Abschnitt II. 351 II. Dort draußen, am Saume des Odenwaldes, im schönen Gelände der Bergstraße, findet sich ein Plätzchen, das ein ganz seltsamer Anreiz sein kann, über Fragen von der Art der jetzigen zu grübeln. Dort treten sie uns greifbar und lebendig entgegen; wenn auch nicht in Fleisch und Blut, so doch in Stein und Moos. Man steigt einen sanften Abhang hinab, und der Wald, der hier jeden Ausblick verwehrt, hält zwei Überraschungen bereit Eine Lichtung, die sich plötzlich gegen das Tal hin öffnet, ist erfüllt von einem dichten Gedränge mächtiger Steinblöcke; so wirr durcheinander geschoben, als ob da eine grauen hafte Bewegung, ein Schieben, Pressen, Auftürmen und Überstürzen, urplötzlich erstarrt wäre. Wenige Schritte seitab von diesem „Felsen meer“, wie man es hier nennt, tragen gewaltige Blöcke des frei auf liegenden Felsens die klaren, aber auch schon altersgrauen Spuren einer Bearbeitung durch Menschenhand. Es sind der vollen Breite nach Stufen abgesprengt. Aber auch hier, mitten in dieser Arbeit, scheint ein plötzlicher Stillstand erfolgt zu sein, so daß man sie in allen Stadien vertreten sieht: Das Ebnen und Glätten der Fläche, das Ziehen der Sprengritze, das Eintreiben der Löcher für die Brecheisen, das Nachteufen der Bruchspalte, bis zur gelungenen Absprengung der Stufen, von denen die Ausmaße annehmen lassen, daß sie für Säulen bestimmt waren. Ganz in der Nähe liegt auch ein hünenhafter Säulen schaft, tief eingesunken in den Untergrund, die vielberühmte Riesen säule im Auerbacher Forst. Wie das Felsenmeer dort, so ist auch diese Arbeitsstätte ein Ding, das aus der Zeit verstanden sein will. Da wie dort ist gleichsam Ge schehen erstarrt, und so tritt uns in Formen des nämlichen Gesteins zweifach die Frage nach dem Einst entgegen: was hat jene Klötze dort wirr durcheinander geworfen, und wessen Hand hat hier gewaltet ? Diese Doppelfrage macht den lauschigen Winkel an der Bergstraße zu einem Stelldichein mit der Vergangenheit, recht wie wir es als Schulbeispiel brauchen. Wir nehmen nun an, ein Lokalhistoriker belehrt uns, daß jener Steinbruch aus der Römerzeit stammt. Ein ortskundiger Geologe aber klärt uns darüber auf, daß jene Klötze niemals durcheinander geworfen wurden; vielmehr sei früher eine Schicht zerklüfteten Granites da gewesen, und den hätte das atmosphärische Wasser so lange durch nagt und nach Teilstücken abgerundet, bis das Trugbild dieses gigan