, weil die gleichmäßigere Güterverteilung den
Kapitalisten und den Arbeiter in derselben Person vereinigen würde.
Bb dies indes so wäre oder nicht, ist von geringer Bedeutung. Jeden-
falls würde die harte Mühsal der bloßen Routinearbeit verschwinden
Der Lohn würde zu hoch und die Gelegenheiten zu zahlreich sein, um
irgend jemand zu nötigen, die höheren Eigenschaften seiner Natur zu
hemmen und umkommen zu lassen, und in jedem Berufe würde das
Gehirn die Hand unterstützen. Die Arbeit, selbst der roheren Art, würde
fröhlicher werden, und die Tendenz der modernen Produktion zur Arbeits-
teilung würde keine Eintönigkeit und kein Einschrumpfen der Fähigkeiten
des Arbeiters involvieren, sondern die Arbeit würde durch kurze Dauer,
durch Änderung und Abwechselung geistiger mit körperlicher Arbeit
erleichtert werden. Die Folge wäre nicht nur das Nutzbarwerden jetzt
verlorengehender produktiver Kräfte; nicht nur würde unsere dermalige,
jetzt so unvollkommen angewendete Kenntnis voll ausgenutzt werden,
sondern es würden auch aus der Beweglichkeit der Arbeit und der hervor-
gerufenen geistigen Tätigkeit Fortschritte in den Produktionsmethoden
entstehen, von denen wir uns heute keine Vorstellung machen können.

Denn der größte aller der unermeßlichen Verluste, welche die gegen-
wärtige Einrichtung der Gesellschaft involviert, ist der der geistigen
^raft. wie unendlich klein sind die bei dem Fortschritt der Zivilisation
witwirkendenKräfte im vergleich zu den latent vorhandenen, wie wenige
Denker, Entdecker, Erfinder, Organisatoren gibt es im vergleich zur
großen Menge des Volkes! Dennoch werden solche Männer in Hülle
und Fülle geboren, aber die Verhältnisse gestatten nur so wenigen, sich
Zu entwickeln. Ls gibt unter den Menschen unendliche Verschiedenheiten
der Begabung und'veranlagung, wie es im physischen Bau so unendliche
Verschiedenheit gibt, daß sich unter einer Million nicht zwei finden, die
uicht voneinander zu unterscheiden wären. Ich bin durch Beobachtung
und Nachdenken zu der Ansicht gelangt, daß der Unterschied der natürlichen
^aben nicht größer ist als der der äußeren Gestalt oder der körperlichen
^raft. wäre Läsar aus einer Proletarierfamilie hervorgegangen, Napo-
leon einige Jahre früher auf die Welt gekommen, Kolumbus für die
Kirche bestimmt worden anstatt für das Meer, Shakespeare bei einem
Hausierer oder Schornsteinfeger in die Lehre gekommen, Sir Isaac
Newton durch das Schicksal zur Erziehung und Arbeit eines Ackerknechts
        <pb n="355" />
        ﻿Buch IX.

3^2	Die Wirkungen des Heilmittels.

bestimmt worden, Adam Smith unter den Kohlenarbeitern geboren
oder Herbert Spencer gezwungen gewesen, seinBrot als Fabrikarbeiter
zu verdienen — was würden ihnen ihre Talente genützt haben? Aber,
wird man sagen, es würde andere Läsar, Napoleon, Kolumbus, Shake-
speare, Newton, Smith oder Spencer gegeben haben. Das ist wahr.
Und es zeigt, wie fruchtbar unsere menschliche Natur ist. Wie die ge-
wöhnliche Arbeitsbiene im Notfall zur Königin umgewandelt wird,
so steigt der gewöhnliche Mensch, wenn die Umstände seine Entwicklung
begünstigen, zum bselden oder Anführer, zum Entdecker oder Lehrer,
zum Meisen oder heiligen empor. Soweit hat der Säer die Saat
verstreut, so stark ist die zeugende Kraft, die sie keimen und knospen
heißt. Aber, ach! der steinige Boden, die Vögel und das Unkraut! Auf
einen, der zu voller Größe emporwächst, wie viele, die am Wachs-
tum gehindert oder mißgestaltet werden!

Der Wille in uns ist die letzte Tatsache des Bewußtseins. Doch
wie wenig von den erworbenen Fähigkeiten, von der Stellung, selbst
vom Charakter der Besten unter uns darf völlig uns selbst zugeschrieben
werden, wieviel den Einflüssen, die uns geformt haben! wo ist der
weise, gebildete, bescheidene oder kraftvolle Mann, der nicht, wenn er
die innere Geschichte seines Lebens verfolgt, wie der kaiserliche Stoiker
den Göttern Dank dafür spenden dürfte, daß ihm durch diesen oder jenen
hier oder dort, gute Beispiele gegeben wurden, edle Gedanken ihn er-
reichten und glückliche Gelegenheiten sich für ihn eröffneten? wo ist
der Mann, der mit offenen Augen und Ohren den Meridian des Lebens
erreicht und nicht bisweilen den Gedanken jenes frommen Engländers
nachgesprochen hat, als der Verbrecher zum Galgen vorüber geführt
wurde: „Nur durch die Gnade Gottes gehe ich nicht dort"? wie wenig
vermag die Erblichkeit im Vergleich zu den Verhältnissen. Dieser, sagen
wir, ist das Ergebnis eines tausendjährigen europäischen Fortschrittes
und jener das Ergebnis einer tausendjährigen chinesischen Verknöche-
rung; dennoch würde ein Kind kaukasischer Rasse, in das cherz Chinas
verpflanzt, bis etwa auf den Winkel der Augen oder die Farbe des
Maares, geradeso werden wie seine Umgebung, dieselbe Sprache reden,
sich in denselben Gedanken bewegen und die gleiche Geschmacksrichtung
zeigen. Man vertausche Lady Vere de Vere in ihrer wiege mit einem
Kinde aus der chefe des Volkes — wird das Blut von hundert Grafen
eine gebildete vornehme Frau aus ihr machen?

Den Mangel und die Furcht vor Mangel beseitigen, allen Klassen
Muße, Behaglichkeit und Unabhängigkeit, den Anstand und die Ver-
feinerungen des Lebens, die Gelegenheiten zu geistiger und moralischer
Entwicklung geben, wäre Wasser in eine wüste leiten. Die unsrucht-
bare Einöde würde sich mit frischem Grün bekleiden und die dürren
sdlätze, von denen das Leben verbannt schien, würden binnen kurzem mit
dem Schatten von Bäumen bedeckt sein und von dem Gesänge der Vögel
widerhallen. Jetzt verborgene Talente, ungeahnte Tugenden würden
        <pb n="356" />
        ﻿Rap. IV.

3^3

Einfluß auf die soziale Organisation.

hervortreten, uni das menschliche Leben reicher, voller, glücklicher, edler
zu gestalten. Denn unter diesen runden Menschen, die in dreieckige Löcher
gesteckt werden, unter diesen dreieckigen Menschen, die in runde Löcher
gezwängt werden, unter diesen Menschen, die ihre Tatkraft in der Jagd
nach Reichtum vergeuden, unter diesen anderen, die in Fabriken zu
Maschinen gemacht oder durch die Notwendigkeit an den Pflug oder an
die Bank gekettet werden; unter diesen Rindern, die in Schmutz, Laster
und Unwissenheit aufwachsen, finden sich Gaben des höchsten Ranges,
Talente der glänzendsten Art. Es bedarf nur der Gelegenheit, sie zum
Vorschein zu bringen.

Man stelle sich alle die Möglichkeiten eines Gesellschaftszustandes
vor, der diese Gelegenheit allen bieten würde, wir wollen der Ein-
bildungskraft überlassen, das Gemälde auszuführen; feine Farben
sind zu glänzend, als daß Worte sie widerzugeben vermöchten. Man
bedenke nur die moralische Erhöhung, die geistige Tätigkeit, das soziale
Leben. Man bedenke, wie durch Tausend Handlungen und Zwischen-
handlungen die Glieder jedes Staats verbunden sind und wie bei der
gegenwärtigen Lage der Dinge selbst die wenigen Glücklichen, die auf
dem Gipfel der sozialen Pyramide stehen, obgleich sie es nicht wissen,
von dem Mangel, der Unwissenheit und der Entwürdigung derer unter
ihnen leiden müssen. Man stelle sich diese Dinge vor und sage dann,
ob die von mir vorgeschlagene Veränderung nicht zum vorteil eines
jeden, selbst des größten Grundeigentümers sein würde? würde er
nicht der Zukunft seiner Rinder sicherer sein, wenn er sie ohne einen
Pfennig in einem derartigen Gesellschaftszustande zurückläßt, als mit
Hinterlassenschaft des größten Vermögens in dem jetzigen? Bestände
solch ein Gesellschaftszustand irgendwo, würde er nicht seinen Eintritt
in denselben durch Drangeben aller seiner Besitzungen billig erkaufen?

Ich habe jetzt die soziale Schwäche und Rrankheit bis zu ihrer
Quelle verfolgt. Ich habe das Heilmittel gezeigt. Ich habe jeden Punkt
bewiesen und jeden Einwand berücksichtigt. Aber die Probleme, die
wir erwogen haben, so groß sie sind, gehen in noch größere, in die größten
Probleme über, mit denen der menschliche Geist sich überhaupt befassen
kann. Ich möchte daher den Leser, der bis hierher mit mir gegangen
ist, bitten, ein noch höheres Feld mit mir zu betreten. Aber ich bitte ihn,
sich zu erinnern, daß ich in dem kleinen Raum, der von den mir für dies
Luch zugewiesenen Grenzen übrig bleibt, die sich aufdrängenden Fragen
nicht erschöpfend behandeln kann. Ich kann nur einige Gedanken an-
deuten, die vielleicht als Winke für weiteres Denken dienen können.
        <pb n="357" />
        ﻿Buch X.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Was dunkel ist in rnir,
Erleuchte, und was niedrig, heb' und stütz',
Daß durch so zwingenden Beweises Kraft
Den Menschen ich die ew'ge Vorsehung
Kann dartun und rechtfert'gen Gottes Wege.

Milton.

Kapitel I.

9ie herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes; ihre
Unzulänglichkeit.

Sind die Schlüsse, zu denen wir gelangt sind, richtig, so werden
sie unter ein größeres Gesetz fallen.

Nehmen wir daher unsere Forschung von einem höheren Stand-
punkt wieder auf, von wo wir ein weiteres Feld überblicken können.

was ist das Gesetz des menschlichen Fort-
schrittes?

Dies ist eine Frage, die, wenn sie sich nicht durch das Frühere
aufdrängte, ich in dem kurzen Raum, den ich ihr widmen kann, zu
behandeln zaudern würde, da sie direkt oder indirekt einige der aller-
höchsten Probleme enthält, mit denen der menschliche Geist sich befassen
kann. Aber es ist eine Frage, die sich ganz natürlich darbietet. Sind die
Schlüsse, zu denen wir gelangt sind, mit dem großen Gesetz, unter
welchem die menschliche Entwicklung vor sich geht, vereinbar oder nicht?

Was ist dies Gesetz? wir müssen die Antwort aus unsere Frage
finden; denn die herrschende Philosophie, obgleich sie das Vorhanden-
sein eines solchen Gesetzes anerkennt, gibt keine befriedigendere Er-
klärung desselben, als die herrschende Nationalökonomie von der Fort-
dauer der Armut inmitten des fortschreitenden Reichtums.

wir wollen, soweit als möglich, auf dem festen Boden der Tat-
sachen bleiben. Gb der Mensch stufenweise aus einem Tiere entwickelt
wurde oder nicht, braucht nicht untersucht zu werden, wie innig auch
        <pb n="358" />
        ﻿Kap. I.	Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.	ZHZ

die Verbindung Zwischen Fragen sein rnöge, die sich auf den Menschen,
wie wir ihn kennen, und selchen, die sich auf seine Entstehung beziehen,
so kann doch nur von den ersteren auf die letzteren Licht geworfen werden.
Schlüsse kann man nicht vom Unbekannten auf das Bekannte ziehen.
Nur aus Tatsachen, die wir kennen, vermögen wir Schlüsse auf das
unserer Kenntnis Vorausgehende zu ziehen.

wie der Mensch auch entstanden sein möge. Alles, was wir von
ihm wissen, bezieht sich auf den Menschen, wie er jetzt zu finden ist.
Keine Überlieferung oder Spur besteht von ihm aus einem niedrigeren
Zustande als dem, in welchem wilde noch heute zu finden sind. Auf
welcher Brücke er die weite Kluft überschritten haben möge, die ihn jetzt
von den Tieren trennt, keine Spuren sind mehr davon vorhanden.
Zwischen den uns bekannten niedrigsten Wilden und den höchsten Tieren
besteht ein unversöhnlicher Unterschied, ein Unterschied, nicht bloß des
Grades, sondern der Art. viele der charakteristischen Eigenschaften, der
Handlungen und Gefühle des Menschen zeigen sich auch bei den nied-
rigeren Geschöpfen; aber der Mensch, wie tief er auch auf der Stufen-
leiter der Menschheit stehe, war nie einer Eigenschaft bar, von der kein
Tier die kleinste Spur aufweist, eines klar erkennbaren aber fast undefinier-
baren Etwas, das ihm die Vervollkommnungsfähigkeit verleiht, ihn zu
dem fortschreitenden Tiere macht.

Der Biber baut einen Damm, der Vogel ein Nest und die Biene
eine Zelle; aber während Biberdämme, Vogelnester und Bienenzellen
immer nach demselben Muster konstruiert sind, geht die Wohnung des
Menschen von der bsütte aus Blättern und Zweigen hinauf bis zu den
Prächtigen, mit allen modernen Bequemlichkeiten ausgestatteten Palästen.
Der pund kann bis zu einem gewissen Grade Ursache und Wirkung
verknüpfen, und man kann ihm einige Kunststücke lehren; aber seine
Begabung in dieser Beziehung hat während aller der Zeitalter, die er
der Gefährte des fortschreitenden Menschen ist, um keine Spur zu-
genommen, und der Hund der Zivilisation ist keinen Deut gescheiter
oder vervollkommneter als der Hund des wandernden wilden, wir
kennen kein Tier, das Kleider trüge, sein Essen kochte, sich Werkzeuge
oder Waffen machte, andere Tiere züchtete, die es zur Nahrung auser-
sehen, oder eine artikulierte Sprache hätte. Menschen aber, die alles
dies nicht täten, hat man nie gefunden noch davon gehört, außer
in der Fabel. Das heißt: der Mensch zeigt überall, wo wir ihn
antreffen, die Gabe, das, was die Natur für ihn getan hat, durch das,
was er für sich selbst tut, zu ergänzen; und so untergeordnet ist in der
^at die natürliche Ausstattung des Menschen, daß es keinen Teil der
^rde gibt, außer vielleicht einige der kleinen Znseln des Stillen Gzeans,
wo er ohne diese Fähigkeit sein Dasein zu fristen imstande wäre.

Allenthalben und zu allen Zeiten zeigt der Mensch dies vermögen,
allenthalben und zu allen Zeiten hat er, soweit unsere Kenntnis reicht,
Gebrauch davon gemacht. Aber der Grad, in welchem dies geschehen,
        <pb n="359" />
        ﻿3^6

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

ist außerordentlich verschieden. Zwischen dem rohen Kanoe und dem
Dampfschiffe, zwischen dem Bumerang und der Repetierbüchse,
zwischen dem grob gearbeiteten hölzernen Götzenbilde und dem atmen-
den Marmor griechischer Kunst, zwischen dem Wissen des Wilden und
der modernen Wissenschaft, zwischen dem eingeborenen Indianer und
dem weißen Ansiedler, zwischen dem Lsottentottenweibe und der Schönen
aus der feinen Gesellschaft besteht ein ungeheurer Unterschied.

Die verschiedenen Grade, in welchen dieses vermögen ausgeübt
wird, können nicht Unterschieden in der ursprünglichen Veranlagung
beigemessen werden; die vorgeschrittensten Völker der Jetztzeit waren
noch innerhalb der historischen Zeit Wilde, und wir begegnen den größten
Unterschieden bei Völkern der gleichen Abstammung. Ebensowenig
können sie bloß Verschiedenheiten der umgebenden Natur zugeschrieben
werden; die Pflanzstätten der Künste und Wissenschaften werden in
vielen Fällen jetzt von Barbaren eingenommen, und innerhalb weniger
Jahre entstehen große Städte auf den Iagdgründen wilder Stämme.
Alle diese Unterschiede sind augenscheinlich mit der sozialen Entwicklung
verbunden. Uber die allerersten Anfänge hinaus wird es dem Menschen
nur dadurch möglich fortzuschreiten, daß er mit seinen Mitmenschen
zusammenlebt. Alle diese Fortschritte in des Menschen Gaben und Lage
fassen wir daher in dem Worte Zivilisation zusammen. Die Menschen
vervollkommnen sich, je zivilisierter sie werden, d. h. je mehr sie lernen,
in der Gesellschaft zusammenzuwirken.

Was ist das Gesetz dieses Fortschrittes? Durch welches gemein-
same Prinzip können wir die verschiedenen Stadien der Zivilisation,
zu welchen verschiedene Gemeinwesen gelangt sind, erklären? Worin
besteht wesentlich der Fortschritt der Zivilisation, so daß wir von den
wechselnden sozialen Einrichtungen sagen können, diese begünstigt
denselben und jene nicht, oder erklären können, warum eine Einrich-
tung oder Bedingung, die ihn einmal fördert, ihn ein andermal aufhält?

Die herrschende Annahme ist jetzt, daß der Fortschritt der Zivili-
sation eine Entwicklung oder Evolution ist, in deren Verlauf die Fähig-
keiten des Menschen zunehmen und seine Eigenschaften entwickelt werden
durch die Wirkung von Ursachen ähnlich denen, auf die man sich stützt,
um den Ursprung der Arten zu erklären, nämlich: das Überleben der
Tüchtigsten und die erbliche Übertragung erworbener Eigenschaften.

Daß die Zivilisation eine Entwicklung ist, daß sie nach Herbert
Spencers Ausdruck ein Fortschritt von einer unbestimmten, unzu-
sammenhängenden Gleichartigkeit zu einer bestimmten, zusammen-
hängenden Verschiedenartigkeit ist, unterliegt keinem Zweifel; dieser
Ausdruck jedoch ist keine Erklärung oder Feststellung der Ursachen, welche
den Fortschritt fördern oder aufhalten, wieweit die Generalisationen
Spencers, die alle Erscheinungen unter den Ausdrücken Stoff und Kraft
zu erklären suchen, richtig verstanden, alle diese Ursachen einschließen,
vermag ich nicht zu sagen, aber wissenschaftlich hat die Entwicklungslehre
        <pb n="360" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.

3^7

diese Frage entweder noch nicht definitiv erledigt oder sie hat einer An-
sicht Entstehung oder vielmehr Zusammenhang gegeben, die mit den
Tatsachen nicht übereinstimmt. j3 j

Die gewöhnliche Erklärung des Fortschrittes hat meines Dafür-
haltens sehr viel Ähnlichkeit mit der Ansicht, die der Geldmensch von
den Ursachen der ungleichen Verteilung der Güter hegt. Seine Theorie,
wenn er überhaupt eine hat, ist gewöhnlich die, daß, wer den willen
und die Fähigkeit dazu hat, genug Geld machen kann, und daß es die
Unwissenheit, Faulheit oder Verschwendung sind, die den Unterschied
zwischen Armen und Reichen herbeiführen. So ist auch die gewöhnliche
Erklärung der Unterschiede in der Zivilisation die der Unterschiede in
der Fähigkeit. Die zivilisierten Rassen sind die höherstehenden, und der
Fortschritt in der Zivilisation stimmt mit dieser Überlegenheit überein,
gerade wie nach der gewöhnlichen englischen Meinung die englischen
Siege der natürlichen Überlegenheit der Engländer über die froschessen-
den Franzosen zuzuschreiben waren; und die volkstümliche Staatsver-
fassung, die höhere Erfindungsgabe und der größere Durchschnittskomfort
werden, oder wurden bis vor kurzem, von der gewöhnlichen amerikanischen
Ansicht der größeren Rührigkeit (sinartness) der Yankee-Nation zu-
geschrieben.

Nun/ genau so wie die nationalökonomischen Lehren, welche wir
zu Anfang dieser Untersuchung antrafen und widerlegten, mit der ge-
wöhnlichen Ansicht der Menschen übereinstimmten, welche die Kapi-
talisten Lohn auszahlen und die Konkurrenz den Lohn Herabdrücken
sehen; wie die Malthussche Theorie mit den bestehenden Vorurteilen
sowohl der Reichen als der Armen übereinstimmte, ebenso stimmte die
Erklärung des Fortschrittes als einer stufenweisen Rassenverbesserung
mit der gewöhnlichen Meinung überein, welche die Unterschiede der
Zivilisation durch die Rassenunterschiede erklärt. Diese Erklärung hat
Ansichten, die bereits herrschten, Zusammenhang und eine wissenschaft-
liche Formel gegeben. Ihre staunenswerte Ausbreitung seit der Zeit,
da Darwin zuerst die Welt mit seinem „Ursprung der Arten" beschenkte,
war nicht sowohl eine Eroberung, als eine Assimilieüung.

Die jetzt die Gedankenwelt beherrschende Ansicht geht dahin, daß
der Kampf ums Dasein genau in dem Verhältnisse, wie er sich verstärkt,
die Menschen zu neuen Anstrengungen und Erfindungen antreibe, daß
diese Vervollkommnung und Vervollkommnungsfähigkeit durch erbliche
Übertragung fixiert und durch die Tendenz des tüchtigsten oder voll-
kommensten Individuums, unter anderen Individuen zu leben und sich
fortzupflanzen, und der tüchtigsten oder vollkommensten Sippe, Nation
oder Rasse, im Kampfe zwischen den sozialen Vereinigungen zu über-
leben, ausgebreitet werde. Nach dieser Theorie erklärt man jetzt die
Ünterschiede zwischen Mensch und Tieren, so wie die Unterschiede in
dem relativen Fortschritt der Menschen ebenso zuversichtlich und nahezu
        <pb n="361" />
        ﻿Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

548

ebenso allgemein, wie vor kurzem nach der Theorie der Schöpfung
und göttlichen Vermittlung.

Das praktische Resultat dieser Theorie ist eine Art von hoffnungs-
vollem Fatalismus, von dem die heutige Literatur erfüllt ist. von diesem
Gesichtspunkt ist der Fortschritt das Ergebnis von Kräften, die langsam,
beständig und unbarmherzig an der Erhebung des Menschen arbeiten.
Krieg, Sklaverei, Tyrannei, Aberglaube, Hungersnot, Pestilenz, die in
der modernen Zivilisation eitern, Armut und Elend sind die treibenden
Ursachen, welche den Menschen vorwärts drängen, die schwächeren
Typen ausstoßen und die höheren verbreiten; und die erbliche Über-
tragung ist die Kraft, durch welche die Fortschritte fixiert und vergangene
Fortschritte zu Stufen neuer Fortschritte gemacht werden. Das Indivi-
duum ist das Ergebnis von Veränderungen, die so einer langen Reihe
vergangener Individuen aufgeprägt und durch sie verewigt wurden,
und die soziale Organisation erhält ihre Form von den Individuen,
aus welchen sie zusammengesetzt ist. während diese Theorie somit,
wie Herbert Spencer sagt*), „radikal ist bis zu einem Grade, der alles
übertrifft, was der herrschende Radikalismus zu fassen vermag", da sie
Veränderungen in der menschlichen Natur selbst erwartet, ist sie gleich-
zeitig „konservativ bis zu einem Grade, der alles übertrifft, was der
herrschende Konservatismus zu fassen vermag", da sie annimmt, daß
keine Änderung sich geltend machen kann außer diesen langsamen Ände-
rungen in der Menschennatur. Die Philosophen mögen lehren, daß dies
nicht die Pflicht vermindere, auf Abstellung von Mißbräuchen hinzu-
wirken, gerade wie die Theologen, welche eine Vorherbestimmung
lehrten, dennoch die Pflicht aller behaupteten, um die ewige Seligkeit
zu kämpfen; allein nach der allgemeinen Auffassung ist das Resultat
Fatalismus: „was wir auch tun mögen, die Mühlen der Götter mahlen
weiter, unbekümmert um unsere Hilfe oder um unser widerstreben".
Ich führe dies nur an, um die Ansicht zu erläutern, die, wie ich glaube,
sich immer rascher verbreitet und den gewöhnlichen Gedankengang
durchdringt; nicht, daß in der Forschung nach Wahrheit irgendeine
Rücksicht auf ihre Folgen den Geist beeinflussen dürfe. Aber dies halte
ich für die herrschende Ansicht von der Zivilisation: daß sie das Ergebnis
von Kräften sei, die in der angedeuteten weise wirken, langsam den
Lharakter des Menschen verändern und die Eigenschaften desselben ver-
vollkommnen und erheben; daß der Unterschied zwischen dem zivilisierten
Menschen und dem wilden von einer langen Rassenerziehung herrühre,
die in der geistigen Organisation dauernd zum Ausdruck gekommen fei,
und daß diese Vervollkommnung in steigendem Verhältnis zu einer
immer höheren Zivilisation führe, wir haben nach dieser Theorie einen
solchen Punkt erreicht, daß der Fortschritt bei uns natürlich zu sein scheint,
und wir vertrauensvoll den größeren Errungenschaften des kommen-

*) „Das Studium der Soziologie", Schluß.
        <pb n="362" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.

349

den Geschlechts entgegensehen können — ja einige meinen sogar, daß
der Fortschritt der Wissenschaft den Menschen schließlich die Unsterblich-
keit verleihen und sie in den Stand setzen werde, körperlich nicht nur die
Planeten, sondern auch die Fixsterne zu erreichen und endlich Sonnen
und ihre Systeme selbst zu erschaffen*).

Aber ohne sich bis zu den Sternen aufzuschwingen, stößt diese
Progressionstheorie, die uns inmitten einer vorschreitenden Zivilisation
so natürlich erscheint, in dem Augenblick, wo sie sich in der Welt umschaut,
gegen eine ungeheure Tatsache —die fixierten versteinerten Zivilisationen.
Die Mehrheit des Menschengeschlechts hat auch heutzutage keine Vor-
stellung vom Fortschritt; die Mehrheit des Menschengeschlechts betrachtet
(wie es bis vor wenigen Generationen auch unsere Vorfahren taten),
die Vergangenheit als die Zeit menschlicher Vollkommenheit. Der Unter-
schied zwischen dem wilden und dem zivilisierten Menschen kann durch
die Theorie erklärt werden, daß der erstere bis jetzt so unvollkommen
entwickelt sei, um seinen Fortschritt kaum bemerkbar werden zu lassen;
wie aber sollen wir auf Grund der Theorie, daß der menschliche Fort-
schritt das Ergebnis allgemeiner und fortdauernder Ursachen sei, die-
jenigen Zivilisationen erklären, die so weit fortgeschritten waren und
dann zum Stillstand gekommen sind? Vom Hindu und Lhinesen kann
man nicht wie vom wilden sagen, unsere Überlegenheit sei das Ergebnis
einer längeren Erziehung; wir seien gewissermaßen die Erwachsenen
der Natur, sie aber die Kinder. Die Hindu und Lhinesen waren zivilisiert,
als wir wilde waren. Sie hatten große Städte, hoch organisierte und
mächtige Staaten, Literaturen, Philosophien, verfeinerte Sitten, be-
deutende Arbeitsteilung, großen Handel und vorgeschrittene Gewerbe,
als unsere Ahnen wandernde Barbaren waren, in Hütten und Zelten
von Tierhäuten wohnten, und keine Spur vorgeschrittener waren als die
amerikanischen Indianer, während wir uns aus diesem wilden Zustande
Zur Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts emporgeschwungen
haben, sind sie stehen geblieben, wenn der Fortschritt das Ergebnis
feststehender, unvermeidlicher und ewiger Gesetze ist, die den Menschen
vorwärts treiben, wie sollen wir uns dies erklären?

Einer der besten populären Schriftsteller über die Entwicklungs-
lehre, Walter Bagehot („Pbysics and Politics“), gibt die Kraft dieses
Einwandes zu und bemüht sich, demselben auf folgende weise zu be-
gegnen: das erste Erfordernis, einen Menschen zu zivilisieren, sei, ihn
Zu zähmen; ihn zu veranlassen, gemeinsam mit seinen Mitmenschen in
Gehorsam gegen das Gesetz zu leben; daraus erwachse ein durch natür-
liche Zuchtwahl gestärkter und ausgedehnter Körper oder „Kuchen"
von Gesetzen und Gebräuchen, und die so zusammengehaltenen Stämme
oder Völker hätten einen Vorteil über diejenigen, die nicht so zusammen-
gehalten werden. Dieser Kuchen von Gebräuchen und Gesetzen werde

*) Wmword Reade, „Das Märtyrertum des Menschen".
        <pb n="363" />
        ﻿350

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

aber schließlich zu dick und hart, um weitere Fortschritte zu gestatten,
die nur dann möglich sind, wenn Umstände eintreten, welche die freie
Erörterung einführen und so die für den Fortschritt unerläßliche Freiheit
und Beweglichkeit gestatten.

Diese Erklärung, welche Bagehot, wie er sagt, mit einigen Be-
denken darbietet, geht —meines Erachtens —aus Rosten der allgemeinen
Theorie. Doch lohnt es nicht der Mühe, darüber zu reden, denn sie erklärt
offenbar die Tatsachen nicht.

Die Tendenz zur Verhärtung, von der Bagehot spricht, mußte
sich in einer sehr frühen Lntwicklungsperiode zeigen, und seine Bei-
spiele davon sind fast alle dem wilden oder halbwilden Zustande ent-
nommen. Jene ausgehaltenen Zivilisationen haben dagegen einen
langen Weg zurückgelegt, ehe sie zum Stillstand kamen. Es muß eine
Zeit gegeben haben, wo sie im Vergleich zum wilden Zustande sehr
weit voran und doch schöpferisch, frei und fortschreitend waren. Die
stillstehenden Zivilisationen hielten an einem Punkte an, welcher der
europäischen Zivilisation sagen wir des sechzehnten oder jedenfalls
des fünfzehnten Jahrhunderts kaum irgendwie nachstand und in vielen
Beziehungen höher war. Bis zu jenem Punkte muß somit anregende
Diskussion, Freude am Neuen und geistige Tätigkeit aller Art bestanden
haben. Sie hatten Baumeister, welche die Baukunst, natürlich durch
eine Reihe von Neuerungen und Verbesserungen, auf einen sehr hohen
Stand brachten; Schiffbauer, die auf gleiche Weise, durch Neuerung
auf Neuerung, schließlich ein ebenso gutes Schiff wie die Kriegsschiffe
Heinrichs VIII. herstellten; Erfinder, die bis dicht an den Rand unserer
wichtigsten Fortschritte gelangten und von deren einigen wir noch lernen
können; Ingenieure, die große Bewässerungswerke und schiffbare Kanäle
herstellten; wetteifernde philosophische Schulen und streitende Religions-
begriffe. In Indien erstand eine große, in vielen Beziehungen dem
Lhristentum gleiche Religion, verdrängte die frühere Religion, ging auf
Lhina über, verbreitete sich über das ganze Reich und wurde aus ihren
alten Sitzen wieder verdrängt, gerade wie das Lhristentum aus seiner
wiege verdrängt ward. Da gab es Leben, und tätiges Leben und Neue-
rungen, welche den Fortschritt erzeugen, lange nachdem die Menschen
gelernt hatten, zusammen zu leben. Und überdies haben sowohl Indien
als auch Lhina von erobernden Rassen mit verschiedenen Sitten und
Denkrichtungen neues Leben empfangen.

Die unbeweglichste und versteinertste aller uns bekannten Zivili-
sationen war die Agyptiens, wo selbst die Kunst schließlich eine kon-
ventionelle und unbewegliche Form annahm. Wir wissen jedoch, daß
dahinter eine Zeit des Lebens und der Kraft, eine sich neu entwickelnde
und verbreitende Zivilisation wie jetzt die unsere, bestanden haben muß,
denn sonst könnten die Künste und Wissenschaften nie auf eine so hohe
5tufe gelangt sein. Und neuerliche Ausgrabungen haben unter dem
uns bisher bekannten Ägypten ein noch früheres Ägypten ans Tages-
        <pb n="364" />
        ﻿

.



Kap. I.

Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.

35 s

licht gebracht, in Statuen und Schnitzereien, nicht von härtern und
formalem Typus, sondern strahlend von Leben und Ausdruck, welche die
Kunst kämpfend, warm, natürlich und frei zeigen —das sichere Merkmal
eines tätigen und sich ausdehnenden Lebens. So muß es einmal mit
allen, jetzt nicht mehr fortschreitenden Zivilisationen gewesen sein.

Aber nicht bloß diese stillstehenden Zivilisationen vermag uns die
herrschende Entwicklungstheorie nicht zu erklären. Die Menschen sind
nicht bloß auf dem Pfade des Fortschrittes vorgegangen und dann
stehen geblieben; sie sind auch weit vorgeschritten und dann zurück-
gegangen. Es ist nicht bloß ein vereinzelter Fall, der so der Theorie
gegenübersteht, es ist die allgemeine Regel. Jede Zivilisation,
welche die Welt bislang gesehen hat, hatte ihre Zeit kräftigen Wachstums,
des Stillstands und der Stockung, des Sinkens und Fallens. Von
allen Zivilisationen, die erstanden und blühten, sind heute nur die stehen
gebliebenen und unsere eigene übrig, die noch nicht so alt ist, wie die
Pyramiden es waren, als Abraham sie erblickte, während hinter den
Pyramiden eine überlieferte Geschichte von zwanzig Jahrhunderten lag.

Daß unsere eigene Zivilisation eine breitere Grundlage hat, von
vorgeschrittener Art ist, schneller sich bewegt und einen höheren Flug
hat als irgendeine frühere Zivilisation, ist zweifellos wahr; aber in dieser
Beziehung ist sie der griechisch-römischen Zivilisation schwerlich mehr
voraus als die letztere derjenigen Asiens; und wenn sie es auch wäre,
so würde das nichts über ihre Dauer und ihren künftigen Fortschritt
beweisen, falls nicht ihre Überlegenheit in solchen Dingen zu beweisen
ist, welche den schließlichen Zusammenbruch ihrer Vorgängerinnen ver-
ursachten. Die herrschende Theorie nimmt dies nicht an.

Zn Wahrheit werden die Tatsachen der Weltgeschichte durch diese
Theorie, daß die Zivilisation das Ergebnis einer natürlichen Zucht-
wahl sei, welche die Vervollkommnung und Erhöhung der Eigenschaften
des Menschen bewirke, nichts weniger als erklärt. Daß die Zivilisation
Zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten entstanden ist und sich
m verschiedenem Grade entwickelt hat, ist mit dieser Theorie nicht un-
vereinbar, denn dies könnte von der Ungleichheit der treibenden und
widerstrebenden Kräfte herrühren; aber daß der Fortschritt überall
beginnt (denn selbst unter den niedrigsten Stämmen nimmt man einen
gewissen Grad von Fortschritt an) und nirgends dauernd war, sondern
überall zum Stillstand oder Rückgänge kam, ist damit absolut unverein-
bar. Denn wenn der Fortschritt eine Vervollkommnung in der Natur
bes Menschen bewirkte und dadurch weiteren Fortschritt herbeiführte
so müßte, bis auf gelegentliche Unterbrechungen, die gewöhnliche Regel
doch die sein, daß der Fortschritt ein dauernder wäre — daß Schritt auf
schritt folgte und die Zivilisation sich zu höherer Zivilisation entwickelte.

Das Gegenteil davon ist nicht bloß die gewöhnliche, sondern die
allgemeine Regel. Die Erde ist das Grab toter Reiche, nicht weniger
als toter Menschen. Anstatt daß der Fortschritt die Menschen zu größerem

.—,
        <pb n="365" />
        ﻿352

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

Fortschritt geeignet mache, sind alle Zivilisationen, die zu ihrer Zeit
ebenso kräftig und vorschreitend waren, wie die unsere jetzt, von selbst
zum Stillstände gekommen.

Immer und immer wieder ist die Kunst zurückgegangen, die Gelehr-
samkeit gesunken, die Macht verfallen, die Bevölkerung zerstreut worden,
bis von dem Volke, das große Tempel und mächtige Städte erbaut,
Flüsse abgeleitet und Gebirge durchbrochen, die Erde gleich einem
Garten angebaut und die äußerste Verfeinerung in die untergeordnetsten
Dinge des Lebens eingeführt hatte, nur ein Rest schmutziger Barbaren
übrig blieb, die selbst die Erinnerung von den Taten ihrer Ahnen verloren
hatten und die übrig gebliebenen Spuren ihrer einstigen Größe als das
Werk von Geistern oder des mächtigen Geschlechts vor der großen Flut
ansahen Dies ist so wahr, daß es, wenn wir der Vergangenheit gedenken,
als das unerbittliche Gesetz erscheint, dem zu entgehen wir ebensowenig
Hoffnung haben, als der junge Mann mit pulsierendem Leben hoffen
kann, der Auflösung zu entgehen, die das gemeinsame Schicksal aller ist.
„G Rom, dies wird eines Tages auch dein Schicksal sein", weinte Scipio
über den Ruinen Karthagos, und Macaulays Bild des Neuseeländers,
der auf dem verfallenen Pfeiler von Londonbridge sinnt, wendet sich
an die Einbildungskraft selbst derjenigen, die Städte in der Wildnis
emporwachsen sahen und die Grundlagen eines neuen Weltreiches legen
halfen. Und so machen wir, wenn wir ein öffentliches Bauwerk errichten,
eine Höhlung in den Grundstein und verschließen darin sorglich einige
Erinnerungen an unsere Tage, da wir die Zeit voraussehen, wo unsere
Werke Ruinen und wir selber vergessen sein werden.

Gb dieses abwechselnde Steigen und Fallen der Zivilisation, dieser
Rückgang, der stets auf den Fortschritt folgt, die rhythmische Bewegung
einer aufsteigenden Linie sei oder nicht (und ich glaube, obwohl ich die
Frage nicht weiter erörtern will, genügende Beweise für die Bejahung
beizubringen, würde schwerer sein als man gewöhnlich annimmt),
macht keinen Unterschied, denn die herrschende Theorie ist in beiden
Fällen widerlegt. Zivilisationen haben geendet und kein Merkmal
hinterlassen, und schwer gewonnene Fortschritte sind dem Menschen-
geschlecht für immer verloren gegangen; aber selbst wenn man zugibt,
daß jede woge des Fortschrittes eine höhere woge möglich gemacht
und jede Zivilisation die Fackel an eine höhere Zivilisation übergeben
habe, so erklärt doch die Theorie, daß die Zivilisation durch Veränderungen,
die in der Natur des Menschen zuwege gebracht wurden, vorschreite,
die Tatsachen nicht; denn jedenfalls ist es nicht die Rasse, die durch die
frühere Zivilisation erzogen und erblich verändert wurde, welche die
neue Zivilisation beginnt, sondern eine frische, tiefer stehende Rasse.
Es sind die Barbaren des einen Zeitalters, welche die zivilisierten Menscheu
des nächsten waren, um ihrerseits wieder von frischen Barbaren abgelöst
zu werden. Denn bisher ist stets der Fall eingetreten, daß die Menschen
unter dem Einflüsse der Zivilisation erst fortgeschritten und dann ent-
        <pb n="366" />
        ﻿Kap. I.

Die herrschende Theorie des menschlichen Fortschrittes.

353

arteten. Der heutige zivilisierte Mensch ist dem Unzivilisierten weit
überlegen, aber das war in der Zeit seiner Kraft der zivilisierte Mensch
jeder toten Zivilisation. Allein es bestehen Dinge wie Laster, Verderbnisse,
Lntnervungen der Zivilisation, die über einen gewissen Punkt hinaus
sich bisher stets gezeigt haben. Jede von Barbaren überwältigte Zivili-
sation ist in Wirklichkeit durch innere Fäulnis umgekommen.

Diese allgemeingültige Tatsache beseitigt, wenn sie anerkannt
wird, die Theorie, daß der Fortschritt durch erbliche Übertragung statt-
finde. Überblicken wir die Weltgeschichte, so fällt die Linie des größten
Fortschrittes nirgends auf längere Zeit mit der Linie der Erblichkeit
zusammen. Aus jeder einzelnen Linie der Erblichkeit scheint der Rückgang
stets dem Fortschritt zu folgen.

Müssen wir daher sagen, daß es ebensowohl ein Leben der Nationen
oder Rassen, wie der einzelnen gebe; daß jede soziale Gemeinschaft
sozusagen eine gewisse Summe von Kraft habe, deren Verausgabung
den Verfall notwendig macht? Dies ist eine alte, weitverbreitete Vor-
stellung, die noch immer vielfach gehegt wird und die auch aus den
Schriften der Anhänger der Entwicklungslehre noch beständig hervor-
schaut, obwohl sie ihrer Theorie zu widerstreiten scheint. Zn der Tat
sehe ich nicht ein, warum dieselbe nicht unter die Bezeichnungen Stoff
und Bewegung sollte gebracht werden können, so daß sie sich in die
Generalisationen der Evolution einfügte. Denn wenn wir die Individuen
als Atome betrachten, so ist die Entwicklung der Gesellschaft „eine Er-
gänzung (Integration) des Stoffes und der damit verbundenen Zer-
streuung von Bewegung, während welcher der Stoff aus einer unbe-
stimmten, unzusammenhängenden Gleichartigkeit zu einer bestimmten,
zusammenhängenden Vielartigkeit übergeht, und während welcher die
zurückgehaltene Bewegung eine ähnliche Umgestaltung erfährt"*). Und
so kann man eine Analogie zwischen dem Leben einer Gesellschaft und
dem Leben eines Sonnensystems auf die Nebelhypothese gründen,
Wie die Wärme und das Licht der Sonne erzeugt werden durch die Ver-
einigung von Atomen, die Bewegung entwickeln, welche schließlich auf-
hört, wenn die Atome mit der Zeit zu einem Zustande des Gleich-
gewichts oder der Ruhe gelangen und darauf ein Zustand der Unbeweg-
lichkeit folgt, der neuerdings nur durch den Anstoß äußerer Kräfte unter-
brochen werden kann, welche den Evolutionsprozeß umkehren, die
Bewegung ergänzen und den Stoff in Form von Gasen zerstreuen,
um wieder aus deren Kondensierung Bewegung zu entwickeln —
fbenso, kann man sagen, entwickelt die Vereinigung von Individuen
in einem Staate eine Kraft, die das Licht und die Wärme der Zivili-
sation hervorbringt; wenn aber dieser Prozeß aufhört und die indivi-
duellen Bestandteile zu einem Zustande des Gleichgewichts gebracht
werden und ihre feststehenden Plätze einnehmen, so erfolgt Versteinerung,

*) Herbert Spencers Definition der Entwicklung, „First Principles“, 5. 396.
©eorge, Fortschritt und Armut.

23
        <pb n="367" />
        ﻿354

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes,

Buch X,

und es bedarf der Lockerung und des Zuflusses fremder Elemente, die
durch einen Einfall von Barbaren verursacht werden, um den Prozeß
von vorn wieder anzufangen und ein neues Gedeihen der Zivilisation
herbeizuführen.

Indes Analogien find die gefährlichsten Denkmethoden. Sie
können Ähnlichkeiten miteinander verbinden und doch die Wahrheit
entstellen oder verbergen. Und alle solche Analogien sind oberflächlich.
Solange seine Mitglieder beständig in all der frischen Kraft der Jugend
wieder hervorgebracht werden, kann ein Staat nicht altern, wie es durch
die Abnahme seiner Kräfte beim Menschen geschieht. Da die Gesamtkraft
eines Staates die Summe der Kräfte seiner individuellen Bestandteile
sein muß, kann er nicht an Lebenskraft verlieren, wenn sich nicht die
Lebenskraft seiner Bestandteile vermindert.

Trotzdem ist sowohl in der gewöhnlichen Analogie, die die Lebens-
kraft eines Volkes der eines einzelnen vergleicht, als auch in der von mir
angenommenen die Anerkennung einer unleugbaren Wahrheit verborgen,
nämlich, daß die Hindernisse, welche schließlich dem Fortschritte Halt
gebieten, durch den Gang desselben hervorgerufen werden; daß der
Umstand, der alle früheren Zivilisationen zerstört hat, in den Beding-
ungen lag, welche durch die Zunahme der Zivilisation selbst erzeugt
wurden.

Dies ist eine Wahrheit, die man in der herrschenden Philosophie
ignoriert; aber es ist eine ganz einleuchtende Wahrheit. Jede haltbare
Theorie des menschlichen Fortschrittes muß dieselbe erklären.

Kapitel II.

Die Unterschiede in der Zivilisation; worauf dieselben zurück-
zuführen sind.

wenn man das Gesetz des menschlichen Fortschrittes zu finden
sucht, muß der erste Schritt sein, die wesentliche Natur jener Unter-
schiede zu bestimmen, welche wir als Unterschiede in der Zivilisation
bezeichnen.

Daß die herrschende Philosophie, welche den sozialen Fortschritt
Veränderungen in der Natur des Menschen zuschreibt, mit den histo-
rischen Tatsachen nicht übereinstimmt, haben wir schon gesehen. Auch
können wir bei genauerer Betrachtung sehen, daß die Unterschiede
zwischen Staaten auf verschiedenen Stufen der Zivilisation nicht an-
geborenen Unterschieden der diese Staaten ausmachenden Individuen
zugeschrieben werden dürfen. Daß natürliche Unterschiede vorhanden
sind, ist allerdings richtig, und daß es etwas gibt wie erbliche Über-
        <pb n="368" />
        ﻿Die Unterschiede in der Zivilisation.

tragung von Eigentümlichkeiten, ist gleichfalls unzweifelhaft richtig;
aber die großen Unterschiede unter den Menschen in verschiedenen
Gesellschaftszuständen können nicht auf diese weise erklärt werden
Der Einfluß der Erblichkeit, den man nach heutiger Mode so hoch ver-
anschlagt, ist nichts im vergleich mit den Einflüssen, welche den Menschen
formen, nachdem er in die Welt getreten ist. was wird mehr zur Gewohn-
heit als die Sprache, die nicht bloß ein automatisches Spiel der Muskeln,
sondern ein Vermittler des Denkens wird? was hat längere Dauer
oder gibt schneller die Nationalität kund? Dennoch werden wir mit
keiner Anlage für eine besondere Sprache geboren. Unsere Mutter-
sprache ist nur unsere Muttersprache, weil wir sie in der Kindheit lernten.
Obgleich die Ahnen eines Kindes zahllose Generationen hindurch in
ein und derselben Sprache gedacht und geredet haben, wird dasselbe,
wenn es von Anfang an nichts anderes hört, ebenso leicht irgendeine
andere Sprache lernen. Und dasselbe gilt von anderen nationalen,
lokalen oder Klassen-Ligentümlichkeiten. Sie sind Dinge der Erziehung
und Gewohnheit, nicht der Übertragung. Die Fälle von weißen Kindern,
die in der Kindheit von Indianern gefangen und im Wigwam auferzogen
wurden, zeigen dies. Sie wurden vollkommene Indianer. Und das-
selbe, glaube ich, ist mit den von Zigeunern auferzogenen Kindern
der Fall.

Daß dies nicht in gleichem Maße der Fall ist mit Kindern von
Indianern oder anderer bestimmt gekennzeichneter Rassen, die von
Weißen aufgezogen werden, liegt meines Erachtens an dem Umstande,
daß sie nie ganz so wie weiße Kinder behandelt werden. Ein Lehrer
der einmal in einer Schule Farbiger Unterricht erteilt hatte, sprach
sich gegen mich dahin aus, daß die farbigen Kinder bis zum Alter von
zehn oder zwölf Jahren sogar gescheiter seien und besser lernten als
weiße Kinder, später aber stumpf und nachlässig würden. Er hielt dies
für einen Beweis angeborener Inferiorität der Rasse, und ich stimmte
dem damals bei. Später jedoch hörte ich einen hochgebildeten schwarzen
Herrn (Bischof Hillery) beiläufig eine Bemerkung machen, die mir
die Sache hinlänglich zu erklären scheint. Er sagte: „Solange unsere
Kinder jung sind, sind sie völlig so hell wie weiße Kinder und lernen eben-
so leicht. Sobald sie jedoch alt genug werden, um ihre gesellschaftliche
Stellung zu ermessen, einzusehen, daß man sie als eine untergeordnete
Kasse betrachtet, und daß sie nie hoffen dürfen, etwas anderes als Köche
Kellner oder dergleichen zu werden, verlieren sie ihren Ehrgeiz und
hören auf, sich Mühe zu geben." Er hätte noch hinzufügen können,
daß, da sie die Kinder armer, ungebildeter und anspruchsloser Eltern
sind, häusliche Einflüsse ungüstig auf sie einwirken. Denn ich glaube,
es ist allgemein zu beobachten, daß in der ersten Erziehung die Kinder
unwissender Eltern gerade so empfänglich sind als die gebildeter Eltern,
über allmählich gewinnen in der Regel die letzteren einen Vorsprung
und werden die intelligentesten Männer und Frauen. Der Grund ist

23*
        <pb n="369" />
        ﻿556

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

sehr einfach. Solange es sich um die einfachsten Dinge handelt, welche
sie nur in der Schule lernen, find sie auf gleicher Stufe, sobald ihre Studien
aber verwickelter werden, hat dasjenige Kind, welches zu Hause an eine
gute Aussprache gewöhnt wird, bildende Unterhaltungen hört, zu Büchern
Zugang hat, Fragen beantwortet erhalten kann usw., einen nicht zu
unterschätzenden Vorteil.

Das Nämliche kann man später im Leben sehen. Ulan nehme
einen Ulann, der sich aus den Reihen der gewöhnlichen Arbeiter selbst
emporgeschwungen hat, so wird er in dem Maße, wie er mit Leuten
von Bildung und Stellung in Berührung kommt, gebildeter und ver-
feinerter werden. Man nehme zwei Brüder an, Söhne armer Eltern,
in derselben Familie und auf dieselbe Weise erzogen. Der eine wird
zu einem harten Geschäft angehalten und kommt nie darüber hinaus,
sein täglich Brot durch schwere Arbeit verdienen zu müssen; der andere
fängt als Laufbursche an, gewinnt in anderer Richtung einen Vorsprung
und wird schließlich ein erfolgreicher Advokat, Kaufmann oder Politiker.
Mit vierzig oder fünfzig Jahren wird der Abstand zwischen ihnen auf-
fallend sein, und der Gedankenlose wird denselben der größeren natür-
lichen Fähigkeit zuschreiben, die den einen in den Stand gesetzt habe,
dermaßen voranzukommen. Aber ein geradeso auffallender Unterschied
in Sitten und Bildung wird zwischen zwei Schwestern ersichtlich sein,
von denen die eine einen Mann heiratete, der arm blieb, und die ihr
Leben mit niederen Sorgen und im ewigen Einerlei verbringen muß,
während die andere einen Mann heiratete, dessen spätere Stellung
sie in gebildete Gesellschaft bringt und ihr Gelegenheiten eröffnet, die
den Geschmack verfeinern und den Verstand entwickeln. Ebenso lassen
sich Verschlechterungen beobachten. Daß „schlechte Beispiele gute Sitten
verderben", ist nur ein Ausdruck des allgemeinen Gesetzes, daß der
menschliche Lharakter durch die Verhältnisse und Umgebungen außer-
ordentlich beeinflußt wird.

Ich erinnere mich, in einem brasilianischen Hafenplatz einmal
einen Neger gesehen zu haben, dessen Anzug augenscheinlich nach der
neuesten Mode sein sollte, nur fehlten ihm Schuhe und Strümpfe.
Einer der Seeleute, mit denen ich ging und der einige Fahrten im
Sklavenhandel gemacht hatte, entwickelte die Theorie, daß ein Neger
kein Mensch sei, sondern eine Art Affe, und wies auf diesen Neger als
sichtbaren Beweis hin, indem er behauptete, es sei für einen Neger
nicht natürlich, Schuhe zu tragen, und im wilden Zustande würde er
überhaupt gar keine Kleider tragen. Später hörte ich aber, daß es dort
als unpassend für Sklaven betrachtet wird, Schuhe zu tragen, gerade wie
es in England als unpassend für einen tadellos gekleideten Kellner
betrachtet werden würde, Juwelen zu tragen, obwohl ich oft genug
Leute gesehen habe, die sich ganz nach Belieben kleiden konnten und doch
ein ebensowenig zusammenstimmendes Bild zeigten wie der brasilia-
nische Neger. Aber eine große Menge der als Beispiele erblicher Uber-
        <pb n="370" />
        ﻿Kap. XL

Die Unterschiede in der Zivilisation.

357

tragung angeführten Tatsachen haben in Wirklichkeit nicht mehr Gewicht,
als die hier angeführte Ansicht unseres Vorderdeck-Darwinianers
g Daß z. B. eine große Anzahl von Verbrechern und Almosenempfän-
gern in New pork nachweislich bis drei oder vier Generationen zurück
von verarmten abstammen, wird vielfach als Beispiel erblicher Über-
tragung angeführt. Allein dies beweist nichts dergleichen, umsoweniger
als eine angemessenere Erklärung der Dinge näher liegt. Bettler werden
Bettler ausziehen, selbst wenn die Rinder nicht ihre eigenen sind, gerade
wie familiäre Berührung mit |t)erbre^^em aus Rindern der tugend-
haftesten Eltern Verbrecher machen wird Sich auf Almosen verlassen
lernen, heißt notwendig die^ Selbstachtung und Unabhängigkeit verlieren,
die, wenn der Rampf hart ist, zum Selbstvertrauen nötig sind. So wahr
ist dies, daß, wie allbekannt, die Mildtätigkeit die Wirkung hat, den
Anspruch aus dieselbe zu erhöhen, und es ist eine offene Frage, ob öffent-
liche Unterstützungen und privatälmosen deshalb nicht viel mehr schaden
als nützen. Und dasselbe ist es mit der Anlage der Rinder, dieselben
Gefühle, Neigungen, Vorurteile oder Talente wie ihre Eltern zu zeigen.
Sie saugen diese Anlagen ein, genau so wie sie Gewöhnungen ihres
Umganges annehmen. Und die Ausnahmen, wo Abneigung oder Wider-
willen erregt werden, bestätigen nur die Regel

Ls gibt aber, glaube ich, noch einen feineren Einfluß, der oft das-
jenige erklärt, was man als Atavismus betrachtet — denselben Ein-
fluß, der dem jugendlichen Leser von Räubergeschichten den Wunsch
eingibt, ein Räuber zu werden. Ich kannte einmal einen Herrn, in
dessen Adern das Blut indianischer Häuptlinge rann. Er pflegte mir
Geschichten zu erzählen, die er von seinem Großvater gelernt hatte,
und welche die einem Weißen schwer verständlichen Gewohnheiten der
Indianer erläuterten — den mächtigen aber geduldigen Blutdurst des
Pfadläufers und die Geistesstärke der am Marterpfahl Stehenden.
Nach der Art und weise, wie er sich darüber aussprach, bezweifle ich
keinen Augenblick, daß er, ein so hochgebildeter, zivilisierter Mann er
war, unter gewissen Umständen Lharakterzüge gezeigt haben würde,
die man seinem indianischen Blute zugeschrieben hätte, die aber in
Wirklichkeit durch das Brüten seiner Phantasie über die Taten seiner
Ahnen ausreichend zu erklären gewesen wären*).

In jedem großen Volke können wir zwischen verschiedenen Rlassen
und Gruppen Unterschiede gleicher Art finden wie die, welche zwischen
pölkern bestehen, die wir in verschiedenem Grade zivilisiert nennen.—
Unterschiede des Wissens, des Glaubens, der Gebräuche, des Geschmackes
und der Sprache, die in ihren Extremen unter Menschen der gleichen
Aasse und des gleichen Landes fast ebenso große Verschiedenheiten

*) Wordsworth hat in hochpoetischer Form auf diesen Einfluß hingedeutet: „Die
rostenden Harnische seiner Hallen rufen das Blut der Llifford an; unterwirf' die Schotten,
wahnt die Lanze; trag' mich ins Herz des Frankenreiches ist das Sehnen des Schildes."
        <pb n="371" />
        ﻿358

Buch X.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

zeigen wie zwischen zivilisierten und wilden Völkern, wie alle Stadien
der sozialen Entwicklung, vorn Steinzeitalter aufwärts, noch jetzt bei
Völkern der Gegenwart zu finden sind, so finden sich auch in ein und
demselben Lande, ja in ein und derselben Stadt nebeneinander Gruppen,
welche ähnliche Verschiedenheiten zeigen. In Ländern wie England
und Deutschland sprechen Rinder der gleichen Rasse, am gleichen Orte
geboren und erzogen, die Sprache verschieden, haben verschiedenen
Glauben, folgen verschiedenen Sitten und zeigen verschiedenen Geschmack;
und selbst in einem Lande wie die Vereinigten Staaten können Unter-
schiede gleicher Art, wenn auch nicht gleichen Grades, zwischen verschie-
denen Rreisen und Gruppen gefunden werden.

Diese Unterschiede sind aber sicher nicht angeboren. Rein Säugling
wird als Methodist oder Ratholik oder mit einer Anlage zum bjoch- oder
jAattsprechen geboren. Alle diese Unterschiede, welche verschiedene
Gruppen und Rreise auszeichnen, rühren von der engeren Gemeinschaft
in diesen Rreisen her.

Die Ianitscharen wurden aus Jünglingen gebildet, die man im
frühen Alter christlichen Eltern entrissen hatte, aber nichtsdestoweniger
waren sie fanatische Muselmänner und nichtsdestoweniger zeigten sie
alle türkischen Lharakterzüge; die Jesuiten und andere Orden zeigen
einen bestimmten Lharakter, aber derselbe ist sicher nicht durch erbliche
Übertragungen verewigt; und selbst solche Verbindungen wie Schulen
und Regimenter, deren Bestandteile nur kurze Zeit beieinander bleiben
und fortwährend wechseln, zeigen allgemeine Merkmale, die das Ergebnis
geistiger, durch die enge Gemeinschaft fortgepflanzter Eindrücke sind.
Es ist diese Gesamtheit von Überlieferungen, Glauben, Sitten, Gesetzen,
Gewohnheiten und Gemeinschaften, wie sie in jedem Volke entstehen
und jeden einzelnen umgeben —diese „superorganische ^Umgebung", wie
Herbert Spencer es nennt —, was nach meinem Dafürhalten den
Nationalcharakter hauptsächlich bestimmt. Viel mehr als erbliche Über-
tragung ist es dies, was den Engländer vom Franzosen, den Deutschen
vom Italiener, den Amerikaner vom Lhinesen und den zivilisierten
Menschen vom wilden unterscheidet. Dies ist die Art und weise, auf
welche nationale Lharakterzüge erhalten, ausgedehnt oder verändert
werden.

Die erbliche Übertragung kann innerhalb gewisser Grenzen (oder
wenn man lieber will, an sich ohne Grenzen) Eigenschaften entwickeln
oder ändern; allein dies ist mit den körperlichen Eigenschaften des
Menschen weit mehr als mit den geistigen, und mit den Tieren weit
mehr der Fall als mit den körperlichen Eigenschaften des Menschen-
Folgerungen aus der Züchtung von Tauben oder Rindern werden aus
einem klaren Grunde nicht auf den Menschen passen. Das Leben des
Menschen, selbst in seinem rohesten Zustande, ist unendlich verwickelter.
Er ist beständig durch eine unendlich größere Anzahl von Einflüssen
bewegt unter welchen der relative Einfluß der Erblichkeit immer geringer
        <pb n="372" />
        ﻿Aap. II.

Die Unterschiede in der Zivilisation.

359

wird. Ein Menschenstamm mit keiner größeren geistigen Tätigkeit
als die Tiere —ein Stamm von Menschen, die nur essen, trinken, schlafen
und sich fortpflanzen — dürfte, wie ich nicht bezweifle, durch sorgfältige
Behandlung und Zuchtwahl im verlaufe der Zeit an körperlicher Ge-
stalt und Eigentümlichkeit ebenso große Verschiedenheiten zeigen, wie
ähnliche Mittel dies bei den Haustieren bewirkt haben. Aber es gibt
keine solche Menschen; und bei den Menschen, wie sie sind, würden geistige
Einflüsse, durch den Geist auf den Körper einwirkend, beständig den
Prozeß unterbrechen. Man kann einen Menschen, dessen Geist an-
gespannt ist, nicht fett machen, wenn man ihn einsperrt und füttert,
wie man ein Schwein füttert. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die
Menschen länger auf der Erde als viele Arten der Tiere. Sie sind von-
einander getrennt gewesen unter Verschiedenheiten des Klimas, die
bei den Tieren die gewaltigsten Unterschiede hervorbringen, und doch
sind die körperlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschen-
rassen kaum größer als der zwischen weißen und schwarzen Pferden,
sicherlich nicht entfernt so groß als zwischen funden der verschiedenen
Abarten, wie z. B. den verschiedenen Arten von Dachs- und Hühner-
hunden. Und selbst die körperlichen Verschiedenheiten zwischen den Men-
schenrassen wurden, wie diejenigen behaupten, welche sie durch natürliche
Zuchtwahl und erbliche Übertragung erklären, zu einer Zeit hervor-
gebracht, wo der Mensch dem Tiere viel näher stand, d. h. als er weniger
Geist hatte.

)st dies aber mit der körperlichen Verfassung des Menschen der
Fall, in wieviel höherem Grade ist es der Fall mit seiner geistigen Ver-
fassung? Unsere körperlichen Bestandteile bringen wir sämtlich mit auf
die Welt; jedoch der Geist entwickelt sich später.

In der Entwicklung aller Organismen gibt es ein Stadium, in
welchem man, ohne die Entstehung anderweitig zu kennen, nicht sagen
kann, ob das im werden begriffene Tier einen Fisch, ein Reptil, einen
Affen oder einen Menschen geben wird. Und so ist es auch mit dem
neugeborenen Kinde; ob der Geist, welcher erst zum Bewußtsein und zur
Kraft erweckt werden soll, englisch oder deutsch, amerikanisch oder chine-
sisch, der Geist eines zivilisierten Menschen oder eines wilden werden
wird, hängt lediglich von der sozialen Umgebung ab, in die er gestellt wird.

Man nehme eine Anzahl Kinder höchstzivilisierter Eltern und bringe
sie nach einem unbewohnten Tande. Angenommen, sie werden auf
eine wunderbare weise erhalten bis sie das Alter erreichen, um selbst
für sich sorgen zu können, was würde man finden? hilflosere wilde als
alle, die wir kennen. Sie würden das Feuer zu entdecken, die ursprüng-
lichsten Waffen und Werkzeuge zu erfinden, sich eine Sprache zu bilden
haben. Kurz, sie würden den weg zu den einfachsten Kenntnissen,
welche die niedrigsten Rassen jetzt besitzen, geradeso strauchelnd zu suchen
haben, wie ein Kind laufen lernt. Daß sie mit der Zeit alle diese Dinge
Eun würden, bezweifle ich nicht im mindesten, denn alle diese Fähigkeiten
        <pb n="373" />
        ﻿360

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

sind inr inenschlichen Geiste ebenso latent, wie die Gabe des Laufens
inr nrenschlichen Körper, aber ich glaube nicht, daß sie sie besser oder
schlechter, schneller oder langsamer machen würden als die in gleiche
Lage versetzten Kinder von Wilden. Es seien die allerhöchsten geistigen
Fähigkeiten gegeben, welche außerordentliche Menschen je entfaltet
haben, aber was würde aus der Menschheit geworden sein, wenn eine
Generation von der nächsten durch einen Zeitraum getrennt wäre, wie
die nur alle s? Jahre erscheinenden Heuschrecken? Ein solcher Zwischen-
raum würde die Menschheit nicht bloß zur Wildheit, sondern auf einen
Zustand zurückführen, im Vergleich zu welchem die Wildheit, wie wir
sie kennen, als Zivilisation erscheinen würde.

Umgekehrt nehme man an, daß eine Anzahl Kinder von wilden
ohne Vorwissen der Mütter (denn auch dies wäre nötig, um das Experi-
ment einwandfrei zu machen) mit ebenso vielen Kindern Zivilisierter
vertauscht würde, können wir annehmen, daß sie beim Aufwachsen
irgendeinen Unterschied zeigen würden? Ich glaube, niemand, der viel
mit verschiedenen Völkern und Klassen zu tun gehabt hat, wird dies
annehmen. Die große Lehre, die daraus zu ziehen ist, besagt, daß „die
menschliche Natur über die ganze Erde gleich ist". Und diese Lehre ist
auch aus Büchern zu schöpfen. Ich rede nicht sowohl von den Berichten
der Reisenden, denn die Schilderungen der Wilden durch die zivilisierten
Leute, welche Bücher schreiben, sind sehr oft derartige, wie sie die Wilden
von uns machen würden, falls sie im Fluge zu uns kämen und dann
Bücher schrieben; sondern ich rede von jenen Denkmalen des Lebens
und Denkens anderer Zeiten und anderer Völker, die, in unsere heutige
Sprache übertragen, gleichsam Schimmer unseres eigenen Lebens
und Strahlen unseres eigenen Denkens sind. Das Gefühl, welches
sie einflößen, ist das der wesentlichen Gleichartigkeit der Menschen.
„Dies", sagt Lmanuel Deutsch, „ist das Ende aller Forschung in Ge-
schichte und Kunst. Sie waren geradeso, wie wir sind."

Es gibt ein Volk, das in allen Teilen der Welt zu finden ist und
das ein gutes Beispiel dafür liefert, welche Eigentümlichkeiten der
erblichen Übertragung und welche der Übertragung durch Assoziation
zuzuschreiben sind. Die Juden haben die Reinheit ihres Blutes ängstlicher
und viel länger bewahrt als irgendeine der europäischen Rassen, dennoch
möchte ich glauben, daß das einzige darauf zurückzuführende Merkmal
dasjenige der Physiognomie ist, und selbst dies ist in Wirklichkeit viel
weniger ausgeprägt, als man gewöhnlich annimmt, wie jeder, der sich
die Mühe geben will, selbst beobachten kann. Obgleich sie beständig
unter sich geheiratet haben, sind die Juden doch überall durch ihre Um-
gebung beeinflußt worden — die englischen, russischen, polnischen,
deutschen und orientalischen Juden weichen in vielen Beziehungen
voneinander ebensosehr ab wie die Völker dieser Länder selbst.
Dennoch haben sie viel miteinander gemein und haben überall ihre
Individualität bewahrt. Die Ursache ist klar. Es ist die hebräische Religion
        <pb n="374" />
        ﻿Kap. II.

Die Unterschiede in der Zivilisation.

36?

— und sicher wird die Religion nicht durch Zeugung, sondern durch
Assoziation übertragen — die überall die Eigentümlichkeit der hebräischen
Rasse erhalten hat. Diese Religion, welche auf die Rinder kommt, nicht
wie ihre physischen Merkmale, sondern durch Lehre und Gemeinschaft,
ist nicht bloß in ihren Lehren exklusiv, sondern hat durch Erzeugung
von Argwohn und Haß einen mächtigen äußeren Druck hervorgerufen,
der noch mehr als ihre Vorschriften aus den Juden überall einen Staat
im Staate gemacht hat. So waren gewissermaßen Mauern um sie auf-
gebaut, innerhalb deren sich ein eigentümlicher Charakter entwickelte.
Das jüdische Unter-Sich-Heiraten war die Wirkung, nicht die Ursache
davon, was die Verfolgung, die fast soweit ging, jüdische Rinder ihren
Eltern fortzunehmen und sie außerhalb ihrer eigentlichen Umgebung
zu erziehen, nicht vollbringen konnte, wird durch die verminderte Stärke
des religiösen Glaubens vollbracht werden, wie dies in den vereinigten
Staaten schon bemerkbar ist, wo der Unterschied zwischen Juden und
Heiden zusehends verschwindet.

Es scheint mir auch, daß der Einfluß dieses sozialen Netzes oder
dieser Umgebung den Umstand erklärt, der so oft als Beweis von Rasse-
unterschieden angesehen wird — nämlich den Widerstand, den weniger
zivilisierte Rassen der Annahme höherer Zivilisation leisten, und die
Art und weise, in welcher einige dieser Rassen vor der Zivilisation so-
zusagen wegschmelzen. Genau so lange wie eine einzige soziale Um-
gebung fortdauert, macht sie es auch den ihr Unterworfenen schwer oder
unmöglich, eine andere anzunehmen.

Der chinesische Charakter ist so stabil wir irgendeiner. Dennoch
eignen sich die Chinesen in Ralifornien amerikanische Arbeits- und
Handelsmethoden, den Gebrauch von Maschinen usw. mit einer Leichtig-
keit an, die beweist, daß sie keiner Biegsamkeit oder natürlichen Fähigkeit
ermangeln. Daß sie sich in anderer Beziehung nicht ändern, liegt an
der chinesischen Umgebung, die noch fortdauert und sie noch umgibt,
lvenn sie von China kommen, so beabsichtigen sie dahin zurückzukehren,
und während ihres Aufenthaltes in Amerika leben sie wie in einem
kleinen China, gerade wie die Engländer in Indien ein kleines England
behalten. Nicht bloß, daß wir naturgemäß Verkehr mit denen suchen,
die unsere Eigenart teilen und daß so Sprache, Religion und Sitten sich
erhalten, wo einzelne sich nicht gänzlich isolieren; sondern diese Unter-
schiede rufen auch einen äußeren Druck hervor, der zu einer derartigen
Assoziation zwingt.

Diese einleuchtenden Gründe erklären vollständig alle die Erschei-
nungen, welche bei dem Aufeinandertreffen einer Rultur und einer
anderen zutage treten, ohne daß man zu der Theorie der eingewurzelten
Unterschiede zu greifen braucht, wie die vergleichende Sprachwissen-
schaft bewiesen hat, ist z. B. der Hindu von gleicher Rasse wie sein eng-
lischer Eroberer, und die Beispiele einzelner haben sattsam bewiesen, daß,
wenn er vollständig und ausschließlich in englische Umgebung versetzt
        <pb n="375" />
        ﻿■362	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	Buch X.

werden könnte (was, wie gesagt, vollständig nur zu erreichen wäre, wenn
man Rinder in der weise in englische Familien verpflanzte, daß weder
sie noch ihre Umgebung sich eines Unterschiedes bewußt wären), eine
Generation völlig genügen würde, um ihm ganz und gar europäische
Zivilisation einzuimpfen. Der Fortschritt englischer Denkweise und
Litte muß dagegen in Indien notwendig sehr langsam sein, weil sie
dort auf das Gewebe von Denken und Litten stoßen, welches durch eine
ungeheure Bevölkerung beständig fortgepflanzt und mit allen Hand-
lungen des Lebens verwoben wird.

Bagehot („Physics and Politics“) sucht den Grund, warum die
Barbaren vor unserer Zivilisation hinschwinden, während sie es vor
derjenigen der Alten nicht taten, durch die Annahme zu erklären, daß
der Fortschritt der Zivilisation uns zähere physische Konstitutionen ver-
liehen habe. Nachdem er erwähnt hat, daß in keinem klassischen Schrift-
steller ein Bedauern um die Barbaren ausgesprochen werde, sondern
daß der Barbar überall die Berührung mit dem Römer aushielt und
der Römer sich mit dem Barbaren verband, sagt er (5. 47—48):

„Wilde im ersten Jahr der christlichen Zeitrechnung waren ungefähr das, was
sie im achtzehnten Jahrhundert waren, und wenn sie die Berührung mit den zivili-
sierten Völkern des Altertums ertrugen, dagegen die mit uns nicht aushalten, so folgt
daraus, daß vermutlich unsere Rasse zäher ist als die des Altertums, denn wir haben
die Aeime schwererer Krankheiten zu ertragen als die Alten sie mit sich führten, und
ertragen sie. Wir können vielleicht den unveränderlichen Wilden als einen Maßstab
benutzen, um daran die Stärke der Konstitution zu messen, deren Berührung er aus-
gesetzt wird."

Bagehot versucht nicht zu erklären, wie es kommt, daß vor 1.800
Jahren die Zivilisation nicht denselben relativen Vorteil über die Bar-
barei verlieh wie jetzt. Doch es ist unnütz, davon zu reden oder den Mangel
an jedem Beweise hervorzuheben, daß die menschliche Konstitution
sich auch nur um einen Deut verbessert habe. Jedem, der gesehen hat
wie die Berührung unserer Zivilisation die niedrigeren Rassen beein-
flußt, wird sich eine näher liegende, aber freilich weniger schmeichelhafte
Erklärung aufdrängen.

Nicht weil unsere Konstitutionen von Natur zäher wären als die
des wilden, sind Krankheiten, die für uns verhältnismäßig unschädlich
sind, der sichere Tod für ihn, sondern weil wir diese Krankheiten kennen
und Heilmittel dagegen haben, während er sowohl der Kenntnis, wie der
-Heilmittel bar ist. Die nämlichen Leuchen, welche der Abschaum und
das vordertreffen der Zivilisation den wilden einimpft, würden sich für
zivilisierte Menschen ebenso verheerend beweisen, wenn sie nichts anderes
zu tun wüßten, als denselben ihrenLauf zu lassen, wie es derwilde in seiner
Unwissenheit tun muß; und tatsächlich waren sie bei uns ebenso verheerend,
bis wir entdeckten, wie sie zu behandeln sind. Überdies ist es die Wirkung
des Aufeinandertreffens der Zivilisation mit der Barbarei, die Kräfte
^.es, P?^eTl 3U schwächen, ohne ihn in die Lage zu versetzen, welche dein
zivilisierten Menschen Macht verleiht, während seine Litten und Ge-
        <pb n="376" />
        ﻿Aap. II.

Die Unterschiede in der Zivilisation.

363

brauche noch fortzudauern streben und, soweit es geht, wirklich fortdauern,
werden die Verhältnisse, denen sie sich anschmiegten, gewaltsam ver-
ändert. Er ist ein Jäger in einem Land ohne wild, ein seiner Waffen
beraubter Krieger, der mit den Kniffen der Gesetze hantieren soll. Er
ist nicht nur zwischen verschiedene Kulturen gestellt, sondern, wie es
Bagehot von den Europäern gemischter Abstammung in Indien sagt,
zwischen verschiedene Sittengesetze gestellt und lernt die Laster der Zivili-
sation ohne ihre Tugenden. Er verliert seine gewohnten Unterhalts-
mittel, er verliert die Selbstachtung, er verliert die Moralität; er verkommt
und stirbt dahin. Die elenden Geschöpfe, welche man in den Städten
oder auf den Eisenbahnstationen der Grenze herumlungern sieht, bereit
zu betteln, zu stehlen oder sich zu einem noch niederträchtigeren Geschäft
anzubieten, sind keine rechten Muster des Indianers, ehe der Weiße
auf seinen Iagdgründen vordrang. Sie haben die Kraft und Tugenden
ihres früheren Zustandes verloren, ohne diejenigen eines höheren dafür
wiederzugewinnen. In der Tat zeigt die Zivilisation, welche die Rothäute
vertreibt, keine Tugenden. Für den Angelsachsen der Grenze hat der
Eingeborene in der Regel keine Rechte, die der weiße Mann zu achten
verpflichtet wäre. Er wird arm gemacht, mißverstanden, betrogen und
mißhandelt. Er stirbt aus, wie unter gleichen Verhältnissen auch wir
aussterben würden. Er verschwindet vor der Zivilisation, wie der roma-
nisierte Brite vor der sächsischen Barbarei verschwand.

Der wahre Grund, warum in keinem klassischen Schriftsteller ein
Bedauern um den Barbaren ausgesprochen wird, sondern wärmn die
römische Zivilisation ihn eher assimilierte als vernichtete, liegt meines
Erachtens nicht bloß darin, daß die Zivilisation der Alten der Barbarei,
aus die sie stieß, viel näher stand, sondern in dem noch wichtigeren Um-
stande, daß sie nicht in der weise ausgebreitet wurde, wie die unsrige.
Nicht durch eine vorrückende Linie von Kolonisten wurde sie vorwärts
gerückt, sondern durch Eroberung, welche die neud Provinz bloß unter-
warf, aber die soziale und gewöhnlich auch die politische Verfassung des
Volkes großenteils bestehen ließ, so daß der Assimilationsprozeß ohne
Erschütterung oder Verschlechterung vor sich ging. In ziemlich ähnlicher
Weise scheint die Zivilisation Japans sich jetzt der europäischen Zivili-
sation zu assimilieren.

In Amerika hat der Angelsachse den Indianer ausgerottet, anstatt
ihn zu zivilisieren, einfach weil er den Eingeborenen nicht zu sich herauf-
gezogen hat und weil die Berührung nicht in einer weise erfolgte, daß
die Denkgewohnheiten und Sitten des Indianers sich schnell genug
hätten ändern können, um sich in die neue Läge, in welche er durch die
Nähe unbekannter und mächtiger Nachbarn versetzt wurde, zu finden.
Daß kein angeborenes Hindernis gegen die Aufnahme unserer Zivili-
sation seitens dieser unzivilisierten Rassen vorhanden ist, haben indivi-
duelle Fälle immer und immer wieder dargelegt. Und ebenso ist dies,
soweit man die Experimente gehen ließ, durch die Jesuiten in Paraguay,
        <pb n="377" />
        ﻿Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes,

Buch X.

364

die Franziskaner in Kalifornien und die protestantischen Missionäre
einiger Inseln des Stillen Gzeans bewiesen worden.

Die Annahme eine physischen Rassenvervollkommnung innerhalb
einer §d1, von der wir Kenntnis haben, ist durch nichts verbürgt und
innerhalb der Zeit, von der Bagehot spricht, geradezu widerlegt. Wir
wissen durch die klassischen Statuen, aus den von den Kriegern des
Altertums getragenen Lasten und gemachten Märschen, aus den Be-
richten von wettläufen und gymnastischen Festen, daß die Rasse sich seit
zweitausend Jahren weder an Gestalt noch an Stärke vervollkommnet
hat. Die Annahme geistiger Vervollkommnung, die sogar noch zuver-
sichtlicher und häufiger gehegt wird, ist noch abgeschmackter. Kann
die moderne Zivilisation in Dichtkunst, Malerei, Architektur, Philosophie
Redekunst, in der Politik oder Kriegskunst Männer von größerer geistiger
Kraft ausweisen als die Alten? Ls ist unnütz, Namen anzuführen —
jeder Schulknabe kennt sie. Um Muster und Personifikationen geistiger
Kraft anzuführen, gehen wir auf die Alten zurück. Und wenn wir uns
einen Augenblick die Möglichkeit denken können, die von dem ältesten
und weitverbreitetsten Glauben angenommen wurde —jenem Glauben,
dem Lessing wegen seines Alters und seiner Verbreitung die größte
Wahrscheinlichkeit der Wahrheit zusprach, dem er jedoch aus meta-
physischen Gründen anhing — die Möglichkeit, daß Homer oder Virgil,
Demosthenes oder Licero, Alexander, Hannibal oder Läsar, Plato oder
Lucretius oder Aristoteles im neunzehnten Jahrhundert noch einmal
unter die Lebenden versetzt würden, können wir da wähnen, daß sie
sich den Männern der Jetztzeit untergeordnet zeigen würden? Oder
wenn wir irgendeine, selbst die dunkelste Zeit seit dem klassischen Alter-
tum, oder irgendeine noch frühere Zeit nehmen, von der wir etwas
wissen, finden wir nicht stets Männer, die nach den Verhältnissen und
dem Grade des Wissens ihrer Zeit geradeso hohe geistige Kraft zeigten,
wie die unserer Tage? Und stoßen wir nicht auch heutzutage, wenn
unsere Aufmerksamkeit auf die weniger vorgeschrittenen Rassen gelenkt
wird, unter denselben auf Männer, die nach ihren Verhältnissen ebenso
große geistige Eigenschaften aufweisen, als sie die Zivilisation nur zeigen
kann? Bewies die Erfindung der Eisenbahn zu ihrer Zeit größere Er-
findungskraft, als die Erfindung des Schiebkarrens, als es noch keine
gab? wir Kinder der modernen Zivilisation stehen weit höher als unsere
Vorfahren und als die weniger vorgeschrittenen zeitgenössischen Rassen.
Aber nur weil wir aus einer Pyramide stehen, nicht weil wir größer sind,
was die Jahrhunderte für uns getan haben, besteht nicht darin, daß sie
unsere Statur erhöhten, sondern darin, daß sie einen Bau aufführten,
auf den wir unseren Fuß stellen können.

Um es zu wiederholen: Ich will keineswegs sagen, daß alle Menschen
die gleichen Fähigkeiten besitzen oder geistig gleich sind, sowenig wie ich
sagen will, daß sie physisch gleich sind. Unter all den zahllosen Millionen,
die aus diese Erde gekommen und wieder gegangen sind, waren wahr-
        <pb n="378" />
        ﻿Uap. III.

Die Unterschiede in der Zivilisation.

365

scheinlich nie zwei Menschen, die sich geistig oder körperlich vollkommen
gleich gewesen wären. Auch will ich nicht sagen, daß es nicht geradeso
klar ausgeprägte Rassenunterschiede in geistiger Beziehung gäbe, als es
klar ausgeprägte Rassenunterschiede in körperlicher Beziehung gibt.
Ich leugne keineswegs den Einfluß der Erblichkeit in der Übertragung
geistiger Eigentümlichkeiten auf dieselbe weise und möglicherweise in
demselben Grade, wie körperliche Eigentümlichkeiten vererbt werden.
Nichtsdestoweniger aber gibt es meines Erachtens ein gemeinsames
Niveau und eine natürliche Symmetrie des Geistes wie des Körpers,
nach welchen alle Abweichungen zurückzukehren streben. Die Verhält-
nisse, in die wir gestellt sind, können solche Entstellungen herbeiführen,
wie sie die Flatheads dadurch hervorbringen, daß sie die Köpfe ihrer
Kinder zusammendrücken, oder die Ehinesen dadurch, daß sie ihrer Töchter
Füße einzwängen. Aber wie die Neugeborenen der Flatheads mit
natürlich gestalteten Köpfen und die der Ehinesen mit nnverkrüppelten
Füßen auf die Welt zu kommen fortfahren, so scheint die Natur immer
wieder zu dem normalen geistigen Typus zurückzukehren. Lin Kind
erbt ebensowenig seines Vaters wissen, wie es dessen Glasauge oder
künstliches Bein erbt; das Kind der unwissendsten Eltern kann ein Pionier
der Wissenschaft oder ein Führer des Denkens werden.

Aber die Hauptsache, mit der wir es zu tun haben, ist die, daß
die Unterschiede zwischen den Bevölkerungen räumlich und zeitlich ver-
schiedener Länder, die wir Unterschiede der Zivilisation nennen, keine
Unterschiede sind, die den Individuen, sondern Unterschiede, die der
Gesellschaft anhaften; daß diese Unterschiede sich nicht, wie Herbert
Spencer behauptet, aus Unterschieden der einzelnen ergeben, sondern
aus den Bedingungen hervorgehen, unter welche diese einzelnen in
der Gesellschaft gesetzt sind. Kurz, die Erklärung der Unterschiede, welche
die Volksgemeinschaften kennzeichnen, scheint mir die zu sein: daß
jede Gesellschaft, klein oder groß, sich unvermeidlich ein Gewebe von
Wissen, Glauben, Sitten, Sprache, Neigungen, Einrichtungen und
Gesetzen webt. In dies von jeder Gesellschaft gefertigte Gewebe (oder
vielmehr in diese Gewebe, denn jedes über die niedrigste Stufe bereits
hinausgekommene Gemeinwesen ist aus kleineren Gesellschaften zu-
sammengesetzt, die ineinander übergreifen und miteinander verflochten
sind) wird das Individuum bei der Geburt aufgenommen und verharrt
bis zum Tode darin. Dies ist die Matrize, in der der Geist sich entfaltet
und von der er seinen Stempel erhält. Dies ist die Art und Weise, wie
die Sitten, Religionen, Vorurteile, Geschmacksrichtungen und Sprachen
entstehen und sich fortpflanzen. Dies ist die Art und weise, wie die
Geschicklichkeit übertragen und das wissen aufgespeichert wird und wie
die Entdeckungen einer Zeit den gemeinschaftlichen Vorrat und die be-
queme Schwelle der nächsten bilden. Obwohl dies oft dem Fortschritte
die ernsthaftesten Hindernisse bereitet, so macht es doch andererseits
auch den Fortschritt möglich. Es fetzt den heutigen Schulbuben in den
        <pb n="379" />
        ﻿366	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	Buch X_

Stand, in wenigen Stunden mehr vorn Weltall zu erfahren als ptole-
rnäus davon wußte; es stellt den denkfaulsten Gelehrten weit über das
von dem Riesengeiste eines Aristoteles erreichte Niveau. Ls ist für die
Rasse, was das Gedächtnis für den einzelnen ist. Unsere staunenswerten
Künste, unsere weitreichende Wissenschaft, unsere wunderbaren Er-
findungen — dadurch sind sie ermöglicht worden.

Der menschliche Fortschritt geht in derselben Weise vor sich, wie
die Fortschritte, die von einer Generation gemacht und als Gemeingut
der nächsten vererbt werden, um zum Ausgangspunkt für neue Fort?
schritte zu dienen.

Kapitel III.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

was ist aber nun das Gesetz des menschlichen Fortschrittes —
das Gesetz, unter welchem die Zivilisation vorschreitet?

Dasselbe muß klar und bestimmt, nicht aber durch vage Allgemein-
heiten oder oberflächliche Analogien erklären, warum jetzt so weite
Unterschiede in der sozialen Entwicklung bestehen, obgleich die Mensch-
heit vermutlich mit denselben Fähigkeiten und zu gleicher Zeit ihren
Lauf begann. Dasselbe muß die aufgehaltenen, verfallenen und ver-
nichteten Zivilisationen, sowie das Steigen der Zivilisation und die
versteinerride oder entnervende Kraft erklären, die der Fortschritt der-
Zivilisation bisher stets mit sich gebracht hat. Es muß sowohl den Rück-
schritt wie den Fortschritt, die Unterschiede zwischen den asiatischen
und europäischen, zwischen den klassischen und den modernen Zivilisa-
tionen die verschiedenen Geschwindigkeitsgrade des Fortschrittes und
endlich jene Brüche, Stöße und Haltepunkte des Fortschrittes erklären,,
die als untergeordnete Erscheinungen kenntlich sind. Es muß uns also
zeigen, welches die wesentlichen Bedingungen des Fortschrittes sind
und welche sozialen Einrichtungen denselben fördern oder zurückhalten.

Es ist nicht schwer, ein solches Gesetz zu entdecken, wir brauchen
nur um uns zu blicken und wir können es sehen. Ich mache nicht Anspruch
darauf, demselben wissenschaftliche Präzision zu geben, sondern deute
es nur an.

Die Antriebe zum Fortschritt sind die der menschlichen Natur an-
geborenen Wünsche — der Wunsch, die Bedürfnisse der tierischen Natur,
des geistigen Wesens und des Gemütes zu befriedigen; der Wunsch,
zu sein, zu wissen und zu tun —Wünsche, die bis in die Unendlichkeit
nie befriedigt werden können, da sie durch das, was sie nähert, wachsen.

Der Geist ist das Instrument, durch welches der Mensch fortschreitet
und durch welches jeder Fortschritt, erreicht und zur Gperationsbasis-
        <pb n="380" />
        ﻿Kap. III.	Das Gesetz des menschlichen Lorischrittes.	367“

neuer Fortschritte gemacht wird. Allerdings kann es durch das Denken
seiner Leibesgröße keine Elle hinzufügen, aber er kann durch Denken
seine Kenntnis des Weltalls und seine Macht über dasselbe in einem,,
soweit wir sehen können, unendlichen Grade ausdehnen. Die kurze
Spanne Zeit des menschlichen Lebens erlaubt dem einzelnen nur eine
kleine Strecke zu gehen, aber wenn auch jede Generation nur wenig,
vermag, so können doch die Generationen mit Lsilfe der Errungenschaften
ihrer Vorgänger allmählich den Status der Menschheit erhöhen, wie die
Korallenpolypen, indem sie eine Generation auf das Werk der anderen
bauen, sich allmählich vom Grunde des Meeres emporheben.

Die geistige Kraft ist daher das bewegende Prinzip des Fortschrittes
und die Menschen schreiten nach dem Verhältnis der dabei aufgewendeten
geistigen Kraft vor, der geistigen Kraft, die der Ausdehnung des Wissens,
der Vervollkommnung der Methoden und der Verbesserung der sozialen
Verhältnisse gewidmet ist.

Nun ist die geistige Kraft eine bestimmte Vuantitüt, d. h. es gibt
für die Arbeit, welche ein Mensch mit seinem Geiste verrichten kann,
ebensowohl eine Grenze wie für die Arbeit seines Körpers, und die für
den Fortschritt verfügbare geistige Kraft besteht daher nur in dem Reste,
der nach dem, was für andere Zwecke als die des Fortschrittes gebraucht
wird, übrig bleibt.

Die nicht progressiven Zwecke, für welche geistige Kraft verbraucht
wird, können als Erhaltung und Kampf gekennzeichnet werden. Unter
Erhaltung verstehe ich nicht nur den Unterhalt des Daseins, sondern die
Bewahrung der sozialen Stellung und schon erzielter Fortschritte.
Unter Kampf verstehe ich nicht nur Kriegführung und Vorbereitung zum
Kriege, sondern alle Verausgabung geistiger Kraft beim Erstreben der
Bedürfnisbefriedigung auf Kosten anderer und beim widerstand gegen
solche Angriffe von seiten anderer.

Um die Gesellschaft mit einem Boote zu vergleichen, so wird dessen
Fortschritt durch das Wasser nicht von den Anstrengungen der Mann-
schaft abhängen, sondern von dem Teil der Anstrengungen, der der
Vorwärtsbewegung gewidmet ist. Dieser Teil wird durch jeden Kraft-
aufwand vermindert, der etwa zum Ausschöpfen oder zum Streit
untereinander oder zum Rudern in anderen Richtungen gebraucht wird.

Da nun in einem abgeschlossenen Zustande die ganzen Kräfte des
Klenfchen erforderlich sind, um das Dasein zu erhalten, und da geistige
Kraft für höhere Zwecke nur frei wird durch die Verbindung von Menschen
Zu Gemeinschaften, welche die Teilung der Arbeit und alle die, durch das
Zusammenwirken größerer Menschenmengen bewirkten Ersparnisse
Sestatten, so ist die Vereinigung das erste Erfordernis des Fortschrittes.
Die Vervollkommnung wird möglich, sowie Menschen zu friedlicher
Bereinigung zusammenkommen, und je umfassender und enger die
Berbindung, desto größer die Möglichkeiten der Vervollkommnung.
Dnd da die unnütze Verwendung geistiger Kraft im Kampfe größer oder
        <pb n="381" />
        ﻿368

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

geringer ist, je nachdem das Moralgesetz, das jedem gleiche Rechte zu-
billigt, ignoriert oder anerkannt wird, so ist die Gleichheit (oder Gerechtig-
keit) das zweite Erfordernis des Fortschrittes.

Somit ist die Vereinigung in der Gleichheit das Gesetz des Fort-
schrittes. Die Vereinigung macht geistige Kraft zur Verwendung für
die Vervollkommnung frei, und die Gleichheit (oder Gerechtigkeit, oder
Freiheit, denn diese Ausdrücke bedeuten hier dasselbe, nämlich die An-
erkennung des Moralgesetzes) verhindert die Vergeudung dieser Kraft
in fruchtlosen Kämpfen.

Hier ist das Gesetz des Fortschrittes, welches alle Verschieden-
heiten, alle Vorwärtsbewegungen, alle Stillstände und Rückwärts-
bewegungen erklärt. Die Menschen schreiten vor, je enger sie sich ver-
binden, und vermehren durch Zusammenwirken die geistige Kraft,
welche der Vervollkommnung gewidmet werden kann; aber sobald
Mampf hervorgerufen wird oder die Vereinigung Ungleichheit der Lage
und Rechte entwickelt, wird diese Tendenz zum Fortschritt vermindert,
gehemmt und schließlich in ihr Gegenteil verwandelt.

Die gleiche angeborene Fähigkeit vorausgesetzt, so ist es klar, daß
die soziale Entwicklung schneller oder langsamer vor sich gehen, auf-
gehalten werden oder rückwärts schreiten wird je nach dem Wider-
stande, auf welchen sie stößt. Im allgemeinen können diese Hindernisse
des Fortschrittes, in bezug auf die Gesellschaft selbst, in äußere und
innere eingeteilt werden, von denen die ersteren während der früheren
Stadien der Zivilisation mit größerer Kraft wirken, die letzteren da-
gegen während der späteren Stadien bedeutender werden.

Der Mensch ist feiner Natur nach gesellig. Er braucht nicht ein-
gefangen und gezähmt zu werden, um mit seinen Mitmenschen leben
zu mögen. Die vollständige Hilflosigkeit, mit der er auf die Welt kommt,
und die für die Reifung seiner Eigenschaften erforderliche lange Zeit
machen das Familienband nötig, welches, wie wir leicht beobachten
können, bei den ursprünglicheren Völkern weiter und in seinen Aus-
dehnungen stärker ist, als unter den zivilisierten Völkern. Die ersten
Gesellschaften sind Familien, die sich zu Stämmen erweitern, welche noch
immer Blutsverwandtschaft bewahren und selbst nachdem sie große
Völker geworden, eine gemeinsame Abstammung beanspruchen.

Sind Wesen dieser Art auf eine Welt von so großer Verschieden-
artigkeit der Vberflächengestaltung und des Klimas wie die unsrige
gestellt, so muß offenbar selbst bei gleicher Fähigkeit und gleichem Aus-
gangspunkt die soziale Entwicklung eine sehr verschiedenartige sein.
Die erste Schranke oder der erste widerstand gegen die Vereinigung
wird aus den Bedingungen der physischen Natur erwachsen, und da
dieselben je nach der Grtlichkeit stark wechseln, so müssen sich im sozialen
Fortschritt entsprechende Unterschiede zeigen. Die Schnelligkeit der
Bevölkerungszunahme und die Innigkeit der Gemeinschaft, welche durch
die Bevölkerungszunahme ermöglicht wird, hängen bei dem tiefen
        <pb n="382" />
        ﻿Aap. III.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

36Y

Stande der Kenntnisse, wo die freiwilligen Gaben der Natur die Lsaupt-
quelle des Unterhalts sind, ganz überwiegend von Klima, Boden und
physischen Bedingungen ab. wo viel tierische Nahrung und warme
Kleidung erforderlich ist, wo die Erde arm und karg erscheint, wo das
üppige Leben tropischer Wälder der schwachen Lserrschaftsbestrebungen
des wilden Menschen spottet, wo Gebirge, wüsten oder Meeresarme
die Menschen trennen und abschließen, da kann die Bereinigung und die
von derselben entwickelte Kraft zum Fortschritt zuerst nur schwer voran-
kommen. Aber auf den reichen Ebenen warmer Klimate, wo das mensch-
liche Dasein durch einen geringeren Aufwand von Kraft und auf einem
viel kleineren Gebiete erhalten werden kann, vermögen die Menschen
sich näher zusammenzuschließen, und die geistige Kraft, welche man
von Anfang an der Vervollkommnung widmen kann, ist ungleich
größer. Deshalb tritt die Zivilisation naturgemäß zuerst in den großen
Tälern und auf den Tafelländern auf, wo wir ihre frühesten Denk-
mäler finden.

Aber diese Verschiedenheiten in den natürlichen Verhältnissen
bringen nicht nur direkt Verschiedenheiten der sozialen Entwicklung
hervor, sondern bringen eben dadurch im Menschen selbst ein Hindernis
oder vielmehr ein tätiges Gegengewicht gegen die Vervollkommnung
zuwege, wenn Familien und Stämme voneinander getrennt werden,
hört die Wirksamkeit des sozialen Gefühls unter ihnen auf, und es
entstehen Unterschiede in Sprache, Sitten, Überlieferung, Religion,
kurz in dem ganzen sozialen Gewebe, das jedes Gemeinwesen, groß
oder klein, beständig spinnt. Mit diesen Unterschieden entstehen Vor-
urteile und Haß, die Berührung erzeugt leicht Streitigkeiten, Angriff
ruft Angriff hervor, und Unrecht entzündet Rache. Und so entsteht
unter diesen gesonderten sozialen Gemeinschaften das Gefühl Zsmaels
und der Geist Kains, Krieg wird das chronische und anscheinend natür-
liche Verhältnis der Stämme zueinander, und die Kräfte der Menschen
werden im Angriff oder in der Verteidigung, in gegenseitiger Metzelei
und Verheerung oder in kriegerischen Vorbereitungen verschwendet.
Wie lange diese Feindseligkeit anhält, davon legen die Schutzzolltarife
und stehenden Heere der zivilisierten Welt noch heute Zeugnis ab; wie
schwierig es ist, über die Vorstellung hinwegzukommen, daß es kein
Diebstahl sei, einen Ausländer zu berauben, zeigt die Schwierigkeit,
ein internationales Verlagsrecht herzustellen. Können wir uns über
die unaufhörlichen Feindseligkeiten der Stämme und Geschlechter wun-
dern? Können wir uns wundern, daß, da jeder Staat vom anderen
getrennt war und unbeeinflußt durch die anderen sein besonderes Ge-
webe sozialer Einfriedigung, für den einzelnen unentrinnbar, spann,
der Krieg die Regel und der Friede die Ausnahme war? „Sie waren
geradeso, wie wir sind."

Krieg ist die Negation der Vereinigung. Die Trennung der Menschen
in verschiedene Stämme befördert den Krieg und hemmt dadurch den

George, Fortschritt und Armut.	2^
        <pb n="383" />
        ﻿370

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

Fortschritt, während an den «Örtlichkeiten, wo eine große Zunahme
der Bevölkerung ohne erhebliche Separierung möglich ist, die Zivili-
sation den Vorteil hat, von Stammesfehden frei zu sein, wenn auch der
Staat als Ganzes jenseit der Grenzen Krieg führt, wo der widerstand
der Natur gegen die enge Vereinigung der Menschen am geringsten
ist, wird somit die Gegenkraft des Krieges anfänglich am wenigsten
empfunden, und in den reichen Ebenen, wo die Zivilisation zuerst Fuß
saßt, kann sie zu großer Höhe emporsteigen, während die zerstreuten
Stämme noch Barbaren sind, wenn daher kleine isolierte Staaten in
einem den Fortschritt verhindernden Zustande chronischer Fehde be-
harren, so ist der erste Schritt zu ihrer Zivilisation das Auftreten eines
erobernden Stammes oder Volkes, das diese kleineren Staaten zu einem
größeren vereinigt, in welchem der innere Friede bewahrt wird, wo diese
Fähigkeit zu friedlicher Vereinigung gebrochen ist, sei es durch äußere
Angriffe oder innere Uneinigkeiten, da hört der Fortschritt auf, und
der Rückgang beginnt.

Aber nicht bloß die Eroberung hat die Vereinigung beförder
und durch Befreiung geistiger Kraft von der Nötigung zum Kriege
der Zivilisation Dienste geleistet, wenn die Verschiedenheiten des
Klimas, des Bodens und der Gberflächengestaltung zuerst darauf hin-
wirken, die Menschen zu trennen, so wirken sie doch auch darauf hin,
den Austausch zu begünstigen. Und der Handel, der an und für sich eine
Form der Vereinigung oder des Zusammenwirkens ist, befördert die
Zivilisation nicht nur direkt, sondern auch dadurch, daß er dem Krieg
entgegengesetzte Interessen erzeugt und die Unwissenheit zerstreut,
welche die fruchtbare Mutter von Vorurteilen und Gehässigkeiten ist.

Und ebenso die Religion. Obgleich die Formen, die sie angenommen,
und der Haß, den sie entzündet hat, die Menschen oft genug trennten
und Krieg verursachten, so ist sie doch zu anderen Zeiten das Mittel
zur Beförderung der Vereinigung gewesen. Lin gemeinsamer Gottes-
dienst hat, wie z. B. bei den Griechen, oft den Krieg gemildert und die
Grundlage einer Einigung abgegeben, und dem Triumph des Ehristen-
tums über die Barbaren Europas entspringt die moderne Zivilisation.
Hätte die christliche Kirche nicht bestanden, als das römische Reich in
Stücke zerfiel, so dürste Europa, jedes Bandes der Vereinigung bar,
leicht in einen nicht viel höheren Zustand als den der nordamerikanischen
Indianer verfallen sein, oder eine Zivilisation asiatischen Gepräges
von den erobernden Krummsäbeln jener eindringenden Worden erhalten
haben, die durch eine Religion geeinigt waren, welche, in den wüsten
Arabiens entspringend, seit undenklichen Zeiten getrennte Stämme
zusammenschweißte, und von dort ausgehend, einen großen Teil der
Menschheit in dem Bunde eines gemeinschaftlichen Glaubens vereinigte.

^erblicken wir die uns bekannte Geschichte der Welt, so sehen wir
Zivilisation überall entstehen, wo Menschen in Vereinigung miteinander
gebracht werden und überall verschwinden, sobald diese Vereinigung
        <pb n="384" />
        ﻿Kap. III.

37(

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

zerstört wird. So wurde die römische Zivilisation, welche sich durch Er-
oberungen, die den inneren Frieden sicherten, über Europa ausgebreitet
hatte, durch die Invasionen der nordischen Völker überwältigt, welche
die Gesellschaft wieder in unzusammenhängende Teile zerschellten,
und die moderne Zivilisation begann, als das Feudalsystem aufs neue
die Menschen in größeren Staaten vereinigte und als die geistliche Ober-
herrschaft Roms diese Staaten in eine gemeinschaftliche Verbindung
brachte, wie es früher dessen Legionen getan hatten. Als dann die
feudalen Bande zu nationalen Autonomien wurden und das Ehristentum
die Sitten hob, die Wissenschaften aus ihrer Verborgenheit zog, die Fäden
friedlicher Einigung in seiner alldurchdringenden Organisation zusammen-
flocht und in seinen religiösen Orden die Vereinigung lehrte, wurde ein
noch größerer Fortschritt möglich, der mit immer zunehmender Kraft
vorangeschritten ist, je inniger die Verbindung und das Zusammenwirken
war, in welche die Menschen gebracht wurden.

wir werden jedoch den Lauf der Zivilisation und die verschiedenen
Erscheinungen, welche ihre Geschichte darbietet, nie verstehen, ohne
dasjenige in Betracht zu ziehen, was ich die inneren widerstände oder
Gegenkräfte nennen möchte, die im Kerzen der fortschreitenden Gesell-
schaft entstehen und allein erklären können, wie eine schon vorgeschrittene
Zivilisation entweder von selbst zum Stillstand kommen oder von Bar-
baren zerstört werden kann.

Die geistige Kraft, welche das bewegende Prinzip des sozialen
Fortschrittes ist, wird durch Assoziation, welche recht eigentlich eine
Integration (Ergänzung) genannt werden kann, freigemacht. Die Ge-
sellschaft wird dabei komplizierter, ihre Individuen voneinander ab-
hängiger. Beschäftigungen und Verrichtungen spezialisieren sich. An-
statt zu wandern, wird die Bevölkerung ansässig. Anstatt daß sich jeder
alles, was er braucht, selbst macht, werden die verschiedenen Gewerbe
und Geschäfte gesondert, der eine erwirbt Geschick in dem, der andere
in jenem. Ebenso verzweigt sich die Wissenschaft, deren Umfang beständig
größer wird und von einem einzelnen immer weniger zu bewältigen
ist, in verschiedene Fächer, denen sich die einzelnen widmen. Auch die
Abhaltung religiöser Feierlichkeiten kommt in die pände einer besonderen
diesem Zwecke dienenden Körperschaft, und die Aufrechterhaltung der
Ordnung, die Iustizpflege, die Steuerverwaltung und Kriegführung
werden spezielle Funktionen einer organisierten Regierung. Kurz,
um Herbert Spencers Ausdruck zu gebrauchen, die Entwicklung der
Gesellschaft ist, in bezug auf ihre einzelnen Bestandteile, der Übergang
von einer unbestimmten unzusammenhängenden Gleichartigkeit zu einer
bestimmten zusammenhängenden Vielartigkeit. Io niedriger die Stufe
sozialer Entwicklung ist, desto mehr gleicht die Gesellschaft jenen nied-
rigsten tierischen Organismen, die ohne Organe oder Glieder sind,
und von denen ein Teil abgeschnitten werden kann und doch noch lebt.
Je höher die Stufe der sozialen Entwicklung, desto mehr gleicht die

24*
        <pb n="385" />
        ﻿372

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

Gesellschaft den höheren Organismen, in denen die Funktionen und
Kräfte spezialisiert sind und jedes Glied wesentlich von den anderen
abhängt.

Dieser Prozeß der Integration, der Spezialisierung der Funk-
tionen und Kräfte ist jedoch kraft eines der tiefsten Gesetze der mensch-
lichen Natur von einer beständigen Neigung zur Ungleichheit begleitet.
Ich verstehe darunter nicht, daß die Ungleichheit das notwendige Ergebnis,
sondern die beständige Tendenz der sozialen Entwicklung ist, wenn nicht
Änderungen in den sozialen Einrichtungen getroffen werden, welche in
den durch die Entwicklung hervorgebrachten neuen Verhältnissen die
Gleichheit verbürgen. Ich meine, daß, sozusagen, das Kleid von Gesetzen,
Sitten und politischen Einrichtungen, welches jede Gesellschaft für sich
webt, beständig zu eng wird, je mehr sich die Gesellschaft entwickelt.
Ich meine, daß der Mensch, je mehr er fortschreitet, sich, sozusagen,
durch ein Labyrinth hindurchzuwinden hat, in welchem er sich, gerade
ausgehend, unfehlbar verirren würde, und durch welches nur Vernunft
und Gerechtigkeit ihn auf dem rechten Pfade halten können.

j Denn während die mit der Entwicklung Hand in Hand gehende
Integration an sich geistige Kraft frei macht, um den Fortschritt herbei-
zuführen, wird sowohl durch die Zunahme der Bevölkerung als auch
durch die zunehmende Verwicklung der sozialen Organisation eine
Gegenwirkung erzeugt, die einen Zustand der Ungleichheit hervorbringt,
wodurch geistige Kraft verschwendet und im weiteren verfolge dem Fort-
schritt Einhalt geboten wird.

Dem Gesetze, welches sonach zugleich mit dem Fortschritt die den-
selben aushaltende Kraft entwickelt, bis zu seinem höchsten Ausdrucke
nachzuspüren, würde meines Erachtens die Lösung eines tieferen Pro-
blems, als das der Entstehung des materiellen Weltalls — des Problems
der Entstehung des Übels vorbereiten, Hier muß ich mich damit be-
gnügen, auf die Art und weife hinzudeuten, in welcher mit der Ent-
wicklung der Gesellschaft Tendenzen auftreten, welche diese Entwick-
lung hemmen.

Zunächst wird es jedoch gut sein, zwei Eigenschaften der mensch-
lichen Natur in Erinnerung zu bringen. Die eine ist die Macht der
Gewohnheit — die Neigung beim Alten zu beharren. Die andere ist
die Möglichkeit geistiger und moralischer Entartung. Die Wirkung der
ersteren in der sozialen Entwicklung ist die, Gewohnheiten, Gebräuche,
Gesetze und Ordnungen, lange nachdem sie ihren ursprünglichen Nutzen
eingebüßt haben, zu erhalten, und die Wirkung der anderen ist, die
Entwicklung von Einrichtungen und Denkweisen zu gestatten, gegen
die die normalen Anschauungen der Menschen sich instinktmäßig empören.

Die Entstehung und Entwicklung der Gesellschaft zielt aber nicht
bloß darauf ab, einen joden immer mehr von allen abhängig zu machen
und den Einfluß der einzelnen auch auf ihre eigene Lage im Vergleich
zu dem Einflüsse der Gesellschaft zu vermindern, sondern die Wirkung
        <pb n="386" />
        ﻿

Kap. III.	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	373

der Assoziation oder Integration ist die, eine Gesamtkraft hervorzu-
bringen, welche von der Summe der einzelnen Kräfte unterscheidbar
ist. Analogien (oder wohl mehr Beispiele desselben Gesetzes) sind in
allen Richtungen zu finden. Je komplizierter die tierischen Organismen
werden, desto mehr erwächst über dem Leben und der Kraft der Teile
ein Leben und eine Kraft des integrierenden Ganzen, über der Fähigkeit
unfreiwilliger Bewegungen die Fähigkeit freiwilliger Bewegungen.
Die Handlungen und Antriebe von Körperschaften sind, wie oft bemerkt
worden ist, verschieden von denjenigen, welche unter gleichen Um-
ständen in den einzelnen zutage getreten sein würden. Die Kriegstüchtig-
keit eines Regiments kann sehr verschieden von derjenigen der einzelnen
Soldaten sein. Aber es bedarf keiner Beispiele. In unseren Unter-
suchungen über das Wesen und das steigen der Grundrente begegneten
wir demselben Umstande, aus den ich anspiele. Wo die Bevölkerung
dünn ist, hat der Boden keinen Wert; sobald die Menschen sich an einem
Orte häufen, erscheint und steigt der Wert des Bodens und ist genau
zu unterscheiden von den durch individuelle Anstrengung erzeugten
werten; ein wert, der aus der Assoziation hervorgeht, mit zunehmen-
der Assoziation größer wird und mit verschwindender Assoziation auf-
hört. Und ebenso ist es auch mit anderen Kräften als den ökonomischen.

Je mehr nun die Gesellschaft sich entwickelt, verfolgt die Neigung,
die alten sozialen Einrichtungen zu erhalten, das Ziel, die Gesamtmacht,
sobald sie entsteht, in die Hände eines Teiles der Bürger zu legen; und
die mit den sozialen Fortschritten eintretende ungleiche Verteilung
des Reichtums und der Macht bringt immer größere Ungleichheit hervor,
da das Unrecht durch die Stoffe, die es nähren, wächst, und der Gedanke
der Gerechtigkeit durch die gewohnheitsmäßige Duldung der Ungerechtig-
keit ausgelöscht wird.

Auf diese Weise kann die patriarchalische Organisation der Ge-
sellschaft leicht in Despotie übergehen, in welcher der Despot ein irdischer
Gott wird und die Massen des Volkes bloße Sklaven seiner Laune sind.
Ls ist natürlich, daß der Vater das leitende Haupt der Familie ist und daß
bei seinem Tode der älteste Sohn, als das älteste und erfahrenste Mitglied
der kleinen Gemeinschaft, ihm in der Leitung folgt. Wird aber diese
Einrichtung beibehalten, wenn die Familie sich ausdehnt, so wird die
Macht in eine besondere Linie verlegt, und diese Macht nimmt unver-
meidlich immer zu, je größer der gemeinsame Besitz wird und je mehr
die Macht des Gemeinwesens wächst Das Haupt der Familie wird zum
erblichen Despoten, der sich allmählich als ein wesen höheren Rechtes
ansieht und von anderen so angesehen zu werden verlangt. Mit der
Zunahme der Gesamtmacht im vergleich zur Macht des einzelnen wächst
seine Gewalt, zu belohnen und zu bestrafen, und so vermehren sich die
Beweggründe, ihm zu schmeicheln und ihn zu fürchten, bis endlich, falls
der Prozeß keine Störung erfährt, ein Volk zu Füßen eines Thrones
        <pb n="387" />
        ﻿374

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

kriecht und hunderttausend Menschen fünfzig Jahre arbeiten, um ein
Grabdenkmal für einen Sterblichen ihresgleichen herzustellen.

So ist der Häuptling einer kleinen Bande Wilder nur einer von
ihnen, dem sie als dem Tapfersten und Klügsten folgen Wenn aber
große Massen gemeinschaftlich handeln sollen, so wird die persönliche
Wahl schwieriger, ein blinderer Gehorsam wird notwendig und kann
erzwungen werden, und eben aus diesem Zwange der in größerem Maß-
stabe geführten Kriege entsteht die unumschränkte Macht.

Ähnlich geht es mit der Spezialisierung der Funktionen. Die
produktiven Kräfte gewinnen offenbar, wenn die soziale Entwicklung
so weit gediehen ist, daß die Produzenten nicht mehr ihrer Arbeit ent-
rissen und zum Kriegsdienst aufgeboten zu werden brauchen, sondern
eine regelmäßige Heeresmacht abgezweigt werden kann; aber dies
bewirkt unvermeidlich eine Kontraktion der Macht in den fänden der
Soldatenklasse oder ihrer Oberhäupter. Die Aufrechterhaltung innerer
Ordnung, die Justizpflege, die Errichtung und Beaufsichtigung öffent-
licher Werke und merkwürdigerweise auch die Religionsgebräuche, alle
streben gleichmäßig darauf hin, in die Hände besonderer Klassen zu
kommen, die geneigt sind, ihr Amt zu preisen und ihre Macht auszu-
dehnen.

Die Hauptursache der Ungleichheit liegt jedoch in dem natürlichen
Monopol, welches der Besitz des Grund und Bodens verleiht. Die
ersten Anschauungen der Menschen scheinen den Grund und Boden
stets als Gemeingut zu betrachten; aber die rohen Mittel, in denen
diese Anerkennung anfänglich zum Ausdruck kommt —wie z. B. jährliche
Verteilungen oder gemeinschaftliche Kultur —sind nur mit einer niedrigen
Entwicklungsstufe vereinbar. Die Idee des Eigentums, die bezüglich
der Gegenstände menschlicher Produktion ganz naturgemäß ist, wird
leicht auf den Boden übertragen, und eine Einrichtung, welche, solange
die Bevölkerung zerstreut ist, dem Verbesserer und Benutzer nur den ihm
gebührenden Lohn seiner Arbeit sichert, beraubt schließlich, wenn die
Bevölkerung dicht wird und die Rente entsteht, den Produzenten seines
Lohns. Nicht bloß dies, sondern die Aneignung der Rente zu öffentlichen
Zwecken, durch welche allein bei höherer Entwickelung der Grund und
Boden leicht als Gemeingut beizubehalten ist, wird, wenn die politische
und religiöse Macht in die Hände einer Klasse fällt, zu einem Besitzrecht
dieser Klasse, und die übrigen Bürger werden bloße Pächter. Kriege
und Eroberungen, die auf Konzentrationen der politischen Macht und
auf die Einrichtung der Sklaverei abzielen, bewirken, wo die soziale
Entwicklung dem Grund und Boden einen Wert verliehen hat, natur-
gemäß die Aneignung desselben. Eine herrschende Klasse, welche die
Macht in ihrer Hand vereinigt, wird bald auch den Grundbesitz konzen-
trieren. Ihr werden große Teile des eroberten Landes zufallen, welches
die früheren Bewohner als Pächter oder Hörige bebauen, und das
öffentliche Gebiet, d. h. die Gemeindeländereien, welche im natürlichen
        <pb n="388" />
        ﻿Kap. III.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

375

Verlauf der sozialen Entwicklung in jedem Lande noch eine weile bei-
behalten werden fund welche in dem primitiven ödstem der Dorfkultur
weide- und waldland bleiben), werden leicht erworben, wie wir aus
neueren Beispielen sehen. Ist erst die Ungleichheit da, so strebt das
Grundeigentum nach Konzentrierung, je mehr die Entwicklung vor-
angeht.

)ch suche nur die Tatsache zu beweisen, daß Hand in Hand mit der
sozialen Entwicklung sich die Ungleichheit einstellt, und nicht die be-
sonderen folgen daraus zu entwickeln, die mit den verschiedenen Ver-
hältnissen notwendig wechseln müssen. Aber diese Haupttatsache macht
alle die Erscheinungen der Versteinerung und des Rückganges verständlich.
Die ungleiche Verteilung der Rechte und der Güter, die durch die Inte-
gration der Menschen in der Gesellschaft herbeigeführt wird, hemmt die
Kraft, durch welche der Fortschritt herbeigeführt wird und die Gesell-
schaft sich hebt, und wiegt sie schließlich auf. Auf der einen Seite werden
die Massen der Bürger genötigt, ihre geistigen Fähigkeiten zur bloßen
Erhaltung des Daseins aufzuwenden. Auf der anderen Seite wird die
geistige Kraft zur Erhaltung und Stärkung des Systems der Ungleich-
heit, zu Gepränge, Luxus und Krieg verwendet. Lin Staat, der in eine
herrschende und eine beherrschte Klasse, in die sehr Reichen und in die
ganz Armen zerfällt, mag „bauen wie Riesen und der Arbeit eine Voll-
endung geben wie Juweliere", aber es werden Monumente hartherzigen
Stolzes und unfruchtbarer Eitelkeit oder einer ihrem Beruf, den Menschen
zu erheben, entfremdeten und in ein Werkzeug zu seiner Unterdrückung
verwandelten Religion sein. Der Lrfindungsgeist mag noch eine Zeitlang
einigermaßen rege bleiben, aber er wird sich auf Verfeinerung des Luxus
und nicht darauf richten, Mühsal zu erleichtern und die Kraft zu steigern.
In den Mysterien der Tempel oder in den Zimmern der Hofärzte mag
die Wissenschaft noch gesucht werden, aber man wird sie als ein Geheimnis
verbergen oder, wenn sie sich herauswagt, um das gewöhnliche Denken
zu erheben oder das gewöhnliche Leben zu erhalten, als eine gefährliche
Neuerung niedertreten. Denn wie die Ungleichheit die dem Fortschritt
gewidmete geistige Kraft vermindert, so macht sie auch die Menschen
dem Fortschritt abgeneigt, wie stark unter den Klassen, die in der Un-
wissenheit dadurch erhalten werden, daß sie um die bloße Existenz ringen
müssen, die Neigung ist, bei alten Methoden zu verharren, ist zu bekannt
um Beispiele zu erfordern; und auf der anderen Seite ist der Konser-
vatismus derjenigen Klassen, denen die bestehenden sozialen Einrich-
tungen besondere Vorteile verleihen, nicht minder offenkundig. Diese
Abneigung gegen Neuerungen, selbst wenn sie Verbesserungen sind, ist
in jeder Organisation bemerkbar —in der Religion, in der Jurisprudenz,
in der Arzneikunde, in der Naturwissenschaft, in den Handwerksgilden;
und sie wird desto stärker, je geschlossener die Organisation ist. Line
geschlossene Zunft hat vor Neuerungen und Neuerern stets eine instinktive
Abneigung, die nur der Ausdruck der instinktiven Furcht ist, daß durch
        <pb n="389" />
        ﻿376

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X,

die Änderung die Schranken, welche die Zunft von den gewöhnlichen
Leuten abschließt, eingerissen, und sie so ihrer Bedeutung und Macht
beraubt werden könnte, und sie ist inrnrer geneigt, ihre Spezialkenntnisse
oder Kunst sorgfältig geheimzuhalten.

Auf diese weise folgt auf den Fortschritt die Versteinerung. Die
zunehmende Ungleichheit bringt den Fortschritt notwendig zum Still-
stände und trassiert sogar, wenn er noch fortdauert oder unnütze Reak-
tionen hervorruft, auf die zur Unterhaltsbeschaffung erforderliche geistige
Kraft, und der Rückgang beginnt.

Diese Prinzipien machen die Geschichte der Zivilisation ver-
ständlich.

wo Klima, Bodenbeschaffenheit und die Gberflächengestalt des
Landes am wenigsten darauf hinwirkten, die sich mehrende Bevölkerung
zu trennen, und wo demzufolge die ersten Zivilisationen entstanden,
mußten sich die den Fortschritt aufhaltenden Einflüsse naturgemäß
in einer regelmäßigeren und vollständigeren weise entwickeln als da,
wo kleinere Staaten, die in ihrer Sonderung verschiedenartigkeilen
entwickelt hatten, nachher in engere Verbindung traten. Dies ist es,
wie mir scheint, was die Eigentümlichkeiten der früheren im vergleich
mit den späteren Zivilisationen Europas erklärt, homogene Staaten,
die sich von vornherein ohne den Mißton des Konfliktes zwischen ver-
schiedenen Gebräuchen, Gesetzen, Religionen usw. entwickeln, müssen
eine viel größere Übereinstimmung zeigen. Die konzentrierenden
und konservativen Kräfte müssen alle, sozusagen, an demselben Strang
ziehen. Keine eifersüchtigen Häuptlinge werden sich gegenseitig das
Gleichgewicht halten, noch Glaubensverschiedenheiten die Zunahme
des priesterlichen Einflusses im Zaum halten. Politische und religiöse
Macht, Reichtum und Kenntnisse werden sich so in denselben Mittel-
punkten konzentrieren. Dieselben Ursachen, welche den erblichen König
und den erblichen Priester hervorbringen, werden den erblichen Hand-
werker und Arbeiter hervorbringen und die Gesellschaft in Kasten teilen.
Die Kräfte, die durch die Assoziation für den Fortschritt freigemacht
sind, werden somit vergeudet und Schranken gegen den weiteren Fort-
schritt aufgerichtet werden. Die überschüssigen Kräfte der Massen werden
der Aufführung von Tempeln, Palästen und Pyramiden, der Frönung
des Stolzes und der Befriedigung der Prunksucht ihrer Herrscher ge-
widmet sein; und wenn unter den vornehmeren Klassen irgendwelche
Neigung zu Fortschritten auftritt, so würde sie sofort durch die Furcht
vor Neuerung gehemmt werden. Die auf solche weise sich entwickelnde
Gesellschaft muß schließlich in einem Konservatismus enden, der keinen
weiteren Fortschritt gestattet.

wie lange ein solcher Zustand vollständiger Versteinerung, wenn
er erst einmal erreicht ist, fortdauern wird, scheint von äußeren Um-
ständen abzuhängen; denn die eisernen Bande der aufgerichteten sozialen
Ummauerung unterdrücken die zersetzenden Kräfte ebensowohl wie den
        <pb n="390" />
        ﻿dt

Kap» III.	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	7üJ

Fortschritt. Ein solcher Staat ist sehr leicht zu erobern, denn die Massen
des Volkes sind zu einer passiven Ergebung in ein Leben hoffnungsloser
Arbeit erzogen. Nehmen die Eroberer bloß den Platz der herrschenden
Klasse ein, wie es die Hyksos in Ägypten und die Tartaren in China
taten, so wird alles wie vorher weitergehen, verheeren und plündern
sie, so bleibt der Glanz von Palast und Tempel nur in Ruinen übrige
die Bevölkerung wird zerstreut und Künste und Wissenschaften gehen
verloren.

Die europäische Zivilisation weicht im Lharakter von der des
ägyptischen Typus ab, weil sie nicht der Vereinigung eines gleich-
artigen, von Anfang an oder wenigstens lange Zeit sich unter den-
selben Verhältnissen entwickelnden Volkes, sondern der Vereinigung
von Völkern entspringt, die bei ihrer Absonderung unterscheidende
soziale Eigenartigkeit angenommen hatten und deren kleinere Organi-
sationen länger die Vereinigung von Macht und Reichtum in einem
Mittelpunkte verhinderte. Die Beschaffenheit der Oberfläche der
griechischen Halbinsel ist derart, daß sie das Volk zuerst in eine Zahl
kleiner Staaten trennen mußte. Als diese kleinen Republiken und
nominellen Königreiche aufhörten, ihre Tatkraft in Kriegen zu ver-
geuden, und als das friedliche Zusammenwirken des Handels sich aus-
dehnte, flammte das Licht der Zivilisation auf. Doch war das Prinzip
der Vereinigung nie stark genug, um Griechenland vor inneren Fehden
zu bewahren, und als dem durch Eroberung ein Ende gemacht wurde,,
erreichte die Tendenz zur Ungleichheit, die von den griechischen weisen
und Staatsmännern durch verschiedene Mittel bekämpft worden war,
ihr Ziel, und griechische Tapferkeit, Kunst und Literatur wurden Dinge
der Vergangenheit. Und ebenso kann man in der Entstehung und Aus-
dehnung, dem Rückgang und Untergang der römischen Zivilisation die
Einwirkung dieser beiden Prinzipien der Assoziation und Gleichheit,
aus deren Verbindung der Fortschritt entspringt, beobachten.

Aus der Vereinigung der unabhängigen Bauern und freien Bürger
Italiens hervorgegangen und aus Eroberungen, die feindliche Völker
in gemeinsame Verbindung brachten, frische Kraft ziehend, gebot die
römische Macht der Welt den Frieden. Aber die Tendenz zur Ungleich-
heit, von Anfang an den wahren Fortschritt hemmend, steigerte sich mit
der Ausdehnung der römischen Zivilisation. Sie versteinerte nicht wie
die homogenen Zivilisationen, in denen die starken Bande der Gebräuche
und des Aberglaubens, die das Volk in Unterjochung hielten, es wahr-
scheinlich auch schützten, oder jedenfalls den Frieden zwischen Herrschern
und Beherrschten aufrecht erhielten; sie verrottete, sank und fiel. Lange
ehe die Goten oder Vandalen den Kordon der Legionen durchbrochen
hatten, ja während seine Grenzen sich noch erweiterten, war Rom schon
im Kerzen tot. Die großen Güter hatten Italien zugrunde gerichtet.
Die Ungleichheit hatte die Kraft der römischen Welt aufgetrocknet und
ihre Tapferkeit vernichtet. Die Regierung wurde zum Despotismus,
        <pb n="391" />
        ﻿378	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	Buch X.

Den selbst der Mord nicht zu mildern vermochte; die Vaterlandsliebe
ward zur Knechtschaft; die schmutzigsten Laster machten sich öffentlich
-breit; die Literatur versank in Kindereien; die Wissenschaft wurde ver-
gessen; fruchtbare Gegenden wurden wüsten ohne die Verheerungen
des Krieges — allenthalben erzeugte die Ungleichheit den politischen,
geistigen, moralischen und materiellen Verfall; die Barbarei, die Rom
-überwältigte, kam nicht von außen, sondern von innen. Sie war das
notwendige Produkt des Systems, welches Sklaven und Kolonen an
Stelle der unabhängigen Bauern Italiens gesetzt und die Provinzen
zu Güter für die dem Senat angehörenden Familien ausgeschlachtet hatte.

Die moderne Zivilisation verdankt ihre Überlegenheit dem Um-
stande, daß die Zunahme der Gleichheit mit der Zunahme der Asso-
ziation kfand in chand geht. Zwei bfauptursachen trugen dazu bei —
die durch das Eindringen der nordischen Völker herbeigeführte Zer-
splitterung der konzentrierten Macht in unzählige kleine Mittelpunkte
und der Einfluß des Lhriftentnms. Ohne die erstere würde Versteine-
rung und langsamer Verfall eingetreten sein wie im oftrömischen Reich,
wo Staat und Kirche eng verbunden waren und der Verlust äußerer
Macht keine Erleichterung der inneren Tyrannei brachte. Und ohne die
zweite würde Barbarei eingetreten sein, ohne Assoziation und Fortschritt.
Die kleinen Häuptlinge und Grundherren, welche überall die lokale
Souveränität an sich rissen, hielten einander im Zaum. Italienische
Städte gewannen ihre alte Freiheit zurück, freie Städte wurden ge-
gründet, Dorfgemeinden faßten Wurzel, und Leibeigene erwarben
Rechte auf dem von ihnen bearbeiteten Boden. Der Sauerteig der
teutonischen Gleichheitsideen durchdrang das aufgelöste und verfallende
Gewebe der Gesellschaft. Und obgleich die Gesellschaft in eine unzählige
Menge gesonderter Teile zersplittert war, so blieb doch der Gedanke
engerer Vereinigung stets gegenwärtig — er erhielt sich in den Erinne-
rungen eines Weltreiches, in den Ansprüchen einer allgemeinen Kirche-

Obgleich das Lhristentnm infolge der Filtrierung durch eine faulende
.Zivilisation entstellt und mit unreinen Beimischungen versetzt wurde,
obgleich es heidnische Götter in sein Pantheon, heidnische Formen
in seine Kirchenordnung und heidnische Vorstellungen in seinen Glauben
-aufnahm, wurde doch sein Grundgedanke von der Gleichheit der Menschen
nie ganz zerstört. Da ereigneten sich zwei Dinge von äußerster Wichtig-
keit für die anbrechende Zivilisation: die Errichtung des Papsttums
und das Zölibat der Geistlichkeit. Das erstere verhinderte die geistliche
Macht, sich in denselben Linien wie die weltliche zu konzentrieren, und
das letztere verhinderte die Einsetzung einer Priesterkaste zu einer Zeit,
als alle Macht erbliche Form anzunehmen strebte.

In ihren Bemühungen um Abschaffung der Sklaverei, in ihrenr
Gottessrieden, in ihren klösterlichen Orden, in ihren die Völker vereinigen-
den Konzilien, in ihren Bullen, die ohne Rücksicht auf politische Grenzen
die Welt durcheilten, in den niedrig geborenen fänden, in die sie ein
        <pb n="392" />
        ﻿Aap. III.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

379

Zeichen legte, vor dein die Stolzesten knieten, in den Bischöfen, die durch
ihre Weihe mit dem höchsten Adel gleichgestellt wurden, in ihrem „Anecht
der Anechte", wie sein offizieller Titel lautete, der kraft des Ringes
eines einfachen Fischers das Recht beanspruchte, zwischen den Völkern
Schiedsrichter zu sein und dessen Steigbügel von Aönigen gehalten
wurde, — in diesen Dingen findet die Airche trotz allem doch die Ver-
einigung, zum Zeugnis der natürlichen Gleichheit der Menschen. Auch
durch die Airche selbst wurde ein Geist genährt, der, als ihr altes Werk
der Vereinigung und Emanzipation nahezu getan, als die von ihr ge-
knüpften Bande stark geworden und die von ihr aufbewahrte Gelehr-
samkeit der Welt überliefert war, die Aetten brach, mit denen sie den
menschlichen Geist gefesselt haben würde und der in einem großen
Teile Europas ihre Organisation zerriß.

Der Ursprung und die Entwicklung der europäischen Zivilisation
ist ein zu ausgedehnter und verwickelter Gegenstand, um in einigen
Sätzen in die gehörige Perspektive und Beziehung gebracht werden zu
können; aber aus allen Einzelheiten, wie aus allen Ljauptzügen erhellt
die Wahrheit, daß der Fortschritt in dem Maße vor sich geht, wie die
Gesellschaft zu engerer Vereinigung und größerer Gleichheit hinstrebt.
Zivilisation ist Aooperation. Einigung und Freiheit sind ihre Faktoren.
Die große Ausdehnung der Assoziation, nicht nur in der. Entwicklung
größerer und dichterer Staaten, sondern auch in der Zunahme des Ver-
kehrs und der mannigfachen Tausche, welche jedes Land in sich verbinden
und mit anderen, wenn auch weit entfernten Ländern verknüpfen; die
Entwicklung internationaler und munizipaler Rechte; die Fortschritte
in der Sicherheit des Eigentums und der Person, in der persönlichen
Freiheit und zur demokratischen Regierungsform — kurz, die Fortschritte
zur Anerkennung gleicher Rechte zum Leben, zur Freiheit und zum
Streben nach Glück — sie sind es, die unsere moderne Zivilisation zu
einer soviel größeren und höheren machen als irgendeine der vorher-
gegangenen. Sie sind es, die die geistige Araft frei machten, welche den
Schleier der Unwissenheit, der alles bis auf einen kleinen Teil der Erde
vor der Menschen Aenntnis verbarg, hinwegschob, welche die Bahnen
der kreisenden Weltkörper maß und uns das bewegende pulsierende
Leben in einem wassertropfen schauen ließ, uns das Vorzimmer zu den
Mysterien der Natur und das Buch der Geheimnisse einer längstbegrabenen
Vergangenheit öffnete; welche zu unserem Dienste Naturkräfte an-
schirrte, neben denen die Aräfte des Menschen verschwinden, und welche
die produktive Araft durch tausend große Erfindungen erhöhte.

Zn jenem Geiste des Fatalismus, der, wie ich andeutete, die heutige
Literatur durchdringt, ist es Mode, selbst vom Ariege und von der
Sklaverei als Mitteln des menschlichen Fortschrittes zu sprechen. Aber
der Arieg, der das Gegenteil der Assoziation ist, kann den Fortschritt
nur fördern, wenn er weiteren Arieg verhindert oder antisoziale Schranken
die selbst passiver Arieg sind, niederreißt.
        <pb n="393" />
        ﻿380

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

was die Sklaverei betrifft, so vermag ich nicht einzusehen, wie
sie je dazu beigetragen haben könnte, die Freiheit zu begründen, und
die Freiheit, das Synonym der Gleichheit, ist von dem rohesten Zu-
stand an, in welchem man sich den Menschen denken kann, der Antrieb
und die Bedingung des Fortschrittes. Auguste Lomtes Vorstellung,
daß die Institution der Sklaverei die Menschenfresserei beseitigte, beruht
ebensosehr auf Einbildung als Elias humoristische Darstellung der Art
und weife, wie die Menschheit Geschmack an Schweinebraten gewann.
Sie nimmt an, daß ein chang, der im Menschen nur unter den unnatür-
lichsten Bedingungen, entweder bei direktem Mangel oder beim brutalsten
Aberglauben*) auftrat, ein originaler Trieb sei, und daß er, der selbst
im niedrigsten Zustande das höchste aller Tiere ist, natürliche Neigungen
habe, welche selbst die edleren Tiere nicht zeigen. Dasselbe gilt von dem
Gedanken, daß die Sklaverei die Zivilisation dadurch herbeiführte, daß
sie den Sklavenbesitzern Muße zum Fortschritt ließ.

Die Sklaverei hat nie den Fortschritt unterstützt und konnte ihn nie
unterstützen! &lt;Db das Gemeinwesen aus einem einzigen cherrn und
einem einzigen Sklaven, oder aus tausend Herren und Millionen Sklaven
besteht, die Sklaverei schließt immer eine Vergeudung menschlicher
Kraft ein; denn die Sklavenarbeit ist nicht nur weniger produktiv als die
freie Arbeit, sondern die Kraft der Herren wird im Besitz und in der
Überwachung ihrer Sklaven gleichfalls vergeudet und von den Rich-
tungen, in denen der wahre Fortschritt liegt, abgelenkt, von Anfang
bis zuletzt hat die Sklaverei, wie jede andere Leugnung der natürlichen
Gleichheit der Menschen, den Fortschritt beeinträchtigt und verhindert.
In dem Verhältnis, wie die Sklaverei in den sozialen Einrichtungen
eine wichtige Rolle spielt, hört der Fortschritt auf. Daß in der klassischen
Welt die Sklaverei so allgemein war, ist unzweifelhaft der Grund, warum
die geistige Tätigkeit, welche die Literatur so verfeinerte und die Kunst
adelte, nie zu einer der großen Entdeckungen und Erfindungen gelangte,
welche die moderne Zivilisation auszeichnen. Kein sklavenhaltendes
Volk war je ein erfinderisches Volk. In einem Sklavenstaate können die
oberen Klassen luxuriös und verfeinert werden, aber nie erfinderisch-
was den Arbeiter erniedrigt und ihn der Früchte seiner Mühen beraubt,
erstickt den Erfindungsgeist und verbietet die Benutzung von Erfindungen
und Entdeckungen, selbst wenn sie gemacht werden. Der Freiheit allein
ist der Zauber der Macht gegeben, welche die Geister beschwört, in
deren Obhut die Schätze der Erde und die unsichtbaren Kräfte der Luft
sich befinden.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes, was ist es anderes als

chie Sandwich-Insulaner erwiesen ihren guten Häuptlingen durch das Verzehren
ihrer Körper Ehre. Die schlechten und tyrannischen Häuptlinge rührten sie nicht an.
Die Neu-Seeländer glaubten die Kraft und Tapferkeit ihrer Feinde zu erwerben, wenn
sie sie aßen. Dies scheint auch de r allaenreine Ursprung des Verzehrens der Kriegs-
gefangenen zu sein.
        <pb n="394" />
        ﻿



~ -___________________________i___________________________________________________________________



JSm

Kap. IV. Auf welche Weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

38s

das Gesetz der Moral? Allein in dem Maße, wie die sozialen Einrich-
tungen die Gerechtigkeit befördern, die Gleichheit der Menschenrechte
anerkennen, jedem die volle, nur durch die gleiche Freiheit jedes anderen
beschränkte Freiheit sichern, muß die Zivilisation vorschreiten. Zn dem
Maße, wie sie dies unterlassen, muß die Zivilisation zum Stillstand
gelangen und zurückgehen. Die Nationalökonomie und die Sozialwissen-
schast können nichts lehren, was nicht in den einfachen Wahrheiten
enthalten wäre, welche armen Fischern und jüdischen Bauern gelehrt
wurden von einem, der vor achtzehnhundert Zähren gekreuzigt wurde —
die einfachen Wahrheiten, welche unter den Verdrehungen der Selbst-
sucht und den Entstellungen des Aberglaubens die Grundlage jeder
Religion bilden, die je die geistige Sehnsucht des Menschen zu formulieren
suchte.

Kapitel IV.

Auf welche Weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

Die Schlüsse, zu denen wir so gelangt sind, stimmen vollständig
mit unseren früheren Schlüssen überein.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes bringt die national-
ökonomischen Gesetze, die wir in dieser Untersuchung entwickelt haben,
nicht nur unter ein höheres, vielleicht das höchste Gesetz, das unser
Geist zu erfassen vermag; sondern es beweist auch, daß die Herstellung
des gemeinsamen Eigentums am Grund und Boden in der von mir
vorgeschlagenen weise der Zivilisation einen ungemeinen Anstoß geben
würde, während die Unterlassung dieser Pflicht den Rückgang herbei-
führen muß^ Line Zivilisation wie die unsrige muß entweder vorschreiten
oder zurückgehen, sie kann nicht stillstehen. Sie ist nicht wie jene homogene
Zivilisation des Niltales, welche die Menschen nach ihren Plätzen modelte
und sie gleich Ziegeln in eine Pyramide einfügte. Sie gleicht vielmehr
jener Zivilisation, deren Steigen und Fallen innerhalb historischer
Zeiten liegt und der sie auch entsprungen ist.

Ls herrscht jetzt eine Neigung, über jede Andeutung, daß wir nicht
in allen Beziehungen fortschreiten, zu spotten, und der Geist unserer
Zeit ist der des Erlasses, den der höfische Premierminister dem chinesischen
Kaiser, welcher die alten Bücher verbrannte, vorschlug: „daß alle, die
miteinander über die Schi und Schn zu sprechen wagten, zu Tode ver-
urteilt werden und die, welche die Vergangenheit erwähnten, um die
Gegenwart zu tadeln, samt ihren Anverwandten den Tod erleiden
sollten."

Dennoch ist es klar, daß es Zeiten des Rückganges gegeben hat,
        <pb n="395" />
        ﻿382

Buch X.

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

gerade wie Zeiten des Fortschrittes; und es ist ferner klar, daß inan diese
Perioden des Rückganges anfänglich nicht allgemein zu erkennen ver-
mochte.

Der würde ein tollkühner Mann gewesen sein, der, als Augustu^
das aus Ziegeln erbaute Rom in das marmorne Rom verwandelte,
als der Reichtum sich vermehrte und die Pracht sich steigerte, als sieg-
reiche Legionen die Grenzen ausdehnten, als die Sitten und die Sprache
sich verfeinerten, die Literatur sich zu hohem Glanze erhob — der würde
ein tollkühner Mann gewesen sein, der damals gesagt hätte, daß Rom
sich seinem Verfall zuneige. Und doch war es der Fall.

Und wer jetzt um sich blickt, kann sehen, daß, obgleich unsere Zivili-
sation unstreitig mit größerer Schnelligkeit als je vorschreitet, dieselbe
Ursache, welche den Fortschritt Roms in Rückgang verwandelte, jetzt
wirksam ist.

Mas jede frühere Zivilisation zerstört hat, war die Tendenz zur
ungleichen Verteilung des Reichtums und der Macht. Diese selbe,,
mit zunehmender Kraft wirkende Tendenz ist in unserer heutigen Zivili-
sation bemerkbar, sie zeigt sich in jedem fortschreitenden Lande, je mehr
das Land fortschreitet. Lohn und Zins neigen beständig zum Sinken,
die Rente zum Steigen, die Reichen werden reicher, die Armen hilf-
und hoffnungsloser, und die Mittelklassen verschwinden.

Ich habe diese Tendenz auf ihre Ursache zurückgeführt. Ich habe
gezeigt, durch welche einfachen Mittel diese Ursache beseitigt werden
kann. Ich wünsche nun zu zeigen, auf welche Meise, wenn dies nicht
geschieht, der Fortschritt zum Verfall werden, die moderne Zivilisation
zur Barbarei herabsinken muß, wie es allen früheren Zivilisationen
ergangen ist. Es verlohnt sich der Mühe, nachzuweisen, auf welche
Meise dies sich ereignen kann, da viele Leute, die nicht einzusehen ver-
mögen, wie der Fortschritt in Rückschritt übergehen kann, etwas Der-
artiges für unmöglich halten. Gibbon z. B. dachte, daß die moderne
Zivilisation nie zugrunde gehen könne, weil keine Barbaren mehr vor-
handen seien, um sie zu überwältigen, und es ist eine gewöhnliche Vor-
stellung, daß die Erfindung der Buchdruckerkunst, welche die Bücher
dermaßen vervielfältigt, die Möglichkeit verhindert habe, daß das Missen
je wieder verloren gehen könnte.

Die Bedingungen des sozialen Fortschrittes sind, nach unserer
Formulierung des Gesetzes, die Assoziation und die Gleichheit. Die
allgemeine Tendenz der modernen Entwicklung war seit der Zeit,
wo wir die ersten Strahlen der Zivilisation in der auf den Fall des Mest-
reiches folgenden Dunkelheit entdecken können, auf politische und ge-
setzliche Gleichheit gerichtet, auf Abschaffung der Sklaverei, Aufhebung
der Frondienste, Beseitigung der erblichen Vorrechte, Ersetzung der
willkürlichen Regierung durch die parlamentarische, auf Gewissens-
freiheit, gleichmäßigere Sicherheit der Person und des Eigentums für
Hoch und Niedrig, für den Starken und für den Schwachen,, auf die
        <pb n="396" />
        ﻿Kap. IV. Auf welche weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

383-

größere Freiheit der Bewegung und Beschäftigung, der Rede und der
Presse. Die Geschichte der modernen Zivilisation ist die Geschichte der
dahin gerichteten Fortschritte, der Kämpfe und Triumphe persönlicher,
politischer und religiöser Freiheit. Und die Allgemeinheit dieses Gesetzes
wird dadurch bewiesen, daß, sobald diese Tendenz sich behauptete, die
Zivilisation vorschritt, sobald sie dagegen beschränkt oder zurückgedrängt
wurde, die Zivilisation zum Stillstand gebracht war.

Diese Tendenz hat ihren vollen Ausdruck in der nordamerikanischen
Republik erlangt, wo die politischen und gesetzlichen Rechte vollkommen
gleich sind und infolge des Kreislaufes der öffentlichen Ämter selbst die
Entstehung einer Bureaukratie verhindert wird, wo jeder religiöse
Glaube oder Unglaube auf gleichem Fuße steht, wo jeder Knabe hoffen
darf, Präsident zu werden, jeder Ulann in öffentlichen Angelegenheiten
eine gleiche Stimme hat, und jeder Beamte mittelbar oder unmittelbar
für die kurze Frist feiner Amtsdauer von einer Volksabstimmung ab-
hängig ist. Die Vereinigten Staaten sind in dieser Beziehung der vor-
geschrittenste aller großen Staaten in einer Richtung, in der alle vor-
anschreiten, und in den vereinigten Staaten sehen wir also genau, wie-
viel diese Tendenz zu politischer und persönlicher Freiheit an sich zu
vollbringen imstande ist.

Die erste Wirkung der Tendenz zu politischer Gleichheit war die
ebenmäßigere Verteilung des Reichtums und der Macht, denn solange
die Bevölkerung verhältnismäßig dünn ist, liegt die Ungleichheit der
Reichtumsverteilung hauptsächlich an der Ungleichheit der persönlichen
Rechte, und erst mit der Entwicklung des materiellen Fortschrittes
tritt die in der Auslieferung des Grund und Bodens an den Privatbesitz
enthaltene Ungleichheit scharf hervor. Indessen ist es jetzt offenbar,
daß die absolute politische Gleichheit an sich die im Privatgrundbesitz
enthaltene Tendenz zur Ungleichheit nicht verhindert, und es ist ferner
augenscheinlich, daß die politische Gleichheit, wenn sie mit einer zunehmen-
den Tendenz zu ungleicher Reichtumsverteilung zusammentrifft, schließ-
lich entweder den Despotismus organisierter Tyrannei oder den schlim-
meren Despotismus der Anarchie erzeugen muß.

Um eine republikanische Regierung in den niedrigsten und brutalsten
Despotismus zu verwandeln, ist es nicht nötig, ihre Konstitution in
aller Form zu ändern oder die Volkswahlen preiszugeben. Jahrhunderte
vergingen nach Läsar, ehe der absolute Herr der römischen Welt vorgab,
anders zu regieren als kraft Auftrags eines Senats, der vor ihm zitterte.

Allein Formen sind nichts, sobald das Wesen geschwunden ist,
und die Formen volkstümlicher Regierung sind diejenigen, von denen
das Wesen der Freiheit am leichtesten schwinden kann. Die Extreme
berühren sich, und eine Regierung des allgemeinen Stimmrechtes und
der theoretischen Gleichheit kann unter Bedingungen, die zu dem Um-
schwung drängen, am leichtesten ein Despotismus werden. Denn dort
Seht derselbe im Namen und mit der Macht des Volkes vor. Hat man
        <pb n="397" />
        ﻿Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.



sich erst der einzigen gZuelle der Macht versichert, dann hat inan sich alles
verschafft. Da bleibt keine unfreie Masse, die angerufen werden könnte;
kein bevorrechteter Rang, der in der Verteidigung seiner eigenen Rechte
diejenigen aller schützen kann. Kein Bollwerk bleibt übrig, urn die Flut
zu stauen, keine Höhe, urn sich über dieselbe zu erheben. Es waren be-
wehrte, von einem infulierten Erzbischof geführte Barone, die den Plan-
tagenet unter die Magna Lharta beugten; es war der Mittelstand,
der den Stolz der Stuarts brach; aber eine bloße Geldaristokratie wird
nie kämpfen, solange sie hoffen darf, einen Tyrannen zu bestechen.

Und wenn die Ungleichheit der Verhältnisse zunimmt, macht das
allgemeine Stimmrecht es leicht, die Tuelle der Macht an sich zu reißen,
denn um so größer ist der Anteil an der Macht in den fänden derjenigen,
die kein direktes Interesse an der Leitung der Regierung haben, die,
vom Mangel gequält und vom Elend vertiert, bereit sind, ihre Stimmen
dem chöchstbietenden zu verkaufen oder der Leitung des am lautesten
blökenden Demagogen zu folgen, oder die, durch Not verbittert, sogar
eine ruchlöse und tyrannische Regierung mit der Genugtuung betrachten,
die wir uns bei den Proletariern und Sklaven Roms vorstellen können,
als sie einen Laligula oder Nero unter den reichen Patriziern wüten
sahen. In einem Staate mit republikanischen Institutionen, in welchem
die eine Klasse zu reich ist, um in ihrem Luxus eine Verkürzung zu emp-
finden, wie auch die öffentlichen Angelegenheiten geleitet werden
mögen, und eine andere so arm, daß am Wahltage einige Dollar größeren
Einfluß haben als jede abstrakte Rücksicht, in welchem die wenigen sich
im Reichtum wälzen und die vielen über einen Zustand der Dinge, dem
sie nicht abzuhelfen wissen, vor Unmut schäumen, in einem solchen Staate
muß die Macht in die ^ände von Jobbern fallen, die sie kaufen und ver-
kaufen, wie die Prätorianer den römischen Purpur verkauften, oder in
die bsände von Demagogen, die sie ergreifen und eine Zeitlang hand-
haben, nur um durch schlimmere Demagogen ersetzt zu werden.

wo eine einigermaßen gleiche Reichtumsverteilung besteht, —
d. h. wo allgemeine Vaterlandsliebe, Tugend und Bildung herrschen
— da wird die Regierung je demokratischer, desto besser sein; umgekehrt,
wo die Reichtumsverteilung eine sehr ungleiche ist, je demokratischer
desto schlimmer; denn wenn auch eine verderbte Demokratie an sich
nicht schlimmer ist als eine verderbte Autokratie, so werden doch ihre
Wirkungen auf den Nationalcharakter schlimmer sein. Landstreichern,
Almosenempfängern, Leuten die nach Arbeit hungern, Leuten die betteln,
stehlen oder verhungern müssen, wenn sie keine Arbeit finden, solchen
Leuten Stimmrecht zu erteilen, ist nicht mehr und nicht weniger als die
Zerstörung provozieren, politische Macht in die Lsände hungriger, durch
die Armut erbitterter und erniedrigter Leute zu legen, heißt den Füchsen
Feuerbrände an die Schwänze binden und sie unter das wallende Korn
loslassen; es heißt einem Simson die Augen ausstechen und seine Arme
um die Pfeiler des nationalen Lebens legen.
        <pb n="398" />
        ﻿Kap. IV. Auf welche Weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

385

Die Zufälle erblicher Thronfolge oder die Wahl durch das Los
(das Schema einiger alten Republiken) können Zuweilen dem Weifen
und Gerechten die Macht verleihen; in einer korrumpierten Demo-
kratie dagegen ist die Tendenz immer darauf gerichtet, sie dem Schlechtesten
zu geben. Die Ehrlichkeit und Vaterlandsliebe erliegen, und die Gewissen-
losigkeit erringt Erfolg. Die Besten gehen zugrunde, die Schlechtesten
kommen auf die pöhe, und die Gemeinen werden nur von den Ge-
meineren verdrängt, während der Nationalcharakter allmählich den
Eigenschaften, welche Macht und folglich auch Ansehen gewinnen,
ähnlich werden muß, schreitet jene Demoralisation der öffentlichen
Meinung vor, die wir in dem großen Panorama der Geschichte immer
und immer wieder Geschlechter freier Menschen in Sklaven umwandeln
sehen.

Ähnlich wie in England im vorigen Jahrhundert, als das Parla-
ment nur eine geschlossene Adelszunft war, kann eine korrumpierte,
von der großen Menge vollständig abgeschlossene Oligarchie ohne be-
sonderen Nachteil für den Nationalcharakter bestehen, weil in diesem
Lalle die Macht nach Ansicht des Volkes mit anderen Dingen als mit
Korruption verbunden ist. Aber wo keine erblichen Vorzüge bestehen
und man alltäglich Menschen sieht, die sich durch unredliche Eigenschaften
vom niedrigsten Rang zu Reichtum und Macht erheben, da wird die
Duldung dieser Eigenschaften schließlich zur Bewunderung. Eine ver-
derbte demokratische Regierung muß schließlich das Volk korrumpieren,
und wenn ein Volk verderbt wird, so gibt es keine Auferstehung. Das
Leben ist fort, nur der Leichnam bleibt, und den Pflugscharen des Schick-
sals ist es vorbehalten, ihn aus den Augen zu schaffen und zu verscharren.

Diese Umwandlung einer volkstümlichen Regierung in Despotismus
der niedrigsten und gemeinsten Art, die unvermeidlich aus ungleicher
Reichtumsverteilung entstehen muß, ist nicht etwa eine Sache der ferneren
Zukunft. Sie hat in den Vereinigten Staaten schon begonnen und
schreitet unter unseren Augen mit Riesenschritten vor. Daß unsere
gesetzgebenden Körper in der Zusammensetzung sich beständig verschlech-
tern; daß Männer von höchster Lästigkeit und edelstem Charakter genötigt
sind, die Politik zu fliehen, und daß die Künste des Jobbers mehr zählen,
als der Ruf des Staatsmannes; daß die Abstimmungen immer nach-
lässiger vor sich gehen, und die Macht des Geldes im Steigen ist; daß es
schwerer ist, das Volk von Reformbedürfnissen zu überzeugen, und
schwieriger, Reformen durchzuführen; daß politische Unterschiede auf-
hören Unterschiede des Prinzips zu sein, und abstrakte Gedanken ihre
Macht verlieren; daß die Parteien unter eine Herrschaft kommen, die
man bei gewöhnlichen Regierungen Oligarchien und Diktaturen nennen
würde; dies alles sind Zeichen politischen Verfalls.

Der Typus moderner Entwicklung ist die große Stadt, Hier sind
der größte Reichtum und die tiefste Armut zu finden. Und hier ist auch
die Volksregierung am deutlichsten gebrochen. Zn allen großen amerika-

Goorge, Fortschritt und Armut.	25
        <pb n="399" />
        ﻿Buch X.

386	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

nischen Städten gibt es heute eine sich ebenso scharf abhebende herrschende
Klasse, wie in den aristokratischsten Ländern der Welt. Ihre Mitglieder
tragen Stadtviertel in ihrer Tasche, beherrschen die Stimmzettel in den
Wahlkonventionen, verteilen Ämter als ob sie miteinander handelten,
und tragen — obgleich sie weder säen noch spinnen — die heften Kleider
und geben mit verschwenderischen fänden Geld aus. Sie sind Leute
von Macht, deren Gunst der Ehrgeizige suchen und deren Rache er ver-
meiden muß. wer sind diese Männer? Die weisen, die Guten, die
Gebildeten — Männer, die das Vertrauen ihrer Mitbürger durch die
Reinheit ihres Lebens, durch den Glanz ihrer Talente, durch ihre Recht-
schaffenheit bei öffentlichen Verwaltungen, durch das tiefe Studium
der Probleme der Politik erworben haben? Nein; es find Spieler,
Salonhalter, Klopffechter oder noch Schlimmeres, die ein Geschäft
daraus gemacht haben, Stimmen zu beherrschen, Stellen und Amts-
handlungen zu kaufen und zu verkaufen. Sie stehen der Verwaltung
dieser Städte auf demselben Fuße gegenüber, wie die Prätorianer
der des verfallenden Roms, wer den Purpur tragen, auf dem kurulischen
Sessel Platz nehmen oder die Liktorstäbe vor sich hertragen lassen will,
muß nach ihrem Lager gehen oder seine Boten dahin senden, ihnen
Schenkungen machen und Versprechungen vorhalten. Durch diese
Männer vermögen die reichen Korporationen und allmächtigen Geld-
interessen den Senat und die Richterbank mit ihren Kreaturen zu füllen.
Diese Männer sind es, welche die Schuldirektoren, die Stadtverordneten,
die Schätzungsbeamten, die Mitglieder der Legislatur, die Männer des
Kongresses machen. Ls gibt viele Wahldistrikte in den Vereinigten
Staaten, in denen ein George Washington, ein Benjamin Franklin
oder ein Thomas Iefferson nicht mehr Aussicht hätte, in das Unterhaus
einer Staatslegislatur zu gelangen als unter dem ancien regime ein
niedrig geborener Bauer, Marschall von Frankreich zu werden. Ihr
Charakter allein würde eine unübersteigliche Disqualifikation dazu fein,
In der Theorie sind wir ganze Demokraten. Der Vorschlag, Schweine
im Tempel zu schlachten, würde im alten Jerusalem kaum größeren
Abscheu und Unwillen erregt haben, als unter uns der, unserem hervor-
ragendsten Bürger eine Rangunterscheidung zu verleihen. Aber wächst
nicht unter uns eine Klasse auf, die die ganze Macht ohne irgendeine dev
Tugenden der Aristokratie hat? wir haben einfache Bürger, die Tausende
von Meilen Eisenbahnen, Millionen von Morgen Land, die Mittel
des Unterhalts von Legionen von Menschen beherrschen, die die Gou
verneure souveräner Staaten ernennen, wie sie ihre eigenen Angestellten
ernennen, die Senatoren wählen, wie sie sich Anwälte aussuchen, und
deren Wille in den gesetzgebenden Versammlungen so maßgebend ist,
wie der eines französischen Königs, der im lit de justice saß. Die unter
der Oberfläche liegenden Strömungen der Zeiten scheinen uns zu den
alten Verhältnissen, denen wir entronnen zu sein wähnten, zurückzu-
treiben. Die Entwicklung der Handwerks- und Handelsklassen brach
        <pb n="400" />
        ﻿Kap. IV. Auf welche Weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

387

allmählich durch den Feudalismus, nachdem derselbe so vollständig in
Fleisch und Blut übergegangen war, daß die Menschen sich den ftimmel
nicht anders als auf feudaler Basis eingerichtet denken konnten und sich
die erste und zweite Person der Dreieinigkeit als Dberherrn und Statt-
halter vorstellten. Jetzt aber droht die Entwicklung der Industrie und
der Börse in einer sozialen Organisation, in welcher der Grund und Boden
zu Privatbesitz gemacht ist, jeden Arbeiter zu nötigen, sich einen Herrn
zu suchen, wie die auf den schließlichen Zusammenbruch des römischen
Reiches folgende Unsicherheit jeden Freien zwang, sich einen Lehnsherrn
zu suchen. Nichts scheint von dieser Tendenz verschont. Die Erwerbs-
tätigkeit scheint allerwärts eine Form anzunehmen, in der einer Herr
ist und viele dienen. Und wenn einer Herr ist und die anderen dienen,
so wird der eine die anderen beherrschen, selbst in solchen Angelegenheiten
wie Abstimmungen. Gerade wie der englische Gutsherr über die Stimmen
seiner Pächter verfügt, so verfügt der Fabrikant Neu-Lnglands über die
seiner Arbeiter.

Wir können es uns nicht verhehlen, die Gesellschaft ist in ihren
Grundlagen untergraben, während wir fragen, wie ist möglich, daß
eine Zivilisation, wie diese, mit ihren Eisenbahnen, Tagesblättern und
elektrischen Telegraphen je vernichtet werden sollte? Während die
Literatur nur die Ansicht atmet, daß wir den unzivilisierten Zustand
hinter uns haben, und immer weiter hinter uns lassen müssen, liegen
Anzeichen genug vor, daß wir in Wirklichkeit zur Barbarei zurückkehren.
Beweis: Eins der Merkmale der Barbarei ist die geringe Achtung vor
den Rechten der Person und des Eigentums. Daß die Gesetze unserer
angelsächsischen vorfahren dem Mörder eine dem Range des Opfers
entsprechende Geldbuße als Strafe auferlegten, während unser Gesetz
keinen Rangunterschied anerkennt, und den Niedrigsten vor dem höchsten,
den Ärmsten vor dem Reichsten durch die gleiche Todesstrafe schützt,
wird als ein Beweis ihrer Barbarei und unserer Zivilisation angesehen.
Und daß Seeraub, Straßenraub, Sklavenhandel und Erpressungen
vormals als eine Art berechtigter Geschäfte angesehen wurden, ist ein
zwingender Beweis für den rohen Stand der Entwicklung, von dem
wir uns so weit entfernt haben.

Tatsächlich kann jedoch, trotz unserer Gesetze, jemand, der Geld
genug hat, und einen anderen töten will, in einen unserer großen Mittel-
punkte der Bevölkerung und des Geschäftes gehen, seinen Wunsch
dort befriedigen und sich dann der Gerechtigkeit überliefern mit hundert
Lhancen gegen eine, daß er keine größere Strafe erleiden wird als eine
zeitweilige Haft und den Verlust einer Summe Geldes, die teils seinem
eigenen Reichtum, teils dem Reichtum und der Stellung des von ihm
getöteten Mannes angemessen ist. Sein Geld wird nicht der Familie
des Ermordeten, die ihren Beschützer verloren hat, nicht dem Staate,
welcher einen Bürger verloren hat, sondern den Advokaten bezahlt,

25*
        <pb n="401" />
        ﻿388

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

die es verstehen, Verzögerungen herbeizuführen, Zeugen zu finden
und Geschworene uneinig zu machen.

Und so kann auch jemand, der genug stiehlt, sicher sein, daß feine
Strafe faktisch nur auf den Verlust eines Teils seines Diebstahls hinaus-
laufen wird; und stiehlt er genug, um mit einem vermögen davon-
zukommen, so wird er von seinen Bekannten begrüßt werden, wie vor
alters ein Wiking nach einem glücklichen Raubzuge begrüßt worden
sein dürfte. Selbst wenn er diejenigen beraubt hätte, die ihm ver-
trauen schenkten; wenn er Witwen und Waisen um ihr Letztes gebracht
hätte; hat er nur genug, so mag er ruhig vor aller Augen einherstolzieren.

Die Tendenz in dieser Richtung nimmt immer mehr zu. In größter
Kraft erscheint sie, wo die Ungleichheiten in der Reichtumsverteilung
am größten sind, und ihre Zunahme geht mit der Zunahme der Un-
gleichheiten kfand in Hand. wenn dies nicht eine Rückkehr zur Barbarei
ist, was ist es denn? Die Mängel der Rechtspflege, auf die ich hingedeutet
habe, sind nur Beweise der zunehmenden Hinfälligkeit unserer gesetzlicher!
Einrichtungen auf allen Gebieten. Oft hört man Leute sagen, es würde
besser sein, zu den ersten Anfängen der Staatsbildung zurückzukehren
und das Gesetz abzuschaffen, denn dann würde das Volk zu feiner Selbst-
verteidigung Sicherheitsausschüsse bilden und die Gerechtigkeit selbst in
die Hand nehmen. Deutet dies auf einen Fortschritt oder Rückgang?

Alles dies kann man täglich beobachten. Obgleich wir es nicht
offen aussprechen, ist das allgemeine Vertrauen in die republikanischen
Institutionen da, wo dieselben ihre vollste Entwicklung erreicht haben,
entschieden in der Abnahme begriffen. Der vertrauensvolle Glaube
an die republikanische Verfassung als Ouelle der Nationalwohlfahrt,
wie er früher bestand, ist nicht mehr vorhanden.. Denkende Männer
fangen an, ihre Gefahren einzusehen, ohne zu wissen, wie man sie ver-
meiden könnte; sie fangen an, die Ansicht Macaula^s zu teilen und der
Ieffersons zu mißtrauen*). Und das Volk überhaupt gewöhnt sich immer
mehr an die wachsende Korruption. Das ominöseste politische Zeichen
in^den heutigen Vereinigten Staaten ist das Entstehen einer Gesinnung,
die es entweder bezweifelt, daß es ehrliche Männer in den öffentlichen
Ämtern gibt, oder diejenigen für Narren hält, die ihre Gelegenheit
nicht ergreifen. Das heißt, das Volk selbst wird korrumpiert. So verfolgt
die republikanische Regierungsform in den vereinigten Staaten heute
den weg, den sie unter Bedingungen, welche die ungleiche Verteilung
des Reichtums verursachen, unvermeidlich einschlagen muß.

wohin jener weg führt, ist jedem klar, der nur denken will. Sobald
die Korruption chronisch wird, der öffentliche Geist verloren geht, die
Traditionen von Ehre, Tugend und Vaterlandsliebe geschwächt, die
Gesetze der Mißachtung preisgegeben werden und Reformen als hoff-
nungslos erscheinen, werden in der eiternden Masse vulkanische Kräfte

*) irtan sehe Itlacaulays Brief an Randall, den Biographen Ieffersons.
        <pb n="402" />
        ﻿Aap. IV. Auf welche Weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

389

erzeugt, die alles zerreißen und zerschmettern, sobald ein anscheinender
Zufall ihnen Luft macht. Starke, vor nichts zurückschreckende Männer,
die sich erheben, sobald die Gelegenheit da ist, werden die ausführenden
Organe blinder Triebe des Volkes oder seiner wilden Leidenschaften
werden und formen beiseite schleudern, die ihre Lebenskraft verloren
haben. Das Schwert wird wieder mächtiger als die Feder fein, und im
Rarnevalstaumel der Zerstörung werden rohe Gewalt und wilder Wahn-
sinn mit der Lethargie einer untergehenden Zivilisation abwechseln.

woher sollen aber die neuen Barbaren kommen? Man gehe nur
durch die schmutzigen Viertel großer Städte und man wird, selbst jetzt
schon, ihre sich sammelnden ksorden sehen! wie soll aber das wissen
untergehen? Die Menschen werden aufhören zu lesen, und die Bücher
werden Brände anzünden und in Patronen verwandelt werden.

Ls ist schrecklich daran zu denken, wie schwache Spuren von unserer
Zivilisation übrig bleiben würden, wenn sie den Todeskampf durchmachen
müßte, der den Untergang jeder früheren Zivilisation begleitet hat.
Papier dauert nicht wie Pergament, und unsere massivsten Gebäude
und Monumente sind an Festigkeit mit den aus Felsen gehauenen
Tempeln und titanischen Bauwerken der alten Zivilisation nicht zu
vergleichen*). Und der Lrfindungsgeist hat uns nicht nur die Dampf-
maschine und die Druckerpresse, sondern auch Petroleum, Nitro-Gl'fzerin
und Dynamit gegeben.

Allein heutzutage anzudeuten, daß unsere Zivilisation möglicher-
weise sinken könne, scheint ein ausschweifender Pessimismus zu sein.
Die besonderen von mir hervorgehobenen Tendenzen leuchten Denken-
den ein, aber bei der Mehrheit der Denkenden sowohl als auch bei der
großen Masse ist der Glaube an den Fortschritt noch stark und tief —
ein fundamentaler Glaube, der nicht den Schatten eines Zweifels
zuläßt.

Aber jeder, der sich in die Sache hineindenkt, wird einsehen, daß
dies überall notwendig der Fall sein muß, wo der Fortschritt allmählich
in Rückgang übergeht. Denn in der sozialen Entwicklung wie in allem
übrigen, strebt die Bewegung in geraden Linien zu verharren, und es
ist daher, wo vorher Fortschritt stattgefunden hat, überaus schwer,
einen Rückgang zu erkennen, selbst wenn derselbe tatsächlich schon be-
gonnen hat; es besteht eine fast unwiderstehliche Neigung, zu glauben,
daß die Vorwärtsbewegung, die Fortschritt war und noch anhält, immer
noch Fortschritt sei. Das Gewebe von Glauben, Gebräuchen, Gesetzen,
Einrichtungen und Denkgewohnheiten, welches jedes Gemeinwesen
fortwährend spinnt, und welches in dem von ihm umgebenen Individuum

*) Ls ist, wie mir scheint, auch lehrreich, zu beobachten, wie unzulänglich und überaus
irreführend die Vorstellung von unserer Zivilisation sein würde, die man aus den Airchen
und Denkmälern unserer Zeit gewinnen könnte, und doch sind Gebäude dieser Art die
einzige Quelle, aus der wir unsere Kenntnis der versunkenen Zivilisationen schöpfen
können.
        <pb n="403" />
        ﻿ZHO	Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.	Buch X.

alle Unterschiede des Volkscharakters hervorbringt, wird nie entwirrt.
Das heißt, beim Sinken der Zivilisation schreiten die Staaten nicht auf
denselben Pfaden abwärts, auf denen sie emporgestiegen sind. Das
Sinken der politischen Zivilisation würde uns z. B. nicht von der Republik
zur konstitutionellen Monarchie und von da weiter zum Feudalsystem
zurückführen; es würde uns dem Zäsarismus und der Anarchie in die
Arme werfen. In der Religion würde uns der Niedergang nicht zu dem
Glauben unserer Vorväter, zum Protestantismus oder Katholizismus
zurückführen, sondern in neue Formen des Aberglaubens, von denen
möglicherweise das Mormonentum und der Spiritualismus eine ent-
fernte Vorstellung geben können. In den Wissenschaften würde der
Niedergang uns nicht zu Bacon, sondern zu den Gelehrten Lhinas
zurückbringen.

wie aber der Rückgang der Zivilisation nach einer Periode des
Fortschrittes so allmählich sein kann, um zurzeit gar keine Aufmerksam-
keit zu erregen; ja, wie jener Rückgang von der großen Mehrheit der
Menschen notwendig für Fortschritt gehalten werden muß, ist leicht zu
erklären. So besteht beispielsweise ein ungeheurer Unterschied zwischen
der griechischen Kunst der klassischen Zeit und der des späteren Reiches;
allein der Umschwung war von einer Geschmacksänderung begleitet
oder vielmehr verursacht. Die Künstler, welche dieser Geschmacksverände-
rung am schnellsten folgten, wurden zu ihrer Zeit als die besseren an-
gesehen. Und ebenso in der Literatur. Als sie schaler und kindischer wurde
und auf Stelzen einherging, da war dies der Ausdruck eines veränderten
Geschmackes, der ihre zunehmende Schwäche für erhöhte Kraft und Schön-
heit ansah. Der wirklich gute Schriftsteller würde keine Leser gefunden
haben, er wäre als roh, trocken oder langweilig verschrieen worden.
Geradeso ging das Theater abwärts, nicht weil es an guten Stücken
fehlte, sondern weil der herrschende Geschmack mehr und mehr der
einer weniger gebildeten Klasse wurde, die natürlich das, was ihr am
meisten gefiel, als das Beste seiner Art betrachtete. Ebenso mit der Reli-
gion; die abergläubischen Vorstellungen, die ihr ein abergläubisches Volk
hinzubringt, werden von demselben als Fortschritte angesehen werden,
wenn der Niedergang schon im vollen Zuge ist, wird man die Einwendung
zur Barbarei wo nicht gar für einen Fortschritt, doch für nötig halten,
um den Bedürfnissen der Zeit zu entsprechen.

vor kurzem ist z. B. die körperliche Züchtigung als Strafe für
gewisse Verbrechen im englischen' Strafgesetz wiederhergestellt und in
Amerika stark befürwortet worden. Ich spreche keine Ansicht darüber
aus, ob die Prügelstrafe eine bessere Strafe ist als die Freiheitsentziehung
oder nicht. Ich deute nur auf die Tatsache als auf einen Beweis, wie die
zunehmenden Fälle von verbrechen und die zunehmende Verlegenheit,
wie man die Gefangenen unterhalten soll (beides sind jetzt unzweifelhaft
vorhandene Tendenzen), dahin führen können, daß man immer mehr
zu der körperlichen Grausamkeit barbarischer Gesetzbücher zurückkehrt.
        <pb n="404" />
        ﻿Aax. IV. Auf welche weise die moderne Zivilisation zurückgehen kann.

50&gt;\

Die mit dem verfall der römischen Zivilisation beständig zunehmende
Anwendung der Tortur bei gerichtlichen Untersuchungen kann daher,
wie hieraus leicht zu ersehen, als eine notwendige Verbesserung des
Kriminalrechts gefordert werden, wenn die Sitten roher werden und die
verbrechen sich vermehren.

Ob in den gegenwärtigen Zügen der Meinungen und des Geschmacks
bisher Anzeichen des Rückganges nachweisbar find, braucht nicht unter-
sucht zu werden; aber viele Dinge, über die kein Streit bestehen kann,
deuten darauf hin, daß unsere Zivilisation einen kritischen Abschnitt
erreicht hat, und daß, wenn nicht ein neuer Anlauf in der Richtung der
sozialen Gleichheit genommen wird, das neunzehnte Jahrhundert leicht
der Zukunft als ihr Höhepunkt erscheinen dürfte. Die industriellen Krisen,
die ebensoviel Verheerung und Leiden verursachten wie Hungersnot
oder Kriege, sind gleich den Schmerzen und Anfällen, die dem Schlägfluß
vorangehen. Überall ist es klar, daß die Tendenz zur Ungleichheit, die
sich notwendig aus dem materiellen Fortschritt ergibt, wo der Grund und
Boden monopolisiert ist, nicht viel weiter gehen darf, ohne unsere Zivili-
sation auf jenen abschüssigen Pfad zu treiben, den zu betreten so leicht
und zu verlassen so schwer ist. Überall leitet die steigende Härte des
Kampfes ums Dasein, die zunehmende Notwendigkeit, jeden Nerv
anzustrengen, um nicht umgeworfen und in dem Geraffe nach Reichtum
unter die Füße getreten zu werden, die Kräfte ab, welche die Fortschritte
gewinnen und erhalten. Zn allen zivilisierten Ländern sind Pauperismus,
verbrechen, Wahnsinn und Selbstmorde im Zunehmen. Zn allen
zivilisierten Ländern vermehren sich die Krankheiten, welche von Über-
anstrengung der Nerven, ungenügender Ernährung, schmutzigen Woh-
nungen, ungesunden und einförmigen Beschäftigungen, vorzeitiger
Kinderarbeit sowie den Mühsalen und Verbrechen, welche die Armut
den Frauen auferlegt, herrühren. Zn allen hoch zivilisierten Ländern
scheint das durchschnittliche Lebensalter der Menschen, welches seit einigen
Zahrhunderten allgemach stieg und ungefähr im ersten viertel dieses
Zahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht zu haben scheint, jetzt wieder
abzunehmen*).

Solche Ziffern deuten auf keine vorschreitende Zivilisation. Ls
ist eine Zivilisation, die in ihren unter der Oberfläche liegenden Strö-
mungen schon zurückzuschreiten begonnen hat. wenn die Flut in der
Bucht oder im Fluß zur Ebbe wird, so geschieht dies nicht ganz plötzlich;
sondern hier steigt sie noch, während sie dort schon zurückzutreten beginnt,
wann die Sonne den Meridian überschreitet, kann man nur nach der
Richtung des Schattens sagen, denn die Hitze des Tages nimmt noch zu.

*) Statistische Angaben über diese Dinge sind in handlicher Form in dem Buche
Samuel Royces „veterioration and race education“ zusammengestellt, das von dem
ehrwürdigen Peter Looper von New Port weit verbreitet worden ist. Sonderbar genug
ist das einzige Heilmittel, das Royce vorzuschlagen weiß, die Errichtung von Kindergärten.
        <pb n="405" />
        ﻿392

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

Aber so sicher wie die sich drehende Aut bald zur Ebbe werden, so sicher
wie die sinkende Sonne die Dunkelheit bringen muß, so sicher hat, ob-
gleich das Wissen noch zunimmt und der Ersindungsgeist noch vorschreitet,
neue Staaten gegründet werden und die Städte sich noch ausdehnen,
der Verfall der Zivilisation schon begonnen, wenn wir im Verhältnis
zur Bevölkerung mehr und mehr Gefängnisse, Armen- und Zrrenhäuser
hauen müssen. Die Gesellschaften sterben nicht von oben nach unten,
sie sterben von unten nach oben.

Es gibt aber noch weit handgreiflichere Beweise für die abwärts
neigende Tendenz der Zivilisation, als je von der Statistik geliefert
werden können. Es besteht ein vages, aber allgemeines Gefühl der Ent-
täuschung, eine zunehmende Bitterkeit unter den arbeitenden Klassen,
ein weitverbreitetes Gefühl von Unruhe und brütender Revolution.
Wäre dasselbe von einer bestimmten Vorstellung begleitet, wie Abhilfe
zu schaffen ist, so würde es ein hoffnungsvolles Zeichen sein; aber das
ist es nicht. «Obgleich man die Schulftube schon eine Zeitlang hinter sich
hat, scheint die Fähigkeit, die Wirkung aus die Ursache zurückzuführen,
im allgemeinen nicht um eine Spur vorgeschritten zu sein. Der Rückfall
in den Protektionismus, sowie in andere, längst in die Rumpelkammer
geworfene politische Täuschungen beweist dies*). Und auch der philo-
sophische Freidenker kann den ungeheuren Umschwung in den religiösen
Zdeen, der jetzt in der ganzen zivilisierten Welt vor sich geht, nicht be-
trachten, ohne zu fühlen, daß diese furchtbare Tatsache die kolossalsten
Folgen haben kann, die nur die Zukunft zu enthüllen vermag. Denn was
da vor sich geht, ist kein bloßer Wechsel in der Form der Religion, sondern
die Verneinung und Zerstörung der Vorstellungen, denen die Religion
entspringt. Das Ehristentum macht sich nicht bloß vom Aberglauben
los, sondern stirbt in der Volksansicht an der Wurzel ab, wie das alte
Heidentum abstarb, als das Ehristentum die Welt betrat. Und nichts er-
scheint, um dessen Stelle einzunehmen. Die fundamentalen Borstellungen
eines persönlichen Gottes und eines künftigen Lebens gehen der Über-
zeugung der Massen immer mehr verloren. «Ob dies nun an sich ein
Fortschritt sei oder nicht, so zeigt die Bedeutung der Rolle, welche die
Religion in der Weltgeschichte gespielt hat, die Bedeutung des Um-
schwungs, der jetzt vor sich geht. Falls die menschliche Natur sich nicht
plötzlich in den tiefsten Lharakterzügen, welche die Weltgeschichte in der
Menschheit nachweist, geändert hat, so bereiten sich die mächtigsten
Aktionen und Reaktionen auf diese Art vor. Solche Stadien des Denkens
haben daher immer Übergangsperioden bezeichnet. Zn kleinerem Maß-
stabe und in geringerer Tiefe (denn ich meine, jeder, der den Zug unserer
Literatur beachtet und mit den Leuten, auf die er trifft, über solche

*) An aufbauender Staatskunst, Erkenntnis der grundlegenden Prinzipien und
Anpassung der Mittel an die Zwecke ist die vor einem Jahrhundert angenommene Kon-
stitution der Vereinigten Staaten den neueren Staatskonstitutionen gewaltig überlegen,
von denen die letzte, die von Kalifornien, nichts als ein stümperhaftes Flickwerk ist.
        <pb n="406" />
        ﻿Kap. V.

Die zentrale Wahrheit.

SYS

Gegenstände redet, wird einsehen, daß es ein Untergrund- und kein
gewöhnliches Pflügen ist, das die materialistischen Ideen jetzt voll-
bringen) ging ein solcher Zustand des Denkens der sranzösischen Revolu-
tion voraus. Aber die ähnlichste Parallele für den jetzt vor sich gehenden
Schiffbruch der religiösen Ideen findet sich in jener Periode, in der die
alte Zivilisation vom Glanz zum Verfall überging, welcher Umschwung
kommen mag, kann kein Sterblicher sagen, aber daß ein großer Umschwung
kommen muß, fangen denkende Menschen an zu fühlen. Die zivilisierte
Welt zittert am Rande einer großen Bewegung. Entweder muß es ein
Sprung auswärts sein, der den weg zu ungeahnten Fortschritten er-
öffnet, oder es muß ein Fall nach unten sein, der uns in die Barbarei
zurückführt.

Kapitel V.

Die zentrale Wahrheit.

In dem kurzen Raum, auf welchen dieser letztere Teil unserer
Untersuchung notwendig beschränkt ist, war ich genötigt, vieles zu über-
gehen, was ich gerne gesagt hätte, und vieles nur kurz zu berühren, wo
eine erschöpfende Erörterung wohl am Platze gewesen wäre.

Nichtsdestoweniger ist wenigstens so viel klar, daß die Wahrheit,
zu der wir in dem nationalökonomischen Teile unserer Untersuchung
geleitet wurden, ebenso klar in dem Steigen und Fallen der Völker und
in der Entstehung und dem Untergang der Zivilisationen hervortritt,
und daß sie mit jener tiefgewurzelten Erkenntnis von Beziehung und
Folge, die wir moralische Empfindung nennen, übereinstimmt. So ist
unseren Schlüssen die größte Sicherheit und höchste Billigung verliehen.

Diese Wahrheit enthält sowohl eine Drohung wie eine Verheißung.
Sie zeigt, daß die aus ungerechter und ungleicher Reichtumsverteilung
erwachsenden Übel, die mehr und mehr sichtbar werden, je mehr die
moderne Zivilisation vorschreitet, nicht bloß beiläufige Folgen des
Fortschrittes, sondern vielmehr Tendenzen sind, die den Fortschritt
zum Stillstand bringen müssen, daß sie nicht von selbst heilen, sondern,
wenn ihre Ursache nicht entfernt wird, immer größer werden müssen,
bis sie uns in die Barbarei zurückschleudern auf dem Wege, den jede
frühere Zivilisation gegangen ist. Aber sie zeigt auch, daß diese Übel
nicht durch Naturgesetze auferlegt sind, sondern daß sie lediglich verkehrten,
die natürlichen Gesetze mißachtenden sozialen Einrichtungen entspringen
und daß, wenn wir ihre Ursache entfernen, wir dem Fortschritt einen
ungeheuren Sporn geben werden.

Die inmitten des Überflusses die Menschen peinigende und ver-
tierende Armut und alle die mannigfachen Übel ihres Gefolges ent-
        <pb n="407" />
        ﻿Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

m

springen einer Verweigerung der Gerechtigkeit. Zndem wir die Mono-
polisierung der Naturgaben zuließen, welche die Natur allen gleichmäßig
darbietet, haben wir das fundamentale Gesetz der Gerechtigkeit miß-
achtet; denn soweit wir zu sehen vermögen, scheint, wenn wir die Dinge
nach einem großen Maßstabe betrachten, die Gerechtigkeit das höchste
Weltgesetz zu sein. Dadurch aber, daß wir diese Ungerechtigkeit beseitigen
und die Rechte aller Menschen auf die Naturgaben anerkennen, werden
wir dem Gesetze gemäß handeln, die Lsauptursache der unnatürlichen
Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums und der Macht entfernen,
die Armut abschaffen, die unbarmherzige Leidenschaft der Habsucht
zähmen, die «Duellen des Lasters und Elends austrocknen, an dunklen
Orten die Leuchte des Wissens anzünden, dem Erfindungsgeiste neue
Kraft und den Entdeckungen frischen Impuls verleihen, politische Stärke
an die Stelle politischer Schwäche setzen und Tyrannei und Anarchie
unmöglich machen.

Die von mir vorgeschlagene Reform stimmt mit allem überein,
was in politischer, sozialer oder moralischer Beziehung wünschens-
wert ist. Sie hat die Eigenschaften einer wahren Reform, denn sie wird
alle anderen Reformen leichter machen. Was ist sie anders, als die dem
Buchstaben und Geist entsprechende Ausführung der in der Unabhängig-
keitserklärung verkündigten Wahrheit — der „selbstverständlichen"
Wahrheit, die das Herz und die Seele der Erklärung ist: „daß alle
Menschen gleichgeschaffen sind, daß sie von ihrem Schöpfer
mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind,
daß zu denselben Leben, Freiheit und das Streben nach
Glück gehören!"

Diese Rechte werden aber verweigert, wenn das gleiche Recht auf
den Grund und Boden, auf welchem und von welchem die Menschen
allein leben können, verweigert wird. Die Gleichheit der politischen
Rechte bietet keinen Ersatz für die Verweigerung des gleichen Rechtes
auf die Gaben der Natur. Die politische Freiheit wird, sobald das gleiche
Recht auf den Grund und Boden verweigert wird, bei Zunahme der
Bevölkerung und der Erfindungen nur die Freiheit, zu Hungerlöhnen
um Beschäftigung zu konkurrieren. Dies ist die Wahrheit, welche wir
mißachtet haben. Und so kommen die Bettler in unsere Städte und die
Landstreicher auf unsere Heerstraßen; die Armut macht Menschen zu
Sklaven, die wir mit politischen Herrschaftsrechten aufputzen; die Not
erzeugt Unwissenheit, die von unseren Schulen nicht erhellt werden kann;
Bürger stimmen, wie es ihre Herren vorschreiben; der Demagoge usurpiert
den Platz des Staatsmannes; Gold wiegt in den Wagschalen der Gerecht
tigkeit; in hohen Stellungen sitzen Leute, die nicht einmal die Maske
der Bürgertugend annehmen, und die Pfeiler der Republik, die wir
für so stark hielten, beugen sich bereits unter der zunehmenden Wucht.

Wir ehren die Freiheit dem Namen und der Form nach. Wir er-
richten ihr Statuen und lassen ihr Lob ertönen. Aber wir haben ihr nicht
        <pb n="408" />
        ﻿Die zentrale Wahrheit.

Rap. V.

395

völlig vertraut. Und rnit unserer Entwicklung entwickeln sich ihre An-
sprüche. Sie will keinen halben Dienst!

Freiheit! es ist ein Mort der Beschwörung, nicht eitler Prahlerei.
Denn Freiheit bedeutet Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist das Natur-
o,e\c^ — das Gesetz der Gesundheit, des Ebenmaßes, der Kraft, der
Brüderlichkeit und des einigen Wirkens.

wer da meint, die Freiheit habe ihr Werk getan, als sie erbliche
Vorrechte abschaffte und den Menschen das Stimmrecht gab; wer da
glaubt, sie habe keine weitere Beziehung zu den täglichen Angelegen-
heiten des Lebens, der hat ihre wahre Größe nicht gesehen — ihm
müssen die Dichter, die sie besungen haben, bloße Reimschmiede und ihre
Märtyrer Narren scheinen! wie die Sonne die perrin des Lebens sowohl
als des Lichtes ist; wie ihre Strahlen nicht nur die Wolken durchdringen,
sondern alle Entwicklung erhalten, alle Bewegung verursachen und aus
einer sonst kalten und trägen Masse all die unendlichen Verschiedenheiten
des Seins und der Schönheit hervorzaubern, so steht die Freiheit zum
Menschengeschlecht. Nicht für eine Abstraktion haben die Menschen ge-
kämpft und geblutet, sind in jedem Zeitalter die Zeugen der Freiheit
ausgestanden und haben ihre Märtyrer gelitten!

wir sprechen von der Freiheit einerseits und von Tugend, Wohl-
stand, Kenntnis, Erfindungsgabe, Volkskraft und nationaler Unab-
hängigkeit andererseits als von verschiedenen Dingen. Aber die Freiheit
ist die «Duelle, die Mutter, die notwendige Bedingung aller dieser Dinge.
Sie ist für die Tugend, was das Licht für die Farbe ist; für den Wohl-
stand, was der Sonnenschein für das Korn; für das wissen, was das Auge
dem Sehen. Sie ist der Genius der Erfindung, der Nerv der Volkskraft,
der Geist der Nationalunabhängigkeit! wo die Freiheit steigt, da wächst
die Tugend, nimmt der Wohlstand zu, verbreitet sich das wissen, die
Erfindung vervielfältigt die menschlichen Kräfte, und an Kraft und
Geist erhebt sich die freiere Nation unter ihren Nachbarn wie Saul
unter seinen Brüdern, größer und schöner, wo die Freiheit sinkt, da
erblaßt die Tugend, vermindert sich der Wohlstand, die Kenntnisse werden
vergessen die Erfindung hört auf, und vormals in Waffen und Künsten
mächtige Reiche werden eine hilflose Beute freierer Barbaren!

Nur in gebrochenen Strahlen und partiellem Lichte hat die Sonne
der Freiheit bisher unter den Menschen geschienen, aber allen Fortschritt
hat sie allein hervorgerufen.

Die Freiheit kam zu einem Geschlecht von Sklaven unter ägyptischer
peitsche und führte sie hinweg aus dem Hause der Knechtschaft. Sie
stählte sie in der wüste und machte ein Geschlecht von Eroberern aus
ihnen. Der freie Geist der mosaischen Gesetze führte ihre Denker auf
Höhen, wo sie die Einheit Gottes schauten, und begeisterte ihre Dichter
zu Gesängen, die noch heute den höchsten Schwung der Gedanken aus-
drücken. Die Freiheit dämmerte an der phönizischen Küste, und durch
die Pfeiler des Herkules segelten Schiffe, um das unbekannte Meer
        <pb n="409" />
        ﻿396

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

zu durchfurchen. Sie warf ein Efalblicht auf Griechenland, und der
Marmor wurde zu Gestaltungen vollendetster Schönheit, Worte wurden
zu Instrumenten der erhabensten Gedanken und an den schwachen Milizen
freier Städte brachen sich die zahllosen Scharen des großen Königs,
gleich Wogen an einem Felsen. Sie warf ihre Strahlen aus die Vier-
ackergüter der italienischen Bauern, und aus ihrer Kraft entsproß eine
Macht, die die Welt eroberte. Die Freiheit blitzte von den Schildern
der deutschen Krieger, und Augustus beweinte seine Legionen. Aus
der Nacht, die ihrer Verfinsterung folgte, fielen ihre schrägen Strahlen
wieder auf freie Städte, und eine verlorene Gelehrsamkeit lebte wieder
auf, die moderne Zivilisation hub an, eine neue Welt wurde enthüllt,
und wie die Freiheit zunahm, so entwickelte sich auch die Kunst, Wohl-
stand, Macht, Wissen und Verfeinerung. Zn der Geschichte jedes Volkes
können wir dieselbe Wahrheit lesen. Ls war die aus der Magna Charta
entsprossene Kraft, die Lrecy und Agincourt gewann. Ls war die Er-
hebung der Freiheit aus dem Despotismus der Tudor, die das Zeitalter
Elisabeths verherrlichte. Es war die Tatkraft alter Freiheit, die Spanien
in dem Augenblick, wo es die Einheit errungen hatte, zur mächtigsten
Macht der Welt erhob, nur damit es in die tiefste Tiefe der Schwäche
zurückfalle, als die Tyrannei die Freiheit ablöste. Man sehe in Frankreich,
wie unter der Tyrannei des siebzehnten Zahrhunderts alle geistige Kraf
hinsinkt, um sich glänzend wieder zu erheben, als im achtzehnten Zahr-
hundert die Freiheit erwachte und auf die Befreiung der französischen
Bauern in der großen Revolution die erstaunliche Kraft gründete, die
in unserer Zeit der Niederlage getrotzt hat.

Sollen wir ihr da nicht trauen?

Zn unserer Zeit, wie vordem, schleichen die hinterlistigen Kräfte
hervor, welche die Ungleichheit erzeugen und dadurch die Freiheit ver-
nichten. Am Horizont beginnen die Wolken herunterzusteigen. Die
Freiheit ruft uns wiederum, wir müssen ihr weiter folgen, wir müssen
ihr völlig trauen. Entweder müssen wir sie ganz annehmen oder sie wird
nicht bei uns bleiben. Es ist nicht genug, daß die Menschen das Stimm-
recht haben, es ist nicht genug, daß sie theoretisch vor dem Gesetze gleich
sind. Sie müssen Freiheit haben, um sich die Gelegenheiten und Mittel
des Lebens zunutze machen zu können; sie müssen der Freigebigkeit
der Natur gegenüber auf gleichem Fuße stehen. Entweder dies, oder
die Freiheit zieht ihr Licht zurück! Entweder dies, oder die Dunkelheit
kommt heran, und dieselben Kräfte, welche der Fortschritt entwickelt
hat, werden zu verderbenbringenden Mächten. Dies ist das allgemeine
Gesetz. Dies ist die Lehre der Zahrhunderte. Das soziale Gebäude kann
nicht bestehen, wenn dessen Grundlagen nicht auf Gerechtigkeit beruhen.

Unsere grundlegende soziale Einrichtung ist eine Verweigerung
der Gerechtigkeit. Zndem wir jemandem gestatten, den Grund und Boden
zu besitzen, auf welchem und von welchem andere Menschen leben müssen,
haben wir sie zu seinen Knechten gemacht in einem Grade, der sich
        <pb n="410" />
        ﻿Map. V.

Die zentrale Wahrheit.

397

steigert, je mehr der materielle Fortschritt zunimmt. Dies ist die subtile
Alchemie, die in allen zivilisierten Ländern den Massen auf wegen,
die sie nicht begreifen, die Früchte ihrer mühseligen Arbeit entzieht;
die an Stelle der aufgehobenen Sklaverei eine härtere und hoffnungs-
losere aufrichtet; die aus politischer Freiheit politischen Despotismus
schmiedet und bald demokratische Institutionen in Anarchie verwandeln
muß.

Dies ist es, was den Segen des materiellen Fortschrittes in Fluch
verwandelt. Dies ist es, was menschliche Wesen in ungesunden Kellern
und schmutzigen Mietskasernen zusammendrängt, was die Gefängnisse
und Bordelle füllt, was die Menchen mit Mangel quält und sie vor
Habsucht verzehrt, was die Frauen der Grazie und Schönheit vollkom-
mener Weiblichkeit beraubt, was den Kindern die Freude und Unschuld
des Morgens ihres Lebens verkümmert.

Eine Zivilisation auf solcher Grundlage kann nicht von Dauer
sein. Die ewigen Gesetze des Weltalls verbieten es. Die Ruinen toter
Reiche bezeugen es, und die Stimme in jedes Menschen Brust antwortet
darauf, daß es nicht sein kann. Etwas Größeres als das Wohlwollen,
etwas Erhabeneres als die Mildtätigkeit — die Gerechtigkeit selbst ver-
langt von uns, dieses Unrecht gut zu machen. Die Gerechtigkeit, die nicht
verleugnet werden kann, die nicht abzufertigen ist — die Gerechtigkeit,
welche mit der wage das Schwert trägt. Sollen wir den Streich mit
Liturgien und Gebeten parieren? Sollen wir die Beschlüsse unwandel-
barer Gesetze abwenden, indem wir Kirchen bauen, wenn hungrige
Kinder weinen und niedersinkende Mütter ächzen?

wenn sie auch die Sprache des Gebetes annimmt, es ist doch Gottes-
lästerung, welche den unerforschlichen Beschlüssen der Vorsehung die
aus der Armut erwachsenden Leiden und Brutalitäten zuschreibt, die
mit gefalteten bsänden sich zu dem Allvater wendet und ihm die Verant-
wortlichkeit für das Elend und die verbrechen unserer großen Städte
zuschiebt, wir setzen den Ewigen damit herab, wir verunglimpfen den
Allgerechten. Lin mitleidiger Mensch würde die Welt besser eingerichtet
haben; ein gerechter Mensch würde mit seinem Fuße solch einen schwären-
den Ameisenhaufen zertreten. Nicht der Allmächtige, sondern wir sind
für das Laster und Elend, die mitten in unserer Zivilisation eitern,
verantwortlich. Der Schöpfer überhäuft uns mit seinen Gaben, die für
mehr als alle genügen. Aber gleich Schweinen, die sich um ihre Nah-
rung reißen, treten wir sie in den Schmutz —treten sie in den Schmutz,
indem wir uns darum reißen und einander zerfleischen!

Gerade in den Mittelpunkten unserer Zivilisation gibt es heut-
zutage Mangel und Leiden genug, um jedem das Herz krank zu machen,
der nicht die Augen davor schließt und seine Nerven dagegen stählt.
Dürfen wir uns an den Schöpfer wenden und von ihm Abhilfe erbitten?
Angenommen, das Gebet würde erhört und auf das Geheiß, welches
das Weltall ins Dasein rief, glühte die Sonne mit noch größerer Kraft,
        <pb n="411" />
        ﻿398

Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

Buch X.

die Luft füllte sich mit neuen Wunderkräften, der Boden mit frischer
Fruchtbarkeit, für jeden jetzt wachsenden Grashalm sproßten zwei und
die sich jetzt fünfzigfach vermehrende Saat gebe einen hundertfachen
Ertrag! Würde die Armut dadurch vermindert oder das Elend gelindert
werden? Offenbar nein! Alle Vorteile, die erwachsen könnten, würden
nur vorübergehend sein. Die neuen, das Weltall durchströmenden
Kräfte könnten nur vermittels des Grund und Bodens nutzbar gemacht
werden. Und da derselbe Privatbesitz ist, so würden die Klaffen, welche
jetzt die Gaben des Schöpfers monopolisieren, auch alle die neuen für
sich in Beschlag nehmen. Die Grundbesitzer allein würden den Nutzen
davon haben. Die Renten würden steigen, aber die Löhne noch immer
nach dem Pungerpunkte hinstreben!

Dies ist nicht bloß eine nationalökonomifche Folgerung; es ist eine
Sache der Erfahrung, wir wissen es, weil wir es gesehen haben. In
unserer eigenen Zeit, unter unseren eigenen Augen hat jene Macht,
die über alles, in allem und für alle ist; jene Macht, von der das ganze
Weltall nur die Ausstrahlung ist; jene Macht, die alle Dinge erschaffen
hat und ohne welche nichts geschaffen ist, die den Menschen zum Genuß
verliehenen Gaben so wirklich und wahrhaftig vermehrt, als wenn
dis Fruchtbarkeit der Natur erhöht worden wäre, In dem Geiste des
einen erwachte der Gedanke, welcher den Dampf für den Dienst der
Menschheit anschirrte. Dem inneren Ohre des anderen wurde das Ge-
heimnis zugeflüstert, welches den Blitz zwingt, eine Botschaft um die
Erde zu tragen. In jeder Richtung sind die Gesetze des Stoffes enthüllt
worden; auf jedem Gebiete der Industrie sind Arme von Eisen und
Finger von Stahl entstanden, deren Wirkung aus die Güterproduktion
genau dieselbe war wie eine Zunahme der Fruchtbarkeit der Natur.
Was war das Resultat? Einfach, daß die Grundbesitzer den ganzen Gewinn
erlangen. Die erstaunlichen Entdeckungen und Erfindungen unseres
Jahrhunderts haben weder die Löhne erhöht noch die Mühsal erleichtert.
Die Wirkung war einfach die, die wenigen reicher und die vielen hilfloser
zu machen.

Ist es gerecht, daß die Gaben des Schöpfers derartig ungestraft
in Beschlag genommen werden dürfen? Ist es eine so geringe Sache,
daß die Arbeit ihres Verdienstes heraubt werden darf, während die
Habsucht sich in Reichtum wälzt —daß die vielen Mangel leiden müssen,
während die wenigen übersättigt sind? Man wende sich zur Geschichte,
und auf jeder Seite kann man die Lehre lesen, daß solches Unrecht
nicht unbestraft bleibt, daß die Nemesis, die der Ungerechtigkeit folgt,
niemals ausbleibt oder schläft! Man blicke um sich. Kann dieser Zustand
der Dinge so fortgehen? Können wir auch sagen: „Nach uns die Sint-
flut !" Nein, die Pfeiler des Staates zittern schon jetzt, und die Grund-
lagen der Gesellschaft selbst fangen an, von den darunter eingeschlossenen
glühenden Kräften zu beben. Der Kampf, der entweder neues Leben
        <pb n="412" />
        ﻿Lax. V.

Dis zentrale Wahrheit.

399

bringen oder alles in Trümmer werfen muß, ist nahe, wenn er nicht
schon begonnen hat.

Das Gebot ist erlassen! Mit dem Dampf und der Elektrizität und
den vom Fortschritt gezeugten Mächten haben Kräfte die Welt betreten,
die uns entweder auf eine höhere Stufe treiben oder überwältigen
werden, wie vordem ein Volk nach dem anderen, eine Zivilisation nach
der anderen überwältigt worden sind. Ls ist die Täuschung, wie sie dem
Verderben vorhergeht, die in den fieberhaften Pulsschlägen der zivili-
sierten Welt nur die vorübergehende Wirkung ephemerer Ursachen sieht.
Zwischen den demokratischen Gedanken und den aristokratischen Ein-
richtungen der Gesellschaft besteht ein unversöhnlicher Konflikt, Hier in
den Vereinigten Staaten wie drüben in Europa kann man ihn entstehen
sehen. Wir können die Leute nicht auf die Dauer das Stimmrecht aus-
üben lassen und sie zum Betteln zwingen, wir können nicht auf die Dauer
Knaben und Mädchen in unseren öffentlichen schulen unterrichten
und ihnen dann das Recht verweigern, einen ehrlichen Lebensunterhalt
zu erwerben. Wir können nicht auf die Dauer von den unveräußerlichen
Menschenrechten schwatzen und zugleich das unveräußerliche Recht
auf die Gaben des Schöpfers verweigern. Schon jetzt fängt der neue
Wein in den alten Flaschen zu gären an, und die Elementarkräfte
sammeln sich zum Kampf!

Aber wenn wir, solange es noch Zeit ist, zur Gerechtigkeit zurück-
kehren und ihr gehorchen, wenn wir der Freiheit vertrauen und ihr folgen,
so müssen die jetzt drohenden Gefahren verschwinden, so werden die jetzt
sich gegen uns auftürmenden Kräfte zu Mitteln weiteren Aufschwunges
werden. Man denke nur an die jetzt vergeudeten Kräfte, an die unendlichen
noch zu erforschenden Felder des Wissens, an die Entwicklung, von der
die wunderbaren Erfindungen dieses Jahrhunderts uns nur eine Ahnung
geben. Zst der Mangel beseitigt, die Habsucht in edle Leidenschaften
verwandelt, nimmt die der Gleichheit entsprießende Brüderlichkeit die
Stelle der jetzt die Menschen aufeinander hetzenden Eifersucht und Furcht
ein, werden die geistigen Kräfte durch eine Lage, welche auch den nied-
rigsten Muße und Behaglichkeit gewährt, entfesselt — wer mag dann die
Höhen ermessen, zu denen unsere Zivilisation sich noch aufschwingen kann?
Es fehlen Worte für den Gedanken! Es ist das goldene Zeitalter, das
die Dichter besungen und begeisterte Seher in Bildern vorhergesagt
haben! Ls ist das glorreiche Traumgesicht, welches den Menschen stets
im Strahlenglanze erschien; das er sah, dessen Augen sich zu patmos
in einer Entzückung schlossen. Ls ist der Höhepunkt des Christentums,
die Stadt Gottes auf Erden mit ihren Mauern von Zasxis und ihren
Toren von fderlen. Es ist das Reich des Friedensfürsten.
        <pb n="413" />
        ﻿Schluß.

Das probiern des individuellen Lebens.

N)o zeigt wohl der Völker Tag die Spur
von all' dein verheißenen Sonnenschein?

Statt des Lehrers spricht die Kanone nur,

Der Zeit wird Arbeit und Gold zur pein.

Die Hoffnung vergeht, die Lrinn'rung entschwebt,
Auf Herd und Altar ist erloschen der Brand.

Doch nicht umsonst hat der Glaube gelebt,

Uns kündet das Herz das verheißene Land.

Francis Brown.

Meine Aufgabe ist vollendet.

Aber die Gedanken steigen noch höher. Die von uns erörterten
Probleme leiten zu einem noch höheren und Tieferen, hinter den
Problemen des sozialen Lebens liegt das des individuellen Lebens.
Es ist mir unmöglich gewesen, über das eine nachzudenken, ohne auch
über das andere zu sinnen, und so, denke ich mir, wird es auch denen
ergehen, welche dies Buch lesen und in Gedanken mit mir gehen. Denn,
wie Guizot sagt: „wenn die Geschichte der Zivilisation beendet ist, wenn
nichts mehr über unser jetziges Dasein zu sagen ist, fragt sich der Mensch
unvermeidlich, ob alles erschöpft sei, ob er das Ende aller Dinge erreicht
habe?"

Dies Problem kann ich jetzt nicht genauer untersuchen. Zch er-
wähne es nur, weil der Gedanke, der mir bei der Abfassung dieses Buches
zu unaussprechlicher Aufmunterung gereicht hat, auch einigen meiner
Leser zur Ermunterung dienen kann; denn, was auch sein Schicksal
sein möge, es wird von einigen gelesen werden, die in der Tiefe ihres
Herzens das Kreuz zu einem neuen Kreuzzuge genommen haben. Dieser
Gedanke wird ihnen ohne mein Zutun kommen, aber wir sind sicherer,
einen Stern gesehen zu haben, wenn wir wissen, daß andere ihn auch
sehen.

Die Wahrheit, welche ich klar zu machen versucht habe, wird keine
leichte Annahme finden. Wenn das möglich wäre, so würde sie schon
lange angenommen worden sein, wenn es möglich wäre, so würde sie
        <pb n="414" />
        ﻿Das probiern des individuellen Lebens.



nie verdunkelt worden sein. Aber sie wird freunde finden, solche, die
für sie sterben, für sie leiden und, wenn es sein muß, für sie sterben.
Dies ist die Macht der Wahrheit.

Wird sie endlich obsiegen? Schließlich, ja. Aber in unserer Zeit
oder in Zeiten, in denen keine Erinnerung von uns übrig ist, wer vermag
das zu sagen?

Für den Menschen, welcher beim Anblick des von ungerechten
sozialen Einrichtungen verursachten Mangels und Elends, der Unwissen-
heit und Vertierung sich vornimmt, soweit seine Kräfte reichen, Abhilfe
zu schaffen, gibt es nur Enttäuschung und Bitterkeit. So ist es vor alters
gewesen, so ist es auch jetzt. Aber der bitterste Gedanke —und derselbe
kommt bisweilen den Besten und Tapfersten — ist der der kfoffnungs-
losigkeit des Bemühens, der Vergeblichkeit des Opfers. Wie wenigen
von denen, welche die Saat säen, wird es zuteil, sie aufgehen zu sehen
oder nur überzeugt zu sein, daß sie aufgehen wird.

verhehlen wir es uns nicht. Immer und immer wieder ist die
Standarte der Wahrheit und Gerechtigkeit in dieser Welt aufgerichtet
worden. Immer und immer wieder ist sie niedergetreten worden und
oftmals in Blut, wenn es schwache Kräfte wären, die sich der Wahrheit
entgegenstellen, wie könnte dann der Irrtum solange herrschen? bjätte
die Gerechtigkeit nur ihr Haupt zu erheben, um die Ungerechtigkeit
in die Flucht zu schlagen, wie könnte dann das wehklagen der Bedrückten
solange zum Himmel schreien?

Aber für die, welche die Wahrheit sehen und ihr folgen wollen,
für die, welche die Gerechtigkeit erkennen und zu ihr stehen wollen,
ist der Erfolg nicht alles. Erfolg! Ja, oft hat ihn die Lüge, oft die Un-
gerechtigkeit zu verleihen. Müssen nicht die Wahrheit und Gerechtig-
keit etwas zu geben haben, was ihr eigen, durch eigenes Recht ihr eigen,
im Wesen und nicht durch Zufall ist?

Daß sie dies haben, und zwar hier und jetzt, weiß jeder, der ihren
erhebenden Einfluß gefühlt hat. Aber bisweilen steigen die Wolken
hernieder. Nur mit Trauer kann man die Biographien der Männer
lesen, die für ihre Mitmenschen etwas tun wollten. Sokrates gaben sie
den Giftbecher, Gracchus töteten sie mit Stöcken und Steinen, und
einen, den größten und reinsten von allen, kreuzigten sie.

Ich bin in dieser Untersuchung dem Gange meiner eigenen Gedanken
gefolgt. Als ich mich im Geiste daran begab, hatte ich keine Theorie
zu stützen, keine Schlüsse zu beweisen. Nur, als ich zuerst das entsetzliche
Elend einer großen Stadt kennen lernte, erschreckte und quälte es mich,
und der Gedanke ließ mir keine Ruhe, was die Ursache davon sei, und wie
dem abgeholfen werden könnte.

Aber aus dieser Untersuchung ist etwas hervorgegangen, was ich
nicht zu finden dachte, und ein Glaube, der tot war, lebt wieder auf.

Das Sehnen nach einem künftigen Leben ist natürlich und tief.
Es nimmt mit der geistigen Entwicklung zu, und vielleicht fühlt es

George, Fortschritt und Armut.	26
        <pb n="415" />
        ﻿Schluß.

q02

niemand mehr als die, welche zu sehen begonnen haben, wie groß das
Weltall ist, und wie unendlich die Fernblicke sind, welche jeder Fortschritt
im wissen uns eröffnet, Fernblicke, welche zu erforschen nichts Geringeres
als die Ewigkeit erfordern würde. Aher in der geistigen Atmosphäre
unserer Zeit scheint es für die große Mehrheit der Menschen, auf die
der bloße Glaube jeden Einfluß verloren hat, unmöglich, in diesem Sehnen
etwas anderes als eine kindische, eitle, aus des Menschen Selbstliebe
entspringende Hoffnung zu sehen, für die nicht der geringste Grund,
nicht das geringste Zeugnis vorhanden ist, sondern welche im Gegenteil
mit dem positiven wissen unvereinbar scheint.

Allein, wenn wir die Vorstellungen, welche so die Hoffnung auf
ein künftiges Leben vernichten, zerlegen und ihnen nachspüren, so
werden wir, glaube ich, ihre Ouelle nicht in den Offenbarungen der
Naturwissenschaft, sondern vielmehr in gewissen Lehren der politischen
und sozialen Wissenschaft finden, welche das Denken in allen Richtungen
tief durchdrungen haben. Sie haben ihre Wurzel in den Lehren, daß
eine Tendenz bestehe, mehr menschliche Wesen hervorzubringen, als für
die gesorgt werden kann; daß Laster und Elend die Resultate von Natur-
gesetzen, sowie die Mittel seien, durch welche die Entwicklung vor sich
gehe, und daß der menschliche Fortschritt durch eine langsame Rassen-
veredelung bewirkt werde. Diese für anerkannte Wahrheiten geltenden
Lehren tun, was (abgesehen von den durch sie gefärbten wissenschaftlichen
Darlegungen) die Ausschreitungen der Naturwissenschaft nicht tun —
sie erniedrigen das Individuum zur Unbedeutsamkeit; sie zerstören den
Gedanken, daß in der Ordnung des Weltalls irgendeine Rücksicht auf sein
Dasein genommen oder dasjenige, was wir moralische Eigenschaften
nennen, anerkannt sein könnte.

Ls ist schwer, den Gedanken menschlicher Unsterblichkeit mit dem
Gedanken zu vereinbaren, daß die Natur beständig Menschenleben ver-
geude und sie in ein Dasein rufe, wo kein Platz für sie ist. Es ist unmöglich,
mit der Vorstellung eines allweisen und allgütigen Schöpfers den Glauben
zu vereinbaren, daß das Elend und die Erniedrigung, welche das Los
eines so großen Teils des Menschengeschlechts sind, die Folge seiner
Anordnungen seien; während der Gedanke, daß der Mensch geistig
und körperlich das Ergebnis langsamer, durch Erblichkeit fortgepflanzter
Modifikationen sei, unwiderstehlich die Idee eingibt, daß das Rassenleben,
nicht das individuelle, das Ziel des menschlichen Daseins sei. So schwand
bei vielen von uns und schwindet noch immer mehr und mehr jener
Glaube, der in den Kämpfen und Widerwärtigkeiten des Lebens den
stärksten und tiefsten Trost gewährt.

Nun, wir haben in unserer Untersuchung diese Lehren bekämpft
und ihre Irrtümer gesehen, wir haben gesehen, daß die Bevölkerung
nicht die Tendenz hat, über ihren Unterhalt hinauszugehen; daß die
Vergeudung menschlicher Kräfte und das Übermaß menschlichen Leidens
nicht Naturgesetzen, sondern der Unwissenheit und Selbstsucht der Menschen
        <pb n="416" />
        ﻿Das Problem des individuellen Lebens.

entspringt, da sie sich weigern, den Naturgesetzen gemäß zu handeln,
wir haben gesehen, daß der menschliche Fortschritt nicht die Natur des
Menschen verändert, sondern daß dieselbe vielmehr im ganzen stets die-
selbe bleibt.

So wird der Alp, der aus der modernen Welt den Glauben an
ein künftiges Leben verbannt, verscheucht. Nicht daß alle Schwierig-
keiten beseitigt wären — denn wohin wir uns auch wenden mögen,
immer stoßen wir auf Dinge, die wir nicht verstehen können —, aber
wenigstens sind Schwierigkeiten gehoben, die beweiskräftig und unüber-
windlich schienen. Und so bricht die Hoffnung an.

Das ist jedoch nicht alles.

Die Nationalökonomie ist die „schreckliche" Wissenschaft genannt
worden und ist in ihrer herkömmlichen Gestalt in der Tat hoffnungslos
und verzweiflungbringend. Allein dies ist, wie wir gesehen haben,
nur darum der Fall, weil sie erniedrigt und gefesselt wurde, weil ihre
Wahrheiten verrenkt, ihre Harmonien verkannt wurden, weil das Wort,
das sie gern gesprochen hätte, in ihrem Munde geknebelt und ihr Protest
gegen das Unrecht in eine Rechtfertigung der Ungerechtigkeit verdreht
wurde. Befreit, wie ich versucht habe sie zu befreien, strahlt die National-
ökonomie in ihrem eigenen Ebenmaße die Hoffnung aus.

Denn, richtig verstanden, zeigen die Gesetze, welche die Produktion
und Verteilung der Güter regieren, daß die Armut und Ungerechtigkeit
des jetzigen sozialen Zustandes nicht notwendig sind, sondern daß im
Gegenteil ein sozialerZustand möglich ist, in welchem die Armut unbekannt
sein würde und alle besseren Eigenschaften und höheren Kräfte der mensch-
lichen Natur Gelegenheit zu voller Entwicklung finden würden.

Und wenn wir ferner sehen, daß die soziale Entwicklung weder
durch eine besondere Vorsehung, noch durch ein unbarmherziges Schicksal,
sondern durch ein zugleich unwandelbares und wohltätiges Gesetz regiert
wird; wenn wir sehen, daß der menschliche Wille der Hauptfaktor ist,
und daß die Menschen im allgemeinen ihre Lage selbst gestalten; wenn
wir sehen, daß das ökonomische und das moralische Gesetz im wesent-
lichen eins sind, und daß die Wahrheit, welche der verstand nach mühsamer
Anstrengung erfaßt, keine andere ist als die, zu welcher der moralische
Sinn durch eine schnelle Anschauung gelangt, so bricht eine Flut von
Licht über das Problem des individuellen Lebens herein. Diese zahl-
losen Millionen von Wesen wie wir, die auf dieser unserer Erde wandelten
und noch wandeln, mit ihren Freuden und Sorgen, ihrer Mühsal und
ihrem Streben, ihrer Sehnsucht und ihren Befürchtungen, ihren starken
Empfindungen von Dingen, die über den verstand hinausgehen, ihren
gemeinsamen Gefühlen, wie sie die Grundlage selbst der am weitesten
auseinanderlaufenden Glaubensbekenntnisse bilden — ihre kleinen
Leben erscheinen nicht wie sinnlose Vergeudung.

Die große Tatsache, welche die Wissenschaft in allen ihren Zweigen
darlegt, ist die Allgemeinheit des Gesetzes. Überall, wo er es zu verfolgen

26*
        <pb n="417" />
        ﻿HÖH	Schluß.

vermag, ob in dem Lalle eines Apfels oder in dem Umlauf der Doppel-
sterne, sieht der Astronom das wirken ein und desselben Gesetzes, welches
in den kleinsten Abschnitten, in die wir den Raum teilen können, ebenso
wirkt wie in den unermeßlichen Entfernungen, mit welchen seine Wissen-
schaft sich befaßt. Aus den Lernen, die fein Teleskop nicht mehr erreicht,
tritt ein Weltkörper hervor und verschwindet wieder. Soweit er dessen
Lauf verfolgen kann, ist das Gesetz nicht eingehalten. Sagt er darum,
dies fei eine Ausnahme? )m Gegenteil, er sagt, es sei nur ein Teil
der Kreisbahn, den er gesehen habe, und das Gesetz bewähre seine Gültig-
keit über den Bereich seines Teleskops hinaus. Daraufhin macht er
feine Berechnungen, und nach Jahrhunderten bewähren sich dieselben.

Spüren wir nun den Gesetzen nach, die das menschliche Leben in
der Gesellschaft regieren, so finden wir, daß sie in dem größten, wie
in dem kleinsten Gemeinwesen dieselben sind. wir finden, daß die an-
scheinenden Abweichungen und Ausnahmen nur Kundgebungen der-
selben Prinzipien sind, und daß überall, wo wir es verfolgen können,
das soziale Gesetz in das Moralgesetz übergeht und mit demselben über-
einstimmt; daß im Leben eines Gemeinwesens die Gerechtigkeit unver-
meidlich ihren Lohn und die Ungerechtigkeit ihre Strafe findet. )m
individuellen Leben vermögen wir dies nicht zu sehen. Betrachten wir
nur dies, fo vermögen wir nicht zu sehen, daß die Gesetze des Weltalls
auch nur die geringste Beziehung zu gut oder schlecht, recht oder unrecht,
gerecht oder ungerecht haben*). Müssen wir deshalb sagen, daß das
im sozialen Leben zur Erscheinung kommende Gesetz im individuellen
Leben nicht zutreffe? wissenschaftlich wäre es gewiß nicht, dies zu sagen.
Von nichts anderem würden wir es sagen. Müssen wir nicht vielmehr
sagen, dies beweise nur, daß wir nicht das ganze individuelle Leben
sehen?

Die Gesetze, welche die Nationalökonomie entdeckt, stimmen, gleich
den Tatsachen und Beziehungen der physischen Natur, mit dem an-
scheinenden Gesetze der geistigen Entwicklung überein — sie sind nicht
ein notwendiger und unfreiwilliger Lortschritt, sondern ein Lortschritt,
bei dem der menschliche Wille eine einleitende Kraft ist. Aber im Leben,
wie wir es kennen, vermag die geistige Entwicklung nur eine kleine
Strecke zurückzulegen. Der Geist beginnt kaum zu erwachen, so nehmen

*) Täuschen wir unsere Ainder nicht! Wenn aus keinem anderen Grunde, so aus
dem, den Plato anführt, weil, wenn sie dahin gelangen, dasjenige nicht mehr zu glauben,
was wir ihnen als fromme Label erzählt haben, sie auch das nicht mehr glauben werden,
was wir ihnen als Wahrheit gaben. Die Tugenden, die sich auf das eigene Selbst beziehen,
bringen gewöhnlich ihren Lohn. Sowohl ein Kaufmann als der Dieb wird mehr Erfolg
haben, wenn er mäßig, vorsichtig und seinen Versprechungen getreu ist; was aber die
Tugenden betrifft, die sich nicht auf das eigene Selbst beziehen:

„Es scheint ein Märchen aus der Geisterwelt,

Wo jedermann erhält, was er verdient,

Und jedermann verdient, was er erhält."
        <pb n="418" />
        ﻿Das Problem des individuellen Lebens.

die körperlichen Kräfte ab; nur dunkel wird er sich der ungeheuren vor
ihm liegenden Felder bewußt, er beginnt erst seine Kraft zu erfahren
und zu gebrauchen, Beziehungen zu erkennen und seine Sympathien
auszudehnen —da schwindet er bereits mit dem Tode des Körpers dahin,
wenn dies alles ist, so scheint hier ein Bruch, ein Mangel vorzuliegen.
Sei es ein Humboldt oder ein Herschel, ein Moses, der vom Pisgah
herunterschaut, ein Josua, der die Heerscharen führt, oder eine jener
milden und geduldigen Seelen, die in engen Kreisen leben und Leben
ausstrahlen, so scheint, wenn der hienieden entfaltete Geist und Lharakter
nicht weiter schreiten können, eine Zwecklosigkeit vorzuliegen, die un-
vereinbar ist mit dem, was wir von der gegliederten Folge des Weltalls
sehen können.

Nach einem fundamentalen Gesetze unseres Geistes — dem Ge-
setze, aus welches sich die Nationalökonomie tatsächlich in allen ihren
Folgerungen stützt — können wir uns kein Mittel ohne Zweck, keine
Erfindung ohne Gegenstand denken. Nun, der ganzen Natur, soweit
wir mit ihr in dieser Welt in Berührung kommen, bietet die Erhaltung
und Beschäftigung des menschlichen Verstandes einen solchen Zweck
und Gegenstand. Aber wenn der Mensch selbst nicht etwas höheres
hervorzubringen oder zu etwas höherem emporzusteigen vermag, so
ist sein Dasein unverständlich. So stark ist diese metaphysische Notwendig-
keit, daß diejenigen, welche dem Individuum etwas über das irdische
Leben Hinausliegendes bestreiten, gezwungen sind, den Gedanken der
Vervollkommnungssähigkeit auf die Rasse zu übertragen, wie wir
jedoch gesehen haben (und wie noch viel vollständiger hätte dargelegt
werden können), so deutet nichts auf eine wesentliche Rassenvervoll-
kommnung. Der menschliche Fortschritt besteht nicht in der Vervollkomm-
nung des menschlichen Wesens. Die Fortschritte, in denen die Zivili-
sation besteht, werden nicht in der Konstitution des Menschen, sondern
in der Konstitution der Gesellschaft erlangt. Sie sind daher nicht fest-
stehend und dauernd, sondern können zu jeder Zeit verloren gehen —
ja, sie haben fortwährend die Tendenz, verloren zu gehen. Und wenn
das menschliche Leben nicht über das irdische Leben hinausreicht, dann
stehen wir in betreff der Rasse derselben Schwierigkeit gegenüber, wie
in betreff des Individuums! Denn es ist ebenso gewiß, daß die'Rasse
sterben muß, wie daß das Individuum sterben muß. wir wissen, daß
geologische Verhältnisse obgewaltet haben, unter denen menschliches
Leben auf der Erde unmöglich war. wir wissen, daß sie wiederkehren
müssen. Selbst jetzt, wo die Erde in ihrer vorgezeichneten Bahn kreist,
verdicken sich die nordischen Eishüllen langsam, und die Zeit nähert sich
allmählich, wo ihre Gletscher wieder fließen und die nordwärts strömen-
den wogen der südlichen Meere die Sitze der jetzigen Zivilisation unter
Gzeanwüsten begraben werden, wie sie möglicherweise heute eine einstige
ebenso hohe Zivilisation wie die unsrige bedecken. Und über diese Perioden
hinaus erkennt die Wissenschaft eine tote Erde, eine verlöschte Sonne,
        <pb n="419" />
        ﻿406

Schluß.

eine Zeit, in der das in sich zusammenfallende Sonnensystem sich in
Gasform auflösen wird, um aufs neue unermeßliche Wandelungen
anzufangen.

was ist denn nun die Bedeutung des Lebens, des absolut und
unvermeidlich vom Tode begrenzten Lebens? Mir scheint es nur als
Aufgang und Vorhalle eines anderes Lebens verständlich. Und seine
Tatsachen scheinen nur nach einer Theorie erklärlich, die nur in Mythe
und Symbol ausgedrückt werden können, und der die Mythen und Sym-
bole, in denen die Menschen ihre tiefsten Empfindungen wiederzugeben
versuchten, überall und zu allen Zeiten in irgendeiner Form Ausdruck
verleihen.

Die heiligen Schriften der Menschen, die gekommen und gegangen
sind, die Bibeln, Zend Aveftas, Vedas, Dhammapadas und Korans,
die geheimnisvollen Lehren alter Philosophien, die innere Bedeutung
grotesker Religionen, die dogmatischen Grundlagen ökumenischer Kon-
zilien, die Predigten der Fox, der wesley, der Savonarola, die Über-
lieferungen der roten Indianer, und der Glaube der Neger haben ein
Herz und einen Kern, in welchem sie übereinstimmen, ein Etwas, das den
mannigfach verzerrten Auffassungen einer ursprünglichen Wahrheit
gleichsieht. Und aus der Kette der Gedanken, welche wir verfolgt haben,
scheint sich unbestimmt ein Lichtstrahl dessen zu erheben, was sie unbestimmt
sahen — ein schattenhafter Strahl schließlicher Verbindungen, die,
wenn man ihm Ausdruck zu geben sucht, unvermeidlich Bilder und
Allegorien notwendig machen: ein Garten, in welchem die Bäume
des Guten und des Übels stehen; ein Weinberg, in welchem des Herrn
Arbeit zu tun ist, ein Übergang vom Leben hienieden zum jenseitigen
Leben; eine Prüfung und ein Kampf, von dem wir das Ende nicht ab-
sehen können.

Man blicke um sich.

Siehe da! Hier, jetzt, in unserer zivilisierten Gesellschaft haben
die alten Allegorien noch einen Sinn, sind die alten Mythen noch wahr.
In das Tal der Schatten des Todes leitet noch oft der Pfad der Pflicht,
durch die Straßen des Litelkeitmarktes gehen Christian und Glaubrecht
und auf Großherz' Rüstung hallen die schallenden Hiebe wieder. Noch
immer kämpft Grmuzd mit Ahriman, der Fürst des Lichtes mit den
Mächten der Finsternis, wer nur hören will, dem rufen die Schlacht-
trompeten.

wie sie rufen und rufen und rufen, bis das Herz schwellt, das
sie hört! Starke Seele und hohes Bemühen braucht die Welt heute.
Die Schönheit liegt noch gefangen und eiserne Räder gehen über das
Gute und wahre und Schöne hinweg, das aus so vieler Menschen Leben
entspringen könnte.

Und die an Grmuzd Seite kämpfen, ob sie sich auch einander nicht
kennen mögen —irgendwo, irgendwann wird die Musterrolle aufgerufen
werden.
        <pb n="420" />
        ﻿Das probiern des individuellen Lebens.

4;07

Obgleich die Wahrheit und das Recht oft unterjocht scheinen, wir
können es nicht ganz sehen, wie vermögen wir es ganz zu sehen? Alles,
was sich ereignet, selbst hier, vermögen wir nicht zu sagen. Die Schwing-
ungen des Stoffes, welche die Empfindungen des Lichtes und der Farbe
geben, werden uns ununterscheidbar, sobald sie einen gewissen Punkt
überschreiten. Nur bis zu einer gewissen Entfernung unterscheiden wir
die Töne. Selbst Tiere haben Sinne, die wir nicht haben. Und diese
Erde? Zm Vergleich zum Sonnensystem ist unsere Erde nur ein ununter-
scheidbarer Flecken, und das Sonnensystem selbst schrumpft zu einem
Nichts zusammen, wenn es nach den Tiefen des Weltalls ermessen wird.
Können wir sagen, daß, was unseren Blicken entgeht, ins Meer der
Vergessenheit versinke? Nein, nicht in Vergessenheit, weit, weit über
unseren Gesichtskreis hinaus müssen die ewigen Gesetze ihre Herrschaft
behaupten.

Die Hoffnung, welche erhebt, ist das Herz aller Religionen! Die
Dichter haben sie besungen, die Seher haben sie verkündet, und in seinen
tiefsten Pulsen pocht das perz des Menschen ihrer Wahrheit entgegen.
Das Wort Plutarchs drückt es aus, was zu allen Zeiten und in allen
Zungen von denen gesagt worden ist, die, reinen Herzens und scharfen
Blickes, sozusagen, auf den Berggipfeln der Gedanken stehend und über
den dunkelnden Ozean schauend, aus demselben das Land haben auf-
tauchen sehen:

„Die hier mit Körpern und Leidenschaften umgebenen
Seelen der Menschen haben keine Gemeinschaft mit Gott,
außer soweit sie vermittels der Philosophie, wie ein Träumen-
der, sich eine dunkle Vorstellung davon verschaffen können.
Aber wenn sie vom Körper befreit, in die ungesehene, unsicht-
bare, unübersteigliche und reine Gegend versetzt sind, dann
ist dieser Gott ihr Führer und König; dort werden sie sich ge-
wissermaßen ganz an ihn hängen und nimmer müde werden,
jene Herrlichkeit, die von Menschen nicht ausgedrückt werden
kann, anzuschauen und leidenschaftlich zu lieben."
        <pb n="421" />
        ﻿©. pähsche Buchdr. Lippe rt L Lo. G. rn. b £&gt;., Naumburg a. d. S»
        <pb n="422" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena.

-Luf dem Gebiet der volkswirtschaftlichen SilSung und der staatsbürgerlichen Erziehung

' * sind heute im deutschen Sprachgebiet am verbreitetsten die Schriften von

/Idols Damaschke

vorfttzenöer öes Sundes deutscher öoöenreformer.

Ajtz	Grundsätzliches und Geschichtliches zur Erkenntnis

und Llberwindung Ser sozialen Not. Achtzehnte, durchgesehene Auflage. 100. bis
110 Tausend.“x“ II, 516 S- 8») 1920. Preis: !, Alark, geb. 1« Mark 50 Pf.

UnKnlt- 1 Meder Mammonismus noch Kommunismus! Das Problem. Der Mam.
Der Kommunismus. Die Bodenreform. — 1!. Die Bodenreform und die industrie lie
En^w?cklsinq Stand und Bedeutung der Wohnungsfrage. Wohnungsbau durch Gemeinden und
Bauaenolienlcbaften. Die Bauordnung. Die Grundwerts,euer. Die Auwachssteuer. vom Gemeinde-
grundÄntum. Industrielles Neuland. Zur Htzpothekenfrag °. Der Schutz der Sauhandwerker. Ge-
nolkenfcbafts. und Gewerkschaftsfragen. - lII. Die Bodenreform und die Agrarfrage. Die
Ursachen der landwirtschaftlichen Not. Die Entschuldung. S'nsen und Steuern. D,e Allmende. Die
Nnnenkolonisation. - IV. Die Bodenreform in Israel. — V. Die Bodenreform in Hellas.-
VI Die Bodenrefornrkärnpfe in Roin und ihre Lehren. — "VII. ^enrv G e orge. — VIII. Zur
Deutschen Bodenreform. - IX. Der Weltkrieg im Lichte der Bodenreform. Die Booen-
frage in Rußland, in England, in v-utschland. - Personen, und Sachverzeichnis.

Das aewaltiae Aufwecken deutscher Gewissen durch den Weltkrieg hat auch dazu geführt, die vcr-
breituna dieses Buches so zu fördern, daß wahrend der fünf Kriegs ahre über 8,00° Stuck (se.t Mg er-

wi.len"gangb°r° w'ege zu fruchtbarer AZei.

in dieser so entschcidungsreichen Zeit erschließen.

pädagogische w°-t^, ^ v-z-mb« MS.- klasfifch« Grundwerk der Bodenreform auf
.den Arb eit stisch eines jeden Lehrers gehört, namentlich letzt, wo mehr denn &gt;- -me anschauliche E,n-
führung und gründliche Vertiefung in die großen Fragen gesunder Volkswirtschaft gefordert werden.
Für volkstümliche Vortrags, und Besprechungsabende m Stadt und Land leistet das Buch ganz hervor,
raaende Dienste. Dringend möchte ich es den Leitern ° Ich er Verewigungen, soweit es ihnen nicht be-
bannt ist empfehlen. Hier können sie wertvolle praktische Aus larungsarbeit auf Volkswirt,chaztlichem
Gebiete leisten und Damaschkes „Bodenreform" ist ein vorzüglicher Berater hierzu. Alles in allem:
D a m a f ch ° „ Bodenreform" bedarf keiner b e fand er en Empfehlung mehr • es tst langst
als'führend es volkstümliches Werk anerkannt Um so notiger aber ist es, daß ,°&gt;n wahrhaft
erhebender "ozialer Grundgedanke in immer weitere Schichten unsere- Volkes drmgt.	M.

Oelchrchte öer Natwnalökonomle. Eine erste Einführung.

Zwölfte/ durchgesehene Auflage. «1. bis 70. Tausend. Zwei Bände. (XX, 813 5.
gr. 8.) 1920.	preis: 14 Mark, geb. 25 Mark.

~(Ti6aIt- &gt; von den Aufgaben der Nationalökonomie. — 2. Das Altertum. (Israel, Hellas,
Rom) — 3 Das Mittelalter und das kanonische Recht. (Ostlandsiedlung, deutsches Städtcwescn,
die Lehre vom gerechten preis und vom Zins) - 4. Das Zeitalter des Merkantilismus. &lt;Oer
Staatssozialismus des polizeilichen Wohlfahrtsstaats., - s. D,e ph^siokraten und die französische Re.
volution — b Die liberale Schule. (Die Lehre vom wert, von der Arbeitsteilung, vom Bevölkerung-,
gssetz, von der Grundrente, vom Freihandel, das Manchestertum.) -7. Das nationale System (Die
Festlandssperre, Friedrich Lifts Mär,-,rertu,„, das nationale System, Mitteleuropa, historische Schule und
Staatssozialismus, christlich.sozial, national-sozial.) 8. Der Kommunismus. (Die großen Uiopisten.
Karl Marx und Ferdinand Lafsalle. Die Entwicklung der Sozialdemokratie )	9. Die Anarchisten.

(Die Lehre vom Staat und parlan,cntarism»s. Syndikalismus und Bolschewismus.) - fv. Die Boden-
reform. (Die Bodenfrage in England und Amerika, in Frankreich, Italien, Rumänien, Finnland,
Ungarn, Bulgarien, bei den wsmanen und Zionisten. Die russische Entwicklung im Lichte der
Bodenfräse. Die deutsche Bodenreform.) — Namen, und Sachverzeichnis.

Der Kunstwarti So ist dieses Buch mehr als irgend ein and eres Buch geeignet, das
unserer allgemeinen Bildung so notwendige deutsche Hausbuch der Volkswirtschaft-.
Geschichte zu werden,

a l.,»-wiaer Nachrichten, S. April Mb:	.	.

Sch te-w g	cs in unserer von sozialen Problemen so überaus erfüllten Zeit, die die Mit-

. •. l' jV iaben Volksgenossen zum wähle des Staat-ganzen erfordert, für den Einzelnen nötig, sich
arbeit eines r«	9 wissen aus volkswirtschaftlichem Gebiet anzueignen. Das zu ermöglichen,

^-schichte der Nationalökonomie" hervorragend berufen, d,e als erste Einführung gedacht, nicht
ist diese „Gehl	t mannet und Frauen icder Steilung und ,cden Standes ge.

für Fachleute, !	l	, ,	klaren und dabei wieder so lebendigen weise, die ihr Stiidium

schrieben ist mb yvat m e,n« !|o^ ; ^	^ ^Anstiftendes Werk, dem wir die weiteste ver.

brestung wünschen. ES muß einen eisernen Bestand auch der kleinsten Büchereien bilden, w. H.
        <pb n="423" />
        ﻿Verlag von Gustav Mischer in Jena.

Die angegebenen Preise erhöhen sich z, Zt. durch nachstehende Teuerungszuschläge:

für die bis Ende 1916 erschienenen Werke 100 °/0
für die 1917 und 1918 erschienenen Werke BO°l0

für die 1919 erschienenen Werke

SS"/°

Für das Ausland wird ferner der vom Börsenverein der deutschen Buchhändler vorgeschriebene Valuta-Ausgleich
berechnet. — Die Preise für gebundene Bücher sind wegen der Verteuerung der Buchbinder arbeiten bis auf

weiteres unverbindlich.

weitere Schriften von ftflolf DMlMflhke.

Die Mfgaben öer Gemeinöepolitik.

Auflage. 28. bis 30. Tausend. 268 S. 1919. Preis: 5 Mark 60 Pf., geb. 8 Mark 60 Pf.

Inhalt: I. Die Besteuerung -er Grundrente. *. Dom Wesen der Grundrente. 2, wen
trifft die Besteuerung der Grundrente? 3. Die Grundwertsteuer oder die Steuer nach dein gemeinen
wert. 4» Die verbesserungs- oder Bauabgabe. 5. Die Zuwachssteuer. 6. Die Umsatzsteuer oder die
Besitzveränderungsabgabe. 7. Schlußwort (Cerraininteressentenund Hausbesitz, Grundrente u. Wohltäter). —
II. Das Geineinde-Grunöeigenturn. *. vom deutschen Bodenrecht. 2. Gemeindebedürfnisse und
-Aufgaben. 3. Die Vermehrung des Gemeindegrundeigentums. 4. Öffentliche Anstalten und Anlagen.
5. von der Verpachtung. 6 vom Erbbaurecht. 7. vom wiederkaufsrecht. 8. vom Gartenrentengut.
9. Gemeindegrundeigentum u. Volkstum. JO. Die Heimstättenbewegung und die Gemeinden.

No rddeutsche Allgem. Zeitung, ttt. 409. *2. August *9*8:

. . . Damaschkes Lehre, die Bodenreform, ist ihm nicht nur Wirtschaftssystem, sondern Welt-
anschauung; Bekennermut und Bekehrereifer kennzeichnen seine Schriften. Die Verdienste des Mannes-
sind bekannt und unbestritten; er lehrte uns die Frage der Bodenwirtschaft mit anderen Augen an-
zusehen als die der Mobiliargüter. Er sagte nichts, was eigentlich und unbedingt neu war; aber er
erinnerte an etwas, das in Gefahr war, vergessen zu werden. . . . Als wichtiger Wegweiser wird
Damaschkes Buch allen an der gemeindlichen Bodenwirtschaft Beteiligten stets von großem werte sein».

Erfahrungen unS Ratschläge. 43. bis

48. Lausend. (VIII. S6 S. 8°.) 1920.

Preis: 2 Mark 50 Pf.

In wenigen Jahren sind von dieser Schrift 4-2 000 Exemplare verbreitet worden. Das ist wohl
der beste Beweis, daß dieses Bach in seiner Eigenart vielen willkommen ist. Es schöpft aus der Praxis
der modernen Redekunst und will der Praxis dienen unter Ausschluß aller gelehrt klingenden, aber
unfruchtbaren Theorien. Der Verfasser, selbst ein Meister der Redekunst, bietet hiev eine Schrift, die
gerade in der jetzigen Zeit eine willkommene Hilfe sein wird, wie sie keine andere Schrift dieser Art
sein dürfte.

Die „Schriftsteller-Zeitung" (Weimar) vom *2. Dezember *9*9 schreibt:

Adolf Damaschke will keine Sprachtechnik lehren, sondern zeigt an Hand von Beispielen aus
eigenen Reden und durch Hinweise auf die großen Redner der Geschichte wie man auf die Hörer wirkte
wie man eine Rede aufbaut und wie man Schüchternheit und Hemmung beherrscht. Das Buch sei auf
das wärmste empfohlen, da es viel Anregung bietet und aus einem einzigartigen wissen und wollen
geschaffen ist.

ein Prophet unö Märtyrer deutscher Weltwirtschaft. (46 S.

Preis: 60 Pf.

Urania. X. Jahrgang. Nr. 27. 7. Juli *9*7:

... wenig Deutsche außerhalb des Rreises der Volkswirte kennen den Namen und die
werke Friedrich Lists, des Mannes, der zwischen *820 und *846 alle diese Ziele in unermüdlicher, un-
ablässiger Arbeit dem deutschen Volke gewiesen hat. Sein wirken war in selten hohem Maß vom Un-
verständnis und vom Widerstände seiner Zeitgenossen gehemmt. Es hat wenig Menschen gegeben, deren
reine und selbstlose Absichten so vielen Schwierigkeiten der Regierungen, der Fachleute und der Öffentlich-
keit begegnet sind, die so viel Undank geerntet haben; Friedrich List hat für sein wirken Festungshaft,.
Verlust von Stellung und vermögen geerntet, bis dem gebrochenen Mann das Vaterland den Revolver
in die Hand drückte. Der Vortrag Adolf Damaschkes gibt eine hübsche Darstellung des Lebens und
Wirkens Lists, die jedermann, der sich für diesen seltenen, unglücklichen Bahnbrecher interessiert, bestens-

empfohlen werden kann. . . .

R. B.
        <pb n="424" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena.

Die Preise erhöhen sich durch die auf der 2. Anzeigenseite angegebenen Teuerungszuschläge.

Bodenfräse und Hrbeiterintere$$e. Eine erste Einführung. SSonCl). Brauer.

(IV, 217 S. gr. 8°.) 1916.	Mk 5.—

Inh alt: Einleitung: Was ist Arbeiterinteresse? Boden und Arbeiter. — 1. Teil:
Das Produzenteninteresse des Arbeiters. Der Bodenanteil an den Produktions-
kosten. Bodenspekulation und Bodenmonopol. Bodenspekulation und Bauarbeiterschaft.
Die ländliche Arbeiterfrage. Bedeutung der Bodenfrage für die Bergarbeiter. — 2. Teilr
Der Arbeiter als Konsument. Nomtnallohn und Reallohn. Wohnungskonsum. —
3. Teil: Ergebnisse, Abhilfe.

Nie deutsche ksdeurekorm-ketvegung. BonGeh Adm-Ratvi »,.5^.

meikk, eh. Kaiser!. Kommissar des Kiantschon-Gebietes. (VIII, 67 S. 8°.) 1912.

Mk 1.—

Inhalt: I. Anfänge und Bewegung. Henry George und die Vorläufer des
Bundes. Irrtümer und Fehler. „Die reine Lehre". Theorie und Praxis. Notwendige
Beschränkung. Henry Georges Bedeutung für die deutsche Bewegung. Das deutsche Pro-
gramm. — II. Die Kiautschou-Laudvrdnung. Einfluß der Landordnung auf die
Bewegung. — Koloniale Bodenreform. — III. Fortschritte der Bewegung in
Deutschland. Vom Enteignungsrecht. Landerwerb der Gemeinden. Hypothekenwesen.
Hypotheken und Bauhandwerk. Kohlen und Kali. — IV. Ausgaben der Bewegung.
Verwertung von öffentlichem Grundeigentum. Der Umschwung bestehender Rechtsbegriffe.
Besteuerung des Bodenwertes. Abschätzung der Bodenwerte. Zuwachssteuer nur Mittel,
nicht Ziel. — V. Ausdehnung der Bewegung. Arbeit des Bundes deutscher Boden-
reformer. Literatur. Gegner der Bewegung.

flu§ Ki(IUt$CbOU$ Uerwältunfl. Die Land-, Steuer- und Zollpolitik des Kiau-
tschouqebietes. Von Dr. WJ. Schramei«T, Geh. Admiralitäisrat, eh. Kaiser!. Kommissar
des Kiautschougebictes. (VIII, 255 S. gr. 8°.) 1914.	Mk 5.-, geb. Mk 6.-

Inhalt: Landpolitik. 1. Erwerb des Bodens seitens der Regierung. 2. Ver-
gebung des Bodens. 3. Verfahren bet Landverkäusen. 4. Die Landordnung Kiautschous
in ihrer Stellung zur Bodenreform. — Steuerpolitik. 1. Grundsätze der Besteuerung..
2. Steuerordnung für Kiautschou. 3. Weitere Entwickelung des Steuerprogramms und Ein-
nahmen aus Erwerbsbetrieben. 4. Einnahmen und Selbstbestimmung der Bürgerschaft. —
Zollpolitik. 1. Pekinger Zollübereinkunft von 1899. 2. Zollregulative für den Eisenbahn-
verkehr und die Binnengewässerschiffahrt. 3. Zusatzübereinkunft vom 1. Dezember 1905..
aj Vorschläge zur Abänderung des bestehenden Systems, b) Verhandlungen mit Kaufmann-
schaft und Zollamt, o) Voraussetzungen für die Schaffung eines beschränkten Freibezirks
an Stelle des Freihafens, ä) Abschluß und Inhalt der Vereinbarungen.

Innere Kolonisation in Neuseeland. Von Dr. rer poi m. piügge. Assessor..

(Probleme der Weltwirtschaft. Herausgegeb. von Prof. Dr. B. Harms, Kiel. Hett 26.)
Mit 1 Karte. (V, 148 S. Lex.-8°.) 1916.	Mk 5.40

Die Schrift behandelt die neueste neuseeländische Landgesetzgebung und ihre prak-
tischen Ergebnisse, besonders die Ansiedelungspolitik, die das Ziel hat, die dort zutage ge-
tretenen Schäden spekulativer Latifundienbildung zu beseitigen, und an deren Stelle Bauern-
siedelung zu setzen, d. h. innere Kolonisation zu betreiben. D,e Regierung Neuseelands,
einer fast ausschließlich aus Europäern bewohruen Siedelungskolonie, hat sich dabei von
recht radikalen bodenreformerischen Gedanken letten lassen, die der englischen Bodenreform-
bewegung entsprossen, wohl nirgends so durchgreitend verwirklicht worden sind. Ausführliche
geht die Schrift auf die bisweilen äußerst scharsen Maßregeln — Landrücklauf durch die
Regierung, Enteignung, Grundsteuer usw. — ein, die dem Ziel der Besiedelung des Landes
mir Farmbetrieben statt Grotzbesitzungen dienen sollen, weist aber auch eingehend auf die
Hindernisse, gefühlsmäßige und praktische, hin, die sich dessen Verwirklichung entgegenstellen.
        <pb n="425" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena.

Die Preise erhöhen sich durch die auf der 2. Anzeigenseite angegebenen Teuerungszuschläge.

BOdCII= Uttd ßyßOtlKKCnßl'dbldnC. Kritische Abhandlungen. Von Ludwig

«Schwege. 1913.	Mk 2.50, geb. Mk 3.50

Inhalt: 1. Wie Rente entsteht. — S. Das Recht der Priorität. — 4. Hypothekenrecht und Bau-
markt. — 4. Das Gesetz zur Sickerung der Bauforderungen. — S. Banken für zweite Hypotheken. —
«. Hypothekenunrecht. — 7. Terrainaktien. — 8. Zur Naturgeschichte der Tcrraingefellschaften. — 9. HauS-
befitz und Grundbesitz. — io. Häuser als Kapitalsanlage. — ll. Kaufmann und Wertzuwachssteuer. —
12. Baufpekulation und Bankwelt. — 13. Terrainkrisis und Wertzuwachssteuer. — 14. Ethisierung der
Terramgeschäfts. — IS. Theorie und Praxis im Aklienwesen.

Der Ausweg. Notfragen der Leit. Von Prof. Dr.sranz Oppenheimer. Zweite,

-durchgesehene Auflage. (74 S. 8°.) 1919.	Mk 2.50

Inhalt: 1. Sozialismus und Liberalismus. 2. Freie und beschränkte Konkurrenz, 8. Das Boden-
monopol. 4. Die Entstehung des Bodenmonopols. s. Das Kapital. 6. Die Wanderung. 7. Die „reine"
Wirtschaft. 8. Der Untergang der reinen Wirtschaft. S. Bestätigung durch Karl Marx. 1». Deutsch-
land als „freie Kolonie". 11. Die Götzendämmerung des Unternehmerprofitz. 12. Die galoppierende
Schwindsucht der großen Vermögen. 13. Die Agrarreform. 11. Die Zukunft der Großlandwirtschast.
iS. Die AnteilSwirtjchaft. 18. Die landwirtschaftliche Arbeiter-Produktivgenossenschaft.

DU Siedlun0$gcno$$en$cftaft. Uersuch einer positiven Überwindung des
Kommunismus durch Lösung des «enossenschsttsproblems und der Agrarfrage.

Bon Dr.franz Oppenheimer. Unveränderter Neudruck. (XLII, 628 S. 8°.) 1913. Mk 8.—

Inhalt: Einleitung. Die soziale Krankheit. Sozialdemokratie und Genossenschaftswesen. —

I.	Die städtischen Genossenschaften. 1. Zur Geschichte der städt. Genossenschaftsbewegung.
8. Zur Theorie der Berkäusergenossenschasten. 8. Die landwirtschaftlichen Unternehmergenossenschaften. —

II.	Die landwirtschaftlicheArbeiter-Produktivgenolseii schuft. — III. Die SiedlungS-
genofsenfchaft. Schlußwort. Die Siedlungsgenossenschaft das Ziel aller Parteien.

Die Mbeits und Pacfttgeno$$en$c!)aften Italiens. V°n Dr jur

et phil. m. D. Preyer, Privatdozent der Slaatswiffenschaft, Straßburg t. E. (IV, 228 S.

gr. 8°.) 1913.	Mk 6.-

Jnhalt: 1. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften Italiens. — 2. Die wirtschaftlichen Ent.
stebungSgründe der A.- u. P.-Genofsenschaften. — 3. Darstellung der A.° u. P.-Genossenschaften. —
4. Die Bedeutung der A.» u. P.-Genosfenschaften für die Landwirtschaft Italiens. (Die Landarbeiter-
frage in der Romagna. Die innere Kolonisation.) — Anhang.

Die russische Agrarreform. V°n Dr. d. preyer. sreu 10 zum Teil

farbigen Plänen. (XIV, 415 S. gr. 8°.) 1914.	Mk 18.—

Schmollers Jahrbuch, Bd. 88, Heft 3: . . . Am vollständigsten und eingehendsten ist die
russische Agrarreform in dem vorliegenden Buche behandelt, das zugleich eine weit ausgreifende, geschichtlich-
theoretische Darstellung gibt. das Agrarprogramm der verschiedenen Parteien sowohl als das fast aller
russischen bekannteren agrarpolitischen Autoren behandelt, um sodann die von der Regierung Stolypins
vorgenommene Auslösung des alten Status und die entstehenden Neubildungen zu beleuchten. Man
wird Preyer zugeben muffen, daß ihm die Darstellung der verschiedenen Agrarprogramme in der durch
den Umfang bedingten knappen Form ausgezeichnet gelungen ist. ...

Die Feldgemeinschaft in Russland. Von uiadimir simkhopitch. Ein

Beitrag zur Sozialgeschichte und zur Kenntnis der gegenwärtigen Lage des russischen

Banernstandes. (XVI, 400 S. gr. 8°) 1908.	Mk 10.—

Sozialismus und soziale Bewegung. B°n Dr ferner $ombart, Pros.

a. d. Univ. Berlin. Achte Auflage. 50.—59. Tausend. (XII, 887 S. gr. 8°.) 1919.

Mk 6.-, geb. Mk 8.50

Inhalt: Einleitung: Was verstehen wir unter Sozialismus und soziale Bewegung? I. Der
Sozialismus. 1. Die Grundideen des modernen Sozialismus. 2. Der nationale Soz. &gt;Der ältere
sog. „utopische" Soz. Der Anarchismus.) 8. Die Begründung des historischen Soz. 4. Die Kritik des
Marxismus. 5. Der revolutionäre Syndikalismus. 8. Der Bolschewismus. — II. Die soziale Be-
wegung. i. Aus der Vorgeschichte der sozialen Bewegung. 8. Die Entfaltung der nationalen Eigen-
art. 3. Die Tendenz zur Einheit. (Kritik meiner Auffassung: deren Sinn. „Proletarier aller Länder
vereinigt Euch!" Die Grundsätze der sozialdemokrati'chen Politik. Der Internationalismus. Das
innerpoliiische Programm. Die Wirkungen des Weltkrieges.) — Anhang: I. Führer durch die sozia-
listische Literatur. 8. Chronik der sozialen Bewegung von 17S0-1911.

Die soziale Trage und der Sozialismus, eine kritische Auseinander-
setzung mit der marxistischen Theorie. Von Dr. weil. et MI. franz Oppenheimer,

o. ö. Prof, an der Univ. Frankfurt a. M. 9.-11. Tausend. (XII, 192 S. 8«.) 1919. Mk 3.—

Inhalt: Offener Brief an Karl Kautsky. — I. Die soziale Frage. 1. Soziale Frage und
Monopol. 2. -Wesen und Entstehung des Kapitalismus. 3. Robinson, der Kapitalist.	Kolo-

nisation. — II. Der Sozialismus. 5. Liberaler Sozialismus und Marxismus. 6. Dre Marxsche
Lehre vom Wert und Mehrwert. 7. Die wissenschafilichen Grundlagen des Marxismus und Revrstonls-
mus. — 8. Kautsly als Agrartheoretiker. 9. Kautskys Zukunftsstaat.
        <pb n="426" />
        ﻿
        <pb n="427" />
        ﻿1&lt;ap. IIIJ!  1 »	ioH
zerstört tlf	|2
oberungel»	!&gt;■
hatte, duv die Gese -	
	ßl
und die ns die Nensm	sff
Herrschaft^	
brachte, u |	^ g
feudalen 2	&gt;1
die Mitten	
friedlicher	I
flocht und	-1
noch grast	1
vorangesch	I
war, in w Wir u	:|
Erscheinung dasjenige i  Gegenkräft	I
schaft entste Zivilisation	
baren zerst	irr
Die g  Fortschritte	
Zntegratwi	
sellschaft u	4
hängiger.	o
statt zu wo	1	CO

Gesetz des menschlichen Fortschrittes.

37s

alles, was
und Geschä

in jenem.

L

größer wirds
ist, in vetfdj
Abhaltung
diesem Zwe
Ordnung 1
werden spezj
um Herbert
Gesellschaft
von einer uns
bestimmten
sozialer Entü
rigsten tierist
und von den
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co

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CO

:de die römische Zivilisation, welche sich durch Er-
uieren Frieden sicherten, über Europa ausgebreitet
äonen der nordischen Völker überwältigt, welche
ix in unzusammenhängende Teile zerschellten,
äsation begann, als das Feudalsystem aufs neue
en Staaten vereinigte und als die geistliche Dber-
Staaten in eine gemeinschaftliche Verbindung
dessen Legionen getan hatten. Als dann die
-onalen Autonomien wurden und das Lhristentum
mschaften aus ihrer Verborgenheit zog, die Fäden
nner alldurchdringenden Organisation zusammen-
giösen Orden die Vereinigung lehrte, wurde ein
tt möglich, der mit immer zunehmender Kraft
niger die Verbindung und das Zusammenwirken
mschen gebracht wurden,
den Lauf der Zivilisation und die verschiedenen
* ihre Geschichte darbietet, nie verstehen, ohne
s i ziehen, was ich die inneren Widerstände oder
chte, die im Perzen der fortschreitenden Gesell-
n erklären können, wie eine schon vorgeschrittene
n selbst zum Stillstand kommen oder von Bar-
mn.

welche das bewegende Prinzip des sozialen
^ urch Assoziation, welche recht eigentlich eine
genannt werden kann, freigemacht. Die Ge-
nplizierter, ihre Individuen voneinander üb-
st en und Verrichtungen spezialisieren sich. An-
+-»ie Bevölkerung ansässig. Anstatt daß sich jeder
bst macht, werden die verschiedenen Gewerbe
der eine erwirbt Geschick in dem, der andere
gt sich die Wissenschaft, deren Umfang beständig
rem einzelnen immer weniger zu bewältigen
c, denen sich die einzelnen widmen. Auch die
lichkeiten kommt in die pände einer besonderen
Körperschaft, und die Aufrechterhaltung der
e, die Steuerverwaltung und Kriegführung
nen einer organisierten Regierung. Kurz,
usdruck zu gebrauchen, die Entwicklung der
uf ihre einzelnen Bestandteile, der Übergang
nzusammenhängenden Gleichartigkeit zu einer
'°;enden Vielartigkeit. jZe niedriger die Stufe
;sto mehr gleicht die Gesellschaft jenen nied-
men, die ohne Organe oder Glieder sind,
^geschnitten werden kann und doch noch lebt.
sozialen Entwicklung, desto mehr gleicht die

^	24*
      </div>
    </body>
  </text>
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