Der Stoff der Sozialwissenschaft, II. 555 Freilich „entgehen“ uns die Erscheinungen, sobald wir noetisch denken; aber nicht anders, als dem wieder die Erlebungen „entgangen“ sind, der phänomenologisch denkt. Aus diesen Sackgassen kommt unser Denken über die Wirklichkeit nun einmal nicht heraus. Die ganze Wirklichkeit ist einzig und allein dann in unserem Bewußtsein, wenn wir uns „selbstvergessen“ dem Erleben hingeben, bar aller Ab sicht, darüber zu denken; was natürlich ein Denken als Erlebnis ebensowenig ausschließt, wie etwa Forschung und Methodologie un zertrennlich wären. Wie sehr eine Erlebung eine Sache ganz für sich ist, gegenüber jenen sinnlichen und seelischen Erscheinungen, als welche sich das nämliche Erlebnis dem phänomenologischen Denken darstellen würde, läßt sich folgendermaßen verdeutlichen. Das „blicken , wie es aus der noetischen Formung „lesen“ als eines ihrer anschaulichen Elemente herauszuschälen möglich war, bezieht sich weder darauf, was man an einem anderen, der „blickt“, sinnlich beobachten kann, noch darauf, was man seelisch an sich selber beobachten kann, sobald man selber „blickt“. Aber dann zum mindesten doch auf beides zugleich? Nun, es ist wohl des noetischen Denkens Art, daß bei der Aussprache des Wortes „blicken“ sowohl das an mir, wie auch das an anderen Beobachtete in anschaulicher Vorstellung mitschwingt. Das „blicken“ selber jedoch, als anschauliches Element, als Erlebung, ist auch nicht die Zusammenfassung des einen und des anderen, sondern das spe zifische Dritte: die Subjektbejahung. Das ist keinerlei Seiendes, sondern ein Geltendes: nichts also, was „vorgefunden“ wird, weder an mir, noch am anderen; sondern etwas, das ich bei dem anderen so „anerkenne“, wie sich mein eigenes Ich gleichsam darin auslebt. Nur daß ich auf seine anschauliche Geltung für mich selber erst dadurch verfalle, daß ich sie bei anderen „anerkenne“: hierher, in der Tat, die alte’ psychogenetische Wahrheit von der „sozialen“ Bedingtheit unseres begrifflichen Denkens — soweit es als ein noetisches aufwächst; und dafür legt unsere ganze Sprache Zeugnis ab. Mit dem Hinweis auf die Erscheinungen kann also der Zweifel an der anschaulichen Einfachheit der Erlebung nicht begründet werden. Allein, ist unser „blicken“ nicht erst noch einer noetischen Deutung zugänglich, so zwar, daß es noch nicht selber das noetisch Elementare wä re? Denn mag auch „blicken“ nur mehr eine anschauliche Variation des „Kenntnisnehmens“ ”sein, so läßt doch das letztere noch eine uoetische Deutung zu: „gewollter Übergang vom Nichtwissen zum Wissen“! Übertragen wir dies jedoch von dem „Kenntnisnehmen“ auf das „blicken“, so ergibt sich aus der unausweichlichen Wendung: