576 „Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung 1 ', — durchweg Kategorien, welche der phänomenologischen Denkweise notwendig fremd bleiben. Es kann nicht einen Augenblick im Zweifel sein, daß in der Sozialwissenschaft die noetische Denkweise rege ist. Dreht sich doch in dieser Wissenschaft alles um das Handeln und Leiden der zueinander Stellung nehmenden Subjektei Darum durfte in diesem Zusammenhang der aus Erlebungen gewobene Stoff, das noetisch Er fahrbare, gleich als der „Stoff der Sozialwissenschaft“ vorgeführt werden. Diese Gleichsetzung des sozialwissenschaftlichen mit einer Spielart des noetischen Denkens bedarf auch deshalb keines weiteren Beweises, weil die ganze spätere Untersuchung die Probe darauf machen wird. Die Frage, wie Sozialwissenschaft möglich ist, hat offenbar schon ihre erste Antwort gefunden, wenn man in der Sozialwissenschaft ein Gebiet der noetischen Erfahrung erkennt. Wir ermessen sofort, es sondert sich daraufhin die Sozialwissenschaft von aller Naturwissenschaft ab, einschließlich der Psychologie, weil dies wieder Gebiete der phänomenologischen Erfahrung sind. In der Tat, auch die Psychologie, als Wissenschaft von den psychischen Erscheinungen, hat nichts mit der noetischen Denkweise zu tun. Nur der laxe Sprachgebrauch, der sich einmal eingebürgert hat, verleitet uns, von „Psychologie“ selbst in jenem grundsätzlich ganz verschie denen Falle zu reden, wenn es sich um das stellung nehmende Subjekt handelt! Dann handelt es sich eben nicht um psychologische, sondern um noetische Erwägungen; und nennen wir beispielsweise einen Dichter einen „guten Psychologen“, so ist er in Wahrheit, weil er die kausale Verflechtung des noetisch Erfahr baren geistig zu beherrschen weiß, ein guter N o e t i k e r. Ein eigent licher, organischer Zusammenhang zwischen Psychologie und Sozial wissenschaft fehlt in dem gleichen grundsätzlichen Sinne, als sich die noetische von der phänomenologischen Denkweise sondert. Natürlich gehört es auf ein ganz anderes Blatt, in welchem Sinn und Ausmaß es der Sozialwissenschaft trotzdem gelingt, naturwissenschaft liche, also auch psychologische Wahrheiten für ihre eigenen Zwecke zu verwerten, und so auch umgekehrt. Es ist ein Schulbei spiel oberflächlichen Denkens, vermengt man diese zwei Verhältnisse miteinander! Als Gebiet der noetischen Erfahrung steht die Sozialwissenschaft nicht allein. Von Wissenschaften in der Art der Ethik, oder der Jurisprudenz, müssen wir zunächst absehen; sie kommen für den ersten Umblick nicht in Betracht, so unverkennbar ihre noetische Artung ist; wäre doch erst ihr besonderes Verhältnis zur Erfahrung