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        <title>Fortschritt und Armut</title>
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            <forname>Henry</forname>
            <surname>George</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1027863817</idno>
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Henry  George

Armut

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Sechste  Auflage

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Dcna
Verlag  von  Gustav  kischer
        <pb n="2" />
        EIGENTUM  |
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT

BIBLIOTHEK
H23Ö52
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        Fortschritt  und  Armut
Eine  Untersuchung  über  die  Ursache  der
industriellen  Krisen  und  der  Zunahme
der  Armut  bei  zunehmendem  Reichtum
Von
Henry  George
Deutsch  von  &amp;lt;L  D.  F.  Gütschow

Sechste,  unveränderte  Auflage
Mit  einem  Vorwort  von  Adolf  Damaschke

Mache  Dir  von  dem  Gegenstände,  der  sich  Dir  darbietet,  eine  Erklärung
oder  ein  Bild,  so  das.  Du  genau  stehst,  von  welcher  Art  er  in  seinem
Wesen,in  seiner  Nacktheit,  inseiner  vollkommenen  Ganzheit  ist,  und  nenne
Dir  seinen  richtigen  Namen  und  die  Namen  der  Dinge,  aus  denen  er
zusammengesetzt  ist,  und  in  die  er  sich  auflöst.  Denn  nichts  trägtso  sehr  dazu
bei,  den  Geist  zu  erheben,  als  wenn  man  imstande  ist,  jeden  Gegenstand, ­
  der  sich  uns  im  Leben  darbietet,  methodisch  und  richtig  zu  prüfen,
und  die  Dinge  stets  so  zu  sehen,  daß  man  gleichzeitig  gewahr  wird,  welche
Art  von  Weltall  dies  ist,  und  welchen  Nutzen  jedes  Ding  darin  stiftet  und
welchen  Wert  jedes  Ding  mit  Bezug  auf  das  Ganze  hat  und  welchen
mit  Bezug  auf  den  Menschen,  der  ein  Bürger  der  höchsten  Stadt  ist,  zu
der  alle  anderen  Städte  gleichsam  nur  wie  einzelne  Familien  gehören;
was  jedes  Ding  ist,  woraus  es  besteht  und  wie  lange  es  seiner  Natur
nach  dauern  rann.  Marc.  Aurel.  Antonius.

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  )ena
1,920
        <pb n="4" />
        Vorwort  von  Adolf  Damaschke.
Von  den  bahnbrechenden  Forschern  auf  dem  Gebiet  der  Volkswirtschaft ­
  entstammen  nur  zwei  dem  Proletariat:  Proudhon,  der
französische  und  George,  der  amerikanische  Schriftsetzer.  Bezeichnend
ist  es,  daß  beide  Vertreter  der  Arbeiterklasse  in  der  entscheidenden  Wahl
jeder  volkswirtschaftlichen  Gesamtanschauung  zwischen  Gleichheit  und
Freiheit  sich  für  die  Freiheit  entscheiden.  Der  Romane  wird  Anarchist,
der  Germane  Bodenresormer.  Die  Darstellung  des  Weges,  auf  dem
Henry  George  persönliche  Freiheit  und  soziale  Gerechtigkeit  zu  vereinen
gedenkt,  bildet  den  Inhalt  dieses  Werkes.
Lin  ausführliches  Lebensbild  Henry  Georges  bietet  meine  „Bodenreform, ­
  Grundsätzliches  und  Geschichtliches  zur  Erkenntnis  und  Überwindung ­
  der  sozialen  Not",  j,oo—uo.  Tausend  (5.  223—269),  Verlag
von  G.  Fischer,  Jena,  Hier  sei  nur  kurz  das  Lebensbild  zum  Abschluß
gebracht,  das  der  Übersetzer  im  Jahre  1.864  gegeben  hat  (S.  \—17).
Im  Jahre  1886  stellten  die  Bodenreformer  George  als  Kandidaten ­
  zum  Bürgermeisterposten  von  New  Hork  aus.  Sie  gewannen
68  HO  Stimmen  und  überflügelten  damit  den  beliebten  Republikaner
Theodor  Roosevelt  um  rund  7700  Stimmen;  sie  unterlagen  zwar  der
demokratischen  Partei,  die  mit  90  500  Stimmen  siegte  —  aber  dieser
Wahlkampf  hat  der  Bodenreform  eine  Achtung  in  der  angelsächsischen
Welt  erzwungen,  die  jeden  billigen  Spott  über  „unfruchtbare"  Schwärmerei ­
  von  nun  an  ausschloß.
Die  pariser  Weltausstellung  *889  vereinte  einen  „Internationalen
Bodenreformkongreß",  der  Henry  George  zum  Ehrenpräsidenten  wählte.
I890  unternahm  er  eine  Vortragsreise  durch  Neuseeland,  und  in
keinem  Lande  der  Welt  ist  die  Bodenreformlehre  so  mächtig  in  Gesetzgebung ­
  und  Verwaltung  geworden,  als  in  diesem  Land  der  erfolgreichen
sozialen  versuche.  Im  April  1916  hat  die  große  Stadt  Sydney  alle
Steuern  auf  Arbeitseinkommen  und  Kapital  einschließlich  der  Gebäude
und  Verbesserungen  aufgehoben  und  sie  mit  großem  Erfolg  im  Sinne
Henry  Georges  durch  eine  Steuer  auf  den  reinen  Grundwert  ersetzt.
„Jahrbuch  der  Bodenreform"  1920  5.  20—34.)
AIs  1891  Papst  Leo  XIII.  sein  berühmtes  Rundschreiben  „über  die
Arbeiterfrage"  erließ,  hat  Henry  George  darauf  in  einer  Schrift  geantwortet, ­
  die  viele  für  die  beste  Darstellung  seiner  Lehre  halten.  Sie  ist
        <pb n="5" />
        IV

Vorwort  von  Adolf  Damaschke.

in  einer  meisterhaften  deutschen  Übersetzung  von  B.  Lulenstein  unter
dem  Titel:  „Zur  Erlösung  aus  sozialer  Not"  erschienen.
I892  veröffentlichte  p.  George  eine  Streitschrift  gegen  Herbert
Spencer:  „Der  verlegene  Philosoph".  Schließlich  arbeitete  er  an
einem  Werk  „Die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie",  das  aber  unvollendet ­
  blieb.
Die  Werbearbeit  hatte,  wie  so  oft,  auch  bei  Henry  George  ein
Herzleiden  hervorgerufen,  das  ihn  zu  großer  Schonung  zwang.  Da  wurden
189?  die  Vorstädte  New  Horks  mit  der  Hauptstadt  zu  einem  Groß-New
  Hork  vereint,  und  es  entstand  die  Frage,  wer  soll  der  erste  Bürgermeister ­
  dieserRiesenstadtwerden.  DieBodenreformer  drängten  H.  George,
in  den  Kampf  einzutreten.  Der  Hausarzt  warnte  dringend,  Henry
George  aber  erklärte:  „Ich  folge  diesem  Ruf  und  wenn  ich  dafür  sterben
sollte."  Am  2.  November  sollte  die  Wahl  stattfinden.  Die  Tage  vorher
brachten  ein  Fülle  von  Vorträgen.  Am  28.  Oktober  sprach  H.  George
in  vier  Versammlungen.  In  der  Nacht  darauf  machte  ein  Herzschlag
seinem  Leben  ein  Ende.  Das  Begräbnis  am  Sonntag  den  31.  Oktober
189?  gestaltete  sich  zu  einem  einzigartigen  Schauspiel.  Zuerst  sprach
ein  Geistlicher  der  englischen  Pochkirche,  der  George  angehörte,  dann
der  erste  Rabbiner  der  Stadt,  Gottheil,  über  das  alte  hebräische  Wort:
„Der  wahrhaft  weise  wird  größer  sein  im  Tode  als  im  Leben".  Dann
predigte  der  katholische  Pfarrer  Mac  Glynn  über  den  Text:  „Uns  ward
ein  Mann  von  Gott  gesandt,  des  Name  war  Henry  George."  Auf  dem
Greenwood-Friedhof,  seiner  letzten  Ruhestätte,  steht  die  Büste  von  der
Hand  seines  Sohnes  vor  einer  Granittafel,  die  eingemeißelt  das  Wort
aus  „Fortschritt  und  Armut"  trägt:  „Die  Wahrheit,  welche  ich  klar  zu
machen  versucht  habe,  wird  nicht  so  leicht  anerkannt  werden;  wäre  dies
möglich,  so  würde  sie  schon  lange  vorher  anerkannt  worden  sein.  Aber
sie  wird  Freunde  finden,  welche  für  sie  arbeiten,  für  sie  leiden,  und,
wenn  es  notwendig  ist,  für  sie  sterben  werden.  Das  ist  die  Macht  der
Wahrheit."
Die  Wahlkämpfe  Henry  Georges  und  die  Unterstützung,  die  er
dabei  durch  einzelne  Priester,  namentlich  durch  Mac  Glynn,  fand,
führten  zu  einem  denkwürdigen  Streit  im  katholischen  Lager.  Darauf
beauftragte  der  Erzbischof  Satolli  als  Legat  Leos  XIII.,  vier  Professoren ­
  der  katholischen  Universität  Washington  mit  einer  genauen
Prüfung  der  Lehren  von  „Fortschritt  und  Armut".  Sie  erklärten
einstimmig,  daß  die  Bodenreformlehren  nichts  enthielten,  was  der
Glaubens-  oder  Sittenlehre  der  Kirche  widerstreite.  Seitdem  gibt  es
wohl  kein  Land  der  Erde,  in  dem  nicht  die  Bodenreformbewegung  in
stetem  wachsen  begriffen  wäre.  In  der  slawischen  Welt  wurde  Leo
Tolstoi  ihr  machtvoller  Prophet.  In  der  angelsächsischen  Welt  steht
die  Bodenreform  vielfach  im  Mittelpunkt  aller  sozialen  Kämpfe.  Lloyd
Georges  Aufstieg  ist  nicht  zu  erklären,  ohne  seine  Stellungnahme  in
der  Landfrage.  (vgl.  Lloyd  George  „Der  Kampf  um  den  englischen
        <pb n="6" />
        Vorwort  von  Adolf  Damaschke.

V

Boden",  Verlag  Bodenreform  Berlin.)  Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  über  die
einzelnen  Fortschritte  zu  berichten.  (Vgl.  meine  Geschichte  der  Nationalökonomie, ­
  6t-—70.  Tausend,  2.  Band,  S.  238—3$7,  Verlag  G.  Fischer,
Jena.)
Im  deutschen  Sprachgebiet  ist  der  politisch  und  religiös  durchaus
neutrale  Bund  Deutscher  Bodenresormer  (Berlin  NW,  Lessingstraße  u)
der  Träger  des  Bodenreformgedankens.  Sein  Programm  fordert  aber
nicht  die  Single  Tax  (alleinige  Steuer),  wie  es  dieses  Buch  und  die
Bodenreform  der  angelsächsischen  Länder  tun.  Es  zeigt  nur  das  Ziel,
ohne  sich  auf  den  weg  festzusetzen.  Es  lautet:  }  j
„Der  Bund  Deutscher  Bodenreformer  tritt  dafür  ein,  daß  der  Boden,  diese  Grundlage ­
  aller  nationalen  Existenz,  unter  ein  Recht  gestellt  werde,  das  seinen  Gebrauch  als
Werk-  und  Wohnstätte  fördert  und  jeden  Mißbrauch  mit  ihm  ausschließt  und  das  die
Wertsteigerung,  die  er  ohne  Arbeit  des  einzelnen  erhält,  dem  volksganzen  nutzbar  macht."
Die  deutschen  Bodenreformer  sind  sich  klar  darüber,  daß  Maßnahmen ­
  der  Sozialreform  nur  in  dem  Maße  wirksam  und  heilsam  sein
können,  als  sie  aus  der  geschichtlichen  Entwicklung  organisch  erwachsen.
Naturgemäß  kann  und  muß  die  Bodenreform  in  Neuland,  wie  es  z.  B.
Kalifornien,  Australien  darstellt,  in  anderem  Maße  und  auf  anderem
Wege  erkämpft  werden,  als  in  einem  Volke  mit  jahrtausendalter  Kultur,
mit  fest  eingewurzelten  Anschauungen  der  Rechtsverhältnisse  in  bezug
auf  Bodenverteilung,  Bodenbeleihung  usw.  Diese  geschichtliche  Bedingtheit ­
  jedes  Fortschritts  wird  nicht  immer  erkannt.  Ich  entsinne  mich
eines  lehrreichen  Beispiels.  Joseph  Fels,  ein  amerikanischer  Großkaufmann, ­
  hatte  „Fortschritt  und  Armut"  gelesen.  Er  besaß  genug  Erkenntnisvermögen ­
  und  sittliche  Kraft,  seine  Persönlichkeit  und  sein  vermögen
in  den  Dienst  dieser  Wahrheit  zu  stellen.  Er  suchte  mich  auf  und  bot  mir
für  unseren  Bund  Deutscher  Bodenreformer  denselben  Jahresbeitrag,
den  er  der  englischen  und  der  amerikanischen  Organisation  zahle:
H0  000  pfd.  (Friedenswert  2f0  000  M.),  wenn  ich  in  den  von  mir  geleiteten ­
  Zeitschriften  „Bodenreform"  und  „Jahrbuch  der  Bodenreform"
die  „reine"  Lehre  dieses  Buches,  d.  h.  die  „Single  Tax“  vertreten  würde.
Mein  pinweis  darauf,  daß  ich  in  meiner  „Bodenreform"  und  meiner
„Geschichte  der  Nationalökonomie"  und  in  besonderen  Schriften  den
großen  amerikanischen  Meister  in  seiner  Persönlichkeit  und  seinen  Grundgedanken ­
  unserem  Volke  stets  nahezubringen  versucht  habe,  genügte
nicht.  Und  schroff  wurde  der  Gedanke  abgewiesen,  daß  es  gerade  im
Sinne  penry  Georges  wäre,  wenn  wir  die  Wege,  die  in  Deutschland
zum  Ziele  führen,  allein  aus  deutschen  Verhältnissen  heraus  bestimmten,
wir  schieden  zunächst  unverstanden;  doch  hat  der  ehrliche,  eifrige  Mann
später  die  Berechtigung  des  deutschen  Standpunktes  wohl  erkannt.
Line  besondere  Stellung  in  unserer  Bodenreform  nimmt  die  Landordnung
  von  Kiautschou  ein.  Sie  ist  aus  Gedanken  erwachsen,
die  unser  erster  Kommissar  des  Kiautschougebietes,  Geheimer  Admiral.--Rat
  vr.  Schrameier  selbständig  gefunden  hatte,  als  er  die  ungeheuren
        <pb n="7" />
        VI

Vorwort  von  Adolf  Damaschke.

Schäden  erwog,  die  der  Bodenmißbrauch  in  den  alten  ostasiatischen
päfen  hervorgebracht  hatte.  Die  „Landordnung  von  Kiautschou"
schus  die  erste  „Bodenreform  in  der  Praxis".  (Vgl.  Schrameier:  „Die
Land-  und  Steuerpolitik  im  Kiautschougebiet,  „Jahrbuch  der  Bodenreform" ­
  und  t9f2.)  Der  Aufstieg  Tsingtaus,  der  die  Bewunderung
der  Sozialpolitiker  aller  Nationen  weckte,  ist  ja  bekannt.  Über  die  Erfolge
des  Bundes  Deutscher  Bodenresormer  im  einzelnen  vergleiche  meine
schon  erwähnte  Programmschrist  „Die  Bodenreform".
Linen  gewissen  Abschluß  hat  der  Kampf  des  Bundes  gefunden
dadurch,  daß  in  der  Weimarer  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  unter
den  „Grundrechten  des  deutschen  Volkes"  auch  die  Forderungen  der
Bodenreformer  niedergelegt  sind.  Ihr  Artikel  \55  lautet:
„Die  Verteilung  und  Nutzung  des  Bodens  wird  von  Staats  wegen  in  einer
Weife  überwacht,  die  Mißbrauch  verhütet  und  dem  Ziel  zustrebt,  jedem  Deutschen
eine  gesunde  Wohnung  und  allen  deutschen  Familien,  besonders  den  kinderreichen,  eine
ihren  Bedürfnissen  entsprechende  Wohn-  oder  Wirtschastsheimstätte  zu  sichern.
Ariegsteilnehmer  sind  bei  dem  zu  schaffenden  kseimstättenrecht  besonders  zu  berücksichtigen. ­

Grundbesitz,  dessen  Erwerb  zur  Befriedigung  des  Wohnungsbedürfnisses,
zur  Förderung  der  Siedlung  und  Urbarmachung  oder  zur  tjebung  der  Landwirtschaft ­
  nötig  ist,  kann  enteignet  werden.  Die  Fideikommisse  sind  aufzulösen.
Die  Bearbeitung  und  Ausnutzung  des  Bodens  ist  eine  Pflicht  des  Grundbesitzers ­
  gegenüber  der  Gemeinschaft.  Die  Wertsteigerung  des  Bodens,  die  ohne
eine  Arbeits-  oder  Aapitalsaufwendung  auf  das  Grundstück  entsteht,  ist  für  die  Gesamtheit ­
  nutzbar  zu  machen.
Alle  Bodenschätze  und  alle  wirtschaftlich  nutzbaren  Naturkräste  stehen  unter  Aufsicht ­
  des  Staates.  Private  Regale  sind  im  Wege  der  Gesetzgebung  auf  den  Staat  zu
überführen."
Nun  erwächst  die  neue  große  Aufgabe,  dieses  Grundrecht  aus  der
Verfassung  heraus  ins  lebendige  Leben  zu  führen  und  es  umzusetzen
in  Menschenglück  und  Volkszukunft.  Ls  ist  noch  ein  Weg  voller  Mühsal
und  Gefahren.  Lr  wird  nur  zum  glücklichen  Ziele  führen,  wenn  sich
viele  finden,  die  in  dieser  entscheidungsreichen  Übergangszeit  sich  mit
reinem  Perzen  und  heißer  Begeisterung  diesem  Werke  widmen.  Und
wer  könnte  die  Begeisterung  reiner  und  höher  entfachen  als  £j.  George,
der  „Prophet  von  San  Franzisko"?  wenn  es  uns  gelingen  wird,  aus
diesem  großen  Zusammenbruch  einen  Neubau  aufzurichten,  jenseits
vom  Mammonismus  und  Kommunismus,  einen  Neuaufbau,  in  dem
persönliche  Freiheit  und  soziale  Gerechtigkeit  vereint  sein  werden,  dann
kann  und  wird  „Fortschritt  und  Armut"  stets  einen  Ehrenplatz  einnehmen ­
  unter  den  werken,  die  der  Menschheit  Wegweiser  waren  zu
diesem  Ziele.

Berlin  NW.,  24.  Juni  ^920.
Lessingstr.  u*

A.  Damaschke»
        <pb n="8" />
        Vorwort  des  Verfassers  zur  deutschen  Ausgabe,
Es  freut  mich,  daß  mein  Buch,  welches  so  vielen  herrschenden  Ansichten ­
  entgegentritt,  in  die  Sprache  eines  Volkes  übertragen  ist,  das
sich  durch  den  Ernst,  womit  es  die  Wahrheit  sucht,  und  durch  die  Offenheit, ­
  mit  der  es  fie  aufnimmt,  auszeichnet.
Ich  habe  leider  nicht  den  Vorteil,  mit  der  deutschen  Sprache  und
Literatur  vertraut  zu  sein,  und  die  Umgebung,  unter  deren  Eindruck
ich  die  vorliegende  Untersuchung  ausgeführt  habe,  weicht  in  vielen
Beziehungen  von  den  in  Europa  herrschenden  Verhältnissen  ab.  Aber
da  der  Beweis  der  Wahrheit  darin  besteht,  daß  sie  immer  und  überall
dieselbe  ist,  so  mögen  vielleicht  derartige  Verschiedenheiten  des  Standpunktes ­
  das  Interesse  und  den  Nutzen  dieser  Untersuchung  eher  erhöhen ­
  als  mindern.
Ich  ergreife  gerne  diese  Gelegenheit,  um  den  Eifer  und  die  Gewissenhaftigkeit ­
  anzuerkennen,  mit  der  Herr  Gütschow  sich  der  von  ihm
übernommenen  Aufgabe  entledigt  hat.  In  allen  schwierigeren  Fällen
hat  er  stets  meinen  Beistand,  soweit  ich  denselben  zu  leisten  vermochte,
gesucht,  und,  wenngleich  ich  seine  Übersetzung  nicht  zu  lesen  imstande
bin,  so  bin  ich  doch  von  deren  Treue  überzeugt.
Im  übrigen  bedarf  dieses  Buch  keiner  weiteren  Vorrede.  Es  ist
recht  eigentlich  ein  Buch,  das  für  sich  selbst  sprechen  muß.  Aber  denen,
zu  welchen  es  spricht,  sende  ich  Grüße!  Soweit  wir  auch  durch  Stellung
und  Verhältnisse  getrennt  sein  mögen,  wir  sind  doch  durch  eine  gemeinsame ­
  Sache,  durch  das  Band  einer  gemeinsamen  Hoffnung  vereinigt.
San  Francisco,  den  August  Z880.

Henry  George,
        <pb n="9" />
        Vorwort  des  Übersetzers.
Als  mir  im  November  vorigen  Jahres  ein  Exemplar  des  vorliegenden
Buches,  das  damals  noch  nicht  im  Buchhandel  erschienen  war,  in  die
Hände  fiel,  und  als  ich  im  Dezember  mit  der  Übersetzung  begann,
war  dasselbe  kaum  über  die  Grenzen  dieses  Staates  hinaus  bekannt.
Heute  hat  das  Buch  bereits  vier  Auflagen  erlebt  und  in  ganz  Amerika
gerechte  Sensation  gemacht,  und  mehr  und  mehr  bricht  sich  diesseits
des  Gzeans  die  Überzeugung  Bahn,  daß  wir  es  hier  mit  „the  book
of  modern  times“  zu  tun  haben.  Der  Verfasser,  der  seit  langer  Zeit
als  geschätzter  Journalist  in  San  Francisco  lebt,  ist  ein  self-made-man
und  gehörte  ursprünglich  der  Arbeiterklasse  an.  Dennoch  ist  die  sonst
nicht  gerade  wohlwollende  englische  Kritik,  welche  das  Buch  bisher  erfahren, ­
  einstimmig  in  dem  Urteil,  daß  die  Gelehrsamkeit  und  literarische
Arast  des  Verfassers  geradezu  erstaunlich  und  bewundernswert  sind.
Den  unbefangenen  Leser  werden  aber  die  sachlichen  Ausstellungen,
welche  die  englischen  Kritiker  an  dem  Werke  zu  machen  haben,  und
welche  sich  nicht  sowohl  gegen  die  wissenschaftlichen  Erörterungen,  als
gegen  die  praktischen  Schlußfolgerungen  und  Tendenzen  desselben  richten,
nur  umsomehr  zur  reiflichsten  Erwägung  und  aufmerksamsten  Lektüre
des  Buches  reizen.  Denn  daß  die  Ansichten  des  Verfassers  über  die
Natur  des  Grundeigentums  den  in  anerkannt  ungesunden  und  ungerechten ­
  Grundeigentumsverhältnissen  groß  gezogenen  konservativen
Engländern  keinen  Beifall  abgewinnen  können,  ist  begreiflich  genug;
aber  niemand  wird  auch  von  Männern,  die  in  solchen  Umgebungen
ausgewachsen  und  von  den  traditionellen  Anschauungen  voreingenommen
sind,  volle  Unbefangenheit  und  Freiheit  der  Auffassung  erwarten,
während  man  sich  derselben  von  dem  unter  frischeren  und  ursprünglicheren ­
  Einrichtungen  lebenden  Amerikaner  mit  Recht  versehen  darf.
Das  Buch  hält  weit  mehr,  als  der  Titel  verspricht.  In  der  Tat
ist  dasselbe  ein  vollständig  ausgearbeitetes  System  der  Sozialwissenschaft, ­
  und  obwohl  es  sich  nicht  in  den  hergebrachten  Formen  der  Handbücher ­
  bewegt,  so  werden  doch  alle  wichtigen  Kapitel  der  volkswirtschafts-
  und  Soziallehre  mit  tiefem  Eindringen  in  den  Gegenstand  behandelt, ­
  und  dies  in  einer  Sprache,  die  sich  von  dem  herkömmlichen
trockenen  Tone  der  volkswirtschaftlichen  Literatur  durch  Lebhaftigkeit
und  Anschaulichkeit  auszeichnet,  oft  aber  sich  zu  wahrer  Beredsamkeit
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        Vorwort  des  Übersetzers.

IX

erheb!.  Und  wie  in  der  äußeren  Form  der  Darstellung  eine  wohltuende ­
  frische  oder  unter  Urnständen  eine  hinreißende  Wärme  herrscht,
so  ist  die  Entwicklung  der  Gedanken  eine  durchaus  selbständige,  originelle, ­
  vor  keiner  Autorität  zurückweichende.
Die  entscheidenden  Angriffe  des  Verfassers  richten  sich  gegen  die
herrschende  Lehre  vorn  Lohn  und  gegen  die  Malthussche  Bevölkerungstheorie ­
  —  zwei  Bestandteile  der  herkömmlichen  Ökonomie,  die  überall
die  Volkswirtschaftspflege  und  Politik  bestimmen  und  jede  weitgreifende
Reform  verhindern,  da  sie  den  Arbeitslohn  und  die  Zunahme  der  Bevölkerung ­
  auf  angebliche  Naturgesetze  zurückzuführen  suchen,  an  denen
keine  menschlichen  Einrichtungen  etwas  ändern  oder  die  dadurch  mindestens ­
  nur  sehr  unerheblich  modifiziert  werden  können.  So  ungeheuerlich ­
  und  fatalistisch  diese  Lehren  sind,  so  beherrschen  sie  dennoch  bis  auf
den  heutigen  Tag  nicht  bloß  die  gangbaren  Lehrbücher,  sondern  vor
allem  die  öffentliche  Meinung  der  unterrichteten  Klassen  in  nur  zu  hohem
Maße,  und  obwohl  diese  Lehren  auch  schon  von  anderer  Seite  mit  mehr
oder  weniger  Glück  bekämpft  worden  sind,  so  dürften  doch  diese  hochwichtigen ­
  und  für  den  humanen  Kampf  um  die  Verelendung  des  Daseins ­
  entscheidenden  Fragen  kaum  je  eine  so  glänzende  und  überzeugende
Lösung  erfahren  haben  wie  in  unserem  Buche.
Die  praktische  Tendenz  des  Werkes  zielt  auf  die  Beseitigung  der
Grundrente,  und  der  schließliche  Vorschlag  des  Verfassers  läuft  darauf
hinaus,  daß  der  Staat,  ohne  in  die  tatsächlichen  Besitzverhältnisse
einzugreifen,  die  Rente  an  sich  nehmen  und  den  Grundbesitzern  nur  den
Ertrag  ihrer  Arbeit  und  ihres  Kapitals,  diesen  aber  völlig  ungeschmälert,
überlassen  soll.  Die  weitgreifenden  Folgerungen,  die  der  Verfasser
an  diesen  Vorschlag  knüpft,  muß  man  in  dem  Buche  selbst  nachlesen,
und  es  scheint  zweifellos,  daß  die  überzeugende  Kraft  seiner  Beweise
ihm  überall  zahlreiche  und  begeisterte  Anhänger  schaffen  wird.  Die
Frage,  ob  der  Reformplan  des  Verfassers  nicht  nach  verschiedenen
Seiten  der  Ergänzung  bedürfe,  lassen  wir  hier  unerörtert.  Nur  das
eine  muß  hervorgehoben  werden,  daß  der  Verfasser  weit  entfernt  ist,
von  einer  sozialistischen  Organisation  der  Gesellschaft  bjeil  zu  erwarten, ­
  daß  er  vielmehr  Individualist  im  strengsten  Sinne  des  Wortes
ist  und  jede  staatliche  Einmischung  in  die  freie  Bewegung  der  einzelnen
verwirft.
Die  Schlußkapitel  sind  einer  Prüfung  des  Entwicklungsganges
der  Zivilisation  gewidmet  und  suchen  die  vollständige  Übereinstimmung ­
  der  Tendenzen  des  Buches  mit  den  den  menschlichen  Fortschritt
beherrschenden  Gesetzen  nachzuweisen.  Die  Lehren  Darwins  und
Herbert  Spencers  werden  hier  einer  höchst  interessanten,  teilweise
zustimmenden,  teilweise  polemischen  Erörterung  unterzogen.
Doch  ist  es  unmöglich,  von  dem  reichen,  eine  volle  und  tiefe  Lebensanschauung ­
  widerspiegelnden  Werke  in  knappem  Raum  auch  nur  eine
annähernde  Vorstellung  zu  geben,  und  wir  dürfen  uns  der  Zuversicht
        <pb n="11" />
        X

Vorwort  des  Übersetzers.

getrosten,  daß  dasselbe  auch  in  Deutschland  keinem  fremd  bleiben
wird,  der  sich  ernsthaft  mit  den  Fragen  der  Gesellschaft  befaßt.  Ebensowenig ­
  ist  das  Buch  leicht  zu  charakterisieren.  Don  philosophischer
Tiefe,  ist  es  doch  im  Stil  überaus  populär;  vollkommen  radikal,  ist
es  doch  konservativ  und  religiös;  obwohl  sein  Standpunkt  demokratisch
ist,  deckt  es  doch  schonungslos  die  Schwächen  und  die  Korruption  der
Demokratie  auf,  und  eines  seiner  ergreifendsten  Kapitel  ist  dasjenige,
in  welchem  nachgewiesen  wird,  daß  das  volkstümliche  Regierungsf^stem
  der  Vereinigten  Staaten  mit  schnellen  Schritten  den  Gang
aller  früheren  Demokratien  zu  Anarchie  und  Militärdespotismus  nimmt.
Nichtsdestoweniger  ist  es  kein  Buch  der  Kompromisse,  vielmehr  beruht
es  auf  einer  klar  und  scharf  ausgeprägten  Theorie,  die,  ob  wahr  oder
falsch,  wenigstens  das  Verdienst  einer  wunderbaren  Einheit  und  Konsistenz ­
  hat;  weder  rechts  noch  links  abweichend,  geht  sie  gerade  auf  ihr
Ziel  los,  indem  sie  dem  Atheismus,  dem  Materialismus  und  dem  Darwinismus ­
  mit  derselben  Kühnheit  entgegentritt  wie  den  nationalökonomischen ­
  Theorien  der  Malthus  und  Ricardo.  Schließlich  kann  das
Werk  ebensowenig  als  optimistisch  wie  als  pessimistisch  bezeichnet  werden,
denn  während  sein  ganzer  Zweck  der  Beweisführung  gilt,  daß  mit
einer  einzigen  Maßregel  eine  unvergleichlich  höhere  Zivilisation  erreichbar ­
  sei,  finden  sich  darin  mehr  als  bloße  Andeutungen,  daß  tatsächlich ­
  der  heutige  Fortschritt  ganz  den  Verlauf  früherer  Glanzperioden
nehme  und  die  moderne  Zivilisation  ihrem  Höhepunkte  schnell  entgegeneile. ­

Genug,  es  gehört  dies  Buch  zu  jenen  seltenen  Erzeugnissen  des
Geistes,  die  nicht  wohl  charakterisiert  werden  können,  und  niemand
wird  es  lesen,  ohne  den  Eindruck  zu  gewinnen,  daß  es  eines  jener  Griginalwerke
  ist,  welche,  in  langen  Zwischenräumen  erscheinend,  den  Gedanken
neue  Richtungen  geben  und  die  Arena  für  einen  neuen  Kampf  der
Meinungen  eröffnen.
San  Francisco,  im  August  t880.
L.  9.  F.  GLtfchow.
        <pb n="12" />
        i.  :  E

Ow

•Q

Inhalt.
Seite
Vorwort  von  Adolf  Damaschke  111
Vorwort  des  Verfassers  zur  deutschen  Ausgabe  VI[
Vorwort  des  Übersetzers  VI11
Henry  Georges  Leben  und  Schriften  -  I
Einleitung.
Das  Problem  I 8
Buch  I.  Arbeitslohn  und  Kapital.
Kapitel  I.  Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn,  ihre  Unzulänglichkeit  27
-  II.  Der  Sinn  der  Ausdrücke  56
-  III.  Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen,  sondern  durch  die
Arbeit  geschaffen  50
-  IV,  Der  Unterhalt  der  Arbeiter  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen  .  65
-  V.  Die  wahren  Funktionen  des  Kapitals  •
Buch  II.  Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.
Kapitel  I.  Die  Ulalthussche  Theorie,  ihr  Ursprung  und  ihre  Stühe  ....  79
-  II.  Folgerungen  aus  Tatsachen  87
-  III.  Folgerungen  aus  Analogien  106
-  IV.  Widerlegung  der  Ulalthusschen  Theorie  114
Buch  III.  Die  Gesetze  der  Berteilung.
Kapitel  I.  Die  Untersuchung  ist  auf  die  Gesetze  der  Verteilung  einzuschränken;
notwendige  Verbindung  dieser  Gesetze  123
-  II.  Die  Grundrente  und  ihr  Gesetz  132
-  III.  Der  Zins  und  dessen  Ursache  1Z7
-  iv.  Das  fiktive  Kapital  und  der  oft  für  Zins  gehaltene  Gewinn  ...  149
-  V.  Das  Gesetz  des  Zinses  iss
-  VI.  Der  Lohn  und  das  Lohngesetz  159
-  VII.  Das  Ineinandergreifen  und  Zusammenwirken  der  Verteilungsgesetze ­
  I69
-  VIII.  Das  Gleichgewicht  des  Problems  erklärt  170
Buch  IV.  Die  Wirkung  des  materiellen  Fortschritts  auf  die
Güterverteilung.
Kapitel  I.  Das  Bewegungsgesetz  des  Problems  noch  zu  suchen  174
-  II.  Die  Wirkung  der  Bevölkerungszunahme  auf  die  Güterverteilung  \76
-  III.  Die  Wirkung  der  Fortschritte  in  den  Gewerben  auf  die  Gütervertcilung
  186
-  IV.  Die  Wirkung  der  durch  den  materiellen  Fortschritt  erregten  Erwartung ­
  194
        <pb n="13" />
        s»

l

XII  =  Inhalts =
Seite:
Buch  V.  Das  Problem  gelöst.
Kapitel  I.  Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  industriellen  Krisen  1.98
-  II.  Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  fortschreitenden  Reichtums  .  2\2
Buch  VI.  Das  Heilmittel.
Kapitel  I.  Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel  ,  .  .  223
-  II.  Das  wahre  Heilmittel  •  2$$
Buch  VII.  Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.
Kapitel  I.  Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes  24s
-  II.  Die  Sklaverei  der  Arbeiter  das  fchließliche  Resultat  des  Privatgrundbesitzes ­
  256
-  III.  Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung  26$
-  IV.  Das  Privateigentum  am  Grund  und  Boden  vom  historischen
Standpunkte  aus  272
-  V.  vom  Grundbesitz  in  den  vereinigten  Staaten  28$
Buch  VIII.  Die  Anwendung  des  Heilmittels.
Kapitel  I.  Der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden  unvereinbar  mit  der  besten
Ausnutzung  des  Bodens  292
-  II.  wie  gleiche  Rechte  auf  den  Grund  und  Boden  in  Anspruch  genommen
und  gewahrt  werden  können  29s
-  III.  Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft  300
-  IV.  Zustimmungen  und  Einwendungen  3^0
Buch  IX.  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.
Kapitel  I.  Aber  die  Wirkung  auf  die  Güterproduktion  3*6
-  II.  Mer  die  Wirkung  auf  die  Verteilung  und  von  da  auf  die  Produktion ­
  321
-  III.  über  die  Wirkung  auf  Individuen  und  Klassen  326
-  IV.  Über  die  Veränderungen,  die  in  der  sozialen  Organisation  und  im
sozialen  Leben  hervorgebracht  werden  würden  330
Buch  X.  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.
Kapitel  I.  Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes;  ihre  Unzulänglichkeit ­
  •  •  3$$
-  II.  Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation;  worauf  dieselben  zurückzuführen ­
  sind
-  III.  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes  .  366
-  IV.  Auf  welche  weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann  ...  58  t
-  V.  Die  zentrale  Wahrheit  393
Schluß.
Das  Problem  des  individuellen  Lebens  $00
        <pb n="14" />
        Henry  Georges  Leben  und  Schriften.
Der  Name  des  Verfassers  von  „Fortschritt  und  Armut"  und  der
„Sozialen  Probleme"  ist  auch  in  Deutschland,  wie  in  seinem  Vaterlande ­
  Nordamerika  und  dem  sprachverwandten  Großbritannien,  rasch
populär  geworden,  von  dem  ersteren  Werke  erschienen  binnen  weniger
Jahre  in  Amerika  28,  in  England  1,0  Auflagen,  und  auch  die  deutsche
Übersetzung,  die  zuerst  im  Jahre  \880,  dann  in  zweiter  wohlfeiler
Ausgabe  t88§  erschien,  ist  in  vielen  Tausenden  von  Exemplaren  verbreitet. ­
  Das  allgemeine  Urteil  des  In-  und  Auslandes  über  dieses
Buch  lautet  dahin,  daß  es  in  der  gesamten  Literatur  der  Sozialwissenschaften
  wenige  Werke  gebe,  die  mit  gleicher  Lebhaftigkeit  und  Eindringlichkeit ­
  geschrieben  sind  und  mit  hinreißender  Arast  der  Sprache  und
anziehender  Schönheit  der  Form  einen  so  gediegenen  Inhalt,  eine  so
gründliche  Beweisführung,  eine  solche  Tiefe  der  Gedanken  verbinden,
was  sowohl  „Fortschritt  und  Armut",  als  auch  die  „Sozialen  Probleme"
vor  allem  von  den  meisten  national-ökonomischen  und  sozialwissenschaftlichen ­
  Büchern  unterscheidet,  das  ist  das  Element  reicher  Welterfahrung ­
  und  vielseitiger  Lebensanschauung  einerseits,  sowie  schöpferischer ­
  Einbildungskraft  andererseits,  das  diese  Schriften  belebt  und
erfrischt  wie  eine"  kühle  Brise  den  heißen  Sommertag.  Der  Geist  des
Lesers  wird  nicht  ermüdet  durch  leere  Formeln  und  Verallgemeinerungen, ­
  sondern  überall  werden  die  Ergebnisse  der  Gedankenarbeit  in
lebhafte  Verbindung  mit  den  Tatsachen  der  Erfahrung  und  Beobachtung ­
  gebracht;  überall  sind  dem  Verfasser  Beispiele  aus  dem  Leben
der  Menschen  und  Völker  zur  ksand,  welche  die  durch  Nachdenken  gewonnenen ­
  Resultate  auf  anschauliche  und  reizende  weise  erläutern;
und  es  fehlt  ihm  nicht  an  der  Aunst  der  Darstellung,  welche,  auf  ein
klares  Ziel  lossteuernd,  den  Plan  des  ganzen  Werkes  in  hellster  Beleuchtung ­
  zeigt,  den  ksauptpunkten  sowie  allen  Nebenumständen  den
ihnen  zukommenden  Platz  anweist  und  so  den  künstlerischen  Eindruck
voller  Symmetrie  hervorbringt.
George,  Fortschritt  und  Armut.  (
        <pb n="15" />
        2

Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

Lin  solcher  Schriftsteller  muß  —  dies  kann  man  voraussetzen,
ohne  seinen  Lebensgang  zu  kennen  —  nicht  bloß  durch  Schule  und
Unterricht,  sondern  auch  durch  vielseitige  eigene  Anschauung,  durch
reiche  innere  und  äußere  Erfahrung  gebildet  sein.  Der  gewöhnliche
Lebensweg  eines  Gelehrten  reicht  in  der  Regel  nicht  aus,  um  solche
Ligenschaften  zu  entwickeln,  wie  sie  unserem  Autor  von  allen  Seiten
bereitwillig  nachgerühmt  werden,  und  es  wird  für  den  Leser  seiner
Schriften  einen  eigenen  Reiz  haben,  die  Einflüsse  kennen  zu  lernen,
denen  der  Autor  die  Vorzüge  seiner  Denk-  und  Darstellungsweise  verdankt. ­
  Ja  nicht  bloß  dies.  Es  wird  auch  zum  besseren  Verständnis
und  zur  kräftigeren  Wirksamkeit  seiner  Schriften  dienen,  wenn  man
die  Entstehung  seiner  Ideen  bis  in  ihren  Ursprung  verfolgen,  die  Berechtigung ­
  und  den  wert  derselben  gleichsam  an  den  Tatsachen  selbst,
von  denen  sie  erzeugt  wurden,  prüfen  kann.
Von  diesen  Erwägungen  ausgehend,  hat  der  Verleger  der  deutschen
Ausgabe  von  Georges  Schriften  geglaubt,  den  Lesern  einen  Dienst
zu  erweisen,  wenn  er  den  Werken  des  Autors  einen  kurzen  Abriß  von
dessen  Leben  und  wirken  vorausschickt.
wir  entnehmen  das  biographische  Material  ausschließlich,  meist
wörtlich,  einem  Büchlein,  das  unmittelbar  nach  der  Anwesenheit  Georges
in  England,  und  offenbar  unter  seiner  Autorisation  erschienen  ist.*)
Auch  in  der  Lharakteristik  der  wissenschaftlichen  und  schriftstellerischen
Leistungen  Georges  folgen  wir  großenteils  jenem  Führer.  wir  hielten
es  dabei  für  angemessen,  mehr  die  Rolle  des  Berichterstatters,  als  des
Kritikers  zu  übernehmen,  da  uns  hier  nicht  der  richtige  Drt  zu  sein  schien,
um  in  eine  subjektive  kritische  Würdigung  der  Bücher  des  Autors  einzugehen ­


ftenry  George  ist  am  2.  September  )839  in  Philadelphia  geboren.
Sein  Großvater  war  ein  englischer  Schisfskapitän,  der  sich  in  Philadelphia ­
  niederließ  und  amerikanischer  Bürger  wurde.  Der  im  Jahr
1.81.2  ausgebrochene  Krieg  mit  England,  in  welchem  die  beiden  Schiffe
des  Kapitäns  durch  englische  Kreuzer  zerstört  wurden,  vernichtete  den
Wohlstand  der  Familie.  Der  Vater  chenrys,  der  ein  Alter  von  achtzig
Jahren  erreichte,  war  früherhin  Verleger  religiöser  Bücher,  später  aber,
von  \83\  bis  zum  Regierungsantritt  Abraham  Lincolns  im  Jahre  1861,
Beamter  im  Zollhause  von  Philadelphia.  Er  heiratete  eine  Dame  von
trefflichen  Eigenschaften,  die,  obwohl  sie  ebenfalls  die  achtzig  überschritt, ­
  noch  kurz  vor  ihrem  Tode  als  „eine  königliche  Erscheinung,  und

*)  Henry  George:  a  biographical,  anecdotal  and  critical  sketch.  By  Henry
Rose.  London,  W.  Reeves,  1884.
        <pb n="16" />
        Ejenry  Georges  Leben  und  Schriften.

3

trotz  der  Jahre,  die  an  ihren  Zügen  nicht  spurlos  vorübergegangen
waren,  noch  immer  schön"  geschildert  wurde.  Zn  ihren  Adern  floß
von  seiten  ihres  Vaters  schottisches,  von  seiten  der  Mutter  französisches ­
  Blut.  Zhr  Großvater  war  in  Philadelphia  als  Kupferstecher
und  Kartenzeichner  berühmt.
Unser  bsenry  George  besuchte  bis  zu  seinem  zwölften  Zahre  eine
Volksschule,  und  sodann  ein  Zahr  lang  eine  höhere  Lehranstalt  (Academy), ­
  deren  Dirigent  den  Knaben  öfters  seinen  besten  Schüler  nannte.
Er  verließ  die  Anstalt,  weil,  wie  er  seinem  Vater  erklärte,  dort  nichts
gelehrt  werde,  das  er  nicht  bereits  wisse  oder  zu  wissen  glaube.  „Es
ist,"  jagte  er,  „doch  nur  Stückwerk  mit  der  Schule.  Zch  brauche  sie
nicht  mehr.  Mein  Bedürfnis  ist,  mich  in  der  Welt  umzutun."  Uber
des  Knaben  Eigenschaften  in  dieser  Zeit  äußert  sich  der  Vater:  „bsenry
war  seit  seiner  Kindheit  selbständigen  Charakters  und  zu  allen  Zeiten
ein  guter  Zunge.  Zch  fühlte  durchaus  keine  Besorgnis,  ihn  sich  in  der
Welt  umtun  zu  lassen.  Er  war  entschlossen  und  schlau,  und  da  ich  fand,
daß  bezüglich  der  Schule  sein  Sinn  nicht  zu  ändern  war,  so  entschied
ich  mich  dahin,  ihn  seinen  weg  gehen  zu  lassen.  So  besuchte  penry
die  Schule  nicht  mehr.  Aber  trotzdem  vernachlässigte  er  seine  Bücher
nicht.  Die  Geschichte  war  sein  Lieblingsstudium,  und  als  er  vierzehn
Zahr  alt  war,  besaß  er  eine  ganz  achtbare,  hauptsächlich  aus  geschichtlichen ­
  Büchern  und  Reisebeschreibungen  bestehende  Bibliothek."
Mit  sechzehn  Zähren  trat  er  als  Schriftsetzerlehrling  in  eine  Druckerei
zu  Philadelphia.  Aber  seine  Leidenschaft  für  Lektüre,  gepaart  vielleicht
mit  etwas  ererbter  Neigung  und  noch  mehr  mit  dem  Drange  nach  Kenntnissen ­
  und  praktischer  Erfahrung,  trieb  ihn  mit  rastloser  Sehnsucht  an,
zur  See  zu  gehen.  „Lines  Tages,"  erzählt  der  ältere  George,  „sagte
mir  Henry,  er  möchte  gern  zur  See  gehen  —nach  Zndien.  Dies  letztere
verlangen  meines  Zungen  war  mir  überraschend,  und  eine  Zeitlang
wollte  weder  seine  Mutter  noch  ich  etwas  davon  wissen.  Der  Zunge
aber  blieb  dabei,  er  habe  so  viel  von  jenem  unglücklichen  Lande  gelesen,
daß  er  nicht  ruhen  werde,  ehe  er  die  Dinge,  von  denen  er  gelesen,  nicht
aus  eigener  Anschauung  kennen  gelernt  habe."  „Man  denke  sich,"  fügte
der  Vater  hinzu,  „ein  Bürschchen,  welches  das  Bedürfnis  fühlt,  einen
Stand  der  Dinge,  wie  er  in  Zndien  vorhanden,  in  eigener  Person  zu
untersuchen!  Zndessen  kamen  seine  Mutter  und  ich  schließlich  überein,
ihn  gehen  zu  lassen,  und  ich  besorgte  für  ihn  einen  Platz  als  Schiffsjunge ­
  auf  dem  Schiffe  „Hindu",  das  damals  regelmäßig  nach  Kalkutta
segelte.  Henry  war  für  diese  Reise  auf  drei  Zahre  engagiert.  Als  er
jedoch  zu  uns  zurückkehrte,  bezeigte  er  keine  Neigung,  wieder  fortzugehen.
Aber  er  war  in  der  Lage  gewesen,  den  Stand  der  Dinge  in  Zndien
in  Augenschein  zu  nehmen,  und  seine  Berichte  waren  keineswegs
schmeichelhaft  für  die  fremde  Nacht,  die  sich  das  Recht  der  Herrschaft
über  jenes  Land  angemaßt  hat."
Mit  dem  Entschlüsse,  zum  Setzergeschäft  zurückzukehren,  trat  der
        <pb n="17" />
        Ejertty  Georges  Leben  und  Schriften.

junge  George  gegen  Ende  1,856  oder  anfangs  1857  in  eine  Druckerei.
Dieselbe  ging  jedoch  infolge  der  Panik  von  1857  ein,  und  der  junge
Lehrling  verlor  dadurch  die  Arbeit,  ehe  er  fein  Geschäft  vollständig
erlernt  hatte.  Mit  dein  erzwungenen  Müßiggänge  erwachte  in  ihm
wiederum  die  Lust,  sich  in  der  Welt  umherzutummeln.  Die  See  hatte
es  ihm  angetan.  Eines  Tages,  als  er  an  dem  Rande  des  Flusses  die
werft  entlang  ging,  bemerkte  er  einen  kleinen  neben  einem  Pfeiler
liegenden  Dampfer,  der  Kohlen-  und  Handelswaren  einnahm.  Nachdem ­
  er  festgestellt,  daß  es  ein  Küstenfahrer  war,  wandte  er  sich  an  seinen
Begleiter  und  sagte:  „Ich  werde  Dienst  auf  ihm  nehmen."  Und  so
fuhr  er  als  Matrose  auf  diesem  Schiffe,  das  zwischen  Boston  und  Philadelphia ­
  segelte,  bis  zum  Frühjahr  1858,  wo  er  auf  dem  Kriegsdampfer
„Shubrick",  der  nach  San  Francisco  via  Kax  Horn  bestimmt  war,
Dienste  nahm.  Die  „Shubrick"  galt  für  eine  solche  Reise  als  etwas
klein,  und  beinahe  wäre  sie  gescheitert.  Sie  langte  in  Rio  de  Janeiro
in  schlimmer  Verfassung  an,  erreichte  indessen  nach  der  Umschiffung
des  Kap  schließlich  wohlbehalten  San  Francisco.
Lin  Erlebnis  auf  dieser  Reise,  die  Geschichte  eines  unter  merkwürdigen ­
  Nebenumständen  erfolgten  Begräbnisses  zur  See,  schilderte
Henr^  George  in  einem  Briefe  an  einen  Freund,  der  die  Arbeit  drucken
ließ  und  sie  so  trefflich  geschrieben  fand,  daß  er  den  Verfasser  ermunterte,
für  die  Presse  zu  schreiben  —  ein  Rat,  dem  George  späterhin  Folge
leistete.
Als  George  das  Goldland  erreicht  hatte,  fand  er  sich  ohne  Beschäftigung. ­
  Infolge  des  bereits  erwähnten  Umstandes  hatte  er  sich
in  seinem  Geschäfte  nicht  ordentlich  ausbilden  können,  und  so  war  für
ihn,  der  nur  noch  ein  Knabe  war,  fern  von  der  Heimat,  unter  Fremden,
ohne  Beistand  von  Vater  und  Mutter  und  ohne  andere  Mittel  als
die  paar  Dollars,  die  er  von  seinem  Solde  während  der  Reise  der
„Shubrick"  gespart  hatte,  die  Aussicht  in  die  Zukunft  nichts  weniger
als  hell.
Gerade  damals  (im  Spätjahr  1858)  redete  man  in  San  Francisco
viel  von  Goldentdeckungen  am  Frazer-Flusse  in  dem  oberen  Teile  der
britischen  Besitzungen  im  fernen  Nordweften.  Die  Goldgruben  sollten
an  der  Oberfläche  liegen  und  wurden  als  fabelhaft  ergiebig  angenommen.
Man  sprach  von  Leuten,  die  Stücke  im  werte  von  zehn  bis  fünfzig
Dollars  ausgewaschen  und  in  einem  Monate  ein  vermögen  erworben
hätten  (damals  rechnete  man  vermögen  nicht  nach  Millionen  Dollars,
sondern  nach  Tausenden).  Unser  junger  Held  war  natürlich  der  Ansicht, ­
  was  andere  könnten,  könne  er  auch,  und  so  wandte  er  seine  Schritte
nach  dem  Frazer-Flusse.
Alles  ging  gut  bis  zu  seiner  Ankunft  in  Viktoria,  auf  der  vancouvers-Insel,
  wo  ein  Meltau  auf  seine  Hoffnungen  fiel.  Er  fand
die  englische  Stadt  angefüllt  mit  Goldgräbern,  von  denen  einige  allerdings ­
  Geld  gemacht  hatten,  die  meisten  aber  gründlich  enttäuscht  waren.
        <pb n="18" />
        Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

5

Dennoch  beschloß  George  vorwärts  zu  gehen,  und  in  einigen  Tagen
befand  er  sich  an  der  Mündung  des  Frazer-Flusses.  Hätte  er  damals
die  Beschwerden,  die  ihm  noch  bevorstanden,  und  das  Ungemach  am
Ende  seiner  Reise  gekannt,  so  wäre  er  wahrscheinlich  noch  jetzt  umgekehrt. ­
  Allein  er  verfolgte  seinen  j)lan  weiter,  besorgte  mit  einigen
Genossen  Lebensmittel,  einen  Kahn  und  ein  paar  Indianer,  und  fuhr
stromaufwärts  nach  den  Goldfeldern.
Amerikanische  Blätter  bemerken,  daß  der  Frazer-Fluß  eher  einem
steil  aufsteigenden  Höhenzuge,  als  einem  Flusse  vergleichbar  sei.  Tatsächlich ­
  hat  kein  Reisender  je  das  Gebirge  erreicht,  ohne  den  Frazer
tausendmal  mehr  hinaufzuklimmen,  als  zu  rudern.  Zuweilen  konnte
ein  Rahn  an  einem  Tage  zehn  englische  Meilen  machen,  aber  in  der
Regel  sind  vier  Meilen  das  Merk  eines  geschlagenen  Tages.  Der  Fluß
stellt  eine  großartige  Reihe  von  Wasserfällen  dar;  er  ist  voller  Wirbel
und  Stromschnellen,  während  einer  Fahrt  von  fünf  englischen  Meilen
müssen  die  Reisenden  ihren  Rahn  zwanzigmal  ans  Land  ziehen,  ihn
auf  ihre  Schulter  heben  und  mit  ihm  über  Felsblöcke  schwanken.  Beständige ­
  Wachsamkeit  war  nötig,  daß  der  Rahn  in  den  Wirbeln  nicht
umgeworfen  wurde,  und  niemals  verging  ein  Tag,  wo  der  Rahn  nicht
zwei  oder  dreimal,  oft  ein  halbdutzendmal  umschlug.  Dann  begann
das  Haschen  und  Untertauchen,  um  die  Lebensmittel,  die  Decken  und
Zeltgeräte  zu  retten,  denn  man  muß  bedenken,  daß  an  der  «Duelle
des  Frazer  Mehl  anderthalb  Dollar  das  jdfund,  und  Schinken  ungefähr
zweimal  soviel  kostete.
George  und  seine  Begleiter  hatten  ungefähr  dieselben  Erfahrungen
zu  machen,  wie  fast  alle  die,  welche  nach  jener  Gegend  gegangen  waren,
um  Gold  zu  suchen.  Und  was  war  schließlich  ihr  Lohn?  Sie  fanden,
wie  Tausende  vor  ihnen,  daß  die  Goldfelder  auf  ein  sehr  kleines  Gebiet ­
  beschränkt  waren,  und  daß  dies  Gebiet,  anstatt  fabelhaft  ergiebig
zu  sein,  wie  man  es  in  San  Francisco  geschildert  hatte,  sich  nicht  über
den  Durchschnitt  der  Goldgräbereien  erhob.  Gelegentlich  fand  ein
Gräber  einen  Goldklumpen;  aber  dies  war  alles.  Das  Schlimmste
jedoch  war,  daß  die  Minen  wegen  des  strengen  winters  und  der  schweren
Schneefälle  nur  wenige  Monate  im  Zahr  bearbeitet  werden  konnten.
George  und  seine  entmutigten  Genossen  wandten  traurig  ihrem
erhofften  Eldorado  den  Rücken  und  suchten  wieder  das  mildere  Rlima
von  Ralifornien  auf.  Doch  George  war  nicht  der  Mann,  um  so  leicht
abgeschreckt  zu  werden.  Es  war  die  Ara  der  Bergwerksentdeckungen,
und  es  dauerte  nicht  lange,  so  war  er  wiederum  bereit,  das  wankelmütige ­
  Glück  zu  versuchen.  Er  stürzte  sich  ganz  in  das  damals  modische
Rennen  nach  Gold  und  Silber  und  erlebte  das  gewöhnliche  „Bergmannsglück". ­

Schließlich  erhielt  er  Beschäftigung  in  einer  Druckerei  zu  San
Francisco  und  bekam  dadurch  Gelegenheit,  sich  vollends  zum  Setzer
auszubilden.  Um  das  Jahr  J86J.  wurde  er  Setzer  in  der  Druckerei
        <pb n="19" />
        6

Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

einer  Tageszeitung,  Pier  schrieb  er  anonyme  Briefe  an  das  Blatt,
bei  dem  er  beschäftigt  war,  und  hatte  die  Genugtuung,  manchmal
Artikel,  die  er  selbst  geschrieben  hatte,  zu  setzerr.  Oft  wurden  seine  Briefe
als  Leitartikel  veröffentlicht,  ohne  daß  die  Perausgeber  den  Namen
und  die  Beschäftigung  des  Verfassers  kannten.  Als  Präsident  Lincoln
ermordet  worden  war,  schrieb  George  einen  langen  Artikel  über  Leben
und  wirken  des  Märtyrer-Präsidenten.  Dieser  Artikel  machte  unter
den  Zeitungsschreibern  Kaliforniens  Aufsehen,  und  Auszüge  daraus
wurden  in  allen  Teilen  der  Vereinigten  Staaten  veröffentlicht.  Doch
niemand  kannte  den  Namen  des  Verfassers.
Später  nahm  George  eine  Stelle  als  Setzer  bei  der  „  San  Francisco ­
  Times"  an.  Auch  hier  setzte  er  seine  anonyme  Schriftstellerei
fort.  Der  Perausgeber  des  Blattes  suchte  längere  Zeit  vergeblich  den
Verfasser  der  Zuschriften  zu  erforschen.  Dieselben  waren  stets  in  den
Briefkasten  geworfen  worden,  der  am  Fuße  der  zur  Redaktion  führenden
Treppe  angebracht  war,  und  es  gelang  endlich,  George  an  dem  Briefkasten ­
  zu  erwischen  und  in  ihm  die  Person  zu  ermitteln,  von  der  die
Artikel  herrührten.  Der  Perausgeber  engagierte  ihn  sogleich  für  die
Redaktion,  und  schon  drei  Monate  danach  wurde  er  der  leitende  Redakteur ­
  des  Blattes.
Zn  dieser  Stellung  blieb  George  bis  zum  Zahre  J.867,  wo  er  dieselbe ­
  aufgab,  um  in  die  Redaktion  des  „San  Francisco  perald"  einzutreten. ­
  Tr  hatte  sich  inzwischen  mit  einer  von  irländischen  Eltern
stammenden  Dame  verheiratet,  und  mit  zunehmender  Familie  stellten
sich  allmählich  Sorgen  ein,  die  indessen  unseren  Mann  nur  zu  desto
größerer  Tätigkeit  anspornten  und  ihn  namentlich  nicht  abhalten
konnten,  mit  allem  Eifer  an  seiner  Bildung  zu  arbeiten.
Der  „perald"  hatte  mit  schwierigen  Konkurrenzverhältnissen  zu
kämpfen.  Man  verweigerte  ihm  die  Aufnahme  in  die  Preßgenossenschaft,
  die  auf  gemeinsame  Kosten  ihre  telegraphischen  Depeschen  bezog.
Es  mußte  daher  ein  eigener  Dienst  organisiert  werden,  und  George
wurde  nach  Newyork  geschickt,  um  die  nötigen  Einrichtungen  zu  treffen.
Bald  war  er  imstande,  seinem  Blatte  die  Nachrichten  aus  dem  Osten
und  aus  Europa  prompt  zu  senden;  aber  die  Kosten  waren  so  groß,
daß  der  „perald"  in  Schwierigkeiten  geriet  und  nach  kaum  einjährigem
Bestehen  das  Erscheinen  einstellen  mußte.  George  kehrte  darauf  nach
Kalifornien  zurück  und  widmete  sich  eine  Zeitlang  der  Grund-  und
Bodenfrage,  die  damals  den  Staat  bewegte.  Auf  diesen  Studien  beruht
zum  Teil  die  Schrift  „Fortschritt  und  Armut".  Zn  einem  neuen
Lande,  wo  der  Grund  und  Boden  verhältnismäßig  billig  und  der
Arbeitslohn  hoch  war,  und  wo  er  gleichsam  mit  eigenen  Augen  den
ganzen  Prozeß  der  Entwicklung  kleiner  Ansiedelungen  in  Dörfern  und
Städten  wahrnehmen  konnte,  hatte  George  die  günstigste  Gelegenheit
zur  Beobachtung  der  wirtschaftlichen  Gesetze,  deren  genaue  Wirksamkeit ­
  in  alten  Ländern,  wo  derartige  Entwicklungen  nicht  Monate,
        <pb n="20" />
        £}ettry  Georges  keben  und  Schriften.

7

sondern  Jahre  und  oft  Jahrhunderte  Zeit  brauchen,  viel  weniger  leicht
zu  zergliedern  ist.  Er  gab  damals  eine  Broschüre  über  die  Landfrage
heraus,  der  nach  einigen  Zähren  eine  andere  über  denselben  Gegenstand ­
  folgte.
t872  gründete  George  in  Gemeinschaft  mit  vier  anderen  in  San
Francisco  ein  neues  Penny-Blatt  unter  dem  Titel  „Evening-Post".
Die  glänzenden  Leitartikel  aus  Georges  Feder  verschafften  dem  Blatte
bald  einen  Leserkreis  von  vielen  Tausenden,  namentlich  unter  den
Arbeitern.  Einige  bemerkenswerte  Züge  mögen  dartun,  wie  George
feine  Stellung  und  Aufgabe  als  Herausgeber  eines  gelesenen  Blattes
auffaßte.  Er  nahm  Partei  für  die  Matrosen  eines  Schiffes,  die  von
dem  Kapitän  und  den  Offizieren  grausam  behandelt  worden  waren,
aber  bei  den  Behörden,  die  von  den  mächtigen  Reedereiinteressen  beeinflußt ­
  wurden,  kein  Recht  fanden,  und  setzte  mit  bedeutenden  Geldopfern ­
  durch,  daß  die  Angeschuldigten  zur  Rechenschaft  gezogen  und
zu  langen  Gefängnisstrafen  verurteilt  wurden.  Zn  einem  anderen
Falle  bekämpfte  er  ein  Gesetz,  betreffend  den  freien  Ausschank  von
Branntwein,  und  geriet  dadurch  in  einen  schweren  Kampf  mit  den
bezüglichen  Znteressen.  Die  viertausend  Destillationen  San  Franciscos
boten  ihre  vierzigtausend  Kunden  zum  Kriege  gegen  die  „Post"  auf.
Zn  keinem  öffentlichen  Lokale,  bei  keinem  Krämer  durfte  das  Blatt
mehr  gehalten  werden.  Doch  die  Freunde  der  Mäßigkeit  und  des  freien
Wortes  scharten  sich  um  das  Blatt,  und  der  Ausfall  wurde  durch  eine
noch  größere  Liste  neuer  Abonnenten  gedeckt.
Inzwischen  suchten  gewisse  Politiker  dem  Blatte  auf  andere  Art
beizukommen,  indem  sie  die  Anteile  zweier  der  Beteiligten  ankauften.
Man  hoffte  so  das  Blatt  nach  Wunsch  lenken  zu  können.  Diese  Absicht ­
  jedoch  scheiterte  an  dem  Widerstande  Georges  und  seines  letzten
Genossen,  und  es  blieb  nichts  übrig,  als  die  Anteile  dieser  beiden  selbst
anzukaufen.  George  ging,  um  weiteren  Schwierigkeiten  auszuweichen,
auf  den  hierauf  abzielenden  Vorschlag  ein;  aber  die  Käufer  hatten  die
Rechnung  ohne  den  Wirt  gemacht,  als  sie  glaubten,  daß  es  die  Zeitung
sei  und  nicht  der  Mann,  woran  die  Leser  hingen.  Die  letzteren  vermißten ­
  Georges  Feder,  und  in  weniger  als  drei  Monaten  hatten  sich
die  Abonnenten  so  verringert,  daß  man  das  Blatt  losschlagen  mußte.
George  und  sein  Genosse  kauften  dasselbe  um  eine  weit  geringere  Summe
zurück,  als  sie  für  ihre  Anteile  allein  erhalten  hatten.
Der  erstere  übernahm  wieder  die  leitende  Stellung  und  führte,
nachdem  das  Blatt  bald  von  neuem  einen  Aufschwung  genommen,  eine
seiner  Lieblingsideen,  nämlich  die  Beteiligung  aller  bei  dem  Blatte
beschäftigten  Leute,  durch.  Es  wurde  eine  Aktiengesellschaft  gegründet,
und  zur  Vergrößerung  des  Unternehmens  ein  Darlehen  von  30000  Dollars ­
  aufgenommen.  Dies  sollte  in  der  Folge  verhängnisvoll  für  das
Blatt  werden.  Zm  Zahre  1.875  stellte  die  Bank  von  Kalifornien  ihre
        <pb n="21" />
        8

Henry  Georges  Leben  und  Schriften,

Zahlungen  ein,  eine  finanzielle  Krisis  folgte,  und  das  Darlehen  wurde
gekündigt.  Obwohl  die  Bilanz  des  Blattes  durchaus  günstig  war,  bestand ­
  man  auf  sofortiger  Bezahlung,  die  nicht  geleistet  werden  konnte.
Die  Kündigung  entpuppte  sich  bald  als  ein  Loup,  um  die  Zeitung  in
andere  Hände  zu  bringen.  Für  George  aber  hatte  die  Sache  die  Folge,
daß  er  das  von  ihm  gegründete  Unternehmen  ohne,  einen  Dollar  in
der  Tasche  verlassen  mußte.  Glücklicherweise  erhielt  er  bald  eine  kleine
amtliche  Stellung  bei  dem  Gouverneur  des  Staates,  die  ihm  hinreichende ­
  Ulußs  gewährte,  um  sein  Buch  „Fortschritt  und  Armut"  zu
schreiben.
Die  Abfassung  desselben  hatte  etwa  ein  Zahr  (1,878—79)  in  Anspruch ­
  genommen.  Allein  nun  begannen  die  Schwierigkeiten,  einen
Verleger  zu  finden.  Ls  ist  eine  schwer  zu  überwindende  Überlieferung
bei  diesen,  daß  Bücher  über  Nationalökonomie,  mit  Ausnahme  einiger
Kompendien,  die  als  Lehrbücher  in  Schulen  Eingang  finden,  sich  niemals ­
  bezahlt  machen.  Endlich  fand  sich  die  Firma  D.  Appleton  bereit,
das  Buch  ohne  Honorar  zu  drucken.  Die  erste  Auflage  von  500  Exemplaren ­
  wurde  sofort  ausverkauft.  Die  zweite  Ausgabe  ging  mit  derselben ­
  Schnelligkeit  ab,  wie  die  erste,  und  nun  folgte  Ausgabe  auf  Ausgabe ­
  in  überraschend  kurzen  Zwischenräumen.  Für  ein  Werk  dieser
Art  war  der  Absatz  in  der  Tat  unerhört.  Von  allen  vier  weitenden
liefen  teilnehmende  Briefe  und  Glückwünsche  ein.  Eine  der  wichtigsten
Folgen  der  neuen  Lehre  jedoch  war  die  Bildung  der  amerikanischen
„Frei-Boden-Gesellschaft".  Aber  auch  an  Beweisen  der  schärfsten
Gegnerschaft  fehlte  es  nicht.  Zn  den  Tempeln  des  Mammon  und  der
Vorrechte  hörte  man  das  Rollen  des  Donners  und  suchte  durch  Lügen
und  Schmähungen  das  soziale  Erdbeben  abzuwenden,  das  hier  drohte.
Die  deutsche  Übersetzung  des  Buches  (dieselbe,  die  dem  Leser  hier
vorliegt)  erschien  alsbald  nach  der  Veröffentlichung  des  Originals.  Zhr
folgten  Übersetzungen  ins  Spanische  und  in  andere  Sprachen.
Die  Veröffentlichung  des  Buches  in  England  erregte  dort  eine
nicht  geringe  Bewegung.  Die  Nationalökonomen  gerieten  darüber  in
lebhaften  Streit.  Aber  dank  einer  billigen  Presse  kam  das  Buch  auch
in  die  Hände  derjenigen,  die  in  der  gewöhnlichen  Sprache  die  „Massen"
genannt  werden.  Zn  weiten  Kreisen  wurde  „Fortschritt  und  Armut"
mit  Zubel  begrüßt,  und  wie  in  Amerika,  so  bildete  sich  auch  in  England ­
  unter  demNamen  „Landreformbund"  (jetzt  „Landwiedererstattungsliga")
  eine  Gesellschaft,  die  sich  die  Propaganda  der  neuen  Lehre  zur
Aufgabe  machte.  Um  so  mehr  beunruhigte  der  Einfluß  des  Buches
die  Verteidiger  des  „geheiligten  Rechtes  des  Eigentums",  die  von
jeher  wenig  aufgelegt  gewesen  sind,  sich  um  Fragen  zu  kümmern,  welche
die  „geheiligten  Rechte  des  Menschen"  betreffen.
Zm  Oktober  1881  kam  George  als  Korrespondent  der  Irisb  Worte!
nach  England.  Ls  war  die  Zeit  heftiger  politischer  Unruhen  in  Irlands
        <pb n="22" />
        Ejenry  Georges  Leben  und  Schriften.

9

und  da  die  Bewegung  mit  Fragen  zusammenhing,  die  George  zum
Studium  seines  Lebens  gemacht  hatte,  so  kam  er  gerade  zu  rechter
Zeit,  um  seine  Ansichten  an  dem  wirklichen  Stande  der  Dinge  zu  prüfen.
Lr  war  seit  Jahren  überzeugt,  daß  die  Irländer  bestimmt  wären,  eine
bedeutende  Rolle  in  der  Welt  zu  spielen.  Er  hatte  offen  seine  Meinung
kundgegeben,  daß  mit  der  Bildung  der  Landliga  eine  Umwälzung
begonnen  habe.  Dies  ließ  seine  Ankunft  vielen  Irländern  willkommen
erscheinen.  Er  war  bereits  mit  Michael  Davitt  und  anderen  irischen
Führern  bekannt,  und  suchte  sie  für  seine  Ansichten  zu  gewinnen.  Lr
teilte  Davitts  Überzeugung,  daß  die  soziale  Frage  von  größerer
Wichtigkeit  als  die  politische  sei,  wie  denn  überhaupt  zwischen  den  beiden
eine  starke  Übereinstimmung  der  Ansichten  bestand.
In  den  Sommermonaten  des  folgenden  Jahres  hielt  George  in
Dublin  und  anderen  irländischen  Orten  öffentliche  Vorträge  über  die
Landfrage  und  erwarb  sich  dadurch  in  Irland  große  Popularität,  wurde
aber  auch  zugleich  den  englischen  Behörden  verdächtig,  die  ihn  mehrmals ­
  siftierten  und  seineBriefe  anhielten.  Und  nicht  allein  den  englischen
Behörden,  sondern  auch  den  Parnelliten  war  er  unbequem,  da  sich
unter  denselben  nicht  wenige  Grundbesitzer  befanden,  die  im  Privateigentum ­
  am  Grund  und  Boden  keineswegs  ein  Unrecht  sahen.
Auf  Veranlassung  des  schon  erwähnten  englischen  Landreformbundes ­
  besuchte  George  im  Jahre  f884  England  von  neuem,  um  durch
öffentliche  Vorträge  für  seine  Ansichten  zu  wirken.  Derselben  Zeit
verdankt  auch  das  zweite  Buch  Georges:  „Soziale  Probleme",  seine
Entstehung.  Die  Vorträge  handelten  natürlich  in  erster  Linie  von  der
Landfrage.  Lin  anderes  Thema  betraf  Moses  und  das  mosaische  Gesetz.
Das  letztere  gilt  ihm  als  ein  Protest  gegen  die  Selbstsucht  und  Paksucht
  der  einzelnen,  als  ein  Bollwerk  gegen  Unterdrückung,  eine  Schutzwehr ­
  der  Menschenrechte,  ein  System  der  Vergeltung  für  unwissentlich
oder  mutwillig  zugefügtes  Unrecht.  Der  Zweck,  den  George  bei  der
Wahl  dieses  Vortragsthemas  im  Auge  hatte,  ist  klar  genug.  Er,  der
sich  mit  Nachdruck  auf  den  Grund  der  zehn  Gebote  stellt,  der  seine
Eigentumstheorie  eben  auf  die  zehn  Gebote  stützt,  will  den  falschen
Eigentumstheorien  ihre  geborgte  Stütze  entziehen.  Ihm  gilt  das
Eigentum  allerdings  als  heilig,  aber  nur  dasjenige  Eigentum,  das
allein  mit  Recht  Eigentum  der  einzelnen  werden  konnte;  nicht  dasjenige, ­
  das  erst  zu  Unrecht  dem  Volke  genommen  werden  mußte,  um
eine  neue  und  falsche  Gattung  des  Eigentums  darzustellen.  Ob  ihm
auch  die  Nebenabsicht  vorschwebte,  einer  Glaubensgenossenschaft  ins
Gewissen  zu  reden,  die  sich  vorzugsweise  als  die  Bekennerin  der  mosaischen ­
  Gesetzgebung  betrachtet,  mag  dahingestellt  bleiben.
Die  Vorträge  Georges  fanden  in  London  und  vielen  anderen
großen  Städten  Englands  und  Schottlands  lebhaften  Beifall  und  eine
zahlreiche  Zuhörerschaft.  Zuweilen  jedoch,  namentlich  in  kleineren
        <pb n="23" />
        Orten,  die  unter  dem  Einflüsse  der  Grundbesitzer  standen,  begegneten
sie  auch  bitterer  Feindschaft,  deren  Macht  so  groß  war,  daß  sich  kein
Inhaber  eines  öffentlichen  Lokals  bereit  fand,  dasselbe  dem  Redner  zu
überlassen.  Und  als  derselbe  nach  London  zurückkam,  trat  der  nämliche ­
  Lall  ein.  Die  Besitzer  der  größten  Säle  verweigerten  ihm  dieselben, ­
  so  daß  er  nur  in  einem  kleinen  Saale  des  Ostendes  sprechen
konnte.
Als  den  hervorstechendsten  Eharakterzug  in  den  Vorträgen  bsenry
Georges  bezeichnet  Ls.  Rose  dessen  unerschütterlichen  Glauben  an  die
Macht  der  Ideen.  „Sein  einziger  Zweck  war,  der  Wahrheit  Bahn  zu
brechen,  denn  er  vertraute  felsenfest  auf  deren  innere  Macht  und  deren
Widerhall  in  dem  Menschenherzen."  Er  war  daher  das  gerade  Gegenteil ­
  eines  Demagogen.  Er  glaubte  an  seine  Mission,  aber  er  forderte
keine  blinde  Anhängerschaft.  Er  zog  eine  geringe  Zahl  urteilender
Schüler,  die  wirklich  seine  Bücher  gelesen,  seine  Ansichten  verdaut  und
sich  von  seiner  Begeisterung  hingerissen  gefühlt  hatten,  den  lauten
Kundgebungen  der  Menge  vor,  welche  die  Sache  nicht  kennt,  der  sie
Beifall  zollt.  „Ernst  ohne  Heftigkeit,  Schärfe  ohne  Bitterkeit,  Klarheit ­
  ohne  Gemeinplätze  —  dies  waren  die  kennzeichnenden  Eigenschaften ­
  des  Reformers,  der  die  Sache  des  Volkes  vor  dem  Volke  führte.
Sein  Vortrag  war  anschaulich  und  leicht  genug,  um  auch  für  den  einfachsten ­
  verstand  faßlich  zu  sein,  und  hie  und  da  brach  aus  demselben
eine  natürliche  Beredsamkeit  hervor,  die  nur  die  Hartgesottensten
nicht  mit  sich  fortriß.  Aber  alle  rednerische  Künstlichkeit  war  ihm  fremd.
Die  volle  Glut  und  Färbung  eines  gebildeten  Geistes  und  eine  überall
auf  edle  Ideale  gestimmte  Natur  gab  seinen  Vorträgen  für  diejenigen,
welche  der  landläufigen  Behandlung  politischer,  religiöser  und  philanthropischer ­
  Fragen  müde  waren,  einen  Reiz  der  Neuheit  und  Frische."

Gehen  wir  zur  Darstellung  der  volkswirtschaftlichen  Lehren  unseres ­
  Autors  über,  so  ist  als  Fußpunkt  derselben  dessen  Stellung  zum
Grundeigentum  zu  betrachten.  Das  Grundeigentum  gilt  ihm  als
eine  Verneinung  der  Menschenrechte.  Für  ihn  liegt  die  wahre  Rechtfertigung ­
  des  Eigentums  in  dem  Rechte  des  Menschen  auf  sich  selbst,
auf  das,  was  er  durch  seine  Arbeit  hervorbringt.  Was  jemand  hervorbringt, ­
  sei  sein,  mag  er  es  selbst  behalten,  verkaufen  oder  verschenken.
Aber  das  Privateigentum  am  Grund  und  Boden  ist  eine  Verletzung
jenes  so  definierten  Eigentumsrechtes.  Das  Grundeigentum  bedeutet ­
  die  Leugnung  des  Eigentumsrechtes  an  den  Dingen,  welche  das
Produkt  der  Arbeit  sind.  Ls  ist  nicht  der  Grund  und  Boden,  wonach
        <pb n="24" />
        Ejenrf  Georges  Leben  und  Schriften.

U

man  verlangen  trägt.  Niemand  braucht  mehr  Land,  als  er  mit  eigener
pand  bebauen  kann,  oder  mehr  als  sechs  Fuß,  um  darin  zu  liegen,
wenn  er  gestorben  ist.  was  man  an  dem  Grundbesitze  schätzt,  ist  einfach
die  Macht,  von  der  Arbeit  Tribut  zu  fordern,  was  man  braucht,  ist
nicht  das  Land,  sondern  die  Arbeit  der  Menschen.  Der  Grund  und
Boden  von  London  ist  der  wertvollste  Grund  und  Boden  der  Welt;
aber  man  lasse  die  Einwohner  Londons  fortziehen  und  nur  die  Grundeigentümer ­
  dort  bleiben,  wieviel  würde  dann  noch  der  Grund  und
Boden  wert  sein?  Der  wert  desselben  hat  stets  nur  in  dessen  Macht
bestanden,  Arbeit  zu  beherrschen,  und  ehe  er  diese  Macht  erhielt,  war
er  ohne  jedweden  wert.  Ohne  Land  kann  kein  menschliches  Wesen
leben;  ohne  Land  kann  keine  Arbeit  getan  werden,  und  deshalb  war
derjenige,  der  Land  besaß,  aus  welchem  und  von  welchem  andere
Menschen  leben  mußten,  der  Herr  derselben  und  konnte  von  ihnen
ohne  irgendeinen  Ersatz  einen  Teil  ihres  Erwerbes  fordern.
^George  verlangt  deshalb  folgerecht  die  Wiedererstattung  des  Landes
an  diejenigen,  denen  es  in  Wahrheit  gehört,  d.  h.  an  alle  Bürger,  oder
an  deren  Organ,  den  Staat.  Als  die  einfachste  Art  und  weise  einer
solchen  Wiedererstattung  betrachtet  er  die  Einziehung  der  Rente  durch
Besteuerung.  Eine  Steuer  auf  den  Bodenwert,  meint  er,  sei  mit
den  denkbar  geringsten  Rosten  und  mit  weniger  Gefahr  der  Umgehung
und  Korruption  als  jede  andere  Steuer  einzuziehen.  Überdies  habe
sie  die  Eigenschaft,  anstatt  auf  der  Produktion  zu  lasten  oder  aus  Arbeit
und  Kapital  zu  fallen  und  so  die  Hervorbringung  von  Gütern  zu  vermindern, ­
  wie  es  andere  Staaten  tun,  vielmehr  die  Hervorbringung
von  Gütern  zu  steigern,  indem  sie  das  Besitzmonopol  beseitigt  und
verhindert,  daß  Leute,  die  nicht  selbst  das  Land  benutzen,  andere  von
der  Benutzung  abhalten.
viele,  welche  die  Richtigkeit  von  Georges  Ansichten  über  das
Grundeigentum  anerkannten,  haben  an  dessen  Schriften  und  Vorträgen ­
  darum  Anstoß  genommen,  weil  er  sich  begnügt,  einfach  das  Prinzip
auszusprechen,  und  die  Verpflichtung  leugnet,  die  bisherigen  Eigentümer ­
  zu  entschädigen.  Nicht,  daß  George  einer  Umwälzung  aller
jeweilig  bestehenden  Besitzverhältnisse  das  Wort  redete.  Aber  ihm  ist
es,  selbst  aus  taktischen  Gründen,  vor  allem  wichtig,  nur  die  ersten
Grundsätze  festgestellt  zu  sehen.  Es  ist  ihm  sehr  erwünscht,  daß  die
Erörterung  der  Frage  im  Publikum  sich  hauptsächlich  um  die  Angelegenheit ­
  der  Entschädigung  dreht.  Er  schließt  daraus,  daß  die  Flut
■  bereits  im  Steigen  begriffen  ist,  und  glaubt,  daß  die  praktische  Durchführung ­
  des  Grundsatzes  viel  leichter  sein  werde,  als  man  annimmt.
)m  Grunde,  meint  er,  gebühre  eine  Entschädigung  nicht  denen,  die
durch  das  Unrecht  Vorteil  gehabt,  sondern  denen,  die  darunter  gelitten ­
  haben.  Daß  die  Regierungen  das  Unrecht  gut  geheißen,  macht
keinen  Unterschied.  Regierungen  müssen  nach  demselben  Maßstabe  der
Sittlichkeit  und  Gerechtigkeit  beurteilt  werden,  wie  die  einzelnen.
        <pb n="25" />
        12

fjertry  Georges  Leben  und  Schriften.

An  sich  werden  sie  durch  die  gleichen  Sittengesetze  erhalten  oder  verurteilt. ­
  Obgleich  er  indessen  aus  Gründen  sowohl  der  Gerechtigkeit
als  der  Politik  keinen  Anspruch  auf  Entschädigung  zugestehen  zu
dürfen  glaubt,  so  hält  er  doch  dafür,  daß  die  von  ihm  erstrebte  Reform
unter  gradweiser  Erhöhung  der  Grundsteuer  sich  so  allmählich  vollziehen ­
  und  solche  Verbesserungen  der  politischen  und  sozialen  Ordnung
mit  sich  bringen  würde,  daß  die  Durchführung  ohne  übermäßige  Härte
möglich  wäre.
Grundsätze  stehen  ihm,  wie  man  sieht,  höher  als  Kompromisse,
und  er  ist  keineswegs  ein  unbedingter  Anhänger  der  Maxime,  daß  alle
politischen  Handlungen  auf  Kompromissen  beruhen  müßten.  Ein  unabhängiges ­
  Handeln  kann  für  unser  künftiges  Wohl  und  die  Wohlfahrt ­
  unseres  Landes  unvergleichlich  folgenreicher  sein  als  die  fortwährende ­
  Bereitwilligkeit  zu  Kompromissen.  Faktisch  müssen  wir  denen,
die  numerisch  stärker,  obwohl  vielleicht  weit  weniger  im  Recht  sein
als  wir,  zugestehen,  daß  wir  ohne  sie  nicht  vorwärts  kommen  können.
Allein  wir  geben  ihnen  so  Veranlassung,  auf  diese  unsere  Gelehrigkeit  zu
pochen,  uns  mit  hinterlistigen  Erklärungen  der  Sympathie  für  unsere
Grundsätze  zu  schmeicheln,  und  dann  ungestraft  nach  ihrem  Belieben
und  gänzlich  ohne  Rücksicht  auf  unsere  wünsche  zu  handeln.  So  verkaufen ­
  wir  faktisch  oft  unser  Geburtsrecht  für  eine  Einigkeit,  die  entweder ­
  den  politischen  Stillstand  oder  den  Rückschritt  zu  Wege  bringt,
und  erkennen  nicht,  daß,  wenn  wir  nur  das  Gefühl  unserer  Kraft  und
unserer  Pflicht  hätten,  nicht  wir  es  sein  würden,  die  Recht  haben,  so
hastig  ihre  Bereitwilligkeit  zu  Kompromissen  zu  erklären,  sondern  diejenigen, ­
  welche  bisher  mit  uns  gespielt  und  nichts  als  ihre  eigenen  Einsichten ­
  und  selbstsüchtigen  Interessen  vertreten  haben.  Dies  war  der
Standpunkt,  auf  den  sich  George  gegenüber  dem  Andrängen  vieler
Freunde,  in  seinen  öffentlichen  Vorträgen  „so  mild  als  möglich  aufzutreten", ­
  stellte.  Er  erklärte  ihnen  gerade  heraus,  daß  er  dies  mindestens ­
  für  keine  gute  Politik  halte.  Rach  seiner  Meinung  komme  es
vor  allem  daraus  an,  einen  klaren  und  richtigen  Ausgangspunkt  zu
gewinnen.  Ls  sei  nicht  nötig,  bemerkte  er,  eine  Majorität  für  die  gemeinsamen ­
  Grundsätze  zu  gewinnen.  „Lin  paar  ernste  Männer,  die
wissen,  was  sie  wollen,  sind  mächtiger  als  eine  viel  größere  Anzahl
von  Leuten,  die  keine  Überzeugung  und  kein  Programm  haben.  Jeder
Schritt,  den  man  in  der  Sache  tut,  macht  den  nächsten  Schritt  leichter.
Je  mehr  Widerspruch  erregt  wird,  desto  rascher  wird  man  sein  Ziel  erreichen. ­
  Auf  Verleumdung  muß  man  natürlich  gefaßt  sein.  Aber  auch
diese  wird  nicht  ewig  dauern."

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BWUiSKI
        <pb n="26" />
        Henry  Georges  SEebert  und  Schriften.

\5

von  den  europäischen  Sozialisten  unterscheidet  sich  penry  George
hauptsächlich  dadurch,  daß  er  keineswegs  geneigt  ist,  dein  Staate  jene
Allwissenheit  und  Allmacht  zuzuerkennen,  die  heutzutage  verschiedene
Parteien  sür  denselben  gern  in  Anspruch  nehmen  möchten.  Die  europäischen ­
  Sozialisten  betrachten  Arbeit  und  Kapital  als  einander  feindlich ­
  und  bekämpfen  daher  die  Kapitalisten  und  Rentiers  ebenso  oder
noch  mehr  als  die  Grundeigentümer.  Sie  verlangen  die  Beseitigunq
des  Privatkapitals  und  die  Organisation  der  Arbeit  durch  den  Staat.
Anders  George.  Nach  ihm  sind  die  Interessen  des  Arbeiters  und  des
Kapitalisten  die  gleichen,  und  er  stützt  diese  Ansicht  auf  die  Leugnung
des  Malthusschen  Satzes,  daß  die  Bevölkerung  schneller  wachse  als
die  Unterhaltsmittel.  Nach  ihm  ist  gerade  das  Gegenteil  der  Fall.
Die  Unterhaltsmittel  nehmen  schneller  zu  als  die  Bevölkerung;  ja  die
Zunahme  der  Unterhaltsmittel  ist  verhältnismäßig  desto  größer,  je
zahlreicher  die  Arbeiter  werden.  Er  erstrebt  daher  keine  andere  Organisation ­
  der  Gesellschaft,  als  die  gegenwärtig  bestehende,  und  erwartet
das  Beste  von  der  vollkommenen  Freiheit  der  einzelnen.  Eingriffe
des  Staates  erscheinen  ihm  nur  hinsichtlich  derjenigen  Geschäfte  gerechtfertigt, ­
  die  ihrer  Natur  nach  Monopole  sind.
Das  erste  und  größte  der  Monopole,  die  er  bekämpft,  ist  das  Bodenmonopol; ­
  doch  bekämpft  er  dies  nicht  bloß  als  Monopol,  sondern  auch
wegen  der  wesentlichen  Verschiedenheit  zwischen  dem  Boden  als  einer
Naturgabe,  und  einem  Eigentum,  das  die  Schöpfung  des  Fleißes  ist.
was  das  letztere  betrifft,  so  können  hier  Monopole  nur  durch  Verleihungen ­
  des  Staates  oder  durch  die  Übermacht  einzelner  entstehen,
welche  andere  am  Produzieren  oder  am  Austausch  verhindern,  beziehungsweise ­
  ihnen  die  Bedingungen  vorschreiben,  unter  denen  sie
produzieren  oder  tauschen  dürfen.  Pierher  gehören  vor  allem  die  Eisenbahnen. ­
  Gegen  beide  Arten  von  Monopol  verlangt  George  Maßregeln
des  Staates.
Das  wichtigste  jedoch  ist  die  Beseitigung  des  Bodenmonopols.
Die  immer  zunehmende  Aufsaugung  des  durch  Arbeit  und  Kapital
geschaffenen  Reichtums  durch  die  Grundrente  veranlaßt  nach  ihm  ein
immer  tieferes  Sinken  des  Arbeitslohnes  und  des  Zinsfußes,  je  mehr
Arbeit  und  Kapital  zunehmen;  während  in  neuen  Ländern,  wo  der
Boden  noch  frei  und  die  Rente  niedrig  ist,  Lohn  und  Zinsfuß  hoch
sind.  Die  Rente  wird  somit  durch  Arbeit  und  Kapital  geschaffen  und
gehört  nur  ihnen,  d.  h.  allen  —der  Gesellschaft  oder  dem  Volke.  George
schlägt  deshalb  vor,  die  Rente  durch  eine  allmählich  steigende  Steuer
einzuziehen,  bis  ihr  Gesamtbetrag  vom  Staate  absorbiert  ist  und  zum
Nutzen  des  ganzen  Volkes  verwendet  wird.
George  ist  sonach  weder  Staatssozialist  noch  vollends  Kommunist.
Nach  ihm  erfordert  die  Peilung  der  sozialen  Krankheit,  die  Abwendung
der  sozialen  Gefahr  nur  die  Beseitigung  der  Ursachen,  welche  die  ge-
        <pb n="27" />
        •EjentY  Georges  Leben  und  Schriften.

\±
rechte  Verteilung  der  Güter  verhindern.  „Dies  Unternehmen,"  sagt
er  in  seinem  letzten  IMH  erschienenen  und  gleichfalls  ins  Deutsche  »hersetzten ­
  Buche  „Soziale  Probleme",  „ist  lediglich  ein  Werk  der  pinwegräumung.
  Es  ist  für  uns  nicht  nötig,  verwickelte  und  kunstreiche  Pläne
zu  entwerfen,  um  die  gerechte  Verteilung  der  Güter  herbeizuführen.
Denn  die  gerechte  Verteilung  der  Güter  ist  offenbar  die  natürliche
Verteilung  der  Güter.  Und  darüber,  was  die  natürliche  Verteilung
der  Güter  bedeutet,  kann  es  keinen  Streit  geben.  Es  ist  die,  welche
demjenigen  die  Güter  gibt,  der  sie  macht,  und  sie  demjenigen  sichert,
der  sie  spart."
will  man  George  einen  Sozialisten  nennen,  so  wird  man  ihn
allenfalls  einen  christlichen  Sozialisten  nennen  dürfen.  Denn  es  ist
das  praktische  Lhristentum  im  besten  Sinne  des  Wortes,  das  für  ihn
den  Leitstern  seiner  sozialen  Auffassungen  bildet.  So  sehr  ihm  ein  engherziger ­
  Individualismus  oder  eine  hoffnungslose  Staatsallgewalt  zuwider ­
  sind,  so  klar  sieht  er  doch  ein,  daß  der  soziale  Fortschritt  das  Wohlergehen ­
  eines  jeden  mehr  und  mehr  zur  Angelegenheit  aller,  und
umgekehrt  das  Wohlergehen  aller  mehr  und  mehr  zur  Angelegenheit
eines  jeden  macht,  und  die  Gesamtheit  mit  Banden,  denen  niemand
entgehen  kann,  immer  enger  aneinander  knüpft.  Die  vollkommene
Gesellschaft  kann  nach  seiner  Ansicht  nur  auf  Grundlagen  der  persönlichen ­
  Freiheit  entwickelt  werden;  aber  der  einzelne  hat  sich  selbst  zu
einem  echten  Gliede  der  Gesellschaft  zu  entwickeln,  „wer,"  sagt  er  in
dem  letzterwähnten  Buche,  „die  Gesetze  und  das  Eigentum  achtet
und  für  seine  Familie  sorgt,  aber  keinen  Anteil  am  allgemeinen  wähle
nimmt  und  nicht  an  die  Niedergetretenen  denkt,  außer  daß  er  etwa
hie  und  da  einmal  ein  Almosen  reicht,  der  ist  kein  wahrer  Lhrist.  Und
er  ist  auch  kein  guter  Bürger."
Sowohl  der  Individualismus  als  der  Sozialismus  erstrebt  eine
Organisation  der  Gesellschaft.  Aber  der  Individualist  hofft  das  Ergebnis ­
  erreicht  zu  sehen  nicht  durch  eine  Organisierung  der  Ulasse,  sondern ­
  durch  die  freie  und  sittliche  Tätigkeit  der  einzelnen;  während
der  Sozialist  annimmt,  daß  es  stets  im  Staate  eine  große  Anzahl  einzelner ­
  gebe,  deren  Wirksamkeit  als  Kapitalisten  oder  Inhaber  der  Macht
in  einem  beständigen  Kriege  mit  den  Interessen  der  Masse  begriffen
sei,  einer  Masse,  die  sich  gegen  die  willkürlichen  Bestrebungen  des
Kapitals  und  der  Regierung  nicht  allein  zu  schützen  vermöge.  Beide
also,  der  Individualismus  wie  der  Sozialismus,  erstreben  eine  Organisation ­
  nach  einer  Idee,  ohne  hinlänglich  zu  erkennen,  daß  einer
solchen  Organisation  eine  durch  die  Gesinnung  hervorgebrachte  Organisation ­
  vorhergehen,  daß  die  erstere  aus  der  letzteren  erst  entwickelt
werden  muß.  George  legt  auf  die  Gesinnung  den  Nachdruck.  Er  schließt
nicht  die  Grganisation  nach  einer  Idee  aus,  aber  er  gibt  ihr  den  zweiten
Platz.  Zur  Erläuterung  mag  die  folgende  Stelle  aus  den  „Sozialen
        <pb n="28" />
        Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

\5

Problemen"  dienen.  „Ls  gibt  Leute,"  heißt  es  dort  in  dem  Kapitel
über  die  ersten  Grundsätze,  „welche  beständig  so  reden  und  schreiben,
als  wenn  jeder,  der  die  gegenwärtige  Verteilung  der  Güter  fehlerhaft ­
  findet,  verlangte,  daß  der  Reiche  zugunsten  des  Armen  beraubt
werden  solle;  daß  für  den  Faulen  auf  Kosten  des  Fleißigen  gesorgt
und  eine  falsche  und  unmögliche  Gleichheit  herbeigeführt  werden  solle,
welche,  indem  sie  jeden  auf  dasselbe  tote  Niveau  bringt,  allen  Sporns
sich  auszuzeichnen,  vernichten  und  den  Fortschritt  zum  Stillstände  bringen
würde.  Aus  der  Reaktion  gegen  die  offenbare  Ungerechtigkeit  der
jetzigen  sozialen  Verhältnisse  sind  solche  wilde  Pläne  hervorgegangen,
und  finden  noch  immer  Verteidiger.  Aber  nach  meiner  weise  zu
denken  sind  dieselben  so  unausführbar  und  unnatürlich,  wie  sie  nur
immer  denen  scheinen  können,  welche  den  „Kommunismus"  am  lautesten
verdammen.  Zch  will  mich  nicht  darüber  aussprechen,  ob  im  Fortschritt
der  Menschheit  ein  Zustand  der  Gesellschaft  möglich  sein  wird,  welcher
die  Formel  Louis  Blancs  realisiert:  „von  jedem  nach  seinen  Fähigkeiten; ­
  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen";  denn  es  bestehen  schon  heutigen
Tages  unter  den  religiösen  Orden  der  katholischen  Kirche  Gesellschaften,
welche  auf  dem  Kommunismus  des  ältesten  Lhriftentums  beruhen.
Allein  es  scheint  mir,  daß  die  einzige  Kraft,  durch  welche  eine  solche  Verfassung ­
  der  Gesellschaft  erreicht  und  behauptet  werden  kann,  diejenige  ist,
von  der  die  Urheber  der  in  Rede  stehenden  pläne  im  allgemeinen
nichts  wissen  wollen,  auch  wenn  sie  ihr  nicht  unmittelbar  feindlich  sind,
nämlich  ein  tiefer,  bestimmter,  starker,  religiöser  Glaube,  ein  Glaube,
klar  und  glühend  genug,  um  den  Gedanken  an  das  eigene  Selbst  gänzlich ­
  hinwegzuschmelzen  —  eine  allgemeine  sittliche  Haltung,  wie  sie  die
Methodisten  unter  dem  Namen  der  „Heiligung"  für  individuell  möglich
erklären,  wobei  der  Traum  der  ersten  Unschuld  Wirklichkeit  werden
und  der  Mensch  sozusagen  wieder  mit  Gott  gehen  soll."
Linen  wahrhafteren  christlichen  Sozialismus  oder  einen  stärkeren
Gegensatz  zu  jenem  Evangelium  der  Selbstsucht,  welches  jeden  auf
seine  eigenen  Angelegenheiten  verweist  und  darauf  einschränkt,  kann  es
nicht  geben.  Aber  wir  müssen  auch  anerkennen,  daß  ein  solcher  christlicher ­
  Sozialismus  nur  in  wenigen  auserlesenen  Seelen  lebt,  und,  wie
George  richtig  bemerkt,  eine  Spekulation  ist,  welche  mehr  in  den  höheren
Bereich  des  religiösen  Glaubens  gehört,  als  auf  einem  Gebiete  liegt,
mit  dem  sich  der  Ökonomist  oder  der  praktische  Staatsmann  befassen
kann.  Nichtsdestoweniger  bleibt  es  eine  Wahrheit,  daß  die  zunehmende
Entwickelung  der  Gesellschaft  von  den  Eigenschaften  der  einzelnen
abhängt,  während  allerdings  umgekehrt  auch  die  Eigenschaften  der
einzelnen  durch  die  Verfassung  der  Gesellschaft  bedingt  sind.
        <pb n="29" />
        \6

Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

Was  Georges  Bildungsgang  anbetrifft,  so  wissen  wir  bereits,
daß  er  die  gewöhnliche  Erziehung  des  Gelehrten  nicht  genossen  hat.
Gleichwohl  erfreut  er  sich  einer  großen  Belesenheit.  Mit  der  nationalökonornischen
  Literatur  der  Engländer  ist  er  genau  bekannt.  Auf  dieses
Studium  wurde  er  durch  seine  Humanitären  Sympathien  geleitet.
Die  liebste  Lektüre  jedoch  ist  ihm  die  Bibel,  und  diese  nebst  der  Lektüre
Shakespeares  und  in  seiner  Jugendzeit  des  Robinson  Krusoe,  sowie  der
feinen,  sinnigen  Poesie  amerikanischer  Freiheitsapostel  von  dem  Schlage
Whittiers  und  Russell  Lowells,  hat  das  meiste  beigetragen,  um  seinen
Stil  in  Rede  und  Schrift  zu  bilden  und  seine  Denkweise  zu  beeinflussen.
Man  kann  ihn  im  wahren  Sinne  des  Wortes  einen  Mann  von  eigener
Erziehung  nennen.  Was  er  ist,  verdankt  er  hauptsächlich  seiner  eigenen
Neigung,  in  der  großen  Schule  der  Welt  zu  lernen  —  einer  Schule,
in  welcher  er  die  ganze  Zeit  über,  die  er  als  Matrose  zur  See  zubrachte,
am  Satzkaften  stand,  in  der  Redaktion  Artikel  schrieb,  oder  als  Spezialkorrespondent ­
  reiste,  stets  ein  genauer  Beobachter  der  Menschen  und
Dinge  war.
Sein  Privatcharakter  ist  das  treue  Gegenbild  seines  öffentlichen
Lebens.  Das  tiefe  Gefühl,  die  Kraft,  der  Ernst  und  der  geistige  Glanz,
welche  seine  Schriften  und  öffentlichen  Reden  auszeichnen,  sind  auch
im  Umgänge  mit  ihm  bemerkbar.  Zn  der  Unterhaltung  ist  er  vortrefflich. ­
  Mit  raschem  Blicke  weiß  er  den  Standpunkt  eines  Gegners  zu
würdigen  und  durch  Frage  und  Antwort  genau  den  Weg  zü  wählen,
der  je  nach  der  beschränkteren  oder  weiteren  Auffassung  der  Person,
mit  der  er  streitet,  am  vorteilhaftesten  zum  Ziele  führt.
Nach  den  obigen  Andeutungen  über  die  sozialen  Ansichten  und  die
Lebensauffassung  unseres  Autors  wird  es  begreiflich  erscheinen,  daß
George  auf  die  Durchschnittspolitiker  mit  ebensowenig  vertrauen
blickt  als  auf  die  Durchschnittspriester.  Die  Politiker,  die  nur  zu  Nutz
und  Frommen  von  Parteien  und  Klassen  handeln,  sind  ihm  ebenso
widerwärtig  wie  eine  pharisäische  Priefterschaft.  Menschenfreundlicher
Geist  und  allgemeine  Sympathie  gilt  ihm  als  die  beste  Gewähr  für
den  Besitz  der  grundlegenden  Eigenschaften  eines  Staatsmannes.  Es
war  zumeist  der  Mangel  an  diesem  Geist  in  gewissen  irländischen  Parlamentariern, ­
  was  ihm  nur  geringes  vertrauen  in  ihre  Bestrebungen
zugunsten  Irlands  einflößte,  von  diesem  Tadel  nahm  er  Parnell  selbst
nicht  aus,  der  jedoch,  wie  er  zugestand,  durch  seine  überlegene  Scharfsichtigkeit ­
  und  Kühlheit  ein  wohltätig  mäßigender  und  regulierender
Faktor  in  der  maßlosen  irländischen  Bewegung  sei.  Unter  den  irländischen ­
  Politikern  hegte  er  für  Michael  Davitt  eine  aufrichtige  Achtung,
während  er  unter  den  englischen  Staatsmännern  Gladstone  besonders
hochschätzte.
Nicht  weniger  hoch  als  den  menschenfreundlichen  Geist  in  Staatsmännern ­
  und  Nationalökonomen  stellt  George  das,  was  man  die  Ehrlichkeit ­
  des  Verstandes  nennen  kann,  von  Zohn  Stuart  Mill  sagte  er
        <pb n="30" />
        £jcntY  Georges  Leben  und  Schriften.

-George,  Fortschritt  ünd  Armut.

2

beispielsweise,  derselbe  besitze  mehr,  als  Kraft  des  Geistes,  er  besitze
die  Ehrlichkeit  des  Verstandes.  Es  ist  bezeichnend,  daß  er,  der  so  beständig ­
  das  Geistige  und  Sittliche  ins  Gleichgewicht  zu  setzen,  in  Einklang ­
  zu  bringen  und  zu  vereinigen  sucht,  gleichzeitig  die  sittlichen  und
gemütlichen  Eigenschaften  des  Menschen  höher  schätzt  als  die  geistigen.
Ehrlichkeit  des  Verstandes  —  richtig  denken  und  richtig  fühlen  —  dies
ist  das  andere  Hauptziel.
Der  Abglanz,  der  sich  von  diesen  Eigenschaften  und  Anschauungen
des  Mannes  in  seinen  Schriften  zeigt,  ist  es  nicht  am  wenigsten,  was
denselben  ihren  Reiz  verleiht.  Sie  werden  auf  jeden  empfänglichen
Leser  den  Eindruck  nicht  allein  der  geistigen  Kraft,  sondern  auch  der
Ehrlichkeit  des  Verstandes  und  des  höchsten  sittlichen  Ernstes  machen.
        <pb n="31" />
        Einleitung.
Das  Problem.
Ihr  baut,  ihr  baut,  aber  ihr  tretet  nicht  ein,
wie  die  Stänrnre,  die  die  wüste  begrub  in  ihrer  Sünden  Peirij
vor  denr  verheißnen  Land  verschmachtet  ihr  und  sinkt
LH'  euer  müdes  Auge  sein  herrlich'  Grün  noch  trinkt.
Mrs.  Sigourne?.
Das  gegenwärtige  Jahrhundert  ist  durch  eine  erstaunliche  Vermehrung
von  Güter  hervorbringender  Kraft  ausgezeichnet.  Die  Verwendung
von  Dampf  und  Elektrizität,  die  Einführung  verbesserter  Methoden
und  arbeitersparender  Maschinen,  die  größere  Teilung  und  der  großartigere ­
  Maßstab  der  Produktion,  die  wunderbare  Erleichterung  des
Austausches  haben  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  enorm  vervielfältigt. ­

Zu  Anfang  dieser  wunderbaren  Zeit  war  die  Erwartung  nur
natürlich  und  wurde  auch  allgemein  gehegt,  daß  arbeitersparende  Erfindungen ­
  dazu  beitragen  würden,  die  Mühsal  des  Arbeiters  zu  erleichtern
und  die  Lage  desselben  zu  verbessern;  daß  die  enorme  Vermehrung
an  Güter  hervorbringender  Kraft  wirkliche  Armut  zu  einem  Dinge
der  Vergangenheit  machen  würde,  Hätte  einer  der  Männer  des  letzten
Jahrhunderts  —  ein  Franklin  oder  Priestley  —  in  einem  Zuknnftstraume
  sehen  können,  wie  das  Dampfboot  an  die  Stelle  des  Segel*
schiffs,  der  Eisenbahnzug  an  die  der  Post-  und  Frachtwagen,  der  Dampfmäher ­
  an  die  der  Sense,  der  Dampfdrescher  an  die  des  Dreschflegels
trat;  hätte  er  das  Stöhnen  der  Maschinen  hören  können,  die,  dem  menschlichen ­
  willen  und  der  Befriedigung  menschlicher  wünsche  dienstbar^
mehr  vermögen  als  alle  Menschen  und  alle  Lasttiere  der  Erde  zusammengenommen; ­
  hätte  er  sehen  können,  wie  die  Bäume  des  Waldes
fast  ohne  Zutun  der  menschlichen  Hand  in  fertige  Türen,  Fenster,
Laden,  Kisten  und  Fässer  umgewandelt  werden;  wie  die  großen  Werkstätten ­
  kistenweise  Stiefel  und  Schuhe  mit  weniger  Arbeit  anfertigen
als  der  altmodische  Schuster  zum  Auflegen  einer  Sohle  brauchte;  wie
in  den  Dampfwebereien  unter  den  Augen  eines  Mädchens  Baumwolle
schneller  in  Tuch  verwandelt  wird  als  Hunderte  kräftiger  Weber  es  auf
Handstühlen  zu  Wege  gebracht  haben  würden;  wie  Hammerwerke
Mammutröhren  und  mächtige  Anker  schmieden,  und  zierliche  Maschinen
        <pb n="32" />
        Das  Problem.

\9

winzige  Uhren  verfertigen;  wie  der  Diamantbohrer  das  Herz  der  helfen
durchdringt  und  Kohlenöl  den  Walfisch  schonen  läßt;  hätte  er  sich  den
enormen  Gewinn  an  Zeit  und  Arbeit  vorstellen  können,  der  durch
verbesserte  Einrichtungen  des  Verkehrs  und  des  Austausches  entstehen
würde  —  wie  in  Australien  geschlachtete  Schafe  frisch  in  England  gegessen ­
  werden,  und  der  am  Nachmittag  gegebene  Auftrag  des  Londoner
Bankiers  in  San  Francisco  am  Morgen  desselben  Tages  ausgeführt
wird;  hätte  er  die  hunderttausend  Verbesserungen,  aus  deren  Zahl
nur  diese  wenigen  Beispiele  herausgegriffen  sind,  ermessen  können,
was  würde  er  daraus  in  betreff  der  sozialen  Lage  der  Menschheit  geschlossen ­
  haben?
Ls  würde  ihm  kein  bloßer  Schluß,  kein  bloßes  Phantasiegebilde,
sondern  etwas  wirklich  Erschautes  geschienen  haben;  und  sein  Herz
würde  gehüpft  und  seine  Nerven  gebebt  haben  wie  einem,  der  von
einer  Anhöhe  gerade  vor  der  verschmachtenden  Karawane  den  belebenden ­
  Schimmer  rauschender  Wälder  und  den  Glanz  lachender  Gewässer
sieht.  Seine  Phantasie  würde  ihm  vergegenwärtigt  haben,  wie  diese
neuen  Kräfte  die  Gesellfchaft  gerade  in  ihren  Fundamenten  erhöhten,
selbst  den  Ärmsten  über  die  Möglichkeit  des  Mangels  hinweghoben,
den  Niedrigsten  von  der  Angst  und  Sorge  um  das  tägliche  Brot  befreiten; ­
  er  würde  geglaubt  haben,  daß  jene  Sklaven  der  Leuchte  des
Wissens  den  traditionellen  Fluch  der  Menschheit  auf  sich  nehmen,  jene
Muskeln  von  Eisen  und  Sehnen  von  Stahl  das  Leben  des  ärmsten
Arbeiters  zu  einem  Feiertage  machen  würden,  in  dem  jede  hohe  Eigenschaft ­
  und  jeder  edle  Trieb  vollen  Raum  zu  Wachstum  und  Gedeihen
finden  könnten.
Und  aus  diesen  glücklichen  materiellen  Verhältnissen  würde  er,
als  notwendige  Folgen,  moralische  Zustände  haben  entstehen  sehen,
die  das  goldene  Zeitalter,  von  dem  die  Menschheit  immer  geträumt
hat,  verwirklichten:  die  Zugend  nicht  länger  dem  junger  und  Elend
ausgesetzt;  das  Alter  nicht  durch  Geiz  gequält;  das  Kind  mit  dem  Tiger
spielend;  den  Mann  mit  der  Schmutzharke*)  den  Ruhm  der  Gestirne
trinkend!  Alles  Schlechte  verjagt,  alles  wilde  zahm;  Uneinigkeit  in
Harmonie  verwandelt!  Denn  wie  könnte  da  Habsucht  herrschen,  wo
alle  genug  haben?  wie  könnten  Laster,  Verbrechen,  Unwissenheit,
Roheit,  die  alle  doch  nur  aus  der  Armut  und  der  Furcht  vor  der
Armut  entspringen,  fortbestehen,  wo  die  Armut  selbst  verschwunden
ist?  wer  würde  kriechen,  wo  alle  freie  Menschen,  wer  unterdrücken,
wo  alle  gleich  sind?
Mehr  oder  weniger  verschwommen  oder  klar  sind  dies  die  Hoffnungen,
  dies  die  Träume  gewesen,  die  durch  die  Fortschritte,  welche
diesem  wundervollen  Jahrhundert  seinen  Vorrang  geben,  hervorgerufen

*)  Line  Anspielung  auf  Buryans  Allegorie  selbstsüchtiger  Habsucht  in  seinem
berühmten  „DeiZrirus  pro^ress".  Anmerk,  des  Übersetzers.
        <pb n="33" />
        20

Einleitung.

wurden;  sie  sind  so  tief  in  den  Geist  des  Volkes  eingedrungen,  daß  sie
den  Ideengang  vollständig  verändert,  den  Glauben  verwandelt  und  die
fundainentalsten  Anschauungen  verrückt  haben.  Die  umgehenden
Träume  von  höheren  Daseinsformen  haben  nicht  bloß  Glanz  und  Lebhaftigkeit ­
  gewonnen,  sondern  ihre  Richtung  verändert  —  anstatt  hinter
sich  die  schwachen  Farben  eines  verschwindenden  Sonnenunterganges
zu  sehen,  hat  die  ganze  Glorie  des  Tagesanbruchs  den  Fimmel  vor  ihnen
erhellt.
Ls  ist  wahr,  daß  Enttäuschung  auf  Enttäuschung  gefolgt  ist,  und
daß  Entdeckung  auf  Entdeckung,  Erfindung  auf  Erfindung  weder  die
Mühsal  derer,  welche  am  meisten  der  Erholung  bedürfen,  vermindert,
noch  den  Armen  Fülle  gebracht  hat.  Aber  so  vielen  Ursachen  schien
dieser  Mißerfolg  beigemessen  werden  zu  können,  daß  bis  auf  unsere
Zeit  der  neue  Glaube  kaum  geschwächt  worden  ist.  wir  haben  die  zu
überwindenden  Schwierigkeiten  besser  zu  würdigen  gelernt,  hoffen
aber  gleichwohl,  daß  das  Streben  der  Zeiten  dahin  geht,  sie  zu  überwinden. ­

Jetzt  jedoch  geraten  wir  mit  Tatsachen  in  Kollision,  über  die
kein  Zweifel  möglich  ist.  Von  allen  Seiten  der  zivilisierten  Welt  kommen
Klagen  über  industriellen  Druck,  über  unfreiwillige  Einstellung  der
Arbeit,  über  Anhäufung  müßigen  Kapitals,  über  Geldmangel  unter
den  Geschäftsleuten,  über  Entbehrung,  Sorgen  und  Leiden  unter  den
arbeitenden  Klassen.  Alle  die  dumpfe,  tötende  Pein,  die  herbe,  zum
Wahnsinn  treibende  Sorge,  welche  für  die  große  Menge  in  den  Worten
„schwere  Zeiten"  inbegriffen  sind,  beängstigen  jetzt  die  Welt.  Dieser
Zustand  der  Dinge  ist  Staaten  gemeinsam,  die  nach  ihrer  Lage,  ihren
politischen  Einrichtungen,  ihrer  Besteuerung,  nach  der  Dichtigkeit  der
Bevölkerung  und  nach  sozialer  Gliederung  grundverschieden  sind,  und
kann  daher  schwerlich  durch  lokale  Ursachen  erklärt  werden.  Es  herrscht
Not,  wo  große  stehende  peere  unterhalten  werden,  aber  auch  da,
wo  dies  nicht  der  Fall  ist;  es  herrscht  Not,  wo  Schutzzölle  den  Pandel
törichterweise  hemmen,  aber  auch  da,  wo  der  Pandel  beinahe  frei  ist;
es  herrscht  Not,  wo  noch  autokratische  Regierungen  bestehen,  aber
auch  da,  wo  die  politische  Macht  gänzlich  in  den  pänden  des  Volkes
ist;  in  Ländern,  wo  Papier  Geld  ist,  und  in  Ländern,  wo  Gold  und
Silber  die  alleinigen  Umlaufsmittel  sind.  Augenscheinlich  müssen  wir
hinter  all  diesem  auf  die  gemeinsame  Ursache  schließen.
Daß  es  eine  gemeinsame  Ursache  gibt,  und  daß  dieselbe  entweder
gerade  der  sogenannte  materielle  Fortschritt  oder  doch  etwas  damit
sehr  eng  verknüpftes  ist,  wird  mehr  als  eine  bloße  Schlußfolgerung,
wenn  man  beachtet,  daß  die  Erscheinungen,  welche  wir  unter  dem
Namen  industriellen  Druckes  zusammenfassen,  nur  höhere  Potenzen
von  Erscheinungen  sind,  welche  stets  den  materiellen  Fortschritt  begleiten, ­
  und  welche  sich  um  so  klarer  und  stärker  zeigen,  je  mehr  derselbe ­
  zunimmt,  wo  die  Bedingungen,  auf  welche  der  materielle  Fort-
        <pb n="34" />
        Das  probiern.

2\

schritt  allenthalben  loszielt,  anr  vollständigsten  verwirklicht  sind,  d.  h.
wo  die  Bevölkerung  anr  dichtesten,  der  Reichtum  am  größten  und  die
Werkzeuge  der  Produktion  und  des  Austausches  am  höchsten  entwickelt
sind,  finden  wir  auch  die  tiefste  Armut,  den  schärfsten  Kamps  ums
Dasein  und  die  meiste  aufgedrungene  Arbeitslosigkeit.
Es  sind  die  neueren  Länder  —  d.  h.  die  Länder,  wo  der  materielle
Fortschritt  noch  in  den  windeln  liegt  —  nach  denen  die  Arbeiter  auswandern, ­
  um  höhere  Löhne  zu  gewinnen,  und  das  Kapital  hinströmt,
um  höhere  Zinsen  zu  erlangen.  Zn  den  älteren  Ländern  dagegen  —
d.  h.  in  denjenigen,  wo  der  materielle  Fortschritt  älteren  Datums  ist  —
findet  sich  weit  verbreitete  Armut  inmitten  des  größten  Überflusses.
Geht  man  in  eines  der  jungen  Gemeinwesen,  wo  angelsächsische  Kraft
eben  den  wettlauf  des  Fortschritts  beginnt,  wo  die  Werkzeuge  der  Produktion ­
  und  des  Austausches  noch  roh  und  wenig  entwickelt  sind,  wo
die  Ansammlung  von  Gütern  noch  nicht  groß  genug  ist,  um  irgendeiner ­
  Klasse  zu  gestatten,  in  Bequemlichkeit  und  Luxus  zu  leben,  wo  das
beste  bjaus  nur  eine  Bretterhütte  oder  ein  verschlag  von  Tuch  und
Papier,  und  der  reichste  Mann  zu  täglicher  Arbeit  gezwungen  ist,  so
wird  man  zwar  nicht  den  Reichtum  mit  all  seinen  Begleitern,  aber
auch  keine  Bettler  finden.  Es  gibt  keinen  Luxus,  aber  auch  kein  Elend.
Niemand  findet  ein  leichtes,  noch  ein  sehr  gutes  Auskommen,  aber
jeder  kann  doch  fein  Brot  finden,  und  niemand,  der  fähig  und  willig
zu  arbeiten  ist,  wird  durch  die  Furcht  vor  Mangel  bedrückt.
Aber  sobald  ein  solches  Gemeinwesen  den  Zustand  erreicht,  nach
dem  alle  zivilisierten  Staaten  hinstreben,  und  auf  der  Stufenleiter
materiellen  Fortschritts  steigt,  sobald  dichtere  Ansiedlung,  engere  Verbindung ­
  mit  der  Außenwelt,  vermehrte  Benutzung  arbeitersparender
Maschinen  größere  Ersparnisse  in  Produktion  und  Austausch  ermöglichen, ­
  und  der  Reichtum  infolgedessen  zunimmt  —  nicht  bloß  überhaupt, ­
  sondern  auch  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung  —  alsbald  bietet
auch  die  Armut  ein  dunkleres  Bild.  Der  Verdienst  einzelner  ist  unendlich ­
  größer  und  leichter,  während  andere  ihre  liebe  Not  haben,
nur  das  tägliche  ^Brot  zu  verdienen.  Mit  der  Lokomotive  kommt  auch
der  Vagabund,  und  Armenhäuser  und  Gefängnisse  sind  eben  so  sichere
Kennzeichen  „materiellen  Fortschritts"  als  kostbare  Wohnhäuser,  reiche
Läden  und  prächtige  Kirchen.  Zn  mit  Gas  beleuchteten  und  durch  eine
uniformierte  Polizei  bewachten  Straßen  warten  Bettler  auf  den  vorübergehenden, ­
  und  im  Schatten  von  Hochschulen,  Bibliotheken  und
Museen  versammeln  sich  jene  abschreckenden  Hunnen  und  wilderen
Vandalen,  die  Macaula^  prophezeite.
Diese  Tatsache  —  die  große  Tatsache,  daß  Armut  und  alle  ihre
Begleiter  sich  in  einem  Gemeinwesen  gerade  in  dem  Augenblick  zeigen,
wo  dasselbe  jenen  Zustand  erreicht,  welchen  der  materielle  Fortschritt ­
  erstrebt  —beweist,  daß  die  sozialen  Schwierigkeiten,  welche  überall
entstehen,  wo  eine  gewisse  Stufe  des  Fortschrittes  erreicht  ist,  nicht  in
        <pb n="35" />
        22

Einleitung.

lokalen  Ursachen  ihren  Grund  haben,  sondern  auf  eine  oder  die  andere
weise  durch  den  Fortschritt  selbst  erzeugt  werden.  *&amp;gt;
Und  so  unliebsam  das  Geständnis  sein  mag,  es  wird  zuletzt  augenscheinlich, ­
  daß  die  enorme  Vermehrung  an  produktiver  Kraft,  welche
das  jetzige  Jahrhundert  kennzeichnet,  und  die  in  immer  beschleunigterem
Verhältnisse  zunimmt,  keineswegs  dazu  beiträgt,  die  Armut  auszurotten ­
  oder  die  Last  derer  zu  erleichtern,  die  zu  arbeiten  gezwungen
sind.  Sie  erweitert  bloß  den  Abstand  zwischen  reich  und  arm  und  macht
den  Kampf  ums  Dasein  schärfer.  Die  lange  Reihe  von  Erfindungen
hat  die  Menschheit  mit  Kräften  ausgestattet,  welche  die  kühnste  Einbildung ­
  vor  einem  Jahrhundert  sich  nicht  hätte  träumen  lassen.  Aber
in  Fabriken,  wo  die  arbeitersparenden  Maschinen  ihre  wunderbarste
Entwickelung  erreicht  haben,  sind  Kinder  bei  der  Arbeit;  wo  immer
die  neuen  Kräfte  ganz  ausgenutzt  werden,  müssen  große  Klassen  der
Bevölkerung  durch  die  Wohltätigkeit  erhalten  werden,  oder  sind  immer
nahe  daran,  derselben  zur  Last  zu  fallen;  inmitten  der  größten  Anhäufungen ­
  von  Gütern  sterben  Menschen  vor  Hunger,  und  saugen  schwächliche ­
  Kinder  an  trockenen  Brüsten;  und  allenthalben  beweisen  die  Sucht
nach  Gewinn,  die  Anbetung  des  Reichtums  die  Macht  der  Besorgnis
vor  Mangel.  Das  Land  der  Verheißung  flieht  vor  uns  gleich  einer
Kata  mor^Lna.  Die  Früchte  vom  Baum  der  Erkenntnis  werden,  sobald
wir  sie  berühren,  zu  Sodom-Äpfeln,  die  in  Staub  zerfallen.
Es  ist  wahr,  daß  der  Reichtum  außerordentlich  vermehrt  und  der
durchschnittliche  Grad  von  Komfort,  Muße  und  Verfeinerung  erhöht
worden  ist;  aber  diese  Gewinne  sind  keineswegs  allgemein.  Die  unterste
Klasse  hat  keinen  Teil  daran.*)  Ich  meine  nicht  daß  die  §age  derselben
nirgends  oder  in  nichts  etwas  besser  geworden  sei,  sondern  daß  nirgends
eine  Besserung  stattgefunden  hat,  welche  auf  die  vermehrte  Hroduktivkraft
  zurückgeführt  werden  könnte.  Ich  meine,  daß  der  Einfluß  des
sogenannten  materiellen  Fortschritts  in  keiner  weise  dazu  beiträgt,
die  Lage  der  untersten  Klasse  in  den  wesentlichsten  Erfordernissen  eines
gesunden,  glücklichen  Lebens  zu  verbessern,  ja  noch  mehr;  ich  glaube,
daß  derselbe  dahin  zielt,  die  Lage  derselben  zu  verschlimmern.  Die
neuen  Kräfte,  so  erhebend  sie  von  Natur  sind,  wirken  auf  das  soziale
Gebäude  nicht  von  unten  auf,  wie  lange  gehofft  und  geglaubt  wurde,
sondern  treffen  dasselbe  mehr  in  der  Mitte.  Sie  sind  einem  ungeheuren
Keile  vergleichbar,  der  nicht  von  unten  auf,  sondern  mitten  durch  die
Gesellschaft  getrieben  wird.  Diejenigen,  die  sich  über  dem  Trennungspunkte
befinden,  werden  erhöht,  aber  die,  welche  darunter  sind,  niedergedrückt.

*)  Ls  ist  wahr,  daß  die  Ärmsten  heutzutage  in  mannigfacher  weise  genießen,
was  den  Reichen  vor  ;oo  Jahren  nicht  zu  Gebote  stand,  aber  dies  beweist  keine  Verbesserung ­
  der  Lage,  so  lange  die  Fähigkeit,  sich  die  notwendigsten  Lebensbedürfnisse
zu  verschaffen,  nicht  zugenommen  hat.  Der  Bettler  der  großen  Stadt  mag  sich  mancher
Dinge  erfreuen,  die  dem  fernen  Ansiedler  nicht  zu  Gebote  stehen,  aber  das  beweist  nicht,
daß  die  Lage  des  städtischen  Bettlers  besser  sei  als  die  des  unabhängigen  Ansiedlers.
        <pb n="36" />
        Das  Problem.

23

Diese  niederdrückende  Wirkung  wird  nicht  allgemein  anerkannt,
denn  sie  tritt  da,  wo  lange  eine  Klasse  bestand,  die  kaum  mehr  als  zu
leben  hatte,  nicht  deutlich  hervor,  wo  die  unterste  Klasse  gerade  nur
genug  zum  Leben  hat,  wie  dies  seit  lange  in  vielen  Teilen  Europas
der  Fall  ist,  kann  dieselbe  nicht  tiefer  sinken,  denn  der  nächst  tiefere
Schritt  führt  zur  Vernichtung  des  Daseins,  und  eine  Tendenz  zu  weiterem
Druck  kann  sich  kaum  zeigen.  Aber  an  dem  fortschreitenden  Gange
neuer  Ansiedelungen  zu  den  Verhältnissen  älterer  Gemeinwesen  kann
man  klar  sehen,  daß  der  materielle  Fortschritt  nicht  allein  der  Armut
nicht  abhilft,  sondern  sie  vielmehr  erzeugt.  In  den  Vereinigten  Staaten
liegt  es  klar  zutage,  daß  Schmutz  und  Elend,  sowie  die  Laster  und
verbrechen,  welche  denselben  entspringen,  allenthalben  zunehmen,
sobald  das  Dorf  zur  Stadt  wird,  und  der  Entwickelungsgang  die  vorteile
verbesserter  Methoden  der  Produktion  und  des  Austausches  bringt.
In  den  älteren  und  reicheren  Teilen  der  Union  sind  Pauperismus
und  Not  unter  den  arbeitenden  Klassen  am  schmerzlichsten  sichtbar,
wenn  in  San  Francisco  weniger  tiefe  Armut  herrscht  als  in  New  pork,
ist  dies  nicht  darum  der  Fall,  weil  ersteres  noch  hinter  letzterem  in
allem,  was  beide  Städte  erstreben,  zurücksteht?  wer  kann  zweifeln,
daß,  sobald  San  Francisco  den  Punkt  erreicht,  auf  welchem  New  pork
jetzt  steht,  dann  auch  in  seinen  Straßen  zerlumpte  und  barfüßige  Kinder
zu  finden  sein  werden?
Diese  Gemeinschaftlichkeit  von  Armut  und  Fortschritt  ist  das
große  Rätsel  unserer  Zeit.  Es  ist  der  springende  Punkt,  aus  welchem
die  industriellen,  sozialen  und  politischen  Schwierigkeiten  entstehen,
welche  die  Welt  in  Verwirrung  stürzen  und  mit  welchen  Staatskunst,
Philanthropie  und  Erziehung  vergebens  kämpfen.  Ihm  entspringen
die  Wolken,  welche  die  Zukunft  der  vorgeschrittensten  und  unabhängigsten
Nationen  verdunkeln.  Es  ist  das  Rätsel,  welches  die  Sphinx  des  Schicksals ­
  unserer  Zivilisation  aufgibt,  und  dessen  Nichtbeantwortung  Untergang ­
  bedeutet.  Solange  die  ganze  Zunahme  der  Güter,  welche  der
moderne  Fortschritt  mit  sich  bringt,  nur  dazu  dient,  große  vermögen
aufzubauen,  den  Luxus  zu  vermehren  und  den  Kontrast  zwischen  dem
pause  des  Überflusses  und  der  pütte  des  Mangels  zu  verschärfen,  solange ­
  ist  der  Fortschritt  kein  wirklicher  und  kann  nicht  dauernd  sein.
Die  Reaktion  muß  kommen.  Der  Turm  neigt  sich  auf  die  Seite,  und
jedes  neue  Stockwerk  beschleunigt  nur  die  endliche  Katastrophe.  Menschen,
die  zur  Armut  verdammt  sind,  zu  unterrichten,  heißt  nur,  sie  widerspenstig ­
  machen;  auf  einen  Zustand  offenkundigster  sozialer  Ungleichheit ­
  politische  Einrichtungen  gründen  wollen,  unter  denen  die  Menschen
theoretisch  gleich  sind,  heißt  eine  Pyramide  auf  ihre  Spitze  stellen.
Uber  alles  wichtig  wie  diese,  die  Aufmerksamkeit  allseitig  in  Anspruch ­
  nehmende  Frage  auch  ist,  so  hat  sie  bis  jetzt  doch  keine  Lösung
erfahren,  welche  alle  Tatsachen  erklärte  und  ein  klares  und  einfaches
Peilmittel  zeigte.  Dies  sieht  man  schon  an  den  weit  auseinandergehen ­
        <pb n="37" />
        2«

Einleitung.

den  versuchen,  den  herrschenden  Druck  zu  erklären.  Sie  zeigen  nicht
allein  eine  Kluft  zwischen  den  gewöhnlichen  Begriffen  und  den  wissenschaftlichen ­
  Theorien,  sondern  beweisen  auch,  daß  die  Übereinstimmung,
welche  unter  den  Anhängern  der  gleichen  Theorien  hestehen  sollte,  in
praktischen  Fragen  vollständig  in  die  Brüche  geht,  von  nationalökonornischen
  Autoritäten  wird  uns  gesagt,  der  herrschende  Druck  sei  eine
Folge  der  Überkonsumtion;  andere  gleich  hohe  Autoritäten  sagen,
die  Überproduktion  trage  die  Schuld;  während  von  anderen  namhaften
Schriftstellern  die  Verwüstungen  des  Kriegs,  die  Ausdehnung  der
Eisenbahnen,  die  Arbeiterstreiks,  die  Entwertung  des  Silbers,  die
Papiergeldwirtschaft,  die  Vermehrung  arbeitersparender  Maschinen,
die  Erschließung  kürzerer  bsandelswege  usw.  als  die  Ursachen  bezeichnet ­
  werden.
Und  während  so  die  Professoren  sich  streiten,  gewinnen  die  Ansichten, ­
  daß  ein  notwendiger  Konflikt  Zwischen  Kapital  und  Arbeit
bestehe,  daß  Maschinen  ein  Übel  seien,  daß  die  Konkurrenz  beschränkt
und  der  Zins  abgeschafft  werden  müsse,  daß  es  die  Pflicht  der  Regierung
sei,  Kapital  herzugeben  und  Arbeit  zu  schaffen,  immer  mehr  Boden
unter  der  großen  Menge  des  Volkes,  die  ihre  unglückliche  Lage  scharf
genug  empfindet  und  sich  des  ihr  zugefügten  Unrechts  nur  zu  gut  bewußt ­
  ist.  Solche  Ansichten,  welche  große  Klassen  von  Menschen  —
die  Verleiher  der  höchsten  politischen  Gewalt  —  unter  den  Einfluß
von  Scharlatanen  und  Demagogen  bringen,  sind  voller  Gefahren;  aber
sie  können  nicht  erfolgreich  bekämpft  werden,  ehe  nicht  die  Nationalökonomie ­
  jene  große  Frage  in  einer  Meise  beantwortet,  welche  mit
allen  ihren  Lehren  übereinstimmt,  und  bei  der  großen  Menge  Verständnis ­
  findet.
Es  muß  der  Nationalökonomie  möglich  sein,  eine  solche  Antwort
zu  geben.  Denn  die  Nationalökonomie  ist  kein  Gefüge  von  Dogmen,
sondern  die  Erklärung  einer  bestimmten  Reihe  von  Tatsachen.  Sie
ist  die  Wissenschaft,  welche  in  der  Folge  bestimmter  Erscheinungen  die
gegenseitigen  Beziehungen  nachzuweisen  und  Ursache  und  Wirkung
klarzulegen  sucht,  gerade  wie  die  Naturwissenschaften  dies  bei  anderen
Kategorien  von  Erscheinungen  zu  tun  suchen.  Sie  legt  ihre  Fundamente
auf  festen  Boden.  Die  Prämissen,  aus  welchen  sie  ihre  Schlußfolgerungen
zieht,  sind  zweifellos  Wahrheiten,  Grundsätze,  die  wir  alle  anerkennen,
auf  welche  wir  ruhig  die  Räsonnements  und  Handlungen  des  täglichen
Lebens  gründen,  und  welche  auf  den  metaphysischen  Ausdruck  des
physikalischen  Gesetzes  zurückgeführt  werden  können,  daß  die  Bewegung
die  Linie  des  geringsten  Widerstandes  sucht,  nämlich:  daß  der  Mensch
seine  wünsche  mit  möglichst  geringer  Anstrengung  zu  befriedigen  sucht,
von  einer  so  sicheren  Grundlage  ausgehend,  hat  ihr  Verfahren,  das
bloß  in  Feststellung  der  Tatsachen  und  Analyse  besteht,  den  gleichen
Grad  von  Sicherheit.  )n  diesem  Sinne  ist  sie  eine  ebenso  exakte  Wissenschaft ­
  wie  die  Geometrie,  welche,  von  ähnlichen  Wahrheiten  in  betreff
        <pb n="38" />
        Das  Problem.

25

des  Raumes  ausgehend,  ihre  Schlüsse  durch  gleiche  Mittel  erzielt,  und
wenn  ihre  Schlüsse  haltbar  sind,  müssen  sie  ebenso  einleuchtend  sein.
Und  obgleich  wir  auf  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  unsere  Theorien
nicht  durch  künstlich  hervorgebrachte  Kombinationen  oder  Bedingungen
prüfen  können,  wie  dies  in  einzelnen  anderen  Wissenschaften  möglich
ist,  so  können  wir  doch  nicht  weniger  beweiskräftige  Personen  dadurch
anstellen,  daß  wir  Gesellschaften  vergleichen,  in  welchen  verschiedene
Bedingungen  vorherrschen,  oder  daß  wir  in  Gedanken  Kräfte  oder
Faktoren  von  bekannter  Richtung  trennen  oder  vereinigen,  hinzufügen
oder  ausscheiden.
Ich  beabsichtige,  auf  den  folgenden  Blättern  den  Versuch  zu  machen^
das  große  Problem,  das  ich  skizziert  habe,  durch  die  Methoden  der  Nationalökonomie ­
  zu  lösen.  Ich  beabsichtige,  das  Gesetz  zu  suchen,  welches
die  Armut  an  den  Fortschritt  kettet  und  den  Mangel  mit  der  Zunahme
des  Reichtums  vermehrt;  und  ich  glaube,  daß  wir  in  der  Erklärung,
dieses  Paradoxons  zugleich  die  Erklärung  der  immer  wiederkehrenden
Zeiten  industrieller  und  kommerzieller  Lähmung  finden  werden,  die,
wenn  man  sie  unabhängig  von  ihren  Beziehungen  zu  allgemeineren
Erscheinungen  betrachtet,  so  unerklärlich  scheinen.  In  der  rechten  Weise
angefangen  und  sorgfältig  durchgeführt,  muß  eine  derartige  Untersuchung ­
  zu  Schlußfolgerungen  führen,  die  jede  Probe  bestehen  und  als
Wahrheit  mit  allen  anderen  Wahrheiten  in  Wechselbeziehung  stehen
werden.  Denn  in  der  Aufeinanderfolge  von  Erscheinungen  gibt  es
keinen  Zufall.  Jede  Wirkung  hat  eine  Ursache,  und  jede  Tatsache
involviert  eine  vorausgegangene  Tatsache.
Daß  die  Nationalökonomie,  wie  sie  jetzt  gelehrt  wird,  den  fortbestand ­
  der  Armut  inmitten  vergrößerten  Reichtums  nicht  in  einer
Weise  erklärt,  die  mit  den  tief  eingewurzelten  Anschauungen  der  Menschen
harmoniert;  daß  die  unzweifelhaften  Wahrheiten,  welche  sie  lehrt,  unzusammenhängend ­
  und  ohne  Beziehung  zueinander  sind;  daß  es  ihr
nicht  gelungen  ist,  im  Geiste  des  Volkes  den  fortschritt  zu  machen,
den  eine  selbst  unbequeme  Wahrheit  machen  muß;  daß  sie  im  Gegenteil ­
  nach  einem  Jahrhundert  der  Pflege,  während  dessen  sie  manche
der  scharfsinnigsten  und  mächtigsten  Geister  beschäftigte,  von  dem  Staatsmanne ­
  mißachtet,  von  den  Massen  verspottet  und  in  der  Meinung
vieler  gebildeter  und  denkender  Männer  auf  den  Rang  einer  Pseudowissenschaft ­
  herabgesetzt  wird,  in  der  nichts  fest  ist  oder  sein  kann,  —
muß,  scheint  mir,  nicht  an  der  Unfähigkeit  der  Wissenschaft  liegen,  wofern ­
  sie  nur  richtig  verfolgt  wird,  sondern  an  irgendeinem  falschen  Schritt
in  den  Prämissen  oder  einem  übersehenen  faktor  in  ihren  Schätzungen.
Und  da  solche  Irrtümer  gewöhnlich  durch  die  Achtung,  die  Autoritäten
gezollt  wird,  verheimlicht  werden,  so  werde  ich  in  dieser  Untersuchung
nichts  als  bewiesen  ansehen,  sondern  selbst  anerkannte  Theorien  an
den  ersten  Prinzipien  prüfen  und,  wenn  fie  die  Probe  nicht  bestehen,  aufs
neue  dieTatsachen  untersuchen,  um  das  sie  regierendeGesetz  zu  entdecken.
        <pb n="39" />
        26

Einleitung.

Ich  werde  nichts  als  bewiesen  ansehen,  vor  keinem  Schlüsse  zurückschrecken, ­
  sondern  der  Wahrheit  folgen,  wohin  sie  auch  führen  mag.
wir  sind  zur  Erforschung  des  Gesetzes  verpflichtet,  denn  gerade  im
cherzen  unserer  Zivilisation  sinken  heutzutage  Weiber  in  Ohnmacht  und
winseln  kleine  Rinder.  Doch  als  was  auch  jenes  Gesetz  sich  herausstellen
mag,  ist  nicht  unsere  Sache,  wir  wollen  nicht  wanken,  wenn  auch  die
Schlüsse,  zu  denen  wir  gelangen,  unseren  Vorurteilen  entgegenlaufen;
und  wenn  sie  Einrichtungen  verurteilen,  die  wir  lange  als  weise  und
natürlich  angesehen  haben,  wollen  wir  darum  nicht  umkehren.
        <pb n="40" />
        Buch  I.
Arbeitslohn  und  Aapital.
„wer  der  Philosophie  folgen  will,  muß  ein  geistig
Freier  sein."  L&amp;gt;tolemäus.

Kapitel  I.
Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn;  ihre  Unzulänglichkeit.
Um  das  Problem,  das  wir  zu  untersuchen  beabsichtigen,  auf  seine
bündigste  Form  zu  bringen,  wollen  wir  Schritt  für  Schritt  die  Erklärung
prüfen,  welche  die  jetzt  herrschende  Nationalökonomie  davon  gibt.
Die  Ursache,  welche  inmitten  fortschreitenden  Reichtums  Armut
erzeugt,  ist  augenscheinlich  dieselbe,  welche  sich  in  der  von  allen  Seiten
anerkannten  Tendenz  der  Löhne,  auf  ein  Minimum  zu  sinken,  kundgibt,
wir  wollen  daher  unsere  Untersuchung  in  folgende  bündige  Form
fassen:
„warum  strebt  der  Lohn,  trotz  vermehrter  Produktivkraft, ­
  nach  einem  Minimum,  das  nur  zum
bloßen  Lebensunterhalt  ausreicht?"
Die  Antwort  der  herrschenden  Nationalökonomie  ist,  daß  der
Arbeitslohn  durch  das  Verhältnis  zwischen  der  Arbeiterzahl  und  der
der  Beschäftigung  von  Arbeitern  gewidmeten  Summe  von  Kapital
bestimmt  wird  und  beständig  dem  niedrigsten  Betrage,  mit  dem  die
Arbeiter  leben  und  sich  fortpflanzen  können  und  wollen,  zustrebt,  weil
die  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  die  natürliche  Tendenz  habe,  jeder
Kapitalvermehrung  zu  folgen  und  sie  zu  überholen.  Demzufolge  würde
die  Vergrößerung  des  Devisors  lediglich  durch  die  denkbaren  Veränderungen ­
  des  Quotienten  im  Zaum  gehalten,  und  der  Dividendus
könnte  ins  Unendliche  steigen,  ohne  ein  größeres  Resultat  zu  ergeben.
In  der  gewöhnlichen  Denkweise  herrscht  die  Lehre  unbestritten.
Sie  trägt  das  Giro  der  größten  Namen  unter  den  Pflegern  der  Nationalökonomie, ­
  und  obwohl  sie  manche  Angriffe  erfahren  hat,  so  waren  die-
        <pb n="41" />
        28

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

selben  doch  mehr  formell  als  fachlich.*)  Buckle  hat  sie  als  die  Grundlage
feiner  Generalifationen  der  Weltgeschichte  angenommen.  Sie  wird
auf  allen  oder  fast  allen  großen  englischen  und  amerikanischen  Universitäten ­
  gelehrt  und  ist  in  Büchern  niedergelegt,  welche  die  Massen  über
praktische  Gegenstände  richtig  denken  lehren  wollen;  auch  scheint  sie
mit  der  neuen  Philosophie  in  Übereinstimmung  zu  stehen,  welche,
nachdem  sie  in  wenigen  Jahren  die  wissenschaftliche  Welt  erobert  hat,
jetzt  auch  die  Masse  der  Geister  mehr  und  mehr  durchdringt.
Sitzt  sie  auf  diese  Weise  in  den  oberen  Regionen  der  Gedankenwelt ­
  fest,  so  wurzelt  sie  in  roherer  Form  in  den  unteren  noch  fester,
was  den  Trugschlüssen  der  Schutzzöllner  trotz  ihrer  augenscheinlichen
Inkonsequenzen  und  Absurditäten  so  festen  chalt  verleiht,  ist  der  Glaube,
daß  die  für  Löhne  zur  Verteilung  gelangende  Summe  in  jedem  Staat
eine  fest  bestimmte  sei,  und  von  der  Konkurrenz  der  „ausländischen
Arbeit"  noch  weiter  verkleinert  werden  müsse.  Derselbe  Glaube  liegt
auch  den  meisten  der  Theorien  zugrunde,  welche  auf  die  Abschaffung
des  Zinses  und  Beschränkung  der  Konkurrenz  als  die  Mittel  hinweisen,
um  den  Anteil  des  Arbeiters  an  der  Produktion  zu  vergrößern;  und
er  schießt  in  jeder  Richtung  empor  bei  allen  denen,  die  nicht  genug
denken,  um  eigene  Theorien  zu  haben,  wie  dies  z.  B.  die  Spalten  der
Zeitungen  und  die  Debatten  der  gesetzgebenden  Körper  beweisen.
So  weit  verbreitet  und  tief  gewurzelt  diese  Theorie  aber  auch  ist,
es  scheint  mir,  daß  sie  mit  unleugbaren  Tatsachen  nicht  übereinstimmt.
Denn  wenn  der  Arbeitslohn  von  dem  Verhältnis  zwischen  den  nach
Beschäftigung  verlangenden  Arbeitern  und  der  Summe  des  zu  solcher
Beschäftigung  bestimmtenKapitals  abhängt,  so  muß  der  relative  Mangel
oder  Überfluß  des  einen  Faktors  den  relativen  Mangel  oder  Überfluß ­
  des  anderen  Faktors  bedingen.  Das  Kapital  müßte  also  verhältnismäßig ­
  reichlich  vorhanden  sein,  wo  die  Löhne  hoch,  und  verhältnismäßig ­
  selten,  wo  die  Löhne  niedrig  sind.  Da  nun  das  zur  Lohnzahlung
benutzte  Kapital  zum  großen  Teil  aus  dem  beständig  Anlage  suchenden
Kapital  bestehen  muß,  so  wäre  der  herrschende  Zinsfuß  der  Maßstab
des  relativen  Mangels  oder  Überflusses  an  Kapital.  Wenn  es  daher

x )  Dies  scheint  mir  mit  Thorntons  Einwendungen  der  Lall  zu  sein;  denn  während
er  das  Vorhandensein  eines  vorherbestimmten  Lohnfonds,  der  aus  einem  zum  Ankauf
von  Arbeit  beiseite  gelegten  Teil  der  Kapitalien  bestehe,  leugnet,  hält  er  doch  dafür
(worauf  es  füglich  allein  ankommt),  daß  die  Löhne  aus  dem  Kapital  bestritten  würden,
und  daß  Kapitalvermehrüng  oder  -Verminderung  gleichbedeutend  sei  mit  Vermehrung
oder  Verminderung  des  zur  Bestreitung  der  Löhne  verfügbaren  Kapitals.  Der  lebhafteste ­
  Angriff  auf  die  Lohnfondstheorie,  den  ich  kenne,  ist  der  von  Professor  Francis
A.  Walker  (Die  Lohnfrage.  New  Pork  *876),  doch  gibt  auch  er  zu,  daß  die  Löhne  zum
größten  Teil  vom  Kapital  vorgeschossen  würden  —  was  so  ziemlich  alles  ist,  was  der
eifrigste  Anhänger  der  Lohnfondstheorie  nur  verlangen  kann  —  während  er  gleichzeitig ­
  die  Malthussche  Theorie  vollständig  anerkennt.  Somit  weichen  seine  praktischen
Schlußfolgerungen  in  keiner  weise  von  denjenigen  ab,  zu  denen  die  Anhänger  der  herrschenden ­
  Theorie  gelangen.
        <pb n="42" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn.

29

richtig  ist,  daß  der  Arbeitslohn  von  dein  Verhältnis  zwischen  den  Arbeitsuchenden ­
  und  dem  für  deren  Beschäftigung  bestimmten  Kapital  abhängt,
so  müßten  hohe  Löhne  (das  Merkmal  relativ  geringen  Arbeitsangebotes)
von  einem  niedrigen  Zinsfuß  (dem  Merkmal  verhältnismäßigen  Kapitalüberflusses),
  und  umgekehrt  niedrige  Löhne  von  einem  hohen  Zinsfüße
begleitet  sein.
Dies  ist  jedoch  nicht  der  Fall,  sondern  das  Gegenteil!  Scheiden
wir  aus  dem  Zins  das  Element  der  Versicherung  aus  und  betrachten
nur  den  eigentlichen  Zins,  d.  h.  den  Entgelt  für  die  Benutzung  von
Kapital,  ist  es  dann  nicht  überall  zu  beobachten,  daß  der  Zinsfuß  hoch
ist,  wo  und  wann  die  Löhne  hoch,  und  niedrig,  wo  und  wann  die  Löhne
niedrig  find?  Sowohl  die  Löhne  als  der  Zinsfuß  sind  in  den  vereinigten
Staaten  höher  als  in  England,  am  Stillen  Ozean  höher  als  in  den
atlantischen  Staaten.  Ist  es  nicht  eine  notorische  Tatsache,  daß  dorthin,
wohin  die  Arbeiter  gehen,  um  höhere  Löhne  zu  gewinnen,  auch  das
Kapital  geht,  um  höhere  Zinsen  zu  erhalten?  Ist  es  nicht  richtig,  daß,
wo  immer  die  Löhne  allgemein  fielen  oder  stiegen,  zugleich  auch  ein
ähnliches  Steigen  oder  Fallen  im  Zinsfüße  stattfand?  Als  z.  B.  in
Kalifornien  die  Löhne  höher  als  irgendwo  sonst  waren,  war  auch  der
Zinsfuß  höher.  Ebenso  sanken  auch  Löhne  und  Zinsfuß  in  Kalifornien
gleichzeitig.  Als  der  übliche  Tagelohn  5  Dollar  betrug,  war  der  gewöhnliche ­
  Bankzinsfuß  24%  P*  a -  Jetzt,  wo  der  übliche  Tagelohn
2—2 1 / 2  Dollar  beträgt,  hält  sich  der  Diskontosatz  gewöhnlich  auf  ;o
bis  \2°/ 0 ,
Diese  überall  zu  beobachtende  Tatsache,  daß  die  Löhne  in  neuen
Ländern,  .wo  das  Kapital  verhältnismäßig  selten  ist,  höher  sind  als  in
alten  Ländern,  wo  das  Kapital  verhältnismäßig  reichlich  ist,  drängt
sich  zu  unabweisbar  auf,  um  übersehen  zu  werden.  Und  obgleich  nur
sehr  obenhin  berührt,  ist  sie  doch  von  den  Anhängern  der  herrschenden
Nationalökonomie  bemerkt  worden.  Die  Art  und  weise,  wie  sie  Notiz
davon  nehmen,  beweist,  was  ich  sage,  daß  sie  mit  der  angenommenen
Theorie  des  Arbeitslohns  durchaus  unvereinbar  ist.  Denn  Schriftsteller
wie  Mill,  Fawcett  und  Price  geben,  wenn  sie  jene  Tatsache  zu  erklären
suchen,  im  Grunde  die  Lohntheorie  aus,  die  zu  beweisen  sie  sich  in  denselben ­
  Schriften  abmühen.  Obgleich  sie  erklären,  daß  der  Arbeitslohn
durch  das  Verhältnis  zwischen  dem  Kapital  und  den  Arbeitern  bestimmt
werde,  begründen  sie  die  höheren  Zinsen  neuer  Länder  durch  die  relativ
größere  Güterproduktion.  Ich  werde  weiterhin  zeigen,  daß  die  Voraussetzung ­
  falsch  ist,  daß  im  Gegenteil  in  alten  und  dichtbevölkerten
Ländern  die  Güterproduktion  verhältnismäßig  größer  ist  als  in  neuen
schwach  bevölkerten  Ländern.  Für  jetzt  aber  möchte  ich  nur  auf  die
Inkonsequenz  Hinweisen.  Denn  zu  sagen,  daß  die  höheren  Löhne  neuer
Länder  in  entsprechend  größerer  Produktion  ihren  Grund  haben,  heißt
offenbar  das  Verhältnis  zur  Produktion,  nicht  aber  das  Verhältnis
zum  Kapital  als  ausschlaggebend  für  die  Löhne  betrachten.
        <pb n="43" />
        30

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  E

Diese  Inkonsequenz  ist  zwar  nicht  von  den  von  rnir  erwähnten
Schriftstellern,  wohl  aber  von  einem  andern,  und  zwar  einem  der  am
schärfsten  denkenden  Anhänger  der  herrschenden  Nationalökonomie  bemerkt ­
  worden.  Professor  Lairnes*)  bemüht  sich  in  sehr  scharfsinniger
weise,  die  Tatsache  mit  der  Theorie  zu  vereinbaren,  indem  er  annimmt, ­
  daß  in  neuen  Ländern,  wo  die  Erwerbstätigkeit  gewöhnlich
aus  die  Erzeugung  von  Lebensmitteln  und  Rohmaterialien  gerichtet
sei,  ein  viel  größerer  Teil  des  zur  Produktion  benutzten  Kapitals  für
die  Lohnzahlung  verwandt  werde  als  in  älteren  Ländern,  wo  ein
größerer  Teil  für  Maschinen  und  Materialien  verausgabt  werden  müsse;
und  daher  sei,  obgleich  das  Kapital  in  neuen  Ländern  seltener  (und
der  Zinsfuß  höher),  der  zur  Lohnzahlung  bestimmte  Betrag  doch  faktisch
größer  und  der  Arbeitslohn  darum  höher.  Von  HOO  ooo  Dollar  beispielshalber, ­
  die  in  einem  alten  Lande  für  industrielle  Gewerbe  bestimmt ­
  sind,  würden  etwa  80  ooo  Doll,  für  Gebäude,  Maschinen  und
den  Ankauf  von  Rohstoffen  nötig  sein,  so  daß  nur  20  000  Doll,  für
Löhne  übrig  blieben,  während  in  einem  neuen  Lande  von  SO  ooo  Doll.,
die  dem  Ackerbau  gewidmet  sind,  nicht  mehr  als  5000  für  Werkzeuge  usw.
erforderlich  seien,  und  25  000  für  die  Bestreitung  von  Löhnen  übrig
bleiben  würden.  Auf  diese  weise  wird  es  erklärt,  daß  der  Lohnfonds
verhältnismäßig  groß  fein  könne,  wo  das  Kapital  verhältnismäßig
gering  fei,  und  daß  hohe  Löhne  mit  hohen  Zinfen  bfand  in  Hand  gehen.
Ich  glaube  im  nachfolgenden  beweisen  zu  können,  daß  diese  Erklärung ­
  auf  einer  vollständigen  Verkennung  der  Beziehungen  zwischen
Arbeit  und  Kapital  beruht  und  sich  bezüglich  des  Fonds,  aus  dem  die
Löhne  entnommen  werden,  in  fundamentalem  Irrtum  befindet.  Für
jetzt  jedoch  ist  es  nur  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  der  Zusammenhang
zwischen  dem  Schwanken  des  Lohns  und  der  Zinsen  in  denselben  Ländern
und  denselben  Industriezweigen  nicht  fo  zu  erklären  ist.  In  der  Abwechselung ­
  der  sogenannten  „guten  Zeiten"  mit  „schweren  Zeiten"  ist
eine  lebhafte  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  bei  guten  Löhnen  stets
auch  von  einer  lebhaften  Nachfrage  nach  Kapital  bei  steifem  Zinsfüße
begleitet,  wenn  dagegen  die  Arbeiter  keine  Beschäftigung  finden  können
und  die  Löhne  fallen^  dann  ist  stets  Überfluß  an  Kapital  vorhanden,
das  zu  niedrigen  Zinsen  Anlage  sucht.**)  Der  gegenwärtige  Geschäftsdruck ­
  ist  an  allen  großen  Plätzen  nicht  weniger  durch  Mangel  an  Beschäftigung ­
  unter  den  Arbeiterklassen  als  durch  die  Anhäufung  müßigen
Kapitals  und  durch  niedrigen  Zinsfuß  für  unzweifelhafte  Sicherheiten
gekennzeichnet.  So  finden  wir  unter  Verhältnissen,  die  keine  mit  der
herrschenden  Theorie  vereinbarte  Erklärung  zulassen,  hohen  Zinsfuß
*)  3 n  seinem  Merke:  Some  Leading  Principles  of  Political  Economy  Newly  Expounded.
  Kap.  I.  Teil  2.
**)  Zeiten  kommerzieller  Krisen  sind  durch  hohe  Diskontsätze  gekennzeichnet,  aber
dies  ist  augenscheinlich  nicht  ein  hoher  Satz  der  eigentlichen  Zinsen,  sondern  eine  hohe
Versicherungsprämie  gegen  das  Risiko.
        <pb n="44" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn.

3*

mit  hohen  Löhnen  und  niedrigen  Zinsfuß  mit  niedrigen  Löhnen  zusammenfallen ­
  —  das  Kapital  ist  anscheinend  selten,  wenn  wenig  Arbeitskräfte ­
  vorhanden  find  und  anscheinend  reichlich  vorhanden,  wenn  es
Arbeitskräfte  in  Überfluß  gibt.
Alle  diese  bekannten  miteinander  zusammenfallenden  Tatsachen
weisen  auf  eine  Beziehung  zwischen  dem  Arbeitslohn  und  dem  Zinsfuß
hin,  jedoch  eine  Beziehung  des  Zusammengehens  und  nicht  des  Gegensatzes. ­
  Augenscheinlich  sind  sie  durchaus  unvereinbar  mit  der  Theorie,
daß  der  Arbeitslohn  durch  das  Verhältnis  zwischen  der  Arbeit  und  dem
Kapital  oder  irgendeinem  Teile  des  Kapitals  bestimmt  werde.
wie  konnte  aber,  wird  man  fragen,  eine  solche  Theorie  entstehen?
Wie  kommt  es,  daß  sie  von  so  vielen  Nationalökonomen,  von  Adam
Smiih  bis  zur  Gegenwart,  angenommen  worden  ist?
prüfen  wir  die  Gründe,  durch  welche  in  den  maßgebenden  Schriften
diese  Lohntheorie  gestützt  wird,  so  sehen  wir  sofort,  daß  sie  nicht  aus
beobachteten  Tatsachen  hergeleitet,  sondern  aus  einer  früheren  Theorie
deduziert  ist,  nämlich  der  Theorie,  daß  der  Arbeitslohn  aus  dem  Kapital
entnommen  werde,  wenn  einmal  angenommen  ist,  daß  das  Kapital
die  «Duelle  der  Löhne  sei,  dann  freilich  folgt  notwendig,  daß  die  Summe
der  Löhne  durch  die  Summe  des  zur  Beschäftigung  von  Arbeitern  bestimmten ­
  Kapitals  begrenzt  sein  muß,  und  daraus,  daß  der  Betrag,
den  die  einzelnen  Arbeiter  erhalten  können,  durch  das  Verhältnis
zwischen  ihrer  Zahl  und  dem  zu  ihrer  Bezahlung  vorhandenen  Kapital
bestimmt  werden  muß.*)  Dies  Räsonnement  ist  richtig,  aber  der  Schluß
stimmt,  wie  wir  gesehen  haben,  nicht  mit  den  Tatsachen  überein.  Die
Schuld  muß  daher  an  den  Prämissen  liegen.  Sehen  wir  zu.
Die  Theorie,  daß  die  Löhne  aus  dem  Kapital  entnommen  werden,
ist,  wie  ich  wohl  weiß,  eine  der  fundamentalsten  und  anscheinend  bestbegründeten
  der  herrschenden  Nationalökonomie,  und  von  all  den
großen  Denkern,  die  ihre  Kräfte  dieser  Wissenschaft  gewidmet  haben,
als  erwiesen  angenommen  worden.  Nichtsdestoweniger  glaube  ich,
daß  diese  Theorie  als  ein  fundamentaler  Irrtum  bewiesen  werden
kann,  ein  Irrtum,  der  eine  lange  Reihe  anderer  Irrtümer  gezeugt
hat,  welche  hochwichtige  praktische  Schlüsse  fälschen.  Diesen  Nachweis
will  ich  versuchen.  Ls  ist  notwendig,  daß  er  klar  und  entscheidend  ist,
*)  McLulloch  z.  B.  (Note  VI  zu  Adam  Smiths  Wea!th  of  nations)  sagt:  „Jener
Teil  des  Kapitals  oder  Reichtums  eines  Landes,  ^  welchen  die  Arbeitgeber  für  Arbeit
zu  zahlen  beabsichtigen  oder  geneigt  sind,  kann  zu  einer  Zeit  viel  größer  sein  als  zu  einer
anderen.  Aber  welches  auch  seine  absolute  Größe  sein  mag,  so  ist  er  augenscheinlich  die
einzige  CZuelle,  aus  welcher  irgendein  Teil  der  Arbeitslöhne  entnommen  werden  kann.
Ts  ist  kein  anderer  Fonds  vorhanden,  aus  dem  der  Arbeiter  als  solcher  auch  nur  einen
Schilling  ziehen  kann.  Und  hieraus  folgt,  daß  der  durchschnittliche  Arbeitslohn  oder  der
auf  den  einzelnen  entfallende  Anteil  des  für  Lohnzahlung  ausgesetzten  Nationalkapitals
in  seiner  Isöhe  von  der  Zahl  derjenigen,  unter  welche  derselbe  verteilt  werden  soll,  abhängen ­
  muß."  Ähnliche  Zitate  könnte  man  aus  allen  maßgebenden  nationalökonomischen ­
  Schriftstellern  anführen.
        <pb n="45" />
        32

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

denn  eine  Lehre,  auf  welche  sich  so  wichtige  Betrachtungen  gründen,
welche  von  so  gewichtigen  Autoritäten  gestützt,  so  plausibel  und  in  so
hohem  Grade  fähig  ist,  in  den  verschiedensten  formen  wiederzukehren,
kann  nicht  mit  einer  Behauptung  beseitigt  werden.
Der  Satz,  den  ich  zu  beweisen  suchen  werde,  lautet:
„daß  der  Arbeitslohn  nicht  aus  demKaxital,  sondern
in  Wirklichkeit  aus  dem  Produkt  der  durch  ihn  bezahlten ­
  Arbeit  entnommen  wird."
wir  sprechen  von  Arbeit,  die  zur  Produktion  verwendet  wird,  auf
welche  es  sich  der  Einfachheit  wegen  empfiehlt,  unsere  Untersuchung
zu  beschränken.  Alle  Fragen,  die  beim  Leser  über  den  Lohn  unproduktiver ­
  Dienste  entstehen  könnten,  lassen  wir  daher  vorläufig  beiseite.
Nun  kann  dies,  um  so  mehr  als  die  herrschende  Theorie,  wonach  die  Löhne
dem  Kapital  entnommen  werden,  gleichzeitig  auch  behauptet,  daß  das
Kapital  durch  die  Produktion  wiedererstattet  wird,  aus  den  ersten  Blick
wie  eine  Unterscheidung  ohne  Unterschied  aussehen,  wie  ein  bloßer
Tausch  von  Namen,  worüber  zu  streiten  nur  jene  unfruchtbaren  Dispute
vermehren  hieße,  welche  so  vieles  von  dem,  was  über  Nationalökonomie
geschrieben  ist,  so  dürr  und  wertlos  machen,  wie  die  Kontroversen  der
verschiedenen  gelehrten  Gesellschaften  über  die  §wahre  Bedeutung  der
Anschrift  auf  dem  von  lUr.  Pickwick  gefundenen  Steine.  Daß  wir  es
hier  aber  nicht  bloß  mit  einer  formellen  Unterscheidung  zu  tun  haben,
wird  sich  ergeben,  wenn  berücksichtigt  wird,  daß  sich  auf  dem  Unterschiede ­
  zwischen  den  beiden  Sätzen  alle  die  landläufigen  Theorien  über
die  Beziehungen  zwischen  Kapital  und  Arbeit  aufbauen;  daß  daraus
Lehren  abgeleitet  werden,  welche,  wenn  man  sie  selbst  als  erwiesen
ansieht,  die  fähigsten  Köpfe  in  der  Erörterung  der  wichtigsten  Fragen
binden,  leiten  und  beherrschen.  Denn  auf  die  Voraussetzung,  daß  die
Löhne  direkt  aus  dem  Kapital  und  nicht  aus  dem  Produkt  der  damit
beschafften  Arbeit  entnommen  werden,  gründet  sich  nicht  bloß  die  Lehre,
daß  der  Arbeitslohn  von  dem  Verhältnis  zwischen  Kapital  und  Arheit
abhängt,  sondern  auch  die  Lehre,  daß  der  Gewerbfleiß  durch  das  Kapital
begrenzt  sei;  daß  sich  Kapital  angesammelt  haben  müsse,  ehe  Arbeit
beschäftigt  werde,  und  Arbeit  nicht  beschäftigt  werden  könne,  ehe  nicht
Kapital  angesammelt  sei;  daß  jede  Kapitalsvermehrung  der  Lrwerbstätigkeit
  weiteren  Spielraum  gebe  oder  geben  könne;  daß  die  Umwandlung ­
  umlaufenden  Kapitals  in  fixes  den  für  die  Beschäftigung
von  Arbeitskräften  verwendbaren  Fonds  vermindere;  daß  mehr  Arbeiter
Lei  niedrigen  als  bei  hohen  Löhnen  beschäftigt  werden  könnten;  daß
das  auf  den  Ackerbau  verwendete  Kapital  mehr  Arbeiter  unterhalten
werde,  als  wenn  es  in  Fabriken  angelegt  fei;  daß  der  Kapitalgewinn
hoch  oder  niedrig  sei,  je  nachdem  die  Löhne  niedrig  oder  hoch  sind,  oder
daß  er  von  den  Kosten  der  Erhaltung  der  Arbeiter  abhänge;  es  gründen
sich  endlich  darauf  Paradoxen  wie  die,  daß  eine  Nachfrage  nach  waren
nicht  eine  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  fei,  oder  daß  gewisse  waren
        <pb n="46" />
        Kap.  I.

33

Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn,

durch  eine  Lohnermäßigung  verteuert,  oder  durch  eine  Lohnerhöhung
billiger  würden.
Kurz,  alle  die  Lehren  der  jetzigen  Nationalökonomie  sind,  in  dem
weitesten  und  wichtigsten  Teile  ihres  Gebietes,  mehr  oder  weniger
direkt  auf  die  Annahme  gegründet,  daß  die  Arbeit  von  dem  vorhandenen
Kapital  unterhalten  und  bezahlt  werde,  ehe  das  Produkt,  welches  deren
schließlichen  Zweck  bildet,  gewonnen  sei.  wenn  bewiesen  werden  kann,
daß  dies  ein  Irrtum  ist,  und  daß  im  Gegenteil  die  Erhaltung  und
Bezahlung  der  Arbeit  selbst  nicht  einmal  zeitweilig  das  Kapital  antastet, ­
  sondern  direkt  aus  dem  Produkt  der  Arbeit  entnommen  wird,
dann  ist  der  ganze  Oberbau  ohne  Stütze  und  muß  fallen.  Und  ebenso
müssen  damit  die  gewöhnlichen  Theorien  fallen,  die  ihre  Grundlage
gleichfalls  in  dem  Glauben  haben,  daß  die  in  Löhnen  zur  Verteilung
kommende  Summe  eine  fest  bestimmte  sei,  deren  einzelne  Anteile
durch  die  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  notwendig  vermindert  werden
müßten.
Der  Unterschied  zwischen  der  landläufigen  Theorie  und  der  von
mir  vertretenen  ist  tatsächlich  demjenigen  ähnlich,  der  zwischen  dem
Merkantilsystem  und  der  von  Adam  Smith  an  dessen  Stelle  gesetzten
Theorie  besteht.  Zwischen  der  Theorie,  daß  der  Handel  der  Austausch
von  waren  gegen  Geld,  und  der  Theorie,  daß  er  der  Austausch  von
waren  gegen  Waren  sei,  mag  kein  faktischer  Unterschied  zu  bestehen
scheinen,  wenn  man  sich  erinnert,  daß  die  Anhänger  des  Merkantilsystems ­
  nicht  annehmen,  daß  das  Geld  einen  anderen  Nutzen  habe  als
den,  daß  es  gegen  waren  umgetauscht  werden  kann.  Dennoch  entspringt ­
  aus  der  praktischen  Anwendung  dieser  beiden  Theorien  der
ganze  Unterschied  zwischen  strengem  Schutz  und  Freihandel.
Habe  ich  genug  gesagt,  um  dem  Leser  die  äußerste  Wichtigkeit  der
Schlußfolgerungen  zu  zeigen,  durch  welche  ich  ihn  bitten  muß,  mir  zu
folgen,  so  wird  es  nicht  nötig  sein,  im  voraus  Kürze  oder  Weitschweifigkeit ­
  zu  entschuldigen.  Um  eine  Lehre  von  solcher  Wichtigkeit,  eine  von
so  gewichtigen  Autoritäten  gestützte  Lehre  vor  Gericht  zu  ziehen,  ist  es
nötig,  sowohl  klar  als  erschöpfend  zu  sein
wäre  es  nicht  deswegen,  so  würde  ich  versucht  sein,  die  Annahme,
daß  die  Löhne  aus  dem  Kapital  entnommen  werden,  mit  einem  einfachen ­
  Satze  abzufertigen.  Denn  das  ganze  große  Gebäude,  welches
die  herrschende  Nationalökonomie  aus  dieser  Lehre  ausrichtet,  ist  in
Wahrbeit  auf  einen  Grund  gebaut,  der  bloß  als  vorhanden  angenommen
ist,  ohne  daß  der  leiseste  Versuch  gemacht  wird,  den  Schein  vom  Wesen
zu  unterscheiden,  weil  die  Löhne  gewöhnlich  in  Geld  und  bei  vielen
Produktiven  Verrichtungen  eher  gezahlt  werden,  als  das  Erzeugnis
derselben  vollendet  ist  oder  benutzt  werden  kann,  so  wird  geschlossen,
baß  die  Löhne  aus  früher  vorhandenem  Kapital  entnommen  werden,
und  daß  somit  der  Gewerbsleiß  durch  das  Kapital  begrenzt  sei,  d.  h.
'baß  Arbeiter  nicht  beschäftigt  werden  können,  bis  Kapital  angehäuft
George,  Fortschritt  und  Armut.  5
        <pb n="47" />
        34

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

worden  ist,  und  nur  in  dem  Maße  beschäftigt  werden  können,  in  dem
letzteres  geschehen  ist.
Dennoch  sagt  man  uns  in  denselben  Schriften,  in  welchen  die
Begrenzung  des  Gewerbefleißes  durch  das  Kapital  ohne  Vorbehalt
behauptet  und  zur  Basis  der  wichtigsten  Beweisführungen  und  gelehrtesten ­
  Theorien  gemacht  wird,  daß  das  Kapital  aufgespeicherte  oder
angehäufte  Arbeit  sei  —  „jener  Teil  der  Güter,  der  gespart  wird,
um  die  künftige  Produktion  zu  unterstützen".  Setzen  wir  für  das  Wort
„Kapital"  diese  Erklärung  desselben,  so  trägt  der  Satz  seine  eigene  Widerlegung ­
  in  sich,  denn  daß  Arbeit  nicht  beschäftigt  werden  könne,  bis  das
Ergebnis  derselben  gespart  sei,  ist  zu  absurd,  um  überhaupt  diskutiert
zu  werden.
Sollten  wir  indes  versuchen,  mit  dieser  reductio  ad  absurdum
die  Beweisführung  zu  schließen,  so  würde  uns  wahrscheinlich  die  Erklärung ­
  entgegengestellt  werden,  nicht,  daß  die  ersten  Arheiter  durch  die
Vorsehung  mit  dem  nötigen  Kapital  ausgerüstet  wurden,  um  ihnen
die  Arbeit  zu  ermöglichen,  sondern  daß  der  Satz  sich  lediglich  aus  einen
gesellschaftlichen  Zustand  beziehe,  in  welchem  die  Produktion  eine
komplizierte  Operation  geworden  sei.
Aber  die  fundamentale  Wahrheit,  welche  bei  jedem  nationalökonomischen ­
  Argument  ins  Auge  gefaßt  und  immer  festgehalten
werden  muß,  ist,  daß  die  Gesellschaft  in  ihrer  höchst  entwickelten  Form
nur  eine  künstlichere  Mischung  der  Gesellschaft  in  ihren  rohesten  Anfängen ­
  ist,  und  daß  die  in  den  einfacheren  Beziehungen  der  Menschen
obwaltenden  Grundsätze  bloß  verhüllt,  nicht  aber  aufgehoben  oder
umgekehrt  sind  durch  die  verwickelteren  Beziehungen,  die  aus  der
Teilung  der  Arbeit  und  der  Benutzung  komplizierter  Werkzeuge  und
Methoden  entstehen.  Die  Dampf-Mahlmühle,  die  mit  ihren  verwickelten ­
  Gängen  die  verschiedensten  Bewegungen  ausweist,  ist  doch
nur  dasselbe,  was  der  rohe,  aus  einem  alten  Flußbett  ausgegrabene
Steinmörser  zu  seiner  Zeit  war  —  ein  Werkzeug,  um  Korn  zu  mahlen.
Und  jedermann,  der  darin  beschäftigt  ist,  ob  er  nun  Holzscheite  in  den
Ofen  schiebt,  die  Maschine  in  Gang  setzt,  die  Steine  richtet,  die  Säcke
zeichnet  oder  die  Bücher  führt,  widmet  tatsächlich  seine  Arbeit  demselben ­
  Zwecke,  wie  es  der  vorhistorische  wilde  tat,  als  er  seinen  Mörser
brauchte  —nämlich  der  Zubereitung  des  Korns  zur  menschlichen  Nahrung.
Und  wenn  wir  so  all  die  verwickelten  Verrichtungen  moderner
Produktion  auf  ihre  niedersten  Formen  zurückführen,  so  sehen  wir,  daß
jeder  einzelne,  der  an  diesem  unendlich  verzweigten  und  verwickelten
Netzwerk  der  Produktion  und  des  Austausches  teilnimmt,  in  Wirklichkeit ­
  nichts  anderes  tut,  als  was  der  Urmensch  tat,  als  er  die  Früchte
von  den  Bäumen  herunterholte  oder  der  Ebbe  folgte,  um  Schattiere
und  Muscheln  zu  suchen  —  nämlich  von  der  Natur  durch  Anstrengung
seiner  Kräfte  die  Befriedigung  seiner  wünsche  zu  erlangen  sucht.  Behalten ­
  wir  dies  fest  im  Auge,  betrachten  wir  die  Produktion  als  ein
        <pb n="48" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Lehre  vom  Lohn.

35

Ganzes,  als  das  Zusammenwirken  aller  in  ihren  verschiedenen  Gruppen
Beteiligten  zur  Befriedigung  der  verschiedenen  wünsche  jedes  einzelnen, ­
  so  sehen  wir  klar,  daß  der  Lohn,  den  jeder  für  sein  Bemühen
erhält,  als  das  Ergebnis  dieser  Anstrengung  ebenso  wahrhaftig  und
ebenso  unmittelbar  von  der  Natur  herrührt,  wie  dies  bei  dem  ersten
Menschen  der  Fall  war.
wir  wollen  dies  weiter  illustrieren:  Zn  dem  einfachsten  Zustande,
den  wir  uns  denken  können,  sucht  sich  jeder  seinen  Röder  und  fängt
seinen  Fisch.  Die  Vorteile  der  Teilung  der  Arbeit  werden  bald  ersichtlich, ­
  und  der  eine  gräbt  nach  Würmern,  während  der  andere  angelt.
Doch  trägt  offenbar  derjenige,  der  nach  Würmern  gräbt,  ebensoviel
zum  Fangen  der  Fische  bei,  wie  derjenige,  welcher  wirklich  fischt,  wenn
später  die  Vorteile  von  Rähnen  entdeckt  sind  und  einer  zurückbleibt,  um
Rähne  zu  machen  und  auszubessern,  widmet  der  Rahnmacher  seine
Arbeit  in  der  Tat  gerade  so  sehr  dem  Fischfänge  wie  die  wirklichen
Fischer,  und  die  Fische,  welche  er  abends  nach  der  Rückkehr  derselben
ißt,  sind  nicht  minder  das  Ergebnis  seiner  Arbeit  wie  der  ihrigen.  Zst
so  die  Teilung  der  Arbeit  erst  in  vollem  Gange,  und  fischt  der  eine,
jagt  der  andere,  pflückt  der  dritte  Beeren,  sammelt  der  vierte  Früchte,
macht  der  fünfte  Werkzeuge,  baut  der  sechste  chütten,  verfertigt  der
siebente  Rleider,  anstatt  daß  jeder  alle  seine  Bedürfnisse  durch  direkte
Inanspruchnahme  der  Natur  zu  befriedigen  sucht,  —  dann  wendet
jeder  in  dem  Maße,  wie  er  das  unmittelbare  Produkt  seiner  Arbeit  gegen
das  unmittelbare  Produkt  der  Arbeit  anderer  austauscht,  tatsächlich
seine  Arbeit  zur  Erzeugung  aller  der  von  ihm  gebrauchten  Dinge  auf
und  befriedigt  faktisch  seine  wünsche  durch  die  Anstrengung  seiner  besonderen ­
  Rräfte;  das  heißt,  was  er  empfängt,  produziert  er  tatsächlich
selbst,  wenn  er  wurzeln  gräbt  und  sie  gegen  wildpret  austauscht,
beschafft  er  tatsächlich  wildpret  ebenso,  als  wenn  er  das  Reh  gejagt
und  den  Zager  selbst  seine  wurzeln  hätte  graben  lassen.  Die  gewöhnliche ­
  Redensart:  „ich  mache  so  und  so  viel",  gleichbedeutend  mit  „ich
verdiene  so  und  so  viel"  oder  „ich  verdiente  Geld,  womit  ich  das  und
das  kaufte",  ist  vom  nationalökonomischen  Gesichtspunkte  nicht  bloß
bildlich,  sondern  buchstäblich  richtig,  verdienen  ist  machen!
Verfolgen  wir  nun  diese  Grundsätze,  die  in  einem  einfacheren
Gesellschaftszuftande  einleuchtend  genug  sind,  durch  die  verwickelteren
Verhältnisse  des  Zustandes,  den  wir  zivilisiert  nennen,  so  werden  wir
klar  sehen,  daß  in  jedem  Falle,  in  welchem  Arbeit  gegen  waren  ausgetauscht ­
  wird,  die  Produktion  tatsächlich  dem  Genusse  voraufgeht;
daß  der  Arbeitslohn  der  Verdienst  —  d.  h.  das  Ergebnis  der  Arbeit—,
nicht  aber  der  Vorschuß  des  Rapitals  ist,  und  daß  der  Arbeiter,  welcher
seinen  Lohn  in  Geld  erhält  (das  freilich  gemünzt  oder  gedruckt  war,
ehe  er  die  Arbeit  begann),  tatsächlich  für  die  durch  seine  Arbeit  bewerkstelligte ­
  Vermehrung  des  allgemeinen  Gütervorrats  eine  Anweisung ­
  auf  denselben  empfängt,  mit  der  er  sich  die  von  ihm  gewünschten
        <pb n="49" />
        56

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

besonderen  Güter  verschaffen  kann;  und  daß  weder  das  Geld,  welches
nur  die  Anweisung  ist,  noch  die  Güter,  die  er  dafür  angeschafft  bat,
einen  Vorschuß  des  Kapitals  für  seinen  Unterhalt,  sondern  vielmehr
die  Güter  oder  wenigstens  einen  Teil  der  Güter  darstellen,  welche
seine  Arbeit  bereits  dem  allgemeinen  Vorräte  hinzugefügt  hat.
Behalten  wir  diese  Grundsätze  im  Auge,  so  sehen  wir,  daß  der
Zeichner,  welcher  in  seinem  dunkeln  Atelier  am  Ufer  der  Themse  die
LAäne  einer  großen  Schiffsmaschine  entwirft,  seine  Arbeit  gerade  so
gut  der  Erzeugung  von  Brot  und  Fleisch  widmet,  als  ob  er  in  Kalifornien ­
  Korn  einbrächte  oder  in  den  jdampas  von  La  jdlata  den  Lasso
schwänge;  daß  er  sich  seine  Kleider  so  gut  verfertigt,  als  ob  er  in  Australien
Schafe  scherte  oder  in  jdaisley  Tuch  webte;  und  den  Rotwein,  den
er  Mittags  trinkt,  so  gut  produziert,  als  ob  er  die  Trauben  an  den  Ufern
der  Garonne  persönlich  pflückte.  Der  Bergmann,  der  2000  Fuß  unter
der  Erde  im  herzen  des  Komstocks  Silbererze  gräbt,  heimst  damit  —
vermittels  unzähliger  Tausche  —Korn  in  Tälern  ein,  die  dem  Mittelpunkt ­
  der  Erde  5000  Fuß  näher  liegen,  jagt  den  Walfisch  durch  die  Eisfelder ­
  des  fernsten  Nordens,  pflückt  Tabak  in  virginien  und  Kaffeebohnen ­
  in  Honduras,  schneidet  Zuckerrohr  auf  den  hawaiischen  Inseln,
sammelt  Baumwolle  in  Georgia  oder  webt  sie  in  Manchester  oder
Lowell,  macht  niedliche  Kinderspielzeuge  im  harz  oder  pflückt  zwischen
dem  Grün  und  Gold  der  Gärten  von  Los  Angelos  die  Drangen,  die
er  nach  getaner  Arbeit  seinem  kranken  Weibe  heimbringt.  Der  Lohn,
den  er  Sonnabends  am  Ausgange  des  Schachts  erhält,  was  ist  er
anders,  als  der  in  aller  Welt  gültige  Schein,  daß  er  alle  diese  Dinge
getan  hat  —  in  der  langen  Reihe  von  Tauschen  der  erste  Tausch,  welcher
seine  Arbeit  in  die  Dinge  umwandelt,  für  die  er  tatsächlich  gearbeitet  hat?
Alles  dies  ist  klar,  wenn  es  in  dieser  weise  ins  Auge  gefaßt  wird;
aber  um  den  Irrtum  in  allen  seinen  Festen  und  Verstecken  aufzufinden,
müssen  wir  die  Sache  nicht  bloß  deduktiv,  sondern  auch  induktiv  untersuchen. ­
  wir  wollen  daher  jetzt  sehen,  ob,  wenn  wir  von  Tatsachen
ausgehen  und  ihre  Beziehungen  verfolgen,  wir  zu  denselben  Resultaten
gelangen,  als  wenn  wir,  von  Prinzipien  ausgehend,  ihre  Anwendbarkeit
auf  komplizierte  Tatsachen  untersuchen.

Kapitel  II.
Der  Sinn  der  Ausdrücke.
Ehe  wir  weiter  in  unserer  Untersuchung  fortfahren,  müssen  wir
uns  über  die  Bedeutung  unserer  Ausdrücke  klar  werden,  denn  Unbestimmtheit ­
  in  ihrer  Anwendung  muß  unvermeidlich  Zweideutigkeit
und  Unbestimmtheit  hervorbringen.  Nicht  allein  ist  es  für  die  ökonomi-
        <pb n="50" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

37

scheu  Untersuchungen  notwendig,  Worten  wie  „Güter",  „Kapital",
„Rente",  „Lohn"  und  dergleichen  einen  bestimmteren  Sinn  zu  geben,
als  sie  in  der  gewöhnlichen  Redeweise  haben,  sondern  unglücklicherweise
besteht  selbst  in  der  Nationalökonomie  keine  Übereinstimmung  über
den  Sinn  einiger  dieser  Wörter,  indem  verschiedene  Schriftsteller  mit
demselben  Ausdruck  verschiedene  Begriffe  verbinden,  und  dieselben
Schriftsteller  oft  einen  Ausdruck  in  verschiedenen  Bedeutungen  anwenden.
Nichts  kann  das,  was  von  so  vielen  hervorragenden  Schriftstellern  über
die  Wichtigkeit  klarer  und  bestimmter  Definitionen  gesagt  worden  ist,
mehr  bekräftigen,  als  das  nicht  seltene  Beispiel,  daß  dieselben  Autoren
eben  aus  dem  Grunde,  vor  dem  sie  warnten,  in  schwere  Irrtümer
verfallen.  Und  nichts  zeigt  so  sehr  die  Wichtigkeit  der  anzuwendenden
Ausdrücke  als  das  Schauspiel,  daß  selbst  scharfe  Denker  wichtige  Schlüsse
auf  den  Gebrauch  desselben  Wortes  in  verschiedenen  Bedeutungen
gründen.  Ich  werde  mich  bemühen,  diese  Gefahren  zu  vermeiden.  Ls
wird  durchweg  mein  Bestreben  sein,  bei  wichtigen  Ausdrücken  klar  zu
sagen,  was  ich  damit  meine  und  dieselben  dann  in  diesem  Sinne  und
in  keinem  anderen  zu  gebrauchen.  Den  Leser  aber  bitte  ich,  die  gegebenen ­
  Definitionen  zu  merken  und  im  Sinne  zu  behalten,  weil  ich
sonst  nicht  hoffen  kann,  mich  ihm  verständlich  zu  machen.  Ich  werde
nicht  versuchen,  den  Wörtern  willkürliche  Bedeutungen  zu  geben  oder
Ausdrücke  zu  schaffen,  auch  wenn  es  bequem  wäre  dies  zu  tun,  sondern
ich  werde  mich  dem  bestehenden  Gebrauch  so  weit  als  möglich  anpassen,
und  mich  nur  bemühen,  die  Bedeutung  der  Wörter  so  festzustellen,  daß  sie
klare  Gedanken  ausdrücken.
Was  uns  obliegt,  ist,  zu  erforschen,  ob  wirklich  die  Löhne  aus  dem
Kapital  entnommen  werden.  Zu  allernächst  wollen  wir  zu  diesem
Zwecke  feststellen,  was  wir  unter  Lohn,  und  was  wir  unter  Kapital
verstehen.  Dem  ersteren  Worte  ist  von  den  ökonomischen  Schriftstellern
ein  hinreichend  bestimmter  Sinn  gegeben  worden,  aber  die  Zweideutigkeiten, ­
  die  sich  in  der  Nationalökonomie  mit  dem  Gebrauch  des  letzteren
verknüpft  haben,  erfordern  eine  eingehende  Prüfung.
Im  gewöhnlichen  Leben  versteht  man  unter  „Lohn"  die  Vergütung, ­
  die  eine  gemietete  Person  für  ihre  Dienste  erhält,  und  wir
sprechen  von  einem  Manne,  der  „für  Lohn  arbeitet",  im  Gegensatz
zu  einem  anderen,  der  „für  sich  selbst  arbeitet".  Der  Gebrauch  des  Ausdrucks ­
  ist  noch  weiter  beschränkt  durch  die  Gewohnheit,  ihn  nur  als  eine
Vergütung  für  körperliche  Arbeit  anzuwenden.  Bei  Beamten,  Direktoren ­
  oder  Kommis  sprechen  wir  nicht  von  ihren  Löhnen,  sondern  von
ihrem  Honorar,  ihrem  Gehalt,  ihrem  Salär.  Somit  ist  also  der  gewöhnliche ­
  Sinn  des  Wortes  „Lohn"  die  einer  gemieteten  Person  für
körperliche  Arbeit  gezahlte  Vergütung.  In  der  Nationalökonomie  dagegen ­
  hat  das  wort  „Lohn"  einen  viel  weiteren  Sinn  und  schließt  alle
Erstattungen  für  Arbeit  in  sich.  Denn  wie  die  Nationalökonomen  lehren,
sind  die  drei  Faktoren  der  Produktion  Land,  Arbeit  und  Kapital,  und
        <pb n="51" />
        38

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

derjenige  Teil  des  Gesamtertrags,  welcher  auf  den  zweiten  dieser
Faktoren  entfällt,  wird  von  ihnen  Lohn  genannt.
Somit  schließt  der  Ausdruck  Arbeit  alle  menschliche  Anstrengung
bei  der  Lservorbringung  von  Gütern  ein,  und  der  Lohn  schließt  als
der  Teil  des  Produkts,  der  auf  die  Arbeit  entfällt,  alle  Belohnung
für  diese  Anstrengung  ein.  Im  nationalökonomischen  Sinne  des  Mortes
macht  daher  die  Art  der  Arbeit,  oder  ob  ihre  Belohnung  vermittels
eines  Arbeitgebers  erfolgt  oder  nicht,  keinen  Unterschied,  sondern  „Lohn"
bedeutet  die  für  geleistete  Arbeit  empfangene  Vergütung,  im  Unterschied ­
  von  der  Vergütung,  die  man  für  den  Gebrauch  von  Kapital  erhält, ­
  oder  die  der  Grundbesitzer  für  den  Gebrauch  seines  Grund  und
Bodens  empfängt.  Der  Mann,  welcher  den  Boden  für  sich  bebaut,
empfängt  feinen  Lohn  in  seinen  Erzeugnissen,  so  wie  er  auch  Zinsen
und  Renten  erhält,  wenn  er  sein  eigenes  Kapital  benutzt,  und  das  Land
ihm  zu  eigen  gehört;  des  Jägers  Lohn  ist  das  Mild,  das  er  tötet;  des
Fischers  Lohn  die  Fische,  die  er  fängt.  Das  Gold,  welches  der  für  eigene
Rechnung  arbeitende  Goldgräber  auswäscht,  ist  gerade  so  gut  sein  Lohn
wie  das  Geld,  das  dem  gemieteten  Kohlengräber  von  dem  Käufer
seiner  Arbeit  gezahlt  wird*),  und  die  hohen  Gewinne  der  Ladenbesitzer
sind,  wie  Adam  Smith  zeigt,  zum  größten  Teil  Lohn,  indem  sie  die
Vergütung  für  ihre  Arbeit,  nicht  für  ihr  Kapital  sind.  Kurz,  alles  was
als  Resultat  oder  Belohnung  der  Arbeit  gewonnen  wird,  ist  „Lohn".
Dies  ist  alles,  was  für  jetzt  über  den  „Lohn"  zu  bemerken  wäre,
doch  ist  es  wichtig,  es  im  Sinne  zu  behalten.  Denn  in  den  meisten
ökonomischen  Werken  wird  dieser  Sinn  des  Ausdrucks  Lohn  mit  größerer
oder  geringerer  Klarheit  nur  anerkannt,  um  weiterhin  ignoriert  zu
werden.
Schwerer  jedoch  ist  es,  den  Begriff  des  „Kapitals"  der  Zweideutigkeiten, ­
  die  ihm  anhaften,  zu  entkleiden  und  den  wissenschaftlichen ­
  Sinn  des  Wortes  festzustellen.  In  der  gewöhnlichen  Redeweise
nennt  man  alle  Arten  von  Dingen,  die  einen  wert  haben  oder  einen
Ertrag  liefern,  Kapital;  die  ökonomischen  Schriftsteller  dagegen  weichen
so  weit  voneinander  ab,  daß  man  kaum  sagen  kann,  das  Wort  habe
einen  bestimmten  Sinn.  wir  wollen  hier  die  Definitionen  einiger
der  hervorragendsten  Schriftsteller  miteinander  vergleichen.
Adam  Smith  sagt  (Buch  II.  Kap.  I.):
„Derjenige  Teil  eines  Vermögens,  von  dem  jemand  ein  Einkommen  erwartet,
wird  sein  Kapital  genannt"  und  definiert,  daß  das  Kapital  eines  Landes  oder
einer  Gesellschaft  bestehe  aus:  ;)  Maschinen  und  Werkzeugen,  die  die  Arbeit  erleichtern ­
  und  abkürzen;  2)  Gebäuden,  und  zwar  nicht  bloß  Wohnungen,  sondern  auch
solchen,  die  als  Werkzeuge  oder  geschäftliche  Hilfsmittel  angesehen  werden  können,
wie  z.B.  Läden,  Scheunen,  Speicher  usw.;  3)Verbesserungen  des  Grund  und  Bodens,

*)  Dies  wurde  auch  in  Kalifornien  in  der  gewöhnlichen  Redeweise  anerkannt;  dort
nannte  der  Goldwäscher  seinen  Verdienst  „Lohn"  und  je  nach  dem  Betrage  des  gewonnenen ­
  Goldes  sagte  er,  er  mache  hohen  oder  niedrigen  Lohn.
        <pb n="52" />
        Kap.  XI.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

39

die  denselben  für  den  Anbau  oder  die  Kultur  geeignet  machen;  4)  den  erworbenen
und  nützlichen  Zähigkeiten  aller  Einwohner;  5)  Geld;  s)  Vorräten  in  den  fänden
der  Produzenten  und  vändler,  von  deren  verkauf  sie  einen  Gewinn  erwarten;
7)  dem  noch  in  den  fänden  der  Produzenten  oder  Händler  befindlichen  Rohmaterial
der  Ganz-  oder  Halbfabrikate;  8)  den  fertigen  Artikeln,  die  sich  noch  in  den  fänden
der  Produzenten  oder  Händler  befinden.
Die  ersten  vier  bezeichnet  er  als  fixes  Kapital  und  die  letzten  vier
als  unrlaufendes  Kapital,  eine  Unterscheidung,  von  der  wir  für  unseren
Zweck  keine  weitere  Notiz  zu  nehmen  brauchen.
Ricardos  Definition  ist:
„Kapital  ist  derjenige  Teil  der  Güter  eines  Landes,  welcher  zur  Produktion
benutzt  wird,  und  besteht  aus  Nahrungsmitteln,  Kleidungsstücken,  Werkzeugen,  Rohmaterialien, ­
  Maschinen  usw.,  die  nötig  sind,  um  die  Arbeit  zu  ermöglichen."  Principles
of  Political  Economy.  Kap.  4.
Diese  Definition  ist,  wie  man  sieht,  sehr  verschieden  von  der  Adam
Smiths,  da  sie  viele  der  Dinge  ausschließt,  welche  er  einschließt  —
wie  erworbene  Talente,  bloße  Kunst-  oder  Luxusartikel  im  Besitz  von
Produzenten  oder  Händlern;  und  andererseits  einige  Sachen  einbegreift,
  welche  jener  ausschließt  —  wie  z.  B.  Nahrungsmittel,
Kleider  usw.  —,  die  sich  im  Besitz  des  Konsumenten  befinden.
McLullochs  Definition  lautet:
„Das  Kapital  einer  Nation  umfaßt  tatsächlich  alle  die  Teile  der  Erzeugnisse
des  innerhalb  derselben  bestehenden  Gewerbfleißes,  welche  unmittelbar  dazu  benutzt
werden  können,  um  entweder  das  menschliche  Dasein  zu  erhalten  oder  die  Produktion
zu  erleichtern."  Notes  on  Wealth  of  Kations.  Buch  II.  Kap.  I.
Diese  Definition  nähert  sich  derjenigen  Ricardos,  nur  ist  sie  umfassender. ­
  während  sie  alles  ausschließt,  was  nicht  die  Produktion
zu  unterstützen  vermag,  schließt  sie  alles  ein,  was  dessen  fähig  ist,  ohne
Rücksicht  auf  den  wirklichen  Gebrauch  oder  die  Notwendigkeit  der
Benutzung,  —  das  zum  Vergnügen  gehaltene  Kutschpferd  ist  nach
McLullochs  Ansicht,  wie  er  ausdrücklich  konstatiert,  ebensogut  Kapital
als  der  Ackergaul,  weil  es  im  Fall  der  Not  auch  vor  den  Pflug  gespannt
werden  kann.
)ohn  Stuart  Mill,  der  im  allgemeinen  Ricardo  und  McLulloch
folgt,  macht  weder  den  Gebrauch,  noch  die  Fähigkeit  zum  Gebrauch,
sondern  die  Bestimmung  zum  Gebrauch  zum  Merkmal  des  Kapitals.
Er  sagt:
„Alle  Dinge,  die  bestimmt  sind,  produktive  Arbeiter  mit  dem  Schutz  und  Beistand, ­
  den  Werkzeugen  und  Materialien  zu  versehen,  welche  die  Arbeit  erfordert,
den  Arbeiter  zu  ernähren  und  überhaupt  während  der  Arbeit  zu  erhalten,  sind  Kapital."
Principles  of  Political  Economy.  Buch  I.  Kap.  IV.
Diese  Zitate  kennzeichnen  hinlänglich  die  Abweichungen  der  Meister.
Unter  den  minder  bedeutenden  Autoren  ist  die  Uneinigkeit  noch  größer,
wie  einige  Beispiele  genügend  zeigen  werden.
Professor  watzland,  dessen  „Moments  ot  Political  Monoms"
lange  ein  beliebtes  Lehrbuch  in  amerikanischen  Unterrichtsanstalten  war,
        <pb n="53" />
        HO

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

soweit  dort  überhaupt  Nationalökonomie  gelehrt  wurde,  gibt  darin,
Buch  I.  Kap.  I.,  folgende  klare  Definition:
„Das  Wort  Kapital  wird  in  doppeltem  Sinne  gebraucht.  Mit  Bezug  auf  das
Produkt  bedeutet  es  jede  Substanz,  auf  welche  Gewerbfleiß  verwendet  wird.  Mit
Bezug  auf  den  Gewerbfleiß  bedeutet  es  die  Stoffe,  denen  derselbe  wert  verleihen
will  oder  bereits  wert  verliehen  hat;  die  Werkzeuge,  die  zur  Verleihung  von  wert
gebraucht  werden,  sowie  die  Mittel  des  Unterhalts,  durch  welche  der  Mensch  erhalten
wird,  während  er  damit  beschäftigt  ist,  die  Arbeit  zu  verrichten."
Lsenry  L.  Larey,  der  amerikanische  Apostel  des  Schutzsystems,
definiert  Kapital  als  „das  Instrument,  durch  welches  der  Mensch  die
Herrschaft  über  die  Natur  erlangt,  einschließlich  der  physischen  und
geistigen  Kräfte  des  Menschen  selber".  Professor  Perry,  ein  Freihändler ­
  von  Massachusetts,  hält  dem  sehr  richtig  entgegen,  daß  damit
die  Grenzen  zwischen  dem  Kapital  und  Arbeit  hoffnungslos  verwirrt
werden,  verwirrt  dann  aber  seinerseits  wieder  hoffnungslos  die  Grenzen
zwischen  Kapital  und  Grund  und  Boden,  indem  er  das  Kapital  definiert
als:  „jedes  wertvolle  Ding  außer  dem  Menschen  selbst,  aus  dessen
Gebrauch  ein  Geldzuwachs  oder  Gewinn  entsteht".  Ein  englischer
ökonomischer  Schriftsteller  von  hohem  Rang,  wm.  Thornton,  beginnt
eine  gelehrte  Untersuchung  der  Beziehungen  zwischen  Arbeit  und  Kapital
(„On  Labor“)  mit  der  Bemerkung,  daß  er  den  Grund  und  Boden  im
Kapital  einbegreifen  wolle,  was  genau  dasselbe  ist,  als  wenn  jemand,
der  Algebra  lehren  will,  mit  der  Erklärung  anfängt,  daß  er  die  Zeichen
plus  und  minus  als  gleichbedeutend  und  gleichwertig  ansehen  wolle.
Ein  ebenfalls  bedeutender  amerikanischer  Schriftsteller,  Professor  Francis
A.  Walker,  gibt  in  feinem  gelehrten  Buch  über  die  Lohnfrage  dieselbe ­
  Erklärung  ab.  Ein  anderer  englischer  Schriftsteller,  N.  A.  Nicholson ­
  („The  Science  of  Exchanges",  London,  H873)  setzt  der  Absurdität
die  Krone  auf,  indem  er  in  einem  Satze  (Seite  26)  erklärt:  „daß  das
Kapital  natürlich  durch  Sparen  angesammelt  werden  muß"  und  im
nächsten  Sahe  konstatiert,  „das  Land,  welches  eine  Ernte  erzeugt,  der
Pflug,  welcher  die  Erde  aufreißt,  die  Arbeit,  welche  das  Produkt  schafft,
und  das  Produkt  selbst,  wenn  ein  materieller  Gewinn  aus  seinem  Gebrauch ­
  zu  ziehen  ist,  sind  alle  gleichermaßen  Kapital",  wie  aber  Grund
und  Boden  und  Arbeit  durch  Sparen  angesammelt  werden  sollen,
geruht  er  nirgends  zu  sagen.  Ebenso  erklärt  ein  namhafter  amerikanischer ­
  Schriftsteller,  Professor  Amasa  Walker  (Seite  66  „Science
of  wealth“)  zuerst,  daß  das  Kapital  aus  den  Nettoersparnissen  der  Arbeit
entspringe,  und  gleich  darauf,  daß  der  Grund  und  Boden  Kapital  sei.
Ich  könnte  seitenlang  fortfahren,  einander  widersprechende  und
sich  selber  widersprechende  Definitionen  zu  zitieren.  Aber  es  würde
den  Leser  nur  ermüden.  Ls  ist  überflüssig,  die  Zitate  zu  vermehren.
Die  schon  gegebenen  genügen,  um  zu  zeigen,  welche  große  Verschiedenheit ­
  in  der  Auffassung  des  Ausdruckes  Kapital  obwaltet.  Jeder,  der
weitere  Beispiele  der  babylonischen  Verwirrung  braucht,  welche  über
        <pb n="54" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

diesen  Gegenstand  unter  den  Lehrern  der  Nationalökonomie  herrscht,
kann  sie  in  jeder  Bibliothek,  wo  ihre  Werke  nebeneinander  stehen,  finden.
Ls  macht  zwar  wenig  Unterschied,  welchen  Namen  wir  den  Dingen
geben,  wofern  wir  nur  bei  Anwendung  des  Namens  immer  dieselben
Dinge  im  Auge  behalten.  Aber  der  Ubelstand,  der  in  nationalökonomischen ­
  Untersuchungen  aus  solchen  unbestimmten  und  wechselnden
Definitionen  des  Kapitals  erwächst,  ist  der,  daß  der  Ausdruck  nur  in
den  Prämissen  in  dem  durch  die  Definition  ihm  beigelegten,  besonderen
Sinne  gebraucht  wird,  während  derselbe  bei  den  praktischen  Schlüssen,
zu  denen  man  gelangt,  stets  in  einem  allgemeinen  und  bestimmten
Sinne  gebraucht  oder  wenigstens  verstanden  wird.  peißt  es  z.  B.,
daß  der  Arbeitslohn  dem  Kapital  entnommen  wird,  so  versteht  man
das  Wort  Kapital  in  demselben  Sinne,  als  wenn  wir  von  Mangel  oder
Überfluß,  von  Ab-  oder  Zunahme,  von  Vernichtung  oder  Erzeugung
von  Kapital  sprechen  —  ein  allgemein  verstandener  und  bestimmter
Sinn,  der  das  Kapital  von  den  anderen  Faktoren  der  Produktion,  dem
Grund  und  Boden  und  der  Arbeit,  trennt  und  es  auch  von  ähnlichen
Dingen,  die  nur  dem  Genusse  dienen,  scheidet.  Zn  der  Tat  verstehen
die  meisten  Leute  gut  genug,  was  Kapital  ist,  bis  sie  ansangen  dasselbe
zu  definieren,  und  ich  denke,  die  in  ihren  Definitionen  so  weit  voneinander
abweichenden  ökonomischen  Schriftsteller  beweisen  durch  ihre  Werke,
daß  sie  den  Ausdruck  in  diesem  allgemein  verstandenen  Sinne  in  allen
Fällen  gebrauchen,  außer  bei  ihren  Definitionen  und  den  darauf  gegründeten ­
  Argumenten.
Dieser  gewöhnliche  Sinn  des  Wortes  ist  der  von  Gütern,  die  zur
Produktion  von  mehr  Gütern  benutzt  werden.  Adam  Smith  drückt
diesen  gewöhnlichen  Gedanken  richtig  aus,  wenn  er  sagt:  „Derjenige
Teil  eines  Vermögens,  von  welchem  jemand  ein  Einkommen  erwartet, ­
  wird  sein  Kapital  genannt."  Und  das  Kapital  eines  Landes
ist  augenscheinlich  die  Summe  solcher  individuellen  Vermögen  oder
derjenige  Teil  des  Gesamtvermögens,  von  dem  erwartet  wird,  daß
er  mehr  Güter  verschaffe.  Dies  ist  auch  der  etymologische  Sinn  des
Ausdrucks.  Das  Wort  Kapital  ist,  wie  die  Philologen  nachweisen,
aus  einer  Zeit  auf  uns  gekommen,  wo  die  Güter  in  Rindern  geschätzt
wurden  und  jemandes  Einkommen  von  der  Kopfzahl,  die  er  zu  ihrer
Vermehrung  halten  konnte,  abhing.
Die  Schwierigkeiten,  welche  den  Gebrauch  des  Wortes  Kapital
als  eines  exakten  Ausdrucks  umgeben  und  welche  in  den  gewöhnlichen
politischen  und  sozialen  Erörterungen  sogar  noch  schlagender  als  bei
den  Definitionen  der  ökonomischen  Schriftsteller  hervortreten,  entstehen
aus  zwei  Umständen:  erstens,  daß  gewisse  Klassen  von  Dingen,  deren
Besitz  für  den  einzelnen  ganz  gleichbedeutend  mit  dem  Besitz  von  Kapital
ist,  keine  Teile  des  Kapitals  der  Gesellschaft  sind,  und  zweitens,  daß
die  nämlichen  Dinge  Kapital  sein  können  oder  nicht,  je  nach  dem  Zwecke,
dem  sie  gewidmet  sind.
        <pb n="55" />
        Arbeitslohn  und  Kapital.  Buch  I.

Bei  etwas  Sorgfalt  hinsichtlich  dieser  Punkte  dürfte  es  nicht  schwer
sein,  einen  hinreichend  klaren  und  bestimmten  Begriff  davon  zu-gewinnen, ­
  was  der  Ausdruck  Kapital,  wie  er  gewöhnlich  gebraucht  wird,
eigentlich  umfaßt,  einen  Begriff,  wie  er  uns  in  den  Stand  fetzt,  zu
sagen,  welche  Dinge  Kapital  sind  und  welche  nicht,  um  das  Wort  ohne
Zweideutigkeit  oder  Fehltritt  zu  gebrauchen.
Grund  und  Boden,  Arbeit  und  Kapital  find  die  drei  Faktoren  der
Produktion.  Wenn  wir  uns  erinnern,  daß  Kapital  sonach  ein  Ausdruck
ist,  der  im  Gegensatze  zum  Grund  und  Boden  und  zur  Arbeit  gebraucht
wird,  so  sehen  wir  sofort,  daß  nichts,  was  unter  eine  der  letzteren  beiden
Bezeichnungen  gehört,  unter  das  Kapital  klassifiziert  werden  kann.  Der
Ausdruck  Grund  und  Boden  umfaßt  notwendig  nicht  bloß  die  Oberfläche ­
  der  Erde,  im  Unterschied  von  Luft  und  Wasser,  sondern  die  ganze
materielle  Schöpfung  mit  Ausnahme  des  Menschen  selbst,  denn  nur
dadurch,  daß  er  Zugang  zum  Grund  und  Boden  hat,  aus  dem  selbst
sein  Körper  hervorgegangen  ist,  kann  der  Mensch  in  Berührung  mit
der  Natur  kommen  und  sie  benutzen.  Kurz,  der  Ausdruck  Grund  und
Boden  umfaßt  alle  natürlichen  Stoffe,  Kräfte  und  Vorteile,  und
deshalb  kann  nichts,  was  von  der  Natur  frei  geliefert  wird,  zum  Kapital
gerechnet  werden.  Lin  fruchtbares  Feld,  eine  reiche  Lrzmine,  ein  fallender
Strom  mit  starker  Wasserkraft  mögen  dem  Besitzer  gleichwertige  Vorteile ­
  verleihen  wie  der  Besitz  von  Kapital,  aber  solche  Dinge  als  Kapital
zu  bezeichnen,  hieße  der  Unterscheidung  zwischen  Grund  und  Boden
und  Kapital  ein  Ende  machen  und,  soweit  sie  sich  aufeinander  beziehen,
den  beiden  Ausdrücken  ihren  Sinn  nehmen.  Der  Ausdruck  Arbeit
schließt  in  gleicher  weise  alle  menschliche  Anstrengung  ein,  und  somit
können  menschliche  Kräfte,  ob  natürliche  oder  erworbene,  nie  demKapital
zugerechnet  werden.  )m  gewöhnlichen  Leben  sprechen  wir  zwar  oft
von  jemandes  Kenntnissen,  Geschicklichkeit  und  Fleiß  als  von  seinem
Kapital,  doch  ist  dies  augenscheinlich  nur  ein  bildlicher  Ausdruck,  den
man  bei  einer  auf  Genauigkeit  Anspruch  erhebenden  Erörterung  vermeiden ­
  muß.  Überlegenheit  in  solchen  Eigenschaften  mag  das  Einkommen ­
  des  einzelnen  gerade  so  vergrößern,  wie  das  Kapital  es  tun
würde,  und  eine  Zunahme  der  Kenntnisse,  der  Geschicklichkeit  oder
des  Fleißes  in  einem  Gemeinwesen  mag  auf  die  Vermehrung  seiner
Produktion  dieselbe  Wirkung  wie  eine  Kapitalzunahme  haben;  aber
diese  Wirkung  rührt  von  der  vermehrten  Macht  der  Arbeit  her,  und
nicht  vom  Kapital,  vergrößerte  Schnelligkeit  mag  dem  Anprall  einer
Kanonenkugel  denselben  Effekt  verleihen  wie  vergrößertes  Gewicht,
aber  nichtsdestoweniger  find  Gewicht  und  Schnelligkeit  verschiedene
Dinge.
Somit  müssen  wir  aus  der  Kategorie  des  Kapitals  alles  ausschließen,
was  entweder  unter  Grund  und  Boden  oder  unter  Arbeit  eingeschlossen
werden  kann.  Dies  getan,  bleiben  nur  Dinge  übrig,  welche  weder  Land
noch  Arbeit  sind,  welche  aber  aus  der  Vereinigung  dieser  beiden  Original-
        <pb n="56" />
        Aap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

&amp;lt;*3

fafioren  der  Produktion  entstanden.  Nichts  kann  füglich  Kapital  sein,
was  nicht  aus  diesen  besteht,  d.  h.  nichts  kann  Kapital  sein,  was  nicht
ein  Gut  ist.
Aus  den  Zweideutigkeiten  irrt  Gebrauch  dieses  umfassenderen  Ausdrucks ­
  „Güter"  lassen  sich  aber  viele  der  Zweideutigkeiten  herleiten,
welche  den  Ausdruck  Kapital  verwirren.
Zur  gewöhnlichen  Sprachgebrauch  wendet  man  das  Wort  „Güter"
auf  alles  an,  was  einen  Tauschwert  hat.  Zn  der  Nationalökonomie
dagegen  muß  es  auf  einen  bestimmteren  Sinn  begrenzt  werden,  weil
man  oft  von  vielen  Dingen  als  von  Gütern  spricht,  die  bei  der  Bezeichnung ­
  der  gemeinsamen  oder  allgemeinen  Güter  überhaupt  nicht
als  Güter  betrachtet  werden  können.  Solche  Dinge  haben  wohl  einen
Tauschwert  und  werden  gewöhnlich  Güter  genannt,  weil  sie  unter
den  einzelnen  oder  unter  Kategorien  von  einzelnen  die  Befähigung
darstellen,  sich  Güter  zu  verschaffen;  aber  sie  sind  keine  wirklichen  Güter,
da  ihre  Zu-  oder  Abnahme  die  Summe  der  Güter  gar  nicht  berührt.
Dahin  gehören  Staatspapiere,  Hypothekenbriefe,  Wechsel,  Banknoten
oder  sonstige  formen  der  Übertragung  von  Gütern.  Dahin  gehören
auch  die  Sklaven,  deren  wert  nur  die  Macht  der  einen  Klasse  darstellt,
sich  den  Erwerb  einer  anderen  Klasse  anzueignen.  Dahin  gehören
auch  Grundstücke  oder  andere  natürliche  Vorteile,  deren  wert  nur
darin  besteht,  daß  das  ausschließliche  Recht  bestimmter  Personen  auf
ihre  Benutzung  anerkannt  wird,  und  welche  bloß  die  den  Eigentümern
auf  diese  weise  verliehene  Macht  darstellen,  einen  Anteil  an  den  durch
die  Benutzer  derselben  hervorgebrachten  Gütern  zu  fordern.  Eine  Vermehrung ­
  des  Betrages  von  Schuldbriefen,  Hypotheken,  Banknoten
oder  Bankwechseln  kann  die  Güter  des  Gemeinwesens  nicht  vermehren,
da  dasselbe  sowohl  die,  welche  zu  zahlen  versprechen,  wie  die,  welche
zu  empfangen  berechtigt  sind,  einschließt.  Die  Sklaverei  eines  Teils
des  Volkes  kann  die  Güter  desselben  nicht  vermehren,  denn  was  die
Sklavenbesitzer  gewinnen,  verlieren  die  Sklaven.  Die  Wertsteigerung
des  Grund  und  Bodens  stellt  keine  Vermehrung  der  gemeinsamen
Güter  dar,  denn  was  die  Grundbesitzer  durch  höhere  preise  gewinnen,
büßen  die  Käufer  oder  Pächter,  welche  dieselben  zu  zahlen  haben,  ein.
Und  all  diese  relativen  Güter,  die  nach  der  gewöhnlichen  Ansicht  und
nach  dem  Sprachgebrauch,  in  Gesetz  und  Recht  von  wirklichen  Gütern
nicht  verschieden  sind,  könnten  mit  nichts  weiter  als  einigen  Tropfen
Tinte  und  einem  Stück  Papier  gänzlich  aus  der  Welt  geschafft  werden.
Durch  Erlaß  der  höchsten  Staatsgewalt  könnten  alle  Schulden  getilgt,
alle  Sklaven  befreit  und  der  Grund  und  Boden  wieder  zum  Gemeingut
des  ganzen  Volkes  gemacht  werden,  ohne  daß  damit  der  Gesamtreichtum ­
  um  den  wert  einer  Prise  Tabak  vermindert  würde,  denn
was  die  einen  verlieren,  würden  die  anderen  gewinnen.  Ls  würden
dadurch  eben  so  wenig  Güter  vernichtet  werden  als  Güter  dadurch
geschaffen  wurden,  daß  Elisabeth  Tudor  ihre  Günstlinge  durch  Monopole
        <pb n="57" />
        Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

bereicherte,  oder  daß  Boris  Godunof  die  russischen  Bauern  zu  verkäuflichem ­
  Besitz  machte.
Alle  Dinge,  die  einen  Tauschwert  haben,  sind  deshalb  noch  nicht
Güter  in  dem  einzigen  Sinne,  in  welchem  der  Ausdruck  in  der  Nationalökonomie ­
  gebraucht  werden  darf.  Nur  solche  Dinge  können  Güter
sein,  deren  Erzeugung  die  Summe  der  Güter  vermehrt,  oder  deren  Vernichtung ­
  dieselbe  vermindert,  wenn  wir  betrachten,  welche  Dinge
dies  sind  und  von  welcher  Beschaffenheit  sie  sind,  so  werden  wir  keine
Schwierigkeit  haben,  das  Wort  „Güter"  zu  definieren.
wenn  wir  von  einem  an  Reichtum  zunehmenden  Staate  sprechen
—  wenn  wir  z.  B.  sagen,  daß  England  seit  dem  Regierungsantritt
der  Königin  Victoria  an  Reichtum  zugenommen  habe,  oder  das  Kalifornien ­
  jetzt  reicher  sei  als  zur  Zeit  seiner  mexikanischen  Staatsangehörigkeit ­
  —,  so  meinen  wir  damit  nicht,  daß  es  jetzt  darin  mehr  Grund  und
Boden  gibt,  oder  daß  die  natürlichen  Kräfte  des  Landes  größer  sind,
oder  daß  ^die  Zahl  der  Einwohner  sich  vermehrt  hat  (denn  wenn  wir
diesen  Gedanken  auszudrücken  wünschen,  sprechen  wir  von  einer  Zunahme ­
  der  Bevölkerung),  oder  daß  die  Schulden  und  Verbindlichkeiten
einzelner  gegen  andere  angewachsen  sind,  sondern  wir  meinen  damit,
daß  eine  Vermehrung  gewisser  handgreiflicher  Dinge  stattgefunden  hat,
die  nicht  bloß  relativen,  sondern  wirklichen  wert  haben,  wie  z.  B.
Gebäude,  Vieh,  Maschinen,  Werkzeuge,  Ackerbau-  und  Bergwerksprodukte, ­
  Fabrikate,  Schiffe,  Waggons,  Möbel  und  dergleichen.  Die
Zunahme  solcher  Dinge  bildet  eine  Zunahme  von  Gütern;  ihre  Abnahme ­
  ist  eine  Abnahme  von  Gütern,  und  der  Staat,  der  im  Verhältnis ­
  zur  Anzahl  seiner  Mitglieder  die  meisten  solcher  Dinge  besitzt,  ist
der  reichste.  Der  gemeinsame  Lharakter  dieser  Dinge  ist,  daß  sie  aus
natürlichen  Substanzen  oder  Produkten,  die  durch  menschliche  Arbeit
dem  menschlichen  Nutzen  oder  Genusse  dienstbar  gemacht  wurden,  bestehen, ­
  und  ihr  wert  hängt  von  der  Summe  von  Arbeit  ab,  welche
durchschnittlich  zur  Erzeugung  von  Dingen  gleicher  Art  erforderlich  sein
würde.
Somit  bestehen  die  Güter  in  dem  Sinne,  wie  der  Ausdruck  in  der
Nationalökonomie  allein  gebraucht  werden  kann,  aus  natürlichen  Produkten, ­
  die  durch  menschliche  Arbeit  beschafft,  fortbewegt,  vereinigt,
getrennt  oder  auf  andere  Art  verändert  wurden,  um  sie  für  die  Befriedigung ­
  menschlicher  wünsche  geeignet  zu  machen.  Güter  sind,  mit
anderen  Worten,  Arbeit,  die  den  Stoff  derartig  verwandelt  hat,  daß,
ähnlich  wie  die  Sonnenwärme  in  der  Kohle  aufgespeichert  ist,  die  Kraft
menschlicher  Arbeit  aufgespeichert  ist,  um  menschlichen  wünschen  zu
dienen.  Güter  sind  nicht  der  einzige  Zweck  der  Arbeit,  denn  es

wird  auch  Arbeit  aufgewendet,  um  menschlichen  wünschen  unmittelbar
zu  dienen;  aber  die  Güter  sind  der  Zweck  und  das  Ergebnis  dessen,
was  wir  produktive  Arbeit  nennen  —  d.  h.  der  Arbeit,  die  materiellen
Dingen  wert  verleiht.  Nichts,  was  die  Natur  den  Menschen  ohne
        <pb n="58" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

H5

Arbeit  gibt,  ist  ein  Gut  inr  ökonomischen  Sinne,  noch  entstehen  aus
der  Aufwendung  von  Arbeit  Güter,  wenn  nicht  ein  greifbares  Produkt
hervorgebracht  wird,  das  die  Kraft  der  Bedürfnisbefriedigung  hat  und
behält.  Da  nun  das  Kapital  der  einem  bestimmten  Zwecke  gewidmete
Gütervorrat  ist,  so  kann  nichts  Kapital  fein,  was  nicht  in  diese  Definition ­
  der  Güter  paßt.  wenn  wir  dies  erkennen  und  im  Auge  behalten, ­
  werden  wir  falsche  Auffassungen  los,  die  alle  Schlüffe,  bei  denen
sie  eine  Rolle  spielen,  fälschen,  die  Ansichten  des  Volkes  umnebeln
und  selbst  scharfsinnige  Denker  in  Labyrinthe  von  Widersprüchen  geführt ­
  haben.
Obwohl  aber  alles  Kapital  aus  Gütern  besteht,  so  sind  doch  nicht
alle  Güter  Kapital.  Das  Kapital  ist  nur  ein  Teil  der  Güter,  jener
Teil  nämlich,  der  der  Unterstützung  der  Produktion  gewidmet  wird.
Bei  der  Unterscheidung  zwischen  den  Gütern,  die  Kapital  sind,  und
den  Gütern,  die  es  nicht  find,  stellt  sich  leicht  eine  zweite  Klasse  von
irrtümlichen  Auffassungen  ein.
Die  Irrtümer,  die  ich  nachgewiesen  habe  und  die  in  der  Verwechselung ­
  der  Güter  und  des  Kapitals  mit  wesentlich  verschiedenen
Dingen,  d.  h.  solchen,  die  nur  ein  relatives  Dasein  haben,  hestehen,
sind  jetzt  nur  noch  vulgäre  Irrtümer.  Sie  sind  allerdings  weitverbreitet
und  haben  eine  tiefe  Wurzel,  da  sie  nicht  bloß  von  den  weniger  gebildeten ­
  Klassen,  sondern  anscheinend  auch  von  der  großen  Mehrheit
derjenigen  gehegt  werden,  die  in  so  vorgeschrittenen  Ländern  wie
England  und  die  vereinigten  Staaten  die  öffentliche  Meinung  formen
und  leiten,  in  Parlamenten  und  Kongressen  die  Gesetze  machen  und
sie  in  den  Gerichtshöfen  anwenden.  Sie  wuchern  überdies  in  den  Erörterungen ­
  vieler  jener  oberflächlichen  Schriftsteller,  die  mit  zahlreichen
Bänden  sogenannter  Nationalökonomie,  welche  bei  den  Unwissenden
für  Lehrbücher  und  bei  denen,  die  nicht  selbst  denken,  für  Autoritäten
passieren,  die  Literatur  belastet  und  das  Urteil  getrübt  haben!  Nichtsdestoweniger ­
  sind  es  nur  vulgäre  Irrtümer,  um  so  mehr  als  sie  in  den
besten  nationalökonomischen  Schriftstellern  keinen  Vorschub  finden.
Durch  eines  jener  versehen,  welche  sein  großes  Werk  beeinträchtigen
und  schlagend  die  Unvollkommenheit  auch  des  größten  Talentes  beweisen, ­
  zählt  Adam  Smith  gewisse  persönliche  Eigenschaften  zum  Kapital,
deren  Einbeziehung  mit  seiner  ursprünglichen  Definition  des  Kapitals
als  Vermögen,  von  dem  ein  Einkommen  erwartet  wird,  unvereinbar
ist.  Aber  von  seinen  bedeutendsten  Nachfolgern  wurde  dieser  Irrtum
vermieden  und  ist  in  den  vorhin  gegebenen  Definitionen  von  Ricardo,
McLulloch  und  Mill  nicht  enthalten,  weder  in  ihren  Definitionen,
noch  in  derjenigen  Smiths  ist  der  vulgäre  Irrtum  enthalten,  der  mit
wirklichem  Kapital  Dinge  zusammenwirft,  die  nur  relativ  Kapital  sind
wie  Schuldurkunden,  Hypothekenbriefe  usw.  Aber  hinsichtlich  der  Dinge,
die  wirklich  Güter  sind,  weichen  ihre  Definitionen  sowohl  voneinander,
als  besonders  von  Smith  eben  so  weit  ab,  wie  hinsichtlich  dessen,  was
        <pb n="59" />
        Arbeitslohn  und  Rapital.

Buch  I*

als  Kapital  zu  betrachten  ist  und  was  nicht.  Die  Vorräte  eines  Juweliers
z.  B.  würden  nach  der  Auffassung  von  Smith  als  Kapital  betrachtet,
Nahrungsmittel  und  Kleidungsstücke  eines  Arbeiters  dagegen  ausgeschlossen ­
  werden.  Die  Definitionen  von  Ricardo  und  McEulloch
schließen  dagegen  den  Vorrat  des  Juweliers  aus,  ebenso  diejenige
Mills,  wenn  die  von  mir  zitierten  Worte  desselben  so  zu  verstehen  sind,
wie  die  meisten  sie  verstehen  würden.  Nach  seiner  Erläuterung  jedoch
entscheidet  weder  die  Natur  noch  die  Bestimmung  der  Dinge  selbst
darüber,  ob  sie  Kapital  sind  oder  nicht,  sondern  vielmehr  die  Absicht
des  Eigentümers,  ob  er  entweder  die  Dinge  selbst  oder  den  bei  ihrem
Verkauf  empfangenen  Wert  dazu  benutzen  will,  um  produktive  Arbeit
mit  Werkzeugen,  Stoffen  und  Unterhalt  zu  versehen.  Alle  diese  Definitionen ­
  schließen  jedoch  übereinstimmend  die  Vorräte  und  Kleider
des  Arbeiters  ein,  welche  Smith  ausschließt.
Wir  wollen  jetzt  diese  drei  Definitionen,  welche  die  besten  Lehren
der  herrschenden  Nationalökonomie  darstellen,  näher  betrachten.
Gegen  McLullochs  Definition  des  Kapitals  als  „alle  die  Teile
der  Erzeugnisse  des  Gewerbfleißes,  welche  unmittelbar  dazu  benutzt
werden  können,  um  entweder  das  menschliche  Dasein  zu  erhalten  oder
die  Produktion  zu  erleichtern",  gibt  es  naheliegende  Einwendungen.
Man  braucht  nur  irgendeine  Hauptstraße  einer  blühenden  Stadt  entlang ­
  zu  gehen  und  die  Läden  mit  allen  Arten  wertvoller  Dinge  zu
sehen,  die  zwar  weder  zur  Erhaltung  des  menschlichen  Daseins,  noch  zur
Erleichterung  der  Produktion  verwendet  werden  können,  gleichwohl
aber  unzweifelhaft  ein  Teil  des  Kapitals  des  Ladeninhabers  und  ein
Teil  des  Kapitals  der  Gesellschaft  sind.  Und  nicht  minder  kann  man
Erzeugnisse  des  Gewerbfleißes  sehen,  die  wohl  geeignet  sind,  das  menschliche ­
  Dasein  zu  erhalten  und  die  Produktion  zu  erleichtern,  gleichwohl
aber  nur  der  Eitelkeit  und  dem  Luxus  dienen.  Sicherlich  bilden  dieselben,
obgleich  sie  es  könnten,  keinen  Teil  des  Kapitals.
Ricardos  Definition  vermeidet,  unter  dem  Kapital  Dinge  zu  begreifen, ­
  die  zur  Produktion  verwendet  werden  könnten,  aber  nicht
werden,  und  umfaßt  nur  diejenigen,  die  so  verwendet  werden.  Aber
auch  sie  unterliegt  dem  ersteren,  gegen  McEulloch  erhobenen  Einwände,
wenn  nur  diejenigen  Güter  Kapital  sind,  die  zum  Unterhalt  von  Produzenten ­
  oder  zum  Beistand  der  Produktion  verwendet  werden  oder
werden  können  oder  dazu  bestimmt  sind,  dann  sind  die  Vorräte  der
Juweliere,  Spielwarenhändler,  Tabakshändler,  der  Konditoreien,  der
Bilderhändler  usw.,  genug  alle  Vorräte,  die  aus  Luxusartikeln  bestehen, ­
  kein  Kapital.
wenn  Mill  dadurch,  daß  er  die  Entscheidung  in  die  Absicht  des
Kapitalisten  legt,  diesen  Ubelstand  vermeidet  (was  mir  immerhin
zweifelhaft  ist),  so  wird  dadurch  der  Unterschied  so  vage,  daß  niemand,
der  nicht  allwissend  ist,  in  einem  gegebenen  Lande  oder  zu  einer  gegebenen ­
  Zeit  sagen  könnte,  was  Kapital  fei  und  was  nicht.
        <pb n="60" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

«7

Der  große  Fehler,  den  diese  Definitionen  nriteinander  gemein
haben,  ist,  daß  sie  Elemente  einschließen,  die  augenscheinlich  nicht  als
Kapital  betrachtet  werden  dürfen,  wenn  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten ­
  noch  irgendein  Unterschied  bestehen  soll.  Denn  sie  verweisen
in  die  Kategorie  des  Kapitals  ebensowohl  die  Nahrungsmittel,  Kleidungsstücke ­
  usw.  des  Tagelöhners,  die  er  verbrauchen  muß,  gleichviel
ob  er  arbeitet  oder  nicht,  als  das  im  Besitz  des  Kapitalisten  befindliche
vermögen,  mit  dem  er  dem  Arbeiter  seine  Arbeit  zu  bezahlen  beabsichtigt
^Augenscheinlich  aber  ist  dies  nicht  der  Sinn,  in  welchem  der  Ausdruck ­
  Kapital  von  diesen  Schriftstellern  gebraucht  wird,  wenn  sie  davon
reden,  daß  die  Arbeit  und  das  Kapital  sich  in  verschiedener  Weise  an
der  Produktion  beteiligen  und  verschiedene  Anteile  an  der  Verteilung ­
  ihres  Ertrags  erhalten;  wenn  sie  sagen,  daß  der  Arbeitslohn
dem  Kapital  entnommen  werde,  oder  von  dem  Verhältnis  zwischen
den  Arbeitskräften  und  dem  Kapital  abhängig  sei,  oder  wie  sonst  der
Ausdruck  in  der  Regel  von  ihnen  gebraucht  wird.  In  allen  diesen  Fällen
wird  das  wort  Kapital  in  seinem  gewöhnlichen  Sinne  gebraucht,  als
jener  Teil  der  Güter,  die  ihre  Eigentümer  nicht  unmittelbar  für  sich,
sondern  zur  Erlangung  von  mehr  Gütern  zu  verwenden  beabsichtigen.
Kurz,  sowohl  bei  den  Nationalökonomen  (außer  in  ihren  Definitionen
und  Prinzipien)  als  auch  bei  allen  anderen  Leuten  heißt,  um  Adam
Smiths  Worte  zu  gebrauchen,  „derjenige  Teil  von  jemandes  vermögen, ­
  von  dem  er  ein  Einkommen  erwartet,  sein  Kapital".  Dies  ist
der  einzige  Sinn,  in  welchem  das  wort  Kapital  einen  feststehenden
Begriff  ausdrückt  —  der  einzige  Sinn,  in  welchem  wir  es  mit  der  erforderlichen ­
  Klarheit  von  den  Gütern  unterscheiden  und  es  mit  der
Arbeit  in  Gegensatz  stellen  können.  Denn  wenn  wir  als  Kapital  alles
betrachten  müßten,  was  den  Arbeiter  mit  Nahrung,  Kleidung,  Obdach  usw.
versieht,  dann  müßten  wir,  um  einen  Arbeiter  zu  finden,  der  nicht
zugleich  Kapitalist  wäre,  einen  völlig  nackten  Menschen  aufspüren,  der
nicht  einmal  einen  zugespitzten  Stock  oder  eine  Erdhöhle  sein  nennt  —
eine  Lage,  in  der,  abgesehen  von  außerordentlichen  Fällen,  noch  niemals
Menschen  gefunden  wurden.
Die  Uneinigkeit  und  Ungenauigkeit  in  diesen  Definitionen  scheint
mir  aus  dem  Umstande  zu  entspringen,  daß  der  Begriff  des  Kapitals
aus  einem  vorgefaßten  Begriffe  von  der  Art  und  Weise,  wie  dasselbe
die  Produktion  unterstützt,  hergeleitet  wurde.  Anstatt  erst  festzustellen,,
was  das  Kapital  ist,  und  dann  zu  beobachten,  was  das  Kapital  tut,
nahm  man  zuerst  gewisse  Funktionen  des  Kapitals  an  und  gab  dann
eine  Definition  des  Wortes,  welche  alle  Dinge  umfaßt,  die  jene  Funktionen ­
  verrichten  oder  verrichten  können.  Wir  wollen  dieses  Verfahren
umkehren  und,  die  natürliche  Ordnung  befolgend,  erst  feststellen,  was
das  Ding  ist,  bevor  wir  zu  ergründen  suchen,  was  es  tut.  wir  haben
weiter  nichts  zu  tun,  als  sozusagen  das  Maß  und  die  Grenzen  eines
        <pb n="61" />
        -H8  Arbeitslohn  und  Uaxital.  Buch  I.

Ausdrucks  festzusetzen,  der  in  der  Hauptsache  ganz  verständlich  ist  —
einein  gewöhnlichen  Begriff  eine  bestimmte,  d.  h.  in  ihren  Umrissen
scharfe  und  klare  Form  zu  geben.
wenn  man  die  verschiedenen  Gegenstände  der  Güterwelt,  die  zu
einer  gegebenen  Zeit  in  einem  Lande  vorhanden  sind,  einem  Dutzend
intelligenter  Leute  zeigen  würde,  die  nie  eine  Zeile  Nationalökonomie
gelesen  haben,  würden  sie  schwerlich  bei  irgendeinem  Stücke  verschiedener ­
  Meinung  darüber  sein,  ob  es  zum  Kapital  gerechnet  werden  müsse
oder  nicht.  Das  Geld,  welches  der  Eigentümer  im  Geschäft  oder  zur
Spekulation  braucht,  würde  zum  Kapital  gerechnet  werden,  Geld  für
Haushaltungs-  oder  persönliche  Ausgaben  dagegen  nicht.  Der  Teil
der  Ernte  eines  Landwirts,  der  zum  Verkauf  oder  zur  Aussaat  oder
zum  Unterhalt  feinerArbeiter  bestimmt  ist,  würde  zum  Kapital  gerechnet
werden,  der  zum  Verbrauch  seiner  Familie  bestimmte  nicht,  sdferde
und  wagen  eines  Lohnkutschers  wären  zum  Kapital  zu  rechnen;  die
zum  vergnügen  ihres  Besitzers  gehaltene  Equipage  nicht.  So  würde
niemand  daran  denken,  das  falsche  Haar  auf  dem  Kopfe  einer  Frau,
die  Zigarre  im  Munde  eines  Rauchers  oder  das  Spielzeug  eines  Kindes
zum  Kapital  zu  rechnen;  aber  derBestand  eines  Friseurs,  eines  Zigarrenoder ­
  Spielwarenlagers  würde  ohne  Zaudern  dem  Kapital  beigezählt
werden.  Einen  Rock,  den  ein  Schneider  zum  Verkauf  gemacht  hat,
würde  man  als  Kapital  ansehen,  aber  den  zu  seinem  eigenen  Gebrauch
gemachten  nicht.  Nahrungsmittel  im  Besitz  eines  Gastwirts  oder
Restaurateurs  würden  dem  Kapital  zugezählt  werden,  nicht  aber  der
Inhalt  der  Speisekammer  der  Hausfrau  oder  des  Frühstückskorbes
des  Arbeiters.  Roheisen  in  den  Händen  des  Schmelzers,  Gießers  oder
Händlers  würde  als  Kapital  betrachtet  werden,  das  als  Ballast  einer
Lustyacht  dienende  Eisen  nicht.  Die  Blasebälge  eines  Schmieds,  die
Webstühle  einer  Fabrik  wären  Kapital,  nicht  aber  die  Nähmaschine
einer  Frau,  die  nur  für  sich  arbeitet;  ein  Mietshaus  oder  ein  zu  geschäftlichen ­
  oder  produktiven  Zwecken  benutztes  Gebäude  ist  Kapital,
die  eigene  Wohnstätte  nicht.  Kurz,  ich  glaube,  wir  würden  finden,
daß  jetzt,  wie  zur  Zeit  Adam  Smiths,  „der  Teil  von  jemandes  vermögen, ­
  von  dem  er  ein  Einkommen  erwartet,  fein  Kapital  genannt
wird".  Und  wenn  wir  feinen  unglücklichen  Schnitzer  hinsichtlich  der
persönlichen  Eigenschaften  beiseite  lassen  und  seine  Aufzählung  des
Geldes  etwas  modifizieren,  ist  es  zweifelhaft,  ob  wir  die  verschiedenen
Gegenstände  des  Kapitals  besser  verzeichnen  könnten,  als  es  Adam
Smith  in  der  zu  Anfang  dieses  Kapitels  angeführten  Stelle  tat.
iwenn  wir  jetzt,  stach  Trennung  der  Güter,  die  Kapital  find,  von
den  Gütern,  die  nicht  Kapital  find,  den  Unterschied  zwischen  den  beiden
Klassen  betrachten,  so  werden  wir  denselben  nicht,  wie  man  ihn  vergebens
zu  ziehen  versucht  hat,  in  der  Beschaffenheit,  den  Fähigkeiten  oder  der
schließlichen  Bestimmung  der  Dinge  selbst  finden,  sondern,  wie  mir
        <pb n="62" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

scheint,  darin,  ob  die  Dinge  irn  Besitz  des  Konsumenten  sind  oder  nicht*).
Güter,  die  fertig  oder  unfertig  noch  ausgetauscht  werden  müssen,  um
konsumiert  zu  werden,  sind  Kapital;  solche  Güter  dagegen,  die  sich  in
den  fänden  der  Konsumenten  befinden,  sind  nicht  Kapital,  wenn  wir
demnach  Kapital  als  „im  Austausch  begriffene  Güter"  definieren,  indem
wir  mit  dem  Begriffe  des  Austausches  nicht  bloß  das  von  Hand  zu
Hand-Gehen,  sondern  auch  solche  Umwandlungen  umfassen,  wie  sie
eintreten,  wenn  die  reproduktiven  und  umformenden  Kräfte  der  Natur
zur  Vermehrung  der  Güter  benutzt  werden,  so  werden  wir,  denke  ich,
alle  Dinge  darunter  begreifen,  welche  der  allgemeine  Begriff  von  Kapital
füglich  umfaßt  und  alle  ausschließen,  die  er  nicht  umfaßt.  Unter  diese
Definition  werden  z.  B.,  wie  mir  scheint,  alle  die  Werkzeuge  fallen,
die  wirklich  Kapital  sind.  Denn  der  Umstand,  ob  dessen  Dienste  oder
Verwendungen  ausgetauscht  werden  oder  nicht,  macht  ein  Werkzeug
zu  einem  Gegenstände  des  Kapitals  oder  bloß  der  Güter.  So  ist  die  von
einem  Handwerker  zur  Anfertigung  verkäuflicher  Dinge  benutzte  Drehbank ­
  Kapital,  während  die  von  einem  Privatmanne  zum  vergnügen
gebrauchte  es  nicht  ist.  So  kann  man  sagen,  daß  Güter,  die  zur  Herstellung ­
  einer  Eisenbahn,  einer  öffentlichen  Telegraphenlinie,  einer
Postkutsche,  eines  Theaters,  eines  Hotels  rc.  benutzt  werden,  im  Austausch ­
  begriffen  sind.  Der  Austausch  geschieht  nicht  auf  einmal,  aber
nach  und  nach  mit  einer  unbestimmten  Anzahl  von  Leuten.  Doch  ist
immer  ein  Austausch  vorhanden,  und  die  „Konsumenten"  der  Eisenbahn,
der  Telegraphenlinie,  der  Postkutsche,  des  Theaters  oder  des  Hotels
find  nicht  die  Eigentümer,  sondern  die  Leute,  welche  sie  zeitweilig
benutzen.
Diese  Definition  ist  auch  mit  dem  Begriffe,  daß  das  Kapital  der
der  Produktion  gewidmete  Teil  der  Güter  ist,  vereinbar.  Ls  ist  eine
zu  enge  Auffassung  von  der  Produktion,  sie  bloß  auf  die  Anfertigung
von  Dingen  zu  beschränken.  Die  Produktion  schließt  nicht  nur  die  Anfertigung ­
  von  Dingen,  sondern  auch  die  Übermittelung  derselben  an
den  Konsumenten  ein.  Der  Kaufmann  oder  Ladeninhaber  ist  somit
nicht  weniger  Produzent  als  es  der  Fabrikant  oder  der  Landwirt  ist,
und  dessen  vermögen  oder  Kapital  ist  gerade  so  gut  der  Produktion
gewidmet  als  das  ihrige.  Indessen  verlohnt  es  nicht  der  Mühe,  jetzt
bei  den  Funktionen  des  Kapitals  zu  verweilen,  die  wir  später  besser
werden  bestimmen  können.  Auch  ist  die  von  mir  gegebene  Definition
von  Kapital  von  keiner  Wichtigkeit.  Ich  schreibe  kein  Lehrbuch,  sondern

*)  Geld  lärm  in  den  ksänden  des  Konsumenten  befindlich  genannt  werden,  wenn
es  derBedürfnisbefriedigung  dient,  denn  obgleich  es  nicht  selbst  konsumiert  wird,  repräsentiert ­
  es  doch  Güter,  die  konsumiert  werden,  und  so  würde  durch  diese  Unterscheidung  die
von  mir  im  vorigen  Absatz  als  die  gewöhnliche  Einteilung  angegebene  gedeckt  und
wesentlich  berichtigt  sein.  lVenn  ich  in  diesem  Zusammenhange  von  Geld  spreche,  meine
ich  natürlich  Münze,  denn  obgleich  Papiergeld  alle  Funktionen  der  Münze  erfüllen  kann,
ist  es  doch  kein  Gut  und  kann  somit  nicht  Kapital  sein.
Deorge,  Fortschritt  und  Armut.  z
        <pb n="63" />
        50

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

suche  nur  die  Gesetze  zu  entdecken,  auf  denen  ein  großes  soziales  Problem,
beruht,  und  wenn  der  Leser  dahin  gelangt  ist,  sich  eine  klare  Vorstellung
davon  zu  machen,  welche  Dinge  wir  meinen,  wenn  wir  von  Kapital
reden,  so  ist  mein  Zweck  erreicht.
Ehe  ich  jedoch  diese  Abschweifung  schließe,  möchte  ich  die  Ausmerksamkeit
  aus  etwas  lenken,  was  oft  übersehen  wird,  nämlich,  daß  die
Ausdrücke  „Güter",  „Kapital",  „Arbeitslohn"  und  dergleichen,  wie  sie
in  der  Nationalökonomie  gebraucht  werden,  abstrakte  Benennungen
sind,  und  daß  nichts  von  ihnen  generell  behauptet  oder  bestritten  werden
kann,  was  nicht  auch  von  der  ganzen  Klasse  von  Dingen,  welche  sie
repräsentieren,  behauptet  oder  bestritten  werden  könnte.  Daß  dies  nicht
immer  im  Auge  behalten  wurde,  hat  zu  vieler  Gedankenverwirrung
geführt  und  läßt  Zrrtümer,  die  sonst  durchschaut  worden  wären,  als
anerkannte  Wahrheiten  passieren.  Da  Gut  ein  abstrakter  Ausdruck  ist,
so  involviert  der  Begriff  der  Güter,  wie  man  sich  erinnern  muß,  den
Begriff  der  Austauschsähigkeit.  Der  Besitz  von  Gütern  eines  gewissen
Betrags  ist  gleichwertig  mit  dem  Besitz  einer  oder  aller  Gattungen
von  Gütern,  die  im  Austausch  dasselbe  wert  sind.  Und  dasselbe  ist  folglich ­
  auch  mit  dem  Kapital  der  Fall.

Kapitel  III.
Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen,  sondern  durch  die
Arbeit  geschaffen.
Die  Wichtigkeit  dieser  Abschweifung  wird,  denke  ich,  mehr  und
mehr  zutage  treten,  je  weiter  wir  in  unserer  Untersuchung  vorschreiten;
aber  ihre  Zusammengehörigkeit  mit  dem  Zweige,  der  uns  nun  beschäftigt, ­
  dürfte  schon  jetzt  in  die  Augen  fallen.
Es  ist  auf  den  ersten  Blick  ersichtlich,  daß,  wenn  behauptet  wird,
der  Lohn  würde  dem  Kapital  entnommen,  der  nationalökonomische
Sinn  des  Wortes  Lohn  aus  den  Augen  gesetzt  und  die  Aufmerksamkeit
auf  den  gewöhnlichen  und  beengten  Sinn  des  Wortes  gerichtet  wird.
Denn  in  all  den  Fällen,  in  welchen  der  Arbeiter  fein  eigener  Arbeitgeber ­
  ist  und  direkt  das  Produkt  seiner  Arbeit  als  Lohn  empfängt,  ist
es  klar  genug,  daß  der  Lohn  nicht  aus  dem  Kapital  entnommen  wird,
sondern  sich  direkt  als  Arbeitsertrag  ergibt,  widme  ich  z.  B.  meine
Arbeit  dem  Einsammeln  von  Vogeleiern  oder  dem  Pflücken  wilder
Beeren,  so  sind  die  Eier  und  Beeren  mein  Lohn.  Sicher  wird  niemand
behaupten,  daß  in  einem  solchen  Falle  der  Lohn  dem  Kapital  entnommen
würde.  Zn  diesem  Falle  ist  kein  Kapital  vorhanden.  Ein  völlig  nackter.
        <pb n="64" />
        Kap.  II.

Der  Sinn  der  Ausdrücke.

5\

Mensch,  der  auf  eine  Znsel  ausgeworfen  wurde,  die  kein  menschlicher
Fuß  zuvor  betreten,  kann  Vogeleier  sammeln  oder  Beeren  pflücken.
Oder  wenn  ich  ein  Stück  Leder  nehme  und  verarbeite  es  zu  einem
paar  Schuhe,  so  sind  die  Schuhe  mein  Lohn  —  der  Lohn  meiner  Anstrengung. ­
  Sicherlich  ist  er  nicht  dem  Kapital  entnommen  —  weder
aus  dem  meinigen,  noch  auch  sonst  jemandes  Kapital  —  sondern  er
ist  durch  die  Arbeit  entstanden,  deren  Lohn  sie  werden,  und  indem  ich
dieses  Paar  Schuhe  als  den  Lohn  meiner  Arbeit  erhalte,  wird  das
Kapital  selbst  momentan  nicht  auch  nur  um  ein  3oia  vermindert.  Denn
wenn  wir  uns  den  Begriff  des  Kapitals  vergegenwärtigen,  so  bestand
dasselbe  zu  Ansang  aus  dem  Stück  Leder,  dem  Zwirn  rc.  Ze  mehr
meine  Arbeit  vorschreitet,  wird  der  Wert  beständig  vermehrt,  bis  ich,
wenn  sie  die  fertigen  Schuhe  ergibt,  mein  Kapital  habe,  plus  dem
Wertunterschied  zwischen  dem  Material  und  den  Schuhen.  Wenn
ich  diesen  Mehrwert  —  meinen  Lohn  —  erhalte,  inwiefern  wäre  dabei
zu  irgendeiner  Zeit  dem  Kapital  etwas  entnommen?
Adam  Smith,  der  dem  nationalökonomischen  Denken  die  Richtung
gab,  welche  schließlich  zu  den  jetzigen  gelehrten  Theorien  über  das  Verhältnis ­
  zwischen  dem  Lohn  und  dem  Kapital  führte,  erkannte  an,  daß
in  solchen  einfachen  Fällen  wie  in  den  angeführten  der  Lohn  das  Ergebnis ­
  der  Arbeit  ist,  und  beginnt  daher  sein  Kapitel  über  den  Arbeitslohn ­
  (Kapitel  VIII.)  folgendermaßen:
„Das  Produkt  der  Arbeit  bildet  den  natürlichen  Ersatz  oder  Lohn
der  Arbeit.  j)u  jenem  ursprünglichen  Zustande,  der  sowohl  der  Aneignung  des
Grund  und  Bodens  als  der  Anhäufung  von  vermögen  voraufgeht,  gehört  der  ganze
Arbeitsertrag  dem  Arbeiter.  Er  hat  weder  einen  Grundherrn  noch  einen  Arbeitgeber, ­
  um  mit  ihnen  zu  teilen."
Pätte  der  große  Schotte  dies  zum  Ausgangspunkt  seiner  Ausführungen ­
  genommen  und  fortgefahren,  den  Arbeitsertrag  als  den
natürlichen  Arbeitslohn,  den  Grundbesitzer  und  Arbeitgeber  dagegen
nur  als  die  Linzieher  eines  Anteils  anzusehen,  so  würden  seine  Folgerungen ­
  ganz  andere  gewesen  sein,  und  die  Nationalökonomie  würde
heute  nicht  solche  Mengen  von  Widersprüchen  und  Absurditäten  enthalten; ­
  aber  anstatt  der  bei  einfachen  Produktionsverhältnissen  augenscheinlichen ­
  Wahrheit  als  Leitfaden  durch  den  Wirrwarr  der  verwickelteren
  Formen  zu  folgen,  erkennt  er  sie  nur  einen  Augenblick  an,  um  sie
dann  sofort  zu  verlassen,  und  indem  er  bemerkt,  daß  „in  allen  Teilen
Europas  zwanzig  Arbeiter,  die  unter  einem  Arbeitgeber  dienen,  erst
auf  einen  kommen,  der  unabhängig  ist",  beginnt  er  die  Untersuchung
noch  einmal  von  einem  Gesichtspunkte,  von  dem  aus  der  Arbeitgeber
als  derjenige  erscheint,  der  den  Lohn  seiner  Arbeiter  aus  seinem  Kapital
beschafft.
Es  ist  augenscheinlich,  daß  Adam  Smith,  indem  er  das  Verhältnis
der  auf  eigene  Rechnung  beschäftigten  Arbeiter  auf  nur  h  zu  20  annahm, ­
  nur  die  Handwerker  im  Sinne  hatte,  und  daß  unter  der  Gesamt-
        <pb n="65" />
        52

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I,

heit  der  Arbeiter  das  Verhältnis  derer,  welche  ihren  Verdienst  direkt,
ohne  Vermittelung  eines  Arbeitgebers,  gewinnen,  selbst  in  Europa
vor  joo  Jahren  viel  größer  gewesen  sein  muß.  Denn  außer  den  in  jedem
Lande  in  beträchtlicher  Anzahl  vorhandenen  selbständigen  Arbeitern,
ist  seit  der  Zeit  des  römischen  Reiches  der  Ackerbau  großer  Distrikte
Europas  nach  dem  Halbpachtsystem  betrieben  worden,  wobei  der
Kapitalist  seinen  Ertrag  vom  Arbeiter,  nicht  aber  der  Arbeiter  vom
Kapitalisten  erhält.  Jedenfalls  muß  in  den  vereinigten  Staaten,  wo
ein  allgemein  gültiges  Lohngesetz  dieselbe  Anwendung  finden  muß
wie  in  Europa,  und  wo  trotz  der  Fortschritte  der  Fabriken  ein  sehr  großer
Teil  der  Bevölkerung  noch  selbständige  Bauern  sind,  der  Teil  der
Arbeiter,  der  seine  Löhne  von  einem  Arbeitgeber  bekommt,  verhältnismäßig ­
  klein  sein.
Es  ist  jedoch  nicht  nötig,  das  Verhältnis,  in  welchem  irgendwo
die  selbständigen  Arbeiter  zu  den  gedungenen  stehen,  zu  erörtern,  noch
die  Beispiele  für  die  Tatsache  zu  vermehren,  daß,  wo  der  Arbeiter
seinen  Lohn  unmittelbar  erhält,  derselbe  der  Ertrag  seiner  Arbeit  ist;
denn  sobald  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  der  Ausdruck  Lohn  allen
Arbeitsverdienst,  sowohl  den  vom  Arbeiter  in  dem  Ergebnisse  seiner
Arbeit  direkt  gewonnenen,  als  den  von  einem  Arbeitgeber  erhaltenen,
einschließt,  ist  es  klar,  daß  die  Annahme,  die  Löhne  würden  dem  Kapital
entnommen  —  eine  Annahme,  auf  der  in  den  gewöhnlichen  volkswirtschaftlichen ­
  Büchern  so  unbedenklich  ein  ungeheurer  Oberbau  aufgerichtet ­
  wurde  —,  wenigstens  großenteils  unrichtig  ist,  und  das
Äußerste,  was  mit  einem  gewissen  Anschein  von  Wahrheit  behauptet
werden  kann,  ist,  daß  manche  Löhne  (d.  h.  die  vom  Arbeiter  durch  Vermittelung ­
  eines  Arbeitgebers  empfangenen)  dem  Kapital  entnommen
sind.  Diese  Beschränkung  der  größeren  Prämisse  entkräftet  sofort  alle
Folgerungen,  die  daraus  abgeleitet  werden,  aber  ohne  hier  dabei  zu
verweilen,  wollen  wir  prüfen,  ob  dieselbe  selbst  in  diesem  beschränkten
Sinne  mit  den  Tatsachen  übereinstimmt,  wir  wollen  den  Faden  da
aufnehmen,  wo  Adam  Smith  ihn  fallen  ließ  und  Schritt  für  Schritt
vorgehend,  zusehen,  ob  das  Verhältnis  der  Tatsachen,  welches  bei
den  einfachsten  Produktionsformen  klar  zutage  liegt,  nicht  auch  in
der  verwickeltsten  Stich  hält.
Am  nächsten  an  Einfachheit  kommt  jenem  „ursprünglichen  Zustande ­
  der  Dinge"  (von  dem  noch  viele  Beispiele  zu  finden  wären,  und
wobei  der  ganze  Arbeitsertrag  dem  Arbeiter  gehört)  jene  Einrichtung,
bei  welcher  der  Arbeiter,  obgleich  für  eine  andere  Person  oder  mit
dem  Kapital  einer  anderen  Person  arbeitend,  seinen  Lohn  in  natura
empfängt,  d.  h.  in  den  Dingen,  welche  seine  Arbeit  erzeugt.  )n  diesem
Falle  ist  es  ebenso  klar  wie  in  dem  des  auf  eigene  Rechnung  Arbeitenden,
daß  die  Löhne  wirklich  aus  dem  Arbeitserträge  und  keineswegs  aus
dem  Kapital  entnommen  werden,  wenn  ich  einen  Mann  dinge,  Eier
zu  sammeln,  Beeren  zu  pflücken  oder  Schuhe  zu  machen  und  ihn  aus  den
        <pb n="66" />
        Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

53

Eiern,  Beeren  oder  Schuhen,  die  seine  Arbeit  nrir  verschafft,  bezahle,
so  kann  kein  Zweifel  fein,  daß  die  «Duelle  des  Lohns  die  Arbeit  ist,  für
welche  derselbe  bezahlt  wird.  Zu  dieser  Kategorie  gehört  die  von  Sir
Henry  Maine  in  seiner  Geschichte  der  frühesten  Gesellschaftseinrichtungen
  mit  so  großer  Klarheit  behandelte  viehpacht,  die  so  deutlich  ein
Verhältnis  von  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  konstituierte,  daß  derjenige, ­
  der  das  Vieh  übernahm,  der  Knecht  oder  Vasall  des  Kapitalisten
wurde,  der  ihn  so  beschäftigte.  Unter  ähnlichen  Bedingungen  arbeitete
auch  Jakob  für  Laban,  und  bis  auf  unsere  Tage  ist  es  selbst  in  zivilisierten
Ländern  keine  seltene  Art,  Arbeiter  zu  beschäftigen.  Der  Ackerbau  auf
Anteil,  wie  er  in  bedeutender  Ausdehnung  in  den  südlichen  Staaten
der  Union  und  in  Kalifornien  vorkommt,  das  „Halbpachtsystem"  in
Europa,  so  wie  die  vielen  Fälle,  in  welchen  Aufseher,  Kommis  re.  durch
einen  Prozentsatz  des  Geschäftsgewinnes  bezahlt  werden,  was  sind
sie  anders,  als  die  Beschäftigung  von  Arbeitern  gegen  einen  Lohn,
der  einen  Teil  des  Arbeitsertrages  ausmacht?
Die  nächste  Staffel  in  dem  Fortgange  von  Einfachheit  zur  Kompliziertheit ­
  ist  der  Fall,  wo  der  Lohn,  obgleich  in  natura  veranschlagt,  in
etwas  anderem  von  gleichem  wert  gezahlt  wird.  So  herrscht  z.  B.
auf  den  amerikanischen  Walfischfängern  der  Gebrauch,  nicht  feste  Löhne,
sondern  eine  ,,lay“  oder  einen  gewissen  Anteil  am  Fange  zu  zahlen,
der  von  einem  Sechzehntel  oder  Zwölftel  für  den  Kapitän  bis  zu
einem  Dreihundertstel  für  den  Kajütenjungen  variiert.  Langt  also  ein
solcher  Walfischfänger  nach  einer  erfolgreichen  Zagd  in  New-Bedford
oder  San  Franziska  an,  so  enthält  sein  Schiffsraum  die  Löhne  der
Mannschaft,  sowie  den  Verdienst  der  Eigentümer  und  eine  Entschädigung ­
  für  alle  während  der  Reise  gebrauchten  Vorräte,  für  Abnutzung  rc.
Kann  etwas  klarer  sein,  als  daß  diese  Löhne  —  dieser  Tran  und  dies
Fischbein,  welche  die  Mannschaft  gewonnen  hat  —  nicht  vom  Kapital
bezogen,  sondern  tatsächlich  ein  Teil  des  Arbeitsertrages  sind?  Auch
wird  diese  Tatsache  nicht  im  entferntesten  verändert  oder  verdunkelt,
wenn  zur  Bequemlichkeit  der  wert  der  verschiedenen  Anteile  zum
Marktpreise  abgeschätzt  und  in  bar  gezahlt  wird,  anstatt  daß  unter
der  Mannschaft  die  Anteile  von  Tran  und  Fischbein  verteilt  werden.
Das  Geld  ist  nur  das  Äquivalent  des  wirklichen  Lohns,  des  Trans
und  Fischbeins.  Keineswegs  findet  bei  dieser  Zahlung  irgendein
Kapitalvorschuß  statt.  Die  Verpflichtung,  Lohn  zu  zahlen,  erwächst
nicht  eher,  als  bis  der  wert,  von  dem  er  bezahlt  werden  soll,  in  den
Hafen  gebracht  ist.  Zn  demselben  Augenblick,  wo  der  Schiffseigner
von  seinem  Kapital  Geld  nimmt,  um  die  Mannschaft  zu  bezahlen,  fügt
er  seinem  Kapital  Tran  und  Fischbein  hinzu.
So  weit  kann  also  kein  Streit  sein.  Gehen  wir  nun  noch  einen
schritt  weiter,  um  zu  der  gewöhnlichen  Art  und  weise,  Arbeiter  zu
beschäftigen  und  Lohn  zu  zahlen,  zu  gelangen.
Die  Farallone-Znseln  unweit  der  Bai  von  San  Franziska  sind
        <pb n="67" />
        Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

ein  Brutplatz  von  Seevögeln,  und  eine  Aktiengesellschaft,  die  diese
Inseln  beansprucht,  beschäftigt  in  der  passenden  Jahreszeit  Leute,  unr
die  Eier  sammeln  zu  lassen.  Sie  könnte  diese  Leute  wie  beim  Walfischfang
  auf  Beteiligung  annehmen  und  würde  dies  auch  wahrscheinlich
tun,  falls  das  Geschäft  ein  sehr  unsicheres  wäre;  da  die  Vögel  indes
in  großer  Menge  vorhanden  und  zahm  sind,  und  so  viel  Eier  gesammelt
werden  können,  als  Arbeit  dazu  aufgewendet  wird,  so  findet  sie  es  vorteilhafter, ­
  ihren  Leuten  feste  Löhne  zu  zahlen.  Dieselben  gehen  hinaus
und  bleiben  auf  den  Inseln,  um  die  Eier  zu  sammeln  und  nach  einem
Landungsplatz  zu  bringen,  von  wo  sie  in  Zwischenräumen  von  einigen
Tagen  durch  ein  kleines  Schiff  nach  San  Franzisko  geschafft  und  daselbst ­
  verkauft  werden.  Sobald  die  Saison  zu  Ende  ist,  kehren  die  Leute
zurück  und  erhalten  ihre  festgesetzten  Löhne  in  bar  ausgezahlt.  Läuft
diese  Transaktion  nicht  auf  dasselbe  hinaus,  als  wenn  die  ausgemachten
Löhne  anstatt  in  Geld  in  einem  Äquivalent  der  gesammelten  Eier
gezahlt  würden?  Stellt  das  Geld  nicht  die  Eier  dar,  durch  deren  Verkauf
es  erlangt  worden  ist,  und  sind  diese  Löhne  nicht  gerade  so  gut  das  Produkt
der  Arbeit,  für  welche  sie  gezahlt  wurden,  als  die  Eier  es  im  Besitz  eines
Mannes  sein  würden,  der  sie  ohne  Vermittelung  eines  Arbeitgebers  für
sich  selbst  gesammelt  hätte?
Pier  ein  anderes  Beispiel,  welches  umgekehrt  die  Gleichartigkeit
des  Geldlohnes  mit  dem  Lohn  in  natura  zeigt.  In  5an  Buenaventura
lebt  ein  Mann,  der  ein  ausgezeichnetes  Einkommen  dadurch  erzielt,
daß  er  den  gewöhnlichen  Seehund,  welcher  die  den  Santa  Barbara-Kanal
  bildenden  Inseln  besucht,  seines  Gles  und  Felles  wegen  schießt.
Geht  er  auf  diese  Seehundexpeditionen,  so  nimmt  er  zwei  oder  drei
Lhinesen  zur  pilfe  mit,  die  er  zuerst  ganz  in  Geld  bezahlte.  Es  scheint
aber,  daß  die  Lhinesen  einige  der  Teile  des  Seehunds,  die  sie  trocknen
und  zu  Arznei  pulverisieren,  hochschätzen  und  auch  auf  die  langen  Barthaare ­
  des  männlichen  Seehundes,  die  über  eine  gewisse  Länge  hinaus
einem,  anderen  Leuten  unklaren  Zwecke  dienen,  großen  wert  legen.
So  fand  denn  dieser  Mann  bald  heraus,  daß  die  Lhinesen  sehr  bereit
waren,  diese  Teile  der  getöteten  Seehunde  anstatt  Geldes  zu  nehmen,
so  daß  er  ihnen  jetzt  ihre  Löhne  zum  größten  Teil  in  dieser  Art  zahlt.
Nun,  ist  nicht  die  in  allen  diesen  Fällen  zu  beobachtende  Gleichheit ­
  des  Geldlohns  und  des  Lohns  in  natura  auch  in  allen  Fällen  vorhanden, ­
  in  welchen  Lohn  für  produktive  Arbeit  gezahlt  wird?  Ist  nicht
der  durch  die  Arbeit  geschaffene  Fonds  in  Wahrheit  der  Fonds,  aus
welchem  die  Löhne  gezahlt  werden?
Man  sagt  vielleicht:  „Der  Unterschied  ist  der:  wo  ein  Mann  für
sich  selbst  arbeitet  oder  wo,  falls  er  für  einen  Arbeitgeber  arbeitet,  er
seinen  Lohn  in  natura  erhält,  hängt  derselbe  von  dem  Ergebnisse  seiner
Arbeit  ab.  Sollte  dieselbe  aus  irgendeinem  unglücklichen  Zufall  ertraglos ­
  ausfallen,  so  erhält  er  nichts.  Arbeitet  er  dagegen  für  einen  Arbeitgeber, ­
  so  bekommt  er  seinen  Lohn  jedenfalls  —  derselbe  hängt  von  der
        <pb n="68" />
        Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

55

Ausführung  der  Arbeit,  nicht  von  deren  Ertrag  ab."  Dies  ist  jedoch
augenscheinlich  kein  tatsächlicher  Unterschied.  Denn  im  Durchschnitt
ergibt  die  um  festen  Lohn  vollbrachte  Arbeit  nicht  nur  den  Betrag
des  Lohns,  sondern  mehr;  sonst  könnten  die  Arbeitgeber  keinen  Gewinn
erzielen,  wenn  ein  Lohn  festgesetzt  ist,  übernimmt  der  Arbeitgeber
das  ganze  Risiko  und  wird  für  diese  Assekuranz  entschädigt,  denn  ein
fester  Lohn  wird  immer  etwas  niedriger  normiert,  als  ein  vom  Ertrag
abhängender.  Dbwohl  aber,  wenn  ein  fester  Lohn  vereinbart  ist,  der
Arbeiter,  welcher  seinen  Teil  des  Kontrakts  erfüllt  hat,  gewöhnlich
einen  gesetzlichen  Anspruch  an  den  Arbeitgeber  hat,  ist  es  doch  häufig,
wenn  nicht  immer  der  Fall,  daß  die  Unfälle,  die  den  Arbeitgeber  verhindern ­
  aus  der  Arbeit  Nutzen  zu  ziehen,  ihn  auch  verhindern,  den
Lohn  zu  zahlen.  Und  in  einem  bedeutenden  Industriezweig  ist  der
Arbeitgeber  im  Falle  eines  Unglücks  vom  Gesetz  eximiert,  obgleich  feste
und  nicht  kontingentierte  Löhne  vereinbart  waren.  Denn  nach  dem
Grundsatz  des  Admiralitätsgesetzes  ist  „die  Fracht  die  Mutter  des  Lohns"
und  wenn  auch  der  Seemann  seinen  Teil  vollbracht  hat,  so  beraubt
ihn  doch  der  Unfall,  der  das  Schiff  hindert  Fracht  zu  verdienen,  des
Anspruchs  auf  seine  Löhnung.
In  diesem  gesetzlichen  Grundsätze  ist  die  Wahrheit  verkörpert,  für
die  ich  streite.  Die  Produktion  ist  stets  die  Mutter  des  Lohns.  Ohne
Produktion  gibt  es  und  kann  es  keine  Löhne  geben.  Aus  dem  Arbeitserträge, ­
  nicht  aus  den  Kapitalvorschüssen  kommt  der  Lohn.
wo  wir  auch  die  Tatsachen  zergliedern  mögen,  wird  sich  dies  als
richtig  erweisen.  Denn  die  Arbeit  geht  immer  dem  Lohne  voran.  Dies
ist  ebenso  allgemein  richtig  von  dem  Lohne,  den  der  Arbeiter  von  einem
Arbeitgeber  erhält,  wie  von  dem  Lohne,  den  der  Arbeiter,  welcher  sein
eigner  Arbeitgeber  ist,  direkt  gewinnt.  In  der  einen  wie  in  der  anderen
Kategorie  von  Fällen  ist  die  Anstrengung  Bedingung  für  die  Belohnung.
Bald  tageweis,  öfter  wöchentlich  oder  monatlich,  zuweilen  jährlich,
und  in  vielen  Produktionszweigen  stückweise  bezahlt,  schließt  die  Zahlung
des  Lohnes  seitens  eines  Arbeitgebers  an  einen  Arbeiter  immer  die
vorausgehende  Arbeitsleistung  des  letzteren  zugunsten  des  ersteren  ein;
denn  die  wenigen  Fälle,  in  welchen  für  persönliche  Dienste  Vorauszahlungen ­
  geleistet  werden,  sind  entweder  auf  Mildtätigkeit  oder  auf
Garantie  und  Kauf  zurückzuführen.  Der  Ausdruck  „Kostenvorschuß",
der  den  den  Advokaten  gegebenen  Vorschüssen  beigelegt  wird,  zeigt
den  wahren  Lharakter  dieser  Transaktion,  ebenso  der  in  der  Seemannssprache ­
  gewöhnliche  Name  „Blutgeld"  für  eine  Zahlung,  die  dem  Namen
nach  ein  den  Matrosen  gemachter  Lohnvorschuß,  in  Wirklichkeit  aber
Kaufgeld  ist,  denn  sowohl  das  englische  als  das  amerikanische  Gesetz
betrachtet  den  Matrosen  als  eine  bloße  Handelsware.
Ich  verweile  bei  dieser  offenbaren  Tatsache,  daß  die  Arbeit  stets
dem  Lohne  voraufgeht,  weil  es  für  das  Verständnis  der  verwickelteren
Erscheinungen  des  Lohns  von  der  größten  Wichtigkeit  ist,  daß  man  dies
        <pb n="69" />
        56

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I,

int  Sinne  behält.  Und  so  einleuchtend  diese  Tatsache  nach  meiner
Darlegung  sein  wird,  so  rührt  doch  die  Scheinbarkeit  des  Satzes,  daß
der  Lohn  dem  Kapital  entnommen  würde  —  eines  Satzes,  den  man
zur  Grundlage  so  wichtiger  und  weitreichender  Folgerungen  gemacht
hat  —,  in  erster  Linie  von  einer  Behauptung  her,  die  jene  Wahrheit
mißachtet  und  die  Aufmerksamkeit  von  ihr  ablenkt.  Es  ist  dies  die  Behauptung, ­
  daß  die  Arbeit  ihre  jdroduktionskraft  nicht  ausüben  könne,
wofern  sie  nicht  durch  das  Kapital  mit  Unterhalt  versorgt  werde*).
Der  Leser  erkennt,  wenn  er  nicht  sehr  auf  seiner  ksut  ist,  sofort  an,  daß
der  Arbeiter  Nahrung,  Kleidung  re.  haben  muß,  um  Arbeit  verrichten
zu  können,  und  da  ihm  gesagt  worden  ist,  daß  die  von  den  produktiven
Arbeitern  gebrauchte  Nahrung,  Kleidung  re.  Kapital  sei,  so  stimmt  er
der  Schlußfolgerung  bei,  daß  für  die  Beschäftigung  von  Arbeitern  ein
Aufwand  von  Kapital  nötig  fei.  Daraus  hinwiederum  wird  hergeleitet, ­
  daß  der  Gewerbfleiß  durch  das  Kapital  beschränkt  sei,  daß
die  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  von  dem  Angebot  des  Kapitals  abhänge ­
  und  weiter,  daß  der  Arbeitslohn  durch  das  Verhältnis  zwischen
der  Zahl  der  Beschäftigung  suchenden  Arbeiter  und  dem  ihrer  Löhnung
gewidmeten  Kapitalbetrage  bestimmt  werde.
Ich  denke  jedoch,  daß  die  Auseinandersetzungen  in  dem  vorausgehenden ­
  Kapitel  jeden  in  den  Stand  setzen  werden,  zu  sehen,  wo  der  Trugschluß ­
  dieses  Raisonnements  liegt  —  ein  Trugschluß,  der  einige  der
scharfsinnigsten  Köpfe  in  ein  von  ihnen  selbst  gesponnenes  Gewebe
verwickelt  hat.  Derselbe  rührt  von  dem  Gebrauch  des  Ausdruckes  Kapital
in  zweifachem  Sinne  her.  In  dem  Vordersatze,  daß  Kapital  zur  Verrichtung ­
  produktiver  Arbeit  nötig  sei,  wird  das  Kapital  als  der  Inbegriff ­
  aller  Nahrung,  Kleidung,  alles  Obdachs  rc.  verstanden,  in  den
schließlichen  lferleitungen  daraus  wird  dagegen  das  Wort  in  seinem  gewöhnlichen ­
  und  legitimen  Sinne  von  Gütern  gebraucht,  die  nicht  der
sofortigen  Bedürfnisbefriedigung,  sondern  der  Beschaffung  weiterer
Güter  dienen  —  von  Gütern  im  Besitz  der  Arbeitgeber  im  Gegensatze
zu  den  Arbeitern.  Die  Schlußfolgerung  ist  nicht  zwingender,  als  wenn
man  aus  dem  Zugeständnis,  daß  ein  Arbeiter  nicht  ohne  Frühstück  und
einige  Kleidungsstücke  zur  Arbeit  gehen  kann,  den  Schluß  ziehen  wollte,
daß  nicht  mehr  Arbeiter  zur  Arbeit  gehen  können,  als  vorher  von  den
Arbeitgebern  mit  Frühstück  und  Kleidung  versehen  worden  sind.  Tat-*)
  „Der  Gewerbfleiß  ist  durch  das  Kapital  beschränkt;  ...  Ls  kann  nicht  mehr
Gewerbfleiß  geben,  als  mit  Materialien  zur  Verarbeitung  und  mit  Nahrung  zum  Unterhalt ­
  versehen  wird.  So  selbstverständlich  es  ist,  so  wird  doch  oft  vergessen,  daß  die  Bewohner ­
  eines  Landes  unterhalten  und  deren  Bedürfnisse  befriedigt  werden  nicht  durch
den  Ertrag  gegenwärtiger,  sondern  vergangener  Arbeit.  Sie  konsumieren,  was  produziert
worden  ist,  nicht  was  erstproduziert  werden  soll.  Von  dem,  was  produziert  wurde,  ist  nur
ein  Teil  zur  Erhaltung  produktiver  Arbeit  bestimmt,  und  es  wird  und  kann  nicht  mehr
Arbeit  geben,  als  der  so  bestimmte  Teil  (der  das  Kapital  des  Landes  ist)  ernähren  und
mit  den  Materialien  und  Werkzeugen  der  Produktion  versehen  kann."  Sohn  Stuart
Mill,  Princixles  of  Political  Economy.  Buch  I.  Kap.  V.  Abschn.  I.
        <pb n="70" />
        Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

57

sächlich  aber  beschaffen  sich  die  Arbeiter  ihr  Frühstück  und  die  Kleider,
nrit  welchen  sie  auf  Arbeit  gehen,  in  der  Regel  selbst,  und  eine  weitere
Tatsache  ist,  daß  das  Kapital  sin  dem  5inne,  in  welchem  das  Mort
im  Gegensatz  zur  Arbeit  gebraucht  wird)  in  Ausnahmefällen  wohl
gewillt,  aber  niemals  gezwungen  ist,  den  Arbeitern  Vorschüsse  zu  leisten,
ehe  die  Arbeit  begonnen  hat.  Unter  der  ungeheuren  Zahl  unbeschäftigter ­
  Arbeiter  in  der  ganzen  zivilisierten  Welt  ist  vielleicht  nicht  ein
einziger,  der,  wenn  er  arbeiten  will,  nicht  auch  ohne  Lohnvorschuß
zu  bekommen  wäre.  Lin  großer  Teil  würde  zweifelsohne  gern  zu
Bedingungen  arbeiten,  die  eine  Lohnzahlung  nicht  vor  Schluß  des
Monats  erfordern  würden;  nur  wenige  würde  es  geben,  die  nicht  in
gewohnter  Weise  bis  Ende  der  Woche  auf  ihren  Lohn  warten  wollten,
aber  sicherlich  würde  keiner  darunter  sein,  der  nicht  bis  zum  Lnde  des
Tages  oder  wenigstens  bis  zur  nächsten  Essenszeit  warten  würde.  Die
genaue  Zeit  der  Lohnzahlung  ist  unwesentlich,  die  Hauptsache  —  der
Punkt,  auf  den  ich  das  Hauptgewicht  lege  —ist,  daß  sie  nach  der  Leistung
der  Arbeit  erfolgt.
Die  Lohnzahlung  involviert  somit  stets  die  voraufgehende  Arbeitsleistung. ­
  Was  aber  bedeutet  die  Arbeitsleistung  in  der  Produktion?
Augenscheinlich  die  pervorbringung  von  Gütern,  die,  wenn  sie  umgetauscht ­
  oder  zur  Produktion  verwendet  werden  sollen,  Kapital  sind.
Deshalb  setzt  die  Zahlung  von  Kapital  im  Lohn  eine  Produktion  von
Kapital  durch  die  Arbeit  voraus,  für  welche  der  Lohn  gezahlt  wird.
Und  da  der  Arbeitgeber  gewöhnlich  einen  Gewinn  erzielt,  so  ist  bic
Lohnzahlung,  sofern  er  in  Betracht  kommt,  nur  die  Erstattung  eines
Teils  des  Kapitals,  das  er  durch  die  Arbeit  gewonnen  hat,  an  den  Arbeiter. ­
  Sofern  der  Arbeiter  in  Betracht  kommt,  ist  die  Lohnzahlung
nur  der  Empfang  eines  Teils  des  Kapitals,  welches  feine  Arbeit  vorher
geschaffen  hat.  Da  der  als  Lohn  gezahlte  Betrag  somit  für  einen  durch
die  Arbeit  erzeugten  wert  ausgetauscht  wird,  wie  kann  da  gesagt  werden,
daß  der  Lohn  aus  dem  Kapital  entnommen  oder  von  demselben  vorgeschossen ­
  werde?  Da  im  Austausch  von  Arbeit  gegen  Lohn  der  Arbeitgeber ­
  das  durch  die  Arbeit  erzeugte  Kapital  stets  eher  bekommt,  als  er
Kapital  im  Lohn  auszahlt,  zu  welchem  Zeitpunkte  ist  da  sein  Kapital
auch  nur  vorübergehend  vermindert?*)

*)  Ich  rede  der  größeren  Klarheit  wegen  nur  von  der  kapitalerzeugenden  Arbeit.
Die  Arbeit  schafft  stets  Güter  (die  Kapital  sein  können  oder  nicht)  oder  leistet  Dienste,
und  die  Fälle,  in  denen  nichts  erzielt  wird,  sind  bloße  Ausnahmen  infolge  unglücklicher
Zufälle,  wo  der  Zweck  der  Arbeit  nur  die  Befriedigung  eines  Bedürfnisses  des  Arbeitgebers ­
  ist,  wie  z.  B.  wenn  ich  einen  Illann  annehme,  um  mir  die  Stiefel  putzen  zu  lassen,
zahle  ich  den  Lohn  dafür  nicht  aus  einem  Kapital,  sondern  aus  Gütern,  die  ich  nicht  zu
produktiven  Zwecken,  sondern  zur  Konsumtion  für  mich  selber  bestimmt  habe.  Selbst
wenn  die  so  gezahlten  Löhne  als  aus  dem  Kapital  entnommen  betrachtet  werden,  gehen
sie  durch  jene  Handlung  aus  derKategorie  des  Kapitals  in  die  Kategorie  der  zum  Konsum
des  Besitzers  bestimmten  Güter  über,  gerade  als  wenn  ein  Zigarrenhändler  aus  seinem
Lager  ein  Dutzend  Zigarren  nimmt  und  sie  zum  eigenen  Verbrauch  in  die  Tasche  steckt.
        <pb n="71" />
        58

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

Prüfen  wir  die  Frage  an  den  Tatsachen.  Nehmen  wir  z.  B.
einen  Arbeitgeber,  der  Rohstoffe  in  fertige  Fabrikate  umwandelt  —
Baumwolle  in  Schilling,  Eisen  in  Lisenwaren,  Leder  in  Stiefeln  usf.
—  und  der,  wie  es  gewöhnlich  geschieht,  seinen  Leuten  einmal  wöchentlich ­
  zahlt.  Macht  man  am  Montag  Morgen,  vor  Beginn  der  Arbeit,
ein  genaues  Inventar  seines  Kapitals,  so  wird  es  aus  seinen  Gebäuden,
Maschinen,  Rohstoffen,  seinem  baren  Gelde  und  seinen  Vorräten
an  fertigen  Waren  bestehen.  Wir  wollen  der  Einfachheit  wegen  annehmen, ­
  daß  er  während  der  Woche  weder  ein-  noch  verkaufe,  und,
nachdem  die  Arbeit  aufgehört  und  er  seine  Leute  am  Sonnabend  Abend
bezahlt  hat,  ein  neues  Inventar  seines  Kapitals  mache.  Der  Vorrat
an  barem  Gelde  wird  verringert  sein,  denn  es  sind  davon  die  Löhne
gezahlt  worden;  es  werden  weniger  Rohstoffe,  weniger  Kohlen  ic.
vorhanden  fein,  und  von  dem  Werte  der  Gebäude  und  Maschinen
muß  für  die  Abnutzung  der  Woche  ein  entsprechender  Abzug  gemacht
werden.  Macht  er  jedoch,  wie  dies  durchschnittlich  der  Fall  sein  muß,
ein  nuhenbringendes  Geschäft,  so  wird  der  Vorrat  fertiger  Mare  so
viel  größer  geworden  sein,  daß  alle  diese  Verminderungen  ausgeglichen
werden  und  in  der  Gesamtsumme  eine  Kapitalvermehrung  sich  herausstellt. ­
  Somit  wurde  offenbar  der  Betrag,  den  er  seinen  Leuten  zahlte,
nicht  aus  seinem  oder  sonst  jemandes  Kapital  entnommen.  Derselbe
kam  nicht  aus  einem  Kapital,  sondern  aus  dem  durch  die  Arbeit  selbst
geschaffenen  Werte.  Es  konnte  dabei  von  einem  Kapitalvorschuß  nicht
mehr  die  Rede  sein,  als  wenn  er  seine  Leute  zum  Muschelsuchen  gedungen ­
  und  sie  mit  einem  Teil  der  gefundenen  Muscheln  bezahlt  hätte.
Ihr  Lohn  war  so  wahrhaftig  das  Ergebnis  ihrer  Arbeit,  als  es  „lange
vor  der  Aneignung  des  Grund  und  Bodens  und  der  Ansammlung  von
vermögen"  der  Lohn  des  Urmenschen  war,  wenn  er  eine  Auster  dadurch
erlangte,  daß  er  sie  mit  einem  Stein  von  den  Bänken  abschlug.
Da  der  Arbeiter,  der  für  einen  Arbeitgeber  arbeitet,  seinen  Lohn
nicht  eher  erhält,  als  bis  er  die  Arbeit  getan  hat,  so  ist  sein  Fall  ein
ähnlicher,  wie  der  des  Depositors  in  einer  Bank,  der  kein  Geld  herausziehen ­
  kann,  wenn  er  nicht  welches  hineingetan  hat.  Und  so  wenig  der
Bankdepositor  dadurch,  daß  er  sein  Deposit  herauszieht,  das  Bankkapital ­
  vermindert,  so  wenig  können  die  Arbeiter  durch  den  Empfang
von  Löhnen  auch  nur  zeitweise  das  Kapital  des  Arbeitgebers  oder  das
Gesamtkapital  des  Gemeinwesens  vermindern.  Ihr  Lohn  kommt  so
wenig  aus  dem  Kapital,  als  die  Schecks  des  Depositors  auf  das  Bankkapital ­
  gezogen  werden.  Allerdings  erhalten  die  Arbeiter  beim  Empfang
ihrer  Löhne  in  der  Regel  nicht  gleichartige  Güter,  wie  sie  sie  geschaffen
haben,  ebensowenig  wie  Bankdepositoren  dieselben  Münzen  oder  Banknoten ­
  zurückerhalten,  die  sie  eingezahlt  haben;  aber  sie  erhalten  den
gleichen  Wert  zurück,  und  wie  wir  mit  Recht  sagen  können,  daß  der
Depositor  sein  eingezahltes  Geld  zurückerhält,  so  können  wir  auch  mit
        <pb n="72" />
        Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

59

Recht  sagen,  daß  der  Arbeiter  mt  Lohn  die  Güter  erhält,  die  er  rnit
seiner  Arbeit  geschaffen  hat.
Daß  diese  allgemein  gültige  Wahrheit  so  oft  verdunkelt  wurde,
ist  größtenteils  die  Schuld  jener  fruchtbaren  Quelle  nationalökonomischer ­
  Verdunkelungen:  der  Verwechselung  von  Gütern  mit  Geld,
und  es  ist  merkwürdig,  so  viele  von  denen,  welche,  seit  Adam  Smith
das  Li  auf  die  Spitze  stellte,  die  Trugschlüsse  des  Merkantils'fstems
weitläufig  demonstriert  haben,  bei  Behandlung  des  Verhältnisses  von
Kapital  und  Arbeit  in  Irrtümer  genau  derselben  Art  fallen  zu  sehen.
Da  Geld  das  allgemeine  Tauschmittel,  die  große  flüssige  Masse  ist,
vermittels  welcher  alle  Verwandlungen  von  Gütern  aus  einer  Form
in  die  andere  stattfinden,  so  werden  sich  die  dem  Austausch  entgegenstehenden ­
  Schwierigkeiten  meist  bei  der  Umwandlung  in  Geld  zeigen;
und  daher  ist  es  bisweilen  leichter,  Geld  gegen  irgendeine  andere  Art
von  Gütern,  als  Güter  einer  spezielleren  Art  gegen  Geld  umzutauschen;
aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  es  mehr  Besitzer  von  Gütern  gibt,
die  irgend  etwas,  als  solche,  die  etwas  Spezielles  einzutauschen
wünschen.  Deshalb  mag  ein  Produzent,  der  sein  Geld  für  Löhne  verausgabte, ­
  es  bisweilen  schwierig  finden,  den  erhöhten  wert,  den  er
für  sein  Geld  wirklich  eingetauscht  hat,  schnell  wieder  in  Geld  umzusetzen,
und  so  sagt  man  von  ihm,  er  habe  sein  Kapital  ganz  für  Löhne  ausgegeben ­
  oder  vorgeschossen.  Dennoch  besitzt  er,  wenn  der  durch  die
Arbeit  geschaffene  Neuwert  nicht  etwa  geringer  ist  als  der  Betrag
der  verausgabten  Löhne  (was  nur  in  Ausnahmefällen  stattfinden  kann),
das  Kapital,  das  er  vorher  in  Geld  hatte,  jetzt  in  waren;  es  hat  wohl
die  Form  gewechselt,  sich  aber  nicht  vermindert.
Ls  gibt  einen  Produktionszweig,  bei  dem  die  aus  der  Gewohnheit,
Kapital  in  Geld  zu  schätzen,  entspringende  Gedankenverwirrung  am
wenigsten  eintreten  kann,  weil  das  Produkt  desselben  das  gewöhnliche
Material  und  der  Wertmesser  des  Geldes  ist.  Und  es  trifft  sich,  daß
dies  Gewerbe  uns  fast  nebeneinander  Bilder  der  Produktion  von  den
einfachsten  bis  zu  den  verwickeltsten  Formen  bietet.
In  den  frühesten  Zeiten  Kaliforniens,  wie  später  in  Australien,
sammelte  sich  der  sogenannte  Goldwäscher,  der  in  Flußbetten  oder  im
Steingeröll  die  glänzenden  Goldteilchen  suchte,  welche  die  langsamen
Prozesse  der  Natur  seit  Zahrhunderten  daselbst  angehäuft  hatten,  seinen
„Lohn"  (so  auch  von  ihm  genannt)  in  wirklichem  Gelde;  denn  da  Münze
selten  war,  so  wurde  abgewogener  Goldstaub  als  gangbares  Zahlungsmittel ­
  gebraucht,  und  am  Ende  des  Tages  hatte  er  seinen  Lohn  in  Geld
in  einem  Lederbeutel  in  der  Tasche.  Es  kann  kein  Streit  darüber  sein,
ob  dieser  Lohn  vom  Kapital  kam  oder  nicht.  Er  war  offenbar  der  Ertrag
seiner  Arbeit.  Auch  dann  konnte  kein  Zweifel  obwalten,  wenn  der
Besitzer  eines  besonders  reichen  Striches  Leute  annahm,  die  für  ihn  arbeiteten, ­
  und  sie  in  demselben  Gelde  bezahlte,  welches  ihre  Arbeit  aus
der  bjöhle  oder  aus  dem  Flußgeröll  geschafft  hatte.  Als  gemünztes
        <pb n="73" />
        60  Arbeitslohn  und  Kapital.  Buch  I.

Geld  häufiger  wurde,  drängle  dessen  bessere  Verwendbarkeit,  welche
die  Mühe  und  den  Verlust  des  lviegens  ersparte,  den  Goldstaub  auf
den  Rang  einer  Ware  zurück,  und  der  Arbeitgeber  bezahlte  seine  Leute
mit  der  Münze,  welche  er  durch  den  verkauf  des  durch  ihre  Arbeit
herbeigeschafften  Goldstaubes  erhalten  hatte,  Hatte  er  Münze  genug,
um  den  Lohn  zu  zahlen,  so  behielt  er  seinen  Goldstaub,  anstatt  ihn  an
den  nächsten  Händler  zu  verkaufen  und  demselben  dafür  einen  Nutzen
zu  zahlen,  bis  er  genug  zusammen  hatte,  um  eine  Tour  nach  San  Franzisko
  zu  machen  oder  die  Ware  per  Expreß  dorthin  zu  senden,  wo  er
dafür  in  der  Münze  ohne  Rosten  geprägtes  Geld  haben  konnte,  während
er  so  Goldstaub  ansammelte,  verminderte  er  seinen  Geldvorrat,  gerade
wie  der  Fabrikant  sein  Warenlager  anhäuft,  während  er  seinen  Geldvorrat ­
  verringert.  Dennoch  würde  niemand  so  schwachköpfig  sein  anzunehmen, ­
  daß  der  Unternehmer  damit,  daß  er  Goldstaub  einnahm
und  Münze  ausgab,  sein  Kapital  verminderte.
Aber  die  Lager,  die  ohne  vorherige  Arbeit  ausgenutzt  werden
konnten,  waren  bald  erschöpft,  und  das  Goldgraben  wurde  eine  umständlichere ­
  Sache.  Ehe  eine  Mine  so  weit  erschlossen  werden  konnte,
daß  sie  einen  Ertrag  lieferte,  mußten  tiefe  Schachte  gegraben,  große
Dämme  gebaut,  lange  Tunnels  durch  den  härtesten  Fels  gebohrt,  Wasser
meilenweit  über  Bergrücken  und  tiefe  Täler  geführt  und  teure  Maschinen ­
  aufgestellt  werden.  Diese  Arbeiten  konnten  nicht  ohne  Kapital
ausgeführt  werden.  Bisweilen  erforderte  ihre  Vollendung  Jahre,
während  welcher  kein  Ertrag  zu  erhoffen  war,  obgleich  den  beschäftigten
Leuten  ihre  Löhne  jede  Woche  oder  jeden  Monat  gezahlt  werden  mußten.
Zn  solchen  Fällen,  wenn  auch  in  keinen  anderen,  kommen,  wird  man
sagen,  die  Löhne  sicherlich  in  Wahrheit  aus  dem  Kapital,  werden  wirklich
vom  Kapital  vorgeschossen  und  müssen  durch  ihre  Auszahlung  notwendig ­
  das  Kapital  verringern.  Sicherlich  wird  wenigstens  hier  der
Gewerbfleiß  durch  das  Kapital  begrenzt,  denn  ohne  Kapital  könnten
solche  Arbeiten  nicht  durchgeführt  werden.  Sehen  wir  zu.
Fälle  dieser  Art  sind  es  stets,  welche  man  als  Beweis  anführt,
daß  die  Löhne  vom  Kapital  vorgeschossen  werden.  Denn  wo  Löhne
bezahlt  werden,  ehe  der  Zweck  der  Arbeit  erreicht  oder  vollendet  ist  —
wie  beim  Ackerbau,  wo  jdflügen  und  Säen  dem  Einbringen  der  Ernte
viele  Monate  vorhergehen  müssen,  wie  ferner  bei  dem  Bau  von  Gebäuden,
Schiffen,  Kanälen,  Eisenbahnen  rc.  —  da  ist  es  klar,  daß  die  Eigner  des
in  den  Löhnen  verausgabten  Kapitals  keinen  unmittelbaren  Ertrag
erwarten  können,  sondern  dasselbe  für  eine  Zeit,  die  oft  auf  Zahre
hinausläuft,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  „auslegen"  müssen.  Und  werden
da  nicht  die  Grundprinzipien  im  Auge  behalten,  so  ist  es  leicht,  in  den
Schluß  hineinzugleiten,  daß  die  Löhne  vomKapital  vorgeschossen  werden.
Aber  solche  Fälle  werden  den  Leser,  dem  ich  im  vorausgehenden
verständlich  geworden  bin,  nicht  verwirren.  Eine  leichte  Zergliederung
wird  zeigen,  daß  die  Fälle,  wo  die  Löhne  bezahlt  werden,  ehe  das
        <pb n="74" />
        UmBBHIWWSbhI  '  wwiiSR

Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dein  Kapital  entnoinnien.

6s

Arbeitsprodukt  vollendet  oder  selbst  nur  über  die  ersten  Anfänge  hinausgeführt ­
  ist,  keine  Ausnahme  von  der  Regel  bilden,  dis  so  klar  zutage
liegt,  wo  das  Produkt  vollendet  ist,  ehe  die  Löhne  gezahlt  werden.
Gehe  ich  zu  einem  Makler,  um  Silber  gegen  Gold  umzuwechseln,
so  lege  ich  mein  Silber  hin,  welches  er  zählt  und  weglegt,  worauf  er
mir  das  Äquivalent  in  Gold,  minus  seiner  Kommission  gibt.  Schießt
der  Makler  mir  dabei  Kapital  vor?  Augenscheinlich  nicht,  was  er  zuvor
in  Gold  hatte,  hat  er  nun  in  Silber,  plus  seinem  Gewinn.  And  da  er
das  Silber  bekam,  ehe  er  das  Gold  auszahlte,  so  findet  seinerseits  selbst
nicht  ein  zeitweiliger  Kapitalvorschuß  statt.
Dies  Verfahren  des  Maklers  ist  aber  genau  dasselbe,  wie  das  des
Kapitalisten,  wenn  er,  in  Fällen  wie  die  uns  jetzt  beschäftigenden,  Kapital
in  Löhnen  auszahlt.  Da  die  Arbeitsleistung  der  Lohnzahlung  voraufgeht, ­
  und  da  die  produktive  Arbeitsleistung  die  Schaffung  von  wert
in  sich  schließt,  so  empfängt  der  Arbeitgeber  wert,  ehe  er  wert  auszahlt ­
  —  er  tauscht  bloß  Kapital  in  einer  Form  gegen  Kapital  in  einer
anderen  Form  ein.  Denn  die  Wertschöpfung  hängt  nicht  von  der  Vollendung ­
  des  Produktes  ab;  sie  findet  bei  jeder  Stufe  des  Produktionsprozesses ­
  als  unmittelbares  Ergebnis  der  Aufwendung  von  Arbeit  statt,
und  der  Prozeß,  in  welchem  Arbeit  beschäftigt  ist,  mag  daher  noch  so
lange  dauern,  stets  fügt  doch  die  Arbeit  durch  ihre  Anstrengung  dem
Kapital  etwas  hinzu,  ehe  sie  von  demselben  durch  ihre  Löhne  etwas
nimmt.
Pier  ist  ein  Schmied,  der  in  seiner  Schmiede  parken  macht.  Offenbar ­
  schafft  er  Kapital,  indem  er  dem  Kapital  seines  Arbeitgebers  parken
hinzufügt,  ehe  er  aus  demselben  Geld  als  Lohn  empfängt.  Pier  arbeitet
ein  Maschinenbauer  oder  Kesselschmied  an  den  Kielplatten  eines  eisernen
Dampfers.  Schafft  er  nicht  ebenso  offenbar  werte  und  Kapital?
Der  eiserne  Dampfer  wie  die  parke  sind  Güter,  sind  Werkzeuge  der
Produktion,  und  obgleich  der  eine  vielleicht  in  fahren  nicht  vollendet
werden  mag,  während  die  andere  in  wenigen  Minuten  angefertigt
wird,  so  ist  doch  in  dem  einen  wie  in  dem  anderen  Falle  jedes  Tagewerk
ganz  klar  eine  pervorbringung  von  Gütern,  eine  Vermehrung  des
Kapitals.  In  dem  Falle  des  Dampfers,  wie  in  dem  der  parke  schafft
der  letzte  Schlag  nicht  mehr  Wert  als  der  erste,  —  die  Wertschaffung
ist  eine  ununterbrochene,  sie  ergibt  sich  unmittelbar  aus  der  Aufwendung
von  Arbeit.
wir  sehen  dies  sehr  klar,  wo  es  durch  die  Arbeitsteilung  gebräuchlich
geworden  ist,  daß  die  verschiedenen  Teile  des  vollständigen  Perstellungsprozesses ­
  von  verschiedenen  Kategorien  von  Produzenten  ausgeführt
werden,  d.  h.  wo  wir  gewöhnt  sind,  den  Wertbetrag,  welchen  die
Arbeit  auf  einer  vorbereitenden  Produktionsstufe  geschaffen  hat,  zu
veranschlagen.  Und  ein  wenig  Nachdenken  wird  uns  beweisen,  daß  dies
bei  der  großen  Mehrheit  aller  Erzeugnisse  der  Fall  ist.  Nehmen  wir
ein  Schiff,  ein  Gebäude,  ein  Taschenmesser,  ein  Buch,  einen  Damen-
        <pb n="75" />
        62

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

fingerhut  oder  einen  Laib  Brot.  Sie  alle  sind  fertige  Erzeugnisse.
Aber  sie  wurden  nicht  auf  eininal  oder  durch  eine  einzige  Kategorie
von  Produzenten  geschaffen.  Und  da  dies  so  ist,  so  unterscheiden  wir
leicht  verschiedene  Punkte  oder  Stufen  in  der  Erschaffung  des  Wertes,
welchen  sie  als  fertige  Artikel  darstellen.  Unterscheiden  wir  nicht  die
verschiedenen  Teile  in  dem  letzten  Produktionsprozesse,  so  unterscheiden ­
  wir  doch  den  wert  der  Materialien.  Der  wert  dieser  letzteren
kann  oft  wiederum  vielmals  aufgelöst  werden  und  eben  so  viele  klar
erkennbare  Stufen  in  der  Erschaffung  des  schließlichen  Wertes  darstellen. ­
  Bei  jeder  dieser  Stufen  schätzen  wir  gewohnheitsmäßig  eine
Wertschaffung,  eine  Kapitalvermehrung.  Das  Brot,  das  der  Bäcker
aus  dem  Gfen  nimmt,  hat  einen  gewissen  wert.  Aber  dieser  besteht
teilweise  aus  dem  werte  des  Mehls,  aus  dem  der  Teig  gemacht  wurde,
und  dieser  ist  wieder  zusammengesetzt  aus  dem  werte  des  Weizens,
dem  durch  das  Mahlen  verliehenen  wert  usw.  Roheisen  ist  kein
fertiges  Produkt,  es  muß  noch  durch  verschiedene  oder  vielleicht
viele  Stadien  der  Produktion  gehen,  ehe  es  zu  den  fertigen  Artikeln
wird,  die  den  schließlichen  Zweck  ausmachen,  weshalb  man  das  Eisenerz ­
  aus  dem  Schacht  holte.  Ist  aber  Roheisen  nicht  trotzdem  Kapital?
Und  so  ist  der  Produktionsprozeß  nicht  wirklich  vollendet,  nachdem  die
Baumwolle  geerntet  oder  gereinigt  und  gepreßt  ist,  oder  wenn  sie  in
Lowell  oder  Manchester  anlangt,  oder  wenn  sie  gesponnen  oder  gewebt
ist,  sondern  erst  dann,  wenn  sie  schließlich  in  die  pände  der  Konsumenten
gelangt.  Dennoch  findet  klar  genug  bei  jeder  Stufe  dieses  Prozesses
eine  Erzeugung  von  wert,  eine  Vermehrung  von  Kapital  statt,  warum
also  sollte,  wenn  wir  sie  auch  gewöhnlich  nicht  so  unterscheiden  und
abschätzen,  nicht  auch  eine  Werterzeugung,  eine  Kapitalvermehrung
stattfinden,  wenn  die  Erde  für  die  Aussaat  gepflügt  wird?  Etwa  nicht,
weil  möglicherweise  ein  schlechtes  Jahr  eintreten  und  die  Ernte  schlecht
ausfallen  kann?  Offenbar  nicht,  denn  eine  gleiche  Möglichkeit  des  Mißerfolges ­
  liegt  bei  jeder  der  vielen  Stufen  in  der  Perstellung  des  fertigen
Artikels  vor.  Im  Durchschnitt  muß  eine  Ernte  sicher  kommen,  und  so
und  so  vieles  Pflügen  und  Säen  wird  im  Durchschnitt  so  und  so  viele
Baumwolle  hervorbringen,  wie  so  und  so  vieles  Spinnen  von  Baumwollengarn ­
  so  und  so  vielen  Stoff  ergeben  wird.
Kurz,  da  die  Lohnzahlung  immer  von  dem  Arbeitsertrag  abhängt,
so  schließt  die  Lohnzahlung  in  der  Produktion,  wie  lange  auch  der  Prozeß
dauern  möge,  nie  einen  Kapitalvorschuß  ein,  noch  vermindert  sie  das
Kapital  auch  nur  zeitweise.  Es  mag  ein  Jahr  oder  selbst  Jahre  erfordern,
um  ein  Schiff  zu  bauen,  aber  die  Schaffung  des  wertes,  den  schließlich
das  Schiff  haben  wird,  geht  Tag  für  Tag,  Stunde  für  Stunde  vor  sich,
von  der  Zeit  an,  wo  der  Kiel  gelegt  oder  auch  nur  der  Bauplatz  dazu
vorbereitet  wurde.  Auch  vermindert  der  Schiffbauer  durch  die  Zahlung
von  Löhnen  vor  Beendigung  des  Schiffes  weder  fein  Kapital  noch
das  Kapital  des  Gemeinwesens,  denn  der  wert  des  teilweise  voll ­
        <pb n="76" />
        Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  denr  Kapital  entnommen.

63

end  eien  Schiffes  steht  an  Stelle  des  in  Löhnen  ausgezahlten  wertes.
Diese  Lohnzahlungen  enthalten  keinen  Kapitalvorschuß;  denn  die  Arbeit
seiner  Leute  erzeugt  und  verschafft  denr  Schiffbauer  während  der  Woche
oder  während  des  Monats  mehr  Kapital,  als  ihnen  am  Ende  der  Woche
oder  des  Monats  zurückgezahlt  wird,  wie  dies  die  Tatsache  beweist,
daß,  wenn  man  dem  Schiffbauer  zu  irgendeiner  Zeit  während  des
Baues  das  teilweise  fertige  Schiff  abkaufen  wollte,  er  einen  Vorteil
erwarten  würde.
Ebenso  findet  kein  Kapitalvorschuß  statt,  sobald  ein  Sutro-  oder
St.  Gotthard-Tunnel  oder  ein  Suez-Kanal  gebaut  wird.  Der  Tunnel
oder  Kanal  wird  während  des  Baues  gerade  so  gut  Kapital,  wie  das
zum  Bauen  verausgabte  Geld,  oder,  wenn  man  lieber  will,  das  bei
der  Arbeit  gebrauchte  Pulver,  die  Bohrer  rc.  oder  die  von  den  Arbeitern ­
  gebrauchten  Nahrungsmittel,  Kleider  rc.  —  was  durch  den
Umstand  bewiesen  wird,  daß  der  wert  des  Kapitalvermögens  der
Gesellschaft  sich  nicht  vermindert,  wenn  ihre  Geldbeftände  sich  nach  und
nach  zu  Kapital  in  Gestalt  eines  Kanals  oder  Tunnels  umwandeln.
Zm  Gegenteil  nimmt  es  wahrscheinlich  im  Durchschnitt  mit  dem  Fortgange ­
  des  Werkes  zu,  gerade  wie  das  bei  einer  geschwinderen  Produktionsart ­
  angelegte  Kapital  sich  durchschnittlich  vermehrt.
Und  so  ist  es  offenbar  auch  beim  Ackerbau.  Daß  die  Wertschaffung
nicht  auf  einmal  erfolgt,  wenn  die  Ernte  eingebracht  wird,  sondern
schrittweise  während  des  ganzen,  mit  der  Ernte  endigenden  Prozesses,
und  daß  mittlerweile  keine  Lohnzahlung  das  Kapital  des  Landwirts
vermindert,  zeigt  sich  handgreiflich  genug,  wenn  während  des  Produktionsprozesses ­
  Land  verkauft  oder  verpachtet  wird,  denn  ein  gepflügtes ­
  Feld  bringt  mehr  als  ein  ungepflügtes  und  ein  Acker  mit  Aussaat ­
  mehr  als  ein  nur  gepflügter.  Ls  ist  auch  handgreiflich  genug,  wenn,
wie  dies  bisweilen  geschieht,  Ernten  auf  dem  Palm  verkauft  werden,
oder  wenn  der  Bauer  nicht  selbst  erntet,  sondern  mit  dem  Besitzer  von
Mähmaschinen  kontrahiert.  Ls  ist  handgreiflich  in  dem  Falle  von  Obstgärten ­
  und  Weinbergen,  die,  obgleich  noch  nicht  tragend,  doch  ihrem  Alter
angemessene  preise  bringen.  Ls  ist  handgreiflich  in  dem  Falle  von
Pferden,  Rindvieh  und  Schafen,  deren  wert  mit  ihrem  Wachstum
steigt.  Und  wenn  sie  nicht  immer  handgreiflich  ist  zwischen  den,  wie
man  sie  nennen  kann,  üblichen  Austauschstadien  der  Produktion,  so  findet
diese  Wertvermehrung  doch  unstreitig  bei  jedem  Arbeitsaufwande  statt,
wo  deshalb  Arbeit  geleistet  wird,  ehe  Lohn  gezahlt  wird,  ist  der
Kapitalvorschuß  faktisch  seitens  der  Arbeit  geleistet,  und  wird  von  dem
Arbeiter  dem  Arbeitgeber,  nicht  aber  von  dem  Arbeitgeber  dem  Arbeiter
gemacht.
„Dennoch",  kann  man  einwenden,  „wird  in  solchen  Fällen,  wie
wir  sie  betrachtet,  Kapital  erfordert!"  Gewiß,  dies  bestreite  ich  keineswegs. ­
  Aber  es  ist  nicht  erforderlich,  um  den  Arbeitern  Vorschüsse  zu
        <pb n="77" />
        Arbeitslohn  und  Kapital.  Buch  I.

machen.  Es  ist  zu  einem  ganz  anderen  Zwecke  erforderlich.  Welcher
Zweck,  dies  ist,  können  wir  leicht  sehen.
Werden  die  Löhne  in  natura  bezahlt,  d.  h.  in  Gütern  derselben
Art,  wie  sie  die  Arbeit  erzeugt,  z.  B.  wenn  ich  Leute  dinge,  um  Holz
schlagen  zu  lassen,  und  ihnen  einen  Teil  des  Holzes  als  Lohn  überlasse
(wie  dies  bisweilen  von  Waldbesitzern  oder  Pächtern  geschieht),  so
ist  es  klar,  daß  kein  Kapital  für  die  Lohnzahlung  erforderlich  ist.  Auch
dann,  wenn  ich  zu  beiderseitigem  Vorteil  —  etwa  weil  eine  große
Menge  Holz  leichter  und  vorteilhafter  zu  verwerten  ist  als  eine  Anzahl
kleiner  Quantitäten  —  einen  Geldlohn  anstatt  eines  Naturallohnes
bedinge,  werde  ich  kein  Kapital  brauchen,  vorausgesetzt,  daß  ich  den
Umsatz  des  Holzes  gegen  Geld  bewerkstelligen  kann,  ehe  die  Löhne
fällig  werden.  Nur  wenn  ich  einen  solchen  Umsatz  oder  einen  so  vorteilhaften ­
  Umsatz,  wie  ich  ihn  wünsche,  nicht  bewerkstelligen  kann,  bis  ich
eine  große  Menge  Holz  anhäufe,  werde  ich  Kapital  brauchen.  Aber
selbst  dann  brauche  ich  kein  Kapital,  falls  ich  einen  teilweisen  oder
versuchsweisen  Tausch  dadurch  machen  kann,  daß  ich  Geld  auf  mein
Holz  leihe.  Kann  ich  jedoch  oder  will  ich  mein  Holz  weder  verkaufen
noch  darauf  borgen,  und  wünsche  doch  einen  großen  Vorrat  hinzulegen, ­
  dann  allerdings  werde  ich  Kapital  brauchen.  Aber  augenscheinlich ­
  brauche  ich  dies  Kapital  nicht  für  die  Zahlung  von  Löhnen,  sondern
für  die  Anhäufung  eines  Holzlagers.  Ebenso  ist  es  beim  Bohren  eines
Tunnels,  würden  die  Arbeiter  in  Tunnel  bezahlt  (was,  wenn  man
wollte,  unschwer  durch  Zahlung  in  Aktien  der  Gesellschaft  zu  machen
wäre),  so  wäre  kein  Kapital  für  die  Lohnzahlung  erforderlich.  Erst
dann,  wenn  die  Unternehmer  wünschen,  Kapital  in  der  Gestalt  eines
Tunnels  anzuhäufen,  brauchen  sie  Kapital.  Um  zu  unserem  ersten  Beispiel ­
  zurückzukehren:  der  Makler,  dem  ich  mein  Silber  verkaufe,  kann
sein  Geschäft  nicht  ohne  Kapital  betreiben.  Aber  er  braucht  dies  Kapital
nicht,  weil  er  mir  einen  Kapitalvorschuß  machte,  wenn  er  mein  Silber
empfängt  und  mir  Gold  dagegen  aushändigt,  er  braucht  es,  weil  die
Natur  seines  Geschäfts  es  nötig  macht,  einen  gewissen  disponiblen
Kapitalbestand  zu  halten,  damit,  wenn  ein  Kmrde  kommt,  er  den  von
demselben  gewünschten  Austausch  machen  kann.
Und  so  werden  wir  es  in  jedem  Produktionszweige  finden.  Kapital
braucht  nie  für  die  Lohnzahlung  bereit  gestellt  zu  werden,  wenn  die
Erzeugnisse  der  Arbeit,  wofür  der  Lohn  gezahlt  wird,  umgesetzt  werden,
so  bald  sie  produziert  sind;  es  wird  erst  dann  gebraucht,  wenn  diese  Erzeugnisse ­
  aufgespeichert,  oder,  was  für  den  einzelnen  auf  das  gleiche
hinausläuft,  in  den  allgemeinen  Kurs  der  Umsätze  gestellt  werden,
ohne  daß  sogleich  darauf  gezogen,  d.  h.  auf  Kredit  verkauft  wird.  Aber
das  auf  diese  Weise  erforderliche  Kapital  ist  nicht  für  die  Lohnzahlung,
noch  für  Vorschüsse  an  die  Arbeiter  nötig,  denn  es  ist  stets  in  dem  Produkte ­
  der  Arbeit  vorhanden.  Lin  Produzent  braucht  nie  als  Arbeitgeber ­
  Kapital;  wenn  er  Kapital  braucht,  so  ist  es,  weil  er  nicht  bloß
        <pb n="78" />
        Map.  IV.  Der  Unterhalt  der  Arbeiter  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.  HZ

Arbeitgeber,  sondern  Kaufmann  oder  Spekulant  in  den  Arbeitsprodukten
oder  Aufkäufer  derselben  ist.  Das  ist  bei  den  Arbeitgebern  gewöhnlich
der  Fall.
Rekapitulieren  wir.  Der  auf  eigene  Rechnung  arbeitende  Mann
erhält  seinen  Lohn  in  den  Dingen,  die  er  produziert,  sobald  er  sie  produziert ­
  und  setzt  diesen  wert  in  eine  andere  Form  um,  sobald  er  das
Produkt  verkauft.  Der  Mann,  welcher  um  einen  bedungenen  Geldlohn
für  einen  anderen  arbeitet,  arbeitet  unter  einem  Tauschvertrage.  Er
schafft  auch  seinen  Lohn,  je  nachdem  er  seine  Arbeit  leistet,  aber  er
erhält  ihn  nur  zu  festgesetzten  Zeiten,  in  festgesetzten  Beträgen  und  in
einer  anderen  Form.  Bei  der  Verrichtung  der  Arbeit  rückt  er  dem
Tausch  immer  näher;  wenn  er  seinen  Lohn  bekommt,  ist  der  Tausch
vollendet,  während  der  Zeit,  daß  er  den  Lohn  verdient,  schießt  er
feinem  Arbeitgeber  Kapital  vor,  aber  zu  keiner  Zeit  schießt  letzterer
ihm  Kapital  vor,  es  sei  denn,  daß  vor  Beginn  der  Arbeit  Lohn  gezahlt
würde.  Ob  der  Arbeitgeber,  der  dies  Produkt  im  Tausch  für  den  Lohn
empfängt,  es  unverzüglich  weiter  tauscht  oder  für  eine  weile  behält,
ändert  an  dem  Lharakter  der  Transaktion  nicht  mehr  als  die  schließliche
Verfügung  über  das  Produkt,  die  der  letzte  Empfänger  trifft,  welcher
es  vielleicht  erst  nach  Hunderten  von  Umsätzen  erhält  und  der  vielleicht
in  einem  anderen  Erdteil  wohnt.

Kapitel  IV.
Der  Unterhalt  der  Arbeiter  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.
Noch  kann  jedoch  ein  Stein  des  Anstoßes  übrig  bleiben  oder  in
den  Gedanken  des  Lesers  wiederkehren.
Da  der  Ackersmann  die  Furche  nicht  essen,  noch  eine  halbvollendete
Dampfmaschine  irgendwie  dazu  dienen  kann,  dem  Maschinenbauer
die  Kleider,  die  er  trägt,  zu  verschaffen,  habe  ich  da  nicht,  um  mit  Zohn
Stuart  Mill  zu  reden,  „vergessen,  daß  die  Bewohner  eines  Landes
ihre  Bedürfnisse  nicht  aus  dem  Erzeugnis  gegenwärtiger,  sondern  vergangener ­
  Arbeit  befriedigen"?  Oder,  um  die  Worte  eines  populären
Elementarbuches  —-  desjenigen  von  Mrs.  Fawcett  —&amp;gt;  zu  gebrauchen,
habe  ich  nicht  vergessen,  „daß  viele  Monate  vergehen  müssen  zwischen
der  Aussaat  und  der  Zeit,  wo  das  Produkt  derselben  in  einen  Laib  Brot
umgewandelt  ist",  und  daß  es  „daher  augenscheinlich  ist,  daß  die  Arbeiter
nicht  von  dem  leben  können,  was  ihre  Arbeit  zu  produzieren  hilft,  sondern
daß  sie  durch  die  Güter  erhalten  werden,  die  ihre  Arbeit  oder  die  Arbeit
anderer  vorher  geschaffen  hat,  welche  Güter  Kapital  sind*)"?

*)  Political  Economy  for  beginners,  by  Millicent  (Sarrett  Fawcett.  Kap.  III,  S.  25.
George,  Fortschritt  und  Armut.  5
        <pb n="79" />
        66

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

Die  in  diesen  Sätzen  liegende  Voraussetzung,  die  Unterhaltung
der  Arbeit  durch  das  Kapital  sei  etwas  so  Selbstverständliches,  daß  der
Satz  nur  ausgesprochen  zu  werden  brauche,  um  zugestanden  zu  werden,
läuft  durch  das  ganze  Gebäude  der  herrschenden  Nationalökonomie.
Und  so  zuversichtlich  glaubt  man  an  die  Erhaltung  der  Arbeit  aus  dem
Kapital,  daß  der  Satz,  „die  Bevölkerung  richtet  sich  nach  den  Fonds,
welche  sie  zu  beschäftigen  bestimmt  sind,  und  vermehrt  oder  vermindert
sich  daher  stets  mit  der  Ab-  oder  Zunahme  des  Kapitals"  *),  als  nicht
minder  grundlegend  angesehen  und  seinerseits  wieder  zur  Basis  wichtiger
Auseinandersetzungen  gemacht  wird.
Löst  man  jedoch  diese  Sätze  auf,  so  zeigen  sie  sich  nicht  als  augenscheinlich, ­
  sondern  als  absurd;  denn  sie  schließen  die  Auffassung  ein,
daß  Arbeit  nicht  eher  verrichtet  werden  könne,  als  bis  die  Erzeugnisse
der  Arbeit  da  seien  —  und  so  setzt  man  das  Produkt  höher  als  den  Produzenten. ­

Und  prüft  man  sie  näher,  so  wird  sich  herausstellen,  daß  sie  ihre
anscheinende  Plausibilität  aus  einer  Gedankenverwirrung  ableiten.
)ch  habe  schon  den  unter  einer  irrtümlichen  Definition  verborgenen
Trugschluß  aufgedeckt,  der  dem  Satze  zugrunde  liegt,  daß,  weil  Nahrung,
Kleidung  und  Obdach  dem  produktiven  Arbeiter  unentbehrlich  sind,
deshalb  der  Gewerbfleiß  durch  das  Kapital  begrenzt  sei.  Daß  ein  Mann
sein  Frühstück  haben  muß,  ehe  er  zur  Arbeit  geht,  heißt  doch  nicht,  daß
er  nicht  zur  Arbeit  gehen  kann,  bis  ihm  ein  Kapitalist  sein  Frühstück
liefert;  denn  dasselbe  kann  und  wird  in  allen  Ländern,  in  denen  nicht
geradezu  Hungersnot  herrscht,  nicht  aus  den  zur  Unterstützung  der
Produktion  zurückgelegten  Gütern,  sondern  aus  den  für  den  Lebensunterhalt ­
  zurückgelegten  Gütern  geliefert  werden.  Und  wie  vorher
gezeigt  wurde,  sind  Nahrung,  Kleidung  usw.,  kurz  alle  Güter,  nur  so
lange  Kapital,  als  sie  im  Besitz  derer  bleiben,  welche  sie  nicht  zu  konsumieren, ­
  sondern  gegen  andere  werte  oder  gegen  produktive  Dienstleistungen ­
  umzutauschen  beabsichtigen,  und  hören  auf,  Kapital  zu  sein,
sobald  sie  in  den  Besitz  derer  übergehen,  welche  sie  konsumieren  wollen;
denn  bei  diesem  Übergänge  treten  sie  aus  dem  zum  Zweck  weiterer
Güterbeschaffung  gehaltenen  Gütervorrat  in  den  zum  Zwecke  des
Verbrauchs  gehaltenen  Gütervorrat,  gleichviel,  ob  ihr  Konsum  zur
Güterproduktion  beitragen  wird  oder  nicht.  Ohne  diese  Unterscheidung ­
  ist  es  unmöglich,  die  Linie  zwischen  den  Gütern,  die  Kapital  sind,
und  denen,  die  es  nicht  sind,  zu  ziehen,  auch  wenn  man,  wie  es  Mill
tut,  diese  Unterscheidung  in  „den  Gedanken  des  Besitzers"  legt.  Denn
die  Menschen  essen  oder  fasten  nicht,  gehen  nicht  angezogen  oder  nackt,
je  nachdem  sie  produktiv  arbeiten  oder  nicht,  sie  essen,  weil  sie  hungrig,
sind  und  tragen  Kleider,  weil  die  Witterung  oder  der  Anstand  es  ver*) ­

  Die  zitierten  Worte  rühren  von  Ricardo  (Kap.  II)  her,  der  Gedanke  ist  indessen
allen  Hauptwerken  gemeinsam.
        <pb n="80" />
        Kap.  IV.  Der  Unterhalt  der  Arbeiter  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

67

langt.  Nehmen  wir  z.  B.  die  Speisen  auf  dem  Frühstückstische  eines
Arbeiters,  der  heute  arbeiten  wird  oder  nicht,  je  nachdem  sich  die  Gelegenheit ­
  dazu  bietet,  wenn  die  Unterscheidung  zwischen  Kapital  und
Nichtkapital  in  dem  Unterhalt  produktiver  Arbeit  liegt,  sind  dann  diese
Speisen  Kapital  oder  nicht?  Der  Arbeiter  so  wenig  wie  ein  Denker  der
Ricardo-Millschen  Schule  kann  es  sagen,  auch  dann  nicht,  wenn  sie  schon
in  seinem  Magen  sind,  und  wenn  er  nicht  gleich  Arbeit  bekommt,  sondern
sich  weiter  danach  umtun  muß,  sogar  dann  noch  nicht,  wenn  sie  schon
in  das  Blut  und  die  Gewebe  übergegangen  sind.  Dennoch  wird  der
Mann  sein  Frühstück  unter  allen  Umständen  zu  sich  nehmen.
Dbschon  die  Sache  logisch  klar  ist,  wird  es  sich  doch  nicht  empfehlen,
hierbei  stehen  zu  bleiben  und  das  Argument  sich  um  den  Unterschied
zwischen  Gütern  und  Kapital  drehen  zu  lassen.  Auch  ist  es  nicht  nötig!
Der  Satz,  daß  die  gegenwärtige  Arbeit  durch  das  Produkt  vergangener
Arbeit  erhalten  werden  müsse,  wird  sich,  wie  mir  scheint,  bei  der  Analyse
nur  in  dem  Sinne  als  richtig  erweisen,  daß  die  Nachmittagsarbeit  mit
Hilfe  des  Mittagsmahls  verrichtet  werden,  oder  daß  der  Pass,  ehe  man
ihn  ißt,  gefangen  und  gebraten  werden  muß.  Offenbar  aber  ist  dies  nicht
der  Sinn,  in  welchem  der  Satz  benutzt  wird,  um  das  wichtige  Raifonnement,
  dem  er  als  Angelpunkt  dient,  zu  stützen.  Dieser  Sinn  ist  der,
daß,  ehe  eine  Arbeit  verrichtet  werden  kann,  die  nicht  sofort  verfügbare
Unterhaltsmittel  liefert,  ein  die  Arbeiter  während  der  Verrichtung
erhaltender  Vorrat  von  Lebensmitteln  vorhanden  sein  müsse.  Sehen
wir  zu,  ob  dies  richtig  ist.
Der  Nachen,  den  sich  Robinson  Lrusoe  mit  so  unendlicher  Mühe
machte,  war  eine  Produktion,  bei  welcher  seine  Arbeit  keinen  sofortigen
Ertrag  ergeben  konnte.  Aber  war  es  nötig,  daß  er,  bevor  er  begann,
einen  genügenden  Vorrat  von  Lebensmitteln  anhäufte,  die  ihn  ernähren
sollten,  während  er  den  Baum  fällte,  den  Nachen  aushöhlte  und  schließlich ­
  ins  Meer  ließ?  Keineswegs.  Ls  war  nur  nötig,  daß  er  einen  Teil
seiner  Zeit  der  Anschaffung  von  Nahrung  widmete,  während  er  einen
anderen  Teil  dem  Bau  des  Nachens  widmete.  Oder  nehmen  wir  an,
hundert  Mann  landeten  ohne  irgendwelche  Vorräte  in  einem  neuen
Lande,  wird  es  für  sie  nötig  sein,  einen  bis  zur  Ernte  ausreichenden
Vorrat  von  Lebensmitteln  anzuhäufen,  ehe  sie  mit  der  Bebauung  des
Bodens  beginnen  können?  Durchaus  nicht!  Es  wird  nur  nötig  sein,
daß  Fische,  wild,  Beeren  usw.  so  reichlich  vorhanden  sind,  daß  die  Arbeit
eines  Teils  der  hundert  genügt,  um  täglich  eine  für  den  Unterhalt
aller  genügende  Menge  zu  beschaffen,  und  daß  der  Sinn  der  Interessengemeinschaft ­
  und  gegenseitigen  hilfsbedürftigkeil  stark  genug  entwickelt
ist,  um  diejenigen,  welche  jetzt  die  Lebensmittel  gewinnen,  mit  denen
teilen  (tauschen)  zu  lassen,  deren  Anstrengungen  auf  zukünftigen  Lohn
gerichtet  sind.
was  richtig  ist  in  diesen  Fällen,  ist  in  allen  richtig.  Ls  ist  zur  Produktion ­
  von  Dingen,  die  nicht  als  Lebensmittel  benutzt  oder  nicht  sofort
        <pb n="81" />
        68

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

gebraucht  werden  können,  nicht  nötig,  daß  eine  vorherige  Produktion
der  zuin  Unterhalt  der  Arbeiter  während  des  Produktionsprozesses
erforderlichen  Güter  stattgefunden  hat.  Es  ist  nur  nötig,  daß  innerhalb
des  Austauschkreises  eine  gleichzeitige  Produktion  hinreichender  Subsistenzmittel ­
  für  die  Arbeiter  vor  sich  geht  und  die  Bereitwilligkeit  vorhanden ­
  ist,  diese  Subsistenzmittel  für  den  Gegenstand,  auf  den  die
Arbeit  verwendet  wird,  zu  vertauschen.
Und  ist  es  nicht  im  gewöhnlichen  Verlaufe  der  Dinge  tatsächlich
so,  daß  die  Konsumtion  durch  eine  gleichzeitige  Produktion  erhalten
wird?
Hier  ist  ein  reicher  Müßiggänger,  der  weder  mit  dem  Kopf  noch
mit  der  Hand  arbeitet,  sondern  von  dem  Vermögen  lebt,  das  ihm  sein
Vater,  sagen  wir  in  amerikanischen  Staatspapieren,  hinterlassen  hat.
Kommen  seine  Lebensmittel  tatsächlich  aus  dem  in  der  Vergangenheit
angehäuften  Vermögen  oder  aus  der  um  ihn  vor  sich  gehenden  produktiven ­
  Arbeit?  Auf  seinem  Tische  sind  frisch  gelegte  Eier,  gestern
geschlagene  Butter,  Milch,  welche  die  Kuh  am  Morgen  gab,  Fische,
die  noch  vor  vierundzwanzig  Stunden  im  Meere  schwammen,  Fleisch,
das  der  Metzgerbursche  gerade  rechtzeitig  zum  Braten  brachte,  Gemüse
frisch  aus  dem  Garten  und  Früchte  vom  Bäum  —kurz,  kaum  irgend  etwas,
das  nicht  eben  erst  die  Hand  des  produktiven  Arbeiters  (denn  in  diese
Kategorie  müssen  die  den  Transport  und  die  Verteilung  besorgenden
Personen  so  gut  wie  die  in  den  ersten  Stadien  der  Produktion  Beschäftigten ­
  eingerechnet  werden)  verlassen  hätte  und  nichts,  das  vor
längerer  Zeit  produziert  wäre,  es  müßten  denn  einige  Flaschen  alten
Weines  sein,  was  dieser  Mann  von  seinem  Vater  erbte,  und  wovon
er,  wie  wir  sagen,  lebt,  sind  keineswegs  faktische  Güter,  sondern  ist
nur  die  Macht,  über  Güter  zu  verfügen,  die  andere  produzieren.  Und
aus  dieser  gleichzeitigen  Produktion  werden  seine  Suhsistenzmittel
entnommen.
Die  fünfzig  (engl.)  Vuadratmeilen  Londons  enthalten  unzweifelhaft ­
  mehr  Güter  als  innerhalb  des  gleichen  Raumes  irgendwo  sonst
existieren.  Dennoch  würden,  wenn  auf  einmal  die  produktive  Arbeit
in  London  aufhören  sollte,  die  Menschen  innerhalb  weniger  Stunden
anfangen,  gleich  kranken  Schafen  zu  sterben,  und  in  einigen  Wochen
oder  höchstens  einigen  Monaten  würde  kaum  einer  am  Leben  geblieben
sein.  Denn  eine  völlige  Unterbrechung  der  produktiven  Arbeit  würde  ein
schrecklicheres  Unglück  sein,  als  es  je  eine  belagerte  Stadt  erfuhr.  Es  wäre
keine  bloße  äußere  Umfassungsmauer,  wie  sie  Titus  um  Jerusalem
zog,  die  den  fortwährenden  Zugang  der  Einfuhren,  von  denen  eine  große
Stadt  lebt,  verhinderte,  sondern  es  wäre,  als  wenn  eine  ähnliche  Mauer
um  jeden  Haushalt  gezogen  würde.  Man  denke  sich  eine  solche  Unterbrechung ­
  der  Arbeit  in  irgendeinem  Lande,  und  man  wird  inne  werden,
wie  wahr  es  ist,  daß  die  Menschheit  faktisch  aus  der  Hand  in  den  Mund
        <pb n="82" />
        Kap.  IV.

Der  Unterhalt  der  Arbeiter  wird  nicht  dern  Kapital  entnommen.

lebt;  daß  es  die  tägliche  Arbeit  des  Landes  ist,  welche  die  Bewohner
rnit  ihrem  täglichen  Brote  versieht.
Gerade  wie  der  Unterhalt  der  Arbeiter,  welche  die  Pyramiden
bauten,  nicht  aus  einem  vorher  aufgespeicherten  Vorräte,  sondern  aus
den  beständig  wiederkehrenden  Ernten  des  Niltales  gezogen  wurde;
gerade  wie  eine  moderne  Regierung,  wenn  sie  ein  großes,  zeitraubendes
Werk  unternimmt,  für  dasselbe  nicht  schon  produzierte  Güter  bestimmt,
sondern  erst  zu  produzierende,  die  je  nach  dem  vorschreiten  des  Werks
in  Steuern  von  den  Produzenten  erhoben  werden;  so  rühren  auch  die
Lebensmittel  der  Arbeiter,  die  nicht  unmittelbar  Lebensmittel  produzieren, ­
  aus  der  Produktion  der  Unterhaltsmittel  her,  mit  welcher  andere
gleichzeitig  beschäftigt  sind.
verfolgen  wir  den  Kreis  des  Tausches,  durch  welchen  die  bei  der
Herstellung  einer  großen  Dampfmaschine  getane  Arbeit  dem  Arbeiter
Brot,  Fleisch,  Dbdach  und  Uleidung  verschafft,  so  werden  wir  finden,
daß,  wenn  zwischen  dem  Maschinenbauer  und  den  Produzenten  von
Brot,  Fleisch  usw.  auch  tausend  Zwischentausche  stattfinden,  die  auf
ihren  einfachsten  Ausdruck  zurückgeführte  Transaktion  doch  faktisch  auf
einen  Arbeitstausch  zwischen  ihm  und  ihnen  hinausläuft.  Die  Ursache,
weshalb  man  Arbeit  auf  Herstellung  der  Maschine  verwendet,  ist  augenscheinlich ­
  die,  daß  jemand,  der  das,  was  der  Arbeiter  zu  haben  wünscht,
zu  geben  vermag,  eine  Maschine  braucht  —&amp;gt;  d.  h.  es  besteht  Nachfrage
nach  einer  Maschine  seitens  derjenigen,  welche  Brot,  Fleisch  usw.  produzieren, ­
  oder  seitens  der  Produzenten  solcher  Dinge,  welche  die  Produzenten ­
  von  Brot,  Fleisch  usw.  zu  haben  wünschen.  Diese  Nachfrage
ist  es,  welche  die  Arbeit  des  Maschinenbauers  auf  die  Erzeugung  der
Maschine  richtet,  und  umgekehrt  lenkt  daher  die  Nachfrage  des  Maschinenbauers ­
  nach  Brot,  Fleisch  usw.  in  Wahrheit  eine  gleichwertige
Summe  von  Arbeit  auf  die  Erzeugung  dieser  Dinge,  und  so  produziert
seine  tatsächlich  der  Herstellung  der  Maschine  gewidmete  Arbeit  virtuell
die  Dinge,  für  welche  er  seinen  Lohn  verausgabt,  oder,  um  diesen  Grundsatz ­
  zu  formulieren:
Die  Nachfrage  der  Konsumenten  entscheidet  die
Richtung,  in  welcher  Arbeit  zur  Produktion  verwendet ­
  werden  wird.
Dieser  Grundsatz  ist  so  einfach  und  einleuchtend,  daß  er  keiner
weiteren  Erläuterung  bedarf;  dennoch  verschwinden  in  seinem  Lichte
alle  Verwicklungen  unseres  Gegenstandes,  und  wir  gelangen  so  zu
derselben  Ansicht  über  die  wahren  Zwecke  und  Belohnungen  der  Arbeit ­
  in  den  komplizierten  Verhältnissen  der  modernen  Produktion,  die
wir  vorher  gewannen,  als  wir  die  einfacheren  Formen  der  Produktion
und  des  Austausches  in  den  ersten  Anfängen  der  Gesellschaft  beobachteten.
Wir  sehen,  daß  jetzt  wie  damals  jeder  Arbeiter  sich  bemüht,  durch  seine
Anstrengungen  die  Befriedigung  seiner  Wünsche  zu  erlangen;  wir  sehen,
daß,  obgleich  die  außerordentliche  Teilung  der  Arbeit  jedem  Produzenten
        <pb n="83" />
        70

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

nur  die  Erzeugung  eines  kleinen  oder  vielleicht  auch  kleinen  Teiles  der
besonderen  Dinge,  derenkhalben  er  arbeitet,  zuweist,  er  doch  dadurch,
daß  er  bei  der  Erzeugung  dessen,  was  andere  wünschen,  hilft  —&amp;gt;  anderer
Arbeit  auf  die  Erzeugung  der  seinerseits  gebrauchten  Dinge  lenkt  —,
dieselben  der  Wirkung  nach  selbst  produziert.  Und  so  ist,  wenn  er  Taschenmesser ­
  macht  und  Weizen  ißt,  der  Weizen  tatsächlich  ebensogut  das
Produkt  seiner  Arbeit,  als  wenn  er  ihn  selber  gebaut  hätte  und  die  Weizenproduzenten
  ihre  Taschenmesser  selber  hätte  machen  lassen.
wir  sehen  somit,  wie  vollständig  und  durchaus  richtig  es  ist,  daß
in  allem,  was  die  Arbeiter  für  geleistete  Arbeit  erhalten  und  konsumieren,
kein  Kapitalvorschuß  an  dieselben  enthalten  ist.  wenn  ich  Taschenmesser
verfertigt  und  mit  dem  erhaltenen  Lohn  Weizen  gekauft  habe,  so  habe
ich  einfach  Taschenmesser  gegen  Weizen  umgetauscht,  dem  vorhandenen
Gütervorrate  Taschenmesser  hinzugefügt  und  Weizen  entnommen.
Und  da  die  Nachfrage  der  Konsumenten  die  Richtung,  in  welcher  die
Arbeit  zur  Produktion  verwendet  wird,  entscheidet,  so  kann,  solange  nicht
die  Grenze  der  Weizenerzeugung  erreicht  ist,  nicht  einmal  gesagt  werden,
daß  ich  den  Weizenvorrat  vermindert  Hätte;  denn  indem  ich  dem  zum
Austausch  bestimmten  Gütervorrate  Taschenmesser  hinzufüge  und
weizen  entnehme,  habe  ich  Arbeitskräfte  am  anderen  Ende  einer  Reihe
von  Tauschen  auf  die  Weizenproduktion  hingelenkt,  gerade  wie  der
Weizenbauer,  indem  er  weizen  hineintut  und  Taschenmesser  begehrt,
Arbeitskräfte  auf  die  Erzeugung  derselben  als  den  leichtesten  weg,  um
Weizen  zu  bekommen,  hinlenkt.
Und  so  erzeugt  der  Pflüger  —  wenn  auch  die  Ernte,  für  die  er  die
Erde  aufreißt,  noch  nicht  gesät  ist  und  nach  der  Aussaat  noch  Monate
bis  zur  Reife  braucht  —&amp;gt;  gleichwohl  durch  seine  Arbeit  am  Pfluge  virtuell
die  Nahrung,  die  er  ißt,  und  den  Lohn,  den  er  erhält.  Denn  obgleich
das  Pflügen  nur  ein  Teil  der  zur  Erzielung  einer  Ernte  notwendigen
Verrichtungen  ist,  es  ist  ein  Teil  und  ein  ebenso  notwendiger  Teil,  wie
das  Ernten.  Die  Ausführung  desselben  ist  ein  Schritt  zur  Beschaffung
einer  Ernte,  welcher  durch  diö  von  ihm  bewirkte  Sicherung  der  künftigen
Ernte,  aus  dem  beständig  gehaltenen  Vorräte  den  Unterhalt  und  Lohn
des  Pflügers  frei  macht.  Dies  ist  nicht  bloß  theoretisch,  sondern  praktisch
und  buchstäblich  so.  Angenommen,  es  würde  zur  gehörigen  Zeit  nicht
gepflügt,  würden  sich  nicht  die  Anzeichen  des  Mangels  sofort  kundgeben, ­
  ohne  bis  zur  Erntezeit  zu  warten?  würde  sich  nicht  die  Wirkung
im  Kontor,  in  der  Maschinenwerkstatt  und  in  der  Fabrik  sofort  fühlbar
machen?  würden  nicht  webstuhl  und  Spindel  bald  ebenso  still  stehen
wie  der  Pflug?  Daß  es  so  sein  würde,  sehen  wir  an  der  Wirkung,  die
sofort  nach  einer  schlechten  Ernte  eintritt.  Und  wenn  dem  so  ist,  produziert ­
  nicht  der  Mann,  der  pflügt,  seinen  Lebensunterhalt  und  seinen
Loh  ngeradeso  gut,  als  ob  seine  Arbeit  an  dem  Tage  oder  in  der  Woche
faktisch  die  Dinge  ergäbe,  für  welche  seine  Arbeit  ausgetauscht  wird?
wo  Arbeiter  Beschäftigung  suchen,  wird  der  Besitzer  eines  Gutes,
        <pb n="84" />
        da.  eine  «tnie  verspricht,  sür  welche  »-chs-^  °°ch°"d°"  ist  durch
Kapitalmangel  keineswegs  verhindert,  sre  zu  &amp;gt;  S  •  ,n,.unfu'n  ,
ein  Abkommen  auf  Anteilswirtschast,  «ne_  mldie
vereinigten  Staaten  sehr  verbreitete  Me  ho  ,  (gttraas  ihrer
Arbeiter,  falls  sie  ohne  Subsistenzmittel  smd  a  conto  des  Ertrags  chrer
Arbeit  vorn  nächsten  Händler  ^t^ekomm  erhalten,  und  so
wird,  wenn  er  Ueber  Lohn  zahlen  wM,1  löstet  wird,  verwird
  die  dem  Anbau  SewldweteArbe:t  ^  ^^raucht  wird,  als  es
wertet  oder  ausgetauscht,  wenn  wrrrua/  t  Betteln  anstatt
geschehen  würde,  falls  die  Arbeiter  SeZwunge  Z  gewöhnlichen
zu  arbeiten  (denn  in  allen  zivilisterten  Landern  müssen  rm  gew  i
verlaus  der  Dinge  die  Arbeiter  so  wie  so  e  h  bervorqezogen
-S  das  Reservekapital  sein,  das  durch  d-Av-stch  an,M^eA  L
wird  und  welches  durch  die  geleistete  Arb  J  ^  ^  ,  B.
3n  den  rein  ackerbautreibenden  Teilen  von  rnillionen  n  Schafen
im  Zähre  ,see  eine  völlige
blieb  nichts  als  die  Knochen  übrig.  In  dem  g  tz  ^1  UTn  m re
waren  viele  Grundbesitzer  ohne  hinreichende  .  .  Ar-Familien
  bis  zur  nächsten  Lrnte  ^^^^A^tellie  sch  der  Regen  ein,
beiter  zu  unterhalten.  Aber  zur  rechten  Zeit  stellte  stq  ^  ^
und  dieselben  Grundbesitzer  dangen  Arbe  |  ^  Grundbesitzer,
Säen.  Denn  überall  gab  es  emen  ober  Jen  moetenw  i*,
einen  Teil  der  Lrnte  zurückgehalten  hatte^  ^  e  Adrigere
beeiserten  sich  dieselben  zu  verkaufen,  ehe  die  ne
p-eis-  brachte,  and  das  o  in  »-1--°°  g-!,-»-"-  -
»«&amp;gt;-&amp;gt;  Tausch,  I-i  es  vorschußweise  in  de',  S-bmuch  der  .andiente  u^
freigemacht,  ja  der  Wirkung  nach  produzierr  ouru/  i
«tnie  getane  Arbeit.  DmhuStion  und  Konsumtion  ver-..
  ,  Aeihe  der  Tausche,  we  che  p  gebogenen  Rohre  verglichen
binden,  kann  einem  mit  Wasser  gesull  g  ^^^^ossen,  so  kommt  aus
werden,  wird  aus  der  einen  5  Es  ist  nicht  genau  dasselbe
der  anderen  eme  gleiche  Menge  Hera  ^  ^tun  diejenigen,  welche  das
Wasser  aber  es  ist  sein  Aqmvallnt  Uu^so  M  ^  1  -
«hnen  nur  das  Produkt  ihrer  Arbei.

Kapitel  V.
Sie  wahren  Funktionen  des  Kapitals.
Man  dürfte  nun  fragen:  wenn  das  Kapital  nicht  zur  Lohnzahlung
oder  zur  Unterhaltung  der  Arbeiter  während  der  Produktion  erforderlich
lst,  welche  Funktionen  hat  es  denn?
        <pb n="85" />
        72

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

Die  frühere  Untersuchung  hat  die  Antwort  klar  gemacht.  Das
Kapital  besteht,  wie  wir  gesehen  haben,  aus  Gütern,  die  zur  Beschaffung
von  mehr  Gütern  benutzt  werden,  zum  Unterschied  von  Gütern,  die  zur
direkten  Bedürfnisbefriedigung  benutzt  werden,  oder,  wie  es  meines
Erachtens  definiert  werden  kann,  aus  Gütern,  die  im  Austausch  begriffen ­
  sind.
Das  Kapital  erhöht  daher  die  Macht  der  Arbeit,  Güter  hervorzubringen: ­
  j.  indem  es  die  Arbeit  in  den  Stand  setzt,  sich  auf  wirksamere
Weise  zu  betätigen,  wie  z.  B.  durch  Ausgrabung  der  Muschel  mit  einem
Spaten  anstatt  mit  der  bsand,  oder  durch  Fortbewegung  eines  Schiffes
durch  die  Dampfkraft  anstatt  des  Ruders;  2.  indem  es  die  Arbeit  in  den
Stand  setzt,  sich  die  reproduktiven  Kräfte  der  Natur  zunutze  zu  machen,
wie  z.  B.  das  Getreide  durch  Säen  und  Tiere  durch  Züchtung  zu  erhalten;
z.  indem  es  die  Teilung  der  Arbeit  gestattet,  und  so  einerseits  die  Wirksamkeit ­
  des  menschlichen  Produktionsfaktors  durch  Nutzbarmachung
spezieller  Fähigkeiten,  Erwerbung  von  Geschicklichkeit  und  Verringerung
der  Vergeudung  erhöht,  andererseits  die  Kräfte  des  Naturfaktors  dadurch
aufs  äußerste  auszunützen  gestattet,  daß  man  die  Verschiedenheiten  von
Boden,  Klima  und  Lage  so  vorteilhaft  benutzt,  daß  man  jede  besondere
Art  von  Gütern  da  gewinnt,  wo  die  Natur  für  ihre  Erzeugung  am
günstigsten  ist.
Das  Kapital  liefert  nicht  die  Rohstoffe,  welche  die  Arbeit  zu  Gütern
macht,  wie  irrtümlich  gelehrt  wird;  die  Rohstoffe  der  Güter  werden
von  der  Natur  geliefert.  Aber  die  teilweise  verarbeiteten  und  im  Austausch ­
  begriffenen  Rohstoffe  sind  Kapital.
Das  Kapital  liefert  nicht  den  Lohn  und  schießt  ihn  nicht  vor,  wie
irrtümlich  gelehrt  wird.  Der  Lohn  ist  der  Teil  des  Arbeitsproduktes,
den  der  Arbeiter  erhält.
Das  Kapital  unterhält  nicht  die  Arbeiter  während  des  Fortganges
ihrer  Arbeit,  wie  irrtümlich  gelehrt  wird.  Die  Arbeiter  werden  durch
ihre  Arbeit  erhalten,  und  der  Mann,  der  ganz  oder  teilweise  etwas  produziert, ­
  was  für  Unterhaltsmittel  ausgetauscht  werden  kann,  produziert
virtuell  diese  Unterhaltsmittel  selbst.
Das  Kapital  beschränkt  deshalb  den  Gewerbfleiß  nicht,  wie  irrtümlich ­
  gelehrt  wird,  sondern  die  einzige  Schranke  des  Gewerbfleißes
ist  der  Zugang  zu  den  Stoffen  der  Natur.  Aber  das  Kapital  kann  die
Form  und  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  beschränken,  indem  es
die  Anwendung  von  Werkzeugen  und  die  Teilung  der  Arbeit  beschränkt.
Daß  das  Kapital  die  Form  des  Gewerbfleißes  beschränken  kann,
ist  klar.  Ohne  die  Fabrik  könnte  es  keine  Fabrikarbeiter  geben,  ohne
die  Nähmaschine  kein  Maschinennähen,  ohne  Pflug  keinen  Pflüger,  und
ohne  große  bsandelskapitalien  könnte  der  Gewerbfleiß  nicht  die  vielen
Spezialformen  annehmen,  die  sich  mit  dem  Handel  beschäftigen.  Ebenso
klar  ist  es,  daß  der  Mangel  an  Werkzeugen  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes ­
  aufs  äußerste  beschränken  muß.  Wenn  der  Landmann  den
        <pb n="86" />
        Spaten  brauchen  muß,  weil  er  nicht  Kapital  genug  für  einen  Pflug
hat,  die  Sichel  anstatt  der  Mähmaschine,  den  Dreschflegel  anstatt  des
Dampfdreschers;  wenn  der  Maschinenbauer  auf  den  Meißel  angewiesen
ist,  um  Eisen  zu  schneiden,  der  Weber  auf  den  Bandstuhl  usw.,  so  kann
die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  nur  eine  verschwindend  geringe  sein
gegen  diejenige,  welche  erreicht  wird,  sobald  Kapital  in  Gestalt  der
besten,  jetzt  in  Gebrauch  befindlichen  Werkzeuge  ihn  unterstützt.  Auch
könnte  die  Teilung  der  Arbeit  nicht  über  die  rohesten  und  fast  unbemerkbaren ­
  Anfänge  hinausgehen,  noch  könnten  die  Tausche,  welche  sie  ermöglicht, ­
  sich  über  die  nächsten  Nachbarn  hinaus  erstrecken,  wenn
nicht  ein  Teil  der  produzierten  Dinge  beständig  vorrätig  oder  im  Transit
gehalten  würde.  Selbst  die  Geschäfte  des  Jagens,  Fischens,  Früchtesammelns ­
  und  der  Anfertigung  roher  Waffen  könnten  nicht  so  spezialisiert
werden,  daß  der  einzelne  sich  gänzlich  einem  derselben  widmet,  wenn  nicht
ein  Teil  dessen,  was  jeder  schafft,  von  der  sofortigen  Verzehrung  zurückbehalten ­
  wurde,  so  daß  derjenige,  der  sich  der  Anschaffung  des  einen
widmet,  die  anderen  Sachen  bekommen  kann,  sobald  er  sie  braucht,
und  das  Glück  des  einen  Tages  für  den  Ausfall  des  nächsten  Vorsorgen
lassen  kann.  Km  die  außerordentliche  Teilung  der  Arbeit,  welche  für
hohe  Zivilisation  so  charakteristisch  und.  notwendig  ist,  durchzuführen,
nruß  fortwährend  ein  großer  Betrag  von  Gütern  aller  Art  vorrätig
oder  im  Transit  gehalten  werden.  Um  den  Bewohner  eines  zivilisierten
Tandes  in  den  Stand  zu  setzen,  seine  Arbeit  nach  Belieben  mit  der  Arbeit
seiner  Umgebung  und  mit  der  Arbeit  von  Leuten  in  den  entferntesten
Teilen  der  Erde  auszutauschen,  müssen  Warenvorräte  in  Läden,  Speichern
Schiffsräumen  und  Eisenbahnwagen  vorhanden  sein,  genau  so,  wie
viele  Millionen  Eimer  Wasser  in  den  Reservoirs  einer  großen  Stadt
angehäuft  und  meilenweit  durch  Röhren  herbeigeleitet  werden,  um
die  Bewohner  derselben  in  den  Stand  zu  setzen,  jederzeit  ein  Glas  Wasser
Zu  trinken.
Aber  daß  das  Kapital  die  Form  oder  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes ­
  beschränkt,  ist  etwas  ganz  anderes,  als  daß  das  Kapital
den  Gewerbfleiß  beschränke.  Denn  der  Ausspruch  der  herrschenden
Nationalökonomie,  daß  „das  Kapital  den  Gewerbfleiß  beschränkt",
bedeutet  nicht,  daß  das  Kapital  die  Form  oder  die  Ergiebigkeit  der  Arbeit
beschränkt,  sondern  daß  es  die  Ausübung  der  Arbeit  beschränkt.  Dieser
5atz  leitet  seine  Scheinbarkeit  von  der  Annahme  ab,  daß  das  Kapital
die  Arbeit  mit  Rohstoffen  und  Unterhalt  versorge  —  eine  Annahme,
die  wir  unbegründet  gefunden  haben,  und  deren  Verkehrtheit  in  dem
Augenblicke  einleuchtet,  wo  man  sich  erinnert,  daß  das  Kapital  durch  die
Arbeit  hervorgebracht  wird,  und  daß  daher  die  Arbeit  vorangehen  muß,
ehe  es  Kapital  geben  kann.  Das  Kapital  kann  die  Form  und  die  Ergiebigkeit ­
  des  Gewerbfleißes  beschränken,  aber  daß  ohne  Kapital  kein  Gewerbfleiß ­
  bestehen  könnte,  besagt  dies  so  wenig,  wie  man  sagen  kann,  daß  es
ohne  den  mechanischen  Stuhl  keine  Weberei,  ohne  die  Nähmaschine
        <pb n="87" />
        7«

Arbeit5lohn  und  Kapital.

Buch  I.

kein  Nähen,  ohne  Pflug  keinen  Ackerbau  geben  könne;  oder  daß  auf  einer
einsamen  Insel,  wie  die  Robinson  Lrusoes,  keine  Arbeit  möglich  sei,
weil  kein  Austausch  statthaben  könne.
Auch  ist  es  etwas  anderes  zu  sagen,  daß  das  Kapital  die  Form  und
Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  beschränken  kann,  als  zu  sagen,  daß
es  dies  tue.  Denn  die  Fälle,  in  welchen  mit  Recht  gesagt  werden  kann,
daß  die  Form  und  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  in  einem  Lande
durch  dessen  Kapital  beschränkt  werden,  dürsten,  glaube  ich,  bei  näherer
Prüfung  mehr  theoretisch  als  wirklich  erscheinen.  Es  ist  offenbar,  daß
in  einem  Lande  wie  Mexiko  oder  Tunis  die  größere  und  allgemeinere
Verwendung  von  Kapital  die  Formen  des  Gewerbfleißes  bedeutend
ändern  und  dessen  Ergiebigkeit  enorm  steigern  würde;  und  man  sagt
von  solchen  Ländern  oft,  daß  sie  zur  Entwicklung  ihrer  Hilfsquellen
Kapital  brauchen.  Aber  ist  da  nicht  noch  etwas  im  Hintergründe  —-  ein
Mangel,  welcher  den  Mangel  an  Kapital  involviert?  Ist  es  nicht  die  Habgier ­
  und  Mißwirtschaft  der  Regierung,  die  Unsicherheit  des  Eigentums,
die  Unwissenheit  und  das  Vorurteil  des  Volkes,  was  die  Ansammlung
und  die  Verwendung  von  Kapital  verhindert?  Liegt  nicht  die  wahre
Schranke  in  diesen  Dingen  und  nicht  in  dem  Mangel  an  Kapital,  das
dort  nicht  verwendet  werden  würde,  selbst  wenn  es  vorhanden  wäre?
Allerdings  können  wir  uns  ein  Land  vorstellen,  in  welchem  der  Kapitalmangel ­
  das  einzige  Hindernis  für  eine  größere  Ergiebigkeit  der  Arbeit
ist,  allein  wir  müssen  uns  dazu  ein  Zusammentreffen  von  Umständen
denken,  das  selten  oder  nie  eintritt,  außer  durch  Zufall  oder  vorübergehend.
Lin  Land,  in  welchem  das  Kapital  durch  Krieg,  Brand  oder  elementare
Ereignisse  vernichtet  wurde,  und  vielleicht  eine  junge  Kolonie  in  einem
neuen  Lande,  scheinen  mir  die  einzigen  Beispiele  zu  bieten,  wie  schnell
aber  das  gewohnheitsmäßig  verwendete  Kapital  in  einem  durch  Krieg
verwüsteten  Lande  wieder  erzeugt  wird,  ist  seit  langer  Zeit  beobachtet
worden,  während  in  einem  neuen  Staate  die  schnelle  Produktion  des
Kapitals,  welches  er  verwenden  kann  oder  will,  nicht  minder  anerkannt  ist.
Ich  vermag  mir  nur  seltene  oder  vorübergehende  Umstände  vorzustellen, ­
  unter  denen  die  Ergiebigkeit  der  Arbeit  wirklich  durch  den
Mangel  an  Kapital  beschränkt  wird.  Denn  obwohl  in  einem  Lande
einzelne  vorhanden  sein  mögen,  die  wegen  Mangels  an  Kapital  ihre
Arbeit  nicht  so  wirksam  machen  können,  wie  sie  wohl  möchten,  so  ist
doch,  solange  in  dem  Lande  überhaupt  hinreichendes  Kapital  vorhanden
ist,  die  wahre  Schranke  nicht  der  Mangel  an  Kapital,  sondern  der  Mangel
an  gehöriger  Verteilung.  Wenn  eine  schlechte  Regierung  den  Arbeiter
seines  Kapitals  beraubt,  wenn  ungerechte  Gesetze  dem  Produzenten
die  Güter,  mit  denen  er  die  Produktion  unterstützen  würde,  nehmen
und  sie  denen  aushändigen,  die  bloße  Pensionäre  des  Gewerbfleißes
sind,  so  ist  die  wahre  Schranke  der  Ergiebigkeit  der  Arbeit  nicht  der
Kapitalmangel,  sondern  die  Mißregierung.  Und  ebenso  bei  Unwissenheit, ­
  herkommen  oder  anderen  Verhältnissen,  welche  die  Verwendung
        <pb n="88" />
        Kap.  V.

Die  wahren  Funktionen  des  Kapitals.

75

von  Kapital  verhindern.  Sie  sind  es,  nicht  der  Kapitalmangel,  welche
tatsächlich  die  Schranke  bilden.  Dem  Bewohner  des  Feuerlandes  eine
Kreissäge,  dem  Beduinen  eine  Lokomotive  oder  dem  Indianerweibe
eine  Nähmaschine  zu  geben,  würde  die  Ergiebigkeit  ihrer  Arbeit  nicht
vermehren.  Auch  erscheint  es  überhaupt  unmöglich,  durch  irgendetwas
ihr  Kapital  zu  vermehren;  denn  alle  Güter,  die  über  den  bei  ihnen  herkömmlichen ­
  Kapitalaufwand  hinausgehen,  würde  man  konsumieren
oder  verderben  lassen.  Nicht  der  Mangel  an  Saatkorn  und  Werkzeugen
hält  die  Apachen  und  die  Sioux  ab,  den  Boden  zu  bebauen,  wenn  man
sie  mit  Saatkorn  und  Werkzeugen  versorgte,  so  würden  sie  diese  nicht
produktiv  verwenden,  falls  man  sie  nicht  gleichzeitig  am  Umherstreifen
hinderte  und  die  Bebauung  des  Bodens  lehrte,  wenn  ihnen  in  ihrer
gegenwärtigen  Lage  das  ganze  Kapital  einer  Stadt  wie  London  gegeben
würde,  so  hörte  es  einfach  auf  Kapital  zu  sein,  denn  sie  würden  nur  den
unendlich  kleinen  Teil,  der  für  die  Jagd  verwendbar  wäre,  produktiv
verwenden  und  auch  diesen  erst  nachdem  der  ganze  eßbare  Teil  der  über
sie  ausgeschütteten  Vorräte  verzehrt  worden  wäre.  Trotzdem  wissen
sie  sich  solches  Kapital,  wie  sie  es  brauchen,  zu  verschaffen,  und  in  einigen
Gestalten  selbst  mit  den  größten  Schwierigkeiten.  Diese  wilden  Stämme
jagen  und  kämpfen  mit  den  besten  Waffen,  welche  amerikanische  und
englische  Fabriken  erzeugen  und  halten  mit  den  neuesten  Verbesserungen
Schritt.  Erft  nachdem  sie  zivilisiert  sind,  werden  sie  wert  auf  das  andere
Kapital  legen,  das  der  zivilisierte  Zustand  erfordert,  und  erst  dann  wird
dasselbe  ihnen  von  Nutzen  sein.
Unter  der  Regierung  Georgs  IV.  nahmen  einige  heimkehrende
Missionäre  einen  neuseeländischen  Häuptling,  namens  Hongi  mit  nach
England.  Seine  edle  Erscheinung  und  schöne  Tätowierung  zogen  viel
Aufmerksamkeit  auf  sich,  und  als  er  zu  seinem  Volke  zurückkehrte,  wurde
er  vom  Monarchen  und  einigen  der  religiösen  Gesellschaften  mit  einem
beträchtlichen  Vorrat  von  Werkzeugen,  Ackerbaugeräten  und  Saaten
beschenkt.  Der  dankbare  Neuseeländer  verwendete  dies  Kapital  zwar  zur
Produktion  von  Nahrungsmitteln,  aber  in  einer  weise,  wie  es  sich
seine  englischen  Gönner  wohl  kaum  träumen  ließen.  Auf  der  Rückreise
tauschte  er  in  S'tzdne'tz  alles  gegen  Waffen  und  Munition  um,  mit  welchen
er,  zu  Hause  angekommen,  einen  anderen  Stamm  mit  Krieg  überzog
und  zwar  mit  solchem  Erfolge,  daß  auf  dem  ersten  Schlachtfelde  dreihundert ­
  seiner  Gefangenen  gebraten  und  gefressen  wurden,  nachdem
Hongi  das  Hauptmahl  damit  eingeleitet  hatte,  daß  er  seinem  tödlich
verwundeten  Gegner,  dem  feindlichen  Häuptlinge,  die  Augen  ausstach,
  sie  verschluckte  und  sein  warmes  Blut  trank*).  Jetzt  aber,  wo  ihre
vormals  beständigen  Kriege  aufgehört,  und  die  Überbleibsel  der  Maoris
viele  europäische  Gewohnheiten  angenommen  haben,  gibt  es  nicht

*)  New-Zealand  and  its  Inhabitants.  Rev.  Richard  Taylor,  London  1855,
Kap.  XXI.
        <pb n="89" />
        76

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

wenige  unter  ihnen,  welche  erhebliche  Beträge  von  Kapital  besitzen  und
verwenden.
Gleicherweise  würde  es  ein  Irrtum  sein,  die  einfachen  Methoden
der  Produktion  und  des  Tausches,  zu  welchen  man  in  neuen  Ländern
greift,  bloß  einem  Mangel  an  Kapital  zuzuschreiben.  Diese  wenig
Kapital  erfordernden  Methoden  sind  an  sich  roh  und  wenig  wirksam,
aber  in  Anbetracht  der  Verhältnisse  solcher  Länder  werden  sie  sich  in
der  Tat  als  die  wirksamsten  herausstellen.  Line  mit  allen  neuesten  Verbesserungen ­
  ausgestattete  Fabrik  ist  das  wirksamste  Instrument,  das
bis  jetzt  ersonnen  worden  ist,  um  lVolle  oder  Baumwolle  in  Tuch  umzuwandeln, ­
  aber  nur  da,  wo  große  Mengen  davon  gemacht  werden.  Das
für  ein  kleines  Dorf  nötige  Tuch  kann  mit  weit  wenigerArheit  durch  Spinnrad ­
  und  Bandstuhl  hergestellt  werden.  Eine  Schnellpresse  macht  auf
jeden  dabei  beschäftigten  Mann  viele  tausend  Abdrücke,  während  aus
eine  Stanhope-  oder  Franklin-Presse  ein  Mann  mit  seinem  Burschen
nur  etwa  hundert  zu  drucken  imstande  ist;  aber  für  die  kleine  Auflage
des  Landstadt-Blättchens  ist  die  altmodische  Presse  bei  weitem  die  wirksamste. ­
  Um  hin  oder  wieder  zwei  oder  drei  Passagiere  zu  fahren,  jist
der  Kahn  ein  dienlicheres  Fahrzeug  als  das  Damxfboot;  einige  Sack
Korn  können  mit  weniger  Aufwand  von  Arbeit  durch  ein  Maultier
transportiert  werden  als  durch  einen  Lisenbahnzug;  ein  großes  Warenlager ­
  in  einem  Kreuzwegladen  der  Hinterwäldler  zu  errichten,  wäre
nur  weggeworfenes  Geld.  Und  im  allgemeinen  wird  man  finden,  daß
die  unter  den  weitläufigen  Bevölkerungen  neuer  Länder  üblichen
rohen  Vorrichtungen  für  Produktion  und  Austausch  nicht  so  sehr  von  dem
Mangel  an  Kapital  herrühren  als  von  der  Unfähigkeit,  dasselbe  vorteilhaft ­
  zu  verwenden.
Ebenso  wie  man  in  einen  Eimer  nie  mehr  Wasser  gießen  kann,
als  einen  Eimer  voll,  ebenso  wird  nie  ein  größerer  Betrag  von  Gütern
als  Kapital  benutzt  werden,  als  unter  allen  obwaltenden  Umständen  —&amp;gt;
Intelligenz,  Gewohnheit,  Sicherheit,  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  —
dem  Volke  dient.  Und  ich  bin  geneigt  zu  glauben,  daß  in  der  Regel
dieser  Betrag  vorhanden  ist  —&amp;gt;  daß  der  soziale  Organismus  den  notwendigen ­
  Kapitalbetrag,  sozusagen,  absondert,  gerade  wie  der  menschliche ­
  Organismus  in  gesundem  Zustande  die  erforderliche  Menge  von
Fett  absondert.
Ob  nun  aber  der  Kapitalbetrag  je  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes
  beschränkt  und  so  ein  Maximum  festsetzt,  welches  der  Arbeitslohn ­
  nicht  überschreiten  kann,  es  ist  augenscheinlich,  daß  die  Armut
der  Massen  in  den  zivilisierten  Ländern  nicht  von  der  Knappheit  des
Kapitals  herrührt.  Denn  der  Arbeitslohn  erreicht  nicht  nur  nirgends
die  durch  die  Ergiebigkeit  des  Gewerbfleißes  gezogene  Grenze,  sondern
der  Lohn  ist  auch  relativ  am  niedrigsten,  wo  am  meisten  Kapital
vorhanden  ist.  Die  Werkzeuge  und  Maschinen  der  Produktion  sind
in  den  vorgeschrittensten  Ländern  offenbar  der  von  ihnen  gemachten
        <pb n="90" />
        Kap.  V

Die  wahren  Funktionen  des  Kapitals.

77

Verwendung  vorangeeilt,  und  jede  Aussicht  auf  lohnende  Anlage
bringt  mehr  als  das  erforderliche  Kapital  zum  Vorschein.  Der  Eimer
ist  nicht  bloß  voll,  sondern  überfließend.  So  augenscheinlich  ist  dies,
daß  nicht  nur  unter  den  Unwissenden,  sondern  unter  Leuten  von  hohem
nationalökonomischem  Ruf  die  industriellen  Krisen  dem  Überfluß  von
Maschinen  und  der  Anhäufung  von  Kapital  zugeschrieben  werden;
und  vom  Kriege,  der  der  Vernichter  des  Kapitals  ist,  erwartet  man
lebhaften  Handel  und  hohen  Lohn  —-  eine  Auffassung,  die,  merkwürdig
genug  (so  groß  ist  die  Gedankenverwirrung  über  diese  Sachen),  von
vielen  geteilt  wird,  welche  behaupten,  daß  das  Kapital  die  Arbeiter
beschäftige  und  den  Lohn  zahle.
Unser  Zweck  in  dieser  Untersuchung  ist,  das  Problem  zu  lösen,
über  welches  so  viele  sich  selbst  widersprechende  Meinungen  im  Umlauf
sind.  Indem  wir  klar  feststellten,  was  das  Kapital  wirklich  ist  und  was
es  wirklich  tut,  haben  wir  den  ersten  und  grundlegenden  Schritt  dazu
getan.  Aber  es  ist  nur  ein  erster  Schritt,  wir  wollen  jetzt  rekapitulieren
und  dann  fortfahren.
wie  wir  gesehen  haben,  ist  die  herrschende  Theorie,  daß  der  Arbeitslohn ­
  von  dem  Verhältnis  zwischen  der  Arbeiterzahl  und  dem  der  Beschäftigung ­
  von  Arbeitern  gewidmeten  Kapitalbetrage  abhänge,  unverträglich ­
  mit  der  allgemein  zu  beobachtenden  Tatsache,  daß  der  Arbeitslohn ­
  und  der  Zinsfuß  nicht  im  umgekehrten  Verhältnis,  sondern  miteinander ­
  steigen  und  fallen.
Diese  Unverträglichkeit  veranlaßte  uns  zur  Untersuchung  der  Grundlagen ­
  der  Theorie,  und  wir  sahen  dabei  ferner,  daß,  entgegen  der  gewöhnlichen ­
  Annahme,  der  Lohn  überhaupt  nicht  dem  Kapital  entnommen
wird,  sondern  direkt  aus  dem  Ertrage  der  Arbeit  kommt,  für  die  er
gezahlt  wird,  wir  haben  gesehen,  daß  das  Kapital  nicht  den  Lohn
vorstreckt  oder  die  Arbeiter  unterhält,  sondern  daß  dessen  Funktionen
darin  bestehen,  die  Arbeit  bei  der  Produktion  mit  Werkzeugen,  Saatkorn ­
  usw.  und  mit  den  zur  Bewerkstelligung  der  Austausche  erforderlichen ­
  Gütern  zu  unterstützen.
wir  sind  dabei  zu  so  wichtigen  praktischen  Schlüssen  gelangt,  daß
die  darauf  verwendete  Mühe  völlig  gerechtfertigt  ist.
Denn  wenn  der  Lohn  nicht  aus  dem  Kapital,  sondern  aus  dem
Produkt  der  Arbeit  entnommen  wird,  so  sind  die  herrschenden  Theorien
über  die  Beziehungen  zwischen  Kapital  und  Arbeit  hinfällig,  und  alle
Heilmittel,  ob  sie  nun  von  Professoren  der  Nationalökonomie  oder  von
Arbeitern  vorgeschlagen  werden,  welche  die  Hebung  der  Armut  entweder
durch  die  Vermehrung  des  Kapitals  oder  durch  die  Beschränkung  der
Arbeiterzahl  oder  der  Arbeitsleistungen  erstreben,  müssen  verurteilt
werden.
Schafft  der  Arbeiter  durch  die  Verrichtung  der  Arbeit  wirklich  den
Fonds,  aus  dem  sein  Lohn  bestritten  wird,  dann  kann  der  Lohn  auch
nicht  durch  die  Vermehrung  der  Arbeiter  vermindert  werden,  sondern
        <pb n="91" />
        78

Arbeitslohn  und  Kapital.

Buch  I.

da  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  offenbar  mit  der  Arbeiterzahl  zunimmt, ­
  fo  muß  im  Gegenteil  bei  sonst  gleichen  Umständen  der  Lohn
desto  höher  sein,  je  mehr  Arbeiter  da  sind.
Aber  dieser  notwendige  Vorbehalt:  „bei  sonst  gleichen  Umständen"
leitet  uns  auf  eine  Frage,  die  in  Betracht  gezogen  und  erledigt  werden
muß,  ehe  wir  weiter  fortfahren  können.  Diese  Frage  ist:  Haben  die
produktiven  Kräfte  der  Natur  die  Tendenz,  sich  mit  den  wachsenden
Ansprüchen,  die  durch  die  zunehmende  Bevölkerung  an  sie  gestellt
werden,  zu  vermindern?
        <pb n="92" />
        Buch  II.
Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.
Trennt  Gott  denn  und  Natur  ein  feindlich  Streben,
Da  die  Natur  so  böse  Träume  gibt?
Ls  scheint,  daß  sorgsam  sie  die  Gattung  liebt
Und  sorglos  preisgibt  manches  Linzelleben.
Tenn-yson.

Kapitel  I.
Die  Malthussche  Theorie,  ihr  Ursprung  und  ihre  Stütze.
Hinter  der  Theorie,  die  wir  betrachtet  haben,  liegt  eine  andere,
die  noch  zu  untersuchen  bleibt.  Die  herrschende  Lehre  über  die  Quelle
und  das  Gesetz  des  Lohnes  findet  ihre  stärkste  Stütze  in  einer  ebenso
allgemein  angenommenen  Lehre  —  der  Lehre,  welcher  Malthus  ihren
Namen  verliehen  hat  —daß  die  Bevölkerung  die  natürliche  Tendenz
habe,  schneller  als  die  Unterhaltsmittel  zuzunehmen.  Diese  beiden
ineinander  greifenden  Lehren  bilden  die  Antwort,  welche  die  herrschende
Nationalökonomie  auf  das  große  Problem  gibt,  das  wir  zu  lösen  suchen.
In  dem  vorausgehenden  wurde,  wie  ich  glaube,  bewiesen,  daß
die  herrschende  Lehre,  wonach  der  Lohn  durch  das  Verhältnis  zwischen
dem  Kapital  und  den  Arbeitern  bestimmt  wird,  so  vollständig  unbegründet ­
  ist,  daß  man  sich  nicht  genug  darüber  wundern  kann,  wie  sie
sich  so  allgemein  und  so  lange  halten  konnte.  Zwar  das  ist  nicht  zu  verwundern, ­
  daß  diese  Theorie  in  einem  Zustande  der  Gesellschaft  entstanden
ist,  in  welchem  die  große  Masse  der  Arbeiter  in  ihrer  Beschäftigung  und
Löhnung  auf  eine  besondere  Klasse  von  Kapitalisten  angewiesen  scheint,
noch  daß  sie  sich  unter  diesen  Umständen  bei  der  großen  Menge,  die  sich
selten  die  Mühe  nimmt,  das  Wesen  vom  Schein  zu  trennen,  in  Ansehen
erhalten  hat.  Aber  überraschend  ist  es,  daß  eine  bei  näherer  Prüfung
sich  als  so  unbegründet  herausstellende  Theorie  nacheinander  von  so
vielen  scharfen  Denkern,  die  während  des  jetzigen  Jahrhunderts  ihre
Kräfte  der  Aufklärung  und  Entwicklung  der  nationalökonomischen
Wissenschaft  gewidmet  haben,  angenommen  werden  konnte.
        <pb n="93" />
        80

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

Die  Erklärung  dieser  sonst  unbegreiflichen  Tatsache  liegt  in  der
allgemeinen  Annahme  der  Malthusschen  Theorie.  Die  herrschende
Lohntheorie  ist  nie  gründlich  untersucht  worden,  weil  sie,  durch  die
Malthussche  Theorie  gedeckt,  der  Nationalökonomie  eine  selbstverständliche ­
  Wahrheit  zu  sein  schien.  Diese  beiden  Theorien  vermischen  sich,
stärken  sich  und  verteidigen  sich  gegenseitig,  während  beide  eine  weitere
Unterstützung  durch  einen  in  den  Erörterungen  ^der  Rententheorie
eine  Rolle  spielenden  Grundsatz  erfahren,  den  Grundsatz  nämlich,  daß
über  einen  gewissen  Punkt  hinaus  der  Aufwand  von  Kapital  und  Arbeit
in  der  Bodenkultur  einen  abnehmenden  Ertrag  ergebe.  Sie  geben  vereint ­
  eine  Erklärung  der  in  einer  hoch  organisierten  und  vorgeschrittenen
Gesellschaft  sich  darbietenden  Erscheinungen,  wie  sie  auf  alle  Tatsachen
zu  passen  scheint,  und  welche  darum  eine  nähere  Untersuchung  verhindert ­
  hat.
Welche  dieser  beiden  Theorien  die  Priorität  für  sich  beanspruchen
kann,  ist  schwer  zu  sagen.  Die  Bevölkerungstheorie  wurde  nicht  in
solcher  Weise  formuliert,  daß  sie  zu  einem  wissenschaftlichen  Glaubensartikel ­
  geworden  wäre,  wie  dies  für  die  Lohntheorie  geschehen  war.
Aber  sie  entstehen  und  entwickeln  sich  ganz  natürlich  miteinander  und
wurden  auch  beide  in  mehr  oder  weniger  roher  Form  anerkannt,  lange
bevor  irgendein  Versuch  zur  Errichtung  eines  nationalökonomischen
Systems  gemacht  war.  Aus  einzelnen  Sätzen  ist  ersichtlich,  daß  die
Ulalthussche  Theorie  in  ursprünglicher,  unentwickelter  Form  auch
Adam  Smith  vorschwebte,  wenn  er  sie  auch  nie  weiter  verfolgte,  und
diesem  Umstande  scheint  mir  die  falsche  Richtung,  welche  seine  Spekulationen ­
  über  den  Lohn  einschlugen,  hauptsächlich  zugeschrieben  werden
zu  müssen.  Wie  dem  aber  auch  sei,  die  beiden  Theorien  sind  so  eng
miteinander  verbunden,  sie  ergänzen  einander  dermaßen,  daß  Buckle,
der  in  seiner  „Untersuchung  der  schottischen  Philosophie  während  des
achtzehnten  Jahrhunderts"  auch  die  Entwicklung  der  Nationalökonomie
besprach,  hauptsächlich  Ulalthus  die  Ehre  zuerkannte,  die  herrschende
Lohntheorie  dadurch  „entscheidend  bewiesen"  zu  haben,  daß  er  die
herrschende  Theorie  vom  Drucke  der  Bevölkerung  auf  ihre  Unterhaltsmittel ­
  erfand.  Er  sagt  in  seiner  Geschichte  der  Zivilisation  in  England,
Band  III,  Kapitel  5:
„Kaum  war  das  achtzehnte  Jahrhundert  verflossen,  als  es  entscheidend  bewiesen ­
  wurde,  daß  der  Lohn  der  Arbeit  lediglich  von  zwei  Dingen  abhängt,  nämlich
von  der  Größe  jenes  nationalen  Fonds,  aus  welchem  alle  Arbeit  bezahlt  wird,  und
der  Zahl  der  Arbeiter,  unter  welche  der  Fonds  verteilt  werden  soll.  Dieser  große
Schritt  in  unserem  wissen  ist  hauptsächlich,  wenn  auch  nicht  ausschließlich  Malthus
zu  verdanken,  dessen  werk  über  die  Bevölkerung  nicht  bloß  einen  Abschnitt  in  der
Geschichte  des  spekulativen  Denkens  bezeichnet,  sondern  bereits  bedeutende  praktische
Resultate  hervorgebracht  hat  und  wahrscheinlich  fernerhin  zu  anderen,  noch  bedeutenderen ­
  führen  wird.  Es  wurde  im  Jahre  I7Z8  veröffentlicht,  so  daß  Adam  Smith,
der  \7yo  starb,  nicht  mehr  die  außerordentliche  Genugtuung  haben  konnte  zu  sehen',
wie  seine  eigenen  Ansichten  darin  nicht  sowohl  richtig  gestellt,  als  vielmehr  weiter
entwickelt  wurden.  In  der  Tat  ist  es  sicher,  daß  es  ohne  Smith  keinen  Malthus  ge-
        <pb n="94" />
        Kap.  I.

Die  Malthussche  Theorie,  ihr  Ursprung  und  ihre  Stühe.

geben  haben  würde,  d.  h.  daß,  wenn  Smith  nicht  den  Grund  gelegt  hätte  Malthus
nicht  das  Gebäude  hätte  errichten  können."
Die  famose  Lehre,  welche  von  ihrem  ersten  Auftreten  an  das
Denken  jo  mächtig  beeinflußt  hat,  und  zwar  nicht  allein  auf  dem  Gebiete ­
  der  Nationalökonomie,  sondern  auch  in  den  Regionen  noch  höherer
Spekulation,  wurde  durch  Malthus  in  dem  Satze  formuliert,  daß  es
(wie  das  Wachstum  der  nordamerikanifchen  Kolonien  beweise)  die
natürliche  Tendenz  der  Bevölkerung  sei,  sich  wenigstens  alle  25  Jahre
zu  verdoppeln,  somit  in  geometrischem  Verhältnis  zuzunehmen,  während
die  vom  Boden  erzielbaren  Unterhaltsmittel  „unter  den  der  menschlichen
Tätigkeit  günstigsten  Umständen  nicht  schneller  als  in  arithmetischem
Verhältnis,  d.  h.  alle  25  Jahre  nur  um  ebensoviel,  als  jetzt  produziert
wird,  zunehmen  können".  Malthus  fährt  naiverweise  danach  fort:
„Die  unausbleiblichen  Wirkungen  dieser  beiden  verschiedenen  Zunahmeverhältnisse ­
  sind  in  ihrer  Gegenüberstellung  sehr  auffallend."  Und  in
Kapitel  I  stellt  er  sie  einander  folgendermaßen  gegenüber:
„veranschlagen  wir  die  Bevölkerung  Englands  auf  U  Millionen  und  nehmen
dessen  gegenwärtige  Produktion  als  ausreichend  für  den  Unterhalt  dieser  Anzahl
an.  Nach  den  ersten  25  Jahren  würde  die  Bevölkerung  22  Millionen  betragen,  und
da  die  Unterhaltsmittel  gleichfalls  verdoppelt  wären,  so  bliebe  das  Verhältnis  dasselbe. ­
  tzn  den  nächsten  25  Jahren  würde  die  Bevölkerung  auf  44.  Millionen  steigen,
die  Unterhaltsmittel  jedoch  nur  für  55  Millionen  ausreichen,  tzn  der  nächsten  Periode
erreichte  die  Bevölkerung  88  Millionen,  während  die  Unterhaltsmittel  nur  zur  Erhaltung ­
  der  Hälfte  dieser  Zahl  genügten.  Und  am  Ende  des  ersten  Jahrhunderts
würde  die  Bevölkerung  \?6  Millionen  betragen,  die  Unterhaltsmittel  dagegen  nur
für  55  Millionen  ausreichen,  so  daß  eine  Bevölkerung  von  *2*  Millionen  Menschen
völlig  unversorgt  wäre.
„Nehmen  wir  die  ganze  Erde  anstatt  dieser  Insel,  so  würde  die  Auswanderung
natürlich  ausgeschlossen  sein,  und  veranschlagen  wir  die  jetzige  Bevölkerung  auf
tooo  Millionen,  so  würde  das  Menschengeschlecht  in  folgender  Proportion  zunehmen:
\,  2,  4,  8,  Z6,  32,  64,  *28,  256,  die  Unterhaltsmittel  dagegen  in  dieser:  2,  3,  4,  5,
6,  2,  8,  9.  In  Zwei  Jahrhunderten  würde  die  Bevölkerung  zu  den  Unterhaltsmitteln
sich  wie  256  zu  9  verhalten^  in  drei  Jahrhunderten  wie  4096  zu  *3  und  in  2000  Jahren
wäre  das  Mißverhältnis  unberechenbar."
Lin  derartiges  Ergebnis  wird  natürlich  durch  die  physische  Unmöglichkeit ­
  verhindert,  daß  mehr  Menschen  existieren  können  als  Unterhalt ­
  zu  finden  vermögen,  und  daraus  schließt  Malthus,  daß  diese  Tendenz
der  Bevölkerung  zu  unbegrenzter  Vermehrung  entweder  durch  moralische ­
  Beschränkung  der  Fortpflanzung  oder  durch  die  verschiedenen
Ursachen,  welche  die  Sterblichkeit  vermehren,  und  welche  er  in  Laster
und  Elend  auflöst,  im  Zaum  gehalten  werden  müsse.  Die  die  Fortpflanzung ­
  hindernden  Ursachen  nennt  er  die  vorbauende  ftemmung;
die  die  Sterblichkeit  vermehrenden  Ursachen  nennt  er  die  positive  Hemmung. ­
  Dies  ist  die  famose  Malthussche  Lehre,  wie  sie  in  seinem  „Versuch ­
  über  die  Bevölkerung"  entwickelt  ist.
Es  lohnt  sich  nicht  der  Mühe,  bei  dem,  in  der  Annahme  geometrischer
und  arithmetischer  Zunahmeverhältnisse  enthaltenen  Trugschluß  zu
verweilen,  der  ein  Spiel  mit  Proportionen  ist,  das  nicht  einmal  an  jenes
George,  Fortschritt  und  Armut.

6
        <pb n="95" />
        82

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

bekannte  Rätsel  vorn  Lsasen  und  der  Schildkröte  hinanreicht,  in  weichern
der  bsase  die  Schildkröte  durch  alle  Ewigkeit  verfolgt,  ohne  sie  je  einzuholen. ­
  Denn  jene  Annahme  ist  für  die  Malthussche  Lehre  nicht  nötig,
oder  wird  wenigstens  ausdrücklich  von  manchen  verworfen,  welche  diese
Lehre  sonst  vollständig  gutheißen;  so  z.  B.  von  John  Stuart  will,  der
davon  spricht  als  von  einem  „unglücklichen  Versuch,  Dingen  eine  Präzision ­
  zu  geben,  deren  sie  nicht  fähig  sind  und  die,  wie  jeder  Vernünftige
einsehen  muß,  für  das  Argument  durchaus  überflüssig  ist"  *).  Der  Kern
der  kNalthusschen  Lehre  ist,  daß  die  Bevölkerung  schneller  wachse,  als
die  Fähigkeit,  Nahrungsmittel  hervorzubringen,  und  ob  nun  diese
Differenz  wie  bei  Malthus  als  ein  geometrisches  Verhältnis  für  die
Bevölkerung  und  als  ein  arithmetisches  für  die  Unterhaltsmittel  konstatiert ­
  wird,  oder  wie  bei  will  ein  konstantes  Verhältnis  sür  die  Bevölkerung ­
  und  ein  abnehmendes  für  die  Unterhaltsmittel,  ist  nur  eine
Sache  der  Schätzung.  Der  Kardinalpunkt,  in  welchem  beide  übereinstimmen, ­
  ist,  um  die  Worte  von  Malthus  zu  gebrauchen,  „daß  in  der
Bevölkerung  eine  natürliche  Tendenz  und  ein  beständiger  Drang  besteht,
sich  über  die  Unterhaltsmittel  hinaus  zu  vermehren".
Die  Malthussche  Lehre,  wie  sie  jetzt  aufgefaßt  wird,  läßt  sich  in
ihrer  strengsten  und  einwandfreisten  Form  folgendermaßen  ausdrücken:
„daß  die  Bevölkerung,  die  sich  beständig  zu  vermehren  strebt,  wenn  sie
uneingeschränkt  bleibt,  schließlich  gegen  die  allerdings  nicht  festen,  sondern
elastischen  Grenzen  der  Unterhaltsmittel  drängen  muß,  was  die  Beschaffung ­
  der  Unterhaltsmittel  progressiv  immer  schwieriger  macht".  Und
daher  muß  überall,  wo  die  Fortpflanzung  Zeit  gehabt  hat,  ihre  Kraft
zu  betätigen,  und  wo  sie  nicht  durch  die  Vorsicht  eingeschränkt  worden
ist,  jener  Grad  des  Ulangels  bestehen,  der  die  Bevölkerung  innerhalb
der  Grenzen  der  Unterhaltsmittel  hält.
Obgleich  diese  Theorie  dem  Glauben  an  eine  durch  die  Güte  und
Weisheit  des  Schöpfers  eingerichtete  harmonische  Weltordnung  tatsächlich ­
  nicht  mehr  widerstrebt,  als  die  bequeme  Nichttheorie,  welche  die
Verantwortlichkeit  für  die  Armut  und  deren  Gefolge  den  unerforschlichen
  Ratschlüssen  der  Vorsehung  aufbürdet,  ohne  auch  nur  den  Versuch ­
  zu  machen,  ihre  Spuren  zu  verfolgen,  so  kommt  sie  doch,  indem  sie
eingestandenermaßen  das  Laster  und  das  Elend  zu  notwendigen  Folgen
eines  mit  den  reinsten  und  süßesten  Gefühlen  verknüpften  natürlichen
Instinkts  macht,  in  arge  Kollision  mit  tief  gewurzelten  Anschauungen,
und  sie  wurde  daher,  von  ihrem  ersten  Auftreten  an,  mit  einer  Bitterkeit ­
  bekämpft,  in  der  der  Eifer  oft  mehr  zutage  trat  als  die  Logik.  Aber
sie  hat  die  Feuerprobe  siegreich  bestanden  und  trotz  der  Widerlegungen
*)  Principles  of  Political  Economy.  Buch  II,  Kap.  IX,  Abschn.  VI.  Trotz  dieser
Äußerung  Mills  ist  es  jedoch  klar,  daß  Malthus  selbst  großen  wert  auf  seine  geometrischen
und  arithmetischen  Verhältnisse  legte,  und  es  ist  auch  wahrscheinlich,  daß,  er  gerade  diesen
hauptsächlich  seine  Berühmtheit  verdankt,  da  sie  eine  jener  hochtönenden  Formeln,
abgaben,  die  bei  vielen  Leuten  mehr  Gewicht  haben  als  das  klarste  Raisonnement.
        <pb n="96" />
        Kap.  I.

Die  Malthussche  Theorie,  ihr  Ursprung  und  ihre  Stütze.

83

der  Godwins,  der  Anklagen  der  Lobbetts  und  aller  der  Pfeile,  die  von
Gründen,  von  Spott,  ksohn  und  Gefühl  auf  sie  abgeschossen  werden
konnten,  steht  sie  heute  in  der  Gedankenwelt  als  eine  anerkannte  Wahrheit ­
  da,  welche  die  Anerkennung  selbst  derjenigen  erzwingt,  die  gerne
nicht  daran  glauben  rnöchten.
Die  Ursachen  ihres  Triumphes,  die  «Duellen  ihrer  Stärke  sind  klar
genug.  Anscheinend  durch  eine  unwiderlegliche,  auf  Zahlen  gegründete
Wahrheit  gestützt,  nämlich:  daß  eine  fortwährend  zunehmende  Bevölkerung ­
  schließlich  über  die  Fähigkeit  der  Erde,  Nahrung  oder  nur  einen
Platz  zum  Stehen  zu  liefern,  hinauswachsen  müßte,  wird  die  Malthussche
Theorie  durch  Analogien  im  Tier-  und  Pflanzenreich  bestätigt,  wo  das
Leben  allenthalben  verheerend  gegen  die  Schranken  stößt,  welche  die
verschiedenen  Pflanzen-  und  Tierarten  im  Zaum  halten  —  Analogien,
welchen  der  moderne  Zdeengang,  indem  er  die  Unterscheidungen  zwischen
den  verschiedenen  Lebensformen  verwischte,  immer  größeres  Gewicht
verlieh;  und  sie  wird  anscheinend  durch  viele  offenbare  Tatsachen  gekräftigt, ­
  wie  das  Vorherrschen  der  Armut,  des  Lasters  und  des  Elends
unter  dichten  Bevölkerungen;  die  allgemeine  Wirkung  des  materiellen
Fortschritts  auf  Zunahme  der  Bevölkerung  ohne  Verminderung  des
Pauperismus;  die  schnelle  Vermehrung  der  Menschen  in  neu  besiedelten
Ländern  und  die  augenscheinliche  Verhinderung  der  Zunahme  in  dichter
bevölkerten  Ländern  durch  die  Sterblichkeit  unter  der  zum  Mangel
verurteilten  Ulasse.
Die  Malthussche  Theorie  liefert  einen  allgemeinen  Grundsatz,
der  diese  und  ähnliche  Tatsachen  erklärt  und  sie  in  einer  weise  erklärt,
welche  mit  der  Lehre,  daß  der  Arbeitslohn  aus  dem  Kapital  genommen
wird,  sowie  mit  allen  den  Grundsätzen  übereinstimmt,  welche  davon
abgeleitet  sind.  Nach  der  herrschenden  Lehre  vom  Lohn  sinken  die  Löhne,
sobald  eine  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  eine  weitere  Teilung  des
Kapitals  erheischt;  nach  der  Malthusschen  Theorie  erscheint  die  Armut,
sobald  eine  Zunahme  der  Bevölkerung  die  weitere  Teilung  der  Unterhaltsmittel ­
  erfordert.  Ls  bedarf  nur  der  Gleichsetzung  von  Kapital  und
Unterhaltsmitteln,  sowie  von  Arbeiterzahl  und  Bevölkerung,  einer  Gleichsetzung, ­
  die  in  den  hergebrachten  Lehrbüchern  der  Nationalökonomie,
wo  die  fraglichen  Ausdrücke  oft  miteinander  vertauscht  werden,  gang  und
gäbe  ist,  um  die  beiden  Sätze  formell  so  übereinstimmend  zu  machen,
wie  sie  es  dem  Wesen  nach  sind*).  Und  daher  kommt  es,  daß,  wie  Buckle
in  dem  vorhin  angeführten  Satze  sagt,  die  von  Malthus  aufgestellte
Bevölkerungstheorie  die  von  Smith  entwickelte  Lohntheorie  in  entscheidender ­
  weise  zu  erhärten  scheint.
Ricardo,  der  einige  Jahre  nach  der  Veröffentlichung  des  „Ver-*)

  Die  Wirkung  der  Malthusschen  Lehre  auf  die  Definitionen  des  Kapitals  läßt
sich  meines  Erachtens  daraus  ersehen,  daß  man  die  Definition  Smiths,  der  vor  Malthus
schrieb,  mit  denen  Ricardos,  McLullochs  und  Mills  vergleicht,  die  später  schrieben.
        <pb n="97" />
        Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

84

fuchs  über  die  Bevölkerung"  den  Irrtum,  in  welchen  Smith  in  betreff
der  Natur  und  der  Ursache  der  Rente  verfallen  war,  richtig  stellte,  lieh
der  Ulalthusschen  Theorie  eine  weitere  Stütze,  indem  er  die  Aufmerksamkeit ­
  darauf  lenkte,  daß  die  Rente  in  dem  Maße  steigen  müsse,  je
mehr  die  Erfordernisse  der  zunehmenden  Bevölkerung  zum  Anbau
immer  weniger  ergiebiger  Ländereien  zwängen,  und  damit  das  Steigen
der  Rente  erklärte.  Auf  diese  weise  wurde  gewissermaßen  eine  Tripelallianz ­
  hergestellt,  durch  welche  die  Malthussche  Tbeorie  auf  beiden
Seiten  mächtige  Stützen  erhielt  —  die  vorher  bestehende  Lohntheorie
und  die  später  anerkannte  Rententheorie  stellten  unter  diesem  Gesichtspunkte ­
  nur  besondere  Beispiele  der  Wirksamkeit  des  allgemeinen  Prinzips
dar,  welches  Malthus'  Namen  erhielt,  und  das  Sinken  des  Lohnes  und
das  Steigen  der  Rente,  die  mit  der  Bevölkerungsznnahme  kommen,
waren  nur  verschiedene  formen,  in  denen  sich  der  Druck  der  Bevölkerung ­
  gegen  die  Unterhaltsmittel  äußerte.
So  hat  sich  die  Malthussche  Theorie  in  dem  innersten  Bau  der
Nationalökonomie  eingenistet  (denn  die  Wissenschaft  hat  seit  den  Tagen
Ricardos  keine  wesentliche  Veränderung  oder  Verbesserung  erfahren,
obgleich  sie  in  einigen  untergeordneten  Punkten  geklärt  und  erläutert
wurde),  und  sie  widerstreitet  zwar  den  obenerwähnten  Gefühlen,  aber
nicht  anderen  Auffassungen,  welche  wenigstens  in  älteren  Ländern  unter
den  Arbeiterklassen  allgemein  herrschen;  sie  stimmt  vielmehr  gleich
der  Lohntheorie,  durch  welche  sie  gestützt  wird,  und  die  sie  ihrerseits
stützt,  mit  denselben  überein.  Für  den  Handwerker  oder  Fabrikarbeiter
ist  die  Ursache  des  niedrigen  Lohns  und  der  Unmöglichkeit,  Beschäftigung ­
  zu  erhalten,  offenbar  die  durch  den  Druck  der  zahlreichen  Bewerber
verursachte  Konkurrenz,  und  was  scheint  in  den  schmutzigen  Wohnungen
der  Armut  klarer,  als  daß  es  zu  viele  Menschen  gibt?
Die  Pauptursache  des  Triumphes  dieser  Theorie  ist  jedoch,  daß
sie,  anstatt  hergebrachtes  Recht  zu  bedrohen  oder  mit  mächtigen  Interessen ­
  in  Gegensatz  zu  geraten,  eminent  beruhigend  für  diejenigen  Ulassen
ist,  welche  die  Macht  des  Reichtums  handhaben  und  in  hohem  Maße
das  Denken  beherrschen.  Zu  einer  Zeit,  als  alte  Stützen  fielen,  kam
sie  den  besonderen  Privilegien  zu  Pilse,  durch  welche  einige  wenige  so
viele  der  Güter  dieser  Welt  auf  sich  vereinigen,  und  proklamierte  eine
natürliche  Ursache  für  den  Mangel  und  das  Elend,  die,  wenn  sie  politischen ­
  Einrichtungen  zuzuschreiben  wären,  jede  Regierung,  unter  der
sie  bestehen,  verurteilen  müßten.  Der  „versuch  über  die  Bevölkerung"
war  eingestandenermaßen  eine  Replik  auf  William  Godwins  „Untersuchung ­
  über  die  politische  Gerechtigkeit",  ein  Werk,  das  den  Grundsatz
der  menschlichen  Gleichheit  vertrat;  und  sein  Zweck  war,  die  bestehende
Ungleichheit  dadurch  zu  rechtfertigen,  daß  die  Verantwortlichkeit  dafür
von  den  menschlichen  Institutionen  auf  die  Gesetze  des  Schöpfers  gewälzt ­
  wurde.  Darin  war  nichts  Neues,  denn  schon  beinahe  vierzig  Jahre
früher  hatte  wallace  die  Gefahr  übermäßiger  Vermehrung  gegen  die
        <pb n="98" />
        Kap.  I.

Die  Malthussche  Theorie,  ihr  Ursprung  und  ihre  Stütze.

85

namens  der  Gerechtigkeit  erhobenen  Ansprüche  auf  gleichmäßigere
Verteilung  der  Güter  geltend  gemacht;  aber  die  Zeitverhältnisse  waren
derart,  um  denselben  Gedanken,  als  ihn  Malthus  aussprach,  besonders
ansprechend  für  eine  mächtige  Klasse  zu  machen,  in  der  durch  den  Ausbruch ­
  der  französischen  Revolution  eine  gewaltige  Furcht  vor  allen  Beanstandungen ­
  des  bestehenden  Zustandes  der  Dinge  erweckt  worden  war.
Zetzt  wie  damals  wehrt  die  Malthussche  Lehre  dem  verlangen  nach
Reform  ab  und  schützt  die  Selbstsucht  vor  Zweifeln  und  Gewissensbissen
durch  den  Schild  einer  unvermeidlichen  Notwendigkeit.  Sie  liefert  eine
Philosophie,  mit  welcher  der  schwelgende  Reiche  das  Bild  des  an  seiner
Türe  vor  ksunger  hinsinkenden  Lazarus  von  sich  fern  hält;  bei  welcher
der  Reichtum,  wenn  die  Armut  um  ein  Almosen  bittet,  mit  gutem  Gewissen ­
  die  Taschen  zuknöpfen  kann,  und  der  reiche  Christ  Sonntags
sich  in  seinem  schön  gepolsterten  Kirchenstuhle  beugt,  um  die  guten  Gaben
des  Allvaters  zu  erbitten  ohne  irgendein  Gefühl  der  Verantwortlichkeit
für  das  abschreckende  Elend,  das  in  der  nächsten  Straße  herrscht.  Denn
Armut,  Mangel  und  punger  sind  nach  dieser  Theorie  weder  der  persönlichen ­
  Habgier,  noch  sozialen  Mißverhältnissen  zur  Last  zu  legen;  sie  sind
die  unvermeidlichen  Folgen  von  Weltgesetzen,  mit  welchen  zu  hadern,
wenn  es  nicht  gottlos  wäre,  doch  ebenso  unnütz  sein  würde,  als  mit
dem  Gesetz  der  Schwere  zu  hadern,  von  diesem  Gesichtspunkt  aus
hat  derjenige,  welcher  inmitten  des  Mangels  Reichtum  angehäuft  hat,
nur  eine  kleine  Gase  von  dem  Treibsand  abgezäunt,  der  auch  ihn  sonst
überwältigt  haben  würde.  Er  hat  für  sich  selbst  gewonnen,  aber  niemanden
geschädigt.  Und  wenn  selbst  die  Reichen  die  Gebote  Christi  buchstäblich
erfüllen  und  mit  den  Armen  teilen  wollten,  so  wäre  nichts  dadurch  gewonnen. ­
  Die  Bevölkerung  würde  vermehrt  werden,  nur  um  aufs  neue
gegen  die  Grenzen  des  Unterhalts  oder  Kapitals  zu  drängen,  und  die
erzielte  Gleichheit  wäre  nur  die  Gleichheit  des  gemeinschaftlichen  Elends.
Und  so  werden  die  Reformen,  welche  den  Interessen  einer  mächtigen
Klasse  zu  nahe  treten  würden,  als  hoffnungslos  dargestellt.  Da  das  Sittengesetz ­
  verbietet,  den  Methoden  vorzugreifen,  durch  welche  das  Naturgesetz ­
  einen  Uberschuß  der  Bevölkerung  beseitigt,  und  eine  Tendenz
zur  Vermehrung  zu  hemmen,  die  stark  genug  ist,  um  die  Gberfläche  der
Erde  mit  menschlichen  wesen  so  vollzupacken  wie  Sardinen  in  einer
Büchse,  so  kann  faktisch  nichts  getan  werden,  weder  durch  vereinzelte
noch  durch  vereinte  Anstrengung,  um  die  Armut  auszurotten,  außer
auf  die  Wirksamkeit  der  Erziehung  zu  vertrauen  und  die  Notwendigkeit
der  Vorsicht  zu  predigen.
Eine  Theorie,  die  mit  den  Denkgewohnheiten  der  ärmeren  Klassen
übereinstimmt  und  auf  diese  weise  die  pabgier  der  Reichen  und  die
Selbstsucht  der  Mächtigen  rechtfertigt,  wird  sich  rasch  verbreiten  und  tiefe
wurzeln  schlagen.  Dies  war  auch  mit  der  von  Malthus  aufgestellten
Theorie  der  Fall.
Und  in  den  letzten  Zähren  hat  die  Malthussche  Theorie  neue  Unter-
        <pb n="99" />
        86

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

stützung  durch  den  'schnellen  Wechsel  der  Ansichten  über  den  Ursprung
des  Menschen  und  die  Entstehung  der  Arten  erhalten.  Daß  Buckle  recht
darin  hatte,  daß  die  Aufstellung  der  Malthusschen  Theorie  einen  Abschnitt ­
  in  der  Geschichte  des  spekulativen  Denkens  bezeichne,  wäre,  wie
ich  glaube,  leicht  zu  beweisen;  doch  würde  es  uns,  so  interessant  es  wäre,
über  den  Bereich  dieser  Untersuchung  hinausführen,  wenn  wir  ihren
Einfluß  auf  die  höheren  Gebiete  der  Philosophie  (wovon  Buckles  eigenes
Werk  ein  Beispiel  ist)  verfolgen  wollten.  Aber  wieviel  davon  auch  widergespiegelt ­
  und  wie  viel  davon  original  sei,  die  Unterstützung,  welche  der
Ukalthusschen  Theorie  durch  die  neue  Entwicklungslehre,  die  sich  jetzt
so  geschwind  nach  allen  Richtungen  hin  ausbreitet,  geleistet  wird,  inuß
bei  jeder  Würdigung  der  «Duellen,  aus  denen  diese  Theorie  ihre  jetzige
Stärke  schöpft,  in  Betracht  gezogen  werden.  Wie  in  der  Nationalökonomie
die  chilfstruppen  der  Lohn-  und  der  Rententheorie  sich  verbanden,  um
die  Malthussche  Theorie  zum  Range  einer  Zentralwahrheit  zu  erheben,
so  hat  die  Ausdehnung  ähnlicher  Ansichten  auf  die  Entwicklung  des
Lebens  in  allen  seinen  Formen  die  Wirkung,  ihr  eine  noch  höhere  und
uneinnehmbarere  Stellung  anzuweisen.  Agassiz,  der  bis  zu  seinem  Todestage ­
  ein  erbitterter  Gegner  der  neuen  Lehre  war,  bezeichnete  den  Darwinismus ­
  als  „Malthus  in  neuer  Auflage"*)  und  Darwin  selbst  sagt,
der  Kampf  ums  Dasein  „sei  die  Malthussche  Lehre  mit  vervielfachter
Kraft  auf  das  ganze  Tier-  und  Pflanzenreich  angewendet"**).
fEs  scheint  mir  indes  nicht  ganz  korrekt,  daß  die  Theorie  der  Entwicklung ­
  durch  natürliche  Wahl  oder  durch  Überleben  der  Tüchtigsten
ein  weiter  entwickelter  Malthusianismus  sei,  denn  die  Lehre  desselben
schloß  nicht  ursprünglich  und  schließt  nicht  notwendig  die  Idee  des  Fortschrittes ­
  ein.  Aber  dieselbe  wurde  ihr  bald  hinzugefügt.  McLulloch***)
schreibt  dem  „Prinzip  der  Volksvermehrung"  die  Hebung  der  Gesellschaft
und  den  Fortschritt  der  Künste  zu  und  erklärt,  daß  die  dadurch  erzeugte
Armut  als  ein  mächtiger  Antrieb  zur  Entwicklung  des  Fleißes,  zur  Ausbreitung ­
  der  Wissenschaft  und  zur  Ansammlung  von  Reichtum  unter
den  höheren  und  Mittelklassen  wirke,  ohne  welchen  Antrieb  die  Gesellschaft ­
  schnell  in  Apathie  versinken  und  verfallen  würde.  Mas  ist  dies
anders  als  das  Anerkenntnis,  daß  die  entwickelnden  Wirkungen  des
„Kampfes  ums  Dasein"  und  des  „Überlebens  der  Tüchtigsten",  die,
wie  uns  jetzt  die  Autoritäten  der  Naturwissenschaften  sagen,  die  von  der
Natur  angewendeten  Mittel  waren,  um  alle  die  unendlich  verschiedenartigen ­
  und  sich  den  Umständen  wunderbar  anpassenden  Formen  hervorzubringen, ­
  welche  das  sprossende  Leben  der  Erde  annimmt,  auch  für
die  menschliche  Gesellschaft  Gültigkeit  haben?  Was  ist  es  als  die  Anerkennung ­
  der  Kraft,  welche,  anscheinend  grausam  und  unbarmherzig,
*)  Vortrag  vor  dem  Landwirtschaftsrat  von  Massachusetts  ;8?2.  Bericht  des
Ackerbau-Departements  der  vereinigten  Staaten  \8?5.
**)  Ursprung  der  Arten.  Rap.  III.
***)  Anmerkung  IV  zum  Volkswohlstand.
        <pb n="100" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

87

doch  im  Verlauf  zahlloser  Jahrtausende  das  Schaltier  aus  einer  niedrigeren ­
  Art,  den  Affen  aus  dem  Schaltier,  den  Menschen  aus  dem  Affen
und  das  neunzehnte  Jahrhundert  aus  dem  Steinzeitalter  entwickelt  hat?
So  empfohlen  und  anscheinend  bewiesen,  so  verbunden  und  gestützt
wird  nun  die  Malthussche  Theorie  —  jene  Lehre,  daß  die  Armut  durch
den  Druck  der  Bevölkerung  gegen  die  Unterhaltsmittel  entstehe,  oder,
um  sie  in  ihre  andere  Gestalt  zu  bringen,  jene  Lehre,  daß  die  Tendenz
zur  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  den  Lohn  immer  auf  das  Minimum,
bei  dem  die  Arbeiter  sich  fortpflanzen  können,  drücken  müsse  —&amp;gt;  allgemein ­
  als  eine  unzweifelhafte  Wahrheit  betrachtet,  in  deren  Lichte
die  sozialen  Erscheinungen  gerade  so  erklärt  werden,  wie  vor  alters  die
Erscheinungen  des  gestirnten  bsimmels  durch  den  vorausgesetzten  Stillstand ­
  der  Erde  oder  die  geologischen  Tatsachen  auf  die  Voraussetzung
der  buchstäblichen  Richtigkeit  der  mosaischen  Schöpfungsgeschichte  erklärt
wurden.  Käme  es  auf  die  Autorität  allein  an,  so  würde  es  fast  soviel
Kühnheit  erfordern,  diese  Lehre  abzuleugnen,  als  jener  farbige  Prediger
besitzt,  der  neulich  auf  einen  Kreuzzug  gegen  die  Ansicht,  daß  die  Erde
sich  um  die  Sonne  bewege,  auszog,  denn  in  einer  oder  der  anderen
Form  hat  die  Malthussche'Theorie  eine  nahezu  allgemeine  Anerkennung
in  der  intellektuellen  Welt  erworben,  und  in  der  besten  wie  in  der  ge-.
wohnlichsten  Literatur  des  Tages  kann  man  sie  nach  allen  Richtungen
hin  hervorwuchern  sehen.  Sie  ist  anerkannt  von  Nationalökonomen
wie  von  Staatsmännern,  von  Geschichtsschreibern  wie  von  Naturforschern, ­
  von  sozialwissenschaftlichen  Kongressen  wie  von  Gewerksvereinen, ­
  von  Geistlichen  wie  von  Materialisten,  von  Konservativen
strengster  Observanz  wie  von  den  Radikalsten  der  Radikalen,  j  Sie  wird
von  vielen  hochgehalten  und  zur  Grundlage  ihrer  Auffassungen  gemacht,
die  nie  von  Malthus  gehört  und  nicht  die  leiseste  Ahnung  haben,  was
eigentlich  seine  Theorie  ist.
Nichtsdestoweniger  werden,  wie  die  Grundlagen  der  herrschenden
Lohntheorie  verschwanden,  als  sie  einer  unparteiischen  Prüfung  unterzogen ­
  wurden,  auch,  wie  ich  glaube,  die  Grundlagen  dieser  ihrer  Zwillingsschwestex
  verschwinden.  Durch  den  Beweis,  daß  der  Lohn  nicht  aus  dem
Kapital  gezogen  wird,  haben  wir  diesen  Antäus  von  der  Erde  emporgehoben ­
  und  bezwungen.

Kapitel  II.
Folgerungen  aus  Tatsachen.
Die  allgemeine  Anerkennung  der  Malthusschen  Theorie  und  die
hohen  Autoritäten,  die  ihr  zur  Seite  stehen,  ließen  es  mir  erforderlich
scheinen,  ihre  Grundlagen  sowie  die  Ursachen  zu  prüfen,  die  sich  ver-
        <pb n="101" />
        88

Bevölkerung  und  Unterhaltsinittel.

Buch  II.

einigten,  um  ihr  einen  hervorragenden  Einfluß  bei  der  Erörterung
sozialer  Fragen  zu  verschaffen.
Unterwerfen  wir  aber  die  Theorie  selbst  einer  gerade  auf  ihr  Ziel
losgehenden  Analyse,  so  wird  sie,  glaube  ich,  sich  ebenso  vollkonrnren
unhaltbar  erweisen  wie  die  herrschende  Lohntheorie.
Erstens  wird  die  Theorie  durch  die  zu  ihrer  Unterstützung  angeführten ­
  Tatsachen  nicht  bewiesen,  und  die  Analogien  sprechen  ebensowenig ­
  für  sie.
Zweitens  find  Tatsachen  vorhanden,  die  sie  beweiskräftig
widerlegen.
Ich  gehe  direkt  auf  den  Kern  der  Sache  los,  indem  ich  sage,  daß
weder  die  Erfahrung,  noch  die  Analogie  die  Behauptung  rechtfertigt,
die  Bevölkerung  habe  die  Tendenz,  schneller  als  ihre  Unterhaltsmittel
zuzunehmen.  Die  als  Beweis  angeführten  Tatsachen  zeigen  nur,  daß,
wo  infolge  der  schwachen  Bevölkerung  neuer  Länder,  oder  wo  infolge
der  ungleichen  Verteilung  des  Reichtums,  wie  unter  den  ärmeren
Klassen  alter  Länder,  das  menschliche  Leben  in  den  physischen  Trieben
des  Daseins  ausgeht,  die  Tendenz  der  Fortpflanzung  eine  Ausdehnung
erreicht,  die,  wenn  sie  ungezügelt  fortschreiten  sollte,  zeitweilig  die  Unterhaltsmittel ­
  übersteigen  würde.  Aber  hieraus  kann  nicht  mit  Recht  gefolgert ­
  werden,  daß  die  Tendenz  der  Fortpflanzung  sich  in  gleicher  Stärke
zeigen  würde,  wo  die  Bevölkerung  dicht  genug  und  der  Reichtum  gleich
genug  verteilt  ist,  um  ein  ganzes  Land  über  die  Notwendigkeit  zu  erheben,
seine  Kräfte  einem  Kampfe  um  die  bloße  Existenz  zu  widmen.  Auch
darf  man  nicht  annehmen,  daß  die  Tendenz  zur  Fortpflanzung  eben
durch  die  Herbeiführung  der  Armut  die  Existenz  eines  solchen  Landes
verhindern  müsse,  denn  dies  hieße  offenbar  eben  den  Ausgangspunkt
als  erwiesen  annehmen  und  einen  Zirkelbeweis  führen.  Und  selbst  wenn
man  zugeben  müßte,  daß  die  Tendenz  zur  Vermehrung  schließlich  Armut
im  Gefolge  habe,  so  kann  daraus  allein  nicht  geschlossen  werden,  daß
die  bestehende  Armut  dieser  Ursache  zuzuschreiben  sei,  wofern  nicht
bewiesen  wird,  daß  keine  anderen  Ursachen  vorhanden  sind,  die  sie  erklären ­
  können,  was  bei  dem  gegenwärtigen  Stande  der  politischen
Verfassungen,  Gesetze  und  Rechte  offenbar  unmöglich  zu  beweisen  ist.
Dies  ist  im  „versuche  über  die  Bevölkerung"  selbst  weitläufig
dargelegt.  Dieses  berühmte  Buch,  das  viel  öfter  im  Munde  geführt
als  gelesen  wird,  lohnt  immer  noch  die  Lektüre,  wäre  es  auch  nur  als
literarische  Kuriosität.  Der  Kontrast  zwischen  dem  Verdienst  des  Buches
selbst  und  der  Wirkung,  welche  es  hervorgebracht  hat  oder  die  ihm
wenigstens  zugeschrieben  wird  (denn  obgleich  Sir  James  Stewart,
Townsend  und  andere  mit  Malthus  den  Ruhm  teilen,  „das  Prinzip
der  Bevölkerung"  entdeckt  zu  haben,  so  war  es  doch  die  Veröffentlichung
des  „Versuchs  über  die  Bevölkerung",  welche  dasselbe  besonders  aufs
Tapet  brachte),  ist  nach  meiner  Ansicht  eine  der  merkwürdigsten  Erscheinungen ­
  in  der  Literaturgeschichte,  und  es  ist  leicht  zu  verstehen.
        <pb n="102" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

8A
warum  Godwin,  dessen  „Politische  Gerechtigkeit"  den  „versuch  über
die  Bevölkerung"  hervorrief,  bis  auf  seine  alten  Tage  verschmähte  darauf
zu  antworten.  Das  Buch  beginnt  mit  der  Annahme,  daß  die  Bevölkerung ­
  die  Tendenz  habe,  in  geometrischem  Verhältnis  zuzunehmen,
während  die  Unterhaltsmittel  bestenfalls  nur  im  arithmetischen  Verhältnis ­
  vermehrt  werden  könnten  —&amp;gt;  eine  Annahme,  die  genau  soviel
wert  hat,  als  wenn  man  aus  dem  Umstande,  daß  einem  jungen  Lsunde
der  Schwanz  doppelt  so  lang  wuchs,  während  er  gleichzeitig  so  und  so
viele  Pfunde  an  Gewicht  zunahm,  eine  geometrische  Progression  des
Schwanzes  und  eine  arithmetische  Progression  des  Gewichtes  herleiten
wollte.  Und  die  Folgerung  aus  der  Annahme  ist  just  von  der  Art,  wie
sie  eine  Swiftsche  Satire  den  Gelehrten  einer  früher  hundelosen  Insel
zugeschrieben  haben  könnte,  die  durch  Verknüpfung  dieser  beiden  Verhältnisse ­
  zu  der  sehr  „auffallenden  Konsequenz"  gelangen,  daß  bis  zu
der  Zeit,  wo  der  pund  ein  Gewicht  von  fünfzig  Pfund  erreicht  habe,
sein  Schwanz  über  eine  Uleile  lang  und  äußerst  schwer  zu  bewegen  sein
werde,  weshalb  sie  die  vorbauende  Hemmung  einer  Bandage  als  einzige
Alternative  gegen  die  positive  Hemmung  fortwährender  Amputationen
empfehlen.  Ulit  einer  solchen  Absurdität  fängt  das  Buch  an  und  enthält
dann  ein  langes  Plädoyer  für  die  Erhebung  von  Einfuhrzöllen  und  für
eine  Ausfuhrprämie  auf  Getreide,  eine  Ansicht,  die  jetzt  längst  schon  in
die  Rumpelkammer  antiquierter  Irrtümer  geworfen  ist.  Und  in  den
beweisführenden  Teilen  des  Werkes  stößt  man  überall  auf  Stellen,
welche  die  lächerlichste  Unfähigkeit  für  logisches  Denken  bei  dem  ehrwürdigen ­
  Herrn  beweisen,  wie  z.  B.  daß,  wenn  der  Lohn  von  *8  Pence
oder  2  Schilling  auf  5  Schilling  täglich  stiege,  das  Fleisch  notwendig
von  8  oder  9  Pence  auf  2  oder  3  Schilling  per  Pfund  steigen  müsse,
so  daß  die  Lage  der  arbeitenden  Klasse  dadurch  nicht  verbessert  werden
würde,  eine  Behauptung,  für  die  ich  keinen  besseren  vergleich  weiß,
als  die  Ansicht,  die  ich  eines  Tages  von  einem  Setzer  ernsthaft  vortragen
hörte:  daß,  weil  ein  ihm  bekannter  Schriftsteller  vierzig  Iahre  alt  war,
als  er  zwanzig  zählte,  derselbe  jetzt  achtzig  Iahre  alt  sein  müsse,  weil  er
(der  Setzer)  nunmehr  die  Vierzig  erreicht  habe.  Diese  Gedankenverwirrung ­
  tritt  nicht  bloß  hier  oder  da  hervor,  sie  charakterisiert  das  ganze
Werk*).  Der  Hauptteil  desselben  ist  mit  Dingen  angefüllt,  die  in  wirk-*)
  Malthus'  anbete  Werke  wurden  zwar  erst  geschrieben,  nachdem  er  berühmt
geworden,  machten  aber  keinen  Eindruck  und  wurden  selbst  von  denen  mit  Verachtung
behandelt,  die  in  dem  „versuch"  eine  große  Entdeckung  fanden.  Die  Encyclopaedia
Britannica  z.B.  akzeptiert  zwar  die  Ulalthussche  Theorie,  sagt  aber  von  seiner  Nationalökonomie: ­
  „Sie  ist  sehr  schlecht  eingeteilt  und  in  keiner  Beziehung  eine  praktische  noch
eine  wissenschaftliche  Darstellung  des  Gegenstandes.  Sie  ist  größtenteils  angefüllt  mit
einer  Prüfung  gewisser  Partien  von  Ricardos  Lehren,  sowie  mit  einer  Untersuchung
der  Natur  und  Ursachen  des  wertes.  Nichts  jedoch  kann  weniger  befriedigend  sein  als
diese  Erörterungen.  Die  Wahrheit  ist,  daß  NIalthus  nie  eine  klare  oder  bestimmte  Vorstellung ­
  von  den  Theorien  Ricardos  oder  von  den  Grundsätzen  hatte,  welche  beim  Tausch
verschiedener  Artikel  den  wert  bestimmen."
        <pb n="103" />
        Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.  Buch  II.

lichkeit  eine  Widerlegung  der  Theorie  liefern,  die  das  Buch  aufstellt,
denn  Malthus'  Übersicht  der  von  ihm  so  genannten  positiven  Hemmungen
der  Bevölkerung  beweist  einfach,  daß  die  von  ihm  der  Übervölkerung
Zugeschriebenen  Ergebnisse  anderen  Ursachen  entspringen.  Unter  all
den  angeführten  Fällen,  und  so  ziemlich  die  ganze  Erde  ist  dazu  herbeigezogen, ­
  in  welchen  das  Laster  und  Elend  der  Bevölkerungszunahme
dadurch  Einhalt  tun,  daß  sie  die  Heiraten  beschränken  und  das  menschliche ­
  Leben  verkürzen,  ist  kein  einziger  Fall,  in  welchem  das  Laster  und
Elend  in  seiner  Wirkung  auf  eine  wirkliche  Überhandnähme  der  Münder
über  die  Fähigkeit  der  Hände,  sie  zu  speisen,  verfolgt  werden  könnte;
vielmehr  wird  in  jedem  Falle  gezeigt,  daß  das  Laster  und  Elend  aus
Unwissenheit  und  Habgier  oder  aus  einer  schlechten  politischen  Verfassung
ungerechten  Gesetzen  oder  verheerenden  Kriegen  entspringen.
Und  was  Malthus  nicht  zu  beweisen  vermochte,  hat  auch  seit  ihm
niemand  bewiesen,  vergebens  forscht  man  auf  dem  Erdball  und  in
der  Geschichte  nach  dem  Beispiele  eines  bedeutenden  Landes*),  in
welchem  Armut  und  Mangel  füglich  dem  Druck  einer  zunehmenden
Bevölkerung  zugeschrieben  werden  könnten,  welche  Gefahren  auch
die  Möglichkeit  einer  unbegrenzten  Vermehrung  der  Menschen  haben
mag,  bisher  haben  sie  sich  noch  nie  gezeigt.  Die  Bevölkerung  sollte  stets
die  Grenzen  ihres  Unterhalts  zu  überschreiten  streben?  wie  kommt  es
dann,  daß  diese  unsere  Erdkugel,  nach  all  den  Tausenden  und,  wie  man
jetzt  glaubt,  Millionen  von  Jahren,  die  der  Mensch  auf  der  Erde  war,
noch  immer  so  dünn  bevölkert  ist?  wie  kommt  es  dann,  daß  so  viele
Stätten  menschlichen  Lebens  jetzt  verlassen  sind,  daß  einst  angebaute
Felder  jetzt  mit  Dickicht  bewachsen  sind  und  die  Tiere  ihre  Jungen  lecken,
wo  einst  geschäftige  Menschen  wimmelten?
wenn  wir  den  nach  Millionen  zählenden  Zuwachs  unserer  Bevölkerung ­
  sehen,  verlieren  wir  nur  zu  gern  aus  dem  Auge,  was  dennoch
Tatsache  ist,  daß,  soweit  wir  die  Geschichte  kennen,  die  Abnahme  der
Bevölkerung  gerade  so  gewöhnlich  ist  wie  deren  Zunahme.  Ob  die
Gesamtbevölkerung  der  Erde  jetzt  größer  sei  als  zu  irgendeiner  früheren
Zeit,  ist  eine  Spekulation,  die  nur  auf  Vermutungen  beruhen  kann.
Seit  Montesquieu  zu  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  behauptete
twas  damals  wahrscheinlich  die  vorherrschende  Ansicht  war),  daß  die
Bevölkerung  der  Erde  seit  der  christlichen  Zeitrechnung  sehr  abgenommen
habe,  hat  sich  die  Einsicht  darüber  geändert.  Aber  neuere  Forschungen
und  Entdeckungen  haben  den  für  übertrieben  gehaltenen  Berichten  der
alten  Geschichtsschreiber  und  Reisenden  größere  Glaubwürdigkeit  ver*) ­

  Sch  sage  bedeutenden  Landes,  weil  kleine  Inseln  vorhanden  sein  können,  wie
Z.  B.  die  Pitcairns-tznsel,  welche,  abgeschnitten  von  dein  Verkehr  mit  der  übriqen  Welt
fund  folglich  auch  von  den  Tauschen,  die  für  die  verbesserten  Methoden  der  Produktion,
zu  denen  eine  dichter  gewordene  Bevölkerung  greift,  notwendig  sind),  als  passende  Beispiele ­
  angeführt  werden  könnten.  Lin  Augenblick  des  Nachdenkens  wird  indes  zeigen,
daß  solche  Ausnahmefälle  keine  passenden  Beispiele  sind.
        <pb n="104" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

91

schafft  und  Symptome  dichterer  Bevölkerungen  und  vorgeschrittenerer
Zivilisationen  enthüllt,  als  zuvor  vermutet  wurden,  sowie  auch  eines
viel  höheren  Alters  des  Menschengeschlechts.  während  wir  unsere
Bevölkerungsschätzungen  auf  die  Entwicklung  des  Handels,  den  Fortschritt ­
  der  Künste  und  die  Größe  der  Städte  gründen,  unterschätzen
wir  gern  die  Dichtigkeit  der  Bevölkerung,  welche  die  den  früheren  Zivilisationen ­
  eigentümliche  intensive  Bodenkultur  zu  unterhalten  imstande
ist,  besonders  wo  man  zu  künstlicher  Bewässerung  griff,  wie  wir  an  den
dicht  bebauten  Gegenden  Lhinas  und  Europas  sehen  können,  vermag
eine  sehr  große  Bevölkerung  von  einfachen  Gewohnheiten  bei  sehr
wenig  Verkehr  und  einem  viel  niedrigeren  Stande  jener  Gewerbe  zu
bestehen,  in  denen  der  moderne  Fortschritt  sich  am  meisten  spiegelt,
und  zwar  ohne  die,  den  modernen  Völkern  eigentümliche  Tendenz,
sich  in  großen  Städten  zusammenzudrängen*).
Sei  dem  nun  wie  ihm  wolle,  der  einzige  Erdteil,  von  dem  wir
überzeugt  sein  können,  daß  er  jetzt  eine  größere  Bevölkerung  enthält
als  je  zuvor,  ist  Europa.  Aber  selbst  für  alle  Teile  Europas  ist  dies  nicht
richtig.  Sicherlich  haben  Griechenland,  die  Mittelmeerinseln  und  die
europäische  Türkei,  vielleicht  auch  Italien  und  möglicherweise  Spanien
größere  Bevölkerungen  als  jetzt  enthalten,  und  dasselbe  mag  auch  mit
dem  nordwestlichen  und  gewissen  Teilen  von  Mittel-  und  Osteuropa
der  Fall  sein.
Amerika  hat  auch  an  Bevölkerung  zugenommen,  seit  wir  es  kennen;
aber  diese  Vermehrung  ist  nicht  so  groß,  wie  gemeinhin  angenommen
wird,  da  manche  Schätzungen  Peru  allein  zur  Zeit  der  Entdeckung  eine
größere  Bevölkerung  zuschreiben,  als  jetzt  in  ganz  Südamerika  lebt.
Und  alle  Anzeichen  deuten  darauf  hin,  daß  schon  vor  der  Entdeckung
Amerikas  die  Bevölkerung  im  Rückgänge  begriffen  war.  wie  viele
große  Nationen  ihren  weg  zurückgelegt  haben,  wie  viele  Reiche  entstanden ­
  und  gefallen  find  in  „jener  neuen  Welt,  welche  die  alte  ist",
können  wir  nicht  wissen.  Aber  Überbleibsel  massiver  Ruinen  bezeugen
eine  noch  großartigere  Zivilisation  vor  den  Inkas;  inmitten  der  tropischen ­
  Wälder  von  Pukatan  und  Zentralamerika  sind  die  Reste  großer,
selbst  zur  Zeit  der  spanischen  Eroberung  schon  vergessener  Städte;  Mexiko,
wie  Lortez  es  fand,  zeigte  eine  Oberschicht  von  Barbarei  über  einer  höheren
sozialen  Entwicklung,  während  über  einen  großen  Teil  der  jetzigen  ver-*)
  Wie  auf  der  Karte  in  £).  tj.  Bancrofts  „Lingeborne  Rassen"  gesehen  werden
kann,  ist  der  Staat  Vera  Lruz  nicht  einer  der  durch  ihr  Alter  merkwürdigen  Teile  Mexikos.
Dennoch  sagt  bsugo  Fink  von  Lordova  in  seinem  Schreiben  an  das  Smithsonian-Fnstitut
(Bericht  ;s?o),  daß  im  ganzen  Staate  kaum  ein  fußbreit  Raums  ist,  aus  dem  bei  Ausgrabungen ­
  nicht  ein  zerbrochenes  Steinmesser  oder  ein  zerbrochenes  Stück  Topf  ausgegraben ­
  werden  könnte,  daß  das  ganze  Land  von  parallelen  Steinlinien  durchkreuzt
.  ist,  die  die  Erde  davor  schützten,  in  der  Regenzeit  weggewaschen  zu  werden,  was  beweist,
daß  selbst  das  ärmste  Land  benutzt  wurde,  und  daß  man  sich  unmöglich  der  Folgerung
verschließen  kann,  daß  die  alte  Bevölkerung  wenigstens  so  dicht  war,  wie  jetzt  die  bevölkertsten ­
  Striche  Europas.
        <pb n="105" />
        92

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

einigten  Staaten  künstliche  ftügel  zerstreut  sind,  welche  eine  früher
relativ  dichte  Bevölkerung  beweisen,  und  hier  und  da,  wie  in  den  Kupferininen
  ain  Gberen  See,  sind  Spuren  höherer  Künste  vorhanden,  als
sie  den  Indianern,  init  welchen  die  Weißen  in  Berührung  kamen,  bekannt ­
  waren.
In  betreff  Afrikas  kann  kein  Zweifel  obwalten.  Das  nördliche
Afrika  kann  nur  einen  kleinen  Teil  der  Bevölkerung  enthalten,  welche  es
in  alten  Zeiten  hatte;  das  Niltal  besaß  einst  eine  unvergleichlich  größere
Bevölkerung  als  jetzt,  während  südlich  der  Sahara  nichts  eine  Zunahme
innerhalb  der  historischen  Zeit  beweist,  und  sicherlich  durch  den  Sklavenhandel ­
  eine  weitverbreitete  Entvölkerung  verursacht  wurde.
was  Asien  angeht,  das  auch  jetzt  noch  mehr  als  die  ftälfte  der  Menschheit ­
  enthält,  obgleich  es  nicht  viel  mehr  als  halb  so  dicht  wie  Europa
bevölkert  ist,  so  sind  Anzeichen  vorhanden,  daß  sowohl  Indien  als  China
dereinst  größere  Bevölkerungen  als  jetzt  enthielten,  während  jener
große  Brutplatz  der  Menschen,  aus  welchem  Schwärme  hervorgingen,
welche  beide  Länder  überzogen  und  große  Völkerwogen  über  Europa
dahinwälzten,  einst  weit  mehr  bevölkert  gewesen  sein  muß.  Die  merkwürdigste ­
  Veränderung  jedoch  hat  in  Kleinasien,  Syrien,  Babylonien
und  Persien,  kurz  in  jenen  Gegenden  stattgefunden,  welche  sich  den
erobernden  fteeren  Alexanders  unterwerfen  mußten,  wo  einst  große
Städte  und  zunehmende  Bevölkerungen  waren,  sind  jetzt  elende  Dörfer
und  unfruchtbare  wüsten.
Ls  ist  ziemlich  sonderbar,  daß  unter  all  den  aufgetauchten  Theorien
nicht  auch  eine  ausgeheckt  worden  ist,  die  eine  bestimmte  Quantität
menschlichen  Lebens  auf  der  Erde  annimmt.  Dieselbe  würde  wenigstens
besser  mit  den  historischen  Tatsachen  stimmen  als  die  einer  beständigen
Tendenz  der  Bevölkerung,  über  ihre  Unterhaltsmittel  hinauszugehen.
Ls  ist  klar,  daß  die  Bevölkerung  hier  eine  Ebbe,  dort  eine  Flut  erfahren
hat;  ihre  Mittelpunkte  haben  sich  verändert,  neue  Nationen  sind  entstanden, ­
  alte  untergegangen;  dürftig  besiedelte  Gegenden  sind  volkreich
geworden,  und  volkreiche  Gegenden  haben  ihre  Bevölkerung  verloren;
aber  soweit  wir  zurückgehen  können,  ohne  uns  ganz  in  Vermutungen
zu  verlieren,  gibt  es  keine  Beweise  beständiger  Zunahme  und  sogar
nicht  einmal  einen  klaren  Beweis,  daß  die  Menschheit  im  ganzen  sich
von  Zeit  zu  Zeit  vermehrt  habe.  Die  Pioniere  der  Völker  sind,  soweit
wir  es  beurteilen  können,  niemals  in  unbewohnte  Länder  vorgerückt  —
ihr  Gang  war  immer  ein  Kampf  mit  einem  schon  vorher  im  Besitz  befindlichen ­
  Volke;  hinter  dunkeln  Reichen,  verschwommene  Umrisse
noch  schattenhafterer  Reiche.  Daß  die  Bevölkerung  der  Erde  ihre  kleinen
Anfänge  gehabt  haben  muß,  läßt  sich  mit  Sicherheit  annehmen,  denn
wir  wissen,  daß  ein  geologisches  Zeitalter  bestand,  wo  das  Menschengeschlecht ­
  nicht  existiert  haben  kann,  und  wir  vermögen  uns  nicht  vorzustellen, ­
  daß  die  Menschen  alle  mit  einemmal  hervorkamen,  wie  etwa
aus  den  von  Kadmus  gesäten  Drachenzähnen;  doch  entdecken  wir  in
        <pb n="106" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

A3

Entfernungen,  in  welche  Geschichte,  Tradition  und  Altertümer  ein  in
schwachen  Schimmern  sich  verlierendes  Licht  werfen,  große  Bevölkerungen. ­
  während  dieser  langen  Perioden  ist  das  Bevölkerungsprinzip
nicht  stark  genug  gewesen,  um  die  Erde  zu  füllen  oder  nur  soweit  zu  füllen,
daß  wir  eine  wesentliche  Vermehrung  ihrer  Gesamtbevölkerung  klar
erblicken  könnten.  )m  Vergleich  mit  ihrer  Fähigkeit,  Menschenleben
zu  unterhalten,  ist  die  Erde  als  Ganzes  noch  immer  äußerst  gering  bevölkert. ­

Es  gibt  eine  andere  offenkundige  Tatsache,  die  jedem  ausfallen
muß,  der  beim  Nachdenken  über  diesen  Gegenstand  seinen  Blick  über
die  moderne  Gesellschaft  hinauslenkt.  Der  Malthusianismus  verkündet ­
  als  allgemeines  Gesetz,  daß  es  die  natürliche  Tendenz  der  Bevölkerung ­
  sei,  über  ihre  Unterhaltsmittel  hinaus  zu  wachsen.  Besteht
ein  solches  Gesetz,  so  muß  es  überall,  wo  die  Bevölkerung  eine  gewisse
Dichtigkeit  erreicht  hat,  so  offenbar  sein  wie  irgendeines  der  großen
Naturgesetze,  die  überall  anerkannt  worden  sind,  wie  kommt  es  dann,
daß  wir  weder  in  den  klassischen  Dogmen  und  Gesetzbüchern,  noch  in
denen  der  Juden,  der  Ägypter,  der  Hindus,  derLhinesen  oder  irgendeines
anderen  der  Völker,  welche  in  enger  Gemeinschaft  gelebt  und  Religionen
und  Gesetzbücher  gegründet  haben,  nur  irgendwelche  Vorschriften,
die  den  vorbauenden  Hemmungen  von  Malthus  entsprächen,  finden;
sondern  daß  im  Gegenteil  die  Weisheit  der  Jahrhunderte,  die  Religionen
der  Völker  stets  )deen  bürgerlicher  und  religiöser  Pflicht  eingeprägt
haben,  die  das  genaue  Gegenteil  dessen  sind,  was  die  herrschende  Nationalökonomie ­
  lehrt  und  was  Annie  Besant  jetzt  in  England  volkstümlich
zu  machen  sucht.
Auch  muß  daran  erinnert  werden,  daß  Gesellschaften  bestanden
haben,  in  denen  der  Staat  jedem  seiner  Mitglieder  Beschäftigung  und
Unterhalt  garantierte.  )ohn  Stuart  Mill  sagt  (Buch  II,  Rap.  XII,
Abschn.  II),  daß  dies  ohne  Regulierung  der  Heiraten  und  Geburten
seitens  des  Staats  allgemeine  Armut  und  Erniedrigung  herbeiführen
müsse.  „Diese  Folgen",  sagt  er,  „sind  von  geachteten  Schrifstellern  so
oft  und  so  klar  gezeigt  worden,  daß  Unkenntnis  derselben  seitens  gebildeter ­
  Personen  nicht  länger  verzeihlich  ist."  Dennoch  scheint  man  in
Sparta,  in  Peru,  in  Paraguay,  sowie  in  den  Rommunen,  welche  fast
überall  die  ursprüngliche  Landwirtschaftsorganisation  gebildet  zu  haben
scheinen,  in  vollständigster  Unwissenheit  über  diese  schrecklichen  Folgen
einer  natürlichen  Tendenz  gewesen  zu  sein.
Außer  d.en  von  mir  angeführten  allgemeinen  Tatsachen  gibt  es
andere,  jedem  bekannte,  welche  vollständig  unvereinbar  mit  einer  so
überwältigenden  Vermehrungstendenz  erscheinen.  wenn  dieselbe
so  stark  ist,  wie  Malthus  voraussetzt,  wie  kommt  es  dann,  daß  so  oft
Familien  aussterben  —  Familien,  in  denen  der  Mangel  unbekannt  ist?
wie  kommt  es,  daß,  wenn  durch  erbliche  Titel  und  erbliche  Besitzungen
nicht  bloß  der  Vermehrung,  sondern  auch  der  Erhaltung  der  Geschlechts ­
        <pb n="107" />
        Buch  II.

%

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

register  und  Ahnentafeln  jede  Prämie  gewährt  wird,  trotzdem  in  einer
Aristokratie  wie  der  englischen  so  viele  Adelsgeschlechter  aussterben  und
das  chaus  der  Lords  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert  nur  durch  neue
Ernennungen  ergänzt  werden  kann?
Um  das  vereinzelte  Beispiel  einer  Familie  zu  finden,  die  einen
großen  Zeitraum  überlebt  hat,  obgleich  ihr  Einkommen  und  ihre  Ehre
gesichert  waren,  müssen  wir  nach  dem  unveränderlichen  Ehina  gehen.
Die  Nachkommen  von  Konfuzius  existieren  dort  noch  und  genießen  besondere ­
  Vorrechte  und  Achtung,  indem  sie  tatsächlich  die  einzige  erbliche
Aristokratie  bilden.  Der  Annahme  zufolge,  daß  die  Bevölkerung  sich
alle  25  Jahre  zu  verdoppeln  strebe,  müßten  sie  sich  in  21[50  Jahren  nach
Konfuzius  Tode  jetzt  auf  859  55g  \y5  106  709  670  198  71.0  528  Seelen
belaufen.  Anstatt  einer  so  undenkbaren  Zahl  bezifferten  sich  die  Nachkommen ­
  von  Konfuzius  2\50  Jahre  nach  seinem  Tode,  unter  der  Regierung ­
  Kanghis,  auf  hh  000  männliche  Personen,  sagen  wir  insgesamt
22000  Seelen.  Dies  ist  eine  gewaltige  Abweichung,  und  eine  um  so
schlagendere,  wenn  man  sich  erinnert,  daß  die  Achtung,  in  welcher  diese
Familie  um  ihres  Ahnen,  „des  heiligsten  Lehrers  des  Altertums",  willen
steht,  die  Einwirkung  der  positiven  Hemmung  gewiß  verhindert  hat,
während  die  Lehrsätze  des  Konfuzius  alles,  nur  nicht  die  vorbauende
Hemmung  einprägen.
Nun  mag  gesagt  werden,  daß  selbst  diese  Vermehrung  noch  groß
genug  sei.  22  000  Personen,  die  in  21.50  Jahren  von  einem  einzigen
Paare  abstammen,  bleiben  zwar  weit  hinter  dem  Malthusschen  Verhältnis ­
  zurück,  könnten  aber  immerhin  genügen,  eine  Übervölkerung
als  möglich  hinzustellen.
Ls  ist  indes  zu  bedenken,  daß  die  Vermehrung  von  Nachkommen
keine  Vermehrung  der  Bevölkerung  beweist.  Sie  könnte  dies  nur  dann
tun,  wenn  die  Zeugung  immer  in  der  Familie  bliebe.  Schmidt  und  seine
Frau  haben  einen  Sohn  und  eine  Tochter,  die  anderer  Leute  Tochter
und  Sohn  heiraten,  und  von  denen  jedes  Paar  dann  zwei  Kinder  hat.
Schmidt  und  seine  Frau  hätten  so  vier  Enkel,  aber  in  der  einen  Generation
wären  nicht  mehr  als  in  der  anderen  —Jedes  Kind  hätte  vier  Großeltern.
Angenommen  dieser  Prozeß  ginge  so  fort,  so  könnte  sich  die  Nachkommenschaft ­
  leicht  in  Hunderte,  Tausende  und  Millionen  ausbreiten.  Aber  in
jeder  Generation  der  Nachkommenschaft  würden  nicht  mehr  Individuen
als  in  irgendeiner  früheren  Generation  der  Ahnen  sein.  Das  Gewebe
der  Generationen  ist  gleich  einem  Gitterwerk  oder  gleich  den  diagonalen
Linien  in  Geweben.  Geht  man  oben  von  irgendeiner  Stelle  derselben
aus,  so  verfolgt  das  Auge  Linien,  die  unten  weit  auseinanderlaufen;
geht  man  dann  aber  von  einer  Stelle  unten  aus,  so  laufen  die  Linien
nicht  minder  nach  oben  auseinander.  Wie  viele  Kinder  ein  Mensch
haben  kann,  ist  zweifelhaft.  Aber  daß  er  zwei  Eltern  hatte,  ist  gewiß,
und  daß  diese  wieder  zwei  Eltern  hatten,  ist  auch  gewiß,  verfolgt  man
diese  geometrische  Proportion  durch  einige  Generationen,  so  wird  man
        <pb n="108" />
        Kap.  II.  Folgerungen  aus  Tatsachen.

feiert,  daß  sie  zu  ebenso  „auffallenden  Folgen"  führen  wird,  wie  Malthus'
angebliches  Bevölkerungsxrinzix.
Gehen  wir  jedoch  von  diesen  Betrachtungen  zu  einer  bestimmteren
Untersuchung  über.  )ch  behaupte,  daß  die  gewöhnlich  als  Beispiele
angeführten  Fälle  von  Übervölkerung  keine  nähere  Untersuchung  vertragen. ­
  Indien,  China  und  Irland  liefern  die  stärksten  dieser  Fälle.
In  allen  diesen  Ländern  sind  große  Menschenmassen  durch  Hunger  umgekommen, ­
  und  ganze  Ulassen  werden  zu  abschreckendem  Elend  verurteilt
oder  zur  Auswanderung  gezwungen.  Aber  rührt  dies  wirklich  von  Übervölkerung ­
  her?  _  ,  ,
vergleichen  wir  die  Gesamtbevölkerung  mit  dem  Gesamt-Flacheninhalt,
  so  sind  Indien  und  China  keineswegs  die  am  dichtesten  bevölkerten
Länder  der  Erde.  Nach  den  Schätzungen  von  Behm  und  Wagner  beträgt
die  Bevölkerung  Indiens  nur  sZ2,  die  Chinas  nur  Menschen  auf  die
(engl.)  (vuadratmeile,  während  Sachsen  eme  Bevölkerung  von  442,
Belgien  44V  England  422,  die  Niederlande  29t,  Italien  2-4  und  Iapan
233  hat*)  Ls  gibt  somit  in  beiden  Ländern  große  unbenutzte  oder  mcht
völlig  benutzte  Flächen;  aber  selbst  in  ihren  dichter  bevo  kerten  Gegenden
könnten  beide  zweifelsohne  eine  viel  größere  Bevölkerung  m  einem
viel  höheren  Grade  von  Uomfort  erhalten,  denn  m  beiden  Landern  wird
die  Arbeit  in  der  rohesten  und  unwirksamsten  elfe^  zur  pro  u  wn
verwendet,  und  in  beiden  Ländern  sind  große  natürliche  Hilfsquellen
völlig  vernachlässigt.  Dies  rührt  von  keinen  angeborenen  Mangeln
dieser  Völker  der.  denn  der  Hindu  ist,  wie  die  vergleichende  Philologie
bewiesen  hat,  von  unserem  eigenen  Blute,  und  China  besaß  emen  hohen
Grad  von  Zivilisation  und  die  Anfänge  der  wichtigsten  modernen  Erfindungen, ­
  als  unsere  Ahnen  noch  Nomaden  waren.  Ls  rührt  von  der
Form  her,  welche  die  soziale  Organisation  in  beiden  Landern  angenommen
hat,  und  welche  die  Produktivkraft  gefesselt  und  den  Gewerbfleiß  seines.
Lohnes  beraubt  hat.  ..  ...  &amp;lt;  ..  .  „
Seit  undenkbaren  Zeiten  sind  in  Indien  die  arbei  enden  Massen
durch  Erpressungen  und  Druck  aller  Art  m  einen  Zustand  hilf-  und
hoffnungsloser  Entwürdigung  versetzt  worden.  Seit  alters  hat  sich  der
Bebauer  des  Bodens  glücklich  geschätzt,  wenn  die  Erpressungen  der
Mächtigen  ihm  genug  übrig  ließen,  um  das  Leben  zu  fristen  und  für
Aussaat  zu  sorgen;  Kapital  konnte  nirgends  sicher  angehäuft  oder  m
irgend  beträchtlicher  Ausdehnung  zur  Unterstützung  der  Produktion
angewendet  werden;  aller  Reichtum,  der  dem  Volke  abgerungen  werden

Ick  entnehme  biete  Zahlen  dem  SmitHfonian-Berichte  von  1873,ibie  Bruchteile
weglassen?  Bchm  und  Wagner  schätzen  die  Bevölkerung  LHmas  auf  W  500  000,  oh.
r  ■  j.  I  1  k  a  «s  nickt  150  000  000  überschreite.  Dre  Bevölkerung  vorder-'
gle,ch  andere  bebaup  en  daß  sre  rnchl  150  0  ^  ^  ^  ^  ^lon
ans  07  -r  aut  die  qzuadratrneile;  die  von  ksinterindien  aus  2I0I8  0S2
1377  000  000,  ein  Durchschnitt  vonL26,64  auf  d.e  Vuadratrneüe.
        <pb n="109" />
        Bevölkerung  und  Unterhaktsmittel.

Buch  II.

96

konnte,  war  im  Besitz  von  Fürsten,  die  wenig  besser  als  in  dem  Lande
einquartierte  Räuberhauptleute  waren,  oder  im  Besitz  ihrer  Pächter
und  Günstlinge,  und  wurde  in  nutzlosem  oder  schlimmerem  als  nutzlosem
Luxus  verschwendet,  während  die  in  künstlichen  und  furchtbaren  Aberglauben ­
  versunkene  Religion  über  die  Geister  dieselbe  Tyrannei  ausübte,
wie  die  physische  Gewalt  über  die  Körper  der  Menschen.  Unter  solchen
Verhältnissen  waren  die  einzigen  Künste,  die  fortschreiten  konnten,  diejenigen, ­
  welche  der  Pracht  und  dem  Luxus  der  Großen  dienten.  Die
Elefanten  der  Rajahs  strahlten  von  Gold  in  köstlichster  Verarbeitung
und  die  Sonnenschirme,  welche  ihre  königliche  Macht  ausdrückten,
glitzerten  von  Edelsteinen;  aber  der  Pflug  des  Bauern  war  nur  ein
zugespitzter  Stab.  Die  Frauen  des  fürstlichen  parems  hüllten  sich  in
Musseline,  so  fein,  daß  sie  den  Namen  „gewobener  wind"  erhielten,
aber  die  Werkzeuge  der  Handwerker  waren  von  ärmlichster  und  rohester
Art,  und  der  Pandel  konnte  gewissermaßen  nur  auf  Schleichwegen
betrieben  werden.
Ist  es  nicht  klar,  daß  diese  Tyrannei  und  Unsicherheit  den  Mangel
und  die  Aushungerung  Indiens  verursacht  haben,  und  daß  nicht,  wie
Buckle  meint,  der  Druck  der  Bevölkerung  auf  die  Unterhaltsmittel  den
Mangel  erzeugt,  und  der  Mangel  wieder  die  Tyrannei  erzeugt  hat*)?
William  Tennant,  ein  Kaplan  im  Dienste  der  ostindischen  Kompagnie,
sagte  im  Jahre  zwei  Jahre  vor  der  Veröffentlichung  des  „Versuchs ­
  über  die  Bevölkerung":
„Bedenkt  man  die  große  Fruchtbarkeit  Indiens,  so  ist  das  häufige  Erscheinen
von  Hungersnot  erstaunlich.  Dffenbar  rührt  dies  von  keiner  Unfruchtbarkeit  des  Bodens
oder  Klimas  her;  das  Übel  muß  irgendeiner  politischen  Ursache  zugeschrieben  werden,
und  es  erfordert  nur  geringen  Scharfblick,  dasselbe  in  der  Habgier  und  den  Erpressungen
der  verschiedenen  Regierungen  zu  entdecken.  Der  große  Sporn  des  Gewerbfleißes,
die  Sicherheit,  ist  genommen.  Deshalb  baut  niemand  mehr  Korn,  als  gerade  nötig
für  ihn  selbst  ist,  und  das  erste  ungünstige  Jahr  verursacht  eine  Hungersnot.
„Die  Regierung  der  Großmoguls  bot  zu  keiner  Zeit  dem  Fürsten  volle  Sicherheit, ­
  noch  weniger  seinen  Vasallen,  und  nur  die  allernotdürftigste  den  Bauern.  Sie
war  ein  fortwährendes  Gewebe  von  Gewalttat  und  Empörung,  Verrat  und  Bestrafung, ­
  unter  welchem  weder  der  Handel  noch  die  Künste  gedeihen,  noch  der  Ackerbau
das  Ansehen  eines  Systems  annehmen  konnten.  Der  Sturz  dieser  Dynastie  veranlaßte
einen  noch  betrübenderen  Zustand,  denn  Anarchie  ist  schlimmer  als  Ukißregierung.
Schlecht  wie  die  mohammedanische  Regierung  war,  die  europäischen  Nationen  haben
nicht  das  Verdienst,  sie  gestürzt  zu  haben.  Sie  fiel  unter  dem  Gewicht  ihrer  eigenen
Verdorbenheit,  und  es  war  ihr  schon  die  vielartige  Tyrannei  kleiner  Häuptlinge  gefolgt,
deren  Recht  zu  herrschen  in  ihrem  Verrat  gegen  den  Staat  bestand,  und  deren  Erpressungen ­
  so  grenzenlos  wie  ihre  Habsucht  waren.Die  Abgaben  an  die  Regierung  wurden
und  werden,  wo  Eingeborene  herrschen,  noch  jetzt  zweimal  im  Jahr  von  erbarmungs-*)

  Geschichte  der  Zivilisation,  Buch  I,  Kap.  2.  In  diesem  Kapitel  hat  Buckle  eine
große  Menge  von  Beweisen  für  die  uralte  Unterdrückung  und  Erniedrigung  des  indischen
Volkes  gesammelt,  und  er  schreibt,  geblendet  durch  die  von  ihm  angenommene  und  zum
Grundstein  seiner  Theorie  über  die  Entwicklung  der  Zivilisation  gemachte  Malthussche
Lehre,  diesen  Zustand  der  Leichtigkeit  zu,  mit  welcher  dort  Nahrungsmittel  erzeugt  werden
.können.
        <pb n="110" />
        Folgerungen  aus  Tatsachen.

97

Kap.  ii.

losen  Banditen  in  der  Uniform  von  Soldaten  erhoben,  welche  die  unglückseligen  Bauern
aus  den  Dörfern  in  die  Wälder  jagen  und  ruchlos  zerstören  oder  wegnehmen,  was
von  deren  Eigentum  ihren  Launen  zusagen  oder  ihre  Habgier  sättigen  kann,  Jeder
Versuch  der  Bauern,  ihre  Personen  oder  ihr  Eigentum  innerhalb  der  Erdwälle  ihrer
Dörfer  zu  verteidigen,  ruft  nur  noch  rachsüchtigere  Vergeltung  über  diese  nützlichen
aber  beklagenswerten  Sterblichen  hervor.  Sie  werden  dann  umzingelt  und  mit
Kanonen  und  Musketen  angegriffen,  bis  der  Widerstand  gedämpft  ist,  wonach  die
Aberlebenden  verkauft,  ihre  Wohnungen  verbrannt  und  dem  Erdboden  gleichgemacht
werden.  Daher  wird  man  häufig  Bauern  beschäftigt  finden,  die  zertrümmerten
Reste  dessen,  was  gestern  noch  ihre  Wohnstätte  war,  zusammenzusuchen,  sobald  die
Furcht  ihnen  gestattet,  zurückzukehren;  öfter  jedoch  sieht  man  nach  einer  derartigen
heimsuchunq  die  noch  rauchenden  Ruinen,  ohne  daß  das  Erscheinen  eines  menschlichen
Wesens  die  beklemmende  Stille  der  Verwüstung  unterbräche.  Diese  Schilderung
paßt  nicht  allein  auf  die  mohammedanischen  Häuptlinge,  sondern  ist  gleichermaßen
anwendbar  auf  die  Rajahs  in  den  von  Hindus  regierten  Distrikten*)."
Dieser  unbarmherzigen  ksabgier,  die  Elend  und  Hungersnot  hervorgebracht ­
  haben  würde,  wenn  auch  nur  ein  Mensch  auf  die  Tuadrat-Meile
  käme  und  das  Land  ein  Garten  Edens  wäre,  folgte  in  der  ersten
Aeit  der  britischen  Herrschaft  in  Indien  eine  ebenso  unbarmherzige
Habgier,  die  nur  durch  eine  weit  unwiderstehlichere  Macht  gestützt  wurde.
Alacaulay  sagt  darüber  in  seinem  Essay  über  Lord  Elive:
„Ungeheure  vermögen  wurden  schnell  in  Kalkutta  zusammengerafft,  während
Millionen  menschlicher  wesen  in  den  Abgrund  des  äußersten  Elends  gestürzt  wurden.
5ie  waren  wohl  gewöhnt  gewesen,  unter  der  Tyrannei  zu  leben,  aber  nie  unter  einer
Tyrannei  gleich  dieser!  Sie  fanden  den  kleinen  Finger  der  Kompagnie  dicker  als  die
Hüften  von  Surajah  Dowlah  ....  Sie  glich  mehr  einer  Regierung  böser  Geister,
als  der  Regierung  menschlicher  Tyrannen.  Bisweilen  ertrugen  sie  es  in  geduldigem
Elend.  Bisweilen  flohen  sie  vor  dem  weißen  Manne  wie  ihre  Väter  gewöhnt  gewesen
waren,  vor  dem  Maharatta  zu  fliehen,  und  der  Tragsessel  des  englischen  Reisenden
wurde  oft  durch  stille  Dörfer  und  Städte  getragen,  welche  die  Nachricht  von  seiner
Annäherung  verödet  hatte."
Auf  die  Schrecken,  welche  Macaulay  nur  berührt,  warf  die  lebhafte ­
  Beredsamkeit  Burkes  ein  stärkeres  Licht  —  ganze  Distrikte  wurden
der  zügellosen  Habsucht  von  Teufeln  in  Menschengestalt  überantwortet,
die  ärmsten  Bauern  allen  erdenkbaren  Torturen  unterworfen,  um  sie
Zu  zwingen,  ihre  verborgenen  Habseligkeiten  auszuliefern,  und  einst
volkreiche  Strecken  in  wüsten  verwandelt.
Aber  der  gesetzlosen  Frechheit  der  früheren  englischen  Herrschaft
sst  seit  lange  Einhalt  geboten  worden.  Die  starke  Hand  Englands  hat
jener  ganzen  großen  Bevölkerung  einen  mehr  als  römischen  Frieden
Segeben;  die  gerechten  Grundsätze  des  englischen  Gesetzes  sind  durch
ein  sorgfältiges  System  der  Gesetzbücher  und  Rechtsprechung  verbreitet
Morden,  das  darauf  berechnet  ist,  dem  niedrigsten  dieser  verkommenen
Menschen  die  Rechte  freigeborener  Angelsachsen  zu  verschaffen;  die
3anze  Halbinsel  ist  mit  einem  Eisenbahnnetz  ausgestattet,  und  große
-oewässerungsarbeiten  sind  ausgeführt  worden.  Aber  mit  zunehmender
*)  Indian  Recreation.  By  Rev.  Wm.  Tennant,  London  I8O4.  Bd.  I,  Abschn.  Lg.
George,  jortschritt  und  Armut.

1
        <pb n="111" />
        98

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

Häufigkeit  ist  pungernot  auf  Hungersnot  gefolgt,  nur  immer  weitere
Flächen  mit  größerer  Heftigkeit  verheerend.
Ist  dies  nicht  ein  Beweis  der  Malthusschen  Theorie?  Zeigt  dies
nicht,  daß,  soviel  auch  die  Zugänglichkeit  der  Unterhaltsmittel  vermehrt
wird,  die  Bevölkerung  doch  fortfährt,  gegen  dieselben  anzudrängen?
Zeigt  es  nicht,  daß  Malthus  Recht  hatte,  wenn  er  behauptete,  die  Schleusen
zu  schließen,  durch  welche  die  überflüssige  Bevölkerung  fortgeschafft
werde,  heiße  nur  soviel  als  die  Natur  zu  zwingen,  sich  andere  zu  öffnen
und  daß,  wenn  die  (Quellen  menschlicher  Vermehrung  nicht  durch  Regulierungen ­
  der  Vorsicht  eingedämmt  werden,  nur  zwischen  Krieg  und
Hungersnot  die  Wahl  bleibt?  Dies  war  die  orthodoxe  Erklärung.  Aber
die  Wahrheit  ist,  wie  aus  den  bei  den  jüngsten  Erörterungen  der  indischen
Angelegenheiten  in  den  englischen  Blättern  enthüllten  Tatsachen  ersichtlich, ­
  daß  diese  Heimsuchungen  von  Hungersnot,  welche  Millionen
hinweggerafft  haben  und  noch  hinwegraffen,  dem  Druck  der  Bevölkerung ­
  gegen  die  natürlichen  Grenzen  der  Unterhaltsmittel  ebensowenig
zuzuschreiben  sind,  wie  die  Verheerung  des  Earnatic,  als  Ljyder  Alis
Reiter  wie  ein  verheerender  Sturmwind  über  dasselbe  hereinbrachen.
Die  Millionen  Indiens  haben  ihre  Nacken  unter  das  Joch  mancher
Eroberer  gebeugt,  aber  das  schlimmste  von  allen  ist  das  beständige,
erdrückende  Gewicht  der  englischen  Herrschaft,  ein  Gewicht,  welches
buchstäblich  Millionen  aus  dem  Dasein  hinausdrückt  und,  wie  englische
Schriftsteller  zeigen,  zu  einer  überaus  schrecklichen  und  weit  verbreiteten
Katastrophe  führen  muß.  Auch  andere  Eroberer  haben  im  Lande  gelebt,
und,  so  schlecht  und  tyrannisch  ihre  Herrschaft  war,  so  haben  sie  doch
das  Volk  verstanden  und  sind  von  demselben  verstanden  worden;  jetzt
aber  gleicht  Indien  einem  großen  Grundbesitz,  der  einem  abwesenden
und  fremdländischen  Herrn  gehört.  Es  werden  höchst  kostspielige  Militärund
  Zivileinrichtungen  aufrecht  erhalten,  geleitet  und  mit  Offizieren
versehen  durch  Engländer,  die  Indien  nur  als  einen  Platz  zeitweiligen
Exils  ansehen;  und  eine  enorme,  aus  wenigstens  20  Millionen  £  jährlich
zu  veranschlagende  Summe  (die  von  einer  Bevölkerung  erhoben  wird,
wo  Arbeiter  in  guten  Zeiten  froh  sind,  für  \ 1 / 2  bis  4  Pence  täglich  zu
arbeiten)  fließt  in  Form  von  Rimessen,  Pensionen,  europäischen  Regierungsunkosten
  usw.  nach  England  —  ein  Tribut,  für  den  kein  Gegensatz ­
  zurückkommt.  Die  ungeheuren,  aus  Eisenbahnen  verschwendeten
Summen  haben,  wie  die  Betriebsergebnisse  beweisen,  sich  als  unproduktive
Anlagen  herausgestellt;  die  größten  Bewässerungswerke  find  meistenteils
ebenso  kostspielig  als  verfehlt.  In  großen  Teilen  Indiens  verliehen  die
Engländer,  von  dem  Wunsche  geleitet,  eine  Klasse  von  Grundbesitzern
zu  schassen,  absoluten  Besitz  von  Grund  und  Boden  an  erbliche  Steuereinnehmer, ­
  die  die  Bauern  unbarmherzig  durch  die  Pachtschraube  ausplündern. ­
  In  anderen  Teilen,  wo  die  Pacht  noch  durch  den  Staat  in
Form  einer  Grundsteuer  erhoben  wird,  sind  die  Ansätze  so  hoch  und  die
Steuern  werden  so  rücksichtslos  eingetrieben,  daß  die,  selbst  in  guten
        <pb n="112" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

99

fahren  nur  den  armseligsten  Unterhalt  gewinnenden  Bauern  in  die
Alanen  von  Wucherern  getrieben  werden,  die  womöglich  noch  habgieriger ­
  sind  als  die  Zemindars.  Auf  Salz,  das  überall  ein  notwendiger
Bedarfsartikel  ist,  aber  von  besonderer  Notwendigkeit  da,  wo  die  Nahrung
fast  ausschließlich  vegetabilisch  ist,  liegt  eine  Steuer  von  1200  Prozent, ­
  so  daß  dessen  industrielle  Benutzung  sich  dadurch  verbietet,  und
große  Nassen  des  Volkes  nicht  genug  erschwingen  können,  um  sowohl
sich  als  auch  ihr  Vieh  gesund  zu  erhalten.  Unter  den  englischen  Beamten
steht  eine  porde  von  eingeborenen  Angestellten,  die  bedrücken  und
erpressen.  Die  Wirkung  des  englischen  Rechts  mit  seinen  strengen  Regeln
und  seinem  für  den  Eingeborenen  geheimnisvollen  Verfahren,  hat  nur
dazu  gedient,  ein  mächtiges  Werkzeug  der  Plünderung  in  den  pänden
der  eingeborenen  Wucherer  zu  werden,  von  denen  die  Bauern  zu  den
ausschweifendsten  Bedingungen  zu  borgen  genötigt  sind,  um  ihre  Steuern
Zahlen  zu  können,  und  denen  gegenüber  sie  sich  leicht  bewegen  lassen,
Verpflichtungen  zu  übernehmen,  deren  Sinn  ihnen  unverständlich  ist.
Florence  Nightingale  stößt  folgenden  Stoßseufzer  aus:  „wir  kümmern
uns  nicht  um  das  indische  Volk;  der  traurigste  Anblick,  der  im  Grient,
ia  vielleicht  in  der  Welt,  zu  sehen  ist,  ist  der  Bauer  unseres  indischen
Aeiches."  Und  dann  weist  die  genannte  Schriftstellerin  die  Ursachen
der  schrecklichen  Pungersnotperioden  in  den  Steuern  nach,  welche  den
Bauern  selbst  die  Mittel  zur  Bebauung  entziehen,  sowie  in  der  tatsächlichen ­
  Sklaverei,  der  sie  „infolge  unserer  eigenen  Gesetze"  unterworfen
sind,  und  die  in  dem  fruchtbarsten  Lande  der  Welt  und  vielen  Grten,
wo  eine  eigentliche  Hungersnot  nicht  existiert,  doch  einen  quälenden
chronischen  Zustand  halben  Verhungerns  erzeugt*).  „Die  Hungersnöte, ­
  die  Indien  verheeren",  sagt  Es.  M.  Hyndman**),  „sind  hauptsächlich ­
  Geldnöte;  Männer  und  Frauen  können  keine  Nahrung  finden,
weil  sie  nicht  das  Geld  erübrigen  können,  sie  zu  kaufen.  Dennoch  sind
wir,  sagt  man,  gezwungen,  diese  Leute  noch  mehr  zu  besteuern."  Er
Zeigt,  wie  selbst  aus  Hungersnotdistrikten  Nahrungsmittel  behufs  Zahlung
r&amp;gt;on  Steuern  ausgeführt  werden,  und  wie  das  ganze  Indien  einem
beständigen  und  erschöpfenden  Abflusse  unterworfen  ist,  der,  in  Verbindung ­
  mit  den  enormen  Rosten  der  Regierung,  die  Bevölkerung  Jahr

Miü  rrmbtinaale  enäblt  (in  dem  „Nineteenth  Century"  für  August  1878)  Beispiele
  L-L!  ch.ft  i»  U  «ie  sie  !---&amp;gt;  -°°e"  ich-»  »
Millionen  von  Fällest  durch  den  Vorschub  geraten  smd,  welchen  die  Ger.ch  shofe  den
Bedrückungen  und  Betrüaereien  der  Wucherer  und  eingeborenen  Unterbeamten  leisten
..Unsere  Gerichtshöfe  werden  als  Institute  betrachtet  um^  deui  Reichen  zu  befähigen  ,e
Armen  ru  knockten  und  viele  suchen  vor  der  Genchtsbarkert  derselben  tn  den  unter  em-9.boS£
  SSfe  SÄ  Stea*«  E  Zuflucht"  sagt  Är  David  wedderburn
in  einem  Aufsatz  über  die  unter  englischem  Schutz  stehenden  Fürsten  Indiens  m  der
voraufaehenden  (Iuli-)Nummer  derselben  Zeitschrift,  m  welcher  er  auch  emen  eingeborenen
Staat,  dessen  Besteuerung  verhältnismäßig  leicht  ist,  als  etn  Beispiel  des  blühendsten
chnstandes  unter  der  Bevölkerung  Indiens  anführt.  .
**)  Man  sehe  die  Artikel  im  „Nineteenth  Century"  für  Oktober  1878  und  Marz  I87tz.
        <pb n="113" />
        wo

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

für  Jahr  ärmer  machen  muß.  Die  Ausfuhren  Indiens  bestehen  fast
ausschließlich  aus  Ackerbau-Erzeugnissen,  Für  wenigstens  ein  Drittel
derselben  erhält  es,  wie  bfyndman  zeigt,  nie  einen  Gegenwert;  dies
Drittel  repräsentiert  den  Tribut,  Rimessen,  die  von  Engländern  in  Indien ­
  gemacht  werden,  oder  Rosten  des  englischen  Zweiges  der  indischen
Regierung*).  Für  das  übrige  aber  besteht  der  Gegenwert  größtenteils
aus  Vorräten  der  Regierung  oder  Artikeln  des  Romforts  und  Luxus,
die  von  den  englischen  Herren  Indiens  verbraucht  werden.  Er  zeigt,
daß  die  Rosten  der  Regierung  unter  der  Herrschaft  des  Reichs  enorm
angeschwollen  sind;  daß  die  unbarmherzige  Besteuerung  einer  Bevölkerung, ­
  die  so  elend  arm  ist,  daß  die  Massen  sich  nur  halb  sättigen  können,
sie  ihrer  geringen  Mittel  für  die  Bebauung  des  Bodens  beraubt;  daß
die  Zahl  der  Ochsen  (das  indische  Zugtier)  abnimmt  und  die  armseligen
Ackerbaugeräte  den  Wucherern  in  die  Hände  fallen,  von  denen  „wir,
ein  Handelsvolk,  die  Bauern  zu  \2,  2%  so  Prozent**)  zu  borgen  zwingen,
um  großartige  öffentliche  Werke  zu  bauen  und  zu  verzinsen,  die  niemals
5  Prozent  gebracht  haben".  „Die  Wahrheit  ist,"  sagt  Hpndman  an  einer
anderen  Stelle,  „daß  die  indische  Gesellschaft  als  Ganzes  unter  unserer
Herrschaft  entsetzlich  verarmt  ist,  und  daß  der  Prozeß  jetzt  in  außerordentlich ­
  schnellem  Maßstabe  vor  sich  geht",  eine  Behauptung,  die  angesichts
der  Tatsachen,  welche  nicht  nur  von  den  Schriftstellern,  die  ich  angeführt
habe,  sondern  auch  von  indischen  Beamten  selbst  dargestellt  werden,
nicht  bezweifelt  werden  kann.  Selbst  die  Anstrengungen,  welche  zur
Linderung  der  Hungersnot  von  der  Regierung  gemacht  werden,  tragen
durch  die  zu  diesem  Zweck  erforderliche  höhere  Besteuerung  nur  zur
Verstärkung  und  Ausdehnung  ihrer  tatsächlichen  Ursache  bei.  Obgleich
die  Zahl  der  während  der  letzten  Hungersnot  im  südlichen  Indien  faktisch
Verhungerten  aus  6  Millionen  veranschlagt  wird,  und  die  Mehrzahl
der  Überlebenden  von  allem  entblößt  war,  wurden  die  Steuern  doch
nicht  nachgelassen  und  die  Salzsteuer,  die  für  die  große  Masse  dieses
mit  Armut  geschlagenen  Volkes  schon  dem  Verbote  gleichkommt,  um
^0  Prozent  erhöht,  gerade  wie  nach  der  schrecklichen  Hungersnot  von
Bengalen  f770  die  Einnahmen  tatsächlich  in  die  Höhe  geschraubt,  und
auf  die  Überlebenden  Abgaben  ausgeschrieben  und  strenge  eingetrieben
wurden.
Jetzt,  wie  in  früheren  Zeiten,  kann  nur  die  alleroberslächlichste
Ansicht  den  Mangel  und  Hungertod  in  Indien  dem  Drucke  der  Be-*)

  Professor  Fawcett  lenkt  in  einem  neulich  veröffentlichten  Artikel  über  die  vorgeschlagenen ­
  Anleihen  Indiens  die  Aufmerksamkeit  auf  Rosten,  wie  £  ;200  für  Repräsentations-
  und  Reisekosten  eines  Mitglieds  des  General-Gouverneurrats,  £  2450  für  Repräsentations-
  und  Reisekosten  der  Bischöfe  von  Lalcutta  nach  Bombay.
**)  Klorence  Nightingale  sagt,  sind  wo  Prozent  gewöhnlich,  und  selbst  dann
wird,  wie  sie  anführt,  der  Bauer  noch  auf  andere  weise  beraubt.  Ls  ist  kaum  nötig,  zu
bemerken,  daß  diese  Sätze,  wie  die  des  Pfandleihers,  nicht  Zinsen  im  nationalökonomischen
Sinne  des  Wortes  sind.
        <pb n="114" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

\0\

völkerung  auf  die  Fähigkeit  des  Landes  zur  Hervorbringung  von  Unterhaltsmitteln ­
  zuschreiben.  Könnten  die  Bauern  ihr  kleines  Kapital  behalten, ­
  könnten  sie  von  der  Auslaugung  befreit  werden,  die  selbst  in
den  von  Hungersnot  freien  Jahren  große  Massen  von  ihnen  zu  einem
Leben  zwingt,  das  nicht  nur  hinter  dem  für  die  Sepoys  notwendig
erachteten,  sondern  auch  hinter  dem  Leben  zurückbleibt,  welches  englische
Humanität  den  Insassen  der  Gefängnisse  zubilligt  —  so  würde  der  wiederauflebende ­
  Gewerbfleiß  produktivere  Formen  annehmen  und  unzweifelhaft ­
  genügen,  um  eine  viel  größere  Bevölkerung  zu  erhalten.
Ls  gibt  in  Indien  noch  große  unbebaute  Flächen,  bedeutende  unberührte
Mineralschätze,  und  es  ist  gewiß,  daß  die  Bevölkerung  weder  jetzt,  noch
überhaupt  je  zuvor  in  historischen  Zeiten,  die  wirkliche  Grenze  der  Bodenkraft, ­
  oder  selbst  nur  den  Punkt,  wo  diese  Kraft  mit  den  an  sie  gestellten
zunehmenden  Ansprüchen  abzunehmen  anfängt,  erreicht  hat.  Die  wahre
Ursache  des  Mangels  war  und  ist  noch  jetzt  die  Habgier  der  Menschen,
nicht  die  Kargheit  der  Natur.
was  von  Indien  gilt,  gilt  nicht  minder  von  Lhina.  So  dicht  es
in  vielen  Teilen  bevölkert  ist,  so  wird  doch  durch  viele  Tatsachen  bewiesen,
daß  die  äußerste  Armut  der  unteren  Klassen  ähnlichen  Ursachen  wie  in
Indien,  nicht  aber  einer  zu  großen  Bevölkerung  zugeschrieben  werden
nruß.  Ls  herrscht  Unsicherheit,  die  Produktion  wird  unendlich  benachteiligt, ­
  und  der  Handel  ist  gefesselt,  wo  die  Regierung  eine  Aufeinandersolge
  von  Erpressungen  ist  und  die  Sicherheit  für  das  Kapital  von  einem
Mandarinen  erkauft  werden  muß,  wo  die  Schultern  der  Menschen  das
einzige  Transportmittel  für  den  Binnenverkehr  sind,  wo  die  Dschunke
so  gebaut  sein  muß,  daß  sie  für  die  offene  See  unbrauchbar  ist,  wo  das
Piratenwesen  ein  regelmäßiges  Geschäft  ist  und  Räuber  oft  in  Regimentern
marschieren,  da  muß  Armut  herrschen  und  eine  schlechte  Ernte  in  Hungersnot ­
  enden,  gleichviel  wie  dünn  die  Bevölkerung  ist*).  Daß  Lhina  imstande ­
  wäre,  eine  viel  größere  Bevölkerung  zu  ernähren,  wird  nicht
nur  durch  die  von  allen  Reisenden  bezeugte  große  Ausdehnung  unbebauten ­
  Landes  bewiesen,  sondern  auch  durch  die  unermeßlichen,
unbearbeiteten  Lager  von  Mineralien,  welche,  wie  man  weiß,  dort
vorhanden  sind.  So  soll  Lhina  z.  B.  die  größten  und  schönsten  Kohlenlager ­
  besitzen,  die  je  irgendwo  entdeckt  wurden,  wie  sehr  der  Abbau
dieser  Kohlenlager  die  Fähigkeit  des  Landes  erhöhen  würde,  eine  größere
Bevölkerung  zu  erhalten,  kann  man  sich  leicht  vorstellen.  Kohlen  sind
allerdings  kein  Nahrungsmittel,  aber  ihre  Produktion  hat  gleichen  wert
wie  die  Produktion  von  Nahrungsmitteln.  Denn  die  Kohlen  können
nicht  allein,  wie  dies  in  allen  Bergwerksdistrikten  geschieht,  gegen  Nahrungsmittel ­
  umgetauscht  werden,  sondern  die  durch  ihre  Verbrennung
entwickelte  Kraft  kann  zur  Erzeugung  von  Nahrungsmitteln  selbst  verwandt ­
  werden  oder  Arbeit  zu  diesem  Behufe  freimachen.
*)  Der  Sitz  der  letzten  Hunaernot  in  Lhina  war  nicht  in  den  arn  dichtesten  bewohnten ­
  Distrikten.
        <pb n="115" />
        H02

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II,

Weder  in  Indien  noch  in  Ehina  können  deshalb  Armut  und  Hungertod ­
  auf  Rechnung  des  Druckes  der  Bevölkerung  gegen  die  Unterhaltsmittel ­
  gestellt  werden.  Nicht  die  dichte  Bevölkerung,  sondern  die  Ursachen, ­
  welche  die  soziale  (Organisation  an  ihrer  natürlichen  Entwicklung
und  die  Arbeit  an  der  Erzielung  ihres  vollen  Ertrags  hindern,  erhalten
Millionen  gerade  am  Rande  des  Hungertodes  und  treiben  hin  und  wieder
auch  Millionen  darüber  hinweg.  Daß  der  Hindu-Arbeiter  sich  glücklich
schätzt,  eine  Handvoll  Reis  zu  bekommen,  daß  der  Lhinese  Ratten  und
Hunde  ißt,  hängt  ebensowenig  von  dem  Druck  der  Bevölkerung  ab,  als  daß
die  Digger-Indianer  von  Heuschrecken  leben  oder  die  Eingeborenen
Australiens  die  in  verfaultem  Holze  gefundenen  Würmer  essen.
Man  verstehe  mich  recht!  Ich  meine  nicht  bloß,  daß  Indien  und
Ehina  bei  einer  höher  entwickelten  Zivilisation  eine  größere  Bevölkerung
erhalten  könnten,  denn  damit  würde  jeder  Malthusianer  übereinstimmen.
Die  Malthussche  Lehre  leugnet  nicht,  daß  ein  Fortschritt  in  den  produktiven ­
  Gewerben  einer  größeren  Bevölkerung  Unterhalt  verschaffen
würde.  Aber  die  Malthussche  Theorie  behauptet  —  und  dies  ist  ihr
Kernpunkt  —  daß,  wie  groß  auch  die  Hroduktionsfähigkeit  sein  möge,
die  natürliche  Tendenz  der  Bevölkerung  dahin  gehe,  sie  einzuholen,
und  durch  den  Druck  gegen  dieselbe,  um  die  Redewendung  Malthus'
zu  gebrauchen,  jenen  Grad  von  Laster  und  Elend  hervorzubringen,  der
erforderlich  ist,  um  die  weitere  Vermehrung  zu  verhindern,  so  daß  in
dem  Maße,  wie  die  j)roduktionskraft  zunimmt,  auch  die  Bevölkerung
entsprechend  zunehmen  wird  und  binnen  kurzem  dieselben  Resultate
hervorbringt  wie  zuvor.  Ich  dagegen  sage,  daß  nirgends  ein  Fall  vorhanden ­
  ist,  der  diese  Theorie  stützt,  daß  der  Mangel  nirgends  füglich
dem  Druck  der  Bevölkerung  gegen  die  Fähigkeit,  in  einem  dem  jeweiligen
Stande  menschlicher  Wissenschaft  entsprechenden  Maße  Unterhaltsmittel ­
  zu  beschaffen,  zugeschrieben  werden  kann;  daß  überall  das  Laster
und  Elend,  das  man  der  Übervölkerung  zuschreibt,  auf  Krieg,  Tyrannei
und  Bedrückung  zurückgeführt  werden  kann,  welche  das  Wissen  an
seiner  nutzbaren  Verwendung  hindern  und  die  zur  Produktion  nötige
Sicherheit  versagen.  Der  Grund,  warum  die  natürliche  Bevölkerungsvermehrung ­
  keinen  Mangel  hervorbringt,  wird  weiterhin  erörtert  werden,
-kjier  beschäftigt  uns  nur  die  Tatsache,  daß  sie  es  bisher  noch  nirgends
getan  hat.  Diese  Tatsache  ist  in  betreff  Indiens  und  Chinas  augenfällig.
Sie  wird  überall  da  ebenso  klar  zutage  treten,  wo  wir  die  Wirkungen,
welche  bei  oberflächlicher  Betrachtung  oft  als  von  Übervölkerung  herrührend ­
  angesehen  werden,  bis  zu  ihren  Ursachen  verfolgen.
üon  allen  europäischen  Ländern  liefert  Irland  das  stehende  Beispiel ­
  für  Übervölkerung.  Die  äußerste  Armut  der  Bauern  und  der  dort
herrschende  niedrige  Lohnsatz,  die  irländische  Hungersnot  und  die  irländische ­
  Auswanderung  werden  fortwährend  als  ein  sich  unter  den  Augen
der  zivilisierten  Welt  vollziehender  Beweis  der  Malthusschen  Theorie
angeführt.  Ich  meinerseits  bezweifle,  ob  ein  schlagenderes  Beispiel
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        dafür  angeführt  werden  kann,  daß  eine  vorgefaßte  Meinung  die  Menschen
über  den  wahren  Sachverhalt  zu  blenden  vermag.  Die  Wahrheit  ist,
und  sie  liegt  auf  flacher  pand,  daß  Irland  noch  nie  eine  so  große  Bevölkerung ­
  gehabt  hat,  daß  die  natürlichen  Kräfte  des  Landes,  nach  dem
jeweiligen  Stande  der  produktiven  Gewerbe,  sie  nicht  ganz  bequem
hätten  erhalten  können.  Zur  Zeit  seiner  größten  Volkszahl  (\8^0—q.845)
enthielt  Irland  etwas  über  acht  Millionen  Menschen.  Aber  ein  sehr
großer  Teil  derselben  vegetierte  bloß,  wohnte  in  elenden  Hütten,  kleidete
sich  in  bloße  Lumpen  und  hatte  keine  andere  Nahrung  als  Kartoffeln.
Als  die  Kartoffelkrankheit  kam,  starben  sie  zu  Tausenden.  Aber  war  es
die  Unfähigkeit  des  Bodens,  eine  so  große  Bevölkerung  zu  ernähren,  die
so  viele  zwang,  in  dieser  elenden  weise  zu  leben,  und  sie  beim  Mißraten
einer  einzigen  Ernte  dem  Hungertode  aussetzte?  Im  Gegenteil,  es  war
dieselbe  gewissenlose  Habgier,  welche  den  indischen  Ryot  der  Früchte  seiner
Arbeit  beraubte  und  ihn  inmitten  des  Überflusses  der  Natur  verhungern
ließ.  Allerdings  durchzogen  keine  unbarmherzigen  Banditen  von  Steuererhebern ­
  plündernd  und  marternd  das  Land,  aber  der  Arbeiter  wurde
ebenso  wirksam  durch  eine  nicht  minder  unbarmherzige  Horde  von  Gutsbesitzern ­
  ausgezogen,  unter  denen  der  Grund  und  Boden  als  absolutes
Eigentum  verteilt  worden  war,  ohne  Rücksicht  auf  die  Rechte  derer,
welche  auf  demselben  lebten.
Betrachten  wir  jetzt  die  Produktionsverhältnisse,  unter  denen  diese
acht  Millionen  lebten,  bis  die  Kartoffelkrankheit  kam.  Die  Lage  war  eine
solche,  daß  die  von  Tennant  betreffs  Indiens  gebrauchten  Worte  auch
auf  sie  mit  Recht  angewendet  werden  konnten:  „der  große  Sporn  des
Eewerbfleißes,  die  Sicherheit,  war  genommen".  Der  Landbau  wurde
größtenteils  durch  Pächter  ohne  feste  Kontrakte  betrieben,  die,  selbst
wenn  ihnen  dies'bei  den  unmäßigen  Pachten  möglich  gewesen  wäre,
nicht  wagten,  Verbesserungen  vorzunehmen,  die  nur  das  Signal  für  eine
Pachterhöhung  gewesen  wären.  Die  Arbeit  wurde  somit  in  der  unwirksamsten ­
  und  unzweckmäßigsten  weise  betrieben,  und  es  wurden  in  ziellosem ­
  Müßiggang  Arbeitskräfte  vergeudet,  die  bei  einiger  Sicherheit
für  ihre  Früchte  unausgesetzt  beschäftigt  worden  sein  würden.  Aber  selbst
unter  diesen  Verhältnissen  ernährte  Irland  tatsächlich  mehr  als  acht
lllillionen.  Denn  als  seine  Bevölkerung  am  größten  war,  exportierte
gleichwohl  Irland  noch  Nahrungsmittel.  Selbst  noch  während  der
Hungersnot  wurden  Korn  und  Fleisch,  Butter  und  Käse  behufs  Ausfuhr
Bandstraßen  entlang  geführt,  die  mit  verhungernden  besetzt  waren,  und
in  deren  Gräben  die  Toten  aufgeschichtet  lagen.  Für  diese  Ausfuhr  von
Lebensmitteln  oder  wenigstens  für  einen  großen  Teil  derselben  kam
kein  Gegenwert  zurück.  Soweit  es  sich  um  die  Bewohner  Irlands
handelte,  konnten  die  ausgeführten  Lebensmittel  ebensogut  verbrannt
oder  ins  Meer  geworfen  oder  überhaupt  nicht  produziert  werden.  Sie
gingen  nicht  zum  Austausch  fort,  sondern  als  ein  Tribut,  um  abwesenden
Gutsherren  die  Pacht  zu  zahlen;  eine  den  Produzenten  von  Leuten,
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        Bevölkerung  und  Untsrhaltsnnttel.

w

Buch  II.

die  in  keiner  Weise  zur  Produktion  beigetragen  hatten,  abgerungene
Steuer.
Wären  diese  Lebensrnittel  denen  geblieben,  die  sie  erzeugten;
hätten  die  Bebauer  des  Bodens  das  durch  ihre  Arbeit  geschaffene  Kapital
behalten  und  gebrauchen  können;  hätte  die  Sicherheit  den  Gewerbfleiß
angespornt  und  die  Befolgung  wirtschaftlicher  Methoden  gestattet,
so  würde  genug  vorhanden  gewesen  sein,  urn  die  größte  Bevölkerung,
die  Irland  je  gehabt,  mit  aller  Bequemlichkeit  zu  ernähren,  und  die
Kartoffelkrankheit  hätte  kommen  und  gehen  können,  ohne  ein  einziges
lebendes  Wesen  um  seine  Mahlzeit  zu  bringen.  Denn  es  war  nicht  die
Unklugheit  der  „irländischen  Bauern",  wie  die  englischen  Nationalökonomen ­
  kühl  behaupten,  die  sie  veranlaßte,  die  Kartoffel  zu  ihrem
Pauptnahrungsmittel  zu  machen.  Die  irländischen  Auswanderer  leben,
wenn  sie  sich  anderes  verschaffen  können,  nicht  von  Kartoffeln,  und  in
den  vereinigten  Staaten  zeigen  die  Irländer  eine  merkwürdige  Vorsicht,
etwas  für  schlimme  Tage  zurückzulegen.  Sie  lebten  von  Kartoffeln,
weil  die  Pachtschraube  ihnen  alles  andere  wegnahm.  In  Wahrheit
konnte  die  Armut  und  das  Elend  Irlands  füglich  niemals  der  Übervölkerung ­
  zugeschrieben  werden.
McLulloch  sagte  J838  in  der  Note  4  zu  Adam  Smiths  „Volkswohlstand": ­

„Die  wunderbare  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  in  Irland  ist  die  unmittelbare
Ursache  der  abschreckenden  Armut  und  gedrückten  Lage  der  großen  Menge  des  Volkes.
Ls  ist  nicht  zu  viel  gesagt,  daß  es  augenblicklich  noch  einmal  soviel  Menschen  in  Irland
gibt,  als  dasselbe  bei  den  vorhandenen  Produktionsmitteln  völlig  beschäftigen  oder
einigermaßen  bequem  ernähren  kann."

Da  im  Jahre  die  Bevölkerung  Irlands  auf  8  s?5  \2^  angegeben ­
  ward,  können  wir  sie  s838  auf  ungefähr  8  Millionen  veranschlagen. ­
  Irland  würde  also,  um  McLullochs  Negation  in  eine  Affirmation ­
  zu  verwandeln,  nach  der  Übervölkerungstheorie  imstande  gewesen ­
  sein,  etwas  weniger  als  4  Millionen  vollständig  zu  beschäftigen
und  einigermaßen  bequem  zu  ernähren.  Nun,  als  Swift  zu  Anfang
des  vorigen  Jahrhunderts  seinen  „Bescheidenen  Vorschlag"  schrieb,
betrug  die  Bevölkerung  Irlands  ungefähr  2  Millionen.  Da  in  der
Zwischenzeit  weder  die  Mittel  der  Produktion  noch  die  produktiven
Gewerbe  in  Irland  merklich  vorgeschritten  sind,  so  müßte  —&amp;gt;  da  die
abschreckende  Armut  und  gedrückte  Lage  des  irländischen  Volkes  im
Jahre  \838  der  Übervölkerung  zugeschrieben  wurden  —  \727,  nach
McLullochs  eigener  Annahme,  für  die  ganzen  zwei  Millionen  mehr  als
vollständige  Beschäftigung  und  viel  mehr  als  ein  bequemes  Dasein
in  Irland  vorhanden  gewesen  sein.  Statt  dessen  war  jedoch  die  abschreckende ­
  Armut  und  die  gedrückte  Lage  des  irländischen  Volkes  auch
\727  schon  derart,  daß  Swift  mit  scharfer,  beißender  Ironie  den  Vorschlag ­
  machte,  der  Übervölkerung  dadurch  abzuhelfen,  daß  man  geröstete
        <pb n="118" />
        Kap.  II.

Folgerungen  aus  Tatsachen.

s05

Säuglinge  in  Geschmack  bringe  und  als  leckere  Speise  für  die  Reichen
jährlich  soo  ovo  irländische  Rinder  der  Schlachtbank  überliefere.
Für  jemand,  der  die  Literatur  des  irländischen  Elends  überblickt,
wie  ich  dies  beim  Schreiben  dieses  Kapitels  tun  mußte,  ist  es  schwer,
in  anständigen  Ausdrücken  van  der  Leichtfertigkeit  zu  reden,  mit  der
selbst  in  den  Werken  so  hochsinniger  Männer  wie  will  und  Buckle  das
Elend  und  die  Leiden  Irlands  der  Übervölkerung  zugeschrieben  werden.
Ich  weiß  nichts,  das  besser  geeignet  wäre,  das  Blut  sieden  zu  machen,
als  die  kalten  Schilderungen  der  räuberischen,  aufreibenden  Tyrannei,
der  das  irländische  Volk  unterworfen  war,  und  der  allein  der  irländische
Pauperismus  und  die  irländische  Hungersnot  zuzuschreiben  sind,  für  die
man  vergeblich  die  Unfähigkeit  des  Landes,  seine  Bevölkerung  zu  erhalten, ­
  verantwortlich  macht;  und  müßte  man  es  nicht  dem  entnervenden ­
  Einflüsse  zugute  halten,  der,  wie  die  Weltgeschichte  beweist,  überall
die  Folge  tiefer  Armut  ist,  so  würde  man  schwer  einem  Gefühle  der
Verachtung  gegen  eine  Rasse  widerstehen  können,  die,  von  solchen  Unbilden ­
  gereizt,  nur  hin  und  wieder  einem  Gutsbesitzer  den  Garaus
gemacht  hat.
Gb  Übervölkerung  je  Verarmung  und  Hungersnot  hervorbrachte,
mag  eine  offene  Frage  sein;  aber  der  Pauperismus  und  die  Hungersnot
Irlands  können  dieser  Ursache  so  wenig  zugeschrieben^werden,  wie  der
Sklavenhandel  der  Übervölkerung  Afrikas,  oder  die  Zerstörung  Jerusalems ­
  der  Unfähigkeit,  die  Subsistenzmittel  mit  der  Zunahme  seiner
Bevölkerung  gleichen  Schritt  halten  zu  lassen,  wäre  Irland  von  Natur
ein  Hain  von  Bananen  und  Brotfruchtbäumen,  wären  seine  Rüsten
mit  den  Guanolagern  der  Lhincha-Inseln  gesegnet  gewesen,  und  hätte
die  Sonne  südlicherer  Breitengrade  seinen  feuchten  Boden  zu  üppigerer
Fruchtbarkeit  erwärmt,  so  würden  die  dort  herrschenden  sozialen  Zustände ­
  nicht  minder  Armut  und  Hungertod  mit  sich  gebracht  haben,  wie
könnten  Verarmung  und  Hungersnot  in  einem  Lande  fehlen,  wo  die
Pachtschraube  dem  Bebauer  des  Bodens  den  ganzen  Ertrag  seiner  Arbeit
entringt,  außer  was  in  guten  Jahren  gerade  zur  Erhaltung  des  Lebens
ausreicht;  wo  die  von  dem  Belieben  des  Besitzers  abhängende  Pacht
Verbesserungen  von  selbst  verbot  und  jeden  Anreiz  zu  anderer  als  der
verderblichsten  und  armseligsten  Bewirtschaftung  unterdrückte;  wo  der
Pächter,  selbst  wenn  er  könnte,  Kapital  nicht  anzusammeln  wagen  würde,
aus  Furcht,  der  Gutsherr  werde  es  ihm  an  Pacht  abnehmen;  wo  er
tatsächlich  nicht  mehr  als  ein  Sklave  war,  der  auf  ein  Zeichen  eines
Menschen  gleich  ihm  zu  jeder  Zeit  aus  seiner  elenden  Erdhütte  vertrieben
werden  konnte,  ein  heimats-  und  obdachsloser,  verhungernder  Wanderer,
der  selbst  nicht  einmal  die  wildwachsenden  Früchte  der  Erde  pflücken
oder  einen  Hasen  fangen  durfte,  um  seinen  junger  zu  stillen?  Gleichviel
wie  dünn  die  Bevölkerung  und  welche  natürliche  Hilfsquellen  vorhanden
waren,  sind  Verarmung  und  Hungertod  nicht  die  natürlichen  Folgen
m  einem  Lande,  wo  die  Produzenten  der  Güter  gezwungen  sind,  unter
        <pb n="119" />
        !(06

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

Bedingungen  zu  arbeiten,  die  ihnen  die  Hoffnung,  die  Selbstachtung,
die  Willenskraft  und  den  Sparsamkeitstrieb  nehmen  müssen,  wo  abwesende ­
  Gutsherren  wenigstens  ein  Viertel  des  Reinertrags  des  Grund
und  Bodens  beziehen,  ohne  etwas  dagegen  zurückzugeben,  und  wo  dis
hungernden  Arbeiter  außer  ihnen  noch  die  im  Lande  ansässigen  Gutsherren ­
  nebst  ihren  Pferden  und  funden,  Agenten  und  Inspektoren,
Makler  und  Gerichtsdiener,  eine  fremde,  ihre  religiösen  Vorurteile
beleidigende  Staatskirche  und  ein  Lfeer  von  Polizisten  und  Soldaten
erhalten  müssen,  die  jeden  widerstand  gegen  das  aller  Gerechtigkeit
hohnsprechende  System  einzuschüchtern  und  niederzuhalten  haben?
Ist  es  nicht  eine  Gottlosigkeit,  die  weit  schlimmer  ist  als  Atheismus,
die  Naturgesetze  für  das  so  geschaffene  Glend  verantwortlich  zu  machen?
was  für  diese  drei  Fälle  gilt,  wird  bei  näherer  Prüfung  in  allen
anderen  Fällen  zutreffend  gefunden  werden.  Soweit  unsere  Kenntnis
der  Tatsachen  reicht,  können  wir  ruhig  in  Abrede  stellen,  daß  die  Bevölkerungszunahme
  je  auf  die  Unterhaltsmittel  in  solcher  weife  gedrückt
habe,  um  Elend  und  Laster  hervorzubringen,  daß  die  Vermehrung  der
Menschenzahl  je  die  Produktion  von  Lebensmitteln  verringert  habe.
Die  Pungersnotperioden  Indiens,  Chinas  und  Irlands  können  der
Übervölkerung  so  wenig  zugeschrieben  werden,  wie  die  pungersnoterscheinungen
  in  dem  dünn  bevölkerten  Brasilien.  Das  dem  Mangel
entspringende  Laster  und  Elend  kann  so  wenig  der  Kargheit  der  Natur
zugeschrieben  werden,  wie  die  durch  das  Schwert  von  Dschingis  Khan
erschlagenen  6  Millionen,  die  Tamerlansche  Pyramide  von  Menschenschädeln ­
  oder  die  Ausrottung  der  alten  Briten  und  der  Ureinwohner
Westindiens.

Kapitel  III.
Folgerungen  aus  Analogien.
wenden  wir  uns  von  der  Prüfung  der  zugunsten  der  Malthusfchen
  Theorie  beigebrachten  Tatsachen  nun  zu  den  Analogien,  die  sie
stützen  sollen,  so  finden  wir  denselben  Mangel  an  Beweiskraft.
Die  Stärke  der  reproduktiven  Kräfte  im  Tier-  und  Pflanzenreich  —
Tatsachen  wie  die,  daß  ein  einziges  Lachspaar,  wenn  es  nur  ein  paar
Jahre  vor  seinen  natürlichen  Feinden  geschützt  wäre,  den  Ozean  anfüllen
könnte;  daß  ein  Kaninchenpaar  unter  gleichen  Umständen  sich  bald
über  einen  ganzen  Erdteil  verbreiten  würde;  daß  viele  pflanzen  ihre
Saat  hundertfach  ausstreuen  und  einige  Insekten  Tausende  von  Eiern
legen,  und  daß  allenthalben  in  diesen  Reichen  jede  Art  beständig  danach
strebt  und,  falls  nicht  durch  die  Zahl  ihrer  Feinde  beschränkt,  wirklich
dahin  gelangt,  gegen  die  Grenzen  ihres  Lebensunterhalts  zu  drücken  —
        <pb n="120" />
        Rax.  III.  Folgerungen  aus  Analogien.  ^07

wird  von  Malthus  bis  zu  den  Lehrbüchern  der  Gegenwart  beständig
angeführt,  unr  zu  beweisen,  daß  die  Bevölkerung  gleichfalls  gegen  ihre
Unterhaltsmittel  zu  drängen  strebe  und  daß,  wenn  sie  nicht  durch  andere
Mittel  eingeschränkt  würde,  ihre  natürliche  Vermehrung  notwendig
niedrigen  Lohn  und  Mangel  oder  (wenn  das  nicht  genügt  und  die  Vermehrung ­
  noch  weiter  fortfährt)  unausbleibliche  Hungersnot  herbeiführen ­
  müsse,  so  daß  sie  dadurch  innerhalb  der  Grenzen  des  Lebensunterhalts ­
  gehalten  werde.
Aber  ist  diese  Analogie  zutreffend?  Aus  dem  Pflanzen-  und  Tierreiche ­
  entnimmt  der  Mensch  seine  Nahrung,  und  die  größere  Stärke
der  Reproduktionskraft  in  jenen  Reichen  beweist  daher  einfach,  daß  die
Nahrungsmittel  schneller  zuzunehmen  vermögen  als  die  Bevölkerung.
Beweist  nicht  die  Tatsache,  daß  alle  die  Dinge,  die  zu  des  Menschen
Erhaltung  dienen,  sich  vielfach  —&amp;gt;  einige  von  ihnen  viel  tausend-,  andere
viel  Millionen-  und  selbst  billionenfach  —&amp;gt;  zu  vermehren  imstande  sind,
während  er  seine  Anzahl  nur  verdoppelt,  beweist  diese  Tatsache  nicht,
daß  die  Bevölkerungszunahme  nie  die  Unterhaltsmittel  überschreiten
kann,  wenn  das  Menschengeschlecht  sich  auch  bis  zum  äußersten  Umfange
seiner  Reproduktionskraft  vermehrt?  Dies  muß  einleuchten,  wenn  man
sich  erinnert,  daß  zwar  im  Pflanzen-  und  Tierreich  jede  Art,  kraft  ihrer
Reproduktionsfähigkeit,  natürlich  und  notwendig  gegen  die  Bedingungen
drängt,  welche  ihre  weitere  Vermehrung  beschränken,  diese  Bedingungen
jedoch  nirgends  festgesetzt  und  endgültig  sind.  Reine  Art  erreicht  die
äußerste  Grenze  des  Bodens,  des  Wassers,  der  Luft  und  des  Sonnenscheins, ­
  aber  die  wirkliche  Grenze  einer  jeden  liegt  in  dem  Dasein  anderer
Arten,  ihrer  Rivalen,  ihrer  feinde,  oder  ihrer  Nahrung.  So  kann  der
Mensch  die  Bedingungen,  welche  das  Dasein  der  ihm  zur  Nahrung
dienenden  Arten  beschränken,  weiter  ausdehnen  (und  in  einigen  Fällen
wird  sein  bloßes  Erscheinen  dies  bewirken),  und  so  eilen  die  Reproduktionskräfte ­
  der  seine  Bedürfnisse  befriedigenden  Arten,  anstatt  gegen  ihre
früheren  Grenzen  anzustürmen,  in  seinem  Dienste  mit  einer  Schnelligkeit ­
  voran,  mit  der  seine  eigenen  Vermehrungskräfte  nie  Schritt  halten
können.  Schießt  er  nur  Habichte,  so  vermehrt  sich  das  eßbare  Geflügel;
fängt  er  nur  Füchse,  so  vervielfältigen  sich  Hasen  und  Raninchen;  die
Biene  folgt  dem  Menschen  in  die  Wildnis,  und  von  den  organischen
Stoffen,  mit  denen  des  Menschen  Gegenwart  die  Flüsse  füllt,  nähren
frch  die  Fische.
Wenn  aber  auch  jede  Betrachtung  von  unendlichen  Ursachen  ausgeschlossen
  wird,  wenn  man  selbst  nicht  annehmen  dürfte,  daß  die  hohe
und  beständige  Reproduktionskraft  in  pflanzen  und  Tieren  den  Zweck
hat,  sie  den  Bedürfnissen  des  Menschen  dienstbar  zu  machen,  und  daß
deshalb  der  Druck  der  niederen  Formen  des  Lebens  gegen  die  Unterhaltsmittel ­
  nicht  beweist,  es  müsse  mit  dem  Menschen,  „dem  Gipfel
und  der  Rrone  aller  Dinge",  sich  ebenso  verhalten,  so  bleibt  doch  noch
em  weiterer  Unterschied  zwischen  dem  Menschen  und  allen  anderen
        <pb n="121" />
        *08

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

formen  des  Lebens  übrig,  der  die  Analogie  ausschließt.  Von  allen
lebenden  Wesen  ist  der  Mensch  das  einzige,  welches  den  im  Vergleich
zu  ihm  mächtigeren  Rexroduktionskräften,  die  ihn  mit  Nahrung  versorgen, ­
  freien  Spielraum  verschaffen  kann.  Das  Säugetier,  das  Insekt,
der  Vogel,  der  Fisch  nehmen  nur,  was  sie  finden.  Ihre  Zunahme  geht
auf  Kosten  ihrer  Nahrung,  und  wenn  sie  die  bestehenden  Lrnährungsgrenzen
  erreicht  haben,  so  muß  erst  wieder  eine  Zunahme  eintreten,
ehe  sie  selbst  sich  vermehren  können.  Aber  ungleich  der  jedes  anderen
lebenden  Wesens,  schließt  die  Vermehrung  des  Menschen  die  Vermehrung
seiner  Nahrungsmittel  ein.  wären  statt  Menschen  Bären  von  Europa
nach  dem  nordamerikanischen  Kontinent  verschifft  worden,  so  würden
jetzt  nicht  mehr  Bären  dort  sein  als  zur  Zeit  des  Kolumbus,  möglicherweise ­
  aber  weniger,  denn  die  Nahrung  der  Bären  würde  durch  deren
Einwanderung  nicht  vermehrt,  noch  die  Bedingungen  ihres  Lebens  erweitert ­
  worden  sein,  sondern  wahrscheinlich  das  Gegenteil  davon.  Dagegen ­
  befinden  sich  allein  innerhalb  der  Grenzen  der  vereinigten  Staaten
jetzt  45  Millionen  Menschen,  wo  damals  nur  einige  punderttausende
waren,  und  überdies  gibt  es  innerhalb  dieses  Gebietes  per  Kopf  der
45  Millionen  mehr  Nahrungsmittel  als  damals  per  Kopf  der  wenigen
bfunderttausende.  Ls  ist  nicht  die  Zunahme  der  Lebensmittel,  welche
diese  Vermehrung  der  Menschen  verursacht  hat,  sondern  die  letztere  hat
die  erstere  zuwege  gebracht.  Es  gibt  mehr  Nahrungsmittel,  einfach  weil
es  mehr  Menschen  gibt.
Hierin  besteht  der  Unterschied  zwischen  dem  Tier  und  dem  Menschen.
Sowohl  der  Hühnersalke  als  der  Mensch  essen  Küken,  aber  je  mehr
Falken,  desto  weniger  Küken,  hingegen  je  mehr  Menschen,  desto  mehr
Küken.
Sowohl  der  Seehund  als  der  Mensch  essen  Lachs,  aber  wenn  ein
Seehund  einen  Lachs  fängt,  so  ist  ein  Lachs  weniger  da,  und  wenn  die
Seehunde  sich  über  einen  gewissen  Punkt  vermehren,  müssen  die  Lachse
abnehmen,  während  der  Mensch  durch  künstliche  Befruchtung  die  Zahl
der  Lachse  über  das  von  ihm  verbrauchte  (Quantum  hinaus  vermehren
kann,  so  daß,  gleichviel  wie  stark  sich  die  Menschen  vermehren,  ihre  Vermehrung ­
  nie  die  der  Lachse  zu  überholen  braucht.
Kurz,  während  durch  das  ganze  Pflanzen-  und  Tierreich  die  Grenze
der  Unterhaltsmittel  unabhängig  von  dem  unterhaltenen  Wesen  ist,
ist  beim  Menschen  die  Grenze  der  Unterhaltsmittel  innerhalb  der  letzten
Grenzen  von  Erde,  Luft,  Wasser  und  Sonnenschein  allein  von  ihm  selbst
abhängig.  Und  da  dem  so  ist,  so  muß  die  Analogie,  welche  man  zwischen
den  niederen  Formen  des  Lebens  und  dem  Menschen  zu  ziehen  sucht,
offenbar  unhaltbar  sein.  während  die  Tiere  und  die  Pflanzen  gegen  die
Grenzen  ihres  Unterhalts  drängen,  kann  der  Mensch  nicht  gegen  die
Grenzen  des  seinigen  drängen,  ehe  die  Grenzen  des  Erdballs  erreicht
sind.  Man  bemerke  wohl,  dies  trifft  nicht  bloß  fürs  Ganze  zu,  sondern
für  alle  Teile.  Wie  wir  das  Niveau  der  kleinsten  Meeresbucht  nicht  nied-
        <pb n="122" />
        Kap.  in.

Holqerunqen  aus  Analogien.

riger  machen  können,  ohne  das  Niveau  nicht  bloß  des  Ozeans,  an  dem
sie  liegt,  sondern  aller  Meere  und  Ozeane  der  Welt  niedriger  zu  machen,
so  ist  die  Grenze  der  Subsistenzmittel  eines  besonderen  Platzes  nicht
die  physische  Grenze  jenes  Platzes  allein,  sondern  der  ganzen  Erde.
Fünfzig  (engl.)  Ouadratmeilen  Landes  werden  beim  gegenwärtigen
Stande  der  Landwirtschaft  nur  für  einige  tausend  Menschen  Unterhalt
schassen,  aber  aus  den  50  Ouadratmeilen,  welche  die  5tadt  London
umfaßt,  werden  an  die  4  Millionen  erhalten,  und  die  Unterhaltsmittel
nehmen  zu,  wie  die  Bevölkerung  zunimmt.  Soweit  es  sich  um  die  Grenze
der  Unterhaltsmittel  handelt,  kann  London  auf  eine  Bevölkerung  von
Wo  Millionen,  oder  500,  oder  w»0  Millionen  anwachsen,  denn  es  zieht
seinen  Unterhalt  aus  der  ganzen  Welt,  und  die  Grenze,  welche  die
Unterhaltsmittel  seinem  Bevölkerungszuwachs  setzen,  ist  die  dem  Erdball
gesetzte  Grenze,  Nahrung  für  seine  Bewohner  zu  liefern.
bsier  wird  jedoch  ein  anderer  Gedanke,  an  dem  die  Malthussche
Theorie  eine  große  Stütze  hat,  auftauchen  —-  der  der  abnehmenden
Ertragsfähigkeit  des  Landes.  Als  zwingender  Beweis  des  Gesetzes
von  der  abnehmenden  Ertragsfähigkeit  des  Landes  wird  in  den  herkömmlichen ­
  nationalökonomischen  Büchern  angeführt,  daß,  wenn  das
Land  nicht  tatsächlich  über  einen  gewissen  Punkt  hinaus  den  vermehrten
Aufwendungen  von  Arbeit  und  Kapital  gegenüber  immer  weniger  ergäbe, ­
  die  zunehmende  Bevölkerung  keine  Ausdehnung  des  Anbaues
veranlassen  würde,  sondern  alle  die  benötigten  Ausuhrvermehrungen
beschafft  werden  könnten  und  würden,  ohne  daß  neues  Land  in  Anbau
genommen  werde.  Gibt  man  dies  zu,  so  scheint  man  auch  die  Lehre
Zugeben  zu  müssen,  daß  die  Schwierigkeit,  Subsistenzmittel  zu  gewinnen,
mit  der  Bevölkerungszunahme  sich  vermehren  müsse.
Aber  ich  glaube,  diese  Notwendigkeit  ist  nur  eine  scheinbare.  Zergliedert ­
  man  den  Satz,  so  wird  man  finden,  daß  er  einer  Klasse  angehört,
deren  Richtigkeit  von  einer  in  ihm  einbegriffenen  oder  angenommenen
Qualifikation  abhängt  —  einer  relativen  Wahrheit,  die,  absolut  genommen,
eine  Unwahrheit  wird.  Denn  daß  der  Mensch  die  Naturkräfte  nicht  erschöpfen ­
  oder  vermindern  kann,  folgt  aus  der  Unzerstörbarkeit  des  Stoffes
und  der  Beständigkeit  der  Kraft.  Produktion  und  Konsumtion  sind  bloß
relative  Ausdrücke.  Absolut  gesprochen,  produziert  weder  der  Mensch
noch  konsumiert  er.  Das  ganze  Menschengeschlecht,  und  wenn  es  bis
in  alle  Ewigkeit  arbeitete,  könnte  diese  rollende  Kugel  nicht  um  ein  Atom
schwerer  oder  leichter  machen,  und  die  Summe  der  Kräfte,  deren  ewiges
kreisen  alle  Bewegung  erzeugt  und  alles  Leben  erhält,  nicht  um  ein
)ota  vermehren  oder  vermindern,  wie  das  Wasser,  das  wir  aus  dem
^leere  nehmen,  wieder  zum  Meere  zurückkehren  muß,  so  ist  die  Nahrung
öie  wir  den  Vorräten  der  Natur  entnehmen,  von  dem  Augenblick  an,
öa  wir  sie  nehmen,  schon  wieder  auf  dem  Rückwege  zu  jenen  Vorräten
wegrissen.  Was  wir  einer  beschränkten  Fläche  Landes  entnehmen,  kann
Zeitweilig  die  Ertragsfähigkeit  dieses  Landes  vermindern,  weil  die
        <pb n="123" />
        Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

\\Ö

Rückerstattung  anderem  Lande  zuteil  werden  oder  zwischen  diesem  und
jenem  Lande,  oder  vielleicht  gar  zwischen  allem  Lande  geteilt  werden
kann;  aber  diese  Möglichkeit  vermindert  sich  mit  der  zunehmenden  Küche
und  hört  ganz  auf,  wenn  der  ganze  Erdball  in  Frage  steht.  Daß  die
Erde  tOOO  Milliarden  ebenso  leicht  wie  jooo  Millionen  Menschen  unterhalten ­
  könnte,  ist  eine  notwendige  Folgerung  aus  den  unantastbaren
Wahrheiten,  daß,  mindestens  soweit  unsere  Tätigkeit  in  Betracht  kommt,
der  Stoff  ewig  ist  und  die  Kraft  sich  immerdar  betätigen  muß.  Das  Leben
braucht  die  Kräfte  nicht  auf,  die  das  Leben  erhalten,  wir  treten  in  das
materielle  Weltall  mit  nichts  ein  und  nehmen  beim  Scheiden  nichts
mit  fort.  Physikalisch  betrachtet,  ist  der  Mensch  nur  eine  vorübergehende
Form  des  Stoffes,  eine  wechselnde  Art  der  Bewegung.  Der  Stoff
bleibt,  und  die  Kraft  dauert.  Nichts  wird  vermindert,  nichts  geschwächt.
Und  hieraus  folgt,  daß  die  Bevölkerungsgrenze  der  Erde  nur  die  Grenze
des  Raumes  sein  kann.
Diese  Begrenzung  des  Raumes  jedoch  —  diese  Gefahr,  daß  das
Menschengeschlecht  über  die  Möglichkeit,  Spielraum  zu  finden,  hinauswachsen ­
  kann  —-  ist  so  entfernt,  daß  sie  für  uns  nicht  mehr  praktische  Bedeutung ­
  hat,  als  die  Rückkehr  der  Eisperiode  oder  das  schließliche  Erlöschen ­
  der  Sonne.  So  entfernt  und  schattenhaft  sie  aber  auch  ist,  so  ist
es  doch  diese  Möglichkeit,  welche  der  Malthusschen  Theorie  ihren  anscheinend ­
  selbstverständlichen  Lharakter  verleiht.  Verfolgen  wir  sie
indes  weiter,  so  wird  selbst  dieser  Schatten  verschwinden.  Auch  sie  entspringt ­
  einer  falschen  Analogie.  Daß  das  pflanzen-  und  Tierleben
danach  strebt,  gegen  die  Grenzen  des  Raumes  zu  drängen,  beweist  noch
nicht  dieselbe  Tendenz  im  Menschenleben.
Zugegeben,  daß  der  Mensch  nur  ein  höher  entwickeltes  Tier  ist;
daß  der  Affe  mit  seinem  aufgeringelten  Schwänze  nur  ein  entfernter
Verwandter  ist,  der  allmählich  akrobatische  Gewohnheiten  entwickelt
hat;  daß  der  buckelige  Walfisch  ein  noch  weit  entfernterer  verwandter
ist,  der  in  früheren  Zeiten  sich  in  das  Meer  begab;  zugegeben,  daß  er
in  rücklaufender  Linie  mit  den  Pflanzen  verwandt  und  heute  noch
denselben  Gesetzen  unterworfen  ist,  wie  die  Pflanzen,  die  Fische,  die
Vögel  und  alle  anderen  Tiere.  Dennoch  besteht  der  Unterschied  zwischen
dem  Menschen  und  allen  anderen  Geschöpfen,  daß  er  das  einzige  Wesen
ist,  dessen  wünsche  in  dem  Maße  zunehmen,  wie  sie  befriedigt  werden;
das  einzige  Tier,  das  nie  zufrieden  ist.  Die  Bedürfnisse  jedes  anderen
lebenden  Wesens  sind  einförmig  und  feststehend;  der  Gchs  von  heute
erstrebt  nicht  mehr,  als  der  erste  Dchs,  der  von  Menschen  ins  Zoch  gespannt ­
  wurde.  Die  Seemöwe,  welche  im  Englischen  Kanal  hinter  dem
schnellen  Dampfer  schwebt,  braucht  keine  bessere  Nahrung  oder  Wohnung ­
  als  die  Möwen,  welche  umherkreisten,  als  die  Kiele  von  Eäsars
Galeeren  zuerst  gegen  einen  britischen  Strand  stießen.  Von  allem,
was  die  Natur,  sei  es  auch  in  noch  so  großem  Maße,  bietet,  kann,  mit
Ausnahme  des  Menschen,  alles  Lebende  nur  so  viel  nehmen  und  nur
        <pb n="124" />
        Folgerungen  aus  Analogien.

Aap.  in.

m

so  viel  wünschen,  als  genügt,  um  Bedürfnisse  zu  befriedigen,  die  bestimmt ­
  und  feststehend  sind.  Der  einzige  Gebrauch,  den  sie  von  größeren
Vorräten  oder  ausgedehnteren  Vorteilen  machen  können,  ist,  sich  zu
vermehren.
Nicht  so  mit  dem  Menschen!  Raum  sind  seine  tierischen  Bedürfnisse ­
  befriedigt,  so  entstehen  andere.  Nahrung  braucht  er  zuerst,  gleich
dem  Tiere;  demnächst  Obdach,  wie  das  Tier  und,  damit  versorgt,  gewinnt
sein  Fortpflanzungstrieb  Gewalt,  wie  es  auch  bei  dem  Tiere  geschieht.
Damit  aber  hört  die  Gemeinschaft  zwischen  Tier  und  Menschen  auf!
Das  Tier  geht  nie  weiter;  der  Mensch  dagegen  hat  nur  seinen  Fuß  auf
die  erste  Stufe  einer  unendlichen  Leiter  gesetzt,  einer  Leiter,  die  das
Tier  niemals  betritt,  die  ihn  vom  Tier  hinweg  und  über  das  Tier  hinausführt. ­

Ist  erst  das  Begehren  nach  der  Ouantität  befriedigt,  so  sucht  er
die  Oualität.  Selbst  die  wünsche,  die  er  noch  mit  dem  Tiere  gemein
hat,  werden  ausgedehnt,  verfeinert,  erhöht.  Nicht  bloß  der  Hunger,
sondern  auch  der  Geschmack  sucht  in  der  Nahrung  Befriedigung;  in  der
Rleidung  sucht  er  nicht  bloß  Behagen,  sondern  Schmuck;  das  rohe  Obdach ­
  wird  ein  Haus;  der  unwählerische  geschlechtliche  Reiz  fängt  an,
sich  in  verfeinerte  Einflüsse  zu  verwandeln,  und  das  harte  und  gemeine
Dasein  des  tierischen  Lebens  knospet  und  blüht  in  Formen  zarter  Schönheit.
Mt  der  Fähigkeit,  seine  Bedürfnisse  zu  befriedigen,  wächst  sein  verlangen.
Auf  dem  niedrigen  Niveau  des  Verlangens  speist  Lukullus  mit  Lukullus;
Zwölf  Bären  braten  am  Spieß,  damit  Antonius'  Mundvoll  Fleisch  zu
jeder  Zeit  frisch  für  ihn  bereit  sei;  alle  Reiche  der  Natur  werden  ausgebeutet, ­
  um  Rleopatras  Reize  zu  erhöhen,  und  Marmor-Säulengänge,
hängende  Gärten  und  Pyramiden,  die  mit  Bergen  wetteifern,  entstehen. ­
  In  höhere  Formen  des  Verlangens  übergehend,  erwacht  im
Menschen,  was  in  der  Pflanze  schlummerte  und  sich  im  Tiere  hin  und
wieder  regte.  Die  Augen  des  Geistes  öffnen  sich,  und  er  sehnt  sich  nach
Missen.  Er  trotzt  der  versengenden  Hitze  der  wüste  und  den  eisigen
Stürmen  der  Polarmeere,  aber  nicht  der  Nahrung  wegen;  er  wacht
die  ganze  Nacht,  aber  um  das  Kreisen  der  ewigen  Gestirne  zu  beobachten.
Tr  häuft  Arbeit  auf  Arbeit,  um  einen  Hunger  zu  befriedigen,  den  kein
Tier  fühlt,  einen  Durst  zu  löschen,  den  kein  Tier  kennt.
hinaus  in  die  Natur,  hinein  in  sich  selbst;  zurück  durch  die  Nebel,
die  die  Vergangenheit  verbergen,  vorwärts  in  die  Dunkelheit,  welche
die  Zukunft"  einhüllt,  dringt  die  rastlose  Sehnsucht,  welche  erwacht,
sobald  die  tierischen  Bedürfnisse  befriedigt  schlummern,  hinter  den
Dingen  spürt  er  ihren  Gesetzen  nach;  er  will  wissen,  wie  die  Erde  geschmiedet ­
  und  die  Sterne  aufgehängt  wurden,  er  will  den  Ouellen  des
Gebens  bis  zu  ihrem  Ursprünge  nachspüren.  Und  wenn  dann  der  Mensch
seine  edlere  Natur  entwickelt,  entsteht  das  noch  höhere  verlangen  —
die  Leidenschaft  der  Leidenschaften,  die  Hoffnung  der  Hoffnungen  —-das
  verlangen,  daß  er,  eben  er,  dazu  beitrage,  das  Leben  besser  und
        <pb n="125" />
        Buch  II.

\\2  Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

schöner  zu  machen,  Mangel  und  Sünde,  Sorge  und  Schande  zu  beseitigen.
Er  unterwirft  und  zähmt  das  Tier;  er  wendet  den  Festen  den  Rücken
und  verzichtet  aus  die  Stelle  der  Macht;  er  überläßt  es  anderen,  Reichtümer ­
  anzuhäufen,  angenehmeGesühle  zubefriedigen,  sich  in  dem  warmen
Sonnenschein  des  kurzen  Tages  zu  wärmen.  Er  arbeitet  für  die,  welche
er  nie  sah,  nie  sehen  kann;  für  einen  Ruhm,  oder  vielleicht  nur  für  eine
armselige  Gerechtigkeit,  die  erst  kommen  kann,  lange  nachdem  die  Erdklumpen ­
  auf  seinen  Sarg  heruntergerasselt  sind.  Er  müht  sich  im  Vordertreffen ­
  ab,  wo  es  kalt  und  wo  wenig  Beifall  von  den  Menschen  zu  ernten
ist,  wo  die  Steine  scharf  und  die  Gestrüppe  dicht  sind.  Mitten  unter  dem
Spotte  der  Gegenwart  und  dem  bsohne,  der  gleich  Messern  schneidet,
baut  er  für  die  Zukunft;  er  haut  sich  den  weg  durch  das  Dickicht,  den  die
fortschreitende  Menschheit  hernach  zu  einer  Landstraße  erweitern  kann.
Zn  immer  höhere,  großartigere  Sphären  steigt  und  ruft  das  Verlangen,
und  ein  Stern,  der  im  Gsten  aufgeht,  leitet  ihn  weiter.  Seht,  jetzt!
Die  pulse  des  Menschen  schlagen  mit  der  Sehnsucht  des  Gottes  —&amp;gt;  er
möchte  helfen  bei  dem  Umlauf  der  Sonnen!
Zst  nicht  die  Kluft  zu  weit,  als  daß  die  Analogie  sie  überspannen
könnte?  Mehr  Nahrung,  vollere  Lebensbedingungen  haben  auf  Pflanze
und  Tier  nur  so  weit  Einfluß,  daß  sie  sich  vermehren;  der  Mensch  wird
sich  entwickeln.  Bei  dem  einen  kann  die  Expansivkraft  nur  die  Anzahl
der  Existenzen  vermehren,  bei  dem  anderen  wird  sie  unvermeidlich  darauf
gerichtet  sein,  das  Dasein  zu  höheren  Formen  und  weiteren  Fähigkeiten
zu  entwickeln.  Der  Mensch  ist  ein  Tier,  aber  er  ist  ein  Tier  plus  noch  etwas.
Er  ist  der  mythische  Baum  der  Erde,  dessen  wurzeln  im  Boden  derselben
ruhen,  aber  dessen  höchste  Zweige  in  den  bsimmel  ragen.
wie  man  sie  auch  wenden  mag,  die  Beweisführung  zugunsten
der  Theorie  einer  beständigen  Tendenz  der  Bevölkerung,  gegen  die
Grenzen  ihres  Unterhalts  zu  drängen,  beruht  auf  einer  unbegründeten
Annahme,  einem  unverteilten  Mittel,  wie  die  Logiker  sagen  würden.
Die  Tatsachen  rechtfertigen  sie  nicht,  die  Analogien  unterstützen  sie  nicht.
Sie  ist  eine  reine  Schimäre,  ähnlich  denen,  welche  die  Menschen  lange
verhinderten,  die  Kugelform  und  die  Bewegung  der  Erde  einzusehen;
eine  Theorie  wie  die,  daß  bei  unseren  Gegenfüßlern  alles,  was  nicht
befestigt  ist,  von  der  Erde  hinunterfallen  müsse,  oder  wie  die,  daß  ein
vom  Mast  eines  segelnden  Schiffes  geworfener  Ball  hinter  den  Mast
fallen  müsse,  oder  daß  ein  in  ein  volles  Gefäß  mit  Wasser  gesetzter  lebender ­
  Fisch  dasselbe  nicht  überfließen  machen  werde.  Sie  ist  so  unbegründet,
wo  nicht  so  grotesk,  wie  die  Annahme,  von  der,  wie  wir  uns  denken
können,  etwa  Adam  ausgegangen  sein  würde  (falls  er  überhaupt  Talent
zum  Rechnen  hatte),  um  das  Wachstum  seines  Ältesten  nach  dessen
erstmonatlichen  Fortschritten  zu  berechnen.  Von  dem  Umstande  ausgehend, ­
  daß  derselbe  bei  der  Geburt  zehn  Pfund  und  in  acht  Monaten
zwanzig  Pfund  wog,  konnte  er,  bei  den  arithmetischen  Kenntnissen,
die  einige  weise  ihm  zuschreiben,  ein  ebenso  überraschendes  Ergebnis
        <pb n="126" />
        Hop.  HI.  Folgerungen  aus  Analogien.

herausrechnen,  wie  das  von  Malthus,  nämlich,  daß  der  Zunge  im  Alter
von  zehn  Zähren  so  schwer  wie  ein  Gchs,  mit  zwölf  so  schwer  wie  ein
Elefant  und  mit  dreißig  nicht  weniger  als  J75  ?;&amp;lt;5  339  5^8  Tonnen
schwer  sein  würde.
Tatsächlich  haben  wir  nicht  mehr  Grund,  uns  über  den  Druck  der
Bevölkerung  auf  den  Unterhalt  zu  beunruhigen,  als  Adam,  sich  wegen
des  schnellen  Wachstums  seines  Bab^s  zu  quälen.  Soweit  eine  Folgerung
durch  Tatsachen  wirklich  gerechtfertigt  und  durch  Analogie  nahe  gelegt
ist,  so  ist  es  die,  daß  das  Bevölkerungsgesetz  dieselben  schönen  Anpassungen
enthält,  wie  die  Forschung  sie  uns  schon  bei  anderen  Naturgesetzen  nachgewiesen ­
  hat,  und  daß  die  Annahme,  der  Fortpflanzungstrieb  strebe
dahin,  in  der  natürlichen  Entwicklung  der  Gesellschaft  Elend  und  Laster
hervorzubringen,  ebensowenig  berechtigt  ist,  als  wenn  wir  annehmen
wollten,  daß  die  Anziehungskraft  den  Mond  auf  die  Erde  und  die  Erde
auf  die  Sonne  schleudern  müsse,  oder  daß,  weil  bei  niedrigerer  Temperatur ­
  als  0  Grad  das  Wasser  gefriert,  nun  bei  jedem  Frost  Flüsse  und  Seen
bis  auf  den  Grund  zufrieren,  und  die  gemäßigten  Zonen  der  Erde  selbst
in  gelinden  Wintern  dadurch  unbewohnbar  gemacht  werden  müßten.
Daß  außer  den  Malthusschen  positiven  und  vorbauenden  Hemmungen
uoch  eine  dritte  besteht,  die  mit  der  Erhöhung  des  Wohlstands-Niveaus
und  der  geistigen  Entwicklung  ins  Spiel  kommt,  darauf  weisen  viele
wohlbekannte  Tatsachen  hin.  Das  Verhältnis  der  Geburten  ist  in  neuen
Ansiedlungen,  wo  der  Rampf  mit  der  Natur  wenig  Spielraum  für
geistiges  Leben  übrig  läßt,  sowie  unter  den  mit  Armut  geschlagenen
Rlassen  alter  Länder,  die  inmitten  des  Reichtums  aller  seiner  Vorteile
bar  und  zu  einem  nicht  viel  besseren  als  tierischen  Dasein  verurteilt
sind,  notorisch  größer  als  unter  denjenigen  Rlassen,  denen  ein  zunehmender ­
  Wohlstand  Unabhängigkeit,  Muße,  Behaglichkeit  und  ein  volleres
und  abwechselnderes  Leben  gebracht  hat.  Diese,  in  dem  bekannten
englischen  Sprichwort  „dem  reichen  Manne  Glück,  dem  Armen  Rinder"
längst  anerkannte  Tatsache  war  auch  Adam  Smith  nicht  entgangen,
welcher  anführt,  daß  es  nicht  ungewöhnlich  sei,  ein  armes  halbverhungertes
lVeib  der  Hochlande  zu  finden,  das  Mutter  von  23  oder  24  Rindern  sei;
und  sie  ist  überhaupt  allenthalben  so  deutlich  zu  beobachten,  daß  sie  nur
erwähnt  zu  werden  braucht.
Wenn  das  wirkliche  Gesetz  der  Bevölkerung  so  lautet,  wie  es  nach
nreiner  Ansicht  lauten  muß,  so  ist  die  Vermehrungstendenz  nicht  immer
eine  gleichförmige,  sondern  da  stark,  wo  eine  größere  Bevölkerung  erhöhten ­
  Wohlstand  verlechen  würde,  und  wo  die  Fortdauer  des  Geschlechts ­
  von  der  durch  ungünstige  Umstände  herbeigeführten  Sterblichkeit ­
  bedroht  ist,  und  schwächt  sich  ab,  sobald  die  höhere  Entwicklung  des
Dlenschen  möglich  wird  und  die  Fortdauer  des  Geschlechts  gesichert
ksk-  Mit  anderen  Worten:  das  Bevölkerungsgesetz  stimmt  mit  dem
besetz  der  geistigen  Entwicklung  überein  und  ist  demselben  untergeordnet,
^ud  die  Gefahr,  daß  menschliche  Wesen  in  eine  Welt  gesetzt  werden
George,  Fortschritt  und  Arinnt.  6
        <pb n="127" />
        's  sH  Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.  Buch  II.

könnten,  wo  nicht  für  sie  gesorgt  werden  kann,  entsteht  nicht  aus  den
Satzungen  der  Natur,  sondern  aus  sozialen  Mißverhältnissen,  die  inmitten ­
  des  Reichtums  Menschen  zum  Mangel  verurteilen.  Diese  Wahrheit ­
  wird,  glaube  ich,  überzeugend  bewiesen  werden,  wenn  wir  nach
Ebnung  des  Terrains  dem  wahren  Gesetze  der  sozialen  Entwicklung
nachspüren.  Es  würde  jedoch  den  natürlichen  Gedankengang  stören,
dieselbe  jetzt  vorwegzunehmen.  Ist  es  mir  gelungen,  die  Negative  zu
rechtfertigen  —  zu  zeigen,  daß  die  Malthussche  Theorie  durch  die  Gründe,
auf  die  sie  sich  stützt,  nicht  zu  beweisen  ist  —&amp;gt;,  so  genügt  das  für  jetzt.  Jm
nächsten  Kapitel  beabsichtige  ich  zu  dem  positiven  Beweis  überzugehen
und  zu  zeigen,  daß  sie  auch  durch  die  Tatsachen  widerlegt  wird.

Kapitel  IV.
Widerlegung  der  Malthusschen  Theorie.
So  tief  gewurzelt  und  gänzlich  mit  den  Ansichten  der  herrschenden
Nationalökonomie  die  Lehre  verflochten  ist,  daß  die  Bevölkerungszunahme ­
  den  Arbeitslohn  drücken  und  Armut  hervorbringen  müsse,  so
vollständig  stimmt  sie  auch  mit  vielen  volkstümlichen  Ansichten  überein,
und  sie  vermag  in  so  verschiedenen  Gestalten  wiederzukehren,  daß  ich
es  für  nötig  erachtet  habe,  die  Unzulänglichkeit  der  Gründe,  auf  die  sie
sich  stützt,  ausführlicher  zu  beweisen,  ehe  ich  sie  an  den  Tatsachen  prüfe;
denn  die  allgemeine  Annahme  dieser  Theorie  fügt  den  vielen  Beispielen,
welche  die  Geschichte  des  Denkens  dafür  bietet,  wie  leicht  die  Menschen
Tatsachen  mißachten,  wenn  sie  durch  eine  vorgefaßte  Theorie  geblendet
sind,  ein  sehr  schlagendes  hinzu.
Gar  leicht  können  wir  diese  Theorie  den  Tatsachen  gegenüber  aus
die  höchste  und  entscheidende  probe  stellen.  Offenbar  ist  die  Frage,
ob  die  Bevölkerungszunahme  notwendig  den  Arbeitslohn  drücken  und
Mangel  hervorbringen  müsse,  gleichbedeutend  mit  der  Frage,  ob  sie
die  Summe  von  Gütern,  die  von  einer  gegebenen  Summe  von  Arbeit
produziert  werden  kann,  reduzieren  müsse.
Das  ist  es,  was  die  herrschende  Lehre  behauptet.  Man  nimmt
an,  daß  die  Natur,  je  mehr  von  ihr  gefordert  wird,  desto  weniger  freigebig ­
  sei,  so  daß  die  doppelte  Arbeit  nicht  das  doppelte  Produkt  ergeben
könne;  und  daß  somit  die  Bevölkerungszunahme  den  Lohn  drücken
und  tiefere  Armut  bringen  oder,  mit  Malthus'  Worten,  in  Laster  und
Elend  enden  müsse.  In  John  Stuart  Mills  Sprache  lautet  derselbe
Gedanke  folgendermaßen:
jedem  gegebenen  Zustande  der  Zivilisation  kann  eine  größere  Anzahl  von
Menschen,  als  Gesamtheit  genommen,  nicht  so  gut  versorgt  werden,  wie  eine  kleinere.
        <pb n="128" />
        8*

Kap.  IV.

Miderleaunq  der  Maltbusschen  Theorie.

Die  Kargheit  der  Natur,  nicht  die  Ungerechtigkeit  der  Gesellschaft,  .ist  die  Ursache  der
für  Ubervöllerung  festgesetzten  Strafe.  Line  ungerechte  Verteilung  der  Güter  verschlimmert ­
  nicht  das  Übel,  sondern  macht  dasselbe  höchstens  etwas  früher  fühlbar.
Vergeblich  sagt  man,  daß  alle  Münder,  welche  die  Zunahme  der  Menschen  ins  Dasein
ruft,  gleichzeitig  ksände  mitbringen.  Die  neuen  Münder  erfordern  so  viel  Nahrung
wie  die  alten,  dagegen  erzeugen  die  bsände  nicht  so  viel,  lvären  alle  Produktionsmittel
in  gemeinschaftlichem  Besitz  des  ganzen  Volles  und  wären  alle  Produkte  mit  vollkommener ­
  Gleichheit  unter  dasselbe  verteilt;  wäre  in  einer  so  eingerichteten  Gesellschaft ­
  der  Fleiß  gerade  so  energisch  und  das  Produkt  gerade  so  ausgiebig  wie  gegenwärtig, ­
  so  würde  genug  vorhanden  sein,  um  der  ganzen  vorhandenen  Bevölkerung
außerordentlichen  Wohlstand  zu  verschaffen;  hätte  sich  diese  Bevölkerung  aber  erst
verdoppelt,  wie  sie  es  bei  den  Gewohnheiten  des  Volles  und  bei  solcher  Ermutigung
nach  kaum  zwanzig  Jahren  unzweifelhaft  getan  haben  würde,  was  wäre  dann  ihre
Tage?  Wofern  nicht  die  produktiven  Gewerbe  in  derselben  Zeit  in  einem  fast  beispiellosen ­
  Grade  vervollkommnet  wären,  würde  der  geringere  Boden,  auf  den  man  zurückgreifen ­
  müßte,  und  die  mühseligere  und  dürftig  lohnende  Kultur,  die  man  dem  besseren
Boden  angedeihen  lassen  müßte,  um  für  eine  so  viel  zahlreichere  Bevölkerung  Nahrung
zu  schaffen,  mit  unüberwindlicher  Notwendigkeit  jeden  einzelnen  im  Staate  ärmer
als  zuvor  machen.  Wenn  die  Bevölkerung  dann  fortführe,  in  demselben  Maßstab
zuzunehmen,  würde  bald  die  Zeit  kommen,  wo  niemand  mehr  als  das  Notwendigste
hätte,  und  bald  nachher  eine  Zeit,  wo  niemand  mehr  genug  hätte,  so  daß  einer  weiteren
Vermehrung  durch  den  Tod  ein  Riegel  vorgeschoben  würde*)"
Alles  dieses  leugne  ich!  Ich  behaupte,  daß  gerade  das  Gegenteil
von  diesen  Sätzen  richtig  ist.  Ich  behaupte,  daß  in  jedem  gegebenen
Zustande  der  Zivilisation  eine  größere  Anzahl  von  Menschen,  als  Gesamtheit, ­
  besser  versorgt  werden  kann  als  eine  kleinere.  Ich  behaupte,  daß
die  Ungerechtigkeit  der  Gesellschaft,  nicht  die  Kargheit  der  Natur  die
Arsache  des  Mangels  und  Glends  ist,  welche  die  herrschende  Theorie
der  Übervölkerung  zuschreibt.  Ich  behaupte,  daß  die  von  einer  zunehmenden ­
  Bevölkerung  ins  Dasein  gerufenen  neuen  Münder  nicht  mehr
Nahrung  als  die  alten  brauchen,  während  die  Hände,  welche  sie  mit
sich  bringen,  im  natürlichen  verlauf  der  Dinge  mehr  erzeugen.  Ich
behaupte,  daß,  je  größer  die  Bevölkerung  wird,  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen ­
  der  Wohlstand,  den  eine  gerechte  Verteilung  der  Güter  jedem
einzelnen  gewähren  würde,  desto  höher  sein  muß.  Ich  behaupte,  daß
in  einem  Zustande  der  Gleichheit  die  natürliche  Bevölkerungszunahme
beständig  darauf  hinwirken  würde,  jeden  einzelnen  reicher  und  nicht
ärmer  zu  machen.
Ich  gehe  nunmehr  an  die  letzte  Instanz  und  stelle  die  Frage  auf  die
Probe  der  Tatsachen.
Auf  die  Gefahr  hin,  mich  zu  wiederholen,  möchte  ich  zunächst  den
^eser  vor  einer  Gedankenverirrung  warnen,  die  selbst  bei  Schriftstellern
von  großemRufe  bemerkbar  ist.  DieFrage,  in  die  sich  unsere  Untersuchung
Zuspitzt,  ist  nicht:  in  welchem  Stadium  der  Bevölkerung  werden  am
Meisten  Unterhaltsmittel  produziert,  sondern:  in  welchem  Stadium  der
Bevölkerung  tritt  die  größte  Fähigkeit,  Güter  zu  produzieren,  hervor?
Denn  die  Fähigkeit,  Güter  irgendwelcherArt  zu  produzieren,  ist  dieFähig-*)

  Grundsätze  der  Nationalökonomie.  Buch  I,  Kap.  \5,  Abschn.  2.
        <pb n="129" />
        Buch  II.

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

feit,  Unterhaltsmittel  zu  produzieren,  und  die  Konsumtion  von  Gütern
irgendwelcher  Art  oder  von  produktiven  Kräften  ist  gleichbedeutend  mit
der  Konsumtion  von  Unterhaltsmitteln.  Ich  habe  z.  B.  etwas  Geld
in  der  Tasche.  Damit  kann  ich  entweder  Nahrung  oder  Zigarren  oder
Schmucksachen  oder  Theaterbilletts  kaufen,  und  genau  in  der  Art,  wie
ich  mein  Geld  ausgebe,  bestimme  ich  Arbeit,  sich  auf  die  Produktion
von  Nahrungsmitteln,  von  Zigarren,  von  Schmucksachen  oder  von
Theatervorstellungen  zu  werfen.  Tin  Diamantschmuck  hat  einen  Wert
gleich  so  und  so  vielen  Scheffeln  Mehl,  d.  h.  es  erfordert  durchschnittlich
so  viel  Arbeit,  die  Diamanten  zu  produzieren,  als  es  erfordern  würde,
so  viel  Mehl  hervorzubringen.  Belade  ich  meine  Frau  mit  Diamanten,
so  strenge  ich  ebensoviel  produzierende  Kräfte  an,  als  wenn  ich  so  viel
Nahrung  bloßen  Litelkeitsformen  geopfert  hätte,  palte  ich  mir  einen
Diener,  so  nehme  ich  möglicherweise  einen  Pflüger  vom  Pfluge  fort.
Die  Züchtung  und  Erhaltung  eines  Rennpferdes  erfordern  eine  Sorgfalt
und  Arbeit,  die  für  die  Züchtung  und  Erhaltung  vieler  Arbeitspferde
ausreichen  würden.  Die  mit  einer  allgemeinen  Illumination  oder  mit
dem  Abfeuern  von  Salutschüssen  verbundene  Güterzerstörung  ist  gleichbedeutend ­
  mit  dem  Verbrennen  von  so  und  so  viel  Lebensmitteln.
Ein  Regiment  Soldaten  oder  ein  Kriegsschiff  mit  Mannschaft  halten,
heißt  Arbeit,  die  viele  tausend  Menschen  zu  erhalten  imstande  sein
würde,  auf  unproduktive  Zwecke  ablenken.  Die  Fähigkeit  einer  Bevölkerung, ­
  die  Bedürfnisse  des  Lebens  zu  erzeugen,  ist  also  nicht  nach  den
wirklich  erzeugten  Lebensbedürfnissen,  sondern  nach  der  Ausgabe  von
Kraft  aller  Arbeit  zu  ermessen.
Abstrakte  Erörterungen  sind  nicht  erforderlich.  Die  Frage  ist  einfach ­
  eine  tatsächliche.  Nimmt  die  relative  Fähigkeit,  Güter  zu  produzieren,
mit  der  Bevölkerungszunahme  ab?
Die  Tatsachen  sind  so  greifbar,  daß  man  nur  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  sie  zu  lenken  braucht.  Wir  haben  in  neueren  Zeiten  viele  Länder
an  Bevölkerung  zunehmen  sehen,  paben  sie  nicht  gleichzeitig  noch
schneller  an  Wohlstand  zugenommen?  wir  sehen  viele  Länder  noch
immer  an  Bevölkerung  zunehmen.  Nimmt  nicht  auch  ihr  Wohlstand
noch  schneller  zu?  Besteht  irgendein  Zweifel  darüber,  daß,  während
Englands  Bevölkerung  stch  im  Verhältnis  von  2  Prozent  pro  anno
vermehrte,  sein  Wohlstand  sich  in  noch  größerem  Verhältnis  vermehrt
hat?  Ist  es  nicht  richtig,  daß,  während  die  Bevölkerung  der  Vereinigten
Staaten  sich  alle  29  Jahre  verdoppelt  hat*),  ihr  Wohlstand  sich  in  viel
kürzeren  Zwischenräumen  verdoppelte?  Ist  nicht  unter  ähnlichen  Verhältnissen ­
  —*  d.  h.  in  Ländern  von  gleichartiger  Bevölkerung  auf  gleicher
Kivilisationsstufe  —&amp;gt;  das  am  dichtesten  bevölkerte  Land  auch  das  reichste?
Sind  nicht  die  dicht  bevölkertsten  östlichen  Staaten  im  vergleich  zur
Bevölkerung  reicher  als  die  schwächer  bevölkerten  westlichen  oder  süd*) ­

  Das  Verhältnis  bis  rsso  war  35  Prozent  für  jedes  Jahrzehnt.
        <pb n="130" />
        Kap.  IV.

Widerlegung  der  Malthusschen  Theorie.

\\7

lichen  Staaten?  Ist  nicht  England,  wo  die  Bevölkerung  noch  dichter
als  in  den  östlichen  Staaten  ist,  auch  inr  Verhältnis  reicher?  wann
findet  inan  den  Reichtum  am  verschwenderischsten  unproduktiven
Zwecken,  wie  prächtigenGebäuden,  schönenMöbeln,luxuriösenEquipagen,
5tatuen,  Gemälden,  Gärten  und  pachten  gewidmet?  Ist  es  nicht
dann,  wenn  die  Bevölkerung  am  dichtesten,  keineswegs  aber  wenn  sie
am  dünnsten  ist?  Wo  findet  man  die  meisten  solcher  Leute,  die  selbst
nicht  produktiv  arbeiten  und  die  zu  erhalten  die  allgemeine  Produktion
genügt  —&amp;gt;  Rentiers  und  vornehme  Müßiggänger,  Diebe,  Polizisten,
Diener,  Advokaten,  Schriftsteller  und  dergleichen?  Ist  es  nicht  da,
wo  die  Bevölkerung  dicht,  keineswegs  aber  da,  wo  sie  schwach  ist?  woher
kommt  das  überströmende  Kapital  zu  gewinnbringender  Anlage?  Kommt
es  nicht  aus  den  dicht  bevölkerten  Ländern  zu  den  schwach  bevölkerten?
Alles  dies  zeigt  unwiderleglich,  daß  der  Reichtum  am  größten,  wo  die
Bevölkerung  am  dichtesten  ist,  daß  die  Güterproduktion,  die  auf  eine
gegebene  Summe  von  Arbeit  kommt,  mit  steigender  Bevölkerung  zunimmt. ­
  Alles  dies  ist  sichtbar,  wohin  wir  unsere  Blicke  auch  wenden.
Auf  gleichem  Niveau  der  Zivilisation,  ans  gleicher  Stufe  der  produktiven
Gewerbe,  der  politischen  Verfassung  usw.  sind  die  bevölkertsten  Länder
immer  die  reichsten.
Nehmen  wir  einen  besonderen  ^all  und  zwar  einen  Fall,  der  von
allen,  die  angeführt  werden  können,  auf  den  ersten  Blick  die  uns  beschäftigende ­
  Theorie  am  besten  zu  unterstützen  scheint  —&amp;gt;  den  Lall  eines
Tandes,  wo  der  Lohn  stark  gesunken  ist,  während  die  Bevölkerung  sich
bedeutend  vermehrt  hat,  und  wo  es  keine  Sache  zweifelhafter  Schlüsse,
sondern  offenkundige  Tatsache  ist,  daß  die  Freigebigkeit  der  Natur  sich
vermindert  hat.  Dies  Land  ist  Kalifornien.  Als  nach  der  Entdeckung
öes  Goldes  die  erste  Einwanderungswoge  sich  über  Kalifornien  ergoß,
fand  sie  ein  Land,  in  welchem  die  Natur  in  großmütigster  Geberlaune
war.  Die  glitzernden  Niederschläge  von  Jahrtausenden  konnten  an  Flußufern
  und  Sandbänken  mit  den  primitivsten  Werkzeugen  in  Beträgen,
die  einen  durchschnittlichen  Tagelohn  von  einer  Unze  (\6  Dollars)  ergaben, ­
  gesammelt  werden.  Die  mit  saftigen  Gräsern  bedeckten  Ebenen
wimmelten  von  zahllosen  Herden  von  Pferden  und  Rindern,  so  zahlreich, ­
  daß  es  jedem  Reisenden  frei  stand,  seinen  Sattel  auf  ein  frisches
Aoß  zu  werfen  oder  ein  Rind  zu  töten,  wenn  er  ein  Stück  Fleisch  brauchte,
wofern  er  nur  die  Haut,  das  einzig  wertvolle,  dem  Besitzer  zurückließ.
Dem  reichen  Boden,  der  zum  erstenmal  unter  Kultur  kam,  entsprossen
uach  bloßem  Pflügen  und  Säen  Ernten,  wie  sie  in  älteren  Ländern  —
wenn  überhaupt  —  nur  durch  reichlichstes  Düngen  und  sorgsamste  Bebauung ­
  zu  erhalten  sind.  Inmitten  dieser  Freigebigkeit  der  Natur  waren
^ie  Löhne  und  Zinsen  in  dem  früheren  Kalifornien  höher  als  sonst
irgendwo.
Diese  jungfräuliche  Freigebigkeit  der  Natur  ist  unaufhörlich  gewichen ­
  vor  den  größeren  und  immer  größeren  Anforderungen,  welche
        <pb n="131" />
        1  ^8  Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.  Buch  II.

eine  zunehmende  Bevölkerung  an  sie  stellte.  Immer  ärmere  Gräbereien
mußten  bearbeitet  werden,  bis  jetzt  nichts  Erwähnenswertes  mehr  zu
finden  ist,  während  der  regelrechte  Bergbau  auf  Gold  viel  Kapital,
großes  Geschick,  vervollkommnete  Maschinen  erfordert  und  ein  großes
Risiko  involviert.  „Pferde  kosten  Geld"  und  das  mit  den  Salbeisträuchern
der  Nevada-Ebenen  ernährte  Vieh  wird  jetzt  mit  der  Eisenbahn  über
das  Gebirge  gebracht  und  in  den  Schlachthäusern  von  San  Franzisko
getötet,  während  die  Landleute  ihr  Stroh  zu  sparen  und  sich  nach  Dünger
umzusehen  anfangen,  und  Land  unter  Kultur  ist,  das  ohne  künstliche
Bewässerung  kaum  drei  Jahre  unter  vieren  eine  Ernte  gibt.  Gleichzeitig ­
  sind  die  Löhne  und  die  Zinsen  beständig  gewichen,  viele  Leute
sind  jetzt  froh,  eine  Woche  lang  für  weniger  zu  arbeiten  als  sie  einst  pro
Tag  verlangten,  und  Gold  wird  pro  Jahr  zu  einem  Zinsfuß  ausgeliehen,
der  einst  nicht  als  übermäßig  für  den  Monat  erachtet  worden  wäre.
Ist  der  Zusammenhang  zwischen  der  verringerten  Ergiebigkeit  der  Natur
und  den  niedrigeren  Löhnen  ein  Zusammenhang  von  Ursache  und
Wirkung?  Ist  es  richtig,  daß  die  Löhne  niedriger  sind,  weil  die  Arbeit
weniger  Güter  liefert?
Im  Gegenteil!  Nicht  geringer  ist  die  Güter  produzierende  Kraft
der  Arbeit  in  Kalifornien  H8?9  als  l,8^9,  sondern,  wie  ich  überzeugt  bin,
größer.  Und  niemand,  scheint  mir,  der  in  Betracht  zieht,  wie  enorm
während  dieser  Jahre  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  Kaliforniens
durch  Landstraßen,  Werste,  Bewässerungsanlagen,  Eisenbahnen,  Dampfböte, ­
  Telegraphen  und  Maschinen  aller  Art,  durch  engere  Verbindung
mit  der  übrigen  Welt  und  durch  die  aus  größerer  Bevölkerung  sich  ergebenden ­
  zahllosen  Ersparungen  zugenommen  hat  —&amp;lt;  niemand  kann
bezweifeln,  daß  der  Ertrag,  welchen  die  Arbeit  in  Kalifornien  von  der
Natur  erhält,  jetzt  im  ganzen  viel  größer  ist  als  in  den  Tagen  der  unerschöpften ­
  Goldbänke  und  des  jungfräulichen  Bodens.  Die  Kraftzunahme
des  menschlichen  Faktors  hat  die  Kraftabnahme  des  Naturfaktors  mehr
als  aufgewogen.  Daß  dieser  Schluß  richtig  ist,  wird  durch  viele  Tatsachen
bewiesen,  die  zeigen,  daß  die  Güterkonsumtion  im  Vergleich  zur  Arbeiterzahl ­
  jetzt  viel  größer  ist  als  damals.  Statt  daß  die  Bevölkerung  fast  ausschließlich ­
  aus  Männern  im  besten  Lebensalter  bestand,  besteht  sie  jetzt
zu  einem  großer:  Teile  aus  Frauen  und  Kindern,  und  auch  andere  Nichtproduzenten ­
  haben  in  viel  größerem  Maße  als  die  Bevölkerung  zugenommen; ­
  der  Luxus  ist  viel  mehr  gestiegen  als  die  Löhne  gefallen  sind;
wo  die  besten  bsäuser  Leinen-  und  Papierverschläge  waren,  gibt  es
jetzt  Wohnstätten,  deren  Pracht  mit  europäischen  Palästen  wetteifert;
livrierte  Equipagen  befahren  die  Straßen  San  Franziskos  und  vergüngungsjachten
  seine  Bai;  die  Klasse,  welche  von  ihren  Renten  üppig
leben  kann,  ist  stetig  gewachsen;  es  finden  sich  reiche  Leute,  neben  denen
die  Reichsten  früherer  Jahre  wenig  besser  als  arme  Teufel  sein  würden  —
kurz,  nach  allen  Richtungen  hin  finden  sich  die  schlagendsten  und  endgültigsten ­
  Beweise  dafür,  daß  die  Produktion  sowohl  als  auch  die  Kon-
        <pb n="132" />
        IV.  Widerlegung  der  Malthusschen  Theorie.

sumtion  von  Gütern  mit  noch  größerer  Schnelligkeit  als  die  Bevölkerung
Zugenommen  hat,  und  daß,  wenn  eine  Klaffe  weniger  erhält,  dies  nur
wegen  der  größeren  Ungleichheit  der  Verteilung  der  Fall  ist.
was  in  diesem  besonderen  Falle  einleuchtend  ist,  wird  es  überall
sein,  wo  man  unter  die  Oberfläche  der  Dinge  sieht.  Die  reichsten  Länder
sind  nicht  die,  wo  die  Natur  am  verschwenderischsten  ist,  sondern  die,
wo  die  Arbeit  am  wirksamsten  ist;  nicht  Mexiko,  sondern  Massachusetts;
nicht  Brasilien,  sondern  England.  Die  Länder,  wo  die  Bevölkerung
am  dichtesten  ist  und  am  härtesten  gegen  die  Fähigkeiten  der  Natur
drängt,  sind  unter  sonst  gleichen  Umständen  diejenigen  Länder,  in  denen
der  größte  Teil  der  Produktion  dem  Luxus  und  der  Erhaltung  von
Nichtproduzenten  gewidmet  werden  kann,  aus  denen  das  Kapital  überströmt ­
  und  die  erforderlichenfalls,  wie^z.  B.  bei  einem  Kriege,  den  größten
Abfluß  aushalten  können.  Daß  die  Güterproduktion  im  Verhältnis  zur
angewendeten  Arbeit  in  einem  dichtbevölkerten  Lande,  wie^England,
größer  ist  als  in  neuen  Ländern  mit  höheren  Löhnen  und  Zinsen,  ist
aus  dem  Umstande  ersichtlich,  daß,  obgleich  dort  ein  viel  kleinerer  Teil
der  Bevölkerung  mit  produktiver  Arbeit  beschäftigt  ist,  doch  ein  viel
größerer  Uberschuß  für  andere  Zwecke  als  die  physischer  Bedürfnisse
verwendbar  bleibt.  Zn  einem  neuen  Lande  ist  die  ganze  verwendbare
Kraft  des  Landes  der  Produktion  gewidmet  —  es  gibt  keinen  gesunden
Klann,  der  nicht  produktive  Arbeit  irgendeiner  Art  leistete,  keine  gesunde
Frau,  die  nicht  häusliche  Arbeiten  verrichtete.  Es  finden  sich  keine  Arme
oder  Bettler,  keine  müßigen  Reichen,  keine  Klasse,  deren  Arbeit  nur
darauf  berechnet  ist,  der  Bequemlichkeit  oder  Laune  der  Reichen  zu
frönen,  keine  bloß  literarische  oder  wissenschaftliche  Klasse,  keine  nur
vom  Raube  lebende  Verbrecherklasse  und  keine  große  Klasse,  die  erhalten
wird,  um  die  Gesellschaft  gegen  jene  zu  schützen.  Trotzdem  also  die  ganze
Kraft  des  Landes  der  Produktion  gewidmet  ist,  findet  im  Verhältnis
Zur  ganzen  Bevölkerung  keine  so  große  Güterkonsumtion  statt  oder  kann
erschwungen  werden,  als  dies  in  älteren  Ländern  der  Fall  ist;  denn
obgleich  die  Lage  der  untersten  Klasse  besser  ist  und  jedermann  sein
gutes  Auskommen  finden  kann,  so  erzielt  doch  auch  niemand  viel  mehr;
Wenige  oder  niemanden  gibt  es,  der  in  dem  Luxus  oder  nur  der  Behaglichkeit ­
  der  älteren  Länder  leben  kann.  Das  will  sagen,  daß  in  denselben
die  Güterkonsumtion  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung  größer  ist,  obgleich
die  Menge  der  auf  die  Güterproduktion  gerichteten  Arbeit  kleiner  ist  —
oder  daß  weniger  Arbeiter  mehr  Güter  erzeugen;  denn  Güter  müssen
produziert  werden,  ehe  sie  konsumiert  werden  können.
Man  kann  jedoch  einwenden,  daß  der  überlegene  Reichtum  älterer
Länder  nicht  der  überlegenen  Produktionskraft,  sondern  den  Güteronhäufungen
  zuzuschreiben  ist,  welche  das  neue  Land  noch  nicht  zu
wachen  Zeit  gehabt  hat.
Es  wird  sich  empfehlen,  einen  Augenblick  bei  diesem  Begriffe  an-Sehäufter
  Güter  stehen  zu  bleiben.  Die  Wahrheit  ist,  daß  Güter  nur
        <pb n="133" />
        120

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

in  geringem  Grade  angehäuft  werden  können,  und  daß  die  Länder,
gleich  der  großen  Mehrheit  der  Individuen,  aus  der  ftand  in  den  Mund
leben.  Güter  vertragen  keine  große  Anhäufung;  außer  in  wenigen
unbedeutenden  Formen  halten  sie  sich  nicht.  Die  Stosse  des  Erdballs,
welche,  wenn  sie  durch  die  Arbeit  in  die  gewünschte  Form  gebracht
sind,  die  Güterwelt  ausmachen,  streben  beständig  nach  ihrem  Urzustände
zurück.  Einige  Güterformen  überdauern  nur  wenige  Stunden,  andere
wenige  Tage,  andere  wenige  Monate,  wieder  andere  wenige  Jahre,
und  sehr  wenige  gehen  von  einer  Generation  zur  anderen  über.  Nehmen
wir  Güter  in  einigen  ihrer  nützlichsten  und  dauerndsten  Formen  an  —
Schisse,  ftäuser,  Eisenbahnen,  Maschinen.  Falls  nicht  beständig  Arbeit
aufgewendet  wird,  um  sie  zu  erhalten  und  zu  erneuern,  so  werden  sie
fast  unverzüglich  nutzlos  werden.  Man  bringe  die  Arbeit  in  einem  Lande
zum  Stillstand,  und  die  Güter  werden  beinahe  so  schnell  vergehen,  wie
der  Strahl  eines  Springbrunnens,  sobald  der  Wasserzufluß  abgeschnitten
wird.  Man  lasse  dann  wieder  die  Arbeit  sich  betätigen,  und  die  Güter
werden  fast  unverzüglich  wieder  erscheinen.  Dies  hat  man  längst  beobachtet, ­
  wo  Krieg  oder  andere  Kalamitäten  Güter  zerstörten,  die  Bevölkerung ­
  aber  unverletzt  blieb.  In  London  gibt  es  heutzutage  nicht  weniger
Güter  trotz  des  großen  Feuers  von  1.666,  noch  in  Ehikago  trotz  derselben
Kalamität  im  Jahre  1870.  Auf  jenen  vom  Feuer  verheerten  Grundstücken ­
  sind  unter  der  ftand  der  Arbeit  prächtigere  Gebäude,  gefüllt
mit  größeren  Warenlagern,  entstanden,  und  der  mit  der  Geschichte  der
Stadt  unbekannte  Fremde  würde  sich,  wenn  er  die  großartigen  Straßen
entlang  geht,  nicht  träumen  lassen,  daß  vor  wenigen  Jahren  alles  so
schwarz  und  wüst  da  lag.  Dasselbe  Prinzip  —-  daß  die  Güter  beständig
wieder  geschaffen  werden  —  ist  in  jeder  neuen  Stadt  in  die  Augen
fallend.  Bei  gleicher  Bevölkerung  und  gleicher  Leistungsfähigkeit  der
Arbeit  wird  die  Stadt  von  gestern  so  viel  besitzen  und  genießen  als  die
von  den  Römern  gegründete.  Niemand,  der  Melbourne  oder  San
Franzisko  gesehen,  kann  zweifeln,  daß,  wenn  die  Bevölkerung  Englands
nach  Neuseeland  versetzt  würde  und  alle  angehäuften  Güter  zurückblieben, ­
  Neuseeland  bald  so  reich  wäre  als  England  jetzt  ist;  oder  umgekehrt, ­
  daß  wenn  die  Bevölkerung  Englands  auf  die  kleine  Zahl  der
jetzigen  Bevölkerung  Neuseelands  beschränkt  wäre,  sie  trotz  ihrer
angehäuften  Güter  bald  ebenso  arm  sein  würde  wie  diese.  Angehäufte
Güter  scheinen  in  bezug  aus  den  sozialen  Organismus  fast  genau  dieselbe
Rolle  zu  spielen,  wie  angehäufte  Nahrung  in  bezug  auf  den  physischen
Organismus.  Einige  angehäufte  Güter  find  nötig  und  können  bis  zu
einem  gewissen  Umfange  in  Notfällen  in  Anspruch  genommen  werden;
aber  die  von  früheren  Generationen  produzierten  Güter  können  so  wenig
zur  Konsumtion  der  Gegenwart  dienen,  als  die  Mahlzeiten,  die  jemand
im  vergangenen  Jahre  aß,  ihn  heute  mit  Kraft  versehen  können.
Aber  auch  ohne  diese  Betrachtungen,  die  ich  mehr  wegen  ihrer
allgemeinen  als  ihrer  besonderen  Tragweite  anstellte,  ist  es  augenfchein-
        <pb n="134" />
        Kap.  IV.

Widerlegung  der  Maltbusschen  Theorie.

\2\

lich,  daß  größere  Güteranhäufungen  die  größere  Konsumtion  von
Gütern  nur  in  den  Fällen  erklären  können,  wo  die  ersteren  abnehmen,
und  daß,  wo  deren  Menge  sich  erhält,  oder  noch  augenscheinlicher,  wo
sie  zunimmt,  eine  größere  Güterkonsumtion  eine  vermehrte  Produktion
derselben  involvieren  muß.  Gb  wir  nun  aber  verschiedene  Länder  miteinander ­
  oder  ein  und  dasselbe  in  seinen  verschiedenen  Perioden  vergleichen, ­
  es  ist  klar,  daß  der  Zustand  des  Fortschritts,  welcher  durch  Bevölkerungszunahme ­
  angedeutet  wird,  sich  auch  durch  eine  vermehrte
Konsumtion  und  eine  wachsende  Güteranhäusung  kundgibt,  und  zwar
nicht  bloß  im  ganzen  genommen,  sondern  auch  per  Kopf.  Und  deshalb
bedeutet  eine  Bevölkerungszunahme,  soweit  sie  je  irgendwo  vorgeschritten ­
  ist,  nicht  eine  Abnahme,  sondern  eine  Zunahme  in  der  durchschnittlichen ­
  Güterproduktion.
Und  der  Grund  dieser  Erscheinung  ist  naheliegend.  Denn  selbst
wenn  die  Zunahme  der  Bevölkerung  die  Kraft  des  Naturfaktors  der
Produktion  dadurch  schwächt,  daß  sie  ärmeren  Boden  in  Angriff  zu
nehmen  zwingt,  so  vergrößert  sie  doch  die  Kraft  des  menschlichen  Faktors
so  sehr,  um  dies  mehr  als  auszugleichen.  Zwanzig  vereint  arbeitende
§eute  werden  auch  da,  wo  die  Natur  geizt,  mehr  als  zwanzigmal  soviel ­
  Güter  produzieren,  als  ein  einziger  an  einem  Grte  produzieren
kann,  wo  die  Natur  überaus  freigebig  ist.  Ze  dichter  die  Bevölkerung
ist,  desto  größer  wird  die  Teilung  der  Arbeit,  desto  bedeutender  die  Ersparungen ­
  bei  der  Produktion  und  bei  der  Verteilung,  und  somit  ist
das  genaue  Gegenteil  der  Malthusschen  Lehre  wahr,  und  innerhalb
der  Grenzen,  in  denen,  wie  wir  mit  allem  Grund  annehmen  dürfen,
die  Bevölkerungszunahme  noch  fortschreiten  wird,  kann  in  jedem  gegebenen ­
  Zustande  der  Zivilisation  eine  größere  Anzahl  Menschen  eine
verhältnismäßig  größere  Summe  von  Gütern  produzieren  und  ihre
Bedürfnisse  besser  befriedigen,  als  es  eine  kleinere  Anzahl  vermag.
Man  betrachte  einfach  nur  die  Tatsachen.  Kann  etwas  klarer
sein,  als  daß  die  Ursache  der  Armut,  welche  in  den  Mittelpunkten  der
Zivilisation  eitert,  nicht  in  der  Schwäche  der  produktiven  Kräfte  liegt?
In  den  Ländern,  wo  die  Armut  am  tiefsten  ist,  sind  die  produktiven
Kräfte  offenbar  stark  genug,  um,  vollständig  verwendet,  auch  dem
niedrigsten  nicht  bloß  behagliche  Existenz,  sondern  sogar  Luxus  zu  verschaffen. ­
  Die  industrielle  Lähmung,  die  Handelskrisis,  deren  Fluch  heute
auf  der  zivilisierten  Welt  lastet,  entspringt  offenbar  keinem  Mangel
an  produktiver  Kraft,  wo  immer  der  Fehler  liege,  augenscheinlich  liegt
er  nicht  in  dem  Mangel  an  Fähigkeit,  Güter  zu  produzieren.
Gerade  die  Tatsache,  daß  der  Mangel  erscheint,  wo  die  produktive
^raft  am  größten  und  die  Güterproduktion  am  stärksten  ist,  bildet  das
Rätsel,  vor  dem  die  zivilisierte  Welt  in  ratloser  Verwirrung  steht,  und  das
aür  zu  lösen  versuchen.  Augenscheinlich  kann  es  die  Malthussche  Theorie,
den  Mangel  der  Abnahme  der  produktiven  Kraft  zuschreibt,  nicht
erklären.  Jene  Theorie  ist  durchaus  unvereinbar  mit  allen  Tatsachen.
        <pb n="135" />
        \22

Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

Sie  ist  in  Wahrheit  nichts  anders  als  ein  willkürlicher  Versuch,  den
Gesetzen  Gottes  einen  Zustand  der  Dinge  zuzuschreiben,  welcher,  wie
wir  schon  nach  den  bisherigen  Untersuchungen  schließen  dürfen,  tatsächlich ­
  aus  den  schlechten  Einrichtungen  der  Menschen  entspringt  —  ein
Schluß,  der  inr  Fortgang  unserer  Untersuchung  bewiesen  werden  wird.
Denn  noch  haben  wir  den  Grund  zu  suchen,  der  inmitten  zunehmenden
Reichtums  die  Armut  erzeugt.
        <pb n="136" />
        Buch  III.
Die  Gesetze  der  Verteilung.
„Die  zuerst  zur  Verrichtung  einer  besonderen  Bewegung  erfundenen  Maschinen
sind  stets  sehr  kompliziert,  und  spätere  Techniker  entdecken  gewöhnlich,  daß  dieselben
Wirkungen  mit  weniger  Rädern,  mit  weniger  Bewegungsprinzipien  leichter  erzielt
werden  können,  als  ursprünglich  angewendet  worden  waren.  In  gleicher  weise  sind
die  ersten  wissenschaftlichen  Systeme  stets  am  kompliziertesten,  und  man  hält  ein  eigenes
Verbindungsglied  oder  Prinzip  für  nötig,  um  je  zwei  anscheinend  getrennte  Erscheinungen ­
  zu  vereinigen;  aber  es  kommt  oft  vor,  daß  später  ein  verbindendes  Hauptprinzip
  entdeckt  wird,  welches  hinreicht,  alle  die  widersprechenden  Erscheinungen,
die  in  einer  ganzen  Gattung  von  Dingen  auftreten,  miteinander  zu  verknüpfen."
Adam  Smith.

Kapitel  l.
Die  Untersuchung  ist  auf  die  Gesetze  der  Verteilung  einzuschränken;
notwendige  Verbindung  dieser  Gesetze.
Die  vorausgehende  Prüfung  hat,  denke  ich,  vollgültig  bewiesen,
daß  die  inr  Namen  der  Nationalökonomie  gewöhnlich  gegebene  Lrklärung
  des  Problems,  das  wir  zu  lösen  suchen,  dasselbe  keineswegs
erklärt.
Daß  mit  dem  materiellen  Fortschritt  die  Löhne  nicht  steigen,  sondern
vielmehr  zürn  5inken  neigen,  läßt  sich  nicht  durch  die  Theone  erklären,
daß  die  Zunahme  der  Arbeiter  beständig  darauf  hinwirke,  die  Kapitalsumme, ­
  aus  der  die  Löhne  gezahlt  werden,  in  kleinere  Teile  zu  teilen.
Denn  der  Lohn  rührt,  wie  wir  gesehen  haben,  nicht  aus  dem  Kapital
her,  sondern  ist  der  unmittelbare  Ertrag  der  Arbeit.  Jeder  produktive
Arbeiter  erzeugt  seinen  Lohn  m  dem  Klaße  wie  er  arbeitet,  und  mit
jedem  neuen  Arbeiter  findet  eine  Vermehrung  des  wahren  Lohnfonds,
eine  Vermehrung  des  allgemeinen  Güterwerts  statt,  die  in  der  Regel
beträchtlich  größer  ist,  als  der  Betrag,  den  er  im  Lohn  bezieht.
Auch  läßt  sich  das  Rätsel  nicht  durch  die  Theorie  erklären,  daß
die  Natur  den  wachsenden  Ansprüchen  gegenüber,  die  ein  Zunehmen
der  Bevölkerung  an  sie  stellt,  weniger  gewähre;  denn  die  größere  Leistungsfähigkeit ­
  der  Arbeit  bewirkt  eine  beständige  Zunahme  der  Produktion
        <pb n="137" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

m

per  Kopf,  und  die  Länder  mit  dichtester  Bevölkerung  sind,  unter  sonst
gleichen  Verhältnissen,  immer  die  reichsten  Länder.
Bis  hierher  haben  wir  nur  das  Rätsel  noch  mehr  verwirrt,  wir
haben  eine  Theorie  über  den  Pausen  geworfen,  die  bestehende  Tatsachen ­
  in  hergebrachter  weise  erklärte,  dadurch  aber  die  Tatsachen  anscheinend ­
  nur  noch  unerklärlicher  gemacht.  Ls  ist,  als  ob  zu  einer  Zeit,
wo  die  ptolemäische  Theorie  noch  in  Ansehen  stand,  bloß  bewiesen
worden  wäre,  daß  die  Sonne  und  die  Sterne  sich  nicht  um  die  Erde
drehen.  Der  Wechsel  von  Tag  und  Nacht  und  die  anscheinende  Bewegung
der  pimmelskörper  wären  dabei  noch  unerklärt  geblieben,  und  die  alte
Theorie  würde  daher  unfehlbar  wieder  in  ihre  Rechte  eingesetzt  worden
sein,  wofern  es  nicht  gelang,  eine  bessere  an  ihre  Stelle  zu  setzen.  Unsere
Erörterungen  haben  uns  zu  dem  Schlüsse  gesührt,  daß  jeder  produktive
Arbeiter  seinen  eigenen  Lohn  erzeugt,  und  daß  eine  Vermehrung  der
Arbeiterzahl  den  Lohn  jedes  einzelnen  erhöhen  müßte;  statt  dessen  gehen
die  augenscheinlichen  Tatsachen  dahin,  daß  viele  Arbeiter  keine  lohnende
Beschäftigung  finden  können,  und  daß  eine  Zunahme  der  Arbeiterzahl
eine  Verminderung  des  Lohnsatzes  mit  sich  bringt.  Kurz,  wir  haben
bewiesen,  daß  die  Löhne  da  am  höchsten  sein  müßten,  wo  sie  in  Wirklichkeit ­
  am  niedrigsten  sind.
Nichtsdestoweniger  sind  wir  doch  schon  etwas  vorgeschritten.  Um
zu  finden,  was  wir  suchen,  müssen  wir  zunächst  entdecken,  wo  zu  suchen
vergeblich  ist.  wir  haben  wenigstens  das  Feld  der  Forschung  beschränkt.
Denn  so  viel  ist  jetzt  wenigstens  klar,  daß  die  Ursache,  welche  jtrotz  der
enormen  Zunahme  produktiver  Kraft  die  große  Ulasse  der  Produzenten
aus  den  geringsten  Anteil  am  Produkt,  mit  dem  sich  leben  läßt,  reduziert,
nicht  die  Beschränktheit  des  Kapitals  oder  der  dem  Geheiß  der  Arbeit
folgenden  Naturkräste  ist.  Da  sie  also  nicht  in  den  die  Güterproduktion
begrenzenden  Gesetzen  zu  finden  ist,  so  muß  sie  in  den,  die  Verteilung
regierenden  Gesetzen  gesucht  werden.  Dahin  wollen  wir  uns  jetzt  wenden.
Ls  wird  nötig  sein,  das  ganze  Thema  der  Güterverteilung  in
seinen  Pauptzweigen  durchzugehen.  Um  die  Ursache  zu  entdecken,
welche  bei  zunehmender  Bevölkerung  und  fortschreitender  Entwicklung ­
  der  produktiven  Gewerbe  die  Armut  der  untersten  Klasse  vertieft, ­
  müssen  wir  das  Gesetz  auffinden,  welches  darüber  entscheidet,
welcher  Teil  des  Produkts  der  Arbeit  als  Lohn  zuteil  wird.  Um  das
Lohngesetz  zu  finden,  oder  wenigstens  um  zu  wissen,  wann  wir  es  gefunden ­
  haben,  müssen  wir  ferner  die  Gesetze  feststellen,  die  den  dem
Kapital  und  den  den  Grundbesitzern  anheimfallenden  Anteil  bestimmen;
denn  da  der  Grund  und  Boden,  die  Arbeit  und  das  Kapital  sich  in  die
Güterproduktion  teilen,  so  kann  das  Produkt  nur  unter  diesen  Dreien
verteilt  werden.
Unter  dem  Produkt  oder  der  Produktion  eines  Landes  ist  die
Summe  der  von  dessen  Bewohnern  produzierten  Güter  zu  verstehen  —•
öer  allgemeine  Fonds,  aus  dem  (so  lange  früher  vorhandene  Vorräte
        <pb n="138" />
        Kap.  I.

(25

Verbindung  der  Verteilungsgesetze.

nicht  vermindert  werden)  alle  Konsumtion  bestritten  und  alle  Einkommen ­
  gezogen  werden  müssen,  wie  ich  schon  erläuterte,  ist  unter
Produktion  nicht  bloß  die  Herstellung  der  Dinge  zu  verstehen,  sondern
sie  schließt  auch  die  durch  den  Transport  oder  Tausch  gewonnene  Wert-Zunahme
  ein.  Sowohl  in  reinen  pandelsstaaten,  wie  in  rein  ackerbautreibenden ­
  oder  rein  fabrizierenden  Ländern  werden  Güter  produziert,
und  in  dem  einen  Falle  wie  in  dem  anderen  wird  ein  Teil  des  Produkts
dem  Kapital  zufallen,  ein  anderer  der  Arbeit  und,  wofern  Land  wert
hat,  ein  dritter  den  Grundbesitzern.  Tatsächlich  dient  ein  gewisser  Teil
der  produzierten  Güter  beständig  zum  Ersatz  des  Kapitals,  welches  fortwährend ­
  konsumiert  und  ersetzt  wird.  Doch  braucht  dieser  Teil  nicht  besonders ­
  in  Betracht  gezogen  zu  werden,  da  er  dadurch  eliminiert  wird,
daß  das  Kapital  als  etwas  Zusammenhängendes  angesehen  wird,  wie
wir  es  im  Reden  und  Denken  gewöhnlich  tun.  Reden  wir  daher  von  dem
Produkt,  so  verstehen  wir  darunter  den  Teil  der  Güter,  der  über  die
Summe  hinaus  produziert  wird,  welche  erforderlich  ist,  um  das  in  der
Produktion  verbrauchte  Kapital  zu  ersetzen;  und  sprechen  wir  von  Zinsen
oder  dem  Ertrage  des  Kapitals,  so  verstehen  wir  darunter  das,  was
das  Kapital  erhält,  nachdem  es  wieder  ersetzt  ist.
Es  ist  ferner  eine  Tatsache,  daß  in  jedem  Lande,  das  über  den
primitivsten  Zustand  hinweg  ist,  ein  Teil  des  Produkts  als  Steuern
erhoben  und  durch  die  Regierung  verbraucht  wird.  Dies  braucht  jedoch
nicht  in  Betracht  gezogen  zu  werden,  wenn  wir  die  Gesetze  der  Verkeilung ­
  aufsuchen  wollen.  Wir  können  die  Besteuerung  entweder  als
nicht  bestehend  oder  als  eine  Verringerung  des  Produkts  um  so  und  so
viel  ansehen.  Und  ebenso  das,  was  von  dem  Produkt  durch  gewisse
formen  des  Monopols  genommen  wird,  die  wir  in  einem  folgenden
kkapitel  (Kap.  4)  erwähnen  werden,  und  die  ähnlich  wie  Steuern  wirken.
Erst  nachdem  wir  die  Gesetze  der  Verteilung  entdeckt  haben,  läßt
sich  übersehen,  ob  und  welchen  Einfluß  die  Besteuerung  darauf  hat.
Wir  müssen  diese  Gesetze  der  Verteilung  oder  wenigstens  zwei
derselben  selbst  entdecken.  Denn  daß  sie  von  der  herrschenden  Nationalökonomie ­
  (mindestens  als  Ganzes)  nicht  richtig  aufgefaßt  worden  sind,
ist,  abgesehen  von  unserer  früheren  Untersuchung  eines  derselben,  aus
allen  Abhandlungen  der  herrschenden  Schule  zu  ersehen.
Schon  aus  der  Terminologie  ist  dies  ersichtlich.
In  allen  nationalökonomischen  werken  wird  uns  gesagt,  daß  die
dfei  Faktoren  der  Produktion  Grund  und  Boden,  Arbeit  und  Kapital
seien,  und  daß  das  Gesamtprodukt  ursprünglich  in  drei  entsprechende
^eile  verteilt  werde.  Ls  sind  daher  drei  Ausdrücke  erforderlich,  deren
jeder  einen  dieser  Teile  mit  Ausschluß  der  anderen  klar  bezeichnet.  Die
Grundrente  drückt,  wie  sie  definiert  wirch  den  ersten  dieser  Teile,  den-Vnjgen,
  welcher  auf  die  Grundbesitzer  entfällt,  klar  genug  aus.  Der
^ahn  kennzeichnet,  wie  er  definiert  wird,  den  zweiten  Teil,  der  den  Ertrag
öer  Arbeit  ausmacht,  ebenfalls  klar  genug.  Was  aber  den  dritten  Aus-
        <pb n="139" />
        \26

Buch  III.

Die  Gesetze  der  Verteilung.

druck  betrifft,  welcher  den  Ertrag  des  Kapitals  bezeichnen  soll,  so  herrscht
darüber  in  den  Werken  der  tonangebenden  Richtung  eine  ganz  absonderliche ­
  Zweideutigkeit  und  Verwirrung.
Von  den  Worten  des  gewöhnlichen  Sprachgebrauchs  kommt  das
Wort  Zins  dern  ausschließlichen  Ausdrucke  des  Begriffs  einer  Vergütung
für  Kapitalnutzung  am  nächsten,  denn  dasselbe  involviert  wie  es  gewöhnlich ­
  gebraucht  wird,  die  Vergütung  für  Kapitalnutzung  ausschließlich ­
  aller  Arbeit  für  Verwendung  oder  Verwaltung  des  Kapitals,  sowie
ausschließlich  jedes  weiteren  Risikos  als  desjenigen,  das  mit  der  Sicherheit
des  beliehenen  Gegenstandes  verknüpft  ist.  Das  Wort  Gewinn  ist,
wie  es  gewöhnlich  gebraucht  wird,  beinahe  gleichbedeutend  mit  Einkommen ­
  und  bedeutet  eine  über  eine  ausgegebene  Summe  hinaus
zurückemxfangene  Summe,  involviert  auch  häufig  Einnahmen,  die
eigentlich  Grundrente  find,  während  es  fast  immer  Einnahmen  einschließt, ­
  die  eigentlich  Löhne,  sowie  Vergütungen  für  das  den  verschiedenen ­
  Kaxitalverwendungen  eigentümliche  Risiko  sind,  wofern  also
dem  Sinne  des  Wortes  nicht  äußerste  Gewalt  angetan  wird,  darf  es  in
der  Nationalökonomie  nicht  gebraucht  werden,  um  den  auf  das  Kapital
entfallenden  Anteil,  im  Gegensatze  zu  den  der  Arbeit  und  den  Grundbesitzern ­
  zukommenden  Anteilen,  zu  bezeichnen.
Übrigens  ist  alles  dies  in  den  Hauptwerken  der  Nationalökonomie
anerkannt.  Adam  Smith  erläutert  treffend,  wie  die  Löhne  und  die
Vergütungen  für  Risiko  einen  bedeutenden  Teil  der  Gewinne  ausmachen,
indem  er  darauf  hinweist,  wie  der  große  Verdienst  der  Apotheker  und
kleinen  Krämer  in  Wirklichkeit  der  Lohn  ihrer  Arbeit  und  nicht  die  Zinsen
ihres  Kapitals  sind;  wie  ferner  die  bisweilen  in  gewagten  Geschäften
gemachten  großen  Gewinne,  wie  beim  Schmuggel  oder  im  Holzhandel,
tatsächlich  nur  Vergütungen  für  Lxtrarisiko  sind,  das  auf  die  Länge
den  Ertrag  des  dazu  verwendeten  Kapitals  auf  den  gewöhnlichen  Satz
oder  darunter  drückt.  Ähnliche  Erläuterungen  werden  in  den  meisten
der  späteren  Werke  gegeben,  wo  der  Gewinn  ausführlich  in  seinem  gewöhnlichen ­
  1501116  definiert  ist,  vielleicht  mit  Ausschluß  der  Grundrente.
)n  allen  diesen  Werken  wird  dem  Leser  gesagt,  daß  der  Gewinn  aus
drei  Elementen  bestehe,  aus  dem  Lohne  für  die  Aufsicht,  der  Ausgleichung
für  das  Risiko  und  den  Zinsen,  d.  h.  der  Vergütung  für  die  Benutzung
des  Kapitals.
Demnach  kann  der  Gewinn,  weder  seinem  gewöhnlichen,  noch
dem  ihm  von  der  herrschenden  Nationalökonomie  ausdrücklich  beigelegten ­
  Sinne  nach,  einen  jplatz  in  der  Erörterung  der  Güterverteilung
unter  die  drei  Faktoren  der  Produktion  haben.  Sowohl  dem  gewöhnlichen ­
  wie  dem  ihm  ausdrücklich  beigelegten  Sinne  nach  bedeutet  die
Rederei  von  einer  Verteilung  der  Güter  in  Grundrente,  Lohn  und  Gewinn
nichts  anderes,  als  wenn  man  von  der  Teilung  der  Menschheit  in  Männer,
Weiber  und  Menschen  spräche.
Dennoch  -  geschieht  dies,  zur  äußersten  Verwirrung  des  Lesers,
        <pb n="140" />
        Verbindung  der  Verteilungsgesetze.

\27

in  allen  Werken  der  herrschenden  Richtung.  Sie  zerlegen  erst  ausdrücklich ­
  den  Gewinn  in  Lohn  für  die  Aufsicht,  in  Ausgleichung  für
das  Risiko  und  in  Zinsen  —'  den  Nettoertrag  für  den  Gebrauch  des
Kapitals  —&amp;gt;  und  dann  handeln  sie  von  der  Verteilung  der  Güter  zwischen
Rente  für  den  Grund  und  Boden,  Lohn  für  die  Arbeit  und  Gewinn
für  das  Kapital.
Zch  zweifle  nicht,  daß  Tausende  von  Menschen  sich  den  Kopf  über
diese  Verwirrung  der  Ausdrücke  zerbrochen  und  in  Verzweiflung  auf
die  Erklärung  verzichtet  haben,  in  der  Meinung,  daß,  da  die  Schuld
unmöglich  an  so  großen  Denkern  liegen  könne,  sie  in  ihrer  eigenen  Beschränktheit ­
  liegen  müsse,  wenn  es  diesen  Leuten  zum  Trost  gereichen
kann,  so  mögen  sie  aus  Buckles  „Geschichte  der  Zivilisation"  ersehen,
wie  ein  Mann,  der  gewiß  eine  sehr  klare  Vorstellung  von  dem  hatte,
was  er  las,  und  der  die  hauptsächlichsten  Nationalökonomen,  von  Smith
abwärts,  sorgfältig  gelesen  hatte,  durch  diesen  Mischmasch  von  Gewinn
und  Zinsen  unabsehbar  verwirrt  wurde.  Denn  Buckle  spricht  (Buch  I,
Kap.  2  und  Anmerkungen)  beständig  von  der  Verteilung  des  Reichstums
in  Grundrente,  Lohn,  Zins  und  Gewinn.
Und  dies  ist  nicht  zu  verwundern.  Denn  diese  Nationalökonomen
Zerlegen  erst  den  Gewinn  in  Lohn  für  die  Aufsicht,  Versicherung  und
Zins  und  sprechen  dann  bei  der  Erklärung  der  Ursachen,  die  den  gewöhnlichen ­
  Gewinnsatz  bestimmen,  von  Dingen,  die  offenbar  nur  den
Teil  des  Gewinnes  betreffen,  den  sie  Zins  genannt  haben,  und  wenn
sie  dann  von  Zinsfuß  reden,  so  geben  sie  entweder  nur  die  bedeutungslose ­
  Formel  von  Angebot  und  Nachfrage  oder  erwähnen  Ursachen,
welche  die  Ausgleichung  für  das  Risiko  betreffen,  und  brauchen  das  Wort
augenscheinlich  in  seinem  gewöhnlichen,  nicht  aber  in  dem  nationalökonomischen ­
  Sinne,  den  sie  demselben  beigelegt  haben,  und  aus  welchem
die  Vergütung  für  Risiko  ausgeschieden  ist.  will  der  Leser  Zohn  Stuart
Mills  „Grundsätze  der  Nationalökonomie"  zur  Hand  nehmen  und  das
Kapitel  über  den  Gewinn  (Buch  II,  Kap.  15)  mit  dem  Kapitel  über
den  Zins  (Buch  III,  Kap.  23)  vergleichen,  so  wird  er  bei  dem  logischsten
Denker  unter  den  englischen  Nationalökonomen  die  so  entstehende  Verwirrung ­
  in  einer  auffallenderen  Art  und  weise  exemplifiziert  finden,
als  ich  sie  charakterisieren  möchte.
Gewiß  sind  diese  Männer  nicht  ohne  Grund  einer  solchen  Gedankenverwirrung ­
  verfallen,  wenn  sie  einer  nach  dem  anderen  Adam
ömith  folgten,  wie  spielende  Knaben  im  Gänsemarsch,  hüpfend  wo  er
hüpfte,  springend  wo  er  sprang,  und  fallend,  wo  er  fiel,  so  konnte  es
freilich  nicht  fehlen,  daß  einmal  ein  Zaun  kam,  gegen  den  man  hüpfte,,
und  ein  Loch,  wo  man  hineinfiel.
Die  Schwierigkeit,  aus  der  diese  Verwirrung  entsprungen  ist,
Mgt  in  der  vorher  aufgestellten  Lohntheorie.  Aus  Gründen,  die  ich
früher  angeführt  habe,  schien  es  ihnen  eine  selbstverständliche  Wahrheit,
daß  die  Löhne  gewisser  Arbeiterklassen  von  dem  Verhältnis  zwischen.
        <pb n="141" />
        128

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

dem  Kapital  und  der  Arbeiterzahl  abhingen.  Es  gibt  indes  gewisse
Arten  des  Lohns  für  Arbeit,  auf  die  diese  Theorie  augenscheinlich  nicht
Paßt;  und  so  pflegt  man  den  Ausdruck  Lohn  auf  den  im  engeren,  gewöhnlichen ­
  Sinne  so  genannten  Lohn  einzuschränken.  Daher  würde,
wenn  der  Ausdruck  Zinsen  (wie  es  nach  ihren  Definitionen  geschehen
müßte)  nur  gebraucht  worden  wäre,  um  den  dritten  Anteil  an  der  Güterverteilung ­
  zu  bezeichnen,  offenbar  aller  Lohn  für  persönliche  Arbeit,
außer  demjenigen  der  sogenannten  Lohnarbeiter,  leer  ausgegangen
sein.  Wenn  man  dagegen  die  Güterverteilung  nicht  unter  Rente,  Lohn
und  Zins,  sondern  unter  Rente,  Lohn  und  Gewinn  vor  sich  gehen  läßt,
so  vermeidet  man  diesen  Abelstand,  da  man  allen  nicht  unter  das  vorher
angenommene  Lohngesetz  fallenden  Lohn  unter  den  engen  Begriff
des  Gewinnes,  als  Lohn  für  Aufsicht  oder  Leitung,  werfen  kann.
Liest  man  sorgfältig,  was  die  Nationalökonomen  über  die  Güterverteilung ­
  sagen,  so  ersieht  man,  daß,  trotz  ihrer  korrekten  Definition
desselben,  der  Ausdruck  Lohn  in  dem  von  ihnen  in  dieser  Verbindung
gebrauchten  Sinne  ein  „unverteilter  Ausdruck"  ist,  wie  die  Logiker  sagen
würden;  es  werden  damit  nicht  alle  Löhne,  sondern  nur  einige  gemeint,
nämlich  die  von  einem  Arbeitgeber  für  bsandarbeit  bezahlten  Löhne.
So  wirft  man  die  anderen  Löhne  mit  dem  Ertrage  des  Kapitals  zusammen ­
  und  schließt  sie  in  den  Ausdruck  Gewinn  ein,  wodurch  jede
klare  Unterscheidung  zwischen  dem  eigentlichen  Kapitalerträge  und  dem
Ertrage  aus  menschlicher  Anstrengung  unmöglich  wird.  Tatsache  ist,
daß  die  herrschende  Nationalökonomie  keine  irgendwie  klare  und  haltbare
Erklärung  der  Güterverteilung  gibt.  Das  Rentengesetz  ist  klar  hingestellt,
aber  es  steht  ohne  Zusammenhang  da.  Das  Übrige  ist  ein  konfuser  und
zusammenhangsloser  Wirrwarr.
Diese  Gedankenverwirrung  und  dieser  Mangel  an  Folgerichtigkeit
wsrd  schon  durch  die  gewählte  Einrichtung  dieser  Werke  bewiesen.  Soviel ­
  ich  weiß,  sind  in  keinem  nationalökonomischen  Werke  diese  Gesetze
der  Verteilung  so  zusammengestellt,  daß  der  Leser  sie  mit  einem  Blicke
zu  übersehen  und  ihre  Beziehungen  zueinander  zu  erkennen  vermag,
sondern  das  über  jedes  einzelne  Gesagte  findet  sich  in  einer  Masse  von
politischen  und  moralischen  Reflexionen  und  Abhandlungen  eingehüllt.
Der  Grund  braucht  nicht  weiter  gesucht  zu  werden.  Stellte  man  die
drei  Gesetze  der  Verteilung,  wie  sie  jetzt  gelehrt  werden,  nebeneinander,
so  würde  sich  auf  den  ersten  Blick  ergeben,  daß  ihnen  die  notwendige
Verbindung  fehlt.
Die  Gesetze  der  Güterverteilung  sind  offenbar  Gesetze  des  Maßes,
und  müssen  in  einem  derartigen  Verhältnisse  zueinander  stehen,  daß,
sobald  zwei  davon  gegeben  sind,  das  dritte  daraus  gefolgert  werden
kann.  Denn  wenn  man  sagt,  daß  einer  der  drei  Teile  eines  Ganzen
größer  oder  kleiner  geworden  ist,  so  heißt  das,  daß  der  eine  der  anderen
beiden  Teile,  oder  auch  beide,  entsprechend  kleiner  oder  größer  geworden
sind.  Wenn  Thomas,  Richard  und  Heinrich  Teilhaber  eines  Geschäfts
        <pb n="142" />
        Kap.  I.

Verbindung  der  Verteilungsgesetze.

sind,  so  muß  die  Vereinbarung,  welche  die  Beteiligung  eines  derselben
am  Gewinn  festsetzt,  gleichzeitig  entweder  die  einzelne  oder  die  gemeinschaftliche ­
  Beteiligung  der  beiden  anderen  festsetzen,  wird  Thomas'
Anteil  auf  40  Prozent  festgestellt,  so  bleiben  so  Prozent  zur  Verteilung
zwischen  Richard  und  Heinrich  übrig,  wird  Richards  Anteil  auf  40  Prozent ­
  und  Heinrichs  Anteil  auf  35  Prozent  gesetzt,  so  wird  dadurch  Thomas
Anteil  auf  25  Prozent  bestimmt.
Unter  den  Gesetzen  der  Güterverteilung,  wie  sie  in  den  Büchern
der  herrschenden  Richtung  aufgestellt  werden,  ist  jedoch  von  keinem  derartigen ­
  Verhältnisse  die  Rede.  Venn  wir  sie  herausfischen  und  zusammenstellen, ­
  so  finden  wir  sie,  wie  folgt:
Der  Lohn  wird  durch  das  Verhältnis  zwischen  dem  der  Zahlung
und  Erhaltung  von  Arbeitskräften  gewidmeten  Kapitalbetrage  und  der
Anzahl  beschäftungsuchender  Arbeiter  bestimmt.
Die  Grundrente  wird  durch  den  Gewinn  der  Bebauung  bestimmt;
alle  Ländereien  liefern  als  Grundrente  den  Teil  ihres  Produkts,  der  das
übersteigt,  was  ein  gleicher  Aufwand  von  Arbeit  und  Kapital  aus  dem
ärmsten  in  Benutzung  befindlichen  Boden  verschaffen  könnte.
Der  Zinsfuß  wird  durch  die  Gleichung  zwischen  der  Nachfrage
der  Borgenden  und  dem  Kapitalangebote  der  Darleihenden  bestimmt.
Als  Gesetz  des  Gewinnes  wird  angegeben,  der  Gewinn  werde  durch
die  Löhne  bestimmt,  er  falle,  wenn  die  Löhne  steigen,  und  steige,  wenn
die  Löhne  fallen,  oder  um  Mills  Redewendung  zu  gebrauchen,  der
Gewinn  werde  durch  den  Preis  bestimmt,  welchen  die  Arbeit  dem
Kapitalisten  kostet.
Die  Nebeneinanderstellung  dieser  gebräuchlichsten  Erklärungen  der
Verteilungsgesetze  zeigt  sofort,  daß  sie  der  Wechselbeziehung  ermangeln,
welche  die  wahren  Verteilungsgesetze  besitzen  müssen.  Sie  greifen
weder  ineinander,  noch  wirken  sie  zusammen.  Somit  sind  wenigstens
Zwei  dieser  drei  Gesetze  falsch  aufgefaßt  oder  falsch  dargestellt.  Dies
stimmt  mit  dem,  was  wir  schon  gesehen  haben,  daß  nämlich  die  herrschende ­
  Auffassung  des  Lohngesetzes  und  folglich  auch  des  Gesetzes  vom
Zinsfuß  die  Prüfung  nicht  besteht,  wir  müssen  somit  die  wahren  Gesetze
der  Verteilung  des  Arbeitsproduktes  in  Lohn,  Grundrente  und  Zins
aufsuchen.  Der  Beweis,  daß  wir  sie  gefunden,  wird  in  ihrem  Ineinandergreifen ­
  liegen,  darin,  daß  sie  einander  begegnen,  in  Wechselwirkung
stehen  und  einander  gegenseitig  begrenzen.
Mit  dem  Gewinn  hat  diese  Untersuchung  offenbar  nichts  zu  tun.
V)ir  wollen  ermitteln,  welche  Umstände  die  Verteilung  des  gemeinschaftlichen ­
  Produktes  unter  den  Grund  und  Boden,  die  Arbeit  und  das
Kapital  bestimmen,  und  Gewinn  ist  kein  Ausdruck,  der  ausschließlich
einen  dieser  drei  Teile  betrifft,  von  den  drei  Teilen,  in  welche  der
Gewinn  durch  die  Nationalökonomie  zerlegt  wird  —  nämlich:  Vergütung
^ür  Risiko,  Lohn  für  Aufsicht  und  Ertrag  für  die  Kapitalnutzung  —,
sällt  der  letztere  unter  den  Ausdruck  Zins,  der  alle  Erträge  der  Kapital-George,
  Fortschritt  und  Armut.  9
        <pb n="143" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

J30

Nutzung  einschließt  und  alles  andere  ausschließt;  der  Lohn  für  Aussicht
fällt  unter  den  Ausdruck  Lohn,  der  alle  Erträge  für  inenschliche  Arbeit
ein-  und  alles  andere  ausschließt;  und  die  Vergütung  für  Risiko  hat
nirgends  Platz,  da,  wenn  man  alle  Geschäfte  eines  Landes  zusammennimmt, ­
  das  Risiko  beseitigt  ist.  Ich  werde  daher,  in  Übereinstimmung
mit  den  Definitionen  der  Nationalökonomen,  den  Ausdruck  Zins  für
denjenigen  Teil  des  Produktes,  der  auf  das  Kapital  entfällt,  anwenden. ­

Rekapitulieren  wir:
Der  Grund  und  Boden,  die  Arbeit  und  das  Kapital  sind  die  Faktoren
der  Produktion.  Der  Ausdruck  Grund  und  Boden  schließt  alle  Kräfte
und  Vorteile  der  Natur  ein;  der  Ausdruck  Arbeit  alle  menschliche  Anstrengung; ­
  und  der  Ausdruck  Kapital  alle  Güter,  die  gebraucht  werden,
um  mehr  Güter  zu  produzieren.  Unter  diese  drei  Faktoren  wird  das
ganze  Produkt  verteilt.  Der  Teil,  der  auf  die  Grundbesitzer  als  Zahlung
für  den  Gebrauch  der  natürlichen  Vorteile  entfällt,  heißt  Grundrente;
der  Teil,  welcher  die  Belohnung  menschlicher  Arbeit  ausmacht,  heißt
Lohn,  und  der  Teil,  der  den  Ertrag  für  die  Kaxitalnutzung  bildet,  heißt
Zins.  Diese  Ausdrücke  schließen  sich  gegenseitig  aus.  Das  Einkommen
jedes  einzelnen  kann  aus  einer,  zweien  oder  allen  dreien  dieser  «Duellen
entspringen;  doch  müssen  wir  sie,  in  dem  Bestreben,  die  Gesetze  der
Verteilung  zu  entdecken,  auseinanderhalten.
Ich  muß  der  jetzt  vorzunehmenden  Untersuchung  vorausschicken,
daß  der  nach  meiner  Ansicht  nun  ausreichend  bewiesene  Fehlgang  der
Nationalökonomie  auf  die  Annahme  eines  irrtümlichen  Standpunktes
zurückgeführt  werden  darf.  Zn  einem  Gesellschaftszustande  lebend
und  ihre  Beobachtungen  anstellend,  wo  der  Kapitalist  gewöhnlich  Land
pachtet  und  Arbeiter  beschäftigt,  somit  der  Unternehmer  oder  erste
Urheber  der  Produktion  zu  sein  scheint,  wurden  die  Pauptvertreter  der
Wissenschaft  verleitet,  das  Kapital  als  den  ursprünglichen  Faktor  der
Produktion,  den  Grund  und  Boden  als  dessen  Instrument  und  die  Arbeit
als  dessen  Werkzeug  oder  Agenten  zu  betrachten.  Dies  ist  auf  jeder  Seite,
in  der  Form  und  in  dem  Gange  ihrer  Erörterungen,  in  dem  Lharakter
ihrer  Beispiele  und  selbst  in  der  Wahl  ihrer  Ausdrücke  ersichtlich.  Allenthalben ­
  ist  das  Kapital  der  Ausgangspunkt,  der  Kapitalist  die  Hauptfigur.
Dies  geht  so  weit,  daß  sowohl  Smith  als  Ricardo  den  Ausdruck  „natürlichen ­
  Lohn"  anwenden,  um  das  Minimum  auszudrücken,  mit  welchem
Arbeiter  leben  können,  während,  wenn  nicht  die  Ungerechtigkeit  das
Natürliche  ist,  alles,  was  der  Arbeiter  überhaupt  erzeugt,  seinen  natürlichen ­
  Lohn  ausmachen  sollte.  Diese  Gewohnheit,  das  Kapital  als  den
Beschäftige!  der  Arbeit  zu  betrachten,  hat  sowohl-zu  der  Theorie  geführt,
daß  die  Löhne  von  dem  relativen  Kapitalüberflusse  abhängen,  als  auch
zu  der  anderen,  daß  die  Zinsen  sich  im  umgekehrten  Verhältnis  wie  die
Löhne  bewegen,  und  von  Wahrheiten  abgelenkt,  die  ohne  jene  Gewohnheit ­
  nicht  hätten  verborgen  bleiben  können.  Kurz,  der  Irrweg,  der  die-
        <pb n="144" />
        Kap.  I.

Verbindung  der  Verteilungsgesetze.

9*

Nationalökonomie  bezüglich  der  Pauptgesetze  der  Verteilung  in  den
Sumpf,  anstatt  auf  Bergeshöhen  führte,  wurde  schon  eingeschlagen,
als  Adam  Smith  in  feinem  ersten  Buche  den  in  dem  Satze:  „Das  Erzeugnis ­
  der  Arbeit  bildet  den  natürlichen  Rekompens  oder  Lohn  der
Arbeit"  angedeuteten  Standpunkt  verließ,  um  denjenigen  dafür  einzunehmen, ­
  von  welchem  das  Kapital  als  die  Arbeit  beschäftigend  und  die
Töhne  zahlend  angesehen  wurde.
Betrachten  wir  indes  den  Ursprung  und  die  natürliche  Folge  der
Dinge,  so  ist  die  Ordnung  umgekehrt  und  das  Kapital,  anstatt  zuerst
Zu  kommen,  kommt  zuletzt;  anstatt  Arbeitgeber  zu  sein,  wird  es  in  Wahrheit ­
  durch  die  Arbeit  beschäftigt.  Ls  muß  Grund  und  Boden  vorhanden
sein,  ehe  Arbeit  verrichtet  werden  kann,  und  es  muß  Arbeit  verrichtet
werden,  ehe  Kapital  hervorgebracht  werden  kann.  Das  Kapital  ist  ein
Ergebnis  der  Arbeit  und  wird  durch  die  Arbeit  benutzt,  um  ihr  bei  fernerer
Produktion  zu  helfen.  Die  Arbeit  ist  die  tätige  und  anfängliche  Kraft,
und  die  Arbeit  ist  daher  der  Beschäftiger  des  Kapitals.  Die  Arbeit  kann
nur  auf  den  Grund  und  Boden  gerichtet,  und  dem  Grund  und  Boden
Muß  der  Stoff,  den  sie  in  Güter  verwandelt,  entnommen  werden.
Der  Grund  und  Boden  ist  daher  die  Vorbedingung,  das  Feld  und  Material
der  Arbeit.  Die  natürliche  Ordnung  ist  Grund  und  Boden,  Arbeit,
Kapital,  und  anstatt  das  Kapital  zum  Ausgangspunkt  zu  nehmen,
wüsten  wir  vom  Grund  und  Boden  ausgehen.
Noch  etwas  anderes  ist  zu  beachten.  Das  Kapital  ist  kein  notwendiger
Faktor  der  Produktion.  Die  auf  den  Grund  und  Boden  gerichtete  Arbeit
kann  ohne  die  pilfe  des  Kapitals  Güter  produzieren  und  muß  so,  nach
der  notwendigen  Entstehung  der  Dinge,  Güter  produzieren,  ehe  Kapital
bestehen  kann.  Deshalb  muß  das  Gesetz  der  Rente  mit  dem  Lohngesetz
w  Wechselbeziehung  stehen  und  ohne  Bezug  auf  das  Kapitalgesetz  ein
vollkommenes  Ganze  bilden,  da  sonst  diese  Gesetze  auf  die  leicht  vorstellbaren ­
  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wirklich  vorkommenden  Fälle,
w  denen  das  Kapital  an  der  Produktion  keinen  Teil  nimmt,  nicht  passen
würden.  Und  da  das  Kapital,  wie  man  oft  gesagt  hat,  nur  angesammelte
Arbeit  ist,  so  ist  es  nur  eine  Form  der  Arbeit,  eine  Unterabteilung  des
allgemeinen  Ausdruckes  Arbeit;  und  sein  Gesetz  muß  dem  Lohngesetz
untergeordnet  sein  und  in  Wechselbeziehung  mit  demselben  stehen,
damit  es  auf  Fälle  passe,  in  welchen  das  ganze  Produkt  zwischen  der
Arbeit  und  dem  Kapital,  ohne  einen  Abzug  für  Grundrente  geteilt  wird.
Am  nochmals  auf  das  vorhin  gebrauchte  Beispiel  zurückzukommen:
Aie  Verteilung  des  Produkts  unter  den  Grund  und  Boden,  die  Arbeit
und  das  Kapital  muß  genau  so  sein,  wie  sie  zwischen  Thomas,  Richard
und  Heinrich  sein  würde,  falls  Thomas  und  Richard  die  ursprünglichen
Teilhaber  wären  und  peinlich  nur  als  ein  Gehilfe  und  Teilhaber  Richards
eingetreten  wäre.
        <pb n="145" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

132

Kapitel  II.
Die  Grundrente  und  ihr  Gesetz.
Der  Ausdruck  Grundrente  weicht  in  seinem  nationalökonomischen
Sinne  —  d.  h.  wenn  derselbe  so  gebraucht  wird,  wie  ich  ihn  gebrauche,
um  jenen  Teil  des  Produkts  zu  bezeichnen,  der  den  Besitzern  von  Grund
und  Boden  oder  anderen  Naturvorteilen,  kraft  ihres  Eigentumsrechtes
zufällt  —&amp;gt;  von  dem  gewöhnlich  gebrauchten  Worte  Rente  ab.  In  einigen
Beziehungen  ist  der  nationalökonomische  Sinn  enger,  in  anderen  weiter
als  der  alltägliche  Sinn  des  Ausdruckes.
Enger  ist  er  in  folgendem:  In  gewöhnlicher  Redeweise  wenden
wir  das  Wort  Grundrente  sowohl  auf  Zahlungen  für  die  Benutzung
von  Gebäuden,  Maschinen,  Wohnungen  usw.,  als  auch  auf  Zahlungen
für  den  Gebrauch  von  Grund  und  Boden  oder  anderen  Naturvorteilen
an,  und  wenn  wir  von  der  Rente  eines  pauses  oder  Grundbesitzes
sprechen,  trennen  wir  den  Preis  für  die  Benutzung  der  Verbesserungen
nicht  von  dem  Preise  für  die  Benutzung  des  bloßen  Landes.  Im  nationalökonomischen ­
  Sinne  hingegen  sind  Zahlungen  für  die  Benutzung  irgendwelcher ­
  Produkte  menschlicher  Arbeit  ausgeschlossen,  und  von  den  Gesamtzahlungen ­
  für  die  Benutzung  von  Päusern,  Landgütern  usw.  ist
nur  derjenige  Teil  Rente,  welcher  die  Vergütung  für  die  Benutzung  des
Grund  und  Bodens  ausmacht,  während  der  für  den  Gebrauch  der
Gebäude  oder  sonstiger  Verbesserungen  bezahlte  Teil  vielmehr  Zins
ist,  da  er  eine  Vergütung  für  die  Benutzung  von  Kapital  darstellt.
Weiter  ist  er  in  folgendem:  Im  gewöhnlichen  Sinne  sprechen
wir  nur  von  Rente,  wenn  Eigentümer  und  Nutznießer  verschiedene
Personen  sind.  Im  nationalökonomischen  Sinne  aber  wird  auch  da
von  Rente  gesprochen,  wo  dieselbe  Person  zugleich  Eigner  und  Nutznießer ­
  ist.  Im  letzteren  Falle  wäre  das,  was  er  erhielte,  falls  er  sein
Land  an  jemand  anders  verpachtete,  Rente,  während  der  Ertrag  feiner
Arbeit  und  feines  Kapitals  derjenige  Teil  seines  Einkommens  ist,  welchen
beide  ihm  eintragen  würden,  falls  er  sein  Land  pachten  müßte,  anstatt
es  selbst  zu  besitzen.  Die  Rente  kommt  auch  in  dem  Verkaufspreise  zum
Ausdruck,  wird  Land  gekauft,  so  ist  der  Kaufpreis  des  Eigentumsrechts
oder  des  Rechts  auf  immerwährende  Benutzung  eine  umgewandelte
oder  kapitalisierte  Rente.  Kaufe  ich  Land  zu  einem  niedrigen  Preise
und  behalte  es,  bis  ich  es  zu  einem  hohen  Preise  verkaufen  kann,  so
bin  ich  reich  geworden,  nicht  durch  den  Lohn  für  meine  Arbeit  oder  durch
die  Zinsen  für  mein  Kapital,  sondern  durch  die  Vermehrung  der  Rente.
Kürz,  sie  ist  derjenige  Anteil  an  den  produzierten  Gütern,  welchen  das
ausschließliche  Recht  auf  den  Gebrauch  von  Naturvorteilen  dem  Eigentümer ­
  gewährt.  Überall  wo  das  Land  einen  Tauschwert  hat,  gibt  es
auch  Rente  im  nationalökonomischen  Sinne  des  Worts.  Aberall  wo
Land,  das  einen  Wert  besitzt,  benutzt  wird,  sei  es  vom  Eigentümer  oder
        <pb n="146" />
        Aap.  II.

Die  Grundrente  und  ihr  Gesetz.

*33

Pächter,  da  gibt  es  faktische  Rente;  wo  es  nicht  benutzt  wird,  aber  doch
Wert  hat,  da  ist  die  Rente  latent  vorhanden.  Diese  Fähigkeit,  eine  Rente
zu  ergeben,  macht  den  Wert  des  Landes  aus.  Wenn  das  Eigentumsrecht
daran  keinen  Vorteil  gewährt,  hat  es  keinen  Wert*).
Somit  entsteht  der  Pachtwert  oder  Wert  des  Grund  und  Bodens
nicht  aus  der  Ertragsfähigkeit  oder  Nützlichkeit  des  Landes.  Er  stellt
keineswegs  einen  der  Produktion  verliehenen  Beistand  oder  »Vorteil
dar,  sondern  lediglich  die  Befugnis,  einen  Teil  des  Produktionsertrages
an  sich  zu  nehmen.  Die  Vorzüge  des  Landes  mögen  noch  so  groß  sein,
so  kann  es  doch  keine  Rente  ergeben  und  keinen  Wert  haben,  bis  jemand
bereit  ist,  Arbeit  oder  Arbeitsergebnisse  für  das  Vorrecht  zu  geben,
es  zu  benutzen;  und  was  jemand  dann  geben  will,  hängt  nicht  von  der
Güte  des  Landes  ab,  sondern  von  der  Güte  desselben  im  vergleich  zu
solchem,  das  man  umsonst  haben  kann.  Zch  kann  sehr  fruchtbares  Land
besitzen,  aber  es  wird  keine  Rente  ergeben  und  keinen  Wert  haben,
solange  anderes,  ebenso  gutes  Land  umsonst  zu  haben  ist.  Wenn  aber
das  andere  Land  angeeignet  und  das  beste,  umsonst  zu  habende  Land
uur  gering  ist,  sei  es  an  Fruchtbarkeit,  Lage  oder  anderen  Eigenschaften,
so  wird  das  meinige  ansangen,  einen  Wert  zu  haben  und  eine  Rente
Zu  ergeben.  Obwohl  die  Ertragsfähigkeit  meines  Landes  abnehmen
fomt,  wird  dennoch,  wenn  die  des  umsonst  zu  habenden  Landes  in
Srößerem  Maße  abnimmt,  die  Rente,  die  ich  erhalten  kann,  und  folglich
uuch  der  Wert  meines  Landes  beständig  zunehmen.  Kurz,  die  Rente
lst  der  preis  des  Monopols,  das  daraus  entsteht,  daß  natürliche  Elemente,
^ke  die  menschliche  Arbeit  weder  schassen  noch  vermehren  kann,  in  den
Lositz  einzelner  kommen.
Wenn  jemand  alles  einem  Staate  zugängliche  Land  in  seinem  Besitz
k)ätte,  könnte  er  selbstverständlich  jeden  Preis  und  alle  Bedingungen
für  dessen  Benutzung  stellen,  die  ihm  belieben,  und  solange  sein  Eigentumsrecht ­
  anerkannt  würde,  hätten  die  anderen  Mitglieder  des  Staates
uur  zwischen  dem  Tode  oder  der  Auswanderung  zu  wählen,  wenn  sie
sich  seinen  Bedingungen  nicht  unterwerfen  wollten.  Dies  ist  in  vielen
Ländern  der  Fall  gewesen;  unter  der  modernen  Gesellschaftsversassung
sodoch  ist  hnz  Jtnnr  hiirrlWb(&amp;gt;nbs  in  versönlickem  Beiiü.  nbk&amp;gt;r  in

kestgestellt  werden  könnte.'  Zeder  einzelne  Besitzer  sucht  zwar  so  viel
Zu  erhalten  als  möalich,  aber  es  gibt  doch  eine  Grenze  dafür,  die  den
Itlnrft  .v  ^  -  «...  ^  ■s.t.-fio.—  —-v  .  •  v

&amp;gt;n  n? Crm  id?  00n  bem  JX)erte  eines  Grundbesitzes  rede,  brauche  ich  die  Worte  nur
-  wert  des  bloßen  Landes,  wünsche  ich  vom  werte  des  Landes  und  der  verbesse-Zu
  sprechen,  so  werde  ich  diese  Worte  anwenden.
        <pb n="147" />
        sZH  Die  Gesetze  der  Verteilung.  Buch  III.

unter  allen  Parteien,  welche  in  den  nationalökononrischen  Forschungen
stets  vorausgesetzt  werden  muß,  den  pachtpreis  bestimmt,  heißt  das
Gesetz  der  Rente.  Dies  festgehalten,  haben  wir  mehr  als  einen  Ausgangspunkt, ­
  von  dem  die  den  Lohn  und  den  Zins  regulierenden  Gesetze  verfolgt ­
  werden  können.  Denn  da  die  Güterverteilung  eine  Teilung  ist,
so  genügt  es,  den  auf  die  Grundrente  entfallenden  Teil  des  Produkts
festzustellen,  um  gleichzeitig  auch  festzustellen,  was  für  den  Lohn  übrig
bleibt,  wo  kein  Kapital  mitwirkt,  oder  was  für  Lohn  und  Zins  zusammen
übrig  bleibt,  wo  das  Kapital  bei  der  Produktion  mitwirkt.
Glücklicherweise  ist  es  nicht  notwendig,  das  Rentengesetz  zu  erörtern.
Die  Autorität  fällt  hier  mit  dem  gefunden  Menschenverstände  zusammen  *),
und  der  Ausspruch  der  herrschenden  Nationalökonomie  hat  den  selbstverständlichen ­
  Tharakter  eines  geometrischen  Lehrsatzes.  Dies  Rentengesetz, ­
  welches  John  Stuart  Mill  die  Eselsbrücke  der  Nationalökonomie
nennt,  wird  bisweilen  als  Ricardos  Rentengesetz  bezeichnet,  weil  Ricardo
zwar  nicht  der  erste  war,  der  es  aussprach,  «her  doch  der  erste,  der  es  in
hervorragender  Weise  zur  Kenntnis  brachte**).
Ls  lautet:
Die  Rente  von  Grund  und  Boden  wird  bestimmt
durch  den  Überschuß  seines  Ertrages  über  den  bei
gleicher  Aufwendung  von  Mitteln  von  dem  mindest
einträglichen  Boden,  der  in  Benutzung  ist,  zu  erzielenden ­
  Ertrag.
Dies  Gesetz,  welches  natürlich  auch  auf  Grund  und  Boden  anwendbar ­
  ist,  der  anderen  Zwecken  als  dem  Ackerbau  dient,  sowie  auf
alle  Naturfaktoren,  wie  Bergwerke,  Fischereien  usw.,  ist  von  allen  leitenden ­
  Nationalökonomen  seit  Ricardo  erschöpfend  erklärt  und  mit  Beispielen ­
  belegt  worden;  aber  schon  der  bloße  Wortlaut  hat  die  volle  Kraft
eines  selbstverständlichen  Satzes,  denn  es  ist  klar,  daß  die  Wirkung  der
Konkurrenz  darauf  hinausgeht,  die  niedrigste  Belohnung,  für  welche
die  Arbeit  und  das  Kapital  sich  auf  die  Produktion  einlassen,  zu  der
höchsten  zu  machen,  die  sie  fordern  können,  und  somit  den  Besitzer  produktiveren ­
  Landes  in  den  Stand  zu  setzen,  sich  in  der  Grundrente  den
*)  Ich  will  damit  nicht  sagen,  daß  das  angenommene  Rentengesetz  nie  bestritten
worden  sei.  Bei  alle  dem  Unsinn,  der  unter  den  gegenwärtigen  zerfahrenen  Verhältnissen ­
  der  Wissenschaft  als  Nationalökonomie  gedruckt  worden  ist,  wäre  es  schwer,  irgendetwas ­
  zu  finden,  das  nicht  bestritten  worden  ist.  Aber  ich  will  damit  sagen,  daß  es  die  Billigung ­
  aller,  wirklich  als  Autoritäten  anzusehender  Schriftsteller  des  Faches  hat.  wie
John  Stuart  Mill  (Buch  II,  Aap.  ;s)  sagt:  „Nur  wenige  haben  ihm  ihre  Zustimmung
versagt,  außer  wenn  sie  es  nicht  vollständig  verstanden  haben.  Die  unzusammenhängende
und  ungenaue  Art,  in  der  es  oft  von  denjenigen  aufgefaßt  wird,  die  sich  das  Ansehen
geben,  es  zu  widerlegen,  ist  sehr  merkwürdig."  Diese  Bemerkung  ist  in  der  Folge  durch
manche  spätere  Beispiele  bestätigt  worden.
**)  McLulloch  zufolge  wurde  das  Rentengesetz  zuerst  im  Jahre  \ri7  in  einer
Fluölchrist  von  Vr.  James  Anderson  von  Edinburgb  dargestellt  und  danach  zu  Anfang
dieses  Jahrhunderts  gleichzeitig  von  Sir  Edward  West,  Malthus  und  Ricardo.
        <pb n="148" />
        Die  Grundrente  und  ihr  Gesetz.

Aap.  ii.

135

ganzen  Uberschuß  über  denjenigen  Ertrag  anzueignen,  der  erforderlich
ist,  unr  die  Arbeit  und  das  Kapital  zum  gewöhnlichen  Satze  zu  belohnen,
d.  h.  zu  dem  Satze,  den  sie  auf  dem  mindest  ergiebigen  Boden,  der  sich
in  Benutzung  befindet,  oder  auf  dem  mindest  ergiebigen  Punkte,  wo
natürlich  gar  keine  Rente  bezahlt  wird,  gewinnen  können.
Es  kann  vielleicht  zu  vollerem  Verständnis  des  Rentengesetzes
dienen,  wenn  man  dasselbe  in  folgende  Form  bringt:  Der  Besitz  eines
Natursaktors  der  Produktion  verleiht  die  Macht,  sich  von  den  durch
die  aus  ihn  gerichteten  Bemühungen  der  Arbeit  und  des  Kapitals  hervorgebrachten ­
  Gütern  so  viel  anzueignen,  als  den  Ertrag  übersteigt,  welchen
der  gleiche  Arbeits-  und  Kapitalsauswand  in  den  am  wenigsten  einträglichen ­
  Beschäftigungen,  denen  sie  sich  zuzuwenden  pflegen,  zu  erlangen ­
  imstande  ist.
Dies  läuft  indes  ganz  auf  dasselbe  hinaus,  denn  es  gibt  keine  der
Arbeit  und  dem  Kapital  zugängliche  Beschäftigung,  die  nicht  die  Benutzung
von  Grund  und  Boden  erforderte;  und  überdies  wird  die  Kultur  oder
anderweitige  Benutzung  des  Grund  und  Bodens  stets  bis  zu  einem  so
niedrigen  Ertragspunkte  getrieben  werden,  als  er  unter  Berücksichtigung
vller  Umstände  in  jeder  anderen  Branche  akzeptiert  wird.  Nehmen  wir
3-  B.  ein  Land,  in  dem  ein  Teil  der  Arbeit  und  des  Kapitals  dem  Ackerbau
und  ein  Teil  der  Fabrikation  gewidmet  ist.  Das  unfruchtbarste  angebaute
Land  ergibt  einen  Durchschnittsertrag,  den  wir  mit  20  bezeichnen  wollen,
und  20  wird  daher,  sowohl  im  Ackerbau  als  in  der  Industrie,  der  Durchschnittsertrag ­
  der  Arbeit  und  des  Kapitals  sein.  Nehmen  wir  nun  an,
baß  aus  einer  dauernden  Ursache  der  Ertrag  in  der  Industrie  aus  15
herabgeht.  Natürlich  werden  die  in  der  Industrie  beschäftigten  Arbeitskräfte ­
  und  Kapitalien  sich  dem  Ackerbau  zuwenden  und  der  Prozeß
wird  nicht  aufhören,  bis/sei  es  durch  die  Ausdehnung  des  Anbaues
auf  geringeres  Land  oder  auf  geringere  Teile  desselben  Landes,  oder
sei  es  durch  eine  Erhöhung  des  relativen  wertes  der  Fabrikerzeugnisse
infolge  einer  Produktionsverminderung,  oder  tatsächlich  durch  beide
Prozesse,  der  Ertrag  der  Arbeit  und  des  Kapitals  in  beiden  Zweigen
wieder  auf  dasselbe  Niveau  gebracht  worden  ist,  so  daß  der  Ackerbau
bis  zu  dem  Schlußpunkte  der  Ertragsfähigkeit,  bei  welchem  die  Fabrikation
noch  fortgeführt  wird,  sei  dies  nun  18,  1?  oder  i§,  ebenfalls  ausgedehnt
wird.  Sagt  man  somit,  daß  die  Rente  der  Uberschuß  der  Produktivität
über  den  Ertrag  am  Rande  oder  niedrigsten  Punkte  des  Anbaues  sei,
so  ist  dies  dasselbe,  als  wenn  man  sagt,  daß  sie  der  Uberschuß  des  Ertrags
über  das  ist,  was  die  gleiche  Summe  von  Arbeit  und  Kapital  in  deren
windest  einträglicher  Beschäftigung  erzielt.
Das  Rentengesetz  ist  tatsächlich  nur  eine  Folgerung  aus  dem  Gesetz
vor  Konkurrenz  und  läuft  einfach  auf  die  Behauptung  hinaus,  daß,  da
vio  Löhne  und  Zinsen  nach  einem  genreinsamen  Niveau  streben,  der
ganze  Teil  der  allgemeinen  Güterproduktion,  der  den  Betrag  übersteigt,
von  die  aufgewendeten  Arbeitskräfte  und  Kapitalien  bei  der  Verwendung
        <pb n="149" />
        *56

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

des  dürftigen  Naturfaktors  sich  hätten  verschaffen  können,  auf  die  Grundbesitzer ­
  in  Gestalt  von  Rente  entfällt.  In  letzter  Instanz  beruht  es  auf
dern  Fundamentalprinzip,  das  für  die  Nationalökonomie  dasselbe  ist,
was  das  Gesetz  der  Anziehung  für  die  Natur:  daß  die  Menschen  ihre
wünsche  mit  der  geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen  suchen.
Dies  ist  also  das  Rentengesetz.  Diele  Bücher  der  herrschenden
Richtung  folgen  zwar  zu  sklavisch  dem  Beispiele  Ricardos,  der  das  Gesetz,
nur  in  seinen  Beziehungen  zum  Ackerbau  betrachtet  und  an  verschiedenen
Stellen  von  Fabriken  als  keine  Rente  ergebend  spricht  (während  im
Gegenteil  die  Fabrikation  und  der  Austausch  die  höchsten  Grundrenten
ergeben,  wie  durch  den  größeren  wert  des  Landes  in  Fabrik-  und
Handelsstädten  bewiesen  wird),  und  werden  so  der  vollen  Bedeutung
des  Gesetzes  nicht  gerecht,  doch  ist  dasselbe  seit  Ricardo  stets  klar  aufgefaßt
und  völlig  anerkannt  worden.  Nicht  aber  die  Korrelate  desselben.  So
klar  sie  auch  sind,  hat  doch  die  Lohntheorie  (gedeckt  und  bekräftigt  nicht
nur  durch  das  bereits  Erklärte,  sondern  auch  durch  Betrachtungen,  deren
enorme  Wichtigkeit  wir  sehen  werden,  wenn  der  logische  Schluß,  nach  dem
wir  hinstreben,  erreicht  sein  wird)  ihre  Anerkennung  bislang  verhindert*).
Ist  es  aber  nicht  wirklich  so  einfach  wie  der  einfachste  geometrische  Beweis,
daß  das  Korrelat  des  Rentengesetzes  das  Lohngesetz  ist,  wo  die  Verteilung
des  Produkts  nur  in  Rente  und  Lohn  stattfinde,  oder  das  Gesetz  des
Lohns  und  Zinses  zusammengenommen,  wo  die  Verteilung  in  Rente,
Lohn  und  Zins  stattfinde?  Umgekehrt  ist  das  Rentengesetz  notwendig
auch  das  Gesetz  des  Lohns  und  Zinses  zusammengenommen,  denn  es
enthält  die  Behauptung,  daß,  gleichviel  wie  groß  das  Produkt  sei,  das
aus  der  Aufwendung  von  Arbeit  und  Kapital  entsteht,  diese  beiden
Faktoren  in  Lohn  und  Zins  nur  den  Teil  des  Produkts  erhalten,  den  sie
aus  freiem,  keiner  Rentenzahlung  unterworfenen  Lande  —  d.  h.  auf
dem  mindest  ergiebigen  Lande  oder  Punkte  —  produziert  haben  würden.
Denn  wenn  von  dem  Produkte  alles,  was  denjenigen  Betrag  übersteigt,
welchen  die  Arbeit  und  das  Kapital  aus  dem  keine  Rente  unterworfenen
Boden  ziehen  können,  auf  die  Grundbesitzer  als  Rente  entfällt,  dann  ist
füglich  alles,  was  von  der  Arbeit  und  dem  Kapital  als  Lohn  und  Zins
beansprucht  werden  kann,  derjenige  Betrag,  welchen  sie  von  dem  keine
Grundrente  gewährenden  Boden  hatten  erzielen  können.
Dder,  um  es  in  eine  algebraische  Formel  zu  bringen:  Da  das  Produkt ­
  =  Grundrente  +  Lohn  +  Zins  ist,  so  ist  das  Produkt  —  Grundrente ­
  =  Lohn  +  Zins.
Somit  hängen  die  Löhne  und  Zinsen  nicht  von  dem  Produkt  der
Arbeit  und  des  Kapitals  ab,  sondern  von  dem  was  übrig  bleibt,  nachdem ­
  die  Grundrente  vorabgenommen  ist;  oder  von  dem  Produkt,  welches
sie  erzielen  können  ohne  Grundrente  zu  zahlen,  d.  h.  von  dem  ärmsten

*)  Buckle  erkennt  (Geschichte  der  Zivilisation,  Aap.  2)  den  notwendigen  Zusammenhang ­
  zwischen  der  Rente,  dem  Zins  und  dem  Lohn  an,  erklärt  ihn  aber  nicht.
        <pb n="150" />
        Kap.  II,

*37

Die  Grundrente  und  ihr  Gesetz.

in  Benutzung  befindlichen  Boden.  Und  hieraus  folgt,  daß,  wie  groß
auch  die  Vermehrung  produktiver  Kraft  fei,  weder  die  Löhne  noch  die
Zinsen  steigen  können,  wenn  die  Steigerung  der  Grundrente  mit  derselben ­
  gleichen  Schritt  hält.
von  dem  Augenblick  an  wo  diese  einfache  Beziehung  erkannt
worden  ist,  strömt  eine  Flut  von  Licht  auf  das  vorher  Unerklärliche,
und  anscheinend  unvereinbare  Tatsachen  reihen  sich  von  selbst  ein  unter
ein  offenbares  Gesetz.  Die  in  fortschreitenden  Ländern  vor  sich  gehenden
Grundrentenerhöhungen  erscheinen  sofort  als  der  Schlüssel,  der  es  erklärt,
warum  die  Löhne  und  die  Zinsen  mit  der  Zunahme  produktiver  Kras
sich  nicht  gleichfalls  erhöhen.  Denn  die  in  jedem  Lande  produzierten
Güter  werden  in  zwei  Teile  geteilt  durch  das,  was  man  die  Grundrentenlinie ­
  nennen  könnte,  die  festgesetzt  wird  durch  die  Grenze  der  Bodenkultur ­
  oder  den  Ertrag,  welchen  die  Arbeit  und  das  Kapital  von  den
Naturvorteilen,  die  ihnen  ohne  Rentenzahlung  zu  Gebote  stehen,  erzielen
können.  Von  dem  unterhalb  der  Linie  befindlichen  Teile  des  Produkts
urüssen  die  Löhne  und  Zinsen  bezahlt  werden.  Alles,  was  oberhalb
'derselben  ist,  geht  an  die  Grundbesitzer.  So  muß,  wo  der  Wert  des
Lodens  niedrig  ist,  die  Güterproduktion  nur  gering,  dagegen,  wie  wir
in  neuen  Ländern  sehen,  der  Lohn-  und  Zinssatz  hoch  sein.  Und  wo  der
M&amp;gt;ert  des  Landes  hoch  ist,  kann  die  Güterproduktion  sehr  groß,  aber,
wie  wir  in  alten  Ländern  sehen,  der  Lohn-  und  Zinssatz  niedrig  sein.
Nnd  wo  die  Produktionskrast  zunimmt,  wie  sie  es  in  allen  fortschreitenden ­
  Ländern  tut,  werden  die  Löhne  und  Zinsen  nicht  durch  diese  Z&amp;gt;uuahme,
  sondern  durch  die  Art  und  Weise,  wie  die  Grundrente  davon
berührt  wird,  beeinflußt  werden.  Wenn  der  Wert  des  Bodens  in  demselben ­
  Verhältnis  steigt,  so  wird  die  ganze  Produktionsvermehrung
von  der  Rente  verschlungen  werden,  und  Löhne  und  Zinsen  werden
unverändert  bleiben.‘  Steigt  der  wert  des  Landes  in  größerem  Verhältnis ­
  als  die  Produktionskraft,  so  wird  die  Grundrente  sogar  mehr
uls  diese  Zunahme  verschlingen;  und  während  das  Produkt  der  Arbeit
und  des  Kapitals  viel  größer  sein  werden,  werden  die  Löhne  und  Zinsen
fallen.  Nur  wenn  der  wert  des  Bodens  nicht  so  schnell  als  die  produkkionskraft
  zunimmt,  können  die  Löhne  und  Zinsen  mit  der  Zunahme  der
produktionskrast  zunehmen.  Alles  dies  wird  durch  den  wirklichen
Tatbestand  belegt.

Kapitel  III.
9er  Zins  und  dessen  Ursache.
Mit  der  Feststellung  des  Rentengesetzes  haben  wir  als  dessen  notwendiges ­
  Korrelat  das  Lohngesetz  gewonnen,  soweit  die  Verteilung
Zwischen  Rente  und  Lohn  stattfindet,  und  das  Gesetz  des  Lohns  und
        <pb n="151" />
        138

Buch  III.

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Zinses  zusammengenommen,  soweit  die  Verteilung  unter  diese  drei
Faktoren  stattfindet.  Der  Teil  des  Produkts,  der  als  Rente  genoinnren
wird,  muß  entscheiden,  welcher  Anteil  für  Lohn  übrig  bleibt,  wo  nur
Grund  und  Boden  und  Arbeit  in  Frage  kommt,  oder  zwischen  Lohn  und
Zins  verteilt  werden  muß,  falls  Kapital  bei  der  Produktion  beteiligt  ist.
Wir  wollen  indessen  jetzt  versuchen,  jedes  dieser  Gesetze  für  sich  zu
finden.  Gewinnen  wir  sie  auf  diese  Weise,  so  müssen,  wenn  wir  sie
übereinstimmend  finden,  unsere  Schlüsse  die  höchste  Gewißheit  haben.
Und  da  die  Entdeckung  des  Lohngesetzes  der  letzte  Zweck  unsrer
Untersuchung  ist,  wollen  wir  zuerst  das  Thema  des  Zinses  aufnehmen.
Zch  habe  schon  auf  den  Unterschied  des  Sinnes  der  Ausdrücke
Gewinn  und  Zins  hingewiesen.  Ls  mag  der  Mühe  wert  sein,  hier  ferner
zu  sagen,  daß  der  Zins,  als  ein  abstrakter  Ausdruck  bei  der  Verteilung
der  Güter,  sich  von  dem  ihm  gewöhnlich  beigelegten  Sinne  darin  unterscheidet, ­
  daß  er  alle  Vergütungen  für  Kapitalnutzung  einschließt,  und
nicht  bloß  diejenigen,  die  vom  Borger  an  den  Darleiher  gehen,  und  daß
er  andererseits  eine  Vergütung  für  Risiko  ausschließt,  die  einen  so  großen
Teil  dessen,  was  gewöhnlich  Zins  genannt  wird,  ausmacht.  Die  Vergütung ­
  für  Risiko  ist  augenscheinlich  nur  eine  Ausgleichung  des  Ertrages
unter  verschiedenen  Kapitalsanlagen.  Wir  haben  zu  erforschen,  was  den
gewöhnlichen  Zinsfuß  bestimmt.  Fügt  man  dann  die  verschiedenen  Sätze
der  Vergütung  für  Risiko  hinzu,  so  ergeben  sich  die  herrschenden  Sätze
des  im  Handel  üblichen  Zinses.
Es  ist  klar,  daß  die  größten  Unterschiede  in  dem  gewöhnlich  so
genannten  Zins  Unterschieden  im  Risiko  zuzuschreiben  sind;  aber  es  ist
auch  klar,  daß  zwischen  verschiedenen  Ländern  und  verschiedenen  Zeiten
große  Veränderungen  im  eigentlichen  Zinsfuß  stattfinden.  Zn  Kalifornien ­
  würden  einst  2  Prozent  monatlich  nicht  als  übermäßiger  Zinsfuß
für  eine  Sicherheit  angesehen  worden  sein,  gegen  die  man  jetzt  zu  ?  oder
8  Prozent  jährlich  würde  leihen  können,  und  obgleich  ein  Teil  des  Unterschiedes ­
  dem  Gefühl  vermehrter  Sicherheit  zuzuschreiben  sein  mag,
so  ist  der  größere  Teil  doch  offenbar  einer  anderen  allgemeinen  Ursache
zuzuschreiben.  Zn  den  Vereinigten  Staaten  war  der  Zinsfuß  im  allgemeinen ­
  höher  als  in  England  und  in  den  jüngeren  Staaten  der  Union
höher  als  in  den  älteren;  auch  ist  die  Tendenz  des  Zinsfußes,  in  dem
Maße  zu  fallen  wie  die  Gesellschaft  vorschreitet,  scharf  ausgeprägt  und
feit  lange  bemerkt  worden,  welches  Gesetz  verknüpft  alle  diese  Veränderungen ­
  und  zeigt  ihre  Ursache?
Es  verlohnt  nicht  der  Mühe,  länger  als  bisher  schon  gelegentlich
geschehen,  bei  dem  Unvermögen  der  herrschenden  Nationalökonomie
zu  verweilen,  das  wahre  Zinsgesetz  zu  bestimmen.  Zhre  Spekulationen
über  diesen  Gegenstand  haben  nicht  die  Bestimmtheit  und  den  Zusammenhang, ­
  welche  die  Lohntheorie  in  den  Stand  gesetzt  haben,  sich  trotz  augenscheinlicher ­
  Tatsachen  zu  ha  en,  und  erfordern  nicht  die  gleiche  ausführe
liche  Prüfung.  Daß  sie  den  Tatsachen  widersprechen,  ist  offenbar.  Daß
        <pb n="152" />
        Kap.  III.

Der  Zins  und  dessen  Ursache.

J39

der  Zinsfuß  nicht  von  der  Produktivität  der  Arbeit  und  des  Kapitals
abhängt,  wird  durch  die  allgernein  gültige  Tatsache  bewiesen,  daß,  wo
die  Arbeit  und  das  Kapital  arn  produktivsten  sind,  der  Zinsfuß  am
niedrigsten  ist.  Daß  derselbe  andererseits  nicht  von  den  Löhnen  (oder  dem
Kostenpreis  der  Arbeit)  abhängt,  nicht  fällt  wie  die  Löhne  steigen  und
nicht  steigt  wie  sie  fallen,  wird  durch  die  allgemein  gültige  Tatsache  bewiesen, ­
  daß  der  Zinsfuß  hoch  ist,  wann  und  wo  die  Löhne  hoch  sind
und  niedrig,  wann  und  wo  sie  niedrig  sind.
fangen  wir  mit  dem  Ansang  an.  Die  Natur  und  die  Funktionen
des  Kapitals  sind  schon  genugsam  dargelegt  worden,  doch  wollen  wir
selbst  aus  die  Gefahr,  einer  Abschweifung  geziehen  zu  werden,  die  Ursache ­
  des  Zinsfußes  festzustellen  suchen,  ehe  wir  sein  Gesetz  betrachten.
Denn  nicht  bloß,  daß  dies  unsere  Untersuchung  fördern  wird,  indem
wir  dadurch  den  vorliegenden  Gegenstand  klarer  und  fester  erfassen,
es  kann  uns  auch  zu  Schlüssen  führen,  deren  praktische  Wichtigkeit  später
ersichtlich  werden  wird.  _
Was  ist  der  Grund  und  die  Rechtfertigung  des  Zinses?  Warum
uruß  der  Borger  dem  Darleiher  mehr  zurückzahlen  als  er  erhält?  Diese
fragen  verlohnen  die  Beantwortung,  nicht  bloß  ihrer  spekulativen,
sondern  auch  ihrer  praktischen  Wichtigkeit  wegen.  Das  Gefühl,  daß
die  Zinsen  ein  Raub  an  der  Lrwerbstätigkeit  seien,  ist  weitverbreitet
und  im  Zunehmen  begriffen  und  zeigt  sich  aus  beiden  Seiten  des  Atlantischen ­
  Ozeans  mehr  und  mehr  in  der  populären  Literatur  und  Agitation,
^ie  Nationalökonomen  gewöhnlichen  Schlages  behaupten,  es  bestehe
kein  Konflikt  zwischen  Arbeit  und  Kapital  und  bekämpfen  alle  Pläne,
den  Lohn,  den  das  Kapital  erhält,  zu  beschränken,  als  der  Arbeit  ebenso
schädlich  als  dem  Kapital;  dennoch  wird  in  denselben  Werken  die  Doktrin
aufgestellt,  daß  die  Löhne  und  Zinsen  zueinander  im  umgekehrten  Verhältnis ­
  stehen,  und  daß  die  Zinsen  niedrig  oder  hoch  sind,  je  nachdem
die  Löhne  hoch  oder  niedrig  sind*).  Ist  diese  Lehre  richtig,  so  ist  es
klar,  daß  der  einzige  Einwand,  welcher  vom  Standpunkt  des  Arbeiters
aus  logischerweise  gegen  die  Pläne,  den  Zinsfuß  herunterzusetzen,
gemacht  werden  kann,  der  ist,  daß  diese  Pläne  keinen  Bestand  haben
würden,  was  offenbar  ein  sehr  schwacher  Boden  wäre,  so  lange  die
Ansichten  von  der  Allmacht  der  Gesetzgebung  noch  so  weitverbreitet
sind;  und  wenn  auch  dieser  Einwand  dazu  dienen  mag,  irgendeinen
speziellen  Plan  auszugeben,  wird  er  doch  nicht  hindern,  daß  man  nach
einem  anderen  sucht.
Weshalb  besteht  der  Zins?  Der  Zins,  so  werden  wir  in  allen
Büchern  der  herrschenden  Richtung  belehrt,  ist  der  Lohn  der  Lnthaltwwkeit.
  Aber  offenbar  gibt  dies  keine  ausreichende  Erklärung.  Die
Enthaltsamkeit  ist  keine  aktive,  sondern  eine  passive  Eigenschaft;  sie
*)  Dies  wird  tatsächlich  vom  Gewinn  behauptet,  aber  mit  der  klaren  Bedeutung
0n  Erträgnissen  fc e5  Kapitals.
        <pb n="153" />
        Buch  III.

\^0  Die  Gesetze  der  Verteilung.

ist  kein  Tun,  sondern  einfach  ein  Nichttun.  Die  Enthaltsamkeit  produziert
an  sich  selbst  nichts.  Weshalb  sollte  dann  irgendein  Teil  von  dem  was
produziert  wird,  sür  sie  beansprucht  werden?  Lsabe  ich  eine  Summe
Geldes,  die  ich  ein  Jahr  lang  verschließe,  so  habe  ich  ebensoviel  Enthaltsamkeit ­
  geübt,  als  hätte  ich  sie  ausgeliehen.  Dennoch  erwarte  ich
im  letzteren  Falle  ihre  Rückgabe  mit  einer  Zusatzsumme  für  Zinsen,
während  ich  im  ersteren  nur  dieselbe  Summe  und  keine  Zunahme  habe.
Die  Enthaltsamkeit  ist  jedoch  die  gleiche.  Wenn  man  sagt,  daß  ich  durch
das  verleihen  dem  Borger  einen  Dienst  leiste,  so  kann  darauf  erwidert
werden,  daß  auch  er  mir  einen  Dienst  leistet,  indem  er  sie  sicher  aufbewahrt,
ein  Dienst,  der  unter  Umständen  sehr  wertvoll  sein  kann,  und  für  den
ich  eventuell  gern  etwas  zahle;  ein  Dienst,  der  für  manche  Formen  des
Kapitals  sogar  noch  wertvoller  sein  kann  als  für  Geld.  Denn  viele  Formen
des  Kapitals  halten  nicht  lange  aus,  sondern  müssen  beständig  erneuert
werden,  und  bei  vielen  ist  die  Erhaltung  eine  Last,  wenn  man  keinen
sofortigen  Gebrauch  dafür  hat.  Wenn  also  der  Ansammler  von  Kapital
dem  Verwender  desselben  durch  ein  Darlehen  Hilst,  trägt  der  Letztere
dann  die  Schuld  nicht  vollständig  ab,  wenn  er  es  zurückgibt?  Ist  nicht  die
sichere  Aufbewahrung,  die  Erhaltung,  die  Neuschaffung  des  Kapitals
ein  vollständiger  Ersatz  sür  den  Gebrauch?  Die  Anhäufung  ist  der  Zweck
und  das  Ziel  der  Enthaltsamkeit.  Die  letztere  kann  nicht  weiter  gehen
und  nicht  mehr  erreichen;  ja  sie  kann  an  und  für  sich  selbst  nicht  einmal
dies  tun.  Entsagen  wir  lediglich  der  Benutzung  von  Gütern,  wie  viele
Güter  würden  in  einem  Jahre  verschwinden?  Und  wie  wenig  würde
am  Schlüsse  von  zwei  Jahren  übrig  sein?  wenn  daher  sür  die  Enthaltsamkeit ­
  mehr  als  die  sichere  Rückgabe  des  Kapitals  verlangt  wird,  geschieht ­
  dann  der  Arbeit  nicht  Unrecht?  Derartige  Ansichten  sind  die
Grundlage  der  weitverbreiteten  Meinung,  daß  der  Zins  nur  auf  Kosten
der  Arbeit  entstehe  und  in  Wirklichkeit  ein  Raub  an  derselben  sei,  der  in
einem,  auf  Gerechtigkeit  beruhenden  Gesellschaftszustande  abgeschafft
werden  müßte.
Die  Versuche,  diese  Ansichten  zu  widerlegen,  scheinen  mir  nicht
immer  glücklich  zu  sein.  Sehen  wir  uns  z.  B.  Bastiats  oft  erwähntes
Beispiel  eines  Lsabels  an,  das  die  gewöhnliche  Auffassung  wiedergibt.
Ein  Zimmermann  Jakob  macht  sich,  mit  Aufwand  zehntägiger  Arbeit,
einen  Lsabel,  der  von  den  300  Arbeitstagen  eines  Jahres  290  Tage
brauchbar  bleibt.  Wilhelm,  ein  anderer  Zimmermann,  erbietet  sich,
den  Lsabel  auf  ein  Jahr  zu  entlehnen  und  am  Schlüsse  dieser  Zeit,  wenn
derselbe  abgenutzt  ist,  einen  neuen  geradeso  guten  Lsabel  zurückzugeben.
Jakob  weigert  sich  den  Lsabel  zu  diesen  Bedingungen  zu  leihen,  indem
er  anführt,  daß,  wenn  er  nur  einen  Lsabel  zurückerhält,  er  für  den  Verlust
des  Vorteiles,  welchen  der  Gebrauch  des  Lsabels  während  des  Jahres
geben  würde,  nicht  entschädigt  würde.  Wilhelm  sieht  dies  ein  und  einigt
sich  mit  ihm  dahin,  nicht  nur  den  Lsabel  zurückzugeben,  sondern  außerdem
auch  noch  ein  neues  Brett.  Diese  Vereinbarung  wird  zur  gegenseitigen
        <pb n="154" />
        Der  Zins  und  dessen  Ursache,

Aax.  III.

W

Zufriedenheit  ausgeführt.  Der  Hobel  wird  während  des  Jahres  abgenutzt, ­
  aber  ani  Schluß  desselben  empfängt  Jakob  einen  ebenso  guten
und  außerdem  ein  Brett.  Er  leiht  den  neuen  Lsabel  immer  wieder  aus,
bis  derselbe  schließlich  in  die  Hände  seines  Sohnes  übergeht,  „der  auch
noch  fortfäbrt  ihn  auszuleihen",  indem  er  jedesmal  ein  Brett  dafür
erhält.  Dieses  die  Zinsen  darstellende  Brett  soll  nun  eine  natürliche
und  billige  Vergütung  für  den  Gebrauch  des  Lsabels  sein,  da  Wilhelm
„die  dem  Werkzeug  innewohnende  Macht  erlangt,  die  Produktivität
der  Arbeit  zu  vermehren",  und  er  nicht  schlechter  dabei  fährt,  als  es  der
Fall  gewesen  wäre,  wenn  er  den  Lsabel  nicht  geborgt  hätte;  während
Jakob  nicht  mehr  erhält  als  er  gehabt  haben  würde,  wenn  er  seinen
Lsabel  behalten  und  gebraucht  hätte,  anstatt  ihn  ausznleihen.
Ist  dies  wirklich  so?  Man  beachte,  daß  nicht  behauptet  wird,  Jakob
könne  den  Lsabel  machen  und  Wilhelm  nicht,  denn  das  würde  das  Brett
als  den  Lohn  für  überlegene  Geschicklichkeit  erscheinen  lassen.  Jakob
hatte  sich  einfach  enthalten,  das  Ergebnis  seiner  Arbeit  zu  verbrauchen,
bis  er  dasselbe  in  Form  eines  Lsabels  angehäuft  hatte,  was  eben  der
wesentliche  Begriff  des  Kapitals  ist.
Lsätte  nun  Jakob  den  Lsabel  nicht  verliehen,  so  würde  er  ihn  290  Tage
haben  brauchen  können,  wonach  derselbe  abgenutzt  und  er  genötigt
war,  die  übrig  bleibenden  1,0  Tage  des  Arbeitsjahres  zur  Anfertigung
eines  neuen  Lsabels  anzuwenden.  Lsätte  Wilhelm  den  Lsabel  nicht  geborgt,
so  würde  er  1,0  Tage  gebraucht  haben,  einen  anzufertigen,  den  er  an
den  übrigen  290  Tagen  benutzen  konnte.  Nehmen  wir  nun  an,  ein  Brett
sei  die  frucht  einer  eintägigen  Arbeit  unter  Zuhilfenahme  eines  Lsabels,
so  würde  am  Ende  des  Jahres,  falls  kein  Leihgeschäft  stattgefunden
hätte,  jeder  bezüglich  des  Hobels  so  stehen,  wie  zu  Anfang:  Jakob  mit
und  Wilhelm  ohne  einen  Lsabel,  jeder  aber  würde  als  Ergebnis  der
Jahresarbeit  290  Bretter  gehabt  haben,  wäre  das  Leihgeschäft  unter
der  von  Wilhelm  zuerst  vorgeschlagenen  Bedingung  erfolgt,  nämlich
Segen  die  Rückgabe  eines  neuen  Hobels,  so  würde  die  Lage  beiderseitig
eine  gleiche  sein.  Wilhelm  würde  290  Tage  gearbeitet'und  die  letzten
Lv  Tage  gebraucht  haben,  um  den  neuen,  Jakob  zurückzustellenden
Hobel  anzufertigen.  Jakob  würde  die  ersten  10  Tage  des  Jahres  gebraucht
haben,  um  einen  anderen,  290  Tage  aushaltenden  Hobel  zu  machen,
Wonach  er  dann  einen  neuen  von  Wilhelm  erhalten  hätte.  Somit  würde
die  einfache  Rückgabe  des  Hobels  zu  Ende  des  Jahres  beide  in  dieselbe
Lage  versetzt  haben,  als  wenn  kein  Leihgeschäft  stattgefunden  hätte.
Zakob  würde  nichts  zugunsten  Wilhelms  verloren  und  Wilhelm  nichts
uuf  Kosten  Jakobs  gewonnen  haben.  Jeder  würde  den,  sonst  durch  seine
irbeit  erzielten  Ertrag,  nämlich  290  Bretter  und  Jakob  außerdem  seinen
uufänglichen  Vorteil,  nämlich  einen  neuen  Hobel,  gehabt  haben.
Wird  jedoch  zu  dem  zurückgegebenen  Hobel  noch  ein  Brett  hinzufügt, ­
  so  wird  Jakob  am  Schluß  des  Jahres  in  einer  besseren  Lage  sein,
^  s  wenn  kein  Leihgeschäst  stattgefunden  hätte,  und  Wilhelm  in  einer
        <pb n="155" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

schlechteren.  Jakob  wird  Bretter  und  einen  neuen  pobel  und  Wilhelm
28Y  Bretter  und  keinen  pobel  haben.  Und  fährt  letzterer  fort,  von  Jakob
zu  denselben  Bedingungen  zu  borgen,  ist  es  da  nicht  augenscheinlich,
daß  das  Einkommen  des  einen  nach  und  nach  abnehmen,  das  des  anderen
dagegen  zunehmen  wird,  bis  die  Zeit  kommt,  wo  Jakob  als  Resultat
des  ersten  Ausleihens  eines  Pöbels  den  ganzen  Arbeitsertrag  Wilhelms
erhalten,  d.  h.  wo  letzterer,  der  Wirkung  nach,  fein  Sklave  werden  wird?
Ist  also  der  Zins  natürlich  und  billig?  Dies  Beispiel  beweist  es  nicht,
was  Bastiat  (und  viele  andere)  als  die  Grundlage  des  Zinses  bezeichnet:
„die  dem  Werkzeuge  innewohnende  Kraft,  die  Produktivität  der  Arbeit
zu  erhöhen",  ist  weder  nach  Grundsätzen  der  Gerechtigkeit  noch  tatsächlich
die  Grundlage  des  Zinses.  Der  Trugschluß,  welcher  denen,  die  sich  nicht
die  Mühe  geben,  es  zu  zergliedern,  Bastiats  Beispiel  als  überzeugend
erscheinen  läßt,  liegt  darin,  daß  sie  mit  dem  Ausleihen  des  Hobels  den
Gedanken  einer  Übertragung  größerer  Produktionskraft,  die  ein  pobel
der  Arbeit  gibt,  verbinden.  Eine  solche  ist  aber  in  Wirklichkeit  nicht  darin
eingeschlossen.  Das  wesentliche  Ding,  das  Jakob  an  Wilhelm  verlieh,
war  nicht  die  vermehrte  Macht,  welche  die  Arbeit  durch  den  Gebrauch
von  pöbeln  erwirbt.  Um  dies  anzunehmen,  müßten  wir  voraussetzen,
daß  die  Anfertigung  und  der  Gebrauch  derselben  ein  Geheimnis  oder
ein  Patentrecht  war,  womit  das  Beispiel  in  den  Bereich  des  Monopols,
nicht  des  Kapitals,  fiele.  Das  wesentliche  Ding,  das  Jakob  dem  Wilhelm
lieh,  war  nicht  das  Vorrecht,  seine  Arbeit  in  einer  wirksameren  weise
anzuwenden,  sondern  der  Gebrauch  des  konkreten  Ergebnisses  einer
zehntägigen  Arbeit,  wäre  „die  den  Werkzeugen  innewohnende  Macht,
die  Produktivität  der  Arbeit  zu  vermehren,"  die  Ursache  des  Zinses,
dann  würde  der  Zinsfuß  mit  dem  Fortgänge  der  Erfindungen  steigen.
Dies  ist  jedoch  nicht  so;  auch  wird  man  von  mir  nicht  mehr  Zinsen  beanspruchen, ­
  ob  ich  nun  eine  Nähmaschine  zu  so  Dollars  oder  für  so  Dollars
Nadeln,  ob  ich  eine  Dampfmaschine  oder  einen  pausen  Mauersteine
im  gleichen  werte  borge.  Das  Kapital  ist,  gleich  den  Gütern,  austauschfähig. ­
  Es  ist  nicht  ein  und  dasselbe  Ding;  es  ist  alles  und  jedes,  was  innerhalb ­
  der  Austauschkreises  denselben  wert  hat.  Auch  vermehrt  die  Verbesserung ­
  der  Werkzeuge  die  reproduktive  Kraft  des  Kapitals  nicht
wohl  aber  die  produktive  Kraft  der  Arbeit.
Und  ich  möchte  glauben,  daß,  wenn  alle  Güter  aus  solchen  Dingen
wie  pöbeln  beständen,  und  alle  Produktion  eine  ähnliche  wäre,  wie  die
der  Zimmerleute,  d.  h.  wenn  die  Güter  nur  aus  den  unfertigen  Stoffen
der  Erde  und  die  Produktion  nur  darin  bestände,  dieselben  in  verschiedenste
formen  umzugestalten,  der  Zins  nur  ein  Raub  an  der  Erwerbstätigkeit
wäre  und  nicht  lange  bestehen  könnte.  Dies  will  nicht  sagen,  daß  dann
keine  Ansammlung  stattfände;  denn  obschon  die  pofsnung  auf  Zunahme
ein  Beweggrund  ist,  um  Güter  in  Kapital  umzuwandeln,  so  ist  sie  doch
nicht  der  Beweggrund,  wenigstens  nicht  der  hauptsächlichste  Beweggrund
für  die  Anhäufung.  Kinder  werden  ihre  Pfennige  für  Weihnachten
        <pb n="156" />
        Kap.  III.

Der  Zins  und  dessen  Ursache.

MS

aufsparen,  Piraten  ihre  vergrabenen  Schätze  vermehren,  orientalische
Fürsten  immer  größere  pausen  geprägten  Geldes  anhäufen  und  Leute
wie  Stewart  und  vanderbilt,  sind  sie  erst  einmal  von  der  Leidenschaft
besessen,  immer  mehr  haben  zu  wollen,  würden,  solange  sie  könnten,  fortfahren, ­
  ihre  Millionen  anzusammeln,  selbst  wenn  die  Anhäufung  keinen
Zins  brächte.  Ls  will  auch  nicht  sagen,  daß  kein  Borgen  oder  Verleihen
mehr  stattfinden  würde;  denn  dies  wäre  größtenteils  durch  den  gegenseitigen ­
  Vorteil  bedingt.  Patte  Wilhelm  sofort,  Zakob  aber  erst  nach
lv  Tagen  ein  Stück  Arbeit  anzufangen,  so  dürfte  es  für  beide  vorteilhaft ­
  fein,  den  pobel  zu  leihen,  wenn  auch  kein  Brett  dafür  gegeben
würde.

Zndes,  alle  Güter  sind  nicht  von  der  Natur  der  pobel,  der  Bretter
oder  des  Geldes,  noch  ist  alle  Produktion  bloß  eine  Umarbeitung  der
unfertigen  Stoffe  der  Lrde  in  andere  formen,  wahr  ist,  daß,  wenn  ich
&amp;lt;Selb  wegstecke,  es  sich  nicht  vermehren  kann.  Nehmen  wir  jedoch  statt
dessen  an,  daß  ich  wein  weglege.  Mit  Ende  des  Zahres  werde  ich  eine
lVertvermehrung  haben,  denn  der  wein  wird  an  Oualität  gewonnen
haben.  Oder  nehmen  wir  an,  daß  ich  in  einer  dazu  geeigneten  Gegend
dienen  halte;  am  Lnde  des  Zahres  werde  ich  mehr  Schwärme  haben,
sowie  den  ponig,  welchen  sie  gesammelt  haben.  Oder  nehmen  wir  an,
daß  ich  Schafe,  Rinder  oder  Schweine  auf  eine  weide  treibe;  am  Lnde
des  Zahres  werde  ich,  im  Durchschnitt,  ebenfalls  mehr  haben.
was  in  diesen  Fällen  die  Vermehrung  zuwege  bringt,  erfordert
Zwar  in  der  Regel  zur  Nutzbarmachung  Arbeit,  ist  aber  doch  etwas  von
der  Arbeit  Verschiedenes  und  Trennbares,  nämlich  die  tätige  Kraft
der  Natur,  das  Prinzip  des  Wachstums,  der  Reproduktion,  das  überall
alle  Formen  jenes  geheimnisvollen  Zustandes  oder  Dinges,  das  wir
E^ben  nennen,  charakterisiert.  Und  dies  scheint  mir  die  Ursache  des
Zinses  zu  sein,  d.  h.  der  Kapitalvermehrung  über  das  hinaus,  was  der
Arbeit  zu  verdanken  ist.  Zn  den  Bewegungen,  welche  den  ewigen  Fluß
der  Natur  ausmachen,  sind,  sozusagen,  gewisse  vitale^  Strömungen,  die,
wenn  wir  sie  benutzen,  uns  mit  einer,  von  unseren  Bemühungen  unabhängigen ­
  Kraft  helfen,  den  Stoff  in  die  von  uns  gewünschten  Formen,
also  in  Güter  umzuwandeln.
Während  viele  Dinge  anqeführt  werden  können,  die  gleich  pöbeln,
Brettern,  Maschinen  oder  Kleidern  keine  ihnen  beiwohnende  Vermehrungskraft ­
  haben,  so  sind  doch  wiederum  andere  Dinge  in  den  Worten
Süter  und  Kapital  inbegriffen,  die,  gleich  dem  weine,  bis  zu  einem
Sewissei^  Punkte  von  selbst  an  Oualität  zunehmen;  oder  die  gleich
dienen  oder  Vieh  von  selbst  an  Ouantität  zunehmen;  und  gewisse
andere  Dinge,  wie  z.  B.  Sämereien,  deren  Vermehrungsbedingungen
Zwar  nicht  ohne  Arbeit  zu  erhalten  sein  mögen,  die  sich  aber,  wenn
awse  Bedingungen  erfüllt  werden,  vermehren,  d.  h.  einen  Ertrag  liefern
^aer  das  hinaus,  was  der  Arbeit  zu  verdanken  ist.
Die  Möglichkeit  des  Austausches  der  Güter  involviert  notwendige
        <pb n="157" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

W

daß  alle  Arten  der  Güter  einen  durchschnittlichen  Vorteil  haben,  der  aus
dein  Besitz  einer  jeden  Art  erwächst;  denn  niemand  würde  Kapital
in  einer  Form  behalten  wollen,  wenn  es  für  eine  vorteilhaftere  Form
vertauscht  werden  könnte.  Niemand  würde  z.  B.  Weizen  zu  Mehl
mahlen  und  es  zur  Bequemlichkeit  derer,  die  von  Zeit  zu  Zeit  weizen
oder  etwas  Gleichwertiges  gegen  Mehl  zu  tauschen  wünschen,  vorrätig
halten,  wenn  er  durch  den  Tausch  sich  nicht  ein  mehr  verschaffen  könnte
gleich  dem,  das  er  sich  durch  Pflanzung  seines  Weizens  verschaffen
könnte.  Niemand  würde  eine  ^erde  Schafe,  solange  er  sie  behalten
kann,  für  deren,  im  nächsten  Jahre  in  Hammelfleisch  zurückzugebendes
Nettogewicht  umtauschen;  denn  wenn  er  die  Schafe  behält,  so  hat  er
nächstes  Jahr  nicht  bloß  ihr  Fleisch,  sondern  auch  die  Lämmer  und  die
wolle.  Niemand  würde  eine  Bewässerungsgraben  anlegen,  wenn  die,
welche  mit  dessen  Hilfe  die  erzeugenden  Naturkräfte  ausnutzen  können,
ihm  nicht  einen  Anteil  an  ihrem  Mehr  zugestehen,  der  seinem  Kapital
einen  so  großen  Ertrag  sichert  wie  dem  ihrigen.  Und  so  muß  in  jedem
Austauschkreise  die  Kraft  der  Vermehrung,  welche  die  Erzeugungsoder ­
  Lebenskraft  der  Natur  einigen  Arten  des  Kapitals  verleiht,  sich
mit  allen  übrigen  ausgleichen;  und  wer  Geld,  Hobel,  Bretter  oder
Kleider  ausleiht  oder  zum  Austausch  verwendet,  vermag  ebensowohl
einMehr  zu  erzielen,  als  wenn  er  so  viel  Kapital  zu  reproduktiven  Zwecken
in  einer  der  Vermehrung  fähigen  Form  verliehen  oder  angelegt  hätte.
Auch  in  der  durch  den  Tausch  herbeigeführten  Nutzbarmachung
der  Unterschiede  in  den  Kräften  der  Natur  und  des  Menschen  ist  eine
Zunahme  enthalten,  die  einigermaßen  der  durch  die  vitalen  Kräfte  der
Natur  hervorgebrachten  gleicht.  An  einem  Platze  wird  z.  B.  eine  gegebene ­
  Summe  von  Arbeit  200  an  vegetabilischer  und  joo  an  tierischer
Nahrung  ergeben.  An  einem  anderen  Platze  sind  diese  Bedingungen
umgekehrt,  und  dieselbe  Summe  von  Arbeit  wird  joo  an  vegetabilischer
und  200  an  tierischer  Nahrung  ergeben.  An  dem  einen  Platze  ist  der
relative  wert  der  Pflanzen-  zur  tierischen  Nahrung  wie  2  ju  ;  und  an
dem  anderen  wie  t  zu  2;  und  nehmen  wir  an,  daß  von  beiden  gleiche
Beträge  erforderlich  sind,  so  wird  dieselbe  Summe  von  Arbeit  an  jedern
Platze  J50  von  beiden  ergeben,  widmen  wir  jedoch  an  dem  einen  Platze
die  Arbeit  der  Hervorbringung  von  Pflanzennahrung  und  an  denr
anderen  der  von  tierischer  Nahrung,  und  tauschen  dann  die  erforderlichen
Mengen  um,  so  werden  die  Leute  auf  beiden  Plätzen  durch  die  gegebene
Summe  von  Arbeit  200  hervorzubringen  imstande  fein,  abzüglich  der
Verluste  und  Kosten  des  Tausches;  so  daß  auf  jedem  Platze  das  dein
verbrauch  entzogene  und  zum  Tausch  bestimmte  Produkt  ein  Mehr
bringt.  So  kehrt  Whittingtons  Katze,  die  nach  einem  entfernten  Lande
gesandt  ist,  wo  Katzen  selten  und  Ratten  in  Rberfluß  sind,  in  Warenballen
und  Säcken  Goldes  heim.
Selbstverständlich  ist  zum  Tausch  ebensowohl  Arbeit  nötig  wie
zur  Verwertung  der  reproduktiven  Naturkräfte,  und  das  Produkt  des
        <pb n="158" />
        Kap.  III.

Der  Zins  und  dessen  Ursache.

W5

Tausches  ist  so  gut  wie  das  Produkt  des  Ackerbaues  das  Produkt  der
Arbeit;  dennoch  wirkt  in  dein  einen  wie  in  dem  anderen  Falle  eine
andere  Kraft  mit  der  Arbeit  zusammen,  die  es  unmöglich  macht,  das
Resultat  lediglich  durch  die  aufgewendete  Summe  von  Arbeit  zu  messen,
die  vielmehr  den  Kapitalbetrag  und  die  Zeit,  während  welcher  er  in
Verwendung  ist,  zu  integrierenden  Teilen  in  der  Summe  der  Kräfte
macht.  Das  Kapital  hilft  der  Arbeit  in  allen  verschiedenen  Arten  der
Produktion;  es  besteht  jedoch  ein  Unterschied  zwischen  den  Beziehungen
beider  in  den  Produktionsarten,  die  nur  in  Form-  oder  Grtsveränderung
des  Stoffes  bestehen,  wie  das  Bretterhobeln  oder  Kohlengraben,  und
den  Produktionsakten,  die  sich  die  reproduktiven  Raturkräste  oder  aber
die  Vermehrungsfähigkeit  zunutze  machen,  welche  aus  Unterschieden
in  der  Verteilung  der  Natur-  und  der  Menschenkräfte  entspringt,  wie
der  Getreidebau  oder  der  Austausch  von  Eis  gegen  Zucker.  Bei  der
Produktion  ersterer  Art  ist  die  Arbeit  allein  die  wirkende  Ursache,  hört
die  Arbeit  auf,  so  hört  auch  die  Produktion  aus.  Legt  der  Zimmermann
mit  Sonnenuntergang  seinen  pobel  hin,  so  hört  die  Wertvermehrung
auf,  die  er  mit  demselben  schafft,  bis  er  seine  Arbeit  am  nächsten  Morgen
wieder  beginnt.  Läutet  die  Glocke  der  Fabrik  zum  Feierabend,  wird
das  Bergwerk  geschlossen,  so  endet  die  Produktion,  bis  die  Arbeit  wieder
ausgenommen  wird.  Die  Zwischenzeit  könnte,  soweit  die  Produktion
in  Betracht  kommt,  ebensogut  ausgelöscht  werden.  Das  verstreichen
der  Tage,  der  Wechsel  der  Jahreszeiten  ist  kein  Element  der  Produktion,
die  allein  von  der  Summe  der  aufgewendeten  Arbeit  abhängt.  Zn  den
anderen  Produktionsakten  jedoch,  die  ich  erwähnt  habe  und  in  denen
der  Anteil  der  Arbeit  den  Verrichtungen  der  polzfäller  verglichen  werden
kann,  die  ihre  Stämme  in  den  Strom  werfen  und  sie  von  demselben
bis  zum  wehr  der  Sägemühle  viele  Meilen  Hinuntertreiben  lassen,  ist
die  Zeit  ein  Element.  Die  Aussaat  keimt  und  sproßt  im  Boden,  ob  der
Sandmann  schläft  oder  neue  Felder  pflügt,  und  nimmer  ruhende  Strömungen ­
  der  Luft  und  des  Ozeans  führen  whittingtons  Katze  zu  dem  von
Gatten  gequälten  Herrscher  der  Fabel.
Kehren  wir  nun  zu  Bastiats  Beispiel  zurück.  Es  ist  klar,  daß,  wenn
ein  Grund  vorhanden  ist,  warum  Wilhelm  am  Schluß  des  Zahres  an
Zakob  mehr  als  einen  gleich  guten  Pobel  zurückgeben  muß,  derselbe
nicht,  wie  Bastiat  meint,  in  der  durch  den  Pobel  verliehenen  größeren
bllacht  liegt,  denn  dies  ist,  wie  ich  gezeigt  habe,  kein  Element;  sondern
derselbe  entspringt  aus  dem  Element  der  Zeit  —  dem  Unterschiede
Eines  Zahres  zwischen  dem  Leihen  und  Zurückgeben  des  Pöbels.  Beschränkt ­
  man  die  Betrachtung  auf  dies  Beispiel,  so  zeigt  nichts  darin
he  Wirkung  dieses  Elementes,  denn  ein  pobel  hat  am  Ende  eines  Zahres
EMen  größeren  wert  als  zu  Anfang  desselben.  Denken  wir  uns  aber
nn  Stelle  des  Pöbels  ein  Kalb,  so  ist  klar  ersichtlich,  daß,  um  Zakob  ebeniFSut
  zu  stellen,  als  wenn  er  nicht  dargeliehen  hätte,  Wilhelm  ihm  am
nde  des  Jahres  kein  Kalb,  sondern  eine  Kuh  zurückgeben  muß.  Oder
George,  Fortschritt  und  Armut.  ;0
        <pb n="159" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

M

nehmen  wir  an,  daß  die  zehntägige  Arbeit  dem  Getreidebau  gewidmet
gewesen  wäre,  so  ist  es  augenscheinlich,  daß  Jakob  nicht  seinen  vollen
Ersatz  erhalten  würde,  falls  er  nach  Ablauf  des  Jahres  nur  die  Aussaat
zurückerhielte,  denn  während  desselben  würde  das  Korn  gekeimt  haben,
gewachsen  sein  und  sich  vervielfältigt  haben;  und  ebenso  könnte  dercksobel,
wenn  er  zum  Tausch  bestimmt  worden  wäre,  während  des  Jahres
mehrere  Male  umgesetzt  werden  und  bei  jedem  Tausch  ein  Mehr  für
Jakob  ergeben.  Da  nun  Jakobs  Arbeit  in  einer  dieser  Weisen  verwendet  —
oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  ein  Teil  der  zum  Lfobelmachen
aufgewendeten  Arbeit  dahin  abgeleitet  werden  könnte  —,  so  wird  er
für  Wilhelm  keinen  Hobel  zum  Gebrauch  für  ein  ganzes  Jahr  machen,
falls  er  nicht  mehr  als  den  Hobel  zurückerhält.  Und  Wilhelm  kann  auch
mehr  als  bloß  den  Hobel  zurückgeben,  weil  der  gleiche  Durchschnitt  der
Vorteile  der  in  verschiedener  Art  aufgewendeten  Arbeit  auch  ihn  befähigt,
aus  seiner  Arbeit  durch  das  Element  der  Zeit  einen  Vorteil  zu  erzielen.
Dieser  allgemeine  Durchschnitt,  oder,  sozusagen,  „Einsatz"  von  Vorteilen,
der  notwendig  stattfindet,  wo  die  Bedürfnisse  der  Gesellschaft  den  gleichzeitigen ­
  Betrieb  der  verschiedenen  Produktionsarten  erheischen,  verleiht
dem  für  sich  allein  nicht  vermehrungsfähigen  Güterbesitz  einen  Vorteil,
ähnlich  dem,  welcher  den  Gütern  beiwohnt,  die  in  einer  Art  und  weise
benutzt  werden,  daß  sie  aus  dem  Element  der  Zeit  Nutzen  ziehen.  Irr
letzter  Instanz  entspringt  der  Vorteil,  der  durch  den  Zeitverfluß  gewonnen
wird,  der  schaffenden  Kraft  der  Natur  und  den  wechselnden  Fähigkeiten
der  Natur  und  des  Menschen.
wären  die  Eigenschaften  und  Fähigkeiten  des  Stoffes  überall
gleichförmig  und  wäre  alle  Produktionskraft  nur  ein  Zubehör  des
Menschen,  so  würde  es  keinen  Zins  geben.  Der  Vorteil  besserer  Werkzeuge ­
  könnte  zeitweilig  zu  ähnlichen  Bedingungen  wie  das  Zinszahlen
übertragen  werden,  aber  solche  Geschäfte  würden  unregelmäßig  und
selten  —  die  Ausnahme,  aber  nicht  die  Regel  sein,  denn  die  Macht,
derartige  Erträgnisse  zu  erzielen,  würde  nicht,  wie  jetzt,  in  dem  Kapitalbesitz ­
  liegen,  und  der  Vorteil  der  Zeit  würde  sich  nur  unter  besonderen
Umständen  geltend  machen.  Daß  ich,  im  Besitz  von  jooo  Dollars,  sie
bestimmt  auf  Zinsen  ausleihen  kann,  kommt  nicht  daher,  daß  andere,
die  nicht  j.ooo  Dollars  haben,  froh  find,  mich  für  den  Gebrauch  zu  entschädigen, ­
  falls  sie  auf  andere  weise  sie  nicht  erlangen  können,  sondern
daher,  daß  das  durch  meine  MOO  Dollars  dargestellte  Kapital  die  Macht
hat,  jedem,  der  es  in  Händen  hat,  und  sei  er  auch  Millionär,  ein  Mehr
zu  ergeben.  Denn  der  Preis,  welchen  irgendetwas  ergibt,  hängt  nicht
davon  ab,  was  der  Käufer  lieber  geben  will,  als  daß  er  Verzicht  darauf
leistet,  sondern  vielmehr  davon,  was  der  Verkäufer  anderweitig  dafür
bekommen  kann.  Lin  Fabrikant,  der  sich  zur  Ruhe  zu  setzen  wünscht,
hat  z.  B.  für  ^oo  ooo  Dollars  Maschinen.  Kann  er,  im  Fall  des  Verkaufes,^ ­
  diese  ;oo  ooo  Dollars  nicht  zinsbringend  anlegen,  so  wird  es
ihm,  abgesehen  vom  Risiko,  gleich  sein,  ob  er  den  ganzen  preis  sofort
        <pb n="160" />
        Rap.  III.

Der  Zins  und  dessen  Ursache.

W

oder  durch  Ratenzahlungen  erhält,  und  wenn  der  Käufer  das  erforderliche ­
  Kapital  hat  —  was  mir  zum  Behuf  des  Arguments  annehmen
müssen  —,  so  wird  es  auch  ihm  gleich  fein,  ob  er  sofort  oder  erst  nach
und  nach  zahlt,  Hat  der  Käufer  das  erforderliche  Kapital  nicht,  so  kann
es  ihm  konvenieren,  daß  die  Zahlungen  hinausgeschoben  werden;  aber
nur  unter  Ausnahmeverhältnissen  würde  der  Verkäufer  dafür  ein  Agio
verlangen,  oder  der  Käufer  es  zahlen  wollen;  auch  würde  ein  solches
Agio  kein  eigentlicher  Zins  fein.  Denn  die  Zinsen  sind  nicht  eigentlich
eine  Zahlung  für  den  Gebrauch  des  Kapitals,  sondern  ein  aus  der  Kapitalvermehrung ­
  erwachsender  Ertrag.  Ergäbe  das  Kapital  keine  Zunahme,
so  würden  die  Fälle  selten  und  bloße  Ausnahmen  sein,  in  welchen  der
Besitzer  ein  Agio  erlangte.  Wilhelm  würde  es  bald  herausfinden,  ob
es  sich  nicht  für  ihn  verlohnt,  ein  Brett  für  das  Recht  zu  geben,  die  Rückgabe ­
  von  Jakobs  Hobel  hinauszuschieben.
Kurz,  wenn  wir  die  Produktion  zergliedern,  so  finden  wir,  daß
sie  in  drei  Arten  zerfällt,  nämlich  in
Anpassung,  d.  h.  Form-  oder  Grtsveränderung  der  Naturprodukte,
um  sie  zur  Befriedigung  der  menschlichen  Wünsche  geeignet  zu  machen;
Züchtung,  d.  h.  Verwertung  der  vitalen  Naturkräfte,  wie  durch
das  Aufziehen  von  pflanzen  oder  Tieren;
Austausch,  d.  h.  derartige  Verwertung,  daß  der  allgemeinen
Summe  der  Güter  die  höheren  Fähigkeiten  derjenigen  Naturkräfte
hinzugefügt  werden,  die  mit  dem  Drt,  oder  derjenigen  Menschenkräfte,
öie  mit  der  Lage,  der  Beschäftigung  und  dem  Eharakter  wechseln.
Bei  jeder  dieser  drei  jdroduktionsarten  kann  das  Kapital  die  Arbeit
unterstützen;  oder,  um  genauer  zu  sprechen,  bei  der  ersten  Art  kann
das  Kapital  die  Arbeit  unterstützen,  doch  ist  dies  nicht  absolut  nötig;
bei  den  anderen  beiden  muß  das  Kapital  die  Arbeit  unterstützen  oder
lst  derselben  notwendig.
Während  wir  durch  die  Anpassung  oder  Verwendung  von  Kapital
w  geeigneten  Formen  die  effektive  Kraft  der  Arbeit,  dem  Stoffe  den
Charakter  des  Gutes  aufzuprägen,  vergrößern  können,  wie  z.  B.,  wenn
wir  Holz  und  Eisen  der  Form  und  dem  Gebrauch  eines  Hobels  anpassen, ­
  oder  Eisen,  Kohle,  Wasser  und  Gl  der  Form  und  dem  Gebrauch
einer  Dampfmaschine,  oder  Steine,  Mörtel,  Holz  und  Eisen  einem
^aus,  so  ist  doch  das  Lharakteriftische  dieser  Kapitalbenutzung,  daß  der
Vorteil  in  der  Benutzung  liegt,  verwenden  wir  dagegen  Kapital  in
ber  zweiten  dieser  Arten,  z.  B.  wenn  wir  Korn  aussäen,  oder  Tiere
Züchten,  oder  den  wein  zum  Altern  hinlegen,  so  entsteht  der  Vorteil
^icht  aus  der  Benutzung,  sondern  aus  der  Zunahme.  Und  verwenden
wir  Kapital  in  der  dritten  weise,  indem  wir  Dinge  tauschen,  anstatt
sw  zu  gebrauchen,  so  liegt  der  Vorteil  in  dem  vermehrten  werte  der  ein-Setauschten
  Dinge.
,  Ursprünglich  entfallen  die  aus  der  Benutzung  entstehenden  voreüe
  der  Arbeit  und  die  aus  der  Zunahme  entstehenden  Vorteile  dem
        <pb n="161" />
        Buch  III.

j^8  Die  Gesetze  der  Verteilung.

Kapital.  Da  aber  die  Teilung  der  Arbeit  und  die  Vertauschbarkeit  der
Güter  einen  Ausgleich  der  Gewinne  bedingen  und  involvieren,  insofern
diese  verschiedenen  Produktionsweisen  miteinander  in  Wechselwirkung
stehen,  so  werden  die  aus  der  einen  entstehenden  Gewinne  mit  den  aus
der  anderen  entstehenden  sich  ausgleichen;  denn  weder  die  Arbeit  noch
das  Kapital  wird  sich  einer  Produktionsweise  widmen,  wenn  eine  anders,
ihnen  offenstehende  einen  größeren  Ertrag  gewährt.  Das  heißt,  die  in
der  ersten  Produktionsweise  aufgewendete  Arbeit  wird  nicht  den  ganzen
Ertrag  bekommen,  sondern  den  Ertrag  minus  den  Teil,  der  nötig  ist,
um  dem  Kapital  eine  solche  Vergrößerung  zu  gewähren,  wie  es  sie  in
den  anderen  Produktionszweigen  hätte  erzielen  können,  und  das  in
der  zweiten  und  dritten  Produktionsart  beschäftigte  Kapital  wird  nicht
die  ganze  Vermehrung  erhalten,  sondern  die  Vermehrung  minus  das,
was  ausreicht,  um  der  Arbeit  denselben  Lohn  zu  geben,  den  sie  bei
Beschäftigung  in  dem  ersten  Produktionszweige  hätte  erzielen  können.
Somit  entspringt  der  Zins  aus  der  Vermehrungsfähigkeit,  welche
die  reproduktiven  Kräfte  der  Natur  und  die  in  der  Wirkung  analoge
Fähigkeit  zum  Austausch  dem  Kapital  verleihen.  Er  ist  nichts  Willkürliches, ­
  sondern  etwas  Natürliches;  er  ist  nicht  das  Ergebnis  einer
besonderen  sozialen  Einrichtung,  sondern  der  allgemeinen  Gesetze,  denen
die  Gesellschaft  unterliegt.  Er  ist  daher  gerecht.
Diejenigen,  die  den  Zins  abschaffen  wollen,  verfallen  in  einen
Irrtum,  ähnlich  demjenigen,  welcher,  wie  wir  früher  andeuteten,  der
Lehre,  daß  der  Lohn  dem  Kapital  entnommen  werde,  ihre  Plausibilität
verleiht.  Wenn  sie  an  Zins  denken,  so  denken  sie  nur  an  den,  welchen
der  Benutzer  des  Kapitals  dem  Eigentümer  desselben  zahlt.  Offenbar
ist  dies  aber  nicht  aller  Zins,  sondern  nur  eine  Art  Zins.  Wer  Kapital
-  benutzt  und  das  Mehr  erhält,  welches  dasselbe  ergeben  kann,  empfängt
Zins.  Pflanze  und  pflege  ich  einen  Baum,  bis  er  trägt,  so  erhalte  ich
in  seinen  Früchten  den  Zins  des  Kapitals,  das  ich  so  angehäuft,  d.  h.
der  Arbeit,  die  ich  verwendet  habe.  Ziehe  ich  eine  Kuh  auf,  so  ist  die  Milch,
welche  sie  mir  morgens  und  abends  gibt,  nicht  bloß  der  Lohn  der  dabei
aufgewendeten  Arbeit,  sondern  sie  repräsentiert  auch  den  Zins  des
Kapitals,  welches  meine  zu  ihrer  Aufziehung  verwendete  Arbeit  in  der
Kuh  angehäuft  hat.  Und  ebenso,  wenn  ich  mein  Kapital  zu  direkter  Unterstützung ­
  der  Produktion  benutze,  wie  z.  B.  durch  Maschinen,  oder  zu
indirekter  Unterstützung  der  Produktion,  wie  z.  B.  durch  den  Pandel,
so  erhalte  ich  einen  speziellen  und  unterscheidbaren  Vorteil  durch  die
reproduktiven  Eigenschaften  des  Kapitals,  die  ebenso  tatsächlich,  wenn
auch  vielleicht  nicht  so  klar  sind,  als  wenn  ich  mein  Kapital  einem  anderen
geliehen  und  derselbe  mir  Zins  dafür  gezahlt  hätte.
        <pb n="162" />
        Kap.  IV.  Das  fiktive  Kapital  und  der  oft  für  Zins  gehaltene  Gewinn.

Id

Kapitel  IV.
Das  fiktive  Kapital  und  der  oft  für  Zins  gehaltene  Gewinn.
Der  Glaube,  daß  der  Zins  ein  Raub  an  der  Lrwerbtätigkeit  sei,
rührt  nach  meiner  Überzeugung  zum  großen  Teil  daher,  daß  man  nicht
zu  unterscheiden  vermochte,  was  wirklich  Kapital  ist  und  was  nicht,
und  daß  man  ferner  nicht  gehörig  zwischen  Gewinn,  der  eigentlich  Zins
ist,  und  Gewinn,  der  anderen  «Duellen  als  der  Kapitalnutzung  entspringt,
unterschied.  Zn  der  Redeweise  und  Literatur  unserer  Tage  wird  jeder
Kapitalist  genannt,  dem  sein  Besitz  ohne  Arbeit  einen  Ertrag  gewährt,
während  alles,  was  er  so  empfängt,  als  Gewinn  oder  Einnahme  des
Kapitals  bezeichnet  wird,  und  überall  hören  wir  von  dem  Konflikt  zwischen
Arbeit  und  Kapital.  Ob  in  Wirklichkeit  ein  Konflikt  zwischen  beiden
bestehe,  darüber  bitte  ich  den  Leser  sein  Urteil  zurückzuhalten,  aber  es
wird  gut  sein,  schon  hier  einige,  das  Urteil  verwirrende,  irrtümliche
Auffassungen  hinwegzuräumen.
Es  wurde  schon  die  Aufmerksamkeit  auf  den  Umstand  gelenkt,
daß  Landwerte,  die  einen  so  ungeheuren  Teil  dessen,  was  gewöhnlich
Aapital  genannt  wird,  ausmachen,  überhaupt  gar  nicht  Kapital  sind,
und  daß  die  Grundrente,  welche  ebenso  gewöhnlich  in  den  Kapitals-Erträgen
  eingeschlossen  wird,  und  die  einen  immer  größeren  Teil  der
Einnahmen  eines  fortschreitenden  Landes  ausmacht,  kein  Erwerb  des
Aapitals  ist  und  sorgsam  von  den  Zinsen  getrennt  werden  muß.  Es  ist
sticht  nötig,  für  jetzt  weiter  bei  diesem  Punkte  zu  verweilen.  Ebenso
ist  die  Aufmerksamkeit  auf  den  Umstand  gelenkt  worden,  daß  Aktien,
5taatspapiere,  Hypothekenbriefe  usw.,  die  einen  weiteren  großen  Teil
bessert  ausmachen,  was  gewöhnlich  Kapital  genannt  wird,  ebenfalls
Kicht  dazu  gehören;  aber  in  einigen  ihrer  formen  gleichen  diese  Schuldverschreibungen ­
  allerdings  dem  Kapital  und  verrichten  tatsächlich  in
einigen  Fällen  dessen  Funktionen  (oder  scheinen  es  wenigstens  zu  tun),
während  sie  ihren  Besitzern  einen  Ertrag  liefern,  der  nicht  allein  Zins
genannt  wird,  sondern  auch  jede  Ähnlichkeit  damit  hat,  so  daß  es  sich
verlohnt,  ausführlicher  darüber  zu  sprechen,  ehe  wir  dazu  schreiten,  den
^egriff  des  Zinses  von  einigen  anderen  demselben  anklebenden  Zweieutigkeiten
  zu  säubern.
.  Nichts  kann,  wie  man  sich  stets  erinnern  muß,  Kapital  sein,  was
vjcht  ein  Gut  ist,  d.  h.  aus  wirklichen  handgreiflichen  Dingen  besteht;
wcht  die  freiwilligen  Gaben  der  Natur,  die  in  sich  selbst,  nicht  aber  durch
Vertretung,  die  Kraft  haben,  direkt  oder  indirekt  menschliche  wünsche
befriedigen.
Daher  ist  ein  Staatspapier  nicht  Kapital,  noch  auch  nur  Repräsen-.vvt
  von  Kapital.  Das  Kapital,  das  die  Regierung  einst  dafür  erhielt,
1 unproduktiv  verbraucht  worden  —  verpufft  aus  den  Mündungen
        <pb n="163" />
        150

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

der  Kanonen,  abgenutzt  in  Kriegsschiffen,  ausgegeben  urn  Menschen
zürn  Marschieren,  Exerzieren,  Töten  und  Zerstören  zu  halten.  Das
Papier  kann  nicht  Kapital  repräsentieren,  das  zerstört  worden  ist.  Es
repräsentiert  überhaupt  kein  Kapital.  Es  ist  nur  eine  feierliche  Erklärung,
daß  die  Regierung  zu  einer  oder  der  anderen  Zeit  durch  Steuern  so  und
soviel  Güter  von  der  Bevölkerung  erheben  wird,  unr  sie  dein  Besitzer
des  Papiers  zurückzuerstatten,  und  daß  sie  mittlerweile  in  gleicher  weise
von  Zeit  zu  Zeit  so  viel  erheben  wird,  um  denselben  für  die  Zunahme
schadlos  zu  halten,  welche  ihm  das  Kapital  ergeben  würde,  wenn  es
wirklich  in  seinem  Besitz  wäre.  Die  ungeheuren  Summen,  welche  so
aus  dem  Produkt  aller  neueren  Länder  entnommen  werden,  um  die
Zinsen  für  öffentliche  Schulden  zu  zahlen,  sind  nicht  Erwerb  oder  Zunahme ­
  des  Kapitals,  sind  nicht  wirklich  Zinsen  im  strikten  Sinne  des
Worts,  sondern  sind  Steuern,  erhoben  von  dem  Produkt  der  Arbeit
und  des  Kapitals,  und  lassen  so  viel  weniger  für  Lohn  und  wirklichen
Zins  übrig.
wie  aber,  wenn  die  Schuldbriefe  zur  Vertiefung  eines  Flußbettes,
zur  Erbauung  von  Leuchttürmen  oder  zur  Errichtung  einer  öffentlichen
Markthalle  ausgegeben  find,  oder  wenn,  um  denselben  Begriff  beizubehalten ­
  und  nur  das  Beispiel  abzuändern,  sie  von  einer  Eisenbahngesellschaft ­
  ausgegeben  sind?  Hier  repräsentieren  sie  Kapital,  ein  vorhandenes ­
  und  produktiven  Zwecken  gewidmetes  Kapital,  und  können
gleich  den  Aktien  einer  Dividende  zahlenden  Gesellschaft  als  Urkundenbeweise ­
  eines  Kapitalbesitzes  angesehen  werden.  Dies  können  sie  indessen ­
  nur,  insofern  sie  wirklich  Kapital  repräsentieren,  und  nicht  etwa
über  den  Kapitalbedarf  hinaus  emittiert  worden  sind.  Fast  alle  unsere
Eisenbahn-  und  sonstigen  Aktiengesellschaften  werden  in  dieser  weise
überlastet,  wo  in  Wirklichkeit  nur  ein  Dollar  an  Kapital  ausgegeben
ist,  werden  Aktien  oder  Prioritäten  für  zwei,  drei,  vier,  fünf  oder  selbst
zehn  emittiert,  und  auf  diesen  eingebildeten  Betrag  werden  mit  mehr
oder  weniger  Regelmäßigkeit  Zinsen  und  Dividenden  bezahlt.  Die
Summen  aber,  die  über  den,  für  wirklich  angelegtes  Kapital  schuldigen
Zinsenbetrag  hinaus  von  solchen  Gesellschaften  verdient  und  ausgezahlt
werden,  sowie  die  großen  von  Gründern  und  Machern  aufgesogenen
und  nie  verrechneten  Summen,  werden  zweifellos  nicht  dem  Gesamtprodukt ­
  des  Landes  wegen  der  vom  Kapital  geleisteten  Dienste  entnommen ­
  —-  sie  sind  kein  Zins.  Nach  der  Terminologie  der  ökonomischen
Schriftsteller,  welche  den  Gewinn  in  Zins,  Versicherung  und  Unternehmerlohn ­
  zerlegen,  würden  diese  Summen  in  die  letzte  dieser  drei
Kategorien  gehören.
während  aber  der  Unternehmerlohn  klar  genug  das  von  persönlichen ­
  Eigenschaften,  wie  Geschicklichkeit,  Takt,  Unternehmungsgeist,
Organisationstalent,  Erfindungsgabe,  Charakter  usw.  abgeleitete  Einkommen ­
  involviert,  gibt  es  noch  ein  anderes  Element,  das  zu  dem
Gewinne,  von  dem  wir  sprechen,  beiträgt  und  das  nur  willkürlich  mit
        <pb n="164" />
        Kap.  IV.  Das  fiktive  Kapital  und  der  oft  für  Zins  gehaltene  Gewinn.

\5{

diesen  persönlichen  Eigenschaften  zusammengeworfen  werden  kann  —
das  Element  des  Monopols.
Als  Zakob  I.  seinem  Günstling  das  ausschließliche  Vorrecht  verlieh,
Gold-  und  Silberdraht  zu  machen  und  unter  schweren  Strafen  jedem
anderen  die  Anfertigung  desselben  verbot,  erwuchs  das  dadurch  Buckingham ­
  überwiesene  Einkommen  nicht  aus  den  Zinsen  des  in  der  Fabrikation
angelegten  Kapitals,  noch  aus  der  Geschicklichkeit  derjenigen,  welche  das
Geschäft  persönlich  leiteten,  sondern  aus  dem,  was  er  vom  Könige  erhalten ­
  hatte,  nämlich  dem  ausschließlichen  Vorrecht,  in  Wirklichkeit
der  Macht,  allen  Konsumenten  von  solchem  Draht  für  seine  Zwecke
eine  Steuer  aufzuerlegen.  Aus  ähnlichen  Quellen  kommt  ein  großer
Teil  der  Gewinne,  welche  gewöhnlich  mit  dem  Erwerb  des  Kapitals
verwechselt  werden.  Einnahmen  aus  Patenten,  die  für  eine  gewisse
Reihe  von  Zähren  bewilligt  werden,  um  den  Erfindungsgeist  zu  ermutigen, ­
  sind  klärlich  auf  diese  «Duelle  zurückzuführen;  ebenso  die  Erträge
aus  Monopolen,  die  unter  dem  Vorwände,  die  heimische  Zndustrre  zu
ermutigen,  durch  Schutzzölle  geschaffen  werden.  Es  gibt  indes  eine  noch
viel  heimtückischere  und  gewöhnlichere  Form  des  Monopols,  jn  der
Ansammlung  großer  Kapitalsmassen  unter  gemeinsamer  Verwaltung
hat  sich  eine  neue  und  von  der  dem  Kapital  im  allgemeinen  charakteristischen ­
  Vermehrungsfähigkeit,  welcher  die  Zinsen  ihre  Entstehung
verdanken,  ganz  verschiedene  Macht  entwickelt,  während  die  erstere
ihrer  Natur  nach  sozusagen  aufbauend  ist,  ist  die  Maäch  welche  sich  bei
fortschreitender  Assoziation  darauf  erhebt,  zerstörend.  Ls  ist  eine  Macht
derselben  Art,  wie  sie  Zakob  an  Buckingham  verlieh,  und  sie  wird  oft
urit  ebenso  schamloser  Mißachtung  nicht  nur  der  industriellen,  sondern
der  persönlichen  Rechte  der  einzelnen  ausgeübt.  Eine  Eisenbahngesellschaft ­
  nähert'  sich  einer  kleinen  Stadt  wie  der  Straßenräuber  seinem
Opfer.  Die  Drohung:  „Fügt  Zhr  Euch  nicht  unseren  Bedingungen,  so
lassen  wir  Eure  Stadt  zwei  bis  drei  Meilen  abseits"  ist  ebenso  wirksam
wie:  „Die  Börse  oder  das  Leben",  wenn  ein  Pistol  mit  gespanntem
Pahn  dahintersteht.  Denn  die  Drohung  der  Lisenbahngesellschaft  will
der  Stadt  nicht  nur  diejenigen  vorteile  entziehen,  welche  die  Eisenbahn
gewähren  kann,  sondern  sie  kann  die  Stadt  in  eine  weit  schlimmere
Lage  versetzen/als  wenn  gar  keine  Eisenbahn  gebaut  worden  wäre.
Oder  wenn,  wo  Wasserverbindung  vorhanden  ist,  ein  Konkurrenzboot
aufgestellt  wird:  die  Preise  werden  heruntergesetzt,  bis  das  alte  Boot
konkurrenzunfähig  ist,  und  dann  wird  das  Publikum  gezwungen,  die
kosten  der  Operation  zu  zahlen,  gerade  wie  die  Rohillas  gezwungen
wurden,  die  40  Lacs  herzugeben,  mit  welchen  Sujah  Dowlah  von
lvarren  pastings  ein  englisches  Korps  mietete,  das  ihm  ihr  Land  verwüsten
und  ihr  Volk  dezimieren  half.  Und  genau  so  wie  die  Räuber  sich  verbinden, ­
  um  gemeinsam  zu  plündern  und  den  Raub  zu  teilen,  so  vereinigen ­
  sich  die  Eisenbahnlinien,  unr  die  Frachten  hinaufzuschrauben,
oder  die  Pazifik-Eisenbahn  schließt  mit  der  Pazifik-Dampferkompagnie
        <pb n="165" />
        \52

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

eine  Koalition,  wonach  virtuell  Zollstellen  auf  dein  Lande  und  dem
Gzean  errichtet  werden.  Und  genau  so  wie  Buckinghams  Kreaturen,
die  unter  der  Autorität  des  Gold  draht-Patents  Privathäuser  durchsuchten
und  aus  bloßer  Luft  oder  behufs  Erpressung  Papiere  und  Personen
sistierten,  macht  es  die  große  Telegraphengesellschaft,  welche,  durch  die
Macht  des  assoziierten  Kapitals  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  um
den  vollen  Nutzen  einer  wohltätigen  Erfindung  bringend,  Depeschen
fälscht  und  die  Zeitungen,  die  ihr  entgegentreten,  vernichtet.
Man  braucht  diese  Dinge  nur  zu  erwähnen,  nicht  bei  ihnen  zu
verweilen.  Jedermann  kennt  die  Tyrannei  und  pabgier,  womit  das
assoziierte  Großkapital  häufig  gehandhabt  wird,  um  zu  zerstören,  zu
korrumpieren  und  zu  rauben.  Worauf  ich  aber  des  Lesers  Aufmerksamkeit ­
  zu  lenken  wünsche,  das  ist,  daß  so  erworbene  Gewinne  nicht  mit  den
legitimen  Erträgen  des  Kapitals,  als  eines  Agens  der  Produktion,
verwechselt  werden  dürfen.  Sie  sind  meistens  Mängeln  der  Gesetzgebung
und  einer  blinden  Anhänglichkeit  an  alte  Barbareien,  sowie  der  abergläubischen ­
  Verehrung  der  engherzigen  Formalitäten  in  der  Rechtsprechung ­
  zuzuschreiben;  während  der  allgemeine  Prozeß,  der  in  fortschreitenden ­
  Ländern  mit  der  Konzentrierung  des  Reichtums  zugleich
die  Konzentrierung  der  Macht  bewirkt,  gerade  die  Lösung  des  großen
Problems  ist,  die  wir  suchen,  aber  noch  nicht  gefunden  haben.
Jede  Analyse  wird  zeigen,  daß  viele  der  Gewinne,  welche  nach
der  gewöhnlichen  Ansicht  mit  Zinsen  verwechselt  werden,  in  Wirklichkeit
nicht  der  Macht  des  Kapitals,  sondern  der  Macht  des  konzentrierten
Kapitals  und  zwar  des  nach  schlechten  sozialen  Einrichtungen  handelnden ­
  konzentrierten  Kapitals  zuzuschreiben  sind.  Und  ebenso  wird  sie
zeigen,  daß  das,  was  eigentlich  Unternehmerlohn  ist,  sehr  häufig  mit  den
Gewinnen  des  Kapitals  verwechselt  wird.
Ebenso  werden  oft  Gewinne,  die  eigentlich  von  dem  Element  des
Risikos  herrühren,  mit  Zinsen  verwechselt.  Einige  Leute  erwerben
Reichtum,  indem  sie  Lhancen  laufen,  die  der  Majorität  der  Menschen
notwendig  Verlust  bringen  müssen.  Dahin  gehörten  viele  Formen  der
Spekulation,  und  besonders  das  Börsenspiel.  Rührigkeit,  Verstand,
Kapitalbesitz,  Geschicklichkeit  in  dem,  was  man  in  den  niedrigeren  Formen
des  pazards  als  Schlepper-  und  Bauernfängerkünste  kennt,  geben  dem
einzelnen  vorteile;  aber  gerade  wie  am  Spieltische,  gewinnt  der  eine,
was  der  andere  verliert.
Betrachten  wir  nun  die  großen  Vermögen,  welche  so  oft  als  Beispiele
der  Anhäusungskraft  des  Kapitals  angezogen  werden,  eines  Herzogs
von  westminster,  eines  Marquis  of  Bute,  der  Rothschilds,  Astors,  Stewarts,
  Vanderbilts,  Goulds,  Stanfords  und  Floods  —  so  wird  man
bei  näherer  Prüfung  leicht  sehen,  daß  dieselben  mehr  oder  weniger  nicht
durch  Zinsen,  sondern  durch  Elemente,  wie  wir  sie  soeben  überblickt
haben,  aufgebaut  worden  sind.
wie  nötig  es  ist,  die  Unterscheidungen,  auf  die  ich  die  Aufmerk-
        <pb n="166" />
        Kap.  V.

Das  Gesetz  des  Zinses.

*53

famfeit  gelenkt  habe,  festzuhalten,  ist  aus  den  Tageserörterungen  ersichtlich, ­
  wo  der  Schild  bald  weiß  bald  schwarz  ist,  je  nachdem  der  Standpunkt
von  der  einen  oder  anderen  Seite  genommen  wird.  Einerseits  werden
wir  aufgefordert,  in  der  Existenz  tiefer  Armut  dicht  neben  ungeheuren
Reichtumsansammlungen  die  Angriffe  des  Kapitals  auf  die  Arbeit
zu  sehen;  auf  der  anderen  Seite  dagegen  weift  man  darauf  hin,  daß  das
Kapital  die  Arbeit  unterstütze,  woraus  wir  schließen  sollen,  daß  in  der
breiten  Kluft  zwischen  Reich  und  Arm  nichts  Ungerechtes  oder  Unnatürliches ­
  fei;  daß  Reichtum  nur  der  Lohn  des  Fleißes,  der  Klugheit  und
Sparsamkeit  sei  und  die  Armut  nur  die  Strafe  der  Faulheit,  Unwissenheit ­
  und  Unvorsichtigkeit.

Kapitel  V.
Das  Gesetz  des  Zinses.
U)ir  wollen  nun  zu  dem  Gesetz  des  Zinses  übergehen  und  zwei
Dinge  im  Auge  behalten,  auf  die  schon  zuvor  die  Aufmerksamkeit  gelenkt ­
  wurde,  nämlich:
*.  daß  das  Kapital  nicht  die  Arbeit  beschäftigt,  sondern  die  Arbeit
das  Kapital;
2.  daß  das  Kapital  keine  bestimmte  Menge  ist,  sondern  sich  stets
vermehren  oder  vermindern  kann,  erstens  durch  die  größere  oder  geringere
Verwendung  von  Arbeit  zur  Produktion  von  Kapital,  zweitens  durch
die  Umwandlung  von  Gütern  in  Kapital  oder  von  Kapital  in  Güter;
denn  da  das  Kapital  nur  eine  auf  gewisse  Art  verwendete  Summe  von
Gütern  ist,  so  ist  der  Ausdruck  „Güter"  der  weitere  und  umfassendere.
Ls  ist  offenbar,  daß  unter  freien  Verhältnissen  das  Maximum,
das  für  die  Benutzung  von  Kapital  gegeben  werden  kann,  die  Vermehrung
die  es  bringen  kann,  und  daß  das  Minimum  oder  Null  der  Ersatz
des  Kapitals  sein  wird;  denn  jenseits  des  einen  Punktes  würde  das
Morgen  von  Kapital  einen  Verlust  einschließen,  und  unter  dem  anderen
sich  das  Kapital  nicht  erhalten.
Man  beachte  andererseits,  daß  es  nicht,  wie  von  einigen  Schrift-1
  ellern  fälschlich  behauptet  wird,  die  der  Arbeit  durch  die  Richtung  von
apital  auf  eine  besondere  Form  oder  Verwendung  verliehene  größere
.^'stungsfähigkeit  ist,  was  dies  Maximum  feststellt,  sondern  die  durchschnittliche ­
  Vermehrungsfähigkeit,  welche  dem  Kapital  im  allgemeinen
wnewohnt.  Die  Fähigkeit,  sich  auf  vorteilhafte  Formen  zu  richten,  ist
ur  der  Arbeit  eigen,  und  das  Kapital  als  solches  kann  sie  weder  für  sich
^anspruchen  noch  an  ihr  Teil  haben.  Bogen  und  Pfeile  werden  einen
Dndlaner  in  den  Stand  setzen,  etwa  täglich  einen  Büffel  zu  töten,  wäh-^vd
  er  mit  Stöcken  und  Steinen  schwerlich  jede  Woche  einen  fällen
        <pb n="167" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

könnte;  aber  der  Waffenschmied  des  Stammes  kann  nicht  von  dein
Jäger  je  den  siebenten  der  getöteten  Büffel  als  Entgelt  für  den  Gebrauch ­
  des  Bogens  und  der  -Pfeile  beanspruchen,  so  wenig  wie  das  in
einer  Wollenwarenfabrik  angelegte  Kapital  dem  Kapitalisten  den  Unterschied ­
  zwischen  der  Produktion  der  Fabrik  und  dem,  was  die  gleiche
Summe  von  Arbeit  mit  Spinnrad  und  Bandstuhl  erzielt  haben  würde,
eintragen  wird.  Wenn  Wilhelm  von  Jakob  einen  Hobel  borgt,  erlangt
er  damit  nicht  den  Vorteil  der  durch  den  Hobel  erzielten  größeren  Arbeitsleistung ­
  gegenüber  der  Arbeitsleistung  mittels  einer  Muschel  oder  eines
Feuersteins.  Der  Fortschritt  der  Kenntnisse  hat  den  in  der  Verwendung
von  Hobeln  liegenden  Vorteil  zu  einem  Gemeingut  der  Arbeit  gemacht. ­
  Mas  Wilhelm  von  Jakob  erhält,  ist  nur  derjenige  vorteil,  den
eine  Jahresfrist  dem  Besitz  eines  Kapitals,  wie  der  Hobel  es  darstellt,
verleiht.
Wenn  nun  die  vitalen  Kräfte  der  Natur,  welche  dem  Element
der  Zeit  einen  Vorteil  gewähren,  die  Ursache  des  Zinses  sind,  so  scheint
daraus  zu  folgen,  daß  der  höchste  Zinssatz  durch  die  Stärke  dieser  Kräfte
und  durch  die  Ausdehnung,  in  welcher  sie  in  der  Produktion  beschäftigt
sind,  bestimmt  werden  müsse.  Während  jedoch  die  Zeugungskraft  der
Natur  ungemein  verschieden  ist,  wie  z.  B.  zwischen  dem  Lachs,  der
Tausende  von  Eiern  setzt,  und  dem  Walfisch,  welcher  in  Zwischenräumen
von  Jahren  nur  ein  Junges  wirft,  zwischen  dem  Kaninchen  und  dem
Elefanten,  der  Distel  und  der  Riesenfichte,  so  ergibt  sich  aus  der  Art
und  Weise,  wie  das  natürliche  Gleichgewicht  erhalten  wird,  daß  eine
Ausgleichung  zwischen  den  zeugenden  und  zerstörenden  Kräften  der
Natur  besteht,  welche  in  Wirklichkeit  das  Vermehrungsprinzip  auf  einen
gleichförmigen  Punkt  bringt.  Dies  natürliche  Gleichgewicht  vermag
der  Mensch  innerhalb  enger  Grenzen  zu  stören,  und  er  kann  durch  Veränderung ­
  der  natürlichen  Bedingungen  aus  der  wechselnden  Stärke
der  Zeugungskraft  in  der  Natur  nach  Belieben  Nutzen  ziehen.  Aber
wenn  er  dies  tut,  dann  entspringt  aus  dem  weiten  Spielraum  seiner
Wünsche  ein  anderes  Prinzip,  welches  in  der  Vermehrung  der  Güter
eine  ähnliche  Ausgleichung,  ein  ähnliches  Gleichgewicht  zuwege  bringt,
wie  das,  welches  in  der  Natur  unter  den  verschiedenen  Formen  des
Lebens  besteht.  Diese  Ausgleichung  zeigt  sich  in  den  Preisen.  Werden
in  einem  dazu  geeigneten  Lande  von  mir  Kaninchen,  von  einem  anderen
Pferde  aufgezogen,  so  können  meine  Kaninchen,  bis  die  natürliche  Grenze
erreicht  ist,  schneller  zunehmen  als  seine  Pferde.  Mein  Kapital  jedoch
wird  nicht  schneller  zunehmen,  denn  die  Wirkung  der  verschiedenen
Zunahmeverhältnisse  wird  sein,  den  Wert  der  Kaninchen  im  Vergleich
zu  den  Pferden  herabzudrücken  und  den  Wert  der  Pferde  im  Vergleich
zu  den  Kaninchen  zu  erhöhen.
Obgleich  die  verschiedene  Stärke  der  vitalen  Kräfte  der  Natur
ausgeglichen  wird,  so  kann  doch  auf  den  verschiedenen  Stufen  der
sozialen  Entwicklung  ein  Unterschied  in  der  verhältnismäßigen  Aus ­
        <pb n="168" />
        Kap.  V.

Das  Gesetz  des  Zinses.

155

dehnung  bestehen,  bis  zu  welcher  diese  vitalen  Kräfte  in  der  Gesamtproduktion ­
  in  Anspruch  genommen  werden.  In  dieser  Beziehung  ist
jedoch  Zweierlei  zu  bemerken.  Erstens:  wenn  auch  in  einem  Lande
wie  England  der  Anteil  der  Industrie  an  der  Gesamtproduktion  im
vergleich  zum  Ackerbau  sehr  überwiegend  ist,  so  muß  doch  beachtet
werden,  daß  wir  es  hier  nur  mit  einer  politischen  oder  geographischer:
Abgrenzung,  nicht  mit  der  ganzen  Industrie-Republik  zu  tun  haben.
Denn  Industrie-Republiken  werden  nicht  durch  politische  Grenzen
oder  durch  Berge  und  Meere  begrenzt.  Sie  werden  nur  begrenzt  durch
den  Spielraum  ihrer  Tausche,  und  das  Verhältnis,  in  welchem  in  der
Nationalwirtschaft  Englands  dessen  Ackerbau  und  Viehzucht  zu  seinen
Fabriken  steht,  wird  durch  Iowa  und  Illinois,  Texas  und  Kalifornien,
Kanada  und  Indien,  Tueensland  und  die  Ostsee,  kurz  durch  alle  Länder,
auf  welche  sich  der  weltweite  Handel  Englands  erstreckt,  ausgeglichen.
Zweitens:  obgleich  in  dem  Fortschritt  der  Zivilisation  die  Tendenz
auf  die  relative  Vermehrung  der  Industrie  im  Vergleich  zum  Ackerbau
und  folglich  auf  eine  verhältnismäßig  geringere  Inanspruchnahme  der
Zeugungskräfte  der  Natur  gerichtet  ist,  so  ist  dies  doch  von  einer  entsprechenden ­
  Ausdehnung  des  Handels  und  deshalb  von  einer  größeren
Inanspruchnahme  der  daraus  entspringenden  Vermehrungsfähigkeit
begleitet.  So  gleichen  sich  diese  Tendenzen  größtenteils,  oder  bis  Dato
wahrscheinlich  vollständig  aus  und  erhalten  das  Gleichgewicht,  welches
die  durchschnittliche  Kapitalzunahme  oder  den  normalen  Zinsfuß  bestimmt. ­

Dieser  normale  Punkt  des  Zinses  nun,  welcher  zwischen  dem  notwendigen ­
  Maximum  und  dem  notwendigen  Minimum  des  Kapitalertrages ­
  liegt,  muß,  wo  er  sich  auch  befindet,  ein  solcher  sein,  daß,  alle
Dinge  in  Betracht  gezogen  (wie  das  Gefühl  der  Sicherheit,  das  verlangen
nach  Anhäufung  usw.),  die  Belohnung  des  Kapitals  und  die  Belohnung
der  Arbeit  gleich  sind,  d.  h.  ein  gleich  anreizendes  Resultat  für  die  anzuwendenden ­
  Anstrengungen  und  Opfer  bieten.  Ls  ist  vielleicht  unmöglich, ­
  diesen  Punkt  zu  formulieren,  weil  der  Lohn  gewöhnlich  nach
der  ganzen  Quantität  veranschlagt  wird,  der  Zins  dagegen  ein  Prozentsatz ­
  ist;  aber  wenn  wir  eine  gegebene  Menge  von  Gütern  als  Produkt
einer  gegebenen  Summe  von  Arbeit  unter  zeitweiliger  Mitwirkung
eines  gewissen  Kapitalbetrages  ansehen,  so  würde  das  Verhältnis,
m  welchem  das  Produkt  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital  geteilt
wird,  einen  vergleich  bieten.  Es  muß  einen  Punkt  geben,  um  de::  der
Zinsfuß  sich  zu  fixieren  strebt,  da,  wenn  ein  solches  Gleichgewicht  nicht
hergestellt  wäre,  die  Arbeit  die  Verwendung  von  Kapital  nicht  akzeptieren
oder  das  Kapital  nicht  zur  Verfügung  der  Arbeit  gestellt  werden  würde.
Denn  Arbeit  und  Kapital  sind  nur  verschiedene  Formen  desselben
Dinges  —  der  menschlichen  Anstrengung.  Das  Kapital  wird  durch  die
Arbeit  geschaffen;  es  ist  tatsächlich  nur  auf  Stoff  verwendete,  in  Stoff
angehäufte  Arbeit,  die  wieder  frei  wird,  wenn  sie  nötig  ist,  wie  die  in
        <pb n="169" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

*56

Buch  III.

t

den  Kohlen  gebundene  Sonnenhitze  im  Hochofen  wieder  frei  wird.
Die  Verwendung  von  Kapital  in  der  Produktion  ist  deshalb  nur  eine
Form  der  Arbeit.  Wie  das  Kapital  nur  durch  Verbrauch  benutzt  werden
kann,  so  ist  dessen  Benutzung  ein  Aufwand  von  Arbeit,  und  unr  intakt
erhalten  zu  werden,  muß  das  Kapital  durch  die  Arbeit  in  gleichem  Umfang ­
  hervorgebracht  als  bei  Unterstützung  der  Arbeit  verbraucht  werden.
Daher  bewirkt  auch  das  Prinzip,  welches  bei  freier  Konkurrenz  den
Lohn  auf  ein  gemeinsames  Niveau  bringt  und  den  Gewinn  im  wesentlichen ­
  gleichmäßig  gestaltet  —das  Prinzip,  daß  die  Menschen  ihre  wünsche
mit  der  wenigsten  Anstrengung  zu  befriedigen  suchen  werden  —-  dieses
Prinzip  bewirkt  auch,  daß  das  Gleichgewicht  zwischen  Lohn  und  Zins
hergestellt  und  erhalten  wird.
Diese  natürliche  Beziehung  zwischen  Zins  und  Lohn  —  dies  Gleichgewicht, ­
  bei  welchem  beide  für  gleiche  Anstrengungen  gleiche  Erträge
darstellen  werden  —  kann  in  einer  Form  dargelegt  werden,  die  eine
Gegensätzlichkeit  andeutet,  doch  ist  diese  Gegensätzlichkeit  nur  eine  scheinbare. ­
  Bei  einer  Teilhaberschaft  zwischen  Richard  und  Heinrich  ist  in
der  Angabe,  daß  Richard  einen  gewissen  Teil  des  Gewinns  erhält,  zugleich ­
  mit  ausgesprochen,  daß  der  Anteil  Heinrichs  kleiner  oder  größer
ist,  je  größer  oder  kleiner  der  Richards  ist;  wo  aber,  wie  in  unserem  Falle,
jeder  nur  das  erhält,  was  er  dem  gemeinschaftlichen  Fonds  hinzufügt,
da  verringert  die  Zunahme  des  Anteils  des  einen  nicht  das,  was  der
andere  erhält.
Ist  diese  Beziehung  festgestellt,  so  ist  es  klar,  daß  Zins  und  Lohn
zusammen  steigen  und  fallen  müssen,  und  daß  ersterer  nicht  steigen  kann,
ohne  daß  auch  letzterer  steigt,  noch  daß  der  Lohn  sinken  kann,  ohne  auch
den  Zins  herabzudrücken.  Denn  wenn  der  Lohn  sinkt,  muß  auch  der
Zins  im  Verhältnis  sinken,  sonst  wird  es  vorteilhafter,  Arbeit  in  Kapital
&amp;gt;  umzuwandeln  als  sie  direkt  aufzuwenden,  während,  wenn  der  Zins
sinkt,  der  Lohn  ebenfalls  entsprechend  sinken  muß,  da  sonst  die  Vermehrung ­
  des  Kapitals  verhindert  werden  würde.
Wir  sprechen  natürlich  nicht  von  besonderen  Löhnen  und  besonderen
Zinsen,  sondern  von  den  allgemeinen  Lohnsätzen  und  dem  allgemeinen
Zinsfuß,  und  verstehen  unter  Zinsen  immer  den  Ertrag,  welchen  das
Kapital  abzüglich  Versicherung  und  Unternehmerlohn  erzielen  kann.
Zn  einem  besonderen  Falle  oder  in  einer  besonderen  Verwendung  kann
die  Tendenz  des  Lohnes  und  Zinses  nach  einem  Gleichgewicht  gehindert
werden,  aber  zwischen  dem  allgemeinen  Lohnsatz  und  dem  allgemeinen
Hinssuß  muß  sie  ohne  Verzug  wirken.  Denn  obschon  in  einem  besonderen
Produktionszweige  die  Linie  zwischen  denen,  welche  die  Arbeit,  und
denen,  welche  das  Kapital  liefern,  scharf  gezogen  sein  mag,  so  gehen
doch  selbst  in  den  Ländern,  wo  der  schärfste  Unterschied  zwischen  Arbeitern
und  Kapitalisten  besteht,  diese  beiden  Klassen  durch  kaum  bemerkbare
Abstufungen  ineinander  über,  und  am  äußersten  Rande,  wo  die  beiden
Klassen  sich  in  denselben  Personen  vereinigen,  kann  die  Wechselwirkung,
        <pb n="170" />
        Kap.  V.

Das  Gesetz  des  Zinses.

*57

die  das  Gleichgewicht  herstellt  oder  vielmehr  dessen  Störung  verhindert,
ohne  Schwierigkeit  vor  sich  gehen,  welche  Hindernisse  auch  bestehen
mögen,  wo  die  Trennung  eine  vollständige  ist.  Und  ferner  muß  man  sich
erinnern,  daß,  wie  früher  bemerkt  wurde,  das  Kapital  nur  ein  Teil  der
Güter  ist  und  sich  von  den  Gütern  im  allgemeinen  nur  durch  den  Zweck,
dem  es  gewidmet  ist,  unterscheidet;  und  daher  hat  die  Gesamtheit  der
Güter  auf  die  Beziehungen  zwischen  Kapital  und  Arbeit  dieselbe  ausgleichende ­
  Wirkung,  wie  ein  Schwungrad  auf  die  Bewegung  der  Maschine: ­
  sie  nimmt  Kapital  auf,  sobald  zu  viel  vorhanden  ist  und  läßt  es
wieder  los,  sobald  Mangel  daran  entsteht,  ähnlich  wie  ein  Juwelier
seiner  Frau  Diamanten  zum  Tragen  geben  kann,  wenn  er  Überfluß
daran  hat  und  sie  wieder  in  seinem  Laden  ausstellt,  wenn  sein  Vorrat
zusammengeschmolzen  ist.  So  muß  jede  Tendenz  des  Zinsfußes,  über
das  Gleichgewicht  mit  dem  Lohne  zu  steigen,  sofort  nicht  nur  eine  Tendenz
erzeugen,  Arbeit  auf  die  Produktion  von  Kapital,  sondern  auch  die  Verwendung ­
  von  Gütern  aus  die  Zwecke  des  Kapitals  zu  lenken,  während
jede  Tendenz  des  Lohnes,  sich  über  das  Gleichgewicht  mit  dem  Zins
zu  erheben,  in  gleicher  Weise  nicht  nur  eine  Tendenz  erzeugen  muß,
Arbeit  von  der  Kapitalproduktion  abzulenken,  sondern  auch  das  Verhältnis ­
  des  Kapitals  dadurch  zu  vermindern,  daß  manche  der  Güter,
aus  denen  das  Kapital  besteht,  von  produktiven  Zwecken  auf  nichtproduktive ­
  abgeleitet  werden.
Rekapitulieren  wir:  Zwischen  Lohn  und  Zins  besteht,  durch  Ursachen ­
  festgestellt,  die,  wenn  sie  auch  nicht  absolut  dauernd  sind,  sich  doch
nur  langsam  verändern,  eine  gewisse  Beziehung  oder  ein  gewisses  Verhältnis, ­
  unter  welchem  genug  Arbeit  in  Kapital  verwandelt  werden
wird,  um  das  Kapital  zu  liefern,  das  nach  dem  Grade  der  Kenntnisse,
dem  Stande  der  Gewerbe,  der  Dichtigkeit  der  Bevölkerung,  dem  Tharakter
  der  Beschäftigungen,  der  Verschiedenheit,  Ausdehnung  und
Schnelligkeit  der  Tausche  für  die  Produktion  verlangt  wird,  und  diese
Beziehung  oder  dies  Verhältnis  erhält  beständig  die  Wechselwirkung
Zwischen  Arbeit  und  Kapital;  daher  muß  der  Zins  mit  dem  Lohn  zusammen ­
  steigen  und  fallen.
Hier  ein  Beispiel:  der  Preis  des  Mehls  wird  durch  den  Weizenpreis ­
  und  die  Kosten  des  Mahlens  bestimmt.  Der  Preis  des  Mahlens
variiert  langsam  und  nur  wenig,  so  daß  der  Unterschied,  selbst  bei  langen
Zwischenräumen,  kaum  bemerkbar  ist,  während  der  Weizenpreis  häufig
und  bedeutend  fluktuiert.  Daher  sagen  wir  richtig,  daß  der  Preis  des
^ehls  durch  den  Preis  des  Weizens  beherrscht  wird..  Oder,  um  den
batz  in  dieselbe  Form  zu  bringen,  wie  den  vorhergehenden:  zwischen
^nr  Preise  des  Weizens  und  dem  preise  des  Mehles  besteht  eine  gewisse
^aziehung  oder  ein  gewisses  Verhältnis,  das  durch  die  Kosten  des
Mahlens  festgestellt  wird,  ein  Verhältnis,  das  die  Wechselwirkung
Zwischen  der  Nachfrage  nach  Mehl  und  dem  Angebot  von  Weizen  be ­
        <pb n="171" />
        *58

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

ständig  erhält;  daher  muß  der  Preis  des  Mehles  steigen  und  fallen  mit
dem  Steigen  und  fallen  des  Weizenpreises.
Oder  wie  wir  mit  Beifeitelassung  des  verbindenden  Gliedes,  des
Weizenpreises,  sagen,  daß  der  Preis  des  Mehls  von  dem  Ausfall  der
Ernten,  von  Kriegen  usw.  abhänge,  so  können  wir  das  Gesetz  des  Zinses
in  eine  Form  bringen,  die  direkt  an  das  Gesetz  der  Rente  anschließt,
indem  wir  sagen,  daß  der  allgemeine  Zinsfuß  bestimmt  wird  durch  den
Ertrag  des  Kapitals  auf  dem  ärmsten  Boden,  dem  sich  dasselbe  überhaupt
zuwendet,  d.  h.  auf  dem  besten,  der  ihm  ohne  Rentenzahlung  zugänglich
ist.  So  bringen  wir  das  Zinsgesetz  in  eine  Form,  die  dasselbe  als  ein
Korrelat  des  Gesetzes  der  Rente  ausweist.
Wir  können  diese  Folgerung  noch  auf  eine  andere  Art  beweisen;
denn  daß  der  Zins  in  dem  Maße  fallen  muß  wie  die  Rente  steigt,  können
wir  klar  sehen,  wenn  wir  den  Lohn  beiseite  lassen.  Um  dies  zu  tun,
müssen  wir  uns  allerdings  eine  nach  ganz  verschiedenen  Prinzipien
organisierte  Welt  vorstellen.  Immerhin  können  wir  uns  jenen  Zustand
vorstellen,  den  Larlyle  ein  Narrenparadies  nennt,  und  wo  die  pervorbringung
  der  Güter  ohne  Mitwirkung  der  Arbeit  und  nur  durch  die
zeugende  Macht  des  Kapitals  vor  sich  geht,  wo  die  Schafe  fertige  Kleider
auf  ihren  Rücken  tragen,  die  Kühe  Butter  und  Käse  hergeben  und  die
Ochsen,  nachdem  sie  den  erforderlichen  Grad  von  Fett  erlangt  haben,
sich  in  Beefsteaks  und  Roastbeefs  tranchieren,  wo  päuser  aus  der  Erde
wachsen  und  ein  hingeworfenes  Taschenmesser  Wurzel  faßt  und  in
gehöriger  Zeit  eine  Ernte  von  assortierten  Eisenwaren  bringt.  Stellen
wir  uns  nun  gewisse  Kapitalisten  vor,  die  mit  ihren  Kapitalien  an  einen
solchen  Ort  kommen.  Offenbar  würden  sie  als  Ertrag  ihres  Kapitals
die  ganze  Summe  der  Güter,  die  es  hervorbrachte,  nur  so  lange  erhalten,
als  nichts  von  dessen  Produkten  für  Grundrente  gefordert  wird;  sobald
Rente  entsteht,  muß  sie  aus  dem  Ertrage  des  Kapitals  kommen,  und
je  nachdem  sie  steigt,  muß  der  Ertrag  des  Kapitalbesitzers  notwendig
sinken.  Stellen  wir  uns  vor,  der  Ort,  wo  das  Kapital  die  Fähigkeit
besitzt,  Güter  ohne  Mitwirkung  der  Arbeit  zu  erzeugen,  sei  von  geringer
Ausdehnung  —  sagen  wir  z.  B.  eine  Insel  —  so  werden  wir  sehen,
daß,  sobald  das  Kapital  sich  bis  zur  Grenze  der  Aufnahmefähigkeit
der  Insel  vermehrt  hat,  sein  Ertrag  auf  einen  Punkt  sinken  muß,  der  nur
ganz  wenig  über  dem  Minimum  des  bloßen  Ersatzes  liegt;  und  die
Grundbesitzer  würden  fast  das  ganze  Produkt  als  Rente  erhalten,  denn
den  Kapitalisten  bliebe  keine  andere  Wahl,  als  ihr  Kapital  ins  Meer
zu  werfen.  Oder  stellen  wir  uns  vor,  die  Insel  stehe  in  Verbindung  mit
der  übrigen  Welt,  so  würde  der  Ertrag  des  Kapitals  sich  auf  den  in
anderen  Orten  üblichen  Satz  stellen.  Der  Zinsfuß  würde  daselbst  weder
höher  noch  niedriger  sein  als  anderswo.  Die  Rente  würde  den  größeren
Nutzen  ganz  verschlingen,  und  der  Grund  und  Boden  der  Insel  würde
einen  großen  wert  haben.
        <pb n="172" />
        Kap.  VI.

Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.

Um  jetzt  den  Schluß  zu  ziehen,  so  lautet  das  Gesetz  des  Zinses
folgendermaßen:
Das  Verhältnis  zwischen  Lohn  und  Zins  wird
bestimmt  durch  die  durchschnittliche  Zunahmefähigkeit, ­
  welche  dem  Kapital  in  seiner  Verwendung
zu  reproduktiven  Zwecken  eigen  ist.  Sobald  Rente
entsteht,  wird  der  Zins  sinken,  je  nachdem  der
Lohn  sinkt,  d.  h.  er  wird  durch  die  Grenze  des
Anbaus  bestimmt  werden.
Ich  habe  mich  in  dieser  Ausführlichkeit  bemüht,  das  Gesetz  des
Zinses  klar  zu  stellen  und  zu  erläutern,  mehr  der  bestehenden  Terminologie ­
  und  Gedankenrichtung  wegen,  als  weil  es  unsere  Untersuchung
selbst  erforderte,  wenn  sie  nicht  durch  dichte  Nebel  von  Trugschlüssen
umdüstert  wäre.  Zn  Wahrheit  teilten  sich  die  Güter  bei  der  Verteilung
ursprünglich  nur  in  zwei,  nicht  in  drei  Teile.  Das  Kapital  ist  nur  eine
Form  der  Arbeit,  und  seine  Unterscheidung  von  der  Arbeit  ist  in  Wirklichkeit ­
  nur  eine  Abteilung,  genau  wie  die  Einteilung  der  Arbeit  in
qualifizierte  und  unqualifizierte  Arbeit,  wir  haben  in  unserer  Untersuchung ­
  denselben  jdunkt  erreicht,  zu  dem  wir  gelangt  sein  würden,
wenn  wir  das  Kapital  einfach  als  eine  Form  der  Arbeit  behandelt  und
das  Gesetz  gesucht  hätten,  welches  den  Ertrag  zwischen  der  Rente  und
dem  Lohn  teilt,  d.  h.'  zwischen  den  Besitzern  der  beiden  Faktoren,  der
uatürlichen  Stoffe  und  Kräfte  einerseits  und  der  menschlichen  Betätigung
andererseits,  welche  beide  Faktoren  durch  ihre  Vereinigung  alle  Güter
hervorbringen.1

Kapitel  VI.
Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.
Wir  haben  durch  Folgerung  das  Gesetz  des  Lohnes  bereits  erlangt.
M  aber  die  Schlußfolge  zu  prüfen  und  den  Gegenstand  von  allen  Zweieutigkeiten
  zu  befreien,  wollen  wir  das  Gesetz  von  einem  unabhängigen
usgangspunkte  aus  suchen.
.  Es  gibt  natürlich  nicht  so  etwas  wie  einen  gemeinsamen  Lohnsatz
^  dem  Sinne,  wie  zeitlich  und  örtlich  ein  gemeinsamer  Zinsfuß  bestebt.
Ni^i°hn,  welcher  alle  durch  Arbeit  erzielten  Erträge  einschließt,  variiert
,§  je  nach  den  verschiedenen  Gaben  der  einzelnen,  sondern  auch
verwickelter  die  Einrichtungen  der  Gesellschaft  werden,  ganz  bedeutend
nach  ,  den  Beschäftigungen.  Nichtsdestoweniger  besteht  ein  gewisser
^oureiner  Zusammenhang  unter  allen  Löhnen,  so  daß  wir  einen
di/^n^d  verständlichen  Gedanken  ausdrücken,  wenn  wir  sagen,  daß
--ohne  zu  einer  Zeit  oder  an  einem  Ort  höher  oder  niedriger  sind
        <pb n="173" />
        *60

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

als  an  anderen.  In  ihren  Graden  steigen  und  fallen  die  Löhne  einem
gemeinsamen  Gesetze  zufolge,  welches  ist  dies  Gesetz?
Das  Fundamentalprinzip  menschlicher  Tätigkeit  —  das  Gesetz
welches  für  die  Nationalökonomie  dasselbe  ist,  wie  das  Gesetz  der  Schwere
für  die  Physik  —  besteht  darin,  daß  die  Menschen  ihre  wünsche  mit
der  geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen  suchen.  Offenbar  muß  dies
Prinzip  durch  die  Konkurrenz,  die  es  veranlaßt,  den  Lohn,  der  unter
gleichen  Verhältnissen  durch  gleiche  Anstrengungen  erzielt  wird,  ausgleichen. ­
  Arbeiten  die  Leute  für  sich,  so  wird  diese  Ausgleichung  stark
durch  den  Ausgleich  der  Preise  beeinflußt  werden,  und  zwischen  denjenigen, ­
  welche  für  sich  arbeiten  und  denjenigen,  welche  für  andere
arbeiten,  wird  das  gleiche  Streben  nach  Ausgleichung  obwalten,  welches
werden  nun  diesem  Prinzip  zufolge  in  einem  Zustande  der  Freiheit
die  Bedingungen  sein,  unter  denen  jemand  andere  dingen  kann,  damit
sie  für  ihn  arbeiten?  Offenbar  werden  sie  dadurch  bestimmt  werden,
was  die  Leute  verdienen  können,  wenn  sie  für  sich  arbeiten.  Das  Prinzip,
welches  ihn  verhindern  wird,  ihnen  mehr  zu  geben,  als  was  nötig  ist,
um  sie  zu  der  Änderung  zu  veranlassen,  wird  andererseits  sie  verhindern,
weniger  zu  nehmen.  Verlangten  sie  mehr,  so  würde  die  Konkurrenz
anderer  sie  keine  Beschäftigung  finden  lassen.  Böte  er  weniger,  so  würde
niemand  die  Bedingungen  annehmen,  da  sie  mehr  verdienen,  wenn  sie
für  sich  arbeiten.  Obgleich  somit  der  Arbeitgeber  so  wenig  als  möglich
zu  zahlen  und  der  Arbeiter  so  viel  als  möglich  zu  erhalten  wünscht,  wird
doch  der  Lohn  durch  den  wert  oder  Ertrag  bestimmt  werden,  den  die
Arbeit  für  die  Arbeiter  selbst  hat.  wird  der  Lohn  zeitweilig  über  oder
unter  diese  Linie  gebracht,  so  entsteht  unverzüglich  die  Tendenz,  sie  dahin
zurückzuführen.
Indes  hängt  das  Resultat  oder  der  verdienst  der  Arbeit,  wie  man
aus  den  ersten  und  ursprünglichsten  Beschäftigungen  aller  Arbeit,  die
auch  in  der  höchstentwickelten  Gesellschaftsverfassung  noch  die  Grundlage
der  Produktion  bilden,  leicht  ersehen  kann,  nicht  bloß  von  der  Wirksamkeit ­
  und  Oualität  der  Arbeit  selbst  ab.  Die  Güter  sind  das  Produkt
zweier  Faktoren,  des  Grund  und  Bodens  und  der  Arbeit,  und  was  eine
gegebene  Summe  von  Arbeit  leistet,  wird  je  nach  den  Naturvorteilen,
auf  die  sie  gerichtet  ist,  variieren.  Ist  dies  so,  so  wird  das  Prinzip,  daß
die  Menschen  ihre  wünsche  mit  der  geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen
suchen,  den  Lohn  an  das  Produkt  der  Arbeit  auf  dem  ihr  zugänglichen
Punkte  der  höchsten  natürlichen  Produktivität  knüpfen.  Kraft  desselben
Prinzipes  wird  der  der  Arbeit  zugängliche  höchste  Punkt  der  natürlichen
Produktivität  unter  obwaltenden  Verhältnissen  der  niedrigste  Punkt
sein,  bei  welchem  die  Produktion  fortdauert;  denn  die  Menschen,  angetrieben ­
  durch  ein  höchstes  Gesetz  des  menschlichen  Geistes,  die  Befriedigung ­
  ihrer  wünsche  mit  der  geringsten  Anstrengung  zu  suchen,
werden  keine  Arbeit  bei  einem  niedrigeren  Punkte  der  Ergiebigkeit
aufwenden,  solange  ihnen  ein  höherer  offen  steht.  Somit  wird  der
        <pb n="174" />
        Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.

\6\

Kap.  VI.

Lohn,  den  ein  Arbeitgeber  zahlen  muß,  durch  den  niedrigsten  Punkt
der  natürlichen  Produktivität  bemessen  werden,  bis  zu  dem  die  Produktion ­
  reicht,  und  der  Lohn  wird  steigen  und  fallen,  je  nachdem  dieser
Punkt  steigt  oder  fällt.
Hier  ein  Beispiel:  Zn  einem  einfachen  Gesellschaftszustande  arbeitet
jedermann,  wie  dies  der  ursprüngliche  Gebrauch  ist,  für  sich  selbst,
einige  z.  B.  jagen,  andere  fischen,  wieder  andere  bebauen  den  Boden.
Wir  wollen  annehmen,  daß  der  Anbau  gerade  begonnen  habe  und  das
in  Gebrauch  befindliche  Land  alles  von  gleicher  Güte  fei,  gleichen  Anstrengungen ­
  den  gleichen  Ertrag  gewähre.  Der  Lohn  —  denn  obgleich
es  weder  Arbeitgeber  noch  Arbeitnehmer  gibt,  gibt  es  doch  Lohn  —
wird  daher  den  vollen  Ertrag  der  Arbeit  darstellen  und  (mit  billiger
Berücksichtigung  des  Unterschiedes  in  der  Annehmlichkeit,  im  Risiko  usw.
unter  den  drei  Beschäftigungen)  im  Durchschnitt  gleich  sein,  d.  h.  gleiche
Anstrengungen  werden  gleiche  Resultate  ergeben,  wenn  nun  einer  von
ihnen  einige  seiner  Gefährten  zu  beschäftigen  wünscht,  so  daß  sie  für  ihn
und  nicht  für  sich  selbst  arbeiten,  so  muß  er  den  durch  diesen  vollen  durchschnittlichen ­
  Arbeitsertrag  normierten  Lohn  zahlen.
Lassen  wir  jetzt  einen  Zeitraum  verstreichen.  Der  Anbau  hat  sich
ausgedehnt  und  umfaßt  jetzt  Ländereien  verschiedener  Güte,  anstatt
von  einer  und  derselben.  Der  Lohn  wird  jetzt  nicht  mehr  wie  vordem
der  durchschnittliche  Arbeitsertrag  sein.  Er  wird  der  durchschnittliche
Arbeitsertrag  an  der  äußersten  Grenze  des  Anbaues  oder  der  Punkt
des  niedrigsten  Ertrages  fein.  Denn  da  die  Menschen  ihre  wünsche
viit  der  denkbar  geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen  suchen,  so  muß
der  Punkt  des  niedrigsten  Ertrages  der  Arbeit  in  der  Bodenkultur  ein
chit  dem  durchschnittlichen  Ertrage  des  Zagens  und  Kischens  übereinstimmendes ­
  Ergebnis  liefern*).  Die  Arbeit  wird  nicht  länger  gleichen
Anstrengungen  gleiche  Erträge  gewähren,  sondern  diejenigen,  welche
die  ihrige  auf  besseres  Land  verwenden,  werden  für  dieselbe  Anstrengung
Anen  größeren  Ertrag  erzielen  als  diejenigen,  welche  die  schlechteren
Ländereien  bebauen.  Der  Lohn  jedoch  wird  noch  immer  gleich  sein;
denn  dieser  Überschuß,  den  die  Bebauer  des  besseren  Landes  bekommen,
stl  in  Wahrheit  Grundrente  und  wird  demselben  einen  Wert  geben,
sobald  es  persönlichem  Besitz  unterworfen  fein  wird,  wenn  jetzt,  unter
diesen  veränderten  Umständen,  ein  Mitglied  dieses  Gemeinwesens
andere  zu  dingen  wünscht,  damit  sie  für  ihn  arbeiten,  so  wird  er  nur
so  viel  zu  zahlen  haben,  als  die  Arbeit  beim  niedrigsten  Punkte  des
Anbaus  erzielt.  Sinkt  später  die  äußerste  Grenze  desselben  auf  Punkte
l° n  immer  niedrigerer  Produktivität,  so  muß  auch  der  Lohn  sinken,
s  eigt  sie  dagegen,  so  muß  auch  der  Lohn  steigen,  denn,  gerade  wie  ein
Üe:  in  der  Luft  schwebender  Körper  den  kürzesten  weg  nach  dem  Mittel-*)
  Diese  Übereinstimmung  wird  durch  die  Ausgleichung  der  Preise  bewirkt  werden.
George,  Fortschritt  und  Armut.  I,
        <pb n="175" />
        162

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

punkte  der  Erde  einschlägt,  so  suchen  die  Menschen  den  leichtesten  weg
Zur  Befriedigung  ihrer  wünsche.
Pier  also  haben  wir  das  Gesetz  des  Lohnes  als  eine  Folgerung
aus  einem  ganz  klaren  und  allgemeingültigen  Prinzip.  Daß  der  Lohn
von  der  Grenze  des  Anbaus  abhängt,  daß  er  höher  oder  niedriger  sein
wird,  je  nachdem  der  Ertrag,  den  die  Arbeit  aus  den  höchsten  ihr  zugänglichen ­
  Naturvorteilen  erzielen  kann,  größer  oder  kleiner  ist,  entspringt'
demselben  Prinzip,  wie  daß  die  Menschen  ihre  Bedürfnisse  mit  der
geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen  suchen.
wenden  wir  uns  jetzt  von  einfachen  sozialen  Zuständen  zu  den
verwickelten  Erscheinungen  hoch  zivilisierter  Gesellschaften,  so  werden
wir  bei  genauerer  Prüfung  finden,  daß  sie  gleichfalls  unter  dies  Gesetz
fallen.
Zn  solchen  Gesellschaften  laufen  die  Löhne  weit  auseinander,
dennoch  aber  besteht  ein  mehr  oder  weniger  bestimmtes  und  sichtbares
Verhältnis  unter  ihnen.  Dieses  Verhältnis  ist  nicht  unveränderlich.
So  kann  einmal  ein  Philosoph  von  Ruf  durch  seine  Vorträge  vielfach
höheren  Lohn  als  der  beste  Handwerker  gewinnen,  während  er  ein
andermal  kaum  den  Lohn  eines  Bedienten  erhält;  oder  in  einer  großen
Stadt  können  gewisse  Beschäftigungen  relativ  hohen  Lohn  ergeben,
die  in  einer  neuen  Ansiedlung  relativ  niedrige  gewähren.  Dennoch
können  diese  Differenzen  im  Lohn  unter  allen  Verhältnissen  und  trotz
willkürlicher  Verschiedenheiten  infolge  von  Sitte,  Gesetz  usw.  auf  bestimmte ­
  Umstände  zurückgeführt  werden.  Zn  einem  feiner  interessantesten
Kapitel  zählt  Adam  Smith  folgende  Pauptumstände  auf,  „welche  einen
kleinen  Erwerb  in  einigen  Beschäftigungen  kompensieren  und  einem
großen  in  anderen  die  wage  halten:  erstens,  die  Annehmlichkeit  oder
Unannehmlichkeit  der  Beschäftigungen  selbst;  zweitens,  die  Leichtigkeit
und  Wohlfeilheit  oder  die  Schwierigkeit  und  Kostspieligkeit  des  Erlernens
derselben;  drittens,  die  Beständigkeit  oder  Unbeständigkeit  der  Beschäftigung ­
  darin;  viertens,  das  geringe  oder  große  Vertrauen,  welches
dieselben  erfordern;  fünftens,  die  Wahrscheinlichkeit  oder  Unwahrscheinlichkeit ­
  des  Erfolges  in  denselben"*).  Es  ist  nicht  nötig,  im  Detail  bei
diesen  Ursachen  der  Verschiedenheit  des  Lohnes  in  den  verschiedenen
Beschäftigungen  zu  verweilen.  Sie  sind  vortrefflich  erklärt  und  erläutert
durch  Adam  Smith  und  die  späteren  Nationalökonomen,  die  die  Details
sehr  gut  entwickelten,  wenn  ihnen  auch  die  Auffassung  des  Pauptgesetzes
nicht  glückte.
Die  Summe  aller  der  Umstände,  aus  welchen  die  Unterschiede
in  den  Löhnen  verschiedener  Beschäftigungen  entstehen,  läßt  sich  in
Angebot  und  Nachfrage  zusammenfassen,  und  man  kann  vollkommen
richtig  sagen,  daß  die  Löhne  in  den  verschiedenen  Berufszweigen  nach

*)  Letzteres,  was  dem  Element  des  Risikos  beim  Gewinn  analog  ist,  erklärt  die  bohen
Löhne  gesuchter  Advokaten,  Arzte,  Schauspieler  usw.
        <pb n="176" />
        Kap.  VI.

Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.

*63

den  Unterschieden  in  dein  Angebot  und  der  Nachfrage  von  Arbeitskräften
variieren  —wenn  man  unter  Nachfrage  den  Bedarf  der  gesamten  Gesellschaft ­
  an  Diensten  besonderer  Art  und  unter  Angebot  die  relative  Summe
von  Arbeitskräften  versteht,  welche  unter  den  bestehenden  Verhältnissen
zur  Leistung  dieser  besonderen  Dienste  bewogen  werden  können.  Obgleich
dies  aber  betreffs  der  relativen  Unterschiede  des  Lohns  richtig  ist,  so
werden  die  Worte  sinnlos,  wenn  man,  wie  es  häufig  geschieht,  sagt,
daß  der  allgemeine  Satz  des  Lohnes  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt ­
  werde.  Denn  Angebot  und  Nachfrage  sind  nur  relative  Ausdrücke.
Das  Angebot  von  Arbeit  kann  nur  ein  Angebot  von  Arbeit  gegen  andere
Arbeit  oder  deren  Produkt  bedeuten,  und  die  Nachfrage  nach  Arbeit
nur  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  oder  deren  Produkt  im  Tausch  gegen
Arbeit.  Das  Angebot  ist  somit  Nachfrage  und  die  Nachfrage  Angebot,
und  in  der  ganzen  Gesellschaft  muß  das  eine  genau  soweit  reichen  wie
das  andere.  Dies  ist  von  der  herrschenden  Nationalökonomie  in  bezug
auf  Verkäufe  klar  erkannt  worden,  und  die  Ausführungen  Ricardos,
Ulills  und  anderer,  welche  beweisen,  daß  Veränderungen  in  Angebot
und  Nachfrage  kein  allgemeines  Steigen  oder  Sinken  der  Preise  verursachen ­
  können,  obschon  sie  ein  Steigen  oder  fallen  im  Preise  eines
besonderen  Dinges  hervorbringen  können,  sind  gerade  so  gut  auf  die
Arbeit  anwendbar.  Was  die  Ungereimtheit,  im  allgemeinen  von  Angebot
und  Nachfrage  betreffs  der  Arbeit  zu  sprechen,  weniger  deutlich  macht,
das  ist  die  Gewohnheit,  die  Nachfrage  nach  Arbeit  als  dem  Kapital
entspringend  und  als  etwas  von  der  Arbeit  Verschiedenes  anzusehen;
aber  die  Analyse,  der  diese  Vorstellung  bis  hierher  unterworfen  worden
ist,  hat  ihren  Irrtum  genügend  bloßgelegt.  In  der  Tat  wird  dieser  Irrtum ­
  schon  durch  die  Wendung  klar,  daß  der  Lohn  nie  auf  die  Dauer  das
Produkt  der  Arbeit  übersteigen  kann,  und  daß  somit  kein  anderer  Fonds
besteht,  aus  dem  derselbe  längere  Zeit  gezogen  werden  könnte,  als  der,
den  die  Arbeit  beständig  erschafft.
Obwohl  aber  alle  die  Umstände,  welche  die  Unterschiede  in  den
Löhnen  unter  verschiedenen  Beschäftigungen  hervorbringen,  als  durch
Angebot  und  Nachfrage  wirkend  betrachtet  werden  können,  so  können
!ie  (oder  vielmehr  ihre  Wirkungen,  denn  bisweilen  wirkt  dieselbe  Ursache
"ach  beiden  Seiten  hin)  doch  in  zwei  Klassen  eingeteilt  werden,  je  nachdem ­
  sie  nur  scheinbaren  oder  aber  wirklichen  Lohn  steigern,  d.  h.  den
purchschnittslohn  für  gleiche  Anstrengung  erhöhen.  Die  hohen  Löhne
einiger  Berufszweige  sind  den  Lotteriegewinnen,  mit  denen  Adam
5inith  sie  vergleicht,  sehr  ähnlich:  der  große  Gewinn  des  einen  setzt
uch  aus  den  Verlusten  vieler  zusammen.  Dies  trifft  nicht  nur  in  den
^erufsarten  zu,  die  Adam  Smith  als  Beispiel  anführt,  sondern  besonders
^uch  für  den  Unternehmerlohn  kaufmännischer  Geschäfte,  wie  die  Tatsache
eweift,  daß  über  90  Prozent  aller  kaufmännischen  Firmen  schließlich
bankerott  machen.  Die  höheren  Löhne  der  Geschäfte,  die  nur  bei  geäster ­
  Witterung  betrieben  werden  können  oder  die  sonst  abwechselnd
U*
        <pb n="177" />
        Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

m

und  unsicher  sind,  gehören  ebenfalls  zu  dieser  Klasse;  während  Unterschiede, ­
  die  aus  der  Härte,  dem  Schimpfe  oder  der  Ungesundheit  eines
Berufes  entstehen,  Gpfer  involvieren,  deren  bessere  Entschädigung  nur
das  Niveau  des  gleichen  Ertrages  für  gleiche  Bemühungen  erhält.
Alle  diese  Unterschiede  sind  tatsächlich  Ausgleichungen,  die  aus  Umständen ­
  entstehen,  welche,  um  Adam  Smiths  Worte  zu  gebrauchen,
„den  kleinen  Erwerb  einiger  Beschäftigungen  kompensieren  und  dem
großen  Erwerb  in  anderen  die  wage  halten".  Außer  diesen  bloß  scheinbaren ­
  Unterschieden  gibt  es  aber  auch  unter  den  verschiedenen  Beschäftigungen ­
  wirkliche  Lohnunterschiede,  welche  durch  die  größere  oder
geringere  Seltenheit  der  erforderlichen  Eigenschaften  verursacht  werden  —
größere  Fähigkeiten,  höhere  Geschicklichkeit,  ob  natürliche  oder  erworbene,
erzielen  im  Durchschnitt  höheren  Lohn.  Diese  Eigenschaften  nun,  ob
natürliche  oder  erworbene,  sind  wesentlich  übereinstimmend  mit  den
Unterschieden  in  der  Kraft  und  Gewandtheit  der  Landarbeit,  und  wie  in
letzterer  der  einem  leistungsfähigen  Manne  bewilligte  höhere  Lohn  auf
dem  für  die  Durchschnittsleistung  bezahlten  Lohnsatz  beruht,  so  muß
der  Lohn  bei  Beschäftigungen,  die  höhere  Fähigkeiten  und  Geschicklichkeiten ­
  erfordern,  von  dem  für  gewöhnliche  Fähigkeiten  und  Geschicklichkeiten ­
  bezahlten  Lohn  abhängen.
Ls  ist  in  der  Tat  sowohl  erfahrungsmäßig,  wie  theoretisch  klar,
daß,  welche  Umstände  auch  die  Lohnunterschiede  in  verschiedenen  Beschäftigungen ­
  zuwege  bringen  mögen,  und  obgleich  dieselben  im  Verhältnis ­
  zueinander  häufig  variieren  und  zeitlich  und  örtlich  größere
oder  geringere  relative  Unterschiede  hervorbringen,  dennoch  der  Lohnsatz ­
  in  einer  Branche  immer  von  dem  in  einer  anderen  abhängig  ist,
und  so  fort  bis  die  niedrigste  und  breiteste  Schicht  des  Lohnes  in  denjenigen ­
  Beschäftigungen  erreicht  ist,  wo  die  Nachfrage  fast  immer  gleich
ist,  und  denen  man  sich  am  leichtesten  zuwenden  kann.
Denn  obgleich  mehr  oder  minder  schwer  zu  übersteigende  Schranken
bestehen,  ist  doch  die  Arbeitssumme,  die  einem  besonderen  Berufe  zugewendet ­
  werden  kann,  nirgends  eine  absolut  bestimmte.  Alle  Handwerker ­
  könnten  als  Tagelöhner  arbeiten  und  viele  Arbeiter  leicht  Handwerker ­
  werden;  alle  Lageristen  könnten  als  Verkäufer  fungieren  und
viele  Detaillisten  leicht  sich  auf  Lägern  einarbeiten;  viele  Landleute
würden  erforderlichenfalls  Jäger  oder  Bergwerksarbeiter,  Fischer  oder
Seeleute  werden,  und  viele  Jäger,  Bergleute,  Fischer  und  Seeleute
wissen  genug  vom  Feldbau,  um  Hand  mit  anzulegen,  wenn  es  nötig
sein  sollte.  In  jedem  Berufe  sind  Leute,  die  denselben  mit  einem  anderen
verbinden  oder  die  mit  mehreren  Berufszweigen  wechseln,  während
die  jungen  Leute,  welche  beständig  die  Reihen  der  Arbeit  ausfüllen,
in  die  Richtung  des  stärksten  Reizes  und  des  geringsten  Widerstandes
gezogen  werden.  Noch  mehr,  alle  Lohnabstufungen  laufen  durch  unbemerkbare ­
  Schattierungen  ineinander  über,  ohne  durch  klar  definierte
Abstände  getrennt  zu  sein.  Die  Löhne  selbst  der  schlechter  bezahlten
        <pb n="178" />
        Aap.  VI.

Der  Lohn  und  das  Lohngesetz.

*65

Handwerker  sind  gewöhnlich  höher  als  die  der  einfachen  Arbeiter,  aber
es  gibt  immer  einige  Handwerker,  die  im  Ganzen  nicht  so  viel  verdienen
als  manche  Arbeiter:  die  bestbezahlten  Advokaten  erhalten  viel  höhere
Löhne  als  die  bestbezahlten  Kommis,  aber  die  bestbezahlten  Kommis
verdienen  mehr  als  manche  Advokaten,  und  jedenfalls  verdienen  die
schlechtest  bezahlten  Kommis  mehr  als  die  schlechtest  bezahlten  Advokaten.
So  stehen  am  Rande  jedes  Berufes  diejenigen,  für  die  die  Aussichten
zwischen  einem  Berus  und  dem  anderen  sich  dermaßen  die  Wage  halten,
daß  die  geringste  Änderung  genügt,  um  ihre  Arbeit  nach  der  einen  oder
anderen  Richtung  hinzulenken.  Deshalb  kann  eine  Ab-  oder  Zunahme
in  der  Nachfrage  nach  einer  gewissen  Art  von  Arbeit  höchstens  vorübergehend ­
  die  Löhne  in  jenem  Berufszweige  über  oder  unter  das  in
anderen  Berufszweigen  herrschende  relative  Niveau  treiben,  das  durch
die  schon  vorhin  erläuterten  Umstände,  wie  relative  Annehmlichkeit,
Beständigkeit  der  Beschäftigung  usw.  bestimmt  wird.  Selbst  da,  wo  dieser
Wechselwirkung  künstliche  Schranken  entgegenstehen,  wie  beschränkende
Gesetze,  Zunft-  und  Kastenwesen  usw.,  können  sie  wohl  die  Erhaltung
dieses  Gleichgewichts  stören,  aber  nicht  aus  die  Dauer  verhindern.  Sie
wirken  nur  als  Dämme,  die  das  Wasser  des  Stromes  über  seine  natürliche ­
  Höhe  treiben,  aber  das  Überfließen  nicht  verhindern  können.
Obgleich  somit  die  Löhne  von  Zeit  zu  Zeit  ihr  Verhältnis  zueinander
ändern  mögen,  je  nachdem  die  Umstände  wechseln,  welche  die  relativen
Niveaus  bestimmen,  so  ist  es  doch  klar,  daß  der  Lohn  in  allen  verschiedenen
Schichten  schließlich  von  dem  Lohne  der  niedrigsten  und  breitesten  Schicht
abhängen  muß,  daß  somit  der  allgemeine  Lohnsatz  steigt  und  fällt,  je
Nachdem  jener  steigt  und  fällt.
Die  ursprünglichen  und  fundamentalen  Beschäftigungen/auf  denen
sozusagen  alle  anderen  beruhen,  sind  zweifellos  die,  welche  direkt  von
der  Natur  Güter  gewinnen;  deshalb  muß  deren  Lohngesetz  das  allgemeine ­
  Gesetz  des  Lohnes  sein.  Und  da  der  Lohn  in  diesen  Beschäftigungen ­
  klärlich  davon  abhängt,  was  die  Arbeit  bei  dem  niedrigsten
Punkte  der  natürlichen  Produktivität,  auf  dem  sie  gewöhnlich  noch  aufgewendet ­
  wird,  hervorzubringen  vermag,  so  hängt  der  Lohn  im  allgemeinen ­
  von  der  Grenze  des  Anbaus  ab,  oder  um  es  genauer  auszudrücken, ­
  von  dem  höchsten  Punkte  der  natürlichen  Produktivität,  zu
dem  die  Arbeit  ohne  Zahlung  von  Grundrente  Zutritt  hat.
So  einleuchtend  ist  dies  Gesetz,  daß  es  oft  begriffen  wurde,  ohne
unerkannt  zu  werden,  von  Ländern  wie  Kalifornien  und  Nevada  wird
oft  gesagt,  daß  billige  Arbeit  ihre  Entwicklung  außerordentlich  unterstützen ­
  würde,  da  dieselbe  die  Bearbeitung  der  ärmeren  aber  ausgedehnteren ­
  Goldablagerungen  gestatte.  Diejenigen,  die  so  reden,  begreifen
das  Verhältnis,  zwischen  niedrigem  Lohn  und  einem  niedrigen  Produktionspunkte, ­
  aber  sie  verwechseln  Ursache  und  Wirkung.  Nicht  der
juedrige  Lohn  ist  es,  der  die  Bearbeitung  geringhältiger  Erze  veranlaßt,
londern  es  ist  die  Ausdehnung  der  Produktion  auf  den  niedrigeren  Punkt,
        <pb n="179" />
        \66

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  III.

welche  den  Lohn  herabdrückt.  Könnte  der  Lohn  in  willkürlicher  weise
niedergedrückt  werden,  wie  es  bisweilen  durch  gesetzliche  Maßnahmen
versucht  worden  ist,  so  würden  die  ärmeren  Minen  nicht  bearbeitet
werden,  solange  reichere  bearbeitet  werden  können,  würde  hingegen
die  Grenze  der  Produktion  willkürlich  niedergehalten,  wie  es  z.  B.
der  Fall  sein  könnte,  wenn  die  höheren  Naturoorteile  in  den  fänden
solcher  Besitzer  wären,  welche  lieber  auf  weitere  Wertsteigerung  warteten,
als  ihre  Ausbeutung  jetzt  zu  gestatten,  dann  würderüdie  Löhne  notwendig
fallen.
Der  Beweis  ist  vollendet.  Das  Gesetz  der  Löhne,  das  wir  so  erlangt ­
  haben,  ist  das,  welches  wir  vorher  als  Korrelat  des  Rentengesetzes
erhielten,  und  es  stimmt  vollständig  mit  dem  Gesetz  des  Zinses  überein.
Ts  lautet:
Die  Löhne  hängen  von  der  Grenze  der  Produktion ­
  oder  von  dem  Produkt  ab,  welches  die
Arbeit  bei  dem  höchsten,  ihr  ohne  Zahlung  von
Grundrente  zugänglichen  Punkte  erzielen  kann.
Dies  Lohngesetz  bringt  in  Einklang  und  erklärt  allgemeine  Tatsachen, ­
  die  ohne  dessen  Verständnis  zusammenhanglos  und  widersprechend ­
  scheinen  würden.  Es  ergibt  sich  aus  demselben  folgendes:
wo  der  Grund  und  Boden  frei  und  die  Arbeit  durch  das  Kapital
ununterstützt  ist,  wird  der  ganze  Ertrag  der  Arbeit  als  Lohn  zufallen.
wo  der  Grund  und  Boden  frei  und  die  Arbeit  durch  das  Kapital
unterstützt  ist,  da  wird  der  Lohn  aus  dem  ganzen  Ertrag  bestehen,  abzüglich ­
  jenes  Teils,  der  nötig  ist,  um  zur  Anhäufung  von  Arbeit  zu
Kapital  zu  reizen.
wo  der  Grund  und  Boden  dem  Einzelbesitz  unterworfen  ist  und  die
Grundrente  entsteht,  da  wird  der  Lohn  bestimmt  werden  durch  das,
was  die  Arbeit  aus  den  höchsten,  ihr  ohne  Zahlung  von  Rente  offem
stehenden  Naturvorteilen  zu  erzielen  vermag.
wo  die  Naturvorteile  alle  monopolisiert  sind,  da  kann  der  Lohn
durch  die  Konkurrenz  unter  den  Arbeitern  auf  das  Minimum  gedrückt
werden,  bei  welchen  dieselben  sich  noch  fortpflanzen  können  und  wollen.
Dies  notwendige  Lohnminimum  (welches  von  Smith  und  Ricardo
der  Punkt  des  „natürlichen  Lohns"  genannt  wird,  und  das  Mill  als  den
Regulator  des  Lohns  ansieht,  der  höher  oder  niedriger  steht,  je  nachdem
die  Arbeiterklassen  sich  bei  einem  höheren  oder  niedrigeren  Stande
des  Wohlseins  fortpflanzen  können  und  wollen)  ist  jedoch  in  dem  Lohngesetz,
  wie  wir  es  eben  formuliert  haben,  mitenthalten,  da  offenbar
die  Grenze  der  Produktion  nicht  unter  den  Punkt  fallen  kann,  bei  dem
noch  ein  hinreichender  Lohn  bleibt,  um  die  Erhaltung  der  Arbeitskraft
zu  sichern.
Gleich  Ricardos  Rentengesetz,  dessen  Korrelat  es  ist,  trägt  dies
Lohngesetz  seinen  Beweis  in  sich  und  wird  durch  das  bloße  Aussprechen
selbstverständlich.  Denn  es  ist  nur  eine  Anwendung  der  zentralen  Wahr-
        <pb n="180" />
        Aap.  VI.

Der  Lohn  und  das  Lobngefetz.

1(67

beit,  die  die  Grundlage  alles  nationalökonomischen  Urteilens  ist,  daß
die  Menschen  ihre  wünsche  mit  der  geringsten  Anstrengung  zu  befriedigen
suchen.  Der  Durchschnittsmensch  wird  für  einen  Arbeitgeber,  alles  in
allem,  nicht  für  weniger  arbeiten,  als  er  verdienen  kann,  wenn  er  für
sich  selbst  arbeitet;  noch  wird  er  für  sich  selbst  für  weniger  arbeiten,  als
er  durch  Arbeiten  für  einen  Arbeitgeber  erlangen  kann,  und  somit  muß
der  Ertrag,  welchen  die  Arbeit  aus  den  ihr  zugänglichen  Naturvorteilen
ziehen  kann,  den  Lohn  bestimmen,  den  die  Arbeit  überall  erhält.  Das
heißt,  die  Linie  der  Grundrente  ist  der  notwendige  Maßstab  der  Linie  des
Lohns.  Zn  der  Tat  ist  die  Anerkennung  des  Rentengesetzes  von  der  vorherigen ­
  (obschon  in  vielen  Fällen  anscheinend  unbewußten)  Anerkennung
dieses  Lohngesetzes  abhängig.  Daß  Boden  von  einer  besonderen  «Dualität
als  Rente  den  Überschuß  seines  Ertrages  über  den  Ertrag  des  in  Benutzung ­
  befindlichen,  wenigst  produktiven  Landes  ergibt,  wird  nur  durch
das  Verständnis  der  Tatsache  klar,  daß  der  Besitzer  der  besseren  Bodendualität
  die  zur  Bebauung  seines  Landes  erforderlichen  Arbeitskräfte
durch  Zahlung  dessen  erlangen  kann,  was  dieselben  einbringen  würden,
wenn  sie  den  Boden  der  schlechteren  (Dualität  bearbeiteten.
Zn  seinen  einfacheren  Erscheinungen  wird  dies  Lohngesetz  durch
Leute  anerkannt,  die  sich  nicht  um  Nationalökonomie  kümmern,  gerade
wie  die  Tatsache,  daß  ein  schwerer  Körper  auf  die  Erde  niederfallen
wuß,  Leuten,  die  nie  an  das  Gesetz  der  schwere  dachten,  längst  bekannt
war.  Man  braucht  nicht  Philosoph  zu  sein,  um  zu  sehen,  daß,  wenn  in
einem  Lande  Naturvorteile  geboten  würden,  die  die  Arbeiter  in  den
Stand  setzen,  für  sich  selbst  höhere  Löhne  als  die  niedrigsten,  jetzt  bezahlten
Zu  erhalten,  der  allgemeine  Lohnsatz  steigen  müßte;  und  andererseits
wußten  auch  die  Unwissendsten  und  Einfältigsten  unter  den  Goldwäschern
des  früheren  Kaliforniens,  daß,  sobald  das  goldhaltige  Geröll  erschöpft
oder  der  Besitz  monopolisiert  würde,  die  Löhne  fallen  müßten.  Es  bedarf
keiner  fein  gesponnenen  Theorie,  um  zu  erklären,  warum  in  neuen
Ländern,  wo  der  Grundbesitz  noch  nicht  monopolisiert  ist,  der  Lohn  im
Verhältnis  zur  Produktion  so  hoch  ist.  Die  Ursache  liegt  ans  flacher  pand.
Ein  Mann  wird  nicht  für  einen  anderen  um  weniger  arbeiten,  als  seine
Arbeit  wirklich  einträgt,  wenn  er  ein  paar  Meilen  weiter  gehen  und
selbst  ein  Grundstück  erhalten  kann.  Erst  wenn  das  Land  monopolisiert
ist  und  diese  Naturvorteile  der  Arbeit  verschlossen  sind,  sehen  sich  die
Arbeiter  genötigt,  miteinander  um  Beschäftigung  zu  konkurrieren,  und
es  wird  dem  Grundbesitzer  möglich,  Leute  zu  mieten,  die  seine  Arbeit
iun,  während  er  sich  von  dem  Unterschiede  zwischen  dem,  was  ihre  Arbeit
erzeugt,  und  dem,  was  er  ihnen  dafür  zahlt,  erhält.
Adam  Smith  selbst  sah  wohl  die  Ursache  des  hohen  Lohns,  wo
^and  noch  im  Überfluß  vorhanden  ist,  aber  er  vermochte  die  Tragweite
und  den  Zusammenhang  der  Tatsache  nicht  zu  würdigen,  von  den
Arsachen  der  Prosperität  neuer  Kolonien  sprechend  (Kap.  7,  Buch  IV
es  Volkswohlstandes),  sagt  er:
        <pb n="181" />
        168

Buch  III.

Die  Gesetze  der  Verteilung.

„Jeder  Kolonist  erhält  inehr  Land,  als  er  bebauen  kann.  Er  hat  keine  Grundrente
und  kaum  irgendwelche  Abgaben  zu  zahlen.  ...  Er  ist  daher  darauf  bedacht,  von  allen
Seiten  Arbeiter  heranzuziehen  und  ihnen  die  liberalsten  Löhne  zu  zahlen.  Aber  diese
reichlichen  Löhne,  verbunden  mit  dem  Überfluß  und  der  Wohlfeilheit  des  Landes,
bewirken  sehr  bald,  daß  jene  Arbeiter  ihn  verlassen,  um  selbst  Besitzer  zu  werden  und
mit  gleicher  Liberalität  andere  Arbeiter  zu  bezahlen,  die  aus  demselben  Grunde,  aus
dem  sie  selbst  ihren  ersten  Herrn  verließen,  auch  sie  bald  wieder  verlassen  werden."
Das  zitierte  Kapitel  enthält  zahlreiche  Ausdrücke,  welche,  gleich
dein  Einleitungssatz  in  dein  Kapitel  vorn  Arbeitslohn,  beweisen,  daß
Adam  Smith  die  wahren  Gesetze  der  Güterverteilung  nur  darum  nicht
ausfindig  machte,  weil  er  sich  von  den  ursprünglicheren  Gesellschaftsformen ­
  abwandte  und  die  Grundprinzipien  in  den  verwickelteren  sozialen ­
  Erscheinungen  suchte,  wo  er  durch  eine  im  voraus  angenommene
Theorie  der  Funktionen  des  Kapitals,  und  wie  mir  scheint,  durch  eine
dunkle  Vorstellung  der  Doktrin  verblendet  wurde,  die  zwei  Zahre  nach
seinem  Tode  Malthus  formulierte.  Und  man  kann  die  nationalökonomischen ­
  Werke,  die  seit  Smith'  Zeit  sich  bemüht  haben,  diese  Wissenschaft
auszubauen  und  zu  erläutern,  unmöglich  lesen,  ohne  zu  sehen,  wie  sie
unaufhörlich  über  das  Lohngesetz  stolpern,  ohne  es  ein  einziges  Mal
zu  erkennen.  Und  doch,  „wenn  es  ein  pund  wäre,  würde  er  sie  beißen"!
Es  ist  wirklich  schwer,  dem  Eindruck  zu  widerstehen,  daß  einige  von  ihnen
dies  Gesetz  wohl  sahen,  aber  aus  Furcht  vor  den  praktischen  Schlüssen,
zu  denen  es  führen  mußte,  vorzogen,  es  lieber  zu  ignorieren  und  zuzudecken, ­
  als  es  als  Schlüssel  zu  Problemen  zu  gebrauchen,  die  sonst  so
unlösbar  erscheinen.  Eine  große  Wahrheit  in  einem  Zeitalter,  das  sie
verworfen  und  mit  Küßen  getreten  hat,  ist  kein  Wort  des  Friedens,
sondern  ein  Schwert!
Vielleicht  ist  es  gut,  den  Leser  vor  Schluß  dieses  Kapitels  daran
zu  erinnern,  daß  ich  das  Wort  Lohn  nicht  im  Sinne  einer  (Quantität,
sondern  in  dem  eines  Verhältnisses  brauche,  wenn  ich  sage,  daß  der
Lohn  fällt  wie  die  Grundrente  steigt,  so  meine  ich  nicht,  daß  die  von  den
Arbeitern  als  Lohn  erhaltene  Güterquantität  notwendig  geringer  sei,
sondern  daß  das  Verhältnis,  in  dem  sie  zu  dem  ganzen  Ertrage  steht,
geringer  sei.  Das  Verhältnis  kann  abnehmen,  während  die  Menge
dieselbe  bleibt  oder  selbst  zunimmt.  Fällt  die  Grenze  des  Anbaus  von
dem  produktiven  Punkt,  den  wir  25  nennen  wollen,  zu  dem  produktiven
Punkt,  den  wir  mit  20  bezeichnen  wollen,  so  wird  die  Grundrente  von
allem  Lande,  das  vorher  Rente  zahlte,  um  diesen  Unterschied  zunehmen,
und  das  als  Lohn  auf  die  Arbeiter  entfallende  Verhältnis  des  ganzen
Ertrages  wird  in  gleichem  Umfang  abnehmen;  haben  jedoch  mittlerweile ­
  die  Fortschritte  der  Wissenschaften  oder  die  durch  größere  Bevölkerung ­
  ermöglichten  Ersparungen  die  Produktionskraft  der  Arbeit
so  vermehrt,  daß  bei  20  die  gleiche  Anstrengung  so  viel  Güter  hervorbringt
wie  vorher  bei  25,  so  werden  die  Arbeiter  als  Lohn  ein  ebenso  großes
Quantum  wie  vordem  erhalten,  und  das  relative  Sinken  des  Lohns
wird  nicht  in  einer  Verminderung  der  Notwendigkeiten  oder  Annehin-
        <pb n="182" />
        Kap.  VII.

Das  Ineinandergreifen  der  Verteilungsgesetze.

169

lichkeiten  des  Arbeiters  bemerkbar  sein,  sondern  nur  in  dem  vermehrten
wert  des  Landes  und  den  größeren  Einkünften  und  verschwenderischeren
Ausgaben  der  Rente  einnehmenden  Klasse.

Kapitel  VII.
Das  Ineinandergreifen  und  Zusammenwirken  der  Derteilungsgesetze»
Die  Schlüsse,  zu  denen  wir  bezüglich  der  die  Güterverteilung
beherrschenden  Gesetze  gelangt  sind,  geben  einem  großen  und  hochwichtigen ­
  Teil  der  nationalökonomischen  Wissenschaft,  wie  dieselbe
jetzt  gelehrt  wird,  eine  andere  Gestalt,  werfen  einige  ihrer  scharfsinnigsten
Theorien  über  den  Kaufen  und  verbreiten  neues  Licht  über  einige  ihrer
wichtigsten  Probleme.  Dennoch  ist  dabei  kein  streitiger  Boden  okkupiert,
kein  einziges  Fundamentalprinzip  ausgestellt  worden,  das  nicht  schon
anerkannt  wäre.
Das  Gesetz  des  Zinses  und  das  Gesetz  des  Lohns,  die  wir  an  die
Stelle  der  jetzt  gelehrten  gesetzt  haben,  sind  notwendige  Folgerungen
des  großen  Gesetzes,  das  allein  eine  nationalökonomische  Wissenschaft
möglich  macht  —  des  unwiderstehlichen  Gesetzes,  das  vom  menschlichen
Geist  so  untrennbar  ist,  wie  die  Schwere  vom  Stosse,  und  ohne  welches
es  unmöglich  wäre,  irgendeine  menschliche  Handlung,  sei  es  die  wichtigste
oder  unbedeutendste,  vorherzusehen  oder  zu  berechnen.  Dies  Grundgesetz, ­
  daß  die  Ulenschen  ihre  wünsche  mit  der  geringsten  Anstrengung
Zu  besriedigen  suchen,  wird,  wenn  in  seiner  Beziehung  zu  dem  einen,
der  Produktionsfaktoren  betrachtet,  das  Gesetz  der  Grundrente,  in
Beziehung  zu  dem  andern:  das  Gesetz  des  Zinses,  und  in  Beziehung
Zum  dritten:  das  Gesetz  des  Lohns.  Und  wenn  man  das  Rentengesetz
anerkennt,  das  seit  Ricardos  Zeit  von  allen  bedeutenden  Nationalökonomen ­
  anerkannt  worden  ist  und  das,  gleich  einem  geometrischen
Grundsatz,  nur  verstanden  zu  werden  braucht,  um  sich  die  Zustimmung
Zu  erzwingen,  so  erkennt  man  damit  auch  die  Gesetze  des  Zinses  und
öes  Lohns,  wie  ich  sie  festgestellt  habe,  als  seine  notwendige  Folge  von
selbst  mit  an.  In  der  Tat  können  sie  nur  relativ  Folgen  heißen,  da  ihre
Anerkennung  schon  in  der  Anerkennung  des  Rentengesetzes  mit  eingeschlossen ­
  ist.  Denn  wovon  hängt  die  Anerkennung  des  Rentengesetzes
ab?  Unzweifelhaft  von  der  Anerkennung  der  Tatsache,  daß  die  Wirkung
öer  Konkurrenz  dahin  geht,  zu  verhindern,  daß  der  Ertrag  der  Arbeit
uud  des  Kapitals  irgendwo  größer  sei  als  auf  dem  ärmsten  in  Benutzung
befindlichen  Lande.  Sehen  wir  dies  ein,  so  sehen  wir  auch  ein,  daß  der
Besitzer  des  Landes  den  ganzen  Ertrag,  der  über  den  durch  einen  gleichen.
        <pb n="183" />
        170

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Buch  m.

Arbeits-  und  Kapitalaufwand  auf  dem  ärmsten  in  Benutzung  befindlichen
Lande  erzielten  Ertrag  hinausgeht,  als  Rente  zu  beanspruchen  vermag.
Die  Harmonie  und  das  Ineinandergreifen  der  Verteilungsgesetze,
wie  wir  sie  jetzt  aufgefaßt  haben,  steht  in  auffälligem  Kontrast  zu  dem
Mangel  an  Harmonie,  der  diese  Gesetze,  wie  sie  von  der  herrschenden
Rationalökonomie  dargestellt  werden,  charakterisiert.  Stellen  wir  sie
einander  gegenüber:

Die  gewöhnliche  Darstellung.
Die  Grundrente  hängt  von  der
Grenze  des  Anbaues  ab,  steigt  wie
die  letztere,  finkt  und  sinkt,  wie
jene  steigt.
Der  Lohn  hängt  von  dem  Verhältnis ­
  zwischen  der  Arbeiterzahl
und  dem  Betrage  des  ihrer  Beschäftigung ­
  gewidmeten  Kapitals
ab.
Der  Zins  hängt  von  der  Ausgleichung ­
  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  des  Kapitals  ab;  oder,
wie  vom  Gewinn  behauptet  wird,
vom  Arbeitslohn  (oder  dem  preis
der  Arbeit),  steigt  wie  der  Lohn
finkt  und  sinkt,  wie  der  Lohn  steigt.

Die  richtige  Darstellung.
Die  Grundrente  hängt  von  der
Grenze  des  Anbaues  ab,  steigt  wie
die  letztere  sinkt  und  sinkt,  wie
jene  steigt.
Der  Lohn  hängt  von  der  Grenze
des  Anbaues  ab,  sinkt  wie  letztere
sinkt  und  steigt,  wie  jene  steigt.

Der  Zins  hängt  (da  sein  Verhältnis ­
  zum  Lohn  durch  die  dem
Kapital  innewohnende  Netto-Zunahmefähigkeit
  bestimmt  wird)  von
der  Grenze  des  Anbaues  ab,  sinkt
wie  letztere  sinkt  und  steigt,  wie
jene  steigt.

Zn  der  herrschenden  Darstellung  haben  die  Gesetze  der  Verteilung
keinen  gemeinschaftlichen  Mittelpunkt,  keine  gegenseitige  Verbindung;
sie  sind  nicht  die  ineinandergreifenden  Teile  eines  Ganzen,  sondern
Maßstäbe  verschiedener  Eigenschaften.  Zn  der  von  uns  gegebenen
Darstellung  entspringen  sie  einem  einzigen  Punkte,  stützen  und  ergänzen
sich  einander  und  bilden  die  ineinandergreifenden  Teile  eines  vollkommenen ­
  Ganzen.

Kapitel  VIII.
Das  Gleichgewicht  des  Problems  ist  auf  diese  Weise  erklärt.
Mir  haben  jetzt  eine  klare,  einfache  und  zusammenhängende  Theorie
der  Güterverteilnng  erhalten,  die  mit  den  ersten  Prinzipien  und  den
bestehenden  Tatsachen  übereinstimmt  und  nur  begriffen  zu  werden
braucht,  um  als  selbstverständlich  zu  erscheinen.
        <pb n="184" />
        Das  Gleichgewicht  des  Problems  erklärt.

m

Aap.  VIII,

Ehe  ich  diese  Theorie  entwickelte,  habe  ich  für  nötig  erachtet,  das
Ungenügende  der  herrschenden  Theorien  zwingend  zu  beweisen,  denn
im  Denken  wie  im  handeln  folgt  die  große  Menge  der  Menschen  ihren
Führern,  und  eine  Lohntheorie,  die  nicht  nur  von  den  höchsten  Namen
gestützt  wird,  sondern  auch  in  den  herrschenden  Meinungen  und  Vorurteilen ­
  festgewurzelt  ist,  wird  jede  andere  Theorie  verhindern,  überhaupt
nur  in  Betracht  gezogen  zu  werden,  bis  sie  als  unhaltbar  erkannt  worden
ist;  gerade  wie  die  Theorie,  daß  die  Erde  der  Mittelpunkt  des  Weltalls
sei,  jede  Znbetrachtnahme  der  Theorie,  daß  sie  sich  um  ihre  eigene  Achse
und  um  die  Sonne  drehe,  verhinderte,  bis  es  klar  bewiesen  wurde,  daß
die  sichtbaren  Bewegungen  der  Pimmelskörper  bei  der  Theorie  des  Stillstandes ­
  der  Erde  nicht  zu  erklären  waren.
In  Wahrheit  besteht  eine  ausfällige  Ähnlichkeit  zwischen  der  nationalökonomischen ­
  Wissenschaft  in  ihrer  heutigen  Gestalt  und  der  Astronomie
vor  Anerkennung  der  Lehre  des  Ropernikus.  Die  Kunstgriffe,  durch
welche  die  herrschende  Nationalökonomie  die  sozialen  Erscheinungen
welche  sich  jetzt  der  Aufmerksamkeit  der  zivilisierten  Welt  aufdrängen,
zu  erklären  sucht,  lassen  sich  recht  wohl  mit  dem  erkünstelten  Erstem
von  Kreisen  und  Nebenkreisen  vergleichen,  das  von  den  Gelehrten  konstruiert ­
  wurde,  um  die  Pimmelserscheinungen  in  einer,  mit  den  Lehren
der  Autorität  und  den  rohen  Eindrücken  und  Vorurteilen  der  Ungelehrten
übereinstimmendenweise  zu  erklären.  Und  gerade  wie  die  Beobachtungen,
welche  zeigten,  daß  diese  Theorie  der  Kreise  und  Nebenkre'se  nicht  alle
Pimmelserscheinungen  erklären  könnte,  den  weg  zum  Überdenken
der  an  ihre  stelle  tretenden  einfacheren  Theorie  ebnete,  so  wird  eine
Anerkennung  des  Unvermögens  der  herrschenden  Theorien  zur  Erklärung ­
  vieler  sozialen  Erscheinungen  die  Wege  zum  Überdenken  einer
Theorie  ebnen,  die  der  Nationalökonomie  die  ganze  Einfachheit  und
Harmonie  verleihen  wird,  welche  die  Kopernikussche  Theorie  der  Astronomie ­
  verlieh.
Bei  diesem  Punkt  jedoch  hört  die  parallele  auf.  Daß  die  Erde
wirklich  mit  unbegreiflicher  Schnelligkeit  durch  den  Raum  rasen  sollte,
widerstrebte  den  ersten  Wahrnehmungen  der  Menschen  in  jedem  Zustande
und  in  jeder  Lage;  die  Wahrheit  aber,  die  ich  klar  zu  machen  wünsche,
ist  dem  einfachsten  Verstände  begreiflich,  wurde  in  der  Kindheit  jedes
Kolkes  anerkannt  und  ist  nur  durch  die  Verwicklungen  des  zivilisierten
Zustandes,  die  Verdrehungen  eigensüchtiger  Interessen  und  die  falsche
Dichtung,  die  die  Spekulationen  der  Gelehrten  eingeschlagen  haben,
verdunkelt.  Um  sie  anzuerkennen,  brauchen  wir  nur  zu  den  ersten
Prinzipien  zurückzugehen  und  einfache  Vorstellungen  im  Auge  zu  behalten. ­
  Nichts  kann  klarer  sein  als  der  Satz,  daß  das  Unvermögen  der
^ähne,  mit  der  zunehmenden  produktionskraft  zu  steigen,  der  Steigevung
  der  Grundrente  zuzuschreiben  ist.
Drei  Dinge  vereinigen  sich  zur  Produktion:  die  Arbeit,  das  Kapila
und  der  Grund  und  Boden.
        <pb n="185" />
        *72

Buch  III.

Die  Gesetze  der  Verteilung.

Drei  Parteien  teilen  das  Erzeugnis:  der  Arbeiter,  der  Kapitalist
und  der  Grundbesitzer.
Wenn  bei  einer  Zunahme  der  Produktion  der  Arbeiter  nicht  mehr
erhält  und  der  Kapitalist  nicht  mehr  erhält,  so  ist  die  notwendige  Schlußfolge, ­
  daß  der  Grundbesitzer  den  ganzen  Gewinn  erntet.
Und  die  Tatsachen  stimmen  mit  dieser  Schlußfolge  überein.  Obgleich ­
  weder  der  Lohn  noch  der  Zins  irgendwo  mit  Zunahme  des  materiellen ­
  Fortschritts  steigt,  so  ist  doch  die  unvermeidliche  Begleitung  und
i  das  Anzeichen  des  materiellen  Fortschritts  die  Erhöhung  der  Grundrente,
das  Steigen  der  Landwerte.
Das  Steigen  der  Grundrente  erklärt,  warum  der  Lohn  und  der
Zins  nicht  steigen.  Die  Ursache,  welche  dem  Grundbesitzer  gibt,  ist  dieselbe, ­
  welche  dem  Arbeiter  und  Kapitalisten  verweigert.  Daß  Lohn  und
Zins  in  neuen  Ländern  höher  sind  als  in  alten,  geschieht  nicht,  wie  die
Ökonomen  der  herrschenden  Richtung  sagen,  darum,  weil  dort  die  Natur
dem  Arbeits-  und  Kapitalsaufwand  einen  größeren  Ertrag  darbietet,
sondern  weil  der  Grund  und  Boden  wohlfeiler  ist  und  somit  die  Arbeit
und  das  Kapital,  da  ein  kleinerer  Teil  des  Ertrages  von  der  Rente  in
Anspruch  genommen  wird,  für  ihren  Anteil  einen  größeren  Teil  der
Naturgaben  behalten  können.  Nicht  der  Gesamtertrag,  sondern  der
Nettoertrag  nach  Abzug  der  Rente  bestimmt,  was  als  Lohn  und  Zins
verteilt  werden  kann.  Daher  wird  der  Lohnsatz  und  Zinsfuß  überall
nicht  sowobl  durch  die  Ergiebigkeit  der  Arbeit  als  durch  den  Wert  des
Bodens  bestimmt.  Wo  immer  der  letztere  verhältnismäßig  niedrig
ist,  find  Lohn  und  Zins  verhältnismäßig  hoch;  hingegen  wo  Grundund
  Boden  verhältnismäßig  hoch,  sind  Lohn  und  Zins  verhältnismäßig
niedrig.
Wäre  die  Produktion  nicht  über  jenes  einfache  Stadium  hinaus,
in  welchem  alle  Arbeit  direkt  auf  den  Boden  verwendet  wird  und  alle
Löhne  in  natura  gezahlt  werden,  so  wäre  es  nicht  zu  übersehen,  daß,
wenn  der  Grundbesitzer  einen  größeren  Anteil  nimmt,  der  Arbeiter  sich
mit  einem  kleineren  zufrieden  geben  muß.
Aber  die  unendliche  Verzweigung  der  Produktion  im  zivilisierten
Zustande,  wo  ein  so  großer  Teil  vom  Handel  beschafft  und  so  viel  Arbeit
auf  Rohstoffe  verwendet  wird,  nachdem  sie  vom  Grund  und  Boden
losgelöst  sind,  ändert  nichts  an  der  Tatsache,  obschon  sie  dieselbe  den
Gedankenlosen  verbergen  mag,  daß  alle  Produktion  noch  immer  die
Vereinigung  der  beiden  Faktoren  Land  und  Arbeit  ist,  und  daß  die
Grundrente  (der  Anteil  der  Grundbesitzer)  nicht  steigen  kann,  außer
auf  Kosten  des  Lohns  (des  Anteils  der  Arbeiter)  und  des  Zinses  (des
Anteils  des  Kapitals).  Gerade  wie  der  Ernteanteil,  welchen  in  einfacheren ­
  Formen  des  Gewerbfleißes  der  Besitzer  von  Ackerland  nach
Beendigung  des  perbstes  als  Rente  empfängt,  den  dem  Bebauer  für
Lohn  und  Zins  übrig  bleibenden  Betrag  vermindert,  so  vermindern  die
Grundrenten  des  Bodens,  auf  welchem  eine  Fabrik-  oder  Handelsstadt
        <pb n="186" />
        Kap.  VIII.

Das  Gleichgewicht  des  Problems  erklärt.

\73

erbaut  ist,  den  Betrag,  der  als  Lohn  und  Zins  zwischen  den  daselbst  mit
der  Produktion  und  dem  Austausch  von  Gütern  beschäftigten  Arbeitern
und  Kapitalisten  verteilt  werden  kann.
Kurz,  da  der  Wert  des  Grund  und  Bodens  völlig  von  der  durch
seinen  Besitz  gewährten  Macht  abhängt,  die  durch  die  Arbeit  geschaffenen
Güter  sich  anzueignen,  so  erfolgt  die  Steigerung  des  Bodenwertes  stets
auf  Kosten  des  Wertes  der  Arbeit.  Und  hieraus  folgt,  daß,  wenn  die
Zunahme  der  Produktionskraft  den  Lohn  nicht  steigert,  dies  daher
rührt,  weil  sie  den  Wert  des  Grund  und  Bodens  steigert.  Die  Rente
schluckt  den  ganzen  Gewinn,  und  Pauperismus  begleitet  den  Fortschritt.
Ls  ist  unnötig,  Tatsachen  anzuführen.  Dieselben  werden  sich  dem
Leser  von  selbst  aufdrängen.  Ls  ist  eine  überall  zu  beobachtende  allgemeingültige ­
  Tatsache,  daß,  so  wie  der  Wert  des  Grund  und  Bodens
zunimmt,  auch  der  Kontrast  zwischen  Reichtum  und  Armut  erscheint.
Ls  ist  eine  allgemeingültige  Tatsache,  daß,  wo  der  Wert  des  Grund  und
Bodens  am  höchsten  ist,  die  Zivilisation  neben  dem  größten  Luxus  die
jämmerlichste  Armut  zeigt.  Um  menschliche  Wesen  irr  der  elendesten,
hilf-  und  hoffnungslosesten  Lage  zu  sehen,  darf  man  nicht  nach  den  uneingezäunten
  Prärien  gehen,  nicht  nach  den  Blockhäusern  auf  den  eben
urbar  gemachten  Plätzen  der  Hinterwäldler,  wo  der  Mensch  auf  eigene
Faust  den  Kampf  mit  der  Natur  beginnt  und  Land  noch  keinen  wert
hat,  sondern  nach  den  großen  Städten,  wo  der  Besitz  eines  kleinen
Fleckens  Lrde  ein  vermögen  ist.
        <pb n="187" />
        I

Buch  IV.
Die  Wirkung  des  materiellen  Fortschritts  auf  die
Güterverteilung.
„Bisher  ist  es  fraglich,  ob  alle  mechanischen  Erfindungen  die  Mühsal  irgendeines ­
  menschlichen  Wesens  erleichtert  haben."  John  Stuart  Mill.
Hört  Ihr,  Brüder,  nicht  die  Rinder  weinen.
Eh'  die  Zeit  der  Sorgen  ist  erfüllt?
An  die  Mutter  lehnen  sich  die  Kleinen,
Die  der  Tränen  Lauf  nicht  stillt.
Die  jungen  Lämmer  bläken  auf  den  Matten,
Die  jungen  Vögel  zwitschern  in  dem  Nest;
Die  jungen  Rehe  spielen  mit  den  Schatten,
Die  Blümlein  blüh'n,  gekost  vom  West:
Doch  der  jungen  Rinder  Frohsinn,  Brüder,
Ist  allein  verbannt!
Sie  nur  weinen  in  der  Zeit  der  Lieder
In  der  Freiheit  Land.
Mrs.  Browning.

Kapitel  I.
Das  Bewegungsgesetz  des  Problems  noch  zu  suchen.
Dadurch,  daß  wir  die  Grundrente  als  den  Empfänger  der  vermehrten ­
  Produkte,  welche  der  materielle  Fortschritt  schafft,  die  Arbeit
aber  nicht  erhält,  gekennzeichnet  haben,  und  indem  wir  sehen,  daß
der  Antagonismus  der  Interessen  nicht,  wie  man  gewöhnlich  glaubt,
zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital  besteht,  sondern  vielmehr  zwischen
der  Arbeit  und  dem  Kapital  einerseits  und  dem  Grundbesitz  andererseits, ­
  sind  wir  zu  einem  Schlüsse  gelangt,  der  eine  hochwichtige  praktische
Bedeutung  hat.  Aber  es  ist  noch  nicht  an  der  Zeit,  bei  derselben  zu  verweilen, ­
  denn  wir  haben  das  uns  gestellte  Problem  noch  nicht  ganz  gelöst.
Die  Behauptung,  daß  der  Lohn  niedrig  bleibt,  weil  die  Rente  steigt,
besagt  kaum  viel  mehr,  als  ob  man  behauptete,  ein  Dampfboot  bewege
sich,  weil  dessen  Räder  sich  drehen.  Die  weitere  Frage  ist,  was  verursacht
die  Steigerung  der  Grundrente?  welches  ist  der  zwingende  Grund  der
        <pb n="188" />
        Kap.  I.

Das  Bewegungsgesetz  des  Problems  noch  zu  suchen.

*75

Erscheinung,  daß,  je  mehr  die  Produktionskraft  zunimmt,  ein  desto
größerer  Teil  des  Produkts  auf  die  Grundrente  entfällt?
Die  einzige,  von  Ricardo  für  die  Steigerung  der  Rente  angeführte
Ursache  ist  die  Bevölkerungszunahme,  die  dadurch,  daß  sie  mehr  Nahrungsmittel ­
  erfordert,  die  Ausdehnung  des  Anbaues  auf  geringeres
Land  oder  auf  Punkte  von  geringerem  Ertrag  in  denselben  Ländereien
nötig  mache;  und  in  den  Büchern  anderer  Schriftsteller  ist  der  Übergang,
der  Produktion  von  den  besseren  auf  die  geringeren  Ländereien  so  ausschließlich ­
  die  Ursache  der  steigenden  Grundrenten  angeführt  worden,
daß  Larey  (und  nach  ihm  Professor  Perry  nebst  anderen)  sich  einbildete,
die  Ricardosche  Rententheorie  dadurch  umgestoßen  zu  haben,  daß  er  den
Gang  des  Ackerbaues  von  besserem  auf  schlechteren  Boden  leugnete*).
Obgleich  es  nun  unzweifelhaft  richtig  ist,  daß  der  Druck  einer  vermehrten ­
  Bevölkerung  ein  Zurückgreifen  auf  niedrigere  Punkte  der
Produktion  erforderlich  macht  und  dadurch  die  Grundrente  steigern
wird  und  wirklich  steigert,  so  glaube  ich  doch  nicht,  daß  alle  die  aus  diesem
Prinzip  gewöhnlich  abgeleiteten  Folgerungen  stichhaltig  sind,  noch  daß
dasselbe  die  Steigerung  der  Grundrente  pand  in  ftand  mit  dem  materiellen ­
  Fortschritt  völlig  erklärt.  Es  gibt  offenbar  andere  Ursachen,
die  dazu  beitragen,  die  Rente  zu  erhöhen,  die  aber  ganz  oder  teilweise
durch  die  irrtümlichen  Ansichten  über  die  Funktionen  des  Kapitals  und
den  Ursprung  des  Lohns  verborgen  bleiben.  Um  zu  sehen,  welche  Ursachen ­
  dies  sind  und  wie  sie  wirken,  wollen  wir  den  Wirkungen  des
Materiellen  Fortschritts  auf  die  Güterverteilung  nachforschen.
Die  Veränderungen,  welche  den  materiellen  Fortschritt  ausmachen
oder  zu  demselben  beitragen,  sind  dreifach:  *.  Zunahme  der  Bevölkerung, ­
  2.  Fortschritte  in  den  Gewerben  und  im  Pandel  und  3.  Fortschritte
der  Wissenschaft,  des  Unterrichts,  der  politischen  Verfassung,  der  Verwaltung, ­
  der  Sitten  und  der  Utoral,  soweit  wie  sie  die  Fähigkeit  zur
Güterproduktion  vermehren.  Der  materielle  Fortschritt  im  gewöhnlichen
Sinne  besteht  aus  diesen  drei  Elementen  oder  Richtungen,  in  denen
allen  die  fortschreitenden  Nationen  seit  geraumer  Zeit  vorgerückt  sind,
wenn  auch  in  verschiedenen  Graden.  Da  die  Fortschritte  der  Wissenschaft,

-Xn  be'ua  hierauf  maq  folqenbcs  bemerkt  werden:  daß  tatsächlich,  wie  es  der
Gang  ^Ackerbaues  in  den  neuerest  Staaten  der  Union  und  der  Lharakter  des  unbebaut
bleibenden  Landes  in  den  älteren  beweist,  der  Gang  des  Anbaues  von  dem  besseren  zu
dem  schlechteren  Boden  vor  sich  geht;  2.  daß,  ob  nun  der  Gang  der  Produkten  von  absolut
besserem  zu  absolut  schlechterem  Boden  oder  umgekehrt  vor  sich  geht  (und  vieles  deutet
daraus  hin,  daß  besser  und  schlechter  in  dieser  verbrndung  nur  relakve,  von  dem  Stande
unseres  Wissens  abhängige  Begriffe  sind  und  daß  künftige  Fortschritte  m  teilen  der  Lrde,
die  für  höchst  unfruchtbar  gelten,  kompensierende  Eigenschaften  entdecken  können),  derselbe ­
  der  Natur  der  Sache  nach  stets  die  Tendenz  haben  muß  von  Boden  der  unter  den
bestehenden  Verhältnissen  für  besser  angesehen  wird,  zu  solchem  uberzugehen,  der  unter
den  bestehenden  Verhältnissen  für  schlechter  gilt;  Z.  daß  Ricardos  Rentengesetz  nicht  von
der  Richtunq  des  Ganges  der  Bodenkultur  abhängt,  sondern  von  dem  Satze,  datz,  wenn
Toden  gewisser  «Dualität  etwas  ergibt,  eine  bessere  (Dualität  von  Boden  mehr  ergibt.
        <pb n="189" />
        176

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

die  bessere  politische  Verfassung  usw.,  als  materielle  Kräfte  oder  als
Ersparungen  betrachtet,  dieselbe  Wirkung  haben,  wie  Fortschritte  in
-den  Gewerben,  so  wird  es  nicht  nötig  sein,  sie  gesondert  zu  behandeln.
Welche  Tragweite  der  geistige  oder  moralische  Fortschritt,  bloß  als  solcher,
für  unser  Problem  hat,  können  wir  später  erwägen.  Für  jetzt  beschäftigen
wir  uns  mit  dem  materiellen  Fortschritt,  zu  dem  diese  Dinge  nur  insofern
beitragen,  als  sie  die  Kraft  der  Güterproduktion  vermehren,  und  werden
ihre  Wirkungen  ersehen,  wenn  wir  die  Wirkung  des  industriellen  Fortschritts ­
  beobachten.
Um  die  Wirkungen  des  materiellen  Fortschritts  auf  die  Güterverteilung ­
  festzustellen,  wollen  wir  daher  die  Wirkungen  der  Bevölkerungszunahme ­
  getrennt  von  dem  industriellen  Fortschritt  betrachten
und  sodann  die  Wirkung  der  industriellen  Fortschritte  getrennt  von  der
Bevölkerungszunahme.

Kapitel  II.
Die  Wirkung  der  Bevölkerungszunahme  auf  die  Guterverteilung.
Die  Art  und  weise,  wie  die  zunehmende  Bevölkerung  die  Grundrente ­
  steigert,  ist  nach  den  gewöhnlichen  Erklärungen  und  Erläuterungen ­
  die,  daß  die  größere  Nachfrage  nach  Unterhaltsmitteln  die
Produktion  nach  dem  geringeren  Boden  oder  nach  niedrigeren  Produktionspunkten ­
  drängt.  Wenn  also  bei  einer  gegebenen  Bevölkerung
die  Grenze  des  Anbaues  30  ist,  so  wird  alles  Land  von  höherer  Produktionskraft ­
  als  30  Rente  zahlen,  verdoppelt  sich  die  Bevölkerung,
so  ist  eine  weitere  Menge  von  Nahrungsmitteln  erforderlich,  die  nicht
ohne  eine  Ausdehnung  des  Anbaues  zu  erlangen  ist,  wodurch  wieder
Ländereien  eine  Rente  ergeben  werden,  die  vorher  keine  ergaben.
Geht  die  Ausdehnung  bis  20,  so  wird  alles  Land  zwischen  20  und  30
Rente  geben  und  wert  haben  und  alles  Land  über  30  eine  größere  Rente
geben  und  erhöhten  wert  haben.
Hier  erhält  die  Malthussche  Lehre  durch  die  herkömmlichen  Erläuterungen ­
  der  Rententheorie  die  Unterstützung,  von  der  ich  sprach,
als  ich  die  Gründe  aufzählte,  welche  sich  vereinigt  haben,  um  jener
Lehre  eine  fast  unbestrittene  Herrschaft  über  das  herkömmliche  Denken
einzuräumen.  Nach  der  Malthusschen  Theorie  wird  der  Druck  der  Bevölkerung ­
  gegen  ihre  Unterhaltsmittel  mit  deren  Zunahme  progressiv
stärker,  und  obgleich  mit  jedem  neuen  Munde  auch  zwei  Hände  auf  die
Welt  kommen,  so  wird  es,  um  Zohn  Stuart  Mills  Ausdruck  zu  gebrauchen,
für  die  neuen  Hände  immer  schwerer,  die  neuen  Münder  zu  versorgen.
Nach  Ricardos  Rententheorie  entsteht  die  Grundrente  aus  dem  Unter-
        <pb n="190" />
        Bevölkerungszunahme  und  Verteilung.

\77

Kap.  II.

schiede  in  der  Produktivität  der  in  Benutzung  stehenden  Ländereien,
und  die  Steigerung  der  Rente,  welche  erfahrungsmäßig  die  Bevölkerungszunahme ­
  begleitet,  wird,  wie  Ricardo  und  seine  Nachfolger  erklären, ­
  dadurch  verursacht,  daß  man  sich  mehr  Nahrungsmittel  nur  mit
höheren  Rosten  beschaffen  kann,  was  die  Bevölkerung  auf  immer  niedrigere ­
  Punkte  der  Produktion  drängt  und  die  Rente  entsprechend  erhöht.
So  werden,  wie  ich  schon  oben  auseinandersetzte,  die  beiden  Theorien
in  Übereinstimmung  gebracht  und  miteinander  verschmolzen,  so  daß
das  Rentengesetz  nur  eine  spezielle  Anwendung  des  allgemeineren,
von  Malthus  verkündeten  Gesetzes,  und  das  Steigen  der  Grundrente
bei  zunehmender  Bevölkerung  ein  Beweis  von  dessen  unwiderstehlicher
Wirksamkeit  wird.  Ich  erwähne  dies  beiläufig,  weil  es  hier  gerade  zur
pand  liegt,  die  verkehrte  Auffassung  zu  sehen,  welche  die  Rentenlehre
zur  Unterstützung  einer  Theorie  gepreßt  hat,  der  sie  in  Wahrheit  keinen
palt  verleiht.  Die  Malthussche  Theorie  ist  schon  abgefertigt  worden,
und  zum  Überfluß  wird  weiterhin  ein  Gegenbeweis,  der  den  letzten
Rest  von  Zweifel  verscheuchen  muß,  durch  die  Ausführung  geliefert
werden,  daß  die  dem  Druck  der  Bevölkerung  gegen  ihre  Unterhaltsmittel
zugeschriebenen  Erscheinungen  sich  unter  den  bestehenden  Umständen
auch  äußern  würden,  wenn  die  Bevölkerung  im  Stillstand  verharrte.
Die  verkehrte  Auffassung,  von  der  ich  jetzt  spreche,  und  die  behufs
eines  richtigen  Verständnisses  der  Wirkung  der  Bevölkerungszunahme
auf  die  Güterverteilung  aufgeklärt  werden  muß,  ist  die  in  den  hergebrachten ­
  Erörterungen  des  Rententhemas  in  seiner  Verbindung
mit  der  Bevölkerungsfrage  entweder  ausdrücklich  gemachte  oder  implizite
enthaltene  Voraussetzung,  daß  das  Zurückgreifen  auf  niedrigere  Punkte
der  Produktion  einen  kleineren  Gesamtertrag  im  Verhältnis  zur  aufgewendeten ­
  Arbeit  involviere.  Daß  dies  jedoch  nicht  immer  zutrifft,
ist  klar  zu  erkennen  bei  landwirtschaftlichen  Verbesserungen,  welche,  um
Mills  Worte  zu  gebrauchen,  „als  eine  teilweise  Lockerung  der  die  Bevölkerungszunahme ­
  beschränkenden  Bande"  zu  betrachten  sind.  Aber
auch  da  ist  es  nicht  notwendig  der  Fall,  wo  kein  Fortschritt  in  den  Gewerben ­
  stattgefunden  hat,  und  das  Zurückgreifen  auf  niedrigere  Punkte
der  Produktion  offenbar  die  Folge  der  vermehrten  Bedürfnisse  einer
erhöhten  Bevölkerung  ist.  Denn  die  Bevölkerungszunahme  schließt  von
selbst  und  ohne  einen  Fortschritt  in  den  Gewerben,  eine  Vermehrung  der
produktiven  Rraft  der  Arbeit  ein.  Die  Arbeit  von  hundert  Menschen
wird,  unter  sonst  gleichen  Umständen,  die  Leistung  eines  einzigen  viel
wehr  als  hundertmal  hervorbringen,  und  die  Arbeit  von  tausend  Menschen
vielmehr  als  zehnmal  so  viel  zuwege  bringen,  wie  die  Arbeit  von  hundert;
und  so  wird  mit  jedem  weiteren  Paar  pände,  das  die  zunehmende
Bevölkerung  bringt,  die  produktive  Rraft  der  Arbeit  mehr  als  nur
verhältnismäßig  vermehrt.  Daher  kann  bei  zunehmender  Bevölkerung ­
  ein  Zurückgreifen  auf  die  geringere  natürliche  Produktionskraft
vicht  nur  ohne  Verminderung  in  der  durchschnittlichen  Güterproduktion
George,  Fortschritt  und  Armut.  \2
        <pb n="191" />
        Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

\78

Buch  IV.

irrt  Vergleich  zur  Arbeit,  sondern  sogar  ohne  eine  Verminderung  beim
niedrigsten  Punkte  stattfinden.  Bei  verdoppelter  Bevölkerung  kann
Land  von  nur  20  Produktivität  der  gleichen  Summe  von  Arbeit  ebensoviel ­
  gewähren  als  vorher  Land  von  20  Produktivität  ergab.  Denn
man  darf  nicht  vergessen  (was  jedoch  oft  vergessen  wird),  daß  die  Produktivität ­
  des  Bodens  oder  der  Arbeit  nicht  in  einem  einzelnen  Dinge,
sondern  in  allen  gewünschten  Dingen  gemessen  werden  muß.  Lin  Ansiedler ­
  und  seine  Familie  können  auf  einem  Grundstücke,  das  soo  Meilen
von  der  nächsten  Wohnung  entfernt  ist,  ebensoviel  Getreide  bauen,  als
wenn  ihr  Land  im  Mittelpunkte  eines  volkreichen  Distrikts  läge.  Aber
in  einer  bevölkerten  Gegend  könnten  sie  sich  mit  der  gleichen  Arbeit  auf
viel  ärmerem  Lande,  oder  auf  gleich  gutem  Lande,  für  das  sie  eine  hohe
Pacht  zahlen  müssen,  ein  ebenso  gutes  Auskommen  verschaffen,  weil
inmitten  einer  großen  Bevölkerung  ihre  Arbeit  wirksamer  geworden
sein  würde,  vielleicht  nicht  in  -der  Produktion  von  Getreide,  wohl  aber
in  der  Güterproduktion  überhaupt,  d.  h.  der  Gewinnung  aller  der  Waren
und  Dienste,  welche  der  wirkliche  Zweck  der  Arbeit  sind.
Aber  selbst  wo  beim  niedrigsten  Punkte  die  Produktivität  der
Arbeit  sich  vermindert  —  d.  h.  wo  die  zunehmende  Nachfrage  nach
Gütern  die  Produktion  auf  einen  niedrigeren  Punkt  der  natürlichen
Produktivität  gedrängt  hat,  als  die  aus  der  Bevölkerungszunahme
folgende  Zunahme  der  Arbeitsleistung  wett  machen  kann  —,  folgt  nicht,
daß  die  Gesamtproduktion,  im  Vergleich  mit  der  Gesamtarbeit,  vermindert ­
  worden  sei.
Nehmen  wir  Land  von  abnehmender  «Dualität  an.  Das  beste  würde
natürlich  zuerst  besiedelt  werden,  und  in  dem  Maße,  wie  die  Bevölkerung ­
  sich  vermehrt,  würde  sie  das  nächstbeste  nehmen  und  so  weiter.
Da  jedoch  diese  Vermehrung  größere  Ersparungen  gestattet  und  dadurch
die  Wirksamkeit  der  Arbeit  erhöht,  so  würde  die  Ursache,  welche  nach
und  nach  das  Land  aller  «Dualität  unter  Kultur  brachte,  gleichzeitig  die
Summe  der  Güter  erhöhen,  welche  dieselbe  Menge  von  Arbeit  darauf
hervorzubringen  vermag;  ja  noch  mehr,  sie  würde  die  Produktionsfähigkeit ­
  auf  allen  schon  bebauten  besseren  Ländereien  erhöhen,  wären
die  Verhältnisse  von  Quantität  und  (Dualität  so,  daß  die  Bevölkerungszunahme ­
  schneller  die  Wirksamkeit  der  Arbeit  vermehrt,  als  zum  Zurückgreifen ­
  auf  weniger  produktives  Land  nötigt,  so  würde  der  Minimalertrag ­
  der  Arbeit  zunehmen,  obgleich  die  Grenze  des  Anbaues  sich  verengt ­
  und  die  Rente  steigt.  Das  heißt,  die  Löhne  würden  absolut  steigen,
obwohl  relativ,  im  Verhältnis  zur  Rente,  sinken.  Die  durchschnittliche
Güterproduktion  würde  zunehmen.  Wäre  das  Verhältnis  so,  daß  die
zunehmende  Wirksamkeit  der  Arbeit  sich  gerade  mit  der  abnehmenden
Produktivität  des  nach  und  nach  in  Benutzung  genommenen  Landes
ausgliche,  so  würde  die  Wirkung  der  Bevölkerungszunahme  die  sein,
die  Rente,  ohne  die  Löhne  absolut  herabzusetzen,  durch  Verengerung
der  Anbaugrenze  zu  steigern  und  die  Durchschnittsproduktion  zu  erhöhen.
        <pb n="192" />
        Kap.  II.

Bevölkerungszunahme  und  Verteilung.

12*

Nehmen  wir  jetzt  an,  die  Bevölkerung  nehme  noch  zu,  aber  zwischen
der  ärmsten  Qualität  des  benutzten  Landes  und  der  nächstfolgenden
sei  der  Unterschied  so  groß,  daß  die  größere  Kraft  der  Arbeit,  die  sich  mit
der  zunehmenden  Bevölkerung,  welche  es  unter  Kultur  bringt,  einsindet,
denselben  nicht  zu  kompensieren  vermag,  so  wird  der  Ulinimalertrag
der  Arbeit  sinken,  die  Renten  werden  steigen  und  die  Löhne  fallen,  nicht
nur  im  Verhältnis,  sondern  auch  absolut.  Aber  wenn  die  Abnahme  in
der  Qualität  des  Landes  nicht  schroffer  ist,  als  wir  uns  füglich  vorstellen
dürfen  und  als  es,  wie  ich  glaube,  je  der  Fall  ist,  so  wird  die  Durchschnittsproduktion ­
  noch  immer  vermehrt  werden,  denn  die  erhöhte  Leistungsfähigkeit, ­
  die  sich  mit  der  zunehmenden  Bevölkerung,  welche  aus  das
geringere  Land  drängt,  einstellt,  teilt  sich  jeder  Art  von  Arbeit  mit,
und  der  Gewinn  aus  den  höheren  Vitalitäten  des  Landes  wird  für
die  verminderte  Produktion  auf  den  zuletzt  in  Angriff  genommenen
Qualitäten  mehr  als  Ersatz  bieten.  Die  gesamte  Güterproduktion  wird
im  Vergleich  zum  gesamten  Arbeitsauswande  größer  sein,  obschon  ihre
Verteilung  ungleicher  sein  wird.
So  bewirkt  die  Bevölkerungszunahme  die  Ausdehnung  der  Produktion ­
  auf  niedrigere  natürliche  Niveaus  und  damit  eine  Steigerung
der  Rente  und  eine  relative  Perabsetzung  des  Lohns,  während  sie  den
Tohn  der  Quantität  nach  (absolut)  vermindern  kann  oder  auch  nicht;
dagegen  kann  sie  selten  oder  nie  die  gesamte  Güterproduktion  im  Vergleich ­
  zum  gesamten  Arbeitsaufwands  vermindern,  sondern  steigert  sie
Kit  Gegenteil  und  zwar  häufig  bedeutend.
Während  aber  so  die  Bevölkerungszunahme  die  Rente  durch  Verengerung ­
  der  Anbaugrenze  erhöht,  ist  es  ein  Irrtum,  dies  als  den  einzigen
^Nodus  anzusehen,  wodurch  die  Rente  steigt,  je  nachdem  die  Bevölkerung ­
  zunimmt.  Die  zunehmende  Bevölkerung  steigert  die  Rente,  ohne
die  Anbaugrenze  zu  verengern,  und  steigert  sie  (trotz  der  Behauptungen
Ktm  Schriftstellern  wie  McEulloch,  welcher  versichert,  daß  die  Grundrente ­
  nicht  entstehen  würde,  wenn  es  eine  unbegrenzte  Menge  gleich
3uten  Landes  gäbe)  ohne  Rücksicht  aus  die  natürlichen  (Qualitäten  des
Landes,  denn  die  erhöhten  Kräfte  des  Zusammenwirkens  und  des  Austausches, ­
  welche  sich  mit  der  Bevölkerungszunahme  einstellen,  wiegen
erhöhte  Bodenkraft  auf,  ja,  wir  können  wohl  ganz  eigentlich  sagen,
sie  verleihen  dem  Boden  eine  größere  Leistungsfähigkeit.
^Ich  meine  nicht  bloß,  daß  die  größere  Leistungsfähigkeit,  die  sich
Zunahme  derBevölkerung  einstellt,  der  gleichenArbeit  einen  größeren,
höhere  natürliche  Kräfte  des  Bodens  ausgleichenden  Ertrag  gibt,  wie  es
auch  verbesserte  Methoden  oder  Werkzeuge  der  Produktion  tun,  sondern
^^ch,  daß  sie  der  aus  den  Grund  und  Boden  angewiesenen  Arbeit
EUle  größere  Kraft  verleiht,  die  nicht  der  Arbeit  im  allgemeinen,  sondern
^ur  der  auf  bestimmtes  Land  angewiesenen  Arbeit  innewohnt,  und  die
EM  Lande  ebenso  anhaftet,  wie  jede  andere  Eigenschaft  des  Bodens,
        <pb n="193" />
        ^  80

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

des  Klimas,  der  geognostischen  Beschaffenheit  oder  natürlichen  Lage  und
die,  wie  sie,  mit  dem  Besitze  des  Landes  übergehen.
Eine  Verbesserung  in  der  Kulturmethode,  die  bei  gleichen  Auslagen ­
  jährlich  zwei  Ernten  anstatt  einer  ergibt,  oder  eine  das  Arbeitsergebnis ­
  verdoppelnde  Verbesserung  in  den  Werkzeugen  und  Maschinen ­
  werden  offenbar  bei  einem  bestimmten  Grundstück  dieselbe
Wirkung  auf  den  Ertrag  haben,  wie  eine  Verdoppelung  der  Fruchtbarkeit ­
  des  Bodens.  Der  Unterschied  aber  liegt  darin,  daß  die  Verbesserung
der  Methode  oder  der  Werkzeuge  bei  jedem  Boden  ausgenutzt  werden
kann,  die  erhöhte  Fruchtbarkeit  aber  nur  bei  dem  bestimmten,  damit
gesegneten  Lande.  Die  aus  zunehmender  Bevölkerung  entstehende
größere  Produktivität  der  Arbeit  kann  dagegen  meist  nur  auf  dem  bestimmten ­
  Lande,  dort  aber  in  außerordentlich  verschiedenem  Grade
ausgenutzt  werden.
Stellen  wir  uns  hier  eine  unbegrenzte  Steppe  vor,  die  durch
die  ununterbrochene  Gleichmäßigkeit  der  Vegetation  den  Reisenden
ermüdet.  Da  kommt  das  Fuhrwerk  des  ersten  Einwanderers.  Er  weiß
nicht,  wo  er  sich  niederlassen  soll  —  ein  Morgen  scheint  so  gut  wie  jeder
andere.  Lsolzbestand,  Wasser,  Fruchtbarkeit,  Lage  schließen  jede  Wahl
aus,  und  er  wird  durch  den  sinbarras  äs  ricbssss  ganz  verwirrt.  Endlich
hält  er,  müde  des  Suchens  nach  einem  Platze,  der  besser  wäre  als  ein
anderer,  an  einem  beliebigen  Platze  an  und  beginnt  sich  ein  bfeim  zu
gründen.  Der  Boden  ist  jungfräulich  und  reich,  Wild  im  Überflüsse
vorhanden,  die  Bäche  voll  der  schönsten  Forellen.  Die  Natur  ist  in  wahrem
Festgewande.  Er  hat  alles,  was  ihn  reich  machen  würde,  wenn  er  in
einer  volkreichen  Gegend  wäre;  dennoch  ist  er  sehr  arm.  Um  nichts  von
dem  geistigen  verlangen  zu  sagen,  das  ihn  den  ersten  Besten  mit  offenen
Armen  empfangen  lassen  würde,  so  befindet  er  sich  unter  allen  den
materiellen  Nachteilen  der  Einsamkeit.  Er  kann  für  keine  Arbeit,  die  eine
größere  Kraftvereinigung  erfordert,  eine  andere  temporäre  Hilfe  finden,
als  die  seiner  Familie  oder  von  Gehilfen,  die  er  permanent  halten  muß.
Obgleich  er  Vieh  hat,  kann  er  nicht  oft  frisches  Fleisch  haben.  Denn
um  ein  Beefsteak  zu  erhalten,  muß  er  einen  jungen  Ochsen  schlachten.
Er  muß  sein  eigener  Schmied,  Wagner,  Zimmermann  und  Schuster
sein,  kurz,  überall  und  nirgends,  mit  allem  vertraut  und  bewandert
sein  und  vor  nichts  zurückschrecken.  Er  kann  seinen  Kindern  keinen  Schulunterricht ­
  verschaffen,  denn  dazu  müßte  er  einen  eigenen  Lehrer  halten
und  bezahlen.  Alles,  was  er  nicht  selbst  hervorbringen  kann,  muß  er  in
Ouantitäten  kaufen  und  auf  Vorrat  halten,  wenn  er  es  nicht  entbehren
will,  denn  er  kann  nicht  immer  seine  Arbeit  verlassen  und  eine  lange
Reise  bis  zur  äußersten  Grenze  der  Zivilisation  machen,  und  muß  er  es,
so  mag  ihm  das  Holen  eines  Fläschchens  Arznei  oder  der  Ersatz  eines
zerbrochenen  Bohrers  seine  und  seiner  Pferde  Arbeit  für  Tage  kosten.
Obgleich  die  Natur  verschwenderisch  ist,  ist  der  Mensch  unter  solchen
Verhältnissen  arm.  Es  ist  ein  leichtes  für  ihn,  genug  zum  Essen  zu  er ­
        <pb n="194" />
        Kap.  II.

Bevölkerungszunahme  und  Verteilung.

\8\

langen;  darüber  hinaus  aber  wird  seine  Arbeit  nur  genügen,  um  die
einfachsten  Bedürfnisse  auf  die  roheste  Art  zu  befriedigen.
Bald  kommt  ein  anderer  Ansiedler.  Obgleich  jede  Abteilung  der
endlosen  Steppe  ebensogut  ist  wie  alle  anderen,  so  ist  er  keinen  Augenblick ­
  im  Zweifel,  wo  er  sich  niederlassen  soll.  Das  Land  ist  zwar  überall
gleich,  dennoch  ist  ein  Platz  vorhanden,  der  zweifellos  besser  für  ihn  ist
als  jeder  andere,  und  das  ist  da,  wo  schon  ein  Ansiedler  wohnt  und  er
einen  Nachbarn  haben  kann.  Er  läßt  sich  neben  dem  Erstgekommenen
nieder,  dessen  Lage  sofort  bedeutend  verbessert  wird,  und  dem  nun  vieles
möglich  ist,  was  zuvor  unmöglich  war;  denn  zwei  Menschen  können  sich
einander  helfen,  Dinge  zu  tun,  die  ein  Mann  nie  unternehmen  könnte.
Ein  weiterer  Ansiedler  kommt,  und  durch  die  gleiche  Anziehung
geleitet,  läßt  er  sich  nieder,  wo  schon  zwei  wohnen.  Und  noch  einer
und  wieder  einer,  bis  sich  an  die  zwanzig  Nachbarn  um  unseren  Lrstgekommenen
  zusammengefunden  haben.  Die  Arbeit  hat  jetzt  eine
Leistungsfähigkeit,  die  sie  in  der  Einsamkeit  nie  erreichen  konnte.  Wenn
ein  Stück  schwerer  Arbeit  zu  tun  ist,  haben  die  Ansiedler  einen  Rundtag
und  verrichten  zusammen  in  einem  Tage,  was  für  einen  allein  Jahre
erfordern  würde.  Schlachtet  einer  eine  Ferse,  so  nehmen  die  anderen
Teile  davon,  geben  sie  zurück,  sobald  sie  schlachten,  und  haben  so  immer
frisches  Fleisch.  Sie  nehmen  zusammen  einen  Lehrer,  und  die  Rinder
eines  jeden  werden  für  einen  kleinen  Teil  der  Summe  unterrichtet,  die
der  gleiche  Unterricht  den  ersten  Ansiedler  gekostet  haben  würde.  Es  wird
verhältnismäßig  leicht,  nach  der  nächsten  Stadt  zu  senden,  denn  es  geht
immer  einer  oder  der  andere  hin.  Aber  solche  Reisen  sind  viel  weniger
nötig.  Ein  Schmied  und  ein  Radmacher  errichten  Werkstätten,  und  unser
Ansiedler  kann  seine  Werkzeuge  für  einen  kleinen  Teil  dessen,  was  sie
ihn  vorher  kosteten,  reparieren  lassen.  Ein  Laden  wird  etabliert,  und  er
kann  seinen  Bedarf  erhalten,  wie  er  entsteht;  ein  Postbureau  kommt
dald  hinzu  und  verschafft  ihm  regelmäßige  Verbindung  mit  der  übrigen
iVelt.  Dann  kommt  ein  Schuster,  ein  Zimmermann,  ein  Sattler,  ein
Arzt,  bis  endlich  eine  kleine  Kirche  gebaut  wird.  Ls  wird  möglich,  Bedürfnisse ­
  zu  befriedigen,  die  man  in  der  Einsamkeit  nicht  befriedigen
konnte.  Die  gesellige  und  geistige  Natur  des  Menschen,  die  ihn  über  das
^ier  erheben,  finden  Genüge.  Die  Macht  der  Sympathie,  der  Sinn
der  Geselligkeit,  der  Wetteifer  des  Vergleiches  und  des  Gegensatzes
eröffnen  ein  weiteres,  volleres  und  abwechselnderes  Leben.  Man  freut
sich  mit  den  Fröhlichen  und  trauert  mit  den  Traurigen.  Allerlei  gesellige
Vergnügungen  werden  arrangiert.  Obgleich  der  Tanzsaal  nur  ein  Lehmhaden
  und  das  Orchester  nur  ein  Fidel  ist,  so  sind  doch  magische  Töne
J n  ihren  Saiten,  und  Cupido  tanzt  mit  den  Tanzenden.  Bei  der  Pochzeit
sind  andere  da,  um  zu  bewundern  und  sich  zu  freuen;  im  Pause  des  Todes
fehlt  es  nicht  an  Wächtern,  und  am  offenen  Grabe  steht  die  menschliche
^FMpathie,  um  die  Trauernden  zu  stützen.  Pin  und  wieder  kommt  ein
äsender  Vorleser,  um  Einblicke  in  die  Welt  der  Wissenschaft,  der  Künste
        <pb n="195" />
        \82

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

der  Literatur  zu  eröffnen;  in  Wahlzeiten  kommen  Stumpredner,  und
der  Bürger  erhebt  sich  zu  einem  Gefühl  der  Würde  und  Macht,  wenn
in  dem  Kampfe  von  pinz  und  Kunz  um  seine  Unterstützung  und  seine
Stimme  das  Wohl  des  Staats  vor  ihm  verhandelt  wird.  Und  nach  und
nach  kommt  der  Zirkus,  der  feit  Monaten  das  Tagesgespräch  war  und
den  Kindern,  deren  Horizont  die  Prärie  gewesen,  alle  Reiche  der  Phantasie ­
  öffnet:  Prinzen  und  Prinzessinnen  der  Märchenwelt,  gepanzerte
Kreuzritter  und  beturbante  Mohren,  Aschenbrödel,  Feenwagen  und
die  Riesen  der  Ammenweisheit,  Löwen,  wie  sie  sich  vor  Daniel  niederlegten ­
  oder  im  römischen  Amphitheater  die  heiligen  Gottes  zerrissen,
Strauße,  die  an  die  sandigen  Wüsten  erinnern,  Kameele,  wie  die,  die
dabei  standen,  als  die  bösen  Brüder  Joseph  vom  Brunnen  wegschleppten
und  in  die  Sklaverei  verkauften,  Elefanten,  wie  sie  die  Alpen  mitHannibal
überschritten  oder  das  Schwert  der  Makkabäer  fühlten,  und  herrliche
Musik,  die  in  den  Kammern  des  Geistes  tönt  und  baut,  wie  sich  die  sonnige
Kuppel  Kubla  Khans  erhob.
Geht  man  jetzt  zu  unserem  Ansiedler  und  sagt  zu  ihm:  „Du  hast
soundso  viele  Fruchtbäume,  die  du  pflanztest,  soundso  viel  Zäune,
einen  Brunnen,  eine  Scheune,  ein  Haus,  kurz,  du  hast  durch  deine  Arbeit
dieser  Besitzung  soundso  viel  Wert  hinzugefügt.  Dein  Land  selbst  ist
nicht  gerade  sehr  gut.  Du  hast  stark  davon  geerntet,  und  nach  und  nach
wird  es  Dünger  brauchen.  Ich  will  dir  den  vollen  Wert  aller  deiner
Verbesserungen  geben,  wenn  du  es  mir  abtreten  und  mit  deiner  Familie
wieder  über  die  Grenze  der  fernsten  Ansiedlung  hinausgehen  willst."
Er  würde  lachen.  Sein  Land  ergibt  nicht  mehr  Weizen  oder  Kartoffeln
als  vorher,  aber  es  liefert  ihm  weit  mehr  von  allen  Notwendigkeiten
und  Annehmlichkeiten  des  Lebens.  Seine  Arbeit  wird  auf  demselben
keine  größeren  und,  wie  wir  annehmen  wollen,  keine  wertvolleren  Ernten
hervorbringen,  aber  sie  wird  weit  mehr  von  all  den  anderen  Dingen
beschaffen,  für  die  die  Menschen  arbeiten.  Die  Anwesenheit  anderer
Ansiedler  —  die  Bevölkerungszunahme  —hat  die  Produktivität  der  auf
diese  Dinge  verwendeten  Arbeit  erhöht,  und  diese  erhöhte  Produktivität
verleiht  dem  Lande  eine  Überlegenheit  über  Land  gleicher  Natur,  wo
noch  keine  Ansiedler  sind.  Wenn  kein  anderer  Grund  und  Boden  übrig
bleibt,  als  solcher,  der  ebensoweit  von  bevölkerten  Gegenden  entfernt
ist,  wie  der  unseres  Ansiedlers,  als  er  zuerst  hinkam,  so  wird  der  Preis
oder  die  Rente  dieses  Landes  durch  die  Gesamtheit  dieser  erhöhten  Fähigkeiten ­
  bemessen  werden.  Wenn  aber,  wie  wir  angenommen  haben,
eine  ununterbrochene  Strecke  gleich  guten  Landes  vorhanden  ist,  über
das  die  Bevölkerung  sich  nun  ausbreitet,  so  wird  es  für  den  neuen  Ansiedler ­
  nicht  nötig  sein,  in  die  Wildnis  zu  gehen,  wie  es  der  Erste  tat.
Er  wird  sich  gerade  hinter  den  letzten  Ansiedlern  niederlassen  und  den
Vorteil  ihrer  Nachbarschaft  erlangen.  Der  Preis  oder  die  Rente  des
Landes  unseres  Ansiedlers  wird  somit  von  dem  Vorteil  abhängen,  welchen
es  dadurch  hat,  daß  es  im  Mittelpunkte,  anstatt  an  der  Peripberie  der
        <pb n="196" />
        Bevölkerung  liegt.  Zn  dem  einen  Falle  wird  der  Spielraum  der  Produktion ­
  derselbe  bleiben  wir  bisher,  im  anderen  wird  er  steigen.
Die  Bevölkerung  fährt  noch  fort  zuzunehmen,  und  mit  ihrer  Annahme ­
  vermehren  sich  auch  die  damit  verknüpften  Ersparungen,  die  tatsächlich ­
  die  Ergiebigkeit  des  Landes  erhöhen.  Da  unseres  Ansiedlers
Land  der  Mittelpunkt  der  Bevölkerung  ist,  so  stehen  der  Laden,  die
Schmiede,  des  Radmachers  Werkstatt  auf  demselben  oder  an  dessen
Rande,  und  bald  entsteht  ein  Dorf,  das  schnell  zu  einem  Flecken  und  zum
Mittelpunkte  der  Tausche  für  die  Bewohner  der  ganzen  Gegend  wird.
Mit  nicht  größerer  landwirtschaftlicher  Ergiebigkeit,  als  es  anfangs  hatte,
fängt  dies  Land  nun  an,  eine  Ertragsfähigkeit  höherer  Art  zu  entwickeln.
Der  zum  Anbau  von  Korn,  Mais  oder  Kartoffeln  verwendeten  Arbeit
wird  es  nicht  mehr  ergeben  als  vorher;  aber  der  Arbeit,  die  in  den  speziellen ­
  Produktionszweigen,  welche  die  Nähe  anderer  Produzenten  erfordern, ­
  namentlich  aber  der  Arbeit,  die  in  jenem  Schlußstein  der  Produktion, ­
  der  Verteilung,  aufgewendet  wird,  wird  es  ungleich  höhere
Erträge  liefern.  Der  Weizenbauer  kann  weiter  ziehen  und  Land  finden,
auf  welchem  feine  Arbeit  ebensoviel  weizen  und  fast  ebensoviel  Güter
hervorbringt;  aber  der  Handwerker,  der  Fabrikant,  der  Warenhändler,
der  Arzt,  Advokat  usw.  finden,  daß  ihre  Arbeit  hier  im  Mittelpunkt  des
Austausches  ihnen  viel  mehr  einträgt,  als  selbst  nur  eine  kleine  Strecke
davon  entfernt,  und  diesen  Uberschuß  der  Ertragsfähigkeit  für  derartige
Zwecke  kann  der  Grundbesitzer  fordern,  gerade  wie  er  den  Uberschuß
der  Weizenproduktionsfähigkeit  seines  Landes  fordern  kann.  Und  so
kann  unser  Ansiedler  einige  seiner  Morgen  als  Bauplätze  zu  Preisen
verkaufen,  wie  sie  der  Weizenbau  nicht  eingebracht  hätte,  wenn  ihre
Fruchtbarkeit  auch  verzehnfacht  worden  wäre.  Mit  dem  Ertrage  baut
vr  sich  ein  schönes  Haus  und  richtet  dasselbe  wohnlich  ein.  Das  heißt,
um  die  Transaktion  auf  ihren  prägnantesten  Ausdruck  zurückzuführen,
die  Leute,  welche  das  Land  zu  benutzen  wünschen,  bauen  und  möblieren
ihm  das  Haus  unter  der  Bedingung,  daß  er  ihnen  gestattet,  sich  die  höhere
Produktivität  zunutze  zu  machen,  welche  die  Bevölkerungszunahme  dem
^ande  gegeben  hat.
Die  Bevölkerung  fährt  noch  immer  fort,  sich  zu  vermehren,  dem
Lande  immer  größere  Nützlichkeit  zu  verleihen  und  dessen  Besitzer  immer
reicher  zu  machen.  Der  Flecken  ist  zu  einer  Stadt  angewachsen  —  einem
2t.  Louis,  Lhikago  oder  San  Franziska  —,  und  sie  wächst  noch  immer,
^ie  Produktion  wird  nun  im  großen  Maßstabe  mit  den  besten  Maschinen
vnd  Hilfsmitteln  betrieben;  die  Teilung  der  Arbeit  wird  äußerst  minutiös
und  vervielfältigt;  der  Austausch  ist  von  solcher  Ausdehnung  und  Schnelligreit,
  daß  er  mit  einem  Minimum  von  Hindernis  und  Verlust  bewerkstelligt ­
  wird,  Hier  ist  das  Herz,  das  Gehirn  des  großen  sozialen  Organismus, ­
  welcher  aus  dem  Keim  der  ersten  Ansiedlung  emporgewachsen
Mi  hier  hat  sich  einer  der  großen  Ganglien  der  Menschenwelt  entwickelt.
Vierher  laufen  alle  Straßen,  fließen  alle  Ströme  aus  all  den  weiten
        <pb n="197" />
        Buch  IV«

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

umliegenden  Gegenden.  pat  jemand  etwas  zu  verkaufen,  so  ist  hier  der
Markt;  will  jemand  kaufen,  so  ist  hier  der  größte  und  ausgewählteste
Vorrat.  Pier  ist  die  geistige  Tätigkeit  in  einem  Brennpunkt  vereinigt,
und  hier  entspringt  jene  Anregung,  die  durch  das  Auseinanderplatzen
der  Geister  erzeugt  wird.  Pier  sind  die  großen  Bibliotheken,  die  Lagerplätze ­
  und  Speicher  des  Wissens,  die  gelehrten  Professoren,  die  berühmten
Spezialärzte,  Pier  sind  die  Museen,  die  Kunst-  und  Gemäldegallerien,
die  Sammlungen  wissenschaftlicher  Apparate  und  aller  seltenen,  wertvollen ­
  Dinge,  der  besten  ihrer  Art.  Pierher  kommen  die  großen  Schauspieler, ­
  Redner  und  Sänger  aus  der  ganzen  Welt.  Kurz,  hier  ist  ein
Mittelpunkt  des  menschlichen  Lebens  in  allen  seinen  verschiedenen
Kundgebungen.
So  enorm  sind  jetzt  die  Vorteile,  welche  dies  Land  für  die  Aufwendung ­
  von  Arbeit  bietet,  daß  man  anstatt  eines  Mannes,  der  mit
seinem  Pferdegespann  die  Acker  pflügt,  auf  einzelnen  Stellen  Tausende
von  Arbeitern  auf  den  Morgen  zählen  kann,  wie  sie  Reihe  an  Reihe
schaffen,  auf  Stockwerken,  die  sich  fünf-,  sechs-,  sieben-  und  achtfach  übereinander ­
  türmen,  während  unter  der  Oberfläche  der  Erde  Maschinen
stöhnen,  welche  die  Kraft  von  Tausenden  von  Pferden  entwickeln.
Alle  diese  Vorteile  haften  an  dem  Grund  und  Boden;  auf  diesem
Boden  und  keinem  anderen  können  sie  ausgenutzt  werden;  denn  hier
ist  der  Mittelpunkt  der  Bevölkerung,  der  Brennpunkt  der  Austausche,
der  Marktplatz  und  die  Werkstätte  der  höchsten  formen  des  Gewerbfleißes.
  Die  produktiven  Kräfte,  welche  die  Dichtigkeit  der  Bevölkerung
diesem  Boden  verliehen  hat,  sind  gleichwertig  mit  hundert-  und  tausendfacher ­
  Vervielfältigung  seiner  ursprünglichen  Fruchtbarkeit,  und  die
Grundrente,  welche  den  Unterschied  zwischen  seiner  vermehrten  Produktivität ­
  und  der  des  in  Benutzung  befindlichen  wenigst  produktiven  Landes
mißt,  hat  sich  entsprechend  erhöht.  Unser  Ansiedler,  oder  wer  in  seine
Rechte  auf  das  Land  getreten  ist,  ist  jetzt  ein  Millionär.  Gleich  einem
anderen  Rip  van  winkle  mag  er  sich  hingelegt  und  geschlafen  haben;
dennoch  ist  er  reich,  nicht  infolge  von  irgend  etwas,  das  er  getan  hätte,
sondern  durch  die  Zunahme  der  Bevölkerung.  Es  finden  sich  Plätze,
aus  denen  der  Besitzer  für  jeden  Fuß  Straßenfront  mehr  zieht,  als  ein
Pandwerker  verdienen  kann;  es  gibt  Plätze,  die  sich  für  mehr  Geld  verkaufen ­
  ließen,  als  ausreichen  würde,  um  sie  mit  Goldmünzen  zu  pflastern.
Zn  den  Pauptstraßen  türmen  sich  Gebäude  auf  von  Granit,  Marmor,
Eisen  und  Spiegelglas,  im  kostbarsten  Stile  vollendet  und  mit  jeder
erdenklichen  Bequemlichkeit  ausgestattet.  Dennoch  sind  sie  nicht  so  viel
wert  als  das  Land,  auf  dem  sie  stehen,  dasselbe  Land,  welches,  als  unser
erster  Ansiedler  hinauf  kam,  gar  keinen  wert  hatte.
Daß  dies  die  Art  und  Weise  ist,  auf  welche  die  Bevölkerungszunahnre
mächtig  auf  die  Erhöhung  der  Rente  wirkt,  kann  jeder,  der  in  einem
fortschreitenden  Lande  um  sich  blickt,  selbst  sehen.  Der  Prozeß  geht
unter  unseren  Augen  vor  sich.  Der  zunehmende  Unterschied  in  der
        <pb n="198" />
        Kap.  II.

Bevölkermrgszunahine  und  Verteilung.

(85

Ertragsfähigkeit  des  in  Benutzung  befindlichen  Landes,  der  eine  zunehmende ­
  Steigerung  der  Rente  verursacht,  rührt  nicht  sowohl  von  der
Nötigung  her,  bei  wachsender  Bevölkerung  geringeres  Land  in  Angriff
zu  nehmen,  als  von  der  erhöhten  Ertragsfähigkeit,  welche  die  vermehrte
Bevölkerung  dem  schon  benutzten  Grund  und  Boden  verleiht.  Der  wertvollste ­
  Grund  und  Boden  der  Erde,  derjenige,  der  die  höchste  Rente
ergibt,  ist  nicht  Grund  und  Boden  von  außerordentlicher  natürlicher
Fruchtbarkeit,  sondern  solcher,  dem  durch  die  Bevölkerungszunahme
eine  außerordentliche  Nutzbarkeit  verliehen  wurde.
Die  Erhöhung  der  Ertragsfähigkeit  oder  Nutzbarkeit,  welche  die
Bevölkerungszunahme  in  der  eben  erörterten  Weise  gewissen  Grundstücken ­
  verleiht,  heftet  sich,  sozusagen,  an  die  bloße  Eigenschaft  der
Ausdehnung.  Die  wertvolle  Eigenschaft  des  Landes,  welches  ein  Mittelpunkt ­
  der  Bevölkerung  geworden  ist,  liegt  in  seiner  Flächenkapazität;
es  macht  keinen  Unterschied,  ob  es  fruchtbarer  Alluvialboden  wie  in
Philadelphia,  eine  reiche  Niederung  wie  in  New-Drleans,  ein  ausgefüllter
Sumpf  wie  in  St.  Petersburg  oder  eine  kahle  Sandfläche  wie  der  größte
Teil  von  San  Franziska  ist.
Und  wo  der  Wert  aus  überlegenen  natürlichen  Eigenschaften  zu
entstehen  scheint,  wie  aus  tiefem  Wasser  und  gutem  Ankergrund,  reichen
Lägern  von  Kohlen  und  Eisen,  oder  dem  Bestände  mit  schwerem  Bauholz,
da  zeigt  die  Beobachtung  gleichfalls,  daß  diese  überlegenen  Eigenschaften
durch  die  Bevölkerung  zuwege  gebracht  und  erreichbar  werden.  Die
Kohlen-  und  Eisenfelder  pennszüvaniens,  die  heute  enorme  Summen
darstellen,  waren  vor  50  Jahren  wertlos.  Welches  ist  die  Ursache  dieses
Unterschiedes?  Einfach  der  Unterschied  in  der  Bevölkerung.  Die  Kohlenund
  Eisenbecken  von  Wyoming  und  Montana,  die  heute  wertlos  sind,
werden  in  50  Jahren  Millionen  über  Millionen  wert  sein,  einfach  weil
bis  dahin  die  Bevölkerung  bedeutend  zugenommen  haben  wird.
Dies  hier  ist  ein  wohl  verproviantiertes  Schiff,  auf  dem  wir  durch
den  Raum  dahin  segeln.  Scheint  das  Brot  und  Fleisch  auf  den  Zwischendecken ­
  rar  zu  werden,  so  öffnen  wir  nur  eine  Luke,  und  neue  Vorräte
kommen  ans  Tageslicht,  von  denen  wir  uns  vorher  nichts  träumen
ließen.  Und  große  Gewalt  über  die  Dienste  anderer  ist  denen  gegeben,
die,  nach  Öffnung  der  Luken,  sagen  dürfen:  „Alles  dies  ist  mein".
Rekapitulieren  wir:  Die  Wirkung  der  Bevölkerungszunahme  auf
die  Güterverteilung  besteht  darin,  daß  sie  die  Rente  erhöht  (und  mithin
den  Teil  des  Produkts,  der  auf  das  Kapital  und  auf  die  Arbeit  entfällt,
vermindert)  und  zwar  auf  zweierlei  Art:  erstens  durch  Verengerung
der  Anbaugrenze,  zweitens  durch  das  Zuwegebringen  spezieller,  sonst
latenter  Fähigkeiten  im  Boden,  sowie  durch  die  Verleihung  spezieller
Fähigkeiten  an  bestimmtes  Land.
Ich  möchte  glauben,  daß  die  letztere  Art,  der  die  Nationalökonomen
wenig  Aufmerksamkeit  gewidmet  haben,  in  der  Tat  die  bedeutendere
Mi,  doch  ist  dies  in  unserer  Untersuchung  ohne  Belang.
        <pb n="199" />
        \86

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

Kapitel  III.
Die  Wirkung  der  Fortschritte  in  den  Gewerben  auf  die
Güterverteilung.
Die  Fortschritte  der  Gewerbe  beiseite  lassend,  haben  wir  die  Wirkungen ­
  der  Bevölkerungszunahme  auf  die  Güterverteilung  betrachtet.
Jetzt  lassen  wir  die  Bevölkerungszunahme  beiseite  und  prüfen,  welche
Wirkung  die  Fortschritte  in  den  Gewerben  auf  die  Verteilung  ausüben.
Wir  haben  gesehen,  daß  die  Zunahme  der  Bevölkerung  die  Rente
erhöht,  mehr  durch  die  Steigerung  als  Verringerung  der  Produktivität
der  Arbeit,  wenn  jetzt  gezeigt  werden  kann,  daß,  unabhängig  von  der
Bevölkerungszunahme,  auch  die  Wirkung  der  Fortschritte  in  den  Methoden
der  Produktion  und  des  Austausches  dahin  geht,  die  Rente  zu  erhöhen,
so  wird  die  Malthusfche  Theorie  —und  alle  davon  abgeleiteten  oder  damit
in  Beziehung  stehenden  Lehren  —  endgültig  und  vollständig  widerlegt
sein,  denn  wir  werden  die  Tendenz  des  materiellen  Fortschritts,  den
Lohn  und  die  Lage  der  untersten  Klaffe  herabzudrücken,  erklärt  haben,
ohne  zu  der  Theorie  des  zunehmenden  Druckes  gegen  die  Unterhaltsmittel ­
  greifen  zu  müssen.
'Daß  dies  der  Fall  ist,  wird  sich,  wie  ich  glaube,  beim  oberflächlichsten ­
  Nachdenken  herausstellen.
Die  Wirkung  der  Erfindungen  und  Verbesserungen  in  den  produktiven ­
  Gewerben  besteht  darin,  Arbeit  zu  ersparen,  d.  h.  das  gleiche
Resultat  mit  weniger  Arbeit  oder  ein  größeres  Resultat  mit  derselben
Arbeit  zu  sichern.
In  einem  Gesellschaftszustande,  in  welchem  die  vorhandene  Arbeitskraft ­
  dazu  diente,  alle  materiellen  wünsche  zu  befriedigen,  und  wo  keine
Möglichkeit  wäre,  neue  wünsche  durch  die  Gelegenheit,  sie  zu  befriedigen,
hervorzurufen,  würde  die  Wirkung  arbeitersparender  Verbesserungen
einfach  die  sein,  die  Summe  der  aufzuwendenden  Arbeit  zu  vermindern.
Ein  solcher  Gesellschaftszustand  jedoch  kann,  wenn  er  überhaupt  zu
finden  ist,  was  ich  bezweifle,  nur  da  vorhanden  fein,  wo  der  Mensch  dem
Tiere  noch  sehr  nahe  kommt.  In  der  sogenannten  zivilisierten  Gesellschaft, ­
  mit  der  wir  es  in  dieser  Untersuchung  zu  tun  haben,  ist  das  gerade
Gegenteil  der  Fall.  Die  Nachfrage  ist  keine  bestimmte  Quantität,  die
nur  mit  der  Bevölkerung  zunähme.  Sie  entsteht  in  jedem  einzelnen
mit  seiner  Fähigkeit,  sich  die  verlangten  Dinge  zu  verschaffen.  Der  Mensch
ist  kein  Gchse,  der,  wenn  er  sich  satt  gefressen  hat,  sich  zum  wiederkäuen
niederlegt;  er  ist  der  Sprosse  des  Blutigels,  der  beständig  nach  mehr
verlangt.  „Wenn  ich  Geld  bekomme",  sagte  Erasmus,  „werde  ich  mir
einige  griechische  Bücher  kaufen  und  nachher  einige  Kleider."  Die  Summe
der  produzierten  Güter  deckt  sich  nirgends  mit  dem  Verlangen  nach
Gütern,  und  das  Verlangen  steigt  mit  jeder  weiteren  Gelegenheit,  es
zu  befriedigen.
        <pb n="200" />
        Kap.  III.

Gewerblicher  Fortschritt  und  Verteilung.

\87

3st  dies  so,  so  wird  die  Wirkung  arbeitersparender  Verbesserungen
die  Vermehrung  der  Güterproduktion  sein.  Nun  sind  sür  diese  letztere
zwei  Dinge  erforderlich  —Arbeit  und  Land.  Deshalb  wird  die  Wirkung
arbeitersparender  Verbesserungen  die  sein,  die  Nachfrage  nach  Land
auszudehnen  und,  wo  immer  die  Grenze  der  (Dualität  des  benutzten
Landes  erreicht  ist,  Grund  und  Boden  von  geringerer  natürlicher  Ergiebigkeit ­
  unter  Kultur  zu  bringen  oder  auf  demselben  Boden  die  Kultur
bis  zu  einem  Punkt  geringerer  natürlicher  Ergiebigkeit  auszudehnen.
Und  während  so  die  ursprüngliche  Wirkung  arbeitersparender  Verbesserungen ­
  die  ist,  die  Kraft  der  Arbeit  zu  vermehren,  ist  die  sekundäre  Wirkung ­
  die,  den  Anbau  auszudehnen  und,  wo  dies  die  Grenze  des  Anbaues
verengert,  die  Rente  zu  steigern.  Wo  daher  der  Grund  und  Boden  vollständig ­
  angeeignet  ist,  wie  in  England,  oder  wo  er  entweder  angeeignet
ist  oder,  sobald  er  gebraucht  wird,  angeeignet  werden  kann,  wie  in  den
Vereinigten  Staaten,  da  ist  die  schließliche  Wirkung  von  arbeitersparenden
Maschinen  oder  Verbesserungen  die,  die  Rente  zu  erhöhen,  ohne  den
Lohn  oder  Zins  zu  steigern.
Es  ist  wichtig,  dies  völlig  einzusehen,  denn  es  zeigt,  daß  die  durch  die
herrschenden  Theorien  der  Bevölkerungsvermehrung  zugeschriebenen
Wirkungen  in  Wirklichkeit  dem  Fortschritt  der  Erfindungen  ihr  Dasein
verdanken,  und  erklärt  die  sonst  unlösbare  Tatsache,  daß  arbeitersparende
Maschinen  den  Arbeitern  nirgendwo  Vorteil  bringen.
Um  jedoch  diese  Wahrheit  vollständig  zu  begreifen,  muß  man  die
von  mir  schon  mehrmals  hervorgehobene  Tauschfähigkeit  der  Güter
im  Sinne  behalten.  Zch  erwähne  dies  nochmals,  nur  weil  es  so  beharrlich
vergessen  oder  ignoriert  wird  von  Schriftstellern,  die  von  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  sprechen,  als  ob  sie  von  der  Produktion  im  allgemeinen ­
  zu  unterscheiden  wäre,  und  von  den  Nahrungs-  oder  Unterhaltsmitteln, ­
  als  ob  sie  in  dem  Worte  Güter  nicht  einbegriffen  wären.
Der  Leser  möge  im  Auge  behalten,  daß,  wie  schon  hinreichend  erläutert ­
  wurde,  der  Besitz  oder  die  Produktion  irgendeiner  Form  der
&amp;lt;3üter  so  gut  ist  wie  der  Besitz  oder  die  Produktion  irgendeiner  anderen
Form,  mit  der  sie  sich  austauschen  läßt,  um  klar  zu  sehen,  daß  nicht  bloß
Verbesserungen,  die  in  der  direkt  auf  Land  verwendeten  Arbeit  eine
Ersparnis  bewirken,  sondern  alle  Verbesserungen,  die  auf  irgendeine
Meise  Arbeit  ersparen,  die  Rente  erhöhen.
Daß  die  Arbeit  des  einzelnen  sich  ausschließlich  auf  die  Produktion
einer  Form  des  Reichtums  richtet,  ist  nur  das  Resultat  der  Teilung  der
Arbeit.  Der  Zweck  der  Arbeit  eines  einzelnen  ist  nicht  die  Gewinnung
von  Gütern  in  einer  besonderen  Form,  sondern  in  allen  den  Formen,
^stf  die  seine  wünsche  gerichtet  sind.  Und  somit  ist  eine  Verbesserung,
die  Ersparnisse  in  der  zur  bservorbringung  eines  der  gewünschten  Dinge
erforderlichen  Arbeit  bewirkt,  so  gut  wie  eine  Vermehrung  der  Kraft,
vlle  anderen  Dinge  hervorzubringen.  Erfordert  es  eines  Mannes  halbe
Arbeit,  ihm  Nahrung,  und  die  andere  chälfte,  um  ihm  Kleider  und  (Obdach
        <pb n="201" />
        188

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

zu  verschaffen,  so  wird  eine  Verbesserung,  die  seine  Fähigkeit,  Nahrungsmittel ­
  hervorzubringen,  vermehrt,  auch  seine  Fähigkeit,  sich  Kleider
und  Gbdach  zu  verschaffen,  erhöhen.  Wenn  sein  Wunsch  nach  mehr  und
besserer  Nahrung  und  sein  Wunsch  nach  mehr  und  besseren  Kleidern
und  Obdach  gleich  wären,  so  würde  eine  Verbesserung  auf  dem  einen
Arbeitsgebiete  genau  gleichbedeutend  fein  mit  einer  gleichen  Verbesserung ­
  auf  dem  anderen.  Wenn  die  Verbesserung  die  Kraft  feiner  Arbeit
zur  Ljervorbringung  von  Nahrungsmitteln  verdoppelte,  so  würde  er
ein  Drittel  weniger  Arbeit  auf  die  Produktion  von  Nahrungsmitteln
und  ein  Drittel  mehr  auf  die  Beschaffung  von  Kleidern  und  Obdach
verwenden,  verdoppelte  die  Verbesserung  seine  Kraft,  sich  Kleider
und  Obdach  zu  verschaffen,  so  würde  er  ein  Drittel  weniger  Arbeit
auf  die  Versorgung  mit  diesen  Dingen  verwenden  und  ein  Drittel  mehr
auf  die  Produktion  von  Nahrungsmitteln.  In  jedem  Falle  würde  das
Resultat  das  gleiche  sein:  er  wäre  imstande,  mit  derselben  Arbeit  ein
Drittel  mehr  an  Ouantität  oder  Oualität  all  der  von  ihm  gewünschten
Dinge  zu  erlangen.
Und  so  erhöht,  wo  die  Produktion  mit  Teilung  der  Arbeit  zwischen
den  einzelnen  betrieben  wird,  die  Zunahme  der  Fähigkeit,  eins  der  von
den  gesamten  Produzenten  gesuchten  Dinge  hervorzubringen,  die  Fähigkeit, ­
  andere  zu  erhalten,  und  wird  die  Produktion  der  anderen  in  einem
Umfange  vermehren,  der  durch  das  Verhältnis  der  Arbeitsersparnis
zur  Gesamtsumme  der  aufgewendeten  Arbeit  und  durch  die  relative
Stärke  der  Bedürfnisse  bestimmt  wird.  Zch  kann  mir  keinerlei  Güter
vorstellen,  nach  denen  die  Nachfrage  durch  Ersparnisse  in  der  für  die
Erzeugung  anderer  erforderlichen  Arbeit  erhöht  werden  würde.  Leichenwagen ­
  und  Särge  sind  als  Beispiele  von  Dingen  angeführt  worden,
nach  denen  die  Nachfrage  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht  zunehmen
werde,  allein  dies  ist  nur  bezüglich  der  Ouantität  richtig.  Daß  die  größere
Kraft  des  Angebots  eine  Nachfrage  nach  kostspieligeren  Leichenwagen
und  Särgen  herbeiführen  würde,  kann  niemand  bezweifeln,  der  darauf
geachtet  hat,  wie  stark  der  Wunsch  ist,  den  Toten  durch  kostbare  Leichenbegängnisse ­
  Achtung  zu  bezeugen.
Auch  ist  die  Nachfrage  nach  Nahrungsmitteln  nicht  beschränkt,
wie  in  den  nationalökonomischen  Räsonnements  häufig,  aber  irrtümlich ­
  angenommen  wird.  Ulan  spricht  häufig  von  den  Unterhaltsmitteln,
als  ob  sie  eine  feststehende  Ouantität  wären;  dies  sind  sie  aber  nur  insofern, ­
  als  sie  ein  bestimmtes  Minimum  haben.  Weniger  als  eine  gewisse
Menge  wird  keinen  Menschen  am  Leben  erhalten,  und  weniger  als  eine
etwas  größere  Menge  wird  keinen  Menschen  bei  guter  Gesundheit  erhalten. ­
  Aber  über  dieses  Minimum  hinaus  können  die  Unterhaltsmittel,
welche  ein  Mensch  verbrauchen  kann,  fast  ins  Unbestimmte  vermehrt
werden.  Adam  Smith  sagt  und  Ricardo  unterschreibt  es,  daß  das  verlangen ­
  nach  Nahrung  in  jedem  Menschen  durch  die  geringe  Aufnahmefähigkeit ­
  des  menschlichen  Magens  beschränkt  werde;  aber  dies  ist  offenbar
        <pb n="202" />
        Kap.  III.

Gewerblicher  Fortschritt  und  Verteilung.

nur  in  dein  Sinne  wahr,  daß,  wenn  eines  Menschen  Bauch  voll  ist,
der  Hunger  gestillt  ist.  Seine  Nachfrage  nach  Nahrung  hat  keine  solche
Grenze.  Der  Magen  eines  Louis  XIV.,  eines  Louis  XV.  oder  eines
Louis  XVI.  konnte  nicht  mehr  bewältigen  und  verdauen,  als  der  Magen
eines  französischen  Bauern  gleicher  Größe;  während  aber  wenige  Ruten
Bodens  das  schwarze  Brot  und  die  Gemüse  lieferten,  welche  den  Unterhalt ­
  des  Bauern  ausmachten,  bedurfte  es  Hunderttausende  von  Morgen,
um  die  Bedürfnisse  des  Königs  zu  befriedigen,  der,  abgesehen  von  seinem
eigenen  verschwenderischen  Verbrauch  der  besten  (Dualitäten  von  Nahrungsmitteln, ­
  ungeheure  Mengen  für  seine  Diener,  Pferde  und  Hunde
brauchte/  Und  aus  den  gewöhnlichen  Vorkommnissen  des  täglichen
Lebens,  aus  den  unbefriedigten,  obgleich  vielleicht  verborgenen  Wünschen
jedes  einzelnen  können  wir  ersehen,  wie  jede  Zunahme  der  Kraft  irgendeine ­
  Güterart  zu  erzeugen,  in  einer  vermehrten  Nachfrage  nach  Land
und  den  unmittelbaren  Produkten  des  Landes  enden  muß.  Der  Mann,
der  jetzt  grobe  Nahrung  verbraucht  und  in  einem  kleinen  Hause  lebt,
wird  in  der  Regel  teurere  Nahrung  verbrauchen  und  nach  einem  größeren
Hause  ziehen,  wenn  sein  Einkommen  größer  wird.  Wenn  er  reicher  und
immer  reicher  wird,  so  wird  er  sich  Pferde,  Diener,  Gärten  und  Rasenplätze ­
  zulegen,  und  seine  Nachfrage  nach  Verwendung  von  Land  steigt
beständig  mit  seinem  Reichtum.  Zn  der  Stadt,  in  der  ich  schreibe,  lebt
ein  Mann  —  nur  ein  Ttzpus  von  Leuten,  wie  sie  überall  anzutreffen
sind  —  der  sich  seine  Bohnen  selbst  zu  kochen  und  seinen  Schinken  selbst
zu  rösten  pflegte,  jetzt  aber,  wo  er  reich  geworden  ist,  ein  Haus  in  der
Stadt  besitzt,  das  ein  ganzes  Karree  einnimmt  und  für  ein  Hotel  erster
Klasse  ausreichen  würde,  außerdem  zwei  oder  drei  Landhäuser  mit  ausgedehnten ­
  Anlagen,  ein  großes  Gestüt  von  Rennpferden,  eine  Zuchtfarm,
privatbahn  usw.  usw.  Es  ist  jetzt  sicherlich  wenigstens  tausendmal,
wenn  nicht  mehrere  tausendmal  so  viel  Land  nötig,  um  die  Bedürfnisse
dieses  Mannes  zu  befriedigen,  als  zu  der  Zeit,  wo  er  arm  war.
Und  so  verursacht  jede  beliebige  Erfindung  oder  Verbesserung,
die  der  Arbeit  die  Kraft  verleiht,  mehr  Güter  zu  erzeugen,  eine  verwehrte ­
  Nachfrage  nach  Land  und  seinen  direkten  Produkten  und  wirkt
so  darauf  hin,  den  Spielraum  des  Anbaues  einzuengen,  genau  so,  wie
es  die  durch  Bevölkerungszunahme  verursachte  Nachfrage  tun  würde.
Da  dies  der  Fall  ist,  so  hat  jede  arbeitersparende  Erfindung,  sei  es  nun
ein  Dampfpflug,  eine  Telegraphenanlage,  ein.verbessertes  Verfahren,
Erze  zu  schmelzen,  eine  vervollkommnete  Druckerpresse  oder  eine  Nähmaschine, ­
  die  Wirkung,  die  Grundrente  zu  erhöhen.
Oder  um  diese  Wahrheit  bündig  auszudrücken:
„Da  die  Güter  in  allen  ihren  Formen  das
Produkt  der  auf  den  Grunh  und  Boden  oder  dessen
Erzeugnisse  verwendeten  Arbeit  sind,  so  wird  jede
Zunahme  in  der  Kraft  der  Arbeit  —  da  die  Nachfrage ­
  nach  Gütern  nie  befriedigt  ist  —  dazu  be ­
        <pb n="203" />
        190

Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

nutzt  werden,  uni  inehr  Güter  zu  schaffen  und  dadurch ­
  die  Nachfrage  nach  Grund  und  Boden  zu  verinehren."

Um  ein  Beispiel  dieser  Wirkung  von  arbeitersparenden  Maschinen
und  Verbesserungen  zu  geben,  wollen  wir  ein  Land  annehmen,  wo,
wie  in  allen  Ländern  der  zivilisierten  Welt,  der  Grundbesitz  nur  im
Besitz  eines  Teils  des  Volkes  ist.  Nehmen  wir  ferner  eine  dauernde
Schranke  gegen  eine  weitere  Bevölkerungszunahme  an,  fei  es  infolge
des  Erlasses  und  der  strikten  Durchführung  eines  perodianischen  Gesetzes
oder  einer  derartigen  Änderung  in  den  Sitten  und  der  Moral,  wie  sie
aus  einer  ausgedehnten  Verbreitung  von  Annie  Besants  Flugschriften
sich  ergeben  könnte.  Die  Grenze  des  Anbaues  oder  der  Produktion
sei  durch  20  dargestellt.  Ländereien  oder  andere  Naturvorteile,  die  durch
Arbeits-  und  Kapitalsaufwand  einen  Ertrag  von  20  liefern,  werden
also  gerade  den  gewöhnlichen  Satz  des  Lohnes  und  Zinses  ergeben,
ohne  eine  Grundrente  einzuschließen;  während  alle  Ländereien,  die  bei
einem  gleichen  Arbeits-  und  Kapitalaufwands  mehr  als  20  liefern,
den  Überschuß  als  Rente  ergeben  werden.  Da  die  Bevölkerung  gleich
bleibt,  so  sollen  Erfindungen  und  Verbesserungen  eingeführt  werden,
welche  den  zur  Produktion  derselben  Gütersumme  notwendigen  Arbeitsund ­
  Kapitalaufwand  um  ein  Zehntel  ermäßigen.  Dann  kann  entweder
ein  Zehntel  der  Arbeit  und  des  Kapitals  frei  werden  und  die  Produktion
dieselbe  wie  vorher  bleiben;  oder  es  kann  dieselbe  Summe  von  Arbeit
und  Kapital  beschäftigt  und  die  Produktion  entsprechend  vermehrt
werden.  Aber  wie  in  allen  zivilisierten  Ländern  ist  die  industrielle  Organisation ­
  so,  daß  die  Arbeit  und  das  Kapital,  hauptsächlich  erstere,  sich  zu  allen
Bedingungen  um  Beschäftigung  drängen  müssen;  die  industrielle  Organisation ­
  ist  so,  daß  bloße  Arbeiter  nicht  in  der  Lage  sind,  ihren  gerechten ­
  Anteil  bei  der  neuen  Verteilung  zu  fordern,  und  daß  jede  Einschränkung ­
  in  der  Verwendung  von  Arbeit  zur  Produktion  wenigstens
im  Anfang  die  Form  annehmen  wird,  nicht  jedem  Arbeiter  dieselbe
Summe  von  Produkten  für  weniger  Arbeit  zu  geben,  sondern  einige
der  Arbeiter  außer  Arbeit  zu  setzen  und  ihnen  gar  nichts  von  derselben
zukommen  zu  lassen.  Infolge  der  durch  die  neuen  Verbesserungen  veranlaßten ­
  größeren  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  kann  jetzt  bei  dem  durch
t8  dargestellten  Punkte  der  Produktivität  der  Natur  ein  ebenso  großer
Ertrag  erzielt  werden  als  vorher  bei  20.  So  würde  das  unbefriedigte
Verlangen  nach  Gütern,  die  Konkurrenz  der  Arbeit  und  des  Kapitals
um  Beschäftigung,  die  Ausdehnung  der  Produktionsgrenze,  sagen  wir
auf  t8,  gewährleisten,  und  so  würde  die  Rente  um  den  Unterschied  zwischen
\8  und  20  wachsen,  während  die  Löhne  und  Zinsen  der  Ouantität  nach
nicht  größer  und,  im  Verhältnis  zum  ganzen  Erzeugnis,  geringer  sein
würden.  Es  würde  eine  größere  Güterproduktion  stattfinden,  aber  die
Grundbesitzer  würden  den  ganzen  Vorteil  haben  (bis  auf  zeitweilige
Abzüge,  die  weiter  unten  besprochen  werden  sollen).
        <pb n="204" />
        Wenn  die  Erfindungen  und  Verbesserungen  fortdauern,  so  wird
die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  noch  mehr  vergrößert  und  die  zur
bfervorbringung  eines  gegebenen  Resultats  notwendige  Arbeits-  und
Kapitalssumme  weiter  vermindert  werden.  Die  gleichen  Ursachen
werden  die  Verwertung  dieses  neuen  Gewinnes  an  produktiver  Kraft
zur  Erzeugung  von  mehr  Gütern  herbeiführen;  die  Grenze  des  Anbaues
wird  wieder  ausgedehnt  werden,  und  die  Grundrente  wird  steigen,
sowohl  relativ  wie  absolut,  ohne  Erhöhung  des  Lohns  und  Zinses.
Und  in  dem  Maße,  wie  die  Erfindungen  und  Verbesserungen  fortschreiten
und  beständig  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  erhöhen,  wird  die  Grenze
der  Produktion  tiefer  und  tiefer  gedrückt  werden  und  die  Grundrente
beständig  zunehmen,  wenn  auch  die  Bevölkerung  stationär  bleibt.
Ich  will  damit  nicht  sagen,  daß  die  Verengerung  des  Spielraums
der  Produktion  immer  genau  mit  der  Vermehrung  produktiver  Kraft
übereinstimmen  würde,  so  wenig  als  ich  sagen  will,  daß  der  Prozeß
immer  in  demselben  Schritt  vor  sich  gehen  würde.  Db  in  einem  besonderen ­
  Lalle  die  Verengerung  des  Spielraums  der  Produktion  hinterdrein ­
  humpelt  oder  die  Vermehrung  der  produktiven  Kraft  überholt,
wird,  glaube  ich,  von  etwas  abhängen,  was  man  das  Areal  der  Produktivität ­
  nennen  könnte,  das  verwertet  werden  kann,  ehe  der  Anbau  nach
dem  nächstniedrigen  Punkte  gedrängt  wird,  wenn  z.  B.  die  Grenze  des
Anbaues  bei  20  liegt,  werden  Verbesserungen,  welche  die  Erzielung  desselben ­
  Produkts  mit  ein  Zehntel  weniger  Kapital  und  Arbeit  ermöglichen,
die  Grenze  nicht  auf  *8  verschieben,  falls  das  Gebiet,  das  eine  Produktivität
von  hat,  ausreichend  ist,  um  alle  die  vom  Anbau  der  besseren  Ländereien ­
  ausgeschlossenen  Arbeitskräfte  und  Kapitalien  zu  beschäftigen.
In  diesem  Lalle  würde  die  Grenze  der  Kultur  bei  t9  stehen,  die  Rente
würde  um  den  Unterschied  zwischen  t9  und  20  erhöht  werden  und  der
Lohn  und  Zins  um  den  Unterschied  zwischen  t6  und  t9-  Wenn  jedoch
bei  derselben  Zunahme  produktiver  Macht  das  Areal  der  Produktivität
Zwischen  20  und  ^8  nicht  ausreichend  sein  sollte,  um  alle  ausgeschlossenen
Arbeitskräfte  und  Kapitalien  zu  beschäftigen,  so  muß  die  Grenze  des
Anbaues  unter  t8  sinken,  falls  die  gleiche  Summe  von  Arbeit  und
Aapital  sich  zur  Beschäftigung  drängt.  In  diesem  Lalle  würde  die  Rente
wehr  gewinnen  als  die  Zunahme  des  Produkts,  und  Lohn  und  Zins
würde  geringer  fein  als  vor  den,  die  produktive  Kraft  erhöhenden  Verbesserungen. ­

Auch  ist  es  nicht  ganz  richtig,  daß  die  durch  jede  Verbesserung  frei
gemachte  Arbeit  insgesamt  gezwungen  sein  wird,  bei  der  Produktion
von  mehr  Gütern  Beschäftigung  zu  suchen.  Die  größere  Lähigkeit  der
Bedürfnisbefriedigung,  welche  jede  neue  Verbesserung  einem  gewissen
Teile  der  Gesellschaft  verleiht,  wird  zum  verlangen  sowohl  nach  Muße
oder  Diensten,  als  nach  Gütern  benutzt  werden.  Manche  früheren  Arbeiter ­
  werden  daher  Müßiggänger  werden,  und  manche  aus  den  Reihen
ber  produktiven  in  die  der  unproduktiven  Arbeiter  übertreten,  deren
        <pb n="205" />
        Im ­

materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

Verhältnis,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  mit  dem  Fortschritt  der  Gesellschaft
sich  vergrößert.
Da  ich  jedoch  bald  zu  einer,  bisher  noch  unerörterten  Ursache  gelangen
werde,  die  beständig  dabin  wirkt,  die  Anbaugrenze  zu  verengern,  die
Steigerung  der  Rente  zu  fördern  und  sie  selbst  über  das,  durch  die  wirkliche ­
  Anbaugrenze  festgesetzte  Maß  hinauszutreiben,  so  verlohnt  es  nicht
der  Mühe,  diese  Störungen  in  der  sinkenden  Bewegung  der  Anbaugrenze
und  in  der  steigenden  Bewegung  der  Rente  in  Betracht  zu  ziehen.  Alles,
was  ich  klar  zu  machen  wünsche,  ist,  daß  auch  ohne  eine  Bevölkerungszunahme ­
  der  Fortschritt  der  Erfindungen  beständig  dahin  wirkt,  ein
immer  größeres  Verhältnis  des  Produkts  den  Grundbesitzern  und  ein
kleineres  der  Arbeit  und  dem  Kapital  zuzuwenden.
Und  da  wir  den  Fortschritten  der  Erfindung  keine  Grenzen  stecken
können,  so  können  wir  auch  der  Rentenerhöhung  keine  Grenzen  stecken,
außer  in  der  Gesamtproduktion.  Denn  wenn  die  arbeitersparenden
Erfindungen  so  weit  gingen,  bis  Vollkommenheit  erreicht  und  zur  Produktion ­
  von  Gütern  Arbeit  überhaupt  nicht  mehr  erforderlich  wäre,  dann
könnte  alles,  was  die  Erde  erzeugt,  ohne  Arbeit  gewonnen  werden,  und
die  Anbaugrenze  würde  auf  Null  sinken.  Lohn  und  Zins  würde  es  nicht
mehr  geben,  und  die  Rente  würde  alles  nehmen.  Denn  da  die  Grundbesitzer
ohne  Arbeit  alle  Güter,  die  von  der  Natur  zu  erlangen  sind,  erhalten
könnten,  so  würde  weder  für  Arbeit  noch  Kapital  Verwendung  und  auch
keine  Möglichkeit  für  sie  vorhanden  sein,  sich  irgendeinen  Anteil  der
produzierten  Güter  zu  erzwingen.  Und  gleichviel  wie  groß  oder  klein
die  Bevölkerung  wäre,  falls  überhaupt  noch  jemand  außer  den  Grundbesitzern ­
  existierte,  würde  er  von  der  Laune  oder  der  Gnade  der  Grundbesitzer ­
  abhängen,  er  würde  entweder  zum  Vergnügen  der  Grundbesitzer
oder  als  Unterstützungsbedürftiger  durch  ihre  Gnade  erhalten  werden.
Dieser  Punkt  der  absoluten  Vollkommenheit  arbeitersparender
Erfindungen  mag  sehr  entfernt,  wo  nicht  unmöglich  zu  erreichen  scheinen,
aber  es  ist  ein  Punkt,  zu  dem  der  Gang  der  Erfindungen  Tag  für  Tag
stärker  hinstrebt.  Und  in  dem  Dünnerwerden  der  Bevölkerung  in  den
Ackerbaudistrikten  Großbritanniens,  wo  kleine  Güter  in  große  umgewandelt ­
  werden,  sowie  in  den  großen,  mit  Maschinen  bearbeiteten
Weizenfeldern  Kaliforniens  und  Dakotahs,  wo  man  meilenweit  durch
wallende  Kornfelder  reiten  kann,  ohne  eine  menschliche  Wohnung  zu
sehen,  finden  sich  schon  Anzeichen  des  schließlichen  Zustandes,  dem  die
ganze  zivilisierte  Welt  entgegeneilt.  Der  Dampfpflug  und  der  Maschinenmäher ­
  errichten  in  der  modernen  Welt  Latifundien  derselben  Art,  wie
es  die  Einführung  der  Sklaven,  wozu  die  Kriegsgefangenen  gemacht
wurden,  im  alten  Italien  tat.  Und  manchem  armen  Burschen,  der  so
aus  seiner  gewohnten  Stätte  gestoßen  und  vertrieben  wird  —  wie  die
römischen  Bauern  genötigt  wurden,  sich  dem  Proletariat  der  großen
Stadt  anzureihen  oder  ihr  Blut  für  Brot  in  den  Reihen  der  Legionen
zu  verkaufen  —,  will  es  bedünken,  daß  diese  arbeitersparenden  Erfin-
        <pb n="206" />
        Aax.  III.

Gewerblicher  Fortschritt  und  Verteilung.

193

düngen  an  sich  selbst  ein  Fluch  seien,  und  wir  hören  Leute  von  der  Arbeit
sprechen,  als  ob  die  ermüdende  Anstrengung  der  Muskeln  an  sich  eine
wünschenswerte  Sache  sei.
Im  vorausgehenden  habe  ich  natürlich  von  Erfindungen  und
Verbesserungen  gesprochen,  die  allgemeinen  Eingang  gefunden  haben.
Solange  eine  Erfindung  oder  Verbesserung  von  so  wenigen  angewendet
wird,  daß  sie  einen  speziellen  Vorteil  daraus  ziehen,  berührt  dieselbe,
wie  kaum  gesagt  zu  werden  braucht,  die  allgemeine  Güterverteilung
nicht.  Dies  ist  z.  B.  bei  den  durch  Patentgesetze  geschaffenen  beschränkten
Monopolen  oder  bei  den  Ursachen,  welche  Eisenbahnen  und  Telegraphenlinien ­
  usw.  denselben  Lharakter  verleihen,  der  Fall.  Obgleich  sie  in  der
Regel  mit  Kapitalgewinn  verwechselt  werden,  so  sind  die  auf  diese  weise
entstehenden  Spezialgewinne,  wie  schon  in  einem  früheren  Kapitel
auseinandergesetzt  wurde,  in  Wirklichkeit  doch  Erträge  eines  Monopols
und  berühren,  bis  zu  dem  Umfange,  den  sie  vom  Gewinn  einer  Verbesserung ­
  für  sich  in  Abzug  bringen,  ursprünglich  die  allgemeine  Verteilung
nicht.  Die  Vorteile  einer  Eisenbahn  oder  einer  ähnlichen,  dem  Transport
zugute  kommenden  Verbesserung  sind  z.  B.  verbreitet  oder  monopolisiert,
je  nachdem  ihre  Tarife  einen  Satz  festhalten,  der  auf  das  angelegte
Kapital  die  gewöhnlichen  Zinsen  ergibt,  oder  aber  dermaßen  hoch  fixiert
sind,  daß  sie  einen  außerordentlichen  Ertrag  geben  oder  die  Diebstähle
der  Erbauer  oder  Direktoren  zudecken.  Und  das  Steigen  der  Rente  oder
Landwerte  korrespondiert,  wie  bekannt,  mit  der  Ermäßigung  der  Tarife.
wie  vorher  erwähnt  wurde,  sind  in  den  Verbesserungen,  welche
die  Rente  erhöhen,  nicht  nur  die,  die  produktive  Kraft  direkt  vermehrenden ­
  Verbesserungen  einzuschließen,  sondern  auch  solche  Verbesserungen
in  der  politischen  Verfassung,  den  Sitten  und  der  Moral,  die  sie  indirekt
vermehren.  Als  materielle  Kräfte  betrachtet,  haben  diese  alle  die  Wirkung, ­
  die  produktive  Kraft  zu  erhöhen  und,  gleich  den  Verbesserungen
in  den  produktiven  Gewerben,  wird  ihr  Vorteil  schließlich  von  den  Besitzern ­
  des  Grund  und  Bodens  monopolisiert.  Lin  bemerkenswertes
Beispiel  hiervon  ist  in  der  Abschaffung  des  Schutzzolles  in  England  zu
finden.  Der  Freihandel  hat  den  Reichtum  Großbritanniens  enorm  verwehrt, ­
  ohne  den  Pauperismus  zu  vermindern.  Er  hat  einfach  die  Rente
erhöht.  Und  wären  die  korrupten  Verwaltungen  unserer  großen  amerikanischen ­
  Städte  in  Muster  von  Reinheit  und  Sparsamkeit  verwandelt,
so  würde  die  Wirkung  davon  nur  die  sein,  den  wert  des  Grundbesitzes
Zu  vermehren,  aber  weder  den  Lohn  noch  den  Zins  zu  erhöhen.

George,  Fortschritt  und  Armut.

13
        <pb n="207" />
        \Cjq,  Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.  Buch  IV.

Kapitel  IV.
Die  Wirkung  der  durch  den  materiellen  Fortschritt  erregten
Erwartung.
wir  haben  jetzt  gesehen,  daß,  während  die  Bevölkerungszunahme
die  Rente  zu  steigern  strebt,  auch  die  Ursachen,  welche  in  einem  fortschreitenden ­
  Gesellschaftszustande  die  Vermehrung  der  Produktivkraft
der  Arbeit  bewirken,  alle  dahin  streben,  die  Rente,  nicht  aber  Lohn  und
Zins  zu  erhöhen.  Die  größere  Güterproduktion  geht  schließlich  als  höhere
Rente  an  die  Grundbesitzer,  und  obgleich  bei  weiteren  Fortschritten  auch
einzelnen,  die  keinen  Grund  und  Boden  besitzen,  Vorteile  erwachsen
mögen,  welche  in  ihren  chänden  bedeutende  Teile  des  vermehrten  Produkts ­
  vereinigen,  so  liegt  doch  in  all  jenem  Fortschritte  nichts,  was  entweder ­
  für  die  Arbeit  oder  für  das  Kapital  eine  Vermehrung  des  Ertrages ­
  bewirkte.  ,
Es  gibt  jedoch  einen,  bisher  noch  nicht  erwähnten  Umstand,  der  in
Betracht  gezogen  werden  muß,  um  den  Einfluß  des  materiellen  Fortschritts ­
  auf  die  Güterverteilung  vollständig  zu  erklären.
Dieser  Umstand  ist  die  sichere  Erwartung  einer  weiteren  Steigerung
der  Landwerte,  die  in  allen  fortschreitenden  Ländern  aus  der  beständigen
Erhöhung  der  Rente  erwächst,  und  die  zur  Spekulation,  d.  h.  zum  Ankauf
von  Land  um  einen  höheren  preis,  als  es  für  jetzt  bringen  würde,  führt.
wir  haben  bisher  angenommen,  wie  es  bei  den  Erörterungen  der
Rententheorie  in  der  Regel  geschieht,  daß  die  tatsächliche  Grenze  des
Anbaues  immer  mit  der  Grenze  zusammenfällt,  die  man  die  notwendige
Grenze  des  Anbaues  nennen  kann,  d.  h.  daß  der  Anbau  sich  erst  dann
zu  weniger  produktiven  Punkten  wendet,  wenn  es  darum  nötig  wird,
weil  die  Naturvorteile  auf  ergiebigeren  Punkten  vollständig  ausgenützt
sind.
Dies  ist  wahrscheinlich,der  Fall  in  stillschweigenden  oder  sehr  langsam
fortschreitenden  Ländern,  aber  in  schnell  fortschreitenden  Ländern,  wo
die  schnelle  und  beständige  Steigerung  der  Rente  zuversichtliche  Berechnungen ­
  einer  weiteren  Steigerung  gestattet,  ist  es  nicht  so.  Zn  solchen
Ländern  erzeugt  die  sichere  Erwartung  höherer  Preise  in  höherem  oder
geringerem  Grade  Koalitionen  unter  den  Grundbesitzern,  entzieht
den  Grund  und  Boden  der  Benutzung  und  beengt  so  den  Spielraum
des  Anbaues  weiter,  als  es  die  Erfordernisse  der  Produktion  nötig
machen.
Diese  Ursache  muß  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  allen  fortschreitenden ­
  Ländern  wirken,  obgleich  sie  in  Ländern  wie  England,
wo  das  Pachts^&amp;gt;stem  im  Ackerbau  vorherrscht,  sich  mehr  im  Verkaufspreise ­
  des  Landes  als  in  der  landwirtschaftlichen  Grenze  des  Anbaues
oder  der  tatsächlichen  Rente  zeigen  mag.  Aber  in  Ländern,  wie  die
Vereinigten  Staaten,  wo  der  Bebauer  des  Landes  gewöhnlich  vorzieht,
        <pb n="208" />
        Kap.  IV.

Die  Erwartungen  vom  materiellen  Fortschritt.

Ist5

es  womöglich  zu  besitzen,  und  wo  ungeheure  Strecken  Landes  disponibel
sind,  wirkt  sie  mit  ungeheurer  Kraft.
Das  immense  Gebiet,  über  welches  die  Bevölkerung  der  vereinigten ­
  Staaten  zerstreut  ist,  beweist  dies.  Der  Mann,  welcher  von
der  Gstküfte  sich  nach  der  Grenze  des  Anbaues  auf  den  Weg  macht,  wo
er  Land  ohne  Zahlung  einer  Rente  erhalten  kann,  muß,  gleich  dem
Manne,  der  über  den  Fluß  schwamm,  um  sich  einen  Trunk  zu  holen,
weite  Strecken  über  nur  halb  beackerte  Besitzungen  zurücklegen,  große
Gebiete  jungfräulichen  Bodens  durchkreuzen,  ehe  er  den  Punkt  erreicht,
wo  Land  ohne  Rente,  d.  h.  durch  Besitznahme  oder  Vorkaufsrecht  zu
haben  ist.  Er  (und  mit  ihm  die  Grenze  des  Anbaues)  wird  durch  die
Spekulation,  welche  in  Erwartung  einer  künftigen  Wertsteigerung  diese
unbenutzten  Ländereien  ankaust,  so  viel  weiter  Hinausgetrieben,  als  er
sonst  hätte  gehen  müssen.  Und  läßt  er  sich  nieder,  so  wird  auch  er  wiederum
wenn  er  kann,  mehr  Land,  als  er  gebraucht,  nehmen  in  dem  Glauben,
daß  es  bald  wertvoll  werde;  und  so  werden  die,  welche  nach  ihm  kommen,
wiederum  weiter  Hinausgetrieben,  als  die  Erfordernisse  der  Produktion
es  verlangen,  und  drängen  die  Grenze  des  Anbaues  auf  noch  unergiebigere,
weil  noch  entferntere  Punkte.
Dieselbe  Erscheinung  ist  in  jeder  schnell  wachsenden  Stadt  zu  beobachten. ­
  würde  das  Land  besserer  «Dualität  (in  bezug  aus  Lage)  immer
vollständig  benutzt,  ehe  man  zu  geringerem  Lande  greift,  so  würden,
sobald  eine  Stadt  sich  ausgedehnt,  keine  Plätze  unbebaut  bleiben,  noch
würden  wir  elende  pütten  mitten  unter  kostbaren  Gebäuden  finden.
Diese  Plätze,  oft  überaus  wertvoll,  werden  der  Benutzung,  oder  wenigstens
der  vollständigen  Benutzung  vorenthalten,  weil  ihre  Besitzer  nicht  imstande ­
  sind,  oder  nicht  den  Wunsch  haben,  sie  zu  bebauen,  und  in  Erwartung ­
  einer  Steigerung  der  Landwerte  vorziehen,  sie  zu  höheren  Preisen
zu  behalten,  als  jetzt  von  denen,  welche  sie  zu  bebauen  geneigt  wären,
Zu  erhalten  sind.  Und  infolge  davon,  daß  diese  Grundstücke  der  Benutzung ­
  beziehungsweise  der  vollen  Benutzung,  deren  sie  fähig  sind,
vorenthalten  werden,  wird  die  Grenze  der  Stadt  um  soviel  weiter  von
ihrem  Mittelpunkte  weggedrängt.
Erreichen  wir  aber  die  Grenzen  der  wachsenden  Stadt  —  die  faktische
Grenze  der  Bebauung,  die  der  Grenze  des  Anbaues  beim  Ackerbau
entspricht  —,  so  werden  wir  kein  Land  zum  landwirtschaftlichen  werte
käuflich  finden,  wie  es  der  Fall  sein  würde,  wenn  die  Grundrente  einfach
durch  die  Erfordernisse  der  Gegenwart  bestimmt  würde;  wir  werden
vielmehr  finden,  daß  auf  eine  weite  Entfernung  über  die  Stadt  hinaus
das  Land  einen  spekulativen  wert  hat,  der  sich  auf  den  Glauben  gründet,
daß  es  künftig  zu  städtischen  Zwecken  gebraucht  werden  wird,  und  daß,
um  den  Punkt  zu  erreichen,  wo  Grundstücke  zu  einem,  nicht  auf  die
städtische  Grundrente  basierten  Preise  käuflich  sind,  wir  sehr  weit  über
die  gegenwärtige  Grenze  der  städtischen  Benutzung  hinausgehen  müssen.
Dder,  um  einen  Fall  anderer  Art  zu  nehmen,  wovon  ähnliche
;3*
        <pb n="209" />
        Materieller  Fortschritt  und  Verteilung.

Buch  IV.

Beispiele  sicher  überall  zu  finden  sind.  In  Marin  Eounty,  von  San
Franzisko  aus  leicht  zu  erreichen,  gibt  es  einen  schönen  Bestand  von
Rottannen.  Der  Natur  der  Dinge  nach  sollten  diese  zuerst  gebraucht
werden,  ehe  man  für  den  Bedarf  des  Marktes  von  San  Franzisko  zu
viel  weiter  entfernten  Bauholzbeständen  griffe.  Aber  er  bleibt  unberührt,
und  viele  Meilen  weiter  hinaus  gehauenes  Bauholz  wird  täglich  mit
der  Bahn  daran  vorüber  geführt,  weil  sein  Besitzer  vorzieht,  auf  den
höheren  Preis  zu  warten,  den  er  in  der  Zukunft  bringen  wird.  Indem
so  dieser  Bestand  dem  Verbrauch  entzogen  wird,  wird  die  Grenze  der
Produktion  von  Rottannen  um  soviel  weiter  die  Rüste  hinauf  und  hinunter ­
  getrieben.  Daß  Erzlager,  sobald  sie  im  Privatbesitz  sind,  häufig
der  Benutzung  vorenthalten  werden,  während  man  ärmere  Lager  bearbeitet, ­
  ist  bekannt,  und  in  neuen  Staaten  ist  es  etwas  Gewöhnliches,
Leute  zu  finden,  die  „landarm"  („lanä  poor")  genannt  werden,  d.  h.
die  arm  bleiben,  oft  fast  bis  zum  wirklichen  Mangel,  weil  sie  darauf
bestehen,  Land,  das  sie  selbst  nicht  gebrauchen  können,  zu  Preisen  an
sich  zu  halten,  zu  welchen  sonst  niemand  es  mit  Gewinn  auszunützen
vermag.
Rehren  wir  jetzt  zu  der,  im  vorhergehenden  Rapitel  gegebenen
Erläuterung  zurück:  Bei  der  auf  20  stehenden  Grenze  des  Anbaues
findet  eine  Vermehrung  in  der  Produktionskraft  statt,  die  das  gleiche
Resultat  mit  einem  Zehntel  weniger  Arbeit  erreichbar  macht.  Aus
den  vorher  erwähnten  Gründen  muß  jetzt  die  Ziffer  der  Produktionsgrenze ­
  herabgesetzt  werden,  und  wenn  sie  auf  J8  bleibt,  so  wird  der
Ertrag  der  Arbeit  und  des  Rapitals  derselbe  wie  vorher  sein,  als  die
Grenze  bei  20  stand.  Gb  sie  auf  tS  oder  noch  darunter  gedrängt  wird,
richtet  sich  nach  dem  Areal  der  Produktivität  (wie  ich  es  genannt  habe),
welches  zwischen  20  und  ^8  liegt,  wenn  aber  die  sichere  Erwartung
einer  weiteren  Erhöhung  der  Renten  die  Besitzer  veranlaßt,  die  Rente
von  3  für  Land  von  20,  von  2  für  t9,  von  \  für  *8  zu  verlangen  und  ihre
Grundstücke  der  Benutzung  vorzuenthalten,  bis  diese  Bedingungen
erreicht  sind,  so  kann  das  Areal  der  Produktivität  so  heruntergesetzt
werden,  daß  die  Grenze  des  Anbaues  auf  oder  selbst  tiefer  fallen  muß;
und  somit  würden  die  Arbeiter  als  Resultat  der  Zunahme  der  Arbeitsleistungen ­
  weniger  als  vorher  erhalten,  während  der  Zins  entsprechend
herabgesetzt  und  die  Rente  in  größerem  Verhältnis  als  die  Zunahme  der
produktiven  Rraft  steigen  würde.
Gb  wir  sie  als  eine  Hinausschiebung  des  Spielraums  der  Produktion ­
  oder  als  ein  hinüberführen  der  Rentenlinie  über  den  Spielraum
der  Produktion  hinaus  formulieren,  immer  ist  der  Einfluß  der  Landspekulation ­
  auf  die  Erhöhung  der  Rente  eine  Tatsache,  die  in  keiner
Theorie  der  Güterverteilung  in  fortschreitenden  Ländern  ignoriert
werden  kann.  Sie  ist  die  Rraft,  die  durch  den  materiellen  Fortschritt
entfaltet  wird,  und  die  beständig  darauf  hinwirkt,  die  Rente  in  größerem
Verhältnis  zu  erhöhen,  als  der  Fortschritt  die  Produktion  vermehrt,
        <pb n="210" />
        Kap.  IV.

Die  Erwartungen  vom  materiellen  Fortschritt.

M
und  die  daher  ununterbrochen  darauf  hinwirkt,  in  dem  Maße,  wie  der
materielle  Fortschritt  vorangeht  und  die  Produktionskraft  wächst,  den
Arbeitslohn  nicht  bloß  relativ,  sondern  absolut  zu  erniedrigen.  Ls  ist
diese  Lxpansivkraft,  die,  mit  großer  Stärke  in  neuen  Ländern  wirkend,
denselben  vor  der  Zeit  die  sozialen  Krankheiten  älterer  Länder  bringt,
auf  jungfräulichen  Ackern  Vagabunden  hervorbringt  und  auf  halb
beackertem  Boden  die  Armut  groß  zieht.
Kurz,  die  allgemeine  und  beständige  Erhöhung  der  Landwerte
in  einem  fortschreitenden  Lande  erzeugt  notwendig  jene  weitere  Tendenz
zur  Steigerung,  die  in  dem  Falle  von  waren  bemerkbar  ist,  sobald  eine
allgemeine  und  anhaltende  Ursache  daraus  hinwirkt,  ihren  Preis  zu
erhöhen.  Wie  während  der  schnellen  Entwertung  des  Papiergeldes
in  den  letzten  Tagen  der  Konföderation  des  Südens,  der  Umstand,  daß
die  an  einem  Tage  gekaufte  Ware  am  nächsten  zu  einem  höheren  Preise
verkauft  werden  konnte,  die  Warenpreise  noch  schneller  in  die  Höhe
trieb,  als  die  Entwertung  des  Papiergeldes,  so  wirkt  die  beständige,
von  dem  materiellen  Fortschritt  erzeugte  Erhöhung  der  Landwerte  darauf
hin,  dieselbe  nur  noch  mehr  zu  beschleunigen.  Wir  sehen  diese  sekundäre
Ursache  mit  voller  Kraft  in  der  Manie  der  Landspekulation  wirken,
welche  die  Entstehung  neuer  Länder  kennzeichnet;  obgleich  dies  aber  nur
abnorme  und  gelegentliche  Erscheinungen  sind,  so  ist  es  doch  unleugbar,
daß  die  Ursache  mit  größerer  oder  geringerer  Stärke  in  allen  vorschreitenden ­
  Gesellschaften  beständig  wirksam  ist.
Die  Ursache,  welche  die  Spekulation  in  Waren  beschränkt,  die  Tendenz
des  steigenden  Preises,  weitere  Zufuhren  herbeizuziehen,  kann  die
spekulative  Erhöhung  der  Landwerte  nicht  beschränken,  da  der  Grund
und  Boden  eine  bestimmte  Tuantität  ist,  welche  menschliches  Zutun
weder  vergrößern  noch  verkleinern  kann.  Trotzdem  gibt  es  eine  Grenze
für  den  Preis  des  Landes  in  dem  Minimum,  das  von  der  Arbeit  und
dem  Kapital  als  Vorbedingung  für  ihre  produktive  Tätigkeit  gefordert
wird,  wäre  es  möglich,  den  Lohn  beständig  zu  ermäßigen,  bis  Null
erreicht  ist,  so  würde  es  auch  möglich  sein,  die  Rente  fortwährend  zu
steigern,  bis  sie  das  ganze  Produkt  verschlänge.  Da  jedoch  der  Lohn
nicht  aus  die  Dauer  unter  den  Punkt  herabgesetzt  werden  kann,  bei
welchem  die  Arbeiter  noch  arbeiten  und  sich  fortpflanzen  wollen,  noch
der  Zins  unter  den  Punkt,  bei  welchem  das  Kapitel  der  Produktion
gewidmet  bleiben  würde,  so  besteht  eine  Grenze,  welche  die  spekulative
Erhöhung  der  Rente  beschränkt.  Deshalb  kann  die  Spekulation  in  Ländern,
wo  der  Lohn  und  Zins  schon  dem  Minimum  nahe  sind,  nicht  denselben
Spielraum  zur  Steigerung  der  Rente  haben,  wie  in  Ländern,  wo  sie
bedeutend  darüber  stehen.  Daß  jedoch  in  allen  fortschreitenden  Ländern
die  spekulative  Erhöhung  der  Rente  die  beständige  Tendenz  hat,  die
Grenze  zu  überschreiten,  wo  die  Produktion  aufhören  würde,  zeigt  sich,
glaube  ich,  in  den  immer  wiederkehrenden  Zeiten  industrieller  Lähmung  —
ein  Gegenstand,  der  im  nächstenBuche  ausführlich  untersucht  werden  wird.
        <pb n="211" />
        Das  probiern  gelöst.
„wem  der  Boden  gehört,  dem  gehören  auch  die  Früchte  desselben.  Weiße
Sonnenschirme  und  Elefanten,  wahnsinnig  vor  Stolz,  das  sind  die  Blumen  einer
Landoerleihung."  —  Sir  wm.  Jones'  Übersetzung  einer  indischen,  zu  Tanna
gefundenen  Verleihungsurkunde.
„Die  Witwe  sammelt  Nesseln  für  ihrer  Rinder  Mahlzeit;  ein  parfümierter
Seigneur,  der  vornehm  im  Oeil  de  boeuf  lungert,  t)at  ein  Zaubermittel,  wodurch
er  sie  um  die  dritte  Nessel  bringt,  und  nennt  eS  Rente."  Larl^le.

Kapitel  I.
Die  Grundursachen  der  immer  wiederkehrenden  industriellen  Krisen.
Unsere  lange  Untersuchung  ist  beendet.  Wir  können  jetzt  die  Resultate ­
  vorführen.
Beginnen  wir  mit  den  industriellen  Krisen,  zu  deren  Erklärung
so  viele  widersprechende  und  sich  selbst  widersprechende  Theorien  vorgebracht ­
  sind.
Line  Erwägung  der  Art  und  Weise,  in  welcher  die  spekulative  Erhöhung ­
  der  Landwerte  den  Erwerb  der  Arbeit  und  des  Kapitals  beschneidet ­
  und  die  Produktion  hemmt,  führt,  glaube  ich,  unwiderstehlich
zu  dem  Schlüsse,  daß  hier  die  Pauptursache  jener  zeitweiligen  industriellen
Krisen  liegt,  denen  jedes  zivilisierte  Land  und  alle  zivilisierten  Länder
gemeinschaftlich,  in  zunehmendem  Maße  unterworfen  zu  sein  scheinen.
Ich  meine  damit  nicht,  daß  nicht  andere  nächste  Ursachen  vorhanden
wären.  Die  wachsende  Kompliziertheit  und  gegenseitige  Abhängigkeit
des  Produktionsgetriebes,  welches  jeden  Stoß  oder  jede  Stockung  durch
einen  sich  immer  erweiternden  Kreis  fortpflanzt;  das  Pauptgebrechen
der  Geldschsteme,  daß  die  Umlaufsmittel  sich  zusammenziehen,  wenn
sie  am  nötigsten  sind,  und  die  furchtbaren  Abwechslungen  im  Umfange
des  kommerziellen  Kredits  in  seinen  einfacheren  Formen,  der  in  viel
größerer  Ausdehnung  als  das  Geld  das  Mittel  oder  den  Fluß  des  Austausches ­
  bildet;  die  Schutztarife,  welche  dem  freien  Spiel  der  produktiven
Kräfte  künstliche  Schranken  setzen,  und  andere  ähnliche  Ursachen  haben
        <pb n="212" />
        Kap.  I.  Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

unzweifelhaft  bedeutenden  Anteil  an  der  pervorrufung  und  Verlängerung ­
  der  sogenannten  schweren  Zeiten.  Aber  sowohl  aus  der  Betrachtung
der  Prinzipien  als  auch  aus  der  Beobachtung  der  Erscheinungen  erhellt,
daß  die  große  ursprüngliche  Ursache  in  der  spekulativen  Steigerung  der
Landwerte  zu  suchen  ist.
Im  vorhergehenden  Kapitel  habe  ich  gezeigt,  daß  die  spekulative
Steigerung  der  Landwerte  dahin  wirkt,  den  Spielraum  des  Anbaues
oder  der  Produktion  über  ihre  normale  Grenze  zu  drängen,  und  dadurch
die  Arbeit  und  das  Kapital  zwingt,  mit  einem  geringeren  Ertrage  vorlieb
zu  nehmen,  oder  (und  dies  ist  der  einzige  weg,  wie  sie  der  Tendenz
widerstehen  können)  die  (Produktion  aufzugeben.  Es  ist  aber  nicht  bloß
natürlich,  daß  die  Arbeit  und  das  Kapital  dem  durch  die  spekulative
Erhöhung  der  Rente  auf  Lohn  und  Zins  ausgeübten  Drucke  Widerstand
leisten,  sondern  die  Selbstverteidigung  zwingt  sie  dazu,  um  so  mehr,  als
es  ein  Ertragsminimum  gibt,  unter  welchem  die  Arbeit  nicht  bestehen,
noch  das  Kapital  erhalten  werden  kann.  Daher  können  wir  aus  der  Spekulation ­
  in  Land  alle  die  Erscheinungen  ableiten,  welche  diese  wiederkehrenden ­
  Zeiten  industrieller  Krisen  kennzeichnen.
Nehmen  wir  ein  fortschreitendes  Land  an,  in  dem  die  Bevölkerung
zunimmt,  eine  Verbesserung  der  anderen  folgt  und  der  Boden  fortwährend ­
  im  werte  steigt.  ~  Diese  stete  Erhöhung  veranlaßt  natürlich
zur  Spekulation,  bei  der  eine  künftige  Steigerung  erwartet  wird,  und
die  Landwerte  werden  über  den  Punkt  getrieben,  bei  welchem,  unter
den  bestehenden  Produktionsverhältnissen,  ihre  gewohnten  Erträge  der
Arbeit  und  dem  Kapital  überlassen  bleiben  würden.  Die  Produktion
sängt  daher  an  zu  stocken.  Nicht,  daß  notwendiger-  oder  nur  wahrscheinlicherweise ­
  eine  absolute  Verminderung  in  der  Produktion  stattfände,
aber  es  tritt  ein  Zustand  ein,  der  in  einem  fortschreitenden  Lande  gleichbedeutend ­
  mit  einer  absoluten  Produktionsverminderung  in  einem
stationären  Lande  ist:  die  Produktion  nimmt  nicht  entsprechend  zu,  weil
der  neue  Zuwachs  an  Arbeitskräften  und  Kapitalien  zu  den  gewohnten
Lätzen  keine  Beschäftigung  findet.
Diese  Stockung  der  Produktion  an  einzelnen  Punkten  muß  sich
notwendig  an  anderen  Punkten  des  industriellen  Netzwerkes  in  einem
Aufhören  der  Nachfrage  zeigen,  wodurch  wieder  die  dortige  Produktion
gehemmt  wird,  und  so  muß  sich  die  Lähmung  allen  Verzweigungen  der
Industrie  und  des  Handels  mitteilen,  überall  eine  teilweise  Ausrenkung
der  Produktion  und  des  Austausches  bewirken  und  in  der  Erscheinung
enden,  welche,  je  nach  dem  Standpunkte,  von  welchem  die  Erscheinung
betrachtet  wird,  Überproduktion  oder  Überkonsumtion  anzudeuten
scheint.
Die  Zeit  des  geschäftlichen  Druckes,  welche  nun  folgt,  wird  fortdauern, ­
  bis  \.  die  spekulative  Steigerung  der  Rente  aufgehört  hat,
2-  die  Zunahme  der  Arbeitsleistungen  infolge  der  Bevölkerungszunahme
und  der  fortschreitenden  Verbesserungen  die  normale  Linie  der  Rente
        <pb n="213" />
        200

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

in  den  Stand  gesetzt  hat,  die  spekulative  Linie  der  Rente  zu  überholen,
oder  3.  die  Arbeit  und  das  Kapital  sich  darin  gefunden  haben,  für  einen
geringeren  Ertrag  sich  auf  die  Produktion  einzulassen,  Höchstwahrscheinlich ­
  würden  alle  drei  Ursachen  zusammenwirken,  um  ein  neues  Gleichgewicht ­
  zu  schaffen,  bei  welchem  alle  Kräfte  der  Produktion  sich  wieder
beteiligen  und  eine  Zeit  der  Tätigkeit  die  Folge  sein  würde;  worauf
die  Rente  neuerdings  steigen,  eine  spekulative  Erhöhung  wiederum
stattfinden,  die  Produktion  aufs  neue  gehemmt  werden  und  dieselbe
Reihenfolge  nochmals  vor  sich  gehen  wird.
Zn  dem  hoch  ausgebildeten  und  komplizierten  Produktionssystem,
das  die  moderne  Zivilisation  charakterisiert,  wo  es  überdies  keinen  geschlossenen ­
  Handelsstaat  gibt,  sondern  geographisch  oder  politisch  getrennte
Staaten  ihre  industriellen  Organisationen  auf  verschiedene  weise  und
in  wechselndem  Maßstabe  vermischen  und  verzweigen,  da  ist  es  nicht
zu  erwarten,  daß  man  die  Wirkung  so  klar  und  bestimmt  auf  die  Ursache
sollte  folgen  sehen,  als  es  in  einfacheren  Verhältnissen  und  in  einem,
ein  vollständiges  und  geschlossenes  ökonomische  Ganze  bildenden  Staate
der  Fall  sein  dürfte;  aber  nichtsdestoweniger  stimmen  die  gegenwärtig
durch  diese  wechselnden  Zeiten  von  Lebhaftigkeit  und  Ermattung  gebotenen ­
  Erscheinungen  sichtlich  mit  denen  überein,  die  wir  aus  der  spekulativen ­
  Rentensteigerung  hergeleitet  haben.
Die  Deduktion  erweist  somit  die  tatsächlichen  Erscheinungen  als
Ergebnisse  des  Prinzips.  Verfahren  wir  in  umgekehrter  weise,  so  ist
es  ebenso  leicht,  das  Prinzip  vermittels  Aufspürung  der  Erscheinungen
durch  Induktion  zu  gewinnen.
Diesen  Zeiten  der  Lähmung  gehen  immer  Zeiten  der  Tätigkeit
und  Spekulation  vorauf,  und  allseitig  wird  die  Verbindung  zwischen
beiden  zugegeben  und  die  Lähmung  als  Reaktion  gegen  die  Spekulation
angesehen,  wie  das  Kopfweh  des  Morgens  die  Reaktion  gegen  die  wüst
verlebte  Nacht  ist.  Betreffs  der  Art  und  weise  jedoch,  in  welcher  die
Lähmung  aus  der  Spekulation  hervorgeht,  bestehen  zwei  Klassen  oder
Richtungen  der  Einsichten,  wie  die  auf  beiden  Seiten  des  atlantischen
Ozeans  gemachten  versuche,  die  jetzige  industrielle  Lähmung  zu  erklären,
zeigen  werden.
Die  eine  Schule  sagt,  die  Spekulation  rufe  die  Lähmung  durch
Überproduktion  hervor,  und  zeigt  auf  die  mit  waren,  die  sich  nicht
zu  lohnenden  Preisen  verkaufen  lassen,  gefüllten  Speicher,  auf  die
geschlossenen  oder  nur  halbe  Zeit  arbeitenden  Fabriken,  auf  die  ruhenden
Bergwerke  und  stillgelegten  Dampfer,  auf  das  in  den  Bankgewölben
müßig  liegende  Geld  und  auf  die  zur  Arbeitslosigkeit  rmd  Entbehrung
verdammten  Arbeiter.  Man  zeigt  auf  diese  Tatsachen  zum  Beweise,
daß  die  Produktion  den  Bedarf  überstiegen  habe,  und  deutet  überdies
darauf  hin,  daß,  wenn  eine  Regierung  in  Kriegszeiten  als  ein  ungeheurer
Konsument  auf  den  Markt  kommt,  gute  Zeiten  herrschen,  wie  z.  B.  in
        <pb n="214" />
        Rax.  I.

Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Arisen.

20  s

den  Vereinigten  Staaten  während  des  Bürgerkrieges  und  in  England
während  des  Kampfes  mit  Napoleon.
Die  andere  Schule  sagt,  die  Spekulation  habe  die  Lähmung  durch
Überkonsumtion  hervorgerufen  und  deutet  auf  die  vollen  Speicher,
rostenden  Schiffe,  geschlossenen  Fabriken  und  müßigen  Arbeiter  als
Beweise  des  Aufhörens  wirksamer  Nachfrage  hin,  was,  wie  sie  sagt,
offenbar  davon  herrühre,  daß  die  Leute,  durch  eingebildeten  Wohlstand ­
  üppig  geworden,  über  ihre  Mittel  gelebt  haben  und  jetzt  gezwungen
sind,  sich  einzuschränken,  d.  h.  weniger  Güter  zu  verbrauchen.  Sie  deutet
überdies  auf  den  enormen  Güterverbrauch  durch  Kriege,  auf  den  Bau
unergiebiger  Eisenbahnen,  auf  Anleihen  bankerotter  Regierungen  usw.
als  Ausschweifungen  hin,  die,  wenn  auch  nicht  sofort  empfunden  —  gerade
wie  der  Verschwender  nicht  gleich  die  Schwächung  seines  Vermögens
empfindet  —  doch  jetzt  durch  eine  Zeit  eingeschränkten  Konsums  gut
gemacht  werden  müssen.
Offenbar  drückt  jede  dieser  Theorien  eine  Seite  oder  Phase  einer
allgemeinen  Wahrheit  aus,  aber  keine  umfaßt  augenscheinlich  die  ganze
Wahrheit.  Zur  Erklärung  der  Erscheinungen  sind  beide  gleich  unbrauchbar.
Denn  wie  kann  da  Überproduktion  herrschen,  wo  die  großen  Massen
der  Menschen  mehr  Güter  brauchen,  als  sie  erhalten  können,  und  wo
sie  bereit  sind,  das  dafür  zu  geben,  was  die  Basis  und  das  Rohmaterial
der  Güter  ist  —ihre  Arbeit?  ünd  wie  kann  da  Überproduktion  herrschen,
wo  die  Produktionsmaschinen  verkommen  und  die  Produzenten  zu  unfreiwilligem ­
  Müßiggang  verurteilt  sind?
wenn  mit  dem  Wunsch,  mehr  zu  konsumieren,  gleichzeitig  die
Fähigkeit  und  der  Wunsch  besteht,  mehr  zu  produzieren,  so  kann  die
industrielle  und  kommerzielle  Lähmung  weder  der  Überproduktion
noch  der  Überkonsumtion  zugeschrieben  werden.  Der  Übelstand  liegt,
offenbar  darin,  daß  Produktion  und  Konsumtion  sich  nicht  begegnen
und  gegenseitig  befriedigen  können.
wie  entsteht  dieses  Unvermögen?  Augenscheinlich  und  allseitiger
Annahme  zufolge  ist  es  die  Folge  der  Spekulation.  Aber  der  Spekulation
worin?
Sicherlich  nicht  der  Spekulation  in  Dingen,  die  Erzeugnisse  der
Arbeit  sind  —  in  landwirtschaftlichen  oder  Bergbauprodukten  oder
fabrizierten  waren,  denn  die  Wirkung  der  Spekulation  in  solchen  Dingen
ist,  wie  in  den  herkömmlichen  Büchern  klar  genug  bewiesen  wird,  um
das  nähere  Eingehen  darauf  überflüssig  zu  machen,  einfach  die,  die
Nachfrage  und  das  Angebot  auszugleichen  und  der  Wechselwirkung
Zwischen  Produktion  und  Konsumtion  durch  eine  Vorrichtung,  ähnlich
der  eines  Schwungrades  an  einer  Maschine,  Stetigkeit  zu  verleihen.
Deshalb  muß,  wenn  Spekulation  die  Ursache  dieser  industriellen
Zähmungen  ist,  dies  eine  Spekulation  in  Dingen  sein,  die  keine  Arbeitserzeugnisse, ­
  aber  doch  zur  Betätigung  der  Arbeit  in  der  Produktion
        <pb n="215" />
        202

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

von  Gütern  notwendig  sind  —  in  Dingen  bestimmter  gZuantität;  d.  h.
es  muß  die  Spekulation  in  Land  sein.
Daß  die  Landspekulation  die  wahre  Ursache  der  industriellen  Lähmung ­
  ist,  zeigt  sich  klar  in  den  Vereinigten  Staaten.  Während  jeder
Periode  industrieller  Lebhaftigkeit  stiegen  die  Landwerte  fortwährend,
bis  schließlich  eine  Spekulation  eintrat,  welche  sie  in  großen  Sprüngen
in  die  pöhe  trieb.  Daraus  folgte  unveränderlich  eine  teilweise  Stockung
der  Produktion  mit  ihrem  Korrelate,  dem  Stocken  wirksamer  Nachfrage
(flauem  Geschäft),  gewöhnlich  begleitet  von  einem  kommerziellen  Urach;
und  dann  kam  eine  Periode  verhältnismäßiger  Stagnation,  während
welcher  das  Gleichgewicht  sich  langsam  wiederherstellte,  worauf  derselbe ­
  Rundgang  aufs  neue  vor  sich  ging.  Dies  Verhältnis  ist  in  der
ganzen  zivilisierten  Welt  bemerkbar.  Perioden  industrieller  Lebhaftigkeit
gipfeln  stets  in  einer  spekulativen  Steigerung  der  Landwerte,  worauf
Symptome  gehemmter  Produktion  eintreten,  die  sich  zuerst  gewöhnlich
in  einem  Aufhören  der  Nachfrage  nach  neueren  Ländereien  äußern,
wo  die  Steigerung  des  Grundwertes  am  größten  war.
Daß  dies  die  Paupterklärung  dieser  Perioden  der  Lähmung  sein
muß,  wird  aus  einer  Zergliederung  der  Tatsachen  ersichtlich  werden.
Aller  Pandel  ist,  wie  hier  in  Erinnerung  gebracht  werden  mag,
Austausch  von  waren  gegen  waren,  und  somit  ist  das  die  Krisis  bezeichnende ­
  Aufhören  der  Nachfrage  nach  einigen  waren  tatsächlich  auch
ein  Aufhören  im  Angebot  anderer  waren.  Daß  die  pändler  ihren  Absatz ­
  und  die  Fabrikanten  ihre  Aufträge  abnehmen  sehen,  während  die
Sachen,  die  sie  zu  verkaufen  haben,  oder  sofort  Herstellen  können,  Artikel
sind,  für  welche  ein  weitverbreitetes  Bedürfnis  besteht,  zeigt  einfach,
daß  das  Angebot  anderer  Dinge,  welche  im  Verlauf  des  Pandels  dafür
gegeben  worden  wären,  abgenommen  hat.  In  gewöhnlicher  Redeweise
sagen  wir:  „die  Käufer  haben  kein  Geld",  oder  „Geld  macht  sich  rar",
aber  wenn  wir  so  sprechen,  ignorieren  wir  die  Tatsache,  daß  das  Geld
nur  das  Mittel  des  Austausches  ist.  was  denen,  die  gern  kaufen  möchten,
wirklich  fehlt,  ist  nicht  Geld,  sondern  Ware,  die  sie  zu  Geld  machen  könnten
—  was  wirklich  seltener  wird,  sind  Produkte  irgendwelcher  Art.  Die
Verminderung  der  wirksamen  Nachfrage  der  Konsumenten  ist  daher  nur
ein  Resultat  der  Verminderung  der  Produktion.
Dies  können  die  pändler  in  einer  Fabrikstadt  sehr  deutlich  sehen,
wenn  die  Fabriken  geschlossen  und  die  Arbeiter  ohne  Beschäftigung
find.  Es  ist  das  Aufhören  der  Produktion,  was  die  Arbeiter  der  Mittel
beraubt,  ihre  gewünschten  Einkäufe  zu  machen,  und  dadurch  verursacht,
daß  der  pändler  mit  einem,  angesichts  der  geringeren  Nachfrage  übergroßen^ ­
  Vorrat  sitzen  bleibt,  so  daß  er  sich  gezwungen  sieht,  einige  seiner
Kommis  zu  entlassen  und  seine  sonstigen  Bedürfnisse  einzuschränken.
Und  das  Aufhören  der  Nachfrage  (ich  spreche  natürlich  von  allgemeinen
Fällen  und  nicht  von  einer  Änderung  in  dem  relativen  Begehr  durch
solche  Ursachen,  wie  z.  B.  Modewechsel),  welches  dem  Fabrikanten  ein
        <pb n="216" />
        Kap.  I.

Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

203

übergroßes  Lager  auf  dem  palse  ließ  und  ihn  zwang,  feine  Leute  zu
entlassen,  mußte  auf  gleiche  Weise  entstehen.  Irgendwo,  vielleicht
am  anderen  Ende  der  Welt,  hat  eine  Hemmung  der  Produktion  eine
Störung  in  der  Nachfrage  der  Konsumenten  bewirkt.  Daß  die  Nachfrage
sich  vermindert,  ohne  daß  der  Mangel  befriedigt  wird,  zeigt,  daß  die
Produktion  irgendwo  gehemmt  ist.
Die  Leute  brauchen  die  Artikel,  welche  der  Fabrikant  macht,  so
nötig  wie  je,  gerade  wie  die  Arbeiter  die  Dinge  brauchen,  welche  der
Händler  zu  verkaufen  hat.  Aber  sie  haben  nicht  mehr  soviel  dafür  zu
geben.  Die  Produktion  ist  irgendwo  gehemmt  worden,  und  diese  Einschränkung ­
  im  Angebot  einiger  Dinge  hat  sich  im  Aufhören  der  Nachfrage
nach  anderen  gezeigt,  da  sich  die  Hemmung  über  den  ganzen  Rahmen
der  Industrie  und  des  Austausches  ausbreitet.  Nun  ruht  die  industrielle
Pyramide  unstreitig  aus  dem  Grund  und  Boden.  Die  ersten  und  ursprünglichen ­
  Beschäftigungen,  welche  eine  Nachfrage  nach  allen  anderen
erzeugen,  sind  augenscheinlich  diejenigen,  welche  der  Natur  Güter  abgewinnen, ­
  und  wir  müssen,  wenn  wir  dieser  pemmung,  die  sich  in  verminderter ­
  Kaufkraft  äußert,  von  einem  Austauschpunkte  zum  anderen,
und  von  einer  Beschäftigung  zur  anderen  nachspüren,  sie  schließlich  in
irgendeinem  Hindernis  finden,  das  die  Arbeit  abhält,  sich  auf  den
Grund  und  Boden  zu  richten.  Und  dieses  Hindernis  ist  klärlich  die
spekulative  Erhöhung  der  Rente  oder  des  Landwertes,  welche  dieselben
Wirkungen  verursacht  wie  eine  Aussperrung  der  Arbeit  und  des  Kapitals
seitens  der  Landbesitzer  (was  sie  auch  tatsächlich  ist).  Diese  Hemmung
der  Produktion,  an  der  Grundlage  des  vielverzweigten  Gewerbfleißes
beginnend,  pflanzt  sich  von  Austauschpunkt  zu  Austauschpunkt  fort,
und  das  Aufhören  des  Angebotes  wird  zur  Einstellung  der  Nachfrage,
bis  die  ganze  Maschine,  sozusagen,  aus  Rand  und  Band  geht  und
allenthalben  das  Schauspiel  vergeudeter  Arbeitskraft  und  notleidender
Arbeiter  gewährt.
Dieses  sonderbare  und  unnatürliche  Schauspiel  großer  Mengen
arbeitswilliger  Leute,  die  keine  Beschäftigung  finden  können,  ist  genügend,
um  jedem,  der  folgerecht  zu  denken  vermag,  die  wahre  Ursache  kund  zu
tun.  Denn,  obgleich  die  Gewohnheit  uns  dagegen  abgestumpft  hat,
so  ist  es  eine  sonderbare  und  unnatürliche  Sache,  daß  Menschen,  die  zu
arbeiten  wünschen,  um  ihre  Bedürfnisse  zu  befriedigen,  keine  Gelegenheit
dazu  finden  können  —,  da  jemand,  der  Arbeit  für  Nahrung,  Kleidung
oder  jede  andere  Form  von  Gütern  auszutauschen  sucht,  sintemal  die
Arbeit  Güter  erzeugt,  einem  Manne  gleicht,  der  Münze  für  Gold  oder
Weizen  für  Mehl  zu  geben  sich  erbietet.  Wir  sprechen  von  dem  Angebot
der  Arbeit  und  der  Nachfrage  nach  Arbeit,  aber  offenbar  sind  dies  nur
relative  Ausdrücke.  Das  Angebot  der  Arbeit  ist  allenthalben  dasselbe  —
Zwei  Hände  kommen  stets  mit  einem  Munde  auf  die  Welt,  einundzwanzig
Anaben  auf  je  zwanzig  Mädchen,  und  die  Nachfrage  nach  Arbeit  muß
stets  bestehen,  solange  Menschen  Dinge  brauchen,  welche  die  Arbeit
        <pb n="217" />
        Das  Problem  gelöst.

Buch  V.

20$

allein  verschaffen  kann,  wir  sprechen  von  „Arbeitsmangel",  aber  unstreitig ­
  ist  es  nicht  Arbeit,  die  fehlt,  solange  der  Mangel  fortdauert;
offenbar  kann  das  Arbeitsangebot  nicht  zu  groß  sein,  noch  die  Nachfrage
nach  Arbeitskräften  zu  klein,  wenn  Menschen  an  Dingen  Mangel  leiden,
welche  die  Arbeit  erzeugt.  Der  wahre  Grund  muß  der  sein,  daß  das  Angebot ­
  auf  irgendeine  weise  verhindert  ist,  der  Nachfrage  zu  entsprechen;
daß  irgendwo  ein  Hindernis  besteht,  welches  die  Arbeit  verhindert,  die
Dinge  zu  erzeugen,  welche  die  Arbeiter  brauchen.
Nehmen  wir  den  Fall  irgendeines  Angehörigen  dieser  großen
Massen  unbeschäftigter  Leute,  dem,  obgleich  er  nie  von  Malthus  hörte,
es  heute  scheint,  daß  zu  viel  Menschen  in  der  Welt  sind.  In  seinen  eigenen
Bedürfnissen,  in  den  notwendigsten  Erfordernissen  seines  sorgenvollen
Weibes,  in  den  Bitten  seiner  kaum  halbversorgten,  vielleicht  gar  hungrigen
und  frierendenKinder  ist,  der  Himmel  weiß  es!  Begehr  genug  nach  Arbeit.
Setzt  man  ihn  auf  eine  einsame  Insel,  so  vermögen  seine  beiden  Hände
obgleich  abgeschnitten  von  allen  den  ungeheuren  Vorteilen,  welche  das
Zusammenwirken,  die  Vereinigung  und  die  Maschinen  eines  zivilisierten
Landes  der  produktiven  Kraft  des  Menschen  verleihen,  die  Münder  derer,
die  auf  sie  angewiesen  sind,  zu  füllen  und  ihre  Rücken  warm  zu  halten,
wo  hingegen  die  produktive  Kraft  ihren  Höhepunkt  erreicht,  da  ist  er
nicht  imstande  dazu,  warum?  Ist  der  Grund  nicht  der,  daß  er  in  dem
einen  Falle  zu  den  Stoffen  und  Kräften  der  Natur  Zutritt  hat  und  ihm
in  dem  anderen  dieser  Zutritt  versagt  ist?
Ist  es  nicht  der  Umstand,  daß  die  Arbeit  von  der  Natur  ausgesperrt
ist,  der  allein  den  Stand  der  Dinge  erklären  kann,  durch  welchen  Menschen
zum  Müßiggang  gezwungen  werden,  die  sich  gern  ihre  Bedürfnisse  durch
ihre  Arbeit  verschaffen  würden?  Die  unmittelbare  Ursache  erzwungenen
Nichtstuns  mag  bei  einer  Reihe  von  Menschen  das  Aufhören  der  Nachfrage
seitens  anderer  Menschen  nach  den  Dingen  sein,  die  sie  gerade  produzieren;
verfolgt  man  aber  diese  Ursache  von  Punkt  zu  Punkt,  von  Beschäftigung
zu  Beschäftigung,  so  wird  man  finden,  daß  das  erzwungene  Nichtstun
in  einer  Branche  durch  die  erzwungene  Untätigkeit  in  einer  anderen
verursacht  ist,  und  daß  die  Lähmung,  welche  Stillstand  in  allen  Geschäftsbranchen ­
  erzeugt,  nicht  als  einem  zu  großen  Arbeitsangebot  oder  einer  zu
kleinen  Arbeitsnachfrage  entspringend,  betrachtet  werden  kann,  sondern
aus  dem  Umstande  entstehen  muß,  daß  das  Angebot  nicht  mit  der  Nachfrage ­
  zusammentreffen  kann,  um  die  Dinge  zu  erzeugen,  welche  dem
Mangel  abhelfen  und  der  Zweck  der  Arbeit  sind.
Was  aber  erforderlich  ist,  um  die  Arbeit  zu  befähigen,  diese  Dinge
hervorzubringen,  ist  Land,  wenn  wir  sagen,  die  Arbeit  schaffe  Güter,
so  ist  dies  bildlich  gesprochen.  Der  Mensch  erschafft  nichts.  Das  ganze
Menschengeschlecht  könnte  ewig  arbeiten  und  nicht  das  kleinste  Staubteilchen, ­
  das  in  einem  Sonnenstrahle  schwebt,  erschaffen,  könnte  diese
rollende  Kugel  nicht  um  ein  Atom  schwerer  oder  leichter  machen.  In  der
Güterproduktion  bringt  die  Arbeit  nur  mit  Hilfe  der  Naturkräfte  schon
        <pb n="218" />
        Kap.  I.

Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

205

bestehende  Stoffe  in  die  gewünschten  Formen  und  muß  daher  zu  diesen
Stoffen  und  Kräften,  d.  h.  zum  Lande  Zutritt  haben.  Das  Land  ist
die  Ouelle  aller  Güter.  Ls  ist  die  Mine,  aus  der  das  Erz,  welches  die  Arbeit
formt,  hervorgeholt  werden  muß.  Ls  ist  die  Substanz,  der  die  Arbeit
die  Form  gibt.  Und  können  wir  daher,  wenn  die  Arbeit  ihre  Bedürfnisse
nicht  zu  befriedigen  vermag,  nicht  mit  Sicherheit  schließen,  daß  dies  an
nichts  anderem  liegt,  als  weil  ihr  der  Zutritt  zum  Lande  verschlossen  ist?
wenn  in  allen  Branchen  Arbeitslosigkeit  vorherrscht,  wenn  allenthalben ­
  Arbeitskraft  verkommt,  während  der  Bedarf  unbefriedigt  bleibt,
muß  da  nicht  das  pindernis,  welches  die  Arbeit  abhält,  die  ihr  mangelnden ­
  Güter  hervorzubringen,  an  der  Grundlage  des  ökonomischen  Baues
liegen?  Jene  Grundlage  ist  das  Land,  Putzmacher,  Verfertiger  optischer
Instrumente,  Vergolder  und  Bohner  sind  nicht  die  Pioniere  neuer  Ansiedelungen. ­
  Die  Goldgräber  gingen  nicht  nach  Kalifornien  oder  Australien,
weil  Schuster,  Schneider,  Maschinisten  und  Drucker  da  waren.  Aber  diese
Geschäfte  folgten  den  Goldgräbern,  gerade  wie  sie  ihnen  heute  nach  den
Schwarzen  pügeln,  und  wie  sie  den  Diamantgräbern  nach  Südafrika
folgen.  Nicht  der  Ladenbesitzer  zieht  den  Landmann  in  eine  Gegend,
sondern  der  letztere  den  ersteren.  Ls  ist  nicht  das  Wachstum  der  Stadt,
welches  das  platte  Land  entwickelt,  sondern  die  Entwicklung  des  Landes
läßt  die  Stadt  wachsen.  Und  wenn  es  daher  in  allen  Geschäften  arbeitswillige ­
  Menschen  gibt,  die  nicht  die  Gelegenheit  zu  arbeiten  finden  können,
so  muß  die  Schwierigkeit  aus  derjenigen  Beschäftigung  erwachsen,  die
wiederum  eine  Nachfrage  nach  allen  anderen  erzeugt  —es  muß  der  Fall
fein,  weil  die  Arbeit  von  dem  Grund  und  Boden  abgeschnitten  ist.
Zn  Leeds  oder  Lowell,  in  Philadelphia  oder  Manchester,  in  London
oder  New  pork  mag  es  ein  Begreifen  der  ersten  Prinzipien  erfordern,
um  dies  herauszufinden;  wo  aber  die  industrielle  Entwicklung  nicht  so
ausgebildet  ist,  noch  die  äußersten  Glieder  der  Kette  so  weit  getrennt
sind,  braucht  man  sich  nur  offenkundige  Verhältnisse  anzusehen.  Obgleich
noch  nicht  30  Zahre  alt,  zählt  die  Stadt  San  Franzisko,  sowohl  an  Bevölkerung ­
  als  an  kommerzieller  Bedeutung,  zu  den  großen  Städten  der
Welt  und  ist  neben  New  pork  die  am  meisten  einer  Metropole  ähnlich
sehende  Stadt  der  Vereinigten  Staaten.  Obgleich  noch  nicht  30Zahre  alt,
hat  sie  seit  einigen  Zähren  eine  zunehmende  Zahl  unbeschäftigter  Menschen.
-E?ter  ist  dies  klärlich  darum  der  Fall,  weil  sie  auf  dem  Lande  keine  Beschäftigung ­
  finden  können,  denn  wenn  die  Erntezeit  kommt,  so  ziehen  sie
in  Scharen  hinaus,  und  wenn  dieselbe  vorüber  ist,  so  kommen  sie  in
Scharen  zurück.  Produzierten  diese  jetzt  unbeschäftigten  Leute  Güter
aus  dem  Boden,  so  würden  sie  nicht  allein  sich  selbst,  sondern  alle  Handwerker ­
  der  Stadt  beschäftigen,  den  Ladeninhabern  Kundschaft,  den
Kaufleuten  Pandel,  den  Theatern  Besuch,  den  Zeitungen  Subskribenten
und  Znserate  verschaffen  und  eine  wirksame  Nachfrage  Hervorrufen,  die
in  Neu-Lngland  und  Alt-England  und  über  die  ganze  Welt  an  allen
E&amp;gt;rten  gefühlt  werden  würde,  wo  jene  Artikel  Herkommen,  welche  von
        <pb n="219" />
        206

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

einer  solchen  Bevölkerung,  sobald  sie  die  Mittel  dazu  hat,  konsumiert
werden.
Nun,  warum  kann  diese  unbeschäftigte  Arbeit  auf  dem  Lande  keine
Verwendung  finden?  Nicht  weil  alles  Land  in  Benutzung  wäre.  Obgleich ­
  alle  Anzeichen,  die  in  älteren  Ländern  als  Beweise  von  Übervölkerung ­
  angesehen  werden,  sich  schon  in  San  Franzisko  bemerkbar
machen,  so  ist  es  müßig,  von  Übervölkerung  in  einem  Staate  zu
sprechen,  der,  bei  größeren  Hilfsmitteln  der  Natur  als  Frankreich,  noch
nicht  eine  Million  Einwohner  hat.  Innerhalb  weniger  Meilen  von  San
Franziska  ist  unbenutztes  Land  genug,  um  jedem  Manne  Beschäftigung
zu  geben,  der  ihrer  bedarf.  Ich  will  keineswegs  sagen,  daß  jeder  unbeschäftigte ­
  Mann  Landmann  werden  oder  sich  ein  Haus  bauen  könnte,
wenn  er  das  Land  hätte,  wohl  aber,  daß  genug  dies  tun  könnten  und
würden,  um  den  übrigen  Beschäftigung  zu  geben,  was  ist  es  also,  das  die
Arbeit  verhindert,  sich  aus  diesem  Lande  zu  beschäftigen?  Einfach,  daß
es  monopolisiert  und  auf  Spekulationspreisen  gehalten  wird,  die  nicht
nur  aus  den  gegenwärtigen  Wert  begründet  sind,  sondern  aus  den  erhöhten ­
  Wert,  der  mit  dem  künftigen  Wachstum  der  Bevölkerung  erst
kommen  soll.
was  so  in  San  Franzisko  jeder  sehen  kann,  der  nur  sehen  will,
kann  ohne  Zweifel  ebenso  klar  an  anderen  Orten  beobachtet  werden.
Die  gegenwärtige  kommerzielle  und  industrielle  Lähmung,  die
sich  zuerst  im  Jahre  *872  \ n  den  vereinigten  Staaten  kundgab,  und
sich  mit  größerer  oder  geringerer  Gewalt  über  die  ganze  zivilisierte
Welt  erstreckte,  wird  zum  großen  Teil  der  ungebührlichen  Ausdehnung
des  Eisenbahnjchstems  zugeschrieben,  womit  allerdings  viele  Dinge
verknüpft  find,  die  einen  Zusammenhang  mit  der  Geschäftslage  zu  beweisen ­
  scheinen.  Ich  weiß  vollkommen,  daß  die  Erbauung  von  Eisenbahnen, ­
  ehe  sie  wirklich  gebraucht  werden,  Kapital  und  Arbeit  von  mehr
oder  weniger  produktiven  Beschäftigungen  ablenken  und  ein  Land  eher
arm  als  reich  machen  können;  und  als  die  Eisenbahnmanie  auf  dem  Gipfelpunkte ­
  stand,  deutete  ich  auf  diese  Tatsache  in  einer  an  das  Volk  Kaliforniens ­
  gerichteten  politischen  Broschüre  (Die  demokratische  Hartei
und  die  Eisenbahnsrage  *8?*)  hin;  aber  dieser  Kapitalvergeudung  eine
solche  weitverbreitete  industrielle  Stockung  beizumessen,  kommt  mir  vor,
wie  eine  ungewöhnlich  niedrige  Ebbe  dem  Entnehmen  einiger  Extra-Eimer
voll  Wasser  zuzuschreiben.  Die  Vergeudung  von  Kapital  und  Arbeit
während  des  Bürgerkrieges  war  sehr  viel  größer,  als  sie  irgend  durch
den  Bau  unnötiger  Bahnen  verursacht  werden  konnte,  ohne  ein  derartiges
Resultat  hervorzubringen.  Und  sicherlich  scheint  wenig  Sinn  darin  zu
liegen,  die  Vergeudung  von  Kapital  und  Arbeit  in  Eisenbahnen  als  Ursache ­
  der  Lähmung  zu  betrachten,  wenn  das  hervorragende  Merkmal  derselben ­
  der  Überfluß  an  Kapital  und  Beschäftigung  suchender  Arbeit  war.
Daß  immerhin  eine  Verbindung  zwischen  dem  überstürzten  Bau
von  Bahnen  und  der  industriellen  Lähmung  besteht,  kann  jedermann,
        <pb n="220" />
        Kap.  I.

Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

207

der  da  weiß,  was  erhöhte  Landwerte  bedeuten,  und  der  die  von  dem
Lisenbahnbau  auf  die  Landspekulation  ausgeübte  Wirkung  beobachtet
hat,  leicht  sehen,  wo  immer  eine  Bahn  gebaut  oder  geplant  wurde,
stiegen  die  Ländereien  unter  dem  Einfluß  der  Spekulation  im  wert,
und  Tausende  von  Millionen  Dollars  wurden  den  nominellen  werten
hinzugefügt,  welche  das  Kapital  und  die  Arbeit  entweder  gleich  oder  in
Abzahlungen  als  Preis  dafür  entrichten  mußten,  daß  sie  arbeiten  und
Güter  produzieren  dursten.  Das  unvermeidliche  Resultat  war,  die
Produktion  zu  hemmen,  und  diese  pemmung  derselben  pflanzte  sich  in
einem  Aufhören  der  Nachfrage  fort,  das  die  Produktion  bis  zu  den  entferntesten ­
  Rändern  des  weiten  Austauschkreises  hemmte  und  mit  erhöhter
Macht  auf  die  Mittelpunkte  der  großen  Industrierepublik,  zu  welcher  der
Pandel  die  zivilisierte  Welt  macht,  wirkte.
Die  ursprünglichen  Wirkungen  dieser  Ursache  können  vielleicht
nirgends  klarer  nachgewiesen  werden,  als  in  Kalifornien,  das  durch
seine  verhältnismäßige  Isoliertheit  einen  besonders  scharf  abgegrenzten
Staat  bildet.
Fast  bis  zu  seinem  Schluß  war  das  vergangene  Jahrzehnt  in  Kalifornien ­
  durch  die  gleiche  industrielle  Lebhaftigkeit  bezeichnet,  die  in  den
nördlichen  Staaten  und  tatsächlich  in  der  ganzen  zivilisierten  Welt  herrschte,
abgesehen  von  der  Unterbrechung  der  Austausche  und  der  durch  den
Krieg  und  die  Blockade  der  südlichen  päsen  verursachten  Störung  der
Erwerbstätigkeit.  Diese  Lebhaftigkeit  konnte  nicht  der  Überflutung  mit
Papiergeld  oder  den  verschwenderischen  Ausgaben  der  Bundesregierung
zugeschrieben  werden,  denen  man  in  den  östlichen  Staaten  die  verhältnismäßige ­
  Lebhaftigkeit  derselben  Periode  zugeschrieben  hat;  denn  trotz
der  Papiergeldgesetze  hielt  die  Pazisikküste  an  dem  Münzumlaufe  fest,
und  die  Steuern  der  Bundesregierung  nahmen  viel  mehr  hinweg,  als
von  deren  Ausgaben  hergebracht  wurde.  Diese  Lebhaftigkeit  war  also
nur  normalen  Ursachen  zuzuschreiben,  denn  wenn  auch  die  Goldwäscherei
abnahm,  so  wurden  dagegen  die  Nevada-Silberminen  aufgeschlossen,
Weizen  und  wolle  singen  an,  in  den  Lxporttabellen  die  Stelle  des  Goldes
einzunehmen,  und  eine  zunehmende  Bevölkerung  so  wie  die  Verbesserung
in  den  Methoden  der  Produktion  und  des  Austausches  erhöhten  beständig
die  Wirksamkeit  der  Arbeit.
Mit  diesem  materiellen  Fortschritt  hielt  eine  beständige  Erhöhung
der  Landwerte,  als  Folge  davon,  gleichen  Schritt.  Diese  beständige
Steigerung  erzeugte  eine  spekulative  Steigerung,  die  in  Verbindung
nrit  dem  Lisenbahnschwindel  die  Landwerte  überall  emportrieb,  wenn
die  Bevölkerung  Kaliforniens  stetig  gewachsen  ist,  als  die  langwierige,
kostspielige,  dem  Fieber  ausgesetzte  Panamaroute  die  hauptsächlichste
Verbindung  mit  den  atlantischen  Staaten  abgab,  so  muß  sie,  dachte  man,
ungeheuer  zunehmen  mit  der  Eröffnung  einer  Bahn,  die  den  New-Porker
pafen  und  die  San  Franzisko-Bay  auf  sieben  leichte  Tagereisen  einander
nähert,  und  wenn  im  Staate  selbst  die  Lokomotive  die  Stelle  der  Post
        <pb n="221" />
        208

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

und  des  Frachtwagens  einnimmt.  Die  erwartete  Steigerung  der  Landwerte,
  die  daraus  erwachsen  sollte,  wurde  irn  voraus  diskontiert.  Plätze
im  weichbilde  von  San  Franzisko  stiegen  Hunderte  und  tausende  Prozent,
und  Ackerland  wurde  gekauft  und  auf  hohen  Preisen  gehalten,  wo  irgend
man  nur  Einwanderung  erwarten  konnte.
Der  antizipierte  Strom  der  Einwanderung  kam  indes  nicht.  Arbeit
und  Kapital  konnten  nicht  so  viel  für  Land  anlegen,  wenn  sie  noch  einen
Ertrag  ergeben  sollten.  Die  Produktion  wurde,  wenn  nicht  absolut,
so  doch  relativ,  gehemmt.  Als  die  Uberlandeisenbahn  sich  ihrer  Vollendung ­
  näherte,  begannen  sich  Anzeichen  des  Druckes,  anstatt  erhöhter
Lebhaftigkeit,  zu  zeigen,  und  als  sie  vollendet  war,  folgte  aus  die  Periode
der  Lebhaftigkeit  eine  Periode  der  Lähmung,  von  der  man  sich  noch  nicht
ganz  wieder  erholt  hat  und  während  welcher  der  Lohn  und  Zins  beständig
gefallen  sind,  was  ich  die  faktische  Linie  der  Rente  oder  die  faktische  Grenze
des  Anbaues  genannt  habe,  nähert  sich  daher  (so  wie  auch  durch  den
beständigen  Fortgang  der  Verbesserungen  und  die  Bevölkerungszunahme,
die,  wenn  auch  langsamer  als  sonst  der  Fall  gewesen  wäre,  noch  fortdauert) ­
  der  spekulativen  Linie  der  Rente;  aber  die  Zähigkeit,  womit
eine  spekulative  Steigerung  in  den  Grundsttickspreisen  in  einem  sich
entwickelnden  Staate  aufrecht  erhalten  wird,  ist  bekannt*).
was  auf  diese  weise  in  Kalifornien  vor  sich  ging,  ereignete  sich  in
allen  fortschreitenden  Teilen  der  Union.  Allenthalben,  wo  eine  Bahn
gebaut  oder  projektiert  wurde,  monopolisierte  man  das  Land  im  voraus
und  diskontierte  den  Vorteil  der  erwarteten  Verbesserung  in  erhöhten
Landwerten.  Indem  die  spekulative  Rentensteigerung  so  die  normale
Erhöhung  überbot,  wurde  die  Produktion  gehemmt,  der  Begehr  nahm
ab,  und  die  Arbeit  und  das  Kapital  wurden  aus  den  direkt  mit  dem  Grund
und  Boden  in  Verbindung  stehenden  Beschäftigungen  verdrängt,  um
solche  zu  überfüllen,  in  welchen  der  Landwert  ein  weniger  bemerkbares
Element  ist.  Auf  diese  weise  steht  die  überstürzte  Ausdehnung  der  Eisenbahnen ­
  mit  der  nachfolgenden  Lähmung  in  Verbindung.
Und  was  in  den  Vereinigten  Staaten  vorging,  spielte  sich  in  mehr
oder  weniger  sichtbarem  Grade  in  der  ganzen  fortschreitenden  Welt  ab.
Überall  sind  die  Landwerte  mit  dem  materiellen  Fortschritt  beständig
gestiegen,  und  überall  erzeugte  diese  Steigerung  eine  spekulative  Erhöhung.
Der  Impuls  des  ursprünglichen  Anstoßes  strahlte  nicht  nur  von  den
neueren  Teilen  der  Union  nach  den  älteren  und  von  den  Vereinigten
Staaten  nach  Europa  aus,  sondern  überall  wirkte  der  ursprüngliche  Anstoß

*)  Es  ist  erstaunlich,  wie  in  einem  neuen  Lande,  das  zu  großen  Erwartungen  zu
berechtigen  scheint,  spekulative  Landpreise  aufrecht  erhalten  werden.  Vielfach  hört  man
den  Ausdruck:  „es  ist  kein  Markt  für  Grundbesitz  vorhanden,  man  kann  ihn  zu  keinem
preise  anbringen",  und  dennoch  muß  man,  wenn  man  kaufen  will,  die  preise  der  Spekulationszeit ­
  anlegen,  falls  man  nicht  zufällig  jemanden  trifft,  der  absolut  verkaufen  muß.
Die  Besitzer  halten  eben  das  Land  an  sich,  solange  sie  können,  in  der  Überzeugung,  daß
schließlich  doch  wieder  eine  Steigerung  kommen  wird.
        <pb n="222" />
        Kap.  I.

Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

209

auch  direkt  ein.  Und  daraus  folgte  eine  über  die  ganze  Welt  verbreitete
Lähmung  des  Gewerbfleißes  und  Handels,  erzeugt  durch  einen  nicht
minder  ausgebreiteten  materiellen  Fortschritt.
Ls  könnte  scheinen,  als  ob  ich  einen  Punkt  übersehen  hätte,  indem
ich  diese  industriellen  Lähmungen  der  spekulativen  Erhöhung  der  Grundrente ­
  und  Landwerte  als  der  Paupt-  und  ursprünglichen  Ursache  zuschreibe. ­
  Die  Wirksamkeit  einer  solchen  Ursache  kann  zwar  eine  geschwinde,
muß  aber  doch  eine  progressive  sein  und  einem  Druck,  nicht  einem  Schlage
gleichen.  Diese  industriellen  Lähmungen  aber  scheinen  plötzlich  gekommen
zu  sein  —  sie  haben  im  Anfang  den  Charakter  eines  Paroxysmus,  aus
den  dann  eine  verhältnismäßige  Lethargie  folgt,  wie  nach  einer  Erschöpfung. ­
  Alles  scheint  wie  gewöhnlich  vor  sich  zu  gehen,  Pandel  und
Industrie  sind  kräftig  und  dehnen  sich  aus;  plötzlich  aber  kommt  ein  Stoß,
wie  ein  Blitz  aus  heiterem  Pimmel;  eine  Bank  schließt  ihre  Kasse,  ein
großer  Fabrikant  oder  Kaufmann  falliert,  und  als  ob  der  Schlag  den
ganzen  industriellen  Organismus  träfe,  so  folgt  Fallissement  auf  Fallissement, ­
  und  nach  allen  Richtungen  hin  werden  Arbeiter  aus  der  Beschäftigung ­
  entlassen,  und  das  Kapital  verkriecht  sich  in  gewinnlose  Sicherheiten. ­

Es  sei  mir  gestattet,  zu  erklären,  was  ich  als  Grund  dieser  Erscheinung ­
  ansehe.  Um  dies  zu  tun,  müssen  wir  die  Art  und  weise  in
Betracht  ziehen,  in  der  die  Austausche  gemacht  werden,  denn  durch  sie
sind  all  die  verschiedenen  Formen  des  Gewerbfleißes  zu  einer  gegenseitig
verbundenen  und  unter  sich  zusammenhängenden  Organisation  verkettet.
Um  Austausche  zwischen  räumlich  und  zeitlich  weit  voneinander  entfernten
Produzenten  zu  ermöglichen,  müssen  große  Vorräte  aus  Lager  und  in
Transit  gehalten  werden,  und  wie  ich  schon  erklärt  habe,  halte  ich  dies
für  eine  Pauptfunktion  des  Kapitals,  neben  der,  für  Werkzeuge  und  Aussaat ­
  zu  sorgen.  Diese  Austausche  werden,  vielleicht  mit  Notwendigkeit,
größtenteils  durch  Kredit  bewerkstelligt,  d.  h.  der  Vorschuß  wird  auf  der
einen  Seite  gemacht,  ehe  der  Ertrag  auf  der  anderen  eingegangen  ist.
Ohne  daß  wir  bei  der  Untersuchung  der  Gründe  verweilen,  ist  es
offenkundig,  daß  diese  Vorschüsse  in  der  Regel  von  den  höher  organisierten ­
  und  später  entwickelten  Industrien  den  fundamentaleren  gemacht
werden.  Der  Afrikaner  der  Westküste  z.  B.,  der  Palmöl  und  Kokusnüsse
gegen  bunte  Kalikos  und  Birminghamer  Götzenbilder  austauscht,  empfängt ­
  seinen  Ertrag  unverzüglich;  der  englische  Kaufmann  dagegen  muß
für  seine  waren  lange  Zeit  Auslagen  machen,  ehe  er  sein  Geld  wiedersieht. ­
  Der  Landmann  kann  seine  Ernte  verkaufen,  sobald  er  sie  eingebracht
hat,  und  zwar  gegen  bar;  der  große  Fabrikant  muß  einen  mächtigen
Vorrat  halten,  seine  waren  weit  weg  an  Agenten  senden  und  gewöhnlich
auf  Zeit  verkaufen.  Da  somit  Vorschüsse  und  Kredite  gewöhnlich  von
den,  sozusagen,  sekundären  Industrien  den  primären  gegeben  werden,
so  folgt,  daß  jede  pemmung  der  Produktion,  die  von  den  letzteren  ausgeht, ­
  sich  nicht  sofort  auch  bei  den  ersteren  kundgeben  wird.  Das  System
George,  Fortschritt  und  Armut.  IL
        <pb n="223" />
        2\0

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

der  Vorschüsse  und  Kredite  bildet  gewissermaßen  eine  elastische  Verbindung, ­
  die  bedeutend  nachgibt,  ehe  sie  zerreißt,  wenn  sie  aber  zerreißt,
es  mit  einem  Krach  tut.
Oder  um  meine  Meinung  in  anderer  weise  zu  erläutern:  Die  große
Pyramide  von  Gizeh  ist  aus  Schichten  von  Mauerwerk  zusammengesetzt,
von  denen  natürlich  die  unterste  alle  übrigen  trägt.  Könnten  wir  auf
irgendeine  weise  nach  und  nach  diese  unterste  Lage  kleiner  machen,
so  würde  der  obere  Teil  der  Pyramide  eine  Zeitlang  seine  Form  bewahren,
aber  dann,  wenn  die  Gravitation  endlich  die  Kohäsion  der  Materialien
überwindet,  nicht  allmählich  und  regelmäßig  abbröckeln,  sondern  plötzlich
und  in  großen  Stücken  zusammenbrechen.  Die  industrielle  Organisation
läßt  sich  einer  solchen  Pyramide  vergleichen.  Das  Verhältnis,  in  welchem
die  verschiedenen  Industrien  in  einem  gegebenen  Stadium  der  sozialen
Entwicklung  zueinander  stehen,  ist  schwer  und  vielleicht  unmöglich  zu
bestimmen;  aber  augenscheinlich  ist,  daß  es  ein  solches  Verhältnis  gibt,
gerade  wie  in  eines  Druckers  Lettern-Sortiment  ein  gewisses  Verhältnis
unter  den  verschiedenen  Buchstaben  besteht.  Jede  Form  der  Industrie,
wie  sie  sich  durch  Teilung  der  Arbeit  entwickelt,  entspringt  und  erhebt
sich  aus  den  anderen  und  alle  ruhen  schließlich  auf  dem  Grund  und  Boden,
denn  ohne  diesen  ist  die  Arbeit  so  ohnmächtig,  wie  ein  Mensch  im  leeren
Raum  es  sein  würde.  Um  das  Beispiel  mehr  den  Verhältnissen  eines  fortschreitenden ­
  Landes  anzupassen,  wollen  wir  uns  eine  Pyramide  vorstellen, ­
  zusammengesetzt  aus  aufeinandergelegten  Schichten,  das  Ganze
beständig  wachsend  und  sich  ausdehnend.  Stellen  wir  uns  dann  die
unterste  Lage  als  in  ihrem  Wachstum  gehemmt  vor.  Die  anderen  werden
eine  weile  fortfahren,  sich  auszudehnen  —  tatsächlich  wird  die  Tendenz
vorherrschen,  sich  schneller  auszudehnen,  denn  die  lebendigen  Kräfte,
denen  der  Spielraum  an  der  untersten  Schicht  verweigert  wird,  werden
suchen,  sich  nach  oben  Luft  zu  schaffen  —,  bis  endlich  das  Gleichgewicht
unhaltbar  gestört  ist  und  ein  plötzliches  Zusammenbrechen  auf  allen  Seiten
der  Pyramide  erfolgt.
Daß  die  Pauptursache  und  der  allgemeine  Gang  der  immer  wiederkehrenden ­
  Krisen,  die  ein  so  bezeichnendes  Merkmal  des  modemen
sozialen  Lebens  werden,  so  zu  erklären  sind,  ist  nach  meiner  Ansicht  klar.
Und  der  Leser  möge  sich  erinnern,  daß  es  nur  die  Hauptursachen  und  der
gewöhnliche  Verlauf  dieser  Erscheinungen  sind,  die  wir  zu  verfolgen
suchen  oder  die  man  tatsächlich  überhaupt  mit  einiger  Genauigkeit  verfolgen ­
  kann.  Die  Nationalökonomie  kann  sich  nur  mit  allgemeinen
Tendenzen  befassen  und  braucht  auch  nicht  mehr  zu  tun.  Die  abgeleiteten
Kräfte  sind  so  mannigfaltig,  die  Aktionen  und  Reaktionen  so  verschieden,
daß  der  genaue  Lharakter  der  Erscheinungen  nicht  vorhergesagt  werden
kann,  wir  wissen,  daß,  nachdem  ein  Baum  durchgehauen  ist,  er  fallen
wird,  aber  nach  welcher  Richtung,  das  wird  durch  die  Neigung  des
Stammes,  die  Ausbreitung  der  Aste,  die  Stärke  der  Schläge,  die  Richtung
und  Gewalt  des  Windes  entschieden  werden,  und  selbst  ein  am  Gipfel
        <pb n="224" />
        Kap.  I.  Die  Grundursache  der  immer  wiederkehrenden  Krisen.

sich  niederlassender  Vogel  oder  ein  aufgeschrecktes  von  Ast  zu  Ast  springendes ­
  Eichhörnchen  mögen  nicht  ohne  Einfluß  darauf  sein,  wir  wissen,
daß  eine  Beleidigung  ein  Gefühl  der  Vergeltung  in  der  menschlichen
Brust  entzündet,  aber  zu  sagen,  wieweit  und  in  welcher  weise  es  sich
äußern  wird,  würde  eine  Synthese  erfordern,  die  den  ganzen  Mann
mit  allen  seinen  Umgebungen  in  vergangener  und  gegenwärtiger  Zeit
konstruieren  müßte.
Die  Art  und  weise,  in  welcher  die  Grundursache,  auf  welche  ich
diese  industriellen  Krisen  zurückgeführt  habe,  die  Hauptmerkmale  derselben ­
  erklärt,  steht  in  schlagendem  Gegensatz  zu  den  widersprechenden
und  sich  selbst  widersprechenden  Versuchen,  die  gemacht  worden  sind,
um  sie  nach  den  herrschenden  Theorien  der  Güterverteilung  zu  erklären.
Daß  eine  spekulative  Steigerung  von  Grundrenten  oder  Landwerten
unabänderlich  allen  diesen  Zeiten  industrieller  Krisen  voraufgeht,  ist
überall  ersichtlich.  Daß  sie  zueinander  im  Verhältnis  von  Ursache  und
Wirkung  stehen,  muß  jedem  einleuchten,  der  die  notwendige  Verbindung
zwischen  dem  Grund  und  Boden  und  der  Arbeit  in  Betracht  zieht.
Und  daß  die  gegenwärtige  Stockung  den  gewohnten  Verlauf  hat,
und  daß  sich  in  der  vorhin  angedeuteten  weise  ein  neues  Gleichgewicht
herstellt,  das  eine  andere  Periode  verhältnismäßiger  Lebhaftigkeit  ergeben ­
  wird,  kann  jetzt  schon  in  den  Vereinigten  Staaten  gesehen  werden.
Die  normale  und  die  spekulative  Linie  der  Rente  werden  zusammengebracht: ­
  durch  das  Sinken  der  spekulativen  Landwerte,  das  sich  klar
in  den  billigeren  Mieten  und  geringeren  Grundstückspreisen  in  den
Hauptstädten  zeigt,  2.  durch  die  erhöhte  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit,
welche  aus  der  Zunahme  der  Bevölkerung  und  der  Ausnutzung  neuer
Erfindungen  und  Entdeckungen  hervorgeht,  von  denen  wir  einigen,  die
an  Wichtigkeit  kaum  der  Benutzung  der  Dampfkraft  nachstehen  dürften,
bereits  nahe  zu  stehen  scheinen,  3.  durch  die  Ermäßigung  des  gewohnten
Zins-  und  Lohnsatzes,  die,  was  den  Zins  betrifft,  durch  den  Abschluß
einer  Regierungsanleihe  zu  4  Prozent  bewiesen  wird,  und  hinsichtlich
des  Lohns  zu  offenkundig  ist,  um  noch  spezieller  Anführungen  zu  bedürfen. ­
  Nachdem  so  das  Gleichgewicht  wiederhergestellt  ist,  wird  eine
Periode  erneuter  Lebhaftigkeit  beginnen  und  schließlich  wieder  in  einer
spekulativen  Steigerung  der  Landwerte  gipfeln*).  Der  Lohn  und  Zins
hingegen  werden  ihren  verlorenen  Boden  nicht  zurückgewinnen.  Das
Nettoresultat  aller  dieser  Störungen  und  wellenartigen  Bewegungen
ist  das  allmähliche  Drängen  des  Lohns  und  Zinses  gegen  ihr  Minimum.
Diese  zeitweiligen  und  rückkehrenden  Stockungen  zeigen,  wie  in  dem
einleitenden  Kapitel  bemerkt  wurde,  nur  Verstärkung  der  allgemeinen
Bewegung,  welche  den  materiellen  Fortschritt  begleitet.
*)  Dies  wurde  im  Jahre  *878  geschrieben.  Jetzt  (im  Juli  *87g)  ist  es  klar,  daß  die
oben  vorhergesagte  neue  Periode  der  Tätigkeit  begonnen  hat,  und  in  New  pork  und  in
Thikago  haben  die  Grundbesihpreise  schon  angefangen  sich  zu  erholen.
        <pb n="225" />
        2(2

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

Kapitel  II.
Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  fortschreitenden  Reichtums.
Das  große  Problem,  von  dem  diese  wiederkehrenden  Perioden
industrieller  Lähmung  nur  besondere  Merkmale  sind,  ist  jetzt,  glaube
ich,  vollständig  gelöst,  und  die  sozialen  Erscheinungen,  welche  in  der
ganzen  zivilisierten  Welt  den  Menschenfreund  erschrecken  und  den
Staatsmann  verwirren,  welche  die  Zukunft  der  vorgeschrittensten
Rassen  umwölken  und  an  der  Wirklichkeit  und  dem  schließlichen  Zwecke
dessen,  was  wir  so  gerne  Fortschritt  nennen,  zweifeln  lassen,  sind  jetzt
erklärt.
Der  Grund,  weshalb  trotz  der  Zunahme  produktiver ­
  Kraft  der  Lohn  beständig  einem  Minimum
zustrebt,  das  nur  gerade  zum  Leben  hinreicht,  liegt
darin,  daß  die  Grundrente  noch  mehr  als  die  Produktionskraft ­
  zu  steigen  strebt  und  so  eine  beständige ­
  Tendenz  zum  Niederdrücken  des  Lohns
hervorbringt.
Zn  jeder  Richtung  ist  die  direkte  Tendenz  der  fortschreitenden  Zivilisation ­
  die,  die  Kraft  der  menschlichen  Arbeit  zur  Befriedigung  menschlicher ­
  Bedürfnisse  zu  erhöhen,  die  Armut  auszurotten  und  den  Mangel,
sowie  die  Furcht  vor  dem  Mangel  zu  verbannen.  All  die  Dinge,  aus
welchen  der  Fortschritt  besteht,  all  die  Verhältnisse,  nach  denen  fortschreitende ­
  Länder  streben,  haben  die  Verbesserung  der  materiellen
(und  daher  auch  der  intellektuellen  und  moralischen)  Lage  aller,  die  sich
unter  ihrem  Einfluß  befinden,  zum  direkten  und  natürlichen  Resultat.
Das  Wachstum  der  Bevölkerung,  die  Vermehrung  und  Ausdehnung  der
Austausche,  die  Entdeckungen  der  Wissenschaft,  der  Gang  der  Erfindungen,
die  Ausbreitung  des  Unterrichts,  die  Verbesserung  der  politischen  Verfassung ­
  und  die  Veredelung  der  Sitten  haben,  als  materielle  Kräfte
hetrachtet,  sämtlich  eine  direkte  Tendenz,  die  produktive  Kraft  der  Arbeit
zu  vermehren  —nicht  einiger  Arbeit,  sondern  aller  Arbeit;  nicht  in  einigen
Abteilungen  der  Erwerbstätigkeit,  sondern  in  allen;  denn  das  Gesetz
der  Güterproduktion  in  der  Gesellschaft  ist  dasselbe  Gesetz,  das  sich  in
dem  Worte  ausgedrückt  findet:  „Einer  für  alle  und  alle  für  einen".
Aber  die  Arbeit  kann  die  Vorteile,  welche  die  fortschreitende  Zivilisation ­
  so  bringt,  nicht  einheimsen,  weil  sie  ihr  unterschlagen  werden.
Da  das  Land  für  die  Arbeit  notwendig,  aber  in  Privatbesitz  übergegangen
ist,  so  erhöht  jede  Steigerung  der  produktiven  Kraft  der  Arbeit  nur  die
Grundrente  —  den  Preis,  welchen  die  Arbeit  für  die  Gelegenheit,  ihre
Kräfte  auszuüben,  zahlen  muß;  und  so  gehen  alle  die  durch  den  Fortschritt ­
  gewonnenen  Vorteile  an  die  Grundbesitzer,  und  der  Lohn  steigt
nicht.  Der  Lohn  kann  sich  gar  nicht  bessern,  denn  je  größer  der  Verdienst
        <pb n="226" />
        Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  des  Reichtums.

213

Rap.  II.

der  Arbeit,  desto  größer  ist  der  Preis,  welchen  sie  von  derselben  sür  die
Gelegenheit,  überhaupt  Verdienst  machen  zu  dürfen,  hergeben  muß.
Der  bloße  Arbeiter  hat  somit  nicht  mehr  Interesse  an  dem  allgemeinen
~~  Aufschwünge  produktiver  Kraft  als  der  kubanische  Sklave  an  der  Preiserhöhung ­
  des  Zuckers.  Und  gerade  wie  eine  solche  Erhöhung  die  Lage
des  letzteren  dadurch  verschlimmern  kann,  daß  sie  seinen  bserrn  veranlaßt,
ihn  noch  härter  anzutreiben,  so  kann  die  Lage  des  freien  Arbeiters  durch
die  Zunahme  in  der  Produktionskraft  seiner  Arbeit  sowohl  positiv  wie
relativ  einen  Wechsel  zum  Schlimmeren  erfahren.  Denn  durch  die
fortwährende  Steigerung  der  Grundrente  erzeugt,  entsteht  eine  spekulative ­
  Tendenz,  welche  die  Wirkung  künftiger  Verbesserungen  durch  eine
noch  weitere  Steigerung  der  Rente  diskontiert  und  so  bewirkt,  den  Lohn,
wo  es  nicht  schon  durch  die  normale  Steigerung  geschehen  ist,  ans  den
Sklavenpunkt  niederzudrücken  —  den  Punkt,  bei  welchem  der  Arbeiter
gerade  noch  leben  kann.
Und  so  aller  vorteile  der  Zunahme  in  der  produktiven  Kraft  beraubt, ­
  ist  die  Arbeit  gewissen  Einwirkungen  der  fortschreitenden  Zivilisation ­
  ausgesetzt,  welche  ohne  die  Vorteile,  die  sie  von  bsaus  aus  begleiten,
positive  Übel  sind  und  an  sich  selbst  dahin  wirken,  den  freien  Arbeiter
auf  die  hilflose  und  erniedrigende  Lage  des  Sklaven  herabzudrücken.
Denn  alle  die  Verbesserungen,  welche  die  Produktionskrast  mit  dem
Fortschritt  der  Zivilisation  erhöhen,  bestehen  in  einer  noch  weiteren
Teilung  der  Arbeit,  oder  nötigen  dazu,  und  die  Leistungsfähigkeit  des
Gesamtkörpers  der  Arbeiter  wird  auf  Kosten  der  Unabhängigkeit  des
einzelnen  vermehrt.  Der  einzelne  Arbeiter  erwirbt  Kenntnis  und  Geschick ­
  nur  in  dem  allerkleinsten  Teile  jener  vielfältigen  Prozesse,  die  erforderlich ­
  sind,  um  selbst  nur  die  gewöhnlichsten  Bedürfnisse  zu  befriedigen.
Das  Gesamtprodukt  der  Arbeit  eines  wilden  Stammes  ist  klein,  aber
jeder  Angehörige  desselben  vermag  unabhängig  zu  leben.  Er  kann  seine
eigene  Wohnung  bauen,  seinen  eigenen  Kahn  aushöhlen  oder  zusammensetzen, ­
  seine  eigenen  Kleider  machen,  seine  eigenen  Waffen,  Fallen,
Werkzeuge  und  Schmucksachen  verfertigen.  Er  hat  die  ganze  Kenntnis
der  Natur,  welche  sein  Stamm  besitzt;  er  weiß,  welche  Erzeugnisse  des
Pflanzenreiches  sich  zur  Nahrung  eignen  und  wo  sie  zu  finden  sind;
er  kennt  die  Gewohnheiten  und  Schlupfwinkel  der  Tiere,  Vögel,  Fische
und  Insekten,  er  weiß  mit  Hilfe  der  Sonne  und  der  Sterne,  der  Richtung
der  Blüten  oder  Moose  an  den  Bäumen  seinen  weg  zu  finden,  genug,
er  ist  fähig,  alle  seine  Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Er  kann  von  seinen
Gefährten  abgeschnitten  werden  und  dennoch  leben;  und  so  besitzt  er
die  Unabhängigkeit,  die  ihn  in  seinen  Beziehungen  zu  dem  Gemeinwesen, ­
  dessen  Mitglied  er  ist,  zu  einer  frei  kontrahierenden  Partei  macht.
Nun  vergleiche  man  mit  diesem  wilden  den  Arbeiter  aus  den
untersten  Reihen  der  zivilisierten  Gesellschaft,  der  sein  Leben  damit
Zubringt,  nur  eine  einzige  Sache,  oder  häufiger  noch  nur  den  minimalsten
Teil  einer  Sache  zu  verfertigen  unter  den  mannigfaltigen  Dingen,
        <pb n="227" />
        Buch  V.

2\^  Das  Problem  gelöst.

welche  die  Güter  der  Gesellschaft  ausmachen  und  selbst  für  die  primitivsten ­
  Bedürfnisse  nötig  sind;  der  nicht  nur  nicht  imstande  ist,  die  für
seine  Arbeit  erforderlichen  Werkzeuge  zu  machen,  sondern  oft  mit  Werkzeugen ­
  arbeitet,  die  ihm  nicht  gehören,  und  die  er  nie  hoffen  darf,  sein
eigen  zu  nennen.  Gezwungen  zu  härterer  und  andauernderer  Arbeit
als  selbst  der  wilde  und  nicht  mehr  als  er,  nämlich  nur  das  zum  Leben
Nötigste  gewinnend,  verliert  er  dagegen  die  Unabhängigkeit  des  wilden.
Nicht  allein  ist  er  unfähig,  seine  Kräfte  zur  direkten  Befriedigung
seiner  Bedürfnisse  anzuwenden,  sondern  er  ist  ohne  die  Mitwirkung  vieler
anderer  auch  unfähig,  sie  indirekt  dazu  zu  verwenden.  Er  ist  ein  bloßes
Glied  in  einer  ungeheuren  Kette  von  Produzenten  und  Konsumenten,
ohne  sich  davon  trennen  und  ohne  sich  anders  bewegen  zu  können,  als
wie  sie  sich  bewegen.  Je  schlechter  seine  Lage  in  der  Gesellschaft,  desto
abhängiger  ist  er  von  der  Gesellschaft;  desto  unfähiger  wird  er,  etwas
für  sich  zu  tun.  Selbst  die  Möglichkeit,  seine  Arbeit  zur  Befriedigung
seiner  Bedürfnisse  zu  verwenden,  entschlüpft  seiner  Herrschaft  und  kann
ihm  genommen  oder  zurückgegeben  werden  durch  die  Handlungen  anderer
oder  durch  allgemeine  Ursachen,  über  die  er  nicht  mehr  Einfluß  hat  als
über  die  Bewegungen  des  Sonnensystems.  Der  Fluch,  der  über  Adam
verhängt  wurde,  wird  als  ein  Segen  angesehen,  und  die  Menschen  denken,
sprechen,  schelten  und  machen  Gesetze,  als  ob  monotone  Landarbeit
an  sich  selbst  ein  Glück  und  nicht  ein  Übel,  ein  Zweck  und  nicht  ein  Mittel
wäre.  Unter  solchen  Umständen  verliert  der  Mensch  die  wesentliche
Eigenschaft  der  Menschheit,  die  göttergleiche  Macht,  die  Verhältnisse
zu  ändern  und  zu  beherrschen.  Er  wird  ein  Sklave,  eine  Maschine,  eine
Ware,  eine  Sache  —  ein  Ding,  das  in  manchen  Beziehungen  unter  dem
Tiere  steht.
Ich  bin  kein  sentimentaler  Verehrer  des  Zustandes  der  wilden.
Ich  entlehne  meine  Ansichten  über  die  rohen  Kinder  der  Natur  nicht
aus  Rousseau,  Lhateaubriand  oder  Eooper.  Ich  kenne  ihre  materielle
und  geistige  Armut  und  ihren  niedrigen  und  engen  Horizont  wohl.
Ich  glaube,  daß  die  Zivilisation  nicht  nur  die  natürliche  Bestimmung
des  Menschen  ist,  sondern  auch  alle  seine  Kräfte  befreien,  erhöhen  und
verfeinern  wird,  und  bin  der  Ansicht,  daß  ein  Mann,  der  sich  der  Vorteile ­
  der  Zivilisation  erfreut,  nur  in  einer  Stimmung,  die  ihn  verführt,
die  wiederkäuenden  Rinder  zu  beneiden,  den  Verlust  des  Naturzustandes
bedauern  kann.  Nichtsdestoweniger  aber  bin  ich  der  Meinung,  daß
niemand,  der  seine  Augen  nicht  vor  den  Tatsachen  schließt,  dem  Schlüsse
widerstehen  kann,  daß  es  im  Kerzen  unserer  Zivilisation  große  Klassen
gibt,  mit  denen  der  wildeste  Naturmensch  nicht  würde  tauschen  mögen.
Es  ist  meine  wohlerwogene  Ansicht,  daß,  wenn  jemandem  an  der  Schwelle
des  Lebens  die  Wahl  gelassen  würde,  als  Feuerländer,  Australneger,
Eskimo  oder  als  ein  Mitglied  der  untersten  Klassen  in  einem  so  hoch^
zivilisierten  Lande  wie  Großbritannien  ins  Dasein  zu  treten,  er  eine
unendlich  bessere  Wahl  treffen  würde,  wenn  er  das  Los  des  wilden
        <pb n="228" />
        Aap.  II.

Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  des  Reichtums.

2(5

wählte.  Denn  jene  Klassen,  die  inmitten  des  Reichtums  zum  Mangel
verdammt  sind,  leiden  alle  die  Entbehrungen  des  wilden,  ohne  sein
Gefühl  persönlicher  Freiheit  zu  haben;  sie  sind  zu  größerer  Beschränktheit ­
  und  Niedrigkeit  verurteilt  als  er,  ohne  seine  rohen  Tugenden  entwickeln ­
  zu  können;  wenn  ihr  Horizont  weiter  ist,  so  dient  dies  nur  dazu,
ihnen  Glück  zu  enthüllen,  das  sie  nicht  genießen  können.
Manchem  mag  dies  übertrieben  scheinen,  aber  nur  darum,  weil
er  nie  selbst  die  wahre  Lage  jener  Klassen,  auf  die  der  eiserne  Absatz
der  modernen  Zivilisation  mit  voller  Macht  drückt,  kennen  gelernt  hat.
wie  de  Tocqueville  in  einem  seiner  Briefe  an  Madame  Swetchine
bemerkt:  „man  gewöhnt  sich  so  schnell  an  den  Gedanken  des  Elends,
das  man  nicht  fühlt,  daß  ein  Übel,  welches  für  den  Betroffenen  größer
wird,  je  länger  es  dauert,  für  den  bloßen  Beobachter  dagegen  eben  durch
die  Tatsache  seiner  Dauer  geringer  erscheint",  und  vielleicht  der  beste
Beweis,  der  Richtigkeit  dieser  Bemerkung  ist,  daß  in  Städten,  wo  es  eine
Armenklasse  und  eine  Verbrecherklasse  gibt,  wo  junge  Mädchen  zusammenbrechen, ­
  während  sie  für  Brot  nähen,  und  zerlumpte  und  barfüßige
Kinder  auf  den  Straßen  wohnen,  regelmäßig  Geld  gesammelt  wird,
um  Missionäre  zu  den  Heiden  zu  senden!  Missionäre  zu  den  Heiden!
es  wäre  zum  Lachen,  wenn  es  nicht  so  traurig  wäre.  Baal  streckt  nicht  mehr
seine  gierigen,  scheußlichen  Arme  aus;  aber  in  christlichen  Ländern  erschlagen ­
  Mütter  ihre  Kinder  für  eine  Begräbnisgebühr.  Und  ich  fordere
getrost  dazu  heraus,  aus  authentischen  Berichten  des  Lebens  der  wilden
solche  Beispiele  der  Entwürdigung  nachzuweisen,  wie  sie  in  offiziellen
Dokumenten  hochzivilisierter  Länder  —  in  Berichten  von  Sanitätskommissionen ­
  und  Untersuchungen  über  die  Lage  der  arbeitenden  Klassen
zu  finden  sind.
Die  einfache  Theorie,  die  ich  aufgestellt  habe  (wenn  eine  bloße
Zusammenstellung  offenbarer  Verhältnisse  überhaupt  Theorie  genannt
werden  kann),  erklärt  diese  Paarung  von  Armut  mit  Reichtum,  von
niedrigem  Lohn  mit  hoher  Produktionskraft,  von  Erniedrigung  inmitten
der  Aufklärung,  von  virtueller  Sklaverei  bei  politischer  Freiheit.  Sie
bringt  Tatsachen,  die  sonst  rätselhaft  scheinen,  als  Resultate  eines  allgemeinen ­
  und  unerbittlichen  Gesetzes  in  Übereinstimmung  und  stellt
Folge  und  Verbindung  zwischen  Erscheinungen  her,  die  ohne  sie  unzusammenhängend ­
  und  widersprechend  erscheinen.  Sie  erklärt,  warum
Zins  und  Lohn  in  neuen  Ländern  höher  als  in  alten  sind,  obgleich  sowohl
die  durchschnittliche,  wie  die  Gesamtproduktion  von  Gütern  dort  geringer
ist.  Sie  erklärt,  warum  Verbesserungen,  die  die  produktive  Kraft  der
Arbeit  und  des  Kapitals  vermehren,  die  Vergütung  weder  des  einen
noch  des  anderen  erhöhen.  Sie  erklärt  den  sogenannten  Konflikt  zwischen
Arbeit  und  Kapital  und  beweist  die  tatsächliche  Harmonie  der  Interessen
Zwischen  ihnen.  Sie  schneidet  den  Trugschlüssen  des  Schutzsystems  den
letzten  Zoll  des  Bodens  ab  und  zeigt,  warum  der  Freihandel  den  arbeitenden ­
  Klassen  keinen  dauernden  Vorteil  bringen  kann.  Sie  erklärt,  warum
        <pb n="229" />
        2*6

Das  Problem  gelöst.

Buch  V.

der  Mangel  mit  dem  Überflüsse  zunimmt  und  der  Reichtum  zu  immer
gewaltigeren  Ansammlungen  gelangt.  Sie  erklärt  die  von  Zeit  zu  Zeit
wiederkehrenden  Krisen  der  Industrie,  ohne  den  Unsinn  der  „Überproduktion" ­
  oder  den  Unsinn  der  „Überkonsumtion"  zu  Pilse  zu  nehmen.
Sie  erklärt  den  erzwungenen,  die  produktive  Kraft  vorgeschrittener  Länder
vergeudenden  Müßiggang  großer  Massen  von  Leuten,  die  gerne  produzierten, ­
  und  zwar  ohne  die  widersinnige  Annahme,  daß  es  zu  wenig
Arbeit  gebe  oder  zu  viele  zum  Arbeiten  vorhanden  seien.  Sie  erklärt
die  schlimmen  Wirkungen,  welche  die  Einführung  von  Maschinen  häufig
aus  die  arbeitenden  Klassen  ausübt,  ohne  die  natürlichen  Vorteile  zu
leugnen,  welche  die  Verwendung  der  Maschinen  verleiht.  Sie  erklärt
das  Laster  und  Elend,  welche  sich  oft  unter  dichter  Bevölkerung  zeigen,
ohne  den  Gesetzen  des  Allweisen  und  Allgütigen  Mängel  zuzuschreiben,
die  nur  den  kurzsichtigen  und  selbstsüchtigen  Anordnungen  der  Menschen
ihr  Dasein  verdanken.
Diese  Erklärung  ist  in  Übereinstimmung  mit  allen  Tatsachen.
Man  überblicke  die  heutige  Welt.  In  den  am  weitesten  verschiedenen
Ländern  —  unter  den  verschiedensten  Verhältnissen,  was  politische
Verfassung,  Industrie,  Zollgesetzgebung  und  Geldumlauf  betrifft  —
wird  man  Elend  unter  den  arbeitenden  Klassen  finden;  aber  überall,
wo  man  Armut  und  Elend  inmitten  des  Reichtums  findet,  wird  man
auch  finden,  daß  das  Land  monopolisiert  ist;  daß  es,  statt  als  gemeinsames ­
  Eigentum  des  ganzen  Volkes  behandelt  zu  werden,  als  Privatbesitz
  einzelner  behandelt  wird;  daß  für  dessen  Benutzung  durch  die  Arbeit
große  Einkommen  aus  den  Erträgen  der  Arbeit  erpreßt  werden.  Man
überblicke  die  heutige  Welt,  vergleiche  verschiedene  Länder  miteinander,
und  man  wird  sehen,  daß  es  nicht  der  Überfluß  des  Kapitals  oder  die
Ergiebigkeit  der  Arbeit  ist,  was  den  Lohn  hoch  oder  niedrig  macht,  sondern
die  Ausdehnung,  bis  zu  welcher  die  Monopolinhaber  des  Grund  und
Bodens  in  der  Rente  die  Erträge  der  Arbeit  tributpflichtig  machen  können.
Ist  es  nicht  eine  den  Unwissendsten  geläufige  notorische  Tatsache,  daß
neue  Länder,  wo  der  Gesamtreichtum  klein,  der  Grund  und  Boden
aber  billig  ist,  stets  für  die  arbeitenden  Klaffen  besser  sind  als  reiche
Länder,  wo  der  Grund  und  Boden  teuer  ist?  Findet  man  da,  wo  der
Grund  und  Boden  verhältnismäßig  billig  ist,  nicht  auch  den  Lohn  verhältnismäßig ­
  hoch?  Und  da,  wo  der  Grund  und  Boden  teuer  ist,  nicht
auch  den  Lohn  niedrig?  Je  mehr  der  Grund  und  Boden  an  Wert  zunimmt, ­
  desto  tiefer  wird  die  Armut  und  der  Pauperismus  erscheinen.
In  den  neuen  Ansiedlungen,  wo  das  Land  billig  ist,  findet  man  keine
Bettler,  und  die  Ungleichheiten  in  der  Lage  sind  sehr  gering.  In  den
großen  Städten,  wo  das  Land  so  wertvoll  ist,  daß  es  nach  dem  Fuß
gemessen  wird,  findet  man  die  Extreme  der  Armut  und  des  Luxus.
Und  dieses  Mißverhältnis  in  der  Lage  der  beiden  äußersten  Enden  der
sozialen  Stufenleiter  kann  stets  durch  den  Preis  des  Landes  bemessen
werden.  Land  in  New  pork  ist  wertvoller  als  in  San  Franziska,  und  in
        <pb n="230" />
        Kap.  II.

2{Z

Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  des  Reichtums.

New  X]otf  sann  der  San  Franziskaner  Schmutz  und  Elend  sehen,  die  ihn
mit  Schrecken  erfüllen.  Zn  London  ist  der  Grund  und  Boden  wertvoller ­
  als  in  New  pork,  und  in  London  ist  Schmutz  und  Elend  schlimmer
als  in  New  pork.
Man  vergleiche  dasselbe  Land  zu  verschiedenen  Zeiten,  und  es  wird
dasselbe  Verhältnis  ersichtlich.  Als  Ergebnis  langer  Forschung  spricht
pallam  seine  Überzeugung  aus,  daß  der  Lohn  der  Handarbeit  während
des  Mittelalters  in  England  höher  war  als  jetzt.  Wie  dem  sei,  so  viel
ist  klar,  daß  er,  wenn  überhaupt,  nicht  viel  niedriger  sein  konnte.  Die
enorme  Zunahme  in  der  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit,  die  selbst  in  der
Landwirtschaft  auf  ?oo  oder  800  Prozent  veranschlagt  wird  und  in  vielen
Zndustriebranchen  fast  unberechenbar  ist,  hat  nur  die  Rente  erhöht.
Die  Rente  von  Ackerland  in  England  ist  jetzt,  Professor  Rogers  zufolge,
in  Geld  gemessen  ^20  mal  so  groß,  als  sie  vor  500  Jahren  war,  und  in
Weizen  gemessen  t4  mal  so  groß,  während  in  der  Rente  von  Baugrundstücken ­
  oder  Bergwerksbesitz  die  Steigerung  noch  unvergleichlich  größer
ist.  Nach  der  Schätzung  Professor  Fawcetts  beläuft  sich  der  kapitalisierte ­
  Rentenwert  der  Ländereien  Englands  auf  4  500  000  000  £  oder
90  000  Millionen  Mark,  d.  h.  wenige  Tausende  Engländer  besitzen  einen
gesetzlichen  Anspruch  auf  die  Arbeit  aller  übrigen,  dessen  kapitalisierter
Wert  mehr  als  zweimal  so  groß  ist,  als  zum  Durchschnittspreise  dev
Neger  des  Südens  im  Zahre  f860  der  Wert  der  sämtlichen  Einwohner
Englands  sein  würde,  wenn  sie  Sklaven  wären.
Zn  Belgien  und  Flandern,  in  Frankreich  und  Deutschland  hat  sich
die  Grundrente  und  der  Verkaufspreis  von  Ackerland  innerhalb  dev
letzten  50  Zahre  verdoppelt*).  Kurz,  die  größere  Produktionskraft  hat
allenthalben  den  Wert  des  Landes  erhöht,  nirgends  aber  hat  sie  den
Wert  der  Arbeit  gesteigert,  denn  obschon  der  Lohn  an  manchen  Orten
tatsächlich  etwas  gestiegen  sein  mag,  so  ist  dies  doch  klärlich  anderen
Ursachen  zuzuschreiben.  An  mehr  Orten  ist  er  gesunken  —  nämlich  da,
wo  er  überhaupt  sinken  konnte  —,  denn  es  gibt  ein  Minimum,  unter
welchem  die  Arbeiter  ihre  Anzahl  nicht  erhalten  können.  Und  überall
ist  der  Lohn  im  Verhältnis  zum  Produkt  gesunken.
Wie  der  schwarze  Tod  im  vierzehnten  Jahrhundert  die  große  Lohnsteigerung
  in  England  zuwege  brachte,  ist  klar  ersichtlich  in  den  Bestrebungen ­
  der  Grundbesitzer,  die  Löhne  durch  Verordnung  zu  regulieren.
Daß  jener  fürcherliche  Rückgang  in  der  Bevölkerung  die  Leistungsfähigkeit
der  Arbeit  tatsächlich  herabsetzte,  anstatt  sie  zu  vermehren,  kann  keinem
Zweifel  unterliegen;  aber  die  Verminderung  der  Konkurrenz  um  Land
drückte  die  Grundrente  noch  mehr,  und  die  Löhne  stiegen  so  riesig,  daß
die  Gewalt  und  die  Strafgesetze  zuhilfe  gerufen  wurden,  um  sie  niederzuhalten. ­
  Die  entgegengesetzte  Wirkung  folgte  der  Landmonopolisierung,
welche  unter  der  Regierung  Heinrichs  VIII.  in  England  vor  sich  ging.

9  Systeme  der  Landverpachtung,  vom  Lobden-Klub  veröffentlicht.
        <pb n="231" />
        2*8

Buch  V.

Das  Problem  gelöst.

nämlich  durch  die  Aneignung  von  Gemeindegründen  und  die  Teilung
von  Kirchenländereien  unter  die  Kuppler  und  Parasiten,  die  dadurch
in  den  Stand  gesetzt  wurden,  adlige  Familien  zu  gründen.  Das  Resultat
war  dasselbe,  wie  das,  auf  welches  eine  spekulative  Erhöhung  der  Landwerte ­
  hinwirkt.  Nach  Malthus'  Angaben  (der  in  seinen  „Grundsätzen
der  Nationalökonomie"  die  Tatsache  anführt,  ohne  sie  mit  den  Grundbesitzverhältnissen ­
  in  Verbindung  zu  bringen)  konnte  man  unter  der
Regierung  Heinrichs  VII.  mit  einem  halben  Scheffel  Weizen  nur  wenig
mehr  als  einen  Tag  gewöhnlicher  Arbeit  erstehen,  während  im  letzteren
Teile  der  Regierung  Elisabeths  dafür  drei  Tage  solcher  Arbeit  zu  haben
waren.  Zch  kann  mir  kaum  denken,  daß  die  Lohnherabsetzung  so  groß
gewesen  sei,  wie  dieser  Vergleich  anzudeuten  scheint;  daß  dieselbe  jedoch
stattfand  und  große  Not  unter  den  arbeitenden  Klassen  herrschte,  ist
aus  den  Klagen  über  „kräftige  Herumtreiber"  und  den  zu  ihrer  Unterdrückung ­
  erlassenen  Verordnungen  abzunehmen.  Die  schnelle  Monopolisierung ­
  des  Landes,  das  Hinübertreiben  der  spekulativen  Rentenlinie
über  die  normale,  erzeugte  Vagabunden  und  Unterstützungsbedürftige,
genau  wie  die  gleichen  Wirkungen  aus  gleichen  Ursachen  neuerlich  in
den  Vereinigten  Staaten  bemerkbar  waren.
„Land,  welches  vordem  zu  20  oder  40  £  per  Jahr  fortging",  sagt
Hugh  Latimer,  „bringt  jetzt  50  bis  *00  £.  Mein  Vater  war  ein  Pächter
und  hatte  kein  eigenes  Land,  sondern  nur  eine  Pachtung,  für  die  er
höchstens  3  oder  4  £  per  Jahr  zahlte,  und  darauf  baute  er  genug,  um
ein  halbes  Dutzend  Menschen  zu  ernähren.  Er  hatte  weide  für  *00  Schafe,
und  meine  Mutter  molk  30  Kühe;  er  konnte  dem  Könige  mit  sich  selber
auch  noch  einen  Harnisch  und  ein  Pferd  stellen,  und  tat  es,  wenn  er  sich
auf  dem  Platze  meldete,  um  des  Königs  Lohn  in  Empfang  zu  nehmen.
Ich  kann  mich  erinnern,  daß  ich  seinen  Harnisch  schnallte,  als  er  nach
Blackheathfeld  ging.  Er  ließ  mich  zur  Schule  gehen  und  verheiratete
meine  Schwestern  mit  5  £  jede,  so  daß  er  sie  in  dem  Glauben  und  der
Furcht  Gottes  auferzog.  Er  übte  Gastfreundschaft  an  seinen  Nachbarn
und  gab  den  Armen  Almosen.  Und  alles  dies  tat  er  auf  derselben  Pachtung,
wo  der,  welcher  sie  jetzt  hat,  *6  £  oder  mehr  per  Zahr  zahlt  und  nicht
imstande  ist,  irgend  etwas  für  seinen  Fürsten,  für  sich  selbst,  für  seine
Kinder  zu  tun,  noch  den  Armen  einen  Becher  voll  zu  trinken  zu  geben."
„So  kommt  es",  sagt  Sir  Thomas  Morus  bezüglich  der  Vertreibung
der  kleinen  Pächter,  welche  diese  Rentenerhöhung  zur  Folge  hatte,
„daß  diese  armen  Leute,  Männer,  Weiber,  Gatten,  Waisen,  Witwen,
Eltern  mit  kleinen  Kindern,  Familien,  größer  an  Zahl  als  an  Vermögen,
allesamt  von  ihren  heimischen  Feldern  fortgetrieben  werden,  ohne  zu
wissen,  wohin  sie  gehen  sollten."
!°„  *s^röen  aus  dem  Stoff  der  Latimers  und  Morus,  aus
jenem  urkräftigen  Geiste,  der  inmitten  der  Flammen  des  Gxforder
Marterpfahls  rief:  „Sei  ein  Mann,  Master  Ridley",  aus  jener  Mischung
von  Kraft  und  Anmut,  welche  das  Glück  weder  verderben,  noch  die  Axt
        <pb n="232" />
        Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  des  Reichtums.

2\3

Kap.  II.

des  Scharfrichters  einschüchtern  konnte,  Diebe  und  Vagabunden  gemacht
und  die  ganze  Masse  von  verbrechen  und  Pauperismus  erzeugt,  die
noch  immer  wie  Meltau  auf  den  innersten  Blättern  von  Englands  Rose
liegt  und  wie  ein  nagender  Wurm  an  ihrer  Wurzel  zehrt.
Doch  man  könnte  ebensogut  historische  Beispiele  für  die  Anziehungskraft ­
  der  Schwere  beibringen.  Das  Prinzip  ist  ebenso  allgemein  gültig
wie  augenscheinlich.  Daß  die  Rente  den  Lohn  herabsetzen  muß,  ist  ebenso
klar,  wie  daß  destoweniger  übrig  bleibt,  je  größer  der  Subtrahent  ist.
Daß  die  Rente  den  Lohn  wirklich  herabsetzt,  kann  jeder,  wo  er  auch
stehe,  sehen,  wenn  er  um  sich  blickt.
Es  besteht  kein  Geheimnis  über  die  Ursache,  welche  in  Kalifornien
im  Jahre  und  in  Australien  ^852  die  Löhne  so  plötzlich  und  so
bedeutend  steigerte.  Es  war  die  Entdeckung  der  Goldgruben  in  herrenlosem ­
  Lande,  auf  dem  die  Arbeit  jedem  frei  stand,  welche  der  Lohn
der  Röche  in  den  Restaurants  in  San  Franzisko  auf  500  Dollar  per
Monat  steigerte  und  Schiffe  im  Hafen  ohne  Steuerleute  und  Mannschaft
verfaulen  ließ,  bis  die  Besitzer  Frachten  bewilligten,  die  in  jedem  anderen
Teile  der  Erde  fabelhaft  erschienen  wären,  wären  diese  Goldgruben
auf  privatbesitz  belegen  gewesen  oder  sofort  monopolisiert  worden,
so  daß  Rente  hätte  entstehen  können,  so  würden  nicht  die  Löhne,  sondern
die  Landwerte  in  die  Höhe  gegangen  sein.  Die  Eomstock-Ader  war  reicher
als  die  Alluvien,  wurde  aber  sofort  monopolisiert,  und  es  ist  nur  der
starken  Organisation  der  Vereinigung  der  Bergleute  und  der  Furcht  vor
dem  Schaden,  den  sie  anrichten  könnten,  zuzuschreiben,  daß  sie  vier  Dollar
per  Tag  dafür  bekommen,  daß  sie  sich  2000  Fuß  unter  der  Erde,  wo  ihnen
die  Luft  zum  Atmen  hinuntergepumpt  werden  muß,  halb  backen  lassen.
Der  Reichtum  der  Eomstock-Ader  hat  die  Rente  gesteigert.  Der  Verkaufspreis ­
  dieser  Minen  beläuft  sich  auf  Hunderte  von  Millionen  und  hat
privatvermögen  geschaffen,  deren  monatliche  Einnahmen  nur  nach
Hunderttausenden,  wo  nicht  nach  Millionen  geschätzt  werden  können.
Ebensowenig  ist  die  Ursache  ein  Geheimnis,  welche  bewirkt  hat,  daß  die
Löhne  in  Kalifornien  von  dem  Maximum  der  früheren  Tage  nahezu
auf  das  Niveau  der  im  Osten  gültigen  Sätze  ermäßigt  find,  und  daß
diese  Bewegung  noch  andauert.  Die  Ergiebigkeit  der  Arbeit  hat  nicht
abgenommen,  im  Gegenteil,  sie  hat,  wie  ich  vorher  zeigte,  zugenommen
aber  sie  hat  jetzt  von  dem,  was  sie  erzeugt,  Rente  zu  zahlen.  Als  die
Goldalluvien  erschöpft  waren,  mußte  die  Arbeit  zu  tieferen  Minen
und  zum  Ackerland  greifen;  da  man  aber  diese  in  Monopolbesitz  kommen
ließ,  so  laufen  jetzt  Leute  in  den  Straßen  von  San  Franziska  umher,
die  fast  zu  jedem  preise  zu  arbeiten  bereit  sind  —&amp;gt;  denn  Naturvorteile
stehen  jetzt  der  Arbeit  nicht  mehr  offen.
Die  Wahrheit  liegt  auf  der  Hand.  Man  stelle  an  jeden,  der  folgerichtig ­
  zu  denken  vermag,  die  Frage:
„Nehmen  wir  an,  es  erhebe  sich  aus  dem  englischen  Kanal  oder
aus  der  Nordsee  herrenloses  Land,  auf  welchem  gewöhnliche  Arbeit
        <pb n="233" />
        220

Das  probiern  gelöst.

Buch  V.

in  unbegrenzter  Menge  io  Schilling  täglich  verdienen  könnte,  und  das
nicht  im  Privatbesitz  und  jedem  zugänglich  wäre,  gleich  den  Gemeindegründen, ­
  welche  einst  einen  so  großen  Teil  des  englischen  Bodens  ausmachten. ­
  Was  würde  die  Wirkung  auf  die  Löhne  in  England  sein?"
Jeder  würde  sofort  antworten,  daß  der  Tagelohn  in  ganz  England
bald  auf  Schilling  steigen  muß.
Und  auf  die  weitere  Frage:  „Was  würde  die  Wirkung  auf  die
Rente  fein?"  würde  er  nach  einem  Augenblick  der  Überlegung  antworten,
daß  sie  notwendig  sinken  müsse;  und  nach  fernerem  Überdenken  der
Sache  würde  er  hinzufügen,  daß  alles  dies  ohne  Ableitung  eines  sehr
großen  Teils  englischer  Arbeiter  nach  den  neu  gebotenen  Naturvorteilen
und  ohne  durchgreifende  Änderung  der  Formen  und  Richtungen  der
englischen  Industrie  vor  sich  gehen  und  nur  jener  Teil  der  Produktion
aufgegeben  werden  würde,  der  jetzt  der  Arbeit  und  dem  Grundbesitzer
zusammen  weniger  ergibt,  als  die  Arbeit  unter  den  neuen  Verhältnissen
erwerben  könnte.  Die  große  Lohnerhöhung  würde  auf  Rosten  der  Rente
erfolgen.
Man  nehme  denselben  Mann  oder  einen  anderen  —-  einen  hartköpfigen ­
  Geschäftsmann,  der  keine  Theorien  hat,  aber  Geld  zu  machen
versteht  —-  und  sage  zu  ihm:  „Hier  ist  ein  kleines  Dorf,  in  zehn  Jahren
wird  es  eine  große  Stadt  sein,  in  zehn  Jahren  wird  die  Eisenbahn  an
die  Stelle  der  Postkutsche,  das  elektrische  Licht  an  die  der  Nerze  getreten
sein,  alle  Maschinen  und  Verbesserungen,  welche  die  Leistungsfähigkeit
der  Arbeit  so  enorm  vervielfältigen,  werden  im  Überfluß  vorhanden
sein.  Werden  nach  zehn  Jahren  die  Zinsen  höher  sein?"
Er  wird  antworten:  „Nein".
„werden  die  Löhne  für  gewöhnliche  Arbeiten  höher  sein?  wird
es  für  einen  Mann,  der  nichts  als  seine  Arbeit  hat,  leichter  sein,  ein
unabhängiges  Auskommen  zu  finden?"
Er  wird  darauf  erwidern:  „Nein;  die  Löhne  für  gewöhnliche  Arbeit
werden  nicht  höher  fein,  im  Gegenteil,  alle  Ehancen  sind  dafür,  daß
sie  niedriger  fein  werden;  es  wird  dem  bloßen  Arbeiter  nicht  leichter
werden,  ein  unabhängiges  Auskommen  zu  finden;  die  Ehancen  sind  dafür,
daß  es  ihm  ein  gut  Teil  schwerer  fallen  wird."
„Was  wird  denn  höher  fein?"
„Die  Rente,  der  Wert  des  Bodens.  Gehen  Sie,  kaufen  Sie  ein
Grundstück  und  behalten  Sie  es  im  Besitz."
wer^  unter  solchen  Umständen  seinem  Rate  folgt,  braucht  sonst
nichts  weiter  zu  tun.  Man  kann  sich  hinsetzen  und  seine  Pfeife  rauchen,
oder  umherliegen  wie  die  Lazzaroni  Neapels  oder  die  Leperos  von
Mexiko;  man  kann  in  einem  Luftballon  aufsteigen  oder  sich  in  der  Erde
verkriechen;  und  ohne  eine  Spur  von  Arbeit  zu  verrichten,  ohne  ein
Iota  zu  dem  Wohlstände  des  Gemeinwesens  beizutragen,  wird  man  in
M  Jahren  reich  sein!  In  der  neuen  Stadt  kann  man  ein  prächtiges  paus
        <pb n="234" />
        Kap.  II.

22  \

Die  Fortdauer  der  Armut  inmitten  des  Reichtums.

haben;  aber  unter  ihren  öffentlichen  Gebäuden  wird  ein  Armenhaus ­
  fein.
In  unserer  ganzen  langen  Untersuchung  find  wir  zu  der  einfachen
Wahrheit  vorgerückt,  daß,  da  zur  Verrichtung  von  Arbeit  bei  der  Güterproduktion ­
  Land  erforderlich  ist,  die  Verfügung  über  dasselbe  so  viel
bedeutet,  wie  die  Verfügung  über  alle  Früchte  der  Arbeit,  außer  so  viel
wie  zur  bloßen  Existenz  des  Arbeiters  notwendig  ist.  wir  sind  vorgerückt
wie  durch  Feindes  Land,  in  welchem  jeder  Schritt  gesichert,  jede  Stellung
befestigt,  und  jeder  Nebenpfad  erforscht  werden  muß;  denn  diese  in
ihrer  Anwendung  auf  soziale  und  politische  Probleme  so  einfache  Wahrheit ­
  ist  der  großen  Menge  der  Menschen  verborgen,  teilweise  eben  wegen
ihrer  Einfachheit,  mehr  aber  noch  wegen  der  weitverbreiteten  Trugschlüsse
und  irrtümlichen  Gewohnheiten  des  Denkens,  welche  die  Menschen  verleiten, ­
  in  jeder  Richtung,  nur  nicht  in  der  richtigen,  nach  einer  Erklärung
der  die  zivilisierte  Welt  bedrückenden  und  bedrohenden  Übel  auszuschauen.
Und  hinter  diesen  feinen  Trugschlüssen  und  mißleitenden  Theorien  steht
eine  tätige,  energische  Macht,  eine  Macht,  die  in  jedem  Lande,  seien  dessen
politische  Formen  welche  sie  wollen,  die  Gesetze  macht  und  das  Denken
modelt,  die  Macht  eines  ungeheuren  und  überwältigenden  pekuniären
Interesses.
Aber  so  einfach  und  so  klar  ist  diese  Wahrheit,  daß  sie  einmal  ganz
sehen,  so  viel  heißt,  wie  sie  stets  anerkennen.  Ls  gibt  Gemälde,  welche,
obgleich  man  sie  immer  und  immer  wieder  betrachtet,  doch  nur  ein  verwirrtes ­
  Labyrinth  von  Strichen  oder  Arabesken  darstellen  —  eine  Landschaft, ­
  Bäume  oder  etwas  dem  Ähnliches  —  bis  man  darauf  aufmerksam
wird,  daß  diese  Dinge  ein  Gesicht  oder  eine  Figur  bilden,  Hat  man  diesen
Zusammenhang  einmal  erkannt,  so  ist  derselbe  einem  nachher  immer
klar.  Ebenso  ist  es  in  unserem  Falle.  Im  Lichte  dieser  Wahrheit  gruppieren
sich  alle  sozialen  Tatsachen  zu  einer  natürlichen  Verbindung,  und  die
verschiedensten  Erscheinungen  sieht  man  einem  großen  Prinzip  entspringen. ­
  Nicht  in  den  Beziehungen  von  Kapital  und  Arbeit,  nicht  in
dem  Andrängen  der  Bevölkerung  gegen  ihre  Unterhaltsmittel  kann  eine
Erklärung  der  ungleichen  Entwicklung  unserer  Zivilisation  gefunden
werden.  Die  große  Ursache  der  Ungleichheit  in  der  Güterverteilung  ist
die  Ungleichheit  im  Grundbesitz.  Der  Grundbesitz  ist  die  große  fundamentale ­
  Tatsache,  welche  schließlich  die  soziale,  die  politische  und  folglich
auch  die  intellektuelle  und  moralische  Lage  des  Volkes  bestimmt.  Und
es  kann  nicht  anders  sein.  Denn  das  Land  ist  der  Wohnsitz  des  Menschen,
das  Magazin,  aus  welchem  er  alle  seine  Bedürfnisse  beziehen  muß,
das  Material,  auf  welches  seine  Arbeit  zur  Befriedigung  aller  seiner
Wünsche  verwendet  werden  muß;  denn  selbst  die  Erzeugnisse  des  Meeres
können  nicht  entnommen,  das  Licht  der  Sonne  nicht  genossen  oder
irgendeine  der  Naturkräfte  benutzt  werden,  ohne  daß  man  den  Grund
und  Boden  und  dessen  Produkte  dabei  gebraucht.  Auf  dem  Lande  sind
wir  geboren,  von  demselben  leben  wir,  zu  ihm  kehren  wir  dereinst  zurück
        <pb n="235" />
        222

Das  Problem  gelöst.

Buch  V.

Rinder  des  Bodens  so  wahr  wie  der  Grashalnr  oder  die  Feldblume.
Man  nehme  dem  Menschen  alles,  was  zur  Erde  gehört,  und  er  ist  nur
ein  körperloser  Geist.  Der  materielle  Fortschritt  kann  uns  nicht  aus
unserer  Abhängigkeit  vom  Grund  und  Boden  hefreien,  er  kann  nur  unsere
Fähigkeit  vergrößern,  Güter  aus  demselben  hervorzubringen;  und
daher  könnte,  wenn  das  Land  monopolisiert  ist,  der  Fortschritt  bis  zur
Unendlichkeit  vorangehen,  ohne  den  Lohn  zu  steigern  oder  die  Lage
derer,  die  nur  ihre  Arbeit  haben,  zu  verbessern.  Er  kann  nur  den  Wert
des  Grund  und  Bodens  und  die  Macht,  welche  dessen  Besitz  verleiht,
erhöhen.  Allenthalben,  zu  allen  Zeiten,  unter  allen  Völkern,  ist  der
Besitz  des  Grund  und  Bodens  die  Basis  der  Aristokratie,  die  Grundlage
der  großen  Vermögen,  die  Vuelle  der  Macht.  Wie  die  Brahminen  vor
grauen  Zeiten  sagten:
wem  der  Boden  gehört,  dem  gehören  auch  die
Früchte  desselben.  Weiße  Sonnenschirme  und
Elefanten,  wahnsinnig  vor  Stolz,  das  sind  die
Blumen  einer  Verleihung  von  Land.
        <pb n="236" />
        Das  Heilmittel.

„Eine  neue  und  gerechte  Verteilung  der  Güter  und  Rechte  dieser  Welt  sollts
das  hauptsächlichste  Ziel  derjenigen  sein,  welche  die  Angelegenheiten  der  Menschenleiten." ­
  de  Tocqueville.
„Wenn  es  sich  darum  handelt,  die  Lage  eines  Volkes  auf  die  Dauer  zu  heben,
so  erzeugen  kleine  Mittel  nicht  einmal  kleine  Wirkungen,  sondern  überhaupt  keine."'
John  Stuart  Mill.

Kapitel  I.
Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.
Indem  wir  die  Ursache  der  inmitten  zunehmenden  Reichtums
steigenden  Armut  bis  zur  ihrer  «Duelle  verfolgten,  haben  wir  auch  das
Heilmittel  entdeckt;  ehe  wir  aber  zu  diesem  Zweige  unseres  Gegenstandes ­
  übergehen,  wird  es  sich  empfehlen,  die  Tendenzen  oder  Heilmittel, ­
  auf  die  man  sich  gewöhnlich  verläßt,  und  die  man  zumeist  befürwortet, ­
  Revue  passieren  zu  lassen.  Das  Heilmittel,  auf  das  unsere
Schlußfolgerungen  hinweisen,  ist  zugleich  radikal  und  einfach,  so  radikal,,
daß  es  einerseits  nicht  ernsthaft  in  Betracht  gezogen  werden  wird,  solange ­
  irgendein  Glaube  an  die  Wirksamkeit  weniger  kaustischer  Maßregeln ­
  übrig  bleibt,  und  so  einfach,  daß  andererseits  seine  tatsächliche
Wirksamkeit  und  Kürze  leicht  übersehen  werden  dürfte,  bis  die  Wirkung
künstlicherer  Maßregeln  berechnet  ist.
Die  Tendenzen  und  Maßregeln,  welche  die  gewöhnliche  Literatur
und  Publizistik  als  diejenigen  bezeichnen,  von  denen  mehr  oder  weniger
Abhilfe  zu  erwarten,  d.  h.  die  geeignet  feien,  Armut  und  Elend  unter
den  Massen  zu  vermindern,  können  in  sechs  Klassen  geteilt  werden.
Ich  meine  nicht,  daß  es  so  viele  verschiedene  Parteien  oder  nationalökonomische ­
  Schulen  gebe,  sondern  nur,  daß  behufs  unserer  Untersuchung
die  herrschenden  Meinungen  und  vorgeschlagenen  Maßregeln  zur  besseren
Übersicht  so  gruppiert  werden  können.  Heilmittel,  die  wir,  der  größeren
Bequemlichkeit  und  Klarheit  wegen,  einzeln  prüfen  werden,  werden,
oft  in  Gedanken  verbunden.
        <pb n="237" />
        224

Buch  VI.

Das  Heilmittel.

Ls  gibt  viele  Leute,  die  noch  den  behaglichen  Glauben  bewahren
daß  der  materielle  Fortschritt  schließlich  die  Armut  ausrotten  werde,
und  viele  erblicken  in  der  vorbauenden  Einschränkung  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  das  wirksamste  Mittel,  allein  der  Irrtum  dieser  Ansichten
wurde  bereits  hinlänglich  bewiesen.  Wir  wollen  jetzt  untersuchen,  was
zu  erhoffen  ist:
I..  von  größerer  Sparsamkeit  in  der  Staatsverwaltung;
2.  von  besserem  Unterricht  der  arbeitenden  Klassen,  sowie  von
besserer  Gewöhnung  an  Fleiß  und  Sparsamkeit;
3.  von  Koalitionen  der  Arbeiter  zur  Erhöhung  der  Löhne;
von  der  Assoziation  der  Arbeit  und  des  Kapitals;
5.  von  der  Leitung  und  Einmischung  der  Regierung;
6.  von  einer  allgemeineren  Verteilung  des  Grund  und  Bodens.
Unter  diese  sechs  Rubriken  können  wir,  glaube  ich,  im  wesentlichen
alle  Hoffnungen  und  Vorschläge  für  die  Milderung  des  sozialen  Elends
zusammenfassen,  abgesehen  von  der  ebenso  einfachen  als  durchgreifenden
Maßregel,  welche  ich  vorschlagen  werde.
Von  größerer  Sparsamkeit  in  der  Staatsverwaltung.
Bis  vor  wenigen  Jahren  war  es  ein  Glaubensartikel  bei  den  Amerikanern ­
  und  eine  von  den  Liberalen  Europas  geteilte  Ansicht,  daß  die
Armut  der  niedergetretenen  Massen  der  Alten  Welt  auf  die  aristokratischen
und  monarchischen  Einrichtungen  derselben  zurückzuführen  seien.  Dieser
Glaube  ist  schnell  verschwunden,  nachdem  unter  den  republikanischen
Einrichtungen  der  Vereinigten  Staaten  soziales  Elend  gleicher  Art,
wenn  auch  nicht  von  derselben  Stärke,  wie  das  in  Europa  herrschende,
aufgetreten  ist.  Aber  noch  immer  werden  die  sozialen  Leiden  großenteils ­
  der  ungeheuren  Lasten,  welche  die  bestehenden  Regierungen  auferlegen ­
  —  den  großen  Schulden,  den  Heeren  und  Flotten  samt  allen
dazu  gehörenden  Einrichtungen,  der  Verschwendung,  welche  ebensowohl
republikanischen  wie  monarchischen  Herrschern  und  namentlich  auch
städtischen  Verwaltungen  eigen  ist,  zugeschrieben.  Dem  muß  in  den
Vereinigten  Staaten  noch  die  mit  dem  Schutztarif  zusammenhängende
Räuberei  hinzugefügt  werden,  welche  für  jede  25  Gents,  die  der  Staat
erhält,  einen  Dollar,  vielleicht  aber  auch  vier  oder  fünf,  aus  den  Taschen
der  Konsumenten  nimmt.  Der  Zusammenhang  zwischen  den  dem
Volke  auf  diese  Weise  genommenen  Summen  und  den  Entbehrungen
der  unteren  Klassen  scheint  allerdings  klar  zu  sein,  und  bei  oberflächlicher
Betrachtung  ist  es  natürlich,  vorauszusetzen,  daß  eine  Ermäßigung  der
so  nutzlos  auferlegten  ungeheuren  Lasten  es  den  Ärmsten  leichter  machen
würde,  ihr  Brot  zu  finden.  Eine  Betrachtung  der  Sache  im  Lichte  der
bis  hierher  aufgestellten  nationalökonomischen  Grundsätze  wird  jedoch
zeigen,  daß  dies  nicht  die  Wirkung  sein  würde.  Eine  Ermäßigung  des
.von  dem  Gesamtprodukt  eines  Landes  durch  Besteuerung  erhobenen
        <pb n="238" />
        225

Kap.  I.  Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

Betrages  würde  einfach  gleichbedeutend  sein  mit  einer  Vermehrung
des  Nettoprodukts.  Sie  würde  effektiv  die  Produktivkraft  der  Arbeit
erhöhen,  gerade  wie  es  die  gesteigerte  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  und
die  Hebung  der  gewerblichen  Künste  auch  tut.  Und  wie  in  dem  einen
Lalle  der  Vorteil  in  erhöhter  Grundrente  den  Grundbesitzern  zufällt
und  zufallen  muß,  so  auch  in  dem  anderen.
Aus  dem  Ertrage  der  Arbeit  und  des  Kapitals  von  England  werden
jetzt  die  Last  einer  ungeheuren  Schuld,  eine  Landeskirche,  ein  kostspieliger
Hof,  eine  große  Zahl  von  Sinekuristen,  ein  großes  Heer  und  eine  noch
größere  Flotte  erhalten.  Nehmen  wir  an,  die  Schuld  werde  nicht  länger
anerkannt,  die  Kirche  auf  ihre  eigenen  Füße  gestellt,  der  Hof  auf  seine
eigene  Arbeit  angewiesen,  die  Sinekuristen  beseitigt,  die  Armee  aufgelöst,
die  Offiziere  und  Mannschaften  der  Flotte  entlassen  und  die  Schiffe
verkauft.  Es  würde  dadurch  eine  enorme  Ermäßigung  in  der  Besteuerung
möglich  werden.  Das  Nettoxrodukt,  das  zur  Verteilung  unter  die  an
der  Produktion  teilnehmenden  Parteien  übrig  bliebe,  würde  bedeutend
größer  fein.  Aber  dies  wäre  nur  eine  Vermehrung  derselben  Art,  wie
der  Fortschritt  in  den  Gewerben  sie  seit  lange  beständig  bewirkt  und  keine
so  große  Vermehrung,  wie  sie  der  Dampf  und  die  Maschinen  innerhalb
der  letzten  zwanzig  oder  dreißig  Jahre  bewerkstelligt  haben.  Und  wie  diese
Vermehrungen  das  Proletariat  nicht  beseitigt,  sondern  nur  die  Grundrente ­
  erhöht  haben,  so  würde  es  auch  diese  nicht  tun.  Die  englischen
Grundbesitzer  würden  den  ganzen  Vorteil  einheimsen.  Ich  will  nicht
bestreiten,  daß,  wenn  alle  diese  Dinge  plötzlich  und  ohne  die  mit  einer
Revolution  verknüpften  Zerstörungen  und  Kosten  getan  werden  könnten,
eine  zeitweilige  Verbesserung  in  der  Lage  der  untersten  Klasse  stattfinden
könnte;  aber  eine  solche  plötzliche  und  friedliche  Reform  ist  offenbar
unmöglich,  Märe  sie  aber  möglich,  so  würde  jede  zeitweilige  Besserung,
wie  wir  dies  an  den  Vorgängen  in  den  vereinigten  Staaten  sehen,
schließlich  durch  die  erhöhten  Landwerte  verschlungen  werden.
Und  so  könnte,  wenn  wir  in  den  Vereinigten  Staaten  die  öffentlichen
Ausgaben  auf  den  niedrigst  möglichen  Punkt  ermäßigten  und  sie  durch
Einkommensteuer  deckten,  der  vorteil  sicherlich  nicht  größer  sein  als  der,
welchen  die  Eisenbahnen  uns  gebracht  haben.  In  den  Händen  des  Volkes
als  Ganzen  würden  mehr  Güter  bleiben,  gerade  wie  die  Eisenbahnen
dem  Volke  als  Ganzen  auch  mehr  Güter  verschafft  haben,  aber  in  ihrer
Verteilung  würden  dieselben  unerbittlichen  Gesetze  obwalten.  Die  Lage
derjenigen,  welche  von  ihrer  Arbeit  leben,  würde  schließlich  nicht  verbessert ­
  werden.
Lin  dunkles  Bewußtsein  hiervon  durchdringt  die  Massen  oder  beginnt ­
  sie  zu  durchdringen  und  bildet  eine  der  ernsten  politischen  Schwierigkeiten, ­
  welche  die  amerikanische  Republik  umgeben.  Die,  welche  nichts
als  ihre  Arbeit  haben,  und  hauptsächlich  die  Proletarier  der  Städte  —
eine  wachsende  Klasse  —  machen  sich  wenig  aus  der  Verschwendung
der  Regierung  und  sind  in  vielen  Fällen  geneigt,  etwas  Gutes  darin
George,  Fortschritt  und  Armut.  ,5
        <pb n="239" />
        226

Das  Heilmittel.

Buch  VI.

ZU  sehen,  da  sie  „Beschäftigung  bringt"  oder  „Geld  in  Umlauf  setzt".
Tweed,  der  New-Pork  beraubte,  wie  ein  Guerilla-bjauptmann  eine  besetzte ­
  Stadt  zu  brandschatzen  pflegt  (und  der  nur  ein  Tchxus  der  neuen
Sorte  von  Banditen  war,  die  die  Verwaltung  aller  unserer  Städte
an  sich  reißen),  war  unzweifelhaft  bei  einer  Majorität  der  Mähler  populär,
obgleich  seine  Diebereien  notorisch  waren  und  sein  Raub  in  dicken  Diamanten ­
  und  verschwenderischen  persönlichen  Ausgaben  offen  zur  Schau
getragen  wurde.  In  Anklagezustand  versetzt,  wurde  er  triumphierend
in  den  Senat  gewählt,  und  selbst  noch  als  wiedereingefangener  Flüchtling ­
  wurde  er  häufig  auf  seinem  Mege  vom  Gericht  zum  Gefängnis
mit  pochs  begrüßt.  Er  hatte  die  öffentlichen  Rassen  um  viele  Millionen
bestohlen,  aber  die  Proletarier  fühlten,  daß  er  nicht  sie  beraubt  hatte.
Und  das  Urteil  der  Nationalökonomie  stimmt  ihnen  darin  bei.
Man  verstehe  micht  recht.  Ich  sage  nicht,  daß  die  Sparsamkeit  in
den  Staats-  und  Gemeindeausgaben  nicht  wünschenswert  sei,  sondern
nur,  daß  die  Ermäßigung  dieser  Ausgaben  keinen  direkten  Einfluß  auf
die  Ausrottung  der  Armut  und  die  Erhöhung  des  Lohns  haben  kann,
solange  der  Grund  und  Boden  monopolisiert  bleibt.
«Obgleich  dies  so  ist,  sollte  dennoch,  auch  im  Interesse  der  untersten
Klasse,  keine  Anstrengung  gespart  werden,  um  nutzlose  Ausgaben  zu
vermeiden.  Je  verwickelter  und  kostspieliger  die  Regierung  wird,  desto
mehr  wird  sie  eine  vom  Volke  verschiedene  und  unabhängige  Macht,
und  desto  schwieriger  wird  es,  Fragen  des  wahren  Volkswohls  zu  volkstümlicher ­
  Entscheidung  zu  bringen.  Man  betrachte  unsere  Wahlen  in
den  vereinigten  Staaten  —  um  was  drehen  sie  sich?  Probleme  der
allergrößten  Wichtigkeit  drängen  sich  uns  auf,  aber  so  viel  gilt  das  Geld
in  der  Politik,  so  groß  sind  die  dabei  beteiligten  persönlichen  Interessen,
daß  die  wichtigsten  verwaltungsfragen  nur  wenig  Beachtung  finden.
Der  amerikanische  Durchschnittswähler  hat  Vorurteile,  Parteigefühle,
allgemeine  Ansichten  einer  gewissen  Art,  aber  er  widmet  den  fundamentalen ­
  Fragen  der  Verwaltung  nicht  viel  mehr  Nachdenken  als  ein  Pferd
der  Straßenbahnen  dem  Gewinn  seiner  Linie.  Märe  dem  nicht  so,  so
könnten  nicht  so  viele  altersgraue  Mißbräuche  das  Leben  fristen  und  so
viele  neue  hinzugekommen  sein.  Alles,  was  darauf  zielt,  die  Regierung
einfach  und  wohlfeil  zu  machen,  zielt  gleichzeitig  darauf  hin,  sie  unter
die  Kontrolle  des  Volkes  und  Fragen  wirklicher  Wichtigkeit  in  den  Vordergrund ­
  zu  bringen.  Aber  keine  Ermäßigung  der  Staatsausgaben  kann
an  sich  selbst  die  Übel  heilen  oder  lindern,  welche  aus  einer  beständigen
Tendenz  zu  ungleicher  Verteilung  der  Güter  entstehen.
2.  von  der  Verbreitung  des  Unterrichts  und  besserer  Gewöhnung ­
  an  Fleiß  und  Sparsamkeit.
Es  besteht  und  bestand  von  jeher  unter  den  höheren  Klassen  ein
weitverbreiteter  Glaube,  daß  Armut  und  Leiden  der  Massen  ihrem  Mangel
        <pb n="240" />
        Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

227

an  Fleiß,  Mäßigkeit  und  Intelligenz  zuzuschreiben  seien.  Dieser  Glaube
welcher  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit  beruhigt  und  zugleich  durch
die  Vorspiegelung  einer  Überlegenheit  schmeichelt,  ist  wahrscheinlich
in  Ländern  wie  die  vereinigten  Staaten,  wo  alle  Menschen  politisch
gleich  sind,  und  wo  infolge  der  Neuheit  der  Gesellschaft  die  Scheidung
in  Klassen  mehr  die  einzelnen  als  ganze  Familien  betraf,  noch  verbreiteter
als  in  älteren  Ländern,  wo  die  Trennungslinien  länger  und  schärfer
gezogen  sind.  Ls  ist  nur  natürlich,  wenn  diejenigen,  welche  ihre  besseren
Verhältnisse  auf  die  größere  Betriebsamkeit  und  Genügsamkeit,  die
ihnen  einen  Vorteil  gab,  und  auf  die  höhere  Intelligenz  zurückführen
können,  die  sie  in  den  Stand  setzte,  jeden  Vorteil  zu  benutzen*),  sich  einbilden, ­
  daß  diejenigen,  welche  arm  bleiben,  dies  nur  dem  Mangel  dieser
Eigenschaften  beizumessen  habeü.
wer  jedoch  die  Gesetze  der  Güterverteilung,  wie  sie  in  den  vorhergehenden ­
  Kapiteln  entwickelt  wurden,  erfaßt  hat,  wird  den  Irrtum  dieser
Ansicht  einsehen.  Derselbe  ist  ähnlich  demjenigen,  welcher  in  der  Behauptung ­
  liegen  würde,  daß  jeder  bei  einem  lvettlauf  Beteiligte  gewinnen
müsse.  Daß  einer  gewinnen  muß,  ist  richtig;  daß  jeder  gewinnen
könne,  ist  unmöglich.
Denn  sobald  der  Grund  und  Boden  wert  erlangt,  so  hängt  der
Arbeitslohn,  wie  wir  gesehen  haben,  nicht  von  dem  wirklichen  Ertrage
oder  Produkte  der  Arbeit  ab,  sondern  von  dem,  was  der  Arbeit  bleibt,
nachdem  die  Grundrente  vorweg  genommen  ist;  sobald  der  Grund  und
Boden  vollständig  monopolisiert  ist,  wie  es  außer  in  den  neuesten  Ländern
überall  der  Fall,  muß  die  Rente  den  Lohn  auf  den  Punkt  drücken,  bei
welchem  die  ärmste  Klasse  gerade  noch  zu  leben  und  sich  fortzupflanzen
imstande  ist,  und  so  wird  der  Lohn  durch  das  Normalmaß  des  Auskommens
(stanclarck  ot  comtort),  d.  h.  durch  die  Summe  der  notwendigen  und
gewohnheitsmäßigen  Bedürfnisse,  welche  die  arbeitenden  Klassen  als
das  wenigste  beanspruchen,  um  sich  nsch  fortzupflanzen,  auf  ein  Minimum
festgestellt.  Daher  können  Fleiß,  Geschick,  Genügsamkeit  und  Intelligenz
dem  einzelnen  nur  so  weit  von  Nutzen  sein,  als  sie  sich  über  das  allgemeine ­
  Niveau  erheben  —  gerade  wie  in  einem  lvettlauf  die  Schnelligkeit ­
  dem  Laufenden  nur  insoweit  nutzt,  als  sie  diejenige  seiner  Mitbewerber
übertrifft.  Arbeitet  ein  Mann  mehr  oder  mit  höherem  Geschick  und
verstand  als  gewöhnlich,  so  wird  er  vorankommen;  erhebt  sich  aber  der
Durchschnitt  des  Fleißes,  der  Geschicklichkeit  und  Intelligenz  auf  denselben
Punkt,  so  wird  das  erhöhte  Leistungsvermögen  der  Arbeit  nur  den
früheren  Lohnsatz  erzielen,  und  wer  vorankommen  will,  muß  dann  noch
härter  arbeiten.
Lin  einzelner  mag  von  seinem  Lohn  Geld  ersparen,  wenn  er  so

*)  Um  nichts  von  der  größeren  Gewissenlosigkeit  zu  sagen,  die  oft  die  entscheidende
Eigenschaft  ist,  welche  einen  Millionär  aus  jemandem  macht,  der  sonst  ein  armer  Teufel
geblieben  wäre.
\5*
        <pb n="241" />
        228

Das  Heilmittel.

Buch  VI.

lebt  wie  Dr.  Franklin,  als  er  in  seiner  Lehrzeit  und  als  junger  Gehilfe
sich  auf  Pflanzenkost  zu  beschränken  beschloß;  und  viele  arme  Familien
könnten  sorgloser  leben,  wenn  man  sie  lehrte,  jene  billigen  Gerichte  zu
bereiten,  auf  welche  Franklin  den  Appetit  seines  Arbeitgebers  Reimer
zu  beschränken  suchte,  wogegen  er  sich  anheischig  machte,  die  Gegner
der  neuen  Religion  zu  bekämpfen,  deren  Prophet  Reimer  zu  werden
wünschte*);  wenn  jedoch  die  arbeitenden  Rlassen  im  allgemeinen  so
zu  leben  sich  entschlössen,  würden  die  Löhne  schließlich  im  gleichen  Verhältnis ­
  fallen,  und  wer  durch  Sparsamkeit  vorankommen  oder  die  Armut
durch  Ginschärfung  derselben  lindern  wollte,  würde  einen  noch  billigeren
Modus  ersinnen  müssen,  um  Leib  und  Seele  zusammenzuhalten,  wenn
unter  den  obwaltenden  Umständen  die  amerikanischen  Arbeiter  sich  zu
der  chinesischen  Lebensweise  verstünden,  so  würden  sie  schließlich  auch  zu
den  chinesischen  Lohnsätzen  gelangen;  oder  wenn  die  englischen  Arbeiter
sich  mit  der  Reisdiät  und  dürftigen  Rleidung  der  Bengalen  zufrieden
gäben,  so  würde  die  Arbeit  in  England  bald  so  schlecht  wie  in  Indien
bezahlt  werden.  Die  Einführung  der  Rartoffel  in  Irland  ward  als  geeignet ­
  angesehen,  um  die  Lage  der  ärmeren  Rlassen  zu  verbessern,  indem ­
  sie  den  Unterschied  zwischen  den  ihnen  gezahlten  Löhnen  und  den
Rosten  ihres  Lebensunterhalts  vergrößerte.  In  Wirklichkeit  waren  die
Folgen  eine  Erhöhung  der  Pachten  und  eine  Herabsetzung  der  Löhne
und,  nach  Auftreten  der  Rartoffelkrankheit,  die  Verheerungen  der  Hungersnot ­
  unter  einer  Bevölkerung,  welche  ihren  Standard  of  comfort  schon
so  weit  reduziert  hatte,  daß  der  nächste  Schritt  der  Hungertod  war.
Und  daher  wird  ein  einzelner,  wenn  er  mehr  als  die  durchschnittliche ­
  Anzahl  von  Stunden  arbeitet,  seinen  Lohn  allerdings  erhöhen;
aber  der  Lohn  aller  kann  auf  diese  weise  nicht  erhöht  werden.  Ls  ist
notorisch,  daß  die  Löhne  in  Branchen  mit  langer  Arbeitszeit  nicht  höher
sind  als  in  anderen  mit  kürzerer  Arbeitszeit;  gewöhnlich  sogar  das  Gegenteil ­
  davon,  denn  je  länger  der  Arbeitstag,  desto  hilfloser  wird  der  Arbeiter,
desto  weniger  Zeit  hat  er  sich  umzuschauen  und  andere  Eigenschaften
zu  entwickeln  als  diejenigen,  die  durch  seine  Arbeit  hervorgerufen  werden;
desto  geringer  wird  seine  Fähigkeit,  seine  Beschäftigung  zu  wechseln  oder
aus  den  Umständen  Nutzen  zu  ziehen.  Und  so  kann  der  einzelne  Arbeiter,
der  sich  von  Weib  und  Rindern  helfen  läßt,  seine  Einnahme  ebenfalls
vermehren;  in  Branchen  jedoch,  wo  es  hergebracht  ist,  daß  Weib  und
Rinder  mitarbeiten,  sind  notorisch  die  von  der  ganzen  Familie  verdienten
Löhne  im  Durchschnitt  nicht  höher  als  diejenigen  des  Familienhauptes
in  Branchen,  in  denen  dieselben  allein  zu  arbeiten  pflegen.  Die  Arbeit
der  Schweizer  Familie  in  der  Uhrenfabrikation  konkurriert  an  Billigkeit
mit  den  amerikanischen  Maschinen.  Die  böhmischen  Zigarrenmacher
*)  Franklin  erzählt  in  seiner  unnachahmlichen  Meise,  wie  Reimer  schließlich  seinen
Entschluß  aufgab  und  ein  geröstetes  Ferkel  bestellte,  zu  welchem  er  zwei  ihm  befreundete
Damen  einlud;  als  jedoch  das  Ferkel  vor  Eintreffen  der  Gesellschaft  ankam,  konnte  Reimer
der  Versuchung  nicht  widerstehen  und  aß  es  ganz  allein  auf.
        <pb n="242" />
        Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  Her  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

229

New  Porks,  die  familienweise,  Männer,  Weiber  und  Rinder,  in  ihren
Wohnungen  arbeiten,  haben  die  Preise  des  Zigarrenmachens  unter  den
Verdienst  der  Lhinesen  in  San  Franziska  gedrückt.
Diese  allgemeinen  Tatsachen  sind  bekannt.  Sie  werden  in  den
herkömmlichen  nationalökonomischen  Werken  vollständig  anerkannt,
aber  mit  der  Malthusschen  Theorie  von  der  Tendenz  der  Bevölkerung,
sich  bis  zu  den  Grenzen  der  Unterhaltungsmittel  zu  vermehren,  erklärt.
Die  wahre  Erklärung  liegt,  wie  ich  hinreichend  bewiesen  habe,  in  der
Tendenz  der  Grundrente,  die  Löhne  zu  drücken.
was  die  folgen  des  Unterrichts  betrifft,  so  dürste  es  sich  verlohnen,
darüber  speziell  einige  Worte  zu  sagen,  denn  es  herrscht  eine  Neigung,
demselben  eine  Art  magischen  Einflusses  zuzuschreiben.  Der  Unterricht
ist  nun  aber  nur  so  weit  Unterricht,  soweit  er  jemanden  befähigt,  seine
natürlichen  Rräste  wirksamer  zu  benutzen,  und  dies  vermag  das,  was  wir
Unterricht  nennen,  in  den  meisten  Fällen  nicht  zu  erreichen.  Ich  erinnere
mich  eines  kleinen  Mädchens,  die  ganz  nett  mit  ihrer  Schulgeographie
und  -Astronomie  vorangekommen,  aber  höchlich  erstaut  war,  zu  hören,
daß  der  Boden  in  ihrer  Mutter  lsos  wirklich  die  Oberfläche  der  Erde  sei,
und  wenn  man  mit  jungen  Studenten  spricht,  so  wird  man  finden,
daß  die  Renntnisse  vieler  derselben  große  Ähnlichkeit  mit  denen  des  kleinen
Mädchens  haben.  Sie  denken  selten  besser  und  häufig  nicht  so  gut  wie
Leute,  die  nie  eine  höhere  Schule  besucht  haben.
Ein  perr,  der  lange  Jahre  in  Australien  zugebracht  hat  und  mit
allen  Gewohnheiten  der  Eingeborenen  vertraut  war  (der  Rev.  Dr.  Bleesdale),
  sagte  einmal  zu  mir,  nachdem  er  einige  Beispiele  ihrer  wunderbaren ­
  Geschicklichkeit  im  Gebrauch  ihrer  Waffen,  im  Vorhersagen  von
Witterungswechsel  und  im  Fangen  der  scheuesten  Vögel  angeführt:
„Ich  glaube,  es  ist  ein  großer  Irrtum,  diese  schwarzen  Burschen  als  unwissend ­
  zu  betrachten.  Ihre  Renntnisse  sind  von  den  unseligen  verschieden, ­
  aber  sie  sind  darin  gewöhnlich  besser  unterrichtet.  Sobald
sie  aus  den  Beinen  stehen  können,  lehrt  man  sie,  mit  kleinen  Bumerangs
und  anderen  Waffen  zu  spielen,  zu  beobachten  und  zu  urteilen,  und  sobald
sie  alt  genug  sind,  um  selbst  für  sich  zu  sorgen,  sind  sie  auch  vollständig
imstande  dazu,  sind  im  Verhältnis  zu  dem  Wesen  ihrer  Renntnisse  tatsächlich, ­
  was  man  unterrichtete  Männer  nennt,  und  das  ist  mehr,  als  ich
von  vielen  unserer  jungen  Leute  sagen  kann,  die,  wie  wir  es  nennen,
die  besten  Gelegenheiten  gehabt  haben,  trotzdem  aber  in  ihr  Mannesalter
treten,  ohne  für  sich  oder  andere  irgend  etwas  tun  zu  können."
Sei  dem  wie  ihm  wolle,  es  ist  klar,  daß  die  Intelligenz,  welche
das  Ziel  des  Unterrichts  ist  oder  sein  sollte,  wenn  sie  nicht  die  Massen
antreibt  und  befähigt,  die  Ursache  der  ungleichen  Güterverteilung  zu
entdecken  und  zu  entfernen,  auf  die  Löhne  nur  dadurch  wirken  kann,
daß  sie  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  erhöht.  Sie  hat  dieselbe  Wirkung
wie  größeres  Geschick  oder  größerer  Fleiß.  Und  sie  kann  den  Lohn  des
einzelnen  nur  insofern  erhöhen,  als  sie  ihn  über  andere  erhebt.  Als
        <pb n="243" />
        230  Das  Heilmittel  Buch  VI.

Lesen  und  Schreiben  noch  seltene  Eigenschaften  waren  war  ein
Schreiber  hochangesehen  und  verdiente  viel,  jetzt  aber  ist  die  Fähigkeit
zu  lesen  und  zu  schreiben  so  allgemein  geworden,  daß  sie  keinen  vorteil
mehr  gewährt.  Die  Chinesen  scheinen  fast  ausnahmslos  lesen  und
schreiben  zu  können,  die  Löhne  aber  stehen  in  China  auf  dem  niedrigsten
Punkte.  Die  Ausbreitung  der  Kenntnisse  kann,  außer  daß  sie  die  Menschen
mit  einem  Zustande  der  Dinge  unzufrieden  macht,  welcher  die  Produzenten
zu  einem  Leben  voll  Mühsal  verdammt,  während  die  Nichtproduzenten
sich  im  Luxus  wälzen,  im  allgemeinen  keine  Steigerung  der  Löhne  bewirken ­
  oder  irgendwie  die  Lage  der  untersten  Klasse  —  der  „Grundschwelle" ­
  der  Gesellschaft,  wie  ein  südlicher  Senator  sie  einst  nannte  —
verbessern;  sie  muß  auf  dem  Boden  bleiben,  wie  hoch  sich  auch  der  Oberbau
erhebe.  Keine  Steigerung  der  Leistungskraft  der  Arbeit  vermag  im
allgemeinen  die  Löhne  zu  steigern,  solange  die  Grundrente  den  ganzen
Gewinn  verschlingt.  Dies  ist  nicht  bloß  eine  Deduktion  aus  Prinzipien.
Ls  ist  die  durch  die  Erfahrung  bewiesene  Tatsache.  Die  Zunahme  des
Wissens  und  der  Fortschritt  der  Erfindungen  haben  die  Leistungsfähigkeit
der  Arbeit  unendlich  vervielfältigt,  ohne  den  Lohn  zu  erhöhen.  Zn  England
gibt  es  über  eine  Million  Arme.  Zn  den  Vereinigten  Staaten  find  die
Armenhäuser  im  Zunehmen  und  die  Löhne  im  Abnehmen.
Ls  ist  wahr,  daß  größere  Betriebsamkeit  und  Geschicklichkeit,  größere
Vorsicht  und  höhere  Zntelligenz  in  der  Regel  mit  einer  besseren  materiellen ­
  Lage  der  arbeitenden  Klassen  verbunden  sind;  allein  die  Tatsachen ­
  beweisen,  daß  dies  die  Wirkung  und  nicht  die  Ursache  ist.  wo  die
materielle  Lage  der  arbeitenden  Klassen  besser  geworden  ist,  war  eine
Hebung  ihrer  persönlichen  Eigenschaften  die  Folge,  und  wo  ihre  materielle
Lage  gedrückt  war,  ist  die  Verschlechterung  jener  Eigenschaften  das  Ergebnis ­
  gewesen;  aber  nirgends  kann  eine  Besserung  der  materiellen
Lage  als  Ergebnis  der  Zunahme  an  Fleiß,  Geschicklichkeit,  Vorsicht  oder
Zntelligenz  in  einer  für  das  liebe  Leben  zu  schwerer  Arbeit  verdammten
Klasse  nachgewiesen  werden,  obschon  diese  Eigenschaften,  wenn  sie  (oder
vielmehr  ihr  Begleiter,  das  höhere  Maß  des  Komforts)  einmal  erlangt
sind,  einen  starken  und  in  vielen  Fällen  hinreichenden  widerstand  gegen
die  Verschlimmerung  der  materiellen  Lage  bieten.
Die  Tatsache  ist,  daß  die  Eigenschaften,  welche  den  Menschen  über
das  Tier  erheben,  über  denjenigen  liegen,  welche  er  mit  dem  Tiere  teilt,
und  daß  seine  intellektuelle  und  sittliche  Natur  nur  in  dem  Maße  reifen
kann,  wie  er  von  den  Bedürfnissen  seiner  tierischen  Natur  befreit  wird.
Swingt  man  einen  Menschen  zur  niedrigsten  Arbeit  für  den  äußersten
Bedars  des  tierischen  Lebens,  so  wird  er  den  Antrieb  zur  Betriebsamkeit  —-öen
  Erzeuger  der  Geschicklichkeit  —  verlieren  und  nur  tun,  was  er  zu
tun  gezwungen  ist.  Gestaltet  man  seine  Lage  so,  daß  sie  nicht  viel  schlechter
sein  kann,  während  wenig  Hoffnung  vorhanden  bleibt,  daß  irgend  etwas,
was  er  tun  könnte,  sie  zu  verbessern  imstande  wäre,  so  wird  er  aufhören,
über  den  Tag  hinauszublicken.  Verweigert  man  ihm  Muße  —  und
        <pb n="244" />
        Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

23  {

Muße  heißt  nicht  Mangel  an  Beschäftigung,  sondern  die  Entfernung
jenes  Notstandes,  der  ihn  zu  einer  seiner  Natur  widerstrebenden  Beschäftigung ­
  zwingt  —,  so  ist  man  nicht  imstande,  ihn  intelligent  zu  machen,
wenn  man  auch  das  Kind  eine  Volksschule  durchmachen  läßt  und  den  Mann
mit  einer  Zeitung  versorgt.
Ls  ist  wahr,  daß  eine  Verbesserung  der  materiellen  Lage  eines
Volkes  oder  einer  Masse  sich  nicht  sogleich  in  geistiger  und  sittlicher
Hebung  zeigen  kann.  Höherer  Lohn  kann  zuerst  Trägheit  und  wüstes
Leben  hervorbringen.  Schließlich  aber  wird  er  mehr  Fleiß,  Geschicklichkeit, ­
  Intelligenz  und  Mäßigkeit  herbeiführen.  vergleiche  zwischen
verschiedenen  Ländern,  zwischen  verschiedenen  Massen  desselben  Landes,
zwischen  denselben  Leuten  zu  verschiedenen  Zeiten  und  zwischen  denselben ­
  Leuten,  wenn  ihre  Lage  durch  Auswanderung  verändert  ist,
zeigen  als  unveränderliches  Resultat,  daß  die  erwähnten  persönlichen
Eigenschaften  erscheinen,  sobald  die  materielle  Lage  sich  bessert,  und
verschwinden,  sobald  dieselbe  schlechter  wird.  Die  Armut  ist  die  „jdfütze
der  Verzweiflung",  die  Bunyan  in  seinem  Traume  sah,  und  in  welche
gute  Bücher  bis  in  alle  Ewigkeit  ohne  Erfolg  hineingeworfen  werden
können.  Um  Leute  fleißig,  vorsichtig,  geschickt  und  intelligent  zu  machen,
müssen  sie  vom  Mangel  erlöst  werden.  wer  im  Sklaven  die  Tugenden
des  Freien  entwickeln  will,  muß  ihn  erst  frei  machen.
3.  von  den  Koalitionen  der  Arbeiter.
Aus  den  früher  aufgestellten  Gesetzen  der  Verteilung  geht  hervor,
daß  Koalitionen  der  Arbeiter  die  Löhne  steigern  können,  und  zwar
nicht  auf  Kosten  anderer  Arbeiter,  wie  mitunter  behauptet  wird,  noch
auf  Kosten  des  Kapitals,  wie  man  zuweilen  glaubt,  sondern  schließlich
auf  Kosten  der  Grundrente.  Daß  durch  Koalition  der  Arbeiter  keine
allgemeine  Lohnerhöhung  bewirkt  werden  könne,  daß  jede  dadurch  erzielte ­
  Erhöhung  besonderer  Löhne  andere  Löhne  oder  den  Kapitalgewinn
oder  beide  ermäßigen  müßten,  sind  Ansichten,  die  der  irrtümlichen  Auffassung ­
  entspringen,  daß  die  Löhne  dem  Kapital  entnommen  würden.
Der  Irrtum  dieser  Ansichten  wird  nicht  durch  die  von  uns  entwickelten
Gesetze  der  Verteilung,  sondern  auch  durch  die  Erfahrung  bewiesen,  soweit ­
  dieselbe  reicht.  Die  durch  Arbeiterkoalitionen  bewirkte  Erhöhung  des
Lohns  in  besonderen  Geschäftszweigen,  wovon  viele  Beispiele  vorhanden
sind,  hat  nirgends  die  Wirkung  gezeigt,  den  Lohn  in  anderen  Geschäftszweigen ­
  zu  erniedrigen  oder  den  Gewinnsatz  herabzusetzen.  Außer  daß
sie  sein  fixes  Kapital  oder  die  laufenden  Engagements  beeinträchtigen
kann,  vermag  eine  Verminderung  des  Lohns  einem  Arbeitgeber  nur
insofern  zu  nützen  und  eine  Erhöhung  des  Lohns  ihm  nur  insofern  zu
schaden,  als  dieselbe  ihm  seinen  Konkurrenten  gegenüber  einen  Vorteil
oder  Nachteil  bereitet.  Der  Arbeitgeber,  welcher  zuerst  eine  Herabsetzung
des  Lohns  seiner  Leute  erreicht  oder  zuerst  zu  einer  Erhöhung  genötigt
        <pb n="245" />
        232

Das  Heilmittel.

Buch  VI.

ist,  erfährt  seinen  Konkurrenter:  gegenüber  einen  Vorteil  oder  Nachteil,
bis  die  Bewegung  sich  auch  auf  sie  erstreckt.  Insofern  jedoch  die  Änderung ­
  des  Lohns  durch  die  Änderung  der  relativen  Produktionskosten
seine  Kontrakte  oder  Vorräte  berührt,  so  kann  es  für  ihn  ein  wirklicher
Gewinn  oder  Verlust  sein,  obgleich  dieser  Gewinn  oder  Verlust  lediglich
relativ  ist  und  verschwindet,  wenn  das  ganze  Gemeinwesen  in  Betracht
kommt.  Und  wenn  die  Lohnveränderung  einen  Wechsel  in  der  relativen
Nachfrage  herbeiführt,  so  kann  sie  den  Gewinn  des  in  Maschinen,  Gebäuden ­
  oder  sonstwie  festgelegten  Kapitals  größer  oder  geringer  machen.
Allein  darin  stellt  sich  bald  ein  neues  Gleichgewicht  her,  denn  namentlich
in  einem  fortschreitenden  Lande  ist  das  fixe  Kapital  nur  etwas  weniger
mobil  als  das  umlaufende.  Ist  zu  wenig  in  einer  gewissen  Form  vorhanden, ­
  so  bringt  die  Tendenz  des  Kapitals,  jene  Form  anzunehmen,
sie  bald  auf  die  erforderliche  pöhe;  ist  dagegen  zu  viel  vorhanden,  so
stellt  das  Aufhören  der  Zunahme  bald  das  Niveau  wieder  her.
Während  aber  eine  Änderung  in  dem  Lohnsätze  einer  besonderen
Beschäftigung  eine  Änderung  in  der  relativen  Nachfrage  nach  Arbeitskräften ­
  herbeiführen  kann,  vermag  sie  keine  Änderung  in  der  Gesamtnachfrage ­
  hervorzubringen.  Nehmen  wir  z.  B.  an,  eine  Arbeiterkoalition
in  einem  besonderen  Geschäftszweige  erhöhe  in  einem  Lande  den  Lohn,
während  eine  Koalition  von  Arbeitgebern  in  demselben  Fabrikationszweige ­
  eines  anderen  Landes  den  Lohn  herabsetze.  Ist  die  Veränderung
groß  genug,  so  wird  jetzt  die  Nachfrage  oder  ein  Teil  der  Nachfrage  in
dem  ersteren  Lande  durch  den  Import  des  betreffenden  Fabrikates  aus
dent  anderen  gedeckt  werden.  Offenbar  aber  muß  diese  Zunahme  von
Einfuhren  einer  besonderen  Art  entweder  eine  entsprechende  Abnahme
von  Einfuhren  anderer  Art  oder  eine  entsprechende  Zunahme  der  Ausfuhren ­
  notwendig  machen.  Denn  nur  für  das  Produkt  seiner  Arbeit
und  seines  Kapitals  kann  ein  Land  das  Produkt  der  Arbeit  und  des
Kapitals  eines  anderen  verlangen  oder  im  Austausch  erhalten.  Die
Ansicht,  daß  die  Ermäßigung  der  Löhne  die  Geschäfte  eines  Landes  vermehren ­
  oder  die  Erhöhung  derselben  diese  Geschäfte  vermindern  könne,
ist  ebenso  grundlos  wie  die  Ansicht,  daß  die  Wohlfahrt  eines  Landes
durch  Einfuhrzölle  gehoben  oder  durch  die  Beseitigung  von  Handelsbeschränkungen ­
  vermindert  werden  könne.  Würden  alle  Löhne  in  einem
besonderen  Lande  verdoppelt,  so  würde  dasselbe  dennoch  dieselben
Dinge  und  ebensoviel  davon  importieren  und  exportieren,  denn  der
Austausch  wird  nicht  durch  die  absoluten,  sondern  durch  die  relativen
Produktionskosten  bestimmt.  Würden  hingegen  die  Löhne  in  einigen
Produktionszweigen  verdoppelt  und  in  anderen  nicht  erhöht,  oder  nicht
um  so  viel  erhöht,  dann  würde  zwar  eine  Änderung  in  dem  Verhältnis
der  verschiedenen  Einfuhren  eintreten,  aber  keine  Änderung  in  dem  Verhältnis ­
  zwischen  Ausfuhr  und  Einfuhr.
Während  die  meisten  der  gegen  die  Koalitionen  von  Arbeitern
behufs  Lohnerhöhung  gemachten  Einwürfe  somit  grundlos  find,  während
        <pb n="246" />
        Kap.  I.

233

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

der  Erfolg  solcher  Koalitionen  nicht  der  sein  kann,  andere  Löhne  herabzudrücken, ­
  den  Gewinn  des  Kapitals  zu  vermindern  oder  das  Nationalvermögen ­
  zu  schädigen,  sind  die  Schwierigkeiten,  die  sich  wirksamen
Arbeiterkoalitionen  entgegenstellen,  doch  so  groß,  daß  das  durch  sie
bewirkte  Gute  außerordentlich  gering  ist,  während  andererseits  unvermeidliche ­
  Nachteile  damit  verknüpft  sind.
Die  Löhne  in  einer  oder  in  mehreren  Beschäftigungen  zu  erhöhen  —
was  alles  ist,  was  irgendeine  der  bisherigen  Arbeiterkoalitionen  bisher
zu  tun  versucht  hat  —,  ist  offenbar  eine  Ausgabe,  deren  Schwierigkeit
progressiv  zunimmt.  Denn  je  höher  die  Löhne  in  einer  Branche  über
dem  allgemeinen  Niveau  stehen,  desto  stärker  sind  die  Tendenzen,  sie
zurückzubringen.  Wenn  also  eine  Setzerkoalition  den  Lohn  des  Letternsatzes ­
  durch  einen  erfolgreichen  oder  angedrohten  Streik  zehn  Prozent
über  den  im  Vergleich  zu  anderen  Löhnen  normalen  Satz  erhöht,  so
werden  die  relative  Nachfrage  und  das  relative  Angebot  sofort  dadurch
berührt.  Aus  der  einen  Seite  wird  ein  Bestreben  erzeugt,  den  Letternsatz ­
  soweit  als  möglich  einzuschränken,  und  auf  der  anderen  bewirkt  die
Lohnerhöhung  aus  so  mannigfaltige  Weise  eine  Vermehrung  der  Zahl
der  Setzer,  daß  die  stärkste  Koalition  dies  nicht  ganz  zu  verhindern  imstande ­
  ist.  Beläuft  sich  die  Erhöhung  aus  zwanzig  Prozent,  so  ist  dies
Bestreben  um  so  stärker,  bei  fünfzig  Prozent  noch  stärker  und  so  fort.
Demnach  ist  der  praktische  Nutzen  solcher  Gewerkvereinigungen  —
selbst  in  Ländern  wie  England,  wo  die  Grenzen  zwischen  den  verschiedenen
Gewerken  viel  schärfer  und  schwerer  zu  überschreiten  sind  als  in  Ländern
wie  die  vereinigten  Staaten  —  in  bezug  auf  die  Erhöhung  der  Löhne,
selbst  wenn  sie  einander  unterstützen,  ein  verhältnismäßig  geringer,
und  überdies  ist  dieser  geringe  Nutzen  aus  ihre  eigene  Sphäre  beschränkt
und  berührt  nicht  die  untersten  Schichten  der  unorganisierten  Arbeiter,
deren  Lage  am  meisten  Erleichterung  erheischt  und  schließlich  diejenige
aller  über  ihnen  liegenden  Schichten  bestimmt.  Der  einzige  Weg,  aus
welchem  durch  diese  Methode  die  Löhne  bis  zu  einem  gewissen  Grade
und  mit  Aussicht  aus  Dauer  erhöht  werden  könnten,  wäre  eine  allgemeine
Arbeitervereinigung,  wie  sie  die  Internationalen  erstrebten,  und  welche
die  Arbeiter  aller  Art  umfassen  müßte.  Eine  solche  Vereinigung  jedoch
muß  als  praktisch  undurchführbar  angesehen  werden,  denn  die  Schwierigkeiten ­
  der  Koalition,  die  schon  in  den  höchst  bezahlten  und  wenigst  ausgedehnten ­
  Gewerben  groß  genug  sind,  werden  größer  und  größer,  je
mehr  man  ans  der  industriellen  Stufenleiter  hinabsteigt.
Auch  darf  in  einem  Kampfe  von  längerer  Dauer,  wodurch  Arbeiterkoalitionen ­
  zum  Behuf  von  Lohnerhöhung  allein  Erfolg  haben  können,
nicht  vergessen  werden,  welches  die  gegeneinander  aufgehetzten  Parteien
sind.  Ls  sind  nicht  die  Arbeit  und  das  Kapital.  Ls  sind  die  Arbeiter  auf
der  einen  und  die  Grundbesitzer  aus  der  anderen  Seite.  Bestände  der
Streit  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital,  so  würde  er  aus  viel  gleicheren
Bedingungen  beruhen.  Denn  die  Fähigkeit  des  Kapitals,  müßig  zu
        <pb n="247" />
        Das  Heilmittel.

Buch  VI.

234

liegen,  ist  nur  um  ein  weniges  größer  als  die  der  Arbeit.  Das  Kapital
hört  nicht  nur  auf  zu  verdienen,  sobald  es  nicht  benutzt  wird,  sondern  es
geht  verloren,  weil  es  fast  in  allen  seinen  formen  nur  durch  beständige
Erneuerung  erhalten  werden  kann.  Der  Grund  und  Boden  hingegen
verhungert  nicht  gleich  den  Arbeitern  oder  geht  nicht  verloren  wie  das
Kapital;  feine  Besitzer  können  warten.  Sie  mögen  in  Angelegenheit
versetzt  werden,  es  ist  wahr,  doch  was  für  sie  Angelegenheit,  ist  für  das
Kapital  Zerstörung  und  für  die  Arbeiter  der  Hungertod.
Die  ländlichen  Arbeiter  gewisser  Teile  Englands  bemühen  sich
jetzt,  eine  Koalition  behufs  Aufbesserung  ihrer  elend  niedrigen  Löhne
zustande  zu  bringen,  wäre  es  das  Kapital,  welches  die  enorme  Differenz
zwischen  dem  wirklichen  Ertrag  ihrer  Arbeit  und  dem  Brocken,  den  sie
davon  bekommen,  einsteckt,  so  würden  sie  nur  eine  wirksame  Koalition
.zu  machen  brauchen,  um  sich  den  Erfolg  zu  sichern;  denn  die  Pächter,
die  ihre  direkten  Arbeitgeber  sind,  können  es  ohne  Arbeit  kaum  länger
aushalten  als  die  Arbeiter  ohne  Lohn.  Die  Pächter  jedoch  können  ohne
Ermäßigung  der  Pacht  nicht  viel  nachgeben,  und  somit  besteht  der  wahre
Kampf  zwischen  den  Grundbesitzern  und  den  Arbeitern.  Nehmen  wir  an,
die  Koalition  sei  so  stark,  daß  sie  alle  ländlichen  Arbeiter  umfaßt  und  alle,
die  etwa  an  deren  Stellen  treten  wollten,  fernzuhalten  imstande  ist.
Die  Arbeiter  weigern  sich,  außer  zu  einer  bedeutenden  Lohnerhöhung,
weiter  zu  arbeiten;  die  Pächter  können  dieselbe  nur  bewilligen,  wenn
ihnen  zuvor  eine  beträchtliche  Ermäßigung  der  Pacht  zugestanden  würde,
und  es  steht  ihnen  kein  anderer  weg,  ihrer  Forderung  Nachdruck  zu  geben,
.zu  Gebote,  als  der  von  den  Arbeitern  eingeschlagene,  nämlich:  sich  zu
weigern:  mit  der  Produktion  fortzufahren.  Kommt  der  Landbau  so
zu  einem  Stillstand,  so  würden  die  Grundbesitzer  nur  ihre  Grundrente
verlieren,  das  Land  jedoch  durch  Brachliegen  besser  werden.  Der  Arbeiter
dagegen  würde  verhungern.  And  wären  die  englischen  Arbeiter  aller
Art  zu  einem  einzigen  großen  Bunde  behufs  Lohnerhöhung  verbunden,
fo  würde  der  wahre  Streit  der  gleiche  sein  und  unter  denselben  Bedingungen ­
  verlaufen.  Denn  die  Löhne  könnten  nur  durch  eine  Verminderung ­
  der  Rente  erhöht  werden,  und  bei  einem  allgemeinen  Stillstände
könnten  die  Grundeigentümer  leben,  während  die  Arbeiter  aller  Art
verhungern  oder  auswandern  müßten.  Die  Grundbesitzer  Englands
find  kraft  ihres  Besitzes  die  Herren  Englands.  So  wahr  ist  es,  daß  „wem
der  Boden  gehört,  dem  gehören  auch  die  Früchte  desselben".  Die  weißen
Sonnenschirme  und  die  vor  Stolz  wahnsinnigen  Elefanten  kamen  mit
der  Verleihung  des  englischen  Bodens,  und  das  Volk  im  allgemeinen
kann  nie  seine  Alacht  wiedergewinnen,  bis  jene  Verleihung  zurückgenommen ­
  ist.  Was  aber  von  England  wahr  ist,  ist  überall  wahr.
Ls  mag  eingewendet  werden,  daß  solch  ein  Stillstand  nie  vorkommen ­
  könne.  Dies  ist  richtig,  aber  nur  darum,  weil  keine  so  starke
Koalition  der  Arbeit,  um  ihn  herbeizuführen,  möglich  ist.  Aber  das
feststehende  Wesen  des  Grund  und  Bodens  setzt  die  Grundbesitzer  in
        <pb n="248" />
        Aap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

235

den  Stand,  sich  viel  leichter  und  wirksamer  zu  koalieren  als  Arbeiter
oder  Kapitalisten,  wie  leicht  und  wirksam  ihre  Vereinigung  ist,  dafür
gibt  es  viele  historische  Beispiele.  Und  die  absolute  Notwendigkeit,  den
Grund  und  Boden  zu  benutzen,  sowie  die  Gewißheit  in  allen  fortschreitenden ­
  Ländern,  daß  derselbe  an  wert  zunehmen  müsse,  bringt  ohne  weitere
formelle  Vereinigung  unter  den  Grundbesitzern  alle  die  Wirkungen
hervor,  welche  nur  durch  die  allerstärkste  Vereinigung  unter  den  Arbeitern
oder  Kapitalisten  zuwege  gebracht  werden  könnten.  Entzieht  man
einem  Arbeiter  die  Gelegenheit  zur  Beschäftigung,  fo  wird  er  bald  bemüht ­
  sein,  Arbeit  um  jeden  preis  zu  erlangen;  wenn  aber  die  zurückweichende ­
  woge  der  Spekulation  die  nominellen  Grundwerte  offenbar
über  ihren  wirklichen  werten  läßt,  so  weiß  jeder,  der  in  einem  fortschreitenden ­
  Lande  gelebt  hat,  mit  welcher  Hartnäckigkeit  die  Grundbesitzer ­
  chre  Grundstücke  an  sich  halten.
Außer  diesen  praktischen  Schwierigkeiten  des  Vorhabens,  Lohnerhöhungen ­
  durch  Ausdauer  zu  erzwingen,  hat  dasselbe  aber  auch  noch
andere  Nachteile,  gegen  die  die  Arbeiter  sich  nicht  verschließen  sollten.
Ich  spreche  ohne  Vorurteil,  denn  ich  bin  noch  Ehrenmitglied  der  Verbindung, ­
  welche  ich,  solange  ich  als  Setzer  arbeitete,  stets  in  loyalster
weise  unterstützte.  Aber  die  Art  und  weise,  wie  ein  Gewerkverein  allein
wirken  kann,  ist  notwendig  zerstörend,  seine  Organisation  ist  notwendig
tyrannisch.  Lin  Streik,  der  das  einzige  Wittel  ist,  wodurch  ein  Gewerkverein ­
  seine  Forderungen  durchzusetzen  vermag,  ist  ein  zerstörender
Streit,  ein  Streit  just  wie  der,  zu  welchem  ein  exzentrischer  Mann,  einst
der  „Goldkönig"  genannt,  in  den  frühesten  Zeiten  San  Franziskos
einmal  einen  Mann  herausforderte,  der  ihn  des  Geizes  geziehen:  daß
sie  nämlich  an  den  pafenquai  gehen  und  abwechselnd  so  lange  Zwanzigdollarstücke ­
  in  die  Bay  werfen  sollten,  bis  einer  sich  für  besiegt  erklärte.
Der  Kampf  der  Ausdauer  in  einem  Streik  ist  tatsächlich  das,  womit
man  ihn  oft  verglichen  hat  —  ein  Krieg;  und,  gleich  allen  Kriegen,
vermindert  derselbe  die  Güter.  Und  die  Organisation  desselben  muß,
gleich  der  Organisation  für  den  Krieg,  tyrannisch  sein,  wie  selbst  der
Mann,  der  für  die  Freiheit  kämpft,  seine  persönliche  Freiheit  aufgeben
und  zum  bloßen  Teil  einer  großen  Maschine  werden  muß,  wenn  er  in
ein  Peer  eintritt,  so  muß  es  auch  mit  Arbeitern  sein,  die  einen  Streik
organisieren.  Diese  Koalitionen  vernichten  daher  notwendig  dieselben
Dinge,  welche  die  Arbeiter  durch  sie  zu  erreichen  suchen  —  Güter  und
Freiheit.
Unter  den  pindu  besteht  ein  alter  Gebrauch,  um  Zahlung  einer
gerechten  Forderung  zu  erzwingen,  wovon  Sir  penry  Maine  verwandte
Spuren  auch  in  den  Gesetzen  der  irischen  Brehons  aufgefunden  hat.
Er  wird  „Dharna-Sitzen"  genannt,  indem  der  Gläubiger  die  Zahlung
der  Schuld  dadurch  zu  erzwingen  sucht,  daß  er  sich  vor  die  Tür  des
Schuldners  setzt  und  Speise  und  Trank  verweigert,  bis  er  Zahlung  erhalten ­
  hat.
        <pb n="249" />
        236

Das  Heilmittel.

Buch  VI.

Die  Methode  der  Arbeiterkoalitionen  ist  dieser  ähnlich.  Bei  ihren
Streiks  sitzen  die  Gewerkvereine  „Dharna".  Aber,  ungleich  den  Hindu,
kommt  ihnen  kein  Aberglauben  zuhilfe.
4.  von  der  Assoziation.
Ls  ist  seit  einiger  Zeit  Mode  geworden,  die  Assoziation  als  Universalmittel ­
  zur  Beseitigung  der  Beschwerden  der  arbeitenden  Massen  zu
predigen.  Aber  zum  Unglück  für  die  Wirksamkeit  der  Assoziation  als
Heilmittel  für  die  sozialen  Übel  entstehen  diese  Übel,  wie  wir  gesehen
haben,  nicht  aus  einem  Konflikt  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital;
und  wenn  auch  die  Assoziation  allgemein  durchgeführt  würde,  so  könnte
sie  die  Löhne  dennoch  nicht  steigern  oder  die  Armut  lindern.  Dies  ist
leicht  zu  sehen.
Die  Assoziation  ist  zweifacher  Art  und  bezweckt  entweder  eine  Vereinigung ­
  zum  Behufe  des  Konsums  oder  zum  Behufe  der  Produktion.
Die  Konsumvereine  mögen  nun  die  Zwischenhändler  soviel  nur  irgend
möglich  ausschließen,  so  ermäßigen  sie  doch  nur  die  Kosten  des  Austausches. ­
  Sie  sind  einfach  ein  Mittel,  um  Arbeit  zu  sparen  und  Risiko
auszuschließen,  und  ihre  Folgen  aus  die  Verteilung  können  nur  denen
jener  Verbesserungen  und  Erfindungen  gleichkommen,  welche  in  neueren
Zeiten  den  Austausch  so  erstaunlich  wohlfeiler  gemacht  und  erleichtert
haben  —  nämlich,  die  Rente  zu  erhöhen.  Und  die  Produktivgenossenschaft
  ist  bloß  eine  Rückkehr  zu  jener  Lohnform,  die  beim  Walfischfang
noch  immer  herrscht  und  dort  ein  Anteil  („lay“)  genannt  wird.  Sie  ist
der  Ersatz  fester  Löhne  durch  verhältnismäßige  Löhne,  ein  Ersatz,  wovon
gelegentliche  Beispiele  in  fast  allen  Beschäftigungen  vorkommen;  oder,
wenn  die  Leitung  den  Arbeitern  überlassen  bleibt  und  der  Kapitalist
nur  seinen  Anteil  am  Nettoertrag  erhält,  so  ist  sie  einfach  das  System,
welches  seit  den  Zeiten  des  Römischen  Reiches  im  europäischen  Ackerbau
meistens  vorgewaltet  hat  —  das  Kolonnen-  oder  Halbpachtsystem.
Alles,  was  zugunsten  der  Produktivassoziation  angeführt  werden  kann,
ist,  daß  sie  den  Arbeiter  fleißiger  und  rühriger  macht,  mit  anderen  Worten
daß  sie  die  Arbeitsleistungen  erhöht.  Somit  liegt  ihre  Wirkung  in  derselben ­
  Richtung,  wie  die  der  Dampfmaschine,  der  Baumwoll-Egreniermaschine,
  des  Dampsmähers,  kurz,  wie  all  der  Dinge,  worin  der  materielle
Fortschritt  besteht,  und  sie  kann  nur  dasselbe  Ergebnis  haben,  nämlich:
die  Erhöhung  der  Grundrente.
Es  ist  ein  schlagender  Beweis  dafür,  wie  in  der  Behandlung  sozialer
Probleme  die  ersten  Prinzipien  ignoriert  werden,  daß  in  der  gangbaren
ökonomischen  und  halbökonomischen  Literatur  der  Assoziation  als  einem
Mittel  zur  Erhöhung  des  Lohns  und  zur  Erleichterung  der  Armut  so
viel  Wert  beigelegt  wird.  Daß  sie  eine  solche  allgemeine  Tendenz  gar
nicht  haben  kann,  ist  augenscheinlich.
Lassen  wir  alle  die  Schwierigkeiten  beiseite,  welche  unter  den  gegen-
        <pb n="250" />
        Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

237

wältigen  Verhältnissen  die  Assoziation  sowohl  für  den  Konsum  als  für
die  Produktion  umgeben,  und  nehmen  wir  an,  sie  habe  die  gegenwärtigen
Methoden  völlig  verdrängt  —  die  Konsumvereine  stellten  die  Verbindung ­
  zwischen  den  Produzenten  und  Konsumenten  mit  den  geringsten
Kosten  her  und  die  Produktivassoziationen  in  Handwerk,  Fabrik,  Landwirtschaft ­
  und  Bergbau  hätten  den  Arbeitgeber,  der  feste  Löhne  zahlte,
abgeschafft  und  die  Arbeitsleistung  gewaltig  erhöht,  —was  dann?  Nichts,
als  daß  es  eben  möglich  sein  würde,  dieselbe  Summe  von  Gütern  mit
weniger  Arbeit  zu  produzieren,  und  daß  folglich  die  Besitzer  des  Grund
und  Bodens,  der  Euelle  aller  Güter,  über  eine  größere  Summe  von
Gütern  für  die  Benutzung  ihrer  Ländereien  verfügen  könnten.  Das  ist
keine  Sache  der  bloßen  Theorie,  es  ist  durch  Erfahrung  und  Tatsachen
bewiesen.  Verbesserte  Methoden  und  Maschinen  haben  dieselbe  Wirkung,
auf  welche  die  Assoziation  abzielt  —  die  Kosten  für  Übermittlung  der
waren  an  den  Konsumenten  zu  ermäßigen  und  die  Arbeitsleistung
zu  erhöhen,  und  in  diesen  Beziehungen  haben  die  älteren  Länder  Vorteile
über  neue  Ansiedlungen,  wie  aber  die  Erfahrung  sattsam  bewiesen
hat,  haben  Verbesserungen  in  den  Methoden  und  Werkzeugen  der  Produktion ­
  und  des  Austausches  nicht  die  Tendenz,  die  Lage  der  untersten
Klasse  zu  verbessern,  und  der  Lohn  ist  niedriger  und  die  Armut  tiefer,
wo  der  Austausch  mit  den  geringsten  Kosten  vor  sich  geht  und  die  Produktion ­
  den  Vorteil  der  besten  Werkzeuge  hat.  Der  Vorteil  kommt  nur
der  Grundrente  zugute.
wenn  man  aber  eine  Assoziation  zwischen  den  produzeiAen  und
den  Grundbesitzern  annähme?  Dies  würde  einfach  auf  die  Zahlung
der  Rente  in  natura  hinauslaufen,  auf  dasselbe  System,  unter  welchem
in  den  südlichen  Staaten  viel  Land  gepachtet  wird,  und  bei  dem  der
Grundbesitzer  einen  Anteil  an  der  Ernte  erhält.  Bis  auf  den  dabei  zugrunde ­
  zu  legenden  Berechnungsmodus  weicht  es  in  keiner  weise  von
dem  in  England  herrschenden  System  einer  festen  Geldpacht  ab.  wenn
man  will,  nenne  man  es  immerhin  Assoziation,  aber  die  Bedingungen
der  Assoziation  würden  nichtsdestoweniger  durch  die  Gesetze  beherrscht
werden,  die  die  Grundrente  bestimmen,  und  wo  der  Grund  und  Boden
monopolisiert  ist,  da  würde  eine  Zunahme  der  Produktivkraft  einfach
den  Grundbesitzern  die  Macht  verleihen,  einen  größeren  Anteil  zu  beanspruchen. ­

Daß  die  Assoziation  von  so  vielen  als  die  Lösung  der  „Arbeiterfrage" ­
  angesehen  wird,  rührt  daher,  daß  sie,  wo  man  einen  versuch  damit
gemacht  hat,  in  vielen  Fällen  die  Lage  der  unmittelbar  Beteiligten
merklich  verbessert  hat.  Dies  ist  jedoch  einfach  dem  Umstande  zuzuschreiben,
daß  diese  Fälle  vereinzelt  sind.  Gerade  wie  Fleiß,  Sparsamkeit  oder
Geschicklichkeit  die  Lage  derjenigen  Arbeiter,  welche  diese  Eigenschaften
in  höherem  Grade  besitzen,  verbessern  können,  aber  diese  Wirkung  nicht
mehr  haben,  sobald  derartige  Vorzüge  allgemeiner  werden,  so  kann  ein
besonderer  Gewinn  beim  Bezüge  von  Bedarfsartikeln  oder  die  höhere
        <pb n="251" />
        238

Buch  VI.

Das  Heilmittel.

Leistungsfähigkeit  in  einer  Arbeitsbranche  Vorteile  bringen,  die  aber
verloren  gehen,  sobald  diese  Fortschritte  so  allgernein  werden,  daß  sie
die  Gesamtverhältnisse  der  Verteilung  beeinflussen.  And  in  Wahrheit
vermag  die  Assoziation,  außer  vielleicht  in  erziehlicher  Beziehung,  keine
allgemeinen  Resultate  hervorzubringen,  welche  nicht  auch  die  Konkurrenz
hervorbringen  wird.  Die  billigen  Läden,  die  Barzahlung  bedingen,
haben  auf  die  Preise  eine  ähnliche  Wirkung,  wie  die  Konsumvereine,
und  so  führt  auch  die  Konkurrenz  in  der  Produktion  zu  einer  ähnlichen
Ausgleichung  der  Kräfte  und  Teilung  der  Erträge,  wie  die  Produktionsassoziation. ­
  Daß  zunehmende  Produktivkraft  den  Lohn  der  Arbeit
nicht  erhöht,  daran  ist  nicht  die  Konkurrenz,  sondern  die  einseitige  Konkurrenz ­
  schuld.  Der  Grund  und  Boden,  ohne  welchen  keine  Produktion
stattfinden  kann,  ist  monopolisiert  und  die  Konkurrenz  der  Produzenten
um  seine  Benutzung  drängt  den  Lohn  auf  ein  Minimum  und  verleiht
den  Grundbesitzern  den  Vorteil  zunehmender  Produktivkraft  in  höheren
Renten  und  gesteigerten  Grundwerten.  Man  zerstöre  dies  Monopol,
und  die  Konkurrenz  kann  nur  noch  das  Ziel  verfolgen,  welches  die  Assoziation ­
  erstrebt  —  jedem  zu  geben,  was  er  verdient.  Man  zerstöre  dies
Monopol,  und  der  Gewerbfleiß  muß  eine  Assoziation  gleicher  werden.

5.  Von  der  Leitung  und  Einmischung  der  Regierung.
Die  Grenzen,  in  welchen  ich  dieses  Buch  zu  halten  wünsche,  werden
keine  detaillierte  Prüfung  der  Methoden  gestatten,  die  man  vorgeschlagen ­
  hat,  um  die  Armut  durch  staatliche  Regulierung  des  Gewerbfleißes
  und  der  Vermögensanhäufung  zu  lindern  oder  auszurotten,
und  die  in  ihrer  weitgehendsten  Form  sozialistisch  genannt  werden.
Auch  dies  ist  unnötig,  denn  ihnen  allen  kleben  dieselben  Mängel  an.
Diese  Mängel  liegen  in  dem  Ersatz  des  Spiels  der  individuellen  Tätigkeit
durch  Staatsleitung  und  in  dem  Versuch,  durch  Zwang  zu  erreichen
was  durch  Freiheit  besser  zu  erreichen  ist.  Aber  das  Richtige  an  den
sozialistischen  Zdeen  werde  ich  später  einiges  zu  sagen  haben,  aber  es  ist
klar,  daß  alles,  was  nach  Verordnung  und  Zwang  schmeckt,  an  sich  schlecht
ist  und  nicht  in  Betracht  gezogen  werden  sollte,  solange  sich  irgendein
anderer  Modus  darbietet,  dasselbe  Ziel  zu  erreichen.  Greifen  wir  z.  B.
eine  der  einfachsten  und  mildesten  von  den  bezüglichen  Maßregeln
heraus  —die  progressive  Einkommensteuer.  Das  Ziel,  welches  sie  erstrebt,
die  Verminderung  oder  Behinderung  ungeheurer  Reichstumsansammlungen,
  ist  gut;  aber  das  Mittel  involviert  die  Anstellung  vieler,  mit
inquisitorischen  Befugnissen  ausgerüsteter  Beamten;  Versuchungen  zu
Bestechung,  Meineid  und  allen  anderen  Mitteln,  die  Steuer  zu  umgehen,,
wodurch  Demoralisation  erzeugt  und  eine  Prämie  auf  Gesinnungslosigkeit, ­
  sowie  eine  Steuer  auf  Gewissenhaftigkeit  gelegt  wird;  endlich  eine,,
genau  in  dem  Verhältnisse,  wie  die  Steuer  ihren  Zweck  erfüllt,  eintretende ­
  Verminderung  des  Reizes  zur  Vermögensanhäufung,  der  einL
        <pb n="252" />
        Kap.  I.

Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

2oOf

der  stärksten  Kräfte  des  industriellen  Fortschritts  ist.  Wären  die  künstlichen ­
  Pläne,  alles  und  jedes  zu  regulieren  und  für  jeden  einen  Platz  zu
finden,  ausführbar,  so  würden  wir  einen  Zustand  der  Gesellschaft  haben,.,
ähnlich  dein  des  alten  Peru,  oder  denrjenigen,  den,  zu  ihrer  ewigen
Ehre,  die  Jesuiten  in  Paraguay  einrichteten  und  solange  aufrecht  erhielten. ­

Ich  will  nicht  sagen,  daß  ein  solcher  Zustand  nicht  besser  sei,  als
der,  dem  wir  jetzt  entgegen  zu  treiben  scheinen;  denn  im  alten  Peru  gab
es,  obgleich  die  Produktion  infolge  des  Mangels  an  Eisen  und  bsaustieren
  mit  den  größten  Nachteilen  zu  kämpfen  hatte,  doch  kein  solches
Ding  wie  Not,  und  das  Volk  ging  mit  Gesängen  an  die  Arbeit.  Dies  ist
jedoch  unnütz,  zu  erörtern.  Die  moderne  Gesellschaft  kann  einen  derartigen
Sozialismus  nicht  mit  Erfolg  erstreben.  Die  einzige  Kraft,  die  dies  jemals
vermocht  hat,  ein  starker  religiöser  Glaube,  ist  uns  abhanden  gekommen
und  verschwindet  täglich  mehr.  Den  Sozialismus  des  Stammeslebens
haben  wir  hinter  uns  und  können  nicht  wieder  dahin  zurück,  ohne  einen
Rückschritt  zu  tun,  der  Anarchie  und  vielleicht  Barbarei  involvieren
würde.  Unsere  Staaten  würden  offenbar  an  dem  Versuche  zugrunde
gehen.  Anstatt  einer  verständigen  Abwägung  von  pflichten  und  Rechten
würden  wir  eine  römische  Verteilung  sizilianischen  Kornes  haben,  und
der  Demagoge  würde  bald  Kaiser  sein.
Das  Ideal  des  Sozialismus  ist  groß  und  edel,  und  er  ist,  wie  ich
überzeugt  bin,  ausführbar,  aber  ein  derartiger  Gesellschaftszustand
kann  nicht  gemacht  werden,  sondern  er  muß  entstehen.  Die  Gesellschaft,
ist  ein  Organismus,  keine  Maschine.  Sie  kann  nur  durch  das  individuelle
Leben  ihrer  Teile  leben.  Und  in  der  freien  und  natürlichen  Entwicklung
aller  Teile  wird  sich  die  Harmonie  des  Ganzen  Herstellen.  Alles,  was  für
die  soziale  Wiedergeburt  nötig  ist,  ist  in  dem  Motto  enthalten:  „Land
und  Freiheit!"

6.  Von  einer  allgemeineren  Verteilung  des  Grund  und
Bodens.
Die  Ahnung,  daß  die  Grundeigentumsverhältnisse  irgendwie  mit
dem  sozialen  Elend  zusammenhängen,  wie  sie  sich  in  den  fortgeschrittensten ­
  Ländern  kundgibt,  gewinnt  immer  mehr  an  Boden;  allein
bisher  gibt  sich  diese  Ahnung  meist  nur  in  Vorschlägen  kund,  die  auf
eine  allgemeinere  Verteilung  des  Grundbesitzes  zielen  —  so  in  England
in  den  Forderungen  des  Freihandels  in  Land,  des  Pachtrechts  oder  der
gleichen  Verteilung  des  Grundbesitzes  unter  den  Erben;  in  den  vereinigten ­
  Staaten  in  der  Forderung,  daß  der  Umfang  des  Linzelbesitzes
beschränkt  werde.  In  England  hat  man  auch  vorgeschlagen,  der  Staat,
solle  die  Grundbesitzer  auskaufen,  und  in  den  vereinigten  Staaten,  der
Staat  solle  Geld  bewilligen,  um  die  Errichtung  von  Kolonien  auf  öffentlichen ­
  Ländereien  zu  ermöglichen.  Den  ersteren  Vorschlag  wollen  wir
        <pb n="253" />
        2^0

Das  Heilmittel.

Buch  VI.

für  jetzt  übergehen;  der  letztere  fällt  in  seinen  entscheidenden  Zügen
in  die  Kategorie  der  in  den  vorigen  Abschnitten  behandelten  Maßregeln.
Es  bedarf  keines  Beweises,  zu  welchen  Mißbräuchen  und  zu  welcher
Demoralisation  Bewilligungen  von  Staatsgeldern  oder  Staatskredit
führen  würden.
Inwiefern  das,  was  die  englischen  Schriftsteller  „Freihandel  in
Land"  nennen  —  die  Beseitigung  der  Kosten  und  Beschränkungen  der
Übertragung  —,  die  Teilung  des  ländlichen  Grundbesitzes  erleichtern
könnte,  vermag  ich  nicht  einzusehen,  obgleich  es  diese  Wirkung  bis  zu
einem  gewissen  Grade  auf  städtischen  Grundbesitz  haben  dürfte.  Die
Beseitigung  der  Kaufs-  und  Verkaufsbeschränkungen  würde  dem  Grundbesitz ­
  lediglich  gestatten,  die  Form,  auf  die  er  abzielt,  nur  noch  schneller
anzunehmen.  Daß  in  Großbritannien  die  Tendenz  auf  Konzentration
gerichtet  ist,  geht  daraus  hervor,  daß  trotz  der  durch  die  Kosten  der  Übertragung ­
  bereiteten  Schwierigkeiten  der  Grundbesitz  sich  dort  beständig
konzentriert;  und  daß  diese  Tendenz  eine  ganz  allgemeine  ist,  geht  daraus
hervor,  daß  man  den  gleichen  Prozeß  auch  in  den  vereinigten  Staaten
beobachten  kann.
Ich  sage  dies  von  den  vereinigten  Staaten  unbedenklich,  obschon
hier  und  da  statistische  Tabellen  zitiert  werden,  um  das  Gegenteil  zu
beweisen,  wie  hier  der  Grundbesitz  sich  faktisch  konzentrieren  kann,  trotzdem ­
  die  Zensustabellen  vielmehr  eine  Abnahme  in  der  durchschnittlichen
Größe  der  einzelnen  Besitze  ergeben,  ist  leicht  einzusehen,  wenn  mehr
Land  in  Benutzung  kommt,  und  wenn  es  mit  zunehmender  Bevölkerung
intensiver  bewirtschaftet  wird,  so  verringert  sich  die  Größe  der  Güter.
Eine  kleine  weide  ist  schon  ein  großes  Gut,  eine  kleines  Gut  ein  großer
Obstgarten,  Weinberg,  Baumschule  oder  Gemüsegarten,  und  ein  Flecken
Land,  der  selbst  für  diese  Zwecke  klein  sein  würde,  ist  ein  sehr  bedeutendes
Grundstück  in  einer  Stadt.  So  bewirkt  das  Wachstum  der  Bevölkerung,
welches  den  Boden  höherer  und  intensiverer  Verwendung  zuführt,
ganz  natürlich  eine  Verminderung  der  Größe  des  einzelnen  Besitzes
durch  einen  in  neuen  Ländern  sehr  bemerkbaren  Prozeß;  damit  kann
aber  gleichwohl  eine  Tendenz  zur  Konzentration  des  Grundbesitzes  Hand
in  Hand  gehen,  welche  zwar  in  den  Tabellen,  die  die  Durchschnittsgröße
der  Grundstücke  angeben,  nicht  erscheint,  aber  gleichwohl  klar  ist.  Ein
Durchschnittsbesitz  von  einem  Morgen  in  einer  großen  Stadt  kann  eine
viel  größere  Konzentration  des  Grundbesitzes  in  sich  schließen  als  ein
Durchschnittsbesitz  von  640  Morgen  in  einer  neu  angesiedelten  Gemeinde.
Ich  erwähne  dies,  um  den  Trugschluß  der  Folgerungen  nachzuweisen,
die  man  aus  den  Tabellen  zieht,  weil  mit  denselben  in  den  Vereinigten
Staaten  oft  paradiert  wird,  um  zu  beweisen,  daß  das  Landmonopol  ein
Übel  sei,  welches  sich  selbst  heilen  werde.  Im  Gegenteil  ist  es  klar,  daß
die  Grundbesitzer  im  Verhältnis  zur  ganzen  Bevölkerung  immer  weniger
zahlreich  werden.
Daß  in  den  Vereinigten  Staaten  wie  in  Großbritannien  eine  starke
        <pb n="254" />
        Kap.  I.  Die  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.

Tendenz  zur  Konzentration  von  ländlichen!  Grundbesitz  besteht,  ist
klar  ersichtlich,  wie  in  England  und  Irland  kleine  Pachtungen  zu  größeren
verschmolzen  werden,  so  ist  auch  in  Neu-England  nach  den  Berichten
des  statistischen  Bureaus  von  Massachusetts  die  Größe  der  Güter  im
Zunehmen.  Diese  Tendenz  ist  in  den  neueren  Staaten  und  Territorien
sogar  noch  klarer  bemerkbar.  Noch  vor  einigen  Jahren  würde  ein  Gut
von  320  Morgen,  unter  dem  in  den  nördlichen  Teilen  der  Union  herrschenden ­
  Wirtschaftssystem  überall  ein  großes  gewesen  sein,  wahrscheinlich
so  viel,  wie  ein  Mann  mit  Vorteil  zu  bebauen  imstande  ist.  Jetzt  gibt
es  in  Kalifornien  Landgüter  (keine  Viehweiden)  von  fünf,  zehn,  zwanzig,
vierzig,  fünfzig  und  sechszig  Tausend  Morgen,  während  die  Normalgröße
in  Dakotah  HOO  ooo  Morgen  beträgt.  Der  Grund  ist  klar.  Er  liegt  in
der  Anwendung  von  Maschinen  auf  den  Ackerbau  und  in  der  allgemeinen
Tendenz,  im  großen  zu  produzieren.  Dieselbe  Tendenz,  welche  die
Fabrik  mit  ihrem  cheere  von  Arbeitern  an  die  Stelle  vieler  unabhängiger
chandweber  setzt,  fängt  an,  sich  beim  Ackerbau  fühlbar  zu  machen.
Das  Vorhandensein  dieser  Tendenz  beweist  zweierlei:  erstens,
daß  alle  Maßregeln,  die  nur  die  größere  Teilung  des  Grund  und  Bodens
gestatten  oder  erleichtern,  wirkungslos  fein  müssen;  und  zweitens,  daß
alle  Maßregeln,  welche  dieselbe  erzwingen  wollten,  eine  chemmung  der
Produktion  zur  Folge  haben  würden,  wenn  Land  auf  großen  Gütern
billiger  bebaut  werden  kann  als  auf  kleinen,  so  wird  die  Beschränkung
auf  Kleinbesitz  die  Gesamt-Güterproduktion  verringern,  und  insofern
solche  Beschränkungen  angeordnet  werden  und  in  Wirksamkeit  treten,
werden  sie  eine  Verminderung  der  allgemeinen  Produktivität  der  Arbeit
und  des  Kapitals  bewirken.
Das  Bemühen,  durch  solche  Beschränkungen  eine  gerechtere  Güterverteilung ­
  herzustellen,  ist  daher  mit  dem  Nachteil  verknüpft,  daß  sie
den  zu  verteilenden  Betrag  vermindern.  Das  Auskunftsmittel  gleicht
dem  des  Affen,  der,  den  Käse  zwischen  den  Katzen  teilend,  die  Sache
dadurch  ausglich,  daß  er  das  dickste  Stück  abbiß.
Aber  es  ist  nicht  bloß  dieser  Einwand,  der  gegen  jeden  Vorschlag,
dem  Grundbesitz  Beschränkungen  zu  unterwerfen,  mit  einer  Kraft  in
die  Wagschale  fällt,  die  mit  der  Wirksamkeit  der  vorgeschlagenen  Maßregel
nur  noch  zunimmt.  Lin  weiterer  und  ausschlaggebender  Einwand  ist
der,  daß  die  Beschränkung  das  Ziel,welches  zu  erstreben  allein  der  Mühe
lohnt,  nämlich  eine  gerechte  Verteilung  des  Ertrags,  nicht  erreicht.  Die
Grundrente  wird  dadurch  nicht  geringer,  und  der  Lohn  kann  also  dadurch
nicht  steigen.  Die  wohlhabenden  Klassen  können  dadurch  einen  größeren
Umfang  erhalten,  aber  die  Lage  der  untersten  Klasse  wird  dadurch  nicht
verbessert  werden  können.
Wäre  die  unter  dem  Namen  Ulsterpachtrecht  bekannte  Einrichtung
über  ganz  Großbritannien  verbreitet,  so  würde  sie  nur  darauf  hinausgehen,
aus  dem  Besitz  des  Gutsherrn  einen  Besitz  für  den  Pächter  herauszuschneiden. ­
  Die  Lage  des  Arbeiters  wäre  darum  noch  nicht  eine  Idee
George,  Fortschritt  und  Armut.
        <pb n="255" />
        Das  Heilmittel.

Buch  VI.

2\2

besser.  Wäre  es  den  Gutsherren  auch  untersagt,  von  ihren  Pächtern
eine  Pachterhöhung  zu  fordern  und  solange  die  festgesetzte  Pacht  bezahlt
wird,  sie  auszusetzen,  so  würde  doch  die  große  Menge  der  Produzenten
nichts  dadurch  gewinnen.  Die  nationalökonornische  Rente  würde  trotzdem ­
  zunehmen  und  den  auf  die  Arbeit  und  das  Kapital  entfallenden
Anteil  am  Ertrage  dennoch  beständig  vermindern.  Der  einzige  Unterschied ­
  würde  sein,  daß  die  Pächter  der  anfänglichen  Gutsherren  ihrerseits
Gutsherren  würden  und  ihrerseits  durch  die  Vermehrung  gewönnen.
wenn  durch  eine  Beschränkung  des  den  einzelnen  gestatteten  Grundbesitzes, ­
  durch  die  Regulierung  der  testamentarischen  Verfügungen  und
der  Erbfolge  oder  durch  progressive  Besteuerung  die  wenigen  Tausende
von  Grundbesitzern  Großbritanniens  um  zwei  oder  drei  Millionen  vermehrt ­
  würden,  so  würden  diese  zwei  oder  drei  Millionen  allerdings  dabei
gewinnen.  Aber  die  übrige  Bevölkerung  würde  dabei  nicht  besser  fahren.
Eie  würde  keinen  größeren  Anteil  an  den  Vorteilen  des  Grundbesitzes
haben  als  vordem.  Und  wenn,  was  offenbar  unmöglich  ist,  der  Grund
und  Boden  unter  die  ganze  Bevölkerung  gleichmäßig  verteilt  und  Gesetze ­
  erlassen  würden,  welche  der  Tendenz  zur  Konzentration  dadurch
Schranken  setzten,  daß  niemand  mehr  als  die  festgesetzte  Menge  besitzen
dürfte,  was  würde  aus  der  Zunahme  der  Bevölkerung  werden?
Was  durch  größere  Teilung  des  Grund  und  Bodens  zu  erreichen  ist,
kann  man  in  denjenigen  Gegenden  Frankreichs  und  Belgiens  sehen,
wo  eine  sehr  weitgehende  Teilung  herrscht.  Daß  eine  derartige  Teilung
des  Grund  und  Bodens  im  ganzen  viel  besser  ist  und  dem  Staate  eine
weit  festere  Grundlage  verleiht  als  diejenige,  die  in  England  herrscht,
darüber  kann  kein  Zweifel  bestehen.  Aber  daß  sie  die  Löhne  nicht  erhöhü
und  die  Lage  der  Klasse  nicht  verbessert,  welche  nur  ihre  Arbeit  hat,
ist  ebenso  klar.  Diese  französischen  und  belgischen  Bauern  üben  eine  so
strenge  Sparsamkeit,  wie  sie  kein  englischsxrechendes  Volk  kennt.  Und
wenn  dort  nicht  so  schlagende  Anzeichen  von  Armut  und  Elend  dev
untersten  Klasse  sichtbar  sind,  wie  auf  der  anderen  Seite  des  Kanals,
so  muß  dies,  wie  ich  glaube,  nicht  bloß  diesem,  sondern  auch  einem  anderen
Umstande  zugeschrieben  werden,  welcher  die  Fortdauer  der  außerordentlichen ­
  Teilung  des  Grundbesitzes  erklärt  —daß  nämlich  dort  der  materielle
Fortschritt  nicht  so  schnell  vor  sich  gegangen  ist.
Weder  die  Bevölkerung  hat  sich  dort  mit  gleicher  Schnelligkeit
vermehrt  (sie  war  im  Gegenteil  fast  stationär),  noch  waren  die  Verbesserungen ­
  in  den  Produktionsmethoden  so  groß.  Nichtsdestoweniger  konstatiert ­
  kferr  de  Laveleye,  der  für  den  Kleinbesitz  schwärmt  und  dessen
Zeugnis  daher  mehr  Gewicht  haben  wird,  als  das  englischer  Beobachter,
bei  denen  man  ein  Vorurteil  zugunsten  des  in  ihrem  Lande  herrschenden
Systems  voraussetzen  könnte,  Herr  de  Lavelezw  konstatiert  in  seinem
vom  Eobden-Klub  gedruckten  Artikel  über  die  Landschsteme  Belgiens
und  Hollands,  daß  die  Lage  des  Arbeiters  unter  diesem  System  äußerster
Teilung  des  Landes  schlimmer  ist  als  in  England;  die  Pächter  dagegen  —
        <pb n="256" />
        Kap.  I.  Dis  Unzulänglichkeit  der  gewöhnlich  empfohlenen  Heilmittel.  ZHZ

denn  Pachtungen  existieren  in  großem  Maße  auch  da,  wo  die  Zerstückelung
am  größten  ist  —  werden  mit  einer  in  England  und  selbst  in  Irland
unbekannten  Unbarmherzigkeit  geschraubt,  und  das  Wahlrecht,  „weit
entfernt,  sie  aus  der  sozialen  Stufenleiter  zu  erheben,  ist  für  sie  nur  eine
Ouelle  der  Kränkung  und  Erniedrigung,  denn  sie  sind  gezwungen,  nach
den  Vorschriften  des  Gutsherrn  zu  stimmen,  anstatt  den  Vorschriften
ihrer  eigenen  Neigung  und  Überzeugung  zu  folgen".
während  aber  die  Teilung  des  Grund  und  Bodens  so  nichts  tun
kann,  um  die  Übel  des  Landmonopols  zu  heilen,  während  sie  keine  Wirkung ­
  auf  die  Erhöhung  der  Löhne  und  aus  die  Verbesserung  der  Lage
der  untersten  Klassen  ausüben  kann,  geht  ihre  Wirkung  dahin,  die  Annahme ­
  oder  auch  nur  Befürwortung  durchgreifenderer  Maßregeln  zu
verhindern  und  das  bestehende  ungerechte  System  dadurch  zu  stärken,
daß  eine  größere  Anzahl  von  Leuten  an  dessen  Aufrechterhaltung  interessiert ­
  wird.  Am  Schluß  des  von  mir  zitierten  Artikels  empfiehlt
perr  de  Laveleye  die  größere  Teilung  des  Grundbesitzes  als  sicherstes
Mittel,  um  die  großen  Grundbesitzer  Englands  vor  etwas  Radikalerem
zu  schützen.  Obgleich  in  den  Gegenden,  wo  der  Boden  so  außerordentlich
geteilt  ist,  die  Lage  des  Arbeiters  —  wie  er  sagt  —  die  schlechteste  in  Europa
ist  und  der  Pächter  von  seinem  Gutsherrn  viel  tiefer  niedergedrückt  wird
als  der  irländische  Pächter,  so  „zeigen  sich  dennoch",  fährt  er  fort,  „keine
der  Gesellschaftsordnung  feindseligen  Gefühle",  weil
„der  Pächter,  obgleich  durch  das  beständige  Steigen  der  Pacht  erdrückt,  unter  seinesgleichen ­
  lebt,  unter  Bauern  gleich  ihm,  die  Pächter  haben,  welche  sie  genau  ebenso
behandeln  wie  der  große  Landbesitzer  den  seinigen.  Sein  Vater,  sein  Bruder,  vielleicht ­
  er  selbst  besitzt'etwa  einen  Morgen  Land,  den  er  so  hoch  verpachtet,  wie  er  kann.
In  den  Wirtshäusern  prahlen  die  Bauern  mit  den  hohen  Pachten,  die  sie  für  ihre
Ländereien  erhalten,  wie  sie  damit  prahlen,  ihre  Schweine  oder  Kartoffeln  hoch
verkauft  zu  haben.  Die  Pacht  so  hoch  wie  nur  irgendmöglich  zu  treiben,  scheint  ihnen
daher  etwas  ganz  Natürliches,  und  sie  haben  an  den  Grundbesitzern  als  Klasse,  oder
an  dem  Grundeigentum  nicht  im  Traum  etwas  auszusetzen.  Ihr  Geist  verweilt  nicht
bei  dem  Gedanken  einer  Kaste  herrschender  Gutsherren,  „blutdürstiger  Tyrannen",
die  sich  von  dem  Schweiße  verarmter  Pächter  mästen  und  selbst  nichts  tun;  denn  die,
welche  am  härtesten  drücken,  sind  nicht  die  großen  Grundbesitzer,  sondern  ihre  eigenen
Genossen.  So  bildet  die  Verteilung  einer  Anzahl  kleiner  Güter  unter  den  Bauern
eine  Art  von  wall  und  Schutz  für  die  Eigentümer  großer  Landgüter,  und  der  bäuerliche
Besitz  kann  ohne  Übertreibung  der  Blitzableiter  genannt  werden,  welcher  von  der
Gesellschaft  Gefahren  abwendet,  die  sonst  zu  gewaltsamen  Katastrophen  führen  könnten.
Die  Konzentration  des  Grund  und  Bodens  in  großen  Gütern  unter  einer  kleinen
Anzahl  von  Familien  ist  eine  Art  von  Herausforderung  an  die  Gesetzgebung  zu  nivellieren. ­
  Die  in  vielen  Beziehungen  so  beneidenswerte  Lage  Englands  scheint  mir  in
dieser  Hinsicht  voller  Gefahren  für  die  Zukunft  zu  sein."
Mir  dagegen  scheint  sie  gerade  aus  dem  Grunde,  den  Perr  de  Laveleye
geltend  gemacht,  voller  Poffnung  zu  sein.
Geben  wir  nur  getrost  alle  versuche  auf,  die  Übel  des  Landmonopols
dadurch  loszuwerden,  daß  wir  den  Grundbesitz  mit  Schranken  umgeben.
Eine  gleichmäßigere  Verteilung  des  Grund  und  Bodens  ist  unmöglich
und  alles,  was  darunter  ist,  würde  nur  eine  Linderung,  aber  keine  Peilung
H6*
        <pb n="257" />
        Das  Heilmittel.

Buch  VI.

244

fein  und  zwar  eine  Linderung,  die  die  Anwendung  einer  Heilkur  verhindern ­
  würde.  Ebensowenig  sind  ffeiltmiiel  beachtenswert,  die  nicht
mit  der  natürlichen  Richtung  der  sozialen  Entwicklung  zusammenfallen
und,  sozusagen,  mit  der  Strömung  der  Zeiten  schwimmen.  Daß  die  Konzentration
  mit  der  natürlichen  Entwicklung  übereinstimmt,  darüber
kann  kein  Zweifel  sein  —  die  Konzentration  der  Menschen  in  großen
Städten,  der  Gewerbe  in  großen  Fabriken,  des  Transports  durch  Eisenbahnen ­
  und  Dampferlinien  und  der  ländlichen  Arbeiter  auf  großen
Feldern.  Selbst  die  unbedeutendsten  Geschäftszweige  werden  auf  dieselbe ­
  Weise  konzentriert  —  Gesellschaften  beschäftigen  Dienstleute  und
befördern  Reisetaschen.  Alle  Strömungen  der  Zeit  laufen  auf  Konzentration ­
  hinaus.  Um  ihr  erfolgreich  zu  widerstehen,  müßten  wir  den
Dampf  ersticken  und  die  Elektrizität  aus  dem  menschlichen  Dienst  entlassen. ­


Kapitel  II.
Das  wahre  Heilmittel.
wir  haben  die  ungleiche  Güterverteilung,  die  der  Fluch  und  die
Bedrohung  der  modernen  Zivilisation  ist,  auf  die  Einrichtung  des  Privateigentums ­
  an  Grund  und  Boden  zurückgeführt,  wir  haben  gesehen,
daß,  solange  diese  Einrichtung  besteht,  keine  Vermehrung  der  Produktionskraft ­
  den  Massen  dauernd  zugute  kommen  kann,  sondern  im  Gegenteil
einen  weiteren  Druck  auf  ihre  Lage  bewirken  muß.  wir  haben,  außer  der
Abschaffung  des  Privatgrundbesitzes,  alle  Heilmittel  geprüft,  die  man
gewöhnlich  behufs  Erleichterung  der  Armut  und  besserer  Verteilung  der
Güter  empfiehlt  und  haben  sie  sämtlich  unwirksam  oder  unausführbar
befunden.
Es  gibt  nur  einen  weg,  ein  Abel  zu  entfernen  und  der  ist,  dessen
Ursache  zu  beseitigen.  Die  Armut  wird  tiefer,  je  mehr  der  Reichtum
zunimmt,  und  die  Löhne  werden  niedergehalten,  während  die  Produktionskraft ­
  wächst,  weil  das  Land,  welches  die  Quelle  aller  Güter  und  das
Feld  aller  Arbeit  ist,  monopolisiert  wird.  Um  die  Armut  auszurotten,
um  die  Löhne  zu  dem  zu  machen,  was  sie  von  Rechts  wegen  sein  sollten,
zum  vollen  Ertrag  der  Arbeit,  müssen  wir  daher  an  die  Stelle  des  individuellen ­
  Grundbesitzes  den  gemeinsamen  Besitz  setzen.  Nichts  anderes
wird  bis  zur  Ursache  des  Übels  reichen,  in  nichts  anderem  sonst  ist  die
geringste  Hoffnung.
Dies  also  ist  das  Heilmittel  für  die  ungerechte  und  ungleiche  Güterverteilung ­
  der  modernen  Zivilisation  und  für  all  die  Übel,  die  daraus
entspringen:
Wir.  müssen  den  Grund  und  Boden  zum  Gemeingut ­
  machen.
        <pb n="258" />
        Kap.  II.

Das  wahre  Heilmittel.

245

wir  haben  diesen  Schluß  durch  eine  Untersuchung  erreicht,  in
der  jeder  Schritt  bewiesen  und  sichergestellt  wurde.  In  der  Rette  der
Beweisführung  fehlt  kein  Glied  und  ist  kein  Glied  hinfällig.  Deduktion
und  Induktion  haben  uns  zu  derselben  Wahrheit  geführt,  daß  der  ungleiche ­
  Besitz  von  Grund  und  Boden  die  ungleiche  Verteilung  der  Güter
notwendig  macht.  Und  da  nach  der  Natur  der  Dinge  ungleicher  Grundbesitz ­
  von  der  Anerkennung  des  individuellen  Grundbesitzes  unzertrennlich ­
  ist,  so  folgt  notwendig,  daß  das  einzige  Heilmittel  für  die  ungerechte
Güterverteilung  darin  liegt,  das  Land  zum  Gemeingut  zu  machen.
Allein  dies  ist  eine  Wahrheit,  die  in  dem  gegenwärtigen  Zustand
der  Gesellschaft  den  bittersten  Antagonismus  erregen  wird  und  ihren
weg  Zoll  für  Zoll  erkämpfen  muß.  Ls  wird  daher  nötig  sein,  den  Einwürfen ­
  derjenigen  zu  begegnen,  welche,  wenn  sie  auch  die  Wahrheit
selbst  zugeben  müssen,  dennoch  erklären  werden,  daß  sie  praktisch  unausführbar ­
  fei.
Tun  wir  dies,  so  werden  wir  unsere  bisherige  Beweisführung
einer  neuen,  und  zwar  einer  Feuerprobe  unterwerfen.  Lbenfo  wie
man  die  Addition  durch  die  Subtraktion,  und  die  Multiplikation  durch
die  Division  prüft,  fo  können  wir  durch  die  Erprobung  der  Zulänglichkeit
  des  Heilmittels  auch  die  Richtigkeit  unserer  Schlüsse  betreffs  der
Ursache  des  Übels  erproben.
Die  Gesetze  des  Weltalls  sind  harmonisch.  Und  wenn  das  Heilmittel,
  auf  das  wir  geleitet  wurden,  das  wahre  ist,  so  muß  es  sich  mit
der  Gerechtigkeit  vertragen;  es  muß  der  Ausführung  fähig  fein;  es  muß
mit  den  Tendenzen  der  sozialen  Entwicklung  übereinstimmen  und  mit
anderen  Reformen  im  Einklang  stehen.
Alles  dies  gedenke  ich  zu  beweisen.  Ich  beabsichtige  allen  praktischen
Einwendungen,  die  erhoben  werden  könnten,  zu  begegnen  und  zu  zeigen,
daß  diese  einfache  Maßregel  nicht  bloß  leicht  einzuführen,  sondern  daß
sie  ein  ausreichendes  Heilmittel  für  alle  Übel  ist,  welche  in  dem  Maße,
wie  der  moderne  Fortschritt  vorangeht,  aus  der  immer  größeren  Ungleichheit ­
  der  Güterverteilung  entstehen  —  daß  sie  die  Gleichheit  an  die
5telle  der  Ungleichheit,  den  Überfluß  an  die  des  Mangels,  die  Gerechtigkeit ­
  an  die  der  Ungerechtigkeit,  die  soziale  Rraft  an  die  der  Schwäche
setzen  und  den  weg  zu  noch  größeren  und  noch  edleren  Fortschritten
der  Zivilisation  öffnen  wird.
Auf  diese  Art  gedenke  ich  zu  zeigen,  daß  die  Gesetze  des  Weltalls
nicht  die  natürlichen  Regungen  des  menschlichen  Herzens  verleugnen;
daß  der  Fortschritt  der  Gesellschaft  auf  Gleichheit  gerichtet  sein  kann,
und  wenn  er  dauern  soll,  darauf  gerichtet  sein  muß,  und  daß  die  ökonomischen ­
  Harmonien  die  von  dem  Kaiserlichen  Stoiker  begriffene  Wahrheit
beweisen:
wir  sind  zum  Zusammenwirken  geschaffen,  wie
die  Füße,  die  Hände,  die  Augenlider,  die  Reihen
der  oberen  und  der  unteren  Zähne.
        <pb n="259" />
        Buch  VII.
Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.
„Die  Gerechtigkeit  ist  ein  Verhältnis  der  zwischen  zwei  Dingen  faktisch  bestehenden ­
  Übereinstimmung.  Dieses  Verhältnis  ist  stets  dasselbe,  welches  Wesen
es  auch  betrachte,  ob  es  Gott  sei,  oder  ein  Engel,  oder  endlich  ein  Mensch.
Montesquieu.

Kapitel  I.
Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.
Wenn  in  Vorschlag  gebracht  wird,  den  Privatgrundbesitz  abzuschaffen, ­
  so  ist  die  erste  Frage,  die  entsteht,  die  der  Gerechtigkeit.  Obgleich ­
  durch  Gewohnheit,  Aberglauben  und  Selbstsucht  oft  in  die  verzerrtesten ­
  formen  verdreht,  so  liegt  doch  das  Gerechtigkeitsgefühl  tief
inr  menschlichen  Geiste,  und  bei  jedem  Streite,  der  die  Leidenschaften
aufregt,  wird  der  Konflikt  mehr  um  die  Frage:  „Vst  es  recht?"  als  um
die  Frage:  „Vst  es  weise?"  toben.
Diese  Tendenz  der  volkstümlichen  Erörterungen,  eine  ethische
Form  anzunehmen,  ist  nicht  ohne  Grund.  Sie  entspringt  einem  Gesetze
des  menschlichen  Geistes;  sie  beruht  auf  einer  unbestimmten  und  instinktiven ­
  Anerkennung  wohl  der  tiefsten  Wahrheit,  die  wir  zu  fassen  vermögen. ­
  Weise  ist  nur,  was  gerecht,  von  Dauer  nur,  was  recht  ist.  Nach
dem  engen  Maßstabe  individueller  Handlungen  und  individuellen  Lebens
mag  diese  Wahrheit  oft  verdunkelt  sein,  aber  auf  dem  weiteren  Felde
des  nationalen  Lebens  tritt  sie  allenthalben  hervor.
Vch  beuge  mich  diesem  Schiedsspruch  und  nehme  diese  probe  an.
wenn  unsere  Untersuchung  der  Ursache,  welche  niedrige  Löhne  und
Pauperismus  zu  den  Begleitern  des  materiellen  Fortschritts  macht,
uns  zu  einem  richtigen  Schlüsse  geführt  hat,  so  wird  derselbe  die  Übertragung ­
  aus  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  in  das  der  Ethik  vertragen ­
  und  als  Ursprung  der  sozialen  Übel  ein  Unrecht  aufdecken.  Tut
er  das  nicht,  so  ist  er  widerlegt.  Tut  er  es,  so  ist  er  durch  die  letzte  Entscheidung ­
  bewiesen.  Vst  das  Privateigentum  am  Grund  und  Boden
        <pb n="260" />
        Aap.  I.  Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.  2^7

gerecht,  so  ist  das  von  mir  vorgeschlagene  Heilmittel  falsch;  ist  es  dagegen
ungerecht,  dann  ist  dies  Peilmittel  das  richtige.
Was  bildet  die  rechtmäßige  Basis  des  Eigentums?  was  ist  es,
das  einen  Menschen  mit  Recht  von  einem  Dinge  sagen  läßt,  „es  ist  mein"?
Woraus  entspringt  das  Gefühl,  welches  sein  ausschließliches  Recht  vor
der  ganzen  Welt  anerkennt?  Ist  es  nicht  in  erster  Linie  das  Recht  der
Menschen  auf  sich  selbst,  auf  seine  Gaben,  auf  den  Genuß  der  Früchte
seiner  Anstrengungen?  Ist  es  nicht  dies  individuelle  Recht,  welches  den
natürlichen  Tatsachen  der  individuellen  Organisation  entspringt  und  durch
sie  beglaubigt  wird  —  durch  die  Tatsache,  daß  jedes  Paar  pände  einem
besonderen  pirn  gehorchen  und  mit  einem  besonderen  Magen  in  Verbindung ­
  stehen;  die  Tatsache,  daß  jeder  Mensch  ein  bestimmtes,  zusammenhängendes, ­
  unabhängiges  Ganzes  bildet  —ist  es  nicht  dieses  individuelle
Recht,  was  allein  den  individuellen  Besitz  rechtfertigt?  Wie  ein  Mensch
sich  angehört,  so  gehört  ihm  seine  in  konkrete  Form  gebrachte  Arbeit.
Und  aus  diesem  Grunde  ist  das,  was  ein  Mensch  macht  oder  erzeugt,
sein  eigen,  und  ihm  allein  steht  gegen  die  ganze  Welt  das  Recht  zu,  es
zu  genießen  oder  zu  zerstören,  es  zu  gebrauchen,  zu  tauschen  oder  fortzugeben. ­
  Niemand  anders  kann  es  rechtmäßigerweise  beanspruchen,
und  sein  ausschließliches  Recht  darauf  schließt  kein  Unrecht  gegen  sonst
jemand  ein.  Somit  besteht  für  alles  durch  menschliche  Anstrengung
Erzeugte  ein  klares  und  unbestreitbares  Anrecht  auf  ausschließlichen
Besitz  und  Genuß,  welches  vollkommen  mit  der  Gerechtigkeit  vereinbar
ist,  da  es  von  dem  ursprünglichen  Erzeuger  herrührt,  den  das  Gesetz  der
Natur  damit  bekleidet  hat.  Die  Feder,  mit  der  ich  schreibe,  ist  gerechterweise ­
  die  meine.  Rein  anderer  Mensch  kann  rechtmäßigen  Anspruch
darauf  machen,  denn  auf  mich  ist  das  Anrecht  des  Erzeugers,  der  sie
machte,  übergegangen.  Sie  ist  mein  geworden,  weil  sie  auf  mich  von  dem
Händler  gekommen  ist,  dem  sie  von  dem  Importeur  übertragen  wurde,
der  von  dem  Fabrikanten  das  ausschließliche  Recht  darauf  erhielt,  nachdem ­
  letzerem,  durch  den  gleichen  Raufprozeß,  die  Rechte  derer,  welche
das  Material  aus  der  Erde  hervorgeholt  und  zu  einer  Feder  geformt
hatten,  abgetreten  waren.  So  entspringt  mein  ausschließliches  Besitzrecht ­
  auf  die  Feder  dem  natürlichen  Rechte  des  Individuums  auf  den
Gebrauch  seiner  Fähigkeiten.
Dies  ist  nicht  allein  die  ursprüngliche  Ouelle,  aus  der  alle  Begriffe
eines  ausschließlichen  Besitzes  entstehen  —  wie  aus  der  natürlichen
Tendenz  des  Geistes,  sich  zu  ihr  zu  wenden,  sobald  der  Gedanke  des
ausschließlichen  Besitzes  in  Frage  gestellt  wird,  sowie  aus  der  Art  und
Weise  erhellt,  in  welcher  sich  die  sozialen  Beziehungen  entwickeln  —,
sondern  es  ist  notwendig  auch  die  einzige  Ouelle.  Ls  kann  keinen  rechtmäßigen ­
  Besitztitel  auf  irgend  etwas  geben,  der  nicht  von  dem  Besttztitel
des  Produzenten  abgeleitet  ist  und  nicht  auf  dem  natürlichen  Rechte  des
Menschen  auf  sich  selbst  beruht.  Ls  kann  keinen  anderweitigen  rechtmäßigen
Besitztitel  geben,  weil  es  kein  anderes  natürliches  Recht  gibt,  von  dem
        <pb n="261" />
        Buch  VII.

2^8  Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

ein  anderer  Titel  abgeleitet  werden  könnte,  und  2.  weil  die  Anerkennung
eines  anderen  Besitztitels  mit  diesem  unvereinbar  ist  und  denselben  aufbeben ­
  würde.
Denn  welches  andere  Recht  besteht,  von  dem  das  Recht  auf  den
ausschließlichen  Besitz  irgendeines  Dinges  abgeleitet  werden  könnte,
als  das  Recht  des  Menschen  auf  sich  selbst?  Mit  welch  anderer  Macht
ist  der  Mensch  von  der  Natur  bekleidet  als  der  Macht,  seine  eigenen  Fähigkeiten ­
  zu  gebrauchen?  Me  kann  er  in  anderer  Meise  auf  materielle
Dinge  oder  auf  Menschen  wirken  oder  Einfluß  ausüben?  Man  lähme
die  Bewegungsnerven,  und  der  Mensch  hat  nicht  mehr  äußerlichen
Einfluß  oder  mehr  Macht  als  ein  Block  oder  Stein,  von  was  sonst  könnte
denn  das  Recht,  Dinge  zu  besitzen  und  zu  beherrschen,  abgeleitet  werden?
Wenn  es  nicht  aus  dem  Menschen  selbst  entspringt,  wo  könnte  es  sonst
wohl  entspringen?  Die  Natur  erkennt  keinen  Besitz  oder  keine  Herrschaft
in  dem  Menschen  an,  außer  als  Ergebnis  der  Arbeit.  Auf  keine  andere
Weise  können  ihre  Schätze  gehoben,  ihre  Kräfte  geleitet  oder  ihre  Eigenschaften ­
  benutzt  und  beherrscht  werden.  Sie  macht  unter  den  Menschen
keinen  Unterschied,  sondern  ist  gegen  alle  vollständig  unparteiisch.  Sie
kennt  keine  Unterscheidung  zwischen  Herrn  und  Sklaven,  König  und
Untertan,  Heiligen  und  Sündern.  Alle  Menschen  stehen  zu  ihr  auf
gleichem  Fuß  und  haben  gleiche  Rechte.  Sie  erkennt  keinen  Anspruch
als  den  der  Arbeit  an  und  erkennt  diesen  ohne  Ansehen  der  Person  an.
wenn  der  Seeräuber  seine  Segel  ausspannt,  so  wird  der  wind  sie  so
gut  füllen  wie  die  eines  friedlichen  Kauffahrteifahrers  oder  einer  Miffionärbarke;
  ob  ein  König  oder  ein  gewöhnlicher  Erdenmenfch  über  Bord
fällt,  beide  können  ihren  Kopf  nur  durch  Schwimmen  über  Wasser
halten;  die  Vögel  werden  sich  dem  Grundbesitzer  nicht  schneller  zum
Schuß  darbieten  wie  dem  Wilddiebe;  die  Fische  beißen  an  oder  nicht,
ohne  den  geringsten  Unterschied  zu  machen,  ob  der  Angelhaken  ihnen  von
einem  artigen  kleinen  Buben,  der  in  die  Schule  geht,  oder  von  einem
herumlungernden  Schlingel  präsentiert  wird;  das  Korn  wird  nur  wachsen,
wenn  der  Boden  bereitet  und  die  Saat  gesäet  ist;  nur  auf  Geheiß  der
Arbeit  kann  das  Erz  aus  der  Mine  gehoben  werden;  die  Sonne  scheint
und  der  Regen  fällt  über  Gerechte  und  Ungerechte.  Die  Gesetze  der
Natur  sind  die  Anordnungen  des  Schöpfers.  Es  steht  in  ihnen  keine  Anerkennung ­
  irgendeines  Rechtes  geschrieben,  als  desjenigen  der  Arbeit,
aber  groß  und  deutlich  steht  in  ihnen  das  gleiche  Recht  aller  auf  den  Gebrauch
  und  Genuß  der  Natur  geschrieben,  das  Recht,  Arbeit  auf  sie  zu
verwenden  und  ihren  Lohn  zu  empfangen  und  zu  besitzen.  Darum  weil
die  Natur  nur  der  Arbeit  Geschenke  macht,  ist  die  Betätigung  der  Arbeit
in  der  Produktion  der  einzige  Titel  auf  ausschließlichen  Besitz.
2.  Dies  der  Arbeit  entspringende  Besitzrecht  schließt  die  Möglichkeit
jedes  anderen  Besitzrechts  aus.  Wenn  ein  Mensch  das  Recht  auf  das
Erzeugnis  seiner  Arbeit  hat,  so  kann  niemand  ein  Recht  auf  etwas  haben,
was  nicht  das  Produkt  seiner  Arbeit  oder  der  auf  ihn  übergegangenen
        <pb n="262" />
        Kap.  I.  Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.

Arbeit  eines  anderen  ist.  Wenn  die  Produktion  dein  Produzenten
das  Recht  auf  ausschließlichen  Besitz  und  Genuß  gibt,  so  kann  es  rechtmäßig ­
  keinen  exklusiven  Besitz  oder  Genuß  von  etwas  geben,  das  nicht
das  Produkt  der  Arbeit  ist,  und  die  Anerkennung  privaten  Grundeigentums ­
  ist  ein  Anrecht.  Denn  das  Recht  auf  das  Erzeugnis  der  Arbeit
kann  nicht  ohne  das  Recht  aus  den  freien  Gebrauch  der  von  der  Natur
gebotenen  Vorteile  genossen  werden,  und  ein  Besitzrecht  auf  diese  anerkennen, ­
  heißt  soviel  als  das  Besitzrecht  aus  das  Arbeitszeugnis  leugnen.
Wenn  Nichtproduzenten  einen  Teil  der  von  den  Produzenten  geschaffenen
Güter  als  Rente  beanspruchen  können,  so  ist  das  Recht  letzterer  auf  die
Früchte  ihrer  Arbeit  um  so  viel  verkürzt.
Diesem  Satze  kann  man  nicht  entrinnen.  Wer  behauptet,  daß  ein
Mensch  rechtmäßig  ausschließlichen  Besitz  aus  seine,  in  materiellen  Dingen
verkörperte  Arbeit  beanspruchen  kann,  der  bestreitet  auch,  daß  irgend
jemand  rechtmäßig  einen  ausschließlichen  Besitz  am  Grund  und  Boden
beanspruchen  kann.  Die  Rechtmäßigkeit  des  Grundbesitzes  bejahen,
heißt  einen  Einspruch  bejahen,  der  aus  die  Organisation  des  Menschen
und  die  Gesetze  des  materiellen  Weltalls  begründet  ist.
Was  das  Anerkenntnis  der  Ungerechtigkeit  des  privaten  Grundbesitzes ­
  am  meisten  verhindert,  ist  die  Gewohnheit,  alle  Dinge,  die  zum
Gegenstand  des  Besitzes  gemacht  werden,  in  eine  einzige  Eigentumskategorie ­
  zu  verweisen,  oder,  wenn  ein  Unterschied  gemacht  wird,  die
Tinte,  gemäß  der  unlogischen  Unterscheidung  der  Juristen,  zwischen  persönlichem ­
  Eigentum  und  Grundbesitz,  oder  beweglichen  und  unbeweglichen
Dingen  zu  ziehen.  Die  wahre  und  natürliche  Unterscheidung  ist  die
Zwischen  Dingen,  die  das  Erzeugnis  der  Arbeit,  und  Dingen,  die  freie
Gaben  der  Natur  sind;  oder,  um  die  Ausdrücke  der  Nationalökonomie
anzuwenden,  zwischen  Gütern  und  Grund  und  Boden.
Diese  beiden  Kategorien  sind  in  wesen  und  Verhältnissen  weit
verschieden,  und  sie  als  Eigentum  zusammenzuwerfen,  heißt  alles  Denken
über  Gerechtigkeit  oder  Ungerechtigkeit,  Recht  oder  Unrecht  des  Eigentums
verwirren.
Lin  paus  und  das  Grundstück,  auf  welchem  es  steht,  sind  gleichermaßen ­
  Eigentum,  da  sie  der  Gegenstand  eines  Besitzes  sind,  und  werden
von  den  Juristen  gleichmäßig  unter  den  Grundbesitz  eingereiht.  Dennoch ­
  weichen  sie  an  Natur  und  Verhältnissen  weit  voneinander  ab.
Das  eine  ist  durch  menschliche  Arbeit  hervorgebracht  und  gehört  zu  der,
in  der  Nationalökonomie  Güter  benannten  Kategorie.  Das  andere  ist
ein  Teil  der  Natur  und  gehört  zu  der,  in  der  Nationalökonomie  Grund
und  Boden  benannten  Kategorie.
Die  wesentliche  Eigenschaft  der  einen  Kategorie  von  Dingen  ist,
i^aß  sie  Arbeit  verkörpern  und  durch  menschliche  Anstrengung  geschaffen
worden  sind,  daß  ihr  Dasein  oder  Nichtdasein,  ihre  Vermehrung  oder
Verminderung  vom  Menschen  abhängt.  Die  wesentliche  Eigenschaft
ver  anderen  Kategorie  ist,  daß  sie  keine  Arbeit  verkörpern  und  unabhängig
        <pb n="263" />
        250

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

von  menschlicher  Anstrengung,  unabhängig  vom  Menschen  bestehen;
sie  sind  das  Feld  oder  die  Umgebung,  worin  der  Mensch  sich  befindet;
das  Vorratshaus,  aus  dem  seine  Bedürfnisse  befriedigt  werden  müssen;
das  Rohmaterial,  auf  welches,  und  die  Kräfte,  mit  welchen  seine  Arbeit
allein  wirken  kann.
Sobald  dieser  Unterschied  erkannt  ist,  sieht  man  auch,  daß  die  Billigung, ­
  welche  die  natürliche  Gerechtigkeit  der  einen  Art  von  Besitz  erteilt, ­
  der  anderen  versagt  wird;  daß  die  Rechtmäßigkeit,  welche  dem
individuellen  Eigentum  an  dem  Produkt  der  Arbeit  beiwohnt,  die  Unrechtmäßigkeit ­
  des  individuellen  Grundbesitzes  involviert;  daß,  während
die  Anerkennung  des  einen  alle  Menschen  auf  gleichen  Fuß  stellt  und
jedem  den  gebührenden  Lohn  seiner  Arbeit  sichert,  die  Anerkennung
des  anderen  die  Verleugnung  der  gleichen  Menschenrechte  ist  und  denen,
die  nicht  arbeiten,  gestattet,  den  natürlichen  Lohn  derer,  die  arbeiten,
an  sich  zu  nehmen.
was  man  daher  auch  für  die  Einrichtung  des  privaten  Grundeigentums ­
  sagen  möge,  es  ist  klar,  daß  sie  nicht  vom  Standpunkte  der
Gerechtigkeit  aus  verteidigt  werden  kann.
Das  gleiche  Recht  aller  Menschen  auf  den  Gebrauch  des  Landes
ist  so  klar  wie  ihr  gleiches  Recht  die  Luft  zu  atmen,  es  ist  ein  durch  bloße
Tatsache  ihres  Daseins  verbürgtes  Recht.  Denn  wir  können  nicht  annehmen,
daß  einige  Menschen  ein  Recht  haben  auf  der  Welt  zu  sein  und  andere
nicht!
Sind  wir  alle  hier  durch  gleiche  Erlaubnis  des  Schöpfers,  so  sind
wir  auch  alle  hier  mit  einem  gleichen  Rechtstitel  auf  den  Genuß  seiner
Gaben,  mit  einem  gleichen  Rechte  auf  den  Gebrauch  von  allem,  was
die  Natur  so  unparteiisch  darbietet*).  Dies  ist  ein  Recht,  das  natürlich
und  unveräußerlich  ist;  es  ist  ein  Recht,  daß  jedem  Menschen  mit  seinem

*)  Wenn  ich  sage,  daß  der  private  Grundbesitz  in  letzter  Instanz  nur  durch  die  Theorie
gerechtfertigt  werden  könnte,  daß  einige  Menschen  ein  besseres  Anrecht  auf  das  Dasein
haben  als  andere,  konstatiere  ich  nur,  was  die  Fürsprecher  des  bestehenden  Systems  selbst
eingesehen  haben.  Mas  Malthus  seine  Popularität  unter  den  herrschenden  Klassen  verschaffte, ­
  was  sein  unlogisches  Buch  wie  eine  neue  Offenbarung  aufgenommen  werden
ließ,  Souveräne  veranlaßte,  ihm  Orden  zu  senden  und  die  geizigsten  Reichen  Englands,
ihm  ein  Einkommen  anzubieten,  das  war  der  Umstand,  daß  er  einen  scheinbaren  Grund
für  die  Annahme  lieferte,  daß  einige  ein  besseres  Recht  auf  das  Dasein  hätten  als  andere,
eine  Annahme,  die  für  die  Rechtfertigung  des  privaten  Grundbesitzes  nötig  ist  und  die
Malthus  unverblümt  in  der  Erklärung  kundgibt,  daß  die  Tendenz  der  Volksvermehrung
beständig  darauf  hinausgehe,  menschliche  Mesen  in  die  Welt  zu  setzen,  für  die  zu  sorgen
sich  die  Natur  weigere  und  die  somit  „nicht  das  geringste  Recht  auf  irgendeinen  Anteil
an  dem  vorhandenen  Vorrat  von  Lebensbedürfnissen  haben",  denen  sie  als  Bönhasen
die  Türe  zeigt,  und  die  nicht  zaudert,  „ihren  Mandaten  mit  Gewalt  Gehorsam  zu  erzwingen", ­
  indem  sie  zu  dem  Ende  „punger  und  Pestilenz,  Krieg  und  Verbrechen,  Sterblichkeit ­
  und  Vernachlässigung  des  Kindeslebens,  Prostitution  und  Syphilis  anwendet".
Und  heute  ist  diese  Malthussche  Lehre  die  letzte  Verteidigung,  auf  welche  die,  welche  den
privaten  Grundbesitz  rechtfertigen,  verfallen.  Auf  keine  andere  Meise  kann  derselbe  logisch
verteidigt  werden.
        <pb n="264" />
        Kap.  I.  Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.  -

Eintritt  in  die  Welt  verliehen  wird  und  das  während  seiner  Anwesenheit
aus  derselben  nur  durch  die  gleichen  Rechte  anderer  beschränkt  werden
kann.  Es  gibt  in  der  Natur  nichts  wie  ein  absolutes  Freilehn  an  Grund
und  Boden.  Reine  Macht  aus  Erden  kann  rechtmäßigerweise  ausschließlichen ­
  Grundbesitz  verleihen,  wenn  sich  auch  alle  vorhandenen  Menschen
darüber  einigten,  ihre  gleichen  Rechte  wegzugeben,  so  könnten  sie  doch
nicht  das  Recht  ihrer  Nachkommen  weggeben.  Weshalb  sind  wir  nur
Nutznießer  sür  einen  Tag?  paben  wir  die  Erde  geschaffen,  daß  wir  den
Rechten  derer  vorgreifen  dürsten,  die  nach  uns  daraus  wohnen  werden?
Der  Allmächtige,  der  die  Erde  sür  den  Menschen  und  den  Menschen
für  die  Erde  schuf,  hat  alle  Generationen  der  Menschenkinder  durch  ein
auf  der  Verfassung  aller  Dinge  geschriebenes  Dekret  zur  Erbfolge  bestimmt, ­
  ein  Dekret,  dem  keine  menschliche  Handlung  einen  Riegel  vorschieben, ­
  das  keine  Vorschrift  beschränken  kann.  Ls  mag  der  Pergamente
noch  so  viele  geben,  der  Besitz  noch  so  lange  gedauert  haben,  die  natürliche
Gerechtigkeit  kann  einem  Menschen  kein  Recht  auf  den  Besitz  und  Genuß
von  Land  zuerkennen,  das  nicht  gleichmäßig  auch  das  Recht  aller  seiner
Mitmenschen  wäre.  Obgleich  dem  Herzog  von  westminster  seine  Besitztitel ­
  von  Generation  zu  Generation  bewilligt  wurden,  so  hat  doch  das
ärmste  Rind,  das  heute  in  London  geboren  wird,  ebensoviel  Recht  auf
dessen  Grundbesitz  wie  sein  ältester  Sohn*).  Obgleich  das  souveräne
Volk  des  Staates  New  Hork  den  Grundbesitz  der  Astors  zugibt,  so  erhält
doch  der  Säugling,  der  in  dem  schmutzigsten  Raum  der  elendesten  Mietskaserne ­
  wimmernd  in  die  Welt  tritt,  von  demselben  Augenhlick  an  ein
gleiches  Recht  daraus,  wie  der  Millionär.  Und  er  wird  enteignet,  wenn
ihm  dieses  Recht  bestritten  wird.
Unsere  früheren  Schlüsse,  die  an  sich  unwiderleglich  sind,  werden
so  durch  die  höchste  und  letzte  Probe  erhärtet.  Aus  der  Sphäre  der
Nationalökonomie  in  die  der  Ethik  hinübergeführt,  zeigen  sie  ein  Unrecht
als  die  Ouelle  der  Übel,  die  mit  dem  materiellen  Fortschritt  zunehmen.
Die  Massen,  welche  inmitten  des  Überflusses  Mangel  leiden,  welche,
mit  politischer  Freiheit  ausgestattet,  zu  dem  Lohne  der  Sklaverei  verdammt ­
  sind,  denen  arbeitersparende  Erfindungen  keine  Erleichterung
der  Mühsal  bringen,  sondern  die  dadurch  vielmehr  eines  Vorrechts

*)  Dieses  natürliche  und  unveräußerliche  Recht  auf  den  gleichen  Gebrauch  und
Genuß  des  Grund  und  Bodens  ist  so  klar,  daß  es  von  den  Menschen  stets  anerkannt  wird,
wo  Macht  und  Gewohnheit  ihre  Auffassungen  nicht  abgestumpft  hat.  Um  nur  ein  Beispiel
anzuführen:  die  weißen  Ansiedler  in  Neu-Seeland  fanden  es  unmöglich,  von  den  Maoris
einen  nach  Ansicht  der  letzteren  genügenden  Grundbesitztitel  zwerlangen,  weil  selbst  in  dem
Kalle,  daß  ein  ganzer  Stamm  in  den  verkauf  willigte,  sie  trotzdem  bei  der  Geburt  jedes
neuen  Kindes  unter  ihnen  eine  weitere  Zahlung  beanspruchten  auf  den  Grund  hin,  daß
sie  wohl  ihre  eigenen  Rechte  abtreten,  aber  nicht  die  der  Ungeborenen  verkaufen  könnten.
Die  Regierung  war  genötigt  einzugreifen  und  die  Sache  dadurch  zu  ordnen,  daß  sie  Land
für  eine  dem  Stamme  zuzahlende  Fahresrente  kaufte,  an  der  jedes  neugeborene  Kind
einen  Anteil  erlangt.
        <pb n="265" />
        252

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.  Buch  VII.

beraubt  zu  werden  scheinen,  sie  fühlen  instinktmäßig,  daß  „etwas  faul
ist".  Und  sie  haben  recht.
Die  weit  verbreiteten  sozialen  Übel,  welche  inmitten  einer  vorschreitenden ­
  Zivilisation  die  Menschen  überall  drücken,  entspringen
einem  großen,  ursprünglichen  Unrechte  —  der  Aneignung  des  Landes,
auf  dem  und  von  dem  alle  leben  müssen,  als  ausschließlichen  Besitz
einiger  Menschen.  Aus  dieser  fundamentalen  Ungerechtigkeit  fließen
alle  die  Ungerechtigkeiten,  welche  die  moderne  Entwicklung  verdrehen
und  gefährden,  welche  den  Produzenten  der  Güter  zur  Armut  verurteilen ­
  und  den  Nichtxroduzenten  in  Luxus  schwelgen  lassen,  welche
die  Mietskasernen  neben  dem  Palast  aufbauen,  das  Bordell  in  den
Schatten  der  Kirche  pflanzen  und  uns  zwingen,  ebenso  viele  Gefängnisse
zu  errichten,  wie  wir  neue  Schulen  eröffnen.
Es  ist  nichts  Seltsames  oder  Unerklärliches  in  den  Erscheinungen,
welche  jetzt  die  Welt  in  Bestürzung  versetzen.  Nicht  weil  der  materielle
Fortschritt  nicht  an  sich  gut  wäre;  nicht  weil  die  Natur  Kinder  ins  Dasein
rief,  für  die  zu  sorgen  sie  verabsäumte;  nicht  weil  der  Schöpfer  auf  den
Naturgesetzen  einen  Schandfleck  der  Ungerechtigkeit  ließ,  vor  dem  selbst
der  menschliche  Geist  sich  empört,  nicht  darum  trägt  der  materielle
Fortschritt  so  bittere  Früchte.  Daß  inmitten  unserer  höchsten  Zivilisation
Menschen  vor  Mangel  umsinken  und  sterben,  liegt  nicht  an  der  Kargheit
der  Natur,  sondern  an  der  Ungerechtigkeit  des  Menschen.  Laster  und
Elend,  Dürftigkeit  und  Pauperismus  sind  nicht  die  unabänderlichen
Ergebnisse  der  Bevölkerungszunahme  und  industriellen  Entwicklung;
sie  folgen  nur  der  Bevölkerungszunahme  und  industriellen  Entwicklung,
weil  der  Grund  und  Boden  als  Privatbesitz  behandelt  wird  —  sie  sind
die  direkten  und  notwendigen  Resultate  der  Übertretung  des  höchsten
Gesetzes  der  Gerechtigkeit,  die  darin  liegt,  daß  einigen  Menschen  der
ausschließliche  Besitz  dessen  verliehen  wurde,  was  die  Natur  für  die
ganze  Menschheit  bestimmt  hat.
Die  Anerkennung  des  Besitzrechtes  einzelner  am  Grund  und  Boden
ist  die  Leugnung  der  natürlichen  Rechte  anderer  Menschen  —  sie  ist  ein
Unrecht,  das  sich  in  der  ungleichen  Verteilung  der  Güter  zeigen  m  u  ß.  Denn
da  die  Arbeit  nicht  ohne  Benutzung  von  Grund  und  Boden  produzieren
kann,  so  ist  die  Verweigerung  gleichen  Rechtes  auf  dessen  Gebrauch  notwendig ­
  die  Verweigerung  des  Rechtes  der  Arbeit  auf  ihr  Produkt.
Wenn  ein  Mensch  über  den  Grund  und  Boden  verfügen  kann,  auf  dem
andere  arbeiten  müssen,  so  kann  er  sich  das  Erzeugnis  ihrer  Arbeit  als
Preis  seiner  Erlaubnis  zum  Arbeiten  aneignen.  Das  fundamentale
Gesetz  der  Natur,  daß  ihre  Gaben  dem  Menschen  infolge  seiner  Anstrengung ­
  gehören  sollen,  wird  so  verletzt.  Der  eine  empfängt,  ohne
zu  produzieren,  der  andere  produziert,  ohne  zu  empfangen.  Der  eine
wird  ungerechterweise  bereichert,  die  anderen  werden  beraubt.  Auf
dieses  fundamentale  Unrecht  haben  wir  die  ungerechte  Güterverteilung
zurückgeführt,  die  die  moderne  Gesellschaft  in  die  sehr  Reichen  und  in
        <pb n="266" />
        253

Kap.  I.  Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.

die  ganz  Armen  teilt.  Es  ist  die  unaufhörliche  Steigerung  der  Grundrente, ­
  der  Preis,  den  die  Arbeit  für  die  Benutzung  des  Landes  zu  zahlen
gezwungen  ist,  was  die  vielen  um  die  Güter  bringt,  die  fie  ehrlich  verdienen, ­
  um  dieselben  in  den  fänden  der  wenigen,  die  nichts  für  deren
Gewinnung  tun,  aufzuhäufen.
warum  fällten  die,  welche  unter  dieser  Ungerechtigkeit  leiden,
zögern,  ihre  Aufhebung  zu  verlangen?  wer  sind  die  Grundeigentümer, ­
  daß  ihnen  so  gestattet  sein  sollte,  zu  ernten,  wo  sie  nicht  gesäet
haben?
Man  erwäge  einen  Augenblick  die  völlige  Absurdität  der  Besitztitel, ­
  kraft  welcher  wir  das  Recht  auf  ausschließlichen  Besitz  der  Erde
ernsthaft  von  bsinz  auf  Kunz  übergehen  lassen  und  ihm  die  absolute
Herrschaft  über  alle  anderen  verleihen.  In  Kalifornien  gehen  die  Grundbesitzrechte ­
  zurück  auf  die  Regierung  Mexikos,  auf  die  sie  von  dem
spanischen  Könige  übergingen,  der  sie  vom  Papste  übernahm,  als  dieser
mit  einem  Federstriche  noch  erst  zu  entdeckende  Länder  unter  die  Spanier
und  Portugiesen  verteilte  —  oder  sie  beruhen,  wenn  man  will,  auf
dem  Rechte  der  Eroberung.  In  den  östlichen  Staaten  gehen  sie  zurück
auf  Verträge  mit  den  Indianern  und  Verleihungen  der  englischen
Könige;  in  Louisiana  auf  die  Regierung  von  Frankreich;  in  Florida
auf  die  Regierung  von  Spanien,  während  sie  in  England  auf  die  normannischen ­
  Eroberer  zurückgehen.  Allenthalben  nicht  auf  ein  Recht,
welches  verpflichtet,  sondern  aus  eine  Gewalt,  welche  zwingt.  Und
wenn  ein  Rechtstitel  nur  auf  Gewalt  beruht,  so  kann  man  nicht  darüber
klagen,  falls  die  Gewalt  ihn  für  nichtig  erklärt.  Sobald  das  Volk  die
Macht  dazu  hat  und  die  Aufhebung  dieser  Titel  beschließt,  kann  im
Namen  der  Gerechtigkeit  kein  Einwand  dagegen  erhoben  werden.  Es
hat  Menschen  gegeben,  welche  die  Macht  hatten,  sich  Teile  der  Erdoberfläche ­
  anzueignen  oder  anderen  den  ausschließlichen  Besitz  daran
zu  verleihen,  aber  wann  und  wo  existierte  der  Mensch,  der  das  Recht
dazu  hatte?
Das  Recht  auf  den  ausschließlichen  Besitz  eines  menschlichen  Produkts ­
  ist  klar.  Einerlei,  durch  wie  viele  Hände  dasselbe  gegangen,  am
Anfang  der  Reihe  war  menschliche  Arbeit  da  —  jemand,  der  es  durch
feine  Anstrengungen  beschafft  oder  hervorgebracht  und  der  ganzen  übrigen
Menschheit  gegenüber  einen  klaren  Besitztitel  darauf  hatte,  welcher
sehr  wohl  durch  Kauf  oder  Schenkung  an  einen  anderen  übergehen
konnte.  Aber  am  Ende  welcher  Reihenfolge  von  Übertragungen  oder
Schenkungen  kann  ein  gleicher  Titel  aus  irgendeinen  Teil  des  materiellen
Weltalls  bewiesen  oder  angenommen  werden?  Auf  Meliorationen
kann  ein  solcher  Titel  nachgewiesen  werden,  aber  es  ist  nur  ein  Titel
auf  Meliorationen  und  nicht  auf  das  Land  selbst.  Wenn  ich  einen  Wald
abholze,  einen  Sumpf  austrockne  oder  einen  Morast  ausfülle,  so  ist
alles,  was  ich  gerechterweise  beanspruchen  kann,  der  durch  diese  Anstrengungen ­
  verliehene  wert.  Dieselben  geben  mir  kein  Recht  auf  das
        <pb n="267" />
        Buch  VII.

25^  Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Land  selbst,  keinen  anderen  Anspruch,  als  den  aus  meinen,  mit  sedem
anderen  Mitglieds  der  Gesellschaft  gleichen  Anteil  an  dem  werte,  der
dem  Grund  und  Boden  durch  die  Entwicklung  der  Gesellschaft  hinzugefügt ­
  wird.
Doch  man  wird  sagen:  Es  gibt  Meliorationen,  die  mit  der  Zeit
nicht  mehr  von  dem  Grund  und  Boden  unterschieden  werden  können.
Sehr  wohl,  dann  wird  das  Recht  auf  die  Meliorationen  mit  dem  Recht
auf  den  Grund  und  Boden  vermischt;  das  individuelle  Recht  geht  in
dem  gemeinen  Rechte  verloren.  Das  Größere  verschlingt  das  Kleinere,
nicht  aber  das  Kleinere  das  Größere.  Die  Natur  geht  nicht  vom  Menschen
aus,  sondern  der  Mensch  von  der  Natur,  und  in  ihren  Busen  müssen  er
und  alle  seine  Werke  zurückkehren.
Oder  man  sagt  vielleicht:  Da  jeder  Mensch  ein  Recht  auf  den
Gebrauch  und  Genuß  der  Natur  hat,  so  muß  demjenigen,  welcher
Land  gebraucht,  das  ausschließliche  Recht  darauf  zugestanden  werden,
damit  er  den  vollen  Nutzen  aus  seiner  Arbeit  erlangen  kann.  Es  ist
jedoch  nicht  schwierig,  zu  bestimmen,  wo  das  individuelle  Recht  aufhört
und  das  allgemeine  ansängt.  Eine  seine  und  genaue  Probe  wird  durch
den  wert  geboten,  und  wie  dicht  auch  die  Bevölkerung  werde,  mit
seiner  Pilse  ist  es  nicht  schwer,  das  genaue  Recht  eines  jeden  und  die
gleichen  Rechte  aller  zu  bestimmen  und  zu  sichern.  Der  preis  des  Grund
und  Bodens  ist,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Preis  des  Monopols.  Nicht
die  absoluten,  sondern  die  relativen  Fähigkeiten  des  Grund  und  Bodens
bestimmen  dessen  Preis.  Grund  und  Boden,  der  nicht  besser  als  anderer
ist,  den  man  zur  Benutzung  frei  hat,  kann  keinen  preis  haben,  welche
inneren  Eigenschaften  er  auch  besitzen  mag.  Und  der  Preis  des  Grund
und  Bodens  bemißt  stets  den  Unterschied  zwischen  demselben  und  dem
besten,  der  zur  Benutzung  zu  haben  ist.  So  drückt  der  Preis  des  Grund
und  Bodens  in  genauer  und  handgreiflicher  Form  das  Recht  der  Gesellschaft ­
  auf  das  von  einem  einzelnen  in  Besitz  genommene  Land  aus;
und  die  Grundrente  drückt  den  genauen  Betrag  aus,  welchen  der  einzelne
der  Gesellschaft  zahlen  müßte,  um  die  gleichen  Rechte  aller  anderen
Mitglieder  derselben  zu  befriedigen,  wenn  wir  somit  den  ungestörten
Gebrauch  des  Landes  demjenigen  zugestehen,  der  die  Priorität  des
Besitzes  geltend  machen  kann  und  die  Rente  zugunsten  der  Gesellschaft
konfiszieren,  so  versöhnen  wir  die  wegen  der  vorzunehmenden  Verbesserungen ­
  notwendige  Stetigkeit  des  Besitzes  mit  einer  vollen  und
ganzen  Anerkennung  der  gleichen  Rechte  aller  auf  den  Gebrauch  des
Landes.
was  die  Folgerung  eines  vollständigen  und  ausschließlichen  individuellen ­
  Rechtes  auf  Land  aus  der  Priorität  des  Besitzes  anbetrifft,
so  ist  dies,  wenn  möglich,  der  unsinnigste  Grund,  mit  welchem  Grundeigentum ­
  verteidigt  werden  kann.  Die  Priorität  des  Besitzes  sollte  ein
ausschließliches  und  immerwährendes  Anrecht  auf  die  Oberfläche  der
Erde  gewähren,  auf  der,  nach  der  Ordnung  der  Natur,  zahllose  Genera ­
        <pb n="268" />
        Die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes.

255

Kap.  I.

tionen  aufeinander  folgen!  Hatten  die  Menschen  der  letzten  Generation
oder  die  Menschen  vor  hundert  oder  vor  tausend  Jahren  ein  besseres
Recht  auf  den  Gebrauch  dieser  Welt  als  wir  heutigen?  Oder  hatten  es
die  Höhlenbewohner  oder  die  Lrdgräber,  die  Zeitgenossen  des  Mastodons
und  des  dreizehigen  Pferdes,  oder  die  noch  weiter  zurückliegenden
Generationen,  die  in  dunkelen  Zeitaltern,  welche  wir  nur  als  geologische
Perioden  denken  können,  einander  auf  der  Erde  folgten,  welche  jetzt
wir  für  unseren  kurzen  Tag  bewohnen?
Hat  der  Erstkommende  bei  einem  Festmahle  das  Recht,  alle  Stühle
umzuwenden  und  zu  beanspruchen,  daß  keiner  der  anderen  Gäste  eher
am  Mahle  teilnehme,  als  bis  sie  sich  mit  ihm  verständigt  haben?  Erwirbt ­
  der  Mann,  der  zuerst  sein  Billett  am  Theater  abgibt  und  hineingeht, ­
  durch  seine  Priorität  das  Recht,  nun  die  Türen  zu  schließen  und  die
Vorstellung  für  sich  allein  vor  sich  gehen  zu  lassen?  Erlangt  der  erste
Passagier,  der  einen  Eisenbahnwagen  betritt,  das  Recht,  sein  Gepäck
über  alle  Sitze  auszubreiten  und  die  nach  ihm  kommenden  Passagiere
dadurch  zum  Stehen  zu  zwingen?
Die  Fälle  sind  vollkommen  gleich.  Wir  kommen  und  gehen  als
Gäste  bei  einem  stets  gedeckten  Mahle;  als  Zuschauer  und  Teilhaber
an  einer  Unterhaltung,  bei  der  für  alle,  die  kommen,  Platz  ist;  als  Passagiere ­
  von  Station  zu  Station,  auf  einer  Kugel,  die  durch  den  Raum
rast  —  unsere  Rechte,  zu  nehmen  und  zu  besitzen,  können  nicht  ausschließlich ­
  sein;  sie  müssen  allenthalben  durch  die  gleichen  Rechte  anderer  begrenzt ­
  werden.  Gerade  wie  der  Reisende  aus  der  Eisenbahn  sich  und  sein
Gepäck  über  so  viele  Sitze  ausbreiten  kann,  wie  er  will,  bis  andere  Reisende
kommen,  so  kann  ein  Ansiedler  so  viel  Land,  wie  er  will,  nehmen  und
brauchen,  bis  es  von  anderen  benötigt  wird  —ein  Umstand,  der  dadurch
angedeutet  wird,  daß  das  Land  einen  Preis  erhält.  Dann  muß  sein
Recht  durch  das  gleiche  Recht  anderer  gekürzt  werden,  und  keine  Priorität
der  Aneignung  kann  ein  Recht  geben,  welches  diesen  gleichen  Rechten
anderer  einen  Riegel  vorschiebt.  Wäre  dies  nicht  der  Fall,  so  könnte
jemand  durch  frühere  Aneignung  das  ausschließliche  Recht  nicht  bloß
auf  ssoMorgen  oder  aus  640  Morgen,  sondern  auf  ein  ganzes  Weichbild,
einen  ganzen  Staat,  einen  ganzen  Kontinent  erwerben  und  beliebig
abtreten.
Die  Anerkennung  des  individuellen  Rechtes  auf  Grund  und  Boden
kommt,  in  ihrer  äußersten  Konsequenz,  zu  der  offenbaren  Absurdität,,
daß  irgend  jemand,  der  die  individuellen  Rechte  aus  den  Grund  und  Boden
eines  Landes  in  sich  zu  vereinigen  vermöchte,  alle  übrigen  Einwohner
daraus  vertreiben  könne;  und  wenn  er  die  individuellen  Rechte  auf
die  ganze  Erdoberfläche  in  sich  zu  vereinigen  vermöchte,  so  würde  er
allein  von  all  den  Bewohnern  der  Erde  das  Recht  zu  leben  haben.
Was  aber  bei  dieser  Annahme  eintreten  würde,  das  vollzieht  sich
m  kleinerem  Maßstabe  tatsächlich.  Die  Grundherren  Großbritanniens,
denen  Landverleihungen  „die  weißen  Sonnenschirme  und  die  vor  Stolz.
        <pb n="269" />
        Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

256

wahnsinnigen  Elefanten"  verliehen  haben,  vertrieben  wiederholt  die
eingeborene  Bevölkerung,  deren  Voreltern  seit  undenklichen  Zeiten
auf  der  Scholle  gelebt  hatten,  aus  großen  Distrikten,  trieben  sie  zur
Auswanderung,  in  die  Reihen  des  Proletariats  oder  in  den  Hungertod
Und  auf  unbebauten  Landstrecken  in  dem  neuen  Staat  Kalifornien
kann  man  die  geschwärzten  Feuerstätten  früherer  Wohnungen  sehen,
aus  denen  Ansiedler  durch  die  Macht  von  Gesetzen  vertrieben  wurden,
welche  das  natürliche  Recht  ignorieren;  und  große  Strecken  Landes,
die  bevölkert  sein  könnten,  liegen  öde,  weil  die  Anerkennung  des  ausschließlichen ­
  Besitzes  einem  menschlichen  Geschöpfe  die  Macht  verliehen
hat,  feinen  Mitmenschen  die  Benutzung  des  Landes  zu  versagen.  Die
Handvoll  Eigentümer,  denen  die  Oberfläche  der  britischen  Inseln  gehört, ­
  würden  nur  tun,  was  das  englische  Gesetz  ihnen  volle  Macht  gibt
zu  tun,  und  was  viele  von  ihnen  schon  in  kleinerem  Maßstabe  getan
haben,  wenn  sie  die  Millionen  des  britischen  Volkes  aus  ihren  heimatlichen ­
  Inseln  ausschlössen.  Und  eine  solche  Ausschließung,  durch  welche
wenige  hunderttausende  nach  Belieben  30  Millionen  Menschen  aus
ihrem  vaterlande  verbannen  könnten,  würde  zwar  mehr  in  die  Augen
fallen,  aber  dem  natürlichen  Rechte  nicht  einen  Deut  widersprechender ­
  sein,  als  das  jetzt  gebotene  Schauspiel,  daß  die  große  Masse  des
britischen  Volkes  gezwungen  ist,  einigen  wenigen  aus  seiner  Mitte
solche  enormen  Summen  für  die  Erlaubnis  zu  zahlen,  auf  dem  Lande
zu  leben  und  das  Land  zu  benutzen,  welches  es  so  stolz  sein  eigen  nennt,
welches  ihm  durch  so  liebe  und  so  glorreiche  Erinnerungen  ans  herz
gewachsen  ist  und  für  das  es  erforderlichenfalls  fein  Blut  verspritzen
und  sein  Leben  opfern  muß.
Ich  erwähne  nur  die  britischen  Inseln,  weil  der  Grundbesitz  dort
konzentrierter  ist  und  dieselben  daher  ein  schlagenderes  Beispiel  dessen
bieten,  was  der  Privatbesitz  an  Grund  und  Boden  notwendig  involviert,
„wem  der  Boden  gehört,  dem  gehören  auch  die  Früchte  desselben",
das  ist  eine  Wahrheit,  die  desto  mehr  in  die  Augen  springt,  je  dichter
die  Bevölkerung  wird  und  je  mehr  die  Erfindungen  und  Verbesserungen
die  Produktionskraft  erhöhen;  aber  es  ist  auch  überall  sonst  eine  Wahrheit ­
  —  ebenso  sehr  in  unseren  neuen  Staaten  als  auf  den  britischen
Inseln  oder  an  den  Ufern  des  Ganges.

Kapitel  II.
Die  Sklaverei  der  Arbeiter  das  schließliche  Resultat  des  Privat"
grundbesihss.
Wenn  die  Sklaverei  ungerecht  ist,  dann  ist  auch  der  privatbesitz
an  Grund  und  Boden  ungerecht.
        <pb n="270" />
        Kap.  II.

Sklaverei  das  Resultat  des  Privatgrundbesitzes.

257

Denn  die  Umstände  mögen  sein  wie  sie  wollen,  der  Besitz  des
Grund  und  Bodens  wird  stets  je  nach  der  (wirklichen  oder  künstlichen)
Notwendigkeit,  das  Land  in  Gebrauch  zu  nehmen,  den  Besitz  von
Menschen  verleihen.  Dies  ist  nur  eine  andere  Fassung  des  Gesetzes
der  Rente.
Und  wenn  jene  Notwendigkeit  eine  absolute  ist,  wenn  nur  zwischen
denk  Hungertod  und  dem  Gebrauch  des  Grund  und  Bodens  die  Wahl
übrig  bleibt,  dann  wird  der  in  dem  Besitz  des  Grund  und  Bodens  inbegrissene
  Besitz  der  Menschen  ein  absoluter.
Man  setze  hundert  Menschen  auf  eine  Insel,  von  der  es  kein  Entrinnen ­
  gibt,  und  es  wird  wenig  Unterschied  machen,  ob  man  einen
dieser  Menschen  zum  absoluten  Besitzer  der  anderen  neunundneunzig
oder  zum  absoluten  Herrn  des  Grund  und  Bodens  der  Insel  macht,
weder  für  ihn,  noch  für  sie.
In  dem  einen,  wie  in  dem  anderen  Falle  wird  der  eine  der  absolute ­
  Herr  der  neunundneunzig  sein  und  seine  Macht  sich  selbst  auf
Leben  und  Tod  erstrecken,  denn  die  bloße  Verweigerung  der  Erlaubnis,
auf  der  Insel  zu  leben,  würde  sie  ins  Meer  hineintreiben.
In  größerem  Maßstabe  und  bei  verwickelteren  Verhältnissen  muß
gleichwohl  dieselbe  Ursache  auf  gleiche  weise  und  nach  demselben  Ziele
hinwirken,  und  das  schließliche  Resultat,  die  Versklavung  der  Arbeiter,
wird  desto  sichtbarer,  je  mehr  der  Druck  zunimmt,  der  sie  zwingt,  auf
und  von  dem  Lande  zu  leben,  welches  als  das  ausschließliche  Eigentum
anderer  behandelt  wird.  Nehmen  wir  ein  Land,  in  welchem  der  Grund
und  Boden  nicht  in  den  Händen  eines  einzigen,  sondern  unter  eine
Anzahl  von  Besitzern  verteilt  ist,  und  in  welchem,  wie  es  bei  der  modernen
Produktion  üblich,  Kapitalist  und  Arbeiter  verschiedene  Personen,
und  Gewerbe  und  Handel  in  all  ihren  vielen  Zweigen  vom  Ackerbau
getrennt  sind.  Obgleich  weniger  direkt  und  weniger  auffällig,  werden
die  Verhältnisse  zwischen  den  Grundbesitzern  und  den  Arbeitern  mit  der
Bevölkerungszunahme  und  den  Fortschritten  der  Gewerbe  auf  der
einen  Seite  dieselbe  absolute  Herrschaft  und  auf  der  anderen  Seite
dieselbe  niedrige  Hilflosigkeit  bewirken,  wie  in  dem  von  uns  angenommenen ­
  Falle  der  Insel.  Die  Grundrente  wird  steigen,  während
die  Löhne  fallen,  von  dem  Gesamtprodukt  wird  der  Grundbesitzer
einen  beständig  zunehmenden,  der  Arbeiter  einen  beständig  abnehmenden
Anteil  erhalten.  In  dem  Maße,  wie  ein  Wegzug  nach  billigerem  Grund
und  Boden  schwierig  oder  unmöglich  wird,  werden  die  Arbeiter,  gleichviel ­
  was  sie  produzieren,  auf  das  bloße  Leben  beschränkt  werden,  und
die  freie  Konkurrenz  unter  ihnen  wird  sie  bei  monopolisiertem  Grund«
besitz  in  eine  Lage  hineinzwängen,  welche  virtuell  Sklaverei  ist,  wenn
man  sie  auch  mit  den  Titeln  und  Insignien  der  Freiheit  hänselt.
Es  ist  nichts  Erstaunliches  in  der  Tatsache,  daß  trotz  der  enormen
Vermehrung  der  Produktionskraft,  welche  dies  Jahrhundert  gesehen
hat  und  die  noch  fortschreitet,  die  Arbeitslöhne  in  den  unteren  und
George,  Fortschritt  und  Armut.  ,7
        <pb n="271" />
        258

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII«

breiteren  Schichten  des  Gewerbfleißes  überall  den  Löhnen  der  Sklaverei ­
  zustreben  •—-  gerade  hoch  genug,  urn  den  Arbeiter  in  einem  Zustande ­
  zu  erhalten,  der  ihn  zur  Arbeit  befähigt.  Denn  der  Besitz  des
Landes,  auf  und  von  welchem  ein  Mensch  leben  muß,  ist  so  gut  wie  der
Besitz  des  Menschen  selbst,  und  wenn  wir  das  Recht  einiger  Individuen
auf  den  ausschließlichen  Besitz  und  Genuß  der  Erde  anerkennen,  verurteilen ­
  wir  andere  Individuen  zu  einer  so  vollständigen  Sklaverei,
als  hätten  wir  sie  tatsächlich  zu  Sklavenware  gemacht.
In  einer  einfacheren  Gesellschaftsform,  wo  die  Produktion  hauptsächlich ­
  in  der  direkten  Anwendung  von  Arbeit  aus  den  Grund  und  Boden
besteht,  tritt  die  Sklaverei,  welche  aus  dem  an  einige  verliehenen  ausschließlichen ­
  Besitzrecht  auf  den  Boden,  von  dem  alle  leben  sollen,
naturgemäß  hervorgeht,  als  bfelotismus,  Leibeigenschaft,  Hörigkeit
klar  zutage.
Der  Sklavenbesitz  hatte  seinen  Ursprung  in  der  Fortführung  von
Kriegsgefangenen,  und  obgleich  derselbe  bis  zu  einem  gewissen  Grade
in  allen  Teilen  der  Erde  bestanden  hat,  so  war  sein  Areal  doch  nur
klein  und  seine  Wirkungen  nur  verschwindend  im  vergleich  mit  den
Formen  der  Sklaverei,  die  aus  der  Aneignung  des  Grund  und  Bodens
entstanden  sind.  Kein  Volk  als  Ganzes  war  jemals  Menschen  seiner
eigenen  Rasse  als  Sklavenbesitz  unterworfen,  noch  ist  je  ein  Volk  in
großem  Maßstabe  durch  Eroberung  zu  einer  Sklaverei  dieser  Art  erniedrigt ­
  worden.  Die  allgemeine  Unterwerfung  der  vielen  unter  die
wenigen,  die  wir  überall  antreffen,  wo  die  Gesellschaft  eine  gewisse
Entwicklung  erreicht  hat,  ist  aus  der  Aneignung  des  Bodens  als  individuellen ­
  Eigentums  entstanden.  Der  Besitz  des  Bodens  ist  es,  der
allenthalben  den  Besitz  der  darauf  lebenden  Menschen  verleiht.  Es  ist
eine  Sklaverei  dieser  Art,  von  welcher  die  der  Zeit  trotzenden  Pyramiden
und  kolossalen  Monumente  Agyptiens  noch  Zeugnis  ablegen,  und  von
deren  Einsetzung  wir  vielleicht  eine  unbestimmte  Überlieferung  haben
in  der  biblischen  Geschichte  von  der  Hungersnot,  während  welcher  Pharao
die  Ländereien  des  Volkes  aufkaufte.  Ls  war  Sklaverei  dieser  Art,
welcher  im  Zwielicht  der  Geschichte  die  Eroberer  Griechenlands  die
Ureinwohner  der  Halbinsel  unterwarfen,  indem  sie  sie  dadurch  zu  Heloten
machten,  da  sie  für  ihren  Boden  Rente  zu  zahlen  hatten.  Es  war  die
Zunahme  der  Latifundien  oder  großen  Güterkomplexe,  was  die  Bevölkerung ­
  des  alten  Italiens  aus  einem  Geschlecht  kräftiger  Landleute,
deren  rauhe  Tugenden  die  Welt  erobert  hatten,  in  ein  Geschlecht  kriechender ­
  Leibeigner  verwandelte;  es  war  die  Aneignung  des  Landes  als
absolutes  Eigentum  seitens  ihrer  Häuptlinge,  welche  nach  und  nach
die  Abkommen  der  freien  und  gleichen  gallischen,  teutonischen  und
hunnischen  Krieger  zu  Kolonen  und  Hörigen  machte  und  die  unabhängigen ­
  Freien  der  slawischen  Dorfgemeinden  in  russische  Leibeigene
und  polnische  Knechte  verwandelte,  welche  den  Feudalismus  EhinaS
und  Japans  sowohl  als  Europas  einsetzte  und  die  Häuptlinge  Poltz-
        <pb n="272" />
        Kap.  II.

Sklaverei  das  Resultat  des  Privatgrundbesitzes.

259

17*

nesiens  zu  unumschränkten  Herren  ihrer  Nebenmenschen  machte,  wie
es  kam,  daß  die  ariauischen  Hirten  und  Krieger,  welche,  wie  die  vergleichende ­
  Philosophie  uns  erzählt,  aus  der  gemeinschaftlichen  Geburtsstätte ­
  der  indogermanischen  Rasse  in  den  Tieflanden  Indiens  abstammten,
sich  in  die  flehenden  und  kriechenden  Hindus  verwandeln  konnten,
davon  gibt  uns  der  von  mir  angeführte  Sanskritvers  eine  Andeutung.
Die  weißen  Sonnenschirme  und  die  vor  Stolz  wahnsinnigen  Elefanten
sind  die  Blumen  der  Landverleihungen.  Und  könnten  wir  den  Schlüssel
zu  den  Inschriften  der  längst  begrabenen  Zivilisationen  finden,  die  in
den  riesenhaften  Ruinen  Hukatans  und  Guatemalas  eingesargt  sind,
nicht  minder  sprechend  für  den  Stolz  der  herrschenden  Klasse  als  für  die
rastlose  Ukühsal,  zu  der  die  Massen  verdammt  waren,  so  würden  wir,
aller  menschlichen  Voraussicht  nach,  von  einer  Sklaverei  hören,  die  der
großen  Menge  des  Volkes  durch  die  Aneignung  des  Landes  als  Besitztum ­
  einiger  wenigen  auferlegt  wurde,  von  einem  weiteren  Beispiel
der  allgemeingültigen  Wahrheit,  daß  diejenigen,  welche  das  Land
besitzen,  die  Herren  der  darauf  wohnenden  Menschen  sind.
Das  notwendige  Verhältnis  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Grund
und  Boden,  die  absolute  Macht,  welche  der  Besitz  des  Grund  und  Bodens
über  die  Menschen  gibt,  die  nicht  leben  können  ohne  denselben  zu  benutzen,
erklärt,  was  sonst  unerklärlich  ist  —  die  Zunahme  und  Fortdauer  von
Einrichtungen,  Sitten  und  Ansichten,  die  dem  natürlichen  Sinne  von
Freiheit  und  Gleichheit  so  gänzlich  widerstreiten.
Sobald  die  Vorstellung  persönlichen  Eigentums,  welche  Dingen
menschlicher  Produktion  so  gerechter-  und  natürlicherweise  beiwohnt,
auf  Grundbesitz  ausgedehnt  wird,  so  ist  alles  übrige  bloße  Sache  der
Entwicklung.  Die  Stärksten  und  verschmitztesten  erwerben  leicht
einen  größeren  Anteil  an  dieser  Art  Eigentum,  welches  nicht  durch
Produktion,  sondern  durch  Aneignung  zu  haben  ist,  und  indem  sie
Herren  des  Landes  werden,  werden  sie  notwendig  auch  Herren  ihrer
Mitmenschen.  Der  Grundbesitz  ist  die  Grundlage  der  Aristokratie.
Es  war  nicht  Adel,  der  Land  verlieh,  sondern  der  Besitz  von  Land,
der  den  Adel  verlieh.  Alle  die  enormen  Vorrechte  des  Adels  im  mittelalterlichen ­
  Europa  waren  der  Ausfluß  seiner  Stellung  als  Eigentümer
des  Grund  und  Bodens.  Das  einfache  Prinzip  des  Grundbesitzes  erzeugte ­
  auf  der  einen  Seite  den  Herrn,  auf  der  anderen  den  Vasallen,
deren  einer  alle,  der  andere  keine  Rechte  hatte,  war  das  Recht  des
Herren  auf  den  Grund  und  Boden  einmal  anerkannt  und  behauptet,
so  konnten  die,  welche  auf  demselben  lebten,  es  nur  zu  seinen  Bedingungen
Mn.  Die  Sitten  und  Verhältnisse  jener  Zeiten  schlossen  in  solche  Bedingungen ­
  sowohl  Dienste  uad  Lasten,  als  auch  Grundrenten  in  natura
oder  in  Geld  ein,  aber  das  wesentlich  Zwingende  lag  in  dem  Besitz
des  Landes.  Diese  Macht  besteht  überall,  wo  das  Grundeigentum
besteht  und  kann  überall  zur  Geltung  gebracht  werden,  wo  die  Konkurrenz ­
  um  den  Gebrauch  des  Grund  und  Bodens  groß  genug  ist,  um
        <pb n="273" />
        260  Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.  Buch  VII.

den  Grundherrn  zu  befähigen,  feine  eigenen  Bedingungen  zu  stellen.
Der  englische  Grundbesitzer  von  heute  hat  in  dem,  sein  ausschließliches
Recht  auf  das  Land  anerkennenden  Gesetze  im  wesentlichen  alle  die
Macht,  welche  sein  Vorgänger,  der  feudale  Baron,  hatte.  Er  könnte
die  Grundrente  in  Diensten  oder  Lasten  auflegen.  Er  könnte  seine
Pächter  zwingen,  sich  auf  besondere  Weise  zu  kleiden,  eine  besondere
Religion  anzunehmen,  ihre  Rinder  nach  einer  besonderen  Schule  zu
senden,  ihre  Streitigkeiten  seiner  Entscheidung  zu  unterbreiten,  auf
die  Rnie  fallen,  wenn  er  zu  ihnen  spricht,  ihm  allenthalben  in  seine
Livree  gekleidet  zu  folgen  oder  ihm  weibliche  Ehre  zum  Opfer  zu  bringen,
falls  sie  alles  dies  lieber  täten  als  von  Haus  und  Hof  getrieben  zu  werden.
Rurz,  er  könnte  alle  Bedingungen  stellen,  zu  welchen  noch  Leute  auf
seinen  Ländereien  leben  möchten,  und  das  Gesetz  könnte  ihn  daran  nicht
hindern,  solange  es  seinen  Besitz  nicht  beschränkte,  denn  die  Übereinkunft ­
  würde  die  Form  eines  freien  Vertrages  oder  einer  freiwilligen
Handlung  annehmen.  Und  die  englischen  Gutsherren  üben  diese  Macht
tatsächlich  aus,  soweit  es  ihnen  die  Sitten  der  Zeit  erwünscht  machen.
Da  sie  die  Verpflichtung,  für  die  Landesverteidigung  zu  sorgen,  abgeschüttelt ­
  haben,  so  bedürfen  sie  nicht  länger  der  wehrhaften  Dienste
ihrer  Pächter,  und  seit  der  Besitz  von  Reichtum  und  Macht  in  anderer
weise  als  durch  lange  Züge  von  Gefolge  zur  Schau  getragen  wird,
legen  sie  keinen  Wert  mehr  auf  persönliche  Dienste.  Aber  sie  verfügen ­
  gewöhnlich  über  die  Stimmen  ihrer  Pächter  und  diktieren  ihnen
ihren  Willen  auf  mancherlei  weise.  Jener  „hochwürdige  Vater  in  Gott",
Bischof  Lord  plunkett  trieb  eine  Anzahl  seiner  armen  irländischen
Pächter  aus,  weil  sie  ihre  Rinder  nicht  zu  den  protestantischen  Sonntagsschulen ­
  senden  wollten,  und  jenem  Grafen  von  Leitrim,  dem  die  Nemesis
schließlich  die  Rugel  eines  Mörders  sandte,  werden  sogar  dunklere  Verbrechen ­
  zur  Last  gelegt,  während  auf  den  kalten  Antrieb  der  Habgier
Hütten  über  Hütten  niedergerissen  und  Familien  über  Familien  auf
die  Straßen  getrieben  wurden.  Das  Prinzip,  welches  dies  gestattet,
ist  dasselbe  Prinzip,  welches  in  rauheren  Zeiten  und  in  einem  einfacheren ­
  sozialen  Zustande  die  großen  Massen  des  gewöhnlichen  Volkes
unterjochte  und  einen  so  weiten  Abgrund  zwischen  dem  Adligen  und
den  Bauern  schuf,  wo  der  Bauer  zum  Leibeigenen  gemacht  wurde,
geschah  dies  einfach  durch  das  verbot,  das  Gut  zu  verlassen,  auf  dem
er  geboren  wurde,  und  man  erzeugte  so  künstlich  den  Zustand,  den
wir  auf  der  Insel  vorausgesetzt  haben.  In  spärlich  bebauten  Ländern
ist  dies  notwendig,  um  absolute  Sklaverei  hervorzubringen,  aber  wo
der  Grund  und  Boden  vollständig  okkupiert  ist,  kann  man  dieselben
Verhältnisse  durch  die  Ronkurrenz  Hervorrufen.  Zwischen  der  Lage
des  von  seiner  Pacht  erdrückten  irländischen  Bauern  und  der  des  russischen
Leibeigenen  war  der  Vorteil  in  vielen  Dingen  auf  seiten  des  letzteren.
Der  Leibeigene  verhungerte  nicht.
Dieselbe  Ursache  nun,  welche  zu  allen  Zeiten  die  arbeitenden
        <pb n="274" />
        Kap.  II.  Sklaverei  das  Resultat  des  Privatgrundbesitzes.  26  {

Massen  erniedrigt  und  unterjocht  hat,  ist  es,  wie  ich  bündig  bewiesen
zu  haben  glaube,  die  auch  noch  heutigentags  in  der  zivilisierten  Welt
wirkt.  Die  persönliche  Freiheit,  d.  h.  die  Freiheit  der  Bewegung,  ist
allenthalben  zugestanden,  während  von  politischen  und  gesetzlichen
Ungleichheiten  in  den  Vereinigten  Staaten  keine,  und  in  den  in  der
Zivilisation  am  weitesten  zurückgebliebenen  Ländern  nur  noch  wenige
Spuren  vorhanden  sind.  Aber  die  Lsauptursache  der  Ungleichheit  bleibt
übrig  und  gibt  sich  in  der  ungleichen  Güterverteilung  kund.  Das  Wesen
der  Sklaverei  ist,  daß  sie  dem  Arbeiter  alles  nimmt,  was  er  hervorbringt
außer  soviel  als  er  zu  einem  tierischen  Dasein  bedarf,  und  zu  diesem
Minimum  streben  unter  den  bestehenden  Verhältnissen  auch  die  Löhne
der  freien  Arbeit  unverkennbar  hin.  wie  sehr  auch  die  Produktionskraft
zunehme,  die  Grundrente  strebt  beständig  daraus  hin,  den  Gewinn  und
mehr  als  den  Gewinn  zu  verschlingen.
So  ist  die  Lage  der  Massen  in  allen  zivilisierten  Ländern  die  virtuelle
Sklaverei  unter  den  Formen  der  Freiheit,  oder  dies  muß  wenigstens
die  Lage  werden.  Und  es  ist  leicht  möglich,  daß  von  allen  Arten  der
Sklaverei  dies  die  grausamste  und  unbarmherzigste  ist.  Denn  der  Arbeiter ­
  wird  des  Erzeugnisses  seiner  Arbeit  beraubt  und  gezwungen,
für  seine  bloße  Erhaltung  sich  abzumühen;  seine  Arbeitsvögte  aber
nehmen  anstatt  der  menschlichen  Form  die  Form  gebieterischer  Notwendigkeiten ­
  an.  Diejenigen,  denen  er  seine  Arbeit  leistet  und  von
denen  er  seinen  Lohn  empfängt,  werden  oft  ihrerseits  getrieben;  die
Berührung  zwischen  den  Arbeitern  und  den  letzten  Nutznießern  ihrer
Arbeit  wird  zerrissen  und  die  Individualität  geht  verloren.  Die  direkte
Verantwortlichkeit  des  Herrn  gegen  den  Sklaven,  eine  Verantwortlichkeit, ­
  welche  auf  die  große  Mehrheit  der  Menschen  einen  besänftigenden
Einfluß  ausübt,  entsteht  nicht;  nicht  ein  Mensch  den  andern,  sondern
«die  unvermeidlichen  Gesetze  von  Angebot  und  Nachfrage",  für  die  niemand ­
  im  besonderen  verantwortlich  ist,  scheinen  die  Massen  zu  rastloser
und  unvergoltener  Mühsal  zu  treiben.  Die  Grundsätze  Eatos,  des
Zensors  —  Grundsätze,  welche  selbst  in  einem  Zeitalter  der  Grausamkeit ­
  und  des  allgemeinen  Sklavenbesitzes  mit  Abscheu  betrachtet  wurden,
—  daß  der  Sklave,  nachdem  von  ihm  so  viel  Arbeit  wie  möglich  gewonnen
ist,  vertrieben  werden  müsse,  um  zu  sterben,  werden  die  gewöhnliche
Begel;  und  selbst  das  eigennützige  Interesse,  das  den  Herrn  antreibt,
sich  um  das  Wohlbefinden  des  Sklaven  zu  kümmern,  geht  verloren.
Die  Arbeit  ist  eine  Ware  und  der  Arbeiter  eine  Maschine  geworden.
Es  gibt  nicht  mehr  Herren  und  Sklaven,  keine  Besitzer  und  Hörige,
sondern  nur  noch  Käufer  und  Verkäufer.  Das  Feilschen  des  Marktes
tritt  an  die  Stelle  jedes  anderen  Gefühls.
Wenn  die  Sklavenhalter  des  Südens  auf  die  Lage  der  freien
Arbeiter  in  den  vorgeschrittensten  zivilisierten  Ländern  blickten,  war
es  kein  Wunder,  wenn  sie  sich  leicht  von  der  göttlichen  Einrichtung  der
Sklaverei  überredeten.  Daß  die  Feldarbeiter  des  Südens  als  Klasse
        <pb n="275" />
        262

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.  Buch  VII.

besser  gekleidet,  besser  genährt  und  besser  init  Wohnungen  versorgt
waren,  daß  sie  weniger  Sorgen  und  mehr  Vergnügungen  und  Genüsse
des  Lebens  hatten  als  die  ländlichen  Arbeiter  Englands,  darüber  kann
kein  Zweifel  bestehen,  und  selbst  in  den  Städten  des  Nordens  konnten
auf  Besuch  verweilende  Sklavenhalter  Dinge  sehen  und  hören,  die
unter  dem,  was  sie  ihre  Arbeitsorganisation  zu  nennen  pflegten,  unmöglich ­
  waren.  In  den  Südstaaten  würde  in  den  Zeiten  der  Sklaverei
der  Lserr,  welcher  seine  Neger  gezwungen  hätte,  so  zu  arbeiten  und  zu
leben,  wie  große  Klassen  freier,  weißer  Männer  und  Frauen  in  freien
Ländern  es  müssen,  als  infam  angesehen  worden  sein,  und  wenn  ihn
die  öffentliche  Meinung  nicht  zurückgehalten  hätte,  so  würde  es  sein
eigenes  selbstsüchtiges  Interesse  an  der  Erhaltung  der  Gesundheit  und
Kraft  seines  lebenden  Besitzes  getan  haben.  Aber  in  London,  New  pork
und  Boston,  unter  Leuten,  die  Gut  und  Blut  daran  gesetzt  haben,  und
wieder  daran  setzen  würden,  um  den  Sklaven  frei  zu  machen,  wo  niemand
öffentlich  einem  Tiere  zu  nahe  treten  dürste,  ohne  sich  der  Gefangennehmung
  und  Bestrafung  auszusetzen,  kann  man  barfüßige  und  zerlumpte ­
  Kinder  selbst  im  Winter  auf  den  Straßen  umherirren  sehen,
und  in  schmutzigen  Dachkammern  und  ekelhaften  Kellern  arbeiten  sich
Frauen  schwindsüchtig  für  Löhne,  die  nicht  ausreichen,  um  ihnen  wärme
und  Nahrung  zu  verschaffen.  Ist  es  ein  wunder,  daß  den  Sklavenhaltern ­
  des  Südens  das  verlangen  nach  der  Abschaffung  der  Sklaverei
wie  das  Gewinfel  der  peuchelei  vorkam?
Und  jetzt,  wo  die  Sklaverei  abgeschafft  ist,  finden  die  Pflanzer
des  Südens,  daß  sie  keinen  Verlust  erlitten  haben.  Ihr  Besitz  des  Landes,
auf  welchem  die  Freigelassenen  leben  müssen,  gibt  ihnen  praktisch  ebensoviel ­
  Verfügung  über  Arbeit  als  vordem,  während  sie  von  einer  bisweilen ­
  sehr  kostspieligen  Verantwortlichkeit  befreit  find.  Die  Neger
haben  allerdings  die  Wahl  auszuwandern,  und  es  scheint  jetzt  eine
große  Bewegung  dieser  Art  beginnen  zu  wollen;  aber  wenn  die  Bevölkerung ­
  sich  vermehrt  und  der  Grund  und  Boden  teurer  wird,  werden
die  Pflanzer  einen  verhältnismäßig  größeren  Anteil  von  dem  Verdienste
ihrer  Arbeiter  erhalten  als  unter  dem  System  des  Sklavenbesitzes,
und  die  Arbeiter  einen  geringeren  Anteil;  denn  unter  dem  System  der
Sklaverei  bekamen  die  Neger  wenigstens  genug,  um  sie  bei  guter  Gesundheit ­
  zu  erhalten,  während  es  in  Ländern,  wie  England,  große
Klassen  von  Arbeitern  gibt,  die  das  nicht  haben.*)
Die  Einflüsse,  welche  sich  stets  geltend  machen,  wo  ein  persönliches ­
  Verhältnis  zwischen  Herrn  und  Sklaven  besteht,  um  die  Skla*) ­
  Liner  der  Anti-  Sklaverei-Agitatoren  (Oberst  ).  A.  Lollins)  hielt  vor  einer  großen
Versammlung  in  einer  schottischen  Fabrikstadt  eine  Rede  und  schloß,  wie  er  es  in  den
vereinigten  Staaten  gewöhnt  war,  damit,  die  Rationen  anzugeben,  welche  die  Gesetze
einiger  Südstaaten  als  Minimum  des  Unterhalts  für  einen  Sklaven  feststellten.  Lr
entdeckte  sofort,  daß  er  darnit  auf  viele  seiner  Zuhörer  eine  ganz  andere  Wirkung  hervorbrachte
  als  er  sie  beabsichtigte.
        <pb n="276" />
        Aap.  II.

Sklaverei  das  Resultat  des  Privatgrundbesitzes.

263

verei  zu  mildern  und  den  Herrn  zu  hindern,  seine  Macht  über  den
Sklaven  in  ihrer  weitesten  Ausdehnung  auszuüben,  zeigten  sich  auch
in  den  roheren  Formen  der  Leibeigenschaft,  welche  die  früheren  Perioden
der  europäischen  Entwicklung  kennzeichneten,  und  wurden,  unterstützt ­
  durch  die  Religion,  vielleicht  auch  wie  beim  Sklavenbesitz  durch
die  aufgeklärteren,  aber  doch  immer  selbstsüchtigen  Interessen  des  Grundherrn,
  zu  festen  Gebräuchen  und  steckten  den  Erpressungen,  die  der
Herr  gegen  die  Bauern  oder  Leibeigenen  übte,  eine  feste  Grenze,  so
daß  die  Konkurrenz  von  mittellosen  Menschen  um  Zutritt  zu  den  Unterhaltsmitteln ­
  nirgends  ausarten  und  ihre  volle  Machst  der  Beraubung
und  Entwürdigung  ausüben  durfte.  Die  Heloten  Griechenlands,  die
Halbpächter  Italiens,  die  Leibeigenen  Rußlands  und  Polens,  die  Bauern
des  feudalen  Europa  lieferten  ihren  Grundherren  einen  festen  Anteil
ihrer  Produkte  oder  ihrer  Arbeit  und  wurden  im  allgemeinen  nicht
über  jenen  Punkt  ausgequetscht.  Aber  die  Einflüsse,  die  sich  geltend
machten,  um  die  Macht  des  Grundbesitzes  zur  Erpressung  zu  mildern,
und  die  man  auf  englischen  Gütern  noch  immer  beobachten  kann,  wo
der  Gutsherr  und  seine  Familie  es  für  ihre  Pflicht  halten,  den  Kranken
und  Altersschwachen  Arzneien  und  stärkende  Lebensmittel  zu  senden
und  für  das  Wohlbefinden  ihrer  Gutsinsassen  zu  sorgen,  gerade  wie  der
Pflanzer  des  Südens  es  gewohnt  war,  für  seine  Neger  zu  sorgen  —
diese  Einflüsse  gehen  verloren  in  der  verfeinerten  und  weniger  sichtbaren
Form,  welche  die  Leibeigenschaft  in  den  verwickelteren  Prozessen  der
urodernen  Produktion  annimmt,  die  denjenigen,  dessen  Arbeit  angeeignet ­
  wird,  von  dem,  der  sie  aneignet,  soweit  und  durch  so  viele,
kaum  zu  verfolgende  Abstufungen  trennt  und  die  Beziehungen  zwischen
den  Angehörigen  der  beiden  Klassen  nicht  direkt  und  persönlich,  sondern
indirekt  und  allgemein  gestaltet.  In  der  modernen  Gesellschaft  hat  die
Konkurrenz  freies  Spiel,  um  aus  dem  Arbeiter  das  Äußerste  zu  erpressen, ­
  was  er  geben  kann,  und  mit  welcher  fürcherlichen  Gewalt  sie
verfährt,  kann  man  aus  der  Lage  der  niedrigsten  Klasse  in  den  Mittelpunkten ­
  des  Reichtums  und  der  Industrie  ersehen.  Daß  die  Lage  dieser
niedrigsten  Klasse  nicht  schon  allgemeiner  so  ist,  muß  der  großen  Ausdehnung ­
  fruchtbaren  Landes  zugeschrieben  werden,  das  bisher  in  Amerika
vffenstand  und  das  nicht  bloß  ein  Ventil  für  die  zunehmende  Bevölkerung ­
  der  älteren  Teile  der  Union  war,  sondern  auch  den  Druck  in  Europa
bedeutend  erleichterte  —in  einem  Lande,  Irland,  war  die  Auswanderung
so  groß,  um  faktisch  die  volkszahl  zu  reduzieren.  Dieser  Ausweg  kann
aber  nicht  ewig  dauern.  Derselbe  schließt  sich  bereits  ziemlich  schnell,
und  wenn  er  geschlossen  ist,  muß  der  Druck  immer  schärfer  werden.
Nicht  ohne  Grund  erklärt  die  weise  Krähe  der  Ramayana,  die
Krähe  Bushanda,  „die  in  jedem  Teile  des  Weltalls  gelebt  hat  und  alle
Ereignisse  seit  Anfang  der  Zeiten  kennt",  daß  die  Verachtung  weltlicher
Vorteile  zwar  zur  höchsten  Glückseligkeit  notwendig  ist  die  denkbar
schärfste  Pein  aber  durch  große  Armut  auferlegt  wird.  Die  Armut,
        <pb n="277" />
        264

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII«

zu  der  in  der  fortgeschrittenen  Zivilisation  große  Massen  von  Menschen
verdammt  sind,  ist  nicht  jene  Freiheit  von  Zerstreuung  und  Versuchung,
welche  die  Weisen  gesucht  und  die  Philosophen  gerühmt  haben,  sie  ist
eine  entwürdigende  und  vertierende  Sklaverei,  welche  die  höhere  Natur
einklammert,  die  feineren  Gefühle  abstumpft  und  durch  ihre  Pein  die
Menschen  zu  Handlungen  treibt,  gegen  welche  die  Tiere  sich  sträuben
würden.  Zn  diese  hilf-  und  hoffnungslose  Armut,  welche  die  Mannheit
erdrückt  und  die  Weiblichkeit  erstickt,  ja,  die  selbst  der  Kindheit  ihre  Unschuld ­
  und  Freuden  raubt,  in  diese  Armut  werden  die  arbeitenden
Klassen  durch  eine  Macht  getrieben,  welche  gleich  einer  widerstandsund
  mitleidslosen  Maschine  aus  sie  einwirkt.  Der  Bostoner  ksalsbandfabrikant,
  der  seinen  Arbeiterinnen  zwei  Cents  die  Stunde  zahlt,  mag
ihre  Lage  bedauern,  aber  er,  wie  sie,  wird  durch  das  Konkurrenzgesetz
beherrscht  und  kann  nicht  mehr  zahlen,  wenn  er  sein  Geschäft  fortführen
will,  denn  der  Pandel  wird  nicht  durch  Gefühle  beherrscht.  Und  so  ist
es,  durch  alle  Mittelstufen  bis  zu  denen  hinaus,  die  den  Verdienst  der
Arbeit  ohne  Gegenleistung  in  der  Grundrente  erhalten,  das  unerbittliche
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage  —  eine  Macht,  mit  der  der
einzelne  ebensowenig  streiten  und  zürnen  kann,  wie  mit  den  winden
und  der  Flut  —,  welches  die  niederen  Klassen  in  die  Sklaverei  der  Armut
hinabzudrücken  scheint.
Zn  Wirklichkeit  aber  ist  die  Ursache  die,  welche  immer  zur  Sklaverei ­
  geführt  hat  und  immer  dahin  führen  muß,  die  Monopolisierung
dessen,  was  die  Natur  für  alle  bestimmt  hat,  zugunsten  einzelner.
Unsere  gepriesene  Freiheit  involviert  die  Sklaverei  notwendig,
solange  wir  den  Privatbesitz  an  Grund  und  Boden  anerkennen.  Bis
dieser  abgeschafft  ist,  sind  Unabhängigkeitserklärungen  und  Emanzipationsakte
  vergebens.  Solange  ein  Mensch  den  ausschließlichen
Besitz  des  Grund  und  Bodens  beanspruchen  kann,  von  welchem  andere
Menschen  leben  müssen,  wird  Sklaverei  bestehen  und  in  dem  Maße,
wie  der  materielle  Fortschritt  zunimmt,  wachsen  und  sich  vertiefen  d
Dies  ist  es  —  und  in  früheren  Kapiteln  dieses  Buches  haben  wir
den  Prozeß  Schritt  für  Schritt  verfolgt  —,  was  in  der  zivilisierten
Welt  jetzt  vor  sich  geht.  Der  Privatgrundbesitz  ist  der  untere  Mühlstein,
der  materielle  Fortschritt  der  obere.  Zwischen  beiden  werden  die  arbeitenden ­
  Klassen  mit  zunehmendem  Drucke  mahlen.

Kapitel  III.
Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung.
Die  Wahrheit  ist,  und  vor  dieser  Wahrheit  gibt  es  kein  Entrinnen,
daß  kein  gerechter  Anspruch  auf  ausschließlichen  Grundbesitz  besteht
        <pb n="278" />
        Kap.  III.

Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung.

265

noch  bestehen  kann,  und  daß  das  Privateigentum  am  Grund  und  Boden
ein  ganz  ähnliches  Unrecht  ist  wie  der  Sklavenbesitz.
Die  meisten  Menschen  in  zivilisierten  Ländern  sehen  dies  nicht
ein,  einfach  weil  die  meisten  Menschen  nicht  denken.  Für  sie  ist  alles,
was  da  ist,  auch  Recht,  bis  sein  Unrecht  oft  genug  nachgewiesen  worden
ist;  aber  im  allgemeinen  sind  sie  bereit,  den  zu  kreuzigen,  der  dies  zuerst
unternimmt.
Allein  niemand  kann  die  Nationalökonomie  selbst  nach  den  heutigen
Lehrbüchern  studieren  oder  überhaupt  über  die  Produktion  und  Verteilung ­
  der  Güter  nachdenken,  ohne  einzusehen,  daß  der  Grundbesitz
wesentlich  von  dem  Besitz  von  Dingen  menschlicher  Produktion  abweicht,
und  daß  ersterer  in  der  abstrakten  Gerechtigkeit  keinerlei  Anhalt  hat.
Dies  wird  entweder  ausdrücklich  oder  stillschweigend  in  allen  herkömmlichen ­
  nationalökonomischen  Werken  zugegeben,  jedoch  in  der
Regel  nur  durch  unbestimmte  Zugeständnisse  oder  durch  Darüberhingehen.
  Die  Aufmerksamkeit  wird  meistens  von  der  Wahrheit  abgelenkt,
wie  etwa  ein  Moralprediger  vor  einer  Gemeinde  von  Sklavenhaltern
die  Aufmerksamkeit  von  einer  allzu  genauen  Betrachtung  der  natürlichen ­
  Menschenrechte  ablenken  würde,  und  der  privatbesitz  am  Grund
und  Boden  wird  ohne  Kommentar  als  eine  bestehende  Tatsache  hingenommen ­
  oder  als  notwendig  für  die  gehörige  Benutzung  des  Landen
und  für  das  Bestehen  des  zivilisierten  Staates  vorausgesetzt.
Die  Untersuchung,  die  wir  angestellt  haben,  hat  erschöpfend  bewiesen, ­
  daß  der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden  nicht  aus  Gründen
der  Nützlichkeit  gerechtfertigt  werden  kann,  sondern  im  Gegenteil  die
ksauptursache  ist,  auf  welche  die  Armut,  das  Elend  und  die  Erniedrigung^
die  soziale  Krankheit  und  die  politische  Schwäche,  welche  sich  so  drohend
angesichts  der  vorschreitenden  Zivilisation  zeigen,  zurückgeführt  werden
müssen.  Die  Ratsamkeit  verbindet  sich  daher  mit  der  Gerechtigkeit,  um
die  Abschaffung  zu  verlangen.
Wenn  so  die  Ratsamkeit  sich  mit  der  Gerechtigkeit  zu  der  Forderung ­
  vereinigt,  daß  eine  Einrichtung  beseitigt  werde,  die  keine  breitere
Basis,  keine  stärkere  Begründung  hat  als  eine  bloße  städtische  Verfügung,,
welcher  Grund  kann  da  vorliegen,  diese  Forderung  nicht  auch  geltend
zu  machen?
Die  Erwägung,  welche  selbst  diejenigen  daran  zu  hindern  scheint,
die  klar  einsehen,  daß  der  Grund  und  Boden  von  Rechts  wegen  Gemeingut ­
  sein  muß,  ist  der  Gedanke,  daß  wir,  nachdem  man  den  Boden
so  lange  als  privatbesitz  hat  behandeln  lassen,  durch  die  Abschaffung
denen  Unrecht  zufügen  würden,  die  ihre  Berechnungen  auf  die  Erhaltung ­
  dieses  Rechtszustandes  machten;  daß  man,  nachdem  gestattet
worden,  Grund  und  Boden  als  rechtmäßiges  Eigentum  zu  besitzen,
durch  die  wiederansichnahme  der  gemeinschaftlichen  Rechte  denen  ein
Unrecht  zufügen  würde,  welche  dasselbe  mit  etwas  gekauft  haben,
was  unzweifelhaft  ihr  rechtmäßiges  Eigentum  war.  Man  behauptet
        <pb n="279" />
        266

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels,

Buch  VII

daher,  daß,  wenn  wir  das  Privateigentum  ain  Grund  und  Boden  abschaffen, ­
  die  Gerechtigkeit  erfordere,  den  jetzigen  Besitzern  vollen  Ersatz
zu  leisten,  ähnlich  wie  die  britische  Regierung,  als  sie  den  Kauf  und
verkauf  der  militärischen  Lhargen  abschaffte,  sich  für  verpflichtet  hielt,
die  Inhaber  der  Lhargen,  welche  dieselben  in  dem  Glauben  gekauft
hatten,  sie  wieder  verkaufen  zu  können,  zu  entschädigen,  oder  wie  bei
Abschaffung  der  Sklaverei  im  britischen  Westindien  den  Sklavenhaltern
too  Millionen  Dollar  gezahlt  wurden.
Selbst  Herbert  Spencer,  der  in  seinen  „Socia!  Statics“  so  klar
die  Ungültigkeit  jedes  Rechtstitels,  auf  Grund  dessen  der  ausschließliche
Grundbesitz  beansprucht  wird,  nachgewiesen  hat,  leistet  dieser  Auffassung
(wie  mir  scheint  fälschlich)  durch  die  Erklärung  Vorschub,  daß  die  gerechte
Veranschlagung  und  Regulierung  der  Ansprüche  der  jetzigen  Grundbesitzer, ­
  „welche  entweder  durch  eigene  Handlungen  oder  durch  Handlungen ­
  ihrer  Vorfahren  für  ihre  Güter  ehrlich  erworbene  Gegenwerte
gegeben  haben",  eines  der  verwickeltften  Probleme  sei,  welches  die
Gesellschaft  eines  Tages  zn  lösen  haben  werde.
Diese  Auffassung  hat  in  Großbritannien  dem  vorschlage,  die
Regierung  solle  den  Grundbesitz  des  Landes  zum  Marktpreise  kaufen,
Anklang  verschafft,  und  es  war  diese  Auffassung,  welche  John  Stuart
Mill,  obgleich  er  die  wesentliche  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes ­
  klar  einsah,  veranlaßte,  nicht  eine  vollständige  Zurücknahme
des  Landes,  sondern  nur  eine  Zurücknahme  der  künftig  erwachsenden ­
  Vorteile  zu  befürworten.  Sein  Plan  war,  es  solle  ein  billiger  und
selbst  freigebiger  Anschlag  des  Marktwertes  von  allem  Lande  im  Königreich ­
  gemacht  werden,  und  alle  künftigen,  nicht  den  Verbesserungen
der  Eigentümer  zuzuschreibenden  Werterhöhungen  sollen  dem  Staate
zufallen.
Abgesehen  von  den  praktischen  Schwierigkeiten,  welche  mit  so
umständlichen  Projekten  durch  die  weitläufigen  verwaltungsmaßregeln,
die  sie  erfordern,  und  die  Korruption,  die  sie  erzeugen,  verknüpft  sein
würden,  liegt  ihr  Hauptfehler  in  der  Unmöglichkeit,  durch  irgendeinen
Kompromiß  den  radikalen  Unterschied  zwischen  Unrecht  und  Recht
zu  überbrücken.  In  demselben  Maße,  wie  man  die  Interessen  der  Grundeigentümer ­
  schont,  müßten  die  allgemeinen  Interessen  und  Rechte
mißachtet  werden,  und  wenn  die  ersteren  keines  ihrer  Vorrechte  verlieren
sollen,  so  kann  das  Volk  im  ganzen  nichts  dabei  gewinnen.  Die  persönlichen ­
  Grundbesitzrechte  aufzukaufen,  würde  nur  so  viel  heißen,  als  den
Grundeigentümern  in  anderer  Form  einen  Anspruch  gleicher  Art  und
gleichen  Betrages  verleihen,  als  ihr  Grundbesitz  ihnen  jetzt  gibt;  es
würde  darauf  hinauslaufen,  für  sie  denselben  Anteil  an  dem  Erwerbe
der  Arbeit  und  des  Kapitals  durch  Steuern  zu  erheben,  den  sie  sich  jetzt
durch  die  Grundrente  anzueignen  vermögen.  Ihr  ungerechter  Vorteil
würde  erhalten  und  der  ungerechte  Nachteil  der  Nichtgrundbesitzer
fortgesetzt  werden.  Allerdings  würde  sich  für  das  Volk  im  ganzen  ein
        <pb n="280" />
        Kap.  III.

Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung.

267

Gewinn  herausstellen  sobald  die  Steigerung  der  Rente  den  Betrags
den  die  Grundbesitzer  unter  dem  jetzigen  System  erhalten  würden,
über  den  Betrag  der  Zinsen  auf  den  Kaufpreis  des  Landes  zu  den
jetzigen  preisen  getrieben  hätte,  aber  dies  wäre  nur  ein  künftiger  Gewinn,
und  mittlerweile  würde  nicht  nur  keine  Erleichterung  stattfinden,  sondern
die  der  Arbeit  und  dem  Kapital  zugunsten  der  gegenwärtigen  Grundbesitzer ­
  auferlegte  Last  bedeutend  größer  werden.  Denn  eines  der
Elemente  im  gegenwärtigen  Marktwerte  des  Grund  und  Bodens  ist  die
Erwartung  einer  künftigen  wertzunahme,  und  Ländereien  zu  den
Marktpreisen  aufzukaufen  und  Zinsen  vom  Kaufpreise  zu  zahlen,  würde
somit  darauf  hinauslaufen,  den  Produzenten  nicht  bloß  die  Zahlung
der  wirklichen  Rente,  sondern  auch  die  Dollzahlung  für  spekulative
Rente  aufzubürden.  Oder  um  dies  auf  andere  Meise  auszudrücken:
das  Land  würde  zu  Preisen  gekauft  werden,  die  auf  einen  niedrigeren
als  den  gewöhnlichen  Zinsfuß  berechnet  wären  (denn  die  voraussichtliche ­
  Erhöhung  der  Landwerte  macht  immer  deren  Marktpreis  größer
als  irgendetwas,  das  den  gleichen  Ertrag  liefert),  und  die  Zinsen  des
Kaufgeldes  würden  zum  gewöhnlichen  Satze  bezahlt  werden.  Somit
würde  den  Grundbesitzern  nicht  nur  alles  zu  zahlen  fein,  was  das  Land
ihnen  jetzt  bringt,  sondern  eine  beträchtlich  höhere  Summe.  Es  würde
auf  dasselbe  hinauskommen,  als  wenn  der  Staat  in  ein  Erbpachtverhältnis ­
  zu  den  jetzigen  Grundbesitzern  träte,  und  zwar  unter  einer  viel
höheren  Pacht,  als  sie  jetzt  erhalten.  Augenblicklich  würde  der  Staat
nur  der  Agent  und  Pachteintreiber  der  Grundbesitzer  werden  und  ihnen
nicht  nur  so  viel  wie  sie  vorher  erhielten,  sondern  beträchtlich  mehr  zu
zahlen  haben.
Mills  Projekt,  die  künftige  „noch  nicht  gewonnene  Erhöhung
der  Landwerte"  durch  Feststellung  des  jetzigen  Marktwertes  aller
Ländereien  und  durch  Übertragung  künftiger  )erterhöhungen  auf
den  Staat  zum  Gemeingut  des  Volkes  zu  machen,  würde  die  Un-Serechtigkeit
  der  jetzigen  Güterverteilung  nicht  vermehren,  ihr  aber
auch  nicht  abhelfen.  Line  weitere  spekulative  Zunahme  der  Rente  würde
aufhören  und  künftig  das  Volk  insgesamt  den  Unterschied  zwischen
der  Erhöhung  der  Rente  und  dem  Betrage  gewinnen,  auf  welchen
dieselbe  abgeschätzt  ward,  als  der  gegenwärtige  Landwert  festgesetzt
wurde,  in  welchem  natürlich  der  künftige  wert  nicht  weniger  ein  Element
ist  als  der  jetzige.  Aber  damit  würde  für  alle  Zukunft  eine  Klasse  im
Besitz  der  unermeßlichen  Vorteile  bleiben,  die  sie  jetzt  über  die  anderen
hat.  Alles  was  von  diesem  Projekte  gesagt  werden  kann,  ist,  daß  es
immer  besser  wäre  als  nichts.
Solche  unwirksame  und  unausführbare  Vorschläge  mag  man
besprechen,  wo  ein  durchgreifender  Vorschlag  für  jetzt  keine  Beachtung
finden  würde,  und  immerhin  ist  ihre  Diskussion  ein  hoffnungsvolles
Zeichen,  da  sie  das  Eindringen  der  Spitze  des  Keiles  der  Wahrheit  beweist. ­
  Die  Gerechtigkeit  ist  in  der  Menschen  Mund  von  knechtischer
        <pb n="281" />
        268

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

Demut,  wenn  sie  zuerst  einen  Protest  gegen  ein  von  der  Zeit  geheiligtes
Unrecht  wagt,  und  die  englisch  Redenden  tragen  noch  das  Halsband
der  Sachsenknechtschaft  und  sind  gelehrt  worden,  auf  die  „gesetzlichen
Rechte"  der  Grundbesitzer  mit  all  der  abergläubischen  Verehrung  zu
schauen,  mit  der  die  alten  Ägypter  das  Krokodil  betrachteten.  Aber  wenn
die  Zeiten  reif  für  sie  sind,  so  wachsen  die  Ideen,  ob  sie  auch  in  ihrem
ersten  Auftreten  gering  scheinen.  Eines  Tages  bedeckten  sich  die  Mitglieder
des  dritten  Standes  die  Köpfe,  als  der  König  seinen  put  aufsetzte,  ein
an  sich  unbedeutendes  Ereignis,  aber  ein  Vorzeichen  der  bald  nachher
eintretenden  großen  politischen  Veränderungen.  Die  Anti-Sklaverei-Bewegung
  in  den  Vereinigten  Staaten  fing  damit  an,  daß  man  davon
sprach,  die  Eigentümer  zu  entschädigen;  als  aber  vier  Millionen  Sklaven
emanzipiert  wurden,  erhielten  die  Besitzer  keine  Entschädigung  und  verlangten ­
  auch  keine.  Und  wenn  erst  die  Bewohner  von  Ländern  wie
England  oder  die  Vereinigten  Staaten  über  die  Ungerechtigkeit  und
Nachteile  des  individuellen  Grundbesitzes  hinreichend  aufgeklärt  sein
werden,  um  dessen  Nationalisierung  zu  versuchen,  werden  sie  auch  hinreichend ­
  aufgeweckt  sein,  denselben  in  direkterer  und  leichterer  Weise
als  durch  Kauf  zu  nationalisieren.  Sie  werden  sich  über  die  Entschädigung
der  Grundbesitzer  nicht  beunruhigen.
Auch  verlangt  es  das  Recht  nicht,  Bedacht  auf  die  Grundbesitzer
zu  nehmen.  Daß  ein  Mann  wie  John  Stuart  Mill  der  Entschädigung
der  Grundbesitzer  so  viel  Wichtigkeit  beigelegt  hat,  um  bloß  die  staatliche
Aneignung  der  künftigen  Steigerung  der  Renten  zu  befürworten,
ist  nur  erklärlich  durch  seinen  Glauben  an  die  herrschenden  Lehren,
daß  der  Lohn  dem  Kapital  entnommen  werde  und  daß  die  Bevölkerung
beständig  danach  strebe,  gegen  ihren  Unterhalt  zu  drängen.  Diese  Lehren
verblendeten  ihn  über  die  vollen  Wirkungen  der  Privataneignung  des
Grund  und  Bodens.  Er  sah,  daß  „der  Anspruch  des  Grundbesitzers  der
allgemeinen  Politik  des  Staates  durchaus  untergeordnet"  ist  und  daß,
„wenn  das  Privateigentum  am  Grund  und  Boden  nicht  dienlich  ist,
es  ungerecht  ist"*),  aber,  verwickelt  in  den  Netzen  der  Malthusschen
Lehre,  schrieb  er  —wie  er  ausdrücklich  in  einem  früher  von  mir  angeführten
Satze  sagt  —  den  Mangel  und  das  Elend,  welche  er  um  sich  sah,  der  Kargheit ­
  der  Natur,  nicht  aber  der  Ungerechtigkeit  des  Menschen  zu,  und  deshalb
erschien  ihm  die  Nationalisierung  des  Grund  und  Bodens  als  eine  verhältnismäßig ­
  kleine  Sache,  die  nichts  zur  Beseitigung  des  Elends  und
zur  Ausrottung  des  Pauperismus  tun  könne  —  Ziele,  die  nur  zu  erreichen ­
  seien,  wenn  die  Menschen  einen  Naturtrieb  zurückdrängen
lernten.  Groß  und  rein,  von  warmem  Perzen  und  edlem  Sinne  wie  er
war,  sah  er  doch  nie  die  wahre  parmonie  der  ökonomischen  Gesetze,
noch  wurde  er  inne,  wie  aus  diesem  einen  großen  fundamentalen  Unrechte ­
  Armut,  Elend,  Laster  und  Schande  entspringen.  Andernfalls

*)  Grundsätze  der  Nationalökonomie.  Buch  I,  Rax.  2,  Abschn.  s.
        <pb n="282" />
        Aap.  III.

Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung.

269

hätte  er  nie  den  Satz  schreiben  können:  „Der  Boden  Irlands,  der  Boden
jedes  Landes  gehört  dem  Volke  desselben.  Die  Personen,  die  Grundbesitzer ­
  genannt  werden,  haben  so  wenig  vom  Standpunkt  der  Moral
wie  der  Gerechtigkeit  ein  Anrecht  auf  irgend  etwas  weiter  als  auf  die
Grundrente  oder  aus  deren  Marktwert."
Was  soll  man  dazu  sagen!  wenn  der  Boden  eines  Landes  dem
Volke  desselben  gehört,  welches  Anrecht  haben  dann  einzelne  nach
Moral  und  Gerechtigkeit  an  der  Grundrente?  wenn  der  Boden  dem
Volke  gehört,  warum  im  Namen  der  Moral  und  Gerechtigkeit  muß  dann
dasselbe  dessen  Marktwert  für  sein  Eigentum  bezahlen?
perbert  Spencer  sagt*):  „hätten  wir  es  mit  den  Parteien  zu
tun,  die  ursprünglich  das  Menschengeschlecht  seiner  Erbschaft  beraubten,
so  könnten  wir  kurzen  Prozeß  mit  ihnen  machen."  Aber  der  Prozeß
wird  aus  die  Dauer  doch  unvermeidlich  sein.  Denn  es  handelt  sich  hier
nicht  um  eine  einmalige  Enteignung,  die  mit  der  Handlung  endigt,
sondern  um  eine  fortgesetzte,  jeden  Tag  und  jede  Stunde  nachwirkende
Enteignung.  Nicht  aus  dem  Produkte  der  Vergangenheit  wird  Rente
gezogen,  sondern  aus  dem  Produkte  der  Gegenwart.  Sie  ist  eine  Steuer,
die  beständig  und  unaufhörlich  von  der  Arbeit  erhoben  wird.  Jeder
Schlag  des  pammers,  jeder  pieb  der  Axt,  jeder  Stoß  des  weberfchiffleins,
  jede  Bewegung  der  Dampfmaschine  zahlen  ihr  Tribut.  Sie
nimmt  von  dem  Verdienst  der  Männer,  die  tief  unter  der  Erde  ihr
Teben  wagen,  und  von  denen,  die  über  schäumenden  Wogen  auf  rollenden ­
  Rahen  hängen;  sie  fordert  den  gerechten  Lohn  des  Kapitalisten
und  die  Früchte  der  geduldigen  Mühsal  des  Erfinders;  sie  nimmt  kleine
Rinder  vom  Spiel  und  aus  der  Schule  weg  und  zwingt  sie  zur  Arbeit,
bevor  ihre  Knochen  hart  und  ihre  Muskeln  fest  sind;  sie  raubt  dem
Frierenden  die  wärme,  dem  hungrigen  die  Nahrung,  dem  Kranken
die  Arznei,  dem  Sorgenvollen  die  Ruhe.  Sie  erniedrigt  und  vertiert
und  verbittert.  Sie  packt  Familien  von  acht  und  zehn  Personen  in  einen
einzigen  schmutzigen  Raum;  sie  hütet  Trupps  von  Knaben  und  Mädchen
wie  Schweine**);  sie  füllt  die  Schnapsläden  und  Kneipen  mit  denen,
die  zu  pause  keine  Behaglichkeit  haben;  sie  macht  Bursche,  die  nützliche
Männer  werden  könnten,  zu  Kandidaten  der  Gefängnisse  und  Zuchthäuser; ­
  sie  füllt  die  Bordelle  mit  Mädchen,  die  die  reinen  Mutterfreuden
hätten  empfinden  können;  sie  sendet  die  Habsucht  und  alle  schlimmen
Leidenschaften  plündernd  durch  die  Gesellschaft,  wie  ein  harter  Winter
die  Wölfe  zu  den  wohnplätzen  der  Menschen  treibt;  sie  verdunkelt  den
Glauben  in  der  menschlichen  Seele,  und  über  die  Vorstellunq  eines
gerechten  pnd  erbarmungsvollen  Schöpfers  zieht  sich  der  Schleier  eines
harten,  blinden  und  grausamen  Schicksals!

*)  Social  Statics,  S.  1,42.
**)  In  den  sogenannten  „Gangs"  einiger  Ackerbaudistrikte  Englands.
Anmerk,  des  Übers.
        <pb n="283" />
        270

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

Sie  ist  nicht  bloß  ein  Vergehen  an  der  Vergangenheit,  sondern  auch
an  der  Gegenwart,  ein  Vergehen,  das  den  Rindern,  die  jetzt  auf  die
lVelt  kommen,  ihr  Geburtsrecht  entzieht!  Warum  sollten  wir  einem
solchen  Systeme  nicht  den  jdrozeß  machen?  Weil  ich  gestern  und  vorgestern ­
  und  vorvorgestern  benachteiligt  wurde,  ist  das  ein  Grund,  mich
heute  und  morgen  benachteiligen  zu  lassen?  ein  Grund,  daß  ich  schließen
müßte,  man  habe  ein  gesetzliches  Recht  erworben,  mich  zu  benachteiligen?
Wenn  das  Land  dem  Volke  gehört,  warum  dann  fortgesetzt  den
Grundbesitzern  erlauben,  die  Rente  zu  erheben,  oder  warum  sie  irgendwie
für  den  Verlust  derselben  entschädigen?  Man  bedenke,  was  die  Rente
ist.  Sie  entsteht  nicht  von  selbst  aus  dem  Grund  und  Boden;  sie  wird
für  nichts  geschuldet,  was  die  Grundbesitzer  getan  hätten.  Sie  stellt  einen
Wert  dar,  den  die  ganze  Gesellschaft  geschaffen  hat.  Gebe  man,  wenn
es  beliebt,  den  Grundbesitzern  doch  alles,  was  der  Besitz  des  Grund
und  Bodens  ohne  das  Vorhandensein  der  übrigen  Gesellschaft  eintragen
würde,  aber  die  Rente,  die  Schöpfung  der  ganzen  Gesellschaft,  gehört
notwendigerweise  ihr.
Man  prüfe  den  Fall  der  Grundbesitzer  an  den  Grundsätzen  des
gemeinen  Rechts,  durch  welches  die  Rechte  vom  Menschen  zum  Menschen ­
  bestimmt  werden.  Das  gemeine  Recht,  sagt  man,  ist  die  höchste
Vernunft,  und  sicherlich  können  die  Grundbesitzer  sich  nicht  über  seine
Entscheidung  beklagen,  denn  es  ist  durch  und  für  Grundbesitzer  aufgerichtet
worden,  was  gewährt  nun  dieses  Recht  dem  unschuldigen  Besitzer,
falls  das  Land,  für  welches  er  sein  gutes  Geld  gezahlt  hat,  jemandem
anders  als  rechtmäßiges  Eigentum  zugesprochen  wird?  Ganz  und  gar
nichts!  Daß  er  in  gutem  Glauben  kaufte,  gibt  ihm  weder  Recht  noch
Entschädigungsanspruch.  Das  Recht  gibt  sich  nicht  mit  der  „verwickelten
Entschädigungsfrage"  für  den  unschuldigen  Käufer  ab.  Das  Recht
sagt  nicht,  wie  John  Stuart  Mill  sagt:  „Das  Land  gehört  dem  A,  deshalb
hat  B,  der  sich  für  den  Eigentümer  hielt,  kein  Recht  auf  etwas,  außer
auf  die  Rente  oder  auf  Entschädigung  für  deren  Marktwert".  Denn  das
würde  allerdings  der  berühmten  Entscheidung  in  dem  Falle  eines  flüchtigen ­
  Sklaven  ähneln,  wo  der  Gerichtshof  dem  Norden  das  Gesetz  und
dem  Süden  den  Neger  zugesprochen  haben  soll.  Das  Recht  sagt  einfach:
„Das  Land  gehört  dem  A,  das  Gericht  fetze  ihn  in  Besitz!"  Es  [gibt
dem  unschuldigen  Käufer  eines  ungerechten  Rechtstitels  keinen  Anspruch, ­
  es  gewährt  ihm  keineEntschädigung.  Und  nicht  bloß  dies,  es  nimmt
ihm  auch  alle  Verbesserungen,  die  er  in  gutem  Glauben  auf  dem  Lande
vorgenommen  hat.  Man  mag  einen  hohen  j)reis  für  einen  Besitz  gezahlt
und  keine  Mühe  gespart  haben,  um  sich  zu  überzeugen,  daß  der  Rechtstitel
gut  ist;  man  mag  es  jahrelang  in  ungestörtem  Besitz  gehabt  haben  ohne
Ahnung  oder  Gedanken  eines  gegnerischen  Anspruches,  mag  es  durch
Mühe  und  Arbeit  fruchtbar  gemacht  oder  ein  kostbares,  den  Wert  des
Landes  übersteigendes  Gebäude  darauf  errichtet  haben,  mag  ein  bescheidenes ­
  Heim  gebaut  haben,  in  welchem  man,  umgeben  von  den
        <pb n="284" />
        Lap.  III.

Der  Anspruch  der  Grundbesitzer  auf  Entschädigung.

27\

Bäumen,  die  man  selbst  gepflanzt,  und  den  Weingärten,  die  man  selbst
angelegt  bat,  seine  alten  Tage  zu  beschließen  hoffte.  Wenn  aber  die
Firma  Schuft,  Gauner  und  Lsumbug  einen  technischen  ksaken  in  den
Pergamenten  aufstöbern  oder  einen  längst  vergessenen  Erben,  der
keine  Ahnung  von  seinem  Rechte  hatte,  ausfindig  machen  kann,  so  kann
einem  nicht  bloß  das  Land,  sondern  alle  Verbesserungen  dazu  fortgenommen ­
  werden.  Und  selbst  damit  ist  es  noch  nicht  genug.  Dem  gemeinen ­
  Recht  zufolge  kann  man,  nachdem  man  das  Land  übergeben
und  auf  die  Verbesserungen  verzichtet  hat,  auch  noch  für  die  Einkünfte
verantwortlich  gemacht  werden,  die  man  während  des  Besitzes  daraus
gezogen  hat.
Wenden  wir  jetzt  auf  den  Rechtsfall  des  Volkes  gegen  die  Grundbesitzer ­
  dieselben  Rechtsgrundsätze  an,  welche  von  den  Grundbesitzern
zum  Gesetz  erhoben  sind  und  jeden  Tag  in  englischen  und  amerikanischen
Gerichtshöfen  bei  Streitfällen  zwischen  INann  und  Mann  zur  Geltung
kommen,  so  werden  wir  nicht  nur  nicht  daran  denken,  den  Grundbesitzern
eine  Entschädigung  für  den  Boden  zuzusprechen,  sondern  wir  müßten
auch  alle  die  Verbesserungen  nehmen,  so  wie  alles,  was  sie  überhaupt
sonst  noch  haben.
Aber  ich  schlage  nicht  vor  und  nehme  auch  nicht  an,  daß  irgend
sonst  jemand  vorschlagen  wird,  so  weit  zu  gehen.  Es  ist  genügend,  wenn
das  Volk  den  Besitz  des  Landes  zurücknimmt.  Die  Grundbesitzer  mögen
ihre  Verbesserungen  und  ihr  persönliches  Eigentum  in  ruhigem  Besitz
behalten.
Und  in  dieser  Maßregel  der  Gerechtigkeit  würde  keine  Unterdrückung, ­
  kein  Nachteil  für  irgendeine  Klasse  enthalten  sein.  Die  ksauptursache
  der  gegenwärtigen  ungleichen  Güterverteilung  würde  samt
den  Leiden,  der  Entwürdigung  und  Vergeudung,  welche  sie  zur  Folge
hat,  entfernt  werden.  Selbst  die  Grundbesitzer  würden  an  dem  allgemeinen ­
  Gewinne  teilnehmen.  Der  Gewinn  selbst  der  großen  Grundbesitzer ­
  würde  ein  tatsächlicher,  der  Gewinn  der  kleinen  Grundbesitzer
aber  enorm  sein.  Denn,  wenn  die  Menschen  die  Gerechtigkeit  bei  sich
aufnehmen,  nehmen  sie  die  Dienerin  der  Liebe  auf.  Friede  und  Überfluß ­
  folgen  in  ihrem  Geleite,  und  bringen  ihre  guten  Gaben  nicht  einigen,
sondern  allen.
Wie  wahr  dies  ist,  werden  wir  später  sehen.
Wenn  ich  in  diesem  Kapitel  von  der  Gerechtigkeit  und  der  Ratsamkeit ­
  gesprochen  habe,  als  wären  sie  verschiedene  Dinge,  so  ist  dies
nur  geschehen,  um  den  Einwänden  derjenigen,  welche  so  sprechen,
entgegenzutreten.  In  der  Gerechtigkeit  liegt  die  höchste  und  wahrste
Ratsamkeit,  j
        <pb n="285" />
        272

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

Kapitel  IV.
Das  Privateigentum  am  Grund  und  Doden  vom  historischen
Standpunkts  aus.
was  mehr  als  alles  andere  dem  Anerkenntnis  der  wesentlichen
Ungerechtigkeit  des  Privateigentums  am  Grund  und  Boden  und  einer
aufrichtigen  Znbetrachtnahme  jedes  Vorschlages  zur  Abhilfe  im  Wege
steht,  das  ist  die  Gewohnheit  des  menschlichen  Geistes,  alles,  was  lange
bestanden  hat,  für  natürlich  und  notwendig  anzusehen.
wir  sind  dermaßen  an  die  Behandlung  des  Grund  und  Bodens
als  persönliches  Eigentum  gewöhnt,  dasselbe  ist  in  unseren  Gesetzen,
Sitten  und  Gebräuchen  so  vollkommen  anerkannt,  daß  die  meisten
Menschen  nie  daran  denken,  es  in  Frage  zu  stellen,  sondern  es  als  notwendig ­
  für  die  Benutzung  des  Grund  und  Bodens  betrachten.  Sie
sind  unfähig,  oder  es  kommt  ihnen  wenigstens  nie  in  den  Sinn,  sich  die
Gesellschaft  als  bestehend  oder  als  möglich  vorzustellen,  ohne  daß  der
Grund  und  Boden  im  privatbesitz  ist.  Der  erste  Schritt  zur  Bebauung
oder  Verbesserung  des  Grund  und  Bodens  scheint  ihnen  schon  einen
besonderen  Eigentümer  dafür  zu  schaffen,  und  jemandes  Grundbesitz
wird  von  ihnen  als  so  völlig  und  so  gerechtermaßen  ihm  zugehörig
angesehen,  daß  er  dasselbe  verkaufen,  verpachten,  verschenken  oder  vermachen ­
  kann,  wie  er  es  mit  seinem  ksause,  seinem  Vieh,  seinen  waren
oder  seinen  Mobilien  tun  kann.  Die  „Heiligkeit  des  Eigentums"  ist
so  beständig  und  so  wirksam  gepredigt  worden,  besonders  von  jenen
.„Konservatoren  alter  Barbarei",  wie  Voltaire  die  Rechtsgelehrten
nannte,  daß  die  meisten  Menschen  das  Privateigentum  am  Grund  und
Boden  als  die  wahre  Grundlage  der  Zivilisation  ansehen  und,  wenn
die  Wiedereinsetzung  des  Landes  zu  Gemeingut  angeregt  wird,  die  Sache
auf  den  ersten  Blick  entweder  als  ein  grillenhaftes  Hirngespinst,  das  me
ausgeführt  worden  ist  oder  werden  kann,  oder  als  einen  Vorschlag,  die
Gesellschaft  in  ihren  Grundlagen  umzustürzen  und  einen  Rückfall  in
die  Barbarei  zuwege  zu  bringen,  betrachten.
wenn  es  auch  wahr  wäre,  daß  der  Grund  und  Boden  stets  als
Privateigentum  behandelt  worden  sei,  so  würde  das  ebensowenig  die
Gerechtigkeit  oder  Notwendigkeit  beweisen,  es  auch  fernerhin  dabei
zu  lassen,  als  das  allgemeine  Bestehen  der  Sklaverei,  die  einst  so  fest
begründet  schien,  die  Gerechtigkeit  oder  Notwendigkeit  beweisen  würde,
menschliches  Fleisch  und  Blut  zu  Eigentum  zu  machen.
vor  nicht  langer  Zeit  schien  die  Monarchie  eine  allgemeine  Einrichtung, ­
  und  nicht  nur  die  Könige,  sondern  auch  die  meisten  ihrer  Nntertanen
  glaubten  faktisch,  daß  kein  Land  ohne  einen  König  fertig  werden
könne.  Trotzdem  wird  Frankreich,  um  von  Amerika  gar  nicht  zu  sprechen,
jetzt  ohne  König  fertig,  und  die  Königin  von  England  und  Kaiserin  von
        <pb n="286" />
        Aap.  IV.  Der  Privatgrundbesitz  vom  historischen  Standpunkte  aus.

273

Indien  Hai  ungefähr  so  viel  mit  der  Regierung  ihrer  Reiche  zu  tun,
als  die  hölzerne  Figur  vor  einem  Schiffe  mit  der  Bestimmung  seines
Kurses.
Etwa  vor  hundert  Jahren  erklärte  Bischof  Butler,  der  Verfasser
der  berühmten  Analogie,  daß  „eine  Staatsverfassung  ohne  eine  Kirche
etwas  Chimärisches"  fei,  wofür  es  kein  Beispiel  gebe.  Daß  es  dafür
kein  Beispiel  gab,  darin  hatte  er  Recht.  Damals  gab  es  keinen  Staat,
noch  könnte  man  leicht  einen  früher  bestehenden  ohne  eine  Art  Kirche
anführen;  in  den  Vereinigten  Staaten  jedoch  haben  wir  seitdem  durch
die  Praxis  eines  Jahrhunderts  bewiesen,  daß  es  für  eine  Staatsregierung
möglich  ist,  ohne  Staatskirche  zu  bestehen.
Wäre  es  wahr,  daß  der  Grund  und  Boden  immer  und  überall  als
persönliches  Eigentum  behandelt  worden  wäre,  so  würde  dies  doch
keineswegs  behaupten,  daß  es  immer  so  bleiben  müsse.  Aber  es  ist  nicht
einmal  wahr.  Im  Gegenteil,  ursprünglich  ist  überall  das  gemeinsame
Recht  auf  den  Grund  und  Boden  anerkannt  worden,  und  der  persönliche
Besitz  ist  nirgends  entstanden,  außer  als  das  Ergebnis  der  Usurpation.
Die  ursprünglichen  und  beharrlichen  Auffassungen  der  Menschheit
gehen  dahin,  daß  alle  ein  gleiches  Recht  auf  den  Grund  und  Boden
haben,  und  die  Meinung,  daß  der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden
für  die  Gesellschaft  nötig  sei,  ist  nur  ein  Auswuchs  der  Unwissenheit,
die  nicht  über  ihre  nächsten  Umgebungen  Hinausblicken  kann,  ein  Begriff
verhältnismäßig  moderner  Entstehung,  ebenso  künstlich  wie  grundlos.
Die  Beobachtungen  der  Reisenden,  die  Forschungen  der  kritischen
Historiker,  welche  in  der  neuesten  Zeit  so  viel  getan  haben,  um  die  vergessenen ­
  Geschichten  der  Völker  zu  rekonstruieren,  die  Untersuchungen
von  Männern  wie  Sir  bsenry  Maine,  Emil  de  Laveleye,  Professor
Nasse  und  anderer  über  das  Entstehen  der  gesellschaftlichen  Einrichtungen
beweisen,  daß  überall,  wo  die  menschliche  Gesellschaft  sich  gebildet  hat,
das  gemeinsame  Recht  der  Menschen  auf  die  Benutzung  der  Erde  anerkannt ­
  und  nirgends  ein  unbeschränkter  Privatbesitz  allgemein  adoptiert
worden  ist.  weder  vom  historischen,  noch  vom  ethischen  Standpunkte
aus  ist  der  persönliche  Grundbesitz  zu  verteidigen.  Derselbe  entspringt
nirgends  aus  einem  vertrage,  kann  nirgends  auf  Rechts-  oder  Dpportunitätsgründe
  gestützt  werden,  sondern  hat  allenthalben  seine  Geburtsstätte ­
  in  Krieg  und  Eroberung,  so  wie  in  dem  eigennützigen  Gebrauche
gehabt,  welchen  die  Listigen  aus  dem  Aberglauben  und  dem  Gesetz
Zu  ziehen  wußten.
Überall,  wo  wir  die  früheste  Geschichte  der  Gesellschaft  verfolgen
können,  sei  es  in  Asien,  in  Europa,  in  Afrika,  in  Amerika  oder  in  Polynesien, ­
  ist  der  Grund  und  Boden  —-  wie  dies  bei  den  unvermeidlichen
Beziehungen,  welche  das  menschliche  Leben  zu  demselben  hat,  nicht
anders  sein  kann  —  als  Gemeingut  angesehen  worden,  auf  welches
das  Recht  aller,  welche  anerkannte  Rechte  hatten,  gleich  war.  Das  heißt
daß  alle  Mitglieder  der  Gemeinde  (alle  Bürger,  wie  wir  sagen)  gleiche

George,  Fortschritt  und  Armut.
        <pb n="287" />
        Buch  VII,

274

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Rechte  cm  dem  Gebrauch  und  Genuß  des  Landes  der  Gemeinde  hatten.
Diese  Anerkennung  des  gemeinsamen  Rechtes  aus  das  Land  schloß
nicht  die  volle  Anerkennung  des  besonderen  und  ausschließlichen  Rechtes
auf  die  Dinge  aus,  die  das  Ergebnis  der  Arbeit  sind,  noch  wurde  sie  aufgegeben, ­
  als  die  Entwicklung  des  Ackerbaues  die  Nötigung  auferlegt
hatte,  ausschließlichen  Grundbesitz  anzuerkennen,  um  den  ausschließlichen ­
  Genuß  der  Früchte  der  aus  den  Anbau  verwendeten  Arheit  zu
sichern.  Die  Teilung  des  Landes  zwischen  den  industriellen  Einheiten,
ob  Familien,  Familienkomplexen  oder  einzelnen,  ging  nur  so  weit,
als  es  für  den  Zweck  nötig  war,  während  Weiden  und  Wälder  als  gemeinschaftlich ­
  beibehalten  wurden,  und  für  das  Ackerland  die  Gleichheit ­
  dadurch  hergestellt  wurde,  daß  entweder,  wie  bei  den  teutonischen
Rassen,  von  Zeit  zu  Zeit,  eine  Neuverteilung  stattfand  oder,  wie  nach
den  Gesetzen  Moses,  die  Veräußerung  untersagt  war.
Diese  ursprüngliche  Anordnung  besteht,  mehr  oder  weniger  intakt,
noch  heute  in  den  Dorfgemeinden  Zndiens,  Rußlands  und  der  bis  vor
kurzem  noch  der  türkischen  Herrschaft  unterworfenen  slavischen  Länder,
in  den  Gebirgskantonen  der  Schweiz,  unter  den  Rabylen  im  Norden
und  den  Raffern  im  Süden  Afrikas,  unter  der  einheimischen  Bevölkerung ­
  Javas  und  den  Eingeborenen  Neuseelands;  d.  h.  überall,  wo
äußere  Einflüsse  die  Form  der  ursprünglichen  sozialen  Organisation
unberührt  gelassen  haben.  Daß  sie  allenthalben  bestand,  ist  in  den  letzten
Zähren  hinreichend  bewiesen  worden  durch  die  Forschungen  vieler
unabhängiger  Gelehrten  und  Beobachter,  die  meines  Wissens  am
besten  zusammengefaßt  sind  in  Lavelex&amp;gt;es  vom  Lobdenklub  veröffentlichter ­
  Arbeit  über  die  „Systeme  des  Grundbesitzes  in  verschiedenen
Ländern",  sowie  in  Laveleyes  Buch:  „Das  ursprüngliche  Eigentum",
auf  das  ich  den  Leser,  der  diese  Dinge  im  Detail  verfolgen  will,  verweise.
„Zn  allen  ursprünglichen  Gesellschaften",  so  faßt  Laveleye  das
Ergebnis  einer  Untersuchung,  die  keinen  Teil  der  Welt  unerforscht  ließ,
zusammen,  „in  allen  ursprünglichen  Gesellschaften  war  der  Boden  das
gemeinschaftliche  Eigentum  der  Stämme  und  periodischen  Verteilungen
unter  den  Familien  unterworfen,  damit  alle  von  ihrer  Arbeit  leben
könnten,  wie  es  die  Natur  bestimmt  hat.  Während  so  der  Wohlstand
eines  jeden  von  seiner  Tatkraft  und  seinem  verstände  abhing,  war
jedenfalls  niemand  der  Unterhaltsmittel  bar  und  gegen  eine  von  Generation ­
  zu  Generation  sich  vergrößernde  Ungleichheit  war  gesorgt."
Wenn  Laveleye  mit  diesem  Schlüsse  Recht  hat  —  und  es  kann
keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  er  Recht  hat  —,  wie,  wird  man  fragen,
konnte  dann  der  Übergang  des  Grund  und  Bodens  in  den  jdrivatbesitz
so  allgemein  werden?
Die  Ursachen,  welche  dahin  gewirkt  haben,  diese  ursprüngliche
Zdee  des  gleichen  Rechts  auf  die  Benutzung  des  Landes  durch  die  Zdee
ausschließlicher  und  ungleicher  Rechte  zu  verdrängen,  können,  glaube
ich,  überall  mit  Sicherheit,  wenn  auch  nicht  mit  Genauigkeit  verfolgt
        <pb n="288" />
        Kap.  IV.

Der  Privatgrundbesitz  vom  historischen  Standpunkt  aus.

275

18*

werden.  Es  sind  überall  dieselben,  welche  zur  Verweigerung  gleicher
persönlicher  Rechte  und  zur  Einsetzung  privilegierter  Klassen  geführt
haben.
Diese  Ursachen  können  zusammengefaßt  werden  in  der  Konzentration
der  Macht  in  den  Händen  der  Häuptlinge  und  der  Soldatenklasse  infolge
eines  Kriegszustandes,  der  sie  in  den  Stand  setzte,  die  Gemeindeländereien
zu  monopolisieren;  als  die  Folge  von  Eroberung,  welche  die  Besiegten
in  einen  Zustand  bäuerlicher  Sklaverei  versetzte  und  ihre  Grundstücke
unter  die  Eroberer  und  in  unverhältnismäßigen  Anteilen  unter  die
Anführer  verteilte;  in  der  Auszeichnung  und  Macht  einer  Priesterklasse
und  der  Auszeichnung  und  Macht  einer  Klasse  professioneller  Rechtsgelehrten, ­
  deren  Interessen  durch  die  Substitution  eines  ausschließlichen
anstatt  des  gemeinschaftlichen  Eigentums  an  Grund  und  Boden  gefördert
wurden*)  —  und  die  einmal  erzeugte  Ungleichheit  strebt,  nach  dem
Gesetze  der  Anziehung,  stets  nach  größerer  Ungleichheit  hin.
Es  war  der  Kampf  zwischen  dieser  Idee  gleicher  Rechte  an  den
Boden  und  der  Tendenz,  denselben  in  persönlichem  Besitz  zu  monopolisieren, ­
  welche  die  inneren  Konflikte  Roms  und  Griechenlands  verursachte; ­
  es  war  der  gegen  diese  Tendenz  geführte  5toß  —in  Griechenland ­
  durch  Einrichtungen  wie  die  Lykurgs  und  Solons,  und  in  Rom
durch  das  Licinianische  Gesetz  und  die  danach  eintretenden  Landverteilungen ­
  —,  der  beiden  ihre  Zeit  der  Kraft  und  des  Ruhmes  gab,
und  es  war  der  schließliche  Triumph  dieser  Tendenz,  der  beide  zerstörte.
Große  Güter  richteten  Griechenland  zugrunde,  wie  nachher  „große  Güter
Italien  verdarben"**)  und  als  der  Boden  schließlich,  trotz  der  Warnungen
großer  Gesetzgeber  und  Staatsmänner,  in  den  Besitz  einiger  weniger
überging,  da  nahm  die  Bevölkerung  ab,  da  sank  die  Kunst,  da  wurde
der  Geist  entmannt,  und  die  Rasse,  in  der  die  Menschheit  ihre  glänzendste
Entwicklung  erreicht  hatte,  zu  einem  Schimpfworts  und  Vorwürfe
unter  den  Menschen.
Der  Gedanke  des  absoluten,  persönlichen  Eigentums  am  Grund
und  Boden,  welchen  die  moderne  Zivilisation  von  Rom  entlehnte,
erreichte  dort  seine  volle  Entwicklung  in  historischen  Zeiten.  Als  die
künftige  Herrin  der  Welt  zuerst  auftauchte,  hatte  jeder  Bürger  seinen
kleinen  unveräußerlichen  Wohnsitz,  und  das  allgemeine  Gebiet,  „das
Kornland,  welches  unter  öffentlichem  Recht  stand",  wurde  gemeinschaftlich ­
  benutzt,  zweifellos  unter  Einrichtungen  und  Gebräuchen,  die  eine
ähnliche  Gleichheit  verbürgten  wie  in  der  teutonischen  Mark  und  der
schweizer  Allmend.  Aus  diesem  öffentlichen  Gebiete,  da-  beständig
durch  Eroberung  ausgedehnt  wurde,  gelang  es  den  Patrizierfamilien,

*)  Der  Einfluß  der  Rechtsgelehrten  hat  sich  in  Europa  sowohl  auf  dem  Kontinent
als  auch  in  Großbritannien  sehr  fühlbar  darin  gemacht,  daß  alle  Spuren  des  alten  Besitzrechts ­
  zerstört  und  der  Gedanke  des  römischen  Gesetzes,  der  ausschließliche  Besitz,  an  ihre
Stelle  gesetzt  wurde.

**)  Latifundia  perdidere  Italiam,  Plinius.
        <pb n="289" />
        276

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

sich  ihre  großen  Güter  herauszuschneiden.  Durch  die  Nacht,  rnit  der
das  Große  das  Kleine  anzieht,  zerquetschten  diese  großen  Güter  schließlich ­
  —  trotz  zeitweiliger  Gnadenfristen,  die  durch  gesetzliche  Beschränkungen ­
  und  wiederholte  Teilungen  geboten  wurden  —  alle  die  schwachen
Besitzer;  ihre  kleinen  Erbstellen  wurden  zu  den  Latifundien  der  enorm
Reichen  geschlagen,  und  sie  selbst  wurden  entweder  geradezu  Sklaven
oder  pachtzahlende  Bauern,  oder  nach  den  neu  eroberten  ausländischen
Provinzen  getrieben,  wo  den  Veteranen  der  Legionen  Land  zur  Verfügung ­
  stand,  wenn  sie  nicht  vorzogen,  zur  Hauptstadt  zu  ziehen  und  die
Reihen  der  Proletarier  anzuschwellen,  die  nichts  als  ihre  Stimme  zu
verkaufen  hatten
Der  Läsarismus,  bald  in  ungezügelten  Despotismus  von  orientalischem ­
  Typus  verfallend,  war  die  unvermeidliche  politische  Folge,
und  das  Kaiserreich  wurde,  selbst  als  es  die  Welt  umfaßte,  in  Wahrheit
zur  Nußschale,  die  vor  dem  Zusammenbruch  nur  durch  das  gesundere
Leben  an  den  Grenzen  bewahrt  wurde,  wo  das  Land  unter  militärischen
Ansiedlern  verteilt  war  oder  das  ursprüngliche  herkommen  sich  länger
erhalten  hatte.  Aber  die  Latifundien,  welche  die  Kraft  Italiens  aufgezehrt ­
  hatten,  fraßen  beständig  weiter  um  sich  und  zerschnitten  die
Oberfläche  Siziliens,  Afrikas,  Spaniens  und  Galliens  in  große,  von
Sklaven  oder  Pächtern  bebaute  Güter.  Die  aus  persönlicher  Unabhängigkeit ­
  geborenen  herben  Tugenden  starben  aus,  Raubwirtschaft
erschöpfte  den  Boden  und  wilde  Tiere  nahmen  die  Stelle  der  Menschen
ein,  bis  endlich  die  in  der  Gleichheit  gekräftigten  Barbaren  einbrachen,
Rom  zugrunde  ging,  und  von  einer  einst  so  stolzen  Zivilisation  nichts  als
Ruinen  übrig  blieb.
So  ereignete  sich  jene  wunderbare  Begebenheit,  welche  zur  Zeit  der
römischen  Größe  ebenso  unmöglich  erschienen  wäre,  als  es  uns  heute
erscheint,  daß  die  Lomanches  oder  Flatheads  die  vereinigten  Staaten
erobern,  oder  die  Lappländer  Europa  verwüsten  sollten.  Die  Grundursache ­
  ist  in  den  Grundbesitzverhältnissen  zu  suchen.  Auf  der  einen
Seite  brachte  die  Verweigerung  gemeinschaftlichen  Rechts  auf  den
Grund  und  Boden  den  verfall  hervor,  auf  der  anderen  gab  die  Gleichheit
Kraft.
„Die  Freiheit",  sagt  de  Laveleye  („Das  ursprüngliche  Eigentum", ­
  Seite  N6)  „die  Freiheit,  und  als  Konsequenz  davon  der  Besitz
eines  Anteils  am  gemeinschaftlichen  Eigentum,  auf  welchen  das  Haupt
jeder  Familie  im  Stamme  das  gleiche  Recht  hatte,  waren  in  dem  deutschen
Dorfe  wesentliche  Rechte.  Dies  System  absoluter  Gleichheit  prägte
dem  einzelnen  einen  bestimmten  Eharakter  auf,  welcher  es  erklärt,
daß  kleine  Banden  von  Barbaren  sich  zu  Herren  des  römischen  Reiches
machten,  trotz  dessen  geschulter  Verwaltung,  dessen  vollkommener
Zentralisation  und  dessen  Zivilgesetzes,  welches  sich  den  Namen  der
geschriebenen  Vernunft  erhalten  hat."
Andererseits  war  das  Herz  dieses  großen  Reiches  angefressen.
        <pb n="290" />
        Kap.  IV.

Der  Privatgrundbesitz  vom  historischen  Standpunkte  aus.

277

„Rom",  sagt  Professor  Seely,  „ging  an  der  Mißernte  der  Menschen
zugrunde".
Guizot  hat  in  seinen  Vorlesungen  über  die  „Geschichte  der  Zivilisation ­
  in  Europa"  und  ausführlicher  in  seinen  Vorträgen  über  die
„Geschichte  der  Zivilisation  in  Frankreichs"  lebhaft  das  Lhaos  beschrieben,
welches  in  Europa  dem  Fall  des  römischen  Kaiserreiches  folgte,  ein
Lhaos,  welches,  wie  er  sich  ausdrückt,  „alle  Dinge  in  seinem  Busen  trug"
und  aus  welchem  das  Gebäude  der  modernen  Gesellschaft  sich  nur  langsam
herausgestaltete.  Es  ist  ein  Gemälde,  das  nicht  in  einige  Zeilen  zusammenzudrängen ­
  ist,  und  es  genüge  hier  zu  sagen,  daß  das  Ergebnis
dieser  Infusion  von  rohem,  aber  kräftigem  Leben  in  die  römische  Gesellschaft ­
  eine  Desorganisation  des  deutschen  sowohl  als  des  römischen
Gesellschaftsgebäudes  war  —&amp;gt;  eine  Vermischung  und  ein  Zusatz  des
Gedankens  gemeinschaftlicher  Rechte  am  Grund  und  Boden  zu  dem
Gedanken  des  ausschließlichen  Eigentums,  wie  er  sich  wesentlich  in  jenen
Provinzen  des  Ostreiches  vorfand,  die  später  von  den  Türken  überwältigt ­
  wurden.  Das  Feudalsystem,  das  so  schnell  Aufnahme  fand
und  sich  so  weit  verbreitete,  war  das  Resultat  einer  derartigen  Vermischung; ­
  aber  unter  und  neben  dem  Feudalsystem  schlug  eine  ursprünglichere, ­
  auf  die  gemeinschaftlichen  Rechte  der  Bebauer  gegründete  Organisation ­
  Wurzel  oder  lebte  wieder  auf  und  hat  ihre  Spuren  über  ganz
Europa  zurückgelassen.  Diese  ursprüngliche  Organisation,  welche  gleiche
Anteile  des  bebauten  Bodens  und  den  gemeinschaftlichen  Gebrauch
des  unbebauten  Bodens  gewährt  und  welche  im  alten  Italien  sowie  im
sächsischen  England  bestand,  hat  sich  unter  Absolutismus  und  Leibeigenschaft ­
  in  Rußland,  unter  mohammedanischer  Tyrannei  in  Serbien  erhalten
und  ist  in  Indien  durch  Eroberung  auf  Eroberung  und  jahrhundertelange ­
  Tyrannei  wohl  verwischt,  aber  nicht  gänzlich  zerstört  worden.
Das  Feudalsystem,  welches  Europa  nicht  eigentümlich  sondern
die  natürliche  Folge  der  Eroberung  eines  angesiedelten  Landes  durch
eine  Rasse  ist,  unter  der  Gleichheit  und  Individualität  noch  immer
mächtig  sind,  erkannte  wenigstens  in  der  Theorie  ohne  Rückhalt  an,
daß  der  Boden  der  gesamten  Gesellschaft  nicht  dem  einzelnen  gehöre.
Das  rohe  Produkt  eines  Zeitalters,  in  dem  Macht  vor  Recht  ging,  so
sehr  dies  nur  immer  geschehen  kann  (denn  die  Idee  des  Rechts  ist  nicht
aus  dem  menschlichen  Geiste  zu  reißen  und  muß  sich  in  irgendeiner
Gestalt  sogar  in  dem  Bunde  von  Räubern  und  Piraten  zeigen),  gestattete
das  Feudalsystem  doch  niemandem  das  unbeschränkte  und  ausschließliche ­
  Recht  auf  den  Grund  und  Boden.  Lin  Lehen  war  wesentlich  ein
Deposit  und  mit  dem  Genusse  waren  auch  Verpflichtungen  verbunden.
Der  Herrscher,  theoretisch  der  Vertreter  der  Gesamtmacht  und  der  Gesamtrechte ­
  des  ganzen  Volkes,  war  nach  feudaler  Ansicht  der  einzige
absolute  Grundbesitzer.  Und  obwohl  der  Grund  und  Boden  dem  persönlichen ­
  Besitz  überliefert  war,  so  waren  mit  dem  Besitz  doch  Pflichten
verbunden,  durch  deren  Erfüllung,  wie  angenommen  wurde,  der  Nutz ­
        <pb n="291" />
        278

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

nießer  von  seinen  Einkünften  dein  Staate  ein  Äquivalent  für  die  Vorteile
zurückgab,  welche  er  durch  die  Übertragung  des  gemeinschaftlichen  Rechtes
empfing.
Zn  dem  Feudalsystem  trugen  die  Aronländer  öffentliche  Ausgaben, ­
  welche  jetzt  aus  der  Zivilliste  bestritten  werden;  die  Airchenländereien
  trugen  die  Aasten  des  öffentlichen  Gottesdienstes  und  des
Unterrichts,  der  Aranken-  und  Armenpflege  und  erhielten  eine  Alasfe
von  Menschen,  deren  Leben  man  als  dem  öffentlichen  lvohle  gewidmet
ansah  und  es  vielfach  ohne  Zweifel  auch  war;  auf  den  militärischen
Lehen  dagegen  lastete  die  Landesverteidigung.  I"  der  Verpflichtung,
unter  welcher  sich  der  militärische  Lehensträger  befand,  im  Fall  der
Not  eine  gewisse  Macht  ins  Feld  zu  stellen,  sowie  in  dem  Beistände,
den  er  zu  leisten  hatte,  wenn  des  Herrschers  ältester  Sohn  zum  Ritter
geschlagen,  seine  Tochter  verheiratet  oder  der  Herrscher  selbst  zum
Ariegsgefangenen  gemacht  wurde,  lag  eine  rohe  und  unwirksame,  aber
unzweifelhaft  doch  eine  Anerkennung  der  dem  natürlichen  Verständnis
aller  Menschen  einleuchtenden  Tatsache,  daß  der  Grund  und  Boden
nicht  privates,  sondern  gemeinschaftliches  Eigentum  ist.
Auch  durfte  der  Besitzer  von  Grund  und  Boden  seine  Verfügung
nur  lebenslänglich  ausüben.  Gbschon  das  Prinzip  der  Erblichkeit  bald
das  der  Wahl  verdrängte,  wie  dies  stets  der  Fall  sein  muß,  wo  die  Macht
sich  konzentriert,  so  forderte  doch  das  Lehnsrecht,  daß  stets  ein  Vertreter
des  Lehns  vorhanden  fei,  der  sowohl  die  mit  einem  großen  Grundbesitz
verbundenen  Pflichten  zu  erfüllen,  wie  die  Vorteile  zu  empfangen
fähig  war,  und  wer  dies  sein  solle,  war  nicht  der  individuellen  Laune
überlassen,  sondern  rigorös  im  voraus  bestimmt.  Daraus  entstand  dann
Vormundschaft  und  andere  feudale  Einrichtungen.  Das  System  des
Lrftgeburtsrechts  und  dessen  Auswuchs,  das  Fideikommiß,  waren  in
ihren  Anfängen  nicht  die  Ungereimtheiten,  die  später  daraus  wurden.
Die  Grundlage  des  Feudalsystems  war  der  absolute  Besitz  des
Grund  und  Bodens,  ein  Gedanke,  den  sich  die  Barbaren  inmitten
einer  besiegten  Bevölkerung,  welcher  derselbe  geläufig  war,  schnell
aneigneten;  der  Feudalismus  jedoch  zog  darüber  ein  höheres  Recht,
und  der  Prozeß  der  Feudalisierung  bestand  darin,  persönliche  Herrschaft ­
  der  höheren  Herrschaft  unterzuordnen,  welche  das  größere  Land
oder  Volk  vertrat.  Seine  Einheiten  waren  die  Grundbesitzer,  welche
kraft  ihres  Besitzes  unumschränkte  Herren  auf  ihrem  Gebiete  waren
und  dort  das  Schützeramt  bekleideten,  welches  Taine  in  dem  Einleitungskapitel ­
  seines  „alten  Regime"  so  anschaulich,  wenn  auch  vielleicht ­
  mit  etwas  zu  starken  Farben  beschrieben  hat.  Das  Werk  des
Feudalsystems  war,  diese  Einheiten  in  Völker  zusammenzufassen  und
die  Macht  und  Rechte  der  individuellen  Herren  des  Landes  der  Macht
und,  den.  Rechten  der  Gesamtgesellschaft,  wie  sie  durch  den  Gberlehnsherrn
  oder  Aönig  dargestellt  wurde,  unterzuordnen.
So  war  das  Feudalsystem  in  seiner  Entstehung  und  Entwicklung
        <pb n="292" />
        Kap.  IV.

2?9

Der  Privatgrundbesitz  vom  historischen  Standpunkte  aus.

ein  Triumph  der  Idee  des  gemeinschaftlichen  Rechtes  auf  den  Grund
und  Boden,  indem  es  einen  absoluten  Besitz  in  einen  konditionellen
verwandelte  und  für  das  Vorrecht,  Rente  zu  erhalten,  besondere  Verpflichtungen ­
  auferlegte.  Und  gleichzeitig  wurde  die  Macht  des  Grundbesitzes ­
  auch  noch  gewissermaßen  von  unten  her  beschnitten,  da  die
beliebig  kündbare  Pachtung  der  Bauern  sich  sehr  allgemein  zur  Erbpacht
verdichtete  und  die  Rente,  die  der  Grundherr  vom  Bauern  fordern
konnte,  fixiert  und  festbestimmt  wurde.
Und  inmitten  des  Feudalsystems  verblieben  oder  entstanden  Gemeinden ­
  von  Bauern,  die  mehr  oder  weniger  feudalen  Lasten  unterworfen ­
  waren,  aber  den  Boden  als  gemeinschaftliches  Eigentum  bebauten;
und  obgleich  die  Herren,  wo  und  wann  sie  dazu  die  Macht  hatten,  so
ziemlich  alles  beanspruchten,  was  ihnen  der  Mühe  wert  schien,  so  war
doch  die  Idee  des  gemeinschaftlichen  Rechts  stark  genug,  um  sich  gewohnheitsmäßig ­
  auf  einem  beträchtlichen  Teile  des  Landes  zu  erhalten.
Der  Gemeindebesitz  muß  in  feudalen  Zeiten  einen  sehr  großen  Teil
des  Gebietes  der  meisten  europäischen  Länder  umfaßt  haben.  Denn
in  Frankreich  belaufen  sich  die  Gemeindeländereien  (obgleich  die  gelegentlich ­
  durch  Königliches  Edikt  aufgehaltenen  oder  aufgehobenen
Aneignungen  derselben  durch  den  Adel  vor  der  Revolution  jahrhundertelang ­
  vor  sich  gingen  und  während  der  Revolution  und  des  Kaiserreiches
große  Verteilungen  und  Verkäufe  veranstaltet  wurden)  nach  Angabe
de  Lavele^es  noch  immer  auf  4  000  000  Hektare.  Die  Ausdehnung
der  Gemeindeländereien  Englands  während  der  Feudalzeit  kann  aus
der  Tatsache  abgenommen  werden,  daß,  obgleich  die  Einhegungen  des
Adels  unter  der  Regierung  Heinrich  VII.  begannen,  unter  den  zwischen
I?I0  und  I8$3  erlassenen  Parlamentsakten  noch  immer  nicht  weniger
als  7  660  413  Acker  Gemeindeländereien  eingehegt  wurden,  wovon
600  000  Acker  erst  seit  (84s;  und  man  schätzt,  daß  noch  jetzt  2  Millionen
Acker  Gemeindeland  übrig  sind,  obwohl  natürlich  die  schlechtesten  Teile
des  Bodens.
Außer  diesen  Gemeindeländereien  bestand  bis  zur  Revolution
in  Frankreich,  und  besteht  in  einzelnen  Teilen  Spaniens  bis  auf  den
heutigen  Tag,  ein  Gewohnheitsrecht  mit  voller  gesetzlicher  Kraft,  wonach ­
  Ackerland,  nachdem  die  Ernte  eingebracht,  zum  Behuf  der  weide
öffentlich  wird,  bis  die  Zeit  kommt,  um  den  Boden  wieder  zu  benutzen;
und  an  manchem  Orte  bestand  ein  Herkommen,  wonach  jeder  das  Recht
hatte,  auf  Grundstücken,  die  der  Besitzer  vernachlässigte,  zu  säen  und
zu  ernten.  Und  wenn  jemand  Dünger  für  die  erste  Ernte  verwendete,
so  erlangte  er  das  Recht,  nochmals  zu  säen  und  eine  zweite  Ernte  einzuheimsen, ­
  ohne  daß  der  Eigentümer  etwas  dagegen  haben  oder  es
verhindern  konnte.
Nicht  bloß  die  Dithmarsische  Mark,  die  Schweizer  Allmend,  die
serbischen  und  russischen  Dorfgemeinden;  nicht  bloß  die  langen  Grate
auf  englischem  Boden,  der  jetzt  ausschließlicher  Besitz  einzelner  ist,  er ­
        <pb n="293" />
        280

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

möglichen  es  noch  dem  Altertumsforscher,  die  großen  Felder  nachzuweisen, ­
  die  in  früherer  Zeit  der  Dreifelderwirtschaft  gewidmet  waren,
und  an  denen  jedem  Dorfbewohner  alljährlich  sein  gleicher  Anteil  zugeteilt ­
  wurde;  nicht  nur  die  dokumentarischen  Beweise,  welche  fleißige
Gelehrte  neuerdings  aus  alten  Urkunden  hervorgezogen  haben;  sondern
die  Institutionen  selbst,  unter  denen  sich  die  moderne  Zivilisation  entwickelt ­
  hat,  beweisen  die  Allgemeinheit  und  lange  Dauer  des  gemeinschaftlichen ­
  Rechtes  auf  die  Benutzung  des  Grund  und  Bodens.
Auch  in  den  Vereinigten  Staaten  finden  sich  noch  Reste  von  Gesetzen, ­
  die  ihren  Sinn  verloren  haben,  aber  gleich  den  noch  bestehenden
Resten  der  alten  Gemeindegründe  Englands  darauf  hinweisen.  Die
Lehre  vom  Gbereigentum  (die  auch  im  mohammedanischen  Gesetz  besteht),
welche  den  Souverän  theoretisch  zum  einzigen  absoluten  Grundbesitzer
macht,  entspringt  aus  nichts  anderem  als  aus  der  Anerkennung  des
Souveräns  als  Vertreter  der  Gesamtrechte  des  Volkes;  das  Erstgeburtsrecht ­
  und  das  Fideikommiß,  welche  noch  in  England  bestehen  und  vor
\oo  Zähren  auch  in  einigen  amerikanischen  Staaten  bestanden,  sind  nur
verdrehte  Formen  von  dem,  was  einst  ein  natürliches  Erzeugnis  der  Auffassung ­
  des  Grund  und  Bodens  als  Gemeingut  war.  Selbst  der  Unterschied, ­
  der  in  der  Rechtssprache  zwischen  Grund-  und  persönlichem  Eigentum ­
  gemacht  wird,  ist  nur  der  Überrest  einer  ursprünglichen  Unterscheidung ­
  zwischen  dem,  was  früher  als  Gemeingut  angesehen,  und  dem,
was  seiner  Natur  nach  immer  als  besonderes  Eigentum  des  einzelnen
betrachtet  wurde.  Und  die  größere  Sorgfalt  und  Umständlichkeit,  welche
noch  jetzt  für  die  Übertragung  von  Grundstücken  erfordert  wird,  ist  nur
ein  jetzt  sinn-  und  nutzloser  Überrest  der  allgemeineren  und  feierlicheren
Zustimmung,  die  einst  für  die  Übertragung  von  Rechten  erforderlich  war,
die  man  nicht  als  Zubehör  eines  Mitgliedes,  sondern  aller  Mitglieder
einer  Familie  oder  eines  Stammes  betrachtete.
Der  allgemeine  Gang  der  Entwicklung  der  modernen  Zivilisation ­
  seit  der  Feudalzeit  war  aus  den  Umsturz  dieser  natürlichen  und
ursprünglichen  Ansichten  vom  Aollektivbesitz  an  Grund  und  Boden
gerichtet.  So  paradox  es  scheinen  mag,  das  Auftauchen  der  Freiheit
aus  den  Fesseln  des  Lehnswesen  war  von  einer  Tendenz  begleitet,
auf  den  Grund  und  Boden  diejenige  Besitzform  anzuwenden,  welche
die  Versklavung  der  arbeitenden  Massen  involviert,  und  die  jetzt  in  der
ganzen  zivilisierten  Welt  als  ein  eisernes  Zoch  sich  fühlbar  zu  machen
beginnt,  welches  durch  keine  Ausdehnung  bloßer  politischer  Rechte
oder  persönlicher  Freiheit  gemildert  werden  kann,  und  welches  die
Nationalökonomen  fälschlich  als  den  Druck  natürlicher  Gesetze  und  die
Arbeiter  als  die  Tyrannei  des  Aapitals  betrachten.
Soviel  ist  klar,  daß  heute  in  Großbritannien  das  Recht  des  Volkes
als  eines  Ganzen  auf  den  Grund  und  Boden  seines  Vaterlandes  viel
weniger  anerkannt  wird  als  in  der  Feudalzeit.  Ein  viel  geringerer  Teil
des  Volkes  besitzt  den  Boden,  und  dessen  Besitz  ist  viel  absoluter.  Die  einst
        <pb n="294" />
        Kap.  VI.  Der  Privatgrundbesitz  vom  historischen  Standpunkte  aus.  28  J

so  ausgedehnten  und  so  bedeutend  zur  Unabhängigkeit  und  zur  Erhaltung ­
  der  unteren  Ulassen  beitragenden  Gerneindeländereien  sind,
bis  auf  ein  kleines  Überbleibsel  von  nur  wertlosem  Boden,  alle  in  Privatbesitz
  übergegangen  und  eingehegt;  die  großen  Kirchengüter,  die  wesentlich ­
  öffentlichen  Zwecken  gewidmetes  Gemeingut  waren,  sind  denselben
entfremdet  worden,  um  einzelne  zu  bereichern;  die  Verpflichtungen
der  militärischen  Lehen  sind  abgeschüttelt  und  die  Unterhaltskosten  der
militärischen  Einrichtungen,  so  wie  die  Zinsen  einer  durch  Uriege  angehäuften ­
  ungeheuren  Schuld  dem  ganzen  Volke  durch  Steuern  auf  die
Notwendigkeiten  und  Annehmlichkeiten  des  Lebens  aufgebürdet  worden.
Die  Urongüter  sind  meistens  in  Privatbesitz  übergegangen,  und  der
britische  Arbeiter  muß  für  die  Erhaltung  der  Uöniglichen  Familie  und
aller  der  kleinen  Prinzen,  die  hineinheiraten,  im  Preise  seines  Uruges
Bier  und  seiner  Pfeife  Tabak  zahlen.  Der  englische  Freisasse,  das  herzhafte ­
  Geschlecht,  welches  Lrecy,  Poitiers  und  Agincourt  gewann,  ist
so  erloschen  wie  das  Mastodon.  Der  schottische  Llansmann,  dessen
Rechte  an  den  Boden  seiner  heimatlichen  Berge  damals  ebenso  unbestritten ­
  waren  wie  die  seiner  Häuptlinge,  ist  vertrieben  worden,  um  für
die  Schafherden  oder  Hirschrudel  der  Nachkommen  jener  Häuptlinge
Platz  zu  machen;  das  Stammesrecht  des  Irländers  ist  in  eine  beliebig
kündbare  Pachtung  verwandelt  worden.  Dreißigtausend  Menschen
haben  die  gesetzliche  Macht,  die  ganze  Bevölkerung  aus  fünf  Sechsteln
der  britischen  Inseln  zu  vertreiben,  und  die  ungeheure  Mehrheit  des
britischen  Volkes  hat  keinerlei  Recht  an  das  Vaterland,  außer  auf  den
Straßen  zu  gehen  oder  auf  den  Eisenbahnen  zu  reisen.  Auf  sie  können
Passend  die  Worte  eines  Tribunen  des  römischen  Volkes  angewendet
werden:  „Männer  Roms",  sagte  Tiberius  Gracchus,  „Ihr  werdet
die  Herren  der  Welt  genannt  und  doch  habt  Ihr  kein  Recht
auf  einen  Fuß  breit  ihres  Bodens!  Die  wilden  Tiere
haben  ihre  Höhlen,  aber  die  Krieger  Italiens  nur  Wasser
und  Luft!"
Das  Resultat  ist  in  England  vielleicht  auffälliger  als  anderswo,
aber  die  Tendenz  ist  allenthalben  bemerkbar  und  in  England  nur  weiter
vorgeschritten  infolge  von  Umständen,  welche  sie  mit  größerer  Schnelligkeit ­
  entwickelt  haben.
Der  Grund,  weshalb  mit  der  Ausdehnung  der  persönlichen  Freiheit
eine  Ausdehnung  des  Privatbesitzes  am  Grund  und  Boden  stattgefunden
hat,  ist  meiner  Ansicht  nach  der,  daß,  als  mit  dem  Fortschritt  der  Zivilisation ­
  die  gröberen  Formen  der  mit  dem  Grundbesitz  verbundenen
Obergewalt  fallen  gelassen,  oder  abgeschafft  oder  weniger  auffällig
wurden,  die  Aufmerksamkeit  von  den  hinterlistigeren,  aber  tatsächlich
Wirksameren  Formen  abgelenkt  ward,  so  daß  die  Grundbesitzer  leicht
imstande  waren,  das  Grundeigentum  auf  dieselbe  Basis  zustellen  wie
anderes  Eigentum.
Die  Entwicklung  der  Nationalmacht,  sei  es  in  der  Form  des  König ­
        <pb n="295" />
        282

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

tums  oder  der  parlamentarischen  Regierung,  entkleidete  die  großen
Herren  der  persönlichen  Macht  und  Bedeutung,  ihrer  Jurisdiktion  und
Gewalt  über  die  Personen  und  unterdrückte  so  die  auffälligen  Mißbräuche,
ähnlich  wie  die  Entwicklung  des  römischen  Imperialismus  die  auffälligsten ­
  Grausamkeiten  der  Sklaverei  unterdrückt  hatte.  Die  Zerlegung
der  großen  Lehnsgüter,  welche  solange  als  sich  nicht  die  Notwendigkeit
fühlbar  machte,  in  großem  Maßstabe  zu  produzieren,  darauf  hinwirkte,
dieZahl  derGrundbesitzer  zu  vermehren,  und  die  Abschaffung  derZwangsmaßregeln,
  durch  welche  dieselben,  als  noch  die  Bevölkerung  dünner  war,
die  Arbeiter  auf  ihren  Gütern  zurückzuhalten  suchten,  trugen  auch  dazu
bei,  die  Aufmerksamkeit  von  der,  mit  dem  Privatbesitz  am  Grund  und
Boden  verknüpften  Ungerechtigkeit  abzulenken,  während  der  beständige
Fortschritt  der  Ideen  des  römischen  Rechts,  des  großen  Schachtes  und
Vorratshauses  der  modernen  Jurisprudenz,  darauf  abzielte,  den  natürlichen ­
  Unterschied  zwischen  Grundeigentum  und  Eigentum  an  anderen
Dingen  zu  verwischen.  So  ging  mit  der  Ausdehnung  der  persönlichen
Freiheit  eine  Ausdehnung  des  persönlichen  Grundbesitzes  bfand  in  bfand.
Die  politische  Macht  der  Barone  wurde  überdies  nicht  durch  die
Empörung  der  Klassen  gebrochen,  welche  die  Ungerechtigkeit  des  Grundbesitzes ­
  deutlich  fühlen  konnten.  Solche  Empörungen  fanden  immer
und  immer  statt,  aber  ebenso  oft  wurden  sie  mit  schrecklichen  Grausamkeiten ­
  unterdrückt,  was  die  Macht  der  Barone  brach,  war  die  Zunahme
der  Handwerker-  und  bjandelsklassen,  und  zwischen  dem  Lohn  derselben
und  der  Grundrente  besteht  nicht  dasselbe  klare  Verhältnis.  Diese  Klassen
hatten  sich  ebenfalls  unter  einem  System  geschlossener  Gilden  und  Innungen ­
  entwickelt,  welches,  wie  ich  früher  bei  Besprechung  der  Gewerkvereine ­
  und  Monopole  erläuterte,  sie  in  den  Stand  setzte,  sich  gegen  die
Wirkung  des  allgemeinen  Lohngesetzes  gleichsam  zu  verschanzen,  und
welches  viel  besser  aufrecht  zu  erhalten  war  als  heutzutage,  wo  die
Wirkung  verbesserter  Transportmethoden  und  die  Verbreitung  der
nötigsten  Kenntnisse  und  neuesten  Nachrichten  die  Bevölkerung  beständig
mobiler  macht.  Diese  Klassen  sahen  nicht  und  sehen  jetzt  noch  nicht,  daß
die  Grundbesitzverhältnisse  schließlich  die  Bedingungen  des  industriellen,
sozialen  und  politischen  Lebens  bestimmen  müssen.  Und  so  ging  die
Tendenz  dahin,  den  Begriff  des  Grundeigentums  mit  dem  Eigentum
an  Dingen  menschlicher  Produktion  zu  verschmelzen,  und  man  machte
selbst  Rückschritte  und  begrüßte  sie  als  Fortschritte.  Die  französische
konstituierende  Versammlung  glaubte  im  Jahre  l.789  ein  Überbleibsel
der  Tyrannei  hinwegzufegen,  als  sie  den  Zehnten  abschaffte  und  den
Unterhalt  der  Geistlichkeit  durch  allgemeine  Steuern  deckte.  Der  Abbe
Siöyes  stand  allein,  als  er  erklärte,  daß  man  einfach  eine  Steuer,  die  eine
der  Bedingungen  war,  auf  Grund  deren  die  Besitzer  ihre  Güter  besaßen,
den  Gutsbesitzern  erlasse,  um  dieselbe  der  Arbeit  des  Volkes  aufzuerlegen.
Aber  vergebens.  Da  der  Abbä  Siöyes  ein  Priester  war,  so  sah  man  in
ihm  einen  Verteidiger  der  Interessen  seines  Standes,  während  er  in
        <pb n="296" />
        Wahrheit  als  Verteidiger  der  Menschenrechte  auftrat.  In  jenen  Zehnten
hätten  die  Franzosen  ein  großes  öffentliches  Einkommen  beibehalten
können,  welches  den  Löhnen  der  Arbeit  oder  dem  Erwerbe  des  Kapitals
nicht  einen  Lentime  genommen  haben  würde.
Und  ebenso  ist  die  nach  der  Thronbesteigung  Karls  II.  ratifizierte
Abschaffung  der  militärischen  Lehen  in  England  durch  das  Lange  Parlament ­
  zwar  nichts  weiter  als  eine  Aneignung  öffentlicher  Einkünfte
seitens  der  Lehnsherren  gewesen,  die  dadurch  die  Verpflichtungen,
um  derentwillen  sie  das  Gemeingut  der  Nation  befaßen,  los  wurden,
und  dieselben  durch  die  Besteuerung  aller  Konsumenten  dem  Volke
aufbürdeten,  gleichwohl  aber  lange  als  ein  Triumph  des  Freiheitssinnes ­
  angesehen  worden  und  wird  in  den  Rechtsbüchern  noch  so  betrachtet. ­
  Aber  gerade  hier  liegt  die  Tuelle  der  ungeheuren  Staatsschuld ­
  und  schweren  Besteuerung  Englands,  wäre  die  Form  dieser
Lehnsverpflichtungen  einfach  in  eine  den  veränderten  Zeiten  angemessenere ­
  Form  umgewandelt  worden,  so  hätten  die  englischen
Kriege  nie  die  Kontrahierung  einer  Schuld  von  einem  einzigen  Pfunde
erfordert  und  die  Arbeit  und  das  Kapital  Englands  behufs  Erhaltung
eines  Beeres  nicht  um  einen  geller  besteuert  zu  werden  brauchen.
Alle  diese  Kosten  würden  durch  die  Rente  gedeckt  worden  sein,  welche
die  Grundbesitzer  seit  jener  Zeit  sich  angeeignet  haben  —  aus  der  Steuer,
welche  die  Grundeigentümer  von  dem  Erwerbe  der  Arbeit  und  des
Kapitals  erheben.  Die  Grundbesitzer  Englands  erhielten  ihr  Land
zu  Bedingungen,  welche  selbst  bei  der  dünnen  Bevölkerung  der  normannischen ­
  Zeiten  ihnen  die  Verpflichtung  auferlegten,  beim  ersten
Ruf  so  000  vollkommen  ausgerüstete  Reiter  ins  Feld  zu  stellen*),  und
zu  der  weiteren  Bedingung  verschiedener  Abgaben  und  Leistungen,
die  sich  auf  einen  beträchtlichen  Teil  der  Grundrente  beliefen.  Niedrig
veranschlagt  würden  diese  verschiedenen  Dienste  und  Abgaben  die
Hälfte  des  Pachtwertes  der  Güter  ausmachen,  wären  die  Grundbesitzer ­
  zur  Einhaltung  dieser  Verbindlichkeiten  angehalten  worden
und  hätte  man  sie  kein  Land  unter  anderen  als  solchen  Bedingungen
einhegen  lassen,  so  würde  das,  der  Nation  heute  aus  dem  englischen
Boden  erwachsende  Einkommen  um  viele  Millionen  größer  sein  als  die
sämtlichen  öffentlichen  Einnahmen  des  vereinigten  Königreiches.  England ­
  könnte  sich  heute  einer  absoluten  Gewerbe-  und  Handelsfreiheit
erfreuen.  Ls  brauchte  keine  Zölle,  keine  Akzise,  keine  Gewerbesteuer,
keine  Einkommensteuer,  und  man  würde  dennoch  alle  jetzigen  Ausgaben
bestreiten  können  und  noch  einen  großen  Überfluß  behalten,  um  allen
*)  Andrew  Bisset  bestreitet  in  seinem  werke:  „The  Strength  of  Nations“,  London
tssg,  in  welchem  er  die  Aufmerksamkeit  des  englischen  Volkes  auf  diese  Maßregel  lenkt,
durch  welche  die  Grundbesitzer  sich  die  Zahlung  ihrer  Rente  an  die  Natton  vom  Halse
schafften,  die  Angabe  Blackstoner,  daß  eines  Ritters  Dienst  nur  40  Tage  dauerte  und  sagt,
er  habe  so  lange  gewährt,  wie  er  erforderlich  war.
        <pb n="297" />
        Buch  VII.

28^  Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Zwecken  zu  dienen,  die  zur  Wohlfahrt  des  ganzen  Volkes  beitragen
könnten.
wenden  wir  unsere  Blicke  in  die  Vergangenheit,  so  können  wir
überall,  wo  genug  Licht  über  die  Zustände  verbreitet  ist,  sehen,  daß
alle  Völker  in  ihren  ersten  Anschauungen  den  gerneinschastlichen  Besitz
am  Grund  und  Boden  anerkannt  haben,  und  daß  der  sdrivatgrundbesitz
  eine  Usurpation,  eine  Schöpfung  der  Gewalt  und  des
Truges  ist.
wie  Madame  de  Stael  sagte:  „Die  Freiheit  ist  alt".  Kehren  wir
zu  den  frühesten  Überlieferungen  zurück,  so  werden  wir  immer  finden,
daß  die  Gerechtigkeit  den  ältesten  Rechtstitel  hat.

Kapitel  V.
Vom  Grundbesitz  in  den  Vereinigten  Staaten.
Zn  den  früheren  Stadien  der  Zivilisation  wurde,  wie  wir  sahen,
der  Grund  und  Boden  stets  als  Gemeingut  betrachtet.  Und  wenden
wir  uns  von  der  dämmernden  Vergangenheit  zu  unserer  eigenen  Zeit,
so  können  wir  bemerken,  daß  die  natürlichen  Anschauungen  noch  dieselben
sind,  und  daß  die  Menschen,  in  Verhältnisse  gestellt,  unter  welchen  der
Einfluß  von  Erziehung  und  Gewohnheit  geschwächt  ist,  instinktmäßig
die  Gleichheit  des  Rechtes  an  die  Gaben  der  Natur  anerkennen.
Die  Entdeckung  von  Gold  in  Kalifornien  brachte  in  einem  neuen
Lande  Menschen  zusammen,  die  gewohnt  gewesen  waren,  den  Grund
und  Boden  als  rechtmäßigen  Gegenstand  persönlichen  Eigentums  zu
betrachten,  und  von  denen  wahrscheinlich  nicht  einer  unter  tausend  je
im  Traume  daran  gedacht  hatte,  einen  Unterschied  zwischen  Grundeigentum ­
  und  anderem  Eigentum  zu  machen.  Aber  zum  ersten  Male  in  der
Geschichte  der  angelsächsischen  Rasse  kamen  diese  Männer  in  Berührung
mit  einem  Lande,  aus  welchem  Gold  durch  die  einfache  Verrichtung
des  Auswaschens  zu  erhalten  war.
wäre  das  Land,  mit  dem  sie  es  zu  tun  hatten,  Ackerland  oder
weide  oder  Wald  von  besonderer  Güte  gewesen;  wären  es  Grundstücke ­
  gewesen,  welche  durch  ihre  Lage  einen  besonderen  wert  für
kommerzielle  Zwecke  erhielten  oder  wegen  der  von  ihnen  gebotenen
Wasserkräfte  wert  hatten,  oder  hätten  sie  reiche  Minen  von  Kohlen,
Eisen  oder  Blei  enthalten,  so  würden  die  Grundbesitzverhältnisse,  an
die  sie  gewöhnt  waren,  zur  Anwendung  gekommen  sein,  und  der  Boden
wäre  streckenweis  in  Privatbesitz  übergegangen,  wie  selbst  die  öffentlichen ­
  Grundstücke  in  San  Franzisko  (tatsächlich  die  wertvollsten  des
        <pb n="298" />
        Kap.  V.

vom  Grundbesitz  in  den  Vereinigten  Staaten.

285

Staates),  welche  nach  spanischem  Gesetz  zurückgestellt  waren,  um  für
spätere  Bewohner  dieser  Stadt  wohnplätze  zu  bieten,  ohne  nennenswerten ­
  Protest  appropriiert  worden  waren.  Aber  die  Neuheit  des
Falles  durchbrach  die  gewohnten  Vorstellungen  und  führte  die  Menschen
auf  die  ersten  Prinzipien  zurück,  und  es  wurde  einstimmig  entschieden,
daß  dieses  goldhaltende  Land  gemeinschaftliches  Eigentum  bleiben
solle,  von  dem  niemand  mehr  nehmen  dürfe,  als  er  vernünftigerweise
benutzen  könne,  oder  länger  besitzen  dürfe,  als  er  es  benutze.  Diese
Auffassung  der  natürlichen  Gerechtigkeit  erhielt  die  Zustimmung  des
Generalgouvernements  und  der  Gerichtshöfe,  und  solange  die  Goldausbeute ­
  beträchtlich  blieb,  wurde  kein  Versuch  gemacht,  diese  Rückkehr
zu  den  ursprünglichen  Zdeen  umzustoßen.  Der  Rechtstitel  auf  das  Land
verblieb  der  Regierung,  und  niemand  konnte  mehr  als  einen  Anspruch
auf  faktischen  Besitz  erlangen.  Die  Goldgräber  setzten  in  jedem  Distrikt
den  Umfang  des  Platzes,  den  der  einzelne  nehmen  konnte,  und  den  Umfang ­
  der  Arbeit  fest,  die  geleistet  werden  mußte,  um  die  Benutzung
zu  konstituieren,  wurde  diese  Arbeit  nicht  geleistet,  so  konnte  jeder  den
Boden  besetzen.  So  war  niemandem  gestattet,  die  Hilfsquellen  der  Natur
zu  belegen  oder  abzuschließen.  Die  Arbeit  wurde  als  der  Schöpfer  der
Güter  anerkannt,  ihre  freies  Feld  gegeben  und  ihre  Belohnung  sichergestellt.
  Das  Mittel  würde  unter  den  in  den  meisten  Ländern  herrschenden ­
  Bedingungen  nicht  volle  Gleichheit  der  Rechte  verschafft  haben,
aber  unter  den  dort  und  damals  bestehenden  Verhältnissen,  bei  einer
dünnen  Bevölkerung,  einem  unerforschten  Lande  und  einer  Beschäftigung, ­
  die  ihrer  Natur  nach  eine  Lotterie  war,  gewährte  sie  volle  Gerechtigkeit. ­
  Der  eine  konnte  eine  enorm  reiche  Ablagerung  treffen,
andere  dagegen  Monate  und  Zähre  vergebens  suchen,  aber  alle  hatten
die  gleiche  Chance.  Niemand  durfte  mit  den  Gaben  des  Schöpfers
„Hund  im  Trog  spielen"*).  Der  Grundgedanke  der  Bergwerksordnung
war,  Aufkauf  und  Monopol  zu  verhindern.  Auf  denselben  Grundsatz
sind  die  Bergwerksgesetze  Mexikos  begründet,  und  dasselbe  Prinzip
wurde  in  Ausstralien,  in  Britisch-Lolumbien  und  in  den  südafrikanischen
Diamantenfeldern  angenommen,  denn  es  stimmt  mit  den  natürlichen
Nechtsanschauungen  überein.
Mit  dem  verfall  des  Goldgrabens  in  Kalifornien  gewann  schließlich ­
  die  gewohnte  Vorstellung  vom  Privateigentum  die  Oberhand
in  dem  Erlaß  eines  Gesetzes,  welches  die  Privilegierung  mineralhaltiger
Grundstücke  zuließ.  Die  einzige  Folge  davon  ist,  daß  Naturvorteile
verschlossen  und  dem  Eigentümer  von  Mineralgrund  die  Macht  gegeben
wurde,  jedem  anderen  die  Benutzung  dessen  zu  verbieten,  was  er  selbst
nicht  benutzen  will.  Und  es  gibt  viele  Fälle,  in  welchen  Mineralgrund
für  spekulative  Zwecke  zurückgehalten  wird,  gerade  wie  man  zu  den*) ­

  Das  englische  Sprichwort:  to  play  the  dog  in  the  manger  (soviel  wie  neidisch
sein)  ist  vm  Deutschen  nicht  wiederzugeben.  Anm.  des  Ubers.
        <pb n="299" />
        286

Buch  VII.

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

selben  Zwecken  wertvolles  Bau-  und  Ackerland  der  Benutzung  vorenthält,
während  aber  die  Ausdehnung  des  Prinzips  des  Privateigentums
auf  den  unterirdischen  Grund  die  Benutzung  desselben  verhinderte,  gewährte ­
  sie  keine  Garantie  für  Verbesserungen.  Die  größten  Verwendungen ­
  von  Kapital  aus  «Öffnung  und  Entwicklung  von  Minen  —
Verwendungen,  die  sich  in  einzelnen  Fällen  auf  Millionen  Dollar
beliefen  —  hatten  aus  Grund  der  bloßen  Bearbeitungsgerechtsame
stattgefunden.
wären  die  Verhältnisse,  welche  die  ersten  englischen  Ansiedler
in  Nordamerika  umgaben,  derartige  gewesen,  um  ihre  Aufmerksamkeit
de  novo  auf  die  Frage  des  Grundbesitzes  zu  lenken,  so  kann  es  keinem
Zweifel  unterliegen,  daß  sie  auf  die  ersten  Prinzipien  zurückgegangen
wären,  gerade  wie  sie  in  Angelegenheiten  der  Staatsverfassung  darauf
zurückgingen;  und  der  individuelle  Grundbesitz  würde  verworfen  worden
sein,  gerade  wie  Adel  und  Monarchie  verworfen  wurden.  Aber  während
einerseits  in  dem  Lande,  von  dem  sie  kamen,  dies  System  sich  noch  nicht
völlig  entwickelt  und  dessen  Wirkungen  sich  noch  nicht  vollständig  fühlbar
gemacht  hatten,  verhinderte  andererseits  der  Umstand,  daß  in  dem
neuen  Lande  ein  unermeßlicher  Kontinent  zur  Ansiedlung  einlud,  jede
Frage  über  die  Gerechtigkeit  und  Zuträglichkeit  des  Privatbesitzes  am
Grund  und  Boden.  Denn  in  einem  neuen  Lande  scheint  der  Gleichheit
volles  Genüge  geleistet  zu  werden,  wenn  nur  niemandem  gestattet  wird,
Land  unter  Ausschluß  der  übrigen  an  sich  zu  nehmen.  Anfänglich  scheint
es  ganz  unschädlich,  dies  Land  als  absolutes  Eigentum  zu  behandeln.
Ist  doch  genug  Land  für  alle  da,  die  welches  haben  wollen,  und  die
Sklaverei,  die  in  einem  späteren  Lntwicklungsstadium  notwendig
aus  dem  individuellen  Grundbesitz  entspringt,  wird  nicht  gefühlt.
In  Virginien  und  nach  dem  Süden  zu,  wo  die  Ansiedlung  einen
aristokratischen  Lharakter  hatte,  wurde  die  natürliche  Ergänzung  der
großen  Güter,  in  welche  das  Land  verteilt  war,  in  Gestalt  der  Negersklaverei
  eingeführt.  Aber  die  ersten  Ansiedler  Neu-Lnglands  verteilten
das  Land  wie  zwölf  Jahrhunderte  vorher  ihre  Ahnen  das  Land  Britanniens ­
  behandelt  hatten,  indem  sie  jedem  Familienhaupt  seinen
Wohnplatz  und  sein  Ackerland  gaben,  während  außerhalb  der  freie
Gemeindegrnnd  lag.  was  die  großen  Eigentümer  betraf,  welche  die
englischen  Könige  durch  Patentbriefe  zu  schaffen  suchten,  so  sahen  die
Ansiedler  klar  genug  die  Ungerechtigkeit  des  angestrebten  Monopols,
und  keiner  dieser  Eigentümer  erhielt  viel  aus  ihren  Bewilligungen;
aber  der  Überfluß  an  Land  verhinderte,  daß  die  Aufmerksamkeit  auf  das
Monopol  gelenkt  wurde,  welches  der  individuelle  Grundbesitz  selbst  bei
kleinen  Flächen  mit  sich  bringen  muß,  sobald  der  Grund  und  Boden
selten  wird.  Und  so  ist  es  geschehen,  daß  die  große  Republik  der  neuen
Welt  am  Beginn  ihrer  Laufbahn  eine  Institution  angenommen  hat,
welche  den  Republiken  des  Altertums  zum  Verderben  gereichte;  daß  ein
Volk,  welches  die  unveräußerlichen  Rechte  aller  Menschen  aus  Leben,
        <pb n="300" />
        Kap.  V.

287

Vom  Grundbesitz  in  den  Vereinigten  Staaten.

Freiheit  und  Streben  nach  Glück  proklamiert,  unbedenklich  ein  Prinzip
annahm,  welches,  das  gleiche  und  unveräußerliche  Recht  auf  den  Boden
leugnend,  damit  schließlich  auch  das  gleiche  Recht  auf  Leben  und  Freiheit
leugnet;  daß  ein  Volk,  welches  um  den  Preis  eines  blutigen  Krieges
den  Sklavenbesitz  abgeschafft  hat,  der  Sklaverei  in  einer  ausgedehnteren
und  gefährlicheren  Form  Wurzel  zu  fassen  erlaubte.
Der  Kontinent  schien  so  groß,  das  Gebiet,  über  welches  sich  die
Bevölkerung  noch  ergießen  konnte,  so  ungeheuer,  daß  wir,  an  den
Gedanken  des  individuellen  Grundbesitzes  gewöhnt,  dessen  Ungerechtigkeit ­
  nicht  erkannten.  Denn  nicht  allein  verhinderte  dieser  Hintergrund
von  unbesiedeltem  Lande,  die  volle  Wirkung  der  privaten  Aneignung
selbst  in  den  älteren  Teilen  zu  fühlen;  sondern  es  schien  auch  nicht  unbillig, ­
  jemanden  mehr  Land  nehmen  zu  lassen,  als  er  benutzen  konnte,
um  die  später  Kommenden  zur  Zahlung  für  die  Benutzung  zwingen
zu  können,  so  lange  andere  genau  dasselbe  tun  konnten,  wenn  sie  etwas
weiter  gingen.  Ja  noch  mehr,  das  Vermögen,  das  aus  der  Aneignung
des  Grund  und  Bodens  entstand  und  so  faktisch  aus  den  auf  den  Arbeitslohn ­
  gelegten  Steuern  gezogen  wurde,  erschien  als  eine  dem  Arbeiter
dargebotene  Prämie  und  wurde  auch  als  solche  verkündet.  In  allen
neueren  Staaten,  und  in  starkem  Maße  selbst  in  den  älteren  ist  die  angesessene ­
  Grundaristokratie  der  Vereinigten  Staaten  noch  in  ihrer  ersten
Generation.  Die  Leute,  die  aus  der  Werterhöhung  des  Landes  Nutzen
zogen,  sind  großenteils  Männer,  die  ohne  einen  geller  angefangen
haben.  Ihre  großen  vermögen,  die  sich  vielfach  hoch  in  die  Millionen
belaufen,  erscheinen  ihnen  und  auch  vielen  anderen  als  die  besten  Beweise ­
  der  Gerechtigkeit  der  bestehenden  sozialen  Verhältnisse,  unter
denen,  wie  ihnen  scheint,  Klugheit,  Vorsicht,  Fleiß  und  Sparsamkeit
ihre  Belohnung  fanden,  während  in  Wahrheit  diese  Vermögen  nur
die  Gewinne  des  Monopols  und  notwendig  auf  Kosten  der  Arbeit
erworben  sind.  Aber  die  Tatsache,  daß  die  so  Bereicherten  als  Arbeiter
anfingen,  verbirgt  dies,  und  dasselbe  Gefühl,  welches  dem  Inhaber
eines  Lotterieloses  die  Größe  der  Gewinne  entzückend  vorspiegelt,
hat  selbst  die  Armen  verhindert,  sich  gegen  ein  System  zu  rühren,  welches
so  viele  Arme  reich  machte.
Kurz,  das  amerikanische  Volk  hat  die  Ungerechtigkeit  des  Privatgrundbesitzes ­
  nicht  eingesehen,  weil  es  bislang  noch  nicht  dessen  volle
Dirkungen  gefühlt  hat.  Das  öffentliche  Gebiet,  der  große  Umfang
des  Landes,  das  noch  dem  privatbesitz  zu  überantworten  war,  das
ungeheure  Gemeingut,  auf  das  sich  der  Blick  der  Energischen  lenkte,
war  der  Lsauxtumstand,  der  seit  den  Zeiten,  wo  die  ersten  Niederlassungen ­
  die  atlantische  Küste  zu  umsäumen  begannen,  unseren  volkscharakter
  gebildet  und  unsere  nationalen  Gedanken  gefärbt  hat.  Nicht
Weil  wir  eine  betitelte  Aristokratie  geflohen  sind  und  das  Lrftgeburtsrecht
  abgeschafft  haben;  nicht  weil  wir  alle  unsere  Beamte  vom  Schuldirektor ­
  bis  zum  Präsidenten  wählen;  nicht  weil  unsere  Gesetze  im
        <pb n="301" />
        288

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII.

Namen  des  Volkes,  anstatt  im  Namen  eines  Fürsten  lauten;  nicht  weil
der  Staat  keine  Religion  kennt  und  unsere  Richter  keine  herrücken
tragen,  sind  wir  von  den  Adeln  befreit  geblieben,  welche  die  Redner
des  4.  Juli  als  charakteristische  Merkmale  der  abgenutzten  Despotismen
der  alten  Welt  zu  bezeichnen  pflegten.  Die  allgemeine  Intelligenz,
der  weitverbreitete  Komfort  und  Assimilation,  der  freie,  unabhängige
Geist,  die  Energie  und  das  Selbstvertrauen,  die  unser  Volk  auszeichnen,
find  nicht  Ursachen,  sondern  Wirkungen  —sie  sind  aus  dem  freien  Grund
und  Boden  erwachsen.  Das  öffentliche  Gebiet  ist  die  umgestaltende
Kraft  gewesen,  die  den  schlaffen,  Ehrgeiz  nicht  kennenden  europäischen
Bauern  in  den  selbstvertrauenden  Landmann  des  Westens  verwandelt
hat;  selbst  den  Bewohnern  bevölkerter  Städte  gab  es  Freiheitsbewußtsein,
und  war  ein  Urquell  der  Hoffnung  selbst  für  Leute,  die  niemals  daran
dachten,  ihre  Zuflucht  zu  ihm  zu  nehmen.  Wenn  das  Kind  des  Volkes
in  Europa  zur  Mannheit  heranreift,  findet  es  alle  die  besten  Plätze
beim  Bankett  des  Lebens  mit  „belegt"  bezeichnet  und  muß  mit  seinen
Gefährten  um  die  abfallenden  Krumen  kämpfen,  mit  einer  Lhance
von  nichts  gegen  tausend,  daß  es  sich  einen  Platz  erzwingen  oder  erschleichen ­
  werde.  In  Amerika  hatte  es  in  jedem  Fall  doch  immer  noch  das
Bewußtsein,  daß  das  öffentliche  Gebiet  hinter  ihm  liege,  und  die  Kenntnis
dieses  Umstandes  hat  in  Aktion  und  Reaktion  den  ganzen  Volkscharakter
durchdrungen  und  demselben  Großmut  und  Unabhängigkeitsgefühl,
Elastizität  und  Ehrgeiz  verliehen.  Alles,  was  den  Amerikaner  mit  Stolz
erfüllt,  alles,  was  die  amerikanischen  Verhältnisse  und  Einrichtungen
besser  macht  als  die  älterer  Länder,  kann  man  auf  die  Tatsache  zurückführen, ­
  daß  der  Grund  und  Boden  in  den  vereinigten  Staaten  billig
war,  weil  dem  Einwanderer  neuer  Boden  offenstand.
Aber  fchon  ist  man  bis  zum  Stillen  Gzean  vorgerückt.  Weiter
westlich  kann  man  nicht  gehen,  und  die  zunehmende  Bevölkerung  kann
sich  nur  nach  Nord  und  Süd  ausbreiten  und  ausfüllen,  was  übergangen
worden  ist.  Gegen  Norden  füllt  sie  schon  das  Tal  des  Roten  Flusses,
dringt  in  das  Gebiet  des  Saskatschewan  ein  und  übt  im  Washington-Gebiet
  das  Vorkaufsrecht:  im  Süden  bedeckt  sie  das  westliche  Texas
und  nimmt  die  anbaufähigen  Täler  von  Neu-Mexiko  und  Arizona  auf.
Die  Republik  ist  in  eine  neue  Ara  eingetreten,  eine  Ara,  in  der
das  Grundmonopol  sich  mit  beschleunigter  Wirkung  fühlbar  machen
wird.  Die  große  Tatsache,  die  so  mächtig  gewesen  ist,  fängt  an  aufzuhören.
Das  öffentliche  Gebiet  ist  beinahe  fort,  einige  wenige  Jahre  werden
dessen  bereits  schwindendem  Einfluß  ein  Ende  machen.  Ich  will  nicht
sagen,  daß  es  kein  öffentliches  Gebiet  mehr  geben  wird.  Noch  lange  werden
Millionen  Morgen  öffentlicher  Ländereien  in  den  Büchern  des  Landdepartements ­
  aufgeführt  werden.  Aber  man  muß  sich  erinnern,  daß  der
beste  Teil  des  Kontinents  für  Ackerbauzwecke  schon  überlaufen  und  nur
das^  ärmste  Land  noch  übrig  ist.  Man  muß  sich  erinnern,  daß  das,  was
übrig  ist,  die  großen  Bergketten,  die  unfruchtbaren  Wüsten,  die  nur
        <pb n="302" />
        Dom  Grundbesitz  in  den  Vereinigten  Staaten.

Kap.  V.

zuin  Abweiden  tauglichen  Hochebenen  einbegreift.  Und  man  muß  sich
erinnern,  daß  viele  dieser  Ländereien,  die  in  den  Berichten  als  offen  für
die  Ansiedlung  bezeichnet  werden,  noch  nicht  vermessener  Grund  und
Boden  find,  der  durch  Besitzanspruch  oder  Vormerkung  angeeignet
wurde,  was  nicht  eher  zum  Vorschein  kommt,  als  bis  das  Land  vermessen ­
  worden  ist.  Kalifornien  figuriert  in  den  Büchern  des  Landdepartements ­
  mit  dem  größten  öffentlichen  Gebiete,  nämlich  mit  fast
{oo  Millionen  Morgen,  etwa  einem  Zwölftel  des  gesamten  öffentlichen ­
  Gebietes.  Allein  davon  wird  durch  Eisenbahnkonzessionen  so
viel  vorabgenommen  oder  in  der  oben  besprochenen  Weise  soviel  besessen, ­
  soviel  besteht  aus  nicht  pflügbaren  Bergen  oder  Berieselung
erfordernden  Ebenen,  soviel  wird  durch  die  Pachtungen  der  Wasserläufe ­
  monopolisiert,  daß  es  tatsächlich  schwer  ist,  dem  Einwanderer
noch  irgendeinen  Teil  des  Staates  zu  zeigen,  wo  er  Land  nehmen
könnte,  auf  dem  er  sich  niederlassen  und  eine  Familie  erhalten  kann,
und  so  werden  die  Leute  schließlich  des  Suchens  müde  und  kaufen
Land  oder  pachten  es  auf  Anteil.  Natürlich  besteht  kein  wirklicher
Mangel  an  Land  in  Kalifornien  —  denn,  ein  Reich  für  sich,  wird  es  einst
eine  Bevölkerung  wie  die  Frankreichs  erhalten  —  aber  die  Aneignung
ist  dem  Ansiedler  vorangegangen  und  hält  sich  immer  vor  ihm.
vor  einigen  zwölf  oder  fünfzehn  Jahren  sagte  der  verstorbene
Ben  Wade  von  Ohio  in  einer  Rede  im  Vereinigten  Staaten-Senat,
daß  am  Schlüsse  dieses  Jahrhunderts  jeder  Morgen  gewöhnlichen
Ackerlandes  in  der  Union  so  Dollar  Gold  wert  sein  würde.  Es  ist  bereits ­
  klar,  daß,  wenn  er  sich  irrte,  es  nur  darin  war,  daß  er  die  Zeit  zu
weit  hinaussteckte,  wenn  die  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten
in  den  vom  jetzigen  Jahrhundert  übrig  bleibenden  20  Jahren  fortfährt,
in  dem  Maßstabe  zuzunehmen,  welchen  sie,  mit  Ausnahme  des  den
Bürgerkrieg  ausfüllenden  Jahrzehnts,  seit  Gründung  der  Republik
eingehalten  hat,  so  wird  die  Zunahme  der  jetzigen  Bevölkerung  etwa
fünfundvierzig  Millionen  betragen,  eine  Zunahme,  die  einige  sieben
Millionen  mehr  beträgt,  als  die  Gesamtbevölkerung  der  Vereinigten
Staaten  nach  Ausweis  des  Zensus  von  t8?0  und  beinahe  anderthalbmal
soviel  als  die  gegenwärtige  Bevölkerung  Großbritanniens.  Es  ist  keine
Frage,  daß  die  Vereinigten  Staaten  die  Fähigkeit  haben,  eine  derartige
Bevölkerung  und  viele  hundert  Millionen  mehr  zu  erhalten  und  sie
auch  unter  geeigneten  sozialen  Vorkehrungen  in  zunehmendem  Wohlstände ­
  zu  erhalten;  aber  was  wird  angesichts  einer  solchen  Bevölkerungsvermehrung ­
  aus  dem  nicht  angeeigneten  öffentlichen  Gebiete?  Faktisch
wird  bald  nichts  mehr  da  sein.  Ls  wird  sehr  lange  währen,  bis  alles  in
Gebrauch  genommen  ist,  aber  so  wie  wir  voranschreiten,  wird  es  sehr
kurze  Zeit  dauern,  bis  alles,  was  die  Menschen  brauchen  können,  einen
Eigentümer  haben  wird.
Aber  die  schlimmen  Folgen  davon,  daß  man  das  Land  eines  ganzen
Volkes  zum  ausschließlichen  Eigentum  einiger  wenigen  macht,  warten

George,  Fortschritt  und  Armut.

19
        <pb n="303" />
        290

Die  Gerechtigkeit  des  Heilmittels.

Buch  VII

mit  ihrem  Erscheinen  nicht  auf  die  schließliche  Aneignung  des  öffentlichen ­
  Gebietes.  Es  ist  nicht  nötig,  sie  vorauszuahnen,  wir  können  sie
in  der  Gegenwart  sehen.  Sie  sind  mit  unserem  Wachstum  gewachsen
und  nehmen  noch  immer  zu.
wir  pflügen  neue  Felder,  öffnen  neue  Minen,  gründen  neue
Städte;  wir  treiben  den  Indianer  zurück  und  rotten  den  Büffel  aus;
wir  umgürten  das  Land  mit  Eisenstraßen  und  säumen  die  Luft  mit
Telegraxhendrähten;  wir  häufen  Kenntnisse  auf  Kenntnisse  und  machen
Erfindung  auf  Erfindung  nutzbar;  wir  bauen  Schulen  und  dotieren
Lehranstalten;  aber  trotz  alledem  wird  es  den  Massen  unseres  Volkes
nicht  leichter,  ihr  Brot  zu  finden.  Im  Gegenteil,  es  wird  schwerer.
Die  wohlhabende  Klasse  wird  wohlhabender,  aber  die  ärmere  wird  immer
abhängiger.  Die  Kluft  zwischen  dem  Arbeiter  und  dem  Arbeitgeber
wird  weiter;  die  sozialen  Gegensätze  werden  schärfer;  mit  den  livrierten
Equipagen  kommen  auch  die  barfüßigen  Kinder,  wir  werden  daran
gewöhnt,  von  den  arbeitenden  und  den  begüterten  Klassen  zu  sprechen^
Bettler  werden  so  häufig,  daß,  wo  es  einst  kaum  für  ein  kleines  verbrechen
als  Straßenraub  galt,  semandem  Speise  und  Trank  zu  verweigern,,
um  die  er  bat,  jetzt  das  Tor  verriegelt  und  die  Bulldogge  losgelassen
wird,  während  Gesetze  gegen  die  Landstreicher  erlassen  werden,  die  an
die  Zeiten  Heinrichs  VIII.  erinnern.
Die  Amerikaner  nennen  sich  das  vorgeschrittenste  Volk  der  Erde.
Aber  was  ist  der  Zweck  unseres  Fortschrittes,  wenn  dies  die  Früchte
sind,  die  an  dessen  Wege  wachsen?
So  sind  die  Resultate  des  Privatbesitzer  am  Grund  und  Boden
beschaffen,  so  die  Wirkungen  eines  Prinzipes,  das  mit  immer  zunehmender ­
  Gewalt  wirken  muß.  Nicht  weil  die  Arbeiter  schneller  zugenommen
haben  als  das  Kapital;  nicht  weil  die  Bevölkerung  gegen  ihren  Unterhalt ­
  drängt;  nicht  weil  die  Maschinen  „die  Arbeit  rar"  gemacht  Habens
nicht  weil  ein  tatsächlicher  Gegensatz  zwischen  der  Arbeit  und  dem  Kapital
besteht;  sondern  einfach,  weil  der  Grund  und  Boden  teurer  wird,  werden
die  Bedingungen,  unter  denen  die  Arbeit  Zugang  zu  den  Naturvorteilen
findet,  die  allein  sie  zur  Produktion  befähigen,  härter  und  härter.  Das
öffentliche  Gebiet  tritt  weiter  zurück  und  wird  immer  enger.  Das  Grundeigentum ­
  konzentriert  sich  immer  mehr.  Derjenige  Teil  des  Volkes,
der  kein  gesetzliches  Recht  auf  den  Grund  und  Boden  hat,  auf  dem  er
lebt,  wird  beständig  größer.
Die  New  Yorker  „World"  sagt:  „Lin  nicht  am  Orte  residierender
Besitzer,  wie  der  in  Irland,  wird  das  charakteristische  Merkmal  großer
landwirtschaftlicher  Distrikte  in  Neuengland,  der  Nominalwert  der  zu
verpachtenden  Besitzungen  steigt  mit  jedem  Jahr,  die  beanspruchten
pachten  werden  in  die  Höhe  geschraubt  und  der  Charakter  der  Pächter
beständig  heruntergedrückt."  Und  die  „Nation"  sagt  mit  Bezug  auf
denselben  Gegenstand:  „vermehrter  Nominalwert  des  Landes,  höhere
Pachten,  weniger  von  ihren  Besitzern  bewohnte  Landgüter,  verminderte
        <pb n="304" />
        Kap.  V.

Dom  Grundbesitz  in  den  Dereinigten  Staaten.

2 ?A

\9*

Produktion,  niedrigere  Löhne,  eine  unwissendere  Bevölkerung,  eine
steigende  Zahl  nrit  harter  Feldarbeit  beschäftigter  Frauen  (das  sicherste
Zeichen  einer  sinkenden  Zivilisation)  und  eine  beständige  Verschlechterung
in  der  Betriebsmethode  —  dies  sind  die  Verhältnisse,  wie  sie  von  einer
vollkommen  unwiderlegbaren  Masse  von  Beweisen  dargelegt  werden."
Die  gleiche  Tendenz  ist  in  den  neuen  Staaten  bemerkbar,  wo  der
riesige  Maßstab  der  Kultur  an  die  Latifundien  erinnert,  welche  das  alte
Italien  zugrunde  richteten.  In  Kalifornien  wird  ein  fehr  großer  Teil
des  Ackerlandes  von  Jahr  zu  Jahr  zu  Sätzen  verpachtet,  die  von  einem
Viertel  bis  selbst  zur  Hälfte  der  Ernte  variieren.
Die  schwereren  Zeiten,  die  niedrigeren  Löhne,  die  zunehmende
Armut,  welche  sich  in  den  Vereinigten  Staaten  bemerkbar  machen,
sind  nur  Resultate  der  Naturgesetze,  die  wir  erforscht  haben  —-  Gesetze
ebenso  allgemein  und  ebenso  unwiderstehlich  wie  das  der  Anziehungskraft. ­
  Wir  gründeten  die  Republik  nicht,  als  wir  im  Angesicht  der  Fürstentümer ­
  und  Mächte  die  Erklärung  der  unveräußerlichen  Menschenrechte
erließen;  wir  werden  niemals  die  Republik  gründen,  bis  wir  jene  Erklärung ­
  praktisch  dadurch  ausführen,  daß  wir  dem  ärmsten  unter  uns
geborenen  Kinde  ein  gleiches  Anrecht  auf  seinen  heimatlichen  Boden
verschaffen!  wir  schafften  nicht  die  Sklaverei  ab,  als  wir  das  vierzehnte
Amendement  ratifizierten;  um  sie  abzuschaffen,  müssen  wir  das  Privateigentum ­
  am  Grund  und  Boden  abschaffen,  wenn  wir  nicht  zu  den
ersten  Prinzipien  zurückkehren,  nicht  die  natürlichen  Begriffe  von  Billigkeit ­
  anerkennen,  nicht  das  gleiche  Recht  aller  auf  den  Grund  und  Boden
proklamieren,  werden  unsere  freien  Institutionen  vergebens  sein,  unsere
Gemeindeschulen  vergebens  sein;  unsere  Entdeckungen  und  Erfindungen
werden  nur  die  Macht  vermehren,  welche  die  Massen  niederdrückt.
        <pb n="305" />
        Buch  VUI.
Die  Anwendung  des  Heilmittels.

warum,  ihr  starken  Männer,  zaudert  ihr?
Luch  pflanzte  Gott  den  Willen  und  den  Mut,
wagt  ihr's  nur,  ihn  zu  zeigen.  Nie  war  es  Wille
Noch  ohne  Mittel  oder  weg  zur  Cat,
Noch  wendet  Glück  sich  je  von  dem,  der  wagt.
Soll'n  wir  im  Antlitz  dieses  schweren  Unrechts
Im  Augenblicke  der  Entscheidung  feig
Und  zitternd  stehn,  indes  ein  kühner  Streich
Die  seufzenden  Millionen  kann  befrein?  —
Und  zwar  ein  Streich,  so  edel,  so  gerecht,
So  gänzlich  nur  der  Menschen  Glück  gemäß,
Daß  ob  der  Tat  die  Engel  jauchzen  werden.
Altes  Schauspiel.

Kapitel  I.
Der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden  unvereinbar  mit  der  besten
Ausnutzung  des  Bodens.
Aus  der  Tendenz,  das  Zufällige  mit  dem  wesentlichen  zu  konfundieren,
  ist  eine  Täuschung  hervorgegangen,  welche  die  Gesetzgeber
mit  allem  Fleiße  geschürt  und  bei  der  sich  die  Nationalökonomen  im
allgemeinen  beruhigt  haben,  statt  daß  sie  versucht  hätten,  dieselbe  bloßzustellen ­
  —.  die  Täuschung,  daß  das  Privatgrundeigentum  für  die
gehörige  Benutzung  des  Bodens  nötig  sei,  und  daß  es  die  Zivilisation
zerstören  und  in  die  Barbarei  zurückfallen  heiße,  denselben  wieder  zu
Gemeingut  zu  machen.
Diese  Täuschung  kann  mit  der  Vorstellung  verglichen  werden,
welche  nach  Angabe  von  Lharles  Lamb  so  lange  unter  den  Chinesen
vorherrschte,  nachdem  man  zufällig  beim  Niederbrennen  von  kso-tis
bfütte  entdeckt  hatte,  wie  gut  Schweinebraten  schmecke,  —  daß  man,
um  ein  Schwein  zn  braten,  ein  bsaus  in  Brand  stecken  müsse.  Obwohl ­
  es  nun  zwar  in  Lambs  reizender  Abhandlung  des  Auftretens
eines  Weifen  bedurfte,  um  das  Volk  zu  belehren,  daß  man  Schweine
        <pb n="306" />
        Kap.  I.

Privatgrimdbesitz  unvereinbar  mit  bester  Bodenbenutzung.

293

braten  könnte  ohne  Däuser  niederzubrennen,  so  bedarf  es  doch  keines
weisen,  urn  einzusehen,  daß  das  Erfordernis  für  die  Verbesserung  des
Bodens  nicht  der  absolute  Besitz  des  Grund  und  Bodens  ist,  sondern  die
Sicherstellung  für  die  Verbesserungen.  Dies  wird  jedem  klar  sein,  der
um  sich  schaut,  während  aber  die  Notwendigkeit,  jemanden  zum  absoluten ­
  und  ausschließlichen  Besitzer  eines  Grundstücks  zu  machen,
um  ihn  zu  dessen  Verbesserung  zu  veranlassen,  nicht  größer  ist  als  die,
ein  paus  niederzubrennen,  um  ein  Schwein  zu  braten;  während  die
Auslieferung  des  Grund  und  Bodens  an  den  Privatbesitz  ein  ebenso
rohes,  verderbliches  und  unsicheres  Wittel  zur  perbeiführung  von  Verbesserungen ­
  ist,  als  das  Niederbrennen  eines  pauses  ein  rohes,  verderbliches ­
  und  unsicheres  Mittel  zum  Braten  eines  Schweines  —  so  haben
wir  doch  für  das  Beharren  bei  dem  ersteren  nicht  die  Entschuldigung,
welche  Lambs  Ehinesen  für  das  Beharren  beim  anderen  hatten.  Bis  der
Weise  auftrat,  der  den  rohen  Bratrost  erfand  (welcher  nach  Lamb  dem
Spieß  und  Gfen  voranging),  wußte  niemand,  wie  man  ein  Schwein
brate,  außer  wenn  man  ein  paus  abbrannte.  Aber  bei  uns  ist  nichts
alltäglicher,  als  daß  Grundstücke  von  Leuten  verbessert  werden,  denen  sie
nicht  gehören.  Der  größere  Teil  des  Bodens  von  Großbritannien  wird
von  Pächtern  bewirtschaftet,  der  größere  Teil  der  päuser  Londons  ist
auf  fremdem  Grund  und  Boden  errichtet,  und  selbst  in  den  Vereinigten
Staaten  herrscht  dasselbe  System  allenthalben  in  größerer  oder  geringerer ­
  Ausdehnung.  Somit  ist  es  eine  alltägliche  Sache,  daß  die  Benutzung ­
  vom  Besitz  getrennt  ist.
würde  etwa  all  dies  Land  nicht  gerade  so  gut  angebaut  und  verbessert
  werden,  wenn  die  Rente  an  den  Staat  oder  an  die  Gemeinde
ginge,  als  jetzt,  wo  sie  an  private  geht?  wenn  kein  Privatbesitz  am
Grund  und  Boden  anerkannt,  sondern  aller  Boden  auf  die  weise  in
Besitz  gehalten  würde,  daß  der  Inhaber  oder  Benutzende  an  den  Staat
Rente  zahlte,  würde  da  das  Land  nicht  geradesogut  und  sicher  verwendet
und  verbessert  werden  als  jetzt?  Ls  kann  darauf  nur  eine  Antwort
geben:  Natürlich  würde  es  das!  Somit  würde  die  Zurücknahme  des
Landes  als  Gemeingut  in  keiner  weise  dem  gehörigen  Gebrauch  und  der
Verbesserung  desselben  widerstreiten.
Was  für  die  Verwendung  des  Landes  nötig  ist,  ist  nicht  der  privatdesitz,
  sondern  die  Sicherheit  der  Verbesserungen.  Es  ist  nicht  erforder-^ch,
  jemandem  zu  sagen:  „dies  Land  ist  dein",  um  ihn  zu  veranlassen,
dasselbe  zu  bebauen  oder  zu  verbessern.  Es  ist  nur  nötig,  ihm  zu  sagen:
»was  deine  Arbeit  oder  dein  Kapital  auf  diesem  Lande  erzeugen,  soll
dein  sein."  Man  gebe  jemandem  die  Sicherheit  zu  ernten,  und  er  wird
säen;  man  versichere  ihn  des  Besitzes  des  pauses,  das  er  zu  bauen  wünscht,
und  er  wird  es  bauen.  Dies  sind  die  natürlichen  Belohnungen  der  Arbeit.
Die  Menschen  säen  der  Ernte  wegen;  die  Menschen  bauen,  um  päuser
Zu  haben.  Das  Eigentum  am  Grund  und  Boden  hat  nichts  damit
Zu  tun.
        <pb n="307" />
        294

Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII.

Um  dieser  Sicherheit  willen  traten  zu  Anfang  der  Feudalzeit
so  viele  kleinere  Grundbesitzer  das  Eigentum  ihres  Grund  und  Bodens
an  einen  militärischen  Häuptling  ab,  indem  sie  von  demselben  dessen
Benutzung  in  Lehen  oder  Verwahrung  zurückerhielten  und,  barhaupt
vor  ihrem  Herrn  niederknieend,  durch  Handschlag  schworen,  ihm  mit
Leib  und  Leben  und  weltlicher  Ehre  zu  dienen.  Ähnliche  Beispiele
vom  preisgeben  des  Grundbesitzes  um  der  Sicherheit  der  Nutznießung
willen  kann  man  in  der  Türkei  sehen,  wo  der  vakouf  oder  die  Rirchenländereien
  von  Steuern  und  Erpressung  befreit  sind,  und  wo  die  Grundbesitzer ­
  sehr  häufig  ihre  Grundstücke  zu  einem  nominellen  Preise  an  eine
Moschee  verkaufen  unter  der  Bedingung,  als  Pächter  zu  einer  festen
Rente  darauf  bleiben  zu  können.
Es  ist  nicht  das  Zaubermittel  des  Eigentums,  wie  Artur  Houng
sagte,  das  den  flämischen  Sand  in  fruchtbare  Felder  umgestaltete.
Es  ist  das  Zaubermittel  der  Sicherheit  der  Arbeit.  Diese  kann  auf
andere  weise  verbürgt  werden  als  dadurch,  daß  man  Land  zu  Privatbesitz ­
  macht,  gerade  wie  die  zum  Braten  eines  Schweines  nötige  Hitze
auf  andere  weise  als  durch  das  Niederbrennen  von  Häusern  hervorgebracht
werden  kann.  Die  bloße  Verpflichtung  eines  irländischen  Grundherrn,
zwanzig  Zahre  lang  in  der  Rente  keinen  Anteil  an  dem  Ertrage  beanspruchen ­
  zu  wollen,  veranlaßte  dessen  Bauern,  einen  unfruchtbaren
Berg  in  Gärten  zu  verwandeln;  auf  die  bloße  Sicherheit  einer  festen
Rente  für  eine  Reihe  von  Zähren  werden  in  Städten  wie  London  und
New  Hork  die  kostspieligsten  Gebäude  auf  gepachtetem  Grund  und
Boden  aufgeführt,  wenn  wir  den  Verbesserern  solche  Sicherheit  geben,
können  wir  den  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden  ruhig  abschaffen.
Die  vollständige  Anerkennung  gemeinschaftlicher  Rechte  auf  den
Grund  und  Boden  braucht  die  vollständige  Anerkennung  individueller
Rechte  auf  Verbesserungen  oder  Produkte  keineswegs  zu  beeinträchtigen.
Zwei  Menschen  können  ein  Schiff  besitzen,  ohne  es  durchzusägen.  Der
Besitz  einer  Eisenbahn  kann  in  hunderttausend  Anteile  verteilt  sein,
und  doch  können  die  Züge  mit  derselben  Ordnung  und  Präzision  abgelassen ­
  werden,  als  ob  nur  ein  Eigentümer  vorhanden  wäre.  Zn
London  find  Aktiengesellschaften  gebildet  worden,  um  Grundeigentum
zu  besitzen  und  zu  verwalten.  Es  könnte  alles  so  weitergehen  wie  jetzt
und  dennoch  das  gemeinschaftliche  Recht  auf  den  Grund  und  Boden
durch  Verwendung  der  Rente  zum  allgemeinen  Nutzen  vollkommen
anerkannt  werden.  Zm  Mittelpunkt  von  San  Franziska  ist  ein  Platz,
an  den  die  gemeinschaftlichen  Rechte  der  Bewohner  dieser  Stadt  noch
immer  gesetzlich  anerkannt  sind.  Dieser  Platz  ist  nicht  etwa  in  unendlich
kleine  Stücke  geteilt,  noch  eine  unbenutzte  Sandfläche  geblieben.  Derselbe ­
  ist  mit  schönen  Gebäuden  bedeckt,  die,  als  Eigentum  von  Privatleuten, ­
  in  vollkommener  Sicherheit  darauf  stehen.  Der  einzige  Unterschied ­
  zwischen  diesem  Platze  und  denen  daneben  ist  der,  daß  die  Rente
des  einen  in  den  Gemeindeschulfonds  geht  und  die  der  anderen  in  die
        <pb n="308" />
        Privatgrundbesitz  unvereinbar  mit  bester  Bodenbenutzung.

295

Aap.  I.

Taschen  von  Privaten.  Was  verhinderte,  daß  der  Grund  und  Boden
eines  ganzen  Landes  auf  diese  weise  Besitz  des  Volkes  wäre?
Ls  würde  schwer  sein,  irgendeinen  Teil  bn  Gebiete  der  vereinigten
Staaten  zu  finden,  wo  die  Verhältnisse,  welche,  wie  inan  gewöhnlich
annimmt,  zur  Überweisung  des  Grund  und  Bodens  an  den  privatbesitz
nötigten,  in  höherem  Grade  bestehen  als  auf  den  kleinen  Inseln  St.  Peter
und  St.  Paul  im  Aleutischen  Archipel,  die  durch  den  Ankauf  von  Alaska
von  Rußland  erworben  wurden.  Diese  Inseln  sind  die  Brutplätze  des
Pelzseehundes,  eines  so  schüchternen  und  vorsichtigen  Tieres,  daß  der
geringste  Schreck  es  veranlaßt,  seinen  gewohnten  Aufenthaltsort  zu  verlassen, ­
  um  nie  zurückzukehren.  Um  die  vollständige  Vernichtung  dieser
Fischerei  zu  verhindern,  ohne  welche  die  Inseln  von  keinerlei  Nutzen
für  den  Menschen  sind,  ist  es  nicht  nur  notwendig,  die  Weibchen  und  die
Jungen  zu  schonen,  sondern  auch  jedes  Geräusch,  wie  das  Abfeuern
einer  Pistole  oder  das  Bellen  eines  Fundes  zu  vermeiden.  Die  Männer,
welche  die  Tiere  töten,  dürfen  nicht  hurtig  verfahren,  sondern  müssen
ruhig  unter  den  auf  den  felsigen  Ufern  umherliegenden  Seehunden
umhergehen,  bis  die  auf  dem  Lande  so  plumpen,  aber  im  Wasser  so
gewandten  Tiere  keine  weitere  Furcht  zeigen,  als  daß  sie  träge  aus  dem
Wege  watscheln.  Dann  werden  diejenigen,  welche  ohne  Beeinträchtigung
der  künftigen  Vermehrung  getötet  werden  können,  sorgfältig  abgetrennt
und  sanft  landeinwärts  getrieben,  wo  sie  außerhalb  des  Gesichts-  und
Gehörkreises  der  perden  mit  Keulen  erschlagen  werden,  wenn  man
eine  derartige  Jagd  jedem  freistellen  wollte,  der  Lust  hätte  hinzugehen
und  draufloszujagen,  so  würde  es  im  Interesse  einer  jeden  Partei
liegen,  unbekümmert  um  die  Zukunft  soviel  als  möglich  zu  erlegen,
und  ein  solches  verfahren  würde  nur  die  Folge  haben,  die  Jagd  in  einigen
Jahren  vollständig  zu  ruinieren,  wie  ähnliche  Jagden  oder  Fischereien
in  anderen  Meeren  auf  diese  Art  ruiniert  worden  sind.  Aber  es  ist  darum
keineswegs  nötig,  diese  Inseln  zu  Privateigentum  zu  machen.  Obgleich
um  viel  weniger  dringender  Gründe  willen  das  große  öffentliche  Gebiet
des  amerikanischen  Volkes,  so  schnell  sich  nur  Abnehmer  dafür  fanden,
Zu  Privatbesitz  geworden  ist,  hat  man  doch  diese  Inseln  für  3(7  500
Dollar  jährlich  verpachtet*),  wahrscheinlich  nicht  sehr  viel  weniger  als
wofür  sie  zurZeit  desAnkaufes  von  Alaska  hätten  verkauft  werden  können.
5ie  haben  dem  Nationalschatz  schon  2  500  000  Dollar  eingetragen  und
sind  noch  immer  in  ungeschmälertem  werte  (denn  unter  der  sorgfältigen
Verwaltung  der  Alaska-Pelz-Kompagnie  vermehren  sich  die  Seehunde
eher,  als  daß  sie  sich  vermindern)  das  Gemeingut  des  Volkes  der  Vereinigten ­
  Staaten.
Weit  entfernt,  daß  die  Anerkennung  des  Privatgrundbesitzes  für
*)  Die  feste  Pacht  des  Vertrags  mit  der  Nompagnie  ist  55  000  Dollar  jährlich  mit
I  "  Zahlung  von  2,625  Dollar  für  jedes  Fell,  was  für  \oo  000  Felle,  auf  die  der  Fang
IHrankt  ist,  262  500  Dollar  beträgt,  also  eine  Gesaintpacht  von  3^7  500  Dollar.
        <pb n="309" />
        Die  Anwendung  des  Heilmittels.

2Z6

Buch  VIII.

die  gehörige  Benutzung  des  Bodens  erforderlich  wäre,  ist  das  Gegenteil ­
  der  Lall.  Das  Land  als  Privatbesitz  zu  behandeln,  steht  der  gehörigen
Ausnutzung  im  Wege.  Würde  das  Land  als  öffentliches  Eigentum
behandelt,  so  würde  es  benutzt  und  verbessert  werden  sobald  es  nötig
ist,  aber  wenn  es  als  Privatbesitz  behandelt  wird,  so  darf  der  persönliche
Eigentümer  andere  verhindern,  das  zu  gebrauchen  und  zu  verbessern,
was  er  nicht  selbst  gebrauchen  oder  verbessern  will.  Bricht  über  den
Besitz  ein  Streit  aus,  so  liegt  das  wertvollste  Land  jahrelang  brach;
in  vielen  Teilen  Englands  wird  die  Verbesserung  eingestellt,  weil  die
Güter  Lideikommiß  sind  und  für  Verbesserungen  keine  Sicherheit  geboten ­
  werden  kann,  und  große  Strecken  Landes,  die,  wenn  sie  öffentliches ­
  Eigentum  wären,  mit  Gebäuden  und  Saaten  bedeckt  sein  würden,
liegen  müßig,  um  die  Laune  des  Eigentümers  zu  befriedigen.  jZu  den
dicht  bewohnten  Teilen  der  Vereinigten  Staaten  ist  genug  Land  vorhanden, ­
  um  die  drei-  oder  vierfache  Bevölkerung  zu  erhalten,  aber  es
liegt  jetzt  unbenutzt,  weil  dessen  Eigentümer  auf  höhere  Preise  hallen,
und  die  Einwanderer  werden  über  dieses  unbenutzte  Land  Hinweggetrieben, ­
  um  Wohnsitze  zu  suchen,  wo  ihre  Arbeit  weit  weniger  ergiebig
sein  wird.  In  jeder  Stadt  kann  man  aus  demselben  Grunde  wertvolle
Plätze  unbenutzt  sehen,  wenn  die  beste  Verwendung  des  Grund  und
Bodens  die  Probe  ist,  dann  ist  der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden
verurteilt,  wie  er  durch  jede  andere  Erwägung  verurteilt  ist.  Es  ist  eine
ebenso  verderbliche  und  unsichere  Weise,  die  gehörige  Benutzung  des
Bodens  zu  sichern,  wie  das  Niederbrennen  von  päusern  es  ist,  um
Schweine  zu  braten.

Kapitel  II.
Wie  gleiche  Rechte  auf  den  Grund  und  Boden  in  Anspruch  genommen
und  gewahrt  werden  können«
wir  haben  den  Mangel  und  die  Leiden,  die  überall  unter  den
arbeitenden  Klassen  herrschen,  die  häufigen  Krisen,  den  Mangel  an
Beschäftigung,  die  Stagnation  des  Kapitals,  die  mit  dem  materiellen
Fortschritt  immer  stärker  auftretende  Tendenz  der  Löhne  nach  dem
Pungerpunkte  auf  den  Umstand  zurückgeführt,  daß  der  Grund  und
Boden,  auf  dem  und  von  dem  alle  leben  müssen,  zum  ausschließlichen
Besitz  einiger  gemacht  ist.
wir  haben  gesehen,  daß  es  kein  denkbares  Peilmittel  für  diese
Übel  gibt  als  die  Beseitigung  ihrer  Ursache;  wir  haben  gesehen,  daß
der  Privatbesitz  am  Grund  und  Boden  in  der  Gerechtigkeit  keinen  palt
hat,  sondern  als  eine  Verweigerung  des  natürlichen  Rechtes  verurteilt
        <pb n="310" />
        Kap.  II.  Wahrung  gleicher  Rechte  auf  den  Grund  und  Boden.

werden  muß  —  als  eine  Umkehrung  des  Naturgesetzes,  die  in  dem  Maße,
wie  die  soziale  Entwicklung  vorschreitet,  die  Massen  der  Menschen  zur
härtesten  und  entwürdigendsten  Sklaverei  degradieren  muß.
wir  haben  jeden  Einwand  erwogen  und  gefunden,  daß  keinerlei
Gründe  der  Billigkeit  oder  der  Ratsamkeit  uns  abschrecken  könnten^
den  Grund  und  Boden  zum  Gemeingut  zu  machen  und  die  Rente  zu
konfiszieren.
Es  bleibt  indessen  noch  die  Frage  der  Methode  zu  erledigen.  Me
soll  dies  geschehen?
wir  müssen  dem  Gesetz  der  Gerechtigkeit  Genüge  tun,  wir  müssen
alle  ökonomischen  Erfordernisse  erfüllen,  wenn  wir  mit  einem  Schlage
alle  privatrechte  beseitigen,  alles  Land  zu  öffentlichem  Eigentum  erklären ­
  und  es  den  Meistbietenden  in  den  geeigneten  Losen  und  unter
solchen  Bedingungen  verpachten,  daß  das  Privatrecht  an  den  Verbesserungen ­
  aufs  heiligste  gewahrt  werde.
So  würden  wir  in  einem  komplizierteren  Gesellschaftszustande
dieselbe  Gleichheit  der  Rechte  verbürgen,  welche  in  einem  einfacheren
Zustande  durch  gleichmäßige  Verteilungen  des  Bodens  verbürgt  wurde;
und  dadurch,  daß  wir  die  Benutzung  des  Bodens  demjenigen  überlassen^
der  am  meisten  daraus  zu  machen  vermag,  würden  wir  auch  die  größte
Produktion  erzielen.
Ein  derartiges  Projekt  ist  keine  ausschweifende,  unausführbare
Grille,  und  ein  nicht  geringerer  Denker  als  perbert  Spencer  hat  dasselbe ­
  (nur  mit  der  Einschränkung,  daß  er  zu  einer  Entschädigung  der
jetzigen  Grundbesitzer  rät  —-  unzweifelhaft  eine  unüberlegte  Konzession,,
die  er  bei  nochmaliger  Überlegung  verwerfen  würde)  befürwortet.
Zn  seinen  ,,8ocial  Ltaties  ‘  Kap.  9,  Abschn.  8  sagt  er  darüber:
„Diese  Lehre  ist  mit  dem  höchsten  Stande  der  Zivilisation  vereinbar,  kann  ausgeführt ­
  werden,  ohne  Gütergemeinschaft  zu  involvieren,  und  braucht  in  den  bestehenden ­
  Einrichtungen  keine  sehr  bedenkliche  Umwälzung  zu  verursachen.  Die  erforderliche ­
  Veränderung  würde  einfach  ein  Wechsel  der  Grundherren  sein.  Der  persönliche ­
  Besitz  würde  in  den  Gesamtbesitz  des  Staates  aufgehen.  Anstatt  im  Besitz
einzelner  zu  sein,  würde  das  Land  von  dem  großen  vereinigten  Körper,  der  Gesellschaft, ­
  in  Besitz  genommen  werden.  Anstatt  seine  Acker  von  einem  vereinzelten  Eigentümer ­
  zu  pachten,  würde  der  Landmann  sie  vom  Staate  pachten.  Anstatt  seine  Pacht
dem  Agenten  Sir  Johns  oder  des  Lord  So  und  So  zu  zahlen,  würde  er  sie  einem
Agenten  oder  stellvertretenden  Agenten  des  Staates  zahlen.  Die  Rentmeister  würden
öffentliche,  anstatt  Privatbeamte  sein,  und  die  Pacht  das  alleinige  Verhältnis  zum
Lande.  Lin  so  eingerichteter  Zustand  der  Dinge  würde  in  vollkommener  Übereinstimmung ­
  mit  dem  Uloralgesetze  sein.  Unter  ihm  würden  alle  Menschen  gleichmäßige
Grundherren  sein,  allen  Menschen  stände  es  frei,  Pächter  zu  werden  .....  Unzweifelhaft ­
  könnte  daher'  die  Erde  nach  einem  solchen  System  eingehegt,  okkupiert  und
bebaut  werden,  in  völliger  Unterordnung  unter  das  Gesetz  der  gleichen  Freiheit."
Ein  derartiges  Projekt,  obgleich  vollkommen  tunlich,  scheint  mir
jedoch  nicht  das  beste  zu  sein.  Ich  schlage  vielmehr  vor,  dieselbe  Sache
auf  einfachere,  leichtere  und  ruhigere  weise  zu  vollbringen  als  durch
        <pb n="311" />
        Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  vm.

298

formelle  Beschlagnahme  alles  Landes  und  durch  formelle  Verpachtung
an  die  Meistbietenden.
Dies  Verfahren  würde  gegen  die  jetzigen  Sitten  und  Denkgewohnheiten ­
  nutzlos  verstoßen  —  was  zu  vermeiden  ist.
Dies  Verfahren  würde  nutzlos  die  Verwaltungsmaschine  ausdehnen
—  was  zu  vermeiden  ist.
Ls  ist  ein  Grundsatz  der  Staatskunst,  welchen  die  erfolgreichen
Gründer  der  Tyrannei  verstanden  und  befolgt  haben,  daß  große  Veränderungen ­
  am  besten  unter  alten  formen  zuwege  gebracht  werden
können.  Wir,  die  wir  die  Menschen  befreien  wollen,  müssen  die  gleiche
Wahrheit  beachten.  Ls  ist  die  natürliche  Methode.  Wenn  die  Natur
einen  höheren  Typus  schaffen  will,  so  nimmt  sie  einen  niedrigeren  und
entwickelt  denselben.  Dies  ist  auch  das  Gesetz  der  sozialen  Entwicklung.
Verfahren  wir  nach  demselben.  Mit  dem  Strome  können  wir  schnell
und  weit  schwimmen,  gegen  ihn  ist  hart  zu  arbeiten  und  langsam  vorwärts ­
  zu  kommen.
Ich  schlage  weder  vor,  den  privatbesitz  an  Grund  und  Boden  zu
kaufen  noch  ihn  zu  konfiszieren.  Das  erstere  würde  ungerecht,  das
letztere  nutzlos  fein.  Mögen  die  Individuen,  welche  jetzt  Land  besitzen,
immerhin,  wenn  sie  wollen,  im  Besitz  dessen  bleiben,  was  sie  ihr  Land
zu  nennen  belieben.  Mögen  sie  fortfahren,  es  ihr  Land  zu  nennen.
Mögen  sie  es  kaufen  und  verkaufen,  vermachen  und  vererben,  wir
können  ihnen  ruhig  die  Schale  lassen,  wenn  wir  den  Kern  nehmen.
Ls  ist  nicht  nötig,  das  Land  zu  konfiszieren;  es  ist  nur  nötig
die  Rente  zu  appropriieren.
Und  um  die  Rente  zum  öffentlichen  Nutzen  zu  nehmen,  ist  es  auch
nicht  nötig,  daß  der  Staat  sich  mit  dem  verpachten  der  Grundstücke
abgibt,  und  die  damit  verknüpften  Gefahren  der  Vergünstigung,  Durchstecherei ­
  und  Korruption  läuft.  Ls  ist  nicht  nötig,  daß  irgendeine  neue
Verwaltungsmaschine  geschaffen  wird.  Die  Maschine  besteht  schon.
Anstatt  sie  auszudehnen,  ist  alles,  was  wir  zu  tun  haben,  sie  zu  vereinfachen ­
  und  einzuschränken.  Dadurch,  daß  wir  den  Grundbesitzern  einen
Prozentsatz  der  Rente  lassen,  der  wahrscheinlich  viel  geringer  sein  würde,
als  die  Kosten  und  Verluste,  falls  wir  versuchten,  die  Ländereien  durch
Vermittlung  des  Staates  zu  verpachten,  und  dadurch,  daß  wir  die  vorhandene ­
  Maschinerie  benutzen,  können  wir  ohne  Mißton  oder  Anstoß
das  gemeinschaftliche  Recht  auf  den  Grund  und  Boden  an  uns  nehmen,
indem  wir  die  Rente  für  öffentliche  Zwecke  einziehen.
Linen  Teil  der  Rente  nehmen  wir  bereits  in  der  Besteuerung.
Wir  brauchen  nur  einige  Änderungen  in  unseren  Besteuerungsformen
zu  machen  und  sie  ganz  zu  nehmen.
was  ich  daher  als  einfaches  aber  höchstes  Heilmittel  vorschlage,
das  die  Löhne  steigern,  den  Erwerb  des  Kapitals  vermehren,  den  Pauperismus ­
  ausrotten,  die  Armut  beseitigen,  lohnende  Beschäftigung  für
jeden,  der  sie  wünscht,  beschaffen,  den  menschlichen  Kräften  freien  Spiel ­
        <pb n="312" />
        Wahrung  gleicher  Rechte  auf  den  Grund  und  Boden.

299

Rap.  II.

raum  gewähren,  das  verbrechen  vermindern,  die  Sittlichkeit,  den
Geschmack,  die  Intelligenz  erhöhen,  die  Regierung  reinigen  und  die
Zivilisation  auf  noch  edlere  Höhen  führen  wird,  ist  —  die  Rente  durch
Besteuerung  zu  appropriieren.
Auf  diese  weise  kann  der  Staat  der  allgemeine  Grundherr  werden,
ohne  sich  so  zu  nennen  und  ohne  eine  einzige  neue  Funktion  zu  übernehmen. ­
  Der  Form  nach  würde  der  Grundbesitz  genau  so  wie  jetzt
bleiben.  Kein  Eigentümer  braucht  depossediert  und  niemand  braucht
im  Umfang  des  statthaften  Besitzes  beschränkt  zu  werden.  Denn  da  die
Rente  vom  Staate  in  Steuern  genommen  wird,  so  würde.das  Land,
gleichviel  auf  wessen  Namen  es  steht  oder  in  welchen  Parzellen  es  gehalten ­
  wird,  faktisch  Gemeingut  sein  und  jedes  Mitglied  des  Gemeinwesens ­
  würde  an  den  Vorteilen  seines  Besitzes  teilnehmen.
Da  nun  die  Besteuerung  der  Rente  oder  der  Landwerte  um  so  viel,
wie  wir  andere  Steuern  abschaffen,  notwendig  erhöht  werden  muß,
so  können  wir  die  Sache  in  praktische  Form  bringen  durch  den  Vorschlag:
Alle  Besteuerung  außer  der  auf  Grundwerte
abzuschaffen.
wie  wir  gesehen  haben,  ist  der  wert  des  Landes  im  Beginn  der
Gesellschaft  nichts,  je  mehr  sich  aber  derselbe  durch  Zunahme  der  Bevölkerung ­
  und  durch  den  Fortschritt  der  Gewerbe  entwickelt,  wird  er
größer  und  größer.  3 n  jedem  zivilisierten  Lande,  selbst  dem  neuesten,
reicht  der  wert  des  Bodens  im  ganzen  hin,  um  die  sämtlichen  Ausgaben
der  Regierung  zu  bestreiten.  )n  den  höher  entwickelten  Ländern  ist
er  weit  mehr  als  ausreichend.  Daher  wird  es  nicht  genügen,  lediglich
alle  Steuern  auf  den  wert  des  Bodens  zu  legen,  wo  die  Rente  die
gegenwärtigen  Regierungseinkünfte  übersteigt,  wird  es  erforderlich
sein,  die  verlangte  Steuersumme  entsprechend  zu  erhöhen  und  damit
fortzufahren,  je  mehr  sich  die  Gesellschaft  entwickelt  und  die  Rente  steigt.
Dies  ist  jedoch  eine  so  natürliche  und  leichte  Sache,  daß  sie  in  dem  vorschlage, ­
  alle  Steuern  auf  den  wert  des  Bodens  zu  legen,  als  einbegriffen
oder  wenigstens  als  darunter  angesehen  werden  darf.  Ls  ist  der  erste
schritt,  durch  welchen  der  praktische  Kampf  eingeleitet  werden  muß.
Ist  der  Hase  erst  gegangen  und  getötet,  so  wird  das  Braten  ganz  von
selber  folgen.  Ist  das  gemeinschaftliche  Recht  auf  den  Grund  und  Boden
erst  so  weit  gewürdigt,  daß  alle  Steuern  abgeschafft  sind,  außer  der  auf
die  Rente,  dann  ist  keine  Gefahr,  daß  den  individuellen  Grundbesitzern
viel  mehr  übrig  bleiben  wird,  als  was  nötig  ist,  um  sie  zu  veranlassen,
die  öffentlichen  Einkünfte  einzuziehen.
Die  Erfahrung  hat  mich  gelehrt  (denn  seit  einigen  Jahren  bin
ich  bemüht  gewesen,  diesen  Vorschlag  in  Aufnahme  zu  bringen),  daß,
wo  der  Gedanke,  alle  Steuern  auf  den  Grundbesitz  zu  konzentrieren,
hinreichenden  Eingang  findet  um  zum  Nachdenken  anzuregen,  es  sich
stets  Bahn  bricht,  daß  aber  wenige  unter  den,  gerade  am  meisten  dabei
gewinnenden  Klassen  sogleich  oder  selbst  geraume  Zeit  später  die  volle
        <pb n="313" />
        300

Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII.

Bedeutung  und  Macht  desselben  einsehen.  Den  Arbeitern  wird  es  schwer,
über  den  Gedanken  hinwegzukommen,  daß  zwischen  der  Arbeit  und
dem  Kapital  kein  wirklicher  Antagonismus  bestehe.  Kleinen  Landleuten
und  Hausbesitzern  wird  es  schwer,  über  den  Gedanken  hinwegzukommen,
daß,  wenn  man  alle  Steuern  an  den  wert  des  Bodens  legte,  sie  nicht
unbillig  belastet  würden.  Ls  ist  beiden  Klassen  schwer,  über  den  Gedanken
hinwegzukommen,  daß  die  Befreiung  des  Kapitals  von  der  Besteuerung
nicht  so  viel  heißt,  als  den  Reichen  reicher  und  den  Armen  ärmer  zu
machen.  Diese  Vorstellungen  entspringen  aus  Gedankenverwirrung.
Aber  hinter  der  Unwissenheit  und  dem  Vorurteil  steht  auch  ein  mächtiges
Interesse,  das  bislang  die  Literatur,  den  Unterricht  und  die  öffentliche
Meinung  beherrscht  hat.  Lin  großes  Unrecht  stirbt  immer  schwer,  und
das  große  Unrecht,  welches  in  jedem  zivilisierten  Lande  die  Massen
der  Menschen  zu  Armut  und  Elend  verdammt,  wird  nicht  ohne  einen
bitteren  Kamps  sterben.
Ich  glaube  nicht,  daß  die  in  Rede  stehenden  Vorstellungen  von  dem
Leser,  der  mir  bis  hierher  gefolgt  ist,  gehegt  werden  können;  aber  da
jede  öffentliche  Diskussion  sich  mehr  mit  dem  Konkreten  als  mit  dem
Abstrakten  befassen  muß,  so  bitte  ich,  mir  noch  etwas  weiter  zu  folgen,
damit  wir  das  von  mir  vorgeschlagene  Heilmittel  durch  die  Regeln  der
Besteuerung  prüfen  können.  Dabei  dürsten  manche  Nebenpunkte  ersichtlich ­
  werden,  die  sonst  der  Aufmerksamkeit  entgehen  könnten.

Kapitel  III.
Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.
Die  beste  Steuer,  durch  welche  öffentliche  Einkünfte  erhoben  werden
können,  ist  offenbar  die,  welche  sich  am  nächsten  den  folgenden  Bedingungen ­
  anschließt:
Daß  sie  so  leicht  wie  möglich  auf  der  Produktion  laste,  um  am
wenigsten  die  Vergrößerung  des  allgemeinen  Fonds,  aus  welchem  die
Steuer  bezahlt  und  das  Gemeinwesen  erhalten  werden  soll,  aufzuhalten.
2.  Daß  sie  leicht  und  wohlseil  zu  erheben  sei  und  so  direkt  wie  nur
möglich  auf  den  schließlichen  Zahler  falle,  um  dem  Volke  über  den
Betrag  hinaus,  welchen  die  Regierung  erhält,  so  wenig  als  tunlich  zu
nehmen.
3.  Daß  sie  fest  bestimmt  sei,  um  von  seiten  der  Beamten  die
wenigste  Gelegenheit  zu  Tyrannei  oder  Korruption  und  von  seiten
der  Steuerzahler  die  wenigste  Versuchung  zu  Gesetzübertretungen  und
Umgehungen  zu  bieten.
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        ■  II...II.I  .- 1 -—--^1  "  -Tr-1,r■  '.."i 1

Kap.  JII.  Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.  5Q\

H.  Daß  sie  gleich  belaste,  um  keinem  Bürger  einen  Vorteil  oder
Nachteil  im  vergleich  zu  anderen  zuzufügen.
Überlegen  wir,  welche  Form  der  Besteuerung  mit  diesen  Bedingungen ­
  am  besten  übereinstimmt,  welche  immer  es  sein  möge,
offenbar  wird  diese  die  beste  Art  und  weise  sein,  in  welcher  die  öffentlichen ­
  Einkünfte  erhoben  werden  können.
1.  Die  Wirkung  der  Steuern  aus  die  Produktion.
Alle  Steuern  müssen  offenbar  aus  den  Erzeugnissen  des  Bodens
und  der  Arbeit  kommen,  weil  es  keine  andere  Güterquelle  gibt,  als
die  Vereinigung  menschlicher  Anstrengung  mit  den  Stoffen  und  Kräften
der  Natur.  Aber  die  Art  und  weise,  in  welcher  diese  Steuersummen
auferlegt  werden  können,  berührt  die  Güterproduktion  auf  sehr  verschiedene ­
  weise.  Die  Besteuerung,  welche  die  Belohnung  des  Produzenten ­
  vermindert,  vermindert  notwendig  auch  den  Sporn  zur  Produktion; ­
  die  Besteuerung,  welche  auf  die  Produktionsart  oder  den  Gebrauch ­
  eines  der  drei  Faktoren  der  Produktion  gelegt  ist,  entmutigt  notwendig ­
  die  Produktion.  Die  Besteuerung,  welche  die  Verdienste  der
Arbeiter  oder  die  Erträge  des  Kapitalisten  vermindert,  macht  daher  die
einen  weniger  betriebsam  und  intelligent,  den  anderen  weniger  zum
Sparen  und  zum  Anlegen  seines  Kapitals  geneigt.  Eine  Steuer,  welche
auf  die  Verrichtungen  der  Produktion  fällt,  stellt  der  Schaffung  von
Gütern  ein  künstliches  Hindernis  entgegen.  Eine  Steuer  auf  die  Arbeit,
die  faktisch  getan  wird,  auf  die  Güter,  die  als  Kapital  verwendet  werden,
auf  das  Land,  das  bebaut  wird,  wird  unzweifelhaft  die  Produktion
viel  gewaltiger  entmutigen,  als  eine  Besteuerung  in  gleicher  Höhe,
die  von  den  Arbeitern  erhoben  wird,  ob  sie  arbeiten  oder  ihrem  Vergnügen ­
  nachgehen,  von  den  Gütern,  ob  sie  produktiv  oder  unproduktiv
verwendet  werden,  oder  vom  Lande,  ob  dasselbe  bebaut  wird  oder
brach  liegt.
Der  Modus  der  Besteuerung  ist  tatsächlich  ganz  so  wichtig  als  der
Betrag,  wie  eine  kleine,  schlecht  verteilte  Last  einem  Pferde  schaden
kann,  das  mit  Leichtigkeit  eine  besser  verteilte  von  viel  größerem  Gewicht
tragen  würde,  so  kann  ein  Volk  arm  gemacht  und  seine  Fähigkeit,  Güter
ZU  produzieren,  durch  eine  Besteuerung  vernichtet  werden,  welche,  auf
andere  weise  erhoben,  mit  Bequemlichkeit  getragen  werden  würde.
Eine  durch  Mehemed  Ali  auferlegte  Steuer  auf  Dattelbäume  veranlaßte
die  ägyptischen  Fellahs,  ihre  Bäume  umzuhauen,  aber  eine  doppelt
so  hohe  Steuer  auf  den  Boden  bewirkte  kein  solches  Resultat.  Die  vom
Herzog  Alba  in  den  Niederlanden  auferlegte  Steuer  von  i^o  Prozent
von  allen  Verkäufen  würde  bei  längerer  Dauer  allen  Verkehr  so  gut  wie
abgeschnitten  und  dabei  nur  wenig  Ertrag  geliefert  haben.
Aber  wir  brauchen  nicht  nach  Beispielen  in  die  Ferne  zu  schweifen.
Die  Gütererzeugung  in  den  vereinigten  Staaten  wird  bedeutend  ver ­
        <pb n="315" />
        Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII.

302

mindert  durch  eine  Besteuerung,  welche  ihre  Produktionsprozesse  belastet. ­
  Der  Schiffbau,  in  welchem  wir  Ausgezeichnetes  leisteten,  ist
was  den  Außenhandel  betrifft,  so  gut  wie  vernichtet,  und  viele  Produktions- ­
  und  Pandelsbranchen  find  durch  Steuern,  welche  den  Gewerbfleiß
  von  produktiveren  auf  weniger  produktive  formen  ablenken,
schwer  verkümmert.
Diese  Hemmung  der  Produktion  ist  mehr  oder  minder  für  die
meisten  der  Steuern  charakteristisch,  durch  welche  die  Einkünfte  der
modernen  Regierungen  erhoben  werden.  Alle  Steuern  auf  Fabrikerzeugnisse, ­
  auf  den  Pandel,  auf  das  Kapital,  auf  Verbesserungen,
gehören  dahin.  Ihre  Tendenz  ist  derselben  Art,  wie  diejenige  der  Steuer
Mehemed  Alis  auf  Dattelbäume,  obgleich  ihre  Wirkung  nicht  so  klar
ersichtlich  fein  mag.
Alle  solche  Steuern  haben  eine  Tendenz,  die  Güterproduktion
zu  verringern,  und  sollten  deshalb  nie  gewählt  werden,  wenn  es  möglich
ist,  Geld  durch  Steuern  zu  erheben,  die  nicht  die  Produktion  hemmen.
Dies  wird  möglich,  je  mehr  sich  die  Gesellschaft  entwickelt  und  der  Reichtum ­
  sich  anhäuft.  Steuern,  die  den  Luxus  treffen,  führen  einfach  dem
öffentlichen  Schatze  Summen  zu,  die  sonst  in  eitlem  Gepränge  um  der
bloßen  Schaustellung  willen  verschwendet  worden  wären;  und  Steuern
von  Testamenten  und  pinterlassenschaften  der  Reichen  dürften  die  Sucht
nach  Reichtumsanhäufung,  die,  wenn  sie  erst  einmal  einen  Menschen
gepackt  hat,  eine  blinde  Leidenschaft  wird,  wenig  einschränken.  Aber  die
pauxtgattung  von  Steuern,  von  denen  ohne  Nachteil  für  die  Produktion
Einnahmen  erhoben  werden  können,  find  die  Steuern  auf  Monopole,
denn  der  Monopolgewinn  ist  an  sich  eine  von  der  Produktion  erhobene
Steuer,  und  denselben  zu  besteuern,  heißt  nur,  nach  den  öffentlichen.
Kassen  zu  lenken,  was  die  Produktion  sowieso  bezahlen  muß.
Ls  bestehen  unter  uns  verschiedene  Arten  von  Monopolen.  So  z.  B.
gibt  es  die  durch  die  Patent-  und  Verlagsrechte  geschaffenen  zeitweiligen
Monopole.  Diese  zu  besteuern,  würde  überaus  ungerecht  und  unweise
sein,  insofern  sie  nur  Anerkennungen  des  Rechtes  der  Arbeit  an  ihre
nicht  handgreiflichen  Produktionen  sind  und  den  der  Erfindung  und
Autorschaft  gewährleisteten  Lohn  bilden.  Dann  gibt  es  die  im  Kapitel  I  V
des  Buch  III  erwähnten  lästigen  Monopole,  die  aus  der  Vereinigung
des  Kapitals  zu  Geschäften  entstehen,  welche  einen  Monopolcharakter
haben.  Da  es  jedoch  außerordentlich  schwer,  wo  nicht  völlig  unmöglich
sein  würde,  durch  allgemeines  Gesetz  Steuern  derartig  zu  erheben,  daß
sie  ausschließlich  auf  die  Erträge  solcher  Monopole  fallen  und  nicht
Steuern  auf  Produktion  oder  Austausch  werden,  so  ist  es  viel  besser,
derartige  Monopole  ganz  abzuschaffen.  Zum  großen  Teil  entspringen
sie  legislativem  Tun  oder  Lassen,  wie  z.  B.  der  schließliche  Grund,  daß
die  Kaufleute  von  San  Franzisko  gezwungen  find,  mehr  für  direkt  von
New  pork  nach  San  Franzisko  über  den  Isthmus  von  Panama  gesandte
Güter  zu  zahlen,  als  es  kostet,  sie  von  New  pork  über  Liverpool  oder
        <pb n="316" />
        Kap.  III.  Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.  303'-

Southampton  nach  San  Franziska  zu  verschiffen,  in  den  „schützenden"
Gesetzen  gesucht  werden  muß,  welche  es  so  teuer  machen,  amerikanische
Dampfschiffe  zu  bauen,  und  welche  fremden  Dampfern  verbieten,
Güter  zwischen  amerikanischen  päfen  zu  transportieren.  Der  Grund,,
daß  die  Bewohner  Nevadas  gezwungen  sind,  für  Güter  vom  Osten
so  viel  Fracht  zu  zahlen,  als  wären  dieselben  erst  nach  San  Franziska
und  dann  zurück  nach  Nevada  gebracht,  liegt  darin,  daß  die  Autorität,
welche  von  feiten  eines  Lohnkutschers  Erpressungen  verhindert,  gegen
eine  Eisenbahngesellschaft  nicht  ausgeübt  wird.  Und  im  allgemeinen
läßt  sich  sagen,  daß  Geschäfte,  die  ihrer  Natur  nach  Monopole  sind,
zu  den  Funktionen  des  Staates  gehören  und  von  demselben  übernommen
werden  sollten.  Dieselben  Gründe,  aus  denen  der  Staat  Briefe  befördert,
sprechen  auch  dafür,  daß  er  Telegramme  befördern  und  daß  die  Eisenbahnen ­
  dem  Publikum  gehören  sollten,  just  wie  die  gewöhnlichen  Straßen
demselben  gehören.
Alle  anderen  Monopole  jedoch  sind  geringfügig  im  vergleich  zum
Bodenmonopol.  Und  der  einfach  ein  Monopol  ausdrückende  Wert  des
Grund  und  Bodens  ist  in  jeder  pinsicht  zur  Besteuerung  geeignet.  Das
heißt,  während  der  wert  einer  Eisenbahn  oder  Telegraphenlinie,  der
preis  des  Gases  oder  eines  durch  Patent  geschützten  Peilmittels  neben
dem  Preise  des  Monopols  doch  auch  die  Anstrengung  der  Arbeit  und  des
Kapitals  mit  ausdrückt,  ist  der  wert  des  Bodens  oder  die  nationalökonomische ­
  Grundrente,  wie  wir  gesehen  haben,  in  keiner  weise  aus  diesen
Faktoren  zusammengesetzt  und  drückt  nichts  aus,  als  den  Vorteil  der
Aneignung,  vom  Bodenwerte  erhobene  Steuern  können  die  Produktion
nicht  im  geringsten  hemmen,  wenn  sie  nicht  die  Grundrente  oder  den
lvert  des  jährlich  dem  Lande  Entnommenen  übersteigen,  denn,  ungleich ­
  den  Steuern  auf  waren  oder  auf  den  Pandel  oder  auf  Kapital
oder  auf  irgendeines  der  Werkzeuge  oder  Prozesse  der  Produktion,
belasten  sie  dieselbe  nicht.  Der  Bodenwert  drückt  nicht  den  Lohn  der
Produktion  aus,  wie  dies  der  wert  der  Ernten,  des  Viehes,  der  Gebäude
oder  irgendeines  Gegenstandes  des  sogenannten  persönlichen  Eigentums
oder  Verbesserungen  tun.  Der  Grundwert  drückt  den  Tauschwert  des
Alonopols  aus.  Derselbe  ist  in  keinem  Falle  eine  Schöpfung  desjenigen,
dem  das  Land  gehört;  er  ist  geschaffen  durch  die  Entwicklung  des  Gemeinwesens. ­
  Daher  kann  das  Gemeinwesen  ihn  vollständig  nehmen,,
ohne  den  Antrieb  zu  Verbesserungen  oder  die  Gütererzeugung  im  geringsten ­
  zu  mindern.  Die  Steuern  auf  den  Bodenwert  können  so  lange
gesteigert  werden,  bis  die  ganze  Grundrente  vom  Staate  genommen  ist,
ohne  den  Lohn  der  Arbeit  oder  den  Ertrag  des  Kapitals  um  ein  )ota
Zu  ermäßigen,  ohne  den  Preis  einer  einzigen  Ware  zu  erhöhen  oder  die
Produktion  irgendwie  zu  erschweren.
,  )a  noch  mehr.  Steuern  auf  den  Bodenwert  hemmen  nicht  nur.
mcht  die  Produktion,  wie  dies  die  meisten  anderen  Steuern  tun,  sondern
Ue  zielen  darauf  hin,  dieselbe  zu  vermehren,  indem  sie  die  spekulative-
        <pb n="317" />
        Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII

30 1
Grundrente  beseitigen.  Me  letztere  die  Produktion  hemmt,  kann  man
nicht  nur  an  dem  der  Benutzung  vorenthaltenen  wertvollen  Boden,
sondern  auch  an  den  Handelskrisen  sehen,  welche,  in  der  spekulativen
Steigerung  der  Grundwerte  wurzelnd,  sich  über  die  ganze  zivilisierte
Welt  fortpflanzen,  allenthalben  die  Lrwerbstätigkeit  lähmen  und  mehr
.Zerstörung,  wahrscheinlich  auch  mehr  Leiden  verursachen,  als  ein  allgemeiner ­
  Krieg.  Die  Besteuerung,  welche  die  Grundrente  für  öffentliche
Zwecke  einzöge,  würde  alles  dies  verhindern;  wäre  der  Boden  annähernd
bis  zu  seinem  Rentenwerte  besteuert,  so  könnte  niemand  sich  darauf
einlassen,  Land  an  sich  zu  halten,  das  er  nicht  benutzt,  und  folglich  würde
nicht  benutztes  Land  denen  offenstehen,  die  es  benutzen  wollen.  Die
Besiedlung  würde  dichter  und  folglich  die  Arbeit  und  das  Kapital
befähigt  fein,  durch  gleiche  Anstrengung  viel  mehr  zu  erzeugen.  Dem
„pund  im  Trog"*),  der  besonders  in  Amerika  mit  der  Produktionskraft
so  verschwenderisch  umgeht,  würde  das  Handwerk  gelegt  werden.
Noch  wichtiger  ist,  daß  die  Einziehung  der  Grundrente  zu  öffentlichem ­
  Nutzen  gewidmeter  Besteuerung  durch  ihre  Wirkung  auf  die  Verkeilung, ­
  die  Güterproduktion  anspornen  würde.  Die  Erörterung  dieses
Punktes  kann  jedoch  vorbehalten  bleiben.  Indessen  ist  es  hinreichend
klar,  daß  mit  Bezug  auf  die  Produktion  die  Steuer  auf  den  Bodenwert
die  beste  Steuer  ist,  die  erhoben  werden  kann.  Besteuert  man  Fabrikate,
so  ist  die  Wirkung,  die  Fabrikation  zu  hemmen;  besteuert  man  Verbesserungen, ­
  so  ist  die  Wirkung,  Verbesserungen  zu  vermindern;  besteuert
man  den  Handel,  so  ist  die  Wirkung,  den  Austausch  zu  verhindern;  besteuert ­
  man  das  Kapital,  so  ist  die  Wirkung,  dasselbe  zu  vertreiben.
Aber  der  ganze  Bodenwert  kann  durch  die  Steuern  genommen  werden,
und  die  einzige  Wirkung  wird  sein,  die  Erwerbstätigkeit  anzuspornen,
dem  Kapital  neue  Gelegenheiten  zu  eröffnen  und  die  Güterproduktion
zu  vermehren.
II.  Die  Leichtigkeit  und  Wohlfeilheit  der  Einziehung.
vielleicht  mit  Ausnahme  gewisser  Gewerbe-  und  Stempelabgaben,
die  so  eingerichtet  werden  können,  daß  sie  sich  fast  von  selbst  einziehen,
die  aber  keinen  nennenswerten  Betrag  abwerfen,  läßt  sich  eine  Steuer
auf  den  Bodenwert  von  allen  Steuern  am  leichtesten  und  wohlfeilsten
einziehen.  Denn  der  Boden  läßt  sich  nicht  verbergen  oder  wegschaffen,
sein  wert  ist  leicht  festzustellen,  und  wenn  die  Veranlagung  einmal
gemacht  ist,  so  bedarf  es  nur  eines  Einnehmers  zur  Einziehung.
Und  da  in  allen  Steuersystemen  ein  Teil  der  öffentlichen  Einkünfte
durch  Steuern  auf  den  Boden  erhoben  wird,  die  bezügliche  Ulaschinerie
also  schon  besteht  und  gerade  so  gut  gebraucht  werden  kann,  um  alles
statt  nur  eines  Teils  einzuziehen,  so  könnten  die  Erhebungskoften,  welche

*)  vgl.  Note  auf  S.  285.
        <pb n="318" />
        Kap.  III.  Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.  ZOZ

jetzt  die  anderen  Steuern  erfordern,  infolge  der  Ersetzung  derselben  durch
die  Steuer  auf  die  Grundwerte  gänzlich  erspart  werden.  Welch  eine
enorme  Ersparnis  dadurch  bewirkt  werden  könnte,  läßt  sich  aus  der  Menge
von  Beamten  schließen,  welche  jetzt  zur  Einziehung  dieser  Steuern  verwendet ­
  werden.
Diese  Ersparnis  würde  den  Unterschied  zwischen  den  jetzigen  Erhebungskosten ­
  und  den  Erträgnissen  der  Steuern  bedeutend  verringern,
aber  die  Ersetzung  aller  anderen  Steuern  durch  eine  Steuer  auf  die
Grundwerte  würde  diesen  Unterschied  sogar  auf  eine  noch  wichtigere
Weise  verringern.
Eine  Steuer  auf  die  Grundwerte  erhöht  die  preise  nicht  und  wird
somit  direkt  von  denjenigen  bezahlt,  auf  die  sie  fällt,  wohingegen  alle
Steuern  auf  Dinge  unbestimmter  (Quantität  die  preise  steigern,  im
Verlaufe  der  Tausche  von  dem  Verkäufer  auf  den  Käufer  abgewälzt
werden,  und  sich  dabei  unterwegs  verteuern.  Legen  wir,  wie  man  oft
versucht  hat,  eine  Steuer  auf  Anlehen,  so  wird  der  Darleiher  die  Steuer
dem  Borger  belasten,  und  der  letztere  muß  sie  bezahlen  oder  auf  das
Anlehen  verzichten.  Braucht  der  Borger  es  in  seinem  Geschäft,  so  muß
er  seinerseits  die  Steuer  von  seinen  Runden  zurückerhalten,  oder  sein
Geschäft  wird  unvorteilhaft.  Legen  wir  eine  Steuer  auf  Gebäude,
so  müssen  schließlich  die  Benutzer  desselben  die  Steuer  bezahlen,  denn
die  Bautätigkeit  wird  aufhören,  bis  die  Häusermieten  hoch  genug  werden,
um  den  gewöhnlichen  Profit  und  auch  die  Steuer  zu  zahlen.  Legen  wir
eine  Steuer  auf  importierte  Waren,  so  wird  der  Fabrikant  oder  Importeur ­
  dem  Händler,  der  Händler  dem  Detaillisten  und  der  Detaillist
dem  Konsumenten  sie  in  einem  höheren  Preise  anrechnen.  Der  Konsument, ­
  auf  den  die  Steuer  schließlich  fällt,  muß  aber  nicht  etwa  nur  den
Betrag  derselben  zahlen,  sondern  auch  noch  einen  Gewinn  auf  diesen
Betrag  an  jeden,  der  letzteren  ausgelegt  hat,  denn  jeder  Händler  fordert
ebensowohl  einen  Gewinn  auf  das  für  die  Steuer  ausgelegte,  als  auf
das  für  die  waren  selbst  bezahlte  Kapital.  Manilazigarren  kosten,  wenn
Uran  sie  von  dem  Importeur  in  San  Franziska  kauft,  70  Dollar  das
Tausend,  der  Kostenpreis  der  Zigarren  im  Hafen  beträgt  ^  Dollar  und
der  Eingangszoll  56  Dollar.  Der  Händler  aber,  der  diese  Zigarren  zum
Wiederverkauf  ersteht,  niuß  einen  Gewinn  nicht  auf  dem  wirklichen
Postenpreise  derselben,  sondern  auf  70,  dem  Einstande  plus  Zoll,  berechnen. ­
  Auf  diese  weise  werden  alle,  die  Preise  erhöhenden  Steuern
von  Hand  zu  Hand  weitergeschoben  und  wachsen  unterwegs,  bis  sie
schließlich  auf  den  Konsumenten  sitzen  bleiben,  die  dadurch  viel  mehr
Zahlen,  als  die  Regierung  erhält.  Die  Art  und  weise  nun,  wie  die  Steuern
die  Preise  erhöhen,  besteht  in  der  Erhöhung  der  Produktionskosten  und
m  der  Hemmung  des  Angebots.  Aber  der  Boden  ist  kein  Ding  der
'chenschlichtzn  Produktion,  und  die  Steuern  auf  die  Rente  können  die
Zufuhr  nicht  hemmen.  Obwohl  daher  eine  Steuer  auf  die  Rente  die
Grundbesitzer  zwingt,  mehr  zu  bezahlen,  verleiht  dies  ihnen  doch  keine
George,  Fortschritt  und  Armut.  20
        <pb n="319" />
        306

Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII.

Macht,  mehr  für  den  Gebrauch  ihrer  Grundstücke  zu  erlangen,  weil  es
auf  keine  Weife  das  Angebot  von  Grund  und  Boden  vermindern  kann.
Im  Gegenteil,  da  die  Steuer  auf  Grundwerte  diejenigen,  welche  auf
Spekulation  Land  gekauft  haben,  zum  Verkauf  oder  zur  Verpachtung
für  einen  räfonablen  Preis  zwingt,  erhöht  sie  die  Konkurrenz  unter  den
Eignern  und  ermäßigt  dadurch  den  Preis  des  Bodens.
So  ist  eine  Steuer  auf  Landwerte  in  allen  Beziehungen  die  wohlfeilste ­
  Steuer,  durch  welche  große  Einnahmen  zu  erzielen  sind,  und
gewährt  der  Regierung  den  größten  Reinertrag.

III.  Die  Bestimmtheit.
Die  Bestimmtheit  ist  ein  wichtiges  Element  in  der  Besteuerung,
denn  gerade  weil  die  Erhebung  einer  Steuer  von  der  Tätigkeit  und
Treue  der  Einnehmer  und  dem  Gemeingeist  und  der  Rechtschaffenheit
der  Steuerzahler  abhängt,  bieten  sich  auf  der  einen  Seite  Gelegenheiten ­
  zur  Tyrannei  und  Korruption  und  auf  der  anderen  zu  Umgehungen
und  Defraudationen.
Die  Art  und  Weise,  auf  welche  die  meisten  unserer  Einkünfte  erhoben ­
  werden,  ist,  wenn  aus  keinem  anderen,  schon  aus  diesem  Grunde
zu  verurteilen.  Die  groben  Bestechungen  und  Betrügereien,  welche
in  den  Vereinigten  Staaten  bei  den  Whisky-  und  Tabaksteuern  vorkommen,
sind  bekannt;  die  beständigen  Minderwertangaben  bei  den  Zollstellen,
die  lächerliche  Unrichtigkeit  der  Einkommensteuer-Abschätzungen  und
die  absolute  Unmöglichkeit,  eine  irgendwie  richtige  Abschätzung  des
persönlichen  Eigentums  zu  erlangen,  sind  notorische  Sachen.  Der
materielle  Verlust,  welchen  solche  Steuern  zufügen  —  der  Kostenpunkt, ­
  der  infolge  dieser  Unbestimmtheit  zu  dem  vom  Volke  gezahlten,
aber  von  der  Regierung  nicht  erhaltenen  Betrage  hinzutritt  —  ist  sehr
groß.  Als  in  den  Zeiten  des  englischen  Schutzzollsystems  Englands
Küsten  mit  einem  cheer  von  Leuten  besetzt  waren,  die  den  Schmuggel
zu  verhindern  suchten,  und  mrt  einem  zweiten  Lseere  von  Leuten,  die
jenen  zu  entgehen  trachteten,  mußte  offenbar  die  Erhaltung  beider
Heere  aus  dem  Produkt  der  Arbeit  und  des  Kapitals  kommen,  und  die
Kosten  und  Gewinne  der  Schmuggler  sowohl  wie  die  Gehalte  und
Bestechungen  der  Zollbeamten  bildeten  eine  Steuer  auf  die  Erwerbstätigkeit ­
  der  Nation,  die  zu  dem  Betrage,  welchen  die  Regierung  in  den  Zöllen
erhielt,  noch  hinzutrat.  Und  ebenso  sind  alle  den  Zollbeamten  zugewendeten ­
  Douceurs  und  Bestechungen,  alle  auf  die  Wahl  fügsamer
Beamter:  oder  auf  Durchdringung  von  Akten  oder  Entscheidungen  zugunsten ­
  der  Steuerdefraudanten  aufgewendeten  Gelder,  alle  die
kostspieligen  Methoden,  um  Waren  ohne  Bezahlung  des  Zolles  einzubringen ­
  und  so  zu  fabrizieren,  daß  nicht  soviel  Zoll  gezahlt  zu  werden
braucht,  alle  Halbparte  und  Kosten  von  Spionen  und  Geheimpolizisten,
alle  Kosten  des  gerichtlichen  Verfahrens  nicht  bloß  für  die  Regierung,
        <pb n="320" />
        Kap.  III.

507

Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.

20'

sondern  auch  für  die  verfolgten  —  ebensoviel  Ausgaben,  welche  diese
Steuern  dein  allgerneinen  Gütervorrat  entnehmen,  ohne  in  die  Staatseinnahmen ­
  zu  fließen.
Dennoch  ist  dies  noch  der  geringste  Teil  der  Kosten.  Steuern,
die  das  Element  der  Bestimmtheit  entbehren,  find  vom  verderblichsten
Einfluß  auf  die  Moral.  Die  amerikanischen  Steuergesetze  als  Ganzes
könnten  füglich  betitelt  werden:  „Erlasse,  um  die  Korruption  der  Staatsbeamten ­
  zu  fördern,  die  Ehrlichkeit  zu  unterdrücken  und  den  Betrug  zu
ermutigen,  eine  Prämie  auf  Meineid  und  Verleitung  zum  Meineide
zu  setzen  und  den  Begriff  des  Gesetzes  von  dem  Begriffe  der  Gerechtigkeit
gewaltsam  zu  trennen."  Dies  ist  ihr  wahrer  Charakter,  und  sie  reüssieren
darin  bewnnderswürdig.  Ein  Zollhauseid  ist  zum  Sprichwort  geworden;
die  Taxatoren  schwören  regelmäßig,  alle  Waren  zu  ihrem  vollen,  richtigen
Barwert  abzuschätzen  und  tun  gewohnheitsmäßig  das  Gegenteil;  Leute,
die  auf  ihre  persönliche  und  kommerzielle  Ehre  stolz  sind,  bestechen  Beamte
und  machen  falsche  Angaben,  und  alle  Tage  erlebt  man  das  demoralisierende ­
  Schauspiel,  daß  derselbe  Gerichtshof  heute  einen  Mörder  und
morgen  einen  Verkäufer  ungestempelter  Schwefelhölzer  verurteilt.
So  unbestimmt  und  so  demoralisierend  sind  diese  Besteuerungsarten, ­
  daß  die  aus  David  A.  Wells,  Edwin  Dodge  und  George  W.  Luyler
zusammengesetzte  New  Yorker  Kommission,  welche  die  Befteuerungsfrage
  in  jenem  Staate  zu  untersuchen  hatte,  den  Vorschlag  machte,
an  Stelle  der  meisten  anderen  Steuern,  mit  Ausnahme  derjenigen
auf  Grundbesitz,  eine  willkürliche  nach  dem  Mietswerte  seiner  Wohnung
abgeschätzte  Steuer  von  jedem  einzelnen  zu  erheben.
Aber  es  ist  nicht  nötig,  zu  willkürlichen  Veranlagungen  zu  greifen.
Die  Steuer  auf  Grundwerte,  welche  die  am  wenigsten  willkürliche
der  Steuern  ist,  besitzt  im  höchsten  Grade  das  Element  der  Bestimmtheit.
5ie  kann  mit  einer  Gewißheit  veranlagt  und  erhoben  werden,  die  etwas
von  der  Unbeweglichkeit  und  Unverhehlbarkeit  des  Bodens  selbst  hat.
Grundsteuern  können  bis  auf  den  letzten  geller  erhoben  werden,  und  wenn
die  Taxation  des  Grund  und  Bodens  jetzt  oft  ungleichmäßig  ist,  so  ist
die  des  persönlichen  Eigentums  doch  noch  weit  ungleichmäßiger,  und  diese
Ungleichheiten  in  der  Taxation  des  Grund  und  Bodens  entstehen  zum
großen  Teil  aus  der  Besteuerung  der  mit  dem  Boden  verbundenen  Verbesserungen ­
  und  aus  der  Demoralisation,  welche  aus  den  von  mir  angeführten ­
  Ursachen  den  ganzen  Befteuerungsplan  trifft.  Wären  alle
Steuern  auf  die  Grundwerte  gelegt,  ohne  die  Verbesserungen  mitzutreffen,
  so  würde  der  ganze  Besteuerungsplan  so  einfach  und  klar  und
die  öffentliche  Aufmerksamkeit  so  rege  sein,  daß  die  Abschätzung  für  die
Besteuerung  mit  derselben  Gewißheit  gemacht  werden  könnte  und  würde,
wie  ein  Häusermakler  den  Preis  zu  bestimmen  vermag,  den  ein  Verkäufer ­
  für  ein  Grundstück  erhalten  kann.
        <pb n="321" />
        308

Buch  VIII.

Die  Anwendung  des  Heilmittels.

IV.  Die  Gleichheit.
Adam  Smiths  Regel  lautet:  „Die  Untertanen  jedes  Staates  sollten
zur  Erhaltung  der  Regierung  möglichst  im  Verhältnis  zu  ihren  respektiven
Fähigkeiten  beitragen,  d.  h.  im  Verhältnis  zu  dem  Einkommen,  welches
sie  unter  dem  Schutz  des  Staates  genießen."  Jede  Steuer,  sagt  er  an
einer  anderen  Stelle,  die  nur  auf  die  Rente,  oder  nur  auf  die  Löhne
oder  nur  auf  die  Zinsen  fällt,  ist  notwendig  ungleich.  In  Übereinstimmung ­
  damit  ist  der  gewöhnliche  Gedanke,  den  unsere  Systeme  der  Alles-Befteuerung
  vergebens  durchzuführen  suchen,  daß  jeder  im  Verhältnis
zu  seinen  Mitteln  oder  zu  seinem  Einkommen  Steuern  zahlen  sollte.
Abgesehen  aber  von  all  den  unüberwindlichen  praktischen  Schwierigkeiten, ­
  die  sich  der  Besteuerung  jedermanns  nach  seinen  Mitteln  entgegenstellen, ­
  so  ist  es  augenscheinlich,  daß  Gerechtigkeit  auf  diese  Weise
nicht  zu  erzielen  ist.
Pier  sind  z.  B.  zwei  Männer  von  gleichen  Mitteln  oder  gleichen
Einkommen,  wovon  der  eine  eine  große  Familie,  der  andere  niemanden
als  sich  selbst  zu  erhalten  hat.  Aus  diese  beiden  Männer  fallen  indirekte
Stenern  sehr  ungleich,  da  der  eine  die  Steuern  auf  die  von  seiner  Familie
verbrauchte  Nahrung,  Kleidung  usw.  nicht  vermeiden  kann,  während
der  andere  nur  von  seinem  eigenen  Verbrauche  zu  steuern  braucht.
Nehmen  wir  hingegen  an,  daß  durch  direkte  Steuern  jedermann  gleichbesteuert ­
  würde,  so  fehlt  auch  da  die  Ungerechtigkeit  nicht.  Das  Einkommen
des  einen  ist  mit  der  Erhaltung  von  sechs,  acht  oder  zehn  Personen  belastet, ­
  das  des  anderen  mit  der  Erhaltung  einer  einzigen.  Wenn  man
aber  die  Malthussche  Lehre  nicht  so  weit  treibt,  daß  man  das  Ausziehen
eines  neuen  Bürgers  als  eine  Schädigung  des  Staates  betrachtet,  so
liegt  hier  eine  grobe  Ungerechtigkeit  vor.
Man  könnte  jedoch  einwenden,  dies  sei  ein  nicht  zu  überwindender ­
  Übelstand;  die  Natur  selbst  sei  es,  welche  menschliche  wesen  hilflos
in  die  Welt  bringe  und  ihre  Erhaltung  auf  die  Eltern  abwälze,  aber  als
Ersatz  dafür  große  und  süße  Belohnungen  biete.  Sehr  wohl,  wenden
wir  uns  also  an  die  Natur  und  lesen  wir  die  Gebote  der  Gerechtigkeit
in  ihrem  Gesetz.
Die  Natur  gibt  der  Arbeit  und  nur  ihr  allein.  Selbst  in  einem
Paradiese  würde  der  Mensch,  ohne  menschliche  Anstrengung,  verhungern,
Pier  sind  nun  zwei  Männer  gleichen  Einkommens  —  das  des  einen
rührt  von  der  Anstrengung  seiner  Arbeit  her,  das  des  anderen  von  der
Rente  eines  Grundbesitzes.  Ist  es  gerecht,  daß  sie  zu  den  Ausgaben
des  Staates  beide  gleich  beitragen  sollen?  Sicherlich  nicht.  Das  Einkommen ­
  des  einen  stellt  Güter  dar,  die  er  erschafft  und  dem  allgemeinen
Fonds  des  Staates  hinzufügt;  das  Einkommen  des  anderen  stellt  nur
Güter  dar,  die  er  dem  allgemeinen  Vorrat  entnimmt,  und  wofür  er  nichts
zurückgibt.  Das  Recht  des  einen  auf  den  Genuß  seines  Einkommens
beruht  auf  dem  Zeugnis  der  Natur,  die  der  Arbeit  Güter  gewährt;
        <pb n="322" />
        i

-\

‘Kap.  III.  Der  Vorschlag  an  den  Regeln  der  Besteuerung  geprüft.

309

das  Recht  des  anderen  auf  den  Genuß  seines  Einkommens  ist  ein  bloß
eingebildetes  Recht,  die  Schaffung  von  Staats-  oder  Gemeindeeinrichtungen, ­
  die  der  Natur  fremd  und  von  ihr  nicht  anerkannt  find.  Der
Vater,  dem  man  sagt,  daß  er  durch  seine  Arbeit  seine  Rinder  zu  ernähren ­
  habe,  muß  dies  zugeben,  denn  es  ist  die  Vorschrift  der  Natur;
aber  er  kann  mit  Fug  und  Recht  verlangen,  daß  von  dem  durch  seine
Arbeit  gewonnenen  Einkommen  nicht  ein  Pfennig  genommen  wird,
solange  noch  ein  Pfennig  aus  Einkünften  übrig  bleibt,  die  aus  einem
Monopol  der  von  der  Natur  unparteiisch  allen  dargebotenen  natürlichen
Vorteile  herrühren,  und  an  das  seine  Rinder  ein  gleiches  Recht  anzusprechen ­
  haben.
Adam  Smith  redet  von  Einkommen  als  „unter  dem  Schutze  des
Staates  genossen",  und  dies  ist  auch  der  Grund,  auf  den  gewöhnlich
die  Forderung  der  gleichen  Besteuerung  aller  Arten  von  Eigentum  gegründet ­
  wird,  weil  es  nämlich  vom  Staate  gleichmäßig  beschützt  werde.
Die  Grundlage  dieser  Vorstellung  ist  augenscheinlich,  daß  der  Genuß
des  Eigentums  durch  den  Staat  möglich  gemacht  wird  —  daß  vom
Staat  ein  wert  geschaffen  und  erhalten  wird,  der,  wie  man  mit  Recht
beanspruchen  kann,  die  öffentlichen  Ausgaben  aufbringen  muß.  Von
welchen  werten  ist  dies  nun  richtig?  Einzig  vom  wert  des  Grund  und
Bodens.  Dies  ist  ein  wert,  der  nicht  eher  entsteht,  als  bis  ein  Gemeinwesen ­
  gebildet  ist  und  der,  ungleich  anderen  werten,  mit  der  Entwicklung ­
  des  Gemeinwesens  zunimmt.  Er  besteht  erst,  wenn  das  Gemeinwesen ­
  besteht.  Das  größte  Gemeinwesen  zerstreue  sich  wieder,  und
der  jetzt  so  wertvolle  Boden  wird  gar  keinen  wert  mehr  haben.  Mit
jeder  Bevölkerungszunahmc  steigt  der  wert  des  Landes,  mit  jeder
Abnahme  fällt  derselbe.  Dies  ist  nur  bei  Dingen  der  Fall,  die,  wie  der
Grundbesitz,  ihrer  Natur  nach  Monopole  sind.
Die  Steuer  auf  Landwerte  ist  daher  die  gerechteste  und  unparleiischste
  aller  Steuern.  Sie  fällt  nur  auf  die,  welche  von  der  Gesellschaft
einen  besonderen  und  wertvollen  Vorteil  erhalten,  und  auf  sie  hu  Verhältnis ­
  zu  dem  empfangenen  Vorteil.  Durch  sie  nimmt  der  Staat  zum
Nutzen  des  Staates  denjenigen  wert,  der  von  ihm  selbst  geschaffen
Worden  ist.  Sie  ist  die  Verwendung  von  Gemeingut  zu  Gemeinzwecken,
wenn  sämtliche  Rente  durch  die  Besteuerung  für  den  Bedarf  des  Staates
Senommen  ist,  —  dann  wird  die  durch  die  Natur  verordnete  Gleichheit
h^'-öestellt  sein.  Rein  Bürger  wird  über  einen  anderen  Bürger  einen
Vorteil  haben  als  soweit  Fleiß,  Geschicklichkeit  und  Intelligenz  ihn
gewähren,  und  jeder  wird  erlangen,  was  ihm  billigerweise  zukommt.
Dann,  aber  erst  dann,  wird  die  Arbeit  ihren  vollen  Lohn  und  das  Rapital
leinen  natürlichen  Ertrag  erhalten.
        <pb n="323" />
        3*0

Die  Anwendung  des  Heilmittels,

Buch  VIII.

Kapitel  IV.
Zustimmungen  und  Einwendungen.
Die  Gründe,  aus  denen  wir  den  Schluß  gezogen  haben,  daß  die
Steuer  auf  die  Landwerte,  d.  h.  auf  die  Rente,  die  beste  Methode  für
die  Erhebung  öffentlicher  Einnahmen  fei,  find,  seitdem  Wesen  und
Gesetz  der  Rente  bestimmt  worden  sind,  von  allen  Nationalökonomen
von  Ruf  ausdrücklich  oder  stillschweigend  zugestanden  worden.
Ricardo  sagt  (Kap.  lO):  „Eine  Steuer  auf  die  Rente  würde  gänzlich ­
  auf  die  Grundbesitzer  fallen  und  könnte  auf  keine  andere  Klasse
von  Konsumenten  abgewälzt  werden",  denn  sie  „würde  den  Unterschied
zwischen  dem  Produkt  des  unter  Kultur  befindlichen  wenigst  produktiven
Landes  und  dem  von  Land  jeder  anderen  «Dualität  erhaltenen  Produkt
unverändert  lassen  .  .  .  Eine  Steuer  auf  die  Rente  würde  nicht  den
Anbau  frischen  Bodens  entmutigen,  denn  solches  Land  zahlt  keine  Rente
und  würde  unbesteuert  sein."
McEulloch  (Note  24  zu  Smiths  Volkswohlstand)  erklärt,  daß  „vom
praktischen  Gesichtspunkte  Steuern  auf  die  Rente  zu  den  ungerechtesten
und  unpolitischsten  gehören,  die  man  sich  denken  kann",  aber  er  stellt
diese  Behauptung  nur  auf  Grund  feiner  Annahme  auf,  daß  es  praktisch
unmöglich  sei,  bei  der  Besteuerung  zwischen  der  für  die  Benutzung  des
Bodens  gezahlten  Summe  und  dem  an  Kapital  darauf  verwendeten
Betrage  zu  unterscheiden.  Angenommen  jedoch,  daß  diese  Trennung
durchgeführt  werden  könne,  gibt  er  zu,  daß  die  den  Grundbesitzern  für
die  Benutzung  der  natürlichen  Kräfte  des  Bodens  bezahlte  Summe
durch  eine  Steuer  völlig  hinweggenommen  werden  könnte,  ohne  daß
sie  es  in  ihrer  Nacht  hätten,  irgendeinen  Teil  der  Last  auf  jemand  anders
zu  wälzen,  und  ohne  daß  dadurch  der  Preis  der  Produkte  berührt  würde.
John  Stuart  Mill  gibt  dies  alles  nicht  bloß  zu,  sondern  erklärt
ausdrücklich  die  Dienlichkeit  und  Gerechtigkeit  einer  eigenen  Steuer
auf  die  Rente,  indem  er  fragt,  welches  Recht  die  Grundbesitzer  auf  den
Zuwachs  von  Reichtümern  hätten,  der  ihnen  aus  dem  allgemeinen
Fortschritt  der  Gesellschaft  ohne  Arbeit,  Risiko  oder  Ersparnis  ihrerseits
zufällt,  und  obgleich  er  es  ausdrücklich  mißbilligt,  ihren  Anspruch  auf
den  gegenwärtigen  wert  des  Bodens  zu  beanstanden,  so  schlägt  er  doch
vor,  die  ganze  künftige  Wertzunahme,  als  der  Gesellschaft  durch  natürliches
Recht  gehörig,  zu  nehmen.
Nrs.  Fawcett  sagt  in  dein  kleinen  Auszug  der  Schriften  ihres
Gatten,  betitelt  „Nationalökonomie  für  Anfänger":  „Die  Grunde
steuer,  ob  in  ihrem  Betrage  klein  oder  groß,  hat  Teil  an  dem  Wesen
einer  vom  Grundbesitzer  dem  Staate  gezahlten  Rente.  In  einem
Stoßen  Teile  Indiens  gehört  der  Boden  der  Regierung,  und  die  Grundsteuer ­
  ist  daher  eine  dem  Staate  direkt  gezahlte  Grundrente.  Die  ökono-
        <pb n="324" />
        Zustimmungen  und  Einwendungen.

Rap.  IV.

3U

mische  Vollkommenheit  dieses  Grundbesitzverhältnisses  ist  leicht  einzusehen." ­

Daß  in  der  Tat  die  Rente  sowohl  aus  Gründen  der  Zweckmäßigkeit
wie  der  Gerechtigkeit  der  eigentliche  Gegenstand  der  Besteuerung  sein
sollte,  ist  in  der  anerkannten  Rentenlehre  inbegriffen  und  kann  im
Keime  in  den  Werken  aller  Nationalökonomen,  die  Ricardos  Gesetz
akzeptiert  haben,  gefunden  werden.  Daß  man  diese  Grundsätze  nicht
bis  zu  ihren  notwendigen  Konsequenzen  verfolgt  hat,  wie  ich  das  getan
habe,  rührt  augenfcheinlich  von  der  Abneigung,  die  enormen  Interessen
des  Grundbesitzes  zu  erzürnen  oder  zu  gefährden,  sowie  von  den  falschen
Theorien  über  den  Lohn  und  die  Ursache  der  Armut  her,  welche  die
nationalökonomischen  Vorstellungen  beherrscht  haben.
Ls  hat  jedoch  eine  Schule  von  Nationalökonomen  gegeben,  die
es  deutlich  einsahen,  was  den  natürlichen  von  Gewohnheit  unbeeinflußten ­
  Auffassungen  der  Menschen  klar  genug  ist  —-  daß  die  Einkünfte
des  Gemeingutes,  des  Grund  und  Bodens,  zum  gemeinen  Nutzen
appropriiert  werden  sollten.  Die  französischen  Ökonomen  des  letzten
Jahrhunderts,  an  ihrer  Spitze  Guesna^  und  Turgot,  schlugen  genau
dasselbe  vor,  was  ich  vorgeschlagen  habe,  daß  alle  Besteuerung  abgeschafft ­
  werden  solle  mit  Ausnahme  einer  Steuer  auf  den  wert  des
Bodens.  Da  ich  mit  den  Lehren  Guesnaz&amp;gt;s  und  seiner  Schüler  nur  aus
zweiter  kfand,  durch  Vermittlung  der  englischen  Schriftsteller,  bekannt
bin,  so  bin  ich  außerstande  zu  sagen,  wieweit  seine  besonderen  Ansichten ­
  in  bezug  darauf,  daß  der  Ackerbau  der  einzig  produktive  Beruf
sei  usw.,  irrtümliche  Auffassungen  oder  bb  ße  Eigenheiten  der  Terminologie ­
  sind.  So  viel  aber  erhellt  für  mich  aus  dem  vorschlage,  in  welchem
seine  Theorie  gipfelte,  daß  er  die  seitdem  außer  Augen  gesetzte  fundamentale ­
  Beziehung  zwischen  dem  Grund  und  Boden  und  der  Arbeit
einsah,  und  daß  er  bei  der  praktischen  Wahrheit  anlangte,  wenn  auch
möglicherweise  vermittels  einer  mangelhaften  Begründung.  Die
Ursachen,  welche  in  den  Händen  des  Grundbesitzers  ein  „Nettoprodukt"
Zurücklassen,  wurden  von  den  Hhysiokraten  nicht  besser  erklärt,  als  das
Saugen  einer  j)umpe  durch  die  Annahme  eines  borror  vacui  seitens
der  Natur  erklärt  wird,  aber  die  Tatsache  in  ihren  praktischen  Beziehungen
.Zur  Sozialökonomie  wurde  anerkannt,  und  die  Vorteile,  welche  aus
der  vollkommenen  Freiheit  entstehen  würden,  die  der  Industrie  und
dem  Handel  durch  die  Ersetzung  einer  Steuer  auf  die  Grundrente  anstatt ­
  aller  der,  die  Anwendung  der  Arbeit  verwirrenden  und  hemmenden
Tasten  erwachsen  müßten,  wurden  von  ihnen  zweifelsohne  so  deutlich
wie  von  mir  eingesehen.  Lines  der  bei  der  französischen  Revolution
am  meisten  zu  bedauernden  Dinge  ist,  daß  sie  die  Ideen  der  Ökonomisten
umstürzte,  als  dieselben  unter  den  denkenden  Klassen  gerade  Stärke
'gewannen  und  anscheinend  im  Begriff  waren,  die  Steueraeseüqebuna
Zu  beeinflussen.
Dhne  etwas  von  «Duesnay  oder  seinen  Lehren  zu  wissen,  habe
        <pb n="325" />
        3\2

Die  Anwendung  des  Heilmittels.

Buch  VIII.

ich  denselben  praktischen  Schluß  durch  einen  Weg  erreicht,  der  nicht
bestritten  werden  kann,  und  babe  denselben  auf  Gründe  basiert,  die
durch  die  akzeptierte  Nationalökonomie  nicht  in  Frage  gestellt  werden
können.
Der  einzige  Einwand  gegen  die  Steuer  auf  Grundrente  oder
Landwerte,  welchem  man  in  den  herkömmlichen  nationalökonomischen
Werken  begegnet,  ist  eigentlich  gar  kein  Einwand;  im  Gegenteil  werden
dadurch  die  Vorteile  dieser  Steuer  eingeräumt  —  er  besagt,  daß  wir  bei
der  Schwierigkeit  des  Auseinanderhaltens  in  der  Besteuerung  der
Rente  irgendetwas  anderes  mitbesteuern  könnten.  McLulloch  z.  B.
erklärt  Steuern  auf  die  Rente  für  unpolitisch  und  ungerecht,  weil  der
für  die  natürlichen  und  untrennbaren  Kräfte  des  Bodens  erhaltene
Ertrag  nicht  genau  unterschieden  werden  könne  von  dem  für  Verbesserungen ­
  und  Meliorationen  erhaltenen,  welche  dadurch  entmutigt  werden
dürften.  Macaulay  sagt  irgendwo,  wenn  das  Eingeständnis  der  Anziehungskraft ­
  der  Erde  einem  beträchtlichen  pekuniären  Interesse  entgegen ­
  wäre,  so  würde  es  nicht  an  Argumenten  gegen  dieselbe  fehlen  —
eine  Wahrheit,  von  der  dieser  Einwand  ein  Beispiel  ist.  Denn  angenommen ­
  selbst,  daß  es  unmöglich  wäre,  durchweg  den  Wert  des  Landes
von  dem  der  Verbesserungen  zu  trennen,  ist  diese  Notwendigkeit,  auch
fernerhin  einige  Verbesserungen  zu  besteuern,  ein  Grund,  sie  sämtlich ­
  weiter  zu  besteuern?  wenn  es  die  Produktion  schon  entmutigt,
werte  zu  besteuern,  welche  Arbeit  und  Kapital  eng  mit  dem  werte
des  Bodens  verbunden  haben,  wie  viel  größer  muß  dann  die  Entmutigung ­
  sein,  wenn  man  nicht  bloß  diese,  sondern  auch  alle  genau
unterscheidbaren,  von  der  Arbeit  und  dem  Kapital  geschaffenen  werte
besteuert?
Aber  tatsächlich  ist  der  wert  des  Landes  stets  leicht  von  dem  der
Verbesserungen  zu  unterscheiden.  In  Ländern,  wie  die  vereinigten
Staaten  gibt  es  viel  wertvolles  Land,  das  nie  verbessert  worden  ist,
und  in  vielen  der  Staaten  werden  der  wert  des  Bodens  und  der  der
Verbesserungen  von  den  Taxatoren  separat  abgeschätzt,  obgleich  nachher
unter  der  Bezeichnung  Grundbesitz  wiedervereinigt.  Auch  wo  der
Grund  und  Boden  seit  undenklichen  Zeiten  okkupiert  war,  besteht  keine
Schwierigkeit,  den  wert  des  bloßen  Bodens  zu  ermitteln;  denn  häufig
gehört  der  Boden  einer  Person  und  die  Baulichkeiten  einer  anderen,
und  wenn  sich  dann  eine  Feuersbrunst  ereignet  und  die  Verbesserungen
vernichtet  werden,  so  verbleibt  in  dem  Grund  und  Boden  ein  klarer  und
bestimmter  wert.  Im  ältesten  Lande  der  Welt  kann  die  Trennung
keinerlei  Schwierigkeit  haben,  wenn  man  sich  darauf  beschränkt,  den  wert
der  deutlich  unterscheidbaren,  innerhalb  eines  mäßigen  Zeitraums
gemachten  Verbesserungen  von  dem  wert  des  Grund  und  Bodens  zu
trennen,  der  übrig  bliebe,  falls  die  Verbesserungen  zerstört  werden
sollten.  Dies  ist  offenbar  alles,  was  die  Gerechtigkeit  oder  die  Politik
erfordert.  Absolute  Genauigk?  ist  in  jedem  System  unmöglich,  und
        <pb n="326" />
        «ap.  IV.

Zustimmungen  und  Einwendungen.

zu  versuchen,  alles,  was  das  Menschengeschlecht  getan,  von  dem,  was
ursprünglich  die  Natur  gegeben,  zu  trennen,  würde  eben  so  absurd  wie
unausführbar  sein.  Ein  von  den  Römern  entwässerter  Sumpf  oder
terrassierter  ksügel  bildet  heutzutage  gerade  so  sehr  einen  Teil  der  natürlichen ­
  Vorteile  der  britischen  Inseln,  als  ob  die  Arbeit  durch  ein  Erdbeben
oder  durch  Gletscher  getan  wäre.  Der  Umstand,  daß  nach  einem  gewissen
Zeitverlauf  der  Wert  solcher  bleibenden  Verbesserungen  als  mit  dem
des  Bodens  verschmolzen  angesehen  und  dementsprechend  besteuert
werden  würde,  könnte  keine  abschreckende  Wirkung  auf  solche  Verbesserungen ­
  ausüben,  denn  derartige  Arbeiten  werden  auch  von  Pächtern
häufig  unternommen.  Tatsache  ist,  daß  jede  Generation  für  sich  baut
und  verbessert,  und  nicht  für  die  ferne  Zukunft.  Und  eine  weitere  Tatsache ­
  ist,  daß  jede  Generation  nicht  nur  die  natürlichen  Kräfte  der  Erde,,
sondern  auch  alles  das  erbt,  was  von  der  Arbeit  vergangener  Generationen ­
  übrig  ist.
Indessen  kann  ein  Einwand  anderer  Art  erhoben  werden.  Man
könnte  sagen,  es  sei,  wo  die  politischen  Befugnisse  verteilt  sind,  sehr
wünschenswert,  daß  die  Besteuerung  nicht  auf  eine  Klasse,  wie  die  Grundbesitzer ­
  falle,  sondern  auf  alle,  damit  alle,  die  politische  Befugnisse
ausüben,  auch  ein  gehöriges  Interesse  an  sparsamer  Staatsverwaltung,
empfinden.  Besteuerung  und  Vertretung,  wird  man  sagen,  können
nicht  voneinander  geschieden  werden.
Aber  so  wünschenswert  es  auch  sein  mag,  mit  politischen  Rechten
das  Bewußtsein  öffentlicher  Pflichten  zu  verbinden,  das  jetzige  System
erzielt  dies  sicherlich  nicht.  Indirekte  Steuern  werden  in  großem  Umfang ­
  von  denen  erhoben,  die  bewußterweise  wenig  oder  nichts  zahlen.
In  den  Vereinigten  Staaten  nimmt  die  Klasse  mit  großer  Schnelligkeit
Zu,  die  nicht  nur  kein  Interesse  an  der  Besteuerung  hat,  sondern  sich  auch
nicht  um  eine  gute  Regierung  kümmert.  In  unseren  großen  Städten
werden  die  Wahlen  großenteils  nicht  durch  Erwägungen  des  öffentlichen
Interesses,  sondern  durch  solche  Einflüsse  bestimmt,  wie  sie  die  Wahlen
in  Rom  leiteten,  als  die  Klassen  aufgehört  hatten,  sich  um  irgend  etwas
Zu  kümmern  außer  um  Brot  und  den  Zirkus.
Die  Ersetzung  der  jetzt  erhobenen  vielfachen  Steuern  durch  eine
einzige  auf  den  Wert  des  Grund  und  Bodens  würde  kaum  die  Zahl
der  bewußten  Steuerzahler  vermindern,  denn  die  Teilung  des  jetzt  auf
Spekulation  in  Besitz  gehaltenen  Landes  würde  die  Zahl  der  Grundbesitzer ­
  bedeutend  vergrößern.  Aber  sie  würde  die  Verteilung  der  Güter
dermaßen  ausgleichen,  um  selbst  den  Ärmsten  über  jenen  Zustand
niedrigster  Armut  zu  erheben,  in  welchem  öffentliche  Rücksichten  kein
Gewicht  mehr  haben;  während  sie  gleichzeitig  jene  übermäßigen  vermögen ­
  beschneiden  würde,  die  ihre  Besitzer  über  das  Interesse  an  der
Legierung  erheben.  Die  politisch  gefährlichen  Klassen  sind  die  sehr
Reichen  und  die  ganz  Armen.  Nicht  das  Bewußtsein,  Steuern  zu  zahlen,
verleiht  jemandem  Interesse  an  seinem  Lande  und  an  dessen  Regierung,
        <pb n="327" />
        Buch  VIII.

.ZsH  Die  Anwendung  des  Heilmittels.

sondern  das  Bewußtsein,  daß  er  ein  integrierender  Teil  des  Staates
ist,  daß  dessen  Gedeihen  auch  das  seine  und  dessen  Unehre  auch  seine
Schande  ist.  Fühlt  der  Bürger  dies,  ist  er  umgeben  von  all  den  Einflüssen, ­
  die  einem  behaglichen  lfeim  entspringen  und  sich  um  dasselbe
sammeln,  so  wird  er  sich  mit  Leib  und  Leben  dem  Staate  zur  Verfügung
stellen.  Das  Steuerzahlen  ist  nicht  der  Grund,  daß  die  Menschen  patriotisch
stimmen  oder  fürs  Vaterland  kämpfen.  Alles  was  zur  behaglichen
und  unabhängigen  materiellen  Lage  der  Massen  führt,  wird  den  öffentlichen ­
  Geist  am  besten  nähren  und  die  in  letzter  Instanz  regierenden
Kräfte  intelligenter  und  tugendhafter  machen.
Doch  man  fragt  vielleicht:  wenn  die  Grundsteuer  eine  so  vorteilhafte ­
  Befteuerungsmethode  ist,  wie  kommt  es,  daß  alle  Regierungen
mit  Vorliebe  zu  so  vielen  anderweitigen  Steuern  greifen?
Die  Antwort  liegt  auf  der  Lsand:  die  Grundsteuer  ist  die  einzige
von  Bedeutung,  die  sich  nicht  verteilt.  Sie  fällt  auf  die  Grundbesitzer, ­
  und  es  gibt  keinen  weg,  die  Last  auf  jemand  anders  zu  wälzen.
Somit  ist  eine  große  und  mächtige  Klasse  direkt  dabei  interessiert,  die
Grundsteuer  niederzuhalten  und  anstatt  derselben  zur  Erhebung  der
erforderlichen  Einnahmen  Steuern  auf  andere  Dinge  zu  legen,  gerade
wie  die  Grundbesitzer  Englands  vor  zweihundert  Jahren  es  erreichten,
eine  auf  alle  Konsumenten  fallende  Akzise  an  Stelle  der  auf  sie  allein
fallenden  Lasten  ihrer  feudalen  Besitzungen  zu  setzen.
So  tritt  ein  entscheidendes  und  mächtiges  Interesse  der  Besteuerung ­
  der  Landwerte  feindlich  gegenüber;  gegen  die  anderen  Steuern
aber,  zu  denen  die  modernen  Regierungen  so  gerne  greifen,  besteht
kein  derartiger  Widerstand.  Der  Scharfsinn  der  Staatsmänner  hat  sich
darauf  verlegt,  Steuerprojekte  zu  ersinnen,  die  die  Löhne  der  Arbeit
und  den  Erwerb  des  Kapitals  aufsaugen,  wie  nach  der  Sage  der  Vampir
das  Lebensblut  seines  Gpfers.  Beinahe  alle  diese  Steuern  werden  schließlich ­
  von  jenem  undefinierbaren  wesen,  dem  Konsumenten,  getragen,
und  er  zahlt  sie  auf  eine  weise,  die  seine  Aufmerksamkeit  nicht  auf  die
Tatsache  lenkt,  daß  er  eine  Steuer  zahlt;  er  entrichtet  sie  in  so  kleinen
Beträgen  und  so  hinten  herum,  daß  er  es  nicht  bemerkt  und  sich  schwerlich
die  Mühe  machen  wird,  wirksam  dagegen  Verwahrung  einzulegen.
Diejenigen,  die  das  Geld  dem  Steuereinnehmer  direkt  zahlen,  sind  nicht
nur  uicht  dabei  interessiert,  sich  einer  Steuer  zu  widersetzen,  die  sie  so
leicht  von  ihren  eigenen  Schultern  abwälzen,  sondern  haben  sehr  häufig
an  deren  Auferlegung  und  Beibehaltung  ein  positives  Interesse,  wie
es  auch  noch  anderweitige  Interessen  gibt,  die  aus  der  durch  solche
Steuern  bewerkstelligten  Preissteigerung  Nutzen  ziehen  oder  zu  ziehen
erwarten.
Fast  alle  die  mannigfachen  Steuern,  mit  welchen  das  Volk  der
Vereinigten  Staaten  jetzt  belastet  ist,  sind  mehr  mit  Einblick  auf  Privatvorteile ­
  als  auf  die  Steuererhebung  auferlegt  worden,  und  das  Haupthindernis ­
  für  die  Vereinfachung  der  Besteuerung  sind  diese  Privat-
        <pb n="328" />
        Kap.  IV.

Zustimmungen  und  Einwendungen.

3*5

Interessen,  deren  Vertreter,  sobald  eine  Steuerermäßigung  im  Werke
ist,  in  den  Vorzimmern  der  Parlamente  umberschleichen,  um  darauf
hinzuwirken,  daß  jene  Steuern,  aus  denen  sie  Nutzen  ziehen,  ja  nicht
betroffen  werden.  Den  Schutzzolltarif,  der  den  Vereinigten  Staaten
aufgepackt  ist,  hat  man  diesen  Einflüssen  zu  danken,  nicht  aber  der  Annahme ­
  absurder  Schutztheorien  um  ihres  eigenen  wertes  willen.  Die
großen  Einnahmen,  welche  der  Bürgerkrieg  nötig  machte,  waren  die
goldene  Gelegenheit  dieser  speziellen  Interessen,  und  Steuern  wurden
auf  alles  Mögliche  gehäuft,  nicht  sowohl  um  daraus  Einnahmen  zu
erzielen,  als  um  besondere  Klassen  in  den  Stand  zu  setzen,  an  den  Vorteilen ­
  des  Steuereinnehmens  und  Steuereinsteckens  teilzunehmen.
Und  seit  dem  Kriege  waren  diese  interessierten  Parteien  das  bjaupthindernis
  der  Steuerermäßigung,  und  aus  diesem  Grunde  ließen  sich
auch  die  Steuern,  welche  das  Volk  am  wenigsten  kosteten,  leichter  abschaffen ­
  als  die,  welche  es  am  meisten  kosteten.  So  werden  selbst  volkstümliche ­
  Regierungen,  die  sich  zu  dem  Grundsätze  bekennen,  der  größten
Zahl  die  größte  Wohlfahrt  zu  bereiten,  in  einer  der  wichtigsten  Funktionen ­
  dazu  mißbraucht,  einer  kleinen  Anzahl  auf  Kosten  der  vielen
einen  zweifelhaften  Vorteil  zu  verschaffen.
Lizenzsteuern  sind  bei  den  davon  Betroffenen  in  der  Regel  beliebt,
da  sie  andere  aus  der  Branche  fern  halten;  Fabrikationssteuern  sind
häufig  großen  Fabrikanten  aus  ähnlichen  Gründen  angenehm,  wie  man
an  dem  Widerstande  der  Brenner  gegen  die  Ermäßigung  der  Whiskysteuer
  sehen  konnte;  Einfuhrzölle  verleihen  nicht  nur  gewissen  Produzenten ­
  besondere  Vorteile,  sondern  gereichen  auch  zum  Nutzen  von
Importeuren  und  Händlern,  die  große  Lager  besitzen;  und  so  bestehen
bei  allen  solchen  Steuern  Sonderinteressen,  die  einer  schnellen  Organisation ­
  und  gemeinsamen  Handels  fähig  sind  und  die  Auferlegung  derselben ­
  begünstigen,  während  im  Falle  einer  Steuer  auf  den  wert  des
Bodens  ein  starkes  und  empfindliches  Interesse  besteht,  sich  derselben
beständig  und  heftig  zu  widersetzen.
Doch  wenn  die  Wahrheit,  die  ich  klar  zu  machen  suche,  einst  von
den  Massen  begriffen  werden  wird,  dann  ist  leicht  zu  sehen,  wie  eine
Vereinigung  politischer  Kräfte,  stark  genug,  um  sie  ins  Werk  zu  setzen,
möglich  werden  wird.
        <pb n="329" />
        4

Buch  IX.
Die  Wirkungen  des  Heilmittels.
„Ich  kann  auf  keinem  Saiteninstrumente  spielen,  aber  ich  kann  Luch  sagen
wie  aus  einem  kleinen  Dorfe  eine  große  und  ruhmvolle  Stadt  gemacht  wird."
Themistokles.
„Ls  sollen  Tannen  für  Hecken  wachsen,  und  Myrten  für  Dornen;  —
Sie  werden  Häuser  bauen  und  bewohnen;  sie  werden  Weinberge  pflanzen
und  derselben  Früchte  essen.  Sie  sollen  nicht  bauen,  daß  ein  anderer  bewohne,
und  nicht  pflanzen,  daß  ein  anderer  esse."  Jesaia.

Kapitel  I.
Über  die  Wirkung  auf  die  Güterproduktion.
Der  ältere  Mirabeau,  wird  erzählt,  betrachtete  den  Vorschlag
Tuesna^s,  eine  einzige  Steuer  auf  die  Rente  (I'impöt  unigue)  an  die
Stelle  aller  anderen  Steuern  zu  setzen,  als  eine  Entdeckung  von  nicht
geringerem  Nutzen  als  die  Erfindung  der  Schreibekunst  oder  die  Ersetzung
des  Tausches  durch  den  Gebrauch  des  Geldes.
Jeder,  der  über  die  Sache  nachdenkt,  wird  diesen  Ausspruch  mehr
für  einen  Beweis  von  Geistesschärfe  als  von  Übertreibung  ansehen.
Die  Vorteile,  welche  dadurch  erzielt  würden,  wenn  man  die  zahlreichen
Steuern,  in  denen  die  öffentlichen  Einnahmen  jetzt  erhoben  werden,
durch  eine  einzige,  vom  werte  des  Landes  erhobene  Steuer  ersetzte,
erscheinen  immer  bedeutender,  je  mehr  man  sie  erwägt.  Es  ist  das  Geheimnis, ­
  welches  aus  dem  kleinen  Dorf  die  große  Stadt  machen  würde.
Nach  Beseitigung  aller  der  Auflagen,  die  jetzt  die  Erwerbstätigkeit
beengen  und  den  Austausch  einschnüren,  würde  die  Güterproduktion
mit  einer  ungeahnten  Schnelligkeit  fortschreiten.  Dies  würde  seinerseits
zu  einer  Wertsteigerung  des  Bodens,  zu  einem  neuen  Überschüsse  führen,
den  die  Gesellschaft  zu  allgemeinen  Zwecken  an  sich  nehmen  könnte.
Und  befreit  von  den  llbelständen,  welche  die  Erhebung  der  Einnahmen
zu  einer  (Quelle  der  Korruption  und  die  Gesetzgebung  zum  Werkzeug
spezieller  Interessen  machen,  könnte  die  Gesellschaft  Funktionen  über ­
        <pb n="330" />
        Kap.  I.

Über  die  Wirkung  auf  die  Güterproduktion.

3\7

nehmen,  die  zu  übernehmen  die  steigende  Verwicklung  des  Lebens
für  die  Gesellschaft  wünschenswert  macht,  vor  denen  aber  bei  dem  Anblick ­
  der  unter  dem  gegenwärtigen  System  herrschenden  politischen
Demoralisation  denkende  Männer  zurückschrecken.
Betrachten  wir  die  Wirkung  auf  die  Güterproduktion.
Die  Besteuerung  zu  beseitigen,  welche  mit  ihren  Aktionen  und  Reaktionen ­
  jetzt  jedes  Rad  des  Austausches  hemmt  und  auf  jede  Form  des
Gewerbfleißes  drückt,  würde  ähnlich  wirken,  wie  die  Entfernung  eines
ungeheuren  Gewichtes  von  einer  mächtigen  Springfeder.  Mit  frischer
Tatkraft  erfüllt,  würde  die  Produktion  zu  neuem  Leben  erstehen,  und  die
Geschäfte  würden  einen  Antrieb  erfahren,  der  bis  in  die  fernsten  Adern
fühlbar  wäre.  Die  jetzige  Besteuerungsmethode  wirkt  auf  den  Pandel
wie  künstliche  Wüsten  und  Gebirge;  es  kostet  mehr,  Waren  durch  ein  Zollhaus ­
  zu  bringen,  als  sie  um  die  Erde  zu  transportieren.  Sie  wirkt  auf
die  Tatkraft,  Betriebsamkeit,  Geschicklichkeit  und  Wirtschaftlichkeit  wie
eine  Geldbuße  auf  diese  Eigenschaften.  Wenn  ich  härter  gearbeitet
und  mir  selber  ein  gutes  paus  gebaut  habe,  während  du  dich  begnügtest,
in  einer  pütte  zu  wohnen,  so  kommt  alljährlich  der  Steuereinnehmer,
um  mich  eine  Strafe  für  meine  Tatkraft  und  meinen  Fleiß  zahlen  zu
lassen,  indem  er  mich  höher  als  dich  besteuert.  Wenn  ich  gespart  habe,
während  du  verschwendetest,  so  werde  ich  mit  einer  Geldbuße  belegt,
während  du  frei  ausgehst.  Baut  jemand  ein  Schiff,  so  lassen  wir  ihn
für  seine  Kühnheit  zahlen,  als  ob  er  dem  Staate  ein  Unrecht  zugefügt
hätte;  wird  eine  Eisenbahn  eröffnet,  gleich  kommt  der  Steuereinnehmer,
als  wäre  es  ein  öffentlicher  Unfug;  wird  eine  Fabrik  errichtet,  so  erheben
wir  von  ihr  eine  jährliche  Summe,  die  schon  weit  reichen  würde,  um  einen
hübschen  Profit  auszumachen,  wir  sagen,  wir  brauchen  Kapital,  aber
wenn  jemand  welches  anhäuft  oder  zu  uns  bringt,  so  belasten  wir  ihn
dafür,  als  ob  wir  ihm  ein  Privilegium  gäben.  Den  Mann,  der  dürre
Felder  mit  reifendem  Korn  bedeckt,  strafen  wir  mit  einer  Steuer;  wer
Maschinen  aufstellt  oder  einen  Sumpf  austrocknet,  wird  mit  einer  Buße
belegt,  wie  schwer  diese  Steuern  die  Produktion  belasten,  werden  nur
diejenigen  inne,  welche  unser  Besteuerungssystem  in  allen  seinen  Verzweigungen ­
  verfolgt  haben,  denn,  wie  ich  früher  sagte,  der  schwerste
Teil  der  Besteuerung  ist  der,  welcher  in  erhöhten  Preisen  zur  Geltung
kommt.  Offenbar  sind  diese  Steuern  nach  ihrer  Natur  der  Steuer  des
ägyptischen  Paschas  auf  Dattelbäume  verwandt,  wenn  sie  nicht  das
Fällen  der  Bäume  bewirken,  so  halten  sie  wenigstens  vom  pflanzen  ab.
Diese  Steuern  abzuschaffen,  würde  heißen,  das  ganze  enorme
Gewicht  der  Besteuerung  von  den  produktiven  Gewerben  zu  entfernen.
Die  Nadel  der  Näherin  und  die  große  Fabrik,  das  Karrenpferd  und  die
Lokomotive,  das  Fischerboot  und  das  Dampfschiff,  des  Landmanns
Pflug  und  des  Kaufmanns  Lager  würden  gleichermaßen  unbefteuert
fein.  Alle  würden  frei  arbeiten  oder  sparen,  kaufen  oder  verkaufen  können,
ungestraft  durch  Steuern,  unbehelligt  durch  den  Steuererheber.  Anstatt
        <pb n="331" />
        3*8

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

wie  jetzt,  den  Produzenten  zu  sagen:  „je  mehr  du  den  allgemeinen  Gütern
hinzufügst,  desto  höher  sollst  du  besteuert  werden",  würde  der  Staat
ihm  sagen:  „sei  so  fleißig,  so  strebsam,  so  unternehmend,  wie  du  magst,
du  sollst  deinen  vollen  Lohn  behalten;  du  sollst  keine  Bußen  dafür  zu  entrichten ­
  haben,  daß  du  zwei  Grashalme  wachsen  läßt,  wo  nur  einer  wuchs;
du  sollst  nicht  besteuert  werden,  weil  du  das  Gesamtgut  vermehrtest".
wird  der  Staat  etwa  nicht  dadurch  gewinnen,  daß  er  sich  weigert,
die  Gans  zu  töten,  welche  die  goldenen  Gier  legt;  daß  er  davon  absteht,
dem  Gchsen,  der  da  drischet,  das  Maul  zu  verbinden;  daß  er  dem  gleiße,
der  Betriebsamkeit,  der  Geschicklichkeit  ihren  natürlichen  Lohn  voll  und
ungeschädigt  läßt?  Denn  auch  für  den  Staat  gibt  es  einen  natürlichen
Lohn.  Das  Gesetz  der  Gesellschaft  ist:  einer  für  alle,  sowie  alle  für  einen.
Niemand  kann  das  Gute,  wie  das  Schlechte,  das  er  tut,  für  sich  allein
behalten.  Jede  produktive  Unternehmung  gewährt,  außer  dem  ihrem
Unternehmer  zufallenden  Ertrage,  auch  anderer:  mittelbare  Vorteile.
Pflanzt  jemand  einen  Gbstbaum,  so  ist  sein  Gewinn,  daß  er  mit  der
Zeit  seinen  Herbst  einheimst.  Aber  außer  seinem  eigenen  Gewinn  ist
auch  noch  ein  Gewinn  für  das  ganze  Gemeinwesen  vorhanden.  Andere
als  der  Eigner  ziehen  aus  dem  vermehrten  Gbstvorrat  Vorteil;  die
Vögel,  denen  der  Baum  Schutz  gewährt,  fliegen  von  nah  und  fern  herbei;
der  Regen,  welchen  er  herbeiziehen  hilft,  fällt  nicht  bloß  auf  sein  Feld,
und  selbst  dem  aus  der  Entfernung  darauf  ruhenden  Auge  gewährt
er  ein  Gefühl  der  Schönheit.  Und  fo  ist  es  mit  allem  anderen.  Der  Bau
eines  Hauses,  einer  Fabrik,  eines  Schiffes  oder  einer  Eisenbahn  nützt
anderen  außer  denen,  welche  die  direkten  Gewinne  davon  haben.  Die
Natur  lacht  über  einen  Geizhals.  Er  ist  gleich  dem  Eichhörnchen,  das
seine  Nüsse  vergräbt,  und  hernach  unterläßt,  sie  wieder  auszugraben.
Seht  da,  sie  sprossen  und  werden  zu  Bäumen.  In  feinen  Leinen,  mit
köstlichen  Spezereien  getränkt,  wird  die  Mumie  aufbewahrt.  Tausende
und  aber  Tausende  von  Jahren  danach  kocht  der  Beduine  seine  Nahrung
an  einem  Feuer  aus  ihren  Umhüllungen,  sie  erzeugt  den  Dampf,  mit
dessen  Hilfe  der  Reisende  auf  seinem  Wege  dahinfliegt,  oder  sie  kommt
nach  fernen  Landen,  um  die  Neugierde  anderer  Rassen  zu  befriedigen.
Die  Biene  füllt  den  hohlen  Baum  mit  Honig,  und  schließlich  kommt  der
Bär  oder  der  Mensch,  um  ihn  zu  genießen.
Mit  Recht  kann  der  Staat  dem  einzelnen  Produzenten  alles  lassen,
was  ihn  zur  Anstrengung  anspornt;  mit  Recht  kann  er  dem  Arbeiter
den  vollen  Lohn  seiner  Arbeit  und  dem  Kapitalisten  den  vollen  Ertrag
seines  Kapitals  lassen.  Denn  je  mehr  die  Arbeit  und  das  Kapital  produzieren, ­
  desto  größer  wird  der  gemeinschaftliche  Vorrat,  an  welchem
alle  teilhaben.  Und  in  dem  werte  oder  der  Rente  des  Bodens  ist  dieser
allgemeine  Gewinn  in  bestimmter  und  konkreter  Form  ausgedrückt.
Ljier  ist  ein  Fonds,  den  der  Staat  nehmen  kann,  während  er  der  Arbeit
und  dem  Kapital  ihren  vollen  Lohn  läßt.  Mit  vermehrter  Produktionstätigkeit ­
  würde  dieser  Lohn  entsprechend  zunehmen.
        <pb n="332" />
        319

Kap.  I.  Über  die  Wirkung  auf  die  Güterproduktion.

Aber  die  Last  der  Besteuerung  von  der  Produktion  und  dem  Austausch ­
  auf  den  Wert  oder  die  Rente  des  Landes  übertragen,  würde
nicht  allein  der  Güterproduktion  neuen  Antrieb  verleihen,  sondern  ihr
auch  neue  Gelegenheiten  eröffnen.  Denn  unter  diesem  System  würde
niemand  Land  anders  als  zur  Benutzung  behalten,  und  jetzt  der  Benutzung
entzogenes  Land  würde  allenthalben  zum  Anbau  offen  stehen.
Der  Verkaufspreis  des  Bodens  würde  fallen,  die  Grundstückspekulation ­
  würde  ihren  Todesstreich  empfangen,  die  Landmonopolisierung ­
  würde  sich  nicht  länger  lohnen.  Millionen  und  aber  Millionen
Morgen,  von  denen  jetzt  die  Ansiedler  durch  hohe  preise  ausgeschlossen
sind,  würden  von  ihren  gegenwärtigen  Besitzern  aufgegeben  oder  den
Ansiedlern  zu  bloß  nominellen  Preisen  verkauft  werden.  Und  dies  nichü
etwa  bloß  an  den  Grenzen,  sondern  auch  in  Gegenden,  die  jetzt  schon
als  gut  angebaut  betrachtet  werden,  hundert  Meilen  um  San  Franziska
würde  so  genug  Land  frei  werden,  um  selbst  bei  den  jetzigen  Betriebsmethoden ­
  eine  ländliche  Bevölkerung  zu  fassen,  so  groß  wie  die,  welche
jetzt  von  Oregon  bis  zu  der  800  Meilen  entfernten  mexikanischen  Grenze
Zerstreut  lebt.  In  demselben  Grade  würde  dies  für  die  meisten  westlichen
Staaten  zutreffen,  und  annähernd  auch  für  die  älteren  östlichen  Staaten,
denn  selbst  in  New  pork  und  pennsylvanien  ist  die  Bevölkerung  im
vergleich  mit  der  Kapazität  des  Landes  noch  dünn.  Und  selbst  im  dichtbevölkerten ­
  England  würde  eine  solche  Politik  dem  Anbau  viele  pundertlausende
  Morgen  eröffnen,  die  jetzt  zu  Privatparks,  Wildgehegen  und
Tiergärtchen  dienen.
Denn  dieses  einfache  Projekt,  alle  Steuern  auf  den  Grund  und-Boden
  zu  legen,  würde  in  seiner  Wirkung  darauf  hinauskommen,  den
Boden  im  Aufstrich  demjenigen  zu  sichern,  der  dem  Staate  die  höchste
Rente  dafür  zahlt.  Die  Nachfrage  nach  Land  bestimmt  dessen  wert,,
und  wenn  daher  die  Steuern  so  festgesetzt  werden,  um  jenen  wert  fa
Ziemlich  zu  absorbieren,  so  muß  derjenige,  welcher  Land  zu  besitzen
wünscht,  ohne  es  zu  benutzen,  annähernd  so  viel  dafür  zahlen,  als  es  für
jeden  wert  sein  würde,  der  es  benutzen  wollte.
Und  man  muß  sich  erinnern,  daß  dies  nicht  bloß  für  Ackerland,,
sondern  für  alles  Land  gelten  würde.  Mineralgrund  würde  der  Benutzung ­
  auf  dieselbe  weise  wie  Ackerland  übergeben  werden,  und  im
Kerzen  einer  Stadt  könnte  niemand  mehr  sich  einfallen  lassen,  Grundstücke ­
  der  besten  Verwendung  vorzuenthalten  oder  in  den  Vorstädten
Ulehr  dafür  zu  verlangen,  als  der  daraus  zur  Zeit  zu  erzielende  Nutzen
rechtfertigen  würde.  Überall,  wo  das  Land  einen  Preis  erreicht  hat,,
würde  die  Besteuerung,  nicht  wie  jetzt  gleich  einer  Strafe  auf  Verbesserungen ­
  einwirken,  sondern  zu  Verbesserungen  zwingen,  wer  einen
Dbstgarten  pflanzt,  ein  Feld  besät,  ein  paus  baut,  oder  eine  gleichviel,,
wie  kostspielige  Fabrik  errichtet,  würde  an  Steuern  nicht  mehr  zu  zahlen
9aben,  als  ob  er  so  viel  Land  müßig  liegen  ließe.  Der  Monopolist  von
Ackerland  würde  gerade  so  besteuert  werden,  als  ob  fein  Grund  und  Boden.
        <pb n="333" />
        320

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

mit  Däusern  und  Scheunen,  init  Ernten  und  Werden  bedeckt  wäre.
Der  Eigentümer  einer  städtischen  Baustelle  würde  sür  das  Vorrecht,
andere  Leute  davon  fern  zu  halten,  bis  er  dieselbe  selbst  gebrauchen
will,  ebensoviel  zahlen  wie  sein  Nachbar,  der  ein  schönes  paus  auf
seinem  Platze  stehen  hat.  Es  würde  ebensoviel  kosten,  eine  Reihe  von
baufälligen  pütten  aus  wertvollem  Boden  stehen  zu  haben,  als  ob  derselbe ­
  mit  einem  großen  potel  oder  einem  großartigen,  mit  kostbaren
Waren  gefüllten  Magazine  bedeckt  wäre.
So  würde  die  Prämie,  die  jetzt  überall,  wo  die  Arbeit  am  produktivsten ­
  ist,  entrichtet  werden  muß,  noch  ehe  die  Arbeit  ausgeübt
werden  kann,  verschwinden.  Der  Landmann  würde  nicht  die  Pälfte
seiner  Mittel  auszuzahlen  oder  seine  Arbeit  auf  Jahre  hinaus  zu  verpfänden ­
  haben,  um  Land  zur  Bebauung  zu  erlangen;  der  Erbauer
eines  städtischen  pauses  würde  nicht  für  eine  kleine  Baustelle  ebensoviel
auszulegen  brauchen,  wie  für  das  paus,  welches  er  darauf  baut;  die
Gesellschaft,  die  eine  Fabrik  zu  gründen  beabsichtigt,  würde  nicht  einen
großen  Teil  ihres  Kapitals  für  den  Bauplatz  auszugeben  haben.  Und
was  man  dem  Staate  jährlich  zahlt,  ersetzte  alle  die  Steuern,  die  jetzt
von  Verbesserungen,  Maschinen  und  Vorräten  erhoben  werden.
Man  bedenke  die  Wirkung  einer  solchen  Änderung  aus  den  Arbeitsmarkt. ­
  Die  Konkurrenz  würde  nicht  mehr  eine  einseitige  sein  wie  jetzt.
Statt  daß  die  Arbeiter  miteinander  um  Beschäftigung  konkurrieren
und  dabei  die  Löhne  auf  den  Punkt  des  bloßen  Unterhalts  hinunterdrücken,
.würden  überall  die  Arbeitgeber  um  Arbeiter  konkurrieren  und  die  Löhne
bis  annähernd  auf  den  Ertrag  der  Arbeit  steigen.  Denn  der  größte
aller  Konkurrenten  um  die  Beschäftigung  der  Arbeiter  würde  den
Arbeitsmarkt  betreten  haben,  ein  Konkurrent,  dessen  Nachfrage  nicht
befriedigt  werden  kann  bis  der  Mangel  befriedigt  ist  —  die  Nachfrage
nach  Arbeitskräften  selbst.  Die  Arbeitgeber  würden  nicht  bloß  gegeneinander ­
  zu  bieten  haben,  da  alle  den  Sporn  größerer  Geschäfte  und  erhöhter ­
  Gewinne  fühlen,  sondern  auch  gegen  die  Fähigkeit  der  Arbeiter,
ihre  eigenen  Arbeitgeber  zu  werden,  da  ihnen  durch  die  Steuer,  welche
die  Monopolisierung  verhindert,  die  von  der  Natur  gebotenen  Gelegenheiten ­
  in  vollem  Umfang  erschlossen  würden.
Bei  dieser  Freilegung  der  Naturgelegenheiten  für  die  Arbeit,
bei  der  Steuerfreiheit  des  Kapitals  und  der  Lohnverbesserungen,  bei
der  Befreiung  des  Pandels  von  seinen  Fesseln  würde  das  Schauspiel
unmöglich  werden,  daß  arbeitslustige  Menschen  ihre  Arbeit  nicht  in  die
Dinge  verwandeln  können,  deren  sie  bedürfen;  die  wiederkehrenden
Krisen,  welche  den  Gewerbfleiß  lähmen,  würden  aufhören;  jedes  Rad
der  Produktion  würde  in  Bewegung  gesetzt  werden;  die  Nachfrage
würde  mit  dem  Angebot  und  das  Angebot  mit  der  Nachfrage  gleichen
Schritt  halten;  der  Pandel  würde  in  jeder  Richtung  zunehmen  und
.der  Wohlstand  aller  steinen.
        <pb n="334" />
        Kap.  II.

über  die  Wirkung  auf  die  Verteilung  und  Produktion.

32  \

Kapitel  II.
Über  die  Wirkung  auf  die  Verteilung  und  von  da  auf  die
Produktion.
So  groß  sie  daher  auch  erscheinen  mögen,  können  die  Vorteile
einer  Übertragung  aller  öffentlichen  Lasten  auf  eine  Grundsteuer  doch
nicht  völlig  gewürdigt  werden,  bis  wir  die  Wirkung  auf  die  Güterverteilung ­
  betrachten.
Den  Grund  der  ungleichen  Güterverteilung,  die  in  allen  zivilisierten ­
  Ländern  hervortritt  und  immer  größer  wird,  je  mehr  der  materielle
Fortschritt  vorschreitet,  haben  wir  in  dem  Umstande  gefunden,  daß  der
jetzt  in  privaten  fänden  befindliche  Grundbesitz  mit  steigender  Zivilisation ­
  eine  immer  größere  Macht  verleiht,  sich  die  von  der  Arbeit  und
dem  Kapital  erzeugten  Güter  anzueignen.
Die  Arbeit  und  das  Kapital  von  aller  Besteuerung,  direkter  wie
indirekter,  zu  befreien  und  die  Last  auf  die  Rente  zu  werfen,  würde
daher  in  dem  Maße,  wie  es  geschähe,  jener  Tendenz  zur  Ungleichheit
entgegenwirken  und,  wenn  man  die  ganze  Rente  als  Steuer  einforderte,
die  Ursache  der  Ungleichheit  gänzlich  beseitigen.  Anstatt  wie  jetzt  Ungleichheit ­
  zu  verursachen,  würde  die  Rente  dann  die  Gleichheit  befördern.
Arbeit  und  Kapital  würden  dann  den  ganzen  Ertrag  erhalten,  minus
den  vom  Staate  in  der  Besteuerung  der  Landwerte  genommenen  Anteil, ­
  welcher,  zu  öffentlichen  Zwecken  verwendet,  sich  unter  da-  Publikum
gleichmäßig  verteilen  würde.
Das  heißt,  die  in  jedem  Staate  produzierten  Güter  würden  in
Zwei  Teile  zerfallen;  der  eine  Teil  würde  je  nach  dem  von  jedem  an
dem  Produktionswerke  genommenen  2tnieil  an  Löhnen  und  Zinsen
unter  die  einzelnen  Produzenten  verteilt  werden;  der  andere  Teil
würde  vollständig  an  den  Staat  kommen,  um  zum  öffentlichen  vorteil
an  alle  seine  Mitglieder  verteilt  zu  werden,  hieran  würden  alle  gleichen
Teil  haben,  der  Schwache  und  der  Starke,  junge  Kinder  und  hinfällige
Greise,  die  Krüppel,  die  Lahmen  und  die  Blinden  so  gut  wie  die  Gesunden.
Und  dies  mit  Recht;  denn  während  der  eine  Anteil  das  Ergebnis  individueller ­
  Anstrengung  bei  der  Produktion  darstellt,  stellt  der  andere  die
vermehrte  Kraft  dar,  womit  das  Gemeinwesen  als  Ganzes  den  einzelnen
unterstützt.
Da  nun  der  materielle  Fortschritt  darauf  hinwirkt,  die  Rente  zu
steigern,  so  würde,  falls  dieselbe  durch  den  Staat  zu  gemeinschaftlichen
Zwecken  eingezogen  würde,  gerade  die  Ursache,  welche  jetzt  darauf
hinwirkt,  eine  dem  steigenden  materiellen  Fortschritt  entsprechende
Ungleichheit  zu  erzeugen,  nun  immer  größere  Gleichheit  herstellen.
Unr  diese  Wirkung  völlig  zu  begreifen,  wollen  wir  zu  den  früher  entwickelten ­
  Prinzipien  zurückkehren.
Deorge,  Fortschritt  und  Armut.  2\
        <pb n="335" />
        322

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

wir  haben  gesehen,  daß  die  Löhne  und  Zinsen  überall  durch  die
Renienlinie  oder  Grenze  des  Anbaues  bestimmt  werden  müssen,  d.  h.
durch  die  Belohnung,  welche  die  Arbeit  und  das  Kapital  auf  Land
erzielen  können,  für  welches  keine  Grundrente  bezahlt  wird;  daß  die
gesamte  Gütersumme,  welche  die  in  der  Produktion  beschäftigte  Summe
von  Arbeit  nnd  Kapital  erhält,  die  Summe  (oder  vielmehr,  wenn  wir
die  Steuern  berücksichtigen,  der  Nettobetrag)  der  erzeugten  Güter
minus  des  als  Rente  Eingezogenen  sein  wird.
Wir  haben  gesehen,  daß  bei  einem  materiellen  Fortschritte  nach
dem  jetzigen  Maßstabe  eine  zweifache  Tendenz  zur  Steigerung  der
Rente  besteht.  Sie  bewirkt  sowohl  die  Zunahme  des  auf  die  Rente
entfallenden  Teiles  der  erzeugten  Güter,  als  auch  die  Abnahme  des
auf  Lohn  und  Zins  entfallenden  Teiles.  Aber  die  erstere  oder  natürliche, ­
  aus  den  Gesetzen  der  sozialen  Entwicklung  hervorgehende  Tendenz
ist  auf  die  quantitative  Steigerung  der  Rente  gerichtet,  ohne  Lohn
und  Zins  quantitativ  zu  vermindern,  ja  sie  kann  sogar  dieselben  quantitativ
erhöhen.  Die  andere,  aus  der  unnatürlichen  Aneignung  des  Grund
und  Bodens  durch  den  privatbesitz  hervorgehende  Tendenz  ist  auf  die
quantitative  Vermehrung  der  Rente  durch  die  quantitative  Verminderung
der  Löhne  und  Zinsen  gerichtet.
Nun  ist  es  klar,  daß  die  mit  der  Abschaffung  des  Privatgrundbesitzes ­
  gleichbedeutende  Einziehung  der  Rente  als  Steuer  für  öffentliche ­
  Zwecke  darauf  hinausgehen  würde,  die  Tendenz  auf  eine  absolute
Verminderung  der  Löhne  und  Zinsen  dadurch  zu  beseitigen,  daß  sie  die
spekulative  Monopolisierung  des  Grund  und  Bodens  und  die  spekulative
Steigerung  der  Rente  beseitigt.  Sie  würde  darauf  hinwirken,  die  Löhne
und  Zinsen  ganz  bedeutend  zu  steigern,  die  jetzt  monopolisierten  Vorteile ­
  der  Natur  zu  erschließen  und  den  preis  des  Bodens  herabzusetzen.
Arbeit  und  Kapital  würden  so  nicht  nur  gewinnen,  was  ihnen  jetzt  an
Steuern  abgenommen  wird,  sondern  sie  würden  auch  durch  die  positive
Herabsetzung  der  Rente  infolge  des  Sinkens  der  spekulativen  Landwerte
gewinnen.  Lin  neues  Gleichgewicht  würde  sich  Herstellen,  bei  dem  der
gewöhnliche  Satz  der  Löhne  und  Zinsen  viel  höher  als  jetzt  sein  würde.
Wäre  dies  neue  Gleichgewicht  hergestellt,  so  würden  weitere  und
sehr  beschleunigte  Fortschritte  in  der  Produktionskraft  die  Rente  noch
ferner  steigern,  nicht  auf  Kosten  der  Löhne  und  Zinsen,  sondern  durch
neue  Gewinne  bei  der  Produktion,  welche,  da  die  Rente  durch  den
Staat  zu  öffentlichem  Nutz  und  Frommen  eingezogen  wäre,  jedem
Mitglieds  desselben  zum  Vorteil  gereichen  müßten.  Ze  nachdem  also
das  materielle  Gedeihen  fortschritte,  würde  sich  die  Lage  der  Massen
beständig  verbessern.  Nicht  bloß  eine  Klasse  würde  reicher  werden,
sondern  alle;  nicht  bloß  einer  Klasse  würde  mehr  von  den  Notwendigkeiten, ­
  Annehmlichkeiten  und  den  Verschönerungen  des  Lebens  zuteil
werden,  sondern  alle  würden  mehr  davon  haben.  Denn  die  zunehmende
Produktionskraft,  welche  sich  mit  der  vergrößerten  Bevölkerung,  mit
        <pb n="336" />
        Kap.  II.

Wer  die  Wirkung  auf  die  Verteilung  und  Produktion.

323

jeder  neuen  Entdeckung  in  den  produktiven  Gewerben,  mit  jeder  arbeitersparenden ­
  Erfindung,  mit  jeder  Ausdehnung  und  Erleichterung  der
Tausche  einstellt,  könnte  von  niemandem  monopolisiert  werden.  Derjenige ­
  Teil  des  Nutzens,  der  nicht  direkt  zur  Vermehrung  des  Lohnes
der  Arbeit  Und  des  Kapitals  diente,  ginge  an  den  Staat,  d.  h.  an  die
gesamte  Gesellschaft.  Mit  allen  den  enormen  materiellen  und  geistigen
Vorteilen  einer  dichten  Bevölkerung  würden  die  Freiheit  und  Gleichheit
verbunden  sein,  die  jetzt  nur  in  neuen  und  schwach  bevölkerten  Gegenden ­
  zu  finden  sind.
Dann  bedenke  man,  wie  sehr  die  Ausgleichung  in  der  Güterverteilung ­
  auf  die  Produktion  zurückwirken,  wie  sie  überall  die  Vergeudung ­
  verhüten,  überall  die  Leistungskraft  vermehren  würde.
Wäre  es  möglich,  den  unmittelbaren  pekuniären  Verlust,  den  die
Gesellschaft  durch  die  sozialen,  große  Klassen  zur  Armut  und  zum  Laster
verdammenden  Mißverhältnisse  erleidet,  in  Zahlen  auszudrücken,  so
würde  die  Angabe  erschreckend  sein.  England  erhält  durch  offizielle
Mildtätigkeit  über  eine  Million  Armer;  die  Stadt  New  pork  allein
verausgabt  über  7  Millionen  Dollar  jährlich  zu  dem  gleichen  Zwecke.
Allein  die  Spendungen  aus  öffentlichen  Mitteln,  durch  mildtätige  Gesellschaften ­
  und  durch  Privatwohltätigkeit  würden  zusammengenommen
immer  nur  der  erste  und  kleinste  Posten  der  Rechnung  sein.  Die  auf  diese
Meise  verlorengehenden  Arbeitslöhne;  die  Kosten  der  auf  diese  Weise
erzeugten  Gewohnheiten  des  Leichtsinns,  der  Unbekümmertheit  und  des
Müßiggangs;  der  durch  die  furchtbare  Statistik  der  Sterblichkeit,  besonders ­
  der  Kindersterblichkeit  unter  den  ärmeren  Klassen,  angedeutete
pekuniäre  Verlust  (um  von  nichts  anderem  zu  reden);  die  Verschwendung
in  den,  mit  der  Vertiefung  der  Armut  zunehmenden  Schnapsläden
und  Kneipen;  der  von  dem  Auswurf  der  Gesellschaft,  der  durch  Mangel
und  Elend  erzeugt  wird,  den  Dieben,  Prostituierten,  Bettlern  und  Landstreichern ­
  angerichtete  Schaden;  die  Kosten,  um  die  Gesellschaft  gegen
denselben  zu  schützen,  sind  sämtlich  Posten  der  Totalsumme,  welche  die
jetzige  ungerechte  und  ungleiche  Güterverteilung  von  dem  Gesamtbeträge ­
  fortnimmt,  den  die  Gesellschaft  bei  den  jetzigen  Produktionsmitteln ­
  genießen  könnte.  Aber  selbst  hiermit  ist  die  Rechnung  noch  nicht
erschöpft.  Die  durch  die  Ungleichheit  der  Güterverteilung  erzeugten
Schäden,  die  Unwissenheit  und  das  Laster,  der  Leichtsinn  und  die  Unslttlichkeit,
  treten  auch  in  der  Unfähigkeit  und  Korruption  der  Regierung
hervor;  und  die  Vergeudung  der  öffentlichen  Einkünfte,  sowie  die  noch
Moßere  Vergeudung,  die  in  dem  dummen  und  verderbten  Mißbrauch
öffentlicher  Befugnisse  und  Funktionen  vorliegt,  sind  ihre  unvermeidlichen
  Folgen.
Die  Erhöhung  der  Löhne  jedoch,  sowie  die  Erschließung  neuer
Aussichten  auf  Beschäftigung,  welche  aus  der  Verwendung  der  Grund-Mvte
  zu  öffentlichen  Zwecken  hervorgehen  würden,  brächten  nicht  bloß
'ese  Vergeudungen  zum  Stillstand  und  erlösten  die  Gesellschaft  von
21*
        <pb n="337" />
        S2H

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

diesen  ungeheuren  Verlusten;  es  würde  auch  der  Arbeit  neue  Macht
hinzugefügt.  Es  ist  eine  unleugbare  Wahrheit,  daß  die  Arbeit  anr  produktivsten ­
  ist,  wo  ihre  Löhne  anr  größten  find.  Schlecht  bezahlte  Arbeit
leistet  nichts,  soweit  die  Welt  reicht.
was  über  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeit  in  den  Ackerbaugegenden ­
  Englands,  wo  verschiedene  Lohnsätze  herrschen,  bemerkt  worden  ist;
was  Brassey  bei  der  Arbeitsleistung  seiner  besser  bezahlten  englischen
Lisenbahnarbeiter  im  vergleich  zu  den  schlechter  bezahlten  des  Kontinents
  fand;  was  in  den  vereinigten  Staaten  zwischen  Sklavenund
  freier  Arbeit  ersichtlich  war;  was  in  Indien  oder  Lhina  die  erstaunliche ­
  Anzahl  von  Handwerkern  oder  Dienern  beweist,  die  man  dort
braucht,  um  irgendetwas  zu  erhalten,  ist  überall  zutreffend.  Die  Leistung
der  Arbeit  nimmt  stets  mit  dem  üblichen  Arbeitslohn  zu,  denn  hoher
Lohn  bedeutet  vermehrte  Selbstachtung,  Intelligenz,  Hoffnung  und
Tatkraft.  Der  Mensch  ist  keine  Maschine,  die  so  viel  und  nicht  mehr
tut;  er  ist  kein  Tier,  dessen  Kräfte  so  weit  reichen  und  nicht  weiter.  Der
Geist,  nicht  die  Muskel  ist  der  große  Beförderer  der  Produktion.  Die
im  Menschen  zu  entwickelnde  physische  Kraft  ist  sehr  schwach,  aber  für
den  menschlichen  verstand  fließen  die  widerstandslosen  Ströme  der
Natur,  und  der  Stoff  formt  sich  nach  dem  menschlichen  willen.  Die
Behaglichkeit,  Muße  und  Unabhängigkeit  der  Massen  vermehren,  heißt
ihren  verstand  vermehren;  es  heißt  der  Hand  das  Gehirn  zuhilfe  bringen;
es  heißt  zu  dem  gewöhnlichen  Tagewerk  die  Fähigkeit  benutzen,  welche
die  Infusionstierchen  mißt  und  die  Bahnen  der  Gestirne  verfolgt.
wer  vermag  zu  sagen,  zu  welcher  unendlichen  Macht  die  Produktionsfähigkeit ­
  der  Arbeit  durch  soziale  Einrichtungen,  die  den  Produzenten ­
  der  Güter  ihren  gerechten  Anteil  an  deren  Vorteilen  und
Genüssen  verleihen  wird,  gehoben  werden  könnte.  Schon  bei  dem
heutigen  Prozesse  würde  der  Gewinn  unberechenbar  sein,  aber  gerade
wenn  der  Lohn  hoch  ist,  schreiten  die  Erfindungen  und  die  Ausnützung
verbesserter  Verfahren  und  Maschinen  mit  größerer  Schnelligkeit  und
Leichtigkeit  vor.  Daß  die  Weizenernten  von  Südrußland  noch  mit  der
Sense  geschnitten  und  mit  dem  Dreschflegel  gedroschen  werden,  rührt
einfach  davon  her,  daß  die  Löhne  dort  so  niedrig  sind.  Der  amerikanische
Erfindungsgeist,  der  amerikanische  Hang  zu  arbeitersparenden  Prozessen
und  Maschinen  sind  das  Resultat  des  verhältnismäßig  hohen  Lohns,
der  in  den  Vereinigten  Staaten  herrschte,  wären  unsere  Produzenten
zu  dem  niedrigen  Lohn  der  ägyptischen  Fellahs  oder  chinesischen  Kulis
verurteilt  gewesen,  so  würden  wir  Wasser  mit  der  Hand  pumpen  und  die
Schultern  der  Menschen  als  Transportmittel  benutzen.  Noch  höhere
Belohnung  der  Arbeit  und  des  Kapitals  würde  den  Erfindungsgeist
noch  weiter  anspornen  und  die  Aufnahme  verbesserter  Prozesse  beschleunigen, ­
  und  diese  würden  wahrhaft  als  das  erscheinen,  was  sie
an  sich  sind  —  ein  ungemischter  Segen.  Die  nachteiligen  Wirkungen
arbeitersparender  Maschinen  auf  die  arbeitenden  Klassen,  die  man  jetzt
        <pb n="338" />
        Kap.  II.

Ober  die  Wirkung  auf  die  Verteilung  und  Produktion.

325

so  oft  gewahr  wird,  und  die  trotz  aller  Gründe  so  viele  Leute  dieselben
als  ein  Übel,  anstatt  als  einen  Segen  betrachten  lassen,  würden  dann
verschwinden.  Jede  neue,  iin  Dienste  des  Menschen  verwendete  Kraft
würde  die  Lage  aller  verbessern.  Und  aus  der,  dieser  allgemeinen  Verbesserung ­
  der  Lage  entspringenden  höheren  Intelligenz  und  geistigen
Tätigkeit  würden  neue  Entwicklungen  von  Kräften  hervorgehen,  von
denen  wir  uns  jetzt  nichts  träumen  lassen.
Allein  ich  will  nicht  leugnen  und  wünsche  die  Tatsache  nicht  aus  dem
Gesichte  zu  verlieren,  daß,  während  die  ausgeglichene  Güterverteilung,
die  sich  aus  dem  von  mir  vorgeschlagenen  einfachen  Plane  ergeben,
und  welche  Vergeudung  verhindern  und  die  Leistungen  der  Arbeit
erhöhen  müßte,  andererseits  die  Jagd  nach  Reichtum  mäßigen  würde.
Ts  scheint  mir,  daß  in  einem  Gesellschastszustande,  wo  niemand  Armut
Zu  fürchten  hat,  niemand  großen  Reichtum  wünschen  oder  wenigstens
niemand  so  danach  jagen  würde  wie  jetzt.  Denn  sicherlich  ist  das  Schauspiel, ­
  daß  die  Menschen  in  den  wenigen  Jahren,  die  sie  zu  leben  haben,
sich  zum  Sklaven  machen,  um  reich  zu  sterben,  an  sich  so  unnatürlich  und
ungereimt,  daß  in  einem  Gesellschaftszustande,  wo  die  beseitigte  Furcht
vor  dem  Mangel  die  neidische  Bewunderung,  mit  der  die  große  Menge
jetzt  den  Besitz  großer  Reichtümer  ansieht,  zerstreut  hat,  derjenige,  der
uiehr  zu  erwerben  trachtete,  als  er  zu  brauchen  denkt,  mit  ähnlichen
^iugen  angesehen  werden  würde,  wie  wir  heutzutage  einen  Mann  anjehen,
  der  aus  seinen  Kopf  ein  halbes  Dutzend  püte  auftürmt  oder  in
^er  heißen  Sonne  mit  einem  Überzieher  umhergeht.  Ist  jeder  sicher,
Senug  erhalten  zu  können,  so  wird  niemand  einen  Packesel  aus  sich
wachen.
Wenn  aber  dieser  Antrieb  zur  Produktion  in  Wegfall  käme,  können
wir  nicht  ohne  ihn  fertig  werden?  welche  Dienste  er  auch  in  den  früheren
Stadien  der  Entwicklung  geleistet  haben  mag,  heute  brauchen  wir  sie
^icht  fürder.  Die  unserer  Zivilisation  drohenden  Gefahren  rühren  nicht
^on  der  Dürftigkeit  der  Tuellen  der  Produktion  her.  Woran  sie  leidet
^ud  woran  sie,  falls  kein  Peilmittel  angewendet  wird,  zugrunde  gehen
^uß,  ist  die  ungleiche  Verteilung!
Auch  würde  die  Beseitigung  dieses  Antriebes,  bloß  vom  Standpunkte ­
  der  Produktion  aus  betrachtet,  kein  ungemischter  Verlust  sein,
^enn  daß  die  Gesamtproduktion  durch  die  pabsucht,  mit  der  man  dem
^lchium  nachjagt,  beeinträchtigt  wird,  ist  eine  der  unabweisbarsten
Tatsachen  der  modernen  Gesellschaft.  Wäre  dies  unsinnige  Verlangen,
jeden  preis  reich  zu  werden,  geringer,  so  würden  geistige  Tätigkeiten,
te ,  Ktzt  dem  Zusammenscharren  von  Reichtümern  gewidmet  sind,  in
^eit  höhere  Sphären  der  Nutzbarkeit  übertragen  werden.
        <pb n="339" />
        326

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

Kapitel  III.
Über  die  Wirkung  auf  Individuen  und  auf  Klaffen.
Wenn  inan  vorschlägt,  alle  Steuern  auf  den  Wert  des  Landes
zu  legen  und  dadurch  die  Rente  zu  konfiszieren,  so  werden  vielleicht
zuerst  alle  Grundbesitzer  in  Aufruhr  versetzt,  und  es  wird  nicht  an  Bemühungen ­
  fehlen,  den  kleinen  städtischen  und  ländlichen  Eigentümern
die  Befürchtung  einzuflößen,  daß  dieser  Vorschlag  darauf  hinauslaufe,
sie  ihres  sauer  erworbenen  Besitzes  zu  berauben.  Aber  ein  Augenblick
der  Überlegung  wird  zeigen,  daß  dieser  Vorschlag  sich  allen  empfehlen
muß,  deren  Interessen  als  Grundbesitzer  ihre  Interessen  als  Arbeiter
oder  Kapitalisten,  oder  beides,  nicht  sehr  bedeutend  überragen.  Und
weiteres  Nachdenken  wird  zeigen,  daß  die  großen  Grundeigentümer
zwar  relativ  verlieren  mögen,  aber  daß  selbst  in  ihrem  Falle  sich  ein
absoluter  Gewinn  herausstellen  wird;  denn  die  Produktionszunahme
wird  so  groß  sein,  daß  die  Arbeit  und  das  Kapital  sehr  viel  mehr  gewinnen ­
  werden,  als  dem  privaten  Grundbesitz  verloren  geht,  während
an  diesen  Gewinnen  und  an  den  weit  größeren,  welche  mit  gesunderen
sozialen  Verhältnissen  verknüpft  sind,  das  ganze  Gemeinwesen  mit
Einschluß  der  großen  Grundeigentümer  teilnehmen  wird.
In  einem  früheren  Kapitel  habe  ich  die  Frage  erörtert,  was  man
den  gegenwärtigen  Grundbesitzern  schuldig  sei,  und  habe  gezeigt,  daß
sie  keinen  Anspruch  aus  Entschädigung  haben.  Aber  es  gibt  noch  einen
anderen  Grund,  weshalb  wir  jeden  Gedanken  an  Entschädigung  aufgeben ­
  dürfen.  Sie  werden  tatsächlich  nicht  geschädigt  werden.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  die  von  mir  vorgeschlagene  Änderung
allen  denen,  die  vom  Lohn  leben,  sei  es  für  Hand-  oder  Kopfarbeit  —
Tagelöhnern,  Arbeitern,  Handwerkern,  Kommis  und  Männern  jeden
Berufs  —&amp;gt;  großen  Vorteil  bringen  wird.  Ebenso  zweifellos  ist  es,  daß
sie  allen  denen  Vorteil  bringen  wird,  die  teilweise  vom  Lohn  und  teilweise ­
  von  dem  Ertrage  ihres  Kapitals  leben  —&amp;gt;  wie  Ladenbesitzern,
Kaufleuten,  Fabrikanten,  kurz,  arbeitgebenden  Produzenten  und  Händlern ­
  aller  Art  —  vom  Hausierer  und  Karrentreiber  bis  zum  Eisenbahnund
  Dampfschiffsbesitzer  —&amp;gt;,  und  nicht  minder  zweifellos  ist  es,  daß  sie
die  Einnahmen  derer  steigern  wird,  die  ihr  Einkommen  aus  Kapitalgewinn, ­
  d.  h.  aus  Kapitalanlagen  mit  Ausnahme  derjenigen  in  Grund
und  Boden  ziehen,  mit  Ausnahme  vielleicht  der  Besitzer  von  Staatspapieren ­
  oder  anderen,  feste  Zinsen  tragenden  Sicherheiten,  die  wahrscheinlich ­
  infolge  des  steigenden  allgemeinen  Zinsfußes  im  Verkaufswerte ­
  zurückgehen  werden,  wenn  auch  das  Einkommen  aus  denselben
das  gleiche  bleibt.
Setzen  wir  jetzt  den  Fall  des  Hausbesitzers,  des  Handwerkers,
Ladeninhabers  oder  Mannes  von  anderem  Beruf,  der  sich  ein  Haus
        <pb n="340" />
        Über  die  Wirkung  auf  Individuen  und  auf  Klassen.

Aap.  III.

und  Grundstück  verschafft  hat,  auf  dein  er  wohnt  und  den  er  mit  Befriedigung ­
  als  einen  Grt  ansieht,  von  dem  im  Falle  seines  Todes  seine
Familie  nicht  vertrieben  werden  kann.  Er  wird  nicht  benachteiligt  werden,
im  Gegenteil,  er  wird  nur  gewinnen.  Der  Verkaufswert  seines  Grundstückes ­
  wird  sinken  oder  theoretisch  ganz  verschwinden;  aber  dessen  Nützlichkeit ­
  für  ihn  wird  nicht  verschwinden,  und  es  wird  seinen  Zweck  so  gut
erfüllen  wie  je.  Auch  der  wert  aller  anderen  Grundstücke  wird  im
gleichen  Verhältnis  abnehmen  oder  verschwinden,  allein  jeder  behält
dieselbe  Sicherheit,  stets  das  Grundstück  zu  behalten,  das  er  zuvor  hatte.
Das  heißt,  er  verliert  nur  in  dem  Sinne,  wie  jemand,  der  sich  ein  Paar
Stiefel  gekauft  hat,  durch  das  spätere  Sinken  des  Preises  der  Stiefel
verliert.  Seine  Stiefel  werden  ihm  gerade  so  nützlich  sein,  und  das  nächste
Paar  kann  er  billiger  erhalten.  Ebenso  wird  dem  Pausbesitzer  sein  Grundstück ­
  geradeso  nützlich  sein,  und  wenn  er  sich  ein  größeres  Grundstück
anschaffen  oder  für  seine  Heranwachsenden  Rinder  eigene  Wohnhäuser
besorgen  will,  so  wird  er  sogar  hinsichtlich  der  Grundstücke  gewinnen.
Und  in  anderen  Beziehungen  wird  er  schon  gegenwärtig  sehr  bedeutend
gewinnen.  Denn  er  wird  zwar  für  seinen  Grund  und  Boden  mehr
Steuern  zu  zahlen  haben,  geht  aber  frei  aus  für  sein  paus  und  alle
Verbesserungen,  für  sein  Mobiliar  und  persönliches  Vermögen,  für  alles,
was  er  und  seine  Familie  essen,  trinken  und  tragen,  während  zugleich
sein  Verdienst  durch  die  Steigerung  der  Löhne,  die  beständige  Beschäftigung ­
  und  die  erhöhte  Lebhaftigkeit  in  Pandel  und  Wandel  sich  vermehrt.
Sein  einziger  Verlust  wird  eintreten,  wenn  er  sein  Grundstück  zu  verkaufen
wünscht,  ohne  ein  anderes  zu  nehmen,  doch  wird  dies  im  Vergleich  zu
dem  großen  Gewinne  nur  ein  kleiner  Verlust  sein.
Und  ebenso  mit  dem  Landmanne.  Zch  spreche  jetzt  nicht  von  den
Landleuten,  die  nie  den  Griff  eines  Pflugs  berühren,  die  Tausende
von  Morgen  bebauen  und  ein  Einkommen  besitzen  wie  die  reichen  Pflanzer
des  Südens  vor  dem  Kriege,  sondern  von  den  arbeitenden  Landleuten,
die  eine  so  große  Klasse  in  den  vereinigten  Staaten  ausmachen,  Leute,
die  kleine  Güter  besitzen,  welche  sie  mit  pilfe  ihrer  Söhne  und  vielleicht
eines  Arbeiters  bebauen,  und  die  in  Europa  Bauern  genannt  werden
würden.  Paradox,  wie  es  diesen  Leuten  erscheinen  mag,  ehe  sie  die  volle
Tragweite  des  Vorschlages  begreifen,  so  haben  sie  doch  von  allen  Klassen
über  der  des  bloßen  Arbeiters  am  meisten  dabei  zu  gewinnen,  wenn  alle
Steuern  auf  den  wert  des  Landes  gelegt  werden.  Daß  sie  jetzt  nicht  ein
so  gutes  Auskommen  haben,  wie  es  ihnen  ihre  harte  Arbeit  verschaffen
sollte,  fühlen  sie  im  allgemeinen  wohl,  wenn  sie  auch  die  Ursache  nicht
Zu  ermitteln  wissen.  Tatsache  ist,  daß  die  Besteuerung  in  ihrer  jetzigen
Erhebung  mit  besonderer  Parte  auf  sie  fällt.  Sie  werden  auf  alle  ihre
Verbesserungen  besteuert  —  auf  päuser,  Scheunen,  Zäune,  Ernten  und
Viehbestand.  Das  in  ihrem  Besitz  befindliche  persönliche  Eigentum  kann
nicht  so  leicht  verborgen  oder  unter  seinem  wert  geschätzt  werden  als  die
kostspieligeren  Gbjekte,  die  sich  in  den  Städten  konzentrieren.  Sie  müssen

—
        <pb n="341" />
        328

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

nicht  bloß  für  persönliches  Eigentum  und  für  Verbesserungen  Steuern
zahlen,  denen  die  Besitzer  von  unbenutztem  Lande  entgehen,  sondern
ihr  Grund  und  Boden  ist  auch  gewöhnlich  höher  besteuert  als  Land  in
spekulativem  Besitz,  einfach  weil  es  angebaut  ist.  Ferner  fallen  alle
Verbrauchssteuern  und  besonders  diejenigen,  die,  wie  unsere  Schutzzölle, ­
  behufs  Erhöhung  der  Warenpreise  ausgelegt  sind,  ohne  Linderung
auf  den  Landmann.  Denn  in  einem  Lande,  wie  die  Vereinigten  Staaten,
das  Ackerbauprodukte  ausführt,  kann  der  Landmann  nicht  beschützt
werden,  wer  auch  gewinnt,  er  muß  verlieren.  Vor  einigen  Jahren  veröffentlichte ­
  die  Freihandelsliga  von  New  X}oxi  eine  Tabelle,  welche  die
auf  verschiedene  notwendige  Artikel  gelegten  Zölle  veranschaulichte
und  etwa  besagte,  daß  der  Landmann  am  Morgen  aufsteht  und  seine
mit  40  Prozent  besteuerten  bsosen,  sowie  seine  mit  30  Prozent  besteuerten
Stiefel  anzieht,  ein  Licht  mit  einem  mit  200  Prozent  besteuerten  Zündhölzchen ­
  anzündet  und  so  weiter,  bis  er,  getötet  durch  die  Besteuerung,
mit  einem  mit  45  Prozent  besteuerten  Seile  ins  Grab  hinabgelassen
wird.  Dies  ist  nur  ein  drastisches  Beispiel  der  Art  und  weise,  wie  solche
Steuern  schließlich  wirken.  Der  Landmann  würde  durch  die  Einführung
einer  einzigen  Steuer  auf  den  wert  des  Grund  und  Bodens  an  Stelle
all  dieser  Steuern  bedeutend  gewinnen,  denn  die  Besteuerung  der
Landwerte  würde  mit  der  größten  Wucht  nicht  aus  die  landwirtschaftlichen ­
  Distrikte  fallen,  wo  der  wert  des  Bodens  verhältnismäßig  gering
ist,  sondern  auf  die  Städte,  wo  er  hoch  ist,  wohingegen  die  Steuern  auf
persönliches  Eigentum  und  auf  Verbesserungen  gerade  so  schwer  auf  das
flache  Land  wie  auf  die  Stadt  fallen.  Und  in  schwach  bevölkerten  Gegenden ­
  würden  kaum  irgendwelche  Steuern  vom  Landmann  zu  zahlen  sein.
Denn  da  die  Steuern  vom  wert  des  bloßen  Landes  erhoben  würden,
so  fielen  sie  auf  unangebautes  Land  ebenso  schwer  wie  auf  bebautes.
Das  verbesserte  und  bebaute  Gut  mit  seinen  Gebäuden,  Zäunen,  Obstgärten, ­
  Ernten  und  seinem  Vichstand  könnte  Morgen  für  Morgen  nicht
höher  besteuert  werden  als  das  unbenutzte  Land  gleicher  Oualität.  Die
Folge  wäre,  daß  der  Spekulationswert  niedergehalten  wird  und  bebaute ­
  und  verbesserte  Güter  keine  Steuern  zu  zahlen  haben  würden,
bis  das  Land  umher  angebaut  wäre.  In  der  Tat  würde,  so  paradox
es  ihnen  zuerst  scheinen  mag,  die  Wirkung  einer  einzigen  Grundsteuer
die  sein,  die  härter  arbeitenden  Landleute  von  aller  Besteuerung  zu
befreien.
Indes  der  große  Gewinn  des  arbeitenden  Landmannes  wird  erst
ersichtlich,  wenn  die  Wirkung  aus  die  Verteilung  der  Bevölkerung  erwogen ­
  wird.  Die  Beseitigung  der  Spekulationspreise  des  Grund  und
Bodens  würde  daraus  hinwirken,  die  Bevölkerung,  wo  sie  zu  dicht  ist,
zu  zerstreuen  und  wo  sie  zu  dünn  ist,  zu  konzentrieren;  an  Stelle  von
Mietskasernen  gartenumgebene  bsäuser  zu  setzen  und  landwirtschaftliche
Distrikte  vollständig  anzubauen,  ehe  Leute,  die  Grund  und  Boden  bearbeiten ­
  wollen,  in  die  Ferne  getrieben  werden.  Die  Bewohner  der
        <pb n="342" />
        Kap.  III.

32Y

Über  die  Wirkung  auf  Individuen  und  auf  Klassen.

Städte  würden  so  mehr  von  der  reinen  Luft  und  dem  Sonnenschein
des  flachen  Landes,  die  Bewohner  des  letzteren  mehr  von  den  Ersparungen
und  dem  sozialen  Leben  der  Stadt  erhalten,  wenn,  wie  es  unzweifelhaft
der  Fall  ist,  die  Anwendung  von  Maschinen  die  Tendenz  hat,  zum  Großbetrieb ­
  der  Landwirtschaft  zu  führen,  so  wird  die  ländliche  Bevölkerung
die  ursprüngliche  Form  annehmen  und  sich  in  Dörfern  zusammendrängen.
Das  Leben  des  Landmannes  ist  jetzt  durchschnittlich  ohne  Not  traurig.
Er  ist  nicht  nur  gezwungen,  früh  und  spät  zu  arbeiten,  sondern  auch  durch
die  Dünnheit  der  Bevölkerung  von  den  Bequemlichkeiten,  Vergnügungen,
Unterrichtsgelegenheiten  und  den  sozialen  und  intellektuellen  Vorteilen,
die  sich  aus  der  näheren  Berührung  von  Mensch  zu  Mensch  entwickeln,
abgeschnitten.  Er  würde  in  allen  diesen  Beziehungen  weit  besser  daran
und  seine  Arbeit  weit  produktiver  sein,  wenn  er  und  seine  Nachbarn
nicht  mehr  Land  besäßen,  als  sie  zu  benutzen  brauchen.*)  Seine  heranwachsenden ­
  Rinder  würden  weder  diesen  Drang  fühlen,  die  Anregungen
einer  Stadt  zu  suchen,  noch  würden  sie  so  weit  hinweggetrieben  werden,
um  eigene  Landgüter  zu  suchen.  Ihre  Mittel  zum  Leben  würden  in
ihren  eigenen  fänden  und  zwar  in  der  Heimat  liegen.
Kurz,  der  arbeitende  Landmann  ist  sowohl  Arbeiter  und  Kapitalist
als  auch  Grundbesitzer,  und  er  gewinnt  seinen  Unterhalt  durch  seine
Arbeit  und  sein  Kapital.  Sein  Verlust  würde  nur  ein  nomineller,  sein
Gewinn  aber  ein  faktischer  und  bedeutender  sein.
In  verschiedenen  Graden  trifft  dies  für  alle  Grundbesitzer  zu.
Viele  derselben  sind  auf  die  eine  oder  die  andere  Art  Arbeiter.  Und  es
würde  schwer  sein,  einen  Grundbesitzer  zu  finden,  der,  wenn  er  auch
kein  Arbeiter  ist,  nicht  Kapitalist  wäre,  während  die  allgemeine  Regel,
ist:  je  größer  der  Grundeigentümer,  desto  größer  auch  der  Kapitalist.
Dies  ist  so  sehr  der  Fall,  daß  nach  gewöhnlicher  Auffassung  beide  Eigenschaften ­
  verschmolzen  sind,  während  so  die  Einführung  einer  einzigen
Grundsteuer  alle  großen  vermögen  bedeutend  reduzieren  würde,  machte
sie  doch  in  keinem  Falle  den  reichen  Mann  zum  armen.  Der  Herzog
von  westminster,  dem  ein  beträchtlicher  Teil  von  London  gehört,  ist
wahrscheinlich  der  reichste  Grundbesitzer  der  Welt.  Alle  seine  Grundrenten ­
  durch  Besteuerung  einzuziehen,  würde  sein  ungeheures  Einkommen ­
  gewaltig  reduzieren,  ihm  jedoch  noch  alle  seine  Gebäude  und
die  Einnahmen  daraus,  sowie  unzweifelhaft  auch  noch  viel  persönliches

*)  Außer  der  ungeheuren  Zunahme  in  der  Produktionskraft  der  Arbeit,  die  aus  der
besseren  Bevölkerungsverteilung  sich  ergeben  würde,  fände  auch  noch  eine  gleiche  Lrspajung
  in  der  produktiven  Kraft  des  Bodens  statt.  Die  durch  die  erschöpfende  Kultur  großer,
schwachbevölkerter  Flächen  genährte  Konzentration  läuft  buchstäblich  auf  eine  Ableitung
"er  Fruchtbarkeitselemente  ins  Meer  hinaus,  wie  enorm  diese  Vergeudung  ist,  läßt  sich
"us  den  Berechnungen  ersehen,  die  in  betreff  der  Dungstoffe  unserer  großen  Städte  an-SesteM
  worden  sind,'und  ihre  praktische  Wirkung  ist  aus  der  abnehmenden  Ertragsfähigkeit
? s ,  Ackerbaues  in  umfangreichen  Distrikten  ersichtlich.  Fn  einem  großen  Teile  der  verewigten ­
  Staaten  erschöpfen  wir  unseren  Grund  und  Boden  beständig.
        <pb n="343" />
        330

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

Eigentum  anderer  Art  lassen.  Er  würde  somit  noch  alles  haben,  was  zu
genießen  möglich  ist,  und  einen  viel  besseren  Zustand  der  Gesellschaft
dazu,  in  dem  er  es  genießen  kann.
Ebenso  würden  die  Astors  in  New  pork  sehr  reich  bleiben.  Und
so,  glaube  ich,  wird  es  sich  durchweg  herausstellen.  Diese  Maßregel
würde  niemanden  ärmer  machen  als  solche,  die  erheblich  ärmer  gemacht
werden  könnten,  ohne  tatsächlich  geschädigt  zu  werden.  Sie  würde  die
großen  Vermögen  beschneiden,  aber  niemanden  arm  machen.
Die  Güter  würden  nicht  nur  enorm  zunehmen,  sondern  auch
gleichmäßig  verteilt  werden.  Ich  meine  damit  nicht,  daß  jeder  einzelne
die  gleichen  Summen  von  Gütern  erhalten  würde.  Das  würde  keine
gleiche  Verteilung  sein,  solange  verschiedene  Individuen  verschiedene
Gaben  und  verschiedene  wünsche  haben.  Aber  ich  meine,  daß  die  Güter
dem  Grade  gemäß  verteilt  werden  würden,  in  welchem  Fleiß,  Geschicklichkeit, ­
  Kenntnisse  oder  Klugheit  jedes  einzelnen  zum  Gesamtvermögen
beitragen.  Die  bfauptursache,  welche  den  Reichtum  in  den  fänden
derjenigen  konzentriert,  die  nicht  produzieren  und  ihn  aus  den  Händen
derjenigen  nimmt,  die  es  tun,  würde  verschwunden  sein.  Die  Ungleichheiten, ­
  die  bestehen  blieben,  wären  diejenigen  der  Natur,  nicht  die  künstlichen ­
  Ungleichheiten,  welche  durch  die  Verleugnung  des  Naturgesetzes
geschaffen  werden.  Der  Nichtproduzent  würde  sich  nicht  länger  im  Luxus
wälzen,  während  der  Produzent  nur  die  äußersten  Notwendigkeiten
des  tierischen  Daseins  erhält.
Ist  das  Landmonopol  beseitigt,  so  brauchen  die  großen  Vermögen
keine  Furcht  mehr  einzuflößen.  Denn  dann  müssen  die  Schätze  jedes
einzelnen  in  Gütern  bestehen,  die  mit  Recht  so  genannt  werden  —Güter,
die  das  Produkt  der  Arbeit  sind  und  beständig  zur  Zerstreuung  neigen,
denn  die  Staatsschulden,  denke  ich  mir,  würden  die  Beseitigung  des
Systems,  dem  sie  entspringen,  nicht  lange  überleben.  Alle  Furcht  vor
großen  Vermögen  könnte  dann  beiseite  gesetzt  werden,  denn  wenn
jeder  erhält,  was  er  ehrlich  erwirbt,  so  kann  niemand  mehr  erhalten,
als  er  ehrlich  erwirbt,  wie  viele  Menschen  gibt  es,  die  eine  Million  Dollar
ehrlich  erwerben?

Kapitel  IV.
Aber  die  Veränderungen,  die  in  der  sozialen  Organisation  und  im
sozialen  Leben  hervorgebracht  werden  würden.
wir  haben  es  hier  nur  mit  allgemeinen  Grundsätzen  zu  tun.  Es
gibt  einige  Detailpunkte,  wie  z.  B.  die,  welche  aus  der  Teilung  der
Einkünfte  zwischen  den  Lokal-  und  Zentralregierungen  erwachsen,
die  bei  der  Anwendung  dieser  Grundsätze  hervortreten  würden,  doch
        <pb n="344" />
        Kap.  IV.  Einfluß  auf  die  soziale  Organisation.  AIs

ist  es  nicht  nötig,  dieselben  hier  näher  zu  erörtern.  Sind  nur  erst  die
Grundsätze  geregelt,  so  werden  die  Details  sich  leicht  ordnen  lassen.
Auch  würde  es  ohne  weitläufige  Auseinandersetzungen  nicht  möglich
sein,  alle  die  Änderungen  aufzuzählen,  die  durch  einen  die  Grundlagen
der  Gesellschaft  zurecht  rückenden  Umschwung  zuwege  gebracht  oder
möglich  gemacht  werden  würden;  auf  einige  Lsauptzüge  jedoch  möchte
ich  die  Aufmerksamkeit  hinlenken.
Hervorstechend  unter  denselben  ist  die  große  Einfachheit,  welche
in  der  Staatsverwaltung  ermöglicht  würde.  Die  Steuern  einzuziehen,
Umgehungen  zu  verhüten  und  zu  bestrafen,  aus  so  vielen  verschiedenen
(Quellen  gezogene  Einkünfte  zu  buchen  und  zu  kontrollieren,  macht
jetzt  wahrscheinlich,  abgesehen  von  der  Aufrechterhaltung  der  Ordnung,
der  Erhaltung  des  Heeres  und  der  Justizverwaltung,  drei  viertel,  vielleicht
sieben  Achtel  der  Regierungsgeschäfte  aus.  Line  ungeheure  und  verwickelte ­
  Verwaltungsmaschine  würde  so  überflüssig  werden.
In  der  Justizverwaltung  würde  eine  gleiche  Ersparnis  von  Arbeit
stattfinden,  viele  der  Zivilprozesse  entstehen  aus  Streitfällen  über
Grundbesitz.  Diese  würden  aufhören,  wenn  der  Staat  virtuell  als  alleiniger
Grundeigentümer  anerkannt  und  alle  Besitzer  bloß  Pächter  wären.  Die
mit  dem  Aufhören  des  Mangels  verknüpfte  Hebung  der  Moralität  würde
auf  eine  ähnliche  Verminderung  von  anderen  bürgerlichen  Rechtsstreitigkeitsn
  vor  Gericht  hinwirken,  die  noch  weiter  gefördert  werden  könnte
durch  die  Annahme  des  verständigen  Vorschlages  Benthams,  alle  Gesetze ­
  behufs  Eintreibung  von  Schulden  und  Erzwingung  von  Privatverträgen ­
  abzuschaffen.  Die  Steigerung  der  Löhne,  die  Erschließung
von  Gelegenheiten  für  alle,  ein  leichtes  und  bequemes  Auskommen
zu  finden,  würde  sofort  die  Diebe,  Schwindler  und  andere,  der  ungleichen ­
  Verteilung  entspringenden  Klassen  von  Verbrechern  vermindern
und  bald  ganz  beseitigen.  So  würde  die  Strafrechtspflege  mit  ihrem
ganzen  Zubehör  von  Polizisten,  Geheimpolizisten,  Gefängnissen  und
Strafanstalten  gleich  der  bürgerlichen  Rechtspflege  aufhören,  die  Lebenskraft ­
  und  Aufmerksamkeit  der  Gesellschaft  dermaßen  in  Anspruch  zu
nehmen,  wir  würden  nicht  bloß  von  vielen  Richtern,  Gerichtsdienern,
Schreibern  und  Gefängniswärtern  befreit  werden,  sondern  auch  von
dem  großen  Heer  von  Advokaten,  die  jetzt  auf  Kosten  der  Produzenten
erhalten  werden,  und  Talente,  die  bisher  in  juristischen  Spitzfindigkeiten
vergeudet  wurden,  könnten  auf  höhere  Zwecke  gelenkt  werden.
Die  legislativen,  richterlichen  und  vollziehenden  Funktionen  der
Regierung  würden  auf  diese  weise  ungemein  vereinfacht  werden.
Ebenso  kann  ich  mir  nicht  denken,  daß  die  öffentlichen  Schulden  und
stehenden  Armeen,  welche  historisch.  aus  dem  Wechsel  des  Feudal-  in
Allodialbesitz  hervorgegangen  sind,  noch  lange  nach  der  Wiedereinsetzung
des  alten  Gedankens,  daß  der  Boden  eines  Landes  durch  Gemeinrecht
dem  Volke  desselben  gehört,  übrig  bleiben  wurden.  Die  ersteren  könnten
leicht  durch  eine  weder  den  Arbeitslohn  vermindernde  noch  die  Produktion
        <pb n="345" />
        332  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.  Buch  IX.

hemmende  Steuer  abbezahlt  werden,  und  die  letzteren  muß  die  zunehmende ­
  Intelligenz  und  Unabhängigkeit  unter  den  Massen,  vielleicht
auch  unterstützt  von  den  die  Kriegskunst  umwälzenden  Fortschritten
der  Erfindungen,  bald  verschwinden  machen.
Die  Gesellschaft  würde  sich  dergestalt  dem  Ideal  der  Jeffersonschen
Demokratie,  dem  verheißenen  Lande  Herbert  Spencers,  der  Abschaffung
der  Regierung  nähern.  Aber  nur  der  Regierung  als  einer  dirigierenden
und  unterdrückenden  Macht.  Gleichzeitig  und  in  gleichem  Maße  würde
es  für  sie  möglich  werden,  den  Traum  des  Sozialismus  zu  verwirklichen.
Alle  diese  Vereinfachungen  und  Aufhebungen  der  gegenwärtigen  Regierungsfunktionen ­
  würden  die  Übernahme  gewisser  anderweitiger
Funktionen  ermöglichen,  die  jetzt  zur  Anerkennung  drängen.  Die
Regierung  könnte  die  Beförderung  von  Telegrammen  geradesogut  übernehmen ­
  wie  die  von  Briefen,  Eisenbahnen  so  gut  bauen  und  verwalten
wie  gewöhnliche  Landstraßen.  Bei  solcher  Vereinfachung  und  Einschränkung ­
  der  jetzigen  Funktionen  könnten  Funktionen  dieser  Art  ohne  Gefahr
oder  Uberbürdung  übernommen  werden  und  würden  unter  der  Aufsicht
der  gegenwärtig  abgelenkten  öffentlichen  Achtsamkeit  stehen.  Es  würde
sich  ein  großer  und  zunehmender  Einnahmeüberschuß  aus  der  Besteuerung
der  Landwerte  ergeben;  denn  der  viel  geschwinder  vorschreitende  materielle
Fortschritt  würde  beständig  darauf  hinwirken,  die  Rente  zu  steigern.
Dies  aus  dem  Gemeingut  erwachsende  Einkommen  könnte  zum  allgemeinen ­
  Besten  verwendet  werden,  wie  es  mit  den  Einkünften  Spartas
geschah.  wir  brauchten  keine  öffentlichen  Mahlzeiten  einzurichten
denn  sie  würden  unnötig  sein,  aber  wir  könnten  öffentliche  Bäder
Museen,  Bibliotheken,  Gärten,  Leseräume,  Musik-  und  Tanzhallen
Theater,  Universitäten,  technische  Schulen,  Schießstände,  Spielgründe
Turnanstalten  usw.  errichten.  Hitze,  Licht  und  motorische  Kraft  ließen
sich  so  gut  wie  Wasser  auf  öffentliche  Kosten  durch  unsere  Straßen
führen,  unsere  Wege  könnten  mit  Fruchtbäumen  bepflanzt,  Entdecker
und  Erfinder  belohnt,  wissenschaftliche  Forschungen  unterstützt  und  die
öffentlichen  Einkünfte  auf  tausenderlei  weise  den  Bemühungen  für
das  Allgemeinwohl  dienstbar  gemacht  werden,  wir  würden  das  Ideal
des  Sozialisten  erreichen,  aber  ohne  den  Druck  der  Regierung.  Die
Regierung  würde  ihren  Charakter  ändern  und  die  Verwaltung  einer
großen  produktivgenossenschaft  werden.  Sie  würde  nur  die  Agentur
werden,  durch  welche  das  allgemeine  Eigentum  zum  gemeinschaftlichen
Besten  verwaltet  würde.
Scheint  dies  unausführbar?  Man  bedenke  einen  Augenblick  die
ungeheuren  Veränderungen,  die  im  sozialen  Leben  durch  einen  Umschwung ­
  hervorgebracht  werden  würden,  der  der  Arbeit  ihren  vollen
Lohn^  sichert,  die  Armut  und  Furcht  vor  der  Armut  verbannt  und  dem
niedrigsten  die  Freiheit  gibt,  sich  in  natürlichem  Ebenmaße  zu  entwickeln.
wenn  wir  an  die  Möglichkeiten  sozialer  Organisation  denken,
sind  wir  geneigt,  anzunehmen,  die  Habsucht  sei  der  stärkste  der  mensch-
        <pb n="346" />
        Kap.  IV.  Einfluß  auf  die  soziale  Organisation.  ZZZ

lichen  Beweggründe,  und  politische  Systeme  könnten  nur  auf  den
Gedanken  begründet  werden,  daß  nur  durch  die  Furcht  vor  Strafe
die  Ehrlichkeit  unter  den  Menschen  aufrecht  zu  erhalten  —  daß  selbstsüchtige ­
  Interessen  immer  stärker  seien  als  allgemeine.  Nichts  kann
weiter  von  der  Wahrheit  entfernt  sein.
Woher  kommt  diese  Gier  nach  Gewinn,  in  deren  Befriedigung
die  Menschen  alles,  was  rein  und  edel  ist,  unter  die  Füße  treten,  der  sie
die  höhere  Entwicklung  des  Lebens  opfern,  die  die  Höflichkeit  in  hohlen
Schein,  den  Patriotismus  zu  einem  bloßen  Worte  und  die  Religion
in  Heuchelei  verwandelt,  die  einen  so  großen  Teil  des  zivilisierten  Daseins
zu  einer  ismaelitischen  Kriegführung  macht,  deren  Waffen  die  Hinterlist
und  der  Betrug  sind?
Entspringt  sie  nicht  aus  dem  Vorhandensein  des  Mangels?  Larlyle
sagt  irgendwo,  die  Armut  sei  die  moderne  Hölle,  vor  der  der  Engländer
am  meisten  Furcht  habe.  Und  er  hat  Recht.  Die  Armut  ist  die  erbarmungslose ­
  £?ölle,  die  mit  weit  aufgesperrtem  Rachen  unter  der  zivilisierten ­
  Gesellschaft  gähnt.  Und  sie  ist  Hölle  genug.  Die  Vedas  enthalten
kein  wahreres  Wort  als  das,  wo  die  weise  Krähe  Bushanda  dem  Adlerträger ­
  vishnus  sagt,  die  schärfste  Pein  sei  die  Armut.  Denn  die  Armut
ist  nicht  bloß  Entbehrung,  sie  bedeutet  Schande,  Entwürdigung,  das
versengen  der  empfindlichsten  Teile  unserer  moralischen  und  geistigen
Natur  gleichsam  wie  mit  glühendem  Eisen,  die  Verneinung  der  stärksten
Antriebe  und  der  süßesten  Gefühle,  die  Bloßlegung  der  stärksten  Lebensnerven. ­
  Du  liebst  dein  Weib,  du  liebst  deine  Kinder;  würde  es  aber  nicht
leichter  sein,  sie  sterben  als  zu  der  bitteren  Not  verdammt  zu  sehen,
worin  große  Klassen  aller  hoch  zivilisierten  Staaten  leben?  Der  stärkste
der  tierischen  Triebe  ist  der,  mit  welchem  wir  am  Leben  hängen,  aber
es  ist  in  zivilisierten  Gesellschaften  ein  alltägliches  Vorkommnis,  daß
Männer  sich  aus  Furcht  vor  der  Armut  eine  Kugel  durch  den  Kopf
schießen  oder  Gift  nehmen,  und  auf  einen,  der  dies  tut,  gibt  es  wahrscheinlich ­
  hundert,  die  denselben  Wunsch  haben,  aber  durch  instinktiven
Schauder,  religiöse  Rücksichten  oder  Familienbande  zurückgehalten
werden.
Ls  ist  nur  natürlich,  daß  die  Menschen  alle  nur  möglichen  Anstrengungen ­
  machen,  um  dieser  Hölle  der  Armut  zu  entrinnen.  Mit
dem  Selbsterhaltungs-  und  Selbstbefriedigungstriebe  verbinden  sich
edlere  Gefühle,  und  Liebe  sowohl  wie  Furcht  drängt  den  Kampf  auf.
Mancher  begeht  etwas  Schlechtes,  Unehrliches,  habsüchtiges  und  Ungerechtes ­
  in  dem  Bemühen,  Mutter,  Weib  oder  Kinder  über  den  Mangel
oder  über  die  Furcht  vor  dem  Mangel  zu  erheben.
Und  aus  diesem  Stande  der  Dinge  entsteht  eine  öffentliche  Meinung, ­
  die  eine  der  stärksten  Triebfedern  —bei  vielen  vielleicht  die  stärkste  —
der  menschlichen  Handlungen  als  treibende  Kraft  in  dem  Kampf  um
Ergreifen  und  Behalten  anwirbt.  Der  Wunsch  nach  Anerkennung,  das
Eefühl,  welches  uns  antreibt,  die  Achtung,  Bewunderung,  Sympathie
        <pb n="347" />
        Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

33^

unserer  Mitmenschen  zu  gewinnen,  ist  instinktiv  und  allgemein.  Oft  zu
den  abnormsten  Kundgebungen  verdreht,  ist  derselbe  doch  überall  zu
begreifen.  Ebenso  mächtig  bei  dem  unzivilisiertesten  Milden  wie  bei
den  höchst  gebildeten  Mitgliedern  der  vorgeschrittensten  Gesellschaft,
zeigt  derselbe  sich  mit  dem  ersten  Schimmer  des  Verstandes  und  hält
bis  zum  letzten  Atemzuge  an.  Er  triumphiert  über  den  Hang  zur  Bequemlichkeit, ­
  über  das  Gefühl  des  Schmerzes,  über  die  Furcht  vor  dem
Tode.  Er  ist  die  Triebfeder  der  geringfügigsten  wie  der  wichtigsten
Handlungen.
Das  Rind,  das  eben  zu  laufen  und  zu  sprechen  anfängt,  wird  neue
Anstrengungen  machen,  sobald  es  seine  kleinen  Streiche  bemerkt  und
belacht  sieht;  der  sterbende  Herr  der  Welt  ordnet  den  Faltenwurf  seiner
Toga,  damit  er  scheide,  wie  es  sich  für  einen  König  geziemt.  Lhinesische
Mütter  entstellen  ihrer  Töchter  Füße  vermittelst  grausamer  Klötze,  und
Europäerinnen  opfern  ihre  eigene  und  die  Bequemlichkeit  ihrer  Familien ­
  ähnlichen  Geboten  der  Mode.  Um  durch  seine  schöne  Tätowierung
Bewunderung  zu  erregen,  hält  der  Polynesier  still,  während  man  ihm
das  Fleisch  mit  den  Zähnen  des  Haies  zerreißt.  An  den  Marterpfahl
gebunden,  erträgt  der  nordamerikanische  Indianer  die  teuflischsten
Foltern  ohne  einen  Laut,  und  um  als  ein  Großer  unter  den  Tapferen
geachtet  und  bewundert  zu  werden,  reizt  er  seine  Henker  durch  Schmähungen ­
  zu  neuen  Grausamkeiten.  Das  ists,  was  auf  den  verlorenen  Posten
treibt,  was  die  Lampe  des  bleichen  Gelehrten  schmückt,  was  die  Menschen
antreibt  zu  streben,  sich  abzumühen,  sich  zu  überarbeiten  und  zu  sterben.
Das  ists,  was  die  Pyramiden  errichtete  und  den  Dom  von  Ephesus
in  Brand  steckte.
Die  Menschen  bewundern,  was  sie  wünschen.  Mie  süß  erscheint
dem  vom  Sturm  Gepeitschten  der  sichere  Hafen,  die  Nahrung  dem
hungrigen,  der  Trank  dem  Durstigen,  die  Wärme  dem  Frierenden,  die
Ruhe  dem  Müden,  die  Macht  dem  Schwachen,  das  Missen  demjenigen,
in  welchem  der  Wissensdurst  der  Seele  erweckt  ist.  Und  so  läßt  der
Stachel  der  Armut  und  die  Furcht  vor  ihr  den  Menschen  den  Besitz
von  Reichtümern  über  alles  bewundern,  und  reich  werden,  heißt  geachtet,
bewundert  und  einflußreich  werden.  Gewinnt  Geld  —  ehrlich,  wenn
möglich,  aber  jedenfalls  gewinnt  Geld!  Dies  ist  die  Lehre,  welche  die
Gesellschaft  täglich  und  stündlich  in  den  Ohren  ihrer  Mitglieder  erschallen
läßt.  Die  Menschen  bewundern  instinktmäßig  Tugend  und  Wahrheit,
aber  der  Stachel  der  Armut  und  die  Furcht  vor  derselben  lassen  sie  mehr
noch  den  Reichen  bewundern  und  mit  den  Glücklichen  sympathisieren.
Es  ist  recht  schön,  ehrlich  und  gerecht  zu  sein,  und  die  Menschen  werden
es  loben;  aber  derjenige,  welcher  durch  Betrug  und  Ungerechtigkeit
eine  Million  erwirbt,  wird  mehr  Achtung,  Bewunderung,  Einfluß,
mehr  Augendienst  und  Lippendienst,  wenn  auch  nicht  Liebesdienst
erlangen,  als  derjenige,  der  sie  nicht  mag.  Der  eine  mag  seinen  Lohn
in  der  Zukunft  haben;  er  mag  wissen,  daß  sein  Name  in  das  Buch  des
        <pb n="348" />
        Kap.  IV

Einfluß  auf  die  soziale  «Organisation.

335

Lebens  eingeschrieben  wird,  und  daß  ihm  das  weiße  Kleid  und  der
Palmzweig  des  Überwinders  der  Versuchung  winken;  aber  der  andere
hat  seinen  Lohn  in  der  Gegenwart.  Sein  Name  wird  in  die  Liste  „unserer
bedeutendsten  Bürger"  eingeschrieben;  die  Männer  machen  ihm  den  pof
und  die  Frauen  schmeicheln  ihm;  er  hat  den  besten  Stuhl  in  der  Kirche
und  die  persönliche  Beachtung  des  beredten  Geistlichen,  der  im  Namen
Christi  das  Evangelium  vom  armen  Manne  predigt  und  das  ernste
Gleichnis  vom  Kameel  und  Nadelöhr  zu  einer  nichtssagenden  Blume
orientalischer  Redeweise  abschwächt.  Er  kann  ein  Beschützer  der  Künste,
ein  Mäzen  der  Schriftsteller  werden,  kann  aus  der  Unterhaltung  der
Intelligenten  Nutzen  ziehen  und  durch  Reibung  mit  den  verfeinerten
poliert  werden.  Seine  Almosen  können  den  Armen  sättigen,  dem
Kämpfenden  helfen  und  Sonnenschein  in  öde  Plätze  bringen,  und  edle
öffentliche  Stiftungen  feiern,  nachdem  er  heimgegangen,  seinen  Namen
und  Ruf.  Der  Satan  versucht  die  Kinder  der  Menschen  nicht  in  Gestalt
eines  abschreckenden  Ungeheuers  mit  Pörnern  und  Schwanz,  sondern
als  ein  Engel  des  Lichts.  Seine  Versprechungen  sind  nicht  allein  die
Königreiche  der  Welt,  sondern  geistige  und  moralische  Fürstentümer
und  Eigenschaften.  Er  wendet  sich  nicht  bloß  an  das  tierische  verlangen,
sondern  auch  an  die  Begierden,  die  sich  im  Menschen  regen,  weil  er  mehr
wie  ein  Tier  ist.
Nehmen  wir  den  Fall  jener  elenden  „Männer  mit  Schmutzharken",
die  in  allen  Ländern  so  deutlich  zu  sehen  sind  wie  Bunyan  ihr  Bild
in  der  Vision  sah  —  die,  lange  nachdem  sie  Reichtum  genug  zusammengescharrt ­
  haben,  um  jeden  Wunsch  befriedigen  zu  können,  fortfahren
Zu  arbeiten,  zu  planen,  zu  streben,  um  Reichtümer  auf  Reichtümer  zu
häufen.  Ls  war  der  Wunsch,  „etwas  zu  sein",  ja,  in  vielen  Fällen  der
Wunsch,  edle  und  großmütige  Taten  zu  vollbringen,  der  sie  in  eine
Laufbahn  des  Geldgewinnens  führte.  Und  was  sie,  lange  nachdem  jedes
mögliche  Bedürfnis  befriedigt  ist,  ferner  dazu  zwingt,  was  sie  noch  immer
urit  unersättlicher  Habsucht  drängt,  ist  nicht  bloß  die  Macht  tyrannischer
Gewohnheit,  sondern  e's  sind  die  feineren  Genüsse,  welche  der  Besitz
von  Reichtümern  gibt,  das  Gefühl  von  Macht  und  Einfluß,  das  Gefühl,
angesehen  und  geebrt  zu  sein,  das  Bewußtsein,  daß  ihr  Reichtum  sie
sticht  bloß  über  den  Mangel  erhebt,  sondern  sie  zu  Leuten  von  Bedeutung
m  der  Gemeinde  macht,  in  der  sie  leben.  Das  ist's,  was  den  reichen
Klann  so  abgeneigt  macht,  sich  von  seinem  Gelde  zu  trennen,  so  begierig,
Mehr  zu  erlangen.
Gegen  Versuchungen,  die  sich  so  an  die  stärksten  Antriebe  unserer
^latur  wenden,  können  die  Billigungen  des  Gesetzes  und  die  Vorschriften
der  Religion  nur  wenig  ausrichten;  und  das  wunder  ist  nicht,  daß  die
Wenfchen  so  selbstsüchtig  sind,  sondern  daß  sie  es  nicht  noch  weit  mehr
flstd.  Daß  unter  den  jetzigen  Verhältnissen  die  Menschen  nicht  noch  habgieriger,
  treuloser  und  eigennütziger  sind,  als  sie  es  sind,  beweist  die  Güte
^ud  Fruchtbarkeit  der  menschlichen  Natur,  den  unaufhörlichen  Fluß
        <pb n="349" />
        336

Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

der  immerwährenden  (Quellen,  aus  denen  ihre  moralischen  Eigenschaften
genährt  werden.  Wir  alle  haben  Mütter,  die  meisten  von  uns  haben
Rinder,  und  so  können  der  Glaube,  die  Reinheit  und  die  Selbstlosigkeit
nie  ganz  aus  der  Welt  verbannt  werden,  wie  schlecht  auch  die  sozialen
Einrichtungen  seien.
Aber  was  zum  Übel  mächtig  ist,  kann  zum  Guten  mächtig  gemacht
werden.  Die  von  mir  vorgeschlagene  Änderung  würde  die  Bedingungen
zerstören,  welche  an  sich  wohltätige  Antriebe  entstellen  und  Kräfte,  die
jetzt  die  Gesellschaft  aufzulösen  drohen,  in  Kräfte  verwandeln,  die  zur
Einigung  und  Reinigung  derselben  führen  würden.
Man  gebe  nur  der  Arbeit  freies  Feld  und  ihren  vollen  Verdienst;
man  nehme  zu  Nutzen  des  ganzen  Staats  jenen  Fonds,  welchen  die
gesellschaftliche  Entwicklung  erschafft,  und  der  Mangel,  sowie  die  Furcht
vor  Mangel  würden  verschwinden.  Die  (Quellen  der  Produktion  würden
frei  werden  und  die  ungeheure  Reichtumsvermehrung  auch  den  Ärmsten
ein  behagliches  Dasein  verschaffen.  Die  Menschen  würden  sich  so  wenig
abquälen,  Beschäftigung  zu  finden,  wie  sie  sich  abquälen,  Luft  zum
Atmen  zu  finden;  sie  brauchten  um  ihre  materiellen  Bedürfnisse  ebensowenig ­
  zu  sorgen  wie  die  Lilien  auf  dem  Felde.  Der  Fortschritt  der
Wissenschaft,  der  Gang  der  Erfindungen,  die  Verbreitung  der  Kenntnisse
würden  allen  ihre  Vorteile  bringen.
Mit  dieser  Beseitigung  des  Mangels  und  der  Furcht  vor  dem
Mangel  würde  die  Anbetung  des  Reichtums  dahinschwinden,  und  die
Menschen  würden  die  Achtung  und  Anerkennung  ihrer  Mitbürger  auf
andere  weise  suchen  als  durch  die  Erwerbung  und  Entfaltung  von  Reichtum. ­
  Auf  diese  weise  würde  der  Leitung  der  öffentlichen  Angelegenheiten ­
  und  der  Verwaltung  des  gemeinschaftlichen  Vermögens  die
Geschicklichkeit,  die  Aufmerksamkeit,  die  Treue  und  Redlichkeit  zugebracht
werden,  welche  jetzt  nur  für  Privatinteressen  vorhanden  sind,  und  Eisenbahnen ­
  oder  Gaswerke  könnten  für  öffentliche  Rechnung  nicht  nur  sparfamer
  und  wirksamer  als  heute  durch  eine  Aktiengesellschaft,  sondern
so  sparsam  und  wirksam  betrieben  werden,  wie  es  nur  beim  individuellen
Besitze  möglich  ist.  Der  Preis  der  olympischen  Spiele,  welcher  die  größten
Anstrengungen  von  ganz  Griechenland  hervorrief,  bestand  nur  in  einem
Kranz  wilder  Glivenblätter;  um  ein  Stückchen  Band  haben  Menschen
unzählige  Male  Dienste  geleistet,  die  kein  Geld  hätte  erkaufen  können.
Kurzsichtig  ist  die  Philosophie,  die  auf  die  Selbstsucht  als  das  Hauptmotiv ­
  menschlicher  Handlungen  zählt.  Sie  ist  blind  für  Tatsachen
von  denen  die  Welt  voll  ist.  Sie  sieht  nicht  die  Gegenwart  und  liest
die  Vergangenheit  nicht  richtig,  willst  du  die  Menschen  zum  Handeln
bewegen,  was  wirst  du  anrufen?  Nicht  ihre  Taschen,  sondern  ihre
Vaterlandsliebe;  nicht  die  Selbstsucht,  sondern  die  Sympathie.  Eigennutz ­
  ist  gewissermaßen  eine  mechanische  Kraft,  mächtig  allerdings  und
großer  Resultate  fähig.  Aber  es  gibt  in  der  menschlichen  Natur  etwas,
das  man  einer  chemischen  Kraft  vergleichen  kann,  das  schmilzt  und
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        Aap.  IV.

337

Einfluß  auf  die  soziale  Organisation.

verbindet  und  überwältigt,  dem  nichts  unmöglich  scheint.  „Alles,  was
ein  Mensch  hat,  gibt  er  für  sein  Leben"—das  ist  Ligennutz.  Aber  höheren
Antrieben  gehorchend,  opfern  die  Menschen  selbst  das  Leben.
Nicht  die  Selbstsucht  ist  es,  die  die  Jahrbücher  jedes  Volkes  mit
Melden  und  Heiligen  bereichert.  Nicht  die  Selbstsucht  ist  es,  die  auf  jeder
Seite  der  Weltgeschichte  im  plötzlichen  Glanz  edler  Taten  hervorbricht
oder  den  sanften  Schimmer  eines  gütigen  Lharakters  verbreitet.  Nicht
Selbstsucht  war  es,  die  Gautama  seiner  königlichen  Heimat  den  Rücken
wenden  oder  der  Jungfrau  von  Orleans  das  Schwert  vom  Altar  nehmen
hieß,  die  die  Dreihundert  im  paß  von  Thermopylä  hielt  oder  in  Winkelrieds ­
  Brust  die  Speergarbe  eingrub,  die  vinzent  von  Paul  an  die
Galeerenbank  kettete  oder  während  der  indischen  Hungersnot  kleine
hungernde  Rinder  dazu  brachte,  mit  noch  schwächeren  verhungernden
in  ihren  Armen  zu  den  Hilfsstationen  zu  taumeln.
Nennt  es  Religion,  Vaterlandsliebe,  Mitgefühl,  Begeisterung
für  Menschlichkeit  oder  Liebe  zu  Gott  —  gebt  ihm  welchen  Namen
ihr  wollt;  aber  es  gibt  eine  Kraft,  die  die  Selbstsucht  bezwingt  und
vertreibt,  eine  Kraft,  welche  die  Elektrizität  des  moralischen  Weltalls
ist,  eine  Kraft,  neben  der  alle  anderen  schwach  sind,  überall,  wo  Menschen
lebten,  hat  sie  ihre  Macht  gezeigt,  und  heute  ist  die  Welt  so  voll  von  ihr
wie  je.  Bedauernswert  der  Mensch,  der  sie  nie  gesehen  und  gefühlt
hat.  Man  sehe  nur  um  sich!  Unter  gewöhnlichen  Männern  und  Frauen
inmitten  der  Sorge  und  des  Kampfes  um  das  tägliche  Leben,  im  Gewirr
der  lärmenden  Straßen  und  in  den  schmutzigen  Stätten  der  Armut  findet
man  hin  und  wieder  die  Dunkelheit  erhellt  durch  das  flackernde  Spiel
ihrer  leckenden  Flammen,  wer  dies  nicht  gesehen,  ist  mit  geschlossenen
Augen  umhergegangen,  wer  um  sich  schaut,  kann  sehen,  wie  plutarch
sagt,  daß  „die  Seele  ein  Prinzip  der  Güte  in  sich  hat  und  zur  Liebe  geboren ­
  ist  so  gut  wie  zum  Beobachten,  zum  Denken  und  zum  Erinnern".
Und  diese  Kraft  der  Kräfte,  die  jetzt  unbenutzt  verkommt  oder
verderbte  Formen  annimmt,  können  wir  zur  Stärkung,  zum  Aufbauen, ­
  zur  Veredelung  der  Gesellschaft  benutzen,  wenn  wir  nur  wollen
gerade  wie  wir  jetzt  Naturkräfte  benutzen,  die  vormals  nur  als  Mächte
der  Zerstörung  erschienen.  Alles,  was  wir  zu  tun  haben,  ist  nur,  Freiheit
und  Spielraum  zu  gewähren.  Das  Unrecht,  welches  die  Ungleichheit
erzeugt;  das  Unrecht,  welches  inmitten  des  Überflusses  die  Menschen
Mit  Armut  martert  oder  sie  mit  der  Furcht  vor  der  Armut  quält,
das  sie  körperlich  am  Wachstum  hindert,  geistig  herabwürdigt  und
Moralisch  verkrüppelt,  dies  Unrecht  allein  ist  es,  was  die  harmonische
soziale  Entwicklung  hindert.  Denn:  „Alles  was  von  den  Göttern
herrührt,  ist  voller  Vorsorge,  wir  sind  für  das  Zusammenwirken  geschaffen ­
  —  gleich  den  Füßen,  den  Händen,  den  Augenbrauen,  den  Reihen
der  oberen  und  unteren  Zähne."
Es  gibt  Leute,  in  deren  Kopf  es  nie  eingeht,  sich  einen  besseren
Eesellschaftszustand  vorzustellen  als  denjenigen,  der  jetzt  besteht  —
®cotge,  Fortschritt  und  Armut.  22
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        338  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.  Buch  IX.

die  sich  einbilden,  daß  der  Gedanke,  es  könnte  einen  Gesellschaftszustand
geben,  in  welchem  die  Habsucht  verbannt,  die  Gefängnisse  leer,  die
persönlichen  Interessen  den  allgemeinen  untergeordnet  wären  und
niemand  versuchte,  seinen  Nachbar  zu  berauben  und  zu  bedrücken,  nur
ein  Gebilde  unpraktischer  Träumer  sei,  für  die  diese  praktischen  Alltagsmenschen, ­
  die  sich  etwas  daraus  zugute  tun,  die  Tatsachen  anzuerkennen
wie  sie  sind,  eine  herzliche  Verachtung  empfinden.  Aber  solche  Leute  —
obgleich  einige  von  ihnen  Bücher  schreiben,  andere  Professuren  an
Universitäten  innehaben  und  dritte  von  der  Kanzel  herunterreden  —
denken  nicht.  Wenn  sie  gewohnt  wären,  in  solchen  Speisehäusern  zu
essen,  wie  man  sie  in  den  niedrigeren  Quartieren  von  Paris  und  London
findet,  wo  die  Messer  und  Gabel  an  den  Tischen  angekettet  sind,  sie  würden
darin  nur  die  natürliche,  unausrottbare  Neigung  des  Menschen  sehen,
Messer  und  Gabel,  womit  er  gegessen,  zu  stehlen.
Man  nehme  eine  Gesellschaft  von  wohlerzogenen  Männern  und
grauen,  die  zusammen  speisen.  Da  gibt  es  keinen  Streit  um  das  Essen
keinen  Versuch  von  seiten  irgend  jemandes,  mehr  zu  bekommen  als
sein  Nachbar,  kein  Bemühen  sich  vollzustopfen  oder  etwas  mitzunehmen.
Im  Gegenteil,  jeder  bestrebt  sich,  seinem  Nachbar  erst  behilflich  zu  sein,
bevor  er  selbst  nimmt,  anderen  das  Beste  anzubieten,  anstatt  es  für  sich
zu  behalten,  und  sollte  jemand  Neigung  zeigen,  die  Befriedigung  seines
eigenen  Appetits  derjenigen  der  anderen  vorzuziehen,  oder  gar  Sachen
mitgehen  zu  heißen,  so  würde  ihn  die  schnelle  und  schwere  Strafe  gesellschaftlicher ­
  Mißachtung  und  deren  Ostrazismus  belehren,  wie  sehr  ein
solches  Betragen  von  der  gewöhnlichen  Ansicht  gemißbilligt  wird.
Alles  dies  ist  so  gewöhnlich,  daß  es  keiner  Erhärtung  bedarf  und
als  der  natürliche  Zustand  der  Dinge  angesehen  werden  kann.  Dennoch
ist  es  ebenso  natürlich,  daß  die  Menschen  nach  Essen  und  Trinken  als
nach  Reichtum  gierig  sind.  Sie  sind  nach  Nahrung  gierig,  wenn  sie  nicht
die  Überzeugung  haben,  daß  eine  billige  und  ausreichende  Verteilung  stattfindet, ­
  die  jedem  genug  zukommen  läßt.  Sind  jedoch  diese  Bedingungen
erfüllt,  so  hören  sie  auf  nach  Nahrung  gierig  zu  sein.  Und  so  sind  unter
den  jetzigen  Einrichtungen  der  Gesellschaft  die  Menschen  gierig  nach
Reichtum,  weil  die  Verteilungsbedingungen  dermaßen  ungerecht  sind,
daß,  anstatt  daß  jeder  sicher  wäre,  genug  zu  bekommen,  viele  sicher  sind,
zum  Mangel  verdammt  zu  werden.  Ls  ist  das  „den  Letzten  beißen  die
Hunde"  der  gegenwärtigen  sozialen  Einrichtungen,  was  den  Wettlauf
und  die  Gier  nach  Reichtum  verursacht,  wobei  alle  Rücksichten  der  Gerechtigkeit, ­
  der  Barmherzigkeit,  der  Religion  und  des  Gefühls  unter  die
Füße  getreten  werden,  wobei  die  Menschen  ihre  eigenen  Seelen  vergessen ­
  und  bis  an  den  Rand  des  Grabes  für  etwas  kämpfen,  das  sie  nicht
mitnehmen  können.  Aber  eine  gerechte  Verteilung,  die  alle  von  der
Furcht  vor  Mangel  befreite,  würde  die  Gier  nach  Reichtum  beseitigen
gerade  wie  in  guter  Gesellschaft  niemand  Gier  nach  den  Speisen  zeigt.
Auf  den  gedrängt  vollen  Dampfschiffen  der  frühesten  kalifornischen
        <pb n="352" />
        Kap.  IV.

339

Einfluß  auf  die  soziale  Organisation.

Linien  war  oft  ein  scharf  hervortretender  Unterschied  zwischen  den
Manieren  der  Zwischendecks-  und  Kajütenpassagiere,  durch  welchen
dieser  Zug  der  inenschlichen  Natur  illustriert  wird.  Überfluß  an  Speisen
war  für  die  einen  wie  für  die  anderen  vorhanden,  nur  war  iin  Zwischendeck ­
  die  Bedienung  schlecht,  und  man  riß  sich  daher  um  die  Mahlzeiten.
)n  der  Kajüte  dagegen,  wo  jeder  seinen  Platz  hatte  und  niemand  besorgte, ­
  nicht  genug  zu  bekommen,  riß  man  sich  nicht  um  die  Speisen,
und  es  kam  nichts  um  wie  im  Zwischendeck.  Der  Unterschied  lag  nicht
im  Charakter  der  Leute,  sondern  einfach  an  dem  angeführten  Umstande.
Wären  die  Kajütenpassagiere  ins  Zwischendeck  versetzt  worden,  so  würden
sie  an  dem  gierigen  Gedränge  teilgenommen  haben,  und  wären  die
Zwischendeckspassagiere  in  die  Kajüte  versetzt  worden,  so  würden  sie
sofort  höflich  und  ordentlich  geworden  sein.  Der  gleiche  Unterschied
würde  sich  in  der  Gesellschaft  im  allgemeinen  zeigen,  wenn  die  gegenwärtige ­
  ungerechte  Güterverteilung  durch  eine  gerechte  ersetzt  wäre.
Man  betrachte  dies  Vorhandensein  einer  kultivierten  und  verfeinerten
Gesellschaft,  in  welcher  alle  roheren  Leidenschaften  nicht  durch  Gewalt,
nicht  durch  Gesetz,  sondern  durch  die  öffentliche  Meinung  und  den
gegenseitigen  Wunsch  zu  gefallen  im  Zaum  gehalten  werden.  Wenn  dies
für  einen  Teil  der  Gesellschaft  möglich  ist,  so  ist  es  auch  für  die  ganze
Gesellschaft  möglich.  Ls  gibt  Gesellschaftszustände,  in  welchen  jeder
bewaffnet  sein  muß,  jeder  sich  in  Bereitschaft  zu  halten  hat,  Person  und
Eigentum  mit  starker  Hand  zu  verteidigen,  wenn  wir  dies  überwunden
haben,  können  wir  auch  noch  anderes  erreichen.
Man  kann  jedoch  einwenden,  daß  mit  der  Verbannung  des  Mangels
und  der  Furcht  vor  demselben  der  Antrieb  zur  Anstrengung  zerstört
werden  würde;  die  Menschen  würden  einfach  Müßiggänger  werden,
und  solch  ein  glücklicher  Zustand  allgemeiner  Wohlfahrt  und  Zufriedenheit ­
  würde  der  Tod  des  Fortschritts  sein.  Dies  ist  das  Argument  der
alten  Sklavenbesitzer,  daß  die  Menschen  nur  mit  der  Peitsche  zur  Arbeit
getrieben  werden  können.  Nichts  ist  unwahrer.
Der  Mangel  könnte  verbannt  werden,  aber  die  wünsche  würden
bleiben.  Der  Mensch  ist  das  nie  zufriedene  Tier.  Lr  hat  erst  angefangen
Zu  forschen  und  das  Weltall  liegt  vor  ihm.  Zeder  Schritt,  den  er  macht,
eröffnet  neue  Ausblicke  und  entzündet  neue  Begierden.  Er  ist  das  aufbauende ­
  Tier;  er  baut,  er  verbessert,  er  erfindet  und  setzt  zusammen,
und  je  Größeres  er  tut,  um  so  Größeres  möchte  er  tun.  Lr  ist  mehr  als
^in  Tier,  wie  beschaffen  auch  die  Intelligenz  sein  mag,  die  die  Natur
durchatmet,  zu  ihrem  Ebenbilds  ist  der  Mensch  geschaffen.  Das  von  seinen
pochenden  Maschinen  durch  das  Meer  getriebene  Dampfschiff  ist  in  seiner
^rt,  wenn  auch  nicht  in  demselben  Grade,  so  gut  eine  Schöpfung  wie
der  Walfisch,  der  darunter  schwimmt.  Das  Teleskop  und  das  Mikroskop,
sind  sie  als  Zusatzaugen,  die  der  Mensch  für  sich  hergestellt  hat;
w  weichen  Gewebe  und  schönen  Farben,  in  welche  unsere  Frauen  sich
eiden,  entsprechen  sie  nicht  dem  Gefieder,  welches  die  Natur  dem
22*
        <pb n="353" />
        Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

Buch  IX.

3&amp;lt;*0

Vogel  gibt?  Der  Mensch  muß  etwas  tun  oder  sich  einbilden  etwas  zu
tun,  denn  in  ihm  pocht  der  schöpferische  Trieb;  wer  nur  im  Sonnenschein ­
  herumzuliegen  liebt,  ist  kein  natürlicher,  sondern  ein  abnormer
Mensch.
Sobald  ein  Kind  über  seine  Muskeln  Herrschaft  gewinnt,  beginnt
es  Sandkuchen  zu  machen  oder  eine  Puppe  anzuziehen;  sein  Spiel
ist  nur  das  nachgeahmte  Werk  seiner  Eltern;  selbst  seine  Zerstörungssucht ­
  entspringt  aus  dem  Wunsche  etwas  zu  tun,  aus  der  Genugtuung
etwas  vollbringen  zu  können.  Es  gibt  nichts  dergleichen  wie  Jagd  nach
Vergnügen  um  des  bloßen  Vergnügens  willen.  Selbst  unsere  Spiele
amüsieren  nur  soweit,  als  sie  Lernen  oder  Tun  von  etwas  sind  oder  zu
sein  sich  den  Anschein  geben,  von  dem  Augenblick  an,  wo  sie  aushören,
sich  entweder  an  unsere  forschenden  oder  an  unsere  bildenden  Eigenschaften ­
  zu  wenden,  hören  sie  auf  zu  amüsieren.  Das  Interesse  des
Romanlesers  schwindet,  wenn  man  ihm  erzählt,  wie  die  Geschichte  endet;
nur  der  Zufall  und  die  beim  Spiele  entwickelte  Geschicklichkeit  macht  es
dem  Kartenspieler  erträglich,  durch  Mischen  kleiner  Stücke  Pappe  „die
Zeit  zu  töten".  Die  luxuriösen  Frivolitäten  von  Versailles  waren
menschlichen  Wesen  nur  möglich,  weil  der  König  glaubte  ein  Königreich
zu  regieren,  und  die  Höflinge  frischen  Ehren  und  neuen  Pensionen  nachjagten. ­
  Leute,  die  ein  Leben  des  vornehmen  Müßigganges  und  des
Vergnügens  führen,  müssen  irgend  etwas  anderes  dabei  in  Sicht  haben,
oder  sie  würden  vor  Langeweile  sterben;  sie  ertragen  es  nur,  weil  sie
meinen,  dadurch  eine  Stellung  zu  gewinnen,  sich  Freunde  zu  machen
oder  die  Ehancen  ihrer  Kinder  zu  verbessern.  Schließt  man  einen  Menschen
ein  und  verweigert  ihm  alle  Beschäftigung,  so  muß  er  entweder  sterben
oder  wahnsinnig  werden.
Nicht  die  Arbeit  an  sich  ist  dem  Menschen  zuwider;  nicht  die  natürliche ­
  Notwendigkeit  zur  Anstrengung  ist  ein  Fluch.  Aber  die  Arbeit,
die  nichts  erzeugt,  die  Anstrengung,  von  der  er  das  Ergebnis  nicht  sehen
kann,  ist  es.  Tag  für  Tag  sich  abzumühen  und  doch  nur  das  Allernotwendigste ­
  des  Lebens  zu  erlangen,  ist  fürwahr  hart;  es  ist  gleich  der
höllischen  Strafe,  einen  Menschen  zu  zwingen  zu  pumpen,  damit  er
nicht  ertrinke  oder  eine  Tretmühle  zu  treiben,  um  nicht  zerquetscht  zu
werden.  Aber  von  dieser  Notwendigkeit  erlöst,  würden  die  Menschen
härter  und  besser  arbeiten,  denn  dann  könnten  sie  arbeiten,  wie  ihre
Neigungen  es  ihnen  eingeben;  dann  würden  sie  wirklich  etwas  für  sich
oder  für  andere  tun.  war  Humboldts  Leben  eiu  müßiges?  Fand  Franklin
keine  Beschäftigung,  als  er  sich  aus  dem  Druckereigeschäft  mit  einem
zum  Leben  hinreichenden  vermögen  zurückzog?  Gehört  bferbert  Spencer
zu  den  Trägern?  Malte  Michael  Angelo  für  Nahrung  und  Kleidung?
Tatsächlich  wird  die  Arbeit,  welche  die  Lage  der  Menschheit  verbessert, ­
  die  Arbeit,  welche  die  Kenntnisse  ausdehnt,  die  Kräfte  vermehrt,
die  Literatur  bereichert,  die  Gedanken  erhebt,  nicht  getan,  um  den
Lebensunterhalt  zu  gewinnen.  Ls  ist  keine  Arbeit  von  Sklaven,  die
        <pb n="354" />
        Kap.  IV.

Einfluß  auf  die  soziale  Vrganisation.

entweder  durch  die  peitsche  des  Herrn  oder  durch  tierische  Notwendigkeiten ­
  an  ihr  Tagewerk  getrieben  werden.  Es  ist  die  Arbeit  von  Menschen,
die  sie  uin  ihrer  selbst  willen  vollbringen,  nicht  aber,  um  mehr  zum
Essen  oder  Trinken  zu  haben,  bessere  Kleider  zu  tragen  oder  mehr  Luxus
zu  entfalten.  In  einem  Gesellschaftszustande,  wo  der  Mangel  beseitigt ­
  wäre,  würde  die  Arbeit  dieser  Art  ungemein  vermehrt  werden.
Ich  bin  geneigt  anzunehmen,  daß  das  Resultat  der  von  mir  vorgeschlagenen ­
  Konfiskation  der  Rente  dahin  gehen  würde,  die  Arbeit
überall,  wo  große  Kapitalien  gebraucht  werden,  zu  produktivassoziationen
  zu  organisieren,  weil  die  gleichmäßigere  Güterverteilung  den
Kapitalisten  und  den  Arbeiter  in  derselben  Person  vereinigen  würde.
Bb  dies  indes  so  wäre  oder  nicht,  ist  von  geringer  Bedeutung.  Jedenfalls ­
  würde  die  harte  Mühsal  der  bloßen  Routinearbeit  verschwinden
Der  Lohn  würde  zu  hoch  und  die  Gelegenheiten  zu  zahlreich  sein,  um
irgend  jemand  zu  nötigen,  die  höheren  Eigenschaften  seiner  Natur  zu
hemmen  und  umkommen  zu  lassen,  und  in  jedem  Berufe  würde  das
Gehirn  die  Hand  unterstützen.  Die  Arbeit,  selbst  der  roheren  Art,  würde
fröhlicher  werden,  und  die  Tendenz  der  modernen  Produktion  zur  Arbeitsteilung ­
  würde  keine  Eintönigkeit  und  kein  Einschrumpfen  der  Fähigkeiten
des  Arbeiters  involvieren,  sondern  die  Arbeit  würde  durch  kurze  Dauer,
durch  Änderung  und  Abwechselung  geistiger  mit  körperlicher  Arbeit
erleichtert  werden.  Die  Folge  wäre  nicht  nur  das  Nutzbarwerden  jetzt
verlorengehender  produktiver  Kräfte;  nicht  nur  würde  unsere  dermalige,
jetzt  so  unvollkommen  angewendete  Kenntnis  voll  ausgenutzt  werden,
sondern  es  würden  auch  aus  der  Beweglichkeit  der  Arbeit  und  der  hervorgerufenen ­
  geistigen  Tätigkeit  Fortschritte  in  den  Produktionsmethoden
entstehen,  von  denen  wir  uns  heute  keine  Vorstellung  machen  können.
Denn  der  größte  aller  der  unermeßlichen  Verluste,  welche  die  gegenwärtige ­
  Einrichtung  der  Gesellschaft  involviert,  ist  der  der  geistigen
^raft.  wie  unendlich  klein  sind  die  bei  dem  Fortschritt  der  Zivilisation
witwirkendenKräfte  im  vergleich  zu  den  latent  vorhandenen,  wie  wenige
Denker,  Entdecker,  Erfinder,  Organisatoren  gibt  es  im  vergleich  zur
großen  Menge  des  Volkes!  Dennoch  werden  solche  Männer  in  Hülle
und  Fülle  geboren,  aber  die  Verhältnisse  gestatten  nur  so  wenigen,  sich
Zu  entwickeln.  Ls  gibt  unter  den  Menschen  unendliche  Verschiedenheiten
der  Begabung  und'veranlagung,  wie  es  im  physischen  Bau  so  unendliche
Verschiedenheit  gibt,  daß  sich  unter  einer  Million  nicht  zwei  finden,  die
uicht  voneinander  zu  unterscheiden  wären.  Ich  bin  durch  Beobachtung
und  Nachdenken  zu  der  Ansicht  gelangt,  daß  der  Unterschied  der  natürlichen
^aben  nicht  größer  ist  als  der  der  äußeren  Gestalt  oder  der  körperlichen
^raft.  wäre  Läsar  aus  einer  Proletarierfamilie  hervorgegangen,  Napoleon
  einige  Jahre  früher  auf  die  Welt  gekommen,  Kolumbus  für  die
Kirche  bestimmt  worden  anstatt  für  das  Meer,  Shakespeare  bei  einem
Hausierer  oder  Schornsteinfeger  in  die  Lehre  gekommen,  Sir  Isaac
Newton  durch  das  Schicksal  zur  Erziehung  und  Arbeit  eines  Ackerknechts
        <pb n="355" />
        Buch  IX.

3^2  Die  Wirkungen  des  Heilmittels.

bestimmt  worden,  Adam  Smith  unter  den  Kohlenarbeitern  geboren
oder  Herbert  Spencer  gezwungen  gewesen,  seinBrot  als  Fabrikarbeiter
zu  verdienen  —  was  würden  ihnen  ihre  Talente  genützt  haben?  Aber,
wird  man  sagen,  es  würde  andere  Läsar,  Napoleon,  Kolumbus,  Shakespeare, ­
  Newton,  Smith  oder  Spencer  gegeben  haben.  Das  ist  wahr.
Und  es  zeigt,  wie  fruchtbar  unsere  menschliche  Natur  ist.  Wie  die  gewöhnliche ­
  Arbeitsbiene  im  Notfall  zur  Königin  umgewandelt  wird,
so  steigt  der  gewöhnliche  Mensch,  wenn  die  Umstände  seine  Entwicklung
begünstigen,  zum  bselden  oder  Anführer,  zum  Entdecker  oder  Lehrer,
zum  Meisen  oder  heiligen  empor.  Soweit  hat  der  Säer  die  Saat
verstreut,  so  stark  ist  die  zeugende  Kraft,  die  sie  keimen  und  knospen
heißt.  Aber,  ach!  der  steinige  Boden,  die  Vögel  und  das  Unkraut!  Auf
einen,  der  zu  voller  Größe  emporwächst,  wie  viele,  die  am  Wachstum ­
  gehindert  oder  mißgestaltet  werden!
Der  Wille  in  uns  ist  die  letzte  Tatsache  des  Bewußtseins.  Doch
wie  wenig  von  den  erworbenen  Fähigkeiten,  von  der  Stellung,  selbst
vom  Charakter  der  Besten  unter  uns  darf  völlig  uns  selbst  zugeschrieben
werden,  wieviel  den  Einflüssen,  die  uns  geformt  haben!  wo  ist  der
weise,  gebildete,  bescheidene  oder  kraftvolle  Mann,  der  nicht,  wenn  er
die  innere  Geschichte  seines  Lebens  verfolgt,  wie  der  kaiserliche  Stoiker
den  Göttern  Dank  dafür  spenden  dürfte,  daß  ihm  durch  diesen  oder  jenen
hier  oder  dort,  gute  Beispiele  gegeben  wurden,  edle  Gedanken  ihn  erreichten ­
  und  glückliche  Gelegenheiten  sich  für  ihn  eröffneten?  wo  ist
der  Mann,  der  mit  offenen  Augen  und  Ohren  den  Meridian  des  Lebens
erreicht  und  nicht  bisweilen  den  Gedanken  jenes  frommen  Engländers
nachgesprochen  hat,  als  der  Verbrecher  zum  Galgen  vorüber  geführt
wurde:  „Nur  durch  die  Gnade  Gottes  gehe  ich  nicht  dort"?  wie  wenig
vermag  die  Erblichkeit  im  Vergleich  zu  den  Verhältnissen.  Dieser,  sagen
wir,  ist  das  Ergebnis  eines  tausendjährigen  europäischen  Fortschrittes
und  jener  das  Ergebnis  einer  tausendjährigen  chinesischen  Verknöcherung; ­
  dennoch  würde  ein  Kind  kaukasischer  Rasse,  in  das  cherz  Chinas
verpflanzt,  bis  etwa  auf  den  Winkel  der  Augen  oder  die  Farbe  des
Maares,  geradeso  werden  wie  seine  Umgebung,  dieselbe  Sprache  reden,
sich  in  denselben  Gedanken  bewegen  und  die  gleiche  Geschmacksrichtung
zeigen.  Man  vertausche  Lady  Vere  de  Vere  in  ihrer  wiege  mit  einem
Kinde  aus  der  chefe  des  Volkes  —  wird  das  Blut  von  hundert  Grafen
eine  gebildete  vornehme  Frau  aus  ihr  machen?
Den  Mangel  und  die  Furcht  vor  Mangel  beseitigen,  allen  Klassen
Muße,  Behaglichkeit  und  Unabhängigkeit,  den  Anstand  und  die  Verfeinerungen ­
  des  Lebens,  die  Gelegenheiten  zu  geistiger  und  moralischer
Entwicklung  geben,  wäre  Wasser  in  eine  wüste  leiten.  Die  unsruchtbare
  Einöde  würde  sich  mit  frischem  Grün  bekleiden  und  die  dürren
sdlätze,  von  denen  das  Leben  verbannt  schien,  würden  binnen  kurzem  mit
dem  Schatten  von  Bäumen  bedeckt  sein  und  von  dem  Gesänge  der  Vögel
widerhallen.  Jetzt  verborgene  Talente,  ungeahnte  Tugenden  würden
        <pb n="356" />
        Rap.  IV.

3^3

Einfluß  auf  die  soziale  Organisation.

hervortreten,  uni  das  menschliche  Leben  reicher,  voller,  glücklicher,  edler
zu  gestalten.  Denn  unter  diesen  runden  Menschen,  die  in  dreieckige  Löcher
gesteckt  werden,  unter  diesen  dreieckigen  Menschen,  die  in  runde  Löcher
gezwängt  werden,  unter  diesen  Menschen,  die  ihre  Tatkraft  in  der  Jagd
nach  Reichtum  vergeuden,  unter  diesen  anderen,  die  in  Fabriken  zu
Maschinen  gemacht  oder  durch  die  Notwendigkeit  an  den  Pflug  oder  an
die  Bank  gekettet  werden;  unter  diesen  Rindern,  die  in  Schmutz,  Laster
und  Unwissenheit  aufwachsen,  finden  sich  Gaben  des  höchsten  Ranges,
Talente  der  glänzendsten  Art.  Es  bedarf  nur  der  Gelegenheit,  sie  zum
Vorschein  zu  bringen.
Man  stelle  sich  alle  die  Möglichkeiten  eines  Gesellschaftszustandes
vor,  der  diese  Gelegenheit  allen  bieten  würde,  wir  wollen  der  Einbildungskraft ­
  überlassen,  das  Gemälde  auszuführen;  feine  Farben
sind  zu  glänzend,  als  daß  Worte  sie  widerzugeben  vermöchten.  Man
bedenke  nur  die  moralische  Erhöhung,  die  geistige  Tätigkeit,  das  soziale
Leben.  Man  bedenke,  wie  durch  Tausend  Handlungen  und  Zwischenhandlungen ­
  die  Glieder  jedes  Staats  verbunden  sind  und  wie  bei  der
gegenwärtigen  Lage  der  Dinge  selbst  die  wenigen  Glücklichen,  die  auf
dem  Gipfel  der  sozialen  Pyramide  stehen,  obgleich  sie  es  nicht  wissen,
von  dem  Mangel,  der  Unwissenheit  und  der  Entwürdigung  derer  unter
ihnen  leiden  müssen.  Man  stelle  sich  diese  Dinge  vor  und  sage  dann,
ob  die  von  mir  vorgeschlagene  Veränderung  nicht  zum  vorteil  eines
jeden,  selbst  des  größten  Grundeigentümers  sein  würde?  würde  er
nicht  der  Zukunft  seiner  Rinder  sicherer  sein,  wenn  er  sie  ohne  einen
Pfennig  in  einem  derartigen  Gesellschaftszustande  zurückläßt,  als  mit
Hinterlassenschaft  des  größten  Vermögens  in  dem  jetzigen?  Bestände
solch  ein  Gesellschaftszustand  irgendwo,  würde  er  nicht  seinen  Eintritt
in  denselben  durch  Drangeben  aller  seiner  Besitzungen  billig  erkaufen?
Ich  habe  jetzt  die  soziale  Schwäche  und  Rrankheit  bis  zu  ihrer
Quelle  verfolgt.  Ich  habe  das  Heilmittel  gezeigt.  Ich  habe  jeden  Punkt
bewiesen  und  jeden  Einwand  berücksichtigt.  Aber  die  Probleme,  die
wir  erwogen  haben,  so  groß  sie  sind,  gehen  in  noch  größere,  in  die  größten
Probleme  über,  mit  denen  der  menschliche  Geist  sich  überhaupt  befassen
kann.  Ich  möchte  daher  den  Leser,  der  bis  hierher  mit  mir  gegangen
ist,  bitten,  ein  noch  höheres  Feld  mit  mir  zu  betreten.  Aber  ich  bitte  ihn,
sich  zu  erinnern,  daß  ich  in  dem  kleinen  Raum,  der  von  den  mir  für  dies
Luch  zugewiesenen  Grenzen  übrig  bleibt,  die  sich  aufdrängenden  Fragen
nicht  erschöpfend  behandeln  kann.  Ich  kann  nur  einige  Gedanken  andeuten, ­
  die  vielleicht  als  Winke  für  weiteres  Denken  dienen  können.
        <pb n="357" />
        Buch  X.
Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.
Was  dunkel  ist  in  rnir,
Erleuchte,  und  was  niedrig,  heb'  und  stütz',
Daß  durch  so  zwingenden  Beweises  Kraft
Den  Menschen  ich  die  ew'ge  Vorsehung
Kann  dartun  und  rechtfert'gen  Gottes  Wege.
Milton.

Kapitel  I.
9ie  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes;  ihre
Unzulänglichkeit.
Sind  die  Schlüsse,  zu  denen  wir  gelangt  sind,  richtig,  so  werden
sie  unter  ein  größeres  Gesetz  fallen.
Nehmen  wir  daher  unsere  Forschung  von  einem  höheren  Standpunkt ­
  wieder  auf,  von  wo  wir  ein  weiteres  Feld  überblicken  können.
was  ist  das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes? ­

Dies  ist  eine  Frage,  die,  wenn  sie  sich  nicht  durch  das  Frühere
aufdrängte,  ich  in  dem  kurzen  Raum,  den  ich  ihr  widmen  kann,  zu
behandeln  zaudern  würde,  da  sie  direkt  oder  indirekt  einige  der  allerhöchsten ­
  Probleme  enthält,  mit  denen  der  menschliche  Geist  sich  befassen
kann.  Aber  es  ist  eine  Frage,  die  sich  ganz  natürlich  darbietet.  Sind  die
Schlüsse,  zu  denen  wir  gelangt  sind,  mit  dem  großen  Gesetz,  unter
welchem  die  menschliche  Entwicklung  vor  sich  geht,  vereinbar  oder  nicht?
Was  ist  dies  Gesetz?  wir  müssen  die  Antwort  aus  unsere  Frage
finden;  denn  die  herrschende  Philosophie,  obgleich  sie  das  Vorhandensein ­
  eines  solchen  Gesetzes  anerkennt,  gibt  keine  befriedigendere  Erklärung ­
  desselben,  als  die  herrschende  Nationalökonomie  von  der  Fortdauer ­
  der  Armut  inmitten  des  fortschreitenden  Reichtums.
wir  wollen,  soweit  als  möglich,  auf  dem  festen  Boden  der  Tatsachen ­
  bleiben.  Gb  der  Mensch  stufenweise  aus  einem  Tiere  entwickelt
wurde  oder  nicht,  braucht  nicht  untersucht  zu  werden,  wie  innig  auch
        <pb n="358" />
        Kap.  I.  Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.  ZHZ

die  Verbindung  Zwischen  Fragen  sein  rnöge,  die  sich  auf  den  Menschen,
wie  wir  ihn  kennen,  und  selchen,  die  sich  auf  seine  Entstehung  beziehen,
so  kann  doch  nur  von  den  ersteren  auf  die  letzteren  Licht  geworfen  werden.
Schlüsse  kann  man  nicht  vom  Unbekannten  auf  das  Bekannte  ziehen.
Nur  aus  Tatsachen,  die  wir  kennen,  vermögen  wir  Schlüsse  auf  das
unserer  Kenntnis  Vorausgehende  zu  ziehen.
wie  der  Mensch  auch  entstanden  sein  möge.  Alles,  was  wir  von
ihm  wissen,  bezieht  sich  auf  den  Menschen,  wie  er  jetzt  zu  finden  ist.
Keine  Überlieferung  oder  Spur  besteht  von  ihm  aus  einem  niedrigeren
Zustande  als  dem,  in  welchem  wilde  noch  heute  zu  finden  sind.  Auf
welcher  Brücke  er  die  weite  Kluft  überschritten  haben  möge,  die  ihn  jetzt
von  den  Tieren  trennt,  keine  Spuren  sind  mehr  davon  vorhanden.
Zwischen  den  uns  bekannten  niedrigsten  Wilden  und  den  höchsten  Tieren
besteht  ein  unversöhnlicher  Unterschied,  ein  Unterschied,  nicht  bloß  des
Grades,  sondern  der  Art.  viele  der  charakteristischen  Eigenschaften,  der
Handlungen  und  Gefühle  des  Menschen  zeigen  sich  auch  bei  den  niedrigeren ­
  Geschöpfen;  aber  der  Mensch,  wie  tief  er  auch  auf  der  Stufenleiter ­
  der  Menschheit  stehe,  war  nie  einer  Eigenschaft  bar,  von  der  kein
Tier  die  kleinste  Spur  aufweist,  eines  klar  erkennbaren  aber  fast  undefinierbaren ­
  Etwas,  das  ihm  die  Vervollkommnungsfähigkeit  verleiht,  ihn  zu
dem  fortschreitenden  Tiere  macht.
Der  Biber  baut  einen  Damm,  der  Vogel  ein  Nest  und  die  Biene
eine  Zelle;  aber  während  Biberdämme,  Vogelnester  und  Bienenzellen
immer  nach  demselben  Muster  konstruiert  sind,  geht  die  Wohnung  des
Menschen  von  der  bsütte  aus  Blättern  und  Zweigen  hinauf  bis  zu  den
Prächtigen,  mit  allen  modernen  Bequemlichkeiten  ausgestatteten  Palästen.
Der  pund  kann  bis  zu  einem  gewissen  Grade  Ursache  und  Wirkung
verknüpfen,  und  man  kann  ihm  einige  Kunststücke  lehren;  aber  seine
Begabung  in  dieser  Beziehung  hat  während  aller  der  Zeitalter,  die  er
der  Gefährte  des  fortschreitenden  Menschen  ist,  um  keine  Spur  zugenommen, ­
  und  der  Hund  der  Zivilisation  ist  keinen  Deut  gescheiter
oder  vervollkommneter  als  der  Hund  des  wandernden  wilden,  wir
kennen  kein  Tier,  das  Kleider  trüge,  sein  Essen  kochte,  sich  Werkzeuge
oder  Waffen  machte,  andere  Tiere  züchtete,  die  es  zur  Nahrung  ausersehen, ­
  oder  eine  artikulierte  Sprache  hätte.  Menschen  aber,  die  alles
dies  nicht  täten,  hat  man  nie  gefunden  noch  davon  gehört,  außer
in  der  Fabel.  Das  heißt:  der  Mensch  zeigt  überall,  wo  wir  ihn
antreffen,  die  Gabe,  das,  was  die  Natur  für  ihn  getan  hat,  durch  das,
was  er  für  sich  selbst  tut,  zu  ergänzen;  und  so  untergeordnet  ist  in  der
^at  die  natürliche  Ausstattung  des  Menschen,  daß  es  keinen  Teil  der
^rde  gibt,  außer  vielleicht  einige  der  kleinen  Znseln  des  Stillen  Gzeans,
wo  er  ohne  diese  Fähigkeit  sein  Dasein  zu  fristen  imstande  wäre.
Allenthalben  und  zu  allen  Zeiten  zeigt  der  Mensch  dies  vermögen,
allenthalben  und  zu  allen  Zeiten  hat  er,  soweit  unsere  Kenntnis  reicht,
Gebrauch  davon  gemacht.  Aber  der  Grad,  in  welchem  dies  geschehen,
        <pb n="359" />
        3^6

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

ist  außerordentlich  verschieden.  Zwischen  dem  rohen  Kanoe  und  dem
Dampfschiffe,  zwischen  dem  Bumerang  und  der  Repetierbüchse,
zwischen  dem  grob  gearbeiteten  hölzernen  Götzenbilde  und  dem  atmenden ­
  Marmor  griechischer  Kunst,  zwischen  dem  Wissen  des  Wilden  und
der  modernen  Wissenschaft,  zwischen  dem  eingeborenen  Indianer  und
dem  weißen  Ansiedler,  zwischen  dem  Lsottentottenweibe  und  der  Schönen
aus  der  feinen  Gesellschaft  besteht  ein  ungeheurer  Unterschied.
Die  verschiedenen  Grade,  in  welchen  dieses  vermögen  ausgeübt
wird,  können  nicht  Unterschieden  in  der  ursprünglichen  Veranlagung
beigemessen  werden;  die  vorgeschrittensten  Völker  der  Jetztzeit  waren
noch  innerhalb  der  historischen  Zeit  Wilde,  und  wir  begegnen  den  größten
Unterschieden  bei  Völkern  der  gleichen  Abstammung.  Ebensowenig
können  sie  bloß  Verschiedenheiten  der  umgebenden  Natur  zugeschrieben
werden;  die  Pflanzstätten  der  Künste  und  Wissenschaften  werden  in
vielen  Fällen  jetzt  von  Barbaren  eingenommen,  und  innerhalb  weniger
Jahre  entstehen  große  Städte  auf  den  Iagdgründen  wilder  Stämme.
Alle  diese  Unterschiede  sind  augenscheinlich  mit  der  sozialen  Entwicklung
verbunden.  Uber  die  allerersten  Anfänge  hinaus  wird  es  dem  Menschen
nur  dadurch  möglich  fortzuschreiten,  daß  er  mit  seinen  Mitmenschen
zusammenlebt.  Alle  diese  Fortschritte  in  des  Menschen  Gaben  und  Lage
fassen  wir  daher  in  dem  Worte  Zivilisation  zusammen.  Die  Menschen
vervollkommnen  sich,  je  zivilisierter  sie  werden,  d.  h.  je  mehr  sie  lernen,
in  der  Gesellschaft  zusammenzuwirken.
Was  ist  das  Gesetz  dieses  Fortschrittes?  Durch  welches  gemeinsame ­
  Prinzip  können  wir  die  verschiedenen  Stadien  der  Zivilisation,
zu  welchen  verschiedene  Gemeinwesen  gelangt  sind,  erklären?  Worin
besteht  wesentlich  der  Fortschritt  der  Zivilisation,  so  daß  wir  von  den
wechselnden  sozialen  Einrichtungen  sagen  können,  diese  begünstigt
denselben  und  jene  nicht,  oder  erklären  können,  warum  eine  Einrichtung ­
  oder  Bedingung,  die  ihn  einmal  fördert,  ihn  ein  andermal  aufhält?
Die  herrschende  Annahme  ist  jetzt,  daß  der  Fortschritt  der  Zivilisation ­
  eine  Entwicklung  oder  Evolution  ist,  in  deren  Verlauf  die  Fähigkeiten ­
  des  Menschen  zunehmen  und  seine  Eigenschaften  entwickelt  werden
durch  die  Wirkung  von  Ursachen  ähnlich  denen,  auf  die  man  sich  stützt,
um  den  Ursprung  der  Arten  zu  erklären,  nämlich:  das  Überleben  der
Tüchtigsten  und  die  erbliche  Übertragung  erworbener  Eigenschaften.
Daß  die  Zivilisation  eine  Entwicklung  ist,  daß  sie  nach  Herbert
Spencers  Ausdruck  ein  Fortschritt  von  einer  unbestimmten,  unzusammenhängenden ­
  Gleichartigkeit  zu  einer  bestimmten,  zusammenhängenden ­
  Verschiedenartigkeit  ist,  unterliegt  keinem  Zweifel;  dieser
Ausdruck  jedoch  ist  keine  Erklärung  oder  Feststellung  der  Ursachen,  welche
den  Fortschritt  fördern  oder  aufhalten,  wieweit  die  Generalisationen
Spencers,  die  alle  Erscheinungen  unter  den  Ausdrücken  Stoff  und  Kraft
zu  erklären  suchen,  richtig  verstanden,  alle  diese  Ursachen  einschließen,
vermag  ich  nicht  zu  sagen,  aber  wissenschaftlich  hat  die  Entwicklungslehre
        <pb n="360" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

3^7

diese  Frage  entweder  noch  nicht  definitiv  erledigt  oder  sie  hat  einer  Ansicht ­
  Entstehung  oder  vielmehr  Zusammenhang  gegeben,  die  mit  den
Tatsachen  nicht  übereinstimmt.  j3  j
Die  gewöhnliche  Erklärung  des  Fortschrittes  hat  meines  Dafürhaltens ­
  sehr  viel  Ähnlichkeit  mit  der  Ansicht,  die  der  Geldmensch  von
den  Ursachen  der  ungleichen  Verteilung  der  Güter  hegt.  Seine  Theorie,
wenn  er  überhaupt  eine  hat,  ist  gewöhnlich  die,  daß,  wer  den  willen
und  die  Fähigkeit  dazu  hat,  genug  Geld  machen  kann,  und  daß  es  die
Unwissenheit,  Faulheit  oder  Verschwendung  sind,  die  den  Unterschied
zwischen  Armen  und  Reichen  herbeiführen.  So  ist  auch  die  gewöhnliche
Erklärung  der  Unterschiede  in  der  Zivilisation  die  der  Unterschiede  in
der  Fähigkeit.  Die  zivilisierten  Rassen  sind  die  höherstehenden,  und  der
Fortschritt  in  der  Zivilisation  stimmt  mit  dieser  Überlegenheit  überein,
gerade  wie  nach  der  gewöhnlichen  englischen  Meinung  die  englischen
Siege  der  natürlichen  Überlegenheit  der  Engländer  über  die  froschessenden ­
  Franzosen  zuzuschreiben  waren;  und  die  volkstümliche  Staatsverfassung,
  die  höhere  Erfindungsgabe  und  der  größere  Durchschnittskomfort
werden,  oder  wurden  bis  vor  kurzem,  von  der  gewöhnlichen  amerikanischen
Ansicht  der  größeren  Rührigkeit  (sinartness)  der  Yankee-Nation  zugeschrieben. ­

Nun/  genau  so  wie  die  nationalökonomischen  Lehren,  welche  wir
zu  Anfang  dieser  Untersuchung  antrafen  und  widerlegten,  mit  der  gewöhnlichen ­
  Ansicht  der  Menschen  übereinstimmten,  welche  die  Kapitalisten ­
  Lohn  auszahlen  und  die  Konkurrenz  den  Lohn  Herabdrücken
sehen;  wie  die  Malthussche  Theorie  mit  den  bestehenden  Vorurteilen
sowohl  der  Reichen  als  der  Armen  übereinstimmte,  ebenso  stimmte  die
Erklärung  des  Fortschrittes  als  einer  stufenweisen  Rassenverbesserung
mit  der  gewöhnlichen  Meinung  überein,  welche  die  Unterschiede  der
Zivilisation  durch  die  Rassenunterschiede  erklärt.  Diese  Erklärung  hat
Ansichten,  die  bereits  herrschten,  Zusammenhang  und  eine  wissenschaftliche ­
  Formel  gegeben.  Ihre  staunenswerte  Ausbreitung  seit  der  Zeit,
da  Darwin  zuerst  die  Welt  mit  seinem  „Ursprung  der  Arten"  beschenkte,
war  nicht  sowohl  eine  Eroberung,  als  eine  Assimilieüung.
Die  jetzt  die  Gedankenwelt  beherrschende  Ansicht  geht  dahin,  daß
der  Kampf  ums  Dasein  genau  in  dem  Verhältnisse,  wie  er  sich  verstärkt,
die  Menschen  zu  neuen  Anstrengungen  und  Erfindungen  antreibe,  daß
diese  Vervollkommnung  und  Vervollkommnungsfähigkeit  durch  erbliche
Übertragung  fixiert  und  durch  die  Tendenz  des  tüchtigsten  oder  vollkommensten ­
  Individuums,  unter  anderen  Individuen  zu  leben  und  sich
fortzupflanzen,  und  der  tüchtigsten  oder  vollkommensten  Sippe,  Nation
oder  Rasse,  im  Kampfe  zwischen  den  sozialen  Vereinigungen  zu  überleben, ­
  ausgebreitet  werde.  Nach  dieser  Theorie  erklärt  man  jetzt  die
Ünterschiede  zwischen  Mensch  und  Tieren,  so  wie  die  Unterschiede  in
dem  relativen  Fortschritt  der  Menschen  ebenso  zuversichtlich  und  nahezu
        <pb n="361" />
        Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

548

ebenso  allgemein,  wie  vor  kurzem  nach  der  Theorie  der  Schöpfung
und  göttlichen  Vermittlung.
Das  praktische  Resultat  dieser  Theorie  ist  eine  Art  von  hoffnungsvollem ­
  Fatalismus,  von  dem  die  heutige  Literatur  erfüllt  ist.  von  diesem
Gesichtspunkt  ist  der  Fortschritt  das  Ergebnis  von  Kräften,  die  langsam,
beständig  und  unbarmherzig  an  der  Erhebung  des  Menschen  arbeiten.
Krieg,  Sklaverei,  Tyrannei,  Aberglaube,  Hungersnot,  Pestilenz,  die  in
der  modernen  Zivilisation  eitern,  Armut  und  Elend  sind  die  treibenden
Ursachen,  welche  den  Menschen  vorwärts  drängen,  die  schwächeren
Typen  ausstoßen  und  die  höheren  verbreiten;  und  die  erbliche  Übertragung ­
  ist  die  Kraft,  durch  welche  die  Fortschritte  fixiert  und  vergangene
Fortschritte  zu  Stufen  neuer  Fortschritte  gemacht  werden.  Das  Individuum ­
  ist  das  Ergebnis  von  Veränderungen,  die  so  einer  langen  Reihe
vergangener  Individuen  aufgeprägt  und  durch  sie  verewigt  wurden,
und  die  soziale  Organisation  erhält  ihre  Form  von  den  Individuen,
aus  welchen  sie  zusammengesetzt  ist.  während  diese  Theorie  somit,
wie  Herbert  Spencer  sagt*),  „radikal  ist  bis  zu  einem  Grade,  der  alles
übertrifft,  was  der  herrschende  Radikalismus  zu  fassen  vermag",  da  sie
Veränderungen  in  der  menschlichen  Natur  selbst  erwartet,  ist  sie  gleichzeitig ­
  „konservativ  bis  zu  einem  Grade,  der  alles  übertrifft,  was  der
herrschende  Konservatismus  zu  fassen  vermag",  da  sie  annimmt,  daß
keine  Änderung  sich  geltend  machen  kann  außer  diesen  langsamen  Änderungen ­
  in  der  Menschennatur.  Die  Philosophen  mögen  lehren,  daß  dies
nicht  die  Pflicht  vermindere,  auf  Abstellung  von  Mißbräuchen  hinzuwirken, ­
  gerade  wie  die  Theologen,  welche  eine  Vorherbestimmung
lehrten,  dennoch  die  Pflicht  aller  behaupteten,  um  die  ewige  Seligkeit
zu  kämpfen;  allein  nach  der  allgemeinen  Auffassung  ist  das  Resultat
Fatalismus:  „was  wir  auch  tun  mögen,  die  Mühlen  der  Götter  mahlen
weiter,  unbekümmert  um  unsere  Hilfe  oder  um  unser  widerstreben".
Ich  führe  dies  nur  an,  um  die  Ansicht  zu  erläutern,  die,  wie  ich  glaube,
sich  immer  rascher  verbreitet  und  den  gewöhnlichen  Gedankengang
durchdringt;  nicht,  daß  in  der  Forschung  nach  Wahrheit  irgendeine
Rücksicht  auf  ihre  Folgen  den  Geist  beeinflussen  dürfe.  Aber  dies  halte
ich  für  die  herrschende  Ansicht  von  der  Zivilisation:  daß  sie  das  Ergebnis
von  Kräften  sei,  die  in  der  angedeuteten  weise  wirken,  langsam  den
Lharakter  des  Menschen  verändern  und  die  Eigenschaften  desselben  vervollkommnen ­
  und  erheben;  daß  der  Unterschied  zwischen  dem  zivilisierten
Menschen  und  dem  wilden  von  einer  langen  Rassenerziehung  herrühre,
die  in  der  geistigen  Organisation  dauernd  zum  Ausdruck  gekommen  fei,
und  daß  diese  Vervollkommnung  in  steigendem  Verhältnis  zu  einer
immer  höheren  Zivilisation  führe,  wir  haben  nach  dieser  Theorie  einen
solchen  Punkt  erreicht,  daß  der  Fortschritt  bei  uns  natürlich  zu  sein  scheint,
und  wir  vertrauensvoll  den  größeren  Errungenschaften  des  kommen*) ­

  „Das  Studium  der  Soziologie",  Schluß.
        <pb n="362" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

349

den  Geschlechts  entgegensehen  können  —  ja  einige  meinen  sogar,  daß
der  Fortschritt  der  Wissenschaft  den  Menschen  schließlich  die  Unsterblichkeit ­
  verleihen  und  sie  in  den  Stand  setzen  werde,  körperlich  nicht  nur  die
Planeten,  sondern  auch  die  Fixsterne  zu  erreichen  und  endlich  Sonnen
und  ihre  Systeme  selbst  zu  erschaffen*).
Aber  ohne  sich  bis  zu  den  Sternen  aufzuschwingen,  stößt  diese
Progressionstheorie,  die  uns  inmitten  einer  vorschreitenden  Zivilisation
so  natürlich  erscheint,  in  dem  Augenblick,  wo  sie  sich  in  der  Welt  umschaut,
gegen  eine  ungeheure  Tatsache  —die  fixierten  versteinerten  Zivilisationen.
Die  Mehrheit  des  Menschengeschlechts  hat  auch  heutzutage  keine  Vorstellung ­
  vom  Fortschritt;  die  Mehrheit  des  Menschengeschlechts  betrachtet
(wie  es  bis  vor  wenigen  Generationen  auch  unsere  Vorfahren  taten),
die  Vergangenheit  als  die  Zeit  menschlicher  Vollkommenheit.  Der  Unterschied ­
  zwischen  dem  wilden  und  dem  zivilisierten  Menschen  kann  durch
die  Theorie  erklärt  werden,  daß  der  erstere  bis  jetzt  so  unvollkommen
entwickelt  sei,  um  seinen  Fortschritt  kaum  bemerkbar  werden  zu  lassen;
wie  aber  sollen  wir  auf  Grund  der  Theorie,  daß  der  menschliche  Fortschritt ­
  das  Ergebnis  allgemeiner  und  fortdauernder  Ursachen  sei,  diejenigen ­
  Zivilisationen  erklären,  die  so  weit  fortgeschritten  waren  und
dann  zum  Stillstand  gekommen  sind?  Vom  Hindu  und  Lhinesen  kann
man  nicht  wie  vom  wilden  sagen,  unsere  Überlegenheit  sei  das  Ergebnis
einer  längeren  Erziehung;  wir  seien  gewissermaßen  die  Erwachsenen
der  Natur,  sie  aber  die  Kinder.  Die  Hindu  und  Lhinesen  waren  zivilisiert,
als  wir  wilde  waren.  Sie  hatten  große  Städte,  hoch  organisierte  und
mächtige  Staaten,  Literaturen,  Philosophien,  verfeinerte  Sitten,  bedeutende ­
  Arbeitsteilung,  großen  Handel  und  vorgeschrittene  Gewerbe,
als  unsere  Ahnen  wandernde  Barbaren  waren,  in  Hütten  und  Zelten
von  Tierhäuten  wohnten,  und  keine  Spur  vorgeschrittener  waren  als  die
amerikanischen  Indianer,  während  wir  uns  aus  diesem  wilden  Zustande
Zur  Zivilisation  des  neunzehnten  Jahrhunderts  emporgeschwungen
haben,  sind  sie  stehen  geblieben,  wenn  der  Fortschritt  das  Ergebnis
feststehender,  unvermeidlicher  und  ewiger  Gesetze  ist,  die  den  Menschen
vorwärts  treiben,  wie  sollen  wir  uns  dies  erklären?
Einer  der  besten  populären  Schriftsteller  über  die  Entwicklungslehre, ­
  Walter  Bagehot  („Pbysics  and  Politics“),  gibt  die  Kraft  dieses
Einwandes  zu  und  bemüht  sich,  demselben  auf  folgende  weise  zu  begegnen: ­
  das  erste  Erfordernis,  einen  Menschen  zu  zivilisieren,  sei,  ihn
Zu  zähmen;  ihn  zu  veranlassen,  gemeinsam  mit  seinen  Mitmenschen  in
Gehorsam  gegen  das  Gesetz  zu  leben;  daraus  erwachse  ein  durch  natürliche ­
  Zuchtwahl  gestärkter  und  ausgedehnter  Körper  oder  „Kuchen"
von  Gesetzen  und  Gebräuchen,  und  die  so  zusammengehaltenen  Stämme
oder  Völker  hätten  einen  Vorteil  über  diejenigen,  die  nicht  so  zusammengehalten ­
  werden.  Dieser  Kuchen  von  Gebräuchen  und  Gesetzen  werde

*)  Wmword  Reade,  „Das  Märtyrertum  des  Menschen".
        <pb n="363" />
        350

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

aber  schließlich  zu  dick  und  hart,  um  weitere  Fortschritte  zu  gestatten,
die  nur  dann  möglich  sind,  wenn  Umstände  eintreten,  welche  die  freie
Erörterung  einführen  und  so  die  für  den  Fortschritt  unerläßliche  Freiheit
und  Beweglichkeit  gestatten.
Diese  Erklärung,  welche  Bagehot,  wie  er  sagt,  mit  einigen  Bedenken ­
  darbietet,  geht  —meines  Erachtens  —aus  Rosten  der  allgemeinen
Theorie.  Doch  lohnt  es  nicht  der  Mühe,  darüber  zu  reden,  denn  sie  erklärt
offenbar  die  Tatsachen  nicht.
Die  Tendenz  zur  Verhärtung,  von  der  Bagehot  spricht,  mußte
sich  in  einer  sehr  frühen  Lntwicklungsperiode  zeigen,  und  seine  Beispiele ­
  davon  sind  fast  alle  dem  wilden  oder  halbwilden  Zustande  entnommen. ­
  Jene  ausgehaltenen  Zivilisationen  haben  dagegen  einen
langen  Weg  zurückgelegt,  ehe  sie  zum  Stillstand  kamen.  Es  muß  eine
Zeit  gegeben  haben,  wo  sie  im  Vergleich  zum  wilden  Zustande  sehr
weit  voran  und  doch  schöpferisch,  frei  und  fortschreitend  waren.  Die
stillstehenden  Zivilisationen  hielten  an  einem  Punkte  an,  welcher  der
europäischen  Zivilisation  sagen  wir  des  sechzehnten  oder  jedenfalls
des  fünfzehnten  Jahrhunderts  kaum  irgendwie  nachstand  und  in  vielen
Beziehungen  höher  war.  Bis  zu  jenem  Punkte  muß  somit  anregende
Diskussion,  Freude  am  Neuen  und  geistige  Tätigkeit  aller  Art  bestanden
haben.  Sie  hatten  Baumeister,  welche  die  Baukunst,  natürlich  durch
eine  Reihe  von  Neuerungen  und  Verbesserungen,  auf  einen  sehr  hohen
Stand  brachten;  Schiffbauer,  die  auf  gleiche  Weise,  durch  Neuerung
auf  Neuerung,  schließlich  ein  ebenso  gutes  Schiff  wie  die  Kriegsschiffe
Heinrichs  VIII.  herstellten;  Erfinder,  die  bis  dicht  an  den  Rand  unserer
wichtigsten  Fortschritte  gelangten  und  von  deren  einigen  wir  noch  lernen
können;  Ingenieure,  die  große  Bewässerungswerke  und  schiffbare  Kanäle
herstellten;  wetteifernde  philosophische  Schulen  und  streitende  Religionsbegriffe. ­
  In  Indien  erstand  eine  große,  in  vielen  Beziehungen  dem
Lhristentum  gleiche  Religion,  verdrängte  die  frühere  Religion,  ging  auf
Lhina  über,  verbreitete  sich  über  das  ganze  Reich  und  wurde  aus  ihren
alten  Sitzen  wieder  verdrängt,  gerade  wie  das  Lhristentum  aus  seiner
wiege  verdrängt  ward.  Da  gab  es  Leben,  und  tätiges  Leben  und  Neuerungen, ­
  welche  den  Fortschritt  erzeugen,  lange  nachdem  die  Menschen
gelernt  hatten,  zusammen  zu  leben.  Und  überdies  haben  sowohl  Indien
als  auch  Lhina  von  erobernden  Rassen  mit  verschiedenen  Sitten  und
Denkrichtungen  neues  Leben  empfangen.
Die  unbeweglichste  und  versteinertste  aller  uns  bekannten  Zivilisationen ­
  war  die  Agyptiens,  wo  selbst  die  Kunst  schließlich  eine  konventionelle ­
  und  unbewegliche  Form  annahm.  Wir  wissen  jedoch,  daß
dahinter  eine  Zeit  des  Lebens  und  der  Kraft,  eine  sich  neu  entwickelnde
und  verbreitende  Zivilisation  wie  jetzt  die  unsere,  bestanden  haben  muß,
denn  sonst  könnten  die  Künste  und  Wissenschaften  nie  auf  eine  so  hohe
5tufe  gelangt  sein.  Und  neuerliche  Ausgrabungen  haben  unter  dem
uns  bisher  bekannten  Ägypten  ein  noch  früheres  Ägypten  ans  Tages ­
        <pb n="364" />
        .

Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

35  s

licht  gebracht,  in  Statuen  und  Schnitzereien,  nicht  von  härtern  und
formalem  Typus,  sondern  strahlend  von  Leben  und  Ausdruck,  welche  die
Kunst  kämpfend,  warm,  natürlich  und  frei  zeigen  —das  sichere  Merkmal
eines  tätigen  und  sich  ausdehnenden  Lebens.  So  muß  es  einmal  mit
allen,  jetzt  nicht  mehr  fortschreitenden  Zivilisationen  gewesen  sein.
Aber  nicht  bloß  diese  stillstehenden  Zivilisationen  vermag  uns  die
herrschende  Entwicklungstheorie  nicht  zu  erklären.  Die  Menschen  sind
nicht  bloß  auf  dem  Pfade  des  Fortschrittes  vorgegangen  und  dann
stehen  geblieben;  sie  sind  auch  weit  vorgeschritten  und  dann  zurückgegangen. ­
  Es  ist  nicht  bloß  ein  vereinzelter  Fall,  der  so  der  Theorie
gegenübersteht,  es  ist  die  allgemeine  Regel.  Jede  Zivilisation,
welche  die  Welt  bislang  gesehen  hat,  hatte  ihre  Zeit  kräftigen  Wachstums,
des  Stillstands  und  der  Stockung,  des  Sinkens  und  Fallens.  Von
allen  Zivilisationen,  die  erstanden  und  blühten,  sind  heute  nur  die  stehen
gebliebenen  und  unsere  eigene  übrig,  die  noch  nicht  so  alt  ist,  wie  die
Pyramiden  es  waren,  als  Abraham  sie  erblickte,  während  hinter  den
Pyramiden  eine  überlieferte  Geschichte  von  zwanzig  Jahrhunderten  lag.
Daß  unsere  eigene  Zivilisation  eine  breitere  Grundlage  hat,  von
vorgeschrittener  Art  ist,  schneller  sich  bewegt  und  einen  höheren  Flug
hat  als  irgendeine  frühere  Zivilisation,  ist  zweifellos  wahr;  aber  in  dieser
Beziehung  ist  sie  der  griechisch-römischen  Zivilisation  schwerlich  mehr
voraus  als  die  letztere  derjenigen  Asiens;  und  wenn  sie  es  auch  wäre,
so  würde  das  nichts  über  ihre  Dauer  und  ihren  künftigen  Fortschritt
beweisen,  falls  nicht  ihre  Überlegenheit  in  solchen  Dingen  zu  beweisen
ist,  welche  den  schließlichen  Zusammenbruch  ihrer  Vorgängerinnen  verursachten. ­
  Die  herrschende  Theorie  nimmt  dies  nicht  an.
Zn  Wahrheit  werden  die  Tatsachen  der  Weltgeschichte  durch  diese
Theorie,  daß  die  Zivilisation  das  Ergebnis  einer  natürlichen  Zuchtwahl ­
  sei,  welche  die  Vervollkommnung  und  Erhöhung  der  Eigenschaften
des  Menschen  bewirke,  nichts  weniger  als  erklärt.  Daß  die  Zivilisation
Zu  verschiedenen  Zeiten  an  verschiedenen  Orten  entstanden  ist  und  sich
m  verschiedenem  Grade  entwickelt  hat,  ist  mit  dieser  Theorie  nicht  unvereinbar, ­
  denn  dies  könnte  von  der  Ungleichheit  der  treibenden  und
widerstrebenden  Kräfte  herrühren;  aber  daß  der  Fortschritt  überall
beginnt  (denn  selbst  unter  den  niedrigsten  Stämmen  nimmt  man  einen
gewissen  Grad  von  Fortschritt  an)  und  nirgends  dauernd  war,  sondern
überall  zum  Stillstand  oder  Rückgänge  kam,  ist  damit  absolut  unvereinbar. ­
  Denn  wenn  der  Fortschritt  eine  Vervollkommnung  in  der  Natur
bes  Menschen  bewirkte  und  dadurch  weiteren  Fortschritt  herbeiführte
so  müßte,  bis  auf  gelegentliche  Unterbrechungen,  die  gewöhnliche  Regel
doch  die  sein,  daß  der  Fortschritt  ein  dauernder  wäre  —  daß  Schritt  auf
schritt  folgte  und  die  Zivilisation  sich  zu  höherer  Zivilisation  entwickelte.
Das  Gegenteil  davon  ist  nicht  bloß  die  gewöhnliche,  sondern  die
allgemeine  Regel.  Die  Erde  ist  das  Grab  toter  Reiche,  nicht  weniger
als  toter  Menschen.  Anstatt  daß  der  Fortschritt  die  Menschen  zu  größerem

.—,
        <pb n="365" />
        352

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Fortschritt  geeignet  mache,  sind  alle  Zivilisationen,  die  zu  ihrer  Zeit
ebenso  kräftig  und  vorschreitend  waren,  wie  die  unsere  jetzt,  von  selbst
zum  Stillstände  gekommen.
Immer  und  immer  wieder  ist  die  Kunst  zurückgegangen,  die  Gelehrsamkeit ­
  gesunken,  die  Macht  verfallen,  die  Bevölkerung  zerstreut  worden,
bis  von  dem  Volke,  das  große  Tempel  und  mächtige  Städte  erbaut,
Flüsse  abgeleitet  und  Gebirge  durchbrochen,  die  Erde  gleich  einem
Garten  angebaut  und  die  äußerste  Verfeinerung  in  die  untergeordnetsten
Dinge  des  Lebens  eingeführt  hatte,  nur  ein  Rest  schmutziger  Barbaren
übrig  blieb,  die  selbst  die  Erinnerung  von  den  Taten  ihrer  Ahnen  verloren
hatten  und  die  übrig  gebliebenen  Spuren  ihrer  einstigen  Größe  als  das
Werk  von  Geistern  oder  des  mächtigen  Geschlechts  vor  der  großen  Flut
ansahen  Dies  ist  so  wahr,  daß  es,  wenn  wir  der  Vergangenheit  gedenken,
als  das  unerbittliche  Gesetz  erscheint,  dem  zu  entgehen  wir  ebensowenig
Hoffnung  haben,  als  der  junge  Mann  mit  pulsierendem  Leben  hoffen
kann,  der  Auflösung  zu  entgehen,  die  das  gemeinsame  Schicksal  aller  ist.
„G  Rom,  dies  wird  eines  Tages  auch  dein  Schicksal  sein",  weinte  Scipio
über  den  Ruinen  Karthagos,  und  Macaulays  Bild  des  Neuseeländers,
der  auf  dem  verfallenen  Pfeiler  von  Londonbridge  sinnt,  wendet  sich
an  die  Einbildungskraft  selbst  derjenigen,  die  Städte  in  der  Wildnis
emporwachsen  sahen  und  die  Grundlagen  eines  neuen  Weltreiches  legen
halfen.  Und  so  machen  wir,  wenn  wir  ein  öffentliches  Bauwerk  errichten,
eine  Höhlung  in  den  Grundstein  und  verschließen  darin  sorglich  einige
Erinnerungen  an  unsere  Tage,  da  wir  die  Zeit  voraussehen,  wo  unsere
Werke  Ruinen  und  wir  selber  vergessen  sein  werden.
Gb  dieses  abwechselnde  Steigen  und  Fallen  der  Zivilisation,  dieser
Rückgang,  der  stets  auf  den  Fortschritt  folgt,  die  rhythmische  Bewegung
einer  aufsteigenden  Linie  sei  oder  nicht  (und  ich  glaube,  obwohl  ich  die
Frage  nicht  weiter  erörtern  will,  genügende  Beweise  für  die  Bejahung
beizubringen,  würde  schwerer  sein  als  man  gewöhnlich  annimmt),
macht  keinen  Unterschied,  denn  die  herrschende  Theorie  ist  in  beiden
Fällen  widerlegt.  Zivilisationen  haben  geendet  und  kein  Merkmal
hinterlassen,  und  schwer  gewonnene  Fortschritte  sind  dem  Menschengeschlecht ­
  für  immer  verloren  gegangen;  aber  selbst  wenn  man  zugibt,
daß  jede  woge  des  Fortschrittes  eine  höhere  woge  möglich  gemacht
und  jede  Zivilisation  die  Fackel  an  eine  höhere  Zivilisation  übergeben
habe,  so  erklärt  doch  die  Theorie,  daß  die  Zivilisation  durch  Veränderungen,
die  in  der  Natur  des  Menschen  zuwege  gebracht  wurden,  vorschreite,
die  Tatsachen  nicht;  denn  jedenfalls  ist  es  nicht  die  Rasse,  die  durch  die
frühere  Zivilisation  erzogen  und  erblich  verändert  wurde,  welche  die
neue  Zivilisation  beginnt,  sondern  eine  frische,  tiefer  stehende  Rasse.
Es  sind  die  Barbaren  des  einen  Zeitalters,  welche  die  zivilisierten  Menscheu
des  nächsten  waren,  um  ihrerseits  wieder  von  frischen  Barbaren  abgelöst
zu  werden.  Denn  bisher  ist  stets  der  Fall  eingetreten,  daß  die  Menschen
unter  dem  Einflüsse  der  Zivilisation  erst  fortgeschritten  und  dann  ent ­
        <pb n="366" />
        Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

353

arteten.  Der  heutige  zivilisierte  Mensch  ist  dem  Unzivilisierten  weit
überlegen,  aber  das  war  in  der  Zeit  seiner  Kraft  der  zivilisierte  Mensch
jeder  toten  Zivilisation.  Allein  es  bestehen  Dinge  wie  Laster,  Verderbnisse,
Lntnervungen  der  Zivilisation,  die  über  einen  gewissen  Punkt  hinaus
sich  bisher  stets  gezeigt  haben.  Jede  von  Barbaren  überwältigte  Zivilisation ­
  ist  in  Wirklichkeit  durch  innere  Fäulnis  umgekommen.
Diese  allgemeingültige  Tatsache  beseitigt,  wenn  sie  anerkannt
wird,  die  Theorie,  daß  der  Fortschritt  durch  erbliche  Übertragung  stattfinde. ­
  Überblicken  wir  die  Weltgeschichte,  so  fällt  die  Linie  des  größten
Fortschrittes  nirgends  auf  längere  Zeit  mit  der  Linie  der  Erblichkeit
zusammen.  Aus  jeder  einzelnen  Linie  der  Erblichkeit  scheint  der  Rückgang
stets  dem  Fortschritt  zu  folgen.
Müssen  wir  daher  sagen,  daß  es  ebensowohl  ein  Leben  der  Nationen
oder  Rassen,  wie  der  einzelnen  gebe;  daß  jede  soziale  Gemeinschaft
sozusagen  eine  gewisse  Summe  von  Kraft  habe,  deren  Verausgabung
den  Verfall  notwendig  macht?  Dies  ist  eine  alte,  weitverbreitete  Vorstellung, ­
  die  noch  immer  vielfach  gehegt  wird  und  die  auch  aus  den
Schriften  der  Anhänger  der  Entwicklungslehre  noch  beständig  hervorschaut, ­
  obwohl  sie  ihrer  Theorie  zu  widerstreiten  scheint.  Zn  der  Tat
sehe  ich  nicht  ein,  warum  dieselbe  nicht  unter  die  Bezeichnungen  Stoff
und  Bewegung  sollte  gebracht  werden  können,  so  daß  sie  sich  in  die
Generalisationen  der  Evolution  einfügte.  Denn  wenn  wir  die  Individuen
als  Atome  betrachten,  so  ist  die  Entwicklung  der  Gesellschaft  „eine  Ergänzung ­
  (Integration)  des  Stoffes  und  der  damit  verbundenen  Zerstreuung ­
  von  Bewegung,  während  welcher  der  Stoff  aus  einer  unbestimmten, ­
  unzusammenhängenden  Gleichartigkeit  zu  einer  bestimmten,
zusammenhängenden  Vielartigkeit  übergeht,  und  während  welcher  die
zurückgehaltene  Bewegung  eine  ähnliche  Umgestaltung  erfährt"*).  Und
so  kann  man  eine  Analogie  zwischen  dem  Leben  einer  Gesellschaft  und
dem  Leben  eines  Sonnensystems  auf  die  Nebelhypothese  gründen,
Wie  die  Wärme  und  das  Licht  der  Sonne  erzeugt  werden  durch  die  Vereinigung ­
  von  Atomen,  die  Bewegung  entwickeln,  welche  schließlich  aufhört, ­
  wenn  die  Atome  mit  der  Zeit  zu  einem  Zustande  des  Gleichgewichts ­
  oder  der  Ruhe  gelangen  und  darauf  ein  Zustand  der  Unbeweglichkeit ­
  folgt,  der  neuerdings  nur  durch  den  Anstoß  äußerer  Kräfte  unterbrochen ­
  werden  kann,  welche  den  Evolutionsprozeß  umkehren,  die
Bewegung  ergänzen  und  den  Stoff  in  Form  von  Gasen  zerstreuen,
um  wieder  aus  deren  Kondensierung  Bewegung  zu  entwickeln  —
fbenso,  kann  man  sagen,  entwickelt  die  Vereinigung  von  Individuen
in  einem  Staate  eine  Kraft,  die  das  Licht  und  die  Wärme  der  Zivilisation ­
  hervorbringt;  wenn  aber  dieser  Prozeß  aufhört  und  die  individuellen ­
  Bestandteile  zu  einem  Zustande  des  Gleichgewichts  gebracht
werden  und  ihre  feststehenden  Plätze  einnehmen,  so  erfolgt  Versteinerung,
*)  Herbert  Spencers  Definition  der  Entwicklung,  „First  Principles“,  5.  396.
©eorge,  Fortschritt  und  Armut.

23
        <pb n="367" />
        354

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes,

Buch  X,

und  es  bedarf  der  Lockerung  und  des  Zuflusses  fremder  Elemente,  die
durch  einen  Einfall  von  Barbaren  verursacht  werden,  um  den  Prozeß
von  vorn  wieder  anzufangen  und  ein  neues  Gedeihen  der  Zivilisation
herbeizuführen.
Indes  Analogien  find  die  gefährlichsten  Denkmethoden.  Sie
können  Ähnlichkeiten  miteinander  verbinden  und  doch  die  Wahrheit
entstellen  oder  verbergen.  Und  alle  solche  Analogien  sind  oberflächlich.
Solange  seine  Mitglieder  beständig  in  all  der  frischen  Kraft  der  Jugend
wieder  hervorgebracht  werden,  kann  ein  Staat  nicht  altern,  wie  es  durch
die  Abnahme  seiner  Kräfte  beim  Menschen  geschieht.  Da  die  Gesamtkraft
eines  Staates  die  Summe  der  Kräfte  seiner  individuellen  Bestandteile
sein  muß,  kann  er  nicht  an  Lebenskraft  verlieren,  wenn  sich  nicht  die
Lebenskraft  seiner  Bestandteile  vermindert.
Trotzdem  ist  sowohl  in  der  gewöhnlichen  Analogie,  die  die  Lebenskraft ­
  eines  Volkes  der  eines  einzelnen  vergleicht,  als  auch  in  der  von  mir
angenommenen  die  Anerkennung  einer  unleugbaren  Wahrheit  verborgen,
nämlich,  daß  die  Hindernisse,  welche  schließlich  dem  Fortschritte  Halt
gebieten,  durch  den  Gang  desselben  hervorgerufen  werden;  daß  der
Umstand,  der  alle  früheren  Zivilisationen  zerstört  hat,  in  den  Bedingungen ­
  lag,  welche  durch  die  Zunahme  der  Zivilisation  selbst  erzeugt
wurden.
Dies  ist  eine  Wahrheit,  die  man  in  der  herrschenden  Philosophie
ignoriert;  aber  es  ist  eine  ganz  einleuchtende  Wahrheit.  Jede  haltbare
Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes  muß  dieselbe  erklären.

Kapitel  II.
Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation;  worauf  dieselben  zurückzuführen ­
  sind.
wenn  man  das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes  zu  finden
sucht,  muß  der  erste  Schritt  sein,  die  wesentliche  Natur  jener  Unterschiede ­
  zu  bestimmen,  welche  wir  als  Unterschiede  in  der  Zivilisation
bezeichnen.
Daß  die  herrschende  Philosophie,  welche  den  sozialen  Fortschritt
Veränderungen  in  der  Natur  des  Menschen  zuschreibt,  mit  den  historischen ­
  Tatsachen  nicht  übereinstimmt,  haben  wir  schon  gesehen.  Auch
können  wir  bei  genauerer  Betrachtung  sehen,  daß  die  Unterschiede
zwischen  Staaten  auf  verschiedenen  Stufen  der  Zivilisation  nicht  angeborenen ­
  Unterschieden  der  diese  Staaten  ausmachenden  Individuen
zugeschrieben  werden  dürfen.  Daß  natürliche  Unterschiede  vorhanden
sind,  ist  allerdings  richtig,  und  daß  es  etwas  gibt  wie  erbliche  Über-
        <pb n="368" />
        23*

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

tragung  von  Eigentümlichkeiten,  ist  gleichfalls  unzweifelhaft  richtig;
aber  die  großen  Unterschiede  unter  den  Menschen  in  verschiedenen
Gesellschaftszuständen  können  nicht  auf  diese  weise  erklärt  werden
Der  Einfluß  der  Erblichkeit,  den  man  nach  heutiger  Mode  so  hoch  veranschlagt, ­
  ist  nichts  im  vergleich  mit  den  Einflüssen,  welche  den  Menschen
formen,  nachdem  er  in  die  Welt  getreten  ist.  was  wird  mehr  zur  Gewohnheit ­
  als  die  Sprache,  die  nicht  bloß  ein  automatisches  Spiel  der  Muskeln,
sondern  ein  Vermittler  des  Denkens  wird?  was  hat  längere  Dauer
oder  gibt  schneller  die  Nationalität  kund?  Dennoch  werden  wir  mit
keiner  Anlage  für  eine  besondere  Sprache  geboren.  Unsere  Muttersprache ­
  ist  nur  unsere  Muttersprache,  weil  wir  sie  in  der  Kindheit  lernten.
Obgleich  die  Ahnen  eines  Kindes  zahllose  Generationen  hindurch  in
ein  und  derselben  Sprache  gedacht  und  geredet  haben,  wird  dasselbe,
wenn  es  von  Anfang  an  nichts  anderes  hört,  ebenso  leicht  irgendeine
andere  Sprache  lernen.  Und  dasselbe  gilt  von  anderen  nationalen,
lokalen  oder  Klassen-Ligentümlichkeiten.  Sie  sind  Dinge  der  Erziehung
und  Gewohnheit,  nicht  der  Übertragung.  Die  Fälle  von  weißen  Kindern,
die  in  der  Kindheit  von  Indianern  gefangen  und  im  Wigwam  auferzogen
wurden,  zeigen  dies.  Sie  wurden  vollkommene  Indianer.  Und  dasselbe, ­
  glaube  ich,  ist  mit  den  von  Zigeunern  auferzogenen  Kindern
der  Fall.
Daß  dies  nicht  in  gleichem  Maße  der  Fall  ist  mit  Kindern  von
Indianern  oder  anderer  bestimmt  gekennzeichneter  Rassen,  die  von
Weißen  aufgezogen  werden,  liegt  meines  Erachtens  an  dem  Umstande,
daß  sie  nie  ganz  so  wie  weiße  Kinder  behandelt  werden.  Ein  Lehrer
der  einmal  in  einer  Schule  Farbiger  Unterricht  erteilt  hatte,  sprach
sich  gegen  mich  dahin  aus,  daß  die  farbigen  Kinder  bis  zum  Alter  von
zehn  oder  zwölf  Jahren  sogar  gescheiter  seien  und  besser  lernten  als
weiße  Kinder,  später  aber  stumpf  und  nachlässig  würden.  Er  hielt  dies
für  einen  Beweis  angeborener  Inferiorität  der  Rasse,  und  ich  stimmte
dem  damals  bei.  Später  jedoch  hörte  ich  einen  hochgebildeten  schwarzen
Herrn  (Bischof  Hillery)  beiläufig  eine  Bemerkung  machen,  die  mir
die  Sache  hinlänglich  zu  erklären  scheint.  Er  sagte:  „Solange  unsere
Kinder  jung  sind,  sind  sie  völlig  so  hell  wie  weiße  Kinder  und  lernen  ebenso ­
  leicht.  Sobald  sie  jedoch  alt  genug  werden,  um  ihre  gesellschaftliche
Stellung  zu  ermessen,  einzusehen,  daß  man  sie  als  eine  untergeordnete
Kasse  betrachtet,  und  daß  sie  nie  hoffen  dürfen,  etwas  anderes  als  Köche
Kellner  oder  dergleichen  zu  werden,  verlieren  sie  ihren  Ehrgeiz  und
hören  auf,  sich  Mühe  zu  geben."  Er  hätte  noch  hinzufügen  können,
daß,  da  sie  die  Kinder  armer,  ungebildeter  und  anspruchsloser  Eltern
sind,  häusliche  Einflüsse  ungüstig  auf  sie  einwirken.  Denn  ich  glaube,
es  ist  allgemein  zu  beobachten,  daß  in  der  ersten  Erziehung  die  Kinder
unwissender  Eltern  gerade  so  empfänglich  sind  als  die  gebildeter  Eltern,
über  allmählich  gewinnen  in  der  Regel  die  letzteren  einen  Vorsprung
und  werden  die  intelligentesten  Männer  und  Frauen.  Der  Grund  ist
        <pb n="369" />
        556

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

sehr  einfach.  Solange  es  sich  um  die  einfachsten  Dinge  handelt,  welche
sie  nur  in  der  Schule  lernen,  find  sie  auf  gleicher  Stufe,  sobald  ihre  Studien
aber  verwickelter  werden,  hat  dasjenige  Kind,  welches  zu  Hause  an  eine
gute  Aussprache  gewöhnt  wird,  bildende  Unterhaltungen  hört,  zu  Büchern
Zugang  hat,  Fragen  beantwortet  erhalten  kann  usw.,  einen  nicht  zu
unterschätzenden  Vorteil.
Das  Nämliche  kann  man  später  im  Leben  sehen.  Ulan  nehme
einen  Ulann,  der  sich  aus  den  Reihen  der  gewöhnlichen  Arbeiter  selbst
emporgeschwungen  hat,  so  wird  er  in  dem  Maße,  wie  er  mit  Leuten
von  Bildung  und  Stellung  in  Berührung  kommt,  gebildeter  und  verfeinerter ­
  werden.  Man  nehme  zwei  Brüder  an,  Söhne  armer  Eltern,
in  derselben  Familie  und  auf  dieselbe  Weise  erzogen.  Der  eine  wird
zu  einem  harten  Geschäft  angehalten  und  kommt  nie  darüber  hinaus,
sein  täglich  Brot  durch  schwere  Arbeit  verdienen  zu  müssen;  der  andere
fängt  als  Laufbursche  an,  gewinnt  in  anderer  Richtung  einen  Vorsprung
und  wird  schließlich  ein  erfolgreicher  Advokat,  Kaufmann  oder  Politiker.
Mit  vierzig  oder  fünfzig  Jahren  wird  der  Abstand  zwischen  ihnen  auffallend ­
  sein,  und  der  Gedankenlose  wird  denselben  der  größeren  natürlichen ­
  Fähigkeit  zuschreiben,  die  den  einen  in  den  Stand  gesetzt  habe,
dermaßen  voranzukommen.  Aber  ein  geradeso  auffallender  Unterschied
in  Sitten  und  Bildung  wird  zwischen  zwei  Schwestern  ersichtlich  sein,
von  denen  die  eine  einen  Mann  heiratete,  der  arm  blieb,  und  die  ihr
Leben  mit  niederen  Sorgen  und  im  ewigen  Einerlei  verbringen  muß,
während  die  andere  einen  Mann  heiratete,  dessen  spätere  Stellung
sie  in  gebildete  Gesellschaft  bringt  und  ihr  Gelegenheiten  eröffnet,  die
den  Geschmack  verfeinern  und  den  Verstand  entwickeln.  Ebenso  lassen
sich  Verschlechterungen  beobachten.  Daß  „schlechte  Beispiele  gute  Sitten
verderben",  ist  nur  ein  Ausdruck  des  allgemeinen  Gesetzes,  daß  der
menschliche  Lharakter  durch  die  Verhältnisse  und  Umgebungen  außerordentlich ­
  beeinflußt  wird.
Ich  erinnere  mich,  in  einem  brasilianischen  Hafenplatz  einmal
einen  Neger  gesehen  zu  haben,  dessen  Anzug  augenscheinlich  nach  der
neuesten  Mode  sein  sollte,  nur  fehlten  ihm  Schuhe  und  Strümpfe.
Einer  der  Seeleute,  mit  denen  ich  ging  und  der  einige  Fahrten  im
Sklavenhandel  gemacht  hatte,  entwickelte  die  Theorie,  daß  ein  Neger
kein  Mensch  sei,  sondern  eine  Art  Affe,  und  wies  auf  diesen  Neger  als
sichtbaren  Beweis  hin,  indem  er  behauptete,  es  sei  für  einen  Neger
nicht  natürlich,  Schuhe  zu  tragen,  und  im  wilden  Zustande  würde  er
überhaupt  gar  keine  Kleider  tragen.  Später  hörte  ich  aber,  daß  es  dort
als  unpassend  für  Sklaven  betrachtet  wird,  Schuhe  zu  tragen,  gerade  wie
es  in  England  als  unpassend  für  einen  tadellos  gekleideten  Kellner
betrachtet  werden  würde,  Juwelen  zu  tragen,  obwohl  ich  oft  genug
Leute  gesehen  habe,  die  sich  ganz  nach  Belieben  kleiden  konnten  und  doch
ein  ebensowenig  zusammenstimmendes  Bild  zeigten  wie  der  brasilianische ­
  Neger.  Aber  eine  große  Menge  der  als  Beispiele  erblicher  Uber ­
        <pb n="370" />
        Kap.  XL

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

357

tragung  angeführten  Tatsachen  haben  in  Wirklichkeit  nicht  mehr  Gewicht,
als  die  hier  angeführte  Ansicht  unseres  Vorderdeck-Darwinianers
g  Daß  z.  B.  eine  große  Anzahl  von  Verbrechern  und  Almosenempfängern ­
  in  New  pork  nachweislich  bis  drei  oder  vier  Generationen  zurück
von  verarmten  abstammen,  wird  vielfach  als  Beispiel  erblicher  Übertragung ­
  angeführt.  Allein  dies  beweist  nichts  dergleichen,  umsoweniger
als  eine  angemessenere  Erklärung  der  Dinge  näher  liegt.  Bettler  werden
Bettler  ausziehen,  selbst  wenn  die  Rinder  nicht  ihre  eigenen  sind,  gerade
wie  familiäre  Berührung  mit  |t)erbre^^em  aus  Rindern  der  tugendhaftesten ­
  Eltern  Verbrecher  machen  wird  Sich  auf  Almosen  verlassen
lernen,  heißt  notwendig  die^  Selbstachtung  und  Unabhängigkeit  verlieren,
die,  wenn  der  Rampf  hart  ist,  zum  Selbstvertrauen  nötig  sind.  So  wahr
ist  dies,  daß,  wie  allbekannt,  die  Mildtätigkeit  die  Wirkung  hat,  den
Anspruch  aus  dieselbe  zu  erhöhen,  und  es  ist  eine  offene  Frage,  ob  öffentliche ­
  Unterstützungen  und  privatälmosen  deshalb  nicht  viel  mehr  schaden
als  nützen.  Und  dasselbe  ist  es  mit  der  Anlage  der  Rinder,  dieselben
Gefühle,  Neigungen,  Vorurteile  oder  Talente  wie  ihre  Eltern  zu  zeigen.
Sie  saugen  diese  Anlagen  ein,  genau  so  wie  sie  Gewöhnungen  ihres
Umganges  annehmen.  Und  die  Ausnahmen,  wo  Abneigung  oder  Widerwillen ­
  erregt  werden,  bestätigen  nur  die  Regel
Ls  gibt  aber,  glaube  ich,  noch  einen  feineren  Einfluß,  der  oft  dasjenige ­
  erklärt,  was  man  als  Atavismus  betrachtet  —  denselben  Einfluß, ­
  der  dem  jugendlichen  Leser  von  Räubergeschichten  den  Wunsch
eingibt,  ein  Räuber  zu  werden.  Ich  kannte  einmal  einen  Herrn,  in
dessen  Adern  das  Blut  indianischer  Häuptlinge  rann.  Er  pflegte  mir
Geschichten  zu  erzählen,  die  er  von  seinem  Großvater  gelernt  hatte,
und  welche  die  einem  Weißen  schwer  verständlichen  Gewohnheiten  der
Indianer  erläuterten  —  den  mächtigen  aber  geduldigen  Blutdurst  des
Pfadläufers  und  die  Geistesstärke  der  am  Marterpfahl  Stehenden.
Nach  der  Art  und  weise,  wie  er  sich  darüber  aussprach,  bezweifle  ich
keinen  Augenblick,  daß  er,  ein  so  hochgebildeter,  zivilisierter  Mann  er
war,  unter  gewissen  Umständen  Lharakterzüge  gezeigt  haben  würde,
die  man  seinem  indianischen  Blute  zugeschrieben  hätte,  die  aber  in
Wirklichkeit  durch  das  Brüten  seiner  Phantasie  über  die  Taten  seiner
Ahnen  ausreichend  zu  erklären  gewesen  wären*).
In  jedem  großen  Volke  können  wir  zwischen  verschiedenen  Rlassen
und  Gruppen  Unterschiede  gleicher  Art  finden  wie  die,  welche  zwischen
pölkern  bestehen,  die  wir  in  verschiedenem  Grade  zivilisiert  nennen.—
Unterschiede  des  Wissens,  des  Glaubens,  der  Gebräuche,  des  Geschmackes
und  der  Sprache,  die  in  ihren  Extremen  unter  Menschen  der  gleichen
Aasse  und  des  gleichen  Landes  fast  ebenso  große  Verschiedenheiten
*)  Wordsworth  hat  in  hochpoetischer  Form  auf  diesen  Einfluß  hingedeutet:  „Die
rostenden  Harnische  seiner  Hallen  rufen  das  Blut  der  Llifford  an;  unterwirf'  die  Schotten,
wahnt  die  Lanze;  trag'  mich  ins  Herz  des  Frankenreiches  ist  das  Sehnen  des  Schildes."
        <pb n="371" />
        358

Buch  X.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

zeigen  wie  zwischen  zivilisierten  und  wilden  Völkern,  wie  alle  Stadien
der  sozialen  Entwicklung,  vorn  Steinzeitalter  aufwärts,  noch  jetzt  bei
Völkern  der  Gegenwart  zu  finden  sind,  so  finden  sich  auch  in  ein  und
demselben  Lande,  ja  in  ein  und  derselben  Stadt  nebeneinander  Gruppen,
welche  ähnliche  Verschiedenheiten  zeigen.  In  Ländern  wie  England
und  Deutschland  sprechen  Rinder  der  gleichen  Rasse,  am  gleichen  Orte
geboren  und  erzogen,  die  Sprache  verschieden,  haben  verschiedenen
Glauben,  folgen  verschiedenen  Sitten  und  zeigen  verschiedenen  Geschmack;
und  selbst  in  einem  Lande  wie  die  Vereinigten  Staaten  können  Unterschiede ­
  gleicher  Art,  wenn  auch  nicht  gleichen  Grades,  zwischen  verschiedenen ­
  Rreisen  und  Gruppen  gefunden  werden.
Diese  Unterschiede  sind  aber  sicher  nicht  angeboren.  Rein  Säugling
wird  als  Methodist  oder  Ratholik  oder  mit  einer  Anlage  zum  bjoch-  oder
jAattsprechen  geboren.  Alle  diese  Unterschiede,  welche  verschiedene
Gruppen  und  Rreise  auszeichnen,  rühren  von  der  engeren  Gemeinschaft
in  diesen  Rreisen  her.
Die  Ianitscharen  wurden  aus  Jünglingen  gebildet,  die  man  im
frühen  Alter  christlichen  Eltern  entrissen  hatte,  aber  nichtsdestoweniger
waren  sie  fanatische  Muselmänner  und  nichtsdestoweniger  zeigten  sie
alle  türkischen  Lharakterzüge;  die  Jesuiten  und  andere  Orden  zeigen
einen  bestimmten  Lharakter,  aber  derselbe  ist  sicher  nicht  durch  erbliche
Übertragungen  verewigt;  und  selbst  solche  Verbindungen  wie  Schulen
und  Regimenter,  deren  Bestandteile  nur  kurze  Zeit  beieinander  bleiben
und  fortwährend  wechseln,  zeigen  allgemeine  Merkmale,  die  das  Ergebnis
geistiger,  durch  die  enge  Gemeinschaft  fortgepflanzter  Eindrücke  sind.
Es  ist  diese  Gesamtheit  von  Überlieferungen,  Glauben,  Sitten,  Gesetzen,
Gewohnheiten  und  Gemeinschaften,  wie  sie  in  jedem  Volke  entstehen
und  jeden  einzelnen  umgeben  —diese  „superorganische  ^Umgebung",  wie
Herbert  Spencer  es  nennt  —,  was  nach  meinem  Dafürhalten  den
Nationalcharakter  hauptsächlich  bestimmt.  Viel  mehr  als  erbliche  Übertragung ­
  ist  es  dies,  was  den  Engländer  vom  Franzosen,  den  Deutschen
vom  Italiener,  den  Amerikaner  vom  Lhinesen  und  den  zivilisierten
Menschen  vom  wilden  unterscheidet.  Dies  ist  die  Art  und  weise,  auf
welche  nationale  Lharakterzüge  erhalten,  ausgedehnt  oder  verändert
werden.
Die  erbliche  Übertragung  kann  innerhalb  gewisser  Grenzen  (oder
wenn  man  lieber  will,  an  sich  ohne  Grenzen)  Eigenschaften  entwickeln
oder  ändern;  allein  dies  ist  mit  den  körperlichen  Eigenschaften  des
Menschen  weit  mehr  als  mit  den  geistigen,  und  mit  den  Tieren  weit
mehr  der  Fall  als  mit  den  körperlichen  Eigenschaften  des  Menschen-Folgerungen
  aus  der  Züchtung  von  Tauben  oder  Rindern  werden  aus
einem  klaren  Grunde  nicht  auf  den  Menschen  passen.  Das  Leben  des
Menschen,  selbst  in  seinem  rohesten  Zustande,  ist  unendlich  verwickelter.
Er  ist  beständig  durch  eine  unendlich  größere  Anzahl  von  Einflüssen
bewegt  unter  welchen  der  relative  Einfluß  der  Erblichkeit  immer  geringer
        <pb n="372" />
        Aap.  II.

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

359

wird.  Ein  Menschenstamm  mit  keiner  größeren  geistigen  Tätigkeit
als  die  Tiere  —ein  Stamm  von  Menschen,  die  nur  essen,  trinken,  schlafen
und  sich  fortpflanzen  —  dürfte,  wie  ich  nicht  bezweifle,  durch  sorgfältige
Behandlung  und  Zuchtwahl  im  verlaufe  der  Zeit  an  körperlicher  Gestalt ­
  und  Eigentümlichkeit  ebenso  große  Verschiedenheiten  zeigen,  wie
ähnliche  Mittel  dies  bei  den  Haustieren  bewirkt  haben.  Aber  es  gibt
keine  solche  Menschen;  und  bei  den  Menschen,  wie  sie  sind,  würden  geistige
Einflüsse,  durch  den  Geist  auf  den  Körper  einwirkend,  beständig  den
Prozeß  unterbrechen.  Man  kann  einen  Menschen,  dessen  Geist  angespannt ­
  ist,  nicht  fett  machen,  wenn  man  ihn  einsperrt  und  füttert,
wie  man  ein  Schwein  füttert.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  sind  die
Menschen  länger  auf  der  Erde  als  viele  Arten  der  Tiere.  Sie  sind  voneinander ­
  getrennt  gewesen  unter  Verschiedenheiten  des  Klimas,  die
bei  den  Tieren  die  gewaltigsten  Unterschiede  hervorbringen,  und  doch
sind  die  körperlichen  Unterschiede  zwischen  den  verschiedenen  Menschenrassen ­
  kaum  größer  als  der  zwischen  weißen  und  schwarzen  Pferden,
sicherlich  nicht  entfernt  so  groß  als  zwischen  funden  der  verschiedenen
Abarten,  wie  z.  B.  den  verschiedenen  Arten  von  Dachs-  und  Hühnerhunden. ­
  Und  selbst  die  körperlichen  Verschiedenheiten  zwischen  den  Menschenrassen ­
  wurden,  wie  diejenigen  behaupten,  welche  sie  durch  natürliche
Zuchtwahl  und  erbliche  Übertragung  erklären,  zu  einer  Zeit  hervorgebracht, ­
  wo  der  Mensch  dem  Tiere  viel  näher  stand,  d.  h.  als  er  weniger
Geist  hatte.
)st  dies  aber  mit  der  körperlichen  Verfassung  des  Menschen  der
Fall,  in  wieviel  höherem  Grade  ist  es  der  Fall  mit  seiner  geistigen  Verfassung? ­
  Unsere  körperlichen  Bestandteile  bringen  wir  sämtlich  mit  auf
die  Welt;  jedoch  der  Geist  entwickelt  sich  später.
In  der  Entwicklung  aller  Organismen  gibt  es  ein  Stadium,  in
welchem  man,  ohne  die  Entstehung  anderweitig  zu  kennen,  nicht  sagen
kann,  ob  das  im  werden  begriffene  Tier  einen  Fisch,  ein  Reptil,  einen
Affen  oder  einen  Menschen  geben  wird.  Und  so  ist  es  auch  mit  dem
neugeborenen  Kinde;  ob  der  Geist,  welcher  erst  zum  Bewußtsein  und  zur
Kraft  erweckt  werden  soll,  englisch  oder  deutsch,  amerikanisch  oder  chinesisch, ­
  der  Geist  eines  zivilisierten  Menschen  oder  eines  wilden  werden
wird,  hängt  lediglich  von  der  sozialen  Umgebung  ab,  in  die  er  gestellt  wird.
Man  nehme  eine  Anzahl  Kinder  höchstzivilisierter  Eltern  und  bringe
sie  nach  einem  unbewohnten  Tande.  Angenommen,  sie  werden  auf
eine  wunderbare  weise  erhalten  bis  sie  das  Alter  erreichen,  um  selbst
für  sich  sorgen  zu  können,  was  würde  man  finden?  hilflosere  wilde  als
alle,  die  wir  kennen.  Sie  würden  das  Feuer  zu  entdecken,  die  ursprünglichsten ­
  Waffen  und  Werkzeuge  zu  erfinden,  sich  eine  Sprache  zu  bilden
haben.  Kurz,  sie  würden  den  weg  zu  den  einfachsten  Kenntnissen,
welche  die  niedrigsten  Rassen  jetzt  besitzen,  geradeso  strauchelnd  zu  suchen
haben,  wie  ein  Kind  laufen  lernt.  Daß  sie  mit  der  Zeit  alle  diese  Dinge
Eun  würden,  bezweifle  ich  nicht  im  mindesten,  denn  alle  diese  Fähigkeiten
        <pb n="373" />
        360

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

sind  inr  inenschlichen  Geiste  ebenso  latent,  wie  die  Gabe  des  Laufens
inr  nrenschlichen  Körper,  aber  ich  glaube  nicht,  daß  sie  sie  besser  oder
schlechter,  schneller  oder  langsamer  machen  würden  als  die  in  gleiche
Lage  versetzten  Kinder  von  Wilden.  Es  seien  die  allerhöchsten  geistigen
Fähigkeiten  gegeben,  welche  außerordentliche  Menschen  je  entfaltet
haben,  aber  was  würde  aus  der  Menschheit  geworden  sein,  wenn  eine
Generation  von  der  nächsten  durch  einen  Zeitraum  getrennt  wäre,  wie
die  nur  alle  s?  Jahre  erscheinenden  Heuschrecken?  Ein  solcher  Zwischenraum ­
  würde  die  Menschheit  nicht  bloß  zur  Wildheit,  sondern  auf  einen
Zustand  zurückführen,  im  Vergleich  zu  welchem  die  Wildheit,  wie  wir
sie  kennen,  als  Zivilisation  erscheinen  würde.
Umgekehrt  nehme  man  an,  daß  eine  Anzahl  Kinder  von  wilden
ohne  Vorwissen  der  Mütter  (denn  auch  dies  wäre  nötig,  um  das  Experiment ­
  einwandfrei  zu  machen)  mit  ebenso  vielen  Kindern  Zivilisierter
vertauscht  würde,  können  wir  annehmen,  daß  sie  beim  Aufwachsen
irgendeinen  Unterschied  zeigen  würden?  Ich  glaube,  niemand,  der  viel
mit  verschiedenen  Völkern  und  Klassen  zu  tun  gehabt  hat,  wird  dies
annehmen.  Die  große  Lehre,  die  daraus  zu  ziehen  ist,  besagt,  daß  „die
menschliche  Natur  über  die  ganze  Erde  gleich  ist".  Und  diese  Lehre  ist
auch  aus  Büchern  zu  schöpfen.  Ich  rede  nicht  sowohl  von  den  Berichten
der  Reisenden,  denn  die  Schilderungen  der  Wilden  durch  die  zivilisierten
Leute,  welche  Bücher  schreiben,  sind  sehr  oft  derartige,  wie  sie  die  Wilden
von  uns  machen  würden,  falls  sie  im  Fluge  zu  uns  kämen  und  dann
Bücher  schrieben;  sondern  ich  rede  von  jenen  Denkmalen  des  Lebens
und  Denkens  anderer  Zeiten  und  anderer  Völker,  die,  in  unsere  heutige
Sprache  übertragen,  gleichsam  Schimmer  unseres  eigenen  Lebens
und  Strahlen  unseres  eigenen  Denkens  sind.  Das  Gefühl,  welches
sie  einflößen,  ist  das  der  wesentlichen  Gleichartigkeit  der  Menschen.
„Dies",  sagt  Lmanuel  Deutsch,  „ist  das  Ende  aller  Forschung  in  Geschichte ­
  und  Kunst.  Sie  waren  geradeso,  wie  wir  sind."
Es  gibt  ein  Volk,  das  in  allen  Teilen  der  Welt  zu  finden  ist  und
das  ein  gutes  Beispiel  dafür  liefert,  welche  Eigentümlichkeiten  der
erblichen  Übertragung  und  welche  der  Übertragung  durch  Assoziation
zuzuschreiben  sind.  Die  Juden  haben  die  Reinheit  ihres  Blutes  ängstlicher
und  viel  länger  bewahrt  als  irgendeine  der  europäischen  Rassen,  dennoch
möchte  ich  glauben,  daß  das  einzige  darauf  zurückzuführende  Merkmal
dasjenige  der  Physiognomie  ist,  und  selbst  dies  ist  in  Wirklichkeit  viel
weniger  ausgeprägt,  als  man  gewöhnlich  annimmt,  wie  jeder,  der  sich
die  Mühe  geben  will,  selbst  beobachten  kann.  Obgleich  sie  beständig
unter  sich  geheiratet  haben,  sind  die  Juden  doch  überall  durch  ihre  Umgebung ­
  beeinflußt  worden  —  die  englischen,  russischen,  polnischen,
deutschen  und  orientalischen  Juden  weichen  in  vielen  Beziehungen
voneinander  ebensosehr  ab  wie  die  Völker  dieser  Länder  selbst.
Dennoch  haben  sie  viel  miteinander  gemein  und  haben  überall  ihre
Individualität  bewahrt.  Die  Ursache  ist  klar.  Es  ist  die  hebräische  Religion
        <pb n="374" />
        Kap.  II.

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

36?

—  und  sicher  wird  die  Religion  nicht  durch  Zeugung,  sondern  durch
Assoziation  übertragen  —  die  überall  die  Eigentümlichkeit  der  hebräischen
Rasse  erhalten  hat.  Diese  Religion,  welche  auf  die  Rinder  kommt,  nicht
wie  ihre  physischen  Merkmale,  sondern  durch  Lehre  und  Gemeinschaft,
ist  nicht  bloß  in  ihren  Lehren  exklusiv,  sondern  hat  durch  Erzeugung
von  Argwohn  und  Haß  einen  mächtigen  äußeren  Druck  hervorgerufen,
der  noch  mehr  als  ihre  Vorschriften  aus  den  Juden  überall  einen  Staat
im  Staate  gemacht  hat.  So  waren  gewissermaßen  Mauern  um  sie  aufgebaut, ­
  innerhalb  deren  sich  ein  eigentümlicher  Charakter  entwickelte.
Das  jüdische  Unter-Sich-Heiraten  war  die  Wirkung,  nicht  die  Ursache
davon,  was  die  Verfolgung,  die  fast  soweit  ging,  jüdische  Rinder  ihren
Eltern  fortzunehmen  und  sie  außerhalb  ihrer  eigentlichen  Umgebung
zu  erziehen,  nicht  vollbringen  konnte,  wird  durch  die  verminderte  Stärke
des  religiösen  Glaubens  vollbracht  werden,  wie  dies  in  den  vereinigten
Staaten  schon  bemerkbar  ist,  wo  der  Unterschied  zwischen  Juden  und
Heiden  zusehends  verschwindet.
Es  scheint  mir  auch,  daß  der  Einfluß  dieses  sozialen  Netzes  oder
dieser  Umgebung  den  Umstand  erklärt,  der  so  oft  als  Beweis  von  Rasseunterschieden ­
  angesehen  wird  —  nämlich  den  Widerstand,  den  weniger
zivilisierte  Rassen  der  Annahme  höherer  Zivilisation  leisten,  und  die
Art  und  weise,  in  welcher  einige  dieser  Rassen  vor  der  Zivilisation  sozusagen ­
  wegschmelzen.  Genau  so  lange  wie  eine  einzige  soziale  Umgebung ­
  fortdauert,  macht  sie  es  auch  den  ihr  Unterworfenen  schwer  oder
unmöglich,  eine  andere  anzunehmen.
Der  chinesische  Charakter  ist  so  stabil  wir  irgendeiner.  Dennoch
eignen  sich  die  Chinesen  in  Ralifornien  amerikanische  Arbeits-  und
Handelsmethoden,  den  Gebrauch  von  Maschinen  usw.  mit  einer  Leichtigkeit ­
  an,  die  beweist,  daß  sie  keiner  Biegsamkeit  oder  natürlichen  Fähigkeit
ermangeln.  Daß  sie  sich  in  anderer  Beziehung  nicht  ändern,  liegt  an
der  chinesischen  Umgebung,  die  noch  fortdauert  und  sie  noch  umgibt,
lvenn  sie  von  China  kommen,  so  beabsichtigen  sie  dahin  zurückzukehren,
und  während  ihres  Aufenthaltes  in  Amerika  leben  sie  wie  in  einem
kleinen  China,  gerade  wie  die  Engländer  in  Indien  ein  kleines  England
behalten.  Nicht  bloß,  daß  wir  naturgemäß  Verkehr  mit  denen  suchen,
die  unsere  Eigenart  teilen  und  daß  so  Sprache,  Religion  und  Sitten  sich
erhalten,  wo  einzelne  sich  nicht  gänzlich  isolieren;  sondern  diese  Unterschiede ­
  rufen  auch  einen  äußeren  Druck  hervor,  der  zu  einer  derartigen
Assoziation  zwingt.
Diese  einleuchtenden  Gründe  erklären  vollständig  alle  die  Erscheinungen, ­
  welche  bei  dem  Aufeinandertreffen  einer  Rultur  und  einer
anderen  zutage  treten,  ohne  daß  man  zu  der  Theorie  der  eingewurzelten
Unterschiede  zu  greifen  braucht,  wie  die  vergleichende  Sprachwissenschaft ­
  bewiesen  hat,  ist  z.  B.  der  Hindu  von  gleicher  Rasse  wie  sein  englischer ­
  Eroberer,  und  die  Beispiele  einzelner  haben  sattsam  bewiesen,  daß,
wenn  er  vollständig  und  ausschließlich  in  englische  Umgebung  versetzt
        <pb n="375" />
        ■362  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  Buch  X.

werden  könnte  (was,  wie  gesagt,  vollständig  nur  zu  erreichen  wäre,  wenn
man  Rinder  in  der  weise  in  englische  Familien  verpflanzte,  daß  weder
sie  noch  ihre  Umgebung  sich  eines  Unterschiedes  bewußt  wären),  eine
Generation  völlig  genügen  würde,  um  ihm  ganz  und  gar  europäische
Zivilisation  einzuimpfen.  Der  Fortschritt  englischer  Denkweise  und
Litte  muß  dagegen  in  Indien  notwendig  sehr  langsam  sein,  weil  sie
dort  auf  das  Gewebe  von  Denken  und  Litten  stoßen,  welches  durch  eine
ungeheure  Bevölkerung  beständig  fortgepflanzt  und  mit  allen  Handlungen ­
  des  Lebens  verwoben  wird.
Bagehot  („Physics  and  Politics“)  sucht  den  Grund,  warum  die
Barbaren  vor  unserer  Zivilisation  hinschwinden,  während  sie  es  vor
derjenigen  der  Alten  nicht  taten,  durch  die  Annahme  zu  erklären,  daß
der  Fortschritt  der  Zivilisation  uns  zähere  physische  Konstitutionen  verliehen ­
  habe.  Nachdem  er  erwähnt  hat,  daß  in  keinem  klassischen  Schriftsteller ­
  ein  Bedauern  um  die  Barbaren  ausgesprochen  werde,  sondern
daß  der  Barbar  überall  die  Berührung  mit  dem  Römer  aushielt  und
der  Römer  sich  mit  dem  Barbaren  verband,  sagt  er  (5.  47—48):
„Wilde  im  ersten  Jahr  der  christlichen  Zeitrechnung  waren  ungefähr  das,  was
sie  im  achtzehnten  Jahrhundert  waren,  und  wenn  sie  die  Berührung  mit  den  zivilisierten ­
  Völkern  des  Altertums  ertrugen,  dagegen  die  mit  uns  nicht  aushalten,  so  folgt
daraus,  daß  vermutlich  unsere  Rasse  zäher  ist  als  die  des  Altertums,  denn  wir  haben
die  Aeime  schwererer  Krankheiten  zu  ertragen  als  die  Alten  sie  mit  sich  führten,  und
ertragen  sie.  Wir  können  vielleicht  den  unveränderlichen  Wilden  als  einen  Maßstab
benutzen,  um  daran  die  Stärke  der  Konstitution  zu  messen,  deren  Berührung  er  ausgesetzt ­
  wird."
Bagehot  versucht  nicht  zu  erklären,  wie  es  kommt,  daß  vor  1.800
Jahren  die  Zivilisation  nicht  denselben  relativen  Vorteil  über  die  Barbarei ­
  verlieh  wie  jetzt.  Doch  es  ist  unnütz,  davon  zu  reden  oder  den  Mangel
an  jedem  Beweise  hervorzuheben,  daß  die  menschliche  Konstitution
sich  auch  nur  um  einen  Deut  verbessert  habe.  Jedem,  der  gesehen  hat
wie  die  Berührung  unserer  Zivilisation  die  niedrigeren  Rassen  beeinflußt, ­
  wird  sich  eine  näher  liegende,  aber  freilich  weniger  schmeichelhafte
Erklärung  aufdrängen.
Nicht  weil  unsere  Konstitutionen  von  Natur  zäher  wären  als  die
des  wilden,  sind  Krankheiten,  die  für  uns  verhältnismäßig  unschädlich
sind,  der  sichere  Tod  für  ihn,  sondern  weil  wir  diese  Krankheiten  kennen
und  Heilmittel  dagegen  haben,  während  er  sowohl  der  Kenntnis,  wie  der
-Heilmittel  bar  ist.  Die  nämlichen  Leuchen,  welche  der  Abschaum  und
das  vordertreffen  der  Zivilisation  den  wilden  einimpft,  würden  sich  für
zivilisierte  Menschen  ebenso  verheerend  beweisen,  wenn  sie  nichts  anderes
zu  tun  wüßten,  als  denselben  ihrenLauf  zu  lassen,  wie  es  derwilde  in  seiner
Unwissenheit  tun  muß;  und  tatsächlich  waren  sie  bei  uns  ebenso  verheerend,
bis  wir  entdeckten,  wie  sie  zu  behandeln  sind.  Überdies  ist  es  die  Wirkung
des  Aufeinandertreffens  der  Zivilisation  mit  der  Barbarei,  die  Kräfte
^. es ,  P?^ eTl  3 U  schwächen,  ohne  ihn  in  die  Lage  zu  versetzen,  welche  dein
zivilisierten  Menschen  Macht  verleiht,  während  seine  Litten  und  Ge ­
        <pb n="376" />
        Aap.  II.

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

363

brauche  noch  fortzudauern  streben  und,  soweit  es  geht,  wirklich  fortdauern,
werden  die  Verhältnisse,  denen  sie  sich  anschmiegten,  gewaltsam  verändert. ­
  Er  ist  ein  Jäger  in  einem  Land  ohne  wild,  ein  seiner  Waffen
beraubter  Krieger,  der  mit  den  Kniffen  der  Gesetze  hantieren  soll.  Er
ist  nicht  nur  zwischen  verschiedene  Kulturen  gestellt,  sondern,  wie  es
Bagehot  von  den  Europäern  gemischter  Abstammung  in  Indien  sagt,
zwischen  verschiedene  Sittengesetze  gestellt  und  lernt  die  Laster  der  Zivilisation ­
  ohne  ihre  Tugenden.  Er  verliert  seine  gewohnten  Unterhaltsmittel, ­
  er  verliert  die  Selbstachtung,  er  verliert  die  Moralität;  er  verkommt
und  stirbt  dahin.  Die  elenden  Geschöpfe,  welche  man  in  den  Städten
oder  auf  den  Eisenbahnstationen  der  Grenze  herumlungern  sieht,  bereit
zu  betteln,  zu  stehlen  oder  sich  zu  einem  noch  niederträchtigeren  Geschäft
anzubieten,  sind  keine  rechten  Muster  des  Indianers,  ehe  der  Weiße
auf  seinen  Iagdgründen  vordrang.  Sie  haben  die  Kraft  und  Tugenden
ihres  früheren  Zustandes  verloren,  ohne  diejenigen  eines  höheren  dafür
wiederzugewinnen.  In  der  Tat  zeigt  die  Zivilisation,  welche  die  Rothäute
vertreibt,  keine  Tugenden.  Für  den  Angelsachsen  der  Grenze  hat  der
Eingeborene  in  der  Regel  keine  Rechte,  die  der  weiße  Mann  zu  achten
verpflichtet  wäre.  Er  wird  arm  gemacht,  mißverstanden,  betrogen  und
mißhandelt.  Er  stirbt  aus,  wie  unter  gleichen  Verhältnissen  auch  wir
aussterben  würden.  Er  verschwindet  vor  der  Zivilisation,  wie  der  romanisierte
  Brite  vor  der  sächsischen  Barbarei  verschwand.
Der  wahre  Grund,  warum  in  keinem  klassischen  Schriftsteller  ein
Bedauern  um  den  Barbaren  ausgesprochen  wird,  sondern  wärmn  die
römische  Zivilisation  ihn  eher  assimilierte  als  vernichtete,  liegt  meines
Erachtens  nicht  bloß  darin,  daß  die  Zivilisation  der  Alten  der  Barbarei,
aus  die  sie  stieß,  viel  näher  stand,  sondern  in  dem  noch  wichtigeren  Umstande, ­
  daß  sie  nicht  in  der  weise  ausgebreitet  wurde,  wie  die  unsrige.
Nicht  durch  eine  vorrückende  Linie  von  Kolonisten  wurde  sie  vorwärts
gerückt,  sondern  durch  Eroberung,  welche  die  neud  Provinz  bloß  unterwarf, ­
  aber  die  soziale  und  gewöhnlich  auch  die  politische  Verfassung  des
Volkes  großenteils  bestehen  ließ,  so  daß  der  Assimilationsprozeß  ohne
Erschütterung  oder  Verschlechterung  vor  sich  ging.  In  ziemlich  ähnlicher
Weise  scheint  die  Zivilisation  Japans  sich  jetzt  der  europäischen  Zivilisation ­
  zu  assimilieren.
In  Amerika  hat  der  Angelsachse  den  Indianer  ausgerottet,  anstatt
ihn  zu  zivilisieren,  einfach  weil  er  den  Eingeborenen  nicht  zu  sich  heraufgezogen ­
  hat  und  weil  die  Berührung  nicht  in  einer  weise  erfolgte,  daß
die  Denkgewohnheiten  und  Sitten  des  Indianers  sich  schnell  genug
hätten  ändern  können,  um  sich  in  die  neue  Läge,  in  welche  er  durch  die
Nähe  unbekannter  und  mächtiger  Nachbarn  versetzt  wurde,  zu  finden.
Daß  kein  angeborenes  Hindernis  gegen  die  Aufnahme  unserer  Zivilisation ­
  seitens  dieser  unzivilisierten  Rassen  vorhanden  ist,  haben  individuelle ­
  Fälle  immer  und  immer  wieder  dargelegt.  Und  ebenso  ist  dies,
soweit  man  die  Experimente  gehen  ließ,  durch  die  Jesuiten  in  Paraguay,
        <pb n="377" />
        Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes,

Buch  X.

364

die  Franziskaner  in  Kalifornien  und  die  protestantischen  Missionäre
einiger  Inseln  des  Stillen  Gzeans  bewiesen  worden.
Die  Annahme  eine  physischen  Rassenvervollkommnung  innerhalb
einer  §d1,  von  der  wir  Kenntnis  haben,  ist  durch  nichts  verbürgt  und
innerhalb  der  Zeit,  von  der  Bagehot  spricht,  geradezu  widerlegt.  Wir
wissen  durch  die  klassischen  Statuen,  aus  den  von  den  Kriegern  des
Altertums  getragenen  Lasten  und  gemachten  Märschen,  aus  den  Berichten ­
  von  wettläufen  und  gymnastischen  Festen,  daß  die  Rasse  sich  seit
zweitausend  Jahren  weder  an  Gestalt  noch  an  Stärke  vervollkommnet
hat.  Die  Annahme  geistiger  Vervollkommnung,  die  sogar  noch  zuversichtlicher ­
  und  häufiger  gehegt  wird,  ist  noch  abgeschmackter.  Kann
die  moderne  Zivilisation  in  Dichtkunst,  Malerei,  Architektur,  Philosophie
Redekunst,  in  der  Politik  oder  Kriegskunst  Männer  von  größerer  geistiger
Kraft  ausweisen  als  die  Alten?  Ls  ist  unnütz,  Namen  anzuführen  —
jeder  Schulknabe  kennt  sie.  Um  Muster  und  Personifikationen  geistiger
Kraft  anzuführen,  gehen  wir  auf  die  Alten  zurück.  Und  wenn  wir  uns
einen  Augenblick  die  Möglichkeit  denken  können,  die  von  dem  ältesten
und  weitverbreitetsten  Glauben  angenommen  wurde  —jenem  Glauben,
dem  Lessing  wegen  seines  Alters  und  seiner  Verbreitung  die  größte
Wahrscheinlichkeit  der  Wahrheit  zusprach,  dem  er  jedoch  aus  metaphysischen ­
  Gründen  anhing  —  die  Möglichkeit,  daß  Homer  oder  Virgil,
Demosthenes  oder  Licero,  Alexander,  Hannibal  oder  Läsar,  Plato  oder
Lucretius  oder  Aristoteles  im  neunzehnten  Jahrhundert  noch  einmal
unter  die  Lebenden  versetzt  würden,  können  wir  da  wähnen,  daß  sie
sich  den  Männern  der  Jetztzeit  untergeordnet  zeigen  würden?  Oder
wenn  wir  irgendeine,  selbst  die  dunkelste  Zeit  seit  dem  klassischen  Altertum, ­
  oder  irgendeine  noch  frühere  Zeit  nehmen,  von  der  wir  etwas
wissen,  finden  wir  nicht  stets  Männer,  die  nach  den  Verhältnissen  und
dem  Grade  des  Wissens  ihrer  Zeit  geradeso  hohe  geistige  Kraft  zeigten,
wie  die  unserer  Tage?  Und  stoßen  wir  nicht  auch  heutzutage,  wenn
unsere  Aufmerksamkeit  auf  die  weniger  vorgeschrittenen  Rassen  gelenkt
wird,  unter  denselben  auf  Männer,  die  nach  ihren  Verhältnissen  ebenso
große  geistige  Eigenschaften  aufweisen,  als  sie  die  Zivilisation  nur  zeigen
kann?  Bewies  die  Erfindung  der  Eisenbahn  zu  ihrer  Zeit  größere  Erfindungskraft, ­
  als  die  Erfindung  des  Schiebkarrens,  als  es  noch  keine
gab?  wir  Kinder  der  modernen  Zivilisation  stehen  weit  höher  als  unsere
Vorfahren  und  als  die  weniger  vorgeschrittenen  zeitgenössischen  Rassen.
Aber  nur  weil  wir  aus  einer  Pyramide  stehen,  nicht  weil  wir  größer  sind,
was  die  Jahrhunderte  für  uns  getan  haben,  besteht  nicht  darin,  daß  sie
unsere  Statur  erhöhten,  sondern  darin,  daß  sie  einen  Bau  aufführten,
auf  den  wir  unseren  Fuß  stellen  können.
Um  es  zu  wiederholen:  Ich  will  keineswegs  sagen,  daß  alle  Menschen
die  gleichen  Fähigkeiten  besitzen  oder  geistig  gleich  sind,  sowenig  wie  ich
sagen  will,  daß  sie  physisch  gleich  sind.  Unter  all  den  zahllosen  Millionen,
die  aus  diese  Erde  gekommen  und  wieder  gegangen  sind,  waren  wahr ­
        <pb n="378" />
        Uap.  III.

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

365

scheinlich  nie  zwei  Menschen,  die  sich  geistig  oder  körperlich  vollkommen
gleich  gewesen  wären.  Auch  will  ich  nicht  sagen,  daß  es  nicht  geradeso
klar  ausgeprägte  Rassenunterschiede  in  geistiger  Beziehung  gäbe,  als  es
klar  ausgeprägte  Rassenunterschiede  in  körperlicher  Beziehung  gibt.
Ich  leugne  keineswegs  den  Einfluß  der  Erblichkeit  in  der  Übertragung
geistiger  Eigentümlichkeiten  auf  dieselbe  weise  und  möglicherweise  in
demselben  Grade,  wie  körperliche  Eigentümlichkeiten  vererbt  werden.
Nichtsdestoweniger  aber  gibt  es  meines  Erachtens  ein  gemeinsames
Niveau  und  eine  natürliche  Symmetrie  des  Geistes  wie  des  Körpers,
nach  welchen  alle  Abweichungen  zurückzukehren  streben.  Die  Verhältnisse, ­
  in  die  wir  gestellt  sind,  können  solche  Entstellungen  herbeiführen,
wie  sie  die  Flatheads  dadurch  hervorbringen,  daß  sie  die  Köpfe  ihrer
Kinder  zusammendrücken,  oder  die  Ehinesen  dadurch,  daß  sie  ihrer  Töchter
Füße  einzwängen.  Aber  wie  die  Neugeborenen  der  Flatheads  mit
natürlich  gestalteten  Köpfen  und  die  der  Ehinesen  mit  nnverkrüppelten
Füßen  auf  die  Welt  zu  kommen  fortfahren,  so  scheint  die  Natur  immer
wieder  zu  dem  normalen  geistigen  Typus  zurückzukehren.  Lin  Kind
erbt  ebensowenig  seines  Vaters  wissen,  wie  es  dessen  Glasauge  oder
künstliches  Bein  erbt;  das  Kind  der  unwissendsten  Eltern  kann  ein  Pionier
der  Wissenschaft  oder  ein  Führer  des  Denkens  werden.
Aber  die  Hauptsache,  mit  der  wir  es  zu  tun  haben,  ist  die,  daß
die  Unterschiede  zwischen  den  Bevölkerungen  räumlich  und  zeitlich  verschiedener ­
  Länder,  die  wir  Unterschiede  der  Zivilisation  nennen,  keine
Unterschiede  sind,  die  den  Individuen,  sondern  Unterschiede,  die  der
Gesellschaft  anhaften;  daß  diese  Unterschiede  sich  nicht,  wie  Herbert
Spencer  behauptet,  aus  Unterschieden  der  einzelnen  ergeben,  sondern
aus  den  Bedingungen  hervorgehen,  unter  welche  diese  einzelnen  in
der  Gesellschaft  gesetzt  sind.  Kurz,  die  Erklärung  der  Unterschiede,  welche
die  Volksgemeinschaften  kennzeichnen,  scheint  mir  die  zu  sein:  daß
jede  Gesellschaft,  klein  oder  groß,  sich  unvermeidlich  ein  Gewebe  von
Wissen,  Glauben,  Sitten,  Sprache,  Neigungen,  Einrichtungen  und
Gesetzen  webt.  In  dies  von  jeder  Gesellschaft  gefertigte  Gewebe  (oder
vielmehr  in  diese  Gewebe,  denn  jedes  über  die  niedrigste  Stufe  bereits
hinausgekommene  Gemeinwesen  ist  aus  kleineren  Gesellschaften  zusammengesetzt, ­
  die  ineinander  übergreifen  und  miteinander  verflochten
sind)  wird  das  Individuum  bei  der  Geburt  aufgenommen  und  verharrt
bis  zum  Tode  darin.  Dies  ist  die  Matrize,  in  der  der  Geist  sich  entfaltet
und  von  der  er  seinen  Stempel  erhält.  Dies  ist  die  Art  und  Weise,  wie
die  Sitten,  Religionen,  Vorurteile,  Geschmacksrichtungen  und  Sprachen
entstehen  und  sich  fortpflanzen.  Dies  ist  die  Art  und  weise,  wie  die
Geschicklichkeit  übertragen  und  das  wissen  aufgespeichert  wird  und  wie
die  Entdeckungen  einer  Zeit  den  gemeinschaftlichen  Vorrat  und  die  bequeme ­
  Schwelle  der  nächsten  bilden.  Obwohl  dies  oft  dem  Fortschritte
die  ernsthaftesten  Hindernisse  bereitet,  so  macht  es  doch  andererseits
auch  den  Fortschritt  möglich.  Es  fetzt  den  heutigen  Schulbuben  in  den
        <pb n="379" />
        366  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  Buch  X_

Stand,  in  wenigen  Stunden  mehr  vorn  Weltall  zu  erfahren  als  ptolernäus
  davon  wußte;  es  stellt  den  denkfaulsten  Gelehrten  weit  über  das
von  dem  Riesengeiste  eines  Aristoteles  erreichte  Niveau.  Ls  ist  für  die
Rasse,  was  das  Gedächtnis  für  den  einzelnen  ist.  Unsere  staunenswerten
Künste,  unsere  weitreichende  Wissenschaft,  unsere  wunderbaren  Erfindungen ­
  —  dadurch  sind  sie  ermöglicht  worden.
Der  menschliche  Fortschritt  geht  in  derselben  Weise  vor  sich,  wie
die  Fortschritte,  die  von  einer  Generation  gemacht  und  als  Gemeingut
der  nächsten  vererbt  werden,  um  zum  Ausgangspunkt  für  neue  Fort?
schritte  zu  dienen.

Kapitel  III.
Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.
was  ist  aber  nun  das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes  —
das  Gesetz,  unter  welchem  die  Zivilisation  vorschreitet?
Dasselbe  muß  klar  und  bestimmt,  nicht  aber  durch  vage  Allgemeinheiten
  oder  oberflächliche  Analogien  erklären,  warum  jetzt  so  weite
Unterschiede  in  der  sozialen  Entwicklung  bestehen,  obgleich  die  Menschheit ­
  vermutlich  mit  denselben  Fähigkeiten  und  zu  gleicher  Zeit  ihren
Lauf  begann.  Dasselbe  muß  die  aufgehaltenen,  verfallenen  und  vernichteten ­
  Zivilisationen,  sowie  das  Steigen  der  Zivilisation  und  die
versteinerride  oder  entnervende  Kraft  erklären,  die  der  Fortschritt  der-Zivilisation
  bisher  stets  mit  sich  gebracht  hat.  Es  muß  sowohl  den  Rückschritt ­
  wie  den  Fortschritt,  die  Unterschiede  zwischen  den  asiatischen
und  europäischen,  zwischen  den  klassischen  und  den  modernen  Zivilisationen ­
  die  verschiedenen  Geschwindigkeitsgrade  des  Fortschrittes  und
endlich  jene  Brüche,  Stöße  und  Haltepunkte  des  Fortschrittes  erklären,,
die  als  untergeordnete  Erscheinungen  kenntlich  sind.  Es  muß  uns  also
zeigen,  welches  die  wesentlichen  Bedingungen  des  Fortschrittes  sind
und  welche  sozialen  Einrichtungen  denselben  fördern  oder  zurückhalten.
Es  ist  nicht  schwer,  ein  solches  Gesetz  zu  entdecken,  wir  brauchen
nur  um  uns  zu  blicken  und  wir  können  es  sehen.  Ich  mache  nicht  Anspruch
darauf,  demselben  wissenschaftliche  Präzision  zu  geben,  sondern  deute
es  nur  an.
Die  Antriebe  zum  Fortschritt  sind  die  der  menschlichen  Natur  angeborenen ­
  Wünsche  —  der  Wunsch,  die  Bedürfnisse  der  tierischen  Natur,
des  geistigen  Wesens  und  des  Gemütes  zu  befriedigen;  der  Wunsch,
zu  sein,  zu  wissen  und  zu  tun  —Wünsche,  die  bis  in  die  Unendlichkeit
nie  befriedigt  werden  können,  da  sie  durch  das,  was  sie  nähert,  wachsen.
Der  Geist  ist  das  Instrument,  durch  welches  der  Mensch  fortschreitet
und  durch  welches  jeder  Fortschritt,  erreicht  und  zur  Gperationsbasis-
        <pb n="380" />
        Kap.  III.  Das  Gesetz  des  menschlichen  Lorischrittes.  367“

neuer  Fortschritte  gemacht  wird.  Allerdings  kann  es  durch  das  Denken
seiner  Leibesgröße  keine  Elle  hinzufügen,  aber  er  kann  durch  Denken
seine  Kenntnis  des  Weltalls  und  seine  Macht  über  dasselbe  in  einem,,
soweit  wir  sehen  können,  unendlichen  Grade  ausdehnen.  Die  kurze
Spanne  Zeit  des  menschlichen  Lebens  erlaubt  dem  einzelnen  nur  eine
kleine  Strecke  zu  gehen,  aber  wenn  auch  jede  Generation  nur  wenig,
vermag,  so  können  doch  die  Generationen  mit  Lsilfe  der  Errungenschaften
ihrer  Vorgänger  allmählich  den  Status  der  Menschheit  erhöhen,  wie  die
Korallenpolypen,  indem  sie  eine  Generation  auf  das  Werk  der  anderen
bauen,  sich  allmählich  vom  Grunde  des  Meeres  emporheben.
Die  geistige  Kraft  ist  daher  das  bewegende  Prinzip  des  Fortschrittes
und  die  Menschen  schreiten  nach  dem  Verhältnis  der  dabei  aufgewendeten
geistigen  Kraft  vor,  der  geistigen  Kraft,  die  der  Ausdehnung  des  Wissens,
der  Vervollkommnung  der  Methoden  und  der  Verbesserung  der  sozialen
Verhältnisse  gewidmet  ist.
Nun  ist  die  geistige  Kraft  eine  bestimmte  Vuantitüt,  d.  h.  es  gibt
für  die  Arbeit,  welche  ein  Mensch  mit  seinem  Geiste  verrichten  kann,
ebensowohl  eine  Grenze  wie  für  die  Arbeit  seines  Körpers,  und  die  für
den  Fortschritt  verfügbare  geistige  Kraft  besteht  daher  nur  in  dem  Reste,
der  nach  dem,  was  für  andere  Zwecke  als  die  des  Fortschrittes  gebraucht
wird,  übrig  bleibt.
Die  nicht  progressiven  Zwecke,  für  welche  geistige  Kraft  verbraucht
wird,  können  als  Erhaltung  und  Kampf  gekennzeichnet  werden.  Unter
Erhaltung  verstehe  ich  nicht  nur  den  Unterhalt  des  Daseins,  sondern  die
Bewahrung  der  sozialen  Stellung  und  schon  erzielter  Fortschritte.
Unter  Kampf  verstehe  ich  nicht  nur  Kriegführung  und  Vorbereitung  zum
Kriege,  sondern  alle  Verausgabung  geistiger  Kraft  beim  Erstreben  der
Bedürfnisbefriedigung  auf  Kosten  anderer  und  beim  widerstand  gegen
solche  Angriffe  von  seiten  anderer.
Um  die  Gesellschaft  mit  einem  Boote  zu  vergleichen,  so  wird  dessen
Fortschritt  durch  das  Wasser  nicht  von  den  Anstrengungen  der  Mannschaft ­
  abhängen,  sondern  von  dem  Teil  der  Anstrengungen,  der  der
Vorwärtsbewegung  gewidmet  ist.  Dieser  Teil  wird  durch  jeden  Kraftaufwand ­
  vermindert,  der  etwa  zum  Ausschöpfen  oder  zum  Streit
untereinander  oder  zum  Rudern  in  anderen  Richtungen  gebraucht  wird.
Da  nun  in  einem  abgeschlossenen  Zustande  die  ganzen  Kräfte  des
Klenfchen  erforderlich  sind,  um  das  Dasein  zu  erhalten,  und  da  geistige
Kraft  für  höhere  Zwecke  nur  frei  wird  durch  die  Verbindung  von  Menschen
Zu  Gemeinschaften,  welche  die  Teilung  der  Arbeit  und  alle  die,  durch  das
Zusammenwirken  größerer  Menschenmengen  bewirkten  Ersparnisse
Sestatten,  so  ist  die  Vereinigung  das  erste  Erfordernis  des  Fortschrittes.
Die  Vervollkommnung  wird  möglich,  sowie  Menschen  zu  friedlicher
Bereinigung  zusammenkommen,  und  je  umfassender  und  enger  die
Berbindung,  desto  größer  die  Möglichkeiten  der  Vervollkommnung.
Dnd  da  die  unnütze  Verwendung  geistiger  Kraft  im  Kampfe  größer  oder
        <pb n="381" />
        368

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

geringer  ist,  je  nachdem  das  Moralgesetz,  das  jedem  gleiche  Rechte  zubilligt, ­
  ignoriert  oder  anerkannt  wird,  so  ist  die  Gleichheit  (oder  Gerechtigkeit) ­
  das  zweite  Erfordernis  des  Fortschrittes.
Somit  ist  die  Vereinigung  in  der  Gleichheit  das  Gesetz  des  Fortschrittes. ­
  Die  Vereinigung  macht  geistige  Kraft  zur  Verwendung  für
die  Vervollkommnung  frei,  und  die  Gleichheit  (oder  Gerechtigkeit,  oder
Freiheit,  denn  diese  Ausdrücke  bedeuten  hier  dasselbe,  nämlich  die  Anerkennung ­
  des  Moralgesetzes)  verhindert  die  Vergeudung  dieser  Kraft
in  fruchtlosen  Kämpfen.
Hier  ist  das  Gesetz  des  Fortschrittes,  welches  alle  Verschiedenheiten, ­
  alle  Vorwärtsbewegungen,  alle  Stillstände  und  Rückwärtsbewegungen ­
  erklärt.  Die  Menschen  schreiten  vor,  je  enger  sie  sich  verbinden, ­
  und  vermehren  durch  Zusammenwirken  die  geistige  Kraft,
welche  der  Vervollkommnung  gewidmet  werden  kann;  aber  sobald
Mampf  hervorgerufen  wird  oder  die  Vereinigung  Ungleichheit  der  Lage
und  Rechte  entwickelt,  wird  diese  Tendenz  zum  Fortschritt  vermindert,
gehemmt  und  schließlich  in  ihr  Gegenteil  verwandelt.
Die  gleiche  angeborene  Fähigkeit  vorausgesetzt,  so  ist  es  klar,  daß
die  soziale  Entwicklung  schneller  oder  langsamer  vor  sich  gehen,  aufgehalten ­
  werden  oder  rückwärts  schreiten  wird  je  nach  dem  Widerstande, ­
  auf  welchen  sie  stößt.  Im  allgemeinen  können  diese  Hindernisse
des  Fortschrittes,  in  bezug  auf  die  Gesellschaft  selbst,  in  äußere  und
innere  eingeteilt  werden,  von  denen  die  ersteren  während  der  früheren
Stadien  der  Zivilisation  mit  größerer  Kraft  wirken,  die  letzteren  dagegen ­
  während  der  späteren  Stadien  bedeutender  werden.
Der  Mensch  ist  feiner  Natur  nach  gesellig.  Er  braucht  nicht  eingefangen ­
  und  gezähmt  zu  werden,  um  mit  seinen  Mitmenschen  leben
zu  mögen.  Die  vollständige  Hilflosigkeit,  mit  der  er  auf  die  Welt  kommt,
und  die  für  die  Reifung  seiner  Eigenschaften  erforderliche  lange  Zeit
machen  das  Familienband  nötig,  welches,  wie  wir  leicht  beobachten
können,  bei  den  ursprünglicheren  Völkern  weiter  und  in  seinen  Ausdehnungen ­
  stärker  ist,  als  unter  den  zivilisierten  Völkern.  Die  ersten
Gesellschaften  sind  Familien,  die  sich  zu  Stämmen  erweitern,  welche  noch
immer  Blutsverwandtschaft  bewahren  und  selbst  nachdem  sie  große
Völker  geworden,  eine  gemeinsame  Abstammung  beanspruchen.
Sind  Wesen  dieser  Art  auf  eine  Welt  von  so  großer  Verschiedenartigkeit ­
  der  Vberflächengestaltung  und  des  Klimas  wie  die  unsrige
gestellt,  so  muß  offenbar  selbst  bei  gleicher  Fähigkeit  und  gleichem  Ausgangspunkt ­
  die  soziale  Entwicklung  eine  sehr  verschiedenartige  sein.
Die  erste  Schranke  oder  der  erste  widerstand  gegen  die  Vereinigung
wird  aus  den  Bedingungen  der  physischen  Natur  erwachsen,  und  da
dieselben  je  nach  der  Grtlichkeit  stark  wechseln,  so  müssen  sich  im  sozialen
Fortschritt  entsprechende  Unterschiede  zeigen.  Die  Schnelligkeit  der
Bevölkerungszunahme  und  die  Innigkeit  der  Gemeinschaft,  welche  durch
die  Bevölkerungszunahme  ermöglicht  wird,  hängen  bei  dem  tiefen
        <pb n="382" />
        Aap.  III.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

36Y

Stande  der  Kenntnisse,  wo  die  freiwilligen  Gaben  der  Natur  die  Lsauptquelle
  des  Unterhalts  sind,  ganz  überwiegend  von  Klima,  Boden  und
physischen  Bedingungen  ab.  wo  viel  tierische  Nahrung  und  warme
Kleidung  erforderlich  ist,  wo  die  Erde  arm  und  karg  erscheint,  wo  das
üppige  Leben  tropischer  Wälder  der  schwachen  Lserrschaftsbestrebungen
des  wilden  Menschen  spottet,  wo  Gebirge,  wüsten  oder  Meeresarme
die  Menschen  trennen  und  abschließen,  da  kann  die  Bereinigung  und  die
von  derselben  entwickelte  Kraft  zum  Fortschritt  zuerst  nur  schwer  vorankommen. ­
  Aber  auf  den  reichen  Ebenen  warmer  Klimate,  wo  das  menschliche ­
  Dasein  durch  einen  geringeren  Aufwand  von  Kraft  und  auf  einem
viel  kleineren  Gebiete  erhalten  werden  kann,  vermögen  die  Menschen
sich  näher  zusammenzuschließen,  und  die  geistige  Kraft,  welche  man
von  Anfang  an  der  Vervollkommnung  widmen  kann,  ist  ungleich
größer.  Deshalb  tritt  die  Zivilisation  naturgemäß  zuerst  in  den  großen
Tälern  und  auf  den  Tafelländern  auf,  wo  wir  ihre  frühesten  Denkmäler ­
  finden.
Aber  diese  Verschiedenheiten  in  den  natürlichen  Verhältnissen
bringen  nicht  nur  direkt  Verschiedenheiten  der  sozialen  Entwicklung
hervor,  sondern  bringen  eben  dadurch  im  Menschen  selbst  ein  Hindernis
oder  vielmehr  ein  tätiges  Gegengewicht  gegen  die  Vervollkommnung
zuwege,  wenn  Familien  und  Stämme  voneinander  getrennt  werden,
hört  die  Wirksamkeit  des  sozialen  Gefühls  unter  ihnen  auf,  und  es
entstehen  Unterschiede  in  Sprache,  Sitten,  Überlieferung,  Religion,
kurz  in  dem  ganzen  sozialen  Gewebe,  das  jedes  Gemeinwesen,  groß
oder  klein,  beständig  spinnt.  Mit  diesen  Unterschieden  entstehen  Vorurteile ­
  und  Haß,  die  Berührung  erzeugt  leicht  Streitigkeiten,  Angriff
ruft  Angriff  hervor,  und  Unrecht  entzündet  Rache.  Und  so  entsteht
unter  diesen  gesonderten  sozialen  Gemeinschaften  das  Gefühl  Zsmaels
und  der  Geist  Kains,  Krieg  wird  das  chronische  und  anscheinend  natürliche ­
  Verhältnis  der  Stämme  zueinander,  und  die  Kräfte  der  Menschen
werden  im  Angriff  oder  in  der  Verteidigung,  in  gegenseitiger  Metzelei
und  Verheerung  oder  in  kriegerischen  Vorbereitungen  verschwendet.
Wie  lange  diese  Feindseligkeit  anhält,  davon  legen  die  Schutzzolltarife
und  stehenden  Heere  der  zivilisierten  Welt  noch  heute  Zeugnis  ab;  wie
schwierig  es  ist,  über  die  Vorstellung  hinwegzukommen,  daß  es  kein
Diebstahl  sei,  einen  Ausländer  zu  berauben,  zeigt  die  Schwierigkeit,
ein  internationales  Verlagsrecht  herzustellen.  Können  wir  uns  über
die  unaufhörlichen  Feindseligkeiten  der  Stämme  und  Geschlechter  wundern? ­
  Können  wir  uns  wundern,  daß,  da  jeder  Staat  vom  anderen
getrennt  war  und  unbeeinflußt  durch  die  anderen  sein  besonderes  Gewebe ­
  sozialer  Einfriedigung,  für  den  einzelnen  unentrinnbar,  spann,
der  Krieg  die  Regel  und  der  Friede  die  Ausnahme  war?  „Sie  waren
geradeso,  wie  wir  sind."
Krieg  ist  die  Negation  der  Vereinigung.  Die  Trennung  der  Menschen
in  verschiedene  Stämme  befördert  den  Krieg  und  hemmt  dadurch  den
George,  Fortschritt  und  Armut.  2^
        <pb n="383" />
        370

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Fortschritt,  während  an  den  «Örtlichkeiten,  wo  eine  große  Zunahme
der  Bevölkerung  ohne  erhebliche  Separierung  möglich  ist,  die  Zivilisation ­
  den  Vorteil  hat,  von  Stammesfehden  frei  zu  sein,  wenn  auch  der
Staat  als  Ganzes  jenseit  der  Grenzen  Krieg  führt,  wo  der  widerstand
der  Natur  gegen  die  enge  Vereinigung  der  Menschen  am  geringsten
ist,  wird  somit  die  Gegenkraft  des  Krieges  anfänglich  am  wenigsten
empfunden,  und  in  den  reichen  Ebenen,  wo  die  Zivilisation  zuerst  Fuß
saßt,  kann  sie  zu  großer  Höhe  emporsteigen,  während  die  zerstreuten
Stämme  noch  Barbaren  sind,  wenn  daher  kleine  isolierte  Staaten  in
einem  den  Fortschritt  verhindernden  Zustande  chronischer  Fehde  beharren, ­
  so  ist  der  erste  Schritt  zu  ihrer  Zivilisation  das  Auftreten  eines
erobernden  Stammes  oder  Volkes,  das  diese  kleineren  Staaten  zu  einem
größeren  vereinigt,  in  welchem  der  innere  Friede  bewahrt  wird,  wo  diese
Fähigkeit  zu  friedlicher  Vereinigung  gebrochen  ist,  sei  es  durch  äußere
Angriffe  oder  innere  Uneinigkeiten,  da  hört  der  Fortschritt  auf,  und
der  Rückgang  beginnt.
Aber  nicht  bloß  die  Eroberung  hat  die  Vereinigung  beförder
und  durch  Befreiung  geistiger  Kraft  von  der  Nötigung  zum  Kriege
der  Zivilisation  Dienste  geleistet,  wenn  die  Verschiedenheiten  des
Klimas,  des  Bodens  und  der  Gberflächengestaltung  zuerst  darauf  hinwirken, ­
  die  Menschen  zu  trennen,  so  wirken  sie  doch  auch  darauf  hin,
den  Austausch  zu  begünstigen.  Und  der  Handel,  der  an  und  für  sich  eine
Form  der  Vereinigung  oder  des  Zusammenwirkens  ist,  befördert  die
Zivilisation  nicht  nur  direkt,  sondern  auch  dadurch,  daß  er  dem  Krieg
entgegengesetzte  Interessen  erzeugt  und  die  Unwissenheit  zerstreut,
welche  die  fruchtbare  Mutter  von  Vorurteilen  und  Gehässigkeiten  ist.
Und  ebenso  die  Religion.  Obgleich  die  Formen,  die  sie  angenommen,
und  der  Haß,  den  sie  entzündet  hat,  die  Menschen  oft  genug  trennten
und  Krieg  verursachten,  so  ist  sie  doch  zu  anderen  Zeiten  das  Mittel
zur  Beförderung  der  Vereinigung  gewesen.  Lin  gemeinsamer  Gottesdienst ­
  hat,  wie  z.  B.  bei  den  Griechen,  oft  den  Krieg  gemildert  und  die
Grundlage  einer  Einigung  abgegeben,  und  dem  Triumph  des  Ehristentums
  über  die  Barbaren  Europas  entspringt  die  moderne  Zivilisation.
Hätte  die  christliche  Kirche  nicht  bestanden,  als  das  römische  Reich  in
Stücke  zerfiel,  so  dürste  Europa,  jedes  Bandes  der  Vereinigung  bar,
leicht  in  einen  nicht  viel  höheren  Zustand  als  den  der  nordamerikanischen
Indianer  verfallen  sein,  oder  eine  Zivilisation  asiatischen  Gepräges
von  den  erobernden  Krummsäbeln  jener  eindringenden  Worden  erhalten
haben,  die  durch  eine  Religion  geeinigt  waren,  welche,  in  den  wüsten
Arabiens  entspringend,  seit  undenklichen  Zeiten  getrennte  Stämme
zusammenschweißte,  und  von  dort  ausgehend,  einen  großen  Teil  der
Menschheit  in  dem  Bunde  eines  gemeinschaftlichen  Glaubens  vereinigte.
^erblicken  wir  die  uns  bekannte  Geschichte  der  Welt,  so  sehen  wir
Zivilisation  überall  entstehen,  wo  Menschen  in  Vereinigung  miteinander
gebracht  werden  und  überall  verschwinden,  sobald  diese  Vereinigung
        <pb n="384" />
        Kap.  III.

37(

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

24*

zerstört  wird.  So  wurde  die  römische  Zivilisation,  welche  sich  durch  Eroberungen, ­
  die  den  inneren  Frieden  sicherten,  über  Europa  ausgebreitet
hatte,  durch  die  Invasionen  der  nordischen  Völker  überwältigt,  welche
die  Gesellschaft  wieder  in  unzusammenhängende  Teile  zerschellten,
und  die  moderne  Zivilisation  begann,  als  das  Feudalsystem  aufs  neue
die  Menschen  in  größeren  Staaten  vereinigte  und  als  die  geistliche  Oberherrschaft ­
  Roms  diese  Staaten  in  eine  gemeinschaftliche  Verbindung
brachte,  wie  es  früher  dessen  Legionen  getan  hatten.  Als  dann  die
feudalen  Bande  zu  nationalen  Autonomien  wurden  und  das  Ehristentum
die  Sitten  hob,  die  Wissenschaften  aus  ihrer  Verborgenheit  zog,  die  Fäden
friedlicher  Einigung  in  seiner  alldurchdringenden  Organisation  zusammenflocht ­
  und  in  seinen  religiösen  Orden  die  Vereinigung  lehrte,  wurde  ein
noch  größerer  Fortschritt  möglich,  der  mit  immer  zunehmender  Kraft
vorangeschritten  ist,  je  inniger  die  Verbindung  und  das  Zusammenwirken
war,  in  welche  die  Menschen  gebracht  wurden.
wir  werden  jedoch  den  Lauf  der  Zivilisation  und  die  verschiedenen
Erscheinungen,  welche  ihre  Geschichte  darbietet,  nie  verstehen,  ohne
dasjenige  in  Betracht  zu  ziehen,  was  ich  die  inneren  widerstände  oder
Gegenkräfte  nennen  möchte,  die  im  Kerzen  der  fortschreitenden  Gesellschaft ­
  entstehen  und  allein  erklären  können,  wie  eine  schon  vorgeschrittene
Zivilisation  entweder  von  selbst  zum  Stillstand  kommen  oder  von  Barbaren ­
  zerstört  werden  kann.
Die  geistige  Kraft,  welche  das  bewegende  Prinzip  des  sozialen
Fortschrittes  ist,  wird  durch  Assoziation,  welche  recht  eigentlich  eine
Integration  (Ergänzung)  genannt  werden  kann,  freigemacht.  Die  Gesellschaft ­
  wird  dabei  komplizierter,  ihre  Individuen  voneinander  abhängiger. ­
  Beschäftigungen  und  Verrichtungen  spezialisieren  sich.  Anstatt ­
  zu  wandern,  wird  die  Bevölkerung  ansässig.  Anstatt  daß  sich  jeder
alles,  was  er  braucht,  selbst  macht,  werden  die  verschiedenen  Gewerbe
und  Geschäfte  gesondert,  der  eine  erwirbt  Geschick  in  dem,  der  andere
in  jenem.  Ebenso  verzweigt  sich  die  Wissenschaft,  deren  Umfang  beständig
größer  wird  und  von  einem  einzelnen  immer  weniger  zu  bewältigen
ist,  in  verschiedene  Fächer,  denen  sich  die  einzelnen  widmen.  Auch  die
Abhaltung  religiöser  Feierlichkeiten  kommt  in  die  pände  einer  besonderen
diesem  Zwecke  dienenden  Körperschaft,  und  die  Aufrechterhaltung  der
Ordnung,  die  Iustizpflege,  die  Steuerverwaltung  und  Kriegführung
werden  spezielle  Funktionen  einer  organisierten  Regierung.  Kurz,
um  Herbert  Spencers  Ausdruck  zu  gebrauchen,  die  Entwicklung  der
Gesellschaft  ist,  in  bezug  auf  ihre  einzelnen  Bestandteile,  der  Übergang
von  einer  unbestimmten  unzusammenhängenden  Gleichartigkeit  zu  einer
bestimmten  zusammenhängenden  Vielartigkeit.  Io  niedriger  die  Stufe
sozialer  Entwicklung  ist,  desto  mehr  gleicht  die  Gesellschaft  jenen  niedrigsten ­
  tierischen  Organismen,  die  ohne  Organe  oder  Glieder  sind,
und  von  denen  ein  Teil  abgeschnitten  werden  kann  und  doch  noch  lebt.
Je  höher  die  Stufe  der  sozialen  Entwicklung,  desto  mehr  gleicht  die
        <pb n="385" />
        372

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Gesellschaft  den  höheren  Organismen,  in  denen  die  Funktionen  und
Kräfte  spezialisiert  sind  und  jedes  Glied  wesentlich  von  den  anderen
abhängt.
Dieser  Prozeß  der  Integration,  der  Spezialisierung  der  Funktionen ­
  und  Kräfte  ist  jedoch  kraft  eines  der  tiefsten  Gesetze  der  menschlichen ­
  Natur  von  einer  beständigen  Neigung  zur  Ungleichheit  begleitet.
Ich  verstehe  darunter  nicht,  daß  die  Ungleichheit  das  notwendige  Ergebnis,
sondern  die  beständige  Tendenz  der  sozialen  Entwicklung  ist,  wenn  nicht
Änderungen  in  den  sozialen  Einrichtungen  getroffen  werden,  welche  in
den  durch  die  Entwicklung  hervorgebrachten  neuen  Verhältnissen  die
Gleichheit  verbürgen.  Ich  meine,  daß,  sozusagen,  das  Kleid  von  Gesetzen,
Sitten  und  politischen  Einrichtungen,  welches  jede  Gesellschaft  für  sich
webt,  beständig  zu  eng  wird,  je  mehr  sich  die  Gesellschaft  entwickelt.
Ich  meine,  daß  der  Mensch,  je  mehr  er  fortschreitet,  sich,  sozusagen,
durch  ein  Labyrinth  hindurchzuwinden  hat,  in  welchem  er  sich,  gerade
ausgehend,  unfehlbar  verirren  würde,  und  durch  welches  nur  Vernunft
und  Gerechtigkeit  ihn  auf  dem  rechten  Pfade  halten  können.
j  Denn  während  die  mit  der  Entwicklung  Hand  in  Hand  gehende
Integration  an  sich  geistige  Kraft  frei  macht,  um  den  Fortschritt  herbeizuführen, ­
  wird  sowohl  durch  die  Zunahme  der  Bevölkerung  als  auch
durch  die  zunehmende  Verwicklung  der  sozialen  Organisation  eine
Gegenwirkung  erzeugt,  die  einen  Zustand  der  Ungleichheit  hervorbringt,
wodurch  geistige  Kraft  verschwendet  und  im  weiteren  verfolge  dem  Fortschritt ­
  Einhalt  geboten  wird.
Dem  Gesetze,  welches  sonach  zugleich  mit  dem  Fortschritt  die  denselben ­
  aushaltende  Kraft  entwickelt,  bis  zu  seinem  höchsten  Ausdrucke
nachzuspüren,  würde  meines  Erachtens  die  Lösung  eines  tieferen  Problems, ­
  als  das  der  Entstehung  des  materiellen  Weltalls  —  des  Problems
der  Entstehung  des  Übels  vorbereiten,  Hier  muß  ich  mich  damit  begnügen, ­
  auf  die  Art  und  weife  hinzudeuten,  in  welcher  mit  der  Entwicklung ­
  der  Gesellschaft  Tendenzen  auftreten,  welche  diese  Entwicklung ­
  hemmen.
Zunächst  wird  es  jedoch  gut  sein,  zwei  Eigenschaften  der  menschlichen ­
  Natur  in  Erinnerung  zu  bringen.  Die  eine  ist  die  Macht  der
Gewohnheit  —  die  Neigung  beim  Alten  zu  beharren.  Die  andere  ist
die  Möglichkeit  geistiger  und  moralischer  Entartung.  Die  Wirkung  der
ersteren  in  der  sozialen  Entwicklung  ist  die,  Gewohnheiten,  Gebräuche,
Gesetze  und  Ordnungen,  lange  nachdem  sie  ihren  ursprünglichen  Nutzen
eingebüßt  haben,  zu  erhalten,  und  die  Wirkung  der  anderen  ist,  die
Entwicklung  von  Einrichtungen  und  Denkweisen  zu  gestatten,  gegen
die  die  normalen  Anschauungen  der  Menschen  sich  instinktmäßig  empören.
Die  Entstehung  und  Entwicklung  der  Gesellschaft  zielt  aber  nicht
bloß  darauf  ab,  einen  joden  immer  mehr  von  allen  abhängig  zu  machen
und  den  Einfluß  der  einzelnen  auch  auf  ihre  eigene  Lage  im  Vergleich
zu  dem  Einflüsse  der  Gesellschaft  zu  vermindern,  sondern  die  Wirkung
        <pb n="386" />
        Kap.  III.  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  373

der  Assoziation  oder  Integration  ist  die,  eine  Gesamtkraft  hervorzubringen, ­
  welche  von  der  Summe  der  einzelnen  Kräfte  unterscheidbar
ist.  Analogien  (oder  wohl  mehr  Beispiele  desselben  Gesetzes)  sind  in
allen  Richtungen  zu  finden.  Je  komplizierter  die  tierischen  Organismen
werden,  desto  mehr  erwächst  über  dem  Leben  und  der  Kraft  der  Teile
ein  Leben  und  eine  Kraft  des  integrierenden  Ganzen,  über  der  Fähigkeit
unfreiwilliger  Bewegungen  die  Fähigkeit  freiwilliger  Bewegungen.
Die  Handlungen  und  Antriebe  von  Körperschaften  sind,  wie  oft  bemerkt
worden  ist,  verschieden  von  denjenigen,  welche  unter  gleichen  Umständen ­
  in  den  einzelnen  zutage  getreten  sein  würden.  Die  Kriegstüchtigkeit ­
  eines  Regiments  kann  sehr  verschieden  von  derjenigen  der  einzelnen
Soldaten  sein.  Aber  es  bedarf  keiner  Beispiele.  In  unseren  Untersuchungen ­
  über  das  Wesen  und  das  steigen  der  Grundrente  begegneten
wir  demselben  Umstande,  aus  den  ich  anspiele.  Wo  die  Bevölkerung
dünn  ist,  hat  der  Boden  keinen  Wert;  sobald  die  Menschen  sich  an  einem
Orte  häufen,  erscheint  und  steigt  der  Wert  des  Bodens  und  ist  genau
zu  unterscheiden  von  den  durch  individuelle  Anstrengung  erzeugten
werten;  ein  wert,  der  aus  der  Assoziation  hervorgeht,  mit  zunehmender ­
  Assoziation  größer  wird  und  mit  verschwindender  Assoziation  aufhört. ­
  Und  ebenso  ist  es  auch  mit  anderen  Kräften  als  den  ökonomischen.
Je  mehr  nun  die  Gesellschaft  sich  entwickelt,  verfolgt  die  Neigung,
die  alten  sozialen  Einrichtungen  zu  erhalten,  das  Ziel,  die  Gesamtmacht,
sobald  sie  entsteht,  in  die  Hände  eines  Teiles  der  Bürger  zu  legen;  und
die  mit  den  sozialen  Fortschritten  eintretende  ungleiche  Verteilung
des  Reichtums  und  der  Macht  bringt  immer  größere  Ungleichheit  hervor,
da  das  Unrecht  durch  die  Stoffe,  die  es  nähren,  wächst,  und  der  Gedanke
der  Gerechtigkeit  durch  die  gewohnheitsmäßige  Duldung  der  Ungerechtigkeit ­
  ausgelöscht  wird.
Auf  diese  Weise  kann  die  patriarchalische  Organisation  der  Gesellschaft ­
  leicht  in  Despotie  übergehen,  in  welcher  der  Despot  ein  irdischer
Gott  wird  und  die  Massen  des  Volkes  bloße  Sklaven  seiner  Laune  sind.
Ls  ist  natürlich,  daß  der  Vater  das  leitende  Haupt  der  Familie  ist  und  daß
bei  seinem  Tode  der  älteste  Sohn,  als  das  älteste  und  erfahrenste  Mitglied
der  kleinen  Gemeinschaft,  ihm  in  der  Leitung  folgt.  Wird  aber  diese
Einrichtung  beibehalten,  wenn  die  Familie  sich  ausdehnt,  so  wird  die
Macht  in  eine  besondere  Linie  verlegt,  und  diese  Macht  nimmt  unvermeidlich ­
  immer  zu,  je  größer  der  gemeinsame  Besitz  wird  und  je  mehr
die  Macht  des  Gemeinwesens  wächst  Das  Haupt  der  Familie  wird  zum
erblichen  Despoten,  der  sich  allmählich  als  ein  wesen  höheren  Rechtes
ansieht  und  von  anderen  so  angesehen  zu  werden  verlangt.  Mit  der
Zunahme  der  Gesamtmacht  im  vergleich  zur  Macht  des  einzelnen  wächst
seine  Gewalt,  zu  belohnen  und  zu  bestrafen,  und  so  vermehren  sich  die
Beweggründe,  ihm  zu  schmeicheln  und  ihn  zu  fürchten,  bis  endlich,  falls
der  Prozeß  keine  Störung  erfährt,  ein  Volk  zu  Füßen  eines  Thrones
        <pb n="387" />
        374

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

kriecht  und  hunderttausend  Menschen  fünfzig  Jahre  arbeiten,  um  ein
Grabdenkmal  für  einen  Sterblichen  ihresgleichen  herzustellen.
So  ist  der  Häuptling  einer  kleinen  Bande  Wilder  nur  einer  von
ihnen,  dem  sie  als  dem  Tapfersten  und  Klügsten  folgen  Wenn  aber
große  Massen  gemeinschaftlich  handeln  sollen,  so  wird  die  persönliche
Wahl  schwieriger,  ein  blinderer  Gehorsam  wird  notwendig  und  kann
erzwungen  werden,  und  eben  aus  diesem  Zwange  der  in  größerem  Maßstabe ­
  geführten  Kriege  entsteht  die  unumschränkte  Macht.
Ähnlich  geht  es  mit  der  Spezialisierung  der  Funktionen.  Die
produktiven  Kräfte  gewinnen  offenbar,  wenn  die  soziale  Entwicklung
so  weit  gediehen  ist,  daß  die  Produzenten  nicht  mehr  ihrer  Arbeit  entrissen ­
  und  zum  Kriegsdienst  aufgeboten  zu  werden  brauchen,  sondern
eine  regelmäßige  Heeresmacht  abgezweigt  werden  kann;  aber  dies
bewirkt  unvermeidlich  eine  Kontraktion  der  Macht  in  den  fänden  der
Soldatenklasse  oder  ihrer  Oberhäupter.  Die  Aufrechterhaltung  innerer
Ordnung,  die  Justizpflege,  die  Errichtung  und  Beaufsichtigung  öffentlicher ­
  Werke  und  merkwürdigerweise  auch  die  Religionsgebräuche,  alle
streben  gleichmäßig  darauf  hin,  in  die  Hände  besonderer  Klassen  zu
kommen,  die  geneigt  sind,  ihr  Amt  zu  preisen  und  ihre  Macht  auszudehnen. ­

Die  Hauptursache  der  Ungleichheit  liegt  jedoch  in  dem  natürlichen
Monopol,  welches  der  Besitz  des  Grund  und  Bodens  verleiht.  Die
ersten  Anschauungen  der  Menschen  scheinen  den  Grund  und  Boden
stets  als  Gemeingut  zu  betrachten;  aber  die  rohen  Mittel,  in  denen
diese  Anerkennung  anfänglich  zum  Ausdruck  kommt  —wie  z.  B.  jährliche
Verteilungen  oder  gemeinschaftliche  Kultur  —sind  nur  mit  einer  niedrigen
Entwicklungsstufe  vereinbar.  Die  Idee  des  Eigentums,  die  bezüglich
der  Gegenstände  menschlicher  Produktion  ganz  naturgemäß  ist,  wird
leicht  auf  den  Boden  übertragen,  und  eine  Einrichtung,  welche,  solange
die  Bevölkerung  zerstreut  ist,  dem  Verbesserer  und  Benutzer  nur  den  ihm
gebührenden  Lohn  seiner  Arbeit  sichert,  beraubt  schließlich,  wenn  die
Bevölkerung  dicht  wird  und  die  Rente  entsteht,  den  Produzenten  seines
Lohns.  Nicht  bloß  dies,  sondern  die  Aneignung  der  Rente  zu  öffentlichen
Zwecken,  durch  welche  allein  bei  höherer  Entwickelung  der  Grund  und
Boden  leicht  als  Gemeingut  beizubehalten  ist,  wird,  wenn  die  politische
und  religiöse  Macht  in  die  Hände  einer  Klasse  fällt,  zu  einem  Besitzrecht
dieser  Klasse,  und  die  übrigen  Bürger  werden  bloße  Pächter.  Kriege
und  Eroberungen,  die  auf  Konzentrationen  der  politischen  Macht  und
auf  die  Einrichtung  der  Sklaverei  abzielen,  bewirken,  wo  die  soziale
Entwicklung  dem  Grund  und  Boden  einen  Wert  verliehen  hat,  naturgemäß ­
  die  Aneignung  desselben.  Eine  herrschende  Klasse,  welche  die
Macht  in  ihrer  Hand  vereinigt,  wird  bald  auch  den  Grundbesitz  konzentrieren. ­
  Ihr  werden  große  Teile  des  eroberten  Landes  zufallen,  welches
die  früheren  Bewohner  als  Pächter  oder  Hörige  bebauen,  und  das
öffentliche  Gebiet,  d.  h.  die  Gemeindeländereien,  welche  im  natürlichen
        <pb n="388" />
        Kap.  III.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

375

Verlauf  der  sozialen  Entwicklung  in  jedem  Lande  noch  eine  weile  beibehalten ­
  werden  fund  welche  in  dem  primitiven  ödstem  der  Dorfkultur
weide-  und  waldland  bleiben),  werden  leicht  erworben,  wie  wir  aus
neueren  Beispielen  sehen.  Ist  erst  die  Ungleichheit  da,  so  strebt  das
Grundeigentum  nach  Konzentrierung,  je  mehr  die  Entwicklung  vorangeht. ­

)ch  suche  nur  die  Tatsache  zu  beweisen,  daß  Hand  in  Hand  mit  der
sozialen  Entwicklung  sich  die  Ungleichheit  einstellt,  und  nicht  die  besonderen ­
  folgen  daraus  zu  entwickeln,  die  mit  den  verschiedenen  Verhältnissen ­
  notwendig  wechseln  müssen.  Aber  diese  Haupttatsache  macht
alle  die  Erscheinungen  der  Versteinerung  und  des  Rückganges  verständlich.
Die  ungleiche  Verteilung  der  Rechte  und  der  Güter,  die  durch  die  Integration ­
  der  Menschen  in  der  Gesellschaft  herbeigeführt  wird,  hemmt  die
Kraft,  durch  welche  der  Fortschritt  herbeigeführt  wird  und  die  Gesellschaft ­
  sich  hebt,  und  wiegt  sie  schließlich  auf.  Auf  der  einen  Seite  werden
die  Massen  der  Bürger  genötigt,  ihre  geistigen  Fähigkeiten  zur  bloßen
Erhaltung  des  Daseins  aufzuwenden.  Auf  der  anderen  Seite  wird  die
geistige  Kraft  zur  Erhaltung  und  Stärkung  des  Systems  der  Ungleichheit, ­
  zu  Gepränge,  Luxus  und  Krieg  verwendet.  Lin  Staat,  der  in  eine
herrschende  und  eine  beherrschte  Klasse,  in  die  sehr  Reichen  und  in  die
ganz  Armen  zerfällt,  mag  „bauen  wie  Riesen  und  der  Arbeit  eine  Vollendung ­
  geben  wie  Juweliere",  aber  es  werden  Monumente  hartherzigen
Stolzes  und  unfruchtbarer  Eitelkeit  oder  einer  ihrem  Beruf,  den  Menschen
zu  erheben,  entfremdeten  und  in  ein  Werkzeug  zu  seiner  Unterdrückung
verwandelten  Religion  sein.  Der  Lrfindungsgeist  mag  noch  eine  Zeitlang
einigermaßen  rege  bleiben,  aber  er  wird  sich  auf  Verfeinerung  des  Luxus
und  nicht  darauf  richten,  Mühsal  zu  erleichtern  und  die  Kraft  zu  steigern.
In  den  Mysterien  der  Tempel  oder  in  den  Zimmern  der  Hofärzte  mag
die  Wissenschaft  noch  gesucht  werden,  aber  man  wird  sie  als  ein  Geheimnis
verbergen  oder,  wenn  sie  sich  herauswagt,  um  das  gewöhnliche  Denken
zu  erheben  oder  das  gewöhnliche  Leben  zu  erhalten,  als  eine  gefährliche
Neuerung  niedertreten.  Denn  wie  die  Ungleichheit  die  dem  Fortschritt
gewidmete  geistige  Kraft  vermindert,  so  macht  sie  auch  die  Menschen
dem  Fortschritt  abgeneigt,  wie  stark  unter  den  Klassen,  die  in  der  Unwissenheit ­
  dadurch  erhalten  werden,  daß  sie  um  die  bloße  Existenz  ringen
müssen,  die  Neigung  ist,  bei  alten  Methoden  zu  verharren,  ist  zu  bekannt
um  Beispiele  zu  erfordern;  und  auf  der  anderen  Seite  ist  der  Konservatismus ­
  derjenigen  Klassen,  denen  die  bestehenden  sozialen  Einrichtungen ­
  besondere  Vorteile  verleihen,  nicht  minder  offenkundig.  Diese
Abneigung  gegen  Neuerungen,  selbst  wenn  sie  Verbesserungen  sind,  ist
in  jeder  Organisation  bemerkbar  —in  der  Religion,  in  der  Jurisprudenz,
in  der  Arzneikunde,  in  der  Naturwissenschaft,  in  den  Handwerksgilden;
und  sie  wird  desto  stärker,  je  geschlossener  die  Organisation  ist.  Line
geschlossene  Zunft  hat  vor  Neuerungen  und  Neuerern  stets  eine  instinktive
Abneigung,  die  nur  der  Ausdruck  der  instinktiven  Furcht  ist,  daß  durch
        <pb n="389" />
        376

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X,

die  Änderung  die  Schranken,  welche  die  Zunft  von  den  gewöhnlichen
Leuten  abschließt,  eingerissen,  und  sie  so  ihrer  Bedeutung  und  Macht
beraubt  werden  könnte,  und  sie  ist  inrnrer  geneigt,  ihre  Spezialkenntnisse
oder  Kunst  sorgfältig  geheimzuhalten.
Auf  diese  weise  folgt  auf  den  Fortschritt  die  Versteinerung.  Die
zunehmende  Ungleichheit  bringt  den  Fortschritt  notwendig  zum  Stillstände ­
  und  trassiert  sogar,  wenn  er  noch  fortdauert  oder  unnütze  Reaktionen ­
  hervorruft,  auf  die  zur  Unterhaltsbeschaffung  erforderliche  geistige
Kraft,  und  der  Rückgang  beginnt.
Diese  Prinzipien  machen  die  Geschichte  der  Zivilisation  verständlich. ­

wo  Klima,  Bodenbeschaffenheit  und  die  Gberflächengestalt  des
Landes  am  wenigsten  darauf  hinwirkten,  die  sich  mehrende  Bevölkerung
zu  trennen,  und  wo  demzufolge  die  ersten  Zivilisationen  entstanden,
mußten  sich  die  den  Fortschritt  aufhaltenden  Einflüsse  naturgemäß
in  einer  regelmäßigeren  und  vollständigeren  weise  entwickeln  als  da,
wo  kleinere  Staaten,  die  in  ihrer  Sonderung  verschiedenartigkeilen
entwickelt  hatten,  nachher  in  engere  Verbindung  traten.  Dies  ist  es,
wie  mir  scheint,  was  die  Eigentümlichkeiten  der  früheren  im  vergleich
mit  den  späteren  Zivilisationen  Europas  erklärt,  homogene  Staaten,
die  sich  von  vornherein  ohne  den  Mißton  des  Konfliktes  zwischen  verschiedenen ­
  Gebräuchen,  Gesetzen,  Religionen  usw.  entwickeln,  müssen
eine  viel  größere  Übereinstimmung  zeigen.  Die  konzentrierenden
und  konservativen  Kräfte  müssen  alle,  sozusagen,  an  demselben  Strang
ziehen.  Keine  eifersüchtigen  Häuptlinge  werden  sich  gegenseitig  das
Gleichgewicht  halten,  noch  Glaubensverschiedenheiten  die  Zunahme
des  priesterlichen  Einflusses  im  Zaum  halten.  Politische  und  religiöse
Macht,  Reichtum  und  Kenntnisse  werden  sich  so  in  denselben  Mittelpunkten ­
  konzentrieren.  Dieselben  Ursachen,  welche  den  erblichen  König
und  den  erblichen  Priester  hervorbringen,  werden  den  erblichen  Handwerker ­
  und  Arbeiter  hervorbringen  und  die  Gesellschaft  in  Kasten  teilen.
Die  Kräfte,  die  durch  die  Assoziation  für  den  Fortschritt  freigemacht
sind,  werden  somit  vergeudet  und  Schranken  gegen  den  weiteren  Fortschritt ­
  aufgerichtet  werden.  Die  überschüssigen  Kräfte  der  Massen  werden
der  Aufführung  von  Tempeln,  Palästen  und  Pyramiden,  der  Frönung
des  Stolzes  und  der  Befriedigung  der  Prunksucht  ihrer  Herrscher  gewidmet ­
  sein;  und  wenn  unter  den  vornehmeren  Klassen  irgendwelche
Neigung  zu  Fortschritten  auftritt,  so  würde  sie  sofort  durch  die  Furcht
vor  Neuerung  gehemmt  werden.  Die  auf  solche  weise  sich  entwickelnde
Gesellschaft  muß  schließlich  in  einem  Konservatismus  enden,  der  keinen
weiteren  Fortschritt  gestattet.
wie  lange  ein  solcher  Zustand  vollständiger  Versteinerung,  wenn
er  erst  einmal  erreicht  ist,  fortdauern  wird,  scheint  von  äußeren  Umständen ­
  abzuhängen;  denn  die  eisernen  Bande  der  aufgerichteten  sozialen
Ummauerung  unterdrücken  die  zersetzenden  Kräfte  ebensowohl  wie  den
        <pb n="390" />
        dt

Kap»  III.  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  7üJ

Fortschritt.  Ein  solcher  Staat  ist  sehr  leicht  zu  erobern,  denn  die  Massen
des  Volkes  sind  zu  einer  passiven  Ergebung  in  ein  Leben  hoffnungsloser
Arbeit  erzogen.  Nehmen  die  Eroberer  bloß  den  Platz  der  herrschenden
Klasse  ein,  wie  es  die  Hyksos  in  Ägypten  und  die  Tartaren  in  China
taten,  so  wird  alles  wie  vorher  weitergehen,  verheeren  und  plündern
sie,  so  bleibt  der  Glanz  von  Palast  und  Tempel  nur  in  Ruinen  übrige
die  Bevölkerung  wird  zerstreut  und  Künste  und  Wissenschaften  gehen
verloren.
Die  europäische  Zivilisation  weicht  im  Lharakter  von  der  des
ägyptischen  Typus  ab,  weil  sie  nicht  der  Vereinigung  eines  gleichartigen, ­
  von  Anfang  an  oder  wenigstens  lange  Zeit  sich  unter  denselben ­
  Verhältnissen  entwickelnden  Volkes,  sondern  der  Vereinigung
von  Völkern  entspringt,  die  bei  ihrer  Absonderung  unterscheidende
soziale  Eigenartigkeit  angenommen  hatten  und  deren  kleinere  Organisationen ­
  länger  die  Vereinigung  von  Macht  und  Reichtum  in  einem
Mittelpunkte  verhinderte.  Die  Beschaffenheit  der  Oberfläche  der
griechischen  Halbinsel  ist  derart,  daß  sie  das  Volk  zuerst  in  eine  Zahl
kleiner  Staaten  trennen  mußte.  Als  diese  kleinen  Republiken  und
nominellen  Königreiche  aufhörten,  ihre  Tatkraft  in  Kriegen  zu  vergeuden, ­
  und  als  das  friedliche  Zusammenwirken  des  Handels  sich  ausdehnte, ­
  flammte  das  Licht  der  Zivilisation  auf.  Doch  war  das  Prinzip
der  Vereinigung  nie  stark  genug,  um  Griechenland  vor  inneren  Fehden
zu  bewahren,  und  als  dem  durch  Eroberung  ein  Ende  gemacht  wurde,,
erreichte  die  Tendenz  zur  Ungleichheit,  die  von  den  griechischen  weisen
und  Staatsmännern  durch  verschiedene  Mittel  bekämpft  worden  war,
ihr  Ziel,  und  griechische  Tapferkeit,  Kunst  und  Literatur  wurden  Dinge
der  Vergangenheit.  Und  ebenso  kann  man  in  der  Entstehung  und  Ausdehnung, ­
  dem  Rückgang  und  Untergang  der  römischen  Zivilisation  die
Einwirkung  dieser  beiden  Prinzipien  der  Assoziation  und  Gleichheit,
aus  deren  Verbindung  der  Fortschritt  entspringt,  beobachten.
Aus  der  Vereinigung  der  unabhängigen  Bauern  und  freien  Bürger
Italiens  hervorgegangen  und  aus  Eroberungen,  die  feindliche  Völker
in  gemeinsame  Verbindung  brachten,  frische  Kraft  ziehend,  gebot  die
römische  Macht  der  Welt  den  Frieden.  Aber  die  Tendenz  zur  Ungleichheit, ­
  von  Anfang  an  den  wahren  Fortschritt  hemmend,  steigerte  sich  mit
der  Ausdehnung  der  römischen  Zivilisation.  Sie  versteinerte  nicht  wie
die  homogenen  Zivilisationen,  in  denen  die  starken  Bande  der  Gebräuche
und  des  Aberglaubens,  die  das  Volk  in  Unterjochung  hielten,  es  wahrscheinlich ­
  auch  schützten,  oder  jedenfalls  den  Frieden  zwischen  Herrschern
und  Beherrschten  aufrecht  erhielten;  sie  verrottete,  sank  und  fiel.  Lange
ehe  die  Goten  oder  Vandalen  den  Kordon  der  Legionen  durchbrochen
hatten,  ja  während  seine  Grenzen  sich  noch  erweiterten,  war  Rom  schon
im  Kerzen  tot.  Die  großen  Güter  hatten  Italien  zugrunde  gerichtet.
Die  Ungleichheit  hatte  die  Kraft  der  römischen  Welt  aufgetrocknet  und
ihre  Tapferkeit  vernichtet.  Die  Regierung  wurde  zum  Despotismus,
        <pb n="391" />
        378  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  Buch  X.

Den  selbst  der  Mord  nicht  zu  mildern  vermochte;  die  Vaterlandsliebe
ward  zur  Knechtschaft;  die  schmutzigsten  Laster  machten  sich  öffentlich
-breit;  die  Literatur  versank  in  Kindereien;  die  Wissenschaft  wurde  vergessen; ­
  fruchtbare  Gegenden  wurden  wüsten  ohne  die  Verheerungen
des  Krieges  —  allenthalben  erzeugte  die  Ungleichheit  den  politischen,
geistigen,  moralischen  und  materiellen  Verfall;  die  Barbarei,  die  Rom
-überwältigte,  kam  nicht  von  außen,  sondern  von  innen.  Sie  war  das
notwendige  Produkt  des  Systems,  welches  Sklaven  und  Kolonen  an
Stelle  der  unabhängigen  Bauern  Italiens  gesetzt  und  die  Provinzen
zu  Güter  für  die  dem  Senat  angehörenden  Familien  ausgeschlachtet  hatte.
Die  moderne  Zivilisation  verdankt  ihre  Überlegenheit  dem  Umstande, ­
  daß  die  Zunahme  der  Gleichheit  mit  der  Zunahme  der  Assoziation ­
  kfand  in  chand  geht.  Zwei  bfauptursachen  trugen  dazu  bei  —
die  durch  das  Eindringen  der  nordischen  Völker  herbeigeführte  Zersplitterung ­
  der  konzentrierten  Macht  in  unzählige  kleine  Mittelpunkte
und  der  Einfluß  des  Lhriftentnms.  Ohne  die  erstere  würde  Versteinerung ­
  und  langsamer  Verfall  eingetreten  sein  wie  im  oftrömischen  Reich,
wo  Staat  und  Kirche  eng  verbunden  waren  und  der  Verlust  äußerer
Macht  keine  Erleichterung  der  inneren  Tyrannei  brachte.  Und  ohne  die
zweite  würde  Barbarei  eingetreten  sein,  ohne  Assoziation  und  Fortschritt.
Die  kleinen  Häuptlinge  und  Grundherren,  welche  überall  die  lokale
Souveränität  an  sich  rissen,  hielten  einander  im  Zaum.  Italienische
Städte  gewannen  ihre  alte  Freiheit  zurück,  freie  Städte  wurden  gegründet, ­
  Dorfgemeinden  faßten  Wurzel,  und  Leibeigene  erwarben
Rechte  auf  dem  von  ihnen  bearbeiteten  Boden.  Der  Sauerteig  der
teutonischen  Gleichheitsideen  durchdrang  das  aufgelöste  und  verfallende
Gewebe  der  Gesellschaft.  Und  obgleich  die  Gesellschaft  in  eine  unzählige
Menge  gesonderter  Teile  zersplittert  war,  so  blieb  doch  der  Gedanke
engerer  Vereinigung  stets  gegenwärtig  —  er  erhielt  sich  in  den  Erinnerungen ­
  eines  Weltreiches,  in  den  Ansprüchen  einer  allgemeinen  Kirche-Obgleich
  das  Lhristentnm  infolge  der  Filtrierung  durch  eine  faulende
.Zivilisation  entstellt  und  mit  unreinen  Beimischungen  versetzt  wurde,
obgleich  es  heidnische  Götter  in  sein  Pantheon,  heidnische  Formen
in  seine  Kirchenordnung  und  heidnische  Vorstellungen  in  seinen  Glauben
-aufnahm,  wurde  doch  sein  Grundgedanke  von  der  Gleichheit  der  Menschen
nie  ganz  zerstört.  Da  ereigneten  sich  zwei  Dinge  von  äußerster  Wichtigkeit ­
  für  die  anbrechende  Zivilisation:  die  Errichtung  des  Papsttums
und  das  Zölibat  der  Geistlichkeit.  Das  erstere  verhinderte  die  geistliche
Macht,  sich  in  denselben  Linien  wie  die  weltliche  zu  konzentrieren,  und
das  letztere  verhinderte  die  Einsetzung  einer  Priesterkaste  zu  einer  Zeit,
als  alle  Macht  erbliche  Form  anzunehmen  strebte.
In  ihren  Bemühungen  um  Abschaffung  der  Sklaverei,  in  ihrenr
Gottessrieden,  in  ihren  klösterlichen  Orden,  in  ihren  die  Völker  vereinigenden ­
  Konzilien,  in  ihren  Bullen,  die  ohne  Rücksicht  auf  politische  Grenzen
die  Welt  durcheilten,  in  den  niedrig  geborenen  fänden,  in  die  sie  ein
        <pb n="392" />
        Aap.  III.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

379

Zeichen  legte,  vor  dein  die  Stolzesten  knieten,  in  den  Bischöfen,  die  durch
ihre  Weihe  mit  dem  höchsten  Adel  gleichgestellt  wurden,  in  ihrem  „Anecht
der  Anechte",  wie  sein  offizieller  Titel  lautete,  der  kraft  des  Ringes
eines  einfachen  Fischers  das  Recht  beanspruchte,  zwischen  den  Völkern
Schiedsrichter  zu  sein  und  dessen  Steigbügel  von  Aönigen  gehalten
wurde,  —  in  diesen  Dingen  findet  die  Airche  trotz  allem  doch  die  Vereinigung, ­
  zum  Zeugnis  der  natürlichen  Gleichheit  der  Menschen.  Auch
durch  die  Airche  selbst  wurde  ein  Geist  genährt,  der,  als  ihr  altes  Werk
der  Vereinigung  und  Emanzipation  nahezu  getan,  als  die  von  ihr  geknüpften ­
  Bande  stark  geworden  und  die  von  ihr  aufbewahrte  Gelehrsamkeit ­
  der  Welt  überliefert  war,  die  Aetten  brach,  mit  denen  sie  den
menschlichen  Geist  gefesselt  haben  würde  und  der  in  einem  großen
Teile  Europas  ihre  Organisation  zerriß.
Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der  europäischen  Zivilisation
ist  ein  zu  ausgedehnter  und  verwickelter  Gegenstand,  um  in  einigen
Sätzen  in  die  gehörige  Perspektive  und  Beziehung  gebracht  werden  zu
können;  aber  aus  allen  Einzelheiten,  wie  aus  allen  Ljauptzügen  erhellt
die  Wahrheit,  daß  der  Fortschritt  in  dem  Maße  vor  sich  geht,  wie  die
Gesellschaft  zu  engerer  Vereinigung  und  größerer  Gleichheit  hinstrebt.
Zivilisation  ist  Aooperation.  Einigung  und  Freiheit  sind  ihre  Faktoren.
Die  große  Ausdehnung  der  Assoziation,  nicht  nur  in  der.  Entwicklung
größerer  und  dichterer  Staaten,  sondern  auch  in  der  Zunahme  des  Verkehrs ­
  und  der  mannigfachen  Tausche,  welche  jedes  Land  in  sich  verbinden
und  mit  anderen,  wenn  auch  weit  entfernten  Ländern  verknüpfen;  die
Entwicklung  internationaler  und  munizipaler  Rechte;  die  Fortschritte
in  der  Sicherheit  des  Eigentums  und  der  Person,  in  der  persönlichen
Freiheit  und  zur  demokratischen  Regierungsform  —  kurz,  die  Fortschritte
zur  Anerkennung  gleicher  Rechte  zum  Leben,  zur  Freiheit  und  zum
Streben  nach  Glück  —  sie  sind  es,  die  unsere  moderne  Zivilisation  zu
einer  soviel  größeren  und  höheren  machen  als  irgendeine  der  vorhergegangenen. ­
  Sie  sind  es,  die  die  geistige  Araft  frei  machten,  welche  den
Schleier  der  Unwissenheit,  der  alles  bis  auf  einen  kleinen  Teil  der  Erde
vor  der  Menschen  Aenntnis  verbarg,  hinwegschob,  welche  die  Bahnen
der  kreisenden  Weltkörper  maß  und  uns  das  bewegende  pulsierende
Leben  in  einem  wassertropfen  schauen  ließ,  uns  das  Vorzimmer  zu  den
Mysterien  der  Natur  und  das  Buch  der  Geheimnisse  einer  längstbegrabenen
Vergangenheit  öffnete;  welche  zu  unserem  Dienste  Naturkräfte  anschirrte, ­
  neben  denen  die  Aräfte  des  Menschen  verschwinden,  und  welche
die  produktive  Araft  durch  tausend  große  Erfindungen  erhöhte.
Zn  jenem  Geiste  des  Fatalismus,  der,  wie  ich  andeutete,  die  heutige
Literatur  durchdringt,  ist  es  Mode,  selbst  vom  Ariege  und  von  der
Sklaverei  als  Mitteln  des  menschlichen  Fortschrittes  zu  sprechen.  Aber
der  Arieg,  der  das  Gegenteil  der  Assoziation  ist,  kann  den  Fortschritt
nur  fördern,  wenn  er  weiteren  Arieg  verhindert  oder  antisoziale  Schranken
die  selbst  passiver  Arieg  sind,  niederreißt.
        <pb n="393" />
        380

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

was  die  Sklaverei  betrifft,  so  vermag  ich  nicht  einzusehen,  wie
sie  je  dazu  beigetragen  haben  könnte,  die  Freiheit  zu  begründen,  und
die  Freiheit,  das  Synonym  der  Gleichheit,  ist  von  dem  rohesten  Zustand ­
  an,  in  welchem  man  sich  den  Menschen  denken  kann,  der  Antrieb
und  die  Bedingung  des  Fortschrittes.  Auguste  Lomtes  Vorstellung,
daß  die  Institution  der  Sklaverei  die  Menschenfresserei  beseitigte,  beruht
ebensosehr  auf  Einbildung  als  Elias  humoristische  Darstellung  der  Art
und  weife,  wie  die  Menschheit  Geschmack  an  Schweinebraten  gewann.
Sie  nimmt  an,  daß  ein  chang,  der  im  Menschen  nur  unter  den  unnatürlichsten ­
  Bedingungen,  entweder  bei  direktem  Mangel  oder  beim  brutalsten
Aberglauben*)  auftrat,  ein  originaler  Trieb  sei,  und  daß  er,  der  selbst
im  niedrigsten  Zustande  das  höchste  aller  Tiere  ist,  natürliche  Neigungen
habe,  welche  selbst  die  edleren  Tiere  nicht  zeigen.  Dasselbe  gilt  von  dem
Gedanken,  daß  die  Sklaverei  die  Zivilisation  dadurch  herbeiführte,  daß
sie  den  Sklavenbesitzern  Muße  zum  Fortschritt  ließ.
Die  Sklaverei  hat  nie  den  Fortschritt  unterstützt  und  konnte  ihn  nie
unterstützen!  &amp;lt;Db  das  Gemeinwesen  aus  einem  einzigen  cherrn  und
einem  einzigen  Sklaven,  oder  aus  tausend  Herren  und  Millionen  Sklaven
besteht,  die  Sklaverei  schließt  immer  eine  Vergeudung  menschlicher
Kraft  ein;  denn  die  Sklavenarbeit  ist  nicht  nur  weniger  produktiv  als  die
freie  Arbeit,  sondern  die  Kraft  der  Herren  wird  im  Besitz  und  in  der
Überwachung  ihrer  Sklaven  gleichfalls  vergeudet  und  von  den  Richtungen, ­
  in  denen  der  wahre  Fortschritt  liegt,  abgelenkt,  von  Anfang
bis  zuletzt  hat  die  Sklaverei,  wie  jede  andere  Leugnung  der  natürlichen
Gleichheit  der  Menschen,  den  Fortschritt  beeinträchtigt  und  verhindert.
In  dem  Verhältnis,  wie  die  Sklaverei  in  den  sozialen  Einrichtungen
eine  wichtige  Rolle  spielt,  hört  der  Fortschritt  auf.  Daß  in  der  klassischen
Welt  die  Sklaverei  so  allgemein  war,  ist  unzweifelhaft  der  Grund,  warum
die  geistige  Tätigkeit,  welche  die  Literatur  so  verfeinerte  und  die  Kunst
adelte,  nie  zu  einer  der  großen  Entdeckungen  und  Erfindungen  gelangte,
welche  die  moderne  Zivilisation  auszeichnen.  Kein  sklavenhaltendes
Volk  war  je  ein  erfinderisches  Volk.  In  einem  Sklavenstaate  können  die
oberen  Klassen  luxuriös  und  verfeinert  werden,  aber  nie  erfinderischwas
  den  Arbeiter  erniedrigt  und  ihn  der  Früchte  seiner  Mühen  beraubt,
erstickt  den  Erfindungsgeist  und  verbietet  die  Benutzung  von  Erfindungen
und  Entdeckungen,  selbst  wenn  sie  gemacht  werden.  Der  Freiheit  allein
ist  der  Zauber  der  Macht  gegeben,  welche  die  Geister  beschwört,  in
deren  Obhut  die  Schätze  der  Erde  und  die  unsichtbaren  Kräfte  der  Luft
sich  befinden.
Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes,  was  ist  es  anderes  als
chie  Sandwich-Insulaner  erwiesen  ihren  guten  Häuptlingen  durch  das  Verzehren
ihrer  Körper  Ehre.  Die  schlechten  und  tyrannischen  Häuptlinge  rührten  sie  nicht  an.
Die  Neu-Seeländer  glaubten  die  Kraft  und  Tapferkeit  ihrer  Feinde  zu  erwerben,  wenn
sie  sie  aßen.  Dies  scheint  auch  de  r  allaenreine  Ursprung  des  Verzehrens  der  Kriegsgefangenen ­
  zu  sein.
        <pb n="394" />
        ~  -  i

JSm

Kap.  IV.  Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

38s

das  Gesetz  der  Moral?  Allein  in  dem  Maße,  wie  die  sozialen  Einrichtungen ­
  die  Gerechtigkeit  befördern,  die  Gleichheit  der  Menschenrechte
anerkennen,  jedem  die  volle,  nur  durch  die  gleiche  Freiheit  jedes  anderen
beschränkte  Freiheit  sichern,  muß  die  Zivilisation  vorschreiten.  Zn  dem
Maße,  wie  sie  dies  unterlassen,  muß  die  Zivilisation  zum  Stillstand
gelangen  und  zurückgehen.  Die  Nationalökonomie  und  die  Sozialwissenschast
  können  nichts  lehren,  was  nicht  in  den  einfachen  Wahrheiten
enthalten  wäre,  welche  armen  Fischern  und  jüdischen  Bauern  gelehrt
wurden  von  einem,  der  vor  achtzehnhundert  Zähren  gekreuzigt  wurde  —
die  einfachen  Wahrheiten,  welche  unter  den  Verdrehungen  der  Selbstsucht ­
  und  den  Entstellungen  des  Aberglaubens  die  Grundlage  jeder
Religion  bilden,  die  je  die  geistige  Sehnsucht  des  Menschen  zu  formulieren
suchte.

Kapitel  IV.
Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.
Die  Schlüsse,  zu  denen  wir  so  gelangt  sind,  stimmen  vollständig
mit  unseren  früheren  Schlüssen  überein.
Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes  bringt  die  nationalökonomischen ­
  Gesetze,  die  wir  in  dieser  Untersuchung  entwickelt  haben,
nicht  nur  unter  ein  höheres,  vielleicht  das  höchste  Gesetz,  das  unser
Geist  zu  erfassen  vermag;  sondern  es  beweist  auch,  daß  die  Herstellung
des  gemeinsamen  Eigentums  am  Grund  und  Boden  in  der  von  mir
vorgeschlagenen  weise  der  Zivilisation  einen  ungemeinen  Anstoß  geben
würde,  während  die  Unterlassung  dieser  Pflicht  den  Rückgang  herbeiführen ­
  muß^  Line  Zivilisation  wie  die  unsrige  muß  entweder  vorschreiten
oder  zurückgehen,  sie  kann  nicht  stillstehen.  Sie  ist  nicht  wie  jene  homogene
Zivilisation  des  Niltales,  welche  die  Menschen  nach  ihren  Plätzen  modelte
und  sie  gleich  Ziegeln  in  eine  Pyramide  einfügte.  Sie  gleicht  vielmehr
jener  Zivilisation,  deren  Steigen  und  Fallen  innerhalb  historischer
Zeiten  liegt  und  der  sie  auch  entsprungen  ist.
Ls  herrscht  jetzt  eine  Neigung,  über  jede  Andeutung,  daß  wir  nicht
in  allen  Beziehungen  fortschreiten,  zu  spotten,  und  der  Geist  unserer
Zeit  ist  der  des  Erlasses,  den  der  höfische  Premierminister  dem  chinesischen
Kaiser,  welcher  die  alten  Bücher  verbrannte,  vorschlug:  „daß  alle,  die
miteinander  über  die  Schi  und  Schn  zu  sprechen  wagten,  zu  Tode  verurteilt ­
  werden  und  die,  welche  die  Vergangenheit  erwähnten,  um  die
Gegenwart  zu  tadeln,  samt  ihren  Anverwandten  den  Tod  erleiden
sollten."
Dennoch  ist  es  klar,  daß  es  Zeiten  des  Rückganges  gegeben  hat,
        <pb n="395" />
        382

Buch  X.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

gerade  wie  Zeiten  des  Fortschrittes;  und  es  ist  ferner  klar,  daß  inan  diese
Perioden  des  Rückganges  anfänglich  nicht  allgemein  zu  erkennen  vermochte. ­

Der  würde  ein  tollkühner  Mann  gewesen  sein,  der,  als  Augustu^
das  aus  Ziegeln  erbaute  Rom  in  das  marmorne  Rom  verwandelte,
als  der  Reichtum  sich  vermehrte  und  die  Pracht  sich  steigerte,  als  siegreiche ­
  Legionen  die  Grenzen  ausdehnten,  als  die  Sitten  und  die  Sprache
sich  verfeinerten,  die  Literatur  sich  zu  hohem  Glanze  erhob  —  der  würde
ein  tollkühner  Mann  gewesen  sein,  der  damals  gesagt  hätte,  daß  Rom
sich  seinem  Verfall  zuneige.  Und  doch  war  es  der  Fall.
Und  wer  jetzt  um  sich  blickt,  kann  sehen,  daß,  obgleich  unsere  Zivilisation ­
  unstreitig  mit  größerer  Schnelligkeit  als  je  vorschreitet,  dieselbe
Ursache,  welche  den  Fortschritt  Roms  in  Rückgang  verwandelte,  jetzt
wirksam  ist.
Mas  jede  frühere  Zivilisation  zerstört  hat,  war  die  Tendenz  zur
ungleichen  Verteilung  des  Reichtums  und  der  Macht.  Diese  selbe,,
mit  zunehmender  Kraft  wirkende  Tendenz  ist  in  unserer  heutigen  Zivilisation ­
  bemerkbar,  sie  zeigt  sich  in  jedem  fortschreitenden  Lande,  je  mehr
das  Land  fortschreitet.  Lohn  und  Zins  neigen  beständig  zum  Sinken,
die  Rente  zum  Steigen,  die  Reichen  werden  reicher,  die  Armen  hilfund
  hoffnungsloser,  und  die  Mittelklassen  verschwinden.
Ich  habe  diese  Tendenz  auf  ihre  Ursache  zurückgeführt.  Ich  habe
gezeigt,  durch  welche  einfachen  Mittel  diese  Ursache  beseitigt  werden
kann.  Ich  wünsche  nun  zu  zeigen,  auf  welche  Meise,  wenn  dies  nicht
geschieht,  der  Fortschritt  zum  Verfall  werden,  die  moderne  Zivilisation
zur  Barbarei  herabsinken  muß,  wie  es  allen  früheren  Zivilisationen
ergangen  ist.  Es  verlohnt  sich  der  Mühe,  nachzuweisen,  auf  welche
Meise  dies  sich  ereignen  kann,  da  viele  Leute,  die  nicht  einzusehen  vermögen, ­
  wie  der  Fortschritt  in  Rückschritt  übergehen  kann,  etwas  Derartiges ­
  für  unmöglich  halten.  Gibbon  z.  B.  dachte,  daß  die  moderne
Zivilisation  nie  zugrunde  gehen  könne,  weil  keine  Barbaren  mehr  vorhanden ­
  seien,  um  sie  zu  überwältigen,  und  es  ist  eine  gewöhnliche  Vorstellung, ­
  daß  die  Erfindung  der  Buchdruckerkunst,  welche  die  Bücher
dermaßen  vervielfältigt,  die  Möglichkeit  verhindert  habe,  daß  das  Missen
je  wieder  verloren  gehen  könnte.
Die  Bedingungen  des  sozialen  Fortschrittes  sind,  nach  unserer
Formulierung  des  Gesetzes,  die  Assoziation  und  die  Gleichheit.  Die
allgemeine  Tendenz  der  modernen  Entwicklung  war  seit  der  Zeit,
wo  wir  die  ersten  Strahlen  der  Zivilisation  in  der  auf  den  Fall  des  Mestreiches
  folgenden  Dunkelheit  entdecken  können,  auf  politische  und  gesetzliche ­
  Gleichheit  gerichtet,  auf  Abschaffung  der  Sklaverei,  Aufhebung
der  Frondienste,  Beseitigung  der  erblichen  Vorrechte,  Ersetzung  der
willkürlichen  Regierung  durch  die  parlamentarische,  auf  Gewissensfreiheit, ­
  gleichmäßigere  Sicherheit  der  Person  und  des  Eigentums  für
Hoch  und  Niedrig,  für  den  Starken  und  für  den  Schwachen,,  auf  die
        <pb n="396" />
        Kap.  IV.  Auf  welche  weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

383-

größere  Freiheit  der  Bewegung  und  Beschäftigung,  der  Rede  und  der
Presse.  Die  Geschichte  der  modernen  Zivilisation  ist  die  Geschichte  der
dahin  gerichteten  Fortschritte,  der  Kämpfe  und  Triumphe  persönlicher,
politischer  und  religiöser  Freiheit.  Und  die  Allgemeinheit  dieses  Gesetzes
wird  dadurch  bewiesen,  daß,  sobald  diese  Tendenz  sich  behauptete,  die
Zivilisation  vorschritt,  sobald  sie  dagegen  beschränkt  oder  zurückgedrängt
wurde,  die  Zivilisation  zum  Stillstand  gebracht  war.
Diese  Tendenz  hat  ihren  vollen  Ausdruck  in  der  nordamerikanischen
Republik  erlangt,  wo  die  politischen  und  gesetzlichen  Rechte  vollkommen
gleich  sind  und  infolge  des  Kreislaufes  der  öffentlichen  Ämter  selbst  die
Entstehung  einer  Bureaukratie  verhindert  wird,  wo  jeder  religiöse
Glaube  oder  Unglaube  auf  gleichem  Fuße  steht,  wo  jeder  Knabe  hoffen
darf,  Präsident  zu  werden,  jeder  Ulann  in  öffentlichen  Angelegenheiten
eine  gleiche  Stimme  hat,  und  jeder  Beamte  mittelbar  oder  unmittelbar
für  die  kurze  Frist  feiner  Amtsdauer  von  einer  Volksabstimmung  abhängig ­
  ist.  Die  Vereinigten  Staaten  sind  in  dieser  Beziehung  der  vorgeschrittenste ­
  aller  großen  Staaten  in  einer  Richtung,  in  der  alle  voranschreiten, ­
  und  in  den  vereinigten  Staaten  sehen  wir  also  genau,  wieviel ­
  diese  Tendenz  zu  politischer  und  persönlicher  Freiheit  an  sich  zu
vollbringen  imstande  ist.
Die  erste  Wirkung  der  Tendenz  zu  politischer  Gleichheit  war  die
ebenmäßigere  Verteilung  des  Reichtums  und  der  Macht,  denn  solange
die  Bevölkerung  verhältnismäßig  dünn  ist,  liegt  die  Ungleichheit  der
Reichtumsverteilung  hauptsächlich  an  der  Ungleichheit  der  persönlichen
Rechte,  und  erst  mit  der  Entwicklung  des  materiellen  Fortschrittes
tritt  die  in  der  Auslieferung  des  Grund  und  Bodens  an  den  Privatbesitz
enthaltene  Ungleichheit  scharf  hervor.  Indessen  ist  es  jetzt  offenbar,
daß  die  absolute  politische  Gleichheit  an  sich  die  im  Privatgrundbesitz
enthaltene  Tendenz  zur  Ungleichheit  nicht  verhindert,  und  es  ist  ferner
augenscheinlich,  daß  die  politische  Gleichheit,  wenn  sie  mit  einer  zunehmenden ­
  Tendenz  zu  ungleicher  Reichtumsverteilung  zusammentrifft,  schließlich ­
  entweder  den  Despotismus  organisierter  Tyrannei  oder  den  schlimmeren ­
  Despotismus  der  Anarchie  erzeugen  muß.
Um  eine  republikanische  Regierung  in  den  niedrigsten  und  brutalsten
Despotismus  zu  verwandeln,  ist  es  nicht  nötig,  ihre  Konstitution  in
aller  Form  zu  ändern  oder  die  Volkswahlen  preiszugeben.  Jahrhunderte
vergingen  nach  Läsar,  ehe  der  absolute  Herr  der  römischen  Welt  vorgab,
anders  zu  regieren  als  kraft  Auftrags  eines  Senats,  der  vor  ihm  zitterte.
Allein  Formen  sind  nichts,  sobald  das  Wesen  geschwunden  ist,
und  die  Formen  volkstümlicher  Regierung  sind  diejenigen,  von  denen
das  Wesen  der  Freiheit  am  leichtesten  schwinden  kann.  Die  Extreme
berühren  sich,  und  eine  Regierung  des  allgemeinen  Stimmrechtes  und
der  theoretischen  Gleichheit  kann  unter  Bedingungen,  die  zu  dem  Umschwung ­
  drängen,  am  leichtesten  ein  Despotismus  werden.  Denn  dort
Seht  derselbe  im  Namen  und  mit  der  Macht  des  Volkes  vor.  Hat  man
        <pb n="397" />
        Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

sich  erst  der  einzigen  gZuelle  der  Macht  versichert,  dann  hat  inan  sich  alles
verschafft.  Da  bleibt  keine  unfreie  Masse,  die  angerufen  werden  könnte;
kein  bevorrechteter  Rang,  der  in  der  Verteidigung  seiner  eigenen  Rechte
diejenigen  aller  schützen  kann.  Kein  Bollwerk  bleibt  übrig,  urn  die  Flut
zu  stauen,  keine  Höhe,  urn  sich  über  dieselbe  zu  erheben.  Es  waren  bewehrte, ­
  von  einem  infulierten  Erzbischof  geführte  Barone,  die  den  Plantagenet ­
  unter  die  Magna  Lharta  beugten;  es  war  der  Mittelstand,
der  den  Stolz  der  Stuarts  brach;  aber  eine  bloße  Geldaristokratie  wird
nie  kämpfen,  solange  sie  hoffen  darf,  einen  Tyrannen  zu  bestechen.
Und  wenn  die  Ungleichheit  der  Verhältnisse  zunimmt,  macht  das
allgemeine  Stimmrecht  es  leicht,  die  Tuelle  der  Macht  an  sich  zu  reißen,
denn  um  so  größer  ist  der  Anteil  an  der  Macht  in  den  fänden  derjenigen,
die  kein  direktes  Interesse  an  der  Leitung  der  Regierung  haben,  die,
vom  Mangel  gequält  und  vom  Elend  vertiert,  bereit  sind,  ihre  Stimmen
dem  chöchstbietenden  zu  verkaufen  oder  der  Leitung  des  am  lautesten
blökenden  Demagogen  zu  folgen,  oder  die,  durch  Not  verbittert,  sogar
eine  ruchlöse  und  tyrannische  Regierung  mit  der  Genugtuung  betrachten,
die  wir  uns  bei  den  Proletariern  und  Sklaven  Roms  vorstellen  können,
als  sie  einen  Laligula  oder  Nero  unter  den  reichen  Patriziern  wüten
sahen.  In  einem  Staate  mit  republikanischen  Institutionen,  in  welchem
die  eine  Klasse  zu  reich  ist,  um  in  ihrem  Luxus  eine  Verkürzung  zu  empfinden, ­
  wie  auch  die  öffentlichen  Angelegenheiten  geleitet  werden
mögen,  und  eine  andere  so  arm,  daß  am  Wahltage  einige  Dollar  größeren
Einfluß  haben  als  jede  abstrakte  Rücksicht,  in  welchem  die  wenigen  sich
im  Reichtum  wälzen  und  die  vielen  über  einen  Zustand  der  Dinge,  dem
sie  nicht  abzuhelfen  wissen,  vor  Unmut  schäumen,  in  einem  solchen  Staate
muß  die  Macht  in  die  ^ände  von  Jobbern  fallen,  die  sie  kaufen  und  verkaufen, ­
  wie  die  Prätorianer  den  römischen  Purpur  verkauften,  oder  in
die  bsände  von  Demagogen,  die  sie  ergreifen  und  eine  Zeitlang  handhaben, ­
  nur  um  durch  schlimmere  Demagogen  ersetzt  zu  werden.
wo  eine  einigermaßen  gleiche  Reichtumsverteilung  besteht,  —
d.  h.  wo  allgemeine  Vaterlandsliebe,  Tugend  und  Bildung  herrschen
—  da  wird  die  Regierung  je  demokratischer,  desto  besser  sein;  umgekehrt,
wo  die  Reichtumsverteilung  eine  sehr  ungleiche  ist,  je  demokratischer
desto  schlimmer;  denn  wenn  auch  eine  verderbte  Demokratie  an  sich
nicht  schlimmer  ist  als  eine  verderbte  Autokratie,  so  werden  doch  ihre
Wirkungen  auf  den  Nationalcharakter  schlimmer  sein.  Landstreichern,
Almosenempfängern,  Leuten  die  nach  Arbeit  hungern,  Leuten  die  betteln,
stehlen  oder  verhungern  müssen,  wenn  sie  keine  Arbeit  finden,  solchen
Leuten  Stimmrecht  zu  erteilen,  ist  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  die
Zerstörung  provozieren,  politische  Macht  in  die  Lsände  hungriger,  durch
die  Armut  erbitterter  und  erniedrigter  Leute  zu  legen,  heißt  den  Füchsen
Feuerbrände  an  die  Schwänze  binden  und  sie  unter  das  wallende  Korn
loslassen;  es  heißt  einem  Simson  die  Augen  ausstechen  und  seine  Arme
um  die  Pfeiler  des  nationalen  Lebens  legen.
        <pb n="398" />
        Kap.  IV.  Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

385

Die  Zufälle  erblicher  Thronfolge  oder  die  Wahl  durch  das  Los
(das  Schema  einiger  alten  Republiken)  können  Zuweilen  dem  Weifen
und  Gerechten  die  Macht  verleihen;  in  einer  korrumpierten  Demokratie ­
  dagegen  ist  die  Tendenz  immer  darauf  gerichtet,  sie  dem  Schlechtesten
zu  geben.  Die  Ehrlichkeit  und  Vaterlandsliebe  erliegen,  und  die  Gewissenlosigkeit ­
  erringt  Erfolg.  Die  Besten  gehen  zugrunde,  die  Schlechtesten
kommen  auf  die  pöhe,  und  die  Gemeinen  werden  nur  von  den  Gemeineren ­
  verdrängt,  während  der  Nationalcharakter  allmählich  den
Eigenschaften,  welche  Macht  und  folglich  auch  Ansehen  gewinnen,
ähnlich  werden  muß,  schreitet  jene  Demoralisation  der  öffentlichen
Meinung  vor,  die  wir  in  dem  großen  Panorama  der  Geschichte  immer
und  immer  wieder  Geschlechter  freier  Menschen  in  Sklaven  umwandeln
sehen.
Ähnlich  wie  in  England  im  vorigen  Jahrhundert,  als  das  Parlament ­
  nur  eine  geschlossene  Adelszunft  war,  kann  eine  korrumpierte,
von  der  großen  Menge  vollständig  abgeschlossene  Oligarchie  ohne  besonderen ­
  Nachteil  für  den  Nationalcharakter  bestehen,  weil  in  diesem
Lalle  die  Macht  nach  Ansicht  des  Volkes  mit  anderen  Dingen  als  mit
Korruption  verbunden  ist.  Aber  wo  keine  erblichen  Vorzüge  bestehen
und  man  alltäglich  Menschen  sieht,  die  sich  durch  unredliche  Eigenschaften
vom  niedrigsten  Rang  zu  Reichtum  und  Macht  erheben,  da  wird  die
Duldung  dieser  Eigenschaften  schließlich  zur  Bewunderung.  Eine  verderbte ­
  demokratische  Regierung  muß  schließlich  das  Volk  korrumpieren,
und  wenn  ein  Volk  verderbt  wird,  so  gibt  es  keine  Auferstehung.  Das
Leben  ist  fort,  nur  der  Leichnam  bleibt,  und  den  Pflugscharen  des  Schicksals ­
  ist  es  vorbehalten,  ihn  aus  den  Augen  zu  schaffen  und  zu  verscharren.
Diese  Umwandlung  einer  volkstümlichen  Regierung  in  Despotismus
der  niedrigsten  und  gemeinsten  Art,  die  unvermeidlich  aus  ungleicher
Reichtumsverteilung  entstehen  muß,  ist  nicht  etwa  eine  Sache  der  ferneren
Zukunft.  Sie  hat  in  den  Vereinigten  Staaten  schon  begonnen  und
schreitet  unter  unseren  Augen  mit  Riesenschritten  vor.  Daß  unsere
gesetzgebenden  Körper  in  der  Zusammensetzung  sich  beständig  verschlechtern; ­
  daß  Männer  von  höchster  Lästigkeit  und  edelstem  Charakter  genötigt
sind,  die  Politik  zu  fliehen,  und  daß  die  Künste  des  Jobbers  mehr  zählen,
als  der  Ruf  des  Staatsmannes;  daß  die  Abstimmungen  immer  nachlässiger ­
  vor  sich  gehen,  und  die  Macht  des  Geldes  im  Steigen  ist;  daß  es
schwerer  ist,  das  Volk  von  Reformbedürfnissen  zu  überzeugen,  und
schwieriger,  Reformen  durchzuführen;  daß  politische  Unterschiede  aufhören ­
  Unterschiede  des  Prinzips  zu  sein,  und  abstrakte  Gedanken  ihre
Macht  verlieren;  daß  die  Parteien  unter  eine  Herrschaft  kommen,  die
man  bei  gewöhnlichen  Regierungen  Oligarchien  und  Diktaturen  nennen
würde;  dies  alles  sind  Zeichen  politischen  Verfalls.
Der  Typus  moderner  Entwicklung  ist  die  große  Stadt,  Hier  sind
der  größte  Reichtum  und  die  tiefste  Armut  zu  finden.  Und  hier  ist  auch
die  Volksregierung  am  deutlichsten  gebrochen.  Zn  allen  großen  amerika-Goorge,
  Fortschritt  und  Armut.  25
        <pb n="399" />
        Buch  X.

386  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

nischen  Städten  gibt  es  heute  eine  sich  ebenso  scharf  abhebende  herrschende
Klasse,  wie  in  den  aristokratischsten  Ländern  der  Welt.  Ihre  Mitglieder
tragen  Stadtviertel  in  ihrer  Tasche,  beherrschen  die  Stimmzettel  in  den
Wahlkonventionen,  verteilen  Ämter  als  ob  sie  miteinander  handelten,
und  tragen  —  obgleich  sie  weder  säen  noch  spinnen  —  die  heften  Kleider
und  geben  mit  verschwenderischen  fänden  Geld  aus.  Sie  sind  Leute
von  Macht,  deren  Gunst  der  Ehrgeizige  suchen  und  deren  Rache  er  vermeiden ­
  muß.  wer  sind  diese  Männer?  Die  weisen,  die  Guten,  die
Gebildeten  —  Männer,  die  das  Vertrauen  ihrer  Mitbürger  durch  die
Reinheit  ihres  Lebens,  durch  den  Glanz  ihrer  Talente,  durch  ihre  Rechtschaffenheit ­
  bei  öffentlichen  Verwaltungen,  durch  das  tiefe  Studium
der  Probleme  der  Politik  erworben  haben?  Nein;  es  find  Spieler,
Salonhalter,  Klopffechter  oder  noch  Schlimmeres,  die  ein  Geschäft
daraus  gemacht  haben,  Stimmen  zu  beherrschen,  Stellen  und  Amtshandlungen ­
  zu  kaufen  und  zu  verkaufen.  Sie  stehen  der  Verwaltung
dieser  Städte  auf  demselben  Fuße  gegenüber,  wie  die  Prätorianer
der  des  verfallenden  Roms,  wer  den  Purpur  tragen,  auf  dem  kurulischen
Sessel  Platz  nehmen  oder  die  Liktorstäbe  vor  sich  hertragen  lassen  will,
muß  nach  ihrem  Lager  gehen  oder  seine  Boten  dahin  senden,  ihnen
Schenkungen  machen  und  Versprechungen  vorhalten.  Durch  diese
Männer  vermögen  die  reichen  Korporationen  und  allmächtigen  Geldinteressen ­
  den  Senat  und  die  Richterbank  mit  ihren  Kreaturen  zu  füllen.
Diese  Männer  sind  es,  welche  die  Schuldirektoren,  die  Stadtverordneten,
die  Schätzungsbeamten,  die  Mitglieder  der  Legislatur,  die  Männer  des
Kongresses  machen.  Ls  gibt  viele  Wahldistrikte  in  den  Vereinigten
Staaten,  in  denen  ein  George  Washington,  ein  Benjamin  Franklin
oder  ein  Thomas  Iefferson  nicht  mehr  Aussicht  hätte,  in  das  Unterhaus
einer  Staatslegislatur  zu  gelangen  als  unter  dem  ancien  regime  ein
niedrig  geborener  Bauer,  Marschall  von  Frankreich  zu  werden.  Ihr
Charakter  allein  würde  eine  unübersteigliche  Disqualifikation  dazu  fein,
In  der  Theorie  sind  wir  ganze  Demokraten.  Der  Vorschlag,  Schweine
im  Tempel  zu  schlachten,  würde  im  alten  Jerusalem  kaum  größeren
Abscheu  und  Unwillen  erregt  haben,  als  unter  uns  der,  unserem  hervorragendsten ­
  Bürger  eine  Rangunterscheidung  zu  verleihen.  Aber  wächst
nicht  unter  uns  eine  Klasse  auf,  die  die  ganze  Macht  ohne  irgendeine  dev
Tugenden  der  Aristokratie  hat?  wir  haben  einfache  Bürger,  die  Tausende
von  Meilen  Eisenbahnen,  Millionen  von  Morgen  Land,  die  Mittel
des  Unterhalts  von  Legionen  von  Menschen  beherrschen,  die  die  Gou
verneure  souveräner  Staaten  ernennen,  wie  sie  ihre  eigenen  Angestellten
ernennen,  die  Senatoren  wählen,  wie  sie  sich  Anwälte  aussuchen,  und
deren  Wille  in  den  gesetzgebenden  Versammlungen  so  maßgebend  ist,
wie  der  eines  französischen  Königs,  der  im  lit  de  justice  saß.  Die  unter
der  Oberfläche  liegenden  Strömungen  der  Zeiten  scheinen  uns  zu  den
alten  Verhältnissen,  denen  wir  entronnen  zu  sein  wähnten,  zurückzutreiben. ­
  Die  Entwicklung  der  Handwerks-  und  Handelsklassen  brach
        <pb n="400" />
        25*

Kap.  IV.  Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

387

allmählich  durch  den  Feudalismus,  nachdem  derselbe  so  vollständig  in
Fleisch  und  Blut  übergegangen  war,  daß  die  Menschen  sich  den  ftimmel
nicht  anders  als  auf  feudaler  Basis  eingerichtet  denken  konnten  und  sich
die  erste  und  zweite  Person  der  Dreieinigkeit  als  Dberherrn  und  Statthalter ­
  vorstellten.  Jetzt  aber  droht  die  Entwicklung  der  Industrie  und
der  Börse  in  einer  sozialen  Organisation,  in  welcher  der  Grund  und  Boden
zu  Privatbesitz  gemacht  ist,  jeden  Arbeiter  zu  nötigen,  sich  einen  Herrn
zu  suchen,  wie  die  auf  den  schließlichen  Zusammenbruch  des  römischen
Reiches  folgende  Unsicherheit  jeden  Freien  zwang,  sich  einen  Lehnsherrn
zu  suchen.  Nichts  scheint  von  dieser  Tendenz  verschont.  Die  Erwerbstätigkeit ­
  scheint  allerwärts  eine  Form  anzunehmen,  in  der  einer  Herr
ist  und  viele  dienen.  Und  wenn  einer  Herr  ist  und  die  anderen  dienen,
so  wird  der  eine  die  anderen  beherrschen,  selbst  in  solchen  Angelegenheiten
wie  Abstimmungen.  Gerade  wie  der  englische  Gutsherr  über  die  Stimmen
seiner  Pächter  verfügt,  so  verfügt  der  Fabrikant  Neu-Lnglands  über  die
seiner  Arbeiter.
Wir  können  es  uns  nicht  verhehlen,  die  Gesellschaft  ist  in  ihren
Grundlagen  untergraben,  während  wir  fragen,  wie  ist  möglich,  daß
eine  Zivilisation,  wie  diese,  mit  ihren  Eisenbahnen,  Tagesblättern  und
elektrischen  Telegraphen  je  vernichtet  werden  sollte?  Während  die
Literatur  nur  die  Ansicht  atmet,  daß  wir  den  unzivilisierten  Zustand
hinter  uns  haben,  und  immer  weiter  hinter  uns  lassen  müssen,  liegen
Anzeichen  genug  vor,  daß  wir  in  Wirklichkeit  zur  Barbarei  zurückkehren.
Beweis:  Eins  der  Merkmale  der  Barbarei  ist  die  geringe  Achtung  vor
den  Rechten  der  Person  und  des  Eigentums.  Daß  die  Gesetze  unserer
angelsächsischen  vorfahren  dem  Mörder  eine  dem  Range  des  Opfers
entsprechende  Geldbuße  als  Strafe  auferlegten,  während  unser  Gesetz
keinen  Rangunterschied  anerkennt,  und  den  Niedrigsten  vor  dem  höchsten,
den  Ärmsten  vor  dem  Reichsten  durch  die  gleiche  Todesstrafe  schützt,
wird  als  ein  Beweis  ihrer  Barbarei  und  unserer  Zivilisation  angesehen.
Und  daß  Seeraub,  Straßenraub,  Sklavenhandel  und  Erpressungen
vormals  als  eine  Art  berechtigter  Geschäfte  angesehen  wurden,  ist  ein
zwingender  Beweis  für  den  rohen  Stand  der  Entwicklung,  von  dem
wir  uns  so  weit  entfernt  haben.
Tatsächlich  kann  jedoch,  trotz  unserer  Gesetze,  jemand,  der  Geld
genug  hat,  und  einen  anderen  töten  will,  in  einen  unserer  großen  Mittelpunkte ­
  der  Bevölkerung  und  des  Geschäftes  gehen,  seinen  Wunsch
dort  befriedigen  und  sich  dann  der  Gerechtigkeit  überliefern  mit  hundert
Lhancen  gegen  eine,  daß  er  keine  größere  Strafe  erleiden  wird  als  eine
zeitweilige  Haft  und  den  Verlust  einer  Summe  Geldes,  die  teils  seinem
eigenen  Reichtum,  teils  dem  Reichtum  und  der  Stellung  des  von  ihm
getöteten  Mannes  angemessen  ist.  Sein  Geld  wird  nicht  der  Familie
des  Ermordeten,  die  ihren  Beschützer  verloren  hat,  nicht  dem  Staate,
welcher  einen  Bürger  verloren  hat,  sondern  den  Advokaten  bezahlt,
        <pb n="401" />
        388

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

die  es  verstehen,  Verzögerungen  herbeizuführen,  Zeugen  zu  finden
und  Geschworene  uneinig  zu  machen.
Und  so  kann  auch  jemand,  der  genug  stiehlt,  sicher  sein,  daß  feine
Strafe  faktisch  nur  auf  den  Verlust  eines  Teils  seines  Diebstahls  hinauslaufen ­
  wird;  und  stiehlt  er  genug,  um  mit  einem  vermögen  davonzukommen, ­
  so  wird  er  von  seinen  Bekannten  begrüßt  werden,  wie  vor
alters  ein  Wiking  nach  einem  glücklichen  Raubzuge  begrüßt  worden
sein  dürfte.  Selbst  wenn  er  diejenigen  beraubt  hätte,  die  ihm  vertrauen ­
  schenkten;  wenn  er  Witwen  und  Waisen  um  ihr  Letztes  gebracht
hätte;  hat  er  nur  genug,  so  mag  er  ruhig  vor  aller  Augen  einherstolzieren.
Die  Tendenz  in  dieser  Richtung  nimmt  immer  mehr  zu.  In  größter
Kraft  erscheint  sie,  wo  die  Ungleichheiten  in  der  Reichtumsverteilung
am  größten  sind,  und  ihre  Zunahme  geht  mit  der  Zunahme  der  Ungleichheiten ­
  kfand  in  Hand.  wenn  dies  nicht  eine  Rückkehr  zur  Barbarei
ist,  was  ist  es  denn?  Die  Mängel  der  Rechtspflege,  auf  die  ich  hingedeutet
habe,  sind  nur  Beweise  der  zunehmenden  Hinfälligkeit  unserer  gesetzlicher!
Einrichtungen  auf  allen  Gebieten.  Oft  hört  man  Leute  sagen,  es  würde
besser  sein,  zu  den  ersten  Anfängen  der  Staatsbildung  zurückzukehren
und  das  Gesetz  abzuschaffen,  denn  dann  würde  das  Volk  zu  feiner  Selbstverteidigung ­
  Sicherheitsausschüsse  bilden  und  die  Gerechtigkeit  selbst  in
die  Hand  nehmen.  Deutet  dies  auf  einen  Fortschritt  oder  Rückgang?
Alles  dies  kann  man  täglich  beobachten.  Obgleich  wir  es  nicht
offen  aussprechen,  ist  das  allgemeine  Vertrauen  in  die  republikanischen
Institutionen  da,  wo  dieselben  ihre  vollste  Entwicklung  erreicht  haben,
entschieden  in  der  Abnahme  begriffen.  Der  vertrauensvolle  Glaube
an  die  republikanische  Verfassung  als  Ouelle  der  Nationalwohlfahrt,
wie  er  früher  bestand,  ist  nicht  mehr  vorhanden..  Denkende  Männer
fangen  an,  ihre  Gefahren  einzusehen,  ohne  zu  wissen,  wie  man  sie  vermeiden ­
  könnte;  sie  fangen  an,  die  Ansicht  Macaula^s  zu  teilen  und  der
Ieffersons  zu  mißtrauen*).  Und  das  Volk  überhaupt  gewöhnt  sich  immer
mehr  an  die  wachsende  Korruption.  Das  ominöseste  politische  Zeichen
in^den  heutigen  Vereinigten  Staaten  ist  das  Entstehen  einer  Gesinnung,
die  es  entweder  bezweifelt,  daß  es  ehrliche  Männer  in  den  öffentlichen
Ämtern  gibt,  oder  diejenigen  für  Narren  hält,  die  ihre  Gelegenheit
nicht  ergreifen.  Das  heißt,  das  Volk  selbst  wird  korrumpiert.  So  verfolgt
die  republikanische  Regierungsform  in  den  vereinigten  Staaten  heute
den  weg,  den  sie  unter  Bedingungen,  welche  die  ungleiche  Verteilung
des  Reichtums  verursachen,  unvermeidlich  einschlagen  muß.
wohin  jener  weg  führt,  ist  jedem  klar,  der  nur  denken  will.  Sobald
die  Korruption  chronisch  wird,  der  öffentliche  Geist  verloren  geht,  die
Traditionen  von  Ehre,  Tugend  und  Vaterlandsliebe  geschwächt,  die
Gesetze  der  Mißachtung  preisgegeben  werden  und  Reformen  als  hoffnungslos ­
  erscheinen,  werden  in  der  eiternden  Masse  vulkanische  Kräfte
*)  irtan  sehe  Itlacaulays  Brief  an  Randall,  den  Biographen  Ieffersons.
        <pb n="402" />
        Aap.  IV.  Auf  welche  Weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

389

erzeugt,  die  alles  zerreißen  und  zerschmettern,  sobald  ein  anscheinender
Zufall  ihnen  Luft  macht.  Starke,  vor  nichts  zurückschreckende  Männer,
die  sich  erheben,  sobald  die  Gelegenheit  da  ist,  werden  die  ausführenden
Organe  blinder  Triebe  des  Volkes  oder  seiner  wilden  Leidenschaften
werden  und  formen  beiseite  schleudern,  die  ihre  Lebenskraft  verloren
haben.  Das  Schwert  wird  wieder  mächtiger  als  die  Feder  fein,  und  im
Rarnevalstaumel  der  Zerstörung  werden  rohe  Gewalt  und  wilder  Wahnsinn ­
  mit  der  Lethargie  einer  untergehenden  Zivilisation  abwechseln.
woher  sollen  aber  die  neuen  Barbaren  kommen?  Man  gehe  nur
durch  die  schmutzigen  Viertel  großer  Städte  und  man  wird,  selbst  jetzt
schon,  ihre  sich  sammelnden  ksorden  sehen!  wie  soll  aber  das  wissen
untergehen?  Die  Menschen  werden  aufhören  zu  lesen,  und  die  Bücher
werden  Brände  anzünden  und  in  Patronen  verwandelt  werden.
Ls  ist  schrecklich  daran  zu  denken,  wie  schwache  Spuren  von  unserer
Zivilisation  übrig  bleiben  würden,  wenn  sie  den  Todeskampf  durchmachen
müßte,  der  den  Untergang  jeder  früheren  Zivilisation  begleitet  hat.
Papier  dauert  nicht  wie  Pergament,  und  unsere  massivsten  Gebäude
und  Monumente  sind  an  Festigkeit  mit  den  aus  Felsen  gehauenen
Tempeln  und  titanischen  Bauwerken  der  alten  Zivilisation  nicht  zu
vergleichen*).  Und  der  Lrfindungsgeist  hat  uns  nicht  nur  die  Dampfmaschine ­
  und  die  Druckerpresse,  sondern  auch  Petroleum,  Nitro-Gl'fzerin
und  Dynamit  gegeben.
Allein  heutzutage  anzudeuten,  daß  unsere  Zivilisation  möglicherweise ­
  sinken  könne,  scheint  ein  ausschweifender  Pessimismus  zu  sein.
Die  besonderen  von  mir  hervorgehobenen  Tendenzen  leuchten  Denkenden ­
  ein,  aber  bei  der  Mehrheit  der  Denkenden  sowohl  als  auch  bei  der
großen  Masse  ist  der  Glaube  an  den  Fortschritt  noch  stark  und  tief  —
ein  fundamentaler  Glaube,  der  nicht  den  Schatten  eines  Zweifels
zuläßt.
Aber  jeder,  der  sich  in  die  Sache  hineindenkt,  wird  einsehen,  daß
dies  überall  notwendig  der  Fall  sein  muß,  wo  der  Fortschritt  allmählich
in  Rückgang  übergeht.  Denn  in  der  sozialen  Entwicklung  wie  in  allem
übrigen,  strebt  die  Bewegung  in  geraden  Linien  zu  verharren,  und  es
ist  daher,  wo  vorher  Fortschritt  stattgefunden  hat,  überaus  schwer,
einen  Rückgang  zu  erkennen,  selbst  wenn  derselbe  tatsächlich  schon  begonnen ­
  hat;  es  besteht  eine  fast  unwiderstehliche  Neigung,  zu  glauben,
daß  die  Vorwärtsbewegung,  die  Fortschritt  war  und  noch  anhält,  immer
noch  Fortschritt  sei.  Das  Gewebe  von  Glauben,  Gebräuchen,  Gesetzen,
Einrichtungen  und  Denkgewohnheiten,  welches  jedes  Gemeinwesen
fortwährend  spinnt,  und  welches  in  dem  von  ihm  umgebenen  Individuum
*)  Ls  ist,  wie  mir  scheint,  auch  lehrreich,  zu  beobachten,  wie  unzulänglich  und  überaus
irreführend  die  Vorstellung  von  unserer  Zivilisation  sein  würde,  die  man  aus  den  Airchen
und  Denkmälern  unserer  Zeit  gewinnen  könnte,  und  doch  sind  Gebäude  dieser  Art  die
einzige  Quelle,  aus  der  wir  unsere  Kenntnis  der  versunkenen  Zivilisationen  schöpfen
können.
        <pb n="403" />
        ZHO  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  Buch  X.

alle  Unterschiede  des  Volkscharakters  hervorbringt,  wird  nie  entwirrt.
Das  heißt,  beim  Sinken  der  Zivilisation  schreiten  die  Staaten  nicht  auf
denselben  Pfaden  abwärts,  auf  denen  sie  emporgestiegen  sind.  Das
Sinken  der  politischen  Zivilisation  würde  uns  z.  B.  nicht  von  der  Republik
zur  konstitutionellen  Monarchie  und  von  da  weiter  zum  Feudalsystem
zurückführen;  es  würde  uns  dem  Zäsarismus  und  der  Anarchie  in  die
Arme  werfen.  In  der  Religion  würde  uns  der  Niedergang  nicht  zu  dem
Glauben  unserer  Vorväter,  zum  Protestantismus  oder  Katholizismus
zurückführen,  sondern  in  neue  Formen  des  Aberglaubens,  von  denen
möglicherweise  das  Mormonentum  und  der  Spiritualismus  eine  entfernte ­
  Vorstellung  geben  können.  In  den  Wissenschaften  würde  der
Niedergang  uns  nicht  zu  Bacon,  sondern  zu  den  Gelehrten  Lhinas
zurückbringen.
wie  aber  der  Rückgang  der  Zivilisation  nach  einer  Periode  des
Fortschrittes  so  allmählich  sein  kann,  um  zurzeit  gar  keine  Aufmerksamkeit ­
  zu  erregen;  ja,  wie  jener  Rückgang  von  der  großen  Mehrheit  der
Menschen  notwendig  für  Fortschritt  gehalten  werden  muß,  ist  leicht  zu
erklären.  So  besteht  beispielsweise  ein  ungeheurer  Unterschied  zwischen
der  griechischen  Kunst  der  klassischen  Zeit  und  der  des  späteren  Reiches;
allein  der  Umschwung  war  von  einer  Geschmacksänderung  begleitet
oder  vielmehr  verursacht.  Die  Künstler,  welche  dieser  Geschmacksveränderung ­
  am  schnellsten  folgten,  wurden  zu  ihrer  Zeit  als  die  besseren  angesehen. ­
  Und  ebenso  in  der  Literatur.  Als  sie  schaler  und  kindischer  wurde
und  auf  Stelzen  einherging,  da  war  dies  der  Ausdruck  eines  veränderten
Geschmackes,  der  ihre  zunehmende  Schwäche  für  erhöhte  Kraft  und  Schönheit ­
  ansah.  Der  wirklich  gute  Schriftsteller  würde  keine  Leser  gefunden
haben,  er  wäre  als  roh,  trocken  oder  langweilig  verschrieen  worden.
Geradeso  ging  das  Theater  abwärts,  nicht  weil  es  an  guten  Stücken
fehlte,  sondern  weil  der  herrschende  Geschmack  mehr  und  mehr  der
einer  weniger  gebildeten  Klasse  wurde,  die  natürlich  das,  was  ihr  am
meisten  gefiel,  als  das  Beste  seiner  Art  betrachtete.  Ebenso  mit  der  Religion; ­
  die  abergläubischen  Vorstellungen,  die  ihr  ein  abergläubisches  Volk
hinzubringt,  werden  von  demselben  als  Fortschritte  angesehen  werden,
wenn  der  Niedergang  schon  im  vollen  Zuge  ist,  wird  man  die  Einwendung
zur  Barbarei  wo  nicht  gar  für  einen  Fortschritt,  doch  für  nötig  halten,
um  den  Bedürfnissen  der  Zeit  zu  entsprechen.
vor  kurzem  ist  z.  B.  die  körperliche  Züchtigung  als  Strafe  für
gewisse  Verbrechen  im  englischen'  Strafgesetz  wiederhergestellt  und  in
Amerika  stark  befürwortet  worden.  Ich  spreche  keine  Ansicht  darüber
aus,  ob  die  Prügelstrafe  eine  bessere  Strafe  ist  als  die  Freiheitsentziehung
oder  nicht.  Ich  deute  nur  auf  die  Tatsache  als  auf  einen  Beweis,  wie  die
zunehmenden  Fälle  von  verbrechen  und  die  zunehmende  Verlegenheit,
wie  man  die  Gefangenen  unterhalten  soll  (beides  sind  jetzt  unzweifelhaft
vorhandene  Tendenzen),  dahin  führen  können,  daß  man  immer  mehr
zu  der  körperlichen  Grausamkeit  barbarischer  Gesetzbücher  zurückkehrt.
        <pb n="404" />
        Aax.  IV.  Auf  welche  weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

50&amp;gt;\

Die  mit  dem  verfall  der  römischen  Zivilisation  beständig  zunehmende
Anwendung  der  Tortur  bei  gerichtlichen  Untersuchungen  kann  daher,
wie  hieraus  leicht  zu  ersehen,  als  eine  notwendige  Verbesserung  des
Kriminalrechts  gefordert  werden,  wenn  die  Sitten  roher  werden  und  die
verbrechen  sich  vermehren.
Ob  in  den  gegenwärtigen  Zügen  der  Meinungen  und  des  Geschmacks
bisher  Anzeichen  des  Rückganges  nachweisbar  find,  braucht  nicht  untersucht ­
  zu  werden;  aber  viele  Dinge,  über  die  kein  Streit  bestehen  kann,
deuten  darauf  hin,  daß  unsere  Zivilisation  einen  kritischen  Abschnitt
erreicht  hat,  und  daß,  wenn  nicht  ein  neuer  Anlauf  in  der  Richtung  der
sozialen  Gleichheit  genommen  wird,  das  neunzehnte  Jahrhundert  leicht
der  Zukunft  als  ihr  Höhepunkt  erscheinen  dürfte.  Die  industriellen  Krisen,
die  ebensoviel  Verheerung  und  Leiden  verursachten  wie  Hungersnot
oder  Kriege,  sind  gleich  den  Schmerzen  und  Anfällen,  die  dem  Schlägfluß
vorangehen.  Überall  ist  es  klar,  daß  die  Tendenz  zur  Ungleichheit,  die
sich  notwendig  aus  dem  materiellen  Fortschritt  ergibt,  wo  der  Grund  und
Boden  monopolisiert  ist,  nicht  viel  weiter  gehen  darf,  ohne  unsere  Zivilisation ­
  auf  jenen  abschüssigen  Pfad  zu  treiben,  den  zu  betreten  so  leicht
und  zu  verlassen  so  schwer  ist.  Überall  leitet  die  steigende  Härte  des
Kampfes  ums  Dasein,  die  zunehmende  Notwendigkeit,  jeden  Nerv
anzustrengen,  um  nicht  umgeworfen  und  in  dem  Geraffe  nach  Reichtum
unter  die  Füße  getreten  zu  werden,  die  Kräfte  ab,  welche  die  Fortschritte
gewinnen  und  erhalten.  Zn  allen  zivilisierten  Ländern  sind  Pauperismus,
verbrechen,  Wahnsinn  und  Selbstmorde  im  Zunehmen.  Zn  allen
zivilisierten  Ländern  vermehren  sich  die  Krankheiten,  welche  von  Überanstrengung ­
  der  Nerven,  ungenügender  Ernährung,  schmutzigen  Wohnungen, ­
  ungesunden  und  einförmigen  Beschäftigungen,  vorzeitiger
Kinderarbeit  sowie  den  Mühsalen  und  Verbrechen,  welche  die  Armut
den  Frauen  auferlegt,  herrühren.  Zn  allen  hoch  zivilisierten  Ländern
scheint  das  durchschnittliche  Lebensalter  der  Menschen,  welches  seit  einigen
Zahrhunderten  allgemach  stieg  und  ungefähr  im  ersten  viertel  dieses
Zahrhunderts  seinen  Höhepunkt  erreicht  zu  haben  scheint,  jetzt  wieder
abzunehmen*).
Solche  Ziffern  deuten  auf  keine  vorschreitende  Zivilisation.  Ls
ist  eine  Zivilisation,  die  in  ihren  unter  der  Oberfläche  liegenden  Strömungen ­
  schon  zurückzuschreiten  begonnen  hat.  wenn  die  Flut  in  der
Bucht  oder  im  Fluß  zur  Ebbe  wird,  so  geschieht  dies  nicht  ganz  plötzlich;
sondern  hier  steigt  sie  noch,  während  sie  dort  schon  zurückzutreten  beginnt,
wann  die  Sonne  den  Meridian  überschreitet,  kann  man  nur  nach  der
Richtung  des  Schattens  sagen,  denn  die  Hitze  des  Tages  nimmt  noch  zu.

*)  Statistische  Angaben  über  diese  Dinge  sind  in  handlicher  Form  in  dem  Buche
Samuel  Royces  „veterioration  and  race  education“  zusammengestellt,  das  von  dem
ehrwürdigen  Peter  Looper  von  New  Port  weit  verbreitet  worden  ist.  Sonderbar  genug
ist  das  einzige  Heilmittel,  das  Royce  vorzuschlagen  weiß,  die  Errichtung  von  Kindergärten.
        <pb n="405" />
        392

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Aber  so  sicher  wie  die  sich  drehende  Aut  bald  zur  Ebbe  werden,  so  sicher
wie  die  sinkende  Sonne  die  Dunkelheit  bringen  muß,  so  sicher  hat,  obgleich ­
  das  Wissen  noch  zunimmt  und  der  Ersindungsgeist  noch  vorschreitet,
neue  Staaten  gegründet  werden  und  die  Städte  sich  noch  ausdehnen,
der  Verfall  der  Zivilisation  schon  begonnen,  wenn  wir  im  Verhältnis
zur  Bevölkerung  mehr  und  mehr  Gefängnisse,  Armen-  und  Zrrenhäuser
hauen  müssen.  Die  Gesellschaften  sterben  nicht  von  oben  nach  unten,
sie  sterben  von  unten  nach  oben.
Es  gibt  aber  noch  weit  handgreiflichere  Beweise  für  die  abwärts
neigende  Tendenz  der  Zivilisation,  als  je  von  der  Statistik  geliefert
werden  können.  Es  besteht  ein  vages,  aber  allgemeines  Gefühl  der  Enttäuschung, ­
  eine  zunehmende  Bitterkeit  unter  den  arbeitenden  Klassen,
ein  weitverbreitetes  Gefühl  von  Unruhe  und  brütender  Revolution.
Wäre  dasselbe  von  einer  bestimmten  Vorstellung  begleitet,  wie  Abhilfe
zu  schaffen  ist,  so  würde  es  ein  hoffnungsvolles  Zeichen  sein;  aber  das
ist  es  nicht.  «Obgleich  man  die  Schulftube  schon  eine  Zeitlang  hinter  sich
hat,  scheint  die  Fähigkeit,  die  Wirkung  aus  die  Ursache  zurückzuführen,
im  allgemeinen  nicht  um  eine  Spur  vorgeschritten  zu  sein.  Der  Rückfall
in  den  Protektionismus,  sowie  in  andere,  längst  in  die  Rumpelkammer
geworfene  politische  Täuschungen  beweist  dies*).  Und  auch  der  philosophische ­
  Freidenker  kann  den  ungeheuren  Umschwung  in  den  religiösen
Zdeen,  der  jetzt  in  der  ganzen  zivilisierten  Welt  vor  sich  geht,  nicht  betrachten, ­
  ohne  zu  fühlen,  daß  diese  furchtbare  Tatsache  die  kolossalsten
Folgen  haben  kann,  die  nur  die  Zukunft  zu  enthüllen  vermag.  Denn  was
da  vor  sich  geht,  ist  kein  bloßer  Wechsel  in  der  Form  der  Religion,  sondern
die  Verneinung  und  Zerstörung  der  Vorstellungen,  denen  die  Religion
entspringt.  Das  Ehristentum  macht  sich  nicht  bloß  vom  Aberglauben
los,  sondern  stirbt  in  der  Volksansicht  an  der  Wurzel  ab,  wie  das  alte
Heidentum  abstarb,  als  das  Ehristentum  die  Welt  betrat.  Und  nichts  erscheint, ­
  um  dessen  Stelle  einzunehmen.  Die  fundamentalen  Borstellungen
eines  persönlichen  Gottes  und  eines  künftigen  Lebens  gehen  der  Überzeugung ­
  der  Massen  immer  mehr  verloren.  «Ob  dies  nun  an  sich  ein
Fortschritt  sei  oder  nicht,  so  zeigt  die  Bedeutung  der  Rolle,  welche  die
Religion  in  der  Weltgeschichte  gespielt  hat,  die  Bedeutung  des  Umschwungs, ­
  der  jetzt  vor  sich  geht.  Falls  die  menschliche  Natur  sich  nicht
plötzlich  in  den  tiefsten  Lharakterzügen,  welche  die  Weltgeschichte  in  der
Menschheit  nachweist,  geändert  hat,  so  bereiten  sich  die  mächtigsten
Aktionen  und  Reaktionen  auf  diese  Art  vor.  Solche  Stadien  des  Denkens
haben  daher  immer  Übergangsperioden  bezeichnet.  Zn  kleinerem  Maßstabe ­
  und  in  geringerer  Tiefe  (denn  ich  meine,  jeder,  der  den  Zug  unserer
Literatur  beachtet  und  mit  den  Leuten,  auf  die  er  trifft,  über  solche
*)  An  aufbauender  Staatskunst,  Erkenntnis  der  grundlegenden  Prinzipien  und
Anpassung  der  Mittel  an  die  Zwecke  ist  die  vor  einem  Jahrhundert  angenommene  Konstitution ­
  der  Vereinigten  Staaten  den  neueren  Staatskonstitutionen  gewaltig  überlegen,
von  denen  die  letzte,  die  von  Kalifornien,  nichts  als  ein  stümperhaftes  Flickwerk  ist.
        <pb n="406" />
        Kap.  V.

Die  zentrale  Wahrheit.

SYS

Gegenstände  redet,  wird  einsehen,  daß  es  ein  Untergrund-  und  kein
gewöhnliches  Pflügen  ist,  das  die  materialistischen  Ideen  jetzt  vollbringen) ­
  ging  ein  solcher  Zustand  des  Denkens  der  sranzösischen  Revolution ­
  voraus.  Aber  die  ähnlichste  Parallele  für  den  jetzt  vor  sich  gehenden
Schiffbruch  der  religiösen  Ideen  findet  sich  in  jener  Periode,  in  der  die
alte  Zivilisation  vom  Glanz  zum  Verfall  überging,  welcher  Umschwung
kommen  mag,  kann  kein  Sterblicher  sagen,  aber  daß  ein  großer  Umschwung
kommen  muß,  fangen  denkende  Menschen  an  zu  fühlen.  Die  zivilisierte
Welt  zittert  am  Rande  einer  großen  Bewegung.  Entweder  muß  es  ein
Sprung  auswärts  sein,  der  den  weg  zu  ungeahnten  Fortschritten  eröffnet, ­
  oder  es  muß  ein  Fall  nach  unten  sein,  der  uns  in  die  Barbarei
zurückführt.

Kapitel  V.
Die  zentrale  Wahrheit.
In  dem  kurzen  Raum,  auf  welchen  dieser  letztere  Teil  unserer
Untersuchung  notwendig  beschränkt  ist,  war  ich  genötigt,  vieles  zu  übergehen, ­
  was  ich  gerne  gesagt  hätte,  und  vieles  nur  kurz  zu  berühren,  wo
eine  erschöpfende  Erörterung  wohl  am  Platze  gewesen  wäre.
Nichtsdestoweniger  ist  wenigstens  so  viel  klar,  daß  die  Wahrheit,
zu  der  wir  in  dem  nationalökonomischen  Teile  unserer  Untersuchung
geleitet  wurden,  ebenso  klar  in  dem  Steigen  und  Fallen  der  Völker  und
in  der  Entstehung  und  dem  Untergang  der  Zivilisationen  hervortritt,
und  daß  sie  mit  jener  tiefgewurzelten  Erkenntnis  von  Beziehung  und
Folge,  die  wir  moralische  Empfindung  nennen,  übereinstimmt.  So  ist
unseren  Schlüssen  die  größte  Sicherheit  und  höchste  Billigung  verliehen.
Diese  Wahrheit  enthält  sowohl  eine  Drohung  wie  eine  Verheißung.
Sie  zeigt,  daß  die  aus  ungerechter  und  ungleicher  Reichtumsverteilung
erwachsenden  Übel,  die  mehr  und  mehr  sichtbar  werden,  je  mehr  die
moderne  Zivilisation  vorschreitet,  nicht  bloß  beiläufige  Folgen  des
Fortschrittes,  sondern  vielmehr  Tendenzen  sind,  die  den  Fortschritt
zum  Stillstand  bringen  müssen,  daß  sie  nicht  von  selbst  heilen,  sondern,
wenn  ihre  Ursache  nicht  entfernt  wird,  immer  größer  werden  müssen,
bis  sie  uns  in  die  Barbarei  zurückschleudern  auf  dem  Wege,  den  jede
frühere  Zivilisation  gegangen  ist.  Aber  sie  zeigt  auch,  daß  diese  Übel
nicht  durch  Naturgesetze  auferlegt  sind,  sondern  daß  sie  lediglich  verkehrten,
die  natürlichen  Gesetze  mißachtenden  sozialen  Einrichtungen  entspringen
und  daß,  wenn  wir  ihre  Ursache  entfernen,  wir  dem  Fortschritt  einen
ungeheuren  Sporn  geben  werden.
Die  inmitten  des  Überflusses  die  Menschen  peinigende  und  vertierende ­
  Armut  und  alle  die  mannigfachen  Übel  ihres  Gefolges  ent-
        <pb n="407" />
        Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

m

springen  einer  Verweigerung  der  Gerechtigkeit.  Zndem  wir  die  Monopolisierung ­
  der  Naturgaben  zuließen,  welche  die  Natur  allen  gleichmäßig
darbietet,  haben  wir  das  fundamentale  Gesetz  der  Gerechtigkeit  mißachtet; ­
  denn  soweit  wir  zu  sehen  vermögen,  scheint,  wenn  wir  die  Dinge
nach  einem  großen  Maßstabe  betrachten,  die  Gerechtigkeit  das  höchste
Weltgesetz  zu  sein.  Dadurch  aber,  daß  wir  diese  Ungerechtigkeit  beseitigen
und  die  Rechte  aller  Menschen  auf  die  Naturgaben  anerkennen,  werden
wir  dem  Gesetze  gemäß  handeln,  die  Lsauptursache  der  unnatürlichen
Ungleichheit  in  der  Verteilung  des  Reichtums  und  der  Macht  entfernen,
die  Armut  abschaffen,  die  unbarmherzige  Leidenschaft  der  Habsucht
zähmen,  die  «Duellen  des  Lasters  und  Elends  austrocknen,  an  dunklen
Orten  die  Leuchte  des  Wissens  anzünden,  dem  Erfindungsgeiste  neue
Kraft  und  den  Entdeckungen  frischen  Impuls  verleihen,  politische  Stärke
an  die  Stelle  politischer  Schwäche  setzen  und  Tyrannei  und  Anarchie
unmöglich  machen.
Die  von  mir  vorgeschlagene  Reform  stimmt  mit  allem  überein,
was  in  politischer,  sozialer  oder  moralischer  Beziehung  wünschenswert ­
  ist.  Sie  hat  die  Eigenschaften  einer  wahren  Reform,  denn  sie  wird
alle  anderen  Reformen  leichter  machen.  Was  ist  sie  anders,  als  die  dem
Buchstaben  und  Geist  entsprechende  Ausführung  der  in  der  Unabhängigkeitserklärung ­
  verkündigten  Wahrheit  —  der  „selbstverständlichen"
Wahrheit,  die  das  Herz  und  die  Seele  der  Erklärung  ist:  „daß  alle
Menschen  gleichgeschaffen  sind,  daß  sie  von  ihrem  Schöpfer
mit  gewissen  unveräußerlichen  Rechten  ausgestattet  sind,
daß  zu  denselben  Leben,  Freiheit  und  das  Streben  nach
Glück  gehören!"
Diese  Rechte  werden  aber  verweigert,  wenn  das  gleiche  Recht  auf
den  Grund  und  Boden,  auf  welchem  und  von  welchem  die  Menschen
allein  leben  können,  verweigert  wird.  Die  Gleichheit  der  politischen
Rechte  bietet  keinen  Ersatz  für  die  Verweigerung  des  gleichen  Rechtes
auf  die  Gaben  der  Natur.  Die  politische  Freiheit  wird,  sobald  das  gleiche
Recht  auf  den  Grund  und  Boden  verweigert  wird,  bei  Zunahme  der
Bevölkerung  und  der  Erfindungen  nur  die  Freiheit,  zu  Hungerlöhnen
um  Beschäftigung  zu  konkurrieren.  Dies  ist  die  Wahrheit,  welche  wir
mißachtet  haben.  Und  so  kommen  die  Bettler  in  unsere  Städte  und  die
Landstreicher  auf  unsere  Heerstraßen;  die  Armut  macht  Menschen  zu
Sklaven,  die  wir  mit  politischen  Herrschaftsrechten  aufputzen;  die  Not
erzeugt  Unwissenheit,  die  von  unseren  Schulen  nicht  erhellt  werden  kann;
Bürger  stimmen,  wie  es  ihre  Herren  vorschreiben;  der  Demagoge  usurpiert
den  Platz  des  Staatsmannes;  Gold  wiegt  in  den  Wagschalen  der  Gerecht
tigkeit;  in  hohen  Stellungen  sitzen  Leute,  die  nicht  einmal  die  Maske
der  Bürgertugend  annehmen,  und  die  Pfeiler  der  Republik,  die  wir
für  so  stark  hielten,  beugen  sich  bereits  unter  der  zunehmenden  Wucht.
Wir  ehren  die  Freiheit  dem  Namen  und  der  Form  nach.  Wir  errichten ­
  ihr  Statuen  und  lassen  ihr  Lob  ertönen.  Aber  wir  haben  ihr  nicht
        <pb n="408" />
        Die  zentrale  Wahrheit.

Rap.  V.

395

völlig  vertraut.  Und  rnit  unserer  Entwicklung  entwickeln  sich  ihre  Ansprüche. ­
  Sie  will  keinen  halben  Dienst!
Freiheit!  es  ist  ein  Mort  der  Beschwörung,  nicht  eitler  Prahlerei.
Denn  Freiheit  bedeutet  Gerechtigkeit,  und  Gerechtigkeit  ist  das  Naturo,e\c^
  —  das  Gesetz  der  Gesundheit,  des  Ebenmaßes,  der  Kraft,  der
Brüderlichkeit  und  des  einigen  Wirkens.
wer  da  meint,  die  Freiheit  habe  ihr  Werk  getan,  als  sie  erbliche
Vorrechte  abschaffte  und  den  Menschen  das  Stimmrecht  gab;  wer  da
glaubt,  sie  habe  keine  weitere  Beziehung  zu  den  täglichen  Angelegenheiten ­
  des  Lebens,  der  hat  ihre  wahre  Größe  nicht  gesehen  —  ihm
müssen  die  Dichter,  die  sie  besungen  haben,  bloße  Reimschmiede  und  ihre
Märtyrer  Narren  scheinen!  wie  die  Sonne  die  perrin  des  Lebens  sowohl
als  des  Lichtes  ist;  wie  ihre  Strahlen  nicht  nur  die  Wolken  durchdringen,
sondern  alle  Entwicklung  erhalten,  alle  Bewegung  verursachen  und  aus
einer  sonst  kalten  und  trägen  Masse  all  die  unendlichen  Verschiedenheiten
des  Seins  und  der  Schönheit  hervorzaubern,  so  steht  die  Freiheit  zum
Menschengeschlecht.  Nicht  für  eine  Abstraktion  haben  die  Menschen  gekämpft ­
  und  geblutet,  sind  in  jedem  Zeitalter  die  Zeugen  der  Freiheit
ausgestanden  und  haben  ihre  Märtyrer  gelitten!
wir  sprechen  von  der  Freiheit  einerseits  und  von  Tugend,  Wohlstand, ­
  Kenntnis,  Erfindungsgabe,  Volkskraft  und  nationaler  Unabhängigkeit ­
  andererseits  als  von  verschiedenen  Dingen.  Aber  die  Freiheit
ist  die  «Duelle,  die  Mutter,  die  notwendige  Bedingung  aller  dieser  Dinge.
Sie  ist  für  die  Tugend,  was  das  Licht  für  die  Farbe  ist;  für  den  Wohlstand, ­
  was  der  Sonnenschein  für  das  Korn;  für  das  wissen,  was  das  Auge
dem  Sehen.  Sie  ist  der  Genius  der  Erfindung,  der  Nerv  der  Volkskraft,
der  Geist  der  Nationalunabhängigkeit!  wo  die  Freiheit  steigt,  da  wächst
die  Tugend,  nimmt  der  Wohlstand  zu,  verbreitet  sich  das  wissen,  die
Erfindung  vervielfältigt  die  menschlichen  Kräfte,  und  an  Kraft  und
Geist  erhebt  sich  die  freiere  Nation  unter  ihren  Nachbarn  wie  Saul
unter  seinen  Brüdern,  größer  und  schöner,  wo  die  Freiheit  sinkt,  da
erblaßt  die  Tugend,  vermindert  sich  der  Wohlstand,  die  Kenntnisse  werden
vergessen  die  Erfindung  hört  auf,  und  vormals  in  Waffen  und  Künsten
mächtige  Reiche  werden  eine  hilflose  Beute  freierer  Barbaren!
Nur  in  gebrochenen  Strahlen  und  partiellem  Lichte  hat  die  Sonne
der  Freiheit  bisher  unter  den  Menschen  geschienen,  aber  allen  Fortschritt
hat  sie  allein  hervorgerufen.
Die  Freiheit  kam  zu  einem  Geschlecht  von  Sklaven  unter  ägyptischer
peitsche  und  führte  sie  hinweg  aus  dem  Hause  der  Knechtschaft.  Sie
stählte  sie  in  der  wüste  und  machte  ein  Geschlecht  von  Eroberern  aus
ihnen.  Der  freie  Geist  der  mosaischen  Gesetze  führte  ihre  Denker  auf
Höhen,  wo  sie  die  Einheit  Gottes  schauten,  und  begeisterte  ihre  Dichter
zu  Gesängen,  die  noch  heute  den  höchsten  Schwung  der  Gedanken  ausdrücken. ­
  Die  Freiheit  dämmerte  an  der  phönizischen  Küste,  und  durch
die  Pfeiler  des  Herkules  segelten  Schiffe,  um  das  unbekannte  Meer
        <pb n="409" />
        396

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

zu  durchfurchen.  Sie  warf  ein  Efalblicht  auf  Griechenland,  und  der
Marmor  wurde  zu  Gestaltungen  vollendetster  Schönheit,  Worte  wurden
zu  Instrumenten  der  erhabensten  Gedanken  und  an  den  schwachen  Milizen
freier  Städte  brachen  sich  die  zahllosen  Scharen  des  großen  Königs,
gleich  Wogen  an  einem  Felsen.  Sie  warf  ihre  Strahlen  aus  die  Vierackergüter ­
  der  italienischen  Bauern,  und  aus  ihrer  Kraft  entsproß  eine
Macht,  die  die  Welt  eroberte.  Die  Freiheit  blitzte  von  den  Schildern
der  deutschen  Krieger,  und  Augustus  beweinte  seine  Legionen.  Aus
der  Nacht,  die  ihrer  Verfinsterung  folgte,  fielen  ihre  schrägen  Strahlen
wieder  auf  freie  Städte,  und  eine  verlorene  Gelehrsamkeit  lebte  wieder
auf,  die  moderne  Zivilisation  hub  an,  eine  neue  Welt  wurde  enthüllt,
und  wie  die  Freiheit  zunahm,  so  entwickelte  sich  auch  die  Kunst,  Wohlstand, ­
  Macht,  Wissen  und  Verfeinerung.  Zn  der  Geschichte  jedes  Volkes
können  wir  dieselbe  Wahrheit  lesen.  Ls  war  die  aus  der  Magna  Charta
entsprossene  Kraft,  die  Lrecy  und  Agincourt  gewann.  Ls  war  die  Erhebung ­
  der  Freiheit  aus  dem  Despotismus  der  Tudor,  die  das  Zeitalter
Elisabeths  verherrlichte.  Es  war  die  Tatkraft  alter  Freiheit,  die  Spanien
in  dem  Augenblick,  wo  es  die  Einheit  errungen  hatte,  zur  mächtigsten
Macht  der  Welt  erhob,  nur  damit  es  in  die  tiefste  Tiefe  der  Schwäche
zurückfalle,  als  die  Tyrannei  die  Freiheit  ablöste.  Man  sehe  in  Frankreich,
wie  unter  der  Tyrannei  des  siebzehnten  Zahrhunderts  alle  geistige  Kraf
hinsinkt,  um  sich  glänzend  wieder  zu  erheben,  als  im  achtzehnten  Zahrhundert
  die  Freiheit  erwachte  und  auf  die  Befreiung  der  französischen
Bauern  in  der  großen  Revolution  die  erstaunliche  Kraft  gründete,  die
in  unserer  Zeit  der  Niederlage  getrotzt  hat.
Sollen  wir  ihr  da  nicht  trauen?
Zn  unserer  Zeit,  wie  vordem,  schleichen  die  hinterlistigen  Kräfte
hervor,  welche  die  Ungleichheit  erzeugen  und  dadurch  die  Freiheit  vernichten. ­
  Am  Horizont  beginnen  die  Wolken  herunterzusteigen.  Die
Freiheit  ruft  uns  wiederum,  wir  müssen  ihr  weiter  folgen,  wir  müssen
ihr  völlig  trauen.  Entweder  müssen  wir  sie  ganz  annehmen  oder  sie  wird
nicht  bei  uns  bleiben.  Es  ist  nicht  genug,  daß  die  Menschen  das  Stimmrecht ­
  haben,  es  ist  nicht  genug,  daß  sie  theoretisch  vor  dem  Gesetze  gleich
sind.  Sie  müssen  Freiheit  haben,  um  sich  die  Gelegenheiten  und  Mittel
des  Lebens  zunutze  machen  zu  können;  sie  müssen  der  Freigebigkeit
der  Natur  gegenüber  auf  gleichem  Fuße  stehen.  Entweder  dies,  oder
die  Freiheit  zieht  ihr  Licht  zurück!  Entweder  dies,  oder  die  Dunkelheit
kommt  heran,  und  dieselben  Kräfte,  welche  der  Fortschritt  entwickelt
hat,  werden  zu  verderbenbringenden  Mächten.  Dies  ist  das  allgemeine
Gesetz.  Dies  ist  die  Lehre  der  Zahrhunderte.  Das  soziale  Gebäude  kann
nicht  bestehen,  wenn  dessen  Grundlagen  nicht  auf  Gerechtigkeit  beruhen.
Unsere  grundlegende  soziale  Einrichtung  ist  eine  Verweigerung
der  Gerechtigkeit.  Zndem  wir  jemandem  gestatten,  den  Grund  und  Boden
zu  besitzen,  auf  welchem  und  von  welchem  andere  Menschen  leben  müssen,
haben  wir  sie  zu  seinen  Knechten  gemacht  in  einem  Grade,  der  sich
        <pb n="410" />
        Map.  V.

Die  zentrale  Wahrheit.

397

steigert,  je  mehr  der  materielle  Fortschritt  zunimmt.  Dies  ist  die  subtile
Alchemie,  die  in  allen  zivilisierten  Ländern  den  Massen  auf  wegen,
die  sie  nicht  begreifen,  die  Früchte  ihrer  mühseligen  Arbeit  entzieht;
die  an  Stelle  der  aufgehobenen  Sklaverei  eine  härtere  und  hoffnungslosere ­
  aufrichtet;  die  aus  politischer  Freiheit  politischen  Despotismus
schmiedet  und  bald  demokratische  Institutionen  in  Anarchie  verwandeln
muß.
Dies  ist  es,  was  den  Segen  des  materiellen  Fortschrittes  in  Fluch
verwandelt.  Dies  ist  es,  was  menschliche  Wesen  in  ungesunden  Kellern
und  schmutzigen  Mietskasernen  zusammendrängt,  was  die  Gefängnisse
und  Bordelle  füllt,  was  die  Menchen  mit  Mangel  quält  und  sie  vor
Habsucht  verzehrt,  was  die  Frauen  der  Grazie  und  Schönheit  vollkommener ­
  Weiblichkeit  beraubt,  was  den  Kindern  die  Freude  und  Unschuld
des  Morgens  ihres  Lebens  verkümmert.
Eine  Zivilisation  auf  solcher  Grundlage  kann  nicht  von  Dauer
sein.  Die  ewigen  Gesetze  des  Weltalls  verbieten  es.  Die  Ruinen  toter
Reiche  bezeugen  es,  und  die  Stimme  in  jedes  Menschen  Brust  antwortet
darauf,  daß  es  nicht  sein  kann.  Etwas  Größeres  als  das  Wohlwollen,
etwas  Erhabeneres  als  die  Mildtätigkeit  —  die  Gerechtigkeit  selbst  verlangt ­
  von  uns,  dieses  Unrecht  gut  zu  machen.  Die  Gerechtigkeit,  die  nicht
verleugnet  werden  kann,  die  nicht  abzufertigen  ist  —  die  Gerechtigkeit,
welche  mit  der  wage  das  Schwert  trägt.  Sollen  wir  den  Streich  mit
Liturgien  und  Gebeten  parieren?  Sollen  wir  die  Beschlüsse  unwandelbarer ­
  Gesetze  abwenden,  indem  wir  Kirchen  bauen,  wenn  hungrige
Kinder  weinen  und  niedersinkende  Mütter  ächzen?
wenn  sie  auch  die  Sprache  des  Gebetes  annimmt,  es  ist  doch  Gotteslästerung, ­
  welche  den  unerforschlichen  Beschlüssen  der  Vorsehung  die
aus  der  Armut  erwachsenden  Leiden  und  Brutalitäten  zuschreibt,  die
mit  gefalteten  bsänden  sich  zu  dem  Allvater  wendet  und  ihm  die  Verantwortlichkeit ­
  für  das  Elend  und  die  verbrechen  unserer  großen  Städte
zuschiebt,  wir  setzen  den  Ewigen  damit  herab,  wir  verunglimpfen  den
Allgerechten.  Lin  mitleidiger  Mensch  würde  die  Welt  besser  eingerichtet
haben;  ein  gerechter  Mensch  würde  mit  seinem  Fuße  solch  einen  schwärenden ­
  Ameisenhaufen  zertreten.  Nicht  der  Allmächtige,  sondern  wir  sind
für  das  Laster  und  Elend,  die  mitten  in  unserer  Zivilisation  eitern,
verantwortlich.  Der  Schöpfer  überhäuft  uns  mit  seinen  Gaben,  die  für
mehr  als  alle  genügen.  Aber  gleich  Schweinen,  die  sich  um  ihre  Nahrung ­
  reißen,  treten  wir  sie  in  den  Schmutz  —treten  sie  in  den  Schmutz,
indem  wir  uns  darum  reißen  und  einander  zerfleischen!
Gerade  in  den  Mittelpunkten  unserer  Zivilisation  gibt  es  heutzutage ­
  Mangel  und  Leiden  genug,  um  jedem  das  Herz  krank  zu  machen,
der  nicht  die  Augen  davor  schließt  und  seine  Nerven  dagegen  stählt.
Dürfen  wir  uns  an  den  Schöpfer  wenden  und  von  ihm  Abhilfe  erbitten?
Angenommen,  das  Gebet  würde  erhört  und  auf  das  Geheiß,  welches
das  Weltall  ins  Dasein  rief,  glühte  die  Sonne  mit  noch  größerer  Kraft,
        <pb n="411" />
        398

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

die  Luft  füllte  sich  mit  neuen  Wunderkräften,  der  Boden  mit  frischer
Fruchtbarkeit,  für  jeden  jetzt  wachsenden  Grashalm  sproßten  zwei  und
die  sich  jetzt  fünfzigfach  vermehrende  Saat  gebe  einen  hundertfachen
Ertrag!  Würde  die  Armut  dadurch  vermindert  oder  das  Elend  gelindert
werden?  Offenbar  nein!  Alle  Vorteile,  die  erwachsen  könnten,  würden
nur  vorübergehend  sein.  Die  neuen,  das  Weltall  durchströmenden
Kräfte  könnten  nur  vermittels  des  Grund  und  Bodens  nutzbar  gemacht
werden.  Und  da  derselbe  Privatbesitz  ist,  so  würden  die  Klaffen,  welche
jetzt  die  Gaben  des  Schöpfers  monopolisieren,  auch  alle  die  neuen  für
sich  in  Beschlag  nehmen.  Die  Grundbesitzer  allein  würden  den  Nutzen
davon  haben.  Die  Renten  würden  steigen,  aber  die  Löhne  noch  immer
nach  dem  Pungerpunkte  hinstreben!
Dies  ist  nicht  bloß  eine  nationalökonomifche  Folgerung;  es  ist  eine
Sache  der  Erfahrung,  wir  wissen  es,  weil  wir  es  gesehen  haben.  In
unserer  eigenen  Zeit,  unter  unseren  eigenen  Augen  hat  jene  Macht,
die  über  alles,  in  allem  und  für  alle  ist;  jene  Macht,  von  der  das  ganze
Weltall  nur  die  Ausstrahlung  ist;  jene  Macht,  die  alle  Dinge  erschaffen
hat  und  ohne  welche  nichts  geschaffen  ist,  die  den  Menschen  zum  Genuß
verliehenen  Gaben  so  wirklich  und  wahrhaftig  vermehrt,  als  wenn
dis  Fruchtbarkeit  der  Natur  erhöht  worden  wäre,  In  dem  Geiste  des
einen  erwachte  der  Gedanke,  welcher  den  Dampf  für  den  Dienst  der
Menschheit  anschirrte.  Dem  inneren  Ohre  des  anderen  wurde  das  Geheimnis ­
  zugeflüstert,  welches  den  Blitz  zwingt,  eine  Botschaft  um  die
Erde  zu  tragen.  In  jeder  Richtung  sind  die  Gesetze  des  Stoffes  enthüllt
worden;  auf  jedem  Gebiete  der  Industrie  sind  Arme  von  Eisen  und
Finger  von  Stahl  entstanden,  deren  Wirkung  aus  die  Güterproduktion
genau  dieselbe  war  wie  eine  Zunahme  der  Fruchtbarkeit  der  Natur.
Was  war  das  Resultat?  Einfach,  daß  die  Grundbesitzer  den  ganzen  Gewinn
erlangen.  Die  erstaunlichen  Entdeckungen  und  Erfindungen  unseres
Jahrhunderts  haben  weder  die  Löhne  erhöht  noch  die  Mühsal  erleichtert.
Die  Wirkung  war  einfach  die,  die  wenigen  reicher  und  die  vielen  hilfloser
zu  machen.
Ist  es  gerecht,  daß  die  Gaben  des  Schöpfers  derartig  ungestraft
in  Beschlag  genommen  werden  dürfen?  Ist  es  eine  so  geringe  Sache,
daß  die  Arbeit  ihres  Verdienstes  heraubt  werden  darf,  während  die
Habsucht  sich  in  Reichtum  wälzt  —daß  die  vielen  Mangel  leiden  müssen,
während  die  wenigen  übersättigt  sind?  Man  wende  sich  zur  Geschichte,
und  auf  jeder  Seite  kann  man  die  Lehre  lesen,  daß  solches  Unrecht
nicht  unbestraft  bleibt,  daß  die  Nemesis,  die  der  Ungerechtigkeit  folgt,
niemals  ausbleibt  oder  schläft!  Man  blicke  um  sich.  Kann  dieser  Zustand
der  Dinge  so  fortgehen?  Können  wir  auch  sagen:  „Nach  uns  die  Sintflut ­
  !"  Nein,  die  Pfeiler  des  Staates  zittern  schon  jetzt,  und  die  Grundlagen ­
  der  Gesellschaft  selbst  fangen  an,  von  den  darunter  eingeschlossenen
glühenden  Kräften  zu  beben.  Der  Kampf,  der  entweder  neues  Leben
        <pb n="412" />
        Lax.  V.

Dis  zentrale  Wahrheit.

399

bringen  oder  alles  in  Trümmer  werfen  muß,  ist  nahe,  wenn  er  nicht
schon  begonnen  hat.
Das  Gebot  ist  erlassen!  Mit  dem  Dampf  und  der  Elektrizität  und
den  vom  Fortschritt  gezeugten  Mächten  haben  Kräfte  die  Welt  betreten,
die  uns  entweder  auf  eine  höhere  Stufe  treiben  oder  überwältigen
werden,  wie  vordem  ein  Volk  nach  dem  anderen,  eine  Zivilisation  nach
der  anderen  überwältigt  worden  sind.  Ls  ist  die  Täuschung,  wie  sie  dem
Verderben  vorhergeht,  die  in  den  fieberhaften  Pulsschlägen  der  zivilisierten ­
  Welt  nur  die  vorübergehende  Wirkung  ephemerer  Ursachen  sieht.
Zwischen  den  demokratischen  Gedanken  und  den  aristokratischen  Einrichtungen ­
  der  Gesellschaft  besteht  ein  unversöhnlicher  Konflikt,  Hier  in
den  Vereinigten  Staaten  wie  drüben  in  Europa  kann  man  ihn  entstehen
sehen.  Wir  können  die  Leute  nicht  auf  die  Dauer  das  Stimmrecht  ausüben ­
  lassen  und  sie  zum  Betteln  zwingen,  wir  können  nicht  auf  die  Dauer
Knaben  und  Mädchen  in  unseren  öffentlichen  schulen  unterrichten
und  ihnen  dann  das  Recht  verweigern,  einen  ehrlichen  Lebensunterhalt
zu  erwerben.  Wir  können  nicht  auf  die  Dauer  von  den  unveräußerlichen
Menschenrechten  schwatzen  und  zugleich  das  unveräußerliche  Recht
auf  die  Gaben  des  Schöpfers  verweigern.  Schon  jetzt  fängt  der  neue
Wein  in  den  alten  Flaschen  zu  gären  an,  und  die  Elementarkräfte
sammeln  sich  zum  Kampf!
Aber  wenn  wir,  solange  es  noch  Zeit  ist,  zur  Gerechtigkeit  zurückkehren ­
  und  ihr  gehorchen,  wenn  wir  der  Freiheit  vertrauen  und  ihr  folgen,
so  müssen  die  jetzt  drohenden  Gefahren  verschwinden,  so  werden  die  jetzt
sich  gegen  uns  auftürmenden  Kräfte  zu  Mitteln  weiteren  Aufschwunges
werden.  Man  denke  nur  an  die  jetzt  vergeudeten  Kräfte,  an  die  unendlichen
noch  zu  erforschenden  Felder  des  Wissens,  an  die  Entwicklung,  von  der
die  wunderbaren  Erfindungen  dieses  Jahrhunderts  uns  nur  eine  Ahnung
geben.  Zst  der  Mangel  beseitigt,  die  Habsucht  in  edle  Leidenschaften
verwandelt,  nimmt  die  der  Gleichheit  entsprießende  Brüderlichkeit  die
Stelle  der  jetzt  die  Menschen  aufeinander  hetzenden  Eifersucht  und  Furcht
ein,  werden  die  geistigen  Kräfte  durch  eine  Lage,  welche  auch  den  niedrigsten ­
  Muße  und  Behaglichkeit  gewährt,  entfesselt  —  wer  mag  dann  die
Höhen  ermessen,  zu  denen  unsere  Zivilisation  sich  noch  aufschwingen  kann?
Es  fehlen  Worte  für  den  Gedanken!  Es  ist  das  goldene  Zeitalter,  das
die  Dichter  besungen  und  begeisterte  Seher  in  Bildern  vorhergesagt
haben!  Ls  ist  das  glorreiche  Traumgesicht,  welches  den  Menschen  stets
im  Strahlenglanze  erschien;  das  er  sah,  dessen  Augen  sich  zu  patmos
in  einer  Entzückung  schlossen.  Ls  ist  der  Höhepunkt  des  Christentums,
die  Stadt  Gottes  auf  Erden  mit  ihren  Mauern  von  Zasxis  und  ihren
Toren  von  fderlen.  Es  ist  das  Reich  des  Friedensfürsten.
        <pb n="413" />
        Schluß.
Das  probiern  des  individuellen  Lebens.
N)o  zeigt  wohl  der  Völker  Tag  die  Spur
von  all'  dein  verheißenen  Sonnenschein?
Statt  des  Lehrers  spricht  die  Kanone  nur,
Der  Zeit  wird  Arbeit  und  Gold  zur  pein.
Die  Hoffnung  vergeht,  die  Lrinn'rung  entschwebt,
Auf  Herd  und  Altar  ist  erloschen  der  Brand.
Doch  nicht  umsonst  hat  der  Glaube  gelebt,
Uns  kündet  das  Herz  das  verheißene  Land.
Francis  Brown.
Meine  Aufgabe  ist  vollendet.
Aber  die  Gedanken  steigen  noch  höher.  Die  von  uns  erörterten
Probleme  leiten  zu  einem  noch  höheren  und  Tieferen,  hinter  den
Problemen  des  sozialen  Lebens  liegt  das  des  individuellen  Lebens.
Es  ist  mir  unmöglich  gewesen,  über  das  eine  nachzudenken,  ohne  auch
über  das  andere  zu  sinnen,  und  so,  denke  ich  mir,  wird  es  auch  denen
ergehen,  welche  dies  Buch  lesen  und  in  Gedanken  mit  mir  gehen.  Denn,
wie  Guizot  sagt:  „wenn  die  Geschichte  der  Zivilisation  beendet  ist,  wenn
nichts  mehr  über  unser  jetziges  Dasein  zu  sagen  ist,  fragt  sich  der  Mensch
unvermeidlich,  ob  alles  erschöpft  sei,  ob  er  das  Ende  aller  Dinge  erreicht
habe?"
Dies  Problem  kann  ich  jetzt  nicht  genauer  untersuchen.  Zch  erwähne ­
  es  nur,  weil  der  Gedanke,  der  mir  bei  der  Abfassung  dieses  Buches
zu  unaussprechlicher  Aufmunterung  gereicht  hat,  auch  einigen  meiner
Leser  zur  Ermunterung  dienen  kann;  denn,  was  auch  sein  Schicksal
sein  möge,  es  wird  von  einigen  gelesen  werden,  die  in  der  Tiefe  ihres
Herzens  das  Kreuz  zu  einem  neuen  Kreuzzuge  genommen  haben.  Dieser
Gedanke  wird  ihnen  ohne  mein  Zutun  kommen,  aber  wir  sind  sicherer,
einen  Stern  gesehen  zu  haben,  wenn  wir  wissen,  daß  andere  ihn  auch
sehen.
Die  Wahrheit,  welche  ich  klar  zu  machen  versucht  habe,  wird  keine
leichte  Annahme  finden.  Wenn  das  möglich  wäre,  so  würde  sie  schon
lange  angenommen  worden  sein,  wenn  es  möglich  wäre,  so  würde  sie
        <pb n="414" />
        Das  probiern  des  individuellen  Lebens.

nie  verdunkelt  worden  sein.  Aber  sie  wird  freunde  finden,  solche,  die
für  sie  sterben,  für  sie  leiden  und,  wenn  es  sein  muß,  für  sie  sterben.
Dies  ist  die  Macht  der  Wahrheit.
Wird  sie  endlich  obsiegen?  Schließlich,  ja.  Aber  in  unserer  Zeit
oder  in  Zeiten,  in  denen  keine  Erinnerung  von  uns  übrig  ist,  wer  vermag
das  zu  sagen?
Für  den  Menschen,  welcher  beim  Anblick  des  von  ungerechten
sozialen  Einrichtungen  verursachten  Mangels  und  Elends,  der  Unwissenheit
  und  Vertierung  sich  vornimmt,  soweit  seine  Kräfte  reichen,  Abhilfe
zu  schaffen,  gibt  es  nur  Enttäuschung  und  Bitterkeit.  So  ist  es  vor  alters
gewesen,  so  ist  es  auch  jetzt.  Aber  der  bitterste  Gedanke  —und  derselbe
kommt  bisweilen  den  Besten  und  Tapfersten  —  ist  der  der  kfoffnungslosigkeit
  des  Bemühens,  der  Vergeblichkeit  des  Opfers.  Wie  wenigen
von  denen,  welche  die  Saat  säen,  wird  es  zuteil,  sie  aufgehen  zu  sehen
oder  nur  überzeugt  zu  sein,  daß  sie  aufgehen  wird.
verhehlen  wir  es  uns  nicht.  Immer  und  immer  wieder  ist  die
Standarte  der  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  in  dieser  Welt  aufgerichtet
worden.  Immer  und  immer  wieder  ist  sie  niedergetreten  worden  und
oftmals  in  Blut,  wenn  es  schwache  Kräfte  wären,  die  sich  der  Wahrheit
entgegenstellen,  wie  könnte  dann  der  Irrtum  solange  herrschen?  bjätte
die  Gerechtigkeit  nur  ihr  Haupt  zu  erheben,  um  die  Ungerechtigkeit
in  die  Flucht  zu  schlagen,  wie  könnte  dann  das  wehklagen  der  Bedrückten
solange  zum  Himmel  schreien?
Aber  für  die,  welche  die  Wahrheit  sehen  und  ihr  folgen  wollen,
für  die,  welche  die  Gerechtigkeit  erkennen  und  zu  ihr  stehen  wollen,
ist  der  Erfolg  nicht  alles.  Erfolg!  Ja,  oft  hat  ihn  die  Lüge,  oft  die  Ungerechtigkeit ­
  zu  verleihen.  Müssen  nicht  die  Wahrheit  und  Gerechtigkeit ­
  etwas  zu  geben  haben,  was  ihr  eigen,  durch  eigenes  Recht  ihr  eigen,
im  Wesen  und  nicht  durch  Zufall  ist?
Daß  sie  dies  haben,  und  zwar  hier  und  jetzt,  weiß  jeder,  der  ihren
erhebenden  Einfluß  gefühlt  hat.  Aber  bisweilen  steigen  die  Wolken
hernieder.  Nur  mit  Trauer  kann  man  die  Biographien  der  Männer
lesen,  die  für  ihre  Mitmenschen  etwas  tun  wollten.  Sokrates  gaben  sie
den  Giftbecher,  Gracchus  töteten  sie  mit  Stöcken  und  Steinen,  und
einen,  den  größten  und  reinsten  von  allen,  kreuzigten  sie.
Ich  bin  in  dieser  Untersuchung  dem  Gange  meiner  eigenen  Gedanken
gefolgt.  Als  ich  mich  im  Geiste  daran  begab,  hatte  ich  keine  Theorie
zu  stützen,  keine  Schlüsse  zu  beweisen.  Nur,  als  ich  zuerst  das  entsetzliche
Elend  einer  großen  Stadt  kennen  lernte,  erschreckte  und  quälte  es  mich,
und  der  Gedanke  ließ  mir  keine  Ruhe,  was  die  Ursache  davon  sei,  und  wie
dem  abgeholfen  werden  könnte.
Aber  aus  dieser  Untersuchung  ist  etwas  hervorgegangen,  was  ich
nicht  zu  finden  dachte,  und  ein  Glaube,  der  tot  war,  lebt  wieder  auf.
Das  Sehnen  nach  einem  künftigen  Leben  ist  natürlich  und  tief.
Es  nimmt  mit  der  geistigen  Entwicklung  zu,  und  vielleicht  fühlt  es
George,  Fortschritt  und  Armut.  26
        <pb n="415" />
        Schluß.

q02
niemand  mehr  als  die,  welche  zu  sehen  begonnen  haben,  wie  groß  das
Weltall  ist,  und  wie  unendlich  die  Fernblicke  sind,  welche  jeder  Fortschritt
im  wissen  uns  eröffnet,  Fernblicke,  welche  zu  erforschen  nichts  Geringeres
als  die  Ewigkeit  erfordern  würde.  Aher  in  der  geistigen  Atmosphäre
unserer  Zeit  scheint  es  für  die  große  Mehrheit  der  Menschen,  auf  die
der  bloße  Glaube  jeden  Einfluß  verloren  hat,  unmöglich,  in  diesem  Sehnen
etwas  anderes  als  eine  kindische,  eitle,  aus  des  Menschen  Selbstliebe
entspringende  Hoffnung  zu  sehen,  für  die  nicht  der  geringste  Grund,
nicht  das  geringste  Zeugnis  vorhanden  ist,  sondern  welche  im  Gegenteil
mit  dem  positiven  wissen  unvereinbar  scheint.
Allein,  wenn  wir  die  Vorstellungen,  welche  so  die  Hoffnung  auf
ein  künftiges  Leben  vernichten,  zerlegen  und  ihnen  nachspüren,  so
werden  wir,  glaube  ich,  ihre  Ouelle  nicht  in  den  Offenbarungen  der
Naturwissenschaft,  sondern  vielmehr  in  gewissen  Lehren  der  politischen
und  sozialen  Wissenschaft  finden,  welche  das  Denken  in  allen  Richtungen
tief  durchdrungen  haben.  Sie  haben  ihre  Wurzel  in  den  Lehren,  daß
eine  Tendenz  bestehe,  mehr  menschliche  Wesen  hervorzubringen,  als  für
die  gesorgt  werden  kann;  daß  Laster  und  Elend  die  Resultate  von  Naturgesetzen, ­
  sowie  die  Mittel  seien,  durch  welche  die  Entwicklung  vor  sich
gehe,  und  daß  der  menschliche  Fortschritt  durch  eine  langsame  Rassenveredelung ­
  bewirkt  werde.  Diese  für  anerkannte  Wahrheiten  geltenden
Lehren  tun,  was  (abgesehen  von  den  durch  sie  gefärbten  wissenschaftlichen
Darlegungen)  die  Ausschreitungen  der  Naturwissenschaft  nicht  tun  —
sie  erniedrigen  das  Individuum  zur  Unbedeutsamkeit;  sie  zerstören  den
Gedanken,  daß  in  der  Ordnung  des  Weltalls  irgendeine  Rücksicht  auf  sein
Dasein  genommen  oder  dasjenige,  was  wir  moralische  Eigenschaften
nennen,  anerkannt  sein  könnte.
Ls  ist  schwer,  den  Gedanken  menschlicher  Unsterblichkeit  mit  dem
Gedanken  zu  vereinbaren,  daß  die  Natur  beständig  Menschenleben  vergeude ­
  und  sie  in  ein  Dasein  rufe,  wo  kein  Platz  für  sie  ist.  Es  ist  unmöglich,
mit  der  Vorstellung  eines  allweisen  und  allgütigen  Schöpfers  den  Glauben
zu  vereinbaren,  daß  das  Elend  und  die  Erniedrigung,  welche  das  Los
eines  so  großen  Teils  des  Menschengeschlechts  sind,  die  Folge  seiner
Anordnungen  seien;  während  der  Gedanke,  daß  der  Mensch  geistig
und  körperlich  das  Ergebnis  langsamer,  durch  Erblichkeit  fortgepflanzter
Modifikationen  sei,  unwiderstehlich  die  Idee  eingibt,  daß  das  Rassenleben,
nicht  das  individuelle,  das  Ziel  des  menschlichen  Daseins  sei.  So  schwand
bei  vielen  von  uns  und  schwindet  noch  immer  mehr  und  mehr  jener
Glaube,  der  in  den  Kämpfen  und  Widerwärtigkeiten  des  Lebens  den
stärksten  und  tiefsten  Trost  gewährt.
Nun,  wir  haben  in  unserer  Untersuchung  diese  Lehren  bekämpft
und  ihre  Irrtümer  gesehen,  wir  haben  gesehen,  daß  die  Bevölkerung
nicht  die  Tendenz  hat,  über  ihren  Unterhalt  hinauszugehen;  daß  die
Vergeudung  menschlicher  Kräfte  und  das  Übermaß  menschlichen  Leidens
nicht  Naturgesetzen,  sondern  der  Unwissenheit  und  Selbstsucht  der  Menschen
        <pb n="416" />
        26*

Das  Problem  des  individuellen  Lebens.

entspringt,  da  sie  sich  weigern,  den  Naturgesetzen  gemäß  zu  handeln,
wir  haben  gesehen,  daß  der  menschliche  Fortschritt  nicht  die  Natur  des
Menschen  verändert,  sondern  daß  dieselbe  vielmehr  im  ganzen  stets  dieselbe ­
  bleibt.
So  wird  der  Alp,  der  aus  der  modernen  Welt  den  Glauben  an
ein  künftiges  Leben  verbannt,  verscheucht.  Nicht  daß  alle  Schwierigkeiten ­
  beseitigt  wären  —  denn  wohin  wir  uns  auch  wenden  mögen,
immer  stoßen  wir  auf  Dinge,  die  wir  nicht  verstehen  können  —,  aber
wenigstens  sind  Schwierigkeiten  gehoben,  die  beweiskräftig  und  unüberwindlich ­
  schienen.  Und  so  bricht  die  Hoffnung  an.
Das  ist  jedoch  nicht  alles.
Die  Nationalökonomie  ist  die  „schreckliche"  Wissenschaft  genannt
worden  und  ist  in  ihrer  herkömmlichen  Gestalt  in  der  Tat  hoffnungslos
und  verzweiflungbringend.  Allein  dies  ist,  wie  wir  gesehen  haben,
nur  darum  der  Fall,  weil  sie  erniedrigt  und  gefesselt  wurde,  weil  ihre
Wahrheiten  verrenkt,  ihre  Harmonien  verkannt  wurden,  weil  das  Wort,
das  sie  gern  gesprochen  hätte,  in  ihrem  Munde  geknebelt  und  ihr  Protest
gegen  das  Unrecht  in  eine  Rechtfertigung  der  Ungerechtigkeit  verdreht
wurde.  Befreit,  wie  ich  versucht  habe  sie  zu  befreien,  strahlt  die  Nationalökonomie ­
  in  ihrem  eigenen  Ebenmaße  die  Hoffnung  aus.
Denn,  richtig  verstanden,  zeigen  die  Gesetze,  welche  die  Produktion
und  Verteilung  der  Güter  regieren,  daß  die  Armut  und  Ungerechtigkeit
des  jetzigen  sozialen  Zustandes  nicht  notwendig  sind,  sondern  daß  im
Gegenteil  ein  sozialerZustand  möglich  ist,  in  welchem  die  Armut  unbekannt
sein  würde  und  alle  besseren  Eigenschaften  und  höheren  Kräfte  der  menschlichen ­
  Natur  Gelegenheit  zu  voller  Entwicklung  finden  würden.
Und  wenn  wir  ferner  sehen,  daß  die  soziale  Entwicklung  weder
durch  eine  besondere  Vorsehung,  noch  durch  ein  unbarmherziges  Schicksal,
sondern  durch  ein  zugleich  unwandelbares  und  wohltätiges  Gesetz  regiert
wird;  wenn  wir  sehen,  daß  der  menschliche  Wille  der  Hauptfaktor  ist,
und  daß  die  Menschen  im  allgemeinen  ihre  Lage  selbst  gestalten;  wenn
wir  sehen,  daß  das  ökonomische  und  das  moralische  Gesetz  im  wesentlichen ­
  eins  sind,  und  daß  die  Wahrheit,  welche  der  verstand  nach  mühsamer
Anstrengung  erfaßt,  keine  andere  ist  als  die,  zu  welcher  der  moralische
Sinn  durch  eine  schnelle  Anschauung  gelangt,  so  bricht  eine  Flut  von
Licht  über  das  Problem  des  individuellen  Lebens  herein.  Diese  zahllosen ­
  Millionen  von  Wesen  wie  wir,  die  auf  dieser  unserer  Erde  wandelten
und  noch  wandeln,  mit  ihren  Freuden  und  Sorgen,  ihrer  Mühsal  und
ihrem  Streben,  ihrer  Sehnsucht  und  ihren  Befürchtungen,  ihren  starken
Empfindungen  von  Dingen,  die  über  den  verstand  hinausgehen,  ihren
gemeinsamen  Gefühlen,  wie  sie  die  Grundlage  selbst  der  am  weitesten
auseinanderlaufenden  Glaubensbekenntnisse  bilden  —  ihre  kleinen
Leben  erscheinen  nicht  wie  sinnlose  Vergeudung.
Die  große  Tatsache,  welche  die  Wissenschaft  in  allen  ihren  Zweigen
darlegt,  ist  die  Allgemeinheit  des  Gesetzes.  Überall,  wo  er  es  zu  verfolgen
        <pb n="417" />
        HÖH  Schluß.

vermag,  ob  in  dem  Lalle  eines  Apfels  oder  in  dem  Umlauf  der  Doppelsterne, ­
  sieht  der  Astronom  das  wirken  ein  und  desselben  Gesetzes,  welches
in  den  kleinsten  Abschnitten,  in  die  wir  den  Raum  teilen  können,  ebenso
wirkt  wie  in  den  unermeßlichen  Entfernungen,  mit  welchen  seine  Wissenschaft ­
  sich  befaßt.  Aus  den  Lernen,  die  fein  Teleskop  nicht  mehr  erreicht,
tritt  ein  Weltkörper  hervor  und  verschwindet  wieder.  Soweit  er  dessen
Lauf  verfolgen  kann,  ist  das  Gesetz  nicht  eingehalten.  Sagt  er  darum,
dies  fei  eine  Ausnahme?  )m  Gegenteil,  er  sagt,  es  sei  nur  ein  Teil
der  Kreisbahn,  den  er  gesehen  habe,  und  das  Gesetz  bewähre  seine  Gültigkeit ­
  über  den  Bereich  seines  Teleskops  hinaus.  Daraufhin  macht  er
feine  Berechnungen,  und  nach  Jahrhunderten  bewähren  sich  dieselben.
Spüren  wir  nun  den  Gesetzen  nach,  die  das  menschliche  Leben  in
der  Gesellschaft  regieren,  so  finden  wir,  daß  sie  in  dem  größten,  wie
in  dem  kleinsten  Gemeinwesen  dieselben  sind.  wir  finden,  daß  die  anscheinenden ­
  Abweichungen  und  Ausnahmen  nur  Kundgebungen  derselben ­
  Prinzipien  sind,  und  daß  überall,  wo  wir  es  verfolgen  können,
das  soziale  Gesetz  in  das  Moralgesetz  übergeht  und  mit  demselben  übereinstimmt; ­
  daß  im  Leben  eines  Gemeinwesens  die  Gerechtigkeit  unvermeidlich ­
  ihren  Lohn  und  die  Ungerechtigkeit  ihre  Strafe  findet.  )m
individuellen  Leben  vermögen  wir  dies  nicht  zu  sehen.  Betrachten  wir
nur  dies,  fo  vermögen  wir  nicht  zu  sehen,  daß  die  Gesetze  des  Weltalls
auch  nur  die  geringste  Beziehung  zu  gut  oder  schlecht,  recht  oder  unrecht,
gerecht  oder  ungerecht  haben*).  Müssen  wir  deshalb  sagen,  daß  das
im  sozialen  Leben  zur  Erscheinung  kommende  Gesetz  im  individuellen
Leben  nicht  zutreffe?  wissenschaftlich  wäre  es  gewiß  nicht,  dies  zu  sagen.
Von  nichts  anderem  würden  wir  es  sagen.  Müssen  wir  nicht  vielmehr
sagen,  dies  beweise  nur,  daß  wir  nicht  das  ganze  individuelle  Leben
sehen?
Die  Gesetze,  welche  die  Nationalökonomie  entdeckt,  stimmen,  gleich
den  Tatsachen  und  Beziehungen  der  physischen  Natur,  mit  dem  anscheinenden ­
  Gesetze  der  geistigen  Entwicklung  überein  —  sie  sind  nicht
ein  notwendiger  und  unfreiwilliger  Lortschritt,  sondern  ein  Lortschritt,
bei  dem  der  menschliche  Wille  eine  einleitende  Kraft  ist.  Aber  im  Leben,
wie  wir  es  kennen,  vermag  die  geistige  Entwicklung  nur  eine  kleine
Strecke  zurückzulegen.  Der  Geist  beginnt  kaum  zu  erwachen,  so  nehmen

*)  Täuschen  wir  unsere  Ainder  nicht!  Wenn  aus  keinem  anderen  Grunde,  so  aus
dem,  den  Plato  anführt,  weil,  wenn  sie  dahin  gelangen,  dasjenige  nicht  mehr  zu  glauben,
was  wir  ihnen  als  fromme  Label  erzählt  haben,  sie  auch  das  nicht  mehr  glauben  werden,
was  wir  ihnen  als  Wahrheit  gaben.  Die  Tugenden,  die  sich  auf  das  eigene  Selbst  beziehen,
bringen  gewöhnlich  ihren  Lohn.  Sowohl  ein  Kaufmann  als  der  Dieb  wird  mehr  Erfolg
haben,  wenn  er  mäßig,  vorsichtig  und  seinen  Versprechungen  getreu  ist;  was  aber  die
Tugenden  betrifft,  die  sich  nicht  auf  das  eigene  Selbst  beziehen:
„Es  scheint  ein  Märchen  aus  der  Geisterwelt,
Wo  jedermann  erhält,  was  er  verdient,
Und  jedermann  verdient,  was  er  erhält."
        <pb n="418" />
        Das  Problem  des  individuellen  Lebens.

die  körperlichen  Kräfte  ab;  nur  dunkel  wird  er  sich  der  ungeheuren  vor
ihm  liegenden  Felder  bewußt,  er  beginnt  erst  seine  Kraft  zu  erfahren
und  zu  gebrauchen,  Beziehungen  zu  erkennen  und  seine  Sympathien
auszudehnen  —da  schwindet  er  bereits  mit  dem  Tode  des  Körpers  dahin,
wenn  dies  alles  ist,  so  scheint  hier  ein  Bruch,  ein  Mangel  vorzuliegen.
Sei  es  ein  Humboldt  oder  ein  Herschel,  ein  Moses,  der  vom  Pisgah
herunterschaut,  ein  Josua,  der  die  Heerscharen  führt,  oder  eine  jener
milden  und  geduldigen  Seelen,  die  in  engen  Kreisen  leben  und  Leben
ausstrahlen,  so  scheint,  wenn  der  hienieden  entfaltete  Geist  und  Lharakter
nicht  weiter  schreiten  können,  eine  Zwecklosigkeit  vorzuliegen,  die  unvereinbar ­
  ist  mit  dem,  was  wir  von  der  gegliederten  Folge  des  Weltalls
sehen  können.
Nach  einem  fundamentalen  Gesetze  unseres  Geistes  —  dem  Gesetze, ­
  aus  welches  sich  die  Nationalökonomie  tatsächlich  in  allen  ihren
Folgerungen  stützt  —  können  wir  uns  kein  Mittel  ohne  Zweck,  keine
Erfindung  ohne  Gegenstand  denken.  Nun,  der  ganzen  Natur,  soweit
wir  mit  ihr  in  dieser  Welt  in  Berührung  kommen,  bietet  die  Erhaltung
und  Beschäftigung  des  menschlichen  Verstandes  einen  solchen  Zweck
und  Gegenstand.  Aber  wenn  der  Mensch  selbst  nicht  etwas  höheres
hervorzubringen  oder  zu  etwas  höherem  emporzusteigen  vermag,  so
ist  sein  Dasein  unverständlich.  So  stark  ist  diese  metaphysische  Notwendigkeit, ­
  daß  diejenigen,  welche  dem  Individuum  etwas  über  das  irdische
Leben  Hinausliegendes  bestreiten,  gezwungen  sind,  den  Gedanken  der
Vervollkommnungssähigkeit  auf  die  Rasse  zu  übertragen,  wie  wir
jedoch  gesehen  haben  (und  wie  noch  viel  vollständiger  hätte  dargelegt
werden  können),  so  deutet  nichts  auf  eine  wesentliche  Rassenvervollkommnung. ­
  Der  menschliche  Fortschritt  besteht  nicht  in  der  Vervollkommnung ­
  des  menschlichen  Wesens.  Die  Fortschritte,  in  denen  die  Zivilisation ­
  besteht,  werden  nicht  in  der  Konstitution  des  Menschen,  sondern
in  der  Konstitution  der  Gesellschaft  erlangt.  Sie  sind  daher  nicht  feststehend ­
  und  dauernd,  sondern  können  zu  jeder  Zeit  verloren  gehen  —
ja,  sie  haben  fortwährend  die  Tendenz,  verloren  zu  gehen.  Und  wenn
das  menschliche  Leben  nicht  über  das  irdische  Leben  hinausreicht,  dann
stehen  wir  in  betreff  der  Rasse  derselben  Schwierigkeit  gegenüber,  wie
in  betreff  des  Individuums!  Denn  es  ist  ebenso  gewiß,  daß  die'Rasse
sterben  muß,  wie  daß  das  Individuum  sterben  muß.  wir  wissen,  daß
geologische  Verhältnisse  obgewaltet  haben,  unter  denen  menschliches
Leben  auf  der  Erde  unmöglich  war.  wir  wissen,  daß  sie  wiederkehren
müssen.  Selbst  jetzt,  wo  die  Erde  in  ihrer  vorgezeichneten  Bahn  kreist,
verdicken  sich  die  nordischen  Eishüllen  langsam,  und  die  Zeit  nähert  sich
allmählich,  wo  ihre  Gletscher  wieder  fließen  und  die  nordwärts  strömenden ­
  wogen  der  südlichen  Meere  die  Sitze  der  jetzigen  Zivilisation  unter
Gzeanwüsten  begraben  werden,  wie  sie  möglicherweise  heute  eine  einstige
ebenso  hohe  Zivilisation  wie  die  unsrige  bedecken.  Und  über  diese  Perioden
hinaus  erkennt  die  Wissenschaft  eine  tote  Erde,  eine  verlöschte  Sonne,
        <pb n="419" />
        406

Schluß.

eine  Zeit,  in  der  das  in  sich  zusammenfallende  Sonnensystem  sich  in
Gasform  auflösen  wird,  um  aufs  neue  unermeßliche  Wandelungen
anzufangen.
was  ist  denn  nun  die  Bedeutung  des  Lebens,  des  absolut  und
unvermeidlich  vom  Tode  begrenzten  Lebens?  Mir  scheint  es  nur  als
Aufgang  und  Vorhalle  eines  anderes  Lebens  verständlich.  Und  seine
Tatsachen  scheinen  nur  nach  einer  Theorie  erklärlich,  die  nur  in  Mythe
und  Symbol  ausgedrückt  werden  können,  und  der  die  Mythen  und  Symbole, ­
  in  denen  die  Menschen  ihre  tiefsten  Empfindungen  wiederzugeben
versuchten,  überall  und  zu  allen  Zeiten  in  irgendeiner  Form  Ausdruck
verleihen.
Die  heiligen  Schriften  der  Menschen,  die  gekommen  und  gegangen
sind,  die  Bibeln,  Zend  Aveftas,  Vedas,  Dhammapadas  und  Korans,
die  geheimnisvollen  Lehren  alter  Philosophien,  die  innere  Bedeutung
grotesker  Religionen,  die  dogmatischen  Grundlagen  ökumenischer  Konzilien, ­
  die  Predigten  der  Fox,  der  wesley,  der  Savonarola,  die  Überlieferungen ­
  der  roten  Indianer,  und  der  Glaube  der  Neger  haben  ein
Herz  und  einen  Kern,  in  welchem  sie  übereinstimmen,  ein  Etwas,  das  den
mannigfach  verzerrten  Auffassungen  einer  ursprünglichen  Wahrheit
gleichsieht.  Und  aus  der  Kette  der  Gedanken,  welche  wir  verfolgt  haben,
scheint  sich  unbestimmt  ein  Lichtstrahl  dessen  zu  erheben,  was  sie  unbestimmt
sahen  —  ein  schattenhafter  Strahl  schließlicher  Verbindungen,  die,
wenn  man  ihm  Ausdruck  zu  geben  sucht,  unvermeidlich  Bilder  und
Allegorien  notwendig  machen:  ein  Garten,  in  welchem  die  Bäume
des  Guten  und  des  Übels  stehen;  ein  Weinberg,  in  welchem  des  Herrn
Arbeit  zu  tun  ist,  ein  Übergang  vom  Leben  hienieden  zum  jenseitigen
Leben;  eine  Prüfung  und  ein  Kampf,  von  dem  wir  das  Ende  nicht  absehen ­
  können.
Man  blicke  um  sich.
Siehe  da!  Hier,  jetzt,  in  unserer  zivilisierten  Gesellschaft  haben
die  alten  Allegorien  noch  einen  Sinn,  sind  die  alten  Mythen  noch  wahr.
In  das  Tal  der  Schatten  des  Todes  leitet  noch  oft  der  Pfad  der  Pflicht,
durch  die  Straßen  des  Litelkeitmarktes  gehen  Christian  und  Glaubrecht
und  auf  Großherz'  Rüstung  hallen  die  schallenden  Hiebe  wieder.  Noch
immer  kämpft  Grmuzd  mit  Ahriman,  der  Fürst  des  Lichtes  mit  den
Mächten  der  Finsternis,  wer  nur  hören  will,  dem  rufen  die  Schlachttrompeten. ­

wie  sie  rufen  und  rufen  und  rufen,  bis  das  Herz  schwellt,  das
sie  hört!  Starke  Seele  und  hohes  Bemühen  braucht  die  Welt  heute.
Die  Schönheit  liegt  noch  gefangen  und  eiserne  Räder  gehen  über  das
Gute  und  wahre  und  Schöne  hinweg,  das  aus  so  vieler  Menschen  Leben
entspringen  könnte.
Und  die  an  Grmuzd  Seite  kämpfen,  ob  sie  sich  auch  einander  nicht
kennen  mögen  —irgendwo,  irgendwann  wird  die  Musterrolle  aufgerufen
werden.
        <pb n="420" />
        Das  probiern  des  individuellen  Lebens.

4;07

Obgleich  die  Wahrheit  und  das  Recht  oft  unterjocht  scheinen,  wir
können  es  nicht  ganz  sehen,  wie  vermögen  wir  es  ganz  zu  sehen?  Alles,
was  sich  ereignet,  selbst  hier,  vermögen  wir  nicht  zu  sagen.  Die  Schwingungen ­
  des  Stoffes,  welche  die  Empfindungen  des  Lichtes  und  der  Farbe
geben,  werden  uns  ununterscheidbar,  sobald  sie  einen  gewissen  Punkt
überschreiten.  Nur  bis  zu  einer  gewissen  Entfernung  unterscheiden  wir
die  Töne.  Selbst  Tiere  haben  Sinne,  die  wir  nicht  haben.  Und  diese
Erde?  Zm  Vergleich  zum  Sonnensystem  ist  unsere  Erde  nur  ein  ununterscheidbarer ­
  Flecken,  und  das  Sonnensystem  selbst  schrumpft  zu  einem
Nichts  zusammen,  wenn  es  nach  den  Tiefen  des  Weltalls  ermessen  wird.
Können  wir  sagen,  daß,  was  unseren  Blicken  entgeht,  ins  Meer  der
Vergessenheit  versinke?  Nein,  nicht  in  Vergessenheit,  weit,  weit  über
unseren  Gesichtskreis  hinaus  müssen  die  ewigen  Gesetze  ihre  Herrschaft
behaupten.
Die  Hoffnung,  welche  erhebt,  ist  das  Herz  aller  Religionen!  Die
Dichter  haben  sie  besungen,  die  Seher  haben  sie  verkündet,  und  in  seinen
tiefsten  Pulsen  pocht  das  perz  des  Menschen  ihrer  Wahrheit  entgegen.
Das  Wort  Plutarchs  drückt  es  aus,  was  zu  allen  Zeiten  und  in  allen
Zungen  von  denen  gesagt  worden  ist,  die,  reinen  Herzens  und  scharfen
Blickes,  sozusagen,  auf  den  Berggipfeln  der  Gedanken  stehend  und  über
den  dunkelnden  Ozean  schauend,  aus  demselben  das  Land  haben  auftauchen ­
  sehen:
„Die  hier  mit  Körpern  und  Leidenschaften  umgebenen
Seelen  der  Menschen  haben  keine  Gemeinschaft  mit  Gott,
außer  soweit  sie  vermittels  der  Philosophie,  wie  ein  Träumender, ­
  sich  eine  dunkle  Vorstellung  davon  verschaffen  können.
Aber  wenn  sie  vom  Körper  befreit,  in  die  ungesehene,  unsichtbare, ­
  unübersteigliche  und  reine  Gegend  versetzt  sind,  dann
ist  dieser  Gott  ihr  Führer  und  König;  dort  werden  sie  sich  gewissermaßen ­
  ganz  an  ihn  hängen  und  nimmer  müde  werden,
jene  Herrlichkeit,  die  von  Menschen  nicht  ausgedrückt  werden
kann,  anzuschauen  und  leidenschaftlich  zu  lieben."
        <pb n="421" />
        ©.  pähsche  Buchdr.  Lippe  rt  L  Lo.  G.  rn.  b  £&amp;gt;.,  Naumburg  a.  d.  S»
        <pb n="422" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

-Luf  dem  Gebiet  der  volkswirtschaftlichen  SilSung  und  der  staatsbürgerlichen  Erziehung
'  *  sind  heute  im  deutschen  Sprachgebiet  am  verbreitetsten  die  Schriften  von
/Idols  Damaschke
vorfttzenöer  öes  Sundes  deutscher  öoöenreformer.

Ajtz  Grundsätzliches  und  Geschichtliches  zur  Erkenntnis
und  Llberwindung  Ser  sozialen  Not.  Achtzehnte,  durchgesehene  Auflage.  100.  bis
110  Tausend.“x“  II,  516  S-  8»)  1920.  Preis:  !,  Alark,  geb.  1«  Mark  50  Pf.
UnKnlt-  1  Meder  Mammonismus  noch  Kommunismus!  Das  Problem.  Der  Mam.
Der  Kommunismus.  Die  Bodenreform.  —  1!.  Die  Bodenreform  und  die  industrie  lie
En^w?cklsinq  Stand  und  Bedeutung  der  Wohnungsfrage.  Wohnungsbau  durch  Gemeinden  und
Bauaenolienlcbaften.  Die  Bauordnung.  Die  Grundwerts,euer.  Die  Auwachssteuer.  vom  GemeindegrundÄntum.
  Industrielles  Neuland.  Zur  Htzpothekenfrag  °.  Der  Schutz  der  Sauhandwerker.  Genolkenfcbafts.
  und  Gewerkschaftsfragen.  -  lII.  Die  Bodenreform  und  die  Agrarfrage.  Die
Ursachen  der  landwirtschaftlichen  Not.  Die  Entschuldung.  S'nsen  und  Steuern.  D,e  Allmende.  Die
Nnnenkolonisation.  -  IV.  Die  Bodenreform  in  Israel.  —  V.  Die  Bodenreform  in  Hellas.-VI
  Die  Bodenrefornrkärnpfe  in  Roin  und  ihre  Lehren.  —  "VII.  ^enrv  G  e  orge.  —  VIII.  Zur
Deutschen  Bodenreform.  -  IX.  Der  Weltkrieg  im  Lichte  der  Bodenreform.  Die  Booenfrage
  in  Rußland,  in  England,  in  v-utschland.  -  Personen,  und  Sachverzeichnis.
Das  aewaltiae  Aufwecken  deutscher  Gewissen  durch  den  Weltkrieg  hat  auch  dazu  geführt,  die  vcrbreituna
  dieses  Buches  so  zu  fördern,  daß  wahrend  der  fünf  Kriegs  ahre  über  8,00°  Stuck  (se.t  Mg  erwi.len"gangb°r°
  w'ege  zu  fruchtbarer  AZei.
in  dieser  so  entschcidungsreichen  Zeit  erschließen.
pädagogische  w°-t^,  ^  v-z-mb«  MS.-  klasfifch«  Grundwerk  der  Bodenreform  auf
.den  Arb  eit  stisch  eines  jeden  Lehrers  gehört,  namentlich  letzt,  wo  mehr  denn  &amp;gt;-  -me  anschauliche  E,nführung
  und  gründliche  Vertiefung  in  die  großen  Fragen  gesunder  Volkswirtschaft  gefordert  werden.
Für  volkstümliche  Vortrags,  und  Besprechungsabende  m  Stadt  und  Land  leistet  das  Buch  ganz  hervor,
raaende  Dienste.  Dringend  möchte  ich  es  den  Leitern  °  Ich  er  Verewigungen,  soweit  es  ihnen  nicht  bebannt
  ist  empfehlen.  Hier  können  sie  wertvolle  praktische  Aus  larungsarbeit  auf  Volkswirt,chaztlichem
Gebiete  leisten  und  Damaschkes  „Bodenreform"  ist  ein  vorzüglicher  Berater  hierzu.  Alles  in  allem:
D  a  m  a  f  ch  °  „  Bodenreform"  bedarf  keiner  b  e  fand  er  en  Empfehlung  mehr  •  es  tst  langst
als'führend  es  volkstümliches  Werk  anerkannt  Um  so  notiger  aber  ist  es,  daß  ,°&amp;gt;n  wahrhaft
erhebender  "ozialer  Grundgedanke  in  immer  weitere  Schichten  unsere-  Volkes  drmgt.  M.

Oelchrchte  öer  Natwnalökonomle.  Eine  erste  Einführung.
Zwölfte/  durchgesehene  Auflage.  «1.  bis  70.  Tausend.  Zwei  Bände.  (XX,  813  5.
gr.  8.)  1920.  preis:  14  Mark,  geb.  25  Mark.
~(Ti6aIt-  &amp;gt;  von  den  Aufgaben  der  Nationalökonomie.  —  2.  Das  Altertum.  (Israel,  Hellas,
Rom)  —  3  Das  Mittelalter  und  das  kanonische  Recht.  (Ostlandsiedlung,  deutsches  Städtcwescn,
die  Lehre  vom  gerechten  preis  und  vom  Zins)  -  4.  Das  Zeitalter  des  Merkantilismus.  &amp;lt;Oer
Staatssozialismus  des  polizeilichen  Wohlfahrtsstaats.,  -  s.  D,e  ph^siokraten  und  die  französische  Re.
volution  —  b  Die  liberale  Schule.  (Die  Lehre  vom  wert,  von  der  Arbeitsteilung,  vom  Bevölkerung-,
gssetz,  von  der  Grundrente,  vom  Freihandel,  das  Manchestertum.)  -7.  Das  nationale  System  (Die
Festlandssperre,  Friedrich  Lifts  Mär,-,rertu,„,  das  nationale  System,  Mitteleuropa,  historische  Schule  und
Staatssozialismus,  christlich.sozial,  national-sozial.)  8.  Der  Kommunismus.  (Die  großen  Uiopisten.
Karl  Marx  und  Ferdinand  Lafsalle.  Die  Entwicklung  der  Sozialdemokratie  )  9.  Die  Anarchisten.
(Die  Lehre  vom  Staat  und  parlan,cntarism»s.  Syndikalismus  und  Bolschewismus.)  -  fv.  Die  Bodenreform. ­
  (Die  Bodenfrage  in  England  und  Amerika,  in  Frankreich,  Italien,  Rumänien,  Finnland,
Ungarn,  Bulgarien,  bei  den  wsmanen  und  Zionisten.  Die  russische  Entwicklung  im  Lichte  der
Bodenfräse.  Die  deutsche  Bodenreform.)  —  Namen,  und  Sachverzeichnis.

Der  Kunstwarti  So  ist  dieses  Buch  mehr  als  irgend  ein  and  eres  Buch  geeignet,  das
unserer  allgemeinen  Bildung  so  notwendige  deutsche  Hausbuch  der  Volkswirtschaft-.
Geschichte  zu  werden,
a  l.,»-wiaer  Nachrichten,  S.  April  Mb:  .  .
Sch  te-w  g  cs  in  unserer  von  sozialen  Problemen  so  überaus  erfüllten  Zeit,  die  die  Mit-.
  •.  l'  jV  iaben  Volksgenossen  zum  wähle  des  Staat-ganzen  erfordert,  für  den  Einzelnen  nötig,  sich
arbeit  eines  r«  9  wissen  aus  volkswirtschaftlichem  Gebiet  anzueignen.  Das  zu  ermöglichen,
^-schichte  der  Nationalökonomie"  hervorragend  berufen,  d,e  als  erste  Einführung  gedacht,  nicht
ist  diese  „Gehl  t  mannet  und  Frauen  icder  Steilung  und  ,cden  Standes  ge.
für  Fachleute,  !  l  ,  ,  klaren  und  dabei  wieder  so  lebendigen  weise,  die  ihr  Stiidium
schrieben  ist  mb  yvat  m  e,n«  !|o^  ;  ^  ^  ^Anstiftendes  Werk,  dem  wir  die  weiteste  ver.
brestung  wünschen.  ES  muß  einen  eisernen  Bestand  auch  der  kleinsten  Büchereien  bilden,  w.  H.
        <pb n="423" />
        Verlag  von  Gustav  Mischer  in  Jena.

Die  angegebenen  Preise  erhöhen  sich  z,  Zt.  durch  nachstehende  Teuerungszuschläge:

für  die  bis  Ende  1916  erschienenen  Werke  100  °/ 0
für  die  1917  und  1918  erschienenen  Werke  BO°l 0

für  die  1919  erschienenen  Werke

SS"/°

Für  das  Ausland  wird  ferner  der  vom  Börsenverein  der  deutschen  Buchhändler  vorgeschriebene  Valuta-Ausgleich
berechnet.  —  Die  Preise  für  gebundene  Bücher  sind  wegen  der  Verteuerung  der  Buchbinder  arbeiten  bis  auf
weiteres  unverbindlich.

weitere  Schriften  von  ftflolf  DMlMflhke.
Die  Mfgaben  öer  Gemeinöepolitik.
Auflage.  28.  bis  30.  Tausend.  268  S.  1919.  Preis:  5  Mark  60  Pf.,  geb.  8  Mark  60  Pf.

Inhalt:  I.  Die  Besteuerung  -er  Grundrente.  *.  Dom  Wesen  der  Grundrente.  2,  wen
trifft  die  Besteuerung  der  Grundrente?  3.  Die  Grundwertsteuer  oder  die  Steuer  nach  dein  gemeinen
wert.  4»  Die  verbesserungs-  oder  Bauabgabe.  5.  Die  Zuwachssteuer.  6.  Die  Umsatzsteuer  oder  die
Besitzveränderungsabgabe.  7.  Schlußwort  (Cerraininteressentenund  Hausbesitz,  Grundrente  u.  Wohltäter).  —
II.  Das  Geineinde-Grunöeigenturn.  *.  vom  deutschen  Bodenrecht.  2.  Gemeindebedürfnisse  und
-Aufgaben.  3.  Die  Vermehrung  des  Gemeindegrundeigentums.  4.  Öffentliche  Anstalten  und  Anlagen.
5.  von  der  Verpachtung.  6  vom  Erbbaurecht.  7.  vom  wiederkaufsrecht.  8.  vom  Gartenrentengut.
9.  Gemeindegrundeigentum  u.  Volkstum.  JO.  Die  Heimstättenbewegung  und  die  Gemeinden.
No  rddeutsche  Allgem.  Zeitung,  ttt.  409.  *2.  August  *9*8:
.  .  .  Damaschkes  Lehre,  die  Bodenreform,  ist  ihm  nicht  nur  Wirtschaftssystem,  sondern  Weltanschauung; ­
  Bekennermut  und  Bekehrereifer  kennzeichnen  seine  Schriften.  Die  Verdienste  des  Mannessind
  bekannt  und  unbestritten;  er  lehrte  uns  die  Frage  der  Bodenwirtschaft  mit  anderen  Augen  anzusehen ­
  als  die  der  Mobiliargüter.  Er  sagte  nichts,  was  eigentlich  und  unbedingt  neu  war;  aber  er
erinnerte  an  etwas,  das  in  Gefahr  war,  vergessen  zu  werden.  .  .  .  Als  wichtiger  Wegweiser  wird
Damaschkes  Buch  allen  an  der  gemeindlichen  Bodenwirtschaft  Beteiligten  stets  von  großem  werte  sein».

Erfahrungen  unS  Ratschläge.  43.  bis

48.  Lausend.  (VIII.  S6  S.  8°.)  1920.

Preis:  2  Mark  50  Pf.

In  wenigen  Jahren  sind  von  dieser  Schrift  4-2  000  Exemplare  verbreitet  worden.  Das  ist  wohl
der  beste  Beweis,  daß  dieses  Bach  in  seiner  Eigenart  vielen  willkommen  ist.  Es  schöpft  aus  der  Praxis
der  modernen  Redekunst  und  will  der  Praxis  dienen  unter  Ausschluß  aller  gelehrt  klingenden,  aber
unfruchtbaren  Theorien.  Der  Verfasser,  selbst  ein  Meister  der  Redekunst,  bietet  hiev  eine  Schrift,  die
gerade  in  der  jetzigen  Zeit  eine  willkommene  Hilfe  sein  wird,  wie  sie  keine  andere  Schrift  dieser  Art
sein  dürfte.
Die  „Schriftsteller-Zeitung"  (Weimar)  vom  *2.  Dezember  *9*9  schreibt:
Adolf  Damaschke  will  keine  Sprachtechnik  lehren,  sondern  zeigt  an  Hand  von  Beispielen  aus
eigenen  Reden  und  durch  Hinweise  auf  die  großen  Redner  der  Geschichte  wie  man  auf  die  Hörer  wirkte
wie  man  eine  Rede  aufbaut  und  wie  man  Schüchternheit  und  Hemmung  beherrscht.  Das  Buch  sei  auf
das  wärmste  empfohlen,  da  es  viel  Anregung  bietet  und  aus  einem  einzigartigen  wissen  und  wollen
geschaffen  ist.

ein  Prophet  unö  Märtyrer  deutscher  Weltwirtschaft.  (46  S.
Preis:  60  Pf.

Urania.  X.  Jahrgang.  Nr.  27.  7.  Juli  *9*7:
...  wenig  Deutsche  außerhalb  des  Rreises  der  Volkswirte  kennen  den  Namen  und  die
werke  Friedrich  Lists,  des  Mannes,  der  zwischen  *820  und  *846  alle  diese  Ziele  in  unermüdlicher,  unablässiger ­
  Arbeit  dem  deutschen  Volke  gewiesen  hat.  Sein  wirken  war  in  selten  hohem  Maß  vom  Unverständnis ­
  und  vom  Widerstände  seiner  Zeitgenossen  gehemmt.  Es  hat  wenig  Menschen  gegeben,  deren
reine  und  selbstlose  Absichten  so  vielen  Schwierigkeiten  der  Regierungen,  der  Fachleute  und  der  Öffentlichkeit ­
  begegnet  sind,  die  so  viel  Undank  geerntet  haben;  Friedrich  List  hat  für  sein  wirken  Festungshaft,.
Verlust  von  Stellung  und  vermögen  geerntet,  bis  dem  gebrochenen  Mann  das  Vaterland  den  Revolver
in  die  Hand  drückte.  Der  Vortrag  Adolf  Damaschkes  gibt  eine  hübsche  Darstellung  des  Lebens  und
Wirkens  Lists,  die  jedermann,  der  sich  für  diesen  seltenen,  unglücklichen  Bahnbrecher  interessiert,  bestensempfohlen ­

  werden  kann.  .  .  .

R.  B.
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        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
Die  Preise  erhöhen  sich  durch  die  auf  der  2.  Anzeigenseite  angegebenen  Teuerungszuschläge.

Bodenfräse  und  Hrbeiterintere$$e.  Eine  erste  Einführung.  SSonCl).  Brauer.
(IV,  217  S.  gr.  8°.)  1916.  Mk  5.—
Inh  alt:  Einleitung:  Was  ist  Arbeiterinteresse?  Boden  und  Arbeiter.  —  1.  Teil:
Das  Produzenteninteresse  des  Arbeiters.  Der  Bodenanteil  an  den  Produktionskosten. ­
  Bodenspekulation  und  Bodenmonopol.  Bodenspekulation  und  Bauarbeiterschaft.
Die  ländliche  Arbeiterfrage.  Bedeutung  der  Bodenfrage  für  die  Bergarbeiter.  —  2.  Teilr
Der  Arbeiter  als  Konsument.  Nomtnallohn  und  Reallohn.  Wohnungskonsum.  —
3.  Teil:  Ergebnisse,  Abhilfe.
Nie  deutsche  ksdeurekorm-ketvegung.  BonGeh  Adm-Ratvi  »,.5^.
meikk,  eh.  Kaiser!.  Kommissar  des  Kiantschon-Gebietes.  (VIII,  67  S.  8°.)  1912.
Mk  1.—
Inhalt:  I.  Anfänge  und  Bewegung.  Henry  George  und  die  Vorläufer  des
Bundes.  Irrtümer  und  Fehler.  „Die  reine  Lehre".  Theorie  und  Praxis.  Notwendige
Beschränkung.  Henry  Georges  Bedeutung  für  die  deutsche  Bewegung.  Das  deutsche  Programm. ­
  —  II.  Die  Kiautschou-Laudvrdnung.  Einfluß  der  Landordnung  auf  die
Bewegung.  —  Koloniale  Bodenreform.  —  III.  Fortschritte  der  Bewegung  in
Deutschland.  Vom  Enteignungsrecht.  Landerwerb  der  Gemeinden.  Hypothekenwesen.
Hypotheken  und  Bauhandwerk.  Kohlen  und  Kali.  —  IV.  Ausgaben  der  Bewegung.
Verwertung  von  öffentlichem  Grundeigentum.  Der  Umschwung  bestehender  Rechtsbegriffe.
Besteuerung  des  Bodenwertes.  Abschätzung  der  Bodenwerte.  Zuwachssteuer  nur  Mittel,
nicht  Ziel.  —  V.  Ausdehnung  der  Bewegung.  Arbeit  des  Bundes  deutscher  Bodenreformer. ­
  Literatur.  Gegner  der  Bewegung.
flu§  Ki(IUt$CbOU$  Uerwältunfl.  Die  Land-,  Steuer-  und  Zollpolitik  des  Kiautschouqebietes.
  Von  Dr.  WJ.  Schramei«T,  Geh.  Admiralitäisrat,  eh.  Kaiser!.  Kommissar
des  Kiautschougebictes.  (VIII,  255  S.  gr.  8°.)  1914.  Mk  5.-,  geb.  Mk  6.-Inhalt:
  Landpolitik.  1.  Erwerb  des  Bodens  seitens  der  Regierung.  2.  Vergebung ­
  des  Bodens.  3.  Verfahren  bet  Landverkäusen.  4.  Die  Landordnung  Kiautschous
in  ihrer  Stellung  zur  Bodenreform.  —  Steuerpolitik.  1.  Grundsätze  der  Besteuerung..
2.  Steuerordnung  für  Kiautschou.  3.  Weitere  Entwickelung  des  Steuerprogramms  und  Einnahmen ­
  aus  Erwerbsbetrieben.  4.  Einnahmen  und  Selbstbestimmung  der  Bürgerschaft.  —
Zollpolitik.  1.  Pekinger  Zollübereinkunft  von  1899.  2.  Zollregulative  für  den  Eisenbahnverkehr ­
  und  die  Binnengewässerschiffahrt.  3.  Zusatzübereinkunft  vom  1.  Dezember  1905..
aj  Vorschläge  zur  Abänderung  des  bestehenden  Systems,  b)  Verhandlungen  mit  Kaufmannschaft ­
  und  Zollamt,  o)  Voraussetzungen  für  die  Schaffung  eines  beschränkten  Freibezirks
an  Stelle  des  Freihafens,  ä)  Abschluß  und  Inhalt  der  Vereinbarungen.
Innere  Kolonisation  in  Neuseeland.  Von  Dr.  rer  po i  m.  piügge.  Assessor..
(Probleme  der  Weltwirtschaft.  Herausgegeb.  von  Prof.  Dr.  B.  Harms,  Kiel.  Hett  26.)
Mit  1  Karte.  (V,  148  S.  Lex.-8°.)  1916.  Mk  5.40
Die  Schrift  behandelt  die  neueste  neuseeländische  Landgesetzgebung  und  ihre  praktischen ­
  Ergebnisse,  besonders  die  Ansiedelungspolitik,  die  das  Ziel  hat,  die  dort  zutage  getretenen ­
  Schäden  spekulativer  Latifundienbildung  zu  beseitigen,  und  an  deren  Stelle  Bauernsiedelung
  zu  setzen,  d.  h.  innere  Kolonisation  zu  betreiben.  D,e  Regierung  Neuseelands,
einer  fast  ausschließlich  aus  Europäern  bewohruen  Siedelungskolonie,  hat  sich  dabei  von
recht  radikalen  bodenreformerischen  Gedanken  letten  lassen,  die  der  englischen  Bodenreformbewegung ­
  entsprossen,  wohl  nirgends  so  durchgreitend  verwirklicht  worden  sind.  Ausführliche
geht  die  Schrift  auf  die  bisweilen  äußerst  scharsen  Maßregeln  —  Landrücklauf  durch  die
Regierung,  Enteignung,  Grundsteuer  usw.  —  ein,  die  dem  Ziel  der  Besiedelung  des  Landes
mir  Farmbetrieben  statt  Grotzbesitzungen  dienen  sollen,  weist  aber  auch  eingehend  auf  die
Hindernisse,  gefühlsmäßige  und  praktische,  hin,  die  sich  dessen  Verwirklichung  entgegenstellen.
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        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
Die  Preise  erhöhen  sich  durch  die  auf  der  2.  Anzeigenseite  angegebenen  Teuerungszuschläge.

BOdCII =  Uttd  ßyßOtlKKCnßl'dbldnC.  Kritische  Abhandlungen.  Von  Ludwig
«Schwege.  1913.  Mk  2.50,  geb.  Mk  3.50
Inhalt:  1.  Wie  Rente  entsteht.  —  S.  Das  Recht  der  Priorität.  —  4.  Hypothekenrecht  und  Baumarkt.
  —  4.  Das  Gesetz  zur  Sickerung  der  Bauforderungen.  —  S.  Banken  für  zweite  Hypotheken.  —
«.  Hypothekenunrecht.  —  7.  Terrainaktien.  —  8.  Zur  Naturgeschichte  der  Tcrraingefellschaften.  —  9.  HauSbefitz
  und  Grundbesitz.  —  io.  Häuser  als  Kapitalsanlage.  —  ll.  Kaufmann  und  Wertzuwachssteuer.  —
12.  Baufpekulation  und  Bankwelt.  —  13.  Terrainkrisis  und  Wertzuwachssteuer.  —  14.  Ethisierung  der
Terramgeschäfts.  —  IS.  Theorie  und  Praxis  im  Aklienwesen.
Der  Ausweg.  Notfragen  der  Leit.  Von  Prof.  Dr.sranz  Oppenheimer.  Zweite,
-durchgesehene  Auflage.  (74  S.  8°.)  1919.  Mk  2.50
Inhalt:  1.  Sozialismus  und  Liberalismus.  2.  Freie  und  beschränkte  Konkurrenz,  8.  Das  Bodenmonopol.
  4.  Die  Entstehung  des  Bodenmonopols.  s.  Das  Kapital.  6.  Die  Wanderung.  7.  Die  „reine"
Wirtschaft.  8.  Der  Untergang  der  reinen  Wirtschaft.  S.  Bestätigung  durch  Karl  Marx.  1».  Deutschland ­
  als  „freie  Kolonie".  11.  Die  Götzendämmerung  des  Unternehmerprofitz.  12.  Die  galoppierende
Schwindsucht  der  großen  Vermögen.  13.  Die  Agrarreform.  11.  Die  Zukunft  der  Großlandwirtschast.
iS.  Die  AnteilSwirtjchaft.  18.  Die  landwirtschaftliche  Arbeiter-Produktivgenossenschaft.
DU  Siedlun0$gcno$$en$cftaft.  Uersuch  einer  positiven  Überwindung  des
Kommunismus  durch  Lösung  des  «enossenschsttsproblems  und  der  Agrarfrage.
Bon  Dr.franz  Oppenheimer.  Unveränderter  Neudruck.  (XLII,  628  S.  8°.)  1913.  Mk  8.—
Inhalt:  Einleitung.  Die  soziale  Krankheit.  Sozialdemokratie  und  Genossenschaftswesen.  —
I.  Die  städtischen  Genossenschaften.  1.  Zur  Geschichte  der  städt.  Genossenschaftsbewegung.
8.  Zur  Theorie  der  Berkäusergenossenschasten.  8.  Die  landwirtschaftlichen  Unternehmergenossenschaften.  —
II.  Die  landwirtschaftlicheArbeiter-Produktivgenolseii  schuft.  —  III.  Die  SiedlungSgenofsenfchaft.
  Schlußwort.  Die  Siedlungsgenossenschaft  das  Ziel  aller  Parteien.
Die  Mbeits  und  Pacfttgeno$$en$c!)aften  Italiens.  V°n  Dr  j ur
et  phil.  m.  D.  Preyer,  Privatdozent  der  Slaatswiffenschaft,  Straßburg  t.  E.  (IV,  228  S.
gr.  8°.)  1913.  Mk  6.-Jnhalt:
  1.  Die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  Italiens.  —  2.  Die  wirtschaftlichen  Ent.
stebungSgründe  der  A.-  u.  P.-Genofsenschaften.  —  3.  Darstellung  der  A.°  u.  P.-Genossenschaften.  —
4.  Die  Bedeutung  der  A.»  u.  P.-Genosfenschaften  für  die  Landwirtschaft  Italiens.  (Die  Landarbeiterfrage ­
  in  der  Romagna.  Die  innere  Kolonisation.)  —  Anhang.
Die  russische  Agrarreform.  V°n  Dr.  d.  preyer.  sreu  10  zum  Teil
farbigen  Plänen.  (XIV,  415  S.  gr.  8°.)  1914.  Mk  18.—
Schmollers  Jahrbuch,  Bd.  88,  Heft  3:  .  .  .  Am  vollständigsten  und  eingehendsten  ist  die
russische  Agrarreform  in  dem  vorliegenden  Buche  behandelt,  das  zugleich  eine  weit  ausgreifende,  geschichtlichtheoretische
  Darstellung  gibt.  das  Agrarprogramm  der  verschiedenen  Parteien  sowohl  als  das  fast  aller
russischen  bekannteren  agrarpolitischen  Autoren  behandelt,  um  sodann  die  von  der  Regierung  Stolypins
vorgenommene  Auslösung  des  alten  Status  und  die  entstehenden  Neubildungen  zu  beleuchten.  Man
wird  Preyer  zugeben  muffen,  daß  ihm  die  Darstellung  der  verschiedenen  Agrarprogramme  in  der  durch
den  Umfang  bedingten  knappen  Form  ausgezeichnet  gelungen  ist.  ...
Die  Feldgemeinschaft  in  Russland.  Von  uiadimir  simkhopitch.  Ein
Beitrag  zur  Sozialgeschichte  und  zur  Kenntnis  der  gegenwärtigen  Lage  des  russischen
Banernstandes.  (XVI,  400  S.  gr.  8°)  1908.  Mk  10.—

Sozialismus  und  soziale  Bewegung.  B°n  Dr  ferner  $ombart,  Pros.
a.  d.  Univ.  Berlin.  Achte  Auflage.  50.—59.  Tausend.  (XII,  887  S.  gr.  8°.)  1919.
Mk  6.-,  geb.  Mk  8.50

Inhalt:  Einleitung:  Was  verstehen  wir  unter  Sozialismus  und  soziale  Bewegung?  I.  Der
Sozialismus.  1.  Die  Grundideen  des  modernen  Sozialismus.  2.  Der  nationale  Soz.  &amp;gt;Der  ältere
sog.  „utopische"  Soz.  Der  Anarchismus.)  8.  Die  Begründung  des  historischen  Soz.  4.  Die  Kritik  des
Marxismus.  5.  Der  revolutionäre  Syndikalismus.  8.  Der  Bolschewismus.  —  II.  Die  soziale  Bewegung. ­
  i.  Aus  der  Vorgeschichte  der  sozialen  Bewegung.  8.  Die  Entfaltung  der  nationalen  Eigenart. ­
  3.  Die  Tendenz  zur  Einheit.  (Kritik  meiner  Auffassung:  deren  Sinn.  „Proletarier  aller  Länder
vereinigt  Euch!"  Die  Grundsätze  der  sozialdemokrati'chen  Politik.  Der  Internationalismus.  Das
innerpoliiische  Programm.  Die  Wirkungen  des  Weltkrieges.)  —  Anhang:  I.  Führer  durch  die  sozialistische ­
  Literatur.  8.  Chronik  der  sozialen  Bewegung  von  17S0-1911.
Die  soziale  Trage  und  der  Sozialismus,  eine  kritische  Auseinandersetzung ­
  mit  der  marxistischen  Theorie.  Von  Dr.  weil.  et  MI.  franz  Oppenheimer,
o.  ö.  Prof,  an  der  Univ.  Frankfurt  a.  M.  9.-11.  Tausend.  (XII,  192  S.  8«.)  1919.  Mk  3.—

Inhalt:  Offener  Brief  an  Karl  Kautsky.  —  I.  Die  soziale  Frage.  1.  Soziale  Frage  und
Monopol.  2.  -Wesen  und  Entstehung  des  Kapitalismus.  3.  Robinson,  der  Kapitalist.  Kolonisation. ­
  —  II.  Der  Sozialismus.  5.  Liberaler  Sozialismus  und  Marxismus.  6.  Dre  Marxsche
Lehre  vom  Wert  und  Mehrwert.  7.  Die  wissenschafilichen  Grundlagen  des  Marxismus  und  Revrstonlsmus.
  —  8.  Kautsly  als  Agrartheoretiker.  9.  Kautskys  Zukunftsstaat.
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in  jenem.

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größer  wirds
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von  einer  uns
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rigsten  tierist
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:de  die  römische  Zivilisation,  welche  sich  durch  Eruieren ­
  Frieden  sicherten,  über  Europa  ausgebreitet
äonen  der  nordischen  Völker  überwältigt,  welche
ix  in  unzusammenhängende  Teile  zerschellten,
äsation  begann,  als  das  Feudalsystem  aufs  neue
en  Staaten  vereinigte  und  als  die  geistliche  Dber-Staaten
  in  eine  gemeinschaftliche  Verbindung
dessen  Legionen  getan  hatten.  Als  dann  die
-onalen  Autonomien  wurden  und  das  Lhristentum
mschaften  aus  ihrer  Verborgenheit  zog,  die  Fäden
nner  alldurchdringenden  Organisation  zusammengiösen
  Orden  die  Vereinigung  lehrte,  wurde  ein
tt  möglich,  der  mit  immer  zunehmender  Kraft
niger  die  Verbindung  und  das  Zusammenwirken
mschen  gebracht  wurden,
den  Lauf  der  Zivilisation  und  die  verschiedenen
*  ihre  Geschichte  darbietet,  nie  verstehen,  ohne
s  i  ziehen,  was  ich  die  inneren  Widerstände  oder
chte,  die  im  Perzen  der  fortschreitenden  Geselln
  erklären  können,  wie  eine  schon  vorgeschrittene
n  selbst  zum  Stillstand  kommen  oder  von  Barmn. ­

welche  das  bewegende  Prinzip  des  sozialen
^  urch  Assoziation,  welche  recht  eigentlich  eine
genannt  werden  kann,  freigemacht.  Die  Genplizierter,
  ihre  Individuen  voneinander  übst ­
  en  und  Verrichtungen  spezialisieren  sich.  An-+-»ie
  Bevölkerung  ansässig.  Anstatt  daß  sich  jeder
bst  macht,  werden  die  verschiedenen  Gewerbe
der  eine  erwirbt  Geschick  in  dem,  der  andere
gt  sich  die  Wissenschaft,  deren  Umfang  beständig
rem  einzelnen  immer  weniger  zu  bewältigen
c,  denen  sich  die  einzelnen  widmen.  Auch  die
lichkeiten  kommt  in  die  pände  einer  besonderen
Körperschaft,  und  die  Aufrechterhaltung  der
e,  die  Steuerverwaltung  und  Kriegführung
nen  einer  organisierten  Regierung.  Kurz,
usdruck  zu  gebrauchen,  die  Entwicklung  der
uf  ihre  einzelnen  Bestandteile,  der  Übergang
nzusammenhängenden  Gleichartigkeit  zu  einer
'°;enden  Vielartigkeit.  jZe  niedriger  die  Stufe
;sto  mehr  gleicht  die  Gesellschaft  jenen  niedmen,
  die  ohne  Organe  oder  Glieder  sind,
^geschnitten  werden  kann  und  doch  noch  lebt.
sozialen  Entwicklung,  desto  mehr  gleicht  die
^  24*
        <pb n="427" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
